The Project Gutenberg EBook of Der Todesgru der Legionen, Dritter Band
by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow

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Title: Der Todesgru der Legionen, Dritter Band

Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow

Release Date: October 6, 2004 [EBook #13659]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRU DER LEGIONEN, ***




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Der Todesgru der Legionen



Zeit-Roman

von

Gregor Samarow.



Dritter Band.




Berlin, 1874.

Druck und Verlag von Otto Janke.




Erstes Capitel.


Der Kaiser Napoleon ging in heftiger Bewegung in seinem Cabinet auf
und nieder; die krankhafte Abgespanntheit, welche sonst auf seinem
Gesicht zu liegen pflegte, war verschwunden, an deren Stelle war eine
lebhafte Aufregung getreten, seine Lippen zuckten, seine Augen blickten
unruhig hin und her, und sein sonst so wohl geordneter Bart war durch
das Spiel seiner zitternden Finger aus der Ordnung gebracht.

Auf seinem Schreibtisch lag eine groe Anzahl von Telegrammen ber
einander geworfen. Er hielt eine Photographie in Cabinetformat in der
Hand, die er, von Zeit zu Zeit stehen bleibend, aufmerksam betrachtete.

"Welch eine Anhufung von Unruhe und Aufregung," sagte er mit einem
tiefem Athemzug, "die Erwartung wegen des Ausfalls des Plebiscits wre
allein gengend, um mich in Spannung und in diese so schmerzvolle
Nervenerregung zu versetzen,--da mu noch dieses Complott hinzutreten,
das mir vor zehn Jahren gleichgltig gewesen wre, das mir auch heute
gleichgltig ist, so weit es sich dabei um die Gefahr fr mein Leben
handelt,--diesem Complott aber liegt eine grere Gefahr zu Grunde. Mein
Tod ist nur ein Theil des Plans, den man hier verfolgt, und so
abenteuerlich und thricht diese Absicht der Zerstrung der Tuilerien
und der ffentlichen Gebude im ersten Augenblick erscheinen mag, so
liegt darin doch eine tiefe Kenntni der so scharf concentrirten
Zustnde. Wrde der Streich gelungen sein, so gehrte ganz Frankreich
dem Aufstande. Und," sprach er dumpf, vor sich hin starrend, "bin ich
denn schon sicher, da er nicht gelingen wird, bin ich sicher, da was
heute verhindert ist, sich nicht morgen wiederholen kann."

Er blickte lange auf die Photographie, welche er in seiner Hand hielt
und prfte genau mit scharfem forschendem Blick die Zge des Bildes.

"Dieser Mensch," sagte er dann, "ist kein Fanatiker,--das ist kein
exaltirter Kopf, der aus berspannten Theorien in dem Gedanken sich fr
eine groe Idee zu opfern, zum Mrder wird,--dies Gesicht ist gemein und
gleichgltig. Dieser Mensch ist einfach ein Werkzeug--und wenn er
unschdlich gemacht wird, kann man Werkzeuge wie ihn berall
wiederfinden,--und man wird sie wiederfinden, wenn dieser Zustand
dumpfer Ghrung weiter besteht, wenn die allgemeine Unzufriedenheit,
wenn das allgemeine Gefhl der Erniedrigung Frankreichs, das in der That
in diesem Augenblick die ffentliche Stimmung beherrscht, den tollkhnen
Unternehmungen der Verschwrer zu Hlfe kommt. Haben nicht vielleicht
Diejenigen doch Recht," sagte er in tiefem Gedanken, "welche mir rathen,
durch eine militairische Aktion das Gefhl der Nation wieder mit dem
Kaiserthum zu verbinden."

Er warf die Photographie auf den Tisch und ging die Hnde auf den Rcken
gelegt, den Kopf tief auf die Brust gesenkt mehrere Male langsam im
Zimmer auf und nieder.

"Eine glnzende Action," sagte er dann--"ja--aber wenn sie nicht
glnzend wre--wenn das launenhafte Glck _nicht_ ber meinen Fahnen
schwebte--was dann? Dann wrde all das Unheil, welches jetzt unter der
Oberflche glimmt, in hellen Flammen emporlodern, und diese Flammen
wrden ber den Trmmern meines Gebudes zusammenschlagen--warum aber
soll das Glck sich von mir wenden?" rief er dann stehen bleibend und
den aufleuchtenden Blick seines groen geffneten Auges auf eine
Marmorbste Csars richtend, welche auf schwarzem Fu in der Nhe seines
Schreibtisches stand. "War es mir doch bisher gnstig wie jenem Rmer,
dem Vorbild meines Hauses, der zwar unter den Dolchen der Verschwrer
fiel, auf dessen Thaten aber sich der glnzende Thron des Augustus
erbaute,--warum vermag ich nicht mehr an mein Glck zu glauben--wenn
dieses Plebiscit gnstig ausfllt, so steht ja wieder der Wille der
ganzen Nation hinter mir, und auf diese neue Kraft gesttzt, sollte ich
es wohl wagen knnen, dem Glck zu gebieten, denn das Glck beugt sich
dem khnen Muth und dem festen Entschlu,--aber wenn das Plebiscit
ungnstig ausfllt," sprach er, wieder in sich zusammensinkend, mit
dumpfem traurigem Ton. "Doch nein," rief er dann, "nein, das ist
unmglich, Alles ist gut vorbereitet, und die ersten Nachrichten ber
den Erfolg der Abstimmungen lauten berraschend gnstig."

Er trat an den Tisch und durchbltterte die auf demselben liegenden
Telegramme. Dann nahm er einen Bleistift, schrieb einige Zahlen ab und
addirte dieselben.

"Paris," sagte er, "Marseille, Toulouse, Bordeaux, die schlimmsten
Stdte haben abgestimmt, und dennoch ergiebt sich nach den vorliegenden
Nachrichten bereits eine Summe von einer Million 400,000 Stimmen fr
"Ja" und nur 200,000 fr "Nein." Wenn es so weiter geht, so ist der Sieg
gewi."

Der Dienst thuende Kammerdiener meldete den Gro-Siegelbewahrer.

"Er ist willkommen," rief der Kaiser lebhaft und ging rasch nach der
Thr hin, durch welche Herr Ollivier lchelnd und freudig bewegt
eintrat. Er ergriff mit tiefer Verneigung die dargebotene Hand des
Kaisers, zog dann einige Telegramme aus seiner Tasche und rief, ohne die
Anrede seines Souverains abzuwarten:

"Alles geht vortrefflich, Sire, bis heute morgen war das Resultat von
hundertundsechzig Wahlbezirken bekannt. Die Zahl der eingetriebenen
Whler betrug 3,671,400 davon haben 2,614,000 mit Ja gestimmt und
432,000 mit Nein. So eben," fuhr er fort, "habe ich dieses zweite
Telegramm erhalten, nach welchem nunmehr bis auf sechsundzwanzig
Wahlbezirke die Resultate smmtlich bekannt sind. Fr Ja stimmten
hiernach 6,399,000, mit Nein 1,349,000. Die Stimmen der Armee und der
Marine und der Bevlkerung von Algier sind hierbei noch nicht
mitgerechnet; da die Gesammtzahl der Stimmenden ungefhr auf acht bis
zehn Millionen anzuschlagen ist, so ist eine colossale Majoritt bereits
gesichert."

Der Kaiser athmete tief auf und drckte noch einmal herzlich die Hand
seines Ministers.

"Das Glck steht mir noch zur Seite," sagte er halblaut, mehr seinem
frhern Gedankengang folgend, als zu Herrn Ollivier sprechend. "Dies
glnzende Resultat," sagte er dann mit unendlich liebenswrdiger
Verbindlichkeit, "habe ich zum groen Theil meinen Ministern und Ihnen
ins Besondere, mein lieber Herr Ollivier, zu verdanken, da Sie es
verstanden haben, die Sympathien des ganzen Volkes um die kaiserliche
Regierung zu vereinigen, und vielleicht war dieses unglckliche traurige
Complott, das man entdeckt hat, ebenfalls eine glckliche Fgung, da
gerade dadurch dem ganzen Lande klar geworden ist, von welchen Gefahren
die Ordnung des Staats und der Gesellschaft bedroht wird, von Gefahren,
gegen welche nur ein freisinniges und kraftvolles kaiserliches Regiment
Schutz und Rettung bieten kann. Seien Sie berzeugt, da ich die
Dienste, welche Sie dem Lande, mir und meinem Hause geleistet haben,
niemals vergessen werde."

Herr Ollivier verneigte sich mit zufriedenem Lcheln.

"Eure Majestt haben ganz mit Recht bemerkt," sagte er dann, "da das
verbrecherische Complott, welches die Wachsamkeit der Polizei vor
einigen Tagen entdeckt, sehr gnstig auf die Theilnahme der gut
gesinnten Bevlkerung auf die Abstimmungen gewirkt hat,--dessen
ungeachtet" fuhr er fort, "bleibt die Sache sehr zu beklagen, denn
Alles, was man bis jetzt ermittelt hat, zeigt deutlich, da man es hier
mit einem tief angelegten Plan unvershnlicher Verschwrer zu thun hat,
und ich bitte Eure Majestt zu genehmigen, da nicht wie in frhern
hnlichen Fllen die Angelegenheit mit der Ihnen persnlich so nahe
liegenden Milde behandelt, sondern da hier mit der uersten Strenge
vorgegangen werde, um ein fr allemal ernstlich und nachdrcklich von
hnlichen Unternehmungen abzuschrecken.

"Es widerstrebt mir," sagte der Kaiser mit einem sanften weichen
Ausdruck, "Unternehmungen, welche gegen meine Person und mein Leben
gerichtet sind, mit uerster Strenge zu verfolgen. Nach meinem Gefhl
mchte ich Wahnsinnige, die derartiges versuchen, am liebsten vllig
ungestraft lassen, und das um so mehr in einem Augenblick, in welchem
mir das ganze Volk auf eine so glnzende Weise sein Vertrauen bezeigt.
Doch," fuhr er ernster fort, "es handelt sich hier nicht allein um mich,
man hat nicht nur mich bedroht, sondern zugleich die Sicherheit des
ganzen Staatsgebudes, wie ich dasselbe unter Mitwirkung der besten
Krfte des Landes und der Acclamation des ganzen Volkes errichtet habe;
hier darf keine Milde walten! Was hat man weiter entdeckt," fuhr er
fort. "Ich bin sehr gespannt auf die Ermittelung des Zusammenhangs der
Verschwrung."

"Der Polizeiprfect befindet sich in Eurer Majestt Vorzimmer,"
erwiderte Herr Ollivier, "und wenn Sie es erlauben, kann er hier
sogleich seinen Bericht erstatten, und Eure Majestt knnen die
Maregeln genehmigen, welche ich zur gerichtlichen Verfolgung der
Verbrecher und zum Schutz der ffentlichen Sicherheit vorschlagen
mchte."

Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf.

Herr Ollivier ging hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken mit dem
Polizeiprfecten Pietri zurck, dessen bleiches, scharfes Gesicht
unbeweglich und kalt wie immer war und dessen scharfe Augen fast noch
stechender als gewhnlich unter dem tiefen Schatten der vorspringenden
Stirn hervorblickten.

Auf den Wink des Kaisers nahmen der Justizminister und der
Polizeiprfect neben dem Schreibtisch Platz, whrend Napoleon sich in
seinen Lehnstuhl niedersinken lie,--den Ellenbogen auf das Knie
gesttzt blickte er Herrn Pietri fragend und erwartungsvoll an.

"Eurer Majestt," begann dieser, indem er eine kleine Mappe ffnete und
mehrere Papiere aus derselben hervorzog, "erlaube ich mir mitzutheilen,
da der frhere Corporal Beaury in seiner Wohnung in der Rue St. Maur,
die er nach seiner Ankunft aus London bezogen hatte, verhaftet wurde.
Man hat bei ihm einen Dolch und einen Revolver, eine Summe von etwas
ber dreihundert Francs gefunden, zugleich aber auch vor allen Dingen
Briefe von Gustav Flourens aus London, welche zweifellos beweisen, da
Beaury den Auftrag erhalten und angenommen hatte, Eure Majestt durch
die Bomben zu tdten, von denen ich Ihnen bereits eine Probe zu
berreichen die Ehre gehabt habe."

"Die Sprengbomben sind vortrefflich construirt," sagte der Kaiser--"ich
wrde ihrer Wirkung nicht entgangen sein," fgte er lchelnd hinzu.

"Die Briefe von Flourens," fuhr Pietri fort, "welche ich Eurer Majestt
hier vorzulegen die Ehre habe"--er legte mehrere beschmutzte Papiere auf
den Tisch vor dem Kaiser nieder, beweisen aber zugleich, da es sich
nicht nur um ein Attentat gegen Allerhchst Ihre Person handelte,
sondern da zu gleicher Zeit die Tuilerien und die smmtlichen
ffentlichen Gebude, in welchen die leitenden Organe der ffentlichen
Regierung ihren Sitz haben, zerstrt werden sollten. Man hat auf die
Aussage Beaury's gesttzt, welcher sogleich nach seiner Verhaftung
umfassende Gestndnisse ablegte, Nachforschungen gehalten und bei einem
Kunsttischler Roussel, dessen die Agenten leider bis jetzt noch nicht
habhaft geworden sind, eine weitere grere Anzahl von Bomben, Massen
von Nitroglycerin, so wie bedeutende Quantitten Petroleum gefunden;
auch steht nach den Aussagen Beaury's die Theilnahme der Internationale
an der ganzen Verschwrung auer Zweifel, was zugleich beweist, da
diese Verbindung, welche sich nur mit der Errterung socialer Fragen und
mit der Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes zu beschftigen
vorgiebt, die eigentliche Triebfeder aller Attentate gegen die
bestehende Staatsordnung ist."

"Haben Sie alle diese Beweisstcke da," fragte der Kaiser.

"Zu Befehl, Majestt," erwiderte Pietri, indem er mehrere Briefe und
Protokolle dem Kaiser berreichte.

Dieser legte sie auf seinen Tisch.

"Ich werde das Alles spter prfen," sagte er. "Es ist eine schmerzliche
Erfahrung fr mich," fuhr er fort, "da gerade diese internationale
Arbeiterassociation, welcher ich, so weit sie sich mit dem Interesse
der Arbeiter beschftigte, stets wo das mit den Gesetzen vereinbar war,
mein Wohlwollen bewiesen, und meinen Schutz gewhrt habe, sich jetzt zu
solchen Zwecken mibrauchen lt."

"Ich habe Eure Majestt stets darauf aufmerksam gemacht," sagte Pietri,
"da diese Organisation selbst unter ihren frheren gemigten, so zu
sagen philosophischen Fhrern eine groe Gefahr fr den Staat und die
Gesellschaft in sich schlo, und da es nothwendig sei, mit der
uersten Strenge gegen dieselbe vorzugehen, um sie und ihren weit
verzweigten Einflu zu zerstren. Nachdem nun ihre gefhrlichen und
verbrecherischen Ziele so klar an's Tageslicht getreten sind, mchte ich
Eure Majestt um die Erlaubni bitten, die ganze Internationale mit
einem Schlage zu zertrmmern, und in allen Stdten Frankreichs ihre
Fhrer, die mir sehr wohl bekannt sind, verhaften zu lassen."

Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.

"Ich erkenne die Nothwendigkeit energischer Maregeln vollkommen an,"
sagte er, "doch wei ich nicht, ob die Verhaftung der Fhrer von einigem
Nutzen sein wird. So weit mir aus frheren Berichten die Organisation
jener Gesellschaft bekannt ist, hat jeder Fhrer einen Substitut, und
die Verhaftung der ersten Leiter wrde also fr die Unterdrckung der
Sache selbst nicht viel ntzen, auerdem gehrt dieser Internationale
eine Menge von Arbeitern an, die im Grunde gut gesinnt sind und die
verbrecherischen Absichten der Hupter weder kennen, noch billigen. Ich
glaube deshalb, da es klug wre, den Maregeln, welche gegen die
Internationale getroffen werden mssen, jeden polizeilichen Character zu
nehmen und sie lediglich als die Folgen richterlichen Verfahrens
erscheinen zu lassen."

Er richtete den Blick fragend auf Herrn Ollivier.

"Ich theile vollkommen die Ansicht Eurer Majestt," sagte dieser. "Und
es sind in diesem Sinne alle Einleitungen getroffen, der
Generalprocurator Grandperret soll einen Bericht an mich erstatten,
welcher das Complott in seinem ganzen Zusammenhange darstellt und die
Einberufung des hohen Gerichtshofes beantragt. Ich werde diesen Bericht
des Generalprocurators, der bereits morgen in meinen Hnden sein soll,
Eurer Majestt berreichen und zugleich den Entwurf eines Decrets
beilegen, welcher die Einberufung des hohen Gerichtshofes anordnet.
Sobald das geschehen, werden alle Verhaftungen, welche auf Grund der von
dem Generalprocurator Grandperret anzustellenden Anklageacte
vorgenommen werden mssen, gerichtliche und nicht mehr polizeiliche
Maregeln sein."

"Sehr gut," sagte der Kaiser, "ich erwarte Ihren Bericht, mein lieber
Herr Ollivier, und ich hoffe," fgte er sich zu Pietri wendend hinzu,
"da Ihre Agenten geschickt genug sein werden, um keinen der Schuldigen
entwischen zu lassen."

"Eure Majestt knnen berzeugt sein," erwiderte der Polizeiprfect,
"da in meinem Ressort geschehen wird, was nur irgend zu thun mglich
ist, dennoch aber mchte ich bitten, einige Personen welche ich dem
Herrn Generalprocurator bezeichnen werde, von der Verhaftung
auszuschlieen. Es sind die Personen welche wir genau zu berwachen in
der Lage sind, und durch welche wir in Folge dieser berwachung
fortwhrend Kunde von den Fden erhalten, durch welche die revolutionre
Bewegung im ganzen Lande geleitet wird. Wrden diese Personen verhaftet
werden, so wrde uns sich eine Quelle sehr wichtiger Nachrichten
verschlieen, und wir wrden gezwungen sein, viele Zeit aufzuwenden, um
neue Netze zu knpfen."

Der Kaiser lchelte.

"Ich verstehe," sagte er--"nicht wahr, mein lieber Herr Ollivier, Sie
finden den Wunsch des Herrn Pietri gerechtfertigt--"

"So fern dadurch," sagte der Justizminister, "der gerichtlichen
Verfolgung keine Beweise entzogen werden."

"Sie knnen sicher sein," sagte Herr Pietri, "da diejenigen Personen,
um welche es sich handelt,--und zu denen in erster Linie der eitle
Schwtzer Raoul Rigault gehrt, so vollstndig umstellt sind, da keine
ihrer Bewegungen, keines ihrer Worte uns entgeht, und da ihre
Verhaftung, wenn sie jemals nothwendig werden sollte, jeden Augenblick
stattfinden kann. Es ist aber eine alte Regel der polizeilichen Praxis,"
fgte er hinzu, "in groen und besonders bedeutungsvollen Fllen immer
einige der betreffenden Personen in scheinbarer Freiheit zu lassen, um,
wenn es nthig ist, durch sie das herstellen zu knnen, was man mit dem
technischen Ausdruck eine "Mausefalle" nennt. Hat man einmal alle
Personen, von denen man irgend etwas wei, im Gefngni eingeschlossen,
so ist es kaum mglich, irgend etwas Weiteres und Neues zu erfahren."

"Ich bitte Sie also," sagte Herr Ollivier, "sich mit dem
Generalprocurator Grandperret ber diesen Punkt zu verstndigen."

"Der Herr Marschall Kriegsminister," meldete der Kammerdiener.

"Ich bitte den Marschall einzutreten," erwiderte der Kaiser.

Der Marschall Leboeuf trat in das Cabinet, die militairische Haltung
seiner groen vollen Gestalt, der martialische Ausdruck seines starken
Gesichts mit dem groen, dichten Schnurrbart lieen in ihm trotz des
Civilberrocks, den er trug, den Soldaten erkennen.

"Nun, mein lieber Marschall," rief ihm der Kaiser entgegen. "Sie bringen
das Resultat der Abstimmungen der Armee."

"Zu Befehl, Majestt," erwiderte der Marschall. "Leider aber habe ich
Eurer Majestt mitzutheilen, da nach den Mittheilungen, welche nunmehr
beinahe abgeschlossen sind dreiigtausend Ihrer Soldaten mit "Nein"
gestimmt haben."

Der Kaiser lie einen Augenblick das Haupt auf die Brust sinken, ein
trber, trauriger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.

"So groen Einflu," sagte er, "haben die Feinde meiner Regierung also
auch in den Reihen meiner Armee gewonnen, da dreiigtausend kaiserliche
Soldaten es wagen, ein Mitrauensvotum gegen mich auszusprechen."

"Ich habe Eure Majestt," sagte Herr Pietri, "bereits seit lange darauf
aufmerksam gemacht, da es vom polizeilichen Gesichtspunkt aus nicht
zweckmig sei, die Soldaten so lange, wie das jetzt geschehen ist, oft
ber drei Jahre lang in denselben Garnisonen zu lassen, sie
fraternisiren dadurch zu sehr mit der Bevlkerung, und es sind gerade
die revolutionren Elemente, welche in kluger Berechnung und mit groem
Geschick stets danach streben, in den Reihen der Armee Propaganda zu
machen,--wenn Eure Majestt Ihre Regimenter fter die Garnisonen
wechseln lieen, so wrde so etwas nicht vorkommen."

"Wir wollen darber nachdenken," sagte der Kaiser, sich zum Marschall
Leboeuf wendend. "Wo sind denn besonders Stimmen mit Nein abgegeben
worden," fragte er, augenscheinlich noch immer sehr peinlich durch die
Mittheilung des Marschalls berhrt.

"Vor allen Dingen hier in Paris," erwiderte der Marschall Leboeuf,
"bei dem siebenzehnten Jgerbataillon und dem siebenzehnten
Linienregiment.--In der Kaserne Prinz Eugene," fuhr er fort, "hatte
sich, wie man mir meldete, die Garnison bei der Abstimmung in zwei, fast
ganz gleiche Theile gespalten. Ich bin selbst dorthin gegangen, habe die
Truppen antreten lassen und eine Ansprache an sie gehalten, in welcher
ich ihnen auseinandersetzte, da gerade in diesem Augenblick, in
welchem die Revolution es versucht habe, die bestehende Staatsordnung
umzustrzen, die feste Treue der Armee gegen den Kaiser eine hohe
patriotische Pflicht sei."

"Und," fragte der Kaiser.

"Ein einstimmiges, laut schallendes Vive l'Empereur war die Antwort,"
erwiderte der Marschall. "Ich glaube," fuhr er fort, "da bei dem
negativen Votum der einzelnen Soldaten mehr der Reiz magebend gewesen
ist, einmal ungestraft und unbeengt durch Disciplinarvorschriften ein
wenig Opposition machen knnen. Ich glaube aber nicht, da diese
Opposition gefhrlich ist, und da irgend ein Theil der Armee es an
Energie in der Bekmpfung der Revolution fehlen lassen wrde, wenn es
jemals dazu kme."

Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.

"Der Faubourg du Temple ist unruhig, wie Sie mir heute gemeldet haben,"
sagte er zu Pietri gewendet.

"Zu Befehl, Majestt," erwiderte dieser. "Es finden dort
Zusammenrottungen statt. Bis jetzt ist noch nichts Ernstes geschehen,
als da einige Laternen umgeworfen wurden, indessen ist zu besorgen, da
mit dem Eintritt der Dunkelheit dort ernstere Unruhen stattfinden
mchten, und meine Agenten haben mir bereits berichtet, da
Vorbereitungen zum Barrikadenbau getroffen wurden."

"Commandiren Sie, mein lieber Marschall, das siebenzehnte Jgerbataillon
und das siebente Linienregiment heute Abend nach dem Faubourg du Temple,
um gegen die Ruhestrungen, welche man dort versuchen mchte,
einzuschreiten. Ich will den Truppen zeigen, da ich ihr Recht des
freien Votums achte, und das mein Vertrauen in die Erfllung ihrer
Dienstpflicht durch den Gebrauch ihres Stimmrechts auch gegen mich nicht
erschttert werden kann. Nun aber," fuhr er fort, indem er sich in einer
krftigeren Bewegung als sonst erhob und den Blick stolz und frei ber
die in seinem Cabinet befindlichen Personen gleiten lie, "ist es
nothwendig, zu der Verfolgung der Verschwrer durch die Gerichte
Maregeln zu treffen, um den Staat gegen alle Attentate zu schtzen,
welche vielleicht dennoch von denen versucht werden knnten, die sich
bisher der Wachsamkeit der Behrden zu entziehen wuten. Lassen Sie,
mein lieber Marschall," sprach er im festen Ton des Befehls, der keine
Errterung und keinen Widerspruch duldet, "die Truppen smmtlich in den
Kasernen consigniren, die Truppen sollen scharfe Patronen erhalten und
jeden Augenblick marschbereit sein. Commandiren Sie ferner nach allen
ffentlichen Gebuden wenigstens zwei Bataillone, welche vor Allem den
Befehl erhalten mssen, jeden Eintritt unbekannter Personen
zurckzuweisen und die Keller und Souterrainrume zu berwachen.
Sodann," fuhr er fort, "sollen die Voltigeurs der Garde smmtlich in die
Gallerien commandirt werden, welche den Pavillon des kaiserlichen
Prinzen mit dem Neubau vereinigen. Ich werde dem General Frossard den
Befehl schicken, da der Prinz seine Wohnung nicht verlt, man knnte
seinen Wagen fr den Meinigen halten, und er knnte das Opfer eines
gegen mich gerichteten Attentats werden. Das darf nicht geschehen, denn
auf seinem Leben beruht die Zukunft Frankreichs. Jeder Unruhe," fuhr er
immer in demselben festen Ton fort, "welche heute Abend in den Straen
von Paris stattfinden knnte, soll sofort mit scharfer Waffe und ohne
jede Schonung entgegen getreten werden. Die Corpsfhrer sind mir
verantwortlich dafr, da keine Barricade lnger als eine halbe Stunde
stehen bleibt,--vor Allem," fgte er noch hinzu, "sollen starke Posten
in das Erdgescho des Pavillons des kaiserlichen Prinzen gelegt werden
und Niemand dort zugelassen werden, der sich nicht durch seinen Dienst
oder durch einen besonderen Erlaubnischein legitimiren kann. Auerdem
werden Sie, mein lieber Pietri," sagte er, sich an den Polizeiprfecten
wendend, "den Pavillon des Prinzen ringsum mit Ihren zuverlssigen
Agenten umgeben lassen, mit dem bestimmten Befehl, Niemand die
Annherung an denselben zu gestatten."

Herr Ollivier sah ganz erstaunt den Kaiser an, der Ton desselben,
welcher an die Zeit des unumschrnkten persnlichen Regiments erinnerte,
schien ihn zu befremden.

"Und welche Sicherheitsmaregeln befehlen Eure Majestt," sagte Herr
Pietri, "fr den Pavillon de l'Horloge,--fr Eurer Majestt eigene
Wohnung?"

"Keine," sagte der Kaiser stolz lchelnd, "ich habe die Pflicht, fr die
Sicherheit des Staates und des Erben meines Thrones zu sorgen. Was mich
betrifft,--ich vertraue meinem Stern!--Gehen Sie, meine Herren," sagte
er mit freundlicher Wrde und Hoheit, "und sorgen Sie fr die pnktliche
Ausfhrung meiner Befehle. Sie, mein lieber Ollivier, bitte ich, noch zu
bleiben, ich habe noch weiter mit Ihnen zu sprechen."

Der Marschall Leboeuf und Herr Pietri zogen sich zurck.

"Sie wissen," sagte der Kaiser, als er mit dem Grosiegelbewahrer
allein war, "da die Kaiserin nach der Verfassung des Reichs zur
Regentin bestimmt ist, fr den Fall meiner Abwesenheit oder meines Todes
whrend der Minderjhrigkeit des Prinzen. Dieser Beaury ist gefangen,"
fuhr er fort, "aber man knnte einen Zweiten und einen Dritten absenden,
und irgend ein pltzliches Ereigni knnte meinem Leben ein Ende
machen."

"Sire," rief Ollivier, die Hand auf die Brust legend, "die Vorsehung
wird verhten--"

"Ich hoffe das," sagte der Kaiser kalt und ruhig, "indessen mu ich fr
den Fall eines verhngnivollen Ereignisses meine Bestimmung treffen,
als ob es sich um eine dritte Person handelte. Sollte ich," fuhr er
fort, "das Opfer eines Dolches, eines Revolvers oder einer Bombe werden,
so werden Sie unverzglich die ganze Garnison von Paris unter die Waffen
treten lassen, meinen Sohn zum Kaiser proclamiren und die Truppen ihm
und der Regentin den Eid der Treue schwren lassen. Sie werden jeden
Versuch einer Bewegung in der Hauptstadt mit rcksichtsloser Strenge
niederwerfen und die Regierung genau so fortfhren, als ob sich Nichts
gendert habe--Nichts," fgte er mit einem Anklang leiser Wehmuth hinzu,
"als da neben dem Namen des Kaisers eine IV statt einer III steht.
Besprechen Sie mir das, geben Sie mir Ihr Wort darauf."

Er streckte Ollivier mit einer Bewegung voll Hoheit und liebenswrdiger
Herzlichkeit zugleich die Hand hin.

"Ich schwre es Eurer Majestt," rief Ollivier mit einer von innerer
Bewegung erstickten Stimme, indem er seine Hand in die des Kaisers
legte.

"So haben wir Vorsorge getroffen," sprach Napoleon im ruhigen, heiteren
Ton weiter, "fr den Fall eines unglcklichen Verhngnisses, jetzt
lassen Sie uns an die Gegenwart und ihre Forderungen herantreten.
Nachdem das Plebiscit dem Kaiserreich von Neuem die feste Grundlage des
Nationalwillens gesichert hat, mssen wir darauf denken, die Regierung,
selbst wenn sie sich in einem provisorischen Stadium befindet, wieder zu
consolidiren. Das Ministerium der auswrtigen Angelegenheiten vor allen
Dingen, welches Sie seit dem Rcktritt des Grafen Daru mit so groer
Opferbereitwilligkeit neben der Last aller Ihrer brigen Arbeiten
gefhrt haben, mu, wie es mir scheint, definitiv besetzt werden."

Herr Ollivier schien durch diese Bemerkung des Kaisers nicht besonders
angenehm berhrt zu werden.

"Es ist mir eine Freude gewesen, meine Arbeitskraft auch in diesem
erhhten Mae dem Dienste Eurer Majestt zu widmen. Und bis zu diesem
Augenblick," fgte er mit einem gewissen selbstbewuten Lcheln hinzu,
"ist mir diese Last nicht zu schwer geworden. Nicht, um mich den
vermehrten Arbeiten zu entziehen, mchte ich Eure Majestt zur Besetzung
des auswrtigen Portefeuille drngen."

"Ich wei, mein lieber Minister," sagte der Kaiser verbindlich, "da Sie
keine Mhe scheuen, und da Ihre eminente Kraft auch die schwerste Last
leicht zu ertragen im Stande ist. Indessen wird die gesammte politische
Leitung der Regierung Sie in der nchsten Zeit, in welcher alles jetzt
Geschaffene befestigt werden mu, so sehr in Anspruch nehmen, da ich
nicht die Detailarbeiten Ihnen auch noch aufbrden mchte. Es kommt
darauf an," fuhr er fort, "einen Minister der auswrtigen
Angelegenheiten zu finden, welcher die fr den internationalen Verkehr
erforderliche Geschmeidigkeit mit dem festen Willen und der Kraft
vereint, die Wrde und die Interessen Frankreichs nach auen hin
energisch zu vertreten, und welcher zugleich mit den Grundstzen, nach
welchen Sie zu meiner groen Freude meine Regierung fhren, vllig
bereinstimmt. Ich habe geglaubt, da Drouyn de L'huys, welcher bereits
mehrere Male die auswrtige Politik Frankreichs gefhrt hat, im
wesentlichen die erforderlichen Eigenschaften besitzt, es wrde nur
darauf ankommen, ob Sie glauben, mit demselben in inniger und
aufrichtiger Uebereinstimmung zusammen arbeiten zu knnen."

Herr Ollivier schien noch immer unter dem Eindruck einer gewissen
Verstimmung sich zu befinden.

"Ich achte Herrn Drouyn de L'huys hoch," sagte er mit einiger
Zurckhaltung, "er ist ein Mann von groer und ausgedehnter Erfahrung,
von tiefen Kenntnissen und groer Charakterfestigkeit. Freilich," fuhr
er fort, "sagt man, da diese Charakterfestigkeit zuweilen ein wenig die
Grenzen des Eigensinns streifen soll,--"

"Man hat nicht ganz Unrecht," fiel Napoleon, leicht das Haupt neigend,
ein. "Inde glaube ich, da es Ihnen bei Ihrer Gewandtheit, Andere zu
berzeugen, nicht schwer werden wrde"--

Die Flgel der Thr des kaiserlichen Cabinets wurden geffnet. Der
Huissier meldete die Kaiserin.

Unmittelbar darauf trat Ihre Majestt schnell ein, ihre Hand leicht auf
den Arm des kaiserlichen Prinzen gelegt. Das schne Gesicht der Kaiserin
leuchtete vor freudiger, innerer Erregung, ihre Augen strahlten, ein
triumphirendes Lcheln lag auf ihren Lippen, hoch und stolz trug sie das
Haupt auf dem wunderbar schnen, schlanken Halse.

Der kaiserliche Prinz war damals vierzehn Jahre alt, seine Gestalt war
schlank und schmchtig, seine Haltung elegant und sicher, sein bleiches
Gesicht mit dem dichten, dunkel glnzenden Haar, schien lter als seine
Jahre, frhzeitige krperliche Leiden hatten ihm einen gewissen Ausdruck
von fast melancholischer Weichheit gegeben. Seine Stirn zeigte eine
auffallende hnlichkeit mit derjenigen des Kaisers, whrend der untere
Theil des Gesichts, die Nase und der Mund lebhaft an seine Mutter
erinnerten. Seine dunklen, sinnigen Augen blickten aufmerksam forschend,
es lag in denselben neben einer gewissen, kindlichen, wohlwollenden
Offenheit, doch auch ein gewisses prfendes Mitrauen.

Der Prinz trug einen einfachen schwarzen Civilanzug und kte, nachdem
die Kaiserin den Kaiser begrt, mit liebevoller Ehrerbietung die Hand
seines Vaters.

"Ich komme mit unserm Louis," rief die Kaiserin, "um die Erste zu sein,
welche Ihnen zu dem so glnzenden Ausfall des Plebiscits von ganzem
Herzen Glck wnscht, und zugleich," sagte sie, mit anmuthiger Bewegung
sich zu Ollivier wendend, "dem geistvollen und treuen Rathgeber, dessen
eifriger Thtigkeit wir vor allen Dingen dieses glckliche Resultat zu
verdanken haben, auch meinen herzlichsten und aufrichtigsten Dank zu
sagen."

Sie reichte Ollivier ihre Hand, auf welche dieser seine Lippen drckte.

"Es scheint," sagte der Kaiser, "als ob gerade in diesem Augenblick, in
welchem das Glck uns lchelt, die finsteren Dmonen der Revolution von
Neuem ihr Haupt erheben, hoffentlich zum letzten Mal. Ich habe," fuhr er
fort, "soeben, obgleich mir das gerade in diesem Augenblick mehr als je
widerstrebt, die Befehle zur energischen Verfolgung der Schuldigen
gegeben und zugleich zum Schutz des Staats und der Dynastie die
Voltigeurs der Garde in den Pavillon des Prinzen gelegt. Und Du, mein
lieber Louis," sagte er, leicht mit der Hand ber das Haar seines Sohnes
streichend, "wirst in den nchsten Tagen Dir gefallen lassen mssen, die
Tuilerien nicht zu verlassen, so lange wenigstens, bis das Complott in
allen seinen Verzweigungen entdeckt und unschdlich gemacht sein wird."

"Oh, Papa," rief der junge Prinz mit blitzenden Augen, "ich frchte mich
nicht, mgen sie nur kommen, ich werde mich zu vertheidigen wissen,
und" fgte er hinzu, den glnzenden Blick aufwrts gerichtet, "Gott wird
nicht erlauben, da die ruchlosen Plne dieser Verschwrer gelingen."

"Ich bin berzeugt, da Du Dich nicht frchtest, mein Sohn," sagte der
Kaiser, indem er seinen Blick voll stolzer Freude auf dem Prinzen ruhen
lie--"Du wrdest sonst nicht im Stande sein, Frankreich zu beherrschen,
aber Dein Leben gehrt der Zukunft Deines Landes, Du darfst es wohl in
der Schlacht fr die Ehre und den Ruhm Frankreichs einsetzen, aber es
soll nicht die Beute heimtckischer Meuchelmrder werden. Wo ist der
General Frossard?" fragte er.

"Der General hat den Prinzen hierher begleitet," erwiderte die Kaiserin,
"er befindet sich im Vorzimmer."

Napoleon ffnete selbst die Thr seines Cabinets und rief den General.
Dieser, ein Mann von etwa fnfzig Jahren mit einem lnglichen, ernst und
streng blickenden Gesicht trat ein und erwartete schweigend die Befehle
des Kaisers.

"Mein lieber General," sagte Napoleon, "ich bitte Sie, dafr Sorge zu
tragen, da der Prinz bis auf weitere Befehle sein Zimmer nicht verlt,
und da er keine Audienzen ertheilt, welche ich nicht vorher genehmigt
habe. Gehe mit dem General, mein Sohn," fuhr er fort, dem Prinzen
freundlich auf die Schulter klopfend, "und beschftige Dich ein wenig
mit Deinen Studien, ich werde spter zu Dir kommen und ein wenig sehen,
was Du treibst."

Der Prinz zgerte einen Augenblick, ein leichter Anflug von Unmuth
erschien auf seinem Gesicht, er kte die Hand seines Vaters, umarmte
zrtlich die Kaiserin und verlie, vom General Frossard gefolgt, das
Cabinet.

"Ich habe soeben einen Brief von Gramont erhalten," sagte die
Kaiserin--"er sendet uns seine aufrichtigsten Wnsche fr den
glcklichen Ausfall des Plebiscits und ist entzckt ber die ersten
Nachrichten, welche der Telegraph nach Wien gebracht hat, und welche
bereits erwarten lassen, was sich inzwischen vollzogen hat. Ich wrde
Dir den Brief vorlesen," sagte sie mit einem lchelnden Seitenblick auf
Ollivier, "wenn ich nicht frchten mte, den Herrn Grosiegelbewahrer
in Verlegenheit zu setzen. Der Herzog ist in der That einer seiner
glhendsten Bewunderer, er preist Frankreich und das Kaiserreich
glcklich, einen solchen Mann zu den ihrigen zu zhlen.

Es ist nur zu bedauern," fgte sie mit einem leichten Seufzer hinzu,
"da der Herzog so fern von hier auf entlegenem Posten in Wien sich
befindet, er wre ein vortrefflicher Bundesgenosse des Herrn Ollivier,
er wrde keinen anderen Ehrgeiz haben, als dessen Leitung zu folgen und
mit seinem Eifer und seiner Energie die Ideen auszufhren, an denen
dieser so reich und so fruchtbar ist," sagte sie, mit einem reizenden
Lcheln sich gegen den Justizminister verbeugend, der einen schnellen,
forschenden Blick auf den Kaiser richtete.

Napoleon hatte den Kopf ein wenig niedergesenkt, sein verschleierter
Blick richtete sich ausdruckslos zu Boden.

"Euer Majestt hatten so eben die Gnade," sagte Ollivier, indem er sich
halb zur Kaisern wendete, "mit mir ber die Besetzung des auswrtigen
Ministeriums zu sprechen und den Namen des Herrn Drouyn de L'huys zu
nennen"--ein finsterer Schatten flog einen Augenblick ber die Zge der
Kaiserin, aber unmittelbar nahmen dieselben wieder ihren ruhig
lchelnden, fast gleichgltigen Ausdruck an.

"Drouyn de L'huys," sagte sie, "wrde reiche Erfahrungen fr diesen
Posten mitbringen,--er ist ja auch, so weit ich davon gehrt habe, im
Ganzen vollkommen einverstanden mit der gegenwrtigen Richtung der
Regierung. Ich bedaure nur Herrn Ollivier," fgte sie in heiterem Tone
hinzu, "er wird ein wenig Mhe haben, mit Herrn Drouyn de L'huys fertig
zu werden, derselbe hlt viel auf seinen eigenen Willen. Aber," sagte
sie, "es wird ja am Ende nicht schwer sein, sich ihm zu accommodiren, er
ist ein Mann von vielem Geist und so viel lter als Herr Ollivier--"

Sie schwieg abbrechend.

Der Justizminister schien einen Augenblick mit seinen Gedanken
beschftigt, dann wandte er sich, wie einem schnellen Entschlu folgend,
zum Kaiser und sagte:

"Ich habe Eure Majestt, vorhin die Meinung ausgesprochen, welche ich
ber Herrn Drouyn de L'huys hege. Ich kann inde eine Bemerkung nicht
unterdrcken, welche ein wenig gegen die bertragung des auswrtigen
Ministeriums an ihn sprechen mchte. Herr Drouyn de L'huys gilt in Folge
der Verhltnisse, unter denen er das Portefeuille im Jahre 1866
abgegeben, fr einen groen Gegner Preuens und fr einen Frsprecher
kriegerischer Unternehmungen."

"Drouyn de L'huys will durchaus den Frieden aufrecht erhalten wissen,"
sagte der Kaiser schnell.

Der Blick der Kaiserin flammte auf, sie machte eine leichte Wendung und
fhrte einen Augenblick ihr Taschentuch an die Lippen.

"Ich glaube, da Herr Drouyn de L'huys den Frieden will," erwiderte
Ollivier, "indessen die Welt und namentlich das Ausland glaubt einmal
das Gegentheil von ihm, es wre vielleicht zu befrchten, da seine
Ernennung von den fremden Mchten, in's Besondere von dem Berliner
Cabinet mit Mitrauen aufgenommen werden mchte, und in diesem
Augenblick, in welchem wir so sehr mit den inneren Fragen beschftigt
sind, wrde eine Trbung der auswrtigen Beziehungen die Erfllung der
Aufgaben, welche wir dem Willen Eurer Majestt gem uns gesteckt haben,
sehr erschweren. Es wre vielleicht gut, das auswrtige Ministerium
einem Manne zu bertragen, welcher seit lngerer Zeit dem Mittelpunkt
der Politik fern gestanden hat, und aus dessen Vergangenheit man keine
beunruhigenden Schlsse zu ziehen im Stande ist. Ihre Majestt die
Kaiserin," fuhr er fort, "hatten so eben die Gte gehabt, mitzutheilen,
da der Herzog von Gramont sehr freundliche Gesinnungen fr meine
geringe Person hegt. Ich bin gewi, Eure Majestt wissen, da ich weit
davon entfernt bin, mich durch persnliche Eindrcke leiten zu lassen,
um so mehr als ich in diesem Falle glaube, da die Sympathie des
Herzogs von Gramont vor allen Dingen den Prinzipien gilt, welche ich in
Uebereinstimmung mit Eurer Majestt auszufhren unternommen habe, und in
dieser Beziehung wrde ich allerdings ein Zusammenwirken mit einem
Manne, der vollstndig von denselben Grundstzen durchdrungen ist, nur
fr sehr ntzlich halten knnen."

"Wrden Sie nicht," fragte die Kaiserin lchelnd,--"Sie, der brgerliche
Stoiker, Scheu haben, durch den Herzog von Gramont sich dem Faubourg St.
Germain zu sehr zu nhern?"

"Ich achte alle Klassen der Gesellschaft," sagte Ollivier in
pathetischem Ton, "wenn sie sich den Ideen, welche den Staat in unseren
Tagen leiten mssen, unterwerfen, und wenn der alte historische Adel
Frankreichs sich entschlieen knnte, den Wegen des Kaisers und seiner
Regierung zu folgen, so wrde die ganze Nation dabei gewinnen."

"Sie nehmen die Sache ernst", sagte die Kaiserin leicht hin--"ich habe
gar keine Ansicht aussprechen und am wenigsten den Erwgungen vorgreifen
wollen."

"Die Andeutungen Eurer Majestt," sagte Ollivier, whrend der Kaiser
fortwhrend unbeweglich schwieg, "verdienen inde die hchste Beachtung
und vielleicht hat--Euer Majestt verzeihen mir," fgte er, sich leicht
verneigend hinzu, "hier der weibliche Instinct schneller das Richtige
getroffen, als es die ernsthaftesten und tiefsten Erwgungen htten
finden knnen. Je mehr ich darber nachdenke, um so mehr will es mir
scheinen, als ob der Herzog von Gramont in der That eine sehr geeignete
Persnlichkeit fr das auswrtige Ministerium wre."

Der Kaiser stand auf.

"Wir wollen darber nachdenken," sagte er in einem Tone, der jede
weitere Unterredung darber abschnitt, "sobald das Plebiscit beendet
sein wird. Fr jetzt bitte ich Sie," fuhr er zu Ollivier gewendet fort,
"mich zu begleiten, wenn Ihre Zeit es erlaubt, ich will einen Augenblick
auf der Terrasse des Tuileriengartens spazieren gehen."

"Um Gottes Willen," rief die Kaiserin erschrocken, "ganz Paris ist in
unruhiger Bewegung, noch hat man nicht die Tiefe der Beschwrung
ergrndet, noch sind nicht alle Mitschuldige ermittelt und gefangen--ich
bitte Sie, Louis, setzen Sie Sich einer solchen Gefahr nicht aus! Wie
leicht knnte eine jener entsetzlichen Bomben Sie treffen, bleiben Sie
im reservirten Garten."

Der Kaiser lchelte.

"Sie knnen Sich berzeugen, Eugenie," sagte er, "da ich fr die
Sicherheit des Prinzen gesorgt habe,--ich selbst will meinen Feinden und
allen Franzosen zeigen, da wenn es ihnen vielleicht gelingen kann, mich
zu tdten, sie doch nicht dahin kommen werden, mich einzuschchtern."

Er bewegte schnell die Glocke auf seinem Schreibtisch und nahm seinen
Hut und sein spanisches Rohr. Der Huissier ffnete die Thrflgel. Der
Kaiser gab seiner Gemahlin den Arm und fhrte sie durch das Vorzimmer,
in welchem der Dienst thuende Adjutant und der Kammerherr der Kaiserin,
wartete, bis zum Eingang zu ihren Appartements.

Dann sttzte er seinen Arm auf den des Herrn Ollivier, stieg mit ihm die
Treppe herab und schritt langsam nach der reservirten Terrasse des
Tuileriengartens, indem er dem Adjutanten befahl, zurckzubleiben.

Langsam schritt er unmittelbar an der Rampe dieser Terrasse nach der
Place de la Concorde hin auf und nieder, indem er sich stets so wandte,
da er an der dem Platze zugekehrten Seite ging.

Bald hatte man ihn erkannt, eine ziemlich dichte Menge sammelte sich
unterhalb der Terrasse an und laute Rufe begrten den Kaiser.

Napoleon dankte mit der Hand, trat dicht an den Rand der Terrasse und
blickte lange auf die immer mehr anwachsende Menge herab.

"Sie sehen," sagte er lchelnd, sich zu Ollivier wendend, "da das
Schicksal noch nicht mit mir enden will. Es gehrt wahrlich wenig dazu,
um mich von dort unten her zu treffen."

"Je nher Euer Majestt Ihrem Volke treten," sagte Ollivier, "um so
sicherer werden Sie vor allen Angriffen sein--auch ich gehrte einst zu
Ihren Gegnern; es hat nichts weiter bedurft, als da Euer Majestt mir
erlaubten, in Ihre Nhe zu treten, um mich zu Ihrem treuesten und
ergebenden Diener zu machen."

Der Kaiser dankte mit einer leichten Neigung des Hauptes fr diese in
etwas rhetorischem Tone ausgesprochene Schmeichelei, legte wieder seinen
Arm in den des Ministers und setzte noch eine halbe Stunde lang seinen
Spaziergang fort, indem er mit der ihm eigentmlichen bezaubernden
Liebenswrdigkeit von allen mglichen Dingen plauderte, aber trotz aller
Anspielungen Olliviers es vermied, das Thema der Besetzung des
auswrtigen Ministeriums wieder zu berhren.




Zweites Capitel.


Es war ungefhr um die neunte Abendstunde desselben Tages, als der
Geheimsecretair Pietri durch den besonderen Eingang aus seinem Bureau in
das Cabinet des Kaisers trat.

Napoleon sa ernst und gedankenvoll in seinem Lehnstuhl, er trug den
Campagneberrock der Generalsuniform und rauchte eine jener kleinen
Cigarretten von trkischem Taback, welche er sich selbst bereitete,
trumerisch den kleinen Rauchwolken nachblickend, welche durch das von
einer groen, auf dem Schreibtisch stehenden Lampe nur matt erleuchtete
Zimmer dahinzogen.

Er richtete sich beim Eintritt Pietris leicht empor und sagte, indem er
seinen Vertrauten mit freundlichem Lcheln grte.

"Haben Sie nach der Rue de Bondy gesendet?"

"Zu Befehl, Majestt," erwiderte Herr Pietri, "die Dame ist hier und
wartet in meinem Zimmer."

Der Kaiser stand auf.

"Es wre doch wohl besser gewesen, unerkannt dort hinzugehen. Ich
erleichtere ihr Metier zu sehr, wenn sie wei, mit wem sie es zu thun
hat."

"Aber, Sire," sagte Pietri, "in diesen Tagen in jene Gegenden sich zu
begeben, das wre nicht mehr Verachtung der Gefahr, das wre
Tollkhnheit, und wenn Euer Majestt dort erkannt worden wren, wenn
irgend ein Unglck sich ereignet htte, so wrde man mit Recht ein
solches Unternehmen als verbrecherisch verurtheilen."

"Sie haben vielleicht Recht," sagte der Kaiser--

--"auch kann man ja hier die Allwissenheit der Priesterin des Pietismus
prfen, lassen Sie die Dame kommen--Mademoiselle--?" versetzte er
fragend.

"Mademoiselle Lesueur," erwiderte Pietri.

Der Kaiser nickte mit dem Kopfe.

Pietri ging hinaus und fhrte nach wenigen Augenblicken durch die
Portiere eine junge Dame von achtzehn bis neunzehn Jahren in das
Cabinet, whrend er selbst einen ganz einfachen Tisch von leichtem
unpolirten Holz in der Hand trug und in die Mitte des Zimmers
niedersetzte.

Der Kaiser grte die junge Dame mit verbindlicher Artigkeit und
betrachtete sie mit forschendem Blick.

Mademoiselle Lesueur war eine uerst elegante und sympathische
Erscheinung, sie trug ein dunkles, einfaches Seidenkleid um den Hals mit
einer kleinen Spitzenkrause geschlossen. Ihr dunkelbraunes Haar war in
leichten Flechten um den Kopf gewunden, ihr zartes Gesicht dessen
durchsichtige Blsse von einer feinen Rthe auf den Wangen belebt wurde,
war von klassischer Schnheit, ihre dunklen Augen mit den auffallend
langen Wimpern waren voll Geist, Lebendigkeit und Sanftmuth zugleich,
und um ihren zierlichen und frischen Mund lag ein Zug von fast
kindlicher Harmlosigkeit und Naivitt.

Sie verneigte sich ohne alle Befangenheit mit den Manieren der besten
Gesellschaft vor dem Kaiser, welcher ganz erstaunt schien, die berhmte
Sybille in der Gestalt eines so anmuthigen, jungen Mdchens zu
erblicken.

"Man hat mir viel erzhlt," sagte der Kaiser, "von der besonderen,
eigentmlichen Kraft, welche Sie besitzen, das Reich der Geister zu
ffnen. Und da ich mich fr alle solche Dinge interessire, durch welche
man versucht, den Schleier der Geheimnisse zu lften, welche unser Leben
umgeben, so habe ich gewnscht, eine Probe Ihrer Kunst zu sehen."

"Es macht mich glcklich," erwiderte Frulein Lesueur mit einer ungemein
wohltnenden, etwas tiefen Stimme, "Euer Majestt Wunsch zu erfllen. Es
ist keine geheimnivolle Kunst dabei," fuhr sie fort, "meine Mutter
hatte die Kraft, durch das Medium dieses kleinen Tisches eine Verbindung
mit dem unsichtbaren Reich der Geister herzustellen. Diese ihre Kraft
ist auf mich bergegangen, und nach ihrem Tode habe ich es versucht, wie
sie die Geister sprechen zu lassen,--es ist mir in vielen Fllen
gelungen, und ich hoffe, da es mir auch Euer Majestt gegenber
gelingen wird."

"So beginnen wir," sagte der Kaiser.

Pietri stellte zwei Sthle einander gegenber an den kleinen Tisch.

Mademoiselle Lesueur setzte sich auf den einen, zog ihre Handschuhe
aus,--legte die Spitzen ihrer zierlichen Finger leicht auf die
Tischplatte und sagte:

"Wollen Euer Majestt die Gnade haben, mir gegenber Platz zu nehmen."

Der Kaiser setzte sich mit einem fast unwillkrlichen Lcheln an die
andere Seite des Tisches.

"Ich bitte Euer Majestt," sagte Frulein Lesueur, "Ihre Hnde ebenso
wie ich auf die Platte legen zu wollen."

Der Kaiser that es.

Frulein Lesueur schwieg einen Augenblick. Dann schlug sie ihre dunklen
Augen mit schwrmerischem Ausdruck empor und sprach mit halb lauter
Stimme:

"Allmchtiger, dreieiniger Gott, der Du herrschest auf der Erde, wie in
den Hhen des Himmels und in den Tiefen der Hlle, ich bitte Dich den
Geistern, die ich in Deinem Namen rufe, zu erlauben, da sie aus ihren
Wohnungen herabsteigen und auf meine Fragen antworten, zu verkndigen,
was sie wissen und was Du ihnen erlaubst, zu sagen."

Der Kaiser hrte ganz erstaunt diesen im Ton des inbrnstigen Gebets
gesprochenen Worten zu.

"Befehlen Euer Majestt," sagte die junge Dame sodann, "da ich einen
bestimmten Geist rufen soll, oder wollen Sie den mir persnlich
befreundeten Geist hren."

Abermals konnte der Kaiser ein leichtes Lcheln nicht unterdrcken.

"Ich bitte Sie zunchst Ihren Geist kommen zu lassen, Mademoiselle,"
sagte er.

"Es ist der Geist meiner Mutter," erwiderte Mademoiselle Lesueur, "und
er wird sogleich erscheinen."

Sie beugte sich ein wenig nieder und flsterte eine unverstndliche
Formel leise vor sich hin.

Wenige Augenblicke darauf begann der Tisch leise zu zittern.

Der Kaiser drckte die Hnde strker auf die Platte, allein die
unruhige, beinahe wellenfrmige Bewegung des Holzes vermehrte sich immer
mehr und mehr. Nach kurzer Zeit hob sich der Tisch auf der Seite des
Kaisers ein wenig in die Hhe und blieb in dieser schwebenden Stellung
stehen.

"Der Geist ist da," sagte Mademoiselle Lesueur, "und bereit, Euer
Majestt zu antworten. Ich bitte, Euer Majestt, zu fragen,--es ist aber
nicht nthig, da Sie die Frage aussprechen, Sie knnen Sie in Gedanken
stellen, die Geister haben die Kraft, die Gedanken zu lesen."

Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.

"Kann mir der Geist," fragte er, "den Namen nennen, an welchen ich in
diesem Augenblick denke?"

"Wie heit der Name?" fragte Mademoiselle Lesueur mit gesenktem Haupt
und leiser Stimme.

Der Tisch setzte sich sogleich in eine lebhafte Bewegung. Er schwankte
einige Male stark hin und her, dann senkten sich die beiden erhobenen
Fe desselben nieder, und in rascher Folge begann er scharf und
vernehmbar auf das Parquet zu klopfen, immer nach einer gewissen Zahl
von Schlgen inne haltend.

Mademoiselle Lesueur folgte aufmerksam diesen Schlgen, mit leiser
Stimme sagte sie: B-e-a-u-r-y.

"Der Name, an den Euer Majestt gedacht, heit Beaury," sprach sie dann
ruhig und bestimmt, den Blick fest auf den Kaiser richtend.

Napoleon zuckte zusammen, erschrocken blickte er in das lchelnde
Gesicht der jungen Dame.

"Sie haben Recht," sagte er, "der Geist hat den Namen richtig gelesen."

Er bog sich einen Augenblick zurck und blickte unter den Tisch, dessen
Fe unmittelbar an der Platte befestigt waren.

Die vier Fe standen vollkommen frei, auf dem Boden, Mademoiselle
Lesueur etwas vorgebeugt, sa so weit zurck, da nicht einmal der Saum
ihres Kleides die Fe des Tisches berhrte.

Der Kaiser schttelte den Kopf und legte die Hnde wieder auf den Tisch.

"Da Ihr Geist," sagte er, "den Namen gelesen hat, an welchen ich
gedacht, so wird er mir auch eine andere Frage beantworten knnen,
welche sich an diesen Namen knpft."

"Ich bitte Euer Majestt," sagte Mademoiselle Lesueur, "die Frage in
Ihren Gedanken zu formuliren--"

Abermals begann der Tisch zu schwingen und zu zittern, diesmal strker
als vorher.

Nach kurzer Zeit schlugen die Fe abermals regelmig und schnell
hinter einander auf das Parquet.

"Wollen Sie die Gte haben, zu schreiben," sagte Mademoiselle Lesueur,
sich zu Pietri wendend, welcher schnell ein Blatt Papier und einen
Bleistift nahm und die Buchstaben notirte, welche Mademoiselle Lesueur
in schneller Folge ihm sagte.

Der Tisch hielt an.

"Wollen Sie die Antwort lesen," sagte die junge Dame, zu Herrn Pietri
gewendet.

Pietri las.

"Der Kaiser wird ruhig im Kreise der Seinen sterben, keine Waffe weder
in der Schlacht noch in der Hand des Meuchelmrders wird seinem Leben
Gefahr bringen."

"Diese Antwort pat allerdings auf meine Frage," sagte der Kaiser, "aber
sagt sie die Wahrheit?"

"Es steht Eurer Majestt frei, zu glauben oder nicht," erwiderte
Mademoiselle Lesueur, "ich fr meine Person bin davon berzeugt, da die
Geister die Wahrheit sagen, wenn sie sie kennen--sie sind nicht
allwissend--das ist Gott allein--aber sie wissen viel, und namentlich
ist ihnen die Macht gegeben, das Schicksal derer zu lesen, mit denen
ihre krperliche Hlle einst durch die Bande des Blutes verbunden war.

"Noch eine Frage," sagte der Kaiser, "wer ist mein bester Freund?"

"Euer Majestt htten nicht nthig gehabt, die Frage auszusprechen,"
sagte Mademoiselle Lesueur.

Der Tisch begann seine Schwingungen, die Schlge ertnten auf dem Boden.

Mademoiselle Lesueur flsterte die Buchstaben vor sich hin, dann sagte
sie.

"Die Antwort des Geistes heit: Napoleon."

Der Kaiser lie den Kopf auf die Brust sinken, in tiefem Schweigen sa
er einen Augenblick da.

"Der Geist hat Rechte," sagte er halblaut, "Niemand ist der Freund eines
Souverains, als er selbst, und aus mir allein mu ich die Entschlsse
schpfen, in mir allein die Kraft suchen, zu erfllen, was ich mir
vorgesteckt."

"Doch," rief er, indem er den brennend aus den Schleiern seiner
Augenlider hervortretenden Blick auf Mademoiselle Lesueur richtete,
"kann Ihr Geist mir sagen, wer mein grter und gefhrlichster Feind
ist?"

Abermals bewegte sich der Tisch und Mademoiselle Lesueur buchstabirte:

"Orleans."

"Wunderbar," rief der Kaiser, indem er finster vor sich niederblickte.
"Es ist, als ob der Geist in den schwarzen Gedanken lesen knnte, welche
Tag und Nacht auf dem Grunde meiner Seele einher ziehen," flsterte er
leise vor sich hin. "Noch eins," fragte er dann laut, "kann mir Ihr
Geist den Namen nennen, welcher bestimmt ist, die Stelle auszufllen,
ber welche ich in diesem Augenblick nachdenke."

Das Spiel des Tisches begann wieder, und Mademoiselle Lesueur sagte, die
einzelnen Buchstaben verfolgend:

"Gramont."

Betroffen zuckte der Kaiser zusammen.

"Sind Sie schon einmal hier in den Tuilerien gewesen," fragte er rasch.
"Haben Sie irgend Jemand aus dem Schlosse gesprochen? Ich bitte Sie, mir
die Wahrheit zu sagen,--die zu erfahren ich in jedem Fall im Stande
bin," fgte er in strengem Tone hinzu.

"Ich war niemals hier im Schlosse," sagte Mademoiselle Lesueur mit
offenem, freiem Blick und unbefangenem Lcheln, "ich habe Niemanden von
hier jemals gesehen, bis dieser Herr hier," sie deutete auf Pietri,
"heute zu mir kam und mich ersuchte, ihm hierher zu folgen."

"Seltsam--sehr seltsam" sagte der Kaiser, augenscheinlich tief bewegt
durch die Antworten, welche er erhalten.

"Sie haben mir vorhin gesagt, sprach er dann--ein wenig zgernd, indem
er die junge Dame scharf anblickte, da die Geister besonders klar ber
das Schicksal derjenigen zu antworten im Stande sind, mit denen sie
durch besonders nahe Bande verbunden sind?"--

"So ist es, Sire," erwiderte Mademoiselle Lesueur.--"Der Geist meiner
Mutter sieht in allen Dingen, die mich betreffen, klarer als in den
Angelegenheiten ber welche andere Personen Fragen stellen."

"Knnen Sie einen Geist citiren," fragte der Kaiser, "den ich Ihnen
bezeichnen wrde."

"Eure Majestt haben nicht nthig, den Geist zu nennen," sagte Frulein
Lesueur,--"Sie drfen nur Ihre Gedanken fest auf denselben richten,--das
gengt."

"Wie kann ich aber wissen, ob wirklich der Geist spricht, den ich zu
hren wnsche," fragte der Kaiser.

"Eure Majestt werden nur nthig haben, ihn nach seinem Namen zu
fragen," erwiderte die junge Dame.

"So beginnen Sie," sagte der Kaiser, indem ein tiefer Ernst sich auf
seine Zge legte.

"Erlauben Eure Majestt," sprach die junge Dame, "da ich zunchst den
Geist, der Ihnen bisher geantwortet hat, entlasse."

Sie beugte den Kopf nieder und flsterte eine Zeitlang leise vor sich
hin.

Der Tisch zitterte, hob und senkte sich in leiser Schwankung,--dann
stellte er sich fest auf seine vier Fe.

"Nun Sire," sagte Frulein Lesueur, "dann bitte ich Eure Majestt, Ihre
Gedanken sehr scharf auf die Person zu richten, deren Geist Sie zu
citiren wnschen."

Der Kaiser nickte mit dem Kopf, immer tieferer Ernst erfllte sein
Gesicht indem er die beiden Hnde fest auf den Tisch legte.

Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel.

Einige Augenblicke herrschte eine so tiefe Stille im Zimmer, da man den
Herzschlag der drei anwesenden Personen htte hren knnen.

Da krachte es in dem Holz der Tischplatte,--diese Platte schien zu
zucken, hoch richtete sich der Tisch auf der Seite des Kaisers empor und
mit mchtigem hallenden Schlag sank er wieder auf das Parquet nieder.

Der Kaiser fuhr zusammen. Fast schien es als wolle er aufspringen und
seinen Platz verlassen.

"Der Geist ist da und bereit Eurer Majestt zu antworten," sagte
Mademoiselle Lesueur in ruhigem Tone.

"Will der Geist mir seinen Namen sagen?" fragte der Kaiser.

Der Tisch begann rasch sich zu bewegen,--er schlug auf das
Parquet--Mademoiselle Lesueur zhlte,--und sagte dann sich gegen den
Kaiser verneigend:

"Der Geist antwortet:

"Napoleon."

Die Bewegung, welche der Kaiser machte indem er den Kopf auf die Brust
sinken lie, war fast eine ehrfurchtsvolle Verneigung.

Er schwieg einige Augenblicke, whrend Frulein Lesueur ihn mit ihren
klaren Augen erwartungsvoll anblickte.

"Will der Geist, wenn er hier anwesend ist, mir eine Frage beantworten?"
sagte er dann mit einer beinahe demthigen Stimme.

Der Tisch begann sich schnell zu bewegen.

"Schreiben Sie, mein Herr," sagte Mademoiselle Lesueur zu Herrn Pietri
gewendet, und dieser nahm schnell Bleistift und Papier, um die
Buchstaben zu notiren, welche Mademoiselle Lesueur in rascher
Reihenfolge ihm nannte.

"Die Antwort?" rief der Kaiser, als der Tisch mit einem starken Schlage
seine Bewegung beendete.

Herr Pietri las:

"Mir ist nicht vergnnt, auf einzelne kleine Fragen zu antworten;--wer
auf dem Throne von Frankreich sitzt und Napoleon heit, der sollte nicht
mit vorsichtiger Neugier einzelne Blicke hinter den Schleier zu werfen
suchen, welcher die Zukunft verhllt,--er sollte mit khner Hand diesen
Schleier selbst heben, indem er die Zukunft sich nach seinem Willen zu
gestalten zwingt. Denn dem festen und klaren Willen gehrt die Zukunft;
aber frage,--ich werde antworten, soweit es mir erlaubt ist,--wenn Deine
Fragen das Schicksal des Hauses betreffen, das meinen Namen trgt, und
wenn Du keine einzelnen und besonderen Dinge zu wissen verlangst."

Pietri schwieg.

Der Kaiser starrte einen Augenblick vor sich hin,--brennend richtete
sich sein Blick in das Leere,--er schien nach einer sichtbaren Spur des
Geistes zu forschen, dessen Worte ihm dieses ruhige und freundlich
lchelnde junge Mdchen verdollmetschte.

Dann beugte er sich vor, blickte Mademoiselle Lesueur durchdringend an
und ffnete die Lippen.

"Ich bitte Eure Majestt, sich erinnern zu wollen," sagte die junge
Dame, "da es nicht erforderlich ist, die Frage laut zu stellen,--der
Geist kann Ihre Gedanken lesen."

"Gut denn," sagte der Kaiser,--"ich frage."

Und schweigend blickte er voll Spannung auf den Tisch, welcher sich
unter seinen Hnden zu bewegen begann.

Frulein Lesueur nannte diesmal schneller als sonst die
Buchstaben--Pietri schrieb.

"Napoleon IV wird Kaiser der Franzosen sein,--er wird neuen Ruhm und
neuen Glanz an den Namen knpfen, den er trgt."

Der Kaiser athmete tief auf. Es leuchtete wie ein dankbares Gebet aus
seinen Augen, die er mit unbeschreiblich glcklichem Ausdruck
emporschlug.

Dann rief er mit dumpfem Ton, wie aus den Tiefen seiner Brust heraus:

"O knnte ich wissen, ob dies die Wahrheit ist."

Der Tisch zuckte--er hob sich hoch empor und schlug zweimal schallend
auf den Boden.

"Es ist die Wahrheit Sire," sagte Mademoiselle Lesueur ernst und
berzeugungsvoll.

"Werde ich die Armeen Frankreichs noch einmal zum Kriege fhren mssen?"
fragte der Kaiser schnell.

Der Tisch schlug abermals laut und fest auf.

"Der Geist bejaht die Frage Eurer Majestt," sagte die junge Dame.

"Und welches wird das Schicksal dieses Krieges sein?" fragte der Kaiser
in athemloser Spannung.

Einige Augenblicke vergingen,--dann bewegte sich der Tisch
wieder,--Pietri schrieb die Buchstaben nieder welche Mademoiselle
Lesueur ihm angab.

"Wie heit die Antwort?" rief der Kaiser, welcher vergebens versucht
hatte, den schnell gesprochenen Buchstaben zu folgen.

Pietri las:

"Ave Caesar, morituri te salutant!"

Napoleon erbleichte und drckte die Hnde an die Stirn.

