Project Gutenberg's ber das Aussterben der Naturvlker, by Georg Gerland

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Title: ber das Aussterben der Naturvlker

Author: Georg Gerland

Release Date: November 12, 2004 [EBook #14028]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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BER DAS AUSSTERBEN DER NATURVLKER

VON

DR. GEORG GERLAND,

LEHRER AM KLOSTER U. L. FR. ZU MAGDEBURG.


LEIPZIG,

VERLAG VON FRIEDRICH FLEISCHER.

1868.

SEINER EXCELLENZ

DEM HERRN GEHEIMEN RATH

H.C. VON DER GABELENTZ.




Vorwort.


Die Frage nach dem Aussterben der Naturvlker ist bis jetzt nur
gelegentlich und nicht mit der Ausfhrlichkeit behandelt, welche die
Wichtigkeit der Sache wohl verlangen kann. Am genauesten ist Waitz auf
sie eingegangen in seiner Anthropologie der Naturvlker Bd. 1, 158-186;
aber da auch er sie nur anhangsweise bespricht und in dem Zusammenhang
seines Werkes nicht mehr als nur die Hauptgesichtspunkte angeben konnte
und wollte; da er ferner manches nur andeutet oder ganz bergeht, was
von grosser Wichtigkeit ist, so erscheint es durchaus nicht berflssig,
die Grnde fr dies rthselhafte Hinschwinden selbstndig und
mglichst genau von neuem zu errtern. Namentlich die psychologische
Seite des Gegenstandes hat man bisher ber die Gebhr vernachlssigt;
sie wird deshalb in den folgenden Blttern besonders betont werden
mssen.

Das Material zur Beantwortung der Frage, die uns beschftigen soll,
findet sich zerstreut in einer grossen Menge von Reisebeschreibungen,
ethnographischen und anthropologischen Werken. Da es mir aber darauf
ankam, einmal--denn nur strengste Empirie kann uns bei unserer Frage
frdern--meine Stze durch getreue Quellenangabe zu sttzen, und
andererseits, dass die angefhrten Citate nicht allzuschwer zugnglich
seien, um nachgeschlagen werden zu knnen, so habe ich mich, wo es
mglich war, auf Werke gesttzt, die weiter verbreitet sind, und den
Quellennachweis nur da weggelassen, wo das Gesagte in allen Reisewerken
sich gleichmssig findet. Dass ich das schon erwhnte ausgezeichnete
Werk meines nur allzufrh verstorbenen Lehrers Waitz, die Anthropologie
der Naturvlker, sehr reichlich benutzt habe, wird man nicht tadeln; man
findet dort die oft sehr schwer zugnglichen Quellen in kritischer
Auswahl beisammen--und wozu werden solche grundlegenden Werke
geschrieben, wenn man nicht auf ihnen weiterbaut?

Ich stelle hier der Uebersicht und des bequemeren Citirens wegen die
Werke zusammen, welche ich als Belege benutzt habe, ohne die mit
anzufhren, welche nicht fters citirt sind. Einige, welche ich gern
gehabt htte, sind mir unzugnglich geblieben.


Angas, Savage life in Australia and N. Zealand. London 1847.

Australia felix. Berlin 1849.

Azara, Reise nach Sdamerika in den Jahren 1781-1801 (Magazin der merkw.
neuen Reisen. Bd. 31. Berlin 1810).

Bartram, Reisen durch Karolina, Georgien und Florida 1773. (eb. 10.
Band). Berlin 1793.

Beechey, Narrative of a voyage to the Pacific (1825-28). London 1831.

Behm, Geographisches Jahrbuch. 1. Theil 1866. Gotha 1866.

Bennett, Narr. of a whaling round the globe 1833-36. London 1840.

v. Bibra, Schilderung der Insel Vandiemensland bearbeitet v. Rding.
Hamburg 1823.

Bougainville, Reise um die Welt 1766-69. Leipzig 1772.

Bratring, Die Reisen der Spanier nach der Sdsee. Berlin 1842.

Breton Excursions in N.S. Wales, W. Australia and V. Diemensland. London
1833.

Browne, N. Zealand and its aborigines. London 1845.

Carus, Ueber ungleiche Befhigung der verschiedenen Menschheits-Stmme.
Leipzig 1849.

v. Chamisso, Bemerkungen und Ansichten auf einer Entdeckungsreise
(1815-18). Weimar 1821.

Cheyne, a description of islands in the Western Pacif. Ocean etc. London
1852.

Cook, 3te Entdeckungsreise in die Sdsee und nach dem Nordpol. 2. Bd.
Berl. 1789.--id. b, 1ste Entdeckungsreise bei Schiller.

Darwin, Naturwissenschaftliche Reise, bersetzt von Dieffenbach,
Braunschw. 1844.

Dieffenbach, Travels in N. Zealand. London 1843.

Dillon, Narrative of a voyage in the South Sea. London 1839.

Dumont d'Urville, a, Voyage de l'Astrolabe. Paris 1830. id. b, Voy. au
Pole Sud. Paris 1841.

Ellis, Polynesian Researches. London 1831.

Erskine, Journal of a cruise among the Islands of the Western Pacific.
London 1853.

Finsch, N. Guinea und seine Bewohner. Bremen 1865.

Freycinet, Voyage autour du monde (1817-20). Paris 1827.

P. Mathias G***, Lettres sur les les Marquises. Pasis 1843.

Gill, Gems from the Coral Islands. London 1855.

le Gobien, Histoire des Isles Marianes. Paris 1701.

Grey, Journals of two expedit. in NW and W. Australia (1837-39). London
1841.

Gulick, Micronesia, Nautical Magazin 1862.

Hale, Ethnographie and Philol. (Unit. States exploring expedition).
Philadelphia 1846.

Hearne, Reise von der Hudsonsbay bis zum Eismeere (1769-1772). Magaz. v.
Reisebeschreibungen. 14. Bd. Berlin 1797.

v. Hochstetter, Neuseeland. Stuttgart 1863.

Howitt, Impressions of Australia felix. London 1845. id. a, Abenteuer in
Australien. Berlin 1856.

A. v. Humboldt, a) Versuch ber den politischen Zustand des Knigreichs
                   Neuspanien. Tbingen 1809.

                b) Reise in die Aequinoktialgegenden des neuen Continentes,
                   deutsch v. Hauff. Stuttgart 1861.

                c) Ansichten der Natur. 3. Aufl. Stuttgart u. Augsburg 1859.

Jarves, History of the Haw. or Sandw. Islands. London 1843.

v. Kittlitz, Denkwrdigkeiten auf einer Reise nach d. russ. Amerika,
Mikronesien u. Kamtschatka (1826 etc.). Gotha 1858.

v. Kotzebue, Entdeckungsreise in die Sdsee und nach der Behringsstrasse
(1815-18). Weimar 1821.

Krusenstern, Reise um die Welt (1803-6). Berlin 1811.

v. Langsdorff, Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt (1803-7).
Frankfurt 1812.

La Prouse, Entdeckungsreise 1785. Magazin von Reisebeschr. Band 16. 17.
Berlin 1799 f.

v. Lessep, Reise durch Kamtschatka und Sibirien, Magaz. v. Reisebeschr.
4. Berlin 1791.

Lichtenstein, Reise in Sdafrika (1803-6). Berlin 1812.

Lutteroth, Geschichte der Insel Tahiti, deutsch v. Bruns. Berlin 1843,

Mariner, Tonga Islands. London 1818.

Meinicke, a) Das Festland v. Australien. Prenzlau 1837.

          b) Die Sdseevlker u. das Christenthum. Prenzlau 1844.

          c) Australien in Wappus Handbuch der Geographie und
             Statistik. 7. Aufl. 2. Bd. 2. Nachtr. Leipzig 1866.

Melville, Vier Monate auf den Marquesas-Inseln. Leipzig 1847. Id. b,
the present state of Australia. London 1851.

Moerenhont, Voyage aux les du grand Ocean. Paris 1837.

Nieuw Guinea, ethnogr. en natuurk. onderzocht in 1858 door een Nederl.
Ind. Commiss. Amst. 1862.

Nixon, The cruise of the Beacon. London 1857.

Novara, Reise der sterr. Fregatte (1857-59). Wien 1861.

Ohmstedt, Incidents of a whaling voyage. N. York 1841.

Petermann, Mittheilungen u.s.w. a.d. Gesammtgebiet d. Geographie.

Pppig, Artikel Indier bei Ersch u. Gruber. 2. S. B. 17. 1840.

Remy, Hist. de l'Arch. Hawaiien, texte et traduction. Paris et Leipzig
1862.

Salvado, Memorie storiche dell' Australia, part. della miss.
benedettina. Roma 1851.

Schomburgk, Reisen in Britisch-Guiana 1840-44. Leipzig 1848.

Sparmann, Reise nach d. Vorgebirge der guten Hoffn. 1772-76. Berlin
1784.

Stewart, Journal of a residence in the Sandwich isl. (1823-25). London
1828.

Taylor, The Ika a Maui or N. Zealand and its inhabitants. London 1855.

Thomson, The story of N. Zealand. London 1859.

Thunberg, Reisen in Afrika und Asien 1772-79 im Mag. d. Reis. 7. Bd.
Berlin 1792.

v. Tschudi, Reisen durch Sdamerika. Leipzig 1866.

Turnbull, Reise um die Welt 1800-1804, Magaz. v. Reisebeschr. Bd. 27.
Berlin 1806.

Turner, Nineteen years in Polynesia. London 1861.

Tyermann and Bennet, Journal of voy. in the S. Sea islands. London 1831.

Vankouver, Reisen nach d. nrdl. Theile der Sdsee (1790-95). Magaz. v.
Reisebeschr. Bd. 18. 19. Berlin 1799 f.

Virgin, Erdumsegelung der Fregatte Eugenie (1831-33), bers. v. Etzel.
Berlin 1856.

Waitz, Anthropologie der Naturvlker. Leipzig 1859 f. id. b, Die
Indianer Nordamerikas. Leipzig 1865.

Williams, a Narrat. of Missionary enterprises in the South Sea Islands.
London 1837.

Williams and Calvert, Fiji and the Fijians ed. by Rowe. Lond. 1858.

Wilson, Missionsreise ins sdl. stille Meer 1796-98, Magaz. von
Reisebeschr. Bd. 21. Berlin 1800.

Zeitschrift fr allgemeine Erdkunde, neue Folge.




Inhalt.


      Vorwort. Quellen
  1. Einleitung. Umfang des Aussterbens
  2. Empfnglichkeit der Naturvlker fr Miasmen. Krankheiten, welche
      spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvlker entstehen
  3. Direkt eingeschleppte Krankheiten
  4. Behandlung der Kranken bei den Naturvlkern
  5. Geringe Sorgfalt der Naturvlker fr ihr leibliches Wohl
  6. Charakter der Naturvlker
  7. Ausschweifungen der Naturvlker
  8. Unfruchtbarkeit. Knstlicher Abortus. Kindermord
  9. Krieg und Kannibalismus
 10. Menschenopfer
 11. Verfassung und Recht
 12. Natureinflsse
 13. Aeussere Einflsse der hheren Kultur auf die Naturvlker
 14. Psychische Einwirkungen der Kultur
 15. Schwierigkeit fr die Naturvlker, die moderne Kultur sich
      anzueignen
 16. Behandlung der Naturvlker durch die Weissen. Afrika. Amerika
 17. Fortsetzung. Der stille Ozean
 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Grnde fr das Aussterben
      der Naturvlker. Vergleichung dieser Grnde in Bezug auf ihr Gewicht
 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvlker in Bezug auf ihre
      Lebenskraft
 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvlker
 21. Die afrikanischen Neger
 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvlker von den Kultur
      behandelt sind
 23. Zukunft der Naturvlker; Mittel sie zu heben
 24. Werth der Naturvlker fr die Menschheit und ihre Entwickelung.
      Schluss




1. Einleitung. Umfang des Aussterbens.


Die Erscheinung, dass eine Reihe von Vlkern vor unseren Augen durch
langsameres oder rascheres Hinschwinden ihrem Untergang entgegengeht,
ist eine beraus wichtige. Dass sie fr die Geschichtsforschung grosse
Bedeutung hat, leuchtet ohne weiteres ein; dass sie fr die
Naturgeschichte des Menschen, die Anthropologie entscheidend ist,
ebenfalls. Und wenn es sich als wahr besttigt, dass, wie man behauptet
hat, diese Vlker aus einer Lebensunfhigkeit, welche ihrer Natur
anhaftet, dem Aufhren entgegengehen; so ist, da die nothwendige
Folgerung jener Behauptung dahin fhrt, dass man verschiedene Arten,
hhere und niedere im Geschlecht Mensch annimmt, die Beantwortung dieser
Frage auch fr die Philosophie massgebend. Praktisch hat man sie von
jeher in den Staaten betont, wo Weisse mit Farbigen zusammenleben; wie
man eben die Theorie der geringeren Lebensfhigkeit nicht weisser Raen
zuerst in diesen Staaten aufgestellt hat.

Und allerdings ist es auffallend, dass nur farbige Raen dies
Hinschwinden zeigen und am meisten es da zeigen, wo sie mit der weissen
in Berhrung gekommen sind; dass die Weissen, obwohl sie doch ihre
Heimat, das gewohnte Klima u.s.w. aufgegeben haben und in unmittelbarer
Berhrung mit denen leben, welche in ihrem Vaterlande, scheinbar unter
den alten Lebensbedingungen, verkommen, gnzlich davon verschont zu sein
scheinen.

Whrend wir nun dies Hinschwinden hauptschlich bei den kulturlosen
Raen, bei den Naturvlkern, d.h. bei den Vlkern finden, welche dem
Naturzustande des Menschengeschlechtes noch verhltnissmssig nahe
stehen (Waitz 1, 346), oder bei welchen, um mit Steinthal zu reden, noch
keine bedeutende Entwickelung der logischen Fhigkeiten stattgefunden
hat: so sehen wir es doch ebenfalls auch da, wo farbige Raen sich zur
Kultur und sogar zu einer gewissen Hhe der Kultur emporgeschwungen
haben, in Polynesien, in Mexiko, in Peru, und man hat daher geschlossen,
einmal dass diese Kultur doch nur Halbkultur und wenig bedeutend gewesen
sei, denn wre sie wahr und ganz gewesen, so wrde sie grssere Kraft
verliehen haben: oder aber, dass bestimmte Raen, auch wenn sie sich
wirklich ber das Niveau der gewhnlichen Wilden erhoben htten,
dennoch einem frhen Tode entgegengingen, weil sie nun eben von der
Natur zum Aussterben bestimmt seien, weil es ihnen eben, in Folge ihrer
Raeneigenthmlichkeit, an Lebensfhigkeit fehle, welche keine Kultur
ersetzen knne: vielmehr decke jede Art von Kultur diesen Mangel nur um
so mitleidsloser auf. Allerdings gibt es auch farbige Raen und
Naturvlker, bei welchen an ein Aussterben nicht zu denken ist; und
andererseits sind auch Theile von Kulturvlkern, indogermanische,
semitische Stmme verschwunden und ausgestorben. Allein bei letzteren
redet man nicht von einer geringeren Lebensfhigkeit, einmal wegen der
Verwandtschaft dieser Stmme mit den anerkannt lebensfhigsten Vlkern
der Welt; andererseits auch wegen der Art ihres Verschwindens. Denn der
Grund, warum sie aufgehrt haben zu existiren, liegt klar auf der Hand;
theils sind sie durch Krieg vernichtet, wie so viele Vlker, welche mit
dem alten Rom kmpften, theils sind sie mit anderen Kulturvlkern, die
sie rings umgaben, verschmolzen, wie die Gothen, die Vandalen, theils
trat beides zugleich ein: die hhere Kulturstufe, welche sie besiegte,
nahm die besiegten Reste in sich auf, wie die alten Preussen, die Wenden
und so viele slavische Vlkerschaften durch und in Deutschland, die
Iberer, die Kelten durch und in das rmische Wesen verschwanden. So war
auch zweifelsohne das Loos der Vlker, welche vor der Einwanderung der
Indogermanen Europa inne hatten. Anders aber ist das Hinschwinden der
Naturvlker: wo sie mit hherer Kultur zusammenkommen, auch da, wo diese
letztere sich friedlich gegen sie verhlt, sehen wir sie von Krankheiten
ergriffen werden, ihr physisches und psychisches Vermgen versiechen,
und ihre Zahl, oft ausserordentlich rasch, sich vermindern. Allerdings
sind auch einzelne Naturvlker aufgerieben oder doch stark vermindert
durch ganz usserliche und leicht begreifliche Grnde: so namentlich
viele malaiische Stmme, welche durch nachrckende verwandte Vlker ins
Gebirge zurckgedrngt und dabei gewiss ebenso so stark vermindert
worden sind, als durch ihr gleiches Schicksal die Basken in Europa,
whrend sie in ihren Bergen sich in ziemlich gleichbleibender Anzahl
halten; so die Bewohner der Warekauri-(Chatam-) Inseln bei Neu-Seeland,
die Moreore. welche 1832-35 noch 1500 etwa betrugen, durch die
Neu-Seelnder aber, die in jenen Jahren einen Zug nach den
Warekauriinseln unternahmen, fast ganz ausgerottet sind, so dass ihre
Zahl jetzt nur noch 200 betrgt: und auch diese nehmen, durch
Assimilation an die eingewanderten Maoris rasch ab (Travers bei Peterm.
1866, 62). Auch mssen wir hier die schwarze Urbevlkerung
Vorderindiens, die dekhanischen und Vindhyavlker erwhnen, weil auch
sie nach Lassen (ind. Alterthumskunde 1, 390) allmhlich abnehmen.
Frher waren sie weiter ausgebreitet und einzelne Reste von ihnen
scheinen sich (Lassen a.a.O. 387 ff.) in Himalaya, in Belutschistan,
Tbet und sonst erhalten zu haben. Sie wurden durch die nachrckenden
arischen Inder und gewiss nicht friedlich in die Gebirge zurckgedrngt
(Lassen 366), wo sie nun theils im barbarischen Zustande weiter lebten,
theils aber, und so namentlich die sdlicheren Dekhanvlker, in die
indische Kultur bergingen (Lassen 364. 371). Ein hnliches Schicksal
hatten verschiedene amerikanische Stmme, die von anderen mchtigeren
Indianervlkern theils aufgerieben, theils sich einverleibt wurden; auch
wird von einzelnen Hottentottenvlkern eine hnliche Vermischung mit
Kafferstmmen erwhnt (Waitz 2, 318).

Doch scheinen auch manche Vlker vermindert oder gar verschwunden, ohne
es in Wirklichkeit zu sein. Ein solcher Schein ist hervorgerufen, wie
Waitz 1, 159-160 zeigt, theils durch Umnderung von Namen, wo man nun
flschlich annahm, weil der Name nicht mehr existire, so sei auch das
Volk erloschen, oder durch Irrthmer der Reisenden, indem sie manche
Namen zu weit ausdehnen, andere aber auf vlligem Missverstndniss
beruhen, oder durch falsche Schtzung der Volkszahl, wie man sie oft
sehr bertrieben, namentlich bei lteren Reisenden, z.B. fr Polynesien
bei Cook, findet u. dergl.

Ehe wir nun aber die Grnde fr jenes weniger leicht zu erklrende
Hinschwinden der Naturvlker aufsuchen, mssen wir den Umfang desselben
betrachten, wobei wir ausser Europa alle Welttheile zu bercksichtigen
haben.

In Asien sterben aus oder sind schon ausgestorben die Kamtschadalen und
so rasch ging ihre Verminderung vor sich, das Langsdorff (1803-4,
Krusensterns Begleiter) Ortschaften, welche die Cooksche Expedition und
La Perouse noch wohl bevlkert sahen, vllig menschenleer fand. Wenn La
Perouse 1787 auf der Halbinsel im ganzen noch 4000 Bewohner fand
(2,166), so sind die russischen Einwanderer in dieser Zahl, bei der
trotzdem auf mehrere Quadratmeilen kaum ein Mensch kommt, schon
einbegriffen. Denn Cooks Reisebegleiter (1780) fanden, nach den
Mittheilungen eines dort ansssigen Offiziers in Kamtschatka nur noch
3000 Einwohner, wobei die Kurilen schon mitgerechnet sind; sie erzhlen
selbst, wie sich die Eingeborenen immer mehr mit den einwandernden
Russen verbinden und ihre Zahl dadurch immer mehr abnimmt (Cook 3. R. 4,
175). La Perouses Reisegefhrte Lessep (41) behauptet, dass nur noch ein
Viertel der eigentlichen Kamtschadalen brig sei; und er war noch nicht
ein volles Jahrhundert nach der ersten Unternehmung der Russen (1696)
gegen Kamtschatka dort. Dasselbe Schicksal haben ausser den Jakuten und
Jukagiren in Sibirien Waitz, (1, 164) auch die Aleuten auf den
Fuchsinseln und die ihnen verwandten Stmme auf den nchsten Ksten von
Amerika, die wir hier gleich erwhnen, weil auch sie wie die
Kamtschadalen unter demselben Drucke Russlands stehen. Langsdorff fand
auf den Fuchsinseln nur gegen 300 Mnner, whrend er fr 1796 1300 und
fr 1783-87 gar 3000 und mehr angibt. Das Steigen der Zahlen, welches
wir im Anfang dieses Jahrhunderts finden, ist keineswegs trstlich. Denn
wenn Chamisso (177, zweite Note) nach aktenmssigen Mittheilungen fr
1806 die Aleuten der Fuchsinseln auf 1334 Mnner und 570 Frauen, 1817
dagegen auf 462 Mnner und 584 Frauen angibt, so versieht er erstlich
diese allerdings auffallenden Zahlen selbst mit einem Fragezeichen; und
zweitens, wenn sie auch richtig sind, Langsdorff sich geirrt und die
Volkszahl sich nicht durch russische Einwanderer vermehrt hat: das
Sinken der Bevlkerung von 1806-1817 ist gewiss eben so arg als wie wir
es bei Langsdorff geschildert finden. Der offizielle Bericht von 1860
bei Peterm. 1863, 70 gibt 4645 Bewohner der Fuchsinseln an: allein hier
sind jedenfalls die Russen, welche jetzt auf den Inseln ansssig sind,
mitgezhlt, obwohl die Mischlinge, 1896 Seelen, noch besonders angegeben
werden und diese Vermehrung, welche sich auf Kamtschatka gleichmssig
findet, ist nur eine scheinbare.

Bekannt ist das Aussterben der Ureinwohner Amerikas, deren Zahl man in
Nordamerika fr die Zeit der Entdeckung etwa auf 16 Millionen, jetzt
kaum noch 2 Millionen schtzt (Waitz b, 16). 1864 betrug die Zahl der
Indianer in den Vereinigten Staaten etwa 275,000; 1860 zhlte man noch
294,431; 1841 aber, auf kleinerem Gebiete 342,058 Seelen, so dass sich
also hier in 23 Jahren ein Verlust von nahezu 70,000 Menschen
herausstellt (eb. 18). Noch geringere Zahlen gibt Behm (105 ff.) an,
nmlich 268,000 unabhngige Indianer fr die Vereinigten Staaten,
155,000 fr britisch Nordamerika. Und whrend d'Orbigny (1838) fr den
von ihm bereisten grsseren Theil von Sdamerika 1,685,127 Indianer
zhlte (Waitz b, 16). so stellt Behm auch hier geringere Zahlen auf:
Brasilien hat nach ihm (a.a.O.) 500,000 unabhngige Indianer, die drei
Guyanas 9770, Venezuela 52,400, Neu-Granada 126,000, Ekuador 200,000,
Peru 400,000, Bolivia 245,000, Chile 10,000, die Staaten der
argentinischen Republik 40,000, Patagonien und Feuerland 30,000, also
zusammen 1,613,170 und zwar fr ganz Sdamerika. So viel aber betrug
allein die Bevlkerung von Chile zur Zeit der Entdeckung (Pppig 385
Anmerkung) nach einer der kleinsten Annahmen. Mittelamerika hatte um
1800 zwei und eine halbe Million unvermischter Ureinwohner und diese
Zahl war im Wachsen (Humboldt a 1, 107); aber zur Zeit der Entdeckung
betrug die Volkszahl in Tenuchtitlan, der alten Hauptstadt von Mexiko
und dem ihm nahe gelegenen Tezkuko allein nach mittleren Angaben fast
eine Million und das Land war dicht bedeckt mit grossen und volkreichen
Stdten. Behm nimmt als jetzige unabhngige Urbevlkerung nur 6000 an
(a.a.O.), eine Zahl, welche gegen Humboldts Angaben ausserordentlich
gering ist: allein Behm schtzt hier nur die Indianer ab, welche sich
den Behrden vollstndig entziehen, whrend Humboldt auch die
Eingeborenen mitbegreift, welche sich am europischen Leben so gut wie
die spanischen Mexikaner betheiligen. Behm (114) schtzt diese auf
4,800,000. Natrlich geht dies Aussterben auch jetzt noch weiter, wofr
v. Tschudi 2, 216 ein Beispiel gibt: die Malalies, ein araukanischer
Stamm, 1787 noch ber 500 Individuen stark, schmolzen in jener Zeit
durch Kriege auf 26 Seelen zusammen. Obwohl sie nun 70 Jahre lang
ansssig sind und ungefhrdet gelebt haben, ist ihre Zahl doch nicht
hher als auf einige ber dreissig gestiegen.

In Afrika sind es die Hottentotten zunchst, welche in den Kreis unserer
Betrachtung hineingehren. Whrend sie frher sich weit hin in das
Innere von Sdafrika ausdehnten und in eine zahlreiche Menge von
einzelnen Stmmen zerfielen, finden wir sie jetzt auf sehr viel
kleinerem Gebiete und aufgerieben bis auf 3 Stmme, die Korana, Namaqua
und Griqua (Waitz 2, 317 ff.), deren Zahl fortwhrend im Fallen ist.
Auch die Kaffern mssen hier erwhnt werden, denn im brittisch Kafraria
hat sich 1857 die Bevlkerung um mehr als die Hlfte vermindert: sie
betrug am Anfang des Jahres 104,721 Seelen und am Ende desselben nur
noch 52,186 (Peterm. 1859 S. 79 nach dem Population Return v. John
Maclean Chief Commissioner): nach Behm jedoch (100) 1861 74,648
Eingeborene.

Es bleibt uns nun noch Australien und Ozeanien zu betrachten brig, wo
an vielen Orten die Bevlkerung rasch hinschwindet, so namentlich in
Neuholland. Doch ist es gerade fr dies Land schwer, ja ganz unmglich,
Zahlen aufzustellen, weil die Stmme fortwhrend hin- und herziehen und
daher alle Zahlangaben sehr wenig zuverlssig sind (Grey 2, 246). Die,
welche Meinicke a 177 aufstellt, beweisen dies zur Genge, und selbst
die bei Behm (72) sind nicht sicherer. Nur von Sdaustralien, Queensland
und Viktoria hat er bestimmte Zhlungsergebnisse und so ist seine
Gesammtziffer 55.000 nur eine sehr ungefhre. Alle Quellen aber
berichten einstimmig, dass die Bevlkerung wenigstens der Ksten
reissend abnimmt; dass Stmme, welche frher nach Hunderten zhlten,
jetzt vielfach bis auf ebenso viel Zehner zusammengeschmolzen sind. Die
Bevlkerung Tasmaniens betrug 1843 noch 54 Individuen, 1854 noch 16
(Nixon 18) und ist jetzt wohl ganz ausgestorben.

Wenn auch nicht so reissend, so vermindern sich doch auch die Melanesier
an verschiedenen Gegenden ihres Gebietes: so nach Reina (Zeitschr. 4.,
360), die Vlker der kleinen Inseln in der Nhe von Neuguinea: so nach
D'Urville 5, 213 die Bewohner von Vanikoro, nach Turner 494 die
Eingeborenen der neuen Hebriden, wie z.B. die Bevlkerung von Anneitum
1860, welche Turner auf 3513 Seelen schtzt, 1100 Menschen durch eine
Masernepidemie verlor (Muray bei Behm 77) und die von Erromango 1842
durch eine gefhrliche Dysenterie um ein Drittel vermindert wurde
(Turner a.a.O.); und so finden sich noch verschiedene Angaben zerstreut.

In Mikronesien ist die Bevlkerung der Marianen, welche bei Ankunft der
Spanier 1668 mindestens 78,000 Einwohner gehabt haben, fr die aber auch
100,000 durchaus nicht zu hoch gegriffen ist (Gulick 170) gnzlich
ausgestorben. Schon um 1720 hatten die Inseln (und zwar nur noch die
beiden sdlichsten) nicht mehr als etwa 2000 Einwohner, und von diesen
waren sehr viele von den Philippinen her verpflanzte Tagalen. Ponapi
(Puynipet, Ostende der Karolinen) hatte nach Hale (82) 15.000 Bewohner,
welche Annahme vielleicht etwas, aber nicht viel zu hoch ist[A]; jetzt
hat sie (Gulick 358) noch 5000, Kusaie (Ualan) hatte 1852 12-1300, 1862
nur noch 700 Menschen (Gulick 245).

In Polynesien betrug auf Tahiti die Bevlkerung zu Cooks Zeiten (1770)
etwa 15-16,000 Seelen (G. Forster nach einer spanischen Beschreibung von
Tahiti a.d. Jahre 1778 ges. Werke 4,211, Bratring 104, welcher derselben
Quelle folgt oder wenigstens einer nahe verwandten). Dieselbe Zahl fand
Wilson noch im Jahre 1797; Turnbull (259) gibt nur 5000 an im Jahre
1803, Waldegrave bei Meinicke b, 113 6000 fr 1830 und Ellis 1, 102 fr
1820 etwa 10,000, welche Zahl Virgin auch fr 1852 angibt (2, 41). Mgen
auch diese Zahlen unbestimmt und schwankend und Turnbulls Angaben
negativ bertrieben sein: so viel ist sehr klar, dass seit der
Entdeckung durch die Europer die Entvlkerung dieser Insel, welche
indess nach den Aussagen der Eingebornen (Virgin 2, 41) schon frher
begonnen hatte, rasch fortgeschritten ist; bis unter die Hlfte der
frheren Kopfzahl sinken die Angaben. Auf den brigen Societtsinseln
war das Verhltniss (Meinicke a. a. O.) ein hnliches. Auch jetzt
scheint das Aussterben, obwohl langsamer, fortzugehen: der offizielle
franzsische Bericht fr 1862 gibt fr Tahiti 9086 Bewohner an (Behm
81).

Auf Laivavai, einer der Australinseln, betrug die Bevlkerung 1822
mindestens 1200, 1830 nur noch etwa 120 und 1834 kaum noch 100 Seelen
(Mrenhout 1, 143). Gnstiger ist Meinickes Schtzung, welcher auf der
ganzen Gruppe Ende 1830 etwa 5000 Seelen, fr 1840 nur noch 2000 annimmt
(a.a.O. 114). Rapa schtzte Vankouver 1795 auf 1500 Einwohner, Mrenhout
(1, 139) 1834 nur noch auf 300 und diese waren in stetem Abnehmen. Auch
die Herveygruppe, welcher Ellis 1, 102 10-11,000 Bewohner gibt, ist
jetzt viel minder zahlreich bewohnt, namentlich Rarotonga, welches durch
eine furchtbare Seuche im hchsten Grade gelitten hat (Williams 281).

Ganz ebenso schlimm ist es in Hawaii, wo nach Ohmstedt 262, die
Bevlkerung in den Jahren 1832-36 von 130,000 auf 102,000 Seelen, also
in 4 Jahren um 28,000 Seelen gesunken ist! Mag Ohmstedt nun auch Recht
haben, dass die Bevlkerungsziffer fr 1836 zu gering ist, weil eine
Menge Geburten nicht angezeigt worden sind: so ist das Hinschwinden
trotzdem ganz ausserordentlich, zumal die Insel zu Cooks Zeiten, der
400,000 Einwohner angibt, wohl an 300,000 nach Jarves Berechnung (373)
hatte. Die Zahlen bei Meinicke (b, 115-16 nach der Sandwich Isl.
gazette) sind zwar nicht genau dieselben, das Verhltniss der Abnahme
aber bleibt, auch wenn wir ihnen folgen, unverndert. Nach Virgin 1, 267
hatte die Hawaiigruppe 1823 etwa 142,000 Seelen, 1832 noch 130,313, 1836
108,579 und 1850 betrug die Zahl nur noch 84,165! also in 78 Jahren hat
sich die Bevlkerung um ein Drittel gemindert und die Zahl der Geburten
verhielt sich zu den Todesfllen wie 1:3! Auch jetzt noch schreitet die
Verminderung fort: die Zahl der Eingeborenen betrug nach dem Census von
1860 nur 67,084 Seelen (Behm 85).

Auch auf dem Markesasarchipel, dessen Bevlkerung nach Meinicke (b, 115)
22,000 Menschen betrgt, ist ein Hinschwinden bemerkt: so verlor
Nukuhiva (Rodriguet in Revue de 2 mondes 1859 2, 638) von 1806-12 zwei
Drittel seiner Bevlkerung durch Hungersnoth. Auf Neu-Seeland betrgt
die Abnahme der Bevlkerung in den letzten 14 Jahren etwa 19-20 Percent;
1770 betrug sie etwa 100,000 und 1859 noch 56,000 (Hochstetter 474, nach
Fenton). Nach offiziellen Berichten im Athenum (Zeitschr. 9, 325),
welche zu Hochstetters Angaben nicht ganz stimmen, war die Zahl der
Eingebornen 1858 87,766, und zwar, auffallend genug, 31,667 Mnner und
56,099 Frauen. Dagegen treffen die offiziellen Berichte von 1861
(Meinicke c 557) mit Hochstetter berein: denn sie geben 55,336
Eingeborene an. Letzteres ist wohl das richtigere. Nach Fenton (Reise
der Novara 3, 178) verhielten sich bis gegen 1830 die Sterbeflle und
Geburten zur Gesammtbevlkerung wie 1: 33,04 und 1: 67,12.

Auf Samoa nimmt nach Erskine 104 die Bevlkerung, 37,000 Seelen,
gleichfalls ab, und zwar soll die Abnahme nach den Berichten der
Missionre in 10 Jahren auf einer Insel von 4000 bis zu 3700 oder 3600
vorgeschritten sein (eb. 60).

Auch die Pageh auf Engano, ein den Polynesiern hnlicher malaiischer
Stamm auf einer kleinen Insel sdlich von Sumatra sterben aus nach
Wallands Urtheil, der auf der Insel eine usserst geringe Kinderzahl
vorfand--nur fnf im Ganzen (Zeitschr. 16, 420).




 2. Empfnglichkeit der Naturvlker fr Miasmen. Krankheiten, welche
spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvlker entstehen.


Indem wir uns nun anschicken, die Grnde fr dies Hinschwinden
aufzusuchen, wollen wir zuerst vernehmen, wie man sich ber die
Lebensunfhigkeit dieser Stmme geussert hat. Pppig (386) sagt von
Amerika: Es ist eine unbezweifelte Thatsache, dass der kupferfarbene
Mensch die Verbreitung europischer Civilisation nicht in seiner Nhe
vertrgt, sondern in ihrer Atmosphre ohne durch Trunk, epidemische
Krankheiten oder Kriege ergriffen zu werden, dennoch wie von einem
giftigen Hauche berhrt ausstirbt. Die zahlreichen Versuche der
Regierungen haben Sitte und Brgerthum unter jener Rae nie einheimisch
machen knnen, denn ihr fehlt die nthige Perfektibilitt. Dieser Mangel
macht die durchdachten und menschenfreundlichen Plne der Erziehung zu
nichte und rechtfertigt den Vergleich jener Menschheit mit jener eine
eigenthmliche Physiognomie tragenden, aber niederen Vegetation, die das
dem Meere entstiegene Land zuerst in Besitz nimmt, aber in dem Masse wie
hher ausgebildete und krftigere Pflanzen sich entwickeln, sich
vermindert und zuletzt auf immer verschwindet. Wie sehr das menschliche
Gefhl sich gegen eine solche Annahme strubt, so glauben wir doch in
den Amerikanern _einen von der Natur selbst dem Untergang geweihten_
Zweig unseres Geschlechtes zu sehen. In den leer gewordenen Raum tritt
eine _geistig vorzglichere_, beweglichere, aus dem Osten stammende
grosse Familie. Wie diese ihrer Bestimmung zur allgemeinsten Verbreitung
gehorsam sich ausdehnt und die entlegensten Wildnisse sich unterwirft,
so legt die Urbevlkerung sich zum Todesschlafe nieder und verschwindet
selbst aus dem Gedchtnisse des neuen Volkes. In weniger als einem
Jahrhundert wird vielleicht die Forschung ber die ersten Bewohner eines
ganzen Welttheils dem Gebiete der Archologie berwiesen werden mssen,
und dann erst wird das Tragische und Rthselhafte ihres Schicksals
begriffen (?) und tief empfunden werden.

So schrieb 1840 ein deutscher Gelehrter, der lange Reisen in Amerika
gemacht hatte. Auch Carus Phantastereien von Tag-, Nacht- und
Dmmerungsvlkern (17 ff.) gehren hierher; seine westlichen
Dmmerungsvlker, sie, die wirklich dem Untergange zugewendet sind und
ihrem Verlschen mehr und mehr entgegengehen, sind die Amerikaner;
seine Nachtvlker, welche sich ber Afrika ausdehnen und hinab gegen
Sden ber Australien (!), Van Diemensland und einen Theil von
Neuseeland (als Papus!!) erstrecken, stehen noch tiefer in ihrer
geistigen Entwickelung und Fhigkeit. Ganz hnlicher Ansicht ber die
Neuhollnder, wie Pppig ber die Amerikaner, scheint Meinicke zu sein,
nur dass er sich verhllter ausdrckt; doch nennt er sie einen dem
Untergang _geweihten_ Volksstamm (c 522) und spricht hier n. a 2, 215
von ihrer gnzlichen Unbildsamkeit. Viel direkter hat man von der
Unbildsamkeit, von dem nothwendigen Untergang, von der geringen
Lebensfhigkeit der tieferstehenden und mangelhaft organisirten Raen in
Amerika (Waitz 3, 45) und den Kolonieen in Afrika, Neuholland und
Polynesien gesprochen; da man denn sich auch weiter kein Gewissen
machte, den Untergang, welchem diese Raen nun doch einmal geweiht
seien, damit auf ihren Trmmern sich das bessere Leben hherstehender
Raen entwickeln knne, mit allen Mitteln beschleunigen zu helfen.

Aber auch vorurtheilsfreie Forscher sehen in diesem Hinschwinden etwas
Rthselhaftes, so Waitz 1, 173, wenigstens in Beziehung auf Australien
und Polynesien, da hier eine Hauptursache der Entvlkerung, welche in
Amerika so wirksam war, der Druck durch die Weissen, in Polynesien ganz
wegfalle, in Australien wenigstens nicht weitgreifend gewirkt habe.
Begreiflicher Weise, fhrt er jedoch fort, ist das Aussterben eines
Volkes, das frher krftig und gesund gewesen ist, nicht damit erklrt,
dass man ihm die Lebenskraft abspricht oder einen ursprnglichen Mangel
der Organisation zuschreibt, und es hat an sich schon etwas sehr
Unbefriedigendes fr eine so seltene und abnorme Erscheinung einen
geheimnissvollen Zusammenhang anzunehmen, dem sie ihre Entstehung
verdanke; man wird vielmehr hier wie berall nach dem natrlichen
Zusammenhange der Sache zu suchen haben, wenn man sich auch schliesslich
zu dem Gestndnisse genthigt finden sollte, dass es bis jetzt nicht
gelingen will, denselben vollstndig aufzuklren.

Wir wollen sehen, ob wir zu diesem Gestndniss genthigt werden.

Auch Darwin (2, 213) sieht bei diesem Aussterben, fr welches er viele
natrliche Grnde anfhrt, auch noch irgend eine mehr rthselhafte
Wirksamkeit thtig. Die Menschenraen, sagt er, scheinen auf dieselbe
Art aufeinander zu wirken, wie verschiedene Thierarten, von denen die
strkere die schwchere vertilgt. Er macht darauf aufmerksam, dass fast
bei jeder Berhrung der Naturvlker und der Weissen, oft auch von
Stmmen ein- und desselben Volkes, welche in verschiedener Gegend
wohnen, seuchenartige Krankheiten entstehen, oft bei vlliger Gesundheit
der Schiffsmannschaft und der von ihr besuchten Vlkerschaft, von denen
alsdann vorzugsweise die niedere von beiden Raen oder die der
Eingeborenen, welche in ihrem Lande von Fremden aufgesucht werden, zu
leiden hat (Waitz 1, 162). Und hierzu lassen sich die Beispiele
allerdings hufen. So sagt Humboldt (a 4, 392), dass in Panama und Calao
der Anfang grosser Epidemien des gelben Fiebers am hufigsten durch
die Ankunft einiger Schiffe aus Chile bezeichnet werde, obwohl doch
Chile selbst eines der gesndesten Lnder der Welt sei und das gelbe
Fieber gar nicht kenne; aber die schdlichen Folgen der ausserordentlich
erhitzten und durch ein Gemisch von faulen Dnsten verdorbenen Luft, an
welche die Organe der Eingeborenen gewhnt seien, wirkten mchtig auf
Individuen aus einer klteren Region. Aehnlich verhlt es sich mit dem
Ausbrechen des gelben Fiebers in Mittel- und Nordamerika, das
eingeschleppt zu haben so hufig die eine der genannten Gegenden
Besuchern aus der anderen vorwirft (Humboldt a.a.O. 384). Die grausame
Epidemie von 1794, wo Verakruz ungewhnlich heftig vom gelben Fieber
heimgesucht war, fing an mit der Ankunft dreier Kriegsschiffe (eb. 423).
Ebenso schreiben die Einwohner Egyptens das Ausbrechen der Pest der
Ankunft griechischer Schiffe zu und umgekehrt die Bewohner Griechenlands
und Konstantinopels egyptischen (eb. 384), wobei keineswegs immer an
eine Einschleppung zu denken ist. Auf Rapa (Australinseln) traten
tdtliche Krankheiten nach dem Besuch von englischen Schiffen auf,
welche die Hlfte der Eingeborenen dahinrafften (Mrenh. 1, 139); auf
Tubuai (Australinseln) ward die Bevlkerung durch Krankheiten, welche
mit der Mission 1822 auftraten, auf die Zahl von 150 heruntergebracht
(eb. 2, 343). Raivavai, welches 1822 noch 1200 Einwohner hatte, besass
1830 etwa noch 120 durch gleiches Schicksal (eb. 1, 143). Williams
(283-84) spricht es als seine eigene Erfahrung aus, dass die meisten der
Seuchen, die er in der Sdsee erlebte, durch Schiffe, deren Mannschaft
ganz gesund sei und nur auf ganz erlaubtem, gewhnlichem Wege mit den
Eingeborenen verkehrte, veranlasst wurden. Das erste Zusammentreffen
zwischen Europern und Eingeborenen, sagt er, ist fast immer mit dem
Fieber, mit Dysenterie u. dergl. bezeichnet; so starb auf Rapa die
Hlfte der Eingeborenen aus; so entstand die furchtbare Seuche auf
Rarotonga (Herveyinseln), die er 282 schildert. Ganz dasselbe sagt
Virgin 1, 268; Auch nur kurze Besuche von Fahrzeugen haben auf den
Inselgruppen der Sdsee Krankheiten von mehr oder minder verderblicher
Natur verursacht, die sich sogar erst lngere Zeit nachher gezeigt
haben. Es hat sich dies auch sogar zugetragen, ungeachtet die Besatzung
der Schiffe vollkommen gesund war und die Krankheiten sind nicht stets
solche gewesen, welche mglicherweise durch eigentliche Ansteckung
mitgetheilt werden konnten oder welche in Europa zu denen gehren, deren
Beschaffenheit in der Regel mehr oder weniger tdtlich ist. Von Tahiti
erzhlt Bratring 145, dass 1775 bei der Anwesenheit der Spanier unter
Boenechea ein ansteckendes Katarrhalfieber ausbrach. Nach Cooks Besuch
litt die Insel unter Dysenterie (Mrenh. 2, 425) und die Tahitier selbst
schrieben schon um 1800 alle Krankheiten den Berhrungen mit fremden
Schiffen zu (Turnbull 266). Beechey 1, 94-95 berichtet Aehnliches von
den Inseln Pitkairn. Bei regnichtem Wetter und bei gelegentlichen
Besuchen von Schiffen, sagt er, leiden die Eingeborenen (eine
Mischbevlkerung von Tahitiern und Englndern) strker an Blutandrang
(plethora) und Schwren als sonst; sie glauben ganz fest, dass diese
Krankheiten durch den Verkehr mit ihren Gsten, mgen diese selbst auch
ganz gesund sein, herrhren. Das eine Schiff sollte ihnen Kopfschmerzen,
ein anderes Scharbock, das dritte Geschwre u.s.w. gebracht haben, wie
sie denn auch von Beecheys Schiff, dessen Mannschaft ganz gesund war,
hnliches erwarteten: ja sie fhlten schon Kopfweh und Schwindel.
Beechey erklrt diese Zuflle durch die Vernderung ihrer Lebensweise
whrend solcher Besuche, da sie gegen ihre sonstige Gewohnheit dann viel
Fleisch essen und reichlichere Kleidung tragen. Von Melanesien (Tanna)
erzhlt Turner 91 nach den Aussagen der Eingeborenen, welche alle
Krankheiten, wie Fieber, Dysenterie, Husten u. dergl. fremde Dinge
nennen, ganz Gleiches. Auch in Celebes (Waitz 1, 163) herrschte diese
Meinung und ebenso auch bei den alten Marianern, welche nach jedem
fremden (europischen) Schiff von einer Seuche heimgesucht zu werden
behaupteten; so brachte 1688 ein Schiff von Mexiko, welches mit
Verbrechern beladen an der Insel scheiterte, Rheuma, Fieber, Blutungen
(le Gobien 376), und die Eingeborenen sahen alle Krankheiten als durch
die Spanier eingeschleppt an (ebd. 140). Die Einwohner von St. Kilda
(westl. v. d. Hebriden bei Schottl.) sind der festen Ansicht, fr die
sie eine lange Erfahrung haben, dass der Besuch eines Fremden ihnen
Schnupfen bringe (Macculloch bei Darwin 2, 214).

Nach dem medizinischen Theil der Novara Reise (1, 225) glauben die
Eingeborenen der Nikobaren, dass die Kokosnsse von den Bumen fielen,
sobald ein Missionr die Insel betrte. So mag denn auch diese
weitverbreitete Ansicht der Grund sein, weshalb in Ponapi, sobald ein
Schiff in Sicht kommt, das Volk flieht und der Priester aufs
Feierlichste die Gtter um Hlfe anruft (Gulick 175), wenn wir es hier
nicht mit etwas Religisem zu thun haben. Jedenfalls ist wohl zu
beachten, dass die Naturvlker vor der Bekanntschaft mit den Europern
fast nichts von Krankheit wussten; weder die Marianer (le Gobien 140)
noch die brigen Mikronesier (Chamisso) noch die Polynesier, von denen
freilich die Neu-Seelnder, obwohl der Gesundheitszustand auch ihrer
Insel im Allgemeinen trefflich war, von schweren Seuchen, die sie schon
vor Cook heimgesucht htten, erzhlten (Dieffenbach 2, 12-14), noch die
Neu-Hollnder, Hottentotten und Amerikaner (Waitz 1, 140-41).

Fr die Indianerstmme steigert sich die Wirkung solcher Epidemien noch
durch Folgendes, was v. Tschudi, einer der ausgezeichnetsten Kenner der
amerikanischen Vlker, 2, 216 sagt: Es ist eine hchst eigenthmliche
Erscheinung, dass Indianerstmme, die durch Krieg oder Epidemien
pltzlich sehr stark reducirt wurden, sich in der Regel nie wieder
erholen und nur noch als wenig zahlreiche Familien gewhnlich Jahrzehnte
lang hinsiechen, bis sie endlich ganz aussterben. Bei ihnen tritt nicht
mehr die Vermehrungsprogression ein, wie sie vor dem vernichtenden
Schlage stattgefunden hatte, und bei anderen unter den nmlichen
physischen Bedingungen lebenden Vlkern beobachtet wird. Meines Wissens
ist dieses Verhltniss noch nirgends errtert worden. Ich habe es bei
einem genauen Studium der Geschichte der nord- und sdamerikanischen
Indianer als Regel gefunden. Sehr verminderte Fruchtbarkeit des Weibes
ist die Hauptursache: auf welchen physiologischen Einwirkungen sie aber
beruht, ist wohl schwer zu ermitteln. Waitz freilich (1, 163) bringt
Beispiele vom Gegentheil: die Creeks (nach Simpson), die Winibegs (nach
Schoolcraft), die Apachen (Kendall) u.s.w. haben sich nach schweren
Epidemien wieder erholt. Wir kommen hierauf zurck.

Man hat nun diese auffallende Erscheinung, dass Krankheiten durch
Berhrung gesunder, aber aus verschiedener Gegend oder Rae stammender
Menschen entstehen, zu erklren versucht. Darwin, der in Shropshire
gehrt, dass gesunde Schafe, die aber auf Schiffen eingefhrt wurden, in
einem Pferch zu anderen gebracht, diese krank machen, Darwin meint, dass
das Effluvium von Menschen--und wohl auch, nach dem letzten Beispiel,
von Thieren--die lange Zeit eingeschlossen gewesen seien, giftig auf
andere wirke, namentlich dann, wenn sie von verschiedenen Raen wren
(2, 214); eine Ansicht, welche indess weder von medizinischer Seite noch
durch die Erfahrung besttigt wird.

Will man sich aber mit Waitz dabei begngen zu sagen, dass beim
Zusammentreffen verschiedener Raen, selbst bei vlliger Gesundheit
beider, sich bisweilen Krankheiten erzeugen, welche dann meist die
niedere Rae ergreifen, so kommt einmal durch das Wort niedere Rae
leicht etwas Missverstndliches in den Ausdruck, und andererseits wird
nichts durch dies blosse Zusammenfassen der Erscheinung erklrt. Dazu
kommt, dass z.B. der Bericht Humboldts ber das gelbe Fieber in Panama
und Callao sich ja auf gleiche Raen bezieht und eben so doch auch die
Angabe Darwins von den Schafen. Und wenn man ferner die Geschichte der
kultivirten Vlker betrachtet, so findet man eine hnliche Erscheinung:
eine neu auftretende Krankheitsform wthet viel allgemeiner und
verheerender, als eine fortwhrend herrschende; so die Pest, der
schwarze Tod, die Pocken, die Cholera u.s.w., die dann oft nach und nach
verlschen. Die Pocken aber hat man dadurch unschdlich gemacht, dass
man eine verwandte, aber unschdlichere Krankheitsform einimpft. Es
scheint also, als ob der menschliche Krper um so empfnglicher fr ein
Miasma oder einen Krankheitsstoff ist, je ferner und freier von
demselben er frher war. Ist er aber, wie bei der Pockenimpfung
geschieht, durch ein Minimum des Giftes affizirt und dadurch anders
disponirt worden, so dass er sich nun allmhlich an jenen feindlichen
Stoff gewhnt, ihn der eignen Natur und die eigene Natur ihm
einigermassen assimilirt hat: so hat er dadurch Fhigkeit zum Widerstand
gegen die Krankheit gewonnen, da sie ja nun seiner Natur nicht mehr
absolut feindlich ist; daher denn solche Seuchen nach und nach
erlschen, denn die Ueberlebenden werden nach und nach durch das
Einathmen der miasmatischen Luft krperlich selbst immer fester.
Keineswegs hilft aber eine solche Gewhnung fr alle Zeit, wie ja auch
die Pocken nach bestimmten Zeitrumen von neuem eingeimpft werden
mssen. Merkwrdig, aber fr uns wichtig genug ist, was Humboldt a 1, 92
ber diese Krankheit in Mexiko sagt: die Pocken scheinen
ihre Verwstungen nur alle 17 Jahre anzurichten. In den
Aequinoktial-Gegenden--ob das aber nicht in allen Gegenden oder
wenigstens bei allen menschlichen Individuen auf gleiche Weise
gilt?--haben sie, wie das schwarze Erbrechen und mehrere andere
Krankheiten, ihre festen Perioden, an denen sie sich regelmssig wieder
einfinden: und man mchte glauben, dass sich in diesen Lndern die
Anlage der Eingeborenen fr gewisse Miasmen nur in sehr weit von
einander entfernten Perioden erneuert; indem die Pocken, deren Samen
sehr oft von europischen Schiffen gebracht wird, nur in sehr
ansehnlichen Zwischenrumen epidemisch, aber auch dem Erwachsenen nur
desto gefhrlicher werden. Alles dies scheint sehr fr unsere obige
Annahme zu sprechen. Der Europer, der Civilisirte kommt nun fortwhrend
mit unendlich mehr Krankheitsstoffen und Miasmen, in den meisten Fllen
ohne es selbst zu merken, in Berhrung, als der im Naturzustande und der
freien Natur lebende Mensch. Und nicht nur durch eigene Gewhnung von
Kindheit an, sondern auch durch Vererbung der Accommodation von Eltern
und Grosseltern her hat er eine viel grssere Widerstandsfhigkeit gegen
solche schdliche Einflsse, als sie jemals frher Isolirte und
namentlich, wenn sie vielleicht schon erwachsen zuerst mit diesen
Einflssen in Berhrung kommen, sich erwerben knnen. Hiergegen spricht
nicht, wenn einzelne Individuen der Naturvlker gesund etwa in Europa
lngere Zeit gelebt haben. Denn in den meisten Fllen ist da eine
Gewhnung von Jugend auf eingetreten und jedenfalls sind alle solche
Flle wissenschaftlich nur dann zu verwerthen, wenn man die Geschichte
des Besuchers, seine Natur, die Natur seines Volkes u.s.w. bis ins
Einzelne verfolgen kann. Uebrigens gibt es auch Beispiele genug, dass
solche Besuche unglcklich abliefen: Liholiho, der Sohn Tamehameha I.
und seine Gemahlin starben bei ihrem Aufenthalt in England, wo alle
Sorgfalt ihnen zu Theil wurde, an den Masern bei raschem Verlauf der
Krankheit; und der Prinz Libu, welchen Wilson gegen Ende des vorigen
Jahrhunderts von den Palau-Inseln mit nach England genommen hatte und
dort sehr sorgfltig pflegte, an einer hnlichen Krankheit, kurz nach
seiner Ankunft (Keate die Pelewinseln, Schluss). Jetzt beweisen solche
Besuche um so weniger, als jetzt die meisten Vlker Bekanntschaft mit
der weissen Rae haben.

Nach alledem wrde es kein Wunder, nichts Rtselhaftes sein, wenn die
Naturvlker gegen solche Miasmen, die auch von ganz Gesunden ganz
unbemerkt eingeschleppt werden knnen, um so empfnglicher und
empfindlicher sind, je weniger sie Schutz durch irgend welche Gewhnung
haben; daher denn solche Krankheiten, welche scheinbar unerklrlich
entstehen, mit einer Heftigkeit wthen, wie, vor Zeiten die Pest. So
erzhlt Williams (280 ff.), dass bei jener Seuche auf Rarotonga von
mehreren tausend Einwohnern kaum ein einziger ganz davon befreit
blieb.--Die Krankheiten, welche am meisten so ganz spontan dem Schein
nach entstehen, sind Dysenterie, Influenza, Fieber, Blutungen,
Geschwre, Husten und Hautkrankheiten. (Einige Belegstellen: Turner 91;
Dieffenbach 2, 12-14; le Gobien 376; Beechey 1, 94-95.)

Dass auch Geschwre genannt werden, knnte auffallen. Die ausbrechenden
Krankheiten richten sich jedenfalls theils nach den Miasmen, durch
welche sie hervorgerufen sind, theils und wohl ganz besonders nach der
Natur des Inficirten. Wie ja bei herrschenden Epidemien oder in der Nhe
gefllter Krankenhuser jede Krankheit, jede oft unbedeutendste
Verwundung durch den giftigen Einfluss der Miasmen schlimmer werden, ja
bis zum Tode fhren kann, auch ohne in die herrschende Krankheitsform
berzugehen: ebenso natrlich ist es, dass sich solche eingefhrten
Miasmen gerade auf den Theil des inficirten Organismus werfen, welcher
schon zuvor, in den meisten Fllen gewiss gleichfalls unbewusst, der
schwchste oder gerade bei der Einfhrung des Miasma irgendwie erregt
oder afficirt war. Auch erklrt es sich hieraus, wie bei gleichen
Miasmen--vorausgesetzt, dass sie gleich sind; denn eine
Schiffsmannschaft kann leicht verschiedene zugleich
bringen--verschiedene Individuen, wie sich das gar nicht selten zeigt
(z.B. bei Turner in Melanesien, bei le Gobien auf den Marianen, bei
Beechey auf Pitkairn) verschiedene Krankheiten bekommen knnen.

So erklrt sich das rthselhafte Faktum (welches als Faktum durch die
sichersten und verschiedenartigsten Zeugnisse feststeht), dass eine
gesunde Schiffsmannschaft gesunden Menschen Krankheiten bringen kann[B].
Dabei drfen wir nicht unerwhnt lassen, was Humboldt an sich und
seinen Begleitern in Centralamerika beobachtete: Es kommt hufig vor,
sagt er b 6, 142, dass sich bei Reisenden die Folgen der Miasmen erst
dann ussern, wenn sie wieder in reinerer Luft sind und sich zu erholen
anfangen. Eine gewisse geistige Anspannung kann eine Zeitlang die
Wirkung krankmachender Ursachen hinausschieben. Denn aus diesem Satze
erklren sich manche Erscheinungen bei jenen spontanen Krankheiten der
Naturvlker--so darf man wohl, ohne Gefahr missverstanden zu werden, die
Krankheiten nennen, welche nach der blossen Berhrung mit den
Kulturvlkern, ohne direkte Einschleppung entstehen--Erscheinungen,
welche sonst auffallen mssten. So, dass diese Uebel whrend der
Anwesenheit der Europer noch nicht versprt werden, denn jene
Schwindel- und Kopfwehanflle der Pitkairner noch whrend Beecheys
Besuch beruhten sicher, nach cht polynesischer Art, auf anticipirender
und bertreibender Einbildung; dann, dass sie ungleich seltener bei
feindlichem Zusammenstoss zweier Raen sich zeigen, welcher freilich
meist auch von krzerer Dauer ist, als ein freundlicher Besuch. Auch
scheint es, als ob das Durchmachen _einer_ Epidemie gegen Miasmen
verschiedener Art abhrte; wiewohl es gar nicht selten ist, dass ein und
derselbe Volksstamm von mancherlei Seuchen nach einander (oder auch von
derselben wieder) heimgesucht wird. Doch ist dann fast immer der erste
Anfall der verheerendste.

Jedenfalls aber haben wir hier die erste Ursache fr das Aussterben der
Naturvlker: ihre leichte Empfnglichkeit fr Miasmen, welche die
Kulturvlker ohne Wissen und Willen und bei eigener Gesundheit, zu ihnen
bringen; und die geringe Widerstandsfhigkeit ihres Organismus gegen
solche durch jene Miasmen entstehende Krankheiten.




 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten.


