The Project Gutenberg EBook of Der Todesgru der Legionen. Erster Band.
by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow

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Title: Der Todesgru der Legionen. Erster Band.

Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow

Release Date: October 6, 2004 [EBook #13657]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Der Todesgru der Legionen.



Zeit-Roman

von

Gregor Samarow.



Erster Band.




Berlin, 1874.

Druck und Verlag von Otto Janke.




Erstes Capitel.


Am Ufer der Marne, in der Nhe der kreidereichen weien Ebene der
Champagne, liegt die alte Stadt Saint-Dizier, ein kleiner Ort mit etwa
fnftausend Einwohnern, deren Industrie zum groen Theil darin besteht
die auf der Marne herabgeflten Holzstmme in Bretter zu
zerschneiden--auerdem befinden sich dort berhmte Manufacturen von
Eisenwaaren und durch diese Gewerbthtigkeit hat der ganze Ort trotz
seiner geringen Ausdehnung, vielleicht gerade wegen derselben eine
bedeutende Wohlhabenheit erreicht.

Die alte Stadt zieht sich mit ihren winkligen und ziemlich
unregelmigen Straen in einer verhltnimig bedeutenden
Lngenausdehnung am Ufer der Marne hin. Auf dem hchsten Punkt liegt
eine alte Kirche von hohen Bumen umgeben, welche ebenso wie die Stadt
selbst und deren altersgraues Rathhaus voll von historischen
Erinnerungen ist, die innig mit groen Momenten der Geschichte
Frankreichs zusammenhngen.

Schon von Alters her waren die Einwohner von Saint-Dizier sehr
streitbare und kriegerische Mnner, man nannte sie im Mittelalter les
bragars--eine Zusammenziehung aus les braves gars--und die bragars von
Saint-Dizier waren die treuesten und muthigsten Kmpfer Franz I.; sie
hielten eine lange Belagerung Carl V. aus und leisteten dem Lande
dadurch wichtige Dienste, fr welche der ritterliche Knig sie mit
verschiedenen bedeutenden Privilegien auszeichnete.

Diese stolzen Erinnerungen leben noch heute in den Bewohnern von
Saint-Dizier fort und so klein und unscheinbar die Stadt ist, so stolz
blickt sie auf ihre Geschichte zurck und jeder Brger von Saint-Dizier
macht das Wort Franz I.: "tout est perdu fors l'honneur" zu seiner
Devise.

Die unmittelbare Umgebung der Stadt ist flach und eben; in einiger
Entfernung erheben sich kleine Anhhen mit niedrigen Laubwaldungen und
Weinpflanzungen bedeckt. Dort befindet sich eine Wasserheilanstalt,
welche wegen ihrer gesunden Luft und ihrer frischen Quellenbder von
den Bewohnern der Umgegend hufig besucht wird und whrend des Sommers
die kleine Stadt mit dem bewegten Leben eines Badeortes erfllt.

Es war an einem Februarabend des Jahres 1870.

Rauh und kalt wehte der Wind ber die ebene Umgebung der Stadt; die
Wellen der Marne vom Sturm gepeitscht schlugen an die Ufer und die dort
aufgehuften Holzblcke; durch die in zerrissenen Flocken ber den
Himmel hinjagenden Wolken blickte von Zeit zu Zeit ein Strahl des
Mondlichtes und erhellte einen Augenblick die de und kalt daliegende
Gegend.

Auf einem ebenen Wege am Fluufer, der an schnen Tagen fr die Bewohner
von Saint-Dizier eine beliebte Promenade bildete, gingen langsam zwei
Mnner auf und nieder.

Beide waren hoch und krftig gewachsen und wenn das Mondlicht
vorbergehend ihre Gesichtszge beleuchtete, so konnte man in denselben
jenen eigenthmlichen Typus der norddeutschen Race erkennen. Der Eine
von ihnen mochte etwa fnfundzwanzig Jahre alt sein; seine Gestalt war
geschmeidig, seine Bewegungen elastisch und nicht ohne eine gewisse
natrliche fast elegante Anmuth, welche nicht vollstndig mit der
Kleidung bereinstimmte, die er trug und die ungefhr diejenige des
franzsischen Arbeiterstandes war.

Sein Gesicht war scharf geschnitten und drckte Intelligenz, Muth und
Willenskraft aus; ber der leicht aufgeworfenen Oberlippe kruselte sich
ein kleiner dichter Schnurrbart, volle blonde Locken quollen unter dem
kleinen runden Hut hervor und in den groen blauen Augen lag eine
gewisse schwrmerische Tiefe, verbunden mit scharfer Beobachtung, welche
zuweilen den Ausdruck listiger Schlauheit annehmen konnte. Neben ihm
schritt ein bedeutend lterer Mann von etwa vierzig bis fnfundvierzig
Jahren. Sein Gesicht sah bereits ein wenig verwittert aus und zeigte
weniger Intelligenz als das seines Begleiters, dagegen aber mehr von
jener beinahe eigensinnigen Zhigkeit, welche dem norddeutschen,
insbesondere dem niederschsischen Bauernstamme eigen ist.

Beide Mnner gehrten der hannverschen Emigration an, welche im Jahre
1867 ihr Heimathland verlassen und nachdem sie aus Holland und der
Schweiz ausgewiesen war, ein Asyl in Frankreich gefunden hatte. Der
Jngere der beiden Mnner war der frhere hannversche Dragoner Cappei;
der Aeltere war der frhere Unterofficier Rhlberg, welcher das
Commando ber die kleine Abtheilung Emigranten fhrte, welche in
Saint-Dizier stationirt waren.

"Ich sage Euch noch einmal, Cappei," sprach der Unterofficier, "berlegt
wohl, was Ihr thun wollt, denn die Sache wird ernst--ich habe den Herrn
Lieutenant von Mengersen, als er das letzte Mal hier inspicirte, auf das
Gewissen gefragt, ob es wirklich wahr sei, da der Knig die Emigration
auseinander schicken und Jeden mit einer Summe von einigen hundert
Francs abfinden wolle und der Herr von Mengersen, der ein braver und
ehrlicher Mann ist, hat die Achseln gezuckt und mir keine rechte Antwort
gegeben--er wei mehr als er sagen will und die Kameraden in Paris haben
mir geschrieben, da dort etwas vorgeht; es sind Herren aus Hietzing
dagewesen, man hat dann lange Conferenzen gehalten und die Herren
Officiere sind alle sehr niedergeschlagen gewesen,--glaubt mir nur, ich
tusche mich nicht, wir werden einfach fortgeschickt werden, nachdem wir
uns vier Jahre lang fr den Knig in der Welt herumgeschlagen haben und
dann mu Jeder von uns ernstlich daran denken, wie er sich sein Brot
erwerben und sich ehrlich durch's Leben bringen kann."

"Ich glaube das nicht, Herr Unterofficier," rief Cappei, indem er
stehen blieb und lebhaft mit dem Fue auf den Boden trat; "es ist
unmglich, da Seine Majestt seine treuen Soldaten, die in der Noth und
Verbannung zu ihm gehalten haben, so einfach auseinander schickt, ohne
sich um ihr Schicksal zu kmmern.--Ich werde das nicht eher glauben, als
bis es wirklich geschieht--wenn es aber je dazu kommen sollte, dann
steht mein Entschlu ganz fest--ich gehe nach Hannover in die Heimath
zurck, mag daraus entstehen was da wolle.--Die Preuen knnen uns doch
nicht Alle todtschieen; man wird uns bestrafen, aber dann sind wir doch
wenigstens in der Heimath und haben festen Grund fr unsere Existenz.
Ich habe ein kleines Gehft von meinem Oheim zu erben, das wird man mir
nicht nehmen und wenn man mich wirklich ein oder zwei Jahre einsperrt,
so werde ich doch nachher ruhig in meinem Hause sitzen und mir eine
Familie grnden knnen."

"Ihr sprecht so," erwiderte der Unterofficier, "weil Ihr verliebt seid
und weil Ihr nur daran denkt, je eher je lieber die kleine Franzsin zu
heirathen, der Ihr den ganzen Tag den Hof macht; aber das ist nicht
recht von einem ordentlichen Soldaten--denkt doch daran, da Ihr noch
militairpflichtig seid und da man Euch jedenfalls, wenn Ihr
zurckkehrt, zum Dienst einziehen wird. Wollt Ihr, ein alter
hannverscher Garde du Corps, der sich so lange der preuischen
Eroberung widersetzt hat, hinterher noch die preuische Uniform anziehen
und nach preuischem Commando exerciren?"

"Wenn der Knig seine Getreuen wirklich verlt," rief Cappei, "was habe
ich, der einzelne Mensch fr eine Veranlassung oder fr ein Recht mich
der preuischen Herrschaft zu widersetzen? Ihr werft mir vor, da ich
verliebt sei--das ist wahr; ich bin verliebt und ich habe keinen
greren Wunsch als meine kleine Luise zu heirathen, aber ich versichere
Euch--Gott ist mein Zeuge--da der Knig und seine Sache mir hher steht
als meine Liebe und wenn der Knig mich heute riefe um fr ihn in's Feld
zu ziehen, so wrde ich mich nicht einen Augenblick besinnen und meine
Luise wrde nicht von mir verlangen, da ich meiner alten Fahne untreu
werden sollte--wenn aber der Knig uns gehen lt, so bin ich ein
einzelner freier Mensch und habe nur fr mich zu sorgen und dann werde
ich der Narr nicht sein, mich in der Welt herumzuschlagen und die
Heimath aufzugeben.

"Hart wird es freilich fr mich sein die fremde Uniform zu
tragen"--sprach er seufzend,--"aber was geht es im Grunde mich an?
Schickt der Knig uns fort, dann sind wir Alle frei zu thun was wir
wollen und dann allerdings werde ich mich bei meinem Entschlu nur durch
meine Liebe bestimmen lassen."

"Nun," sagte der Unterofficier, "Gott gebe, da es nicht dazu kommen
mge. Was mich betrifft, so gehe ich nicht nach Hannover zurck; ich bin
zu alt geworden, um in den neuen Verhltnissen leben zu knnen. Man hat
uns ja eine schne Ansiedelung in Algier versprochen--wenn es dahin
kommt, so lasse ich meine Frau kommen und grnde mir dort im fernen
Afrika eine neue Heimath, in der ich wenigstens nach alter Weise leben
und meine Gedanken frei aussprechen kann--Ihr werdet's Euch auch noch
berlegen, hoffe ich.--Es ist ein Unglck, da bei Euch jungen Leuten
immer die Liebe mitspricht--"

Ungeduldig erwiderte Cappei:

"Ich sage Ihnen nochmals," Herr Unterofficier, "da es nicht die Liebe
ist, welche mich bestimmt--wenn der Knig uns nach Algier schickte und
uns sagen liee: wartet dort bis ich Euch brauchen kann, ich wrde
hingehen, so wahr ich hier vor Euch stehe und wenn meine Braut nicht mit
mir gehen wollte, so wrde mich das zwar traurig machen, aber keinen
Augenblick in meinem Entschlu irre werden lassen. Wenn aber der Knig
uns aufgiebt, so bin ich frei--ich habe meine Soldatenpflicht erfllt
und kann als ehrlicher Mann thun was ich will."

Sie waren am Ende des Weges angekommen und schritten langsam in die
Strae der Stadt hinein, welche durch die flackernden Gaslaternen nur
sprlich erleuchtet war.------

Um dieselbe Zeit sa in dem Wohnzimmer eines groen, durch einen weiten
Vorhof von der Strae getrennten Hauses in der Nhe der alten Kirche,
welches dem Holzhofbesitzer Challier gehrte, ein junges Mdchen von
etwa siebzehn Jahren in einem tiefen Lehnstuhl vor dem flackernden
Kaminfeuer; sie trug ein einfaches Hauskleid von dunklem Wollenstoff,
das sich ihrer schlanken Gestalt anmuthig anschmiegte, ihr dunkles,
glnzendes Haar war glatt gescheitelt und auf dem Hinterkopf in zwei
Flechten zusammengebunden, deren reiche Flle jeden knstlichen Chignon
unnthig machte; ihr etwas blasses, feines Gesicht zeigte den
eigentmlichen, scharf geistvollen, beinah etwas hhnischen, dabei aber
doch wieder zugleich sentimental gefhlsreichen Ausdruck, der den
franzsischen Frauen eigenthmlich ist. Ihre mandelfrmig geschnittenen
dunkeln und von scharf geschnittenen Brauen berwlbten Augen blickten
sinnend in die Gluth des Kaminfeuers, whrend ihr kleiner frischer Mund
sich ein wenig spttisch verzog, indem sie den lebhaften Worten eines
Mannes von etwa dreiig Jahren zuhrte, der vor ihr stand.

Dieser Mann war mittelgro und von hagerer Gestalt; sein etwas
gelbliches nicht schnes aber intelligentes Gesicht zuckte in lebhafter
Aufregung, die Blicke seiner groen tief liegenden dunkeln Augen
sprhten in nervser Unruhe hin und her, sein krausgelocktes, dichtes
Haar reichte tief in die Stirn hinab und sein kleiner schwarzer
Schnurrbart war in zwei geraden Spitzen aufwrts gedreht.

"Es ist unrecht von Ihnen, Frulein Luise," rief er, seine Worte mit
lebhaften Gesticulationen begleitend, "es ist unrecht von Ihnen, da Sie
fr die Versicherungen meiner Liebe nur ein hhnisches Lcheln haben.
Sie wissen, da seit lange Ihnen mein ganzes Herz gehrt;--meine
Eisenfabrik wirft mir einen reichen Gewinn ab, mein Vater hat Nichts
gegen meine Bewerbung--warum weisen Sie fortwhrend meine Bitte zurck,
mir Ihre Hand zu reichen?--Ich kann Ihnen eine sichere und wahrlich
keine einschrnkte Existenz bieten und was meine Person betrifft, so
glaube ich sollten Sie mich genug kennen, um vertrauensvoll Ihr
Schicksal mit dem meinigen zu verbinden."

"Ich habe Ihnen schon fter gesagt, Herr Vergier," erwiderte das junge
Mdchen, "da ich durchaus keine Eile habe mich zu verheirathen. Ich
bin, Gott sei Dank, erst siebzehn Jahre und habe noch Zeit ein wenig
meine Freiheit zu genieen; ich habe Sie oft gebeten mir diese Zeit zu
lassen--das ist doch in der That keine unbillige Bitte--oder frchten
Sie, da ich Ihnen zu alt werde," fgte sie lchelnd hinzu, indem sie
ihre Augen mit einem schalkhaften Blick emporschlug.

"Da antworten Sie mir wieder in diesem hhnischen Ton, den ich nicht
ertragen kann," sagte Herr Vergier, indem er lebhaft mit der Hand durch
die Haare fuhr; "es wre wahrhaftig besser, wenn Sie mir auf einmal
offen und ehrlich sagten, da Sie Nichts von mir wissen wollen, als da
Sie mich auf diese Weise hinhalten und verspotten."

"Warum erfllen Sie denn meine Bitte nicht," erwiderte Luise, "und
lassen mir ruhig Zeit zur Ueberlegung? Ich habe ja Nichts von Ihnen
verlangt, als da Sie ein Jahr lang mit mir gar nicht ber Ihre
Heirathsplne sprechen und ich habe Ihnen versprochen, nach Ablauf
dieser Frist Ihnen ein bestimmtes 'Ja' oder 'Nein' zu sagen.--Warum
drngen Sie mich fortwhrend?"

"Weil ich," rief Herr Vergier lebhaft, "tglich deutlicher sehe, da es
nicht die Liebe zu Ihrer Freiheit ist, welche Sie die entscheidende
Antwort verschieben lt, sondern da sich Ihr Herz mir mehr und mehr
entfremdet. Oh!" sagte er nher zu ihr herantretend, indem er sie mit
unruhigen, halb bittenden, halb zornigen Blicken betrachtete, "frher
war das anders; frher als Sie fast noch ein Kind waren, sprachen Sie
gern mit mir, Sie hatten Vertrauen zu mir, Sie lchelten freundlich und
widersprachen mir nicht, wenn ich Sie meine kleine Braut, meine knftige
Frau nannte, das verstand sich Alles von selbst--und machte mich so
glcklich; aber jetzt," fuhr er fort, die Zhne zusammenbeiend und mit
Mhe einen heftigen Ausdruck zurckhaltend--"jetzt ist das Alles
anders--seit--"

"Seit?" fragte das junge Mdchen den Kopf emporwerfend und mit einem
kalten, fast hochmthigen Blick Herrn Vergier vom Kopf bis zu den Fen
musternd, "seit--?"

"Seit jener fremde Deutsche hierhergekommen ist," rief Herr Vergier mit
brennenden Blicken, indem seine Gesichtszge sich durch einen hlichen
Ausdruck von Zorn und Ha entstellten, "jener heimathlose Flchtling,
von dem man nicht wei woher er kommt--seit dieser Mensch, der nur ein
gemeiner Soldat war, sich in Ihr Herz eingeschlichen hat--seit jener
Zeit haben Sie die Erinnerungen Ihrer Kindheit vergessen--haben Sie
Ihren Vater und Frankreich vergessen, denn es ist auch ein Verbrechen an
Ihrem Vaterlande einen Fremden zu lieben, noch dazu einen Fremden,
welcher jener deutschen Nation angehrt, die stets die Feindin
Frankreichs war und deren Schaaren den heiligen Boden unsers Vaterlandes
mehr als einmal verwsteten.--Ich hasse die Deutschen," fuhr er mit
grimmigem, dumpf gepretem Tone fort, "ich habe sie gehat so lange ich
die Geschichte meines Landes kenne und ich hasse sie jetzt--mehr als je,
seit mir Einer aus dieser Race die Hoffnung meiner Zukunft und das Glck
meines Lebens geraubt hat."

Bei diesen Worten, welche Herr Vergier fortgerissen von seiner inneren
Erregung, in immer steigendem Affect gesprochen, hatte zuerst eine
fliegende helle Rthe Luisens Gesicht berzogen, dann ffneten sich ihre
Augen gro und weit, das Blut verschwand aus ihren Lippen und ein
Ausdruck von Verachtung und feindlichem Hohn legte sich um ihren
festgeschlossenen Mund.

"Ich erinnere mich nicht," sagte sie mit zitternder Stimme, welche sie
mhsam zu ruhigem Ton zwang--"ich erinnere mich nicht, Herr Vergier,
Ihnen das Recht gegeben zu haben, Vermuthungen ber meine Beziehungen zu
andern Personen auszusprechen und an diese Vermuthungen Belehrungen und
Beleidigungen zu knpfen. Ich habe von Ihnen Frist verlangt, um ber
Ihre Wnsche nachzudenken und Ihnen versprochen, Ihnen demnchst zu
antworten.

"Wenn Sie sich herausnehmen in dem Ton mit mir zu sprechen, den ich so
eben gehrt, so wird die Folge davon sein, da ich, ohne weiter einer
Frist zu bedrfen, Ihren Antrag sogleich mit einem bestimmten und
unwiderruflichen 'Nein' beantworte."

Herr Vergier beugte sich unter dieser entschiedenen Erklrung des jungen
Mdchens zusammen, er schlug die Augen nieder und zwang sich zu einem
freundlichen Lcheln.

"Verzeihung, Frulein Luise!" sagte er mit leiser Stimme, indem er dem
jungen Mdchen nher trat und ihr die Hand reichte, welche sie nur
leicht mit den Spitzen ihrer Finger berhrte--"Verzeihung, ich habe
mich hinreien lassen von meinem Gefhl, aber gerade diese Bewegung
sollte Ihnen zeigen wie tief dasselbe ist."

Luise antwortete nicht, schlug die Arme bereinander und blickte
unbeweglich in die Kaminglut.

Nach einigen Augenblicken tiefen Schweigens trat der Vater des jungen
Mdchens, der Holzhndler Challier in den Salon.--

Herr Challier war ein Mann von sechszig Jahren, nicht hoch gewachsen,
aber trotz seines Alters noch von schlanker und elastischer Gestalt; das
kurze dichte Haar war durchweg grau und an den Schlfen wie ber der
Stirn zurckgestrichen, so da das scharfgeschnittene, ausdrucksvolle
Gesicht mit den lebhaft blickenden dunkeln Augen und den noch fast
schwarzen Augenbrauen an jene alten Kpfe aus der Zeit des Puders
erinnerte.

Der alte Herr begrte Herrn Vergier und seine Tochter, ohne die
peinliche Gereiztheit zu bemerken, in welcher Beide sich befanden.

"Wir haben heute die Arbeit spt geschlossen," sagte er, "es sind so
bedeutende Bestellungen von Seiten der Kriegsverwaltung gemacht, da wir
alle Hnde voll zu thun haben um denselben zu gengen; nach diesen
Vorbereitungen sollte man fast glauben, da groe Ereignisse
bevorstehen, whrend doch die Zeitungen Nichts dergleichen vermuthen
lassen und alle officiellen Kundgebungen nur die zuversichtlichsten
Friedensversicherungen enthalten."

"Ich glaube an diese Versicherungen wenig," sagte Herr Vergier, welcher
sehr zufrieden damit zu sein schien, da die Unterhaltung ein Gebiet
berhrte, das so weit von dem Gegenstande entfernt war, der so eben das
Gesprch zwischen ihm und Frulein Luise gebildet hatte--"wir haben es
schon fter erlebt, da unmittelbar vor den groen Conflicten in allen
Tonarten der Weltfriede verkndet wurde und mich machen so feierliche
und so bei jeder Gelegenheit wiederholte Friedensversicherungen ein
wenig mitrauisch.

"Ich wei, da auch auf dem Gebiet meines Geschfts neuerdings wieder
groe Bestellungen gemacht worden sind und die ganze industrielle Welt
hat das Gefhl, da in der schwlen Luft dieser Zeit ein groes
erschtterndes Gewitter sich vorbereitet, und so sehr ich," fuhr er
lebhafter fort, "als Industrieller den Frieden wnsche, so mu ich doch
sagen, da ich als Franzose mit tiefem Schmerz die passive Unthtigkeit
empfinde, zu welcher die Regierung des Kaisers Frankreich verurtheilt
und durch welche die Stellung unseres Landes in Europa immer schwerer
erschttert und immer tiefer untergraben wird."

Der alte Challier schttelte langsam den Kopf.

"Mir fehlt es wahrlich nicht an franzsischem Nationalgefhl," sagte er,
"und gerade die Brger von Saint-Dizier, zu denen meine Familie seit
Jahrhunderten gehrt, sind mit dem militairischen Ruhm Frankreichs eng
verwachsen, aber ich sehe wahrlich nicht, da und wie die Achtung
gebietende Stellung unseres Landes bedroht wre und ich glaube da der
Kaiser sehr wohl daran thut den kriegerischen Aufwallungen nicht
nachzugeben, welche sich seit lngerer Zeit so oft bemerkbar machen.

"Er hat Frankreich auf eine Hhe des Wohlstandes gebracht wie dieselbe
kaum jemals frher vorhanden war; sein neues Wegesystem hat jeder Arbeit
den sicheren und leichten Absatz verschafft und es wre ohne die
allergewichtigsten Ursachen geradezu ein Verbrechen unser so herrlich
aufblhendes Land in die Gefahren eines groen Krieges zu strzen. Die
Nachwehen dieser mexikanischen Expedition, welche uns so viel Geld und
Blut gekostet hat, sind kaum berwunden und ein neuer Krieg wrde kaum
zu verantworten sein."

"Aber glauben Sie denn," rief Herr Vergier lebhaft, "da der Kaiser sich
auf die Dauer wird halten knnen, wenn er nicht durch einen glcklichen
und siegreichen Krieg seiner Regierung ein neues nationales Fundament
giebt? Man sagt ja, da seine besten Freunde ihm zu solchem Kriege
rathen.--Ich liebe das kaiserliche Regiment nicht--ich habe nie ein Hehl
daraus gemacht, da ich in der Republik die einzige Regierungsform sehe,
welche Frankreich dauernd zu Glck und fester Gre fhren kann und ich
wrde ohne Bedauern den Zusammenbruch dieser willkrlichen Regierung
ansehen, der wir jetzt unterworfen sind--"

"Sie thun Unrecht," fiel Herr Challier ernst und entschieden ein--"die
Jugend liebt die Vernderung und glauben Sie mir, es ist wesentlich die
Neigung zur Vernderung, welche die Gegner des Kaiserreichs erfllt; ich
bin kein unbedingter Bewunderer der Napoleonischen Herrschaft--die
Traditionen unserer Stadt und unserer Gegend weisen uns vielmehr auf die
alten legitimen Knige von Frankreich zurck, mit denen unsere Vorfahren
in der groen Geschichte der Vorzeit so eng verbunden waren; aber ich
erkenne an, da das legitime Knigthum fr Frankreich abgeschlossen ist
und da in dem Kaiserreich die einzige Garantie fr eine ordnungsmige
gesicherte Entwickelung der nationalen Wohlfahrt liegt. Dem Kaiser
Schwierigkeiten zu bereiten ist nach meiner aufrichtigsten Ueberzeugung
ein Unrecht gegen Frankreich selbst, um so mehr nachdem der Kaiser sich
jetzt mit liberalen Institutionen umgeben und Mnner in seinen Rath
berufen hat, welche das Vertrauen des Volkes besitzen."

"Das Vertrauen des Volkes?" rief Herr Vergier. "Besitzt dieser Herr
Ollivier, welcher dem Portefeuille seine Ueberzeugung, die er frher so
laut und emphatisch aussprach, Stck fr Stck geopfert hat--besitzt
dieser, tglich die Farbe wechselnde Minister das Vertrauen des
Volkes?--Dieser Mann, der uerlich den anspruchslosen und einfachen
Brger spielt und in seinem Herzen ein schlimmerer Hfling ist als die
Satelliten der rmischen Kaiser."

"Nun," sagte Herr Challier das Gesprch abbrechend, "ich hoffe, da die
kriegerischen Befrchtungen auch diesmal unbegrndet sein werden und da
man die steigende Wohlfahrt des Landes einem augenblicklichen
militairischen Ruhm vorziehen wird."

Er blickte auf seine Uhr.

"Ist unser Diner bereit?" fragte er seine Tochter, welche fortwhrend
still in ihrem Stuhl gesessen hatte, ohne auf das Gesprch ihres Vaters
mit Herrn Vergier zu achten.

Luise erhob sich.

"Sogleich," sagte sie, "Herr Cappei mu jeden Augenblick kommen; er hat
versprochen heute bei uns zu essen," fgte sie hinzu, indem ihr Blick
sich fast herausfordernd auf Herrn Vergier richtete, welcher die Lippen
zusammenbi und sich abwendete.

Die Thr ffnete sich und der junge Hannoveraner trat ein.

Herr Challier begrte ihn mit herzlicher Freundlichkeit; das junge
Mdchen trat ihm entgegen, reichte ihm mit anmuthiger Bewegung die Hand
und sprach, indem sie mit einem kalten, feindlichen Seitenblick Herrn
Vergier streifte:

"Wir frchteten schon, da Sie nicht kommen wrden und wrden Ihre
Abwesenheit sehr bedauert haben."

Der junge Mann hielt Luisens Hand einige Augenblicke in der seinen, er
machte eine unwillkrliche Bewegung, als wollte er diese Hand an seine
Lippen fhren--dann trat er zurck und begrte mit einer hflichen
Verneigung Herrn Vergier.

Eine hbsche Dienerin in der zierlichen Tracht der franzsischen
Landmdchen ffnete die Thr des anstoenden Speisezimmers. Frulein
Luise, welche als die einzige Tochter ihres frh verwittweten Vaters dem
Haushalte vorstand, trat hinein, warf einen letzten Blick ber den
einfach aber sauber und geschmackvoll gedeckten Tisch, in dessen Mitte
eine kleine Schale mit frischen Blumen stand und kehrte dann zurck, um
ihrem Vater zu sagen, da Alles bereit sei.

Man setzte sich zu Tisch. Frulein Luise machte mit der den Franzsinnen
aller Stnde so eigenthmlichen Anmuth die Honneurs, doch wollte sich
der heitere Unterhaltungston, welcher sonst in diesem kleinen Kreis
heimisch war, nicht recht finden. Es lag eine gedrckte Stimmung auf der
Gesellschaft.

Der junge Cappei blickte sinnend und fast traurig vor sich nieder; Herr
Vergier beobachtete mit scharfen sphenden Blicken den jungen Deutschen
und Frulein Luise schien mit besonderer Absichtlichkeit ihre ganze
Aufmerksamkeit Herrn Cappei zuzuwenden. Sie legte ihm die Speisen vor,
schenkte ihm Wein ein und begleitete alle diese kleinen Aufmerksamkeiten
mit noch freundlicheren Blicken und Worten, indem sie dabei zuweilen mit
dem Ausdruck von Trotz und hhnischer Herausforderung zu Herrn Vergier
hinbersah.

Das Diner verlief schweigsam.

Der junge Deutsche bewies seinen Dank fr die Aufmerksamkeiten seiner
schnen Nachbarin mehr durch glckstrahlende Blicke als durch Worte.

Herr Vergier verbarg, so gut er konnte seine innere zornige Erregung und
hrte mit gezwungenem Lcheln den scherzhaften Bemerkungen zu, durch
welche Herr Challier, der eine angenehme Unterhaltung bei Tisch liebte,
von Zeit zu Zeit die Conversation zu beleben suchte.

Man erhob sich endlich und kehrte in den kleinen durch eine einfache
Lampe erleuchteten Salon zurck.

Herr Vergier empfahl sich bald unter dem Vorwande dringender Geschfte,
die er noch zu erledigen habe und Herr Challier zog sich zurck, um
seiner Gewohnheit gem einen Augenblick "nachzudenken", wie er sagte,
das heit in dem Lehnstuhl seines Cabinets einen kleinen Schlaf zu
machen.

Als die jungen Leute allein geblieben waren, zog Cappei ein kleines
Tabouret neben den Lehnstuhl vor den Camin, auf welchem das junge
Mdchen sich wieder niedergelassen hatte, setzte sich an ihre Seite und
ergriff zrtlich ihre Hand, die sie ihm reichte.

"Meine se Luise," sagte er mit jenem fremden Accent, den die
franzsische Sprache im Munde eines Deutschen immer annimmt, "ich
frchte, da der Augenblick herannaht, in welchem wir uns auf eine
vielleicht lange Zeit trennen mssen und ich bedarf der festen
Zuversicht und des unerschtterlichen Vertrauens, da Deine Liebe mir
fr alle Wechselflle des Schicksals gesichert bleibt."

"Kannst Du daran zweifeln?" erwiderte Luise, indem sie sanft mit der
Hand ber sein Haar strich und ihn mit einem leuchtenden Blick ansah,
"ich habe Muth und Festigkeit--ich stamme," fgte sie lchelnd hinzu,
"von jenen alten Bragards von Saint-Dizier und wie jene die Sache ihres
Knigs und ihres Landes auf den Schlachtfeldern vertheidigten, so werde
ich wenigstens ohne Zagen und Schwanken fr meine Liebe einzustehen
wissen. Der Kampf dafr," fuhr sie, ihn immer mit entzckten Blicken
betrachtend fort, "wird brigens nicht so schwer sein. Mein Vater ist
Dir persnlich geneigt und hat eine tiefe Sympathie fr die Sache Deines
so ritterlichen unglcklichen Knigs.--Er liebt mich und ich sehe nicht
ein, was er unserer Verbindung entgegenstellen sollte--"

"Dein Vater," sagte Cappei ernst, "ist aber ein Mann des sichern,
ruhigen Geschftslebens und er wird und mu fr die Zukunft seiner
Tochter Garantieen verlangen, die ich in diesem Augenblick nicht zu
geben im Stande bin--ich bin ein heimathloser Flchtling--"

"Du hast Deine Heimath an meinem Herzen gefunden," rief Luise lebhaft,
"gengt Dir diese Heimath nicht?"--

Er kte zrtlich ihre Hand und sagte mit innigem Ton:

"Das ist fr mein Herz die schnste, die ich finden kann, die einzige,
die ich suche, aber wir bedrfen auch des festen Bodens im wirklichen
Leben und dieser fehlt mir in diesem Augenblick vielleicht mehr als
je--"

"Doch," unterbrach sie ihn, "warum sprachst Du davon, da wir uns
trennen sollen? Glaubst Du," fuhr sie fort, "da der Augenblick naht, in
welchem Du fr Deinen Knig zu Felde ziehen mut?--Glaube mir, die
Trennung wird mir tiefen Schmerz bereiten, aber ich werde Dich mit Stolz
hinziehen sehen und meine Gebete werden Dich im Kampfe begleiten und
Gott und die heilige Jungfrau, die ich stndlich anrufen werde, werden
Dich mir erhalten--Deine Sache wird siegen und dann--dann wird unserm
Glck Nichts mehr im Wege stehen."

Er blickte dster vor sich hin.

"Wre es so wie Du sagst," sprach er, "so wrde ich mit froher
Begeisterung und Hoffnung der Zukunft entgegensehen, aber leider frchte
ich, da die Zukunft sich anders gestaltet. Ich hre, da die Legion
aufgelst werden soll und dann werde ich gezwungen sein nach meiner
Heimath zurckzukehren, unter die fremde Herrschaft, um mein kleines
Erbe mir zu erhalten, die einzige Grundlage, auf welcher ich im Stande
bin Dir eine Zukunft zu schaffen."

"Das wre traurig," sagte Luise--"doch warum willst Du in solchem Fall
in Deine Heimath zurckkehren? Warum willst Du nicht hier bleiben und in
unserm schnen Frankreich Dir ein neues Vaterland gewinnen? Mein Vater,"
fgte sie rasch hinzu, "ist wohlhabend genug, um uns eine Heimath zu
grnden--"

"Nein!" rief er sich stolz aufrichtend, "ich kann ein heimathloser
Flchtling sein, so lange ich einer groen Sache diene--der Sache des
Knigs, dem ich einst Treue geschworen habe; wenn diese Sache fllt, so
kann ich nicht bittend vor Deinen Vater hintreten und mir von ihm eine
Existenz schaffen lassen.

Ich mu dann den festen Fu in meiner Heimath wiedergewinnen und wenn
ich sie verlasse, wenn ich hierher zurckkehre, um dem Zuge meines
Herzens zu folgen, so mu es offen und frei geschehen und ich mu auch
ohne die Hlfe Deines Vaters im Stande sein, unserer Zukunft eine
sichere Grundlage zu geben, mge dieselbe so bescheiden sein, wie sie
wolle. Ich werde keine Mhe scheuen, um dies Ziel zu erreichen; das
Einzige was ich von Dir erbitte ist, da Du mir vertraust und auch
whrend meiner Abwesenheit mir Deine Liebe bewahrst."

Sie beugte sich zu ihm nieder, legte beide Arme um seine Schultern und
blickte ihm tief in die Augen.

"Kannst Du daran zweifeln?" sagte sie. "Was Du beschlieest, was Du thun
wirst, es wird das Rechte sein und keine Zeit, keine Abwesenheit wird
jemals Dein Bild aus meinem Herzen reien knnen. Man sagt, die
deutschen Frauen seien fester und treuer in ihrer Liebe--ich will Dir
beweisen, da die feurigern Gefhle, welche das Herz der Franzsinnen
bewegen, darum nicht minder treu und bestndig sind."

Sie lehnte ihr Haupt an seine Schulter und er drckte seine Lippen
zrtlich auf ihr duftiges, glnzendes Haar!--

Rasche Tritte ertnten auf dem Vorplatz. Luise fuhr empor und lehnte
sich in ihren Sessel zurck.

Cappei rckte das Tabouret einen Schritt seitwrts.

Der Unterofficier Rhlberg trat ein. Er begrte mit einer etwas steifen
Verbeugung das junge Mdchen und sprach mit einer von innerer Erregung
bewegten Stimme.

"Was wir befrchteten, geschieht. So eben als ich nach Hause kam fand
ich einen Brief des Lieutenants von Mengersen vor, der mir anzeigt, da
in der nchsten Zeit eine Commission zur Auflsung der Legion hier
eintreffen wird. Jedem Einzelnen sollen vierhundert Francs ausgezahlt
und ihm die Freiheit gelassen werden, zu gehen wohin er will.

"Nun," rief er mit bitterm Tone, "ich wei, wohin ich gehen werde, um
auf meine alten Tage ruhig und frei zu leben; wir sind schon ber
Zweihundert, die wir uns verbunden haben, nach Algier zu gehen und Ihr
thut Unrecht, Euch uns nicht anzuschlieen--aber das kommt--"

Er warf einen schnellen Seitenblick auf das junge Mdchen, bi sich auf
den Schnurrbart und schwieg.

"Die Entscheidung naht," sagte der junge Mann, ernst und traurig seine
Geliebte anblickend.

"Und die Liebe und Treue wird sich bewhren," erwiderte diese leise.

"Ich bin gekommen, um Euch abzuholen," sagte der
Unterofficier--"verzeihen Sie, mein Frulein," schaltete er mit einer
gewissen mrrischen Hflichkeit ein--"unsere Abtheilung ist bei mir
beisammen und wir wollen ein wenig unter einander die Sache besprechen."

Cappei stand auf, reichte Luise die Hand, bat sie, ihn bei ihrem Vater
zu entschuldigen und verlie mit dem Unterofficier den Salon.

Das junge Mdchen blieb allein in tiefen Gedanken vor dem allmlig
erlschenden Kaminfeuer sitzen, sinnend blickte sie vor sich nieder;
doch war es kein trauriger und trber Ausdruck, der auf ihrem Gesicht
lag, ihre Seele war muthig und stolz darauf, ihrem Geliebten auch unter
schweren Verhltnissen die Treue bewahren zu knnen. Der Kampf mit den
Verhltnissen des Lebens reizte sie und ihr hoffnungsvolles Herz hatte
keinen Zweifel, da Alles endlich sich zu glcklichem Ausgang fgen
wrde.




Zweites Capitel.


Eine trbe Februarsonne schien durch die halb geschlossenen
Fenstervorhnge des Schlafzimmers des Kaisers Napoleon des Dritten in
den Tuilerien.

Der Kaiser lag auf einer in der Mitte des Zimmers stehenden
Chaiselongue, eingehllt in einen weiten Schlafrock von leichter Seide,
sein Kopf war zurckgelehnt auf ein rundes Kissen, seine Augen waren
geschlossen und die bleichen Zge seines Gesichts trugen den Ausdruck
tiefen Leidens; sein fast ganz ergrautes Haar hing unfrisirt an den
Schlfen herab, der sonst so wohl gepflegte Bart war ungeordnet und der
ganze Kopf, der sonst so ausdrucksvoll und lebendig erschien, erinnerte
in seiner unbeweglichen Starrheit an eine Todtenmaske; die Hnde des
Kaisers waren ausgestreckt, die Fingerspitzen bewegten sich leicht in
convulsivischen Zuckungen.

Zu den Fen des Ruhebettes stand der Dr. Conneau, kaiserlicher
Leibarzt und langjhriger Freund; sein von einem kurz geschnittenen
schmalen Backenbart umrahmtes bleiches Gesicht mit der hoch hinauf
kahlen Stirn und der stark vorspringenden Nase zeigte den Ausdruck
theilnehmender Besorgni und die tief liegenden, scharfblickenden Augen
schauten mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinen wie leblos da
liegenden Souverain.

An einem Seitentisch in einiger Entfernung war der Doctor Nlaton
beschftigt einige elegant gearbeitete chirurgische Instrumente von
Silber und Kautschuk in ein Etui von schwarzem Sammt einzupacken. Sein
geistvolles, etwas krnkliches Gesicht war ernst und ruhig und wenn er
auch zuweilen forschend nach dem Kaiser hinber blickte, so schien er
doch mehr mit der sorgfltigen Aufbewahrung seiner Instrumente als mit
dem Zustande seines Patienten beschftigt.

Dr. Conneau beugte sich ber den Kaiser herab und ergriff dessen Hand,
aufmerksam dem Pulsschlag folgend.

"Der Puls geht ruhig und gleichmig," sagte er sich zu Nlaton wendend;
"es scheint nur eine Krise der Nerven zu sein; ich wrde Sr. Majestt
gern einige Tropfen Aethergeist einflen."

"Ich halte das nicht fr nthig" erwiderte Dr. Nlaton. "Die Sondirung
hat durchaus keine bedenklichen Symptome ergeben, Seine Majestt ist
ungeheuer empfindlich fr den Schmerz und eine augenblickliche Ruhe wird
das Gleichgewicht der Krfte sofort wieder herstellen. Ich berlasse den
Kaiser Ihrer Sorgfalt," fgte er hinzu indem er sein Etui schlo, "und
hoffe, da er einige Zeit von weiteren Operationen wird verschont
bleiben knnen, nur mu Seine Majestt in der nchsten Zeit es
sorgfltig vermeiden zu Pferde zu steigen oder lange zu stehen."

Er verlie mit leisen Schritten das Zimmer.--Dr. Conneau blieb ruhig an
seinem Platz stehen, fortwhrend das Gesicht des Kaisers beobachtend,
auf welchem allmlig wieder eine etwas lebhaftere Farbe erschien.

Napoleon erhob die Hnde langsam, faltete sie ber der Brust zusammen,
seine Lippen ffneten sich zu einem tiefen Athemzuge--dann schlug er die
Augen auf und blickte wie verwundert im Zimmer umher.

"Ist Nlaton fort?" fragte er.--"Was hat er gesagt? Werden diese
entsetzlichen Qualen sich oft wiederholen mssen?"

"Nlaton ist vollkommen zufrieden und beruhigt, Sire," erwiederte Dr.
Conneau, "und er hofft, da Ew. Majestt fr lange Zeit Ruhe haben
werden; es sind durchaus keine bedenklichen Symptome vorhanden und ich
hoffe durch innere Mittel sehr wirksam eingreifen zu knnen."

"Oh, mein alter Freund," sagte der Kaiser mit traurigem Ton, "Sie
glauben nicht wie sehr ich leide. Meine Natur kann eine einmalige
gewaltsame Erschtterung leicht berwinden, aber diese fortwhrenden
kleinen Schmerzen zerrtten mein Nervensystem, untergraben meine
Willenskraft und machen mich zuweilen vollstndig unfhig zu denken und
zu handeln."

"Ich bitte Ew. Majestt instndigst," erwiderte Dr. Conneau, "sich in
diesen so erklrlichen und natrlichen Gefhlen nicht gehen zu lassen.
Ew. Majestt so reizbare Natur wird mehr als eine andre Organisation
durch die Wiederholung kleiner und peinlicher beiden angegriffen; aber
Ew. Majestt," sprach er ernst mit volltnender Stimme, "sind mehr als
andere Menschen. Ew. Majestt groer Geist mu die kleinen beiden
berwinden um die groen Aufgaben Ihrer Stellung erfllen zu knnen und
je mehr Ew. Majestt die Kraft Ihres Willens anstrengen, um so mehr
werden jene kleinen Leiden sich vermindern, um so sicherer hoffe ich
auf Ihre endliche, vollstndige Wiederherstellung."

Der Kaiser schttelte langsam und traurig den Kopf. "Die groen Aufgaben
meiner Stellung!" sprach er mit matter Stimme--"das ist es ja eben, was
mich so niederdrckt und lhmt--da die Maschine den Dienst versagt, um
das ausfhren zu knnen was nothwendig geschehen mu; ja, da sogar oft
die Klarheit des Erkennens dessen was nothwendig ist mir schwindet. Wre
ich einer jener legitimen Knige, die ruhig auf ihrem Thron sitzen, die
denselben sicher und unangefochten ihrem Nachfolger berlassen
knnen--oh, dann wrde ich ruhig alle diese Leiden und Schmerzen
ertragen. Ich frchte wahrlich den Tod nicht--fast mchte ich ihn
zuweilen wnschen, denn die Gensse und Freuden des Lebens sind fr
mich--beendet; aber, mein Gott," rief er hnderingend, "ich darf ja
nicht nur an mich und mein Leben denken, ich mu sorgen fr die Zeit die
nach mir kommt; ich mu meinem Sohn das Erbe sichern, fr dessen
Erwerbung mein groer Oheim seine Riesenkraft eingesetzt hat und fr
welches ich in mhsamer Arbeit die Ttigkeit meines ganzen Lebens
angestrengt habe und nun gerade, da ich diese letzte Aufgabe meiner
irdischen Laufbahn erfllen will und erfllen mu, geht mir die Kraft
aus und wenn dieser elende Krper zusammenbricht, so wird das stolze
Gebude in Trmmer fallen, welches ich aufgerichtet und dieses
Frankreich, das ich so sehr liebe, fr das ich gestrebt und gearbeitet
habe so lange Jahre hindurch, es wird wieder zurcksinken in unruhige
Zerrttung; Ohnmacht und Elend wird die Folge davon sein."

"Aber, mein Gott, Sire," sagte Dr. Conneau, "warum diese schwarzen
Gedanken? Die Macht des Kaiserreichs steht fest begrndet im Innern und
hoch geachtet nach Auen da. Es giebt vielleicht unter den alten
legitimen Monarchieen so manche, welche nicht auf so sichern und
unerschtterlichen Fundamenten ruht als der Thron Ew. Majestt und wenn
der kaiserliche Prinz--was Gott noch lange verhten mge, dereinst
berufen sein wird jenen Thron zu besteigen, so wird er ein nach allen
Richtungen hin vollendetes, groartiges Werk vorfinden, dessen
natrliche Weiterentwickelung er nur fortsetzen und leiten darf. Ew.
Majestt Werk ist wahrlich grer als das Ihres Oheims, denn die
Schpfungen jenes Riesengeistes sttzten sich doch immer nur auf die
Spitze seines Degens, whrend Ew. Majestt Bau breit und ruhig auf der
Wohlfahrt des ganzen Volkes ruht."

Der Kaiser schttelte abermals den Kopf.

"Auch Sie, mein alter Freund," sagte er, "tuscht der Schein--oder Sie
wollen mich beruhigen und mir das Vertrauen auf die Zukunft wiedergeben,
das ich immer mehr verliere.

"Ich selbst," sagte er nach einem tiefen Athemzuge, indem es wie leichte
Nachwehen nervser Schmerzen ber sein Gesicht zuckte--"ich selbst kann
besser wie jeder Andere die Schwchen dieses Kaiserreichs erkennen, das
ich selbst erbaut und so lange Zeit aufrecht erhalten habe.

"Fest begrndet im Innern, sagen Sie, stehe mein Reich da?--Und dennoch
wogt und ghrt es in dieser so leicht beweglichen Pariser
Bevlkerung--ich kenne sie genau die Vorzeichen der revolutionairen
Strme und ich sehe sie deutlich in der heutigen Bewegung des
ffentlichen Lebens."

Dr. Conneau lchelte.

"Ew. Majestt berschtzen diese kleine Bewegung," sagte er. "Die stets
unruhige Bevlkerung des Faubourg St. Antoine bedarf von Zeit zu Zeit
solcher leichter Emotionen, aber unter einer so starken Regierung wie
diejenige Ew. Majestt ist hat das nichts zu bedeuten. Die groe Masse
der Bevlkerung Frankreichs, namentlich die lndlichen Grundbesitzer
hngen an Ew. Majestt und empfinden dankbar die Segnungen, welche Ihre
Regierung ihnen gebracht hat. Dank der Ordnung, Ruhe und Sicherheit des
ffentlichen Verkehrs, Dank dem neuen Wegesystem, das Ew. Majestt
geschaffen und das jedem Grundbesitzer die Mglichkeit der reichsten
Verwerthung seiner Producte sichert, steht Frankreich auf einer Hhe des
Wohlstandes wie nie zuvor und einige unruhige Kpfe in Paris werden
niemals die Macht haben, die tiefe Anhnglichkeit des ganzen Volkes an
Ew. Majestt und Ihre Dynastie zu erschttern."

"Sie kennen Frankreich nicht wie ich," sagte der Kaiser traurig--"ich
wei wie Sie, da das Volk im ganzen Lande mir dankbar ist und da aus
dem Lande selbst niemals eine Bewegung gegen das Kaiserreich hervorgehen
wird; aber die Centralisation in diesem Lande hat eine unbesiegbare
Gewalt--eine unvernnftige Gewalt, wenn Sie wollen, doch die Gewalt ist
da und ich sage Ihnen, bei irgend einem Unglck, bei irgend einer
Schwche der Regierung--bei meinem Tode vielleicht," fgte er seufzend
hinzu, "wird immer eine Hand voll Nichts bedeutender Menschen, denen es
gelingt Paris zu terrorisiren, die Macht haben eine Regierung zu
strzen, welche die Sympathieen des ganzen Landes besitzt und dieses so
ganze reiche, so arbeitsame, so geistvolle Frankreich wird den
Thorheiten folgen, zu denen man Paris zu verleiten im Stande sein
mchte.--

"Und nach Auen," fuhr er fort, fast mehr noch zu sich selbst als zu
Conneau sprechend--"hat man in Europa noch Achtung, hat man noch Furcht
vor Frankreich? Wohin richten sich die Blicke der Cabinette? Ich fhle
es heraus aus den Berichten aller meiner Gesandten, man sieht nach
Berlin und die Zeit ist vorbei, in der ich mit einem Worte Europa
bewegen konnte.

"Niel ist todt," sagte er mit dumpfem Ton--"Alle sind todt, die mich
einst auf der Hhe der Macht und des Einflusses umgaben--Morny,
Walewsky--selbst Felix und mein treuer Nero--ich bin allein.

"Ich habe nur noch Sie," sagte er mit einem unendlich innigen Blick auf
den Dr. Conneau, indem er ihm mit einer matten Bewegung die Hand
reichte; "aber Sie, mein braver und treuer Freund, Sie knnen mir nicht
helfen; das Getriebe der Politik liegt Ihnen fern--Sie knnten mir nur
helfen, wenn Sie dieser alten gebrechlichen Maschine neues Leben
einzuflen vermchten.