"Was ist der Sinn der dunkeln Antwort?" flsterte er vor sich hin--und
schnell sich aufrichtend fragte er mit lauter dringender Stimme:

"Wird der Todesgru der Sterbenden dem _siegreichen_ Csar ertnen?"

Mehrere Minuten vergingen,--der Tisch blieb unbeweglich.

"Der Geist antwortet nicht mehr," sagte Mademoiselle Lesueur,--"es wrde
vergeblich sein, ihn weiter zu fragen.--Erlauben Eure Majestt, da ich
ihm danke und ihn entlasse?"

Der Kaiser neigte tief sinnend das Haupt.

Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel,--der Kaiser faltete die
Hnde in andchtigem Schweigen.

"Wnschen Eure Majestt noch eine weitere Citation?" fragte die junge
Dame.

"Ich danke Ihnen, mein Frulein," erwiderte Napoleon aufstehend, indem
sein Gesicht wieder seinen gewhnlichen ruhigen Ausdruck annahm.--"Ihr
Experiment hat mich in hohem Grade interessirt,--ich hatte viel von dem
Spiritismus gehrt,--aber noch nie einen Versuch gesehen, bei welchem so
durchaus kein Apparat angewendet wurde,"--fgte er mit einem leichten
Lcheln hinzu, das aber mehr verbindlich und artig als ironisch war.

Mademoiselle Lesueur hatte sich erhoben und verneigte sich tief bei den
Worten des Kaisers.

"Ich bin glcklich, Sire" sagte sie, "da Eure Majestt zufrieden sind,
und hoffe,--oder vielmehr,"--fgte sie mit sicherem Ausdruck hinzu, "ich
bin gewi, da Alles Gute, was die Geister Eurer Majestt verkndet
haben, sich erfllen werde."

"Alles Gute?" sprach der Kaiser sinnend--"aber war es gut?--was war
es?--

Morituri te salutant!" flsterte er leise.

Dann wendete er sich zu Pietri und blickte ihn fragend an.

Dieser reichte ihm ein kleines Etui.

Der Kaiser nahm es und sagte mit liebenswrdiger Freundlichkeit zu
Mademoiselle Lesueur:

"Erlauben Sie mir, mein Frulein, Ihnen ein kleines Erinnerungszeichen
an diese Stunde zu geben,"--er ffnete das Etui ein wenig,--die Facetten
eines schnen Solitrs funkelten farbenspielend im Licht der Lampe.

Mit der naiven Freude eines jungen Mdchens ergriff Frulein Lesueur den
Ring und indem sie das Regenbogenspiel der Lichtreflexe entzckt
betrachtete, sagte sie:

"Ich werde Gott unablssig bitten, da er alle seine guten Geister zum
Schutz Eurer Majestt und Frankreichs aussende."

Sie verneigte sich tief vor dem Kaiser und zog sich von Pietri geleitet,
der den kleinen Tisch forttrug, durch die Portiere zurck, durch welche
sie in das Cabinet eingefhrt worden war.

Napoleon ging in tiefem Sinnen auf und nieder.

"Giebt es einen Zusammenhang mit jener Welt der abgeschiedenen Geister,"
sprach er leise vor sich hin,--"und kann es ihnen erlaubt sein, auf
irgend welche Weise uns Mittheilungen zu machen ber das, was ihrem
Blicke sich ffnet?

"Dieses junge Mdchen scheint aufrichtig von ihrer Sache berzeugt,"
sprach er gedankenvoll,--"ich wte nicht, wie sie den Tisch in Bewegung
setzen knnte,--und wenn dieses Kind von kaum neunzehn Jahren aus sich
selbst heraus die Antworten auf die Fragen construirt hat, die ich ihr
stellte, so ist sie ein Phnomen an Menschenkenntni und Geist!--

"Welch eine treffende Antwort, die mich selbst als meinen besten Freund
bezeichnete,--und wie wahr--alles, was mir feindlich ist, in diesen
einen Namen Orleans zusammenzufassen."

Er ging langsam, die Hnde auf dem Rcken gekreuzt auf und nieder.

"Und Drouyn de L'huys," sagte er kaum hrbar,--"er war der Freund dieser
Orleans,--er ist es noch--kann jemand mein Freund sein--der zugleich
der Freund meiner Feinde ist?--Gramont" fuhr er fort,--"der Geist
nannte Gramont als den knftigen Minister der auswrtigen
Angelegenheiten,--Gramont war Legitimist,--die Legitimitt hat keine
Mglichkeit einer Zukunft,--sie ist eine fromme Erinnerung,--eine
Erinnerung, vor der ich selbst hohe Achtung habe, an die ich
anknpfen,--deren edle Traditionen ich fortsetzen mchte.--

"Seltsam," rief er,--"sehr seltsam ist das Alles,--oder sollte auch hier
eine Intrigue"--

Pietri trat wieder ein.

Der Kaiser nherte sich ihm; dicht vor ihm stehen bleibend, legte er den
Arm auf seine Schulter und blickte ihn scharf und durchdringend in die
Augen.

"Pietri" sagte er,--"haben Sie mit diesem jungen Mdchen ber die
Politik--ber irgend Etwas gesprochen, was auf die gegenwrtige Lage
bezug hat?"

"Sire," erwiderte Pietri in ernstem und traurigem Ton,--"Eure
Majestt sind zum Mitrauen gegen Jedermann berechtigt, fast
verpflichtet,--dennoch schmerzt mich dasselbe,--ich schwre Eurer
Majestt," fuhr er fort, den Blick des Kaisers frei und offen erwidernd,
"da ich mit Frulein Lesueur nichts Anderes gesprochen habe, als was
nothwendig war, um den Auftrag Eurer Majestt auszurichten und sie
hieher zu fhren."

"Und was denken Sie davon?" fragte der Kaiser.

Pietri lchelte ein wenig.

"Ich denke, da dieses junge Mdchen sehr viel Geist hat," erwiderte
er,--"und da sie manchen Diplomaten in der scharfen Erkenntni der
Verhltnisse beschmen wrde."

Der Kaiser schttelte langsam den Kopf.

"Wie dunkel, wie mystisch die Antworten ber meine Zukunft waren," sagte
er.--

"Glauben denn Eure Majestt ernsthaft an solche Dinge?" fragte Pietri.

"Denken Sie sich," erwiderte der Kaiser ernst,--"eine Welt von
Blindgebornen,--wrde nicht ein Sehender, der unter sie trte, der den
Sinn bese, der ihnen allen fehlte, Wunder unter ihnen
verrichten,--wrde er ihnen nicht als ein bernatrlicher Prophet
erscheinen,--oder als ein Narr verlacht werden,--und das blo weil er
einen Sinn mehr htte als sie und durch diesen Sinn eine Welt wahrnehmen
knnte, welche da ist, welche die andern Alle umgiebt wie ihn,--welche
aber ihrer Wahrnehmung sich entzieht, weil ihnen das Medium dazu
fehlt.--Knnen denn nicht auch uns solche Welten umgeben, fr welche
unser Organismus keinen Sinn besitzt,--und ist es unmglich, da
Einzelnen dieser Sinn gegeben ist, der sie das erblicken lt, was uns
verschlossen bleibt und was wir deshalb in selbstgengsamer
Beschrnktheit fr nicht vorhanden erklren?"--

"Und wenn dem so wre," sagte Pietri,--"Eure Majestt knnen mit der
Perspective, welche Frulein Lesueur geffnet, zufrieden sein--Napoleon
IV wird Kaiser der Franzosen sein--hat sie ihren Geist antworten
lassen,--und" sprach er mit herzlichem und aufrichtigem Tone,--"ich habe
dazu nur den Wunsch hinzuzufgen, da das recht spt und nach einer noch
recht langen und glcklichen Regierung Eurer Majestt eintreten mge."

"Nun," rief der Kaiser mit freudigem Ausdruck,--"wenn nur diese
Verkndigung sich erfllt, so will ich darauf verzichten, das Dunkel zu
lichten, welches in den Antworten der Geister meine Zukunft
verhllt,--ein Frst darf keine Person sein,--er ist ein Glied in einer
groen Kette, welche die Epochen der fortschreitenden Weltgeschichte
aneinander knpft--ob, wann und wie ich untergehe,--was liegt daran,
wenn nur meine Dynastie erhalten bleibt, um die Vergangenheit und die
Zukunft Frankreichs mit einander zu verbinden."

Er schwieg und blickte wie trumend vor sich hin.

"Gehen Sie zum Prinzen," sagte er dann,--"er soll seine Uniform anlegen
und sich bereit halten, mich zu begleiten. Ich will die Kaiserin
abholen, um jene braven Truppen zu besuchen, welche in den Galerien
Wache halten und die Zukunft Frankreichs beschtzen."

Pietri eilte hinaus.

Der Kaiser ergriff das rothe goldgestickte Kppi der Generalsuniform,
steckte den neben seinem Tische stehenden Degen an und ging, selbst die
Thr ffnend, in das Vorzimmer.

Er nahm den Arm des Generals Castelnau, welcher hier, ebenfalls in der
Campagne-Uniform wartete, und schritt mit ihm nach den Appartements der
Kaiserin.

Am Eingang der Gemcher Ihrer Majestt ffnete der Huissier schnell die
Flgelthren und eilte den Kaiser ankndigend durch die Vorzimmer in den
kleinen Salon, in welchem die Kaiserin mit der Baronin de Pierres, der
Vicomtesse Aguado und der Grfin de la Poze sa.

"Der Kaiser!" rief der Huissier.

Die Damen standen auf, die Kaiserin ging ihrem Gemahl bis zur
Eingangsthr des Salons entgegen, Napoleon kte ihre Hand und grte
die Damen verbindlich.

"Sie sind in militrischer Tenne," fragte Eugenie, erstaunt den Kaiser
und den Grafen Castelnau anblickend,--"zu so spter Stunde,--ist denn
etwas Auergewhnliches geschehen?" fgte sie unruhig hinzu,--"sind die
Unruhen in Paris bedenklicher geworden?" "Seien Sie unbesorgt,"
erwiderte der Kaiser lchelnd,--"es ist nichts Besonderes
geschehen,--aber die Truppen sind consignirt--und da mu auch der Kaiser
der Consigne folgen und im Dienst sein,--auerdem wollte ich mit Ihnen
und Louis die Voltigeurs der Garde besuchen, denen ich die Bewachung der
Tuilerien und den Schutz des kaiserlichen Prinzen anvertraut habe."

Die Kaiserin schlug freudig bewegt die Hnde zusammen.

"Das ist ein vortrefflicher Gedanke," rief sie lebhaft, "je fester und
lebendiger wir die Verbindung mit unseren Truppen erhalten, um so
sicherer werden wir ber alle unsere Feinde triumphiren. Ich bin
sogleich bereit," sagte sie, indem sie sich schnell zu dem Tisch wendete
und eine kleine, goldene Glocke bewegte, welche auf demselben stand.

Eine Kammerfrau trat ein.

Die Kaiserin warf einen raschen Blick auf einen groen Spiegel, welcher
ihr fast ihre ganze Gestalt zeigte. Sie trug eine einfache Robe von
blauer Seide.

"Bringen Sie mir eine weie Mantille und ein rothes Band."

Nach wenigen Augenblicken, whrend welcher der Kaiser sich mit den Damen
seiner Gemahlin unterhielt, erschien die Kammerfrau wieder. Sie trug
eine Mantille von weiem Atlas und ein breites schrpenartiges Band von
rother Seide.

Die Kaiserin lie die Mantille ber ihre Schultern legen, nherte sich
dann der Grfin von Poze und sagte:

"Wollen Sie die Gte haben, meine liebe Grfin, mir aus diesem Bande
eine groe Schleife hier zu befestigen."

Sie deutete mit dem Finger auf den Halsausschnitt ihrer Robe.

Die Grfin von Poze machte mit geschickter Hand eine breite Schleife
mit langen herabhngenden Enden und befestigte sie dann auf der Robe der
Kaiserin.

"Jetzt trage ich die Farben Frankreichs," rief Eugenie mit einem Blick
auf den Spiegel, "lassen Sie uns gehen," fuhr sie zum Kaiser gewendet
fort.

"Sie werden," sagte Napoleon, indem er seiner Gemahlin den Arm reichte,
"diese Farben ebenso unwiderstehlich machen, wie es die Tapferkeit
unserer Soldaten auf allen Schlachtfeldern gethan hat."

Er ging langsam mit der Kaiserin durch das Vorzimmer und wandte sich
nach dem Pavillon des kaiserlichen Prinzen; der Graf von Castelnau und
die Damen folgten.

Im Vorzimmer seiner Wohnung erwartete der Prinz bereits mit dem General
Frossard seine Eltern. Der Prinz trug die Uniform eines Souslieutenants,
der General Frossord war ebenfalls in Uniform. Der kaiserliche Prinz
trat auf die rechte Seite seines Vaters, der General Frossard schritt
voraus und fhrte den Kaiser und die Kaiserin nach der unmittelbar an
den Pavillon stoenden Gallerie.

Als die Thre derselben geffnet wurde, bot sich ein wunderbar belebtes
Schauspiel dar,--die weithin ausgedehnten Gallerien strahlten in
hellster Beleuchtung, alle Kerzen auf den Lustres und Wandleuchtern
brannten, der Marmor und die Vergoldungen glnzten, an den Wnden her
standen kleine, mit weien Leintchern bedeckte Tische, auf welchen
kalte Speisen und rothe und weie Weine in geschliffenen
Crystallcaraffen aufgestellt waren.

An diesen Tischen saen die Voltigeurs der Garde in vollstndiger
Feldausrstung, ihre Waffen neben sich, die Kppis auf den Kpfen,
essend, trinkend und frhlich plaudernd.

In gewissen Zwischenrumen befanden sich kleinere elegant servirte
Tische, an welchen die Officiere soupirten.

Als die groe Eingangsthr sich ffnete, und im Rahmen derselben der
Kaiser, die Kaiserin und der kaiserliche Prinz erschienen, erhoben sich
die langen Reihen der Soldaten. Die Officiere eilten rasch heran und im
lauten, einstimmigen Rufen begrte diese Elite-Truppe den Kaiser.

Napoleon erhob dankend die Hand, die Kaiserin neigte grend das Haupt
nach allen Seiten, indem ihr strahlender Blick freudig und stolz ber
diese muthigen und begeisterten Soldaten hinglitt. Der kaiserliche Prinz
hielt sein Kppi in der Hand und verneigte sich ehrerbietig gegen den
Commandeur des Regiments, welcher herantrat, um dem Kaiser zu melden,
das alle Wachen nach seinen Befehlen bezogen worden seien.

"Lassen Sie die Leute hufig ablsen," sagte der Kaiser, "damit ihnen
der Dienst nicht zu schwer wird und damit sie Gelegenheit finden, sich
hier im Kreise ihrer Kameraden wieder zu erfrischen."

Er trat an den nchsten Tisch, ergriff eines der dort stehenden Glser,
fllte es aus einer Crystallcaraffe mit rothem Wein und rief mit lauter
Stimme:

"Ich trinke auf das Wohl meiner Voltigeurs, auf das Wohl der Garde, auf
das Wohl der ganzen Armee, welche die Blthe des franzsischen Volkes
ist!" In raschen Zgen leerte er das Glas bis auf den letzten Tropfen.

"Es lebe der Kaiser. Es lebe der kaiserliche Prinz!" brauste ihm der Ruf
der Soldaten entgegen.

"Ich danke Euch, meine Tapferen," sagte der Kaiser, als nach einigen
Minuten die Rufe der nahe herandrngenden Soldaten verstummt waren, "ich
kenne Eure Ergebenheit fr mich, ich wei, da Ihr gegen jeden Feind
Frankreich und das Kaiserreich vertheidigen werdet. Frankreich und das
Kaiserreich," fgte er hinzu, der Kaiserin die Hand reichend, "deren
edle und ruhmvolle Farben meine Gemahlin, die Mutter des kaiserlichen
Prinzen, Eures Kameraden trgt."

"Es lebe die Kaiserin!" riefen die Officiere, und die Soldaten stimmten
in den Ruf ein.

Dann gab Napoleon seiner Gemahlin wieder den Arm, die Officiere
schlossen sich dem Gefolge an und umringten den kaiserlichen Prinzen,
der ganz stolz und freudig in ihrer Mitte dahinschritt. Und so bewegte
sich der Zug langsam durch die weiten Gallerien hin,--oft blieb der
Kaiser stehen und redete diesen oder jenen mit der Tapferkeitsmedaille
und dem Orden der Ehrenlegion decorirten Soldaten an, ihn fragend, wo er
diese Ehrenzeichen erworben habe, und mit liebenswrdigster Geduld den
zuweilen etwas breiten und ausfhrlichen Erzhlungen der Soldaten
zuhrend. Fast eine Stunde dauerte der Umgang durch die Gallerien, immer
fester wurde der Schritt des Kaisers, immer stolzer sein Blick, immer
willenskrftiger der Ausdruck seiner Gesichtszge. Dicht umdrngt von
den Soldaten, grte er endlich am Eingang der Gallerie noch einmal.

Ein gewaltiges Vive l'Empereur durchzitterte die weiten Rume, die
Officiere verabschiedeten sich vom Kaiser, die Thren schlossen sich,
Napoleon entlie den kaiserlichen Prinzen, welcher sich mit dem General
Frossard in seine Wohnung zurckzog, und fhrte dann die Kaiserin nach
ihren Appartements zurck.

"Wenn Marie Antoinette es verstanden htte," sagte die Kaiserin leise zu
ihrem Gemahl, "die Begeisterung der Soldaten zu erhalten und zu
benutzen, so htte sie niemals den dornenvollen Weg vom Thron zum
Schaffot zu gehen nthig gehabt."

"Man mu aus den Beispielen der Geschichte lernen," erwiderte der
Kaiser, "und die Fehler vermeiden, welche unsere Vorgnger begangen
haben."

Am Eingang der Appartements der Kaiserin kte er seiner Gemahlin die
Hand, grte mit artiger Verbeugung die Damen und begab sich mit dem
General Castelnau nach seinem Cabinet zurck.

Als er dort angekommen war, rief er Pietri.

Der Geheimsecretair trat schnell durch die Portiere, welche der Kaiser
erhoben hatte, in das Cabinet ein.

Napoleon ging einige Augenblicke nachdenkend auf und nieder.

"Schreiben Sie sogleich an Gramont," sagte er dann, "sagen Sie ihm in
kurzen Worten, da ich entschlossen sei, ihm das Ministerium der
auswrtigen Angelegenheiten zu bertragen, und da ich ihn bitte,
sogleich hierher zu kommen. Ich wnsche, da er vor seiner Abreise sich
noch ausfhrlich und definitiv mit dem Grafen Beust unterhalte und
dessen Anschauungen ber die verschiedenen Fragen und Eventualitten der
europischen Politik mglichst bestimmt constatire."

Pietri verneigte sich.

"Eure Majestt sind also entschlossen?" fragte er.

"Ich bin entschlossen," erwiderte der Kaiser,--"legen Sie mir morgen
frh den Brief zur Unterschrift vor,--jetzt will ich ruhen. Wenn irgend
Etwas Auergewhnliches in Paris vorfllt, soll man mich rufen. Gute
Nacht," sagte er freundlich, indem er Pietri die Hand reichte.

Dann bewegte er die Glocke.

Sein Kammerdiener trat ein, folgte dem Kaiser, welcher sich in sein
Schlafzimmer begab.




Drittes Capitel.


Der junge Cappei hatte sich in den ersten Tagen seines Aufenthalts im
Hause seines Oheims zu Bodenfeld ganz den Erinnerungen seiner Jugend
hingegeben, welche diese Umgebung so lebhaft in ihm erweckte. Er hatte
in liebevoller Piett alle die Orte besucht, welche in dem Leben seiner
Kindheit vorzugsweise bedeutungsvoll gewesen waren, und war erstaunt
gewesen, wie klein und einfach ihm diese Pltze alle erschienen, die
doch in den Bildern seiner Erinnerung so gro und so schn gewesen
waren. Dennoch aber hatten alle diese Orte auch jetzt noch ihren Zauber
auf ihn ausgebt, sie hatten die Empfindungen wieder erregt, welche
seine kindliche Seele einst erfllten, und welche, wenn sie nach langer
Abwesenheit und selbst im hohen Alter wieder geweckt werden, immer ihre
wunderbare und unvergngliche Jugendfrische behalten.

Er hatte einzelne seiner alten Gespielen besucht und war der Gegenstand
der Neugier des ganzen Dorfes gewesen, denn die hannversche Legion in
Frankreich, von welcher man so wenig regelmige und bestimmte
Nachrichten erhielt, war in den Vorstellungen dieser einfachen Bauern
fast zu einer Mythe geworden, von der nur geheimnivolle und beinahe
mrchenhafte Nachrichten herber gedrungen waren, ber welche man nun
von dem in Fleisch und Blut hier erschienenen Mitgliede der Legion
Nheres zu hren hoffte.

Cappei war sehr zurckhaltend und vorsichtig in seinen Aeuerungen
gewesen und hatte nur das Eine bestimmt besttigt, da Alles zu Ende und
die Sache des Knigs nunmehr ein fr allemal aufgegeben sei. Eine
Mittheilung, welche bei den Meisten zwar eine gewisse wehmthige Trauer,
doch aber auch zu gleicher Zeit ein Gefhl der Beruhigung verursachte,
denn die das Land durchziehenden Agitatoren hatten selbst in den Kreisen
dieser einfachen Landbevlkerung eine unbehagliche Unsicherheit erzeugt
und den Wunsch hervorgerufen, da so oder so nun einmal ein Ende werden
mge, damit man wisse, woran man sei.

Der junge Cappei war mit seinem Oheim dann auf das Feld hinausgegangen,
hatte sich von dem vortrefflichen Zustande der Felder berzeugt und
gesehen, da in den Zeiten seiner Abwesenheit die Wirthschaft bedeutende
Fortschritte gemacht und das Besitzthum einen erhhten Werth erhalten
habe.

Abends hatte er sich dann zu seiner Mutter und den alten Bauern
hingesetzt und ihnen, die nicht mde wurden, zuzuhren, immer von Neuem
von dem Leben in Frankreich erzhlt--von dem Leben der Offiziere in
Paris, wo er einige Male gewesen war, von dem Leben auf dem Lande, von
den franzsischen Soldaten, von der franzsischen Feldwirthschaft. Und
immer hatte er bei diesen Erzhlungen den einen Punkt umgangen, der sein
Herz erfllte, der die Neugier seiner Mutter erregte und von dem sein
Oheim in seinem einfachen practischen Sinn nicht das Geringste bemerkte.
Dennoch beschftigte gerade dieser Punkt den jungen Mann auf das
Lebhafteste und versetzte sein ganzes inneres Wesen in eine peinliche
und schwankende Unruhe.

Er hatte sich gleich am Tage nach seiner Ankunft unter dem Vorwande sich
nach Mittag auszuruhen, in seinem Zimmer eingeschlossen und mit groer
Mhe einen nicht immer ganz orthographisch gehaltenen Brief an Frulein
Luise Challier geschrieben, um ihr seine glckliche Ankunft in der
Heimath anzuzeigen und ihr zu sagen, da er mit aller Liebe seines
Herzens ihrer gedchte und mit heier Sehnsucht den Tag erwarte, an
welchem er nach Ordnung seiner Angelegenheiten zu ihr zurckkehren
wrde.

Konnte er sich auch ganz gelufig mndlich in franzsischer Sprache
ausdrcken, so fand er seinen Brief, als er ihn geschrieben hatte,
dennoch sehr ungengend, sehr kalt und steif, inde er hoffte, da seine
Geliebte zwischen den Zeilen das Alles lesen wrde, was der Mangel an
Gewandtheit des Ausdrucks ihn zu sagen verhinderte. Er hatte diese
Hoffnung in einem Postscriptum ausgesprochen, dann seinen Brief
sorgfltig verschlossen und sich am Abend mit einiger Mhe von seinem
Oheim und seiner Mutter entfernt, um den Brief in den Kasten der
Landpostexpedition zu werfen, welcher sich an dem Hause des
Gewrzkrmers des Dorfes befand, wobei er zu seinem Verdru von mehreren
Bekannten aufgehalten und beobachtet wurde.

Von einem Tage zum andern hatte er sich dann vorgenommen, ber seine
Liebe und seine Zukunft zunchst mit seiner Mutter und dann mit seinem
Oheim zu sprechen. Inde immer wieder war er nicht dazu gekommen, immer
wieder waren die Worte auf seinen Lippen stecken geblieben, obgleich er
doch sonst nicht zu denen gehrte, welche sich scheuen, das
auszusprechen, was sie fr nothwendig und richtig erkannt haben. Aber er
fhlte in seinem Innern einen Widerspruch streitender Empfindungen und
sagte sich, da das, was ihn schmerzlich und peinlich bewegte, seiner
Mutter und seinem Oheim noch viel mehr Kummer bereiten mte.

Die alte Heimath, diese Erde, auf der er erwachsen war, dieses Haus,
dieser Garten, diese Felder, um welche sich alle seine Erinnerungen
rankten, zogen ihn mit unwiderstehlicher Macht an sich und schmerzlich
schnrte sich sein Herz bei dem Gedanken zusammen, da er hierher
zurckgekehrt sei, nur um das Alles wieder zu verlassen. Es war, als ob
jeder Baum, jede Blume ihn mit stillem Vorwurf anblickte, da er dies
ihm bestimmte Besitzthum, an welches sein Oheim, um es ihm reicher und
blhender zu hinterlassen, so viel Mhe und Flei gewendet habe, fremden
Hnden berlassen solle, um im fernen Lande eine neue Heimath zu suchen.

Auf der andern Seite fhlte er in der Entfernung noch lebhafter und
mchtiger die Macht der Liebe, welche ihn zu dem jungen Mdchen hinzog,
dessen Umgang seine Verbannung so freundlich verklrt hatte;--wenn er
die Augen schlo, so sah er ihr Bild vor sich in lebendiger Frische, er
sah ihren seelenvollen Blick, es schien ihm, da sie die Arme
sehnschtig nach ihm ausstreckte und ihn fragte, wann er zu ihr
zurckkehren werde, um sie nicht mehr zu verlassen.

Dieser Kampf zwischen der Anhnglichkeit an die Heimath und die Liebe
seines Herzens, der sich in seinem Innern bereits so schmerzlich fhlbar
machte, mute ja viel heftiger und peinlicher die Seele seiner Mutter
bewegen, wenn sie erfahren wrde, was mit ihrem Sohn vorgegangen und was
fr Zukunftsplne er in sich trge; und erst sein Oheim, der alte Mann
mit dem eigenwilligen Bauernsinn, der so fest mit der Scholle verwachsen
war, auf welcher er geboren, die er gepflegt und gehtet und welche ihm
so reiche und dankbare Frucht fr seine Mhe und Arbeit gegeben hat. Was
wrde er sagen bei dem Gedanken seines Neffen, dies Besitzthum, das ein
Theil seines Selbst war, zu verlassen und in der Fremde sich eine
Existenz zu grnden. Die Grundlage der ganzen Lebensfassung des alten
Bauern war. "Bleibe im Lande und nhre Dich redlich"--schon der Gedanke,
eine Fremde, welche die Sprache der Heimath nicht verstnde, als
Hausfrau in diesen Bauernhof einziehen zu sehen, mute dem Gefhl des
alten Bauern widersprechen. Was aber sollte er erst sagen, wenn er
erfhre, da sein Neffe, den er mit so viel Stolz und Liebe wieder in
den wirtschaftlichen Betrieb einfhrte, nun um nimmer wiederzukehren,
abermals in die weite Welt hinausziehen wolle.

Alle diese Gedanken versetzten den jungen Mann in eine fieberhafte
Unruhe. Er mute Klarheit in die Verhltnisse bringen, er mute das
entscheidende Wort sprechen, und doch wute er, da dieses Wort die
beiden Menschen, welche ihm durch die nchsten Bande auf Erden verknpft
waren, mit Schmerz und Bekmmerni erfllen wrde.

So hatte er von einem Tage zum andern die Erklrung hinausgeschoben.
Seine peinliche Unruhe war noch vermehrt worden, als die Zeit
vorbergegangen war, in welcher er eine Antwort auf seinen Brief an
seine Geliebte erwarten konnte, ohne da eine solche eingetroffen wre.
Mit zitternder Ungeduld sah er dem Landbrieftrger entgegen, wenn
derselbe erschien, um die wenig zahlreichen Postsendungen an die
Einwohner des Dorfes zu vertheilen. Einige Male hatte er es ber sich
vermocht, denselben zu fragen, ob er nichts fr ihn habe, aber immer
hatte er eine verneinende Antwort erhalten und in qulender Sorge, in
einer steigenden bangen Unruhe fragte er sich, welches der Grund dieses
unerklrlichen Schweigens seiner Geliebten sein knnte, die doch so fest
versprochen hatte, ihm sogleich zu schreiben, sobald er sie von seiner
Ankunft in der Heimath benachrichtigt haben wrde. Endlich konnte er
diesen Zustand widerstreitender Gefhle und qulender Sorge und Unruhe
nicht lnger ertragen.

Seine Mutter hatte ihn bereits mehrere Male mit freundlicher Theilnahme
gefragt, was ihm fehle und ihn gebeten, es ihr zu sagen, wenn ihn ein
Kummer bedrcke,--er hatte zum zweiten und dritten Male an Luise
geschrieben, sie beschworen, ihm zu antworten oder durch ihren Vater ihm
mitteilen zu lassen, wenn sie krank sei,--aber immer erfolglos. Der alte
Brieftrger hatte nur immer dieselbe Antwort auf seine Fragen,--da
nichts fr ihn angekommen sei.

Eines Morgens war sein Oheim allein auf das Feld gegangen, er war unter
dem Vorwand einer notwendigen huslichen Arbeit zu Hause
zurckgeblieben,--fast ngstlich, mit hnlichen Gefhlen, wie einst als
Knabe, wenn er irgend einen Fehltritt einzugestehen hatte, trat er in
das Wohnzimmer, setzte sich neben den Lehnstuhl seiner Mutter und
ergriff die Hand der alten Frau, indem er ihr halb fragend, halb
bittend in die Augen sah, die Worte suchend, um die Gefhle seines
unruhigen, gedrckten Herzens auszusprechen.

Die alte Frau sah ihren Sohn freundlich und liebevoll mit ihren groen,
klaren Augen an. Sie hatte ruhig gewartet, sie wute, da der Tag kommen
mute, an welchem sein Herz sich seiner Mutter ffnen wrde, die Stunde
war da, sie war bereit, ihn anzuhren und sein Vertrauen mit all der
selbstlosen Liebe zu erwidern, an welcher das mtterliche Herz so
unerschpflich reich ist.

"Meine Mutter," sagte der junge Mann mit leicht zitternder Stimme, "ich
bin beraus glcklich gewesen, da ich Sie und den Oheim, unser Dorf und
das alte Haus wiedergesehen habe."

Er hielt einen Augenblick inne.

"Und wir nicht minder, mein Sohn," sagte die alte Frau, "da wir Dich
nach so langer Trennung hier wieder bei uns haben."

Der junge Cappei schwieg einige Augenblicke, indem er sanft die welke
Hand der alten Frau streichelte.

"Ich bin aber doch," sagte er dann, "nicht glcklich, wie ich es sonst
bei Euch war, ich bin unruhig und habe lange die Gelegenheit gesucht,
mit Euch allein zu sprechen, denn ich mu Euch Alles sagen, bevor ich
mit dem Oheim darber rede, der gleich so heftig und aufbrausend ist."

Die alte Frau sah ihn mit glnzenden, liebevollen Blicken an, sie
fhlte, da jetzt der Augenblick gekommen sei, in welchem das Rthsel
sich lsen msse, sie sah die Befangenheit ihres Sohnes mit dem feinen
Tact, welcher das Eigenthum der Frauen aller Stnde ist,--sie mute ihm
entgegenkommen.

"Du hast liebe Freunde in Frankreich zurckgelassen?" sagte sie.

"Ach ja, Mutter," erwiderte er, "sehr liebe Freunde, sie sind Alle immer
so gut gegen mich gewesen, und es wurde mir recht schwer, mich von ihnen
zu trennen," fgte er seufzend hinzu.

"Sind es blo Deine Freunde," fragte die Alte mit einem freundlichen,
beinahe neckischen Lcheln, "oder hast Du auch Dein Herz dort gelassen,
hast Du eine Geliebte in dem fernen Lande gefunden,--Du der Du hier so
gleichgltig gegen die hbschesten Mdchen unseres Dorfes warst?"

Und mit mtterlichem Stolz strich sie das Haar aus der errthenden Stirn
ihres Sohnes, der halb verlegen, halb glcklich darber, da seine
Mutter ihm auf halbem Wege entgegenkam, zu ihr aufsah.

"Ja," rief er, indem er ihre Hand so heftig drckte, da sie leise
zusammenzuckte, "ja, ich habe dort eine Geliebte gefunden, sie ist so
gut und so treu, wie nur irgend ein Mdchen aus der Heimath es sein kann
und dabei ist sie doch so anders wie sie hier sind. Und so schn,
Mutter, oh, so schn," rief er schnell aufbringend, die alte Frau
strmisch umarmend, "so schn, wenn Sie sie sehen wrden, Sie wrden sie
auch lieben, und sie ist so sanft, sie wrde Ihnen eine zrtliche und
gehorsame Tochter sein,--sie, die selbst keine Mutter mehr hat, bei
ihrem Vater aufgewachsen ist, die leitende Hand der Mutter schmerzlich
entbehrend, wie sie mir so oft gesagt hat."

Die alte Frau ordnete die Bnder ihrer Haube, welche durch die
strmische Umarmung ihres Sohnes etwas zerknittert waren. Mit
freundlichem, zufriedenem Schmunzeln sah sie den glhend erregten jungen
Mann an und sagte:

"Nun das ist ja eine gute Nachricht, und ich begreife nicht, warum Du
mir das nicht frher mitgetheilt hast; Du bist ja lngst in dem Alter,
Dich zu verheirathen, Du kannst eine Frau ernhren,--da Deine Wahl auf
keine Unwrdige gefallen, davon bin ich berzeugt. Ich werde lter und
lter, und der Hof hier bedarf einer jungen und rstigen Hausfrau."

Ihr Sohn blickte trbe zu Boden.

"Das ist es ja eben, Mutter," sagte er mit leiser Stimme, "was mir so
viele Sorge gemacht und mir so lange den Mund verschlossen hat. Ich
wei, wie Sie und namentlich der Oheim an dem Hof und an der Heimath
hngen und nun--sehen Sie, meine Braut hngt eben so sehr an ihrer
Heimath, sie ist die einzige Tochter ihres Vaters, die Erbin seines
Geschfts, eines groen Holzhandels, und sie wnscht so dringend, da
ich zu ihr nach Frankreich kommen mchte, um dort das Geschft ihres
Vaters zu bernehmen und fortzufhren,--ich habe ihr das auch
versprochen," fuhr er ohne aufzublicken fort,--"als ich bei ihr war,
schien mir das so leicht, und nun ich wieder hierher gekommen bin, nun
ich wieder unter Euch lebe, nun ich wieder den alten Garten und die
alten Felder sehe, da fhle ich," sagte er mit zitternder Stimme, "wie
schwer es Ihnen werden mte, mit mir fortzuziehen in ein fremdes Land
oder hier zu bleiben,--durch weite Entfernungen von mir getrennt."

Die Alte sah einen Augenblick schmerzlich bewegt vor sich nieder, sie
strich langsam die Falten ihrer weien Schrze glatt, als wolle sie
ihre Gedanken und Gefhle ordnen und gltten wie diese Falten. Dann
legte sich ein heiteres und ruhiges Lcheln um ihre Lippen, freundlich,
beinahe stolz und glcklich sah sie ihren Sohn an und sagte.

"Gott fgt die Schicksale der Menschen nach seinem Wohlgefallen und hat
schon Manchen aus dem Lande seiner Vter fort gefhrt, um ihn sein Glck
in der Ferne finden zu lassen. Es steht geschrieben, da der Mann Vater
und Mutter verlassen wird, um seinem Weibe zu folgen, zu dem sein Herz
ihn hinzieht, aber," fuhr sie fort, ihm die Hand reichend, "Deine Mutter
wird ihren Sohn nicht verlassen, und wenn Du eine alte schwache Frau mit
Dir nehmen willst, die wenn sie nichts mehr fr Dich thun kann doch Tag
und Nacht fr Dein Glck beten wird, so bin ich bereit, mit Dir in die
Ferne zu ziehen, da wo Du glcklich bist, wo Du Deine Heimath findest,
da werde ich auch in fremder Erde sanft ruhen. Gott segne Dich, mein
Sohn, und Diejenige, zu welcher Dein Herz Dich hinzieht."

"Oh, Mutter," rief der junge Mann, indem er zu den Fen der alten Frau
auf die Knie niedersank und wie in der fernen glcklichen Kinderzeit
sein Haupt auf ihren Schoo legte, "wie danke ich Ihnen fr dieses
Wort, das eine schwere, schwere Last von meinem Herzen nimmt."

Einige Augenblicke blieb er so schweigend und unbeweglich, whrend sie
mit den welken, zitternden Hnden ber sein volles Haar hinstrich. Dann
erhob er den Kopf und sah sie sorgenvoll und fragend an.

"Aber der Oheim," fragte er, "was wird er dazu sagen?"

"Das wird einen harten, schweren Kampf kosten," sagte die alte Frau, den
Kopf schttelnd, "er wird sich so leicht nicht von hier trennen und so
leicht auch nicht damit einverstanden sein, da Du die alte Heimath
verlst--aber," sagte sie dann lchelnd nach einigen Augenblicken des
Nachdenkens, "der Oheim hat ein gutes, weiches Herz, er liebt Dich wie
seinen eigenen Sohn, und wenn er sich berzeugt, da diese Verbindung
Dein Glck ist, so wird auch er zuletzt seine Zustimmung nicht versagen.
La mich das nur machen, sage Du ihm nichts, ich verstehe ihn zu
behandeln, wenn er sieht, das es Dein Ernst ist, so wird er die Reise
nicht scheuen, um sich selbst von Allem zu berzeugen, und wenn sich
Alles gut fgt, so knnt Ihr ihn ja jedes Jahr hier besuchen, so lange
er noch die Kraft hat, seine Wirtschaft zu fhren--wer wei, ob er sich
dann nicht auch entschliet, die Menschen und die lebendige Liebe seiner
Kinder hher zu stellen, als dieses Haus, und diesen Hof. Wenn er auch
Alles uerlich ruhig hinnimmt und wenig spricht, so wei ich doch, da
die neuen Verhltnisse hier im Lande ihm wehe thun und ihm den
Aufenthalt hier verleiden. Ueberla das der Zeit, mein Sohn, und dem
lieben Gott, der Alles nach seiner Weisheit fgen wird. Zuerst aber la
mich die Sache dem Oheim mittheilen, ich werde den ersten Sturm seiner
Heftigkeit schon auszuhalten wissen."

"Doch nun, Mutter," sagte der junge Mann, indem ein Ausdruck tiefer
Traurigkeit auf seinem Gesicht erschien, "mu ich Euch noch etwas sagen,
das mir vielen Kummer macht, so groe Hoffnungen mir auch Eure
liebevollen und freundlichen Worte gegeben haben,--ich habe," fuhr er
fort, "gleich nach meiner Ankunft hier an meine Braut geschrieben,--ich
habe nochmal und nochmal geschrieben, aber bis jetzt habe ich keine
Antwort erhalten,--und sie mu doch wissen, wie sehr ich mich nach einem
Lebenszeichen, nach einem Gru von ihr sehne, und wre es nur eine
Zeile, nur ein Wort, das mir eine Botschaft ihrer Liebe brchte--aber
nichts, gar nichts,"--sagte er mit schmerzlich zitternder Stimme. "Was
kann das bedeuten, ich habe sie gebeten, wenn sie krank wre, mir durch
ihren Vater Nachricht geben zu lassen,--ich wei nicht, was ich davon
sagen soll," fgte er traurig den Kopf schttelnd hinzu.

"Bist Du der Liebe Deiner Erwhlten ganz sicher," fragte die Alte,
"kannst Du ihrer Treue und Bestndigkeit vertrauen,--oder kannst Du Dir
irgend eine Veranlassung denken, durch welche sie verhindert sein
knnte, Dir Nachricht zu geben."

"Oh," rief der junge Mann mit lauter Stimme, den Blick voll glhender
Begeisterung auf seine Mutter richtend, "ich bin ihrer sicher, wie
meiner selbst! Sie ist treu wie Gold, auf ihr Wort wrde ich Huser
bauen. Auch kann keine uere Veranlassung sie abhalten,--ich habe mit
ihrem Vater gesprochen, er hat unserer Verbindung seinen Segen gegeben,
sie konnte offen und ohne Scheu an mich schreiben und dennoch, dennoch,"
sagte er, wieder finster zu Boden blickend, "keine Nachricht trotz aller
meiner Bitten, keine Antwort,--oh, es mu ein groes Unglck geschehen
sein, sie mu sehr krank oder todt sein, und ihr Vater wagt es nicht,
mir diese schmerzvolle Nachricht zu geben."

"Sei ruhig, mein Sohn" sagte die Alte, "bei einer so weiten Entfernung
kann ja alles Mgliche geschehen, wie leicht kann ein Brief verloren
gehen--Alles wird sich aufklren,--sei ruhig,--wenn Du sie kennst und
ihres Herzens sicher bist, so darfst Du Dich nicht in unntzer Unruhe
aufregen. Du hast ja jetzt mich, Deine Mutter, in deren Herz Du alle
Deine Sorgen ausschtten kannst. La mich erst mit Deinem Oheim
sprechen. Vielleicht," sagte sie, wie von einem Gedanken erfat,
"erwartet ihr Vater erst die bestimmte Mittheilung von der Einwilligung
Deiner Angehrigen, bevor er ihr erlaubt, zu schreiben,--ja, ja," sagte
sie, "so wird es sein; und ich mu sagen," fuhr sie immer
zuversichtlicher und heiterer fort, "ich wrde ihrem Vater ganz Recht
geben,--er wei ja nichts von Deiner Familie, und Du hast ihm auch noch
nicht sagen knnen, da dieselbe mit Deiner Wahl einverstanden ist."

"Ja" sagte der junge Mann sinnend, "so knnte es sein--das wre
mglich"--und wie getrstet durch den von seiner Mutter angeregten
Gedanken, richtete er sich empor und ging einige Male im Zimmer auf und
nieder.

"Ich will es Ihnen ganz berlassen, Mutter," sagte er dann, "mit dem
Oheim zu sprechen. Ich wei ja, Sie werden es viel besser und
geschickter machen, als ich,--aber nun erlauben Sie mir auch, meiner
Geliebten sogleich zu schreiben, da Sie wenigstens mit meiner Wahl
einverstanden sind. Und nicht wahr," fgte er schmeichelnd ber das
Gesicht der alten Frau streichelnd, hinzu, "Sie werden einige
freundliche Worte unter meinen Brief schreiben--sie versteht zwar nicht
deutsch, aber sie wird schon Jemanden finden, der ihr das bersetzt, und
dann wird ihr Vater sehen, da auch hier Alles in Ordnung ist, und wird
ihr erlauben, mir zu antworten."

Die alte Frau versprach ihm lchelnd, seiner Geliebten zu schreiben, und
dann setzte er sich zu ihr und plauderte lange mit ihr, und er erzhlte
von seiner Geliebten, ihren schnen treuen Augen--ihrer sen Stimme,
von dem alten Hause in St. Dizier, von den kreidereichen Weinbergen der
Champagne und von den grnen Ufern der Marne,--er malte ihr so
glckliche freundliche Bilder der Zukunft aus, wie sie dort bei ihm
leben wrde, wie seine Luise sie pflegen und wie sie dann die kleinen
Enkel hten und erziehen wrde, da die alte Frau ganz selig und stolz
sich mit ihm in diese lieblichen Zukunftstrume vertiefte.

       *       *       *       *       *

Wieder waren dann mehrere Wochen vergangen, er hatte seinen Brief mit
der Nachschrift seiner Mutter abgesendet.

Die Alte hatte dann mit ihrem Bruder ber die Sache gesprochen. Es
hatte einen groen Sturm gegeben. Der alte Niemeyer war einige Tage in
finsterm Brten schweigend einher gegangen, dann hatte er heftig
gescholten ber junge Leute, die auf Abenteuer hinauszgen in ferne
Lnder und den Sinn und die Liebe fr die Heimath verlren,--der junge
Cappei hatte, dem Rath und dem Wink seiner Mutter folgend, das Alles
schweigend und ohne Erwiderung mit angehrt; er hatte Abends die beiden
alten Leute allein gelassen, und dann hatte seine Mutter in ihrer Weise
mit ihrem Bruder gesprochen, sicher da trotz seines Scheltens und
Grollens ihre Worte den Weg zu seinem Herzen fanden. Endlich hatte er
seinen Neffen gerufen, ihn ausfhrlich und scharf inquirirt ber die
Familie seiner Geliebten, ber das Geschft und Vermgen ihres Vaters,
und die klaren, scharfen und bestimmten Antworten des jungen Mannes,
welche ihm ber das Alles so befriedigende Auskunft gaben, hatten
augenscheinlich dazu beigetragen, ihn zu beruhigen und ihn die ganze
Sache in einem freundlicheren und milderen Licht ansehen zu lassen.

Dann als nochmals einige Tage vergangen waren, hatte er allmhlig
angefangen,--wenn auch noch immer murrend und scheltend,--ber die
Zukunftsplne des jungen Mannes zu sprechen. Er hatte sogar die Absicht
angedeutet, trotz seines Alters und seiner Schwerflligkeit, die Reise
nach Frankreich zu machen und mit dem alten Herrn Challier, vor dessen
ausgedehntem Geschft ihm die Mittheilungen seines Neffen einen groen
Respect eingeflt hatten, selbst ber die Angelegenheit sich zu
berathen.

So weit war Alles gut, und die alte Frau lebte und webte schon in dem
Gedanken an die glckliche Zukunft ihres Sohnes und ihrer knftigen
Schwiegertochter, welche sie bereits mit aller mtterlichen Zrtlichkeit
liebte, obgleich sie sie nie gesehen.

Aber der junge Cappei wurde immer ernster und trauriger, denn auch auf
den Brief, welchen er mit der Unterschrift seiner Mutter abgesandt
hatte, war keine Antwort erfolgt, und mit jedem Tage wurde die Qual des
dumpfen Wartens angstvoller und peinlicher, und immer tiefer schnitten
die mitrauischen Fragen seines Oheims in sein von banger Unruhe
gequltes Herz.

Endlich konnte er diesen Zustand nicht lnger ertragen, und er kndigte
den beiden alten Leuten seinen Entschlu an, selbst nach Frankreich zu
reisen und den Grund dieses unerklrlichen Schweigens zu erforschen.
Seine Mutter billigte den Entschlu, denn das Leiden ihres Sohnes
erfllte sie mit tiefem Mitgefhl,--auch der alte Niemeyer hatte nichts
dagegen einzuwenden, sein practischer Sinn verlangte eine Abnderung
dieses Zustandes der Ungewiheit, und im Stillen hoffte er, da sein
Neffe an Ort und Stelle irgend ein Hinderni fnde, welches diese Sache,
die so strend in seinen Lebenskreis eintrat, ein fr allemal beenden
mchte.

Der junge Cappei traf also seine Vorbereitungen zur Abreise, welche nur
in der Ordnung seines geringen Gepcks bestanden und begab sich eines
Morgens auf das Amtshaus, um der von ihm bernommenen Verpflichtung
gem dort um die Erlaubni zu seiner Reise nachzusuchen und sich einen
Urlaubspa zu erbitten.

Der Amtsverwalter empfing den jungen Mann sehr ernst und hrte
schweigend sein Gesuch an.

"Sie wollen nach Frankreich gehen," sagte er--"welchen Zweck hat Ihre
Reise."

Cappei zgerte einen Augenblick.

"Ich bitte Sie, ganz aufrichtig zu sein," sagte der Beamte,--"Sie
befinden sich in einer besonderen Lage, und jede ausweichende Antwort
knnte Ihnen nur nachtheilig sein."

"Ich habe keinen Grund, meine Absicht zu verheimlichen," sagte der
junge Mann--"ich habe eine Braut in Frankreich und wnsche dort die zu
unserer Verbindung nthigen Vorbereitungen persnlich zu besprechen."

"Sie sind landwehrpflichtig," sagte der Amtsverwalter, "und es thut mir
leid, da ich im Hinblick auf ihre Vergangenheit Ihnen die nachgesuchte
Erlaubni nicht ertheilen kann."

"Ich verspreche," sagte der junge Mann erbleichend, "meine Adresse hier
zu lassen und jedem Ruf sofort Folge zu leisten. Auch wird ohnehin meine
Abwesenheit nicht lange dauern, ich werde in sptestens vierzehn Tagen
wieder hier sein."

"Ich kann," erwiderte der Beamte, "auch trotz dieses Versprechens Ihnen
die Erlaubni zur Reise und einen Pa nicht geben,--jedenfalls nicht
ohne hhere Genehmigung."

Ein Ausdruck finsterer Entschlossenheit erschien auf dem Gesicht
Cappei's, es schien, da er etwas sagen wollte, doch schwieg er und
wandte sich mit kurzer Verbeugung um, um das Zimmer zu verlassen.

Der Amtsverwalter hatte ihn forschend angeblickt.

"Bleiben Sie," rief er in strengem Ton.

Cappei wendete sich erstaunt um und wartete.

"Da Sie mir den Wunsch ausgesprochen haben, den Ort zu verlassen,"
sagte der Beamte, "und da ich befrchten mu, da Sie bei der
Verweigerung des Urlaubs heimlich abreisen mchten, so sehe ich mich
gezwungen, Sie zu verhaften."

"Mich zu verhaften," rief Cappei mit bebenden Lippen, indem eine
tdliche Ble sein Gesicht berzog, "und warum?"

Der Beamte klingelte, ein Amtsdiener trat herein.

"Der frhere Dragoner Cappei ist Arrestant, er wird einstweilen hier im
Amtsgefngni bleiben, bis weitere Bestimmung ber ihn getroffen ist.
Ich will sogleich ein erstes und vorlufiges Verhr mit ihm vornehmen."

Der junge Mann stand wie niederschmettert da, seine Gedanken verwirrten
sich, er konnte keine Erklrung fr diesen Schlag finden, der ihn so
unerwartet traf.

Der Beamte zog ein Actenstck aus seinem Schreibtisch hervor, ffnete
dasselbe, faltete dann einen Bogen Papier und ergriff eine Feder, bereit
das Protocoll aufzunehmen.

"Haben Sie," fragte er, sich an Cappei wendend, "seit ihrem Aufenthalt
hier mit Personen in Frankreich in Verbindung gestanden und mit
demselben correspondirt?"

"Ich habe keine Verbindung dort," erwiderte Cappei, "als diejenige mit
meiner Braut, welche besuchen zu drfen, ich soeben um Erlaubni bat,
ich habe mit Niemanden correspondirt, als mit ihr, aber zu meiner tiefen
Betrbni keine Nachricht von ihr erhalten."

Der Beamte nahm mehrere beschriebene Bltter aus dem ihm vorliegenden
Actenstck und fragte, indem er Cappei winkte, nher heranzutreten.

"Kennen Sie diese Briefe?"

Der junge Mann warf einen Blick auf die Papiere, er zuckte zusammen, ein
fast convulsivisches Zittern erschtterte seine Gestalt.

"Es sind die Briefe, welche ich an meine Braut geschrieben," rief er mit
bebender Stimme.

"Sie erkennen also an, da diese Briefe von Ihrer Hand geschrieben
sind?"

"Gewi," rief Cappei, den starren Blick fortwhrend auf die Briefe
gerichtet, welchen er einen nach dem andern glaubte abgesendet zu haben,
und in welchem er immer dringender und sehnsuchtsvoller um Nachrichten
gebeten hatte.

"Sie behaupten also," fuhr der Beamte fort, "da diese Briefe wirklich
an ein junges Mdchen gerichtet sind, und da der Inhalt derselben
keinen anderen Sinn hat, als den, welchen die Worte ausdrcken."

"Welchen anderen Sinn knnte er haben?" rief Cappei, entsetzt vor diesem
Rthsel stehend, das sich da so pltzlich vor ihm erhob.

"Man hat Beispiele," sagte der Beamte, "da scheinbar unverfngliche
Worte eine andere vorher verabredete Bedeutung haben, oder da sie durch
darauf gelegte Papierausschnitte in anderer Reihenfolge erscheinen. Doch
das wird sich finden," fuhr er fort.

Dann nahm er einige andere Bltter und hielt dieselben dem jungen Manne
vor.

"Kennen Sie diese Handschrift?"

"Nein," rief Cappei, auf die ihm vllig fremden Schriftstcke blickend.

"Dennoch," sagte der Beamte, "sind diese Briefe hier unter Ihrer Adresse
angekommen, und sie enthalten sehr bestimmte und compromittirende
Fragen, Auftrge ber Truppendislocationen und politische Verhltnisse
Nachricht zu geben. Sie werden einsehen, da das Alles sehr verdchtig
ist und da der auf Ihnen ruhende Verdacht durch Ihren Wunsch, jetzt
nach Frankreich zu reisen, nur verstrkt werden kann. Ich mu das
Resultat meiner polizeilichen Beobachtung, zu welcher meine Pflicht mich
Ihnen gegenber zwang, nunmehr an die Untersuchungsrichter bergeben und
kann Sie nur noch darauf aufmerksam machen, da ein offenes Gestndni
Ihre Lage nur verbessern kann,--wenn Sie nicht im Stande sind, sogleich
eine gengende Erklrung zu geben."

Der junge Mann starrte noch immer unbeweglich auf die ihm vorgelegten
Papiere.

"Tragen diese Briefe eine Unterschrift?" fragte er.

"Nein," sagte der Beamte, "solche Correspondenzen pflegt man nicht zu
unterschreiben, da der Absender dem Empfnger doch gengend bekannt
ist," fgte er mit leichtem ironischen Lcheln hinzu.

"Mein Gott, sollte es mglich sein," rief Cappei, indem eine glhende
Rthe sein Gesicht berflog, "ich erinnere mich, einmal ein Billet von
diesem Vergier gelesen zu haben,--sollte es mglich sein,--sollte er--"

"Junger Mann," sagte der Beamte mit ernstem Ton, durch welchen ein
gewisses Mitleid hindurchklang, ich will glauben, da Sie irre geleitet
sind, und da Ihre Ergebenheit fr Ihren Knig von gewissenlosen Agenten
gemibraucht ist. Sagen Sie offen und ehrlich Alles, was Sie ber die
Sache wissen,--ich wiederhole Ihnen, es ist der einzige Weg, um Sie vor
scharfer Strafe zu schtzen.

"Herr Amtmann," rief Cappei in verzweiflungsvollem Ton, "ich mu
glauben, da hier eine niedertrchtige Bosheit verbt worden ist, um
mich von meiner Geliebten zu trennen. Ich schwre Ihnen, ich wei von
nichts,--ich bin mir keiner Schuld bewut, ich habe keine Ahnung von
diesen Briefen, und die Schreiben von mir, welche Sie da vor sich haben,
enthalten keinen verborgenen Sinn."

Der Beamte schien betroffen von dem Ton der Wahrheit in den Worten des
jungen Mannes.

"Ich will in Ihrem Interesse wnschen," sagte er, "da es so ist, wie
Sie sagen, und da Sie Ihre Unschuld beweisen knnen. Inde die Indicien
erscheinen zu gravirend, und die Agitationen, um die es sich hier
handelt, sind zu staatsgefhrlich, als da ich es verantworten kann, Sie
in Freiheit zu lassen. Ich will inde Anordnungen treffen, da Sie gut
behandelt werden, und dafr sorgen, da Ihre Sache so schnell als
mglich untersucht wird. Denken Sie genau ber Alles nach und bedenken
Sie, da die grte Offenherzigkeit in Ihrer Lage das Beste ist.

Fhren Sie den Arrestanten ab," sagte er, zu dem Amtsdiener gewendet.

In dumpfem Schweigen lie sich der junge Mann nach dem in einem
Seitenflgel des Amtshauses befindlichen Arrestlocal fhren. Er bat den
Amtsdiener nur noch, seinem Oheim und seiner Mutter Nachricht von seiner
Verhaftung zu geben und warf sich dann in dumpfer Verzweiflung auf das
einfache Bett mit einer Strohmatratze, welche nebst einem hlzernen
Tisch das ganze Ameublement des Zimmers ausmachte, dessen Fenster mit
Eisenstben vergittert waren und vor dessen Thr sich klirrend der
schwere Riegel schob, der ihn von der Freiheit und von allen seinen
Zukunftstrumen und Hoffnungen trennte.




Viertes Capitel.


Wochen waren seit dem Plebiscit verflossen, die groe Mehrzahl des
franzsischen Volkes hatte sich in ihrem Votum aufs Neue fr das
Kaiserreich und die neue Verfassung desselben erklrt,--die Elemente des
Aufruhrs, welche einen Augenblick ihr Haupt aus den finsteren Vorstdten
von Paris erhoben, hatten sich wieder in ihre dunklen Schlupfwinkel
zurckgezogen, die unbequemen Mitglieder des Cabinets waren entfernt,
der Herzog von Gramont war von Wien gekommen und hatte das Portefeuille
der auswrtigen Angelegenheiten bernommen, und der Kaiser sah sich
umgeben von lauter Mnnern, welche sowohl dem Prinzip seiner Regierung,
als ihm persnlich vollkommen ergeben waren, und welche er, wenn er sich
die Mhe geben wollte, leicht und vollstndig nach seinem Willen zu
lenken im Stande war.

Alles schien vortrefflich geordnet und glnzend befestigt. Der
kaiserliche Hof hatte sich nach Fontainebleau begeben, es fanden dort
jene reizenden, kleinen Gartenfeste Statt, welche die Kaiserin mit ihrem
intimen Cirkel so ausgezeichnet zu arrangiren verstand. Die Zeitungen
beschftigten sich im Ganzen wenig mit der Politik. Sie berichteten ber
die Toiletten der Damen bei den Soiren  la Watteau, welche unter dem
tiefen Schatten der Bume des Parks von St. Cloud Statt fanden. Sie
erzhlten mit hoher Befriedigung, da die Gesundheit des Kaisers ganz
vortrefflich sei und da Seine Majestt Napoleon III in seinem kleinen
Privatgarten in St. Cloud mit ganz besonderem Eifer sich mit der Cultur
der Rosen beschftige und nahe daran sei, das groe Problem der
Horticultur zu lsen und eine schwarze Rose zu erzielen.

Die Zeit der Villeggiaturen begann, Graf Bismarck ritt in Varzin
spazieren, Seine Majestt der Knig Wilhelm badete in Ems, und der
Kaiser Napoleon mit einer blauen Schrze und einer groen Scheere in der
Hand, pflegte seine Rosen im Garten von St. Cloud.

Der Genius des tiefen Friedens hatte sich ber Europa herabgesenkt, die
Zeitungsredacteure und Correspondenten in allen Hauptstdten der Welt
konnten trotz des sorgfltigsten Sprens an dem blauen Sonnenhimmel der
Politik kein Wlkchen entdecken, aus welchem sich irgend eine
meteorologische Combination htte machen lassen,--und die Berichte der
Zeitungen waren wahr. Denn an einem schnen, glnzenden Sommermorgen
htten diejenigen, welche in das abgeschlossene Innere der
Sommerresidenz von St. Cloud zu blicken im Stande gewesen wren, den
Kaiser Napoleon in der That sehen knnen, wie er, einen breiten Strohhut
auf dem Kopf, von seinem Grtner begleitet, zwischen den Rosenbeeten
umherging, und mit liebevoller Sorgfalt alle diese Strucher und Stmme
musterte, auf denen so viel gestaltig und verschieden farbig die Knigin
der Blumen ihre Blthen entfaltete. Er prfte genau jeden Stock und
jeden Zweig, er schnitt jede welkende Blthe und jedes trocknende Blatt
ab, Alles in ein Krbchen werfend, das der Grtner trug und sorgfltig
darber wachend, da kein gelbes Blatt auf den reinen Kies der Gnge
fiel. Er forschte sorgfltig nach dem Mehlthau, diesem bsen Feinde der
Rosen und blies, wenn er etwas davon entdeckte, den Dampf seiner groen
braunen Havannacigarre auf die kleinen Milben, vergngt zusehend, wie
dieselben betubt zu Boden fielen.

Bei allen diesen Operationen mute er sich oft zu den kleinen
Struchern herunterbcken, oft sich neben den hohen und schlanken
Stmmen auf die Spitzen der Zehen erheben, wodurch zuweilen sehr
complicirte und schwierige Stellungen hervorgerufen wurden, in denen die
kleine, von dem groen Panamastrohhut berdachte Gestalt des Kaisers fr
alle Diejenigen einen sehr befremdenden und erstaunlichen Eindruck
gemacht haben wrde, welche gewohnt waren, ihn von den Hundertgarden
umgeben bei den groen Truppenrevuen oder bei den groen Empfngen in
den Tuilerien inmitten der Growrdentrger unter dem kaiserlichen
Thronhimmel stehen zu sehen. Aber das Gesicht des Kaisers war hier, wenn
er klein zusammengebckt vor einer Zwergrose sa, oder wenn er sich mit
Mhe zu einer hochstmmigen Centifolie emporhob, unendlich heiterer und
glcklicher, als in jenen Augenblicken der glnzenden, kaiserlichen
Reprsentation, sein sonst so undurchdringlich verschleierter Blick
ruhte hier frei und klar auf den Pflanzen und Blthen, diesen ewig
jungen Kindern der stets sich erneuenden Natur, seine Lippen lchelten
und auf seinem welken, von den Linien des Alters bereits tief
durchfurchten Gesicht lag der Schimmer einer natrlichen, fast
kindlichen Heiterkeit. Er war hier der Mensch, der seine Freude hatte an
dem, was alle Menschenherzen erfreut hat, seit das Schpfungswort
Gottes allerlei Kruter und Blumen auf der zwischen Licht und Finsterni
gestellten Erde erwachsen lie, und alle Diejenigen, welche den Kaiser
haten und bekmpften im groen Ringen des politischen Lebens, sie wren
hier vor dem Menschen entwaffnet gewesen,--denn nur ein guter Mensch
kann sich in seinem Herzen die kindlich reine Freude an der einfachen
Natur bewahren.

Der Kaiser blieb vor einem mittelgroen Stamm stehen, aus dessen
dunkelgrnen Blttern Knospen mit tief dunklen Spitzen hervorragten. Der
Kaiser betrachtete sorgfltig prfend diese Knospen, die alle noch
geschlossen waren, vorsichtig die Zweige auseinander biegend, suchte er
nach, ob nicht irgend eine sich bereits geffnet habe.

Pltzlich stie er einen leichten Schrei aus. An der anderen Seite des
kleinen Baumes, welche dem Morgensonnenlicht zugewendet war, entdeckte
er eine halb erschlossene Blthe, deren tief dunkle Bltter so eben die
Umhllung gesprengt hatten.

"Ah," sagte er, indem er mit der Hand dem Grtner winkte, welcher rasch
herzutrat, "da ist die Lsung meines Problems, die Blthe ist
erschlossen und"--er blickte ganz enttuscht und niedergeschlagen auf
die Blume.

Die dunklen Bltter derselben, welche beim ersten Anblick schwarz
erschienen waren, schimmerten im Strahl des darber hin streifenden
Sonnenlichts in einem sehr deutlichen Purpurblau.

"Die Rose ist blau," sagte der Kaiser, indem er vorsichtig die Blthe
erfate und sie hin und her wendete.

Aber von welcher Seite auch der Strahl der Sonne darauf fallen mochte,
immer zeigte sich der blaue Glanz.

Der Grtner lchelte mit einer gewissen Miene der Ueberlegenheit.

"Ich habe es Eurer Majestt immer gesagt," sprach er, "da es Ihnen
niemals gelingen wird eine schwarze Rose zu ziehen. Die Natur hat die
schwarze Farbe nicht, und so sehr sich auch die verschiedenen Farben
immer mehr und mehr verdunkeln mgen, es wird Ihnen doch niemals
gelingen, sie bis zum wirklichen Schwarz zu bringen."

"Aber man hat doch die schwarze Farbe in der Thierwelt," sagte der
Kaiser. "Das Haar des Menschen ist schwarz, das Gefieder so manchen
Vogels"--

"Ich glaube, da Eure Majestt sich tuschen," sagte der Grtner
kopfschttelnd, "Alles das ist nicht schwarz,--es sind nur tiefe
Schattirungen irgend einer anderen Farbe, deren Grundton Sie im
Sonnenlicht leicht erkennen knnen. Die wirklich schwarze Farbe kommt in
der Natur nicht vor, sie kann nur von Menschen knstlich geschaffen
werden."

Der Kaiser lie die Blthe los. Sein bisher so heiteres Gesicht wurde
ernst, seine Augen verschleierten sich, trbe blickte er vor sich
nieder.

"Die Natur schafft die schwarze Farbe nicht," sagte er--"das menschliche
Herz ist auch eine Schpfung dieser Natur, und doch ist die Sorge so
schwarz, welche dieses Menschenherz erfllt,--die Menschen mssen
knstlich die schwarze Farbe schaffen,----sind alle die Sorgen, die uns
qulen, nicht auch knstliche Schpfungen einer der reinen und heiteren
Natur entfremdeten Welt,--aus den wir uns dennoch nicht losmachen
knnen," fgte er seufzend hinzu, "um wieder zur Reinheit und Freiheit
der Natur zurckzukehren,--einer Welt, aus der uns nur der Tod
hinausfhrt, der uns mit dem letzten und tiefsten Schwarz
bedeckt----werden wir dahinter," sprach er tief sinnend weiter, "eine
neue Welt voll Licht und Farbenglanz finden, oder wird dieser letzte
schwarze Grund fr immer alles Licht und alle Farben aufsaugen?"

Er stand noch einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken, dann nahm
er seine blaue Schrze ab, reichte dieselbe mit der Scheere, deren er
sich zum Schneiden der Zweige bedient hatte, dem Grtner,--grte
denselben freundlich mit der Hand und warf noch einen langen wehmthigen
Blick ber seinen blhenden Rosengarten,--dann wandte er sich schnell um
und stieg die Stufen hinauf, welche ihn in sein Zimmer fhrten.

All das helle Licht, welches ihn im Garten umgeben hatte, all die
freundliche Heiterkeit, welche ihn dort erfllt hatte, schien wie
verschwunden zu sein. Ernst und sorgenvoll trat er zu seinem
Schreibtisch, auf welchem Pietri am Morgen die zu des Kaisers eigener
Durchsicht bestimmten Correspondenzen gelegt hatte und lie sich in dem
davor flehenden tiefen Lehnstuhl von Rohrgeflecht mit einem lnglich
runden Sitzkissen nieder.

"Die glcklichen Augenblicke des Tages sind vorber," sagte er, "die
Sorge tritt wieder in ihr Recht und trotz des Anscheins von Ruhe und
Sicherheit, welche Frankreich und die Welt heute darbietet, stehe ich
heute mehr als je vor ungelsten Fragen der Zukunft. Dieses Deutschland
consolidirt sich," sagte er, "sterreich schwankt und trotz aller guten
Dispositionen des Knigs Victor Emanuel wendet sich die ffentliche
Stimmung in Italien mehr und mehr von mir ab, so da es schwer sein
wird, eine Allianz mit dieser Macht, welche ich geschaffen habe, zu
schlieen. Und selbst wenn es gelnge," fuhr er fort, "wrde eine solche
Allianz im Augenblick einer entscheidenden Action--im Augenblick der
Gefahr vielleicht--gehalten werden? Die meisten Sorgen aber," sagte er
nach einigen Augenblicken, "machen mir diese spanischen Angelegenheiten,
die Candidatur des Herzogs von Montpensier wird eifrig betrieben und
trotz der geringen persnlichen Popularitt des Herzogs kann sie
urpltzlich mir entgegentreten, denn schlielich wird man dort nach
jedem Auskunftsmittel greifen, um nur wieder zu geordneten Zustnden zu
gelangen, und die Orleans verstehen sich auf die Agitationen und die
Intriguen. Aber ich mu Alles aufbieten, um ein orleanistisches
Knigthum in Spanien zu verhindern. Ich habe soeben den Einflu
gebrochen, welchen diese erbittertsten und gefhrlichsten Feinde meiner
Regierung und meiner Dynastie hier in Frankreich wieder zu erringen
begannen, und wrden sie jemals in Spanien festen Fu fassen, so wrde
ihre Agitation trotz der Pyrenen mit erneuter Kraft Frankreich
durchziehen. Der Erbprinz von Hohenzollern wre vielleicht eine Lsung
gewesen,--und ich will diesen Faden nicht ganz aus der Hand lassen,
aber das Erste und Nchstliegende ist doch die Wiederherstellung der
Dynastie der Knigin Isabella unter dem Prinzen von Asturien. Meine
Einleitungen sind getroffen: Olozaga ist der Combination gnstig, und
dieser eitle Serrano wird lieber der Majordomus des unmndigen Don
Alphonso sein, als einfacher General unter dem Herzog von Montpensier,
der sich seiner wahrscheinlich bald entledigen wrde--was vielleicht
Prim auch thun wird," fgte er mit einem leichten Lcheln hinzu--"den
ich vorlufig ganz aus dem Spiel lassen mu, um ihn mir fr jene
hohenzollersche Eventualitt im uersten Falle zu reserviren."

