The Project Gutenberg EBook of Der Todesgru der Legionen, Zweiter Band
by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Der Todesgru der Legionen, Zweiter Band

Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow

Release Date: October 6, 2004 [EBook #13658]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRU DER LEGIONEN, ***




Produced by PG Distributed Proofreaders.




Der Todesgru der Legionen



Zeit-Roman

von

Gregor Samarow.



Zweiter Band.




Berlin, 1874.

Druck und Verlag von Otto Janke.




Erstes Capitel.


An demselben Abend befanden sich in dem Gartensalon des Hotels in der
Rue Mansart, welches der Regierungsrath Meding, der Vertreter des Knigs
von Hannover bewohnte, zwei Personen im ernsten Gesprch.

Herr Meding sa in einem Lehnstuhl zur Seite des runden Tisches, ber
dessen Mitte vom Plafond eine groe Lampe mit breitem, flachem
Glasschirm herabhing,--ihm gegenber lehnte in einer Chaiselongue,
welche neben dem hellen Feuer eines jener altfranzsischen groen Kamine
stand, der Graf von Chaudordy, der frhere Cabinetsrath unter Drouyn de
L'huys, welcher jetzt als Minister plenipotentiaire zur Disposition
gestellt war, sich aber stets im regen Verkehr mit der politischen Welt
befand und eine neue Verwendung in der Diplomatie erwartete.

"Ich bedauere," sagte der Graf, "da aus dem Project, Ihren emigrirten
Landsleuten eine Colonie in Algier zu grnden, Nichts werden soll. Man
hat sich hier allgemein so lebhaft dafr interessirt, und den armen
Leuten, welche nun doch einmal ihr Vaterland verloren haben, wrde dort
Gelegenheit geboten worden sein, sich eine neue Existenz und vielleicht
einen werthvollen Besitz zu schaffen; wir aber htten durch so fleiige
und tchtige Colonisten fr die conomische Verwaltung Algiers viel
gewonnen."

"Ich habe noch vor Kurzem," erwiderte Herr Meding, "mit dem Herrn Far,
dem Director im Ministerium der Finanzen, unter dem die algerische
Verwaltung steht, und welcher lange Zeit die Civiladministration bei dem
Marschall Mac Mahon gefhrt, ausfhrlich gesprochen--auch der Marschall
selbst, mit dem ich darber conferirte, war, obwohl er eigentlich der
civilen Colonisation Algeriens nicht besonders gnstig ist, doch bereit,
Alles fr meine Landsleute zu thun, wozu er auch vom Kaiser noch ganz
besonders aufgefordert ist,--die Leute selbst wollen sehr gern nach
Algerien, allein Seine Majestt hat dennoch das Project definitiv wieder
aufgegeben."

"Ich begreife nicht warum," erwiderte der Graf von Chaudordy, "wenn der
Knig daran denkt, jemals wieder fr sein Recht unter irgend welchen
Constellationen zu kmpfen, so mu er sich doch vor Allem diejenigen
Leute erhalten, welche im Stande sind, ihm den Kern einer Armee zu
bilden, die er dann durch weitere Emigranten oder durch Werbungen
ergnzen knnte."

"Es scheint," erwiderte Herr Meding, "da im Lande Hannover selbst sehr
falsche Ideen ber das Colonisationsproject verbreitet worden sind und
da der Knig in Rcksicht auf die allgemeine Abneigung, welche sich
dort gegen dasselbe kund giebt, davon wieder Abstand genommen hat. Ich
bedauere sehr," fuhr er fort, "da man unter diesen Verhltnissen die
Sache berhaupt angeregt hat. Ich komme hier dem Kaiser und der
Regierung gegenber in eine eigenthmliche Lage. Ich habe die
Verhandlungen in Folge der vielfachen dringenden Depeschen des Grafen
Platen so energisch als mglich betrieben und nun, nachdem alle
Verhltnisse schon fast geordnet waren, wird die Sache wieder aufgegeben
und zwar--wie Graf Platen angiebt--weil die Aufstellung einer
hannverschen Armee auf dem algerischen Territorium nicht thunlich sei.
Ich verstehe eigentlich nicht, was man damit meint--doch gleichviel, die
Sache ist aufgegeben, die Emigration wird aufgelst werden und damit
ist, wie ich glaube, die Sache des Knigs und der Kampf fr dieselbe
auch zu Ende. Denn wenn einmal Diejenigen, welche in jahrelangem Exil
dem Knig treu geblieben sind, in alle Welt zerstreut werden, so wird
das Volk in Hannover den Eindruck gewinnen, da nunmehr der Knig die
neue Ordnung der Dinge anerkannt habe."

"Es wre vielleicht das Beste," erwiderte der Graf von Chaudordy, "wenn
der Knig dies einfach thte, sich in den Besitz seines groen Vermgens
brchte und sich nach England zurckzge, wo er ja immer eine groe und
ehrenvolle Stellung behlt. Ich habe Ihnen schon frher gesagt," fuhr er
fort, "da ich wenig Chancen fr den Knig zu sehen vermchte, wenn es
ihm nicht gelingen knnte, in Deutschland selbst sich eine groe und
mchtige Partei zu schaffen, welche in einem gegebenen Augenblick im
Stande wre, eine ernste und nachdrckliche Bewegung fr ihn zu
organisiren. Von Seiten der Cabinette wird Nichts fr ihn geschehen; er
htte sich mssen eine Stellung schaffen, da im Fall einer groen
Katastrophe die Regierungen gezwungen gewesen wren, mit ihm zu
rechnen."

"Das ist aber Alles leider nicht geschehen," sagte Herr Meding, "alle
Anlufe, die dazu genommen wurden, sind eben Anlufe geblieben und wie
das leider so oft an depossedirten Hfen der Fall ist, die ganze
Thtigkeit hat sich in kleine und kleinliche Intriguen ausgelst. Ich
bin hier schon lange in einer mehr als peinlichen Situation, um so mehr
als Graf Platen--wie Sie ja wissen, den Grafen Breda hierher geschickt
hat, welcher als geheimer Agent des Knigs figurirt, obwohl Seine
Majestt mir persnlich versichert hat, ihn gar nicht zu kennen, und
dessen eigenthmliche Thtigkeit die Sache des Knigs mehr und mehr
discreditirt. Ich wrde fr meine Person nicht unzufrieden sein, wenn
diese ganze Unruhe ein Ende nehme und wenn nur fr das ganze Welfenhaus
eine sichere und wrdige Zukunft geschaffen werden knnte. Doch mte
man sich in Hietzing klar werden, was man will--Eins oder das Andere,
entweder den Frieden oder einen so festen und energischen Krieg, da man
gefrchtet bleibt und im gegebenen Augenblick die Macht des Handelns
behlt. Es scheint aber, da berall in der Welt heute der Entschlu und
die Thatkraft verschwindet. Denn ich mu Ihnen aufrichtig gestehen, da
ich auch hier bei Ihnen nicht mehr verstehen kann, wo man denn
eigentlich hinaus will und was man beabsichtigt."

Der Graf Chaudordy seufzte.

"In der That," sagte er, "huft man hier Fehler auf Fehler. Ich
frchte, da sich das eines Tages bitter rchen wird; ich bin mit Herz
und Seele Franzose und bin dem Kaiser und dem Kaiserreich aufrichtig
ergeben, aber fr die Dynastie sehe ich in der Art und Weise, wie man
hier die Geschfte behandelt, wenig erfreuliche Aussichten fr die
Zukunft. Unsere Fehler beginnen von 1866; nachdem sich der Kaiser damals
zu keinem Entschlu aufraffen konnte, mute er dahin gedrngt werden,
grere Freiheiten zu geben. Er hat sich auch dazu nur langsam und fast
zu spt entschlieen knnen, und da er diesen Entschlu so lange
hinausgeschoben hat, so wird er nun gezwungen werden endlich den Krieg
zu machen, welcher der grte Fehler sein wird."

"Sie htten also gewollt," fragte Herr Meding, "da der Kaiser im Jahre
1866 entschieden fr Oesterreich htte Partei nehmen sollen?"

Der Graf Chaudordy blickte ihn gro an.

"Nein," sagte er, "nicht fr Oesterreich; ich habe Herrn von Bismarck
immer fr sehr stark gehalten, ich habe Preuens Ueberlegenheit ber
Oesterreich nie bezweifelt und Oesterreichs Niederlage vorher gesehen.
Nach meiner Ueberlegung htte der Kaiser damals--und zwar vor dem
Kriege--eine feste und entschiedene Alliance mit Preuen machen mssen,
um aus derselben alle die Vortheile fr Frankreich zu ziehen, welche das
siegreiche Preuen ihm nach dem Kriege nicht mehr gewhrte. Auch heute
noch wre es das einzig Richtige, um jeden Preis eine aufrichtige
Verstndigung mit Preuen zu suchen--das ist die einzige Macht, mit
welcher wir eine ntzliche und starke Alliance schlieen knnen, und
wenn wir diese Alliance nicht schlieen, so werden wir ihr und zwar in
kurzer Zeit in einem furchtbaren und gewaltigen Krieg isolirt
entgegentreten mssen."

"Man rechnet aber doch," warf Herr Meding ein, "sehr erheblich auf
Oesterreich und Italien--Sie kennen gewi die Negotiationen, welche in
diesem Augenblick im Gange sind, um einen Coalitionsvertrag mit den
beiden Mchten zu schlieen. Wie man mir erzhlt, soll die Sache sehr
weit gediehen sein und man verspricht sich hier sehr viel davon."

"Das wird Alles zu Nichts fhren," sagte der Graf von Chaudordy. "Auch
in dieser Richtung hin hat man einen Fehler gemacht. Man hat geglaubt,
in Herrn von Beust, an dessen Erhebung zum Minister in Oesterreich der
Kaiser groen Antheil hat, einen entschiedenen Alliirten zu finden,--man
hat sich getuscht und htte dies sogleich erkennen sollen, als die
neue sterreichische Regierung statt ihre ganze Kraft militairischen
Rstungen zu widmen, sich mit Verfassungsfragen zu beschftigen begann.
Wie ist es denn mglich, sich jetzt auf dieses Oesterreich zu sttzen,
welches keine Armee und kein Geld hat und uns im entscheidenden
Augenblick um so mehr im Stich lassen wird, als die entscheidende
Leitung der dortigen Politik tglich mehr in die Hnde Ungarns bergeht.

"Der Kaiser erkennt das Alles sehr gut," fuhr er fort, "aber er ist
nicht mehr der er war und zwischen den verschiedensten, heterogensten
Entschlssen hin- und herschwankend wird er endlich dahin gedrngt
werden, gnzlich isolirt und ohne alle Alliancen den Krieg zu machen,
der kaum mit einem entscheidenden Siege fr Frankreich enden wird, und
der uns leicht in eine unendliche innere Verwirrung strzen kann, auch
giebt man alle Grnde, um vernnftiger Weise dort den Krieg
vorzubereiten, aus der Hand. Man hat den Prager Frieden so lange
verletzen lassen, da es fast lcherlich sein wrde, heute noch
kategorisch dessen Erfllung zu fordern. Jetzt lt man die Bewegungen
in Baden und Sddeutschland wieder ohne Beachtung und Untersttzung,--es
wre so leicht--und man hat uns darber Mittheilungen gemacht, eine
Volksbewegung in Baden gegen den von der dortigen Regierung
projectirten Anschlu an Preuen zu erregen und dadurch die deutsche
Frage von Neuem zum Gegenstand der Aufmerksamkeit Europas zu machen.
Dann htte Frankreich einen Interventionsgrund und eine ganz
vortreffliche Stellung der deutschen Nation gegenber--lt man die
Ereignisse weiter gehen, lt man den Widerstand der sddeutschen
Volkspartei brechen oder ermatten, dann wird man sich demnchst nicht
mehr Preuen, sondern dem ganzen Deutschland gegenber befinden, und das
wird fr uns die schlimmste und gefhrlichste Position sein, in der wir
uns befinden knnen. Es ist in der That ein Glck," sagte er lchelnd,
"in diesem Augenblick von der Politik fern zu sein."

"Aber glauben Sie nicht," sagte Herr Meding, "da Drouyn de L'huys, dem
ja der Kaiser schon mehrfach das Portefeuille angeboten hat, doch
endlich die Leitung der Angelegenheiten wieder bernehmen und grere
Festigkeit und Klarheit in die franzsische Politik bringen werde?"

Der Graf von Chaudordy schttelte den Kopf.

"Ich glaube nicht," sagte er, "da Drouyn de L'huys sich jemals mit dem
Kaiser definitiv verstndigen wird. Drouyn de L'huys will den Frieden
und der Kaiser kann sich nicht entschlieen, weder ernsthaft den
Frieden zu begrnden, noch ernsthaft den Krieg zu machen--er lt sich
treiben und wird in den Krieg hineingedrngt werden, ohne es selbst zu
wollen. Fr Ihren Knig und dessen Sache wird es jedenfalls das Beste
sein, wenn er einer solchen unklaren, verworrenen Katastrophe fern
bleibt, um so mehr, wenn er selbst sich nicht zu klaren Entschlssen
erheben kann."

Der Kammerdiener ffnete die Thr.

Herr von Dring, Herr von Tschirschnitz und die brigen hannverschen
Officiere traten ein. Nach und nach kamen noch andere Herren, auch Herr
Hansen erschien.

Das Gesprch wurde allgemein; man unterhielt sich ber die
Tagesereignisse.

"Wissen Sie, meine Herren," sagte Herr Hansen, "da der Proce des
Prinzen Pierre Bonaparte beginnen wird? Wie ich hre, sind alle Juristen
der Ansicht, da der Prinz freigesprochen werden mu."

"Ich wte kaum," sagte der Graf von Chaudordy, "wie man ihn
verurtheilen wollte. Wenn Jemand in seinem eigenen Zimmer insultirt und
angegriffen wird--und Herr Fonvielle hat ja einen geladenen Revolver bei
sich gehabt--so steht ihm doch unzweifelhaft das Recht zu, sich zu
vertheidigen. Ich liebe den Prinzen Peter nicht, er ist eine unruhige,
unberechenbare Natur und sein ganzes Leben, wie seine Person erregt
wenig Sympathie, aber in dieser Sache kann man ihm keinen Vorwurf
machen--doch ist das Alles sehr unangenehm fr die Regierung--es ist,
als ob Alles zusammenkme, um die Stellung des Kaisers zu erschweren.
Solche Processe mit oder ohne Schuld der Regierenden finden sich in der
Geschichte immer vor groen Katastrophen."

"Der arme Victor Noir thut mir leid," sagte Herr Meding, "ich habe ihn
gekannt, er war Redacteur an der 'Situation' und Herr Grenier hat ihn
mir zuweilen geschickt, um mir Mittheilungen zu machen. Ich habe immer
eine Sympathie fr ihn gehabt, er war eine gute kindliche Natur von
harmloser Naivett, man hat ihn zu dieser Demonstration gemibraucht,
und er ist das Opfer derselben geworden. Wie sieht es bei Ihnen aus,"
fragte er, sich an einen jungen eleganten Herrn mit blassem Gesicht,
schwarzem Haar und zierlichem kleinem Schnurrbart wendend, welcher so
eben eingetreten war, "haben Sie bald einen Knig gefunden, oder glauben
Sie es auf die Dauer mit der Republik versuchen zu knnen?"

"Spanien ertrgt dauernd kaum eine Republik," erwiderte Herr Angel de
Miranda, der frhere Kammerherr der Knigin Isabella, welcher
gegenwrtig in Paris lebte und dort eine, zwar private, aber eifrige
Thtigkeit fr die provisorische Regierung Spaniens entwickelte. "Es hat
viel dazu gehrt, um die alte Monarchie zu zerstren, wir werden aber,"
fuhr er mit geheimnivoller Miene fort, "wie ich glaube, in nicht langer
Zeit einen Knig finden und damit wird diese Revolution endlich zum
Abschlu gelangen."

"Ich wnsche Ihnen das von Herzen," sagte Graf Chaudordy. "Fr das ganze
westliche Europa sind diese unsichern Zustnde in Spanien vom
schdlichsten Einflu. Sie mssen brigens," sagte er lchelnd, "eine
kleine Neugier verzeihen, es interessirt mich in hohem Grade, wohin Sie
die Blicke wohl gewendet haben knnten, um einen Herrscher fr Ihr Land
zu finden,--Sie haben da den Herzog von Montpensier, Sie haben den
Prinzen von Asturien, Sie haben den Grafen von Montemolin, und wer wei,
ob nicht vielleicht der Marschall Prim, der schon einmal von einem
kaiserlichen Diadem von Mexiko trumte, auch jetzt wieder daran denkt,
die Gewalt fest zu halten, welche er ja durch die Armee bereits
vorzugsweise sich zu eigen gemacht hat."

Angel de Miranda zuckte die Achseln.

"Ich glaube kaum, da Prim hnliche Gedanken hegen knnte, er ist klug
und wei sehr gut, da, wenn er vielleicht eine Zeit lang Dictator sein
knnte, er doch niemals und zwar weder von der spanischen Grandezza,
noch vom Volk als Knig acceptirt werden knnte. Ich glaube viel eher,
da er eine Zeit daran gedacht hat und vielleicht auch noch ein wenig
daran denkt, den Prinzen von Asturien mglich zu machen, um dann an der
Spitze einer Regentschaft als Majordomus die Macht in Hnden zu
behalten. Doch das Alles ist unpractisch, wir knnen in Spanien keinen
Knig von den verschiedenen Bourbonenlinien gebrauchen, die Anhnger des
Einen wrden sich niemals den Anhngern des Andern unterwerfen wollen,
das wrde zu ewigen Bewegungen und Unruhen fhren. Die einzige
Mglichkeit dauernden innern Friedens liegt darin, einen fremden Frsten
zu finden, der dem Volk sympathisch ist--"

"Und der vielleicht," fiel Herr Meding lchelnd ein, "irgend wie mit dem
iberischen Einheitsgedanken in Verbindung stnde."

Betroffen blickte Angel de Miranda auf.

"Dieser Gedanke," erwiderte er nach einem kurzen Stillschweigen, "ist
heute wohl noch nicht reif. Doch liegt allerdings in ihm nach meiner
Ueberzeugung die Zukunft der pyrenischen Halbinsel."

Er trat zu einer andern Gruppe--nach einiger Zeit zog sich der Graf
Chaudordy zurck, und nach einer Stunde leerte sich der Salon von den
Besuchenden--nur die hannverschen Officiere blieben zurck.

"Nun, meine Herren," fragte der Regierungsrath Meding, "haben Sie
Nachrichten, wie Ihre Vorstellungen in Hietzing aufgenommen worden sind,
und haben Sie irgend welche Beschlsse gefat ber die Schritte, welche
Sie demnchst thun wollen?"

"Wir haben noch Nichts von Hietzing gehrt," erwiderte Herr von
Tschirschnitz. "Ich kann nicht zweifeln," fuhr er fort, "da der Knig
unsere Vorstellung ernstlich erwgen und bercksichtigen werde. Ich
wenigstens bin fest entschlossen, bis auf den letzten Augenblick Alles
aufzubieten, um das Schicksal der armen Emigrirten zu erleichtern und
sie von vlliger Isolirung im fremden Lande zu retten. Ich verstehe auch
durchaus nicht, wie es mglich sein sollte, uns das zu verbieten. Die
Miverstndnisse, welche da vorliegen, mssen sich ja aufklren."

"Man mu es hoffen," erwiderte der Regierungsrath Meding, "doch bin ich
dessen nicht ganz gewi, denn seit einiger Zeit scheinen sich um den
Knig her lauter Miverstndnisse zu lagern. Sie erinnern sich, da
Herr von Mnchhausen bei der Conferenz ber das algerische
Colonisationsproject, zu welcher er hierher gesendet wurde,
Instructionen bei sich fhrte, welche, wie er sich selbst berzeugte,
denjenigen, die mir ertheilt waren, vollstndig widersprachen."

Rasch wurde die Thr geffnet, der Lieutenant von Mengersen, ein groer,
schlanker, junger Mann und der Lieutenant Heyse, eine ernste ruhige
Erscheinung, traten ein.

"Nun," rief Herr von Dring lebhaft, "Ihr seid wieder zurck? Was bringt
Ihr? Hat sich Alles aufgeklrt?"

"Nichts hat sich aufgeklrt," erwiderte Herr von Mengersen mit zornig
bewegter Stimme, "der Knig hat uns gar nicht angenommen und uns den
Befehl geschickt, auf der Stelle wieder zurckzureisen."

"Unglaublich," rief Herr von Dring.

"Aber wahr," rief der Lieutenant Heyse im traurigen Ton, "es scheint,
da man eine vollstndige chinesische Mauer um den Knig gezogen hat und
da Nichts, was von uns kommt, zu ihm dringen kann. Dagegen hat er den
Feldwebel Strmann gehrt."

"Den Feldwebel Strmann," rief Herr von Tschirschnitz, "und uns, seinen
Officieren, verweigert er das Gehr! Das ist doch ein Affront fr uns
Alle, wie er strker und krnkender nicht gedacht werden kann."

"Graf Platen ist am Tage vorher," sagte Herr von Mengersen, "bei
Strmann in seinem Gasthause in der Stadt gewesen und hat sehr lange mit
ihm gesprochen, am andern Tage ist er dann nach Hietzing zum Knig
gebracht worden."

"Und habt Ihr nicht gehrt, was nun weiter geschehen soll," sagte Herr
von Dring.

"Mit uns zu gleicher Zeit," sagte der Lieutenant Heyse, "ist der Major
von Adelebsen hierher abgereist, um das Commando zu bernehmen und die
Legion aufzulsen. Es kommt nun darauf an, da wir uns entschlieen, was
wir thun wollen fr uns und fr die Leute, denn auf Gehr beim Knig
haben wir nicht mehr zu rechnen."

"Wir mssen uns fest verbinden," rief Herr von Tschirschnitz, "um Alles
aufzubieten, damit die armen Emigranten noch einen Anhaltspunkt erhalten
und nicht vereinsamt ihrem Schicksal berlassen bleiben. Ich hoffe, Sie
werden uns darin untersttzen," sprach er zu dem Regierungsrath Meding
gewendet.

"Ich bedauere auf das Tiefste die Wendung, welche diese Sache genommen,"
erwiderte dieser, "und die Unmglichkeit mit irgend welchen
Vorstellungen bis an Seine Majestt zu dringen,--ich bin aber hier als
Vertreter des Knigs und mu, so lange ich auf meinem Posten bin, jeden
Befehl, den Seine Majestt mir ertheilen wird, ausfhren; und ich rathe
auch Ihnen, meine Herren, dringend, keinen Widerstand gegen die
Ausfhrung der Befehle Seiner Majestt zu leisten, doch knnen Sie auf
das Festeste auf meine Untersttzung dafr rechnen, da den Emigranten
nach Auflsung des Verbandes die Mglichkeit geboten werde, sich zu
gegenseitiger Untersttzung zu vereinen und Unterkommen und Arbeit zu
finden. Ich habe bereits in dieser Beziehung mit verschiedenen
einflureichen Personen Rcksprache genommen und mich ihrer Geneigtheit
versichert, zu einem Comit de Patronage fr die Emigrirten zusammen zu
treten. Der Baron Thnard, welcher groen Einflu in den Kreisen der
Grundbesitzer hat und selbst ausgedehnte Gter besitzt, hat mir bereits
zugesagt, mit in dieses Comit einzutreten, ebenso Herr Bocher, welcher
in industriellen Kreisen viel Gelegenheit hat, den Emigrirten Arbeit zu
schaffen. Ich habe bei der Wahl der Personen wesentlich darauf Rcksicht
genommen, da die ganze Sache gar keinen politischen Charakter habe, da
sie eine reine Wohlthtigkeitsangelenheit sei und denke nun noch einige
Damen als Patronesses hinzuzuziehen. Ich zweifle nicht, da wir dann
binnen Kurzem fr alle unsere Landsleute vollkommen ausreichende
Beschftigung haben werden. Auch fr Diejenigen, welche etwa krank und
arbeitsunfhig werden, wird sich dann eine reichliche Untersttzung
ermglichen lassen, wenn man einen Verband herstellt, in welchem Jeder
seine Beitrge in eine Krankenkasse zahlt, fr welche auerdem von allen
Seiten reichliche Hlfsquellen sich ffnen werden. Lassen Sie also den
Muth nicht sinken, wir werden ganz gewi gut fr die Leute zu sorgen im
Stande sein. Sie, mein lieber Dring, und Sie, Herr von Tschirschnitz
mssen dann mit mir in das Comit de Patronage eintreten und die innere
Organisation des Hlfsverbandes der Emigranten bernehmen."

"Das ist eine vortreffliche Idee," rief Herr von Dring, "ich habe
frher schon etwas Aehnliches berdacht und dazu einen Organisationsplan
ausgearbeitet, den ich seiner Zeit auch dem Knig eingeschickt habe, den
er aber wohl nicht beachtet zu haben scheint--"

"Ich habe bereits dem Knige," sagte der Regierungsrath Meding, "von
diesem Plan und den fr die Bildung des Comit de Patronage gethanen
Schritten Mittheilung gemacht. Durch dies Comit knnte dann auch fr
Diejenigen, welche so gern nach Algier gehen wollen, ohne da der Knig
irgendwie dabei betheiligt ist, dort eine vortheilhafte Niederlassung
vermittelt werden; damit wrde der Wunsch der Leute erfllt und zugleich
jede Betheiligung des Knigs dabei ausgeschlossen, welche Seiner
Majestt wegen der Stimmung in Hannover unerwnscht ist. Ich bitte Sie
also nochmals, meine Herren, legen Sie den Schritten des Herrn von
Adelebsen zur Auflsung der Legion keine Schwierigkeiten in den Weg.
Lassen Sie diesen Herrn ruhig ausfhren, was ihm vom Knige oder von wem
es sonst sei, aufgetragen ist, und helfen Sie mir dafr sorgen, da
unsere Landsleute, nachdem sie aus dem Verbande geschieden sind, einen
Mittelpunkt finden, der ihnen Schutz und Beistand gewhrt."

"Aber wie der Knig mit uns umgeht," rief Herr von Tschirschnitz, "so
htte er ja zur Zeit des Bestandes des Knigreichs Hannover mit keinem
Officier umzugehen das Recht gehabt. Mindestens htten wir doch Gehr
erlangen mssen,--dies ist ja geradezu asiatischer Despotismus."

"Meine Herren," sagte der Regierungsrath Meding, "einem unglcklichen
Frsten gegenber ist die Pflicht des Gehorsams doppelt stark, und
vergessen Sie vor Allem nicht, da wir Alle Vertreter einer Sache sind,
welche den Blicken der ganzen Welt ausgesetzt ist. Wir haben fr diese
Sache gefochten nach allen Krften,--man kann uns vorwerfen, da es
thricht und unvernnftig gewesen sei, aber wenigstens haben wir fr die
Sache gethan, was berhaupt zu thun war. Wenn diese Sache zu Ende sein
soll," fgte er noch ernster hinzu, "und ich glaube, da sie zu Ende
ist, so lassen Sie uns ihr den letzten Dienst erweisen, lassen wir sie
mit Ehren untergehen, ohne da wir der Welt das Schauspiel der inneren
Zerrttung und der Fulni, welche sie angefressen hat, und an welcher
wir wenigstens keinen Theil haben, geben. Wir werden vielleicht in der
Lage sein, unsere und der Emigranten Rechte scharf und nachdrcklich zu
vertheidigen, aber so lange es mglich ist, darf auch in dieser
Vertheidigung Nichts gegen den Knig unternommen werden, auf dem die
Hand des Schicksals schwer genug ruht, und der stets auf unsere
Ehrfurcht Anspruch haben wird. Und sollten wir je zu den uersten
Grenzen der Vertheidigung gedrngt werden, so mssen wir wenigstens vor
der ganzen Welt beweisen knnen, da wir dazu unwiderstehlich gezwungen
worden sind."

"Aber man greift unsere Ehre an," rief Herr von Mengersen, "unserer
Aller Ehre, denn was in Hietzing ber uns gesprochen wird, davon hat man
gar keinen Begriff, und auch nach Hannover hin schreiben sie die
unglaublichsten Dinge. Es wird gar nicht lange dauern, so wird man wo
mglich in den welfischen Zeitungen Artikel ber uns lesen."

"Seien Sie ganz ruhig, meine Herren," sagte der Regierungsrath Meding,
"wenn das geschehen sollte, wenn man es wagen wrde, unsere Ehre
anzugreifen, dann werde ich der Erste sein, der alle Rcksichten bei
Seite setzt, und dann wehe Denen, die den Kampf mit uns aufnehmen. Jene
werden dem Knig gegenber zu verantworten haben, was dann geschehen
wird. Bis dahin bitte ich Sie nochmals dringend, jeden Schritt zurck zu
halten, der den Knig verletzen knnte."

"Jedenfalls," rief Herr von Dring, "werde ich meine Magazinbestnde dem
Herrn von Adelebsen nicht berliefern, ohne eine vollgltige Decharge
vom Knige zu bekommen, die ich bereits mehrfach verlangt und die man
mir noch immer nicht gegeben hat."

Der Kammerdiener meldete den Legationskanzlisten Hattensauer, und eilig,
mit etwas aufgeregter Miene trat ein Mann von etwa fnfzig Jahren von
auffallender Hlichkeit mit kleinen stechenden Augen, einer
vorspringenden Stirn, einem glatten, fast kahlen Schdel in das Zimmer.
Er neigte sich mit einer gewissen linkischen Hflichkeit nach allen
Seiten, nherte sich dann in beinahe demthiger, unterwrfiger Haltung
dem Regierungsrath Meding und berreichte ihm ein groes, versiegeltes
Schreiben.

"Eine Depesche ans Hietzing, welche so eben eingegangen ist," sagte er.

Gespannt blickten die Officiere auf den Regierungsrath Meding, welcher
langsam das Schreiben ffnete und den Inhalt durchlas.

"Der Major von Adelebsen ist angekommen," sagte der Legationskanzlist
Hattensauer, whrend Herr Meding las, "er hat diese Depesche mitgebracht
und wird Ihnen morgen seinen Besuch machen."

Der Regierungsrath Meding faltete langsam das Papier, das er bis zu Ende
gelesen, zusammen; ein trauriges Lcheln spielte um seinen Mund.

"Nun," rief Herr von Dring, "haben Sie irgend welches Licht in der
Sache erhalten?"

"Der Knig," erwiderte der Regierungsrath Meding, "findet meine
Bemhungen fr die Herstellung eines Comit de Patronage, da dasselbe
auch fr eine Colonie in Algerien wirken knne, nicht vereinbar mit
seinen Beschlssen, nach welchen er aus militairischen Grnden die
Grndung einer solchen Colonie abgelehnt hat. Er befiehlt mir deshalb,
aus dem Comit auszuscheiden und mich sogleich nach Thun in der Schweiz
zu begeben, um dort seine weiteren Befehle abzuwarten. Das Schreiben ist
brigens," fuhr er fort, "abermals eine Antwort auf etwas durchaus
Anderes, als ich geschrieben und auerdem von einer beinah unglaublichen
Stylisirung und Logik."

"Unerhrt!" riefen die Officiere.

"Und Sie werden diesem Befehl Folge leisten?" fragte Herr von Dring.

"Ganz gewi," erwiderte der Regierungsrath Meding, "ich stehe noch im
Dienste des Knigs und mu seinen Befehlen folgen. Ich bedaure, da sie
mich zwingen, die armen Emigranten zu verlassen, aber ich kann darin
Nichts ndern, die Verantwortung fr ihr Schicksal trifft mich nicht."

"Ich habe auch noch Briefe fr Herrn von Dring und fr Herrn von
Tschirschnitz," sagte Hattensauer, indem er sich demthig gebeugt den
beiden Herren nherte und jedem ein Schreiben bergab, welches dieselben
schnell ffneten und durchflogen.

"Ich bin nach Bern verbannt," sagte Herr von Dring.

"Und ich nach Basel!" rief Herr von Tschirschnitz laut lachend. "Die
Sache wird nun geradezu komisch, man scheint sich in Hietzing fr die
Gebieter der Welt zu halten."

"Haben Sie Nichts fr mich?" rief Herr von Mengersen, zu Herrn
Hattensauer sich wendend, "vielleicht hat man mich nach Sibirien
verbannt."

"Nun, meine Herren," sagte der Regierungsrath Meding, "so mssen wir
denn die Hannoveraner ihrem Schicksal berlassen, ich werde noch das
Mglichste thun, um sie allen meinen Freunden hier zu empfehlen.
Jedenfalls haben wir fr sie gethan, was in unsern Krften stand. Und
nun lassen Sie uns schlafen und ausruhen, denn ich glaube, wir knnen
sagen: 'Finita la commedia'. Morgen wollen wir berlegen, was weiter zu
thun ist, und," sagte er lchelnd zu Herrn von Dring und Herrn von
Tschirschnitz, "unsere Reisevorbereitungen treffen."




Zweites Capitel


Der Legationsrath Bucher hatte seinen Vortrag bei dem Kanzler des
Norddeutschen Bundes, Grafen von Bismarck, beendet.

Der Graf sa in dem Lehnstuhl vor dem Schreibtisch bequem zurckgelehnt,
die kraftvolle markige Gestalt erschien noch breiter und voller im
Militairberrock,--die Zge seines Gesichts waren strker geworden und
drckten noch mehr als frher feste, entschlossene Willenskraft aus. Das
Haar an seinen Schlfen und der volle Schnurrbart hatten sich mehr und
mehr wei gefrbt, ohne da dadurch sein Gesicht lter erschien,--der
frische Ausdruck seiner klaren, grauen Augen, welche bald streng und
drohend, bald tief und gemthvoll blickten, gab seiner ganzen
Erscheinung einen gewissen Schimmer jugendlicher Lebendigkeit.

Vor dem Grafen stand, ein Packet zusammengelegter Papiere in der Hand,
der Legationsrath Bucher.

Sein krnkliches feines Gesicht mit den kalt und ernst blickenden
kleinen Augen, dem fest geschlossenen Mund und der etwas scharf
vorspringenden Nase, seine magere Gestalt, welche dem Grafen Bismarck
gegenber fast winzig erschien,--seine etwas gebckte Haltung,--das
Alles gab der Erscheinung dieses merkwrdigen Mannes, der frher seiner
politischen Ueberzeugung Heimath und Existenz geopfert und nunmehr das
Vertrauen des groen deutschen Staatsmannes zu erwerben und zu erhalten
gewut hatte, einen Ausdruck, der die Mitte hielt zwischen dem Typus
eines Bureaukraten und eines Professors.

"Haben Sie die Schrift von Vilbort gelesen," fragte der Graf--'l'oeuvre
de Monsieur de Bismarck'--es wird in Paris viel besprochen--"

"Und ist auch bereits in deutscher Uebersetzung erschienen," bemerkte
der Legationsrath, "es enthlt viel Interessantes und manche sehr
bemerkenswerthe Zeugnisse ber das, was Herr Vilbort whrend des Krieges
von 1866 selbst gesehen und erlebt hat.--Ob freilich Alles das wahr ist,
was Vilbort ber die Aeuerungen mittheilt, die Eure Excellenz ihm
selbst gegenber gemacht haben, das mssen Sie selbst besser beurteilen
knnen, als ich--"

"Im Allgemeinen," sagte Graf Bismarck, "so weit ich das Buch zu
durchblttern Zeit gefunden habe,--giebt er meine Aeuerungen richtig
wieder,--und das ist schon sehr viel.--So oft man mit einem Journalisten
spricht, mu man sich gefallen lassen, da er Alles, was man gesagt oder
nicht gesagt hat, wiedererzhlt, wie er es aufgefat hat,--oder wie er
es aufgefat zu sehen wnscht,--das hindert mich brigens nicht," fuhr
er fort, "mich ganz freimthig und offen gegen diese Herren
auszusprechen, wenn ich Gelegenheit habe, einen von ihnen zu sehen;--ich
halte mit dem, was ich denke und was ich will, nicht hinter dem
Berge,--die ngstliche Geheimnikrmerei der alten Diplomatie hat keinen
Sinn mehr in unserer Zeit,--freilich mu ich dann auch die ffentliche
Beurtheilung dessen, was ich gesagt habe, nicht scheuen, und,--Gott sei
Dank,--dafr habe ich ganz gesunde Nerven."

"Herr Vilbort," sagte der Legationsrath Bucher, "scheint mir durch die
Offenheit, mit welcher Eure Excellenz sich ihm gegenber ausgesprochen
haben, etwas eitel geworden zu sein;--er hlt sich fr einen
Geschichtschreiber,--und das ist er in der That nicht,--auch geht durch
sein ganzes Werk ein gewisses sentimentales Jammern ber den Krieg, der
doch, da die Conflicte einmal unlsbar geworden, eine Nothwendigkeit
war."

"Diese Richtung des Buches," fiel Graf Bismarck ein, "das jedenfalls in
Frankreich viel gelesen werden wird, ist mir am wenigsten
unangenehm,--die Franzosen knnen in der That eine Warnung vor den
traurigen Folgen eines groen Krieges brauchen,--es scheint, da dort
wieder der Chauvinismus erhitzt wird, und da man die Geister fr einen
Krieg vorbereitet, fr den Fall, da man der inneren Schwierigkeiten
nicht Herr werden sollte."

"Glauben Eure Excellenz wirklich," fragte der Legationsrath, "da man in
Paris ernstlich an einen Krieg denken knnte,--gerade jetzt in dem
Augenblicke, in welchem die Zgel des persnlichen Regiments gelockert
sind, in dem Augenblick, in welchem Ollivier, der Mann des Friedens,
Minister geworden ist?"

"Die Berichte aus Paris," sagte Graf Bismarck mit leichtem Achselzucken,
"sprechen von den friedlichen Dispositionen der Regierung,--ich glaube
auch, da der Kaiser, der arme kranke Mann, sich nach dem Frieden
sehnt,--schon um persnlich Ruhe zu haben,--aber Alles," fuhr er fort,
"was dort geschieht, kann zu irgend einem pltzlichen Ausbruch fhren,
auf den wir heute mehr als je gefat sein mssen.

"Sehen Sie," sprach er nach kurzem Nachdenken, whrend er die Augen
sinnend emporschlug, "dieser unglckliche Pistolenschu, der Victor Noir
tdtete, diese lauten Anklagen von Flourens, die ungeschickte Verhaftung
Rocheforts, ein Bonaparte vor Gericht, des Mordes angeklagt, das Alles
bricht ber das Kaiserreich herein,--das ist ein furchtbares
Verhngni,--und das constitutionelle Regiment kann die immer hher
aufwallenden Wogen nicht beschwren. Die Coterie des Krieges, welche
durch einen ruhmvollen Feldzug den Glanz des Kaiserreichs wieder
herstellen will, gewinnt an Boden,--der Kaiser ist schwach,--wird man
ihn nicht eines Tages dahin bringen, das Aeuerste zu wagen, um den
festen Boden wieder zu gewinnen, der ihm tglich mehr unter den Fen
verschwindet. Er wird vielleicht den Krieg machen aus Schwche, denn die
Schwche ist tollkhner als die Kraft.

"Fr uns," fuhr der Graf fort, "ist der Krieg um so weniger zu frchten,
je mehr die innere Kraft Frankreichs tglich zersetzt wird,--aber der
arme Kaiser thut mir leid,--es ist doch eine gro angelegte und im
Grunde gute Natur,--und fr Europa ist das Kaiserreich eine
Wohlthat,--denken Sie, wenn alle diese in den Tiefen ghrenden Elemente
in Frankreich wieder entfesselt wrden!

"Man hat mir da," fuhr er fort, indem er ein Blatt Papier von seinem
Schreibtisch nahm, "einen Brief Eugen Duponts mitgetheilt, in
welchem dieser thtige Agent der Internationale und Secretair von Carl
Marx in London dem Comit in Genf auseinandersetzt, da die Zeit
gekommen sei, in welcher der action scrte et souterraine die
allgemeine revolutionaire Schilderhebung in Europa folgen msse.
Merkwrdigerweise," sagte er, einen Blick in das Schriftstck werfend,
"will Dupont den Ausgangspunkt dieser groen Revolution nach England
verlegen, weil in Frankreich die Regierung noch zu stark sei."

"England sei das einzige Land," fuhr er fort, "in welchem eine wirkliche
socialistische Revolution gemacht werden knnte, das englische Volk aber
knne diese Revolution nicht machen, Fremde mten sie ihm machen und
der Punkt, wo man zuerst losbrechen solle, sei Irland."

Der Legationsrath Bucher lchelte. "Das sind Trumereien," sagte er,
"wie sie von Zeit zu Zeit sich immer wiederholen, ohne zu praktischen
Resultaten zu fhren."

"Die Ideen dieses Dupont sind Trumereien,--das ist ganz richtig," fiel
Graf Bismarck ein,--"aber in Frankreich ist die Sache ernster,--dort
haben die gemigten Mitglieder der Internationale vollstndig die
Fhrung verloren und die extremsten Doctrinen dringen immer mehr in die
Arbeiterbevlkerung,--bei jeder unruhigen Bewegung kann die Commune
proclamirt werden.--Das Alles ghrt um den Kaiser herauf und kann ihn
eines Tages dazu drngen, einen Verzweiflungscoup zu machen;--wir mssen
von dort her immer auf etwas Unerwartetes gefat sein."

"Die Elemente der Ghrung," sagte der Legationsrath, "von denen Eure
Excellenz sprechen, sind aber nicht nur in Frankreich vorhanden, sondern
erfllen die ganze Welt,--auch unter den deutschen Arbeitern macht die
Internationale Fortschritte,--ich glaube, da die Regierungen zu dieser
Frage Stellung nehmen mssen."

"Das sagt mir auch Wagner," rief Graf Bismarck,--"aber welche Stellung
soll man dazu nehmen?--Die alten Parteibildungen beginnen sich zu
zersetzen, keine der vorhandenen Parteien kann sich dazu erheben, den
neuen Zeitfragen mit freiem und klarem Blick entgegen zu treten,--und
gerade dieser socialen Frage gegenber mte doch die Regierung sich auf
eine im Volke selbst wurzelnde Partei sttzen.--Das wre eine Aufgabe
fr die Conservativen," sagte er sinnend,--"aber leider verlieren gerade
diese sich immer mehr in unmgliche und unpraktische Theorien."

"Nun," fuhr er fort,--"wir mssen darber nachdenken,--jetzt will ich
ein wenig hren, was die auswrtige Politik macht."

Er reichte mit freundlichem Kopfnicken dem Legationsrath die Hand und
dieser zog sich mit einer kurzen stummen Verbeugung zurck.

"Ist Jemand im Vorzimmer?" fragte Graf Bismarck den Kammerdiener,
welcher auf seinen starken Glockenzug erschien.

"Der englische Botschafter, Excellenz."

"Ich lasse bitten."

Der Minister-Prsident erhob sich und machte einige Schritte nach der
Thr, durch welche Lord Augustus Loftus, der Botschafter Ihrer Majestt
der Knigin Victoria am preuischen Hofe und beim Norddeutschen Bunde,
in das Cabinet trat.

Lord Loftus, eine durchaus englische Erscheinung, hatte in seinen
Gesichtszgen und in seiner ganzen Haltung eine gewisse feierliche Wrde
und Zurckhaltung, welche ein wenig gegen das offene, freie Wesen des
Grafen Bismarck abstach. Der Lord setzte sich dem preuischen
Minister-Prsidenten gegenber vor den groen Schreibtisch in der Mitte
des gerumigen Cabinets, und begann, da der Graf nach einigen
gleichgltigen Begrungsworten schweigend seine Anrede erwartete, nach
einem kurzen Ruspern:

"Sie wissen, lieber Graf, wie sehr die Regierung Ihrer Majestt darauf
bedacht ist, in den Beziehungen der Cabinette unter einander alle
Ursachen des Mitrauens und der Besorgnisse zu beseitigen, welche dem
Frieden Europas gefhrlich werden knnten."

Graf Bismarck neigte zustimmend den Kopf und, indem er eine groe
Papierscheere ergriff und dieselbe spielend in der Hand bewegte, sagte
er im hflichsten Ton einer gleichgltigen Conversation:

"Die Regierung Ihrer Majestt ist in diesem Bestreben vollkommen von
denselben Wnschen geleitet, welche auch uns beseelen und welche wohl,
wie ich glaube, von allen Cabinetten Europas getheilt werden. Ich freue
mich, von Neuem zu constatiren, da gerade durch diese allseitigen
Wnsche die beste Garantie fr die Erhaltung des europischen Friedens
gewhrt wird."

Lord Loftus schien ein wenig decontenancirt.

"Die guten Wnsche aller europischen Regierungen," sagte er, "sind
gewi eine ganz vortreffliche Garantie des Friedens. Indessen," fuhr er
ein wenig zgernd fort, "um eine wirklich praktische und vor allen
Dingen dauernde Basis fr die internationale Ruhe und Stabilitt zu
schaffen, wird es vor Allem noch nthig sein, concrete Grnde
gegenseitigen Mitrauens und gegenseitiger Besorgnisse zu beseitigen."

"Ich wte in der That nicht," sagte Graf Bismarck, den Botschafter wie
erstaunt anblickend, "da in diesem Augenblick irgend welche Fragen
bestnden, welche dem Frieden auch nur die entfernteste Gefahr zu
bringen vermchten. Ueberall ist die tiefste Ruhe, ich kann Sie
versichern, da wir wenigstens mit keinem europischen Cabinet in
Errterungen stehen, welche bedenkliche und kritische Punkte berhren."

"Ich hatte bei meiner Bemerkung von vorhin," erwiderte Lord Loftus,
"auch weniger diplomatische Fragen im Sinne, welche gegenwrtig zur
Errterung stnden und zu Differenzen fhren knnten, ich dachte
vielmehr an thatschliche Verhltnisse, welche vielleicht weniger ein
Grund, als ein Ausdruck gegenseitigen Mitrauens sind und deren
Beseitigung im Interesse der ruhigen Entwickelung der Zukunft Europas
liegen mchte."

"Und welche thatschliche Verhltnisse meinen Sie?" fragte Graf Bismarck
mit vollkommener Ruhe und einem leichten Anflug von Erstaunen in seinem
scharfen, fest auf den Botschafter gerichteten Blick.

"Es ist eine Thatsache," sprach Lord Loftus weiter, "welche offen vor
Europa da liegt, da die franzsische Regierung in den letzten Jahren
ganz besondere Anstrengungen gemacht hat, um ihre Militairmacht auf eine
auergewhnliche Hhe zu erheben. Das Gleiche findet bei Ihnen statt,
und Sie werden mir zugeben, da es eine gewisse Besorgni und
Beunruhigung erregen kann, wenn man zwei der bedeutendsten europischen
Mchte bis an die Zhne bewaffnet einander gegenber stehen sieht."

"Es liegt ja aber," fiel Graf Bismarck in demselben ruhigen, fast
gleichgltigen Ton ein, "zwischen Frankreich und uns durchaus keine
Veranlassung zu irgend welchen Miverstndnissen vor; im Gegentheil kann
ich Sie versichern, da unsere Beziehungen zu Paris die besten und
freundlichsten sind."

"Und doch stehen Sie sich," bemerkte Lord Loftus, "mit so bermig
angespannten Militairkrften gegenber, als ob Sie gegenseitig jeden Tag
den Ausbruch irgend eines Conflictes zu besorgen htten. Dieser
Zustand," fuhr er etwas lebhafter fort, "wenn er auch den Frieden nicht
unmittelbar gefhrdet, lt doch Europa nicht zu sicherem Bewutsein der
Ruhe kommen, und ich glaube, da besser als alle diplomatischen
Versicherungen eine ernste und nachdrckliche Reducirung der unter den
Waffen stehenden militairischen Streitkrfte alle die unruhigen
Besorgnisse zerstreuen wrde, welche angesichts des gegenwrtigen
Zustandes sowohl die Cabinette, als die Geschftswelt erfllen,--wenn
die Armeen Frankreichs und Preuens sich nicht mehr in voller
Kriegsrstung gegenber stehen, dann wird Europa endlich aufathmen
knnen, befreit von dem Druck, welcher in den letzten Jahren auf ihm
lastet."

Graf Bismarck schwieg einen Augenblick, seine Zge nahmen einen ernsten
Ausdruck an, er richtete den Blick seiner klaren grauen Augen scharf und
durchdringend auf den Botschafter und sagte dann:

"Haben Sie, mein theurer Lord, den Auftrag, die Frage, welche Sie soeben
berhrten, zwischen Frankreich und uns Namens Ihrer Regierung zur
Sprache zu bringen?"

"Ich habe nicht den Auftrag," erwiderte der Lord, "bestimmte Antrge zu
stellen, bestimmt formulirte Wnsche auszusprechen,--doch bin ich
allerdings veranlat, die allgemeine Besorgni, welche die
militairischen Rstungen in Frankreich und Deutschland der Regierung
Ihrer Majestt einflen, Ihnen nicht zu verhehlen und zugleich auch dem
Gedanken Ausdruck zu geben, da Sie sowohl als die franzsische
Regierung dem ganzen civilisirten Europa einen groen Dienst leisten
wrden, wenn Sie sich geneigt finden lieen, im gleichen Verhltni die
unter den Waffen stehenden Streitkrfte zu reduciren und dadurch
thatschlich das Vertrauen auf dauernde Erhaltung des Friedens zu
erkennen zu geben. Wrde ich bei Ihnen die Geneigtheit finden, auf
diesen Ideengang einzugehen, so wrde die Regierung Ihrer Majestt gern
bereit sein, ihre Vermittelung in einer ebenso wichtigen, als delicaten
Sache zwischen zwei ihr gleich befreundeten Mchten eintreten zu
lassen."

"Und wissen Sie," fragte Graf Bismarck, ohne da ein Zug seines
Gesichtes sich vernderte, "ob derselbe Gedanke, den Sie mir hier so
eben auszusprechen die Gte haben, auch dem Kaiser Napoleon gegenber
von Ihrer Regierung geltend gemacht worden ist?"

"Ich glaube, Ihnen mittheilen zu knnen," erwiderte Lord Loftus, "da
dies geschehen ist, und da der Kaiser sich vollkommen bereit erklrt
hat, seine kriegsbereiten Streitkrfte nach derselben Verhltnizahl zu
reduciren, welche von Ihnen angenommen werden mchte."

Ein feines, fast unmerkliches Lcheln flog ber das Gesicht des Grafen
Bismarck.

"Es wrde dann immer die Frage sein," sagte er in leichtem Ton, "wer
denn mit der Abrstung anzufangen htte--und wer dieselbe controliren
knnte, Fragen, an denen oft schon hnliche Verhandlungen gescheitert
sind,--doch," fuhr er dann mit ernstem und nachdrucksvollem Ton fort,
"ich will diese Frage nicht aufwerfen, denn sie wrde keine practische
Bedeutung haben, da ich Ihnen von vorn herein auf das Bestimmteste
erklren mu, da ich garnicht in der Lage bin, auf eine Negociation in
der von Ihnen angedeuteten Weise eingehen zu knnen, und ich wrde es
bedauern, wenn ich in die Lage kme, der Regierung Ihrer Majestt auf
eine directe Aeuerung in jenem Sinne eine bestimmt ablehnende Antwort
geben zu mssen."

"So halten Sie es dennoch fr mglich," fragte Lord Loftus, ein wenig
erstaunt ber diese so klare und bestimmte Erklrung, "da aus den
Fragen, welche gegenwrtig in Europa vorhanden sind, nach irgend welcher
Richtung hin ein ernster Conflict entstehen knnte, der die Erhaltung
einer solchen Waffenrstung fr Frankreich und fr Preuen nthig
macht?"

"Was Frankreich betrifft," erwiderte Graf Bismarck, "so habe ich darber
kein Urtheil. Glaubt der Kaiser Napoleon, den innern Verhltnissen
gegenber und mit Rcksicht auf seine sonstigen europischen
Beziehungen seine militairischen Streitkrfte vermindern zu knnen, so
mag er es thun, von unserer Seite hat er am allerwenigsten irgend eine
Schwierigkeit oder gar eine Feindseligkeit zu besorgen. Ich wrde ihm
indessen auf einem solchen Wege nicht folgen knnen, denn die grere
oder geringere Strke der preuischen Militairmacht beruht nicht in
dieser oder jener augenblicklichen diplomatischen Constellation, sie ist
eine Grundlage des preuischen Staatslebens und kann ohne einen tiefen
Eingriff in dessen wesentlichsten Existenzbedingungen nicht modificirt
werden. Ich bin aber von vorn herein berzeugt," fuhr er fort, "da der
Knig, mein allergndigster Herr, jedes Eingehen auf diese Frage, ja
jede Errterung derselben auf das Bestimmteste ablehnen wrde und
ablehnen mte. Um eine Verminderung und zwar eine wesentliche
Verminderung der disponiblen Streitkrfte zu erreichen, mte man die
ganze Militairorganisation Preuens und des Norddeutschen Bundes ndern.
Das ist schon verfassungsmig schwierig, ja beinahe unausfhrbar.
Auerdem kommt aber dabei noch ein wesentlicher Gesichtspunkt in Frage,
den ich Sie wohl in Betracht zu ziehen bitten mu, die preuische
Militairorganisation ist nicht nur eine militairische, sondern zu
gleicher Zeit auch eine politische und sociale Organisation. Sie ist
eine Art von hoher Schule fr alle Klassen der Bevlkerung, eine Schule,
in welcher die Jugend des Landes die selbstverleugnende Pflichterfllung
lernt, in welcher sie durchdrungen wird von der Hingebung fr den Knig
und fr das Land, in welcher der Patriotismus gekrftigt und zu vollem
klarem Bewutsein gebracht wird. Man knnte also die Wehrverfassung
nicht modificiren, ohne zu gleicher Zeit der militairischen Kraft und
der nationalen Einigkeit groen Schaden zu thun, ohne die Ueberzeugung
des Volkes zu verletzen, welche in der allgemeinen Dienstpflicht und der
damit zusammenhngenden Strke der Armee die beste Brgschaft fr die
Sicherheit und Gre Preuens erblickt. Sie mssen begreifen, mein
theurer Lord," fuhr er fort, "da alle diese Gesichtspunkte es mir
unmglich machen, die Idee der gegenseitigen Entwaffnung weiter zu
discutiren;--so lange ich Minister bin, wrde ich eine solche Idee dem
Knige nicht vorschlagen knnen, und jede weitere Errterung des
Gegenstandes wrde zu gar keinem Resultat fhren. Ich glaube, es ist der
beste Dienst, den ich Ihnen leisten kann, und der grte Beweis
aufrichtigsten Entgegenkommens gegen die Regierung Ihrer Majestt, wenn
ich sogleich und ohne Umschweife meine Stellung zu der von Ihnen
angeregten Frage offen ausspreche. Ich bitte Sie, das, was ich Ihnen
gesagt, als meine unbedingt feststehende Ansicht zu betrachten und auch
Ihrer Regierung keinen Zweifel ber dieselbe zu lassen."