"Oh," rief er, indem ein Blitz aus seinem Auge sprhte, "ich wollte
allein all diesen Schwierigkeiten entgegentreten, ber sie alle Herr
werden, wenn ich nur auf wenige Jahre meinen Nerven und meinen Muskeln
die Kraft der Jugend wiedergeben knnte.--Le Boeuf," fuhr er nach einer
augenblicklichen Pause fort, "er ist der Schler von Niel, er hat ihm
nahe gestanden, er ist das Werkzeug zur Ausfhrung seiner Ideen
gewesen--aber er ist kein Niel und der Schler kann den Meister nicht
fortsetzen.--

"Ich habe den Augenblick verloren und dem Augenblick gehrt das
Schicksal; ich frchte, ich frchte, mein treuer Conneau, der Augenblick
kommt nicht wieder und mein Stern, den ich einst so hell leuchtend ber
meinem Haupt erblickte, er hat sich in trbe, trbe Wolken verhllt.

"Vielleicht," fuhr er immer seinen Gedanken folgend fort--"habe ich
einen Fehler begangen dadurch, da ich eine Dynastie grnden wollte.
Vielleicht ist eine dynastische Monarchie Frankreichs in unserm
Jahrhundert nicht mehr mglich; vielleicht stnde ich grer und
sicherer da, wenn ich mich htte entschlieen knnen nur der Csar zu
sein, der an keinen Nachfolger denkt, der sich identificirt mit der
pulsirenden Bewegung des Volkslebens und dessen Geschichte mit seinem
Tode aufhrt.

"Das ist der Ursprung meiner Herrschaft--und man sagt, die Regierungen
fallen, die sich von den Principien ihres Ursprungs entfernen.

"Ist mein Oheim nicht gefallen, weil er aufhrte Csar zu sein und weil
er der Begrnder einer neuen dynastischen Legitimitt werden wollte?

"Aber, mein Gott," rief er die Hnde ber der Brust faltend, indem ein
unendlich weicher Ausdruck auf seinen Zgen erschien--"mein Gott, ich
habe einen Sohn und ich liebe diesen Sohn--ich liebe ihn sehr, Conneau
und mag es ein Fehler sein oder nicht--meine ganzen Gedanken, meine
ganze Arbeit gehren der Zukunft, gehren meinem Sohn."

In tiefer Bewegung trat Dr. Conneau an das Lager des Kaisers, ergriff
dessen Hand und fhrte sie an seine Lippen.

"Diese Arbeit wird ihre Frucht tragen, Sire," sagte er mit zitternder
Stimme--"ich wollte, es wre mir vergnnt mein Leben fr Sie und fr den
kaiserlichen Prinzen hinzugeben."--

"Geben Sie mir lieber," sagte Napoleon sanft lchelnd, "durch Ihre Kunst
die wahre Kraft des Lebens wieder, dann werden Sie Frankreich, mir und
meinem Sohn den hchsten Dienst leisten."

Conneau trat zur Seite, ergriff ein kleines Flschchen von geschliffenem
Crystall, das auf einem Tisch am Fenster stand und mischte einige
Tropfen der hellen Flssigkeit, welche dasselbe enthielt, mit einem
Glase Wasser.

"Ich bitte Ew. Majestt dies zu trinken," sagte er dem Kaiser das Glas
reichend; "ich hoffe damit wenigstens einen Theil der Aufgabe zu
erfllen, welche Sie mir bezeichnen; dieses Getrnk wird Ew. Majestt
die Nervenkrise berwinden helfen, welche Nlatons Sondirung
hervorgerufen hatte."

Der Kaiser leerte langsam das Glas, dessen Inhalt eine grne
opalisirende Farbe angenommen hatte. Die nervse Spannung seiner
Gesichtszge verschwand, seine mattgelbliche Haut nahm eine rthere
Frbung an und um seine Lippen legte sich jener Zug wohlwollender
Freundlichkeit, welcher ihm in der Unterhaltung eigenthmlich war und
der auf Jeden, der mit ihm, sprach seinen Zauber ausbte.

Er stand langsam auf.

"Ich danke Ihnen, Conneau," sagte er, "das hat mir wohlgethan. Wollte
Gott, Sie knnten die Wirkung dieses Elixirs dauernd machen; leider wird
der Schmerz und die Schwche bald wieder meine Nerven zur alten
Unfhigkeit herabstimmen."

"Nicht so leicht," erwiderte Dr. Conneau, "wenn die Willenskraft meinem
Elixir zu Hlfe kommt; der menschliche Willen ist ein mchtiger Factor
und selbst der kranke Krper gehorcht seinem Befehl."

"Der Willen?" sagte der Kaiser schmerzlich lchelnd--"um zu wollen, dazu
gehrt Kraft und um die Kraft zu entwickeln gehrt Willen; wo ist der
Anfang dieses Kreises, in welchem sich der leidende Mensch traurig
herumbewegt?--Doch," fuhr er fort, "fr den Augenblick habe ich den
Willen und ich will ihn benutzen zu klarem Einblick in die Verhltnisse,
denn das ist die erste Quelle aller guten Entschlsse."

Er reichte Conneau die Hand,--der Arzt fhrte dieselbe an seine Lippen
und verlie das Schlafgemach seines Herrn.

Der Kaiser klingelte.

"Es ist nicht mehr mein treuer Felix," sprach er seufzend, "der alle
Wechselflle des Lebens mit mir getheilt hat und dessen Erscheinung mir
eine so liebe Gewohnheit geworden war."

Der Kammerdiener trat ein und Napoleon machte mit aller Sorgfalt seine
Toilette, nach deren Vollendung aus seinen Zgen und seiner Haltung die
Spuren der Schmerzen und der Erschpfung fast ganz verschwanden; nur
sein schwankender, unsicherer und in den Hften wiegender Gang zeugte
von seiner gebrochenen Kraft.

"Ist Herr Duvernois da?" fragte er mit einem letzten Blick in den
Spiegel.

"Zu Befehl, Sire."

"Man soll ihn eintreten lassen," sagte Napoleon, indem er in sein
Cabinet trat, das sorgfltig gelftet, von einem hellen Kaminfeuer
erwrmt und mit dem leichten Duft von eau de Lavande durchzogen war. Wer
den Kaiser hier sah, htte sich unmglich von dem leidenden, ganz
gebrochenen Manne ein Bild machen knnen, der noch kurz vorher unter den
Hnden der Aerzte seufzte und der geqult von den Leiden des Krpers den
Glauben an die Zukunft und das Vertrauen auf sich selbst verloren hatte.

Napoleon trat heiter lchelnd, den Blick halb unter seinen Augenlidern
verborgen, dem Journalisten Clment Duvernois entgegen, dem soeben der
Huissier die Thr des Cabinets geffnet hatte.

Herr Duvernois, der seine publicistische Laufbahn in Algier begonnen,
frher lebhafte Opposition gemacht, und endlich damit geendet hatte, aus
wirklicher und aufrichtiger Ueberzeugung ein begeisterter Anhnger des
Kaisers zu sein, war damals etwa fnf und dreiig bis vierzig Jahr alt.
Seine nicht hohe und nicht schlanke Figur, hatte Etwas von jener leicht
gerundeten Corpulenz, welche die Knigin von Dnemark fr Hamlet in
seinem Kampf mit Lartes frchten lt. Sein etwas groer Kopf war mit
langem blonden Haar bedeckt, das die Stirne ziemlich weit hinauf kahl
lie,--die Zge seines bleichen Gesichts waren scharf geschnitten und
entsprachen in ihrem lebhaft bewegten Ausdruck nicht ganz dem wesentlich
phlegmatischen Typus seiner Figur. Seine Augen, obgleich hell und beim
ersten Anblick nicht besonders tief erscheinend, erleuchteten sich
whrend der Unterhaltung und ihre leicht blaugraue Farbe schien dann wie
von einer dunkeln Gluth durchschimmert.

Herr Duvernois ging ohne jene elegante Leichtigkeit des Hofmannes, doch
vllig ungezwungen auf den Kaiser zu, ergriff ehrerbietig die Hand,
welche dieser ihm entgegenstreckte und verneigte sich tief.

"Nun mein lieber Duvernois," sagte Napoleon mit freundlicher
Herzlichkeit, "--wie geht es Ihnen,--ich habe Sie bitten lassen zu mir
zu kommen, weil die Zeit wieder ernst zu werden beginnt,--es ghrt und
bewegt sich in den Tiefen und ich werde von allen Seiten mit so vielem
Rath berschttet,--da es mir wirklich Bedrfni ist, auch die Meinung
Derjenigen zu hren, welche meine wahren Freunde sind."

"Es sind leider nicht Alle Ihre Freunde, Sire, welche sagen es zu
sein," erwiderte Clment Duvernois mit einer Stimme ohne harmonischen
Wohllaut, aber mit scharf und klar accentuirtem Ton,--"fast mchte ich
sagen--ich bin der ergebene Diener Eurer Majestt, obgleich ich es laut
ausspreche."

"Und gehren Sie auch zu Denen," fragte Napoleon, "welche meinen, da
diese Bewegung in den Massen Nichts zu bedeuten habe, da man nur ruhig
abwarten drfe, bis sie sich vllig wieder verluft?--Sie haben es
gelernt," fuhr er fort, "die ffentliche Stimmung zu verstehn, Sie haben
den klaren Blick, den die Hhe nicht blendet,--und der vor den Tiefen
des Abgrundes nicht zurckschaudert,--was sehen Sie auf der Hhe,--was
sehen Sie in den Tiefen,--sprechen Sie frei und offen--Sie wissen, da
ich zu hren und zu lernen verstehe," fgte er mit freundlichem Lcheln
und einer leichten artigen Neigung des Kopfes hinzu.

"Ich habe Eurer Majestt," erwiderte Clment Duvernois, "meine
Ergebenheit stets dadurch bewiesen, da ich vor Ihrem Angesicht den
Kaiser verga und nur den groen und geistvollen Mann sah, dem Niemand
einen greren Dienst leisten kann als durch das Aussprechen seiner
wahren und unverhllten Ueberzeugung,--diese Ergebenheit werde ich
Eurer Majestt auch heute beweisen, denn mehr als je thut heute die
Wahrheit Noth und je mehr Jeder aus seinem Gesichtskreise heraus die
Wahrheit spricht, um so leichter wird es dem freien Blick Eurer Majestt
werden das wirklich Richtige zu erkennen."

"Sie halten also die Situation fr ernst?" fragte der Kaiser, indem er
sich seufzend in einen Fauteuil niedersinken lie und Herrn Duvernois
einen Sessel neben sich bezeichnete.

Clment Duvernois sttzte die Hand leicht auf die Lehne dieses Sessels,
blieb vor dem Kaiser stehen und sprach, ohne direct auf die an ihn
gerichtete Frage zu antworten:

"Eure Majestt haben mir das schmeichelhafte und ehrenvolle Zeugni
gegeben, da mein Blick gewhnt sei, in die Tiefen hinab wie zu den
Hhen hinauf zu blicken,--nun wohl, Sire,--ich habe nach beiden
Richtungen scharf beobachtet--und werde Eurer Majestt frei sagen, was
ich gesehen."

Der Kaiser lehnte den Kopf auf die eine Schulter herber, sttzte den
Arm auf sein Knie und hrte so, mit der Spitze seines Schnurrbartes
spielend, aufmerksam zu.

"In den Tiefen, Sire," sagte Clment Duvernois, "sehe ich die finstern
Dmonen, welche die mchtige Hand Eurer Majestt lange Zeit gefesselt
hielt, einen Kampf auf Leben und Tod vorbereiten,--da sie fhlen, da
der Griff der kaiserlichen Hand nicht mehr dieselbe Festigkeit hat wie
frher."

Der Kaiser seufzte tief auf. Es schien, als wolle er sprechen,--doch
blieb er schweigend und forderte Duvernois, der einen Augenblick inne
gehalten, durch einen Wink auf fortzufahren.

"Die friedlichen Brger, Sire," sprach der geistvolle Publicist weiter,
"wissen nicht, was an jedem Abend in Paris geschieht, diese friedlichen
Brger schlafen ruhig im Vertrauen auf die Frsorge und Kraft der
Regierung, whrend der Boden, auf dem ihr Haus steht, unterhhlt wird.
Auf der Oberflche scheint Alles ruhig,--die Reprsentanten der Nation
berathen ber die wichtigsten Interessen des Landes, die Minister suchen
gut zu verwalten, die Geschfte erholen sich und die ehrliche Arbeit
freut sich der Ruhe und Ordnung.

"Was aber, Sire," fuhr er mit erhhter Stimme fort,--"was birgt die
Tiefe unter dieser Oberflche des Friedens und Gedeihens? Tglich
versammeln sich vier bis fnftausend Individuen--Feinde des Besitzes,
Feinde der Arbeit, Feinde jeder Gesellschaftsordnung, welche die
Thtigkeit zur Bedingung des Lebensgenusses macht--diese Individuen
versammeln sich unter dem Vorsitze von Deputirten der uersten
Linken,--von Deputirten, die dem Kaiser und der Nation ihren Eid
geschworen; sie mibrauchen das Versammlungsrecht, das so liberal
gegeben worden und berlassen sich den malosesten Ausschreitungen.
Diese Leute fhren die verleumderischsten Schimpfreden, reizen sich
gegenseitig auf und verbrechen sich untereinander das Kaiserreich durch
Gewalt umzustrzen, den Staat berhaupt und die Gesellschaft zu
zerstren.

"Eure Majestt mgen mir erlauben, einige Worte aus den Reden zu
citiren, welche man dort hlt und welche Ihre Polizei sich vielleicht
scheuen mchte, Ihnen zu wiederholen. Flourens hat gestern auf der
Tribne dieser wsten Versammlung gerufen: 'wir wollen keine Banditen,
keine Mrder mehr, mgen sie aus Corsika oder anders woher kommen; wir
wollen keine Retter der Gesellschaft mehr, welche ein Stck Speck am
Hute tragen.'"

Der Kaiser neigte den Kopf noch tiefer--sein Blick verhllte sich vllig
unter den Augenlidern.

"Flourens," fuhr Herr Duvernois fort, "sprach dann von den Vorgngen in
Creusot und rief: 'es wird so nicht lange weiter gehen, binnen kurzer
Zeit werden wir alle diese Elenden zum Teufel jagen, welche durch ihren
zusammengeschacherten Besitz die freien Arbeiter zu Sclaven machen
wollen.' Doch es geht noch weiter; beim Bankett von St. Mand, Sire, hat
man auf die Kugel getrunken, welche das Staatsoberhaupt treffen wrde."

Der Kaiser hob den Kopf, blickte Duvernois gro und klar an und sprach
mit ruhigem Lcheln:

"Wenn diese Kugel gegossen ist, mein lieber Duvernois, so wird sie mich
treffen und wenn Alles in der tiefsten Ruhe wre. Hat das Schicksal sie
mir nicht bestimmt--so wird der Toast einiger Wahnwitzigen meinem Leben
keine Gefahr bringen."

"Ich wei," erwiderte Duvernois, "da Eure Majestt keine Gefahr scheut
und es ist nicht um Eure Majestt vor einem Attentat zu warnen, da ich
erzhle, was man dort gesprochen hat--Diejenigen, welche so laut reden,
sind keine Ravaillacs. Fr heute und morgen, Sire, haben noch alle diese
Bewegungen keine gefhrliche Bedeutung; das Alles sind nur Versuche, was
man wagen, wie weit man gehen kann. Wenn man aber fhlt, da man
ungestraft die Zerstrung der Gesellschaft predigen darf, so wird man
weiter und weiter gehen und die groe Masse der ruhigen Brger wird, wie
das bei allen Revolutionen der Fall ist, dem Terrorismus weniger
Verbrecher verfallen, wenn nicht noch zur rechten Zeit die starke Hand
der Regierung schtzend in diese gefhrliche Bewegung eingreift."

"Und diesem finstern Bilde auf dem Grunde der Gesellschaft gegenber,"
fragte der Kaiser, indem sein Blick forschend auf dem lebhaft bewegten
Gesicht Duvernois' ruhte--"was haben Sie auf den Hhen gesehen?"

Clment Duvernois schwieg einen Augenblick.

Er sah nachdenkend zu Boden und schlug dann das grogeffnete,
dunkelglhende Auge zum Kaiser auf.

"Auf der Hhe," sprach er dann mit tief eindringender Stimme, "sehe ich,
Sire, einen groen Frsten, der durch mchtige und edle Arbeit seiner
Nation Macht und Wohlstand geschaffen hat, der in groherzigem Vertrauen
nicht daran zu glauben vermag, da diese Nation fr so viele Wohltaten
undankbar sein knnte, dessen Gedanken erfllt sind von dem Streben auch
ber seinen Tod hinaus, den er mit kaltbltigem Heldenmuth in's Auge
fat, seinem Volk das Glck zu sichern, welches seine Regierung
geschaffen hat; einen Frsten, der sich anschickt, dem von ihm
aufgerichteten Gebude die Krone der letzten Vollendung zu geben--der
aber--"

"Der aber?" fragte der Kaiser, den Kopf noch hher erhebend und mit
gespannter Erwartung aufblickend.

"Der aber," fuhr Duvernois ruhig und ernst fort, "mit der Krnung des
Baues beschftigt, vergit die Fundamente desselben gegen die finstern
Gewalten zu schtzen, welche dieselben langsam und systematisch
untergraben."

"Ich vergesse das nicht," sagte Napoleon, "im Gegentheil arbeite ich
daran, diesen Fundamenten, welche bisher auf dem einzigen Pfeiler meines
persnlichen Willens und meiner persnlichen Kraft ruhten die breite und
sichere Grundlage von Institutionen zu geben, durch welche die besten
und edelsten Krfte des Landes um den Thron meines Nachfolgers vereinigt
werden sollen. Diese Institutionen sollen strker sein als die
persnliche Macht des Souverains, so da, wenn auch ein kaum der
Kindheit entwachsener Knabe der Erbe meiner Regierung wird, Frankreich
ruhig und unerschttert wie in den vergangenen Tagen seiner alten Knige
rufen kann: Der Kaiser ist todt--es lebe der Kaiser."

"Die edle Absicht Eurer Majestt," erwiderte Clment Duvernois, "erkenne
ich klar; ich erkenne nicht minder die hohe Weisheit, welche Ihre
Entschlsse dictirt hat und die Institutionen, welche Sie geschaffen,
wrden vollkommen geeignet sein das zu erreichen, was Eure Majestt
bezwecken will, wenn--diese Institutionen und ihre Ausfhrung in anderen
Hnden lgen."

Ein Zug von dsterm Unmuth erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er lie
den Kopf auf die Brust sinken und sprach mit dumpfem Ton:

"Und in wessen Hnde sollte ich diese Institutionen legen? Wo sind die
treuen Freunde, denen ich unbedingtes Vertrauen schenken
kann?--Diejenigen, welche mit mir emporgestiegen waren, Diejenigen,
welche mit mir die Zeit des Unglcks und Leidens getheilt hatten--sie
sind todt.--Eine neue Zeit steigt um mich herauf, wie schwer ist es,
eine Wahl zu treffen unter allen Denen, die ich nur als Hflinge des
Kaisers aber nicht als Gefhrten des Verbannten kennen gelernt habe."

Er versank einen Augenblick in dsteres Schweigen.

"Doch," sprach er dann, sich lebhaft emporrichtend, "sprechen Sie offen,
Sie wissen, ich glaube an Ihre Aufrichtigkeit; haben Sie Grund den
Mnnern zu mitrauen, welche ich gegenwrtig in meinen Rath berufen
habe, und welche, wie man mir allgemein sagt, das Vertrauen des Landes
besitzen?"

"Mitrauen?" sagte Clment Duvernois ein wenig zgernd, "ist ein hartes
und schweres Wort; es enthlt eine Anklage, die ich gegen Eurer
Majestt Minister auszusprechen nicht unternehmen mchte. Erlauben mir
Eure Majestt zunchst von den Personen abzusehen und ganz allgemein zu
sprechen.

"Ich sehe vor mir--und ich sehe von unten herauf wo Eure Majestt nur
von oben herab blicken--ich sehe vor mir die eigenthmliche Thatsache,
da die Macht der kaiserlichen Regierung sich in den Hnden des dem
Kaiserreich feindlichsten Princips befindet--in den Hnden des
Orleanismus--"

"Sie glauben," fuhr der Kaiser heftig auf, "da Graf Daru, da Buffet
mich verrathen knnten--da sie mit den Orlans conspiriren?"

"Nein, Sire," antwortete Clment Duvernois, "das glaube ich nicht. Graf
Daru ist ein Ehrenmann und auch Herrn Buffet halte ich dafr; aber,
Sire, diese Mnner, die gewi, nachdem sie Eurer Majestt Portefeuille
angenommen haben, das Wohl des Kaiserreichs ernstlich erstreben, leben
und denken in den Doctrinen des Orleanismus, da heit der
constitutionellen Theorie, welche das Schattenbild parlamentarischer
Reprsentation an die Stelle des wirklichen und eigentlichen Volkslebens
setzt und am letzten Ende der Kette, welche sich durch diese Doctrinen
Glied fr Glied bis in das Cabinet Eurer Majestt fortsetzt, befindet
sich die lenkende und leitende Hand der orleanistischen Conspiration.
Ohne es zu wollen, ohne klar darber zu denken, werden Eurer Majestt
Minister von dieser Kette geleitet; blicken Eure Majestt um sich, die
Mnner der orleanistischen Doctrinen herrschen auf allen Gebieten des
franzsischen Staatslebens und unter den Anhngern der Doctrinen
befinden sich jedenfalls auch Anhnger der Personen. Die Partei des
Umsturzes begreift vollkommen den Nutzen, den sie aus solchen Zustnden
zieht.

"Eure Majestt kennen die Verbindung Rocheforts mit der orleanistischen
Propaganda;--nicht da diese Leute jemals das Knigthum Louis Philippe's
wieder herstellen wollten, aber sie benutzen die Agenten jenes Princips
als ihre Vorkmpfer. Wenn es so weiter geht wie es bis jetzt gegangen
ist, Sire, so wird ein Moment kommen, in welchem die ganze Macht der
Regierung in den Hnden der Orleanisten ruht und wenn dann von unten her
ein mchtiger Sto gegen die Staatsautoritt gewagt wird, so kann es
kommen--nach meiner Ueberzeugung wird es kommen, da die Maschine den
Dienst versagt und da Eure Majestt auf Ihrer Hhe einsam und allein
dastehen werden.

"Ich habe diese Frage," fuhr er fort, "eingehend studirt; die Macht der
Orleans ist gro, weit verzweigt und geschickt geleitet; es giebt keinen
Ort in Frankreich, in welchem nicht ein Agent dieser Sache sich
befindet. Zum groen Theil sind diese Agenten Besitzer von
Buchdruckereien oder Buchhndler und sie versumen keine Gelegenheit,
das Vertrauen auf das Kaiserreich zu erschttern."

Der Kaiser stand auf--in zorniger Erregung zitterte sein Gesicht.

"Was wollen sie," rief er, "diese Orleans, die fortwhrend dahin
gestrebt haben die bestehenden Gewalten zu strzen, und die es nie
verstanden haben sich die Herrschaft zu erhalten?--Glauben sie mit ihren
schwchlichen Intriguen dieses Frankreich regieren zu knnen, das einer
eisernen Hand unter einem Handschuh von Sammet bedarf?"

"Gewi wrden sie nicht fhig sein," erwiderte Duvernois, "die
Herrschaft fest zu halten, wenn sie je wieder in ihre Hnde gelangen
sollte, aber gewi auch sind sie nicht geeignet, die kaiserliche
Regierung gegen die Angriffe zu vertheidigen, welche von unten herauf
gegen dieselbe gerichtet werden und--verzeihen Eure Majestt meine
Offenheit--in diesem Augenblick liegen fast alle Vertheidigungsmittel
des Kaiserreichs in den orleanistischen Hnden und schon erhebt sich an
den Grenzen Frankreichs die Candidatur Montpensiers--sollte dieselbe
ressiren, so werden mit vernderten Personen und unter vernderten
Umstnden die Zeiten der Beschwrung von Cellamare sich wiederholen."

Der Kaiser setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl und blickte finster
vor sich nieder.

Dann schlug er die Augen gro auf und sah Clment Duvernois mit einem so
brennenden und forschenden Blick an, als wolle er in den Tiefen seiner
Seele lesen.

"Und was kann ich thun?" fragte er. "Was mte nach Ihrer Ueberzeugung
geschehen, um einer solchen Beschwrung vorzubeugen und um den
Schwerpunkt der Regierung wieder in meine Hnde--in die Hnde meiner
Freunde zu legen?"

"Nach meiner Meinung," erwiderte Duvernois, "ist der Weg dazu einfach.
Wie die Personen dem Princip des Orleanismus folgend in die Regierung
eingetreten sind, so wird dieselbe sich wieder vollstndig nach dem
Willen Eurer Majestt bilden, anstatt der geschiedenen Freunde werden
neue erstehen, sobald das Grundprincip des Kaiserreichs wieder zu
krftiger Geltung kommt und zum Schwerpunkt der Regierung wird.

"Ich meine damit," fuhr er fort, als der Kaiser ihn fragend ansah, "da
in diesem Augenblick das System des constitutionellen Doctrinarismus in
Eurer Majestt Regierung magebend ist; die Minister halten mit den
Rednern der Kammer dialektische Uebungen; studiren Gesetzesparagraphen
und deren Amendements und vergessen darber, da es auerhalb der
Cabinette und auerhalb der Sitzungssle der Kammern ein Volk
giebt,--ein Volk, welches lebt und athmet, welches nicht aus Marionetten
besteht und welches schlielich eine sehr laute Stimme und sehr krftige
Arme hat, um, wenn es die Geduld verliert, alle diese Kammerredner zu
berschreien und eine Regierung, welche die Fhlung mit ihm verloren
hat, zu zertrmmern. Wie unter der Regierung Louis Philippe's die ganze
Geschichte Frankreichs sich zusammenfate in das constitutionelle
Schaukelspiel zwischen Thiers und Guizot, wie endlich diese knstliche
Maschinerie unter dem ersten Hauch einer ernsten Volksbewegung in Atome
zerfiel, so luft Eurer Majestt Regierung jetzt Gefahr, sich von dem
Boden des realen Volkslebens loszulsen.

"Das Kaiserreich steht," fuhr er immer ernster und lebhafter fort,
whrend Napoleon mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhrte--"das
Kaiserreich steht auf dem Boden des allgemeinen Volkswillens, das ist
Napoleonischer Boden; lassen sich Eure Majestt nicht hinberlocken auf
den Boden des Parlamentarismus, denn jener Boden gehrt der
orleanistischen Agitation.

"Wenn Eure Majestt," sprach er nach einer kurzen Pause weiter, "sich
fest und entschlossen wieder auf das Princip der Entstehung Ihrer
Regierung und Ihrer Dynastie stellen, so werden mit den falschen
Grundstzen, die jetzt die Autoritt zersetzen, zugleich auch die
Personen verschwinden, welche von diesen Grundstzen emporgetragen
wurden; gerade auf diesem Gebiet knnen Eure Majestt die Probe machen,
ob Diejenigen, welche Sie in Ihren Rath berufen haben, wirklich feste
und unerschtterlich treue Diener des Kaiserthums und der Napoleonischen
Dynastie sind."

"Ich verstehe vollkommen," sagte der Kaiser, "und finde in Ihren
Gedanken Vieles was mit meinen Ideen bereinstimmt; doch mchte ich Sie
bitten mir auch Ihre Meinung zu sagen ber die Art und Weise, wie Sie
glauben da Ihre principiellen Anschauungen practisch ausgefhrt werden
knnen.

"Sie haben so tief und eingehend ber den Kern der Fragen nachgedacht,
welche die augenblickliche Situation bestimmen, da ich berzeugt bin,
Sie werden auch bereits die Mittel erwogen haben, durch welche Sie jene
Fragen lsen zu knnen glauben."

"Gewi," erwiderte Clment Duvernois, "habe ich auch darber meine
Gedanken zu ordnen versucht und ich glaube, da auf eine einfache Weise
Eure Majestt alle Unklarheiten der augenblicklichen Situation
beseitigen knnen. Der Fehler dieser Situation," fuhr er fort, whrend
der Kaiser sich vorbeugte und mit gespannter Aufmerksamkeit
zuhrte--"der Fehler dieser Situation liegt darin, da der Schwerpunkt
des ganzen politischen Lebens allmlig ausschlielich in die
parlamentarischen Krperschaften und in die Debatten der Kammern verlegt
worden ist; nach meiner Ueberzeugung mssen Eure Majestt diesen
Schwerpunkt wieder dahin zurckverlegen, wo die wahre Macht sich
befindet und wo die kaiserliche Regierung und die kaiserliche Dynastie
ihre einzig wahre und dauernde Sttze finden kann, in das Volk selbst.

"Es sind viele Aenderungen in der Verfassung und in der Gesetzgebung des
Kaiserreichs vorgenommen, Grund genug um das Volk zusammenzuberufen und
durch ein Plebiscit alle diese Aenderungen gut heien zu lassen; ein
solches Plebiscit wird dann zugleich auch von Neuem beweisen, da das
ganze Volk noch ebenso wie beim Beginn des Kaiserreichs hinter Eurer
Majestt, Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie steht. Vor einer solchen
mchtigen Kundgebung der ganzen Nation wird jenes Gaukelspiel
parlamentarischen Scheinlebens, in welchem die orleanistische Doctrin
ihre Ausfhrung und die orleanistische Agitation ihren Halt findet,
verschwinden."

Der Kaiser hob den Kopf empor, seine Augen ffneten sich gro und weit
und ein stolzes und freudiges Lcheln spielte um seine Lippen.

"Sie haben Recht, mein Freund," sagte er mit leuchtendem Blick--"Sie
haben Recht. Ihr Gedanke ist ebenso einfach als gro und wahr; ich habe
neue Sttzen, sichere Garantien fr die Zukunft meiner Dynastie und fr
den Thron meines Sohnes gesucht, Sie zeigen mir den Weg, auf dem ich sie
allein finden kann; Sie zeigen mir die breite und ewig feste Grundlage
meines Reiches, diese Grundlage, welche mein groer Oheim verlassen hat
und von welcher ich ebenfalls im Begriff war mich ablenken zu lassen.
Ich danke Ihnen," fgte er mit unendlich liebenswrdigem Ausdruck hinzu,
"Sie haben mir in dieser Stunde einen groen Dienst geleistet, Sie haben
Klarheit in die Ideen gebracht, die in meinem Geiste hin und her wogten
und sobald die Klarheit der Erkenntni da ist, lt auch die
Entschiedenheit des Handelns nicht auf sich warten.

"Ich werde meine Entschlsse ber die formelle Ausfhrung des
Gedankens, den Sie mir so klar entwickelt haben, zur Reife bringen und
den Ministern durch Ollivier mittheilen lassen."

"Wenn Eure Majestt diesen Schritt thun," sprach Clment Duvernois, "so
wird sich auch die wahre Stellung der Personen deutlich erkennen lassen;
diejenigen Ihrer Rthe, welche wirklich das volksthmliche Kaiserreich
untersttzen, strken und erhalten wollen, werden, wie ich berzeugt
bin, mit Freuden auf dem Wege vorgehen, den Eure Majestt beschreiten
wollen, diejenigen aber, welche den Doctrinen Ihrer Feinde dienen,
werden verschwinden.

"Glauben Sie mir, Sire, die Probe wird zur Klarheit fhren und wenn,"
fgte er mit dem Anklang leisen Vorwurfs hinzu, "Eure Majestt Ihre
alten Freunde verloren haben, so werden Sie sich berzeugen, da auf der
richtigen und wahrhaft groen Basis neue und ebenso treue Freunde Ihnen
erstehen werden."

Der Kaiser streckte Herrn Duvernois mit anmuthiger Bewegung die Hand hin
und sprach:

"Davon, mein lieber Freund, habe ich mich schon in diesem Augenblick
berzeugt. Sie haben mir den Beweis gegeben, da ich noch ber Hingebung
und Vertrauen gebieten kann, Sie haben mir ohne Furcht und Rckhalt die
Wahrheit gesagt.

"Doch," fuhr er nach einer kurzen Pause fort, "ich mchte noch ber
einen Punkt Ihre Meinung hren.

"Sie wissen," sprach er langsam seinen Schnurrbart drehend, "da das
nationale Gefhl in Frankreich durch die preuischen Siege, durch die
Herstellung des mchtigen preuischen Uebergewichts in Deutschland tief
verletzt ist; der militairische Ruhm und das militairische Uebergewicht
Frankreichs in Europa ist gewissermaen eine Lebensbedingung einer
Regierung, welche den Namen Napoleon fhrt und auf die Traditionen des
groen Kaisers gesttzt ist. Man rth mir von vielen Seiten und zwar von
Seiten, deren Interesse an meiner Regierung nicht bezweifelt werden
kann--die schwle Luft, welche ber Europa liegt, durch einen krftigen
Wetterstrahl zu klren und die militairische Stellung des napoleonischen
Frankreichs wieder herzustellen."

"Man rth Eurer Majestt," fiel Clment Duvernois ein, "ganz einfach den
Krieg gegen Preuen zu fhren, diesen bermchtig gewordenen Staat in
seine Grenzen zurckzuweisen und der Welt zu zeigen, da ohne
Frankreichs Genehmigung keine Vernderungen in dem Gleichgewicht
Europa's sich vollziehen knnen; man rth," fuhr er mit erhhter Stimme
fort, "um es mit einem Worte zu sagen, Eurer Majestt Das jetzt zu thun,
was Sie--verzeihen Sie meine Khnheit, Sire--unmittelbar nach der
Schlacht bei Sadowa htten thun sollen."

Der Kaiser lie die Augenlider herabsinken und sprach mit leiser Stimme:

"Und was meinen Sie zu diesem Rath?"

"Sire," erwiderte Duvernois, "ich bin Franzose und bin ein treuer
Anhnger der napoleonischen Dynastie--Eure Majestt knnen also darber
nicht im Zweifel sein, da meinem Gefhl der Rath, den man Eurer
Majestt ertheilt hat, in hohem Grade sympathisch ist, mein Herz wrde
aufwallen, mein Blut sich erwrmen, mein patriotischer Stolz sich
freudig erheben, wenn ich die Armeen Frankreichs unter den kaiserlichen
Adlern zu neuen Siegen ausziehen sehen wrde und ich verkenne nicht, da
ein mchtiger Erfolg gegen diese an unsern Grenzen sich emporrichtende
preuische Macht den Thron Eurer Majestt immer fester und dauernder in
den Sympathieen des ganzen Volkes begrnden wrde--aber--"

"Aber?" fragte der Kaiser gespannt.

"Aber zuvor, Sire, mchte ich mir die Frage erlauben, sind Eure
Majestt des Erfolges sicher, ist die Organisation und Schlagfertigkeit
der franzsischen Armee wirklich auf der Hhe, um einem so furchtbaren
Gegner wie Preuen mit der Gewiheit des Sieges entgegentreten zu
knnen? Sind Eure Majestt ferner sicher, Preuen isoliren zu knnen und
die Gegner, welche ihm 1866 gegenber standen, zu einem neuen Kampf
bestimmen zu knnen?

"Wenn Eure Majestt ber diese Punkte vllig klar und sicher sind, dann
ist der Krieg ein gutes Mittel, dann wrde ein groer Sieg vielleicht
besser als alle inneren Maregeln die Schwierigkeiten der Lage
beseitigen. Sind aber Eure Majestt eines solchen Erfolges nicht
vollkommen sicher, mssen Sie befrchten, da es dem so khnen und so
geschickten preuischen Staatsmann gelingen knnte, das gesammte
Deutschland in einer nationalen Erhebung gegen Frankreich um sich zu
versammeln, dann Sire um Gotteswillen keinen Krieg, denn, ich spreche
abermals mit der vollkommenen Offenheit eines ergebenen Freundes,--ein
unglcklicher Feldzug, eine Niederlage wrde die Stellung Frankreichs in
Europa fr lange hinaus untergraben und zugleich im Innern alle Feinde
des Kaiserreichs wie der staatlichen Ordnung berhaupt entfesseln."

"Da liegt es," sagte der Kaiser mit dumpfem Ton. "Wre ich mein Oheim,
vermchte ich es selbst mit der Spitze meines Degens die Armeen
Frankreichs zu lenken--ich wrde mich wahrlich keinen Augenblick
besinnen, auf diese einfachste Weise alle Schwierigkeiten zu lsen--aber
kann ich das Schicksal meines Hauses, das Schicksal Frankreichs in die
Hnde meiner Generale legen, welche diesem Gegner noch niemals gegenber
gestanden haben?--Niel ist todt," fuhr er fort, halb zu sich selbst
sprechend, "ihm htte ich mit vollem Vertrauen die Fhrung meiner Armee
bergeben knnen.--Habe ich einen Niel?--Lebt sein Geist noch in den
Schpfungen, die er hervorgerufen? Man sagt mir, da Alles bereit
ist--man sagt mir, da die franzsische Armee unberwindlich sei, aber
ein banges Mitrauen erfllt mich; und wenn es milnge--es wre das
Ende, ein va banque-Spiel um das Kaiserreich--um Frankreich--ein va
banque-Spiel, bei dem man wohl Alles gewinnen, aber auch Alles verlieren
kann.

"Der Oberst Stoffel," fuhr er fort, "schreibt mir vortreffliche Berichte
ber die preuische Armee-Organisation--es ist nicht genug, da die
franzsische Armee wohl gerstet sei, sie mu auch in der Tactik und
Bewegung jener so wunderbaren Organisation ebenbrtig sein, welche Knig
Wilhelm und die groen und genialen Interpreten seines Willens
geschaffen haben, denn wir drfen niemals vergessen, da wir es in
diesem Kriege nicht mit den Gegnern von Magenta und von der Krim zu thun
haben wrden, und diesem Grafen Bismarck gegenber wrde kein Villa
Franca mglich sein."

"Mir gengt," sagte Clment Duvernois, "was Eure Majestt mir so eben
gesagt haben; wenn in Ihrer Seele," fuhr er fort, "nur der geringste
Zweifel lebt, dann Sire, beschwre ich Eure Majestt, das Wrfelspiel
des Krieges nicht zu wagen. Ein Sieg knnte niemals so groen Nutzen
bringen, als eine Niederlage Unheil und Verderben anrichten wrde, und
fr die Machtstellung des kaiserlichen Frankreichs in Europa wrde der
gewaltige Eindruck eines Plebiscits fast dem Siege auf einem
Schlachtfeld gleich kommen; auf diesem Wege sind Sie des Erfolges
sicher, Sire--deswegen gehen Eure Majestt diesen Weg und bereiten Sie
langsam und vorsichtig eine militairische Aktion fr die Zukunft vor,
denn nicht immer wird ja diese preuische Militairmacht von dem Geiste
geleimt werden, der heute an ihrer Spitze steht und es wird frher oder
spter die Zeit kommen, in welcher mit der Sicherheit des Erfolges auch
das Schwert wieder in die Wagschale geworfen werden kann."

Der Kaiser stand auf.

"Ich danke Ihnen, mein lieber Duvernois," sagte er, "Sie sind auch in
diesem Punkte meinen Ideen begegnet--Sie werden sich berzeugen, da ich
diesen Ideen gem handeln werde und ich hoffe, da Sie mich mit Ihrer
so gewandten und scharfen Feder untersttzen werden.

"Ich wnsche und hoffe," fuhr er mit freundlichem Lcheln fort, indem er
Duvernois auf die Schulter klopfte, "da Sie mir dereinst noch nher
treten und mir auf hherem und weiterem Gebiet zur Seite stehen werden."

Clment Duvernois verneigte sich tief und sprach mit dem Ausdruck
stolzer Befriedigung:

"Wohin immer Eure Majestt mich zu stellen fr gut befinden werden,
meine ganze Hingebung, meine ganze Aufopferung und vor Allem meine ganze
Aufrichtigkeit werden Ihnen immer gehren."

Er zog sich langsam zurck, verneigte sich an der Thr noch einmal tief
vor dem Kaiser, der ihm mit freundlichem Kopfnicken zulchelte und
verlie das Cabinet.

"Er hat Recht," sagte Napoleon, in seinen Lehnstuhl zurcksinkend--"er
hat Recht; ich habe nicht mehr zu erkmpfen, sondern zu erhalten; ich
darf das groe Spiel nicht spielen, zu dem man mich drngen mchte und
zu dem ich," sagte er mit dsterer Traurigkeit, "nicht mehr die Kraft in
mir fhle."

Der Huissier ffnete die beiden Thrflgel und rief:

"Ihre Majestt die Kaiserin!"

Napoleon seufzte tief auf, erhob sich und ging seiner Gemahlin entgegen.




Drittes Capitel.


Ihre Majestt die Kaiserin Eugenie trat raschen elastischen Schrittes
in das Cabinet.

Das rthlich blonde Haar der Kaiserin war in reichen Flechten ber ihrer
edlen hochgewlbten Stirn wie ein natrliches Diadem zusammengewunden.
Das antik klassisch geschnittene Gesicht der Kaiserin, mit dem wunderbar
zarten, perlmutterschimmernden Teint zitterte in zorniger Bewegung, ihre
groen dunkelblauen Augen flammten in glhendem Feuer.

Sie trug einen einfachen dunkelgrauen Morgenanzug ohne allen Schmuck und
reichte mit einer anmuthigen aber etwas hastigen und unruhigen Bewegung
ihrem Gemahl die Hand hin, welche dieser mit ritterlicher Galanterie an
seine Lippen fhrte.

"Ich habe so eben," sagte der Kaiser, "recht schmerzlich die Macht der
Zeit und des Alters empfunden, aber wenn ich Sie, meine ewig junge und
schne Gemahlin ansehe, mchte ich fast an dieser Macht zweifeln. Warum
knnen Sie," fgte er mit einem leicht wehmthigen Lcheln hinzu, "Ihr
Geheimni, der Zeit zu trotzen, mir nicht mittheilen? Niemand hat
unvergngliche Jugend nthiger als ein Regent auf dem Thron dieses
unruhigen Frankreichs."

"Ich hoffe," rief die Kaiserin mit leicht zitternder Stimme, indem sie
sich in einen Lehnstuhl warf, "da Sie jene Jugend und Energie
wiederfinden werden, um aller dieser Feinde Herr zu werden, welche sich
gegen uns erheben. Es ist dahin gekommen," fuhr sie immer lebhafter
fort, "da man in diesem so leicht beweglichen Paris nicht mehr von dem
Kaiser spricht, sondern da Herr Rochefort, dieser elende Pamphletist,
den Mittelpunkt des Interesses bildet. Haben Sie bereits ausfhrlichere
Nachrichten ber die Unruhen empfangen, welche gestern Abend in der
Stadt stattgefunden?

"Die Verhaftung dieses Rochefort ist auf recht ungeschickte Weise
vorgenommen, sie hat diesen Nichts bedeutenden Menschen noch populrer
gemacht und dazu beigetragen, von Neuem die Tiefen aufzuwhlen und den
Ha gegen die Regierung zu schren."

"Ich habe gehrt," erwiderte der Kaiser ruhig, "da einige Unruhen
stattgefunden haben, indessen scheint mir das nicht von Bedeutung
gewesen zu sein; ausfhrliche Berichte habe ich noch nicht erhalten."

"Schlimm genug," rief die Kaiserin, "da man Ihnen das noch nicht
erzhlt hat; es scheint, da in Ihrer Umgebung eine gewisse Neigung
vorherrscht, Ihnen Alles im rosigsten Licht darzustellen.

"Statt Rochefort," fuhr sie fort, "in aller Stille abzufhren, statt ihn
einfach verschwinden zu lassen, hat man ihn mitten aus einer aufgeregten
Menge herausgenommen und ihm Gelegenheit gegeben, eine Mrtyrer-Rolle zu
spielen; in der ganzen Stadt herrscht, wie man mir erzhlt, eine sehr
bedenkliche Aufregung."

Der Kaiser lchelte.

"Wenn Sie meiner Umgebung vorwerfen, Eugenie," sagte er, "da man mir
die Lage und die Ereignisse des Tages zu gnstig darstellt, so scheint
bei Ihnen das Gegentheil stattzufinden. Ihnen gegenber scheint man
kleine unbedeutende Dinge zu groen Erschtterungen anschwellen zu
lassen.

"Doch hren wir," sagte er mit artiger Verbeugung gegen seine Gemahlin,
"den genauen Bericht."

Er trat zu der Portire, welche die Thr zu dem Zimmer seines
Geheimsecretairs maskirte und nach kurzer Zeit trat auf seinen Ruf Herr
Pietri, ein noch junger schlanker Mann mit blassem intelligentem
Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbart und Knebelbart und von der Stirn
zurckgestrichenem Haar in das Cabinet.

Herr Pietri verneigte sich tief vor der Kaiserin, welche mit leichtem
Kopfnicken seinen Gru erwiderte und blieb schweigend stehen, die Anrede
des Kaisers erwartend.

"Ist ein genauer Bericht ber die Ereignisse des gestrigen Abends und
der Verhaftung Rocheforts eingegangen?" fragte Napoleon.

"Zu Befehl, Sire," erwiderte Herr Pietri "Die Ruhestrungen sind nicht
ganz unbedeutend gewesen, doch scheint in diesem Augenblick Alles
beendet."

"Wie hat man Rochefort verhaftet?" fragte der Kaiser, indem er sich
neben seine Gemahlin in einen Fauteuil setzte.

"Man hat gestern Abend um acht Uhr, Sire," sprach Herr Pietri, "in der
Rue des Flandres Rochefort in dem Augenblicke arretirt, als er in das
dortige Versammlungslocal der radicalen Partei eintreten wollte; am
Eingange des Saales standen zahlreiche Personen, welche auf die
Aufforderung von Flourens Miene machten, sich den Polizeiagenten
gewaltsam zu widersetzen. Rochefort forderte sie jedoch auf sich ruhig
zu verhalten und stieg ohne Widerstand mit den Beamten in den Wagen, um
nach dem Gefngni von St. Plagie gefhrt zu werden. Die im Innern des
Saales tagende Versammlung wurde zugleich aufgelst, wobei es zu
heftigen Scenen kam, man insultirte den Polizeibeamten, welcher das
Auflsungsdecret verlas und vertheilte sich dann in heftiger Bewegung
und unter lautem Tumult nach verschiedenen Seiten. Es kam in der Rue
Aboukir, im Faubourg du Temple, namentlich aber in Belleville zu
Volksansammlungen und lebhaften Demonstrationen; um Mitternacht wurden
einige Detachements der Garde de Paris und Truppen nach Belleville
abgesandt; daselbst war eine Barrikade gebaut, welche mit den Waffen in
der Hand genommen wurde; es sind auf beiden Seiten schwere Verwundungen
vorgekommen, bereits um Mitternacht sind zweihundert Gefangene nach der
Prfectur gebracht--auch an einigen andern Orten wurden Versuche zum
Barrikadenbau gemacht, aber durch das Einschreiten der Truppen sofort
vereitelt. Gegen Mitternacht zogen groe Haufen von Arbeitern nach der
Fabrik Lefaucheur in der Rue Lafayette, plnderten dieselbe und nahmen
ungefhr dreihundert Revolver und fnfzig Gewehre mit sich fort. Die
Boulevards waren bis gegen Morgen sehr belebt, verschiedene Laternen
sind zerbrochen, verschiedene Kioske umgeworfen, doch ist jetzt Alles
beendet."

"Sie sehen," sagte die Kaiserin, "da die Sache ernst ist; wenn man erst
den Anfang hat machen knnen, ungestraft die Gewehrfabriken zu plndern,
wenn auf diese Weise die Aufrhrer in den Besitz von vortrefflichen
Waffen kommen, so lt sich gar nicht berechnen, welche Dimensionen eine
solche Bewegung annehmen kann."

Der Kaiser schttelte mit mimuthigem Ausdruck den Kopf.

"Es scheint allerdings, mein lieber Pietri, da man bei der Verhaftung
Rocheforts recht ungeschickt verfahren ist. Warum hat man ihn nicht am
Ausgang des Corps legislativ arretirt oder in der Nacht aus seiner
Wohnung geholt? Der ungeeignetste Ort ihn zu fassen war jedenfalls eine
groe Volksversammlung, von welcher aus sich naturgem die unruhige
Bewegung ber ganz Paris verbreiten mute. Schreiben Sie sogleich an
Ollivier und verlangen Sie Auskunft darber, warum man diesen nach
meiner Ansicht ungeeignetsten Weg eingeschlagen hat?"

Pietri verneigte sich.

"Ich bedaure sehr," sagte der Kaiser, sich zu seiner Gemahlin wendend,
"da ich mich berhaupt habe bestimmen lassen, meine Genehmigung zu dem
Strafverfahren und zur Verhaftung Rocheforts zu geben; man hat dadurch
diesen an sich so unbedeutenden Menschen gro und einflureich gemacht.
Schon das Verbot der 'Laterne' war ein Fehler; dieses an sich ziemlich
geist- und witzlose Machwerk wre von selbst untergegangen, wenn man
sich nicht darum gekmmert htte."

"So htten Sie lieber ruhig zusehen wollen," rief die Kaiserin mit
flammenden Augen, "da elende Pamphletisten nicht nur die Autoritt der
Regierung angreifen, sondern sogar die Personen nicht schonen da sie es
wagen, sogar Sie selbst, mich Ihre Gemahlin und Ihren Sohn mit Schmutz
zu bewerfen? Wenn so etwas in Paris ungestraft geschehen darf, wie soll
man in dem brigen Frankreich, wie soll man im Auslande noch an die
Macht der kaiserlichen Regierung glauben?

"Und in der That," fgte sie bitter hinzu, "man fngt bereits an, diesen
Glauben zu verlieren."

Der Kaiser neigte leicht das Haupt gegen Pietri:

"Haben Sie die Gte," sagte er, "den Brief an Ollivier sogleich abgehen
zu lassen."