Zu diesen eben besprochenen Krankheiten kommen noch andere hinzu, deren
Mittheilung zwar auf demselben Grunde beruht, den wir im vorigen
Paragraphen betrachteten, die aber doch, da man sie als direkt
eingeschleppte allgemein betrachtet und nachweisen kann, fr den
Beobachter weit mindere Schwierigkeit bieten. Hierher gehren aber
gerade die furchtbarsten Seuchen, welche die Naturvlker betroffen
haben; und kann man sich denken, wie verheerend sie auf die
empfnglichen Naturen jener Vlker wirkten. Nicht bloss Weisse haben sie
eingeschleppt: auch einzelne Zweige desselben Stammes haben andere mit
solchen Gaben bedacht. So ward ein bser Aussatz von Polynesien aus Rapa
nach Pitkairn verschleppt und den Bewohnern dieser Insel gefhrlich; und
andere gleiche Beispiele finden sich. Schlimmer aber ist, was die
Weissen brachten, vor allen Syphilis und Blattern. Erstere Seuche ist
zwar berall bekannt genug, wo die Europer hinkommen, und so also auch
von Alters her in Afrika und Amerika, wo sie eingeschleppt wurde (in
Californien nach Rollin, La Perouses Schiffsarzt bei La Perouse 2, 289;
in Guyana nach Schomburgk 2, 336). Gefhrlicher aber ist sie vor allen
fr die Polynesier geworden, denn hier begnstigte ihre Mittheilung und
Verbreitung die ausserordentliche Lderlichkeit dieser Vlker gar sehr;
und da die Polynesier durch ihre Lste vielfach entnervt waren, so
wurden hierdurch auch die Formen dieser Krankheiten immer grauenvoller.
Und so finden wir sie hier vom ussersten Osten bis zum fernsten Westen.
Auf Waihu (Osterins.) ist sie jetzt hufig eingeschleppt von Europern
(Mrenhout 1, 26). Auf Neu-Seeland findet sie sich, namentlich an den
Ksten, wo die Eingeborenen mit den Europern am meisten verkehren, und
so schlimm, dass eine Menge Verwachsungen u. dergl. durch sie entstehen
(Dieffenbach 2, 17-25). Auf Tonga hatte sie Cooks Mannschaft, wie Cook
selbst erzhlt dritte Reise 2, 390 eingeschleppt; doch kann sie hier
nicht allzu heftig gewirkt haben, denn Mariner (2, 270) gibt an, dass
durchaus nichts Syphilitisches sich auf der Gruppe finde und dass ein
Fall, welcher auf franzsischer Ansteckung beruhte, so rasch tdtlich
verlief, dass er weiter keine Folgen hatte. Allein ob nicht die Art von
Gonorrhe mit ardor urinae, die er 268 als in Tonga heimisch erwhnt,
doch noch vielleicht von Cooks Mannschaft herstammte? Auch auf dem
Gilbertarchipel und den Ratakinseln--denselben Inseln, wo Chamisso
Anfang dieses Jahrhunderts so paradiesische Tage verlebte--ist die
Syphilis und andere Seuchen durch europische Seeleute eingeschleppt
(Meinicke Zeitschr. 398), wie denn berhaupt Mikronesien auch sonst sehr
durch solche bsen Einwirkungen gelitten hat (Gulick 245).

Aber am schlimmsten hat diese Seuche auf Tahiti und Hawaii gewthet. In
Tahiti ist sie so allgemein, dass fast jede Familie von ihr berhrt ist
(Mrenhout 1, 228-29); und schon um 1790 waren zwei Fnftel der Insel
venerisch (eb. 2, 425). Da nun diese entsetzliche Krankheit theils gar
nicht, theils schlecht geheilt und behandelt wurde, so ward sie ein
Hauptmittel fr die Dezimirung der Eingeborenen (eb. 2, 405). Vankouver
(1790) spricht von den Verheerungen, die sie unter den tahitischen
Weibern angerichtet hatte (1, 111): sie musste also schon lange
verbreitet sein und ist zweifelsohne gleich von den ersten Besuchern
eingeschleppt, gleichviel ob von Wallis (Anfang 1767) oder Von
Bougainville (1767, 15. Apr.), genug, Cook fand sie vor. Meinicke zwar
(b, 118) versucht zu beweisen, dass dies Uebel in der Sdsee schon
heimisch war, vor der Berhrung mit den Europern: allein sein Beweis
ist ihm nicht gelungen und seiner Hypothese stehen die gewichtigsten
Autoritten entgegen, so Cook selbst fr Tahiti (dritte Reise 2, 331)
und fr Hawaii (King ebendas. 4, 379), Turnbull (291) fr Tahiti und so
noch andere. Auch thut Meinicke nicht recht, das Zeugniss der
Eingeborenen fr so ganz nichtig zu halten; um so weniger, als die
Tahitier nach Cook sehr bestimmt Bougainvilles Schiff als das
bezeichneten, welches die verhngnissvolle Gabe brachte, sich also
keineswegs in allgemeinen Behauptungen hielten. Auch was Cook a.a.O.
390-91 ber die Schwierigkeit, Ansteckung zu verhten, die Gesundheit
der eigenen Mannschaft zu ermitteln und die Leichtigkeit, mit der sich
die Krankheit ausbreitet, und gewiss sehr richtig auseinandersetzt,
spricht gegen Meinicke. Allerdings sttzt dieser sich fr die
Sandwichgruppe auf den Umstand, dass, obwohl Cook zuerst nur auf Atuai
und Onihiau landete, er gleichwohl schon neun Monate spter die Seuche
auf Maui verbreitet fand--was auch La Perouse mit mehreren anderen
Grnden medizinischer Art, die aber nicht ganz stichhaltig erscheinen
(1, 246, 276), als Grund gegen die Einschleppung durch Cook anfhrt. Er
schreibt die erste Verbreitung dieser Seuche den Spaniern zu, welche im
16. Jahrhundert fters die Hawaiigruppe besucht haben. Wenn man nun auch
auf die rasche Verbreitung der Krankheit, wie sie bei der Lderlichkeit
und dem fortwhrenden Verkehr der Eingeborenen nur zu mglich war,
hinweisen knnte, so ist uns das fr unsere Zwecke gleichgltig; genug
die Seuche ist jetzt berall verbreitet in Polynesien und Meinicke gibt
ja selbst zu, dass die Eingeborenen wenigstens die schwereren Formen des
Unheils den Europern verdanken. Jedenfalls sind die Verheerungen,
welche gerade diese Krankheit in Polynesien angerichtet hat, auch wenn
es Meinicke nicht ganz zugeben will, entsetzlich genug, wie ltere und
neuere Schriftsteller einstimmig bezeugen. (Vergl. ber Hawaii noch
Virgin 1, 265; Rollin bei La Perouse 2, 271; ber Tahiti Turnbull 291;
Cook dritte Reise 2, 331). Doch scheint es, als ob in Tahiti sich jetzt
(1852) der Gesundheitszustand wieder gehoben habe (Virgin 2, 41). Auch
werden von frher (Cook a.a.O. 2, 331) schon Beispiele erwhnt, wo
Infizirte, freilich selten genug, von selbst genassen. Nur in Tonga
scheint, bei dem keuscheren Leben der Tonganer das Unheil wenigstens
nach Mariners Bericht, nicht um sich gegriffen oder doch leichtere
Formen nach und nach angenommen zu haben.

Die Seuche ist auch unter den Eingeborenen von Neu-Holland verbreitet
und auch hier will Meinicke (a 2, 179) die Annahme, sie sei ihnen von
den Europern gebracht, als usserst unwahrscheinlich dadurch
beweisen, dass bei der Grndung der Colonie von Sydney und auch
neuerdings diese Krankheit tief im Inneren des Continentes gefunden sei.
Als ob das bei dem Wanderleben dieser Stmme auffallen knnte! als ob
sie nicht schon vor der Grndung der Colonie mit Europern und wahrlich
nicht mit den reinsten in mannigfacher Berhrung gewesen wren! Den
Aleuten, bei denen es Cook schon vorfand (dritte Reise 3, 265), und den
Kamtschadalen ist dieses Unheil von den Russen, den Pelzhndlern,
mitgetheilt. Da nun aber die Kamtschadalen ebenfalls zu Ausschweifungen,
sei es im Trunk, sei es in der Liebe, geneigt waren, so sind auch hier
seine Folgen nicht ohne Gewicht fr unsere Betrachtung.

Bei weitem schlimmer, aber und allgemeiner haben die Blattern gewthet,
die schlimmste Geissel aller Naturvlker. Am bekanntesten ist dies von
Amerika, in dessen nrdlicher Hlfte sie zuerst um 1630 auftraten (Waitz
b, 15). Neun Zehntel von den Nordindianern rafften sie hin; die
Mandans starben 1837 fast ganz aus, die Schwarzfsse schmolzen durch
sie von 30-40,000 auf 1000 zusammen: hnlich erging es anderen
nordamerikanischen Stmmen, den Krhenindianern, Minetarris, Cumanchen,
Rikkaris; von den Omahas und den Eingeborenen des Oregongebietes erlagen
ihnen zwei Drittel, von den Californiern die Hlfte (Waitz 1, 161).
Aehnlich wtheten sie unter den Vlkern von Sdamerika, den Indianern
von Paraguay und Gran Chako, den Puelchen, den Cariben, den Araukanern,
in Peru, am Maranon, in Guyana, wo ganze Vlkerstmme durch sie
aufgerieben sind. Nie aber sind sie, wie Humboldt b 4, 224 bezeugt, am
oberen Orinoko aufgetreten, obwohl sie bei den Vlkern Brasiliens wieder
ihre ganze Furchtbarkeit zeigten, bei den Chaymas, die 1730-36 von ihnen
dezimirt wurden (Humboldt eb. 2, 180), bei den Chiquitas (Waitz 3, 533),
welche schwer von ihnen zu leiden hatten. Nicht minder heftig aber
traten sie bei den kultivirten Stmmen Amerikas auf.

In Mexiko brachen, nach Torribio, die Pocken eingeschleppt durch einen
Negersklaven 1520 zuerst aus und rafften gleich damals die Hlfte der
Mexikaner hin (Humboldt a 1, 97); nach Herrera traten sie schon 1518 auf
(Pppig 373) und schon 1517 mit denselben Verheerungen, ohne jedoch
einen Europer hinzuraffen, auf den Antillen, zu deren Entvlkerung sie
wesentlich beigetragen haben. Ueberall, in ganz Amerika, waren die
Verwstungen so arg, dass die Todten bisweilen unbeerdigt blieben, weil
es an Hnden hierzu fehlte (Waitz b, 15). Man begreift es, dass, wenn
die Pocken ausbrachen, die Indianer im ussersten Entsetzen vielfach
ihre Htten verbrannten, ihre Kinder tdteten und in die Einsamkeit
flohen (Humboldt b 4, 224); oder dass z.B. die Chilesen die Htte mit
sammt den in ihr liegenden Kranken verbrannten (Waitz 1, 161). Waitz ist
der Ansicht und wir stimmen ihm bei, denn alle Quellen sprechen dafr,
dass diese Krankheit zahlreichere Opfer forderte, als Krieg und
Branntwein zusammengenommen; dass ihr gewiss die Hlfte bis zwei Drittel
der Urbevlkerung Amerikas erlegen sind.

Allein nicht bloss auf Amerika beschrnken sich die Verheerungen der
Pocken. 1767 brachen sie, eingeschleppt durch einen russischen Soldaten,
in Kamtschatka aus und wtheten wie die Pest: nicht weniger als 20,000
Kamtschadalen, Kuriler und Koriken sollen ihnen erlegen sein. Ganze
Drfer starben aus und Cooks Reisebegleiter fanden selbst noch eine
Menge ganz leer stehender Drfer vor. Ein anderes, vor der Epidemie mit
360 Menschen bevlkert, hatte nachher noch 36 Seelen (Cook 3. Reise 4.
174-75). Aehnliche, wenn auch minder starke Epidemien traten 1800 und
1801 auf, welche gegen 5000 Kamtschadalen dahinrafften und bei dem schon
lange immer mehr um sich greifenden Schwinden der Bevlkerung so
verheerend wirkten, dass in den Ostrogen (kleinen Drfern des Inneren),
welche vorher meist 30-40 Einwohner hatten, nachher meistens nur 8-10,
in einigen wenigen 15-20 Bewohner brig blieben (Krusenstern 3, 49. 52.
2. Theil, 2. Abtheil. Cap. 8).

Auf Neuholland brachen die Blattern zuerst 1789 aus und verwsteten ganz
Cumberland; 1830 verheerten sie, bis zur Nordkste hin das Innere von
Ostaustralien (Meinicke a 2, 179). Auch diese Seuche entstand nach
Meinicke a.a.O. ohne Einschleppung spontan unter den Eingeborenen. Von
einer furchtbaren Pockenepidemie auf Ponapi (Puinipet, Banabe,
Carolinen) erzhlt die Novarareise 2, 395: die Krankheit war durch einen
englischen Matrosen eingeschleppt und raffte 3000 Menschen hin; 2000
blieben brig. Auf der Hawaiigruppe starben 1853 an den Pocken 5-6000
Menschen (Waitz 1, 176).

Auch die Hottentotten, wenigstens in der Nhe der Capstadt, sind
wesentlich durch die Pocken vermindert (Waitz 2, 346).

Ausser dieser Krankheit haben dann die Masern und Rtheln schlimm unter
den Naturvlkern gehaust, so in Brasilien, Guyana, im Mosquitolande
(Waitz 1, 162), in Neuholland (Darwin 2, 213); und noch gefhrlicher
verschiedene Fieber, welche z.B. die Oregonindianer schwer heimsuchten,
die oberen Tschinuks 1823 von 10,000 auf 500 zusammenschmolzen und zwar
so schnell, dass die Zahl der Ueberlebenden nicht hinreichte, die Todten
zu begraben (Wilkes und Haie bei Waitz 1, 162).

Doch sind wir durch diese Fieber bei den Seuchen angekommen, denen die
Naturvlker vor dem Auftreten der Europer unterworfen waren.
Epidemische Krankheiten sind zwar vorher selten, doch finden sie sich
auch. So jene Seuche, welche vor Cook auf der Ostkste von Neu-Seeland
wthete, und zwar so heftig und rasch, dass auch hier nicht alle Todten
begraben werden konnten (Dieffenbach 2, 12-14); so die Fieber, welche,
wie es scheint, durch das Klima hervorgerufen am Orinoko epidemisch sind
(Humboldt b 4, 215), so und vor allen jene berchtigte mexikanische
Krankheit, Matlazahuatl von den Eingeborenen genannt, ein furchtbares,
dem gelben Fieber verwandtes Gallenfieber mit Blutbrechen, das schon
lange vor Cortes Ankunft in Mexiko, ja wohl schon im 11. Jahrhundert
unter den Tolteken, die damals noch in Nordamerika waren, herrschte
(Humboldt a 4, 379), wie sich denn berhaupt die Krankheit mit
Leichtigkeit in die kalte Zone verpflanzt und ihr die kupferfarbige
Rae in beiden amerikanischen Hlften seit undenklichen Zeiten
unterworfen ist (eb. 380). Wie furchtbar aber diese Krankheit wthete,
geht aus den Zahlen hervor, welche Torquemada fr die beiden Epidemien
1545 und 1576 angibt: 1545 sollen 800,000, 1576 zwei Millionen Indianer
gestorben sein (Humboldt a 1, 97). Mag auch Humboldt, obgleich er sich
verwahrt, Torquemadas Glaubwrdigkeit anzuzweifeln, Recht haben--und er
hat es gewiss--dass diese Zahlen nur auf ungefhrer und ungenauer,
vielleicht bertriebener Schtzung beruhen: auch wenn wir die Ziffern
halbiren, welch furchtbarer Verlust an Menschenleben bleibt immer noch!
Humboldt meint (a.a.O.), dass auch diese Krankheit sich alle hundert
Jahre einmal zeige: da er aber 4, 379 die Jahre 1545, 1576, 1736, 1761
und 1762 als Jahre, worin die Krankheit wthete, aufstellt, so ist, wenn
anders die Periodicitt dieser Krankheit richtig ist, ihr Erscheinen in
den einzelnen Jahren dann auf Stmme und Landschaften eingeschrnkt,
welche sie frher nicht hatten.

Einen Hauptgrund fr die furchtbare Wirksamkeit solcher eingeschleppter
Krankheiten, auf den wir spter zurckkommen, fhrt Humboldt an, wenn er
a 4, 410-11 sagt: Die Niedergeschlagenheit des Geistes und die Furcht
vermehren natrlich die Prdisposition der Organe, um die Miasmen
aufzunehmen; daher es kein Wunder ist, wenn solche Epidemien namentlich
dann besonders heftig sind, wenn sie von siegreichen Eroberern
eingeschleppt werden.




4. Behandlung der Kranken bei den Naturvlkern.


Alle diese Krankheiten nun, welche den Naturvlkern durch die eigene
Natur derselben gefhrlich genug waren, wurden es noch mehr durch die
ganz verkehrte Art, mit der jene Vlker Krankheiten behandelten. Die
Syphilis ward dadurch so gefhrlich in Polynesien, dass man sich theils
gar nicht um sie kmmerte, theils aber, wenn man es that, das Uebel nur
vermehrte. So glaubte man in dem berauschenden Kavatrank, der aus den
Wurzeln des Piper methysticum bereitet wird, ein Mittel gegen sie
gefunden zu haben, und es konnte doch nichts Gefhrlicheres angewendet
werden, als bei dieser Krankheit dieses Mittel, das denn auch nicht
verfehlte, die Wirkungen der Seuche erst recht schlimm zu machen
(Mrenhout 2, 405). In Amerika wendete man gegen die Blattern
vornehmlich Dampfbder mit unmittelbar folgenden kalten Abwaschungen an
und in Neuholland und Polynesien ausserdem noch andere und noch
thrichtere Mittel; natrlich wurde schon durch diese Kuren die
Krankheit fast immer tdtlich. Dass sich aber diese Vlker bei neuen
unerhrten Krankheiten nicht zu helfen wussten, wird uns nicht Wunder
nehmen, wenn wir sehen, wie sie sich Kranken gegenber fr gewhnlich zu
benehmen pflegen.

Die Neuhollnder haben fr ihre Kranken nur eine Ceremonie der Priester,
welche den bsen Geist, der im Kranken sitzt, oder den Zauber, der ihn
krank macht, beschwrt, indem er unter allerlei Faxen einen Stein, meist
ein glnzendes Stck Quarz, aus dem Kranken zieht und damit ihn vom
Zauber, der in jenen Stein eingeschlossen ist, befreit (Grey 2, 337). Da
nun jede Krankheit auf Bezauberung beruht und zwar hufig auf Entziehung
der Seele, welche im Nierenfett ihren Sitz hat (Howitt 189), so wurde in
einigen Gegenden der Kranke mit dem Nierenfett dessen, den man fr den
versteckten Mrder hielt und dem man es oft noch lebend ausschneidet
(Angas 1, 123), bestrichen: oder man versucht die Krankheit aus dem
betreffenden Glied auszusaugen, durch Aderlass zu entfernen, den bsen
Geist, indem man den Kranken knetet, schlgt, tritt und sonst
misshandelt, zu verjagen u. dergl. mehr. Geschickter sind die
Neuhollnder im Behandeln usserer Verletzungen; auch haben sie manche
rationelle Mittel gegen den Biss giftiger Schlangen (Brehm Thierleben 5,
262).

So ziemlich dasselbe Bild wird nun von der Heilkunst aller Naturvlker
zu entwerfen sein. Auf den Fidschiinseln werden schwer Kranke schon als
todt betrachtet, aufgeputzt und ausgestellt (Williams und Calvert 183);
Rcksicht nimmt man auf sie durchaus nicht, hat vielmehr, da man sie fr
bswillig hlt und glaubt, dass sie die Gesunden nur absichtlich
qulten, nicht das mindeste Mitleid mit ihnen (eb. 188). Ebenso sonst in
Melanesien. Sehr gewhnlich werden Kranke ohne weiteres erschlagen, oder
ausgesetzt, z.B. auf der Fichteninsel (Cheyne 88). Auf Vate (neue
Hebriden) tdtet man phantasirende Kranke sogleich, damit sie nicht
Andere anstecken knnen (Turner 444); man begrbt sie und andere
schwerer Erkrankte lebendig (450). Ebenso machen es die Ajetas der
Philippinen, eine Negritobevlkerung der Gebirge Luzons mit
Schwerkranken (de la Gironire Aventures d'un gentilhomme Breton aux
les Philippines 325). In andern Gegenden Melanesiens (auf den kleinen
Inseln bei Neu-Guinea) setzen sich die Kranken ans Meeresufer und
essen, was sie knnen, da nicht mehr essende Kranke sofort getdtet
werden. Kranke Glieder schnren sie ein, um den Dmon, der die Krankheit
verursacht, zu fangen (Reina in Zeitschr. 4, 360). Denn auch hier gilt
alle Krankheit fr Behexung (Turner 18-19), obwohl auch die Melanesier
Aderlass und derartige Mittel kennen (eb. 92). Auch in Mikronesien
tdtete man entweder die Kranken (indem man sie in einem lecken Schiff
ins Meer stiess, Hale 80) oder man wandte, um sie zu curiren, Zauberei
an, so auch auf den Marianen (le Gobien 47).

Und nicht anders in Polynesien. Auch hier wurden sie oft ermordet, oder
doch ganz gleichgltig behandelt, wo denn jeder Kranke fr sich sorgte,
so gut es ging, d.h. in den Wald oder die Einsamkeit ging und entweder
gesund oder gar nicht wieder zurckkehrte. In Nukuhiva hielt man
Schwerkranken Mund und Nase zu, um den Geist festzuhalten (Mathias
_G***_, 115); ebenso in Sdamerika bei den Moxos (Waitz 3, 538; b 151).
In Tonga bestand die Behandlung der Kranken fast nur darin, dass man sie
von einem Tempel zum andern schleppte, um die Priester und Gtter fr
sie anzuflehen; je krnker Jemand ist, je weiter schleppt man ihn--und
fhrt seinen Tod natrlicherweise gerade dadurch herbei (Mariner 1, 110;
362 ff. u. sonst). Oder man opferte wie in Tahiti und sonst in
Polynesien, Kinder oder Sklaven, um das Leben eines Vornehmeren zu
erhalten. Doch waren die Tonganer als Chirurgen nicht ungeschickt und
sie wagten sich an gefhrliche Operationen. Auch war Skarifikation und
der Gebrauch gewisser Pflanzensfte in Anwendung (Mariner 2, 267-270).
So wie bei ihnen, so gilt auch sonst in Polynesien Krankheit als
Bezauberung, oder als Rache und Strafe der Gtter: in Neu-Seeland
(Dieffenb. 2, 59 ff.); in Tahiti (Bratring 181-82, Mrenh. 1, 543); in
Nukuhiva (Math. G. 228); und in Hawaii (Tyermann u. Bennet 1, 129).
Daher waren auch hier die hufigsten Mittel Opfer und Gebete. Nur auf
Neu-Seeland scheint man etwas zweckmssiger verfahren zu haben.
Wenigstens kannten die Eingeborenen die Heilkraft ihrer heissen Quellen
und wendeten sie fr kranke Kinder an (Dieffenb. 1, 246), man gab den
Kranken leichtere Kost, gebrauchte Dmpfe von Pflanzenaufgssen
(Pflanzenaufgsse kannten auch die Marianer nach le Gobien),
Einreibungen mit warmen Pflanzensften u. dergl. (Dieffenb. 2, 41).
Dampfbder und darauf unmittelbar folgende kalte Abwaschungen waren
gleichfalls gebruchlich (Mrenhout 2, 164) und Kneten der Glieder
berall verbreitet: in Nukuhiva, in Tahiti, Hawaii u.s.w. In Tahiti
hielt man jede Krankheit fr Wirkung gttlichen Zornes und es galt daher
fr sndlich, Arzeneien zu nehmen (Turnbull 260), gegen die sie auch
einen unberwindlichen Abscheu haben (292). Wird ein Eingeborener dieser
Insel krank, so wird er sofort von allen Angehrigen und Landsleuten
gemieden: er ist ganz hilflos und auf sich allein angewiesen, ein
Verfahren, welches sich bitter genug rcht: denn die bei ihnen
gewhnlichsten Uebel sind solche, die schon bei geringer Pflege leicht
heilen, bei Vernachlssigung aber tdtlich werden (Turnbull 260 u. 292).
Als Chirurgen waren auch sie wie alle Polynesier geschickt (Mrenhout 1,
161).

In Amerika finden wir so ziemlich dasselbe. Denn auch die Mexikaner,
obwohl tchtige Chirurgen und mit mancherlei medizinischen Mitteln
bekannt, setzten ihre festeste Hoffnung auf aberglubische Mittel (Waitz
4, 165, 174). Die Californier versuchten durch Anblasen und Aussaugen
des kranken Gliedes oder dadurch, dass sie andere opferten oder
verstmmelten, die Krankheit zu heben (Waitz 4, 250). Aussaugen,
Anblasen, Reiben galt auch auf Haiti als Hauptmittel, so wie denn,
merkwrdig genug, hier die Aerzte dieselbe Ceremonie anwandten, welche
die Neuhollnder noch jetzt haben: sie zogen dem Kranken einen Stein und
mit ihm den Anlass aller Krankheiten aus dem Mund. Schwerkranke wurden,
wie in Mikronesien, ausgesetzt, oder, wie in Nukuhiva erstickt (Waitz 4,
327). Das Hervorziehen des Steines oder Knochens aus dem Krper des
Kranken fand sich auf dem brasilianischen Festland unter den Payaguas
(Azara 269). Auch in Peru war das Heilverfahren, obwohl man einige
Arzneipflanzen kannte, purgirte und zur Ader liess, fast durchaus auf
Zauberei begrndet (Waitz 4, 463). In Nordamerika nun waren bei fast
allen den minder kultivirten Vlkern die Aerzte ganz und gar Zauberer,
die Krankheit nur Besessenheit, der bse Geist ward daher, zur Kur,
ausgesaugt und ausgespieen, oder durch Blasen, Kneten, Schlagen und
hnliche Mittel entfernt (Waitz 3, 213-14). Auch in Sdamerika ist
Zauberei, Aussaugen Anblasen u.s.w. Hauptmittel und fast berall der
Arzt zugleich Zauberer, nur bei den Botokuden nicht, welche nur
natrliche Mittel, Reiben, Kneten, Urtikation, auch, aber meist ohne
Erfolg, innerliche Arzneien anwenden (Tschudi 2, 286-87) und als
Chirurgen nicht ungeschickt sind. Aber Zauberer waren die Aerzte bei den
Tupis, den Makusis, deren Heilverfahren, das neben vieler Zauberei auch
manche wirklich wirksame Mittel kannte, Schomburgk (2, 333) schildert,
ferner bei den Waraus (eb. 1, 170), den Cariben (2, 427), den
Araukariern, welche indess neben den Zauberrzten auch noch andere und
tchtigere Aerzte hatten (Waitz 3, 519), den Feuerlndern (Bouqainville
130) u.s.w.

Dampfbder sind sehr allgemein verbreitet und bei fast allen Krankheiten
angewendet; so bei den Mexikanern und bei den alten Tolteken (Waitz 4,
270); ebenso in Nordamerika (3, 217) in Sdamerika bei den Makusi
(Schomburgk 2, 333) und sonst.

Nicht anders war im grossen Ganzen, nach Langsdorff, das Heilverfahren
der Aleuten.

Auch die Hottentotten betrachteten alle Krankheiten als Wirkungen von
Zauberei und bsen Geistern, und behandeln sie darnach, durch
Beschwrung u. dergl., doch wendet der Zauberer oder die Zauberin dabei
auch andere, innerliche und usserliche Heilmittel an. Wunderbarer Weise
findet sich denn auch hier, wie auf den Antillen, jener sonderbare
neuhollndische Gebrauch wieder, einen Stein--hier einen Knochen--unter
mancherlei Ceremonien aus dem Leibe (Mund, Ohr, Rcken u.s.w.) des
Kranken, der ihm eingehext und der Sitz der Krankheit sei,
hervorzuziehen, damit jener genese (Sparmann 197-98). Ihre Giftrzte
sollen freilich sehr ausgezeichnete Mittel gegen Schlangenbiss haben,
und die Colonisten haben, was sie von Heilpflanzen der sdafrikanischen
Flora kennen, erst von den Eingeborenen gelernt (Waitz 2, 344). Allein
Schwerkranke, Alte und Hlflose setzen die Hottentotten hufig aus
(Sparmann 320); Sterbende schttelt und stsst man, gewiss um den Dmon
der Krankheit zu verscheuchen, berhuft ihn mit Vorwrfen, dass er die
Verwandten durch seinen Tod betrbe, bittet ihn zu bleiben u.s.w.
(Sparmann 273).

Die Zauberer aber gerathen sehr hufig, wenn ihre Kur nicht anschlgt,
in Gefahr, von den erbitterten Angehrigen arg gemisshandelt oder
getdtet zu werden. Fr Amerika bringt Waitz und die angefhrten Autoren
eine Menge Beispiele bei: fr Afrika genge eins, welches bei Sparmann
198 erwhnt wird: ein Frst, der an schlimmen Augen litt und von den
Zauberern nicht geheilt werden konnte, liess diese alle umbringen, weil
er glaubte, dass einer von ihnen, der ihm feindlich gesinnt sei, seine
Heilung verhte. Denn jeder unglckliche Ausgang einer Krankheit gilt
als bewirkt durch strkeren Zauber, hier und in Amerika und Polynesien.




 5. Geringe Sorgfalt der Naturvlker fr ihr leibliches Wohl.


Indess, da ja Krankheiten die Naturvlker in ihrem gewhnlichen Zustand
nur wenig plagen, so mchte alles dies Verkehrte, und wenn es manchem
Kranken den Tod brachte, doch nicht allzuviel fr ihr Hinschwinden
bewirkt haben; viel gefhrlicher ist die geringe Sorge, welche fast alle
Naturvlker auf ihre leibliche Pflege verwenden und verwenden knnen.
Freilich sind sie abgehrtet gegen Vieles durch eigene Gewhnung und,
wodurch diese erst in so hohem Grade ermglicht wird, durch Vererbung;
und so fhlen sich auch noch die Feuerlnder, nach Darwin die elendesten
und niedersten Menschen, in ihrem entsetzlichen Klima, ohne rechtes
Obdach, auf dem nassen Boden schlafend, nackt, nur kmmerliche Nahrung
und diese nur mit Mhe findend, nach ihrer Art wohl und begehren nichts
Besseres (Darwin 1, 230). Die Eskimos sind an ihre Schneewsten, die
Neuhollnder an ihre unfruchtbaren Steppen, die ihre wandernde Lebensart
bedingen, die neuhollndischen Weiber an ein Leben voll Last und Mhe,
an die schrecklichste Behandlung gewhnt, so weit menschliche Natur sich
gewhnen kann. Trotz aller Gewhnung aber hngt es mit der Lebensart der
Naturvlker zusammen, dass sie, auch bei der ersten Bekanntschaft mit
den Europern, bisweilen selbst wenn sie schon eine gewisse Halbkultur
erlangt hatten, verhltnissmssig so geringe Bevlkerungsziffern
aufweisen; sie leben eben so, dass die menschliche Natur nicht anders
als kmmerlich gedeiht--wenn auch die einzelnen Individuen oft ganz
besonders stark erscheinen. Es ist ja aber gerade ein oft wiederholter
Ausspruch, die Naturvlker seien deshalb krperlich so krftig, weil
alle schwchlichen Kinder ohne weiteres erlgen; so z.B. Humboldt b 2,
189.

Nicht bloss schwchliche Kinder erliegen indess; und diese Sterblichkeit
der Kinder ist das erste, was wir hier zu betrachten haben. Die
Feuerlnder, deren Wohnung nicht den geringsten Schutz bietet (Darwin 1,
228), setzen ihre Kinder nackt der Wuth ihres Klimas aus (eb. 229). Fast
alle Indianer in Nord- und Sdamerika fhren jetzt ein elendes
Wanderleben; und berall hin werden die Kinder von den Mttern
mitgeschleppt, auf den rauhesten und weitesten Mrschen und oft noch,
whrend sie durch aufgelegte Bretter und andere gewaltsame Mittel (um
ihrem Kopf eine eigenthmliche Gestalt zu geben) in der natrlichen
Entwickelung gestrt sind. Schon bei der Geburt werden viele Kinder
sterben. Denn berall ist es Sitte, dass das Weib kurz vor der Geburt
sich in den Wald begiebt, dort allein gebiert, sich selbst die
Nabelschnur abschneidet und unterbindet, dann sich und das Kind sogleich
in kaltem Wasser badet und nun zurckkehrt, nicht etwa zur Pflege,
sondern zur erneuten Arbeit. Dies war der Fall bei den Waraus in Guyana
(Schomburgk 1, 166), bei den Cariben und Makusi (eb. 2, 315, 431); und
in Nordamerika sehr vielfach (Waitz b, 98). Die Nahrung aber, welche ein
Kind nach und neben der Muttermilch bekommt, ist oft schon an und fr
sich schdlich und ungesund. Grosse Sterblichkeit herrscht noch unter
den Kindern des heutigen Mexiko in Folge verkehrter Dit (Waiz 4, 196).
Die Nahrung wird ihnen auch noch beschrnkt durch die eigenthmliche
Sitte, neben den Kindern Thiere, Affen, Beutelratten u.s.w. zu sugen,
was die Makusi, die Waraus, die Cariben und verschiedene andere Vlker
thun (Schomburgk 2, 315. 1, 167). Von der schlechten Wartung der Kinder,
wenn sie krank sind, spricht Humboldt b. 4, 224 und der Schmutz, in
welchem sie aufwachsen, und von denen Schomburgk aus Guyana
Abschreckendes erzhlt, kann auch keinen guten Einfluss haben. Und doch
lieben die Amerikaner in Nord-und Sdamerika ihre Kinder aufs innigste.

In Tahiti nehmen die Frauen unmittelbar nach der Geburt sofort
Dampfbder mit kalten Abwaschungen (Wilson 461), in Neuseeland
gleichfalls, wo die Kinder, wie in Tahiti, ganz nackt bleiben und eher
schwimmen als laufen knnen (Dieffenbach 2, 24-25, Ellis 1, 261 und
Mrenh. 2, 61); und ebenso auf Nukuhiva (Melville 2, 191).
Hautkrankheiten, und zwar sehr bsartige der Kinder (jaws, framboesia)
werden fters erwhnt, z.B. in Tonga, wo die Kinder gut gepflegt und
sonst sehr gesund sind (Mariner 2, 179) und in Ponapi (Cheyne 122).
Grosse Sterblichkeit herrscht aber unter den Kindern wegen Mangel an
Pflege und Wartung in Hawaii (Virgin 1, 268) und ebenso in Tahiti
(Bennett 1, 148). Ellis sagt, dass die tahitischen Kinder, obwohl dem
Aussehen nach dick und gesund, doch bis zu einem Alter etwa von 12
Monaten sehr zart und hinfllig wren (1, 260). Formation des Schdels
durch Platt- und Hochdrcken war in Tahiti sehr hufig 1, 261. Auch auf
Mikronesien ist die Wartung der Kinder schlecht. Auf Tobi (Lord North,
usserstes Sd-Westende Mikronesiens) erhalten die Kinder sofort nach
der Geburt ganz gleiche Speise wie die Erwachsenen (Pickaring, Memoir of
the Language and Inhabitants of Lord Norths Isl. 1845; 228), und ebenso
auf Ratak Kokosmilch und Pisang, den ihnen die Mutter vorkaut;
schdlicher aber als diese Nahrung ist ihnen die Unregelmssigkeit, mit
der sie berhaupt etwas bekommen (Gulick 180-181), daher denn auch hier
die Sterblichkeit unter ihnen gross ist. Auch in Polynesien sugen die
Weiber gern Thiere auf neben den Kindern, wie z.B. die Hawaierinnen nach
Remy XLII Hunde und Schweine.

In Melanosien ist es nicht besser: die Kinder werden nicht gepflegt und
mssen von der Geburt an das Leben der Alten mitmachen. In einigen
Gegenden Neu-Guineas (Finsch 103) wird der Gebrenden fortwhrend kaltes
Wasser ber den Kopf gegossen, ist aber das Kind geboren, Mutter und
Kind sofort kalt gebadet und dann einer mglichst starken Hitze neben
einem lodernden Feuer ausgesetzt, und so abwechselnd weiter. Je heisser
und lnger Mutter und Kind diese Hllenkur vertragen, fr desto gesnder
gelten beide. In einer anderen Gegend hatte eine Frau ein unlngst erst
geborenes Kind auf den heissen Sand gelegt und arbeitete in der Nhe;
als Fremde kamen, grub sie es ohne weiteres bis an den Hals in den Sand
und arbeitete fort (eb. 63).

Fast nirgends aber sterben mehr Kinder als in Neuholland: von vieren
wird kaum mehr als eins drei Jahre alt (Turnbull 43), was sich aus der
Behandlung, die ihnen zu Theil wird, und die nur ausserordentlich starke
Kinder berstehen, erklrt. Kaum geboren wird das Kind in ein
Opossumfell gewickelt, berall mit hingeschleppt und meist im hchsten
Grade nachlssig behandelt, dem Feuer zu nahe gelegt und dergl. (Grey
2, 250-251). Dies Wandern fhrt auch Darwin (2, 213) als Grund der
Sterblichkeit unter den Kindern an, und es ist beachtenswerth, was er
zusetzt: Wie die Schwierigkeit, sagt er, sich Nahrung zu verschaffen,
wchst, so wchst ihre wandernde Lebensweise und darum wird die
Bevlkerung ohne eigentlichen Hungerstod auf eine so ausnehmend
gewaltsame Weise zurckgehalten, im Vergleich mit civilisirten Lndern,
wo der Vater seine Arbeit mehren kann, ohne den Sprssling zu
vernichten. Dazu wird ihnen auch noch die Nahrung dadurch verkrzt,
dass auch hier die Weiber vielfach junge Thiere, Hunde, sugen (Grey 2,
279) und gewiss oft nur aus Noth: denn ein Hund ist jetzt um so mehr,
als die Jagdthiere immer scheuer und seltener werden, ein grosser Schatz
fr den jagenden Eingeborenen und die Nahrung fr die jungen Thiere ist
gewiss oft genug selten.

Kurz aber mit allem Nachdruck mssen wir hier erwhnen, dass auch das
Tattuiren, was in ganz Polynesien hufig betrieben wird, hufig den Tod
nach sich zieht (Ellis 1, 266); und da man nur eben heranwachsende
dieser Operation unterwirft, so wird der Jugend auch durch sie ein nicht
zu unterschtzender Abbruch gethan.

Wichtiger freilich, weil eine Sache von grsstem Einfluss auf das
leibliche Gedeihen der Naturvlker, ist die oft ber alle Begriffe
schlechte Behandlung der Weiber. So vor allen Dingen in Neuholland. Die
armen Weiber mssen, schwanger oder nicht, mit allem Gepck und oft noch
mit 1-2 Kindern beladen, dem Manne, der nur das Jagdgerth trgt,
folgen; sie mssen, kaum angekommen, alle Arbeit fr den Haushalt
besorgen, die Htte aufschlagen, Feuer machen, Wurzeln, Muscheln erst
suchen, dann kochen, fr den Mann, die Kinder alles Nthige bereiten,
und dann, wenn sie bei alle dem oft aufs brutalste behandelt sind, dem
Manne Nachts geschlechtlich zu Willen sein. Die beste Nahrung, die sie
finden, ist fr den Mann und ihre Shne; sie drfen erst essen, was
diese brig lassen und wenn sie fertig sind. So ist ihr Loos Tag fr
Tag: denn von dem, was sie noch ausser diesem gewhnlichen Elend
besonderes Schlimmes trifft (z.B. die Art, wie sie von den Mnnern zur
Ehe geraubt werden), brauchen wir hier nicht zu reden. Ein wichtiger
Umstand ist ferner, dass ihre Pubertt schon mit 11 oder 12 Jahren
beginnt und sie schon mit diesen Jahren verheirathet werden. Nimmt man
zu alle dem nun noch hinzu, dass sie ihre Kinder sehr lange sugen, oft
bis 3 Jahre (Grey 2, 248-250) ja lnger (4-6 Jahre nach Salvado 311), so
wird man sich nicht wundern, dass die Lebensdauer dieser Unglcklichen,
die nichts desto weniger oft ganz frhlich sind und ihren Mnnern mit
Liebe anhangen, nicht allzulang ist und dass es weniger Weiber als
Mnner gibt, im Verhltniss wie 1:3 nach Grey, nach anderen wie 2:3--ein
Umstand indess, der wahrscheinlich mit bedingt ist durch die Sitte,
neugeborene Mdchen umzubringen, von der wir spter reden mssen.

Und in Amerika ist es nicht besser. Entbehrung und Leiden, sagt
Humboldt b 2, 192, sind bei den Chaymas, wie bei allen halbbarbarischen
Vlkern, das Loos des Weibes. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihren
Grten heimkommen sahen, trug der Mann nichts als ein Messer, mit dem er
sich einen Weg durchs Gestruch bahnt. Das Weib ging gebckt unter einer
gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm und zwei andere
sassen nicht selten oben auf dem Bndel. Auch die Botokudinnen mssen,
wie ihre Leidensgenossinnen in Neuholland, alle Arbeit thun, alles
Gepck schleppen und sich dann noch von ihren Mnnern aufs roheste
misshandeln lassen (Tschudi 2, 284). Dasselbe erzhlt Schomburgk von den
Bewohnern Guyanas (2, 313; 1, 122 ff.) und mit einem schauderhaften
Beispiel von roher Misshandlung von den Cariben (2, 428). Noch hrter
ist das Loos der Weiber in Nordamerika, wo sie auch die Feldarbeit thun
mssen (Humboldt b 2, 293) und noch roher misshandelt werden (Waitz b,
98). Mrs. Eastmann, welche lngere Zeit selbst mit den Dakotas gelebt
hat und daher diese Vlker genau kennt, hat wohl Recht, wenn sie (bei
Waitz b, 98; 3, 100) sagt: Die Arbeit des Weibes wird nie fertig. Sie
macht das Sommer- und Winterhaus. Fr jenes schlt sie im Frhling die
Rinde von den Bumen, fr dieses nht sie die Rehfelle zusammen. Sie
gerbt die Hute, aus denen Rcke, Schuhe und Gamaschen fr ihre Familie
gemacht werden und muss sie abschaben und zubereiten, whrend noch
andere Sorgen auf ihr lasten. Wenn ihr Kind geboren ist, kann sie sich
nicht ruhen und pflegen. Sie muss fr ihren Mann das Rudern des Kahnes
bernehmen, Schmerz und Schwche wollen dabei vergessen sein. Immer ist
sie gastlich. Geh zu ihr in ihr Zelt, sie gibt dir gern, was du
brauchst, wenn es nur in ihrer Macht steht, und thut bereitwillig, was
sie kann, um es dir bequem zu machen. In ihrem Blick ist wenig
Anziehendes. Die Zeit war es nicht, die ihre Stirn gerunzelt und ihre
Wange gefurcht hat. Mangel, Leidenschaft, Sorgen und Thrnen haben es
gethan. Ihre gebckte Gestalt war einst anmuthig, Mangel und Entbehrung
erhalten die Schnheit schlecht. So kommt es vor, dass Mdchen von
ihren Eltern getdtet werden, um sie dem elenden Loos, das ihrer wartet,
zu entziehen; und dass Weiber sich selbst umbringen, weil sie die Brde
ihres Lebens und Leidens nicht mehr zu tragen vermgen (Waitz 3, 103).
Nur bei einigen wenigen Vlkern war das Loos der Weiber etwas besser
(Waitz 3, 181). Die Speisen des Mannes durften die Weiber nicht theilen,
ja oft nicht einmal mit den Mnnern zusammen essen (Schomburgk 2, 428),
eine Sitte, die auch berall in Ozeanien herrscht und ihren letzten
Grund in religisen Anschauungen hat. Doch waren durch sie den Weibern
meist die wirklich guten und nahrhaften Lebensmittel untersagt, was bei
ihren schweren Arbeiten von doppeltem Gewichte war. In Poly- und
Mikronesien (in Melanesien herrschten Sitten, die den australischen
nher kommen und Fidschi steht zwischen beiden) war die Stellung der
Weiber nicht schlecht; allerdings waren sie meist von der Gesellschaft
und den Genssen der Mnner ausgeschlossen, doch empfanden sie dies
sowie die Prostitution, zu der sie verurtheilt waren, nicht, weil es die
Sitte nun einmal mit sich brachte und man sie sonst als
Freudenspenderinnen ehrte. Wirklich schlecht scheinen sie nur in der
Paumotugruppe behandelt zu sein, von wo und zwar von Mangareva Mrenhout
2, 71 schreckliche Beispiele usserster Bedrckung und grausamster
Misshandlung erzhlt. Whrend an den meisten Orten den Weibern so gut
wie gar keine oder nur weibliche Arbeit, Zeugbereiten und dergl.
obliegt, wie in Tonga, in Tahiti, in Nukuhiva (Melville 2, 147); so
mssen sie in andern Inseln fast alle Arbeit thun, wie in Neuseeland
(Dieffenb. 2, 12). Frhreife der Weiber ist in Polynesien sehr
gewhnlich. Auf Neuseeland tritt die Pubertt frher als bei uns, doch
spter als in Sdeuropa ein (Dieffenb. 2, 33) nach Browne 38 sind sie
schon mit dem 11. Jahre heirathsfhig und frher coitus ist auf der
ganzen Insel gewhnlich (Dieffenb. 2, 12). Aehnlich fand es Cook auf
Tahiti (b, 126-127). Dass sich 11jhrige Mdchen den Fremden anbieten,
ist gar nicht selten; es soll auch noch jngere geben, die es thun. Die
Geschlechtsentwickelung auf den Fidschiinseln fllt spter: fr die
Mdchen ins 14., fr Knaben ins 17. oder 18. Jahr (Wilkes bei Waitz 1,
126). Auch in Amerika reifen die Weiber sehr frh (Azara an vielen
Stellen). Schomburgk (1, 123) sah unter den Waraus in Guyana eine Frau
von kaum 10 Jahren, die dennoch hochschwanger war. Humboldt der b 2, 188
sagt, dass die Chaymasweiber mit 11-12 Jahren sich verheiratheten,
erzhlt dasselbe von den Eskimos der Nordwestkste von Amerika, den
Koriken und den Kamtschadalen (190), bei denen hufig 10jhrige Mdchen
Mtter sind. Er meint zwar, dass diese frhzeitigen Heirathen der
Bevlkerung nichts schadeten: jedenfalls aber hngt das frhzeitige
Verblhen der Weiber (Waitz b, 99; Tschudi 2, 298; Schoinburgk sagt in
Beziehung auf Guyana dasselbe) mit dieser Frhreife zusammen. Doch gibt
es Stmme in Nordamerika, wo die Geschlechtsreife viel spter eintritt
(Waitz 1, 125) Thunberg sah bei den Hottentotten hinwiederum Mdchen von
11-12 Jahren, welche schon Kinder hatten (25-26[C]).

Zu dieser frhen Entwickelung kommt nun ein sehr langes Sugen. Wie in
Neuholland die Weiber--und in Polynesien ist es ebenso, nach Dieffenbach
a.a.O. und anderen--so sugen auch die Amerikanerinnen ihre Kinder
fters bis ins 12. Jahr und dies Sugen wird, wenn die Mutter
mittlerweile durch ein 2. Kind beansprucht wird, von der Grossmutter
fortgesetzt! Die Indianerinnen behaupten, im Besitz eines Mittels zu
sein, welches ihnen lnger und unerschpflicher die Milch erhalte
(Schomburgk 2, 239. 315).

Muss eine solche Lebensart, welche auch bei den Hottentotten um nichts
besser und nur in Nebendingen anders ist, die Weiber frhzeitig welken
lassen und dahinraffen, so ist die Lebensweise der Mnner vielfach auch
vollkommen aufreibend durch das Uebermass von Anstrengungen, was sie mit
sich bringt. Man denke auch nur, was es heissen will, Tag fr Tag, bei
oft ganz ungengender oder durch ihre zu reichliche Flle schdlicher
Nahrung, fortwhrend umherzuziehen, ber endlose Strecken dem Wild nach,
in den Anstrengungen der Jagd oder des Krieges und dabei allen Unbilden
des Klimas, des Wetters ausgesetzt! Daher finden wir nirgends in
Neuholland oder dem Feuerland oder unter den Wanderstmmen Amerikas ein
so hohes Alter unter den Einzelnen als es Chamisso auf den Ratakinseln
und San Vitores (nach le Gobien 47) auf den Marianen fand, wo 100jhrige
Greise nicht selten waren, whrend Grey schon 70 Jahre als hohes Alter
unter den Neuhollndern betrachtet (2, 247-248), aber gleich hinzusetzt,
dass bei der grossen Sterblichkeit der Kinder, die mittlere Lebensdauer
bei ihnen viel geringer als in Europa ist. Nach Azara freilich erreichen
die brasilianischen Stmme ein sehr hohes Alter: er will unter den
Payaguas mehrere Mnner gesehen haben, die zum wenigsten 120 Jahre alt
waren (270; vgl. 173). Die Polynesier, berhaupt die Bewohner kleiner
und meist gengend fruchtbarer Inseln, so bedenklich ein solcher Wohnort
nach anderen Seiten sein mag, sind in dieser Beziehung besser gestellt,
da schon die Oertlichkeit ihrer Heimath solche bermssige Anstrengung
verhtet; die langen und dnnen Gliedmaassen, die vorhngenden Buche,
die verkommene Gestalt aber der Neuhollnder ist zweifelsohne nicht
Raencharakter (an einem anderen Ort gedenke ich den Nachweis zu fhren,
dass die letzteren gleichfalls ein Zweig des malaiopolynesischen Stammes
sind), sondern durch die mhselige Lebensart, das ewige Wandern, die
Unregelmssigkeit der Nahrung hervorgebracht. Und natrlich steigert
sich alle diese Noth durch die Ausbreitung der Europer, durch welche
die Jagdthiere der Naturvlker sehr rasch zusammenschmelzen; ja sie
steigert sich durch sich selbst und ihre eigene lange Dauer, da die
Thiere, stets verfolgt, dadurch immer scheuer, die Jagd immer
schwieriger wird, wie von Tschudi 2, 279 von Sdamerika bezeugt. Auch
werde, um nichts zu bergehen, wenigstens beilufig an das erinnert, was
Tschudi eb. 290 sagt, dass mangelnde Jagdbeute die Vlker nthigt, ihre
Jagdzge weiter auszudehnen und das Gebiet anderer Horden zu verletzen;
dass diese ihr Gebiet vertheidigen und sich so oft sehr bedeutende
Kmpfe um die Existenz entwickeln. Auf beschrnktem Terrain war
Ausrottung der Jagdthiere bisweilen nothwendige Folge auch der
vorsichtigsten Jagd; so in Neuseeland, wo die grossen Jagdvgel, die
Moas (Dinornis, Apteryx), nach und nach ausgerottet sind von den
Eingeborenen selbst, die ersteren ganz, die letzteren wenigstens zum
grssten Theil, und zwar ohne Schuld der Maoris: die Vgel vermehrten
sich langsam und wurden bei ihrer Unbehlflichkeit und dem nicht sehr
gnstigen Terrain leicht die Beute der Jger. So starben sie aus, ohne
dass man jenen ein blindes Wthen gegen die Jagdthiere vorwerfen drfte.

Betraf dies nun ihre Lebensart im Allgemeinen, so mssen wir nun noch
von einzelnen Punkten speziell reden. Zunchst die Nahrung, in deren
Auswahl und Aufbewahrung fast alle Naturvlker wenig Sorgfalt zeigen.
Sie drfen auch, da die Natur von selbst, auch in den Tropen, nicht zu
jeder Zeit und nicht allzubereitwillig das Nthige bildet, nicht allzu
whlerisch sein. So essen denn z.B. die Botokuden eigentlich Alles,
ausser geniessbaren Thieren auch Fchse, Aasgeier, Muse, Schlangen,
Eidechsen, Krten, Fledermuse, Insektenlarven, Wrmer, ungeputzte
Eingeweide (Tschudi 2, 279. 298) und dergl. In Guyana graben die Kinder
18 Zoll lange Skolopender aus der Erde und--fressen sie lebendig (Voigt
Zoologie V, 420 nach Humboldt). Das Erdeessen der Otomaken hlt
Humboldt, der es b 6, 102 ff. mit Herbeiziehung alles Analogen bei
anderen Vlkern bespricht, zwar nicht fr schdlich, ntzlich aber ist
es auch nicht, sondern nur hungervertreibend. Auch in Australien (Grey
2, 263-264) findet es sich; doch wird hier die Erde mit einer geriebenen
Wurzel gemischt.

In Australien ist zwar nach Grey 2, 259-261 der Nahrungsmangel nicht so
gross, als man gewhnlich annimmt und vieles was uns nur aus usserstem
Elend gewhlt scheint, ist ihnen eine willkommene Leckerei; indess sagt
Grey doch selbst, 261 ff., dass jede Gegend des Continents ihre
besondere Nahrung habe, die man aber erst kennen und aufsuchen msse.
Und das scheint keine leichte Sache, wenigstens war er selbst, obwohl
von einem nicht unbefhigten Eingeborenen begleitet, auf seinem
unfreiwilligen Zug die Westkste des Kontinentes entlang in der
ussersten Lebensgefahr durch Hunger. Ein fauler Walfisch ist den
Neuhollndern, whrend sie sonst sehr ekel gegen angegangenes Fleisch
sind, grsster Genuss und je stinkender die Speise, desto willkommener
wird sie, wie auch die Thakallis, ein Stamm der Athapasken in
Nordamerika, faules Fleisch vorzglich gern essen (Waitz b, 90). Und wie
nun diese Vlker essen! Die Botokuden geniessen die meisten
Nahrungsmittel, besonders das Fleisch in halbgarem Zustande. Es wird
ber das Feuer gehalten, bis die ussersten Schichten etwas angebrannt
sind und dann verzehrt. Die Gefrssigkeit dieser Indianer ist fast
sprichwrtlich geworden.----Wenn ein glcklicher Jagdzug reichliche
Beute gewhrt, so wird sie gierig verzehrt und da das Fleisch rasch in
Fulniss bergeht, um ja nichts zu verlieren, der Magen so lange
vollgestopft, als eine physische Mglichkeit dazu vorhanden ist. Dann
folgt eine lange behbige Verdauungsruhe und dieser oft wochenlang
usserst sprliche Mahlzeiten. Vlker und Individuen, die
ausschliesslich auf Fleischnahrung angewiesen sind, haben eine rasche
Verdauung und es ussert sich bei ihnen Heisshunger viel heftiger als
bei jenen, die an eine vegetabilische oder gemischte Nahrung gewhnt
sind. Sie knnen sich aber auch mit einer sehr geringen Quantitt ihrer
gewohnten Fleischnahrung lange krftig erhalten, leiden dabei aber stets
an Hunger. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit suchen die Botokuden
ihren steten Hunger durch bermenschliches Fressen zu stillen und
verschlingen mit der Gier eines Raubthieres die ekelhaftesten
Gegenstnde ohne Wahl mit gleichem Heisshunger. Was Tschudi (2,
278-279) uns so von den Botokuden erzhlt, das kann mit denselben Worten
von allen Naturvlkern Amerikas, von den Feuerlndern bis zu den
Eskimos, das kann von den Hottentotten, von denen es allwrts bekannt
ist (von den Buschmnnern bezeugt es z.B. Lichtenstein 2, 355), und
trotz ihrer mehr gemischten Nahrung von den Neuhollndern, den meisten
Melanesiern, und auch, obwohl bei diesen meist die vegetabilische
Nahrung vorwiegt, von vielen Polynesiern gesagt werden, von den roheren
gewiss, doch zu Zeiten auch von den cultivirteren, wenigstens
bersteigt die Masse der bei Festlichkeiten verschlungenen Lebensmittel
alle europischen Begriffe bei weitem. Ja es kam vor, dass man bei
grossen Vorrthen, wie einst die hochcivilisirten Rmer, Brechmittel
nahm, um mit frischen Krften weiter essen zu knnen (Waitz 3, 82, vom
sdl. Nordamerika). Zwiefach gefhrlich ist eine solche Lebensart,
einmal, weil sie dem menschlichen Organismus gewiss nicht entsprechend
und also schdlich ist; und zweitens weil sie, da man alles was die
Gegenwart bietet aufzehrt und in sich stopft, Vorrthe zu sammeln aber
etwas ganz Ungewohntes ist, fr die Zukunft, fr welche Naturvlker nur
in den seltensten Fllen und auch dann meist sehr unvollkommen sorgen,
die bedenklichsten Folgen hat. Hungersnoth entsteht in Polynesien nicht
selten durch gnzliches Aufzehren aller Lebensmittel bei Festlichkeiten,
obwohl doch die meisten Vlker hier Vorrthe sammeln. Uebrigens thun
dies auch manche Indianerstmme (Waitz b, 91). Man sollte denken, gerade
die Naturvlker, durch Noth und Erfahrung belehrt, mssten am ersten fr
die Zukunft Sorge zu tragen gelernt haben, allein Waitz, der daran
erinnert, dass auch unter den civilisirten Vlkern die Individuen und
die ganzen Classen der Gesellschaft sich um die Zukunft wenig oder gar
nicht kmmern, denen zur Arbeit jedes andere Motiv fehlt, ausser der
Sorge fr ihren eigenen Lebensunterhalt, hat sehr richtig b, 84 u. 91
die psychologischen Grnde entwickelt, warum die kulturlosen Vlker nur
der Gegenwart leben. Die Hauptsache ist, dass sie allzusehr unter der
Herrschaft der sinnlichen Nerveneindrcke stehen: die Vorstellung,
welche sie gerade gegenwrtig haben, verdrngt alle anderen aus ihrem
Bewusstsein, und ist, nach Noth und Entbehrung, die Gegenwart wieder
gut, so kommt dazu der physische Genuss dieses Wohllebens, dieser Ruhe,
der die augenblicklichen Vorstellungen mit um so grsserer Macht zu
alleinherrschenden macht (Waitz 1, 351).

Aber nicht bloss sorglos sind sie um die Zukunft: wie oft zerstren sie
sich man kann fast sagen die Lebensbedingungen fr dieselbe selbst, so
namentlich auf der Jagd. Der Jger, sagt Waitz 1, 350, gerth,
besonders massenhafter Beute gegenber, wie der Soldat im heissen
Kampfe, in eine grenzenlose Wuth, er mordet mit Lust und verwstet das
Wild meist in vllig nutzloser Weise, verzehrt davon das Beste und oft
dieses kaum, wenn es im Ueberfluss sich darbietet. Daher brauchen
Jgervlker ein ganz unverhltnissmssig grosses Areal und gerathen
trotzdem oft in Noth, weil ihnen Schonung der Jagdthiere ebenso fremd
ist, als sparsames Haushalten mit Vorrthen berhaupt. Der hundertste
Theil des von den Zulus erlegten Wildes, bemerkt Delagorgue, wrde zu
seinem und seiner Begleiter Unterhalt mehr als hinreichend gewesen
sein. Die Buschmnner zerstren hufig grssere Jagdbeute aus Missgunst
und Bosheit: was sie selbst im Ueberfluss nicht gebrauchen knnen,
soll wenigstens keinem anderen zu Gute kommen, sagt Lichtenstein 2, 565
von ihnen. Aehnlich berichtet Hearne 120 von den nrdlichsten Stmmen
Nordamerikas, die das Wild schliesslich der Zungen, des Markes, des
Fettes wegen, aller Gegenvorstellungen zum Trotz, erlegten, die an
keinem Nest mit Jungen oder Eiern vorbergehen konnten, ohne es zu
zerstren. Waitz 3, 81 sieht darin nur die Sitte eines gnzlich rohen
Stammes und sagt, dass, wo diese und hnliche Sitten jetzt eingerissen
seien, es in Folge moralischer Gesunkenheit geschehen sei, da sonst
Sparsamkeit der Charakter der meisten Indianer gewesen sei. Mag
letzterer Zug ganz richtig sein: die Leidenschaft der Jagd aber, welche
kein Thier schont, findet sich in Amerika nicht nur bei verkommenen
Vlkern. Sie herrscht in Canada (Waitz 3, 85) und gewiss sonst noch aus
der aberglubischen Ansicht, dass die fliehenden Thiere die anderen
warnen und verscheuchen wrden. Von Sdamerika berichtet Azara 193
Gleiches. Dasselbe gilt von den Neuhollndern.