Lord Loftus verneigte sich und sprach:

"Ich erkenne vollkommen das Gewicht der Grnde an, welche Sie mir
angeben und werde dieselben dem auswrtigen Amt zur Kenntni bringen.
Ich bedaure," fuhr er fort, "da Ihre Mittheilungen mich von der
Unmglichkeit berzeugt haben, den auf Europa lastenden Zustand
ngstlicher Besorgni durch ein einfaches Mittel zu beseitigen."

"Ich begreife nicht, mein lieber Lord," sagte Graf Bismarck, "warum Sie
von Kriegsbesorgnissen sprechen? Ich kann Ihnen nur wiederholen, da ich
keine Frage sehe, welche dazu Veranlassung bieten knnte;--wenn einige
chauvinistische Bltter in Frankreich nicht aufhren, die Welt von Zeit
zu Zeit zu beunruhigen, so kann das doch keinen Einflu auf die
Cabinette der Gromchte haben. Mag sich die Brse hin und wieder
darber erschrecken, wir sollten uns dadurch doch in der That keinen
Augenblick aus der Ruhe bringen lassen. Vor Allem," fuhr er mit
volltnender Stimme fort, "knnen derartige auf keinen concreten
Grnden beruhende Besorgnisse niemals der Grund sein, da eine mit dem
Ausbau ihrer innern Angelegenheiten beschftigte, alle Vertrge
respectirende und mit aller Welt im Frieden lebende Macht ihre
langjhrige und bewhrte Militairverfassung ndern sollte, eine
Militairverfassung, auf welcher die Sicherheit beruht, die friedliche
und selbststndige innere Entwickelung nthigenfalls gegen jede Strung
schtzen zu knnen."

"Apropos, haben Sie Nachricht vom Knig Georg?" fragte Graf Bismarck,
als Lord Loftus sich erhob, um sich zu verschieden. "Man theilt mir mit,
da er diese unglckliche Legion in Frankreich, welche ihm so viel Geld
kostet, und welche doch in der That sehr wenig geeignet ist, um Hannover
wieder von uns zu erobern, jetzt auseinander schickt. Mir thun die armen
Leute leid, welche durch dies ganze abenteuerliche Unternehmen ihrem
Vaterlande und ihren Familien entzogen sind."

"Wenn der Knig seinen Widerstand aufgiebt," sagte Lord Loftus, "sollte
es dann nicht mglich sein, ihm den Genu seines Vermgens wieder zu
geben, welches ihm entzogen ist? Ich wei, da der Herzog von Cambridge
als nchster Agnat sehr viel Antheil an dieser Angelegenheit nimmt, und
es wre in der That erwnscht, wenn sie in befriedigender Weise geordnet
werden knnte."

"Niemand wnscht das lebhafter als ich," rief Graf Bismarck, "wir haben
im Interesse der Sicherheit Preuens dem Knige sein Land nehmen mssen,
aber sowohl mein allergndigster Herr wie ich selbst wnschen gewi auf
das Dringendste, da dem alten, hochberhmten und edlen Welfenhause auch
in seiner hannverschen Linie fr die Zukunft eine groe und wrdige
Existenz gesichert bleibe. Aber," fuhr er fort, "wenn der Knig einfach
seine Legion entlt, weil er sie nicht bezahlen kann, ohne mit seinen
brigen Agitationen aufzuhren, ohne den Frieden mit uns zu machen, so
knnen wir ihm doch wahrlich nicht die Mittel dazu in die Hnde geben.
Ich mu bekennen, da mir diese Legion weniger beachtungswerth
erschienen ist, als andere Agitationen des Knigs, welche sich der
Oeffentlichkeit mehr entziehen und fr welche ich," sagte er mit
entschiedener Betonung, "niemals die Mittel zur Verfgung stellen kann.
Will sich der Knig in die Notwendigkeit der Verhltnisse fgen, will er
mit uns Frieden schlieen, so wird er dafr gewi das bereitere
Entgegenkommen finden, und wenn der Herzog von Cambridge sich dafr
interessirt, so wird er dem Knig Georg und dessen ganzem Hause gewi
den besten Dienst leisten, wenn er seinen Einflu anwendet, um ihn zu
einem definitiven und aufrichtigen Frieden zu veranlassen."

"Ich werde," sagte Lord Loftus, "wenn sich mir die Gelegenheit bietet,
versuchen, in diesem Sinne zu wirken,--ich glaube, da der Herzog von
Cambridge gern die Hand dazu bieten wird, doch ob mit Erfolg, das
scheint mir bei dem Charakter des Knigs zweifelhaft. Jedenfalls ist
meine ganze Thtigkeit in dieser Angelegenheit eine ausschlielich
private, hervorgehend aus dem natrlichen Interesse, welches ich fr den
erlauchten Vetter meiner Knigin hege; als Vertreter der englischen
Regierung habe ich mit der ganzen Angelegenheit nicht das Geringste zu
thun."

Er erwiderte mit einer etwas steifen Verbeugung den Hndedruck des
Grafen Bismarck, welcher ihn nach der Thr hin begleitete, und verlie
das Cabinet.

In dem groen Vorsaal sa in einem Lehnstuhl die schmchtige, magere
Gestalt des Grafen Benedetti mit dem bleichen, fein geschnittenen
Gesicht, dessen Zge trotz der listigen Intelligenz, welche in ihnen
lag, dennoch niemals einen bestimmten Ausdruck erkennen lieen.

Der Graf erhob sich und begrte den englischen Collegen.

"Nun," sagte er, "haben Sie Ihre Entwaffnungstheorie discutirt, ber
welche wir gestern sprachen, und von welcher ich berzeugt bin, da sie
in Paris das bereitwilligste Entgegenkommen finden wird?"

"Ich habe darber gesprochen," erwiderte Lord Loftus.

"Und?" fragte Benedetti.

"Jede Discussion darber ist auf das Bestimmteste abgelehnt, man wird
das in London sehr bedauern, obgleich die Grnde dafr nicht ohne
Berechtigung sind."

In den kalten klaren Augen Benedetti's erschien ein leichter Schimmer
von Befriedigung, er schlug jedoch sogleich den Blick zu Boden und sagte
mit ruhigem, fast ausdruckslosem Ton:

"Wenn die Welt sich wegen der militairischen Rstungen in Frankreich und
Deutschland beunruhigt, so wird man nun wenigstens wissen, da wir es
nicht sind, die es verweigern zur Beseitigung dieser Unruhe beizutragen,
welche brigens," fgte er hinzu, "nach meiner Auffassung ohne
Begrndung ist."

Der Kammerdiener des Grafen Bismarck nherte sich dem franzsischen
Botschafter mit der Meldung, da der Minister-Prsident bereit sei, ihn
zu empfangen.

Graf Benedetti verabschiedete sich von Lord Loftus und trat in das
Cabinet.

"Nun," sagte Graf Bismarck, nachdem er ihn mit offener Herzlichkeit
begrt hatte, "es scheint, da man in Europa an den Frieden nicht recht
glauben will. Man mchte aller Welt die Waffen aus den Hnden nehmen und
sie in irgend einem groen Arsenal aufbewahren, damit nur ja kein
Mibrauch damit geschieht. Soeben hat mir Lord Loftus wieder von
Entwaffnungsideen gesprochen, welche sich ganz wesentlich auf uns
beziehen,--ich begreife das in der That nicht," fuhr er ernster fort,
"glaubt man denn, da zwei groe Mchte nur dann im Frieden neben
einander leben knnen, wenn sie Beide nicht die Macht haben, Krieg zu
fhren? Ich habe nach meiner Ansicht mehr Vertrauen zur Erhaltung des
allgemeinen Friedens, wenn alle Mchte stark und krftig sind, sobald
sie nur den aufrichtigen Willen haben, in guten Beziehungen mit einander
zu leben. Ich wei nicht, wie man bei Ihnen ber die Mglichkeit einer
Reduction der Armee denkt, bei uns ist dies unmglich, und ich glaube
auch, man wird an unsere friedlichen Absichten ohne Einschrnkung
unserer Armee glauben."

"Ich theile gewi vollkommen Ihre Ansicht," sagte Graf Benedetti, indem
er dem Minister-Prsidenten gegenber vor dem Schreibtisch Platz nahm,
"und bin weit entfernt, in einer starken Militairmacht zweier verstndig
regierten Staaten eine Gefahr fr den Frieden zu erblicken. Inde," fuhr
er fort, "knnte die Idee einer theilweisen Entwaffnung dennoch
vielleicht der Beachtung nicht ganz unwrdig sein, wenn man durch eine
solche Maregel der ffentlichen Meinung und den brigen Mchten neues
Vertrauen in die Stabilitt der europischen Ruhe und Ordnung einflen
kann. Von diesem Gesichtspunkt aus ist, wie ich voraussetzen darf, der
Kaiser nicht abgeneigt, eine Reduction der militairischen Krfte in
Erwgung zu ziehen, wobei auerdem noch eine wesentliche Erleichterung
des Volkes in Betracht kommt, die fr die innere Stellung der
Regierungen nicht unwesentlich ist."

"Diese Rcksicht wrde bei uns von keiner Bedeutung sein," sagte Graf
Bismarck, "unsere Militair-Verfassung ist mit dem Volke verwachsen, und
Niemand im Volk verlangt eine Erleichterung der auf allen Schultern
gleich vertheilten militairischen Pflichten."

Graf Benedetti sah einen Augenblick zu Boden, dann schlug er den Blick
mit einer fast naiven Offenheit zu dem preuischen Minister-Prsidenten
auf und sprach:

"Ich bin natrlich nicht in der Lage, die inneren Verhltnisse bei
Ihnen so eingehend zu beurtheilen, wie Sie dazu im Stande sind, da ich
nur als Fremder in dieselben hineinblicke,--aber doch verfolge ich Ihr
ffentliches Leben mit vielem Interesse und glaube bemerkt zu haben, da
in den Parteien Ihrer Parlamente die Frage der militairischen Lasten
nicht ganz gleichgltig behandelt zu werden scheint. Nach der Zahl der
Mannschaften und nach den finanziellen Mitteln ist der Verfassung gem
der Militairetat auf eine Periode von fnf Jahren festgesetzt, welche im
nchsten Jahr zu Ende geht; nach den Stimmen der Presse," fuhr er fort,
"und nach dem, was ich hier und da ber die Stimmung der Abgeordneten
gehrt habe, scheint das Parlament, wenn ihm im nchsten Jahre das
Kriegsbudget vorgelegt wird, sehr geneigt zu sein, wesentliche
Reductionen zu beschlieen, welche gewissermaen einer theilweisen
Entwaffnung gleich kommen wrden. Wenn ich mich in der Beurtheilung der
hiesigen Verhltnisse nicht tusche," sprach er weiter, whrend Graf
Bismarck zuhrte und von Zeit zu Zeit die Fingerspitzen an einander
schlug,--"so bedrfen Sie, um das richtige Gleichgewicht zwischen der
Regierung und dem Parlament zu erhalten, der Uebereinstimmung mit allen
gemigten Nuancen der conservativen und liberalen Parteien. Wrde es
da nicht vielleicht ein gutes und willkommenes Auskunftsmittel sein, die
Rcksichten auf die inneren Verhltnisse und diejenigen auf die
auswrtigen Beziehungen zu vereinen durch eine auf diplomatischer
Uebereinkunft beruhende Armeereduction? Sie wrden die europischen
Mchte, England an der Spitze, verpflichten, die ffentliche Meinung
beruhigen und vielleicht einer Verlegenheit entgehen, welche immerhin
erwachsen knnte, wenn im nchsten Jahr Ihr Parlament erhebliche
Reductionen des Militairbudgets beschlieen sollte."

"Diese Verlegenheit," sagte Graf Bismarck, "kann nicht eintreten, und
die Rcksicht, sie zu vermeiden, kann auf meine Beschlsse keinen
Einflu ben."

"So glauben Sie," sagte der Graf Benedetti, "der Zustimmung der
Parlamentsmajoritt fr das Militairbudget auch im nchsten Jahr
vollkommen sicher zu sein? Sie verzeihen," fgte er hinzu, "da ich ber
Ihre inneren Angelegenheiten mit Ihnen spreche; aber Sie wissen, wie
sehr ich mich fr dieselben interessire, und Sie haben mir frher schon
fter erlaubt, mich durch die Unterhaltung mit Ihnen ber diese
Verhltnisse zu belehren."

"Unsere inneren Angelegenheiten," erwiderte Graf Bismarck, artig den
Kopf neigend, "liegen ja offen da, und es ist mir immer erfreulich und
kann nur zu immer grerer Klrung meiner eigenen Anschauung dienen,
mich mit Ihnen ber dieselben zu unterhalten. Sie fragten also," fuhr er
fort, "ob ich der Zustimmung des Parlaments zum bisherigen
Militairbudget im nchsten Jahre sicher sei? Darauf kann ich Ihnen nur
antworten: das wei ich nicht, denn parlamentarische Majoritten sind
Dinge, die sich nicht vorher berechnen lassen; doch mag dem sein, wie
ihm wolle, eine Verlegenheit, wie Sie dieselbe vorher andeuteten, kann
fr mich nach dieser Richtung hin niemals entstehen. Wenn Sie unsere
Verfassung genau studirt haben," sagte er mit einer kaum vernehmbaren
Nuance von Ironie in seiner Stimme, "wie ich nach Ihren Bemerkungen
voraussetze, so werden Sie gesehen haben, da der Artikel 60--nach der
Festsetzung der Friedensstrke in der Armee bis zum 31. Dezember
1871--weiter bestimmt, da fr die Zukunft die Effectivstrke durch die
Bundesgesetzgebung bestimmt werden soll. Wenn also, was ich nicht
voraussetzen will, aber auch ebenso wenig fr unmglich erklren kann,
der Norddeutsche Reichstag im nchsten Jahre das von den verbndeten
Regierungen vorgelegte Militairbudget nicht annimmt, so ist eben ein
neues Gesetz nicht zu Stande gekommen, und selbstverstndlich gilt dann
das bisher bestandene Gesetz so lange, bis frher oder spter ber das
an seine Stelle zu setzende zwischen den Volksvertretern und den
Regierungen eine Verstndigung erzielt ist. Sie sehen also, da ich um
mein Militairbudget nicht in Verlegenheit kommen kann, und da, wenn
Diejenigen," fgte er mit scharfer Betonung hinzu, indem seine
Gesichtszge pltzlich einen sehr ernsten, fast strengen Ausdruck
annahmen, "welche sich auerhalb Deutschlands vielleicht veranlat
finden mchten, eine Verminderung der Waffenmacht zu wnschen, die zur
Vertheidigung Preuens und des Norddeutschen Bundes nthig ist, sich auf
gewisse parlamentarische Abneigungen gegen die Bewilligung des
Militairetats glauben sttzen zu knnen,--da sie in solchen
Voraussetzungen ihre Rechnung--ohne die Bundesverfassung und ohne mich
gemacht haben."

Graf Benedetti verneigte sich.

"Es ist mir erfreulich," sprach er, "Ihre Ansichten so bestimmt und klar
ausgesprochen zu hren. Der ganze Gegenstand," fuhr er mit leichtem Ton
fort, "ist ja eigentlich keine Frage zwischen uns, Frankreich und
Preuen knnen ihre gegenseitige Strke ohne jedes Mitrauen ansehen, es
wre nur ein Entgegenkommen gewesen, welches wir gemeinsam den brigen
Mchten htten zeigen knnen--"

"Welche aber ihrerseits," fiel Graf Bismarck ein, "ebenfalls
fortfahren, unausgesetzt zu rsten und zwar in weit grerem Mastabe,
als wir, wie ein Blick auf Oesterreich und auf Italien zeigt. Ich
glaube, es ist besser, ein fr alle Mal diese ganze Frage der Rstungen
unerrtert zu lassen und den Frieden wesentlich auf den guten Glauben
und das Vertrauen zu sttzen, welches die Regierungen einander
entgegentragen. Sie knnen mir," fuhr er fort, "wahrlich den Vorwurf
nicht machen, da ich es an solchem Vertrauen fehlen lasse, und da ich,
wenn irgend Etwas vorkommt, was die guten Beziehungen nach irgend einer
oder der anderen Richtung zu verwirren im Stande wre, nicht sogleich
durch offenes Aussprechen die Gelegenheit zur Aufklrung und zur
Beseitigung der Miverstndnisse gebe."

Ein leichter Ausdruck verschrfter Aufmerksamkeit wurde in dem Blick des
Botschafters bemerkbar.

"Ich freue mich," sagte er, "da diese Beziehungen gegenseitiger
Offenheit und Aufrichtigkeit zwischen uns bestehen. Gerade dadurch ist
es ja so oft schon mglich gewesen, manche Wolke zu zerstreuen, welche
die so guten und befriedigenden Verhltnisse zwischen beiden Regierungen
htte trben knnen. Gegenwrtig," sagte er mit leichtem Lcheln, "sind
ja solche Wolken nach keiner Richtung hin vorhanden und--"

"Ganz verschwinden sie niemals," fiel Graf Bismarck ein, "denn immer und
immer wieder kommen von der einen oder der andern Seite her
Mittheilungen, welche bei ngstlichen und mitrauischen Naturen, zu
denen ich nicht gehre," sagte er sich verneigend, "Bedenken und Sorgen
hervorrufen knnten."

Benedetti blickte ihn erstaunt und fragend an.

"Schon vor lngerer Zeit," sagte Graf Bismarck in ruhigem und fast
gleichgltigem Ton, "habe ich Ihnen mitgetheilt, Herr von Usedom htte
uns verschiedene Umstnde mitgetheilt, welche fast glauben lassen
muten, da geheime Unterhandlungen zwischen Frankreich und Italien, bei
welchen auch Oesterreich betheiligt sei, stattfnden."

"Ich habe damals Gelegenheit genommen," sagte Graf Benedetti schnell,
"in Paris Erkundigungen einzuziehen und Ihnen die Versicherung gegeben,
da die Quelle, aus welcher Herr von Usedom jene Mittheilungen geschpft
hat, eine nicht zuverlssige gewesen sein msse--"

"Herr von Usedom hat seine Quelle nicht angegeben," fiel Graf Bismarck
ein.

"Jedenfalls," sagte Graf Benedetti, "war er unrichtig berichtet oder
durch den Schein getuscht und zu falschen Schlssen veranlat worden."

"Es sind nun," sprach Graf Bismarck weiter, "in neuester Zeit wiederholt
Winke an mich gekommen, da abermals eine sehr lebhafte Negociation
zwischen den Hfen von Paris, Wien und Florenz stattfindet, welche eine
Coalition herzustellen bezweckt, die doch offenbar gegen uns keine allzu
freundlichen Absichten haben knnte. Ich meinerseits," fuhr er fort,
indem er Benedetti starr ansah und seine groe Papierscheere mit der
Hand rasch hin und her bewegte, "lege keinen besonderen Werth auf
derartige Winke, wenn sie nicht den Nachweis bestimmter und unleugbarer
Thatsachen enthalten, vielleicht auch deshalb," sagte er mit Betonung,
"weil ich eine Coalition niemals frchten wrde, welche sich der
nationalen Entwicklung Deutschlands entgegenzustellen die Absicht
htte."

"Ich werde sogleich," sagte Benedetti eifrig, "nach Paris schreiben und
mir bestimmte Aufklrung ber diese Frage erbitten. Ich bin aber im
Voraus fest berzeugt, da die Gerchte, welche zu Ihnen gedrungen sind,
jetzt ebenso wenig wie damals Begrndung haben, denn ich kenne zu genau
den dringenden Wunsch des Kaisers, den europischen Frieden zu erhalten
und ganz besonders die so freundlichen Beziehungen mit dem Knige
Wilhelm und seiner Regierung zu pflegen."

"Ich habe Sie nicht darber interpelliren wollen, mein lieber
Botschafter," sagte Graf Bismarck, "ich kam auf die Sache nur durch
unser Gesprch und durch die Aeuerungen, welche Lord Loftus mir vorher
gemacht hat. Denn wenn," fuhr er fort, "hnliche Winke, wie sie an mich
gekommen sind, auch nach London gelangt sein sollten, und wenn man mit
solchen Winken die ganz besondere Thtigkeit in Verbindung bringt,
welche in Ihrem Militair-Departement herrscht, so wrde in dieser
Ideenassociation vielleicht ein Grund zu finden sein, warum man von
England aus so dringend wnscht, neue und concrete Garantieen fr die
Erhaltung des europischen Friedens zu gewinnen. Nur sucht man diese
Garantieen an falscher Stelle; doch," fuhr er abbrechend fort, "ich
glaube, wir haben unsere Ideen ber den Gegenstand ausgetauscht und
stimmen nunmehr im Wesentlichen ber denselben berein. Besser als durch
die Entwaffnung wird der Friede jedenfalls gesichert sein, wenn alle
Veranlassungen vermieden werden, welche zur Entstehung solcher Gerchte
beitragen knnen, wie ich sie mir so eben zu erwhnen erlaubte."

"Ganz gewi," sagte Benedetti. "Es ist merkwrdig," fuhr er dann fort,
"wie von Zeit zu Zeit immer wieder Fragen auftauchen, welche die glatte
und ruhige Oberflche der europischen Politik kruseln. Sie erwhnten
so eben der Gerchte ber geheime Verhandlungen zwischen Wien, Florenz
und Paris; da wir einmal damit das Gebiet der Hypothesen berhrt haben,
so darf ich vielleicht meinerseits bemerken, da, wie man mir aus Paris
ganz vertraulich schreibt, dort wieder einzelne Andeutungen vernommen
worden sind ber einen Plan, den Prinzen von Hohenzollern auf den
spanischen Thron zu bringen, einen Plan, ber welchen wir ebenfalls
frher bereits gesprochen haben und welcher, wenn er wirklich bestehen
sollte, ebenfalls geeignet wre, eine gewisse Beunruhigung
hervorzurufen."

Graf Bismarck sah den Botschafter gro und erstaunt an.

"Ich habe neuerdings," sagte er, "Nichts wieder von dieser Idee gehrt,
welche mir, wie ich Ihnen bereits frher bemerkt habe, im Ganzen ein
wenig abenteuerlich zu sein schien. Ich habe heute noch wie damals die
Ansicht, da die Regierung des Prinzen Leopold in Spanien nur von sehr
kurzer Dauer sein wrde und da sie ihn groen Gefahren und Tuschungen
aussetzen mte. Ich bin fest berzeugt, da der Knig, wenn die Sache
jemals an ihn herantreten sollte, dem Prinzen gewi nicht den Rath geben
wrde, den spanischen Thron anzunehmen, auch wenn die Cortes dort ihm
denselben antragen sollten. Ich wei auch, da der Vater des Prinzen,
der Frst Anton vollkommen diese Ansicht theilt. Er wei," fgte er
lchelnd hinzu, "durch die Erfahrung, die er mit dem Frsten Karl von
Rumnien gemacht hat, da die Souverainett zuweilen theuer werden
kann."

"Der Prinz Leopold," sagte Benedetti in gleichgltig hingeworfenem Ton,
indem ein schneller forschender Blick den Grafen Bismarck traf, "wrde
ja auch brigens, selbst wenn ein Beschlu der Cortes ihm die spanische
Krone anbieten sollte, dieselbe niemals ohne Zustimmung und Erlaubni
des Knigs annehmen knnen, da der Knig als Chef des Hauses bei den
Entschlssen des Prinzen die letzte Entscheidung hat."

"Das ist nicht der Fall," sagte Graf Bismarck, "der Prinz wrde in
letzter Linie in seinen Entschlssen doch nur von seinem Vater abhngen,
und der Knig wrde sich gewi enthalten, einen bestimmenden Einflu
ausben zu wollen,--ganz gewi aber wird er, wie ich wiederholen mu,
nach meiner Ueberzeugung dem Prinzen nicht den Rath geben, ein so
gefhrliches und unsicheres Abenteuer zu wagen. Ich glaube brigens
kaum," fuhr er fort, "da man so bald zur Wahl eines Knigs in Spanien
gelangen wird; die Personen, welche dort gegenwrtig die Macht in Hnden
halten,--vielleicht Prim noch mehr als Serrano--werden kaum wnschen,
durch die definitive Wahl eines Knigs dem gegenwrtigen Zustand, bei
welchem sie die Herren des Landes sind, ein Ende zu machen. Die ganze
Sache hat nach meiner Ueberzeugung gar keine practische Bedeutung. Man
hat ja frher schon," fuhr er im leichten, gleichgltigen Ton fort, "den
Namen des Prinzen Friedrich Karl mit der spanischen Krone in Verbindung
gebracht, vielleicht wre dieser Prinz, der ein so tapferer Officier und
ein so energischer Charakter ist, noch eher im Stande dieses Abenteuer
zu bestehen, als es vielleicht der Prinz Leopold sein mchte. Aber alle
diese Dinge sind ja Conjecturen und scheinen mir so recht keinen
eigentlichen Bestand zu haben."

"Ich habe den ganzen Gegenstand auch nur erwhnt," sagte Benedetti,
"weil wir einmal auf das Gebiet politischer Conjecturen gekommen waren,
zu denen auch die vorhin von Ihnen erwhnte sterreichisch-italienische
Negociation gehrt."

Graf Bismarck sah den Botschafter scharf und durchdringend an, dann
neigte er mit hflicher Zustimmung den Kopf.

"Ich freue mich also von Neuem constatiren zu knnen," sagte Benedetti,
indem er aufstand, "da in unsern internationalen Beziehungen kein Punkt
existirt, welcher zu Unruhe oder Besorgni Veranlassung geben knnte,
und man wird sich," fgte er lchelnd hinzu, "in London wohl berzeugen,
da auch ohne Entwaffnung zwei groe Mchte in Frieden und Freundschaft
neben einander leben knnen."

"Das bewaffnete Deutschland," sagte Graf Bismarck, indem er Benedetti
einige Schritte zur Thr geleitete, "ist wenigstens fr Niemand eine
Drohung--als fr Diejenigen, welche sich seiner naturgemen freien und
nationalen Kraftentwickelung etwa entgegenstellen mchten."

Benedetti verneigte sich, drckte die dargebotene Hand des
Minister-Prsidenten und ging hinaus.

Graf Bismarck schritt einige Male langsam im Zimmer auf und nieder.

"Es ist etwas im Werk," sagte er,--"dieser englische
Entwaffnungsvorschlag beweist, da man in London der Ruhe nicht traut,
man mu dort irgend welche Winke haben, welche Besorgnisse einflen,
und diese erneuete Erwhnung der Candidatur des Prinzen Leopold, einer
Sache, die ich lngst vergessen habe und deren flchtigem und
vorbergehendem Auftauchen im vorigen Jahre ich niemals eine ernste
Bedeutung beilegen mochte--diese Mittheilungen ber die geheime
Negociation mit Italien und Oesterreich, welche nicht ganz aus der Luft
gegriffen sein knnen, --es scheint, da da wieder irgend einer jener
verborgenen Schachzge im Werke ist, denen ich mich seit 1866
unausgesetzt gegenber befinde. Nun," sagte er, die Brust weit
ausdehnend, "mgen sie ihre geheimen Combinationen machen, sie werden
diesmal ebenso wenig zu einer ernsten Gefahr fhren, als bisher. In
Italien wird man sich wohl nicht so leicht entschlieen, die einzige
Sttze aufzugeben, welche man in Europa findet. Auch der gute Kaiser
Napoleon, der immer lter wird, mchte mit jedem Jahre immer weniger
geneigt sein, sich den gefhrlichen Chancen eines Krieges auszusetzen,
den wir, wenn er einmal entbrannt ist," fgte er mit dem Ausdruck
eiserner Entschlossenheit hinzu, "bis auf's Messer wrden fhren mssen.
Freilich," sagte er dann nachsinnend, "je schwcher und willenloser er
wird, um so leichter mchte es vielleicht der kriegerischen Coterie
werden, ihn in eine unberlegte Unternehmung hineinzuziehen. Die
Schwche des Alters knnte bei ihm zu demselben Resultat fhren, das bei
Andern durch die Verwegenheit der Jugend hervorgebracht wird. Nun,"
sagte er mit ruhigem Ton, "ich arbeite mit aller Macht daran, den
Frieden zu erhalten--wenn es aber nicht mglich sein sollte--wir sind
gerstet und knnen jeder Eventualitt mit dem ruhigen Bewutsein
entgegensehen, da wir gethan haben, was an uns ist, um allen Gefahren
zu begegnen. Leider, leider," sagte er nach einer Pause, "kann ich noch
immer nicht dahin kommen, klar und genau zu bersehen, was unter dieser
glatten Oberflche der franzsischen Politik in den Tiefen gebraut und
vorbereitet wird,--wie traurig, da man nicht berall selbst sein kann
und da man gezwungen ist, durch fremde Augen zu sehen und mit fremden
Ohren zu hren."

Der Kammerdiener trat ein und berreichte dem Grafen ein Billet.

"Ein Herr wnscht Eurer Excellenz dringend angemeldet zu werden, er
behauptet, da Eure Excellenz ihn anhren wrden, wenn Sie seinen Brief
gelesen, und hat darauf bestanden, denselben sofort zu berreichen."

Graf Bismarck ffnete schnell das Billet. Voller Erstaunen las er die
wenigen Zeilen, welche es enthielt. Dann spielte ein eigentmliches
Lcheln um seine Lippen und er sagte:

"Fhren Sie den Herrn herein."

"Herr Salazar-y-Mazarredo, Deputierter in den Cortes," sprach er
halblaut zu sich selbst, nachdem der Kammerdiener wieder hinausgegangen
war, "hat mir einen Brief des Marschall Prim zu bergeben? Der Name ist
mir vollkommen unbekannt,--es mu eine ganz besondere Angelegenheit
sein, da der Marschall sich direct an mich ohne Vermittlung der
spanischen Gesandtschaft wendet."--

Die Thr ffnete sich Graf Bismarck trat mit artiger Hflichkeit, aber
in gemessener, kalter Haltung einem noch jungen, eleganten Mann
entgegen, dessen regelmiges Gesicht mit dunklem, schwarzem Haar und
schwarzen lebhaften Augen den Typus der Sdlnder trug.

Der Eintretende verneigte sich tief vor dem Minister und zog einen
versiegelten Brief aus der Tasche seines Fracks.

"Der Marschall Prim," sagte er in franzsischer Sprache, "hat mir den
ehrenvollen Auftrag ertheilt, Eurer Excellenz dies Schreiben zu
berreichen."

Graf Bismarck nahm den Brief, welchen der junge Mann ihm darbot, lie
einen flchtigen Blick ber das Siegel und die Aufschrift gleiten und
deutete dann mit der Hand auf den Sessel vor seinem Schreibtisch.

"Sie erlauben," sagte er, indem er sich niederlie,--er ffnete das
Siegel und las langsam das Schreiben, doch ohne da in seinem Gesicht
eine Spur des Eindrucks bemerkbar wurde, den der Inhalt auf ihn machte.
Als er zu Ende gelesen, faltete er den Brief wieder zusammen und sah
einen Augenblick den ihm gegenber sitzenden jungen Mann scharf an.

"Ist Ihnen der Inhalt des Schreibens des Marschalls bekannt, mein Herr?"
fragte er.

"Der Marschall hat die Gte gehabt, mir denselben mitzutheilen,"
erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo. "Er hat geglaubt, in dieser
delicaten Angelegenheit sich zunchst ganz persnlich an Eure Excellenz
wenden zu mssen, um Ihre ebenfalls persnliche Ansicht zu hren, bevor
in der Sache officielle Schritte geschehen. Der Marschall ist
berzeugt," fuhr er fort, whrend Graf Bismarck ruhig und unbeweglich
zuhrte, "da der Abschlu der Revolution, in welcher sich Spanien
gegenwrtig befindet, nur durch die Wiederherstellung der Monarchie
mglich ist und zwar unter einem Knige, welcher durch jugendliche
Kraft und Intelligenz die Schwierigkeiten der Lage zu berwinden im
Stande ist und welcher zugleich durch seine persnliche Stellung die
Achtung und Sympathie des spanischen Volkes gewinnen kann, ohne mit
irgend einer der im Lande bestehenden und mit den verschiedenen
Prtendenten zusammenhngenden Partheien in irgend welcher Verbindung zu
stehen. Der Marschall hat geglaubt, einen solchen Frsten, der alle
diese Eigenschaften in sich vereinigt, in der Person des Erbprinzen von
Hohenzollern zu finden und wrde diese Combination um so lieber zur
Ausfhrung gebracht sehen, als dadurch die hohe Achtung, welche er fr
Deutschland, fr den Knig Wilhelm und Eure Excellenz hegt, ebenso wie
der Wunsch mit Preuen und Deutschland in freundschaftlichen Beziehungen
zu stehen, thatschlichen Ausdruck fnde. Der Marschall glaubt, da es
leicht sein wrde, die Cortes zur Wahl des Prinzen Leopold zu bestimmen.
Doch wnscht er nicht eher einen Schritt dazu zu thun, bevor er nicht
die Ueberzeugung gewonnen hat, da Eure Excellenz diesen Plan billigen
und da der Knig demselben seine Zustimmung geben wrde."

Graf Bismarck blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin.

"Es ist eine eigenthmliche Frage, welche Sie da an mich richten, mein
Herr," sagte er dann. "Ich erkenne dankbar die Gesinnungen des
Marschalls gegen Deutschland und gegen mich an, welche ihn zu dieser
Frage veranlassen, jedoch mu ich aufrichtig gestehen, da ich um die
Antwort etwas verlegen bin. Es kann ja nur ehrenvoll fr meine Nation
sein, wenn das spanische Volk einem deutschen Frsten vertrauungsvoll
die Leitung seiner Geschicke in die Hand legen wollte, inde wird es mir
sehr schwer, darber namentlich in dem gegenwrtigen Stadium der Sache
irgend eine bestimmte Meinung auszusprechen. Zunchst wrde doch der
Entschlu und die Neigung des Prinzen Leopold in erster Linie magebend
sein. So schmeichelhaft nun auch fr diesen Prinzen ein solcher Auftrag
sein mu, so werden Sie mir doch auch zugeben, da er durch ein Eingehen
auf denselben, falls er wirklich gestellt werden sollte, eine ungeheuere
Verantwortlichkeit auf sich ladet und sich mglicher Weise groen
Gefahren und Schwierigkeiten aussetzt. Ob er das wagen will, ist seine
Sache, und es wrde unter Umstnden darber von Ihnen mit dem Prinzen
direct verhandelt werden mssen."

"Der Marschall wnscht aber auch zu gleicher Zeit Eurer Excellenz und
des Knigs Ansicht darber zu wissen."

"Was zunchst die meinige betrifft, so mu ich Ihnen aufrichtig sagen,
da ich der in Rede stehenden Combination eine politische Bedeutung kaum
beizulegen vermag. Der Prinz Leopold ist ein ritterlicher, ehrenhafter
Charakter--wrde er je in die Lage kommen, die ihm angebotene Krone
Spaniens anzunehmen. So bin ich fest berzeugt, da er von dem
Augenblick an sich mit allen Interessen der spanischen Nation
identificiren und da es sein aufrichtiges Bestreben sein wrde, ganz
und gar Spanier zu werden. Die Wahl des Prinzen wrde kaum auf die
Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland,--von denen ich ebenso wie
der Marschall wnsche, da sie stets die freundschaftlichsten und besten
bleiben mgen--irgend welchen Einflu ben knnen. Ich wrde also auch
kaum in der Lage mich befinden, als preuischer Minister dem Prinzen
irgend einen Rath nach der einen oder der andern Seite zu geben--

Wenn ich nun schon," fuhr er fort, "mir eine absolute Zurckhaltung
auflegen zu mssen glaube, so scheint es mir, da Seine Majestt der
Knig, mein allergndigster Herr, noch mehr einer jeden Einwirkung auf
die Entschlsse des Prinzen sich zu enthalten Veranlassung hat. Seine
Majestt ist allerdings der oberste Chef des Gesammthauses
Hohenzollern, inde ist Prinz Leopold nicht preuischer Prinz und mit
der kniglichen Familie nicht verwandt, in rein persnlichen
Angelegenheiten wrde also der Knig zunchst dem Prinzen und dessen
Vater die vllig freie Entscheidung berlassen mssen. Wenn Seine
Majestt daher eintretenden Falles keine Veranlassung haben wrde,
etwaigen Neigungen des Prinzen zur Annahme der ihm anzubietenden
spanischen Krone entgegen zu treten, so kann Seine Majestt doch noch
viel weniger ihm irgendwie den Rath ertheilen, ein so verantwortungs-
und gefahrvolles Unternehmen zu versuchen. Ich finde mich daher nicht im
Stande, im gegenwrtigen Augenblicke meinerseits die Sache dem Knige
vorzulegen,--wrde dieselbe eine festere Gestalt annehmen und an den
Prinzen durch eine spanische Autoritt herantreten, so wrde es immer
die Sache des Prinzen selbst und seines Vaters sein, ihre Entschlsse
Seiner Majestt zu unterbreiten und des Knigs Meinung darber
einzuholen."

"Eure Excellenz," sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, der durch die ruhige
und bestimmte Erklrung des Grafen Bismarck ein wenig niedergedrckt zu
sein schien, "wrden also der Idee des Marschalls persnlich Nichts
entgegen zu setzen haben?"

"Wie knnte ich das!" erwiderte Graf Bismarck,--"es kann ja nur, wie
ich wiederhole, ehrenvoll fr Deutschland und fr das Haus Hohenzollern
sein, wenn die spanische Nation einen Prinzen dieses Hauses zu ihrem
Knig erwhlt. Politische Grnde _dagegen_," fuhr er fort, "kann ich als
preuischer Minister ebenso wenig haben, als ich, wie ich ebenfalls
bestimmt wiederholen mu, mich irgend wie _dafr_ auszusprechen im
Stande bin. Doch bin ich," fuhr er fort, "dem Marschall sehr dankbar fr
das persnliche Vertrauen, welches er mir durch die Mittheilung seiner
Idee zu beweisen die Gte gehabt hat."

Er schwieg. Der spanische Deputirte schien das Gesprch nicht fr
beendet ansehen zu wollen.

"Wrden Eure Excellenz die Gte haben," sprach er, "Ihre Ansicht ber
die Sache--Ihre persnliche Ansicht dem Marschall in Beantwortung seines
Schreibens mitzutheilen?"

Graf Bismarck spielte einige Augenblicke nachdenklich mit dem Brief, der
vor ihm auf dem Tische lag.

"Ich glaube," sagte er, "da ich mich deutlich und klar ausgesprochen
habe, und Sie werden gewi die Gte haben, dem Marschall meine Worte zu
wiederholen."

"Ich glaube, Eurer Excellenz Erklrung genau und richtig aufgefat zu
haben," erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo, "doch bin ich berzeugt, da
der Marschall besonderen Werth darauf legen wrde, meine Mittheilungen
durch ein Antwortschreiben von Eurer Excellenz selbst besttigt zu
sehen."

Abermals dachte Graf Bismarck einige Augenblicke nach.

"Sie werden begreifen," sagte er, "da eine gewisse Schwierigkeit fr
mich darin liegt, mich ber eine Angelegenheit, welche, wie ich zu
bemerken mir erlaubte, nach meiner Auffassung mit der Politik Preuens
und Deutschlands Nichts zu thun hat, in einer Weise auszusprechen,
welcher bei meiner Stellung doch immerhin eine Art von offizieller
Bedeutung beigelegt werden knnte. Jedenfalls mte ich die Sache nach
allen Richtungen hin noch sehr reiflich berlegen, bevor ich den Brief
des Marschalls beantworten knnte, und ich mu gestehen, da ich
dringend wnsche, der ganzen Sache so lange vollkommen fern zu bleiben,
bis dieselbe etwa eine klar fabare Gestalt annimmt und auf direct
officiellem Wege an mich gelangt. Ich mchte unter diesen Umstnden,"
fgte er artig hinzu, "Sie nicht zu einem lngeren Aufenthalt in Berlin
veranlassen und den Marschall bitten, mir zu einer eingehenden
Ueberlegung Zeit zu lassen. Ich bin berzeugt, da der Marschall die
Grnde vollkommen verstehen und billigen wird, welche mich bestimmen
mssen, meine Antwort noch zurckzuhalten, um so mehr, da bei den
Beziehungen persnlichen Vertrauens, in denen Sie, mein Herr, jedenfalls
zu ihm stehen, Ihre Mittheilungen ja vollstndig die Stelle einer
direkten Antwort ersetzen werden."

Er verneigte sich mit einer Miene, welche bestimmt andeutete, da die
Unterredung zu Ende sei.

Herr Salazar-y-Mazarredo erhob sich, indem auf seinen Zgen eine
sichtbare Enttuschung bemerkbar wurde.

"Ich bitte Sie nochmals," sagte Graf Bismarck, "dem Marschall den
Ausdruck meiner Dankbarkeit fr sein Vertrauen und die Versicherungen
meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit zu berbringen. Ich habe
mich herzlich gefreut," fgte er mit verbindlicher Artigkeit hinzu, "bei
dieser Gelegenheit Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben."

"Eure Excellenz werden Nichts dagegen haben," sagte Herr
Salazar-y-Mazarredo, "da ich Schritte thue, um mich ber die
persnlichen Ansichten des Prinzen Leopold zu unterrichten."

"Da der persnliche Entschlu des Prinzen, wie ich schon bemerkt habe,
in erster Linie in Betracht kommt," sagte Graf Bismarck kalt und ruhig,
"so scheint es mir in der Natur der Sache zu liegen, da Sie nach dieser
Richtung hin sich informiren. Uebrigens," fgte er hinzu, "wird es ganz
und gar, wie mir scheint, Ihre Aufgabe sein, die Auftrge auszufhren,
welche der Marschall Ihnen gewi auch in dieser Beziehung ertheilt hat."

Herr Salazar-y-Mazarredo verlie mit tiefer Verbeugung das Cabinet.

"Es ist also doch Etwas im Gange," sagte Graf Bismarck, indem er sich
wieder vor seinen Schreibtisch setzte,--"aber was kann dieser Sache zu
Grunde liegen--warum diese einseitige und vertrauliche Anfrage des
Marschall Prim? Fast scheint es, als sollte da Etwas hinter dem Rcken
von Serrano und der brigen Regierung gemacht werden, Prim wrde bei
seinen besonderen Beziehungen zum Kaiser Napoleon kaum eine solche Sache
einfdeln, wenn er nicht glaubte, demselben dadurch angenehm zu
werden,--der Prinz von Hohenzollern ist mit dem Kaiser verwandt," sagte
er nachsinnend mit leiser Stimme--"die Candidatur des Herzogs von
Montpensier mu dem Kaiser tief verhat sein,--sie knnte ihm unter
Umstnden gefhrlich werden;--sollte die erneuete Anregung dieser
Combination damit zusammenhngen?

"Nun,"--rief er nach lngerem, schweigendem Nachdenken,--"einmal mu die
groe Krisis dieser langsam schleichenden Krankheitszustnde doch
ausbrechen,--und wenn ich sie mit noch so groer Mhe und Vorsicht
fortwhrend wieder zu beschwren versuche!--Vielleicht wre es ein
Glck, wenn die Entscheidung bald kme,"--sagte er ernst,--"wenn sie
kme, so lange ich noch in voller Kraft an der Spitze der Geschfte
stehe,--denn wenn in dieser Krisis mit halben Entschlssen und mit
halben Mitteln operirt wird,--dann mu die Zukunft Deutschlands auf
lange hinaus, vielleicht auf immer verloren sein.--Ich," rief er
flammenden Blickes, indem eine eiserne Energie aus seinen Zgen
leuchtete--"ich wrde nicht zurckweichen, ich wrde die Aufgabe
erfassen mit der vollen Kraft, deren sie bedarf,--und--ich fhle
es,--ich wrde siegen!

"O," sagte er dann schmerzlich, "warum ist die Zukunft unserem Blick
verborgen,--warum knnen wir nicht eine Ecke jenes undurchdringlichen
Schleiers lften, der das Morgen vor unsern Blicken verbirgt?

"Wie viele ringende und kmpfende Geister," sagte er leise, die
gefalteten Hnde leise vor sich auf den Tisch sttzend, "haben vor mir
diese brennende Frage an die Vorsehung gerichtet,--wie viele werden sie
nach mir aussprechen, um dieselbe Antwort zu erhalten--das ewige
Schweigen!

"Und doch," sprach er, den ruhigen klaren Blick aufschlagend, mit einem
weichen Lcheln, das seinen festen strengen Zgen einen eigenthmlichen
Ausdruck gab, dessen man dieses eherne Gesicht kaum fr fhig gehalten
htte, "doch giebt es eine Antwort, die durch lange Jahrhunderte so
vielen zweifelnden und bangenden Herzen Frieden, Muth und Zuversicht
gebracht hat--einfach, gro und erhaben wie Der, dessen Lippen sie
zuerst sich entrang--Herr, nicht mein sondern Dein Wille geschehe!"

Er neigte einen Augenblick das mchtige Haupt auf die Brust, dann erhob
er sich, immer mit dem Ausdruck lchelnder Ruhe und Klarheit auf seinen
Zgen, nahm seinen Hut, stieg in den groen Garten des auswrtigen Amtes
hinab und ging mit groen Schritten unter den hohen noch winterlich
kahlen Bumen in tiefen Gedanken und oft leise Worte vor sich
hinsprechend auf und nieder.




Drittes Capitel.


In einem groen Zimmer des Hotels zur Sonne in St. Dizier waren
dreiig bis vierzig von den hannverschen Emigranten versammelt, theils
ganz junge Mnner, theils ltere Leute, deren Mienen und Haltung man die
gedienten Militairs ansah. Sie Alle standen in Reihen an der einen Seite
des Zimmers und blickten ernst und finster nach dem Tisch hin, an
welchem der Major von Adelebsen, der Ordonnanzofficier des Knigs Georg,
sa und auf welchem Actenpackete und eine Anzahl von Bankbillets und
Goldrollen lagen.

Neben dem Major von Adelebsen sa der frhere Lieutenant de Pottere, ein
junger Mann mit dichtem, sorgfltig frisirtem Haar, welches tief in die
auffallend niedrige Stirn herabreichte, mit groen, etwas starr
blickenden Augen und einem starken blonden Schnurrbart auf der
Oberlippe des Mundes, um welchen ein gleichgltig stereotypes Lcheln
spielte.

Der Lieutenant de Pottere hatte eine Namensliste der Emigranten vor sich
und hielt eine Feder in der Hand bereit, die Proceduren des Majors von
Adelebsen zu protocolliren.

"Unterofficier Rhlberg!" rief Herr von Adelebsen, indem er den etwas
unsicheren Blick seines Auges ber die Emigranten hingleiten lie.

In militairischer Haltung trat der Unterofficier an den Tisch heran.

"Ich habe Sie nunmehr aufzufordern," sagte Herr von Adelebsen, "zur
Erklrung darber, was Sie ber Ihre Zukunft beschlossen haben. Ich
mache Sie darauf aufmerksam, da Sie die Ihnen zustehende Pension von
Seiner Majestt erhalten knnen oder aber eine einmalige
Abfindungssumme, wenn Sie das vorziehen. Geben Sie mir Ihre Erklrung,
wohin Sie nachher zu gehen beabsichtigen."

"Ich bitte, mich ein fr allemal abzufinden, Herr Major," erwiderte der
Unterofficier, "ich will mit einer Anzahl meiner Kameraden nach Algier
gehen, um dort unser Glck in einer Colonie zu versuchen."

"Sie wollen nach Algier gehen?" fragte Herr von Adelebsen ein
wenig befremdet, "Sie wissen doch, da Seine Majestt eine
Niederlassung in Algier nicht fr zweckmig erachten knnen, und da
Allerhchstdieselben befohlen haben, den Legionairen von einer
Auswanderung nach Algier abzurathen."

"Zu Befehl, Herr Major," erwiderte der Unterofficier, "Herr Minister von
Mnchhausen hat uns das auseinandergesetzt und uns dabei zugleich
gerathen, nach Hannover zurckzukehren, und," fgte er mit einer
gewissen Bitterkeit hinzu, "die Strafe, die man uns vielleicht dictiren
wrde, ruhig abzusitzen. Ich bin ganz berzeugt," fuhr er fort, "da
Seine Majestt die besten Absichten mit uns hat, und da Er nach den
Berichten, die man ihm erstattet hat, berzeugt ist, da eine Colonie in
Algier uns keinen Vortheil bringen knne. Aber ich mu Ihnen sagen, Herr
Major, da ich durchaus keine Lust habe, nach der Heimath
zurckzukehren, um mich dort einsperren zu lassen. Wenn Seine Majestt
uns eine Amnestie wrde verschaffen knnen, so wre es etwas Anderes.
Unter diesen Umstnden mu ich aber dabei bleiben zu versuchen, meine
Zukunft auf meine eigene Kraft zu grnden; und ich bleibe daher bei
meiner Erklrung, da ich nach Algier gehen will und bei meiner Bitte,
mir die Abfindungssumme auszuzahlen."

"Wenn aber doch Seine Majestt," sagte der Lieutenant de Pottere mit
einer etwas nselnden Stimme, "eine solche Colonie nicht fr zweckmig
hlt--"

"Der Herr Major," fiel der Unteroffizier ein, "haben uns gesagt, da wir
die vllig freie Entschlieung htten, unsere Zukunft einzurichten, wie
wir wollten. Ich habe mir die Sache reiflich berlegt und bleibe dabei,
da ich nach Algier gehen will. Vorzglich," fuhr er fort, "mchte ich
ein fr allemal abgefunden sein, wohin ich mich dann wende, kann und
wird ja brigens Seiner Majestt ganz gleichgltig sein."

"Es ist Seiner Majestt gewi nicht gleichgltig," sagte Herr von
Adelebsen mit sanfter Stimme, "wie sich die Zukunft seiner frheren
Soldaten gestaltet, und deshalb--"

"Darf ich bitten, Herr Major," fiel der Unterofficier, sich in strammer
Haltung aufrichtend, ein, "meine Erklrung zu Protocoll nehmen zu
lassen? Mein Entschlu steht unwiderruflich fest."

Herr von Adelebsen gab dem Lieutenant de Pottere einen Wink. Dieser
schrieb die Erklrung des Unterofficiers nieder und der Major zhlte die
Abfindungssumme in Banknoten und Zwanzigfrankstcken ab und hndigte sie
dem Unterofficier ein, der mit vorsichtiger Sorgfalt seinen Namen unter
die ihm vorgelegte Quittung setzte und dann zu den Uebrigen zurcktrat.

"Dragoner Cappei!" rief Herr von Adelebsen.

Der junge Mann trat heran.

"Ihre Erklrung?" fragte Herr von Adelebsen.

"Ich wnsche, nach Hannover zurck zu gehen," sagte Cappei.

"Sie sind militairpflichtig gewesen," sagte Herr von Adelebsen. "Haben
Sie es sich berlegt, da man Sie vielleicht bestrafen und in die
preuische Armee einstellen wird? Es lge vielleicht, wenn Sie sich
dieser Gefahr nicht aussetzen wollen, in Ihrem Interesse, wie sich viele
andere Ihrer Kameraden bereits entschlossen haben, nach Amerika zu
gehen--"

"Ich danke, Herr Major," erwiderte Cappei ruhig, "ich bin entschlossen,
zu tragen, was mir in Hannover widerfahren wird, und will in die Heimath
und zu meiner Familie zurckkehren."

Er empfing die ihm zukommende Summe Geldes, der Lieutenant de Pottere
protocollirte seine Erklrung und Cappei trat zurck.

Einer nach dem Andern aus der Reihe der Emigranten wurde aufgerufen,
Zwei oder Drei erklrten, da sie nach Amerika gehen wollten, alle
Uebrigen sprachen den Entschlu aus, mit dem Unterofficier Rhlberg
nach Algier auszuwandern.