Pietri entfernte sich mit tiefer Verbeugung.

"Sie mssen einen ernsten Entschlu fassen, Louis," sagte die Kaiserin.
"Die Zustnde knnen unmglich so weiter bestehen. Es ist eine
Zgellosigkeit, eine Frechheit bei den Agitatoren und den von ihnen
geleiteten unteren Volksklassen entstanden, welche stets wachsen mssen
und uns endlich verderben werden, wenn nicht schleunigst Einhalt gethan
wird."

"Aber Sie sehen ja," sagte der Kaiser, "da mit aller Energie
vorgegangen worden ist; hat man auch etwas ungeschickt gehandelt, so ist
doch die Autoritt der Regierung mit leichter Mhe Sieger geblieben."

"Sie ist es heute geblieben," sagte die Kaiserin, "sie wird es morgen
noch bleiben, aber der Zeitpunkt kann vielleicht bald kommen, in welchem
man nicht mehr Herr ber die Bewegung sein wird, denn wir befinden uns
dieser Bewegung gegenber in der Defensive und das ist eine schlimme
Position; es mu mit einem groen, gewaltigen und khnen Schlage mit dem
Allen ein Ende gemacht werden. Sie mssen die Verhltnisse mit fester
und entschlossener Hand da anfassen, wo der Schlssel zu all dieser
Unsicherheit und all diesen schwankenden Bewegungen liegt--"

--"Und dieser Schlssel liegt?" fragte Napoleon, mit der Hand ber
seinen Knebelbart streichend.

"Er liegt in dem tiefen Gefhl," rief die Kaiserin, "welches ganz
Frankreich durchzieht, und welches Ihre besten und treusten Freunde
erfllt, da die Macht und das Ansehen des Kaiserreichs, da Ihr
persnliches Prestige in Europa schwer erschttert ist, ja tglich von
Neuem verhhnt wird durch diese tglich anmaender auftretende
preuische Macht."

Ein Zug schmerzlicher Ermdung erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er
zuckte fast unmerklich die Achsel und sagte:

"Aber glauben denn die Partisane des Krieges, welche"--fgte er mit
einer ganz feinen Nance leichter Ironie hinzu--"es so vortrefflich
verstehen, Ihnen ihre Ideen einzuflen,--glauben sie denn, da ich de
but en blanc an die Grenzen marschiren und Preuen den Krieg erklren
knnte? Dazu gehren doch vor Allem sehr ernste militairische
Vorkehrungen dazu gehrt denn doch auch ein Kriegsgrund, welcher
ebenfalls mit Geschicklichkeit vorbereitet werden mu."--

"Zu den militairischen Vorbereitungen," sagte die Kaiserin, "sollten
Sie, wie ich glaube, seit der Schlacht bei Sadowa Zeit genug gehabt
haben; es ist allerdings ein groes Unglck, da der vortreffliche Niel
gestorben ist, aber bereits vor mehr als einem Jahr erklrte er unsere
Armee fr vollkommen schlagfertig--"

"Seit jener Zeit ist eben mehr als ein Jahr verflossen," fiel der Kaiser
ruhig ein, "und in diesem Zeitraum hat sich," sagte er seufzend, "die
Leitung der Armee leider nicht mehr in Niels Hnden befunden."--

"Und was den Kriegsgrund betrifft," sprach die Kaiserin lebhaft weiter,
ohne die Bemerkungen ihres Gemahls zu beachten, "so liegt Ihnen derselbe
ja vllig fertig zur Hand. Der Prager Frieden ist unter der Garantie
Frankreichs geschlossen worden und Preuen verletzt tglich die
Bestimmungen jenes Friedensvertrages. Man giebt den armen Dnen ihr
Recht nicht, welche Frankreich vertraut haben und auf Frankreich hoffen
und in Sddeutschland ist die Stimmung eine tief erbitterte; tglich
werden dort Versuche gemacht, in die durch den Prager Frieden garantirte
Selbststndigkeit der Staaten einzugreifen; auch dort erwartet man nur
eine krftige Action Frankreichs, um diese gewaltsamen Schpfungen von
1866 wieder zu zertrmmern."

"Sind Sie so genau ber die Stimmung in Sddeutschland unterrichtet?"
fragte der Kaiser. "Ich habe nicht ein so absolutes Vertrauen auf den
Beistand, den wir dort finden knnen."

"Die ganze katholische Kirche in Bayern," sprach die Kaiserin weiter,
"ist von tiefem Ha gegen Preuen erfllt und wenn Frankreich fr die
genaue Erfllung des Prager Friedens eintreten wrde, so wrden alle
jene Besiegten von 1866, bei denen noch die Traditionen aus der Zeit
Napoleons I. mchtig sind, Frankreich als seinen Retter begren."

Der Kaiser schttelte bedenklich den Kopf und schwieg einige Augenblicke
in Gedanken versunken, whrend die Kaiserin ihn forschend und ungeduldig
ansah.

"Ich verkenne nicht," sagte er dann, "da eine geschickte Behandlung der
Verhltnisse, welche der Prager Frieden geschaffen, uns einen guten
Grund zum Kriege bieten kann, bei welchem es sich auch vermeiden lt
das deutsche Nationalgefhl auf die Seite unserer Gegner zu bringen.
Doch das Alles verlangt ruhige und ernste Erwgung, da wir vor Allem
vermeiden mssen, vor den Augen des brigen Europa als die Strer des
Weltfriedens dazustehen und zu diesen Vorbereitungen scheint mir jetzt
nicht der geeignete Augenblick."

"So wollen Sie warten," rief die Kaiserin, "bis die Wogen der inneren
Unruhen immer bermchtiger heranschwellen?--bis endlich die ganze Welt
sagen wird, Sie machten den Krieg nur, um einen Ausweg zu suchen aus
den Verlegenheiten, in welche wir immer tiefer versinken?"--

"Um den Krieg vorzubereiten," sagte Napoleon, seinem inneren
Gedankengange folgend--"mu ich mit Mnnern umgeben sein, welche den
Krieg wollen.--Glauben Sie," fragte er, die Augen gro aufschlagend und
seine Gemahlin fest anblickend--"glauben Sie, da Daru der geeignete
Mann ist, um den Kriegsfall diplomatisch vorzubereiten? Halten Sie
Ollivier fr geeignet, den Krieg im Lande selbst populr zu
machen--diese Mnner der parlamentarischen Doctrin, deren
Lebensbedingung der Friede quand mme ist?"--

"Daru?" rief die Kaiserin. "Warum ist Daru Ihr auswrtiger Minister?
Warum haben Sie diesen mit den Orleans so eng verbundenen Mann neben
sich, der, obgleich er den Namen des groen Kaisers trgt, doch keinen
von den Instincten in sich hat, welche einen Minister des napoleonischen
Frankreichs erfllen mssen.

"Und Ollivier," sprach sie mit einem feinen Lcheln von
unbeschreiblichem Ausdruck--"nun, Ollivier wird Ihnen vortreffliche
Reden voll Eloquenz und Begeisterung fr den Krieg halten, wenn Sie ihn
nur richtig zu nehmen wissen--oder wenn Sie ihn mir berlassen wollen,
und wenn dieser Mann des Friedens den Krieg predigt--so wird sich doch
ganz Frankreich berzeugen, da der Krieg eine Nothwendigkeit ist."

"Und wenn Graf Daru abtrte?" sagte der Kaiser--"wen habe ich, um an
seine Stelle zu setzen, wo finde ich den Mann, der die Khnheit hat,
eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen und zugleich das Ansehen,
um Frankreich mit sich fortzureien?"

"Ich glaube," sagte die Kaiserin, "da ein solcher Mann nicht zu schwer
zu finden sein wrde; ich wrde um die Wahl nicht in Verlegenheit sein
und Sie haben ja selbst schon frher an Denjenigen gedacht, welcher mir
im Sinne liegt--"

Der Kaiser blickte fragend zu seiner Gemahlin hinber.

"Grammont," sagte diese, "ist tief durchdrungen von der Ueberzeugung,
da nur ein groer nationaler Krieg den Fehler von 1866 wieder gut
machen und Frankreich wiederum auf seine alte Hhe heben kann. Grammont
kennt auf das Genaueste die Verhltnisse in Oesterreich, der einzigen
Macht, auf welche wir direct oder indirect bei unserer Action rechnen
knnen; Grammont ist aufrichtig und ohne Rckhalt dem Kaiserreich und
unserer Dynastie ergeben und sein Name hat einen guten Klang im Lande,
da er mit allen groen ruhmreichen Epochen der Vorzeit verknpft ist.
Grammont ist ein ritterlicher und fester Charakter--warum lassen Sie
Grammont in Wien? Setzen Sie Grammont an Daru's Stelle und Alles wird
sich von selbst machen."

"Sie knnten Recht haben," sagte Napoleon, indem er seinen Blick
vollstndig unter den herabsinkenden Augenlidern verschleierte--"lassen
Sie mich darber nachdenken--"

"Nur darf dieses Nachdenken," rief die Kaiserin aufstehend, "nicht zu
lange dauern. Ich bitte Sie Louis," rief sie, nahe an ihn herantretend,
indem sie den Arm auf seine Schulter legte und ihn mit fast zrtlichen
Blicken ansah--"ich bitte Sie, denken Sie, daran, da es sich nicht nur
um unser Ansehen und unsere Macht handelt, sondern da auch die Zukunft
unseres Sohnes, unseres einzigen Kindes in Frage steht.--Die Armee,
diese edle franzsische Armee ist unsere einzige Sttze wie sie einst
die seinige sein wird--und die Armee beginnt unzufrieden zu werden ber
die lange Unthtigkeit, ber die untergeordnete Stellung, zu welcher das
militairische Frankreich in Europa herabgedrckt wird. Unser Kind ist
der Armee noch fremd, aber er ist gro genug, um in einem nationalen
Feldzuge in der Mitte der Truppen hinauszuziehen.

"Denken Sie, da die franzsische Armee in groen, siegreichen
Schlachten unser theures Kind in ihren Reihen sieht, da sein Name sich
verknpft mit ihrem Ruhm und ihren Lorbeeren, dann,"--rief sie, indem
ihr Auge begeistert aufleuchtete, "dann wird keine Bewegung im Innern,
kein Rochefort, kein Flourens im Stande sein, ihm das Erbe streitig zu
machen, das Sie fr ihn durch die Arbeit eines halben Lebens geschaffen
haben."

Der Kaiser drckte seine Lippen auf die marmorweie Stirn seiner
Gemahlin und strich langsam mit der Hand ber ihr weiches,
goldschimmerndes Haar.--

"Ich danke Ihnen, Eugenie," sagte er sanft und innig, "da Sie in meine
alternde Seele das Feuer und die Kraft der Jugend gieen. Lassen Sie
mich alle Fragen der Situation ruhig prfen und berlegen und glauben
Sie, da der Funke, den Sie in diesem Augenblick in mir entzndet, nicht
erlschen wird."

Sie lehnte den schnen Kopf an seine Schulter und blieb einige
Augenblicke schweigend neben ihm stehen.

"Ich will jetzt," sagte Napoleon dann, "ein wenig ausfahren und die
Boulevards besuchen; man soll nicht sagen, da ich im Alter gelernt
habe, mich vor dem Aufruhr und der Gefahr zu frchten--ich will festen
Blickes diesem Volk von Paris in's Auge sehen; man soll erkennen, da
ich noch Vertrauen auf meine Kraft und auf meinen Stern habe."

"Ich wei es, Louis," sagte die Kaiserin, ihm die Hand drckend, "da
die Furcht in Ihrer Seele keinen Platz hat und ich bitte Gott, da es
mir vergnnt sein mge, Sie noch einmal von siegreichen Schlachtfeldern
lorbeergekrnt zurckkehren zu sehen."

Der Kaiser geleitete sie bis zur Thre und kte sie nochmals innig auf
die Stirn.

"Meine Gemahlin mchte ein wenig die Leitung in die Hand nehmen, wie es
scheint," sagte er, als die Kaiserin das Cabinet verlassen hatte,
langsam auf- und niederschreitend. "Sie hat bereits diesen Ollivier, der
eifrigst Alles thut, was sie will. Sie hat Recht, er wrde auch den
Krieg predigen, wie er schlielich Alles vertheidigen wrde, was ihm
Gelegenheit giebt eine schne Rede zu halten und seinem Ehrgeiz und
seiner Eitelkeit schmeicheln zu lassen. Nun will sie auch noch
Grammont.--Grammont ist kein Ollivier, er ist ein edler und
ritterlicher Charakter, aber sein Geist hastet an der Oberflche der
Dinge. Es ist ihm unmglich, sich in die Ursachen und Consequenzen der
Ereignisse zu vertiefen. Grammont und Ollivier wrden den Krieg machen,
das ist wahr.--Sie wrden auch in einem augenblicklichen Elan den
Nationalgeist mit sich fortreien. Aber wohin wrde dieser Krieg fhren?
Wrden jene Mnner im Stande sein, im Falle des Unglcks den Widerstand
zu organisiren, die Nation um mich fest zu halten?--

"Nein, nein," sagte er mit fest entschlossener Stimme, "noch sehe ich
die augenblickliche Nothwendigkeit einer kriegerischen Action nicht
ein.--Sie wird freilich tglich nher an mich herantreten," sprach er
seufzend, "und entziehen werde ich mich ihr nicht knnen. Dann aber soll
wenigstens die Leitung der Angelegenheiten in festen und entschlossenen
Hnden liegen.--

"Ich will mit Drouyn de L'huys sprechen.--Er hat auch gewisse
Beziehungen zwischen den Orleans," sprach er leise in tiefen Gedanken,
"aber immerhin ist er ein ehrlicher, fester, entschiedener Mann, der es
versteht das durchzufhren, was er beginnt--Eugenie liebt ihn nicht, ich
wei es. Aber auf persnliche Neigung oder Abneigung meiner Gemahlin
kann es in einer so ernsten Frage, bei welcher die ganze Existenz des
Landes auf dem Spiel steht, nicht ankommend."

Er bewegte die Glocke.

"Ich will ausfahren," sprach er zu dem eintretenden
Kammerdiener.--"Groe Attelage, offene Kalesche! Ist der General Fav
da?"

"Der General wartet im Vorzimmer."

"Fhren Sie ihn herein!"

Der Kammerdiener ffnete die Thr.

Der General Fav im schwarzen Morgenanzuge trat ein.

Der Kaiser lie sich seinen Hut und einen warm geftterten Morgenanzug
reichen, nahm ein spanisches Rohr und stieg, sich leicht auf den Arm des
Generals sttzend, die Treppe hinab. Die offene Kalesche mit dem
schwarzen Viergespann fuhr unter das Zeltdach des Einganges.

Langsam und etwas schwerfllig mit leichtem schmerzlichem Zucken in
seinem Gesicht stieg der Kaiser in den Wagen und setzte sich vorsichtig
nieder.

General Fav nahm zu seiner Seite Platz.--Die Piqueurs sprengten voran
und schnell fuhr die kaiserliche Equipage aus dem Ehrenhof der
Tuilerien.

Als der Kaiser an den Anfang der Boulevards bei der Madeleinekirche
gekommen war, befahl er langsam zu fahren.

Schnaubend und ungeduldig gingen die edlen Thiere des kaiserlichen
Gespanns im Schritt ber die Mitte der groen Boulevards hin, whrend
die Piqueurs etwa dreiig Schritt vorausrittten. Die Vorbergehenden
blieben stehen. Es umgab eine dichte Menschenmasse den kaiserlichen
Wagen. Die Menge befand sich in der unmittelbaren Nhe des Kaisers. Die
sergeants de ville, die den Dienst auf den Boulevards thaten, wollten
die Herandrngenden zurckweisen.

"Laissez approcher!" sagte Napoleon mit lauter Stimme, indem er zugleich
den Hut erhob und die Menge mit freundlichem Lcheln begrte.

Erst einzelne Stimmen, dann ein tausendstimmiger Ruf antwortete mit
lautem: "Vive l'Empereur!" auf diesen Gru.

Ein einfach gekleideter Mann aus dem Volke stieg auf den Tritt des
kaiserlichen Wagens, schwenkte den Hut in der Luft und rief mit laut
schallendem Ton:

"Es lebe der Kaiser, die Kaiserin, der kaiserliche Prinz. Nieder mit den
Meuterern!"

Diese Rufe wiederholten sich weit hin ber die Boulevards.

Langsam fuhr der Kaiser die ganze Linie hinunter, immer begleitet von
einer stets anwachsenden und immer lauter rufenden Menge, immer mit der
Hand und freundlichem Kopfnicken grend.

"Sehen Sie," sagte er lchelnd, sich zum General Fav wendend, "alle
diese Unruhen haben Nichts zu bedeuten. Jeder Mann konnte mich hier mit
einem Dolch oder mit einer Kugel erreichen, und alle diese Leute gren
mich und rufen mir ihre Anhnglichkeit und Treue entgegen. Man mu
diesem Geist der Revolution nur ruhig in's Auge sehen, dann verliert er
sofort seine groen und gefhrlichen Dimensionen."

Der Wagen war am Ende der Boulevards angekommen.

"Nach Belleville!" rief Napoleon.

Er grte noch einmal mit dem Hute, noch einmal brach die ganze
versammelte Menschenmenge in ein lautes, volltnendes "Vive l'Empereur!"
aus und in raschem Trabe fuhr der Wagen nach jenen von der arbeitenden
Bevlkerung der Residenz bewohnten Gegenden.

"Frchten Eure Majestt nicht," sagte der General Fav, "da in jenem
unruhigsten Viertel von Paris irgend etwas Feindliches zu besorgen wre?
Wir haben keine Bedeckung, nicht einmal Waffen bei uns," fgte er mit
etwas ngstlicher Miene hinzu.

"Wer die Gefahr frchtet, wird ihr unterliegen," antwortete der Kaiser,
stolz den Kopf erhebend. "Lassen Sie uns ruhig diese Spazierfahrt
machen. Wir haben Nichts zu besorgen und Frankreich mu erkennen, da
ich mich noch als seinen Herrn fhle."

Man war in Belleville angekommen.

Abgebrochene Laternenstangen, zerschlagene Fenster, stellenweis
zerstrte Trottoirs zeugten noch von der Unruhe der letzten Nacht.
Wenige Menschen gingen auf der Strae, an den Thren der Huser standen
meist Frauen und Kinder, welche neugierig der kaiserlichen Equipage
nachsahen; hinter denselben erblickte man finstere Gesichter mit
verworrenem Haar und struppigen Brten, welche ihre dstern Blicke mit
dem Ausdruck finstern Hasses auf den kaiserlichen Wagen richteten. Alles
verhielt sich schweigend, kein grender Ruf ertnte, aber auch kein
Laut feindlicher Kundgebung lie sich hren.

Man kam an eine in der Nacht vorher errichtete und von den Truppen
genommene Barrikade. Einige Arbeiter in Blousen waren unter der Aufsicht
von sergeants de ville beschftigt, die Trmmer derselben hinweg zu
rumen, welche aus dem Holz von umgeworfenen Kiosken, zerbrochenen
Fiakern und Asphaltstcken des Trottoirs bestanden.

Der Kaiser lie halten.

An den Fenstern des nchsten Hauses erschienen in groer Anzahl jene
dsteren, feindlich blickenden Gesichter, welche man in dem eleganten
glnzenden Theil von Paris nur dann erblickt, wenn die aufghrenden
Wogen der Revolution aus den Tiefen heraufdringen. Der Kaiser befragte
den Fhrer der sergeants de ville, welcher in dienstlicher Haltung an
den Wagenschlag herangetreten war, genau nach allen Details der
nchtlichen Vorgnge, dann lie er den Blick ber die Fenster
hinschweifen.

Kleine Gruppen von Menschen waren auf der Strae stehen geblieben.
Napoleon grte artig mit der Hand hinber, aber kein Ruf antwortete
ihm. Alle diese Mnner und Frauen blickten finster und unbeweglich vor
sich hin.

"Vorwrts!" befahl Napoleon.

Die Pferde zogen an, und langsam bewegte sich der Wagen ber die noch
nicht ganz fortgerumten Trmmer der Barrikaden.

Da ertnte aus einem der umliegenden Huser wie aus der Luft herklingend
eine tiefe, rauhe und heiser tnende Stimme.

"Fahre hin, blutiger Csar! Das Volk, das Du gemordet, erwartet Dich
vor dem Richterstuhl der Geschichte!"

Der Kaiser zuckte zusammen.

"Halt!" rief er.

Sein Wagen stand unbeweglich. Keine Bewegung zeigte sich an den
Fenstern. Die verschiedenen Menschengruppen auf der Strae standen starr
und still. Niemand schien die Worte gehrt zu haben, welche eben so
schauerlich durch die Luft klangen. Der Kaiser lie den brennenden Blick
seiner groen dster aufleuchtenden Augen rings umher schweifen.

Die sergeants de ville wollten auf die Menschengruppen nach der Seite
hin, von welcher man jene Stimme vernommen hatte, zueilen.

"Man soll keine Nachforschungen anstellen," sagte Napoleon kalt und
ruhig.

Dann legte er sich in den Wagen zurck, blickte einige Minuten auf die
Trmmer der Barrikaden, grte nochmals mit wrdiger Handbewegung die an
der Seite der Strae stehenden Gruppen und befahl endlich, weiter zu
fahren.

Schweigend und in Gedanken versunken fuhr der Kaiser ber die uern
Boulevards durch den Parc de Monceau nach der rue Franois premier. An
der Ecke dieser Strae hielt der Kutscher, welcher von dem General Fav
seine Instructionen erhalten hatte, vor einem groen Hause die Pferde
an.

Das Thor des Hauses ffnete sich, Lakaien eilten heraus und traten
dienstfertig an den Schlag des kaiserlichen Wagens.

"Ist Herr Drouyn de L'huys zu Hause?" fragte der Kaiser.

"Zu Befehl, Sire."

Napoleon stieg aus und trat, auf den Arm des Generals gesttzt, durch
das groe Eingangsthor in einen innern elegant gepflasterten Hof, an
dessen Langseite eine breite Steintreppe von vier bis fnf Stufen in das
Innere des Hotels fhrte.

In dem Vestibule des Hauses erschien schnell herbeieilend der frhere
langjhrige Minister der auswrtigen Angelegenheiten, jetziger Senator
und Mitglied des Geheimen Raths, Herr Drouyn de L'huys. Seine Gestalt
war etwas voller, seine Bewegungen etwas schwerflliger geworden; sein
kurzes Haar und sein Backenbart erschienen fast wei, aber der Ausdruck
und die Farbe seines krftigen, etwas phlegmatischen Gesichts zeigten
noch immer eine fast jugendliche Frische, und die kleinen, klaren,
grauen Augen blickten lebhaft und geistvoll unter den starken
Augenbrauen hervor.

Herr Drouyn de L'huys verneigte sich mit wrdevoller Ruhe vor dem Kaiser
und sprach mit seiner vollen und klaren aber etwas leisen Stimme:

"Ich bitte um Verzeihung, Sire, da ich Eure Majestt nicht schon am
Wagenschlag empfangen habe. Aber ich bin durch die Ehre Ihres Besuchs so
vollstndig berrascht, da ich kaum die Zeit hatte, Ihnen entgegen zu
eilen."

"Ich sehne mich Sie zu sehen, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte
der Kaiser, seinem frhern Minister die Hand reichend, die dieser
ehrerbietig ergriff. "Da Sie sich selten in die Tuilerien machen, so mu
ich wohl zu Ihnen kommen."

Herr Drouyn de L'huys war dem Kaiser vorgeschritten.

Sie traten in den groen Empfangssalon.

"Madame Drouyn de L'huys wird sogleich bereit sein, vor Eurer Majestt
zu erscheinen, sie ist noch mit ihrer Toilette beschftigt."

"Ich bitte Sie," sagte der Kaiser, "Ihre Gemahlin nicht zu derangiren.
Lassen Sie uns in Ihr Cabinet gehen, ich mchte ein wenig mit Ihnen
plaudern. Der General wird die Gte haben mich hier zu erwarten."

Drouyn de L'huys verneigte sich und fhrte den Kaiser durch ein kleines
Vorgemach in sein Arbeitszimmer, dessen Fenster durch Vorhnge von
dunkelgrner Seide zur Hlfte verhllt waren und dessen ganze
Ausstattung in einem groen Tisch von Eichenholz, einigen groen
Fauteuils und auf verschiedenen Consolen aufgestellten Antiken,
Kunstwerken von Marmor oder Bronce bestanden. In einem schn
gearbeiteten Kamin brannte ein helles Feuer.

Napoleon legte seinen Ueberrock ab und lie sich, indem er frstelnd
zusammenschauerte, in einen tiefen Lehnstuhl vor dem Kamin nieder.

Drouyn de L'huys nahm auf seine Einladung neben ihm Platz und erwartete
schweigend die Anrede seines Souverains, der einige Augenblicke in
sinnendem Nachdenken auf die zngelnde Flamme blickte.

"Die Lage ist ernst, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte Napoleon
endlich, indem er, wie einen raschen Entschlu fassend, sofort auf den
Gegenstand einging, der seine Gedanken beschftigte,--"die Lage ist
ernst, und ich mu darauf denken, sie zu verbessern. Denn," fgte er
halb scherzend, halb wehmthig hinzu, "die Zeit respectirt die Kronen
und den Purpur nicht. Ich werde alt und immer lter und bevor ich aus
diesem irdischen Leben scheide, mu ich meine Angelegenheiten ordnen und
mein Haus bestellen. Mein Haus aber ist Frankreich. Sie sind so lange
der Hter dieses Hauses gewesen, da ich in dem ernsten Augenblick, in
dem wir uns jetzt befinden, bei Niemandem besser Rath finden kann als
bei Ihnen."

Drouyn de L'huys verneigte sich schweigend, keine Miene seines Gesichts
zeigte die geringste Bewegung; in seinen Zgen lag nur die ehrerbietige
Aufmerksamkeit auf das, was der Kaiser ihm sagen wrde, aber keine
Neugierde, keine Spannung es zu vernehmen.

"Sie haben," sagte der Kaiser zgernd und eine leichte Verlegenheit
berwindend, "Sie haben im Jahre 1866 mit patriotischem Eifer und
begeisterter Ueberzeugung die Ansicht vertheidigt, da ich den
Thatsachen gegenber, welche sich in Deutschland durch die Schlacht von
Sadowa vollzogen haben, mein Veto einlegen solle, um die Constituirung
der neuen preuischen Macht zu verhindern oder fr Frankreich diejenigen
Compensationen zu erreichen, welche uns in den Stand gesetzt htten,
auch jener Macht gegenber unsere Stellung zu behaupten."

Drouyn de L'huys neigte bettigend das Haupt.

"Ich erinnere mich, Sire," sagte er, "da jene Ansicht, welche auch
heute noch die meinige ist, damals unausfhrbar war, weil Eurer Majestt
Marschlle erklrten, da eine militairische Action in jenem Augenblick
unmglich oder hchst bedenklich sei. Ich bin auch heute noch der
Ansicht," fuhr er mit fester Stimme fort, "da damals eine wirklich
militairische Action garnicht mglich geworden wre, da die
franzsischen Fahnen am Rhein allein gengt htten, um unmittelbare
Annahme der Bedingungen zu erwirken, welche man spter, nachdem der
Frieden von Prag geschlossen war, so schnde zurckgewiesen hat."

"Sie sind damals," sprach der Kaiser mit sanfter trauriger Stimme, "von
den Geschften zurckgetreten, weil ich Ihrer Ansicht nicht beipflichten
konnte. Sie zrnen mir, vielleicht haben Sie Recht--vielleicht habe ich
damals Unrecht gehabt."--

"Ich wage nicht, Eurer Majestt Handlungen zu beurtheilen," erwiderte
Drouyn de L'huys, "und erlaube mir nicht Eurer Majestt zu zrnen, weil
Sie nach Ihrem eigenen Ermessen Frankreich regieren, aber Eure Majestt
wissen auch, da ich nur dann Ihr Minister sein kann, wenn die Politik,
die Sie befehlen, meiner eigenen Ueberzeugung entspricht. Da ich mich
damals zurckgezogen habe, da ich mich seither von dem politischen
Leben vollkommen fern halte, werden Eure Majestt natrlich finden und
mir deshalb Ihre Gnade und Ihr Vertrauen nicht entziehen."

"Wie wenig mein Vertrauen zu Ihnen erschttert ist," sagte Napoleon,
"sehen Sie daraus, da ich in diesem Augenblick zu Ihnen komme, um Ihren
Rath zu hren,--den Rath eines Freundes, eines bewhrten Freundes, eines
der wenigen Freunde, die mir noch bleiben," sagte er tief
seufzend--"denn ich habe viel verloren."

"Mein Rath, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "wenn Eure Majestt auf
denselben Werth legen, wird Ihnen in jedem Augenblick zu Gebote stehen,
und der Privatmann wird Ihnen mit derselben Ergebenheit und
Aufrichtigkeit die Wahrheit oder das, was er fr die Wahrheit hlt,
sagen, als es Ihr Minister gethan hat."

"Irgend ein groer Staatsmann," sagte der Kaiser, immerfort in die
Flammen des Kamins blickend, "ich glaube Metternich--sagt, einen Fehler
machen sei nicht so schlimm, als einen gemachten Fehler nicht
verbessern. Nun wohl," fuhr er fort, sich mit verbindlichem Lcheln zu
Drouyn de L'huys wendend, "wir haben einen Fehler gemacht, ich fange an
mich zu berzeugen, da es weit besser gewesen wre, damals Ihrem Rath
zu folgen. Doch mchte ich nicht die zweite grere Schuld auf mich
laden, jenen Fehler nicht zu verbessern, und es handelt sich darum, wie
dies geschehen knne. Man hat mir zu liberalen Concessionen gerathen,"
fuhr er schneller und lebhafter sprechend fort, "um die Zukunft des
Kaiserreichs mit populairen Institutionen zu umgeben. Ich habe jene
Concessionen gemacht, die Unzufriedenheit hat sich vermehrt und die
Zukunft des Kaiserreichs beruht, wenn wir uns die Wahrheit nicht
verhehlen wollen, mehr als je auf meinen persnlichen Einflu. Von allen
Seiten sagt man mir, und ich fange an zu glauben, da man Recht hat, da
die Schwierigkeit der Situation weniger im Innern, als in dem
geschwchten Einflu Frankreichs nach Auen hin liege. Alles drngt mich
den Fehler von 1866 zu verbessern, mit einem Wort: den Krieg zu machen
und dasjenige wieder zu zerstren, was man vielleicht besser damals
garnicht htte entstehen lassen sollen.--Um aber den Krieg zu machen,
bedarf ich auer der Tchtigkeit der Armee, welche vorhanden ist, wie
man mich versichert, auch Mnner von festem, klaren und entschlossenem
Geist, welche die militairische Action politisch vorbereiten und whrend
der Ereignisse die Zgel der Politik in starker Hand halten. Sollte es
zum Kampf kommen, so mu ich und werde ich persnlich bei der Armee
sein, denn der Kaiser, der den Namen Napoleon fhrt, mu da sein, wo die
Gefahr ist, wo die Adler Frankreichs dem Feinde entgegengetragen werden.
Ich wrde die Kaiserin als Regentin in Paris zurcklassen mssen, dann
aber wre es vor Allem nothwendig, da neben ihr ein Mann stnde von
erprobter Treue, von erprobter Geschftskenntni, ein Mann, welchem die
europischen Cabinette ihre Achtung und ihr Vertrauen entgegentragen,
und zu welchem ebenso mit Vertrauen und mit Achtung das franzsische
Volk aufblickt. Ich wte keinen bessern Mann dafr als Sie, mein lieber
Herr Drouyn de L'huys, und ich bin deshalb gekommen, um ohne alle
Umschweife Sie zu fragen, ob Sie es fr nothwendig und fr klug finden,
jenen Fehler von 1866, den Sie einst so scharf getadelt und der Sie mir
entfremdet hat, heute zu verbessern, und ob Sie in einem solchen Fall
mir mit Ihrem Rath und Ihrer Kraft zur Seite stehen wollen?"

Drouyn de L'huys blickte lange ernst und schweigend vor sich nieder,
dann erhob er das kluge offene Auge zu dem Kaiser, der mit dem Ausdruck
lebhaftester Spannung seine Antwort erwartete. Er sprach ruhig und
langsam, jedes Wort scharf betonend:

"Eure Majestt haben mir in wenig Worten eine Frage gestellt, welche
nicht leicht ist kurz zu beantworten.--Es ist wahr, Sire," fuhr er fort,
"da ich den Fehler, den die franzsische Politik im Jahre 1866 gemacht
hat, heute noch schmerzlich beklage. In jenem Fehler liegt die Wurzel,
der Anfang der ganzen Verlegenheit, in welcher wir uns gegenwrtig
befinden. Ob aber dieser Fehler wieder gut zu machen ist, ob er heute
oder in naher Zeit gut zu machen ist--daran, Sire, mu ich ernstlich
zweifeln. Frankreich befindet sich, wenn ich einen Vergleich brauchen
darf, in der Lage eines Mannes, der es verweigert hat ein Duell
anzunehmen in dem Augenblick, wo man ihn beleidigt hat, er empfindet
spter in der allgemeinen Miachtung die Folgen seiner Unschlssigkeit.
Aber gewi kann er sie dadurch nicht gut machen, da er irgend eine
Gelegenheit vom Zaune bricht, um sich zu schlagen. Fr uns ist in diesem
Augenblick eine richtige, einer groen Nation wrdige Veranlassung zum
Kriege nicht vorhanden. Wir haben alle Vernderungen, welche der Krieg
von 1866 in Deutschland hervorgerufen, acceptirt, wir haben den Prager
Frieden nicht nur geschehen lassen, sondern haben selbst bei dessen
Abschlu mitgewirkt. Alles, was jetzt in Deutschland geschieht, ist nur
die Consequenz jenes Friedensvertrages, und mag man hier und da ber
den Wortlaut desselben hinausgehen, fr Frankreich kann darin gewi kein
Grund zu einem so furchtbaren und folgenschweren Krieg liegen, durch den
man heute mit dem Einsatz aller Krfte und der ganzen Machtstellung des
Landes einen Fehler wieder gut machen wollte, der damals durch eine
einfache militairische Demonstration htte vermieden werden knnen.--

"Ich sage nicht, Sire," fuhr er fort, als der Kaiser ihn erstaunt und
verwundert anblickte, "ich sage nicht, da der Conflict zwischen dem
sich immer fester constituirenden Deutschland und Frankreich nicht
frher oder spter kommen msse. Heute aber ist er noch in keiner Weise
reif, und vor allen Dingen kann es nicht die Initiative Frankreichs
sein, welche diesen Conflict hervorrufen darf. Die Fragen, um welche es
sich in diesem Augenblick handelt, sind nicht franzsische. Frankreich
ist weder der vertragschlieende Theil, noch garantirende Macht bei dem
Prager Frieden. Geht Preuen ber die Schranken hinweg, welche es sich
selbst im Jahre 1866 gezogen hat, so mu es zunchst die Sache
Oesterreichs und der Sddeutschen Staaten, das heit, der in jenem Krieg
Besiegten sein, Einhalt zu thun und Protest zu erheben. Wenn die Frage
so gestellt wird, wenn die Sddeutschen Staaten ihre Unabhngigkeit
gegen Preuen vertheidigen, wenn Oesterreich zum Schutz dieser seiner
Verbndeten die strenge Aufrechthaltung der Vertrge fordert, dann kann
Frankreich hinzutreten, jene Forderungen untersttzen und als
Verbndeter der deutschen Staaten, als Verbndeter Oesterreichs gegen
Preuen zu Felde ziehen. Dann werden wir sicher sein, da das deutsche
Nationalgefhl sich nicht als ein mchtiger Verbndeter des Berliner
Cabinets uns gegenberstellt.--Davon, Sire," fuhr er fort, "sind wir
noch sehr weit entfernt. Ich habe," sagte er lchelnd, "obgleich ich
mich ganz von der activen Politik fern gehalten, dennoch aus alter
Gewohnheit den Gang der Dinge scharf beobachtet, und ich habe kein
Zeichen bemerkt, da die Sddeutschen Staaten entschlossen oder auch nur
geneigt wren, einen energischen Widerstand gegen Preuen zu machen."

"Doch werden dort," fiel der Kaiser ein, "namentlich in den katholischen
Kreisen vielfache Sympathien fr Frankreich laut. Man erwartet von uns
Hlfe und Beistand."

"Um Hlfe und Beistand zu erwarten," erwiderte Drouyn de L'huys, "mu
man zunchst selbst handeln. Und ich kann Eurer Majestt nicht genug
wiederholen, da die hchste Gefahr in einem Krieg gegen Preuen darin
liegt, das deutsche Volk zu dem Irrthum zu veranlassen, es handele sich
um eine franzsische Frage. Mgen die Herren in Mnchen und in Stuttgart
statt halbe Winke und Andeutungen hierher zu senden, mgen sie fest und
frei auftreten, mgen sie ihr Recht vertheidigen, sich mit einer starken
Bewegung ihres Volkes umgeben, dann, Sire, kann der Moment kommen, in
welchem Frankreich kluger und berechtigter Weise jenen durch diese
ganzen langen Jahre sich wie eine schleichende Krankheit hinziehenden
Conflict zu endlicher Lsung zu bringen, das heit auch dann nur in dem
Fall, da Oesterreich mit festem Willen und ernster Energie entschlossen
ist, auch seinerseits den Kampf um seine alte Stellung in Deutschland
wieder aufzunehmen."

"Ich habe keinen Grund," sagte der Kaiser, "daran zu zweifeln, da
Oesterreich in dem gegebenen Augenblick einen solchen Entschlu fassen
und ausfhren wird. Nach dem Bericht des Herzogs von Grammont ist der
Grundgedanke der sterreichischen Regierung immer der, die deutsche
Basis, von welcher sie herabgeworfen ist, wieder zu gewinnen, und ich
betrachte die Mitwirkung Oesterreichs auch ohne da darber etwas
Bestimmtes stipulirt ist, fr gesichert."

"Ich bin nicht in der Lage, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys ruhig und
kalt, "das Vertrauen Eurer Majestt zu theilen. Selbst da, wo bestimmte
Vertrge vorlagen, hat Oesterreich uns oft im Stich gelassen.
Gegenwrtig aber scheint mir, so weit ich die Lage beurtheilen kann,
nicht einmal irgend eine fabare Verhandlung zu existiren. Oder
verzeihen Eure Majestt meine indiscrete Frage, die durch Ihre
vertrauensvolle Berufung an mein Urtheil gerechtfertigt sein mag, haben
irgend welche Verhandlungen mit bestimmten Resultaten zwischen
Oesterreich und Frankreich Statt gefunden?"

"Das nicht," erwiderte der Kaiser mit einer leichten Verlegenheit,
"indessen die Bestimmung, die ich selbst persnlich bei dem Kaiser Franz
Joseph Gelegenheit hatte zu bemerken, und die Mittheilungen, welche
Grammont ber die dortigen Verhltnisse macht, lassen mich an einer
activen Mitwirkung Oesterreichs nicht zweifeln. Nur," fuhr er fort,
"scheint man dort--ganz entgegengesetzt der Ansicht, die Sie soeben
aussprachen--dringend zu wnschen, da der Kriegsfall nicht aus einer
deutschen Frage genommen werde, da es fr Oesterreich schwer sein wrde,
in einer solchen eine diplomatische Handhabe fr seine Aktion zu
finden, nachdem es in seine vllige Ausschlieung aus Deutschland
eingewilligt hat."

Ein leichtes hhnisches, fast mitleidiges Lcheln glitt ber Drouyn de
L'huys' ernste Zge.

"Dies entspricht ganz der unsichern zweideutigen Haltung, welche mir in
der sterreichischen Politik nichts Neues ist," sagte er. "Das ist der
vollstndige cercle vitieux, das heit mit andern Worten klar und ohne
Rckhalt ausgesprochen. Wir sollen allein die Gefahr tragen, wir sollen
das siegreiche Preuen niederwerfen, und dann will Oesterreich die groe
Gnade haben, mit uns die Frchte des Sieges zu theilen.--Nein, Sire,"
rief er lebhaft, "auf einer solchen diplomatischen Basis kann Frankreich
in diesem Augenblick keinen Krieg fhren! Wir mssen feste und starke
Alliirte haben! Wir mssen des energischen Vorgehens der Sddeutschen
Staaten und vor Allem der festen Alliance und der genau normirten und
bis zum Ende sicher gestellten Mitwirkung Oesterreichs vollkommen gewi
sein. Die jetzigen Beziehungen zwischen Frankreich und Oesterreich
kommen mir vor wie das Verhltni eines Herrn zu einer Dame, der ihr die
Cour macht, ihr Bouquets berreicht, ihr die Taschentcher aufhebt, aber
niemals von Heirathen spricht. Soll Frankreich eine so ernste
entscheidende Action beginnen, so mu vor allen Dingen mit Oesterreich
eine wirkliche, ganz feste Alliance geschlossen werden. Diese Alliance
allein kann verhindern, da die ganze, so ungeheuer angewachsene
preuische Militrmacht sich in mchtig concentrirten Vorsten ber den
Rhein her gegen uns heranbewegt. Diese Alliance allein ist im Stande,
auch Italien in Schach zu halten, das sonst gewi jede Verwickelung
Frankreichs benutzen wird, um Rom zu nehmen und damit unseren Einflu
auf der pyrenischen Halbinsel zu zerstren und Eurer Majestt Regierung
die mchtige Sttze zu rauben, welche Ihnen der katholische Clerus
bietet."

"Und wrden Sie geneigt sein," fragte der Kaiser, welcher sehr ernst
zugehrt hatte und auf den die Worte seines frheren Ministers einen
tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, "die franzsische Politik
nach den Grundstzen, welche Sie mir soeben entwickelt, wieder zu leiten
und die groe Action nachdrcklich vorzubereiten, welche uns wieder auf
die alte Hhe zurckfhren soll?"

"Ich werde, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "meine Dienste Eurer
Majestt und meinem Vaterlande niemals verweigern, doch scheint mir in
diesem Augenblick noch nicht die Zeit gekommen zu sein, um an einen
Krieg zu denken. Ich wrde Eurer Majestt rathen, zuerst die
Verhltnisse im Innern zur vollstndigen Abklrung zu bringen. Denn ich
mu Ihnen mit aller Aufrichtigkeit sagen, Sire, da so wie die Dinge
jetzt liegen, auch ein nur vorbergehender Mierfolg unserer Armee die
bedenklichste und gefhrlichste Bewegung im Lande selbst hervorrufen
kann. Die alte Kraft der Regierung ist gebrochen,--die unzufriedenen
Elemente sind fest organisirt und jeden Augenblick entschlossen, das
Aeuerste zu wagen."

"Aber die Nation," sprach der Kaiser mit einem Anklang von Ungeduld in
der Stimme, "empfindet tief das Herabsinken Frankreichs von seiner
militairischen Hhe. Man sagt mir allgemein, da die Nation den Krieg
will, und da ein groer nationaler Krieg das beste Mittel sei, um der
Regierung die allgemeinen Sympathieen wieder zu gewinnen."

"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "da Diejenigen, die dies Eurer
Majestt sagen, sich tuschen. Ich habe seit meinem Rcktritt von den
Geschften meine Mue mit dem Studium der conomischen Verhltnisse
ausgefllt. Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Prsidenten der
groen Gesellschaft der Landwirthe zu erwhlen, welche sich ber ganz
Frankreich verbreitet. Ich habe in dieser meiner Stellung viele Reisen
gemacht und die meisten Provinzen des Landes besucht als Prsident der
Gesellschaft, welche die groen Grundbesitzer, wie die kleinen
lndlichen Eigentmer und die Bauern umfat. Ich hatte Gelegenheit wie
aus einer Loge die ganze Bewegung zu beobachten, welche sich auf der
Scene des wirthschaftlichen Lebens zeigt, und ich kann Eurer Majestt
meine Ueberzeugung nur dahin aussprechen, da das ganze Land, d.h. das
Land, welches schafft und arbeitet, den Frieden will, den Frieden auf
lange Zeit, um all die Quellen des Wohlstandes, welche so viele weise
Maregeln Eurer Majestt erffnet haben, zu vollkommenem und ergiebigem
Flu zu bringen. Wrde eine groe Verwickelung in Deutschland entstehen,
wrde die unterdrckte Bevlkerung der Sddeutschen Staaten, wrde
Oesterreich die Hlfe Frankreichs gegen Verletzungen der ffentlichen
Vertrge anrufen, so wrde es allerdings die Nation als eine Ehrensache
betrachten, dann mit voller Kraft und mit allem Nachdruck in den Kampf
einzutreten. Wrde aber Frankreich einseitig einen Conflict provociren,
ohne dringende Notwendigkeit sich in die Opfer und Wechselflle eines
Krieges strzen--dann, Sire--ich spreche meine innigste und festeste
Ueberzeugung aus, dann wrde man vielleicht einiges chauvinistisches
Geschrei auf den Boulevards hren, aber die ganze groe Bevlkerung des
Landes wrde mit tiefem Schmerz ihren durch Flei und Arbeit erworbenen
Wohlstand der unsicheren Entscheidung durch die Spitze des Schwertes
preisgegeben sehen."

Der Kaiser senkte das Haupt und drehte lange schweigend an seinem
Schnurrbart.

"Sie meinen also, da die Consolidirung der innern Verhltnisse einer
Action nach Auen vorhergehen msse?" fragte er.

"Ebenso gewi," erwiderte Drouyn de L'huys fest, "als man bei jedem
Vorgehen an den Rckzug denken mu. Eure Majestt mssen sicher sein,"
sagte er mit leiser durchdringender Stimme,--"verzeihen Sie meine khne
Aufrichtigkeit--da Sie nach einer immerhin mglichen Niederlage noch
Herrscher bleiben, den Thron von Frankreich noch erhalten knnen."

Der Kaiser ffnete weit die Augen. Ein eigenthmlich durchdringender
Blick fiel auf das ruhige Gesicht des Herrn Drouyn de L'huys. Dann
beugte er sich mit einer raschen Bewegung zu ihm hinber, reichte ihm
die Hand und sagte mit sanfter weicher Stimme.

"Ich danke Ihnen fr dieses Wort, ich habe mich nicht getuscht, als ich
im Vertrauen auf Ihre Freundschaft zu Ihnen kam. Ich habe die Wahrheit
gesucht und Sie gaben mir dieselbe, wie es einem wahren Freunde
geziemt,--doch," fuhr er fort, "wenn Sie der Meinung sind, da die in's
Schwanken gekommenen inneren Verhltnisse wieder befestigt werden
mten, so haben Sie auch gewi Ihre bestimmte Ansicht darber, in
welcher Weise dies geschehen knnte.--Sie haben mir selbst," fuhr er
nach einer kleinen Pause fort, "frher den Rath gegeben, den
kaiserlichen Thron mit liberalen Institutionen, welche in der freien
Bewegung des Volkes beruhen, zu umgeben, damit wenn die Vorsehung es
will, da mein Sohn im frhen Jnglingsalter zur Herrschaft berufen
werde, diese Institutionen seinen Thron schtzend umringen. Sie sehen,
da ich Ihren Rath befolgt habe. Aber," sagte er seufzend, "statt
Befriedigung habe ich nur eine immer unzufriedener wachsende Unruhe
hervorgerufen."

"Weil," fiel Drouyn de L'huys ein, "Eure Majestt hierbei einen Fehler
gemacht haben. Das heit," schaltete er, sich verneigend ein, "nach
meiner unvorgreiflichen Ueberzeugung, welche Sie mir frei auszusprechen
befohlen haben--einen Fehler, welcher schon oft in hnlichen
Verhltnissen begangen worden ist, und welcher jedesmal verderbliche
Folgen gehabt hat."

"Und welchen," fragte der Kaiser gespannt, den Arm auf das Knie sttzend
und den Kopf zu Drouyn de L'huys hinber neigend.

"Eure Majestt haben liberale Institutionen durch liberale Personen
einfhren lassen," erwiderte Drouyn de L'huys, "und zwar durch Personen,
welche durchdrungen sind von dem parlamentarischen Doctrinismus, der
niemals selbststndig und fest handelt, sondern immer nach rechts und
links hin lauscht, was wohl der leicht beweglichen ffentlichen Meinung
in jedem Augenblick am meisten zusagen mchte. Es ist aber," fuhr er
fort, "eine alte Regel der Staatskunst, da man liberale Institutionen
immer durch sehr feste und energische Mnner einfhren lassen mu, durch
Mnner, welche in ihren Grundgesinnungen wesentlich conservativ und vor
Allem der Regierung und der Dynastie sehr ergeben sind, damit man in der
freiern Bewegung die Zgel nicht aus den Hnden verliert,--ebenso wie es
auf der andern Seite jedenfalls richtig und geboten ist, energische oder
gar reactionaire Maregeln stets durch Persnlichkeiten ausfhren zu
lassen, welche als liberal bekannt sind, und welche jenen Maregeln das
ffentliche Vertrauen zu gewinnen im Stande sind. Ich liebe Herrn Rouher
nicht, wie Eurer Majestt bekannt," sprach er weiter, "dennoch glaube
ich, da er der richtige Mann gewesen wre, um die freiere Bewegung zu
inauguriren, welche Eure Majestt dem Staatsleben haben geben
wollen.--Ebenso wie Herr Ollivier," fgte er mit leichtem Lcheln hinzu,
"ganz der Mann sein wrde, um etwa nothwendig werdende strenge Maregeln
durch ihn durchfhren zu lassen."

Der Kaiser hatte mit uerster Aufmerksamkeit zugehrt.

"Sie haben Recht, Sie haben vollkommen Recht," sagte er. "Ich habe auch
darin wieder einen Fehler gemacht. So wie man Concessionen macht,
betritt man eine schiefe Ebene, und es gehren starke Krfte dazu, um
dem zu schnellen Hingleiten nach der abschssigen Bahn sich entgegen zu
stemmen.--Die Mnner aber, in deren Hnden gegenwrtig die Gewalt der
Regierung liegt, haben diese Krfte nicht.

