The Project Gutenberg eBook, Der Schwimmer, by John Henry Mackay


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Title: Der Schwimmer

Author: John Henry Mackay

Release Date: February 15, 2005  [eBook #15068]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHWIMMER***


E-text prepared by Hubert Kennedy



DER SCHWIMMER

Die Geschichte einer Leidenschaft

Roman von

JOHN HENRY MACKAY







Meiner geliebten Kunst--des Schwimmens--gewidmet...


Erster Teil


1

Wann er schwimmen gelernt hatte?--Man htte ihn ebensogut fragen
knnen, wie und wann er gehen gelernt habe.

Er wute nicht mehr, wann er das erstemal ins Wasser gegangen war;
aber seine ersten Kindheitserinnerungen waren mit dem Wasser
verknpft, das sein Element war und in dem er lag, wie er auf der
Erde ging.

Er war ein geborener Schwimmer.


2

Er hie Franz Felder und war der Sohn sehr braver und sehr armer
Eltern in Berlin O, der fnfte unter achten. Alle waren es stmmige
Kerle mit dunklen Haaren und klaren Augen, und beide Eltern hatten
vollauf zu tun, die hungrigen Muler vom Morgen bis zum Abend zu
stopfen, von denen mindestens eines immer nach einer Stulle
aufgesperrt war. Sie taten es redlich und gern, und zu hungern
brauchte keines. Aber damit war auch der Kreis ihrer elterlichen
Pflichten geschlossen, und sobald wie nur mglich blieben die Kinder
einander und sich selbst berlassen und muten sich mit durchs Leben
helfen, so gut oder so schlecht, wie es eben ging.

Der lteste lernte eben aus, als der kleine Franz geboren wurde, und
nach diesem kamen dann noch drei, die--wie er vordem den
vorhergegangenen lteren--so nun seiner Obhut mit anvertraut wurden,
sobald er selbst auf den Fen stehen konnte. Ohne viel Worte und
ohne jede Zrtlichkeit herrschte immer ein gutes Zusammenhalten
zwischen den Brdern. Es uerte sich hauptschlich ebensowohl in
derben Prgeleien, wie in solidarischem Durchhelfen bei allen kleinen
und groen Fhrlichkeiten ihrer im ganzen und groen recht
mhseligen, aber nicht unglcklichen Jugend.


3

Er hatte das Schwimmen nie "gelernt"; wenigstens konnte er schwimmen,
solange er zurckzudenken vermochte, und das war etwa bis in sein
viertes Jahr. Damals fiel er auf einer Landpartie, deren Hhepunkt
eine Kahnfahrt bildete, ins Wasser--die Frauen kreischten und die
Mnner fluchten, whrend er herausgeholt wurde; aber ihm machte die
Sache Spa, und er lachte seelenvergngt, so da jemand sagte: "Der
fllt uns gleich zu seinem eigenen Vergngen nochmal hinein..."--was
die entsetzte Mutter veranlate, ihren Franz fr diesen Tag
wenigstens nicht mehr von der Seite zu lassen.

Aber das war eine jener Erinnerungen, die nur deshalb so stark in uns
zu liegen scheinen, weil wiederholte Erzhlungen anderer sie strzen
und halten.

In Wirklichkeit sah sich Franz Felder in seinen Gedanken
zuerst als kleinen Jungen von fnf Jahren lange, lange, warme
Sommernachmittagsstunden am Ufer der Spree bei Treptow. Seine Eltern
wohnten damals in zwei kleinen, heien Zimmern in einem Hinterhause
der Fruchtstrae, aber der Vater hatte es zum groen Jubel der ganzen
Familie fertig gebracht, fr den Sommer auf einem der Felder am
Treptower Bahnhof eine der vielen "Lauben" zu mieten, und man hatte
nun ein winziges Stckchen Erde, auf dem man einige Kohlkpfe ziehen
und zu dem man hinauspilgern konnte in dem stolzen Gefhl eigenen
Besitztums.

Der Vater und der eine oder andere der lteren Brder, die schon
arbeiteten, kamen erst des Abends; aber die Mutter, welche krnkelte,
verbrachte oft mit den Jngsten ganze Tage auf dem reizlosen Fleck,
wo sie wenigstens in freier Luft war.

Sooft er nur konnte, rckte Franz aus. Erst klagte und schalt die
Mutter, dann lie sie ihn laufen, da es doch nichts half, ihn
zurckhalten zu wollen.

Eine besondere Anziehungskraft hatte fr ihn ein groer Holzplatz an
der Spree. Seit er einmal, dort umherschlendernd, fr den
Zimmermeister eine Weie geholt hatte, stand ihm der Zutritt gegen
Leistung gelegentlicher gleicher und hnlicher kleiner Dienste offen,
und nichts hinderte ihn, zwischen den Balken und Stmmen
herumzuklettern, soviel er wollte.

So wurde der Holzplatz seine Heimat fr diesen Sommer. Aus Spnen
kleine Khne zu bauen, sie mit einem Knopf oder irgend etwas anderem
zu "befrachten", sie dem groen Wasser anzuvertrauen und zu sehen,
wie es sie hintrieb und verschlang, wurde er nie mde; oder Grben
und Buchten zu bilden und das Wasser hineinzuleiten und
herumzupantschen und zu mantschen, bis der Feierabend allen seinen
Spielen fr diesen Tag ein Ende machte.

Ein besonderes Fest war es jedesmal, wenn er in einem wirklichen
groen Boote, das von der anderen Seite herbergekommen war und
anlegte, ein Stck mitgenommen wurde oder etwa gar selbst eine
Ptschel fhren durfte.

Aber am meisten von allem lockte ihn das Wasser selbst; und sechsmal
an heien Sommertagen mindestens warf er Hemde und Hose in den Sand
und tauchte sich in die braune, trge, lauwarme Flut. Er schwamm
schon wie ein Fisch. Er ging auf den Grund und holte Steine aus dem
Schlamm herauf. Er glitt unter den Flen durch und verschwand hier,
um dort in die Hhe zu kommen.--Und er lernte seinen ersten Sprung,
den einfachen Kopfsprung. Erst von dem Rand des Floes, dann von dem
des Nachens, endlich von dem des groen Spreekahnes plumpste er--den
Kopf voran und mit ausgespreizten Beinen--wie ein Frosch ins Wasser.

Ach, und wie war es schn, den nassen Krper in das heie Sgemehl zu
werfen, sich auf Bauch und Rcken darin herumzuwlzen und dann den
weien Pelz mit einem Sprunge wieder abzuwaschen!... Und stundenlang
in der Sonne zu liegen und die Khne und Dampfer mit festlich
geputzten und frhlichen Menschen auf der Spree vorberziehen zu
sehen, whrend die roten Wnde der Fabriken und die weien der Villen
im Glanz des Sommertages aus dem Grn der Ufer hervorleuchteten und
der blaue Himmel sich ber alles spannte, die Ringbahnzge ber die
nahe Eisenbahnbrcke donnerten und unter ihr die Dampfer pfiffen und
luteten...

Es war ein groer Sommer fr den kleinen Kerl, der von den Arbeitern
auf dem Platz, die sich nur selten und nur bei bergroer Hitze ins
Wasser wagten, wie ein kleines Wundertier angestaunt und ihre "Otter"
genannt wurde, wenn er pltzlich zu aller Ergtzen im Wasser lag und
seine ersten, kleinen Kunststcke zeigte.

Im Herbst dieses Sommers war er braun wie ein Neger, gesund und immer
hungrig wie ein Haifisch, und er begann bereits, sich etwas
einzubilden auf seine frhe Kunstfertigkeit...


4

Mit sechs Jahren kam er, wie jeder andere Berliner Junge, in die
Volksschule um bis zu seinem vierzehnten Jahre, dem der Einsegnung,
in ihr zu bleiben. In diesen Jahren lernte er schreiben, rechnen und
lesen und einige allgemeine, elementare Kenntnisse, das heit, Franz
Felder lernte auch hiervon nur das allernotwendigste. Seine Schrift
behielt immer die klobigen Formen der Ungewandtheit, und man sah ihr
an, wie mhsam es ihm wurde, die Feder zu fhren; sein Rechnen ging
gerade so weit, um zur Zusammenzhlung seiner kleinen Ausgaben und
Einnahmen zu dienen; und sein Lesen--ach, der arme Franz Felder hat
in seinem kurzen Leben wenig mehr gelesen, als hier und da den
"Lokalanzeiger" und eine Annonce an der Litfasule, denn es ist ihm
ewig unverstndlich geblieben, wozu Bcher berhaupt anders
existierten als um den berflu an Zeit zu beseitigen.

Er brachte sich mhsam durch die acht Klassen bis zur ersten hinauf.
Zweimal blieb er sitzen, und dreimal half ihm sein "gutes Betragen"
durch. Auch die guten Schler konnten es nicht weiter bringen, denn
bis zum vierzehnten Jahre muten sie alle miteinander in der Schule
bleiben. Dann begann fr sie alle das Leben--die Arbeit.

Franz war durchaus kein guter, aber auch grade kein schlechter
Schler. Es gab noch viel Dmmere als ihn. Er begriff das wenige, was
er zu begreifen hatte, schwer und manches gar nicht; aber was er
einmal in sich aufgenommen hatte, war auch sein geworden.

Im allgemeinen war ihm die Schule hchst gleichgltig; er ging hin,
weil es nun einmal sein mute.


5

Aber nicht allein durch die Schule, sondern auch durch die
Notwendigkeit frhen Verdienens wurde seine Zeit in Anspruch
genommen, und desto mehr, je lter er wurde.