Er beugte sich ber seinen Schreibtisch und ergriff die auf demselben
zurecht gelegten Briefe. Nach flchtigem berblick warf er mehrere
derselben bei Seite, dann ergriff er lebhaft einen andern und lehnte
sich, denselben in der Hand haltend, in seinen Stuhl zurck.

"Von meinem Agenten in Spanien," rief er,--"vielleicht nhert sich diese
Sache ihrem Ende."

Er durchflog rasch die ersten Zeilen des Briefes.

"Alles ist vorbereitet," las er dann, den Zeilen folgend, "die
magebenden Personen sind der Proclamation des Prinzen von Asturien
gnstig. Das Volk im Ganzen mit Ausnahme einiger unterwhlten groen
Stdte wrde jede feste Regierung, welche Ruhe und Stabilitt verbrgt,
mit Freuden begren. Die Armee ist zum groen Theil ganz alphonsistisch
gesinnt und die Proklamation des Prinzen, namentlich wenn derselbe die
unmittelbare und bestimmte Anerkennung Frankreichs fnde, wrde nirgends
ernsten Schwierigkeiten begegnen. Vor allen Dingen aber ist es nthig,
da die Knigin Isabella so schnell als mglich feierlich abdicirt und
alle ihre Rechte auf ihren Sohn bertrgt, zugleich auch jeden Anspruch
auf die Regentschaft ausdrcklich aufgiebt und sich verpflichtet, auch
nach der etwaigen Thronbesteigung ihres Sohnes im Auslande zu leben und
nicht nach Spanien zurckzukehren. Dies Document ist unerllich fr
jede weitere Thtigkeit, denn Niemand, die Alphonsisten ebenso wenig,
wie alle Andern, will die Rckkehr der Knigin, und man frchtet, da
selbst bei ihrer persnlichen Anwesenheit in Spanien sie und ihre
Umgebung auf die Regierung von Neuem einen Einflu ausben wrden, den
man mit Recht oder Unrecht fr verderblich hlt. Wenn Eure Majestt die
Abdication der Knigin in der oben angedeuteten Weise erreichen knnen,
so scheint die Thronbesteigung des Prinzen von Asturien sicher zu sein."

Der Kaiser warf den Brief zurck.

"Ich kann mich auf diese Mittheilung verlassen," sagte er,--"das Glck
scheint mir zu lcheln. Die Regierung des Prinzen von Asturien, mag sie
in seinem Namen gefhrt werden, durch wen sie wolle, wird Frankreich
gnstig sein und in der auswrtigen Politik im Groen und Ganzen
derjenigen der Knigin Isabella sich anschlieen. Vor allen Dingen aber
wird sie dem Herzog von Montpensier und den Orleans unvershnlich
feindlich sein--vielleicht liee sich dann doch noch auf jene
Combination zurckkommen, welche durch diese unglckliche Revolution in
Spanien vereitelt wurde.--

Die Knigin wird sich freilich schwer zur Abdankung entschlieen. Das
Document darber ist schon aufgesetzt und befindet sich in ihren Hnden.
Sie hat bis jetzt die Unterzeichnung verweigert, weil sie Brgschaft
verlangte, da nach ihrer Abdication die Thronbesteigung ihres Sohnes
wirklich gesichert sei. Ich glaube ihr nach dieser Nachricht, welche
durch die Mittheilungen Olozaga's vollstndig besttigt wird, jede
Garantie geben zu knnen."

Er sann einige Minuten nach.

"In Augenblicken wie dieser," sagte er dann, "kommt es auf schnelles und
entschiedenes Handeln an. Gnstige Situationen mu man benutzen und zu
rascher Entscheidung fhren,--man wei niemals, wie lange sie dauern
knnen. Ich will sogleich zur Knigin, um womglich gleich die Sache mit
einem Schlage zu erledigen." Er klingelte.

"Meinen Wagen," befahl er dem eintretenden Kammerdiener, "groe
Attelage, ich will nach Paris fahren. General Fav soll mich begleiten."

Er stand auf und ging in sein Toilettenzimmer.

       *       *       *       *       *

An der Avenue du Roi de Rome liegt das prachtvolle Hotel Basilensky,
welches die Knigin Isabella gekauft und eingerichtet hatte und ber
dessen vergoldeten Gitterthoren der Lilienschild des kniglichen Wappens
von Spanien glnzte.

Die innere Eingangsthr dieses Hotels stand weit offen und lie durch
die Gitter des ueren Hofes den Blick in die prachtvolle weite Halle
dringen, in deren Hintergrund die breite Marmortreppe nach den obern
Gemchern emporfhrt.

In dieser Halle war die Dienerschaft der Knigin in ihrer dunkelblauen
goldgestickten Livre mit den rothen Strmpfen aufgestellt, und am Fu
der Treppe stand der Graf von Ezpeleta, der Oberhofmeister der Knigin,
ein alter Mann mit grauem Haar, mit dem groen blauen Bande des Ordens
Karls III. geschmckt; neben ihm der Kammerherr Albacete, ein noch
junger, schner Mann mit schwarzem gelocktem Haar, kleinem schwarzem
Schnurrbart und dunklen Augen, mit dem Cordon des Ordens Isabella der
Katholischen.

Bereits eine Viertelstunde standen die beiden Herren hier, von Zeit zu
Zeit einige Worte mit einander wechselnd und oft ungeduldig durch die
Thr nach dem Vorhof hinaus blickend, zu welchem wenige Stufen
hinabfhrten.

Endlich fuhr ein einfaches Coup mit dunkler Livre durch das Gitterthor
in den Hof und hielt vor dem Haupteingang des Hotels.

Graf Ezpeleta eilte schnell an den Schlag des Wagens, den der vom Bock
herabspringende Diener bereits geffnet hatte. Herr von Albacete folgte
ihm, den Hut in der Hand; beide Herren verbeugten sich tief vor einem
jungen Manne von etwa zwei und zwanzig Jahren, der hoch und schlank
gewachsen war und leicht und gewandt aus seinem Wagen auf den Boden
sprang.

Dieser junge Mann hatte ein blasses lngliches Gesicht von vornehm
strengem, aber ein wenig apathischem Ausdruck. Seine Nase war lang und
etwas stark, die von Natur weichen Linien seines Mundes waren durch
feste und energische Willenskraft zusammengezogen,--aus seinen kleinen
Augen leuchtete ein hoher unbeugsamer Stolz. Er trug einen schwarzen
Salonanzug, einen Cylinderhut auf dem Kopf, das goldene Vlie am rothen
Bande um den Hals.

Mit einer leichten Neigung des Kopfes, ohne den Hut zu berhren,
erwiderte er die ehrfurchtsvollen Begrungen des Grafen Ezpeleta und
des Herrn von Albacete. Dann stieg er, ohne ein Wort an die Herren zu
richten, die Stufen des Eingangs hinauf und schritt durch die Reihen der
sich tief verneigenden Lakaien zu der groen Treppe hin, whrend Herr
von Albacete halb rckwrts gewendet, einige Schritte vor ihm herging,
und der Graf Ezpeleta ehrerbietig ihm folgte. Der junge Mann stieg mit
leichtem elastischem Schritt die Stufen der Treppe hinauf.

Am obern Ende derselben vor dem Eingang in ihre Gemcher stand die
Knigin Isabella. Sie trug eine weite Robe von dunkelblauer Seide, das
rothe Band des goldenen Vliees um den Hals.

Ihr zur Seite befand sich die Grfin Ezpeleta und einige Hofdamen.

Der junge Mann, welchen die Cavaliere der Knigin mit so viel Ehrfurcht
begrt hatten, stieg ruhig die letzte Stufe der Treppe hinauf, und erst
als er unmittelbar vor der Knigin stand, nahm er mit einer Bewegung
voll ritterlicher Hflichkeit, aber ohne jeden Ausdruck von Ehrerbietung
oder Unterwrfigkeit den Hut ab, ergriff die Hand, welche die Knigin
ihm entgegenstreckte und fhrte sie leicht an die Lippen.

"Ich danke Ihnen, mein Vetter," sagte die Knigin, "da sie gekommen
sind, und ich bitte Gott, da er unsere Begegnung und unsere Unterredung
segnen mge zum Wohle Spaniens und zum Wohl unseres Hauses."

Der Infant Don Carlos, welchem man bei seiner Geburt den Namen des
Herzogs von Madrid gegeben, welcher in der Verbannung den Titel eines
Grafen von Monte Molin fhrte, und welchen die spanischen Legitimisten
den Knig Carlos VII nannten, erwiderte nichts auf diese Worte.
Schweigend reichte er der Knigin den Arm und fhrte sie durch einen
groen, mit reich vergoldeten Meubeln ausstatteten Salon, in welchem
ber den Fenstern und Thren, so wie ber dem groen prachtvollen Kamin
die Lilien des kniglichen Hauses von Bourbon auf blauem Grunde
glnzten, nach dem Cabinet der Knigin, welches von dem vordern Salon
durch eine einzige groe Glaswand aus mchtigen Spiegelscheiben getrennt
war, so da man aus dem einen Raum vollstndig den andern bersehen
konnte.

Dies Cabinet, in welchem die Knigin ihre Audienzen zu ertheilen
pflegte, war mit weiem Marmor ausgelegt, neben dem Kamin, welcher der
Glaswand sich gegenber befand, standen einander gegenber einige groe
Fauteuils mit vergoldeter Lehne und mit purpurrothem Seidendamast
berzogen.

Die Knigin nahm auf einem dieser Lehnsthle Platz. Don Carlos setzte
sich, immer schweigend und kalt, ihr gegenber.

"Erlauben Sie, mein Vetter," sagte Isabella, absichtlich jede Titulatur
in ihrer Anrede vermeidend, "da ich Ihnen die Infanten, meine Kinder,
vorstelle?"

Der Graf von Monte Molin neigte artig das Haupt.

Die Knigin winkte durch die Glaswand nach dem andern Zimmer hin, in
welchem ihr Gefolge zurckgeblieben war, und kurze Zeit darauf fhrte
die Grfin Ezpeleta den dreizehnjhrigen Prinzen Alphons von Asturien
und seine drei jngeren Schwestern in das Cabinet, worauf sie sich
wieder in das Vorzimmer zurckzog.

Der Prinz von Asturien, ein bleicher, zarter Knabe mit sanftem und
krnklichem, aber intelligentem Gesicht, in einen Anzug von schwarzem
Sammet gekleidet, welcher die zarte Farbe seines Gesichts noch mehr
hervorhob, nherte sich mit offenem und unbefangenem Anstand dem Grafen
von Monte Molin. Er kte seinem Oheim die Hand, whrend die drei
Infantinnen sich in einer gewissen kindlichen Befangenheit neben den
Stuhl ihrer Mutter stellten.

"Don Alphonso," sagte die Knigin, ihren Sohn vorfallend, "Donna Maria
del Pilar--Donna Maria della Pay,--Donna Eulalia,"--fuhr sie fort, die
kleinen Prinzessinnen bezeichnend, welche sich nach der Reihe ihrem
Oheim nherten und ihre Lippen auf seine Hand drckten.

Das bisher so ernste, strenge und unbewegliche Gesicht des Grafen von
Monte Molin wurde einen Augenblick von einem feuchten Schimmer
berstrahlt. Ein weiches und inniges Gefhl leuchtete aus seinen Augen,
wie in unwillkrlicher Bewegung umarmte er den Prinzen von Asturien, zog
dann die kleinen Infantinnen an sich heran und kte sie eine nach der
andern auf die Stirn.

"Die lieben Kinder," sagte er,--"die Glcklichen, die noch allen Sorgen
des Lebens--und der Politik fern stehen,--Gott segne sie."

Die Knigin hatte mit bewegtem Ausdruck diese Scene mit angesehen, eine
tiefe, mchtige Rhrung zuckte ber ihr Gesicht, ein feuchter Schimmer
verhllte ihren Blick. Dann winkte sie mit der Hand, die Grfin
Ezpeleta erschien wieder und fhrte, sich tief und ceremoniell
verneigend, die Kinder hinaus.

"Ich habe Sie gebeten, zu nur zu kommen, mein Vetter," sagte die
Knigin, "um mit Ihnen ber die Lage Spaniens zu sprechen und mit Ihnen
zu berathen, was wir, die wir durch unser Blut mit dem Geschick der
spanischen Nation verknpft sind, thun knnen, um das edle Volk aus
seiner traurigen Lage zu befreien und um auch in unserm Hause den
Frieden wieder herzustellen."

Das Gesicht des Grafen von Monte Molin nahm wieder seinen frheren,
kalten und strengen Ausdruck an.

"ber die spanische Nation," sagte er, "ist das Strafgericht
hereingebrochen, dem kein Volk entgehen kann, das sich von Gott abwendet
und das heilige Recht seiner Knige verleugnet. Spanien wird durch
dieses Strafgericht gelutert und so Gott will, einer glcklichen
Zukunft zugefhrt werden."

"Sie haben Recht, mein Vetter," sagte die Knigin mit sanfter Stimme.
"Inde," fuhr sie fort, "ist das spanische Volk vielleicht entschuldbar,
wenn es sich ber das Recht seiner Frsten tuscht, da ja bei den
Trgern dieses Rechts selbst zwei verschiedene Anschauungen ber
dasselbe bestehen."

"Es giebt nur ein Recht," erwiderte Don Carlos, "und wenn zwei
verschiedene Anschauungen darber bestehen, so trifft die Schuld
denjenigen Frsten unseres Hauses, welcher in unverzeihlicher Weise die
alten, die heiligsten Satzungen nach seiner persnlichen Willkr zu
ndern unternommen hat. Und Ruhe und Frieden," fuhr er in klangvoller
Stimme fort, "wird in Spanien nicht eher wieder herrschen, als bis das
alte, gottgeheiligte Recht wieder zur vollen Geltung gekommen ist."

"Ich will darber nicht mit Ihnen streiten, mein Vetter," sagte die
Knigin, "wo das wahre Recht liegt. Sie mssen mir aber zugeben," fuhr
sie fort, indem sie ihn mit weichem Blick ansah und die Hand wie bittend
gegen ihn erhob, "da ich unschuldig bin an dem, was vor mir--was zu
meinen Gunsten geschah. Ich habe im guten Glauben meinen Thron
bestiegen, berzeugt, da das Gesetz, welches mich auf denselben berief,
ein im Rechte begrndetes gewesen sei."

"Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, meine Cousine," sagte Don Carlos, in
sanftem Tone, "es ist Ihre Schuld nicht, da Sie die Vertreterin eines
Prinzips geworden sind, welchem dem wahren Knigthum und der von Gott
eingesetzten Monarchie ebenso feindlich gegenber steht, als es diese
Revolution thut, welche heute unser armes Spanien zerrttet."

"Wenn Sie das anerkennen, mein Vetter," sagte die Knigin, "so werden
Sie mit mir auch den Wunsch theilen, da das traurige Zerwrfni,
welches die Linien unseres kniglichen Hauses von einander trennt, und
welches uns unsern Gegnern gegenber schwcht und lhmt, beendet werde.
Sie werden gewi die Hand dazu bieten, da wieder das Knigthum in
Spanien einig und in geschlossener Macht den Elementen des Unglaubens
und Aufruhrs gegenber gestellt werde."

Und in lebhafter, offener Bewegung reichte sie dem Infanten ihre Hand,
dieser berhrte dieselbe sich artig verbeugend, einen Augenblick und
sprach dann, indem er die Knigin gerade und fest ansah:

"Sobald sich das ganze knigliche Haus von Spanien unter meiner Fahne
vereinigt, wird jene traurige Spaltung verschwunden sein, und wir werden
krftiger und erfolgreicher als bisher der Revolution gegenber treten
knnen."

Die Knigin schwieg einen Augenblick.

"Ich schwre es Ihnen bei Gott, mein Vetter," sagte sie dann, "da ich
mich wahrlich nicht nach der Herrschaft und nach dem Throne sehne,--sie
haben mir kein Glck in meinem Leben gebracht. Unruhe, Sorge und Kummer
ist mein Loos gewesen, und auch das Glck meines Herzens ist diesem
traurigen Glanz der Krone zum Opfer gefallen. Aber," fuhr sie fort, "ich
habe die Rechte meines Sohnes zu vertreten, und man sagt mir, da die
monarchische Partei in Spanien zu einem groen Theil auf ihn seine
Hoffnungen setzt und durch seinen Namen zusammengehalten werde."

Don Carlos hrte ruhig und unbeweglich zu.

"Ich setze voraus," fuhr die Knigin fort, "da in Ihrem Herzen, wie in
dem meinen das Wohl Spaniens, die Gre und der Glanz unseres Hauses
weit ber allen persnlichen Rcksichten und Wnschen stehen--wenn dies
der Fall ist, wenn wir uns darber verstndigen knnten, die
Vergangenheit und die Gegenwart einer besseren und glcklicheren Zukunft
zu opfern, so wrde es vielleicht in unsere Hnde gegeben sein, das
Schicksal Spaniens und unseres Hauses neuem Glck und neuem Glanz
entgegen zu fhren."

"Mein Volk und mein Haus stehen mir wahrlich hher, als meine Person,"
erwiderte Don Carlos, "und fr das Wohl Beider bin ich jeden Augenblick
bereit, mich zum Opfer zu bringen."

"Oh," rief die Knigin lebhaft, "dann werden Sie gewi auf die Idee
eingehen, die ich Ihnen aussprechen mchte,--eine Idee, von der mir so
viele einsichtsvolle Personen sagen, da durch sie Spanien aus seinem
jetzigen, traurigen Zustand gerettet werden knne."

Don Carlos sah die Knigin fragend an.

"Mein Vetter," fuhr Isabella fort, "Sie sind der Vertreter des Rechts
der einen Linie unseres Hauses; ich stehe an der Spitze der andern. Sie
haben zahlreiche opferbereite Anhnger in Spanien, und auch an mir hngt
noch ein groer Theil des Volkes und der Armee. Knnten wir diese Alle
vereinigen zu gemeinsamem Kampf, der Sieg mte unser sein. Und dazu
gehrt," fuhr sie fort, "nichts weiter, als da wir, Sie und ich auf den
Thron verzichten, da wir die Selbstverleugnung haben, unsere eigenen
persnlichen Rechte aufzugeben, um diejenigen unserer Kinder sicher zu
stellen. Mein Vetter, vereinigen wir unsere beiden Linien und deren
Rechte, beschlieen wir die Verbindung meines Sohnes, den Sie so eben
gesehen, mit der Infantin, Ihrer Tochter. Wenn ich dann auf die Krone
verzichte, die ich getragen und welche die Revolution mir vom Haupte
gerissen hat, wenn Sie Ihre persnlichen Ansprche auf die lteren
Rechte Ihrer Linie aufgeben, so wird Don Alphonso der allein berechtigte
und allseitig anerkannte Knig von Spanien werden, Ihre Tochter wird
dereinst seinen Thron mit ihm theilen, und in Zukunft wird das
vereinigte Blut beider Linien unseres Hauses das ungetheilte
monarchische Prinzip aufrecht erhalten."

Don Carlos sah die Knigin, welche immer bewegter gesprochen hatte, mit
einem gewissen Erstaunen an.

"Eine Verbindung des Infanten Don Alphonso," sagte er, "mit meiner
Tochter ist ein Gegenstand, der wohl ernste Erwgung verdient und der
allerdings dazu beitragen mchte, die so beklagenswerte Spaltung des
kniglichen Hauses von Spanien auszugleichen. Doch begreife ich nicht,
Madame," fuhr er fort, "wie durch eine solche Verbindung Don Alphonso
unmittelbare Rechte auf den spanischen Thron erwerben sollte, selbst
wenn ich auf die meinigen verzichten wrde, was nach meiner berzeugung
kein Frst, den Gott zum Throne hat geboren werden lassen, thun darf."

"Wenn Sie, mein Vetter," erwiderte die Knigin "zugleich mit der
besprochenen Verbindung Don Alphonso adoptiren wrden, so wren, wie mir
scheint, alle Schwierigkeiten gelst, der Infant wrde in seiner Person
die Rechte Ihrer und meiner Linie vereinigen und der einzige Mittelpunkt
fr alle Anhnger und Vertheidiger der Monarchie in Spanien sein."

Don Carlos richtete sich hoch empor.

"Ich bewundere, Madame," sagte er mit schneidendem Hohn, "die Klugheit
Ihrer Rathgeber, welche die Schwierigkeiten auf so einfache Weise lsen
wollen, auf die so unendlich einfache Weise, da sie das hohe und
unveruerliche Recht, welches Gott mir und meinen Nachkommen gegeben,
einfach wegwerfen und alle die Rechtswidrigkeiten anerkennen, durch
welche Spanien in sein gegenwrtiges Unglck gestrzt ist."

"Aber, mein Gott," sagte die Knigin erstaunt ber die pltzliche
Vernderung in dem Gesichtsausdruck und Ton des Grafen von Monte Molin,
"der Vorschlag, den ich so eben gemacht, beruht ja auf der Anerkennung
Ihres Rechtes, denn mein Sohn soll ja den spanischen Thron gerade
gesttzt auf unsere beiden bisher sich entgegen stehenden Rechte in
Anspruch nehmen."

"Das heit mit andern Worten," fiel Don Carlos ein, "ich soll mit
meinem kniglichen Siegel legalisiren, was zur Verletzung des legitimen
Rechts geschehen ist. Ich soll aufgeben alle Ansprche, welche Gottes
Willen mir gegeben und soll das alte heilige Recht in den Dienst treten
lassen der willkrlichen Verfgungen, welche die unumstlichen
Satzungen des spanischen Knigshauses verndert haben. Und wenn ich fr
meine Person dies Opfer bringen wollte, wenn ich auf mein Recht
verzichten wollte, um das Unrecht zu sanctioniren, wie knnte ich eine
solche That vertreten meinen Nachkommen gegenber, das darf ich Sie wohl
fragen,--Sie, Madame, die Sie von mir verlangen, da ich Ihrem Sohn den
Anspruch opfern soll auf die Krone der edelsten und vornehmsten Nation
der Welt."

"Aber, mein Vetter," sagte die Knigin, "Sie haben nur eine Tochter und
wenn Sie heute Knig von Spanien werden, so wre ja Don Alphonso Ihr
legitimer Erbe."

"Sie vergessen, Madame," rief Don Carlos, "da in den nchsten Tagen
vielleicht die Gnade der Vorsehung mir einen neuen Nachkommen schenken
wird. Wenn ich heute mit Ihnen diesen Kauf abschlsse," rief er lebhaft,
"ber die Rechte und die Zukunft meines Hauses, und wenn dann dieses
Kind, das ich erwarte, ein Sohn wre, mte ich nicht errthend die
Augen niederschlagen vor der Wiege des Suglings, den ich um sein
knigliches Recht vor seiner Geburt betrogen htte. Nein, Madame," sagte
er kalt und ruhig, jedes Wort scharf und nachdrcklich betonend, "seien
Sie berzeugt, da niemals, niemals von mir ein solcher Pact geschlossen
werden wird, und selbst wenn ich heute ein Greis wre, der keine
Nachkommenschaft mehr zu erwarten hat--selbst dann wrde ich meine
persnlichen Rechte nicht veruern,--versagt mir Gott einen Sohn, so
ist der Infant Don Alphonso mein natrlicher und berechtigter
Nachfolger, ich werde ihn als solchen lieben und dahin arbeiten, ihm ein
groes und ruhmreiches Erbe zu hinterlassen,--aber so lange ich lebe,"
fuhr er fort, indem er aufstand, und die Hand wie zur feierlichen
Bekrftigung seiner Worte emporhob, "so lange ich lebe, giebt es in
meinen Augen auf Erden keinen anderen Knig von Spanien als mich--in
Gottes Hand steht es, ob ich mein Recht erringen werde, oder ob mir das
hohe Ziel um der Snden meiner Vter und um der meinigen willen versagt
bleiben soll--ich aber werde nichts unterlassen, um den Thron, zu dem
mich Gott hat geboren werden lassen, mir und meinem Hause wieder zu
erobern, mit Niemandem in der Welt werde ich ber dieses mein hchstes
Recht, das zugleich meine heiligste Pflicht ist, handeln oder Vertrge
schlieen,--und eine innere Stimme sagt mir, da dereinst noch die alte
Fahne des reinen legitimen Rechts siegreich in Spanien wehen wird. Dann,
Madame," fuhr er mit mildem Tone sich zur Knigin wendend fort, "werde
ich Sie willkommen heien im Escurial, Ihr Sohn wird der erste Prinz
meines Hauses--und vielleicht mein Nachfolger und Erbe sein. Ich werde
Gott bitten, da er Sie und die Ihrigen erleuchten mge, Sich seinen
ewigen Ordnungen zu fgen, ich kann meinerseits von denselben nicht
abgehen."

Die Knigin erhob sich ebenfalls.

"Ich bitte Sie, mein Vetter," sagte sie, "lassen Sie unsere Unterredung
nicht so enden, ich habe so groe Hoffnungen auf unsere persnliche
Begegnung gebaut, bedenken Sie, da die Spaltungen zwischen den beiden
Linien unseres Hauses ja nur unseren gemeinschaftlichen Feinden
ntzt."--

"Ich darf nichts bedenken," erwiderte Don Carlos, "als da Gott mir das
Recht zu bewahren gegeben, das ich aufrecht halten und vertheidigen
werde bis zu meinem letzten Athemzuge."

Er nherte sich der Knigin, welche unschlssig und verwirrt da stand,
kte ihr die Hand und sprach:

"Gott segne Sie, Madame, und die Ihrigen;--wie auch das Schicksal der
Zukunft sich wende, ich werde niemals vergessen, da das gleiche Blut in
unsern Adern rollt."

Die Knigin schien sprechen zu wollen. Don Carlos bot ihr mit einer
entschiedenen Bewegung seinen Arm, sie legte schweigend mit einem tiefen
Seufzer ihre Hand in denselben und geleitete den Infanten durch das
Vorzimmer nach der Treppe, wo er mit einer artigen Verbeugung seinen Hut
aufsetzte und, von dem Grafen Ezpeleta und dem Herrn von Albacete
begleitet, langsam und ruhig die Stufen hinabstieg. Sein Coup fuhr vor,
er winkte leicht grend mit der Hand und fuhr durch das Gitterthor des
Hofes hinaus.

"Alles vergebens," rief die Knigin, als der Graf von Ezpeleta zu ihr
zurckgekehrt war und fragenden Blickes in ihr Cabinet eintrat,--"Alles
vergebens! Er ist unbeugsam! Er steht unerschtterlich fest auf dem
Boden seines Rechts. Und es wre doch so schn gewesen," rief sie, "wenn
diese Verstndigung gelungen wre. Er hat mchtige Anhnger, wenn sie
sich mit den meinigen vereinigten, sie htten die grten Aussichten auf
Erfolg gehabt. Aber so," fuhr sie fort, indem sie ihr Taschentuch heftig
zusammendrckte, "ist Alles in Frage gestellt. Man verlangt von mir die
Abdankung. Aber was wird dadurch gewonnen, wenn nicht zu Gunsten meines
Sohnes eine groe, monarchische Partei gebildet werden kann?--ich wrde
mein Recht aufgeben, ohne ihm dadurch die Nachfolge sichern zu knnen--"

Eine Bewegung machte sich im Vorzimmer bemerkbar.

Eiligst trat Herr von Albacete durch die Thr der groen Glaswand in das
Cabinet der Knigin.

"Seine Majestt der Kaiser ist so eben in den Hof gefahren!" rief er und
eilte schnell wieder hinweg, um den Kaiser zu begren.

Der Graf Ezpeleta folgte ihm, und die Knigin ging mit ihren Damen
abermals nach dem Ausgang der groen Treppe, an welcher sie sich kurz
vorher von dem Grafen von Monte Molin verabschiedet hatte.

Langsam und etwas schwerflligen Schrittes stieg Napoleon die Stufen
hinauf.

Er trug einen schwarzen berrock und hielt seinen Hut und ein spanisches
Rohr mit goldenem Knopf in der Hand. Mit tiefer Verbeugung kte er der
Knigin die Hand und fhrte sie in das Cabinet zurck.

"Ich habe Ihnen gute Nachrichten zu bringen, Madame," sagte er, nachdem
er ihr gegenber vor dem Kamin Platz genommen. "Wie befinden sich die
Infanten?"

"Ich danke, Eure Majestt," erwiderte die Knigin, auf deren Gesicht bei
den ersten Worten des Kaisers der Ausdruck gespannter Erwartung
erschienen war, "sie befinden sich vortrefflich in dieser schnen Luft
des gastfreien Frankreichs, welche fr sie nur den einzigen Fehler hat,
da sie die Luft des Exils ist."

"Und der Knig Don Franzesco," fragte der Kaiser, indem er leicht mit
der Hand ber seinen Schnurrbart fuhr.

"Er ist in Mnchen," sagte die Knigin, "und braucht dort eine Kur,"
fgte sie mit einem leichten unwillkrlichen Lcheln hinzu, "welche ihm
statt seines feinen Organs eine tiefe Stimme geben soll. Vielleicht wird
er nicht wieder zurckkehren," sagte sie ernst mit blitzenden Augen, "es
wre in der That nicht--"

"Erlauben Eure Majestt," fiel der Kaiser ein, "da ich so schnell als
mglich auf den ernsten Gegenstand meines Besuches kommen darf. Ich habe
so eben," fuhr er fort, "gute und zuverlssige Nachrichten erhalten, da
in der spanischen Armee und in einem groen Theil der Bevlkerung die
monarchische Restauration immer mehr Boden gewinnt, und da sich diese
Restauration an den Namen des Prinzen von Asturien knpft. Der
Proclamirung des Prinzen wrde, wie ich Eurer Majestt ebenfalls
versichern kann, Olozaga und Serrano gnstig sein. Es ist also nunmehr
die Bedingung eingetreten, welche Eure Majestt, und wie ich glaube mit
Recht, stets als unerllich fr Ihre Abdication bezeichneten. In diesem
Augenblick wrden Sie durch die bertragung Ihrer Rechte auf Ihren Sohn
demselben nach aller wahrscheinlichen Berechnung wirklich die Nachfolge
auf den Thron zu sichern im Stande sein. Ich werde in der Lage mich
befinden, viel dafr zu thun, wenn Eure Majestt schleunigst das
Document vollziehen, welches den Prinzen von Asturien zum Vertreter
Ihrer Rechte macht. Ich habe mir erlaubt, schon vor einiger Zeit Eurer
Majestt den Sinn der Erklrung mittheilen zu lassen, welche eine solche
Abdankungsurkunde enthalten mte."

"Ich wei es," sagte die Knigin mit einem bittern Lcheln, "sie soll
nicht nur die bertragung meiner kniglichen Rechte, sondern auch die
Verpflichtung enthalten, da ich auch nach der Thronbesteigung meines
Sohnes niemals wieder den spanischen Boden betrete."

"Eure Majestt," sagte der Kaiser, "werden berzeugt sein, wie tief ich
die unglcklichen Ereignisse beklage, welche sich in Spanien zugetragen
haben, und wie dringend und lebhaft ich gewnscht htte, Sie selbst
wieder den spanischen Thron besteigen zu sehen. Allein," fuhr er fort,
"Eure Majestt werden auch ebenso wie ich die Zukunft Ihres Hauses hher
stellen, als persnliche Wnsche,--man mu im politischen Leben stets
mit den gegebenen Verhltnissen rechnen und Schweres thun, um ein groes
Ziel zu erreichen,--was heute eine Nothwendigkeit ist, um Ihrem Hause
seine Krone wieder zu gewinnen, wird nach einiger Zeit verschwinden.
Diejenigen, welche sich in so schmhlicher Undankbarkeit gegen Eure
Majestt erhoben haben, frchten heute natrlich den Einflu, den Sie
bei Ihrer Anwesenheit in Spanien auf Ihren Sohn und dessen Regierung
gewinnen wrden. Lassen Sie einige Zeit vorber gehen--Jene werden
ohnehin ihrem Verhngni verfallen,--und ich sehe den Tag kommen und
sollte er auch bis zur Grojhrigkeit Ihres Sohnes hinausgeschoben
bleiben, an welchem Sie, Madame, unter dem Jubel des Volkes von Spanien
als die Mutter seines Knigs wieder in Madrid einziehen werden."

Die Knigin blickte nachdenkend vor sich nieder.

"Bedenken Eure Majestt," sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken,
"da in groen politischen Entscheidungsmomenten jede Zgerung
gefhrlich werden kann--zgern Sie daher nicht, durch Ihre Abdankung die
Action derer zu ermglichen, welche Ihren Sohn auf den Thron fhren
wollen. Bedenken Sie, da gewandte und unermdliche Gegner ihm gegenber
stehen. Wrden Sie Sich je verzeihen knnen, wenn durch die Verzgerung
des Opfers, welches die Verhltnisse von Ihnen verlangen, jener Herzog
von Montpensier dennoch endlich an das Ziel seiner Intriguen gelangen
sollte."

"Er," rief die Knigin mit flammenden Blicken, indem sie den Kopf empor
warf, "er, der falsche Heuchler, den ich wie die Andern Alle mit
Wohlthaten berschttet habe! Niemals! Niemals! Und dieser stolze,
hochmthige Graf von Monte Molin," fuhr sie fort, "der jede
Verstndigung zurckwies, der mich behandelt hat, wie ein Knig eine
Infantin seines Hauses--Keiner von ihnen soll triumphiren--ich will
jedes Opfer bringen," sagte sie mit entschlossenem Ton, "wenn Eure
Majestt mir versichern knnen, da dadurch wirklich meinem armen Kinde
die Krone gesichert wird."

Sie blickte den Kaiser scharf und forschend an.

"Ich bin weder allwissend, Madame," sagte Napoleon, "noch
allmchtig,--inde so weit menschliche Berechnung reicht, stehen in
diesem Augenblick die Chancen Ihres Sohnes unendlich gnstig, sobald
Ihre Abdankung seine Freunde in den Stand setzt, offen fr ihn
aufzutreten und zu handeln, und sobald den gegenwrtigen Machthabern
Garantien geboten werden knnen, da sie unter der wieder hergestellten
Monarchie die gesicherte Stellung finden, welche ihnen selbst bei der
Fortdauer der republikanischen Verwirrung immer zweifelhafter zu werden
scheint;--aber, ich wiederhole es," fuhr er fort, "es mu schnell
gehandelt werden, damit man allen gegenseitigen Intriguen zuvorkommt."

"Ich werde die Urkunde vollziehen," sagte die Knigin, indem sie sich
mit einem tiefen Athemzug erhob, "man soll von mir nicht sagen knnen,
da ich es an irgend Etwas habe fehlen lassen, um den Rechten meines
Hauses Geltung zu verschaffen."

"Seien Sie meiner ganzen Untersttzung dafr sicher," sagte der Kaiser,
indem er ebenfalls aufstand, "und genehmigen Sie den Ausdruck meiner
aufrichtigen Dankbarkeit, denn Sie haben durch diesen Entschlu nicht
nur Ihrem Hause, sondern auch mir und Frankreich einen groen Dienst
geleistet,--Sie wissen, wie viel auch mir daran liegen mu, jenseits der
Pyrenen geordnete Zustnde und eine befreundete Regierung zu sehen. Ich
darf Eure Majestt bitten," fuhr er fort, "sobald die Urkunde vollzogen
ist, mir ein Exemplar derselben zugehen zu lassen, damit ich meinerseits
alle die Schritte thue, die die Umstnde erheischen."

Er kehrte der Knigin den Arm reichend, in das Vorzimmer zurck, sprach
mit jedem der Herren und Damen des Gefolges einige hfliche Worte und
verlie von den Cavalieren der Knigin bis zum Wagen geleitet, das
Hotel.

Die Knigin rief den Grafen Ezpeleta in ihr Cabinet.

"Lassen Sie sogleich Ihre Majestt die Knigin, meine Mutter, bitten,
sich in einer wichtigen Angelegenheit hierher bemhen zu wollen. Lassen
Sie auch den Herzog von Sesto und den Marquis von Miraflores rufen. In
zwei Stunden soll mein ganzer Hof in Gala sich versammeln. Haben Sie
das Document in Bereitschaft, das ich Ihnen bergab?"

"Zu Befehl, Eure Majestt," erwiderte der Graf von Ezpeleta.

"Ich werde es unterzeichnen," sagte die Knigin seufzend. "Heute Abend
wird Ihr Knig Don Alphonso heien."

       *       *       *       *       *

Am Abend desselben Tages war in dem Empfangssaal des Hotel Basilensky
der Hof der Knigin Isabella versammelt.

Der Graf von Ezpeleta, der Kammerherr von Albacete und die brigen
Cavaliere der Knigin trugen die Uniformen ihrer Grade. Die Grfin
Ezpeleta, welche als Camerera-Major fungirte und die Damen der Knigin
waren in groer Toilette.

Die Kerzen brannten auf den Lustres, in der Mitte des Saales stand ein
groer runder Tisch mit einer purpurnen Sammetdecke behngt, auf welchem
in einer groen Mappe mehrere Papiere lagen, dabei ein kostbares
Schreibzeug und einige groe Schwanenfedern. In einiger Entfernung von
diesem Tisch standen drei mit rothem Sammet berzogene Lehnsthle, an
deren Rcklehne sich das knigliche Wappen von Spanien befand.

In dem Saal hrte man jenes leise Flstern, welches an den Hfen dem
Eintritt der Souveraine vorauszugehen pflegt.

Die Stunde war gekommen, zu welcher Ihre Majestt die verschiedenen
Personen befohlen hatte. Die Eingangsthr ffnete sich--aber noch war es
nicht die Knigin, sondern es erschien ebenfalls in groem Galacostm
der Herzog von Sesto, der Gemahl der Wittwe des Grafen von Morny und der
Marquis von Miraflores. Ihnen folgte der Marschall Bazaine in der groen
Uniform der Marschlle von Frankreich und der Prsident des
Civilgerichts Herr Benoist-Champy in der Hofgalatracht der
Justizbeamten.

Abermals verging eine kurze Zeit in schweigender Erwartung. Dann
sprangen die Flgelthren auf. Graf Ezpeleta eilte in die anstoenden
Gemcher Ihrer Majestt und trat bald darauf in den Saal zurck, mit dem
Stabe auf das Parquet stoend und die Knigin ankndigend.

Unmittelbar darauf trat die Knigin in den Saal, sie trug eine faltige
Robe von schwarzem Sammet, ein Diadem von Brillanten auf dem Haupte,
den Hermelin um die Schultern, das goldene Vlie an der Kette um den
Hals und das groe Band vom Orden Karl's III. ber der Brust.

An der rechten Seite der Knigin, einen Schritt zurck, folgte die
Knigin Christine, ebenfalls in schwarzen Sammet gekleidet, ebenfalls
mit dem goldenem Vlie und dem Orden Karl III. decorirt. Die hohe
Gestalt der Knigin Christine, ihre scharf geschnittenen, harten und
etwas starren Zge zeigten wenig hnlichkeit mit ihrer Tochter, deren
sanfte, weiche Augen von Thrnen gerthet erschienen, und deren groer
Mund mit den starken, vollen Lippen, durch den Ausdruck trauriger und
stiller Resignation, welcher auf demselben lag, schner und anmuthiger
als sonst erschien.

Zur linken Seite der Knigin ebenfalls einen Schritt zurck trat der
Prinz von Asturien in den Saal. Er trug einen Knabenanzug von schwarzem
Sammet, ebenfalls das goldene Vlie um den Hals, das blaue Band von dem
Orden Karl's III. ber der Brust, den Stern an dem kleinen Jaquet.

Der Prinz war bleich und blickte voll liebevoller Theilnahme auf seine
Mutter hin. Seine ganze Erscheinung war unendlich anmuthig und
sympathisch, und als er mit einem halb kindlich verlegenen, halb
frstlich stolzen Kopfnicken, die sich tief verneigende Versammlung
begrte, bot er ein ungemein interessantes und anziehendes Bild dar.

Der alte Infant Don Sebastian, ein Mann mit grauem Haar und ruhigen,
gleichgltigen Gesichtszgen in der groen spanischen Generalsuniform
folgte.

Die Knigin durchschritt mit dem frstlichen Anstande, welcher ihr trotz
ihrer corpulenten und kleinen Figur eigenthmlich war, den Saal und
setzte sich in den mittelsten der drei Lehnsthle.

Die Knigin Christine nahm ihr zur Rechten Platz.

Don Alphonso stellte sich neben den dritten Lehnstuhl und der Infant Don
Sebastian hinter den Fauteuil der Knigin.

Die Knigin winkte dem Grafen Ezpeleta.

Dieser trat an den Tisch, nahm ein groes Pergament aus der dort
liegenden Mappe und trat vor den Sessel der Knigin.

"Ich, die Knigin," sprach Donna Isabella, "habe in Erwgung der
Interessen meines Landes und meines kniglichen Hauses beschlossen,
meine knigliche Autoritt und alle meine politischen Rechte aus freiem
Willen und lediglich aus eigenem Antriebe auf meinen viel geliebten Sohn
Don Alphonso, Prinzen von Asturien, zu bertragen. Ich habe zugleich
beschlossen," fuhr sie mit etwas zitternder Stimme fort, "um allen
Parteistreitigkeiten vorzubeugen und den innern Frieden meines geliebten
spanischen Volkes zu gewhrleisten und zu erhalten so viel an mir liegt,
fr meine Person den spanischen Boden nicht mehr zu betreten; auch wenn
mein Sohn durch die Cortes, die das rechtmige Votum der Nation
vertreten, auf den Thron berufen werden wird. Bis dies geschieht, und so
lange mein Sohn auer seinem Vaterlande weilen wird, behalte ich meinen
Sohn unter meinem Schutz und meiner Vormundschaft.

Don Alphonso XII. ist also von heute an Euer wahrer Knig, ein
spanischer Knig, der Knig der Spanier, nicht der Knig einer Partei.
Ich werde zugleich mit dieser Urkunde ber meine Abdankung durch ein
Manifest an die spanische Nation dieselbe verkndigen und mir wird nur
noch brig bleiben, in glhenden Gebeten lange Tage des Friedens und des
Gedeihens fr Spanien zu erflehen und fr meinen Sohn, dem ich meinen
mtterlichen Segen ertheile,--Weisheit und Vorsicht und mehr Glck auf
dem Thron als seine unglckliche Mutter fand, welche bis heute Eure
Knigin war."

Die letzten Worte der Knigin wurden fast unverstndlich durch das
Schluchzen, welches ihre Stimme erstickte.

Der junge Prinz von Asturien nherte sich seiner Mutter und kniete
weinend vor ihr nieder.

Die Knigin legte die Hnde auf sein Haupt und sprach, whrend groe
Thrnen ber ihre Wangen rannen, mit lauter Stimme:

"Gott erhre mein Gebet und segne Dich, mein Sohn, mit seinem reichsten
Segen!"

Sie machte ber seinem Haupte das Zeichen des Kreuzes und erhob sich
dann. Don Alphonso und die Knigin Christine standen gleichfalls auf.

Isabella nherte sich dem Tisch, auf welchem der Graf von Ezpeleta die
Abdicationsurkunde niedergelegt hatte. Der Herzog von Sesto reichte der
Knigin die Feder und mit einem raschen, krftigen Zug unterzeichnete
sie das Dokument. Dann wandte sie sich um, ergriff den Prinzen von
Asturien bei der Hand und fhrte ihn zu dem mittleren Lehnstuhl, welchen
sie vorhin eingenommen hatte. Sie neigte sich leicht gegen ihren Sohn
und setzte sich in den Sessel zu seiner Linken.

Der Hof trat heran, alle anwesenden Spanier defilirten an dem jungen
Prinzen, der hier in der Verbannung zum Knig von Spanien proclamirt
war, vorber, beugten das Knie vor ihm und drckten die Lippen auf seine
Hand, die er Jedem reichte.

Nachdem die Ceremonie vorber war, wandte sich die Knigin Isabella an
ihren Sohn.

"Ich bitte Eure Majestt um die Erlaubni," sagte sie in franzsischer
Sprache mit starkem spanischem Guttural-Accent, "in Ihrer Gegenwart noch
ein Document aufnehmen zu drfen, welches nicht die Politik betrifft,
sondern nur die Privatangelegenheiten unseres Hauses ordnet. Es ist mein
Testament, das ich fr den Fall der Rathschlu Gottes die
Wiederherstellung des Thrones unseres Hauses nicht gestatten sollte,
nach franzsischem Recht habe aufnehmen lassen, und welches der Herr
Prsident des Civilgerichtshofes und der erlauchte Marschall, der uns
die Freude seiner Gegenwart macht, als Zeugen unterzeichnen sollen."

Don Alphonso wandte sich in rascher Bewegung zu seiner Mutter, umarmte
sie zrtlich und kte ihr ehrerbietig die Hand.

Herr Benoist-Champy trat an den Tisch, nahm ein ziemlich umfangreiches
Dokument aus der Mappe und sagte:

"Eure Majestt erklren also hier vor dem Herrn Francois Achille
Bazaine, Marschall von Frankreich, und vor mir, da dieses Document,
dessen Inhalt Ihnen wohl bekannt ist, Ihre letztwillige Verfgung ber
Ihr Privatvermgen enthlt, und da alle darin enthaltenen Bestimmungen
im Falle Ihres Todes gltig und unantastbar sein sollen, und wollen in
unserer Gegenwart aus vllig freiem Willen und eigenem Entschlu dies
durch Ihre Namensunterschrift bekrftigen?"

"Ich will es," sagte die Knigin, trat an den Tisch und unterzeichnete
die Testamentsurkunde.

Der Marschall Bazaine und Herr Benoist-Champy setzten ihre Namen unter
denjenigen der Knigin.

"Ich bitte nun Eure Majestt, zu befehlen," sagte die Knigin Isabella,
sich abermals an ihren Sohn wendend, "da von der Abdankungsurkunde
ebenso wie von meinem Testamente drei beglaubigte Abschriften genommen
werden mgen, und da von denselben eine dem Herzog von Sesto, eine dem
Marquis von Miraflores und eine Seiner Majestt dem Kaiser der Franzosen
bergeben werde."

Don Alphonso neigte mit einer gewissen, kindlichen Verlegenheit
besttigend das Haupt, dann blickte er fragend auf die Knigin.

Diese trat zu ihm hin und legte ihren Arm in den seinigen und Beide
verlieen unter Vortritt des Grafen Ezpeleta den Saal, um sich in ihre
Gemcher zurckzuziehen. Die Knigin Christine und der Infant Don
Sebastian folgten.

Schweigend ging die Versammlung auseinander,--Herr von Albacete
begleitete den Marschall Bazaine und Herrn Benoist-Champy bis zum Fu
der Treppe des Hotels.




Fnftes Capitel.

Der Kaiser Napoleon kehrte nach einer Spazierfahrt durch das Bois de
Boulogne nach St. Cloud zurck. Als er durch das Gitterthor in den Hof
des alten erinnerungsreichen Schlosses eingefahren war, welches die
schnen Tage von Marie Antoinette, die weithin glnzende
Siegesherrlichkeit Napoleon I. und die letzten Tage des Knigthums Carls
X. gesehen hatte, und sich auf den Arm des Generals Fav gesttzt, nach
seinen Gemchern begeben hatte, meldete ihm der Dienst thuende
Kammerdiener, der ihm die Thr des Vorzimmers ffnete, da der Herzog
von Gramont angekommen sei und Seine Majestt bitte, ihm in einer
dringenden Angelegenheit sogleich nach seiner Rckkehr Gehr zu
schenken.

Der Kaiser, welcher sich whrend der Fahrt heiter und lebhaft mit dem
General Fav unterhalten hatte und dessen Gesicht den Ausdruck einer
frohen, zufriedenen Stimmung trug, wurde bei dieser Mittheilung ernst
und blickte fast finster vor sich nieder.

"Ist es denn nicht mglich," sagte er leise, "einen Tag von diesen
ewigen Sorgen und Qualen der Politik befreit zu bleiben, die uns wie mit
eisernen Klammern festhlt, so bald sie uns einmal erfat hat und die
alles friedliche, menschliche Glck zerstrt."

Seufzend reichte er dem Kammerdiener seinen Hut und seinen Stock und
befahl, den Herzog von Gramont einzufhren, welcher wenige Augenblick
darauf in das Cabinet seines Souverains trat.

Der Herzog war bleich, sein sonst so ruhiges, gleichmiges und
lchelndes Gesicht zeigte die Spuren tiefer innerer Erregung. Er hielt
einige Papiere in der Hand und erwiderte hastig und ohne seine sonstige
etwas ceremonielle und doch anmuthige, verbindliche Hflichkeit die
freundliche Begrung des Kaisers.

"Ich habe Eurer Majestt," sagte er schnell sprechend, "eine ebenso
berraschende, als unangenehme Nachricht mitzutheilen, eine Nachricht,
welche Eure Majestt ebenso sehr befremden und ebenso peinlich berhren
mu, als dies bei mir der Fall gewesen ist."

Ein Ausdruck von Ermdung und von Widerwillen erschien auf dem Gesicht
des Kaisers. Abermals tief seufzend lie er sich in einen Lehnstuhl
sinken und sagte, indem er dem Herzog einen Sessel neben sich
bezeichnete mit matter, tonloser Stimme:

"Sprechen Sie, mein lieber Herzog--Sie wissen," fgte er mit einem
gezwungenen Lcheln hinzu, "mein groer Oheim pflegte zu sagen, da die
Mittheilung bser Nachrichten niemals aufgeschoben werden msse,--die
guten erfhrt man immer frh genug. Leider," sagte er ganz leise vor
sich hin, "kommen sie nicht hufig."

"Ich erhielt bereits gestern, Sire," sprach der Herzog von Gramont, der
vor dem Kaiser stehen geblieben war, "den Wortlaut einer Rede, welche
der Marschall Prim in den Cortes gehalten hat, und welche mich auf das
Peinlichste berhrt. Eure Majestt wissen, wie groe Bereitwilligkeit
berall gezeigt worden ist, um die Restauration des Prinzen von Asturien
einzuleiten und zu untersttzen. Ich mute daher auf das Hchste
erstaunt sein, zu erfahren, da der Marschall Prim den Cortes gegenber
auf das aller Bestimmteste erklrt hat, da die bisherigen Negotiationen
einen Knig fr Spanien zu finden, sich nach allen Richtungen hin
zerschlagen htten."

"Nun," sagte der Kaiser lchelnd, "das wissen wir ja, das ist vollkommen
wahr und sehr zufriedenstellend. Wenn man keinen andern Knig finden
kann, wird man endlich wohl auf den kleinen Don Alphonso zurckkommen
mssen."

"Aber, Sire," fuhr der Herzog von Gramont fort, "nachdem der Marschall
diese Mittheilung gemacht, hat er hinzugefgt, er werde nicht fr das
Werk der Restauration arbeiten und zur Zurckfhrung Don Alphonso's
niemals die Hand bieten, und dieses Niemals, Sire, hat er dreimal
betont."

Der Kaiser lchelte abermals.

"Es giebt Flle," sagte er, die Spitzen seines Schnurrbarts drehend, "in
denen man Dasjenige am entschiedensten und bestimmtesten zurckweist,
was man zu thun entschlossen ist und dessen Ausfhrung man vorbereitet."

"Eure Majestt haben vollkommen Recht," erwiderte der Herzog von
Gramont, "und gerade von diesem Gedanken ausgehend, bin ich dahin
gekommen, der Rede des Marschall Prim keinen besonderen Werth
beizulegen, obgleich es mich immerhin befremdete, ihn eine Combination,
ber welche er ja fglich htte schweigen knnen, so bestimmt ablehnen
zu sehen, whrend dieselbe doch von Olozaga und Serrano durchaus nicht
so absolut zurckgewiesen ist. Die Rede des Marschalls fand aber," fuhr
er fort, "eine sehr unerfreuliche Ergnzung und Erklrung in einem
Bericht des Herrn Mercier de Lostende, Eurer Majestt Botschafter in
Madrid. Schon gestern Abend erhielt ich ein Telegramm des Botschafters,
in welchem er mir sagt, da die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern
sehr weit fortgeschritten zu sein scheint,--wenn sie nicht schon
entschieden sei. Der General Prim selbst habe es ihm gesagt und er habe
sogleich Herrn Bartholdy abgesendet, um seinen detaillirten Bericht zu
berbringen, denselben durch mndliche Mittheilung zu ergnzen und die
Befehle Ihrer kaiserlichen Majestt einzuholen."

"Die Candidatur Hohenzollerns," sagte der Kaiser,--"mein Gott, diese
Sache hielt ich ja seit einem Jahre fast fr abgethan. Woher ist denn
dieselbe jetzt wieder auf die Tagesordnung gekommen," fragte er, den
Blick scharf und forschend auf den Herzog von Gramont richtend, "und
woher kommt es, da ich garnichts davon erfahren habe? Man htte sich
darber verstndigen knnen, da sie jetzt so pltzlich hervortritt, ist
die Sache in der That sehr unangenehm--ich habe mich der Knigin
gegenber," fgte er leiser hinzu, "einigermaen engagirt, sie hat ihre
Abdankung unterzeichnet."

"Es scheint," sagte der Herzog von Gramont, "da der Marschall Prim hier
ganz eigenmchtig und hinter dem Rcken seiner Collegen und aller
spanischen Staatsmnner gehandelt hat, denn Herr Olozaga, den ich
sogleich befragte, erklrte mir, da er von der ganzen Angelegenheit
nichts wisse und sprach sich zugleich in den aller entschiedensten und
strksten Ausdrcken gegen diese ganze Combination aus, von welcher er
vollkommen einsah, da sie nur geeignet sein knne, groe Verwirrungen
hervorzurufen."

"Wre die Sache frher herangetreten," sagte der Kaiser, immer noch halb
zu sich selbst sprechend,--"man htte sich darber verstndigen
knnen--in diesem Augenblick als fait accompli setzt es mich in der That
in die uerste Verlegenheit.----Es scheint, da der Marschall Prim den
Spaniern einen Knig geben mchte, welcher ihm allein seinen Thron zu
verdanken htte. Er commandirt die Armee und unter einem Knige seiner
Erfindung wird er allerdings auf lange hinaus der allmchtige Minister
sein. Aber ich begreife in der That nicht, da Serrano und die Uebrigen
darauf haben eingehen knnen."

"Es scheint, da sie berrumpelt sind," sagte der Herzog von Gramont,
"und da sie sich in keiner Weise die Consequenzen klar gemacht haben,
welche diese Candidatur nach sich ziehen mu,--denn," fuhr er fort,
"wenn ein preuischer Prinz auf den spanischen Thron steigt, whrend
zugleich der Knig von Preuen schon jetzt die fast unbestrittene
Hegemonie in Deutschland hat, so ist das Reich Carl V. wieder
hergestellt und in jedem Kampf mit Deutschland wrden unsere Grenzen an
den Pyrenen bedroht sein. Die traditionelle Politik Frankreichs
erfordert es, da wir uns einer solchen Combination auf das Aeuerste
und Entschiedenste widersetzen, um so mehr als in der Person des Prinzen
von Hohenzollern durch seine Verwandschaftsbeziehungen mit dem
portugiesischen Knigshause auch die Idee der iberischen Einheit ihren
Ausdruck findet."

Napoleon lchelte ein wenig bei den lebhaft und erregt gesprochenen
Worten des Herzogs.

"Nun," sagte er, "der Prinz Leopold wird wohl so bald nicht in der Lage
sein, mit der unumschrnkten Autoritt Carl V. und Philipp II. ber die
Armeen Spaniens verfgen zu knnen, und das spanische Nationalgefhl
wrde es ihm wohl ein wenig schwer machen, im Fall einer Verwickelung
mit Deutschland unsere Grenzen zu bedrohen, um so mehr da mit der
Herstellung der Monarchie auch der Einflu Roms auf die spanische
Politik wieder erheblich mchtiger werden mu. Allein," fuhr er fort,
"die Sache ist immerhin unangenehm und berhrt mich besonders in diesem
Augenblick sehr peinlich. Auch ist die Art und Weise der pltzlichen
Mittheilung eines im Stillen vorbereiteten fait accompli durch den
Marschall Prim geradezu eine Beleidigung Frankreichs. Man mu auf der
Stelle in Madrid erklren lassen, da Frankreich diese Candidatur nicht
annehmen knne. Der Marschall Prim," sagte er, "soll fhlen, da er noch
nicht der Mann ist, um ohne mich auch nur zu fragen, Dinge von solcher
Wichtigkeit zum Abschlu zu bringen. Wir werden Mercier sofort anweisen
mssen, eine sehr energische Sprache zu fhren ich glaube, das wird die
Sache sehr schnell erledigen."

"Sire," sagte der Herzog von Gramont, "ich stimme mit Eurer Majestt
vollkommen darin berein, da sich hier eine vortreffliche Gelegenheit
bietet, um das so tief gesunkene Prestige Frankreichs in Europa wieder
herzustellen. Dies Prestige mu allerdings tief gesunken sein, wenn der
Marschall Prim, noch dazu ohne Einverstndni seiner Collegen in der
Regierung, es wagt, in einer so rcksichtslosen Weise ber Frankreich
vollkommen hinweg zu gehen. Und es hat sich in Folge dessen auch," fuhr
er fort, "die ffentliche Meinung in Paris bei der ersten Nachricht ber
diese neueste Wendung der spanischen Verhltnisse auf das Aeuerste
erregt gezeigt. Die Journale fhren eine sehr heftige Sprache und
verlangen von der Regierung Eurer Majestt, da dieselbe den Beweis
liefere, Frankreich sei noch nicht aus der Reihe der europischen
Gromchte ausgestrichen."

Der Kaiser trommelte nachdenklich mit den Fingern auf der Lehne seines
Fauteuils. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck einer tiefen Mistimmung.

"So sehr ich nun auch," fuhr der Herzog von Gramont fort, "die
Nothwendigkeit anerkenne, schnell und energisch zu handeln, so vermag
ich noch nicht die Ansicht zu der meinigen zu machen, da unsere Action
sich gegen Spanien zu richten habe."

Der Kaiser blickte befremdet auf.

"Aber wohin denn," fragte er.

"Sire," sagte der Herzog von Gramont, indem ein zufriedenes und fast
berlegenes Lcheln um seinen fein geschnittenen Mund spielte, "das
Prinzip der Regierung Eurer Majestt beruht auf der unbedingten
Anerkennung des souverainen Selbstbestimmungsrechts der Nation. Eure
Majestt nennen sich mit berechtigtem Stolz den Kaiser durch die Gnade
Gottes und durch den Willen der Nation--diesem Prinzip gem hat
Frankreich stets das Selbstbestimmungsrecht der Vlker auf das
Sorgfltigste geachtet und vertreten, und auch den spanischen
Angelegenheiten gegenber vom ersten Augenblick an officiell erklrt,
da es sich jeder Einmischung in das Recht der spanischen Nation sich
nach ihrem eigenen Willen und Belieben zu constituiren, auf das
Gewissenhafteste enthalten werde. Wrde Eurer Majestt Regierung nun den
Spaniern verbieten wollen, sich irgend einen Knig, der ihnen passend
erscheint, zu erwhlen, so wrde damit einem Prinzip scharf
entgegengetreten werden, welches Frankreich so wohl im Innern wie nach
auen hin, bis jetzt proclamirt hat. Der Eindruck einer solchen
Erklrung mte beim franzsischen Volke ein sehr ungnstiger sein, und
knnte bei dem groen Nationalstolz der Spanier dahin fhren, da die
ganze Nation die Partei des Prinzen von Hohenzollern ergriffe, nur um
ihr souveraines Selbstbestimmungsrecht zu wahren, und da gerade das,
was wir vermeiden wollen, vielleicht um so sicherer geschhe. Auch
richtet sich der Unwille der ffentlichen Meinung, die sich in den
Artikeln der Journale kund giebt, nicht gegen Spanien--"

"Aber wie wollen Sie denn,----" fiel der Kaiser ein, indem er den Herzog
fragend ansah.

"Sire," sprach der Minister lebhaft weiter, "nicht darin, da die
spanische Nation ihr Recht, sich einen Knig zu whlen, frei ausbt,
liegt eine Gefahr fr Frankreich, sondern darin, da ein Prinz des
preuischen Knigshauses eine solche Wahl annimmt, und da in Folge
dieser Annahme spter die preuische Politik im Fall feindlicher
Beziehungen zu Frankreich in Madrid Rckhalt und Untersttzung finden
wird."

Der Kaiser neigte mit einem feinen Lcheln das Haupt und strich mit der
Hand ber das Kinn.

"Ich verstehe," sagte er leise.

"Mir scheint deshalb," fuhr der Herzog fort, "da wir nicht den Spaniern
verbieten sollen, sich irgend einen Knig zu whlen, sondern da wir uns
an den Punkt wenden mssen, wo die Gefahr fr uns liegt, und da wir vom
Knige von Preuen verlangen mssen, er solle dem Prinzen von
Hohenzollern die Annahme der spanischen Krone verbieten."

Der Kaiser wiegte gedankenvoll den Kopf hin und her.

"Dadurch enthalten wir uns," fuhr der Herzog fort, "jeder Beleidigung
der spanischen Nation, jedes Eingriffs in das nationale
Selbstbestimmungsrecht--wir folgen dem Zuge der ffentlichen Meinung in
Frankreich, welche sich nicht gegen Spanien, sondern ausschlielich
gegen Preuen richtet und in der ganzen Candidatur des Erbprinzen von
Hohenzollern nur eine Intrigue des Grafen Bismarck erblickt,--wir haben
auerdem die Chance des Erfolges fr uns, denn ich glaube nicht, da man
in Berlin geneigt sein wird, um dieser Frage willen einen ernsten
Conflikt entstehen zu lassen. Und endlich," fgte er mit Betonung hinzu,
"wird sich durch diese Behandlung der Sache, die so oft vergebens
gesuchte Gelegenheit finden, der Welt zu zeigen, da der Schwerpunkt der
ffentlichen Angelegenheiten Europas noch nicht definitiv von Paris nach
Berlin verlegt worden ist. Der Rckzug, welchen die preuische Politik
in dieser Sache zweifellos antreten wird, kann der ffentlichen Meinung
Frankreichs als ein groer moralischer Sieg dargestellt werden und dies
wird das schwer erschtterte Prestige mit einem Schlage wieder
herstellen. Wenn in Folge unserer Intervention die Candidatur des
Erbprinzen von Hohenzollern zurckgezogen werden mu, so wird dies der
Regierung Eurer Majestt ebenso viel ntzen, als eine gewonnene Schlacht
oder die Erwerbung von Compensationsobjecten, zu welcher bisher der
vergebliche Versuch gemacht wurde."

Er schwieg und blickte erwartungsvoll und forschend auf den Kaiser.

Napoleon stand langsam auf, ging einige Male im Zimmer auf und nieder
und blieb am Fenster stehen, sinnend auf seine Rosenbeete
hinausblickend. Dann wandte er sich, die Hand auf die Fensterbrstung
gesttzt, zum Herzog zurck und sprach:

"Es liegt viel Wahres in dem Gedanken, den Sie da so eben ausgesprochen
haben. Es wre vielleicht eine Angelegenheit um die Vergangenheit zu
verbessern. Das Ganze wrde freilich," sagte er achselzuckend, "im
Wesentlichen nur ein Theatercoup sein. Aber," fgte er hinzu, "die
ffentliche Meinung wird ja doch nur durch solche Theatercoups bestimmt,
und es ist jedenfalls am besten, wenn man sie ausfhren kann ohne
ernsthafte Gefahr. Doch," sagte er dann mit tiefem Ernst, "sind wir vor
solcher Gefahr sicher, sind wir vollkommen gewi, da wir in Preuen
nicht auch diesmal wie so oft vorher auf einen bestimmten und festen
Widerspruch stoen werden, da sich aus der Sache nicht ein wirklicher
und ernster Conflikt entwickelt, den ich in diesem Augenblicke um keinen
Preis heraufbeschwren mchte."

Der Herzog von Gramont richtete sich noch gerader empor als sonst, mit
einem stolzen Lcheln kruselte er leicht seinen Schnurrbart und sagte:

"Darber bin ich ganz sicher, man wird es nicht wagen, ernstlichen
Widerstand in Berlin zu leisten, wenn wir nur fest und energisch
auftreten,--wie ich berzeugt bin," fuhr er fort, "da man es auch bei
frheren Gelegenheiten nicht gewagt haben wrde, wenn wir bestimmt auf
unserer Forderung bestanden htten. Man hat in Berlin mit so vielen
inneren Schwierigkeiten zu kmpfen, die Haltung der sddeutschen Staaten
ist hchst widerstrebend,--Oesterreich steht auf unserer Seite und der
General Fleury erhlt unausgesetzt die zweifellosesten Beweise der
Sympathie des Kaisers Alexander fr Eure Majestt und fr Frankreich.
Ich bin sicher, da man nachgeben wird und zwar um so leichter und
schneller, als man die ehrgeizigen Absichten, welche nach meiner Ansicht
im Hintergrunde dieser Combination liegen, nicht wird eingestehen
wollen."

"Dessen mte man aber," sagte der Kaiser, "sicher sein, denn die
sympathischen Aeuerungen gegen den General Fleury vermag ich fr
nichts anderes anzusehen, als fr Worte und Ausdrcke persnlicher
Gesinnungen, welche der Kaiser Alexander gewi hegt, aber welche kaum
jemals irgend einen Einflu auf die Politik Rulands ausben
werden,--und was Oesterreich betrifft," fgte er achselzuckend
hinzu,--"Sie sehen die Verhltnisse dort gnstiger an, mein lieber
Herzog, als ich es zu thun im Stande bin."

Er schwieg abermals einige Augenblicke nachdenklich.

"Auch wei ich nicht," sagte er dann, "ob unsere Armee so schlagfertig
ist, da man die Mglichkeit eines ernsten Conflikts in's Auge fassen
darf,--Niel ist todt," sagte er dster, "und seine sichere und
energische Hand ist bis heute noch unersetzt geblieben.

"Doch," sprach er dann, "unthtig drfen wir nicht bleiben, und ich
komme immer mehr dahin, mich Ihrem Ideengang anzuschlieen. Die
Situation ist uerst gnstig, Graf Bismarck ist in Barzin,--mit ihm
wrde man vielleicht nicht so leichten Kaufs fertig werden. Der Knig
Wilhelm ist in Ems allein,--so sehr er Soldat ist, so hegt er doch eine
tiefe Scheu vor einem ernsten Conflikt, der seine Armee, welche sein
ganzes Volk reprsentirt, auf die Schlachtfelder fhren knnte. Auerdem
glaube ich nicht, da er nach seiner persnlichen Auffassung einen
seinem Hause nahe stehenden Prinzen gern das Abenteuer dieses spanischen
Knigsversuchs wird bestehen lassen. Die Sache kann in Ems vielleicht
ganz leicht und glatt erledigt werden, und Ihrer und Olliviers
Geschicklichkeit," sagte er lchelnd, "wird es dann berlassen sein, das
Resultat als einen Triumph unserer Energie der ffentlichen Meinung in
Frankreich darzustellen.