"Sie meinen also," fuhr er fort, "da um die freieren Grundstze ohne
Schaden fr die Nationalitt in das ffentliche Leben hineinwachsen zu
lassen--"

"Andere Mnner nthig sind," fiel Drouyn de L'huys ein, "und zwar
Mnner, welche die ffentliche Bewegung beherrschen, nicht aber ihr
folgen."

"Was meinen Sie," sagte der Kaiser schnell, "zu dem Plebiscit, um den
neuen Institutionen des placet de suffrage universel zu geben und damit
auch dem Kaiserreich von Neuem die Basis eines wiederholten
Vertrauensvotums des ganzen Volkes zu schaffen? Man knnte dadurch mit
einem Schlage einen Schwerpunkt aus dem parlamentarischen Parteitreiben
herausnehmen, welches jetzt nur zu sehr der Mittelpunkt des ffentlichen
Lebens geworden ist."

Drouyn de L'huys blickte ein wenig erstaunt in die lebhaft erregten Zge
des Kaisers.

"Und Sire," fragte er, "wie wrde sich Graf Daru, wie wrde sich Herr
Buffet zu einer solchen Wiederholung des suffrage universel stellen?"

"Das wei ich nicht," sagte der Kaiser. "Doch," fuhr er achselzuckend
fort, "liegt mir an dem Vertrauensvotum der franzsischen Nation mehr
als an Daru und Buffet."

Drouyn de L'huys neigte mit dem Ausdruck des Verstndnisses den Kopf.

"Und Ollivier?" fragte er dann.

"Ich werde ihm einen Brief schreiben," sagte der Kaiser, "ich werde die
ganze Sache in seine Hnde legen. Seine frheren parlamentarischen
Sttzen sind sehr schwankend geworden, er wird mit Freuden die
Gelegenheit ergreifen, wie ich glaube, um sich auf den breitern und
festern Grund des allgemeinen Volkswillens zurckzuziehen."

"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "aus den Andeutungen Eurer
Majestt entnehmen zu drfen, da Ihre Ideen sich auf dem Wege befinden,
den ich unter den augenblicklichen Verhltnissen nur als den richtigen
anerkennen kann. Wenn Sie das allgemeine Volksvotum als das beste Mittel
erkennen, die neue und freie Verfassung des Kaiserreichs auf festen
Grundlagen zu etabliren und vor schwankenden Bewegungen zu schtzen, so
ist es gewi richtig, diese Maregeln durch Ollivier vorbereiten und
ausfhren zu lassen. Nachdem dies geschehen ist, wird es meiner
Ueberzeugung nach an der Zeit sein, die Zgel der Regierung in festere
und krftigere Hnde zu legen, wobei inde Herr Ollivier, der so
unendlich leitungsfhig ist, immer conservirt werden kann. Dann, Sire,
wird auch vielleicht der Augenblick gekommen sein, in welchem man an
eine wohl berlegte und verstndige Vorbereitung einer groen
militairischen Action wird denken knnen, welche die Consequenzen des
Jahres 1866 wieder zu redressiren im Stande sein mchte."

Der Kaiser erhob sich.

"Und dann," sagte er, "drfte ich auch darauf rechnen, da mir Ihre
Untersttzung nicht fehlen wird."

"Ich werde dann, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "jeden Augenblick
bereit sein, Eurer Majestt meine Ideen, ber welche ich reiflich
nachdenken will, auseinanderzusetzen, und diese Ideen, wenn Sie
dieselben acceptiren, auszufhren."

"Ich danke Ihnen," sagte der Kaiser, ihm die Hand reichend. "Ich
verlasse Sie, wie immer, so oft ich mit Ihnen gesprochen, reicher an
guten Gedanken und Entschlssen.--Ich bitte Sie, Madame Drouyn de L'huys
meine angelegentlichsten Empfehlungen zu machen, ich will sie nicht
derangiren, denn ich mchte sogleich nach den Tuilerien zurckkehren, um
meine Entschlsse reif werden zu lassen und sie ohne Verzug zur
Ausfhrung zu bringen."

Drouyn de L'huys geleitete den Kaiser an seinen Wagen.--Napoleon stieg
mit dem General Fav ein und fuhr durch die Champs Elyss nach den
Tuilerien zurck.




Viertes Capitel.


In einer eleganten Parterrewohnung eines Hauses der Thiergartenstrae
saen in einem behaglich eingerichteten Wohnzimmer zur vorgerckten
Abendstunde eines dunklen und strmischen Februartages zwei alte Herren
in bequemen Lehnsthlen neben einem groen Tisch, der durch eine hohe
Lampe mit einem flachen Schirm beleuchtet wurde.

Der Eine derselbe zeigte in seiner ganzen Haltung und dem Ausdruck
seines Gesichts, obgleich er im einfachen Civilanzug gekleidet war, alle
Eigenthmlichkeiten eines alten Militairs. Das etwas empor stehende
graue Haar war kurz geschnitten, der graue Bart dienstmig zugestutzt,
und das bleiche krnkliche Gesicht hatte jenen ruhigen, etwas
zurckhaltenden und fast dienstlich gleichmigen Ausdruck, welcher den
preuischen Officieren eigenthmlich ist. Die dunklen Augen blickten
scharf und klar unter den grauen Augenbrauen hervor. Er sa grade
aufgerichtet in seinem Stuhl, von Zeit zu Zeit eine volle Rauchwolke aus
der groen dunklen Havannahcigarre ziehend, welche er in seiner Hand
hielt.

Dieser alte Herr war der Oberstlieutenant von Bchenfeld, welcher seit
einiger Zeit wegen rheumatischer Leiden den activen Dienst verlassen
hatte und in sehr einschrnkten Verhltnissen von seinem kleinen
Vermgen und seiner Pension lebte.

Neben ihm sa der Baron von Rantow, sein Jugendfreund, ein groer
Grundbesitzer aus der Provinz Schlesien, welcher als Mitglied des
Herrenhauses den Winter in Berlin lebte und, ohne selbst ein groes Haus
zu machen, sich doch viel in der vornehmen Gesellschaft der Residenz
bewegte.

Der Baron von Rantow war in seiner ganzen Erscheinung das vollstndige
Gegentheil seines Freundes. Sein ganzes Wesen zeigte jene bequeme
Eleganz, welche das Bewutsein einer unabhngigen Lebensstellung
verleiht. Sein volles Gesicht von gesunder Farbe war von einem dichten,
wohl gepflegtem, nur leicht ergrauten Backenbart umrahmt. Sein Kopf war
fast kahl, und der Blick seiner groen blauen Augen war zwar nicht ohne
Geist und ohne Intelligenz, schien aber alle Gegenstnde, auf die er
sich richtete, nur leicht und oberflchlich zu streifen, und lie
Diejenigen, mit denen der Baron sprach, oft daran zweifeln, ob er sich
wirklich mit den Gegenstnden der Unterhaltungen beschftigte oder ob
seine Gedanken anderswo weilten.

Herr von Rantow sa bequem zurckgelehnt in seinem Fauteuil und spielte
leicht mit den Fingern seiner vollen weien Hand auf der Lehne
desselben.

"Die Kammern sind ja jetzt geschlossen," sagte der Oberstlieutenant mit
einer scharfen, bestimmt klingenden Stimme. "Ihr habt Euer Werk fr dies
Jahr vollendet, und der Norddeutsche Reichstag tritt jetzt auf die
Scene. Du wirst wohl nicht mehr lange hier weilen," fgte er seufzend
hinzu. "Das thut mir recht leid, ich werde dann wieder in meiner
Einsamkeit hier allein sein. Ich kann mich noch nicht so recht in mein
Leben als Pensionair finden. Die active Dienstthtigkeit fehlt mir
berall, und mich dem geselligen Leben anzuschlieen, dazu bin ich mit
der Zeit zu steif und schwerfllig geworden."

"Ich bleibe noch zwei Monate hier, mein alter Freund," erwiderte der
Baron von Rantow. "Du wirst also noch einige Zeit hier einen Ort haben,
wo Du gelegentlich einen langweiligen Abend unterbringen kannst. Dann
kommst Du mit mir auf mein Gut, frische Luft wird Dir wohl thun, die
Bewegung im Freien Deine Krfte wieder strken."

"Du bleibst noch hier?" fragte der Oberstlieutenant ein wenig erstaunt.
"Das ist mir unendlich erfreulich," fgte er hinzu, "doch begreife ich
nicht, da Du Dich so lange ohne dringende Nothwendigkeit Deiner
Wirthschaft entziehst."

"Ich habe einen sehr tchtigen Verwalter," erwiderte der Baron von
Rantow,--"und dann," fuhr er fort, indem sein Blick wie zerstreut sich
in die Ferne zu richten schien, "Du weit, mein Sohn ist in seinem
Staatsexamen begriffen, ich mchte das Resultat abwarten, um ihn dann
gleich mit mir zu nehmen. Der Landrath meines Kreises wird bald
zurcktreten, und ich wnsche, da mein Sohn sich um diese Stelle
bewerben mge;--wenn er dereinst meine Besitzungen bernimmt, so ist es
sehr gut fr ihn zugleich Landrath des Kreises zu sein und sich so eine
angenehme und ntzliche Thtigkeit, bedeutenden Einflu und vielleicht
die Aussicht auf eine groe Carriere zu schaffen."

"Du bist glcklich, alter Freund," sagte der Oberstlieutenant mit etwas
wehmthigem Ton, "da Du Deinem Sohn eine solche Perspective erffnen
kannst. Ich kann leider," fuhr er fort, eine dichte Rauchwolke vor sich
hinblasend, "meinem armen Carl nur dieselbe Lebensbahn bieten, an deren
Ende ich jetzt angelangt bin, eine gleichfrmige und wenig frhliche
Bahn. Man zehrt seine Krfte im Dienst auf und dann bringt man sein
Alter als ein unbrauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft hin.
Htte ich es mir recht berlegt oder wre meine Frau am Leben
geblieben,--vielleicht wre es anders geworden. Sie wollte immer, da
unser einziger Sohn studiren sollte. Nun,"--sagte er, leicht mit der
Hand ber die Augen fahrend, "sie ist lange dahingegangen, und der Junge
hatte immer so groe Freude an den Knpfen der Uniform und den
Epauletten und bat so dringend, da er auch des Knigs Rock tragen
drfe, da ich ihm nachgegeben habe. Jetzt ist es geschehen, und er mu
den Weg zu Ende gehen. Gott gebe, da er mehr Glck und Freude auf
demselben finden mge, als mir zu Theil geworden ist."

"Mein lieber Freund," sagte der Baron von Rantow, indem der Ausdruck
phlegmatischer Zerstreutheit und Gleichgltigkeit auf seinem Gesicht
einen Augenblick von einem wrmeren Gefhl verdrngt wurde, "Du darfst
nicht vergessen, da das Leben eines Soldaten in seinem ruhigen und
einfrmigen Gang dafr aber auch von manchen Sorgen und Aufregungen
verschont bleibt, die uns treffen und da es doch auch schn ist," fgte
er hinzu, dem Oberstlieutenant die Hand drckend, "sich zuletzt sagen zu
knnen, da man alle Zeit mit Ehren seine Pflicht erfllt hat."

"Ja, ja," erwiderte der Oberstlieutenant mehrmals mit dem Kopf nickend,
"das ist Alles ganz schn, aber man fragt sich denn doch auch, wozu das
Alles, wo ist der Nutzen, den dieses Leben von Arbeit, Pflichterfllung
und Entbehrung gebracht hat?"

"Der Nutzen?" fragte Baron von Rantow lebhaft. "Du wirst den Nutzen
nicht im Kreise des Einzelnen, nicht in der beschrnkten Zeit eines
Menschenlebens suchen; Ihr Alle, die Ihr Eure Krfte und Arbeit im
militairischen Dienst dem Staat widmet, schafft Glied fr Glied, Kette
fr Kette jene groe gewaltige Macht, die Armee, die in den
entscheidendsten Augenblicken der Weltgeschichte heraustritt und fr
alle die Ideen, welche die geistige Thtigkeit erzeugt und entwickelt
hat, die Bahnen bricht und den Raum schafft. Wie Viele haben sich in den
fnfzig letzten Friedensjahren gefragt, wofr sie ihre Krfte
anstrengten! Wie Viele sind gestorben, ohne eine Antwort auf diese
Frage zu erhalten! Das Jahr 1866 hat diese Antwort gegeben, und Du, mein
alter Freund, gehrst zu den Glcklichen, denn Du hast jenes Jahr noch
mit erlebt und mit durchgekmpft. Du wenigstens weit, wofr Du gestrebt
und gearbeitet hast."

"Nun, nun," sagte der Oberstlieutenant, indem er sich lchelnd den
Schnurrbart strich, "ich murre auch nicht weiter. Wird auch der einzige
Stein in einem groen Bau nicht bemerkt, er gehrt doch auch mit zum
Ganzen und darf auch mit Stolz sich sagen, da er seinen Platz ausfllt.
Ich wnsche nur, da mein Sohn keine fnfzig Friedensjahre vor sich
haben mge."

"Dazu hat es kaum den Anschein," sagte der Baron von Rantow mit einem
leichten Anklang von Unzufriedenheit in seiner Stimme. "Man schwebt ja
in dieser Zeit eigentlich fortwhrend zwischen Krieg und Frieden, und in
den letzten Tagen klingen wieder sehr kriegerische Stimmen von der
andern Seite des Rheins herber. Frher oder spter mssen alle
Conflicte, welche 1866 noch ungelst geblieben, doch endlich wieder zum
Ausbruch kommen. Ich bedaure es wirklich recht sehr," fgte er hinzu,
"ich bin in verschiedenen groen Unternehmungen begriffen, welche einen
vortrefflichen Erfolg versprechen. Ich mchte einige neue Industrieen
auf meinen Besitzungen einfhren, welche dazu vortreffliche Gelegenheit
bieten, und stehe im Begriff, hier ein Consortium zu bilden, das mir die
Capitalien dazu verschaffen soll. Um die Sache in Gang zu setzen,
brauche ich noch einige Jahre Frieden. So lange aber," fgte er lchelnd
hinzu, "kann ja Dein Sohn auch wohl noch warten."

Der Oberstlieutenant schttelte langsam den Kopf und blickte halb
verwundert, halb mibilligend zu seinem Freunde hinber.

"Du willst Consortien grnden?" fragte er. "Du willst Dich mit diesen
Banquiers und Capitalisten associiren, um industrielle Spekulationen auf
Deinen alten Besitzungen einzufhren?--Nimm es mir nicht bel, alter
Freund," fuhr er fort, "mir scheint das nicht recht mit der Stellung
eines alten Edelmanns zusammen zu passen. Dein Gut ist ja so schn und
in vortrefflicher wirtschaftlicher Ordnung, es wirft Dir eine glnzende
Revenue ab, Du bist wohlhabend und hast Alles, was Du bedarfst. Du hast
nur einen Sohn, warum willst Du denn noch mehr, als die Vorsehung Dir
gegeben und Deine Vorfahren Dir hinterlassen haben? Es vertrgt sich
nicht mit der Stellung des Adels nach meiner Auffassung, sich mit
dieser modernen Capitalswelt zu verbinden, um Geld auf Geld zu hufen.
Und auerdem scheint es mir nicht klug zu sein, denn auf diesem Gebiet
werden wir den Juden und Banquiers doch niemals gewachsen sein, sie
werden uns immer das beste Fett vorwegnehmen, und wir werden froh sein
knnen, wenn uns berhaupt noch Etwas bleibt--verzeihe meine
Aufrichtigkeit,--Du hast ja zu thun, was Dir beliebt,--aber meine
Meinung ist nun einmal so, wie ich gesagt habe."

"Ich glaube, Du hast vollkommen Unrecht," erwiderte der Baron von
Rantow, indem er sich ein wenig emporrichtete und zu seinem Freunde
hinberneigte. "Das Geld ist die Macht, welche heut zu Tage die Welt
beherrscht, ebenso wie es frher die krperliche Ueberlegenheit in den
ritterlichen Uebungen war. Wenn der Adel seine Stellung behaupten will,
so mu er jene herrschende Gewalt unserer Zeit in seine Hnde bringen.
Sieh die groe Aristokratie von England an. Wodurch ist sie auf der Hhe
geblieben? Nur dadurch, da sie es immer verstanden hat, ihren Besitz
nicht nur zu erhalten, sondern den steigenden Anforderungen der Zeit
gem fortwhrend zu vergrern. Sieh, wie in Oesterreich der Adel an
seiner schlechten Naturalwirtschaft zu Grunde geht. Du wirst mir
zugeben, da auf die Dauer keine Familie sich auf der Hhe ihrer
Stellung ohne die Grundlage eines den Zeitbedrfnissen entsprechenden
Besitzes zu erhalten im Stande ist."

Wieder schttelte der Oberstlieutenant bedenklich den Kopf.

"Der Besitz ist eine schne Sache," sagte er, "aber er macht doch nicht
allein die dauernde und feste Grundlage des Adels aus. Ich mchte fast
der Meinung sein, da die Armuth noch eher die ritterlichen Gesinnungen
erhlt, als der Reichthum,--wie denn auch die alten geistlichen Orden
zur Erhaltung des ritterlichen Sinnes das Gelbde der Armuth ablegen
muten."

"Das sie aber zuletzt sehr wenig hielten," sagte der Baron von Rantow
lchelnd. Dann fgte er hinzu. "Die geistlichen Herren hatten keine
Kinder, fr die sie sorgen muten.--Du hast mir vorhin gesagt, ich htte
nur einen Sohn und er htte fr sein Leben genug an dem, was ich
besitze. Das ist ganz recht, aber mein Sohn kann mehrere Nachkommen
haben. Und ich mchte doch gern," fuhr er fort, mit einem gewissen Stolz
den Kopf emporrichtend, "da auch spter Jeder, der den Namen Rantow
fhrt, einen diesem Namen entsprechenden materiellen Besitz habe. Wenn
ich nun sehe, da durch eine geschickte Capitalassociation mein Besitz
sich vier- bis fnfmal vergrern kann, sollte ich da unthtig bleiben,
ruhig in alter Weise fortwirthschaften und damit meinen Nachkommen
entziehen, was ich ihnen zu schaffen mich fast fr verpflichtet halten
mu?"

"Wir werden uns nicht darber verstndigen," sagte der Oberstlieutenant.
"Ich meinerseits," sprach er bestimmt und energisch, "wrde mich niemals
mit dieser industriellen Welt in Verbindung setzen."

Das Gesprch der beiden alten Herren wurde durch den Eintritt der
Baronin von Rantow unterbrochen, einer Dame von hoher und trotz ihrer
starken Flle noch schlanken und elastischen Gestalt mit einem vornehm
geschnittenen Gesicht von freundlich heiterm Ausdruck, das die Spuren
frherer groer Schnheit zeigte.

Die Dame begrte den Oberstlieutenant, der ihr mit einer etwas
altmodischen Hflichkeit die Hand kte, herzlich und nahm auf einem
breiten Divan vor dem Tisch Platz, auf welchem ein Diener in eleganter
Hauslivree das Theegeschirr aufstellte.

"Die Wagen fangen bereits an vorzufahren," sagte Frau von Rantow, "es
wird eine sehr groe Gesellschaft sich ber uns bei dem Herrn
Commerzienrath Cohnheim versammeln. Es scheint," fuhr sie mit einem
leichten Lcheln fort, "da man Alles aufgeboten hat, um ein recht
groartiges Fest zu geben."

"Wir werden die Nacht recht gestrt werden," sagte der Baron, "von dem
Lrm ber unsern Kpfen. Nun," fgte er achselzuckend hinzu, "das ist
immer noch besser, als wenn wir htten hingehen mssen. Ich bin einen
ganzen Tag," fuhr er zum Oberstlieutenant gewendet fort, "zu Hause
geblieben, um mein Unwohlsein recht natrlich vorzustellen, damit ich
nicht genthigt bin diese Gesellschaft zu besuchen, in der man sich
zwischen emporgekommenen Brsenspeculanten und einzelnen
heruntergekommenen Mitgliedern der guten Gesellschaft befindet."

"Und darum," fragte der Oberstlieutenant erstaunt, "legtest Du Dir einen
Tag Hausarrest auf? Warum lehntest Du denn nicht einfach die Einladung
der Leute ab? Du hast doch wahrhaftig keine Rcksichten auf sie zu
nehmen."

"Doch, mein lieber Freund," erwiderte Herr von Rantow, "ich habe sogar
recht groe Rcksichten auf diesen Herrn Commerzienrath Cohnheim zu
nehmen. Er ist gerade Derjenige, der mir meine Consortien
zusammenbringen soll, und der mit groem Eifer dabei ist, mir diese
Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Ich darf ihn also in keiner Weise
verletzen, ich nehme auch fortwhrend die uerste Rcksicht auf
ihn,--doch mich in diese Gesellschaft hineinzubegeben, das ist etwas zu
viel verlangt. In kleinen Kreisen bin ich schon bei ihm gewesen, ich
will ihn auch gern bei mir sehen, ja, ich habe sogar Nichts dagegen,"
fuhr er lchelnd fort, "da mein Sohn dem Frulein Cohnheim den Hof
macht, was er auerdem sehr gern thut, denn die Tochter des Herrn
Commerzienraths ist wirklich von einer wunderbaren Schnheit, dabei sehr
gut erzogen und sehr fein gebildet."

"Um Gottes Willen," rief der Oberstlieutenant ganz erschrocken, "wenn
nun aber die jungen Leute bei diesem Spiel sich Etwas in den Kopf
setzen, wenn da eine ernste Neigung entstehen sollte."

"Nun," sagte Herr von Rantow leicht mit den Fingern auf der Lehne seines
Sessels trommelnd, "das wre eine Sache, die sich berlegen liee. Herr
Cohnheim ist sehr reich, sein Vermgen wchst tglich und stndlich. Er
wird nach kurzer Zeit sich auf die Hhe der ersten Matadore der
Finanzwelt erhoben haben. Er hat nur diese einzige Tochter, wie ich den
einzigen Sohn. Es haben sich ja schon viele alte Familien durch
Heirathen zu groem Glanz gebracht,--die Sache wrde sich vielleicht
arrangiren lassen."

"Ich vermag der neuen Zeit nicht mehr zu folgen," sagte der
Oberstlieutenant. "Ich fr meinen Theil, so arm ich bin, wrde doch
wahrhaftig niemals meine Zustimmung geben, da mein Sohn sich durch eine
Heirath in dieser Weise seine Lebensstellung machte. Ich halte viel auf
meinen Namen und viel auf alte Familien, aber dennoch wre mir jedes
Mdchen aus dem Volke recht, wenn sie mir mein Sohn als Tochter
zufhrte. Aber mit diesen Kreisen der Finanzwelt, welche die
Gesellschaft durch ihre unnatrlichen Speculation aussaugen, denen jedes
Mittel recht ist, um nur Geld und wieder Geld aufzuhufen, mit diesen
Kreisen meine Familie zu verbinden!----Nein," rief er lebhaft, "dazu
wrde ich niemals meine Zustimmung geben."

"Nun, lieber Bchenfeld," sagte Frau von Rantow freundlich lchelnd,
indem sie dem Oberstlieutenant ein Glas Grog mischte, "beunruhigen Sie
sich nicht, mein Mann ist noch kein so schlimmer Spekulant geworden, als
er Sie glauben machen mchte. Hten Sie sich aber," fuhr sie leicht mit
dem Finger drohend fort, "da Ihr Sohn Sie mit Ihren Grundstzen nicht
in Verlegenheit bringt. Er besucht, wie er mir erzhlt hat, seit er hier
zur Kriegsschule commandirt ist, die Gesellschaften der haute finance
sehr fleiig und amsirt sich sehr gut dort. Er wird gewi auch heute
hier beim Commerzienrath sein in gefhrlicher Nhe der schnen Augen des
Frulein Cohnheim."

"Ich freue mich," sagte der Oberstlieutenant, "wenn mein Sohn sich
amsirt, doch bin ich vollkommen sicher, da er an keine ernsthafte
Liaison denkt, und da er die Grundstze, die ich vorhin ausgesprochen
habe, vollkommen mit mir theilt."

Er nahm einen krftigen Schluck aus seinem Glase und wandte sich dann zu
der Baronin von Rantow mit einer gleichgltigen Frage, welche die
Absicht zu erkennen gab, das bisherige Gesprchsthema nicht weiter zu
behandeln.

Inzwischen hrte man vor dem Hause einen Wagen nach dem andern
vorfahren. Bald war es das leichte Rollen eleganter Equipagen, bald der
schwerfllig rasselnde Ton einer Droschke, und in der Bel-Etage ber der
Wohnung des Barons lie sich das Gerusch zahlreicher Schritte und das
dumpfe Gewirr verschiedener Stimmen hren.

Die weiten eleganten Rume des obern Stockwerks, welche der
Commerzienrath Cohnheim bewohnte, und welche mit reicher, wenn auch
nicht geschmackloser, so doch etwas berladener Pracht ausgestattet
waren, strahlten im hellen Glanz einer intensiven Gasbeleuchtung. Die
Fenster waren berall durch schwere seidene Vorhnge verdeckt, der
ziemlich groe Tanzsaal reich mit frischen Blumen decorirt, in den
Nebensalons waren Spieltische arrangirt, die kostbaren Oelgemlde an den
Wnden waren durch darber angebrachte Schirmlampen in das mglichst
beste Licht gesetzt. Kurz, es war Alles geschehen, um zu zeigen, da der
Commerzienrath ein Mann war, welcher die Mittel besa, groe
Gesellschaft bei sich zu empfangen, und welcher es auch verstand, durch
guten Geschmack es den Vornehmen gleich zu thun. Da berall ein kleines
Zuviel oder Zuwenig in diesen Arrangements die scharfe Grenzlinie des
wirklich vornehmen Geschmacks berschritt oder hinter derselben
zurckblieb, entging dem zufriedenen Blick des Commerzienraths, welcher
nach einem letzten Blick ber die Vorbereitungen zu seinem Feste sich in
den ersten Salon begab, um die Gste zu empfangen, die erst langsam und
einzeln, dann immer schneller und zahlreicher zu erscheinen begannen.

Der Commerzienrath Cohnheim war eine kleine, volle und untersetzte
Gestalt, von raschen, kurzen, etwas unruhigen Bewegungen. Er mochte etwa
fnfzig Jahre alt sein, sein kleiner runder Kopf erhob sich nur wenig
ber die breiten, etwas hoch empor stehenden Schultern. Sein Haar
leicht in's Graue spielend, war kurz und kraus gelockt, seine scharfen
Zge, die hervorspringende, leicht gebogene Nase, die etwas
aufgeworfenen Lippen, und die klugen, stets etwas unruhig umhersphenden
Augen zeugten von Intelligenz und scharfer Beobachtung, whrend um
seinen Mund ein fast stereotypes Lcheln spielte, welches halb aus
gutmthigem Wohlwollen, halb aus befriedigtem Selbstgefhl
zusammengesetzt war.

Der Commerzienrath trug einen tadellosen schwarzen Anzug, eine Cravatte
von blendender Weie. Er zeigte in seiner ganzen Erscheinung eine
strenge, vielleicht etwas gesuchte Einfachheit, welche nur durch einige
groe Hemdknpfe von prachtvollen Diamanten unterbrochen wurde, die er
sich nicht hatte versagen knnen. Im Knopfloch seines Fracks befand sich
ein unendlich kleines Miniaturkreuz des Ordens eines kleinen deutschen
Miniaturstaats; in seiner Hand mit den kurzen beweglichen Fingern, deren
Spitzen den weien Handschuh nicht vollstndig ausfllten, hielt er eine
goldene Dose, deren er sich weniger zum eigenen Gebrauch als zur
Entamirung einer Conversation zu bedienen pflegte.

Whrend er strahlend von liebenswrdiger Hflichkeit in dem ersten Salon
seiner Wohnung Stellung nahm, befand sich die Frau Commerzienrthin mit
ihrer Tochter in einem Zimmer, das an die entgegengesetzte Seite des
Tanzsaals stie, um dort die Begrung der Gste zu empfangen.

Frau Commerzienrthin Cohnheim war eine groe hagere Gestalt mit
ziemlich eckigen Bewegungen und einem Gesicht, dessen entschieden
jdischer Schnitt in ihrem gegenwrtigen Alter wenig Einnehmendes hatte.
Sie trug ein dunkelrothes Sammetkleid, ein reiches Collier von kostbaren
Edelsteinen, Diamanten im Haar und Diamanten an den Armspangen. Der
Blick ihrer groen dunklen und stechenden Augen war kalt und fast starr,
und ihre etwas dnnen, gewhnlich fest zusammengeschlossenen Lippen
ffneten sich je nach dem Range und der Stellung ihrer Gste zu einem
mehr oder weniger hflichen und verbindlichen Lcheln.

In ihrer ganzen Erscheinung durchaus von ihrer Mutter verschieden stand
ihre Tochter, ein junges Mdchen von achtzehn Jahren, neben ihr.
Frulein Cohnheim trug eine unendlich einfache Balltoilette von
zartestem weiem Stoff, mit kleinen, fast unbemerkbaren Silbersternen
berset; ihr Haar war mit frischen Maiblumen und Rosenknospen
geschmckt. Sie trug keine Edelsteine, keinen Schmuck; und in der That
waren auch die einfachen natrlichen Blumen der schnste und passendste
Schmuck fr diese so zarte Erscheinung, welche von dem idealen Schimmer
jener eigentmlichen orientalischen Schnheit berhaucht war, welche man
gewhnlich mehr in den Schpfungen der Knstler, als in der Wirklichkeit
findet. Der durchsichtige Teint des jungen Mdchen zeigte jenen
eigentmlichen Schmelz, welcher auf der zarten Schale der im Sonnenlicht
des Sdens gereiften Pfirsich liegt; ihr ebenholzschwarzes Haar war wie
von blulichem Phosphorschimmer bergossen.--Ihre groen dunklen Augen
blickten wie trumerisch fragend in die Welt hinein, und um ihren zarten
feinen Mund spielte ein halb kindlich harmloses, halb melancholisches
Lcheln.

Die Sle fllten sich immer mehr. Es kamen zahlreiche Matadore der hohen
Finanzwelt mit ihren Frauen und Tchtern--es kamen Geheimrthe trocken,
steif und wrdevoll mit mehr oder weniger dicht behngten Ordenskettchen
im Knopfloch.

Die Damen der Bureaukratie blickten musternd und prfend auf die
Toiletten der Frauen und Tchter der Commerzien- und Commissionsrthe,
indem sie durch ihren wrdevollen und zurckhaltenden Ernst zu erkennen
gaben, da sie sich wohl bewut seien, wie die Wrde des Ranges und der
Stellung sie trotz ihrer einfachen und zuweilen etwas drftigen Anzge
doch hoch ber jene in Federn, Diamanten und schwerer Seide prangenden
Damen erhebe.

Dann kamen junge Officiere in den Uniformen fast aller Regimenter der
Garde, welche sich Alle bald unter die Gruppen der im Tanzsaal harrenden
jungen Damen mischten und ihre Feldzugsplne fr die Tnze des Abends
feststellten.

Der Commerzienrath war unerschpflich in Liebenswrdigkeit beim Empfang
seiner Gste. Doch wute er dabei mit unendlicher Schrfe und Feinheit
die Nuancirungen seiner Hflichkeit jedem Eintretenden gegenber genau
abzumessen. Mit einer gewissen zuversichtlichen Vertraulichkeit begrte
er die Geheimenrthe, und trat irgend ein magerer und steifer Herr mit
einem kleinen auslndischen Stern auf dem Frack herein, so legte er wohl
seinen Arm in den seines Gastes und begleitete denselben mit einigen
Scherzworten bis zur Thr des nchsten Zimmers, um sich dann zum Empfang
der Neueintretenden zurckzuwenden.

Mit wrdevoller Zurckhaltung begrte er die Mitglieder der Finanzwelt,
deren Stellung an der Brse noch nicht fest begrndet war. In tiefer
Ehrerbietung verneigte er sich vor den groen Matadoren der Geldwelt;
mit cordialer Herzlichkeit drckte er irgend einem rasch
vorberschreitenden Gardeofficier mit altem Grafen- oder Freiherrntitel
die Hand.

Mit fast frstlicher Herablassung neigte er den Kopf gegen junge
Kaufleute, welche, um den Tanzsaal zu fllen, in feine Gesellschaften
zugelassen wurden. Und mit der Miene eines schtzenden Mcens klopfte er
diesem oder jenem Knstler auf die Schulter, welcher seine Salons betrat
und vielleicht im Stillen die Hoffnung hegte, da der reiche
Commerzienrath ihm eines Tages eins seiner Werke abnehmen werde.

Die Sle waren schon stark gefllt, Lakaien in reich gallonirten Livreen
prsentirten den Thee und jenes dumpfe Gesumme flsternder Stimmen,
welches sich stets beim ersten Beginn groer Gesellschaften vernehmen
lt erfllte die Rume.

Die Thren des ersten Salons, welche seit einiger Zeit geschlossen
geblieben waren, ffneten sich abermals, und der Commerzienrath ging
rasch den zwei jungen Leuten entgegen, welche neben einander eintraten.

Es war der junge Baron von Rantow und der Lieutenant von Bchenfeld, der
Sohn des Oberstlieutenants, welcher in der Parterrewohnung desselben
Hauses am Theetisch seines Freundes sa.

Der Referendar von Rantow hatte entschiedene Aehnlichkeit mit seinem
Vater. Sein Gesicht war hbsch, vornehm, aristokratisch geschnitten und
anziehend durch die frische jugendliche Gesundheit und durch das
wohlwollende, gutmthige und freundliche Lcheln, welches auf demselben
lag. Doch hatten seine hellen klaren Augen denselben etwas
gleichgltigen oberflchlichen Blick wie diejenigen seines Vaters. In
seinem Lcheln lag ein Zug hochmtigen Selbstbewutseins, der ohne jene
Beimischung von Gutmtigkeit und Herzlichkeit beinahe htte unangenehm
berhren knnen. Die ganze Haltung des mit uerster Eleganz und
hchster Einfachheit gekleideten jungen Mannes zeigte vornehme und
leichte Sicherheit. Er betrat die Gesellschaftsrume des Commerzienraths
mit einer Miene, aus welcher ein wenig von dem Bewutsein
hervorschimmerte, da er durch sein Erscheinen in diesem Hause mehr Ehre
gebe, als empfange.

In der einfachen Uniform eines Linien-Infanterieregiments erschien,
durch das schnelle Vorschreiten des Herrn von Rantow einen Schritt
zurckbleibend, der Lieutenant von Bchenfeld.

Der junge Mann war hoch und schlank gewachsen, seine Haltung war fest
und ritterlich, fast etwas starr, und die Zge seines magern, scharf
geschnittenen bleichen Gesichts zeigten mnnliche Kraft, Muth und
Entschlossenheit, doch dabei auch eine stolze, fast feindlich abwehrende
Verschlossenheit. Auf der Oberlippe seines schn geformten, fest
zusammengepreten Mundes kruselte sich ein leichter blonder
Schnurrbart. Seine hellen grauen Augen blickten so ernst und lieen aus
ihrem eigentmlichen Glanz eine solche Tiefe hervorleuchten, da sie in
einzelnen Augenblicken von fast dunkler Farbe zu sein schienen.

Der Commerzienrath drckte mit unendlich liebenswrdigem Lcheln dem
jungen Baron von Rantow die Hand, whrend er zugleich mit freundlicher
Hflichkeit den Kopf gegen den jungen Offizier wandte.

"Wie unendlich bedaure ich, mein lieber Herr von Rantow, da Ihr Herr
Vater und die Frau Mama verhindert sind, mich heute zu besuchen. Es
verdirbt mir fast die Freude an meinem ganzen Fest," fgte er hinzu,
indem er seine lchelnden Zge fast mit Gewalt zu einem trben Ausdruck
zwang, "Ihre Eltern heute nicht bei mir zu sehen."

"Es thut meinen Eltern ebenfalls sehr leid," sagte Herr von Rantow mit
leicht degagirten Ton, indem sein Blick ber den Commerzienrath hinweg
nach dem andern Salon hinschweifte, "da sie Ihrer Einladung nicht
haben Folge leisten knnen. Doch ist mein Vater stark erkltet und meine
Mutter, wie Sie begreifen knnen, wollte ihn nicht allein lassen."

"Nun," sagte der Commerzienrath, "ich freue mich wenigstens, da Sie
gekommen und da ich doch ein Glied Ihrer verehrten Familie bei mir
sehe. Eilen Sie, eilen Sie," fgte er hinzu, indem er den jungen Mann
nach dem Tanzsaal hinfhrte--"der Tanz wird sogleich beginnen und die
Damen werden schon sehr umlagert. Meine Tochter hat Ihnen gewi noch
einen Tanz aufgehoben," fgte er dem jungen Mann auf die Schulter
klopfend hinzu und verlie denselben auf der Schwelle des Saals, sich zu
der Eingangsthr zurckwendend, ohne den Lieutenant von Bchenfeld
weiter zu beachten, welcher hinter Herrn von Rantow ebenfalls in den
Tanzsaal eintrat.

Frulein Cohnheim hatte whrend dieser Zeit neben ihrer Mutter
gestanden, meist nur mit hflicher schweigender Verbeugung die Damen
begrend und einzelne Worte mit den jungen Herren wechselnd, welche zu
ihr herantraten, um sie um einen Tanz zu bitten.

Sie hatte einige Engagements angenommen, andere abgelehnt und blickte
von Zeit zu Zeit wie fragend und suchend ber die Gruppen hin, welche
sich in dem Tanzsaal vor ihr bewegten. Als Herr von Rantow und Herr von
Bchenfeld in den Saal eintraten, flog eine augenblickliche leichte
Rthe ber das Gesicht des jungen Mdchens. Ihr Blick leuchtete einen
Moment auf--dann schlug sie die Augen nieder und gab einer Dame, welche
sich soeben zu ihr wandte, eine Antwort, welche nicht ganz auf die
Anrede zu passen schien und einen etwas erstaunten Ausdruck auf dem
Gesicht der zu ihr Sprechenden hervorrief. Der Referendar von Rantow
schritt rasch und sicher durch den dicht mit Menschen gefllten Saal,
indem er hier und dort einen Bekannten begrte und trat in das Zimmer,
in welchem die Commerzienrthin mit ihrer Tochter sich befand.

Er machte der Dame des Hauses, welche ihn mit ausgezeichneter
Liebenswrdigkeit empfing, seine Entschuldigungen in Betreff des
Ausbleibens seiner Eltern und wandte sich dann zu dem Frulein Cohnheim.

"Ich bin etwas spt gekommen, mein gndiges Frulein," sagte er.
"Unaufschiebliche Arbeiten hielten mich noch ab. Darf ich hoffen, da
Sie noch einen Tanz fr mich frei haben?"

"Ich bedauere sehr," erwiderte das junge Mdchen mit einem Blick auf die
Tanzordnung, whrend ihre Mutter ziemlich kalt und oberflchlich die
Begrung des Lieutenants von Bchenfeld erwiderte; "Alle meine Tnze
sind besetzt."

"Das ist ja ein wahres Unglck!" rief der junge Herr von Rantow, whrend
er versuchte, den gleichgltigen Ausdruck von seinem Gesicht
verschwinden zu lassen.--"ein Unglck," fgte er hinzu, "auf das ich
brigens htte gefat sein mssen, wenn ich nicht die leise Hoffnung
gehabt htte, da Sie vielleicht die Gte haben wrden mir einen Tanz zu
reserviren."

Die Commerzienrthin wandte sich ein wenig erstaunt zu ihrer Tochter.

"Soviel ich bemerkt," sagte sie, "hast Du noch kein Engagement fr den
Cotillon angenommen."

"Ah" rief Herr von Rantow freudig, "sollten Sie mir vielleicht diese
glckliche Ueberraschung gemacht haben?"

"Ich bin fr den Cotillon versagt," erwiderte Frulein Cohnheim ernst
und kalt, indem ihr Blick zu dem neben ihrer Mutter stehenden jungen
Officier hinberflog.

Dieser trat rasch heran und sprach:

"Darf ich hoffen, da Sie sich des Versprechens noch erinnern, das Sie
mir auf dem letzten Ball fr den nchsten Cotillon gegeben?"

"Was ich versprochen halte ich stets," erwiderte die junge Dame mit
freundlichem Lcheln den Gru des Officiers erwidernd. "Sie sehen," fuhr
sie fort, ihm ihre Tanzordnung hinreichend, "Ihr Name steht bereits beim
Cotillon notirt."

Ein strenger hochmtiger Blick der Commerzienrthin traf den Lieutenant
von Bchenfeld. Wie mibilligend schttelte sie leicht den Kopf und
wandte sich von ihrer Tochter ab, whrend der Referendarius von Rantow
mit leichter Verbeugung zurcktrat.

Die Musik im Tanzsaal begann den ersten Walzer zu spielen. Die Paare
traten an. Der Tnzer des Frulein Cohnheim erschien und fhrte die
junge Dame in die Reihen.

Herr von Rantow und der Lieutenant von Bchenfeld blieben einen
Augenblick neben einander stehen.

"Du hast mir die Kleine weggekapert," sagte der Referendarius, indem
sein Blick ber den Saal hinschweifte. "Das ist nicht hbsch von Dir,
nun habe ich heute gar keine Gelegenheit mich mit ihr zu unterhalten,
und ich mchte doch gern einmal lnger mit ihr sprechen, um zu sehen,
was denn eigentlich hinter diesem hbschen Gesicht steckt. Sie ist
sehr gut erzogen und hat auch gute Manieren, und wenn die
commerzienrthlichen Eltern nicht wren, es wre am Ende keine ble
Partie."

Er hob sein Lorgnon an's Auge und musterte einige in seiner Nhe
stehende Paare.

Der Lieutenant von Bchenfeld war bei den Worten des Herrn von Rantow
flchtig errthet, er sah ihn mit einem eigenthmlich prfenden Blick
seiner tiefen Augen an und folgte dann, ohne eine Antwort zu geben, den
anmuthigen Bewegungen der Tochter des Hauses, welche soeben im Tanze an
ihm vorbeischwebte.

Whrend der Ball im groen Mittelsaal seinen Fortgang nahm, whrend die
ltern Damen theils an den Wnden des Tanzsaals, theils in den
unmittelbar daran stoenden Zimmern ihre Pltze einnahmen und sich in
mehr oder weniger liebevollen Kritiken ber die tanzenden Paare
ergingen, bildeten sich in den entfernteren Rumen Gruppen der lteren
Herren.

Ein ziemlich starker Mann von etwa fnfzig Jahren mit vollem rothen
Gesicht und rckwrts gekmmtem Haar stand lebhaft sprechend und
gesticulirend in einem Kreise von fnf bis sechs anderen Herren, welche
ihm aufmerksam zuhrten.

"Ich sage Ihnen, meine Herren," rief er, "unser Norddeutscher Reichstag
mag eine ganz gute Institution sein und wird gewi viel zur Einheit und
Verkehr im Handel und Wandel wie auch zur Gesetzgebung beitragen. Aber
es ist doch immer nur ein halbes Werk und die Hauptsache liegt in der
Vereinigung mit den Sdstaaten. Und von dieser Vereinigung sind wir
jetzt weiter entfernt als je vorher."

"Warum das, Herr Director," fragte ein langer, fast ngstlich magerer
Herr mit einem faltigen, leberkranken Gesicht, welcher eine Kette mit
verschiedenen kleinen Decorationen im Knopfloch trug und jene
eigenthmliche, halb geheimnivolle, halb berlegene Miene hatte, welche
ein besonderes Kennzeichen der hhern preuischen Bureaukratie bildet.
"Die Vertrge, welche in militairischen Beziehungen mit den sddeutschen
Staaten abgeschlossen sind, bilden ja ein festes Band, welches sich in
der Stunde der Gefahr gewi bewhren wrde. Und gerade in Bayern, dem
mchtigsten der sddeutschen Staaten, macht sich eine sehr entschiedene
deutsche Bewegung bemerkbar, welche von dem jungen Knige ganz besonders
begnstigt wird. Wir haben darber," fgte er mit einer etwas gedmpften
Stimme im Ton einer vertraulichen Mittheilung hinzu, "sehr befriedigende
Berichte."

"Ihre Berichte mgen befriedigend sein, mein lieber Herr Geheimrath,"
erwiderte der Bankdirector Huber, "die Wirklichkeit ist es nicht, denn
gerade in Bayern arbeitet in diesem Augenblick die ultramontane
katholische Partei mit aller Kraft daran, den Anschlu an den
Norddeutschen Bund zu verhindern und zu erschweren. Und man tuscht sich
hier gewaltig, wenn man die Macht und Bedeutung dieser Partei gering
anschlgt. Ich bin vor Kurzem in Mnchen gewesen und habe Gelegenheit
gehabt, das sehr genau zu beobachten, weil vermiedene Personen, mit
denen ich in Geschftsbeziehung stehe, gerade zu den uns feindlichen
Kreisen gehren. Der Knig, es ist wahr, soll ja, wie man sagt, sehr
deutsch gesinnt sein, aber er hat auch sehr particularistische
bayerische Gefhle, und die ultramontane Partei bt einen groen Einflu
auf ihn aus, da sie ihn bei der religisen Seite zu fassen versteht."

"Ich kann," sagte der Geheimrath Fintelmann, "kaum glauben, da die
ultramontane Partei in Bayern im Stande sein sollte, den Zug zur
deutschen Einigkeit, welcher doch im Volke lebt, wirksam zu bekmpfen.
Auerdem begreife ich eigentlich nicht, was sie dabei fr ein Interesse
haben sollte, die Katholiken werden doch wahrlich in Preuen nicht
schlecht behandelt, im Gegentheil, sie stehen hier besser als in manchen
katholischen Lndern, und sie wrden sich selbst schaden, wenn sie sich
im Gegensatz stellen wollten zu den nationalen Einigungsbestrebungen."

"Die Stellung der Katholiken," erwiderte der Bankdirector, "ist eine
vollkommen andere geworden, seitdem man in Rom an der Unfehlbarkeit des
Papstes arbeitet. Die verschiedenen Parteignger dieses Dogmas sprechen
es ganz offen aus, da sie einen Kampf mit der preuischen Staatsgewalt
voraussehen und da sie deshalb dieser protestantischen Macht gegenber
in Bayern einen Mittelpunkt fr den deutschen Katholicismus bilden
mssen."

"Mein Gott," sagte der Geheimrath achselzuckend, "ich glaube, da man
dieser ganzen Unfehlbarkeitsangelegenheit zu viel Bedeutung beilegt. So
viel mir bekannt, hat ja der Papst in der katholischen Kirche immer fr
unfehlbar gegolten, und schlielich ist ja jede oberste Instanz in jeder
menschlichen Institution unfehlbar. Lasse man doch ruhig den Papst in
Glaubenssachen seine unfehlbaren Decrete sprechen, die staatliche
Nationalitt wird darum ruhig ihren Weg weiter gehen und die Katholiken
auch nach dieser neuen Faon selig werden lassen."

"Sie legen der Sache umgekehrt zu _wenig_ Bedeutung bei," erwiderte der
Bankdirector. "Verzeihen Sie, das ist aber der gewhnliche Fehler der
Herren am grnen Tisch, da sie die Folge der Dinge erst dann einsehen,
wenn sie wirklich eingetreten sind. Ich bin Rheinlnder," fuhr er fort,
"ich bin Katholik und die Unfehlbarkeit des Papstes als oberste
Autoritt in Kirchenverwaltungen und Disciplinarsachen ist ja bei uns
nie bestritten, obwohl es mir nicht so recht in den Sinn kommen will,
da eine fremde auslndische Autoritt ber die Angelegenheiten unserer
deutschen Kirche zu bestimmen haben soll. Allein ganz etwas Anderes ist
es, wenn nunmehr die Unfehlbarkeit des Papstes dogmatisch festgestellt
wird, wenn Jeder verflucht und excommunicirt wird, der irgend einem
Decret nicht sofort Folge leistet. Damit erwchst allerdings eine Macht,
mit der der Staat auf die Dauer nicht im Frieden leben kann. Eine solche
Unfehlbarkeit in Glaubenssachen knnten wir uns allenfalls gefallen
lassen, wenn der oberste Leiter der deutschen Kirche ein deutscher
Bischof wre. Aber der Papst ist nun einmal ein fremder, ein
italienischer Kirchenfrst, der nicht nur Priester ist, sondern auch
seine Politik macht, und es knnten denn doch Verhltnisse eintreten, in
welchen seine unfehlbaren Decrete der weltlichen Macht und im Besonderen
Deutschland sehr wenig genehm sein mchten."

"Nun," sagte der Geheimrath mit einem selbstzufriedenem Lcheln, "ich
glaube, wir knnen es ruhig abwarten."

"Ich wollte," rief der Bankdirector lebhaft, "Sie warteten es nicht ab,
sondern trfen Vorkehrungen; wenn aus dieser Frage spter ein Conflict
entsteht, ohne da man zur rechten Zeit Stellung genommen hat, so
drsten die Consequenzen sehr fatal werden."