"Ich mu Sie Alle nochmals darauf aufmerksam machen," sagte Herr von
Adelebsen, "da, wie ich bereits dem Unterofficier bemerkt habe, Seine
Majestt nicht glauben knne, da Sie in Algier Ihre knftige Wohlfahrt
finden. Sie werden dort in einem fremden Lande ohne Hlfsmittel und ohne
Untersttzung sein und es vielleicht bereuen, da Sie sich zu einem
solchen Entschlu haben beeinflussen lassen."

"Niemand hat uns beeinflut!" riefen Mehrere der Emigranten. "Wir haben
selbst schon lange ehe unsere Officiere mit uns ber die Colonie
gesprochen haben, den Gedanken gefat, wenn der Knig uns nicht mehr
erhalten knnte, uns in Algier eine Zukunft zu grnden."

"Ich mu aber ausdrcklich bemerken," sagte Herr von Adelebsen, "da
Seine Majestt mir befohlen haben, ganz bestimmt zu erklren, da
Diejenigen, welche nach Algier gehen, niemals auf irgend eine
Untersttzung von seiner Seite zu rechnen haben. Bedenken Sie, was es
heit, in einem ganz fremden Lande unter unbekannten Verhltnissen sich
eine Existenz zu grnden."

"Wir werden im fremden Lande," rief der Unterofficier Rhlberg, einen
Schritt vortretend, "immer noch Menschen finden, die uns mit Rath und
That beistehen und Gefhl fr Leute haben, welche ihrem Knig im Unglck
treu geblieben sind,--wir haben freilich nicht geglaubt, da es so
kommen wrde, denn dann wrden wir wohl kaum die Heimath verlassen
haben, und was die Bemerkung betrifft, die der Herr Major so eben
gemacht haben, so knnen Sie ganz ruhig sein, Niemand von uns wird
knftig die Untersttzung der Kasse Seiner Majestt in Anspruch nehmen.
Jedenfalls werden wir immer noch besser in Algier daran sein, wo uns
wenigstens die franzsische Regierung freundlich entgegenkommt, als wenn
wir ber das weite Meer nach Amerika hinzgen, wo wir ohne alle Hlfe
sterben und verderben knnen."

"In Amerika wren wir freilich weiter fort," rief eine Stimme aus den
Reihen, "und wenn wir Alle dort wren, so wre man doch sicher, da
Niemand von uns der kniglichen Kasse zur Last fllt."

Der Major warf einen schnellen Blick von unten herauf nach der Gegend,
woher diese Stimme erschallt war. Der Lieutenant de Pottere drehte
seinen Schnurrbart und sagte:

"Sie mssen ruhig sein und nicht durcheinander sprechen."

"Ich glaube, wir sind abgefunden," rief es aus den Reihen, "und haben
hier nichts mehr zu thun, gehen wir."

Und sich kurz umwendend, verlieen sie Alle das Zimmer, indem sie den
Refrain des alten hannverschen Soldatenliedes anstimmten:

  "Lustige Hannoveraner seien wir."

Herr von Adelebsen und der Lieutenant de Pottere packten die Papiere und
das brig gebliebene Geld zusammen und zogen sich stillschweigend in
ihre Zimmer zurck.

"Nun Cappei," sagte der Unterofficier Rhlberg zu dem jungen Dragoner,
welcher schweigend und gedankenvoll mit den Uebrigen die Treppe
hinabstieg, "wollt Ihr Euch nicht noch eines Bessern besinnen und mit
uns nach Algier gehen. Denkt doch, wie schn es ist, wenn wir Alle
zusammen bleiben und unser Dorf nach althannverscher Manier einrichten,
da knnen wir es doch noch zu Etwas bringen, ein freies und
selbststndiges Leben fhren und an die alte Heimath zurckdenken, wie
sie frher war."

"Es thut mir leid, Euch zu verlassen," sagte Cappei,--"aber unsere Sache
ist zu Ende, das alte Hannover ist fr immer versunken. Was hilft es
dem Einzelnen, gegen den Weltlauf anzukmpfen--ich liebe meine Heimath,
und die Heimath bleibt ja doch dieselbe, mag nun dieser oder jener
Knig, dieses oder jenes Gesetz herrschen."

"Nun, geht hin," sagte der Unterofficier, "Ihr werdet es noch bereuen,
aber Verliebten ist keine Vernunft zu predigen. Ihr kommt doch heute
Abend noch zu uns, wir wollen noch einmal lustig zusammen sein; in
dieser Nacht noch wollen wir nach Marseilles reisen, um uns nach Algier
einzuschiffen. Wir haben unsere Empfehlung an den Prfecten dort, und
das Comit, welches unsere Officiere in Paris bilden, wird dafr sorgen,
da wir von dort aus gut empfohlen werden. Tchtige und rechtliche
Leute, die arbeiten knnen, kann man berall brauchen, und wir werden
unsern Weg schon machen."

Die Emigranten zogen ber den Marktplatz von St. Dizier, von den ihnen
begegnenden Brgern freundlich begrt, nach dem Restaurant hin, in
welchem sie sich gewhnlich zu versammeln pflegten.

Der junge Cappei trennte sich an der Ecke des Marktplatzes von ihnen und
schritt langsam dem Hause des Holzhndlers Challier zu. Er ging ber den
groen Hof und trat durch den Flur in das Wohnzimmer des Hauses, in
welchem er so lange als ein freundlich empfangener Gast aus- und
eingegangen war, und von welchem er sich nun trennen sollte, um den
Kampf mit einer ungewissen Zukunft aufzunehmen.

Der alte Herr Challier sa allein in seinem Lehnstuhl, die so eben
ausgegebene Zeitung des kleinen Orts lesend. Er legte bei dem Eintritt
des jungen Mannes das Blatt aus der Hand, erhob sich und trat ihm mit
herzlichem Gru entgegen.

"Alles ist abgemacht, Herr Challier," sagte Cappei in ziemlich reinem,
aber im deutschen Accent anklingenden Franzsisch, "die Legion ist
aufgelst, wir sind Alle frei und knnen hingehen, wohin wir wollen. Und
alle diese Kameraden, die nun drei Jahre lang Freud und Leid mit
einander getheilt haben, werden sich wohl schwerlich jemals wieder
zusammenfinden."

"Das ist recht traurig," sagte der alte Herr Challier, langsam den Kopf
schttelnd. "So ist also die Sache Ihres Knigs aufgegeben,--das thut
mir aufrichtig leid, denn ich habe immer so viel Sympathie fr sein
Schicksal und fr Sie Alle gehabt; und wir Brger von St. Dizier nehmen
gewi ganz besondern Antheil an Allem, was den Knig betrifft, seit er
unserer Stadt die Ehre erzeigt hat, der Pathe des Kindes eines unserer
Mitbrger zu sein. Ich bin ein alter Bragars," sagte er, indem seine
dunklen Augen in lebhaftem Feuer aufleuchteten, "und ich htte mich von
Herzen gefreut, wenn ich Sie htte ausziehen sehen knnen, um fr Ihren
Knig und sein Recht zu fechten,--das Schicksal geht seinen eigenen
Weg,--es hat nicht sein sollen. Wir verlieren alle liebe Freunde mit
ihnen," fuhr er fort, "und mir wird es in meinem Hause recht leer
vorkommen, wenn ich Sie nicht mehr sehe. Haben Sie Ihren Entschlu fest
gehalten," fragte er, "nach Ihrem Vaterlande zurckzukehren?--Ich wrde
mich kaum dazu entschlieen knnen," sagte er, "wenn ich mich in Ihre
Lage denke, in einem Lande zu leben, in welchem eine fremde Herrschaft
alle Erinnerungen an eine ruhmvolle Vergangenheit begraben hat."

Ernst erwiderte der junge Mann:

"Es liegt fast ein Vorwurf in Ihren Worten fr mich, Herr Challier, und
doch kann ich nicht anders handeln.--Sie sind Franzose und wenn es
mglich wre, da Ihr Vaterland ein Schicksal trfe wie das meinige, so
wrde Ihr Gefhl natrlich sein. Bei mir, da ist es etwas Anderes,
Hannover ist ein kleines Land, ein kleiner Theil jenes groen
Deutschlands, das ja doch das gemeinsame Vaterland fr uns Alle ist. Wir
Hannoveraner lieben unsere Eigenart und Selbstndigkeit, wir haben mit
fester Treue an den Frsten gehangen, die so lange ber uns geherrscht
haben. Wir beklagen und empfinden tief den Verlust unserer
Selbststndigkeit, aber wir sind doch immer nur ein Glied des
Ganzen,--die neue Regierung, welche ber uns herrscht, ist ja auch eine
deutsche, und Deutsche bleiben wir auch unter den neuen Verhltnissen.
Sollen wir uns darum von dem groen ganzen Vaterlande ausschlieen, weil
wir nicht weiter leben knnen, wie wir es bisher gewohnt waren? Fr das
Recht unseres Knigs konnten wir kmpfen, wenn der Knig aber dies Recht
aufgiebt, wie knnten wir in ungewhnlichem Ha den andern Deutschen
gegenber stehen! Uebrigens," fuhr er fort, "werde ich vielleicht nicht
immer in meiner Heimath bleiben, nachdem ich meine Verhltnisse dort
geordnet und meine Stellung klar gemacht habe,--und darber," fgte er
etwas zgernd hinzu, "mchte ich mit Ihnen, Herr Challier, bevor ich
scheide, noch ein ernstes Wort sprechen. Sie haben mich mit vterlicher
Gte aufgenommen, ich will Ihnen klar und ohne Rckhalt meine Gedanken
ber die Zukunft mittheilen. Billigen Sie dieselben nicht," sagte er
seufzend, "so werde ich meine Plne ndern und Hoffnungen aufgeben,
welche mir die liebsten und schnsten sind."

Herr Challier blickte ihn ein wenig erstaunt an und sagte im herzlichen
Ton:

"Sie wissen, mein junger Freund, da mein Rath und meine Erfahrung, wenn
ich Ihnen mit denselben ntzen kann, Ihnen stets zu Gebote stehen."

Er setzte sich in seinen Lehnstuhl und lud den jungen Mann ein, in einem
Sessel neben ihm Platz zu nehmen. Dieser jedoch blieb vor dem alten
Herrn stehen, senkte einen Augenblick nachdenkend den Kopf, wie um seine
Gedanken zu ordnen, und sprach dann mit bewegter Stimme:

"Sie haben mich kennen gelernt, Herr Challier, als heimathlosen
Flchtling, und dennoch haben Sie mir freundlich Ihr Haus geffnet. Sie
haben mich in den Kreis Ihrer Familie aufgenommen und ich darf annehmen,
da Sie Vertrauen zu mir haben, obgleich Sie nie vorher Etwas von mir
gehrt, obgleich Sie nicht wissen, woher ich stamme und welches meine
Vergangenheit war."

"Ich habe Ihnen vertraut," erwiderte Herr Challier, "weil Sie
hergekommen sind als der Diener eines edlen und unglcklichen Frsten.
Man dient dem Unglck nicht, wenn man nicht ein edles und treues Herz
hat, darum habe ich Sie aufgenommen, wie man einen braven und
rechtschaffenen Mann aufnimmt, und," fgte er mit der den Franzosen so
eigentmlichen Hflichkeit des Herzens hinzu, "ich habe mich in meinem
Urtheil und meinem Vertrauen nicht getuscht, denn nun Sie uns
verlassen, fhle ich, da ein Freund von uns scheidet."

"Ich gehe in mein Vaterland zurck," erwiderte Cappei, "um so bald es
mir mglich ist, wieder vor Sie hintreten zu knnen, nicht mehr als der
heimathlose Unbekannte, sondern als ein Mann, der Ihnen nachweisen kann,
woher er stammt, was er war und was er ist, als ein Mann, der einen,
wenn auch kleinen, aber sichern Besitz hat, und der es darum wagen kann,
Ihnen eine Bitte auszusprechen, von der sein ganzes Lebensglck
abhngt,--die Bitte," fgte er mit zitternder Stimme hinzu, "mir das
Schicksal Ihrer Tochter Luise anzuvertrauen, welche ich liebe mit aller
Wrme und Treue, die das Erbtheil unseres Stammes sind--deren Glck ich
alle Kraft meines Lebens widmen werde und ohne welche meine Zukunft de
und freudlos sein wrde."

Der alte Herr Challier hatte ruhig und ernst zugehrt. Sein Auge ruhte
einen Augenblick mit liebevoller Theilnahme auf dem jungen Mann; dann
sprach er mit milder freundlicher Stimme:

"Ich habe Ihnen gesagt, Herr Cappei, da ich volles Vertrauen zu Ihnen
habe, da ich Sie fr einen Ehrenmann halte,--daraus folgt, da ich, was
Ihre Person betrifft, keine Bedenken trage, Ihnen das Glck meiner
Tochter anzuvertrauen,--ich bin nicht reich," fuhr er fort, "aber ich
habe nur die einzige Tochter und besitze genug, um ihr, auch wenn die
Wahl ihres Herzens auf einen armen Mann fllt, eine sichere Existenz
begrnden zu knnen. Ob Sie Vermgen besitzen oder nicht, ist deshalb
nicht entscheidend fr die Beantwortung Ihrer Frage, aber," fuhr er
fort, "die Grundlage einer sorgenfreien Existenz fr die Zukunft meiner
Tochter liegt in dem Geschft, das ich hier betreibe. Wrde ich es
verkaufen, so wrde der Kaufpreis in Geld nicht den Werth reprsentiren,
den es in der Hand eines geschickten und fleiigen Mannes hat. Deshalb
habe ich stets den Wunsch gehegt, da der Mann, den meine Tochter einst
sich zum Gefhrten ihres Lebens erwhlt, mein Geschft fortsetzt. Ich
fhle es vollkommen," fuhr er fort, "was es heit, sein Vaterland zu
verlassen,--aber in Ihrer Heimath sind die Verhltnisse so verndert,
und die jetzigen Zustnde knnen Ihnen so wenig erfreulich sein, da es
vielleicht Ihren eigenen Wnschen entsprechen knnte, hierher zurck zu
kommen. Haben doch auch viele meiner Landsleute Frankreich verlassen
und in Deutschland eine neue Heimath gefunden, warum sollten Sie nicht
in unserer Mitte auch Ihre knftige Heimath begrnden knnen? Knnten
Sie diesen meinen sehnlichsten Herzenswunsch erfllen, so wrde ich kein
Bedenken hegen, die Zukunft meines Kindes Ihnen anzuvertrauen,
vorausgesetzt, da meine Tochter die Gefhle theilt, welche Sie fr sie
hegen,--worber Sie," fgte er lchelnd hinzu, "vielleicht ein wenig
unterrichtet sind."

"Ich glaube," sagte Cappei mit leiser Stimme, "da Frulein Luise mir
nicht abgeneigt ist--"

Die Thr ffnete sich, die Tochter des Herrn Challier trat ein. Sie
hatte eine Freundin besucht und trug einen einfachen kleinen Hut, mit
Rosenknospen garnirt, und ein leichtes Tuch um die Schultern. Ihr
frisches Gesicht war vom Gang leicht gerthet, ihre glnzenden Augen
richteten sich einen Augenblick wie fragend auf ihren Vater und auf den
jungen Hannoveraner. Sie eilte auf den alten Herrn zu, bot ihm mit
anmuthiger Bewegung ihre Wange zum Ku dar und reichte dann Cappei mit
freundlichem Gru die Hand.

"Du kommst eben recht," sagte Herr Challier, "um eine Frage zu
beantworten, welche ich soeben an unsern jungen Freund hier richtete,
und ber welche er sich ganz klar auszusprechen zu scheuen schien."

Luise blickte zuerst verwundert auf, ihr Auge suchte das ihres
Geliebten,--sie schien zu verstehen, um was es sich handelte, und senkte
tief errthend den Kopf auf die Brust nieder.

"Herr Cappei," sagte der alte Herr, "hat mir soeben mitgetheilt, da er,
wenn seine Angelegenheiten in seiner Heimath geordnet sein werden, zu
uns zurckkommen will, um Dir seine Hand anzutragen, nachdem Du, wie es
scheint, bereits in dem Besitz seines Herzens bist. Ich habe die
Entscheidung darber von Deiner Entschlieung abhngig gemacht,--was
wrdest Du sagen, wenn unser junger Freund hier seinen Antrag nunmehr
auch an Dich richtetet?"

Einen Augenblick blieb das junge Mdchen mit gesenktem Kopf stehen, ein
flchtiger, halb scheuer, halb vertrauensvoller Blick traf den jungen
Mann, dann richtete sie sich empor, trat mit festem Schritt an die Seite
des jungen Mannes und sprach:

"Ich bin eine Tochter der Bragars von St. Dizier, mein Vater, ich
verstehe nicht, meine Gefhle zu verbergen,--mgen Andere es fr
schicklich halten, zu verhllen, was ihr Herz bewegt,--ich sage offen,
was ich empfinde,--ich liebe ihn," fuhr sie mit strahlenden Blicken
fort, "mein Herz gehrt ihm und wird ihm ewig gehren. Und Du, mein
Vater, weit, da ich meine Liebe keinem Unwrdigen schenke."

Der Alte blickte mit stolzer Freude auf seine Tochter.

"Brav, mein Kind," sagte er, "das ist recht und tapfer gesprochen, und
ebenso offen will ich Dir ohne Umschweife antworten. Ich gebe dem Bunde
Eurer Herzen mit Freuden meinen Segen."

Cappei breitete die Arme aus, das junge Mdchen sank an seine Brust und
er drckte seine Lippen auf ihr glnzendes Haar.

"Gehen Sie nach Ihrer Heimath zurck, ordnen Sie Ihre Angelegenheiten
und," fgte er hinzu, "kommen Sie bald zurck,--ich verlange nicht als
unerlliche Bedingung, da Sie Ihre knftige Heimath hier in unserm
Frankreich whlen; ein Mann mu am besten wissen, was er zu thun hat,
und ein Weib mu dem Manne ihres Herzens folgen. Ich mu es mir ja
gefallen lassen, mein Kind von mir gehen zu sehen,--das ist der Lauf der
Natur, aber," fuhr er fort, indem seine Lippen bebten und seine Stimme
leicht zitterte, "Sie kennen den Wunsch meines Herzens, Sie wissen, wie
glcklich es mich machen wrde, zu denken, da mein Kind einst an meinem
Sterbebette stehen wird, und da ich ihr und meinen Enkeln das alte Haus
berlassen kann, in welchem so viele meiner Vorfahren seit einer Reihe
von Generationen gelebt haben."

Luise sagte Nichts, langsam hob sie den Kopf von der Brust ihres
Geliebten empor und sah den jungen Mann mit ihren groen glnzenden
Augen fragend und bittend an.

"Ich kehre zurck," sagte dieser rasch mit entschlossenem Ton, "um meine
Heimath da zu begrnden, wo ich das Glck meines Herzens gefunden habe.
Ich wrde wahrlich lieber garnicht fortgehen, aber ich mu in die
Heimath, um meine Angelegenheiten zu ordnen, und mein kleines Vermgen
zu sichern. Denn," fgte er mit fester Stimme hinzu, "nicht dem
heimathlosen Bettler soll Ihre Tochter ihre Hand reichen."

Ein glckliches Lcheln erhellte das Gesicht des alten Herrn, er
streckte seine beiden Hnde aus,--die jungen Leute ergriffen sie und
beugten sich zrtlich zu ihm herab.

Einen Augenblick blieben alle Drei in inniger Umarmung, sie hrten
nicht, da die Thre sich ffnete, und erst der Ton rascher Schritte
lie sie aufblicken.

Herr Vergier war eingetreten,--starr und bleich stand er in der Mitte
des Zimmers, seine Lippen bebten, seine scharfen, stechenden Augen
blickten mit unheimlich sphendem Feuer auf die Gruppe vor ihm.

Die beiden jungen Leute waren zur Seite getreten, der alte Herr erhob
sich, ging Herrn Vergier entgegen und sprach, indem er ihn mit krftigem
Hndedruck begrte:

"Sie sind ein alter Freund meines Hauses, und als solchen will ich Ihnen
vor allen Andern zuerst sagen, welches fr meine Familie so wichtige
Ereigni hier so eben sich vollzogen hat."

Er theilte mit kurzen Worten Herrn Vergier, dessen blitzende Augen mit
hhnischen, feindlichen Blicken auf den beiden jungen Leuten ruhten,
welche Hand in Hand hinter ihrem Vater standen, die Verlobung seiner
Tochter mit.

"Sie wissen," sagte Herr Vergier, als der Alte geendet, mit zitternder,
rauh klingender Stimme, indem seine Gesichtszge vor heftiger Aufregung
zuckten, "wie tiefen Antheil ich an Allem nehme, was Ihr Haus
betrifft,--aber die Gefhle, welche mich bei der Mittheilung erfllen,
die Sie mir so eben gemacht, knnen nicht erfreulich sein," fgte er mit
bitterm Ton hinzu. "Ich hatte Hoffnungen gehegt, welche durch das, was
Sie mir sagen, auf immer zerstrt worden sind. Frulein Luise," fuhr er
mit brennendem Blick fort, "kannte diese Hoffnungen, sie hat mir
dieselben bisher nicht genommen. Sie hatte ein Jahr verlangt, um mir
eine bestimmte Antwort zu geben, und nun sehe ich, da sie nur eine so
kurze Frist gebraucht hat, um sich ber die Wahl ihres Herzens zu
entscheiden."

Mhsam nach Fassung ringend, sttzte er sich auf die Lehne eines Stuhls.

Luise sah ihn mit einem weichen Blick aus ihren offenen klaren Augen an.
Rasch trat sie zu ihm und reichte ihm die Hand.

"Niemand ist Herr der Gefhle seines Herzens," sagte sie--"Sie waren der
Freund meiner Kindheit, bleiben Sie mein Freund fr mein knftiges Leben
und verzeihen Sie mir, wenn ich die Gefhle nicht erwidern konnte, die
Sie mir entgegen trugen,--Sie werden das vergessen," fgte sie
freundlich hinzu,--"Sie werden gewi, wie ich es Ihnen von ganzem Herzen
wnsche, bei einer andern Wahl mehr Glck finden, als ich Ihnen htte
bieten knnen."

Herr Vergier hatte nur zgernd die Hand des jungen Mdchens einen
Augenblick ergriffen.

"Es ist nicht nur der Schmerz um den Verlust meiner Liebe," sagte er
mit einer noch immer vor Aufregung halb erstickten und unsichern Stimme,
"welche mich bewegt, aber ich bin Franzose, und es schneidet mir in's
Herz, da ich die Tochter meines Freundes, deren Glck mir theuer ist,
wie mein eigenes, sich ihrem Vaterlande entfremden sehe. Der Krieg mit
diesem Preuen, das drohend an unsern Grenzen steht, ist nur eine Frage
der Zeit. Er wird vorbereitet von beiden Seiten, er mu kommen,
Jedermann in Frankreich fhlt das, man hat schon mehrfach deutsche
Spione bei uns entdeckt. Und schon sind Stimmen laut geworden," fuhr er
immer eifriger fort, indem sein Gesicht vor Aufregung zuckte, und seine
Blicke sich wie Dolchspitzen auf den jungen Emigranten richteten--"schon
sind Stimmen laut geworden, welche behaupten wollen, da diese
hannversche Legion, welche so pltzlich auseinandergeht, nur der
Deckmantel gewesen sei, um genaue Kundschaft ber die inneren
Verhltnisse unseres Landes zu erhalten.--Und wenn ich denken sollte,"
rief er, seiner nicht mehr mchtig, indem ein leichter Schaum auf seine
Lippen trat,--"da meine Geliebte ein Werkzeug werden sollte in der Hand
eines Feindes Frankreichs----"

Eine helle Zornrthe flammte aus dem Gesicht des jungen Hannoveraners
auf, mit einem raschen Schritt trat er zu Herrn Vergier hin, mit einer
drohenden Bewegung erhob er die Hand--

Luise warf sich ihm entgegen; bittend faltete sie die Hnde, ihre Augen
richteten sich mit magnetischer Gewalt auf ihren Geliebten.

Dieser lie langsam den Arm sinken, der Ausdruck seines Gesichts wurde
ruhig, beinahe sanft und milde.

"Ich habe Ihnen, ohne es zu wollen, wehe gethan, mein Herr," sagte er,
"ich bin strend eingetreten in die Hoffnungen Ihres Herzens, ich
verstehe Ihren Schmerz und Ihre Aufregung,--ich mu Ihnen viel
vergeben,--aber Worte, wie Sie so eben ausgesprochen, sollte niemals ein
Mann von Ehre einem Andern sagen. Ich bin nach Frankreich gekommen,"
fuhr er fort, "im Dienst meines Knigs und als ein Feind jener Macht,
welche wie Sie glauben, mit Ihrem Vaterland in Kampf treten soll. Dies
allein sollte mich vor einem so elenden und niedrigen Verdacht schtzen,
wie Sie ihn gegen mich ausgesprochen, aber ich glaube, Herr Challier und
Frulein Luise kennen mich genug, und auch Sie sollten mich genug
kennen, um zu glauben, da auch wenn ich nicht als Hannoveraner und als
Legionair des Knigs Georg hergekommen wre, ich doch unfhig sein
wrde, in solcher Weise Vertrauen und Gastfreundschaft zu tuschen.
Wenn Sie ruhig darber nachdenken, werden Sie mir Gerechtigkeit
widerfahren lassen und," fgte er mit offener Herzlichkeit hinzu, "ich
hoffe, Sie werden vergessen, was ich Ihnen, ohne es zu wollen, Bses
gethan und dahin kommen, die Freundschaft, welche Sie fr Herrn Challier
und seine Tochter gehegt, auch mir zu schenken; seien Sie berzeugt, da
ich Alles thun werde, um mich derselben wrdig zu machen."

Luise dankte mit einem innigen Blick ihrem Geliebten fr seine Worte.

Herr Vergier hatte mit gewaltiger Anstrengung seine tiefe Aufregung
bemeistert. Er zwang seine zuckenden Lippen zu einem freundlichen
Lcheln, er schlug seine Augen nieder und reichte Cappei die Hand.

"Verzeihen Sie mir," sagte er mit tonloser Stimme, indem seine Worte nur
einzeln und abgebrochen hervordrangen, "verzeihen Sie mir meine
krnkende Aeuerung. Mein augenblickliches Gefhl ri mich hin,--ich bin
Franzose und mitrauisch gegen alle Fremden. Ich will die Vergangenheit
und die Tuschung meiner Hoffnungen zu vergessen suchen; vielleicht wird
die Zeit uns in Freundschaft zusammenfhren."

Cappei ergriff Herrn Vergiers dargebotene Hand.

Diese Hand war feucht und kalt wie Eis, sie erwiderte den Druck des
Hannoveraners nicht und erschrocken lie dieser sie wieder los.

"Erlauben Sie, da ich mich zurckziehe," sagte Herr Vergier, "ich passe
in diesem Augenblick nicht in Ihre Gesellschaft."

Und mit einer flchtigen Verbeugung sich empfehlend, eilte er hinaus.

"Der Arme thut mir leid," sagte der alte Herr Challier, ihm
nachblickend, "er ist eine so heftige, leicht erregbare Natur, er wird
sehr leiden--"

"Ich htte ihn doch nicht lieben knnen," sagte Luise, indem sie mit
leichtem Kopfschtteln vor sich niederblickte. "Wenn mein Herz nicht
gesprochen htte," fgte sie, ihrem Geliebten die Hand reichend, hinzu,
"wenn ich ihm vielleicht ohne Liebe meine Hand gegeben htte, so wren
wir Beide unglcklich geworden."--

Lange noch saen die beiden jungen Leute beisammen. Freundlich hrte der
alte Herr ihr Geplauder und ihre Plne fr die Zukunft an. Es wurde
beschlossen, da der junge Cappei schon am nchsten Morgen abreisen
sollte.--

Luise erhob keine Einwendungen gegen diesen Beschlu.

"Je schneller er fortgeht," sagte sie lchelnd, "um so schneller wird
er wiederkehren, und um so schneller werden wir zu einem ruhigen und
dauernden Glck kommen, das dann Nichts mehr stren wird."----

Am spten Abend brach der junge Mann auf, um noch einmal seine
Landsleute, welche um Mitternacht abreisen wollten, zu sehen und mit
ihnen die letzten Augenblicke zu verleben.

Sinnend und gedankenvoll schritt er durch die lange Hauptstrae der
Stadt nach dem Marktplatz hin. An der Ecke desselben befand sich der
Restaurant, in dessen Saal die Legionaire versammelt waren. Die
Hannoveraner saen hier um einen groen Tisch--zahlreiche Freunde aus
der Stadt waren bei ihnen, um die letzten Augenblicke mit den ihnen lieb
gewordenen Gsten zu verbringen, die so lange unter ihnen geweilt
hatten.

Auf dem Tische stand eine groe Punschbowle, welcher jedoch heute nur
sehr mig zugesprochen wurde,--alle Gesichter waren ernst und oft
stockte die Unterhaltung. Alle diese einfachen Leute, welche die groen
Erschtterungen der Zeit hier im fremden Lande zusammengefhrt hatten,
fhlten, da heute die Vergangenheit, welche sie in liebevoller
Erinnerung im Herzen trugen, fr immer abgeschlossen werde, da das
letzte Band, welches sie hier in der gemeinsamen Verbannung mit der
alten Heimath und Allem, was sie Liebes in sich schlo, noch verband,
nun fr immer zerri und da sie nun als Fremde allein und vereinsamt
hinaustreten mten in ein schweres feindliches Leben, um auf ihre
eigene Kraft die Zukunft zu erbauen in mhevoller Arbeit.

Der junge Cappei trat ein.--Traurig berblickte er diese Versammlung
seiner Kameraden, welche so oft hier heiter und frhlich beisammen
gewesen waren und welche nun auseinander gehen sollten, um sich
schwerlich jemals in dieser Welt vereinigt wieder zu begegnen.

Er setzte sich schweigend neben den Unterofficier Rhlberg.

"Was knntet Ihr Euch fr eine schne Zukunft machen," sagte dieser,
indem er dem jungen Manne ein Glas Punsch reichte,--"wenn Ihr mit uns
gingt,--Ihr seid noch jung und krftig,--geschickt zu aller Arbeit und
habt mehr gelernt, als wir Alle,--Ihr wrdet ein schnes Vermgen in
Algier erwerben,--das Euch hundertmal den kleinen Hof daheim ersetzen
wrde,--von dem Ihr noch gar nicht einmal wit, ob Ihr ihn
erhaltet,--ich sage Euch noch einmal,--geht mit uns,--lat die Phantasie
im Stich, die Ihr Euch in den Kopf gesetzt habt,--es hat noch nie zu
etwas Gutem gefhrt, wenn junge Leute von der Liebe sich den Kopf
verdrehen lassen."

"Ich bitte Euch, Rhlberg," sagte Cappei sanft aber bestimmt--"lat
mich,--mein Entschlu ist gefat,--versprecht mir," fuhr er abbrechend
fort, "Nachricht zu geben, wie es Euch und den Andern geht--ich mu Euch
sagen, da ich nicht viel Vertrauen zu Eurem Unternehmen habe,--htte
der _Knig_ die Sache gemacht durch einen Vertrag mit der franzsischen
Regierung, so wre es etwas Anderes gewesen,--aber so,--Ihr werdet
vielleicht spter einsehen, da es besser gewesen wre, gleich nach der
Heimath zurckzukehren.--Doch Jeder hat seinen Entschlu gefat und mu
ihm folgen."

Er wendete sich zu seinem Nachbar auf der anderen Seite.

Es verging noch eine halbe Stunde,--dann zog der Unterofficier die Uhr
und sagte tief aufathmend:

"Es ist Zeit, Leute,--wir mssen aufbrechen!"

Alle erhoben sich.

Rhlberg ergriff sein Glas.

"Wir sind heute zum letzten Male beisammen," sprach er mit etwas
unsicher klingender Stimme,--"und wir wollen auch dies letzte Mal von
der alten Sitte hannverscher Soldaten nicht abweichen,--ein Glas auf
das Wohl unseres Knigs zu leeren. Sonst haben wir das mit lautem Hurrah
gethan,--das wird uns heute nicht mehr frei aus der Brust herauskommen,
heute ist unsere Vergangenheit, unsere alte Heimath, unser Knig fr uns
gestorben--leeren wir ein stilles Glas zum Andenken an unsern
Kriegsherrn, an unsre Armee, an unsere Heimath."

Alle tranken schweigend und so manches ehrliche treu blickende blaue
Auge verschleierte sich mit feuchtem Schimmer,--mancher blinkende
Thrnentropfen fiel in die Glser, welche die treuen Shne
Niedersachsens in dieser Stunde des letzten Abschieds von der
Vergangenheit dem Andenken ihres Knigs weihten.

Dann brach man auf.

Jeder nahm sein kleines Gepck,--viel hatten sie nicht, diese armen
Soldaten des Exils--und in schweigendem Zug ging man durch die dunkeln,
leeren Straen der Stadt nach dem kleinen Bahnhofe. Die letzten
Augenblicke vergingen unter Abschiednehmen der Soldaten unter einander
und von ihren franzsischen Freunden, deren sich noch mehrere am Bahnhof
eingefunden hatten,--auch Herr Vergier war gekommen und stand bleich und
finster unter den Uebrigen auf dem Perron, schweigend die Hndedrcke
der Scheidenden erwidernd.

Da begann in der kleinen Kirche von der baumbekrnzten Anhhe ber der
Stadt her eine Glocke zu luten.

Es war die Sterbeglocke, welche die Gebete begleitete, die die Priester
fr einen aus dem Leben geschiedenen Brger der Stadt zum Himmel
sendeten.

Die einfachen durch die Nacht her klingenden Tne ergriffen mchtig alle
diese ernst und traurig gestimmten Menschen. Die Franzosen nahmen die
Hte ab und sprachen ein stilles Gebet fr die Seele des
Gestorbenen,--auch die Hannoveraner falteten die Hnde--Niemand wute,
welchem Todten dies Gelut galt,--aber auch ihnen starb ja heute fr
immer, was sie so lange im Herzen getragen und so sehr geliebt
hatten,--ihre Heimath und ihr Knig.

Der Zug brauste heran,--noch ein Hndedruck,--ein letztes
Abschiedswort--und die Hannoveraner stiegen ein in die Waggons, welche
sie ihrer neuen unbekannten Zukunft entgegenfhren sollten.

--"Adieu--adieu--bonne chance!" tnte es aus den Gruppen der Brger von
St. Dizier--Cappei mit den wenigen Emigranten, welche sich zur
Ueberfahrt nach Amerika entschlossen hatten, standen schweigend, mit
feuchten Blicken schauten sie auf die Scheidenden hin,--fast zog es den
jungen Mann einen Augenblick denen nach, deren Schicksal so lange mit
dem seinigen verbunden gewesen war, und die nun ohne ihn hinauszogen zu
einem Leben voll Abenteuer und Gefahren--da trat das Bild Luisens mit
ihren sanften und liebevollen Augen vor seine Seele--rasch nherte er
sich noch einmal dem Waggon und streckte dem Unterofficier Rhlberg, der
am Schlage sa, die Hand hin.

"Gott befohlen!" sagte er mit erstickter Stimme,--"und--auf frhliches
Wiedersehn!"

"Das wird schon kommen," erwiderte der Unterofficier mit einem etwas
gezwungenen Lachen, hinter dem er seine innere Bewegung zu verbergen
trachtete, "Ihr werdet zur Einsicht kommen--wir werden Euch einen Platz
offen halten."

Die Schaffner eilten an den Zug,--die Locomotive pfiff und langsam
begannen die Rder zu rollen.

Noch einmal winkten die Zurckblickenden mit den Hnden, mit leisem aber
klar durch die nchtliche Stille dringenden Ton schallte das
Sterbeglcklein von der alten Kirche herber,--die Legionaire auf dem
abfahrenden Zug begannen ihr traditionelles Soldatenlied:

  "Wir lustigen Hannoveraner sind alle beisammen--"

aber die Tne erklangen in langsamerem Rhythmus als sonst und wie der
Zug so immer mehr sich entfernend in die Nacht hinausfuhr, vom klagenden
Glockenton begleitet,--da klang das Lied, das sonst so frhlich in Lager
und Feld erschallt war, wie ein Grabgesang an der Bahre eines Todten,
den man zur letzten Ruhe hinausfhrt.

Noch einige Augenblicke und Alles war in der dunkeln Ferne
verschwunden,--weithin verklang das Schnauben der Maschine und das
Rollen der Rder.

Cappei trennte sich von den Uebrigen und ging langsam zur Stadt zurck.

In einer ziemlichen Entfernung folgte ihm Herr Vergier, der sich
ebenfalls sogleich nach der Abfahrt des Zuges isolirt hatte. Seine
Blicke hefteten sich unbeweglich auf den jungen Mann vor ihm und seine
Augen schienen in grnlichem Feuer durch die Nacht zu leuchten, whrend
seine Zge von Grimm und Ha entstellt waren.

Cappei machte einen Umweg und ging an Herrn Challiers Haus vorbei, das
in tiefer Ruhe und Dunkelheit da lag.

Einen Augenblick blieb er dort vor dem groen geschlossenen Thor
stehen,--er drckte beide Hnde an die Lippen und warf einen Ku nach
dem Hause hin.

"Gute Nacht, meine se Geliebte," flsterte er,--und schritt dann rasch
weiter nach seiner in der Nhe des Marktplatzes belegenen Wohnung.

Herr Vergier war ihm langsam folgend ebenfalls bis in die Nhe des
Challier'schen Hauses gekommen.

Hier blieb er stehen und blickte dem jungen Hannoveraner, der bereits in
der Dunkelheit verschwand, nach.

"Htte ich eine Waffe bei mir," flsterte er mit zischender Stimme, "so
knnte ein Druck meines Fingers diesen Feind meines Landes,--diesen
Ruber meiner Liebe vernichten!"

--"Aber geh' nur hin," sagte er, die geballte Faust zum nchtlichen
Himmel erhebend,--"es giebt noch andere Waffen als die Kugel und den
Stahl,--ich werde Dich vielleicht besser und sicherer treffen, geh' nur
hin,--Du sollst nicht hierher zurckkehren auf den heiligen Boden
Frankreichs,--den Du als Verrther betreten,--Du sollst nicht
zurckkehren, um eine holde Blume meines Vaterlandes zu pflcken und
mir das Glck meines Lebens zu stehlen."

Noch einmal sah er mit flammendem Blick dem gehaten Fremden nach,--dann
wendete er sich um und schritt durch die stille Nacht seinem Hause zu.




Viertes Capitel


Die schne Tochter des Commerzienraths Cohnheim hatte seit dem Ball
bei ihren Eltern still und traurig ihre Tage verbracht. Sie sa in
tiefen Gedanken versunken an ihrem Fenster, oft sank die Stickerei, mit
welcher sie sich beschftigte, auf ihren Schoo, whrend sie auf die
noch winterlichen Bume des Thiergartens hinausblickte.

Doch war sie nicht traurig, oft umspielte ein stilles, glckliches
Lcheln ihren Mund, und hoher Muth und freudige Hoffnungen leuchteten
aus ihren Augen.

Ihre Mutter lie keine Gelegenheit vorbergehen, um sie in trockner und
wenig liebevoller Weise darauf aufmerksam zu machen, wie unpassend es
sei, wenn sie, die Tochter des reichen Commerzienraths, der zu den
ersten Finanzgren der Residenz gehre, mit Nichts bedeutenden
untergeordneten Officieren von der Linie den Cotillon tanze und Herren
von Stellung und Distinction zurckweise. Ihre Mutter betrachtete das
Alles nur als eine Frage der ueren Rcksichten auf die Stellung des
Commerzienraths. Aus ihren Reden ging hervor, da sie sich nicht die
entfernteste Mglichkeit trumen liee, ihre Tochter knne wirklich in
einem armen und unbedeutenden Offizier etwas Anderes finden, als einen
guten angenehmen Tnzer.

Und Frulein Anna, hrte alle mtterlichen Ermahnungen ruhig mit
gleichgltigem Lcheln an--sie wartete ihre Zeit ab und wute, da, wenn
dieselbe gekommen, sie die Kraft und Willen genug haben wrde, dem Zorn
ihrer Mutter zu trotzen.

Der Commerzienrath hatte viel mit dem Baron Rantow verkehrt und oft
hatte er bei Tische erzhlt, wie vortrefflich das Geschft sei, welches
er in Gemeinschaft mit dem Baron zu machen im Begriff stehe. Er hatte
seiner Frau, welche aufmerksam, mit groem Interesse seinen
Mittheilungen folgte, auseinandergesetzt wie hoch der Gewinn sein wrde,
welchen die Gesellschaft, welche er gegrndet, aus der auf den Gtern
des Barons eingefhrten Industrie ziehen msse und um wieviel sich
zugleich durch diese Combination das Vermgens des Barons und das
dereinstige Erbtheil seines einzigen Sohnes vergrern werde. Er hatte
dabei die persnliche Liebenswrdigkeit des jungen Herrn von Rantow und
seine Aussichten auf eine brillante Carriere ganz besonders
hervorgehoben, indem er mit listigem Schmunzeln einen forschenden Blick
auf seine Tochter warf. Aber jedesmal, wenn es geschehen war, hatte
Frulein Anna ihn so kalt und streng zurckweisend angesehen, hatte
seine Bemerkungen mit einem so unverbrchlichen eisigen Schweigen
aufgenommen, da der alte Herr, welcher seine Tochter abgttisch liebte
und ihr gegenber stets nur schwache Versuche machte, seinen Willen
durchzusetzen, schnell auf ein anderes Gesprchsthema bergegangen war.

Dann war die ganze Familie einmal bei dem Baron von Rantow zum Thee
eingeladen worden. Man hatte dort einige ltere Herren, Freunde des
Barons, gefunden, welche sehr vornehme Namen trugen und sehr vornehme
Manieren hatten, und die Commerzienrthin hatte in diesen Kreisen noch
steifer, noch wrdevoller als je dagesessen und mit einem unzerstrbaren
Lcheln auf den Lippen an der Unterhaltung nur durch kurze
sentenzenhafte Bemerkungen Theil genommen, welche die strengsten
aristokratischen Grundstze aussprachen.

Der Commerzienrath war lebendiger, beweglicher und gesprchiger als je
gewesen, er hatte den Baron mehrere Male "mein verehrter Freund", einmal
sogar "mein lieber Freund" genannt. Er hatte seine finanziellen Ideen
unter groer Aufmerksamkeit der Zuhrer entwickelt, er hatte von den
Hunderttausenden erzhlt, die er in diesem und in jenem Geschft
engagirt habe; er hatte die Bezugsquellen seiner vortrefflichen Weine
mitgetheilt, und ein alter Graf hatte ihn sogar freundlich auf die
Schulter geklopft und ihm versprochen, ihn einmal zu besuchen, um seinen
Chteau Lafitte zu probiren.

Kurz Herr und Frau Cohnheim waren glcklich und befriedigt ber diese
intime Soire bei dem Baron.

Der Referendarius von Rantow hatte seine ganze Aufmerksamkeit Frulein
Anna gewidmet, ohne inde etwas Anderes erreichen zu knnen als einige
hingeworfene, gleichgltige, oft sogar etwas sarkastische Bemerkungen.

Als man wieder nach Hause gekommen, hatte die Frau Commerzienrthin
ihrer Tochter abermals eine Vorlesung ber ihr abstoendes Benehmen
gegen den jungen Rantow gehalten, ohne etwas Anderes zu erzielen, als
ein tiefes Schweigen ihrer Tochter.

Der Commerzienrath hatte einen schwachen Versuch gemacht, seine Frau zu
untersttzen, er hatte einige Andeutungen fallen lassen, was der junge
Herr von Rantow fr eine gute Partie sei, und wie die Damen der hchsten
Aristokratie glcklich sein wrden, wenn seine Wahl auf sie fallen
sollte, aber schnell hatte er sich vor dem ernsten abweisenden Blick
seines Lieblings zurckgezogen und seiner Frau allein die Sorge
berlassen, eine Idee, welche er mit besonderer Liebe in sich trug, dem
jungen Mdchen annehmbar zu machen.

Frulein Anna hatte nach dieser Soire eine schlaflose Nacht zugebracht,
sie hatte seit jenem Ball von dem Lieutenant von Bchenfeld Nichts
wieder gehrt. Er hatte in dem Hause des Commerzienraths einen Besuch
gemacht zu einer Zeit, wo er gewi war, Niemand zu Hause zu treffen;
obgleich Anna fast den ganzen Tag an ihrem Fenster sa und auf die
lebhafte Thiergartenpromenade herabsah, hatte sie doch niemals den
erblickt, den ihre Augen suchten, nach dem ihr Herz sich sehnte.

Sie sa nachdenkend auf dem Divan in ihrem eleganten Schlafzimmer, das
durch eine Hngelampe mit dunkelblauem Schirm erleuchtet war. Ihr
schner Kopf war auf ihre zarte, schlanke Hand gesttzt und ihre
aufgelsten Haare fielen ber den weien Arm nieder, von welchem der
weite rmel ihres faltigen Schlafrockes von grauer Seide herabgesunken
war.

"Er liebt mich," flsterte sie leise vor sich hin,--"das hat mein Herz
lange empfunden, er hat es mir gesagt, und wenn er das sagt, so ist es
wahr, denn fr ihn ist die Liebe kein Spiel, und seine Worte sind ein
Felsen, dem ich unbedingt vertraue. Aber warum ist er verschwunden,"
fuhr sie fort, "warum hat er seit jenem Tage, der alle fremden Schranken
zwischen uns htte hinwegrumen sollen, der uns gegenseitig unsere
Herzen geffnet hat, Nichts mehr von sich hren lassen? Warum hat er
einen ceremoniellen Besuch gemacht, als er wute, da er uns nicht
finden konnte? Ich kann das nicht ertragen," rief sie, leicht mit dem
zierlichen Fu auf den Boden tretend, "diese unklare, peinliche Lage mu
ein Ende nehmen. Meine Mutter verfolgt mich mit diesem Herrn von
Rantow,--es ist ein Plan vorhanden, in den ich nicht einwilligen werde!
Auch mein Vater scheint hnliche Gedanken zu haben. Nun," sagte sie
trotzig die Lippen aufwerfend--"das beunruhigt mich nicht, mein Vater
wird mir gegenber nicht den Tyrannen spielen,--aber ein Ende mu das
nehmen, klar mu Alles werden! Doch wie," sprach sie sinnend, "was soll
ich meinen Eltern sagen, wenn sie mit directen Vorschlgen an mich
herantreten? Soll ich ihnen sagen, ich liebe einen Mann, der es nicht
der Mhe werth hlt, sich mir zu nhern?"

Sie sann lange nach.

"Sollte ich ihn gekrnkt haben," flsterte sie leise--"er ist
empfindlich und leicht verletzt. Doch nein, nein," rief sie dann, "ich
erinnere mich jedes Wortes das ich ihm gesagt habe, und alle meine Worte
sprachen deutlicher vielleicht, als ich es htte thun sollen, meine
Liebe zu ihm aus. Nein," rief sie, "er kann nicht zweifeln, da mein
Herz ihm gehrt. Es ist nur sein Stolz, sein harter unbeugsamer Sinn,
der ihn von mir zurckhlt. Und hat er," fuhr sie fort, indem ihre Augen
sanft und weich vor sich hinblickten, "hat er nicht Recht, so stolz zu
sein, er ist arm und die Macht des Geldes beherrscht die Welt, und doch
fhlt er seinen eigenen Werth. Und darum gerade," rief sie
leidenschaftlich, "darum liebe ich ihn--aber soll ich ihn verlieren,
weil mein Vater reich und er arm ist, darf ich ihn so vielleicht fr
immer von mir gehen lassen--es klang wie ein Abschied in seinen letzten
Worten. Frchtet er, mich wieder zu sehen, um sich selbst nicht untreu
zu werden? Ich mu ihn sehen," sagte sie aufspringend, "ich mu ihn
sprechen, ich mu mit ihm Hand in Hand vor meinen Vater hintreten und
laut das Gefhl meines Herzens bekennen. Oh," sagte sie, sich hoch
aufrichtend, "diesem Baron von Rantow gegenber und all den Herren
gegenber, die mich umschwrmen, die da glauben, da sie gesttzt auf
ihre groen Namen und ihre Stellung nur die Hand ausstrecken drfen, um
mit der Tochter des reichen Commerzienraths ein groes Vermgen zu
erwerben,--ihnen gegenber fhle ich den Stolz einer Knigin in mir, es
reizt mich, ihnen zu zeigen, da ich mich hher achte, als sie Alle.
Aber ihm gegenber, ihm, den ich liebe, diesem edlen, reichen und treuen
Herzen gegenber will ich demthig sein. Er soll sehen, wie ich Alles,
was ich ihm bieten kann, fr Nichts achte und wie ich glcklich bin, da
er mich seiner Liebe werth gefunden, ihn will ich bitten, mich nicht zu
verlassen, ihm gegenber will ich keinen Stolz haben, und so will ich
ihn zwingen, auch seinen Stolz aufzugeben."

Sie ffnete ein zierliches Etui von rothem Leder, nahm einen kleinen
Bogen goldgerndertes Briefpapier aus demselben und schrieb hastig,
whrend ihre Wangen sich mit dunklem Purpur frbten, einige Zeilen.

Dann las sie dieselben durch.

"Es ist etwas Ungewhnliches, was ich da thue," sagte sie, "jedem
andern Manne gegenber wrde es eine Selbsterniedrigung sein--aber er
wird mich verstehen, er wird fhlen, da er kein Recht mehr hat, seinem
stolzen Eigenwillen zu folgen, wenn ich mich so vor ihm beuge, wenn ich
mich so in seine Hnde gebe."

Rasch faltete sie den geschriebenen Brief zusammen verschlo ihn in eine
Enveloppe und setzte die Adresse auf dieselbe.

"Es wird Licht werden," sagte sie dann, "ich werde den Brief zur Post
tragen, Niemand wird etwas davon erfahren und er wird sicher meiner
Bitte folgen."

Die bange Unruhe verschwand aus ihrem Gesicht, langsam entkleidete sie
sich, die Gedanken an den Geliebten begleiteten sie in ihren Schlummer
und gestalteten sich zu schnen und lieblichen Trumen knftigen
Glckes.

       *       *       *       *       *

Der Lieutenant von Bchenfeld hatte seit seiner Erklrung mit Frulein
Cohnheim viel mit sich selbst gekmpft. Er war nach einer ziemlich
einsamen Jugend im stillen Hause seines Vaters bei seiner Anwesenheit in
Berlin zum ersten Mal in die grern Kreise der Welt eingetreten, und
die Liebe zu dem jungen Mdchen hatte mit bermchtiger Kraft sein tief
empfindendes, in sich selbst zurckgezogenes Herz erfllt, ein ganz
neues Leben war ihm aufgegangen, und sein ganzes Wesen war durchdrungen
von dem tiefen Gefhl, das ihn erfllte. Die starren Begriffe von Ehre
und mnnlicher Wrde, welche die Erziehung seines Vaters in ihn gelegt,
kmpften gegen diese Liebe an, und sein Blut emprte sich bei dem
Gedanken, da man seiner Bewerbung um die Tochter des reichen
Commerzienraths materielle Motive unterlegen knnte, sein Stolz bumte
sich auf, wenn er sich die Mglichkeit dachte, da er kalt und
hochmthig zurckgewiesen werden knnte, und selbst wenn es ihm gelingen
wrde, seine Geliebte zu erringen, so schauderte er vor dem Gedanken
zurck, seine Lebensstellung auf das Vermgen seiner Frau zu begrnden.

Er hatte sich eine Zeit lang von seinen Gefhlen hinreien lassen, er
war dem jungen Mdchen nher und nher getreten, endlich aber hatte er
mit dem festen Entschlu sich von allen Illusionen zu trennen sich gegen
sie aussprechen wollen, um zugleich fr immer von ihr Abschied zu
nehmen.

Da hatte sie in wunderbarer Offenheit ihm ihr Herz geffnet, er hatte
mit Entzcken, aber fast auch mit Schrecken gesehen, da seine Gefhle
so stark und so warm erwiedert wrden.

Im ersten Augenblick hatte der Glanz dieses Glckes ihn geblendet, aber
am anderen Tage war der Stolz wieder in ihm mchtig geworden, er hatte
den festen Entschlu gefat, einsam durch das Leben zu gehen und nur auf
seine eigene Kraft seine Zukunft zu begrnden, und er wollte, um den
Kampf siegreich zu bestehen, Frulein Cohnheim nicht wiedersehen, so
lange sein Commando in Berlin noch dauerte.

Oft zog es ihn nach dem Thiergarten hin, um wenigstens von ferne die
geliebten Zge zu erblicken, die so tief in sein Herz gegraben waren,
aber mit eiserner Willenskraft hielt er sich zurck und vermied
sorgfltig alle Kreise, in denen er Frulein Cohnheim htte begegnen
knnen. Nur am spten Abend ging er hinaus und blickte aus der tiefen
Dunkelheit zu dem erleuchteten Fenster, durch welches er zuweilen die
Umrisse der schlanken Gestalt seiner Geliebten entdecken konnte. Lange
stand er dort an einen Baum gelehnt, in schmerzliche Trumerei
versunken, aber sein Entschlu blieb fest, am Tage betrat er niemals die
Gegend, in welcher er so oft seine schmerzlichen Seufzer zum nchtlichen
Himmel sandte.