"Benedetti ist in Wildbad?" fragte er.

"Zu Befehl, Majestt," sagte der Herzog von Gramont, "er mu seit
einigen Tagen dort sein, der Botschafts-Secretair Le Sourd fhrt die
Geschfte in Berlin, welche ohne diesen Zwischenfall im jetzigen
Augenblick fast gnzlich bedeutungslos wren."

"Geben Sie Benedetti den Auftrag," sagte der Kaiser, "sich sogleich nach
Ems zum Knig Wilhelm zu begeben und dort so schnell als mglich und
thunlichst ohne jedes Aufsehen die Zurckziehung der Candidatur des
Prinzen von Hohenzollern zu erreichen. Er kann dabei auf das Beispiel
Griechenlands hinweisen. Damals wurde ebenfalls bestimmt, da die Wahl
des Knigs auf keinen Prinzen aus den regierenden Husern der
Schutzmchte fallen drfe, auch an das Beispiel Neapels, wo ich selbst
dem Prinzen Murat die Aufstellung seiner Candidatur untersagt
habe,--Benedetti ist unendlich geschmeidig und insinuant, auch dem
Knige Wilhelm eine angenehme und sympathische Person, er wird dort
unter den einfachen und zwanglosen Verhltnissen des Badelebens, welche
ihm auch eine leichtere Annherung an den Knig und einen freieren und
natrlicheren Verkehr mit ihm gestatten, ohne Zweifel sehr leicht
erreichen knnen, da die Candidatur des Erbprinzen zurckgezogen wird.
Lassen Sie Benedetti wissen, da er auf meine hchste Dankbarkeit
rechnen kann, wenn er diese Angelegenheit schnell und glcklich zu Ende
fhrt und unterlassen Sie vorlufig jeden officiellen Schritt in Berlin,
der verletzen und das Resultat der Unterhandlungen in Ems in Frage
stellen knnte."

Der Herzog verneigte sich.

"Ich werde sofort den Befehl an Benedetti abgehen lassen, Sire," sagte
er.

Napoleon rieb sich mit heiterem Lcheln die Hnde.

"Wenn Benedetti reussirt," sagte er, "so wird Alles vortrefflich gehen.
Der Knig Wilhelm wird die ganze Sache als einen Act freundlicher
Hflichkeit ansehen und gern entgegenkommen, und mein Freund, der Graf
Bismarck," fgte er mit eigenthmlicher Betonung hinzu, "wird in seiner
lndlichen Einsamkeit zu Barzin nun auch einmal meinerseits eine jener
kleinen Ueberraschungen empfinden, die er mir so oft bereitet hat. Vor
allen Dingen aber," fuhr er fort, "schrfen Sie Benedetti die uerste
Geschmeidigkeit und Rcksicht ein,--handeln Sie schnell und senden Sie
mir alle eingehenden Berichte und Telegramme sofort hierher. Wenn wir
nach dem Plebiscit dem franzsischen Nationalgefhl diesen Erfolg
vorfhren knnen, so werden wir viel gewonnen haben. Wenn," fuhr er nach
einem augenblicklichen Nachdenken fort, "Sie dahin wirken knnen, da
durch Olozaga und Serrano auch von den Spaniern die Candidatur des
Prinzen Leopold aufgegeben wird, so wird das um so besser sein, doch mu
jeder Schein eine Pression vermieden werden."

Der Herzog von Gramont ergriff mit ehrerbietiger Verneigung die Hand,
welche der Kaiser ihm zum Abschied reichte und ging hinaus.

"Fast scheint es dennoch," sagte der Kaiser, "da das Glck sich mir
zuwendet. Diese Candidatur des Prinzen Leopold, dem ich," sprach er
lchelnd, "diesen zweifelhaften Glanz des spanischen Thrones wirklich
gern gegnnt htte, wird die Handhabe bieten, auch den ueren Nimbus
des Kaiserreichs wieder herzustellen, nachdem dessen nationale
Grundlagen wieder durch das Plebiscit befestigt sind, und so wird es mir
vielleicht erspart bleiben in die entsetzliche kriegerische Catastrophe,
welche seit vier Jahren wie ein Damoklesschwert ber meinem Haupte
schwebt, hineingerissen zu werden."

Er zndete eine seiner groen braunen Havannacigarren an, setzte den
breitrandigen Strohhut auf und stieg langsam ber die, aus seinen
Gemchern herabfhrende Treppe in seinen Rosengarten hinab.




Sechstes Capitel.


Die Morgenpromenade am Kursaal in Ems war uerst belebt und eine
zahlreiche und glnzende Gesellschaft bewegte sich in der groen Allee
hin und her. Die Damen in einfachen eleganten Sommertoiletten hielten je
nach ihrem Range und der Stellung, die sie sich durch ihre persnlichen
Eigenschaften in der Gesellschaft erworben, eine Art von Cercle, indem
sie in kurzer Unterhaltung die Herren ihrer Bekanntschaft begrten,
bald stehen bleibend, bald mit Diesem oder Jenem einige Schritte auf der
Promenade machend.

Daneben sah man alte mrrische Herren, welche hierher gekommen waren, um
den whrend des Jahres angesammelten Staub der Bureaux aus ihren Kehlen
und ihren Lungen fortzusplen; Diplomaten, welche hier ihre
Sommervilleggiatur hielten, weniger um der Heilkraft der Quellen willen,
als weil die Anwesenheit des Knigs von Preuen, wenn derselbe auch
ganz ausschlielich seiner Badekur lebte, dennoch in dieser Zeit der
absoluten Stagnation in der Politik hier noch die meiste Gelegenheit
bot, um ein wenig zu hren und zu sehen, was in der Welt vorging oder
sich vorbereitete.

In den letzten Tagen war in das Stillleben des Badeaufenthalts ein wenig
mehr Leben und Bewegung gekommen; man hatte gelesen, da der Erbprinz
von Hohenzollern als Candidat fr den spanischen Thron aufgestellt sei,
und da derselbe diese Candidatur angenommen habe. Man wute, da dieses
Ereigni, welches an sich von keiner besondern Bedeutung zu sein schien,
eine groe Aufregung in der franzsischen Presse erregt hatte. Im Corps
legislatif war eine Interpellation erfolgt, und der Herzog von Gramont
hatte eine sehr kategorische und sogar etwas verletzende Erklrung
abgegeben; auch war der Botschafter des Norddeutschen Bundes Baron von
Werther in Ems angekommen. Das Alles lie darauf schlieen, da die
spanische Thronfrage und die Candidatur des Prinzen Leopold Gegenstand
der Verhandlungen zwischen dem Knige Wilhelm und dem Kaiser Napoleon
geworden sei oder werden wrde und namentlich unter den sich im
Ferienaufenthalt hier befindenden Diplomaten war dadurch eine gewie
neugierige Spannung hervorgerufen, doch nahm im Ganzen die Gesellschaft
wenig Theil daran. Man war seit einigen Jahren ja gewhnt, da hier und
da kleine Differenzen zwischen Frankreich und Preuen entstanden, und da
dieselben jeder Zeit mit der uersten Courtoisie von beiden Seiten
wieder ausgeglichen waren, so legte man auch diesmal der so pltzlich
aufgetauchten Frage keine groe Bedeutung bei, und um so weniger als ja
die ganze Sache Preuen und Deutschland so unendlich wenig anzugehen
schien.

So war denn die ganze Gesellschaft auf der Brunnenpromenade in Ems
ebenso heiter, als der blaue sonnige Himmel, welcher sich ber dem
reizenden Bergthal ausspannte. Es waren nur Worte leichter und
frhlicher Conversation, welche man unter den Klngen der Badecapelle
miteinander wechselte.

Bereits war der Prinz Georg von Preuen auf der Promenade erschienen und
hatte sich in liebenswrdigster Weise mit den ihm bekannten Damen und
Herren der Badegesellschaft unterhalten, und mit allgemeiner Spannung
erwartete man den Knig Wilhelm, welchen man pnktlich zur festgesetzten
Stunde auf der Promenade erscheinen zu sehen gewohnt war, um seinen
Krnchen-Brunnen zu trinken.

"Ich habe gestern Abend die neuesten Zeitungen mit Nachrichten aus
Frankreich gelesen," sagte der Prsident des evangelischen
Oberkirchenraths Dr. Matthis, eine hagere, trockene Gestalt mit
bureaukratisch faltigem, krnklichem Gesicht, indem er sich zu dem
Regierungsprsidenten von Bernuth, einem schlanken, hoch blonden Mann
mit starkem Schnurrbart, welcher in militairischer krftiger Haltung
neben ihm ging, wandte, "es scheint mir doch ein wenig bunt in
Frankreich auszusehen. Wenn ich dazu die pltzliche Ankunft des Baron
von Werther nehme, so kommt mir die Lage der Dinge doch etwas
beunruhigend vor. Mir scheint die ffentliche Meinung in Paris sehr
montirt zu sein, und die Erklrung des Herzogs von Gramont im Corps
legislatif beweist, da die Regierung sich ein wenig unter dem Druck
dieser ffentlichen Meinung befindet. Es wre doch entsetzlich," sagte
er seufzend, "wenn wir hier aus unserm ruhigen Badeleben durch ernste
und gefhrliche Catastrophen aufgeschreckt werden sollten."

"Ich glaube nicht daran, Excellenz," sagte Herr von Bernuth, "dieses
Spiel hat sich ja seit 1866 schon oftmals wiederholt,--erinnern Sie sich
nur an Luxemburg. Damals schrieben die franzsischen Journale flammende
Artikel, und so viel man davon erfuhr, fhrte auch die franzsische
Diplomatie eine sehr hochmthige Sprache, so da Jedermann damals an den
Ausbruch des Krieges glaubte. Die ruhige kaltbltige Heftigkeit des
Kaisers und des Grafen Bismarck haben damals dem Sturm getrotzt und
derselbe hat keine gefhrlichen Wetterwolken empor getrieben,--so wird
es auch diesmal wieder sein, man wird sich wohl jetzt ebenso wenig
einschchtern lassen, wie damals und die ganze Sache hat ja auch fr
beide Theile lange nicht die Bedeutung wie die Luxemburger Affaire."

Der Geheimrath Matthis schttelte bedenklich den Kopf.

"Mir will das nicht recht geheuer vorkommen," sagte er,--"es wre
wirklich traurig, wenn die Kur, die mir so gut bekommt, unterbrochen
werden sollte."

Sie waren an die Quelle gekommen, Herr Matthis fllte seinen Becher und
schlrfte vorsichtig in kleinen Zgen das Heil bringende Wasser ein,
whrend Herr von Bernuth rasch in krftigen Zgen seinen Becher leerte.

"Sehen Sie, Exzellenz," sagte er dann, "dort kommt Seine Majestt. Ich
bitte, sehen Sie den Herrn an, so lange dies Gesicht so heiter und
ruhig blickt, haben wir nichts fr den europischen Frieden zu
frchten."

Der Geheimrath Matthis hatte bei den Worten des Prsidenten hastig
seinen Becher geleert, von der schnell in seine Kehle dringenden
Flssigkeit gereizt, begann er heftig zu husten, und sein Taschentuch
vor den Mund haltend, blickte er nach dem Eingang der Allee hin, wo so
eben der Knig Wilhelm in einem einfachen dunklen Civilanzug, einen
Cylinderhut auf dem Kopf, einen Stock in der Hand erschien, begleitet
von dem Flgeladjutanten, Grafen Lehndorf, einem schnen, hoch
gewachsenen Mann mit starkem dunklem Bart, der ebenfalls in Civil
erschienen war.

Der Prsident von Bernuth hatte Recht; der Knig ging so frisch, so
leichten und krftigen Schritts einher; sein Gesicht strahlte von einer
so ruhigen milden Heiterkeit, da man unmglich dem Gedanken Raum geben
konnte, da ernste Sorgen um den Frieden der Welt ihn erfllen knnten.

Der Knig schritt rasch durch die Allee nach der Quelle hin und
erwiderte rechts und links freundlich mit der Hand winkend die
ehrerbietigen Begrungen der bei seinem Vorbeischreiten tief sich
verneigenden Badegste. Der Knig begrte schnell, aber herzlich den
Prinzen Georg, welcher ihm entgegentrat und wandte sich dann zu seinem
Leibarzt Dr. von Lauer, der den Becher Seiner Majestt aus dem
Krnchen-Brunnen fllen lie.

"Ich habe vortrefflich geschlafen, mein lieber Lauer," sagte der Knig,
indem er den Becher ergriff, "berhaupt bekommt mir diesmal die Kur ganz
ausgezeichnet. Es ist eine vortreffliche Quelle, die Sie mir verordnet
haben, sie bringt meine Natur fr ein Jahr immer wieder in Ordnung."

Er leerte mit langen Zgen seinen Becher und athmete dann tief auf, als
fhle er die wohlthtige Wirkung des Getrnks.

"Eure Majestt sehen in der That in den letzten Tagen und heute
besonders ganz ausnehmend wohl und krftig aus," sagte Herr von Lauer,
indem er den scharfen Blick seines klugen und geistvollen Auges auf der
krftigen Gestalt des Knigs ruhen lie. "Aber ich wrde, um die Quelle
zur vollen Wirksamkeit zu bringen, am liebsten sehen, da Eure Majestt
Ihr Militair- und Civilcabinet zu Hause gelassen htten, denn die
Enthaltung von allen Arbeiten, von aller geistigen Unruhe ist die erste
Bedingung einer guten Wirkung des Bades, und leider halten Eure Majestt
diese nothwendige geistige Dit nicht mit eben der Sorgfalt, mit
welcher Sie die materiellen Ditvorschriften beobachten."

"Leider ist das nicht so ganz mglich," erwiderte der Knig, "inde kann
ich Sie versichern, da ich auch in dieser Beziehung so viel als es
angeht, Ihren Vorschriften nachkomme, und namentlich habe ich keine
aufregenden und beunruhigenden Arbeiten," fgte er hinzu, whrend es wie
ein leiser vorbergehender Schatten ber sein Gesicht flog.

"Ich frchte doch, da Eure Majestt als Bade-Patient immer noch zu viel
arbeiten, denn nach der Anzahl von Depeschen, welche einlaufen--"

"Controliren Sie meine Depeschen?" fragte der Knig lchelnd.

"Als Eurer Majestt Leibarzt," sagte Herr von Lauer, "mte ich hier im
Bade eigentlich Alles controliren, was in Eurer Majestt Leben
eingreift; aber zu der Bemerkung, welche ich so eben zu machen mir
erlaubte, bin ich auf zufllige Weise gekommen; ich wohne im steinernen
Hause neben dem Zimmer des Hofraths St. Blanquart"--

"Nun," fragte der Knig.

--"der Geheimrath Abeken, Majestt, kommt nun sehr hufig von seiner
Wohnung in Huyns Gartenhaus zu St. Blanquart, um von den Depeschen nach
ihrer Dechiffrirung sofort Kenntni zu nehmen, und seit einigen Tagen
hre ich bis tief in die Nacht hinein fortwhrend das Vorlesen der
Zahlen der Chiffres. Diese ruhig und monoton ausgesprochenen Zahlen
tnen in meinen Schlaf hinein, und wenn ich morgens frh aufwache, so
hre ich bereits wieder, wie sich Zahl an Zahl in der Arbeit des
Dechiffrirens an einander reiht;--ob man in der Nacht berhaupt
aufgehrt hat, wei ich nicht. Und alle diese unendlichen Zahlenreihen,"
fuhr er fort, "haben doch einen Inhalt, dieser Inhalt mu endlich zu
Eurer Majestt gelangen und ist jedenfalls der Feind meiner Kur. Ich bin
mehrmals schon sehr bse gewesen und mchte am liebsten das ganze
Dechiffrirbureau von Eurer Majestt durch eine chinesische Mauer
trennen, so lange bis mein Brunnen seine Wirkung gethan."

Der Knig lachte herzlich.

"Nun," sagte er, "Abeken und der arme St. Blanquart werden wohl nicht so
gefhrliche Feinde meiner Gesundheit sein, lassen Sie sie nur immerhin,
ich verspreche Ihnen, ich werde mich nicht zu sehr anstrengen."

Und freundlich den Kopf neigend, wandte er sich zur Seite.

Der Geheimrath Matthis hatte den Hustenanfall berwunden, und der Knig
winkte ihn freundlich heran, fragte ihn nach der Wirkung der Kur und
wandte sich dann zu dem Prsidenten von Bernuth.

"Wenn ich hier die Badegesellschaft in Ems ansehe," sagte er heiter, so
mu ich glauben, da dies Wasser ein Lebenselixir ist, welches meine
ganze Regierungsmaschine durchdringt und verjngt, meine
Kirchenverwaltung, meine Administration, meine Diplomatie und selbst
meine Officierscorps suchen sich hier Kraft und Strkung, und so dringt
diese Quelle von Ems in alle Adern des preuischen Staatslebens."

"Wenn die Quelle Eurer Majestt Kraft und Gesundheit strkt," erwiderte
Herr von Bernuth, "so durchdringt sie ja ohnehin schon den Organismus
des preuischen Staats mit neuer Lebenskraft und verdient die
Dankbarkeit aller Ihrer Unterthanen."

Der Knig nickte freundlich mit dem Kopf und trat dann zu dem in der
Nhe stehenden Botschafter am Pariser Hofe, Freiherrn von Werther, einem
schlanken eleganten Mann mit bleichem Gesicht und militairisch
geschnittenem Haar und Bart.

"Benedetti ist diese Nacht angekommen," sagte der Knig mit etwas
gedmpfter Stimme, indem er durch einen Wink der Hand Herrn von Werther
aufforderte, ihn auf seiner Promenade zu begleiten. "Er hat mich um eine
Audienz gebeten, ich habe ihm sagen lassen, da ich ihn erst Mittags
empfangen knne, da ich morgens mit meiner Kur zu thun habe und auch am
Vormittage mehrere Geschfte zu erledigen mu. Er ist jedenfalls nicht
zufllig hier, denn er war erst vor wenigen Tagen auf Urlaub nach
Wildbad gegangen und hatte so eben seine Kur begonnen. Jedenfalls kommt
er in dieser Hohenzollerschen Angelegenheit, welche in Frankreich
tglich mehr Staub aufwirbelt. Es wrde mir lieb sein, wenn ich bevor
ich ihn empfange, ber den Gegenstand seiner Mission unterrichtet wre.
Wollen Sie ihn besuchen, und wenn Sie es in der Unterredung mit ihm
erfahren knnen, mir ungefhr mittheilen, was er will. Ich wnsche aber
nicht," fuhr er fort, "da Sie in eigentliche Discussion mit ihm
eintreten,--wenn er ber die Angelegenheit spricht, so sagen Sie ihm
einfach, da der Prinz Leopold mich um Rath gefragt habe, und da ich
nicht im Stande gewesen sei, seinem Wunsch, die spanische Krone
anzunehmen, ein Hinderni entgegenzustellen."

"Ich zweifle nicht, Majestt," sagte Herr von Werther, "da der Graf
Benedetti hierher gesendet ist, um Eurer Majestt dasselbe zu sagen, was
mir bereits der Herzog von Gramont und Herr Ollivier in ziemlich
allgemeiner Weise ausgesprochen haben, da nmlich Frankreich die
Thronbesteigung des Prinzen von Hohenzollern, den man dort hartnckig
fr einen preuischen Prinzen erklrt, nicht dulden knne, und da man
verlangen msse, da Eure Majestt den Prinzen zur Verzichtleistung
veranlasse."

"Ich begreife nicht, was sie wollen," sagte der Knig einen Augenblick
stehen bleibend, "ich kann mir unmglich denken, da der Kaiser
Napoleon, dessen Gesundheit in der letzten Zeit immer weniger fest
gewesen ist, darauf ausgehen sollte, einen Conflict zu suchen, und doch
erscheint diese ganze Behandlung der Hohenzollerschen Candidatur wie
eine Provocation, denn einen politischen Grund, sich so sehr darber zu
echauffiren, sehe ich in der That nicht. Der Prinz Leopold ist kein
preuischer Prinz--und wenn er es wre, glaubt man denn, da er in
diesem von Parteien zerrissenen spanischen Lande preuische Politik
machen knnte? Jeder Knig, der dort auf den Thron steigt, wird genug zu
thun haben, um sich auf demselben zu erhalten und der inneren
Verwirrungen Herr zu werden. Ich begreife die ganze Sache nicht," fuhr
er fort,--"ich hoffe, da das Alles nur ein kleines Strohfeuer sein
wird, wie man sie in Frankreich von Zeit zu Zeit anzuznden liebt, und
da der Kaiser Napoleon auch diesmal wie bei der Luxemburger
Angelegenheit, die doch eigentlich ernsterer Natur war, das Feuer der
Kriegspartei ein wenig dmpfen wird."

"Auch ich bin davon berzeugt, Majestt," erwiderte Herr von Werther,
"denn nach all den Eindrcken, die ich habe, wnscht der Kaiser wirklich
aufrichtig die Erhaltung des europischen Friedens und guter Beziehungen
zu Eurer Majestt. Inde lt sich nicht verkennen," fuhr er fort, "da
diese Hohenzollersche Frage die ffentliche Meinung im hohen Grade
aufgeregt hat, allerdings unter Vorgang der Regierungsjournale--doch bei
meiner Abreise von Paris war diese Aufregung sehr gro, und nach dem,
was ich aus den Zeitungen sehe, steigt sie von Tage zu Tage. Ollivier
ist uerst abhngig von der ffentlichen Meinung, der Herzog von
Gramont folgt Ollivier, und der Kaiser steht, je mehr sein Krper und
seine Nerven schwach werden, immer mehr unter dem Einflu seiner
Minister und seiner Umgebung."

"Nun," sagte der Knig, "ich werde wahrhaftig nichts dazu thun, um die
Situation zu verschlimmern, ich werde ein freundliches Entgegenkommen
zeigen, da ich wahrlich kein Interesse daran habe, den Prinzen Leopold
zu diesem spanischen Abenteuer zu treiben, aber ebenso wenig kann ich
ihm auch dasselbe verbieten, ich wrde ja auch dazu eigentlich gar kein
Recht haben. Wenn er mich um Rath fragt, so ist das eine
Courtoisie,--wenn er aber meinen Rath nicht befolgen will, so kann ich
ihn kaum dazu zwingen--jedenfalls bin ich als Knig von Preuen der
ganzen Angelegenheit vllig fremd, meine Regierung hat mit derselben
garnichts zu thun. Nun wir werden ja sehen," sagte er, "gehen Sie
inzwischen zu Benedetti und erklren Sie ihm zugleich nochmals, warum
ich ihn erst am Nachmittag empfangen kann, er wohnt in der Stadt
Brssel."

Mit freundlichem Kopfnicken entlie der Knig den Baron Werther und
wendete sich zu dem Oberprsidenten von Mller, einem Mann von etwa fnf
und fnfzig Jahren, dessen kluges und offenes Gesicht mit den frischen
Farben und den hellen Augen sein Alter weniger verrieth als das bereits
stark ergraute, ziemlich lang zurckgestrichene Haar.

"Guten Morgen, mein lieber Mller," sagte der Knig, "es freut mich, Sie
hier zu sehen. Ich bin begierig, von Ihnen zu erfahren, wie es in Hessen
steht, und ob meine neuen Unterthanen dort noch immer so unzufrieden
sind, da sie Preuen geworden sind."

"Majestt," sagte Herr von Mller, "die allgemeine Stimmung in der
Provinz, deren Leitung Allerhchst dieselben mir bertragen haben,
shnt sich immer mehr mit der neuen Ordnung der Dinge aus. Alle
Vernnftigen, namentlich auch die Vertreter des Handels und der
Industrie empfinden immer mehr die Vorzge einem groen Staatswesen
anzugehren, und ich gebe mir die grte Mhe berall auf die mildeste
Weise die alten Verhltnisse mit den neuen Zustnden zu vershnen."--

"Ganz recht, ganz recht," fiel der Knig ein, "Sie handeln darin ganz in
meinem Sinn. Man mu alle berechtigten Eigenthmlichkeiten schonen, alle
Erinnerungen an die Vergangenheit achten--"

"Die Erinnerungen an die Vergangenheit, Majestt, stehen uns bei der
Bevlkerung von Kurhessen vielleicht weniger entgegen, als bei
derjenigen von Hannover. Die Hessen haben viele Anhnglichkeit an die
Traditionen ihrer Vergangenheit, aber gerade durch die Persnlichkeit
des letzten Kurfrsten, der ja berall wenig Sympathie hatte, haben jene
Erinnerungen an Intensivitt und Einflu verloren. Den nachdrcklichsten
und hartnckigen Widerstand findet die Regierung leider bei den
Geistlichen, welche befrchten, da die Einverleibung in Preuen dem
lutherischen Bekenntni Gefahr bringen, und da die Einfhrung der Union
beabsichtigt werden knnte."

Der Knig blieb einen Augenblick stehen und blickte sinnend vor sich
hin.

"Mein Gott," fuhr er fort, "da doch gerade die Priester des
Christenthums sich so wenig zu den Ideen der Liebe und Duldung erheben
knnen, welche den Erlser selbst erfllten. Was ist denn die Union,
dieses Werk meines unvergelichen Vaters, anders, als der Ausdruck der
wahrhaft christlichen Toleranz, um alle Bekenner des evangelischen
Glaubens zu einer evangelischen Kirche zu vereinigen.

"Nun ich hoffe," sprach er weiter, "der gesunde Sinn der Gemeinden wird
krftiger sein, als der eigensinnige Zelotismus der Geglichen. Uebrigens
liegt es mir ja unendlich fern, den Gewissen irgend welchen Zwang anthun
zu wollen und einen Druck zur Einfhrung der Union auszuben. Sie werden
mir ber das Alles noch ausfhrlich berichten," sagte er, "sobald ich
eine Stunde freie Zeit habe."

Er grte Herrn von Mller und wendete sich zu zwei Damen, welche in
einfacher Morgentoilette an der Seite der Promenade stehen bleibend,
sich tief verneigten.

Es waren die berliner Knstlerinnen, Frulein Marie Keler mit dem
anmuthig gedankenvollen Ausdruck in den weichen sinnenden Augen und
Frulein Anna Schramm, deren lebhafte Blicke von Geist und Laune
funkelten.

"Nun, meine Damen," sagte der Knig, "ich hoffe, da die Vorstellung,
welche Sie mit Herrn Bethge und Herren Behrend zum Besten der
Abgebrannten in Pera veranstaltet haben, einen recht gnstigen Ertrag
fr die armen Opfer jener unglcklichen Catastrophe erzielt hat."

"Die Rechnungen sind noch nicht abgeschlossen, Majestt," erwiderte
Frulein Keler, "doch hoffen wir, da nach der Gesammteinnahme ein
erheblicher Ueberschu sich ergeben wird."

"Ich habe mich sehr ber Ihr Unternehmen gefreut," sagte der Knig "und
spreche Ihnen nochmals meinen Dank dafr aus. Es ist ein schner Zug des
immer mehr erstarkenden und erwachenden Nationalgefhls, da wenn auch
im fernsten Auslande Deutsche von dem Schlage des Unglcks getroffen
werden, die besten Krfte der Nation sich vereinigen, um ihnen
beizustehen, und es hat mich hoch erfreut, da meine berliner Knstler
und Knstlerinnen auch in dieser Beziehung mit edlem Beispiel
vorangegangen."

Mit ritterlich artigem Gru gegen die beiden Damen schritt er weiter,
begrte noch die verschiedenen Bekannten auf der Promenade, whrend er
die vorgeschriebene Anzahl von Bechern an der Quelle leerte und kehrte
dann, vom Grafen Lehndorf gefolgt, nach seiner Wohnung im Badehause
zurck.

Rstigen und leichten Schrittes stieg er die Treppe hinauf, trat durch
das Wohnzimmer in den einfachen Raum, welcher ihm als Arbeitscabinet
diente; an dem Fenster dieses Zimmers stand der breite Schreibtisch; ein
Sopha und einige Lehnsthle mit rothem Plsch berzogen, bildeten das
ganze Ameublement dieses anspruchslosen Aufenthalts des mchtigen
Monarchen.

Der Flgeladjudant war im Vorzimmer zurckgeblieben. Der Knig reichte
seinen Hut und seinen Stock seinem Leibkammerdiener Engel, welcher in
ernster ruhiger Haltung, in seinem blauen Frack mit den goldenen Knpfen
fast an einen hohen Staatsbeamten erinnernd, seinem kniglichen Herrn
entgegengetreten war.

"Ich lasse den Geheimrath Abeken bitten," sagte der Knig, setzte sich,
whrend der Kammerdiener hinausging, an seinen Schreibtisch und ffnete
einige fr ihn dort hingelegte Privatbriefe.

Nach kurzer Zeit trat der Geheime Legationsrath Abeken, seine
Vortragsmappe unter dem Arm in das Zimmer.

Er war ein kleiner Mann von einundsechzig Jahren, dessen ganze
Erscheinung trotz der etwas lebhaften und nervsen unruhigen Bewegung
noch ein wenig den Stempel des geistlichen Standes trug, fr den er sich
in seiner Jugend bestimmt hatte. Sein blondes Haar und sein kleiner
blonder Schnurrbart erschienen noch wenig ergraut, und aus seinen
lebhaften, scharf blickenden Augen blitzte das Feuer jugendlicher
Frische.

"Guten Morgen, mein lieber Abeken," sagte der Knig, freundlich mit dem
Kopf nickend und seinen langjhrigen vertrauten Diener, der ihn als
vortragender Rath des auswrtigen Ministeriums auf allen seinen Reisen
begleitete, die Hand reichend. "Setzen Sie sich, theilen Sie mir mit,
was Neues von Berlin gekommen ist. Ich mu Sie brigens bitten," sagte
er schalkhaft lchelnd--whrend Herr Abeken einen Sessel heranzog und
seine Mappe ffnete--"da Sie die Leute nicht im Schlaf stren--"

Herr Abeken sah ganz erstaunt den Knig an.

"Ich wte nicht, Majestt."

"Lauer hat sich beklagt," fuhr der Knig in demselben scherzhaften Ton
fort, "da Sie und St. Blanquart am spten Abend und am frhesten Morgen
schon wieder ihn fortwhrend mit dem monotonen Gerusch der Lectre der
Zahlen des Depeschenchiffres verfolgen."

"Nun Majestt," sagte Herr Abeken lchelnd, "ich hoffe, daran wird sich
Herr von Lauer gewhnen, wie man sich an das Gerusch einer Mhle
gewhnt, und wenn er nach Berlin zurckkommt, wird er das
Dechiffrirbureau neben seinem Zimmer vermissen."

"Wie steht die Hohenzollersche Angelegenheit in Berlin," fragte der
Knig. "Sie wissen, da Benedetti angekommen ist, es scheint, da es da
einige Weitlufigkeiten geben wird."

"Herr von Thiele berichtet, Majestt," sagte der Geheimrath Abeken,
indem er einen Bericht aufschlug, den er aus seiner Mappe genommen
hatte, "da der franzsische Geschftstrger Le Sourd eine uerst
scharfe und bestimmte Sprache fhre und erklrt habe, da die
franzsische Regierung unter keiner Bedingung die Thronbesteigung des
Prinzen von Hohenzollern in Spanien dulden knne. Und diese Sprache des
Geschftstrgers zusammengehalten mit den Aeuerungen des Herzogs von
Gramont im Corps legislatif flen Herrn von Thiele die uersten
Besorgnisse ein, und er frchtet, da in Paris ein Hintergedanke
bestehe. Der Legationsrath von Kendell ist nach Barzin gegangen, um dem
Grafen Bismarck persnlich ber die Sache Bericht zu erstatten und
demselben den Wunsch auszusprechen, da er, wenn mglich unter diesen
Umstnden nach Berlin zurckkehren mchte."

"Der arme Bismarck," sagte der Knig, "er hat seine lndliche Ruhe so
nthig, und ich gnne sie ihm so von Herzen nach all' den Arbeiten, die
er den Winter ber gehabt hat. Aber freilich," fuhr er fort, "wenn die
Sache, was ich noch immer nicht glauben kann, irgend wie ernsthaft
werden sollte, so wird er seine Sommerruhe wohl unterbrechen mssen. Ich
kann ja auch hier nicht ohne Minister auf irgend welche politische
Verhandlungen wirklich eingehen, doch vermag ich in der That kaum
abzusehen--" er schwieg einen Augenblick.

"Was haben Sie sonst noch?" fragte er.

"Abgesehen von dieser spanischen Frage, Majestt," sagte der Geheimrath
Abeken, "ist in der auswrtigen Politik vlliger Stillstand. Was Eure
Majestt vielleicht besonders interessiren wird, ist ein Bericht ber
die Zustnde in Rumnien."

Der Knig nickte leicht mit dem Kopf.

"Es sieht dort bunt aus," sagte er.

"Sehr bunt, Majestt," erwiderte der Geheimrath Abeken, "die Lage ist
dort so verworren, da bereits in den Parteien sich Stimmen erheben,
welche das Einschreiten der Schutzmchte gegen die Verfassung von 1860
fr dringend nthig erachten. Es scheint, da die Zustnde in Rumnien
keine freie Verfassung ertragen. In allen Schichten der Bevlkerung
fehlt es an Vertretern, welche die ntige Einsicht zur Ausbung
verfassungsmiger Rechte besitzen. Die Verfassung dient nur dem Ehrgeiz
der Parteien und legt der Thtigkeit des Frsten, und wenn er persnlich
die grte Energie htte, berall hemmende Ketten an. Gerade diejenigen
welche den Regierungsantritt des Frsten begnstigten, die Fhrer der
radicalen Partei, sind am wenigsten geneigt seine Autoritt zu strken.
Sie wollen ihn zu einem lenkbaren Zgling machen und erschweren ihm das
Leben in jeder Weise, Senat und Deputirtenkammer sind seit den vier
Jahren der Regierung des Frsten Carl schon dreimal ausgelst, und der
Auflsung folgte jedes Mal eine Agitation durch das ganze Land, die das
ffentliche Leben aufs tiefste erschttert."

"Lassen Sie mir den Bericht hier," sagte der Knig, "der arme Carl von
Hohenzollern thut mir leid, da er sich in diese Verwirrung hinein
begeben hat, welche zu lsen ihm kaum gelingen mchte. Es ist
merkwrdig," sagte er, whrend Herr Abeken den Bericht auf den
Schreibtisch des Knigs legte, "da das Beispiel in der Familie, den
Prinzen Leopold nicht abhlt, auch seinerseits sich auf den Weg
hnlicher Abenteuer zu begeben, die vielleicht noch unangenehmer und
verhngnivoller werden knnen. Der Frst Anton hat an diesem kleinen
rumnischen Thron schon gengend empfunden, was solche Expeditionen
kosten. Das spanische Unternehmen mchte wohl leicht noch etwas theurer
werden knnen. Wenn keine eiligen Sachen mehr da sind," sagte er dann,
"so bitte ich Sie das Uebrige fr morgen zu vertagen. Ich mchte noch
hren, ob Wilmowsky etwas Dringendes vorzutragen hat und einige Briefe
lesen, die ich so eben erhalten, bevor ich Benedetti empfange," sagte er
mit leichtem Seufzer. "Der Kronprinz hat mir sehr ausfhrlich ber seine
Begegnung mit dem Kaiser Alexander in Breslau geschrieben, und es ist
mir eine rechte Herzensfreude gewesen, zu sehen, da auch dort wieder
die mir so lieben Familienbeziehungen den innigsten Ausdruck gefunden
haben. Der Kaiser hat dem Kronprinzen selbst den St. Georgsorden zweiter
Klasse an die Brust geheftet und zugleich an Fritz Carl denselben Orden
geschickt, wozu er mich schon frher um die Erlaubni gebeten hatte. Das
Alles freut mich ungemein, die Beziehungen zu dem russischen Hause hege
und pflege ich wie ein theures Vermchtni meines Vaters und wnsche
von Herzen, da dieselben Beziehungen in der knftigen Generation auch
fort leben mgen."

"Abgesehen von diesen Traditionen," sagte der Geheimrath Abeken, welcher
sich erhoben und seine Mappe unter den Arm genommen hatte, "welche ja in
der glorreichsten Geschichte Preuens wurzeln, sind die guten
Beziehungen mit Ruland auch im Hinblick auf die politischen
Verhltnisse der Gegenwart von der uersten Wichtigkeit, und gerade in
Augenblicken wie der gegenwrtige, in welchem nach anderer Seite hin die
Keime zu Verwickelungen sich zeigen, tritt mir so recht lebhaft die
Nothwendigkeit entgegen, mit dem mchtigen Nachbar im Osten in fester
Einigkeit zu leben, damit fr alle Eventualitten nach dorthin uns der
Rcken gedeckt ist."

"Nun," sagte der Knig lchelnd, "dafr ist ja gesorgt, in dieser
Beziehung drfen wir keine Bedenken haben, ntigenfalls unsere ganze
Kraft nach der andern Seite hinzurichten. Auf Wiedersehen, mein lieber
Abeken," sagte der Knig, "wollen Sie veranlassen, da Benedetti zum
Diner eingeladen wird. Senden Sie mir Wilmowsky und," fgte er lchelnd
mit dem Finger drohend hinzu, "stren Sie mir Lauer nicht wieder im
Schlaf."

Der Geheime Legationsrath verlie das Cabinet.

Kurze Zeit darauf whrend welcher der Knig noch einige der fr ihn
persnlich angekommenen Briefe geffnet und durchflogen hatte, trat der
Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky ein, auf seinem lnglichen Gesicht,
dessen unterer Theil von einem kurzen weichen Bart umgeben war, lag
ruhige Heiterkeit und ein fast humoristischer Zug umgab die klaren und
scharf blickenden Augen, seine breite, von vollem ergrautem Haar
umgebene Stirn war zugleich hoch und schn gewlbt, und in seiner
Haltung zeigte er die ruhige und klare Sicherheit des Hofmannes.

"Sind die Bestimmungen ber die Feier des dritten August nunmehr
vollstndig getroffen," fragte der Knig, nachdem er seinen Cabinetsrath
freundlich begrt und derselbe ihm gegenber Platz genommen hatte. "Es
liegt mir diese Feier ganz besonders am Herzen. Die Aufrichtung eines
Denkmals fr den hochseligen Knig ist eine Pflicht der Dankbarkeit,
welche ich schon lange empfunden und welche ich mich besonders freue,
noch whrend meines Lebens abtragen zu knnen."

"Eure Majestt hatten befohlen," sagte der Geheime Cabinetsrath, "da
von den Civilbehrden auer den Deputationen smmtlicher in Berlin
bestehenden Behrden und der Regierung in Potsdam nur die
Oberprsidenten der Provinzen eingeladen werden sollten."

"Ganz recht," sagte der Knig, "einfach und schlicht wie der Sinn meines
Vaters war, soll auch die Feier der Enthllung des Denkmals sein, auch
wenn kein groer Pomp entfaltet wird, so wird das Gefhl des preuischen
Volkes und seine frommen Erinnerungen dennoch diesem Act seine schne
und hohe Bedeutung geben."

"Von den Rittern des eisernen Kreuzes," fuhr der Geheime Cabinetsrath
fort, "sollen wie Eure Majestt bestimmten, nur diejenigen von Berlin,
Potsdam und Spandau zugezogen werden--"

"Die Ritter des eisernen Kreuzes," sagte der Knig sinnend--"um das
Denkmal des verewigten Herrn, dessen einfacher frommer Sinn dieses
eiserne Denkzeichen an eine eiserne Zeit stiftete! Sie werden immer
weniger," fuhr er mit weicher Stimme fort, "diese alten Kmpfer fr die
Befreiung Deutschlands--noch einige Jahre und das edle Zeichen wird aus
meiner Armee verschwunden sein,--sie werden dann dort oben Alle
versammelt sein um meinen Vater und meine Mutter--und ich auch!--So Gott
will aber soll der Geist nicht verloren gehen, welcher in jenem Zeichen
lebt, der Geist der frommen und treuen Hingebung an das Vaterland, der
Geist, der uns lehrt, das eiserne Schwert nur zu gebrauchen fr eine
Sache, auf welcher der Segen des heiligen Kreuzes ruht."

"Uebrigens," fuhr der Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky nach einigen
Augenblicken fort, "wird eine umfassende Reprsentation der Stadt Berlin
bei der Feier statt finden, worber der Polizeiprsident von Wurmb, der
heute oder morgen hier eintrifft, Eurer Majestt noch nhere
Mittheilungen machen wird. Auch von allen Grostdten der Monarchie sind
Deputationen angemeldet, ebenso von Seiten der Provinzial-Stnde."

"Wenn es nur nicht zu gro und geruschvoll wird," sagte der Knig.
"Nun," fuhr er fort, "Jedermann in Preuen kennt ja den Sinn meines
Vaters, und man wird verstehen, da auch in diesem Sinne die Feier
gehalten werden mu. Es sollen Deputationen der russischen Armee
erscheinen," fuhr er dann fort, "ich will darber noch mit Treskow das
nhere besprechen. Diese Aufmerksamkeit des Kaisers Alexanders freut
mich ganz besonders, der hochselige Herr legte ja stets so hohen Werth
auf die russische Freundschaft und lchelte stets so still glcklich,
wenn es im Palais hie, die Russen kommen. Es wird ein schner, aber
tief ergreifender Tag werden," sagte er, "und ich werde so recht ruhig
und zufrieden sein, wenn ich erst das liebe und so schn gelungene
Erzbild meines Vaters als ein Denkmal der groen und unvergelichen Zeit
werde aufgerichtet haben. Lassen Sie mir das ganze Programm hier," sagte
er dann, "ich will Alles genau noch prfen, und wenn ich Wurmb gehrt
habe, Alles definitiv feststellen. Was haben Sie sonst noch?"

Der Geheime Cabinetsrath nahm seine Papiere zur Hand und begann den
Vortrag ber die laufenden Geschftssachen, welche der Knig hier im
Bade mit derselben Pnktlichkeit und Regelmigkeit erledigte, als in
Berlin.

       *       *       *       *       *

Um drei Uhr Nachmittags erschien im Badehause der franzsische
Botschafter Graf Benedetti. Er war bereits zum Diner angekleidet und
trug unter dem schwarzen Frack das breite Orangeband des Ordens vom
schwarzen Adler, den Stern dieses hchsten preuischen Ordens und das
Grokreuz der Ehrenlegion auf der Brust. Sein blasses, glattes und
bartloses Gesicht, dessen runde Stirn von dnnem ergrauendem Haar
umgeben war, zeigte die vollkommenste gleichgltige Ruhe. Ein heiteres,
freundlich hfliches Lcheln lag auf seinen Lippen, und seine klaren
grauen Augen, welche selten einen bestimmten Ausdruck zeigten, blickten
so vllig unbefangen umher, da Niemand, der den Botschafter in die
Wohnung des Knigs eintreten sah, an das Vorhandensein irgend einer,
auch nur einigermaen ernsten politischen Frage htte glauben knnen.

Der Flgeladjutant vom Dienst meldete den Botschafter sofort Seiner
Majestt und fhrte ihn unmittelbar darauf in das knigliche
Arbeitscabinet.

Knig Wilhelm hatte sich erhoben, trat dem Grafen Benedetti einen
Schritt entgegen und reichte ihm mit freundlicher Bewegung die Hand,
welche dieser, sich tief verneigend, ehrerbietig ergriff.

"Ich glaube zu wissen, wewegen Sie kommen," sagte der Knig,--"wir
werden uns leicht darber verstndigen und aus dieser Sache wird kein
Conflikt entstehen."

Er deutete, whrend er sich vor seinen Schreibtisch setzte, auf einen
Sessel, welcher neben demselben stand.

"Eure Majestt," sagte Benedetti, indem er sich niederlie, "haben die
Gnade, dieselbe Ueberzeugung auszusprechen, in welcher ich hierher
gekommen bin,--ich bin gewi, da es unendlich leicht sein wird, den
Gegenstand der Beunruhigung verschwinden zu lassen, welcher in den
letzten Tagen aufgetaucht ist, und welcher die Regierung des Kaisers,
meines allergndigsten Herrn, sehr lebhaft beschftigt."

Der Knig blickte ruhig und erwartungsvoll in das unbewegliche Gesicht
des Botschafters.

"Die ffentliche Meinung in Frankreich, Majestt," fuhr dieser fort,
"erblickt in der Annahme der spanischen Throncandidatur von Seiten des
Erbprinzen Leopold von Hohenzollern eine ernste Gefhrdung der
franzsischen Interessen, und die Regierung des Kaisers, welche," fgte
er hinzu, "mehr als irgend eine andere Veranlassung hat, der
ffentlichen Meinung in ausgedehnter Weise Rechnung zu tragen, kann
sich, wenn sie auch weit entfernt von der allgemeinen Aufregung ist,
dennoch diesem Einflu nicht verschlieen. Eure Majestt wissen, wie
hohen Werth der Kaiser persnlich und alle Mitglieder seiner Regierung
darauf legen, da in den Beziehungen zwischen Preuen und Frankreich
keine Trbung entstehe, und da kein Miverstndni die aufrichtige
Freundschaft und das Vertrauen stren, welches zum Wohl beider Nationen
besteht und zu dessen Erhaltung ich nach meinen Krften mitzuwirken
seit Jahren den ehrenvollen und erfreulichen Beruf habe."

Der Knig nickte wie die letzten Worte bettigend leicht mit dem Kopf,
ohne etwas zu erwidern.

"Die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern," sprach Benedetti weiter,
"mu abgesehen von der Irritation in Frankreich, wie die Regierung des
Kaisers glaubt und wie auch Eure Majestt gewi nicht verkennen werden,
auch in Spanien selbst eine groe Aufregung hervorrufen und wird
unausbleiblich dort die Ursache oder wenigstens der Vorwand groer
Unruhen und Unordnungen werden. Auch in anderen Lndern, Majestt," fuhr
er mit fast unmerklich erhhter Betonung fort, "hat die Sache eine
lebhafte Beunruhigung erzeugt,--wenn man den bereinstimmenden
Aeuerungen der englischen Presse Glauben schenken darf, so ist auch die
ffentliche Meinung in England einig darin, eine Combination zu
beklagen, welche die Ruhe Spaniens ebenso sehr zu bedrohen scheint, als
die guten Beziehungen, die in diesem Augenblick die groen europischen
Mchte miteinander verbinden. Die Regierung des Kaisers hat keinen
andern Wunsch, als allen diesen Beunruhigungen so schnell als mglich
ein Ziel zu setzen, und in den Hnden Eurer Majestt liegt es, diese
Wnsche, diese lebhaften und innigen Wnsche zu erfllen. Eure Majestt
knnen mit einem Wort alle diese Gefahren beschwren und den Ausbruch
eines Brgerkrieges in der pyrenischen Halbinsel verhten, fr welche
ein Mitglied Ihres Hauses die Verantwortung tragen wrde. Der Prinz von
Hohenzollern kann die spanische Knigskrone nicht annehmen, ohne dazu
von Eurer Majestt autorisirt zu werden. Sobald Eure Majestt ihn von
diesem auch fr ihn selbst gefhrlichen Unternehmen, abzuhalten die
Gnade haben, so werden die Beunruhigungen, welche jetzt alle Welt
erfllen, in einem Augenblick aufhren. Die hohe Weisheit Eurer Majestt
und die groherzigen Gefhle, welche Sie erfllen, werden Ihren
Entschlu bestimmen. Ich beschwre Eure Majestt, Europa diesen
neuen Beweis von den edlen Gesinnungen zu geben, in welchen
Allerhchstdieselben bei jeder Gelegenheit beigetragen haben, den
allgemeinen Frieden zu erhalten und zu befestigen. Die Regierung des
Kaisers," fgte er hinzu, "wird in einem solchen Entschlu Eurer
Majestt eine neue und innige Befestigung der guten Beziehungen zwischen
Frankreich und Preuen erblicken und wird einen solchen Entschlu, wie
ich versichern darf, mit hoher Freude und dankbarer Anerkennung
entgegennehmen, ebenso wie sie berzeugt ist, da derselbe in ganz
Europa allgemeine Befriedigung erregen wird."

Der Knig hatte vollkommen ruhig und ohne ein ueres Zeichen seiner
Gedanken die Worte des Botschafters angehrt, er sah einen Augenblick
schweigend zu Boden und richtete dann den klaren Blick seines offenen,
freien Auges fest auf Benedetti.

"Mein lieber Graf," sagte er, "es ist vor allen Dingen nothwendig, jedes
Miverstndni und jede falsche Auslegung ber die Art meiner
Intervention in dieser ganzen Angelegenheit auszuschlieen. Alle
Verhandlungen, welche ber den Gegenstand gefhrt wurden, haben sich
ganz ausschlielich zwischen der spanischen Regierung und dem Prinzen
von Hohenzollern bewegt. Die preuische Regierung ist allen diesen
Verhandlungen nicht nur vollkommen fern geblieben, dieselbe war ihr
sogar gnzlich unbekannt, auch ich persnlich habe in keiner Weise in
dieselbe eingegriffen. Ich habe es sogar entschieden verweigert, einen
Agenten des Marschall Prim zu empfangen, welcher in dieser Sache nach
Berlin geschickt wurde und habe mich zum ersten Male ber die ganze
Frage berhaupt geuert, als der Prinz Leopold bereits ganz entschieden
war, die ihm gemachten Vorschlge anzunehmen und meine Erklrung
darber erbat. Dies fand bei meiner Ankunft in Ems statt, und ich habe
mich einfach darauf beschrnkt, dem Prinzen zu erklren, da ich nicht
glaubte, seinen Absichten ein Hinderni in den Weg legen zu sollen. Die
ganze, an sich schon sehr unbedeutende Einwirkung, welche ich
meinerseits auf die Sache habe ben knnen, ist also rein passiver Natur
gewesen und hat sich ganz ausschlielich auf meine Stellung als Chef des
Gesammthauses Hohenzollern bezogen. Lediglich in dieser Eigenschaft und
nicht in derjenigen als Knig von Preuen bin ich von dem Entschlu des
Prinzen unterrichtet worden, auch habe ich meinem Ministerrath in keiner
Weise die Frage vorgelegt, und die preuische Regierung als solche, ist
auer Stande eine Interpellation ber die Sache zu beantworten, die ihr
vollkommen unbekannt geblieben ist, und fr welche sie ebenso wenig
verantwortlich sein kann, als irgend ein europisches Cabinet."

Der Knig schwieg.

Benedetti, welcher mit schrfster, ehrerbietigster Aufmerksamkeit seinen
Worten gefolgt war, verneigte sich, wie um anzudeuten, da er den Sinn
derselben vollkommen erfat habe.

"Eure Majestt wollen mir erlauben," sprach er mit seiner sanften,
geschmeidigen Stimme, "ehrfurchtsvoll zu bemerken, da die ffentliche
Meinung, namentlich diejenige in Frankreich den Sinn und die Bedeutung
des scharfen Unterschiedes in der Stellung Eurer Majestt, welche
Allerhchstdieselben so eben hervorzuheben die Gnade hatten, nach meiner
Ueberzeugung nicht zu erfassen im Stande sein wird. Die ffentliche
Meinung sieht in dem Erbprinzen von Hohenzollern nichts anderes als ein
Mitglied der in Preuen regierenden Familie und kann sich, wie ich
glaube, von der Auffassung nicht los machen, da der Prinz, indem er die
spanische Knigskrone annimmt, in einer und derselben Dynastie zwei
Throne vereinigt. Man wird sich vergebens bemhen, diese Auffassung zu
zerstren, das Nationalgefhl Frankreichs ist vollkommen einig in dieser
Auffassung, und Eure Majestt werden die Gnade haben, anzuerkennen, da
es der Regierung des Kaisers unmglich ist, dieser Auffassung gegenber
gleichgltig zu bleiben. Die Regierung des Kaisers befindet sich in der
Nothwendigkeit--und ist entschlossen, jener Auffassung der ffentlichen
Meinung mit vollem Ernst Rechnung zu tragen."

"Wenn man die Sache," sagte der Knig, "von einer andern Seite auffat,
so wird doch aber die Regierung des Kaisers nicht verkennen wollen, da
die gegenwrtige Regierung in Spanien von allen Mchten anerkannt und in
ihren Entschlieungen vollkommen souverain ist. Ich vermag nicht
einzusehen," fuhr er fort, "mit welchem Recht eine europische Macht
sich der Thronbesteigung eines Knigs widersetzen knnte, welcher durch
die Vertreter des spanischen Volkes frei gewhlt werden wrde. Wie der
spanische Gesandte in Berlin mitgetheilt hat," fuhr er fort,--"und dies
ist," fgte er mit Betonung hinzu, "die erste und einzige Mittheilung,
welche die preuische Regierung berhaupt in der ganzen Angelegenheit
erhalten hat,--werden die spanischen Cortes auf den zwanzigsten dieses
Monats zusammen berufen werden. Wenn wirklich fr die innere Ruhe
Spaniens aus der Candidatur des Prinzen Leopold diejenigen Gefahren zu
besorgen sein sollten, auf welche Sie, mein lieber Graf, vorhin
aufmerksam gemacht haben, so wird es Sache der Cortes sein, jede
Candidatur zurckzuweisen und damit die ganze Sache zu beendigen."

"Ich bitte um die Erlaubni, Eurer Majestt bemerken zu drfen,"
erwiderte Graf Benedetti, "da die Regierung des Kaisers weit entfernt
ist, das freie Selbstbestimmungsrecht des spanischen Volkes beschrnken
zu wollen. Die kaiserliche Regierung hat nur die Ueberzeugung, da die
Combination, welche eigentlich persnlich von dem Marschall Prim
ausgegangen ist, die Quelle groer und trauriger Verwickelungen sein
wrde. Solchen Verwickelungen gegenber werden Eure Majestt gewi
selbst ein Mitglied Ihrer hohen Familie nicht zur Annahme der Krone
autorisiren wollen. Eure Majestt halten allein das Mittel in Hnden, um
einer so gefahrvollen Lage ein Ende zu machen; und ich bin beauftragt,
mich mit der dringenden Bitte an die Weisheit Eurer Majestt zu wenden,
von diesem Mittel Gebrauch zu machen."

"Die Parteien in Spanien," sagte der Knig "sind so zahlreich und so
viel gespalten, da auch die Verzichtleistung des Prinzen von
Hohenzollern kaum im Stande sein wrde, dort einen Brgerkrieg zu
vermeiden. Die Parteien sind es dort gewohnt, sich dem Beschlu der
Majoritt nicht zu fgen und mit den Waffen in der Hand, ihre Rechte
oder ihre Ansichten zu vertreten."

"Ich erkenne vollkommen die Wahrheit der Bemerkung Eurer kniglichen
Majestt an," erwiderte Benedetti, indem seine schlanke Gestalt sich
etwas zusammenbog--"indessen wrde jedenfalls, wenn es trotz der
Verzichtleistung des Prinzen Leopold in Spanien zu Unruhe und Kmpfen
kommen sollte ein Mitglied Ihres Hauses nicht die Verantwortung fr
vergossenes Blut zu tragen haben."

Der Knig senkte einen Augenblick nachdenklich den Blick zu Boden.

"Mein lieber Graf," sagte er dann, "Sie knnen berzeugt sein, da ich
den aufrichtigen Wunsch hege, eine Situation verschwinden zu lassen,
welche zu Verwickelungen und Miverstndnissen Veranlassung giebt. Ich
mu inde noch einmal darauf zurckkommen, da meine ganze persnliche
Stellung zu der Frage eine rein negative, wenigstens vollkommen passive
ist. Ich habe wahrlich in keiner Weise den Prinzen Leopold irgend wie
zur Annahme der ihm angetragenen Candidatur ermuntert, ich habe mich
lediglich darauf beschrnkt, seinen Entschlssen kein Hinderni in den
Weg zu legen. Von diesem Standpunkt wrde ich mich auch jetzt nur sehr
schwer entfernen knnen, ich kann den Prinzen eben so wenig, wie ich ihn
zu seinem Entschlu ermuthigt habe, auch jetzt nicht zwingen, von
demselben zurckzukommen. Mir scheint, da die Regierung des Kaisers,
wenn sie wirklich in dieser Sache so groe Gefahren erblickt, die ich
noch nicht zu sehen im Stande bin, allen ihren Einflu in Madrid
aufwenden sollte, um die dortige Regierung zu bestimmen, da sie auf das
Projekt verzichte."

"Ich habe bereits die Ehre gehabt, Eurer Majestt zu bemerken,
da die Regierung des Kaisers in keiner Weise in das freie
Selbstbestimmungsrecht der spanischen Nation eingreifen mchte. Sie
wrde die Schwierigkeit der ganzen Lage nur unendlich vergrern, die
kaiserliche Regierung hat vielmehr geglaubt, da der leichteste und
einfachste Weg zur Erledigung der ganzen Angelegenheit der sei, wenn
Eure Majestt Allerhchst Ihre mchtige Autoritt gebrauchen, um durch
die Verzichtleistung des Prinzen diese Candidatur verschwinden zu
lassen. Ich darf mir erlauben, Eure Majestt auf die Prcedenzflle in
Betreff Griechenlands und Neapels aufmerksam zu machen, in welchen
ebenfalls das Prinzip festgestellt wurde, da Prinzen, welche der
Dynastie einer Gromacht angehren, nicht zu gleicher Zeit Souveraine
eines anderen Landes sein sollen, und auch der Kaiser, mein
allergndigster Herr, hat persnlich dies Prinzip anerkannt, indem er
dem Prinzen Murat die Bewerbung um den neapolitanischen Thron
untersagte. Eure Majestt werden sich um so mehr in diesem Sinne
entscheiden knnen, als ja Preuen und Deutschland keinen Antheil an den
bisherigen Versammlungen genommen haben, also auch keine Concessionen zu
machen haben wrden, whrend fr Frankreich sehr ernste Interessen auf
dem Spiel stehen und whrend dort, wie ich mir zu wiederholen erlauben
mu, die ffentliche Meinung sich in einer sehr bedenklichen Aufregung
befindet, einer Aufregung, welche auch der Baron Werther vor seiner
Abreise hat wahrnehmen knnen, und ber welche er, wie ich nicht
zweifle, Eurer Majestt Bericht erstattet haben wird."

"Diese Aufregung der ffentlichen Meinung in Frankreich ist mir
bekannt," sagte der Knig, "die Thatsache ihrer Existenz beweist aber
noch nichts fr ihre Berechtigung und dann mu ich Ihnen aufrichtig
sagen, da die Erklrung, welche der Herzog von Gramont im Corps
legislatif abgegeben hat, mir weit eher dazu geneigt scheint, die
ffentliche Meinung noch mehr zu echauffiren, als sie zu beruhigen. Der
erste Theil der Erklrung des Herzogs," fuhr der Knig fort, "ist sehr
richtig und sehr correct. Indessen mu ich Ihnen gestehen, da der
Schlusatz derselben mich allerdings sehr peinlich berhrt hat. Die
Worte, welche der Herzog ber die Absichten einer fremden Macht
gesprochen hat, knnen doch nur auf Preuen bezogen werden. Wie ich
Ihnen gesagt, hat die preuische Regierung an der ganzen Sache nicht den
geringsten Antheil gehabt. Jene Worte machen daher fast den Eindruck
einer Provokation, und wenn ich auch eine solche in denselben nicht
finden will, so wird doch dieser Eindruck in Deutschland vorhanden sein,
und er kann dazu beitragen, da auch in Deutschland die ffentliche
Meinung sich aufzuregen beginnt, wodurch dann allerdings die ganze
Situation sehr erheblich verschlimmert werden wrde."

Der Knig hatte die letzten Worte mit etwas erhhtem Tone gesprochen,
ohne da inde von seinem Gesicht der Ausdruck ruhiger und freundlicher
Hflichkeit verschwunden war.

"Ich mchte Eure Majestt bitten, zu bercksichtigen," erwiderte
Benedetti, "da der Herzog von Gramont sich in einer auf's hchste
aufgeregten Versammlung befand und da es ihm vor allen Dingen darauf
ankommen mute, jede aufreizende und gefhrliche Discussion
abzuschneiden und deshalb eine Erklrung abzugeben, welche dieser
Versammlung versicherte, da fr den Fall einer Gefhrdung der Ehre und
der Interessen Frankreichs die Haltung der kaiserlichen Regierung eine
feste und entschiedene sein werde. Eure Majestt werden anerkennen, da
die Erklrung des Herzogs von Gramont ihm nur durch den dringenden
Wunsch dictirt sein kann, die ganze Frage offen zu halten und alle
Errterungen auszuschlieen, welche den guten Beziehungen zu Preuen,
auf welche der Kaiser und seine Regierung einen so hohen Werth legen,
htten gefhrlich werden knnen."

Der Knig schttelte langsam den Kopf, als verstehe er diese
Argumentationen des Botschafters nicht.

"Ich begreife nicht," sagte er, "wie die Ehre und die Interessen
Frankreichs durch den Entschlu des Prinzen von Hohenzollern berhrt
werden knnen. Die Verhandlungen, welche zu diesem Entschlu gefhrt
haben, sind ja durch die Regierung in Madrid aus freiem Antriebe
begonnen. Keine Regierung hat an denselben irgend welchen Antheil
genommen, ich begreife nicht, wie daraus irgend ein Conflikt entstehen
kann. Und ich will nicht annehmen," fgte er mit scharfer Betonung
hinzu, indem er voll Wrde und Hoheit den Kopf emporhob, "da der Krieg
aus einem Fall sich entwickeln knne, bei welchem gar keine europische
Macht betheiligt ist."

Ein leichtes Zucken zeigte sich in den Augenwinkeln Benedetti's, wie
abwehrend hob er ein wenig die Hand empor und rief:

"An eine solche Eventualitt, Majestt, auch nur zu denken, kann mir
nicht in den Sinn kommen. Meine Anwesenheit hier in Ems allein beweist
schon, wie dringend die Regierung des Kaisers eine vershnliche und
allgemein befriedigende Lsung der so pltzlich entstandenen
Schwierigkeiten ersehnt, gerade um zu einer solchen Lsung zu gelangen,
bin ich beauftragt worden, Eurer Majestt alle diejenigen Gesichtspunkte
darzulegen, welche uns zwingen, die Verzichtleistung des Prinzen von
Hohenzollern dringend zu wnschen."

"Ich kann Ihnen nur nochmal wiederholen," sagte der Knig, "da es mir
unendlich fern liegt, den Prinzen Leopold zur Annahme der spanischen
Knigskrone zu ermuthigen oder auch eine solche Annahme seinerseits nur
zu wnschen, inde mu ich ihm schon dehalb, weil er nicht unmittelbar
zu meinem kniglichen Hause gehrt und kein preuischer Prinz ist, die
volle Freiheit seines Entschlusses lassen, seine Annahme zurckzuziehen.
Inde," fgte er hinzu, "um Ihnen zu beweisen, wie sehr auch ich eine
allseitig befriedigende Lsung wnsche, kann ich Ihnen mittheilen, da
ich sogleich, als ich von der groen Aufregung in Frankreich
unterrichtet worden bin, mich mit dem Frsten Anton, der sich in
Sigmaringen befindet, in Verbindung gesetzt habe, um ihn ber seine und
des Prinzen Leopold Ansichten zu befragen und zu erfahren, wie sie ber
die in Frankreich durch den Entschlu des Prinzen Leopold
hervorgerufenen Aufregung dchten.

Wenn der Prinz Leopold und sein Vater die ganze Errterung ber den
Gegenstand zu beseitigen geneigt wren, so wrden ja dadurch alle
Schwierigkeiten gehoben,--einen Einflu auf ihre Entschlsse auszuben,
aber halte ich mich nicht fr berechtigt, und Sie begreifen, mein lieber
Graf, da ich erst dann in der Lage sein werde, unsere heutige
Unterredung fortzusetzen, wenn ich genaue Mittheilungen ber die
Beschlsse des Frsten Anton und seines Sohnes haben werde."

Der Knig sagte die letzten Worte in einem Ton, welcher andeutete, da
er die Unterredung fr beendet halte.

Benedetti verneigte sich tief, ohne inde aufzustehen und sagte:

"Ich mu mir erlauben Eurer Majestt ehrerbietigst zu bemerken, da die
Regierung des Kaisers sich der stets wachsenden Aufregung der Kammer und
der Presse gegenber, in groer Verlegenheit befindet und dringend
wnschen mu, so bald als irgend mglich bestimmte Erklrungen ber die
endgltige Erledigung dieses Incidenzfalles abgeben zu knnen. Eure
Majestt wrden mir daher eine besondere Gnade erweisen, wenn Sie mir
ungefhr den Zeitpunkt bezeichnen knnten, bis zu welchem Sie im Besitz
der zu erwartenden Nachricht sein knnen."

Der Knig sann einen Augenblick nach.

"Ich kann den Telegraphen nicht benutzen," sagte er dann, "ich habe hier
in Ems keinen Chiffre, durch den ich mit dem Prinzen Anton
correspondiren kann. Ich wei auch nicht ganz genau, wo der Prinz
Leopold sich in diesem Augenblick befindet,--inde kann es unmglich
lange dauern. Ich hoffe, sehr bald genau unterrichtet zu sein und werde
Sie dann sofort benachrichtigen."

Benedetti erhob sich.

"Ich stehe zu Eurer Majestt Befehl," sagte er, "und habe nur noch den
dringenden Wunsch auszusprechen, da Allerhchstdieselben mich bald in
die Lage setzen mchten, meiner Regierung die glckliche und
befriedigende Beseitigung der ganzen Angelegenheit mittheilen zu
knnen."

"Ich sehe Sie noch bei der Tafel, mein lieber Graf," sagte der Kaiser,
indem er Benedetti die Hand reichte, "und hoffe, da Ihr Aufenthalt hier
in Ems, so gern ich Sie hier auch sehe, sich nicht zu sehr verlngere,
und da Sie bald Ihre unterbrochene Kur in Wildbad wieder aufnehmen
knnen."

Mit tiefer Verneigung verlie Benedetti das Cabinet, begab sich durch
das Vorzimmer in den lnglichen einfenstrigen Raum, in welchem bereits
die zum Diner befohlenen Personen sich versammelten.

Der Knig klingelte. Sein Kammerdiener Engel erschien und in kurzer Zeit
hatte Seine Majestt die Toilette fr das Diner beendet.

"Rufen Sie mir Abeken noch einmal," sagte der Knig.

Wenige Minuten darauf trat der Geheime Legationsrath Abeken ebenfalls
zum Diner angekleidet in das Zimmer.

Ernst und sinnend sagte der Knig:

"Sie verlangen von mir die Verzichtleistung des Prinzen von
Hohenzollern, sie wollen sich nicht nach Spanien wenden,--es ist in dem
Allen ein Hintergedanke, ich fhle das an dem ganzen Wesen Benedetti's,
er macht mir den Eindruck, da er schrfere Instructionen hat, als seine
Worte erkennen lassen. Diese fast absichtliche Mhe, die man sich giebt,
um die Sache zu einer Frage zwischen Deutschland und Frankreich zu
machen, was sie doch nicht ist, kommt mir ein wenig bedenklich vor--und
je mehr man sie zu einer deutschen Frage macht, um so weniger bin ich
meinerseits im Stande, irgend eine Concession zu gewhren. Jedenfalls
telegraphiren Sie nach Berlin, da Bismarck hierher kommen mge; wenn
die Sache irgend eine ernstere Dimension annimmt, mu ich ihn doch bei
mir haben. Auch wre es gut," fgte er hinzu, "wenn Moltke von seinem
Urlaub zurckkme, es ist immer besser, fr alle Flle vorbereitet zu
sein, als berrascht zu werden. Nach dem Diner theilen Sie mir sogleich
alle Nachrichten mit, die weiter von Berlin gekommen sind."

Der Geheime Legationsrath ging hinaus.

"Sollte es mglich sein," sprach der Knig mit tiefem Sinnen an das
Fenster tretend, "da auch dieser Kampf mir noch beschieden wre? Die
Mahnung an das Standbild meines Vaters--an das eiserne Kreuz lieen so
lebhaft in mir die Bilder jener alten vergangenen Zeiten
heraufsteigen,--nun," sagte er den Blick ber die grnen Bume hin zum
Himmel richtend, "in dieser Mahnung liegt auch die Brgschaft fr die
Zukunft Preuens und Deutschlands,--wenn Gott den Kampf beschlossen, so
wird auch Gott mit uns sein in diesem Kampf!"