"Ich glaube, der Bankdirector hat ganz Recht," sagte der Professor
Brandt, ein groer Mann von steifer Haltung, dessen von dunklem, glatt
gescheiteltem Haar umgebenes Gesicht geistige Bewegung und scharfe
Intelligenz ausdrckte, obwohl die Augen von einer groen glsernen
Brille bedeckt waren. "Ich glaube, der Bankdirektor hat ganz Recht und
ich wundere mich, da man sich in magebenden Kreisen so wenig mit
solchen Fragen zu beschftigen scheint, welche da am Horizont der
Zukunft heraussteigen. Denn gerade in diesem Augenblick mte man
zugreifen, um die Unabhngigkeit von Rom, um welche die deutschen
Bischfe und die deutschen Kaiser so lange gestritten haben, endlich
durchzusetzen. Alle deutschen Bischfe, der so geistvolle und energische
Kettler an der Spitze machten die grten Anstrengungen gegen die
Proclamirung der Unfehlbarkeit. Der katholische Frst von Hohenlohe hat
die katholischen Mchte schon vor lngerer Zeit aufgefordert, gegen das
von Rom aus verbreitete Dogma Stellung zu nehmen. In diesem Augenblick
mte man eingreifen. Wrde die staatliche Autoritt jetzt den Bischfen
die Hand reichen, es liee sich da vielleicht etwas Groes erreichen,
und vielleicht liee sich jetzt mit einem Male die durch das ganze
Mittelalter erstrebte Unabhngigkeit der deutschen Kirche von Rom
herstellen. Man sollte," fuhr er in etwas docirendem Tone, aber mit dem
Ausdruck tiefer Ueberzeugung fort, "man sollte in dieser Angelegenheit
energisch handeln. Die Herstellung eines vollstndig geeinigten
Deutschlands liegt ja doch im Zug der Zeit, und wie das alte deutsche
Reich und die Autoritt der Kaiser keinen gefhrlicheren Feind gehabt
hat als die rmische Hierarchie, so wird auch das neue deutsche Reich,
wenn ein solches, wie Gott geben mag, jemals ersteht, sogleich wieder
den alten Gegner sich gegenberstellen sehen. Wenn man die Bischfe
jetzt im Stich lt, wenn ihnen die Staatsautoritt nicht zu Hlfe
kommt, so werden sie sich unterwerfen und es wird spter sehr schwer
sein, sie wieder von Rom zu trennen."

"Mein lieber Professor," sagte der Geheimrath im Ton wohlwollender
Belehrung, "Alles, was Sie da sagen, ist in der Theorie sehr schn. Wir
haben uns aber bei Regelung des Staatslebens an die Praxis zu halten
und viele Rcksichten zu nehmen, welche man auerhalb der eingeweihten
Kreise nicht immer vollstndig zu wrdigen versteht."

"Rcksichten? Rcksichten?" rief der Bankdirector. "Mit Rcksichten ist
noch niemals etwas Groes geschaffen worden. Ich bin ganz der Meinung
des Professors, in diesem Augenblick sollte man eingreifen, in diesem
Augenblick ist Uneinigkeit unter der Hierarchie, der Nationalinstinct
ist lebendig in dem deutschen Episkopat. Warten wir ab, bis sie wieder
Alle einig geworden sind, so wird es vielleicht zu spt sein."

Freundlich lchelnd trat der Commerzienrath Cohnheim in den Kreis.

"Die Herren sprechen ja so ernsthaft," sagte er, "als wren sie im
Reichstage. Ich bitte Sie, lassen Sie die Politik und die ernsten
Fragen. Wollen Sie eine Cigarre rauchen?" fgte er hinzu, "dort im
letzten Zimmer habe ich ein kleines Rauchcabinet etablirt. Sie finden
ganz vortreffliche Regalia's von der letzten Ernte, ich habe sie vor
Kurzem aus Hamburg bekommen. Es ist entsetzlich," fgte er hinzu,
"welche theuere Passion jetzt das Rauchen wird, man wird kaum noch eine
gute Cigarre erschwingen knnen."

"Wenn Sie das schon sagen, mein lieber Herr Commerzienrath," sprach der
Geheimrath mit einem sauer-sen Lcheln, "was sollen wir dann sagen,
die wir mit den Herren von der Finanz gar nicht mehr Schritt halten
knnen."

"Dafr aber," erwiderte der Commerzienrath, "haben Sie die Hand an der
Leitung der Ereignisse, die Ehre, den Einflu!"

Der Geheimrath entfernte sich mit einer Miene, welche deutlich
ausdrckte, da Ehre und Einflu ihm nicht vollwichtige Aequivalente fr
die mangelnden materiellen Mittel erschienen. Er begab sich in das
Rauchcabinet, um eine von den gepriesenen Regalia's zu versuchen.

"Ich habe ein vortreffliches Project," sagte der Commerzienrath zu dem
Bankdirector, whrend der Professor zu einem groen Tisch trat und eins
der darauf ausgebreiteten Albums ffnete, "ein Freund von mir, der Baron
von Rantow, Mitglied des Herrenhauses, hat auf seinen Besitzungen in
Schlesien ein Zinklager entdeckt, zu dessen Ausbeutung groe
Capitalkrfte nthig sind, die dann allerdings aber auch eine groe
Rentabilitt verspricht. Ich beschftige mich diesen Augenblick damit,
ein Consortium zu bilden, um die Sache in die Hand zu nehmen.--Ich
glaube, da es ein vortreffliches Geschft fr Ihre Bank wre, sich
dabei zu betheiligen."

Er ergriff den Arm des Bankdirectors, fhrte ihn zu einem in der Ecke
des Zimmers stehenden Divan und vertiefte sich mit ihm in ein lngeres
und eingehenderes Gesprch.

Der Ball nahm seinen Fortgang, die Herren an den Whisttischen spielten
feierlich und wrdevoll einen Robber nach dem andern. Die junge Welt
tanzte unermdlich, die Locken der Damen begannen sich zu lsen, die
Blumen begannen allmlig zu welken und die lteren Damen an den Wnden
des Saals verstummten mehr und mehr und blickten nur noch trbe und
theilnahmlos, oft mit Schlafanwandlungen kmpfend in das Treiben vor
ihnen.

Der Referendarius von Rantow hatte wenig getanzt, sich der Reihe nach
mit vielen lteren Damen unterhalten und sich dann neben die
Commerzienrthin gesetzt, mit welcher er angelegentlich und eifrig
sprach, und welche mit der liebenswrdigsten Aufmerksamkeit ihm zuhrte.

Der Lieutenant von Bchenfeld war still und ruhig an der Thr des
Tanzsaals stehen geblieben, sinnend, mit einem wehmthigen, fast
traurigen Ausdruck blickte er ber die bunte Gesellschaft hin, und nur
zuweilen leuchtete sein Auge hher auf, wenn er dem Blick der Tochter
des Hauses begegnete, welche in den Pausen des Tanzes stets von einem
Kreise junger Herren umgeben war und oft wie fragend zu ihm hinber sah.

Endlich trat die allgemein ersehnte Pause des Soupers ein, alle Welt
nahm an kleinen Tischen Platz. Der Commerzienrath wurde nicht mde, hin-
und herzugehen und bald diesen, bald jenen seiner Gste auf irgend eine
Schssel des vortrefflich bestellten Bffets aufmerksam zu machen, oder
einen Lakaien herbeizurufen, um den von ihm Bevorzugten ein Glas
besonders empfohlenen Weins zu serviren.

Frulein Cohnheim war auch hier wieder von einem groen Kreise junger
Damen und Herren umringt. Abermals warf sie einen flchtigen fragenden
Blick auf den jungen Officier, aber dieser nherte sich ihr nicht,
sondern blieb in der Nhe des Bffets und nahm nur mit wenigen kurzen
Bemerkungen an der Unterhaltung einiger Kameraden Theil, welche keine
Pltze mehr in dem Kreise der Damen gefunden.

Das Souper war beendet. Die Musik intonirte die Aufforderung zum
Cotillon; die junge Welt erhob sich, die Paare fanden sich zusammen und
begaben sich in den Tanzsalon.

Frulein Cohnheim war aufgestanden, hatte sich langsam der Thre des
Speisezimmers genhert und blickte erwartungsvoll umher. Rasch trat der
Lieutenant von Bchenfeld auf sie zu, reichte ihr mit stummer Verbeugung
die Hand und fhrte sie zu zwei Sthlen, welche ein wenig abseits unter
einer Decoration von grnen Gewchsen standen.

Die jungen Leute setzten sich nieder, der Cotillon begann.

"Sie sind so ernst, fast verstimmt heute Abend, Herr von Bchenfeld,"
sagte die junge Dame mit dem Ausdruck herzlicher Theilnahme. "Was fehlt
Ihnen? Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren? Sie haben sich beim
Souper von unserm Kreise zurckgezogen, oder haben Sie--" fgte sie, die
Augen niederschlagend, mit leicht zitternder Stimme hinzu, "mir irgend
Etwas bel genommen?"

"Wie knnte ich das," erwiderte Herr von Bchenfeld, indem sein Blick
tief und innig auf dem Antlitz des jungen Mdchens ruhte, welches die
leichte Verwirrung, in der sie sich befand, nur noch schner erscheinen
lie. "Aber Sie haben Recht," fuhr er seufzend fort, "ich bin
verstimmt--und mehr als verstimmt--ich bin traurig, ernsthaft
traurig--und fast wnschte ich, garnicht nach Berlin gekommen zu sein."

"Und warum das?" fragte Frulein Cohnheim, ihre groen Augen treuherzig
zu ihm aufschlagend. "Haben Sie hier keine Freunde, welche gern bereit
sind, an Ihrem Kummer Theil zu nehmen und Sie zu trsten. Ich wte
brigens nichts," fuhr sie in scherzendem Ton fort, "was Sie traurig
machen knnte."

"Wenn Sie es nicht wissen," sagte Herr von Bchenfeld, indem er ihr fest
und grade in die Augen sah, "so mu mich das eigentlich noch trauriger
machen. Ich bin hierher gekommen," fuhr er fort, "mit leichtem
frhlichen Herzen, voll Muth und Vertrauen auf die Zukunft, und wenn ich
von hier wieder fortgehe, so werde ich um viele Trume, um viele
Hoffnungen rmer sein, die vielleicht besser niemals in mein Herz
eingezogen wren."

Das junge Mdchen neigte errthend den Kopf und schwieg einige
Augenblicke. Dann richtete sie sich mit einer raschen Bewegung wieder
hoch empor, blickte den jungen Mann voll und klar an und sprach mit
einer festen, aber zugleich weichen und dabei zrtlichen Stimme.

"Warum sollten Trume, warum sollten Hoffnungen unglcklich machen?
Wenn ein lieber Traum zur Wirklichkeit wird, wenn eine schne Hoffnung
sich erfllt, das ist ja das beste Glck, das uns auf Erden zu Theil
werden kann."

Ein flammender Blitz zuckte aus den Augen des jungen Mannes.

"Diese Worte aus Ihrem Munde, Frulein Anna," sagte er mit lebhafter
Bewegung, "sollten mich berglcklich machen und dennoch--dennoch--"
fuhr er mit tief traurigem Tone fort, "kann ich an die Erfllung meiner
Hoffnungen, an die schne Wirklichkeit meiner Trume nicht glauben."

Sie sah ihn fragend und fast vorwurfsvoll an.

"Frulein Anna," sprach er, wie einem schnellen Entschlu folgend, "es
mu klar werden durch die trben Nebel, welche mein Herz bedrcken, denn
die schmerzlichste Klarheit ist immer noch besser als die dumpfe
Dmmerung widersprechender Gefhle. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen frei
und ohne Rckhalt zu sagen, was mein Herz bedrckt?"

Abermals schlug sie errthend die Augen nieder Ein leichtes Zittern flog
durch ihre ganze Gestalt, dann machte sie eine Bewegung, als wolle sie
dem jungen Officier die Hand reichen. Sie hielt sie jedoch zurck, ein
rascher Blick glitt ber den Saal ber die Tanzenden hin, und sie sagte
mit herzlichem Ton:

"Knnen Sie an meiner Theilnahme zweifeln?"

"Nun, Frulein Anna," sprach er, sich ein wenig zu ihr hinberneigend,
"Sie mssen es bemerkt haben, da, seit ich Sie kenne, meine ganze Seele
Ihnen entgegengeflogen ist, da mein Fhlen, mein Denken, mein ganzes
Leben sich nur um Sie als leuchtenden Mittelpunkt dreht. Sie mssen
bemerkt haben, da ich Sie liebe, und da diese Liebe immer mchtiger
mich durchdringt und erfllt, je lnger ich mich in Ihrer Nhe bewegt
habe."

"Ich habe es bemerkt," flsterte sie fast unhrbar, indem ein feucht
schimmernder Blick ihrer groen Augen deutlich die unausgesprochene
Frage ausdrckte, "und ist das denn ein so groes Unglck?"

Herr von Bchenfeld hrte die leise geflsterten Worte. Er sah diesen
Blick und verstand die stumme Frage.

"Sie haben Recht," sprach er, "eine solche Liebe wre das hchste Glck,
wenn sie die Hoffnung haben knnte, Erwiderung zu finden--"

Sie richtete wiederum ihre Augen mit wunderbarem Ausdruck auf ihn.

Wiederum verstand er die stumme Sprache dieser Augen. Es zitterte einen
Augenblick wie ein Wonneschauer durch sein Gesicht, dann aber legte sich
wieder der tiefe traurige Ernst auf seine Zge--er fuhr fort:

--"und wenn die Verhltnisse fr diese Liebe eine glckliche Zukunft
unmglich machten, Frulein Anna,"--sie sah ihn ganz erstaunt an, als
begriff sie seine Worte nicht--"ich bin ein armer Officier, meine
Zukunft beruht auf meiner Arbeit und Thtigkeit, auf einer langjhrigen
mhevollen und angestrengten Arbeit. Nach Jahren kann ich erst in der
Lage sein, an die Grndung einer Huslichkeit zu denken, dem Wesen, das
ich liebe, eine sichere Existenz zu bieten. Kann ich," fuhr er mit einem
brennenden Blick fort, "von Ihnen, selbst wenn Sie einige Theilnahme fr
mich empfinden, selbst wenn Ihr Herz sich freundlich zu mir neigt, kann
ich von Ihnen erwarten, da Sie die Jahre der Jugend opfern, um den
unsichern Erfolg meiner Thtigkeit, meines Ringens und Strebens zu
erwarten. Und wenn dieser Erfolg ausbleibt--ich allein knnte eine
zerstrte Carriere, ein verfehltes Leben ertragen, aber ich wrde
vernichtet zusammenbrechen, wenn ich auch die Hoffnungen eines andern
Lebens zerstrt sehen mte, das so reich berechtigt ist zu Freude und
Glck. Darum ist es besser," fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort,
whrend sie ihn fortwhrend mit ihren groen Augen fest ansah, "darum
ist es besser, ich reie mich jetzt kraftvoll von allen jenen Trumen
los und verfolge meinen eigenen Weg.--Sie werden mich vergessen," sprach
er seufzend, "und mich wird die Erinnerung an Sie immer noch glcklich
machen. Sie wird wie ein freundlicher Lichtschein, wie ein Stern, der
unerreichbar hoch ber uns schwebt, mein Leben verklren."

Anna hatte ernst und unbeweglich zugehrt; als er schwieg, leuchtete ihr
Blick hher auf, ein Zug fester Energie und muthiger Entschlossenheit
legte sich um ihre sonst so weichen kindlichen Lippen, indem sie sich
ein wenig zu dem jungen Officier hinberneigte, sprach sie mit leiser
Stimme, aber jedes Wort scharf und klar betonend.

"Sie irren sich, Herr von Bchenfeld, ich werde Sie nicht vergessen--ich
kann Sie nicht vergessen! Und von dem Augenblick an," fuhr sie, ihn fast
befehlend anblickend, fort, "von dem Augenblick an, wo ich Ihnen dies
gesagt habe, drfen Sie sich nicht von mir wenden, Sie drfen mich nicht
allein lassen. Und wenn Sie Ihren Weg einsam durch das Leben verfolgen,
so wird das Licht des Sternes, von dem Sie eben gesprochen haben, Ihnen
nicht mehr leuchten, denn dieser Stern selbst wird sein Licht und seinen
Glanz verloren haben."

"Frulein Anna," sagte er, mhsam seine Erregung unterdrckend, "solche
Worte sollten mich auf die hchste Hhe der Glckseligkeit erheben. Aber
mein Gott," sagte er, die Hnde in einander faltend, "es ist ja nicht
mglich."

"Nicht mglich," sagte sie sanft, "warum nicht mglich? Haben wir
nthig, auf die Vollendung Ihrer Carriere zu warten? Ich schwre Ihnen,"
fuhr sie fort, "aller Reichthum und Glanz, mit welchem mein Leben
umgeben ist, ist mir immer gleichgltig gewesen.--Aber in diesem
Augenblick danke ich Gott, da mein Vater reich ist, denn dadurch sind
wir ber die traurige Nothwendigkeit erhoben, das Glck unserer Liebe
abhngig von den Zuflligkeiten dieses Lebens zu machen."

Herr von Bchenfeld richtete sich hoch empor. Er sah das junge Mdchen
mit einem Blick voll hohen, fast kalten Stolzes an.

"Und wrden Sie," sprach er in heftiger Bewegung mit mhsam gedmpfter
Stimme, "wrden Sie, Frulein Anna, einen Mann lieben knnen, wrden Sie
einem Mann Ihr Leben anvertrauen knnen, der seine Existenz, seine
Stellung in der Welt auf das Vermgen seiner Frau begrndet?--Ich," fuhr
er, die Lippen zusammenpressend fort,--"ich wrde eine solche Stellung
nicht annehmen, nicht um den Preis des hchsten Glckes."

"Soll die Liebe," fragte sie leise, "welche die Herzen und die Seelen
_vereinigt_, jenen elenden Besitz der ueren Gter des Lebens
_theilen_? Wenn liebende Herzen das Hchste und Gttlichste im
Menschenleben gemeinsam umfassen, sollen sie fragen, ob die
untergeordneten Elemente des materiellen Lebens dem Einen oder dem
Andern gehren? Mu ich Sie bitten," fgte sie mit einem wunderbar
weichen, fast demthig zu ihm empor gerichteten Blick hinzu, "mu ich
Sie bitten, mir zu verzeihen, da mein Vater reich ist?"

"Mein Gott, Frulein Anna," rief er, "welche Qual macht mir das sonnige
Glck, das Sie mir zeigen, und nach welchem ich doch," fgte er dumpf
hinzu,----"nach welchem ich doch die Hand nicht ausstrecken
darf.--Glauben Sie," fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen
fort, "da, wenn mein Stolz sich Ihnen gegenber beugen knnte, glauben
Sie, da Ihr Vater jemals einen armen aussichtslosen Officier, den er,"
sagte er bitter, "wohl als Staffage fr seine Gesellschaftssalons
benutzt--als Bewerber um seine Tochter annehmen wrde?"

"Und glauben Sie," erwiderte sie schnell, indem ihr sonst so weicher
Blick hell aufleuchtete, "da ich nicht die Kraft und den Muth haben
wrde, auch fr meinen Willen und mein Glck zu kmpfen?"

Der Cotillon hatte seinen Fortgang genommen. Ein kleiner Tisch mit
reizenden frischen Bouquets stand in der Mitte des Saales. Die Herren
vertheilten dieselben an die Damen. Der Ball befand sich auf dem
Hhepunkt seines Interesses fr die junge Welt, whrend die lteren
Herren nur noch mhsam und gezwungen ihre Gesprche fortsetzten, und die
Mtter an den Wnden des Tanzsaals nur noch in lethargischer
Unbeweglichkeit gleichgltig und starr auf die Touren des Cotillons
hinblickten.

Der Referendarius von Rantow, welcher an dem Tanz nicht Theil genommen,
trat zu dem Blumenkorb, nahm ein kleines zierliches Bouquet von Veilchen
und Rosenknospen und brachte es der schnen Tochter des Hauses.

Als Frulein Cohnheim nach der Tour zu ihrem Platz zurckkehrte, sprach
der Lieutenant von Bchenfeld, welcher mit finstern Blicken die
tanzenden Paare verfolgt hatte:

"Sehen Sie, Frulein Anna, von allen Seiten werden sich die Bewerber um
Sie drngen, und zwar Bewerber, welche in den Augen Ihres Vaters so
unendlich weit ber mir stehen mssen. Und auch Sie," fuhr er leise
fort, "werden endlich unter allen diesen glnzenden jungen Leuten,
welche Sie umschwrmen, mich vergessen mssen, da ich ja mit jenen Allen
den Vergleich nicht aushalten kann."

Sie blickte ihn einen Augenblick gro und sinnend an, dann schttelte
sie langsam den Kopf und mit einer raschen Bewegung reichte sie ihm das
kleine Bouquet, welches Herr von Rantow ihr soeben gebracht hatte.

"Wie schlecht kennen Sie mich," sagte sie, "wie ich Ihnen diese Blumen
gebe, so mchte ich Alles, was mir das Leben an Blthen bietet, nur dazu
benutzen, um Ihnen Freude zu machen."

Er nahm die kleinen Blumen und drckte sie wie begeistert an seine
Lippen. Ehe er antworten konnte, traten andere Herren heran, und in den
folgenden Touren des Cotillon wurde Frulein Cohnheim als die gefeierte
Tochter des Hauses so sehr in Anspruch genommen, da ein ruhiges
Gesprch nicht mehr mglich war.

Der Tanz war zu Ende. Langsam fhrte Herr von Bchenfeld Frulein
Cohnheim zu ihrer Mutter zurck. Als sie am Ende des Saales angekommen
waren, hielt das junge Mdchen ihn durch einen festen und energischen
Druck ihrer Hand zurck.

Er blieb einen Augenblick stehen. Sie neigte sich zu ihm hinber, und
indem sie auf ihrem Gesicht den harmlos lchelnden Ausdruck leichter
Conversation festhielt, sprach sie, indem ihre Augen sich tief in die
seinigen tauchten.

"Ich will nicht, da unser Gesprch zu Ende sei, Herr von Bchenfeld.
Ich bitte Sie die Blumen zu bewahren, die ich Ihnen gegeben; ich bitte
Sie dieselben tglich zu betrachten und sich dabei zu erinnern, da Sie
nicht nur Pflichten gegen Ihren Stolz haben, sondern auch heilige
Pflichten gegen Ihre Liebe, nachdem Sie einmal das Wort Liebe
ausgesprochen haben,--nach Dem, was ich Ihnen gesagt, wre es nicht
ritterlich, mich zu verlassen, und etwas Unritterliches zu thun ist
Ihnen unmglich. Ich habe Ihnen das hchste Vertrauen bewiesen, das man
einem Manne zeigen kann. Jetzt ist es an Ihnen, Vertrauen zu mir und der
Zukunft zu haben."

Rasch schritt sie weiter und verneigte sich, an der Seite ihrer Mutter
angelangt, stumm gegen ihren Tnzer, der sich, ohne eines Wortes mchtig
zu sein, zurckzog, seinen Helm und Degen nahm und schweigend, in tiefe
Gedanken versunken, die Gesellschaftsrume verlie.

Allmlig empfahlen sich die Gste. Der junge Herr von Rantow unterhielt
sich noch lngere Zeit mit der Commerzienrthin und ihrer Tochter. Und
als er endlich Abschied nahm, fhrte der Commerzienrath ihn vertraulich
bis zur ueren Thr und flsterte ihm zu:

"Sagen Sie Ihrem Herrn Vater, da ich fr unsere Unternehmung thtig
gewesen bin, und da ich bestimmte Hoffnung habe, in Kurzem die
Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Wir werden gute Geschfte machen,"
fgte er schmunzelnd hinzu, "und Ihr knftiges Erbe, mein lieber Baron,
wird sich um das Dreiig- und Vierzigfache vermehren."

Als die Rume sich geleert hatten, trat der Commerzienrath zu seiner
Frau und zu seiner Tochter.

"Ein sehr gelungenes Fest," sagte er, sich vergngt die Hnde reibend,
"sehr gute Gesellschaft, Alles war sehr animirt. Und ich habe," fgte er
vergngt lchelnd hinzu, "ein gutes Geschft gemacht.--Der Baron von
Rantow wird ein sehr reicher Mann werden--ein feiner Mann, eine sehr
gute Familie, es freut mich sehr, da wir mit ihnen in diesem Hause
zusammen wohnen--ich hoffe, wir werden immer nher mit einander bekannt
werden," fgte er mit einem Seitenblick auf seine Tochter hinzu.

"Ich begreife nicht, Anna," sagte die Commerzienrthin, indem sie die
schweren Falten ihrer seidenen Robe mit der Hand glttete, "ich begreife
nicht, da Du dem jungen Rantow den Cotillon hast abschlagen knnen, um
ihn mit diesem Officier zu tanzen, der nicht einmal von der Garde ist,
mit diesem Herrn--ich habe seinen Namen vergessen," sagte sie im
zerstreuten Ton.

"Herr von Bchenfeld," sagte ihre Tochter fest und bestimmt. "Ich hatte
ihm den Cotillon auf dem letzten Ball versprochen," fgte sie in
demselben Ton hinzu.

"Du httest eine kleine Ausrede machen knnen," sagte ihre Mutter. "Du
hast wirklich nicht nthig, mit so unbedeutenden kleinen Officieren zu
tanzen. Ich wnsche, da Du knftig mehr Rcksicht auf unsere Stellung
und unsere Beziehungen nimmst."

Anna's Augen flammten auf, ihre Lippen ffneten sich, als wolle sie
Etwas erwidern, doch unterdrckte sie ihre Antwort, sie wnschte ihren
Eltern kurz gute Nacht und zog sich zurck.

Der Commerzienrath setzte sich neben seine Frau, zndete eine jener
Regaliacigarren an, die er seinen Gsten vorhin so dringend empfohlen
hatte, und Beide unterhielten sich noch lngere Zeit ber die
verschiedenen Beobachtungen in der Gesellschaft, whrend die Lakaien in
den brigen Zimmern die Gasflammen auslschten.




Fnftes Capitel.


Der Reichskanzler von Oesterreich-Ungarn, Graf Beust, schritt langsam
und nachdenklich in seinem Cabinet des Palais am Ballhausplatz zu Wien
auf und nieder. Sein sorgfltig frisirtes Haar war ein wenig dnner und
ein wenig grauer geworden; doch die Haltung seiner groen schlanken
Gestalt zeigte noch immer jugendliche Elasticitt und Frische. Sein
bleiches, geistdurchleuchtetes Gesicht, seine klaren, scharfen Augen
schienen von dem Fortschritt der Zeit nicht berhrt worden zu sein; nur
das leicht ironische Lcheln seines seinen, etwas seitwrts gezogenen
Mundes war nicht mehr so heiter und siegesgewi als frher.

Er hielt einen ziemlich umfangreichen Bericht in Quartformat in der Hand
und blickte von Zeit zu Zeit kopfschttelnd auf die groe und deutliche
Schrift welche das Papier bedeckte.

"Die Katastrophe," sagte er, an einem der groen Fenster stehen
bleibend und sinnend in die trbe Nebelluft hinausblickend, in welcher
einzelne Schneeflocken umherwirbelten, "die Katastrophe, welche seit
fast vier Jahren wie eine Wetterwolke ber Europa hngt, scheint sich
dem entscheidenden Ausbruch nahen zu wollen.--Merkwrdig," fuhr er fort,
"alle meine Feinde in Deutschland und auch in Preuen, sie betrachten
mich fortwhrend als den geheimen Ruhestrer des europischen Friedens,
und doch ist in all dieser Zeit mein ganzes Bestreben darauf gerichtet,
berall wo sich die schwebenden Differenzen zu acuten Conflicten
zuspitzen, Alles wieder auszugleichen und um jeden Preis die Ruhe zu
erhalten. Von der Luxemburger Affaire bis zu dieser Stunde bin ich der
unermdlichste und eifrigste Wchter des Friedens in Europa, denn ich
bedarf den Frieden fr mein Werk, das ich in Oesterreich begonnen. Dies
arme, so schwer geschlagene Oesterreich kann noch lange keinen
kriegerischen Ansto ertragen. Alles was im Innern angebaut ist, wrde
zusammenbrechen. Mein Werk--meine Stellung"--fgte er seufzend hinzu,
"wrde in demselben Augenblick zu Ende sein, in welchem die innere
Entwickelung dessen, was ich begonnen, von auen her gestrt wrde, und
selbst im Fall des Sieges wrde nicht ich es sein, der die Frchte
desselben pflckte. Jeder Krieg, der in Europa ausbrche, wrde die
Leitung der sterreichischen Angelegenheiten vorzugsweise in die Hnde
Ungarns legen, denn die militairische Kraft Oesterreichs liegt in
Ungarn, und um einer groen politischen Action diese Kraft zu sichern,
wrden die Forderungen dort sehr weit gehen.--Es bereitet sich Etwas in
Frankreich vor, Napoleon wird alt und schwach, er scheint die Zgel aus
den Hnden zu verlieren und die verschiedenartigsten und unberechenbaren
Factoren treiben dort ihr Spiel--

--"da ist wieder," fuhr er, den Bericht, welchen er in der Hand hielt,
durchbltternd fort, "dieser General Trr mit seiner Coalitionsidee im
Gange, und es scheint in der That, da Napoleon oder Diejenigen, welche
seinen schwachen Willen in diesem Augenblick lenken, hinter der
unruhigen Thtigkeit dieses Generals steht.--Diese unznftigen
Politiker," sagte er, tief aufseufzend, "welche es nicht unterlassen
knnen, von Zeit zu Zeit mit bereifrigen Hnden in das seine Gewebe der
politischen Fden einzugreifen, sind in der That ein Kreuz fr die wahre
Staatskunst, welche nach vernnftigen Plnen ihre Ziele verfolgt. Sie
knnen es niemals abwarten, die Dinge reif werden zu lassen und wollen
vorzeitige Frchte von den halb angewachsen Bumen pflcken."

Er ging langsam zu seinem Schreibtisch zurck und setzte sich in den
einfachen Lehnstuhl, welcher vor demselben stand.

"Die Idee einer innigen Annherung zwischen Frankreich, Oesterreich und
Italien ist ja gut und vortrefflich, und ich habe stets die
Nothwendigkeit betont, in eine franzsische Alliance, wenn sie wirksam
sein soll, Italien mit aufzunehmen.--Oesterreich knnte einer solchen
Combination, welche uns eine feste Stellung in Europa wieder geben
wrde, Opfer bringen. Ich arbeite mit Eifer daran, die guten Beziehungen
mit Italien zu pflegen und Vergessenheit alles Geschehenen zur Grundlage
fr die Verhltnisse der Zukunft zu machen. Aber man mu nur nicht
glauben, da die Herstellung einer Alliance aus so heterogenen Mitteln,
mit so verschiedenartigen Elementen ein Werk des Augenblicks ist. Da
fllt dieser General Trr mit dem Sbel in die Diplomatie hinein und
will alle diese so schwierigen Fragen in drei oder vier Punkten eines
Vertrages zusammenfassen, und dann sofort mit vereinten Krften in's
Feld rcken, um vielleicht von Neuem in einer bereilten Action Alles
das auf's Spiel zu setzen, was uns aus den schweren Unfllen von 1866
noch brig geblieben ist."

Er blickte abermals auf den Bericht.

"Wohlwollende Neutralitt Italiens," sprach er, "militairische
Hlfeleistung fr den Fall, da Ruland activ in die Ereignisse
eingreifen sollte.--Und dafr die italienisch redenden Districte
Tyrols.--Das klingt sehr schn. Das Opfer wre nicht zu schwer fr die
Wiedererlangung der alten Machtstellung Oesterreichs, nachdem ja nun
einmal Italien gegenber das nationale Princip anerkannt worden ist.
Aber das Alles bietet doch nur eine sehr unsichere und zweifelhafte
Basis fr eine Politik, bei welcher die Existenz Oesterreichs eingesetzt
werden wrde. Der Knig Victor Emanuel billigt den Plan.--Aber was
bedeutet die Billigung des Knigs bei den gegenwrtigen Zustnden in
Italien. Wrde ein solcher Vertrag in der Stille der Cabinette wirklich
unterzeichnet--wer brgt dafr, da im Augenblick des Handelns das
italienische Volk die Abmachung seines Knigs gut heit. Wer brgt
dafr, da nicht ein neues Ministerium dort Alles desavouirt, was seine
Vorgnger abgemacht haben, da im Augenblick einer besonders
gefhrlichen Entscheidung das kaum zu neuer Kraft erstarkte Oesterreich
sich unter gewaltigen und mchtigen Feinden isolirt sieht--"

"Nein," rief er, "niemals werde ich die Wege einer so unsicheren und
gewagten Politik betreten. Ich will Oesterreich zur Gre und zur Macht
zurckfhren, aber ich mu es erst innerlich gesund machen und darf es
in die Gefahren auswrtiger Verwickelungen erst dann strzen, wenn seine
innere eigene Kraft vollstndig wieder hergestellt ist,--wenn ich des
Erfolges sicher bin, denn jeder unglckliche Ausgang einer
militairischen Action wrde das Ende des heutigen Oesterreichs--das Ende
meines Werkes sein."

Er warf den Bericht auf den Tisch.

"Ich habe den Ausgleich mit Ungarn hergestellt," fuhr er fort--"ich habe
es unternommen, die kaiserliche Autoritt an die Zunge der Wage zu
stellen zwischen dem deutschen und dem magyarischen Theil des
Kaiserstaats. Jeder Kampf in Europa, bei welchem Deutschland betheiligt
wre, wrde das Schwergewicht auf die Seite Ungarns bringen mssen, denn
niemals wird Oesterreich in einer feindlichen Action gegen Preuen oder
Deutschland sich auf seine deutschen Elemente sttzen knnen. Wie man
aber in Ungarn ein solches Verhltni benutzen und ausbeuten wrde,
dafr spricht am deutlichsten wieder dieser Brief Kossuth's an die
achtundvierziger Partei, welche ihm ihre Prsidentschaft angetragen."

Er ergriff ein anderes Papier, welches auf seinem Schreibtisch lag,
durchflog es schweigend und las dann mit halb lauter Stimme die
Schluworte:

"Und doch spreche ich es aus, da ich fr den Fall, da noch vor der
Zeit, wo die Logik der Geschichte die monarchische Institution in die
Rumpelkammer des berlebten Entwickelungsstadiums verweisen wird, wenn
in meinem Leben das Ereigni eintreten sollte, da ein europischer
Sturm vom Haupte des Kaiser-Knigs Franz Joseph die sterreichische
Krone herunterblasen sollte, ich im selben Augenblick nach Hause gehen
und gegenber dem pltzlich zum Knig von Ungarn reducirten Franz Joseph
das Band der Unterthanentreue annehmen wrde."

"Diese Zeilen Kossuth's," sagte Graf Beust, das Haupt in die Hand
sttzend, "sind eine deutliche Mahnung fr mich, ein deutliches Zeichen
fr das, was in Ungarn geschehen wrde, wenn Oesterreich vorzeitig und
unvorsichtig sich in eine europische Action verwickeln sollte. Fr den
Knig von Ungarn wrden sie kmpfen, diese Magyaren, aber nicht fr den
Kaiser von Oesterreich!----Fr den Augenblick beherrscht die Partei des
Ausgleichs das ffentliche Leben in Ungarn. Sie haben gern angenommen,
was ihnen geboten wurde. Aber diese Partei, welche dort mit Oesterreich
pactirt, wrde in demselben Augenblick verschwinden, in welchem der
Kaiser auf die Kraft Ungarns sich sttzen mte. Die groe Mehrzahl des
Volkes jenseits der Leitha denkt wie Ludwig Kossuth und wrde in einem
solchen Augenblick sprechen, wie er heute spricht.--Und diese russische
Macht, die schweigend an unsern Grenzen steht, den Moment erwartend, in
welchem wir ihr Gelegenheit geben mchten, Rache zu nehmen fr die
Vergangenheit--fr eine Vergangenheit, an der ich und das heutige
Oesterreich unschuldig sind!--Darf ich den furchtbaren Ueberfall dieser
Macht heraufbeschwren ohne eine andere Deckung, als den so unsichern
Beistand Italiens?--Nein!" rief er mit entschlossenem Ton, "niemals
werde ich ein so unsicheres Hazardspiel mit diesem alten, ehrwrdigen
sterreichischen Staat spielen, dessen Schicksal man mir anvertraut hat.
Ich bedarf des Friedens, um das Werk zu erfllen, und ich werde alle
meine Kraft aufbieten, um den Frieden zu erhalten.

"Wenn dann," fuhr er mit einem wie in weite Fernen gerichteten Blick
fort, "wenn dann Oesterreich innerlich einig, krftig und schlagfertig
ist, wenn die reichen Hlfsquellen seines conomischen Lebens sich
geffnet haben werden, wenn die Institutionen der neuen Verfassung feste
Wurzel im Leben des Volkes geschlagen haben, dann mag der Kaiser es
versuchen, wieder in die Arena der groen Kmpfe der europischen Mchte
hinabzusteigen, und den alten Glanz, die alte Macht Habsburgs wieder zu
erringen, dann mag er das Spiel um sein Haus und sein Reich wagen. Aber
von mir soll man nicht sagen, da ich das Land, welches mir, dem Fremden
so vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke bergeben hat, in die
unheilvollen Zuflligkeiten einer unreifen Action gestrzt htte."

Er blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken versunken sitzen.

Der Bureaudiener, welcher im Vorzimmer den Dienst hatte, meldete den
Sectionschef, Baron Hoffmann.

Herr von Beust neigte zustimmend den Kopf.

Wenige Augenblicke darauf trat die magere, etwas eckige Gestalt des
Herrn von Hoffmann in das Cabinet. Herr von Beust reichte ihm
verbindlichst die Hand und der vortragende Rath des auswrtigen
Ministeriums nahm in dem Lehnstuhl neben dem Schreibtisch des
Reichskanzlers Platz.

Graf Beust reichte ihm den Bericht, den er vorher auf seinen
Schreibtisch gelegt und sagte.

"Ich bitte Sie, sogleich an Metternich zu schreiben, da er der
unruhigen und unklaren Thtigkeit des Generals Trr gegenber die
uerste Zurckhaltung beobachten mge, ohne indessen irgend wie die
Idee einer immer enger zu knpfenden Coalition zwischen Frankreich,
Oesterreich und Italien zurckzuweisen. Es wre mir sogar lieb," fuhr er
fort, "wenn diese Negotiation--doch in mglichst unbestimmter Form sich
lange hinzge.--Sie gbe uns immerhin eine zweckmige Handhabe fr
unsere Diplomatie. Und wenn auch eine so bestimmt formulirte Allianz,
wie der General sie herstellen mchte, mir unerreichbar scheint, auch
fr uns ihre sehr erheblichen und ernsthaften Bedenken hat, so knnte
doch diese ganze Verhandlung, wenn sie mit Geschick geleitet wrde,
dahin fhren, da die freundschaftliche Annherung an Italien, welche
ich so sehr wnsche, und welche schon mehrmals ohne eigentlichen Erfolg
versucht wurde, jetzt wenigstens hergestellt wrde.--Der Frst
Metternich soll sich besonders hten, ber die von dem General Trr
formulirten Punkte irgend wie eine bindende Aeuerung zu machen. Erst
mu die allgemeine Annherung und Verstndigung kommen, spter wird es
dann vielleicht mglich sein auf die Discussion bestimmt formulirter
Alliancevertrge einzugehen. Vor Allem aber wird es dann nthig sein,
zunchst Fhlung in Italien zu nehmen, und sich zu vergewissern, wie
weit unsere Alliancevertrge die Zustimmung der dort herrschenden
Parteien finden knnten. Denn wir drfen nicht vergessen, da Victor
Emanuel kein Selbstherrscher wie Napoleon ist und da ein mit ihm
persnlich geschlossener Vertrag leicht illusorisch bleiben knnte."

"Ich glaube kaum," sagte Baron Hoffmann, "da eine wirklich aktive
Alliance mit Italien auf die Zustimmung der Majoritt der dortigen
Parteien jemals zu rechnen habe. Man fhlt in Italien ganz genau, da
man das bisher Errungene nur durch die Alliance mit Preuen erreicht
hat, und man sagt sich vom dortigen Standpunkt mit vollem Recht, da man
nur unter dem ferneren Beistand Preuens an das Endziel des betretenen
Weges gelangen, das heit von Florenz nach Rom wrde gehen knnen. Die
Stimme der ffentlichen Meinung," fuhr er fort, "lt darber keinen
Zweifel, und ich glaube, da trotz aller Vertrge, welche das
italienische Cabinet etwa schlieen knnte, im Augenblick einer
europischen Verwickelung das italienische Volk die Regierung zwingen
wird, die letzte Hand an die nationale Einigung Italiens zu legen, wie
ja bisher jeder Schritt auf diesem Wege immer unter dem Druck des
Volkswillens gegen die von der Regierung geschlossenen Vertrge
geschehen ist."

"Ich bedaure," sagte Herr von Beust nach einem augenblicklichen
Nachdenken, "da die verschiedenen Projekte, um mit Italien zu einer
freundlichen Verstndigung und einem nhern Verhltni zu gelangen,
niemals zur Ausfhrung gekommen sind. Wir bedrfen der Freundschaft
Italiens, wir bedrfen auch der diplomatischen Coalition mit Italien und
Frankreich, aber in diesem Augenblick auf die unglcklichen Actionsplne
des Generals Trr einzugehen, das wre unverzeihlich fr einen
sterreichischen Minister. In Paris mag man jene Ideen in diesem
Augenblick den stets heranwachsenden innern Verlegenheiten gegenber
acceptiren; doch glaube ich nicht, da Kaiser Napoleon ernstlich daran
denkt, gerade jetzt einen Conflict heraufzubeschwren, nachdem er viel
passendere Momente, Momente, in welchen ihm viel grere Chancen des
Erfolges zur Seite standen, hat vorbergehen lassen. Ich bitte Sie also
noch einmal, Metternich in dieser Beziehung meinen Willen
mitzutheilen.--Doch mu die ganze Sache mit groer Vorsicht und mit
unendlicher Schonung aller persnlichen Empfindlichkeiten behandelt
werden. Man darf weder in Paris, noch in Florenz verletzt werden, und
auch der General Trr darf in keiner Weise unangenehm berhrt werden. Er
ist uns in Ungarn sehr ntzlich gewesen, und knnte uns jedenfalls unter
Umstnden viel schaden."

Herr von Hoffmann verneigte sich.

"Ich werde sogleich die Depesche nach Eurer Excellenz Befehl abfassen."

Er zog ein Zeitungsblatt aus seiner Mappe und fuhr fort.

"Ich mu um Eure Excellenz auf einen Artikel aufmerksam machen, welcher
sich in verschiedenen Blttern findet und ber einen Vorfall in Mnchen
berichtet, welcher, wie ich glaube, nicht unbeachtet bleiben darf. Graf
Ingelheim," fuhr er fort, "hat gerade an dem Tage, an welchem der Knig
Ludwig die Minister und ministeriellen Reichsrthe zur Hoftafel
befohlen, ein Diner gegeben, bei welchem er alle Mitglieder der
grodeutschen und ultramontanen Opposition im Reichsrath, die fr die
Mitrauensadresse gegen das Ministerium gestimmt hatten, bei sich
versammelte, und es sollen bei diesem Diner, wie die Zeitungen
berichten, eigentmliche Unterhaltungen stattgefunden haben. Man soll
Frst Hohenlohe bereits als beseitigt betrachten, und die Herstellung
des Ministeriums unter Herrn von Bomhardt mit den Herren von Schrenk und
von Thngen lebhaft besprochen haben."

"Unterhaltungen bei einem Diner knnen nun allerdings nicht gerade auf
die Goldwage gelegt werden. Indessen hat doch dieser ganze Vorfall etwas
Demonstratives.--Die Presse fat ihn in diesem Sinne auf und setzt ihn
in Verbindung mit dem allgemeinen Verhalten des Grafen Ingelheim, der
mit den erbittertsten und entschiedensten Gegnern des Ministeriums
Hohenlohe die innigsten Beziehungen unterhlt.--

"Ich glaube nicht, da es im Sinne der von Eurer Excellenz befolgten, so
vorsichtig zurckhaltenden Politik liegen kann, wenn der Gesandte
Oesterreichs in Baiern offen gegen das dortige Ministerium demonstrirt,
im Augenblick, in welchem der Knig demselben einen Beweis seines
Vertrauens giebt."

Ueber das Gesicht des Herrn von Beust legte sich der Ausdruck finstern
Unmuths.

"Wie schwer," rief er, "wie unendlich schwer ist es doch, Oesterreich in
den neuen Bahnen einer wohl durchdachten Politik zu lenken. Ueberall
fehlt die Organisation der innern Verwaltung, in der Diplomatie stt
man fortwhrend auf die unerwarteten Hindernisse, und wenn ich mit der
uersten Mhe die Wolken des Mitrauens vom politischen Horizont
verscheucht habe, so werden sie bald hier, bald dort immer wieder
hervorgerufen durch die Organe, welche meine Absichten und Plne nicht
verstehen oder nicht verstehen wollen. Da wird nun durch eine rein
persnliche Demonstration des Grafen Ingelheim wieder das mhsam
aufrecht erhaltene gute Verhltni mit Preuen getrbt, und man wird in
Berlin nicht ganz Unrecht haben, denn fr eine solche Handlung des
offiziellen Vertreters Oesterreichs hat man eine gewisse Berechtigung,
mich verantwortlich zu machen.--Ich habe lange Bedenken gehabt," fuhr er
fort, "Ingelheim wieder in Aktivitt zu setzen. Er ist ein braver Mann,
aber das gengt nicht, um ein guter Diplomat zu sein, und vor Allem ist
er vollstndig in den Hnden der Ultramontanen.--Doch," fuhr er fort,
"die Sache ist mir nach Preuen hin noch weniger unangenehm, als fr die
Beziehungen zu Baiern selbst. Der Knig Ludwig wird auf's Tiefste
verletzt sein, und doch ist es fr uns von grter Wichtigkeit, gerade
in Mnchen festen Fu zu behalten, und das Vertrauen des Knigs nicht zu
verlieren;--bei seinem Charakter kann eine Demonstration wie die des
Grafen Ingelheim ihn gerade in pltzlicher Aufwallung von uns vllig
entfremden, und wenn man diese Verhltnisse und Stimmungen von Berlin
aus richtig benutzt, ihn ganz und gar der norddeutschen Politik in die
Arme treiben.

"Die Sache ist um so unangenehmer," fuhr er fort, indem er einen kleinen
eng betriebenen Bericht von seinem Schreibtisch nahm und den Blick ber
denselben gleiten lie, "als----ich habe da eine merkwrdige Mittheilung
auf privatem Wege erhalten ber Vorgnge in der kniglichen Familie.--

"Sie wissen," sagte er, da die klerikale Partei ganz besondere
Hoffnungen auf den Prinzen Luitpold setzt und stets bemht ist,
demselben einen mglichst groen Einflu auf die Staatsgeschfte zu
sichern. Es soll nun im Schoo der kniglichen Familie ein
Project ernstlich ventilirt sein, den Knig Ludwig durch einen
Regierungsbeschlu unfhig erklren zu lassen. Prinz Otto, der ohne
politischen Ehrgeiz ist, soll gegen entsprechende persnliche Vortheile
bereit gewesen sein, schon jetzt auf das Thronrecht ausdrcklich zu
verzichten. Im entscheidenden Augenblick habe aber dieser junge Prinz
von Gewissensbissen bewegt, der verwittweten Knigin die ganze Sache
eingestanden, und es sei in Folge dessen zu sehr strmischen Scenen
gekommen, welche zur ffentlichen Kenntni freilich nur durch eine
knigliche Botschaft gelangt sind, die den Prinzen Luitpold mit seinen
Shnen Ludwig und Leopold bis auf Weiteres vom Erscheinen bei Hofe
dispensirt.--

"Die ganze Sache ist etwas mysteris und fabelhaft," sprach er weiter,
"auch die Quelle, aus welcher die Mittheilung an mich gelangt ist, ist
nicht absolut zuverlssig. Dennoch aber ist so viel gewi, da die
Prinzen mit den Fhrern der klerikalen particularistischen Opposition in
intimen Verbindungen stehen, und da der Knig ber diese Opposition
sehr gereizt ist. Wenn gerade in einem solchen Augenblick der Vertreter
Oesterreichs in solcher Weise demonstrativ handelt, wie es der Graf
Ingelheim gethan hat, so ist das allerdings sehr bedenklich. Wir mssen
darauf denken," fuhr er fort, "die Sache unter jeder Bedingung wieder
gut zu machen--

"Zunchst bitte ich Sie, Graf Ingelheim in vertraulicher Weise auf das
Bedenkliche seines Verfahrens aufmerksam zu machen. Ich werde weiter
darber nachdenken.--Ich glaube, da ein anderer Vertreter in Mnchen
nothwendig werden wird. Wir knnen doch wahrlich nicht am Mnchener Hof
klerikale Politik machen, whrend wir hier in Oesterreich damit
beschftigt sind, den Einflu der rmischen Hierarchie auf die
Entwickelung des Staatslebens zu brechen."

Der Bureaudiener trat ein und meldete den Herzog von Grammont.

Graf Beust erhob sich.

"Sie bleiben noch hier im Hause, nicht wahr, lieber Hoffmann?" sagte er.
"Vielleicht knnen Sie mir nachher die Depesche an Metternich vorlegen,
nachdem ich mit Grammont gesprochen habe."

Herr von Hoffmann verneigte sich. Unmittelbar, nachdem er das Cabinet
verlassen, trat der franzsische Botschafter ein.

Der Herzog von Grammont war ruhig und lchelnd wie immer. Sein feines,
fast zierlich geschnittenes Gesicht mit den dunklen, vornehm
gleichgltig blickenden Augen, dem kleinen Mund und dem auswrts
gedrehten Schnurrbart trug den Ausdruck unzerstrbarer Freundlichkeit
und Hflichkeit.--In etwas steif-militairischer Haltung, welche dessen
ungeachtet nicht ohne Anmuth war, nherte er sich dem Reichskanzler, der
ihm mit offener Herzlichkeit die Hand reichte, und lie sich neben dem
Schreibtisch nieder.