Er wurde in seiner stolzen Zurckhaltung noch bestrkt durch die
Bemerkungen, welche sein Vater ihm ber sein Gesprch mit dem Baron von
Rantow gemacht hatte. Der alte Herr hatte sich sehr zornig gegen seinen
Sohn darber geuert, da sein Jugendfreund, ein alter Edelmann aus
bester Familie sich zu industriellen Geschften mit dem Commerzienrath
associirt habe, und da er, wie es schien, sogar die Idee nicht als
unmglich verwerfe, die beiden durch das gemeinsame Unternehmen noch
immer weiter zu vermehrenden Vermgen durch eine Heirath seines Sohnes
mit dem Frulein Cohnheim mit einander zu verbinden.

Mit traurig bitterm Lcheln hatte der junge Mann den unwilligen Worten
seines Vaters zugehrt.

Der alte Herr hatte in diesem Lcheln eine Zustimmung zu seinem so
miflligen Urtheil ber die moderne Handlungsweise seines Freundes zu
finden geglaubt und, indem er seinen Sohn auf die Schulter klopfte, laut
ausgerufen:

"Wir wrden so Etwas nicht thun, die Bchenfelds mgen kein so vornehmes
und kein so begtertes Geschlecht sein, wie die Freiherren von Rantow,
aber mit den Brsenspeculanten wrden wir weder unsere Geschfte, noch
unser Blut vermischen."

Unbeschreibliche Gefhle hatten das Herz des jungen Mannes bei diesen
Worten seines Vaters zusammengeschnrt, ohne zu antworten, war er
aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen.

Einige Tage spter hatte ihm der alte Herr nach einem Besuch bei dem
Herrn von Rantow in hchster Entrstung mitgetheilt, da nicht nur das
Geschft zwischen dem Baron und dem Commerzienrath zur industriellen
Ausbeutung der Rantow'schen Erbgter beschlossen sei, sondern da er nun
auch schon die Verbindung des jungen Rantow mit dem Frulein Cohnheim zu
seinem tiefen Schmerz als gewi anshe.

Immer fester war nach solchen Mittheilungen der Entschlu des jungen
Mannes geworden, das junge Mdchen nicht wieder zu sehen, der alle
Regungen seines Herzens gehrten und welche doch von ihm durch alle
Hemmnisse und Schranken getrennt war, welche die Verhltnisse der Welt
zwischen zwei Menschenherzen aufzurichten im Stande sind.

Immer eifriger hatte er sich in seine Studien vertieft,--er suchte durch
die Arbeit den Schmerz zu besiegen, der so verzehrend sein ganzes Wesen
durchdrang, er suchte mit aller Kraft seines Geistes, mit aller
Anstrengung seines Willens sich durch eine unausgesetzte Thtigkeit fr
eine groe und wirkungsvolle Carrire vorzubereiten. Er wollte durch den
Ehrgeiz die Liebe tdten, denn einer groen und mchtigen, Alles
beherrschenden Regung bedurfte er fr sein inneres Leben, dem das
gleichgltige Einerlei eines zwecklosen Vegetirens nicht gengte.

An dem Tage, an dessen Vorabend Frulein Anna in nchtlicher Stille den
Entschlu gefat hatte, alle Zweifel ihres Herzens einer entscheidenden
Lsung zuzufhren, war der junge Officier um die Mittagsstunde von der
Kriegsschule zurckgekehrt und trat in das Zimmer seines Vaters, in
welchem der alte Diener des Oberstlieutenants, der lange Jahre sein
Bursche gewesen und nach dem Abschied seines Herrn in dessen
Privatdienst geblieben war, so eben das bescheidene Diner servirte,
welches der alte Herr fr sich und seinen Sohn aus einem nahe gelegenen
kleinen Hotel holen lie.

"Du siehst bleich aus," sagte der alte Herr, indem er seinen Sohn mit
sorgenvoller Theilnahme ansah, "ich frchte, Du arbeitest zu viel. Es
ist zwar sehr gut, wenn man etwas recht Tchtiges lernt, aber man darf
darum kein Kopfhnger werden. Du gehst nicht mehr aus, Du bist fast
jeden Abend zu Hause, Du besuchst keine Gesellschaften mehr--Du darfst
Dich nicht zu sehr anstrengen. Zu meiner Zeit," sagte er, sich den
Schnurrbart streichend, "waren wir jungen Officiere anders, wenn es
keine Gesellschaften gab, so gingen wir wenigstens in die Natur hinaus
und machten frhliche Streifzge durch Wald und Feld. Damals htten wir
es nicht fr die Aufgabe des Soldaten gehalten, hinter den Bchern zu
sitzen und zu lesen und zu arbeiten wie ein Student."

"Sei ruhig, lieber Vater," sagte der Lieutenant mit einem etwas
gezwungenen Lcheln, "ich werde gewi nicht ber meine Krfte arbeiten;
wenn ich viel zu Hause geblieben bin, so liegt es nur daran, da ich
keine Freude in dem hiesigen weitlufigen Gesellschaftsleben finde. Wenn
ich erst wieder in meiner Garnison sein werde unter meinen Kameraden,
unter den alt gewohnten Verhltnissen, so wird es anders werden."

"Nun," sagte der alte Oberstlieutenant, seinem frheren Gedankengang
folgend, "es treten ja jetzt auch ganz andere Aufgaben an einen Officier
heran. Die heutige Tactik ist eine viel complicirtere, und man mu heute
die Kriege ebenso sehr mit dem Kopfe als mit dem Arm fhren. Das ist
Alles ganz gut, aber zum Kopfhnger darf darum der Soldat doch nicht
werden.--Da Dir brigens das Gesellschaftsleben hier in Berlin nicht
gefllt," fuhr er fort, "verstehe ich, und da Du glcklicher in den
einfachen Verhltnissen Deiner kleinen Garnison bist--freilich," sagte
er dann wehmthig seufzend, "wird dann Dein alter Vater hier wieder ganz
allein sein, doch das ist ja das Loos des Alters--Ihr marschirt in die
Welt hinein, wir gehen aus derselben hinaus. Da knnen ja unsere Wege
nicht zusammenlaufen."

Er setzte sich zu Tisch, sein Sohn nahm ihm gegenber Platz, und der
alte Diener servirte in militairischer Haltung die etwas blasse und
dnne Bouillon.

Der Oberstlieutenant fllte die Weinglser fr sich und seinen Sohn aus
einer bereits angebrochenen Flasche St. Julien und stie mit dem
Lieutenant, wie er das stets zu thun pflegte, auf den knftigen
Feldmarschallstab an. Whrend der junge Mann schweigend seinem Vater
zuhrte, welcher von alten Zeiten erzhlte und manche schon oft
wiederholte Geschichte noch einmal ausfhrlich vortrug, hrte man ein
starkes Klingeln an der uern Eingangsthr der kleinen einfachen
Wohnung.

Der alte Diener ging hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken mit
einem kleinen zierlichen Brief in der Hand zurck.

"Ein Brief fr den Herrn Lieutenant," sagte er, indem er in
dienstlicher Haltung das Billet dem jungen Mann berreichte.

Dieser nahm es mit gleichgltiger Miene, ffnete es, und lie die Augen
ber den Inhalt gleiten. Eine dunkle Rthe flog ber sein Gesicht, mit
starrem Erstaunen, fast mit dem Ausdruck eines jhen Schreckens las er
die wenigen Zeilen, langsam sank seine Hand mit dem Papier auf seinen
Schoo herab, indem seine Augen fortwhrend unbeweglich auf den Worten
ruhten, die er so eben gelesen.

"Mein Gott," rief der alte Oberstlieutenant unruhig, "was ist das? Du
hast doch keine bse Nachricht bekommen--doch nicht etwa eine
Ehrensache?"

Mit gewaltiger Anstrengung suchte der junge Mann seine Fassung wieder zu
gewinnen.

"Es ist Nichts," sagte er, das Papier zusammenfaltend und es in seine
Uniform steckend, indem er mit einer gewissen Mhe die Worte
hervorbrachte, "ein Bekannter ladet mich ein, mit ihm den Abend zu
verbringen."

"Aber Du bist doch so erschrocken," sagte der alte Herr forschend, "Du
bist ja ganz roth geworden, Du zitterst."

"Ich habe den ganzen Vormittag ber Nichts gegessen," sagte der
Lieutenant, "die warme Suppe und das Glas Rothwein haben mich ein wenig
echauffirt,--es ist wirklich nichts, gar Nichts Unangenehmes. Es war ein
leichter Schwindel, der bereits vorber ist."--

Der alte Herr sah ihn ein wenig enttuscht an.

Der Lieutenant, welcher bisher schweigend dagesessen hatte, begann mit
einer etwas gewaltsamen Heiterkeit auf seine Erzhlungen einzugehen,
Erinnerungen anzuregen, von denen er wute, da sie seinem Vater lieb
wren, so da dieser bald den kleinen Vorfall verga und in uerst
zufriedener Stimmung noch eine zweite Flasche St. Julien bringen lie,
sehr vergngt darber, da sein Sohn so lebendig wie lange nicht an
seinen Gesprchen Theil nahm.

Als das Diner beendet, und das einfache Gedeck von dem Diener abgerumt
war, setzte sich der Oberstlieutenant in einen groen altmodischen
Lehnstuhl, plauderte noch ein wenig, immer langsamer und langsamer
sprechend mit seinem Sohn, deckte ein groes seidenes Tuch ber seinen
Kopf und versank in seinen gewohnten Nachmittagsschlaf, welcher heute
tiefer war als sonst und ihm in freundlichen aber verworrenen Bildern
die Zukunft seines Sohnes zeigte, wie dieser mit militairischen Wrden
und Auszeichnungen geschmckt den Namen derer von Bchenfeld zu immer
hhern Ehren brachte.

Als der alte Herr eingeschlafen war, zog sich der Lieutenant in sein
kleines Zimmer zurck, setzte sich vor seinen groen Tisch von weiem
Holz, der mit Bchern, Plnen und Karten bedeckt war, zog das kleine
Billet aus seiner Uniform hervor und versenkte sich abermals in die
Lectre desselben.

"Mein Gott," sagte er endlich mit tief bewegtem, fast schmerzlichem Ton,
"mein Entschlu stand so fest, ich glaubte Alles berwunden, ich glaubte
mit der Vergangenheit und all ihren sen Lockungen abgeschlossen zu
haben,--da dringt diese Botschaft zu mir, welche alle meine Entschlsse
wieder umwirft, welche mich von Neuem in Kampf, in Unruhe und Zweifel
versenkt--

"Mein lieber Freund."

Las er, die Augen starr auf das Papier gerichtet.

"Nach unserm letzten Gesprch glaube ich es mir und Ihnen schuldig zu
sein, volle Klarheit zwischen uns zu schaffen. Die Verhltnisse machen
eine Erklrung zwischen uns nothwendig. Ich mu Sie sehen und
sprechen,--gehen Sie heute Nachmittag fnf Uhr in der Nhe unseres
Hauses auf der Thiergartenpromenade auf und nieder. Ich werde Ihnen
dort begegnen und Nichts wird uns verhindern, uns in hellem Tageslicht
und vor den Augen aller Welt gegen einander auszusprechen."

"Ein angefangenes Wort ist ausgestrichen," sagte er, immerfort sinnend
das Papier betrachtend,--"ein einfaches A. ist die Unterschrift.--Ich
habe niemals Anna's Handschrift gesehen," fuhr er fort, "aber es ist
kein Zweifel, dieser Brief mu von ihr kommen. Was kann sie mir sagen
wollen? Nach den Mittheilungen meines Vaters soll ihre Verbindung mit
dem jungen Rantow so gut wie abgemacht sein--nach ihren letzten Worten
freilich," sagte er, den Kopf in die Hand sttzend, "mute ich glauben,
da ihr Herz sich mir zuneigte. Sie wollte das Opfer meiner Liebe nicht
annehmen, sie gab mir Hoffnung,--oh, eine so se Hoffnung, welche ich
mit so schwerer Ueberwindung aus meinem Herzen gerissen habe.

Wre es mglich"--ein Schimmer von Glck und Freude erleuchtete sein
Gesicht, in einer unwillkrlichen Bewegung hob er das Papier empor,
drckte seine Lippen auf die Schriftzge, dann sprang er auf und ging in
heftiger Erregung in seinem Zimmer auf und nieder.--

"Sei es, was es will," rief er, "es wre unritterlich und feige, der
Aufforderung einer Dame nicht zu folgen, einer Dame, der ich gesagt
habe, da ich sie liebe--und welche dieses Gestndni so gtig und
freundlich aufgenommen, wie sie es gethan.--

Aber," fuhr er dann mit finsterm Ausdruck und dumpfer Stimme fort, "wenn
sie mir sagen will, da Alles zu Ende sei, wenn sie den Traum beenden
will, von dem ich ihr voreilig und unvorsichtig vielleicht gesprochen?

Nun," fuhr er mit entschlossenem Ton nach einem langen Schweigen fort,
"auch das wre ein Zeichen, da ich mich nicht in ihr getuscht habe,
ein Zeichen, da sie meiner Liebe werth war, und da sie es auch
verdient, da ich diese Liebe ihrer Ruhe und ihrem Glck opfere.
Jedenfalls mu ich hingehen, soll es ein letzter Abschied sein, so wird
ja nur das geschehen, wozu ich selbst fest entschlossen war, und dieser
schne Traum wird einen um so schnern Abschlu finden, und," sagte er
leise mit weichem Blick, dessen Ausdruck zwischen Schmerz und Glck die
Mitte hielt, "sollte der Kampf meiner Pflicht und meines Stolzes gegen
meine Liebe sich erneuern--ich will und darf keinen Kampf scheuen! Das
wre ein Mitrauen auf die eigene Kraft,--ich mu hingehen und werde
stark genug sein, um Alles zu ertragen, was dieser verhngnivolle
Augenblick mir bringen kann."

Er blickte auf seine Uhr.

"Noch ber eine Stunde," sagte er,--"da doch die Zeit oft so langsam
vergeht, wenn man ihr Flgel wnscht und so rasch dahin schwindet, wenn
man sie fesseln mchte."

Er ergriff ein Buch und begann zu lesen, aber seine Gedanken waren nicht
bei seiner Lectre, in kurzen Zwischenrumen sah er nach der Uhr, deren
Zeiger kaum vorzurcken schien; in zitternder Unruhe bewegte er sich hin
und her; in schnellem Wechsel wurde sein Gesicht bald tief bla, bald
glhend roth; ein leichter Schwei perlte an der Wurzel seiner Haare;
und trotz aller Willenskraft, die er aufwendete, um ruhig zu bleiben,
fand er sich nach Ablauf einer Stunde in jenem Zustand fieberhafter
Aufregung, welchen der innere Kampf der Gefhle und Gedanken bei uerer
Unthtigkeit stets hervorruft und welcher bei krftigen und nervsen
Naturen immer eine Folge des Wartens ist, dieses unertrglichsten
Zustandes unter allen Leiden, an denen das arme gequlte Menschenleben
so reich ist.

Endlich war der Augenblick gekommen, er steckte den Degen ein, setzte
die Mtze auf und verlie, ohne das Zimmer seines Vaters noch einmal zu
betreten, das Haus.

       *       *       *       *       *

Frulein Anna hatte in nicht geringerer Unruhe und Aufregung den Tag
verbracht. Es war ihr nicht schwer geworden, einen Vorwand zu finden um
zu der Stunde, welche sie ihrem Geliebten angegeben, allein auszugehen.
Sie war berhaupt gewohnt, stets ganz nach den Eingebungen ihres eigenen
Willens zu handeln, welchen ihre Mutter aus berlegener
Gleichgltigkeit, ihr Vater aus Zrtlichkeit selten ein Hinderni in den
Weg gelegt hatten.

Noch einmal hatte sie sich Alles berdacht, was sie dem jungen Manne
sagen wollte. Ihr Herz schlug in ungeduldiger Sehnsucht dem Augenblick
entgegen, in welchem sie ihn wiedersehen wrden. Es war ja unmglich,
da sein harter Sinn ihrer Liebe widerstehen knnte, da sie doch wute,
da sein Herz ihr gehrte.

Mit bangem Zittern, aber mit einem glcklichen, hoffnungsvollen Lcheln
auf den Lippen verlie sie kurze Zeit vor der festgesetzten Stunde ihre
Wohnung und begann auf der Thiergartenpromenade vor dem Hause ihrer
Eltern auf- und abzugehen, wie sie es fter um diese Zeit zu thun
pflegte um frische Luft zu schpfen.

Unruhig forschend tauchte sich ihr Blick in die Ferne, aber unter all
den alten Damen mit kleinen Hndchen in zierlichen blauen oder rothen
Mnteln, unter all den Herren, welche in dem regelmig abgemessenen
Spaziergang Erholung fr die im Staub der Bureaus aller Arten
verbrachten Morgenstunden suchten, entdeckte sie Denjenigen nicht, dem
ihr Herz entgegenflog.

Langsam, in tiefe Gedanken versunken, schritt sie weiter.

"Guten Tag, Frulein Anna," ertnte pltzlich eine Stimme unmittelbar
neben ihr, und rasch aufblickend sah sie den Referendarius von Rantow,
welcher sein Lorgnon vor den Augen, den Hut abnahm und sie zwar mit
einer tiefen und artigen Verbeugung, aber doch mit der Vertraulichkeit
eines alten Bekannten begrte, welche sie um so unangenehmer berhrte,
als ihr diese Begegnung gerade im gegenwrtigen Augenblick ungemein
unerwnscht war.

Mit einer kalten und abweisenden Miene erwiderte sie den Gru des jungen
Mannes, und wollte ihren Weg fortsetzen.

Herr von Rantow blieb an ihrer Seite.

"Ich habe Sie in den letzten Tagen in mehreren Gesellschaften vergeblich
gesucht, mein gndiges Frulein," sagte er, "in denen ich Ihnen sonst zu
begegnen gewohnt war. Ich hoffe, Sie sind nicht leidend gewesen, Ihre
blhende Farbe sollte mich beruhigen. Wo solche Rosen auf den Wangen
blhen und solches Feuer aus den Augen leuchtet, kann Krankheit und
Leiden keinen Platz finden," fgte er mit hflich gleichgltigem Ton
hinzu, indem sein Blick oberflchlich ber das Gesicht und die Gestalt
des jungen Mdchen hinglitt.

"Ich danke, Herr von Rantow," sagte Anna mit dem Ton einer gewissen
Verlegenheit, "ich befinde mich ganz wohl und war nur etwas nervs
verstimmt,--deshalb bin ich nicht in Gesellschaft gegangen und mchte
jetzt einen kleinen Gang in der freien Natur machen, um _einsam_ meinen
Gedanken nachzuhngen."

"Das sollten Sie nicht thun," erwiderte Herr von Rantow, ohne den
ziemlich deutlichen Wink der Entlassung zu bemerken, welcher ebenso sehr
in ihren Mienen, als in ihren Worten lag. "Die Einsamkeit ist kein
Heilmittel fr angegriffene Nerven, eine heitere gemthliche Plauderei
leistet viel bessere Dienste, ich will ein wenig versuchen, Ihr Arzt zu
sein."

"Sie sind zu gtig," erwiderte sie in leicht gereiztem Ton, "Jeder mu
am besten wissen, was seiner Natur bei nervsen Verstimmungen gut thut,
und fr mich ist ein _einsamer_ Spaziergang in der freien Luft," fgte
sie mit noch schrferer Betonung hinzu, "das beste Heilmittel."

"Fast darf ich Ihnen nach diesen Worten," erwiderte Herr von Rantow mit
einem leichten Lcheln, whrend er durch sein Glas in eine Seitenallee
hinabsah, "meine Begleitung nicht weiter aufdrngen, und doch wird es
mir schwer Sie zu verlassen. Wenn es aber Ihr Ernst ist, durchaus allein
sein zu wollen--"

"Mein voller Ernst," rief Anna schnell, indem eine dunkle Rthe ihr
Gesicht berflog,--sie hatte wenige Schritte vor sich den Lieutenant von
Bchenfeld bemerkt und machte eine unwillkrliche Bewegung, als wolle
sie ihm entgegen eilen.

Herr von Rantow sah sie etwas befremdet an und folgte dann der Richtung
ihres Blickes.

"Ah, da ist Herr von Bchenfeld, ich habe ihn lange nicht gesehen! Auch
ein Einsamer," fgte er mit einem schnellen Seitenblick auf das junge
Mdchen hinzu. "Wre die Einsamkeit ein Ding, das man theilen knnte, so
wrde ich vorschlagen, da wir uns zu Dreien ihrem Genu hingeben."

Anna hrte nicht, was er sprach, ihre Blicke waren unverwandt auf den
jungen Officier gerichtet. Peinliche Verlegenheit malte sich in ihren
Zgen, unschlssig hielt sie ihre Schritte an, so da sie fast neben
Herrn von Rantow stehen blieb.

Der Lieutenant von Bchenfeld hatte bei ihrem Anblick zunchst in
freudiger Bewegung einen Schritt vorwrts gemacht, dann bemerkte er den
jungen Herrn von Rantow, welcher in anscheinend vertraulichem Gesprch
neben Frulein Anna herging.

Eine tiefe Blsse bedeckte pltzlich seine Zge, seine Augen ffneten
sich weit und blickten starr auf das Paar hin, welches vor ihm stehen
blieb,--ein bitteres hhnisches Lcheln verzog seine fest verschlossenen
Lippen zu fast krampfhafter Entstellung, ein tiefer Athemzug hob seine
Brust, schnell wandte er sich seitwrts, und mit raschen Schritten ging
er an den beiden jungen Leuten vorbei, mit kalter Hflichkeit Frulein
Cohnheim militairisch grend.

Das junge Mdchen zitterte in heftiger Bewegung, ihre Augen richteten
sich mit magnetischem Glanz auf den schnell vorberschreitenden jungen
Officier; ein tiefer Seufzer, fast wie ein leiser angstvoller Schrei,
rang sich aus ihrem Munde hervor, sie machte eine Bewegung, als wolle
sie die Hnde ausstrecken.

"Um Gottes Willen Herr von Bchenfeld!" rief sie.

Aber ihre Stimme war von tiefer, innerer Erregung so zusammengepret,
da ihre Worte kaum vernehmbar nur zu dem Ohr des unmittelbar neben ihr
stehenden Herrn von Rantow drangen. Im hflichen Diensteifer wandte sich
dieser um.

"Bchenfeld!" rief er, "so hre doch,--wie unhflich, so vorbei zu
laufen,--Frulein Cohnheim ruft Dich."

Er hatte den jungen Officier eingeholt, legte die Hand auf seinen Arm
und zwang ihn, still zu stehen. Mit starrem Blick, immer jenes
hhnische, bittere Lcheln auf den Lippen, kehrte er, von Herrn von
Rantow gefhrt, zu dem jungen Mdchen zurck, das ihn zitternd
erwartete.

"Ich habe Sie so lange nicht gesehen, Herr von Bchenfeld," stammelte
sie mit unsicherm Ton, "ich wollte Ihnen sagen,--da--" sie blickte auf
Herrn von Rantow, der mit einem artigen Lcheln auf den Lippen neben ihr
stand, und dann schlug sie die Augen nieder,--sie schien nach Worten zu
suchen, zornig bi sie ihre glnzenden Zhne auf die Lippen und trat
heftig mit dem Fu auf den Boden.

"Es ist sehr freundlich, da Sie sich meiner erinnern," sagte der
Lieutenant von Bchenfeld mit kalter, schneidender Hflichkeit. "Ich
bin unendlich erfreut, Ihnen hier begegnet zu sein, zu meinem tiefen
Bedauern mu ich aber um Verzeihung bitten, da ich mich keinen
Augenblick aufhalten kann,--der unerbittliche Dienst ruft mich."

Er grte militairisch, neigte leicht den Kopf gegen Herrn von Rantow,
und eilte dann mit schnellen Schritten davon.

Anna athmete tief auf, sie machte eine Bewegung, als wolle sie ihm
nacheilen, doch das wre vergeblich gewesen, er entfernte sich in immer
schnellerem Gang, sie--sah ihm mit brennendem Blick nach.

Ein Zug tiefer schmerzlicher Trauer erschien auf ihrem Gesicht.

"Ich begreife nicht," sagte Herr von Rantow, "was er haben kann, er sah
ja ganz verstrt aus. Sollte er dienstliche Unannehmlichkeiten gehabt
haben?"

Frulein Anna sah ihn mit zornfunkelnden Augen an, in ihren Wimpern
zeigte sich ein feuchter Thrnenschimmer.

"Ich bedaure sehr, Herr von Rantow," sagte sie mit kaltem Ton, "da ich
nicht lnger das Vergngen Ihrer Gesellschaft haben kann, die Luft
greift mich an, ich will nach Hause zurckkehren."

Bevor der junge Mann antworten konnte, hatte sie sich mit einem
leichten Gru abgewendet und schritt schnell dem Hause ihrer Eltern zu.

"Wir gehen denselben Weg," sagte er ganz erstaunt, "ich will so eben zu
meinen Eltern."

Aber bereits war sie weit entfernt, ohne seine Worte zu hren. Erstaunt
blickte er ihr nach.

"Was geht denn da vor!" sprach er kopfschttelnd vor sich hin. "Sollte
da eine ernste Herzensangelegenheit spielen,--das wrde mir nicht zu
meinen Absichten passen, ich kann kaum eine bessere Partie finden, das
Alles fgt sich so vortrefflich,--nun, ich glaube kaum, da es ein
ernstes Hinderni sein wird," sagte er dann, sich leicht den Schnurrbart
streichend, "dieser Bchenfeld mit seinen altfrnkischen Anschauungen
wird kaum an eine ernste Bewerbung denken, und der alte Cohnheim wird
auch wenig Lust haben, sein einziges Kind einem Officier zu geben, der
Nichts weiter besitzt als seinen Degen."

Langsam schritt er dem weit vorausgeeilten jungen Mdchen nach und trat
einige Zeit spter als sie in das Haus des Commerzienraths, dessen
Parterre seine Eltern bewohnten.

Der Lieutenant von Bchenfeld war in schmerzlicher Erregung dem
Brandenburger Thor zugeschritten. Er blickte starr vor sich hin, kaum
die Vorbergehenden beachtend und nur mit seinen finstern Gedanken
beschftigt.

"Das also ist es gewesen," flsterte er, "sie hat mir zeigen wollen, da
Alles zwischen uns aus sein soll, da Alles fr sie nur das flchtige
Spiel einer augenblicklichen Laune war. Ein Abschied hat es sein sollen,
aber nicht ein freundlicher Abschied, welcher mit seinem sanften Strahl
das knftige Leben erleuchtet und den Schmerz der Trennung verklrt.
Nein, dieser Abschied war fast ein Hohn auf die Vergangenheit, sie
wollte sich mir auf meinem einsamen Wege an der Seite Desjenigen zeigen,
der das Glck besitzen soll, das ich vergeblich ersehnte.--

"Das Glck?" sagte er, indem er die Augen fragend emporschlug,--"kann es
ein Glck geben an der Seite eines Wesens, das so herzlos mit den
edelsten Gefhlen spielt, das auf solche Weise eine Liebe von sich
weisen kann, deren Tiefen sie kaum zu ermessen verstehen mag,--und sie
htte es ja nicht nthig gehabt," sprach er, grimmig die Lippen auf
einander pressend, "sie htte es nicht nthig gehabt, mir so meinen
Abschied zu geben. Ich habe sie doch wahrlich mit meiner Liebe nicht
verfolgt, ich habe mich still und schweigend zurckgezogen. Warum hat
sie mich nicht ruhig meiner Wege gehen lassen? Ach, wie tief habe ich
mich in ihr getuscht! Wie Recht hatte mein Vater, da in diesen Kreisen
der reich gewordenen Parvenus es kein Herz und kein Gefhl giebt."

Er sah sich pltzlich von mehreren Kameraden umringt, deren Annherung
er nicht bemerkt hatte, und welche ihm lachend den Weg vertraten.

"Endlich trifft man ihn einmal, diesen verkrperten Flei," rief ein
junger Dragonerofficier.

"Er bereitet sich zum Chef des groen Generalstabs vor und macht Tag und
Nacht die Plne zu den Schlachten, die er knftig gewinnen will. Aber
jetzt haben wir ihn, jetzt soll er mit uns kommen. Es ist heute
Hohensteins Geburtstag," sagte er, auf einen Husarenofficier deutend,
"wir sind es ihm aus Freundschaft schuldig, diesen wichtigen Tag zu
feiern. Bchenfeld darf sich nicht zurckziehen, wenn er nicht ein
schlechter Kamerad ist. Wir wollen zu Borchard gehen, dort ist ein
vortrefflicher Romane mousseux, dessen Bekanntschaft er machen soll.
Ein ganz ausgezeichneter Stoff, etwas schwer,--aber wo man den
Geburtstag eines guten Freundes feiert, darf man ja nicht ganz kalt und
nchtern bleiben."

Er ergriff den Arm des Lieutenants von Bchenfeld und zog ihn fort. Die
Andern folgten.

"Es ist wahr," rief Bchenfeld flammenden Blickes, "ich habe zu viel
gearbeitet, zu viel nachgedacht und gegrbelt, ich will mir einmal den
Kopf frei machen von allen Gedanken. Knnte ich Vergessenheit trinken,"
sagte er leise vor sich hin,--"wie die Alten mit dem Wasser des Flusses
der Unterwelt alle Erinnerungen an die Leiden des Lebens aus ihrer Seele
fortsplten!"

Unter heitern und frhlichen Gesprchen schritten die Officiere die
Linden entlang und begaben sich in das elegante, altbewhrte Local von
Borchard in der Franzsischen Strae.

Der alte Kellner mit dem krnklichen, klug blickenden Gesicht, welcher
so genau seine Gste zu classificiren verstand und den Geschmack und die
Gewohnheiten eines Jeden stets scharf im Gedchtni behielt, brachte die
dickbuchigen Flaschen in den eisgefllten Khlern. Die Pfropfen wurden
entfernt, und das edle, dunkelrothe Getrnk mit dem weien Schaum ergo
sich in die zierlichen Krystallkelche.

Der Lieutenant von Bchenfeld, welcher ernst und mit finsterm Schweigen
sich der Gesellschaft der Uebrigen angeschlossen hatte, strzte ein Glas
des purpurnen Getrnkes nach dem andern hinunter,--eine wilde Heiterkeit
schien sich seiner zu bemchtigen, seine Augen flammten, seine Wangen
glhten, ganz seiner sonstigen Gewohnheit entgegen begann er mit
sprhendem Witz an der Unterhaltung Theil zu nehmen.

Aber dieser Witz war nicht wohlthuend, belebend und erheiternd,--er war
scharf, schneidend, Alles in den Staub herabziehend, was dem ernsten
Sinn des jungen Mannes sonst unantastbar gewesen war.

Seine Freunde sahen sich ganz erstaunt an.

"Bchenfeld mu etwas sehr Glckliches passirt sein," sagte der
Dragonerofficier, "so habe ich ihn noch nie gesehen."

"Oder," sagte der Husar lachend, "er steht im Begriff, sich
todtzuschieen. Das ist ja der reine Galgenhumor, der aus ihm spricht."

"Weder das Eine noch das Andere," meinte ein Dritter, "es ist einfach
dieser ausgezeichnete Rebensaft von Burgund, der unsern stillen Freund
so gesprchig macht."

"Oder sollte er etwa verliebt sein," sagte der Dragoner, "das wre ja
das Allermerkwrdigste, das man erleben knnte,--er, der bis jetzt gar
keine Augen fr ein weibliches Wesen zu haben schien und nur seinen
Studien gelebt hat."

"Ja, ja," rief der Lieutenant von Bchenfeld laut lachend, "Du hast es
getroffen, ich bin verliebt. Das ist doch wahrlich werth," sagte er,
ein neues Glas herunterstrzend, "aus seiner gewohnten Ruhe
herauszutreten. Nein, nein," fuhr er dann mit schneidendem Hohn fort,
"wenn ich verliebt wre, dann wre mir doch wirklich besser, da ich
mich auf ein Pulverfa setzte und in die Luft sprengte. Denn was ist die
Liebe?" sagte er pltzlich dster;--"die unwrdige Fessel, welche den
Willen, den Muth und die Kraft eines Mannes an die flchtige Laune einer
Frau kettet und den hohen Flug edler Seelen herabzieht in den Staub und
sie zum Spott Derer werden lt, die sie nicht begreifen knnen!"

Immer lauter, immer lustiger wurde die Unterhaltung; immer hher glhten
die Wangen des Herrn von Bchenfeld, und bereits begannen seine Freunde
mit einiger Besorgni zuzusehen, wie er fortwhrend sein Glas fllte, um
es augenblicklich wieder zu leeren.

Es war dunkel geworden, die Gasflammen waren angezndet. Einige einzelne
Herren hatten an kleinen Tischen in dem vordern Theil des Zimmers Platz
genommen, in dessen Hintergrunde die jungen Officiere sich befanden.

Der Referendar von Rantow trat herein, lie durch sein Lorgnon den Blick
durch das groe Zimmer gleiten und nherte sich dann der Gruppe der
Officiere, die ihm smmtlich bekannt waren. Er wurde von Allen
freundlich begrt, rasch reichte man ihm einen gefllten Kelch und
stellte einen Sessel fr ihn in den Kreis der Uebrigen.

Der Lieutenant von Bchenfeld war in die Ecke eines Divans
zurckgesunken, sein etwas starrer Blick ruhte mit unbeschreiblichem
Ausdruck auf dem Baron von Rantow, ein verchtliches Lcheln zuckte um
seine Lippen.

"Sieh da, Bchenfeld," sagte der Referendarius, ihm freundlich
zunickend, "ist Deine Dienstzeit zu Ende? Du warst vorhin ja so wild und
unzugnglich nicht nur gegen mich, sondern auch gegen eine Dame, die
Dich rief und gern mit Dir sprechen wollte,--das war nicht hflich."

"Ihm mu berhaupt etwas ganz Auerordentliches passirt sein," sagte der
Husarenofficier,--"er ist heute in einer Laune, wie ich ihn noch nie
gesehen habe. Sehr amsant freilich, aber ich mchte ihn so nicht in
fremde Gesellschaft gehen lassen, sonst knnte wohl morgen Einer von uns
das Vergngen haben, ihm zu secundiren."

Herr von Bchenfeld warf dem Sprechenden einen flchtigen Blick zu,
strzte abermals ein Glas hinunter und sagte mit etwas unsicherer
Stimme:

"Das wrde nicht zu besorgen sein,--ich bin im Gegentheil in sehr
friedlicher Stimmung,--sehr friedlich--und sehr vergngt.--Du hast
Recht, mir ist etwas sehr Gutes, ein groes Glck widerfahren, ich bin
einer groen Gefahr entronnen,--ich stand im Begriff einen tiefen Fall
zu thun,--einen tiefen, tiefen Fall," sagte er mit dumpfem, allmlig
immer leiser und leiser verklingendem Ton;--dann sank sein Haupt auf die
Brust nieder, er schwieg und schien nun in Gedanken seinen Satz zu
beenden.

Die Officiere wechselten bedeutungsvolle Blicke unter einander.

"Ich frchtete schon," sagte Herr von Rantow lchelnd, "da Du mir bse
sein wrdest, und da ich die Ursache Deines schnellen Fortlaufens
gewesen sei. Ich habe neulich schon so Etwas bemerkt,--sollten wir
Nebenbuhler sein? Das wre nicht hbsch," fgte er hinzu, "gute Freunde
mssen sich ber so Etwas verstndigen."

"Nebenbuhler?" riefen die Officiere neugierig,--"so haben wir doch
Recht, so ist er doch verliebt. Es mute ja auch etwas ganz
Auerordentliches sein, was ihn so verndern konnte."

Herr von Bchenfeld richtete langsam den Kopf empor, seine mden
geschlossenen Augen ffneten sich weit und blickten mit sonderbarem
Ausdruck im Kreise umher.

"Nebenbuhler," rief er dann mit lautem Lachen, sich zu Herrn von Rantow
wendend, "wren wir jemals Nebenbuhler gewesen, jetzt kannst Du ganz
ruhig sein, ich trete Dir wahrhaftig nicht in den Weg. Ich schtze
dieses kindische Gefhl, das man die Liebe nennt, nach ihrem wahren
Werth; und ihr Werth ist sehr gering," fgte er achselzuckend
hinzu,--"ber Dergleichen drfen sich Mnner nicht entzweien. Wahrlich,"
fuhr er mit einer Stimme fort, die bald hoch anschwoll, die bald wieder
zu leisem Ton herabsank, "stnde hier eine Roulette zwischen uns, ich
wrde kaum einen Louisd'or gegen alle Liebeshoffnungen und
Liebesansprche der Welt setzen."

"Das ist ein guter Gedanke," rief der Dragonerofficier, der ebenso wie
die ganze Gesellschaft sich bereits unter dem Einflu der Wirkung des
feurigen Weines befand, "ein guter Gedanke, wenn Ihr Nebenbuhler seid,
setzt Eure Chancen gegen einander. Das ist ein viel besserer Weg, zur
Klarheit zu kommen, als sich die Hlse zu brechen. Eine Roulette ist
nicht hier, spielt eine Partie Ecart um Eure Schne--"

"Vortrefflich, vortrefflich!" riefen die Andern jubelnd,--"ein
ausgezeichneter Gedanke!"

"Unglck im Spiel, Glck in der Liebe!" rief der Husarenofficier.

"Wer das Spiel gewinnt, mu seine Liebesansprche aufgeben--"

"Warum nicht," rief Herr von Bchenfeld, dessen Blicke sich immer
verschleierten, "gebt die Karten her!"

Herr von Rantow schien ein wenig verlegen zu sein, er wollte einige
Bemerkungen machen, die Uebrigen lieen ihn nicht zu Worte kommen.

Bereits hatte Einer von ihnen zwei Spiele Ecartkarten gebracht, man
rumte eine Ecke des Tisches vor Herrn von Bchenfeld leer und zog Herrn
von Rantow zu dem jungen Officier hin.

"Ich setze hundert Louisd'or," sagte dieser, indem er den Blick
forschend auf Herrn von Bchenfeld richtete, wie es schien in der
Hoffnung, durch diesen hohen Einsatz den jungen Mann zum Nachdenken zu
bringen.

"Ich nehme an," sagte dieser, starr vor sich hinblickend, und schnell
leerte er noch ein Glas.

"Wer gewinnt," rief der Dragonerofficier, "zahlt also hundert Louisd'or
und hat das alleinige Recht der Dame, um die es sich handelt, die Cour
zu machen. Der Andere darf auf sein Ehrenwort nie wieder mit ihr
sprechen."

Fragend blickte Herr von Rantow, welcher die Karten noch immer nicht
ergriffen hatte, auf Herrn von Bchenfeld.

"Angenommen," sagte Dieser, griff mit einer etwas unsicheren Bewegung
nach dem Spiel und hob ab.

"Drei," sagte Herr von Rantow,--dann coupirte und zeigte ein A.

"Du giebst," sagte der Lieutenant immer in demselben dumpfen Ton.

Das Spiel begann. In rascher Folge legte Herr von Rantow mehrere Male
den Knig auf, und nach wenigen Abzgen hatte er die Partie gewonnen.

Hhnisch lachte Herr von Bchenfeld laut auf.

"Du hast das schne Frulein Cohnheim gewonnen!" rief er, die Karten
durcheinander werfend,--"ich gratulire Dir!"--er sank auf seinen Stuhl
zurck, sein Haupt fiel mde auf die Brust nieder.

Herr von Rantow zuckte zusammen.

Trotz der mehr als heiteren Stimmung, die in dem ganzen Kreise
herrschte, trat ein tiefes Schweigen ein. Die Officiere sahen sich mit
verlegenen Blicken an.

"Ich habe gewonnen, nach der Verabredung mu ich den Einsatz bezahlen,"
sagte Herr von Rantow mit einer Miene, welche ausdrckte, da er dieser
peinlichen Scene so schnell als mglich ein Ende machen wollte.

Er zog einige Goldstcke aus seinem Portemonnaie, fgte aus seinem
Portefeuille einige Bankbillets dazu, legte das Geld vor Herrn von
Bchenfeld auf den Tisch und erhob sich.

Der Lieutenant von Bchenfeld richtete den Kopf auf, streckte die Hand
aus und streute das Geld auf dem Tisch umher.

"Der Einsatz ist zu hoch," sagte er mit rauher Stimme in abgebrochenen
Worten, "Du bist betrogen, der Gegenstand ist so hohen Spiels nicht
werth, ich kann das nicht annehmen."

Und abermals sank er in seinen Stuhl zurck, seine Augen schlossen sich,
sein Haupt fiel matt gegen die Lehne.

Rasch wurde an einem der Seitentische ein Stuhl zurckgeschoben. Einer
der dort sitzenden Herren erhob sich, ergriff seinen Hut und rief den
Kellner. Herr von Rantow blickte hin und erkannte den Commerzienrath,
der Alles mit angehrt hatte.

"Wie peinlich, wie unangenehm," sagte er, whrend die ernst gewordenen
Officiere schweigend um ihn her standen.

"Meine Herren," fuhr er fort, "ich glaube nicht, da es mglich ist, mit
Herrn von Bchenfeld heute noch ein Wort zu sprechen. Sie werden ihm
einen groen Dienst leisten, wenn Sie dafr sorgen, da er so bald wie
mglich nach Hause zurckkehrt. Leben Sie wohl, morgen wollen wir weiter
darber reden."

Und schnell ging er dem Commerzienrath nach, welcher bereits seine
Rechnung bezahlt und das Zimmer verlassen hatte.

Die heitere und bermthige Weinlaune der Officiere war verschwunden,
sie Alle fhlten, da hier etwas Ernstes sich vollzogen habe, das
schwere Folgen nach sich ziehen msse.

Sie brachen auf, der Lieutenant von Bchenfeld lie sich ruhig und ohne
weiter ein Wort zu sprechen nach einer herbeigeholten Droschke fhren.
Zwei seiner Kameraden begleiteten ihn nach Hause und erzhlten dem alten
Oberstlieutenant, da sein Sohn in einer kleinen Gesellschaft ein wenig
von der allgemeinen Heiterkeit mit fortgerissen sei.

Der alte Herr lchelte ganz vergngt darber und freute sich im Stillen,
da die jugendliche Lebenslust bei seinem Sohne einmal den Sieg ber
seine Neigung zu einsamem Grbeln davon getragen habe.




Fnftes Capitel.


Frulein Anna war in einem Sturm widersprechender Gefhle nach Hause
zurckgekehrt, sie hatte in das Verhltni zu ihrem Geliebten Licht und
Klarheit bringen wollen, statt dessen war durch ein unglckseliges und
verhngnivolles Zusammentreffen der Umstnde eine neue und noch grere
Verwirrung entstanden.

Unmuthig warf sie ihren Hut von sich und ri hastig die Handschuhe von
den zitternden Hnden.

"Welch ein unglckseliges Zusammentreffen," rief sie heftig, "ich htte
daran denken sollen. Aber wie ist es mglich, da er mich nicht einmal
anhren wollte. Einige Worte htten Alles aufgeklrt. Es ist ja schon
ganz widersinnig, da er von einer so eiferschtigen Leidenschaft erfat
werden kann, nachdem ich ihm gestern geschrieben."

Sie warf sich auf ihren Divan und blickte in rathloser Unschlssigkeit
zu der Decke des Zimmers empor. Sie zrnte sich selbst, sie zrnte ihrem
Geliebten, der so hart und rcksichtslos ihr jede Erklrung
abgeschnitten hatte, vor Allem aber zrnte sie dem Herrn von Rantow,
welcher so unberufen und strend in ihre Combinationen eingegriffen
hatte.

"Es ist unerhrt," rief sie, "wenn er mir zutrauen kann, da ich mit dem
jungen Baron in irgend welchen Beziehungen stnde--aber," fuhr sie fort,
"sein Charakter ist so mitrauisch, er ist so geneigt, Alles schwarz zu
sehen. Es ist unmglich, eine andere Erklrung fr sein Benehmen zu
finden. Was soll ich thun?--Ihm noch einmal schreiben?--Er wrde mir
nicht glauben! Er wrde nicht noch einmal zu mir kommen, nachdem er im
Stande gewesen, trotz meiner Bitte, trotz der Bekmmerni und der
Unruhe, die er in meinen Blicken hat lesen mssen, mir das Gehr zu
versagen!

Er ist hart wie Stein," rief sie, in heftiger Erregung die Bandschleifen
ihres Kleides zerknitternd, "aber gerade darum liebe ich ihn! Er ist
nicht wie all' die andern jungen Herren, die weich und elastisch wie
Gummi sich hin und her ziehen lassen; hinter dieser harten Schale liegt
ein edler und weicher Kern. Aber wie zu ihm gelangen? Wie den Weg
finden zu diesem mit siebenfachem Erz umgrteten Herzen?"

Sie dachte lange nach. In fieberhafter Unruhe bildete sie Plne auf
Plne, um sie alle wieder zu verwerfen.

"Es giebt nur einen Weg," rief sie endlich mit festem entschlossenen
Ton, "Licht in all dieses Dunkel zu bringen. Ich will mit meinem Vater
sprechen. Er kann," fgte sie unwillkrlich lchelnd hinzu, "meinen
ernsten Bitten auf die Dauer nicht widerstehen. Er mu es bernehmen,
diesem unerbittlichen Stolz Genugthuung zu geben. Er wird mir das Glck
meines Lebens nicht versagen, wenn er sich auch mit anderen Plnen
tragen sollte."

Dieser Entschlu schien sie zu beruhigen; nachdem sie noch lngere Zeit
ber die Ausfhrung desselben nachgedacht hatte, ging sie in den Salon
ihrer Eltern, wo ihre Mutter sie bereits am Theetisch erwartete.

Die Frau Commerzienrthin ergriff abermals die Gelegenheit, ihrer
Tochter eine kleine Vorlesung darber zu halten, was sie der Stellung
ihres Vaters schuldig sei, und wie sie ihrerseits stets daran denke, fr
sie eine passende Verbindung zu finden, so msse auch Anna darauf
bedacht sein, in ihrem Verkehr mit der jungen Herrenwelt nur solchen
Personen eine Annherung zu erlauben, welche durch ihr Vermgen und
ihre gesellschaftliche Stellung im Stande wren, sich in die Reihe der
Bewerber um die Tochter des groen Finanzmannes zu stellen, welcher
bestimmt sei, noch weit hhere Stufen auf der Leiter der Gesellschaft zu
ersteigen.

Frulein Anna hrte schweigend die Auseinandersetzungen ihrer Mutter an,
an welche sie sich seit einiger Zeit als etwas Unabnderliches gewhnt
hatte, und welche ihr, da sie darauf zu erwidern nicht fr nthig hielt,
die erwnschte Gelegenheit gaben, ihren Gedanken nachzuhngen.

Dies tte--tte zwischen Tochter und Mutter hatte bereits lngere Zeit
gedauert, als der Commerzienrath in groer Aufregung in das Zimmer trat.
Er verga, was er sonst stets mit einer etwas forcirten Galanterie zu
thun pflegte, seiner Frau die Hand zu kssen, und beachtete auch den
freundlichen Gru seiner Tochter kaum, welche ihm entgegen gegangen war
und ihm Hut und Stock abgenommen hatte. Er ging mit kurzen unruhigen
Schritten auf und ab, bewegte die Hnde in lebhaften Gesticulationen und
flsterte abgebrochene Worte vor sich hin.

Erstaunt sah ihm die Commerzienrthin eine Zeit lang zu, dann sagte sie
in etwas vorwurfsvollem Ton, in dem sich jedoch ein Anklang unruhiger
Besorgni beimischte:

"Du scheinst unsere Gesellschaft nicht zu beachten und vollstndig in
Deinen geschftlichen Combinationen vertieft zu sein. Vielleicht wre es
besser, die Berechnungen ber Deine Geschfte in Deinem Zimmer
vorzunehmen und hier Dich ein wenig der Unterhaltung mit Deiner Familie
zu widmen--oder," fuhr sie fort, "hast Du so peinliche und unangenehme
Nachrichten erhalten, da Dich ernste Sorgen selbst hierher verfolgen?"

"Es ist unerhrt," sprach der Commerzienrath halb zu sich selber, "es
ist eine sehr unangenehme Geschichte,--es waren noch verschiedene
Personen dabei; morgen wird vielleicht ganz Berlin davon sprechen! Was
kann man thun? Wie kann man dem Scandal vorbeugen?"

"Aber ich bitte Dich," sagte die Commerzienrthin, welche jetzt
ernstlich beunruhigt zu sein schien, "so sage uns doch endlich, was Dich
so aufregt--wovon kann morgen ganz Berlin sprechen? Deine Unternehmungen
und Deine financielle Stellung sind doch nicht auf den Zufall begrndet?
Es kann doch keine Katastrophe Dein Haus und Dein Geschft vernichtend
treffen?"

"Haus und Geschft," rief der Commerzienrath achselzuckend, indem er
noch immer unruhig und hastig auf- und niederschritt, "das kommt nicht
in Betracht--aber meine gesellschaftliche Stellung, der Name meiner
Tochter--was wird man dazu sagen? Wie werden alle meine Feinde mich
verhhnen!"

Jetzt wurde auch Frulein Anna aufmerksam.

"Du hast von mir gesprochen, lieber Papa," sagte sie. "Ich bitte Dich,
was giebt es--so erzhle uns doch."

"Ich mu Dich jetzt sehr ernstlich bitten," sagte die Commerzienrthin
im strengen Ton, "uns mitzutheilen, was Dich so sehr in Unruhe versetzt,
denn nach Deinen letzten Worten geht es mich doch ebenso sehr an als
Dich, ja vielleicht mehr, denn unsere gesellschaftliche Stellung
aufrecht zu erhalten," sagte sie, den Kopf erhebend, "und ber den Ruf
meiner Tochter zu wachen, das ist doch vorzugsweise meine Aufgabe."

"Was es giebt," rief der Commerzienrath, indem er an den Theetisch
herantrat,--"etwas sehr Unangenehmes, etwas sehr Bses, meine Tochter
ist beleidigt,--ffentlich beleidigt, verhhnt im Restaurationszimmer
bei Borchard vor einer Menge von Officieren, vor verschiedenen
unbekannten Herren, welche die Geschichte natrlich so schnell als
mglich weiter tragen werden. Wie werden alle meine Feinde triumphiren,
welche mich schon so lange beneidet haben und gewi so sehnlich
wnschen, endlich einmal Gelegenheit zu finden, um sich an mir rchen zu
knnen."

"Was ist geschehen," fragte jetzt auch Frulein Anna ernst und dringend,
"wer hat mich beleidigt und wie? Ich mu es wissen."

"Wer?" sagte der Commerzienrath, "Du wirst ihn kaum kennen, ein ganz
unbedeutender, junger Officier von irgend einem Linienregiment, dem ich
die Ehre erwiesen habe, ihn in mein Haus einzuladen, eigentlich nur,
weil ich ihn bei meinem Freunde, dem Baron von Rantow, einmal begegnete,
ein kleiner Lieutenant von Bchenfeld."

Anna wurde bleich wie der Tod, ihre groen Augen starrten mit entsetztem
Ausdruck auf ihren Vater. Sie sttzte die Hand auf den Tisch, ihre ganze
Gestalt schwankte unsicher hin und her.

"Lieutenant von Bchenfeld," sprach sie leise mit fast tonloser Stimme,
whrend ihre Mutter einen schnellen forschenden Blick auf sie warf,
indem ein leichtes hhnisches Lcheln um ihren hochmthig aufgeworfenen
Mund zuckte.

"Er war," sprach der Commerzienrath eifrig,--"Du mut es ja doch
wissen, damit Du danach Dein Benehmen einrichten kannst,--er war in
Gesellschaft mehrerer Officiere und schien mir schon, als ich in das
Zimmer trat und von Jenen unbemerkt in der Nhe an einem Tische Platz
nahm, um eine kleine Erfrischung zu mir zu nehmen, sehr aufgeregt,--die
Herren mochten wohl schon lange bei einander gesessen und viel getrunken
haben. Der junge Herr von Rantow kam ebenfalls zu ihnen, und es fielen
zwischen ihm und Herrn von Bchenfeld einige anzgliche Redensarten von
Nebenbuhlerschaft, von einer Dame und so weiter, auf die ich nicht
besonders Acht gab. Der Lieutenant von Bchenfeld machte einige sehr
wegwerfende Bemerkungen ber die fragliche Dame und sagte, er wrde ihre
Liebe im Ecart gegen einen Louisd'or versetzen. Die heitere
Gesellschaft griff diesen Gedanken auf, man brachte Karten, Herr von
Rantow, der ein vortrefflicher Cavalier ist, gab sich die grte Mhe,
das Spiel zu verhindern und schien nur darauf einzugehen, um in der sehr
erregten Gesellschaft nicht noch greren Eclat herbeizufhren. Herr von
Bchenfeld, welcher kaum noch seiner Sinne mchtig schien, verspielte
das Recht seiner Bewerbung um die fragliche Dame gegen hundert
Louisd'or,--ich ahnte noch immer nichts Bses,--dann warf er die Karten
mit den lauten Worten hin:--Du hast das schne Frulein Cohnheim
gewonnen, ich wnsche Dir Glck dazu, aber der Einsatz ist zu hoch, ich
kann ihn nicht annehmen.--Ich war wie vom Schlage getroffen, ich wute
kaum, was ich sagen und was ich thun sollte, nur mit Mhe behielt ich
die Fassung, um mit einigem Anstand das Zimmer zu verlassen."

Anna schwankte wie gebrochen zu einem Sessel und sank auf denselben
nieder, das Gesicht mit den Hnden bedeckend und krampfhaft schluchzend.
Der Commerzienrath eilte zu ihr hin und streichelte mit besorgter Miene
ihr schnes glnzendes Haar.