Und nicht genug, dass sie sich auf diese Weise die Nahrung selbst
zerstren: sie verbieten sich auch eine Menge Speisen, oft gerade die
besten, durch religisen Glauben. Zunchst sind die Frauen fast berall
in Amerika, Polynesien und Australien, in Neuholland auch die Jnglinge
und Knaben (Grey 2, 248), von den besten Nahrungsmitteln, die nur den
erwachsenen, oft nur den greisen Mnnern erlaubt sind, ausgeschlossen.
Dann aber gehrt das Totem der Indianer hierher, von dem Waitz 3, 119
sagt: Der politische Verband des Volkes beruhte in alter Zeit sehr
allgemein auf einer Eintheilung in Banden oder Geschlechter, deren jedes
durch ein Thier oder einen Krpertheil, eines Thieres als Marke
bezeichnet war, z.B. Br, Bffel, Fischotter, Falke und dergl. Nur ein
Fisch oder ein Theil eines Fisches konnte diese Marke nicht sein. Der
Name dieser Marke, Totem, kommt von den Algonkin. Wahrscheinlich
(ebend.) hatte das Totem ursprnglich eine religise Bedeutung: das
Thier des Totem war der Schutzgeist der nach ihm benannten Familie,
wurde von dieser heilig gehalten und _durfte von ihr nicht gejagt_
werden. Und ebenso verhielt es sich gewiss mit der Medicin, die jeder
Amerikaner hatte, d.h. dem Totem des Einzelnen. Denn zur Zeit der
beginnenden Mannbarkeit erscheint jedem einzelnen sein Schutzgeist in
Gestalt eines Thieres, das dann gejagt und dessen Balg stets von dem
Betreffenden getragen werden muss. Der Verlust der Medicin wrde ihm
tiefste Verachtung und bestndiges Unglck zuziehen (Waitz 3, 118-119).
Ursprnglich durfte gewiss kein Indianer das Thier, das ihm Medicin
Schutzgeist war, verzehren. Die meisten Vlker (auch die Aleuten)
stammten von solchen Thieren ab (Waitz 3, 119. 191) und auch diese waren
ihnen gewiss ursprnglich heilig, wenn sich auch spter diese Verehrung
in etwas abschwchte. Diese auffallende Sitte, die genauer betrachtet
gewiss mancherlei merkwrdige Resultate gbe[D], findet sich ganz
bereinstimmend bei den Neuhollndern, worber man Grey 2, 225-229
vergleiche. Jede Familie, oder besser, jeder Stamm, denn die Familien
sind ausgedehnt wie Stmme, hat ihr kobong Pflanze oder Thier, das ihr
heilig ist, ihr den Namen gibt u.s.w. Wie in Amerika Leute von gleichen
Totem, so durften in Neuholland Leute desselben Kobongs einander nicht
heirathen. Kein Neuhollnder tdtet sein Kobong, wenn er es schlafend
findet, auch nie, ohne ihm vorher Gelegenheit zur Flucht zu geben; war
es eine Pflanze, so durfte es der Betreffende nur zu bestimmten
Jahreszeiten und unter ganz bestimmten Ceremonien einrnten und
benutzen[E]. Hierin sehen wir eine Folge der Noth; denn ursprnglich
durfte das Kobong wohl ebenso wenig gegessen werden, wie das
amerikanische Totem. Dafr spricht auch die Form, in welcher sich die
Sitte in Polynesien erhalten hat. Denn in Polynesien gilt es noch jetzt
an verschiedenen Orten als strenges Gesetz, dass Einzelne einzelne
Thiere, in welchen ihr Schutzgeist oder der Geist ihrer Ahnen verborgen
ist, weder tdten noch essen drfen. So in Mikronesien z.B. auf Ponapi
(O'Connel bei Hale 84), auf Tikopia (Gaimard bei D'Urville V, 305-307),
auf den Fidschiinseln (Wilkes 3, 214), wohin die Sitte entweder von
Polynesien gekommen ist oder sich als malaiisches Ureigenthum, wie wir
sie auch in Neuholland finden, erhalten hat; so in Hawaii (Remy 165), in
Tahiti (Mrenhout 1, 451-57). Wir finden auf allen diesen Inseln jetzt
Gedanken an Seelenwanderung eingemischt; allein man muss bedenken, dass
der Glaube an die behtende Macht der Seelen der Vorfahren, also an den
Uebergang der abgeschiedenen Seelen in Schutzgeister der Lebenden in
Polynesien spter vielfach aufgekommen ist.

Auch anderer Aberglaube als dieser entzog bisweilen den Naturvlkern die
Nahrung, wie z.B. Grey 1, 363-364 erzhlt, dass, weil einige Eingeborene
beim Muschelessen gestorben waren, die Neuhollnder, die ihn
begleiteten, aus Furcht vor Zauberei nicht dahin zu bringen waren,
selbst durch den ussersten Hunger nicht, dass sie Muscheln assen; und
Derartiges liesse sich, wenn es fr unsern Zweck nicht zu weit fhrte,
noch mancherlei sammeln.

Dass nun die engen dumpfigen Wohnungen vieler dieser Vlker (es bedarf
hierzu keiner Belegstellen), worin oft sehr viel Menschen
zusammengepfercht wohnen und schlafen und die oft von Schmutz und
Ungeziefer starren, ungesund sind, versteht sich von selbst. Andere
Stmme (Feuerlnder, Australier u.s.w.) haben in ihren Wohnungen fast
gar keinen Schutz vor dem Wetter; die Buschmnner (Waitz 2, 344) haben
zu ihren stets wechselnden Schlafsttten Erdlcher, die sie mit
Baumzweigen berdecken, Felsspalten und Bsche. Auch auf die meist sehr
mangelhafte Bekleidung dieser Vlker braucht hier bloss hingewiesen zu
werden. Alles dies, die Art wie sie sich nhren zumeist, ist zwar
schdlich und bewirkt es, dass nirgend die Naturvlker sehr hohe
Kopfzahlen aufzuweisen haben; aber alles dies ist auch wiederum nicht
von solchem Einfluss, dass es das Aussterben dieser Vlker allein schon
erklrte; wir drfen es nur als sekundre Ursachen dafr betrachten, als
solche aber drfen wir es auch durchaus nicht bergehen oder
unterschtzen. Wre dies ihr Leben dem menschlichen Organismus
zutrglicher, so wrden sie auch manches feindliche Schicksal, welchem
sie so erliegen oder erlegen sind, berwunden haben.




 6. Charakter der Naturvlker.


Aber nicht bloss diese Fahrlssigkeit in Bezug auf ihr usseres Leben
schadet den Naturvlkern: ihr ganzer Charakter, wie er sich im Laufe der
Jahrtausende entwickelt hat, steht einem krftigen Gedeihen im Wege und
so mssen wir auch diesen, wenigstens nach einigen Seiten hin,
betrachten. Zunchst ist unter ihren geistigen Eigenschaften ihre
furchtbare Trgheit hervorzuheben, welche z.B. in Mikronesien so weit
geht, dass man viel zu indolent ist gegen eine frchterliche Form des
Aussatzes, welche in ihrem Anfang noch heilbar und leicht heilbar in
ihrer Entwickelung ebenso qualvoll als absolut tdtlich wird, auch nur
das Mindeste zu thun: man sieht dem ersten Anfange, der noch nicht
belstigt, mit grsster Seelenruhe zu, bis jede Hlfe zu spt ist
(Virgin 2, 103). Diese Faulheit, welche Waitz 1, 350; b, 84, 90 und
sonst zur Genge geschildert hat, ist denn auch ein Grund, weshalb
Naturvlker so selten Vorrthe sammeln, ja verhindert sie oft nur
auszugehen, um Nahrung zu suchen, wie Grey 2, 262-63 von den
Neuhollndern sagt; namentlich im Sommer bei Hitze und im Winter bei
Klte und Nsse leiden sie Hunger, die Folge ihrer Trgheit. Beispiele
von den Hottentotten zu geben wre berflssig. Diese Trgheit schadet
ihnen aber noch auf ganz andere Weise. Denn wie Fleiss, Interesse und
geistige Anspannung auch krperlich anregen und grssere Kraft und dem
ganzen Organismus auch leiblich erhhteres Leben verleihen, so schwcht
umgekehrt fortgesetzte Schlaffheit und geistige Trgheit, wie sie die
Naturvlker in so hohem Grade ausser wenn sie Noth treibt bekunden, auch
die leibliche Kraft und die Funktionen des Krpers scheinen darunter zu
leiden. Wenn nun dieser Zustand durch leibliche und geistige Vererbung
(auch der Einfluss geistiger Vererbung ist von grsster Bedeutung und
wohl noch nicht berall hinlnglich gewrdigt) sich immer mehr
befestigt, so muss er auf das Gedeihen der Naturvlker einen immer
gefhrlicheren Einfluss haben. Allerdings ist das Ineinandergreifen des
leiblichen und geistigen Lebens ein schwieriger und dunkler Punkt, auf
den aber gerade deshalb ganz besonders aufmerksam gemacht werden muss.

So entwickelt sich denn aus dieser Trgheit des usseren auch eine
Starrheit und Unbeweglichkeit des geistigen Lebens, die gleichfalls von
den schlimmsten Folgen fr diese Vlker ist, schon dadurch, dass jeder
gute Einfluss der Europer auf sie, jeder Versuch, sie zur Kultur
emporzuheben, ausserordentlich erschwert wird. Dadurch abgeschreckt
haben auch vorurtheilsfreie Mnner, wie Meinicke, behauptet, sie seien
zu jeder Kultur unfhig, und doch ist, wie Erfahrungen bei allen
Naturvlkern bewiesen haben, nichts falscher, als diese Behauptung. Da
nun diese Starrheit mit jeder Generation nach und nach zunimmt, so
wirken auch historische Schicksale, Wanderungen und dergl. unendlich
viel schwerer auf diese Vlker, als sie vor so vielen Jahrtausenden auf
die Indogermanen, die Semiten, als sie auch auf die gebildeteren
Polynesier und Amerikaner wirkten. Daher versinken sie immer mehr und
mehr in Roheit und Stumpfheit, und es ist nicht bertrieben, zu
behaupten, dass, auch wenn sie allein auf der Welt wren, ohne jeglichen
feindseligen Einfluss von aussen her, sie dennoch, wie jetzt ihre
Entwickelung oder wohl besser ihre Verhrtung ist, nach und nach
langsam vergehen und erlschen wrden. Denn nichts ist der menschlichen
Natur, die so sehr auf Wechselbeziehung zwischen Leib und Seele
gegrndet ist, schdlicher, als eine solche Unthtigkeit beider.

Ein dritter Zug ihres Charakters, der uns hier nher angeht, ist eine
gewisse Melancholie, die sich, wie bekannt, zumeist bei den Amerikanern
findet. Doch auch die scheinbar so frhlichen Polynesier, wenn man
gleich ihr Temperament nicht wie das der Amerikaner melancholisch nennen
kann, zeigen manches Entsprechende. So resigniren sich die Tahitier ber
ihr Aussterben durch den oft wiederholten Ausspruch, den wohl Ellis (1,
103-104) zuerst mittheilte: der Hibiskus soll wachsen, die Koralle sich
ausbreiten, der Mensch aber dahinsterben; und es war melancholisch,
sagt Darwin (2, 213), die schnen energischen Eingeborenen Neuseelands
sagen zu hren, sie wssten, dass das Land nicht das Eigenthum ihrer
Kinder bleiben wrde. Fr Kamtschatka ist wichtig, was v. Kittlitz ber
das Klima dieses Landes sagt, das bald (oder Einzelne) zur tiefsten
Melancholie stimme, bald (oder Andere) zur hchsten excentrischsten
Freude aufrege. Die Schilderungen der Aleuten bei Kotzebue, Chamisso,
Langsdorff u.a. enthalten ganz hnliche Zge von Niedergeschlagenheit,
die allerdings hier mit grossem Phlegma gepaart scheint.

Es ist klar, dass diese Melancholie mit jener schon besprochenen
Trgheit zusammenhngt; denn diese raubt dem Geist der Naturvlker, der
nach aller Naturvlker Art ganz und gar vom jedesmaligen sinnlichen
Eindruck und meist nur von solchen abhngig ist, die besonnene und feste
Willens- und Widerstandskraft immer mehr. So wie nun aber jeder
Willensakt eine rein physische Nerventhtigkeit voraussetzt, so wird
auch fortgesetztes Nichtwollen zum bleibenden Nervenhabitus, zum nicht
Wollenknnen und dadurch vom belsten Einfluss auf die Seele, der, wenn
dieser letzteren Leiden entgegentreten, um so grsser und vernichtender
wird.

Das zeigt sich nun schon bei den Naturvlkern im Leben der Individuen.
Wir sahen, dass Krankheiten berall als Bezauberung oder Einwirkung von
Dmonen gelten; viele aber, die von Krankheiten befallen sind, sterben
aus keinem andern Grund, als aus Melancholie ber die vermeintliche
Bezauberung. Beispiele fr Neuseeland gibt Dieffenbach 2, 16, Browne 75;
fr Tahiti Ellis 1, 364, 367-68; fr Neuholland, wo eine namenlose Angst
vor Bezauberung herrscht, Grey 1, 363-64. 2, 336-40; fr Nordamerika, wo
der Tod aus aberglubischer Furcht gar nicht selten ist, Waitz 3, 213:
und nach allem Gesagten werden wir in den Lndern, wo Krankheit durch
Zauberei entsteht oder als Folge von Snden gilt, wie z.B. in
Kamtschatka, wo Krankheit und Tod erfolgen, wenn man Kohle mit dem
Messer spiesst oder Schnee mit dem Messer von den Schuhen schabt (Waitz
1, 324), in allen diesen Lndern, also bei allen Naturvlkern werden wir
auch ein solches Hinsterben Einzelner aus Angst und Aberglauben finden.




 7. Ausschweifungen der Naturvlker.


Die gnzliche Abhngigkeit der Naturvlker von sinnlichen Eindrcken hat
auch noch eine andere sehr gefhrliche Folge fr sie, durch welche
einzelne Stmme ernstlich bedroht worden sind: wir meinen die
Ausschweifungen, denen viele von ihnen verfallen sind, im Trunk und vor
allen in geschlechtlicher Beziehung.

Zwar von den gebildeten Vlkern Amerikas, den Mexikanern und ihren
Verwandten sowie den Peruanern, kann man nicht behaupten, dass sie nach
dieser Seite hin Vorwrfe verdienten; freilich kamen bei ihnen
Ausschweifungen und grobe, ja unnatrliche Laster vor, freilich gab es
bei ihnen ffentliche Dirnen, aber alles das war keineswegs ausgebreitet
und durchaus verachtet, so dass wir sie in dieser Beziehung viel hher
stellen mssen, als die heutigen Kulturstaaten Europas. Die Schilderung
freilich, welche wir bei Pppig 375 finden, oder was uns der berchtigte
Ortiz, ein Mnch zur Zeit der Entdeckung, erzhlt, enthlt des
Scheusslichsten auch nach dieser Seite viel; Ortiz Darstellung sollte
aber nur die Behandlung, welche das Land durch die Conquistadoren
erfuhr, rechtfertigen und so hufte sie alle Laster auf die Indianer.
Pppigs Nachrichten beruhen auf hnlichen Quellen, die gleichfalls ganz
unzuverlssig und meist unwahr sind. Wenn z.B. Gomara (bei Pppig)
berichtet, dass Balboa 50 Pderasten in Quarequa in Darien und ebenso
(Waitz 4, 350) den Herrn dieses Landes um desselben Lasters willen von
Hunden zerreissen und dann verbrennen liess, so ist es ganz klar, dass
hier die Anklage nur erfunden wurde, um die scheussliche Grausamkeit
Balboas zu bemnteln, der selbst sagt, das Laster sei nur von den
Vornehmen verbt, vom Volke verabscheut. Denn dass spanische Soldaten,
unter welchen es gleichfalls vorkam (Waitz 3, 383), jemals dafr und gar
so frchterlich gestraft wren, davon wird nichts erwhnt. Waitz im 4.
Bande der Anthropologie hat nun ganz klar und deutlich bewiesen, dass
solche Ausschweifungen nur einzeln und selten bei diesen Vlkern sich
fanden, wofr die strengen Strafen, welche bei ihnen allen auf solchen
Lastern oder auf sonstiger Unzucht standen, sprechen; vergl. Waitz 4,
85. 88. 131. 307. 350. 367 u. sonst. Ebenso wenig waren solche Laster,
wie Pppig a.a.O. will, Volkslaster in Peru; freilich haben die
Conquistadoren auch hier das rgste zu erzhlen gewusst und mussten,
nach ihren Berichten, die grausamsten Strafen gegen die Lstlinge
anwenden; wenn man aber liest (Waitz 4, 478), wie der gefangene Inka
Manko Capak, Atahualpas Bruder, die Spanier flehentlich bat, dass man
ihn doch wenigstens nicht zum Feuertod verurtheilen oder den Hunden
vorwerfen, sondern nur aufhngen mge, so wirft das auf jene Strafen ein
ganz eigenthmliches Licht. Auch beweisen die Zeugnisse bei Waitz 4,
417, dass auch in Peru solche Laster, Ehebruch oder gar Pderastie,
durchaus nicht verbreitet waren, sondern nur vereinzelt vorkamen, wofr
wiederum die strengen Strafen, welche die einheimischen Landesgesetze
gegen derartiges verhngten, sprechen.

In Nordamerika war, wie bei den eben besprochenen Vlkern, Polygamie
erlaubt, keineswegs aber sehr ausgedehnt (Waitz 3, 109). Weibertausch
kommt vor, als Freundschaftszeichen unter Familien (Hearne 128), ebenso
auch Prostitution aus Gastfreundschaft. Keuschheit der Mdchen war
berhaupt etwas, auf das man bei vielen Vlkern und namentlich bei den
roheren, keinen Werth setzte (Waitz 3, 111). Schlimmere Dinge und
namentlich Blutschande erwhnt als gewhnlich bei den Athapasken Hearne
128, der auch sonst den Anwohnerinnen der Hudsonsbai arge
Ausschweifungen Schuld gibt (126-27). Unnatrliche Laster werden
vielfach bei den Vlkern Nordamerikas erwhnt und Mnner in
Weiberkleidern finden sich freilich an vielen Orten, so bei den
Illinois, in Florida, bei den Mandans, den Osagen, den Kansas u.s.w.
(Waitz 3, 113); auch bei den Bewohnern Nutkas wird Aehnliches erwhnt
(eb. 133), obgleich sie sowohl wie die Koluschen im ganzen keusch leben,
anders wie die Chinook (am Columbia), bei denen Prostitution und
sinnliche Ausschweifungen verbreitet waren (eb. 337). Strenger sind die
Vlker vom Oregongebiete. Uebrigens ist das nicht immer ein Zeichen von
unnatrlichen Lastern, wenn Mnner Weiberkleider tragen; denn einmal
scheint manche aberglubische Vorstellung (eb. 113) damit verbunden zu
sein, in anderen Fllen war es wenigstens eine symbolische, wie z.B. die
Delawares von den Irokesen zu Weibern gemacht, d.h., gezwungen wurden,
als sie gnzlich besiegt waren, den Weiberrock anzuziehen (Waitz 3, 23.
b, 158) und auch bei den Chibchas in Neu-Granada Feiglinge mit einem
Weiberrock bekleidet wurden (4, 361). Bei den Illinois standen die so
gekleideten Mnner in besonderem Ansehen (3, 113) und ganz hnlich war
es bei den nrdlichen Patagoniern (3, 506), wo die Zauberpriester, deren
einen jede Familie hatte, Weiberkleider trugen. Auch was Combes (Hist.
de las islas de Mindanao Madrid 1667 p. 55) erzhlt, dass es bei den
Subanos auf Mindanao Mnner gbe, welche unverheirathet blieben,
Weiberkleider trgen, aber geehrt wren und keusch lebten, zugleich aber
auch physisch ein weibliches Aussehen htten, werde hier als merkwrdige
Parallele erwhnt.

Den Cariben in Sdamerika wird von den lteren spanischen
Schriftstellern gleichfalls der Vorwurf unnatrlicher Lasterhaftigkeit
gemacht, doch hat Waitz 3, 383 Recht, wenn er auch diesen Vorwurf fr
unrichtig hlt, denn auf ihn pflegte hauptschlich der Anspruch
gegrndet zu werden, die Eingeborenen zu rechtmssigen Sklaven zu
machen. Andere Schriftsteller lugnen auch, dass hier solche Laster
vorgekommen seien; doch fanden sich Mnner in Weiberkleidern auch hier
(Oviedo bei Waitz 3, 383). Auch die Tupis in Brasilien lebten streng (3,
423); ebenso die Araukaner (3, 516). Hiermit stimmen auch alle
Nachrichten bei Azara; nur dass er den Weibern der Mbayas, bei denen
Polygamie erlaubt ist, mancherlei Ausschweifungen vorwirft (249-50).

Es ist nicht nthig, dies bei den Amerikanern weiter zu verfolgen; fr
uns gengt das Ergebniss, dass zwar mancherlei Ausschweifungen
namentlich in Nordamerika unter ihnen sich vorfanden, dass diese aber
keineswegs allgemein und bedeutend genug waren, um aus ihnen die
Verminderung der Kopfzahl dieser Vlker zu erklren. Dass aber, seit der
Bekanntschaft mit den Europern diese Ausschweifungen sehr zugenommen
haben, ist eine traurige Wahrheit.

Dem Trunk war man in Mittel- und Nordamerika nicht ergeben und ist es
verhltnissmssig auch jetzt noch nicht. Allerdings kannte man in Mexiko
mehrere geistige Getrnke (Waitz 4, 98), von denen das eine, Pulque,
Agavesaft, den man durch Ausschneiden des Herzens der Pflanze, wenn sie
den mchtigen Schaft treiben will, gewinnt und ghren lsst, auch von
Europern (Humboldt a 3, 99) mit wahrer Leidenschaft getrunken wird;
allein die Mexikaner waren mssig, wie schon aus ihren Gesetzen
hervorgeht. Der Trunk wurde darin so streng geahndet, dass irgend welche
Verbreitung desselben ganz unmglich war (Waitz 4, 83-84). Auch in
Californien war er selten (eb. 240. 242). Die Eingeborenen von
Nikaragua, von welchen auch verschiedene geschlechtliche Ausschweifungen
berichtet werden, sollen nach Oviedo auch dem Trunke ergeben gewesen
sein; allein allzu sicher sind diese Nachrichten nicht (Waitz 4, 279).
Auch die Peruaner, obwohl sie verschiedene geistige Getrnke hatten,
waren dem Trunke nicht ergeben (4, 429), so wie sie auch dem Genuss der
Coka, die im ganzen Land gebaut wurde, nicht bermssig frhnten; dem
Volk war sie ganz verboten (422). Obwohl nun die Eroberung des Landes
die Sitten vielfach verschlechterte, so sind doch auch jetzt noch weder
die Peruaner (500) noch die Mexikaner (196) und die ihnen verwandten
Vlker dem Trunk ergeben (227)--wenn es auch Feste gab, z.B. in Yukatan,
bei welchem sich die Weiber berauscht haben sollen (4, 307), oder bei
denen, wie in Nikaragua, allgemeine Zgellosigkeit herrschte (279). Denn
bei allen solchen Festen waren gewiss, wie bei hnlichen semitischen und
indogermanischen, religise Motive wirksam.

Anders war es in Sdamerika, wo Schomburgk 2, 420 die Cariben als
Trunkenbolde schildert; und schon von Alters her hatten sie ausser
andern ein berauschendes Getrnk aus Cassadabrod, welches zerbrochen,
mit heissem Wasser zu einem Teig zerrhrt, dann von alten Weibern
durchgekaut und in einen Trog gespieen wurde, wo es nun ghren musste
(Schomburgk 1, 173); ganz hnlich bereiteten die Tupis einen
berauschenden Trank aus Mais oder Hirse, wobei das Getreide gekocht und
von alten Weibern durchgekaut wurde. Sie nannten es Caouin oder Kaveng
und sowohl durch die Bereitungsart als durch den Namen wird man an den
gleich zu erwhnenden polynesischen Kavatrank erinnert (Waitz 3,
423-24). Gegohrene Getrnke hatten die Araukaner (3, 509), die
Chiquitos, die dem Trunke sehr ergeben waren (eb. 530) und sind (533),
die Moxos (537), welche ihn gleichfalls sehr lieben und andere Vlker
schon vor der Entdeckung. Dass nun durch den Einfluss der Europer diese
Neigung nicht vermindert, sondern nur gestiegen ist, begreift sich; und
so wird es uns von den Cariben (Schomburgk 1, 173) von den Warans (eb.
1, 123), den Charuas (Azara 184), den Mbayas (eb. 242) u.s.w. berichtet.

In Nordamerika, bei den Indianern der Vereinigten Staaten, waren vor den
Europern keine geistigen Getrnke in Gebrauch, ja Wasser war fast das
einzige Getrnk, was sie genossen, wie Waitz 3, 82 ins Einzelne
ausfhrt; ebenso war es bei den Koluschen und den Chinooks (3, 84. 337).
Wenn nun der Trunk, der Branntwein in Nordamerika doch so traurige
Folgen gehabt und ganze Stmme dahin gerafft hat, so dass man oft genug
die Behauptung findet, die Indianer seien von Natur dem Trunke ergeben
gewesen; so fordert dies zur genaueren Untersuchung der Sachlage auf,
die sich nach Waitz 3, 83-84 und 270, der die Quellenbeweise beibringt,
so stellt, dass die Indianer sich aufs strkste gegen den Verkauf von
Branntwein gewehrt und viele Vertrge geschlossen haben, in welchen die
Einfuhr derselben ausdrcklich verboten war, dass aber der Branntwein
dennoch, sogar mit Gewalt, von den europischen Nationen den
Eingeborenen aufgezwungen ist, theils um das Produkt abzusetzen, theils
um sie im Trunke zu betrgen, theils auch geradezu, um sie durch den
Trunk zu vernichten. Das ist denn nur allzugut gelungen; denn wenn auch,
trotz der vorherrschenden Sinnlichkeit, die Amerikaner einen hchst
beachtungswerthen Widerstand diesem Genussmittel entgegensetzten, so
konnte dieser eben bei ihrer Natur kein absoluter sein; fters zwang sie
der Nahrungsmangel zum Trunk und ein sehr hufiger Grund, sich dem
Trunke zu ergeben (der auch in Mittelamerika vielfach vorkam) war der,
dass man aus der grenzenlosen Flle des Elends ringsher sich wenigstens
einmal wieder durch den Rausch in einen glcklichen Zustand versetzen
oder dass man sich in der Verzweiflung betuben wollte. Uebrigens haben
Vlker und Individuen sich dem Laster des Trunkes auch wieder zu
entreissen vermocht (Waitz b, 43). Eigentlich also gehrte diese
Betrachtung erst dahin, wo wir vom Einfluss der Weissen auf die
Naturvlker sprechen werden, indess mag ein solches Vorausnehmen, des
Zusammenhangs wegen und um den einen Gegenstand zu erschpfen, gleich
hier seine Entschuldigung finden. Tabak hat ebensowenig als Coka
geschadet.

Wenn nun auch die Hottentotten und die Buschmnner gar keinen Werth auf
die Keuschheit der Mdchen und Weiber legen, so waren sie doch weder in
geschlechtlicher Beziehung noch im Trunk sehr ausschweifend, whrend wir
bei den Aleuten und Kamtschadalen die Verhltnisse wesentlich anders
finden. Dem Trunk waren namentlich die Kamtschadalen ganz
auerordentlich ergeben (Krusenstern 3, 53) und wie diese Leidenschaft
von den europischen Pelzhndlern zu ihrem Verderben benutzt ist, werden
wir spter sehen. Aber auch die Aleuten liebten dies Laster (Waitz 3,
314), wie sie auch sonst sehr ausschweifend lebten. Die Weiber hatten
(nach Wenjaminow in Ermans Archiv bei Waitz 1, 356 Note) zwei Mnner,
einen aus hherem Stande und einen Nebenmann aus niederem; dem Gast
stellte der Wirth, um ihn gastfreundlich zu ehren, das eigene Weib zur
Verfgung. Auch der Pderastie waren sie ergeben (Waitz 3, 314) und die
stumpfsinnige Melancholie, in der sie z.B. Chamisso vorfand, scheint
nicht wenig durch derartige Ausschweifungen veranlasst zu sein. Den
Kamtschadalen schadete gar sehr der grosse Weibermangel, der nach
Krusenstern 3, 44, bei ihnen herrschte und nicht nur die Moralitt
gnzlich, sondern auch die Fruchtbarkeit der Ehen zerstrte. xyxyxy Die
Neuhollnder, obwohl sie von den Unverheiratheten beider Geschlechter
keine Keuschheit verlangen, obwohl sie an einigen Orten die Weiber ihren
Gastfreunden anbieten und sie mit guten Freunden tauschen (Angas 1, 93),
sind doch so eiferschtig, dass verheirathete Frauen sehr zurckhaltend
sein mssen (Grey 1, 256). Polygamie ist bei ihnen hufig, aber man kann
sie eigentlich nicht ausschweifend nennen. Auch geistige Getrnke hatten
sie nicht. Von den Melanesiern wird nichts auffallend Schlimmes
berichtet, wohl aber von manchen Orten das Gegentheil; so herrschen,
nach Malte Brun in Bullet. de la soc. geogr. 1854, I, 238, auf
Neucaledonien, wenn auch die Weiber ganz sklavisch gehalten werden,
geschlechtliche Ausschweifungen nicht. Polygamie ist allerdings auf den
Inseln Sitte (Turner 86. 371. 424), allein wirklich ausgedehnt nur bei
Huptlingen und in selteneren Fllen. Ehebruch kommt, aus Furcht vor
Strafe, kaum vor (Turner 86 in Bez. auf Tanna), allein Keuschheit der
Unverheiratheten ist hier so wenig verlangt als sonst irgendwo bei den
Naturvlkern. Whrend nun Erskine 256 von den Fidschis sagt, dass sie
sehr enthaltsam lebten und Ekel vor Ausschweifungen empfnden, so
behaupten William und Calvert 1, 134, dass sie sehr zgellos und grobe
Ausschweifungen bei ihnen verbreitet seien. Mglich, dass Erskine ein zu
gnstiges Urtheil fllte; jedenfalls aber stehen die Fidschiinsulaner
sehr viel hher als die Polynesier in dieser Beziehung und mgen wohl
erst durch den fortwhrenden Verkehr mit den Fremden zu dieser
Zgellosigkeit gesteigert sein.

Am schlimmsten mssen wir ber die eigentlichen Polynesier urtheilen,
unter denen Trunk und Wollust schon vor den Europern aufs rgste
gehaust haben. Aus der Wurzel vom Piper methysticum, dem Kavapfeffer,
bereitete man, indem sie (an den meisten Orten von alten Weibern) gekaut
und dann ausgespieen wurde, durch Aufguss von Wasser ein eigenthmliches
Getrnk, dem alle Polynesier sehr zugethan waren. Es berauscht nicht
eigentlich, da es die Besinnung nicht raubt, aber, indem Gang und Zunge
schwer werden, versetzt es den Geist in einen hnlichen Zustand, wie das
Opium; auch wollstige Trume u. dergl. sollen seinem Genuss folgen, der
oft wiederholt allgemeine Schwche, Zittern, geistige Stumpfheit,
Abmagerung und schliesslich scheussliche Hautkrankheiten hervorbringt,
Geschwre, welche aufbrechen und arge Narben zurcklassen. Aber gerade
diese Narben galten als Ehrenzeichen (Hale 43). Namentlich auf Tahiti
und auf Hawaii war der Kavatrank beliebt; grosse Kavafeste auf Tonga
beschreibt Mariner, auf Fidschi d'Urville b 4, 207 und Hale 63. Dagegen
trank man ihn auf Neuseeland, obwohl man ihn kannte, nicht. Auch in
Mikronesien, wo indess die Wurzel zerrieben, nicht gekaut wurde, war der
Kavatrank sehr beliebt und sehr verbreitet (Hale 83: Gulick 417). Was
jedoch die schdlichen Einwirkungen dieses in der That hchst
gefhrlichen Trankes sehr milderte, war der Umstand, dass er ein
heiliges Getrnk war. Freilich durfte er daher bei keiner irgend wie
bedeutenderen Gelegenheit fehlen; aber nur die Frsten waren es, die ihn
trinken durften, nie das Volk, und auch die Frsten nur bei und unter
bestimmten Feierlichkeiten (Hale 43, fr Mikronesien Novara 1, 371). So
hat denn auch der Schade, den dieser Genuss hervorrief, fast nur die
Frsten und den Adel getroffen. Gegen den Branntwein (Rum u.s.w.) hatten
alle Polynesier einen grossen Widerwillen (Novara 2, 337 fr
Mikronesien), und wenn er trotzdem in Tahiti und Hawaii so verderbliche
Wirkungen hervorgerufen hat, so muss man bedenken, wie er zu Tahiti von
den Franzosen, zu Hawaii von diesen sowie den amerikanischen und
europischen Kaufleuten unter heftigem Widerstreben der Missionre und
gegen den Willen der Eingeborenen (vergl. z.B. Lutteroth Geschichte der
Insel Tahiti 172 u. sonst) gewaltsam eingefhrt ist. Und schlimm genug
waren die Folgen dieser Einfhrung. Als die Tahitier von fremden
Seeleuten und Sandwichinsulanern geistige Getrnke von einheimischen
Wurzeln zu destilliren gelernt und Rum in reichlicher Menge von ihnen
empfangen hatten, da verbreitete sich Trunksucht sehr allgemein, und
alle die Demoralisation, die Verbrechen, das Elend, welches ihr folgt,
kam ber das Volk. Unthtigkeit wuchs, Streit in den Familien nahm
berhand, die Verbrechen der Areois (ber welche wir sogleich reden)
nahmen zu, sagt Ellis 1, 108 und so wie hier und noch rger war es zu
Hawaii und an den Ksten von Neuseeland. Allein die Eingeborenen (vergl.
Ellis u.a.O.) haben sich an vielen Orten, Dank dem reinen Eifer der
Missionre, wieder von diesem so gefhrlichen Laster befreit; in
Neuseeland sowohl wie in Hawaii schadet der Rum nur an den Kstenpltzen
den Eingeborenen und das berall wachsende Christenthum hat siegreich
auch in Tahiti und sonst diese Gefahr im Allgemeinen abgewendet.

Bei weitem verhngnissvoller aber wirkten die geschlechtlichen
Ausschweifungen, die wohl bei keinem Volk der Welt so schamlos
verbreitet waren, wie in Polynesien. Jede Reisebeschreibung (auch andere
Bcher als die schamlose Reise der Pandora von Hamilton) rechtfertigt an
hundert Stellen den Namen la nouvelle Cythere, welchen Bougainville der
Insel Tahiti gab. Nicht nur, dass auf Tahiti, Hawaii, Neuseeland, auch
auf Tonga (obwohl man hier strenger lebt) und auf Samoa (nach Wilkes)
wenigstens Fremden gegenber die Mdchen ganz frei waren; so ist auch
nirgends die Prostitution der Weiber durch Vter, Brder, Gatten frecher
betrieben wie hier. Polygamie herrschte berall. Gastfreunden bot man
die Weiber an, vornehme Frauen lebten ganz zgellos. Fr Hawaii bezeugt
dies, um nur einige Beweisstellen anzufhren, Jarves 80, fr Tahiti Cook
und alle andern Reisenden, fr Waihu Mrenhout 1, 26, fr die Markesas
Porter (Journal of a cruise in the Pacif. Ocean 1812-14) 2, 60,
Krusenstern 1, 221; nach Mathias G*** 152 herrscht indess Prostitution
nur in den Hfen. Neuseeland stand etwas hher; doch waren auch hier die
Mdchen vollstndig ungebunden (Dieffenb. 2, 40). Die Weiber selbst
lockten die ankommende Mannschaft von Wallis Schiff durch die
unanstndigsten Geberden ans Land und die Mnner, welche das Geschft
abschlossen, forderten schon damals fr schne Frauen, Tchter,
Schwestern u.s.w. hhere Preise als fr minder schne (Wallis 214 ff.
256). Ja vor aller Augen, und nicht etwa aus Roheit, wie die Bewohner
der Palauinseln nach Kadus Zeugniss bei Chamisso 137[F], sondern
umstanden von vornehmen Weibern, unter denen die Knigin selbst,
vollzogen sie die Begattung, zum Ergtzen der Umstehenden, welche dem
Paare, namentlich dem betheiligten Mdchen, Lehren gaben, um die Lust zu
erhhen--doch das war nicht nthig, denn, obwohl das Mdchen erst 11
Jahre zhlte, so wusste sie doch mit allem schon guten Bescheid (Cook b,
126-27, vergl. 86. 106). Da ist es nicht zu verwundern, dass schmutzige
Gegenstnde sehr hufig, vor aller Ohren, Inhalt der Unterhaltung waren
und nur belacht wurden. Ueberall herrschte Polygamie; auf Tahiti,
Nukuhiva und Hawaii (Turnbull 65, Stewart 129, Porter 2, 30) kamen
Heirathen unter Geschwistern vor, jedoch nur in der regierenden Familie,
die auf andere Art keine ebenbrtige Ehe schliessen konnte, da alle
anderen Adelsgeschlechter an Rang unter ihr standen (Ellis 4, 435). Auf
den Markesasinseln war es nach Melville 2, 122-23 Sitte, dass die
Weiber, hnlich wie die Aleutinnen, zwei Mnner hatten, einen wirklichen
Gatten und einen Nebenmann, der ganz die Rechte wie jener besass, auch
im Frieden mit ihm lebte; welche Sitte nach Melville darin ihren Grund
hatte, dass es weit mehr Mnner als Frauen gab. Mathias G*** sagt 111
dasselbe, was auch sonst noch vielfach besttigt wird. Auch unnatrliche
Lste, denen in Tahiti ein eigener Gott vorstand (Mrenh. 2, 168), waren
sehr ausgedehnt. Mnner in Weiberkleidern finden wir, wie in Amerika,
auch zu Tahiti, aber hier nur im Dienste der widernatrlichen Wollust
(Turnbull 306); und da nun die Mnner des gemeinen Volks, damit die
Frsten desto mehr Weiber htten, oder weil sie den Kaufpreis fr die
Frauen nicht zahlen konnten, fast immer unverheirathet bleiben mussten,
so war Onanie unter ihnen in solchem Grade getrieben, dass sie dadurch
meist unfhig wurden, einem Weibe noch beizuwohnen (Wilson 311). Ihre
Verbrechen in dieser Art sind zu entsetzlich, als dass sie alle erzhlt
werden knnten, sagt Wilson (1799) a.a.O. Noch Ellis (1, 98) fand
dasselbe vor, er sagt, die Schilderung, welche Paulus von den Heiden im
ersten Kapitel des Rmerbriefes mache, passe durchaus auf die Tahitier.
Auch in Hawaii waren unnatrliche Laster ganz gewhnlich, von denen
Pderastie nur oder wenigstens vorzugweise unter den Frsten vorkam
(Remy XLIII).

Mikronesien steht viel hher in dieser Beziehung, mit Ausnahme der alten
Marianer, unter denen, freilich nach den alten spanischen Berichten
(Salaar bei Oviedo XX, 16), eine arge Zgellosigkeit herrschte, und le
Gobien berichtet manches entsprechende. Aber sonst fanden die ersten
europischen Besucher in Mikronesien keine Ausschweifungen, weder im
Trunk noch in der Liebe vor, wenn auch die Mdchen leicht zu gewinnen
waren: und schamhaft waren sie alle (Chamisso 91. 119). Uebrigens
herrschte, nach Chamisso 118-19, Polygamie auch auf Ratak und besonders
nahe Freunde besassen auch die Weiber gemeinschaftlich.--Auch im
eigentlichen Polynesien gab es reinere Bezirke, so Tonga, wo die
Jnglinge von Staatswegen zur Keuschheit ermahnt wurden: nie sollten sie
Gewalt anwenden, nie sich gegen Ehefrauen vergehen (Mariner 1, 138);
allein auch hier waren die Unverheiratheten ganz frei und ebenso die
verheiratheten Mnner (2, 174), auch hier waren Unanstndigkeiten der
hufige und gern belachte Inhalt des Gesprches, die man nur vor
verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte noch grssere
Sittenstrenge.

Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti, ber welche
Mrenhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff. handeln, und die auch wir kurz
besprechen mssen, wenn wir an diesem Ort auch nur auf die furchtbare
Unsittlichkeit hinweisen, welche in dieser ursprnglich religisen
Gesellschaft herrschte. Mnner und Weiber lebten in ihr aufs hchste
ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu
tdten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie Gtter
erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste, Schauspiele, Tnze vor
der Menge aufzufhren. Wir finden diese Gesellschaft nicht bloss auf
Gesellschaftsinseln, sondern (Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im
Markesasarchipel (Mrenh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den
Uritaos der Marianen ganz das Nmliche erzhlt, die in aller
Zgellosigkeit mit den Mdchen des Landes zusammenlebten, selbst in
Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von hherer Weihe
waren (Freycinet 2, 368)--so werden wir auch diese, wie schon ihr Name
derselbe ist, mit jenen Areois trotz Meinickes Widerspruch (b, 79)
zusammenstellen mssen.

Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in solcher
Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen Bevlkerung
untergruben und sie haben es gethan. Schon eine bis zwei Generationen
vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach den Aussagen der
Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis 1, 105) und dass
hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht allein, so doch zum
grssten Theil schuld waren, kann man gewiss behaupten. Ihren
entnervenden Einfluss schildern wenigstens die zuverlssigsten
Augenzeugen in den dstersten Farben, wie Ellis 1, 98 und Turnbull
(1804) 307. Und ferner ist es sehr begreiflich, dass solche entnervte
Wstlinge sehr viel und leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als
gesunde Menschen, dass Krankheiten viel heftiger bei ihnen wthen
mussten und dass sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch
verbreiten und gefhrlich erweisen musste.




 8. Unfruchtbarkeit. Knstlicher Abortus. Kindermord.


Aber eine andere noch schlimmere Folge dieser Ausschweifungen ist die
Unfruchtbarkeit der Weiber, welche in Polynesien hauptschlich auf
diesem einen Grund beruht. Die Unfruchtbarkeit der Ehen auf den
Markesas, welche schon Krusenstern 1, 255-56 und dann Melville 2, 125
betont, erwhnt auch Mathias G*** 108 mit starkem Nachdruck.
Unfruchtbarkeit ist in Hawaii sehr verbreitet (Virgin 1, 268); in Tahiti
wird es erst in neuerer Zeit besser und Dieffenbach 2, 15-16 gibt als
eine der Ursachen fr das Hinschwinden der Maoris die geringe
Fruchtbarkeit ihrer Weiber an.

Da nun aber ganz analoge Erscheinungen sich in Melanesien (wo z.B. auf
Erromango schon eine hohe Kinderzahl ist, Turner 494), in Neuholland
(Grey 2, 248 ff.) und namentlich in Amerika vorfinden, so hat man, vor
allem mit Rcksicht auf die Eingeborenen des letzten Landes gesagt, die
geringe Fruchtbarkeit sei ein charakteristisches Merkmal fr niedere
Raen, das in ihrer Natur selbst begrndet liege. Allerdings haben die
Weiber der Botokuden (Tschudi 2, 284), der Makusi (Schomburgk 2, 312)
der meisten brasilianischen Vlker (Azara an vielen Stellen) und ebenso
auch der meisten Nordamerikaner (wofr Waitz 1, 169 die Beispiele
zusammenstellt) sehr wenige, oft auch gar keine Kinder; allein wie man
hierin ein Raenmerkmal finden soll, ist fr Unbefangene unmglich
abzusehen. Denn erstlich zeigen sich eine lange Reihe usserer Grnde,
wodurch die Unfruchtbarkeit bewirkt wird; ausser den schon besprochenen
Grnden wie Ausschweifungen, Krankheit u. dergl., die auch in Amerika
und vor allen auf Kamtschatka und den Aleuten wirkten, muss hier auf das
gleichfalls schon erwhnte lange Sugen hingewiesen werden, welches der
Fruchtbarkeit Abbruch thut, ferner und ganz besonders auf die meist
beraus elende Stellung der Weiber, auf die Noth, die ewigen Mhsale,
unter denen sie ihr Leben hinbringen mssen. Dann heirathen viele Vlker
nur im eigenen Stamm und man kann wohl sagen, da bei vielen kleineren
Vlkern Stamm und Familie so ziemlich zusammenfllt, in derselben
Familie; dass aber auch hierdurch eine Verminderung der Fruchtbarkeit
eintritt, ist bekannt genug. So z.B. die Botokuden; daher Tschudi (2,
284) in diesem Umstand einen Hauptgrund fr die Unfruchtbarkeit ihrer
Ehen sieht. Auch bei den Bewohnern von Darien zeigten sich die
schdlichen Folgen solcher Heirathen (Waitz 4, 351).

Der allzufrhe Coitus, den Dieffenbach 2, 15 fr die Unfruchtbarkeit der
Neuseelnderinnen als einen Hauptgrund anfhrt, ist wichtig fr viele
Vlker, da er bei vielen, wie wir sehen, vorkommt. Obwohl nun Humboldt
(b, 2, 190), nach dem Zeugniss der amerikanischen Ordensgeistlichen am
Orinoko, darin keine Gefahr fr die Zahl der Bevlkerung sehen will, so
spricht doch die Natur der Sache und mannigfache Erfahrung gegen ihn.
Doppelt gefhrlich wird aber zu frher geschlechtlicher Umgang bei
Vlkern, bei denen es an Weibern fehlt. So heirathen die Mdchen der
Tarumas in Guyana, weil es unter diesem Volk nur wenig Weiber gibt,
schon vor der Pubertt (nach Schomburgk bei Waitz 1, 170). Mehr Mnner
als Weiber gab es noch in verschiedenen Orten in Amerika (z.B.
Californien Waitz 1, 170 Anmerk., bei den Guanas Azara 232), in
Polynesien (Tahiti, Markesas u. sonst) und in Kamtschatka, wo der Mangel
an Weibern, wie wir sahen, vorzugsweise gross war. Durch diesen wurde
denn wieder eine andere sehr wenig heilsame Einrichtung gefrdert, dass
in Neuholland junge Mdchen zunchst an alte Mnner und erst nach deren
Tode, wenn sie nun mittlerweile lter waren, an jngere Leute
verheirathet wurden (Nind im Journ. R. Geogr. Soc. 1, 38), eine Sitte,
welche bei den Irokesen ebenfalls im Schwunge war: Der junge Mann von
25 Jahren erhielt bei ihnen oft eine ltere Frau zugetheilt als er
selbst war, der alte Wittwer dagegen whlte sich ein junges Mdchen
(Waitz 3, 103).

Dass wir unter diesen Grnden die Polygamie und Polyandrie mit ihren
gewiss schlimmen Folgen fr die Bevlkerungszahl nicht besonders
erwhnen, hat seinen Grund darin, dass wir diese beiden Einrichtungen,
auch wenn sie noch so gesetzmssig sind, unter die Ausschweifungen
rechnen und also, was von jenen gesagt ist, auch fr diese gilt. Ebenso,
was man fr manche amerikanische Vlker als Grund fr die
Unfruchtbarkeit angefhrt hat, die geringe Neigung der Mnner fr das
weibliche Geschlecht und ihre minder entwickelten Genitalien (Pppig,
Azara, Waitz 1, 171 u.s.w.) lassen wir auf sich beruhen, da dieser
Umstand keineswegs allgemein und keineswegs in den daraus abgeleiteten
Folgen sicher ist.

Weit wichtiger sind noch einige psychische Grnde, die wir recht
hervorheben mchten. Wie Gram und Kummer, Druck und Despotismus das
ussere Leben zurckhalten und verkmmern lassen, so wirken sie
natrlich auch auf die Fruchtbarkeit der Weiber ein, denn der Einfluss
des geistigen Lebens auf jede Seite des leiblichen, so sehr man ihn auch
anerkennt, kann kaum mchtig genug gedacht werden. Wo daher ein schwerer
Druck auf der Bevlkerung liegt wie durch die Adelsherrschaft in
Polynesien und hier namentlich auf den Fidschi- und Hawaiiinseln, da
wird es auch leichter unfruchtbare Ehen geben. Und noch mehr, wenn der
Druck der Herrscher zugleich das tiefste moralische Weh ber die
Unterworfenen bringt, wie das durch die furchtbaren Einwirkungen der
Europer fast berall geschehen ist. Auch ist zu bemerken, dass von
diesen Grnden stets mehrere vereint, nie einer allein wirken; dass wir
die verminderte Fruchtbarkeit also usserlich veranlasst sehen, wodurch
die Ansicht, sie sei Raencharakter, schon erschttert wird. Und wre
sie es wirklich, so msste sie doch berall sich bei den betreffenden
Raen zeigen. Aber das ist gar nicht der Fall. In Neuholland z.B., wo
allerdings Heirathen in demselben Stamme so gut wie gar nicht vorkommen,
werden fruchtbare Ehen gar nicht selten erwhnt. Grey (a.a.O.) sah 41
Weiber, welche zusammen 188 Kinder hatten; und gar manches Volk in
Amerika gibt es, welches eine sehr reichliche Kinderzahl besitzt, so die
Stmme der Nordwestkste, die Nordindianer, welche Hearne besuchte, die
Chippewais, die Sioux, die Mandans, und manche Sdamerikaner, welche
Waitz 1, 171-72 zusammenstellt. Und whrend einzelne Theile
melanesischer Bevlkerung meist nur kinderarme Familien aufweisen, ist
das Gegentheil bei anderen, z.B. den Fidschis der Fall; dieselben
Gegenstze zeigt Mikronesien und Polynesien, in welchem letzteren Gebiet
z.B. Tonga ganz anders als Tahiti und die Markesasinseln nur fruchtbare
Ehen kennt. Und wer hat je etwas der Art von dem Brudervolk der
Polynesier, von den Malaien gehrt? Gedeihen sie nicht reichlich in
ihrer Inselwelt und msste nicht, wre die Unfruchtbarkeit
Raencharakter, sie sich auch bei ihnen vorfinden?

Umgekehrt aber findet sie sich bei Kulturvlkern, bei denen die oben
besprochenen Grnde wirksam sind, wofr Waitz 1, 173 einige Beispiele
aufstellt. Wo diese Grnde aber wegfallen, da sind die Weiber auch sonst
minder fruchtbarer Stmme mit Kindern gesegnet. Neuseelnderinnen mit
Europern (Dieffenbach 2, 152) und Botokudinnen mit Weissen oder Negern
vermhlt (Tschudi 2, 284) pflegen sehr fruchtbar zu sein, weil dann die
Frau meist ein ruhigeres, besseres Leben hat, wie Tschudi dies sehr
richtig a.a.O. erklrt, nicht aber etwa in Folge der Vermischung und des
Einflusses einer hheren Rae, da ja in der Ehe mit Negern dasselbe
Verhltniss eintritt.

Wir wrden schon hieraus die Unfruchtbarkeit der Weiber vollkommen
erklrlich finden, ohne Hinzunahme einer so wenig begrndeten Theorie,
wie die von der minderen Zeugungsfhigkeit der hinschwindenden Raen.
Aber einen der wichtigsten Grnde, welcher nicht nur diese
Unfruchtbarkeit, sondern berhaupt die Verringerung der Naturvlker
nicht zum mindesten Theil erklrt, haben wir noch zu besprechen: es ist
das weitverbreitete Tdten der Kinder vor oder gleich nach der Geburt.

Bei den Hottentotten (Sparmann 320) herrschte die Sitte, Suglinge,
deren Mutter starb, mit dieser zugleich zu begraben oder auszusetzen;
ebenso tdteten sie von Zwillingen das eine Kind. Knstliche
Fehlgeburten kamen hufig bei ihnen vor. Noch hufiger war dies alles
bei den Buschmnnern, welche bei ehelichen Streitigkeiten, bei
Nahrungsmangel, der sie oft genug betraf, und bei eiliger Verfolgung die
Kinder tdteten, aus Rache und Zorn gegen den Ehegatten, oder weil sie
dieselben nicht ernhren, nicht mitnehmen konnten; das heisst in den
meisten Fllen, weil sie jede ungewhnliche Anstrengung, welche ihnen
die hlflosen Kinder auferlegt htten, scheuten. Zwillinge und
missgestaltete Kinder wurden stets umgebracht (Waitz 2, 340 und daselbst
die Quellen).

Ebenso war es in Amerika, namentlich in der sdlichen Hlfte des
Kontinentes, whrend die Indianer Nordamerikas, wie sie berhaupt hher
stehen, auch ihre Kinder besser halten, ja sie oft mit der innigsten
Liebe pflegen. So verwenden z.B. die Potowatomi auch auf arbeitsunfhige
und bldsinnige Kinder zrtliche Sorgfalt (Waitz 3, 115-16); und die
Huronen zogen auch solche Suglinge auf, deren Mutter gestorben war
(Waitz b, 100). Knstlicher Abortus dagegen war weit verbreitet unter
den Thakallis, dem westlichsten Stamm der Athapasken, welcher auch sonst
sehr tief stand und von Keuschheit oder ehelicher Treue keinen Begriff
hatte (Waitz b, 90). Dass die Knisteno namentlich ihre weiblichen Kinder
tdteten, um sie vor dem elenden Loos des Lebens, das sie erwartete, zu
behten (Waitz 3, 103), ist schon erwhnt. Und nun gar in Sdamerika.
Die Guanas (Azara 232) bringen die meisten Mdchen sofort bei der Geburt
um, indem sie die Neugeborenen lebendig begraben; berhaupt aber ziehen
sie nur etwa die Hlfte ihrer Kinder auf. Da es bei den Tupis Sitte war
(Waitz 3, 423), die Neugeborenen dadurch anzuerkennen, dass man sie vom
Boden aufhob, so knnen wir hieraus schliessen, dass bei ihnen,
wenigstens in frherer Zeit, viele Kinder, die man eben nicht aufhob,
getdtet sind. Von den Guaikurus (stlich vom oberen Paraguay) berichtet
Azara 273, dass die ganze Nation hauptschlich durch Abtreiben der
Kinder, von denen sie nur das letzte und also, da diese Rechnung sehr
unsicher ist, oft keins schonten, ganz verschwunden sei; und wenn wir
auch mit Waitz (3, 430) diese Nachrichten, sowohl in Beziehung auf ihr
Aussterben--denn Castelnau z.B. fand 6 Stmme von ihnen, darunter zwei
ackerbauend, am Paraguay vor--als auch in Betreff dieser furchtbaren
Ausdehnung des Kindermords fr bertrieben halten, so muss doch
knstlicher Abortus bei ihnen vorzugsweise verbreitet gewesen sein, wie
ihn auch noch neuere Reisende, Martius, Castelnau bei Waitz 3, 472 als
gewhnlich unter ihnen angeben. Auch von den Mbayes, welche indess von
den Guaikurus nicht zu trennen sind, gibt Azara 250 genau dasselbe an:
sie tdten alle Kinder bis auf eins, bisweilen auch alle insgesammt. Als
Grnde fr diese Sitte geben die Indianerinnen an, regelmssige Geburten
machten sie vor der Zeit alt und hsslich, auch sei es ihnen, bei ihren
ewigen Wanderzgen, wo sie selbst oft nichts zu essen htten, sehr
schwer mehr als ein Kind mitzunehmen und zu erhalten. Fhlte sich also
eine Frau schwanger, so legte sie sich auf die Erde und andere Weiber
gaben ihr so lange die heftigsten Schlge auf den Unterleib, bis Blut
und bald darauf die Frucht abging, eine Operation, an der natrlich
viele Weiber sogleich oder kurz darauf starben, andere wenigstens ihr
ganzes Leben siechten (Azara a.a.O.). Auch bei den Abiponen herrschte
dieser Gebrauch; mehr als zwei Kinder zogen sie nicht auf (Waitz 3,
476). Die Tobas (zwischen Abiponen und Guaikurus, stlich vom Paraguay)
tdten viele ihrer Kinder (Waitz 3, 475), die Lules (stlich von den
Tobas) alle unehelichen, von Zwillingskindern, welche fr ein Zeichen
von Untreue gelten, immer eins, und wenn die Matter stirbt, so begraben
sie den Sugling mit ihr (Waitz 3, 480). Die Yurakares, westlich vom
Titikaka-See, mordeten ihre Kinder, wenn sie keine Lust hatten, sie
weiter zu verpflegen (Waitz b, 100). Die Moxos tdteten von Zwillingen
immer das eine Kind und begruben kleine Kinder mit ihrer Mutter, wenn
diese starb (Waitz 3, 537). Gegen Zwillingskinder wandten sie diese
Massregel an, weil man in einer solchen Doppelgeburt etwas
Thierhnliches sah (Waitz b, 100). Die Chiquitos (zwischen dem oberen
Paraguay und dem Titikaka) hatten so wenig Anhnglichkeit an ihre
Kinder, dass sie dieselben leicht fortgaben oder verkauften (Waitz 3,
530) und von den Minuanes (am unteren Parana) erzhlt Azara 191 ganz
hnliches; waren die Kinder entwhnt, so kmmerten sich die Eltern gar
nicht mehr um sie, vielmehr wurden sie von verheiratheten Verwandten
aufgezogen. Bei den caribischen Vlkern herrschten dieselben Sitten, wie
dies Humboldt b 4, 225-28 genauer schildert. Von Zwillingen tdten sie
immer ein Kind, um nicht wie Ratten, Beuteltiere und das niederste
Gethier, das viele Jungen zugleich wirft, zu sein, oder weil man auch
hier in einer solchen Doppelgeburt ein Zeichen von Untreue sieht. Auch
missgestaltete, ja selbst schwchliche Kinder werden getdtet, um sich
der Last, die man spter mit ihnen haben wrde, zu entziehen. Die Frauen
dieser Vlker haben verschiedene Pflanzenaufgsse, welche sie zum
Abtreiben anwenden und zwar in verschiedenen Gegenden zu verschiedener
Zeit, je nachdem sie es fr die Gesundheit und die Schnheit frh oder
spt Kinder zu bekommen fr zutrglich halten. Auch bei den Makusis
sieht Schomburgk (2, 312), so sehr er auch sich gegen diese Annahme
strubt, sich genthigt, an knstliche Fehlgeburten zu glauben. Wenn er
aber meint (313), dass Zwillinge bei ihnen nicht getdtet wrden, und
dass berhaupt solche Geburten hchst selten bei ihnen seien, weil er
nur zweimal unter den Eingeborenen von Guyana, einmal unter den Makusis,
einmal unter den Waikas Zwillinge sah und nie von ihnen reden hrte, so
ist das sicherlich unrichtig, denn er selbst erzhlt, dass die Frauen
jener Vlker auf seine Bemerkung, die Europerinnen bekmen bisweilen
zwei, ja drei Kinder, den Mund spttisch verziehend geantwortet htten:
wir sind keine Hndinnen, die einen Haufen Junge werfen.[G] Also auch
hier dieselbe Auffassung wie berall in Sdamerika und sicher auch
derselbe Gebrauch. Schon die Seltenheit von Zwillingen spricht dafr;
und wenn die Indianer nie von Zwillingen sprechen, so erklrt sich das
aus dem herrschenden Gebrauch, von der Ermordung der Kinder berhaupt
nicht zu reden; man thut, als seien sie eines natrlichen Todes
gestorben: Das arme Kind konnte nicht mit uns Schritt halten; man hat
nichts mehr von ihm gesehen (Humboldt 64, 226).

Auch bei den Kulturvlkern Amerikas herrschte derselbe Brauch. Die
Mexikaner, in dem Glauben, dass Zwillinge den Tod des Vaters oder der
Mutter vorbedeuteten, tdteten oft das eine der beiden Kinder (Waitz 4,
164). Die Chibchas, in Neu-Granada, thaten dasselbe, weil sie in
Zwillingsgeburten die Folge grober Ausschweifungen sahen (eb. 4, 367).
Auch in Peru galten Zwillinge als ble Vorbedeutung fr die Eltern, der
man in vielen Theilen des Landes durch Fasten (eb. 417), in anderen
durch Tdtung eines der Kinder vorzubeugen suchte (eb. 461). Die
darischen Weiber sollen ihre Kinder getdtet haben, um ihre Schnheit zu
bewahren (350). Die zu den Chibchas gehrenden Panches tdteten alle
ihre Kinder, so lange ihnen nur Mdchen geboren wurden (eb. 376); und
hier mag denn den Schluss die Bemerkung bilden, dass die vielfach
vorkommende Tdtung der Mdchen ursprnglich wohl nicht den Grund hatte,
den Tchtern ein schlimmes Lebensloos zu ersparen, welche Auffassung
gleichwohl spterhin gegolten haben mag: der Hauptgrund war gewiss ein
aberglubisch-religiser oder wenigstens der, dass man Knaben der
Kriegstchtigkeit halber und weil man sie fr vortrefflicher hielt,
lieber sah als Mdchen.

Dieselben Sitten galten in Neuholland. Stirbt die Mutter eines
Suglings, so wird derselbe mit ihr begraben und von Zwillingen stets
das eine Kind getdtet (Freycinet 2, 747), in Ost- und Westaustralien;
missgestaltete Kinder oder solche, die bei der Geburt Schmerzen
machen--diese alle gewiss, weil man sie von bsen Geistern besessen
glaubt--tdtet man gleichfalls, so wie alle Kinder von europischen
Vtern, welche die Mutter verliessen (Grey 2, 251. Bennet 1, 122). Von
Mischlingskindern tdtet man nach Breton (231) indess nur die Knaben,
nicht die Mdchen, whrend sonst die Mdchen so vorzugsweise getdtet
werden, dass nach Grey (2, 251) das Verhltniss der Weiber und Mnner
wie 1: 3 ist. Jede Mutter tdtet ihr drittes, bisweilen schon ihr
zweites Mdchen, wenn es nicht eine fremde Frau als ihr Kind annimmt
(Salvado 111). Fehlgeburten werden oft herbeigefhrt und Neugeborene oft
getdtet, um der Last und der Schwierigkeit, Kinder aufzuziehen, zu
entgehen (Meinicke a 2, 208). Ja es soll sogar vorkommen, dass Eltern
ihre neugeborenen Kinder selbst auffressen (Stanbridge, transaction of
the ethnol. Society X. S. 1, 289; Australia felix 129; Angas 1, 73). Auf
Vandiemensland dagegen herrschte der Kindermord nicht (Bibra 16).