Die Thr des Cabinets wurde geffnet, der Hofmarschall Graf Perponcher
trat ein, meldete Seiner Majestt, da das Diner servirt sei und schritt
dann dem Knige voran in den kleinen Versammlungssaal, in welchem das
Gefolge und die zur Tafel befohlenen etwa vierzehn Personen versammelt
waren.

Der Knig grte die Anwesenden huldvoll und heiter und schritt in den
Speisesaal voran, in welchem die kniglichen Jger in ihrer
geschmackvollen grnen und silbernen Livree zum Service bereit standen.

Graf Benedetti nahm neben Seiner Majestt Platz, der Knig unterhielt
sich mit ihm whrend des ganzen Diners in so liebenswrdig, freundlicher
und unbefangener Weise, da alle Anwesenden die Ueberzeugung gewannen,
es knnten keine ernsthaften drohenden Wolken am politischen Horizont
bestehen, und da diese Ueberzeugung in schnell sich fortpflanzender
Mittheilung am Abend die ganze Badegesellschaft von Ems durchdrungen
hatte.




Siebentes Capitel.


Die Sonne sank bereits unter den Horizont und der alte Park von St.
Cloud mit fernen gewaltigen Riesenbumen hllte sich in dunkle Schatten,
als der Wagen des Herzogs von Gramont in das kaiserliche Schlo einfuhr.

Der Herzog stieg aus und schritt eiligst die Treppe zu den Appartements
des Kaisers hinauf, in welche er nach der Meldung des Dienst thuenden
Adjutanten unmittelbar eingefhrt wurde.

Auf dem Tisch des Kaisers brannte bereits eine hohe Lampe mit groem
flachem Schirm von blulichem Glas, whrend durch das geffnete Fenster
mit den Dften der blhenden Rosenbeete die letzten Strahlen des
sinkenden Tages hineindrangen.

Der Kaiser, welcher sich nach dem Familiendiner so eben zurckgezogen
und den Frack mit einem leichten weiten Sommerrock vertauscht hatte,
lag halb in einem jener groen amerikanischen Schaukelsthle von feinen
elastischen Holzstreifen, den Kopf auf eine an der Lehne des Stuhls
hngende Schlummerrolle gesttzt und in ruhiger Trumerei seine Cigarre
rauchend. Mit einem leisen Seufzer ber die Strung seines Dolce far
niente erhob er sich mit einiger Mhe und ging dem Minister einige
Schritte entgegen, welcher sich in einer gewissen Erregung zu befinden
schien.

"Ich habe Eurer Majestt eine gnstige und wichtige Nachricht
mitzutheilen," sagte der Herzog von Gramont, "und Ihre Befehle zu
erbitten, wie die durch dieselbe geschaffene neue Situation behandelt
werden soll."

Der Kaiser athmete wie erleichtert auf.

"Hat der Knig Wilhelm die Forderung Benedetti's erfllt," fragte er.
"Ist dieser unangenehme und peinliche Fall erledigt?"

"Der Prinz von Hohenzollern, Sire," sagte der Herzog von Gramont, "hat
seine Candidatur zurckgezogen. Olozaga ist so eben bei mir gewesen, um
mir dies mitzutheilen und nach einem Telegramm von Benedetti hat der
Knig Wilhelm ihm ebenfalls die Verzichtleistung des Prinzen durch einen
Adjutanten mittheilen und erklren lassen, da er diese
Verzichtleistung autorisire."

"Ah," sagte der Kaiser mit zufriedenem Lcheln, "unser energisches
Auftreten hat also schnell seine Frchte getragen."

"Wie immer, Sire," sagte der Herzog mit dem Ausdruck stolzer
Befriedigung, "fr eine Macht wie Frankreich ist Energie und Festigkeit
immer die beste Politik, und ich freue mich von ganzem Herzen, da durch
unser Auftreten in dieser Sache nicht nur vor der Nation, sondern vor
ganz Europa der Beweis geliefert worden ist, da das Wort Frankreichs
noch nicht ungehrt verhalle, und da die Zeit beendet sei, in welcher
man glaubte, ohne unsere Zustimmung die groen und wichtigen
europischen Fragen entscheiden zu knnen. Das einfache Wort Eurer
Majestt hat gengt, um diese Combination des Grafen von Bismarck
scheitern zu lassen. Die Situation hat sich ungemein gnstig fr uns
verndert, denn wir haben alle europischen Cabinette fr uns, welche
smmtlich in der Thronbesteigung eines Hohenzollerschen Prinzen in
Spanien eine bedenkliche Gefahr fr die Ruhe und das Gleichgewicht
Europas erblickten. Es kommt nun nur darauf an, den Erfolg, den wir
errungen haben, vor den Kammern und der ffentlichen Meinung in das
richtige Licht zu stellen, damit alle die Feinde der Regierung sich
berzeugen, da das Kaiserthum noch gro und glnzend da steht, und da
Frankreich nach der langen Zurckhaltung, welche auf die Schlacht von
Sadowa folgte, wieder entschlossen ist, mit entscheidender Hand in die
Politik einzugreifen."

"Sehr gut, sehr gut," sagte der Kaiser, "das wird einen vortrefflichen
Eindruck machen. Wir haben da einen groen Schlag gethan, und zwar ohne
alle heftigen Verwickelungen und ohne da selbst unsere Beziehungen zu
Preuen irgend wie getrbt werden, denn Benedetti berichtet ja, da er
mit der grten Auszeichnung vom Knige Wilhelm behandelt worden sei.
Ich gratulire Ihnen, mein lieber Herzog, zu diesem ersten Debut als
Minister der auswrtigen Angelegenheiten. Es ist ein Triumph ohne Opfer,
und ich bin berzeugt, da einem solchen vortrefflichen Anfang immer
glnzendere Resultate folgen werden."

Er reichte dem Herzog die Hand, welche dieser, sich verbeugend, mit
strahlendem Lcheln ergriff.

"Es kommt nun darauf an," fuhr der Kaiser fort, "die Fassung der
Mittheilungen dieses so erfreulichen Ereignisses fr die Kammer und die
Journale fest zu stellen. Es thut mir leid, Sie wieder fort zu
schicken, aber ich glaube, Sie mssen sogleich nach Paris zurckkehren,
sich mit Ollivier darber zu verstndigen. Er ist ja Meister in der
Redewendung, setzen Sie mit ihm eine Erklrung auf, welche in solenner
Weise die ganze Angelegenheit beendet und ohne Preuen zu verletzen, im
Gegentheil mit anerkennendem Ausdruck fr die Weisheit und das
Entgegenkommen des Knigs Wilhelm, dennoch unsern Sieg in helles Licht
stellt."

"Ollivier," erwiderte der Herzog, "hat die Nachricht bereits privatim im
Corps legislatif verschiedenen Deputirten mitgetheilt, die Befriedigung
darber war allgemein."

"Um so besser," sagte der Kaiser, "wird morgen die feierliche Erklrung
aufgenommen werden. Ich bitte Sie also, dieselbe aufzusetzen und sie
mir, so bald Sie sie redigirt haben, mittheilen zu lassen--auf
Wiedersehen, lieber Herzog. Nachdem wir diesen Sturm beschworen haben,"
fgte er lchelnd hinzu, "hoffe ich, Sie auf einige Tage hier zu sehen,
um sich in lndlicher Ruhe von den Aufregungen der letzten Tage etwas zu
erholen."

Der Herzog empfahl sich Seiner Majestt und verlie immer das stolze
zufriedene Lcheln auf den Lippen das Cabinet.

Der Kaiser athmete erleichtert auf, blickte einen Augenblick schweigend
nach dem in immer tiefere Schatten versinkenden Park hinaus und ergriff
dann eine neue Cigarre, um sie anzuznden und sich abermals der durch
den Besuch seines Ministers unterbrochenen Trumerei zu berlassen.

Da ffnete sich schnell die Thr, General Fav erschien und sagte:

"Der sterreichische Botschafter bittet Eure Majestt, ihn empfangen zu
wollen."

Verwundert blickte der Kaiser auf.

"Metternich," sagte er, "zu dieser Stunde? Was kann er bringen?--bitten
Sie ihn, einzutreten."

Indem er seufzend seine Cigarre wieder fortlegte, ging er einige
Schritte dem Frsten Richard Metternich entgegen, den der General in das
Cabinet fhrte.

Der Sohn des groen Staatsmannes, welcher einst so lange die Geschicke
der sterreichischen Monarchie und ein wenig diejenigen von ganz Europa
in seinen Hnden gehalten hatte, war damals ungefhr zwei und vierzig
Jahre alt. Er war eine angenehme, sympathisch anmuthende Erscheinung,
die Flle seiner Gestalt that der elastischen Eleganz seiner Bewegungen
keinen Eintrag, sein etwas bleiches Gesicht, auf dessen hohe Stirn die
leicht gelockten, dnn gewordenen Haare herabfielen, war von einem
starken, lang hinab hngenden Backenbart umrahmt; seine edel
geschnittenen Zge zeigten den Ausdruck ruhiger und sorgloser
Heiterkeit, whrend seine geistvollen Augen zugleich scharf beobachtend
umher blickten. Heute aber lag auf diesem Gesicht eine gewisse unruhige
Aufregung--ernst erwiderte er die Begrung des Kaisers und sprach,
indem er sich auf den Wink desselben ihm gegenber setzte, mit leicht
erregter Stimme:

"Ich bitte Eure Majestt um Verzeihung, da ich es wage, noch in so
vorgerckter Abendstunde um Gehr zu bitten; aber die beunruhigenden
Nachrichten, welche die ganze politische Welt erfllen, machen es mir
zur Pflicht, mich unverzglich des Auftrages zu entledigen, welchen der
Graf Beust, der seine Badekur in Gastein verschoben hat, mir so eben
ertheilte."

Der Kaiser lchelte ein wenig, neigte leicht das Haupt und sprach:

"Sie wissen, lieber Frst, da Ihr Besuch mir zu jeder Zeit angenehm und
erfreulich ist, auch wenn Sie mir keine Mittheilung des Grafen Beust zu
machen htten. Der Besuch eines Freundes ist immer willkommen, und zu
meinen Freunden gehrt der Frst Metternich ebenso sehr als der
Botschafter des Kaisers von Oesterreich."

Der Frst dankte durch eine ehrerbietige Verneigung fr die freundlichen
Worte des Kaisers und fuhr dann in demselben ernsten Ton wie vorher
fort:

"Das gtige Wohlwollen Eurer Majestt, von welchem ich schon so viele
Beweise erhalten habe, und welches Sie so eben von Neuem auszusprechen
die Gnade haben, giebt mir die Hoffnung, da Sie auch dem, was ich Ihnen
zu sagen habe, ein gndiges und aufmerksames Ohr schenken werden. Sire,"
sprach er weiter, "die Regierung meines allergndigsten Herrn kann sich
der Besorgni nicht erwehren, da die Errterungen, welche zwischen
Frankreich und Preuen in diesem Augenblick ber die Hohenzollersche
Candidatur Statt finden, bei der hoch gehenden Aufregung der
Volksstimmung in Frankreich und bei dem Beginn einer hnlichen Aufregung
in Deutschland zu ernsten Conflicten und gefhrlichen Catastrophen
fhren mchte. Ich habe zu verschiedenen Zeiten zu meiner groen
Genugthuung Gelegenheit gehabt, Eurer Majestt gegenber zu constatiren,
da die politischen Interessen Frankreichs und Oesterreichs in allen
groen Fragen die gleichen seien, und da eine gleichmige Behandlung
aller dieser Fragen im Interesse beider Staaten liege. Die gleiche
Versicherung hat auch der Herzog von Gramont whrend seines Aufenthalts
in Wien bei jeder Gelegenheit von dem Reichskanzler selbst erhalten."

Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf.

"Graf Beust hat aber bei allen solchen Gelegenheiten," fuhr der Frst
Metternich fort, "dem Herzog gegenber auch ganz bestimmt betont, da
Oesterreich noch auf lange hinaus nicht in der Lage sei, an irgend einer
militairischen Action, selbst wenn dieselbe in seinem Interesse liegen
knnte, Theil zu nehmen, ohne dadurch die ruhige Entwickelung und damit
die Zukunft der sterreichischen Monarchie auf das Hchste zu gefhrden,
und da es dehalb fr die sterreichische Politik geboten sei, berall
und zu jeder Zeit zur Vermeidung von Conflicten beizutragen, welche
geeignet wren, kriegerische Consequenzen herbeizufhren. Der
_gegenwrtige_ Augenblick und die zwischen Frankreich und Preuen
schwebende Frage scheinen nun, wie ich zu bemerken die Ehre hatte, die
Befrchtung solcher Consequenzen sehr nahe zu legen, und ich bin dehalb
beauftragt, Eurer Majestt bestimmt zu erklren, da Oesterreich, wenn
aus dieser Hohenzollerschen Candidatur kriegerische Entwickelungen
entstehen sollten, nicht im Stande sei, in denselben irgend eine active
Rolle zu spielen und sich auf die Seite Frankreichs zu stellen."

Der Kaiser blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder, dann
sagte er.

"Mein lieber Frst, die Erklrung, welche Herr von Beust mir da durch
Sie abgeben lt, berrascht mich in ihrem allgemeinen Inhalt nicht,
dennoch scheint mir ihre bestimmte Wiederholung gerade in diesem
Augenblick nicht vollkommen mit der auch vom Grafen Beust anerkannten
Identitt der politischen Interessen Oesterreichs und Frankreichs
bereinzustimmen. Sollte ich jemals in einen ernsten Conflict mit
Preuen gerathen, so wrde, scheint es mir, der Augenblick gekommen
sein, in welchem jene Identitt der Interessen sich practisch zu
bethtigen htte,--wenn sie berhaupt irgend eine Bedeutung haben
soll,--und Oesterreich mte doch in der That mit Freuden eine solche
Gelegenheit begren, welche ihm die Mglichkeit bietet, ohne groe
eigene Gefahr das im Jahre 1866 Verlorene wieder zu gewinnen; von vorn
herein eine solche Gelegenheit ausschlieen zu wollen, scheint mir nicht
im Interesse Oesterreichs zu liegen, und wenn eine solche Erklrung
ffentlich abgegeben wird,--wenn sie auch andern Cabinetten bekannt
wird," fgte er mit scharfer Betonung hinzu, "so wird das sehr wenig
dazu beitragen knnen, die nachdrckliche Vertretung der Interessen
Frankreichs zu untersttzen."

"Sire," erwiderte der Frst Metternich, "nach meiner Ueberzeugung,
welche wie ich glaube auch diejenige des Grafen Beust ist, wrde es
allerdings Eventualitten geben, unter denen es fr Oesterreich
vortheilhaft, ja geboten erscheinen knnte, im Verein mit Frankreich
Preuen von der 1866 eroberten Stellung zurckzuwerfen,--eine solche
Eventualitt knnte aber nur dann eintreten, wenn einmal der _Grund_ des
Conflicts Oesterreich das Recht und die Mglichkeit gebe, in demselben
Stellung zu nehmen und wenn sodann die Aussichten des Erfolges
einigermaen sicher sind. In diesem Augenblick ist aber beides nicht der
Fall. Der einzige Kriegsgrund fr Oesterreich knnte in einem Eingriff
Preuens in die unabhngige Selbststndigkeit der Sddeutschen Staaten
liegen; bei einem solchen Kriegsgrund wrde ein groer Theil der
deutschen Nation auf Oesterreichs Seite stehen, und der Kampf wrde die
groen Fragen von 1866 wieder aufnehmen unter der Mitwirkung
Frankreichs, welche damals die Verhltnisse Eurer Majestt unmglich
machten. Gegenwrtig ist aber von einem solchen Kriegsgrunde nicht die
Rede, der Erbprinz von Hohenzollern ist ein deutscher Frst, und wenn
Preuen einen Krieg annehmen sollte, weil Frankreich sich der
Thronbesteigung eines deutschen Prinzen in Spanien widersetzt, so wrde
das Nationalgefhl sich auf die Seite Preuens stellen, und eine
Alliance Oesterreichs mit Frankreich wrde in diesem Falle nur dazu
beitragen, Oesterreich als den Nationalfeind Deutschlands vor dem Volk
erscheinen zu lassen, das heit, uns jede moralische Untersttzung zu
rauben, welche in einem solchen Kampf unumgnglich nothwendig ist.
Auerdem aber, Sire," fuhr er fort, "sind die Chancen des Erfolges, wie
es mir scheint, uerst unsicher. Unsere militairischen Vorbereitungen
sind nicht beendet, unsere Finanzen sind noch nicht geordnet, schon aus
diesem Grunde wrde Oesterreich zu einer nachdrcklichen Kriegfhrung
kaum im Stande sein--"

"Man wrde aber doch," fiel der Kaiser ein, "lediglich durch eine
drohende Haltung groe preuische Truppenmassen absorbiren."

"Auch das ist nicht mglich, Sire," sagte Frst Metternich seufzend,
"denn leider mu ich Eurer Majestt mittheilen, da von Seiten Rulands
uns deutlich zu verstehen gegeben worden, jede feindliche Bewegung
gegen Preuen werde sofort gleiche Schritte Rulands gegen unsere
Grenzen zur Folge haben. Damit wrde also unsere Drohung wirkungslos
gemacht und wir gezwungen werden, unsere disponiblen Truppen zur
Selbstvertheidigung an die russische Grenze zu schicken."

"Der Kaiser Alexander," fiel Napoleon ein, "hat sich aber doch
entschieden gegen die Hohenzollersche Kandidatur erklrt und versichert
auerdem den General Fleury unausgesetzt seiner Freundschaft und seiner
Sympathien gegen Frankreich."

"Das Alles wird nicht hindern, Sire," sagte der Frst Metternich, "da
wenn es wirklich zum Conflict kommt, Ruland sehr entschieden auf die
Seite Preuens treten und wenigstens ganz bestimmt Oesterreich
verhindern wird, irgend etwas zu unternehmen. Ich beschwre also Eure
Majestt," fiel er lebhafter sprechend fort, "glauben zu wollen, da
Oesterreich sich von der Liga der Neutralen nicht wird trennen
knnen--ich bitte Eure Majestt instndigst, in dieser ganzen Sache
keinen Schritt zu thun, der zu unheilbaren Conflicten fhren kann, denn
Eure Majestt wrden ganz isolirt sein und sich dem hoch aufgeregten
deutschen Nationalgefhl gegenber befinden, welches, von Preuen
organisirt, ein furchtbar gefhrlicher Gegner sein wird."

"Glauben Sie," sagte der Kaiser, den Blick scharf und forschend auf
Metternich richtend, "da das deutsche Nationalgefhl in Baiern und
Wrtemberg sich jemals fr Preuen wird erheben knnen, da man dort doch
einsehen mu, da wenn man unter preuischer Fhrung gegen Frankreich zu
Felde zieht, man fr immer die eigene Selbststndigkeit aufgiebt. Man
hat mir berichtet," sagte er, "da die Stimmung in jenen Staaten sehr
preuenfeindlich ist und Sie selbst, lieber Frst, haben mir frher
Aehnliches mitgetheilt. Sollte das Alles sich schnell ndern knnen?"

"Es wird sich ndern, Sire," sagte der Frst, "und hat sich zum Theil
schon gendert, und von Berlin aus wird mit groer Geschicklichkeit
gearbeitet, um der ffentlichen Meinung die Haltung Frankreichs
gegenber der Candidatur des Prinzen von Hohenzollern als eine der
ganzen Nation angethane Beleidigung darzustellen. Glauben mir Eure
Majestt, die Sddeutschen Staaten werden in dieser Frage mit Preuen
gehen--die Sddeutschen Frsten zunchst, sie haben im Jahre 1866
gesehen, wie unerbittlich Preuen mit seinen Feinden verfhrt, und um
sich von Neuem in einen Kampf einzulassen, mten sie eine groe
Coalition auf ihrer Seite sehen, welche ihnen Gewiheit des Sieges oder
wenigstens des Schutzes ihrer Throne gewhrt."

Der Kaiser versank in schweigendes Nachdenken.

Frst Metternich sah ihn in tiefer Bewegung an. Seine groen, klaren und
ausdrucksvollen Augen verschleierten sich mit einem leichten
Thrnenschimmer und mit dem Ausdruck inniger Ueberzeugung sprach er:

"Eure Majestt haben die Gnade gehabt, die Gefhle der tiefen
persnlichen Ergebenheit, welche ich fr Allerhchstdieselben hege,
anzuerkennen und mich Ihren Freund zu nennen. Erlauben Sie mir, Sire,
jetzt nachdem der Botschafter von Oesterreich gesprochen, auch als
treuer und ergebener Freund zu sprechen. Ich wei sehr gut," fuhr er
fort, "da die Strmung der ffentlichen Meinung Frankreichs in diesem
Augenblick zum Kriege treibt, und ich wei ebenso gut, Sire, da viele
Personen in Ihrer Umgebung--in Ihrer nchsten und unmittelbaren
Umgebung," fgte er mit Betonung hinzu, "sich die angelegentlichste Mhe
geben, jene Richtung der ffentlichen Meinung zu untersttzen und Eure
Majestt in gefhrliche Unternehmungen hineinzudrngen, welche nach
meiner innigsten Ueberzeugung in diesem Augenblick nur zum Unglck
Frankreichs und zum Unglck Eurer Majestt ausschlagen knnen. Preuen
ist furchtbar gerstet, Deutschland wird in dieser Hohenzollernschen
Frage hinter Preuen stehen und die Eurer Majestt feindlichen Parteien
in Frankreich, welche sich augenblicklich vor dem Plebiscit
zurckgezogen haben, warten nur auf den Augenblick eines Mierfolges im
Kriege, um sich von Neuem zu erheben und einen entscheidenden Schlag
gegen das Kaiserreich zu fhren. Ebenso wie man in Italien nur darauf
wartet, sich Roms zu bemchtigen. Allen diesen Gefahren gegenber werden
Eure Majestt isolirt da stehen, keine der europischen Mchte wird sich
Frankreich in dieser Frage zur Seite stellen, und ich bitte Eure
Majestt, zu glauben, da die Erklrung, die ich Ihnen als Botschafter
gegeben, unbedingte Wahrheit ist. Der Frst Metternich giebt Ihnen sein
Wort darauf. Oesterreich wird nicht fr Eure Majestt Partei nehmen,
weil es das nicht thun kann, in dieser Frage am allerwenigsten thun
kann, und selbst wenn der Graf Beust, selbst wenn der Kaiser dazu
geneigt sein sollten, wie der Herzog von Gramont vorauszusetzen scheint,
so wird diese Neigung vor dem Widerstande des Grafen Andrassy erfolglos
bleiben. Der Graf Andrassy vertritt Ungarn, und Ungarn will keinen Krieg
mit Deutschland, da auch der gnstige Ausgang desselben nur dahin
fhren knnte, die dominirende Stellung des deutschen Elements im
Kaiserstaate wieder zu befestigen, ohne Ungarn aber, ohne diese
wichtigste militairische Hlfsquelle Oesterreichs ist jede Action fr
uns unmglich--ich bitte Eure Majestt," fuhr er fort, "dies als ganz
gewi anzunehmen,--Graf Andrassy hat hohe Verehrung vor Eurer Majestt
und tiefe Sympathie fr Frankreich. Tuschen sich aber Eure Majestt
nicht ber die Bedeutung von Aeuerungen, welche diese seine Gefhle ihm
eingegeben haben knnen. Unter andern Umstnden, wenn Frankreich
vielleicht mit Italien in Conflikt geriethe, wrde Oesterreich bei einer
franzsischen Alliance auf die Untersttzung Ungarns rechnen
knnen,--gegen Deutschland niemals,--am allerwenigsten in einer Frage,
in welcher kein Vertragsrecht Oesterreichs Intervention zur Seite steht.
Eure Majestt," fuhr er mit tief, eindringendem Tone fort, "kennen meine
aufrichtige und liebevolle Ergebenheit fr Ihre Person, Eure Majestt
haben mir Gelegenheit gegeben, die edlen Eigenschaften Ihres Herzens
ebenso sehr zu erkennen und zu bewundern, als die Klarheit und die
berlegene Schrfe Ihres Geistes--es ist die tiefe Ergebenheit, die
aufrichtige Liebe fr Eure Majestt, welche mir die Worte in den Mund
legt, die ich Ihnen jetzt zu sagen mir erlaube. Hren Eure Majestt die
Bitte eines Freundes, welche ich ohne Rcksicht auf meine Eigenschaft
als Botschafter Oesterreichs aus treu besorgtem Herzen an Sie richte.
Treiben Sie, Sire, diese Sache nicht weiter, betreten Sie den
gefahrvollen Weg nicht, auf welchen man Sie drngen mchte und an dessen
Ende kaum ein glcklicher Ausgang zu erwarten ist."

Der Frst schwieg.

Der Kaiser beugte sich vor, reichte ihm mit einem liebenswrdigen
Lcheln die Hand, indem zugleich ein warmer Strahl seinen freien Blick
erleuchtete.

"Ich danke Ihnen, mein lieber Frst," sagte er, "fr die Aufrichtigkeit
und den Eifer, mit welchem Sie mir Ihre Ueberzeugung ausgesprochen und
Ihren Rath ertheilt haben. Ihre Gesinnungen fr mich machen mich
stolz,--doch," sagte er dann, "Sie beunruhigen sich ohne Noth, die
Besorgnisse, welche gestern noch bestehen konnten, existiren heute nicht
mehr, der Prinz von Hohenzollern hat seine Candidatur zurckgezogen."

Frst Metternich athmete erleichtert auf.

"Ich hrte davon im Augenblick meiner Abfahrt in Paris," sagte er. "Ist
die Nachricht bereits offiziell angekommen?"

"Olozaga," sagte der Kaiser, "hat die Mittheilung im Auftrage der
spanischen Regierung an den Herzog von Gramont gemacht, und somit
scheint mir die Angelegenheit erledigt. Die Verzichtleistung des Prinzen
wird morgen in den Kammern mitgetheilt werden, und die europische
Diplomatie," fgte er lchelnd hinzu, "kann wieder ruhig baden und
Brunnen trinken."

Der Frst Metternich schwieg einen Augenblick, als zgerte er, einen
Gedanken auszusprechen, der ihn beschftigte.

"Sire," sagte er dann, "die extreme Kriegspartei wird vielleicht nach
Andeutungen, die ich hier und da gehrt habe, mit der Lsung der Frage
noch nicht zufrieden sein, da sie gehofft hat, jetzt endlich mit ihren
Ideen durchzudringen. Man wird von Neuem die Stimmung zu reizen und
aufzuregen suchen, und da, wie ich wei, auch in Deutschland bereits die
Geister sich zu entflammen beginnen, so knnte leicht irgend ein
Incidenzfall eintreten, der die Beruhigung Europa's von Neuem in Frage
stellt. Ich bitte, Eure Majestt, aus der Erklrung, welche den Kammern
gegeben werden soll, jede provocirende und verletzende Aeuerung gegen
Preuen fern halten zu lassen, damit ein fr allemal alle
Auseinandersetzungen ber den Gegenstand aufhren. Graf Bismarck," fuhr
er fort, "hat bis jetzt alle Conflikte zu vermeiden gesucht, einen
gnstigeren Kriegsfall als in diesem Augenblick knnte er aber kaum
finden, und man mu ihn nicht in die Versuchung fhren, durch einen
groen Aufschwung des Nationalgefhls aus der Waffenbrderschaft aller
deutschen Staaten ein neues deutsches Reich zusammen zu schmieden."

Der Kaiser lchelte.

"Seien Sie ganz ruhig, mein lieber Frst," sagte er, "ich habe Gramont
den Auftrag ertheilt, mit Ollivier eine definitive Erklrung ber die
Beendigung der ganzen Sache an die Kammer zu redigiren, und morgen um
diese Stunde wird jede Besorgni fr die Strung des Friedens
verschwunden sein."

Frst Metternich stand auf.

"Ich verlasse Eure Majestt mit erleichtertem Herzen und bitte um die
Erlaubni, sogleich nach Paris zurckkehren zu drfen, um das so
erfreuliche Resultat dieser Unterredung nach Wien melden zu knnen."

"Meine herzlichsten Empfehlungen der Frstin," sagte der Kaiser, "ich
hoffe, Sie Beide in den nchsten Tagen hier zu sehen."

Er drckte dem Frsten die Hand und begleitete ihn einige Schritte nach
der Thr hin.

"Durch die Beseitigung der Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern,"
sprach er leise, als er allein war "soll das Prestige Frankreichs wieder
hergestellt sein, sagt man mir,--sehr gut, wenn die ffentliche Meinung
dies glaubt. Leider," fuhr er seufzend fort, "ist es nicht der Fall,
jenes Prestige besteht in Wahrheit nicht mehr. Denn wenn es bestnde, so
wrde sterreich nicht zgern, in diesem Augenblick frei und offen auf
die Seite Frankreichs zu treten und die Suprematie des Hauses Habsburg
in Deutschland wieder zu erringen. Man glaubt nicht mehr an die Macht
Frankreichs, und auch meine besten Freunde nicht,--auch Metternich
nicht, der wirklich mein Freund ist. Das Ansehen Frankreichs, so wie es
frher war, wieder herzustellen, gbe es nur ein Mittel, und dies Mittel
wre der Sieg--aber," sagte er dster vor sich hin starrend, "wo ist die
Hand, welche den Sieg mit Sicherheit erkmpfen knnte,----wenn er mir
entginge----"

Er versank, die Augenbrauen finster zusammengezogen, in tiefes Sinnen.

"Meine Gemahlin wird nicht zufrieden sein," sagte er dann, "ber die so
friedliche Lsung--sie glaubt an den Sieg--ich will ihr selbst die Sache
sogleich mitteilen, damit sie vorsichtig in ihren uerungen ist und die
Kriegspartei nicht durch hingeworfene Worte ermuthigt."

Er verlie sein Cabinet und begab sich nach den Gemchern der Kaiserin.

Der Huissier ffnete die Thr.

Der Kaiser durchschritt das Vorzimmer und trat in den Salon, an dessen
Schwelle ihn die Kaiserin empfing.

Napoleon blieb einen Augenblick erstaunt stehen, denn hinter seiner
Gemahlin, deren Gesichtszge eine lebhafte Erregung ausdrckten, sah er
neben dem, von groen Fauteuils umgebenen, mit Albums aller Art
bedeckten Tisch in der Mitte des Salons den Baron Jrome David und den
Herzog von Gramont.

Der Baron Jrome David, der Fhrer der entschiedensten Anhnger des
Kaiserreichs im Corps legislatif, war ein Mann von etwa fnfzig Jahren
von krftiger, schlanker Gestalt; sein auf einem kurzen Halse sich
erhebender Kopf hatte scharf markirte, von energischer Willenskraft und
etwas colerischem Temperament zeugende Gesichtszge; das dunkle volle
Haar war ber der niedrigen Stirn leicht gekruselt; unter
hochgeschwungenen Augenbrauen blickten groe, etwas hervorstehende Augen
hervor, deren etwas stechender Blick fast immer den Ausdruck zorniger
und unruhiger Erregung hatte; die etwas abgestumpfte starke Nase, die
hoch aufgedrehten Spitzen des dunklen Schnurrbarts und das mchtig
hervorspringende Kinn lieen seinen Gesichtsausdruck in der Erregung
einer lebhaften Conversation fast herausfordernd erscheinen.

Der Kaiser trat langsam in den Salon und wandte sich mit einer Miene, in
welcher eben so viel Erstaunen, als Unzufriedenheit lag, an den Herzog
von Gramont.

"Ich htte nicht erwartet, Sie noch hier zu finden, Herr Herzog," sagte
er, ohne die Hflichkeit und den verbindlichen Ton, die ihm sonst eigen
war.

"Ich glaubte Sie schon in Paris, um mit Ollivier jene Erklrung zu
verabreden, ber welche wir vorher gesprochen haben."

"Der Herzog," fiel die Kaiserin schnell ein, "wollte vor seiner Rckkehr
mich begren, und mir zugleich die Nachricht von der Verzichtleistung
des Prinzen von Hohenzollern bringen. Ich habe ihn noch zurckgehalten,
um ihm Gelegenheit zu geben, die Mittheilungen anzuhren, welche der
Baron Jrome David mir so eben ber die Stimmung in Paris und in den
Kreisen der Deputirten gemacht hat, und welche vielleicht von einigem
Einflu auf die Entschlieungen sein knnten, die man in diesem
Augenblick zu fassen hat."

Der Kaiser verneigte sich leicht gegen den Baron Jrome David und sagte
immer noch in demselben strengen Ton seiner Stimme.

"Und welche Mittheilungen haben Sie der Kaiserin gemacht, Baron?"

Er reichte seiner Gemahlin die Hand, fhrte sie zu einem der neben dem
Tisch stehenden Sessel und setzte sich an ihre Seite, den Blick mit
gespannter Aufmerksamkeit auf den Baron richtend.

"Sire," sagte dieser, "ich habe mir erlaubt, der Kaiserin
mitzutheilen,--und wrde im nchsten Augenblick mich bei Eurer Majestt
haben melden lassen, um auch Ihnen mitzutheilen,--da die Nachricht von
der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf seine Candidatur
in Spanien, welche heute Abend in Paris bekannt wurde, unter den
Deputirten und in den journalistischen Kreisen durchaus nicht den
befriedigenden und beruhigenden Eindruck gemacht hat, welchen ich bei
dem Herzog von Gramont gefunden, also auch bei Eurer Majestt
voraussetzen mu."

"Nun," sagte der Kaiser, den Baron fragend und erstaunt anblickend, "die
Sache ist doch erledigt, jene Candidatur ist verschwunden,----vor der
Intervention Frankreichs verschwunden,--ich begreife nicht,----"

"Niemand in Frankreich, Sire," fiel der Baron Jrome David rasch und
lebhaft ein, "hat jemals dem jungen Prinzen von Hohenzollern es
verdacht, da er ein Abenteuer unternehmen wollte, bei welchem der
Ehrgeiz eines thatkrftigen Mannes seine Rechnung finden
knnte.--Niemandem ist es eingefallen, die spanische Nation in der
freien Wahl ihres Knigs zu beschrnken, die Besorgni und die
Entrstung Frankreichs ber diese Combination hatte nur darin ihren
Grund, da die Hohenzollernsche Candidatur ein Werk der preuischen
Politik war, da diese Combination in Berlin vorbereitet und vom Knige
von Preuen feierlich genehmigt wurde, ohne da man sich mit Frankreich,
das doch so nahe und so unmittelbar dabei interessirt ist, auch nur
darber in Vernehmen gesetzt htte. Das ist eine Nichtachtung der
franzsischen Wrde und auerdem eine Bedrohung unserer Interessen durch
die offen kund gegebene Absicht an unserer Sdgrenze eine Macht
aufzurichten, welche bei jeder Gelegenheit die preuische Politik gegen
uns zu untersttzen bestimmt sein sollte. Wenn nun der Prinz von
Hohenzollern einfach seine Candidatur zurckzieht, so ist Frankreich
dadurch keine Genugtuung gegeben, vor allen Dingen aber auch keine
Sicherheit, da die Combination, welche heute gescheitert ist, nicht
jeden Augenblick wieder aufgenommen werden knne, wenn die europische
Constellation derselben vielleicht gnstiger sein mchte und Preuen die
Aussicht htte, Alliirte in einem Conflikt mit uns zu finden.--Ohne eine
Genugthuung fr unsere Wrde, ohne eine Sicherstellung unserer
Interessen fr die Zukunft aber,"--fuhr er laut mit entschiedenem Tone
fort, "wird die ffentliche Meinung sich nicht beruhigen die bloe
einfache Anzeige der Zurckziehung der Candidatur des Prinzen Leopold
wird im Corps legislatif eine sehr ungnstige Aufnahme finden, und wenn
die Regierung sich damit begngt, so wird man das allgemein als ein
Zeichen groer Schwche ansehen, und das so lebhaft erregte
Nationalgefhl wird sich auf das Entschiedenste gegen Eure Majestt
wenden, zum groen Schaden fr den Nimbus des Kaiserreichs, welcher erst
so eben durch das Plebiscit wieder hergestellt worden ist."

"Aber welche Genugthuung, welche Garantien," fragte der Kaiser,
"knnten denn gegeben werden?"

Die Kaiserin unterdrckte mhsam ihre innere Erregung, whrend sie ihr
Spitzentaschentuch in der Hand zusammenprete.

"Sire," antwortete Jrome David, "die Beleidigung Frankreichs bestand
darin, da ber die Hohenzollernsche Combination von Preuen keine
Mittheilung an Frankreich gemacht wurde. Die Frage fr die Zukunft
besteht darin, da jene heut zurckgezogene Candidatur jeden Augenblick
wieder aufgenommen werden kann,--dem entsprechend mu die Genugtuung und
diese Garantie gefordert werden. Die Genugthuung mu meiner berzeugung
darin bestehen, da der Knig von Preuen Eurer Majestt anzeigt, er
habe dem Prinzen befohlen und--zwar mit Rcksicht auf die Intervention
Frankreichs--von seiner Bewerbung um den spanischen Knigsthron Abstand
zu nehmen. Die Garantie mu darin bestehen, da der Knig weiter
erklrt, er werde auch in der Zukunft niemals erlauben, da der Prinz
auf jene Candidatur zurckkomme. Wenn der Kammer eine solche Erklrung
vorgelegt wird, so wird der Eindruck ein tiefer und befriedigender sein,
jeder andere Abschlu der Sache wird dem Nationalgefhl nicht gengen
und dasselbe, wie ich wiederholen mu, gegen Eure Majestt und die
kaiserliche Regierung richten."

Der Kaiser strich langsam mit der Hand ber seinen Bart, dann richtete
er den Blick fragend auf den Herzog von Gramont.

"Sire," sagte dieser, "ich kann den Bemerkungen des Herrn Baron David
die innere Berechtigung nicht absprechen, vor Allem aber mu derselbe
die Stimmung im Corps legislatif am allerbesten und genauer kennen, als
ich; und das Ziel, nach welchem bei der Behandlung dieser ganzen
Angelegenheit gestrebt werden mu, ist ja doch jedenfalls die Bestrkung
des Ansehens der kaiserlichen Regierung. Nachdem die Sache so weit
gediehen ist, drfen wir nach meiner Ansicht mit keiner Halbheit
abschlieen, sondern mssen wirklich den als vollgltig anerkannten
Beweis liefern, da man die Wrde Frankreichs nicht ungestraft
beleidigen, seine Interessen nicht ungestraft gefhrden knne."

"Nur ein solcher Beweis, ber alle Zweifel und Mideutungen erhaben,"
fiel der Baron Jrome David lebhaft ein, "wird das Corps legislatif und
die ffentliche Meinung von ganz Frankreich beruhigen."

Der Kaiser sank seufzend in sich zusammen.

"Ich war so zufrieden, diese Angelegenheit endlich beendet zu wissen,"
sagte er leise.

Die Kaiserin zuckte fast unmerklich die Achseln, ein Blitz sprhte aus
ihren Augen.

"Glauben Sie denn," sagte Napoleon sich zum Herzog von Gramont wendend,
"da eine solche Erklrung, wie sie der Baron fr nthig hlt, zu
erreichen und schnell zu erreichen mglich sei, damit diese Sache nicht
noch mehr in die Lnge gezogen werde und die ffentliche Meinung sich
immer mehr echauffire."

"Ich bin berzeugt, Sire," sagte der Herzog, "da nichts leichter sein
wird, als eine solche definitive Erklrung zu erlangen, um so mehr, wenn
man die Form whlt, welche der Baron David so eben schon angedeutet hat,
die Form eines persnlichen Briefes des Knigs Wilhelm an Eure Majestt
und sich damit gewiermassen auf den vom Knige selbst eingenommenen
Standpunkt stellt, da diese ganze Angelegenheit ihn nur persnlich als
Chef seines Hauses berhre und die preuische Regierung als solche
nichts angehe. Wenn Benedetti, der ja dem Knige eine angenehme und
sympathische Person ist, in der ihm eigenen geschickten Weise die Sache
dort darstellt, so bin ich berzeugt, da der Knig keinen Augenblick
zgern wird, einen Brief an Eure Majestt zu schreiben, der die
geforderte Erklrung enthlt und den man ja dann nachher der
ffentlichen Meinung in Frankreich dennoch als einen Act der preuischen
Regierung wird darstellen knnen. Denn," fgte er lchelnd hinzu, "diese
ffentliche Meinung kann sich nicht zu dem subtilen Unterschied erheben,
welchen Seine preuische Majestt zwischen seinen beiden Eigenschaften
als Familienchef und Staatsoberhaupt zu machen sich gefllt."

"Die Sache mte aber durchaus," sagte der Kaiser, "in aller
vorsichtigster und vershnlichster Weise behandelt werden, damit ja kein
ernster Conflict daraus entsteht."

"Und wenn ein solcher Conflict daraus entstnde," rief die Kaiserin,
welche ihre innere Erregung nicht lnger bemeistern konnte, "wollen wir
davor zurckschrecken? Soll Frankreich, welches in der Krim und in
Italien gesiegt hat, welches die Adler des groen Kaisers auf seinen
Fahnen trgt, sich von einem Wege abschrecken lassen, welchen das Recht
und die Ehre, die Klugheit, ja die politische Nothwendigkeit
vorschreibt, aus Besorgni, da der Widerstand der Gegner auf diesem
Wege kriegerische Verwickelungen entstehen lassen knnte? Unsere Armee
ist im herrlichsten Zustand, sie brennt vor Ungeduld, zu zeigen, da sie
noch immer die erste in Europa ist."

"Was sagt der Marschall Leboeuf," fragte der Kaiser den sinnenden,
sorgenvollen, nachdenklichen Blick auf den Herzog von Gramont gerichtet.

"Der Marschall erklrt, so bereit zu sein, als nur immer mglich,"
erwiderte der Herzog, "er wird Eurer Majestt ohne Zweifel den Beweis
darber liefern--"

"Auch sind wir der thtigen Mitwirkung sterreichs sicher," rief die
Kaiserin, "um dieses bermthige Preuen von zwei Seiten zu fassen und
ihm zu zeigen, was es heit, Frankreich zu beleidigen."

"sterreich," sagte der Kaiser, abermals fragend den Blick auf den
Herzog von Gramont richtend, "glauben Sie, da wir auf sterreich
rechnen knnen--Frst Metternich sagt das Gegentheil wie Sie wissen
werden," fgte er mit scharfer Betonung hinzu.

"Sire," sagte der Herzog lchelnd, "Frst Metternich sagt, was er sagen
soll, und was man fr die offizielle Constatirung der Haltung
sterreichs nthig zu haben glaubt. Wenn wirklich, was ich in keiner
Weise glaube, aus der Behandlung der schwebenden Angelegenheit ein
ernster Conflict erwachsen sollte, so wird allerdings sterreich im
ersten Augenblick eine neutrale abwartende Stellung einnehmen, schon
weil der russische Einflu lhmend auf seinen Entschlssen lastet. Nach
den ersten Niederlagen der preuischen Armee aber"--

"Die sehr schnell kommen werden," rief die Kaiserin.

"Nach diesen ersten Niederlagen, Sire," fuhr der Herzog fort, "wird
sterreich aus seiner Reserve hervortreten. Dann wird auch in Ruland
die ganze franzsisch gesinnte Partei mchtig werden, und der
vorsichtige Frst Gortschakoff wird nicht wagen, sich diese Partei und
das siegreich vorschreitende Frankreich zu gleicher Zeit zu Feinden zu
machen. Dann, Sire, wird der Augenblick gekommen sein, in welchem
Preuen isolirt von zwei Seiten gefat, von seiner Hhe herabgestrzt
werden wird. Das Werk von 1866 wird in Trmmer sinken, und wir werden es
in unserer Hand haben, Deutschlands politische Organisation so zu
construiren, wie es fr unsere Interessen genehm ist, und zugleich fr
Frankreich diejenigen Gebiete zurck zu nehmen, welche man uns in der
Zeit des groen nationalen Unglcks entrissen hat."

Die Augen des Kaisers leuchteten einen Augenblick in freudigem Stolz
auf. Er erhob sein Haupt, als she er die Bilder der Zukunft, welche der
Herzog andeutete, vor seinem Blick aufzeigen. Dann aber lie er den Kopf
wieder matt herabsinken und sprach:

"Dazu gehren zwei gewonnene Schlachten--und wer giebt mir die
Brgschaft, da sie gewonnen werden? Gewonnen ber eine Armee, von
welcher mir der Oberst Stoffel schreibt, da keine andere in Europa ihr
gleich kommt an innerer moralischer Kraft, an Intelligenz und an
einheitlicher Organisation."

"Der Oberst Stoffel," sagte der Herzog von Gramont, whrend die Kaiserin
zornig mit den schnen Zhnen auf die Lippen bi, "ist ein wenig
geblendet durch die persnlichen Eigenschaften des Grafen Bismarck,
durch die Liebenswrdigkeit, mit welcher man ihn dort behandelt--er
sieht auerdem nur die Garde und nicht die Linien und die Milizen in den
Provinzen, welche nur zgernd und widerwillig in den Krieg ziehen--"

"Das hat das Jahr 1866 nicht bewiesen," sagte Napoleon,--"auch beweisen
die Berichte des Oberst Stoffel, da er sehr genau ber die ganze
militairische Organisation in Preuen unterrichtet ist, da er
namentlich auch die Landwehrorganisation und die ausgezeichneten
Eigenschaften des preuischen Generalstabs sehr genau kennt--"

"Vielleicht aber hat er vergessen," sagte die Kaiserin heftig, "da dem
Allen gegenber die feurige und unwiderstehliche Tapferkeit der
franzsischen Armee steht--"

"Und das," fiel der Baron Jrome David ein, "in einem solchen Kriege der
gewaltig aufflammende Nationalgeist Frankreichs hinter seiner Armee
stehen wrde, ebenso wie dies in den groen Kriegen Napoleon's I der
Fall war. Dieser Geist des Volks ist unbeweglich und," fgte er hinzu,
"wenn er richtig geleitet wird, so wird bei dieser Gelegenheit eine neue
gewaltige Macht zur Alliirten des Kaiserthums gemacht werden knnen."

Der Kaiser sah ihn fragend an.

"Diese Macht, Sire," sagte der Baron Jrome David, "ist die
Marseillaise, die Marseillaise, Sire, welche man verboten hat, weil sie
ein Gesang des Aufruhrs geworden, die man aber darum nicht aus dem
Herzen der Franzosen hat reien knnen. Wrde man bewirken knnen, da
die Marseillaise aufhrte, ein Gesang der Revolution zu sein, da sie
das Kriegslied der franzsischen Nation wrde, da unter ihren Klngen
die kaiserlichen Adler den Feinden entgegen getragen wrden, so wrde
das Kaiserreich und Eurer Majestt Dynastie von dem zauberisch
gewaltigen Hauch dieses groen Nationalhymnus auf eine vorher nie
geahnte Hhe empor getragen werden. Eine franzsische Armee, Sire,
welche unter den Klngen der Marseillaise ins Feld rckte, wrde alle
Combinationen des preuischen Generalstabs zertrmmern und die
preuischen Landwehren in unaufhaltsamer Flucht vor sich her fegen."

Die Kaiserin blickte gespannt auf ihren Gemahl.

Napoleon schttelte langsam und schweigend das Haupt.

"Und wenn dann, Sire," fuhr der Baron David fort, "die franzsische
Armee siegreich zurckkehrte, so wre der Revolution ihre Zauberformel
genommen, und die Marseillaise wrde aus einem wilden Revolutionsgesang
ein kaiserlicher Siegeshymnus geworden sein."

Abermals leuchteten die Augen des Kaisers auf, seine Brust dehnte sich
mit einem tiefen Athemzug aus, und er sprach nach einem Augenblick:

"Wir debattiren da ber den Krieg, zu dem es nicht kommen wird--zu dem
es nicht kommen soll," fgte er mit fester Stimme hinzu. "Doch in Ihrer
Bemerkung, mein lieber Baron, liegt eine tiefe Wahrheit, und ich danke
Ihnen fr die Idee, welche Sie mir gegeben. Je mehr man in Frankreich an
die Mglichkeit eines Krieges glaubt, um so hher wird der Triumph
sein, wenn man ohne denselben dem Nationalgefhl volle Genugtuung
schafft. Die Gelegenheit ist gnstig, um die Zaubermacht der
Marseillaise ber die Franzosen, welche ich kenne und nach ihrem vollen
Werth schtze, zu einer mchtigen Waffe des Kaiserreichs zu machen. Ich
werde den Befehl geben, da man die Marseillaise erlaubt, bewirken Sie,
da man sie singt, da man sie in den Theatern verlangt--das Plebiscit,
die Marseillaise und ein diplomatischer Erfolg gegen Preuen--das wird
ein festes Fundament fr den Thron Napoleon's IV--das wird die Krnung
meines Gebudes sein. Senden Sie also sogleich," sagte er zum Herzog von
Gramont gewendet, "den Befehl an Benedetti, die besprochene Erklrung
vom Knige von Preuen zu erbitten, aber in der geschmeidigsten und
sanftesten Form; er mu sie zu erreichen suchen, ohne da man dort der
Sache eine zu groe Bedeutung beilegt. Er wird das knnen, wenn er den
Schritt, den wir vom Knige von Preuen verlangen, demselben als eine
Untersttzung darstellt, die er mir zur Beruhigung der ffentlichen
Meinung gewhrt--dann wird sich Alles leicht erledigen."

Die Kaiserin trat leicht mit dem Fu auf den Boden, ein Zug fast
hhnischen Unmuths erschien auf ihrem Gesicht, dann aber lchelte sie
wieder und lehnte sich schweigend in ihren Fauteuil zurck.

"Der Baron Werther kommt heute von Ems zurck, Sire," sagte der Herzog
von Gramont, "ich werde ihm, nachdem ich die Instructionen an Benedetti
abgesendet, die Sache ganz in dem von Eurer Majestt gegebenen Sinn
darstellen, und er wird gewi dazu beitragen, die so wnschenswerthe,
baldige und befriedigende Erledigung der Sache zu erreichen."

"Thun Sie das, Herr Herzog," sagte der Kaiser, "und vergessen Sie nicht,
Benedetti die uerste Vorsicht und die hflichste Geschmeidigkeit
anzuempfehlen."

"Und ich, Sire," sagte der Baron Jrome David, "werde dafr sorgen, da
morgen in Paris die Marseillaise erklingt,--man wird sich in Berlin
erinnern, da es gefhrlich ist, Frankreich entgegenzutreten, wenn
dieses Lied ber seinen Heeren schwebt, und wenn die Tricolore und die
kaiserlichen Adler seinen Regimentern vorangetragen werden."

Beide Herren verlieen nach ehrerbietigem Gru gegen die Majestten das
Cabinet.

"Nun," sagte der Kaiser, indem er aufstand und sich lchelnd zur
Kaiserin wandte, "Sie werden jetzt zufrieden sein, Eugenie, wir werden
einen groen Triumph erleben, ohne uns der Gefahr eines Krieges
auszusetzen, und Sie werden endlich die Genugthuung haben, die Politik
dieses Grafen Bismarck ein wenig gedemthigt zu sehen. Werden Sie heute
Abend noch empfangen?"

"Nur meinen kleinen Cirkel," antwortete die Kaiserin leicht hin und
etwas zerstreut, als folge sie Gedanken, die unausgesprochen ihr Inneres
erfllten.

"Ich bin ermdet," sagte der Kaiser, "und bitte Sie, mich zu
entschuldigen, ich mchte ein wenig meine Privatcorrespondenz ordnen,
die ich in den letzten Tagen etwas vernachlssigt habe."

Er kte seiner Gemahlin die Hand und kehrte langsam in seine Gemcher
zurck.

"Welche Schwche, welche Unschlssigkeit!" rief die Kaiserin, als sie
allein war. "Er mchte die Frchte des Sieges genieen und will doch den
Kampf nicht wagen. Nun," fuhr sie mit flammendem Blick und einem
stolzen, fast hhnischen Lcheln fort, "die Verhltnisse werden
mchtiger sein, als er; sie werden ihn ber den Rubicon drngen, den er
nicht wie Csar zu berschreiten wagt. So sehr der Knig von Preuen
auch den Frieden zu erhalten wnschen mag, seine Geduld wird sich
endlich erschpfen, wenn Forderung auf Forderung an ihn gestellt wird,
und wenn man in Paris erst die Marseillaise singt, wenn die Presse und
die Tribne in immer steigendem Ma das Nationalgefhl erhitzen, so wird
trotz aller Unschlssigkeit der Krieg kommen--dieser Krieg, der mein
Krieg ist, den man mir einst danken wird, der mich in den Augen von ganz
Frankreich zur wahren Franzsin machen wird, der nothwendig ist, um
meinem Sohn den Thron zu sichern, meinem Sohn, den ich hinaus senden
werde, um auf den Schlachtfeldern gegenwrtig zu sein,--wo man ihn
niemals gesehen hat, diesen anmaenden Prinzen Napoleon, welcher es zu
behaupten wagt, da in den Adern seiner Nachkommenschaft allein das Blut
des groen Kaisers fliee, und welcher so stolz darauf ist, da seine
Mutter und die Mutter seiner Kinder purpurgeborne Prinzessinnen
waren.--Die Stunde der Entscheidung naht--sie wird den Sieg bringen--und
dieser Sieg wird Mein sein!"

Sie stand noch einige Augenblicke schweigend, den strahlenden Blick
auswrts gerichtet, die schnen Zge verklrt von stolzer Zuversicht.

Dann bewegte sie die Glocke.

"Man soll den Thee serviren," befahl sie dem Kammerdiener, "ich lasse
meine Damen und die Herren vom Dienst bitten, einzutreten."




Achtes Capitel.


Die Morgenpromenade in Ems war beendet. Langsam und nachdenklich
kehrte Graf Benedetti nach seiner Wohnung in der Stadt Brssel zurck.

Sein Kammerdiener bergab ihm zwei fr ihn eingegangene Depeschen.
Benedetti trat in sein Zimmer, und reichte seinem Secretair, welcher ihn
erwartete die beiden Telegramme. Dieser zerri hastig die Umschlge und
ffnete den groen Folioband, der den Chiffre des Botschafters enthielt,
um die Depeschen zu dechiffriren.

Hier in seinem Zimmer verschwand von dem Gesicht Benedetti's jene
gleichgltige, hfliche, freundliche und undurchdringliche Ruhe, welche
sonst Alles verhllte, was in seinen Gedanken vorging. Heftig bewegt
schritt er auf und nieder, sein blasses Gesicht zuckte in nervser
Aufregung und seine sonst so klaren, unzerstrbar, heiteren Augen
blickten trbe und sorgenvoll vor sich hin.

"Welch eine furchtbare Verantwortung liegt auf meinem Haupt," sagte er,
"ich fhle, da der Faden der Unterhandlungen mir entschlpft, weil man
ihn in Paris so scharf anzieht, da es in der That kaum mehr mglich ist
ein anderes Ende, als den Bruch vorherzusehen--den Bruch--das heit
einen Krieg, wie er seit Generationen Europa nicht erschttert hat; das
heit ein Meer von Blut, das heit, die Zerstrung so vieler Gter,
welche der Flei und die Arbeit langer Jahre geschaffen haben.

Was will man in Paris?" fuhr er fort, indem er die Hand vor die Stirn
legte und unruhig nachdenkend schnell auf und nieder ging. "Will man den
Krieg? Das ist ja beinahe unmglich, so wie ich den Kaiser kenne,--er
hat viele bessere Gelegenheiten vorbergehen lassen, wie sollte er jetzt
die Dinge auf's uerste treiben wollen. Sollte man aber wirklich den
Krieg wollen--warum es mir verheimlichen? Warum mich diese traurige und
undankbare Rolle eines Ueberlstigen spielen lassen? Warum diese unklare
Verworrenheit, welche nur dahin fhren kann, da der Bruch, wenn er
erfolgt, uns vor den Augen von ganz Europa als die absichtlichen
Friedensstrer hinstellt? Warum ist man da nicht gleich mit einer
klaren bestimmten Forderung hervorgetreten, die wenigstens zu einem
wrdigen Abbruch der Verhandlungen htte fhren knnen? Ich habe,"
sprach er weiter, indem er an das Fenster trat und auf die Strae
hinabblickte, "ich habe auf die coulanteste und freundlichste Weise das
erste Ziel meiner Mission erreicht--die Zurcknahme der Hohenzollerschen
Candidatur unter Autorisation des Knigs. Nun steigert man successive
die Forderungen--giebt es einen Diplomaten in der Welt, der im Stande
wre, eine solche Negotiation zu einem gnstigen und wrdevollen Ende zu
fhren? Man verlangt die Erklrung des Knigs, da er fr alle Zukunft
eine Wiederaufnahme der jetzt gescheiterten Combination nicht erlauben
werde. Eine solche Erklrung htte sich erreichen lassen, wenn man nicht
zugleich die Aufregung in Frankreich begnstigt htte, wenn man sich
grere Reserve bei den Erklrungen im Corps legislatif auferlegt htte,
wenn man das persnliche Gefhl des Knigs und den nationalen Stolz in
Deutschland nicht verletzt htte, jetzt aber nach der kurzen
Unterredung, die ich so eben mit dem Knige auf der Brunnenpromenade
gehabt, ist an Erfllung dieser Forderung garnicht zu denken. Und wenn
sie nicht erfllt wird," sagte er seufzend, "nachdem man einen so
starken Anlauf genommen, nachdem man so hohe Worte gebraucht hat, so ist
der Krieg unvermeidlich--die Welt wird diesen Grund desselben kaum
verstehen, mag man nun den Bruch gewollt haben, oder mag man ohne Willen
und Plan zu demselben hingetrieben werden.

Was telegraphirt der Herzog?"

Der Secretair hatte die beiden Depeschen dechiffrirt und reichte sie dem
Botschafter.

Dieser durchflog raschen Blickes die Telegramme, seufzend warf er sie
auf den Tisch.

"Die Festigkeit meiner Sprache," sagte er bitter lchelnd, "soll nicht
dem Ernst der Situation entsprechen. Aber, mein Gott, vergit man denn
in Paris ganz, da es sich hier um keine Unterhandlungen mit dem
Minister der auswrtigen Angelegenheiten handelt, sondern da ich in
unmittelbarem persnlichem Verkehr mit dem Souverain stehe? Man kann
doch unmglich von mir verlangen, da ich die Formen verletzen sollte,
welche fr diesen Verkehr magebend sind. Ich mu noch einen Versuch
machen,--vielleicht hat die Bitte, welche ich dem Knige durch den
Prinzen Radziwill aussprechen lie, irgend einen Erfolg, vielleicht
entschliet sich der Knig, irgend ein Wort zu sagen, welches man in
Paris als gengend annehmen mchte, wenn der Grundgedanke des Kaisers
wirklich ist, den Frieden zu erhalten."

Der Kammerdiener meldete den Flgeladjutanten Seiner Majestt des Knigs
von Preuen, und einen Augenblick darauf trat der Oberstlieutenant Prinz
Radziwill, ein noch junger, schlanker Mann mit militairisch
geschnittenem vollem Bart in Civilmorgenanzug in das Zimmer.

Das Gesicht des Grafen Benedetti hatte seine glatte und
undurchdringliche Ruhe wieder angenommen, er trat dem Prinzen mit
verbindlicher Hflichkeit entgegen.

"Seine Majestt der Knig," sagte dieser im artigen Ton, "hat mich
beauftragt, Eurer Excellenz mitzutheilen, da er sich nicht in der Lage
befinde, von einer neuen Unterredung ein Resultat voraussehen zu knnen,
da seine Entschlieungen vollkommen fest stnden. Der Knig hat mir
zugleich befohlen, Eurer Excellenz in seinem Namen zu erklren, da
Seine Majestt die Verzichtleistung des Prinzen Leopold approbirte und
zwar in demselben Sinne und demselben Geist, wie er seine Zustimmung zu
der Annahme dieser Candidatur ertheilt habe. Was den zweiten Punkt
betrifft, eine Verpachtung fr die Zukunft zu bernehmen, so knne sich
Seine Majestt nur auf diejenige ablehnende Erklrung zurck beziehen,
welche er heute Morgen Eurer Excellenz persnlich gegeben habe."

Keine Muskel bewegte sich im Gesicht Benedetti's, und mit ruhiger,
klarer Stimme sprach er:

"Ich bin dem Knige unendlich dankbar, da er die Gnade gehabt hat, mir
diese Erklrung durch Eure Durchlaucht zugehen zu lassen, und ich werde
dieselbe sogleich meiner Regierung mittheilen. Doch mu ich," fuhr er in
demselben ruhigen Ton fort, "Eurer Durchlaucht sagen, da ich betreffs
des zweiten Punktes soeben noch sehr bestimmte Instructionen vom Herzog
von Gramont erhalten habe. Ich mu daher meine Bitte um eine neue
Unterredung mit Seiner Majestt nochmals wiederholen, um so mehr, als
ich dem Knige vielleicht einige neue, noch nicht erwogene
Gesichtspunkte mittheilen knnte. Ich mu nach den Instructionen, die
ich erhalten, den grten Werth auf die gndige Gewhrung meiner Bitte
um eine nochmalige Audienz legen, sei es auch nur, um nochmal von Seiner
Majestt die Erklrung wiederholen zu hren, welche er mir heute Morgen
gegeben hat. Ich bitte Eure Durchlaucht deshalb, den Wunsch, welchen ich
aussprechen mu, nochmal Seiner Majestt mittheilen zu wollen."

"Ich werde nicht unterlassen, Eurer Excellenz Auftrag sogleich Seiner
Majestt auszurichten," erwiderte der Frst Radziwill, "und werde nicht
verfehlen, Eurer Excellenz die Allerhchste Antwort mitzuteilen."

Mit ausgesuchter Hflichkeit, in welcher jedoch eine gewisse, kalte und
stolze Zurckhaltung lag, verneigte er sich und verlie von dem
Botschafter bis zur Thr geleitet, das Zimmer.

"Der Krieg liegt in der Luft," sagte er dann, indem er sich seufzend an
seinen Secretair wandte. "Ich kenne die Hfe, ich fhle,--ich wei, was
geschehen wird. Der Knig wird mich nicht mehr empfangen--er hat sein
letztes Wort gesprochen."

"Wenn der Knig den Botschafter Frankreichs zu empfangen verweigert,"
rief der Secretair mit blitzenden Augen, "so ist das allein ein Grund
des Krieges, dessen Gerechtigkeit das Gefhl der ganzen Nation
anerkennen wird."

"Sollte es das sein?" sagte Benedetti leise, indem er nachdenklich den
Kopf schttelte, "das wrde freilich die nationale Entrstung
entflammen. Aber," fuhr er fort, "wrde darum der Kriegsgrund besser
werden, der Erfolg gesicherter sein? Doch ich bin erschpft," sagte er
dann, "und Sie werden es auch sein, knnen wir auch die Entbehrung des
Schlafs ertragen, so fordert doch die krperliche Natur ihr Recht auf
Ergnzung der Substanz, lassen Sie uns frhstcken."--Er lie das
Frhstck in seinem Zimmer serviren und beide Herren setzten sich
schweigend und gedankenvoll zu Tisch.--

       *       *       *       *       *

Mehrere Stunden waren verstrichen voll unruhiger Erwartung fr den
Grafen Benedetti, welcher sich in seinem Zimmer auf ein Canap
niedergelegt hatte, um nach all der Aufregung der letzten Tage wenn
nicht Schlaf, so doch wenigstens Ruhe fr seine erschpften und
abgespannten Nerven zu finden.

Endlich, es war bereits Abend--die Zeit des Diners des Knigs war
vorber--wurde dem Botschafter abermals der Frst Radziwill gemeldet.

Rasch sprang Benedetti empor und kaum gelang es ihm, den Ausdruck
unruhiger Spannung von seinem Gesicht verschwinden zu lassen, als er dem
Adjutanten des Knigs entgegentrat.

Noch klter, noch zurckhaltender als vorher war der Ton, in welchem
dieser dem Botschafter sagte:

"Der Knig hat mir befohlen, Eurer Excellenz mitzutheilen, da er sich
verpflichtet she, eine neue Discussion ber den zweiten, von Ihnen
angeregten Punkt--betreffend die Verpflichtungen und Garantien fr die
Zukunft ganz bestimmt und kategorisch abzulehnen. Was Seine Majestt
Eurer Excellenz heute Morgen zugesagt hat, ist des Knigs letztes Wort
in dieser Angelegenheit, und der Knig bittet Eure Excellenz sich
lediglich und ausschlielich an jenes Wort zu halten."

Das Gesicht des Grafen Benedetti wurde bei diesen mit uerster
Artigkeit, aber auch mit entschiedenster Festigkeit gesprochenen Worten
des Frsten Radziwill noch um eine Nance bleicher. Er lie einen
Augenblick die Augenlider herabfallen, wie um den Ausdruck seines
Blickes zu verhllen, und ein leichtes Nervenzucken zeigte sich eine
Secunde um seinen Mund. Schweigend neigte er den Kopf und sprach dann
mit ruhiger Stimme, in deren Ton keine Aufregung bemerkbar war.

"Ich danke Eurer Durchlaucht fr diese Mittheilung und mchte Sie nur
noch bitten, mir zu sagen, ob die Ankunft des Grafen Bismarck hier, von
welcher in diesen Tagen gesprochen wurde, heute oder morgen zu erwarten
ist."

"Soviel mir bekannt geworden," erwiderte der Frst Radziwill, "hat der
Graf Bismarck seine Reise hierher aufgeschoben und morgen jedenfalls
wird seine Ankunft hier nicht zu erwarten sein."

"Dann bitte ich Eure Durchlaucht," sagte Benedetti, "Seiner Majestt zu
sagen, da ich nicht weiter auf meiner Bitte bestehe und mich bei den
Erklrungen des Knigs beruhigen wolle."

Der Frst verabschiedete sich. Graf Benedetti begleitete ihn zur Thr
und blieb dann einige Augenblicke schweigend in tiefen Gedanken stehen.

"Der Wrfel ist gefallen," sagte er mit dsterem Ton, "das Verderben ist
entfesselt! Wen wird der Blitz treffen, der noch verborgen im Scho der
Wolken ruht, welche den Himmel des europischen Friedens berziehen."

Er ffnete die Thr des Nebenzimmers und rief seinen Secretair.

"Bereiten Sie Alles zur Abreise vor," sagte er im ernsten Ton, "meine
Mission hier ist zu Ende. Doch," fuhr er fort, "ich will bis zum letzten
Augenblick alle Pflichten der Hflichkeit erfllen. Wenn es das
Schicksal will, kann sich vielleicht doch noch eine Gelegenheit bieten,
das Verhngni zu beschwren. Gehen Sie zum Hause des Knigs und sagen
Sie dem Adjutanten vom Dienst, da ich um die Erlaubni bte, mich von
Seiner Majestt verabschieden zu drfen. Damit verletze ich keine Form
und kann zugleich meinen persnlichen Wunsch erfllen, von dem
Monarchen, der mir soviel Gnade und Wohlwollen bewiesen hat, und von
dem ich in so verhngnivollem Augenblick scheiden mu, einen
freundlichen Abschied zu nehmen."

       *       *       *       *       *

Die Aufregung unter den Badegsten in Ems, welche die ersten Nachrichten
von den Differenzen ber die Hohenzollersche Candidatur erregt hatten,
war fast vollstndig wieder verschwunden. Man hatte zwar die heftigen
Artikel der franzsischen Journale gelesen, die nationale Entrstung,
welche ganz Deutschland bei diesen Provocationen erfate, war auch
dorthin in die stillen Kreise des Badelebens gedrungen, aber man hatte
auch wieder Gelegenheit gehabt, hier in unmittelbarer Nhe den so
freundlichen Verkehr des Knige mit dem franzsischen Botschafter zu
sehen. Man hatte gesehen, wie Seine Majestt den Grafen Benedetti
tglich auf der Promenade auf das huldvollste anredete und einige Zeit
in lebhafter Conversation mit ihm auf- und niederging. Das Lcheln
verschwand keinen Augenblick von dem glatten Gesicht des Botschafters
und der Knig war ruhig und heiter wie immer.