"Ja, es ist schrecklich, mein armes Kind, so ganz unschuldig beleidigt
und gekrnkt zu werden. Aber trste Dich, rege Dich nicht zu sehr auf.
Verschweigen konnte ich es ihr ja doch nicht," sagte er, zu seiner Frau
gewendet, "sie mute es ja doch erfahren."

"Das kommt davon," sagte die Commerzienrthin, indem sie mit kaltem
strengem Blick zu ihrer Tochter hinbersah, "wenn man nicht vorsichtig
in der Auswahl der Personen ist, die man in seiner Gesellschaft
zult,--der Lieutenant von Bchenfeld, glaube ich, war der junge, mir
unbekannte Officier, mit welchem Du neulich den Cotillon tanztest, den
Du Herrn von Rantow abgeschlagen hattest, das kommt davon; solche Leute
setzen sich dann Dinge in den Kopf, fassen Hoffnungen, und da ihnen der
Takt der vornehmen Gesellschaft mangelt, so begehen sie schlielich
irgend eine Niedrigkeit zum Dank fr Wohlwollen und Freundlichkeit."

"O, wie wre es mglich gewesen," rief Frulein Anna, ohne die Worte
ihrer Mutter zu beachten und nur mit ihren eigenen Gedanken beschftigt,
"wie wre es mglich gewesen, so Etwas zu denken, an eine solche
Schlechtigkeit und Erbrmlichkeit zu glauben,--und das, nachdem--" sie
bedeckte abermals das Gesicht mit den Hnden und sank still weinend in
sich zusammen.

"Nun, mein Kind," sagte der alte Commerzienrath, den die heftige
Erregung seiner Tochter tief zu beunruhigen begann, "so bermig
ernsthaft mu man die Sache auch nicht nehmen. Es lt sich immer noch
ein Weg finden, das Alles auszugleichen, und vielleicht ein sehr guter,
ein sehr ehrenvoller Weg. Ich bin," fuhr er fort, "mit dem Herrn von
Rantow nach Hause gegangen, welcher mir gleich nachfolgte, als ich das
Lokal verlassen hatte. Wir haben ein sehr ernstes Gesprch mit einander
gefhrt, das sich auf den Fall bezog, und das ich Dir eigentlich erst
morgen mittheilen wollte," sprach er weiter,--"inde, da ich mich nun
einmal habe hinreien lassen, die ganze Sache zu erzhlen, so ist es
besser, wenn wir darber auch heute gleich sprechen."

Frulein Anna blickte erwartungsvoll ihren Vater an, der einige Male
rasch im Zimmer auf- und niederging; dann vor einem Tische stehen
bleibend und mit einem schnellen Seitenblicke auf seine Frau, welche
sich in einen Lehnstuhl gesetzt hatte und grade aufgerichtet, mit
strenger Miene die weitere Entwickelung dieser Scene erwartete, begann
er, eine gewisse wrdevolle Wichtigkeit in seinen Ton legend:

"Der junge Herr von Rantow, der ein ganz vortrefflicher Cavalier ist,
und der ganz genau wei, was in der groen Welt und in der feinsten
Gesellschaft sich schickt und pat--"

"Besser als andere Leute," fiel die Commerzienrthin ein, "welche sich
in die Gesellschaft eindrngen, und welche man nie htte aufnehmen
sollen--"

"Der Herr von Rantow," fuhr der Commerzienrath fort, indem er die Brust
hervorstreckte und versuchte, durch einen imponirenden Blick die
Zwischenreden seiner Frau abzuschneiden, "hat mir gesagt, wie leid es
ihm thte, da diese Scene stattgefunden habe,--er habe alles Mgliche
gethan, um sie zu vermeiden, und habe es schlielich fr das Beste
gehalten, auf den Scherz der aufgeregten Gesellschaft einzugehen, um so
schnell als mglich von der ganzen Sache abzukommen. Er habe natrlich
nicht im Entferntesten ahnen knnen, da der Herr von Bchenfeld in so
unglaublicher Weise den Namen einer Dame unter solchen Umgebungen und
solchen Verhltnissen nennen wrde. Nachdem das vorgefallen, hat er mir
gesagt," fuhr der Commerzienrath mit etwas gedmpfter Stimme fort,
"werde ihm Nichts brig bleiben knnen, als fr die Ehre der Dame, die
in seiner Gegenwart und in Beziehungen auf ihn so unerhrt beleidigt
sei, persnlich einzutreten."

Die Commerzienrthin lehnte sich steif zurck, indem ein befriedigtes
Lcheln auf ihrem Gesicht erschien.

Anna richtete flammenden Blickes den Kopf empor.

"Warum bedarf es eines fremden Armes, um uns zu vertheidigen,--oh," fuhr
sie fort, indem ihre Lippen bebten und ihre Hnde sich krampfhaft
verschlangen, "warum ist man wehrlos gegen solche Niedrigkeit und
Erbrmlichkeit?"

"Du bist nicht wehrlos, mein Kind," sagte der Commerzienrath, indem er
zu ihr herantrat und ihr leicht mit der Hand ber den Kopf strich, "der
junge Herr von Rantow wird morgen schon, wenn dieser Lieutenant von
Bchenfeld wieder fr vernnftige Worte zugnglich ist, ihn zu einer
ffentlichen und bestimmten Ehrenerklrung auffordern, und, wenn er sich
weigert, so wird er ihn zwingen," sagte er mit stolzem und wichtigem
Ausdruck, "ihm mit den Waffen in der Hand Rechenschaft zu geben."

"Damit er womglich noch verwundet oder erschossen wird," rief Frulein
Anna, verchtlich die Achseln zuckend, "und ich noch mehr der Gegenstand
des ffentlichen Gesprches und des ffentlichen Spottes werde."

"Des Spottes niemals, mein Kind," sagte die Commerzienrthin mit einem
ruhigen kalten Ton, "wenn ein Cavalier wie Herr von Rantow zu Deiner
Vertheidigung auftritt, so wird es Niemand wagen, Dich zu verspotten."

"Nun," rief Anna, "mag es sein, wie es will, ich bin Herrn von Rantow
dankbar, da er mich in Schutz nimmt gegen diese elende, niedrige
Beleidigung, ich bin, wei Gott, unschuldig an dem, was daraus entstehen
kann."

"Herr von Rantow hat sich benommen als ein ganz vortrefflicher junger
Mann von der besten Erziehung und dem feinsten Gefhl. Er hat mir weiter
gesagt, da es fr eine junge Dame immer peinlich sei und unangenehm,
wenn zwei Herren ihretwegen eine Ehrensache miteinander htten, und wenn
sie namentlich von Jemand vertheidigt werden mte, der in keinen
weiteren Beziehungen zu ihr stnde--das brchte sie immer in eine
schiefe Stellung dem Publikum gegenber und gebe Anla zu allen
mglichen Voraussetzungen und Gesprchen. Er habe nun,--hat er mir
weiter gesagt,--schon seit lngerer Zeit den Wunsch in sich getragen, in
nhere Beziehung mit meiner Familie zu treten, nachdem sein Vater mit
mir so nahe geschftliche Verbindungen eingegangen sei und unsere
Interessen auf Jahre hinaus sich verbunden htten. Er habe Dir, mein
Kind, aber erst Gelegenheit geben wollen, ihn genauer kennen zu lernen,
bevor er es habe wagen wollen, bei mir um Deine Hand anzuhalten. Dieses
zufllige und pltzliche, so unangenehme Ereigni aber mache ihm den
Muth und lege ihm fast die Pflicht auf, jetzt mit seinen Wnschen
hervorzutreten. Man werde ber die Sache viel sprechen und wenn er zu
einem Rencontre mit Herrn von Bchenfeld gezwungen werden sollte, so
werde die Welt seinen Namen ohnehin mit dem Deinigen in Verbindung
bringen. Wenn Du deshalb nach Deiner kurzen Bekanntschaft mit ihm Dich
entschlieen knntest, ihm Dein Leben und Deine Zukunft anzuvertrauen,
so glaubt er, da Alles sich besser gestalten und allen peinlichen
Errterungen die Spitze abgebrochen werden knne, da er dann auch
vollkommen berufen und berechtigt sei, fr Dich gegen Deinen Beleidiger
aufzutreten."

"Der junge Mann," sagte die Commerzienrthin, "hat wirklich ein feines
und richtiges Gefhl, und ich theile ganz seine Ansicht, da unter
diesen Verhltnissen eine schnelle Erledigung einer Sache, die uns ja
nicht ganz unerwartet kommt, am besten sei."

"Das ist ja ganz wie in alten Ritterromanen," sagte Anna mit
schneidendem Hohn, "der Baron von Rantow will sich seine Dame mit dem
Degen in der Hand erobern--aber" fuhr sie fort "das ist doch wenigstens
ritterlicher Sinn, wenigstens ist es wahrlich besser, als auf so plumpe
Weise ein wehrloses Mdchen zu beleidigen. Wenn Herr von Rantow diesen
Preis fr seine Vertheidigung verlangt,--so soll er ihn haben--er ist ja
eine vortreffliche Partie" fuhr sie bitter fort, "und ich mu ja
glcklich sein, da ich aus dieser ganzen traurigen Geschichte noch mit
einem so guten Abschlu davon komme. Sage dem Baron," sprach sie in
kaltem Ton zu ihrem Vater gewendet, "da ich seine Bewerbung annehme,
da er so muthig und selbstverleugnend meine Vertheidigung bernommen
hat."

Mit befriedigtem Ausdruck neigte die Commerzienrthin den Kopf.

Herr Cohnheim eilte auf seine Tochter zu und kte sie zrtlich auf die
Stirn. Anna stand auf.

"Doch mu ich," sprach sie, "bitten, da er mich einige Tage von seinen
Besuchen dispensirt. Diese ganze Sache hat mich natrlich angegriffen
und aufgeregt, und ich wnsche, mich zu sammeln. Auch bin ich nicht im
Stande ihn zu sehen, bevor diese Angelegenheit mit Herrn von
Bchenfeld"--sie sprach diesen Namen mit unendlicher Verachtung
aus--"geordnet ist, ich kann doch unmglich meinen knftigen Gemahl
selbst in den Kampf mit seinem Gegner schicken."

Ohne eine Antwort abzuwarten, verlie sie schnell das Zimmer.

"Ich bin sehr erfreut," sagte die Commerzienrthin, "da diese so
uerst unangenehme Sache doch einen so befriedigenden Ausgang nimmt.
Ich frchtete schon, da die romantischen Grillen, zu welchen Anna so
viel Neigung zeigt, unsern Plnen Schwierigkeiten entgegenstellen
wrden. So wird sich ja aber Alles ganz vortrefflich ordnen, und wenn
sie, wie ich einen Augenblick besorgte, eine thrichte Neigung fr
diesen jungen unbedeutenden Officier gehabt haben sollte, so ist ja
jetzt Alles auf's Beste geordnet. Hoffentlich wird auch die Affaire
keine ernsten Folgen haben," fgte sie nachlssig hinzu.

"So etwas kommt ja so oft zwischen diesen jungen Herren vor," sagte der
Commerzienrath, "und wie selten hrt man, da es wirklich
lebensgefhrlich wird. Es lt sich ja auch jetzt gar nicht ndern, und
wir mssen das Beste hoffen. Ich glaube brigens nicht," fgte er hinzu,
"da dieser junge Bchenfeld es wirklich zum uersten kommen lassen
wird. Die anderen Officiere schienen mir ebenfalls durch sein Betragen
sehr unangenehm berhrt, ich glaube, da die Sache mit einer
Ehrenerklrung erledigt werden wird--der alte Herr von Rantow ist, so
viel ich wei, ein Freund von dem Vater des Lieutenants und wird
ebenfalls darauf hinwirken knnen. Damit ist ja denn Alles gut, und alle
boshaften Gesprche ber uns und unsere Tochter, welche dieser Vorfall
hervorrufen wird, werden auf der Stelle niederschlagen, wenn wir ihre
Verlobung mit Herrn von Rantow sogleich proclamiren."

Er setzte sich behaglich in seinen Lehnstuhl und nahm eine Tasse Thee.

Noch lange sa das Ehepaar beisammen, Plne fr die Zukunft
besprechend, welche sich durch die Verbindung mit dem vornehmen Hause so
glnzend gestalten wrden.

Frulein Anna war ruhig und gefat in ihr Zimmer gegangen, als sie die
Thr hinter sich geschlossen, sank sie wie gebrochen in sich
zusammen,--lange stand sie schweigend, die Hnde in einander gefaltet,
die Blicke starr auf den Boden geheftet.

"Wie schnell," sprach sie mit dumpfer Stimme, "sind die Trume
verflogen, die mich hier gestern noch so s umgaukelten, wie schnell
sind all die Liebesblthen meines Herzens geknickt, aus denen ich einen
reichen Kranz fr mein Leben zu winden hoffte."

Sie blickte um sich her, als ob ihr der gewohnte Raum, in dem sie sich
befand, fremd sei, als ob sie ihre Gedanken sammeln msse, um sich klar
zu werden, wo sie sich befnde, und was mit ihr vorgegangen sei. Dann
zuckte wieder glhender Zorn ber ihr Gesicht.

"Oh, da es so enden mu! Htte ich ihn verloren, htte sich selbst
seine Liebe von mir abgewendet, es wre ein edler Schmerz gewesen, ein
Schmerz, der die Seele htte beugen, aber nicht erniedrigen knnen. Aber
das Bewutsein, da ich das edelste und reinste Gefhl meines Herzens
unwrdig weggeworfen habe, da ich der Gegenstand des Spottes, des
Hohnes, der Verachtung habe sein knnen,--und warum?"--rief sie, die
Hnde ringend,--"weil ich einen Schritt gethan habe, der nicht
gewhnlich ist, weil ich mich vor seinem Stolz habe demthigen wollen,
weil ich geglaubt habe, da er einen solchen Schritt verstehen und
wrdigen knne. Oh, das ist hart, sehr hart! Ich kann alle meine
Hoffnungen auf Lebensglck vergessen, ich werde es zu tragen wissen, wie
so viele Frauen eine glnzende Existenz fhren, beneidet von der Menge,
aber kalt und de in ihrem Innern. Aber das werde ich nie berwinden,
da meine Liebe verachtet, verhhnt und mit Fen getreten ist, da Der,
dem ich den letzten Tropfen meines Blutes htte opfern mgen, mich
ffentlich hat beleidigen knnen zum Ergtzen seiner Kameraden in ihrer
Weinlaune."

Mit einer raschen Bewegung trat sie an einen kleinen Tisch von antik
geschnitztem Eichenholz und ffnete mit einem zierlichen goldenen
Schlssel, den sie an ihrer venetianischen Uhrkette trug, eine mit
Elfenbein und Gold incrustrirte Cassette.

"Da liegen die Reliquien meiner Trume," sprach sie mit dumpfem
traurigem Ton, aus ihren groem brennenden Augen fiel eine Thrne auf
den Inhalt des kleinen Kstchens.

"Hier ist das erste Bouquet, das er mir gegeben," sagte sie leise, indem
sie einen kleinen vertrockneten Blumenstrau emporhob, "vertrocknet wie
diese Blumen sind meine Gefhle, welche gestern noch so schn und
hoffnungsreich erblhten,--wie oft haben meine Lippen auf diesen Blumen
geruht! Vorbei! Vorbei!"

Und wie vor der Berhrung des kleinen Bouquets zurckschaudernd, warf
sie dasselbe mit einer raschen Wendung in den Kamin, dessen Feuer
langsam in Kohlengluth zusammenzusinken begann. Die trockenen Blumen
flammten hoch auf und blieben dann als ein Huflein dunkler Asche auf
den glhenden Kohlen liegen.

Sie prete die Hnde auf ihr Herz und sah starr diesem Zerstrungswerk
zu. Dann nahm sie den ganzen brigen Inhalt der Cassette, ebenfalls
kleine Bouquets, mehr oder weniger verwelkt, verschiedene andere
Cotillongeschenke und warf Alles in die Gluth, welche einen Augenblick
aufflackernd, mit hellem Schein das Zimmer erhellte.

"Die Vergangenheit ist vorbei," sagte sie schmerzlich, "meine Zukunft
wird wie diese Kohlen mehr und mehr Licht und Wrme verlieren, bis
endlich Alles in todte Asche zusammensinkt. Oh, knnte ich mein Herz
ebenfalls zu Asche werden lassen! Aber wenn auch seine Liebe gestorben
ist, fr das Leiden wird es immer noch Gefhle der Empfindung behalten."

Sie sank auf ihren Divan nieder, drckte den Kopf in die Hnde, und ihr
starrer Jammer lste sich in einem Strom wohlttiger Thrnen.--

--Auch der Lieutenant von Bchenfeld hatte fast in starrer
Bewutlosigkeit die Nacht zugebracht. Seine heftige, innere Erregung,
die unnatrliche Spannung aller seiner Gefhle, und die Wirkung des
schweren Weines hatten ihn bis zum Morgen in einem Zustand gehalten,
welcher weder Schlaf noch Wachen war, und in welchem die Bilder der
Erinnerungen wild durch einander wogten, ohne sich selbst auch nur in
den unklaren Gestalten des Traumes festhalten zu lassen.

Langsam erwachte er aus diesem lethargischen Zustande am andern Morgen,
und allmlig begann es ihm mehr und mehr klar zu werden, was am Tage
vorher mit ihm vorgegangen. Das erste Gefhl, dessen er sich vollkommen
bewut wurde, war ein tiefer, bitterer Schmerz ber die Tuschung seiner
Liebe, welche trotz seines lange gefaten Entschlusses gestern bei der
Botschaft seiner Geliebten wieder einen Augenblick mit frischen
Hoffnungen sich bekrnzt hatte.

"Warum hat sie mir nicht gleich Alles geschrieben," flsterte er, ohne
von seinem Lager sich zu erheben--"oder warum ist sie nicht allein
gekommen, warum hat sie mir in Gegenwart des Mannes, dem sie das
Andenken an mich geopfert, den Abschied geben wollen? Sollte das eine
absichtliche Krnkung, ein absichtlicher Hohn sein, oder bin ich ihr so
gleichgltig gewesen, da sie nach der Klte ihrer Gefhle die meinigen
bemessen hat?"

Lange lag er schweigend da unter dem Eindruck dieses schmerzlichen
Gedankens, dann tauchte die Erinnerung der weiteren Ereignisse des Tages
deutlicher in ihm auf. Er entsann sich des Spiels, das er gemacht, er
entsann sich, da er den Namen des Frulein Cohnheim laut und mit
bitteren Bemerkungen genannt habe. Ein Gefhl der Scham und Reue berkam
ihn.

"Das war nicht wrdig, nicht mnnlich, nicht edel!" rief er, indem er
sich auf sein Lager aufsetzte und mit beiden Hnden seinen schmerzenden
Kopf hielt. "Das htte ich nicht thun mssen, ich htte in meiner
heftigen Erregung die Gesellschaft fliehen und Nichts trinken
drfen.--Oh," rief er nach einer Pause, "welch' ein elendes,
jmmerliches Ding ist diese so viel gepriesene Liebe! Erst lt sie so
schwer und so bitter leiden, und dann treibt sie zu unwrdigen, zu
niedrigen Handlungen. Oh, ich schwre es," rief er die Hand erhebend,
"ich schwre, da ich dieses Gefhl fliehen will wie die Snde, und da
nie wieder das Bild eines Weibes mein Herz erfllen soll! Ich will frei
sein, stark und ruhig und meiner wrdig bleiben!"

Der alte Diener trat ein und meldete, da das Frhstck im Zimmer des
Oberstlieutenants bereit sei, zugleich zeigte er dem Lieutenant an, da
zwei Officiere ihn zu sprechen wnschten und ihn bei seinem Vater
erwarteten.

Der Lieutenant sprang empor, khlte seinen brennenden Kopf mit frischem
Wasser und machte in hastiger Eile seine Toilette.

Als er in das Zimmer seines Vaters trat, welcher ihn bereits vllig
angekleidet, frisch und munter erwartete, fand er dort die beiden
Officiere von den Dragonern und den Husaren, welche Zeugen des gestrigen
Abends gewesen waren, in ruhiger Unterhaltung mit dem alten Herrn
begriffen.

Beide Officiere traten dem Lieutenant nicht mit der sonst gewohnten
herzlichen Unbefangenheit und Vertraulichkeit entgegen, sondern
begrten ihn mit einer gewissen kalten und gezwungenen Hflichkeit.

"Du hast lange geschlafen," sagte der Oberstlieutenant heiter, "es war
wohl eine scharfe Sitzung gestern Abend,--die Herren hier sind ja auch
dabei gewesen, aber das hat sie nicht verhindert, schon frhe auf zu
sein. Das ist Recht, man mu sich niemals aus der Ordnung bringen
lassen, und fast mu ich mich meines Sohnes schmen, da er ein solcher
Weichling ist, der am andern Morgen noch sprt, wenn er am Abend vorher
ein paar Flaschen den Hals gebrochen. Habt Ihr etwa heute Morgen schon
wieder eine Partie vor?" fragte er, den Schnurrbart drehend, "damit
wrde ich nicht einverstanden sein,--erst der Dienst und dann das
Vergngen."

Die beiden Officiere standen in einiger Verlegenheit schweigend da.

"Wir haben mit Dir zu sprechen," sagte der Dragoner mit einem
Seitenblick auf den alten Herrn, "und mchten es sogleich."

"Geniren Sie sich nicht vor mir," sagte der Oberstlieutenant mit heiterm
Lcheln, "ich bin nicht mehr im Dienst, ich bin ja nur ein alter
gutmthiger Herr," fgte er mit einem leichten Anflug von Wehmuth hinzu,
"der auch jung war und wei, was man in der Jugend treibt."

"Wir mchten aber," sagte der Husarenofficier--"Dich einen Augenblick
allein sprechen. Es handelt sich um eine Ehrensache," fgte er mit
gedmpftem Ton hinzu, doch nicht so leise, da es der Oberstlieutenant
nicht verstanden.

Der alte Herr wurde ernst, warf einen forschenden Blick auf seinen Sohn
und die beiden Officiere und sagte dann:

"Ich lasse Dich mit den Herren einen Augenblick allein."

"Halt, lieber Vater," rief der Lieutenant von Bchenfeld, "ich bitte
Dich, zu bleiben. Ihr erlaubt," sagte er, "da ich Euch bitte, vor
meinem Vater zu sprechen. Er ist Officier wie wir, und ich wei kein
kompetenteres Urtheil in allen Ehrensachen, als das seinige. Er wird es
mir nicht abschlagen, vorlufig mein Zeuge zu sein und sein Urtheil
darber abzugeben, was ich zu thun habe."

Die beiden Officiere grten den Oberstlieutenant militairisch.

"Es wird uns eine groe Ehre sein," sagte der Husar, "wenn der Herr
Oberstlieutenant als Dein Zeuge unsere Erklrung mit anhren will."

Der alte Herr bat die Officiere mit einer stummen Handbewegung Platz zu
nehmen und setzte sich dann grade und aufrecht neben seinen Sohn.

"Ich bitte Sie also, meine Herren," sagte er mit ernster, fast
feierlicher Stimme, "zu sagen, um was es sich handelt."

Der Dragonerofficier erzhlte mit kurzen Worten den Vorgang, welcher am
Abend vorher in dem Restaurationslokal von Borchard stattgefunden hatte.

Schweigend hrte der Oberstlieutenant zu, finstere Falten legten sich
auf seine Stirn.

"Hat sich der Fall so zugetragen, wie die Herren erzhlen? Erinnerst Du
Dich, gethan und gesprochen zu haben, was sie so eben mittheilen?"

"Ja," sagte der Lieutenant.

Sein Vater schttelte langsam den Kopf.

"Der Referendarius von Rantow", fuhr der Dragonerofficier zu dem
Lieutenant von Bchenfeld gewendet fort, "hat uns als Augenzeugen des
Vorfalls aufgetragen, von Dir eine bndige Ehrenerklrung zu
verlangen."--

Eine dunkle Rthe flammte auf dem Gesicht des Lieutenants auf, sein Auge
blickte stolz zu seinen Kameraden hinber, seine Lippen zuckten
hhnisch.--"Oder wenn Du dieselbe verweigerst,"--sprach der
Dragoneroffizier weiter,--"Dir seine Forderung auf fnf Schritt Barriere
mit gezogenen Pistolen zu berbringen."

"Angenommen," sagte der Lieutenant, "ich werde in einer Stunde meine
Secundanten zu Euch senden."

Die Officiere erhoben sich und wollten grend das Zimmer verlassen. Der
Oberstlieutenant trat ihnen in den Weg.

"Ich bitte Sie, einen Augenblick zu bleiben, meine Herren," sagte er.
"Mein Sohn hat gewnscht, da ich sein vorlufiger Zeuge in dieser Sache
sei, und Sie haben mich als solchen angenommen. Nicht nur in dieser
Eigenschaft, sondern auch als sein Vater mu ich darauf sehen, da Alles
genau so zugehe, wie es seine Ehre als Officier und als Trger meines
Namens erfordert. Sie erlauben daher, da ich meine Meinung ausspreche."

Die beiden Herren verneigten sich schweigend.

Der Lieutenant sah seinen Vater etwas erstaunt und erwartungsvoll an.
Dieser richtete ernst und streng seinen Blick auf ihn und sprach: "Hat
die junge Dame, um welche es sich handelt, Dir jemals durch ihr Benehmen
gegen Dich irgend welche Veranlassung gegeben, in solchem Ton, wie Du es
gethan, von ihr zu sprechen? Bist Du berechtigt, ihr irgend einen
Vorwurf zu machen?"

Der Lieutenant wurde bleich, im heftigen inneren Kampf prete er die
Lippen aufeinander, sein Auge senkte sich zu Boden, einige Augenblicke
stand er schweigend, ein leises Beben erschtterte seine Gestalt, dann
schlug er den Blick zu seinem Vater wieder auf, er schien seiner
kmpfenden Gefhle Herr geworden zu sein und mit fester entschlossener
Stimme sagte er: "Nein, niemals!"

"Dann," sagte sein Vater, "ist es Deine Pflicht als Ehrenmann, die
Erklrung zu geben, welche man von Dir verlangt, insofern die Ausdrcke
derselben Nichts gegen Deine eigene Ehre enthalten. Wenn Du," fuhr er
fort, "was ich tief beklage, Dich hast hinreien lassen, eine Dame, der
Du keinen Vorwurf zu machen hast, ffentlich zu beleidigen, so hast Du
nicht das Recht, ihrem Ruf durch den Eclat eines Duells noch mehr zu
nahe zu treten, Du hast nicht das Recht, Demjenigen das Leben zu nehmen,
der berechtigt ist oder sich verpflichtet fhlt, als der Vertheidiger
jener Dame aufzutreten."

"Herr von Rantow ist der Verlobte des Frulein Cohnheim," sagte der
Dragonerofficier, "also ihr natrlicher und berufener Vertheidiger."

"Um so weniger," sagte der alte Herr, whrend der Lieutenant abermals
tief erbleichend die Hand einen Augenblick auf sein Herz drckte, "darf
diese Sache ernste und gefhrliche Folgen haben. Htte die Dame Dir
jemals einen Grund zu Deinen uerungen gegeben, so wrst Du berechtigt,
die Waffen zu ergreifen gegen Denjenigen, der von Dir Rechenschaft
darber fordert--so aber darfst Du es nicht, Du bist verpflichtet, durch
Deine eigene Erklrung die Beleidigung zurckzunehmen--um so mehr,"
sagte er mit ernstem Blick auf seinen Sohn, "da man eigentlich niemals
das Recht hat, eine Dame zu beleidigen. Du bist frei," fuhr er fort, "Du
bist erwachsen, Du bist Officier, Du wirst thun, was Du verantworten
kannst. Ich aber sage Dir als Dein Vater, als Edelmann und Officier, der
stets auf das schrfste die feinsten Grenzen der Ehre beobachtet hat,
da Du nach meiner innigsten berzeugung verpflichtet bist, die
verlangte Ehrenerklrung zu geben."

"Wir haben dieselbe aufgeschrieben," sagte der Dragoner, indem er ein
Blatt Papier aus der Uniform hervorzog und es dem Lieutenant bergab.

Dieser reichte es schweigend, ohne einen Blick darauf zu werfen, seinem
Vater.

Der Oberstlieutenant berlas das Blatt langsam und sorgfltig mehrere
Male; dann reichte er es seinem Sohn zurck.

"Diese Erklrung ist in wrdiger Form abgefat," sagte er, "sie enthlt
nur dasselbe Anerkenntni, das Du so eben vor mir und vor diesen Herren
ausgesprochen hast und spricht das Bedauern aus, da Du in der Erregung
in einer bewegten Gesellschaft Dich zu Deinen uerungen hast hinreien
lassen. Du kannst dieselbe unterzeichnen,--nach meiner berzeugung mut
Du sie unterzeichnen. Ich hoffe, da die beiden Herren meiner Meinung
sein werden."

"Es ist eigentlich nicht unsere Sache," erwiderte der Dragonerofficier,
"hier eine solche Meinung auszusprechen oder zu discutiren, indessen
nehme ich in diesem besonderen Fall keinen Anstand, es auszusprechen,
da nach meiner berzeugung durch die Unterzeichnung dieser Erklrung
die Sache auf eine fr alle Theile befriedigende und ehrenvolle Weise
beigelegt sein wird."

Der Husarenofficier stimmte der Ansicht seines Kameraden bei.

"Ich werde unterzeichnen," sagte der Lieutenant von Bchenfeld, nahm das
Papier und begab sich in sein Zimmer.

"Ob ich ihr einen Vorwurf zu machen habe," flsterte er vor sich hin,
whrend er sich an seinen Schreibtisch setzte und die Feder
eintauchte,--"oh, wenn er wte,"--ein schneller zorniger Blick
leuchtete in seinem Auge auf, rasch ffnete er das Schubfach des Tisches
und zog aus demselben das kleine Blatt hervor, welches er am Tage vorher
von Frulein Anna erhalten hatte.

Mit einem raschen Zuge setzte er seinen Namen unter die Ehrenerklrung,
faltete dieselbe zusammen, legte das Billet dazu und erhob sich, in das
Zimmer seines Vaters zurckkehrend.

"Nein," sagte er dann, indem er pltzlich sinnend stehen blieb--"das
wre unedel,--mag sie ruhig ihrer Wege gehen, sie ist todt fr mich,
meine Augen werden sie nie wieder sehen, und mein Herz wird das Leid
vergessen, das sie mir angethan."

Er nahm das kleine Billet, ri es in tausend kleine Stcke und streute
dieselben in die Luft, dann kehrte er ruhigen festen Schrittes in das
Zimmer seines Vaters zurck und bergab das Papier den beiden
Officieren.

"Gott sei Dank," sagte der Dragoner, indem er dem Lieutenant von
Bchenfeld herzlich die Hand schttelte, "da die Sache so gut zu Ende
gefhrt ist. Ich habe sonst Nichts gegen einen kleinen Kugelwechsel,
wenn ein vernnftiger Grund dazu vorhanden ist, aber in diesem Falle
htte es mir doch wahrhaftig wehe gethan, wenn wegen dieser Geschichte,
zu der wir halb und halb Veranlassung gegeben haben, Blut htte flieen
sollen."

Die beiden Officiere grten ehrerbietig den Oberstlieutenant und
entfernten sich augenscheinlich leichtern und frhlichern Herzens, als
sie gekommen waren.

"Ich bin nicht mit Dir zufrieden mein Sohn," sagte der Oberstlieutenant
in ernstem, aber mehr traurigem, als strengem Ton, "Du hast Dich
hinreien lassen, Etwas zu thun, was ein wahrer Edelmann niemals thun
soll."

Der Lieutenant warf sich im Ausdruck eines lang unterdrckten Gefhls in
die Arme seines Vaters.

"Verzeihe mir, mein Vater," sagte er mit erstickter Stimme, "verzeihe
mir, ich habe Unrecht gehabt, aber ich habe es auch hart gebt."

Der alte Herr schttelte verwundert den Kopf.

"Nun, nun," sagte er, "Jeder macht einmal einen dummen Streich, nimm
Dich knftig mehr in Acht und thu so Etwas nicht wieder."

"Da ist Etwas nicht klar, die Sache ist nicht in Ordnung," sprach er
dann leise vor sich hin, indem er von einem Seitentisch eine frisch
gestopfte Pfeife nahm und dieselbe anzndete. "Ich frchte, ich bin in
Gefahr gewesen, Etwas zu erleben, was ich neulich bei meinem Freunde
Rantow so scharf getadelt habe. Vielleicht mu ich Gott danken, da die
Sache so gekommen ist."

Er setzte sich an den Frhstckstisch und schenkte den duftenden Kaffee
aus der spiegelblank geputzten messingenen Sturzmaschine in seine groe
Mundtasse.




Sechstes Capitel.


In der Zwischenzeit, whrend der Berathungen ber zwei verschiedene
Gegenstnde in dem franzsischen Gesetzgebenden Krper, war die Salle
des Pas perdus in dem Gebude des Corps legislativ, woselbst sich die
Deputirten zu begegnen und in Privatgesprchen miteinander zu
verstndigen pflegten, mit zahlreichen lebhaft sich unterhaltenden
Gruppen angefllt.

So eben war die Nachricht verbreitet worden, da das Plebiscit eine
beschlossene Sache sei, und da die liberalen Minister Chevandier de
Valdrome, der Graf Daru, der Finanzminister Buffet und der Marquis von
Talhouet ihre Entlassung gegeben htten.

Allgemein war die Bewegung und mit der lauten Lebhaftigkeit, welche dem
franzsischen Charakter eigenthmlich ist, uerten die Deputirten ihre
Meinungen ber dieses Ereigni, welches die seit einiger Zeit von dem
Kaiser eingeschlagene Richtung des ffentlichen Lebens wieder
vollstndig vernderte.

In der Mitte einer Gruppe stand der Graf von Keratry, eine schlanke
Gestalt mit einem charakteristischen Kopf, dessen unruhig umher
blickende Augen einen beweglichen feurigen, aber nicht sehr geordneten
Geist verriethen.

"Es ist Alles bereits vorbereitet," sagte er, "so eben habe ich
erfahren, da den Prfecten befohlen worden ist, ihre ganze Thtigkeit
auf die Vorbereitungen fr das Plebiscit zu richten, und da sie
zugleich ermchtigt sind, den Gemeinden zu erklren, da die
Executivgewalt die Maires knftig stets den Vorschlgen der
Gemeinderthe entsprechend auswhlen werde."

"Das ist unerhrt," rief der Deputirte Picard, ein Mann mit einem
blassen, scharfen und ein wenig verbissenem Gesicht, "das ist eine
vollstndige Corruption des ffentlichen Votums. Will man eine
Volksabstimmung, so soll man wenigstens sie frei sich vollziehen lassen.
Auf diese Weise aber wird die Sache eine reine Comdie. Wenn die
Prfecten mit der ganzen Autoritt ihrer Stellung in die Sache
eingreifen, wenn man den Gemeinden zugleich Versprechungen macht, von
denen man," fgte er hhnisch hinzu, "gewi nicht die Absicht hat, sie
je zu erfllen, so macht man sich einer moralischen Bestechung schuldig.
Man wird die ffentliche Meinung Frankreichs vor den Augen von ganz
Europa flschen, um sich dann auf diese ffentliche Meinung sttzen zu
knnen, wenn man beginnen wird, die abenteuerlichsten Maregeln des
Absolutismus durchzufhren."

Jules Favre trat hinzu, seine groe volle Gestalt hatte eine etwas
schwerfllige Haltung, und seine Bewegungen zeigten ein wenig jene
stereotype theatralische Wrde, welche die Advokaten vor den
Gerichtshfen anzunehmen pflegen, wenn sie mit dem Aplomb tiefer
berzeugung durch den persnlichen Eindruck das Gewicht ihrer Grnde zu
verstrken trachten. Sein starkes Gesicht mit den regelmigen,
angenehmen Zgen, den groen, geistvollen und klar blickenden Augen, dem
langen, berhngenden zurckgestrichenen Haar und vollen Bart, der sich
an einzelnen Stellen fast wei frbte, zeigte ein gewisses
selbstzufriedenes berlegenes Lcheln, und mit seiner vollen und tiefen
Stimme sprach er:

"Wir mssen uns organisiren, meine Herren, wir mssen unsererseits
Comits bilden, welche dafr wirken, da dem ganzen Volk klar gemacht
werde, wie die freiheitliche Entwickelung nur gesichert werden knne,
wenn man sich massenhaft von der Theilnahme am Plebiscit enthlt--, wenn
wir es erreichen knnen, die abgegebenen Stimmen auf ein Minimum zu
reduciren, so wird der moralische Eindruck der Volksabstimmung
vollstndig verschwinden, der sonst nicht nur im Auslande, sondern auch
in Frankreich selbst zu einer bedeutenden Verstrkung der moralischen
Macht des Kaiserreiches beitragen mu. Lassen Sie uns heute
zusammentreten und an die Bildung dieses Comits denken."

"Das ist sehr gut," rief Herr Picard, "allein wie sollen wir, die wir
doch erst einen Organismus schaffen mssen und nur langsam vorgehen
knnen, die wir allen Hemmungen und Hindernissen ausgesetzt sind, welche
die Macht uns bereiten wird, wie sollen wir dem concentrirten und wohl
geleiteten Einflu der Prfecten gegenber etwas ausrichten?"

"Nein," rief der Graf von Keratry, "wir mssen laut unsere Stimmen
erheben, um gegen diese ungesetzliche Einwirkung der Regierungsautoritt
auf die freie Abstimmung des Volkes zu protestiren. Das scheint mir
sicherer, als in die Wahlagitation einzutreten, bei welcher wir zu spt
kommen mten. Knnen wir nachweisen, da die Abstimmungen durch die
Prfecten gemacht sind, so wird das Plebiscit ebenfalls seine Bedeutung
vor der liberalen ffentlichen Meinung Europas vollstndig verlieren."

"Es giebt noch ein Mittel," sagte Herr Barthlmy St. Hilaire, ein
schlanker Mann von elegantem uern, dessen Mienen und Haltung ein wenig
an den gelehrten Professor erinnerten, "wir mssen darauf dringen, da
das Plebiscit nur einen Tag dauert, das wird eine groe
Massenbetheiligung unmglich machen. Ich werde einen solchen Antrag
stellen, und bitte Sie, meine Herren, ihn zu untersttzen."

Der Advokat Gambetta, eine kleine schmchtige Gestalt, mit leicht
gekrmmten Schultern, wenig elegant, fast ein wenig unsauber in seiner
Erscheinung, hatte schweigend die verschiedenen uerungen mit angehrt.

Er stand da, das ausdrucksvolle, hliche Gesicht mit dem schlecht
gepflegten Haar und Bart, mit dem kalt und hhnisch lchelnden Munde,
leicht auf die Seite geneigt, sein sehendes Auge richtete sich mit einem
dstern, fast unheimlich drohenden Ausdruck auf eine Gruppe von Herren,
welche in der Nhe standen, whrend das andere des Lichts beraubte Auge
unter dem herabhngenden Lide verborgen war.

"Dort steht ja," sagte er mit einer rauhen, etwas schwerfllig
klingenden Stimme, "der groe Regenerator des Kaiserreichs, unser alter
Freund Ollivier, dem es so leicht wird, tglich eine andere Gestalt
anzunehmen, und neben ihm Herr Chevandier de Valdrome. Fragen wir ein
wenig diese Herren, es wird immerhin gut sein, wenn wir uns vorher etwas
orientiren, um genau zu wissen, was wir bei den ffentlichen Debatten zu
thun haben."

Er nherte sich den Ministern und begrte sie mit einer artigen, aber
ein wenig linkischen Verbeugung, die brigen folgten ihm und umgaben die
beiden Minister, um welche sich sehr bald noch mehrere der im Saale
anwesenden Deputirten gruppirten.

"Es scheint, da das Plebiscit beschlossen ist," sagte Herr Gambetta zu
Ollivier gewendet, der in etwas gezierter, an die gesuchte saubere
Einfachheit Robespierres erinnernder Haltung da stand, und dessen
eigenthmlich geformtes Gesicht, mit der schmalen Stirn, den stark
schielenden von einer feinen Brille beschatteten Augen und dem groen,
ber dem zurckstehenden Kinn stark hervortretenden Munde, in lebhafter
Bewegung zitterte.

"Ich habe keinen Grund," erwiderte der Grosiegelbewahrer des
Kaiserreiches, indem er die Begrung des Herrn Gambetta mit kalter,
abwehrender Hflichkeit erwiderte, "mich nicht ber die Situation
auszusprechen. Ja, meine Herren," fuhr er fort, "das Plebiscit ist
beschlossen, und ich begreife nicht, wie Sie und Ihre Freunde," fgte er
hinzu, indem sein unsicherer Blick leicht ber die Gruppe hinglitt,
welche ihn umgab, "ich begreife nicht, wie Sie Alle gegen diesen
Gedanken sein knnen. Die unmittelbare Berufung des Volkes in wichtigen
Verfassungsangelegenheiten des Landes entspricht ja so vollkommen den
Grundstzen einer wahren und vernnftigen Demokratie, zu welcher Sie
sich bekennen, welchen ich meinerseits stets treu geblieben bin, und
welchen auch diese neue Maregel einen verstrkten Ausdruck geben wird."

Ein hhnisches Lcheln umzuckte die Lippen Gambetta's.

"Darf ich Sie vielleicht fragen," fuhr er fort, "wie lange die
Volksabstimmung dauern soll und ob bei derselben das Vereinsrecht zur
Ausbung kommen werde, welches der Bevlkerung gestattet, sich vorher
ber die der Frage gegenber einzunehmende Haltung zu verstndigen."

"Zweifellos," erwiderte Herr Ollivier, "werden ffentliche
Versammlungen Statt finden drfen, und das Volk wird von allen seinen
verfassungsmigen Rechten Gebrauch machen knnen--doch," fuhr er fort,
"liegt es in der Natur der Sache, da solche Versammlungen, da es sich
ja hier nur um die ganz einfache Beantwortung einer einfachen Frage
handeln wird, nicht so lange werden dauern knnen, als dies zum Beispiel
bei den Wahlen zum Gesetzgebenden Krper erlaubt ist. Jeder soll nach
seiner freien Ueberzeugung eine sehr klar gestellte Frage beantworten,
und dazu sind in der That keine langen Debatten und keine langen
Vorbereitungen erforderlich."

"Aber die Regierung, meine Herren," rief der Graf Keratry in heftigem
und gereiztem Ton, "hlt es nicht fr unntz, solche Vorbereitungen in
dem ausgedehntesten Mae zu treffen. So eben habe ich den Herren hier
mitgetheilt, da ich erfahren, die Prfecten seien angewiesen, mit
uerster Energie das Plebiscit vorzubereiten und sogar den Gemeinden
Versprechungen in Betreff der Maires zu machen--es scheint also doch,
da man es fr wichtig hlt, die Autoritt der Macht in die Wagschale zu
werfen, wenn die Mittheilungen," fgte er hinzu, den scharfen
stechenden Blick auf Herrn Chevandier de Valdrome richtend, "die mir
gemacht, richtig sind."

Der Minister des Innern, ein vornehm aussehender, etwas gleichgltig
blickender Mann von matten, nervsen Gesichtszgen, lie seinen Blick
von oben herab ber den Grafen Keratry hingleiten, ein kaltes,
feindliches Lcheln spielte um seine Lippen und in kurzem, wenig
verbindlichem Ton erwiderte er:

"Ja, ich habe die Prfecten instruirt, wie ich das fr mein Recht und
meine Pflicht halte, ich habe ihnen befohlen, die uerste Thtigkeit zu
entwickeln, um die Enthaltung von der Abstimmung zu verhindern. Ich
trage die persnliche Verantwortlichkeit fr meine Anweisungen,--welche
brigens ganz und gar Verwaltungsmaregeln sind."

"Ich begreife nicht," rief Picard, "wie der Herr Minister des Innern das
Plebiscit als die freie Abstimmung des Volkes ber die wichtigsten
Fragen, die sein ffentliches Leben betreffen, eine Verwaltungsmaregel
nennen kann. Wenn es jedoch nun," fgte er mit ironischem Lcheln hinzu,
"eine Verwaltungsmaregel sein soll, so wrde es fr uns gewi von
groem Interesse sein, den Inhalt der Schreiben kennen zu lernen, welche
in dieser Beziehung an die Prfecten erlassen worden sind."

"Die innern Maregeln der Verwaltung," erwiderte Herr Chevandier de
Valdrome in kurzem Ton, "sind kein Gegenstand von Diskussionen mit der
Vertretung des Landes, sie sind ein ausschlieliches und unbestreitbares
Recht der Regierung."

Rasch fiel Herr Ollivier ein, indem er ein wenig die Hand erhob und
jenen etwas salbungsvollen Ton annahm, der seiner Rede auf der Tribne
so oft die unmittelbare Wirksamkeit nahm:

"Und wenn Sie auch nicht das formelle Recht dazu haben, so will ich
Ihnen doch am wenigsten die moralische Berechtigung bestreiten, unsere
Anweisungen kennen zu lernen. Interpelliren Sie mich in der Sitzung, und
ich werde von der Tribune Ihnen unsere Instructionen mittheilen."

"Wenn der Herr Minister der Justiz statt meiner spricht," sagte Herr
Chevandier de Valdrome in trockenem Ton, indem er sich gegen seinen
Collegen verbeugte, "so habe ich ja nicht nthig, mich lnger an dieser
Unterhaltung zu betheiligen," und rasch sich abwendend, entfernte er
sich von der Gruppe.

"Ich habe keinen Grund," fuhr Herr Ollivier fort, "unsern Standpunkt und
unsere Maregeln zu verhllen, wir haben den Prfecten einfach
geschrieben: "Sichern Sie die Freiheit der Abstimmungen, wenden Sie
weder Drohungen, noch Druck, noch Versprechungen an, vergessen Sie aber
nicht, da Sie den Umtrieben der Wahlenthaltung gegenber stehen und
wenden Sie die verzehrendste Thtigkeit an, nur jeden Brger zur
Abstimmung zu drngen."

"Nun wohl," rief Herr Picard lachend, "diese aufreibende Thtigkeit und
dieses Drngen der Brger zur Abstimmung sind die deutlichen Zeichen,
da die so traurige Praxis der amtlichen Candidaturen auch in dieser
Frage eben so rcksichtslos wie frher gebt werden soll. Die Enthaltung
von der Abstimmung ist ein unzweifelhaftes Recht eines jeden Brgers vor
allen Dingen dann, wenn doch Niemand im Stande ist, ohne Gefahr frei
seine Meinung zu uern; wenn Jedermann sich scheuen mu nein zu sagen,
so mu ihm wenigstens die Freiheit bleiben, nicht ja sagen zu drfen.
Das Alles ist nichts als Possenspiel" fgte er achselzuckend hinzu.

"Hier ist von keinem Possenspiel die Rede," rief Herr Ollivier in
lebhafter Erregung, "deutlich und unverhllt wird die Frage an das Volk
gestellt werden. Die einzige Thtigkeit der Regierung wird sich nur
darauf richten, Jeden dahin zu fhren, da er die deutlich gestellte
Frage eben so deutlich beantworte."

"Durch die Anweisung, deren Inhalt uns so eben im Allgemeinen
mitgetheilt ist," sagte Herr Jules Favres ruhig und langsam, "ist das
Cabinet seinem liberalen Programm untreu geworden--das Mitrauen ist
also wohl berechtigt. Mgen die Herrn Minister," sagte er mit einer
leichten Verbeugung gegen Ollivier, "es auch ehrlich meinen, die andern
Beamten werden dennoch die Abstimmungen flschen."

"Das wird Niemand wagen," rief Herr Ollivier heftig erregt, "die
Minister knnen wohl das Vertrauen verlangen, da sie den Maregeln, zu
denen sie sich ehrlich bekennen, auch von Seiten ihrer Untergebenen eine
ebenso ehrliche und rckhaltslose Durchfhrung zu sichern im Stande sein
werden. Uebrigens," fuhr er fort, "kommt das Cabinet und seine Existenz
bei der ganzen Sache garnicht in Frage. Es handelt sich einfach um eine
Sanctionirung der Verfassungsbestimmungen, welche die Minister mit den
Vertretern des Landes bereits gutgeheien haben. Die Kammern selbst sind
also ebenso betheiligt, als das Ministerium."

"Das sind Wortklaubereien," rief Picard entrstet, "Regierung ist
Regierung, es ist traurig genug, da man nicht im Stande ist, dem
Ministerium, das sich mit liberalen Reformen einfhrte, dauerndes
Vertrauen zu schenken."

"Das thut mir sehr leid," rief Herr Ollivier zitternd vor zornigem
Eifer, "schenken Sie uns Ihr Vertrauen, schenken Sie es uns nicht, das
ist Ihre Sache--das kann uns nicht abhalten, unsre Pflicht zu thun,
seien Sie berzeugt, da uns Ihre Meinung ganz gleichgltig ist."

Ein dumpfes Murren lie sich unter der Gruppe vernehmen.

"Welch ein Ton der Conversation," rief Jules Favres, "man sollte doch
meinen, sich hier in der Gesellschaft von gebildeten Leuten zu
befinden."

"Der Herr Minister ist sich gewi ber die Bedeutung seiner Worte nicht
klar geworden," sagte Herr Picard kalt und hhnisch, "die Sorgen fr die
Verbreitung des Plebiscit haben, wie es scheint, seine sonst so eminente
Fhigkeit, die Redewendungen richtig abzuwgen, gelhmt."

Herr Ollivier schien selbst ein wenig bestrzt ber seinen heftigen
Ausbruch zu sein.

"Ich bin mir ber meine Worte vollkommen klar," sagte er, "und habe mit
denselben," fgte er sich leicht verneigend hinzu, "durchaus keine
persnliche Verletzung beabsichtigt. Ich habe nur sagen wollen, da
eine Regierung, welche sich vollkommen klar ist ber das, was sie nach
reiflicher Ueberlegung fr ihre Pflicht erkannt hat, sich nicht dadurch
irre machen lassen darf, ob ihre Beschlsse und Manahmen bei der einen
oder bei der andern Partei beifllige oder tadelnde Beurteilung finde;
und ich kann nur wiederholen, da die Regierung es fr ihre Pflicht
hlt, mit aller Energie gegen das System der Stimmenenthaltung
aufzutreten. Das Kaiserthum und der Kaiser stehen nicht in Frage," fuhr
er mit fester Stimme fort, "wie hier so eben bemerkt wurde, die Frage
ist nur die, ob es gut sei, das Kaiserthum der Autoritt und des
persnlichen Regiments in ein liberales Kaiserthum umzuwandeln; da die
Feinde des Kaiserthums berhaupt das Letztere nicht wollen, begreife
ich," fgte er mit scharfer Betonung hinzu, "ob sie aber damit dem
Vaterlande einen Dienst leisten, ob sie nicht ihre Parteircksichten
hher stellen, als das Wohl der Nation, das will ich, meine Herren,
ihrem eigenen Gewissen berlassen." Und mit einer kurzen Verneigung
wandte er sich ab und verlie das Zimmer.

Ein Theil der Abgeordneten kehrte in den Saal zurck, wo man ber
einzelne Paragraphen des neuen Pregesetzes debattirte. Die Meisten
aber entzogen sich dieser Debatte, proccupirt wie sie durch die ganze
politische Situation waren, verlieen sie das Palais des Gesetzgebenden
Krpers, um in Privatzusammenknften bei den Parteifhrern sich ber die
zu fassenden Entschlieungen zu berathen.

Herr Ollivier durchschritt langsam die Corridore und stieg vor dem
Palais in sein sehr einfaches und unscheinbares Coup, indem er dem in
dunkle Livree gekleideten Kutscher zurief:

"Nach den Tuilerien."

Kurze Zeit darauf fuhr er in den innern Hof des alten Knigspalastes
ein, er hielt vor dem groen Eingang, ber welchem das von Lanzen
getragene Zeltdach sich ausdehnte.

Er fand den Dienst thuenden Ordonnanzofficier im Vorzimmer; dieser
fhrte ihn sogleich in das Cabinet des Kaisers ein.

Napoleon III war frischer als sonst, zwar hingen seine Zge mit dem
Ausdruck des Leidens und krperlicher Schmerzen schlaff herab, aber in
seinem Blick machte sich eine gewisse an die vergangenen Tage seiner
Jugend erinnernde Energie bemerkbar, als er mit seinem langsamen, etwas
unsicheren Gang dem Minister entgegentrat, welcher es bernommen, das
Steuer des Staatsschiffes, welches so lange die feste Hand des Herrn
Rouher gefhrt hatte, durch die bedenklichen Klippen verschiedener
Neuerungen zu fhren.

"Ich habe gewnscht, Sie noch vorher zu sprechen, mein lieber Herr
Ollivier," sagte der Kaiser, indem er mit verbindlichem Gru dem
Grosiegelbewahrer die Hand reichte, "bevor ich den gesammten
Ministerrath hre, in welcher Weise die Ereignisse geleitet werden
mssen, damit wir das groe Ziel erreichen, das ffentliche Vertrauen in
die Regierung vollstndig wieder herzustellen,--welches bereits so sehr
wieder gewachsen ist," fgte er mit einer leichten Neigung des Kopfes
hinzu, "seitdem Sie mir mit Ihrem Rath zur Seite stehen."