Zwar folgten auf jenen ersten Sommer frohen Umhertummelns und
sorglosen Genieens noch einige andere gleich und hnlich schne,
aber immer fter hie es: "Du mut dies und das tun und holen"--und
ein jeder solcher Befehle vernichtete einen Wunsch. Es kam auf jeden
Groschen an, der verdient werden mute, und zudem verlangten die
jngeren Brder Beaufsichtigung und Frsorge von den lteren, wie er
sie selbst von den Voraufgegangenen genossen.

Dennoch gab es immer noch viele Stunden ungetrbter Seligkeit fr den
Knaben, wenn er hinaus konnte ins Freie zum Baden.

Es waren die Stunden, fr die er lebte, an die er stets und stndig
am Tage dachte und von denen er des Nachts trumte--seine grte
Freude und sein durch kein anderes bertroffenes Vergngen.

Im Sommer mute einmal am Tage wenigstens gebadet werden; das war
Selbstverstndlich, und der Tag verloren, an dem es nicht sein
konnte. Aber nicht etwa baden, was die anderen so nannten: aus den
Kleidern ins Wasser und wieder hinein--sondern hinein und hinaus und
in die Sonne, und wieder und wieder ins Wasser, und am liebsten so
den ganzen Nachmittag. Und schwimmen und springen und tauchen und im
Wasser whlen wie ein Seehund--das nannte _er_ baden. Als er noch ein
kleiner Kerl war, gab es berall an der Spree Gelegenheit,
splitternackt ins Wasser zu springen, wenn man nur aufpate, da kein
Schutzmann in der Nahe war. Aber als er lter wurde, ging es doch
nicht mehr so gut auerhalb der Badeanstalt und ohne Badehose.

Vor dem Schlesischen Tor war ein groes Stck Spree am Ufer durch
einen hohen Zaun abgetrennt. Auf seiner Innenseite zog sich ein Gang
an allen Seiten hin, und es liefen Bnke an ihm entlang, ber denen
Ngel zum Aufhngen der Kleider eingeschlagen waren. Auerdem gab es
noch ein wackeliges Sprungbett auf einer Art Turm, von dem man "bei
Strafe" hinunterspringen mute, wenn man ihn betreten hatte, und im
Wasser lag ein Kreuz aus Balken zur Belustigung der Badenden.

Das war die groe Schwimm- und Badeanstalt "Osten", die grte
Berlins. Die Balken und Bretter waren schwarz und morsch vor Alter
und die Ngel verrostet, und nie wurde ein neuer eingeschlagen, denn
das htte ja Kosten und Mhe verursacht. Alles war verwahrlost, aber
Raum gab es hier in Flle, und an allen heien Sommertagen waren die
Gnge vom Morgen bis zum Abend dicht besetzt mit vielen Hunderten von
nackten, schwitzenden Krpern, und der Lrm in und auer dem Wasser
nahm kein Ende, ob am Nachmittag die barfige Jugend des Ostens oder
am Abend die schwarze Arbeiterschaft nach ihrem Tagewerk anrckte.
Das Bad kostete einen Groschen, und den ganzen Sommer konnte man hier
fr einen Taler baden. Was aber Franz Felder vor allem reizte, das
war, da man hier nie oder doch nur ganz selten hinausgeschmissen
wurde, auch wenn man die formell vorgeschriebene Badezeit von einer
Stunde lngst berschritten hatte. Bei der ungeheuren Menge von
Badenden war es den Bademeistern ganz unmglich, irgendeine Kontrolle
auszuben, und es war ihnen auch ganz gleichgltig, mochten sich die
Krper in und auer dem Wasser stoen und drngen und die Kleider
ber- und die Stiefel durcheinander geworfen werden--solange man sich
nur nicht prgelte oder einer am Ertrinken war und herausgeholt
werden mute, rhrte sich keiner vom Flecke.

Franz beschlo, hierher die Sttte seiner sommerlichen Ttigkeit zu
verlegen und daher mute er den Taler haben. Das war sehr viel Geld
auf einmal, aber unmglich schien es ihm nicht, ihn fr sich
zusammenzubringen, ohne da die Mutter es merkte; denn die htte
natrlich gesagt, einmal in der Woche zu baden sei genug--(soviel
verstand die davon!)--und htte ihm das Geld abgenommen. Im Mrz fing
er an zu sparen: Sechser fr Sechser und Groschen fr Groschen, und
er hatte ein wundervolles Versteck auf dem Dachboden des Hauses in
einem alten Strumpf und in einer Ecke, wo nie jemand hinkam, da kein
anderer im ganzen Hause so geschmeidig war, sich bis dahin durch
Bretter, Balken und Gerumpel durchzuwinden. Aber im Mai wurde der
Vater krank, und eines Abends kroch Franz voll Edelmut, aber nicht
ohne Bitterkeit hin zu seinem Schatz und trug ihn in die Apotheke.

Jetzt mute er von neuem anfangen, und er tat es: er trug des Morgens
Frhstck aus, bevor er zur Schule ging, und lauerte am Nachmittag
auf die Reisenden am Schlesischen Bahnhof, denen er hier und da ein
Stck Gepck trug, und als im Juni nach einem kalten Frhling der
herrliche, geliebte Sommer und seine Sonne kam, lag er im Wasser und
schwamm, da es eine Art hatte. Diese Sommernachmittage waren noch
sein--in diesen und in den nchsten Jahren--solange er auf der Schule
war. Er lie sie sich nicht verkrzen. Nach dem Essen rckte er aus
und kam am Abend wieder, mochten sie daheim sagen, was sie wollten.
Zwischen diesen vier schwarzen, hlichen Bretterwnden, die alles,
nur nicht den Himmel versperrten, verbrachte er die langen Stunden
ungezhlter Nachmittage. Hier war die Welt, in der er lebte. Hier
lernte er seine ersten, kunstgerechten Sprnge, und hier bildete er
seinen kleinen Krper in unausgesetzter bung zu der Kraft aus, die
ihn spter zu den Leistungen seiner Siege befhigen sollte.

Solange er noch nicht eingesegnet war, brachte er es fertig, sich fr
jeden Sommer seinen Taler zusammenzusparen, und diese Sommer
vergingen ihm fast wie ein einziger, langer, warmer Sonnentag, den
er--durchschwamm.--

Aber auch die Winter dieser Jahre seiner frhen Kindheit waren nicht
ohne alle Freuden. Die Stadt Berlin hatte nach langem Zgern im Osten
ein groes, rotes Gebude errichtet: eine Volksbadeanstalt mit
musterhafter Einrichtung, die neben den mancherlei Arten von Wannen-
und Brausebdern als Mittelpunkt auch eine groe Schwimmhalle
umfate, die Sommer wie Winter geffnet war und das Schwimmen zu
jeder Jahreszeit ermglichte.

Es war die zweite stdtische Anstalt dieser Art. Bisher hatten sich
in Berlin nur zwei oder drei andere Privat-Anstalten mit
Schwimmbassins mhsam zu halten vermocht, da die wenigsten Menschen
berhaupt von der Mglichkeit, "im Winter zu schwimmen", eine
Vorstellung hatten und die Existenz solcher Schwimmhallen ihnen daher
einfach unbekannt und unverstndlich war.

Fr Franz Felder waren diese privaten Anstalten deshalb nicht in
Betracht gekommen, einmal weil sie viel zu entfernt lagen, und dann,
weil das Baden in ihnen viel zu teuer war. So war die neue Anstalt
der Stadt wie fr ihn gebaut, und wenn er auch im Sommer an dem
schmucken Gebude mit Verachtung vorbei und in den groen Kasten an
der Spree lief, so wandte sich ihm doch seine ganze Aufmerksamkeit
zu, als der "Osten" sich hinter ihm als dem letzten Badenden bis zum
nchsten Sommer schlo und der alte Bademeister, als er ihn endlich
endgltig hinausschmi, halb brummend, halb lachend gemeint hatte:
"Na, weete, du hast ooch mehr an uns als wir an dir verdient!"...

Franz brachte es fertig, Eintritt auch in das neue Ziel seiner
Wnsche zu erlangen. Es war allerdings nicht an ein Abonnement fr
den ganzen Winter zu denken--eine unerschwingliche Summe, die er
weder zusammengebracht htte, noch gewagt haben wrde, selbst fr
diesen Zweck zu verwenden, auch wenn er im Winter die Zeit gehabt
htte zu tglichem Baden; schon die einzelnen Bder waren fr ihn
teuer. Aber sie waren doch zuweilen erschwingbar, und auerdem wurden
von der Gemeindeschule aus die jngeren Schler ein- oder zweimal
wchentlich vom Lehrer hierher gefhrt, und bei dieser Gelegenheit
berkam Franz eine Ahnung von dem Zweck und Nutzen der Schule. Diese
Freibder vershnten ihn mit mancher anderen langweiligen und
lstigen Stunde.

Das einzige, was ihm diese Freibder im Winter zu verkmmern
vermochte, war die Krze der vorgeschriebenen Zeit, in der die Kinder
im Wasser verweilen durften, und ob auch der Lehrer, selbst ein
groer Schwimmer und gtiger Freund seiner Kleinen, bei Franz ein
Auge zudrckte, wenn dieser selbst durch die Schnelligkeit, mit der
er sich in seine Kleider warf, ein paar Augenblicke lngeren
Verweilens in dem geliebten Na zu ergattern vermochte, so war es
Franz doch immer, als sei er kaum einmal untergetaucht, und er hatte
im Grunde seines Herzens fr diese Art von Schwimmerei immer nur das
eine Wort tiefer Verachtung: "Det is ja jarnischt!"--Und trotzdem
htte er selbst diese in seinen Augen so flchtigen Augenblicke nicht
missen knnen und wollen, denn immer seltener wurden die Male, in
denen er allein diese wunderbare, warme Halle, die ihm der Inbegriff
aller Weite und Schnheit war, besuchen und mit dem Aufgebot aller
Schliche so lange als irgend mglich in ihr verweilen konnte; und
immer seltener und begehrter zu Hause wurden die Groschen, die er
sich durch kleine Beschftigungen, wie das Brotaustragen am frhen,
kalten Morgen vor der Schule und den Verkauf von kleinen Straenwaren
in den Weihnachtstagen, durch stetes Aufpassen auf jede andere
mgliche Gelegenheit zuverdienen wute.