Baron Werther war wieder nach Paris zurckgereist; der Minister des
Innern, welchen der Graf Bismarck, der von Barzin kommend, in Berlin
leicht erkrankt war, zum Knige nach Ems entsendet hatte, war wieder
nach Berlin zurckgekehrt; der Finanzminister war angekommen, um wie man
erzhlte, Seiner Majestt ber Angelegenheiten seines Ressorts Vortrag
zu halten, und Alles schien wieder in das gewohnte Geleis
zurckzukehren.

Als nun gar der Telegraph die Nachricht brachte, da der Prinz Leopold
von Hohenzollern auf seine Candidatur Verzicht geleistet, und da Graf
Bismarck, darin die vollstndige Erledigung der ganzen Angelegenheit
erblickend, seine Reise nach Ems aufgegeben habe, da verschwanden
vollends die letzten Besorgnisse, und man sah auf der Brunnenpromenade
nur heitere und lchelnde Gesichter, man verabredete Partien in die
Berge, und die Unterhaltung, welche so lange von den ernsten
Gegenstnden der Politik in Anspruch genommen war, wandte sich wieder
den kleinen Ereignissen des Tages zu.

Man sprach von den Toiletten der Herzogin von Ossuna, welche soeben mit
ihrem Gemahl angekommen war und Alles durch ihren Geschmack und ihre
Eleganz in den Schatten stellte. Man wiederholte die mrchenhaften
Erzhlungen ber den Reichthum dieses spanischen Granden, welcher die
Knigin Isabella am Hofe von St. Petersburg vertreten und an diesem
prachtvollsten Hof Europas einen Glanz entwickelt hatte, der selbst
dort noch nicht gesehen worden war.

Da pltzlich drang am Nachmittag des 14. Juli in diese wieder zu
sorgloser, heiterer Geselligkeit sich zusammenschlieenden Kreise wie
ein unvorbereiteter Wetterschlag die Nachricht, da der Knig, den man,
wie er fter that, nach Coblenz zu seiner Gemahlin hatte fahren sehen,
der am Abend zurckerwartet wurde, schon in der Frhe des nchsten
Morgens nach Berlin abreisen werde, da alle Verhandlungen abgebrochen
seien, da Seine Majestt sogar jede weitere Unterredung mit dem
Botschafter abgelehnt habe, und da der Krieg unvermeidlich scheine.

Die tiefste Bestrzung verbreitete sich berall. Diejenigen, welche mit
dem einen oder dem andern Herrn aus der Umgebung des Knigs bekannt
waren, suchten sich demselben zu nhern, um Ausfhrliches zu
erfahren--die Umgebung des Knigs vermied es zwar, sich in lange
Gesprche ber die Situation einzulassen, doch der ernste, fast
feierliche Eindruck, welcher auf den Gesichtern aller dieser Herren lag,
einzelne hingeworfene Bemerkungen und die Besttigung der fr den
nchsten Morgen feststehenden Abreise des Knigs zeigten deutlich genug,
da die Befrchtungen, welche berall erregt waren, vollkommen begrndet
seien.

Der franzsische Botschafter war noch nicht abgereist, aber er hielt
sich in seiner Wohnung und erschien nicht auf der Abendpromenade.

Bis spt in die Nacht hinein waren alle Straen mit Menschen gefllt,
und die ganze Nacht ber dauerte die Unruhe in allen Husern, denn fast
alle fremden Badegste trafen Anstalten zur schnellen Abreise, und die
Bewohner von Ems sahen mit Bekmmerni dem pltzlichen Ende einer so
glnzend begonnenen Saison entgegen.

Schon lange vor acht Uhr am nchsten Morgen, zu welcher Stunde die
Abreise des Knigs befohlen war, hatte der Bahnhof sich dicht gefllt
mit einem zahlreichen Publikum, unter welchem die Damen und Herren aus
dem Kreise der Badegste, die dem Knig persnlich bekannt waren, die
ersten Reihen am Perron einnahmen, der in der Nacht mit Blumenguirlanden
geschmckt worden war.

Allmlig erschien die Umgebung des Knigs, welche den Monarchen nach
Berlin begleitete. Die Waggons fuhren heran und das zahlreiche Gepck
wurde in den bereits vorgefahrenen Zug, in dessen Mitte man den groen
kniglichen Salonwagen erblickte, eingeladen.

Zum Erstaunen aller Anwesenden erschien auch der franzsische
Botschafter Graf Benedetti am Bahnhof und begab sich mit unbefangen
heiterer Miene, Einen oder den Andern aus der Badegesellschaft begrend
auf den Perron, wo er seinen Ueberrock ablegte und im schwarzen Anzug,
das Band des schwarzen Adlerordens ber der Brust, ruhig dastand, mit
den Andern den Knig erwartend, ohne die erstaunten und wenig
freundlichen Blicke zu beachten, mit welchen man ihn von allen Seiten
ansah.

Die Wagen waren bepackt; die Locomotive war schnaubend herangefahren und
hatte sich an die Spitze des Zuges gestellt; die Lakaien in Reiselivreen
standen an den Thrschlgen.

Da ertnten vom Badehause einzelne, sich schnell fortpflanzende
Hochrufe. Wenige Augenblicke darauf fuhr der Knig an den Perron heran,
er trug Militair-Rock und Mtze. Der Flgel-Adjutant Frst Radziwill
begleitete ihn, der Hofmarschall Graf Perponcher ging dem Knige
entgegen und meldete, da Alles bereit sei.

Der Knig sah frisch und krftig aus, seine Haltung war stolz und fest,
und trotz des tiefen Ernstes, der auf seinen Zgen lag, blickten seine
Augen doch in milder Heiterkeit auf die zu seiner Begrung Versammelten
hin. Er richtete, schnell die Reihe herabschreitend, mit freundlichem
Kopfnicken alle diese ehrerbietigen Gre erwidernd, an einzelne
Bekannte einige Worte. Bei dem Polizei-Prsidenten von Wurmb, welcher im
Reiseanzug gegenwrtig war, blieb der Knig einen Augenblick stehen.

"Ich habe Sie gebeten mit mir abzureisen," sagte er. "Sie werden viel zu
thun finden,--unsere Vorbereitungen fr die Enthllung des Denkmals des
hochseligen Knigs," fgte er mit wehmthigem Lcheln hinzu, "werden nun
wohl fr lngere Zeit vertagt bleiben."

"Mge die Errichtung des ehernen Denkmals auch noch hinausgeschoben
werden, Majestt," erwiderte Herr von Wurmb mit bewegter Stimme, "das
lebendige Denkmal an die groe Zeit des hochseligen Herrn, welches in
jedem Preuenherzen fest begrndet ist, wird in diesen Tagen mit
lebendigen Krnzen der Erinnerung und neuer Hoffnung geschmckt. Wieder
durchdringt das ganze Volk wie damals der heilige Ruf aus der Zeit des
eisernen Kreuzes "Mit Gott fr Knig und Vaterland."

Der Knig neigte das Haupt, sein Blick fiel auf das schwarz-weie Band
des eisernen Kreuzes, das er trug, und indem er dasselbe leicht mit der
Hand berhrte, sagte er halb laut:

"In diesem Zeichen werden wir siegen."

Er ging weiter. Raschen und festen Schrittes trat er zu dem sich tief
verneigenden Grafen Benedetti.

"Sie haben gewnscht, Herr Graf," sagte der Knig mit freundlicher
Hflichkeit, "sich von mir zu verabschieden--leben Sie wohl."

Trotz der Gewalt, mit welcher der franzsische Diplomat den Ausdruck
seiner Zge beherrschte, zeigte sich doch einen Augenblick eine mchtige
Bewegung auf seinem Gesicht.

"Ich danke Eurer Majestt," sagte er mit leicht zitternder Stimme, "da
Sie mir Gelegenheit geben, von Ihnen Abschied zu nehmen, und ich danke
Ihnen auch in diesem Augenblick noch einmal fr die Gnade und das
Wohlwollen, welches Sie mir whrend der Zeit meiner Beglaubigung an
Ihrem Hofe bewiesen haben. Mchte die Zukunft Alles zum Guten wenden."

"Die Zukunft liegt in Gottes Hand," sagte der Knig mit fester Stimme,
und indem er freundlich den Kopf neigte, wandte er sich zur Thr des
Salonwagens, an welcher der Hofmarschall und die brigen Herren des
Gefolges ihn erwarteten.

"Kommen Sie zu mir, lieber Abeken," sagte der Knig, "wir haben
unterwegs viel zu arbeiten und nehmen Sie St. Blanquart mit, damit alle
ankommenden Depeschen sogleich dechiffrirt werden knnen."

Der Geheime Legationsrath nahm aus der Hand eines Dieners die groe
Mappe, welche seine Papiere enthielt, winkte den Hofrath St. Blanquart,
welcher in einiger Entfernung von dem kniglichen Gefolge stand, heran,
und beide folgten dem Knige, welcher bereits eingestiegen war, in den
Salonwagen, whrend die brigen Herren ihre Pltze in den Coups vor und
hinter demselben einnahmen.

Die Locomotive pfiff, der Knig trat noch einmal an das Fenster und
winkte grend mit der Hand.

Ein brausender Hochruf ertnte als Antwort auf den kniglichen
Abschiedsgru und wiederholte sich mit wachsender Begeisterung, whrend
der immer schneller dahin rollende Zug den Monarchen aus dem stillen,
friedlichen Badeort nach seiner Residenz zurckfhrte, von wo er bald
hinausziehen sollte an der Spitze des waffengersteten Deutschlands, um
von Neuem den Kampf aufzunehmen gegen den alten Feind seines Hauses und
seines Landes.

Der Knig hatte an dem Fenster des Salonwagens Platz genommen und
blickte durch die hellen Glasscheiben in die lachende Gegend hinaus,
whrend der Geheimrath Abeken ihm gegenber Platz genommen hatte, um
ihm die verschiedenen eingegangenen Depeschen vorzutragen.

Der Hofrath St. Blanquart sa am Ende des Salons, den Chiffre vor sich,
eine nach der andern die Depeschen dechiffrirend, welche unmittelbar vor
der Abreise eingegangen waren und bereit, diejenigen in Empfang zu
nehmen, welche man auf den einzelnen Stationen erwarten mute.

"Ich habe Eurer Majestt," sagte der Geheimrath Abeken, "sogleich zu
Anfang eine wichtige und erfreuliche Nachricht mitzutheilen. Aus Mnchen
ist gemeldet, da der Knig auf den Vorschlag des Ministeriums erklrt
hat den Casus foederis fr gegeben zu erachten, auch hat seine Majestt
die vorgelegte Mobilisirungsordre genehmigt."

Der Blick des Knigs leuchtete freudig auf.

"Das deutsche Blut der Wittelsbacher verlugnet sich nicht," sagte er,
"sie haben gegen uns gestanden im Kriege von 1866, und sie lieben dort
vielleicht Preuen nicht zu sehr--aber jetzt wo Deutschland in den Kampf
tritt, zweifelt dieser junge Knig nicht, wo sein Platz ist. Nun
Deutschland wird ihm das nicht vergessen und ich auch nicht, denn von
nun an, wenn Gott uns in diesem Kampfe beisteht, wird ja die Geschichte
Preuens und Deutschlands fr immer die gleiche sein. Knftig wird die
deutsche Armee ins Feld ziehen--"

"Wie Brandenburg Preuen wurde, Majestt," sagte der Geheime
Legationsrath, "so wird Preuen Deutschland werden und damit seine groe
Mission vollenden."

Der Knig blickte schweigend weit hinaus nach dem Horizont, an welchem
die an der Bahn liegenden Bume schnell vorberflogen.

"Der feste und patriotische Entschlu des Knigs Ludwig," sagte er nach
einigen Augenblicken, "ist um so hher anzuerkennen, als es in Baiern in
allen Kreisen nicht an eifrigen Bemhungen gefehlt hat, die Gelegenheit
zu benutzen, um eine Sonderpolitik zu machen. Nun ist Deutschland einig,
und jede Hoffnung Napoleons, die Sdstaaten zu sich herber zu ziehen,
gescheitert. Von Wrtemberg sind noch keine Nachrichten da?"

"Noch nicht," sagte der Geheime Legationsrath Abeken, "doch hat Herr von
Rosenberg berichtet, da an der patriotischen Haltung Wrtembergs nicht
zu zweifeln sei."

"So ist denn Deutschland zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich
einig," sagte der Knig, "die Zeit ist gekommen, in welcher jener alte
Spottname der Reichsarmee verschwinden wird, und in welcher die
deutschen Heere, von Preuen gefhrt, den alten Kriegsruhm der Nation zu
neuem Glanz erheben sollen."

"Alles vereinigt sich," sagte der Geheime Legationsrath, "um die
Zuversicht auf den Sieg, welche ich fest in dem Herzen trage, zu
bestrken. Auch die Besorgnisse, welche die Haltung sterreichs
einflen knnte, sind beseitigt durch die Gewiheit von der
freundlichen Haltung Rulands, welche Graf Bismarck meldet. Der
Ministerprsident wird Eurer Majestt darber persnlich ausfhrlicher
berichten, doch ist als gesichert zu betrachten, da jeder feindlichen
Bewegung sterreichs energisch entgegengetreten werden wird, da der
Handel der Ostsee keiner Gefahr ausgesetzt werden soll, alle frheren
Besprechungen ber diese Eventualitt sind von Neuem besttigt worden
und es ist die volle Sicherheit vorhanden, die ganze ungeschwchte und
ungetheilte Militairkraft nach der franzsischen Grenze hin verwenden zu
knnen."

"Der Kaiser Alexander ist ein treuer Freund," sagte der Knig. "Er
erkennt wie ich auch die politische Notwendigkeit, da Deutschland und
Ruland fest zusammenhalten, um gegenseitig ihre Aufgabe zu erfllen
und ihre Zielpunkte zu erreichen. Mchten diese beiden Mchte immer
einig bleiben, dann wird Frankreich die bermthige Prtension aufgeben
mssen, die dominirende Rolle in Europa zu spielen."

Der Zug hielt in Coblenz. Der Knig trat an das Fenster, nahm die
Meldung der Generalitt entgegen und begrte freundlich die zahlreiche
Menge, welche ihm ihr jubelndes Hurrah entgegen rief. Nach wenigen
Minuten fuhr man weiter. Depeschen auf Depeschen kamen an. Der Hofrath
St. Blanquart entzifferte unermdlich mit lang gebter Sicherheit deren
Inhalt aus den langen Zahlenreihen und der Geheime Legationsrath Abeken
trug dem Knige immer neue Nachrichten vor, welche Kunde brachten von
der immer mchtiger aufflammenden Begeisterung des deutschen Volkes in
allen Gebieten des weiten Vaterlandes.

Nach einigen Stunden wurde im Salonwagen das einfache Frhstck des
Knigs servirt, der Leibjger brachte Krbe mit kalter Kche und das
einfache Reiseservice.

Und einen Augenblick den Vortrag unterbrechend, a Seine Majestt etwas
kalten Hummer und trank ein Glas Wein, whrend er zugleich den Geheimen
Legationsrath Abeken aufforderte, die ermatteten Krfte nach so langer
Arbeit wieder zu ergnzen.

Dann winkte der Knig noch einmal dem Leibjger und lie sich den Korb
reichen. Er nahm ein Butterbrod und etwas kaltes Fleisch und legte es
auf einen kleinen Teller.

"Ein Glas Wein," befahl er dann.

Der Leibjger servirte ein Glas Bordeaux.

Der Knig nahm es in die Hand, den kleinen Teller in die andere und so
ging er durch den Salon zum Hofrath St. Blanquart hin, der noch immer
eifrig und unermdlich eine Zahlenreihe nach der andern dechiffrirte.

"Halten Sie einen Augenblick ein," sagte der Knig mit freundlichem
Lcheln, "mein lieber St. Blanquart, von Chiffrezahlen kann kein Mensch
leben. Nehmen Sie hier, was ich Ihnen bringe, wir mssen uns schon ein
wenig an das Campagneleben gewhnen."

St. Blanquart stand ganz erschrocken auf.

"Majestt," sagte er, "welche Gnade--Eure Majestt denken selbst an
mich--"

"Soll ich denn nicht an meine Diener denken," sagte der Knig, "die Tag
und Nacht fr mich arbeiten--nehmen Sie schnell, wir haben nicht viel
Zeit zur Ruhe."

Er stellte den Teller vor den Hofrath hin, gab ihm das Glas Wein in die
Hand und kehrte dann wieder zu seinem Sitz am Fenster zurck, wo er
gedankenvoll hinaus in die Ebene schaute, wartend, bis die beiden Herren
ihr Frhstck vollendet hatten, dann erst lie er den Korb und das
Service hinaustragen und die Arbeiten wieder aufnehmen.

Weiter und weiter brauste der Zug. An allen Bahnhfen wurde der Knig
von dichten Menschenmassen begrt, deren jubelnde Zurufe immer
lebhafter und begeisterter wurden.

"Krieg! Krieg gegen Frankreich!" hrte man fast berall.

Dazwischen ertnten einzelne Stimmen:

"Nach Paris! Nieder mit Napoleon!"

Auf jede Weise documentirte sich die patriotische Begeisterung des
Volkes.

Bei allen solchen Rufen blickte der Knig tief ernst ber die
Menschenmenge hin.

"Sie rufen nach Krieg," sprach er leise, "sie bewegt die patriotische
Begeisterung und hebt sie ber alle Sorgen der Zukunft hinweg. Aber
Niemand kennt so genau wie ich die Opfer, welche die nchste Zeit dem
gesammten Vaterlande auflegen wird, und ich mu ja doch das
entscheidende Wort sprechen. Nun, Gott wei, da dies entscheidende Wort
mir abgerungen ist, und da nicht Ehrgeiz und bermuth mich zum Kampfe
treibt, darum wird mir Gott seinen Segen geben, an dem Alles gelegen
ist. Eine solche Hingebung, eine solche Begeisterung des Volkes ist ja
der beste Segen Gottes!"

Nachdem in Cassel ein schnelles Diner eingenommen war, nachdem in
Magdeburg auf dem geschmckten Bahnhof der Knig mit hohem Enthusiasmus
begrt worden, hielt der Zug in Burg. Auch hier war eine Kopf an Kopf
gedrngte Menschenmenge versammelt, und ein donnerndes Hurrahrufen
begrte die Abfahrt des kniglichen Salonwagens.

Der Knig trat abermals an das Fenster und winkte mit der Hand ber den
Platz hin.

Da mit einem Mal verstummten die jubelnden Stimmen, eine tiefe Stille
trat ein, und ein an der Seite des Perrons aufgestelltes Musikcorps
begann eine voll anklingende ergreifende Melodie zu spielen.

Der Knig lauschte den Tnen, welche hier an Stelle des "Heil Dir im
Sieger-Kranz", das ihn sonst berall begrt hatte, ertnten. Er schien
in seiner Erinnerung zu suchen nach diesen Tnen und blickte wie
fragend auf den Legationsrath Abeken hin, welcher rckwrts vom Fenster
neben seinem Sessel stand.

"Es ist die Wacht am Rhein, Majestt," sagte der Geheime Legationsrath.

Still schweigend blickte der Knig vor sich hin.

"Die Wacht am Rhein,--die Wacht am Rhein," sagte er tief sinnend,
whrend die Melodie drauen weiter klang, und erst einzelne Stimmen,
dann ein immer vollerer Chor die Musik zu begleiten begann.--

"Die Wacht am Rhein,--ja, ja, das ist es, das ist schn--das ist sehr
schn, das ist das wahre Wort, welches einfach, herrlich und gro den
tiefen Gedanken ausdrckt, der diese Tage bewegt, und der das ganze Volk
zusammenfhrt zur Abwehr des verwegenen Angriffs."

Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Kein Hurrahrufen erscholl, aber
die ganze groe Menschenmenge war in den Gesang eingefallen, der voll
und gewaltig dem Knige nachklang, welcher am Fenster stand und auf alle
diese entblten Hupter, auf alle diese von Begeisterung flammenden
Gesichter hinblickend, mit leisen Bewegungen des Hauptes den Rhythmus
der Melodie begleitete, bis dieselbe unter dem Rollen der Rder und dem
Schnauben der Maschine in der Ferne verklang.

So kam man nher und nher nach Brandenburg, wo, wie dem Knige durch
den Telegraphen gemeldet war, der Kronprinz, Graf Bismarck, der
Kriegsminister von Roon und der General von Moltke den Knig erwarteten.

Endlich, der Abend dunkelte bereits herein, fuhr der Zug in den Bahnhof
der alten mrkischen Stadt ein. Fast die ganze Bevlkerung war dort
versammelt, die Spitzen der Behrden, und die Officiercorps standen auf
dem Perron hinter den Ministern; Allen voran der Kronprinz, welcher, als
kaum der Zug zum Stehen gebracht war, selbst die Thr ffnete, in den
Salonwagen hineinsprang und in tiefer Bewegung die Hand des Knigs an
seine Lippen fhrte.

Der Knig breitete seine Arme aus und drckte seinen Sohn einen
Augenblick schweigend an die Brust.

"Ich hatte gehofft," sagte er dann ruhig und milde, "da der Abend
meines Lebens in Frieden enden wrde, und da die Kmpfe der Zukunft
Deinem jngeren und krftigeren Arm berlassen bleiben sollten,--Gott
hat es anders gewollt, Du wirst mir zur Seite stehen, um unser Volk
nochmals zum Siege zu fhren."

Dann trat er auf den Perron hinaus und unter den immer von Neuem sich
wiederholenden Zurufen, die sich weithin in der Umgebung des Bahnhofs
fortpflanzten, begrte er mit herzlichem Hndedruck den Grafen Bismarck
und die Generale von Moltke und von Roon, welche ihm ernst und tief
bewegt entgegentraten.

"Der Augenblick ist da," sagte Graf Bismarck, "den wir so lange mit
aller Anstrengung hinauszuschieben versucht haben. Die letzte
Entscheidung naht, und fast mchte ich frei aufathmen, nun da die Nebel
zerreien, da die frische Luft uns umweht und in reiner Klarheit unser
groes Ziel vor uns liegt, die heiligsten Gter des Vaterlandes zu
vertheidigen, Deutschland heraufzuheben auf den ersten Platz unter den
europischen Nationen. Der Morgen einer groen Zeit bricht an, einer so
groen Zeit, wie sie kaum je die Geschichte gekannt hat; und Gott sei
Dank, das Schwert Deutschlands liegt in Hnden, die es nicht niederlegen
werden, bevor der Sieg nicht erkmpft ist."

Der Knig neigte nur langsam das Haupt, ohne etwas zu erwidern, dann
wandte er sich auf den Perron zu den Officieren und Civilbeamten, sprach
mit den obersten Vertretern derselben einige Worte und befahl bald die
Weiterreise, indem er den Geheimen Legationsrath Abeken und den Hofrath
St. Blanquart entlie und die Minister aufforderte, mit ihm und dem
Kronprinzen in den Salonwagen zu steigen.

"Nun, meine Herren," sagte der Knig, als der Zug sich in Bewegung
gesetzt hatte, "wir werden von Neuem zu Felde ziehen mssen, denn ich
glaube nicht, da jetzt noch eine friedliche Wendung mglich ist und
Jeder von uns wird mit Aufbietung aller Krfte auf dem Posten stehen
mssen, denn diesmal handelt es sich um noch schwerere Kmpfe als im
Jahre 1866, schwerer vielleicht an Anstrengung und Arbeit," fgte er
hinzu. "Aber," sagte er dann, den hellen, klaren Blick auf den
Kronprinzen richtend, "ich ziehe mit leichterem, froherem Herzen ins
Feld gegen den alten Feind Deutschlands, als damals, da ich gegen den
alten Verbndeten, da ich gegen einen Frsten aus deutschem Stamme
kmpfen mute."

"Und Alles ist vorbereitet, Majestt," sagte Graf Bismarck fast im
heiteren Ton, "um uns nach allen Richtungen den Erfolg zu sichern.
Frankreich hat sich durch diesen mit so unglaublichem Unverstand
ausgewhlten Kriegsfall vollkommen isolirt, so da auch diejenigen
Mchte, welche ihm vielleicht innerlich gnstiger gesinnt sind, als uns,
sich auer Stande befinden, ihm irgend welche Sympathie zu beweisen,
und vor allen Dingen sind wir nach einer vielleicht bedenklichen Seite
hin vollkommen gesichert. Ich habe ausfhrlich mit dem Frsten
Gortschakoff ber die Situation verhandelt, die russische Politik ist
vollkommen durchdrungen von der Notwendigkeit, den unvermeidlichen Krieg
zwischen uns und Frankreich zu localisiren und wird die strenge
Neutralitt sterreichs berwachen."

Der Knig nickte mit dem Kopf.

"Wir werden weiter darber sprechen," sagte er.--"Sddeutschland steht
ohne Rckhalt und ohne Schwanken zu uns?"

"Zu Befehl, Majestt," erwiderte Graf Bismarck, "trotz aller Agitationen
der feindlichen Parteien werden die Knige von Baiern und Wrtemberg
fest an ihren Vertrgen halten, und die Stimmung der Bevlkerung hebt
sich nach Allem, was mir berichtet wird, immer mehr zu einmthiger
nationaler Begeisterung. Ich denke meinerseits noch ein wenig dazu
beizutragen, die ganze ffentliche Meinung in Deutschland und in den
brigen Lndern von der Gerechtigkeit unserer Sache zu berzeugen und
den eigentlichen Kernpunkt des franzsischen Angriffs klar zu legen."

Der Knig blickte den Minister fragend an.

"Eure Majestt erinnern sich," sagte Graf Bismarck, "der schmhlichen
Propositionen, welche von Frankreich uns bei wiederholten Gelegenheiten
gemacht worden sind, und welche uns einen unwrdigen Handel um die
nationale Entwickelung Deutschlands anboten, indem wir durch Raub an
Dritten das erkaufen sollten, was das selbststndige Recht Deutschlands
ist. Eure Majestt erinnern sich des Vertragsentwurfs, welchen mir
Benedetti einst gegeben hat, und in welchem fr die Eroberung Belgiens
die Sddeutschen Staaten, ber deren Selbstndigkeit und Unabhngigkeit
man in Paris so viel gesprochen hat, uns von Frankreich berliefert
werden sollten."

"Ich erinnere mich," sagte der Knig.

"Nun, nun, Majestt," fuhr Graf Bismarck fort, "der innere, der wahre
Grund dieses jetzt so vermessen heraufbeschworenen Krieges liegt darin,
da wir jenen Handel alle Zeit fest und entschieden zurckgewiesen
haben. Man will jetzt versuchen mit Gewalt zu nehmen, was wir nicht
verkaufen wollten. Ich habe ber alle jene Vorschlge bisher das tiefste
Stillschweigen beobachtet, damit von unserer Seite nichts geschehe, um
einen so verhngnivollen Bruch herbeizufhren. Nun aber, Majestt, ist
wie ich glaube der Augenblick gekommen, um die wahren Absichten und
Plne Frankreichs vor aller Welt zu enthllen, und wenn Eure Majestt es
erlauben, werde ich jenen Vertragsentwurf, den Benedetti und der Kaiser
Napoleon nicht ableugnen knnen, den Vertretern der Mchte und der
ffentlichen Meinung Europas mittheilen. Die Sddeutschen werden sehen,
wohin sie mit der hier und da gehegten Hoffnung auf Frankreich gekommen
wren. England wird sehen, was die Vertrge ber Belgien in Frankreichs
Augen zu bedeuten haben und abgesehen von der ueren Form dieser
unerhrten Provocation wird auch die innere Gerechtigkeit unserer Sache
vor den Augen aller Welt klar werden. Damit wird eine groe moralische
Macht uns zugefhrt werden."

Der Knig nickte zustimmend mit dem Kopfe.

"Ja, ja, darin liegt der wahre Grund dieses so lang zurckgehaltenen
Krieges, und es kann nur ntzlich sein, wenn alle Welt das klar
erkennt.--Ich habe auch," sagte er nach einigen Augenblicken, whrend
eine tiefe Bewegung aus seinen Augen leuchtete, "ich habe auch daran
gedacht, unsere Waffenmacht durch eine moralische Kraft zu verstrken
und der Begeisterung des Volkes einen idealen Halt, ein heiliges Zeichen
zu geben, zu dessen siegreichem Einflu ich ein glubiges Vertrauen
habe."

Der Kronprinz und die andern Herren blickten erwartungsvoll in das
bewegte Gesicht des Knigs.

"Ich will das eiserne Kreuz wieder herstellen," sagte der Knig, indem
er wie unwillkrlich die Hnde faltete und einen Augenblick die Augen
niederschlug, um den feuchten Schimmer zu verbergen, der an seinen
Wimpern erglnzte--"das wird die groen, frommen Erinnerungen wach rufen
und die Begeisterung jener vergangenen Zeit auch der Gegenwart wieder
erwecken. Die Ritter des eisernen Kreuzes sterben aus, ich will das edle
Zeichen auch fr Dich und Deine Generation," sagte er zum Kronprinzen
gewendet, "erhalten als ein Vermchtni der Erinnerung an mich und
meinen Vater."

"Und ich verspreche Dir," rief der Kronprinz in mchtiger Erregung, "da
ich nicht ruhen und rasten will, bis ich dies heilige Zeichen mir
erkmpft habe."

Schweigend, voll Liebe und Bewunderung blickten die Minister auf den
Knig, der noch einige Augenblicke in stillem Sinnen da sa.

Ein langer Pfiff der Lokomotive ertnte. Man fuhr in den provisorischen
Potsdamer Bahnhof ein. Bereits war die Dunkelheit des spten Abends
herabgesunken, der mit Blumenguirlanden geschmckte Bahnhof war
erleuchtet, ein einfacher Kronleuchter hing an der Decke des
provisorisch hergestellten kniglichen Wartezimmers.

Auf dem Perron erwarteten den Knig die Spitzen der Behrden, der
Magistrat, die Generalitt, die Hofchargen und zahlreiche Damen mit
prachtvollen Blumenbouquets in der Hand.

Ein mchtiger Hurrahruf erschallte ber den ganzen Bahnhofsplatz hin als
der knigliche Zug am Perron vorfuhr. Auf dem Perron entblten sich
alle Hupter, die Hte wurden in die Luft erhoben, die Damen wehten mit
den Tchern.

Der Knig und der Kronprinz stiegen aus.

In der vordersten Reihe stand der greise Feldmarschall Wrangel.

Rasch schritt der Knig zu demselben hin und reichte ihm die Hand, in
tiefer Bewegung beugte sich der Feldmarschall nieder und drckte seine
Lippen auf die knigliche Rechte.

"Ich begre in Ihnen, mein lieber General-Feldmarschall, meine Armee,
die von Neuem zeigen wird, da sie ihrer Veteranen wrdig ist."

Der Feldmarschall wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihm einige
Augenblicke.

"Oh warum, Majestt," sagte er endlich in abgebrochenen Worten, "warum
gehre ich heute zu diesen Veteranen, warum wollen die alten Glieder
heute nicht so vorwrts wie das Herz, das noch immer nicht alt wird."

"Nun," sagte der Knig, die Hand leicht auf die Schulter des
Feldmarschalls legend, "wenn Sie auch heute nicht mehr ins Feld ziehen
knnen, Ihr Geist und Alles, was Sie fr meine Armee gethan, das zieht
doch mit hinaus und das wird ebenso schwer bei der Entscheidung wiegen,
ja schwerer, als die Kraft der jungen Arme, denn der ruhmvolle Geist der
Vergangenheit, der in meiner Armee weht, ist es, der sie zum Siege
fhren wird. Ich werde," fgte er freundlich zu dem Feldmarschall
gewendet, hinzu, "das eiserne Kreuz wieder herstellen, damit die
Veteranen der knftigen Generation auch dasselbe schne Zeichen tragen
knnen, das wir Alten uns in den groen Tagen der Vergangenheit erworben
haben."

"Das freut mir von ganzem Herzen," sagte der Feldmarschall, indem sein
altes, treuherziges Gesicht von Glck und Freude strahlte. "Das haben
Eure Majestt recht gemacht, das wird unseren Jungens wieder den Geist
von 1813 einhauchen. Dieser Geist fngt schon an zu wehen, ich habe da
gestern ein Witzblatt gesehen, worber ich mir sonst gergert habe, die
Berliner Wespen, die haben einen preuischen Soldaten gemalt, der dem
Napoleon die Faust unter die Nase hlt und ihm sagt: "Dir hat wohl lange
nicht die Nase geblutet." Das ist richtiger preuischer Geist, Majestt,
und ich habe mir auch gleich hingesetzt und dem Schreiber von diesem
Wespenblatt ber sein Bild meinen Glckwunsch gesagt."

Der Knig lchelte.

"Sie haben Recht, lieber Feldmarschall, je ernster die Zeit, um so
weniger darf dem Soldaten der Humor ausgehen, und damit hat es bei uns
Berlinern noch gute Wege."

Er wandte sich um und begrte freundlich die Damen, deren dargereichte
Bouquets er entgegennahm, sich entschuldigend, da er sie nicht alle
halten knne und sie dem Adjutanten zur Aufbewahrung bergeben msse.
Dann trat er in das Wartezimmer, wohin ihm die Deputationen der
stdtischen Behrden, die Generale und die Hofchargen folgten.

Der Unterstaatssecretair von Thiele war unterdessen an den Grafen
Bismarck herangetreten und hatte ihm ein fr ihn angekommenes Telegramm
bergeben.

Graf Bismarck durchflog es, dann trat er mit blitzenden Augen in das
Wartezimmer zum Knig, der so eben die Begrung des Magistrats
entgegennahm.

"Majestt," rief der Graf, "ich habe so eben ein Telegramm des
Wolf'schen Bureaus erhalten. Die Entscheidung ist da."

"Ist der Krieg erklrt?" fragte der Knig.

"Die Kriegserklrung ist hier noch nicht bergeben," erwiderte Graf
Bismarck, "aber die Erklrung, welche Ollivier im Corps legislatif
abgegeben hat, ist so gut, wie die formelle Erklrung.

"Ich bitte Sie, zu lesen."

Graf Bismarck trat, die Depesche in der Hand in den Lichtkreis des
Kronleuchters und begann mit lauter Stimme zu lesen. Das Telegramm
enthielt die Darstellung, welche der Grosiegelbewahrer im
Gesetzgebenden Krper ber die Verhandlungen in Ems gegeben hat.

"Der Knig weigert sich," las Graf Bismarck in erhhtem Ton, "die von
uns geforderten Verpflichtungen einzugehen und erklrte Benedetti, er
wolle sich fr diesen, wie fr jeden andern Fall vorbehalten, die
Verhltnisse zu Rathe zu ziehen."

"Richtig," sagte der Knig leise vor sich hin.

"Trotzdem," fuhr Graf Bismarck zu lesen fort, "brachen wir aus
Friedensliebe die Verhandlungen nicht ab, um so grer war unsere
berraschung, als wir erfuhren, der Knig von Preuen habe sich
geweigert, Benedetti zu empfangen, und die preuische Regierung habe
das amtlich mitgeteilt."

"Ist das geschehen," fragte der Knig.

"Nein, Majestt," erwiderte Graf Bismarck, "ein Telegramm darber ist in
den Zeitungen erschienen. Darber werden die Vertreter Eurer Majestt an
den Hfen, bei denen sie beglaubigt sind, gesprochen haben. Es ist eine
der Verdrehungen der Wahrheit, welche den Zweck haben, uns die Schuld
des Friedensbruchs aufzuladen und die ffentliche Meinung in Frankreich
zu erhitzen, vielleicht den Kaiser zum uersten zu reizen."

Finster blickte der Knig vor sich nieder, und bi die Zhne auf
einander, ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund.

"Unter diesen Umstnden," las Graf Bismarck weiter, "wre es ein
Vergessen unserer Wrde und eine Unklugheit gewesen, keine
Vorbereitungen zu treffen. Wir haben uns bereitet den Krieg, den man uns
anbietet, anzunehmen, indem wir Jedem seinen Antheil an der
Verantwortlichkeit hierfr berlassen."

Zornig trat der Knig mit dem Fu auf den Boden, mit dem etwas
verkrzten Finger seiner rechten Hand fuhr er mehrfach von oben herab
ber den Schnurrbart, wie es in Augenblicken heftiger Erregung seine
Gewohnheit war.

"General von Roon," rief er dann, als Graf Bismarck die Depesche
zusammenfaltete, zum Zeichen, da er zu Ende gelesen.

Der Kriegsminister trat heran.

"Ich befehle die Mobilmachung der ganzen Armee," sagte der Knig im
festen Ton, "sorgen Sie fr die unmittelbare Ausfhrung meiner Befehle."

"Hurrah!" rief der General-Feldmarschall von Wrangel. "Es lebe der
Knig!"

Die Umstehenden wiederholten diesen Ruf, brausend setzte sich derselbe
weithin ber den Platz und durch die Menschen gefllten Straen fort.

"Ich erwarte Sie in einer Stunde bei mir, Graf Bismarck und auch Sie,
General von Moltke, um alles weiter Erforderliche zu beschlieen," sagte
der Knig.

Dann grte er mit freundlichem Ernst die Anwesenden und bestieg mit dem
Kronprinzen seinen Wagen, in welchen bereits in dichter Menge die ihm
berreichten Blumenbouquets gelegt waren. Langsam fuhr er durch die
jubelnden Menschenmassen nach seinem Palais, von neuen, immer lauter
anschwellenden Hurrahrufen begrt, stieg er hier aus, trat noch einmal
auf die Rampe vor und winkte mit der Hand ber den Platz hin.

"Bei einer solchen Begeisterung meines Volkes ist uns der Sieg sicher,
wir knnen der Zukunft ohne Furcht entgegen gehen," sagte er dann mit
bewegter Stimme, indem er sich langsam abwandte und in sein Palais
eintrat.

Lange noch blieb die Menge dicht gedrngt auf dem Platz versammelt,
immer nach dem Fenster hinblickend und jedesmal, so oft die Gestalt des
Knigs oder auch nur ein vorbergehender Schatten dort sichtbar wurde,
in erneute Rufe ausbrechend.

Endlich trat ein Leibjger des Knigs auf die Rampe hinaus, winkte einen
der dort aufgestellten Schutzmnner heran und sprach einige Worte mit
ihm.

Der Schutzmann nherte sich den Ersten in seiner Nhe.

"Meine Herren," sagte er, "Seine Majestt lt bitten, nach Hause zu
gehen, der Knig hat diese Nacht noch viel zu arbeiten."

"Der Knig will Ruhe," ertnte es unmittelbar durch die Massen hin.
"Nach Hause! Nach Hause!"

Einen Augenblick legte sich eine tiefe Stille ber den ganzen Platz.
Dann begannen einige Stimmen die feierliche, allbekannte Melodie des
"Heil Dir im Siegerkranz" zu intoniren.

Mit gewaltigem Klang stieg dies Lied, das in so einfach groer Weise den
Geist der unvergelichsten Zeit der preuischen Geschichte ausdrckte,
zum nchtlichen Himmel auf,--dann wurde wieder Alles still.

Leise und ruhig nur in flsternden Gesprchen sich unterhaltend,
zerstreute sich diese ganze unabsehbare Menschenmenge, um dem Knige
Ruhe zu lassen fr seine Arbeit, welche dem deutschen Volk in den groen
nationalen Entscheidungskmpfen den Sieg sichern sollte.

Bald lag der ganze weite Platz im schweigenden nchtlichen Dunkel, nur
in den Zimmern des Knigs brannte bis zum Morgen hin das Licht, welches
die Arbeit beleuchtete, in die der unermdliche Monarch sich mit seinem
Minister und seinem Heerfhrer vertiefte, und durch die Scheiben des
Fensters fiel der Strahl dieses Lichts in die Nacht hinaus, auf das aus
der Dunkelheit in riesigen Umrissen hervortretende Denkmal des groen
Knigs hin,--die Sterne des Himmels blickten in ewiger lichter Ruhe
herab auf die schlummernde Residenzstadt, welche im tuschenden Schein
friedlicher Stille da lag, whrend sie schon in den nchsten Tagen
Tausende ihre Shne hinaussenden sollte, um auf blutigen Schlachtfeldern
von Neuem ihre opferfreudige Treue fr den Knig und das Vaterland zu
beweisen.




Neuntes Capitel.


Ernst und still sa Frulein Luise Challier in dem Wohnzimmer des
alten Hauses in St. Dizier. Traurige Wochen und Monate waren verflossen,
seit ihr Geliebter sie voll freudiger Hoffnung und Zuversicht verlassen
hatte. So schwer auch der Abschied von ihm sie erschttert hatte, so
hatte sie doch in den ersten Tagen glcklich und froh seiner gedacht;
sie hatte die Tage gezhlt, welche er zu seiner Reise bedurfte, sie
hatte ausgerechnet, wie lange ein Brief von Hannover gehen msse, um zu
ihr zu gelangen und hatte nach Verlauf dieser Zeit mit zweifelloser
Gewiheit, ungeduldig die Augenblicke zhlend, einer Nachricht von ihrem
Geliebten entgegengesehen.

Als ein Tag nach dem andern vergangen war, ohne da eine solche
Nachricht eintraf, hatte sie dann alle Mglichkeiten der Verzgerung
sich klar gemacht, sie hatte auch wohl mit einem leichten Gefhl von
Traurigkeit sich oft gesagt, da der junge Mann unter dem Eindruck der
Rckkehr in seine alte Heimath erfllt von den lebhaften Gefhlen des
Wiedersehens seiner Mutter gezgert habe, ihr zu schreiben. Ja sie hatte
sich sogar in eine freudige Stimmung hinein gedacht, indem sie sich
sagte, da ihm die Ordnung seiner Verhltnisse und die Erlangung der
Einwilligung seiner Mutter und seines Oheims zu der neuen Wendung seines
Schicksals vielleicht schneller gelungen wre, als er selbst es gehofft,
und da er ihr mit der ersten Nachricht vielleicht zugleicht seine
Wiederkehr nach Ueberwindung aller Schwierigkeiten anzeigen wolle--damit
war wieder eine Reihe von Tagen vergangen, bis endlich auch dieser Grund
nicht mehr zur Beruhigung ihrer immer banger werdenden Unruhe gengen
wollte. Dann war jene entsetzliche, das ganze innere Wesen des Menschen
zerstrende Zeit des Wartens gekommen, welche in ihrer dumpfen,
bleiernen Schwere auf die Seele und den Geist vernichtender wirkt, als
der hrteste, aber bestimmt und klar eintretende Unglcksfall.

Wie die Blume vor dem mchtig niederrauschenden Wetter ihr Haupt senkt,
um es spter wieder frisch und duftig erheben, wie sie, wenn die Blthe
gebrochen wird, neue Blthen treibt, so kann ein mchtiger Wetterschlag
des Schicksals das menschliche Herz und den menschlichen Geist schwer
und gewaltig erschttern; aber nach dieser Erschtterung richtet sich
der Muth wieder empor, die Kraft kehrt zurck, und neues Glck, neue
Freude knnen unter wiederkehrendem Sonnenschein freundlicher
Schicksalswendungen erwachsen.

Aber wie die Pflanze, der in drrer Erde das Wasser entzogen wird,
langsam erstirbt, vergeblich lechzend nach frischer erquickender
Lebenskraft, und wie die vertrockneten Blthen die verdorrten Bltter,
langsam erstarrt und gestorben, sich niemals wieder zu neuem Leben
aufrichten knnen, so tdtet und erstarrt das langsame erbarmungslose
Verschwinden der Hoffnung den Glauben des menschlichen Herzens, und wenn
es auch mechanisch in regelmigem Pulsschlag das Blut durch die Adern
treibt, sein inneres Leben, der Duft und die Farben kehren ihm nie
wieder zurck, und es ist todt, lange, lange, bevor es aufhrt, zu
schlagen.

So erstarb langsam und qualvoll die Freude und das Glck und endlich die
Hoffnung und der Glaube in dem Herzen des jungen Mdchens, und wenn auch
die Liebe, diese Tochter des Himmels, welche in dem geschaffenen
Menschen Alles berlebt, weil sie unsterblich ist, wie der Schpfer, der
sie in sein Geschpf legte,--wenn auch diese Liebe nicht aus ihrem
Herzen verschwand, so erfllte sie doch das Herz nicht mehr mit Licht
und Wrme. Es war nur noch eine traurige Flamme frommer Erinnerung wie
die ewige Lampe in einem Grabgewlbe.

Luise hatte sich zuerst in ihrer feurigen und krftigen Natur lebhaft
aufgebumt gegen den Gedanken, da der, den sie so sehr liebte und an
dem ihr Herz mit so vollem und hingebendem Vertrauen hing, sie so
schnell habe vergessen knnen.

Qualvolle Unruhe, Zorn, Erbitterung hatten sie erfllt, immer und immer
wieder hatte sie Grnde fr sein Verstummen gesucht, und von Neuem hatte
sie ihre Hoffnungen wieder aufgerichtet, um sie immer wieder von Neuem
zusammen sinken zu sehen. Und alle diese Kmpfe, alle diese Qualen und
Leiden hatte sie tief in sich selbst verschlossen.

Mit lchelnder Miene hatte sie, als ihr Vater anfing, seine Verwunderung
ber das Schweigen des jungen Mannes auszusprechen, Grnde aufgesucht,
an welche sie selbst nicht glaubte. Mit Anstrengung aller Willenskraft
hatte sie sich den Tag ber aufrecht erhalten, um vor den Augen ihres
Vaters und ihrer Hausgenossen ruhig und heiter zu erscheinen;
sorgfltig hatte sie am Morgen ihre von Thrnen und Nachtwachen
gertheten Augen gekhlt, um die Spuren ihres innern Leidens zu
verbergen, und stolz und kalt hatte sie Herrn Vergier, wenn derselbe sie
zuweilen mit dem Anschein freundlicher Theilnahme nach dem jungen Cappei
fragte, geantwortet, da derselbe sich vortrefflich befinde, und da sie
hoffe, er werde bald zurckkehren.

Endlich aber war das Alles ber ihre Krfte gegangen, alle Grnde, die
sie fr sich selbst und ihren Vater aufsuchen mochte, konnten nicht mehr
ausreichen, um dies wochenlange Schweigen des jungen Hannoveraners zu
erklren, und als endlich eines Tages der alte Challier deutlicher und
bestimmter seine Besorgnisse und seine Unruhe ber das Benehmen des
jungen Mannes, zu dem er so groes Vertrauen gehabt, aussprach, da war
sie wie gebrochen in sich zusammen gesunken, zu schwach, den Kampf
lnger auszuhalten und ihre inneren Qualen unter lchelnder Miene zu
verbergen.

Ein Strom heier Thrnen strzte aus ihren Augen und laut schluchzend
warf sie sich in die Arme ihres Vaters.

"Oh, er hat mich verlassen!" rief sie. "Er hat mich vergessen! Er hat
sein Spiel mir getrieben hier in der Verbannung,--nun er zurckgekehrt
ist zu den Seinen in sein Vaterland und in seine alte Heimath, da
gedenkt er meiner nicht mehr. Und," fuhr sie heftiger weinend fort, "da
hlt er es nicht einmal fr nthig, einen Vorwand zu suchen--mir ein
Wort des Abschieds zu sagen! Nein, er lt mich langsam vergehen in
vergeblicher Erwartung! Oh, das ist schlecht," rief sie, den Kopf
emporhebend und mit fast verwirrtem Blick im Zimmer umher starrend--"das
ist schlecht, das habe ich nicht um ihn verdient! Ich habe ihn doch so
sehr geliebt, und auch jetzt noch liebe ich ihn," rief sie. "Ich zrne,
mir selbst, fast mchte ich mich verachten, da ich ihn noch lieben
kann. Aber dann wieder, wenn sein Bild vor mich hintritt, wenn ich an
seine Augen denke, die so gut und treu blicken, an alle seine Worte so
voll Wahrheit und tiefen Gefhls--dann kann ich es nicht glauben, kann
ich es nicht fr mglich halten, da er mich so vergessen, so unwrdig
bei Seite werfen sollte, dann erfat mich eine namenlose Angst, da ihm
ein Unglck widerfahren sei, da er todt sein mchte. Oh, mein Gott,
mein Gott," rief sie laut aufschreiend, "gieb mir ein Ende dieser
Qualen, ein Ende dieser Angst, nur einen Lichtblick der Gewiheit, und
wre es die traurigste, die schmerzlichste, sie wre ein Glck gegen
diesen Zustand."

Ernst und traurig hatte der alte Herr Challier diesen so pltzlichen
Ausbruch des Jammers seiner Tochter mit angehrt. Voll tiefen,
liebevollen Mitgefhls sah er auf das junge Mdchen herab, welches
zitternd in sich zusammen geschmiegt vor ihm stand, die Hnde gefaltet
und den brennenden Blick fragend auf ihn gerichtet, als erwarte sie von
ihm das Licht und die Aufklrung nach denen ihre Seele drstete.

"Meine Tochter," sagte er, "gieb Dich nicht der Verzweiflung hin. Das
Leben bietet harte und schwere Schicksalsschlge genug, es mu immer in
unserm Herzen etwas leben, das uns ber das Unglck erhebt, und wre es
nur der Stolz und das muthige Selbstgefhl, welches eine Tochter der
Bragars niemals verlassen soll."

"Oh, mein Vater," rief sie, "ich wrde Muth und Kraft haben, Alles zu
ertragen, wenn er mir gestorben wre, wenn die Hand der Vorsehung mit
unwiderstehlicher bermchtiger Gewalt in meine Hoffnungen und in die
Trume meines Glcks eingegriffen htte; aber da es so enden soll, da
er mich vergit, da er aus dem Kreise meines Lebens verschwindet, ohne
da ich wei wodurch und warum. Das, mein Vater, zerstrt meinen Geist,
das zerbricht meinen Willen und meine Kraft, das untergrbt mein
Vertrauen an die Gerechtigkeit Gottes."

"Wenn er sich unwrdig gegen Dich betragen hat, mein Kind, wenn er Dich
so leicht vergessen konnte, so sollte Dein Stolz sich um so hher
erheben und Dir den Willen und die Kraft Deiner Seele wiedergeben,"
sagte Herr Challier mit ernstem, fast vorwurfsvollem Ton. "Aber," fuhr
er fort, "noch ist es so weit nicht, noch kann irgend ein Miverstndni
vorliegen. Er kann krank geworden sein,--wenn ich an den jungen Mann
zurckdenke, wie ich ihn gekannt habe, als er unter uns lebte, wenn ich
mir sein ganzes Wesen, seinen Charakter vergegenwrtige, so kann ich es
kaum glauben, da er Dich so leicht vergessen und verlassen hat; und ich
mu fast an irgend ein ueres Hinderni glauben, das diesem
unerklrlichen Schweigen zu Grunde liegt."

"Das sagt auch mir mein Herz," rief Luise, indem sie mit einem dankbaren
und hoffnungsvollen Ausdruck zugleich ihren Vater ansah, "eine Stimme in
meinem Innern ruft mir zu, er kann nicht so niedrig, so schlecht und
undankbar sein, um, selbst wenn das Schicksal unserer Verbindung
unbersteigliche Hindernisse in den Weg entgegenstellte, sich so von mir
zu trennen."

"Wenn Du das glaubst," sagte der alte Challier, "so mut Du an ihn
schreiben und Erklrung von ihm verlangen. Ist er krank, was ja mglich
ist, so wird der Brief in die Hnde der Seinigen kommen, und Alles wird
klar werden."

"Ich soll ihm zuerst schreiben," rief Luise, indem eine dunkle Rthe ihr
Gesicht berflog, "ich soll ihn mit meiner Liebe verfolgen--wenn er mich
vergessen htte."

"Wenn Du ihn liebst," sagte Herr Challier, "wenn Du Vertrauen zu ihm
hast, so bist Du ihm und Dir selber schuldig, jenen Schritt zu thun, der
Dir Aufklrung ber ein Miverstndni oder die unleugbare Gewiheit
seiner Unwrdigkeit giebt. Es mag ihm widerfahren sein, was da wolle, so
wird Dein Brief in die Hnde seiner Angehrigen kommen und Du wirst
irgend eine Nachricht erhalten. Und nur wenn er Dich wirklich verlassen
will, oder wenn er uns eine falsche Adresse gegeben htte, um seine Spur
verschwinden zu lassen, wirst Du ohne Antwort bleiben."

"Du hast Recht, mein Vater," sagte Luise, "ich will den Glauben und das
Vertrauen nicht so leicht aufgeben. Ich will ihm schreiben."

Sie ging sogleich in ihr Zimmer und schrieb in fliegender Eile Alles,
was ihr Herz ihr eingab, und als sie geendet hatte und den Brief nochmal
berlas, sprach sie hoch aufathmend zu sich selbst:

"Wenn dieser Brief in die Hnde seiner Mutter gelangt, wenn er nur von
einem Menschen gelesen wird, der ein fhlendes Herz hat, so werde ich
erfahren, was ihm begegnet ist, und warum ich keine Nachricht von ihm
erhalten habe."

Ihr Vater las den Brief, den sie geschrieben, mit wehmthigem Blick,
voll inniger Theilnahme sah er sein Kind an. Die ganze Qual ihres
Herzens lag zwischen den Zeilen.

Er siegelte den Brief und versah ihn mit der Adresse, welche Cappei
zurckgelassen hatte und brachte ihn selbst zur Post.

Abermals begann nun jene Zeit der unruhigen Erwartung, des bangen
Zweifelns zwischen Furcht und Hoffen. Abermals zhlte das junge Mdchen
die Tage, welche ihr eine Antwort bringen konnten. Abermals aber
verflossen diese Tage, ohne da die ersehnte Nachricht kam, abermals
arbeitete sich ihr gemartertes Herz durch alle Fasern dieses
entsetzlichen Wartens hindurch, dessen Pein keine Ruhe und Rast, keinen
Unterschied zwischen Tag und Nacht kennt.

Bleicher und bleicher wurden die Zge dieses sonst so lebensfrischen
Gesichts, aber es war diesmal nicht die zitternde, sehnsuchtsvolle
Unruhe, nicht die schmerzvoll ringende Verzweiflung, welche sich in
diesen Zgen malte. Kalt, finster und stolz wurde der Blick des jungen
Mdchens, oft lchelten ihre Lippen bitter oder preten sich mit dem
Ausdruck dsterer Resignation auf einander. Kalt und ruhig ging sie
einher, verrichtete genau und pnktlich ihre huslichen Besorgungen, und
sorgfltig wich sie jedem Gesprch mit ihrem Vater aus, welcher mit
kummervollen Blicken ihr Treiben beobachtete.

Es waren fast drei Wochen vergangen, seit sie ihren Brief abgesendet, da
trat sie eines Tages ernst und ruhig vor ihren Vater hin, als derselbe
nach dem Diner in seinem Lehnstuhl sa und mit klarem Blick und mit
fester Stimme sprach sie zu ihm:

"Es ist jetzt vorbei, mein Vater, der Traum, welcher eine Zeit lang mein
Leben erfllte, ist ausgetrumt. Die Liebe, welche mein ganzes Wesen
durchdrang, ist in meinem Herzen gestorben, ich habe sie ausgerissen mit
den letzten Wurzeln, ich habe sie verachten gelernt und will sie nun
auch vergessen knnen. Du hast Recht gehabt, mein Vater, der Stolz
giebt die Kraft, sich aus dem Bann leidenden Jammers zu erheben und im
Gefhl der eigenen Wrde die Niedrigkeit und Schlechtigkeit derer zu
vergessen, die unser Herz mit Fen traten. Ich habe ein Jahr meines
Lebens verloren--das ist Alles," sagte sie bitter und hart, "vielleicht
habe ich dabei gewonnen, denn ich habe die Menschen verachten und die
eigene Kraft schtzen gelernt. Nimm mich hin, mein Vater, es ist Alles,
wie es frher war, Deine Tochter gehrt wieder Dir und Dir ganz allein."

Sie schlang ihre Arme um die Schultern ihres Vaters und lie ihren Kopf
an seine Brust sinken. Ein leises Zittern flog durch ihre Gestalt wie
eine letzte Regung des tief schneidenden Schmerzes, der so lange ihr
innerstes Wesen erschttert hatte.

Dann aber hob sie den Kopf empor und blickte ihren Vater fest an, wie um
zu zeigen, da ihre Kraft grer sei, als ihr Schmerz. Ihre Gesichtszge
waren ruhig und unbeweglich, ihre Augen klar und trocken.

Ihr Vater schttelte langsam und schmerzlich den Kopf.

"Ich freue mich," sagte er, "da Du die eigene Kraft kennen und schtzen
gelernt hast, aber nicht so darfst Du in Dein knftiges Leben gehen, Du
darfst die Menschen nicht verachten, weil Einer sich Dir niedrig gezeigt
hat, weil Einer unwrdig gegen Dich gehandelt. Auch diese Wunde wird
heilen, mein Kind, wie so Vieles heilt in der geschaffenen Natur--Du
wirst auch das Vertrauen zu den Menschen wieder finden, Du wirst Dich
dem Leben und seinen reichen Gaben nicht verschlieen. Du bist noch so
jung und es wird die Zeit kommen, wo Alles, was Du jetzt gelitten, wie
ein ferner Traum verklungen sein wird. Vergi auch nicht," fgte er
hinzu, "da Derjenige, der Dich unwrdig verlassen, kein Sohn Deines
edlen Vaterlandes war. Vielleicht ist es ein Glck, da es so kam, fr
das Leid, das der Fremde Dir zugefgt, wird, so Gott will, Frankreich
Dir Ersatz bieten."

Luise trat einen Schritt von ihrem Vater zurck, hoch richtete sie sich
empor und sprach stolzen, flammenden Blickes.

"Glaube nicht, mein Vater, da ich mit dem Leben abschlieen will,
glaube nicht, da ich etwa daran denke, in klsterlicher Einsamkeit den
Unwrdigen zu beweinen, der mein liebevolles Vertrauen getuscht hat.
Nein, ich werde frei und muthig, aber auch klar und kalt in das Leben
treten, ich werde alle seine Pflichten erfllen,--aber mein Herz werde
ich fr mich allein behalten und--fr Dich, mein Vater," fgte sie mit
einem innigen Blick hinzu. "Es soll nicht wieder der Spielball
unwrdiger Laune werden." "Das ist brav und recht, mein Kind," sagte
Herr Challier, "das ist tapfer und meiner Tochter wrdig. Und Gott, der
die Zukunft der Menschen lenkt," fgte er die Hnde faltend hinzu, "er
wird auch nicht zulassen, da Dein Herz in kalte Einsamkeit verschlossen
bleibt, auch Dir wird noch Glck, Wonne und Freude zu Theil werden."

Schweigend, mit schmerzlichem Lcheln schttelte Luise den Kopf und ging
hinaus, um die Geschfte der huslichen Wirthschaft zu ordnen.

Von diesem Augenblick an war zwischen Vater und Tochter von der Sache
nie mehr die Rede, und ruhig ging das einfache Leben in dem alten Hause
seinen Weg.

Herr Vergier, welcher sich eine Zeit lang wenig im Hause hatte sehen
lassen, kam wieder fter dorthin. Er leistete dem Alten Gesellschaft,
sprach mit ihm ber die Geschichte und ber die Fragen der Politik,
welche die ffentliche Meinung bewegten. Sein frher so heftiges und
aufgeregtes Wesen war augenscheinlich ruhiger und sanfter geworden; er
schien sich allmhlig von den Ansichten des alten Herrn berzeugen zu
lassen und hielt sich von allen heftigen Ausfllen gegen das
Kaiserthum, von allen scharfen Urtheilen ber die Regierung zurck--er
hatte whrend des Plebiscits sich von jeder Agitation der democratischen
Partei, mit welcher er frher innig verbunden gewesen war, fern
gehalten,--der alte Herr Challier war darber sehr erfreut und erblickte
darin eine Wirkung des Einflusses, den er auf die Ansichten des Herrn
Vergier ausbte. Das Verhltni zwischen Beiden war in Folge dessen ein
immer freundschaftlicheres und herzlicheres geworden.

Auch Frulein Luise trat Herrn Vergier immer nher, er unterhielt sich
freundlich und ruhig mit ihr; er sprach mit ihr ber viele Dinge, welche
den regen Geist des jungen Mdchens interessirten, und niemals kam ein
Wort ber seine Lippen, das an die Vergangenheit erinnerte oder die
Hoffnungen und die Wnsche berhrte, die er frher gehegt, und die er
frher in so heftiger und leidenschaftlicher Weise gegen sie
ausgesprochen hatte.

Das junge Mdchen, das anfnglich verschlossen, kalt und zurckhaltend
gegen ihn gewesen war, begann in seiner Unterhaltung Zerstreuung und
Beruhigung zu finden, und so kam es, da nach Verlauf einiger Zeit Herr
Vergier wieder der tgliche und gern gesehene Gast im Hause des Herrn
Challier war, der in den kleinen Kreis freundliches und heiteres Leben
brachte.

Die verhngnivollen Tage des Juli waren gekommen, die gewaltige
Aufregung, welche Paris bewegte, und welche bereits ganz Europa zu
ergreifen begann, schlug ihr helles Feuer auch hier in diesem ruhig
abgeschlossenen Leben der alten Stadt St. Dizier, und das Gefhl aller
dieser Nachkommen der Soldaten Franz I. wallte hoch auf bei den
Berichten ber die Vorgnge im Corps legislatif, und als die Rede des
Herzogs von Gramont in den Journalen erschien, in welcher dieser Trger
eines edlen, alt franzsischen Namens das Nationalgefhl Frankreichs
aufrief gegen die Wiederherstellung des Reiches Karl V., dieses
deutschen Kaisers, der einst in seinen Kmpfen gegen den ritterlichen
Knig Franz I. die Stadt St. Dizier belagert und vor deren Mauern den
entscheidenden Widerstand gegen sein siegreiches Vordringen gefunden
hatte, da war in dieser kleinen Stadt nur eine Stimme der Entrstung und
der Begeisterung, und jeder Brger von St. Dizier wre bereit gewesen,
die Waffen zu ergreifen, um unter den Fahnen Frankreichs hinaus zu
ziehen zum Kampf gegen die Nachkommen der Soldaten Karl V.

Die vollste bereinstimmung zwischen ihren Anschauungen und Gefhlen
herrschte zwischen Herrn Challier und Herrn Vergier, und wenn die
Abendzeitungen die neuesten Nachrichten ber die Vorgnge in Paris und
in Ems brachten, so ergingen sich Beide in gleichen und einander
ergnzenden Ausdrcken der Entrstung gegen die deutsche Anmaung und
der begeisterten Hoffnung auf einen siegreichen Krieg Frankreichs; und
mit leuchtenden Blicken hrte Luise diesem Gesprch zu,--jedes Wort fand
einen Wiederhall in ihrem Herzen. Zum ersten Mal nach langer Zeit schlug
dies Herz wieder in hherer Wallung auf, die Erinnerung an ihre
verlorene Liebe verschwand fast vor dem Gefhl des nationalen Stolzes,
der sie erfllte.

Eines Abends trat Herr Vergier hastig und von heftiger Aufregung
zitternd in das Wohnzimmer, in welchem der alte Challier mit seiner
Tochter sa.

"Die Entscheidung ist da," rief er, dem alten Herrn ein Zeitungsblatt
hinreichend, "alle diplomatischen Knste knnen diesmal den Krieg, nach
welchem Frankreich drstet, nicht aufhalten. Unsere Ehre ist engagirt,
und wenn die Regierung jetzt nicht unmittelbar handelt, so wird das
Nationalgefhl dies nicht lnger ertragen. Der Knig von Preuen,"
sagte er, zu Luise gewendet, whrend Herr Challier das Zeitungsblatt
durchlas, "hat es verweigert, den Botschafter Frankreichs anzuhren, ja
nur zu empfangen. Das ist eine Beleidigung, wie sie im Verkehr der
Nationen noch nicht vorgekommen ist, und zum berflu hat die preuische
Regierung diese unerhrte Thatsache noch in der schroffsten und
verletzendsten Form allen brigen Cabinetten Europa's mitgetheilt. Die
unmittelbare Kriegserklrung ist die einzige mgliche Antwort auf diese
Provocation. Bereits sind Eisenbahnzge angemeldet," fuhr er fort,
"welche die Truppen nach den Grenzen fhren, die Commando's sind
vertheilt, und in vierzehn Tagen vielleicht schon knnen wir die
Nachricht von den ersten Siegen unserer Armeen erhalten."

Einen Augenblick zuckte es schmerzlich ber das Gesicht Luisens, dann
aber leuchteten ihre Augen in hoher Begeisterung auf, fragend richtete
sie den Blick auf ihren Vater.

Dieser hatte das Zeitungsblatt langsam durchgelesen.

"Ja," sagte er ernst, "das ist der Krieg. Ein Krieg, der die Welt
erschttern wird, und der hoffentlich alles Unrecht wieder gut machen
wird, welches das coalirte Europa uns einst gethan. Gott segne
Frankreich!" fgte er hinzu, die Hnde gefaltet.

"Ja, Gott segne Frankreich," flsterte Luise leise, indem ihr Blick sich
mit dem Ausdruck innigsten Gebets auswrts richtete.

Herr Vergier schlug einen Moment die Augen zu Boden, dann trat er zu
Luise hin und sprach nach einem leichten Zgern:

"Frulein Luise, ich habe nie wieder dessen erwhnt, was frher zwischen
uns vorgegangen, obgleich die schmerzliche Erinnerung daran mich keinen
Augenblick verlassen hat. Verzeihen Sie, wenn ich Sie heute daran
erinnere, aber in einem Augenblick wie dieser, in welchem alle Kinder
Frankreichs in gemeinsamen Wnschen und Hoffnungen sich begegnen, soll
es auch zwischen uns klar werden. Sie haben mir einst schwer gezrnt,
als ich dem bitteren Schmerz Worte verlieh, den mein Herz darber
empfand, da Sie Ihre Liebe einem Fremden, einem Feinde Frankreichs,
zugewendet. Frulein Luise, mein treues und tiefes Gefhl fr Sie hat in
seinem Instinct das Richtige erkannt, jener Fremde hat Sie verlassen,
Ihre Liebe verachtet,--ich habe das nie erwhnt, aber ich habe es wohl
gesehen, und ich habe auch gesehen, was Sie gelitten haben. Ich will
heute nicht noch einmal den Verdacht aussprechen, den ich gegen jenen
Fremden gehegt; die Ereignisse haben jenen Verdacht nicht entkrftet,
und vielleicht werden auch Sie heute meine damaligen Besorgnisse anders
beurtheilen, als Sie es zu jener Zeit gethan. Ich kann mir," fuhr er
fort, "nicht denken, da heute noch in Ihrem Herzen ein Rest von Liebe
gegen Denjenigen bestehen soll, der vielleicht in diesem Augenblick
schon mit der Waffe in der Hand gegen die Grenzen unseres heiligen
Vaterlandes heranzieht--"

Mit stolz blitzenden Augen schttelte Luise schweigend den Kopf.

"Ich will mir auch nicht anmaen," fuhr Herr Vergier fort, indem bei der
Bewegung des jungen Mdchens ein freudiger Strahl in seinen dunklen
Augen aufleuchtete, "ich will mir auch nicht anmaen, da es mir mglich
sei, so schnell in Ihrem Herzen die Gefhle erwecken zu knnen, welche
Sie mir frher versagten, aber Freundschaft und Vertrauen werden Sie mir
heute hoffentlich nicht mehr verweigern knnen, heute, wo alle Franzosen
nur eine groe Familie bilden."

Luise reichte ihm mit einer Bewegung voll aufrichtiger Herzlichkeit die
Hand.

"In Zeiten wie die heutigen, in denen wir groen und vielleicht
langwierigen Entscheidungskmpfen entgegengehen, bedarf eine Frau mehr
als je des Schutzes und der Gewiheit einer sichern und ruhigen Zukunft.
Sie wissen, Frulein Luise, da ich mein Glck nur an Ihrer Seite finden
kann, Sie wissen auch, da Sie in mir eine treue und feste Sttze fr
das ganze Leben finden werden, Sie wissen, da Ihr Vater unsere
Verbindung einst wnschte, und da er sie vielleicht jetzt wieder
wnscht. Erlauben Sie mir in diesem groen Augenblick die Frage an Sie
zu richten, ob Sie in Erwiderung meiner tiefen und glhenden Liebe mir
Vertrauen und Freundschaft schenken, mir Ihr Leben anvertrauen wollen."