Wohl aber in Melanesien, und so auf Vate (Gill 67), wo man neugeborene
Kinder lebendig begrub und nur zwei bis drei aufzog (Turner 394), und
ebenso war es auf Erromango (Turner 491) und in grsster Ausdehnung auf
den Inseln in der nchsten Nhe von Neuguinea (Reina in Zeitschr. 4,
359). Auf den Fidschiinseln war der Kindermord gleichfalls nicht selten,
wie Williams und Calvert (1, 180) berichten und das Gemlde, das sie
entwerfen, ist dster genug: knstliche Fehlgeburten, Tdtung der
Kinder, namentlich der Mdchen, gleich nach der Geburt, ist sehr hufig,
aus Laune, aus Faulheit, aus Eifersucht und Rache; wie in Polynesien gab
es auch hier in jedem Dorf Leute, welche Fehlgeburten herbeizufhren
verstehen. Hale (66) schreibt den Fidschis dieselbe Sitte zu, welche wir
bei den Tupis fanden und welche ja auch unter den Indogermanen eine so
weit verbreitete war, dass alle Kinder, welche der Vater oder Priester
nicht unmittelbar nach der Geburt vom Boden aufnimmt, als
ausgestossene getdtet werden.

Aber schlimmer noch und wahrhaft in entsetzlicher Ausdehnung tritt der
Kindermord auf im brigen Ozeanien. Wir beginnen mit Mikronesien.
Whrend allerdings die Carolinen frei von diesem Verbrechen waren
(Chamisso 137), durfte auf den Ratakinseln keine Mutter mehr als drei
Kinder grossziehen: alle brigen wurden umgebracht (Chamisso 119); und
ebenso ist, um bergrosse Bevlkerung zu vermeiden, knstlicher Abortus
bei den Gilbertinsulanern nach Gulick (410), allerdings gegen Hales
Ansicht, hufig. Von der Kingswillgruppe, aber mit Ausnahme von Makin,
sagt auch Hale dasselbe (96). Nach alledem, was wir von den marianischen
Uritaos wissen, scheinen auch sie, obwohl bestimmte Daten darber
fehlen, die Kinder, welche ihnen bei ihren Ausschweifungen und
namentlich die, welche von niederen Weibern geboren worden, getdtet zu
haben.

Im eigentlichen Polynesien nun bleiben auf Tikopia nur die ltesten
beiden Shne am Leben, um die Insel nicht zu bervlkern, so wie alle
Mdchen, daher die Insel weit mehr Weiber als Mnner hat (Dillon 2,
134). Auf Tonga kam der Kindermord, dessen Motiv dann meist Trgheit
oder Bequemlichkeit ist, nur vereinzelt vor (Mariner 2, 18-19), auf
Samoa aber gar nicht (Wilkes 2, 80, Williams 560) und ebenso wenig, um
das hier gleich anzuschliessen, auf den Herveyinseln (Williams 560).

Allein auf Tahiti war das Verbrechen so im Schwunge, dass Ellis (1, 249)
annimmt, es habe sich in der Ausdehnung, wie er es vorfand, erst in
etwa den letzten 50 Jahren vor der Entdeckung, ausbreiten knnen, weil
sonst eine so zahlreiche Bevlkerung, wie sie Wallis und Cook vorfanden,
sich unmglich habe erhalten knnen. Cook fand den Kindermord schon
allgemein verbreitet vor und suchte vergeblich den Knig Otu zu seiner
Abschaffung zu veranlassen. Auch die Missionre des Duff (1796) fanden
die Tdtung der Kinder als etwas ganz Selbstverstndliches, ber das mit
der grssten Gleichgltigkeit geredet wurde (Wilson 272. 310); und mit
demselben Entsetzen ber diese Gleichgltigkeit wie Wilson sagt auch
Ellis, dass etwa zwei Drittel der Kinder getdtet seien. Die ersten drei
Kinder wurden es meist, Zwillinge gleichfalls, mehr wie zwei oder drei
Kinder zog Niemand auf. Allein eben dadurch konnten sich die Geburten
rascher folgen und so fand Ellis Frauen, welche vier, sechs, acht, ja 10
und noch mehr Kinder getdtet hatten (1, 250. 251); ja er versichert,
und da kein Stand von dem Gebrauche ausgeschlossen war, ganz glaublich,
kein Weib gefunden zu haben, das nicht seine Hnde mit dem Blut der
eigenen Kinder befleckt htte. Unter den Areois nun war es so strenges
Gesetz, alle Kinder, welche den Mitgliedern der Gesellschaft geboren
wurden, zu tdten, dass wer sich diesem Gesetz nicht fgte, sofort
ausgestossen wurde. Die einzigen Ausnahmen, welche gestattet waren,
bestanden darin, dass die ersten Frsten ihren ersten Sohn behielten und
dass die vornehmsten Areois (die Gesellschaft hatte 12 Grade, Mrenhout
1, 489) nur ihr ltestes Kind so wie alle Mdchen tdteten. Das letztere
geschah auch hier wohl aus religisen Grnden oder weil man die Mdchen
fr geringer als die Knaben hielt; Mrenhout, dem diese Nachrichten
entlehnt sind--er handelt von den Areois 1, 485-98--ist der Meinung,
alle diese Morde seien vollbracht, um die Volksmenge der Insel nicht
bergross werden zu lassen, welcher Ansicht man kaum beipflichten wird;
wie denn auch das tahitische Volk selbst der Ansicht war, die Weiber
brchten zur Conservirung ihrer Schnheit die Kinder um. Dass alle
Kinder einer Mischehe--wenigstens, nach Williams 565, eines gemeinen
Mannes und einer adligen Frau--umgebracht wurden, versteht sich nach den
Begriffen, welche man ber die verschiedenen Stnde hatte und nach denen
der Adel ganz gttlich, das Volk aber nicht einmal im Besitz einer Seele
war, von selbst. Fr Tonga whlte man solche Kinder vorzglich
gern, nach Mariner, zu Opfern aus. Und so war es auf allen
Gesellschaftsinseln. Williams erzhlt von Raiatea, wo er (1829) seine
Station hatte, folgendes Beispiel. Er sass mit Bennett in einem Zimmer,
in dessen Hintergrund mehrere eingeborene Weiber arbeiteten und als
Bennett sich bei ihm nach der Ausdehnung des Kindermords erkundigte, so
fragte er, um sich selbst zu berzeugen, ob das Verbrechen so allgemein
sei als er glaube, die zufllig anwesenden Weiber, die er nicht weiter
kannte, wie viel Kinder jede getdtet habe: neun die eine, sieben die
andere, die dritte fnf, also alle drei zusammen 21! Eine andere Frau
bekannte sterbend, dass sie 16, ein vornehmer Huptling, dass er 19
umgebracht htte und manche Familien hatten alle getdtet (Williams
562-565). Als Grnde geben ihm die Eingeborenen an, zunchst Furcht vor
den ewigen Kriegen und ihren blutigen Zerstrungen; man wollte von den
Kindern nicht gehindert sein, auch wohl bse Schicksale ihnen ersparen
und was wohl der Hauptgrund war, dem Feind keine Gelegenheit zu irgend
welchem Triumph (etwa durch Gefangennehmung oder Ermordung der Kinder)
geben. Zweitens war aber die Verschiedenheit des Ranges ein wichtiger
Grund. War ein Mann von niederem Rang als seine Frau, so konnte er durch
Tdtung von zwei, vier oder sechs Kindern, je nachdem er tiefer stand,
zum Rang der Frau sich erheben und die Kinder, welche ihm, nachdem er
diese Stufe erreicht, geboren wurden, blieben am Leben. Die Frau aber,
welche von minder hohem Range als ihr Mann war, konnte, da alle
Vererbung nur in weiblicher Linie erfolgte, sich durch kein Mittel, auch
dieses nicht erheben. Blieben aber in gemischten Ehen die Kinder ohne
Weiteres am Leben, so sank die Familie auf den Rang herab, welchen der
minder vornehme der Eltern inne hatte (Ellis 1, 256). Als dritten Grund
fhrt Williams die Eitelkeit der Weiber auf: sie wollten ihre Schnheit
nicht durch Sugen und Kinderpflegen gefhrden. Der Hauptgrund scheint
aber, wenn nicht in frhester, vorhistorischer Zeit religise Motive
mitwirkten, Faulheit gewesen zu sein: auf der Insel, welche eine
vielfach grssere Bevlkerung leicht ernhren konnte, hiess ein Vater
von vier Kindern schon ein arg berbrdeter Mann (Ellis a.a.O.).

Man tdtete die Kinder, indem man ihnen einen nassen Lappen auf den Mund
legte, oder ihnen die Kehle mit dem Daumen zupresste, oder sie, noch im
Mutterleibe, aber whrend der Geburt, mit einem spitzen Bambus
durchbohrte; oder man begrub sie lebendig und zwar gerne so, dass die
Erde nicht unmittelbar auf sie kam, sondern sich ber ihnen her wlbte
(Williams und Ellis a.a.O.). Eine vierte noch viel scheusslichere Art
beschreibt Williams 567-568: zuerst wurden den eben Geborenen die
ussersten Glieder an Finger und Zehen, dann, wenn sie davon nicht
starben, die Hand- und Fussknchel gebrochen. Ueberstand das Kind auch
das, so kamen die Kniee und Ellenbogen an die Reihe, und wenn es dann
immer noch lebte, so wurde es schliesslich erwrgt. Indess ist die That
scheusslicher als die Gesinnung, welche sie hervorbrachte: denn ohne
Zweifel wandte man diese grsslichen Todesarten aus keinem anderen
Grunde an als aus Ehrfurcht vor der Seele des Kindes, die auf mglichst
gelinde Weise, von aussen her, zur Entfernung mehr aufgefordert als
genthigt werden sollte, und erst wenn sie diese Aufforderung gar nicht
verstand, trat Zwang ein. Denn die Seelen der getdteten Kinder, die
man sich unter der Gestalt von Heuschrecken nach Mrenhout dachte,
galten fr heilig und wurden hoch geehrt. Auch hier gab es fast in jedem
Dorfe Leute, welche aus dem Kindermord Gewerbe machten (Williams 568)
und doch, war einem Kinde auch nur eine Viertelstunde das Leben erhalten
worden, so durfte es nicht mehr getdtet werden, und hatte dann sehr
liebevolle, ja wohl zrtliche Eltern.

Wo mglich noch roher waren die Bewohner der Sandwichsinseln. Hier
herrschte der Kindermord namentlich in den unteren Klassen, von denen
die Eltern selten, mochten die Ehen auch noch so fruchtbar sein, mehr
als zwei oder drei, vielmehr oft nur ein Kind aufzogen. Auch hier sind
(Ellis 4, 326-330) 2/3 der Kinder getdtet und zwar meist durch Erwrgen
oder lebendig Einscharren, wobei man sie ohne Weiteres mit Erde bedeckte
und diese mit den Fssen feststampfte. Hier begrub man die kleinen
Leichen oft im eigenen Hause, ja im eigenen Schlafgemach der Eltern,
whrend man zu Tahiti ihnen doch wenigstens einen Platz neben dem Hause
gab. Oft waren es, hier wie zu Tahiti, die Eltern selbst, welche die
grauenvolle That vollbrachten. In Hawaii war der Grund zu diesem Mord
meist Trgheit nach Ellis 4, 329 und Eitelkeit der Weiber, nach Jarves
85. Whrend aber zu Tahiti die Kinder, welche die erste halbe Stunde
berlebt hatten, gerettet waren und zrtlich aufgezogen wurden; so
tdtete man zu Hawaii, mit viel grsserem Stumpfsinn, die Kinder auch
noch nach einem Jahre, ja noch spter. War ein Kind krank und machte
Unruhe, so begrub man es lebendig, schrie es der Mutter zu unertrglich,
so stopfte sie ihm ein Stck Zeug in den Mund und grub die unglckliche
Creatur in die Erde, wenige Schritte von ihrem Bette, zu welchem sie
nach vollbrachter That, als ob nichts geschehen wre, ruhig zurckkehrte
(Ellis 4, 330). Und selbst dies wird noch durch folgenden Fall, den
Ellis gleichfalls (326) erzhlt, berboten. Ein Mann und eine Frau,
welche ein Kind, einen hbschen Jungen, nach Jarves (73) von sieben
Jahren, hatten, geriethen ber denselben in Streit und da die Frau nicht
nachgab, ergriff der Vater das Kind bei Kopf und Fuss, brach ihm ber
seinem Knie den Rcken entzwei und warf die zuckende Leiche der Mutter
zu Fssen! Tamehameha, bei dem die Unthat angezeigt wurde, erklrte, er
knne nicht strafend eingreifen, da der Mann sein eigen Kind umgebracht
habe.--Auch in Neuseeland findet sich der Kindermord gar nicht selten
(Angas 1, 313); er ist aber, wie in Tahiti, nicht mehr statthaft, wenn
das Kind auch nur eine halbe Stunde gelebt habe. Will man es tdten, so
wird es meist lebendig begraben oder bei der Geburt erwrgt. Rache ist
hufig das Motiv hierzu, wegen harter Behandlung der Frau whrend ihrer
Schwangerschaft, oder weil der Vater sie verliess oder aus irgend
welchem anderen Grunde (Dieffenbach 2, 25 ff.). Trgheit aber steht auch
hier in erster Linie. Namentlich Mdchen brachte man um (Taylor 165).
Auch Abortus ist hufig: und so ist es nicht zu verwundern, dass (Browne
40) die Ehen durchschnittlich kaum mehr als zwei Kinder haben.
Allerdings herrschen diese furchtbaren Gebruche am meisten an der
Kste; im Innern sind die Familien zahlreicher, ja Dieffenbach (2, 33)
sah bis zu 10 Kindern in einer. Gegen die geschonten Kinder sind die
Maoris liebevolle (Dieffenbach 2, 25 ff.), wenn auch nicht gerade
zrtliche Eltern (Browne 39).

Es knnte scheinen, als htten wir uns schon allzu lange bei diesem
abschreckenden Gegenstande aufgehalten und seien zu sehr ins Einzelne
gegangen, allein dies genauere Eingehen war nthig fr folgenden
Nachweis. Da alle Polynesier liebevolle Eltern sind und wir dennoch
dieselben Eltern im ganzen stlichen Polynesien so vollkommen abgehrtet
gegen den Kindermord sehen, dass sie ruhig von allen den
Scheusslichkeiten sprechen, ja auch schon herangewachsene Kinder
kaltbltig morden: so kann diese Sitte nicht erst 50 Jahre vor der
Entdeckung, also um 1700 oder 1710 weiter um sich gegriffen haben, wie
Ellis will. Jedenfalls muss sie lter sein, auch in dieser Ausdehnung.
Denn um ein Volk so ganz zu beherrschen, dazu braucht eine solche Sitte,
auch wenn sie eingeschrnkt schon frher im Gebrauche war, mehr als 50
Jahre. Auch ist uns berichtet, dass die marianischen Weiber ihre Kinder
vor und bei der Geburt massenweise tdteten, als die Spanier die Inseln
eroberten, damit die Neugeborenen nicht in Knechtschaft geriethen. Auch
das setzt schon ein Bekanntsein mit Aehnlichem voraus, und dazu kommt,
dass sich beim malaiischen Stamm berhaupt die Sitte des Kindermordes
oder des knstlichen Abortus sehr hufig findet. So treiben die Battas
hufig die Frucht vorzeitig ab, Waitz 5, 190; die stlichen Malgaschen
tdten Zwillinge, sowie sie solche Kinder, die an einem bsen Tage
geboren wurden, ertrnkten, aussetzten oder lebendig begruben (Waitz 2,
441). Die Bisayas ziehen, um nicht zu verarmen, nur wenige Kinder auf,
und tdten uneheliche Kinder meist, weil das Mdchen, ihr Vater und ihr
Geliebter fr aussereheliche Schwangerschaft Strafe zahlen mssen
(Loarca in Ternaux Archives 1, 23). Aehnlich die Pintados auf den
Philippinen, welche ihre Kinder vom 3ten an tdten, indem sie dieselben
unter Festen und Lustbarkeiten lebendig begraben, so wie auch, um sie
nicht ernhren zu mssen, alle unehelichen Geburten (nach einem Bericht
von 1577 in N. Journ. As. VIII, 39, 1831). Auf den Niasinseln setzt man
die Kinder aus (Domis bei Oosterling tydschrift toegew. van de
verbreiding d. Kennis v. Oost. Indie II, 2, 125). Abtreiben der Kinder
bei den Dajaks aus Sittenlosigkeit erwhnt Schwaner Borneo 1, 203.

Wie hat man sich nun die Entstehung dieser schrecklichen Sitte zu
denken? Ist es bloss Trgheit und Versunkenheit, worin sie wurzelt? In
Afrika und Nordamerika ist freilich meist das ussere Elend ihr Anlass,
wie auch die Markesaner ihre Kinder aus Hungersnoth tdteten und assen
(Ellis 4, 328); allein das reicht weder fr Polynesien noch fr
Sdamerika aus. Meinicke meint nun (b, 59 bis 60), dass in Polynesien
der Kindermord eingefhrt sei, um die Reinheit des Blutes der
Aristokratie zu erhalten. Er sttzt diese Ansicht, fr welche
historische Grnde sich nicht aufstellen lassen, dadurch, dass, trotzdem
der Kindermord bei allen Klassen der Bevlkerung vorkommt, er doch zu
Tahiti zumeist von den Areois ausgeht, dass alle Kinder aus gemischten
Ehen, die bei der frmlichen Berechtigung der Vornehmen zu jeglichem
Lebensgenuss gar nicht zu vermeiden waren, getdtet wurden. So mgen,
fhrt er S. 60 fort, solche Kinder seit Jahrtausenden getdtet sein,
ohne dass dies bei den krperlichen Vorzgen, die dergleichen
Verbindungen mit Menschen niederen Standes nicht hufig gemacht haben
werden und bei ihrer geringen Zahl grossen Einfluss gehabt haben wird.
Aber mit der Zeit fing man an, Kinder auch zu tdten, um durch die
Sorge, die sie erforderten, nicht an Ausschweifungen und Vergngungen
gehindert zu werden (wie es bei den Areois der Fall war), und endlich
verbreitete sich die grauenvolle Sitte bloss durch den Einfluss der
Mode, die auf den Sdseeinseln so gut wie in anderen Erdtheilen die
niederen Stnde antreibt, Verkehrtheiten und selbst Laster der Vornehmen
nachzuahmen, auch unter das Volk, wo sie in der Bequemlichkeit,
Liederlichkeit, Armuth und den Beschwerden, die Kinder zu erziehen,
mannigfache Untersttzung fand. Man sieht, dass der Kindermord so mit
der Zeit stets zunehmen musste und wird hierin eine Hauptursache der
erstaunlich raschen Abnahme der Bevlkerung zu suchen haben, wenn auch
die Angaben der Missionre ber die Zahl der hingeopferten Kinder
bertrieben sein sollten. Dies letztere ist nun zwar bei den mit
bestimmten Zahlen angegebenen einzelnen Fllen und der genauen
Uebereinstimmung der Angaben, welche die Missionre machen, nicht
wahrscheinlich[H] wie denn Ellis ausdrcklich sagt, dass er Williams
Angabe, 2/3 der Kinder seien getdtet, an Ort und Stelle geprft und
nicht bertrieben gefunden habe. Recht aber hat Meinicke darin, dass
auch er diese Sitte fr eine sehr alte ansieht.

Allein sonst ist seine Ansicht schwerlich richtig. Mag auch spterhin,
und er hat es gewiss sehr reichlich gethan, der Unterschied zwischen
Volk und Adel dem Kindermord weitere Ausdehnung verliehen haben;
veranlasst hat er ihn gewiss nicht, wofr zunchst spricht, dass wir in
Sdamerika den Kindermord fast in hnlicher Ausdehnung wie in
Polynesien, jenen Standesunterschied aber nicht vorfanden. Aber auch fr
Polynesien allein wird es bedenklich, den letzteren als alleinige
Ursache des ersteren anzusehen, wenn man Folgendes erwgt. Williams
sagt, wie wir schon vorhin sahen, dass ein niederer Mann durch
Kindermord sich dem Stand seiner vornehmeren Frau angleichen kann; was
Meinicke, wohl nur durch einen Irrthum seinerseits, fr einen Irrthum
hielt. Denn aller Rang vererbte durch die Mutter; der Adel war ferner
eine mit Seele begabte, gttliche Klasse, im Gegensatz zu dem
unbeseelten, irdischen Volk. Kinderseelen nun, welche nach Mrenhout fr
besonders heilig gehalten und zu denen als Vermittlern zwischen Gttern
und Menschen besonders gebetet wurde, konnten, wenn fr den unbeseelten
Mann geopfert, ihm, sei es durch direkten Uebergang in ihn, oder sei es
durch Vermittlung bei den Gttern, zu einer Seele verhelfen, wodurch er
zu hherem Rang emporstiege. Die Areois sind eine religise
Gesellschaft; religise Scheu zeigte sich in der Art, wie man
(wenigstens in Tahiti) die Kinder umbrachte; man hat sie also in vielen
Fllen vielleicht nur getdtet, um Schutzgeister zu haben oder sie als
Opfer frs eigene Leben--solche Opfer werden wir gleich noch mehr
sehen--den Gttern darzubringen. Dieselbe Bedeutung hat wohl der
Kindermord in Mikro-und Melanesien gehabt, wie einzelne Spuren noch
andeuten, wenn sich auch Zwingendes nicht dafr anfhren lsst als eben
ihre Verwandtschaft mit den Polynesiern. Wenn aber Meinicke sagt, die
Sitte msse berall geherrscht haben und sei, wo wir sie nicht erwhnt
finden, wie in Tonga, nur bersehen, so kann man das nicht zugeben; der
so feinen und scharfen Beobachtung Mariners htte sich ein so
auffallender Gebrauch nicht entziehen knnen und er fhrt 2, 18-19 einen
Fall der Art ausdrcklich als etwas Ausserordentliches an. Aber mglich
ist es, ja wahrscheinlich, dass die Sitte auch in Tonga ursprnglich
geherrscht hat, nur whrend sie sich im brigen Polynesien ausbreitete,
so erlag sie schon sehr frh und lange vor der Entdeckung dem besseren
Sinn der Tonganer, wie sie auch andere hnliche Sitten aufgaben, z. B.
die Ermordung der Weiber beim Tode der Mnner, von der Mariner als von
einer frher gebruchlichen hrte (1, 342), die aber zu seiner Zeit
schon ausser Gebrauch gekommen war.

Da wir nun Grnde haben, bei den Polynesiern diesen Gebrauch fr einen
ursprnglich religisen zu halten, der freilich in spterer Zeit aus
ganz anderen Motiven, aus Faulheit, Eitelkeit, Lieblosigkeit,
Standeshochmuth u.s.w. sich unendlich verbreitete und das ganze Leben
der Nation in der neuen Gestalt anfrass; so mchte auch die ziemlich
weite Verbreitung der Sitte, wie wir sie im eigentlichen Malaisien von
Luzon bis nach Madagaskar hin nachwiesen, auf demselben Princip beruhen.
Wie es sich in Sdamerika hiermit verhlt, lassen wir, da es uns an
lteren Daten fehlt, unerrtert; doch hat hier vielleicht eine hnliche
Grundanschauung geherrscht, als wir sie fr Polynesien annahmen. Denn in
Mexiko wenigstens glaubte man, kleine Kinder, welche strben, seien den
Gttern besonders lieb; sie kmen zu einem Baum, von welchem bestndig
Milch herabtrufele, und seien Vermittler zwischen Gttern und Menschen
(Waitz 4, 166). Kinderopfer, um die Gtter gndig zu stimmen, kamen viel
bei ihnen vor (4, 159) und das Bild des Gottes, das sie bei der
Ceremonie, die unserem Abendmahl hnlich ist, unter sich vertheilen und
als das Fleisch Gottes verzehren, war mit Kinderblut angefertigt, wie
auch bei den Totonaken die Kuchen bereitet waren, welche sie das Brot
unseres Lebens nannten (Waitz 4, 161). Jetzt scheint diese Sitte dort
keine anderen Motive zu haben, als Eitelkeit, Faulheit und Elend und
Noth[I]. Das Tdten von Zwillingen oder des einen von beiden Kindern
beruht auf anderen Grundlagen: es geht aus von dem Schreck ber das
portentum einer mehrfachen Geburt, in welcher man etwas Unnatrliches
und daher Unheimliches oder aber eine Thierhnlichkeit sah.




 9. Krieg und Kannibalismus.


Haben wir oben gesehen, wie wenig das Menschenleben bei den Naturvlkern
geachtet wurde, so werden wir von seinem geringen Werth bei ihnen im
Folgenden noch massenhaftere Beispiele finden, da wir uns zunchst mit
der Frage beschftigen mssen, welchen Einfluss auf Zahl und Existenz
dieser Vlker haben Krieg, Kannibalismus und Menschenopfer gehabt?

Freilich scheint die Art der Kriegfhrung bei den unkultivirten Stmmen
mindere Opfer als bei den kultivirten gefordert zu haben. Denn so
kriegerisch auch die Nordamerikaner waren, so sehr ihr ganzes Leben
beinah auf dem Krieg beruhte, so galt ihnen doch eine Art der
Kriegfhrung, wie die europische, wo man in offener Feldschlacht stets
das eigene Leben in Gefahr setzt, fr Thorheit, ihr Krieg bestand nur in
Ablauern des Feindes, in Ueberfall und Hinterhalt; daher er denn, dem
entsprechend, minder durch Tapferkeit als durch Schnelligkeit,
Schlauheit und Verwegenheit gefhrt wurde. Aber dafr endete auch der
Krieg bei ihnen nie: denn Grenzverletzungen oder Blutrache, sowie Rache
fr Zauberei (durch die man jeden Todesfall, namentlich aber den Tod von
Huptlingen verursacht glaubte) oder alter, einmal eingewurzelter und
durch stets neue schlimme Thaten niemals verlschender Stammhass
erregten ihn immer aufs Neue. Und gerade diese versteckte, fast feige
scheinende Art, wie sie den Krieg fhrten, brachte oft ein furchtbares
Blutvergiessen hervor, da bei den Ueberfllen der meist unvorbereitete
und wehrlose Feind ganz und gar mit Weib und Kind niedergemetzelt wurde,
schon der Skalpe wegen, deren Erbeutung ja den Siegern die grsste
Herzenssache und Ehre war. In Virginien zwar und bei den Huronen wurden
Weiber und Kinder meist zu Gefangenen gemacht; war der Kampf aber lang
und erbittert gewesen, so mordeten auch hier die Sieger so lange als sie
die Arme heben konnten (Waitz 3, 150-154). Und gefangene Feinde, die
Mnner wurden ja von diesen Vlkern wie bekannt so gut wie immer
getdtet. Dass aber solche Kriege der Existenz ganzer Vlker
verhngnissvoll geworden sind und also, als fr ihr Aussterben
grundlegend, recht eigentlich zu unserer Betrachtung gehren, dafr hat
Waitz, was Amerika betrifft, 1, 165, Zeugnisse gesammelt. Die
Kupferminenindianer sagt er an dieser Stelle, wurden durch die
Hundsrippenindianer (Hearne) fast vertilgt, die Moquis durch die Navajos
im hohen Grade geschwcht (Schoolcraft), die Osagen durch ihre
erstaunlich vielen Feinde innerhalb 10 Jahren auf die Hlfte ihrer
frheren Anzahl reducirt. Der kleine Rest des besiegten Volkes wird dann
nicht selten von dem siegenden in sich aufgenommen und sein Name
verschwindet von da an aus der Geschichte. Auf diese Weise sollen z.B.
die Creecks allmhlich die Reste von 15 anderen Stmmen verschlungen
haben. Auch die Irokesen (Waitz 3, 155) haben ausserordentlich durch
derartige Kriege gelitten. Jenseits des Felsengebirges sind die Kriege
viel milder und thun im Ganzen wenig Schaden (3, 338) und ebenso ist es
auch bei den Oregonvlkern, wenn diese gleich viel krftiger zu sein
schienen als die Nulkas und Chinooks.

Der Kannibalismus, welcher vom Kriege nicht zu trennen ist, hat auf die
Vlker Nordamerikas keinen sehr bedeutenden und fr ihre Zahl durchaus
ungefhrlichen Einfluss gehabt. Er findet sich bei manchen Vlkern, z.B.
den nrdlichen Athapasken, den Hasenindianern, Nipissangs, den Crees,
Ojibways, doch ist bei allen diesen das Entsetzen vor der That ein ganz
ausserordentliches. Ebenfalls findet er sich, und durch gleiche
Veranlassung, bei den Indianern in Canada, die ihn aber minder
verabscheuen (Waitz 3, 89). Allein bei den Algonkins und den Irokesen,
den Sioux war der Kannibalismus frher (jetzt hat er aufgehrt) weit
verbreitet und besonders merkwrdig ist es, dass es bei den Miami und
Potowatomi eine besondere, aus bestimmten Familien sich ergnzende
Gesellschaft gab, welche Menschenfleisch ass und sich im Besitz von
bernatrlichen, auf andere bertragbaren Zauberkrften whnte (Waitz 3,
159 nach Keating): man wird an die Gesellschaften der Areois auf Tahiti
und die entsprechenden auf den anderen polynesischen Inseln erinnert.[J]
Aber bei allen diesen amerikanischen Vlkern sowie auch bei den
Oregonindianern (Waitz 3, 345) ward der Kannibalismus nur an gefangenen
oder gefallenen Feinden ausgebt, deren Herz man ass, theils aus Rache,
theils um sich die Tapferkeit und Kraft dessen, dem das Herz gehrte,
anzueignen (Waitz 3, 159).

In Sdamerika hat der Krieg nicht minder, die Anthropophagie noch weit
mehr gewirkt, als in Nordamerika: lebte doch hier das Volk, welches dem
Kannibalismus seinen Namen gegeben hat, die Kaniben, Kariben oder
Karaiben. Ursprnglich auf den kleinen Antillen und dem ihnen
gegenberliegenden Festland heimisch machten sie von dort aus, nach
Columbus Erzhlung, verheerende Kriegszge in weite Ferne, um Weiber zu
erbeuten, whrend sie die Mnner erschlugen und sie, wie auch ihre
eigenen mit den gefangenen Weibern erzeugten Kinder frassen (Waitz 3,
374-375). Auch ihre Weiber waren ausserordentlich kriegerisch und
kmpften so selbststndig, dass die Sage von den Amazonen, die im
nrdlichen Sdamerika hufig vorkommt, durch sie veranlasst zu sein
scheint. Schomburgk 2, 429 erzhlt, dass die Kariben sich namentlich
gegen die Makusis wandten, um Sklaven zu erbeuten, zu welcher
Menschenjagd sie von den Hollndern aus Eigennutz angetrieben wurden,
denn diese kauften die Sklaven von ihnen. Er schildert diesen
scheusslichen Handel nher und sagt, dass er bis gegen die vierziger
Jahre dieses Jahrhunderts, also bis auf unsere Zeit hin bestanden habe!
Die Art nun, wie noch jetzt die Kariben von allen anderen indianischen
Stmmen als Herrn und Gebieter gefrchtet werden, so dass sie ohne
Weiteres sich in jeder beliebigen Htte was ihnen gefllt nehmen knnen
(ebendas. 427); so wie die blinde Angst, welche man noch jetzt in jenen
Gegenden vor ihnen hat, lsst erkennen, was sie einst gewesen sein
mgen. Und wie durch sie die Aturen (Humboldt c, 1, 284) in die
Katarakten des Orinoko, wo

  ihres Stammes letzte Spuren
  birgt des Uferschilfes Grn,

hineingedrngt verkamen: so waren die blutigen Kriege, welche von ihnen
ausgingen, eine Hauptursache fr die Verminderung der Stmme in Guyana.
Indess verzehren sie jetzt (Schomburgk 2, 430) Menschenfleisch nicht
mehr; und jetzt sind auch sie sehr zusammengeschmolzen (eb. 417), wozu
ihre eigenen Kriege nicht wenig beigetragen haben mgen. Da nun auch die
Tupi tapfere, ja wilde Krieger waren (Azara 218) und sie sowohl wie auch
die Guarani (welche Azara 213 ff. freilich als sehr scheu schildert)
Menschenfleisch verzehrten; da nun auch fast alle sdamerikanischen
Stmme, die Araukaner (Waitz 3, 529 ff.), Chiquitos (eb. 530), die
Pampas, Patagonier u.s.w. (Azara an vielen Stellen) sich durch wilde
Tapferkeit auszeichneten und demzufolge zwischen ihnen fast stetiger
Krieg herrschte; da sie fast alle Kannibalen waren, wie die Mbayas
(Waitz 3, 473), ganz besonders die Guaykurus (471), die Tobas (475), die
Abiponer (476), die Feuerlnder (508) und ebenso die Patagonier, welche
alle feindlichen Mnner niederhieben, Weiber und Kinder aber zu
Gefangenen machten: so werden wir begreiflich finden, dass die Zahl
dieser Vlker, die in so heftigem und unablssigem Kampf mit einander
sind, auch dadurch abgenommen hat und noch jetzt abnimmt. Tschudi 2, 259
sagt geradezu, dass die Angriffe der Botokuden auf die von den
Portugiesen um Rio Janeiro unterworfenen halb civilisirten Indianer die
Ursache seien, dass jene Gegenden auch heute noch so sprlich bevlkert
seien. Auch mag daran erinnert werden, dass jene Vlker in dem
Urarigift, mit dem sie ihre Lanzen vergifteten, eine ganz besonders
gefhrliche Waffe haben, da dies Gift auch bei der leisesten Verwundung
unfehlbar tdtet.

Tchtige Krieger waren nun, nach der trefflichen Schilderung bei Waitz,
auch die Kulturvlker des alten Amerikas. Doch da ihre Kriege keine
Vernichtung des Feindes bezweckten, sondern diesem, auch wenn er besiegt
wurde, seine Nationalitt und Hab und Gut liessen, bis auf den Tribut,
den sie zahlen mussten (Waitz 4, 77. 406), so konnten diese wohl den
Namen von Vlkern aufhren machen, indem sie das besiegte dem eigenen
Volke einverleibten, und namentlich in Peru geschah das fters (407),
aber ein Volk vernichten oder auch nur so weit verringern, dass seine
Lebenskraft dadurch gebrochen wre, konnten sie nicht und haben sie
nicht gethan, denn Columbus, Cortez und Pizarro fanden dichtbevlkerte,
blhende Staaten vor. Zwar herrschte auch Anthropophagie in Mexiko: die
geopferten Sklaven oder Kriegsgefangenen wurden verzehrt, und die
Ottomies sollen sogar Menschenfleisch auf dem Markte verkauft haben,
eine Sitte, die man so wenig anstssig fand, dass man offen davon sprach
und den Spaniern erzhlte, ihr Fleisch schmecke bitter (Waitz 4, 158);
doch liegt es auf der Hand, dass auch diese Sitte dem Bestehen dieser
Vlker oder seiner Nachbarn nicht die mindeste Gefahr brachte, da sie
sehr wenig ausgedehnt war. Sie scheint ein Recht zu sein aus alter und
ltester Zeit, wo sie dann freilich weitere Verbreitung gehabt haben
wird. Auch in Neugranada war Kannibalismus, in manchen Gegenden des
Landes in sehr roher Form, verbreitet (Waitz 4, 374, 376). Was von den
Cariben erzhlt wird, dass sie ihre eigenen mit gefangenen Weibern
erzeugten Kinder gefressen htten, wird auch von ihnen berichtet (4,
374). Auch in Yukatan (310) fand sich Anthropophagie.

Anders aber finden wir es in der Sdsee. Zwar in Australien sind, ausser
im Norden, die Kmpfe an sich wenig blutig: Hale 115 beschreibt
dieselben, wie sie meist aus Privatschlgereien entstehen, wie sich dann
beide Parteien, jede bis 200 stark, heftig und lange erst schelten, und
dann Mann fr Mann vortritt und den Speer schleudert, bis einer
verwundet wird: dann hrt der Kampf auf. Doch fehlt es ihnen keineswegs
an Muth, Kraft und Standhaftigkeit, wie sie auch Schmerzen mit grosser
Geduld ertragen (Turnbull 34-35). Allein da die Kriege, bei der
Verfehdung fast aller Stmme unter einander, doch sehr zahlreich sind
(Wilson 143 v.d. Rafflesbai), da man manche Stmme von ihnen, namentlich
die Nordaustralier, deren Krieger und Zauberer durch den ganzen
Continent aufs Aeusserste gefrchtet sind, als Gegner auch Europern
gegenber keineswegs verachten darf (Grey 1, 152), da ferner auch diese
Kriege zum grssten Theil in Ueberfall und in Ermorden Wehrloser oder
Schlafender bestehen und, weil jede solche That wieder Rache verlangt,
geradezu unendlich sind (Meinicke a 2, 198)--so sind sie fr die Zahl
und das Gedeihen der Einwohner so verhngnissvoll, dass wir sie als eine
der wichtigeren Ursachen fr das Aussterben der Australier hier
bezeichnen mssen. Auch die Eingeborenen von Vandiemensland lebten unter
einander in bestndigem Streit, der von Stamm gegen Stamm ausgefochten
wurde (Nixon 26).

Auch Kannibalismus herrscht in Neuholland, doch keineswegs sehr
ausgedehnt. So brauchen nach Angas 1, 68 die Eingeborenen von Lake
Albert die Schdel ihrer Feinde als Trinkgeschirre, ganz wie die Inkas
von Peru (Waitz 4, 413) und die Abiponer, und nach dem bekannten
Zeugniss des Paulus Diaconus, die Langobarden.[K] Ferner sollen
Kannibalen im Innern des Landes leben (Angas 2, 231); ganz sicher
verzehren im Norden Freunde ein Stck vom verstorbenen Freund und an
Moretonbai assen (Angas 1, 73) Eltern aus Liebe von dem Fleische ihrer
todten Kinder, eine Sitte, welche nach Anderen auf geliebte Verwandte
berhaupt ausgedehnt ist (Howitt a, 289. Austral, Felix 134). Sie findet
sich auch zu Hawaii: dort ass das Volk aus Liebe Fleisch von der Leiche
seiner verstorbenen Frsten (Remy XLVIII. 125.[L]) Auch Aberglaube
diente dazu den Kannibalismus zu verbreiten. Wie bei den Potowatomi und
den Miami in Nordamerika, wie in so manchem indisch-arabischen Mhrchen
der Genuss des Menschenfleisches hhere bermenschliche Kraft gibt--ein
Zug, der auch, wie wohl verdunkelt, in deutschen Sagen vorkommt
(Bechstein, Sagen des Rhngeb. u. d. Grabfeldes 60 ff.)[M]--ebenso
mssen in Australien (nach Eyre) die Zauberer Menschenfleisch essen, um
ihre Wunderkraft zu behalten. Am Lake Alexandrine ist es nicht
ungewhnlich, einem lebenden Menschen das Nierenfett auszuscheiden, das
als Zauber gegen bse Geister von ganz besonderer Kraft sein soll (Angas
1, 123). Auch Bennet (1, 295) fand Menschenfett als Zaubermittel oder
Medikament aufgehoben. Meinicke a 2, 184 hat also wohl die Neuhollnder
zu frei von Kannibalismus dargestellt.

Gehen wir nun zu den melanesischen Inseln, so finden wir auf Vanikoro
unter den einzelnen Stmmen fortwhrenden Kampf (D'Urville 5, 165) und
wenn sie auch keine Kannibalen zu sein behaupten, so dienen die Schdel
der Feinde doch als Trophen (eb. 217), welche ffentlich aufbewahrt
werden. Auch auf Tanna herrscht bestndiger Krieg der einzelnen Stmme
unter einander (Turner 82, Gill 227), da jede Privatbeleidigung einen
ffentlichen Krieg nach sich zieht (85), und ausgebildetster
Kannibalismus: die erschlagenen Feinde werden mit Yams gekocht, Farbige
den Weissen vorgezogen, einzelne Portionen des Fleisches an Freunde
geschickt als Ehrengeschenke u.s.w. (82). Auch auf Fate und Aneitum,
obwohl beide minder kriegerisch sind, findet sich der Kannibalismus
(Turner 393. 371. Gill 66). Erromango und Mare (Nengone), auf welcher
letzteren Insel zwei feindliche Staaten neben einander bestanden, waren
fortwhrend von leidenschaftlichem Krieg heimgesucht und die
Anthropophagie hatte hier einen solchen Grad erreicht, dass selbst die
nchsten Verwandten, wenn man mit ihnen in Streit gerieth, erschlagen
und gefressen wurden (Gill 10-11; 122. Turner 400. 411). Es ist eine
leere Behauptung oder auch Einbildung der katholischen Mission, dass sie
auf Neukaledonien den Kannibalismus htte aufhren machen (Montreval in
nouv. annal. de la foi 1854, 94); Turner (um anderer zu geschweigen)
fand ihn daselbst sehr ausgebildet und so unbefangen, dass er berall
eingestanden und besprochen wurde (426), wie er uns auch von den
bestndigen Kriegen der Insel (428) berichtet. Die Bewohner von Isabel
schildert schon Mendana 1595 (Dalrymple 91) als Menschenfresser und
eifrige Krieger, wie sich auch die Bewohner von Guadalcanar zeigen.
Eifrige Krieger und Menschenfresser sind auch die Eingeborenen der
Lusiade (Salerio bei Petermann 1862, 342-344) und von der Nordwestkste
von Neuguinea sagt einer der besten Kenner dieser Gegenden, Marsden (in
Transact. of the Reg. Asiat. Soc. 3,125), dass daselbst ein usserst
roher Kannibalismus herrsche: man frisst Feinde so gut wie Freunde,
natrlich Gestorbene so gut wie Erschlagene, und ist dieser Nachricht
gegenber nicht abzusehen, wie Finsch (49) seine Behauptung, noch sei
von keinem glaubwrdigen Manne bestimmte Nachricht ber das Vorkommen
des Kannibalismus auf Neuguinea gegeben, aufrecht halten will. Einzelne
der neuguineischen Stmme sind Kpfeschneller, d.h. sie schlagen todt,
wen sie finden, um Kpfe zu erbeuten, deren recht viele zu besitzen
eine grosse Ehre ist; und so entstehen bloss zu diesem Zwecke im
Distrikt Namototte (Speelmannsbai) die hartnckigsten und mrderischsten
Kriege (N. Guin. 109 ff. und daher wohl Finsch 82).

Aber schlimmer als berall ist die Geringschtzung des Menschenlebens
auf den Fidschiinseln, deren Einwohner im Ruf einer besonderen
Tapferkeit auch auf Tonga stehen, und die von solchen Tonganern, welche
Kriegsabenteuer erleben und zu Hause selbst als Krieger berhmt sein
wollten, vielfach besucht wurden (Mariner). Krieg ist nun auch, nach
Wilkes 3, 63, ihre so bestndige Beschftigung, dass irgend welcher
Kampf auf der Gruppe immer herrscht; und da die Insulaner ebenso
blutdrstig als verrtherisch sind (Hale 50), so sind diese Kriege sehr
zerstrend. Doch fhren sie den Krieg, der indessen stets offen angesagt
wird, nur durch Verrath und heimlichen Ueberfall; weshalb sie Williams
und Calvert (1, 43) und ebenso Erskine (249) geradezu feig nennen. Wegen
des bestndigen Verrathes herrscht ein grenzenloses Misstrauen auf der
Gruppe, Niemand geht, aus Furcht berfallen zu werden, ohne Waffen
(Will. u. Calv. a.a.O.), Niemand traut einem andern, selbst nicht den
nchsten Verwandten (Hale 51). Und das nicht ohne Grund: denn da zu
ihren nur einigermassen solennen Bewirthungen Menschenfleisch nothwendig
gehrt, so werden oft die harmlosesten Wanderer (je harmloser, desto
eher), Weiber bei der Feldarbeit u.s.w. berfallen und getdtet, wozu
Erskine 182 emprende Beispiele erzhlt. Wenn auch die Schlachten,
sobald nur einige gefallen sind, aufhren (Jackson bei Erskine 425), so
sind die Kriege doch ausserordentlich blutig durch die sinnlose Wuth,
mit der Alles, was ihnen in die Hnde kommt, gemordet wird. Bei
Ueberfllen, die sehr hufig sind, machen sie es nicht anders, so dass
oft ganze Distrikte (Erskine und Jackson a.a.O. Seemann Zeitschr. 9,
476) vernichtet werden. Wer einen Menschen erschlagen hat, bekommt einen
Ehrennamen und wird durch besondere Ceremonien geweiht (Will. u. Calvert
55), gerade wie in einigen Gegenden Neuguineas nur der Kakadufedern
tragen darf, der einen Feind getdtet hat, und bei den alten Deutschen
nur ein solcher aus dem kostbarsten und heldenhaftesten Trinkgefss, dem
Schdel des erschlagenen Feindes, trinken durfte.

Der Kannibalismus ferner steht hier in solcher Blthe, wie wohl nirgends
sonst auf der Welt. Erskine, der um 1840 die Gruppe besuchte, gibt
(257-60) Beispiele. Den Menschen nennen die Eingeborenen nur das lange
Schwein, zum Unterschied vom wahren Schwein (ebend.); bei jedem Fest
muss Menschenfleisch gegessen werden, zu welchem Behufe die das Fest
gebenden Stmme gar nicht selten ihre eigenen Kinder schlachten; alle
Feinde, alle Schiffbrchigen werden gefressen (Erskine. 262. 229). Oder
man erschlgt, um das nthige Fleisch zu bekommen, den ersten besten aus
dem Volke, den man unbewaffnet trifft (so wurden einmal 16 Weiber
gefangen und gegessen, wie Erskine 182 erzhlt). Dass man allen Freunden
von dieser geschtztesten Speise schickt, ist so feste Sitte, dass gar
nicht selten, weil es bei irgend einer Gelegenheit unterlassen, Krieg
entsteht. Dem Gebratenen gibt man oft eine Keule in die Hand, malt ihm
das Gesicht roth und setzt ihm eine Perrcke auf (Erskine 262); ja in
einigen Gegenden der Gruppe fhren die Weiber um diese Todten und ihnen
zum Hohne die allerschandbarsten Tnze auf (Jacks, bei Erskine 440).
Auch hat man verschiedene Arten, Menschenfleisch zu kochen, welche nach
den Landestheilen verschieden sind (261. 439). Als der Sohn eines
Huptlings starb; jammerte ihm sein Vater nach: er war so khn! er
tdtete, wenn sie ihn erzrnten, seine eigenen Weiber und ass sie (Ersk.
244). Auch Mariner (1, 329) nennt den Kannibalismus auf den
Fidschiinseln sehr verbreitet und sagt, dass er von dort erst zu den
Tonganern, die ihn nur in prahlerischer Nachahmung der Fidschis ausben,
gekommen sei; an einem Fest htten die Fidschimnner 200 Feinde gegessen
(1, 345; 2, 71). Wer eines natrlichen Todes stirbt, wird nicht gegessen
(Williams und Calvert 1, 266), doch hat man auch Grber erbrochen, um
die Leichen zu verzehren! (eb. 212), ja man schneidet, um auch das
Scheusslichste nicht zu verschweigen, auch von Lebenden, aber nur von
gefangenen Feinden, Fleisch ab und verzehrt es vor ihren Augen (Will. u.
Calv. 1, 212). Der Grund des Kannibalismus, ursprnglich Hass und
Rachedurst oder Prahlerei, indem man sich dadurch furchtbar machen
wollte, oder die Absicht, sich die Eigenschaften des Gefressenen
anzueignen, ist jetzt fast berall auf der Gruppe nur Wohlgeschmack am
Menschenfleisch, das sie jetzt jedem anderen Fleische vorziehen. Roh
verzehren sie es nie: die Gabel, mit der es gegessen wird, ist fr alle
anderen Speisen verboten (Tabu) (eb. 212). Mit Trommelschlag in ganz
bestimmtem Rythmus

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der sonst nie angewendet wird, laden sie zu den Kannibalenfesten ein
(Erskine 291), von denen Weiber fast immer, Sklaven und gewisse Priester
immer ausgeschlossen sind (Erskine 260; Williams und Calvert 1, 211).
Und trotz alledem hatte der Kannibalismus eine religise Weihe bei
ihnen: die getdteten Feinde werden zuerst den Gttern dargeboten
(Erskine 261), die selbst Kannibalen sind (247) und jedes Kannibalenfest
hat bestimmte, sonst nicht getanzte heilige Tnze (209. 440).

Wir haben uns bei diesem ekelhaften Detail so lange verweilt, einmal,
weil es anthropologisch von hohem Interesse ist--dann aber und
hauptschlich, um zu beweisen, dass der Kannibalismus, der so
ausgeprgt, so eingewurzelt bei den Fidschis ist, nicht erst, wie jetzt
die Huptlinge gern erzhlen, in der letzten Zeit aufgekommen sei, Hand
in Hand mit dem blutiger werdenden Kriege (Erskine, 272). Er besteht
gewiss viele Jahrhunderte lang, gewiss viel lnger, als die Fidschis
ihre jetzige Wohnung inne haben: allein er hat sich immer weiter
ausgedehnt und mag seine rohesten Formen, z.B. das Menschenfressen aus
Leckerei erst im letzten Jahrhundert seines Bestehens, so lange aber
auch mindestens, angenommen haben. Trotzdem aber, und auf dies Faktum
werden wir zurckkommen, trotzdem ist ein Aussterben der Bevlkerung
nicht zu merken (Erskine 274). Die Zahl derselben betrgt nach den
Missionren (ebendas.) 200-300,000 und mag dies auch etwas zu hoch
gegriffen sein, sie ist jedenfalls betrchtlich genug, so dass auch Behm
200,000 als Totalsumme annimmt. Und ferner, was von besonderer
Wichtigkeit fr die geschichtliche Betrachtung der Naturvlker ist, sie
selbst haben das Bedenkliche des Kannibalismus eingesehen; daher jene
halb entschuldigende Rede der eingeborenen Frsten; daher die
verhltnissmssige Leichtigkeit des Kampfes, welchen die Missionre
gegen die Anthropophagie fhren, welchen man doch gerade, wegen des
Alters der Sitte, fr unendlich schwierig halten sollte (Erskine 280).
Ja sie werden sogar von einer heidnischen Partei darin untersttzt,
welche sehr gegen den Kannibalismus, sowie gegen das unsinnige Morden
der Weiber und Sklaven ist, welches wir gleich betrachten werden, und
fr Abschaffung aller dieser Sitten eifrig kmpft. Die Frsten sind es,
welche aus feudalen Gelsten dies Alles aufrecht erhalten wissen wollen
(Seemann Zeitschr. 10, 289). Man sieht, das Christenthum ist hier gerade
im rechten Zeitpunkt gekommen: man sieht aber auch ferner, solche
Umnderungen, wie wir sie vorhin fr Tonga voraussetzten, haben sich
wirklich bei diesen Vlkern vollziehen knnen: wir sehen sie hier bei
einem viel roheren Volk vor unseren Augen geschehen.

Auch in Polynesien herrschten die blutigsten Kriege, wobei aber zu
bemerken, dass, obwohl man den Eingeborenen persnliche Tapferkeit
durchaus nicht absprechen kann, welche sie, auch die sonst so
weichlichen Tahitier, selbst den Europern gegenber, wohl gezeigt
haben, dass trotzdem auch hier der Krieg hauptschlich durch Ueberfall
gefhrt wird. Aber auch die Polynesier morden den besiegten Stamm
kaltbltig mit Weib und Kind und so sind ihre Kriege ausserordentlich
blutig und verheerend. Solche Kmpfe herrschten nun zu Neuseeland und
trugen wie zur Zersplitterung der Maoristaaten zum Hinschwinden der
Bevlkerung nicht wenig bei (Dieffenbach 2, 132), die theils im Krieg
selbst getdtet, theils zu Sklaven gemacht, theils durch die Noth nach
dem Kriege vernichtet wurde (2, 16). In Tonga wurden Kriegsgefangene
(Mariner 1, 115) stets ermordet, und ebenso alle Einwohner eroberter
Stdte (1, 101). Von den grausamen Kriegen unter Finau (der z.B. einmal
18 nur verdchtige Vornehme ertrnken liess, Mariner 1, 271), welche bei
Ankunft der Europer schon in voller Blthe und nur Wiederholung oder
Fortsetzung frherer hnlicher war, hat uns Mariner ein getreues, aber
schreckensvolles Bild geliefert, wie er auch erzhlt, dass die
tonganischen Sitten immer mehr durch die Bekanntschaft mit den Fidschis
verwilderten. Auf Samoa herrschte ein noch grausamerer Kriegsgebrauch
als zu Tonga (Mariner 1, 163) und hufig genug waren diese blutigen
Kriege daselbst, welche Turner 304 und vorher schildert. Und betrachten
wir den Markesasarchipel, so ist ganz Nukuhiva in einzelne vom hohen
Gipfel der Insel herablaufende Thler getheilt, deren jedes von einem
besonderen Stamm bewohnt wird. Alle diese Stmme sind in erbitterter
Feindschaft und in ewigem Krieg (Melville, Krusenstern, Mathias G***).
Viel rger aber als berall haben die Kriege auf Tahiti gewthet, von
denen die Insel so fortwhrend heimgesucht war, dass Lutteroth (22) ganz
mit Recht den Frieden einen der Insel unbekannten Zustand nennt. Und wie
wurden diese ewigen Kriege gefhrt! Alle Fliehenden, die man einholte,
alle Weiber und Kinder der Besiegten, welche dem Sieger in die Hnde
fielen, wurden niedergemetzelt (Mrenhout 2, 38-39, Lutteroth 21, Ellis
1, 310 ff.). Nun waren in frherer Zeit fast alle Schlachten
Seeschlachten und gerade deshalb besonders blutig, denn die Besiegten,
welche sich durch Schwimmen ans Land zu retten suchen mussten, wurden
begreiflicher Weise leicht von den Khnen der Sieger eingeholt. Weniger
verderblich waren die Landschlachten, weil in ihnen, nach
malaiisch-polynesischer Sitte, der Sieg, nach dem nur einige wenige
gefallen waren, fr entschieden angesehen wurde (Mrenhout 2, 40, Ellis
l, 312). Waren dann bei der Verfolgung die Menschen vernichtet, so gings
nun an die Zerstrung des Landes: die Tarofelder und sonstigen
Pflanzungen wurden verwstet, den Kokosbumen das Herz ausgeschlagen,
wonach sie absterben, die Brotbume umgehauen, die Huser verbrannt
(Ellis 1, 293, Lutteroth 21-22)--kurz die Besiegten wurden womglich
ausgerottet, ihr Land auf Jahre zu einer unfruchtbaren Oede gemacht.
Solche Kriege wtheten auf der ganzen Gesellschaftsgruppe; der Missionr
Nott erlebte auf Tahiti in einem Zeitraum von 15 Jahren 10 solcher
Kriege (Lutteroth 17). Auch die Kriege auf der Hawaiigruppe waren
verwstend genug. Hier wie zu Tahiti gab es blutige Seeschlachten (Ellis
4, 155) und in den Landkriegen, in denen nach Jarves (59) Hinterhalte,
heimliche Ueberflle u. dergl. selten vorkamen, vielmehr meist in
offenen Feldschlachten (die auch zu Tahiti keineswegs selten waren,
Ellis 1, 284) gekmpft wurde, war es namentlich wieder die Verfolgung,
nicht die Schlachten selbst (Jarves 60), welche der Bevlkerung und
ganzen Distrikten Tod und Zerstrung brachte. Die Gefhrlichkeit dieser
Kriege geht aus der Geschichte Hawaiis unter Tamehameha und aus den
Bewegungen, welche dieser grosse Frst auf der Gruppe hervorbrachte, zur
Genge hervor. Auch die Paumotuinsulaner sind wilde, weit und breit
gefrchtete Krieger, die unter sich die heftigsten Kriege fhren. Die
Bewohner von Anaa (Chainisland) verwsteten alle umliegenden Inseln,
hieben die Fruchtbume nieder und was von den Bewohnern nicht getdtet
wurde, ward als Sklave mit fortgeschleppt (Mrenhout 1, 199 vergl. 169).
Nicht weniger als 38 Inseln haben sie auf diese Art verdet (Hale 35).

Auch in Mikronesien wurden und werden heftige Kriege gefhrt, so auf den
Palaus (Keate), auf einzelnen Karolinen und zwar auf den hohen Inseln
Eap, Truck (Hogoleu), Ponapi, nicht aber auf Kusaie (Ualan Chamisso 135,
Kittlitz 1, 356): so und besonders leidenschaftlich auf der Eatakkette
(Kotzebue, Chamisso) und auf den Gilbertinseln (Gulick 410). Whrend man
in diesem Gebiet nur an einigen Orten die Bume schonte (Hale 84) hieb
man, sie nach der gemeinsamen Sitte der Ozeanier, auf Ratak und sonst
nieder (Kotzebue 287), und man kann sich denken, wie furchtbar solche
Barbareien auf den kleinen schon ohnehin nur beraus krgliche Nahrung
bietenden Inseln wirken mussten: viele, die der Krieg verschont hatte,
namentlich Weiber und Kinder, erlagen dem Hunger, dem Elend, das ihm
folgte. Daher ist die Behauptung, dass die einheimischen Kriege der
ozeanischen Bevlkerung ganz unberechenbaren Schaden zugefgt und
wesentlich zu ihrer stetigen Verminderung beigetragen haben, nur
allzusehr gerechtfertigt.

Die Sitte des Schdelerbeutens, welche wir auf Neuguinea sahen und die
das ganze Malaisien beherrscht, finden wir insofern berall in
Polynesien, als man gierig die Schdel und in Tahiti auch die
Unterkiefer der Feinde erstrebt, um sie als Trophe aufzuheben (Nukuhiva
Melville 2, 129, Tahiti Bougainville 181, Ellis 1, 309, Perl- oder
Palliserinseln ebend. 1, 358, Aitutaiki 1, 309, Rarotonga 1, 359,
Neuseeland Dieffenbach 2, 134, Samoa Turner 301. 304). Hiermit hngt die
weite Verbreitung der Menschenfresserei enge zusammen, wie sie nach Hale
38 in Neuseeland, wo nach Thomson 1, 148 das letzte Beispiel dieser
Sitte noch 1843 vorkam, Hervey, Mangareva (Gambier), Paumotu und dem
Marquesasarchipel ganz allgemein und ohne Scham betrieben wurde. Auch zu
Kriegen wird sie oft Anlass, indem man, um ihn zu fressen, einen oder
mehrere Menschen eines fremden Stammes erschlug, welche That natrlich
Rache erheischte. Auf Samoa, Tonga, Tahiti und Hawaii kommt der
Kannibalismus jetzt nur noch einzeln vor, auf Samoa bei ganz besonders
erbittertem Hass (Turner 194), auf Tonga aus Prahlerei und in Nachahmung
der Fidschisitten, (Mariner 1, 116-17), so wie bei Hungersnoth, wo man
irgend Jemanden, meist einen Verwandten erschlgt und isst (eb. 2, 19;
1, 117); in Tahiti gleichfalls, aus Prahlerei, um sich furchtbar zu
machen (Ellis 1, 310). Aber frher war er auf diesen Inseln allgemeine
Sitte (Hale 37), wie eine Menge seltsamer und anders ganz unerklrbarer
Gebruche beweisen: so auf Tahiti der oft beschriebene Gebrauch bei
Menschenopfern, dem Knig das linke Auge (den Sitz der Seele) des Opfers
darzubieten, der dann den Mund ffnete, als ob er es verschlnge und
durch diese Ceremonie Verstand und Klugheit bekommen sollte.
Ursprnglich hat er es gewiss gegessen, und erst spter, als die Sitten
sich milderten, begngte man sich, wie in analogen Fllen bei allen
Vlkern der Welt, mit einer symbolischen Handlung. Im Samoaarchipel
beugt sich, wer dem Sieger als besiegt sich unterwirft, vor demselben
nieder, indem er ihm Feuerholz und die Bltter darreicht, in welche man
in Polynesien die Speisen, die gekocht werden sollen, einschlgt (Turner
194). Und so liesse sich vieles anfhren. Es scheint aber, als ob, wie
die Tahitier, Hawaier u.s.w. die Menschenfresserei abgeschafft hatten,
ehe die Europer kamen, noch an manchen anderen Orten Polynesiens
dieselbe Sitte in Abnahme oder doch in Misskredit gekommen sei, ohne
dass der Einfluss der Europer dies bewirkt htte: so lugneten auf
Nukuhiva die wilden Taipis den Kannibalismus ganz und gar, und suchten
ihn den Weissen zu verbergen, wie Melville mittheilt. Und die
neuseelndischen Frsten erzhlten, er sei keineswegs von Alters her bei
ihnen Sitte, sondern erst spter eingefhrt (Thomson 1, 142), eine
Behauptung, welche entschieden falsch und nur von ihnen erfunden kaum
eine Widerlegung verdient.