Frh wurde sein junges Leben mhsam und ernst. Aber unglcklich war
er nicht, denn er konnte ja schwimmen, Sommer wie Winter schwimmen.
Unglcklich wre er nur geworden, wenn man ihm dies sein einziges
Vergngen ganz genommen htte. Aber daran dachte keiner, denn keiner
verstand, wie es ein so groes Vergngen sein konnte.

So erreichte Franz Felder sein vierzehntes Lebensjahr.


6

Bisher hatte er von seinem Schwimmen nichts gehabt als sein
Vergngen. "Brotlose Knste!" sagte sein Vater eines Tages, als Franz
wieder einmal sein Fortbleiben an einem ganzen Nachmittag und einem
halben Abend mit nichts anderem zu entschuldigen wute, und dieser
konnte sich nur mit dem Gedanken ber diesen Ausspruch trsten, da
sein Vater eben auch nichts vom Schwimmen verstehe. Er bedauerte ihn
deshalb tief, denn fr ihn gab es nur zwei Arten von Menschen:
solche, die schwimmen, und solche, die nicht schwimmen konnten. Die
letzteren waren fr ihn eine untergeordnete Klasse von Menschen,
jedes Mitleids wrdig.

Nun aber--er stand in seinem dreizehnten Lebensjahre--brachte ihm
seine Fhigkeit den ersten Erfolg in den Augen der Menschen, und
einen schnen.--

Es war an einem Sonntagnachmittag, und Franz lag im Grase an der
Spree nahe der Kirche in Stralau, die ihren grauen Turm aus alten
Linden und Ulmen heraus neugierig in den wolkenlosen Himmel streckte.
Franz war ganz allein. Seinen Freunden, die ihn zu einer Wasserpartie
nach Sadowa berreden wollten, hatte er einen Korb gegeben--einmal,
weil ein paar mitmachten, die ihm nicht paten, da sie ihm zu rdig
waren; und sodann, weil er nur drei Sechser in der Tasche hatte, ber
die bereits anderweitig fr morgen verfgt war. Zudem war er ganz
gern allein, und die Ptschelei machte ihm nur dann Vergngen, wenn
sie mit einem regelrechten Bade verbunden war.

Franz also lag in dichtem Grase, sog an ausgerupften Halmen und lie
in augenblicklicher Ermangelung eines Besseren einen um den anderen
seiner nackten Fe ins Wasser hngen. Erst harte es ihm Spa
gemacht, nach den Sommergrten von Treptow, die alle schwarz von
Menschen waren, und auf die Spree, wo sich Unmengen von kleinen
Boten, Khnen und Seglern herumtrieben, hinauszuschauen, und er hatte
sich vorgenommen, einmal aufzupassen, wie lange es wohl dauern wrde,
bis eine dieser meist von den ungebtesten Hnden gelenkten Schalen
in den Kurs eines der schwerflligen Dampfer kam, die einer nach dem
andern menschenberladen und unter ohrbetubenden Geklingel spreeauf-
und abwrts an ihm vorbeifhren. Denn alle Sonntage kamen hier einer
oder mehrere Unflle vor, und das Gottvertrauen, mit dem der
Handlungsgehilfe aus NO und der Friseur aus SW, denen doch sonst vor
jeder Berhrung mit dem Wasser inner- und uerlich graute, die Boote
mit ihren Schnen beluden und direkt auf die Dampfer losfuhren, hatte
etwas Rhrendes. Aber, wie es immer ist: wenn wir auf ein Ereignis
warten, kommt es nicht, und so wurde auch Franz bald mde, auf die
Wasserflche hinauszublinzeln, und er sah zur Abwechselung hinauf in
den Himmel, indem er sich auf den Rcken warf.

Ob es wohl ein Wasser gab, das so tief und so blau war, wie dieser
Himmel dort oben? Was mute das fr eine Lust sein, darin zu baden!--
Er dachte an einen seiner Lehrer, der einmal von einem Mrchen
erzhlt hatte. In dem kam ein Bergsee vor, der sollte "so tief wie
das Meer und so blau wie der Himmel" sein. Aber Franz konnte sich
keine rechte Vorstellung von einem Bergsee machen, und auerdem war
es ja ein Mrchen, das der Lehrer erzhlte. Die Spree war immer
dunkelbraun und schmutzig, und auch in dem Volksbad konnte man nicht
auf den Grund sehen, auch dann nicht, wenn das Bassin gereinigt und
mit frischem Wasser gefllt war. Aber es mute doch wunderschn sein,
einmal in einem so ganz klaren, durchsichtigen Wasser zu baden...

Und da empfand Franz auch schon mit heftigem Unbehagen, da er heute
noch gar nicht im Wasser gewesen war. Wenn er es wagte? Aber das wre
doch wohl eine zu groe Frechheit gewesen, am Sonntag, hier vor allen
Leuten--wenn ihn da ein Schutzmann erwischte, wrde es schne Senge
absetzen, und nicht die allein. Nein, er mute schon warten, bis es
dunkel geworden war, und dann auf dem Heimweg noch schnell einmal
irgendwo hineinspringen. Weshalb waren doch nur alle Badeanstalten am
Sonntagnachmittag geschlossen--das war doch zu dumm!--Wo alle anderen
Vergnugungslokale geffnet waren, blieben die, wo es das allergrte
gab, zu!--

Und wenn er nun doch jetzt sein Bad nhme!--Er getraute es sich,
seine Kleider abzuwerfen, so lautlos ins Wasser zu schlupfen, unter
ihm hin eine Strecke zu schwimmen, einmal aufzutauchen, um Atem zu
schpfen, und dann ebenso lautlos wieder zurckzuschwimmen, da kein
Mensch ihn bemerken sollte. Aber eine bodenlose Frechheit wre es
doch gewesen und wenn wirklich ein Schutzmann in der Nhe war--und
immer war ein solcher Kerl irgendwo in der Nhe!--und die Kinder ein
Geschrei erheben wrden...

War da schon einer?--Schrieen die Kinder oder wer schrie so?--Franz
sprang in die Hhe. Hatte er es nicht gleich gesagt?--Na ja, gleich
der ganze Kahn um und alles ins Wasser!--Und ein Geschrei und Gerufe
und ein Laufen--jetzt aber raus aus dem Hemde und ins Wasser!--Er
fuhr durch das Wasser wie nie in kurzen, krftigen Sten. Er wollte
schon auf den Kahn zu, als er--noch ein Stck von ihm entfernt--etwas
auf dem Wasser kmpfen und untersinken sah: einen Jungen, ein paar
Jahre jnger nur, als er selbst. Er erreichte ihn noch gerade und
packte ihn beim Arm. Aber der klammerte sich auch gleich an ihm fest,
und Franz hatte Mhe wieder loszukommen. Denn so ging das ja nicht.
Er schrie ihm zu, ganz ruhig zu sein, er bringe ihn schon ans Land.
Aber der andere war schon wieder mit dem Kopfe unter Wasser und hrte
nichts mehr.

Da lie ihn Franz einen Augenblick ganz los, griff ihn dann fest
unter dem Arm und brachte nun den sich nicht mehr Strubenden.--denn
der hatte einstweilen genug Wasser geschluckt--langsam, aber in
sicheren und krftigen Sten ans Land.

Dort streckten sich schon hundert Hnde aus--nicht nach dem Retter,
um den kmmerte sich keiner--sondern nach dem andern, und Franz war
froh, da man ihn in Ruhe lie. Er suchte nach seinen Kleidern. Alles
lag noch da, aber seine Jacke fehlte. Er suchte und suchte, ohne sie
finden zu knnen. Erst wollte er Skandal machen. Doch dann htten
sich alle die Menschen, die sich dort um den Geretteten bemhten oder
ihn neugierig umstanden, nach ihm gewandt und ihn ausgefragt. Fragen
aber war ihm ein Greuel. Und es ntzte ja doch nischt!--der seine
Jacke mitgenommen hatte, der Halunke, war jetzt doch schon ber alle
Berge!

Er machte besser, da er fort kam, denn er glaubte, einen Lehrer am
Ufer erkannt zu haben. Nur keine Quatscherei! Er sah noch gerade, da
der Junge wieder aufrecht stand, den er herausgeholt; dann rannte er,
was er konnte. Und als wirklich der Lehrer sich nach ihm umsah, war
Franz lngst verschwunden.

Er trottete in Hemdsrmeln nach Hause. Sein Bad hatte er ja nun
gehabt. Aber als er mit gesenktem Kopf an den Scharen der
sonntglichen Spaziergnger die lange Strae lngs der Spree nach
Hause trabte, mute er einmal doch die aufsteigenden Trnen
hinunterschlucken, als er daran dachte, da er nun ohne Jacke nach
Hause kam, und an den Skandal, den es absetzen wrde. Denn sagen, wie
es wirklich gewesen war, das konnte er doch nicht.


7

Er hatte die ganze Sache lngst vergessen, und auch der Lrm um die
Jacke zu Hause war verhallt, als ihm eines Tages in der Schule die
Erffnung wurde, da ihm "fr seine mutige Tat" die Rettungsmedaille
verliehen werden und da er sie am Tage der Entlassung aus der Schule
in ffentlicher Feierlichkeit erhalten sollte.