"Das Vertrauen Eurer Majestt macht mich sehr glcklich," erwiderte
Herr Ollivier, indem er auf den vom Kaiser ihm bezeichneten Sessel
sich niederlie. "Wenn die ffentliche Meinung mir mit einem
gewissen sympathischen Gefhl entgegenkommt," fuhr er mit einem
selbstbefriedigten Lcheln fort, "so wird mir meine Aufgabe sehr
wesentlich durch die hochherzige Offenheit erleichtert, mit welcher Eure
Majestt mich untersttzen."

Der Kaiser richtete einen eigentmlichen Blick aus seinen schnell sich
entschleiernden und dann wieder in ausdruckslose Gleichgltigkeit
zurcksinkenden Augen, whrend er mit der Hand ber den Schnurrbart
streichend ein unwillkrlich seine Lippen bewegendes Lcheln verbarg.

"Sie glauben also," sagte er dann, "da das Plebiscit der Regierung
gnstig ausfallen werde?"

"Jedenfalls," erwiderte Herr Ollivier, "die Stimmung ist allgemein sehr
wenig befriedigt ber das Verhalten der unvershnlichen Opposition. Man
will Ruhe fr die Geschfte, man will Schutz gegen die herandrngende
sociale Bewegung, und man wird dem liberalen Kaiserreich um so mehr mit
begeisterter Wrme seine Stimme geben, als es die Freiheit mit der Kraft
und der Ordnung vereinigt. Die Opposition fhlt dies, und ihr Bestreben
geht nicht mehr danach, ein negatives Votum der Volkscomitien zu
erreichen, sondern vielmehr eine massenhafte Stimmenenthaltung
durchzusetzen, ein Bestreben, in welchem sie durch die Indolenz der
Massen wesentlich untersttzt werden mchte.

"Eure Majestt werden es gewi billigen, da wir auf die energischste
Weise den Prfecten aufgetragen haben, vor allen Dingen besonders in den
lndlichen Kreisen gegen die Enthaltung von der Abstimmung zu wirken."

"Gewi, gewi," sagte der Kaiser wie zerstreut, "man mu alle Mittel
anwenden, um diesen Herren von der Opposition zu zeigen, da das Volk
von Frankreich sie verwirft und fest hinter mir steht,--doch," fuhr er
fort, "wie ist es mit Daru und Buffet? Bestehen sie darauf, da die
Kammern zunchst ber das Plebiscit befragt werden und werden sie daraus
eine Cabinetsfrage machen?"

"Ich glaube, Sire," sagte Herr Ollivier, "da meine beiden Kollegen sehr
geneigt sind, sich darber zu verstndigen; sie wollen gern ihre Krfte
unter dem liberalen Kaiserreich und unter Eurer Majestt erleuchteter
und ruhmvoller Fhrung dem Wohle Frankreichs widmen. Inde halten sie es
fr unmglich, so ganz und gar von dem Prinzip abzuweichen, das sie mit
voller Ueberzeugung vertreten. Es lt sich vielleicht," fuhr er fort,
"ein Weg finden, um im Wesentlichen die Meinungen Eurer Majestt
aufrecht zu erhalten, und dennoch die Minister, welche bei den
verschiedenen Parteien Vertrauen haben zu conserviren. Man knnte die
Absicht, ein Plebiscit vorzunehmen, ohne sich einem constitutionellen
Beschlu der Vertretung des Landes zu unterwerfen, dem Corps legislativ
einfach durch eine Botschaft mittheilen, worauf denn eine
Antwortsadresse erfolgen wrde. Auf diese Weise lieen sich die
verschiedenen Standpunkte vielleicht vereinigen, und es ist allerdings
richtig, da bei dem Plebiscit es von Wichtigkeit sein knnte, dem Volk
zu zeigen, da die Regierung und die regelmige constitutionelle
Vertretung ber den wichtigen Act in voller Uebereinstimmung sich
befinden."

Der Kaiser senkte den Kopf und strich mehrere Male nachdenklich ber
seine Stirn.

"Damit wrde eigentlich," sagte er, "dem Plebiscit die wahre Spitze
abgebrochen, und ich bin, wie ich Ihnen aufrichtig sagen mu, nicht sehr
geneigt, einen solchen Weg zu gehen. Halten Sie," fragte er, Herrn
Ollivier pltzlich voll und scharf anschauend, "diesen Weg prinzipmig
fr richtig, oder wrden Sie ihn nur vorschlagen, um die Personen der
Minister zu conserviren?"

"Die Minister haben, wie ich Eurer Majestt zu bemerken die Ehre hatte,"
fuhr der Grosiegelbewahrer fort, "ein gewisses Vertrauen, ihr Rcktritt
knnte einen ungnstigen Eindruck machen. Dies ist wesentlich der Grund,
wehalb ich einen Kompromi suchen mchte."

"Mein lieber Herr Ollivier," sagte der Kaiser, indem er sich ein wenig
herberneigte, "nach meiner Ueberzeugung beruht das Vertrauen, welches
das Ministerium bei der Bevlkerung geniet, weder auf Herrn Buffet,
noch auf dem Grafen Daru, noch auf irgend einem der andern Personen,
welche gegenwrtig das Cabinet bilden, sondern vielmehr lediglich auf
der Achtung und Sympathie, welche man Ihnen entgegentrgt, Sie sind der
Pfeiler, auf welchem gegenwrtig meine Regierung ruht. Der Respect vor
Ihrem Charakter, die Bewunderung fr Ihre groen Talente bilden einen
Nimbus um Sie, dessen Strahlen auch auf die brigen Minister fallen, sie
werden aber ebenso gut auch auf jeden Andern fallen, der das Glck haben
wird, mit Ihnen zusammen ein Cabinet zu bilden. Die Rcksicht also,"
fuhr er fort, "auf das Vertrauen, welches jene Herren im Lande genieen,
und den persnlichen Einflu, welchen sie ben knnen, wrde mich
niemals bestimmen knnen, von einem als richtig anerkannten Prinzip
abzugehen, lediglich um ihre Personen zu conserviren. Etwas Anderes,"
fuhr er nachdenklich fort, indem aus dem Winkel seines fast
geschlossenen Auges ein schneller, scharf beobachtender Blick auf Herrn
Ollivier hinberflog, "etwas Anderes ist es freilich mit ihrer Ersetzung
in den Geschften. Buffet ist ein vortrefflicher Finanzminister, es
wird nicht leicht sein, Jemanden an seine Stelle zu setzen--Sgris
vielleicht--man mte sich mit ihm darber verstndigen--noch
schwieriger aber ist die Sache bei Daru. Woher kann man so schnell einen
auswrtigen Minister finden? Namentlich, da es sich darum handeln wrde,
die Stellung ein wenig zu modificiren, welche wir dem Concil und Rom
gegenber eingenommen haben. Die Minister der auswrtigen
Angelegenheiten," fuhr er fort, anscheinend immer tiefer im Nachsinnen
versinkend, "wachsen nicht aus der Erde hervor. Ja, wenn," sagte er, den
Blick wie fragend auf Herrn Ollivier richtend--"wenn es mglich wre,
da eines Menschen Kraft die Last allein trge, welche schon auf drei
Schultern vertheilt nicht leicht ist, so wre schnell eine Abhlfe zu
finden."

Er lehnte den Kopf wie tief nachdenkend auf den auf sein Knie gesttzten
Arm.

Das Gesicht Olliviers zuckte in lebhafter Bewegung, seine Augen schienen
einem pltzlich vor ihm auftauchenden Bilde zu folgen, ein Schimmer
hoher Befriedigung erleuchtete seine Zge und rasch mit athemloser
Stimme sprach er:

"Eure Majestt meinen--Eure Majestt haben irgend eine Idee ber das
Ressort des auswrtigen Amtes?"

"Ich frchte," sagte Napoleon, indem er wie in schmerzlicher
Resignation die Achseln zuckte, "da die Idee, welche mir einen
Augenblick als mglich vorschwebte, der Wunsch, den ich einen Augenblick
hegte, Unmglichkeiten sind. Ich hatte mir gedacht, wie rasch sich das
Alles arrangiren liee, wenn Sie, mein lieber Herr Ollivier, mir das
Opfer bringen knnten, fr einige Zeit das Ministerium der auswrtigen
Angelegenheiten zu fhren. Ich wei," fuhr er fort, "die Reprsentation,
welche gerade mit diesem Ministerium mehr als mit andern verbunden ist,
wrde Ihnen lstig sein. Die Last der Arbeiten wrde selbst Ihrem der
Thtigkeit so gewhnten Geist zu viel werden. Lassen wir also die Sache,
es ist doch vielleicht besser, einen Kompromi zu suchen, welcher uns
den Grafen Daru und Herrn Buffet erhlt."

Herr Ollivier hatte in einer gewissen Unruhe, die Hnde in leichtem
Zittern bewegend, das Ende der Bemerkungen des Kaisers erwartet. Als
Napoleon schwieg, sagte er rasch, indem er seine Brille zurecht schob:

"Ew. Majestt drfen berzeugt sein, da mir fr Ihren Dienst und fr
das Wohl Frankreichs kein Opfer zu gro ist. Wohl widerstrebt meinem
einfachen brgerlichen Sinne," sagte er, "die groe und vielseitige
Reprsentation, wohl mchte ich auch fr meine Familie leben und fr
meine Gesundheit ein wenig Mue gewinnen, dennoch aber kann ich keinen
Augenblick anstehen, wenn es der Dienst Eurer Majestt, wenn es das Wohl
Frankreichs erfordert, auch diese neue Last auf mich zu nehmen, und ich
traue mir ohne Ueberschtzung dennoch die Kraft zu, sie tragen zu
knnen. Ich bin an die Thtigkeit gewhnt, Sire, und will wenigstens
versuchen, Eurer Majestt auch diesen Beweis meiner Ergebenheit zu
geben."

Napoleon schlug wie durch eine unerwartet gnstige Wendung der Dinge
freudig berrascht die Hnde zusammen.

"Aber, mein lieber Herr Ollivier," sagte er, "dann ist uns ja geholfen,
dann haben wir ja garnicht nthig, noch einen Kompromi zu suchen, wenn
Graf Daru wirklich heute abgeht und Sie bereit sind, an seine Stelle zu
treten. So befinde ich mich ja nicht nur in keiner Verlegenheit, sondern
ich werde sogar meine Lage wesentlich verbessern, denn Sie werden mir
die Bemerkung erlauben, da ein jedes Portefeuille bei Niemanden, und
wre er der Geschickteste und Bewhrteste, so gut aufgehoben sein kann,
als in Ihren Hnden. Wenn Sie also wirklich bereit wren, an die Stelle
des Grafen Daru zu treten, und wenn Ihre Kraft eine so bermige Last
zu ertragen im Stande ist, dann wren wir ja, wie ich glaube,
vollstndig einig ber den Gang, den wir den Ereignissen zu geben
haben."

"Wenn Eure Majestt," sagte Herr Ollivier, "die Gnade haben wrden, mir
das Portefeuille des Auswrtigen zu bertragen, so sehe ich allerdings
nicht ein, warum in der Frage des Plebiscits ein keinem Prinzip
vollkommen entsprechender Ausweg gesucht werden sollte."

"Nun," sagte der Kaiser, indem er sich erhob, "ich sehe, wir verstehen
uns vollkommen,--welche Freude wird es mir machen, mit Ihnen die Fragen
der auswrtigen Politik zu besprechen und aus Ihrem so erleuchteten
Geiste immer neue Gedanken zu der Beurtheilung derselben zu ziehen."

Herr Ollivier verneigte sich mit glcklichem zufriedenem Lcheln.

"Ich glaube, wir werden vollstndig darin bereinstimmen," sagte der
Kaiser leichthin mit gleichgltigem Ton, "da der rmischen Frage auf
dem Concil gegenber die Haltung, welche der Graf Daru in der letzten
Zeit eingenommen hat, modificirt werden mu. Die katholische Kirche und
der Klerus ist ein sehr mchtiger Factor in Frankreich, dessen freien
und rckhaltslosen Beistand wir uns sichern mssen. Und auerdem," fuhr
er fort, "widerstrebt auch meinem religisen Gefhl eine Erkaltung der
Beziehungen zwischen meiner Regierung und dem heiligen Stuhl."

"Eure Majestt haben vollkommen Recht," sagte Herr Ollivier schnell,
"Frankreich ist gut katholisch. Ich bin es auch," fgte er hinzu, "und
die Rcksicht auf die Gefhle des Volkes ebenso wie auf den Einflu des
Klerus gebieten uns eine uerst vorsichtige Stellung Rom gegenber
einzunehmen, und nichts zu thun, was die Beziehungen zur Kurie irgend
wie trben knnte. Ich frchte," fuhr er fort, "der Graf Daru hat sich
in dieser Sache ein wenig zu sehr von Doctrinen leiten lassen und hat zu
wenig die concreten Verhltnisse in Betracht gezogen; auch mchten
vielleicht seine Beziehungen zu Guizot, der entschieden Protestant ist,
nicht ohne Einflu auf seine Anschauungen geblieben sein."

Der Kaiser, welcher sehr aufmerksam den Worten seines Ministers zugehrt
hatte, schlug sich leicht mit der Hand vor die Stirn, als ob er durch
die Aeuerungen des Herrn Ollivier besonders frappirt sei.

"In der That, mein lieber Minister," sagte er, "Sie bringen mich da auf
einen Gedanken, der mir Manches aufklrt,--sollten Sie, wie ich glaube,
Recht haben, so ist es um so nthiger, unsere Stellung Rom gegenber zu
modificiren, denn protestantische Anschauungen knnen doch gewi niemals
die Politik Frankreichs, dieses so tief katholischen Landes leiten.
Welch eine Freude ist es doch," sagte er tief aufathmend, "so
vollstndiges Verstndni zu finden und mit einem Mann zu arbeiten, der
uns stets neue Gesichtspunkte ffnet."

Er bewegte die Glocke.

"Sind die Herren Minister versammelt," fragte er den eintretenden
Kammerdiener.

"Zu Befehl, Majestt."

"Wollen Sie mich in einen Augenblick im Conferenzzimmer mit den andern
Herren erwarten," sagte der Kaiser zu Herrn Ollivier, "ich werde Ihnen
sogleich folgen--wir wissen ja, was wir zu thun haben."

Der Grosiegelbewahrer verneigte sich mit zustimmender Miene und verlie
das Kabinet des Kaisers.

"Er wird thun, was ich will," sagte Napoleon ihm lchelnd nachblickend,
"und ich werde die vortreffliche Stellung haben, keinerlei Initiative zu
ergreifen; nicht meine Meinung,--sondern diejenige des Herrn Ollivier
wird durchdringen, und man wird nicht wieder vom persnlichen Regiment
und vom autocratischen Einflu sprechen knnen."

Er trat zu einem kleinen Schrank, nahm daraus ein Flschchen mit einer
rthlichen Flssigkeit, zhlte in ein Glas Wasser, das der Kammerdiener
ihm reichte, eine Anzahl von Tropfen und trank dann schnell den Inhalt,
der ihn fast augenblicklich wohlthtig zu beleben schien.

"So," sagte er mit einem tiefen Athemzug, "das wird mir fr eine Stunde
wieder Kraft und Elasticitt geben. Jetzt will ich meine Herren Minister
anhren."

Und mit etwas lebhafterem festerem Gang als vorhin begab er sich durch
die schnell geffnete Flgelthr nach dem Conferenzzimmer, einem groen
hellen Gemach, in dessen Mitte ein runder grner Tisch, von ebenfalls
dunkelgrnen Fauteuils umgeben, stand.

In diesem Zimmer waren die Minister bereits versammelt, sie trugen
smmtlich, wie der Kaiser, schwarze Morgenanzge und verneigten sich
tief beim Eintritt des Souverains.

Da war neben Ollivier, der, aufgeregt, aber von innerer Befriedigung
strahlend, hinter seinem Stuhl stand, Herr Chevandier de Valdrome mit
seinem etwas cavalieren Ausdruck; der Graf Daru mit seinem kalten,
etwas mitrauischen Blick; Herr Buffet, der Finanzminister, eine
bureaucratische Erscheinung mit eigensinnig doctrinairem Ausdruck; Herr
Sgris, der Minister des Unterrichts, ein wenig an das Aeuere eines
Professors erinnernd; dann der Marquis von Talhouet, der Minister der
ffentlichen Arbeiten, eine schne, elegante Erscheinung, trotz seines
Alters von beinahe fnfzig Jahren, noch jugendlich und frisch, der wahre
altfranzsische grand Seigneur;--Herr Maurice Richart, fr welchen sein
Freund Ollivier das Ministerium der schnen Knste geschaffen hatte, ein
gutmthiger, sorgloser Lebemann; dann der Kriegsminister, Marschall
Leboeuf, eine militairisch krftige Erscheinung, das volle, ein wenig
aufgeschwemmte und regelmige Gesicht hatte durch den groen Bart auf
der Oberlippe und dem Kinn einen etwas martialischen Ausdruck, der
jedoch durch den gleichgltigen und oberflchlichen Blick der etwas
vorstehenden Augen wieder abgeschwcht wurde; endlich der Admiral
Rigault de Genouilly, dessen feines und intelligentes Gesicht mit dem
Ausdruck verschlossenen Nachdenkens stets einen nicht ausgesprochenen
Hintergedanken zu verstecken schien.

Der Kaiser setzte sich auf seinen Lehnstuhl in der Mitte des Tisches,
und die Minister nahmen um ihn her Platz, Herr Ollivier zu seiner
Rechten, Graf Daru zu seiner Linken; die Uebrigen nach der Reihenfolge
ihres Ranges; die Minister des Krieges und der Marine dem Kaiser
gegenber.

"Ich habe Sie berufen, meine Herren Minister," sprach der Kaiser mit
ruhiger, fast ausdrucksloser Stimme, indem er einen der auf dem Tische
liegenden Bleistifte ergriff und einige unbestimmte Linien auf dem vor
ihm bereit liegenden Papierbogen zeichnete, "ich habe Sie berufen, um
Sie zu ersuchen, die Frage des Plebiscits, ber welche ich bereits mit
Jedem von Ihnen einzeln conferirt habe, nunmehr noch einmal
gemeinschaftlich zu discutiren und dann darber einen definitiven
Beschlu zu fassen. Es handelt sich darum, die neue Institution, welche
ich dem Kaiserreich geben zu sollen geglaubt habe und zu deren
Befestigung Sie Alle so bereitwillig mir die Hand geboten haben, nochmal
durch ein Votum der ganzen Nation, auf welchem ja das Kaiserreich selbst
und seine frhere Verfassung beruhen, sanctioniren zu lassen. Und ich
bitte Sie mit Ihrer gewohnten und von mir stets so hoch gewrdigten
Freimthigkeit mir Ihre Meinung darber zu sagen."

Er wandte sich mit einer leichten Neigung des Kopfes zu Herrn Ollivier.

"Sire," erwiderte dieser in einem Ton, welcher an den gleichfrmigen
Pathos erinnerte, der eine Eigenthmlichkeit seiner Reden auf der
Tribne war--"Eure Majestt wissen, da ich aus voller Ueberzeugung dem
groen Gedanken zugestimmt habe, welchen Sie so eben aussprachen. Eine
Regierung, welche so offen und rckhaltslos wie wir die Verfassung im
Sinne der Freiheit ausbaut, darf sich nicht scheuen ihr Werk der Prfung
und Genehmigung des ganzen Volkes vorzulegen. Wir treten vor die Nation,
nicht um zu fordern, sondern nur zu geben, und sind der dankbaren
Zustimmung der groen Mehrheit der Brger Frankreichs sicher; das
Gewicht ihres Votums wird die Autoritt und Macht des Kaiserreichs den
innern und uern Feinden gegenber von Neuem krftigen, und alle die
Elemente, welche in der letzten Zeit so vermessen an der Entwickelung
des gesellschaftlichen Lebens gearbeitet haben, werden vor dem fest und
klar ausgesprochenen Willen der ganzen Nation schwinden. Ich habe die
Form des Plebiscits ausgearbeitet. Der Herr Minister des Innern hat die
Prfecten mit ausfhrlichen Instruktionen versehen, um die von der
unvershnlichen Opposition beabsichtigte massenhafte Enthaltung von der
Abstimmung zu verhindern, und ich erlaube mir, Eurer Majestt
vorzuschlagen, da so wie das Senatuskonsult festgestellt ist, das
Plebiscit ohne weitere Verzgerung vorgenommen werde, denn jeder Tag, um
den dasselbe noch hinausgeschoben wird, giebt den Gegnern Gelegenheit,
sich zu organisiren und ihre Agitationen immer mehr ber das Land zu
verbreiten. Die Form des Plebiscits wrde nach meiner Ueberzeugung sehr
einfach sein, sie wrde sich auf wenige Zeilen reduciren, und ich werde
meinen Entwurf bei meinen Herren Collegen circuliren lassen, um ihn dann
mit ihren Zustimmungen oder etwa mit ihren Gegenvorschlgen Eurer
Majestt zu unterbreiten."

Der Kaiser wandte sich mit einem verbindlichen Wink seiner Hand zu dem
Grafen Daru.

Der Minister der auswrtigen Angelegenheiten hatte ruhig und unbeweglich
den Worten Olliviers zugehrt; ebenso ruhig sprach er jetzt mit seiner
etwas leisen, aber durch die scharfe Accentuirung der Worte deutlichen
Stimme:

"Ueber die Form des Plebiscits, Sire, wird, wie ich glaube, unter uns
kaum eine Meinungsverschiedenheit bestehen knnen. Es kann ja eben nur
eine ganz einfache mit ja oder nein zu beantwortende Frage sein. Dagegen
aber kann ich nicht unterlassen, Eurer Majestt noch einige sehr ernste
und gewichtige Bedenken gegen die Sache selbst auszusprechen."

Der Kaiser blickte nicht auf, mit vllig ausdrucksloser Miene sah er auf
das Papier nieder und zeichnete groe krumme Linien, welche in einander
greifend sich zu dem Bilde eines Adlerflgels vereinigten.

"Eure Majestt," fuhr Graf Daru fort, "haben vorhin bemerkt, da das
Kaiserreich auf dem freien Votum der ganzen Nation beruhe, wie das ja
auch mit der Herrschaft des ersten Kaisers der Fall war. Das Volk hat
seinen Willen ausgesprochen und sich nach einer Zeit innerer Unruhen und
Kmpfe eine feste Staatsform und eine consolidirte Regierung gegeben,
welche wir nunmehr dem Willen Eurer Majestt gem zu freierer, innerer
Entwicklung zu fhren haben. Da die Existenz des Kaiserreichs, der Grund
seines Bestehens auf dem Plebiscit beruht, so halte ich es fr
bedenklich, der Sicherheit des Staatsgebudes und vor allen Dingen auch
der Dynastie Gefahr bringend, wenn man ohne eine absolute Nothwendigkeit
auf die Grundfundamente der Monarchie wieder zurckgreift. Ich glaube
nicht,--verzeihen mir Eure Majestt, da eine Dynastie wirklich auf die
Dauer feste und unzerstrbare Wurzeln schlagen kann, wenn bei jeder
Gelegenheit derjenige Faktor, der ihr das Leben gegeben, wieder in die
ffentliche Bewegung hineingezogen wird; das Volk durch unmittelbares
Plebiscit hat einmal gesprochen und das Kaiserreich begrndet--die
weitere Entwicklung desselben mu nun seinen verfassungsmigen
Vertretern berlassen werden. Das Kaiserreich selbst darf nicht wieder
in Frage gestellt werden. Denken Eure Majestt, in welche gefhrliche
Lage, in welche falsche Position ein Souverain kommen mte, der wie
Eure Majestt es stets mit gerechtem Stolz gethan und wie Ihre
Nachfolger es ohne Zweifel ebenfalls thun werden, sich den Erwhlten der
Nation nennt, wenn das Votum dieser Nation in einem sptern Plebiscit
ihm ungnstig wre? Ein abflliges Votum des Corps legislativ greift nur
das Ministerium an, ein abflliges Plebiscit aber wrde das Kaiserthum
und die Dynastie selbst in Frage stellen."--

"So weit wir aber die Stimmung im Lande kennen," fiel Herr Ollivier ein,
whrend der Kaiser fortwhrend ganz theilnahmlos weiter zeichnete--"ist
garnicht an die Mglichkeit zu denken, da die allgemeine Abstimmung
ungnstig ausfalle, vielmehr wird sie auf's Neue die Wurzeln des
Kaiserreichs und der Dynastie krftigen und immer tiefer in das
nationale Bewutsein dringen lassen."

"Ich zweifle nicht an dem Ausfall der Abstimmungen," erwiderte Graf
Daru, indem flchtig und fast unbemerkbar ein Zug feiner Ironie auf
seinem kalten bleichen Gesicht erschien, "auch spreche ich nicht von der
Thatsache, sondern von dem Prinzip, und im Prinzip mu ich dabei
bleiben, da ein wiederholtes Plebiscit gefhrlich fr die Dynastie ist,
um so gefhrlicher, wenn man jetzt etwa auf einen gnstigen Ausfall
desselben einen besonderen Werth zu legen beabsichtigt. Je mehr
Bedeutung man dem zustimmenden Votum giebt, um so mehr gefhrlicher
wrde eines Tages eine feindliche Abstimmung werden knnen. Auerdem bin
ich des Erfolges noch nicht so vollkommen sicher. Die Majoritt
Derjenigen, welche stimmen, wird mit ja stimmen, daran zweifle ich
nicht, ob es aber der Opposition nicht gelingen werde, eine sehr groe
Majoritt fr die Stimmenenthaltung zu gewinnen, darber bin ich noch
nicht vollkommen beruhigt; und der Eindruck einer solchen Enthaltung
wrde nicht nur in Frankreich, sondern auch im Auslande ein sehr
bedenklicher sein mssen."

Herr Ollivier, welcher sich unruhig hin und her bewegt hatte, wollte mit
einer Bemerkung einfallen.

Der Graf Daru erhob leicht mit einer artigen, aber bestimmten Wendung
die Hand gegen ihn und fuhr fort.

"Wenn ich schon aus Rcksicht auf das Kaiserthum selbst und auf die
Dynastie der Meinung bin, da ein erneutes Plebiscit nur im Augenblick
einer ffentlichen Gefahr oder gewaltiger nationaler Anstrengungen
vorgenommen werden darf, so bestrkt mich in dieser Ansicht noch mehr
die Rcksicht auf die freie und verfassungsmige Entwicklung des
ffentlichen Lebens, deren Sicherung unsere Aufgabe ist. Wenn es als ein
Grundsatz des ffentlichen Rechts anerkannt wird, da die Regierung in
jedem Augenblick und ohne bestimmte zwingende und in der Verfassung
vorgesehene Grnde sich an das Volk wenden kann, so wird jedes
constitutionelle Leben berhaupt eine Unmglichkeit, denn die Regierung
hat es in der Hand, bei jedem Conflict mit den Gesetzgebenden
Krperschaften durch ein Plebiscit das ganze verfassungsmige Leben in
Frage zu stellen. Da Eure Majestt niemals einen solchen Gedanken haben
werden," sagte er, sich gegen den Kaiser verneigend,--"davon bin ich
berzeugt, indessen bei der Beurtheilung ffentlicher Rechtsprinzipien
darf man nicht an die Person, sondern an die Sache und an die vllig
objectiv gestellte Frage denken. Fr mich spricht also sowohl die
Rcksicht auf die Stabilitt und die Unantastbarkeit der monarchischen
Staatsform und der Dynastie als diejenige auf die wahre Freiheit des
ffentlichen Lebens gegen eine Wiederholung des Plebiscits."

"Sie wrden also, mein lieber Graf," sagte der Kaiser, indem er einen
Augenblick flchtig aufblickte und dann wieder in die Betrachtung des
auf dem Papier vor ihm nunmehr deutlich erkennbaren Adlerflgels
versank, "Sie wrden also einer Berufung an das Volk Ihre Stimme nicht
geben und wollen?"

"Ich habe meine prinzipmigen Grnde gegen das Plebiscit
ausgesprochen," erwiderte der Graf. "Ich bin indessen ebenfalls
berzeugt, da beim absolut starren Festhalten an den Prinzipien
practisch nicht regiert werden kann. Und da Eure Majestt und die
meisten meiner Kollegen die Volksabstimmung fr zweckmig halten, so
wrde ich mich derselben nicht unbedingt entgegenstellen."

Der Kaiser zog seine Linien weiter und weiter. Ein zweiter Adlerflgel
begann sich an der Seite des ersten zu zeigen.

Auf Herrn Olliviers Gesicht erschien bei den letzten Worten des Grafen
Daru eine ziemlich erkennbare Verstimmung.

Der Minister der auswrtigen Angelegenheiten sprach weiter:

"Die Bedenken, welche ich gegen eine Wiederholung des Plebiscits so eben
ausgesprochen und motivirt habe, knnen nach meiner berzeugung auf eine
sehr einfache Weise zum groen Theil beseitigt werden: Wenn nmlich der
Grundsatz festgehalten wird, da die Berufung an die unmittelbare
Volksabstimmung nur Statt finden drfe, wenn sich die Regierung und die
Gesetzgebenden Krperschaften darber verstndigt haben. Dadurch wrde
nach beiden Richtungen die Garantie gegen den Eintritt derjenigen
Gefahren gegeben, welche ich vorhin bezeichnete, und so wrde die
Absicht Eurer Majestt erreicht. Ich glaube, da der Herr
Grosiegelbewahrer," sagte er, sich an Ollivier wendend, "einer
Verstndigung in der von mir angedeuteten Richtung nicht abgeneigt ist,
wenigstens habe ich bei meiner frheren Unterredung ber diesen
Gegenstand bei ihm die Geneigtheit bemerkt, auf meine Prinzipien
einzugehen, und auf Grund derselben den Bestand des Cabinets zu
sichern," sagte er mit fester Stimme, sich gegen den Kaiser verneigend.

Dieser hob ein wenig den Kopf empor und richtete den Blick seines
vollstndig verschleierten Auges auf Herrn Ollivier.

"Der Gedanke des Grafen Daru," sagte er ruhig, "scheint mir eine sehr
gute Grundlage fr die Ausgleichung der entgegenstehenden Ansichten zu
bieten. Es wre gewi sehr wnschenswerth, eine solche Verstndigung zu
erreichen, wenn dies nach Ihrer berzeugung mglich ist."

Herr Ollivier richtete sich grade empor, lie den unsichern Blick ber
seine in schweigender Zurckhaltung da sitzenden Kollegen gleiten und
begann dann mit nachdrcklicher Betonung:

"Ich glaube nicht, da der Gedanke des Herrn Ministers der auswrtigen
Angelegenheiten ausfhrbar sei, wenn man sich die wahre staatsrechtliche
Natur der Frage klar macht. Das Volk," fuhr er fort, "die franzsische
Nation ist, Eure Majestt werden mir darin beistimmen," sagte er, sich
gegen den Kaiser verneigend--"der eigentliche, in letzter Instanz
definitiv ber die Geschicke Frankreichs entscheidende Souverain. Die
Vertreter im Corps legislativ sind nur Delegirte. Es entsprche nicht
der Wrde der Nation selbst, wenn Derjenige, an welchen sie ihre
Souverainett deligirt htte, erst die Genehmigung der lediglich fr die
gesetzgeberische Arbeit abgeordneten Vertreter einholen mte, um sich
in groen Nationallebensfragen an das Volk selbst wenden zu drfen.
Zwischen dem Kaiser, das heit dem General-Mandatar der souverainen
Nation und dem Volk selbst darf kein untergeordneter Faktor stehen. Sie
mssen frei, wenn es nothwendig ist, miteinander verkehren knnen, und
der Kaiser mu das Recht haben, auch ohne die Zustimmung der
parlamentarischen Krperschaften an das Volk selbst sich wenden zu
knnen. Jede zufllige Majoritt der Kammer wrde ja sonst die Macht
haben, die Berufung an das Volk zu verhindern. Ich fr meine Person,"
schlo er mit bestimmtem Ton, "wrde lieber dafr stimmen, das Plebiscit
berhaupt aufzugeben, als es auf diese Weise von der Zustimmung einer
Kammer abhngig zu machen, die vielleicht garnicht den Willen des ganzen
Volkes und sein wahres Interesse vertritt."

Graf Daru hatte Herrn Ollivier ein wenig erstaunt angesehen, dann flog
abermals jener Zug feiner Ironie ber sein Gesicht, und als der
Grosiegelbewahrer geendet, sprach er, whrend auf dem Papier des tief
gebckt dasitzenden Kaisers sich nunmehr zwischen den beiden Flgeln
auch der Kopf eines Adlers zu entwickeln begann:

"Ich bedaure, da ich die Absicht des Herrn Grosiegelbewahrers bei
unserer letzten Unterredung so falsch oder unklar aufgefat habe. Wre
mir damals seine Meinung so bestimmt erschienen, wie ich sie jetzt
verstehe, so htte ich schon frher alle Hoffnungen und alle Versuche zu
einer Verstndigung zu gelangen, aufgegeben. Ich mu Eurer Majestt
aufrichtig erklren, da wenn das Plebiscit ohne vorherige Verstndigung
mit der Kammer beschlossen werden sollte, ich nicht im Stande sein
wrde, lnger ein Mitglied des Kabinets zu bleiben."

"Ich schliee mich der Erklrung des Herrn Grafen Daru vollstndig an,"
sagte der Finanzminister Buffet mit rauhem und kurzem Ton. "Ich glaube,
da die Wiederholung der Plebiscite die freie Bewegung des
konstitutionellen Lebens unmglich macht und den Staat fortwhrend mit
der Wiederkehr absoluter Autocratie bedroht. Ich bitte Eure Majestt,
wenn das Plebiscit nach der Anschauung des Herrn Grosiegelbewahrers
beschlossen werden sollte, meine Entlassung zu genehmigen."

"Und was meinen die brigen Herren Minister," fragte der Kaiser, unter
dessen Bleistift sich nunmehr auch ein groer Adlerkopf bildete.

"Ich stimme Herrn Ollivier bei," sagte Sgris.

"Ich wrde um der Einheit des Bestandes des Cabinets willen," sagte der
Marquis von Talhouet, "wnschen, da auf dem Boden des vom Grafen Daru
ausgesprochenen Gedankens eine Verstndigung erzielt werde. Indessen
kann ich nicht mein Verbleiben im Cabinet von dieser Frage abhngig
machen, und ich hoffe," fgte er verbindlich sich gegen den Grafen von
Daru verneigend, hinzu, "da auch unser verehrter Kollege von diesem
uersten Entschlu zurckstehen werde."

Graf Daru schttelte schweigend den Kopf.

"Ich habe," rief Herr Ollivier rasch, "wahrlich fr die Freiheit und die
Rechte des Volkes gesprochen und gekmpft. Niemand wird mir dies Zeugni
versagen knnen. Jetzt aber ist es auch meine Pflicht, die Rechte der
Krone zu vertreten und zu vertheidigen, und ich wrde in einer solchen
Anschauung der kaiserlichen Initiative, wie sie der Graf Daru
vorschlgt, eine sehr gefhrliche und bedenkliche Schmlerung der
kaiserlichen Rechte erblicken."

Der Marschall Leboeuf und der Admiral Rigault de Genouilly stimmten in
kurzen Worten dem Herrn Ollivier bei; ebenso Herr Maurice Richart und
Herr Chevandier de Valdrome.

Zu den Flgeln und dem gekrnten Kopf des Adlers war auf dem Papier des
Kaisers bereits noch eine Kralle hinzugetreten, auf welcher ein kleiner
Reichsapfel ruhte.

Der Kaiser richtete ein wenig den Kopf auf, ohne da sein Bleistift
aufhrte in langsamer, anscheinend fast unwillkrlicher Bewegung Linie
an Linie zu reihen.

"Ich hre also," sagte der Kaiser, "da die Mehrzahl meiner Herren
Minister dem Herrn Grosiegelbewahrer vollstndig beipflichten, welcher
sich fr die schleunige Ausfhrung des Plebiscits und zwar ohne
vorherige Verstndigung mit den Kammern ausgesprochen hat. Htten die
Herren Minister gegen das Plebiscit berhaupt Bedenken gehabt, so htte
ich meinerseits kaum einen Grund gehabt, dasselbe durchaus zu wnschen,
so sehr ich auch berzeugt bin, da es den Institutionen des
Kaiserreichs neue Krfte geben werde. Da aber die groe Majoritt meiner
Minister das Plebiscit fr zweckmig und nothwendig hlt, da sie zu
gleicher Zeit die Modalitt, welche der Graf Daru vorgeschlagen, nicht
zu acceptiren geneigt sind, so bleibt mir nichts anderes brig, als
nochmals Sie, Herr Graf, zu bitten, aus der Sache keine Cabinetsfrage zu
machen und Sie, Herr Minister," sagte er, sich an Herrn Ollivier
wendend, "reiflich zu berlegen, ob Sie nicht im Stande wren, eine
Kombination zu finden, welche sich dem Grafen Daru nhert, und es ihm
mglich macht, Mitglied des Cabinets zu bleiben, in welches ich ihn mit
so vielem Vertrauen berufen habe, und aus welchem ich ihn nur mit
aufrichtigem Schmerz wrde scheiden sehen."

Es war fast ein ngstlicher Ausdruck, mit welchem Herr Ollivier den
Kaiser bei den letzten Worten ansah.

"Eure Majestt wissen," sagte er schnell, "wie hohen Werth ich auf die
Freundschaft und Mitwirkung des Grafen Daru und auf sein Verbleiben in
dem Ministerium lege; indessen meine Anschauung und berzeugung steht
fest, und wie ich niemals im politischen Leben von derselben abgewichen
bin, so kann ich es auch jetzt nicht, selbst auf die Gefahr hin, die
bisher so fruchtbare und hoch erfreuliche gemeinschaftliche Arbeit mit
dem Herrn Grafen zu unterbrechen. Meine berzeugung steht fest," sagte
er, die Hand auf die Brust legend, "und da auch die meisten meiner
Kollegen dieselbe theilen, so kann ich um so weniger in einer so hoch
wichtigen Frage auf irgend einen Kompromi eingehen."

"Ich habe also," sagte der Graf Daru, ohne da irgend eine Bewegung auf
seinem Gesicht bemerkbar wurde, "Eure Majestt nochmals bestimmt um
meine Entlassung zu bitten, da ich nicht im Stande bin, der von der
Mehrzahl meiner Kollegen beschlossenen Maregel meine Zustimmung zu
geben."

"Ich mu die gleiche Bitte an Eure Majestt richten aus dem gleichen
Grunde," sagte Herr Buffet.

Der Adler auf dem Papier des Kaisers hatte eine zweite Kralle erhalten.

"Ich kann," sagte Napoleon, "da ich ja nicht mehr der persnliche
Autokrat bin," fgte er lchelnd hinzu, "gegen den Beschlu meiner
Minister nichts thun. Ich bitte Sie inde, meine Herren," fuhr er fort,
sich an die brigen Minister wendend, "da Sie sich der Aufgabe
unterziehen mgen, in privater Besprechung und durch persnliche
Einwirkung ein Einverstndni zwischen dem Grafen Daru und Herrn
Ollivier zu ermglichen. Ich bin berzeugt," fuhr er fort, indem er mit
der linken Hand ber seinen Bart fahrend den Mund verdeckte, whrend
seine Rechte in der Kralle des Adlers vor ihm ein groes, hoch
aufragendes Schwert erscheinen lie, "da Herr Ollivier ebenso wie ich
das Ausscheiden des Grafen aus dem Cabinet beklagen wrde, da er Alles
aufbieten wird, um eine Verstndigung herbeizufhren. In einem Punkt bin
ich jedoch vollkommen der Meinung, welche sich die meisten Herren hier
angeeinigt haben, da nmlich schnell gehandelt werden msse, um der
Opposition nicht die Zeit zu lassen, die Stimmenenthaltung zu
organisiren. Ich hoffe also," sagte er aufstehend, indem er den
Bleistift neben dem nunmehr vollendeten und mchtig bewehrten Adler
niederlegte, "da Sie mir morgen die Mittheilung von Ihrer allseitigen
Verstndigung machen werden, da wir Alle miteinander gemeinschaftlich
bei der Durchfhrung des begonnenen Werkes weiter arbeiten werden."

Er verneigte sich mit verbindlicher Hflichkeit nach allen Seiten und
verlie das Konferenzzimmer, in welchem die Minister noch fast eine
Stunde zurckblieben, auf alle mgliche Weise versuchend, das
Einverstndni zwischen Herrn Ollivier und dem Grafen Daru herzustellen.

Alle Versuche scheiterten jedoch an der kalten Ruhe, mit welcher der
Graf Daru an seiner Ansicht festhielt und an der pathetischen
wrdevollen Unbeugsamkeit, mit welcher Herr Ollivier erklrte, auch
nicht in einem Punkt von seiner berzeugung abgehen zu knnen.




Siebentes Capitel.


Napoleon war in sein Cabinet zurckgekehrt, heiter und zufrieden
lchelnd rieb er sich leicht die Hand, whrend er einige Male langsam
auf- und niederging.

"Alles geht vortrefflich, Drouin de L'huys hat vollkommen Recht, diesen
Ollivier kann man Alles thun lassen, was man will, ein wenig Balsam fr
seine Eitelkeit, ein wenig Kder fr seinen Ehrgeiz, und er lancirt sich
gesenkten Hauptes in jede Bahn, auf welcher man seiner bedarf. Die Dinge
fgen sich so gut, wie ich es nur irgend wnschen kann, das Plebiscit
wird gemacht,--und ich bedarf des Plebiscits," sagte er sinnend vor sich
hinblickend, "um diesen unvershnlichen Rednern der Kammer zu zeigen,
da sie nicht mich angreifen, sondern den Willen der Gesammtnation, und
da nicht sie die Vertreter der Anschauungen Frankreichs sind, sondern
ich selbst,--ich bedarf es dem Auslande gegenber, um den europischen
Cabinetten zu zeigen, da ich noch heute so unumschrnkt wie frher ber
die Macht Frankreichs gebiete,--das Plebiscit wird gemacht werden, und
zwar bin nicht ich es, der es macht, sondern meine Minister unter der
Fhrung dieses hchst liberalen und konstitutionellen Herrn Ollivier.
Und wenn dieser zweifelhafte Graf Daru und dieser schwer zu behandelnde
Buffet aus dem Cabinet ausscheiden, so werde nicht ich sie entlassen
haben, sondern sie werden es sein, die sich von der Majoritt der
Minister trennen. Alles ist ja konstitutionell und verfassungsmig,"
sagte er lchelnd, "und doch geschieht es wie ich will. Vielleicht,"
sprach er nachdenklich, "lt sich mit dieser konstitutionellen Maschine
noch besser regieren, als wenn man allein steht und ganz allein auch
alle Verantwortlichkeit tragen mu."

Er lie sich langsam in seinen Lehnstuhl nieder, bereitete sich
sorgfltig aus dem auf einem kleinen Tisch daneben stehenden trkischen
Taback eine Cigarrette, entzndete dieselbe an der brennenden Kerze und
bewegte eine kleine Handglocke.

"Bereiten Sie Alles vor," sagte er dem eintretenden Kammerdiener, "ich
will meine militairische Promenade machen, in einer Stunde habe ich
eine Revue abzuhalten."

Der Kammerdiener entfernte sich durch die Thr, welche in das
Toilettenzimmer des Kaisers fhrte.

"Der Graf Bismarck," sagte der Kaiser, indem er mit vergngtem Gesicht
die blauen Wolken des aromatischen Tabacksrauchs in die Luft blies, "hat
Recht mit dem Rath, den er mir einst gab, je mehr ich die
konstitutionelle Doctrin in die Regierung einfhre, um so mehr mu ich
meine militairische Macht strken und das persnliche Band zwischen mir
und der Armee fester ziehen, damit habe ich das Correctiv in der Hand,
und wenn die Wellen jemals zu hoch gehen sollten, so wird es leicht
sein, sie wieder auf das richtige Niveau zurckzufhren. Bis jetzt sind
sie noch leicht zu leiten und trgt das Schiff das Kaiserreich ruhig in
der Richtung fort, welche ich vorgezeichnet habe,"--und sich bequem auf
den Stuhl zurcklehnend schlo er halb trumend die Augen, indem er in
groen Zgen den duftigen Rauch seiner Cigarrette einsog.

Nach einiger Zeit ffneten sich die Flgel der Thre, und die Kaiserin
schritt schnell, noch bevor der Huissier sie anmelden konnte, an
demselben vorber in das Zimmer.

Ihre Mienen zeigten Unruhe und lebhafte Bewegung, sie eilte auf den
Kaiser zu, welcher sich langsam erhob, drckte ihn sanft wieder in
seinen Lehnstuhl zurck und sagte, indem sie sich ihm gegenber setzte:

"Ich hre, da die Ministerconferenz zu Ende ist und bin
unendlich gespannt, was das Resultat derselben sei,--sobald die
Meinungsdifferenzen ausgeglichen, wird das Plebiscit ohne Schwierigkeit
durchgefhrt werden?"

"Das Plebiscit ist beschlossen," sagte der Kaiser, indem er den Rest
seiner Cigarrette fortwarf, "die groe Majoritt meiner Minister waren
darber einig, nur," fgte er mit einem schnellen Blick auf seine
Gemahlin und einem fast unwillkrlichen Lcheln hinzu, "Graf Daru und
Herr Buffet knnen sich der Ansicht der Uebrigen nicht anschlieen. Ich
werde sie verlieren," fgte er wie bedauernd den Kopf schttelnd hinzu,
"ich habe ihnen die Entlassung, um die sie gebeten, nicht verweigern
knnen, da sie sich nicht im Einklang mit den Uebrigen befinden."

Die Kaiserin schlug ihre schlanken weien Hnde gegen einander, ein
Blitz triumphirender Freude sprhte in ihren Augen auf.

"Wir sind Daru los," rief sie aus, "diesen verkappten Orleanisten,
diesen Freund des Protestanten Guizot, der uns mit dem heiligen Stuhl
htte brouilliren mgen. Welch ein Glck,"--fuhr sie nach einer kleinen
Pause fort,--"haben Sie schon darber nachgedacht, wer sein Nachfolger
in den auswrtigen Angelegenheiten sein soll?"

"Das ist eine sehr schwierige Frage," sagte Napoleon langsam,--"eine
sehr schwierige Frage, welche ein tiefes und eingehendes Nachdenken
erfordert. Ich glaube, da das ganze Interesse sich in diesem Augenblick
auf die inneren Fragen concentrirt und wir eigentlich gar keine
auswrtige Politik machen, so wird es am besten sein, das Provisorium
einige Zeit lang bestehen zu lassen--Ollivier ist bereit, dasselbe zu
fhren."

Immer strahlender und heiterer wurde das Gesicht der Kaiserin.

"Ollivier," rief sie, "das Provisorium des auswrtigen Ministeriums!
Louis," rief sie, ihm die Hand reichend, welche er galant an die Lippen
fhrte, "ich bewundere Sie, das ist ein Meisterstreich! Dieser Ollivier
ist ein Schleier, den man ganz Europa gegenber ber unsere Politik
wirft, und hinter diesem Schleier wird man thun und vorbereiten knnen,
was man will, ohne da irgend Jemand, er selbst am wenigsten," sagte
sie lachend, "eine Idee davon hat. Aber spter," sagte sie dann--"nach
Ollivier, denn Ollivier kann doch nur so lange Minister sein, bis--" sie
unterbrach sich--

"bis wir es fr zweckmig finden werden," ergnzte der Kaiser ihren
Satz, "unserer auswrtigen Politik einen bestimmten Stempel
aufzudrcken, und dann wird die Wahl der Person doch immer von dem
System abhngig sein mssen, welches dann zu befolgen fr nothwendig
erscheinen sollte."

"Ich habe Ihnen neulich von Grammont gesprochen," sagte Eugenie mit
einem forschenden Blick auf den Kaiser, "der mir alle Eigenschaften in
sich zu vereinigen scheint, welche Ihr auswrtiger Minister in einem
entscheidenden Augenblick haben mte, und der Ihnen persnlich und
unserer Dynastie tief ergeben ist, indem er die monarchischen
Traditionen seiner legitimistischen Familie nunmehr auf das Kaiserreich
bertrgt, nachdem er sich dem Dienst desselben gewidmet hat. Grammont
kennt besonders genau die Verhltnisse sterreichs, das doch fr unsere
auswrtige Politik und fr unsere auswrtige Action," fgte sie mit
besonderer Betonung hinzu, "einer der wichtigsten Factoren ist."

"Es wrde nur darauf ankommen," sagte der Kaiser, ohne den Blick seiner
Gemahlin zu erwidern, "welche Politik man nach Auen inauguriren wird,
nachdem diese inneren Angelegenheiten zum Abschlu gebracht sind. Unter
gewissen Verhltnissen wrde allerdings Grammont eine sehr geeignete
Persnlichkeit sein."

"Unter allen," sagte die Kaiserin, "Grammont ist ebenso geschickt und
geschmeidig, als ergeben."

"Nun," sagte der Kaiser, "man knnte ihn ja dann wieder hierher kommen
lassen. Ich habe frher ausfhrlich mit ihm ber die Lage der
Verhltnisse gesprochen und wrde persnlich sehr gern mit ihm
verkehren. Es kme aber darauf an, ob er sich mit den brigen Fhrern
des Cabinets verstndigen knnte, denn wir haben ja jetzt ein
constitutionelles Regiment--"

Die Kaiserin zuckte die Achseln.

"Namentlich," fuhr Napoleon fort, "ob er mit Ollivier zu harmoniren im
Stande wre!"

"Ollivier," rief die Kaiserin, "dieser spartanische Brger wird
berglcklich sein, in einem Cabinet mit einem Herzoge aus dem alten
Hause der Guiche und der Grammont sich zu befinden."--

"Wir wollen weiter darber sprechen, wenn das Plebiscit vollendet sein
wird," sagte der Kaiser.

Die Kaiserin lie einen Augenblick mit einer anmuthigen Beugung ihres
schlanken Halses den Kopf auf die Brust sinken.

"Er hat einen Hintergedanken," flsterte sie unhrbar.

Dann blickte sie den Kaiser mit ihren groen, klaren Augen ruhig und
gleichgltig an.

"Man hat in diesen Tagen," sagte sie, "wieder von einer Combination
gesprochen, welche, wie ich glaube, schon im vorigen Jahre einmal
flchtig errtert wurde, von einer Candidatur des Prinzen von
Hohenzollern fr den spanischen Thron"--

Der Kaiser warf schnell einen flchtigen Blick auf seine Gemahlin hin--

--"vielleicht wre es gut, wenn sich das machen lie," fuhr Eugenie
fort, "ich bedaure die unglckselige Knigin Isabella auf's tiefste und
wrde vor allen Dingen wnschen, da ihr oder ihrem Sohn der spanische
Thron gerettet werden knnte, allein, wie die Verhltnisse stehen und
bei den so unschlssigen und politisch unklaren Rathgebern, mit denen
sie umgeben ist, scheint mir leider zu meinem tiefen Bedauern dazu wenig
Aussicht zu sein. Wenn es nun mglich wre, die fr Frankreich und fr
uns ungnstigste Chance auszuschlieen,--die Candidatur des Herzogs von
Montpensier, welcher der Orleanistischen Agitation in Spanien einen
festen Halt geben wrde, so wre es vielleicht nicht unerwnscht, einen
jungen, uns befreundeten und verwandten Prinzen, der auerdem gut
katholisch ist, auf diesem spanischen Thron zu wissen."

"Der Prinz von Hohenzollern," sagte der Kaiser in demselben
gleichgltigen Ton, in welchem seine Gemahlin gesprochen hatte, "steht
dem preuischen Hause sehr nahe, und seine Thronbesteigung in Spanien
wrde einen Einflu des Berliner Cabinets im Sden der Pyrenen
begrnden, der den Interessen Frankreichs nicht zu entsprechen scheint.
Ich habe deshalb, als im vorigen Jahre die Sache angeregt wurde,
erklren lassen, da die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern eine
antinationale sei, whrend diejenige des Herzogs von Montpensier nur
meiner Dynastie feindlich ist. So sehr ich daher," fuhr er fort, "an dem
einmal ausgesprochenen Prinzip festhalte, der spanischen Nation
gegenber, was ihre Entschlieungen fr die Zukunft betrifft, die
strengste Zurckhaltung zu beobachten, so habe ich doch auch nicht
verhehlt, da eine Candidatur des Prinzen von Hohenzollern auf eine
Zustimmung von Frankreich nicht zu rechnen habe. Seit jener Zeit," sagte
er, die Achseln zuckend, "habe ich nichts wieder davon gehrt, mglich,
da die Sache noch einmal wieder aufgenommen wird. Ich stehe noch auf
demselben Standpunkt wie damals und ich glaube nicht, da Frankreich
einen preuischen Prinzen auf dem spanischen Thron sich ruhig gefallen
lassen knnte."

"Sie wrden also," sagte die Kaiserin, "noch lieber Montpensier als den
Erbprinzen von Hohenzollern in Madrid regieren sehen?"

"Unbedingt," erwiderte der Kaiser mit festem Ton, "denn ich werde stets
die Interessen meiner Person und meines Hauses denjenigen Frankreichs
nachstellen."

"Nun," sagte die Kaiserin, "dann wird aus der Sache nichts werden, denn
ich glaube nicht, da Prim etwas thun wird, wovon er wei, da Sie es
nicht billigen."