Luise sah ihn klar und frei an.

"Ich danke Ihnen, Herr Vergier," sagte sie, "dafr, da Sie all des
Schmerzlichen, das zwischen uns liegt, bisher niemals erwhnt haben,--ob
in meinem Herzen Dasjenige jemals wieder erwachen kann, was man die
Liebe nennt," fuhr sie mit traurigem Ton, durch welchen eine gewisse
Bitterkeit hindurchklang, fort, "wei ich nicht. Freundschaft und
Vertrauen glaube ich Ihnen geben zu knnen, und in dieser Freundschaft
und in diesem Vertrauen antworte ich Ihnen frei und offen. Ja, ich will
Ihren Antrag annehmen und ich will versuchen, Ihrem Leben soviel Freude
und Glck zu geben, als aus meinem Herzen noch erblhen kann."

Mit ruhigem, freundlichem Lcheln reichte sie ihm die Hand, welche er,
seine leidenschaftliche Bewegung bemeisternd, ehrerbietig an die Lippen
drckte.

"Aber," fuhr Luise fort, "Sie mssen mir versprechen, da ber diesen
Gegenstand jetzt nicht weiter gesprochen wird. In diesem Augenblick, in
welchem das Vaterland in Gefahr ist, in welchem Frankreich sich zu einem
gewaltigen Kampf rstet, schickt es sich nicht, an etwas Anderes zu
denken, als an die Zukunft unseres Landes. An dem Tage, an welchem
unsere Heere wieder siegreich in Paris einziehen, will ich Ihnen meine
Hand reichen, an jenem Tage soll unsere Verbindung vor dem Altar den
Segen des Himmels erhalten."

"Das ist brav gesprochen," rief der alte Challier, "gesprochen wie eine
Franzsin, wie eine Tochter der alten Bragars."

"Und damit bin ich von Herzen einverstanden," rief Herr Vergier, "und
wenn es mglich ist, werden nun meine Wnsche noch glhender die Waffen
Frankreichs begleiten, denn der stolze Tag des groen Nationalsieges
wird zugleich mit der erneuten herrlichen Gre des Vaterlandes das
Glck meines Lebens begrnden."

Luise stand langsam auf und trat an ein Pianino, welches zur Seite des
Fensters stand, sie ffnete dasselbe, setzte sich auf den davorstehenden
Sessel und schlug in einfachen krftigen Accorden die ergreifende
Melodie des Chant du dpart an, welche so mchtig und gewaltig alle
franzsischen Herzen erfat und die Erinnerung an jene von Begeisterung
glhenden Freiwilligen aufsteigen lt, die voll Muth und
Todesverachtung nach den Grenzen hinauszogen, um dort Zeugni abzulegen
fr die edlen und groen Gedanken, welche in der Revolution lebten und
welche in dem blutigen Schlamme von Paris untergingen.

Leise bewegte Herr Challier die Lippen, die Melodie begleitend,--Herr
Vergier wandte sich ab und trat an das Fenster, nach dem dunkel
glhenden Abendhimmel hinausblickend.

"Ich habe gesiegt," flsterte er vor sich hin,--"mchte nun," fuhr er
fort, indem ein dsterer Grimm in seinen Augen brannte, "die erste
franzsische Kugel jenen verhaten Feind meines Landes treffen, der fast
das Glck meines Lebens zerstrt htte."




Zehntes Capitel.


Eine unruhige, lebhaft bewegte Menge wogte in den Straen von Paris
auf und nieder. Die Boulevards, die Champs Elyses, der Tuileriengarten,
Alles war mit Menschen gefllt und berall sah man laut sprechende und
lebhaft gesticulirende Gruppen.

Die Zeitungen vom Abend vorher hatten die Nachricht verkndet, da der
Knig von Preuen es verweigert habe, den Botschafter Frankreichs zu
empfangen und da dieses die Wrde Frankreichs beleidigende Factum durch
eine Depesche von Berlin den europischen Hfen mitgetheilt sei.

Ungeheuer war die Aufregung, welche diese Mittheilung in ganz Paris
hervorgerufen hatte. Diese Aufregung wurde fortwhrend gesteigert durch
alle die Mittel, ber welche die Polizei des Kaiserreichs in so reichem
Mae verfgen konnte. Man sprach nicht mehr von der Candidatur des
Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron, eine Sache, die man
niemals so recht eigentlich begriffen und verstanden hatte. Man sprach
nicht mehr von dieser oder jener politischen Frage, man sprach nur noch
von der Beleidigung Frankreichs. Die ganze Entrstung der Bevlkerung
richtete sich gegen diesen preuischen Minister, den die Erfolge von
Sadowa so weit verblendet hatten, da er es wagen knne, Frankreich, das
unbesiegliche Frankreich, die erste Macht Europa's zu beleidigen. Im
Corps legislatif hatten zwar die Tage vorher die Mitglieder der Linken
die Vorlegung der Depesche verlangt, durch welche jene Thatsache von
Preuen den brigen Mchten mitgetheilt worden wre und sie hatten den
ausweichenden Antworten der Minister gegenber die schrfsten Reden
gegen dieselben gefhrt.

Alle diese Reden hatten die Pariser nicht gehrt und gelesen, denn man
las zu jener Zeit keine Journale, sie hatten sie auch nicht lesen
wollen, denn wenn die Pariser einmal bis zu einem gewissen Grade der
Erregung gelangt sind, so weisen sie jede Beruhigung zurck und steigern
in immer wachsendem Mae ihre Gefhle bis zur hchsten Siedehitze.

Die Nachricht hatte sich verbreitet, da der Kaiser von St. Cloud
kommen werde, um in den Tuilerien einen Ministerrath abzuhalten.

Die glhende Mittagssonne, welche schon so oft die Pariser bis zum
politischen Wahnsinn exaltirt hatte, hielt sie auch diesmal nicht ab, in
dicht gedrngten Massen auf den Champs Elyses, der Place la Concorde
und auf dem Carousselplatz die Ankunft des Kaisers zu erwarten.

Endlich hrte man vom Arc de Triomphe her laute Hochrufe erschallen und
bald sah man die beiden Piqueurs in den grn goldenen Livreen, welche
der vierspnnigen Kalesche des Kaisers voranritten an dem Eingang der
Champs Elyses nach dem Place la Concorde zu.

Der Kaiser hatte keine militairische Escorte, er sa in Civil gekleidet,
mit dem General Fav allein im Wagen, der langsam ber den
Eintrachtsplatz fuhr, der so von Menschen angefllt war, da nur mit
Mhe ein Weg fr die kaiserliche Equipage frei gemacht werden konnte.

Der Kaiser sah wohler und heiterer aus, als man ihn in den letzten Tagen
zu sehen gewohnt gewesen war. Er sa gerade aufgerichtet da, ein
heiteres stolzes Lcheln lag auf seinem Gesicht und mit offenen klaren
Blicken sah er ber diese Menschenmassen hin, welche ihn mit einem
Enthusiasmus, den er in solchem Mae lange nicht mehr gewohnt war, mit
unausgesetzten Hurrahrufen begrten.

Napoleon dankte wiederholt mit der Hand winkend und wendete sich
zuweilen mit heiterer Miene zu dem General, um demselben einige Worte zu
sagen.

Als der Wagen dem alten Hotel Talleyrands gegenber in die Rue Rivoli
bog, stimmte eine dort stehende Gruppe junger Leute, die Hte dem Kaiser
entgegen schwenkend mit lauter Stimme die Marseillaise an.

Napoleon wandte schnell den Kopf nach der Seite hin, woher diese so
lange in Frankreich verpnten Tne erklangen,--er htte auf alle Gre
bisher nur mit freundlichen Handbewegungen gedankt. Jetzt nahm er den
Hut ab und hielt denselben, den Kopf nach jener Gruppe hinneigend, so
lange in der Hand, bis der Wagen sich der Eingangsthr des innern Hofes
der Tuilerien nherte.

Ein betubender Jubelruf, welcher sich bis auf den Carousselplatz
fortsetzte, dankte dem Kaiser fr diese dem wieder erwachten
Nationalhymnus dargebrachte Huldigung, und immer heiterer und stolzer
wurde das Gesicht des Kaisers, der nun im schnellen Trabe durch den
innern Hof am groen Portal des Pavillon de l'Horloge vorfuhr; indem er
sich nur ganz leicht auf den Arm des General Fav sttzte, stieg er mit
elastischen Schritten die Treppe hinauf und trat in sein Cabinet.

"Sind die Minister hier," fragte er den Huissier, der ihm die Thr
ffnete.

"Zu Befehl, Sire."

"Ich lasse Sie bitten sogleich einzutreten." Wenige Augenblicke darauf
traten der Herzog von Gramont, Herr Emil Ollivier und der Marschall Le
Boeuf in das Cabinet des Kaisers.

Trotz seiner vornehmen, ruhigen Sicherheit zeigte der Herzog von Gramont
eine gewisse Proccupation, ein wenig unruhig und leicht befangen
blickte er auf den Kaiser, der stolz aufgerichtet, die Hand auf die
Lehne seines Sessels gesttzt, neben dem runden Tisch in der Mitte des
Cabinets stand und mit freundlichem Kopfneigen die drei Minister
begrte.

Herr Ollivier befand sich in zitternder, nervser Erregung. Sein Gesicht
war bleicher als sonst, seine Lippen zuckten und sein unsicheres Auge
blickte fast fieberhaft brennend unter der schmalen Brille hervor.

Die schwere markige Gestalt des Marschall Le Boeuf stand fest und ruhig
da wie immer, sein martialisches Gesicht mit den etwas starr blickenden
Augen und dem mchtigen Schnurrbart zeigte keinen anderen Ausdruck als
den einer ruhigen, sorglosen Sicherheit.

Auf einen Wink des Kaisers nahmen die drei Herren um den Tisch Platz, an
dessen Mitte Napoleon sich niederlie.

"Die Lage ist ernst, meine Herren," sagte der Kaiser mit fester voll
klingender Stimme und ohne jenen Ausdruck unschlssigen Zgerns, der
sonst auf seinem Gesicht zu liegen pflegte. "Preuen hat die
Verhandlungen, welche ich in dem vershnlichsten Sinne begonnen,
abgebrochen, und wir werden demgem unsere Entschlsse zu fassen haben.
Sie haben mir mitgetheilt, Herr Herzog, da der Knig von Preuen in
beleidigender Weise Benedetti zu empfangen, verweigert habe."

Der Herzog hustete leicht.

"Die Beleidigung, welche Preuen gegen uns begangen, Sire," sagte er,
"liegt nicht so sehr in der Weigerung des Knigs mit Benedetti ber
diesen Gegenstand nicht mehr sprechen zu wollen, da er ihm bereits seine
Meinung bestimmt und endgltig mitgetheilt hatte, als in der Thatsache,
da die Weigerung von Berlin aus den brigen europischen Mchten
mitgetheilt wurde."

Ein sprhendes Feuer blitzte in den gro geffneten Augen des Kaisers
auf.

"Das hat man gethan?" rief er.

"Ich habe heute morgen von allen Seiten," erwiderte der Herzog von
Gramont, "die Mittheilung darber durch unsere Vertreter erhalten,
berall ist das Factum durch die preuischen Diplomaten mitgetheilt
worden, und hierin, Sire, erblicke ich das letzte Glied in jener Kette
von Nichtachtung, Provokationen und Beleidigungen gegen uns, welche
Preuen seit langer Zeit an einander gefgt hat. Mein franzsisches
Gefhl, Sire, emprt sich, das Ma der Geduld und Langmuth ist voll. War
es schon sachlich, nachdem der Knig von Preuen die verlangte
Genugthuung und Garantie fr die Zukunft verweigert, sehr schwer, eine
friedliche Lsung fr die vorliegende Differenz zu finden, so ist dies
nach meiner berzeugung, welche von meinen Collegen getheilt wird,
nunmehr ganz unmglich. Die ffentliche Meinung ist in einer Weise
aufgeregt, da wenn nicht die energischste und festeste Antwort auf
diese preuische Beleidigung erfolgt, der ganze Zorn des emprten
Nationalgefhls sich gegen die Regierung wenden wird. Nach meiner
berzeugung kann diese Antwort nur eine einzige sein. Der Wrfel ist
gefallen, Sire! Wir mssen den Krieg erklren!"

Der Kaiser blickte auf Ollivier und den Marschall Leboeuf.

Auf ihren Zgen lag deutlich die Zustimmung zu den Worten des Collegen.

Napoleon erhob das Haupt und sagte ruhig und fest:

"Ihre Ansicht, Herzog, ist die meinige. Ich habe soeben selbst die
mchtige Erregung der Bevlkerung wahrgenommen, und eine Regierung, die
wie die meinige auf dem Willen des Volkes beruht, mu einer so
gewaltigen und einmthigen Strmung des Nationalgefhls folgen. Ich
konnte in den diplomatischen Fragen der Erhaltung des Friedens
Zugestndnisse machen, und ich habe dies gethan seit einer Reihe von
Jahren, ich habe die Ansprche, welche Frankreich machen konnte und
vielleicht noch entschiedener htte machen sollen, um das gestrte
Gleichgewicht in Europa wieder herzustellen, vertagt, bis dieselben
vielleicht durch gnstige diplomatische Constellationen ohne
kriegerische Conflicte htten durchgefhrt werden knnen. Ich habe
Vorschlge auf Vorschlge nach Berlin gehen lassen, um durch Erlangung
von Compensationen die Freundschaft mit Preuen zu erhalten und
vielleicht auch zu einer Allianz mit demselben zu kommen. Man hat das
Alles zurckgewiesen und ich habe geschwiegen,--immer wartend, immer
noch hoffend, endlich doch ein Arrangement zu erreichen. Jetzt aber
handelt es sich nicht mehr um das europische Gleichgewicht, es handelt
sich nicht mehr um diese oder jene politischen Arrangements,--Frankreich
ist beleidigt! Die Ehre Frankreichs ist engagirt!--Es giebt fr mich nur
einen Weg, und diesen Weg bin ich um so fester und um so ruhiger zu
gehen entschlossen, als die hohe nationale Begeisterung mir die
Brgschaft giebt, da selbst im Falle unglcklicher Zwischenflle das
ganze Volk um so einmthiger und fester hinter mir stehen wird."

Der Herzog von Gramont athmete auf, seine anfngliche Befangenheit
schwand bei den Worten des Kaisers, stolze Freude lag auf seinem
Gesicht.

"Ich glaube an den Sieg, Sire," rief Ollivier mit einer gewissen,
ungeduldigen Hast das Wort ergreifend, als der Kaiser schwieg. "Denn wir
sind stark und gerstet nach allen Seiten. Aber sollte auch ein
augenblicklicher Mierfolg uns treffen, so wird dies die nationale
Begeisterung noch mehr und mehr entflammen, und das Kaiserreich wird
sich in diesem heiligen Feuer immer fester und unauflslicher mit dem
Blut und Leben der Nation verbinden. Eure Majestt wissen, wie ich den
Frieden gewnscht habe, wie die Erhaltung des Friedens meine Bedingung
bei bernahme des Portefeuilles war, wenn ich jetzt sage: Der Krieg ist
nothwendig, sofortige Kriegserklrung ist eine nationale Pflicht fr
Eure Majestt, dann werden Sie berzeugt sein, da kaum Jemand in
Frankreich in diesem Augenblick den Frieden wnschen kann, wenn er nicht
zu gleicher Zeit der Feind Eurer Majestt und des Kaiserreichs ist, wenn
er nicht wnscht, da das Kaiserreich sich von dem nationalen Aufschwung
trennen und damit den ersten Schritt zu seinem Untergang thun soll."

"Herr Thiers wnscht den Frieden," sagte der Kaiser leicht lchelnd, "er
hat sich im Corps legislatif und auch sonst so ffentlich als mglich
dafr ausgesprochen."

"Die ffentliche Meinung, Sire," erwiderte Herr Ollivier, "hat ihm
sogleich darauf die Antwort gegeben, man hat vor seinem Hotel sehr
lebhafte Demonstrationen gemacht und ihm zugerufen. "Nieder mit dem
kleinen Preuen!"

"Herr Thiers sollte nicht vergessen," sagte der Kaiser, "da sein Knig
Louis Philippe gefallen ist, weil er einen Krieg nicht fhren wollte,
den das Nationalgefhl verlangte, und weil er die Demthigung
Frankreichs weiter trieb, als der franzsische Stolz es ertragen kann.
Vielleicht mchte Herr Thiers wnschen da ich denselben Fehler begehe,
um demselben Schicksal zu verfallen,--sein Wunsch soll nicht erfllt
werden. Wollen Sie, mein lieber Herzog, mit Herrn Ollivier die
Kriegserklrung entwerfen? Ich werde morgen wieder hereinkommen, da ich
Sie in dieser viel bewegten Zeit, nicht durch eine Fahrt nach St. Cloud
ihren Geschften entziehen darf, um dann im gesammten Ministerrath die
Erklrung fest zu stellen. Bereiten Sie die Psse fr den Baron Werther
vor."

"Der Baron, Sire," erwiderte der Herzog von Gramont, "ist heute bereits
bei mir gewesen, um mir anzuzeigen, da er sich auf Urlaub begebe. Es
sind," fuhr er fort, "vor seinem Hotel einige unangenehme
Demonstrationen vorgekommen."

"Man soll dort sogleich starke Polizeimacht,--wenn es nthig ist,
Truppen aufstellen," rief der Kaiser, "und den Botschafter gegen jede
feindliche Kundgebung auf das Entschiedenste schtzen. Die nationale
Entrstung darf die Grenzen der vlkerrechtlichen Pflichten und des
Anstandes, den die civilisirten Nationen unter allen Umstnden einander
schuldig sind, nicht berschreiten. Nun aber, meine Herren," sagte er
dann, "nachdem der entscheidende Entschlu gefat ist, haben wir nicht
mehr rckwrts, sondern vorwrts zu blicken. Wir mssen uns klar machen,
auf welche Weise wir alle Chancen des Erfolges auf unserer Seite
vereinigen. Wie stehen unsere Beziehungen zu den Mchten? Haben wir
Aussichten auf Allianzen und directe Untersttzungen?" fragte er, zum
Herzog von Gramont gewendet,--"unsere ganze Diplomatie mu die hchste
Anstrengung entwickeln, um der militairischen Action zur Seite zu
stehen."

"Alle Mchte, Sire," erwiderte der Herzog von Gramont, "haben die
Gerechtigkeit unserer Forderung auf Beseitigung der Hohenzollernschen
Candidatur anerkannt, und es liegt in der Natur der Sache, da
sterreich, Schweden und Dnemark schon zu Anfang eine uns freundliche
Neutralitt beobachten werden. Auch rechne ich auf die Preuen so
uerst feindliche Stimmung in Sddeutschland, so wie auf die
unterwhlten Zustnde in den annectirten Provinzen."

"Alles das ist gut," sagte der Kaiser mit einer leichten Nance von
Ungeduld im Ton, "aber wir haben keine bestimmten Thatsachen, keine
bestimmten Erklrungen."

"Ich kann die vielfachen Versicherungen des Herrn von Beust ber die
Identitt der Interessen Frankreichs und sterreichs," erwiderte der
Herzog, "nur als die Grundlage der bestimmten Erwartung ansehen, da
sterreich mindestens bei den ersten gnstigen Erfolgen unserer Waffen
activ auf unsere Seite treten werde. Noch gestern habe ich eine Depesche
des Herrn von Beust erhalten, in welcher jene Versicherungen wiederholt
werden und zugleich ausgesprochen ist, da sterreich fr den Erfolg
unserer Waffen Alles in den Grenzen der Mglichkeit Liegende thun
werde,--ich habe Eurer Majestt diese Depeschen sofort zugehen lassen--"

"Ich habe sie gelesen," sagte Napoleon die Achseln zuckend, "die Grenzen
der sterreichischen Mglichkeiten sind sehr weit gezogen,--Frst
Metternich hat mich beschworen, den Conflict zu vermeiden."

"Sire," erwiderte der Herzog von Gramont, "ich gebe auf die officiellen
Schritte sterreichs wenig, sie werden gethan, um nach allen Seiten hin
sich zu decken und die neutrale Haltung constatiren zu knnen. Ich lege
das Hauptgewicht auf meine Kenntnisse der dortigen Verhltnisse und auf
den natrlichen und nothwendigen Wunsch, von dem sowohl der Kaiser als
Herr von Beust beseelt sein mssen, jede Gelegenheit zu benutzen, um die
Niederlage von 1866 wieder gut zu machen."

"Ich rechne nicht auf sterreich," sagte der Kaiser, "seit Jahren habe
ich dort nichts gefunden, als ohnmchtige Wnsche und schwankendes
Zgern, das sich nach keiner Seite compromittiren mchte. Etwas Anderes
ist es mit den Sympathien, die wir in Deutschland selbst finden knnten.
Baiern und Wrtemberg sind durch Frankreich auf ihre heutige Stellung
erhoben, sie werden sich hoffentlich daran erinnern, und in Baiern hat
ja die ultramontane Partei eifrig in diesem Sinne gearbeitet. Auf die
annectirten Provinzen rechne ich weniger,--hchstens bei einem Rckzug
der preuischen Armee knnte uns dort ein Aufstand untersttzen."

"Ich mu Eurer Majestt mittheilen," sagte der Herzog von Gramont, "da
sich ein Graf Breda auf dem auswrtigen Ministerium gemeldet hat,
welcher Propositionen zu einem Bndni mit dem Knig von Hannover zu
machen beauftragt sein will."

"Graf Breda?" fragte der Kaiser, "derselbe, der frher bei unserer
Gesandtschaft in Stockholm war und dort--"

"Derselbe, Sire," erwiderte der Herzog von Gramont, "er scheint jetzt
im Dienste der Depossedirten seine unterbrochene diplomatische Carriere
fortsetzen zu wollen."

Der Kaiser zuckte die Achseln.

"Was proponirt er," fragte er.

"Ein hannversches Corps von zwanzigtausend Mann, wogegen im Fall des
Sieges die frheren Besitzungen des Welfenhauses zu einem
Niederschsischen Knigreich wieder vereinigt werden sollen."

Napoleon lchelte mitleidig.

"Ein Corps von zwanzigtausend Mann," sagte er,--"nachdem der Knig seine
Legion, die ihm vielleicht die Mglichkeit htte geben knnen, in die
Entwickelung der Action einzugreifen, nach allen vier Winden zerstreut
hat. Der arme Knig," fuhr er fort, "welch ein trauriges Schicksal,--in
welche Hnde ist dieser arme Frst gefallen,--ich bitte Sie, mein lieber
Herzog, diesen Grafen Breda nicht zu empfangen. Der beste Dienst, den
ich dem unglcklichen Knig von Hannover leisten kann, ist der, da ich
solche Propositionen von Personen, die sich fr seine Agenten ausgeben,
vollstndig ignorire. Wollen die Hannoveraner sich zu seinen Gunsten
erheben, so mgen sie es thun, ich kann mich mit dieser Sache nicht
weiter befassen und ohne jeden Nutzen und Beistand den Kampf mit Preuen
nicht auf das uerste verbittern,--brigens bin ich berzeugt, da der
arme Knig von solchen abenteuerlichen Propositionen selbst garnichts
wei und da er mir dankbar sein wird, wenn ich dieselben der
Vergessenheit bergebe.

"Ich habe ein Programm an die deutschen Vlker entworfen," sagte er nach
einer kurzen Pause, "in welchem ich ihnen sage, da ich nicht die
Grenzen berschreite, um Deutschland den Krieg zu erklren, da ich im
Gegentheil Deutschland befreien will von einer bermchtigen und
bermthigen Gewalt, welche die freie Autonomie und Selbstbestimmung der
deutschen Stmme vernichtet, und da ich vor allen Dingen keine
Eroberung auf deutschem Boden machen will--"

"Eine solche Proclamation, Sire," fiel Herr Ollivier lebhaft ein, "ist
vortrefflich und wird unendlich dazu beitragen, da Preuen in
Deutschland selbst jede moralische Untersttzung verliert. Wenn ich in
demselben Sinne eine Rede im Corps legislatif hielte--"

"Das franzsische Nationalgefhl, Sire," sagte der Marschall Leboeuf,
indem er seinen groen starken Schnurrbart an beiden Enden heraufdrehte,
"wird einen solchen platonischen Krieg nicht verstehen. Der
ffentlichen Meinung in Frankreich im Allgemeinen," fuhr er fort, "ist
es sehr gleichgltig, wie Deutschland sich constituirt, ob es unter
preuischer Suprematie steht oder nicht, wenn nur Frankreich den Rhein
besitzt, so mag dann auf der andern Seite desselben geschehen, was da
will."

Der Kaiser blickte fragend auf den Herzog von Gramont.

"Was der Herr Marschall so eben bemerkt, Sire," sagte dieser, "scheint
mir nicht unbegrndet, auf der andern Seite aber erkenne ich die Wirkung
einer Proclamation, wie Eure Majestt die Gnade hatten, sie anzudeuten
im hohen Grade an, sowohl in Betreff ihrer Wirkung auf die sddeutsche
Bevlkerung, als auch auf die brigen europischen Cabinette. Denn durch
eine solche Proclamation wrde der Vorwurf eines Eroberungskrieges von
Frankreich zurckgewiesen werden. Es kme nur darauf an, durch eine
geschickte Fassung der Worte beiden Gesichtspunkten gerecht zu werden,
und die Proclamation so zu redigiren, da sie sowohl in Frankreich, als
auch in Deutschland eine gnstige Wirkung erzielt."

"Eine solche Redaction wird sich finden lassen," rief Herr Ollivier,
"wenn Eure Majestt--"

"So ganz platonisch," sagte der Kaiser lchelnd, "wrde brigens der
Krieg nicht sein. Zunchst wird Jedermann erkennen, da wenn wir siegen
und wenn dadurch die Constituirung eines politisch und militairisch
geeinigten Deutschlands unter preuischer Fhrung definitiv verhindert
wird, die Erwerbung von Compensationen auf deutschem oder anderem Gebiet
weit weniger nothwendig wird, als sie es wre, wenn wir uns mit dem
preuischen Deutschland in Gte verstndigen wollten,--sodann aber wird
wohl Niemand in ganz Europa dem siegreichen Frankreich das Recht
streitig machen wollen, diejenigen Grenzen zurckzufordern, welche man
ihm im Jahre 1814 zugestand, als es von der europischen Coalition
besiegt darniederlag, und Niemand wird in der Wiederherstellung dieser
damals von ganz Europa sanctionirten Grenzen eine Eroberung erblicken
knnen."

Der Geheimsecretair Pietri trat durch den besondern, fr ihn bestimmten
Eingang in das Cabinet.

"Sire," sagte er, "es sind zwei Depeschen vom auswrtigen Amt so eben
gebracht worden, um dieselben dem Herrn Herzog von Gramont zu
bergeben--"

"Ich habe die Anweisung hinterlassen, Sire," fiel der Herzog ein, "alle
ankommenden Depeschen sofort hierherzubringen, da sie fr die von Eurer
Majestt zu fassenden Entschlsse von Einflu sein knnten."

Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf und auf seinen Wink reichte Pietri
die beiden Depeschen, welche er in der Hand hielt, dem Herzog von
Gramont, der sie schnell erffnete und ihren Inhalt berflog.

Er erbleichte und eine unruhige, zornige Erregung trat an die Stelle der
heitern, sorglosen Zuversicht, welche bisher auf seinen Zgen gelegen
hatte.

"Nun," fragte der Kaiser, forschend in das so schnell vernderte Gesicht
des Herzogs blickend.

"Sire," sagte der Herzog von Gramont, indem die Depeschen in seinen
Hnden leise zitterten, "eine ebenso unerwartete als unangenehme
Nachricht! Aus Mnchen und Stuttgart wird gemeldet, da man dort an dem
Bndni mit Preuen festhlt, die Armee mobil gemacht und unter den
Befehl des Knigs von Preuen gestellt hat,--unsere Gesandten sehen
jeden Augenblick der Zustellung ihrer Psse entgegen."

Ollivier blickte ganz erstaunt und unruhig umher.

Der Marschall Leboeuf strich lchelnd ber seinen dichten, mchtig
hervorspringenden Kinnbart,--der Kaiser blickte einen Augenblick in
dsterm Schweigen vor sich nieder, dann hob er mit klarem, stolzem Blick
das Haupt wieder empor und sagte.

"So weit wie die Dinge jetzt gekommen sind, darf uns keine
fehlgeschlagene Erwartung erschttern. Das Schicksal will den
Entscheidungskampf, und wir mssen mit festem und ungebeugtem Muth in
denselben eintreten. Die Geschichte unseres Landes lehrt uns, da die
eigene Kraft Frankreichs die beste und krftigste Brgschaft fr unseren
Erfolg ist. Wir haben," fgte er mit erhobener Stimme hinzu, "fter
durch unsere Siege Bundesgenossen gefunden, als durch unsere
Bundesgenossen Siege erfochten. Der Gegenstand, ber den wir soeben
sprachen, ist durch diese Mittheilung erledigt," fuhr er fort, indem er
einen vor ihm liegenden, ganz mit seiner kleinen zierlichen Handschrift
beschriebenen Bogen zusammenfaltete. "Da ganz Deutschland es fr gut
findet, sich unter die Fhrung und Botmigkeit Preuens zu stellen, so
haben wir nicht nthig, uns fr die Ausnutzung unseres Sieges Schranken
aufzulegen. Die Proclamation, von der wir sprachen, ist berflssig
geworden. Frankreich wird sich die volle Freiheit erhalten, Alles das zu
nehmen und zu behalten, was seine Interessen ihm nothwendig und
wnschenswerth machen. Finden wir aber keine Alliirte in Deutschland
selbst," sagte er dann, "so mssen wir uns um so mehr Diejenigen zu
sichern suchen, welche auerhalb Deutschlands durch ihre eigenen
Interessen auf uns angewiesen sind. Dnemark hat seine Neutralitt
erklrt,--das mag gut sein fr den Beginn des Krieges; aber ich lege
einen groen Werth darauf, da nach den ersten Erfolgen dort eine fr
uns freundschaftliche Action eintrete, welche preuische Krfte
absorbirt und uns die Mglichkeit einer Landung erleichtert. Ich will
den Herzog von Cadorn in auerordentlicher Mission nach Kopenhagen
schicken, damit er den dortigen Hof veranlasse, bei der ersten sich
darbietenden Gelegenheit, aus seiner Neutralitt herauszutreten,--ich
hoffe, das wird nicht schwer sein, und das Vorgehen Dnemarks wird
dasjenige Schwedens auf der Stelle nach sich ziehen,--wrde damit auch
nichts weiter erreicht, als da Rulands Krfte nach dem Norden gezogen
und von einer Pression auf sterreich abgezogen werden, so wird das
schon von groer Bedeutung sein. Wollen Sie, mein lieber Herzog die
Instructionen und Creditive fr Cadorn so schnell als mglich bereit
stellen lassen."

"Zu Befehl, Sire," sagte der Herzog sich verneigend, "ich bewundre den
Gedanken Eurer Majestt und die vortreffliche Wahl der Person--"

"Zugleich aber," fuhr der Kaiser fort, "ist es nothwendig, eine
energische, diplomatische Action in Wien eintreten zu lassen, um auch
dort den ersten gnstigen Augenblick zu benutzen und Alles aufzubieten,
einen schnellen Entschlu hervorzurufen. Der Frst Latour d'Auvergne mu
sogleich seine Thtigkeit beginnen, und ich bitte Sie, auch in dieser
Beziehung das Nthige zu veranlassen, mein lieber Herzog. Man mu auf
der Basis derjenigen Unterhandlungen wieder beginnen, welche der General
Trr eingeleitet hatte und deren Ziel die im Princip bereits approbirte
Vertragsskizze sein wird, nach welcher gegen Abtretung von Welsch-Tyrol
Italien im Fall einer russischen Intercession sich zur activen
Untersttzung sterreichs und zum Anmarsch gegen die Sddeutschen
Grenzen verpflichtet. Herr von Beust hat dem Abschlu dieses Vertrages
einst Schwierigkeiten entgegen gestellt, der erste Erfolg unserer Waffen
mu benutzt werden, um unter dem dadurch hervorgebrachten Eindruck den
unmittelbaren Abschlu jenes Vertrages kategorisch zu fordern."

Der Herzog von Gramont hatte sich mit einem Crayon einige Notizen auf
einem vor ihm liegenden Blatt Papier gemacht und verneigte sich zum
Zeichen seines Einverstndnisses mit den Anordnungen des Kaisers.

"Nun, mein Herr Marschall," sagte Napoleon, sich zum Kriegsminister
wendend,--"Sie sehen, da die Vorbereitungen der Diplomatie getroffen
sind, wie steht es mit den Ihrigen?"

"Alles ist bereit, Sire," erwiderte der Marschall Leboeuf mit seiner
starken rauhen Stimme, "es fehlt nicht ein Knopf an der Ausrstung der
Armee, nicht eine Bajonettspitze an ihrer Bewaffnung. Unsere Magazine
sind gefllt, in Toulon liegen sieben Transportschiffe bereit, um die
Armee von Algier herberzuschaffen. Alle Vorbereitungen sind getroffen,
um die Truppen von Chlons in sechszehn Stunden an die Grenze zu
bringen. Heute sind zwlftausend Eisenbahnwagen mit Mehl und Zwieback
nach den Ostgrenzen abgegangen, und in wenigen Tagen wird Eurer Majestt
Armee bereit sein, in Deutschland einzurcken."

Der Kaiser nickte bei den Mittheilungen des Marschalls mit dem Kopfe.

"Und der Generalstab," fragte er dann.

"Der Generalstab, Sire, wie Eurer Majestt Hauptquartier," erwiderte
der Marschall, "fr welches Sie mich zu Ihrem Major-General zu bestimmen
die Gnade gehabt haben, ist formirt aus den besten Officieren, die ich
habe finden knnen, und in krzester Frist werden auch die Generalstbe
der einzelnen Corps mit tchtigen Krften besetzt sein."

"Und hat man gengend Karten von Deutschland," fragte der Kaiser, "nicht
nur fr den Generalstab, sondern auch fr die brigen Officiere?"

"Sire," erwiderte der Marschall, sich martialisch aufrichtend, "jeder
Officier Ihrer Armee hat eine Karte, welche ihm den sichersten und
geradesten Weg nach Berlin zeigen wird, und ich habe die Meinige bei
mir."

Er schlug schallend an seinen Degen, indem er zugleich mit der andern
Hand die Spitzen seines Schnurrbarts emporkruselte.

Der Kaiser sah ihn einen Augenblick ganz betroffen an, whrend Herr
Ollivier sich ebenfalls mit kriegerisch stolzer Miene aufrichtete, und
der Herzog von Gramont noch einige Notizen niederschrieb.

"Die Vortrefflichkeit Ihrer Karten," sagte Napoleon lchelnd, "hat sich
in den verschiedenen Feldzgen Frankreichs mehrfach bewhrt, indessen
wre es doch gut, wenn die Officiere daneben auch noch andere Karten
zur Verfgung htten und nicht blo auf die magnetische Anziehungskraft
angewiesen blieben, welche die feindliche Hauptstadt auf die Spitze
ihres Degens ausbt, ich hoffe da Sie dafr Sorge tragen werden," fgte
er mit festem und bestimmtem Ton hinzu.

Der Marschall verneigte sich, jedoch zeigte seine Miene dabei deutlich,
da er auf die Hlfsmittel der geographischen Wissenschaft von seinem
soldatischen Gesichtspunkt aus einen nicht eben allzugroen Werth zu
legen geneigt sei.

"Ich erwarte Sie morgen in St. Cloud, Herr Marschall," fuhr Napoleon
fort, "um mir die Bestimmungen ber die einzelnen Corps der Armee zur
definitiven Entscheidung vorzulegen,--eine Anweisung darber habe ich
Ihnen schon zugehen lassen. Und nun bleibt Ihnen noch berlassen, mein
lieber Herr Ollivier," fuhr er dann fort, "das groe Agens aller Kriege
herbeizuschaffen, nmlich das Geld. Wir bedrfen nach den angestellten
Berechnungen einen Credit von dreiig Millionen fr die Armee und einen
weitern Credit von sechzig Millionen fr die Marine. Die Vorlage mu so
schnell als mglich im Corps legislatif gemacht werden."

"Und sie wird mit jubelnder Acclamation aufgenommen werden, Sire," rief
Herr Ollivier, "und wenn Eure Majestt das Doppelte und Dreifache
fordern wrden,--in diesem Augenblick wrde Frankreich Ihnen nichts
verweigern."

"Also, meine Herren," sagte Napoleon aufstehend, "ich erwarte die
Vorlage der Kriegserklrung, sowie die schnelle und pnktliche
Ausfhrung aller eben besprochenen Maregeln.

"So treten wir denn nun," fgte er ernst hinzu, "der groen Entscheidung
entgegen, welche so lange wie ein schwles Wetter ber unsern Huptern
geschwebt hat, und es bleibt uns nur noch die Bitte brig: Gott schtze
Frankreich!"

Er sprach diese Worte tief aus der Brust heraus, whrend er die Augen
wie fragend emporschlug.

"Gott schtze Frankreich!" wiederholten die drei Minister--

Vom Carousselplatz herauf ertnte in diesem Augenblick die Melodie der
Marseillaise, welche ein vorberziehendes Musikkorps intonirte, und in
welche die versammelte Menge sogleich laut und krftig einfiel.

Der Marschall Leboeuf blickte ganz erstaunt auf, Herr Ollivier hob die
Hand empor und rief mit pathetischem Ton:

"Der Geist Frankreichs, Sire, spricht aus diesen Tnen zu Euer
Majestt, der Geist der Freiheit und der Civilisation, vor welchem diese
preuischen Armeen schnell werden zersprengt werden."

Der Kaiser lauschte einen Augenblick schweigend den immer mchtiger
anschwellenden Klngen.

"Mchten sie," sprach er leise, "die Dmonen der Revolution hinausfhren
auf die Schlachtfelder des nationalen Ruhms, damit ihre gewaltige Kraft
sich zu immer festerer Erstarkung des Kaiserthums entwickele."

Er schwieg noch einige Augenblicke--sein brennender Blick schien den
Schleier der Zukunft durchdringen zu wollen.

Dann sprach er mit liebenswrdiger Artigkeit.

"Nun, meine Herren Minister, schicke ich Sie fort--Jeder von uns mu an
seine Arbeit, und die nchste Zeit wird uns deren viele bringen."

Er reichte den Herren die Hand.

Dieselben verlieen ernst und schweigend das Cabinet.

Unmittelbar darauf meldete der Kammerdiener Herrn Rouher, den frheren
Staatsminister und gegenwrtigen Senatsprsidenten.

Auf den zustimmenden Wink Napoleons trat dieser langjhrige Leiter der
kaiserlichen Regierung langsam und in fast feierlicher Haltung ein.

Der Kaiser ging ihm heiter lchelnd entgegen und reichte ihm die Hand,
welche Herr Rouher ehrerbietig ergriff und einen Augenblick in der
Seinen hielt, whrend er mit einem traurigen Ausdruck den Kaiser ansah.

"Nun, mein lieber Rouher," sagte Napoleon, "wir stehen an der groen
Entscheidung, und ich hoffe, da es nunmehr gelingen wird, die Krnung
des Gebudes zu vollenden, dessen Grundmauern Sie mit so viel Eifer und
Beharrlichkeit aufgefhrt haben."

Das volle Gesicht des Herrn Rouher mit dem feinen beredten Munde und den
klaren, scharf blickenden Augen zeigte eine Bewegung, welche diesem
scharf berechnenden Meister der Dialektik und der parlamentarischen
Debatte sonst nicht eigentmlich war.

"Sire," sagte er, "Eure Majestt wissen, mit welcher Mhe ich Jahre lang
daran gearbeitet habe, die Krnung des kaiserlichen Gebudes auf andere
Weise und ohne eine kriegerische Catastrophe abzuschlieen. Eure
Majestt haben die Fhrung Ihrer Regierung andern Hnden anzuvertrauen
fr gut befunden, und mir bleibt nur zu hoffen brig, da der Erfolg den
Erwartungen Eurer Majestt und den heien Wnschen entsprechen mge,
welche ich fr denselben im Herzen trage."

Der Kaiser blickte seinen langjhrigen Rathgeber einen Augenblick
nachdenklich an.

"Sie sind nicht einverstanden, mein lieber Rouher," sagte er dann mit
einer gewissen unsichern Befangenheit in der Stimme, "mit dem Gange der
Ereignisse und doch mssen Sie zugeben, da es jetzt unmglich ist, die
Dinge auf einen andern Weg zu lenken."

"Majestt," erwiderte Herr Rouher, "ich wrde niemals das Verfahren
desjenigen billigen knnen, der durch sichere und ruhige Unternehmungen
ein groes Vermgen zu grnden und zu erhalten im Stande ist und der,
statt diese Unternehmungen mit Consequenz zu verfolgen, sich auf ein
Hazardspiel einlt, das ihn in einem Augenblick zum Millionair
machen,--aber verzeihen Eure Majestt--auch den Verlust vieler
erworbenen Gter herbei fhren kann. Ebenso--"

"Ebenso," fiel der Kaiser ein, "finden Sie, da der Krieg in der Politik
ein Hazardspiel sei, das man nicht unternehmen msse und das vieles
bereits Erreichte in Frage stellen knne. Aber mein Gott," fuhr er
lebhafter fort, "wenn die ganze Nation den Krieg will,--ich bin der
Erwhlte der Nation,--ich mu dem Nationalwillen mehr Rechnung tragen,
als irgend ein andrer Regent, Sie mssen zugeben, da ganz Frankreich
zum Kriege drngt, da Ollivier, dieser Mann des Friedens, und die ganze
hinter ihm stehende liberale Partei von der Notwendigkeit des Krieges
durchdrungen sind und denselben mit Enthusiasmus aufnehmen."

Herr Rouher schttelte langsam den Kopf.

"Ollivier, Sire," sagte er dann achselzuckend, "wird Alles wollen, was
ihm Gelegenheit giebt, eine jener pathetischen Reden zu halten, in denen
er sich so sehr gefllt. Wenn Ollivier Eurer Majestt brigens," fuhr er
fort, "von der liberalen Partei spricht, welche hinter ihm steht, so
mchte ich mir eine abweichende Ansicht auszusprechen erlauben--hinter
Ollivier steht Niemand. Eure Majestt haben mit ihm nicht seine frheren
Gesinnungsgenossen gewonnen, Eure Majestt haben ihn isolirt und nur
einen einzelnen Mann auf Ihre Seite gebracht. Den Werth dieses Gewinns,"
sagte er mit einem leisen Anklang von Ironie, "wird die Zukunft zeigen.
Eure Majestt haben ferner," sprach er dann weiter, "von der
ffentlichen Meinung Frankreichs gesprochen, welche den Krieg verlangt,
Eure Majestt haben Recht, die ffentliche Meinung verlangt den Krieg.
Aber hat man sie denn nicht dahin gebracht, ihn zu verlangen?--und
dann, Sire, die ffentliche Meinung ist ein wunderbares Ding. Sollte
dieser Krieg, was Gott verhten wolle, unglcklich fr Frankreich
ausfallen, so wird jeder Einzelne aus dieser Menge, deren zusammen
tnender Ruf jetzt die ffentliche Meinung bildet, seine Urheberschaft
an dem Krieg verleugnen, auf Eure Majestt und Ihre Regierung allein
wird man die Schuld desselben werfen."

"Aber halten Sie es denn fr mglich," fragte der Kaiser, "jetzt noch
den Krieg zu vermeiden?"

"Nein, Majestt," erwiderte Herr Rouher, "jetzt nicht mehr. Vor wenigen
Tagen vielleicht wre das noch mglich gewesen. Man konnte die
Zurcknahme der Hohenzollernschen Candidatur als einen groen Triumph
der franzsischen Intercession darstellen, und wenn dies von allen
Organen der Regierung und der ihr zu Gebote stehenden Presse geschehen
wre, so wrde ganz Frankreich in diesem Augenblick ebenso befriedigt
sein und ebenso stolz auf das wieder hergestellte Prestige des
Kaiserreichs blicken, als es nun nach der Entscheidung durch die Waffen
ruft. Wenn diese unglckliche Frage der Garantie fr die Zukunft, welche
ja doch practisch kaum eine Bedeutung gehabt htte, nicht gestellt wre,
wenn man der Kammer und der ganzen franzsischen Nation die
Zurckweisung einer fernern Discussion von Seiten des Knigs von Preuen
nicht als eine Beleidigung des Vertreters Frankreichs dargestellt htte,
dann, Sire, wre es noch mglich gewesen, dieses gefahrvolle Spiel mit
den eisernen Wrfeln des Krieges zu vermeiden--jetzt, Sire, ist es nicht
mehr mglich! Unter den Umstnden, welche jetzt geschaffen sind, knnen
wir nur noch von Gott und unserm Muthe den Triumph des franzsischen
Degens erwarten. Und meine Aufgabe wird es sein, Sire, mit allen
Mitteln, die mir zu Gebote stehen, durch den Einflu der Krperschaft,
an deren Spitze Eure Majestt mich gestellt haben, ganz Frankreich mit
dem Muthe und der Begeisterung zu erfllen, deren wir in dieser
Katastrophe bedrfen. Ich bitte Eure Majestt um die Erlaubni, morgen
mit einer Deputation des Senats vor Ihnen erscheinen zu drfen, um die
Gefhle auszusprechen, welche in diesem Augenblick ganz Frankreich
beseelen mssen. Ich bitte Gott, da die Befrchtungen, welche ich nicht
ganz unterdrcken kann, welche ich aber in die verborgensten Tiefen
meines Herzens zu verschlieen fr heilige Pflicht halte, niemals
Wirklichkeiten werden mgen."

Der Kaiser hatte ernst und sinnend den im Ton tiefer berzeugung
gesprochenen Worten des Herrn Rouher zugehrt. Mit einer Bewegung voll
herzlicher Freundlichkeit reichte er ihm die Hand und sprach.

"Der Wrfel rollt, so bleibt nichts anderes brig, als muthig zu
erwarten, auf welche Seite er fallen wird. Das Unglck nicht zu
frchten, ist das beste Mittel, uns das Glck dienstbar zu machen."

Herr Rouher verneigte sich schweigend und ging hinaus.

Napoleon blickte ihm lange sinnend nach.

"Vielleicht hat er Recht," sagte er, trumerisch vor sich
hinblickend, "vielleicht htte ich versuchen sollen, das Verhngni
aufzuhalten,--nun," sagte er tiefaufathmend, "vielleicht findet sich
dazu noch der gnstige Augenblick, vielleicht ist diese kalte
Zurckweisung aller meiner Anerbietungen nur hervorgegangen aus der
Voraussetzung, da ich den letzten und entscheidenden Schritt zu thun
nicht wagen wrde. Wenn meine Armee schlagfertig an den Grenzen steht,
wenn man sieht, da ich zum vollen Ernst entschlossen bin, dann wird
sich vielleicht noch einmal der Augenblick finden, um auf die Frage der
Compensationen zurckzukommen, und ich werde dann in der gnstigen Lage
sein, da nicht ich es bin, der Vorschlge macht und Antrge stellt."

Er ging noch einige Augenblicke schweigend und tief nachdenkend auf und
nieder; dann klingelte er und befahl seinen Wagen, um nach St. Cloud
zurckzufahren.

Langsam fuhr er aus dem Hof der Tuilerien heraus und ber den Place la
Concorde nach den Champs Elyses hin. berall wogten dichte
Menschenmassen, und bis nach dem Bois de Boulogne hin wurde der Kaiser
mit enthusiastischen Hochrufen begrt.

"Nieder mit Preuen!" rief man ihm aus allen Gruppen entgegen.

"Nach Berlin!"

Am Arc de Triomphe begegnete der Kaiser einem Bataillon der Voltigeurs
der Garde, welches von einer Feldbung zurckkehrte und bestimmt war, in
den nchsten Tagen nach Metz abzugehen.

Der Kaiser fuhr langsam im Schritt an den Soldaten vorbei, welche bei
seinem Anblick ihre Kppis auf die Spitze der Bajonette steckten und
laut sangen:

  "a ira, a ira, a ira--Bismarc  la lanterne,
   a ira, a ira, a ira--Bismarc on le pendra."

Napoleon legte lchelnd die Hand an den Hut und lange noch klang seinem
Wagen diese alte Melodie aus der Schreckenszeit der Revolution nach,
welche der Soldatenwitz mit diesem neuen Text versehen hatte.

Der Arc de Triomphe glnzte im Licht der Abendsonne, ruhig blickte das
steinerne Antlitz des groen Kaisers von dem stolzen Bau herab.

Die jubelnde Menge begleitete die Soldaten, in ihren Gesang einfallend,
whrend der Kaiser in den frischen, zierlich gepflegten Park einfuhr, in
welchem die elegante Welt von Paris ihre Abendpromenade machte, und ber
welchem am Horizont die gewaltigen Umrisse des Mont Valerien
emporragten.

Alles war Freude, Jubel und stolze Siegeszuversicht, und kein Auge
durchdrang den Schleier der Zukunft, hinter welchem unmittelbar das
furchtbare Bild sich erhob, das die siegreichen deutschen Truppen
zeigte, wie sie in geschlossenen Reihen durch diesen Triumphbogen des
franzsischen Ruhmes einzogen, whrend aus den Tiefen von Paris jene
finstern Mchte heraufstiegen, um die Denkmler der Jahrhunderte in
Schutt und Asche zu verwandeln.

       *       *       *       *       *

Um dieselbe Zeit, whrend ganz Paris in jubelnder Aufregung sich befand,
waren in einem bescheidenen Restaurant der Passage Jeouffroi die
Officiere der frheren hannverschen Legion versammelt.

Sie saen finster um den Tisch, auf welchem der Kellner mit der groen
weien Schrze soeben ihr Diner zu serviren begann. Auf allen diesen
jugendlichen krftigen Gesichtern war keine Spur von der Heiterkeit
ihres Alters zu entdecken, und Sorge und Kummer blickten aus Aller
Augen.

Der Lieutenant von Tschirschnitz strich den vollen blonden Schnurrbart
zur Seite und sprach, finster die Zhne zusammenbeiend, indem er sich
zu dem neben ihm sitzenden Kriegscommissair Ebers, dem einzigen lteren
Manne von der Gesellschaft wandte.

"Wie lange kann unsere Kasse noch reichen?"

"Vierzehn Tage vielleicht," erwiderte der Commissair Ebers
achselzuckend, "wenn wir uns auf das uerste einschrnken, und wenn wir
alle unsere nothwendigsten Kleidungsstcke verkaufen, so knnen wir
vielleicht noch weitere vierzehn Tage gewinnen, dann aber ist es
jedenfalls aus."

"Wer uns das gesagt htte," rief der Lieutenant Gtz von Ohlenhusen,
indem er einen tiefen Zug aus einem vor ihm stehenden Seidel Dreherschen
Bieres that, "als wir von Hannover auszogen und Alles im Stich lieen,
um uns dem Dienst des Knigs zu erhalten--"

"Der htte uns jedenfalls einen groen Dienst geleistet," sagte Herr von
Tschirschnitz, "ich htte jetzt meine Kompagnie in Sachsen, eine
ehrenvolle Stellung und eine schne Carriere vor mir, whrend wir uns
jetzt hier in einer Lage befinden, die in Wahrheit geeignet ist, selbst
unserem bisher unzerstrbaren Humor den Todessto zu geben. Hier im
fremden Lande ohne Mittel, ohne Sttze, ohne Anhalt--in Deutschland als
Hochverrther verurtheilt!--Wir werden bald in der Lage sein, da kein
Fu breit Erde, kein Athemzug Luft mehr in dieser Welt fr uns brig
ist."

"Was bleibt uns brig," sagte Herr von Gtz finster, "als uns irgendwo
anwerben zu lassen. Man denkt ja daran, eine Fremdenlegion zu bilden."

"Ein Glck fr uns wre es gewesen, wenn uns bei Langensalza eine Kugel
getroffen htte," rief der Lieutenant von Dinklage, indem er ein groes
Glas Rothwein herunterstrzte und das leere Glas dann heftig auf den
Tisch stie, "dann wren wir doch in Ehren aus der Welt gekommen, in
welcher wir doch keinen Raum mehr fr ein anstndiges Leben finden."

Durch die Reihen der hier zahlreich versammelten Gste trat schnell der
Major von Dring an den Tisch der Offiziere heran. Ihm folgte der
Regierungsrath Meding im Reiseanzug.

Die Offiziere erhoben sich.

"Mein Gott, Sie hier," rief Herr von Tschirschnitz, indem er dem
Regierungsrath Meding die Hand reichte, "was fhrt Sie aus der Schweiz
hierher? Will der Knig uns rufen? Will er irgend etwas unternehmen--in
diesem Augenblick?"

"Nein, meine Herren," sagte der Regierungsrath, indem er die brigen
Offiziere herzlich begrte und mit Herrn von Dring an deren Tisch
Platz nahm. "Ich komme nicht vom Knige, ich habe keine Verbindung mit
Hietzing und erfahre nur zufllig und auf Umwegen, was dort vorgeht. Ich
bin nur hergekommen, weil unser Schicksal uns so lange Zeit mit einander
verbunden hat, und weil ich dringend wnschte, in diesem Augenblick der
schwersten Krisis, die die Welt seit lange erlebt hat, als Ihr alter
Freund und Ihr Genosse der Verbannung, Sie zu warnen und Sie auf das
dringendste zu bitten, sich um Gottes Willen in keine gefhrlichen und
bedenklichen Unternehmungen einzulassen und allen Lockungen und
Anforderungen zu widerstehen, sie mgen kommen, woher sie wollen."

"Wir haben eben darber gesprochen, was aus uns werden soll," erwiderte
Herr von Tschirschnitz, "unsere Bezge von Hietzing sind uns, wie Sie
wissen, seit lange entzogen. Wir haben Alle unsere Baarschaft
zusammengeschossen und damit diese Zeit her unter den uerten
Einschrnkungen gelebt--der Augenblick ist sehr nahe, in welchem wir
smmtlich nichts mehr besitzen werden--"

"und in welchem uns nichts mehr brig bleiben wird," rief Herr von Gtz,
"als uns, wenn es sein mu, als gemeine Soldaten anwerben zu lassen."

"Um Gottes Willen, meine Herren," rief der Regierungsrath
Meding,--"bedenken Sie, was Sie thun. Bedenken Sie, da es sich in
diesem Augenblick nicht um eine erneute Aufnahme des Kampfes von 1866
handelt. Bedenken Sie, da in diesem Krieg das ganze Deutschland vereint
gegen Frankreich steht. Bedenken Sie, da jeder Deutsche, der in diesem
Augenblick in irgend einer Weise auf der Seite der Feinde unseres
gesammten Vaterlandes stnde, ewiger Schande verfallen mte; da die
Verachtung der Franzosen selbst ihn treffen wrde, und da selbst im
Falle eines franzsischen Sieges die deutsche Erde niemals wieder Raum
fr ihn haben wrde. Deshalb bin ich hierher gekommen, um Sie auf das
dringendste vor allen bereilten und verzweiflungsvollen Entschlssen zu
warnen. Ich bitte und beschwre Sie, verlassen Sie Frankreich, gehen Sie
nach der Schweiz und warten Sie dort die Ereignisse ab. Ich habe gehrt,
da hier durch den Grafen Breda Versuche gemacht werden, die Trmmer
der auseinander gesprengten Legion wieder zu vereinigen."

Herr von Tschirschnitz lachte laut und hhnisch auf.

"Dieser Graf Breda," rief er, "ist ein Franzose, ein Agent des
dunkelsten Ultramontanismus--da er sich als Vertreter des Knigs von
Hannover gerirt und eine hannversche Legion formiren will, das ist
allerdings die Krone von allem, was bis jetzt geschehen."

"Aber," fiel Herr von Dring ein, indem er sich zu dem Regierungsrath
Meding wendete, "Sie kennen unsere Lage und ich kann Ihnen nur
wiederholen, was ich Ihnen schon sagte, als ich Sie vom Bahnhof
hierherbrachte, was bleibt uns denn anders brig, als uns irgendwo auf
die mglichst anstndige Weise todtschieen zu lassen. Wir haben keine
andere Rettung aus unserer Lage."

Der Regierungsrath Meding blickte sinnend vor sich nieder.

"Jedes Schicksal ist besser," sagte er, "als in den Reihen der Feinde
des vereinigten Deutschlands zu fallen, und noch ist ja nicht jede
Mglichkeit der Rettung ausgeschlossen. Lassen Sie mich handeln. Ich
kann Ihnen nichts versprechen--aber es giebt vielleicht noch einen Weg,
der Sie alle mit Ehren vom Rande des Abgrundes zurckfhrt und Ihnen
eine freundliche Zukunft ffnen kann--lassen Sie mich meinen Weg gehen,
ich habe ein Gefhl, das mir sagt, er werde zum guten Ende fhren.
Versprechen Sie mir nur das Eine, da Sie sich in keine Unternehmungen
gegen Deutschland hineinziehen lassen, und da Sie auch in der
verzweiflungsvollsten Lage des Augenblicks nicht den Muth verlieren--den
Sie sich ja so lange erhalten haben--versprechen Sie mir das, meine
Herren, und wenn es sein kann, verlassen Sie Frankreich so schnell als
mglich und geben Sie mir Nachricht, wo Sie zu finden sind--ich hoffe,
da Sie von mir hren sollen. Ich mu Sie wieder verlassen," fuhr er
fort, "ich mu noch mit dem nchsten Zug wieder abreisen. Ich bin nur
gekommen, um Ihnen zu sagen, was ich Ihnen gesagt habe und bitte Sie
nochmals um Ihr Versprechen, nichts gegen Deutschland zu unternehmen."

Er reichte Herrn von Tschirschnitz die Hand.

Dieser schlug krftig ein und sagte mit bewegter Stimme:

"Ich verspreche es, mge kommen, was da wolle."

Die brigen Herren wiederholten die Worte.

"Und ich, meine Herren," rief der Regierungsrath Meding, "verspreche
Ihnen, da ich nicht ruhen und rasten will, bis es mir gelungen ist,
einen Weg der Rettung zu finden. Leben Sie wohl, und so Gott will, auf
baldiges Wiedersehen."

Er wandte sich tief ergriffen ab, verlie mit Herrn von Dring das Local
und stieg mit demselben an der Ecke der Passage in einen dort bereit
stehenden Fiaker, in welchem sich bereits sein Diener mit dem kleinen
Reisegepck befand.

Sie kamen auf dem Ostbahnhof eine Viertelstunde vor Abgang nach Basel
an. Ernst und schmerzlich bewegt, ging der Regierungsrath Meding mit dem
Major von Dring in der groen Vorhalle auf und nieder, von welchem man
den groen Platz vor dem Bahnhof und die weite Reihe der neuen
Boulevards berblickte, welche bereits im Schein der Gaslaternen
schimmerten und auf denen sich eine zahlreiche jubelnde und lrmende
Menschenmenge hin und her bewegte.

"Der Anblick dieses Paris," sagte der Regierungsrath Meding, "in seinem
trunkenen Rausch ist mir tief schmerzlich. Ich liebe Frankreich, und
diese Stadt Paris ist mir fast zu einer lieben Heimath geworden. Und ich
sehe eine furchtbare Zeit ber dies Land und diese schne Stadt mit
ihrem wunderbar reichen Leben heraufziehen, eine Zeit, welche alle diese
Jubelklnge, die da jetzt zu uns herbertnen, in Jammer und Wehklage
verwandeln wird."

"Sie glauben an die Niederlage Frankreich," fragte Herr von Dring, "an
eine so schwere Niederlage?"

"Ich bin von derselben berzeugt," erwiderte der Regierungsrath. "Ich
bin gestern von Basel herauf bis hierher durch die nach der Grenze hin
sich bewegenden Truppen gefahren, aber was ich gesehen habe, lt mich
nur das Traurigste fr Frankreich erwarten. berall habe ich Truppen der
verschiedensten Waffen ohne Officiere, Cavallerie ohne Pferde, Geschtze
auf den Eisenbahnwagen ohne Bespannung gesehen. Alle diese Leute waren
im Zustande der unnatrlichen Aufregung, die meisten berauscht, und wenn
ich sie fragte, wohin sie gingen, zu welchem Corps sie gehrten, so
konnten sie mir keine gengende Antwort geben, die Meisten antworteten
mit dem fanatisch stereotypen Ruf "nach Berlin". Mit solchen Truppen
schlgt man die preuische Armee nicht und der Elan, von dem man so viel
spricht, wird wie ein vorbergehender Rausch schnell vor der ruhigen und
sichern Taktik der deutschen Heeresleitung verfliegen. Glauben Sie mir,"
fuhr er fort, indem er noch einmal wehmthig ber die glnzenden Reihen
der Boulevards hinblickte, "Frankreich wird einen furchtbaren Schlag zu
erleiden haben, und das Kaiserreich mit allem seinem Glanz wird
vielleicht unter diesem Schlage zusammenbrechen--ich habe hier lange
die Elemente beobachtet, welche in der Tiefe der Gesellschaft sich
organisirt haben und sie werden nicht zgern, heraufzusteigen, um von
unten her das Gebude zu zersprengen, wenn dessen Zinnen unter den
Schlgen der deutschen Waffen fallen werden."

Das Signal zur Abfahrt des Zuges ertnte.

"Noch einmal, lieber Dring," sagte der Regierungsrath Meding, indem er
sich am Eingang des Wartezimmers von dem Major verabschiedete, "halten
Sie den Muth unserer Freunde aufrecht und sorgen Sie dafr, da auf
unsere, so lange mit Ehren vertheidigte Sache kein Flecken falle."

Mit Thrnen in den Augen trennten sich die beiden mehrjhrigen Genossen
der Verbannung. Der Regierungsrath Meding stieg in das Coup und fuhr
unter dem gellenden Pfeifen der Locomotive in die Nacht hinaus, whrend
der Major von Dring ernst und traurig ber die hellen Boulevards hin zu
seinen Kameraden zurckkehrte, um in den Herzen dieser tapfern und
treuen Diener einer untergegangenen Sache, welche Heimath und Vaterland,
Vergangenheit und Zukunft verloren hatten, die letzten Funken der
Hoffnung und des Muthes wieder anzufachen.




Elftes Capitel.


Die Verlobung der Tochter des Commerzienrath Cohnheim mit dem jungen
Baron von Rantow war wenige Tage nach der Erledigung der zwischen ihm
und dem Lieutenant von Bchenfeld entstandenen Differenz proclamirt
worden.

Der Commerzienrath hatte es sich nicht nehmen lassen, bei dieser
Gelegenheit ein groes Fest zu veranstalten, bei welchem die zahlreichen
Bekannten des Barons zu seiner und seiner Gemahlin hchsten Befriedigung
eine Menge hoch aristokratischer Namen und Erscheinungen in seine Salons
fhrten.

Der kleine Commerzienrath schwamm in Entzcken. Noch behaglicher als
sonst eilte er hin und her, indem er in gelegentlichen Gesprchen seinem
alten Freunde aus der Finanzwelt auf alle diese Elemente der ersten
Gesellschaft aufmerksam machte, die sich jetzt bei ihm vereinigten.

Die Commerzienrthin war noch steifer, noch wrdevoller, noch
unnahbarer als sonst, und Frulein Anna berstrahlte Alle durch ihre
Schnheit und die ausgesuchte Eleganz ihrer Toilette. Aber jener
Ausdruck kindlich freier Heiterkeit, welcher frher in ihren Augen
gelegen hatte, war verschwunden. Kalt und stolz wie eine Knigin blickte
sie umher, mit ruhig und sicher gewhlten Worten beantwortete sie die
Gluckwnsche, welche man an sie richtete, und wenn sie lchelte, so
schien es fast, als ob hhnischer Spott mehr Antheil an ihrem Lcheln
habe, als die glckliche Freude der Braut.

Der junge Herr von Rantow war dann tglich im Hause des Commerzienraths
erschienen, hatte fr seine Braut alle Hflichkeit und Aufmerksamkeit,
welche dieselbe irgend erwarten konnte und welche sie ebenso hflich und
freundlich entgegennahm. Doch war keine innere Annherung zwischen den
beiden jungen Leuten eingetreten. Herr von Rantow blieb mit vollkommenem
Takt in einer gewissen Zurckhaltung und Frulein Anna war ihm dafr von
Herzen dankbar und nahm mit um so grerer Aufmerksamkeit alle ueren
Rcksichten, welche ihr Verhltni erforderte, entgegen; so da die
Commerzienrthin uerst befriedigt war und ihrer Tochter hufig
anerkennende Worte ber ihr Verhalten sagte, das so vollkommen dem
Brautstand zwischen vornehmen und distinguirten Personen entsprach.

Herr von Rantow hatte sein Staatsexamen berstanden, und die Hochzeit
war fr den September festgesetzt, bis zu welcher Zeit der fr die
Aufnahme des jungen Paares bestimmte Flgel des Schlosses auf dem
Rantow'schen Familiensitz hergestellt sein sollte, zu dessen
Ausschmckung der Commerzienrath nicht mde wurde, von berall her das
Schnste und Kostbarste an Mobilien und Stoffen kommen zu lassen.

Da brach mitten in diese Vorbereitungen die groe Catastrophe herein,
welche ganz Europa bewegte. Und wie diese Catastrophe die Frsten und
Diplomaten aus ihren Villeggiaturen und Badekuren aufschreckte und in
den furchtbaren Ernst des Lebens zurcktrieb, so unterbrach sie auch die
Vorbereitungen zu der Verbindung des Barons von Rantow mit Frulein Anna
Cohnheim.

Sorgenvoll ging der Commerzienrath einher. Es war nicht nur der Aufschub
des von ihm so sehnlichst gewnschten Familienereignisses, welcher ihn
bewegte und bekmmerte--der pltzlich hereinbrechende Krieg griff auch
zerstrend in alle seine finanziellen Operationen ein. Die
Unternehmungen, welche er mit dem Baron verabredet hatte, muten
natrlich vorlufig bis zur Wiederkehr ruhiger Verhltnisse aufgeschoben
werden.

Der junge Baron von Rantow war zur Zeit seines Eintritts in das
militairpflichtige Alter wegen der Anlage zu einem Brustleiden, die ohne
unmittelbar gefhrlich zu werden, ihm groe krperliche Anstrengungen
unmglich machte, fr dienstunfhig erklrt. Von dieser Seite htte
daher der Verbindung der beiden jungen Leute nichts entgegen gestanden.
Inde Frulein Anna erklrte mit groer Bestimmtheit, da sie vor dem
Ende des Krieges, welcher das ganze Vaterland in so groe Gefahr strzte
und so viel Trauer in zahlreiche Familien bringen mte, an die Hochzeit
nicht denken wolle.

So war denn die Hochzeit wieder in unbestimmte Fernen hinausgeschoben.

Am Vormittage des verhngnivollen einunddreiigsten Juli, an welchem
der Knig Berlin verlassen sollte, um zur Armee sich zu begeben, befand
sich die Commerzienrthin Cohnheim bei dem Baron von Rantow und seiner
Gemahlin.

Die Knigin Augusta hatte wenige Tage zuvor einen Aufruf an alle Frauen
des Vaterlandes erlassen, um Hlfsmittel fr die Verpflegung der
Verwundeten an den Rhein zu senden. Und die Commerzienrthin hatte mit
Eifer diese Gelegenheit ergriffen, um sich der Baronin von Rantow
anzuschlieen bei der Bildung eines kleinen Damenvereins zur Erfllung
dieser patriotischen Aufgabe.

Sie war mit ihrer Tochter gekommen, um das Nhere ber die Organisation
der Thtigkeit dieses Vereins zu verabreden, und Frau von Rantow hatte
mit einer gewissen, kalten Zurckhaltung den sehr betrchtlichen Beitrag
in Empfang genommen, welchen die Commerzienrthin fr die Zwecke des
Vereins ihr berreichte.

Die beiden Damen sprachen eifrig ber die zweckmigste Herstellung von
Charpie und Verbandzeug, whrend der Baron sich mit Frulein Anna
unterhielt, fr welche er eine besonders sympathische Zuneigung gefat
hatte, und welcher er stets mit um so grerer Herzlichkeit begegnete,
je weniger es ihm mglich war sich dem Commerzienrath und seiner
Gemahlin, deren ganzes Wesen von seinen Lebensanschauungen so tief
verschieden war, zu nhern.