Er wute zuerst nicht, was er dazu sagen sollte, und hoffte die Sache
damit zu erledigen, da er nicht daran glaubte. Das war auch nur
wieder so eine Quatscherei--wegen so was! Aber er irrte sich. Die
Medaille war ihm wirklich zuerkannt, und zwar auf Betreiben desselben
Lehrers an seiner Schule, der zufllig an jenem Sonntag in der Nhe
gewesen war und vergebens nach seinem Schler gesucht hatte, nachdem
er durch seine praktischen Anordnungen den Geretteten wieder soweit
gebracht, da er Luft schnappen konnte.

Franz machte diese Feier kein Vergngen. Es war ihm unangenehm, so
vorgerufen und von allen Augen angestaunt zu werden, als habe er Gott
wei was getan, und er htte sich am liebsten in die Erde, oder noch
weit lieber: ins Wasser verkrochen. Aber das ging nun einmal nicht.

Der Rektor hielt eine Rede, von der er wenig verstand, da er nicht
zuhrte. Dann mute Franz vortreten vor die andern Schler und die
Herren in schwarzen Rcken hin, und er fhlte, da er rot wurde, als
ihm die kleine, braune Bronze-Medaille an die Brust gesteckt wurde.
Aber trotz aller Unbehaglichkeit durchdrang ihn doch in diesem
Augenblicke ein Gefhl groer Gehobenheit, etwa hnlich dem, das er
empfand, wenn er ganz allein drauen in seinem Elemente schwamm und
fhlte, wie er es beherrschte. Und dies Gefhl mute sich in seinen
Augen widerspiegeln, mit denen er jetzt aufschaute zu dem sonst so
gefrchteten Rektor. Denn als dieser den Ausdruck stummer
Begeisterung in den blauen, ehrlichen Augen des Knaben sah, ihm so
ungewohnt bei seinen khlen, frh lebensklugen Berliner Kindern,
legte er noch einmal seine Hand auf den kurzgeschorenen Kopf vor ihm,
und sich etwas niederbeugend, fgte er seinen Worten noch hinzu:--Du
wirst gewi einmal ein sehr tchtiger Schwimmer werden...

Da aber antwortete Franz mit einer seiner sonstigen Schwerflligkeit
ganz fremden Pltzlichkeit und Schlagfertigkeit--und wieder stand das
seltsame Leuchten in seinen Augen--:

--Der bin ich schon!

Der Rektor lchelte.

--Aber ja. Sonst httest du dir das da nicht verdient. Ich meinte
auch nur, da du dich noch weiter ausbilden kannst; das willst du
doch gewi?

Franz war wieder der alte, und er antwortete mit seiner eben zu der
Einsegnung eingelernten Verbeugung, die das einzige war, was ihm von
der ganzen Geschichte "dieser heiligen Handlung" geblieben war:

--Jawohl, Herr Rektor!

Die Feierlichkeit war zu Ende und keiner froher darber, als Franz,
der sofort nach der Volksbadeanstalt strzte und sie gerade noch
lange genug offen fand, um im Wasser fr eine halbe Stunde zu
vergessen, was auf der Erde um ihn vorging.

Acht Tage vorher war er eingesegnet worden, und so waren die beiden
grten ueren Ereignisse seiner bisherigen kindlichen Jugend
zusammengefallen.

Die Einsegnung selbst hafte ihn ganz kalt gelassen und er hatte mit
dem besten Willen nicht die blichen Trnen hervorquetschen knnen,
die bei dieser Gelegenheit erwartet wurden. Aber die Verleihung der
Medaille hatte ihn doch etwas innerlich erregt, da die andern so viel
Wesens davon machten und ihn anstaunten, wo er ging und stand. Den
tiefsten Eindruck machte es ihm, da sein Name in den Zeitungen
stand, und als an einem Abend dieser Woche der Onkel Sattlermeister
aus der kleinen Markusstrae in dem elterlichen Keller erschien
und mit drhnender Stimme bei verschiedenen Weien die Notiz im
"Lokal-Anzeiger" ber seinen Neffen vorlas, da war dieser fast so
glcklich, wie einige Tage spter, als derselbe Onkel ihn "zur
Einsegnung" mit einer silbernen Taschenuhr beschenkte.

Jetzt war er von der Schule endgltig frei, die er im letzten Jahre
geradezu gehat hatte. Er war nun darauf angewiesen, auf eigenen
Fen zu stehen, Geld zu verdienen, um seinen Eltern ein Kostgeld zu
zahlen, mit einem Wort: sich durchs Leben zu schlagen, so gut es
ging.

Fr einen bestimmten Beruf, konnte er sich noch nicht entscheiden.
Die besseren Berufsarten, die der Mechaniker, Ingenieure usw., bei
denen ein Lehrgeld in der Hhe von mehreren hundert Mark zu bezahlen
war, waren berhaupt ausgeschlossen, da sein Vater nie in der Lage
gewesen wre, auch nur hundert Mark auf einmal fr einen seiner Shne
aufzutreiben. Aber auch die Lehrstellen, bei denen ein Lehrgeld nicht
gefordert wurde, die nur die drei- oder vierjhrige Verpflichtung
unentgeltlicher Kraft verlangten oder nach einiger Zeit und sogar von
Anfang an ein kleines, von Jahr zu Jahr um etwas hher werdendes
Gehalt bewilligten, waren ihm versagt, denn jetzt wo er vierzehn
Jahre alt geworden war, erklrten die Eltern, ihn nur bei sich
behalten zu knnen, wenn er wchentlich seinen Beitrag fr Wohnung
und Essen beisteuerte.

Alle seine Brder hatten das getan, bevor sie sich selbstndig
gemacht, das heit geheiratet hatten oder in die Fremde gegangen
waren, und Franz wre der letzte unter ihnen gewesen, der nicht
eingesehen htte, wie berechtigt die Forderung war. Die Familie
Felder hatte immer zusammengehalten und gesucht, sich das Leben
gegenseitig zu erleichtern; da es so schwer war, nahmen alle als
eine unabnderliche Notwendigkeit, und Franz machte keine Ausnahme,
wenn er nicht darber nachdachte, warum es eigentlich fr sie alle so
schwer war...

Er ging ohne Zaudern daran, sich Arbeit zu suchen. Er schreckte vor
keiner zurck. Im Winter war er Laufbursche und Austrger in
verschiedenen Geschften, hatte dann eine Stelle als Bote in einem
groen Zigaretten-Importgeschft, zu dem er in einer auffallenden
Uniform und in einer Mtze mit Aufschrift gehen mute; und im
darauffolgenden Sommer zog er fr eine Papeteriewarenhandlung mit
einem Karren und einem Hunde, meist allein, zuweilen aber auch mit
einem zweiten Jungen, vom Morgen bis zum Abend in der ganzen Umgegend
von Berlin herum um Waren abzuliefern. So brachte er es fertig,
whrend dieses ganzen Jahres nie weniger als zehn Mark die Woche zu
verdienen, und meistens noch etwas mehr, bis zu dreizehn und selbst
vierzehn, die Trinkgelder eingerechnet.


8

Alles, was er an Geld und Zeit erbrigen konnte, gehrte bis auf die
letzte Minute und den letzten Pfennig seiner ersten Liebe: dem
Wasser!--

Immer brachte er es fertig, auf seinen Geschftsgngen--und mute er
sich noch so sehr vorher und nachher beeilen--so viel an Zeit zu
erbrigen, da er in das zunchst gelegene Schwimmbad eilen konnte
auf ein kurzes, oder, wenn es irgend anging, auf ein langes Bad. Im
Sommer fast tglich: da befand er sich meist in den Vororten von
Berlin, und statt der wenigen Winter-Schwimmbder der Stadt fand er
berall ein Sommerbad. Und mochte er in Reinickendorf oder Steglitz,
am Pltzensee oder in Rixdorf sein--im Sommer wenigstens durfte kein
Tag vergehen, an dem er nicht in die Fluten tauchen konnte, die sein
Element waren. Er verzichtete auf die Mittagsruhe unter einem Baum
auf dem Felde; er berredete seinen Kameraden, mit dem Wagen eine
halbe Stunde auf ihn zu warten, und versuchte es auf alle Weise--
selbst durch Bestechung mit einem Sechser oder mit einem Glas Bier;
er stellte den Wagen bei Bekannten, die er berall machte, fr eine
Stunde unter, nur um auf sein Vergngen nicht verzichten zu mssen.
Sonst so schwerfllig, wurde er schlau in der Anwendung der Mittel,
die ihn zu seinem Ziele fhren konnten: seinem tglichen Bade.

brigens fand er im Sommer meist Zeit. Bei diesen weiten, tagelangen
Fahrten konnte sein Fortbleiben vom Geschft aus nur selten so genau
kontrolliert werden, wie im Winter; wenn er abends, und mochte es
auch schon spt sein, mit dem leeren Wagen nach Hause kam und nur
alle Bestellungen abgeliefert waren, war der Chef zufrieden, um so
mehr, als Franz sehr zuverlssig und ehrlich war, so da ihm oft
groe Summen zur Einkassierung anvertraut wurden.

Auch die paar Groschen fr das Bad fand er immer. Sie waren seine
einzige Ausgabe. Er hatte sonst kein Bedrfnis und verzichtete lieber
auf sein Glas Bier, als auf sein Bad. Er konnte hungern und dursten--
und oft genug tat er beides--: aber sein Vergngen lie er sich nicht
nehmen. Auch war es ja ein so billiges Vergngen. Da er sich immer
noch in vielen Fllen auf ein Kinderbillet durchschmuggelte, so
kostete ihm sein Hallenbad nicht mehr als zwanzig, sein Sommerbad
meist aber nur zehn Pfennig. Das konnte er sich schon leisten. Nur
sprach er nicht mehr so viel von seinem Vergngen. Die Mutter htte
selbst ber die kleine Ausgabe geklagt, und seine Freunde verstanden
seine Leidenschaft doch nicht so, wie er sie fhlte. So umgab er sie
mit der ganzen Heimlichkeit einer wirklich ersten Liebe und stahl
sich zu seinem einzigen und grten Vergngen wie zu einem
Stelldichein.