"Ich habe keine Veranlassung gehabt," sagte der Kaiser, "ber diese
Frage mit Prim meine Gedanken auszutauschen, und es ist in der That
nicht nur eine Phrase, wenn ich versichere, dieser ganzen spanischen
Angelegenheit vllig fern bleiben zu wollen.--Sie wollen mich nicht zu
der Revue begleiten, die ich auf dem Carousselplatz abhalten will,"
sagte er abbrechend, "ich habe die Garde de Paris und die Pompiers,
auch eine Schwadron Seine-Gendarmerie zu der Truppenaufstellung
hinzugezogen. Es ist in dieser Zeit immer gut, wenn man auch diesen
Corps mglichst viel militairisches Gefhl einflt."

"Ich danke," erwiderte die Kaiserin, "ich habe verschiedene Audienzen zu
geben.

Au revoir," fgte sie hinzu, indem sie aufstand und ihrem Gemahl die
Wange reichte. "Ich wnsche Ihnen nochmals Glck, diesen heimlichen
Orleanisten aus Ihrem Rath entfernt zu haben."

Der Kaiser geleitete seine Gemahlin zur Thr und kehrte dann
nachdenklich und ernst in sein Zimmer zurck.

"Es geht etwas mit dieser spanischen Candidatur Hohenzollerns vor,"
flsterte er vor sich hin, "man mchte diesen Fall zu einer Kriegsfrage
zurecht machen--ich durchschaue das Alles sehr gut, man will sich
versichern, da ich mich wirklich einer solchen Candidatur ernstlich und
energisch widersetzen wrde, um in diesem Falle die Ereignisse danach
gestalten zu knnen. Ich lasse das Alles gehen," sagte er lchelnd,
"diese Candidatur des Prinzen Leopold, die man da so unvermuthet als
einen pltzlichen und unabwendbaren Kriegsfall vor mich hinstellen
mchte, kann mir vielleicht sehr gute Dienste leisten und mir die
Handhabe bieten, die ganze Lage der Dinge, ohne diese lrmende und
unsichere Entscheidung der Waffen zu meinen Gunsten zu gestalten. Ich
glaube nicht," sagte er nachdenklich, "da das Cabinet von Berlin oder
der Knig von Preuen auf diese Hohenzollernsche Candidatur einen
besondern Werth legen wird,--Benedetti glaubt, da der Graf Bismarck ihm
nicht seinen letzten und innersten Gedanken ausgesprochen habe,--mir
scheint, Benedetti tuscht sich, vielleicht mchte es eher dem
preuischen Stolz widerstreben, einen Prinzen, der in vielen Beziehungen
mit dem dortigen kniglichen Hause zusammenhngt, sich auf einen Weg
begeben zu sehen, der zu einem hnlichen Schicksal fhren kann, als es
den Herzog Maximilian in Mexico erreichte. Wenn diese Candidatur
wirklich eine ernste Form gewinnt, so wird die Gelegenheit da sein, ein
krftiges und volltnendes Wort zu sprechen und die Zurckziehung
derselben vor dem brigen Europa als einen moralischen Sieg ber
Deutschland und Preuen erscheinen zu lassen. Damit wird eine groe
Sache gewonnen sein--die Wiederherstellung des franzsischen
erschtterten Selbstgefhls und des Vertrauens in die berlegenheit der
kaiserlichen Regierung. Lassen wir also die Dinge immerhin gehen,--ich
glaube, sie gehen einen guten Weg, und ich werde dahin kommen, mich aus
allen Verlegenheiten, die mich umringen, ohne eine kriegerische
Entscheidung, welche ich in den Leiden meiner Krankheit mehr als je
vorher scheue--zu entziehen."

Der Huissier ffnete die Thr und meldete:

"Seine kaiserliche Hoheit der Prinz Napoleon."

Der Kaiser seufzte und zuckte unwillkrlich die Achseln mit einer Miene,
welche anzudeuten schien, da ihm dieser Besuch nicht allzu erfreulich
sei, indessen neigte er zustimmend den Kopf und ging mit freundlichem
Gru dem Prinzen die Hand reichend, seinem Vetter entgegen, welcher
raschen und unruhigen Schritts in das Cabinet trat.

"Ich bin erfreut, Dich zu sehen, mein lieber Vetter," sagte der Kaiser,
"indessen habe ich nur wenige Augenblicke, da die Truppen bereits auf
dem Carousselplatz aufgestellt sind und die Stunde der Revue geschlagen
hat."

Der Prinz Napoleon war eine eigenthmliche Erscheinung, welche man kaum
htte vergessen knnen, wenn man ihm einmal begegnet war. Sowohl in
seiner Figur, als in seinem olivenfarbenen scharf geschnittenen
bartlosen Gesicht mit dem kurzen schwarzen Haar zeigte er eine sehr
charakteristische hnlichkeit mit seinem groen kaiserlichen
Oheim;--whrend inde auf den Zgen des Letzteren jene edle, antik
klassische Ruhe lag, welche die Kpfe aus der groen Kaiserzeit des
alten Roms charakterisirt, whrend die Augen des weltbeherrschenden
Imperators tief sinnend vor sich hinblickten oder weltentzndende
zorngewaltige Blitze schleuderten,--lag in dem ganzen Wesen des Prinzen
eine zerfahrene Unruhe und fieberhafte Hast, welche mit dem antiken
Schnitt seines Gesichts durchaus nicht vereinbar schienen und seiner
ganzen Erscheinung den Ausdruck wohlthtiger Ruhe und Harmonie raubten;
seine Augen blickten unstt hin und her, seine Lippen zuckten in
fortwhrend bewegtem Mienenspiel, und in kurzen Zwischenrumen ffnete
sich sein Mund zu einem unwillkrlichen, krampfhaft nervsen Ghnen.
Auch seine Gestalt war strker und gedrungener als die des groen
Kaisers, und wenn er mit heftigen Gesticulationen seine Worte
begleitete, so brachten seine Bewegungen fast einen komischen Ausdruck
hervor.

Der Prinz trug einen schwarzen Civilmorgenanzug, einen hohen Cylinderhut
in der Hand, die groe Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch.

"Ich will Eure Majestt nur einen Augenblick aufhalten," sagte er, mit
einer gewissen rauhen Betonung die Worte hervorstoend, "es drngt mich,
von Eurer Majestt selbst zu hren, ob die Gerchte, welche die Stadt
zu durchlaufen beginnen, wahr sind. Eure Majestt," fuhr er fort,
"kennen die tiefe Ergebenheit, welche ich fr Sie hege als fr den Chef
meiner Familie und fr den liebevollen Freund meiner Jugend,--bei dieser
tiefen Ergebenheit mssen die Gerchte, welche so eben bis zu mir
gedrungen sind, mich mit tiefer Unruhe erfllen."

"Und welche Gerchte meinst Du," fragte der Kaiser ruhig und kalt, indem
er sich in seinen Lehnstuhl niederlie und den vollen Blick seines gro
geffneten Auges auf den Prinzen richtete, welcher vor ihm stehen blieb
und vor diesem scharfen forschenden Blick mit leichter Verlegenheit die
Augen zu Boden schlug.

"Ich meine das Gercht von dem Grafen Daru," sagte der Prinz rasch und
heftig, "ganz Paris spricht bereits davon. Man erzhlt, da Du," fuhr er
immer lebhafter fort, indem er die ceremonielle Haltung, welche er bei
seinem Eintritte angenommen hatte, verga,--"das Plebiscit unter allen
Umstnden durchfhren willst, und da deswegen Graf Daru, der in der
That nicht zu meinen Freunden gehrt, aber der dadurch in diesem
Augenblick populr werden wird, sich von den Geschften zurckziehen
will."

"Es handelt sich um keine Differenz zwischen dem Grafen Daru und mir,"
erwiderte der Kaiser. "Der Graf befindet sich in Meinungsverschiedenheit
mit Ollivier und den brigen Ministern, es ist eine vollstndig
constitutionelle Krisis," fgte er mit leichtem Lcheln hinzu, "in
welche ich einzugreifen auer Stande bin."

"Eine constitutionelle Krisis," rief der Prinz lebhaft, indem er laut
auflachte und dann die Hand einen Augenblick vor den Mund hielt, um
einen Ghnkrampf zu verbergen, der ihn erfate,--"eine Meinungsdifferenz
mit Ollivier? Hat denn dieser Ollivier," fuhr er fort, "eine Meinung,
die nicht die Deinige ist?--Doch darum handelt es sich nicht, es handelt
sich nicht um die augenblickliche Situation," sprach er rasch
weiter,--"ob Daru bleibt oder geht, ist mir in der That sehr
gleichgltig,--aber der Grund dieser Krisis--der Grund dieses
Plebiscits--was willst Du mit dem Plebiscit machen--wozu diese
fortwhrenden Revuen in einer Zeit, in welcher alle militairischen
Fragen so vollstndig in den Hintergrund treten,--Du hast einen Plan, Du
willst den Krieg, Du willst unter der Maske dieses Ollivier, unter dem
Schein des Constitutionalismus die Dictatur wieder herstellen, um
pltzlich hervorbrechen zu knnen und den europischen Staatsstreich,
wie man es nennt, auszufhren, oder vielleicht," fuhr er fort, indem
sein stechender Blick sich mit dem Ausdruck des Hasses und des Zorns
erfllte, "oder vielmehr Andere wollen dies. Man will Dich dahin
bringen, es auszufhren."

Der Kaiser hatte vllig unbeweglich ohne jeglichen Ausdruck auf seinem
Gesicht den heftigen Worten des Prinzen zugehrt, ein wenig auf die
Seite geneigt, lie er langsam die Spitzen seines Schnurrbarts durch die
Finger gleiten und sagte mit einem unendlich naiven Ton:

"Du glaubst?"

"Ja," rief der Prinz zornig, mit dem Fue stampfend, "ich glaube es und
ich glaube auch, da Du auf einen Weg gehst, der Frankreich, Dich und
uns Alle in's Verderben strzen wird,--wir knnen nicht schlagen,--ich
wei es,--man tuscht Dich,--Deine grosprechenden Generale, dieser
Leboeuf an der Spitze, glauben, da man mit Phrasen den Kampf gegen eine
so furchtbare Macht wie Preuen aufnehmen kann. Sie Alle haben gar keine
Idee von dem, was man zum Kriege nthig hat--selbst Niel wre nach
meiner berzeugung noch nicht fertig fr einen so gewaltigen Kampf, aber
diese--die Dich jetzt umgeben, haben das Werk Niels nicht nur nicht
fortgesetzt, sie haben es wieder zu Grunde gerichtet. Deine Armee ist in
Unordnung, die Festungen sind nicht im gehrigen Stand, die Magazine
sind nicht gefllt, die Organisation der Militairverwaltung ist mehr als
mangelhaft, und wenn Du Dich zu diesem Kriege hinreien lt, so wirst
Du,--ich wiederhole es--uns Alle zu Grunde richten."

Der Kaiser blieb fortwhrend unbeweglich.

"Ich begreife nicht, mein lieber Vetter, wie Du auf diese Idee
kommst,--es ist ja nicht die kleinste Wolke am politischen Himmel, und
es handelt sich ja in diesem Augenblick ganz ausschlielich nur um
innere Fragen. Was brigens unsere Armee und die Militairverwaltung
betrifft, so ist die Ansicht sehr bewhrter Generale eine andere als die
Deinige und," fgte er mit einem mehr gutmthigen als ironischen Lcheln
hinzu, "jenen steht vielleicht eine grere praktische Erfahrung als Dir
zur Seite."

"Es gehrt nicht eine allzu groe praktische Erfahrung dazu," erwiderte
der Prinz in entrstetem Ton, "um das zu sehen, was Jedermann sehen kann
und was man Dir allein mit Erfolg zu verbergen sucht, da Dein zu groes
Vertrauen Dich verhindert, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich bitte
Dich, untersuche wenigstens, bevor Du Dich zu gefhrlichen
Unternehmungen hinreien lt, genau den Zustand der Armee,--untersuche
ganz besonders den Zustand der Flotte, dieser ist noch bedenklicher als
der der Landtruppen."

"Mein liebes Kind," sagte der Kaiser in einem vterlichen freundlichen
Ton, "Du agitirst Dich ohne Grund, glaube mir, die Absichten, die Du
voraussetzest, bestehen nicht."

"Sie bestehen nicht?" rief der Prinz. "Sie bestehen vielleicht bei Dir
nicht, aber sie bestehen rings um Dich her, und man wird Dich so
umgarnen, man wird alle Verhltnisse so drehen und wenden, da Du
schlielich nicht anders knnen wirst, als die Plne derer auszufhren,
welche in ihrer Verblendung dazu bestimmt scheinen, Dich und uns Alle
in's Unglck zu strzen. Die Kaiserin--"

Der Kaiser stand auf; fr einen Augenblick schien er vollkommen Herr
ber die Schwche zu sein, welche seine Haltung gewhnlich unsicher und
schwankend erscheinen lie. Er richtete den Kopf hoch empor, seine Augen
ffneten sich weit und leuchteten im tiefen Glanz auf, aus seinen Zgen
strahlte eine wunderbare Hoheit und Ueberlegenheit, und mit einer
vollen, metallisch klingenden Stimme sprach er:

"Mein lieber Vetter, ich bin das Haupt unserer Familie und das erwhlte
Oberhaupt der franzsischen Nation, ich trage die Verantwortlichkeit fr
meine Entschlieungen und bin mir dieser Verantwortlichkeit vollkommen
bewut,--auf meine Entschlieungen aber hat Niemand Einflu, als die
ruhige Erwgung und die richtige Beurtheilung der Verhltnisse,
Niemand," wiederholte er mit strenger Betonung, "und auch kein Glied
meiner Familie--kein Glied derselben ohne Ausnahme."

Er schwieg einen Augenblick, dann fgte er mit milderem Ton hinzu, indem
er dem Prinzen die Hand reichte:

"Ich danke Dir fr Deine Theilnahme an dem Geschick Frankreichs und an
dem Meinigen und bin berzeugt, da, wenn ernstere Ereignisse eintreten
sollten, wozu in diesem Augenblick nicht die geringste Veranlassung
vorliegt, Du an dem Platz, an welchem ich Dich dann zu stellen
beschlieen werde, mit voller Hingebung und Selbstverleugnung Deine
Schuldigkeit thun wirst.

"Ich bin," sagte er mit hflichem, aber bestimmtem Ton, "bereit, mit Dir
in ruhigen Augenblicken diese Unterhaltung fortzusetzen; fr jetzt mu
ich Dich bitten, mich zu entschuldigen, denn die Stunde der angesagten
Revue ist bereits vorber, und Du weit, da selbst unser groer Oheim
den unumstlichen Grundsatz hatte, die Truppen niemals warten zu
lassen, sondern ihnen stets das Beispiel genauester Pnktlichkeit zu
geben."

"Du willst mich nicht hren," rief der Prinz heftig,--"Du kannst Dich
noch immer nicht gewhnen, in mir den reifen Mann zu sehen, Du glaubst
also den Fremden mehr--als mir, der ich Dir doch wahrlich am nchsten
stehe. Nun, ich werde nicht mde werden, auch auf die Gefahr hin, Dir zu
mifallen, bis zum letzten Augenblick Dir meine Meinung zu sagen."

"Und ich werde Dich immer mit Aufmerksamkeit und mit der alten Liebe
anhren, die ich Dir stets bewiesen habe," sagte der Kaiser, indem er
seinem Vetter die Hand reichte, "auf Wiedersehen!"

Der Prinz drckte die Hand des Kaisers so heftig, da dieser sie schnell
zurckzog. Seine Lippen ffneten sich, es schien, als wolle er noch
Etwas sagen, doch er verneigte sich nur schweigend und sich schnell
umwendend, strmte er aus dem Cabinet hinaus.

"Welch' ein unregelmiger Geist," sagte der Kaiser, ihm nachblickend,
"wie schade ist es um all' die vortrefflichen Eigenschaften, welche er
besitzt, um all' die groen Keime, welche unerschlossen in ihm ruhen
oder welche nach falscher Richtung hin sich entwickelt haben.--Was meine
Verwandten betrifft," sagte er dann mit einem halb ironischen, halb
wehmthigen Lcheln, "so knnten die Prinzen der ltesten und
legitimsten Dynastie ihrem Souverain kaum mehr Verlegenheit bereiten,
als meine Herren Vettern es mir thun,--dieser unglckliche Pierre, der
Victor Noir erschossen,--Murat, der diesen kleinen Lecomte
geprgelt--und dieser Napoleon, der seinen reichen Geist und seine
wirklich tiefen Kenntnisse nur dazu benutzt, um berall Verwirrungen zu
stiften,--vielleicht sollte ich strenge gegen ihn sein, ich sollte ihn
mehr fhlen lassen, da ich der Chef des Hauses und der Souverain
Frankreichs bin, denn zuweilen berschreitet er wirklich die Grenzen des
Erlaubten. Aber," sagte er, den Kopf sinnend auf die Brust senkend, "ich
habe eine Schwche fr ihn,--ich habe ihn ein wenig mit erzogen,--in
seinen Adern rollt das Blut des groen Kaisers, und dann--er ist der
Bruder dieser so edlen und so groherzigen Mathilde,--die unter Allen
meine treueste Freundin ist."

Er faltete die Hnde und blieb lngere Zeit in tiefem Sinnen stehen,
dann fuhr er auf, strich mit der Hand ber die Stirn, als wolle er
Bilder und Erinnerungen verscheuchen, die vor ihm aufgestiegen waren,
warf einen raschen Blick auf seine Uhr und begab sich schleunigst in
sein Toilettenzimmer.

Auf dem Carousselplatz innerhalb des groen Vierecks, welches die durch
den Kaiser vereinigten Palste der Tuilerien und des Louvre bildeten,
war eine Division Infanterie aufgestellt, darunter das zweite Regiment
der Grenadiere der Garde mit den gewaltigen Brenmtzen, welche man auf
den Schlachtenbildern des ersten Kaiserreichs erblickt und welche noch
bis zu jener Stunde den Stolz der alten Garde bildeten; die langbrtigen
Sappeurs mit ihren weien Schurzfellen, ihren hohen Stulphandschuhen und
ihren blitzenden Beilen an der Spitze der Bataillone--daneben acht
Batterien der Artillerie mit der an die deutschen Husaren erinnernden
Uniform, den Dolmans und Colpacks,--die Garde de Paris und die
Seine-Gendarmerie zu Pferde, welche fast unverndert die Uniform der
Grenadiere  Cheval des ersten Kaiserreichs trugen; neben diesen standen
die Pompiers, diese militairische Feuerwehr mit ihren blitzenden Helmen.

Eine groe Menschenmenge umringte, von den Sergeants de Ville
zurckgehalten, die Aufstellung der Truppen, deren Waffen im hellen
Sonnenschein blitzten.

Das alte Schlo der Tuilerien und alle diese Uniformen nach den Mustern
des ersten Kaiserreichs riefen lebhaft die Bilder der Vergangenheit in's
Gedchtni. Und als nun das Gitterthor an dem innern Hof der Tuilerien
sich ffnete, die zwei davor haltenden Krassierposten sich militairisch
empor richteten,--als die Suite der Adjutanten und Ordonnanzofficiere
vor dem Haupteingang des Palastes sich rangirten, die Reitknechte die
Pferde heranfhrten und der Marschall Canrobert, der in der
goldglnzenden Uniform mit den weien wallenden Federn auf dem
goldbordirten Hut, den Marschallstab in der Hand, von seiner Suite
umgeben, in der Mitte der Truppnenaufstellung hielt, sich in dem Sattel
aufrichtete und noch einen letzten Blick ber die in musterhafter
Haltung dastehenden Truppen warf, da htte man fast erwarten knnen, aus
dem groen Portal der Tuilerien heraus die kleine Gestalt des
welterobernden Csars mit dem ehernen Gesicht und dem leuchtenden
Feldherrnblick hervortreten zu sehen, um wie an dem Tage der groen
Vergangenheit seine Soldaten zu mustern, welche die Adler Frankreichs
siegreich nach allen Hauptstdten Europa's getragen hatten.--

Die Stallknechte fhrten das schne weie Leibpferd des Kaisers vor das
Portal.

Etwas unsichern Ganges erschien Napoleon III. in der
Generallieutenants-Uniform, das groe rothe Band der Ehrenlegion ber
der Brust. Die Hinflligkeit seiner Gestalt, die krankhafte Schlaffheit
seiner Gesichtszge waren in der militairischen Kleidung noch sichtbarer
und aufflliger, als im Civilanzug. Er setzte den Fu in den Bgel und
langsam, mit einer gewissen Anstrengung hob er sich in den Sattel
hinauf. Ein Augenblick zuckte es wie stechender Schmerz durch sein
Gesicht, dann nahm er wie mit lebhafter Willensanstrengung eine feste
Haltung an; und selbst jetzt, trotz seiner von Alter und Krankheit
gebrochenen Kraft konnte man doch noch eine Spur jener Leichtigkeit und
Sicherheit erkennen, welche ihn einst zu einem der besten Reiter
Europa's gemacht hatten.

Die ganze glnzende militairische Suite des Kaisers, welche ihn zu
Fu erwartet hatte, sa in demselben Augenblick, in welchem der
Kaiser in den Sattel gestiegen war, zu Pferde. Hundert Garden
mit den goldglnzenden antiken Helmen und den blauen gold- und
scharlachschimmernden Uniformen sprengten vor; und langsam ritt der
Kaiser durch das Gitterthor der Truppenaufstellung entgegen.

Marschall Canrobert und sein Stab sprengten heran, der Marschall grte
mit dem Stabe und erhob denselben dann, indem er sich nach den Truppen
hinwandte; in demselben Augenblick begannen die smmtlichen Musikkorps
jene einfache Melodie zu spielen, welche die schne Hortense Beauharnais
einst fr die alte Romanze "partant pour la Syrie" componirt hatte, die
man zu jener Zeit nicht auf den jeune et beau Dunois, sondern auf den
vom ersten glnzenden Strahl seines Ruhmes beleuchteten Feldherrn bezog,
der spter die Krone Karl des Groen auf sein Haupt zu setzen bestimmt
war. Zu gleicher Zeit brauste in donnerndem Ruf das "Vive l'empereur"
von allen Truppenabtheilungen herber.

Der Kaiser nahm den Hut ab, und sein Blick flog ber diese blitzenden
Geschtze, ber diese khn blickenden Mnner, ber diese schnaubenden
Pferde hin--ein Augenblick frbte ein leichtes Roth seine Zge, seine
Augen leuchteten auf, fester richtete er sich im Sattel empor; da fiel
sein Blick auf die Menge, welche sich bis dicht an die Truppen
herangedrngt hatte und am Eingang des Gitterthors hchstens zehn
Schritt von ihm entfernt war.

In der ersten Reihe der Zuschauer sah er eine lange, hagere Gestalt
stehen, in zerrissene Lumpen gehllt, das Haupt, welches aus diesen
Lumpen hervorragte, war unbedeckt, sein dunkles Haar hing ungeordnet um
die Schlfen herab; unter der vorspringenden niedrigen Stirn blickten
dunkle tief liegende Augen hervor, eine lange, weit vorspringende Nase,
tief eingesunkene Wangen und ein struppiger Bart gaben diesem Gesicht
etwas Fanatisches und Krankhaftes.

Der Blick des Kaisers wurde unwillkrlich durch diese Erscheinung
gefesselt, denn der Mann, der da unbeweglich stand, sah ihn mit einer
Gluth so wilden und unvershnlichen Hasses an, da der Kaiser
zusammenschauerte. Er wandte sich einen Augenblick um, als wolle er
einen Befehl geben, dann blickte er wieder auf jenen Mann hin, dessen
beide Hnde frei waren und der ohne jede Bewegung starr wie eine
Bildsule da stand,--noch einmal erhob sich gewaltig und weithin ber
den Platz schallend das "Vive l'empereur" der Truppen.

Dann trat eine augenblickliche tiefe Stille ein, der Marschall Canrobert
sprengte an die Seite des Kaisers, um ihn beim Heranreiten der Fronte zu
begleiten.

Napoleon gab seinem Pferde einen leichten Schenkeldruck, indem er noch
einmal wie fascinirt nach jenem in Lumpen gehllten Mann hinsah.

Da trat dieser Mann pltzlich einige Schritte vor, immer die Augen voll
grimmigen fanatischen Hasses auf den Kaiser gerichtet. Er erhob die Arme
nicht, er machte keine Bewegung, aber mit einer lauten, gellenden
Stimme, welche schaurig durch die augenblickliche Stille, die dem lauten
Rufen der Truppen gefolgt war, ber den Hof hinschallte, rief er mehrere
Male hinter einander:

"Nach Cayenne! Nach Cayenne!"

Napoleon parirte sein Pferd, die ganze Suite hielt an, ein Ruf des
Entsetzens ertnte aus der nchsten Umgebung des Kaisers. Verschiedene
Officiere waren im Augenblick vom Pferde gesprungen und hatten im Verein
mit einer groen Anzahl von Sergeants de Ville und Polizeibeamten in
Civil, welche im Nu aus der Menge der Zuschauer hervorbrachen, den
Unbekannten umringt und festgenommen.

Er machte keine Miene des Widerstands und lie sich, nachdem er noch
einmal einen Blick tiefen und unvershnlichen Hasses auf den Kaiser
geworfen, nach dem Erdgescho der Tuilerien hinfhren.

Napoleon hatte schnell mit der ihm stets eigenen Selbstbeherrschung
seine Ruhe wiedergefunden.

"Ein armer Wahnsinniger," sagte er lchelnd zu dem Marschall Canrobert
gewendet, und in kurzem Galopp sprengte er, von seiner glnzenden Suite
gefolgt nach dem Flgel der Truppenaufstellung; langsam ritt er dann
die Reihen hinunter, und noch enthusiastischer als vorher wurde er
berall mit jubelnden Zurufen begrt.

Er schien aus seiner frheren gleichgltigen Lethargie erwacht zu sein,
und mit stolzem festem Blick sah er diese herrlichen Truppen an, die ihm
so laut und freudig ihre Ergebenheit beweisen wollten. Lchelnd machte
er dem Marschall seine Complimente ber die Haltung der Truppen, dann
sprengte er zurck, nahm eine Aufstellung vor dem Gitterthor--seiner
Suite weit voran, und indem er einen scharfen, festen, herausfordernden
Blick auf die herandrngende Menge warf, gab er das Zeichen zum Beginn
des Vorbeimarsches. Whrend die einzelnen Regimenter vor ihm
vorbeidefilirten, nach franzsischer Sitte als Zeichen ihrer
begeisterten Huldigung die Kopfbedeckungen an der Spitze ihrer Waffen
schwingend, ertnte von Neuem immer und immer wieder der alte Ruf "Vive
l'empereur", welcher schon so oft und in groen Augenblicken von diesen
altersgrauen Mauern wiederhallt war an derselben Stelle, wo die
sterbenden Diener des versinkenden Knigthums zum letzten Male "Vive le
roi" gerufen hatten, und wo bereits zwei Mal eine wilde blutige Masse
ihr "Vive la Republique" geheult hatte.

Die Revue war beendet, der Kaiser dankte dem Marschall und den
Officieren, ritt langsam zum Portal zurck, stieg ab und begab sich,
sein Gefolge freundlich mit der Hand grend, nach seinem Cabinet
zurck.

Hier angekommen warf er sich erschpft in seinen Lehnstuhl, die stolze
und feste Haltung, welche er den Truppen gegenber beobachtet hatte,
verschwand, krperlicher Schmerz und tiefe Niedergeschlagenheit zeigte
sich in seinen schlaffen, zusammensinkenden Gesichtszgen.

"Ist der Polizeiprfect hier?" fragte er den Kammerdiener, welcher ihm
Hut und Handschuhe abnahm.

"Er befindet sich in einem Zimmer des Erdgeschosses und verhrt den
Elenden, welcher es gewagt, Eure Majestt zu insultiren."

"Ich lasse ihn bitten, sogleich zu mir zu kommen."

Er sank in sich zusammen und erwartete schweigend die Ankunft des Chefs
der Polizei.

Nach kurzer Zeit trat Herr Pietri in das Zimmer. Dieser Leiter der weit
ausgedehnten Polizei von Paris war eine schmchtige schlanke Gestalt,
geschmeidig und biegsam,--sein Kopf mit der weit vorspringenden, stark
gewlbten Stirn war oberhalb spitz emporspringend, das dnne dunkle Haar
lag auf den Schdel glatt an und bildete zur Seite der tief
eingefallenen Schlfen zwei kleine, etwas abstehende Locken. Die
Backenknochen standen stark hervor, die Augen lagen so tief zurck, da
der scharfe stechende Blick wie aus dunklen Schatten hervorblitzte; die
stark gebogene Nase hing weit raubvogelartig gekrmmt ber den von einem
langen schwarzen Schnurrbart verdeckten Mund herab. Der ganze Eindruck
dieses eigenthmlichen, gelb gefrbten Gesichts war ernst, kalt und
finster.

"Was fr ein Mensch ist das?" fragte Napoleon mit leichtem Kopfnicken
den Gru des Polizeichefs erwidernd.

"Er heit Lezurier," erwiderte Pietri. "Trotz der Lumpen, in welche er
gehllt war," fuhr er fort, "fand man bei ihm eine Brse mit elftausend
Francs in Gold, drei Staatsrentenbriefe ber dreiigtausend Francs
jhrlicher Rente und ein Dolchmesser. Man hat sofort seine Wohnung
ermittelt, und soeben berichtet man mir, da bei der ersten Nachsuchung
eine Menge von Waffen dort entdeckt worden ist, Keulen, Sbel, Lanzen,
Revolver, Todtschlger, Dolche, Bayonette und Stockdegen, auerdem fand
man in einem alten Pult noch sechzigtausend Francs in Gold. Seine ganze
Behausung ist hchst rmlich, er a bei einem Lumpensammler in der
unmittelbaren Nachbarschaft, bezahlte demselben monatlich dreiig
Francs."

"Rthselhaft," sagte der Kaiser tief nachdenkend. "Und was hat er
bezweckt? Was war der Grund seiner Handlung?"

"Er setzt allen Fragen ein hartnckiges Schweigen entgegen," erwiderte
Pietri.

Ein rascher Entschlu blitzte im Auge des Kaisers auf.

"Fhren Sie ihn her, ich will ihn sehen," sprach er,--"ich will ihn
selber fragen."

"Sire," sagte Pietri fast erschrocken, "Eure Majestt wollen--"

"Er konnte mir doch in der That," sagte der Kaiser, "drauen auf dem
Tuilerienhof gefhrlicher werden, als hier in meinem Zimmer, nachdem man
ihm alle Mittel zu schaden abgenommen hat. Fhren Sie ihn mir hierher,
aber kommen Sie allein mit ihm, lassen Sie keinen untergeordneten
Beamten mit eintreten. Wir werden uns ja wohl gegen ihn verteidigen
knnen," fgte er lchelnd hinzu.

Pietri verneigte sich und ging hinaus. Nach einigen Augenblicken kehrte
er zurck--ihm folgte, von zwei Polizeibeamten bis zur Thr gefhrt,
der rthselhafte Unbekannte.

Derselbe trat ruhigen und festen Schrittes ein und blieb in einiger
Entfernung von der Thr stehen. Sein Anblick war erschreckend, die
ohnehin schon zerfetzten Lumpen, die ihn einhllten, waren bei seiner
Arretirung noch mehr zerrissen und hingen in fast formlosen Stcken um
seinen Krper her, von einem Schlage, den er erhalten, hatte seine Nase
geblutet, auch hatte er eine nicht unbedeutende Wunde an der Stirn
erhalten, sein Gesicht war mit Blut befleckt und seine Haare klebten an
den Schlfen mit Blut und Staub fest, er war noch bleicher als vorher
und seine unheimlich glhenden Augen blickten mit demselben tiefen und
unvershnlichen Ha zu dem Kaiser hinber.

Napoleon sah diesen Mann lange schweigend an, die Schleier, welche fast
immer seine Augen verhllten, waren verschwunden, voll und frei ruhte
sein forschender Blick auf der Gestalt des Gefangenen, doch fand der
grimmige Ausdruck des Hasses, welcher dessen Zge erfllte, in den Augen
des Kaisers keine Erwiderung. Er sah diesen Mann mit einer Mischung von
Verwunderung und wehmthiger Trauer an.

"Sie haben," fragte Napoleon endlich mit sanfter Stimme, "so eben in
dem Hof der Tuilerien einen Ruf ausgestoen, den man als eine feindliche
Demonstration gegen mich deutet. Ich wnsche von Ihnen selbst zu
erfahren, was Sie dabei bezweckt haben, ob es wirklich Ihre Absicht war,
den Souverain Ihres Landes, welchen die groe Majoritt der Brger
Frankreichs auf den Thron berufen, zu beleidigen? Warum haben Sie den
Ruf ausgestoen "nach Cayenne?"

Lezurier machte keine Bewegung, nur wurde die zornige Gluth seines auf
den Kaiser gerichteten Blickes noch wilder und intensiver, und mit einer
heisern, aber scharf und deutlich die Worte betonenden Stimme sprach er:

"Ich habe das Geschrei der Soldaten gehrt, welche vive l'empereur
riefen, da erfate mich ein unbezhmbarer Zorn, und mein ganzes Wesen
loderte auf in wilder Wuth, als ich Denjenigen jubelnd begren hrte,
dessen Verbrechen gegen Frankreich und seine Freiheit ihn zu jenem
todtbringenden Exil htten verurtheilen mssen, in welches er so viele
Mrtyrer der heiligen Sache des Volkes geschickt hat--nach Cayenne!"

Der Kaiser sah den Mann gro an und schttelte langsam mit einem fast
mitleidigen Lcheln den Kopf.

"Man hat ein Messer bei Ihnen gefunden," sagte er, "und ein kleines
Waffenarsenal in Ihrer Wohnung. Hatten Sie die Absicht, mich zu tdten?"

"Nein," erwiderte Lezurier, "diese Absicht hatte ich nicht. Ich war nur
auf den Tuilerienhof gekommen, um meinen heiligen Ha durch den Anblick
des Tyrannen zu krftigen. Die Sache des Volkes bedarf des Meuchelmordes
nicht, welcher wohl den Tyrannen tdten, aber nicht die Tyrannei
vernichten wrde."

"Wozu also diese Waffen?" fragte der Kaiser--"auerdem," fgte er hinzu,
"hat man viel Geld bei Ihnen gefunden, und doch sind Sie in Lumpen
gekleidet."

"Ich habe mein Vermgen und mich," erwiderte Lezurier immer in demselben
Ton, "der Sache des Volkes gewidmet, fr mich will ich nur brig
behalten, was zur nothdrftigsten Ernhrung und Bekleidung meines
Krpers unerllich ist. Alles Uebrige war bestimmt, bei der groen
Erhebung des Volkes verwendet zu werden, welche sich vorbereitet, welche
kommen wird und welche Sie herabschleudern wird in den Abgrund, aus
welchem Sie heraufgestiegen."

"Warum haben Sie denn," fragte der Kaiser weiter, "den Ruf ausgestoen,
der Sie den Gesetzen berliefert und alle Ihre Vorbereitungen erfolglos
macht?"

"Ich habe es gethan," erwiderte Lezurier, "weil die augenblickliche
Entrstung mich bermannte, weil eine blutige Wolke meinen Blick
verdunkelte, weil ich nicht mehr Herr meiner selbst war. Ich bereue es,
da ich es gethan, weil ich meine Kraft und meine Mittel dadurch fr den
groen heiligen Kampf gehemmt habe, der aber," fuhr er fort, "dessen
ungeachtet begonnen und siegreich durchgefhrt werden wird. Ein
Einzelner mehr oder weniger in der Phalanx des Volkes kann auf den
Erfolg keinen Einflu haben."

"Sie sind nicht, was Sie scheinen," erwiderte der Kaiser, "Ihre Worte
sprechen von hherer Bildung, als Ihre Kleidung vermuthen lt."

"Je hher mein Geist gebildet ist," erwiderte Lezurier, "um so mehr mu
ich das Elend Frankreichs erkennen und die Mittel zu seiner Beseitigung
suchen. Je reiner meine Gesinnungen sind und je fester mein Charakter
sich entwickelt hat, mit um so hherer Begeisterung mu ich meine ganze
Existenz fr die Freiheit Frankreichs einsetzen,--um so glhender mu
ich Denjenigen hassen, welcher diese Freiheit verrtherisch geknechtet
hat."

"Wenn Sie mich hassen," sagte der Kaiser mit einer sanften, fast
weichen Stimme, "so knnen Sie mich doch nicht fr klein halten, Sie
wrden mir sonst nicht sagen, was Sie so eben ausgesprochen."

"Mein unbesonnener Ruf," erwiderte Lezurier, "hat mich ohnehin in Ihre
Hnde geliefert und meine Theilnahme am Kampf der Zukunft beinahe
unmglich gemacht, ich kann mir also die Genugthuung gewhren, dem
Tyrannen in's Gesicht zu sagen, was ich von ihm denke. Er hat ja doch
nur die Macht," fgte er mit verchtlichem Achselzucken hinzu, "diesen
Krper zu vernichten, diese Form zu zerbrechen, in welcher ein kleiner
Theil jenes Geistes eingeschlossen ist, der im gewaltigen
unwiderstehlichen Flug die Trmmer seines Thrones fortreien wird in die
Abgrnde der ewigen Vernichtung!"

"Und was wollten Sie mit jenen Waffen machen," fragte der Kaiser,
"welche Sie in Ihrer Wohnung aufgesammelt haben, mit jenem Gelde,
welches Sie dort aufbewahrten?"

"Die Waffen wollte ich am Tage der groen Erhebung allen Denen in die
Hand drcken," erwiderte Lezurier, "welchen ich begegnen wrde, deren
Arm noch nicht bewehrt wre, um dem Zorn und dem Ha ihres Herzens
Nachdruck zu geben. Mit dem Gelde wollte ich die Kmpfer ernhren und
die Verwundeten pflegen."

"Stehen Sie mit Andern in Verbindung?" fragte der Kaiser weiter.

Ein finsterer Hohn zuckte um die Lippen Lezurier's.

"Sie sind gewhnt," erwiderte er, "den Verrath zu erkaufen. Aber," fuhr
er fort, "ich habe Nichts zu verrathen, und was ich wei, kann ich laut
aussprechen, ohne irgend Jemanden in die Hnde Ihrer Hscher zu liefern.
Mein Verbndeter ist das Volk von Frankreich in seiner groen Mehrheit,
das denkt und fhlt wie ich, das aber vielleicht nicht immer und nicht
berall dieselbe Energie und Thatkraft hat, welche ich angewandt haben
wrde zur Erreichung des groen Ziels--zur Befreiung des Vaterlandes!"

"Sie haben mich beleidigt," sagte der Kaiser, "dafr sind Sie dem Gesetz
verfallen, doch liegt in meinen Hnden das schne Recht der Gnade, und
ich mache Gebrauch davon, indem ich Ihnen die Beleidigung verzeihe,
welche Sie gegen mich ausgestoen. Derjenige," sprach er stolz den Kopf
erhebend, "den die groe Mehrzahl seiner Nation vertrauensvoll auf den
Thron berufen, kann die Beleidigung eines Einzelnen leicht vergeben.
Aber Sie haben Vorbereitungen getroffen," fuhr er fort, "um nicht mir
allein zu schaden, sondern um die Staatsordnung, welche die franzsische
Nation sich in freier Entschlieung gegeben, zu zerstren. Wollen Sie
sich verpflichten, in Paris unter den Augen der Sicherheitsbehrde ruhig
zu leben, so will ich Ihnen Ihre Freiheit schenken und Ihnen auch das
verzeihen, was Sie gegen den Staat und gegen die ffentliche Ordnung
gethan und beabsichtigt haben. Wollen Sie mir das versprechen?" fgte er
fast in bittendem Ton hinzu.

"Nein," erwiderte Lezurier kalt und starr, "ich will Sie nicht
betrgen,--ich will nicht," fgte er mit bitterem Hohn hinzu, "in Ihre
kaiserliche Prrogative der Lge eingreifen, ich wrde vom ersten
Augenblick an meine ganze Kraft, mein ganzes Denken wiederum darauf
richten, die groe Revolution zu frdern und herbei zu fhren, welche
bestimmt ist, Ihre Herrschaft zu zertrmmern."

"Dann," erwiderte der Kaiser, "kann ich Nichts fr Sie thun, und der
Ruf, den Sie ausgestoen, wird Ihr Urtheil sein."

Lezurier schwieg, ohne eine Bewegung zu machen, ohne eine Miene seines
Gesichts zu verndern.

"Ich wnsche nicht," sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken, "da
irgend Jemand anders durch Sie leidet. Das Vermgen, welches Sie in
wahnsinniger Verblendung zum Kampf gegen den Staat und die Gesellschaft
bestimmten, soll Ihrer Familie zurckgegeben werden. Haben Sie
Angehrige?"

Die Zge des Gefangenen verzerrten sich im dmonischen Ha.

"Ich hatte ein Weib," sagte er, "sie ist lange todt und hinterlie mir
einen Sohn. Dieser Sohn und ein Bruder, jnger als ich, bildeten meine
ganze Familie. Beide sind gefallen auf den Barrikaden unter den
Karttschenkugeln, welche die Bahn ffneten fr den blutigen Triumphzug
Ihrer kaiserlichen Herrlichkeit."

Die Zge des Kaisers nahmen einen Ausdruck unendlicher Weichheit und
Milde an, seine gro geffneten Augen schimmerten im feuchten Glanz, er
sttzte einen Augenblick den Kopf in die Hand und seufzte tief auf, dann
blickte er noch einmal voll mitleidiger Theilnahme auf diese in Lumpen
gehllte Gestalt, auf dieses blutbefleckte bleiche Gesicht und sagte.

"Ich habe versucht, was ich versuchen konnte, um Bses mit Gutem zu
vergelten, Sie haben Alles zurckgewiesen und fr das Schicksal, das
Ihnen bevorsteht, werden Sie mir keinen Vorwurf zu machen haben."

Er winkte mit der Hand. Pietri ffnete die Thr und bergab den
Gefangenen den beiden Polizeibeamten, zwischen denen derselbe hoch
aufgerichtet mit festem Schritt das Cabinet verlie.

"Welches Urtheil erwartet ihn?" fragte der Kaiser.

"Die Deportation," erwiderte Pietri.

"Man soll ihn mit Milde behandeln," sagte Napoleon, "und auch sein Exil,
wenn er zu demselben verurtheilt wird, so schonend als mglich
einrichten,--er ist krank,--er _mu_ krank sein,--ein gesunder Geist
kann einen solchen Ha nicht entwickeln. Besorgen Sie, da er rztlich
untersucht wird."

Er winkte entlassend mit der Hand, mit tiefer Verbeugung zog sich der
Polizeiprfect zurck.

Der Kaiser sa lange in tiefem, finsterm Schweigen versunken.

"Ist es wahr," sagte er endlich mit dumpfem Ton, "ist wirklich die Masse
des Volks von Frankreich der Verbndete dieses Rasenden,--mte ich
wirklich um dieses aus der Tiefe herauf ghrenden Hasses Herr zu werden,
von Neuem meinen kaiserlichen Purpur in Blut tauchen? Wre es da nicht
besser, wie jener alte Rmer sich selbst in den Abgrund zu strzen zur
Vershnung des Schicksals, als diesen Abgrund mit Hekatomben von
Menschenopfern zu fllen,--ist die Gestalt dieses Mannes der mahnende
Geist, den das Verhngni vor mir ansteigen lie, wie es einst bei
Philippi dem trumenden Brutus jene drohende Erscheinung sandte? Oh,"
rief er, die Hnde faltend und den Blick nach oben richtend, "gieb mir
Licht in diesem Dunkel, Du groe Vorsehung, welche mich auf so
wunderbaren Wegen bis hierher gefhrt hat,--gieb mir Kraft," fgte er
mit tief schmerzlichem Ausdruck hinzu,--"denn wo die Kraft ist, da ist
das Licht,--meine Kraft aber versiegt und zerbricht,--und hher und
hher steigt die Dunkelheit herauf, welche meinem Geist das klare
Erkennen raubt."

Er sank in sich zusammen und blieb wie gebrochen in seinem Lehnstuhl
sitzen.




Achtes Capitel.


Einige Meilen unterhalb Hannovers fast hart an dem Ufer der Leine
liegt das Dorf Bodenfeld.

Der Ort im flachen Lande inmitten reicher Wiesen und ppigen
Fruchtfeldern gelegen, bietet nur wenig Naturschnheiten und besteht aus
geschlossenen Gehften, welche, in einiger Entfernung von einander
bestehend, unregelmige, aber gut und sauber gehaltene Straen bilden,
die von der Wohlhabenheit und dem Ordnungssinn der Bevlkerung zeugen.

Trotz der verhltnimig geringen Einwohnerzahl bietet Bodenfeld sowohl
wegen seiner Lage, als wegen des Reichthums und des ausgedehnten
Grundbesitzes seiner Bewohner den Mittelpunkt der Gegend.

Es hatte eine groe und schne Kirche mit einem stattlichen, von einem
freundlichen Garten umgebenen Pfarrhause; daneben in einiger Entfernung
von der Kirche lag das weite und gerumige Amthaus; denn man hatte auch
den Amtssitz bei der neuen Verwaltungsorganisation hierher gelegt, um
den Eingesessenen bequemere Gelegenheit zu geben, den Mittelpunkt der
Localverwaltung zu erreichen.

Die Huser der Bauerngehfte zeugten alle von Wohlhabenheit, groe
Viehstlle umgaben sie, und ihre Eigenthmer, obwohl in die
eigenthmliche Tracht des Landes gekleidet und nach alter einfacher
Sitte lebend, wrden doch nach der Ausdehnung ihrer Lndereien, nach der
Zahl ihrer Gespanne und ihres Viehstandes, nach der Menge der von ihnen
beschftigten Knechte und Arbeiter in andern Gegenden kaum noch fr
Bauern gegolten haben.

Ein kleiner Hof am Ende des Dorfes stach ein wenig gegen die brigen
reichen Besitzungen ab.

In der Mitte einer fast im regelmigen Viereck sich ausdehnenden
Feldmark lag ein kleines, einfaches Haus, daneben ein sauber gehaltener
Obstgarten, eine Allee von Obstbumen fhrte von dem Hause durch das
Feld hin zu der in einiger Entfernung vorberziehenden Landstrae.

Auf der andern Seite des Wohngebudes lag ein kleiner Hof, von Stllen
umgeben, ein Taubenschlag in der Mitte; in den Stllen standen drei
sauber gepflegte Khe, zwei Zug Ochsen und zwei jener starken krftigen
Pferde, an welchen das hannversche Land so reich ist; den reinlichen,
mit gelbem Sand bestreuten Hof belebte zahlreiches und vortrefflich
gehaltenes Federvieh; hinter den glnzenden, blank geputzten Scheiben
der kleinen Fenster sah man einfache, aber blendend weie Gardinen,
blhender Geranium leuchtete im dunklen Roth durch die Scheiben; kurz
Alles trug den Stempel von Wohlhabenheit, Ordnung und Behaglichkeit; und
wenn auch dieser kleine Hof an Ausdehnung hinter den brigen Besitzungen
des Dorfes erheblich zurckstand, so zeichnete er sich doch vor allen
Uebrigen durch eine beinahe bis zur Eleganz gehende Zierlichkeit und
Sauberkeit aus.

An einem schnen Aprilabend saen in den Wohnzimmern des kleinen Hauses,
dessen einfache Einrichtung aus einem groen eichenen Tisch, einigen
Sthlen mit starkem Rohrgeflecht und zwei jener alten mchtigen, mit
braunem Leder berzogenen Lehnsthlen bestand und dessen Wnde ebenfalls
mit schwarz gewordenem Eichenholz bekleidet waren, ein alter Mann und
eine alte Frau neben einander. Jede von Ihnen hatte einen der groen
Lehnsthle eingenommen, und sie schienen sich nach der Arbeit des Tages
jener tiefen, anmuthenden Ruhe zu erfreuen, welche auf dem Lande mit der
Feierabendstunde das husliche Leben mit einem fast sonntglichen
Frieden umgiebt.

Der Mann war ein hoher Sechziger, krftig und markig gebaut, das weie
dichte Haar hing lang an den Schlfen herunter, sein scharf markirtes,
von fester Willenskraft zeugendes Gesicht war glatt rasirt, und aus
seinen groen klaren Augen blickte neben dem klugen, beinahe listigen
Verstand, der den Bauern jener Gegenden eigenthmlich ist, auch eine
tiefe Weiche und Milde heraus.

Er trug einen Faltenrock von dunkler Farbe, den Hemdkragen ber dem
Halstuch von schwerer schwarzer Seide hervorgezogen und hohe Stiefel bis
zu den Knieen und war beschftigt, durch eine silberne Brille mit
groen, runden Glsern die Zeitung zu lesen, welche der Landpostbote vor
Kurzem gebracht hatte.

Die alte Frau, welche in dem andern Lehnstuhl neben ihm sa, schien
lter zu sein, als er. Ihre Haltung war etwas zusammengesunken und
gebrechlich, ihr blasses Gesicht mit den sanft und weich, beinahe
traurig blickenden Augen war mager und krnklich, ihr fast weies, glatt
gescheiteltes Haar war unter einer groen weien Haube mit breitem
Strich und unter dem Kinn zusammengebundenen Bndern fast ganz
verborgen.

Sie trug einen glatt anliegenden, schwarzen Rock und ein groes,
schwarzes Seidentuch um Brust und Schultern und war beschftigt, nachdem
sie das Federvieh, dem sie ihre besondere Sorgfalt widmete, besorgt
hatte, mit langen starken Nadeln einen groen Strumpf zu stricken, wobei
sie leise zhlend die Lippen bewegte.

Der Mann war der Eigenthmer des Hofes, der alte Bauer Niemeyer, welcher
ohne Kinder in seiner schnen, kleinen Besitzung lebte; die Frau neben
ihm war seine Schwester, die Wittwe des lang verstorbenen Unterofficiers
Cappei, welche nach dem Tode ihres Mannes mit einer kleinen
Wittwenpension aus der englischen Legionskasse und mit ihrem einzigen
Sohn ein Asyl bei ihrem Bruder gefunden hatte und bei demselben die
Stelle der Hausfrau vertrat.

Das Jahr 1866 hatte in den kleinen Familienkreis tief und schneidend
eingegriffen. Der junge Cappei, welcher den Feldzug jenes Jahres in der
hannverschen Armee mitgemacht hatte und dann zu seinem Oheim und zu
seiner Mutter zurckgekehrt war, um seinem Oheim in der Bewirtschaftung
des Hofes, der zu seinem einstigen Erbtheil bestimmt war, Beistand zu
leisten, hatte sich voll Begeisterung fr die Sache des Knigs Georg
und fortgerissen von der Bewegung, welche beim Beginn des Jahres 1867
unter den jungen Leuten jener Gegend herrschte, der Emigration
angeschlossen, und seit jener Zeit lebten die beiden Alten wieder einsam
in dem kleinen Hause, eifrig und sorgfltig die Wirthschaftsgeschfte
besorgend, aber traurig, des fernen Sohnes und Neffen gedenkend, dessen
Abwesenheit alle ihre Hoffnungen fr die Zukunft in Frage stellte.

Sie hatten nur seltene und wenig ausfhrliche Nachrichten von ihm
erhalten, denn die Emigranten scheuten sich eingehend nach ihrer Heimath
zu schreiben aus Furcht, ihre Angehrigen in Verwickelung mit den
Behrden zu bringen, und so waren die beiden alten Leute darauf
angewiesen, die Zeitung, welche sie seit jener Zeit hielten, zu
durchforschen, um irgend etwas ber die Legion zu erfahren.

Aber auch diese Nachrichten waren nur sehr sprlich und unklar gewesen
und hatten sie oft recht traurig gestimmt, wenn sie von den
unglcklichen Verhltnissen lasen, in welchen nach einzelnen
Mittheilungen aus Frankreich die Emigranten dort leben sollten.

Die alte Mutter Cappei glaubte fest an die Versicherung, welche ihr Sohn
ihr beim Abschied gegeben, da er siegreich mit allen seinen Kameraden
den Knig in der Mitte wieder in die Heimath zurckkehren werde.

Ihr Bruder hatte tiefes Mitrauen in diese Hoffnungen, er hing zwar mit
zher und liebevoller Anhnglichkeit an den alten Verhltnissen, aber
sein scharfer und practischer Verstand lie ihn wenig an eine
Mglichkeit der Wiederkehr derselben glauben.

Es war dies ein Punkt, ber welchen die beiden alten Leute, welche sonst
in so inniger und liebevoller Einigkeit miteinander lebten, hufig in
lebhaften Wortwechsel geriethen.

Der alte Niemeyer war sehr unzufrieden mit der Emigration seines Neffen
und wurde nicht mde, in seine Schwester zu dringen, da sie mit ihm
gemeinsam dem jungen Menschen den kategorischen Befehl schicken mge,
wieder in die Heimath zurckzukehren.