"Erlauben Sie zunchst, mein lieber Herzog," sagte Graf Beust, "da ich
Ihnen mein aufrichtiges Bedauern ausspreche ber die unruhigen
Bewegungen, welche in Paris stattgefunden haben, und welche jedenfalls
den Kaiser schmerzlich berhrt haben mssen. Ich darf zugleich meiner
Freude darber Ausdruck geben, da jene Bewegungen,--wie ich allerdings
schon bei der ersten Nachricht nicht bezweifelte--schnell wieder
vollstndig beendet sind. Frst Metternich hat mir berichtet, mit
welcher Sicherheit, Wrde und Migung die Regierung verfahren ist, und
ganz Europa mu dem Kaiser Dank wissen, da er mit so fester und
geschickter Hand die ghrenden Elemente niederzuhalten versteht."

"Diese kleinen Bewegungen," erwiderte der Herzog von Grammont mit
leichter Neigung des Kopfes, "haben nicht viel zu sagen. Es sind Scenen,
die man arrangirt hat, um die Verhaftung Rocheforts zu einem Ereigni
von Bedeutung zu stempeln. Der Kaiser," fuhr er fort, "ist vollkommen
Herr der Lage, und Frankreich ist stark und krftig genug, um ohne
Erschtterung den Uebergang zu den neuen Institutionen zu ertragen,
welche der Kaiser in richtiger Erkenntni der Zeitbedrfnisse in's Leben
gerufen hat."

Herr von Beust schwieg einen Augenblick.

"Sie werden unterrichtet sein," sprach er dann, indem er den Herzog
grade anblickte,--"da in diesem Augenblick in Paris Besprechungen--mehr
persnlicher als eigentlich diplomatischer Natur stattgefunden haben, um
dem Gedanken an eine nhere Verbindung mit Italien eine bestimmte Form
zu geben. Vor einiger Zeit machte mir der General Trr darber eine
Andeutung, ber welche ich damals allerdings nur oberflchlich mit ihm
gesprochen habe. Es scheint jedoch jetzt, da jene Sache an Consistenz
gewonnen hat, und da man namentlich von Florenz aus geneigter scheint
als frher, in bestimmt formulierte Beziehungen mit uns zu treten. Sie
wissen," fuhr er fort, "wie sehr ich ein gutes Verhltni mit Italien
wnsche und welchen Werth ich demselben fr eine diplomatische
Kooperation von Frankreich und Oesterreich beilege. Allein das, was ich
gegenwrtig ber die Unterhandlungen hre, die in Paris ber diesen
Gegenstand stattgefunden haben, scheint mir noch sehr vage und unklar zu
sein, und ich wrde, um eingehender darber nachdenken zu knnen,
dringend wnschen von Ihnen zu hren, wie Ihre Regierung und der Kaiser
zu diesen Ideen stehen, ber welche man mir Privatmittheilungen gemacht
hat."

Der Herzog von Grammont hielt unbeweglich, mit dem ruhigsten und
freundlichen Gesichtsausdruck den fortwhrend forschenden auf ihn
gerichteten Blick des Grafen Beust aus.

"Ich habe," erwiderte er, "ebenfalls Privatmittheilungen aus Paris ber
die Gedanken erhalten, welche durch den General Trr dort mehrfach
angeregt worden sind, und welche, wie ich kaum bezweifeln darf, die
Billigung des Knigs Victor Emanuel gefunden haben. Sie beziehen sich,
soviel mir darber mitgetheilt worden, auf den Fall, da Italien in die
Lage kommen knnte, bei einer gemeinsamen militairischen Action
Oesterreichs und Frankreichs mitzuwirken, und nach Dem, was ich darber
gehrt, scheint mir jener Gedanke wohl der Beachtung werth zu sein, da
in ihm, wenn der in's Auge gefate Fall eintreten sollte, jedenfalls die
Grundlage zu bestimmten Vertrgen gefunden werden knnte, die sowohl im
Interesse Frankreichs, als in demjenigen Oesterreichs wnschenswerth
erscheinen mchten."

Graf Beust blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder und
spielte leicht mit den Fingern seiner seinen und schlanken Hand auf der
Decke des Schreibtisches.

"Wie mir der Frst Metternich mittheilt," sagte er dann im ruhigen
Conversationston, "beobachtet Herr Nigra dieser ganzen Sache gegenber
eine sehr vorsichtige, fast kalte Zurckhaltung, und vom hiesigen
Vertreter Italiens ist mir noch nicht die leiseste Andeutung darber
geworden."

"Bei den eigentmlichen Verhltnissen," erwiderte der Herzog, "welche
zwischen Oesterreich und Italien bestehen und bei den peinlichen
Erinnerungen aus nicht zu langer vergangener Zeit scheint es mir, da
eine Annherung zwischen beiden Mchten, namentlich eine Annherung mit
bestimmten Zielen, mit formulirten Alliancebedingungen schwer durch
direkten Verkehr hergestellt werden knne.--Auch giebt es Propositionen,
die man auf direktem Wege nicht eher machen kann, als bis man sicher
ist, da sie angenommen werden. Unter solchen Verhltnissen scheint mir
eine vorlufige, nicht officielle und zunchst nur sondirende
Verhandlung durch die Natur der Dinge angezeigt zu sein, und fr eine
solche Verhandlung knnte dann auch der neutrale Boden eines den beiden
Mchten befreundeten Hofes das richtige Terrain werden.--Jedenfalls
glaube ich annehmen zu drfen, da der General Trr in eine solche
Negotiation nicht eintreten wrde, wenn er nicht der vollen persnlichen
Zustimmung des Knigs Victor Emanuel sicher wre."--

"Und wie denkt der Kaiser Napoleon ber die ganze Sache," fragte Graf
Beust rasch und bestimmt.

"Sie knnen natrlich nicht voraussetzen, mein lieber Graf," erwiderte
der Herzog mit vollkommener Ruhe, "da ich Instructionen habe, mich ber
die Absichten auszusprechen, welche Seine Majestt in Betreff einer
Sache hegt, die das Gebiet officieller Unterhandlungen noch nicht
berhrt hat.--Wenn ich also Ihre Frage beantworte, so kann ich
selbstverstndlich nur eine ganz persnliche Meinung uern, welche sich
auf die Kenntni sttzt, die ich von den Anschauungen meines Souverains
ber die politischen Fragen gewonnen zu haben glaube."

Graf Beust verneigte sich leicht. Ein feines Lcheln spielte eine
Secunde um seine Lippen, dann richtete er den Blick mit erwartungsvoller
Aufmerksamkeit auf den Herzog.

"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte dieser, "da die Verhltnisse in
Europa sich fortwhrend in einer Spannung befinden, welche eine
energische Action von einem Augenblick zum andern mglich erscheinen
lt. Wir haben uns frher bereits mehrfach ber derartige
Eventualitten unterhalten, und seit der Zusammenkunft in Salzburg sind
wir stets darin bereingekommen, da die Interessen Frankreichs und
Oesterreichs allen schwebenden politischen Fragen gegenber die gleichen
sind.--Wir sind ferner, wie Sie auch vorhin betonten, darin
bereingekommen, da Italien das notwendige Mittel- und Verbindungsglied
fr das Zusammenwirken Frankreichs und Oesterreichs bildet.--Von diesen
Prmissen ausgehend," fuhr er fort, whrend Herr von Beust schweigend
zuhrte, "wrde ich nun den Abschlu eines Vertrages, welcher fr
mgliche Flle die Cooperation Italiens sichert und regelt, als einen
groen Gewinn betrachten mssen.--Der Knig Victor Emanuel ist zu einer
solchen Cooperation durchaus geneigt, doch ist er nicht in der Lage,
dieselbe eintreten zu lassen, wenn er nicht zu gleicher Zeit dem
italienischen Volk einen nationalen Gewinn dafr versprechen kann. Die
vollstndige Arrondirung in den nationalen Grenzen nach dem Norden hin
wrde ein solcher Gewinn sein--um dieses Gewinns willen wrde das
italienische Volk sich bestimmen lassen, auf Rom zu verzichten,
wenigstens so lange zu verzichten, bis vielleicht unter einem knftigen
Pontificat ein Modus gefunden werden kann, welcher die heute sich noch
unvershnlich gegenber stehenden Interessen vereinigt. Mit einem Wort,
Italien hat noch zwei Forderungen zu stellen, die eine ist Rom, welche
man von uns verlangt, die andere das italienische Tyrol, welches
_Oesterreich_ zu gewhren im Stande ist.--Wir knnen in diesem
Augenblick Rom nicht Preis geben.--Ihre Sache ist es, zu beurtheilen, ob
das Opfer eines nicht bedeutenden Gebiets, welches nur die weitere
ergnzende Ausfhrung eines einmal anerkannten Princips bildet, Ihnen
der Wichtigkeit einer festen italienischen Alliance entsprechend
erscheint.--Nach meiner persnlichen Auffassung," fuhr er fort, "wrde
dieses Opfer nicht gro sein und es wrde sich im Falle einer
erfolgreichen Action, an deren glcklichen Ausgang nicht zu zweifeln
sein mchte, durch weit grere und weit bedeutendere Vortheile und
durch die Wiedergewinnung der ganzen alten sterreichischen Macht nach
anderer Richtung hin ersetzen lassen.--Frankreich hat dasselbe Interesse
wie Oesterreich, da die Coalition mit Italien zu Stande komme; wenn Sie
sich also zu jenem Opfer wrden entschlieen knnen, so wrden Sie, wie
ich glaube, nicht nur in Ihrem eigenen Interesse handeln, sondern auch
Frankreich einen sehr groen und sehr wichtigen Dienst leisten, fr den
eine richtige franzsische Politik, eine Politik, wie sie den Ideen des
Kaisers so vollkommen entspricht, ihre Dankbarkeit zu bethtigen nicht
unterlassen knnte."

"Eine Coalition auf der Basis," erwiderte Herr von Beust in einem
beinahe gleichgltigen Ton, "wie sie in diesem Augenblick in Paris
discutirt wird mit so bestimmt formulirten Bedingungen, wrde ihre
Bedeutung doch immer wesentlich nur im Augenblick einer wirklich
kriegerischen Action haben. Ganz abgesehen von der Frage," fuhr er fort,
"ob in einem solchen Augenblick das italienische Volk geneigt sein
wrde, die Abmachungen des kniglichen Cabinets gut zu heien, mte man
sich doch, bevor man auf die Discutirung der Details ernstlich einginge,
klar machen, ob denn eine militairische Action zweckmig und
nothwendig--und ob sie mit Aussicht auf Erfolg ausfhrbar sei. Ich
meines Orts sehe die Nothwendigkeit nicht, denn es ist in diesem
Augenblick keine Vernderung der seit Jahren bestehenden europischen
Verhltnisse eingetreten.--Ich vermag die Zweckmigkeit nicht
anzuerkennen, denn ich sehe keinen vorbereiteten--oder mglicher Weise
zu schaffenden--vernnftigen Kriegsfall, und endlich kann ich die
Aussicht auf einen siegreichen Erfolg mit meiner Anschauung der
Verhltnisse nicht vereinen. Die Macht des Norddeutschen Bundes ist
ungeheuer stark und scharf concentrirt und auf alle Eventualitten
tglich und stndlich vorbereite. Die sddeutschen Staaten sind
schwankend und haltlos, dabei militairisch kaum gerstet und bei uns in
Oesterreich--Sie wissen, Herr Herzog, mit welchen innern Schwierigkeiten
wir zu kmpfen haben, und wie unendlich langsam aus financiellen Grnden
schon die Reorganisation unserer Armee vorschreitet. Wir haben neben uns
Ruland, dem wir nicht gewachsen sind--"

"Dem Sie aber doch," fiel der Herzog von Grammont ein, "zweifellos die
Spitze zu bieten im Stande wren, wenn nicht nur Ihre italienischen
Grenzen vollkommen frei wrden, sondern wenn wie der proponirte Tractat
bestimmt, Italien fr den Fall der russischen Intervention seine active
militairische Hlfe verspricht."

"Wenn ich auch," sprach Herr von Beust in einem Ton, als discutire er
eine ihm der Zeit und dem Inhalt nach vllig fern liegende Frage, "wenn
ich auch annehme, da jene Versprechen im entscheidenden Augenblick
wirklich gehalten wrden, wofr--ich mu es wiederholen--immer schwer
eine Garantie gefunden werden zu knnen scheint, so glaube ich doch
nicht, da Oesterreich im Stande ist, selbst mit der Hlfe Italiens
einen Kampf mit Ruland und die Aussicht auf eine sptere unvershnliche
Feindschaft Preuens und Deutschlands auf sich zu nehmen. Fr den Fall,
da diese neu erstandene gewaltige Militairmacht aus diesem Conflict
siegreich hervorgehen sollte--"

"Siegreich hervorgehen?" rief der Herzog von Grammont mit dem Ton
eines naiven Erstaunens, indem er seinen kleinen Schnurrbart
emporkruselte,--"siegreich hervorgehen aus einem Kampf mit
Frankreich!?--ich bin zu sehr Franzose," fuhr er fort, "um an eine
solche Mglichkeit auch nur einen Augenblick zu glauben."

"Sie mssen mir verzeihen," sagte Graf Beust mit einer seinen Nuance
kaum bemerkbarer Ironie in seiner Stimme, "wenn ich mich in diesem
Augenblick mehr an den Geist des Staatsmanns und Diplomaten als an das
Nationalgefhl des franzsischen Edelmanns wende.--Eine kluge Politik
mu sich stets auch durch Erwgung der mglich ungnstigen Chancen
bestimmen lassen.--Doch," fuhr er abbrechend fort, "diese Discussion
fhrt uns auf ein Gebiet, das ich, wie ich glaube, heute zu betreten
noch keinen Grund habe. Ich bitte Sie, mir zunchst mit derselben
Aufrichtigkeit, mit welcher ich mich Ihnen gegenber ausgesprochen habe,
eine Frage zu beantworten:--Glauben Sie, da es aus irgend welchem
Grunde in den Absichten des Kaisers liegen knne, wirklich in kurzer
Zeit zu einer ernsten Action berzugehen?"

Der Herzog zgerte einen Augenblick mit der Antwort auf diese directe
und bestimmte Frage.

"Ich glaube," sagte er, "da der Kaiser von dem eifrigsten Wunsch
erfllt ist, den europischen Frieden zu erhalten.--Indessen hat er auch
die Verpflichtung, Frankreich nicht ohne Widerstand allmlig zu einer
bedeutungslosen Passivitt in Europa herabdrcken zu lassen. Der Kaiser
hat durch die freisinnigen Institutionen, welche er in die neue
franzsische Verfassung eingefhrt hat, die Grndung seines Gebudes im
Innern vollendet. Und wenn diese neuen Institutionen, wie ich es wnsche
und wie ich es hoffe, durch ein neues Plebiscit die Sanction des freien
Volkswillens erhalten haben werden--"

Graf Beust zuckte ein wenig zusammen und blickte erstaunt den Herzog an,
dann nahmen seine einen Augenblick ernst und nachdenklich gewordenen
Zge wieder den Ausdruck gleichgltig ruhiger Hflichkeit an, mit
welchem er das ganze Gesprch bisher gefhrt hatte.

"--dann wird es," fuhr der Herzog fort, "nach meiner Ueberzeugung die
Aufgabe des Kaisers sein, auch nach Auen hin der Stimme Frankreichs
wieder den alten Nachdruck zu verschaffen und zu zeigen, da es auf die
Dauer nicht mglich ist, die Schicksale der europischen Vlker ohne
Frankreichs Genehmigung zu lenken."

"Aber," sprach Graf Beust, "dazu wrde immer ein stichhaltiger und
vlkerrechtlich mglicher Kriegsfall erforderlich sein, und ich sehe
nicht ein--"

"Mein Gott," rief der Herzog, "der Prager Frieden wird ja tglich
verletzt und giebt Ihnen die verschiedensten und vlkerrechtlich
begrndetsten Handhaben, um in jedem Augenblick den begrndetsten
Kriegsfall zu finden--"

"So," fragte Herr von Beust, den Herzog gro anblickend, "so sollte also
Oesterreich nach Ihrer Ansicht den Conflict hervorrufen?"

"Sie werden nicht verkennen," sagte der Herzog,--"ich spreche hier
natrlich nur meine ganz persnlichen Ansichten aus,--da der mchtigste
Verbndete des Herrn von Bismarck in einem Krieg gegen Frankreich das
deutsche Nationalgefhl sein wrde, und da es wesentlich darauf ankme,
uns in Deutschland selbst Verbndete zu schaffen. Das scheint mir am
sichersten erreicht zu werden, wenn der eventuelle Kriegsfall aus
deutschen Angelegenheiten und aus dem Prager Frieden genommen wird,
welcher Oesterreich das Recht giebt, fr die Unabhngigkeit der
sddeutschen Staaten einzutreten."

"Herr Herzog," sagte Graf Beust mit ernstem Nachdruck, indem er den
leichten Conversationston, in dem das Gesprch bisher gefhrt war,
vollstndig aufgab--"da die Unterhaltung, welche wir in diesem
Augenblick ber theoretische Hypothesen fhren und in welcher wir unsere
persnlichen Meinungen austauschen, vielleicht in irgend einem frheren
oder spteren Moment eine Bedeutung fr concrete Verhltnisse gewinnen
knnte, so liegt mir daran, genau und klar die Anschauungen
auszusprechen, welche auch bei einer solchen Mglichkeit fr mich immer
magebend sein und bleiben wrden. Oesterreich," fuhr er fort, "bedarf
absolut der Ruhe, es bedarf der friedlichen Entwickelung von mindestens
zehn Jahren, um seine inneren Krfte wieder zu strken und seine inneren
Verfassungszustnde zu consolidiren. Oesterreich kann und wird niemals,
so lange ich seine Regierung zu leiten habe, die Initiative zu einer
Action bernehmen, welche Europa in gefahrvolle Unruhe strzen und die
Zukunft des Kaiserstaats vor Allem gefhrden wrde. Wenn--wie Sie
vorauszusetzen scheinen, an Frankreich die Aufgabe herantreten sollte,
sein Prestige und seine Stellung unter den europischen Mchten
nthigenfalls mit den Waffen in der Hand wieder auf die alte Hhe zu
erheben, so wird, davon knnen Sie berzeugt sein, keine Regierung mit
greren Sympathien auf ein solches Streben der franzsischen Nation
blicken, als die sterreichische, welche, wie ich frher constatirt
habe, und wie ich heute wiederhole, in fast allen europischen Fragen
mit Frankreich gleiche Interessen hat. Die Phasen eines solchen
Conflicts und seiner Consequenzen lassen sich nicht vorher bestimmen. Es
lt sich deshalb auch nicht mit Sicherheit sagen, ob nicht im Verlauf
solcher Ereignisse ein Augenblick kommen knnte, welcher Oesterreich
trotz seines Friedensbedrfnisses die Pflicht auferlegt, activ in die
Verhltnisse einzugreifen.--Ich vermchte mir heute keine Eventualitt
zu denken, welche ein solches mgliches Eingreifen Oesterreichs im
_Gegensatz_ zu Frankreich rechtfertigen knnte.--In dieser Anschauung
liegt die Haltung bezeichnet, welche mir fr Oesterreich vorgeschrieben
scheint. Weiter zu gehen, ohne die uerste Notwendigkeit aus der
gebotenen Reserve herauszutreten, wre fr einen sterreichischen
Staatsmann ein Verbrechen--und vor Allem wrde ich wenigstens niemals
die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, durch Oesterreich aus dem von
ihm abgeschlossenen Vertrage einen Kriegsfall zu provociren. Wrde der
Kaiser eine Action fr nothwendig halten, so mu der Grund dafr aus
irgend welcher Frankreich interessirenden Frage genommen werden.
Niemals aber kann und wird Oesterreich seinerseits die Initiative
bernehmen. Dies bestimmt und rckhaltslos auszusprechen, halte ich fr
meine Pflicht, damit bei Erwgung einer so wichtigen Frage, welche
natrlich in Paris ausschlielich nur mit Rcksicht auf das Interesse
Frankreichs entschieden werden kann, keinen Falls irgend ein Zweifel
ber die Haltung bestehe, welche fr Oesterreich unabnderlich geboten
erscheint."

"Sie mssen natrlich," sagte der Herzog mit einem Anklang von Klte in
dem hflichen Ton seiner Stimme, "Sie mssen dies natrlich besser
beurtheilen knnen als ich. Jedenfalls sind Sie zu dem Urtheil, welche
Haltung Oesterreich zu beobachten habe, berufener als ich. Doch kann ich
die Bemerkung nicht unterdrcken, da eine Zurckhaltung, wie Sie
dieselbe so eben als die Aufgabe der sterreichischen Politik
dargestellt haben, nach meiner Ueberzeugung leicht dahin fhren knnte,
da Oesterreich sich eines Tages isolirt she, und diese Isolirung
knnte unter Umstnden gefhrlich werden. Da, wie Sie selbst constatirt
haben, die Interessen Frankreichs und Oesterreichs sich in den
politischen Fragen fast berall decken, so mchte es mir nicht ganz
unbedenklich fr Oesterreich erscheinen, sich gerade von der Macht zu
trennen, mit welcher Sie die gemeinsamen Interessen verbinden."

"Ich habe," erwiderte Herr von Beust, "nicht im Entferntesten an die
Mglichkeit gedacht oder dieselbe aussprechen wollen, da Frankreich
sich jemals von Oesterreich trennen knne.--Eine solche Trennung," fuhr
er mit feiner und scharfer Betonung fort, "knnte jedenfalls nur dann
mglich werden, wenn die franzsische Politik jemals Wege betreten
sollte, in welchen die gegenwrtig zu meiner so innigen Genugthuung
bestehende Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen alterirt
wrde--ein solcher Fall scheint mir undenkbar und jedenfalls," fgte er
im leichten Ton mit einem flchtigen Lcheln hinzu, "tauschen wir ja in
diesem Augenblick auch nur unsere ganz persnlichen Ansichten ber Flle
aus, deren Eintritt kaum zu erwarten sein drfte."

Der Herzog erhob sich.

"Es scheint," sagte er, das bisherige Gesprch abbrechend, "da der
Knig von Hannover die Legion auflsen will, die er bisher in Paris
gehalten hat. Graf Platen hat mir Etwas davon gesagt. Ich mu aufrichtig
bekennen, da ich eigentlich recht damit zufrieden bin. Ich habe groe
Sympathien fr den unglcklichen Knig und hohe Verehrung vor seinen
persnlichen Eigenschaften. Doch glaube ich nicht, da er auf dem
bisher befolgten Wege etwas Anderes erreichen kann, als seine schon
ohnehin beschrnkten Mittel immer mehr zu vermindern und sich dadurch
die Mglichkeit spter Etwas fr seine Sache und sein Haus zu thun,
immer schwieriger zu machen."

"Man schien frher in Paris der Ansicht zu sein," sagte Graf Beust, "da
diese hannversche Emigration unter Umstnden eine ntzliche Handhabe
werden knne, um einem mglichen Conflict mit Preuen den nationalen
Charakter zu nehmen."

"Ich bin dieser Ansicht nicht," sagte der Herzog, "die wenigen
Emigranten in Frankreich wrden weder der Sache des Knigs, noch uns
ntzen knnen; ob fr den Fall des Zusammenbrechens der Schpfung von
1866 Etwas fr den Knig geschehen knne, das wird immer davon abhngen,
wie sich das ganze Volk in Hannover und wie sich das brige Deutschland
zu seiner Sache verhalten wird.--Was Frankreich betrifft, so stehe ich
auf dem Standpunkt, da wenn wir uns jemals zu einer ernsten Action
entschlieen, wir auf alle kleinen Hlfsmittel verzichten und uns ganz
ausschlielich auf unsere eigene nationale Kraft und auf diejenigen
Alliirten verlassen mssen, welche wir, wie ich hoffe, in einem solchen
Fall unter den mit uns befreundeten europischen Mchten dennoch finden
werden," fgte er mit einem lchelnden Blick auf den Grafen Beust hinzu,
indem er ihm die Hand zum Abschied drckte.

Der Reichskanzler begleitete ihn bis zur Thr und kehrte dann
nachdenklich zu seinem Schreibtisch zurck.

"Es geht Etwas vor," sagte er. "Der Kaiser Napoleon ist fr den Frieden,
schon weil er alle Unruhe und krperliche Anstrengungen scheut.
Metternich schreibt mir dies ganz bestimmt, und Metternich tuscht sich
darin nicht. Aber dieser alternde Imperator befindet sich mehr als je
unter der Herrschaft seiner Umgebung. Und die Kaiserin Eugenie mchte
fr sich die Rolle der Maria von Medicis vorbereiten. Nun," rief er,
"wenn man dort Abenteuer in der Politik machen will, so mag man es auf
eigene Gefahr thun. Ich werde meine Schpfungen in Oesterreich nicht den
Zuflligkeiten einer unberlegten und unvorbereiteten Action aussetzen."

Der Bureaudiener meldete den Staatsrath Klindworth.

Etwas erstaunt blickte Herr von Beust auf.

"Klindworth hier?" rief er, "sollte er sich hier wieder fr mglich
halten?--Lassen Sie den Staatsrath eintreten," sprach er nach kurzem
Besinnen.

Wenige Augenblicke darauf trat der Staatsrath Klindworth in das Cabinet.
Er war ein Mann von weit ber sechzig Jahren; sein dichtes, beinahe
weies Haar war kurz geschnitten,--sein eckiger Kopf, mit den groen
abstehenden Ohren, den kleinen, scharfen, umhersphenden Augen, der
groen, breiten Nase und dem ausdruckvollen hlichen Mund, steckte
zwischen den breiten Schultern, welche durch den hohen Kragen des weiten
dunklen Ueberrocks noch hher erschienen.

Graf Beust begrte den viel gewandten, geheimen Agenten verschiedener
europischer Hfe mit einer freundlichen Vertraulichkeit, in welche sich
doch ein wenig abwehrende Klte mischte.

"Was fhrt Sie her, mein lieber Staatsrath," sagte er, indem er Herrn
Klindworth einen Stuhl neben seinem Schreibtisch bezeichnete. "Ich
glaubte, Sie wollten fr einige Zeit in Paris bleiben und vielleicht,"
fuhr er mit einem scharfen Blick auf das unbewegliche Gesicht des
Staatsraths fort, "vielleicht wre das besser gewesen.--Sie wissen, da
nach den Vorgngen mit der Wiener Bank und dem Knig von Hannover hier
Rcksichten zu nehmen sind--"

"Ich bin," sagte der Staatsrath ruhig, "nur auf einen Augenblick
herbergekommen und denke nicht, hier acte de prsence zu machen. Doch
habe ich nicht unterlassen knnen, hier Mittheilungen von dem zu machen,
was ich gesehen und gehrt, und was so Viele nicht sehen und nicht hren
wollen."

"Ich wei, wie scharf Sie sehen und wie scharf Sie hren," sagte Graf
Beust lchelnd--"und es wird mir, wie es das stets gewesen ist, von
besonderem Interesse sein zu hren, was Sie dort wahrgenommen haben."

"Ich habe wahrgenommen," sagte der Staatsrath Klindworth, indem er die
Hnde ber der Brust faltete, und seinen Kopf so tief zwischen dem
Kragen seines Rockes zurckzog, da das Kinn fast ganz in seiner weien
Binde verschwand, "ich habe wahrgenommen, da ein groer Sturm im Anzuge
ist, welcher Europa noch tiefer erschttern wird, als die Ereignisse von
1866. Und ich bin gekommen, um zu warnen, und um zu rathen, wenn man
meinen Rath hren, wenn man meine Warnung beachten will."

Graf Beust wurde ernst und blickte erwartungsvoll auf den Staatsrath.

"Der Herzog von Grammont geht soeben von Ihnen fort," sagte dieser, "was
hat er Ihnen gesagt?" fragte er,--mit seinen kleinen Augen scharf von
unten heraufblickend,--"ich hoffe, Sie werden ihn ein wenig ber diese
eigenthmliche neben der regulairen Diplomatie herlaufende Negotiation
des General Trr befragt haben, welcher da pltzlich in Paris erschienen
ist, um europische Coalitionen zu bilden, wie man Bataillone aufstellt
und exerciren lt.--Eine eigenthmliche Zeit," sprach er, sich
unterbrechend, indem er mit den Fingern der rechten Hand auf der
Oberflche der linken trommelte, "eine eigenthmliche Zeit, Alles wird
auf irregulairem Wege gemacht. Es ist keine Ordnung in der Politik mehr,
kein System! Kein Wunder, da sich da die Fden zu einem gordischen
Knoten verschlingen, und da Demjenigen der Erfolg zur Seite steht, der
khn--oder plump genug ist," fgte er achselzuckend hinzu, "das
unlsbare Gewirr mit dem Sbel zu zerhauen.--Was wrde der groe
Metternich sagen," sprach er seufzend, "wenn er diesen Wirrwarr in der
politischen Maschinerie Europa's sehen knnte, in welcher zu seiner Zeit
so vortrefflich jedes Rad in einander griff, und welche nach seinem
Willen so richtig und exact spielte!"

"Nun," sprach Herr von Beust lchelnd, "die Aufgabe eines Staatsmannes
ist es immer, mit der Zeit fertig zu werden, in welcher er lebt. Wir
mssen versuchen, auch in diesem Wirrwarr kaltes Blut und Ruhe zu
behaupten. Grammont," fuhr er dann fort, "hat mir allerdings nur--ganz
persnlich--die Nothwendigkeit einer Alliance mit Italien sehr scharf
betont. Ich glaube allerdings, da man in Paris etwas energisch
auftreten mchte, und da man dazu Alliancen sucht.--Findet man sie
nicht, so wird man sich beruhigen, wie man sich schon fter beruhigt
hat."

Ein fast mitleidiges Lcheln zuckte ber den breiten Mund des
Staatsraths.

"Da man Alliancen sucht, ist richtig," sagte er, "da man sich
beruhigen wird, wenn man sie nicht findet, ist eine Ansicht, die ich
nicht theile."

"Aber der Kaiser ist krank, sein Gesundheitszustand flt ernste
Bedenken ein; die Aerzte empfehlen ihm die hchste Ruhe und Schonung,
wie sollte da eine ernste, gar eine kriegerische Action mglich sein, da
doch trotz der neuen parlamentarischen Institution wenigstens fr die
auswrtige Politik in Frankreich noch Alles von der Initiative des
Kaisers abhngt."

"Der Kaiser ist krank," sagte Klindworth, "das ist richtig. Die
auswrtige Politik hngt von seiner Initiative ab, das ist auch richtig.
Aber von wem hngt wieder diese Initiative dieses kranken, zuweilen
fast willenlosen Mannes ab?--Von der Kaiserin," sagte er, "welche keinen
andern Gedanken hat, als ihrem lieben kleinen Louis ein wenig Lorbeer um
das jugendliche Haupt zu winden,--und whrend dieser Lorbeer an den
Grenzen gepflckt wird, beabsichtigt man, eine groe Generalprobe fr
die knftige Regentschaft abzuhalten. Die Toilettenangelegenheiten
fangen an, Ihre Majestt zu langweilen," sprach er im hhnischen Ton,
"die Unterhaltung mit ihrem erhabenen Gemahl ist auch gerade nicht
zerstreuend. Die erhabene Kaiserin der Franzosen ist in eminenter Weise
ehrgeizig geworden. Und glauben Sie mir," fuhr er fort, "im Geheimen
Rath Ihrer Majestt ist der Krieg beschlossen, und tglich werden dort
die Vorbereitungen dazu discutirt, whrend dieser allmlig absterbende
Kaiser unter den Hnden seiner Aerzte mit seinen Schmerzen und seiner
Schwche kmpft."

"Glauben Sie," fuhr Graf Beust, der sehr aufmerksam zugehrt hatte, mit
dichtem Kopfschtteln fort, "glauben Sie, da es der Kaiserin, wenn sie
wirklich die Absicht hegt, welche Sie bei ihr voraussetzen, gelingen
werde, den Kaiser, der schon in seinen frheren Jahren so schwer zu den
uersten Entschlssen zu bringen war, jetzt zu einer so gefhrlichen
Unternehmung zu bestimmen? Jetzt, da er doch kaum den Schein der
persnlichen Leitung zu einer solchen Unternehmung wird erhalten knnen.
Und," fuhr er fort, "welche Organe wrde die Kaiserin finden, um die
Verantwortlichkeit dafr zu tragen. Glauben Sie, da Graf Daru--"

"Graf Daru," sagte Klindworth achselzuckend mit wegwerfendem Ton, "ist
ein todter Mann, seine Existenz im Ministerium ist beendet. Das
Plebiscit, dem er sich widersetzt, wird ber ihn dahinschreiten."

"Ein Plebiscit," rief Graf Beust, indem er sich rasch emporrichtete und
den Staatsrath Klindworth gro ansah, "ein Plebiscit und warum das?"--

"Um die neue Verfassung, welche der Senat und der gesetzgebende Krper
angenommen, durch den Volkswillen sanctioniren zu lassen!" sagte der
Staatsrath mit leiser Stimme, indem er seinen Blick fest und stechend
auf den Reichskanzler richtete. "Ein Plebiscit, das ist das persnliche
Regiment und das persnliche Regiment soll ungebunden und frei ber
allem constitutionellen Kram stehen, den man der ffentlichen Meinung
als Spielwerk hinwirft."

"Sind Sie sicher," fragte Graf Beust, "da das Plebiscit eine
beschlossene Sache ist?"

"Vollkommen," erwiderte der Staatsrath, und Eure Excellenz wissen, da
ich nur dann mit Bestimmtheit Etwas ausspreche, wenn ich meiner Sache
vollkommen gewi bin."

"Ein Plebiscit," sagte Graf Beust nachsinnend, "das ist allerdings
ernst, das deutet darauf hin, da man Etwas wie einen Staatsstreich vor
hat, nicht nach _Innen_ kann er sich richten--"

"Le coup d'Etat europen," fiel der Staatsrath ein, "das ist der Name,
den man in dem geheimen Comit, in welchem die Politik Ihrer Majestt
der Kaiserin Eugenie vorbereitet wird, der Sache gegeben hat. Wie dem
Staatsstreich des 2. December das Plebiscit _folgte_, so wird es diesmal
dem groen europischen Staatsstreich _vorhergehen_."

"Wer aber," sagte Graf Beust,--"ich mu meine Frage von vorhin
wiederholen,--wer wird ein so bedenkliches und gewagtes Unternehmen
ausfhren wollen?"

"Ihre Majestt," erwiderte der Staatsrath, "ist sehr geschickt darin,
Werkzeuge fr ihre Plne zu finden. Sie besitzt viel Menschenkenntni
und versteht, die Leute bei ihrer schwachen Seite zu fassen. Da ist Herr
Ollivier--"

"Ollivier," rief Graf Beust, "der Freund der Gothaer--der Mann des
Frieden? Doch, allerdings," fuhr er fort, "bei dem ist jede Wandlung
mglich."

"Dann," fuhr Klindworth fort, "ist da dieser Herzog von Grammont, der
soeben noch auf dem Platze sa, den ich jetzt einzunehmen die Ehre
habe."

Graf Beust neigte sinnend das Haupt.

"Grammont," fragte er. "Sie glauben wirklich, da man Grammont einer
solchen Aufgabe gewachsen hlt?"

"Der Kaiser will ihn nicht," sagte der Staatsrath, "dennoch wird er zur
Ausfhrung der Ideen der Kaiserin bestimmt werden. Und man hat die Wahl
richtig getroffen, denn er besitzt das vollkommen gengende Ma jenes
altfranzsischen Leichtsinns, welcher schon in frheren Phasen der
Geschicke Frankreichs die unmglichsten Dinge unternommen, und," fgte
er hinzu, "dieselben allerdings auch oft durchgefhrt hat."

Graf Beust blieb einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken
versunken.

"Aber," fuhr er dann fort, "wenn ich annehme, da sich Personen finden,
welche in einer mehr als gewagten Action das Schicksal des Kaiserreichs
auf's Spiel setzen, so gehrt doch dazu immer noch ein Kriegsfall.--In
Berlin scheint man nicht geneigt, die Veranlassung zu einem solchen zu
bieten. Woher sollte denn der casus belli kommen?"--

"Man wird ihn nehmen, wo man ihn eben findet," erwiderte der Staatsrath
kaltbltig. "Uebrigens bereitet sich da schon eine kleine Intrigue vor,
deren Fden ganz zufllig in meine Hnde gekommen sind, und welche man
demnchst gehrig aufgestutzt vielleicht verwerthen wird."

Graf Beust blickte ihn fragend, mit gespannter Aufmerksamkeit an.

"Eure Excellenz wissen," sagte der Staatsrath, "da die spanischen
Angelegenheiten dem Kaiser sehr groe Sorgen machen. Die Agitationen des
Herzogs von Montpensier erfllen ihn mit ernsten Besorgnissen. Er hat
und frchtet Nichts mehr, als die Orleans, und ein orleanistisches
Knigthum an der andern Seite der Pyrenen wrde ihn keinen Augenblick
ruhig schlafen lassen. Da hat man ihm nun eine ganz hbsche Idee
suppeditirt. Sie erinnern sich, da Madame Cornu, des Kaisers geistvolle
Milchschwester, welche die Prinzen von Hohenzollern erzogen hat, bereits
den jetzigen Frsten von Rumnien auf seinen so wenig sichern und
erfreulichen Thron gebracht hat. Es scheint nun, da diese Dame
gegenwrtig daran denkt, einen Erbprinzen von Hohenzollern zum
Nachfolger Philipp II. zu machen. Der Kaiser, der die Idee
zurckgewiesen, scheint ihr jetzt weniger abgeneigt,--der Prinz ist ein
Verwandter seines Hauses, er ist ihm persnlich sehr geneigt und wrde
ihn am Ende noch lieber als einen Montpensier auf dem Thron von Spanien
sehen, der freilich ein wenig grer und glnzender, aber darum weder
sicherer, noch erfreulicher, als der kleine Frstenstuhl von Rumnien
ist."

Graf Beust lachte.

"Ich habe frher von diesem Gedanken gehrt," sagte er, "man hat darber
gesprochen. Ich habe aber das Alles immer fr eine von jenen Blasen
gehalten, welche von Zeit zu Zeit auf die Oberflche der
Conjecturalpolitik steigen, aber ebenso schnell wieder platzen und
verschwinden."

"Es ist mglich," erwiderte der Staatsrath, "da diese Blase auch
diesmal wieder platzen und verschwinden wird, fr den Augenblick jedoch
ist sie sehr ernst gemeint, und zwar wird man, wenn die Sache von Seiten
des Frsten Hohenzollern angenommen und in Berlin approbirt werden
sollte, sich daraus einen hbschen Kriegsfall zurecht machen."

"Einen Kriegsfall?" fragte Graf Beust ganz erstaunt.

"Ganz gewi," sagte der Staatsrath, "Seine arme, kranke Majestt
Napoleon III. wird die Idee haben, da er, indem er diese kleine
Negociation gewhren lt, eine Gegenintrigue gegen die Orleans und den
Herzog von Montpensier spielt. Er wird glauben, da er sich da einen
kleinen befreundeten Knig von Spanien schafft, wenn er berhaupt an den
definitiven Erfolg der ganzen Sache glaubt.--Vielleicht wird er auch gar
nicht darber nachdenken und wird die Sache gehen lassen, wie er so
Vieles gehen lt. Dann aber wird man ihm eines schnen Tages klar
machen, da ein preuischer Prinz auf dem spanischen Thron--"

"Aber der Prinz von Hohenzollern ist ja gar kein preuischer Prinz,"
warf Graf Beust ein.

"Er trgt preuische Uniform, er heit Hohenzollern, man wird ihn im
nthigen Augenblick fr einen preuischen Prinzen halten und von ganz
Frankreich dafr halten lassen.--Man wird also," fuhr er fort, "dem
Kaiser auseinandersetzen, da ein preuischer Prinz auf dem spanischen
Thron die Anbahnung zur Wiederherstellung des Reichs Karl V. unter den
Hohenzollern sei. Man wird dasselbe die ganze franzsische Nation
glauben machen, und pltzlich, ganz pltzlich, ehe Jemand sich dessen
versehen wird, wird man einen sehr hbschen und sehr nationalen
Kriegsfall haben."

Herr von Beust lchelte abermals.

"Mein lieber Staatsrath," sagte er, "Sie wissen, da ich das grte
Vertrauen zu Ihrem klaren Blick und zu den Quellen habe, aus welchen Sie
Ihre Nachrichten zu schpfen pflegen. Sie mssen mir aber verzeihen, da
ich das, was Sie mir da eben sagen, unmglich fr Ernst nehmen kann. Die
Sache ist doch in der That zu abenteuerlich und zu unglaublich. Und wenn
ich den Politikern, welche jetzt zuweilen in Frankreich in die
Diplomatie hineingreifen, auch sehr khne und sehr wunderbare
Combinationen zutraue, so wrde dies doch nach meiner Ueberzeugung die
Grenzen des Mglichen berschreiten."

Der Staatsrath Klindworth drckte fest seine Lippen auf einander,
richtete einen stechenden Blick auf den Reichskanzler und sprach mit
scharfer Betonung:

"Ich wrde nicht hierher gekommen sein, um Eurer Excellenz das zu sagen,
was ich Ihnen soeben gesagt habe, wenn ich nicht die feste Ueberzeugung
von der Richtigkeit meiner Beobachtung und von der Wahrheit meiner
Mittheilung htte. Die Sache ist sogar schon ziemlich weit gediehen.
Der Marschall Prim ist in die Combinationen eingeweiht und geht im
besten Glauben, fr das unglckliche Spanien einen aller Welt
convenirenden Knig gefunden zu haben, in die Falle, die man ihm
stellt."

Graf Beust dachte einige Augenblicke schweigend nach, er schien durch
die Worte des Staatsraths nicht berzeugt, doch bemerkte er Nichts
weiter ber den Gegenstand und sprach nach einiger Zeit.

"Sie haben mir vorhin gesagt, da Sie gekommen wren, zu warnen und zu
rathen.--Ich habe Ihre Warnungen gehrt, darf ich Sie nun um Ihren Rath
bitten?"

"Darf ich," sagte Klindworth, "eine kleine Erinnerung aus vergangener
Zeit wachrufen? Eure Excellenz erinnern sich, da ich kurz vor Ausbruch
des Krieges im Jahre 1866, als Sie noch schsischer Minister waren, Sie
in Dresden besuchte. Sie erzeigten mir die Ehre, ber die damalige Lage
mit mir zu sprechen, mir Ihre Meinung ber die unausbleibliche
Nothwendigkeit des Conflicts mitzutheilen, und mir zugleich
auseinanderzusetzen, wie gut die schsischen Rstungen vorbereitet
seien. Ich erlaubte mir damals, nachdem ich Alles angehrt, als einzige
Gegenuerung nur die Frage, ob Eure Excellenz ein festes, fr alle
Zeit bindendes, die Existenz Sachsens garantierendes Schutz- und
Trutzbndni mit Oesterreich geschlossen htten. Sie verneinten das, ich
sprach mein groes Bedauern darber aus und ertheilte Ihnen den Rath,
das Versumte, wenn es irgend mglich sei, noch nachzuholen.--Es war
nicht mehr mglich, die Katastrophe brach herein, Sachsen gerieth unter
die kmpfenden Parteien, that nach allen Seiten seine Schuldigkeit,
wurde aber ebenso wie die brigen, gegen Preuen im Kampf stehenden
deutschen Staaten von Oesterreich abandonnirt und ohne Widerspruch der
Willkr des Siegers Preis gegeben. Sie wissen selbst, wie unmittelbar
nahe die bereits beschlossene Annectirung ber dem Haupte Ihres frheren
Vaterlandes dahin gegangen ist. Sie wissen es am besten, wie und durch
wen die Existenz Sachsens gerettet wurde, denn Sie sind es, dessen
schnellem Entschlu, dessen Energie und Beredsamkeit jene Rettung zu
danken ist. Eine hnliche, nur gewaltigere und welterschtterndere
Katastrophe, wie diejenige von 1866 bereitet sich heute vor, und nach
der Beendigung des Kampfes, der nach meiner Ueberzeugung entbrennen
wird, werden die Verhltnisse Europa's tiefe Erschtterungen und
Vernderungen erfahren. Solchen Ereignnissen gegenber mu Oesterreich
nach meiner Ueberzeugung den Fehler vermeiden, welchen unter kleinern
Verhltnissen damals Sachsen und die brigen deutschen Staaten begangen
haben--den Fehler nmlich, sich ohne festen Entschlu und feste Haltung
in die Ereignisse hineintreiben zu lassen."

"Sie meinen also?" fragte Graf Beust.--

"Ich meine," sagte der Staatsrath, "da der Augenblick gekommen ist, um
einen entschiedenen Entschlu zu fassen, und sich entweder in fester
Allianz an Frankreich anzuschlieen oder rckhaltlos und frei Preuen
und damit zugleich Ruland die Hand zu reichen, wodurch dann--allerdings
unter vernderten Verhltnissen--jene alte Tripelallianz wieder
hergestellt werden wrde, welche so lange die Schicksale von Europa
beherrschte. Fr die eine, wie fr die andere Seite spricht Manches;
wenn Oesterreich mit Frankreich zusammengeht, wenn Italien hinzugezogen
wird, so wird im Fall des Sieges Alles wieder gewonnen werden, was 1866
verloren wurde, und bei so mchtig vereinten Krften wird eine
vernichtende Niederlage beinahe unmglich gemacht, so da also auch im
ungnstigsten Falle Oesterreich nicht viel zu verlieren haben wrde.
Eine feste und rckhaltslose Allianz mit Preuen, damit auch zugleich
mit Ruland wrde auf der andern Seite Frankreich vollkommen isoliren.
Die norddeutschen Mchte wrden Oesterreich mit offenen Armen aufnehmen;
vielleicht wrden einer so mchtigen Coalition gegenber selbst die
unternehmungslustigen Politiker der Coterie der Kaiserin
nachdenken--vielleicht wrde der Krieg verhindert werden, wenn
Oesterreich im entscheidenden Moment erklrte, da es unter allen
Umstnden auf der Seite Preuens stehen wrde. Fr die europische
Stellung Oesterreichs liee sich dadurch viel gewinnen. Allerdings aber
wrden auch die deutschen Traditionen dadurch vollstndig und fr immer
aufgegeben werden mssen."

Graf Beust hatte aufmerksam zugehrt. Ein ganz leiser, fast unmerklicher
Zug seiner Ironie erschien im Winkel seines Auges.

"Und zu welcher Seite dieser Alternative wrden Sie rathen?" fragte er.

"Die Erinnerungen an die groe Zeit," erwiderte der Staatsrath, "in
welche meine reichste Thtigkeit fllt, die Erinnerungen an die Zeit des
groen Frsten Metternich machen mich geneigt, zur Wiederherstellung
jener alten Coalition der heiligen Allianz zu rathen, dieser weisesten
Schpfung, welche jemals die Diplomatie in's Leben gerufen. Auerdem
spricht in diesem Fall die grere Sicherheit fr den Anschlu an
Preuen; auf der andern Seite ist viel zu gewinnen, hier aber ist
_Alles zu erhalten_, was man schon besitzt. Ich habe wenig Vertrauen,"
fuhr er fort, "auf die franzsische Macht. Ich verstehe Nichts von der
Kriegsverwaltung, aber nach Allem, was ich gehrt und gesehen, ist dort
seit dem Tode Niels unter dem kranken Kaiser Alles in Verfall gerathen.
Auerdem giebt man sich zu groen Illusionen ber die Unbesiegbarkeit
der franzsischen Armee hin, und ich frchte, da dem so wohl geschulten
preuischen Heer gegenber der franzsische Elan wenig ausrichten wird.
Doch," fuhr er fort, "das sind Alles Erwgungen, die ich Eurer Excellenz
reiflichem Nachdenken berlassen will. Mein dringender Rath geht nur
dahin, festen Entschlu zu fassen und bestimmt Partei zu nehmen. Ist
dieser Krieg einmal ausgebrochen und Oesterreich demselben unthtig fern
geblieben, so wird doch nichts Anderes mehr mglich sein, als sich
vollstndig an Preuen und Ruland anzuschlieen. Dann aber wird dieser
Entschlu keinen Werth mehr haben, whrend heute noch fr denselben ein
hoher Preis zu erlangen wre. Vor Allem aber," fgte er hinzu, indem
sein stechender Blick scharf und durchdringend zu dem Grafen
hinberblitzte, "vor Allem aber wird dann dieser Anschlu vielleicht
nicht mehr von Eurer Excellenz gemacht werden."

"Und von wem denn," fragte Graf Beust in etwas verndertem Ton.

"Von Demjenigen," sagte der Staatsrath aufstehend, "der bereits hinter
Ihnen steht und jeden Augenblick bereit ist, Ihre Erbschaft anzutreten,
wenn die Vollendung des Werkes, das Sie begonnen, von auen und von
innen her verhindert wrde--wenn Oesterreich gezwungen werden sollte,
dem Rathe des Grafen Bismarck folgend seinen Schwerpunkt vollstndig
nach Pesth zu verlegen--vom Grafen Andrassy, Ihrem ungarischen
Collegen."

Graf Beust war ernst geworden, doch zuckte er leichthin die Achsel und
sprach:

"Ich kann Ihnen nur wiederholen, mein lieber Staatsrath, da ich Ihnen
fr Ihre Mittheilungen, so wie fr Ihren Rath herzlich dankbar bin. Ich
hoffe--Sie werden, wenn Sie wieder nach Paris zurckgehen--?" fgte er
mit einem fragenden Blick hinzu.

"Ich werde morgen Wien wieder verlassen," sagte der Staatsrath, "und
mich ber Stuttgart nach Paris zurckbegeben, ich mchte mir dort die
Politik des Herrn von Varnbler an Ort und Stelle betrachten."

"Ich bitte Sie also," fuhr Graf Beust fort, "mich dann ber Ihre
Beobachtungen weiter au courant zu halten."

Er verneigte sich leicht gegen den Staatsrath, welcher in seiner
eigenthmlichen gebckten, fast demthigen Haltung das Cabinet verlie.