Seine kleine Badehose, die zusammengerollt nicht groer war als seine
Faust, trug er mit sich, wo er ging und stand. Und mehr als sie, den
Groschen und eine Stunde Zeit, brauchte er ja nicht!...

Es war eine harte und freudlose Kindheit, die dem Knaben beschieden
war. Aber eine groe Freude, die schon jetzt etwas von der alles in
ihm beherrschenden, verzehrenden Leidenschaft spterer Jahre an sich
hatte, bergoldete ihre graue Nchternheit, lie ihn Mdigkeit und
Entbehrungen vergessen, und diese Freude war es, in der er seine
ganze Jugend auslebte und auskostete in ihrer ersten Kraft und in
ihrem ersten unendlichen Genieen.


9

Ihm war das Schwimmen noch keine Kunst. Er ahnte noch nicht einmal,
da es als eine solche betrachtet werden konnte. Wohl wute er von
der sportlichen Ausbildung der Schwimmer, aber diese reizte ihn
nicht. Sie war ihm fremd.

Wie als kleiner Kerl von fnf Jahren, so tummelte er sich auch jetzt
noch im Wasser, nur da er mit seiner zunehmenden Kraft gelernt
hatte, es jetzt vllig zu beherrschen.

Als nochmals ein Sommer zu Ende ging, da gab es fr den jungen
Burschen kein Wasser in der ganzen nheren Umgebung von Berlin, wenn
es nur eben so gro war, da man in ihm baden konnte, in dem er nicht
geschwommen htte. Berlin war eine groe Stadt mit vielen Straen und
unzhligen Husern, aber ihre Bedeutung bestand doch nur darin, da
um sie herum die Teiche und Seen lagen und da sie der dunkle Flu
durchzog...

Er schwamm nur zu seinem Vergngen und nur zu eigener Lust. Sein
einziger Wunsch war, den ganzen Tag im Wasser zu liegen, und er war
glcklich ber die langen Sonntagnachmittage, an denen er es konnte.

Mit seinen kurzen, stmmigen Beinen seinen festen Armen, an denen
sich die Muskeln auszubilden begannen, beherrschte er das Wasser mit
vollkommener Sicherheit. Es war sein Freund, zu dem er unbedingtes
Vertrauen hatte--sein bester, sein einziger Freund. An seiner Brust
verga er alle Mhseligkeiten seines jungen Lebens, und wenn er bei
ihm sein durfte, war er glcklich.

Und das Wasser vergalt ihm seine Liebe. Es war wie ein Aufschrei der
Freude seiner Wellen, wenn es ihn umfing, und es trug ihn sicher und
freundlich, wie er nur wollte. Sie spielten, sie rangen miteinander,
wie Knaben es tun, um ihre Kraft zu messen, aber sie vertrugen sich
immer.

Ach, und wie der Knabe es liebte!

Wie andere Kinder den weien Sand, mit dem sie spielen, durch die
Hnde gleiten lassen, so nahm er oft, auf dem Rcken liegend, das
flssige, rtselhafte Element, um es zu fassen, in die Hnde und es
zwischen den Fingern zerrinnen zu sehen in flchtigen Blasen.

Wie andere Kinder zu ihrer Mutter gehen mit ihren Klagen und
Wnschen, so kam er zu ihm, um sich trsten zu lassen.

Sein ganzer, kleiner Krper zitterte vor Aufregung, wenn er das
Wasser sah, und er suchte den kstlichen Augenblick zu verlngern, in
dem er hinein durfte.

Lag er dann im Wasser, so rollte er sich zunchst frmlich ber die
Flche hin, berschlug sich vor Wonne und kugelte sich zusammen, ging
unter und kam wieder hervor, streckte die Glieder in unendlichem
Wohlbehagen und glitt auf der Oberflche hin, wie eine Schlange, bis
er zu schwimmen begann.

Dann schwamm er, ruhig, langsam und lautlos, fast andchtig; oder in
voller Kraft auf ein Ziel los, da das Wasser rauschte.

Er schwamm, und er wurde nie mde.

Er tauchte, und seine kleine Brust weitete sich mhelos.

Er schwamm und schwamm, wo und wann er konnte.--Es war ein heier
Sommer, ein langer Sommer, ein arbeitsvoller Sommer.

Aber es war doch ein Sommer voll Freude.

Viel noch sollte Franz Felder in seinem Leben schwimmen. So sorglos,
so unbekmmert vielleicht nie mehr.



Zweiter Teil


1

Auch dieser Sommer war vorbei, und wieder war es zu kalt geworden, um
im Freien zu baden. Die offenen Sommeranstalten schlssen sich. Franz
Felder hatte seine Stelle aufgeben mssen, da im Geschft nicht mehr
genug zu tun war, und suchte nun, nach einem gerhrten Abschied von
Csar, dem treuen Gefhrten so vieler schner, heller Sommertage,
eine neue Stelle fr den Winter. Einstweilen nahm er mit, was er
kriegen konnte.

So oft er konnte, ging er nun wieder in das groe Volksbad, dessen
hohe, warme Halle sich das ganze Jahr ber nur an den zweiten
Feiertagen schlo und immerweniger besucht wurde, je klter es
drauen wurde.

Es war ja nicht dasselbe, sagte Franz zu sich, wie das Baden im
Freien. Aber es war doch wenigstens ein Wasser, in dem man schwimmen
konnte.

Als er sich eines Abends so mit seinen Kameraden im Bassin tummelte
und sie gerade in einer kleinen Race auf 50 Meter spielend geschlagen
hatte, kam ein Herr auf ihn zu, den er schon oft gesehen, und fragte
ihn, ob er denn nicht Lust habe, in einen Schwimmverein einzutreten.

Es war nicht das erstemal in letzter Zeit, da an den Jungen diese
Frage gestellt wurde, und schon wollte er sagen, da er einstweilen
noch etwas warten wolle, als er hrte, was der Herr weiter sagte:

--Sie mssen wissen, wir nehmen nicht jeden in unsere
Jugendabteilung, sondern nur Krfte, von denen wir uns etwas fr
unseren Verein versprechen.

Und pltzlich scho es Franz durch den Kopf: der Herr gehrte ja zum
"Schwimmklub Berlin von 1879"--dem ltesten und angesehensten
Schwimmverein Berlins, dem so viele Meisterschaftsschwimmer
entstammten, der die groen Feste gab, und in den einzutreten
berhaupt eine Unmglichkeit schien ... und noch etwas auer Atem und
ganz hochrot fragte er fast unglubig:

--Schwimmklub Berlin von 1879?--

Der Herr lchelte.

--Jawohl. Sie wissen vielleicht, unsere Beitrge sind um etwas hher,
als in den anderen Vereinen, aber wir sind nicht rigoros in dieser
Beziehung, und der gute Wille zhlt hier mit, wenn es einmal nicht so
geht. brigens haben Sie so viele andere Vorteile bei uns, besonders
wenn Sie viel baden, da sich das schon machen lassen wird...

Als er sah, da Franz noch immer nicht antwortete, lchelte er wieder
und machte eine Bewegung:

--Ich will Sie brigens nicht berreden... Sie knnen sich die Sache
ja berlegen--

Aber da sagte Franz hastig, als knne ihm das unerwartete Glck
wieder entgehen:

--Nein, nein, ich will schon gern--

Der Herr zog sein Notizbuch hervor:

--Also, der Name...

--Franz Felder--

--Adresse?

--Berlin O, Mnchebergerstrae 102, und etwas zgernder: --Hof--im
Keller--

Der andere schrieb alles auf. Dann reichte er ihm die Hand:

--Unsere bungsstunden fr die Jugendabteilung kennen Sie wohl?--
Jeden Dienstag und Freitag abends acht Uhr.

Franz nahm die dargebotene Hand, machte eine tiefe und respektvolle
Verbeugung, wie er sie vor seinem Pfarrer und seinem Rektor gemacht
hatte, sah, wie der Herr wegging, und fhlte zugleich einen
freundschaftlichen Rippensto in der Seite:

--Du, wat hat denn der von dir jewollt?

Er sah seine Freunde um sich und sagte nur von oben herab:

--Ich bin aufgefordert worden, dem "Schwimmklub Berlin 1879"
beizutreten, und lie sie stehen.

Nun, da er es ausgesprochen hatte, glaubte er es selbst, und eine
unbndige Freude ergriff ihn.

O, er wollte Ehre einlegen!--Und die siebzig Pfennige Monatsbeitrag
wollte er schon aufbringen und so pnktlich zahlen, da man ihm
deshalb nie einen Vorwurf machen sollte, wenn er auch einstweilen
noch nicht wute, wie sie aufzutreiben waren.

Im Geiste sah er sich schon in dem blaugesumten Trikot und der
Badehose, die in Blau die gestickten Anfangsbuchstaben und die Zahl
1879 trug, und er machte vom Sprungbrett einen Freudensprung, aber so
ungeschickt in seiner Aufregung, da nur eine gewandte Wendung im
letzten Moment ihn davor bewahrte, flach aufzuschlagen.