 10. Menschenopfer.


In Nordamerika sind Menschenopfer nicht sehr zahlreich gewesen. In
Florida wurden Weiber und Diener ehedem beim Tode des Herrn gleichfalls
getdtet, um ihm im Jenseits zu dienen (Waitz 3, 199-200), wie man
ebendaselbst den Erstgeborenen der Sonne opferte. Kinderopfer werden
auch sonst fters erwhnt: in Virginien, in Neuengland, bei den Sioux
und sonst (Waitz 3, 207). Auch bei manchen Caribenstmmen wurden mit den
gestorbenen Huptlingen einige seiner Weiber lebendig begraben (ebend.
3, 387) und vornehmen Leuten folgte ein Sklave nach (3, 334). Allein bei
allen diesen Vlkern sind die Menschenopfer von so wenig Ausdehnung
gewesen, dass wir bei ihnen, da sie fr unsere Betrachtung gar keine
Bedeutung haben, nicht zu verweilen brauchen. Um so zahlloser aber waren
die Menschenopfer, welche die Religion der amerikanischen Kulturvlker
forderte und deren Ursprung in uralte vorhistorische Zeit zurckgeht
(Waitz 4, 157). Wo wir Menschenopfer finden, werden wir dieselben immer
mit grsster Wahrscheinlichkeit auf die allerlteste Zeit zurckfhren,
denn sie wurzeln stets in sehr ernst gemeinter Religiositt, nie in
Grausamkeit. Sptere Einfhrung derselben findet sieh nur in ganz
vereinzelten Fllen und wird sich aus Nachahmung der Sitten anderer
Vlker, besonders heftiger Kriegserbitterung oder irgend etwas hnlichem
fast immer erklren lassen. Wohl aber sind die Menschenopfer im Laufe
der Zeiten bei manchen Vlkern abgekommen: so bei den Indogermanen, den
Semiten u.s.w. Die Zahl dieser Opfer war nun in Mexiko geradezu
ungeheuer, wie folgende Zeugnisse, die alle aus Waitz 4, 157 ff.
entlehnt sind, beweisen. Der Bischof Zumarraga (zur Zeit der Entdeckung)
schtzt sie bei Torquemada auf 20,000 jhrlich, wenigstens fr die
letzte Zeit des Reichs; in der Hauptstadt und ihrer nchsten Umgebung
soll ihre Zahl jhrlich mehr als 2500 gewesen sein. Oviedo behauptet,
dass Montezuma jedes Jahr ber 5000 geopfert htte; bei einem Fest in
der Stadt Tlaskala fielen 800 Opfer jhrlich; der zweite Monat des
Jahres war, weil er so viele Menschenopfer forderte, nach der
Schlaflosigkeit der Menschen benannt. Trat Drre, Misswachs u. dergl.
ein, so wurden die Opfer vermehrt. Die Einweihung des Haupttempels zu
Tenochtitlan (den 19. Februar 1487 nach Gama) soll nach Torquemada
(1610) 62,344, nach Fra Toribio Motolinia und Ixtlilxochitl (von
mtterlicher Seite aus vornehmen mexikanischen Frstengeschlecht, von
vterlicher Seite Spanier, der mit grossem Eifer die Geschichte des
Landes seiner mtterlichen Vorfahren durchforschte und seine
grossentheils zuverlssigen Werke um 1600 schrieb Waitz 4, 7 u. 8) sogar
80,400 Menschen das Leben gekostet haben. Die Schdel der Opfer wurden
zu einer grossen Pyramide im Tempelhof aufgeschichtet, die man im
mexikanischen Haupttempel auf 136,000 berechnet hat (Waitz 4, 149). Und
ausserdem kommt noch eine grosse Zahl geopferter Menschen dadurch hinzu,
dass jedes auch kleinere Fest solche Opfer, nur wenigere forderte: durch
die stete Wiederholung aber, denn es gab viel Feste im Jahr, sammeln
sich auch diese zu einer grossen Summe. Wenn wir nun auch mit Waitz die
kleinsten der genannten Zahlen fr die wahrscheinlichsten halten; so ist
die Zahl, die fr jedes Jahr herauskommt, noch immer enorm. Waren die
eben besprochenen nur solche Opfer, die man den Gttern brachte, so
forderte der Tod vornehmer Menschen andere. Starb der Herrscher oder
irgend ein Vornehmerer sonst, so folgten diesem Weiber und Sklaven in
den Tod; aber da nun am 4ten, 20sten, 40sten und 80sten Tage nach dem
Begrbniss auf dem Grabe derartige Abschlachtungen stattfinden mussten,
so darf man sich auch die Zahl der auf diese Weise umgebrachten Menschen
nicht zu gering denken: stieg sie doch manchmal bis auf 200 (4, 167).

Die Quiches in Guatemala (4, 264) so wie die Chorotegen in Nikaragua
(279), toltekische Vlker, brachten Menschenopfer dar wohl ebenso
reichlich als die Mexikaner, wie denn ihre Religion in fast allen
Stcken der mexikanischen gleich war. In Yukatan, wo solche Opfer zwar
auch vorkommen, waren sie doch minder zahlreich als in jenen Gegenden
und in Mexiko (4, 309).

In Darien vergifteten sich des Herrschers Lieblingsweiber und Diener bei
seinem Tod, oder sie wurden lebendig mit ihm begraben (4, 351), wie
Weiber und Diener auch bei den Chibchas in Neugranada gettet (4, 466)
und Menschenopfer bei allen diesen Vlkern gar nicht selten den Gttern
dargebracht wurden. Ebenso war es auf den Antillen (4, 327).

In Peru waren Menschenopfer, wozu man gefangene Feinde nahm, selten und
nur bei ausserordentlichen Veranlassungen gebruchlich. Weiber und
Diener aber folgten auch hier dem Inka, deren einem 1000 seiner
Angehrigen sich geopfert haben sollen, und ebenso den Vornehmen
freiwillig in den Tod nach, um ihm im Jenseits weiter zu dienen.
Namentlich aber Kinder wurden hier vielfach gettet; wenn ein Vornehmer
krank war, wurde eins von seinen eigenen Kindern den Gttern zum
Ersatzopfer, wie man annimmt, geschlachtet, welches dann freudig in den
Tod zu gehen pflegte. Vor dem Auszuge zum Krieg, bei Krankheit des
Herrschers und bei dessen Inauguration wurden Kinder, meist Knaben von
4-10 Jahren, seltener Mdchen, nach einzelnen freilich nicht ganz
glaubwrdigen Angaben bis zu 200, ja bis zu 1000, geopfert, was auch
beim Erntefest, bei verheerenden Epidemien, ja in einigen Gegenden mit
jedem erstgeborenen Kinde und mit dem einen von Zwillingen geschah. Auch
wurde den Todten von dem Blute des geopferten Kindes ein Strich von
einem Ohr zum anderen gezogen (Waitz 4, 460-61). Auch hier mssen wir
auf das zurckkommen, was wir oben gesagt haben: die Kinderopfer dienen
nur dazu, einen bei den Gttern, denen Kinder am liebsten waren,
besonders gltigen Vermittler zu haben; deshalb, und nicht zum Ersatz,
wurden die eigenen Kinder als Opfer bei Krankheiten preisgegeben und
unsere Auffassung wird untersttzt dadurch, dass die Kinder gewhnlich
freudig in den Tod gingen: sie wussten, dass sie einem guten Loos
entgegengingen; daher auch der Strich mit Kinderblut ber die Todten,
welche auf diese Weise gleich das Zeichen des Vermittlers an sich
trugen.

Die Kinderopfer in Mexiko hatten meist dieselbe Veranlassung und
denselben Zweck: so wurden zwei Kinder vornehmer Abkunft, wenn die Saat
aufging, ertrnkt, vier, wenn sie grsser war, dem Hungertode
preisgegeben (4, 159). In Nikaragua wurde ein Knabe, wenn Regen nthig
war, den Gttern dargebracht (4, 379). Aehnliche Opfer brachten die
Chibchas in Neugranada vor der Schlacht (364).

Nirgends aber sind auch die Menschenopfer massenhafter, als auf Fidschi,
wie wir daselbst auch den Kannibalismus schrecklicher ausgebildet
fanden, als sonst irgendwo. Zur Feier der Mannbarkeit eines
Huptlingssohnes, so erzhlt Seemann (Zeitschr. 9, 476), sollte eine
rebellische Stadt ganz vernichtet, die Einwohner erschlagen, auf einen
Haufen zusammengetragen, auf diese Sklaven gelegt und auf diese wieder
der Einzuweihende gesetzt werden. Alle Schiffbrchigen, das verlangt ihr
Glaube, mssen getdtet werden; wer es unterliesse, wrde sonst selbst
im Schiffbruch umkommen (Erskine 249-50). Alte Eltern werden von ihren
Kindern, kranke Kinder von ihren Eltern lebendig begraben (ebend.) und
zwar ist es der eigene Wille der Opfer, dass ihnen so geschieht (477),
denn man glaubt, man kme nach und durch solchen Tod sofort in ein
anderes und viel besseres Leben; daher sich diese scheussliche Sitte mit
wirklicher Familienanhnglichkeit vertrgt. Aber es ist ebendaher auch
begreiflich, dass nur wenige Menschen eines natrlichen Todes sterben
(Will. u. Calvert 1, 188). Menschenopfer am Grabe, namentlich von
Huptlingen, sind ebenso gewhnlich als umfangreich; die Weiber werden
entweder alle oder doch die Lieblingsweiber und eine Menge Sklaven
ermordet. Die Mutter, deren geliebter Sohn stirbt, folgt ihm bisweilen
ins Grab, der Freund dem Freund (Will. u. Calvert 1, 134). Auch hierzu
drngen sich, wegen der Belohnungen im Jenseits, die Opfer; die Weiber
erdrosseln sich selbst, wenn ihnen Niemand diesen Dienst thut (Erskine
293. Mariner 1, 347). Und wie fest man an den Menschenopfern hielt, geht
aus folgender Notiz bei Erskine 440 hervor: ein Fidschiinsulaner hatte,
von irgend welchem Mitleiden ergriffen, einen Gefangenen nicht dem Gotte
geopfert; da erschien ihm letzterer im Traum und qulte ihn ber diese
Unterlassung dermassen mit Gewissensbissen, dass der Mensch fast in
Raserei fiel. Doch dieselbe Partei, welche, wie wir schon erwhnt haben
(S. 70), sich gegen den Kannibalismus wendete und ihn abzuschaffen
sucht, ist auch diesen Menschenopfern feindlich (Erskine 280) und so
werden auch sie, da der Einfluss der Europer hinzukommt, hoffentlich
nicht mehr allzulange dauern.--Aehnliche Gebruche fanden sich auch
sonst in Melanesien, wenn auch nirgends so bertrieben wie hier:
namentlich ist es das Lebendigbegrabenwerden der Eltern, der Kranken,
die Ermordung der Mutter oder einer Verwandtin, wenn ein kleines Kind
stirbt, was uns berichtet wird.

Was nun Polynesien betrifft, so ist es gewiss Uebertreibung, wenn
Michelis (91. ohne Quellenangabe) erzhlt, der Knig von Futuna
(nrdlich von Samoa), dessen Insel 2000 Einwohner hat, habe whrend
seiner Regierung an 1000 Menschen den Gttern geopfert. Denn wir finden
sonst in Polynesien die Menschenopfer nicht allzuzahlreich. Freilich ist
es ein Irrthum, wenn Ellis 1, 106 behauptet, sie seien in Tahiti erst
spter eingefhrt, da sie mit der ganzen polynesischen Religion viel zu
eng verwachsen sind; wohl aber sind sie in spterer Zeit, noch vor der
Entdeckung, von den Eingeborenen selbst sehr beschrnkt. Bei Beginn
eines Krieges erhielt der Kriegsgott ein Menschenopfer (Ellis 1, 276),
dem so wie anderen Gttern fters Menschen dargebracht wurden (1, 357).
In Kriegszeiten, bei grossen Nationalfesten, bei Krankheiten und dem Tod
der Frsten (Bratring 182-83. 196) opferte man Menschen, sowie man die
Kpfe der Besiegten (was auch melanesischer Brauch war) in den
Tempelpltzen als Weihgeschenk aufstellte (Mrenhout 2, 47). Hufiger
waren diese Opfer in Hawaii, wo (Jarves 47) hufig an 80 Menschen auf
einmal geschlachtet sein sollen. Man nahm, hier und in Tahiti, dazu
Gefangene oder Verbrecher oder Leute, die irgend ein Tabu gebrochen
hatten, oder, wenn deren keine vorhanden waren, Leute aus dem Volk
(Jarves 18. Ellis a.a.O.). Aehnlicher Gebrauch herrschte auch auf den
Herveyinseln (Williams 215). Wenn nun auch in Hawaii, nach den Angaben
der Frsten, diese Opfer erst spter eingefhrt sein sollten (Jarves
47); so ist dies nur ein Zeichen, dass man auch hier schon dies
Schreckliche der Sitte eingesehen hatte und sie im Abnehmen war.
Menschenopfer fanden selbstverstndlich auch hier an den Grbern der
Vornehmen statt, zunchst beim Ausstellen der Leiche und dann noch
zahlreicher beim Begrbniss selbst (Remy 115). Ebenso war es frher in
Neuseeland Sitte--jetzt ist sie abgekommen--dass sich die Weiber am
Grabe ihrer Mnner erdrosselten, die Sklaven getdtet wurden (Taylor
97). In Tonga wurden bei den Grbern der Vornehmen ab und zu Weiber
geopfert (authent. narrat. v. Tonga 78; Mariner 1, 295), was auf frhere
Allgemeinheit dieser Sitte, gegen welche die tonganischen Frsten selbst
eiferten, schliessen lsst.

Von besonderem Interesse ist der Kindermord, wie er sich auf Tonga
zeigt. So wurden (Mariner 1, 229) Kinder den Gttern geopfert, um den
Frevel eines Frsten gegen ein Heiligthum wieder gut zu machen: ein
Opfer, welches gar keinen Sinn htte, wenn man nicht eben in den Kindern
den Gttern besonders angenehme Vermittler gesehen htte. Um des Knigs
Leben zu erhalten, wurde eines von seinen mit einem Nebenweib erzeugten
Kindern getdtet (1, 379): wenn aber der Tui-tonga, der hchste
religise und frher wohl auch weltliche Herr von Tonga krank ist, da
gengt ein Kind nicht und man tdtet drei bis vier (1, 454).

Ehe wir diesen Gegenstand verlassen, ist noch von einer Art Opfer zu
sprechen, die, wie es scheint, ber die ganze Welt verbreitet ist: ber
die Menschenopfer zur Einweihung, zur Sicherung von Gebuden u.
dergl.[N] Auch diese Sitte ist am bertriebensten auf den
Fidschiinseln. Dort mssen neugebaute Khne, damit sie vor Sturm und
Unheil sicher sind, ber lebende Sklaven in die See gerollt werden;
jeden Pfosten eines neu gebaut werdenden Hauses muss, damit der Pfosten
sicher steht, ein lebender Sklave umfassen--und zu diesem lebendig
Zerquetscht-, zu diesem lebendig Begrabenwerden drngen sich die Opfer,
denen es im Jenseits mchtig vergolten wird (Erskine 249-50). Die Sitte
war nicht bloss melanesisch, sondern auch ber ganz Polynesien
verbreitet: in Neuseeland ruhte der Mittelpfeiler des Hauses frher auf
Menschenleichen (Taylor 387 ff.) und von Tahiti erzhlt dasselbe
Mrenhout 2, 22-23; doch scheint auch hier der Gebrauch in spterer Zeit
abgekommen zu sein; denn wenn er und Ellis (1, 346) diesen Gebrauch nur
fr Tempel angeben, so ist er wohl erst spter nur auf diese beschrnkt
worden. Derselbe Gebrauch findet sich auch in Sdamerika: der Palast des
Bogota, des Herrschers der Chibcha stand auf Mdchenleichen und sein
Grund so wie seine Thrpfosten waren mit Menschenblut getrnkt (Waitz 4,
360).

Nachdem wir so diese Uebersicht ber die Art, wie die Naturvlker das
Menschenleben schtzen, vollendet haben, ergibt sich als Resultat, dass
ihre Kriege fr sie hchst gefhrlich sind, ja einzelnen geradezu die
Existenz gefhrden, so dass wir sie in erster Linie auffhren mssen,
wenn wir die Ursachen fr das Aussterben der Naturvlker aufsuchen; dass
aber Kannibalismus und Menschenopfer, obwohl in einzelnen Lndern
furchtbar ausgedehnt, nur von sekundrer Wichtigkeit sind und nur wenn
sie mit anderen Grnden vereint auftreten, zur sichtlichen Verminderung
eines Volkes beigetragen haben.




 11. Verfassung und Recht.


Auch die Staats-und Rechtsverfassung der Naturvlker wird nach einigen
Seiten uns hier, freilich nur kurz, beschftigen mssen. Die
Kulturstaaten Amerikas so wie die polynesischen Inseln sind es, die wir
nach dieser Richtung hin betrachten mssen; denn bei den brigen
Naturvlkern ist theils das Rechts- und Staatsleben zu wenig entwickelt,
als dass es irgend welchen Einfluss gehabt htte, theils so entwickelt,
dass dieser Einfluss kein ungnstiger war. Wie das Recht in seiner
ltesten Entwickelung immer seine Gesetze mit Blut schreibt; so war es
auch in Mexiko der Fall: fast alle Verbrechen, selbst geringe
Diebsthle, Trunk, Verleumdung u. dergl. wurden mit dem Tod bestraft,
und bisweilen die ganze Familie in die Sklaverei verkauft (Waitz 4,
84-85). Denn der Grundsatz, dass die Sippe haften muss fr das einzelne
verbrecherische Mitglied gilt auch hier. In Peru (4, 414-15) war die
Strenge der Gesetze nicht minder gross und die Haftbarkeit der Familie
fr den Schuldigen, mit dem sie in vielen Fllen den Tod zugleich
erlitt, noch grsser. Diese strenge Justiz und namentlich die
Haftbarkeit der Familie fr den Einzelnen hat in der Sdsee ferner, wo
sie gleichfalls herrscht, um so grsseren Schaden angerichtet, als, wie
wir gleich sehen werden, dort die Gewalt der Herrschenden noch absoluter
war als in Amerika. So wurde in Tonga der ganze Stamm eines Aufrhrers
vernichtet (Mariner 1, 271) und die fortwhrenden Rachekriege dieser
Vlker und Stmme untereinander beruhen theilweise auf dieser blutigen
Rechtsauffassung (z.B. fr Neuseeland Dieffenbach 1, 93, Haftbarkeit des
Stammes fr den Einzelnen Thomson 1, 98). Auch in Neuholland sind
ziemlich strenge Rechtsstrafen (Grey 2, 236-37), entweder Tod oder
Durchstossen einzelner Krpertheile mit dem Speer (wobei oft der Tod
erfolgt) oder Speerung, d.h. der Schuldige muss sich den Speerwrfen
einer grsseren oder geringeren Menge von Volksgenossen aussetzen, denen
er freilich durch seine Geschicklichkeit (Waffen darf er nicht haben),
wenn sie ausreicht, ausweichen darf (Grey 2, 244-45). Die Haftbarkeit
der Familie, des Stammes fr den Einzelnen ist hier wo mglich noch
fester, als irgendwo sonst (Grey 2, 239-40; 235-36).

In Mexiko war die Verfassung streng monarchisch, wobei der Adel, der
frher wahrscheinlich die hchste Staatsgewalt selbst in Hnden gehabt
hatte (Waitz 4, 71), wie in anderen monarchischen Staaten auch, grosse
Vorrechte ber das Volk hatte. Der Herrscher, weil er Stellvertreter
Gottes auf Erden war, hatte unumschrnkte Gewalt (Waitz 4, 68); und
mochte dadurch auch mancherlei Ungerechtigkeit und Gewaltthtigkeit
geschehen, mochten einzelne Frsten ihre Macht missbrauchen, wie denn
namentlich der letzte von ihnen, Montezuma II., seinen gewaltthtigen
und hoffrtigen Charakter in noch schrferer Entwickelung des
Absolutismus und der Sonderstellung des Adels zeigte; das wurde doch vom
Volk ertragen, ohne dass dadurch das Volk noch auch durch den Unwillen
des Volkes die Herrscher gefhrdet waren. Schlimmer war, dass die
Herrscher durch ihren Absolutismus den eigenen Willen des Volkes zu sehr
gelhmt hatten. Die strenge und allgemeine Fgsamkeit in den Willen des
Herrschers hat sich von Seiten des Volkes bei mehreren Gelegenheiten in
unzweideutiger Weise gezeigt: auf einen Wink von Montezuma blieb Alles
ruhig, sogar als er selbst von Cortez gefangen gesetzt wurde und mit der
Eroberung der Hauptstadt hrte jeder Widerstand auf, nicht bloss weil
die Grossen des Reichs dort alle vereinigt waren, sondern auch weil mit
dem Falle des Herrschers fr die bis zum Aeussersten standhaft
gebliebenen Mexikaner die Pflicht der Selbstverteidigung wegfiel.
Revolutionen des Volks waren--abgesehen von neu eroberten Lndern--fast
unbekannt (Waitz 4, 68). Am gefhrlichsten aber war die
Eroberungspolitik des mexikanischen Staates. Um alle Lnder sich und
ihrem Gotte Huitzilopochtli zu unterwerfen, was das stete Streben der
Mexikaner war (4, 117), hatten sie ihre Herrschaft vom atlantischen bis
zum stillen Ozean ausgedehnt, ohne aber wirklich Widerstand leistende
Lnder ernstlich zu bezwingen und sich zu assimiliren. Und Montezuma II.
noch machte es ebenso. Whrend in seinen Lndern Emprungen der
unterworfenen Lndertheile ausbrachen, schickte er, anstatt das
Gewonnene dauernd zu fesseln, seine Heere in immer fernere Gegenden, um
immer mehr zu gewinnen (Waitz 4, 46), und daher, sagt Waitz 4, 47, ist
es wohl begreiflich, dass das grosse rasch gewachsene Reich des
Montezuma durch ein paar krftige und geschickt gefhrte Stsse
zertrmmert werden konnte. Eine Menge einheimische Feinde, ganze
Lndertheile erhoben sich und stellten sich auf Seiten der Spanier--und
so ist Mexiko, das so bevlkerte, reiche und blhende Land zum nicht
geringsten Theil durch seine eigene Politik zu Grunde gegangen. Da diese
Schilderung im Grossen und Ganzen auch auf Peru passt, wo der Knig als
Stellvertreter Gottes auf Erden nur eine noch absolutere und drckendere
Macht besass, wo gleichfalls Eroberungskriege das Land ausgedehnt und
dadurch minder fest gemacht hatten, weil es nun in seinem Innern
feindliche Elemente barg (Waitz 4, 399-413), da wir hier so ziemlich
dasselbe finden, so brauchen wir die Verhltnisse des Inkareiches nicht
genauer zu betrachten und gehen gleich zu Polynesien ber.

Hier hat der Absolutismus und die Sonderstellung des Adels, die in der
gttlichen Abstammung des Adels und der Knige wurzelt, die denkbar
hchste, man knnte sagen eine logisch vollkommene Entwickelung
gefunden. Ueberall, in Neuseeland, in Tahiti, in Hawaii, dem
Markesasarchipel, auf Tonga, bei der alten Bevlkerung der Marianen
(whrend sonst Mikronesien in der Praxis wenigstens die Gegenstze
minder scharf fasst) gilt das Volk als unbeseelt, daher sein Leben als
vollkommen werthlos. Man tdtete es nach Gelsten oder Laune (Mariner 1,
60. 91), man bedrckte es, da es weiter keine Geltung hat, als eben nur
fr die Vornehmen da zu sein, keinen Werth weiter als was es den
Vornehmen werth ist--und nirgends war dieser Druck schlimmer als auf
Hawaii--man hat ihm aus demselben Grund alle harte Arbeit, z.B. den
Landbau, aufgeladen; dabei ist ihm das meiste der besseren
Nahrungsmittel verboten; zu den Festen der Vornehmen muss es, was es
besitzt an Lebensmitteln, beisteuern, zu den Menschenopfern nimmt man
die Individuen aus ihm, kurz, es liegt ein Druck auf ihm, so
unglaublich, dass man gar nicht begreift, wie unter demselben berhaupt
sich eine und noch dazu zahlreiche Bevlkerung erhalten konnte. Oft fand
es nicht Zeit zur Bestellung des eigenen Landes, daher denn Hungersnoth,
Kindermord und namentlich eine grosse Menge von Auswanderungen
eintraten, die vor allem Tahiti entvlkerten, aber auch von anderen
Inseln erzhlt werden. So gab es auf Tahiti im wilden, gebirgigen und
kaum bewohnbaren Inneren der Insel eine zerstreute Bevlkerung wilder
Mnner, die, ausserordentlich scheu und ngstlich, ganz einsam in den
Klften leben, gewiss nur entsprungene Flchtlinge aus dem Volke, oder
deren Abkmmlinge, welche nicht zurckzukehren wagten (Ellis 1, 305).
Von Hawaii sagt Jarves (368 ff.): Der Ackerbau ward vernachlssigt, und
Hungersnoth herrschte. Ganze Schaaren gingen unter ihrer Last zu Grunde;
andere verliessen ihre Heimath und flohen gleich wilden Thieren in die
Tiefe der Wlder, wo sie aufs elendeste aus Mangel umkamen, oder eine
klgliche Existenz durch Frchte und Wurzeln fristeten. Blind fr diese
Folgen setzten die Frsten ihre Politik (zu der sie von geldgierigen
Fremden vielfach verleitet wurden) fort. Kindermord war die Folge
namentlich einer unerschwinglichen Kopfsteuer und nicht nur physisch,
auch moralisch verkam das Volk. Und auf dies moralische Verkommen ist
sehr zu achten; denn nichts befrdert den Untergang einer Bevlkerung
mehr als dies. Wo die Moralitt (natrlich hier nur nach den Begriffen
der betreffenden Vlker) fehlt, fehlt auch die Selbstachtung; wo die
Selbstachtung, die Freude am Leben, welche diesen Menschen auch schon
aus usseren Grnden unmglich war; und wo die Freude am Leben fehlt, da
verkommt und versiegt das Leben selbst. Mit Recht stellt daher Jarves
(a.a.O.) diesen Druck, unter dem das Volk erlag, fr eine Hauptursache
seines massenhaften Schwindens hin: und wie es in Hawaii war, so war es,
mit wenig Abnderungen, so ziemlich berall in Polynesien.




 12. Natureinflsse.


Sahen wir so, was die Naturvlker durch eigene Lebensart oder Schuld zu
ihrem Hinschwinden beitragen: so mssen wir, ehe wir weiter gehen, einen
Blick auf die Naturumgebungen dieser Vlker werfen und deren gnstigen
oder schdlichen Einfluss abwgen. So viel leuchtet schon dem ersten
Blick ein: durch Natureinflsse allein stirbt kein Volk aus und die
menschliche Natur gewhnt sich fast an alles. Man kann sich, nach
Darwins Schilderung, kaum eine fr menschliche Entwickelung ungnstigere
Natur denken, sowohl in Hinsicht auf Klima, als auf Lebensmittel u.s.w.,
als die Sdspitze von Amerika und dennoch sagt derselbe Schriftsteller,
dass ein Aussterben der elenden Stmme der Feuerlnder nicht zu bemerken
sei. Ebenso wenig der Eskimos. Der Mensch akklimatisirt sich, freilich
nur sehr allmhlich in langsamen Vorrcken und durch Jahrhunderte oder
besser Jahrtausende lange Vererbung und dadurch Verstrkung der fr die
einzelne Gegend speziell befhigenden Eigenschaften an jede Gegend, an
jedes Klima, und nichts beweist gerade mehr die Dauerhaftigkeit unserer
Natur als diese Fhigkeit der Gewhnung. Aber freilich werden weder
Feuerlnder noch Eskimos sich je zu grossen mchtigen Nationen
entwickeln: und zwar in Folge ihrer Naturumgebung, welche der freien
Entfaltung der Menschheit denn doch unbersteigliche Hindernisse in den
Weg stellt. So ist denn eben die Naturumgebung der Grund, dass wir die
roheren Naturvlker nie sehr zahlreich sehen; die Natur erheischt ein
Leben, welches dem Gedeihen der Menschheit nicht zutrglich ist. Die
geringe Zahl der Neuhollnder ist zweifelsohne bedingt durch die
erstaunlich unfruchtbare Natur ihres Landes, denn wenn auch Grey (1,
239) Recht hat gegen Sturt und viele Andere, dass der Nahrungsmangel in
Neuholland nicht so gross ist, als er gewhnlich gemacht wird, und
allerdings gibt er fr den Sdwestdistrikt des Welttheils, fr eine
Ausdehnung von 2-300 Meilen (2, 299) eine reiche Menge Nahrungsmittel an
(2, 263-64); so sind dieselben doch immer erst weit zerstreut, mssen
gesucht werden und sind oft, im einzelnen betrachtet, elend genug. Sie
zu vermehren, anzubauen haben die Eingeborenen nicht Kultur genug, auch
finden sich kaum unter den Pflanzen und Thieren Neuhollands solche, die
zu eigentlichen Kulturpflanzen oder Hausthieren brauchbar wren; zu
sammeln aber sind die Neuhollnder, wie wir schon bei der Betrachtung
ihres Charakters sahen, zu indolent, zu trge. Wir mssen hier die
ausserordentlich hemmenden Schranken der Natur anerkennen, die jedoch
nur dann erst wirklich fr den Bestand eines Volkes gefhrlich werden,
wenn noch andere Bedrngnisse hinzukommen. Ueber viele Distrikte
Amerikas muss man, mehr oder minder, dasselbe sagen, in mancher
Beziehung auch von Sdafrika. Und fast noch ungnstiger gestellt ist
Polynesien schon in seinen hohen Inseln, die meist im Innern so steil
und unwegsam sind, dass sie, wie Tahiti und Nukuhiva, nicht bewohnt
werden knnen, oder grosse unfruchtbare Strecken hinter ihren meist
ppigen Uferstrecken bergen, wie die Fidschis und viele der
Hawaiiinseln, und die, wenn sie auch durch und durch bewohnbar wren,
doch schon durch ihre verschwindende Kleinheit in dem ungeheuren und
gefhrlichen Ozeane ihren Bewohnern ein Hinderniss sind. Hier ist die
Schifffahrt nicht so leicht, wie im Mittelmeer und eine
Kstenschifffahrt ganz unmglich. Grosse Thiere gibt es gar nicht ausser
dem zum Hausthier im wahren Sinne ungeeigneten Schwein und einigen
Hunden, welche aber ihre Hundenatur fast abgelegt haben und Mastvieh
geworden sind. Nutzpflanzen gibt es genug, aber so reichlich, dass weder
geistige noch leibliche Anstrengung, ja kaum Thtigkeit nthig ist, um
hinlnglichen Vorrath zu bekommen, oder so wenig, wie auf Neuseeland
(natrlich zur Zeit der Entdeckung), dass trotz aller Anstrengung die
Nahrungsmittel sich nicht sehr heben konnten. Und nun gar die kleineren
Inseln, die fast immer unfruchtbaren Korallenringe, welche meist, wie im
stlichen Polynesien und in Paumotu, nur den Pandanus mit seinen
kmmerlich nhrenden Frchten und, aber noch nicht einmal berall, z.B.
in der nrdlichen Ratakkette nicht, die Kokospalme hervorbringen, den
Brotbaum und die anderen Nahrungspflanzen der Sdsee, welche feuchten
Boden verlangen, wie Tacca und Arum, nur seltener oder nur erst nach
sehr mhevoller Bearbeitung des harten Korallengrundes gedeihen lassen,
Thiere aber, ausser zahlreichen Ratten, gar nicht besitzen. Dazu kommt,
dass grssliche Orkane, denen nichts zu widerstehen vermag, auf Tahiti,
den Paumotu- und Herveyinseln, auf Tonga, den Karolinen, den Marianen,
kurz so ziemlich berall, die Vegetation gar nicht selten so vollstndig
vernichten, dass usserste Hungersnoth eintritt. Auf den Inseln sdlich
vom Aequator sollen Strme der Art nach Mrenhout (2, 365) nicht fter
als alle 8-10 Jahre vorkommen, also gerade oft genug, um eine reiche
Entwickelung der Bevlkerung unmglich zu machen. Denn ihre Gewalt ist
so, dass an irgend welchen Schutz oder Widerstand gar nicht zu denken
ist. Daher ist es denn begreiflich, dass man den Kindermord, wie
Chamisso mit solchem Entsetzen von den Ratakinsulanern erzhlt, dort und
auch sonst noch (z.B. auf Tikopia) geradezu gesetzlich regulirte, um die
Inseln vor Uebervlkerung zu behten; begreiflich ferner, wie
Hochstetter auf den Gedanken kam, dass der Kannibalismus auf Neuseeland
durch den Hunger eingefhrt sei. Ist nun zwar letztere Ansicht gewiss
nicht richtig, wie sich leicht aus dem was wir ber den Kannibalismus
schon gesagt haben, ergibt; so ist es doch sicher, dass in einzelnen
Gegenden Polynesiens, z.B. in Nukuhiva, bisweilen der Hunger zum
Auffressen naher Verwandten trieb. Auch in Amerika, namentlich im
Norden, gibt es Vlker, die durch die ussere Noth gezwungen, zum
Kannibalismus gebracht sind (Waitz 3, 508; 4, 251).

Dass auch die Aleuteninseln durch ihre Naturbeschaffenheit keine reiche
Entwickelung ihrer Bevlkerung zulassen, ist klar; und dasselbe gilt von
Kamtschatka, ber dessen Natur von neuern Schriftstellern v. Kittlitz
trefflich gehandelt hat.

Alle die besprochenen Lnder machen eine grosse geschichtliche
Entwicklung von vornherein so gut wie unmglich. Einfrmigkeit ist das
Zeichen der meisten; und historische Schicksale, das wirksamste Mittel,
die Menschheit zu heben, konnten ihre Bewohner so gut wie gar nicht
treffen. Dadurch aber konnten sie sich nicht ber die Natur, wie z.B.
die Indogermanen, die Semiten gethan, erheben, so dass diese von ihnen
beherrscht wre. Und nehmen wir auf der anderen Seite Vlker mit den
Sitten, wie wir sie bisher geschildert, in ungnstiger Natur, so
leuchtet wohl ein, wie gerade ihnen gegenber schdliche Natureinflsse
von doppelter Gefahr sein mussten.




 13. Aeussere Einflsse der hheren Kultur auf die Naturvlker.


Wir knnen nun erst, nachdem wir betrachtet haben, was in der Natur und
Lebensweise dieser Vlker selbst einen frhen Untergang Begrndendes
liegt, die Einflsse genauer erwgen, welche ihre Berhrung mit anderen
meist hher kultivirten Vlkern und namentlich mit den Kulturvlkern
Europas und Amerikas hervorgebracht hat.

Es sind hier zunchst Einflsse zu erwhnen, welche obwohl durchaus
nicht feindselig, ja hufig nur gut gemeint dennoch physisch wie
psychisch die gewaltsamsten Wirkungen haben mussten und hatten und
haben.

Zunchst ist es die Umnderung des usseren Lebens der Naturvlker,
welche uns, wie sie durch jene Berhrung unvermeidlich war, beschftigen
muss.--Die ganze Lebensart dieser Vlker war durch lange fast
instinktive Auswahl, dem Klima, den Bodenverhltnissen, ihrer ganzen
usseren Natur so entsprechend oder wenigstens die Natur dieser Vlker
hatte sich durch lange Gewhnung so mit dieser Lebensart assimilirt,
dass jede auffallende Aenderung, namentlich wenn sie pltzlich kam, wenn
sie sich ber mehreres erstreckte, oder gar wenn sie bloss halb, bloss
zeitweilig durchgefhrt wurde, die grssten Revolutionen in ihrem
gesammten Wesen hervorbringen musste. Auch hier ist wieder auf die
unendliche Macht einer sich stets verstrkenden Vererbung hinzuweisen,
wie sie durch Jahrhunderte, Jahrtausende lange Gewhnung, durch beraus
allmhliche Angleichung die Menschennatur so fest auch an ungnstige
Einflsse gewhnen kann, dass eine Abwendung von ihnen fr den
Augenblick nur schdlich zu wirken scheint.

So finden wir das krperliche Leben der Naturvlker im engsten Einklang
mit den Naturumgebungen und ihren Einflssen. Vor der Bekanntschaft mit
den Europern oder Amerikanern (die immer, was gestattet sein mge,
mitgemeint sind, wenn im Folgenden einfach nur von den Europern und
ihrem Einfluss die Rede ist) waren daher die Naturvlker durchaus
gesund, obwohl einzelne Seuchen ab und zu schon damals bei ihnen
vorkamen: nie aber kannten sie die chronische Krnklichkeit kultivirter
Nationen.

So war es mit der Kleidung. Die Neuseelnder trugen Kleider von
Mattenzeug, welches aus den Blttern der neuseelndischen Flachslilie
(Phormium tenax) geflochten war--auf welchen Matten man auch
schlief--und seltener und nur die Frsten einen Mantel aus
zusammengenhten Hundefellen (Dieffenbach 2, 153). Statt dieser khlen,
die Haut nur schtzenden, kaum erregenden Kleidung, welche auch (fr
Neuseeland sehr wichtig, wo es sehr oft, meist nur vorbergehend,
regnet) die Nsse nicht lange hielt, tragen sie jetzt wollene Decken,
die, abgesehen davon, dass sie dem Ungeziefer eine willkommene Zuflucht
sind, die Haut reizen, die Feuchtigkeit sehr lange halten und einen viel
strkeren Wechsel in der Temperatur des Krpers hervorbringen. Denn wie
die Maoris frher ihre Phormiummatten bei irgend welcher Arbeit oder
sonstigen Gelegenheit leicht ablegten, gerade so machen sie es, ganz
ohne Rcksicht, ob sie warm sind, ob nicht, auch mit den Wollendecken
jetzt (Dieffenbach 2, 18). Ganz hnlich schildert das Jarves 370 von
Hawaii. Frsten und Volk, sehr begierig auf jeden auslndischen Stoff,
gleich viel ob es Matrosentuch oder das dnnste chinesische Gewebe war,
trugen alles ganz ohne Unterschied, und so kamen sie bald nach ihrer
alten Art, bald anders, bald mit einer Mischung von beiden bekleidet;
derselbe, der lngere Zeit eine solche Kleidung trug, erschien dann
wieder viele Tage lang nackt. Je schner das Wetter war, um so
reichlicher bekleidet gingen sie, um zu paradiren, bei schlechtem Wetter
aber meist nackt, um die Kleidung zu schonen; nackt daher auch in der
ganzen Jahreszeit des Winters, und im Sommer bekleidet. Jarves wie
Dieffenbach finden daher mit vollem, Recht in dieser Vernderung und in
dieser Art der Neuerung eine usserst wirksame Ursache fr den Verfall
der Gesundheit dieser Vlker. Diese Ursache aber wirkt berall, wo
Natur- und Kulturvlker zusammentreffen: sie musste eintreten, weil
schon die Missionre eine etwas decentere Bekleidung als die meisten
Naturvlker kannten, verlangen mussten.

Auch eingefhrte Nahrungsmittel (abgesehen von den Spirituosen) waren
den Naturvlkern schdlich: so nach Dieffenbach a.a.O. fr die
Neuseelnder die Einfhrung des Maises, den sie halb gegohren verbacken
und durch dies usserst ungesunde Brot sich sehr schaden. Salz, sagt er,
was sie frher in den Seethieren genossen, essen sie jetzt gar nicht
mehr, denn ihre fast einzige Nahrung ist die Kartoffel; diese aber,
abgesehen davon, dass ihr ausschliesslicher Genuss berhaupt schdlich
ist, wirkte noch dadurch ungnstig, dass sie bei der wenigen Pflege, die
sie verlangt, ganz und gar nur von Sklaven und Weibern besorgt wird,
ohne die Mnner nur zu irgend welcher Thtigkeit anzuregen. Was wir hier
an dem einen Beispiel zeigten, gilt natrlich wiederum fr einen ganzen
Kreis dieser Vlker.

Auch der Hausbau hat sich vielfach gendert, wenigstens in Polynesien,
da hier fast allein ein annhernd freundliches Verkehren der Europer
mit Eingeborenen sich entwickelt hat. In Polynesien war man frher an
sehr luftige, reinliche Huser, die fast nur aus einem sehr tief
herabreichenden Dache bestanden, gewhnt. Jetzt aber kommen mehr und
mehr mit Hintansetzung der altheimischen Art Huser oder Baracken auf,
die nach europischer Art gebaut der fr jene Gegenden so nthigen
Ventilation fast ganz entbehren und, da nun noch dazu nach alter Sitte
viele Menschen in einem solchen Raum zusammen wohnen und schlafen, durch
den grellen Gegensatz gegen das von frherher Gewohnte den schlimmsten
Einfluss haben (z. B, Dieffenbach 2, 68-71).

Namentlich war es der Adel in Polynesien, der diese Aenderungen
vornehmlich, da er mit den Europern in genauere Berhrung kam und
grssere Mittel hatte, bei sich einfhrte: gerade aber der Adel ist vom
Aussterben weit mehr und rascher ergriffen, als das Volk--so namentlich
in Hawaii--und es ist diese Erscheinung nicht so zu erklren, dass man
beim Adel, weil er geringer an der Zahl sei, das Hinschwinden klarer
she: denn hiergegen sprechen die Verhltnisszahlen so wie der Umstand,
dass in der ersten Zeit der Adel vornehmlich von Krankheit u. dergl.
heimgesucht war, bis das Verderben sich weiter ausbreitete. Es nimmt das
um so weniger Wunder, als auch der Adel es war, welchem die meisten der
geschilderten polynesischen Ausschweifungen zur Last fallen. Das meiste
berhaupt, was vorzglich in lteren Reisebeschreibungen von Polynesien
gesagt wird, geht auf den Adel, da dieser bevorzugte Stand mit so
hervorragenden Fremdlingen, als die Europer waren, zu verkehren nach
polynesischen Begriffen fast allein das Recht hatte. Wo aber diese
Vlker wenigstens nicht halb und nur zeitweilig, sondern ganz und fr
immer die europischen Sitten, Kleidung, Wohnung, Lebensart u. s. w.
annehmen, da bleiben sie weit ungefhrdeter, wie dies Dieffenbach a. a.
O. von den Neuseelndern nachweist. Den skrophulsen Habitus so vieler
Maorikinder an der Kste erklrt er dagegen nur durch die ungeeignete
und halbe Aenderung der einheimischen Lebensweise.

Auch die Ausbreitung der Weissen beschrnkt und beschdigt natrlich,
schon durch sich selbst und ohne bswillige Absicht der sich
Ausbreitenden, die Naturvlker in hohem Grade. Auf den kleinen
polynesischen Inseln z. B., doch auch sonst und berall sind die
Lebensmittel bei so riesig durch die Europer gesteigertem Verkehr viel
werthvoller und dadurch immer knapper geworden. Man denke nur, um dies
Beispiel aus Polynesien auszufhren, was alle die Schiffe brauchen,
welche zu Papeiti oder gar zu Honolulu vor Anker gehen, um sich zu
verproviantiren. Und sollte man denken, dass grade dies grssere
Bedrfniss ein Sporn fr die Eingeborenen sei, der sie weiter bringe in
der Kultur, im Ackerbau, Handel u. s. w.: so erwge man, dass jetzt kaum
ein Jahrhundert seit der ersten Entdeckung (die spanischen Besuche auf
den Inseln, welche frher fallen, abgerechnet) verflossen ist, dass in
einem so kurzen Zeitraum aber, wo so mannigfache Schicksale auf die
Eingeborenen einstrmten, sich der Ackerbau noch gar nicht so entwickeln
konnte, dass er diesen massenhaften Anforderungen entsprche; und dass
zu grosse Forderungen eben nicht mehr anspornen, sondern erschlaffen,
erdrcken. In anderen Gegenden gestaltet sich dieselbe Sache anders,
aber die Resultate bleiben gleich.

Die Neuhollnder freuen sich, wenn sich in ihrem Gebiete Europer
niederliessen, sie wnschten es und forderten sie dazu an vielen Orten
auf. Allein die nchste Folge war, dass sie in eine sehr elende Lage
geriethen: denn (abgesehen von anderem, was wir spter besprechen) ihre
Jagdthiere verminderten sich auf der Stelle, ja sie verschwanden, theils
verdrngt oder verjagt, theils ausgerottet von den meist sehr
jagdlustigen Einwanderern (Lang bei Grey 2, 234-35). Daher sagte ein
Australier sehr richtig zu einem Europer: Ihr solltet uns Schwarzen
Milch, Khe und Schafe geben, denn ihr seid hergekommen und habt die
Opossums and Knguruhs vertilgt. Wir haben nichts mehr zu essen und sind
hungrig (Bennet bei Waitz 1, 183). Die brauchbaren Gras- und
Weidestrecken nahmen die Europer mehr und mehr im Lauf der Jahre ein in
Neuholland, Neuseeland, Afrika, Amerika, die fruchtbaren Kstenstriche,
sonst der gewhnliche Aufenthalt der Eingeborenen, haben sie ganz und
gar inne, das Land erklren sie fr ihr Eigenthum, und da sie sich man
kann wohl sagen tglich mehr und mehr ausbreiten, so drngen sie schon
durch ihre blosse Existenz die Eingeborenen in die Wlder, die Berge,
die Wildniss zurck; so dass es denn gar kein Wunder ist, wenn die
Eingeborenen schon hierdurch allein wie von einem giftigen Hauche
berhrt (oder wie die Phrase lautet) verkommen. Als der weisse Mann,
so sagte der Cherokeehuptling Bunteschlange in einer Rede, sich gewrmt
hatte am Feuer des Indianers, und sich gesttigt an seinem Maisbrei, da
wurde er sehr gross, er reichte ber die Berggipfel hinweg und seine
Fsse bedeckten die Ebenen und die Thler. Seine Hnde streckte er aus
bis zum Meere im Osten und Westen. Da wurde er unser grosser Vater. Er
liebte seine rothen Kinder, aber sprach zu ihnen: ihr msst ein wenig
aus dem Wege gehen, damit ich nicht von ungefhr auf euch trete. Mit dem
einen Fuss stiess er den rothen Mann ber den Okonnee und mit dem
anderen trat er die Grber seiner Vter nieder. Aber unser grosser Vater
liebte doch seine rothen Kinder und nderte bald seine Sprache gegen
sie. Er sprach viel, aber der Sinn von Allem war, nur: geht ein wenig
aus dem Wege, ihr seid mir zu nahe. Ich habe viele Reden von unserem
grossen Vater gehrt und alle begannen und endeten ebenso (Waitz 3,
144). Chamisso, einer der wenigen, die sich in Deutschland fr die
Stellung jener Vlker interessirten, hat dieser Rede ergreifenden
Ausdruck verliehen in einem seiner Gedichte (Werke 4, 86). Sie ist
bekannt genug: und wenn auch in ihr der ethische Gedanke die Hauptsache
ist, so kann doch auch die Schilderung der Thatsachen nicht schlagender
gegeben werden.

Und doch, auch wenn man den Eingeborenen gengenden Landbesitz und Jagd
und Lebensmittel genug sichern knnte, wir wiederholen es: die totale
Umwlzung ihres ganzen leiblichen Lebens, das, wie wir eben gesehen,
sich nach jeder Richtung hin ndern musste durch die pltzlich
hereinbrechende Kultur, wird auch wenn keine Halbheiten,
Ungeschicklichkeiten u. dergl. vorkommen, wenn alles gleich so trefflich
als mglich eingerichtet wre, den gefahrvollsten Einfluss auf die
Naturvlker haben und je mehr, je pltzlicher sie kommt. Denn je lnger
physische Gewohnheiten schon bestehen, um so fester sind sie und um so
gefhrlicher ist es fr die menschliche Natur, wenn sie pltzlich
gebrochen werden sollen. Auch hierin ist Leib und Seele einem Gesetze
unterworfen: dem Gesetze der Beharrlichkeit. Wie eine Flssigkeit,
welche man in einen bestimmten Kreislauf gebracht hat, diesem Laufe
immer williger und rascher folgt, aber wild in ungeordnete Wirbel
zusammenschumt, wenn man sie nach der entgegengesetzten Richtung hin
zwingen will, bis sie sich endlich und allmhlich diesem Neuen gewhnt:
so musste das natrliche Leben dieser Vlker in Aufregung und Unordnung
kommen, als es so pltzlich von der bermchtigen Kultur unterbrochen
wurde, an die es sich erst langsam und sehr allmhlich gewhnen wird. So
werden denn einzelne wohl, nie aber ein ganzes Volk rasch und pltzlich
sich eine so totale Umnderung, wie hier nthig, und kme sie unter den
gnstigsten Bedingungen (was hier leider nicht geschah), aneignen
knnen. Nur so ist sicher die Nachricht zu verstehen, die wir vorhin
Dieffenbach entlehnten, dass die Neuseelnder, wo sie vollkommen
europisch lebten, auch gesund seien: wobei denn immer noch zu erwgen
bleibt, dass Dieffenbach erst 1840 seine Beobachtungen anstellte, also
ber zwei Generationen (70 Jahre) nach der ersten Entdeckung der Insel.
Allein man knnte sagen: und doch haben andere Vlker dasselbe
pltzliche Hereinbrechen einer bermchtigen Kultur durchgemacht und
berwunden. Man knnte unsere eigenen Vorfahren, die alten Deutschen
nennen. Und doch, welch ein ungeheurer Unterschied hier in Allem! Denn
erstens war die griechischrmische Kultur, wie sie zu den Germanen kam,
unendlich bequemer als die moderne, wie sie die Naturvlker annehmen
sollen; zweitens standen die Germanen in jeder Weise, auch in ihrer
leiblichen Beschaffenheit, jener Kultur und ihren Trgern bei weitem
nher als die Naturvlker den Europern; drittens brach dieselbe nicht
so unaufhaltsam, so pltzlich, so rcksichtlos ber die Germanen herein,
wie ber jene Vlker, sondern ganz allmhlich, durch Jahrhunderte langes
Vertrautwerden mit dem Einzelnen, wobei das romanisirte Gallien keine
unbedeutende Vermittlerrolle spielte; und endlich kam sie nicht in
solchem Grade feindselig, wie die moderne Kultur ber die sogenannten
Wilden.




 14. Psychische Einwirkungen der Kultur.


Und so blieben unsere Vorfahren vor dem namentlich bewahrt, was den
Naturvlkern so verhngnissvoll wurde: vor dem geistig deprimirenden
Eindruck, den die Kultur auf die Naturvlker macht. Die Germanen fanden
Gelegenheit selbstndig siegend in dem Land ihrer geistigen Besieger
aufzutreten: sie behielten stets das gegrndete Bewusstsein eigenes
Werthes und dass sie nicht in jeder Beziehung untergeordnet seien. Sie
standen den Rmern gegenber wie der Schler dem Lehrer, der des
Schlers geistiges Leben leitet, corrigirt, erhht, aber nicht verletzt,
vernichtet, verhhnt.

Ganz anders aber die Naturvlker. Ihr Geistesleben, alles, was sie
dachten, fhlten und glaubten ist ihnen durch ihr Bekanntwerden mit den
Europern was sollen wir anders sagen als geradezu (und oft mit der
boshaftesten Absichtlichkeit) vernichtet worden. Hierdurch wurden
selbstverstndlich je gebildeter die Vlker waren, sie um so hrter
betroffen; so dass vieles von dem im folgenden Entwickelten auf die
rohesten Stmme Sdamerikas oder Neuhollands keine Anwendung findet.

Zunchst die Religion. Die meisten Naturvlker sind von sehr reiner und
inniger Religiositt, bei allen Abgeschmacktheiten und Monstrositten
ihres Glaubens. So waren es die Mexikaner. Ihre Religion (Waitz 4, 128)
war es, welche ihnen ihre hohe und reine Moral eingab, deren
Grundgedanke--zugleich ihr festester und untrglichster Schwur (Waitz 4,
154)--war: sieht mich nicht unser Gott? Und alles, was die Religion
schweres von ihnen forderte, wurde treu und gewissenhaft und mit chter
und inniger Andacht von ihnen, nach Cortez eigenem Zeugniss (Waitz 4,
154) ausgefhrt, Ihre vielen Eroberungskriege waren, wie wir schon
sahen, alle von dem Gedanken geleitet, ihre Religion auszubreiten ber
alle Welt. Nicht anders, nach Waitz Schilderung (4, 447 ff.) die
Peruaner. Gleichfalls in hohem Grade gottesfrchtig sind die
Nordindianer (Waitz 3, 205), die keine Handlung ohne Gebet unternehmen,
die alle schweren von der Religion verlangten Peinigungen mit der
grssten Gewissenhaftigkeit vollfhren. Und so haben alle diese Vlker
berall zhe an ihren Religionen gehalten.

Etwas anders steht die Sache in Polynesien. Nicht als ob die
polynesischen Vlker nicht von gleich tiefer Religiositt wren; was
z.B. schon die bekehrten Eingeborenen beweisen, in deren Hand jetzt der
grsste Theil der Sdseemission ist. Aber die ganze Bevlkerung war
sittlich minder rein als die Amerikaner und befand sich schon zur Zeit
der Entdeckung, wie Meinicke (b) nachgewiesen, in einem Zustande auch
des geistigen Verfalls. Daher erklrt sich die auffallende Erscheinung,
dass die Polynesier (Dieffenbach 2, 50 vom ganzen Ozean) und nach
Chamissos Zeugniss auch die Mikronesier sich leicht bewegen lassen, ber
ihren frheren Aberglauben selbst zu lachen und ihn aufzugeben. Doch
auch sie fgen sich und nicht bloss aus Herkommen mit freudigstem
Gehorsam den beschrnkendsten Gesetzen ihrer Religion, z.B. den
Tabu-Gesetzen, d.h. den Bestimmungen, durch welche Gegenstnde aller Art
heilig gesprochen und dem unheiligen Volk gnzlich entzogen werden,
sowie der bergrossen Adelsverehrung und anderem der Art. Und nur da
haben sie ihre Religion wirklich und ohne Widerstand aufgegeben, wo sie
durch die Mission wirklichen religisen Ersatz bekamen. Gegen
feindselige Angriffe auf ihre Religion, mochten sie absichtlich oder nur
zufllig sein, haben sie sich immer aufs heftigste aufgebracht gezeigt
und eine Menge Ueberflle, Kriege, ja Cooks Tod selbst sind nur durch
solche Verletzungen ihrer Tempelpltze oder sonstigen Heiligthmer
hervorgerufen.

Aber selbstverstndlich war es gerade die Religion, gegen welche sich
die heftigsten und ersten Angriffe der Kulturvlker richteten. Das
brauchte nicht mit der brutalen Roheit der Conquistadoren und ihrer
Pfaffen in Amerika oder der Sendlinge Frankreichs in den letzten
Jahrzehnten, der Laplace, Dupetitthouars u.s.w. in der Sdsee zu
geschehen: auch die edelsten der Europer mussten sich gegen diese
Religionen wenden, um sie zu zerstren, und so sahen die Eingeborenen
ihr Heiligstes vernichtet, ja als durchaus schlecht und nichtswrdig
verachtet. Aus dem Vorstehenden aber kann man ermessen, wie vernichtend
dieser Schlag ihr geistiges Leben traf.

Ebenso war es mit den politischen Einrichtungen: und auch hier mssen
wir wenigstens auf einige Hauptpunkte hinweisen. Die despotische
Verfassung, das strenge Adelsregiment der Sdsee (um bei den Polynesiern
zunchst zu bleiben), haben wir schon betrachtet. Aber mochte der Adel
sich noch so hoch ber das Volk stellen, das Volk aufs rgste
unterdrcken: er war doch von Gott, man hing ihm doch mit warmer
Verehrung an, man brachte in den meisten Fllen sein Gut und Blut mit
aufrichtigem Eifer dar--lohnte doch eine solche Aufopferung mit einem
besseren oder berhaupt mit einem Leben nach dem Tode! Jedenfalls
beruhte auf diesem Verhltniss des Adels, der naturgemss die stolzeste
Meinung von sich hatte und sich keineswegs den europischen Grossen
untergeordnet fhlte, und des Volkes das gesammte ffentliche Leben
Polynesiens und Mikronesiens und hier wieder vorzglich der Marianen.

Durch den Einfluss der Europer nderte sich das alles und so sehr auch
das Volk nachher dadurch gewann: fr den Augenblick musste es die
Einrichtungen, die ihm seit Jahrtausenden gewohnt und ehrwrdig waren,
aufgeben und die, welche es vordem gleich Gttern geachtet hatte, von
den Europern keineswegs besonders hochgestellt, ja oft mit Verachtung
oder gar mit schreiendster Ungerechtigkeit behandelt, zum Theil wie auf
den Marianen blutig verfolgt und vernichtet sehen. Der Adel selbst aber
war noch schlimmer dran. Er war, bei vlliger Unumschrnktheit, der
festen Ueberzeugung, von ganz anderem Stoff zu sein, als das gemeine
Volk, er stellte sich ganz den hchsten Europern gleich und wusste
sich, wie Liholiho, Tamehameha I. Sohn in England bei seinem Aufenthalt
unter der englischen hchsten Aristokratie bewiesen hat, diesen auch im
usseren Benehmen ziemlich gleich zu halten. Und nun fand er sich von
den Europern, oft von den gemeinsten Matrosen, nicht nur nicht gttlich
verehrt, sondern verachtet, dem gemeinen Volke ganz gleich, und
jedenfalls tief unter jeden Weissen gestellt, er fand sich von der
Gesellschaft in den meisten Fllen (wo sich eine wirklich europische
Gesellschaft bilden konnte) entweder ausgeschlossen oder doch nur
geduldet! So geschah es zu Neuseeland--man kennt ja den Hochmuth der
englischen Rae einer farbigen Bevlkerung gegenber--so, seit der
gloriosen franzsischen Occupation, zu Tahiti, so einige Jahrhunderte
frher auf den Marianen, wo der Adel in den blutigen Kmpfen ganz zu
Grunde ging.

Noch viel schlimmer, weil die Zerstrung grndlicher war, wirkten diese
Dinge in Amerika. Denn auch hier war Volk und Herrscher durch Bande
grosser Anhnglichkeit und Religiositt verknpft. Der Herrscher, der
aus dem hohen Adel gewhlt wurde, und mit ihm der hchste Adel war, wie
wir schon sahen, Stellvertreter Gottes auf Erden und daher
unumschrnkt. Wie rein und tief man in Mexiko, trotz alles Absolutismus,
die Stellung des Herrschers auffasste, geht aus den Reden hervor, die
man bei seiner Inauguration an ihn richtete und welche nicht nur nach
Waitz 4,68 zu dem Schnsten und Erhabensten gehren, was von den
Azteken noch brig ist, sondern berhaupt zu dem Schnsten und
Erhabensten, sicher zu dem Wahrsten, was man je Knigen gesagt hat. Die
Steuern und Frohnen, unter denen, nach den alten spanischen
Schriftstellern, das Volk seufzte, sind nach Waitz genauer und
schlagender Untersuchung von den Spaniern aus nahe liegenden Grnden
sehr bertrieben worden. Nach alle diesem wird sich die Lcke ermessen
lassen, welche im Gemth des Volkes nach dem Sturz alles Bestehenden
entstand. Zurita hat gezeigt, sagt Waitz 4, 186, wie das mexikanische
Volk hauptschlich dadurch ins usserste Elend gerieth, dass alle
Grundlagen seiner bisherigen politischen und socialen Organisation von
den Siegern zerstrt wurden. Vom mexikanischen Adel berlebten nur
wenige den Fall der Hauptstadt und diese wenigen waren meist noch
Kinder. Eine Petition sechs vornehmer Indianer an Karl V. legt dar, wie
der Rest des Adels von den Spaniern niedergetreten und ins Volk
zurckgeworfen in Armuth und Elend umkam. Eine Tochter Montezuma's ist
im tiefsten Elend gestorben. Man nehme nun dazu, dass auch das gesammte
ussere Leben, die ganze glnzende Kultur des Volkes, die reiche
Hauptstadt, die blhenden Grten, die zahlreichen Tempel, dass Alles
zerstrt und oft aufs grausamste und verchtlichste zerstrt wurde: und
man wird begreiflich finden, dass schon dadurch der Sieger der Seele des
besiegten Volkes einen Todesstoss versetzte. Dasselbe gilt, vielleicht
in noch hherem Grade von den Quechuas und den Nordamerikanern. Mit
einem Fuss stiess er den rothen Mann ber den Okonnee, und mit dem
anderen trat er die Grber unserer Vter nieder, hiess es in der oben
erwhnten Rede. Und leider waren es die persnlichsten und heiligsten
Empfindungen, die man allzu oft und mit der grssten Rcksichtslosigkeit
verletzte, woran freilich nicht mehr die Kultur, sondern nur ihre Trger
schuld waren. Das zweite Concil zu Lima bedrohte die Zerstrung und
Plnderung der alten Indianergrber, die Preisgebung der Leichen mit
Excommunication; allein der supremo consejo de las Indias fand der
Schtze wegen, die sie enthalten knnten, fr gut, ihre Durchsuchung zu
erlauben (Waitz 4, 493-94). Alles dies musste das unterdrckte Volk
ruhig mit ansehen: ihr innerstes Leben wurde ihnen vernichtet, ohne dass
sie, die sonst schon aufs frchterlichste bedrckt waren, sich wehren
konnten. Dass aber nicht bloss ihre Todten, dass die Lebenden selbst
noch mehr zu leiden hatten; dass man auf sie, ob sie lebten oder
starben, nicht die mindeste Rcksicht nahm, dass man also durch
Verletzung der theuersten und heiligsten Gefhle auch nach dieser Seite
hin den Indianern das usserste that, das ist nur allzubekannt. Ein
Nordindianer (Waitz 3, 141) sagte in einer ffentlichen und viel
erwhnten Rede: ich htte sogar daran gedacht, ganz unter euch zu
leben, htte nicht ein Mann mir Bses gethan. Oberst Cresap ermordete im
letzten Frhjahr (1774) mit kaltem Blut und aus eigenem Antriebe alle
meine Verwandten, selbst meine Weiber und Kinder verschonte er nicht.
Kein Tropfen von meinem Blut luft mehr in den Adern eines lebenden
Wesens. Dies eine Zeugniss genge.