"Wir sind glcklicher," sagte er, "als so viele andere Familien, deren
Shne zu den Gefahren des Krieges hinausziehen mssen, und doch macht es
mich fast traurig, da in einem Augenblick, wo die ganze Jugend des
Landes unter den Fahnen des Knigs ins Feld zieht, der Name der Rantows
in den Reihen der Armee nicht vertreten ist. Das Gefhl des Vaters und
des Patrioten streiten in mir mit einander, und oft mchte ich fast
wnschen, da auch mein Sohn berufen wre zu dem groen nationalen
Kampf."

"Es bleibt ja auch hier noch genug zu thun," erwiderte Frulein Anna in
einem ziemlich kalten und gleichgltigen Ton. "Der Staat braucht ja auch
whrend des Krieges Beamte, vielleicht wre es gut, wenn Ihr Sohn
wenigstens bis zur Beendigung des Krieges seine Carriere wieder
aufnehmen wrde. Fr uns Frauen," fuhr sie lebhafter fort, "bildet ja
die Zeit ein reiches Feld der Thtigkeit, und ich fhle den lebhaftesten
Wunsch, hinauszugehen, um als Pflegerin der Kranken in dieser groen
Zeit meine Pflicht zu erfllen."

"Sie, mein Kind," rief der Baron erstaunt, "Sie, gewhnt an alle
Bequemlichkeiten des Lebens, fast ein wenig verwhnt, Sie wollten sich
einer so mhevollen angreifenden Thtigkeit widmen, welche Ihre zarten
Krfte vielleicht bald aufreiben mchte."

"Meine zarten Krfte?"--sagte Frulein Anna, die Achseln zuckend, "und
wren sie es,--der feste Wille und die Begeisterung fr eine groe Sache
sind im Stande, auch die schwchste Kraft stark zu machen. Und wofr
knnte ein Frauenherz sich hher begeistern, als dafr, die Leiden
Derjenigen zu erleichtern, welche heldenmthig ihr Blut und Leben zum
Schutz des Vaterlandes, zu unserm Schutz dahin geben. Glauben Sie mir,
Herr Baron, ich wrde nicht ermatten in einem so hohen und heiligen
Beruf. Und wenn der Krieg fortschreitet," fuhr sie ernst mit dem
Ausdruck eines festen Entschlusses fort, "wenn die Lazarethe sich fllen
werden und das Bedrfni nach weiblicher Pflege immer grer und grer
werden wird, dann werde ich doch noch die Erlaubni meiner Eltern
erhalten, dem Zuge meines Gefhls zu folgen, und ich bin berzeugt, da
viele Frauen denken und handeln werden, wie ich."

Der junge Herr von Rantow trat ein. Er war ernster als sonst, der
gleichgltige, oberflchliche Ausdruck, welcher gewhnlich auf seinem
Gesicht lag, war verschwunden. Eine gewisse stolze Befriedigung blickte
aus seinen Augen.

"Ich habe einen Entschlu gefat," sagte er, nachdem er die Damen
begrt hatte, "einen Entschlu, den meine theure Anna gewi billigen
wird und mit dem auch Du, mein Vater, zufrieden sein wirst."

Fragend blickte Frulein Cohnheim auf ihren Verlobten.

"Ich habe," fuhr dieser fort, "mich zur Aufnahme in den Johanniterorden
gemeldet. Du wnschtest das frher, mein Vater, um mir eine ehrenvolle
Decoration zu verschaffen, in dieser Zeit gewinnt das Zeichen des
Johanniterordens, zu welchem meine Geburt mich berechtigte, eine hhere
und ernstere Bedeutung. Ich habe so eben die Mittheilung erhalten, da
meine Bewerbung angenommen werden wird und habe zugleich die Bitte
gestellt, wenn eine Annahme erfolgen sollte, mich einer der Deputationen
beizuordnen, welche die Armee zur Leitung der Krankenpflege begleiten
werden. So werde auch ich im Stande sein, das Meinige in dem Kampf zu
thun und die Pflicht zu erfllen, welche mein Name mir auflegt und zu
welcher mein Gefhl mich treibt."

Der Baron neigte zustimmend den Kopf.

Frulein Anna erhob sich schnell und reichte ihrem Verlobten die Hand,
indem aus ihrem Blick ein warmes Gefhl leuchtete, wie sie es bisher
noch nie dem jungen Manne gegenber gezeigt hatte.

"Ich danke Ihnen von Herzen fr diesen Entschlu," sagte sie mit
herzlichem Ton, "und da Sie ihn gefat haben, darf ich Ihnen sagen, da
mich der Gedanke betrbt hat, Sie in dieser Zeit hier zurckbleiben zu
sehen--Sie werden das nicht miverstehen," fgte sie hinzu, "meine
treuesten und aufrichtigen Wnsche werden Sie begleiten."

Herr von Rantow kte die Hand seiner Braut, seine Mutter blickte
liebevoll zu ihm hinber, und die Commerzienrthin richtete sich hoch
auf, indem sie mit feierlicher Stimme sagte:

"Das ist ein sehr edler Entschlu, ganz meines vortrefflichen
Schwiegersohns wrdig."

Der Diener trat ein, meldete den Oberstlieutenant und den Lieutenant von
Bchenfeld.

Schnell erhob sich der Baron, um den Herren entgegen zu gehen.

Die Commerzienrthin warf einen scharfen und strengen Blick auf ihre
Tochter.

Frulein Anna zuckte zusammen und machte eine Bewegung, als wolle sie
das Zimmer verlassen, dann aber fate sie sich, tief erbleichend sttzte
sie die Hand auf die Lehne eines neben ihr stehenden Sessels. Kalte und
stolze Entschlossenheit lag auf ihrem Gesicht.

Der Oberstlieutenant und sein Sohn traten ein. Der alte Herr trug
Uniform, sein Gesicht strahlte vor freudiger Aufregung. Der Lieutenant
folgte ihm ernst und still, als er Frulein Anna und den jungen Herrn
von Rantow erblickte, flog eine dunkle Rthe ber sein Gesicht. Dann
nherte er sich Frau von Rantow, begrte dieselbe ehrerbietig und
verneigte sich mit kalter Hflichkeit gegen die brigen.

Die Commerzienrthin sa gerade und steif da und erwiderte den Gru der
eintretenden Herren mit einer kaum bemerkbaren Neigung des Kopfes.

"Ich bringe Ihnen noch einmal meinen Sohn, gndige Frau," sagte der
Oberstlieutenant, "er mu noch heute zu seinem Regiment abgehen, um in
die beste Kriegsschule hinauszuziehen,--drauen im Felde, wo man in
einem Monat mehr lernt, als in Jahren hinter den Bchern. Er wollte in
der Eile gar keine Besuche machen, aber hier von den alten Freunden
seines Vaters mu er sich doch verschieden, bevor er auszieht, um sich
den Feldmarschallstab zu erkmpfen," fgte er lchelnd hinzu. "Er hat es
glcklich getroffen, mir wurde es in meiner Jugend nicht so gut, ich
habe mich whrend meiner besten Jahre durch den ewigen Garnisonsdienst
hindurch schleppen mssen, in welchem Krper und Geist mde werden."

"Unsere herzlichsten Wnsche werden Sie begleiten," sagte Frau von
Rantow zu dem jungen Officier. "Aber Sie, lieber Bchenfeld," fuhr sie
lchelnd fort, "tragen ja auch wieder Uniform, Sie wollen doch nicht
etwa auch mit hinausziehen--"

"Wollte Gott, ich knnte es," sagte der Oberstlieutenant traurig, "doch
mein Podagra sorgt schon dafr, da ich hier bleiben mu. Aber," fuhr
er, sich militairisch aufrichtend, fort, "ich habe mich um ein
Etappencommando beworben und es erhalten und so habe ich doch wenigstens
das Herzeleid nicht, da ich in dieser Zeit unthtig im Civilrock
einhergehen mu. Ich kann wenigstens die alte Uniform tragen und dem
Knige dienen, so gut es mir noch mglich ist."

Der Oberstlieutenant und sein Sohn blieben etwa eine Viertelstunde lang,
whrend welcher die Unterhaltung fast ausschlielich von dem alten Herrn
und dem Baron gefhrt wurde.

Der Oberstlieutenant war in sprudelnd heiterer Laune, im Herzen des
alten Soldaten fand der Gedanke an die Gefahren, denen sein Sohn
entgegen ging, keinen Platz, fr ihn war der Krieg der Beruf des
Officiers, er dachte nur an die Hoffnung auf Ruhm und Ehre, welche
dieser Krieg in sich schlo und fhlte sich neu geboren in dem Gedanken,
da auch er in dieser groen Zeit noch einmal in der Lage sei, Dienst zu
thun und den Rock des Knigs zu tragen.

"Wir mssen aufbrechen," sagte er endlich, "ich wei noch nicht, wo
meine Bestimmung sein wird und erwarte dieselbe stndlich,--mein Sohn
hat nur noch kurze Zeit bis zu seiner Abreise."

Er kte mit ritterlicher, etwas altmodischer Galanterie der Frau von
Rantow die Hand und drckte lange und herzlich die Rechte des Barons.

Der Lieutenant, welcher whrend der ganzen Zeit ernst und stumm mit
niedergeschlagenem Blick da gesessen hatte, erhob sich, in rascher
Bewegung trat der junge Herr von Rantow auf ihn zu.

"Lebe wohl, Bchenfeld," sprach er,--"in einer Zeit, wie die jetzige,
mu jeder vergangene Groll vergessen werden. Gott schtze Dich! Ich
werde mit den Johannitern der Armee folgen und sollte Dir ein Unglck
begegnen, so hoffe ich, da ein gtiges Schicksal mich zu Dir fhren
wird, um Dir beizustehen."

Der Lieutenant hatte bei den Worten des Barons eine unwillkrliche
Bewegung gemacht, als wolle er von demselben zurcktreten. Abermals
frbte sich sein Gesicht mit dunklem Roth, er schlug die Augen auf und
richtete seine Blicke an dem Baron vorbei, mit bitterem, feindlichem
Ausdruck auf Frulein Anna.

Das junge Mdchen sah ihn mit groen Augen an. Aus diesen Augen
strahlte es wunderbar und eigenthmlich zu ihm hin, es lag darin wie
eine Bitte, wie eine Frage, ihre Lippen ffneten sich, als wolle sie
sprechen, aber nur ein leiser Hauch drang aus denselben hervor und wie
unwillkrlich streckte sie zitternd die Hand nach ihm aus.

Ein tiefer Athemzug hob die Brust des Lieutenants, sein kalter, harter
Blick wurde weicher und weicher. Krftig drckte er die Hand des Herrn
von Rantow und sagte mit fast erstickter Stimme:

"Vergessen und vergeben!"

Dann trat er rasch, wie einem bermchtigen Zuge folgend, zu Frulein
Anna hin, deren Hand noch immer leicht erhoben, sich gegen ihn
ausstreckte und deren Augen mit immer tieferer Innigkeit auf ihm ruhten.
Er ergriff die Hand des jungen Mdchens, drckte seine Lippen auf
dieselbe und fast unhrbar, nur ihr verstndlich, hauchten seine Lippen
nochmal die Worte:

"Vergessen und vergeben!"

Dann wandte er sich schnell um und mit kurzer rascher Verbeugung eilte
er seinem Vater nach, welcher, von dem Baron geleitet, bereits das
Zimmer verlassen hatte, whrend Frulein Anna, die Hnde faltend, auf
einen Stuhl niedersank und ihm mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer
nachsah.

       *       *       *       *       *

Knig Wilhelm stand an seinem Schreibtisch neben dem Fenster seines
Arbeitszimmers. Der Knig trug den Militairberrock und blickte mit
tiefem Ernst auf den Ministerprsidenten Grafen Bismarck, welcher in der
Uniform des Magdeburgischen Crassierregiments No. 7 vor Seiner Majestt
stand und die letzten noch vor der Abreise zu erledigenden
Vortragssachen beendet hatte.

"So ist denn," sagte der Knig, "Alles vorbereitet, was menschliche
Berechnung vermag, um nach allen Seiten hin in ungehemmter Spannung
unsere Krfte entfalten zu knnen,--unser Haus ist bestellt, die Armee
ist in ordnungsmiger Bewegung und es ist nun an unserem Alliirten da
oben, mit uns hinauszuziehen in den Kampf, an dem wir wahrlich
unschuldig sind und uns den Sieg zu verleihen, wie er ihn uns schon
einmal gab gegen den bermuth desselben Feindes."

"Und dieser Sieg wird nicht fehlen, Majestt," rief Graf Bismarck, indem
seine linke Hand sich fest um den Griff seines Pallaschs spannte,--"er
wird schneller und entscheidender kommen, als die Welt ihn erwartet und
er wird Alles, was sich im deutschen Nationalleben in diesen Jahren
vorbereitet hat, zu herrlicher Erfllung bringen. Meine Zuversicht steht
fest--in diesem Kampfe wird Deutschlands glnzende Zukunft entschieden
werden!"

Auch ber das Gesicht des Knigs zog der lichte Schimmer freudiger
Siegeszuversicht,--aber er sprach sie nicht aus und nachdem er einige
Augenblicke schweigend vor sich niedergeblickt hatte, wendete er sich zu
seinem Schreibtisch und ergriff einen dort liegenden Bogen Papier.

"Wir haben Alles geordnet," sagte er, die wenigen Zeilen berlesend,
welche dieser Bogen enthielt,--"wir haben die diplomatischen Fden
gezogen,--um unsere wohlwollenden Freunde" fuhr er mit eigenthmlichem
Lcheln fort, "in ihrer neutralen Haltung zu befestigen,--wir haben fr
die Regierung whrend meiner Abwesenheit gesorgt. Unsere Pflichten
liegen jetzt drauen bei der Armee,--ich habe jetzt nur noch ein
Bedrfni meines Herzens zu erfllen, das ist ein letztes Wort des
Abschieds an mein Volk zu richten,--wenn mich auch die Hoffnung erfllt,
da wir mit Gott den Sieg erringen werden, so gehen wir doch einer
schweren Zeit entgegen, und Niemand vermag zu berechnen, wie bald ich
wieder nach der Heimath werde zurckkehren knnen. Auch kann," sprach er
mit tiefem Ernst, "eine feindliche Kugel da drauen mein Leben enden. In
diesem Augenblick fhle ich mehr wie je den innerlich tiefen
Zusammenhang, ich mchte sagen, die Blutsverwandtschaft, welche mich,
wie alle Knige meines Hauses mit dem preuischen Volk verbindet, und
ich mchte all den Meinen ein so recht herzliches Abschiedswort sagen
und ihnen auch eine Gabe des Abschieds geben, die beste Gabe, welche mir
zu geben mein knigliches Recht vergnnt,--ich mchte in dem Augenblick,
in welchem ich hinausziehe zu schwerem Entscheidungskampf, hinter mir
den Frieden zurcklassen,--den Frieden und die Vershnung!"

Erwartungsvoll blickte Graf Bismarck mit seinen hellen, klaren Augen den
Knig an, welcher wie zgernd, als suche er die Worte fr seine
Gedanken, sagte:

"Die letzten Jahre haben viel Verwirrung in Deutschland hervorgerufen,
manches an sich edle Gefhl hat viele meiner Unterthanen, namentlich
meiner neuen Unterthanen auf Irrwege gefhrt und mit der nothwendigen
Strenge der Gesetze in Conflict gebracht--jetzt, wo ganz Deutschland
einmthig in den Kampf hinauszieht, mchte ich dazu beitragen, jenen
Verwirrungen Lsung zu bringen im edelsten und besten Sinne, jetzt, wo
ich Gott um Beistand anrufe in dem mir aufgedrungenen Krieg, mchte ich
auch die herrliche Lehre des Christenthums befolgen,--die Lehre der
Vergebung und nach den Worten handeln. Richtet nicht, auf da Ihr nicht
gerichtet werdet.--Der letzte Abschiedsgru an mein Volk soll deshalb
zugleich eine Amnestie enthalten fr alle politischen Verbrechen und
Vergehen. Liebe und Vershnung soll die Vergangenheit abschlieen, damit
wir freien und leichten Herzens der Zukunft entgegengehen knnen."

Er hob den Bogen Papier empor und las langsam, mit tief bewegter Stimme:

"An mein Volk! Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr fr
Deutschlands Ehre und fr Erhaltung ihrer hchsten Gter zu kmpfen,
will ich im Hinblick auf die einmthige Erhebung meines Volkes eine
Amnestie fr politische Verbrechen und Vergehen ertheilen."

"Ich habe das Staatsministerium beauftragt, mir einen Erla in diesem
Sinne zu unterbreiten.

"Mein Volk wei mit mir, da Friedensbruch und Feindschaft wahrhaftig
nicht auf unserer Seite waren.

"Aber herausgefordert, sind wir entschlossen, gleich unsern Vtern und
in fester Zuversicht auf Gott, den Kampf zu bestehen zur Errettung des
Vaterlandes."

Er hielt inne und blickte wie fragend auf den Ministerprsidenten,
dessen Zge in mchtiger Rhrung zuckten.

"Majestt," sagte er, auf die stumme Frage des Knigs antwortend, "an
diesem Erla darf kein Titelchen gendert werden. Es ist das
kniglichste Wort, das ein christlicher Frst zu seinen Unterthanen
sprechen kann, einfach und gro, wie die Zeit. Und dies knigliche Wort
wird einen mchtigen Wiederhall finden in allen Herzen."

Der Knig neigte den Kopf, wandte sich dann zu seinem Schreibtisch,
ergriff eine Feder und setzte mit krftigen Zgen seinen Namen unter das
Papier, das er dem Ministerprsidenten reichte.

"Sorgen Sie fr die Verffentlichung und fr die schleunige Vorlegung
des Amnestieerlasses. Nun sind die Geschfte hier beendet," sprach er
mit tiefem Athemzug, "ich habe fr die Meinigen das Werk des Friedens
und der Liebe gethan. Jetzt soll die Spitze unseres Schwertes sich gegen
die Feinde richten."

"Noch mchte ich," sagte der Ministerprsident, "eine Bitte an Eure
Majestt richten, eine Bitte, deren Erfllung ein schner Nachklang zu
dem groen Wort ist, das Eure Majestt soeben gesprochen. Eure Majestt
wissen," fuhr er fort, als der Knig ihn fragend ansah, "da wir von der
frher so weit verbreiteten Agitation in Hannover nichts mehr zu
befrchten haben, die frheren Fhrer derselben sind vom Knige Georg
getrennt und entschlossen, in diesem Nationalkampf nichts gegen
Deutschland zu thun. Einzelne Personen in Hannover, welche vielleicht zu
gefhrlichen Unternehmungen irre geleitet werden knnten, sind in
Sicherheit gebracht, um sie vor sich selbst zu schtzen, und um sie
durch eine kurze Haft der Mglichkeit zu entziehen, Dinge zu
unternehmen, fr welche sie in der gegenwrtigen Zeit mit der ganzen
Schwere des Gesetzes gestraft werden mten."

"Ich wei, ich wei," sagte der Knig--"auch der Verdacht gegen den
Grafen Wedell hat sich nicht bettigt?--"

"Nein, Majestt," sagte der Ministerprsident, "Graf Wedell steht mit
der Agitation in keiner Verbindung mehr, und es freut mich das um so
mehr, da seine ganze Familie ohnehin durch die Ereignisse schwer
getroffen ist--doch," fuhr er dann fort, "wovon ich Eurer Majestt
sprechen wollte, das ist das Schicksal aller hannverschen Officiere,
welche mit der Emigration nach Frankreich gegangen waren und dort die
sogenannte Welfenlegion commandirten."

"Nun?" fragte der Knig.

"Diese Officiere, Majestt," sprach Graf Bismarck weiter, "befinden
sich, wie ich hre, in einer verzweiflungsvollen Lage. Sie waren in
Deutschland gechtet,--das ist durch Eurer Majestt gromthige Amnestie
beseitigt--aber sie sind ohne Subsistenzmittel, sie sind sogar der
franzsischen Regierung verdchtigt, und ihre Lage ist derartig, da
nach den uerungen Einzelner, die mir mitgetheilt sind--ihnen nichts
brig bliebe, als sich irgendwo mit Anstand todtschieen zu lassen."

"Die armen, jungen Leute," sagte der Knig--"sie haben sich schwer
vergangen, aber es sind doch brave junge Mnner und ihre Handlungsweise
ist doch nur hervorgegangen aus einem irre gefhrten, aber innerlich
edlen und richtigen Gefhl der Anhnglichkeit an ihren frhern
Herrn--was kann ich fr sie thun?" fragte er mit weicher, milder Stimme.

"Majestt," sagte Graf Bismarck, "politisch liegt kein Grund vor, ihnen
zu Hlfe zu kommen, sie knnen nicht gefhrlich werden, und wenn sie
wirklich, durch die Noth gedrngt, sich zu irgend einer strafbaren
Handlung hinreien lieen, so wrde dadurch in den Augen von ganz
Deutschland die welfische Agitation und alle etwa fr dieselbe noch
begehende Sympathie vollkommen und fr immer vernichtet werden. Aber ich
glaube nicht, Majestt," fuhr er im wrmeren Ton fort, "da jenen armen
jungen Leuten gegenber politische Betrachtungen in diesem Augenblick
magebend sein knnen. Jene Unglcklichen sind von aller Welt verlassen,
sie sind die Opfer ihrer irregeleiteten, aber doch immerhin edlen Treue
geworden, und ich mchte Eure Majestt bitten, ihnen zu helfen und ihnen
eine Grundlage fr ein neues Leben zu gewhren."

"Mit Freuden," rief Knig Wilhelm lebhaft, "schlagen Sie mir vor, was
ich thun soll."

"Majestt," erwiderte Bismarck, "es befinden sich unter diesen
Emigranten frhere Offiziere verschiedener Grade, darnach aber zwischen
ihnen einen Unterschied zu machen, ist nicht mglich,--der Knig Georg
hat im Exil noch Ernennungen vorgenommen, die doch nicht in Betracht
gezogen werden knnen. Ich wrde daher Eurer Majestt unterthnigst
vorschlagen, sie Alle gleich zu behandeln und Jedem von ihnen eine
lebenslngliche Pension von zwlfhundert Thalern zu geben, damit haben
sie eine Basis fr ihre Existenz und einen Ersatz fr ihre zerbrochene
Carriere."

"Genehmigt," rief der Knig, "genehmigt, mein lieber Graf, es thut mir
unendlich wohl, diesen armen jungen Leuten helfen zu knnen, und ich
danke Ihnen, da Sie mich darauf aufmerksam gemacht und mir Gelegenheit
gegeben, noch vor meiner Abreise dies gute Werk zu thun."

Und leise die Lippen bewegend, flsterte er vor sich hin:

"Thut wohl denen, die Euch verfolgen."----

"Es mte dann," sagte Graf Bismarck, "eine Garantie von ihnen gegeben
werden, da sie nicht etwa abermals mileitet werden--"

"Sie sollen ihr Ehrenwort geben, nichts gegen mich zu unternehmen, das
gengt," sagte der Knig, "sie haben die Gesetze verletzt, aber ihre
Ehre trifft kein Vorwurf und ihrem Ehrenwort will ich glauben."

"Eure Majestt haben durch diesen Entschlu," sagte Graf Bismarck,
"einer Anzahl junger und hoffnungsvoller Herzen Leben und Zukunft wieder
gegeben, und auch das wird zum Segen unserer Waffen werden. So ist denn
auch diese letzte schmerzliche Dissonanz des Jahres 1866 im schnen und
wohlthuenden Accord geendet und nun, Majestt,--

Vorwrts mit Gott fr Knig und Vaterland."

"Auf Wiedersehen am Bahnhof, mein lieber Graf," sagte der Knig, "wir
werden hier wohl lange nicht wieder zusammen arbeiten--"

"Dann aber, Majestt," rief Graf Bismarck mit leuchtendem Blick, "wird
der preuische Adler seinen hchsten Siegesflug vollendet haben, und
eine neue, strahlende Krone wird ber seinem Haupte glnzen."

Er ergriff seinen Stahlhelm, der neben ihm auf einem Stuhl lag, richtete
sich hoch empor und verlie mit militairischem Gru das Cabinet.

Der Knig trat an's Fenster und richtete den sinnenden Blick auf das
Standbild Friedrich des Groen. Er bewegte leise die Lippen, ohne da
hrbare Worte aus denselben hervordrangen.

War es ein Gebet, das er sprach,--oder verkehrten seine Gedanken mit dem
Geiste seines groen Ahnherrn, der zuerst das alte Brandenburg in
Wahrheit zu einer Gromacht Preuens erhoben, der der Knigskrone
Friedrich I. das schneidige siegreiche Schwert hinzugefgt hatte und der
wieder seinen Nachkommen die hohe Aufgabe hinterlassen hatte, durch
preuischen Geist und preuische Kraft einst das zerbrckelte
Deutschland zu einiger Macht und Herrlichkeit wieder aufzurichten?

Die auf dem Platz vor dem kniglichen Palais versammelte Menge erhob
beim Anblick des Knigs die Hte und laute Rufe grten den Monarchen.

Der Knig dankte freundlich mit dem Kopfe nickend. Ein Ausdruck
heiterer, ruhiger Zuversicht erschien auf seinem Gesicht. Langsam wandte
er sich ab, um zur Knigin zu gehen und mit seiner Gemahlin das letzte
Diner vor seiner Abreise zur Armee einzunehmen.

       *       *       *       *       *

Es war halb sechs Uhr Abends. Dicht gedrngt standen die Menschenmassen
die Linden entlang, vom Thiergarten her bis zum Anhalter Bahnhof. Die
sonst so lauten und unruhigen Berliner hatten diesmal ihre gewhnliche
Natur verleugnet, und eine fast lautlose Stille herrschte auf den dicht
belebten Straen.

Da kam vom kniglichen Palais her ein einfacher zweispnniger Wagen mit
offenem Verdeck dahergefahren. Der Knig, im berrock und Helm, fuhr,
von seiner Gemahlin begleitet, nach dem Bahnhof und blickte zum letzten
Mal ernst und gedankenvoll auf diese Strae seiner Residenz hin, welche
bereits so viele Herrscher seines Hauses gesehen hatte in den Tagen des
Glcks und des Unglcks, in den Tagen des Leidens und der Demthigung,
wie in den stolzen Triumphzgen nach gewaltigen Siegen--immer aber in
gegenseitiger Liebe und Treue innig vereint mit ihrem Volk, welches das
Unglck mit ihnen getragen und opferfreudig sein Blut vergossen hatte
zur Erringung der Triumphe und Siege.

Kein lauter Ruf ertnte, still und schweigend entblten sich alle
Hupter und durch diese schweigenden, feierlichen Gre hin fuhr der
knigliche Wagen hinaus, whrend der Knig freundlich ernst mit der Hand
winkte und die Knigin, von Bewegung berwltigt, ihr Taschentuch vor
die Augen drckte.

Im Wartesaal des Bahnhofes erwarteten den Knig der
Generalfeldzeugmeister Prinz Carl und der jugendliche Erbgroherzog von
Mecklenburg-Schwerin, die Prinzen Alexander und Georg, der Admiral Prinz
Adalbert, der Herzog Wilhelm von Mecklenburg mit der Groherzogin
Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin, der Prinzessin Karl und der jungen
Herzogin Alexandrine. Daneben sah man alle in Berlin noch anwesenden
Generale, die Minister, den Geheimrath Abeken, den Legationsrath von
Kendell und neben den kniglichen Prinzen den Grafen Bismarck, die
Generale von Roon und von Moltke und den alten Feldmarschall Wrangel;
die Angehrigen der Herren, welche den Knig begleiten sollten, waren
mit anwesend. Neben dem Grafen Bismarck standen seine Gemahlin und seine
Tochter, in letzter wehmthiger Unterhaltung mit dem Scheidenden. Neben
dem General von Roon, in seiner ernsten strengen Haltung, sah man seinen
Sohn, der Adjutantendienste bei ihm that--auch viele Damen der brigen
Minister und der Hofchargen waren anwesend.

Auch diese ganze Gesellschaft war ernst und still, wie ber der
Bevlkerung von Berlin, so lag auch ber diesen hchsten Spitzen des
preuischen Staats der tiefe Ernst des Augenblicks.

Der knigliche Wagen fuhr an die Rampe, der Knig stieg aus und reichte
dann der Knigin die Hand, ihr ebenfalls aus dem Wagen zu helfen. Dann
blickte er hin ber den mit Menschen dicht besetzten Platz und erhob zum
letzten Gru die Hand.

Jetzt zum ersten Mal wurde das ernste, feierliche Schweigen gebrochen,
wie ein einziger Ruf, weithin brausend in gewaltigen Klngen die Luft
erschtternd, erhob sich ein dreimal wiederholtes Hurrah. Es war als ob
wie aus einem Munde, vom gleichen Pulsschlag bewegt, das Volk den
scheidenden Knig begrte.

Dann trat abermals tiefe Stille ein.

Der Knig winkte noch einmal mit der Hand, gab der Knigin den Arm und
wandte sich nach dem Wartesaal hin. Da fiel sein Auge auf einen jungen
Officier mit blassem Gesicht, welcher in einem kleinen Rollwagen auf die
Rampe gefahren war und mit leuchtenden Blicken den kniglichen
Kriegsherrn ansah, whrend er die in unwillkrlicher Bewegung erhobenen
Hnde gegen ihn ausstreckte.

Der Knig blieb einen Augenblick stehen, dann schritt er rasch auf den
jungen Mann zu und reichte ihm die Hand, dieser aber fate sie mit
seinen beiden Hnden und fhrte sie an die Lippen, indem Thrnen aus
seinen Augen strzten. Dann fate er sich, richtete sich in seinem Wagen
empor und sprach im Ton dienstlicher Meldung:

"Lieutenant von Sierrakowsky, Majestt--"

"Ich wei, ich wei," sagte der Knig freundlich, durch einen Wink die
Meldung unterbrechend, "ich vergesse die Tapfern nicht, die fr mich und
das Vaterland geblutet haben--Gott hat Ihnen nicht vergnnt, auch in
diesem Kampf mit mir hinaus zu ziehen--aber trsten Sie sich, Sie haben
dem Vaterland Ihre Schuld reichlich bezahlt und Beispiele, wie das Ihre,
werden neue Helden schaffen."

"Gott segne Eure Majestt!" sagte der junge Officier, mit erstickter
Stimme; "Gott segne unsere preuischen Fahnen!"

Der Knig drckte dem armen Invaliden noch einmal herzlich die Hand und
trat dann in den Wartesaal. Nur wenige Worte sprach er mit den dort
Versammelten. Alle Damen reichten ihm Blumenstrue entgegen.

"Ich kann sie nicht alle mitnehmen," sagte der Knig freundlich
lchelnd, indem er einen schnen Strau aus den Hnden der Grfin
Itzenplitz entgegennahm. "Diese Blumen sollen mir eine Erinnerung an Sie
Alle und an Ihre guten Wnsche sein."

Kein Auge blieb trocken, Alle drngten dem scheidenden Knig nach, der
an der Thr des Wartesaals die Knigin umarmte und dann mit den Herren
des Gefolges schnell in das Coup stieg.

Dahin brauste der Zug nach dem Westen, nach dem Schauplatz des noch von
den dunklen Wolken der Zukunft verhllten Krieges.




Zwlftes Capitel.


Der junge Cappei hatte in einem fast bewutlosen Zustand stumpfer
Resignation die ersten Tage nach seiner Verhaftung in dem Amtsgefngni
zu Bodenfeld zugebracht. Vergebens strengte er sich an, um die Fden des
Netzes zu entdecken, das ihn so geheimnivoll und unerklrlich umsponnen
hatte. Seine Gedanken verwirrten sich, das fortwhrende Schweigen seiner
Geliebten, dieser so pltzliche und unerwartet gegen ihn erhobene
Vorwurf staatsgefhrlicher Verbindungen, das Alles vermochte er in
keinen klaren Zusammenhang zu bringen, und nur wenn er auf den Verdacht
zurckkam, welchen die Handschrift des ihm vorgelegten Schreibens in ihm
erweckte, so erfate ihn ein heftiger Paroxismus des Zornes und der
Verzweiflung.

Oft war er nahe daran nach Mitteln zu suchen, seinem so pltzlich von
der Hhe der glcklichsten Hoffnungen in die Tiefe eines vernichtenden
Schmerzes herabgestrzten Leben ein gewaltsames Ende zu machen, und nur
die von frher Jugend in ihm gepflegte glubige Frmmigkeit gab ihm die
Kraft, diese traurige Existenz zu ertragen und lie ihn die Hoffnung
nicht verlieren, da die Vorsehung Wege finden wrde, das Dunkel zu
erhellen, welches ihn umgab und seine Unschuld dem wider ihn erhobenen
Verdacht gegenber an das Licht zu bringen.

In dieser qualvollen Ungewiheit, allein mit seinen in demselben Kreise
sich stets bewegenden Gedanken brachte er drei furchtbare Tage zu, ohne
das Geringste von der Auenwelt zu hren oder zu sehen, als ein kleines
Stck des Himmels, das ber eine hohe Mauer durch das vergitterte
Fenster seines Gefngnisses hereinsah.

Dann wurde er zum ersten Verhr vorgefhrt. Ein Untersuchungsrichter aus
der nchsten Stadt war in Bodenfeld erschienen, um in Gegenwart des
Amtmanns die Vernehmung des jungen Menschen vorzunehmen.

Cappei antwortete auf alle an ihn gestellten Fragen im vollen Bewutsein
seiner Schuldlosigkeit, und der gnstige Eindruck, den seine klaren und
bestimmten Angaben, die sich in keinem Punkt widersprachen, auf den
Richter und den Amtsverwalter machten, war unverkennbar.

Schon begann die Hoffnung in ihm aufzuleben, da das Alles sich als ein
Miverstndni herausstellen werde, da legte der Untersuchungsrichter
ihm aus den beim Amte gefhrten Acten eine Reihe von Briefen vor mit der
Frage, ob er die Handschrift kenne, und ob diese an ihn adressirten
Briefe unter ihren scheinbar unverfnglichen Worten einen andern Sinn
verbrgen.

Der Richter sprach dabei zugleich nochmal die Ermahnung aus, durch ein
offenes Gestndni eine mildere Beurtheilung seiner Handlungen zu
ermglichen, zu denen eine irre geleitete Anhnglichkeit an die frhere
Regierung seines Landes ihn bestimmt haben mchte.

Der junge Cappei trat ruhig und unbefangen an den Tisch heran, um die
ihm vorgelegten Papiere nher zu betrachten und vielleicht durch
dieselben einen Anhalt zur Aufklrung des Miverstndnisses zu gewinnen.

Kaum hatte er inde einen Blick auf die Briefe geworfen, als eine
schnelle fliegende Rthe auf seinem Gesicht erschien. Seine krftige
Gestalt zitterte und bebte, und wie zusammenbrechend sttzte er sich mit
beiden Hnden auf den Tisch, whrend seine gro geffneten Augen mit dem
starren Ausdruck des Schreckens und des Entsetzens auf den Papieren
hafteten.

Er erkannte Luisens Handschrift, und als er sich so weit gesammelt
hatte, um die im ersten Augenblick vor seinen Augen hin und her
schwirrenden Buchstaben festhalten zu knnen, las er, in fliegender Hast
die Bltter umwendend, immer dringendere, immer sehnsuchtsvollere Bitten
um Nachricht, Besorgnisse, da er krank sein mge, und voll Schmerz und
Verzweiflung sah er zwischen den Zeilen dieses Briefes das Bild seiner
Geliebten erscheinen, welche in gleicher Ungewiheit und Bangigkeit wie
er, gewartet und immer wieder gewartet und vergebens um Antwort und
Nachricht gefleht hatte.

Ein dmonischer Einflu hatte hier die Hand im Spiele gehabt, ein wohl
durchdachter Plan voll Hinterlist und Bosheit hatte sich zwischen diese
beiden liebenden Herzen gestellt, um nicht nur ihre uere Verbindung zu
unterbrechen, sondern sie auch mit Mitrauen gegen einander zu erfllen
und ihre Liebe zu zerstren.

Als er die Briefe smmtlich durchflogen hatte, wurde ihm Alles
klar;--wie er schon beim ersten Verhr geglaubt hatte in dem ihm damals
vorgelegten an ihn gerichteten compromittirenden Brief die Hand des
Herrn Vergier zu erkennen, so wurde ihm jetzt vollkommen deutlich, da
dieser und kein anderer der Urheber dieses Werkes finsterer Heimtcke
sei. Und eine wilde, wthende Verzweiflung, ein brennender Durst nach
Rache bemchtigte sich seines ganzen Wesens.

Schweigend starrte er fortwhrend auf die vor ihm liegenden Briefe, als
sei pltzlich ein drohendes Gespenst vor ihm aufgestiegen, dessen kalte
Hand sich todtbringend nach seinem Herzen ausstreckte.

Betroffen blickte ihn der Untersuchungsrichter an. Der ganze bisherige
Verlauf des Verhrs hatte einen gnstigen Eindruck fr den jungen Mann
in ihm hervorgebracht, dessen pltzliche, so sichtbar tiefe Bestrzung
jedoch schien jenen Eindruck wieder zu verwischen.

"Kennen Sie diese Briefe?" fragte er mit strengem Ton.

Der junge Cappei fuhr bei dieser Frage, die ihn aus seiner Betubung
aufschreckte, empor und erwiderte, indem seine Stimme vor mchtiger
innerer Erregung zitterte:

"Ja, ich kenne sie, sie sind an mich gerichtet,--es sind Briefe meiner
Braut, sie haben mir die Augen geffnet ber den ganzen heillosen Plan,
welchen eiferschtiger Ha gesponnen, um uns von einander zu reien.
Diese Briefe haben keinen verborgenen Sinn, sie bedeuten nur das, was
mit klaren Worten in ihnen geschrieben steht. Oh, mein Gott," rief er,
den brennenden Blick aufwrts richtend, "wie ist es mglich, da so viel
Schlechtigkeit auf Erden wohnen kann."

"Sie behaupten also," fuhr der Untersuchungsrichter fort, "da dies
wirklich Briefe eines jungen Mdchens sind, und da dieselben keine
Bedeutung haben?--Ich mu Ihnen sagen," fgte er hinzu, "da Ihre so
heftige und sichtbare Bestrzung beim Anblick dieser Papiere nicht zu
Ihren Gunsten spricht, um so weniger als unmittelbar nach Ihrer Ankunft
ein Schreiben an Sie hierher gekommen ist, in welchem Ihnen die
mndliche Verabredung in's Gedchtni zurckgerufen wird, die
Nachrichten, welche man von Ihnen erwartet und die Fragen, welche man an
Sie stellen wrde, in die Form von einfachen Liebesbriefen zu kleiden."

"Welch ein Abgrund,--welch ein Abgrund," rief der junge Cappei
verzweiflungsvoll. "Und kann ich jenen Brief sehen?" fragte er dann.

Der Untersuchungsrichter nahm ein Papier und legte es ihm vor.

"Ja, ja," rief Cappei heftig auffahrend, "es ist dieselbe Handschrift.
Es ist die Handschrift jenes Elenden, der mich um mein Glck betrgen
will, der es gewagt hat, mich in Frankreich als preuischen Spion zu
verdchtigen, und der nun durch seine teuflischen Knste mich hier als
Verschwrer verfolgen lt. Ich schwre Ihnen, meine Herren, das Alles
ist schndlicher Betrug, ich bin das Opfer der Hinterlist eines
Todfeindes, der mich verderben will. Ich bitte Sie um Gottes Willen,
lassen Sie mich einmal hier in Ihrer Gegenwart einen Brief an meine
Braut schreiben. Sie werden die Antwort sehen, Sie werden sehen, da
nichts Geheimnivolles, nichts Verfngliches dahinter steckt--"

"Die Antwort wrde vielleicht ebenso unverfnglich sein, als diese
Briefe es smmtlich zu sein scheinen," sagte der Untersuchungsrichter
den Kopf schttelnd. "Ich will zu Ihrem Besten hoffen, junger Mann, da
Ihre Angaben die Wahrheit seien, indessen kann ich Ihnen nicht
verbergen, da das Alles sehr unwahrscheinlich scheint,--ich will fr
heute das Verhr schlieen, um Ihnen Zeit zu lassen, wenn Sie etwas
auszusagen haben, durch ein umfassendes und aufrichtiges Gestndni Ihre
Lage zu erleichtern."

"Darf ich nicht," fragte der junge Mann im Ton dringendster Bitte, "darf
ich nicht zwei Worte nur an meine Braut schreiben?"

"Es wrde zu nichts fhren," sagte der Untersuchungsrichter, "denn eine
gleichgltige Antwort wrde noch nichts zu Ihren Gunsten beweisen,--wenn
diese Briefe wirklich nur der Deckmantel einer geheimen Correspondenz
sind, so wrde ohne den Schlssel derselben, ohne Kenntni der
chemischen Mittel," fuhr er fort, den Blick scharf auf den jungen Mann
richtend, "durch welche etwa andere geheime Schriftzeichen auf dem
Papier sichtbar werden, noch immer keine Klarheit in die Sache kommen.
Ich wnsche nochmals," sprach er dann, "da Ihre Schuldlosigkeit an den
Tag kommen mge, denn ich habe hier ber Sie und Ihre Familie nur Gutes
gehrt. Wenn Sie jetzt unter dem auf Ihren Schultern ruhenden Verdacht
bleiben mssen, so trifft die Schuld zunchst davon Diejenigen, welche
nicht aufhren durch fortwhrende Agitationen das Land zu beunruhigen,
und welche uns dadurch zwingen, mit den schrfsten Mitteln den
verborgenen Fden nachzuspren, durch die jene Agitation geleitet
wird."

In dumpfem Schweigen lie sich der junge Mann nach seiner Gefngnizelle
zurckfhren. Es war eine Art von Ermattung ber ihn gekommen, der
vernichtende Erfolg, welchen die vor seinen Augen jetzt klar liegende,
gegen ihn gespielte Intrigue gehabt, beraubte ihn fast des Glaubens an
die ewige Gerechtigkeit, und in stumpfer Resignation brachte er die dem
Verhr folgenden Tage zu, ohne sich von seinem Lager zu erheben, nur die
nothwendigsten Nahrungsmittel zu sich nehmend. Im Schmerz um sein
zerstrtes Liebesglck, um alle seine gebrochenen Lebenshoffnungen,
versank er in eine Art von dumpfer Lethargie, aus welcher nur die
brennende Sehnsucht emporflammte, sich an demjenigen zu rchen, dessen
Hand aus feiger Verborgenheit heraus ihn so tdtlich getroffen hatte.

       *       *       *       *       *

Kaum hatte er die Tage gezhlt, welche in diesem Zustande an ihm
vorbergegangen waren, seine ewig auf ein und denselben Punkt
gerichteten Gedanken erfllten sein Gehirn und sein Blut mit Fieber,
seine Krfte begannen sich zu erschpfen,--zuweilen dachte er fast mit
Wonne daran, da eine tdliche Krankheit ihn ergreifen und seinen Leiden
ein Ende machen knnte. Dann wieder versuchte er mit aller
Willenskraft, sich aufrecht zu erhalten, um das Ziel seines Lebens, die
Rache, nicht zu verlieren.

Da trat eines Morgens der Amtsdiener in sein Zimmer und forderte ihn
auf, ihn zum Amtsverwalter zu begleiten.

Cappei sprang auf, ein leiser Hoffnungsschimmer erfllte ihn, vielleicht
war es doch mglich, da man von seiner Unschuld sich berzeugt,
jedenfalls konnte ihm ein neues Verhr Gelegenheit geben, die gegen ihn
erhobenen Anklagen zu entkrften, und mhsam zwang er sich, seinen
schwankenden Schritten Festigkeit zu geben, als er dem Diener in das
Bureauzimmer folgte.

Der Amtmann blickte erschrocken auf den jungen Mann, welcher sich in
kurzer Zeit in entsetzlicher Weise verndert hatte.

Seine Augen blickten hohl und trbe, seine Wangen waren eingefallen,
sein Mund zuckte fast convulsivisch, sein Haar hing wirr und ungeordnet
ber die Stirn herab, kaum konnte er sich aufrecht halten und
unwillkrlich griff seine Hand nach der Lehne des Sessels.

"Setzen Sie sich," sagte der Amtmann freundlich. "Sie sind angegriffen.
Ich hoffe, Ihnen Ihre Kraft und Ihren Muth wiedergeben zu knnen, denn
ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu geben."

Wie erstaunt blickte Cappei auf den Beamten. Die Leiden, welche er
ausgehalten, hatten ihn fast unfhig gemacht, das Gefhl der Hoffnung zu
empfinden.

"Der Krieg mit Frankreich ist ausgebrochen," sagte der Beamte ernst, "in
wenigen Tagen wird das ganze deutsche Volk in Waffen den frevelhaften
bermuth seiner Erbfeinde zurckweisen. Beim Beginn dieses groen
nationalen Kampfes hat Seine Majestt der Knig eine allgemeine Amnestie
fr politische Vergehen erlassen, welche vor der Kriegserklrung gegen
Frankreich begangen sind. Auch Sie fallen unter diese Amnestie, die
Untersuchung gegen Sie ist daher beendet. Sie sind frei."

Cappei sprang auf. Seine Muskeln spannten sich, seine Gestalt richtete
sich krftig und elastisch empor und mit leuchtenden Blicken rief er:

"Frei! Frei! Oh! mein Gott, vergieb mir, da ich an Deiner Gerechtigkeit
gezweifelt habe. Es war ja unmglich, da das Werk finsterer Bosheit
triumphiren konnte. Ich darf also zu meiner Mutter zurckkehren, ich
darf--"

"Sie sind frei und auer aller Verfolgung," sagte der Beamte, "aber Sie
stehen in der allgemeinen Landwehrpflicht, hier ist eine
Einberufungsordre fr Sie, welche Ihnen befiehlt, sich sogleich in
Hannover zu stellen, um dem Regiment, fr welches Sie bestimmt sind,
zugetheilt zu werden. Sind Sie bereit," fuhr er mit einem forschenden
Blick auf den jungen Mann fort, "diese Pflicht zu erfllen?"

"Bereit?" rief Cappei, indem ein Blitz aus seinen Augen zuckte, "bereit?
Oh, Herr Amtmann," fuhr er fort, den Arm erhebend, "geben Sie mir eine
Waffe in die Hand, um hinaus zu ziehen in den Kampf gegen jenes Land,
dessen Erde den Elenden trgt, der mich verderben wollte, und der das
Glck und die Hoffnung meines Lebens zerstrt hat--er wird auch dort
nicht mig gewesen sein," fgte er mit bitterm Lachen hinzu, "und
nachdem er meiner Luise den Glauben an mich geraubt hat, wird er ihrem
leidenden Herzen sich als trstender Freund genhert haben--aber die
rchende Gerechtigkeit wird mich fhren, da ich auf den Wegen dieses
Krieges ihm begegne, um ihn zu vernichten und, wenn es Gott will,
vielleicht noch seine Plne zu durchkreuzen."

"Sie sind also bereit, sich sofort Ihrer Ordre gem zu stellen und den
Fahneneid zu leisten, den man natrlich nochmals von Ihnen verlangen
wird, da Sie frher dem Knige von Hannover geschworen haben."

"Ich bin bereit," sagte Cappei.

"Sie drfen nicht vergessen," fuhr der Beamte ernst fort, "da wenn Sie
den Versuch machen sollten, Ihre Freiheit zu benutzen, um sich Ihrer
Landwehrpflicht zu entziehen, Sie damit das Verbrechen der Desertion
begehen wrden, welches im gegenwrtigen Kriegszustande unfehlbar die
Todesstrafe nach sich zieht."

"Seien Sie unbesorgt, Herr Amtmann," rief Cappei, "ich werde mich
pnktlich stellen, und ich wnsche nur, da mein Regiment das erste sei,
welches die franzsischen Grenzen berschreitet. Darf ich vorher meine
Mutter und meinen Oheim besuchen?" fragte er dann.

"Sie sind vollkommen frei zu thun, was Sie wollen," sagte der Beamte,
"vorausgesetzt, da Sie sich pnktlich zur rechten Zeit zur Einstellung
melden. Leben Sie wohl. Ich freue mich, da Ihre Angelegenheit dies Ende
genommen hat, und ich wnsche, da Sie gesund und wohl behalten aus dem
Kriege zurckkehren mgen."

Er neigte freundlich den Kopf.

Cappei grte in militairischer Haltung und verlie krftigen und festen
Schrittes das Zimmer.

Gro war die Freude bei seinem Erscheinen in dem Hause seines Oheims,
wo seit seiner Verhaftung tiefe Trauer und Bekmmerni geherrscht hatte.

Gro aber auch war der Schmerz der alten Frau, als sie vernahm, da sie
ihren Sohn nur wiedersehen sollte, um ihn sogleich wieder zu verlieren
und ihn hinausziehen zu sehen in die Todesgefahr eines furchtbaren
Krieges.

Ernst und feierlich saen die drei Menschen bei dem letzten Wahl
zusammen, welches nach alter Bauernsitte reichlich fr den Scheidenden
aufgetragen wurde, und welches fast Keiner von ihnen berhrte.

Mit thrnenden Augen blickte die alte Frau auf den Sohn, der ihr so
schnell wieder entrissen werden sollte, nachdem Verbannung und
Gefangenschaft ihn getroffen, um noch greren Gefahren
entgegenzugehen--finster sa der alte Niemeyer da.

Er sah zwar lieber den jungen Menschen mit der Waffe in der Hand nach
Frankreich hinausziehen, als da dieser sich eine Heimath gesucht htte
in dem Lande, das er den alten Traditionen nach, doch immer als den
Feind Deutschlands ansah, aber die drohende Todesgefahr des Sohnes
seiner Schwester, den er wie sein Kind liebte, bewegte ihn tief.

Doch endlich trstete ihn das glaubensstarke Vertrauen auf die Alles
zum Besten kehrende Vorsehung, dies Vertrauen, das in all' den alten
markigen Niedersachsen so fest und unerschtterlich lebt und auch in den
schwersten Prfungen ihren Muth aufrecht erhlt.

"Gott erhalte Dich, mein Junge," sagte er einfach, indem er krftig die
Hand des Scheidenden schttelte und obwohl seine Stimme leicht zitterte,
so klang doch die ruhig vertrauensvolle Ergebung in den gttlichen
Willen in diesen Worten wieder.

Die Mutter hatte den Rnzel ihres Sohnes mit Brod, kaltem Fleisch und
Branntwein gefllt, der Oheim fgte eine mit harten Thalern
wohlgespickte Brse hinzu und dann beugte sich der junge Mann tief vor
der alten Frau nieder.

"Segne mich, meine Mutter," sagte er leise.

Die Alte legte ihre zitternden Hnde auf das Haupt des Sohnes und
bewegte ihre Lippen, ohne da laute Worte aus denselben hervordrangen,
aber die Thrnen, welche voll und hei in diesem letzten Augenblick des
Scheidens aus ihren Augen strmten, fielen ber das Haar des jungen
Mannes herab. Er fhlte, wie diese Tropfen seine Stirne benetzten, und
heilige Rhrung durchzitterte sein Herz,--er empfand all' den reichen
Segen, all' die heien Gebete, all' die frommen Wnsche, welche die
Abschiedsthrne aus dem Mutterauge in sich schliet.

Dann wandte er sich rasch ab und schritt fest und krftig ber den Hof
hinaus, vom Thor her sich noch einmal umblickend nach dem alten
niederschsischen Glauben, der an einen letzten Rckblick auf das
heimathliche Haus eine frohe und glckliche Heimkehr knpft.

Bald hatte er die nchste Eisenbahnstation erreicht, wo schon eine
Anzahl anderer Einberufener wartete, und nach wenig Augenblicken fhrte
ihn der dahinrollende Zug fort, einer dunklen Zukunft voll Kampf und
Gefahr entgegen, whrend in seinem Herzen alle anderen Gefhle
zurcktraten vor der glhenden Sehnsucht, Rache zu nehmen fr die
Frevelthat an seiner Liebe.




Dreizehntes Capitel.


Ein buntes und lrmendes Treiben herrschte in den Straen und der
Umgebung von Metz. Die Wlle der alten Festungsstadt waren von den
weien Zelten des Lagers der franzsischen Armee umgeben und Truppen
aller Waffengattungen durchzogen die Straen der Stadt und des Lagers.

Man sah die riesigen Crassiere ernst und ruhig einherschreiten,--man
sah die bunten afrikanischen Truppen,--die leichtfigen Voltigeurs und
Jger und all' dies Leben war von frhlicher Heiterkeit und
Siegeszuversicht getragen,--die Truppen im Lager sangen, tranken und
spielten, Polichinelbuden waren vorhanden und Alles erwartete mit
Ungeduld den Aufbruch gegen den Feind, berzeugt, da es nur eines
Vorstoes dieser berhmten franzsischen Armee bedrfe, um siegreich und
unberwindlich bis zum Herzen Deutschlands vorzudringen.

Der Kaiser war seit einigen Tagen von St. Cloud angekommen und hatte
mit dem kaiserlichen Prinzen in der Prfectur Wohnung genommen. Vor dem
Prfecturgebude schilderten die Cavallerie-Doppelposten, und die
glnzende Generalitt mit ihrem Gefolge, die Adjutanten und
Ordonnanzofficiere des Kaisers, welcher den ganzen Pomp seines
militairischen Hofes entfaltete, gingen aus und ein.

Inmitten all' dieses Lrms und all' dieses Glanzes sa der Kaiser in der
Generalscampagneuniform trbe und niederschlagen in seinem Zimmer,
dessen Fenster durch dichte Vorhnge beschattet waren, um die heien
Strahlen der Sonne abzuhalten und der Imperator, welcher hier in der
Mitte seiner siegesgewissen Truppen sich befand, blickte finster mit
einem gramvollen, resignirten Ausdruck vor sich nieder.

Er hielt einige Depeschen in der Hand, welche er eben durchlesen hatte,
und die Nachrichten, welche dieselben brachten, schienen nicht
erfreulicher Natur zu sein, denn mit einem unwillkrlichen Griff hatten
die Hnde des Kaisers das Papier zerknittert.

"Welch ein entsetzlicher Zustand in dieser Armee," sagte er, "welch ein
Chaos unter dieser glnzenden Auenseite--oh, warum habe ich nicht
vorher das Alles klar gesehen, was sich jetzt so furchtbar und
unerbittlich vor meinem Blick ffnet,--jetzt wo keine Umkehr, kein
Einhalt des Verhngnisses mehr mglich ist. Ich habe eine Verstndigung
im letzten Augenblick noch gehofft, ich habe irgend ein Entgegenkommen
von Berlin aus erwartet, um noch an der Spitze der gegenberstehenden
Armeen das drohende Unheil beschwren zu knnen und die Concessionen zu
erreichen, nach denen ich so lange gestrebt. Alles ist vergebens, man
ist dort entschlossen, das uerste zu wagen. Diese Verffentlichung des
Benedettischen Vertragsentwurfs, diese Depesche des Grafen Bismarck an
die Mchte, das Alles beweist mir, da alle Brcken abgebrochen sind,
und da das furchtbare Verhngni des Krieges seinen Weg gehen mu. Und
welche Hoffnungen bleiben mir," sprach er mit dumpfer Stimme, "mir, der
ich schon vor dem Beginn des Kampfes ein zerbrochenes Schwert in der
Hand halte."

Er starrte im finstern Schweigen vor sich hin.

Die dienstthuende Ordonnanz trat ein und meldete den Prinzen Napoleon,
welcher unmittelbar der Meldung folgend, in das Zimmer trat. Der Prinz
trug die Uniform eines Divisionsgenerals und in dieser militairischen
Tenue trat seine hnlichkeit mit dem groen Kaiser noch mehr als sonst
hervor, wenn dieselbe auch immerhin jetzt noch einen gewissen Anflug
von Carricatur hatte durch die weit strkere Corpulenz des Prinzen,
durch seine unruhige Haltung und durch die nervsen zuckenden Bewegungen
seines Gesichts. Die Augen des Prinzen flammten, eine dunkle Zornesrthe
bedeckte seine Stirn, mit hastigen Schritten trat er bis dicht vor den
Kaiser hin und die dunklen Augen gro auf seinen wie gebrochen da
sitzenden Vetter richtend, rief er, hastig die Worte hervorstoend:

"Weit Du, mein Vetter, in welchem Zustande die Armee ist?"

Der Kaiser senkte schweigend das Haupt auf die Brust.

"Ich habe," fuhr der Prinz fort, "schon als ich von den Haiden Norwegens
nach Paris zurckkehrte, um die erste Entwickelung dieses unseligen
Krieges mit anzusehen, Dir gesagt, was ich ber dieses Abenteuer
denke--das gefhrlichste und verhngnivollste, welches Du seit Deiner
Regierung unternommen,--was ich jetzt aber hier tglich, stndlich sehe
und erfahre, das bersteigt die Grenzen alles dessen, was ich mir als
mglich gedacht habe. Ich sehe einen ungeordneten Haufen Soldaten ohne
Organisation, ohne Fhrung, ohne gesicherte Verpflegung, und wenn jeder
dieser Soldaten fr sich den alten Paladinen Karl's des Groen an
Tapferkeit gleichkme, so ist es unmglich, da sie etwas ausrichten
knnen gegen die Tactik und die Ordnung des preuischen Generalstabes.
Wahrlich, mein Vetter, der Marschall Leboeuf mu ein Interesse haben,
Dich und uns Alle zu verderben. Selbst die gewaltigste menschliche
Dummheit kann ein Verfahren, wie das Seinige, nicht erklren."

Der Kaiser schwieg noch immer.

"Was denkst Du zu thun? Kannst Du noch Frieden machen?"

"Der Frieden jetzt," sagte der Kaiser, "kme der Streichung des
franzsischen Namens aus der Reihe der Gromchte, kme der Abdankung
unserer Dynastie gleich," fgte er mit leiser, tonloser Stimme hinzu.

"Was aber denkst Du zu thun," rief der Prinz, "willst Du Dich, willst Du
uns Alle zu den Todten werfen lassen? Willst Du Dich nicht entschlieen,
an Rigault de Genouilly den Befehl einer unmittelbaren Expedition in der
Ostsee zu bergeben. Ich bitte Dich, bertrage mir das Commando der
Landungstruppen, wir werden dort die Gegner zwingen, zahlreiche
Streitkrfte hinzusenden, um wenigstens uns hier vor einem
berwltigenden Angriff zu schtzen."

"Ich darf Ruland nicht verletzen," sagte der Kaiser, wie zgernd,
"auch England hat sich sehr entschieden gegen eine Bedrohung des
preuischen Handels ausgesprochen--"

"Willst Du nach Ruland fragen," rief der Prinz, zornig mit dem Fu auf
den Boden stoend, "nach England, in dem Augenblick, wo es sich um die
Ehre, um die Existenz Frankreichs handelt und um die Existenz unseres
Hauses?"

"Der Marschall Leboeuf," meldete die dienstthuende Ordonnanz.

"Dein bser Genius," sagte Prinz Napoleon und wandte sich zum Fenster
hin, ohne den Gru des eintretenden Marschalls zu erwidern, welcher mit
ruhig heiterer Miene in das Zimmer trat und mit seiner vollen, langsamen
Stimme sagte:

"Die Regimenter, welche Eure Majestt heute zu mustern befahl, stehen an
dem Eingang der Strae nach Thionville bereit, wenn Eure Majestt die
Gnade haben wollen, hinauszureiten."

"Der Kaiser sollte lieber die Commandos, die Arsenale und die
Feldzugsplne besichtigen, als diese armen unglcklichen Truppen, die
verlorenen Schlachtopfer einer entsetzlichen Vernachlssigung, in
Augenschein zu nehmen," rief der Prinz Napoleon, sich schnell umwendend.

Der Marschall Leboeuf richtete sich hoch auf und blickte mit seinen
groen, etwas vorstehenden Augen den Prinzen starr an.

"Das Alles ist von mir geordnet," sprach er, "und der Kriegsplan
sichert, wie ich glaube, so gut als das mglich ist, den Erfolg."

"Der Kriegsplan," rief der Prinz, "das nennen Sie einen Kriegsplan, Herr
Marschall, einen Plan, der darin besteht, auf dieser ganzen weiten Linie
von Straburg bis Thionville die Armeecorps wie einen Zoll-Cordon
auszustreuen, so da sie sich weder einzeln behaupten, noch gegenseitig
untersttzen knnen. Der Vorsto der preuischen Armee wird das Alles
aufrollen und zerbrckeln, ehe man berhaupt noch zum Nachdenken
gekommen ist, und all' die Tapferkeit dieser braven Soldaten wird
vergebens sein. Wenn der Krieg," fuhr er immer heftiger fort, "in dem
Gehirn einzelner Menschen seit Monaten beschlossen war, wenn er seit
vierzehn Tagen erklrt ist, so verstehe ich nicht, da whrend die
deutsche Armee in erdrckenden Massen auf uns losrckt, man da nicht ein
einziges Corps mit dem Nthigen versehen, vollstndig hat hinstellen
knnen."

Bevor der Marschall antworten konnte, erhob sich der Kaiser, faltete die
zerknitterten Depeschen in seiner Hand auseinander, richte sie dem
Marschall und sprach mit kaltem, strengem Ton:

"Ich bitte Sie, Herr Marschall, diese Depeschen zu lesen, welche ich so
eben aus Paris erhalten habe."

Der Marschall nahm die Depeschen eine nach der andern und las:

"General Ducrot an das Kriegsministerium in Paris.

Morgen werden wir kaum fnfzig Mann haben, um den Platz Neu-Breisach zu
halten und Mortier, Schlettstadt, Lichtenberg sind in gleicher Weise
entblt. Die Preuen sind Herren aller Defileen des Schwarzwaldes."

"Lesen Sie weiter," sprach der Kaiser, whrend der Prinz Napoleon die
Hnde zusammenschlug.

Der Marschall Leboeuf las:

"Der General-Commandant des vierten Corps an das Kriegs-Ministerium in
Paris.

Das vierte Corps hat weder Cantinen, Ambulancen noch
Ausrstungsgegenstnde. Alles ist vollstndig entblt."

"Weiter," sprach der Kaiser kalt und kurz.

Der Marschall las die folgende Depesche:

"Der Intendant des sechsten Corps an das Kriegs-Ministerium in Paris.

Ich erhalte von dem Chef der Rheinarmee das Verlangen nach vierhundert
tausend Rationen Zwieback. Ich habe nicht eine einzige Ration."

"Immer weiter," sagte der Kaiser.

Der Marschall fuhr fort, die nchste Depesche ergreifend.

"Marschall Canrobert an das Kriegs-Ministerium in Paris.

Ich habe weder Kochtpfe, noch Npfe, die Kranken sind von Allem
entblt. Wir haben weder Betten, noch Hemden, noch Schuhe."

"Endlich die letzte," sagte der Kaiser, indem er dem Marschall eine
Depesche reichte, die er noch zurckbehalten hatte.

Marschall Leboeuf las immer in demselben ruhigen, gleichmigen Ton:

"General Michel an das Kriegs-Ministerium in Paris.

Angekommen zu Belfort, meine Brigade nicht gefunden, Divisionsgeneral
nicht gefunden. Was soll ich machen? Ich wei nicht, wo meine Regimenter
sind."

Mit einem Satz sprang der Prinz zu dem Kaiser heran.

"Dieser General," rief er, "welcher im Angesicht des Feindes seine
Armee sucht, das ist das Schluwort aller dieser Lcherlichkeit, einer
Lcherlichkeit, welche aber zugleich die furchtbarste Tragdie in sich
schliet, da sie der Untergang Frankreichs und des Kaiserreichs sein
wird. Ich will hier nichts mehr sehen und hren, ich verlasse die Stadt
und beziehe mein Zelt im Lager; wenn ich lnger in diesem Hauptquartier
bleibe, so wird der Wahnsinn mein Gehirn erfassen."

Und ohne ein Wort zu sagen, strmte er hinaus.

"Sire," sagte der Marschall Leboeuf im ruhigen Tone, "solche kleine
Unordnungen kommen jedesmal vor, wenn eine groe Armee sich
zusammenzieht. In wenigen Tagen wird sich das Alles von selbst ordnen."

"Ich glaube nicht, Herr Marschall," sagte der Kaiser kalt, "da hnliche
Unordnungen auf der Seite unserer Feinde vorkommen, und ich wnsche, da
dieselben in der That in wenigen Tagen geordnet sein mgen. Sie werden
Ihre ganze Thtigkeit und Energie entwickeln, damit das geschehe,--denn,
Herr Marschall, die Verantwortung fr die Folgen solcher Unordnungen
wird eine groe und schwere sein und in voller Wucht auf Ihrem Haupte
lasten. Jetzt will ich hinaus, um die Truppen zu sehen."

Und mit einer stolzen Neigung des Hauptes, welche andeutete, da er kein
Wort weiter zu hren wnsche, wandte er sich von dem ganz erstaunt
dastehenden Marschall ab. Indem er sich der Thr nherte, ffnete sich
dieselbe schnell und mit Freude strahlendem Gesicht trat der kaiserliche
Prinz in seiner kleinen, zierlichen Lieutenantsuniform herein.

Er hielt einen Brief in der Hand, kte schnell seines Vaters Hand und
rief mit frhlichem Tone:

"Ein Brief von Mama, den man mir so eben gebracht. Alles ist wohl und
voll Siegeshoffnungen in Paris. Die kleine Malakoff hat zwei Stck
vierblttrigen Klee gefunden, welche Mama mir sendet und welche mir
Glck bringen werden. Ich werde die Bltter in ein Medaillon fassen
lassen und stets bei mir tragen."

Er zog den Brief der Kaiserin aus der Enveloppe und hielt die beiden
vierblttrigen Kleebltter ganz stolz dem Kaiser entgegen.

Napoleon antwortete nicht. Mit einem wunderbaren Ausdruck aus Liebe und
schmerzlicher Wehmuth gemischt, sah er einige Augenblicke seinen Sohn
an, dann beugte er sich zu demselben nieder, drckte seine Lippen auf
die reine Stirn und sagte:

"Ich will zu den Truppen hinausreiten, Du sollst mich begleiten."

Der Prinz steckte die Enveloppe mit den Kleeblttern, ganz berrascht,
da sein Vater dieselben so wenig beachtete, in seine Uniform und ging
mit dem Kaiser hinaus.

Der Marschall Leboeuf folgte ihnen. Man stieg zu Pferde.

An der Spitze seines glnzenden Generalstabes ritt der Kaiser hinaus
durch die belebten Straen der Stadt nach dem Felde.

Auf der Strae von Thionville, wo zwei Brigaden der Garde aufgestellt
waren, begrten diese prchtigen Elitetruppen in ihrer musterhaften
Haltung den Kaiser mit jubelnden Hochrufen, in welche die in dichten
Massen umherstehenden einzelnen Soldaten laut und begeistert mit
einstimmten. Aber das Gesicht Napoleons erhellte sich nicht beim Anblick
dieser herrlichen Regimenter. Schweigend ritt er die Front ab,
schweigend lie er die Truppen an sich vorbei defiliren und immer
schweigend wandte er nach kurzem Gru, den Hut erhebend, sein Pferd, um
nach der Stadt zurckzureiten.

Noch einmal brauste das vive l'empereur donnernd durch das Lager hin,
die Strahlen der Sonne funkelten auf allen diesen Waffenspitzen, auf
allen diesen Gold schimmernden Uniformen des Generalstabes, an dessen
Spitze der Kaiser gebeugt auf seinem Pferde sitzend, im langsamen
Schritt nach der Stadt zurckritt, whrend der kaiserliche Prinz
ungeduldig sein Pferd zgelte, um an der Seite seines Vaters zu bleiben.

berall grten erneute Hochrufe und die Klnge der Musikkorps, welche
partant pour la Syrie und die Marseillaise spielten.

Der Kaiser schien von Allem dem nichts zu hren und zu sehen.
Ausdruckslos starrten seine Augen in's Leere und leise die Lippen
bewegend, sprach er:

  "Ave, Caesar, morituri te salutant!"




Ende des dritten Bandes.






End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgru der Legionen, Dritter
Band, by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRU DER LEGIONEN, ***

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