Daran, da es ihm nie als ein besonderes Vergngen erschienen war,
einem Verein anzugehren, da er den Zwang der Stunde, das Schwimmen-
Mssen um bestimmte Lngen, dabei unter schrfster Aufsicht und
steter Kritik, daran, da ihn das ganze Klubleben, soweit er es
kannte, mit einem Wort: das "offizielle Schwimmen" nie angezogen
hatte, an all dies dachte er nun nicht mehr. Sein Ehrgeiz war
angestachelt. Man hatte ihn bemerkt und so ausgezeichnet, ihn zur
Mitgliedschaft an dem ersten und ltesten Schwimmverein Berlins
aufzufordern.

Er gehrte von heute ab dem "Schwimmklub Berlin 1879" an, und allen,
die es hren wollten, und sehr vielen, die es nicht hren wollten,
erzhlte er die ihm selbstunglaublich erscheinende Tatsache, tief
entrstet ber die Gleichgltigkeit, mit der sie allgemein
aufgenommen wurde.


2

Es gab kein jugendliches Mitglied des Vereins, das pnktlicher zu den
bungsabenden gekommen wre, keines, da sich williger und begeisterter
jeder Anordnung an diesen Abenden gefgt htte, als Franz Felder.
Man merkte es bald, und er erwarb sich manche Bekanntschaft im Klub
dadurch auch von solchen, die der Einfhrung von Mitgliedern,
und noch so verheiungsvollen, aus, wie sie es nannten, "anderen
Verkehrskreisen", fremd, ja feindlich gegenberstanden. Bei fast
allen von ihnen erwarb sich der neue Ankmmling Achtung und Sympathie,
einmal wegen des leidenschaftlichen, fast komisch-weihevollen Ernstes,
mit der er die Sache betrieb, und dann wegen der Bescheidenheit und
Ehrlichkeit seines Wesens, das sich nie vordrngte. Man setzte bald
groe Hoffnungen auf ihn und lie ihn nicht aus den Augen.

Das nchste groe Ereignis, das sein Eintritt in den Klub zur Folge
hafte, war eine Lehrstelle in einer groen mechanischen Werksttte,
die ihm durch einen seiner neuen Sportfreunde dort verschafft wurde.
Er sollte gleich von Anfang an einen Wochenlohn erhalten und erhielt
die Zusicherung sorgfltiger und vollstndiger Ausbildung. Da
unterdessen auch seine Brder in besseren Stellungen waren und die
Einsegnung eines jngeren bevorstand, trat er die Stelle an. Er blieb
bei seinen Eltern wohnen und der grte Teil seines wchentlichen
Verdienstes wanderte nach wie vor in ihre Hnde. Was er fr sich
behielt, brauchte er dazu, um am Sonntag auf den Ausflgen mit seinen
Klubgenossen ein Glas Bier zu trinken, und fr die ersten paar Mark,
die er erbrigte, schaffte er sich ein tadelloses Trikot an, eine
Sportmtze und das Klubabzeichen, ein kleines Schild, das auf dem
Rockaufschlag getragen wurde.

Er ging nun vllig auf im dem Leben des Vereins. Die Vergngungen des
Klubs waren seine Erholungen, seine Arbeit die seine. Die
Sportkameraden waren seine Freunde, mit denen er alles teilte. Die
Arbeit des Tages in der Fabrik tat er, weil sie getan werden mute,
und er tat sie gut und fleiig. Seine Familie sah er nur, wenn es
unbedingt ntig war, bei den unerllichen Geburtstags- und anderen
Feiern; mit den paar Freunden seiner Kinderzeit verkehrte er fast gar
nicht mehr.

Seine Dankbarkeit gegen seinen Klub wuchs allmhlich ins Ungemessene.
Er konnte sie einstweilen nur durch vllige Hingabe beweisen. Aber
immer wieder schwur er sich selbst zu: seinem Klub Ehre zu machen in
jeder Beziehung, Ehre um jeden Preis. Er sollte keinen Unwrdigen in
ihm aufgenommen haben.

Er wute, da er ber eine Kraft verfgte, die ihn vielleicht einmal
zu Siegen fhren konnte, wenn er sie sthlte und bte. Nicht fr sich
wollte er diese Siege erringen, daran dachte er nicht. Doch er
trumte bereits im stillen davon, um den alten Namen des Vereins neue
Lorbeeren zu schlingen, die er selbst in heiem Kampfe erfechten
wrde.

Er schwamm nicht mehr nur ausschlielich zu seinem Vergngen, er
schwamm um ein Ziel, und begeisterter schwenkte keiner die
Sportmtze, lauter schrie keiner mit, wenn das "Gut Na!--Hurra!
Hurra! Hurra!" erscholl, als Franz.


3

Seine Fortschritte waren rapide und setzten selbst seine neuen Lehrer
in Erstaunen. Bei all seinen Fhigkeiten und all seiner
unvergleichlichen Liebe zur Sache war es doch ein rohes Material, das
hier in Ausbildung genommen wurde.

Dieses jngste Mitglied der Jugend-Abteilung--zu der die jungen Leute
meist aus der Knabenabteilung mit ihrem vierzehnten Jahr kamen und in
der sie etwa bis zu ihrem siebzehnten blieben--war bei seinem
Eintritt ein guter Schwimmer gewesen, aber sonst auch nichts. Stil
und Form bekam sein Schwimmen erst jetzt unter der steten und
strengen Bewachung an den bungsabenden. Aber wie bald wurde die Form
schn und sein Stil sicher!--Nach ein paar Wochen schon war Felder
der anerkannt beste Schwimmer seiner Abteilung.

Auf dem internen Wettschwimmen des Klubs, das alljhrlich im Winter
in der Schwimmhalle des Volksbades stattfand und auf dem mit Ausnahme
eines Gastschwimmens befreundeter Klubs nur Klubmitglieder schwammen,
holte sich Franz seinen ersten Preis: den im Junioren-Schwimmen ber
50 Meter. Es war ein kleiner, einfacher Lorbeerkranz mit bedruckter
Schleife, den er nach Hause trug.

Es war nicht das erstemal, da er ein Schwimmfest sah, denn er war in
letzter Zeit oft zu solchen mitgenommen und hatte mit tiefer, innerer
Erregung den Wettkmpfen zugesehen, an denen er sich noch nicht
beteiligen durfte. Nun schwamm er zum ersten Male mit. Er wute, da
er siegen wrde, denn er kannte ja alle seine Gegner und hatte jeden
einzelnen bei den bungen wieder und wieder geschlagen. Dennoch war
er aufgeregt und freute sich, als es vorbei war.

Befangen, wie damals, als ihm der Rektor das Rettungszeichen an die
Brust heftete, nahm er seinen ersten, kleinen Siegerpreis in Empfang.

Aber im Grunde war er doch mchtig stolz, als er den Kranz zu Hause
in dem gemeinschaftlichen Schlafzimmer ber dem schmalen Bett
aufhing, in dem er mit einem jngeren Bruder den festen, traumlosen
Schlaf der gesunden Jugend schlief, und bei Strafe unermelicher
Schlge verbot er der ganzen Gesellschaft, auch nur ein Blatt zu
berhren.

Der Kranz wurde erst angestaunt, blieb hngen und wurde dann ber
hheren und reicheren Ehrungen vergessen, verdorrte und verstaubte,
und war doch der erste Lorbeer der diese junge Stirn berhrt hatte.


4

Wieder folgte fr Franz Felder auf seinen ersten kleinen Sieg ein
Jahr ernsten Strebens. Es galt jetzt nicht mehr, sich mit seinen
Klubgenossen zumessen, sondern seine Krfte an weitere, auenliegende
Ziele zu wagen.

Er war sehr in die Hhe geschossen, und die Schlankheit seines
Krpers verriet nicht, wie gro die Kraft war, die in ihm lag. Aus
dem stmmigen, dicken jungen mit den behaglichen, etwas
schwerflligen Gliedern wurde schnell ein sehniger, junger Mann. Nur
das Gesicht blieb noch ganz dasselbe: die blauen, treuherzigen Augen,
die vollen, roten Lippen und Wangen und die eigenwillige Stirn, ber
die das schwarze Haar jetzt immer in einem Bschen niederfiel, so da
es alle Augenblicke zurckgestrichen werden mute, waren dieselben--
das unschuldige, vertrauensvolle Gesicht eines Kindes, das noch vom
Leben nichts erlebt hatte. Und derselbe blieb auch der Blick dieser
Augen. Es war der gedankenlose, etwas trumerische Blick eines
Menschen, in dessen Gehirn mit hartnckiger Zhigkeit immer und immer
wieder nur eine Idee wiederkehrt--eine Idee, die in der Zukunft lebt,
einer Zukunft voll groer Erfllung verschwiegener, noch
unausgesprochener, nicht einmal erkannter Wnsche.--

Fehlers Zeit war jetzt vllig eingeteilt. Kam er von der Arbeit des
Tages, so war am Abend immer etwas los: entweder es fanden
bungsstunden statt, oder Sitzungen, oder es galt Vorbereitungen fr
irgendein Fest zu treffen--immer nahm ihn sein Klub in Beschlag. Auch
die Sonntage gehrten nach wie vor ausschlielich dem Verkehr mit den
Sportgenossen--der Besuch fremder Schwimmfeste, anderer sportlicher
Veranstaltungen, geselliger Vereinigungen zu: Musik und Tanz, im
Sommer Ausflge in die Umgegend, Kahnpartien und vor allem die langen
Bder (berall da, wo Wasser war) fllten sie aus und waren seine
Freude und seine Erholung. Franz Felder blieb still, wie er es schon
als Kind gewesen war, und beteiligte sich hchstens an den Gesprchen
ber schwimmsportliche Fragen. Sie waren auch die einzigen, die ihn
interessierten. Fr keinen anderen Sport hatte er das geringste
Interesse; in keinem anderen dachte er auch nur daran, sich zu
versuchen. Er kannte nur einen einzigen, neben dem alle anderen
verblaten und gleichgltig erschienen.