Eine der hervorragendsten Eigenschaften der Naturvlker ist ihr Stolz.
Die Amerikaner halten sich fr die ersten aller Menschen; Geschickt wie
ein Indianer und dumm wie ein Europer sind bei ihnen Sprichwrter
(Waitz 3, 170). Verletzung dieses Stolzes war auch das Hrteste, was sie
unter sich einander zufgten. Die Polynesier glaubten alles Ernstes, die
Europer kmen zu ihnen, um jetzt erst wahres Leben kennen zu lernen und
an ihrer Glckseligkeit, an ihrer Vollkommenheit Theil zu nehmen.
Selbstmord aus Scham oder verletztem Ehrgefhl ist unter ihnen gar nicht
so selten (Dieffenbach 2, 112. Thomson 319. Will. u. Calvert 1, 121
ff.); ihre eigenen Thaten lugnen sie eben wegen dieses Stolzes nie
(Williams u. Calvert 1, 124; Tyermann u. Bennet 1, 78; Waitz a.a.O.).

Nicht minder empfindlich ist das Rechtsgefhl aller dieser Vlker,
welches z.B. einen Irokesen, der von Christi Leiden hrte, ganz wie
jenen Friesenfrsten zu dem Ausrufe zwang: wre ich dabei gewesen, ich
wrde ihn gercht und die Juden skalpirt haben (Waitz 3, 169). Und
diese Empfindungen, fr welche Waitz a.a.O. u. b, 147 noch eine Menge
Beispiele zusammenstellt, finden wir ebenso in Polynesien; ebenso
wirksam wenigstens, wenn auch minder frei entwickelt, auch bei den
roheren Vlkern, den Sdamerikanern, Hottentotten, Australiern. Schon
das stete Streben, welches diese Vlker nach Rache haben, beweist es.
Wie grausam aber sind gerade diese Eigenschaften von der Kultur
verletzt! Theils ohne ihre Schuld: denn dass die Naturvlker gar bald
einsahen, wie sie gegen die Europer nichts wren und nichts vermchten,
lag in der Natur der Sache. Theils aber tragen auch hier die Europer
die schwerste Verantwortlichkeit, denn sie haben die Rechte dieser
Vlker absichtlich mit Fssen getreten, sie haben, da sie die
Naturvlker kaum fr Menschen ansahen, nicht einmal ihr menschliches
Selbstbewusstsein ihnen lassen mgen, sondern auch dieses, und oft von
Staatswegen, wie die Vereinigten Staaten, wie Frankreich in Tahiti, wie
die Englnder in Australien, mit Fssen getreten; und man tritt es durch
den grenzenlosen Hochmuth und Hass, mit dem man diese Vlker von aller
Gemeinschaft und damit von aller Kultur ausschliesst, nachdem man ihnen
hufig Land und Lebensmittel genommen, auch ferner mit Fssen. Und
selbst in ihrem Rachedurst sind alle diese Vlker den Europern
gegenber so ohnmchtig, gegen welche hchstens einmal ein vereinzelter
Racheakt Einzelner glcklichen Erfolg hatte. Mag auch Waitz Recht haben,
wenn er sagt (b, 157), das Rechtsgefhl der Indianer sei durch den
harten Druck der Weissen weiter und schrfer entwickelt worden, als es
wohl sonst geschehen sei; so fhrt er doch ebenso richtig fort:
freilich war davon die nchste Folge fr sie selbst nur diese, dass sie
ihre Ohnmacht und die Trostlosigkeit ihrer Lage dann um so bitterer
empfanden.

Diese Vernichtung aber des gesammten geistigen und ethischen Lebens der
Nationen kann man gar nicht stark genug betonen, wenn man die Grnde fr
ihr Aussterben aufsuchen will. Wie nichts ein Volk mehr hebt, als
freudige Achtung vor sich selbst und frhliches Gelingen des von ihm
Erstrebten, so drckt nichts den Volksgeist tiefer, als das Gefhl der
eigenen Ohnmacht und Verlorenheit. Zum Gefhl aber der ussersten
Ohnmacht und Rechtslosigkeit, des bittersten und doch ganz hlflosen
Ingrimms finden wir alle diese Vlker, Amerikaner, Aleuten und
Kamtschadalen, Neuhollnder, Polynesier und Hottentotten verdammt. Jede
Rae, weiss schwarz oder roth, sagt Elliot bei Waitz 3, 299, muss
untergehen, wenn ihr Muth, ihre Energie und Selbstachtung durch
Unterdrckung, Sklaverei und Laster zu Grunde gehen. Und nun hatten,
wie wir gesehen, die meisten Naturvlker schon von Haus aus einen
entschiedenen Hang zur Melancholie, welche durch alle diese Schicksale
natrlich aufs rgste vermehrt ihren Untergang nur beschleunigte. Man
denke sich nur, wenn wir Europer mit allen unseren Kulturmitteln, mit
unserer Religion, kurz mit allen den Vortheilen, die wir den
Naturvlkern gegenber besitzen, ihr Loos auch nur wenige Jahre, etwa
eine Generation, zu ertragen htten, was aus uns werden sollte! Man
denke, wie der dreissigjhrige Krieg gewirkt hat, dessen Greuel doch bei
weitem durch das, was die Naturvlker zu leiden hatten, berboten
werden: und man wird sich mehr ber die zhe Ausdauer, als ber das
Hinschwinden derselben verwundern. Nur ihre grssere Hrte und
Festigkeit hat sie aufrecht erhalten den Vlkern gegenber, die sie
anfangs alle, Mexikaner sowohl wie Hottentotten und Neuhollnder, fr
Gtter hielten!

Musste alles dieses auf das geistige Leben der Vlker und damit auch auf
das leibliche einen vernichtenden Einfluss ausben, so bte es den auch
noch auf eine andere Art. Mit der Vernichtung der bestehenden Staaten
war natrlich auch jedes Recht und Gesetz, welches in denselben
bestanden hatte, aufgehoben. In Mexiko, in Peru aber waren die Gesetze
von grosser Strenge und grosser Wirksamkeit, da sie berall in hchster
Achtung standen und nicht anders war es in Polynesien, wo das Tabu auch
manchen heilsam verbietenden Einfluss hatte. Strzte nun das Alles
zusammen, so musste nothwendigerweise eine um so rgere Demoralisation
eintreten, je hher frher die Kultur des zerstrten Staates gestanden
hatte; eine solche Demoralisation musste aber gerade in einer Zeit einer
so allgemeinen Zerstrung, wo fr die Unterliegenden weder leiblich noch
geistig irgend ein Halt blieb, die unheilvollsten Folgen fr ihr ganzes
Dasein haben und nicht wenige in den genannten Kulturstaaten sind denn
auch gerade durch die unter den Eingebornen einreissende Zgellosigkeit
zu Grunde gegangen. Und je tiefer, je persnlich vernichtender die
Angriffe waren, um so mehr natrlich demoralisirten sie die Vlker: was
sollten die noch irgend etwas scheuen und heilig halten, welche selbst
in ihrem Heiligsten verletzt waren? wie konnten sie noch sich selbst
achten, die von jenen ankommenden Gttern so in Staub getreten wurden?
Ueberall riss in Folge der auf diese Weise nahenden Kultur
Entsittlichung und dadurch immer tieferes geistiges und leibliches
Sinken unter den Naturvlkern ein. Was nicht unmittelbar vernichtet
wurde, das wurde im Innersten vergiftet und langsames Hinsiechen war die
nothwendige Folge.




 15. Schwierigkeit fr die Naturvlker, die moderne Kultur sich
anzueignen.


Aber wenn auch die europische Kultur den Naturvlkern mit vollkommener
Freundlichkeit und Schonung zugefhrt worden wre: diese Kultur bot auch
noch ausser denen, welche wir schon gesehen haben, die grssten
Schwierigkeiten und Gefahren, die wir jetzt betrachten mssen.

War es schon keine Kleinigkeit, dass diese Vlker fast alle ihre seit
Jahrhunderten eigenthmlichen Ideen und Anschauungen aufgeben mussten,
so war es noch viel schwieriger, das aufzunehmen, was die Europer
brachten, die ganze unendlich verwickelte moderne Kultur! Das traf
besonders Polynesien und Australien; man denke sich die kleinen
Kokosinseln, die nun pltzlich sich hineinfinden mssen in die ganze
europische Lebensart, in den europischen Handel, das europische
Recht, die Religion und so vieles andere--und sie mssen mehr als nur
oberflchliches davon annehmen, wenn sie nicht verloren sein wollen. Um
wie viel glcklicher waren auch hierin die Germanen, die sehr allmhlich
eine viel weniger verwickelte Kultur aufzunehmen hatten; und doch wie
lange Zeit brauchten auch sie, bis sie diese Kultur vollkommen sich
assimilirt hatten! Ist es zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass dies
erst im vorigen Jahrhundert durch das geistige Durchdringen des
Alterthums ganz geschehen sei?

Einzelne Punkte--denn vieles (Wohnung, Kleidung u.s.w.) ist schon in
dem bisher Behandelten wenigstens andeutend ausgesprochen worden--mssen
wir noch besonders bercksichtigen. Zunchst die Bewaffnung. Die
Feuerwaffen sich anzueignen ist weit schwieriger, als die Aneignung der
rmischen Taktik, da sie ausser der leiblichen Uebung noch die
Ueberwindung der Scheu vor Donner und Blitz, durch welche gerade man die
Weissen zuerst als Gtter dokumentirt sah, verlangen; da ihre Wirkung
weit bernatrlicher scheint, als die der rmischen Waffen.--Ferner die
Sprache. Uns Europern macht es sehr grosse Schwierigkeiten, die Sprache
eines Naturvolkes mit ihren anderen Anschauungen geistig zu erfassen;
und doch steigen wir herab, da jene Sprachen alle in der Entwicklung und
Verbindung der Gedanken so wie in der Flle der Anschauung weit weniger
vorgeschritten sind, als die Sprachen des gebildeten Europas; und
zugleich haben wir durch lange Jahrhunderte fortgesetzte Uebung und
ausserdem durch eine Menge von Hlfsmitteln eine viel grssere Kraft,
als jene Vlker, die doch hinaufsteigen mssen, wenn sie eine
europische Sprache erlernen wollen. Schon beim blossen Sprechenlernen,
das vom Begreifen und wirklichen Verstehen einer Sprache himmelweit
verschieden ist, mssen sie ihren Geist mit einer ganzen Menge neuer
Anschauungen und Begriffe erweitern, die ihnen frher aber auch ganz
unbekannt waren--und das meist vom Niveau einer Sprache aus, welche
strenges, logisches Verknpfen und Ausdenken der Begriffe wenig genug
untersttzt.

Nicht anders ist es mit der Religion. Der Abstand von manchen der
Religionen dieser Vlker vom Christenthum mag, wenn auch die meisten
tiefer stehen, nicht grsser sein, als der des germanischen Heidenthums
von letzterem war; aber das Christenthum, was den Germanen gepredigt
wurde, war selbst ein ganz anderes, als was die Missionre, wenigstens
die protestantischen, heut zu Tage predigen. Dann freilich, wenn man die
Berichte des sehr eifrig katholischen Michelis liest, so ist das, was
die Propaganda z.B. in der Sdsee gepredigt hat, an vielen Orten
berhaupt nicht, viel Anderes gewesen, als was jene Vlker schon
wussten: die katholischen Missionre haben getauft und das Heidenthum
gelassen. Auf der andern Seite aber, wie so ganz unfassbar muss fr die
ganz sinnlichen Naturvlker eine so abstrakte Lehre sein, wie die
evangelische, die noch dazu auf Begriffen und Anschauungen beruht,
welche jene Vlker gar nicht haben. Und indem man ihnen das Christenthum
predigte, verlangte man, dass sie die Religion der Mnner annehmen
sollten, welche ihnen so alles Aergste zugefgt hatten, der Weissen! Ja
hat man sie nicht auch gleich, damit ihnen nichts erspart bliebe, mit
dogmatischen Streitigkeiten beglckt? In der ganzen Missionsgeschichte
der neueren Zeit ist vielleicht kein so trauriges Ereigniss als das
Auftreten der Propaganda in der Sdsee, wo eben die protestantische
Mission festen Fuss zu fassen und Frchte ihrer mhevollen Arbeit zu
sehen begann. Das liess der katholischen Kirche nicht Ruhe: sie trat an
einzelnen Stellen mit rohster Gewalt (die dann durch Lgen aller Art
verdeckt wurde) der protestantischen Mission entgegen und brachte zu den
eben bekehrten Heiden den Streit der kirchlichen Parteien. Lutteroth,
den zu widerlegen Michelis sich vergebens bemht, hat dies scharf und
schlagend bewiesen. Auch Streitigkeiten, die in ihrem eigenen Schooss
entstanden sind, brachte sie zu den Neubekehrten, wie Humboldt b, 5, 133
von Sdamerika erzhlt. Uebrigens ist auch die protestantische Kirche in
der Schonung solcher Heiden, die von einer andern protestantischen Sekte
bekehrt waren, durchaus nicht bermssig zart gewesen. An manchen Orten
(Nordamerika, Afrika u s.w.) hat auch sie statt des Friedens des
Christenthums den Streit der Sekten gebracht. Welchen Einfluss musste
das auf die eben gewonnenen Naturvlker und deren Charakter machen!
Dabei darf auch nicht vergessen werden, dass in den meisten Fllen sich
der Mission die Europer selbst auf das Heftigste entgegensetzten, da
sie sich durch jene in ihrem oft sehr weltlichen oder besser gesagt
gottlosen Treiben behindert sahen. So war es namentlich in Polynesien,
fast auf jeder Insel (Meinicke, Lutteroth und fast in allen Quellen); so
in Amerika schon im 16. Jahrhundert (Waitz 4, 188; 338); so auch in
Afrika bei Hottentotten, Kaffern, Negern, berall. Man sieht, unsere
Kultur verlangt von den Naturvlkern eine geistige Anstrengung von so
enormer Grsse, dass sie mit einem Male und von einer Generation gar
nicht berwunden werden kann. Whrend aber nun die Europer immer
frischen Zuzug neuer Schaaren haben, die sie in ihren Bestrebungen
strken, whrend auch bei den Germanen auf die Stelle einer unterlegenen
Schaar eine andere trat, die das, was jene gewonnen hatten, bernehmend
ausfhrte, was noch nicht geleistet war, so fehlt es bei der geringen
Kopfzahl der Naturvlker an solcher kraftgebenden und aushelfenden
Ersatzmannschaft, durch welche die Arbeit sich theilen, die Aneignung
sich leichter und allgemeiner vollziehen knnte. Daher wird der lebenden
Generation eine um so grssere und schwerere Aufgabe gestellt und es ist
schon deshalb klar, dass eine Generation, ja dass zwei, drei
Generationen ihr nicht gengen knnen. Die Grsse der Aufgabe, die
enorme geistige Anstrengung selbst erschwert aber das gedeihliche
Weiterleben der Generationen durch den geistigen Druck so sehr, dass wir
auch hierauf mit allem Nachdruck hinweisen mssen. Und zweitens mssen
wir auch wieder betonen, dass der Hang zur Melancholie durch solche
Ueberanstrengung, wo in den meisten Fllen nur allzubald sich zeigt,
dass ein auch nur einigermassen befriedigendes Ziel kaum zu erreichen
ist, immer vergrssert wird, ja dass er geradezu Charakterzug der Vlker
werden kann. Und so finden wir es im allgemeinen wie im einzelnen.
Tschudi 2, 286 erzhlt von einem Botokudenknaben, der von einer Familie
in Bahia sorgfltig aufgezogen und dann zum Studium der Medizin auf die
Universitt geschickt wurde. Er erwarb sich den Doktortitel, bte auch
eine Zeitlang die Praxis selbstndig, bis er verschwand. Eine tiefe
Melancholie war immer der Grundzug seines Charakters. Spter erfuhr
man, dass er wieder, nachdem er sich jeglicher Spur von Civilisation,
auch der Kleider, entledigt, als Jger durch die Wlder streife. Einen
ganz gleichen Fall von einem jungen Choktaw, der Advokat geworden war,
hernach aber durch Melancholie (woran freilich der Kastenhochmuth der
Nordamerikanischen Weissen mit Schuld war) bis zum Selbstmord getrieben
wurde, erzhlt Waitz b, 71-72. Diese Flle zu erklren, reicht es nicht
aus, bloss an die schiefe Stellung zu erinnern, in welche solche
Individuen gerathen; denn bei jenem Botokuden trifft dies nicht zu, da
in Sdamerika das Verhltniss der Farbigen zu den Weissen kein
ungnstiges ist: wesentlich mitgewirkt hat bei ihnen und hnlichen, wie
wir sie bei Individuen und ganzen Vlkern finden, die ewige Demthigung
auf der einen, die Ueberanstrengung auf der anderen Seite.




 16. Behandlung der Naturvlker durch die Weissen. Afrika. Amerika.


Wir kommen nun zu dem dstersten Punkt in unserer ganzen Schilderung, zu
der dstersten Partie vielleicht in der ganzen Geschichte der
Menschheit: zu der Art, wie die Weissen die Naturvlker behandelt haben.
Die Laster, die sie ihnen brachten oder bei ihnen befrderten, brauchen
wir hier, da wir sie schon oben an verschiedenen Stellen erwhnten,
nicht noch einmal im Zusammenhang zu besprechen. Beginnen wir mit
Sdafrika. Die Hottentotten zeigen sich uns gleich bei ihrem ersten
Bekanntwerden als ein Volk, das frher eine viel grssere Macht und
Ausdehnung besessen hatte und damals schon in einer Art Verfall war. Von
den umwohnenden afrikanischen Vlkerschaften waren sie berall
verdrngt, namentlich von Norden nach Sden geschoben und nicht nur sehr
vermindert, sondern wie es scheint, auch in ihrem inneren Wesen
gebrochen oder wenigstens, durch die ewigen Kriege und Niederlagen,
wesentlich beschdigt worden (Waitz 2, 323 ff.). Schlimmeres aber
brachten ihnen die Hollnder, welche sich seit 1652 am Cap niederliessen
und natrlich den Eingeborenen so viel Land ohne weiteres wegnahmen, als
sie brauchten. Sie brauchten aber, da sie aus Faulheit alles brach
liegen liessen und stets nur frisches Land bebauten, da sie ferner aus
dem gleichen Grund lieber Viehzucht als Ackerbau trieben, sehr viel
Land. Die Hottentotten, welche zu Sklaven zu machen das Gesetz verbot,
machten sie zu ihren Knechten, die, weil man sie nicht verkaufen konnte,
viel schlechter gehalten wurden als Sklaven (Waitz 2, 331). Als freilich
die Englnder 1796 in Besitz des Caps kamen, zeigten sie sich aus
Nationaleitelkeit anfangs zwar sehr emprt ber das Benehmen der
Hollnder; allein gar bald thaten sie es ihnen in Allem nach (ebd. 332).
Wie man mit dem schwarzen Vieh, den Hottentotten, verfuhr, zeigt sich
z.B. in folgendem Fall, den Sparmann erzhlt. Ein Hollnder hatte einen
hottentottischen Knecht, der im Fieber lag und dessen Krankheit durch
eine auf des Herrn Bitte von Sparmann unternommene Kur sehr
verschlimmert wurde; Sparmann suchte den sehr niedergeschlagenen Boer zu
trsten: allein jener fuhr auf: er kmmere sich den Teufel um den
Hottentotten und seine Seele, wenn er nur einen anderen Ochsenfhrer, um
seine Butter zu verkaufen, fnde (Sparmann 273). Dies war aber kein
vereinzelter Fall, sondern allgemeine Ansicht und so werden wir uns ber
die Einrichtung der sogenannten Commandos gegen die Eingeborenen, welche
1774 etwa zuerst aufkamen, nicht sehr wundern knnen. Der Bericht eines
Offiziers ber solch ein Commando bei Waitz lautet (2, 333-34):

27. Sept. 1792 der erste Kraal angegriffen, 75 Buschmnner getdtet, 21
gefangen.

15. Oktober ein anderer Kraal entdeckt, 85 getdtet, 23 gefangen.

20. Okt. ein dritter entdeckt, 7 getdtet, 3 gefangen.

Man wird einigermassen, fhrt Waitz fort, die Ausdehnung ermessen
knnen, in welcher diese Vertilgung besonders der Buschmnner betrieben
wurde, wenn man bedenkt, dass Coblins (1809) einen sonst respektablen
Mann erzhlen hrte, er habe binnen 6 Jahren mit seinen Leuten zusammen
3200 Buschmnner getdtet und gefangen, wogegen ein anderer mittheilte,
dass die Commandos, an denen er sich betheiligte, 2700 Buschmnnern das
Leben gekostet htten. Thompson kannte einen Kolonisten, der in 30
Jahren 32 solcher Raubzge mitgemacht hatte, auf deren einem 200
Buschmnner umgebracht seien. Mit dem Eintritt der englischen Herrschaft
am Cap hatte zwar das Commandosystem aufhren sollen, aber die Boers
waren so sehr an dasselbe gewhnt, dass es unmglich war, es auf einmal
zu beseitigen. Von 1797-1823, d.h. bis zur Okkupation des Landes der
Buschmnner, werden 53 Commandos offiziell angegeben; es ist
unzweifelhaft, dass das System 1823 nach einigen Unterbrechungen wieder
in voller Blthe war und es scheint den Buschmnnern unter der
englischen Herrschaft noch trauriger gegangen zu sein, als unter der
hollndischen. Dass die Hottentottenbevlkerung der Capkolonie unter
der englischen Herrschaft bis zum Jahr 1822 um die Hlfte zugenommen
habe (Zeitschr. 1, 287) ist wenig glaubhaft und sicherlich nur
scheinbar. Die Boers zogen, um den ihnen verhassten englischen Gesetzen
nicht gehorchen zu mssen, 5000 an der Zahl, um 1836 nach Port Natal, wo
sie ihre scheussliche Willkrherrschaft, ihre Commandos und Knechtung
der Eingeborenen noch jetzt, wie sie es selbst bei Livingstones
Anwesenheit thaten, fortsetzen (Waitz 2, 336).

Man wird es nicht eben wunderbar finden, wenn die Hottentotten diesem
Hauche der Kultur erlagen; wenn jetzt ihr Hass gegen die Weissen so
gross ist, dass ein friedliches Einwirken der letzteren, wenn nicht
unmglich, doch ausserordentlich erschwert ist: wenn endlich die
Hottentotten jetzt sehr viel roher, trger und sittlich schlechter sind
als zu der Zeit, da man sie zuerst kennen lernte. Stand doch ber
manchen Kirchen der Hollnder: kein Hund und kein Hottentotte darf
eintreten (Waitz 2, 333). Haben doch die Boers nach Krften die
Christianisirung der Eingeborenen zu hindern gesucht, indem sie
verboten, dass ihre Sklaven und deren Kinder getauft wurden und bei
Lebensstrafe denselben die Missionsstation auch nur zu nennen verboten.
Die hollndische Compagnie selbst war es, welche die mhrischen Brder
aus dem Lande der Hottentotten vertrieb, weil sie auf letztere einen zu
grossen Einfluss gewannen. Ja noch 1831, als die Hottentotten am Kat
River sich niedergelassen und dort unter Leitung der Missionre zu einer
gewissen Blthe gelangt waren, gelang es kaum, die Boers von der
Zerstrung dieser Colonie mit Gewalt zurckzuhalten (Waitz 2, 336).

Und in diesem Zustande leben die Hottentotten nun schon ber 200 Jahr
und sind noch nicht ausgerottet!

Gehen wir nun nach Amerika. Die Indianer Nordamerikas kamen den
Europern anfangs freundlich entgegen (Waitz 3, 242), aber die Weissen
waren es, welche das Verhltniss trbten. Zunchst vernichteten sie
wegen verhltnissmssig geringfgiger Veranlassung das Volk der Pequots;
an 700 wurden bei einem pltzlichen Ueberfall getdtet, die brigen
zerstreut, gefangen und von Staatswegen als Sklaven verkauft (Waitz 3,
244). Sklavenjagden in Nordamerika von Seiten der Englnder und Spanier
waren ganz gewhnlich. Die frommen Puritaner, die Gott dankbar waren fr
jede verheerende Krankheit, welche unter den Indianern wthete (Waitz 3,
242), sahen in jedem gelingenden Greuel der Christen gegen die Indianer,
namentlich wenn diese massenweise zu Grund gingen, ein Zeichen
gttlicher Gnade, in jedem Misslingen eines Mordzuges einen gttlichen
Zornausbruch gegen sie selber und bekannten dies laut (Waitz 3, 244-45).
Man dachte gar bald daran, die Indianer ganz auszurotten: und soll uns
das wundern, wenn wir erfahren, dass noch in diesem Jahrhundert der
Regierung der Vereinigten Staaten ein frmliches Projekt zur Vertilgung
der Indianer vorgelegt wurde? Und wie man sie vertilgte! Die Englnder,
versichert Trumbull bei Waitz 3, 248, hatten damals (im 17. Jahrhundert)
und spter viel Zweifel darber, ob es sich mit dem Christenthum und der
Menschlichkeit vertrage, die Feinde lebendig zu verbrennen. Die Weissen
haben, wie schon hieraus hervorgeht und auch sonst berall, oft sogar
mit dem grssten Rhmen, bezeugt wird, den Krieg mit derselben und oft
noch viel rgerer Grausamkeit gefhrt, als die Indianer selbst (ebd.
258. 260); noch 1830 haben sie, wie frher fter, unter den Pani das
Blattergift verbreitet (ebd. 259). Wie man nun die Vlker um ihr Land
geprellt, wie man sie spter immer weiter nach Westen und schliesslich
ber den Missisippi hinbergedrngt hat, ohne Rcksicht auf die
bedeutend aufblhende Kultur der Cherokees, welche durch diese
Verpflanzung einen schweren Stoss erlitt, das mag man bei Waitz 3 bis
299 und b, 26-60 nachlesen: wir wollen nur noch bemerken, dass die
Natchez, die Schawanoes, die Delawares, Potowatomies, Seminolen,
Kaskaskias und andere einst mchtige Vlker von den Weissen vernichtet
oder so gut wie vernichtet sind (Waitz 1, 166).

In Sdamerika traten die Europer womglich noch scheusslicher auf.
Benzoni, sagt Waitz 3, 399-100 in Beziehung auf Guyana, hat als
Augenzeuge ein schauerliches Bild davon entworfen, wie die Spanier in
diesen Lndern hausten. Das Verbot, Sklaven zu machen, war kein Verbot,
Sklaven zu halten. Die gewhnliche Formel, mit welcher letzteres erlaubt
wurde, lautete: ihr sollt als Sklaven halten drfen die von den
eingeborenen Herren des Landes als solche gehalten und euch verkauft
werden. Das gewhnliche Verfahren, welches namentlich in Maracapana oft
zur Ausfhrung gekommen ist, bestand daher darin, dass man einen
Huptling einfing, der gezwungen wurde, sich durch den Verkauf seiner
Leute als Sklaven die Freiheit zu erwerben, und dass man die so
gewonnenen Sklaven dann von der Behrde fr rechtmssig erklren liess.
Unterwarf sich aber ein Huptling freiwillig, so fiel man mit ihm ber
seine Feinde her, um diese zu versklaven oder suchte Streit mit ihm
selbst. Nasen- und Ohrenabschneiden war eine gewhnliche und nicht
selten ausgefhrte Drohung der Spanier gegen Indianer, die sich
ungefgig zeigten, und da das Gesetz verbot, die Lastthiere zu
berbrden, damit sie sich reichlich vermehren knnten, diente auch dies
als Vorwand, die Eingeborenen selbst als Lastthiere zu gebrauchen.
Nchst der Minenarbeit und persnlichen Dienstbarkeit berhaupt hat
vorzglich auch die Entfhrung vieler Weiber ihre Zahl verringert.
Natrlich liessen sich das die streitbaren Indianer nicht ohne Weiteres
anthun und man kann denken, welche frchterlichen Kmpfe eine solche
Behandlung hervorrufen musste und wie diese Kmpfe selbst, obwohl zum
Theil glcklich fr sie, die Indianer decimiren mussten. In Brasilien
wars um nichts besser. Obwohl man anfangs den Eingeborenen die Freiheit
zugesprochen hatte, kam man doch sehr bald dahin, dass man
Menschenjagden erst duldete und dann (seit 1611) allgemein gestattete
und diese entwickelten sich gar bald zu einer solchen Hhe, dass in den
3 Jahren 1628-1630 in Rio de Janeiro allein 60,000 Indianer, meist aus
Paraguay, in die Sklaverei verkauft wurden, wobei es natrlich auch
wieder zu den scheusslichsten Kriegen kam, in welchen Europer und
Indianer gleichmssig verwilderten (Waitz 3, 450-51). Allerdings setzten
sich die Missionre (Jesuiten) hiergegen, allein nur, um die
Arbeitskraft der Indianer ihrem Orden zukommen zu lassen, und meist mit
so geringem Erfolg, dass ihr Widerstand gar nichts bedeutete. Uebrigens
ist auch jetzt noch das Loos der unter brasilianischer, also
portugiesischer Herrschaft stehenden Indianer kaum besser (ebd. 453),
wie die Portugiesen wohl diejenigen Europer sind, welche am
unmenschlichsten mit den Amerikanern umgingen. Das beweist auch, wie sie
mit den Indianern der Pampas verfuhren. Wir wollen hren, was hierber
v. Tschudi 2, 261-64 von vergangenen Zeiten und von der Gegenwart sagt:
Das Verhltniss zwischen den erobernden Portugiesen und den Indianern
war seit dem 16. Jahrhundert im allgemeinen ein getrbtes. Bekanntlich
trachteten die Ansiedler so viel als nur mglich, die Eingeborenen fr
die Feldbestellung und fr den Bergbau zu benutzen. Diese aber fanden im
ganzen wenig Freude an solchen ihren natrlichen Neigungen mehr oder
weniger widerstrebenden Verrichtungen und wollten ebenso wenig in ein
Dienstverhltniss zu den Eindringlingen treten. Die gebieterische
Nothwendigkeit, Arbeitskrfte zu besitzen, fhrte die Portugiesen
allmhlich dahin, sich der Indianer mit Gewalt zu bemchtigen und sie zu
unentgeltlichen Dienstleistungen zu zwingen. Binnen kurzem bildete sich
eine Indianersklaverei und ein schwunghafter Menschenhandel aus. Banden
khner Abenteurer zogen nach den Urwldern auf Menschenjagd und
verkauften nach der Rckkehr ihre Beute an Grossgrundbesitzer, in denen
sie stets willige Abnehmer fanden. Knigliche Verordnungen autorisirten
gewissermassen dieses emprende Verfahren und nur an der Gesellschaft
Jesu fanden die hartbedrngten Urbewohner Vertheidiger und Beschtzer.
Durch massenhafte Einfuhr von Sklaven von der afrikanischen Kste,
verbunden mit einer etwas humaneren Gesetzgebung, verminderte sich,
besonders im 18. Jahrhundert, die Indianersklaverei, dagegen aber
entwickelte sich an vielen Grenzpunkten der Civilisation ein frmlicher
Vernichtungskrieg zwischen Portugiesen und Indianern. Ueberlegenheit der
Angriffs- und Verteidigungswaffen sicherten den ersten den Erfolg .....
deren weite mit gehacktem Blei geladene Trabucos oft schreckliche
Verwstungen unter den Gegnern anrichteten.

Wilde Bluthunde, die ausschliesslich auf Indianerfhrten abgerichtet
waren, halfen den nicht weniger blutdrstigen Menschenjgern die
feindlichen Lager ausfindig machen. Die Offiziere wetteiferten, wer die
besten Indianerhunde besitze, und ein gewisser Lieutenant Antonio
Pereira liess die seinigen nur Indianerfleisch geniessen, um sie stets
bei guter Nase zu erhalten. Als durch die Einfhrung der weit
arbeitsfhigeren Neger die Indianer fast ganz entwerthet wurden, so
handelte es sich bei solchen Expeditionen nicht mehr darum, Menschen zu
fangen, sondern nur eine mglichst grosse Zahl zu morden. Um diesen
Zweck, die Vernichtung der Indianer, in ausgedehntem Massstabe zu
erreichen, griffen die Portugiesen zu den niedertrchtigsten Mitteln.
Sie legten Kleider von Personen, die an Blattern oder Scharlach
verstorben waren, in der Absicht in die Wlder, dass Indianer sich diese
aneignen und infolge dessen Epidemien unter ihnen ausbrechen und
grssliche Verheerungen unter ihnen anrichten sollten. Also ganz wie es
die Englnder in Nordamerika machten!--Nachdem nun Tschudi gesagt hat,
dass die Spanier zu solchen schndlichen Mitteln nie gegriffen htten,
fhrt er fort: trotz der schnen aber leider so mangelhaft ausgefhrten
Constitution Brasiliens hat der Vernichtungskrieg gegen die Indianer der
Provinz Minas bis auf die neueste Zeit noch fortgedauert. Heute noch
(1860) leben dort Individuen, denen eine Indianerjagd der hchste Genuss
ist und die noch sorgfltig Schweiss- und Sprhunde zu diesem Zwecke
pflegen. Nur eine kurze Zeit ist verflossen, seit ein kaiserlich
brasilianischer Militrcommandant als Repressalien fr einen von den
Indianern begangenen Mord ein Indianeraldea (Dorf) berfiel und als
Siegestrophe _dreihundert_ Ohren von grausam abgeschlachteten Indianern
in den Flecken St. Matheus, sdlich vom Mukury brachte! Selbst der
kaiserliche Commissionr ... neigt sich mehr zu den Vertilgungsmitteln
hin, als auf rein menschliche Weise die Indianer der Civilisation
unterthan zu machen....

Ottoni fhrt einige Beispiele an, wie der Vernichtungskrieg gegen die
Indianer auch in neuerer Zeit gefhrt wurde. Der Schauplatz dieser
elenden Thaten war das Quellgebiet des Mukury und ein Theil von dem des
Jaquitinhonha. Die Hauptleiter der Mrderexpeditionen waren zwei
indianische Soldaten Cr und Crahy, denen sich als dritter wrdiger
Genosse ein gewisser Tidoro zugesellte. Sie handelten aber nur auf
hheren Militrbefehl. Eine Aldea umbringen war ihr Losungswort, der
Zauber, der sie fr ihr Henkerhandwerk fanatisirte. Mit Hlfe kaiserlich
brasilianischer Soldaten und Liebhaber (oft den besten Stnden
angehrend) umringten sie whrend der Nacht die dem Untergang geweihte
Aldea und strmten sie mit dem ersten Tagesgrauen, so dass die
aufgehende Sonne nur noch blutrauchende grsslich verstmmelte Leichname
beschien. Die arglosen Indianer hatten gewhnlich keine Idee von dem
ihnen drohenden Verhngniss: sie wurden meistens im tiefen Schlaf
berrascht. Die Soldaten bemchtigten sich immer zuerst der in einer
Ecke zusammengestellten Bogen und Pfeile, um so weniger gefhrdet die
wehrlosen Indianer abzuschlachten. Nur die Kinder (Kurukas) wurden
verschont, sie waren Kriegsbeute! Ein solches Kuruka wurde in der Regel
fr 100 Milreis verkauft. Selbst in neuester Zeit war der Gewinn, der
aus dem Verkauf der erbeuteten Kinder gezogen wurde, das einzige Motiv,
um eine Aldea umzubringen. Und dieses geschieht im constitutionellen
Brasilien gegen die ursprnglichen Bewohner des Landes! Am Rio
Jaquitinhonha, am Mukury, am Rio St. Matheus, am Rio Dolce sind
zahlreiche Beispiele dieser Menschenschlchtereien vorgekommen. Vier
Jahre vor meinem Besuch am Mukury leiteten die Henkersknechte Cro und
Crahy eine solche Metzelei bei Queriba am Jaquitinhonha. Sogar im Jahr
1861 wurde wenige Meilen von Philadelphia eine derartige
Menschenschlchterei ausgefhrt. Im Jahre 1846 wurde in Marianna, 2
Leguas von St. Jose de Porto Alegre, an der Mndung des Mukury, der
Tribus des Huptlings Shiporok fast gnzlich vernichtet. Sechzehn
Schdel der ermordeten Indianer kaufte ein Franzose und schickte sie an
ein pariser Museum.

Man muss diese Nachrichten, welche jede Vorstellung bersteigen, bei
einem so glaubwrdigen Schriftsteller wie Tschudi selbst lesen, um sie
zu glauben. Uebrigens ging es den Araukanern kaum besser, die in einem
fast 200jhrigen Kampfe (von 1540-1724) mit den Spaniern um ihre
Unabhngigkeit rangen. Auch hier waren es wieder die Europer, welche
die grauenvollsten Grausamkeiten gegen die tapferen und edeln Amerikaner
begingen, welche letztern aber auch, wie es natrlich war, in einem
solchen Krieg verwilderten und herunterkamen, so dass man jetzt in ihnen
die alten Araukaner nicht mehr zu suchen braucht (Waitz 3, 521 ff.). Wie
die Spanier noch in diesem Jahrhundert gegen sie verfuhren, geht aus
folgender, von einem Augenzeugen erzhlten Geschichte hervor, welche den
portugiesischen Schandthaten wrdig zur Seite steht: von einem
Indianerstamme, der sich in seinem Versteck aller Nachforschungen
entzog, konnte Major Rodriguez nur ein Weib auffinden mit ihrem Sohn und
ihrer Tochter, die noch Kind war. Drohungen und Versprechungen bewirkten
nichts ber sie, um sie zur Verrtherei zu bewegen. Da liess man den
Sohn niederknien und erschoss ihn vor den Augen seiner Mutter und
Schwester. Dennoch wollte das Weib nichts gestehen. Auch sie musste
niederknien, um zu sterben; da erbot sich die Tochter, das Versteck
ihres Vaters und ihrer Brder zu verrathen. Die Mutter strzte wthend
ber sie her und wollte sie erdrosseln, doch man entriss ihr das Kind
und schleppte sie fort in der von diesem bezeichneten Richtung, whrend
sie die Tochter mit den hrtesten Vorwrfen wegen ihrer Feigheit und
Entartung berhufte. Ihre ganze Familie musste sie hinschlachten sehen
und gab verzweifelnd und mit dem letzten Athemzuge den Mrdern fluchend
bei diesem Anblicke ihren Geist auf (Waitz 3, 526). Solche Beispiele
viehischer Unmenschlichkeit stehen keineswegs als einzelne wegen ihrer
besonderen Scheusslichkeit merkwrdige Flle da: sie sind in diesen
Kriegen das ganz Gewhnliche.

v. Tschudi gab an, dass die Botokuden bei den Jesuiten Schutz gefunden
htten; und wenn allerdings die Geistlichen bisweilen ihre Stimmen fr
die Unterdrckten erhoben, so war das keineswegs berall oder immer der
Fall; ja die Geistlichen wurden sehr hufig nur eine neue Plage fr die
Eingeborenen durch die Mittel, wie sie die Indianer fr die Taufe
gewannen: einfach dadurch, dass sie dieselben jagten, fingen und dann
tauften oder so lange einsperrten, bis sie sich taufen liessen, was
freilich von den spanischen Gesetzen verboten war, aber doch oft genug,
mit Hlfe anderer Indianer, ausgefhrt wurde. Nur allzubekannt ist jene
frchterliche Geschichte von der Guahibaindianerin, welche mit ihren
Kindern gefangen worden war und von der

  Zu der Guahiba und der Christen Bildniss
  Erzhlet jener Stein mit stummem Munde
  Am Atapabos-Ufer in der Wildniss.

Diese Geschichte spielt etwa um 1770: und Humboldt, welcher sie uns aus
dem Munde der Geistlichen selbst erzhlt (b, 5, 81 ff.; vgl. Chamisso
Werke 4, 69 ff.), fhrt fort: Dergleichen Jammer kommt berall vor, wo
es Herren und Sklaven gibt, wo civilisirte Europer unter versunkenen
Vlkern leben, wo Priester mit unumschrnkter Gewalt ber unwissende,
wehrlose Vlker gebieten (Humboldt a.a.O. 85). Und er hat Recht:
denselben Jammer finden wir in Californien wieder, wohin die spanische
Herrschaft hauptschlich durch Missionre gebracht war, und wo diese
letzteren Schlingen legten, um Indianer zu fangen oder zu demselben
Behuf bewaffnete Schaaren ausschickten. Widersetzte sich einer der
Eingeborenen der neuen Lehre, so sperrte man ihn zunchst ein und liess
ihn hungern, dann zeigte man ihm Fleisch, um ihm von dem guten Leben,
das ihn bei den Missionren erwarte, einen Begriff zu geben und
suchte ihn so zum--Christenthum zu gewinnen (Beechey 1, 356).
Wiedereingefangene Deserteure erhielten nach Langsdorff Stockprgel, die
sehr hufig auch bei Frauen angewendet wurden, und es wurde ihnen ein
schwerer Eisenstab angehngt, um frderhin Flucht ihnen unmglich zu
machen. Da nun die so Bekehrten ganz wie Sklaven den frommen Missionren
dienen mussten, so ist es einmal kein Wunder, wenn sie, um dieser
Religion, dieser Kultur zu entfliehen, kein Mittel scheuten, auf der
anderen Seite aber auch nicht, wenn wir sie massenhaft in den Missionen
sterben sehen. Krankheiten wtheten und von Jahr zu Jahr wuchs die
Sterblichkeit. 1786 waren 7701 Indianer getauft, von denen 2388 starben;
1813 waren 57,328 getauft, aber gestorben 37,437 (Beechey 1, 370).--Als
nun spter die Missionen durch die politischen Verhltnisse Californiens
verfielen, wurde das Loos der Eingeborenen noch schlimmer. Sklavenjagden
oder auch geradezu Menschenhetzen begannen, man schoss sie nieder, ohne
Unterschied des Alters und Geschlechtes, wo man sie traf. Ein spanischer
General hatte (nach Wilkes) Californier zu Soldaten einexercirt; als sie
sich aber sehr brauchbar zeigten, bekam er Furcht vor ihnen und liess
sie alle niederschiessen (Waitz 2, 244-51).

Am allerrgsten aber haben die Weissen in den kultivirten Gegenden
Amerikas gehaust, welche sie zuerst vom ganzen Continente kennen
lernten. Die Eroberung von Mexiko kostete, wie ein Spanier (Clavigero
bei Waitz 1, 189-90) angibt, mehr Menschen, als whrend der ganzen Dauer
des mexikanischen Reiches den Gttern geopfert sind; wenn auch die
Behauptung desselben Schriftstellers, die Bevlkerung des Landes sei
durch die Eroberung bis auf ein Zehntel gesunken, von Waitz (4, 190) mit
Recht als bertrieben angesehen werden mag. Aber Gomara selbst, der fr
Cortez schreibt, berichtet, dass weder Weiber noch Kinder von den
Spaniern geschont seien (Waitz 4, 186); und doch war Cortez noch
derjenige, welcher wenigstens ohne unnthige Grausamkeit verfuhr,
whrend seine Nachfolger geradezu unmenschlich hausten. Doch auch Cortez
vertheilte, trotzdem es ihm hart erschien, die Mexikaner unter die
spanischen Eroberer als Knechte und der hchste Adel sowohl wie gemeines
Volk mussten ihren Enkomenderos die hrteste Arbeit thun, unter der sie,
berhaupt nicht an strenge Arbeit, am allerwenigsten aber an so ganz
unmenschliche Ueberbrdung gewhnt, massenweis erlagen. Widerspenstige
oder wer, gleichviel aus welchem Grunde, den Tribut nicht zahlte, wurden
als Sklaven verkauft. Dieser Tribut aber war enorm und wurde mit der
grssten Strenge, sehr hufig auch mit den rgsten Betrgereien und
Erpressungen beigetrieben. Viele tdteten sich nun aus Verzweiflung,
andere verabredeten sich, keine Kinder mehr zu erzeugen oder knstlichen
Abortus zu bewirken, um wenigstens ihre Nachkommen von diesem ganz
unertrglichen Elend, das noch durch jene frchterlichen eingeschleppten
Krankheiten furchtbar erhht wurde, zu bewahren. Bei der Eroberung waren
die Wasserleitungen mit zerstrt und dadurch erhob sich neues Elend:
denn ein grosser Theil des Landes ward dadurch zur Wste (Waitz 4, 187).
Das Christenthum, das brigens sobald es sich der Eingeborenen annahm,
von den spanischen Machthabern aufs Heftigste angefeindet wurde, kam nun
auch und mit ihm die Inquisition, die gar nicht selten 100 Ketzer auf
einmal verbrennen liess (4, 189)--kurz, es ergoss sich auf die
unglcklichen Menschen ein so grimmiges Elend, wie vielleicht kein Volk
sonst hat aushalten mssen, und es ist kein Wunder, wenn auch hier die
Eingeborenen vor dem Hauche der Kultur schaarenweis starben; ein
Wunder ists nur, dass sie trotz aller dieser Leiden bis auf den heutigen
Tag nicht ausgerottet sind.

Nicht anders hausten die Spanier in Guatemala (4, 268), in Nikaragua
(280) und noch rger auf den Antillen und Lukayen (Bahamainseln), deren
Einwohner, mehrere 100,000 an der Zahl innerhalb weniger Jahrzehnte
gnzlich vernichtet sind, wozu die eingeschleppten Krankheiten, die
Minenarbeiten, die nichtswrdigen Knechtungen und oft ganz zwecklose
Menschenmetzeleien das Meiste beitrugen. Massenweise tdteten die
Eingeborenen sich selbst. Columbus selbst hatte ganz dieselbe Gesinnung
wie seine Landsleute: Menschenraub, Sklaverei, grausame Verstmmelungen
geschahen auf seinen Befehl und die spanische Regierung war, obwohl
Isabella diese Behandlung der Eingeborenen im hchsten Grade
missbilligte, viel zu schwach, irgend etwas Bleibendes zu Gunsten der
Indianer zu erreichen (Waitz 4, 331. 334).

Ebenso ging es in Darien (4, 351) und Neu-Granada (377) und dass es in
Peru eher schlimmer als besser war, dafr brgt schon der Name Pizarro.
Das beliebte Mittel der Portugiesen, Bluthunde, die auf Indianer
dressirt waren, gegen diese loszuhetzen, wurde hier namentlich
angewandt. Wir erinnern hier an die schon erwhnte Bitte des gefangenen
Frsten, ihn nicht verbrennen, nicht den Hunden vorwerfen, sondern
einfach erhngen zu lassen (1, 478 ff.). Nach Gomara sind in den Kriegen
unmittelbar nach der Eroberung etwa anderthalb Millionen Eingeborene
aufgerieben; die brigen litten unter dem Druck der Encomiendas und
Mitas (zwangsweise Vermiethung der Eingeborenen an Privatleute, von der
Mestizen, Mulatten, Zambos frei waren) so unertrglich, dass sie durch
das Uebermass von Arbeit schaarenweis aufgerieben wurden. Dazu kam noch
der furchtbare Steuerdruck unter den habgierigen Spaniern, an welchem
sich brigens die Geistlichkeit ohne die geringste Scheu aufs
lebhafteste mit betheiligte. Nimmt man dies leibliche Leiden zusammen,
und dazu das Bewusstsein der gnzlichen Ohnmacht gegen diesen Gegner, so
wird man sich die psychischen Leiden dieser Menschen denken knnen;
diese fallen aber mit dem grssten Gewicht in unsere Wagschale, da ihnen
gewiss grosse Mengen erlegen sind, wie vielfach bezeugt ist. Gewiss,
wenn man die Amerikaner in Nord und Sd betrachtet, deren Bedrckung
noch nirgends ganz aufgehrt hat, so ist das das allein Wunderbare, dass
jetzt, nach 300 oder 200 Jahren eines solchen Druckes, noch irgend etwas
von der Urbevlkerung existirt.




 17. Fortsetzung. Der stille Ozean.


Eine hnliche Behandlung wie die bisher besprochenen Vlker von
Hollndern, Englndern, Spaniern und Portugiesen erfuhren die
Kamtschadalen und Aleuten durch die Russen. Nach King (Cook 3te Reise 4,
171) wthete der Russe Atlassof, der 1699 Kamtschatka zuerst entdeckt
hatte, seit 1706 zum zweiten Male Befehlshaber daselbst, um die
Einwohner mit guter Art und durch friedliche Mittel zu gewinnen, in dem
Lande so arg, dass seine eigenen Leute, die Kosaken, welche bis dahin
friedlich mit den Kamtschadalen ausgekommen waren, gegen ihn einen
Aufstand erhoben und sich in den Besitz der Halbinsel setzten. Dadurch
ward es aber nicht besser, denn sie wtheten, einmal an Mord und Blut
gewhnt, von nun ab unter den Eingeborenen von Kamtschatka selbst. Die
Geschichte dieser Halbinsel von jenem Zeitpunkte an bis in das Jahr 1731
ist eine Reihe von Mordthaten, Emprungen und wilden blutigen Gefechten
kleiner im ganzen Lande streifender Parteien. Damals nmlich erhoben
sich die erbitterten Kamtschadalen, um ihr Land nicht immer weiter
unterjocht werden zu lassen und um sich an ihren Peinigern zu rchen.
Behring war zu jener Zeit da, welcher alle ihm entbehrlichen Truppen,
mit Ausnahme kleiner Besatzungen in den Festungen des Landes, gegen die
Tschuktschen schickte, denn bei der ausserordentlichen Klugheit,
Verschwiegenheit und Energie der Kamtschadalen hatte weder er, noch
irgend sonst ein Russe eine Ahndung von einer Verschwrung, welche ber
die ganze Halbinsel ausgebreitet war. Sie war sehr gut organisirt; von
kleinen aufhaltenden Zwischenfllen z.B. waren in krzester Frist alle
Oberhupter derselben benachrichtigt: und so gelang es denn, nach
Behrings Abfahrt den Kamtschadalen, dass sie die Festungen rasch
einnahmen, und alles was von Russen noch im Lande war (Weiber und Kinder
mit eingeschlossen) niedermachten oder in die Gefangenschaft
wegschleppten. Behring aber, durch widrige Winde an der Kste
festgehalten, erfuhr das Geschehene, kehrte zurck und belagerte das
Fort, wohin sich die Kamtschadalen auf Kunde seiner Rckkehr geworfen
hatten; allein nicht eher konnte er es--so tapfer war der
Widerstand--einnehmen, als bis es endlich durch einen Zufall in die Luft
gesprengt wurde. Da nun die Kamtschadalen auch in einigen offenen
Gefechten, die sehr blutig waren und sonst den krzeren zogen, so
mussten sie sich zum Frieden bequemen. Von da ab blieb alles ruhig,
einzelne Aufstnde abgerechnet--welche ein deutliches Bild geben, wie
die Russen sich gegen die durch jenen Aufstand gebrochenen Kamtschadalen
betrugen. Wenn die Halbinsel, nach King, sich nach 1731 wieder so erholt
haben soll (doch King selbst berichtet zweifelnd), dass sie spter
volkreicher war als frher, so ist dieser Nachricht kein Glauben zu
schenken, oder sie bezieht sich auf die Erhhung der Bevlkerung,
welche durch Einwanderung erfolgte. Die Russen fuhren fort, wie sie
angefangen hatten; wren die Kamtschadalen noch die alten gewesen, die
mit solcher Umsicht und Thatkraft den Aufstand von 1731 ausfhrten, sie
htten von Neuem gegen das Joch anzukmpfen versucht, was bis auf jene
ohnmchtigen Aufstnde, welche gegen die Peiniger sich rtlich erhoben,
nicht weiter geschah. Jener Krieg hatte sie eben gebrochen. Und so
erlagen sie denn gnzlich, als zuerst 1767 jene Epidemien ausbrachen,
die wir schon geschildert haben.

Abgesehen von Krieg und Seuchen hat ihnen der Pelzhandel unendlich
geschadet. Krusenstern (3, 52-53) erzhlt, dass die Agenten der
amerikanischen Compagnie und die russischen Hndler im Lande
umherziehen, die einzelnen, mit denen sie handeln wollen, mit Branntwein
vllig trunken machen, was ihnen bei der Leidenschaft der Kamtschadalen
fr den Trunk gar nicht schwer wird, und dann den ganzen Vorrath von
Pelz, den jene besitzen, den Besinnungslosen abnehmen, um sich fr die
Menge des getrunkenen Branntweins bezahlt zu machen. So verliert der
Unglckliche, fhrt Krusenstern fort, den Lohn monatelanger Mhe, statt
sich zum Leben ntzliche und nthige Dinge kaufen zu knnen, in einem
Rausche. Grsseres Elend (S. 54) ist auch mit Niederdrckung seines
Geistes verknpft, welche einen usserst schdlichen Einfluss auf seinen
ohnehin schon siechen Krper haben muss, da dieser zuletzt bei
gnzlichem Mangel an substantieller Nahrung und jeder medizinischen
Hlfe beraubt solchen harten Stssen nicht lange widerstehen kann. Dies
scheint mir die wahre Ursache ihrer jhrlichen Abnahme und allmhlichen
gnzlichen Ausrottung zu sein, welche durch epidemische Krankheiten, die
sie haufenweise wegraffen, befrdert wird.

Auch auf friedlichem Wege wird ihre Zahl verringert: denn hier und auf
den Aleuten sind sie mit den Russen vielfach durch Heirathen
zusammengeschmolzen.

Allein auch auf den Aleuten haben sich die Russen meist nur feindselig
gezeigt. Namentlich sind es die russischen Wildjger (Promyschlenniks,
welche von 1760-90 die Inseln beherrschten, Waitz 3, 313), die sich
durch wste Grausamkeit auszeichnen. Sie pflegten nicht selten Menschen
dicht zusammenzustellen und zu versuchen, durch wie viele die Kugel
ihrer gezogenen Bchse hindurchdringen knne, sagt Sauer (aus dem
Tagebuch eines russischen Offiziers, das er in den Anhngen an seine
Reise mittheilt) bei Chamisso 177. Dazu kommt noch die sklavische
Knechtung, in welcher Kamtschadalen und Aleuten von den Russen gehalten
werden (Chamisso 177 und Langsdorff): wie denn z.B. die Hlfte der
gesammten mnnlichen Bevlkerung von 18-50 Jahren das ganze Jahr
hindurch unentgeltlich von ihnen in Anspruch genommen wird (Kittlitz 1,
295). Daher hat Waitz ganz Recht, wenn er die Nachrichten ber das
milde Verfahren der Russen nicht eben hoch anschlgt (3, 313-14). Nach
den Schilderungen von Chamisso, der hier mit Kotzebue (1, 167--68) ganz
bereinstimmt, sind sie jetzt ein trges auch in seiner Freude trbes
und theilnahmloses Volk (Cham. 177), wozu sie in Folge des
unaufhrlichen Drucks geworden sind. Einzelne sollen sich, hnlich wie
die wilden Mnner von Tahiti, in die Berge geflchtet haben und dort
ein kmmerliches Leben fristen (Chamisso 177).

Von der Inselwelt des stillen Ozeans kamen die Europer zuerst in
dauernde Berhrung mit den Marianen, wo die Spanier, als sie 1668
landeten eine sehr bedeutende Bevlkerung (100,000 ist nicht
bertrieben, wie wir schon sahen) auf der ganzen Kette vertheilt
fanden--und um 1710 war nur noch Guaham, die sdlichste und grsste
Insel bewohnt, die anderen verdet. Der Krieg, welchen namentlich
Quiroga mit blutiger Tapferkeit fhrte, und der ber 30 Jahre dauerte,
zahlreiche Epidemien, Verpflanzung der Eingeborenen von einem Distrikt
zum anderen (welches Mittel auch in Amerika die verheerendsten Folgen
hatte) trugen zu dieser Vernichtung das ihrige bei. Aber wenn auch nach
den Berichten, die wir haben und die ganz, wie le Gobien und Freycinet,
auf spanischen Quellen beruhen oder Erzhlungen der bei der spanischen
Unterwerfung thtigen Jesuiten sind wie die Berichte im neuen Weltbott
(einer Missionzeitung a.d. Anfange des vorigen Jahrhunderts); wenn auch
nach diesen Quellen die Spanier nicht mit der emprenden Grausamkeit
verfuhren wie in Amerika: so ist es doch auffallend, dass wir ganz
dieselben Erscheinungen hier wie dort nach ihrem Auftreten finden,
wildeste Verzweiflung der Eingeborenen--welche hier wie dort anfangs den
Spaniern sehr freundlich entgegenkamen--massenhaftes Auswandern
derselben, zahllosen Selbstmord, knstliche Fehlgeburt oder Ermordung
der Kinder bei der Geburt und schliesslich und sehr bald totale
Entvlkerung der Inseln, welche fr Guaham nur durch zahlreiche
Einfhrung philippinischer Tagalen verhtet ist. Wahrscheinlich hausten
also hier die Spanier mit derselben rohen Bedrckung und wilden
Grausamkeit, welche sie berall zum Fluch der neuentdeckten Lnder
machte, nur dass hier, ganz hnlich wie ber das ebenso rasch
entvlkerte Honduras (Waitz 4, 280), unsere Quellen schweigen, oder nur
parteiisch und einseitig berichten. Sicher wird man aus dem Aussterben
der marianischen Bevlkerung keinen Schluss ziehen knnen zu Gunsten der
Ansicht, dass die Naturvlker, weil sie von schlechterer Organisation
seien, den Weissen erlgen.

Polynesien ist 3 Jahrhunderte spter entdeckt worden als Amerika, eins
spter als die Marianen; so sehen wir denn hier die kultivirte
Menschheit anders als bisher. Zwar zeigen die frheren Durchsegler des
Ozeans, die Spanier, Dampier, Roggeween, dieselbe Rohheit den
Naturvlkern gegenber wie alle ihre Zeitgenossen; allein im Ganzen ist
man hier milder aufgetreten als sonst, wozu ausser dem kleineren Terrain
wie der geringeren Zahl, in welcher die Europer demgemss auftreten,
der Hauptgrund das Jahrhundert ist, in welchem man die meisten dieser
Inseln entdeckte. War es doch die Zeit des Philanthropismus und glaubte
man doch die ertrumten Ideale von menschlicher Glckseligkeit, wie z.B.
Rousseau sie in Europa entwarf, hier im Leben der Sdseeinsulaner
verwirklicht zu finden; ein Umstand, der fr die Art, wie man den
Polynesiern entgegentrat, von grosser Bedeutung war. Und noch, wichtiger
war es, dass gleich nach der Entdeckung zu ihnen Missionre der
protestantischen Kirche, denen es nicht auf Ausbreitung des christlichen
Namens und der usseren Gebruche, sondern da sie selbst im tiefsten
Herzen wahre Christen waren, auf die Emporhebung und Frderung der
Eingeborenen ankam. So steht der treffliche Wilson, der erste Missionr
der Sdsee (1795), an der Spitze einer Reihe von Ehrenmnnern, die, wenn
auch hin und wieder selbst nicht frei von menschlichen Schwchen, auf
das Wohlgemeinteste fr diese Vlker sorgten.

Allein weder sie noch der fortgeschrittene Geist der Jahrhunderte
konnten auch hier die bsen Wirkungen der Kultur und ihrer Trger
abwehren. Eine Reihe einzelner Brutalitten, deren Helden meist
Schiffskapitne und ihre Matrosen sind, kamen auch hier vor, welche
allerdings bei der geringen Anzahl der Einwohner fr die einzelnen
Inseln gefhrlich genug sein konnten und z.B. fr Waihu verderblich
gewesen sind (Mrenhout 2, 278-79, der Genaueres und die Quellen gibt).