"Der alte Klindworth," sagte der Reichskanzler, sich bequem in seinen
Stuhl zurcklehnend, "scheint mir diesmal dupirt worden zu sein. Die
Sache ist zu abenteuerlich, zu unmglich!--Er ist zwar sonst gut
unterrichtet und combinirt vortrefflich die kleinsten Thatsachen, die zu
seiner Kenntni kommen.--Ich will immerhin noch auf anderem Wege darber
nachforschen lassen.--Sollte man aber auch in Frankreich wahnsinnig
genug sein, um sich auf so unerhrte Weise in einen unbersehbaren Krieg
zu strzen, ich kann dennoch den Rath des alten viel gewandten
Beobachters diesmal ebenso wenig fr richtig, als seine Mittheilungen
fr zweifellos halten.--Ich habe es bernommen," sprach er ernst, den
Blick gedankenvoll emporrichtend, "das kranke und gebrochene Oesterreich
zu heilen, und um das zu erfllen, was ich versprochen und was ich mir
vorgestellt, bedarf ich des Friedens, des Friedens unter jeder Bedingung
noch auf Jahre hinaus. Keine Lockung, keine Hoffnung auf glckliche
Zuflle wird mich von dem Wege abweichen lassen, den ich fr den einzig
richtigen erkannt habe. Und wenn wirklich der gewaltige Kampf, der im
Schoo der Zukunft liegt, ausbrechen sollte, bevor Oesterreich an
innerer Kraft den brigen Mchten Europa's wieder gleich steht, so werde
ich unbeirrt mein Ziel verfolgen und weder rechts, noch links blickend,
den Frieden erhalten, selbst um den Preis," fgte er leise hinzu, "da
diese Zurckhaltung mir selbst verhngnivoll werden sollte. Lieber mge
mein Werk von andern Hnden vollendet werden, als da ich es durch
unberlegtes Handeln gefhrde."

Er beugte sich ber seinen Schreibtisch und begann die auf demselben
aufgehuften Depeschen zu durchlesen.




Sechstes Capitel.


In dem schottischen Cabinet der Villa Braunschweig in Hietzing sa der
Knig Georg V. in seinem Lehnstuhl vor dem groen, mit golddurchwirkter
rother Decke berhangenen Tisch.

Der Knig trug den weiten Ueberrock seiner sterreichischen Uniform und
rauchte aus einer langen hlzernen Cigarrenspitze.

Er war soeben aus dem groen Garten der Villa von seinem
Morgenspaziergang zurckgekehrt, und seine lteste Tochter, die
Prinzessin Friederike, welche ihn begleitet hatte, stand neben ihm.

Der Knig war in den letzten Jahren seines Exils merklich lter
geworden, und ein schmerzlich leidender Zug lag auf seinem Gesicht, wenn
auch in der Unterhaltung zuweilen noch seine alte Heiterkeit und sein
alter Humor hervortrat. Sein dnnes Haar begann grau zu werden, die
scharfen classischen Formen seines schnen Profils traten markirter als
sonst hervor und gaben seinem frher so weichen und jugendlichen Gesicht
einen Zug von Hrte und Strenge, die ihm sonst fern gewesen war.

Die Prinzessin Friederike im dunklen Morgenanzug, einem kleinen mit
pelzbesetzten Mantel von schwarzem Sammet und einem Hut von gleichem
Stoff, vereinigte in ihrer Erscheinung den Eindruck frstlicher Wrde
und Hoheit mit jugendlicher Anmuth und einer fast schchternen
Bescheidenheit. Die Prinzessin war gro und schlank gewachsen, ihr
einfach frisirtes, natrlich gelocktes goldblondes Haar lie die edle
Wlbung der reinen und weien Stirn fast ganz frei. Ihre groen blauen,
durch die Tiefe des Blickes dunkel leuchtenden Augen drckten muthigen
Stolz und sanfte Bescheidenheit zu gleicher Zeit aus. Ihr leicht
aufgeworfener, schn gezeichneter Mund vereinigte eine gewisse trotzige
Zurckhaltung mit kindlicher Naivett.

Die Prinzessin blickte mit inniger Theilnahme auf ihren Vater herab,
welcher mit widersprechenden Gedanken und Gefhlen zu kmpfen schien,
und mit heftiger Bewegung der Lippen groe Wolken blulichen Dampfes vor
sich hinblies.

"Von allen schweren Schicksalsschlgen," sagte der Knig, "die mich in
diesen letzten Jahren betroffen haben, hat Nichts so schmerzlich mich
berhrt, als die Erfahrungen, die ich in diesen Tagen machen mu--da
Diejenigen, welche mir und meiner Sache bisher in allem Unglck so treu
geblieben, jetzt sich gegen mich richten und von mir abfallen; und,"
fuhr er fort, "da diese das Vertrauen an den Sieg meines Rechts
vollkommen verloren haben, da sie es wagen, so gegen mich aufzutreten."

"Aber Papa," sagte die Prinzessin mit sanfter Stimme, "weit Du denn
gewi, ob auch Alles so richtig ist, wie es Dir aus der Ferne
erscheint--und wie vielleicht Manche," fgte sie ein wenig zgernd
hinzu, "ein Interesse haben, es Dir darzustellen. Ich kenne nur Wenige
von den Officieren in Paris, aber ich kenne Herrn von Dring, und von
ihm kann ich doch unmglich annehmen, da er irgend Etwas gegen das
Interesse unserer Sache oder gegen Dich sollte thun wollen."

"Ich auch nicht," rief der Knig lebhaft, mit zwei Fingern seiner
rechten Hand auf den Tisch schlagend. "Ich kann es auch nicht glauben,
ich stehe vor einem unlsbaren Rthsel. Doch liegen die Thatsachen vor
mir, meine Officiere und Dring an ihrer Spitze widersetzen sich der
Ausfhrung meiner Befehle. Ich habe Dring das Commando ber die
Emigranten abgenommen und ihn der Fhrung der Geschfte meines
General-Adjutanten enthoben. Ich habe beides an Herrn von Tschirschnitz
bertragen. Die erste Nachricht, die ich von diesem sonst so treuen und
vortrefflichen Officier erhalte, ist die Erklrung, da er es mit seiner
Ehre und seinem Gewissen nicht vereinigen knne, die Befehle
auszufhren, die ich ihm in Betreff der Auflsung der Emigration gegeben
habe. Ist das nicht offene Auflehnung, ist das nicht Subordination--das
hchste Vergehen, dessen ein Officier sich schuldig machen kann?"

"Aber," sagte die Prinzessin, "Herr von Dring, wie auch Herr von
Tschirschnitz haben ja ebenso wie alle brigen Officiere freiwillig
unser Unglck und unser Exil getheilt. Sie haben Alle die Carrire
aufgegeben, welche sich ihnen in Sachsen ffnete, und welche sie auch,
wie so viele andere Officiere der hannverschen Armee, in Preuen htten
finden knnen. Wenn solche Leute den Befehlen, die Du ja doch," fgte
sie mit sanfter schmeichelnder Stimme hinzu, "selbst nur nach langem
Kampf gegeben hast--wenn sie diesen Befehlen widerstreben, wenn sie
nicht mde werden, ihre Vorstellungen dagegen zu erheben--sollte man
dann nicht annehmen, da sie irgend einen ehrenwerthen und verstndigen
Grund dazu haben, da irgend ein Miverstndni vorliegt, welches man
aufklren mte."

"Oh mein Gott, mein Gott ja!" rief der Knig, schmerzlich aufseufzend,
indem er den Kopf in die Hand sttzte. "Das habe ich mir auch schon oft
gesagt, es ist ja doch unmglich, da eine Anzahl von Mnnern, die
bisher so treu waren, mit einem Male darauf arbeiten sollten, mir und
meiner Sache zu schaden."

"Und der Regierungsrath Meding steht doch auch auf der Seite der
Officiere," sagte die Prinzessin, "auch er warnt vor der Auflsung der
Legion in der Art und Weise, wie sie begonnen wurde. Es ist doch
unmglich anzunehmen, da alle diese Herren nicht irgend einen Grund fr
ihre bereinstimmende Ueberzeugung haben sollten. Ich bitte Dich, Papa,"
fuhr sie mit dringendem Ton fort, "die Sache doch recht genau zu prfen
und nicht nach einseitigen Berichten und Vortrgen zu entscheiden."

"Gott wei es," rief der Knig, "wie schwer es mir wird, berhaupt die
Legion aufzulsen und alle diese treuen Soldaten, die meinem Schicksal
gefolgt sind, sich selbst zu berlassen. Aber es kann ja nicht anders
sein, je schwerer ich mich dazu entschlossen habe, um so schmerzlicher
berhrt mich der Widerstand, dem ich begegne.--Ich werde," rief er nach
kurzem Nachdenken, "sie Alle noch einmal hren,--ich will die ganze
Frage nochmals reiflich berlegen, denn ich stehe vor einer fr mich und
die Zukunft meines Hauses hoch wichtigen Entscheidung."

"Und wenn die Legion aufgelst wird," sagte die Prinzessin, "wrde es
dann nicht nthig sein, fr die armen Emigrirten die freie und straflose
Rckkehr in die Heimath vom Knig von Preuen zu erwirken?--Windthorst
hat sich ja erboten, Verhandlungen zu diesem Zweck einzuleiten."

"Niemals," rief der Knig lebhaft, "niemals werde ich meine Autorisation
zu solchen Verhandlungen geben! Das hiee die Annection meines
Knigreichs anerkennen, das hiee zugestehen, da der Knig ein Recht
habe, meine treuen Soldaten wegen ihrer Anhnglichkeit und Ergebenheit
zu bestrafen.--Und das werde ich nie zugestehen."

Nach einem kurzen Schlag an der Thr trat des Knigs Kammerdiener Thoms
in das Cabinet und meldete, der Staatsminister Graf Platen stehe zu
Seiner Majestt Befehl.

"Er soll kommen," rief der Knig lebhaft. "Auf Wiedersehen, mein
Tchterchen," sagte er, indem er aufstand und die Hand nach der
Prinzessin ausstreckte, welche dicht zu ihm herantrat und ihm ihre Stirn
reichte, auf die er zrtlich seine Lippen drckte.

"Rufen Sie den Kronprinzen und den Geheimen Cabinetsrath," sagte er dann
zu dem Kammerdiener, welcher den Grafen Platen in das Cabinet gefhrt
hatte und nun die beiden Flgel der Thr fr die Prinzessin ffnete.
Prinzessin Friederike verlie mit leichtem freundlichen Gru gegen den
sich tief verneigenden Minister das Zimmer ihres Vaters.

Der Graf von Platen-Hallermund, Minister der auswrtigen Angelegenheiten
des frheren Knigreichs Hannover und jetziger alleiniger Rathgeber des
verbannten Knigs, war damals sechsundfnfzig Jahre alt. Die letzten
Jahre hatten seine frher noch jugendliche und krftige Erscheinung
wesentlich lter und gebrechlicher gemacht. Zwar zeigten seine
Bewegungen noch die frhere Elasticitt, auch trug sein volles, etwas
langes und gelocktes Haar noch eine gleichmig schwarze Farbe, doch war
sein Schnurrbart stark ergraut, seine Gesichtszge waren welk und
abgespannt.

Der Graf, welcher einen Morgenanzug von einfacher Eleganz trug, kte
die Hand, welche der Knig ihm reichte und setzte sich dann in einen der
groen, mit schottischem Seidenstoff berzogenen Lehnstuhl neben seinem
Herrn.

"Ich bin erfreut, Eurer Majestt mitzutheilen," sagte er, "da die
Abwicklung der Liquidation der Wiener Bank sich noch gnstiger fr
unsere Kasse stellen wird, als es anfnglich den Anschein gehabt hat. Es
haben sich einige gnstige Verkufe realisiren lassen, so da, wenn
Alles ferner gut geht, Eure Majestt mit einem Verlust von nicht ganz
zwei Millionen Gulden davonkommen werden."

Der Knig seufzte tief auf.

"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte er, "wie geringen Werth das Geld
an sich fr mich hat. Es ist fr mich immer nur Mittel zum Zweck. In
diesem Augenblick mu es mir dienen, um den heiligsten und hchsten
Zweck zu verfolgen, den ich kenne--die Wiedererlangung meines Rechts und
die Zukunft meines Hauses. Und in dieser Beziehung berhrt mich dieser
an sich nicht bedeutende Verlust sehr schmerzlich, denn meine Mittel
sind ja ohnehin schon beschrnkt genug."

"Dank der vortrefflichen Verwaltung des Commerzienraths Simon, in dessen
Hnden nunmehr wieder Eurer Majestt Vermgen gelegt ist," sagte Graf
Platen, "werden sich ja die Verluste verschmerzen lassen. Doch," fuhr
er fort, "wird es nunmehr auch dringend nothwendig, mit dieser
unglcklichen Emigration in Frankreich ein Ende zu machen, welche
bereits so viel verschlungen hat und Eurer Majestt in jedem Jahr
dreihundertfnfzigtausend Thaler kostet. Wenn man diese Summe nicht so
schnell als mglich aus Eurer Majestt Ausgabenbudget verschwinden lt,
so werden wir von Deficit zu Deficit fortschreiten, und eine successive
Capitalsverzehrung wird Eure Majestt endlich in die Lage bringen,
Nichts mehr zu besitzen und sich aus materieller Noth Preuen auf Gnade
oder Ungnade zu ergeben."

"Traurig, traurig!" rief der Knig, "da es dahin gekommen ist! Mein
Gott," fuhr er fort, "wenn man die nach England geretteten Papiere
damals vor der Amortisation verkauft htte, was Herr von Malortie
verhinderte,--oder wenn die in Hannover befindlichen Bestnde vor der
letzten Beschlaglegung auf mein Vermgen in Sicherheit gebracht wren,
was wiederum Herr von Malortie nicht that, dann wre ich niemals in die
traurige Lage gekommen, so viele treue und ergebene Menschen einem
ungewissen Schicksal berlassen zu mssen."

Rasch ffnete sich die Thr. Der Kronprinz Ernst August trat in's
Zimmer, ihm folgte der Geheime Cabinetsrath Lex.

Der Prinz Ernst August war eine lang und hoch aufgeschossene Gestalt,
fast noch hher, als sein Vater, doch whrend die Gestalt des Knigs in
ihrer Proportion einen harmonischen Eindruck von Wrde und Majestt
machte, hatten die Glieder des jungen Prinzen noch keine rechte
Festigkeit und seinen Bewegungen fehlte die anmuthige Leichtigkeit und
Sicherheit. Das schne glnzende Haar des Prinzen war kurz geschnitten
und von der schmalen zurcktretenden Stirn aufwrts emporgekmmt. Der
Blick seiner Augen, den er oft durch eine Lorgnette mit groen Glsern
verhllte, war freundlich und gutmthig. Seine platte, eingedrckte Nase
und sein breiter etwas vorstehender Mund, mit schnen frischen Zhnen,
war von jeder Aehnlichkeit mit dem edlen Schnitt der Gesichtszge seines
Vaters weit entfernt und das freundliche Lcheln, welches gewhnlich
seinen Mund umspielte, berhrte nicht so sympathisch als die
liebenswrdige Heiterkeit, welche das Gesicht des Knigs erhellte.

Der Geheime Cabinetsrath, welcher hinter dem Kronprinzen in das Zimmer
trat, mochte etwa zwei- bis dreiundsechzig Jahre alt sein. Seine
auffallend kleine, magere Gestalt war gebckt und in sich
zusammengefallen, sein faltiges, bartloses Gesicht mit dem kurzen grauen
Haar zeigte einen stets mrrischen, kalt abwehrenden Ausdruck, und seine
kleinen, scharfen und geistvollen Augen blickten mit einem leisen Anflug
von kritischer Ironie durch die Glser seiner feinen Brille.

Der Kronprinz schritt schnell zu seinem Vater hin, beugte sich zu
demselben herab, und der Knig kte ihn herzlich auf die Stirn. Dann
setzte sich der Prinz zu dem Knig und dem Grafen Platen, whrend der
Cabinetsrath auf der andern Seite des Tisches Platz nahm.

"Darf ich Sie bitten, mein lieber Graf," sagte Georg V., sich an den
Minister wendend, "mir nunmehr Ihre Meinungen ber die Maregeln
auszusprechen, welche nothwendig werden, um die Auflsung der
Emigration, welche ich leider unabnderlich habe beschlieen mssen,
durchzufhren."

"Majestt," sagte der Graf Platen, indem er sich in sich
zusammenschmiegte, "ich mu zunchst noch einmal darauf zurckkommen,
genau zu constatiren, da mit den Allerhchst Ihnen zur Verfgung
stehenden Mitteln der knigliche Hofhalt und die zur Geltendmachung
Ihrer Rechte nothwendigen Ausgaben auf die Dauer nicht bestritten
werden knnen, wenn die zur Erhaltung der Emigration notwendige sehr
hohe Summe von nahezu vierhunderttausend Thalern jhrlich nicht aus dem
Ausgabebudget verschwindet. Um diese Ersparni zu machen, um zu gleicher
Zeit die Emigrirten, welche, um der kniglichen Sache zu dienen, ihre
Heimath verlassen haben, nicht dem Elend Preis zu geben, habe ich mir
erlaubt, Eurer Majestt vorzuschlagen, noch eine einmalige bedeutende
Ausgabe nicht zu scheuen und jedem Mitglied der Emigration die Summe von
vierhundert Francs auszuzahlen, damit derselbe sich, sei es durch
Auswanderung, sei es auf irgend eine andere Weise, eine neue Existenz
schaffen kann."

"Es wird eine groe Summe werden," sagte der Kronprinz, indem er mit den
Zhnen an den Ngeln seiner Finger bi.

"Diese einmalige Ausgabe," sagte Graf Platen, sich halb gegen den
Prinzen wendend, "ist nothwendig, um den Knig vor dem Vorwurf zu
schtzen, da Seine Majestt die ihm treu gebliebenen Soldaten einfach
verlt."

"Und ich hoffe," rief der Knig lebhaft, "da die Summe gengend
bemessen ist."

"Vollkommen gengend, Majestt," sagte Graf Platen, "um so mehr, da fr
Diejenigen, welche nach Amerika auswandern wollen, noch auerdem das
freie Reisegeld gewhrt wird. Nun aber," fuhr er fort, "hat sich
herausgestellt, da die Officiere der Emigration aus Grnden, die ich
nicht begreifen kann," fgte er achselzuckend hinzu, "sich der Auslsung
der Emigration in einer dem dienstlichen Gehorsam sehr wenig
entsprechenden Weise widersetzen."

Der Knig bi schweigend auf seinen Schnurrbart.

"Eure Majestt," fuhr Graf Platen fort, "haben das Commando an Herrn von
Tschirschnitz bertragen, aber auch dieser scheint nicht geneigt zu
sein, die Maregeln Eurer Majestt rcksichtslos durchzufhren. Ich
halte es deshalb fr nothwendig, da Eure Majestt Allerhchst Ihren
Ordonnanzofficier, den Major von Adelebsen, nach Paris entsenden und ihm
nicht nur die Geschfte Ihres General-Adjutanten, sondern auch das
Commando der Legion bertragen, damit die nothwendige und befohlene
Auflsung der Legion schleunigst und ohne Weitlufigkeit vollzogen
werde. Es scheint," sprach er weiter, "da die Officiere die Absicht
haben, einen Verband unter den Emigrirten zu gegenseitiger Untersttzung
herzustellen und auf diese Weise vielleicht noch eine Colonisation in
Algerien auszufhren, fr welche sie sehr groe Neigung hatten."

"Die Idee wre durchaus nicht bel," sagte der Knig. "Nach den
Versprechungen der franzsischen Regierung htte den armen Emigrirten
dort ein gutes Loos bereitet werden knnen, und ich habe den Gedanken
nur aufgegeben, weil er im ganzen Land Hannover einen so lebhaften
Widerspruch fand, und weil Deputationen auf Deputationen zu mir gekommen
sind, um mich zu bitten, die algerische Colonisation nicht zu erlauben.
Die Leute haben dort in Hannover gar keinen Begriff gehabt, um was es
sich handelt. Sie glaubten, die Emigranten sollten in die Fremdenlegion
verkauft werden, wie sie sich ausdrckten. Sie haben zuweilen sehr
unklare Ideen, diese Hannoveraner, und bleiben dann sehr hartnckig in
ihrem Ideenkreis stecken. Aber ich mute ja auf eine so allgemein im
Lande verbreitete Ansicht Rcksicht nehmen."

"Es mchte ja vielleicht," fiel der Kronprinz ein, "eine Colonisation in
Algerien ganz angenehm und vortheilhaft fr die Leute gewesen sein
knnen. Aber--so lange sie zusammen bleiben, werden wir sie nie ganz von
der Tasche los werden knnen, wenn es der Colonie irgend einmal schlecht
gegangen wre, so htte man immer auf uns recurrirt, und die ganze
Geschichte wre eine ewige Veranlassung zu neuen Ausgaben gewesen. Die
Hauptsache ist, da die Leute Alle auseinander gebracht werden, und je
weiter fort, um so besser, denn um so schwerer wird es ihnen werden, uns
wieder zur Last zu fallen."

"Das ist nicht mein Gesichtspunkt," rief der Knig, das Haupt erhebend.
"Mir kommt es nur darauf an, so gut ich es unter meinen jetzigen
Verhltnissen kann, fr das Wohl meiner Leute zu sorgen, und auerdem
habe ich die politische Rcksicht zu nehmen, Ansichten und Wnsche der
Bevlkerung meines Knigreichs so viel als mglich zu schonen."

"Jedenfalls," sagte Graf Platen, "werden Eure Majestt nach reiflicher
Erwgung beschlieen, die Legion definitiv aufzulsen und eine
Auswanderung der Leute nach Algerien mglichst zu inhibiren. Es ist aber
nthig, diesen Beschlu schleunigst auszufhren, damit vor dem 1. April
Alles beendet sei und mit dem neuen Rechnungsjahr die Belastung unserer
Kasse fortfalle. Wenn also Eure Majestt befehlen, den Major von
Adelebsen dorthin zu senden, so--"

Der Knig hatte das Haupt in die Hand gesttzt und dachte lngere Zeit
schweigend nach.

"Wre es nicht," sagte Georg V. endlich, indem er den Kopf
emporrichtete, und das Gesicht nach der Seite des Grafen Platen und dem
Kronprinzen hinwandte, "wre es nicht am besten, um die Sache am
einfachsten in Ordnung zu bringen und alle weiteren Schwierigkeiten zu
vermeiden, wenn ich nach Paris telegraphirte und den Regierungsrath
Meding, den Major von Dring und vielleicht noch einige der Officiere
hierherkommen lie, um ihnen persnlich meine Befehle zu ertheilen und
die Miverstndnisse aufzuklren, welche doch wohl in der ganzen Sache
bestehen mssen, da ich mir anders den eigenthmlichen Widerstand nicht
erklren kann, den man mir entgegensetzt."

Graf Platen bog den Oberkrper zusammen, warf einen schnellen
Seitenblick auf den Kronprinzen und sagte:

"Ich frchte, Majestt, da eine solche Maregel, wie
Allerhchstdieselben sie hier andeuten, nur eine erneute Discussion ber
die ganze Frage hervorrufen und die schleunige Ausfhrung der von Eurer
Majestt gefaten Beschlsse noch weiter hinausschieben wrde. Eure
Majestt haben bereits den Befehl an die Officiere gesandt, da
dieselben sich jeder Theilnahme an Verbindungen der Soldaten zu
gegenseitiger Untersttzung fern halten sollen. Damit ist also
ausgeschlossen, da irgend Etwas geschehen knne, was die dortige
Sachlage ndert; wenn Eure Majestt nunmehr den Major von Adelebsen mit
bestimmten Vollmachten nach Paris entsenden, so wird die ganze
Angelegenheit sehr bald erledigt sein. Es ist brigens," fuhr er mit
einem abermaligen schnellen Seitenblick nach dem Kronprinzen hinber,
"der Feldwebel Strmann von der Emigration hierher gekommen, um sich im
Auftrage seiner Kameraden persnlich zu erkundigen, was denn eigentlich
der Wille und Befehl Eurer Majestt sei."

"Sie haben den Feldwebel gesprochen?" fragte der Knig schnell.

"Nur flchtig, einen Augenblick," erwiderte der Graf Platen mit einem
leichten Anflug von Verlegenheit. "Ich wollte Eurer Majestt nicht
vorgreifen. Vielleicht wre es zweckmig, wenn Hchstdieselben ihn
selbst anhrten."

"Einen Feldwebel anhren, ohne da ich meine Officiere gehrt habe,"
rief der Knig lebhaft, "das geht nicht. Ich glaube," sagte er nach
einem augenblicklichen Nachsinnen, "da es am besten sein wird, vor
Allen Meding und Dring hierher kommen zu lassen, um zu hren, wie die
Sache dort liegt und was sie denn eigentlich fr Grnde gegen die von
mir beschlossene Art der Auflsung der Emigration haben."

Graf Platen rieb sich die Hnde und neigte den Kopf hin und her, ohne
inde etwas zu sagen.

"Aber Papa," sagte der Kronprinz, mit einer gewissen Schwierigkeit die
Worte hervorbringend, "Du wirst doch nicht von dem einmal gefaten
Beschlu wieder abgehen? Es scheint mir doch--"

Ein Schlag an der Thr ertnte.

"Wer ist da?" fragte der Knig mit seiner lauten hellen Stimme.

Der Kammerdiener trat ein und sprach:

"Der Ordonnanzofficier Major von Adelebsen bittet um die Erlaubni,
Eurer Majestt eine Meldung machen zu drfen."

"Er soll kommen," rief der Knig etwas verwundert.

Major von Adelebsen trat ein. Er war ein Mann von einundvierzig Jahren,
etwas ber Mittelgre, von magerer Gestalt und eckigen, wenig eleganten
Bewegungen. Sein Gesicht war bleich, von einer etwas gelblichen Farbe
und unregelmigen Zgen, welche wenig sympathisch berhrten, obgleich
in ihnen mehr zurckhaltende Abgeschlossenheit lag, als jene
eigenthmlich-charakteristische Hlichkeit, welche auf die Dauer zu
gewinnen oder wenigstens zu imponiren vermag. Seine Blicke waren unstt
und unruhig bewegt und richteten sich bei seinem Eintritt forschend auf
den Kronprinzen, der ihm erwartungsvoll entgegensah.

Der Major von Adelebsen, welcher die kleine Uniform des frhern
hannverschen Garderegiments trug, nherte sich dem Knig und sprach im
Ton dienstlicher Meldung:

"Majestt, der Lieutenant von Mengersen und der Lieutenant Heyse sind
von Paris hier angekommen und bitten Eure Majestt im Auftrage ihrer
smmtlichen Kameraden in dringenden Angelegenheiten um Audienz."

Der Knig richtete den Kopf mit fragendem Ausdruck empor. Ein leichter
freudiger Schimmer flog ber seine Zge.

"Und was haben sie mir zu melden?" fragte er.

"Sie haben ein Schriftstck mitgebracht, welches sie mir mitgetheilt und
welches ihren Auftrag enthlt. Der Inhalt dieses Schriftstcks jedoch
hat mich in so hohem Grade befremdet, da ich fast Anstand nehmen mu,
denselben Eurer Majestt mitzutheilen."

"Sprechen Sie," sagte der Knig im ernsten Ton, whrend der Kronprinz
und Graf Platen einen raschen Blick miteinander wechselten.

"Eure Majestt," fuhr der Major von Adelebsen fort, "haben durch Ihren
letzten Befehl den Officieren in Paris verboten, sich irgendwie bei
Verbindungen der Emigration zu gegenseitiger Untersttzung zu
betheiligen und sich berhaupt jedes Einflusses auf die Entschlieungen
der Soldaten ber ihr knftiges Leben zu enthalten."

"Ganz Recht," sagte der Knig.

"Die Officiere erklren nun," sagte Herr von Adelebsen, "da sie es fr
ein Gebot ihrer Ehre hielten, die Emigranten, welche sie so lange Zeit
unter ihrem Befehl gehabt und welche sich ihnen voll Vertrauen
angeschlossen htten, ja, welche sie in dem kritischen Augenblick des
Jahres 1867 zum Theil selbst zur Emigration veranlat htten, nicht
schutz- und rathlos im fremden Lande zu verlassen. Sie hielten sich fr
verpflichtet, denselben in jeder Weise auch ferner ihren Rath und
Beistand zu Theil werden zu lassen. Vor Allem aber knnten sie nicht
glauben," fuhr er mit lebhafterem Ton fort, "da der Befehl, welcher
ihnen allerdings mit Eurer Majestt Unterschrift vorgelegt worden sei,
von Allerhchstdenselben wirklich in voller Kenntni des Inhalts
unterschrieben sei, da eine Besttigung der Allerhchsten Unterschrift
auf dem Papier sich nicht vorfindet. Sie htten dehalb die Lieutenants
von Mengersen und Heyse abgesandt, um Eure Majestt ihre Bedenken
vorzutragen und Allerhchstdieselben zu bitten, wenn Sie wirklich jenen
Befehl gegeben, denselben in Gegenwart der genannten Officiere
Allerhchsteigenhndig zu unterzeichnen."

Der Knig sprang empor, eine flammende Rthe flog ber sein Gesicht, er
bi die Zhne aufeinander und stie mit einem zischenden Laut mehrmals
den Athem aus seinen Lippen.

Der Kronprinz lchelte still vor sich hin, Graf Platen lie den Kopf auf
die Brust sinken und schlug die Augen zu Boden nieder.

"Dahin ist es also gekommen," rief der Knig mir lauter Stimme, "da die
Officiere meiner Armee es wagen, an einem Befehl zu zweifeln, der meine
knigliche Unterschrift trgt, da sie von mir, ihrem obersten
Kriegsherrn, die Erfllung jener constitutionellen Form verlangen,
welche fr die Civilverwaltung des Knigreichs gesetzlich vorgeschrieben
war. Welcher Geist," sprach er in dumpfem Ton, "mu in jenen Kreisen
herrschen, wenn so Etwas mglich ist. Welcher Dmon mu seine Gewalt
ber diese Officiere ben, da sie es wagen, mir so gegenber zu
treten."

"Es ist allerdings," sagte der Major von Adelebsen, "ein hchst
unmilitairisches und vermessenes Vorgehen. Ich habe den Herren
Vorstellungen gemacht, ich habe versucht, sie von ihrem Vorhaben
abzubringen. Aber," fgte er achselzuckend hinzu, "es ist vergeblich
gewesen. Sie bestehen mit Entschiedenheit darauf, den Befehl in ihrer
Gegenwart von Eurer Majestt vollzogen zu sehen, da sie denselben anders
nicht fr gltig erkennen knnen."

"Sagen Sie den Herren," rief der Knig mit zitternder Stimme, "da ich
sie nicht empfangen wolle, da ich ihnen befehlen lasse, augenblicklich
nach Paris zurckzureisen. Ich werde ihnen," fgte er mit mhsam
unterdrckter Erregung hinzu, "meinen Willen in einer Form kundgeben, an
welcher sie keinen Zweifel werden hegen knnen."

Herr von Adelebsen verneigte sich, indem ein leichtes Lcheln der
Befriedigung um seine Lippen spielte und verlie das Zimmer.

"Graf Platen," rief der Knig, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl
niedersetzte, "Sie werden mir eine zweite Ausfertigung des Befehls
vorlegen, ich werde meine Unterschrift unter demselben beglaubigen
lassen. Zugleich lassen Sie Vollmachten fr den Major von Adelebsen
ausfertigen, damit er alle Functionen des Majors von Dring sofort
bernehmen knne. Er soll auf der Stelle nach Paris reisen, um die
Auflsung der Legion durchzufhren."

"Wre es nicht zweckmig, Majestt," sagte Graf Platen, "bei dem Geist
des Widerspruchs, der unter den Officieren in Paris zu herrschen
scheint, die hauptschlichsten Fhrer derselben von dort zu entfernen.
Ich meine insbesondere den Major von Dring und den Premierlieutenant
von Tschirschnitz, durch welche sich doch die Uebrigen mehr oder weniger
bestimmen lassen."

"Gewi," sagte der Knig, "lassen Sie sogleich die Befehle ausfertigen.
Dring soll nach Bern, Tschirschnitz nach Basel sich begeben und dort
meine weiteren Bestimmungen abwarten."

Er lehnte sich wie erschpft in seinen Stuhl zurck und bedeckte das
Gesicht mit den Hnden.

"Wrde es aber nicht zweckmig sein," sagte der Geheime Cabinetsrath
mit seiner feinen und hohen Stimme, "da nun die Auflsung der Legion in
Frankreich durchgefhrt werden soll und werden wird, dafr Sorge zu
tragen, da diese Maregel, welche man ohne Zweifel viel besprechen
wird, in den Augen der Welt und namentlich in den Augen der
franzsischen Regierung nicht so ausgelegt werde, als ob Eure Majestt
auf Ihr Recht verzichten und jede Thtigkeit fr die Wiedererlangung
desselben fr immer aufgeben?"

"Ich glaube kaum," sagte Graf Platen, "da man die Sache so ansehen
knnte. Jedermann wei, da die Mittel Eurer Majestt beschrnkt sind,
und Jedermann wird begreifen, da Allerhchstdieselben auf die Dauer
solche Ausgaben nicht durchzusetzen vermgen."

"Doch, doch," rief Georg V., "der Cabinetsrath hat vollkommen Recht.
Lassen Sie durch Lum de Luine ein Schreiben an den Kaiser Napoleon
aufsetzen, worin ich ihm die Grnde meiner Maregeln auseinandersetze,
ihm fr den Schutz, den er bisher den hannverschen Emigranten gewhrt
hat, danke und zugleich erklre, da die Auflsung der Legion lediglich
durch finanzielle Rcksichten geboten sei und da ich trotzdem niemals
aufhren wrde, jede Gelegenheit zu ergreifen, um fr mein verletztes
Recht zu kmpfen."

Der Kronprinz wollte Etwas bemerken, rasch aber stand der Knig auf und
sagte:

"Ich danke Ihnen, meine Herren, ich will allein sein."

Flchtig berhrte er mit den Lippen die Stirn des Kronprinzen, welcher
sich ihm nherte und dann das Cabinet verlie. Graf Platen und der
Geheime Cabinetsrath folgten und der Knig blieb allein.

Er lie den Kopf auf die Brust niedersinken. Lngere Zeit hrte man in
dem stillen Zimmer Nichts als die tiefen, unruhigen Athemzge, welche
seine Brust bewegten.

"Welch ein hartes, schweres Schicksal," rief er dann.--"Ich habe meinen
Thron und mein Knigreich verloren! Ich bin von meinem Volk getrennt,
dessen Glck die ganze Kraft und Arbeit meines Lebens gewidmet war, und
nun mu ich es erleben, da auch Diejenigen, welche mein Unglck
theilten, und welche in der Verbannung mir treu geblieben, sich von mir
wenden. So hat," rief er schmerzlich aus, "diese Zeit alle Begriffe
verwirrt, alle sonst so heiligen Bande gelockert, da sogar die
Officiere meiner Armee, dieser Armee, welche so heldenmthig und
opferfreudig sich fr mich geschlagen, mir nicht mehr vertrauen und sich
gegen mich auflehnen!"

Er stand auf und blieb vor seinem Stuhle stehen. Schmerzlich zuckte sein
edles Gesicht und die blicklosen Augen wandten sich umher, als wollten
sie mit gewaltiger Willensanstrengung das Dunkel durchbrechen, welches
ihn umgab.

"Wer zeigt mir," rief er, "wo die Wahrheit liegt, wo der rechte Weg ist,
den ich zu gehen habe! Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen meine
Beschlsse gefat, ich habe gethan, was ich fr meine Pflicht
hielt,--und nun finde ich mich einsam und verlassen, verlassen von
Denen, welche ich fr die Treuesten hielt! Fast mchte ich irre werden
an dem, was ich fr recht erkannt, denn Diejenigen, welche jetzt meinem
Willen widerstreben, habe ich stets als fest und muthig erkannt. Und die
mich hier mit Rath umgeben--"

Er seufzte tief auf.

"Ich wei, wie viel dem Grafen Platen zu den Eigenschaften fehlt, welche
den groen Staatsmann machen, ich wei, wie leicht er zu beeinflussen
ist.--Und doch, doch kann ich nicht anders handeln, ich habe die Mittel
nicht mehr, den Kampf in der Weise fortzusetzen wie bisher. Und jene
Emigranten, die ich ferner nicht untersttzen kann, werden ja, wenn sie
von derselben Begeisterung fr ihre Sache erfllt sind, welche einst
ihre Vter auf allen Schlachtfeldern Europa's fr ihren Knig kmpfen
lie, Mittel finden, sich mir dennoch zu erhalten und vielleicht--

"Oh, wer giebt mir Licht in diesem Dunkel--oh, da ich nur einmal die
Blicke und Mienen Derjenigen sehen knnte, die zu mir sprechen. Ich
wrde leichter erkennen knnen, wo die Wahrheit liegt."

Er sank wieder auf seinen Stuhl nieder, sttzte den Kopf in die Hnde
und blieb lange in tiefem Sinnen versunken.

Dann pltzlich schien ein Gedanke in ihm aufzusteigen, rasch bewegte er
die goldene Glocke, welche auf einem schn ciselirten Teller vor ihm
stand. Der Kammerdiener trat ein.

"Ist Graf Platen noch im Hause," fragte der Knig rasch.

"Zu Befehl, Majestt, der Graf ist bei Seiner kniglichen Hoheit dem
Kronprinzen."

"Rufen Sie ihn und den Kronprinzen."

Wenige Augenblicke darauf erschienen der Prinz Ernst August und der Graf
Platen abermals in dem Cabinet des Knigs.

"Sie sprachen mir vorhin," sagte Georg V., "von dem Feldwebel Strmann.
Ist er hier? Ich will ihn sprechen."

Graf Platen wechselte einen Blick mit dem Kronprinzen und erwiderte
dann:

"Der Feldwebel ist hier, Majestt, er hat soeben noch Seiner Kniglichen
Hoheit Bericht ber die Verhltnisse und Stimmungen unter den Emigranten
erstattet."

"Bringen Sie ihn her," sagte der Knig kurz.

Graf Platen ging hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Mann von
etwa vier- bis fnfundfnfzig Jahren, dem man trotz seiner brgerlichen
Tracht in seiner ganzen Haltung den alten Soldaten ansah, zurck.

Der Feldwebel Strmann war eine hagere drre Gestalt von Mittelgre,
sein kurzes graues Haar war militairisch geschnitten; sein langes
Gesicht von graugelber Farbe drckte Verschlossenheit und eigensinnige
Beschrnktheit aus. In seinen kleinen, etwas starr blickenden Augen lag
jene listige Verschlagenheit, welche man hufig in dem niederschsischen
Stamme findet. Er trug die Medaille von Langensalza in dem Knopfloch
seines einfachen grauen Rockes, trat einige Schritte vor und blieb dann
in militairisch dienstlicher Haltung stehen.

"Ich freue mich, Sie hier zu wissen, mein lieber Feldwebel," sagte der
Knig in kurzem, fast strengem Ton. "Ihre Kameraden haben Sie hierher
gesendet, sagen Sie mir, was dieselben denken und was in Paris unter
denselben vorgeht."

Der Feldwebel warf einen Blick auf den Grafen Platen, welcher leicht mit
dem Kopf nickte und sprach mit einer etwas schwerflligen Stimme, indem
er mit einer gewissen Mhe langsam die Worte hervorbrachte.

"Ich bin hierher gekommen, Knigliche Majestt, um genau zu erfahren,
was denn eigentlich Eurer Majestt Willen und Befehl ist, da weder ich,
noch meine Kameraden uns vollkommen klar darber sind."

"Und warum nicht," fragte der Knig kurz.

"Die Herren Officiere," sagte der Feldwebel, "welche mit uns nach
Holland gegangen sind, welche uns in der Schweiz und in Frankreich
commandirt haben, und zu welchen wir Alle das grte Vertrauen hatten,
haben uns vor einiger Zeit gesagt, da es der Wille Eurer Majestt sei,
fr uns eine Colonie in Algerien zu grnden, damit wir dort uns eine
neue Heimath schaffen und abwarten knnen, bis der Moment gekommen wre,
fr das Recht Eurer Majestt in den Kampf zu gehen.

"Weiter," sprach der Knig.

"Wir haben uns Alle bereit erklrt," fuhr der Feldwebel fort, "dorthin
zu gehen, obgleich uns viel Schlimmes von dem Lande erzhlt wurde. Aber
fr Eure Majestt und fr unsere heilige Sache," fuhr er fort, indem er
die Hand auf die Brust legte, "wrden wir ja bis an's Ende der Welt
gehen.

"Nun aber," sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, indem er
abermals zum Grafen Platen hinberblickte, "hat uns vor vier Wochen der
Herr Major von Adelebsen und der Herr von Mnchhausen, welche die
Standquartiere der Emigranten bereisten, mitgetheilt, da Eure Majestt
die Colonie in Algerien nicht wollten, da Sie vielmehr die Legionaire
entlassen wrden und Jeden auffordern lieen, zu erklren, wohin er zu
gehen beabsichtigte. Die Herren Officiere," sagte er dann, "haben uns
nun zwar besttigt, da von Eurer Majestt eine Colonie in Algerien
nicht mehr gegrndet werden wrde. Dennoch aber haben sie uns
aufgefordert, zusammen zu bleiben und einen Verband zu bilden und uns
gegenseitig zu untersttzen, wollen auch versuchen, ob es nicht mglich
sei, ohne Betheiligung Eurer Majestt von der franzsischen Regierung
die Herstellung einer Colonie zu erreichen, auf welcher wir eine
gemeinschaftliche Existenz uns beschaffen knnten. Es ist darber viel
hin- und hergesprochen, einzelne von den jungen Leuten wollen gern ihr
Glck in Algerien versuchen. Wir aber, die lteren und namentlich die
Unterofficiere wrden uns einem solchen Unternehmen nur anschlieen
wollen, wenn wir bestimmt wten, da wir darin dem Willen Eurer
Majestt gem handelten. Und dewegen bin ich hierher gekommen, um
womglich Eure Majestt zu fragen, was wir thun sollen."

"Der Unterofficier Strmann, Majestt," fiel Graf Platen ein, "und
seine Kameraden mchten es besonders Allerhchstdenselben zur
Beherzigung empfehlen, da sie durch langjhrige Dienstzeit eine
Pensionsberechtigung erworben haben, welche sie durch ihre Auswanderung
aus Hannover der preuischen Regierung gegenber verwirkten, sie glauben
dehalb, da Eure Majestt Gerechtigkeit anerkennen werden, wie sie in
andern Verhltnissen sich befinden, als die jngern in der Emigration
befindlichen Soldaten."

"Ich glaube," sagte der Kronprinz, "da Du das gewi anerkennen wirst,
Papa, und da die Unterofficiere jedenfalls anders gestellt werden
mssen, als die groe Masse der Emigranten."

"Gewi," rief der Knig lebhaft, "diejenigen gedienten Soldaten, welche
eine Pensionsberechtigung erworben haben, sollen keinen Schaden leiden.
Meine Kasse," sagte er mit etwas leiser Stimme, das Gesicht mit
fragendem Ausdruck auf den Grafen Platen hinwendend, "wird diese
Verpflichtung erfllen knnen?"

"Ganz gewi, Majestt," erwiderte der Minister.

"Dann," sagte der Feldwebel Strmann, "kann ich Eurer Majestt
versichern, da alle meine alten Kameraden hchst zufrieden und Eurer
Majestt besonders dankbar sein werden. Ich werde sehr glcklich sein,
ihnen das gndige Versprechen Eurer Majestt mittheilen zu knnen, und
wir werden unser Mglichstes thun, um die jngern Soldaten von
abenteuerlichen Unternehmungen abzuhalten."

"Am besten wre es," sagte der Kronprinz ein wenig zgernd, "wenn sie
nach Amerika auswanderten. Dort knnen sie ja doch noch am ersten ein
Unterkommen finden."

"Zu Befehl, Knigliche Hoheit," sagte der Feldwebel.

"Dann wren sie aber fr mich fr immer verloren," sprach der Knig halb
leise zu sich. "Nein, nein," rief er dann laut, "man soll keinen Einflu
in dieser Beziehung auf ihre Entschlieungen ben. Doch," fuhr er
abbrechend fort, indem er sich an den Feldwebel wandte, "haben denn die
Leute eine so groe Neigung gehabt, nach Algerien zu gehen, da meine
Officiere so sehr auf diesen Plan bestehen? Sie wissen vielleicht, da
im Lande Hannover die ganze Bevlkerung eine groe Abneigung gegen
dieses Project hat und befrchtet, die Leute knnten dort zu Grunde
gehen?"

Der Feldwebel blickte fragend auf den Kronprinzen und Graf Platen; dann
sprach er:

"Die Leute sind durch die Officiere fortwhrend in dem Gedanken bestrkt
worden, da eine Colonie in Algerien fr sie das Beste sei,--ich habe,"
fuhr er fort, "immer meine Bedenken dagegen gehabt. Und ich habe wohl so
Manches gehrt--da die franzsische Regierung eine solche Colonie sehr
wnsche, um die unbebauten Gegenden in Algerien fruchtbar zu machen. Man
hat sich so Manches erzhlt."

Er schwieg abbrechend.

"Was hat man sich erzhlt?" fragte der Knig.

"Nun," sagte der Feldwebel, "man spricht so Allerlei, was ich Eurer
Majestt aber gar nicht erst wiedererzhlen mchte."

"Ich will Alles wissen," sagte der Knig. "Was spricht man?"

"Majestt," sagte der Feldwebel, "das Algerien soll ein schnes und
fruchtbares Land sein, es hat aber ungesundes Klima und es ist Niemand
da, um es zu bebauen.--Die Franzosen sind sehr schlechte Landarbeiter,
da wre es denn der franzsischen Regierung wohl sehr angenehm, wenn
krftige deutsche Einwanderer ihnen helfen wrden, das Land zu
cultiviren. Man hat schon verschiedene solche Colonien gemacht, wie man
mir in Paris erzhlt hat. Es sind Unternehmer zusammengetreten, um Leute
anzuwerben und dort hinzufhren. Den Colonisten soll es schlecht
gegangen sein, sie sind von Krankheiten dahingerafft, nachdem sie die
ersten Arbeiten gethan und das Land fruchtbar gemacht hatten. Aber die
Unternehmer haben groe Besitzungen von der Regierung erhalten, sehr
eintrgliche Herrschaften, und sie sind groe, reiche Herren geworden.
Nun, das knnte wohl Manchen ja schon locken, um etwas Aehnliches zu
unternehmen. Ich kann mir so Etwas von unseren Officieren nicht denken;
aber man wird doch etwas stutzig, wenn man Dergleichen so von
verschiedenen Seiten hrt."

Der Knig zuckte zusammen, in schmerzlicher Erregung zitterte sein
Gesicht, er streckte den Arm aus und legte die Hand auf die Schulter des
Kronprinzen.

"Ernst," rief er, "Ernst, jetzt sehe ich klar.--Darum also dieser Plan,
darum dieser Widerstand gegen meinen Willen."

Ein fast unwillkrliches Lcheln glitt ber die Lippen des Kronprinzen.
Graf Platen neigte leicht den Kopf gegen den Feldwebel und sprach dann
zum Knig gewendet:

"Es ist doch gut, da Eure Majestt die Gnade gehabt haben, den
Feldwebel Strmann anzuhren. In unklaren Verhltnissen fhrt es immer
zur richtigen Erkenntni, wenn man die Sache von allen Seiten hin
beleuchten lt.--Und es wird gewi von groem Nutzen sein, wenn der
Feldwebel seine Kameraden ber den wahren Willen Eurer Majestt
aufklrt."

"Ich danke Ihnen, mein lieber Feldwebel," sagte der Knig, "ich gebe
Ihnen noch einmal das Versprechen, da die Pensionsberechtigung der
Unterofficiere ihre Anerkennung finden soll."

Der Feldwebel wandte sich kurz und militairisch um und ging hinaus.

"Ich erwarte also," sagte Georg V. mit matter Stimme, "da Sie sogleich
die Vollmachten fr den Major von Adelebsen ausfertigen. Er soll so
schnell als mglich abreisen. Senden Sie sogleich an Meding den Befehl,
da er die Untersttzungen der franzsischen Behrden in den
Stationsorten der Emigration fr die Auflsung der Legion
bewirke.--Ernst," fuhr er fort, "Du sollst mich begleiten, ich will
einen Spaziergang machen. Ich bedarf der freien weiten Luft, der enge
Raum dieses Zimmers erdrckt mich mit all den traurigen Gedanken, mit
denen diese bittern Erfahrungen mich erfllen."

Er klingelte, der Kammerdiener brachte ihm auf seinen Befehl die kleine
sterreichische Mtze und die Handschuhe, und, auf den Arm des Prinzen
gesttzt, schritt er in den Park hinaus.




Siebentes Capitel.


Die unruhige Bewegung auf den Straen von Paris hatte ein wenig
nachgelassen, dennoch sah man in den Abendstunden eine grere Menge als
sonst auf den hell erleuchteten Boulevards hin und herziehen. Man sah
noch einzelne von jenen Gestalten, welche man sonst nicht zu bemerken
pflegte und welche einzeln oder zu Zweien oder Dreien ruhig
einhergingen, finstern Blickes die Spaziergnger betrachtend und
zahlreich genug, um im gegebenen Moment und auf ein gegebenes Signal
eine Zusammenrottung zu bilden.

Die sergeants de ville standen in verstrkter Zahl an den Straenecken,
und so wie irgend eine Stockung des Verkehrs eintreten zu wollen schien,
ersuchten sie das Publikum hflich, aber bestimmt, weiter zu gehen.