Es dauerte ziemlich lange, bis er sich heimisch in dem neuen Kreise
fhlte. Wenn er auch nie Gefallen an den rden und lauten
Belustigungen seiner frheren Schulkameraden und Altersgenossen
gehabt hatte, so waren ihm doch die Verkehrsart und der Ton seiner
neuen Bekannten zu fremd, als da er sich htte so leicht in sie
finden knnen. Aber diese neuen Freunde hatten ihn wirklich gern und
taten ihr Bestes, indem sie ihn berallhin mitnahmen und jetzt ganz
als den Ihrigen betrachteten. Langsam trat so eine Wandlung nach der
anderen in ihm ein. Auch in seinem ueren. Er war nicht mehr der
arme Junge in geflickten Kleidern und dem offenen Hemde, sondern ein
sauber, oft mit ziemlich geschmackloser Eleganz gekleideter junger
Mann, dessen regelmige, wenn auch einstweilen nur geringe Einnahmen
ihm erlaubten, etwas auf sich zu halten.

Vermochte er auch nie eine gewisse Schwerflligkeit und Langsamkeit
zu berwinden, so beeinflute ihn doch in allem der gute Ton seines
Klubs zum Guten. Er lernte sich in Lebensformen fugen, die ihm bisher
unbekannt geblieben waren und die ihn zwanglos das eine tun und das
andere lassen lieen--Dinge, an die er bisher berhaupt nicht gedacht
hatte. Jene unausbleiblichen Streitigkeiten des Sportlebens mit Ernst
und Freundlichkeit zu schlichten, auch laute Frhlichkeit nie in
Rohheit und Zank ausarten zu lassen, und vor allem das Prinzip der
Schwimmkunst als eines edlen, den Menschen durch und durch
erfrischenden und veredelnden Sports, hoch zu halten--das war von
jeher die Aufgabe dieses Vereins mit dem einfachen Namen und der
stolzen Vergangenheit gewesen, der mehr als irgendein anderer dazu
beigetragen hatte, das Interesse fr eine Sache zu wecken, die
berhaupt bis vor kurzem noch als keine Kunst, sondern fast allgemein
nur als Mittel zu der zeitweiligen, notwendigen Reinigung des Krpers
betrachtet wurde.

War--vielleicht nicht zum wenigsten infolge der strengen Befolgung
dieses Prinzips, das mehr im allgemeinen fr die Sache des Schwimmens
zu wirken versuchte, als auf Zchtung groer Erfolge und mit ihnen
verbundener Namen ausging--der "Schwimmklub Berlin 1879" in den
letzten Jahren etwas in den Hintergrund getreten und an
Mitgliederzahl und uerer Bedeutung von dem einen oder anderen
neueren Verein bertroffen, so war er doch durchaus nicht gewillt,
auf seinen alten Ruf, erstklassige Schwimmer und Springer
hinauszusenden, zu verzichten und stets bereit, neue Lorbeeren zu den
alten zu fgen. Die nchsten Jahre sollten auch nach auen hin wieder
zeigen, da der Klub in keiner Weise zurckgeblieben war--dahin
gingen die Wnsche der Mitglieder einstimmig. Sie sollten beweisen,
da man nicht schlief, wenn man auch nicht immer mitschrie.

Man setzte, wie gesagt, groe, noch unausgesprochene Hoffnungen auf
Franz Felder. Wenn irgendeiner, so war er es, der den Klub zu
auergewhnlichen Erfolgen zu fhren versprach. Derselbe Herr, der
zuerst stillschweigend auf den krftigen Jungen aufmerksam gemacht
hatte, der sich mit so erstaunlicher Sicherheit und so unbndiger
Wonne im Wasser herumwlzte, war und blieb sein treuer Berater. Er
wachte mit fast ngstlicher Sorgfalt ber seinem Zgling. Bernhard
Nagel, von Beruf Chemiker, war seit zwei Jahren wieder Schwimmwart
des "S.-C. B. 1879". Selbst in frheren Jahren ein berhmter
Schwimmer, lange Zeit der unangefochtene Inhaber so mancher
Meisterschaft, ein ausgezeichneter Turner auch heute noch und von
jeher ein allbeliebtes Klubmitglied, hatte sich--gerade zur rechten
Zeit, auf seiner Hhe--von jeder aktiven Ttigkeit zurckgezogen und
sein Name erschien schon lange nicht mehr ffentlich in den
Programmen der Schwimmfeste.

Damit aber war sein Interesse an seinem Klub um nichts vermindert.
Seine Kraft gehrte jetzt mehr als je den Fortschritten der Sache,
und seine Ttigkeit erstreckte sich vor allem auf die Ausbildung der
Jugendabteilung. Wie sein scharfes Auge gleich in dem unbekmmerten,
wasserfrohen Knaben den geborenen Schwimmer erkannt hatte, so nahm er
sich nun seiner von der ersten Stunde hilfreich an. Er war ein
strenger Lehrmeister, der scharf aufpate und so leicht nichts
durchgehen lie. Bei Felder hatte er indessen eigentlich mehr zu
zgeln, als anzuspornen, denn dessen hauptschlichster Fehler bestand
darin, da er immer gleich zu heftig ins Zeug ging, Um dann am Schlu
eines Rennens den Anstrengungen, denen sein Krper noch nicht
gewachsen war, und somit erfahreneren und gebteren Schwimmern
gegenber zu unterliegen. Aber das gab sich von Woche zu Woche, und
Franz lernte allmhlich mit seiner Kraft haushalten. Er vergalt das
Interesse seines Schwimmwarts mit unbegrenzter Dankbarkeit. Nicht
nur, da er diesem Manne den Eintritt in den Klub und damit in ein
fr ihn ganz neues Leben, sowie die Stellung verdankte, die ihn der
Not um sein tgliches Brot enthob--er fhlte ganz gut, da jener
Hoffnungen auf ihn setzte; und immer wieder schwur er sich im stillen
zu, ihm seine Dankbarkeit eines Tages auch durch Taten zu zeigen.
Daher hrte er auf jedes Wort des Tadels und der Ermutigung, wie auf
ein Gebot, und das eine konnte ihn ebenso beseligen, wie ihn das
andere niederzudrcken vermochte.

Bei der Unzugnglichkeit seines Wesens und seiner Schweigsamkeit, die
selten das erste Wort fand, um sich auszudrcken, schlo er sich nur
schwer und langsam an seine anderen Kameraden an und lie sie lieber
zu sich kommen, als da er sich ihnen von selbst genhert htte. So
kam es, da er zwar mit den meisten in gutem und freundlichem
Einvernehmen stand, aber doch keine nheren Freundschaften schlo.
Unter den Jugendmitgliedern, seinen Altersgenossen, hatte er manchen
Gegner--schon jetzt, wo es noch keine besonderen Erfolge zu beneiden
gab. Davon merkte Franz nun zwar noch nichts. Seine glckliche
Unbekmmertheit, seine reine Freude an der Sache berhrte oder
verstand die unausbleiblichen Bemerkungen nicht, die schon gemacht
wurden, als er noch gar nicht ffentlich geschwommen hatte. Er konnte
sich nicht denken, da sie ihm galten. Was war berhaupt die Person!
--Wenn nur der Klub siegte!--

Dagegen fielen ihm zwei Freundschaften zu, um die er sich in keiner
Weise bemhte. Als er in den Klub trat, fand er unter den vielen
fremden Gesichtern ein bekanntes--das eines Altersgenossen, der eine
Zeitlang in demselben Hause wie Franz gewohnt und mit ihm in dieser
Zeit auch oft gesprochen hatte. Koepke war seitdem Kaufmann geworden,
fast schon mit seiner Lehrzeit in einem groen Manufakturwarenmagazin
zu Ende und sah bereits seiner Anstellung als wohlbestallter Kommis
mit Selbstgefhl entgegen. Wie er in den Schwimmklub Berlin 1897
gekommen war, das war vielen der Jngeren ein Rtsel, denn er schwamm
wie ein Klotz und befand sich allem Anschein nach auf dem Lande weit
wohler als im Wasser. Aber die lteren Mitglieder des Klubs wuten,
da sie ihn eines Verwandten wegen aufnehmen muten, der vor Jahren
dem Verein groe Dienste geleistet und seinen Eintritt dringend
gewnscht hatte. Man hatte ihn sogar nicht einmal ungern aufgenommen.
Es gab in jedem Schwimmverein Mitglieder, die--wenn sie es auch
ausbend zu nichts brachten--sich doch ganz gut gebrauchen lieen, um
in der "Verwaltung" ttig zu sein, wo es immer genug zu rechnen und
zu schreiben gab, und die sich sehr wohl fhlten, wenn sie von ihrem
Schreibzeug aus die Interessen des Klubs mit Leidenschaft wahrnehmen
durften und nicht ins Wasser brauchten. Koepke war dazu die rechte
Person. Voll Diensteifer strzte er sich auf jede ihm zugeschanzte
Arbeit. Seine Leidenschaft fr das Wasser aus der Ferne war zudem
ber jeden Zweifel erhaben, und atemloser verfolgte kein Zuschauer
die Wettkmpfer, feierlicher notierte keiner die Zahlen in das
Programm, als er.

Als er Franz zum ersten Male im Klub sah, kam er ihm gleich entgegen
und begrte ihn als alten Bekannten aus der Jugendzeit. Er war ein
gutmtiger und in keiner Weise berheblicher Mensch. Da sein
Spielkamerad in seinen einfachen Arbeitskleidern vor ihm, dem
geschniegelten Kommis, stand, merkte er ebensowenig, wie er es ihn
frher irgendwie hatte fhlen lassen, da seine Eltern im ersten
Stock des Vorderhauses und die Franz Felders im Hof wohnten. Der
letztere--immer in dieser Beziehung zum Mitrauen geneigt--merkte es
gleich wieder. Man schttelte sich die Hand. Als Franz aber seinen
ersten kleinen Sieg erfochten, besa er einen ergebenen und ihn schon
sehr bewundernden Freund an dem "zweiten Schriftfhrer" des Vereins.