Aber auf die Dauer gefhrlich wurden die Europer durch die
Verbrecherkolonien, welche sie in der Sdsee (Neuholland, Tasmanien und
sonst) anlegten. Denn eine Menge der deportirten Verbrecher entwichen
und indem sie sich auf verschiedenen Inseln des Ozeans umhertrieben oder
auf einzelnen festsetzten, schleppten sie ausser Krankheiten eine Menge
Laster ein oder reizten, was oft genug vorgekommen ist, die Eingeborenen
zum Krieg gegen die ankommenden Weissen, der meist den Eingeborenen
verderblich wurde; oder zum Widerstand gegen die Missionre, der ihnen
nach anderer Seite hin schadete.

Ausserdem wird die Sdsee durchkreuzt von einer Menge von Walern, welche
oft ziemlich lange Rast auf den einzelnen Inseln halten und deren
Mannschaft sehr oft aus dem Abschaum aller Vlker zusammenfliesst. Auch
sie wirkten auf gleiche Weise ausserordentlich unheilvoll. Fr Hawaii
allein schlgt Virgin (1, 269) die Zahl derselben auf jhrlich 15-20,000
an und er erwhnt auch, wie die Syphilis durch sie fortwhrend neue
Nahrung bekommt. Diesen Walern und ihrem entsittlichenden Einfluss
schreibt auch Gulick die Abnahme der Bevlkerung von Kusaie, von der
oben die Rede war, zu.

Ferner hat hier die Feindseligkeit, mit welcher die nicht geistlichen
Europer den Missionren, meist aus Gewinn- oder Genusssucht,
entgegentraten (genauere Belege bei Meinicke b und Lutteroth) ganz
besonders nachtheiligen Einfluss ausgebt; und nicht minder der Streit,
welchen die katholische Kirche in der Sdsee mit den evangelischen
Missionren anfing. Frankreich war es, welches als Werkzeug der
Propaganda (Lutteroth 164) in diesem Theil der Welt auftrat und die Art
und Weise, wie es das gethan hat, war keineswegs im Interesse der
Polynesier. Erstaunt man schon ber die Orgien, welche seine Vertreter
verbten--so Dumont d'Urville auf Nukuhiva (4, 5, ff.), Laplace und die
Mannschaft der Artemise auf Tahiti (Lutteroth 167), so erstaunt man noch
mehr ber die Unbefangenheit, mit welcher die franzsischen
Schriftsteller ber diese schmachvollen Vorgnge als etwas ganz
Selbstverstndliches reden. Will man die Eingeborenen dieser Inseln
heben, so muss man ihr Selbstgefhl zu frdern suchen, man muss, indem
man die Laster, die ihnen so viel geschadet haben, unterdrckt, auf ihre
guten Seiten belebend und krftigend einwirken: von allem aber hat die
franzsische Okkupation der Insel Tahiti nur das Gegentheil bewirkt und
wie man aus der brutalen Art schliessen kann, mit der sie verfuhr, auch
gewollt. Wenigstens geht aus allem hervor, dass die Einwanderer die
Eingeborenen hier nicht hher schtzten, als einst die Spanier oder
Englnder die Amerikaner. In Neuseeland, wo die Englnder fest sich
niedergelassen und denselben Raenhochmuth gegen die Eingeborenen
gezeigt haben, hat ausser diesem letzteren und anderem schon erwhnten
namentlich der massenhafte Landverkauf schdlich gewirkt, auf welchen
die Neuseelnder, ohne recht zu wissen, warum es sich handele, eingingen
und wobei sie oft genug--so namentlich von der Neuseelandcompagnie--sich
betrogen sahen. Sie geriethen durch den Mangel an Land in grosse Noth,
durch den Betrug aber in grosse Wuth und die Kriege, welche noch bis vor
kurzem gefhrt wurden, beruhen wesentlich auf diesen Grnden
(Hochstetter 483-97). Durch alles dies, die Kriege nicht in letzter
Reihe, ist natrlich das Emporkommen der Eingeborenen sehr gehindert.

In Melanesien haben namentlich die Sandelholzhndler, meist englische
oder amerikanische Capitne, der Bevlkerung geschadet, da sie, um zu
ihrer Waare zu kommen, oft die gewaltsamsten und scheusslichsten Mittel
anwenden. Sie schlagen das Sandelholz nieder, wo sie es finden: daher
sie hufig in Streit mit den Eingeborenen gerathen. Und in einem solchen
Kampfe auf Tanna kam es vor, dass, als die Eingeborenen in eine Hhle im
Gebirge flohen, die nachfolgenden Matrosen vor derselben ein Feuer
anzndeten und durch den Rauch alle in der Hhle befindlichen
umbrachten! Auch rauben sie zu ihren Arbeiten Eingeborene der Inseln und
schleppen sie mit sich fort, welche dann hufig dem Heimweh und der
Ueberbrdung mit Arbeit erliegen (Turner 493 vergl. 464). Auf allen
Inseln Melanesiens sind sie gleichmssig gefrchtet (Cheyne).

Meinicke (a 2, 217) hlt die Neuhollnder fr einen der Kultur absolut
unzugnglichen Menschenstamm. Andere Schriftsteller haben auch
behauptet, ein friedliches Auskommen mit ihnen sei ganz unmglich.
Allein die Englnder haben sich nie die Mhe gegeben, auch nur in ein
ertrgliches Verhltniss mit ihnen zu kommen: und dass dies sehr leicht
gewesen wre, beweisen zunchst einzelne Beispiele (Waitz 1 184 ff.),
wie vor allen das Greys, der berall friedlich mit ihnen fertig geworden
ist, dann aber geht es aus dem ganzen Betragen der Eingebornen hervor,
die eher scheu als kriegerisch, im Anfang den Weissen freundlich
entgegen kamen, ja sogar ihre Niederlassung im eignen Gebiet wnschten
(Grey 2, 234-35). Auch Meinicke, der wahrlich nicht fr die Neuhollnder
Partei nimmt, gibt das zu (a 2, 214). Ihre vielfach behauptete wilde
Blutgier ist nichts als Fabel--wohl aus dem naheliegenden Grund
erfunden, um nun gegen sie desto rcksichtsloser zu verfahren. Und das
ist reichlich geschehen. Zunchst machte man ihr Land vornehmlich zum
Deportationsort von Verbrechern; Neu-Sd-Wales war Verbrecherkolonie bis
1843: Westaustralien, das nach Grey's Zeugniss 2, 364 hher stand als
der Osten des Continents, weil es keine Verbrecherkolonie war, ist es
neuerdings geworden (Waitz 1, 185) und dass die Ureinwohner die hhere
Kultur, welche durch diese Strflinge und ihre Frevelthaten sich
zunchst bei ihnen ankndigte, strenge von sich abwiesen (Meinicke 2,
217): sollte ihnen das nicht eher zum Lobe gereichen? Sodann hat die
englische Krone die Rechte der Eingeborenen an ihr Land nie anerkannt;
sie hat genommen was sie wollte, und als dann die Eingeborenen in Folge
von Nahrungs-und Landmangel zu Bettlern und Rubern geworden waren, hat
man hierin ein Zeichen ihrer Unverbesserlichkeit durch die Kultur
gesehen und sie mit allen Mitteln verfolgt. Spter freilich, und auch
dies erst in Folge der schreiendsten Misshandlungen durch die Weissen,
hat man sie unter die englischen Gesetze gestellt, allein diese wirken
wenig zu ihren Gunsten (Grey 2, 368). Denn abgesehen davon, dass die
Eingeborenen so gut wie gar nicht zeugnissfhig vor Gericht sind, so
werden auch die Gesetze meist nur da angewandt, wo sie gegen dieselben,
nicht wo sie zu ihren Gunsten sprechen; ihre Verbrechen an den Weissen
werden gestraft, nicht aber umgekehrt die der Weissen an ihnen, und
letztere Verbrechen sind viel zahlreicher. 1838 weigerten sich die
Geschworenen eine Anzahl Weisser zu verurtheilen, welche 28 Eingeborene
ganz ohne Grund abgeschlachtet hatten (Waitz 1, 184). Man schiesst
(Breton 200) die Eingeborenen fters zum Vergngen nieder, da sie in
den Augen der Kolonisten nicht hher stehen, wie etwa der Orang Utang.
Ja man hat sie an verschiedenen Orten schaarenweise vergiftet (Eyre
Journal of expedd. into Central-Austral. 1845 2, 176 Note: Waitz 186);
nach Byrne (12 years wanderings in the british colonies 1848 1, 275,
Waitz eb.) ist das an vielen Gegenden von Neu-Sd-Wales durch Arsenik
geschehen und man hat sich laut und ffentlich dieser That gerhmt.

Natrlich ist fr ihre Emporhebung so gut wie nichts geschehen; denn was
wollen die edeln Bemhungen einzelner Mnner, wie der Missionre, sagen,
wenn das ganze Volk der Kolonisten anders handelt? Grey (2, 364 ff.)
stellt zusammen, worin man an ihnen gefehlt hat: man betrachtet sie als
niedere Rae und behandelt sie deshalb mit dem grssten Vorurtheil und
der grssten Willkhr. Werden sie zur Arbeit gedungen, so zahlt man
ihnen oft fast nichts, immer aber weit geringeren Lohn als den
Europern. Natrlich schweifen sie lieber bettelnd umher. Sie unter
englischen Rechtsschutz zu stellen war wohlgemeint: allein man htte die
englischen Gesetze auch auf das Unrecht, was sie einander selbst thun,
anwenden sollen, whrend jetzt (Grey gibt Beispiele aus Perth) die
Europer ruhig zusehen, wenn Eingeborene von Eingeborenen ermordet
werden; man hat durch diese Art der Einfhrung des englischen Rechts
nichts erreicht, als dass die lteren Eingeborenen die jngeren durch
grausame Behandlung von der Annahme neuer Sitten abschrecken (Grey 2,
376). Es ist nach alledem kein Wunder, wenn sie sich von der Kultur, die
sie so namenlos elend gemacht hat und fortfhrt, sie als wilde Thiere zu
behandeln, streng abwenden, obwohl sie geschickt genug sind, sie unter
sich aufzunehmen und sich hher zu entwickeln (Grey 2, 374). Grey selbst
erzhlt einen Fall (2, 369), dass ein europisch unterrichteter
Eingeborener, der manche Fhigkeiten sich erworben hatte, wieder
zurckkehrte zu den uncivilisirten Seinen, in die wilden Wlder.
Wollen wir ihn tadeln, dass er nicht lieber, wie es in Prutzs
geistreichem-Lustspiel von hnlichen Verhltnissen heisst,

  Ein Lump auf Griechisch ist, als ein honetter Tektosage?

Bei den Seinen hatte er Familie, Ehre, Vermgen; in der Kolonie war er
verachtet, ehrlos, arm. Ich htte ebenso gehandelt, sagt Grey.

Aus allem Angefhrten geht hervor, dass es sehr unrecht ist, wenn man
aus der Feindseligkeit der Neuhollnder gegen die Kultur schliesst, sie
seien berhaupt jeglicher hheren Bildung unfhig. Nicht sie haben die
Kultur, die Kultur hat sie von sich gestossen.

Die Eingeborenen Tasmaniens, welche noch friedfertiger waren als die
Neuhollnder, sind schon vernichtet. Auch hier war eine
Verbrecherkolonie und was fr Frchte sie den Eingeborenen trug, zeigt
folgende Geschichte: ein Strfling berredete einen Eingeborenen, dem er
eine geladene Flinte gab, wenn er dieselbe in sein Ohr losdrcke, so
wrde er eine sehr angenehme Empfindung haben. Er machte ihm, was er zu
thun habe, mit einer ungeladenen Flinte vor; worauf natrlich der
Eingeborene sich erschoss (Holman a voyage round the world [1827-1832]
4, 403). Auch sonst wurden sie, wie offiziell festgestellt ist, aufs
schmhlichste, wie wilde Thiere behandelt. Gleich bei der ersten
Ansiedelung schoss ein Offizier zum Vergngen mit Karttschen unter die
friedlichen Eingeborenen (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensl.
204); andere Schandthaten gleicher Art kamen hufig vor und erst seit
1810, sieben Jahre nach der Kolonisation ward festgestellt, dass die
Ermordung eines Eingeborenen als Mord gelten und bestraft werden sollte
(Hobarttown Almanak for the year 1830, 201). So erhoben sich endlich
(1826) die erbitterten Eingeborenen zu einem Krieg auf Leben und Tod, in
welchem sie gefhrlich genug wurden, schliesslich aber--war doch auf das
Einfangen eines Erwachsenen 5 Pfund, auf das eines Kindes 2 Pfund als
Preis gesetzt (Van Diemensland Almanak for the year 1831 p.
161)--schliesslich unterlagen sie. Darwin, welcher auch der Meinung ist,
dass ihre Vernichtung in dem schndlichen Betragen der Englnder ihren
Grund hatte, vergleicht den Krieg gegen sie mit einer der grossen
ostindischen Jagden (2, 226). Besiegt wurden sie nach Flinders Insel
deportirt (Darwin a.a.O.); 1848 verpflanzte man sie nach Oyster Cove im
Canal d'Entrecasteaux und jetzt werden sie wohl, vor dem Hauche einer
solchen Kultur, ganz ausgestorben sein (Melville the present state of
Australia 1851 370, Nixon 18). 1815 betrug ihre Zahl noch 5000, 1835
(nach dem Kriege) noch 111, 1847 waren noch 13 Mnner, 22 Weiber und 10
Kinder brig; 1854 waren, nachdem 29 gestorben und kein Kind weiter
geboren war, noch 16 brig (Petermann 1856, 441 nach dem Blaubuch).
Nirgends fand Darwin die Vermehrung eines civilisirten ber ein
uncivilisirtes Volk auffallender wie hier: nirgends aber ist auch die
Vernichtung der Eingeborenen roher und rcksichtsloser betrieben, als in
Tasmanien (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensland 1832,
appendix); wobei wohl in Anschlag zu bringen ist, dass alle diese
Scheusslichkeiten im 19. Jahrhundert ausgebt sind.




 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Grnde fr das Aussterben
der Naturvlker. Vergleichung dieser Grnde in Bezug auf ihr Gewicht.


Sorglosigkeit der Vlker also gegen sich, in leiblicher und geistiger
Beziehung: ihre Ausschweifungen, so wie der geringe Werth, welchen sie
dem Menschenleben geben; Druck der einheimischen Frsten; dann ihr
leibliches und geistiges Verkommen durch die nothwendigen Einwirkungen
einer bermchtigen und von ihnen nur theilweise angenommenen Kultur, so
wie endlich die Mittel, welche die Kulturvlker theils aus Rohheit,
theils mit der Absicht gegen sie anwandten, sie auszurotten: diese
Grnde waren es, welche wir bisher als Schuld an ihrem Aussterben
bezeichneten. Natrlich haben diese Grnde, wie wir schon sahen, nicht
alle berall Geltung und es wird nthig sein, dass wir sie, inwiefern
sie bei den einzelnen Vlkern wirksam waren, hier kurz zusammenstellen.

In Tasmanien ist die Bevlkerung lediglich in Folge des englischen
Vernichtungskrieges gegen sie zu Grunde gegangen. Gleichfalls nur dem
Einfluss der Europer und zwar der Spanier erlegen sind die Bewohner der
Marianen und der Antillen: allerdings haben hier die Seuchen, welche im
Gefolge der Europer ausbrachen, den Weissen die Blutarbeit wesentlich
erleichtert: allerdings hat die tiefe Niedergeschlagenheit, welche sich
der Eingeborenen bemchtigte, wesentlich diese Krankheiten und das
Aussterben befrdert. Aber beides, Krankheiten und Melancholie, waren
erst durch das Auftreten der Europer hervorgerufen; und gesetzt auch,
die Seuchen htten diese Vlker ohne die Europer berfallen, so wrden
sie dieselben wohl berwunden haben, wie ja auch die Bevlkerung Mexikos
das schwarze Erbrechen, welches schon vor Ankunft der Spanier in
verheerender Weise wthete, siegreich ohne bleibenden Nachtheil
berstanden hat.

Den Europern allein ist ferner das Verderben der Mexikaner und Peruaner
zuzuschreiben: nur dass sie am Anfang untersttzt wurden von
verschiedenen eingeborenen Stmmen und Vlkern, welche mit dem Hauptland
in Feindschaft waren, bis auch diese nach und nach der europischen
Bedrckung erlagen.

Der schlimme Einfluss der Weissen und die Seuchen, welche sie brachten,
war es denn auch vornehmlich, welcher die Neuhollnder aufrieb, aber
keineswegs dieser allein. Bei ihnen ist zweitens die schlechte
Lebensweise, die dadurch veranlasste Unfruchtbarkeit der Weiber und
Sterblichkeit der Kinder von sehr bedeutendem Einfluss, so wie drittens
der Kindermord und viertens die mannigfachen Kriege und Feindseligkeiten
der Stmme untereinander mit in Anschlag zu bringen sind. Die
Ausschweifungen, die sich bei ihnen finden--den Trunk haben erst die
Weissen gebracht--sind zu wenig verbreitet, als dass sie ins Gewicht
fallen knnten.

Auch die roheren Vlker Nord- und Sdamerikas wrden wir wohl noch in
derselben Anzahl jetzt vorfinden, wie vor 300 Jahren, wenn der Einfluss
der Europer, der als Hauptgrund auch fr ihr Aussterben anzusehen ist,
nicht gewesen wre. Neben der Wirkung der europischen Waffen und
Getrnke waren von schlimmstem Einfluss die Seuchen, welche von den
Weissen (wie wir sahen oft mit der schndlichsten Bosheit) eingeschleppt
wurden, dann aber auch, ausser den direkten Vernichtungskriegen, das
geistige und leibliche Verkommen der Eingeborenen in Folge der pltzlich
eingefhrten Kultur und vor allen die tiefe Niedergeschlagenheit, welche
sich der Indianer, als sie ihre Ohnmacht sahen und sahen, wie sie
rechtlos zertreten wurden, bemchtigte und die bei ihrer schon
vorzugsweise melancholischen Natur doppelt gefhrlich wirkte. Dazu
kommen nun noch als gleichfalls sehr wichtige Faktoren zweitens die
heftigen Kriege, die sie untereinander fhrten, drittens die in Folge
der Lebensweise geringere Fruchtbarkeit der Weiber und viertens in
Sdamerika (in Nordamerika war beides zu wenig verbreitet) der
Kindermord, die Ausschweifungen, namentlich der Trunk.

Und hier mssen wir auf jene schon oben (S. 11) erwhnte Beobachtung
Tschudis zurckkommen, dass amerikanische Vlker, nach einem sehr
verheerenden Krieg, nach einer sehr schlimmen Epidemie sich nie wieder
zu ihrer frheren Kraft erhben, sondern hchstens in diesem reducirten
Zustand ein elendes Leben weiter fristeten. Diese betrbende Erscheinung
ist leider nur allzunatrlich. Denn wie ein menschlicher Organismus, der
sich von einer furchtbaren Krankheit erholt, nur durch lange und
sorgsame Pflege seine frhere Kraft wieder zu gewinnen im Stande ist:
eben so ist es der Fall bei ganzen Vlkern. Durch das von uns
geschilderte mannigfache Elend aber, in welchem diese Stmme sich auch
sonst noch befinden, werden alle ihre Krfte schon auf die Erhaltung des
Lebens, wie es nun einmal ist, absorbirt und es bleibt kein Ueberschuss
brig fr Wiederherstellung des Verlorenen oder Verletzten. Auch wird
durch solche furchtbare Schicksale die Lebenskraft selbst schwer
verletzt, indem bei so massenhaftem Elend nothwendig lhmende
Melancholie oder Apathie eintritt.

Die Fruchtbarkeit der Weiber, ja auch der Zeugungstrieb der Mnner wird
durch den steten Druck der Sorge und Noth, der fast noch schwerer auf
der Seele ruht als auf dem Leib, wesentlich beeintrchtigt; und ein
Schlag, den diese Vlker, wenn sie sich in besserer, hoffnungsvollerer
Lage befnden, mehr oder minder leicht berwinden wrden, muss jetzt
nothwendig hchst gefhrlich, ja tdtlich auf sie wirken. Schaffte man
das Elend, das leiblich und geistig auf ihnen lastet, weg--wozu indess
ebenso viel Umsicht und Energie als Ausdauer und Zeit gehrte--so wrden
auch solche reducirten Vlker sich heben und mit den Jahren, die man
nicht allzu krglich bemessen drfte, das werden, woran die
sdamerikanischen Staaten denn doch keinen allzugrossen Ueberfluss
haben: brauchbare und zuverlssige Brger. Die Indianerstmme, welche
man jetzt in den Wldern verkommen lsst oder gar absichtlich mordet und
ausrottet, sind ein Capital, was bei vernnftiger Behandlung fr die
Zukunft reichlich Zinsen tragen wrde und was man jetzt muthwillig und
absichtlich vergeudet.

Die Hottentotten sind gleichfalls hauptschlich der feindseligen
Ausrottung durch Hollnder und Englnder erlegen: allein ihre Macht war,
wie es scheint, schon durch frhere Kriege mit den umwohnenden Vlkern
gebrochen. Ihre elende Lebensart, Seuchen u.s.w. frdern ihr Aussterben
mchtig.

Die Kamtschadalen und Aleuten sind den Vernichtungskriegen oder der
muthwilligen Ausrottung durch die Russen, sowie den von ihnen
eingeschleppten Seuchen erlegen: zweitens aber wirkten gleichfalls sehr
die Ausschweifungen (in geschlechtlicher Hinsicht und durch den Trunk),
denen sie ergeben waren. Sie waren durch dieselben entnervt und deshalb
zum Widerstand nicht mehr stark genug.

Die Polynesier dagegen haben sich wesentlich selbst zu Grunde gerichtet,
zunchst durch ihre unsinnigen geschlechtlichen Ausschweifungen (Tahiti,
Hawaii); sodann durch den bei ihnen so furchtbar verbreiteten
Kindermord, drittens durch die blutigen und verheerenden Kriege, die sie
untereinander fhrten, viertens durch die sinnlose Bedrckung, welche
die Herrschenden ber die Beherrschten ausbten und endlich fnftens
durch den geringen Werth, in welchem bei ihnen das Menschenleben stand.
Sie waren schon im Aussterben begriffen, als die Kultur zu ihnen kam,
und diese hat nur--einzelne Vlker, wo ihre Trger grssere Schuld auf
sich luden, abgerechnet--durch die physische und psychische Erregung,
die sie bringen musste und wodurch ein sechster Grund fr ihr
Hinschwinden dazu kommt, das Uebel, welches diese Vlker wie ein
schleichendes Gift durchdrungen hatte, zum rascheren Ausbruch und
schnelleren Verlauf gebracht.

Fragen wir nun, welche von allen diesen Ursachen war die verderblichste,
so liegt gleich auf der Hand, dass dies das feindselige Auftreten der
Weissen war, wie es ja auch bei fast allen Naturvlkern gleichmssig
gewirkt hat und mchten wir die Angriffe auf das psychische Leben der
Naturvlker fast fr verderblicher halten, als das Losstrmen auf ihre
physische Existenz. Letzteres hat akuter gewirkt und lsst sich mit der
Verwundung eines Organismus vergleichen: jene brachten, wie eine totale
Vergiftung, ein zwar langsameres, aber viel tieferes, schwerer zu
heilendes und weit allgemeineres Unheil hervor. Aber auch die Europer,
trotz der Mittel, die sie anwandten, trotz der grossen Uebermacht ihrer
Kultur, haben eine totale Ausrottung nur auf eng abgegrenzten Bezirken
bewirkt, auf kleinen Inseln, auf Tasmanien, den Marianen, den Antillen:
auf grsseren Gebieten reicht ihre Wirksamkeit nicht so weit, trotzdem
sie hier noch manches andere untersttzt hat. Die leichte
Empfnglichkeit der Naturvlker mssen wir, sowohl was Kraft der
Wirkung, als auch was weite Ausdehnung derselben angeht, an zweiter
Stelle erwhnen. Die Krankheiten, welche scheinbar spontan bei der
Berhrung der Naturvlker und der Weissen entstanden, so wie die,
welche von letzteren zu ersteren eingeschleppt wurden, haben im
Durchschnitt gewiss ein Drittel, wenn nicht mehr, der Eingeborenen
Amerikas, Afrikas und des stillen Ozeans dahingerafft.

Die dritte Stufe in dieser Reihenfolge der Verderblichkeit geben wir den
Ausschweifungen. Allerdings haben sie minder allgemein geschadet als
jenes Niedergeschmettert- oder Inficirtwerden von aussen her; aber fr
die menschliche Natur sind sie noch gefhrlicher, weil sie die innersten
Lebensnerven zerstren und wo sie wirksam sind, keine Rettung durch
Flucht oder durch Besiegung des Feindes mglich ist. Wir sahen die
Polynesier, ein so glnzend begabtes Volk, verkommen, trotzdem dass
ihrer sich die Kultur im Wesentlichen freundlich angenommen hat: sie
waren im Innersten angefressen durch die Ausschweifungen, denen sie sich
hingegeben hatten und sie wren auch ohne Berhrung mit den Weissen und
nach und nach immer rascher durch ihre eigenen Laster zu Grunde
gegangen. Die Betrachtung der Polynesier lehrt uns die Gefahr der
Ausschweifungen fr ganze Vlker erst richtig ermessen.

Viertens muss der Kindermord genannt werden, welcher vor allen Dingen in
Polynesien und in Sdamerika heimisch war, so wie berhaupt der geringe
Werth, welchen man dem Menschenleben beimisst. Dass aber letzteres
allein ein Volk nicht wesentlich zurckbringt, beweist das Beispiel des
Fidschiarchipels. Nirgends wird durch Menschenopfer, Krieg,
Kannibalismus u. dergl. mehr Blut vergossen und Leben verschwendet als
hier; und dennoch gehren diese Inseln zu den bevlkertsten der Sdsee
und ein Aussterben wird auf ihnen nicht bemerkt.

Die Kriege haben zwar mancherlei Schwankungen unter den Naturvlkern
herbeigefhrt, auch wohl einzelne Stmme ganz aufgerieben, aber doch
nirgends so gewirkt, dass wir sie in erster Reihe aufzufhren htten.
Ebenso ist es mit der elenden Lebensweise der meisten dieser Vlker,
welche zwar ihr frhliches und krftiges Gedeihen hindern konnte,
nirgends aber, so weit unser Material der Beobachtung reicht, eine
vllige Vernichtung herbeigefhrt haben. Bei alle den roheren Nationen
fanden wir auch vor der Berhrung mit den Europern die Kopfzahl nie
sehr hoch und hierfr war eben ihre wandernde und krgliche Lebensart
der Grund. Beides nun, das schlechte Leben und die verhltnissmssig
geringe Volksmenge untersttzen jedes andere ber ein Volk
hereinbrechende Uebel immer in so fern, als sie das Volk um so
rckhaltsloser und rascher unterliegen lassen. Und hnlich ist es mit
allen den brigen von uns angefhrten Grnden, die alle erst dann
wirksam werden, wenn sie mit anderen verbunden auftreten.

Hierher gehren auch die unvermeidlichen Folgen der zu rasch herein
brechenden und nur halb angenommenen Kultur, welche wir in so mancher
Beziehung fr die Naturvlker schdlich fanden. Allein wohl nimmermehr
wren diesen Folgen, den Vernderungen im leiblichen und geistigen
Leben, der gewaltigen geistigen Anstrengung, welche die Kultur
verlangte, diese Vlker erlegen, wenn nicht andere Ursachen hierfr
wirksam waren, zu denen dann freilich sich auch jene Folgen der Kultur
als wirksamer sekundrer Grund hinzugesellten. Htte sich die Annherung
der Kultur, wenn auch rasch, aber friedlich vollzogen; htte sie gesunde
Vlker getroffen, so wrde bei diesen, hnlich wie bei den alten
Germanen, eine Zeit des Stillstandes eingetreten, dann aber ein neues
krftiges Leben erblht sein. Wo die Verhltnisse nur annhernd normal
waren, finden wir diesen Gang der Ereignisse, wie wir im Folgenden nher
betrachten werden.

Aus dem Vorstehenden folgt ein wichtiges Gesetz: nie ist es eine Ursache
allein, welche ein Volk vernichtet, sondern stets mehrere zusammen, von
denen allerdings eine im Vordergrund stehen kann. Auch die Ausrottung
der Marianer, Tasmanier und der antillischen Bevlkerung bildet keine
Ausnahme, da man hier die Begrenztheit des Terrains als zweiten Grund,
in Tasmanien Charakter und Lebensart der Bewohner als dritten in
Anschlag bringen muss. Wo nur eine der genannten Ursachen wirkt, oder
auch mehrere der untergeordneten, da tritt, soweit jetzt menschliche
Geschichte und Beobachtung reicht, kein Aussterben ein; so halten sich
die Feuerlnder trotz ihres elenden Lebens: so bestehen die Fidschis
weiter trotz der auch zu ihnen mchtig eingedrungenen Kultur, trotz der
massenhaften Menschentdtung; und so kann man dies weiter verfolgen.
Diese Erscheinung ist anthropologisch bedeutsam, weil sie wie keine
zweite die zhe Lebensfhigkeit der Menschheit und zugleich beweist,
dass diese Lebenskraft in allen Zweigen des Menschengeschlechtes
gleichmssig vertheilt ist, ja bei den Naturvlkern eher strker, wie
bei den kultivirten Nationen auftritt, welche letzteren, weil sie feiner
organisirt sind als die unkultivirten Menschen, auch bei weitem weniger
zu ertragen im Stande sind.

Denn wenn wir fragen: sind die angefhrten Ursachen stark genug, um das
Hinschwinden ganzer Vlker zu veranlassen? so mssen wir antworten: sie
sind es reichlich und im Uebermass, jede einzelne schon und nun gar
mehrere vereint. Ist es nicht ein wahres Wunder, dass der Naturmensch in
einem Lande wie Neuholland sich hielt, wo Europer trotz aller
Ausrstungen meist so rettungslos verloren sind? Und noch dazu sich
hielt in den ewigen Kriegen mit seines Gleichen, unter den ungnstigen
Einflssen der eigenen mangelhaften Kultur? oder der Polynesier auf
seinen kleinen oft so unfruchtbaren Inseln inmitten des ungeheuersten
aller Ozeane, und auch er ewigem Krieg und Kindermord und den
entnervendsten Ausschweifungen unterworfen? Nicht ein Wunder, dass nach
den furchtbaren Vernichtungskriegen durch die Weissen nicht eines dieser
Vlker vollkommen vertilgt ist, ausser kleinen Stmmen? Gewiss, wenn
wir dies alles berdenken, werden wir nicht von der Lebensunfhigkeit
der Naturvlker, sondern vielmehr von ihrer ausserordentlichen
Lebenskraft und Unverwstlichkeit uns berzeugen mssen. Und so ist hier
der Ort, auf die Frage zurckzukommen, zu welcher wir durch Waitz
veranlasst waren: sind wir wirklich zu dem Gestndniss genthigt, dass
uns das Aussterben der Naturvlker vollstndig zu erklren noch nicht
gelingt? Wir sind es nicht. Wenn man der Geschichte jedes einzelnen
Volkes folgend fragt, wie kommt es, dass es dahin siecht und schwindet,
wir werden immer vollkommen erschpfend die Grnde erkennen, welche
stets dem von uns zusammengestellten Kreis angehren werden. Diese
erklren das Aussterben der Bevlkerung so vollstndig, dass zu irgend
welchem Rthselhaften nicht der mindeste Platz bleibt, sobald man nur
die einzelnen Grnde in ihrer physischen und psychischen Wirksamkeit
sich mit gengender Consequenz vor Augen fhrt.

Doch ist wohl zu beachten, dass auch die Unverwstlichkeit dieser
hrteren Vlker ihre Grenze hat. Wir sahen in Neuholland einen
Menschenstamm, der von frher besserem Zustand herabgesunken scheint;
dasselbe ist der Fall mit Mikronesien und dem eigentlichen Polynesien,
sowie mit den Hottentotten. Am weitesten vorgeschritten war der Verfall
bei den Polynesiern: daher sie denn bei verhltnissmssig leichtem
Anstoss von aussen her rasch und viel unaufhaltsamer zusammenbrechen,
als z.B. die Melanesier oder Hottentotten und andere Vlker. Dieser
Verfall musste, wenn seine Ursachen, die Ausschweifungen, Kriege und
Vergeudung der Menschenleben, wirksam blieb, immer rascher weiter gehen
und so waren sie jedenfalls verloren--wenn sie nicht von aussen her
gerettet wurden und das hat, so weit es noch mglich war, die Kultur im
Grossen und Ganzen gethan. Und mgen wir auch noch so sehr beklagen, wie
die Europer sich den meisten Naturvlkern gegenber benommen haben: das
mssen wir anerkennen, dass alle diese unkultivirten Vlker, wenn sie in
ihrem Naturzustande noch Jahrhunderte weiterlebten, einem zwar sehr
langsamen, aber sicheren Untergang, dessen Keime sie in sich selbst
trugen, entgegengingen. Sie hatten sich keine Herrschaft ber die sie
umgebende Natur errungen: sie lebten ausschweifend, nur ihren Gelsten
hingegeben, unregelmssig, ohne Gedanken in die Zukunft, in gewaltigster
Trgheit; Kriege, Rache u.s.w. waren bei ihnen feste Sitten; der
Aberglaube, der so hufig Menschenopfer verlangte, beherrschte sie ganz;
ihr psychisches Leben war wenig, die intellektuelle Thtigkeit nur nach
praktischer Seite hin entwickelt. Diese Zge ihres Wesens mussten aber
im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende immer starrer und
unberwindlicher werden: und es ist keine Frage, dass sie ihnen einst,
frher oder spter, denn wer mag das Ende dieser Zeit bestimmen,
erliegen mussten. Die Natur, in welcher sie lebten, bot kein erziehendes
Moment von durchgreifender Macht; und htte sie es durch irgend welche
Vernderungen ihnen noch geboten, sie waren nicht mehr im Stande, es
sich zu nutze zu machen, da sie durch und in Jahrtausende langer
Gewhnung erstarrt waren. Sollten diese Vlker also gerettet werden, so
war ein pltzlicher Anstoss, es war das Eingreifen der Kultur
nothwendig; und obwohl dieselbe ihre Aufgabe so blutig gelst hat; so
ist diese Nothwendigkeit doch ein Gedanke, der ber das viele Blut und
Elend, das sie oder vielmehr ihre Trger schufen, einigermassen trstet.




 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvlker in Bezug auf ihre
Lebenskraft.


Da sich nun aus allen diesen angefhrten Grnden das Aussterben der
Naturvlker vollkommen erklrt, ja da die Art ihrer Wirksamkeit uns erst
recht die Lebenskraft des Menschengeschlechtes beweist: so fllt damit
schon von selbst die Annahme, als ob die Naturvlker von der Natur zum
Untergange bestimmt geringer organisirt seien als die Kulturvlker.
Dies wird sich ganz klar und unwiderleglich zeigen, wenn wir die
Wirksamkeit derselben Grnde auf die europischen Nationen betrachten.
Wir werden dort ganz genau denselben, ja einen noch weit schlimmeren
Erfolg derselben sehen.

Alles, was Csar den Galliern zufgte, die Verwstung des Landes, die
grossen Verluste an Menschenleben, das Zertreten des Nationalgefhls,
alles das ist doch wahrlich nicht zu vergleichen mit dem, was Mexiko
z.B. oder die Nordamerikaner litten: und dennoch war durch Csar in
nicht 10 Jahren das gallische Volk, das er freilich schon herabgesunken
vorfand, so sehr gebrochen, dass es seine Selbstndigkeit bis auf die
Sprache verlor. Allerdings hatten die italischen Brgerkriege Italien
etwa 70 Jahre auf das grauenvollste verwstet; aber nach ihnen finden
wir auch das Land im Innersten gebrochen und die Macht des rmischen
Staates auf Heeren von Fremdlingen beruhend; erst massenhaft versetzt
mit frischen germanischen Elementen und auch da erst nach langer Ruhe
hebt sich die italische Bevlkerung, nun ein ganz neues Volk, wieder
empor. Und doch waren auch seine Leiden viel geringer als die der
Amerikaner. Und die Griechen! Warum haben sie aufgehrt ein historisch
bedeutendes Volk zu sein? weil sie entnervt waren von den
scheusslichsten Ausschweifungen und ihre letzte Kraft zertreten wurde
zuerst durch die Strme der Vlkerwanderung und dann durch das trkische
Joch. Aber welche Hhe hatten die Griechen einst inne--und es ist nicht
zu viel gesagt, wenn man jetzt die Durchschnittsbildung der Griechen
gleichstellt mit der etwa der briggebliebenen Mexikaner.

Der 30jhrige Krieg, welcher doch im Anfang nur lokal und nie ohne
Unterbrechungen wthete und mit allen seinen Greueln und seiner Dauer
durchaus nicht das, was die Naturvlker zu leiden hatten, erreicht,
welche grenzenlose Verwstung hat er in der Bevlkerung unseres
Vaterlandes angerichtet! Ernstlich war durch ihn die deutsche Nation in
ihrer Existenz gefhrdet und es ist ja eine vielfach ausgesprochene
Wahrheit, dass einmal unser Nationalcharakter durch diesen furchtbaren
Krieg mannigfach verndert und herabgedrckt ist, andererseits wir noch
bis auf den heutigen Tag mit der Heilung der Wunden, welche er unserem
socialen und politischen Leben geschlagen hat, zu thun haben.

Sehen wir so an diesen wenigen historischen Beispielen dieselben
Ursachen bei den kultivirten Nationen noch strker wirken, als bei den
Naturvlkern: so wird eine kurze psychologische Betrachtung uns dasselbe
lehren. Obwohl wir eine Religion haben, welche den Glubigen Trost
gewhrt auch im schlimmsten Unglck, obwohl wir durch die Kultur so
manches Hlfsmittel auch fr bedrngte Lagen haben: so wirken doch auf
uns eine Menge Dinge, welche auf die Naturvlker noch gar keinen und
eine Menge anderer, welche auf sie weit geringern Einfluss haben. Wir
sind in unserm leiblichen Leben verzrtelt, an eine Menge Bequemlichkeit
gewhnt, die wir nicht entbehren knnen; wir sind geistig viel
empfindlicher und ein Niederwerfen dessen, was uns heilig ist, drckt
uns mit zu Boden. Liebe zu den Verwandten, Scham, kurz eine ganze Reihe
mchtiger geistiger Faktoren haben bei den Kulturvlkern eine solche
Herrschaft bers Leben, dass, wenn sie ernstlich verletzt werden, das
Leben mit bedroht ist, und man kann wohl sagen, je gebildeter ein Volk
ist, um so rascher muss es in fortwhrendem Unheil sich verzehren. Wenn
wir z.B. nur bedenken, welche Wirkungen das Gefhl eines ohnmchtigen
Ingrimms, das lngere Zeit immer in uns erneut wrde, auf uns haben
msste, wie jeder Einzelne an sich abnehmen kann, so werden wir einmal
ermessen knnen, wie dasselbe Gefhl auf die Naturvlker eingewirkt
haben muss, bei welchen es durch so furchtbare Misshandlungen
fortwhrend erneut wurde und es sehr begreiflich finden, wenn sie schon
durch dieses allein zu Grunde gegangen wren; wir werden einsehen, was
die gebildeten Mexikaner und Peruaner gelitten haben und warum gerade
sie so rasch mit dem Sturze ihrer Bildung zu Grunde gingen; wir werden
aber andererseits zugestehen mssen, dass wir unter hnlichen
Verhltnissen wohl viel weniger Widerstandskraft haben wrden, als jene
Vlker, und gewiss jetzt erst recht aufhren von einer besonderen
Lebensunfhigkeit der Naturvlker zu sprechen, da wir dem Unheil,
welchem jene unterliegen, viel rascher unterliegen wrden. Ja, wir
wrden nach Grnden suchen mssen, wie es kommt, dass jene Vlker eine
grssere Widerstandsfhigkeit haben wie wir; und finden dieselben in
ihrer grsseren leiblichen Abhrtung, sowie in ihrer geringen geistigen
Empfindlichkeit, welche immer mit geringer Geistesentwickelung Hand in
Hand geht.--Wenn wir nun dennoch die Kulturvlker wohl ohnmchtig und
geschichtlich unbedeutend werden, aber nicht eigentlich verschwinden
sehen, so kommt dies daher, dass sie gerade in solchen Zeiten der Gefahr
mit neuen Menschenschaaren durchsetzt werden. Die Verwster Italiens,
die Germanen, liessen sich massenhaft in den blhenden Fluren des
besiegten Landes nieder; ebenso die Bulgaren in Griechenland u.s.w. Oder
die schon bestehende Kultur bietet neue Hlfsmittel, wohin man auch das
Einwandern zahlreicher Franzosen in unser Vaterland nach dem 30jhrigen
Krieg rechnen mag. Beispiele von Kulturvlkern, die vllig vernichtet
sind, wie ihre Kultur, bietet die Geschichte von Kleinasien.

Es fllt von hier aus noch einmal ein Blick auf die Eintheilung, nach
welcher Carus die Menschen betrachtet; man sieht auch hier, wie wenig
stichhaltig sie ist, denn seine Tagmenschen haben keine grssere
Widerstandsfhigkeit, als seine Nacht- oder Dmmerungsmenschen; und
whrend er behauptet (17), dass die westlichen Dmmerungsvlker, die
Amerikaner, wirklich dem Untergange zugewendet seien, so sehen wir die
Tagvlker noch rascher ihrem Untergange zueilen, schon wenn sie durch
weit mildere Schicksale heimgesucht werden.--Auch die Eintheilung der
Menschheit in aktive und passive Vlker, wie sie Klemm und Wuttke geben
(Waitz 1, 344) hat ihr sehr Bedenkliches; sie ist falsch, wenn man in
grsserer Aktivitt zugleich nach jeder Richtung hin grssere
Kraftentwickelung sieht, denn die aktiven Vlker (die Kulturvlker)
zerbrechen im Unglck viel leichter, als die zheren und hrteren
Naturvlker; sie ist ferner falsch, wenn man sie als in der
ursprnglichen Natur der Menschheit begrndet, wenn man also Aktivitt
oder Passivitt als verschiedenen Vlkern angeboren ansieht: denn von
Haus aus gleich organisirt hat sich die Menschheit durch verschiedene
Naturumgebung, verschiedene Schicksale u.s.w. im Lauf der Jahrtausende
so verschieden entwickelt, wie wir sie in geschichtlicher Zeit
vorfinden.




 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvlker.


Wenn die Annahme einer minderen Lebensfhigkeit ganzer Vlker richtig
wre, so msste doch bei allen diesen Vlkern sich jenes Hinschwinden
gleichmssig zeigen. Wie kommt es aber, dass eins ausstirbt und das
andere dicht daneben nicht? ja, dass von ein und demselben Volke der
eine Zweig abstirbt, der andere ungefhrdet weiter lebt? Und auch das
findet sich oft. Die Tonganer sterben nicht aus und sind Polynesier wie
die Tahitier, Maoris oder Kanakas; die meisten mikronesischen Inseln (so
namentlich der Gilbertarchipel) haben eine dichte Bevlkerung, die
Kusaier sterben aus; und beide, Mikro- und Polynesier, sind nur ein
Zweig des grossen malaiischen Stammes, bei welchem ein solches
Hinschwinden, die kleine Insel Engano und einige elende in die Gebirge
gedrngte Stmme ausgenommen, sonst doch nirgends bemerkt wird. Die
Kamtschadalen sterben aus, die brigen Nordasiaten, ihre nahen
Verwandten, nicht. Doch vielleicht waren hier jene von uns besprochenen
Grnde des Aussterbens nicht in Thtigkeit? Allein whrend die brigen
Melanesier an vielen Punkten sich vermindern, bleiben die Fidschis,
trotz des europischen Einflusses, trotz ihrer Kriege und Menschenopfer,
krftig und bei voller Zahl. Noch rger fast als alle anderen Vlker
sind die Neger bedrckt von einheimischen und fremden Tyrannen; und
whrend sie fr einen der fruchtbarsten Stmme gelten, der gar nicht zu
vermindern ist, sterben die Neuhollnder, nach dem Krtchen bei Carus
Nachtmenschen wie sie, aus--welchem Fall freilich der ethnologische
Unsinn, afrikanische und melanesische Neger zu einer Rae zu vereinigen,
der sich indess nicht bei Carus allein findet, die Beweiskraft nimmt.
Aber die anderen Beispiele zeigen vollkommen schlagend, wie irrig die
Ansicht ist, dass die hinschwindenden Vlker in Folge der Inferioritt
ihrer Rae ausstrben; daher wir dabei nicht zu verweilen brauchen. Wenn
unsere Ansicht aber stichhaltig ist, so muss sich nachweisen lassen,
dass da, wo die Grnde, aus denen wir das Aussterben der Naturvlker
erklren, nicht eintreten oder beseitigt werden, dass da die Vlker
gedeihen, sich weiter entwickeln oder sich wieder erholen, ja selbst die
so gefhrliche Kultur berwinden und sich zu ihr, wenn auch nur sehr
allmhlich, emporheben knnen. Und der Nachweis ist leicht.

In Afrika beweisen es die Hottentotten der herrnhutischen Kolonie
Baavianskloof, welche Lichtenstein schildert. 1799 betrug die Zahl ihrer
Lehrlinge (Licht. 1, 247) 100; das Dorf, worin sie wohnten, glich mit
seinen 200 Husern, seinen Grten, seinen geraden Strassen ganz einem
deutschen Dorfe; die Hottentotten waren tchtig im Feld- und Hausbau und
zu allem dem gebracht ganz ohne andere Strafe als Ausschliessung vom
Gottesdienst (251). Die Taufe erhielt man freilich nur als hchste
Belohnung fr Thtigkeit, Rechtschaffenheit und Frmmigkeit und
allerdings fand Lichtenstein noch keine Hottentotten unvermischten
Blutes, sondern nur Mischlinge getauft; aber da sich die Herrnhuter
bemhten, sie erst zu Menschen und dann zu Christen zu machen (eb.
253), so hob sich die Colonie immer mehr, so dass von der Zeit nach 1828
der Bericht lautet: Die frei gewordenen Hottentotten fingen an mehr fr
die Zukunft zu sorgen, der Landbau wurde eifrig betrieben und durch
knstliche Bewsserung verbessert, Mssigkeit und Sittlichkeit, die Zahl
der regelmssigen Ehen, der Besuch und die Sorge der Eltern fr die
Erziehung der Kinder war im Steigen begriffen und es bedurfte dazu
keiner Untersttzung von aussen (Waitz 2, 337). Dies ist allerdings nur
von einem kleinen Distrikt gesagt; aber wo hat man sich sonst auch mit
demselben Verstand und derselben Ausdauer der Hottentotten so redlich
angenommen? Wo man das thut, da gedeihen sie und werden brauchbare
Menschen (vergl. W. 2, 341).

In Amerika haben die Cherokees, die Algonkins, die Irokesen und andere
Vlker deutlich genug bewiesen, dass auch die Indianer der Erhebung und
Kultivirung fhig sind. Die Irokesen sind seit 1820 bedeutend
fortgeschritten im Ackerbau, Hausbau und den mechanischen Knsten
berhaupt; sie besuchten die Kirche regelmssig, viele von ihnen waren
im Lesen, Schreiben und Rechnen so weit gekommen, dass sie Schullehrer
werden konnten, einige andere sogar respektable Geistliche (Waitz 3,
291 mit d. Quellen). Sie hatten das Mohawk zur allgemeinen
Verkehrssprache im Gebrauch und nach Schoolcrafts Bericht fr 1845 war
ihre Volkszahl im Wachsen (a.a.O.). Ebenso hatten die Ottawa, ein
heidnischer Algonkinstamm, sowie die Sauk und noch mehr die Delaware
grosse Fortschritte gemacht; sie leben ganz von dem Ackerbau, den sie
sehr eifrig und tchtig betreiben, sowie vom Handel mit den Produkten
ihrer Felder (292-93): ihre Zahl ist im Wachsen (294).

Noch mehr war dies Alles der Fall bei den Cherokees, deren Volkszahl in
den Jahren 1819 bis 1825 von 10,000 auf 13,500 nebst 200 Weissen und
1300 Negersklaven anwuchs. Schon vor 1820 waren sie sehr tchtige
Ackerbauer, welche im Laufe von 8 Jahren (M'Kennay bei Waitz 3, 294) die
Wildniss in einen Garten umschufen. Schon um 1773 hatten sie 43 Stdte
und ihre Bildung war schon damals nicht unbedeutend (Bartram 353-60);
seit 1796 waren Baumwollenmanufakturen bei ihnen errichtet,
Luxusgegenstnde traf man hin und wieder und Einzelne hatten ein nicht
unbedeutendes Privatvermgen. Die Polygamie wurde abgeschafft; ihre
Kinder zeigten sich sehr lenksam, anhnglich und bildungsfhig (Waitz
3, 295). 1820 fhrten sie geschriebene Gesetze und eine
Reprsentativverfassung ein. Der oberste Huptling, dem nebst einem
hohen Rath die Exekutive zusteht, soll alle zwei Jahre das Land
bereisen, um dessen Zustand kennen zu lernen. Die richterliche Gewalt
wird vom obersten Gerichtshofe, dem wandernden Gericht und von
Friedensrichtern ausgebt. Geschworenengerichte und drei Instanzen sind
eingefhrt, die Richter nur durch den Willen beider Huser absetzbar. Es
herrscht allgemeine Religionsfreiheit, doch kann Niemand ein Amt
bekleiden, der nicht an Gott und an Vergeltung in einem knftigen Leben
glaubt (Waitz 3, 295-96). Es wurde dann ein Alphabet von 85 Zeichen
1821 von einem Cherokee erfunden und bald war die Kunst des Lesens und
Schreibens unter ihnen allgemein; seit 1828 erschien eine periodische
Zeitschrift in ihrer Sprache. Auch diese aufblhende Kultur hat man
nicht geschont; man hat auch die Cherokees, trotz ihres heftigen
Widerstrebens, ber den Missisippi vertrieben. Allein obwohl ihre Kultur
dadurch im hohen Grade gefhrdet wurde, so unterlag sie nicht; sie erhob
sich bald wieder und seit 1841 allgemeiner wie frher (296). Ebenso
verhlt es sich mit den Choktaw, den Creek und einigen anderen Vlkern,
ber die Waitz (296-99) ausfhrlichere Nachrichten gibt.

Ebenso in Sdamerika: die Volkszahl der Abiponer nahm nach Dobrizhofer
bedeutend zu, als das Verstossen der Weiber, der Kindermord und die
Polygamie abgeschafft wurde (Waitz 1, 164); in Guatemala (nach einem
Bericht von 1771) vermehrten sich die Eingeborenen trotz des schweren
Drucks der Spanier so sehr, dass diese sie zu frchten anfingen (eb.
163). In Mexiko bilden nach Humboldt die Eingeborenen noch immer fast
die Hlfte der Einwohner (b, 3, 9) and in dieser Zahl haben sich die
Indianer berall erhalten, wo die Spanier organisirte Reiche vorfanden
(eb. 3, 8); die einheimische Bevlkerung ist im Steigen (derselbe a 1,
83 und 107) und zwar in Folge eigenes Wohlstands, nicht fremden
Zuwachses (eb. 105) und diese fr die Menschheit sehr trstliche
Zunahme der indianischen Bevlkerung beweist Humboldt durch speciellere
Angaben a, 5, 6; 4/7 der gesammten Volkszahl sind Indianer (Waitz 4,
195).

Auch in Polynesien finden wir sehr wichtige Erscheinungen der Art. Von
Hawaii sagt Jarves 371-72: die Kultur zerstrt im Anfang; nachher wirkt
sie segensreich; so war auch auf den Sandwichinseln die Entvlkerung
unter Tamehameha I. und Liholiho grsser als in spterer Zeit. In dem
Verhltniss, in welchem Christenthum und Civilisation wchst, vermindert
sich die Sterblichkeit. Allerdings sind ihre Wirkungen jetzt noch zu
neu, um ihre Endresultate vorherzusagen, aber man kann sicher hoffen,
dass, wenn die bsen Einflsse aufhren und anderen Platz machen, gute
Ergebnisse folgen werden. Der Despotismus der Frsten ist vllig
abgeschafft und Gesetze wirken fr das Anwachsen der Bevlkerung.
Familien mit 3 Kindern sind von den Abgaben befreit; die, welche mehr
haben, bekommen Land und andere Geschenke, um sie zu heben. Die Abgaben,
obwohl immer noch hoch, sind gleich vertheilt und fr das Volk
erleichtert. Ein Nationalgeist ist erwacht, Schulen und Kirchen
gegrndet, regelmssige Handelsverbindungen und Gewerbe haben sich
gebildet: kurz das gerade Gegentheil der moralischen Versunkenheit, in
welcher noch vor Kurzem das Volk sich befand, fngt an sich zu
entwickeln; medizinische Kenntnisse und rztliche Hlfe verbreitet sich;
Kleidung, Wohnung bessern sich allmhlich. Freilich ist dies nur die
Morgenrthe eines besseren Tages: aber schon zeigt sich deutlich genug,
dass Christenthum und Bildung durch die Einwirkung der amerikanischen
Mission und die Intelligenz der Fremden diese segensreichen Folgen
haben. Noch schlagender zeigt sich das daraus, dass Kinder und
Erwachsene, welche die Schulen besuchen und unter der unmittelbaren
Leitung der Missionre stehen, sich einer ausgezeichneten Gesundheit
erfreuen und rasche Fortschritte machen. Dasselbe gilt von den
Eingeborenen, welche unter dem Einfluss europischer Familien stehen.
Nach Virgin (1, 300) freilich scheint die Entwickelung nicht allzurasch
weiter gegangen zu sein; doch auch er gibt an, dass vor 1820 die Abnahme
der Bevlkerung strker gewesen sei, als nachher, und dass die Missionen
an verschiedenen Punkten die Abnahme ins Stocken gebracht haben durch
mglichstes Hinwegrumen der bsen Ursachen, welche sie veranlassen.
Auch Waitz 1, 177 erwhnt einige Inseln und Distrikte dieser Gruppe, wo
die Bevlkerung nicht nur nicht abnimmt, sondern in nicht ganz
unbedeutendem Anwachsen begriffen ist.

Ganz ebenso ist es in Tahiti. Auch hier hat die Volkszahl gleich nach
dem ersten Zusammenstoss mit den Europern sehr abgenommen, von 16,000
(Wilson) bis auf 8000 (Ellis) oder 9000 (Wilkes), denn Turnballs 5000
ist eine bertrieben niedrige Angabe. Nachher aber ist die Zahl gleich
geblieben oder eher gewachsen; Virgin wenigstens gibt sie fr 1852 auf
10,000 an (2, 41). Auf Raiatea dagegen nimmt die Bevlkerung stark zu
(Waitz 2, 167 nach Journ. R. geogr. soc. III, 179). Auch Ellis (um 1830)
sagt 1, 169, dass vor 1819 das Abnehmen der tahitischen Eingeborenen
noch stark gewesen sei: 1819-20 seien Todesflle und Geburten einander
gleich gewesen und von da ab habe die Volkszahl stark zugenommen. Mag
Ellis auch, der so eifrig fr das Wohl der Insel thtig war, seine
Hoffnungen auf jene Angabe vielleicht etwas mit haben einwirken lassen:
bloss auf Uebertreibung beruht eine so sichere Behauptung eines so
zuverlssigen Beobachters nicht. Allerdings klagt der franzsische
Commandant der Insel, de la Roncire, in seinem Bericht vom Dezember
1866 (Globus 12, 60-61) ber die Trgheit, Indolenz und
Flatterhaftigkeit der Bewohner; allein wenn man die Vorgnge whrend und
nach der franzsischen Okkupation der Insel und die ganze Haltung der
Franzosen wenigstens in der ersten Zeit ihres Aufenthalts bedenkt, so
ist es nur allzu begreiflich, dass die Entwickelung der Insel durch sie
nicht eben gefrdert ist. Doch sind wir, wenn man sich wirklich
ernsthaft und ausdauernd der Eingeborenen annimmt, auch fr sie zu guten
Hoffnungen berechtigt.

Was wir von Neuseeland zu berichten haben (nach Hochstetter 482-497) ist
noch merkwrdiger. Gegen den Einfluss der Fremden bildete sich eine
Nationalpartei unter den Eingeborenen, welche, da sie Gott ebenso nah
stnden als die Weissen, mit diesen gleiche soziale und politische
Rechte verlangten. 1857 erwhlten die Maoris, von diesen Gesichtspunkten
ausgehend, einen Knig, den als Krieger und Redner berhmten Potatau,
der sich den zweiten Friedensknig nach Melchisedek nannte, sich
thatkrftige Huptlinge, so vor allen den Maori William Thompson aus dem
Stamm der Ngatihua, als Minister auswhlte, und seinen Herrschersitz zu
Ngaruawahia, an der Hauptwasserstrasse ins Innere, an den Thoren von
Aukland in vortrefflich ausgesuchter Lage nahm. Die Grundprinzipien des
Knigthums sollten Glaube, Liebe und Gesetzlichkeit sein. Man beschwerte
sich bitter ber die englische Regierung, welche sich gar nicht um die
Maoris kmmere, die Huptlinge nicht standesgem behandele, zwar
Protokolle ber ihr Aussterben fhre, aber nichts dagegen thue; man habe
die eingefhrten Waaren mit ungerechten Abgaben gedrckt, indem z.B.
wollene Decken nach dem Gewicht wie Seide und Spitzen versteuert wrden;
Munition und Waffen verkaufe man ihnen gar nicht, um so lieber aber
Spirituosen. Und zu dem Allen benhmen sich die Europer so hochmthig
und grob! Diese Nationalpartei, welche sehr beredte Agenten im Lande
umherschickte, fand berall rasch Anhnger; auch die Weiber und Mdchen
theilten ihre Gesinnungen. Freiwillige Abgaben fr den Knig flssen
regelmssig und reichlich und dieser schlichtete zu Ngaruawahia alle
Streitigkeiten der Eingeborenen, trieb auch von den unter ihnen lebenden
Europern Abgaben ein und legte einen Zoll auf die an seiner Stadt
vorbeipassirenden europischen Schiffe; sein Einfluss war bald so gross,
dass sich auch die Missionre, wenn sie etwas gegen einen Maori
vorzubringen hatten, an ihn wandten. Aehnliche Ziele hatte die
Landligue, eine Vereinigung der Maorifrsten, um den Landverkauf zu
verhten, welchen die einheimische Regierung usserst ungern sah. Es war
klar, dass die Kolonialverwaltung durch diese selbstndige Entwickelung,
namentlich aber durch die Beschrnkung der Landkufe, welche, um gltig
zu sein, erst die Besttigung des Maoriknigs nach der Auffassung der
Eingeborenen bedurften, in arge Verlegenheit kommen musste. Daher
erkannte denn England diese Beschrnkung des Landverkaufs durch die
Maorigesetze nicht an und so musste es zum gewaltsamen Zusammenstoss
kommen. Dies geschah unter Potatau II., dem Sohne Potataus I.; den 17.
Mrz 1860 begann der Krieg, in welchem die Maoris sich nicht nur
ausserordentlich tapfer, sondern auch so umsichtig bewiesen, dass sie
den Englndern empfindliche Niederlagen beibrachten. Der Nationalpartei
schlossen sich jetzt alle Maoris, auch die frher lssigen, an; es ist
besser, hiess es, frs Vaterland zu sterben, als unterjocht von Fremden
zu leben. Auch im englischen Parlament erhoben sich Stimmen fr sie, so
vor allen die Martins, des Bischofs von Aukland. William Thompson war
alleiniger Anfhrer dieses Krieges und seiner Stelle sehr gewachsen;
denn der Kampf, der von den Maoris hauptschlich als Guerillakrieg
gefhrt wurde, konnte nur durch die englischen Kanonen und die englische
Uebermacht (1861 hatten die Englnder 12,000 Mann zusammen) mehr und
mehr zu Gunsten der Englnder gewendet werden. Indess kam es durch
Einfluss der Missionre und durch den an Brownes Stelle gesandten Lord
Grey zur friedlichen Vermittlung. Wir sehen also auch hier Anfnge,
bedeutend genug, um in kurzer Zeit die Grnde, auf welchen wir das
Aussterben der neuseelndischen Eingeborenen beruhend fanden, zu
beseitigen. Es ist sehr traurig, dass diese nationale Erhebung von
englischer Seite gleich im Anfang geknickt oder wenigstens gehemmt ist:
doch ist die Hoffnung nicht aufzugeben, dass sie abermals auch diesen
Stoss berwinden wird. Die Hauptsache wird sein, dass sie selber Muth
und Zuversicht gewinnen, dann werden sie die Kultur sich nicht bloss
usserlich und auf eine Weise, die ihnen nur schadet, aneignen, sondern
sie werden sich, da sie stets sich sehr fhig gezeigt haben, an ihr
emporheben und ein neues Leben zu fhren im Stande sein. Zu dieser
Hoffnung berechtigt auch die innige Religiositt, welche die meisten der
neu und wahrhaft Bekehrten zeigen. Ob sie aber auch in diesem Falle
spter nicht einmal durch Vermischung mit den Weissen aufhren als
Nationalitt zu existiren? Ein solches Aufgehen wrde indess nur
erfreulich sein, denn es bewiese zugleich, dass auch die Englnder der
Kolonie von ihrem starren Raenhochmuth nachgelassen htten.