Die Gruppen vor den Kaffeehusern, welche dort bei ihrem Glas Bier von
Dreher, bei ihrem Grog amricain oder bei ihrem Glase Cognac trotz der
noch kalten frischen Luft im Freien saen, sprachen lebhaft, doch ohne
da man eine besonders bedenkliche Aufregung htte bemerken knnen.

Der allgemeine Eindruck war, da die Bewegung, welche durch die
Verhaftung Rocheforts hervorgerufen worden, vorber sei, und da
dieselbe weiter keine Consequenzen haben werde. Man war allgemein
zufrieden mit dem Verfahren des Kaisers, welcher nur im Falle des
uersten Widerstandes das Militair hatte einschreiten lassen, und die
Popularitt Napoleon III. war durch seine persnliche Fahrt ber die
Boulevards und durch die unruhigsten Stadttheile sehr bedeutend
gestiegen. Man hatte von Neuem gesehen, da der Kaiser sich nicht
frchte, und nur der Souverain kann Frankreich beherrschen, ber welchen
die Furcht keine Macht hat.

Vor einem der Cafs auf dem Boulevard des Italiens saen an einem
kleinen Tische mehrere Officiere der hannverschen Legion und suchten
den unangenehmen Einflu des nebelhaften feuchten Wetters durch einige
Glser norddeutschen Punsches zu bekmpfen, den sie sich nach ihrer
Anweisung von dem Garon hatten bereiten lassen, der ein gewisses
Erstaunen ber die sehr unbedeutende Rolle nicht unterdrcken konnte,
die dem heien Wasser gegenber dem Arac in diesem Getrnk zugewiesen
war.

An der Mitte des Tisches sa ein wenig zusammengebckt auf einem
hlzernen Stuhl der Major von Dring, eine kleine schmchtige, aber
nervse und muskelkrftige Gestalt. Das schmale, scharf markirte und
bleiche Gesicht mit dem starken, spitz gedrehten, blonden Schnurbart und
den lebhaften, graublauen Augen drckte muthige Entschlossenheit und
feine Intelligenz aus. Der hohe schwarze Hut war ein wenig in den Nacken
gedrckt und lie die stark gewlbte Stirn zur Hlfte frei.

Er hllte sich ein wenig frstelnd in seinen Ueberrock und trank in
kleinen Zgen das heie dampfende Getrnk, welches vor ihm stand.

"Ich sage," sprach Herr von Dring, nachdem er lngere Zeit schweigend
in das Treiben der Vorbergehenden geblickt und, indem er sich zu dem
neben ihm sitzenden Premierlieutenant von Tschirschnitz wandte, einem
groen, schlanken, jungen Manne, dessen Gesicht mit starkem vollem Bart
freimthige Offenheit ausdrckte, "ich sage Euch, die Sache wird sehr
schlimm werden und unsere Aussicht auf die Zukunft ist wahrlich nicht
rosig."

"Das bemerkte schon jener Unterofficier," erwiderte Herr von
Tschirschnitz mit einem gewissen trockenen Humor, "welcher bei einer
Zusammenkunft unserer Leute die kurze und schlagende Rede hielt: Nummer
Eins,--Zweitens--ad Drei--um kurz von der Sache zu sein--wir sehen einer
schaudervollen Zukunft entgegen."

Alle lachten.

"Ich begreife nicht," sagte Herr von Dring, schnell wieder ernst
werdend, "wie Ihr noch Lust zu scherzen haben knnt! Die Lage ist doch
wahrhaftig ernst genug.--Ich will von uns gar nicht sprechen, aber alle
diese armen Leute, fr die wir doch mit verantwortlich sind, sie knnen
noch weniger wie wir sich eine andere Existenz und eine andere
Lebensstellung schaffen, wenn man sie einfach mit einer kleinen Summe in
der Tasche in die Welt hinaus schickt."

"Warum sollte ich den Humor verlieren," erwiderte Herr von Tschirschnitz
mit heiterm Ton, durch welchen jedoch eine gewisse tiefe Bitterkeit
hindurchklang, "ich bin ja jetzt Generaladjutant geworden und habe die
Legion zu commandiren--ich habe den panache.--Es ist wahrhaftig ganz wie
in der 'Groherzogin von Gerolstein'; ich glaube nicht, da meine
Herrschaft lange dauern wird und dann kann ich mit Euch zusammen
Schulmeister werden. Jetzt aber"--er schlug die Arme untereinander,
blickte Herrn von Dring mit komischem Blinzeln der Augen an und sagte,
die Worte des Fritz aus der grande-duchesse citirend--

"Mauvais gnral."

"Wenn der panache an mich kommt," sagte der Lieutenant Gtz von
Ohlenhusen, ein noch ganz junger Mann mit hbschem, etwas phlegmatischem
Gesicht, indem er einen langen Zug aus seinem Glase that, "wenn der
panache an mich kommt, ich werde ihn nicht annehmen."

"Seid ruhig," erwiderte Herr von Tschirschnitz, "bis er an Euch kommt,
wird er schon so zerpflckt sein, da keine Feder mehr daran ist, doch
nun," fuhr er ernst fort, "ganz aufrichtig gesprochen, ich glaube
wirklich nicht, da die Sache so schlimm ist. Es ist ja ganz richtig,
da alle mglichen Intriguen den Knig umlagern, aber Er ist doch ein
Herr von edelster Gesinnung und hohen ritterlichen Gefhlen; wenn er
unsere Vorstellungen hrt, so wird er jedenfalls noch einmal ber die
Sache nachdenken.--Wir wollen ja durchaus dasselbe, wie er, wir wollen
ja, da seine schon so belastete Kasse von dieser groen Ausgabe fr die
Legion befreit werde, nur wollen wir das in einer Weise machen, da die
armen Leute nicht rath- und hilflos ihrem Schicksal preisgegeben
werden, sondern da sie im Zusammenhang untereinander der Sache des
Knigs erhalten bleiben. Will der Knig die Vertheidigung seines Rechtes
fortsetzen, so mu er sich doch Diejenigen, welche sich ihm dazu zur
Verfgung gestellt haben, auf irgend eine Weise erhalten, und da kann
nur hier auf neutralem Boden geschehen, wo sie Schutz finden. Will er
aber sein Recht aufgeben--nun das ist ja seine Sache. Und vielleicht,"
fgte er seufzend hinzu, "wre es bei der Art und Weise, wie sie
gehandhabt wird, das Beste. Dann soll man wenigstens fr die Emigranten
straffreie Rckkehr nach ihrer Heimath erwirken. Das Alles mu doch dem
Knig einleuchten, er mu sich ja doch berzeugen, da wir, die wir ihm
unsere Treue durch die That bewiesen haben, wahrlich nicht ohne Grund
gegen seine Befehle demonstriren."

"Glaubt Ihr denn," fragte Herr von Gtz, "da dem Knige unsere
Vorstellungen zur Kenntni kommen?--Glaubt Ihr denn, da er Mengersen
und Heyse empfangen und hren wird?"

"Das glaube ich gewi!" rief Herr von Tschirschnitz mit festem Ton. "Ich
glaube nicht, da Jemand es wagen wrde, dem Knige Etwas zu
verheimlichen oder etwas Unrichtiges vorzutragen. Das wre doch in der
That eine zu groe Nichtswrdigkeit."

Herr von Dring schttelte langsam den Kopf.

"Mir sind in der letzten Zeit," sagte er, "in dieser Beziehung sehr
erhebliche Zweifel aufgestiegen. Schon seit lngerer Zeit erhalte ich
auf verschiedene Berichte, die ich ber die Verhltnisse der Legion nach
Hietzing gesandt, Antworten, die durchaus nicht auf das passen, was ich
geschrieben habe und welche nur dann einen Sinn haben, wenn meine
Berichte vollstndig miverstanden wren, was doch bei der klaren
Fassung derselben und bei dem seinen Verstndni des Knigs kaum mglich
ist."

"So haltet Ihr es fr mglich," rief der Lieutenant von Harling, ein
junger, dunkel brnetter Mann mit feurigen, schwarzen Augen, "so haltet
Ihr es fr mglich, da dem Knige Etwas falsch vorgelesen oder Etwas
verschwiegen wrde?"

"Ich will keine bestimmte Meinung aussprechen," sagte Herr von Dring,
"ich constatire nur die Thatsache, da die Antworten, welche ich aus
Hietzing erhalte, absolut auf meine Berichte nicht passen, da sogar in
einigen dieser Antworten mir ausdrcklich Aeuerungen untergelegt
werden, die ich niemals gemacht habe."

"Es wre doch vielleicht besser gewesen," sagte Herr von Harling, gegen
den Major von Dring gewendet, "wenn Sie oder Herr von Tschirschnitz
nach Hietzing gegangen wren. Ich wei nicht, ob Mengersen und Heyse
unsere Sache richtig fhren werden. Mengersen spricht etwas viel und
Heyse ist etwas bescheiden und zurckhaltend."

"Ich sollte nach Hietzing gehen," rief Herr von Dring lebhaft, "nach
der Behandlung, die man mir hat widerfahren lassen, nachdem man mich
ungehrt auf die schndeste und rcksichtsloseste Weise meiner
Funktionen enthoben hat, deren Fhrung doch wahrlich unter diesen
Verhltnissen ein Act besonderer Hingebung gegen den Knig war,
niemals!" rief er. "Ich will nur noch meine Geschfte ordnungsmig
bergeben, will so viel ich kann fr das knftige Schicksal der Leute
sorgen, und dann wende ich unserer verlorenen Sache, welche ein so
trauriges Ende nimmt, fr immer den Rcken. Ich werde keine Mhe und
Arbeit scheuen, um mir eine Stellung zu erwerben, und ich hoffe auch,
da mir das gelingen wird. In der Trkei braucht man Officiere, der
Viceknig von Aegypten sucht Instructeure fr seine Armee. Ich kenne die
orientalischen Verhltnisse einigermaen durch meine Dienstzeit in
Algier, und ich hoffe, dort meinen Platz zu finden."

"Oh, warum habe ich meine Compagnie in Sachsen im Stich gelassen," rief
Herr von Tschirschnitz seufzend, "die man mir ganz fertig anbot, gerade
in dem Augenblick, als die Emigration nach Holland in's Werk gesetzt
wurde. Ich lebte dann heute ruhig und friedlich, htte die Aussicht auf
eine vortreffliche Carrire und htte nicht nthig, diese traurige
Erfahrung ber die Undankbarkeit der Frsten zu machen."

Ein rasch vorberschreitender kleiner Mann von etwa vierzig Jahren in
einem dunklen Paletot und einen etwas in die Stirn gedrckten Hut auf
dem Kopf, blieb pltzlich stehen und nherte sich den Officieren. Sein
Gesicht von Intelligenz und Schlauheit und von beweglichem Mienenspiel
hatte jene helle, wei und rothe Frbung der nordlndischen Race. Ein
Grtel von dichten Sommersprossen, welche in dieser Jahreszeit weniger
scharf hervortraten, lief ber seine spitze, etwas hervorspringende Nase
hin, seine kleinen, hellblauen, scharfen Augen blickten scharf und
beobachtend umher.

Freundlich erwiderten die Officiere seinen Gru, als er an ihren Tisch
trat.

"Ich begreife nicht, meine Herren," sagte er, "wie Sie es aushalten
knnen, in dieser Klte hier auf der Strae zu sitzen, dazu mu man ein
geborner Pariser sein, welcher gar kein Ma und keine Empfindung fr
die Grade der Klte hat. Ich fr meine Person friere hier mehr, als ich
es je in meinem nordischen Vaterlande gethan habe und kann mich nicht
dazu verstehen, mich im Winter in's Freie zu setzen."

"Sie sehen so vergngt aus," sagte Herr von Tschirschnitz zu dem
bekannten dnischen Journalisten und Agitator fr die Sache Dnemarks,
Herrn Hansen, "haben Sie Aussicht, da der Artikel V. des Prager
Friedens endlich ausgefhrt wird?"

Herr Hansen wehrte mit der Hand ab.

"Sprechen Sie mir nicht davon," sagte er halb lchelnd, halb mimuthig,
"dieser Artikel V. ist eine Schraube ohne Ende, an welcher man
fortwhrend dreht, welche aber niemals weiter kommt. Was habe ich mir
fr Mhe gegeben, da dieser Artikel in den Prager Frieden aufgenommen
werden mchte. Nun ist es geschehen, und meine Landsleute sind so weit
wie sie waren. Man hat ja hier nicht einmal die Courage, ein lautes Wort
fr unser Recht zu sprechen, geschweige denn wird man jemals Etwas dafr
thun."

"Glauben Sie denn, da die Schwachheit und Unthtigkeit," fragte Herr
von Dring, "mit welcher die Regierung hier gegenwrtig zu verfahren
scheint, ewig dauern wird? Ich sehe," fuhr er fort, "da in
militrischen Kreisen eine groe Thtigkeit herrscht, und man thut dort
berall so, als ob eine mchtige Action unmittelbar vor der Thre
steht."

"Bah," sagte Herr Hansen, "das wei ich nicht, danach mssen Sie Nlaton
fragen."

"Nlaton?" fragte Herr von Tschirschnitz etwas erstaunt, "macht der
Doctor Nlaton jetzt die Politik?"

"Er kann wenigstens allein wissen," erwiderte Herr Hansen, "ob und wann
der Kaiser im Stande sein wird, berhaupt wieder Politik zu machen. Wenn
man jetzt wissen will, was geschehen wird, so mu man nicht die
Minister, sondern die Leibrzte fragen. Sehen Sie doch die Zeitungen
an," sprach er weiter, "die wichtigsten Mittheilungen darin sind die
Nachrichten ber das Befinden des Kaisers. Das ist das Zeichen der Zeit.
Die ffentliche Meinung fhlt sehr gut, wo der Schwerpunkt des
politischen Lebens liegt, und wo jede thtige Action den Stein des
Anstoes findet."

"Doch," fuhr abbrechend fort, "sagen Sie mir, ist es wahr, da der Knig
von Hannover seine Legion auseinander schicken und seine Sache aufgeben
wird?"

Die Officiere blickten mit einer gewissen Verlegenheit zu Boden.

"Die Unterhaltung der Legion wird auf die Dauer zu kostspielig," sagte
Herr von Dring, "in der bisherigen Weise wird sie kaum weiter gehalten
werden knnen. Sie wissen ja, da man das Vermgen des Knigs confiscirt
hat, und da ihm nur wenig brig bleibt."

Herr Hansen schttelte den Kopf.

"Die einfache Auslsung der Legion," sagte er, "nachdem sie so lange
gehalten ist und so viel Geld gekostet hat, wre ein groer Fehler.
Frher oder spter wird ja doch die groe europische Katastrophe zum
Ausbruch kommen. Wenn der Knig berhaupt noch handeln will, so mu er
die Mittel dazu in Hnden behalten."

"Nun," sagte er, "wir sehen uns ja wohl heute Abend noch bei Herrn
Meding, ich will jetzt einen Augenblick den Salon von Herrn Thiers
besuchen, dessen Empfangstag heute ist. Au revoir, meine Herren."

Rasch schritt der kleine, lebhafte Mann weiter, durchschnitt mit groer
Geschicklichkeit die dichte Menschenmasse auf den Boulevards, wandte
sich dann in die Rue du Faubourg Montmartre und erreichte nach kurzer
Zeit den Platz St. George mit der kleinen Fontaine in der Mitte. An der
einen Eckseite desselben, durch ein hohes, eisernes Gitter von der
Strae getrennt, lag das von Bumen umgebene kleine Hotel des Herrn
Thiers. Im Garten desselben dehnte sich der sprichwrtlich gewordene,
wunderbar schne und sorgfltig gepflegte Rasen aus, auf dessen grner
Flche das Auge des berhmten Geschichtsschreibers der Revolution und
des Kaiserreichs whrend seiner Arbeiten mit besonderem Wohlgefallen zu
ruhen pflegte.

Einige Coups hielten vor dem Eingangsthor. Herr Hansen schritt durch
den etwas auswrts fhrenden breiten Weg zu der innern Hausthr hin,
trat in einen kleinen, matt erleuchteten Vorplatz, wo ein Kammerdiener
im schwarzen Anzug ihm den Ueberrock abnahm und dann die Thr des Salons
ffnete, indem er mit lauter Stimme den Namen des Eintretenden
hineinrief.

Die beiden, nicht groen Salons des frheren Ministers Louis Philipp's
waren mit einer anspruchslosen Einfachheit mblirt. Der einzige Schmuck
derselben bestand in uerst werthvollen antiken Kunstwerken, welche auf
kleinen Consolen und Tischen in den Ecken standen und in wenigen
Oelgemlden vorzglicher Meister.

Es waren nur erst wenige Personen in diesen Salons. In dem ersten Zimmer
standen einige Herren in eifrigem, aber etwas leise gefhrtem Gesprch
beisammen. In dem zweiten, etwas matter erleuchtetem Salon sa auf
einem Canapee vor einem kleinen Tisch Madame Thiers, eine schlanke,
magere und etwas steife Gestalt mit einem fein geschnittenen blassen
Gesicht von kaltem, beinahe strengem Ausdruck, der jedoch in der
Unterhaltung durch eine angenehme, herzliche und gewinnende
Freundlichkeit gemildert wurde. Sie war das Bild einer einfachen
brgerlichen Hausfrau, nicht nur in ihrer Haltung und ihren Bewegungen,
sondern auch in ihrer Gesprchsweise, obgleich sie es zuweilen verstand,
mit groer Feinheit und scharfem, geistvollem Urtheil an der
Unterhaltung ber die ernstesten Gegenstnde der Politik oder der
Wissenschaft Theil zu nehmen.

Neben ihr sa Frulein Dosne, ihre Schwester, nicht viel jnger als sie
und ihr unverkennbar hnlich, obwohl ihre ganze Erscheinung weniger
bedeutend, weniger sicher und noch mehr kalt und zurckhaltend war.

Beide Damen trugen einfache Toiletten von schwarzer Seide und kleine
hellblaue Bandschleifen und waren mit einer Tapisseriearbeit
beschftigt.

In einiger Entfernung von dem Tisch, vor welchem sie saen und auf dem
eine groe Moderateurlampe mit dunkelblauem, flachem Glasschirm brannte,
sa in einem groen Lehnstuhl fast verschwindend, der berhmte
Staatsmann, welcher lange Zeit das parlamentarische Leben Frankreichs
beherrscht hatte und dessen constitutionelles Wechselspiel mit Herrn
Guizot einst den Mittelpunkt des Interesses Europa's bildete.

Seine kleine, fast zwerghafte Gestalt war grade aufgerichtet gegen die
hohe Rcklehne seines Sessels gesttzt; die beiden Arme lagen auf den
Seitenlehnen, der Kopf war ein wenig herabgesunken, und das Kinn begrub
sich fast in den Falten seiner hohen, blendend weien Halsbinde. Das
runde, sonst so bewegliche Gesicht mit der unter den abwrts gekmmten,
weien Haaren scharf hervortretenden, hoch gewlbten Stirn, der feinen
Nase und dem breiten, fast immer halb gutmthig, halb sarkastisch
lchelnden Munde,--dies Gesicht, welches sonst den reichen Redestrom des
gelehrten Doctrinrs mit so ausdrucksvollem, bewegtem Mienenspiel
begleitete,--war unbeweglich und still. Die Augen, welche sonst so
scharf und fein und so wohlwollend freundlich zugleich blickten, waren
geschlossen.--Herr Thiers schlief, wie er stets nach Tische zu thun
pflegte, und es war ein still schweigendes Uebereinkommen unter allen
Besuchern dieses einst so glnzenden, in der Kaiserzeit mehr und mehr
vereinsamten Salons, den Schlaf des alten Herrn nicht zu stren.

Herr Hansen trat mit leisem Schritt in den zweiten Salon, grte Madame
Thiers und Frulein Dosne mit schweigender Verbeugung, welche die Damen
ebenfalls schweigend mit liebenswrdiger Artigkeit, aber mit einem
leichten Seitenblick nach dem Lehnstuhl des Herrn Thiers erwiderten und
zog sich dann wieder in das erste Zimmer zurck.

Er nherte sich einer Gruppe von Herren, welche sich in der Nhe des
Fensters mit einander unterhielten.

In der Mitte derselben befand sich Herr Wei, der frhere Redacteur des
Journals de Paris, jetzt Staatsrath und Generalsecretair in dem neu
errichteten Ministerium der schnen Knste, welches Herr Ollivier fr
seinen Freund Maurice Richard geschaffen hatte, und fr welches man sich
bemhte, aus verschiedenen Ressorts einen Geschftskreis herzustellen.

Herr Wei, ein mittelgroer, schmchtiger Mann mit blassem, geistig
belebtem Gesicht von mehr feinen, als mnnlich krftigen Zgen, in
seiner ganzen Haltung ein wenig an einen deutschen Professor erinnernd,
sprach mit dem Herzog Audiffret-Pasquier und dem Historiker Mignet ber
die neue Entwicklung des Kaiserreichs.

"Ich frchte," sagte Herr Mignet, "da die Ueberfhrung der so
ausschlielich persnlichen Regierung, welche wir bis jetzt gehabt
haben, in die constitutionelle Form nicht ohne ernste Erschtterung
vorbergehen kann,--nicht nur, da der ganze Constitutionalismus den
Traditionen und den Grundprincipien des Napoleonischen Kaiserreichs
wesentlich widerspricht--es ist auch eine Erfahrung, welche unsere
Geschichte deutlich zeigt, da die franzsische Nation nicht besonders
geeignet ist fr allmlige und vermittelnde Uebergnge. Das System,
welches man jetzt inaugurirt, beruht in der Vertretung des ffentlichen
Willens durch Reprsentanten, welche nach bestimmten, gesetzlich
geregelten Grundstzen aus den verschiedenen Klassen des Volkes
hervorgehen, und unter denen natrlich die Vertreter der Intelligenz und
des Besitzes den bedeutendsten Einflu fr sich in Anspruch nehmen.
Dadurch bildet sich das Leben der Parteien aus. Die Aufgabe der
Regierung ist es, durch die Herstellung des Gleichgewichts zwischen den
Parteien die ffentlichen Angelegenheiten zu fhren. Das Kaiserreich
aber basirt wesentlich auf dem Volkswillen ohne eine gesichtete
Vertretung, auf der noch unklaren, aus wechselnden Gefhlen und
Stimmungen sich bildenden Majoritt der Massen. Hier stehen sich nur die
Autoritt und die Masse gegenber, welche entweder vereint herrschen
oder sich mit Gewalt gegen Gewalt bekmpfen mssen. Es ist eine schwere
Arbeit, welche das jetzige Ministerium bernommen hat, diese beiden, so
weit aus einander liegenden, ja sich fast scharf gegenber stehenden
Prinzipien mit einander zu vershnen, und auf dem Boden des Csarismus
ein constitutionelles Staatsleben erwachsen zu lassen."

"Eine Aufgabe," rief der Herzog Audiffret, "bei welcher das Ministerium
sicher auf den Beistand jedes guten Franzosen, jedes freisinnigen und
klar denkenden Mannes rechnen kann--"

"Und eine Aufgabe," fiel Herr Wei mit seiner leisen und etwas monotonen
Stimme ein, "an deren Erfllung ich glaube und zu der jedenfalls die
Regierung und Alle, die ihr angehren, den besten und redlichsten Willen
mitbringen. Auch glaube ich nicht," fuhr er fort, "da die Schwierigkeit
derselben so gro ist, als sie Herrn Mignet erscheint. Ich glaube, da
gerade das constitutionelle System das einzige ist, nach welchem
Frankreich auf die Dauer regiert werden kann. Der Kampf der Parteien in
der Arena der Kammern giebt allen Ansichten Raum, um sich geltend zu
machen, und dadurch wird am sichersten ein gefhrlicher Ausbruch der
einen oder der andern extremen Richtung vermieden. Auerdem soll das
constitutionelle System das Land vor unberlegten und gefhrlichen
Actionen nach Auen bewahren, zu dem Csarismus und der Demokratie am
Meisten neigen, denn sowohl die Massen des Volkes, als ein allmchtiger
Selbstherrscher sind von persnlichen und augenblicklichen Eindrcken in
besonders hohem Grade abhngig. Beide neigen zur Tyrannei, bei Beiden
liegt die Gefahr eines gefhrlichen Spieles mit der nationalen Kraft und
dem Nationalwohlstand.--Ich glaube nicht, da unter einer
constitutionellen Regierung, wie wir sie jetzt anbahnen, eine
mexikanische Expedition mglich sein wrde. Was brigens die Verbindung
der Napoleonischen Tradition mit dem constitutionellen System betrifft,
so macht sich dieselbe nach meiner Ueberzeugung sehr leicht, so bald nur
eben von Seiten des Kaisers, wie das jetzt der Fall ist, offen und frei
die Verstndigung mit den verfassungsmigen Reprsentanten der Nation
erstrebt und gesucht wird."

"General Changarnier und der Herzog von Broglie," rief der Kammerdiener
in den Salon und neben einander traten der Reprsentant des alten
franzsischen Adelsgeschlechts in seiner vornehmen, eleganten Haltung
und der greise General des Juliknigthums herein.

General Changarnier war trotz seiner vom Alter gebrochenen Haltung eine
etwas noch militairisch krftige Erscheinung. Der Ausdruck seines
ernsten wrdevollen Gesichts mit dem weien Bart und Haar war einfache
natrliche Offenheit,--seine klaren, etwas tief liegenden Augen blickten
ruhig und nachdenklich, seine Bewegungen waren von schlichtester und
ungesuchtester Natrlichkeit.

Die beiden Eintretenden wandten sich nach dem zweiten Salon.

Herr Thiers hatte bei der Nennung ihrer Namen leicht mit den Augen
geblinzelt, dann dieselben ganz geffnet und sich von seinem Stuhl
erhoben. Sein Gesicht nahm sofort die demselben eigentmliche
ausdrucksvolle Beweglichkeit an,--mit schnellen Schritten nherte er
sich der Eingangsthr und begrte mit vertraulicher Herzlichkeit den
Herzog und den General, welche darauf den Damen des Hauses ihre
Complimente machten.

Der Herzog von Broglie setzte sich neben Madame Thiers, whrend deren
Gemahl seine Hand leicht auf den Arm des Generals Changarnier legte, und
indem er von unten zu demselben hinaussah, mit seiner ausdrucksvollen,
etwas scharfen Stimme sprach:

"Ich habe Sie lange nicht gesehen, mein alter Freund, Sie machen sich
selten, das ist nicht gut. Man wird alt, wenn man sich von der
Gesellschaft zurckzieht."

"Ich habe nicht nthig, alt zu werden," sagte der General einfach, "ich
bin es schon und habe kaum eine Gemeinschaft mit der heutigen Welt mehr.
Mein Leben liegt in der Erinnerung an die Vergangenheit."

"Sie haben Unrecht, mein Freund," erwiderte Herr Thiers, "man gehrt
immer dem Leben und der Gegenwart an, so lange man athmet. Die
Erinnerungen sind nur dazu da, um uns die Gegenwart besser verstehen zu
lassen. Darin liegt das Uebergewicht, welches ein alter Kopf ber die
gegenwrtige Generation hat, wenn er eben nur durch die Jugendfrische
des Herzens und der Empfindungen untersttzt ist."

"Dazu gehren aber auch," sagte der General seufzend, "gesunde Nerven
und ein gesunder Magen. Beides habe ich nicht in dem Mae wie Sie."--

"Weil Sie daran denken," rief Herr Thiers, "wenn man nie an die
Krankheit denkt, so rumt man ihr keine Macht ber uns ein. Unser
schlimmster Feind ist die Unthtigkeit.--Ich habe mich immer durch die
Thtigkeit jung und frisch erhalten; nachdem ich aufgehrt habe
Staatsmann zu sein, bin ich wieder Schriftsteller geworden. Und dadurch
halte ich mich im Stande," fgte er lchelnd hinzu, "wenn es einmal
nthig sein sollte, wieder Staatsmann zu werden."

"Ein Militair," sagte der General achselzuckend, "kann sich seine
Thtigkeit nicht willkrlich suchen. Wir stehen auf einem exclusiv
abgeschlossenen Gebiet, und wenn uns dies Gebiet verschlossen wird, so
bleibt uns nichts brig als die Reflexion und die Erinnerung."

"Ein Gebiet, das eine Zeit lang verschlossen war, kann sich aber wieder
ffnen. Es scheint ja, da Frankreich jetzt zu besseren Zustnden
bergeht und da eine Reihe seiner besten Shne nicht mehr von aller
patriotischen Thtigkeit ausgeschlossen werden sollen. Es kann ja
auch--und ich hoffe es--die Zeit wieder kommen, in welcher Ihr Degen
noch einmal dem Vaterlande groe Dienste zu leisten berufen sein wird."

Der General lchelte bitter.

"Unter der Herrschaft dieses Kaisers Napoleon III.? sagte er--Sie
scherzen."

"Warum?" fragte Herr Thiers, "man mu in der Politik niemals die Person
in Betracht ziehen, sondern immer nur die Dinge und die Verhltnisse;
und dem Vaterlande zu dienen ist immer edel und gut, welche Person
dasselbe auch an seine Spitze gestellt haben mag. Wenn der Kaiser
Napoleon nach gesunden und richtigen Prinzipien zu regieren sich
entschlieen kann, so wrde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, seine
Regierung zu untersttzen, obwohl ich doch wahrlich auch--nicht dafr
bezahlt bin, ihn zu lieben--," sagte er lchelnd.

"Kann dieser Kaiser berhaupt nach gesunden Prinzipien regieren?" fragte
Changarnier, indem ein bitterer Ausdruck auf seinem sonst so freundlich
wohlwollenden Gesicht erschien. "Kann man das Vertrauen zu ihm haben,
da er die Principien, welche er ausspricht, auch wirklich zur
Richtschnur seiner Handlungen macht?

"Nun," sagte Herr Thiers, "er hat uns Beide schlecht genug behandelt,
aber ich mu gestehen, da ich auf dem Wege, den er jetzt eingeschlagen
hat, gern bereit bin ihn zu untersttzen."

"Er hat," sprach der General, "Ihr Vertrauen nicht in dem Mae getuscht
wie das meinige. Ich werde es nie vergessen und ihm nie verzeihen, wie
er vor dem Staatsstreich meine Arglosigkeit benutzt hat, um jeden
Widerstand gegen jenes Attentat unmglich zu machen.--

"Er lie mich," fuhr er fort, whrend Herr Thiers ihn fragend und
erwartungsvoll anblickte, "wenige Tage vor dem 2. December in sein
Cabinet in dem Palais Elyse rufen und unterhielt sich eingehend und
anscheinend mit groer Offenheit mit mir ber die damalige Lage
Frankreichs. Er betonte die Notwendigkeit, in die unmittelbare Nhe von
Paris diejenigen Truppen zu bringen, welche der Republik am sichersten
und ergebenden seien, da mglicher Weise Unruhen entstehen knnten,
welche im Stande sein mchten, die Freiheit der Verhandlungen der
Nationalversammlung zu beeintrchtigen.--Auf einem Tische in der Mitte
seines Zimmers lag eine groe Karte von Frankreich ausgebreitet, auf
welcher mit langen Nadeln, welche die Bezeichnungen der verschiedenen
Regimenter auf kleinen Tafeln trugen, die Standquartiere der einzelnen
Truppentheile angegeben waren. Der Prsident ersuchte mich, durch diese
Nadeln die Truppendislocationen anzugeben, welche ich fr erforderlich
und zweckmig hielt. Ich that dies und stellte die Zeichen aller
derjenigen Regimenter, deren Fhrer und deren Soldaten ich als der
Verfassung und der Republik am meisten ergeben kannte, in die Garnisonen
in der unmittelbaren Umgebung von Paris.--Der Prsident, welcher
aufmerksam zugesehen hatte, sagte mir, da er die erforderlichen Befehle
zu diesen Dislocationen sofort ertheilen lassen wolle, und wir trennten
uns in der freundlichen Weise. Er hatte auf diese Weise," fuhr der
General fort, "nur die der Republik ergebenen Regimenter erkennen
wollen, denn unmittelbar, nachdem ich ihn verlassen, lie er diejenigen
Truppentheile, deren Zeichen ich um Paris gesteckt hatte, durch
heimliche und schnelle Befehle nach den entferntesten Grenzen von
Frankreich abmarschiren und umgab Paris mit lauter Generalen und
Truppen, die ihm blind ergeben waren.--Wenige Tage darauf wurde ich dann
in meinem Bett verhaftet und der Staatsstreich ohne Widerstand
durchgefhrt."

Herr Thiers lchelte.

"Ich mu gestehen," sagte er, "da dies nicht eins der ungeschicktesten
Manver dieses Herrn Napoleon war.--Man hat sich berhaupt in ihm
getuscht.--Nun mag dem sein, wie ihm wolle, will er sich bekehren, will
er in Frankreich gut regieren--und ich werde mich nicht nach den Worten,
sondern nach den Thaten richten--so mu man ihn doch untersttzen. Fr
Sie wrde das brigens viel leichter sein," fuhr er fort, "ein General
kann bei den Diensten, die er seinem Vaterlande leistet, viel mehr von
der Person des zeitweiligen Herrschers absehen, als ein Minister. Auf
dem Schlachtfelde handelt es sich doch immer mehr um die Ehre und um den
Ruhm Frankreichs, als um dieses oder jenes politische System."

"Auf dem Schlachtfelde," sagte der General achselzuckend, "davon wird
wohl lange nicht bei uns die Rede sein. Wir haben unsere Krfte in
wahnsinnigen und fruchtlosen Expeditionen vergeudet, und da, wo unsere
Interessen und unsere Ehre uns wirklich geboten zu schlagen, haben wir
in muthloser und schwankender Unthtigkeit zugesehen, wie man ohne uns
das europische Gleichgewicht vernderte."

"Das ist richtig," sagte Herr Thiers ernst, "aber der Fehler, den die
Regierung begangen hat, wird sich rchen, und zwar rchen durch einen
Krieg, der um so gewaltiger und erschtternder sein wird, je mehr man
ihn zur Zeit, da er vernnftiger Weise geboten war, unterlassen hat. Die
Regierung des Kaisers," fuhr er fort, indem er die Arme unter einander
schlug und ein wenig in dem Ton eines politischen Vortrages weiter
sprach, "die Regierung des Kaisers hat uns in einen sehr bedenklichen
Zustand versetzt. Es war eine Regierung ohne Regel und ohne Ordnung. Der
Brief des Kaisers an den Herzog von Augustenburg hat Dnemark, unsern
Alliirten, getdtet und Europa zu gleicher Zeit der Willkr der Gewalt
Preis gegeben. Von jener Epoche an datirt all unser Unglck. Der Krieg
ist unvermeidlich. Zwei groe Krfte wie Frankreich und Preuen knnen
nicht immer, bis an die Zhne bewaffnet, mit unter einander
geschlagenen Armen einer der andern gegenber stehen, das mu einmal zum
Ausbruch kommen.--Wann aber?--Ich wei es nicht und Niemand wei
es.--Preuen wird nichts nachgeben, gar nichts, es wird keine
Concessionen machen, glauben Sie es ja, und dann wird endlich der
Augenblick kommen, in welchem die franzsische Regierung, sie mge
heien, wie sie wolle, durch Aufwallen des Nationalzorns zum Handeln
gedrngt werden wird.--Die einzige Macht, welche durch eine krftige
Vermittlung den Conflict zu verhindern im Stande sein knnte, ist
England; doch glaube ich nicht an solch eine Vermittlung. Lord Clarendon
wird einzelne Versuche machen, aber er wird nichts Ernstes thun und
namentlich seinen Worten keinen thtigen Nachdruck geben. Er ist sehr
vorsichtig und sehr wenig geneigt zu energischen Maregeln.

"Freilich," sprach er weiter, "wird es in einem solchen Augenblicke
nicht allein auf tchtige Generale, sondern auch auf Staatsmnner
ankommen, welche Kraft und Energie besitzen und zugleich durch ihren
Charakter der Nation Vertrauen einflen.

"Unser guter Freund Daru, den ich sehr hoch schtze, wrde vielleicht
kaum einer so groartigen Action gewachsen sein, wie die Zukunft sie
uns auferlegen mu. Ich sehe berhaupt nach dem Tode von Walewsky,
welcher ein ehrlicher Mann war, unter Denen, welche dem Kaiser nher
stehen, nur Drouyn de L'huys, der einer solchen Aufgabe gewachsen sein
knnte.--Ich glaube auch, da er noch in sehr nahen Beziehungen zum
Kaiser steht, aber er mu sehr unzufrieden sein mit dem Gang der
auswrtigen Politik, welche nach seinen Ideen im Jahre 1866 eine ganz
andere Richtung htte nehmen mssen."

Herr Thiers hatte die letzten Worte mehr zu sich selber, als zum General
Changarnier gesprochen. Seine Stimme war immer leiser geworden, er
blickte, wie seinen Gedanken folgend, einige Augenblicke schweigend zu
Boden.

Die brige Gesellschaft hatte sich allmlig ebenfalls mehr und mehr nach
dem zweiten Salon hingezogen, nachdem Herr Thiers seinen Schlummer
beendet und wieder an der Unterhaltung Theil zu nehmen begonnen.

Herr Mignet trat heran und begrte den Hausherrn mit ehrerbietiger
Herzlichkeit.

"Man erzhlt mir," sagte er, "da Sie sich mit einem groen Werk ber
die Philosophie der Geschichte beschftigen--der Inhalt wird fr jeden
Historiker von groem Interesse sein. Wird die literarische Welt bald
Etwas davon zu sehen bekommen?"

"Das wird davon abhngen," sagte Herr Thiers lchelnd, "wie bald ich
mein Leben und damit meine Thtigkeit beenden werde, denn ich bin
entschlossen, die Kritik dieses Werkes, das bald beendet ist, nicht
lebend ber mich ergehen zu lassen, und dasselbe erst dann dem Publikum
zu bergeben, wenn ich selbst der Beurtheilung der irdischen Welt
entzogen sein werde. Denn," fuhr er fort, "ich will in diesem Werk ber
sehr viele Dinge ganz ohne alle Rcksicht die Wahrheit sagen, und das
knnte mir vielleicht viele Feinde machen, mit denen ich mich in der
friedlichen Mue meines Lebensabends nicht mehr zu streiten Neigung
habe. Ich glaube," fuhr er fort, "da die gegenwrtige Welt einen
gewissen Mangel an gesundem Menschenverstand besitzt. Da ich nun sehr
lange gelebt und sehr Vieles gesehen und gelernt habe, so will ich ber
Alles das meine Meinung sagen, gerade so, als ob ich einen Sohn htte,
dem ich in einem Testament meine letzten Rathschlge ertheile, um die
reichen Erfahrungen meines Lebens fr ihn ntzlich zu machen. Der Himmel
hat mir Kinder versagt," sagte er mit einem wehmthig freundlichen
Lcheln,--"so will ich denn ganz Frankreich und die ganze gebildete
Welt als meinen Sohn betrachten. Vielleicht kann ich dadurch noch nach
meinem Tode ein wenig ntzlich sein. Gedulden Sie also Ihre Neugier noch
kurze Zeit, denn ich werde ja wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu
leben haben."

"Herr Graf Daru!" rief der Kammerdiener.

Herr Thiers ging seinem alten Bekannten, welcher jetzt das Ministerium
der auswrtigen Angelegenheiten inne hatte, mit kurzen, raschen
Schritten bis an die Schwelle des ersten Salons entgegen, indem er ihm
freundlich die Hand hinstreckte.

Der Graf Napoleon Daru, der Sohn des bekannten Growrdentrgers des
ersten Kaisers, welcher spter mit der Julimonarchie innig liirt gewesen
und lange Zeit von jeder politischen Thtigkeit fern geblieben war,
mochte damals fast sechzig Jahre alt sein. Er war eine kalte, vornehme
Erscheinung von wrdevoller, etwas steifer Haltung, sein ernstes Gesicht
mit dem grauen Haar trug den Ausdruck hflicher Zurckhaltung, in seinen
Zgen verband sich eine gewisse militairische Steifheit mit der
selbststndigen Abgeschlossenheit des Gelehrten, der durch strenge
theoretische Studien sich ber alle ihm vorkommenden Dinge ein
philosophisches Urtheil zu bilden gewohnt ist.

Nachdem Graf Daru mit den Damen eine kurze Unterhaltung gefhrt hatte,
bei welcher eine gewisse Proccupation auf seinem Gesichte bemerkbar
war, wandte er sich wieder zu Herrn Thiers, der ihn lchelnd fragte.

"Darf man, ohne indiscret zu sein, sich erkundigen, wie die auswrtigen
Angelegenheiten unseres Kaiserreichs sich befinden?"

"Die auswrtigen Angelegenheiten befinden sich vortrefflich," erwiderte
der Minister mit seiner klaren, etwas scharfen Stimme. "Ich wollte,"
fgte er hinzu, "da ich dasselbe von den innern Angelegenheiten sagen
knnte."

Ein wenig erstaunt blickte Herr Thiers auf.

"Nun," sagte er, "wir haben soeben noch ber die innern Angelegenheiten
gesprochen, und ich bin zu dem Resultat gekommen, da, obwohl ich keine
persnliche Sympathie fr dieses zweite Kaiserreich haben kann, ich
dennoch anerkennen mu, wie die neue Aera der innern Politik allen
Anforderungen entspricht, die man vernnftiger Weise machen kann, und
der beste Beweis scheint mir darin zu liegen, da Sie, mein verehrter
Freund, gegenwrtig Mitglied des Ministeriums des Kaisers sind. Ist der
Weg, auf dem man sich befindet, ein richtiger, so wird man ja ber
einzelne kleine Schwierigkeiten leicht hinwegkommen."

"Vorausgesetzt, da man diesen Weg verfolgt", erwiderte der Graf, "und
da man nicht ebenso viele Schritte zurckthut, als man voran gegangen
ist."

"Wie so?" fragte Herr Thiers, der aufmerksam zu werden begann.

"Es wird ja doch morgen bekannt werden," sagte der Graf Daru,--"also
begehe ich kaum eine Indiscretion, wenn ich Ihnen mittheile, da der
Kaiser soeben einen Brief an Ollivier geschrieben hat, in welchem er ihm
sagt, da er ein Plebiscit fr nthig halte, um die von dem Senat und
Gesetzgebenden Krper genehmigte Vernderung der Verfassung des
Kaiserreichs nunmehr zu sanctioniren. Die frhere Verfassung sei durch
den allgemeinen Volkswillen festgestellt und es msse derselbe daher
auch den gegenwrtigen Abnderungen derselben seine definitive
Zustimmung geben."

"Und was sagt Ollivier?" fragte Herr Thiers sehr ernst, whrend die
brige Gesellschaft nher herantrat und mit Spannung dem Gesprch
folgte.

"Ollivier," erwiderte Graf Daru, "hat sich vollkommen die Ideen des
Kaisers angeeignet und findet die Berufung auf das Plebiscit vollkommen
natrlich. Ich meinerseits," fuhr er mit einer gewissen Bitterkeit
fort, "sehe darin nur die Rckkehr zu dem Grundsatz, da das persnliche
Regiment, auf den Willen der Masse gesttzt, sich von Neuem ber die
Verfassung und ber das Votum der legalen Reprsentanten der Nation zu
stellen beabsichtigt. Wo ist berhaupt noch eine Sicherheit fr die
ffentlichen Zustnde, wenn Alles, was geschieht, jedesmal von einem
solchen Plebiscit abhngig gemacht werden soll, das ja im Grunde doch
nur eine Komdie ist und gegenber einer starken Regierung immer nach
deren Ansichten ausfallen wird, da ja Diejenigen, welche nicht zustimmen
mgen, sich nicht den bedenklichen Folgen eines negativen Votums
auszusetzen Lust haben werden."

"Das ist ein eigenthmlicher Schachzug," sagte Herr Thiers nachdenklich.
"Aber ich mchte Sie doch noch einmal fragen, mein lieber Freund, wie
steht es mit der auswrtigen Politik, denn dieses Plebiscit scheint mir
mehr im Zusammenhang damit zu stehen, als mit den innern Verhltnissen.
Wie stehen Sie mit Preuen?"

"Kalt und mitrauisch," erwiderte Graf Daru, "aber es liegt auch
durchaus keine Veranlassung zu irgend einer Differenz vor, da von beiden
Seiten die Errterung aller Punkte, welche dahin fhren knnten,
sorgfltig vermieden wird. Man hat von englischer Seite versucht, auf
eine gegenseitige Verminderung der militairischen Rstungen hin zu
wirken, doch natrlich vergeblich--in Berlin hat man selbst die bloe
Errterung dieses Punktes ziemlich kurz zurckgewiesen."

"Und Sie," fragte Herr Thiers, indem er mit einem listigen Blick zu Graf
Daru hinaussah, "werden doch wahrscheinlich auch nicht geneigt sein, die
Militairmacht Frankreichs ernstlich zu vermindern?"

"Wir knnen es nicht," erwiderte Graf Daru, "so lange von anderer Seite
nicht der Anfang gemacht wird."

"Das alte Wechselspiel," sagte Herr Thiers, "Jeder will, da der Andere
zuerst abrsten soll. Ich mu Ihnen sagen," fuhr er fort, "da mir das
Alles sehr bedenklich erscheint. Sehen Sie die Geschichte an, namentlich
die neuere und neueste Geschichte, so werden Sie immer finden, da,
sobald die Frage der militairischen Abrstung zwischen zwei Mchten
ernsthaft discutirt wird, jedesmal bald darauf ein Krieg folgt. Halte
ich dies mit dem in Aussicht genommenen Plebiscit zusammen, so mu ich
darauf zurckkommen, was ich vorhin sagte--"

Er wandte sich zu dem General Changarnier--"Da nmlich unser tapfrer
Freund hier doch noch Gelegenheit finden knnte, seinen Degen im
Dienste Frankreichs zu ziehen. Glauben Sie mir," fuhr er fort, "ich habe
fr so Etwas einen gewissen Scharfblick,--dies Plebiscit ist der
Vorlufer einer auswrtigen Action. Der nchste Schritt," sprach er
weiter, "den England thun mu, wenn seine Vermittlung wegen der
Abrstung keinen Erfolg hat--den Schritt, dem sich schlielich ganz
Europa wird anschlieen mssen, mu der sein, dem Kaiser zu sagen: 'Sie
haben nicht das Recht, die Welt in ewiger Unruhe zu erhalten, Sie haben
den Krieg fortwhrend wie eine unausgesetzte Drohung in der Hand
gehalten, und doch keine Gelegenheit benutzt, die sich darbot, um eine
energische Klrung der Situation herbeizufhren. Das Alles mu endigen,
entscheiden Sie sich Krieg zu fhren, oder erklren Sie offen, da Sie
rckhaltslos den Frieden wollen, und handeln Sie danach; die
gegenwrtige Situation ist fr ganz Europa unertrglich--'"

Er hielt inne und fragte abbrechend:

"Und welche Haltung wollen Sie diesem Plebiscit gegenber einnehmen,
welches Ollivier bereits acceptirt hat?"

"Ich habe erst flchtig darber mit den mir gleich gesinnten Collegen
sprechen knnen," erwiderte Graf Daru, "es ist eine schwierige
Situation, die man uns da geschaffen. Das Plebiscit hat eine groe
Popularitt bei den Massen, und sich demselben widersetzen, wrde uns
fast als die Vertreter reactionairer Grundstze vor den Augen der
ffentlichen Meinung hinstellen! Doch mssen wir nach meiner
Ueberzeugung auf der andern Seite auch einer fortwhrenden Appellation
von den gewhlten Reprsentanten an das Volk selbst ernstlich
entgegentreten."

"So machen Sie doch," sagte Herr Thiers, "die Bedingung, da das
Plebiscit nur von der Regierung in Gemeinschaft mit dem Senat und dem
Gesetzgeben-Krper ausgeschrieben werden drfe. Dann hat die Sache doch
wenigstens einen gewissen Sinn und stellt die Kammern nicht als Nullen
zwischen den Kaiser und die Volksmasse."

"Das ist eine vortreffliche Idee!" rief Graf Daru, und, indem er den Arm
des Herrn Thiers nahm, zog er sich mit diesem in eine Ecke des Salons
zurck und vertiefte sich mit ihm in ein langes und eifriges Gesprch.

Die Unterhaltungen der brigen Gruppen waren ebenfalls eifriger und
lebhafter geworden. Man besprach die Idee des Plebiscits von allen
Seiten, und im Ganzen fand dasselbe bei allen hier Anwesenden nur
Mibilligung.--Sie Alle waren Vertreter der constitutionellen Doctrin
und fhlten sehr wohl, da derselben vollstndig die Spitze abgebrochen
wrde, wenn die Regierung der Kammermajoritt gegenber fortwhrend die
Waffe der Appellation an das allgemeine Volksstimmrecht in der Hand
behielt.

Nach einiger Zeit hatte Herr Thiers sein Gesprch mit dem Grafen Daru
beendigt,--er nherte sich seiner Gemahlin,--diese gab Frulein Dosne
einen Wink.

Beide Damen standen auf und legten ihre Arbeit zusammen. Dies war das
Zeichen fr die Gesellschaft, da der Empfang beendet und da fr Herrn
Thiers, welcher seine Gesundheit und Rstigkeit durch eine ungemein
strenge Zeiteinteilung so vortrefflich zu conserviren verstanden,
nunmehr die Stunde gekommen sei, zu welcher er gewohnt war, sich
zurckzuziehen, um nach einem kurzen Ueberblick ber die Arbeit und die
Ereignisse des Tages den Schlaf zu suchen, welcher ihm bis in sein hohes
Alter hinein ein treuer Freund geblieben war.

Die Gesellschaft empfahl sich und bald erlschten die Lichter in dem
kleinen Hotel an der Place de St. George.




Ende des ersten Bandes.









End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgru der Legionen. Erster
Band., by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRU DER LEGIONEN. ***

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*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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works.  See paragraph 1.E below.

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law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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