Doch dazu konnte sich die alte Frau, so tiefen Schmerz sie ber die
Abwesenheit ihres einzigen Kindes empfand, nicht entschlieen. Es
erfllte sie mit hohem Stolz, da ihr Sohn "in des Knigs Legion
diente", wie es ja auch ihr verstorbener Mann einst gethan zur Zeit der
Occupation Hannovers im Anfang dieses Jahrhunderts, und trotz aller
Mhe, die sich ihr Bruder gab, gelang es ihm nicht, sie zu berzeugen,
da die damaligen Verhltnisse und die damalige Legion, welche der
mchtige Knig von England aus seinen hannverschen Unterthanen
gebildet, etwas ganz anderes sei, als die Emigration, welche heute ihrem
verbannten, machtlosen Knig in das Exil gefolgt war; sie war berzeugt,
da es wieder anders werden msse, wie es damals anders geworden war,
und da ihr Sohn einst siegreich wiederkehren werde, belohnt und
ausgezeichnet von dem Knig, dem er so treu geblieben--und ihn dieser
glnzenden Zukunft zu entziehen, dazu konnte sie sich nicht
entschlieen.

So saen sie denn auch heute wieder da,--sie hatten ihre Arbeit gethan,
der Alte las die Zeitung, wie es ihm nun seit lngerer Zeit zur
Gewohnheit geworden war, und seine Schwester fllte die Mue ihres
Abends durch die Beschftigung mit ihrem Strickstrumpf aus, indem sie
mit jeder Masche desselben theils eine wehmthige Erinnerung an ihren
Sohn, theils eine freudige Hoffnung auf dessen glnzende Zukunft
verwebte.

Pltzlich warf der Alte das Blatt vor sich hin und schlug krftig mit
der Hand auf den Tisch, indem er zugleich die ihm unbequeme Brille hoch
auf die Stirn hinausschob.

"Das ist eine gute Nachricht," rief er laut, "der Knig hat die Legion
aufgelst, welche ihm so viel Geld kostete, und welche so viele brave
junge Leute ihrer Heimath entfremdete und den Gefahren eines unthtigen
Lebens aussetzte. Das freut mich, das ist ein guter Entschlu, der
vernnftigste, den unser Herr hat fassen knnen. Jetzt haben wir doch
Hoffnung, da der Junge wieder zu uns zurckkommt, und da unser altes,
liebes Besitzthum nicht noch in fremde Hnde bergehen wird, whrend
sein rechter und richtiger Erbe weit in der Ferne ein unruhiges und
abenteuerliches Leben fhrt."

Die alte Frau Cappei lie den Strickstrumpf in ihren Schoo sinken, ein
freudiger Ausdruck erschien einen Augenblick auf ihrem Gesicht, dann
aber schttelte sie trbe und traurig den Kopf.

"Das wird wieder eine von den Nachrichten sein," sagte sie, "welche
schon oft von Zeit zu Zeit in den Zeitungen erschienen sind und immer
nicht wahr waren. Wie oft hast Du schon an die Rckkehr meines Sohnes
geglaubt, wie oft hat man gesagt, die Legion wre auseinandergegangen,
und immer ist es nicht wahr gewesen. Und es wird auch diesmal nicht wahr
sein," sagte sie mit einem gewissen Stolz, "der Knig kann ja seine
Soldaten nicht fortschicken. Er braucht ja seine Legion, wenn er sein
Land wieder erobern will, und so sehr ich mich sehne, den Jungen wieder
hier zu sehen, so mchte ich doch nicht wnschen, da er als Flchtling
hierher wieder zurckkehrt, ohne fr seinen Knig sich geschlagen zu
haben, wie es sein Vater seiner Zeit auch gethan hat."

"Du bist thricht," sagte der Alte, "Du mchtest womglich Deinen Jungen
noch als groen Feldherrn wiedersehen."

"Nun das Zeug dazu hat er schon," fiel seine Schwester etwas gereizt
ein, "da er Officier wird, wenn es zum Schlagen kommt, daran zweifle
ich garnicht. Was hat er nicht Alles gelernt, wie hbsch und fein sieht
er aus! Und wie viele Beispiele hat man nicht, da groe Generale sich
ganz von unten herauf gearbeitet haben! Auch in der Legion in Spanien
sind damals ganz einfache Soldaten hohe Officiere geworden,--wenn es
meinem seligen Mann nicht so gut gegangen ist, so hat es nur den Grund
gehabt, da er keine Gelegenheit fand, sich auszuzeichnen."

"Das sind Alles Possen," rief der Alte mrrisch, "und ich hoffe, da der
Junge selbst nicht solche thrichten Gedanken in seinem Kopf haben wird.
Er sollte Gott danken, da er hier eine feste Heimath und einen wohl
geordneten Besitz hat und sollte so schnell als mglich hierher
zurckkehren, um diesen Hof zu bernehmen, dessen Bewirthschaftung mir
tglich schwerer zu werden anfngt. Nun," fuhr er fort, "das wird sich
jawohl von selbst machen. Ich habe mit dem preuischen Amtmann, den sie
uns hierher geschickt haben, neulich gesprochen und er hat mir
versichert, da er nicht glaube, da gegen meinen Neffen irgend etwas
Unangenehmes unternommen werden mchte, wenn er zurckkme und sich zur
Erfllung seiner Landwehr-Militairpflicht stellte, eine eigentliche
Desertion liege ja nicht vor und"--

Er wurde durch ein lautes Anschlagen des Hofhundes unterbrochen.

Schnelle, krftige Schritte lieen sich vor dem Hause vernehmen, rasch
wurde die Thr geffnet, und Derjenige, ber dessen Schicksal die beiden
Alten sich soeben unterhalten hatten, trat in das Zimmer.

Der junge Cappei trug einen kleinen Rnzel auf dem Rcken, sein Gesicht
war von dem raschen Gang gerthet und erschien dadurch noch blhender,
als sonst; seine hellen offenen Augen strahlten von Glck und Freude,
als er das alte Haus, die Heimath seiner Kindheit, das alte wohlbekannte
Zimmer, in welchem kein Meubel sich verndert hatte, als er seine Mutter
und seinen Oheim, diese beiden einzigen Wesen wiedersah, welche in dem
alten Vaterlande ihm nahe standen.

Rasch eilte er auf die alte Frau zu, welche ihm zitternd ihre offenen
Arme entgegenstreckte; er drckte ihren Kopf an seine Brust und kte
zrtlich ihre weien Haare. Dann wandte er sich zu seinem Oheim, welcher
aufgestanden war und mit glcklichem stolzem Ausdruck auf die krftige
Gestalt des jungen Mannes blickte, er schlug fest in dessen dargebotene
Hand ein und sagte tief aufathmend:

"Da bin ich wieder bei Euch--Gott sei Dank, da ich Euch Beide am Leben
und wohl und munter finde. Ich habe lange keinen Brief von Euch
erhalten, und als ich von der Eisenbahnstation zu Fu hierher ging, hat
mich eine entsetzliche Angst erfat, da ich das Alles hier vielleicht
nicht so wiederfinden knnte, wie ich es verlassen habe. Nun Gott sei
Dank, es ist ja Alles gut, und meine Angst ist umsonst gewesen."

Abermals schlo er seine Mutter in die Arme, und dann setzte er sich an
den Tisch und begann in hastigen abgebrochenen Worten zu erzhlen von
seinem Leben in Frankreich, von den Kameraden, welche dort mit ihm
gewesen, von den Hoffnungen, die sie gehabt hatten, und wie das nun
Alles zu Ende sei, da der Knig die Legionaire entlassen habe und eine
groe Anzahl von ihnen nach Amerika ausgewandert sei, whrend Andere in
Algier ihr Glck versuchen wollten. "Sie haben mir viel zugeredet,"
sagte er, "auch dorthin zu gehen, aber ich habe das nicht gewollt. Ich
will nicht mehr als heimathloser Flchtling in der Welt leben, und auch
Euch wollte ich wiedersehen, mein Herz zog mich hierher, und ich mu
meine Verhltnisse hier in der alten Heimath ordnen, um wieder ein
richtiger Mensch zu werden, der seinen Platz klar und fest in der Welt
behaupten kann."

"Das hast Du brav gemacht, mein Junge," sagte der Alte, indem er ihm
krftig auf die Schulter schlug, whrend die Mutter zusammentrug, was im
Hause zu finden war, Brod, kaltes Fleisch und einen groen Bierkrug,
damit der lange entbehrte Sohn wieder am heimathlichen Tisch esse und
trinke, wodurch nach ihrer Auffassung eigentlich erst das Band zwischen
ihm und dem alten Hause wieder fest geknpft wurde.

Eine Zeit lang sahen die beiden Alten schweigend zu, sich des krftigen
Appetits freuend, den der junge Mensch zeigte.

Dann begannen sie wieder zu fragen nach allen Einzelheiten seines Lebens
in der Fremde, nach diesem und jenem Bekannten; und er erzhlte ihnen
von Allem, und doch schien es, als ob immer noch etwas im Rckhalt
bliebe, denn oft brach er pltzlich ab, sah schweigend vor sich nieder,
und erst auf erneuerte Fragen nahm er seine Mittheilungen wieder auf.

Dem scharfen Blick der alten Frau entging dies nicht,--eine Mutter liest
ja so tief in dem Herzen ihres Sohnes und das wunderbare Band, welches
sie mit ihrem Kinde verknpft, wird durch die Zeit und das Alter niemals
gelockert. Die Alte schttelte das Haupt, sie fhlte, da da noch Etwas
war in dem Herzen ihres Sohnes, wovon er nicht sprach--aber sie sagte
nichts darber, sie behielt sich vor, spter ihn danach zu fragen,
berzeugt, da es ihr gelingen wrde, auch die verschlossensten Tiefen
seines Innern zu ffnen.

"Jetzt aber," sagte der alte Niemeyer endlich, "obgleich es schon spt
ist, mut Du dennoch gleich mit mir zum Amtmann. Du mut Dich auf der
Stelle melden, Deine Rckkehr darf keine heimliche sein, und was die
Behrden ber Dich verfgen, mut Du ruhig ber Dich ergehen lassen.
Schlimm werden sie es mit Dir nicht machen, ich habe es schon
vorbereitet, da ich immer berzeugt war, Du wrdest frher oder spter
hierher wieder zurckkehren."

Sie gingen bei dem schon hereindunkelnden Abend nach dem groen Amthaus
hin, lieen sich bei dem Amtmann, einem preuischen Assessor, welcher
hierher versetzt war, melden und wurden in dessen Wohnzimmer gefhrt,
welches bereits von einer Lampe erleuchtet war.

Der Amtsverwalter, ein Mann von etwa fnfunddreiig Jahren, ernst und
ruhig, aber auch zugleich freundlich und wohlwollend in seinem Wesen
erhob sich bei dem Eintritt des alten Bauern von seinem Schreibtisch, an
welchem er mit Durchsicht von Acten beschftigt war und trat demselben
entgegen, indem er einen schnellen forschenden Blick auf den hinter
seinem Oheim hereintretenden jungen Cappei warf.

"Herr Amtmann," sagte der alte Niemeyer, "ich bringe Ihnen hier einen
Flchtling, der nach der alten Heimath zurckgekehrt ist, und der nun
nichts mehr gegen die neue Ordnung der Dinge, welche die Vorsehung ber
uns verhngt hat, unternehmen wird. Er hofft auf eine nachsichtige
Behandlung fr das, was er etwa nach den geltenden Gesetzen Strafbares
begangen haben knnte und stellt sich zu Ihrer Verfgung."

Der junge Cappei trat vor, blieb in militairischer Haltung vor dem
Beamten stehen und blickte ihn mit seinen offenen, klaren Augen frei und
fest an.

"Es freut mich," sagte der Beamte, auf welchen die Erscheinung des
jungen Mannes einen wohlthuenden Eindruck zu machen schien, "da Sie
sich entschlossen haben, in die geordneten Verhltnisse zurckzukehren
und auf thrichte und abenteuerliche Unternehmungen zu verzichten. Ich
will nicht fragen und untersuchen, welche Plne Sie bei Ihrer
Auswanderung gehegt haben, welchen Unternehmungen Sie sich angeschlossen
haben--allein Sie sind nach den preuischen Gesetzen noch
landwehrpflichtig gewesen und werden sich ber Ihre eigenmchtige
Entfernung zu verantworten haben. Ich wre berechtigt, Sie zu arretiren
und Sie in Untersuchungshaft zu behalten, da ich jedoch nach Ihrem
freiwilligen Wiedererscheinen keinen Verdacht hege, da Sie sich der
Untersuchung und der eventuell zu verhngenden Strafe entziehen werden,
so will ich von einer solchen Maregel Abstand nehmen und Ihnen Ihre
Freiheit lassen, allein um der Form zu gengen, mssen Sie eine
Brgschaft leisten."--

"Die Brgschaft bernehme ich, Herr Amtmann," rief der alte Niemeyer
lebhaft. "Ich stelle mein Haus und meinen Hof als Haft dafr, da der
junge Mann sich nicht von hier entfernt und sich jeder Anforderung
stellen wird."

"Ich will diese Garantie annehmen," erwiderte der Beamte--er setzte
sich an seinen Schreibtisch, nahm ein kleines Protokoll auf, das der
alte Bauer und sein Neffe unterzeichnen muten und entlie dann die
Beiden.

Als sie hinausgegangen waren, zog er ein kleines Aktenfascikel aus einem
verschlossenen Fach seines Schreibtisches hervor und ffnete dasselbe.

"Die Erscheinung dieses jungen Mannes," sagte er, "ist durchaus
Vertrauen erweckend, er hat ein so freies Gesicht und einen so offenen
Blick, da ich ihm kaum geheime und verborgene Absichten zutrauen kann.
Auch ist mir der Alte als ein Mann von ruhigem praktischen Sinn, der
sich den thatschlichen Verhltnissen stillschweigend unterordnet und
alle Agitationen und Conspirationen mibilligend, bekannt; und doch ist
mir hier ein sehr bestimmter Avis zugegangen, nach welchem die
Gesandtschaft in Paris gerade diesen jungen Cappei auf Grund ihr
zugegangener Mittheilungen als einen fanatischen Feind der preuischen
Herrschaft und als einen gefhrlichen Verschwrer und Agitator
bezeichnet, welcher nur deshalb hierher zurckgekehrt, um nach
Frankreich hin Mittheilungen ber die hiesigen Verhltnisse,
Truppendislokationen und so weiter gelangen zu lassen,--mir kommt das
ein wenig unwahrscheinlich vor," fuhr er fort, "allein die Mittheilung
ist bestimmt, und die Zeitverhltnisse gebieten die grte Vorsicht. Ich
werde ihn genau beobachten lassen und eine Ueberwachung seiner
Correspondenz bei der Postbehrde anordnen,--ist jene Mittheilung
richtig, so wird sich bald ein greifbares Indicium finden lassen."

Er schrieb nach genauer Durchsicht des Aktenfascikels eine Verfgung,
lie seinen Secretair rufen und bergab ihm dieselbe mit dem Befehl
schleuniger und discreter Expedition. Dann verschlo er das geheime
Aktenstck wieder in seinen Secretair und wandte sich seinen
regelmigen Arbeiten zu.

Lange noch sa der alte Bauer Niemeyer mit seiner Schwester und dem
jungen Cappei bei der groen Lampe im Wohnzimmer seines Hauses
beisammen. Immer noch forschten und fragten die beiden Alten--immer
erzhlte der junge Mann,--immer deutlicher fhlte die Mutter, da in
allen diesen Erzhlungen noch Etwas fehlte und zwar Etwas, was tief und
innig mit dem Herzensleben ihres Sohnes zusammenhngen msse.

Und als sie endlich die Ruhe aufsuchten, als sie den Sohn in seine
schnell hergerichtete Schlafkammer mit dem sauberen, hoch
aufgeschichteten Federbett gefhrt, und die Hnde segnend auf sein
Haupt gelegt hatte, da blieb sie noch lange wach in ihrer Kammer in dem
Lehnstuhl am Fuende ihres Bettes sitzend und tief nachdenkend ber die
Fgungen der Vorsehung, welche zwar die ehrgeizigen Trume zerstrt
hatte, in welchen sie an den fernen Sohn gedacht, welche aber doch
diesen Sohn lebendig, frisch und blhend ihr wieder zugefhrt hatte und
jetzt opferte sie jenen Traum gern der schnen und lieben Wirklichkeit.
Sie fhlte auch mit dem so feinen weiblichen Instinct, welches der
verborgene Punkt sei, der in allen Erzhlungen ihres Sohnes noch dunkel
geblieben; sie fhlte, da die Liebe zwischen ihm und dem fernen Land,
aus welchem er zurckgekehrt ein Band geknpft habe.

Aber sie war nicht traurig darber und wieder regten sich ehrgeizige
Hoffnungen in ihrem Herzen. Denn ein so guter, so braver und so hbscher
junger Mann wie ja ihr Sohn, konnte nur eine Wahl getroffen haben, die
ihm und seiner ganzen Familie ehrenvoll war.

Und als sie endlich ihr Lager aufsuchte, schlo sie Diejenige, welche
ihr Sohn gewhlt haben mchte, und welche ihr mtterlicher Stolz in
hohen und angesehenen Kreisen suchte voll freudiger Hoffnung und
Zuversicht in ihr frommes Abendgebet mit ein.

Der junge Cappei aber war in krperlicher Ermdung, welche die krftige
Jugend noch strker fhlt, als das Alter, und in jenem sen Wohlgefhl,
welches das Bewutsein erzeugt, nach langer Abwesenheit wieder im Schoo
des heimathlichen Hauses zu ruhen, bald in einen festen und tiefen
Schlaf versunken.

Und wunderbar verschmolzen sich in seinen Trumen die Bilder der Ferne,
zu welcher sein Herz ihn hinzog und der Heimath, in welche die Wurzeln
seines Lebens geschlagen waren, miteinander.

Bald sah er sich im Hause des alten Challier an der Seite seiner
Louise und an der Spitze des immer blhender erwachsenden
Handelsgeschfts--bald wieder zeigte ihm der Traum das theure Bild
seiner Geliebten, wie dieselbe glcklich lchelnd in das Haus seines
Oheims eintrat, wie sie seiner Mutter zur Hand ging in huslichen
Geschften und neues frhliches Leben in die alte Heimath brachte.

So schwer diese verschiedenen Bilder in der Wirklichkeit zu vereinigen
waren, so verband sie doch das wunderbare Spiel des Traumes zu
harmonischer Einigkeit, welche ihn mit einem sen Gefhl des Glcks und
der Freude erfllten.




Neuntes Capitel.


In einem groen saalartigen Zimmer im Hinterhofe eines dstern Hauses
des Faubourg St. Antoine war das democratische Comit versammelt,
welches sich gebildet hatte, um auf das Plebiscit einzuwirken und das
Volk in Massen dahin zu bestimmen, da es die Abstimmung entweder ganz
verhindere oder wo die Khnheit dazu vorhanden sein mchte mit "Nein"
stimme.

Die Versammlung fand bei bereits ziemlich vorgerckter Abendstunde
statt, der groe finstere Raum mit den schmutzigen, von Rauch
geschwrzten Wnden war durch einige Petroleumlampen, die auf einem
groen Tisch in der Mitte standen, nur wenig erhellt; um diesen Tisch
saen die Leiter des Comits in scharfer Beleuchtung, whrend der brige
Theil des Saales, in welchem sich etwa vierzig bis fnfzig der
hervorragendsten Agenten des Comits befanden, in Dunkelheit gehllt
war.

An diesem Tisch sah man in der Mitte Jules Lermina, einen der
unermdlichen Agitatoren der republikanischen Bewegung in Frankreich,
einen Mann mit tief blassem, wie aus Erz gegossenem Gesicht, in welchem
nur die glhenden, unheimlich und finster blickenden Augen zu leben
schienen und welches, wenn er mit seiner harten jede Modulation
ausschlieenden Stimme sprach, durch kein Mienenspiel bewegt wurde.

Hier sah man Ulric de Fonvielle, den Begleiter Victor Noirs bei dessen
verhngnivollem Besuch im Hause des Prinzen Pierre Bonaparte--mit
seinem groen Bart und seinem unruhigen, aufgeregten und wichtig
thuenden Wesen.

Hier war Varlin, der Buchbinder, in seiner gebckten Haltung mit dem
kalten hhnischen Lcheln auf den Lippen, mit dem niedergeschlagenen
Blick, der nur zuweilen im schnellen Blitz von unten hinauf scho und
dann fast immer Denjenigen, auf welchen er sich richtete, durch seinen
stechenden scharfen Ausdruck aus der Fassung brachte.

Hier sah man Raoul Rigault, den jungen einundzwanzigjhrigen Verschwrer
mit seinem blassen, selbstgefllig lchelnden Gesicht, den mden, etwas
gleichgltigen Blick hinter dem Monocle verbergend, in seiner
stutzerhaften, aber etwas abgeschabten Eleganz, mit der Wsche von
zweifelhafter Reinheit, das kleine Stckchen mit dem unechten
Silberknopf in der Hand.

Hier sah man Ancel, Boyer, Delacour, Dembrun, Portalier, Robin,
Mangold--theils in Blousen, theils im einfachen brgerlichen Anzug--und
auf allen diesen finstern Gesichtern ruhte der Ausdruck starrer dsterer
Entschlossenheit und grimmiger Unvershnlichkeit. Sie waren zum groen
Theil die Fhrer des Pariser Zweigvereins der internationalen
Arbeiterassociation, welche aber jetzt nicht mehr wie frher sich einer
gewissen wohlwollenden Duldung der Regierung zu erfreuen hatte, nachdem
sie durch richterliches Erkenntni aufgelst worden war. Es war nicht
mehr jene Internationale von Tolain und Fribourg, welche durch Belehrung
und ruhige gesetzliche Agitationen die Lage des Arbeiterstandes zu
verbessern strebte, und welche von idealen Anschauungen geleitet wurde.

Jene Fhrer waren verschwunden, die Internationale von heute war eine
proscribirte und gechtete Gesellschaft, welche sich lange den
Nachforschungen der Polizei verbarg, und im Geheimen dafr aber um so
wirksamer ihre Lehren propagirte und ihre Plne verfolgte. Diese Lehren
aber waren heute offen und rckhaltslos auf die Zertrmmerung der
bestehenden Staatsordnung und der bestehenden Gesellschaft gerichtet,
und die Plne, deren eigentliches Geheimni nur den ausgewhlten
Kreisen, den Leitern, bekannt war, richtete sich auf eine mglichst
schnelle und nachdrckliche Vernichtung aller Autoritt und alles
Besitzes.

Die internationale Association als solche konnte sich mit der Frage des
Plebiscits nicht beschftigen, sie konnte sich nicht versammeln, ohne
sich sogleich polizeilicher Auflsung auszusetzen, sie hatte deshalb das
democratische Comit gebildet, an dessen Spitze wiederum ihre Leiter
standen, um in dieser Form ihren Einflu auf das Plebiscit auszuben und
um wo mglich diese Gelegenheit zur Herbeifhrung einer Catastrophe zu
benutzen.

Auf Bnken und Sthlen ringsum den Tisch des eigentlich leitenden
Comits saen dessen hervorragende Agenten in den verschiedenen
Stadttheilen von Paris fast Alle in der Blouse der Arbeiter, Alle
denselben Ausdruck ruhiger und kaltbltiger Unvershnlichkeit in den
Gesichtern.

Lermina erhob sich:

"Wir haben, meine Freunde," sprach er, "nunmehr die Berichte aus allen
Theilen von Frankreich empfangen, welche uns mittheilen, da berall
die Comits constituirt sind, um diesem frevelhaftem Possenspiel
entgegenzutreten, durch welches man in einem geflschten Ausdruck des
Volkswillens fr den Despotismus und die Tyrannei eine neue Sttze
suchen will. Allgemein ist die democratische Partei organisirt, um auf
die unklare und furchtsame Bevlkerung den Druck ihres Einflusses
auszuben. Nach Allem, was man uns mittheilt, wird es schwer werden,
eine groe Majoritt dahin zu bringen, da die an das Volk gestellte
Frage mit "Nein" beantwortet wird. Die Furcht vor den Machtmitteln der
Gewalt ist zu gro--dagegen mssen wir aber mit aller Kraft dahin
streben, da der grte Theil der Bevlkerung sich von jeder Abstimmung
zurckhlt, um vor der Welt beweisen zu knnen, da die Majoritt,
welche die Regierung erreichen mchte, im Verhltni zur Gesammtzahl der
Bevlkerung garnichts bedeutet. Ich habe deshalb die Instructionen,
welche Sie Alle frher bereits gebilligt haben, an eine Anzahl von
zuverlssigen Personen vertheilt, die in diesem Augenblick bereits in
die Provinzen abgegangen sind, um berall die Agitation noch fester zu
organisiren und zu beleben. Unser unermdlicher Freund Cernuschi hat mir
von London aus abermals die Summe von hunderttausend Francs bersendet,
um die nothwendigen und unvermeidlichen Kosten unserer Thtigkeit zu
bereiten."

Ein Ruf des Beifalls tnte durch den Saal.

"Ich habe ihm den Dank des Comits ausgesprochen," fuhr Lermina fort,
"und schlage nunmehr vor, da wir hier in Paris selbst unvorzglich eine
demonstrative Versammlung in Scene setzen, welche hier in der Hauptstadt
die Bewegung in Flu bringt und den Provinzen ein Beispiel giebt. Ich
schlage zu diesem Zweck den Saal der Folie-Bergre vor, welcher den
nothwendigen Raum bietet und zugleich der ganzen Bevlkerung von Paris
bekannt ist. Hat Einer von Euch, meine Freunde, gegen den Vorschlag
Etwas einzuwenden?"

Die Versammlung schwieg--einzelne Rufe der Zustimmung lieen sich hren.

"So wollen wir also," fuhr Lermina fort, "die democratische
Volksversammlung in der Folie-Bergre auf den vierten Tag, von heute an
gerechnet, festsetzen. Und ich bitte alle unsere Freunde," fuhr er sich
nach den Zuhrern im Hinterraum des Saales wendend fort, "in den
verschiedenen Stadttheilen von Paris ihre ganze Thtigkeit aufzubieten,
um den Besuch der Versammlung so zahlreich als mglich zu machen.
Zugleich ersuche ich Euch alle, meine Freunde, Euch vorzubereiten und
nachzudenken ber das, was Jeder von Euch der Versammlung sagen will,
damit die Worte znden und die Massen zu energischem Widerstand
entflammen.

"Vor Allem," rief Ulric de Fonvielle mit lauter Stimme, "mssen wir
diesen verrtherischen Lgner und Heuchler Ollivier dem Volk in seiner
wahren Gestalt zeigen. Es giebt immer noch Leute," fuhr er fort, "welche
sich durch seine Vergangenheit tuschen lassen und auf welche sein Name
einen gewissen Einflu bt,--durch ihn will die kaiserliche Tyrannei das
Volk irre fhren, ihn gilt es zu vernichten und ihn des letzten Restes
seiner Popularitt zu berauben. Ich werde ber Ollivier sprechen," rief
er mit der Hand durch seinen Bart fahrend, "das Volk hat Ollivier in die
Gosse geworfen--und das Kaiserthum hat ihn daraus wieder
hervorgefischt!"--

Lautes Gelchter, Beifallsrufen und Hndeklatschen erfllten den Saal.
Dann trat eine augenblickliche Stille ein.

Varlin erhob sich, zog ein Papier aus der Tasche und sprach:

"Ich bin in Allem mit den Maregeln des Comits und mit seinen
Vorschlgen vollkommen einverstanden. Doch ich habe nunmehr meinerseits
einen Vorschlag zu machen, welcher in der Vorsicht begrndet ist und zum
Zweck hat, unsere Agitatoren gegen einen Gewaltstreich der Regierung zu
schtzen."

Aufmerksam hrten Alle zu.

"Ihr wit, meine Freunde," fuhr Varlin fort, "da die Internationale
gesetzlich verboten ist, und da die Polizei das Recht hat, jede
Thtigkeit dieser Association sofort zu verhindern. Nun aber ist unsere
ganze Organisation, wenn wir uns auch als democratisches Comit
constituirt haben, dennoch die der Internationalen. Wir Alle sind
Mitglieder des Bureaus derselben, und in allen Provinzen sind es wieder
die Zweigvereine der Internationalen, in deren Hnden die Agitation
liegt. Das giebt der Polizei Gelegenheit, sobald sie will, unsere ganze
Agitation als eine Thtigkeit der Internationalen zu bezeichnen und zu
verbieten--es wre unklug, ein solches Verbot zu provociren oder mglich
zu machen, und ich halte es demnach fr nothwendig, da von Seiten der
Internationalen eine ffentliche Kundgebung stattfindet, welche
vollkommen klar stellt, da die democratische Association gegen das
Plebiscit mit der internationalen Arbeiteragitation nichts zu thun hat.
Ich halte eine solche Kundthuung practisch fr nothwendig, auerdem
aber," fuhr er einen raschen Blick im Kreise umherwerfend fort, "deshalb
fr geboten, weil allerdings die jetzt von uns ausgebte Thtigkeit mit
den eigentlichen Zielen der Internationalen wie dieselbe in den Statuten
derselben ausgestellt sind, nicht identisch ist."

"So soll die Internationale die Thtigkeit des democratischen Comits
desavouiren," fragte Lermina, den flammenden Blick auf Varlin richtend.

"Das nicht," erwiderte dieser, "doch soll sie erklren, da sie mit
dieser rein politischen Sache nichts zu thun hat. Ich wiederhole," fuhr
er fort, "da diese Erklrung nach meiner Ueberzeugung zunchst der
Polizei gegenber nthig ist, um ihr die Mglichkeit zu nehmen, gegen
das democratische Comit unter dem Vorwand einzutreten, da es mit den
Internationalen identisch sei, so dann aber auch im Interesse der Macht
der Internationalen selbst. Wir Alle, meine Freunde," fuhr er fort,
"sind darber einig, da nur durch eine politische Revolution, durch
welche das jetzt begehende Regiment und die ganze Staatsordnung
zertrmmert, die socialen Ziele in der Internationalen erreicht werden
knnen, aber--ihr mt wissen, wie ich, da unter den Arbeitern,
namentlich in den Provinzen, noch sehr viele vorhanden sind, welche vor
einer politischen Revolution zurckschrecken, und welche noch in der
Idee befangen sind, von welcher wir in dem leitenden Mittelpunkt uns
frei gemacht haben,--von der Idee nmlich, da auf friedlichem und
gesetzlichem Wege eine Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes
erreicht werden knne; um Aller dieser willen ist es ebenfalls nthig,
da wir die Internationale als solche von jeder Thtigkeit gegen das
Plebiscit fern halten."

Lermina blickte nachdenklich vor sich hin, die Grnde Varlins schienen
ihm einzuleuchten, dennoch mochte es seiner im Grunde ehrlichen und
graden Natur widerstreben, aus Rcksichten der Klugheit solche
Doppelwege zu gehen.

Einzelne Stimmen der Mibilligung erhoben sich aus dem Zuhrerkreise.

"Das wrde nur Verwirrungen in die Begriffe bringen," rief man--"warum
nicht etwas sagen, wovon man berzeugt ist,--um so besser, wenn in
diesem Augenblick ein Zusammensto mit der Gewalt erfolgt,--einmal mu
es ja doch dazu kommen."

"Halt, meine Freunde," rief Varlin mit seiner durchdringenden Stimme die
verschiedenen Rufe bertnend, "hret zunchst an, wie ich die Erklrung
der Internationalen entworfen habe, Euch wird dann Alles besser klar
werden. Sie soll wahrlich die Thtigkeit unseres democratischen Comits
nicht desavouiren, und sie soll uns nur davor schtzen, da wir durch
einen rohen Eingriff der Polizeigewalt in unserer Wirksamkeit gehemmt
und unterbrochen werden, bevor dieselbe ihre Frchte getragen hat."

Er winkte gebieterisch mit der Hand und whrend der aufmerksamen Stille,
die unmittelbar eintrat, las er, den Blick auf das Papier in seiner Hand
geheftet, den von ihm vorgeschlagenen Entwurf der Erklrung der
Internationalen:

"Der Bundesrath des internationalen Arbeitervereins giebt den
Insinuationen und Anschuldigungen der offiziellen und offizisen Bltter
ber seine Theilnahme an der politischen Agitation dieser Tage hiermit
ein formelles Dementi. Die Internationale wei nur zu gut, da die
Leiden aller Art, welche das Proletariat zu dulden hat, bei weitem mehr
den konomischen Zustnden der Gegenwart, als den Zuflligkeiten des
Despotismus einiger Staatsmnner zuzuschreiben sind. Sie wird ihre Zeit
nicht mit Nachsinnen ber die Befestigung des kaiserlichen Despotismus
verlieren. Der internationale Arbeiterverein, der eine permanente
Verschwrung aller Unterdrckten, aller Ausgebeuteten ist, wird den
ohnmchtigen Verfolgungen gegen seine Fhrer trotzend, so lange fort
bestehen, bis alle Ausbeuter der Arbeit, alle Capitalisten, alle Pfaffen
und alle politischen Abenteurer verschwunden sein werden."

"Ich glaube," sprach er, indem sein Blick ber die Versammlung hinglitt,
"da nach dieser Erklrung Niemand wird sagen knnen, es sei die
Internationale, welche die gegenwrtige democratische Agitation
fhre,--und doch wird darin gewi kein abflliges Urtheil ber seine
Thtigkeit gesprochen."

"Varlin hat Recht," rief man von allen Seiten--"er ist klug und
vorsichtig,--er denkt an Alles, die Proclamation ist gut, sie soll
erlassen werden."

Niemand widersprach an dem Tisch des Comits, nur Raoul Rigault zuckte
leicht die Achseln und schlug mit dem Spazierstckchen auf seine
Stiefel.

Varlin legte das Papier, dessen Inhalt er vorgelesen, Lermina vor, der
es mit einem raschen Federzug unterzeichnete. Die Uebrigen folgten Alle.

Lermina erklrte sodann die Sitzung fr geschlossen, und die
Versammelten verlieen in einzelnen Gruppen, um kein Aufsehen zu
erregen, langsam und schweigend das Zimmer, indem sie sich, sobald sie
aus dem uern Theil des Hauses auf die Strae traten, nach
verschiedenen Richtungen hin zerstreuten.

Raoul Rigault nherte sich Lermina.

"Bleibt noch einen Augenblick hier," sprach er, "ich habe Euch eine
Mittheilung zu machen."

"Gut," sagte Lermina.

Raoul Rigault trat zu Varlin und dann zu Ulric de Fonvielle, indem er
sie ebenfalls aufforderte, noch zu bleiben.

Bald war das Zimmer leer, und an dem groen Tisch befanden sich nur noch
Lermina, Varlin, Ulric de Fonvielle und Raoul Rigault.

In der Tiefe des Zimmers war ebenfalls eine Gestalt sitzen geblieben,
welche man bei der matten Beleuchtung nur in dunkeln Umrissen erkennen
konnte.

"Meine Freunde," sagte Raoul Rigault indem er das herabgefallene Monocle
mit einer etwas gezierten Bewegung wieder in das Auge warf, "ich habe
Euch ruhig sprechen und beschlieen lassen, ohne irgend Etwas dabei zu
bemerken, weil ich Alles das fr ein Geschwtz halte, durch welches
Nichts erreicht wird;--dieses Plebiscit," fuhr er mit selbstgeflligem
Lcheln fort, "--wird trotz unserer Agitation ganz nach dem Plan seiner
Arrangeurs ausgefhrt werden,--und" sagte er sich zu Varlin
wendend--"trotz des Protestes der Internationale wird man uns alle
verhaften, wenn man irgend dazu Lust versprt."

"Das ist Alles was Sie uns zu sagen haben und weshalb Sie uns gebeten
haben, hier zu bleiben?" fragte Lermina mit seiner harten klanglosen
Stimme.

"Der Brger Rigault ist sehr jung," sagte Varlin mit einem finstern
Blick auf den stutzerhaft lchelnden jungen Mann,--"es wrde ihm
vielleicht besser anstehen aus den Erfahrungen ltere Personen zu
lernen, als deren Handlungen zu critisiren."

Ulric de Fonvielle sagte Nichts,--er kannte Raoul Rigault und wute, da
wenn dieser junge Mensch mit dem blasirten gleichgltigen Gesicht
lchelte ein furchtbarer, blutiger Gedanke in seinem Gehirn arbeitete.
Er blickte ihn forschend an und wartete.

"Handlungen?" fragte Raoul Rigault hhnisch die Achseln zuckend, ohne
die unmuthigen finstern Blicke Lermina's und Varlin's zu
beobachten,--"Ihr nennt das Handlungen--diese versteckten Agitationen,
diese zweideutigen Erklrungen und Proteste? Handelt"--fuhr er fort,
"handelt, wie man in groen ernsten Angelegenheiten handeln mu, und
meine Critik wird schweigen,--ich werde wahrlich der Erste sein mit Euch
zu handeln,--aber ich sehe nicht ein wozu alle diese Geschftigkeit
fhren soll."

"Wenn man tadeln will was Andere thun, so mu man Etwas Besseres
vorzuschlagen haben," sagte Lermina kurz und hart.

Varlin machte eine Bewegung, als wollte er ausstehen.

"Hrt mich an," sagte Raoul Rigault, indem er ihn mit der Hand
zurckhielt.

Er sttzte die Arme auf den Tisch und bewegte sein Stckchen leicht in
der Luft hin und her.

"Der Augenblick ist gnstig," sprach er weiter in einem Tone als
unterhielte er sich ber irgend ein gleichgltiges Tagesereigni,--"der
Augenblick ist gnstig um einen groen Schlag auszufhren,--einen Schlag
der uns mit einem Mal an das Ziel aller unserer Bestrebungen fhren
kann."

"Und wie sollte dieser Schlag ausgefhrt werden," fragte Varlin mit
einem fast verchtlichen Lcheln.

"Sehr einfach," erwiderte Raoul Rigault, immer mit seinem Stckchen
spielend, "unsere Vereine sind in ganz Frankreich vortrefflich
organisirt, wir knnen sie von hier aus mit einem Wort in active
Bewegung setzen, wir knnen berall den Aufstand ausbrechen lassen."

"Das knnen wir," erwiderte Lermina, "wenn wir es aber thun, so wird das
in diesem Augenblick keine weitere Folgen haben, als da der Aufstand
berall durch die rohe Gewalt der Tyrannei niedergeschlagen und fr die
Zukunft alle unsere Hoffnungen zertrmmert werden."

"Wenn eben die Tyrannei noch besteht," erwiderte Raoul Rigault, "wenn
diese Maschine, welche man die kaiserliche Regierung nennt, berhaupt in
jenem Augenblick noch arbeitet."

"Und wie wollen Sie," fragte Lermina, "indem Augenblick des Aufstandes
die so fest gegliederte Regierungsmaschine zerstren und unwirksam
machen?"

"Die Maschine," sagte Raoul Rigault, "wird von selbst unwirksam, wenn
sie keinen Mittelpunkt, eine bewegende Triebfeder mehr hat. Ich kmmere
mich nicht um die Maschine, ich zerstre den Mittelpunkt, und die Arbeit
des Ganzen hrt auf--Frankreich gehrt uns."

Lermina begann aufmerksam zu werden.

"Der Gedanke ist logisch," sagte er. "Wie kann er ausgefhrt werden?"

"Sehr einfach," erwiderte Raoul Rigault, "indem man den Kaiser tdtet
und den Sitz der Regierung zerstrt."

Ganz erstaunt blickten Lermina und Varlin auf diesen jungen Menschen,
welcher im gleichgltigen und ruhigsten Ton von der Welt einen Satz
aussprach, der in seinen wenigen Worten den Umsturz der ffentlichen
Ordnung Frankreichs vielleicht Europas enthielt.

"Um den Kaiser zu tdten," fuhr Raoul Rigault fort, "bedarf es nur eines
entschlossenen Menschen, welcher sein Leben aufs Spiel setzt, wie dies
ja alle Soldaten oft fr viel unwichtigere und gleichgltigere Dinge
thun, und in dessen Hand man ein Werkzeug legen wrde, welches den
Erfolg seines Unternehmens nicht von dem Zufall abhngig macht,--zur
Zerstrung des Mittelpunkts der Regierung bedarf es nur," sagte er mit
selbstgeflligem Lcheln, "einiger practischen Anwendungen der
Chemie,--und was sonst die Folge der Revolution war, wird gegenwrtig
der Revolution vorangehen und ihr den Weg frei machen. Die Mittel, von
denen ich so eben gesprochen habe, sind gefunden. Um den Kaiser sicher
zu tdten, ohne die Sache von einem falschen Augenma oder von einem
nervsen Zittern der Hand abhngig zu machen, ist hier das Mittel."

Er zog aus der Tasche seines Rockes einige kleine eirunde Eisenkrper
mit verlngerter Spitze hervor und legte sie auf den Tisch.

"Sie sind," sagte er lchelnd, "allerliebste Sprengbomben von einer
gewaltigen Explosionskraft. Man hat garnicht nthig zu zielen. Man wirst
sie eine nach der andern in den Wagen des Kaisers, wenn er vorber fhrt
und vor die Fe seines Pferdes, wenn er reitet, und bevor die vierte
oder fnfte geworfen ist, wird von Demjenigen, der heute Frankreich zu
beherrschen glaubt, nichts mehr brig sein, als einige kleine in der
Luft zerstreute Atome. Um diese Bomben zu werfen," fuhr er, die Stimme
etwas dmpfend, fort, "gehrt ein Mann, welcher fanatisch oder
gleichgltig genug ist, um sein Leben an dies Wagni zu setzen--ein
Gleichgltiger," fgte er hinzu, "ist mir lieber, als ein
Fanatiker,--und dieser Mann ist gefunden."

Er erhob sich, wandte sich nach der Tiefe des Zimmers, die dunkle
Gestalt, welche von den Uebrigen unbemerkt dort bei der Entfernung der
Versammlung geblieben war, trat in den Lichtkreis, und man sah einen
jungen Mann von hchstens zwanzig bis einundzwanzig Jahren, dessen
vllig bartloses, gleichgltiges und etwas stupides Gesicht einen noch
fast knabenhaften Ausdruck hatte.

Raoul Rigault ergriff diesen jungen Mann, der einen einfachen Anzug von
sogenannter Marengofarbe und einen kleinen runden Hut trug, bei der Hand
und sagte:

"Hier ist der Brger Beaury, welcher von London kommt und bereit ist,
den ersten und gefhrlichsten Schlag in dem groem Entscheidungskampf
fr die Rechte der arbeitenden Gesellschaft zu fhren. Er wird diese
Bombe werfen und den fanatischen Imperator, vor welchem sich heute die
blde Menge in den Staub beugt in die Luft sprengen."

Tief erstaunt, beinahe bestrzt und erschrocken blickten die drei Andern
auf diesen jungen Menschen, welcher da so pltzlich wie aus der Erde
hervorgezaubert unter ihnen stand und sie mit einem ruhigen
gleichgltigen Lcheln anblickte.

"Wer sind Sie," fragte Lermina.

"Ich heie Beaury," erwiderte der junge Mann. "Ich war frher Corporal
in der Armee des Tyrannen, seit einem Jahr bin ich Flchtling in London,
Herr Flourens hat mich hierhergeschickt,--hier ist meine Beglaubigung."

Er zog aus der Tasche seines Rockes ein offenes, etwas zerknittertes
Papier hervor und berreichte es Lermina.

"Ein Brief von Flourens," sagte dieser.

"An meine Genossen in Frankreich," fuhr er fort, das Papier lesend, "der
Ueberbringer dieses, der Brger Beaury ist bereit und geschickt Alles
das auszufhren, was man ihm austragen wird, man kann sich vollkommen
auf ihn verlassen. Gustav Flourens."

Er reichte das Papier Varlin, Fonvielle neigte sich herber und sah ber
dessen Schulter in die Schrift.

"Es ist Flourens' Handschrift," sagten Beide.

"Sie wissen, was Sie thun sollen," fragte Lermina, immer noch verwundert
den knabenhaften jungen Menschen ansehend.

"Gewi" erwiderte dieser, "ich soll diese Bombe da," er deutete auf den
Tisch, "nach dem Kaiser werfen, den ich sehr genau kenne, und den ich
nicht verfehlen werde. Ich habe auch noch dies zu bergeben," sagte er
dann.

Er zog ein anderes Papier aus der Tasche und gab es Lermina.

"Eine Anweisung auf vierhundert Francs," sagte dieser, "ebenfalls von
Flourens unterzeichnet."

Lermina gab die Anweisung an Varlin, welcher einen Schlssel aus der
Tasche zog, eine Schublade des Tisches ffnete und dem jungen Menschen
vier Bankbillets von hundert Francs bergab.

"Nun gehen Sie," sagte Raoul Rigault zu Beaury, welcher ganz vergngt
seine Bankbillets einsteckte, "Sie werden Ihre nheren Anweisungen
erhalten. Ihre Adresse?"

"Rue St. Maur Nummer zweiunddreiig," sagte der junge Mensch, indem er
sich leicht gegen die Uebrigen verneigte und das Zimmer verlie.

"Ihr seht," sagte Raoul Rigault mit zufriedenem Lcheln, "da ich mich
ein wenig auf das verstehe, was Handeln heit, und da ich vielleicht
ein wenig Recht habe, unpractische Maregeln zu kritisiren."

Varlin und Lermina erwiderten nichts.

"Doch weiter," sagte Ulric de Fonvielle, "die Ermordung des Kaisers
ntzt uns wenig, wie wir ja langst berlegt haben."

"Das ist eine Ansicht, die ich stets vertreten habe," sagte Raoul
Rigault, "Ihr knnt also nicht erwarten, da ich glauben sollte, mit
diesem ersten Schlage sei Alles gethan. Auch habe ich Euch ja vorhin
gesagt, da meine Plne zur Handlung zwei Punkte haben. Der Erste war
die Ermordung des Kaisers; der Zweite ist die Zerstrung des
Mittelpunkts der Regierung."

"Das wird etwas schwerer sein," sagte Varlin, den Kopf schttelnd.

"Allzu umfassendere Vorbereitungen bedrfen wir nicht," sagte Raoul
Rigault. "Wir haben von diesen kleinen Maschinen," fuhr er fort auf die
auf dem Tische liegenden Bomben deutend, "einen Vorrath von tausend
Stck, welche ein Herr Lepet, ein harmloser Mann, in dem Gedanken
gegossen hat, da es Theile eines neu erfundenen Vlocipdes wren. Sie
befinden sich an einem sichern Ort und knnen im Lauf weniger Stunden
gefllt werben. Wir bedrfen dann nur noch einer gewissen Quantitt
Petroleums, einer Quantitt Pikrinsure und eines Haufens alter Weiber
und kleiner Kinder, wie wir sie in beliebiger Menge in Belleville und
St. Antoine finden knnen."

"Und dann," fragte Lermina.

"Dann," sagte Raoul Rigault die Achseln zuckend, "nehmen diese alten
Weiber und die Kinder die Bomben, werfen je einige hundert Stck
davon durch die Fenster der Tuilerien und der verschiedenen
Ministerialgebude, gieen zu gleicher Zeit Jeder sein Gef voll
Petroleum in die Keller und Souterrains und znden diese angenehme
Flssigkeit mit einem kleinen Schwefelholz an. In wenigen Augenblicken
werden alle diese Centren der Regierungsgewalt in Flammen stehen, alle
diese Minister, Bureauchefs und Beamten werden fliehen. Das Ende der
Fden, welche in die Provinzen fhren und dort die Regierungskrfte in
Bewegung setzen, wird zerstrt sein, und das Volk wird sich aus den
Vorstdten heranwlzen, und bevor noch irgend Jemand wei, was
eigentlich vorgeht, wird Alles gethan sein, Paris wird uns gehren, und
diese trge, unentschlossene Masse, welche man Volk nennt, wird hier wie
im ganzen Lande unsern Befehlen folgen und durch unsere Organisation in
Bewegung gesetzt werden. Das Einzige, worauf es ankommt, ist, da die
Sache schnell und auf allen Punkten gleichzeitig ausgefhrt wird.

Das ist mein Vorschlag," sagte er, sich auf seinen Stuhl zurcklehnend
und mit dem Stckchen an seine Stiefel klopfend, "er ist einfach, leicht
ausfhrbar und wirksam. Die Vorbereitungen sind getroffen. Wollt Ihr
handeln, so handelt, wollt Ihr es nicht, so lat es bleiben, dann aber
werde ich mich zurckziehen, denn ich habe keine Lust mehr, meine Zeit
mit Redensarten und zwecklosen Agitationen zu verschwenden."

"Der Plan ist groartig, vortrefflich! Dieser kleine Raoul Rigault hat
wirklich eine Armee in seinem Kopf," rief Ulric de Fonvielle.

"Die Sache ist allerdings gut ausgedacht," sagte Lermina, "und sie kann
reussiren."

Varlin sagte nichts. Er sa tief nachdenkend da, doch zeigte der
Ausdruck seines Gesichts, da er den Plan Raouls billige und ber dessen
Ausfhrung nachsann.

"Natrlich kann die Sache reussiren," sagte Raoul Rigault, "und sie mu
reussiren, wenn sie nicht beraus dumm angegriffen wird, und da dies
nicht geschieht, dafr mt Ihr sorgen. Ich habe nicht Lust," fgte er
im affectirt hochmthigen Ton hinzu, "mich um diese petites besognes zu
kmmern. Ich habe Euch die Instrumente geschafft, ich habe Euch einen
Menschen gestellt, welcher den ersten Schlag fhren wird, an Euch ist
es, die Stunde fest zu stellen und Eure alten Weiber und Kinder an die
richtigen Orte zu fhren, um aus diesen alten dumpfen Bureaus und
Aktenhaufen ein lustiges, frhliches Feuer aussteigen zu lassen. In drei
Tagen knnt Ihr damit fertig sein. Jetzt lat uns gehen, es knnte im
Hause Aufsehen erregen, wenn wir noch lnger hier bleiben."

Er stand auf, grte mit einer stutzerhaften Bewegung mit der Hand und
ging hinaus.

"Er hat uns in der That berflgelt," sagte Lermina, ihm finster
nachblickend,--"ich liebe ihn nicht, diese ganze geckenhafte Art
wichtige Dinge zu behandeln, mifllt mir. Aber seine Ideen sind gut und
seine Vorbereitungen vortrefflich. Wenn Ihr einverstanden seid, soll der
Plan ausgefhrt werden, er kann uns Jahre langer Agitationen berheben
und mit einem Schlage an das Ziel unserer Wnsche fhren,--und selbst,
wenn der Plan milingen sollte, was ist dabei verloren--ein
zerschmetterter Kaiser, einige ausgebrannte Steinhaufen,--weiter
nichts," fgte er mit einem entsetzlichen Lcheln hinzu, welches seine
steinernen und unbeweglichen Zge in furchtbarer Weise verzerrte.

"Der Plan wird gelingen," rief Ulric de Fonvielle lebhaft, "die ganze
Kraft der Regierung ist zertrmmert, sobald der Mittelpunkt zerstrt
ist, Frankreich und die Zukunft gehrt uns."

Varlin stand auf.

"Der Plan _kann_ gelingen," sagte er, "wenn Niemand auer uns etwas
davon erfhrt, keines der Werkzeuge, die wir benutzen werden, darf den
ganzen Zusammenhang dessen, was geschehen soll, auch nur ahnen."

Er streckte seine Hand aus.

"Schwren wir uns gegenseitig," sagte er, "bei unserm Hasse gegen die
Ausbeuter der Arbeit Verschwiegenheit und Tod dem, der den Schwur
bricht."

Lermina und Fonvielle legten ihre Hnde in diejenige Varlins.

"Wir schwren Verschwiegenheit," sprachen sie, "Tod dem, der diesen
Schwur bricht."

Dann verschlossen sie sorgfltig alle Schubladen des groen Tisches, in
welche sie vorher die von Raoul Rigault mitgebrachten Proben der
Sprengbomben legten, verlieen das als ein einfaches Versammlungslocal
erscheinende Zimmer, ohne dessen Thr zu verschlieen und gingen vor dem
uern Thor des Hauses nach verschiedenen Richtungen auseinander.

Einige Augenblicke blieb der groe dunkle Raum im tiefen Schweigen, dann
lie sich ein leises Gerusch vernehmen;--unter dem Tisch, an welchem
die vier Verschwrer so eben gesessen hatten, drang ein Lichtstrahl
hervor, eines der Bretter des Fubodens erhob sich, aus der ffnung
stieg ein Mann mit einer kleinen Blendlaterne hervor. Er leuchtete mit
dem hellen Strahl seiner Laterne nach allen Seiten in die Tiefe des
Zimmers hinein, dann drckte er das erhobene Brett sorgfltig in seine
alte Stelle zurck, scharrte etwas von dem auf dem Boden liegenden Staub
in die Spalten, zog dann mehrere sauber gearbeitete Schlsselhaken aus
der Tasche und ffnete die Schublade des Tisches. Er nahm eine der
Bomben und steckte sie in seine Tasche, dann zog er ein kleines
Notizbuch hervor und schrieb beim Schein seiner Laterne einige Worte in
dasselbe, indem er vor sich hinflsterte.

"Lepet, Gieer,--Beaury, Rue St. Maur Nummer zweiunddreiig."

Dann ging er zur Thr, lschte seine Laterne aus, verlie leisen
Schrittes den Hof und das Haus und begab sich ruhig, die damals so
beliebte Melodie des Pompier de Nanterre vor sich hin pfeifend nach der
Polizeiprfectur, wo er durch den Dienst thuenden Huissier sogleich in
das Cabinet des Prfecten gefhrt wurde.




Ende des zweiten Bandes.






End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgru der Legionen, Zweiter
Band, by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRU DER LEGIONEN, ***

***** This file should be named 13658-8.txt or 13658-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        https://www.gutenberg.org/1/3/6/5/13658/

Produced by PG Distributed Proofreaders.

Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
https://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