In Tonga nun, wo von jeher die Sitten strenger waren und namentlich nie
diese Lderlichkeit herrschte, welche in Polynesien an anderen Punkten
so gefhrlich wirkte; wo man mit dem Menschenleben, wenigstens jetzt und
schon seit lngerer Zeit, nicht so verschwenderisch umging, ist ein
Sinken der Volkszahl nicht eingetreten. Das Christenthum hat die
Monogamie durchgesetzt und so ist denn trotz der vielen Kriege, welche
die Einfhrung des Christenthums und die Befestigung der
Knigsherrschaft mit sich brachte, die Bevlkerung, die sich im
Allgemeinen einer sehr guten Gesundheit erfreut, im Wachsen (Erskine
160-61).

Die Bevlkerung von Samoa schtzt Erskine (104) auf etwa 37,000 Seelen,
doch glaubt er, dass sie abnehme (a.a.O. u. 60). Auch Turner erwhnt die
grosse Sterblichkeit der Kinder daselbst, welche durch thrichte
Behandlung derselben vor und bei der ersten Nahrung veranlasst wird.
Seitdem aber jetzt die Missionre gnstig wirken, die Polygamie
abgeschafft und ausschweifende Lebensweise durch strenge Ueberwachung
sehr erschwert ist, nimmt die Bevlkerung wieder zu (Turner 176). Doch
waren die Samoaner berhaupt weit weniger ausschweifend gewesen als die
brigen Polynesier und hatten den Werth des Menschenlebens hher
geachtet. Also auch hier dieselbe Erscheinung: der erste Zusammenstoss
mit den Weissen bringt durch Seuchen u. dergl. (doch fand Wilkes in
Samoa keine Syphilis 2, 73, 126, 138) eine arge Erschtterung in der
Wohlfahrt des Volkes, ein Zurckgehen der Kopfzahl hervor; allein sobald
diese ersten Folgen berwunden sind, hebt sich die Ziffer wieder. Gerade
die Samoaner sind besonders innige Christen (Turner 106-109, 166 ff.)

Zu den bestbevlkerten Gegenden Polynesiens gehren die kleinen Inseln
nrdlich und westlich von Samoa und Tonga, die Uniongruppe, Tikopia,
Rotuma u.s.w., wo die Sitten unverderbt und die Bevlkerung in bester
Wohlfahrt ist. Trotz des zahlreichen Kindermords auf Tikopia ist dort
die Kinderzahl in einer Familie meist drei bis acht (Gaimard bei Dumont
D'Urville b, 5, 309; vergl. ders. in Zoologie 23; u. 5, 306). Nur von
dem gleichfalls hierher gehrigen Sikayana wird eine Abnahme der
Eingeborenen berichtet, welche durch eine sehr heftige Blatternepidemie
auf 171 Seelen zusammengeschmolzen sind (Nov. 2, 438-441).

Alle diese Beispiele beweisen schlagend, dass ein Hinschwinden dieser
Vlker aus mangelnder Lebenskraft, weil sie von Natur dem Untergange
bestimmt seien, nicht stattfindet; wo es also eintritt, kann es nur
durch die besprochenen Grnde veranlasst sein. Sobald die Kultur nicht
feindselig, sondern friedfertig naht und diese Vlker zu sich
emporzieht, statt sie zu vernichten, so ist von den Naturvlkern keins,
das nicht fr sie gewonnen werden knnte, ja einzelne haben sich trotz
der feindseligsten Haltung der Weissen dennoch zur Kultur, wenigstens zu
guten Anfngen, emporgeschwungen: eine That, deren Grsse man aus dem
Vorstehenden ermessen kann und die eine so ausserordentlich gute
Begabung und sichere Kraft beweist, dass sie ebenso sehr unser Staunen
als unsere Bewunderung erwecken muss. Allerdings wird aus einem
neuhollndischen Stamm nicht sofort ein europisch civilisirter Staat,
aber es ist handgreiflich verkehrt, zu behaupten, wie noch Meinicke
thut, die Neuhollnder seien berhaupt der Kultur unfhig. Denn wo sich
wirklich die Kultur ihrer angenommen (es ist selten genug geschehen), da
haben sie sich auch als friedfertige und bildsame Menschen gezeigt. Dass
sie sich und so noch manche andere Naturvlker jetzt so viel als mglich
von der Kultur zurckziehen, das ist nach dem, was ihnen von ihren
Trgern zugefgt ist, nur allzubegreiflich. Halten doch manche
Nordindianer auch das Christenthum nur fr eine neue Art, sie zu
betrgen (Waitz 3, 289) und, sagten sie, was sollen wir Christen
werden, da diese rgere Lgner, Diebe und Trinker sind, als die
Indianer (eb. 287). Die Christen wollen nicht arbeiten, sie sind
Spieler, Bsewichter und Gotteslsterer, sagte ein Indianer von
Nikaragua; auf die Antwort, so handelten nur die schlechten, erwiderte
er: wo sind denn die guten? ich wenigstens kenne nur schlechte (Waitz
4, 280-81). Ein zweiter Grund, weshalb viele Naturvlker so schwer die
Kultur, auch wenn sie ihnen friedlich naht, annehmen, liegt in ihren
Gewhnungen. Es muss hier nochmals auf die Kraft der Vererbung erinnert
werden. Durch Jahrtausende langes Leben an ein unsttes Umherschweifen
u. dergl. gewhnt, wird es ihnen sehr schwer, so pltzlich die
althergebrachte, tief in ihr leibliches und geistiges Wesen
eingewachsene Lebensart zu ndern.




 21. Die afrikanischen Neger.


Wir mssen, um einem mglichen Einwand zu begegnen, noch einmal auf
einen Umstand zurckkommen, den wir schon vorhin wenigstens berhrten.
Wie ist es zu erklren, dass die Neger nicht aussterben? Sie sind doch
geplagt, gedrckt, gemisshandelt wie kein zweites Volk, der Heimath
entrissen, oft ganz zum Lastthier herabgewrdigt--und sie gedeihen doch.
Der Hang der Neger zu Ausschweifungen ist bekannt; wie gefhrlich ihre
Kriege, die sie untereinander fhren, fr die Besiegten sind, wird nur
zu deutlich durch die massenhaft fortgeschleppten Sklaven bewiesen:
Menschenleben vergeuden auch sie ganz rcksichtslos, wofr schon der
eine Name Dahomey als Beweis gengt. Und doch waren das dieselben
Grnde, welche wir als das Aussterben der Naturvlker veranlassend
annahmen. Wie kommt es, dass sie dort wirken und hier nicht? Muss man
nicht doch also zu jenen Grnden noch einen hinzufgen und welcher
knnte das sein, als mangelnde Lebenskraft oder sonst irgend etwas
Geheimnissvolles? Aber trotzdem sind die Neger, nach einstimmigem
Urtheil aller Forscher, die leiblich am wenigsten vollkommen
organisirten Menschen, und es wre doch seltsam, wenn hher stehende
Vlker mindere Lebenskraft htten als sie.

Allein diese Annahme ist auch durchaus unnthig. Die grssere Ausdauer
des Negers beruht auf seinem anders gearteten Naturell, was wir zunchst
nach der psychischen Seite hin verfolgen wollen. Vom Charakter des
Negers ist jeder melancholische Zug ausgeschlossen. Jeder momentane
Eindruck ist bei ihrer derb sinnlichen Natur so mchtig, dass der
folgende den vorhergehenden sofort auslscht, und so vergessen sie
dadurch auch im tiefsten Elend ihre schlimme Lage rasch und gnzlich,
wenn irgend eine pltzliche Anregung zur Lust ber sie kommt. So zwingen
sie die Sklavenhndler, um sie ber ihr oft tdtliches Heimweh
hinwegzubringen, bisweilen mit der Peitsche zum Tanz, der sie dann in
seiner sie nun ganz beherrschenden Ausgelassenheit alles Unglck
vergessen lsst (Waitz 2, 203). Diese rasch wechselnde Gemthslage hilft
ihnen ber vieles Schwere hinweg und ist klar, wie sehr sie im Gegensatz
steht ebenso zu dem zhen Festhalten eines Gedankens, wie wir es beim
Amerikaner und Polynesier so vorherrschend finden, als zu der
Melancholie dieser Vlker. Auch die sinnlichen Gensse wirken auf den
Neger viel befriedigender, als auf die anderen Vlker; seine grosse
geschlechtliche Sinnlichkeit ist wiederum fr die Fruchtbarkeit seiner
Rae von grosser Bedeutung und so massenhafte und bertriebene
Ausschweifungen wie bei den Polynesiern finden sich bei ihnen nicht.
Auch sein Hang zum Phantastischen muss erwhnt werden, denn auch er
dient sehr dazu, ihm seine Lage oft in ganz anderem Lichte erscheinen zu
lassen, als sie ist. Hiermit vereinigt sich eine gewisse Stumpfheit und
Trgheit des geistigen Lebens sehr wohl, die vor Vielem und gerade dem
Schmerzlichsten den Neger beschtzt: er wird sich fast nie moralisch
vernichtet und dadurch in seiner innersten Persnlichkeit verwundet
fhlen. Auch ist seine grosse Gutmthigkeit und seine innige
Religiositt hierbei nicht ausser Acht zu lassen.

Zweitens aber scheint auch die physische Natur weit minder empfnglich
und empfindlich zu sein, als die der meisten anderen Vlker. Sei es,
dass er durch allmhliche Gewhnung, durch das Klima seines Landes oder
durch ursprngliche Anlage hrter ist: er vertrgt es, in ganz andere
Himmelsstriche verpflanzt zu werden; er hlt sogar die Luft der
Malariagegenden und noch dazu bei tglicher oft sehr grosser Anstrengung
ohne Schaden aus, welchem allen die meisten anderen Vlker regelmssig
erliegen. Er ist also schon durch seinen Krper gesicherter.

Drittens ist nicht zu bersehen, dass der Neger schon seit einer Reihe
von Jahrtausenden, seit der ersten Entwickelung der Kulturvlker, mit
diesen in Berhrung und oft in sehr enger steht und gestanden hat: so
ist er an die Einflsse der Kultur ganz anders gewhnt als Amerikaner
und Ozeanier, als Hottentotten und Kamtschadalen, und hat daher ihre
ungnstigen Folgen weit weniger zu frchten.

Hiermit ist der Einwand, welchen man von den Negern aus erheben knnte,
als beseitigt zu betrachten; wir mssen indess noch einen Blick auf das
Aussterben der freigewordenen Neger in den vereinigten Staaten werfen,
wie wir es im Ausland (1867, 1404) geschildert sehen nach Henry Lathams
black and white. Nach ihm sind seit der Emancipation von 4,000,000
Negern 1,000,000 zu Grunde gegangen, durch Unwissenheit, Hlflosigkeit,
Laster und Mangel. Unfruchtbarkeit trat ein, Kindermord nahm berhand,
die Sterblichkeit war so gross, dass es Leute gab, welche eine Lsung
der schwierigen Negerfrage in dem Verschwinden der farbigen Rae in den
nchsten 50 Jahren voraussagten. In den Gebieten, wo sie whrend des
Krieges in grsster Sicherheit lebten, wo man annehmen kann, dass sie
massenhaft vorhanden sind, und wo die grssten Beitrge zusammengebracht
wurden, um sie vor Hungersnoth zu schtzen, sind sie in Abnahme
begriffen. In dem kltern Klima der Nordstaaten starben die farbigen
Familien nach einer oder zwei Generationen aus. Die Schilderung ist,
wie wir sie hier vor uns haben, entschieden parteiisch gefrbt. Wir
betrachten daher nur die Thatsache, dass die emancipirten Neger
moralisch und physisch sich verschlechtern, ja geradezu verkommen. Diese
Erscheinung ist allemal da beobachtet, wo Neger emancipirt wurden, und
sie machte auch der Republik Liberia anfangs viel zu schaffen; allein
sie tritt bei jeder Sklavenemancipation naturgemss jedesmal ein, mgen
die Sklaven nun Neger oder nicht sein. Sie haben nicht gelernt,
selbstndig zu leben, fr sich zu sorgen, fr sich zu arbeiten; jede
Arbeit ist ihnen, in Erinnerung an ihr frheres Loos, eine Last zugleich
und eine Entwrdigung. Durch den langen Zustand der Unfreiheit haben sie
die Fhigkeit, der Natur gegenber sich zu behaupten, welche sie in
ihrer Heimath besassen, verlernt; sie sind auch geistig herabgedrckt
und dass sie lasterhaft werden, ist die Folge des Beispiels, was ihnen
allzuoft ihre eigenen Herren gaben, sowie des Mangels an Selbstachtung,
zu dem sie als Sklaven verurtheilt waren. In Nordamerika ist ihnen
ferner jede Emancipation noch durch die entschiedene und rcksichtslose
Feindseligkeit unendlich erschwert, mit der die gute Gesellschaft, die
Weissen, sich vor jedem Farbigen strenge verschliesst, fr den sie
nichts als die bitterste Verachtung hat. Klimatisches mag sich
gleichfalls geltend machen; jedenfalls ist hier nichts, was unserer
Betrachtung irgend ein neues Moment zufgen oder eine nhere Erklrung
noch erheischen knnte.




 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvlker von den Kulturvlkern
behandelt sind.


Ehe wir unsere Betrachtungen schliessen, ist es nthig, auch einen Blick
auf die Kulturvlker zu thun, welche mit den Naturvlkern in Berhrung
kamen; denn ein solcher wird ethnologisch nicht ohne Ausbeute sein.
Zunchst ist zu constatiren, dass alle Kulturvlker sich ganz auf
dieselbe Weise grausam, rcksichtslos und unmenschlich gegen die
Naturvlker betragen haben, die mit ihnen in Berhrung kamen: die
Spanier, die Portugiesen, die Hollnder, die Englnder und die
Franzosen. Die Englnder und Hollnder zeichnen sich durch
unaussprechlichen Hochmuth und Hass gegen jede farbige Bevlkerung aus,
durch welchen sie den Naturvlkern fast nicht mindern Schaden gethan
haben, als durch offene Feindseligkeiten. Wir Deutsche haben Eroberungen
nicht gemacht, aber trotzdem sind einzelne unserer Landsleute mit den
Naturvlkern in Berhrung gekommen. Diejenigen, welche zur Zeit der
ersten Entdeckung Amerikas mit den Spaniern dorthin kamen--so die
Abgesandten der Welser, welchen dort Lnderstrecken von Karl V.
verpfndet waren--wtheten nicht geringer als die Spanier selbst. Das
westliche Venezuela wurde um 1527 von Georg v. Speier und Ambrosius
Dalfinger verwstet (Waitz 3, 398). Allein das sind vereinzelte Flle;
im Ganzen haben die Deutschen den Naturvlkern Segen gebracht, denn
gerade die einflussreichsten Missionen sind zum Theil in ihren Hnden
gewesen, wobei vor allen Dingen an die Wirksamkeit der Herrnhuter in
Afrika und Nordamerika (z.B. Heckewelder) erinnert werden muss. Auch
unter den Jesuiten waren viele Deutsche, z. B. Dobrizhofer unter den
Abiponen, Strohbach auf den Marianen. Die Missionsthtigkeit ist auch
jetzt noch nicht vermindert und trgt ihre segensreichen Frchte fr die
Eingeborenen und fr die Wissenschaft, denn eine Menge der bedeutendsten
Missionsschriften sind, freilich meist in englischer Sprache, von
Deutschen verfasst--Namen wie Klle, Dhne, Teichelmann, Schrmann,
Dieffenbach (freilich kein Missionr) u.a. sind bekannt genug.

Die fast immer ganz unmenschliche und mordgierige Art, mit welcher der
Europer die Naturvlker bekriegte und meist deren Rohheit bei weitem
bertraf, zwingt uns zu einem anthropologischen Schluss von nicht
geringer Bedeutung; denn wir sehen daraus klar, dass die Kluft, die den
civilisirten Menschen vom sogen. Wilden trennt, bei weitem nicht so
gross ist, als man sich oft einbildet (Waitz, 3, 259). Man hat ja
gerade die wilde Blutgier der Naturvlker so wie ihr beharrliches
Fernbleiben von aller Kultur so besonders hervorgehoben, ja mit darauf
hin den Schluss gezogen, dass sie von geringerer Organisation und
Befhigung, dass sie von Haus aus eine niedrigere Rae wren (Carus 28,
22 ff.). Wie will man das aber aufrecht halten, wenn die civilisirten
Vlker von einer viel wilderen und grauenvolleren Blutgier besessen
sind, die um so schrecklicher wird, als sie unvermittelt neben so hoch
entwickelten intellektuellen Fhigkeiten steht? Wenn die grssten und
bedeutendsten Mnner dieser civilisirten Vlker dieselbe Blutgier
theilen, wie Columbus, welcher die auf Menschen dressirten Hunde
einfhrte, der Knigin Isabella rieth, die Kosten seiner Fahrten durch
Menschenraub zu decken, Diebsthle mit grausamen Verstmmelungen strafte
und Hinterlist und gemeinen Verrath gegen die Indianer fr erlaubt
hielt? (Waitz 4, 331). Wenn die blutgierig-rohesten wohl noch wegen
ihrer grauenvollen Bestialitt als besonders hervorragend gepriesen
werden, wie die Pioniere des Westens, die Helden von Old-Kentucky
(Waitz 3, 260), die nebenbei auch der intellektuellen Vorzge der Kultur
sich begebend genau ebenso aberglubisch als die Indianer wurden, deren
Lebensweise, Vergngungen und Skalpirungen bald sich nur noch durch
grssere Rohheit von den Indianern unterschied? Ja d'Ewes (China,
Australia and the Pacif. Islands in 1855-56. London 1857, p. 150)
erzhlt, dass einzelne Weisse auf den Fidschi-und Tonga-Inseln, neben
den grsslichsten Verbrechen aller Art, sogar den Kannibalismus der
Eingeborenen mitgemacht haben! Beispiele von Spaniern und Portugiesen,
welche unter die Bildungsstufe der Eingeborenen Sdamerikas
herabgesunken sind, findet man reichlich bei Waitz 1, 370 und bei v.
Tschudi an verschiedenen Stellen. Ehrlichkeit, Treue, Vertrauen,
Anstand, Gastfreundschaft, Menschlichkeit, reine Religiositt, die
besseren moralischen Eigenschaften findet man meist nicht auf Seiten der
Europer, sondern der so tief verachteten Naturvlker, und Seume's

  Wir Wilden sind doch bessre Menschen

hat seinen tiefen Grund. Man sage nicht, dass die von den Europern
verbten Schlechtigkeiten nur von einzelnen ausgegangen und also auch
nur den einzelnen Individuen zur Last zu legen seien; sie sind so
ziemlich gleichmssig von der gesammten Kolonistenbevlkerung ausgefhrt
und jedenfalls von ihr hchlich gebilligt worden; ja es fehlt noch viel,
dass sie auch jetzt berall getadelt wrden.

Es zeigt sich aus diesen Betrachtungen ferner, wie ungeheuer langsam die
Menschheit moralisch fortschreitet und wie wenig durch intellektuelle
Entwickelung ein Fortschritt nach jener Seite bedingt wird. Das eben von
Columbus Erwhnte mag als Beleg dienen, er, der geistig so hoch ber
seiner Zeit stand, hatte sittlich ganz dieselbe Stufe inne. Seine ganze
Zeit aber stand trotz des Christenthums, trotz der usseren Kultur noch
auf einem Standpunkt der geistigen Rohheit, die sich noch kaum von dem
Wesen des Naturmenschen unterscheidet, ja durch reicher entwickelte und
ganz zgellose Leidenschaften noch tiefer als jenes erscheint. Wie
gewaltig nun die Entwickelung der Intelligenz in den letzten drei
Jahrhunderten zugenommen hat, weiss Jeder; blickt man aber auf die
Kulturvlker des 19. Jahrhunderts--man denke an die Englnder in
Tasmanien, Neuholland, Nordamerika, die Portugiesen und Spanier in
Sdamerika--so wird man von einem moralischen Fortschritt noch gar wenig
bemerken, denn sie benehmen sich, allerdings nicht mehr in solcher
Allgemeinheit, gerade ebenso brutal und unmenschlich, als die Spanier im
16. Jahrhundert.

Auch kann man nicht behaupten, dass die heutige Propaganda und ihr
Verfahren in der Sdsee sich sehr zu ihrem Vortheil von den Missionren
des 16. und 17. Jahrhunderts unterschied; was sie etwa an
Gewaltthtigkeit verloren hat, das hat sie an Unwahrheit gewonnen. Und
wenn man im 19. Jahrhundert mit demselben Leichtsinn wie im 16. nur um
zu taufen, tauft: so ist das in unseren Zeiten bei weitem schlimmer, als
in jenen frheren. Bis jetzt also hat die Hhe der intellektuellen
Entwickelung noch keineswegs durchgreifend und in dem Maasse, als man
denken sollte, auf die moralische Seite des menschlichen Charakters
gewirkt--aus Grnden, deren tiefere psychologische Motivirung hier uns
zu weit fhren wrde.

Und doch lsst es sich nicht lugnen, dass alles wirkliche Fortschreiten
der gesammten Menschheit, wodurch sie immer reiner und wirklich
menschlicher sich entwickelt, nicht sowohl auf intellektuellen als auf
moralischen Geistesthaten beruht. Die europische Gesellschaft ist zu
ihrer heutigen Hhestufe emporgehoben erstens durch die Gleichstellung
der Frauen bei den Germanen, zweitens die rein moralische Macht des
Christenthums, drittens die Reinigung des Christenthums und die
Anerkennung der individuellen Geistesfreiheit durch die Reformation und
die Reinigung der sozialen Verhltnisse durch die Revolution des vorigen
Jahrhunderts. Letztere trug auch gleich den Naturvlkern die besten
Frchte: denn dass Polynesien wesentlich anders behandelt ist, als
Amerika, dazu trugen nicht wenig bei die Lehren von Mnnern wie
Rousseau, der Gedanke, dass alle Menschen, mochten sie nun durch Stnde
oder Hautfarbe und Sprache verschieden scheinen, in ihrem Wesen gleiche
Menschen seien; ja die Ansicht, welche man von diesen Vlkern lange Zeit
in Europa hegte, beruhte gleichfalls auf diesen Gedanken, da sie
hauptschlich durch die Werke der Forster hervorgerufen wurden, diese
aber eifrige Anhnger Rousseau's waren.--Neben jenen Hauptfrderungen
der Menschheit darf man einige andere zwar nicht in erster Linie
anfhren, aber auch ebensowenig ganz bersehen, und dahin gehrt die
Erweckung des reinen Schnheitssinnes, der wahren Kunst durch die
Griechen. Whrend nun im Leben der Vlker und der Einzelnen es sich nur
allzuhufig zeigt, dass die grsste Ausbildung der Intelligenz auf die
sittliche Vollendung eines Menschen gar keinen Einfluss hat, so frdert
umgekehrt jeder sittliche Fortschritt der menschlichen Gesellschaft ihre
intellektuellen Leistungen und ist ohne eine solche Frderung gar nicht
zu denken, da ja jeder wirklich bedeutende sittliche Fortschritt die
Menschheit in ihrem ganzen Wesen hebt und weiter entwickelt, und nur wo
dieser Doppelfortschritt geschieht, kann von einem wirklichen
Hhersteigen die Rede sein. Man hebt nie ein Volk nur durch Industrie
und Lehranstalten, wenn man es dadurch auch reich und wohl unterrichtet
machen kann; man hebt es nur, wenn man seine idealen Anschauungen
lutert und frdert. Dass aber eine Frderung nicht etwa dadurch
eintritt, dass man der Gegenwart das Ideal vergangener Jahrhunderte als
das einzig heilvolle aufzwingen will, das liegt auf der Hand.




 23. Zukunft der Naturvlker. Mittel, sie zu heben.


Was wird nun die Zukunft der Naturvlker sein? Geradezu vernichtet sind
nur wenige bis jetzt und noch knnen wir, und da wir Unfhigkeit zur
Entwickelung, leibliche oder geistige, nirgends bei ihnen finden, noch
mssen wir hoffen. Freilich ist viel verdorben; und die Leichtigkeit der
Annherung, das Vertrauen, mit dem sie der Kultur entgegenkamen, ist bei
den meisten unwiederbringlich verloren.

Wie bisher die Missionre die grssten Verdienste um diese Vlker haben,
so fallen auch, wenn wir nach der Zukunft fragen, unsere Augen zunchst
auf die Missionre. Wenn wir bedenken, dass die Polynesier man kann wohl
sagen ihre Rettung bisher ihnen verdanken, dass, die Hottentotten und so
mancher amerikanische Stamm nur und allein durch sie Gelegenheit hatten,
auch die guten Seiten der Kultur an sich zu erfahren; so knnen wir
nicht dringend genug wnschen, dass ihr Werk sich segensreich immer
weiter ausbreiten mge. Dazu gehrt zunchst Untersttzung durch die
weltlichen Mchte, freilich anders als sie von Frankreich den
katholischen Missionren zu Theil wurde: denn die Staaten mssten, im
Interesse der jedesmaligen Eingeborenen, jede segensreiche Wirksamkeit
gleichviel von welcher Confession gleichmssig schtzen. Und so hat
sich, um gar nicht vom Christenthum zu reden, auch vom anthropologischen
Standpunkt aus die katholische Kirche und Frankreich in ihrem Dienst in
der Sdsee schwer vergangen. Die Mchte, welche unter den Naturvlkern
Kolonien haben, England besonders, haben den grssten Vortheil von einer
tchtigen Wirksamkeit der Missionre; denn einmal werden durch sie
unntze Kriege, die doch auch den Weissen oft schdlich genug sind,
vermieden, und ferner die Eingeborenen selbst der Kolonie gewonnen. Man
sollte also von Staatswegen die Missionen mit allen Mitteln sttzen
(nicht gewaltsam einfhren, nur sttzen), aber auch zugleich ein
wachsames Auge auf sie haben und sie nthigen Falles zur Rechenschaft
ziehen. Denn Menschlichkeiten knnen vorkommen und sind auch unter den
protestantischen Missionren der Sdsee vorgekommen, welche z.B. in
Neuseeland durch ihre Landankufe und Spekulationen sich und ihrer Sache
und den Eingeborenen gleichviel geschadet haben. Aber auch die
Missionre mssen auf sich selbst das strengste Augenmerk haben. Sie
mssen immer mehr und mehr zu der richtigen und wichtigen Einsicht
gelangen, dass es nichts hilft, Vlker zu taufen oder sie auf abstrakte
und fr jene Menschen ebenso unverstndliche wie unbrauchbare
Lehrbegriffe hinzuweisen, wenn man nicht alle ihre Geisteskrfte weckt,
die Wahrheiten dieser Lehre sich anzueignen. Nach dieser Seite--wer
wollte es lugnen? bersteigt es doch auch hier ganz fehlerlos zu
handeln bei weitem menschliche Kraft--nach dieser Seite haben beide
Kirchen viel verfehlt; die katholische durch oft ganz beispiellos
leichtsinniges Taufen, wobei sie das Heidenthum ruhig bestehen liess
(Beispiele fr diese harte Behauptung liefern die Annales de la
propagation de la foi, Michelis und Lutteroth genug; wir fhren
einzelnes der Krze halber nicht an), die protestantische durch
allzustrengen Ernst und eigensinniges Steifen auf die abstrakten
Lehrstze. Doch wird jeder Unbefangene die bei weitem bessere
Wirksamkeit auf protestantischer Seite sehen mssen, wenn wir auch fern
sind, zu verkennen, was die katholische Kirche grosses geleistet hat.
Mnner wie Las Casas und so viele seiner Glaubensgenossen, welche fast
der einzige Schutz der unterdrckten Amerikaner waren, so viele
Jesuiten, die mit dem grssten Glaubenseifer sich jeglicher Gefahr fr
das Christenthum unterzogen, wie z.B. der gewaltige San Vitores auf den
blutgetrnkten Marianen: alle diese Mnner mssen in erster Reihe
genannt werden, wenn es sich um Darstellung der Verdienste der Mission
handelt.

Man mache die Naturvlker erst zu Menschen, dann zu Christen; man bilde
sie langsam zu der und durch die Kultur vor, deren hchste Blthe das
Christenthum ja eben sein will. Nicht Wissen und Erkennen, und wre es
der hchsten Weisheit, Thtigkeit vielmehr und selbstndiges Bauen des
eigenen Lebens gibt dem Menschen erst sittlichen Halt und sittliche
Kraft: diese wecke, gestalte, befrdere man und man wird das
Christenthum frdern. Ist es doch wahr, dass jene Verbrecher, welche aus
den Deportationsorten entsprangen und sich an verschiedenen Stellen
Ozeaniens niederliessen, durch die Bruchstcke von Kultur, welche sie
den Eingeborenen mittheilten, dem Christenthum und den Missionren den
Weg gebahnt und sehr erleichtert haben, ohne dass sie es selbst wollten
und obwohl sie oft mit der Kultur zugleich manches Verbrechen lehrten.
Will man aber ohne gengende Vorbereitung rasch Erfolge sehen, so wird
man nichts wirken; die Missionsberichte (beider Confessionen) beweisen
zur Genge, wie thricht ein solches Streben ist und wie es oft zu den
allergrbsten Selbsttuschungen fhrt. Nur die liebevollste Arbeit und
aufopferndste Hingebung vieler Generationen kann hier wirklichen und
bleibenden Erfolg erringen. Man muthe doch nicht den Naturvlkern zu,
die Hhe der Bildung im Fluge zu ersteigen, welche die begabtesten
Kulturvlker im Laufe von Jahrtausenden und mit so hufigem Rckfall, so
heissem Kampfe, so stetiger Arbeit sich errungen haben.

Aber auch die weltliche Macht muss Hlfe bringen; zunchst negativ,
indem sie nicht duldet, dass andere, was die Missionre bauen,
untergraben und einreissen; und ferner positiv, indem sie das von jenen
begonnene weiterfhrt. Sie muss die Eingeborenen in ihren natrlichen
Rechten schtzen, das Eigenthumsrecht an den von ihnen bewohnten Boden
anerkennen und aufs Strengste darauf halten, dass ihnen von Seiten der
Kolonisten kein Unrecht geschieht. Freilich werden solche Mnner wie
Lord Grey, die mit der grssten Umsicht und Energie die reinste
Menschenliebe besitzen, nicht hufig gefunden werden; aber man kann auch
in der Wahl einer obersten Kolonialverwaltung nicht zu viel thun.
Specielle Vorschlge haben Grey fr Australien, Dieffenbach fr
Neuseeland, Andere fr andere Vlker gemacht; und es liesse sich, bei
allen Schwierigkeiten, wenn die Mchte, welche Kolonien besitzen, also
vor allen Dingen England ernsthaft wollten, gewiss viel Elend verhten,
viel Gutes stiften und viel Verdorbenes herstellen. Bis jetzt freilich
haben die englischen und berhaupt die europischen Matrosen meist nur
das eine Recht der Gewalt; die Frevel, die sie an jenen Vlkern begehen,
bleiben ungestraft, whrend es mit den rgsten Strafen heimgesucht wird,
wenn die Eingeborenen irgend an Weissen freveln. Zum Theil ist diese
Ungerechtigkeit nthig, um die fernen Weissen zu schtzen; theils aber
liegt sie auch in der selbst noch sehr mangelhaften moralischen
Entwickelung der Weissen, welche an solchen Gewalttaten im grossen
Ganzen kaum einen Frevel. sehen. Was soll man dazu sagen, wenn
Schandgeschichten wie die folgende unter Englands offiziellem Schutz
geschehen und in den Zeitungen, auch in deutschen, fast als Scherz
erzhlt werden? Nach der Ermordung eines Kaufmanns[O] erschien das
englische Kriegsschiff Perseus, Capitn Stevens, 1867 im Frhjahr vor
der Palaus (Pelewsinseln, westliches Mikronesien), um Genugthuung zu
fordern: es zeigte sich, das der Kaufmann auf Befehl des Knigs, auf
dessen Insel Koror er lebte und Grundeigentum besass, ermordet sei, weil
er an die Feinde desselben Feuerwaffen verkauft hatte. Obwohl nun
Stevens einsah, heisst es, dass jener besser gethan htte, keine
Mordwaffen zu verkaufen, so glaubte er doch streng verfahren zu mssen
und verlangte Hinrichtung des Knigs. Die Insulaner, von dem
Kriegsschiff bedrngt, beschlossen, sich nicht zu widersetzen--aber sie
baten, dass die Hinrichtung von Matrosen des Schiffes ausgefhrt wrde,
was Stevens nicht zuliess. Insulaner sollten das Werk thun. So geschah
es denn. Und es geschah noch mehr. Die so behandelten Insulaner riefen
den Schiffscapitn zu ihrem Knig aus. Er nahm auch sofort die Krone an
und bewies, dass er die knigliche Prrogative in erspriesslicher Weise
zu ntzen verstehe. Er befahl seinen Unterthanen, Hhner, Eier, Frchte
und sonst noch mancherlei an Bord des Dampfers zu bringen und diesem
Befehl wurde willig Folge gegeben. Eine Vergtung fr die gelieferten
Sachen blieb ausser Frage, doch war seine improvisirte Majestt so
gtig, einige Geschenke, als da sind: Messer, Scheeren u. dergl.
verabfolgen zu lassen. Als dies geschehen war, dankte er ab und
berliess den Paleuinsulanern, sich nun einen anderen Knig nach ihrem
Geschmack zu suchen (Globus 12, 59, nach der Overland China Mail v. 30.
Mai 1867 und der Presse zu Manila). Heisst das nicht, jede
Selbstachtung eines Volkes mit Fssen treten? nicht, der Gerechtigkeit
und Menschlichkeit ins Gesicht schlagen? Und das that ein Vertreter des
englischen Staates im Namen der Gerechtigkeit! Und eine solche
Geschichte erheitert als Anekdote ein europisches Publikum! Die
Insulaner mussten, trotz ihrer Bitten, ihren eigenen Knig erschiessen,
weil er sich eines gegen ihn entschieden feindlich handelnden
Englnders, allerdings auf frevelhaftem Wege, entledigt hatte! So lange
solche Geschichten noch mglich sind, so lange ist allerdings fr die
Naturvlker noch nicht allzuviel zu hoffen. Und sie werden, wir
befrchten es, noch lange mglich sein; so lange wenigstens sicher als
die Kulturvlker sich von ganz anderem Stoff dnken, als jene Wilden,
denen man wohl die Gestalt, aber keineswegs die Rechte eines Menschen
zugesteht.

Gegen diese gnzliche Ausschliessung von allem europischen Leben, wie
es die Eingeborenen in den Koloniallndern fast immer zu dulden haben,
msste der Staat, was in seinen Krften steht, thun, wenn er jene
wirklich heben wollte: denn das ist es, was sie jetzt am meisten von der
Kultur ab und im Elend zurckhlt. Aber das wird schwer, wo nicht
unmglich sein; und die Menschheit, so scheint es, wird erst noch
manchen Schritt vorwrts thun mssen, ehe diese Gleichstellung (wenn sie
dann noch mglich ist) auch nur annhernd sich verwirklichen lassen
wird; so dass man in diesem Sinne wohl sagen kann, alles, was in Europa
zur Hebung der weissen Bevlkerung und ihres sittlichen Lebens
geschieht, das kommt auch mittelbar den Naturvlkern zu gut.




 24. Werth der Naturvlker fr die Menschheit und ihre Entwickelung.
Schluss.


Aber, so mssen wir noch fragen, kann man berhaupt einem Staat, den
civilisirten Vlkern zumuthen, so viel Mh und Arbeit an die Naturvlker
zu verwenden, die sie doch anderen Zwecken und vielleicht besseren oder
doch ntzlicheren entziehen mssen? Kann man nicht mit Fug und Recht von
dem werthlosen Leben dieser rohen Nationen Talleyrands berchtigtes je
n'en vois pas la ncessit sagen? Wie man vom Standpunkte des
Christenthums hierauf antworten muss, welches lehrt, dass alle Menschen
Brder und vor Gott gleich sind, liegt auf der Hand: und wo wird denn
ein strenges Christenthum mehr zur Schau getragen, als im ffentlichen
Leben Englands und Amerikas? Aber auch vom Standpunkt der Philosophie
aus wird man die Erhaltung der minder entwickelten Vlker fr eine
wesentliche Aufgabe der Kultur ansehen mssen. Der empirische Forscher
wird nach genauer historischer und naturwissenschaftlicher Betrachtung
der Welt sehen, dass die Gesammtheit der Natur als solche dem
Entwickelungsgesetze folgt, wie die einzelnen grossen Abtheilungen der
Natur, wie die Gattungen, Arten und Individuen. Das Gesetz dieser
Entwickelung besteht aber darin, dass Alles, Gesammtheit und
Einzelnwesen, eine grssere Vollkommenheit, Festigkeit und Sicherheit
der Existenz anstreben. In diesem Entwickelungsgange hat die Natur
selbst die Werthbestimmungen gesetzt, dass sie das Individuum der Art,
die Art der Gattung, die Gattung der Familie, kurz das Beschrnktere dem
Grsseren unterordnet, ja wenn es im Interesse des Grsseren noth thut,
aufopfert. Es wrde spiritualistische Verkennung unseres Standpunktes
sein, welchen wir in der Stufenfolge des Ganzen einnehmen, wenn wir
Menschen fr uns andere Gesetze beanspruchen wollten, als sie fr die
gesammte Natur gelten; zeigt doch auch alle historische Entwickelung,
dass wir unter ganz denselben stehen, wie die brigen Organismen alle,
nur dass unsere Stellung verschieden ist. Wie nun also der Natur
Erhaltung und Frderung des Ganzen Hauptzweck ist, so muss er es auch
uns Menschen sein, und zwar zunchst Erhaltung und Frderung der
menschlichen Gesellschaft, da unsere Thtigkeit zunchst unserer eigenen
Gattung naturmssig gehrt. Das aber heisst schlecht dem Ganzen dienen,
wenn man lebensfhige Keime desselben, bloss weil sie nicht im gleichen
Lenz und nach gleicher Art mit uns sich entwickelt haben, zertreten
wollte. Wer weiss, zu welchem Endzweck auch sie der Natur dienen knnen!
Und Niemand wird doch behaupten wollen, dass sie zu zertreten den
Vlkern von hherer Kultur Nutzen brchte. Wenn wir von diesem
philosophischen Standpunkt aus nach dem Zweck menschlicher Entwickelung
forschen, so werden wir die Civilisation als solchen bestimmen mssen
(Waitz 1, 478 f.). Denn einmal sichert sie erst durch engen
Zusammenschluss der Individuen, welche sich im Naturzustande
selbstschtig, also feindlich gegenber stehen, die menschliche
Gesellschaft dauernd und fest, andererseits bringt sie erst, indem sie
auf diese Weise eine Menge berschssiger Kraft frei macht, die
Menschheit zu hherer Entwickelung. Sie allein ist es, welche die
wichtigste Seite des menschlichen Lebens, die Thtigkeit des Geistes
berhaupt erst ermglicht. Zu diesem Endzweck menschlicher Entwickelung
ist aber jedes Volk berufen und die einzige Aufgabe schon civilisirter
Nationen uncivilisirten gegenber kann nur die sein, die Civilisation
auch zu jenen hinzutragen, nicht aber durch die reichlicheren und
wirksameren Mittel derselben jene zu vertilgen. Auch darf hierbei nicht
bersehen werden, wie nichts der Civilisation selbst gefhrlicher ist,
als Zurcksinken in Rohheit, weil ein solches mit stets zunehmender
Geschwindigkeit, gleichsam nach den Fallgesetzen vor sich geht. Das
wste Verfahren gegen die Naturvlker ist aber ein solches Zurcksinken
in Rohheit und wie beim lngeren Vernichtungskampf gegen sie jene
Rohheit schrecklich wchst, das haben wir schon gesehen. Ganze Stmme
civilisirter Nationen sind durch sie, zu der sich dann noch Faulheit und
Genusssucht gesellten, in die usserste Barbarei zurckgesunken oder
doch wenigstens merklich in ihrer Entwickelung aufgehalten: so die
Hollnder am Cap, die Spanier und Portugiesen und zum Theil die
Englnder in Amerika. Das ewige Blutvergiessen und Morden musste sie
immer gleichgltiger, immer roher machen und dadurch schwanden
selbstverstndlich gar manche andere Interessen; Faulheit und so manches
andere, obwohl gar manche Kolonisten auch davon einen reichlichen
Vorrath mitbrachten, war die natrliche Folge der fortgesetzten
Grausamkeit. Fhrt uns dieser letztere Punkt schon aus dem theoretischen
und moralischen mehr ins praktische Gebiet, so gibt es auch noch andere
praktische Grnde, welche fr Schonung und Hebung der Naturvlker,
keinen aber, der dagegen spricht. Waitz (1, 484) setzt auseinander, dass
bei den grossen Unterschieden in der Naturumgebung der Menschen, bei den
mannigfaltigen Fhigkeiten und Eigenschaften, welche die verschiedenen
Vlker im und durch den Lauf der Zeiten entwickeln, die Civilisation der
gesammten Menschheit auch in hchster Vollendung keine ganz gleiche zu
sein braucht, ja auch nur sein kann. Ohne dass ein Volk dem anderen die
materielle oder die geistige Arbeit ganz abnehmen knnte, wrde sich
doch das Verhltniss so gestalten, dass bei einigen die eine, bei
anderen die andere Art der Arbeit in ein entschiedenes Uebergewicht
trte, dass einige in der einen, andere in der anderen Richtung sich
produktiver zeigten und dem entsprechend auf die brigen wirkten und
ihnen mittheilten. Den Tropenlndern wrde alsdann mehr oder weniger
allgemein die berwiegende Produktion der materiellen, den gemigten
Klimaten die der geistigen Gter zufallen. Eine hohe Stufe
intellektueller Bildung, tiefes Denken und eine durchgebildete, auf
feiner und vielseitiger Ueberlegung ruhende Sittlichkeit, scheint bei
der geistigen Erschlaffung kaum erreichbar zu sein, welche das Leben in
der heissen Zone fr den Europer wie fr den Eingeborenen mit sich
bringt (1, 185). Gerade weil aber das Leben unter den Tropen
erschlaffend wirkt und auf den weissen Einwanderer noch mehr als auf den
Eingeborenen, so ist es fr ersteren der grsste Vortheil, wenn ihm
Untersttzung von letzteren zu Theil wrde. Von wie grossem Segen wre
es fr alle Kolonien, statt wie jetzt in oft so blutiger Feindschaft mit
den Eingeborenen zu leben, in ihnen Helfer und freundliche und
intelligente Arbeiter zu finden und so empfiehlt sich schon von rein
praktischer Seite fr den Europer die Schonung und Hebung der
Naturvlker durchaus.

Auch haben diese letzteren manches und wenn es bloss die Kenntniss der
sie umgebenden Natur wre, was sie als ntzliche Dankesgabe fr eine
ihnen gewidmete treue Sorgfalt geben knnten. Hatten doch einige von
ihnen reiche und originelle Kulturen entwickelt, deren Zerstrung ein
unersetzlicher Verlust fr die Menschheit ist. Zunchst ist es die Hhe
und Reinheit der mexikanischen Moral, wovon Waitz (4, 125 ff.) Proben
gibt und die auch hinter den Lehren des Christenthums keineswegs weit
zurckbleiben, was jene Behauptung rechtfertigt. Zugleich aber war in
Mexiko wie in Peru auch die intellektuelle Fhigkeit hoch entwickelt,
und was sie in industrieller Beziehung leisteten (Bauwerke, Goldarbeiten
u.s.w.) ist bekannt genug. Sicher ist uns vieles von dem, was sie
leisteten, durch die Art der Eroberung verloren; und was eine solche
Kultur geleistet haben wrde, wenn sie durch freundliches und
allmhliches Bekanntwerden mit der europischen erhht worden wre,
darber haben wir kein Urtheil. Jedenfalls sind verschiedene Brennpunkte
der Kultur fr die Menschheit nur ein Vortheil und zwar ein ganz
unschtzbarer, wenn man bedenkt wie langsam im allgemeinen die
Entwickelung der Vlker ist. Auch ist kein geringer Werth auf die
originale Verschiedenheit solcher selbstndiger Kulturen zu legen; durch
ihr Zusammentreffen, Wetteifern, selbstndiges Schaffen wird mehr und
allseitiges ins Leben gerufen und der menschliche Geist mehr und
allseitiger entwickelt, als durch eine einzige in sich wesentlich
gleiche Kultur.

Mge denn von diesen Vlkern wenigstens gerettet werden, was noch zu
retten mglich ist. Bis jetzt steht die Entwickelung der Menschheit auch
nach dieser Seite hin ganz unter naturalistischem Gesetz. Der Kampf ums
Dasein, in welchem es der Strkere ist, welcher siegt, zeigt sich im
vollsten Maasse; die erstarkten Raen breiten sich aus, gewaltsam und
zum Unterschied von der unvernnftigen Natur mit Lust und ohne
Bedrfniss zerstrend, und ihnen erliegen die schwcheren. Allein der
Mensch ist der Vernunft und der Liebe fhig und gerade darin sollte der
strkere des vernunftbegabten Geschlechtes seine Kraft zeigen, dass er
schwcheres liebend zu sich emporhebt, statt es zu vernichten; dann
wrde der Geist, die sittliche Wahl des Menschen herrschen und die
Gesamtheit htte einen grossen Schritt weiter gethan auf der Bahn, die
sie gehen muss, in der Befreiung des Geistes von den rohen Fesseln der
usseren Natur.




Funoten:


[A] Hale sagt ausdrcklich, dass sie ihm nicht zu hoch schiene; er hatte
die Angabe von Punchard, einem Englnder, der mehrere Jahre auf der
Insel gelebt hatte.

[B] Auch die Beispiele, welche Darwin a.a.O. zur Erhrtung seiner
Hypothese von dem schdlichen Effluvium lang eingeschlossener Menschen
mittheilt, lassen sich aus Obigem, wie es scheint, erklren, ebenso das
Erkranken der Shropshirer Schafe. Jenes Effluvium ist weiter nichts, als
eben solche unbewusst mitgeschleppten Miasmen, an welche der, welcher
sie mitbringt, seine Natur nach und nach accommodirt hat.

[C] Diese Frhreife der Weiber ist wohl nicht, wie Humboldt b 2, 190
will, Raencharakter. Einmal widerspricht dieser Behauptung, dass sich
mancherlei Beispiele von spter Entwicklung auch unter den
Amerikanerinnen findet; und sodann, dass fast bei allen Naturvlkern die
Mannbarkeit so frh eintritt. Wenn nun auch das Klima mannigfachen
Einfluss hierauf hat (Waitz 1, 45), so doch keineswegs einen berall
gleich bleibenden und sicher nachzuweisenden. Denn bei den Eskimos, bei
den Kamtschadalen und anderen Vlkern in so hohen Breitengraden finden
wir dieselbe Erscheinung und die Fidschis z.B. in der heissen Zone
zeigen sie nicht. Waitz 1, 125 fhrt die animalische Nahrung und die
hohe Temperatur in den Htten vieler dieser Vlker als Grund an. Allein
auch dies trifft nicht bei allen zu. Sollte nicht der Grund der frhen
Mannbarkeit der sein, dass einmal bei der gnzlichen Schrankenlosigkeit
der Naturvlker die Wnsche frher erregt und ferner die Mdchen zu
frhe begehrt werden? Das konnte und musste im Laufe der Generationen
seine Wirkung zeigen. Die Gewhnung vererbte sich immer mehr, setzte
sich durch Vererbung immer fester, und so entwickeln sich die
Geschlechtsfunktionen wirklich frher, als es der menschlichen Natur
eigentlich normal ist. So wrde sich diese Erscheinung bei allen
Naturvlkern gleich gut erklren: und man lernt tglich Gewhnung und
Vererbung mehr in ihrer Bedeutung fr die Geschichte der Menschheit
schtzen. Dass Klima und sonstige Lebensweise mit gewirkt haben, soll
damit nicht abgelugnet werden; nur sind sie bei den Naturvlkern von
untergeordnetem Einfluss, und die Einwirkung von Gewhnung und Vererbung
ist gewiss die Hauptsache. Nirgends ist der Einfluss des Willens, der
Wnsche und Gedanken so gross, als gerade im geschlechtlichen
Verhltniss.

[D] Spuren von ihr finden sich auch in Sdamerika, so bei Azara 248, der
von den Mbayas erzhlt, dass ihre Weiber nie Fleisch von Khen und Affen
essen; doch, da ihre Mdchen berhaupt kein Fleisch, nicht einmal grosse
Fische und zur Zeit der Periode nur Gemse und Obst geniessen, so knnte
man diese Enthaltsamkeit auch einfacher erklren. Dagegen ist es gewiss
eine dem nordamerikanischen Totem ursprnglich verwandte jetzt nicht
mehr verstandene Sitte, wenn die Cariben z.B. nie Affen essen, dagegen
die Ameisenbren als Delikatesse aufsuchen, welche wiederum die Makusis
nur nothgedrungen essen wrden (Schomburgk 2, 434). Thiere gelten auch
in Sdamerika als die Stammvter und Schutzgeister mancher Vlker. Und
nicht anders ist es in Afrika bei den Betschuanen, deren einzelne Stmme
unvernderliche, ihre Abstammung von gewissen Thieren bezeichnende Namen
besitzen. Diese Thiere werden von den Vlkern, die sich nach ihnen
nennen, heilig gehalten, weder gejagt noch gegessen und man pflegt durch
die Frage was tanzt ihr nach dem Namen desselben sich zu erkundigen.
So gibts Mnner des Lwen, Krokodils, Stachelschweins, Fischs, Affen,
doch auch des Eisens, Waitz 1, 352. 413. Die Frage was tanzt ihr? ist
merkwrdig. Sie erinnert an manchen Thiere darstellenden Tanz
amerikanischer und australischer Vlker, und es liegt nahe anzunehmen,
dass die heiligen Tnze zuerst das Leben der Schutzgeister
versinnbildlichten, wie die Griechen die Geschichte ihrer Gtter
tanzten. Spter erblasste die Bedeutung solcher Tnze vielfach.

[E] Aehnliches findet sich auch bei indogermanischen Vlkern. Heilige
Thiere als Wappen und in Eigennamen waren sehr gebruchlich, vergl.
Grimm D.M. 633. Tdtete man sie auf der Jagd, oder beschnitt man einen
heiligen Baum, so waren auch dabei bestimmte vershnende und abbittende
Gebetsformeln blich, eb. 618.

[F] Wenn hier Kadu nicht irrthmlich einen rohen melanesischen Stamm
meint; oder, um etwas recht Entsetzliches zu erzhlen, absichtlich oder
selbst getuscht aufbindet. Denn wahrscheinlich ist die Angabe fr die
Palaus nicht.

[G] Zwillinge werden fast von allen Naturvlkern getdtet: auch von den
Negern (Waitz 2, 124).

[H] Obwohl auch Jarves 83 manche der Zahlen anzuzweifeln scheint.

[I] Dass brigens auch bei Indogermanen und Semiten die Kinder vielfach
getdtet sind, ist ja bekannt genug. In Griechenland wurden die Kinder
umgebracht, welche der Vater, wenn sie die Hebamme ihm vor die Fsse
legte, nicht aufhob; eine Sitte, die bei Plautus und Terenz, d.h. also
der spteren attischen Komdie so vielfach erwhnt wird. Namentlich
Tchter wurden umgebracht. Diese Tdtung geschah durch Aussetzung
zumeist (Schmann griech. Alterthmer 1, 562). Bei den alten Deutschen
herrschte durchaus derselbe Gebrauch. Aus semitischem Gebiet sei
zunchst an Abrahams Opferung Isaaks erinnert, sodann an den
Molochdienst der Phnicier, der so vielfach von den Juden nachgeahmt
wurde (Winer, bibl. Realwrterbuch unter Moloch) so wie an die der
Astarte geschlachteten Kinder (Movers Phn. 2, 2, 69). Allerdings ist
der semitische Gebrauch ein religiser, also zum Kinderopfern gehrig.
Doch liesse sich auch fr blosses Aussetzen der Kinder manches
Semitische beibringen.

[J] Auch was Humboldt b5, 110-111 von den Mysterien des Botuto, einer
Trompete von Thon mit mehreren kugelartigen Anschwellungen, die zu allen
feierlichen Ceremonien gebraucht wird, erzhlt, gehrt hierher: um in
die Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden, muss man rein von Sitten
und unbeweibt sein. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geiselung, dem
Fasten und anderen angreifenden Andachtsbungen. Durch die Trompete
theilt der grosse Geist den Eingeweihten seinen Willen mit; sie stehen
also mit den Gttern in nherem Verkehr als andere Menschen und das war
auch der Grundgedanke der Areois. Ganz hnlich wird von Haiti berichtet.
Die Caziken nmlich standen, erzhlt Waitz 4, 329 nach Herrera,
Torquemada und Petr. Martyr, ohne selbst Priester zu sein, doch an der
Spitze des Cultus: die Tempel und Opferpltze, wo die Gottesverehrung
stattfand, waren entweder ihre Huser selbst oder Htten, die als ihnen
gehrig betrachtet wurden; dort waren die Bilder der Ahnen aufgestellt,
die von Holz, inwendig hohl und mit einem Rohre versehen nur von ihnen
um Orakel befragt werden konnten und nur aussprachen was sie ihnen
eingaben. Sie berauschten sich zu diesem Zwecke mit einer Art von
Schnupftabak und fhrten die heilige Handlung allein aus, von der
natrlich das Volk ausgeschlossen blieb. Auch Tnze gehrten zu diesen
religisen Mysterien, die sie allein kannten, auch dies wieder wie bei
den Areois.

[K] Jak. Grimm, Gesch. d. d. Sprache 1. Aufl. (1848) S. 143 ff. stellt
eine Menge Vlker zusammen, bei welchen derselbe Gebrauch vorkam:
Scythen (Issedonen, nach Mela 3. Auflage 1868), Kelten (3. Auflage),
Germanen verschiedener Stmme (Deutsche, Schweden) Romanen und Slaven.
Merkwrdig ist, dass auch bei Heiligen-Schdeln der Gebrauch vorkommt,
so zu Trier, zu Neuss, und nach Aventin (Ausg. v. 1566 fol. 33, a) zu
Ebersberg und Regensburg. Der Gebrauch ist also derselbe; man sieht, es
war wohl zunchst eine Art von Kannibalismus, dann aber auch ein Zeichen
der Freundschaft, der Liebe, dankbarer Erinnerung. Zu beachten ist noch,
dass Aventin sagt, Niemand htte aus einem solchen Schdel trinken
drfen, wer nicht einen Feind erschlagen htte, da auch dieser Zug an
manches Aehnliche unter den Naturvlkern erinnert. Doch knnen wir diese
hchst merkwrdigen Uebereinstimmungen hier nicht weiter verfolgen.

[L] Herod. 4, 26 (nach Grimm a.a.O.) sagt von den Issedonen [Griechisch:
epean andri apothan patr, hoi proschontes pantes prosagousi
probata chai epeiten tauta thysantes chai chatatamontes ta chrea
chatatamnousi chai ton tou dechomenou tethneta gonea, anamixantes de
panta ta chrea daita protitheatai]. Auch die Wilzen und Skythen assen
ihre verstorbenen Eltern. Die Wenden tdteten noch im 16. Jahrhundert
ihre arbeitsuntchtigen Vter unter besonderen Ceremonien (Khn,
mrkische Sagen und Mhrchen 335). Auch hier stehen wir vor einer
uralten und weit verbreiteten Sitte, die wir hier ebenfalls nur
berhren, nicht abhandeln knnen. Vgl. was etwas weiter unten ber Mare
und Neuguinea gesagt wird. Ueber dieselbe Sitte bei Rmern, Griechen,
Phniziern (Sardinien), spanischen, deutschen u.a. Vlkern siehe Merklin
in den Memoires de l'academie de Petersbourg 1852 S. 119 und Osenbrggen
in der Vorrede zu Cicero pro S. Roscio p. 51 ff. Auch das litauische
Sprichwort (Schleicher lit. Mhrchen 179) wie das Shnchen heranwchst,
hat es auch den Vater erwrgt, knnte auf eine hnliche, jetzt lngst
abgekommene Sitte hinweisen.

[M] Bei Bechst. bekommen Knaben nach Genuss einer Zauberspeise die
Fhigkeit zu fliegen. In einem sehr hnlichen indischen Mhrchen bei
Somadeva (Brockhaus 104) ist diese Speise Menschenfleisch. Ein
Zusammenhang beider Erzhlungen wre nicht undenkbar.

[N] Die Menschenschdel, welche am Eingange des Palastes, an den
Stadtthoren und allen wichtigen Pltzen Dahomeys angebracht sind (Waitz
2, 130), kann man gewiss nicht anders deuten. Auch unter den Semiten war
der Gebrauch verbreitet: die phnicischen Stdte wurden dadurch fest
gemacht, dass man an ihren Thoren und sonst Menschen eingrub (Movers
Phnizien 2, 46). Bei den Indogermanen kommt er vielfach vor; er war bei
den Germanen sehr verbreitet, wie Ueberreste dieser Sitte noch heute
beweisen; so wird z.B. am Sdharz das kleinste Kind des Hauses barfuss
in den frischen Estrich hineingestellt, damit er halte u.s.w. Bei den
Slaven kommt er vor, wie sich in vielen ihrer Mhrchen und Sagen zeigt
(z.B. Talvj Volkslieder d. Serben 1, 117, die Erbauung Skodras); von den
Kelten wird er gleichfalls erwhnt und Hahn albanesische Studien 1, 160
erzhlt dasselbe von Albanien. Die Thiere, die man jetzt dort schlachtet
und ganz oder theilweise einmauert (wie auch in Deutschland viel
geschah), vertreten nur die frheren geopferten Menschen. In Albanien
herrscht auch, um das zu  4 nachzutragen, ein ganz hnliches
Heilverfahren, wie bei Hottentotten, Amerikanern und Australiern. Jedes
Uebel, das auch hier nur auf Bezauberung beruht, wird in Gestalt von
etwas Festem aus dem Krper entfernt und dieses letztere dann
eingewickelt fortgeworfen. Wer auf das Eingewickelte tritt, auf den geht
die Krankheit ber (ebend, 159).

[O] Der getdtete Englnder hiess Cheyne und ist derselbe, welcher das
auch von uns vielfach benutzte Buch a description of islands in the
Western Pacific Ocean, north and south of the Equator geschrieben hat
(Petermann, Mittheil. 1868, 28). Obwohl nun dies und seine anderen
Schriften sehr werthvoll sind zur Kenntniss des sonst noch so wenig
gekannten westlichen Theiles des stillen Ozeans; so hat man doch bei der
Benutzung Vorsicht anzuwenden, da Cheyne, selbst Sandelholzhndler (und
Trepangfischer) sich bei der moralischen Beurtheilung der geschilderten
Vlker sehr hufig von seinen Handelsinteressen beeinflussen lsst. So
schildert er die Melanesier ohne Ausnahme (Fichteninsel, Lifu, Mare,
Uea, Tanna, Erromango u.s.w.) als wild und hchst verrtherisch und
war selbst hufig mit ihnen im Streit. Ebenso erzhlt er von _allen_
Karoliniern, dass man ihnen nicht trauen drfe. Er steht also selbst auf
dem Standpunkt der Sandelholzhndler und beachtet nicht, was die
Eingeborenen von diesen an Ungerechtigkeit, Raub und roher Gewalt zu
leiden hatten. Nach der Lektre seines Buches wundert man sich nicht,
dass er ein solches Ende genommen hat; das ganz einseitige Betonen
seiner Handelsinteressen liess vielmehr nichts anderes erwarten. Es
fllt daher von hier aus erst das wahre Licht auf die Vorgnge in Koror,
sowohl auf sein Auftreten als auf den Racheakt des englischen
Kriegsschiffes.










End of the Project Gutenberg EBook of ber das Aussterben der Naturvlker
by Georg Gerland

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NATURVLKER ***

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