Bei einem anderen Klubgenossen bedurfte es fr ihn nicht erst dieses
Sieges, um in ihm einen ausgesprochenen Gnner zu haben.

Der dicke Brning war der letzte Inhaber der
Hauptschwimmeisterschaften im Klub gewesen und sein fabelhafter Sto
hatte die Gewsser der halben Welt durchfurcht. Nach seinem Rcktritt
war in dem Siegeslauf des Klubs die groe Pause eingetreten, die
heute noch whrte. brigens waren in diesen Jahren auch sonst keine
Siege im Schwimmsport zu verzeichnen, denen die Brnings aus frherer
Zeit nicht mindestens ebenbrtig gewesen wren. Darber freute er
sich noch heute.

Einer reichen Charlottenburger Familie entstammend und im Besitz
eigenen Vermgens konnte er es sich leisten, seine Jugend dem
Vergngen eines Sports zu widmen, und nachdem er erst in Deutschland
berall gesiegt, war er auch auerhalb jahrelang zu allen groen
Festen auf seine eigenen Kosten gereist, um berall sich und den
Farben seines Klubs Ehre auf Ehre zu erobern und dem Namen des "S.-C.
B. 1879" eine internationale Berhmtheit zu verschaffen. Das konnte
und wollte ihm sein Klub nie vergessen, und allein sein Name
bedeutete heute in ihm noch eine Tat--einen Sieg, so frisch, als wre
er erst gestern erfochten.

Jetzt war der Meister dick geworden und schwamm nur noch "zu seinem
eigenen Vergngen", wie er sagte. Wenn er ins Wasser ging, sah ihm
noch jeder nach. Aber nur bei der lteren Generation lebte noch die
Erinnerung an jenen furchtbaren Schwimmer, der mit der phnomenalen
Kraft und Wucht seiner Leistungen einfach alles andere totgeschlagen
hatte. Brning selbst hatte ohne groes Bedauern seinen Erfolgen
Lebewohl gesagt, sich dem Sportleben im allgemeinen zugewandt und
lie jetzt rennen. brigens verstand er nichts von Pferden.

Zuweilen noch, aber doch nur selten, erschien er an einem bungsabend
oder auf einer Veranstaltung seines alten Klubs. Wenn er kam, erhob
sich ein allgemeines Hurra, denn er war allgemein beliebt, weil er
ein nobler Kerl war: immerlustig und aufgelegt, immer bereit zu
helfen mit Geld und Rat und riesig freigebig, wenn es galt, die Zeche
zu bezahlen. Bei den Jngeren hie er nur der "Sektonkel", aber die
lteren hielten groe Stcke auf sein erprobtes und unbeeinflubares
Urteil.

Als er eines Abends in der Schwimmhalle neben dem Schwimmwart Nagel
stand, machte ihn dieser auf das neue Mitglied aufmerksam, das gerade
stillvergngt fr sich hundert Meter schwamm. Brning kniff die Augen
etwas zusammen, wie es ihm eigen war, wenn er das tat, was er
nachdenken nannte, sagte aber noch nichts. Als Franz aus dem Wasser
kam, musterte er ihn, wie er seine Pferde prfte. Das Resultat war
sehr zufriedenstellend. Er gratulierte Nagel zu seiner Akquisition,
schttelte Franz kameradschaftlich die Hand, und dieser hatte sich
von dem Tage an seiner ausgesprochenen Protektion zu erfreuen. Mit
der Zeit erklrte ihn Brning unter vier Augen als den einzigen im
ganzen Klub, der vielleicht eines Tages sein ebenbrtiger Nachfolger
werden knne, "wenn er hielt, was er versprach".

Das Interesse Nagels vergalt Franz mit unauslschlicher Dankbarkeit;
die Freundschaft Koepkes lie er sich gefallen; an das Wohlwollen
Brnings aber glaubte er lange Zeit nicht. Als er dann sah, wie
stetig und warm es war, freute er sich sehr; und er blieb immer einer
der wenigen, die die Freigebigkeit des Sektonkels nie mibrauchten.


5

Die Kunst des Schwimmens ist eine junge Kunst. Man kann von ihr als
solcher erst im vorigen Jahrhundert sprechen, und recht eigentlich
erst in seiner letzten Hlfte.

Das Schwimmen als krperliche bung ist von jeher gebt, wenn es auch
nie wieder zu der allgemeinen Notwendigkeit wurde, die es in jenen
Tagen des Altertums war, von deren Schnheitsfreude noch heute die
gigantischen Thermentrmmer der Alten in beredsamem Schweigen zeugen.
In Deutschland kam sie erst wieder in Aufnahme, als an der Spree
durch die Initiative eines preuischen Generals die groe Anstalt
entstand, die noch heute seinen Namen trgt. Bedeutet der Name von
Pfuel so ein Wiedererwachen langverlernter bung, so kann von einer
Kunst des Schwimmens doch noch kaum geredet werden, als sich in den
sechziger Jahren die ersten Hallenschwimmbder in Deutschland ffnen,
sondern mit Recht erst dann, als sich die ersten Schwimmer
zusammentun, um ihre Krfte unter- und gegeneinander zu messen.

Erst sprlich und fast unbeachtet--einer der ersten unter ihnen der
"S.-C. B. 1879"--wachsen und vermehren die Schwimmvereine sich nur
langsam, kmpfen wohl schon zu Beginn der achtziger Jahre ihre
Meisterschaften aus, gelangen aber erst um die Hlfte dieses
Jahrzehnts zu allgemeinen Wettschwimmbestimmungen, auf die hin sie
sich einigen. Aber von da an geht es schneller. Mit den
Winterschwimmbdern in vielen Stdten entstehen berall auch
Schwimmvereine, die sich erst unter sich und dann in dem groen
Verbande zusammenschlieen, dessen Ziel es ist, alle Vereine und
Unterverbnde zu einer gemeinsamen Bestrebung fr die neue Sache zu
vereinigen.

Ein Jahrzehnt spter, und auch die Kunst des Wasserspringens hat ihre
Wertungsform gefunden.

Man hat gesiegt. Das jngste Stiefkind des Sports hat sich Beachtung
und Achtung errungen. Weit mehr gebunden, als irgendein anderer Sport
an bestimmte Bedingungen, hat er sich khnlich neben jeden anderen
gestellt; und eines hat er vor jedem voraus: er feierte seine Feste
Sommer und Winter. Im Sommer unter blauem Himmel, in jedem Wasser,
dessen Ausdehnung es erlaubt; im Winter unter den hohen Wlbungen von
Eisen und Glas.

Natrlich bleibt der Sommer die Hauptsaison und die grten und
wichtigsten Feste fallen in seine Zeit. Doch kam es auch vor, da die
wichtigsten internen Veranstaltungen einzelner oder vereinigter Klubs
in den Winter fielen, da der Sommer zu viel von auswrtigen
Interessen in Anspruch genommen wird.

Jetzt gibt es nicht mehr nur vereinzelte Vereine in einzelnen
Stdten. Wie die Pilze wachsen die Klubs aus der Erde--ihre Namen mit
Vorliebe den alten Wassergttern und allem mglichen Wassergetier
entlehnend--, vereinigen und--bekmpfen sich untereinander, erbittert
und leidenschaftlich; jetzt drngen sich die kleinen und groen Feste
Sonntag auf Sonntag, und kaum einer im Jahre ist frei von einem
solchen Feste in einer Stadt wie Berlin.

Es ist die Zeit des reichsten Wachstums und damit der strmischsten
Grung, der der alte "S.-C. B. 1879" fast allein ruhig zusehen kann,
da beides bereits hinter ihm liegt; und es ist die Zeit, als Franz
Felder in ihm in unablssigem Training um seine ersten Siege ringt.--

Der Verlauf der Schwimmfeste ist im allgemeinen ein ziemlich
gleicher, und sie unterscheiden sich wesentlich nur durch ihre
Ausdehnung. Von den kleinen, internen Veranstaltungen der Klubs unter
sich an den Sonntagnachmittagsstunden angefangen erstrecken sie sich
bei den groen nationalen und internationalen Meetings oft ber zwei
Tage. Auf dreierlei Art wird auf allen gekmpft: im Schwimmen, im
Springen und im Tauchen.

Geschwommen wird um krzere oder lngere Strecken, und zwar ist
entweder der Stil freigestellt oder als Brust-, Seiten- und
Rckenschwimmen vorgeschrieben. Geschwommen werden kann in
stromfreiem Wasser, Seen und knstlichen Bassins, oder auch in
Flssen mit zu berwindendem Strmungswiderstand.

Die Zahl der Sprnge ist naturgem eine begrenzte. Die Sprungtabelle
des Deutschen Schwimmverbandes von 1891 weist deren fnfunddreiig
auf, die nach den Punkten 0-5 und dem Schwierigkeitsgrade 1-6
gewertet werden. Von dem einfachen Abfallen und dem Abrenner, den
einfachen und schwierigeren Kopfsprngen steigen sie langsam auf zu
den Hecht- und Schlusprngen in ihren verschiedenen Drehungen des
Krpers. Aber es herrscht eine groe Mannigfaltigkeit unter ihnen.
Die Hhe des Sprungbrettes wechselt von einem zu drei und sechs
Metern. Viele Sprnge knnen ebensowohl aus dem Stand, wie mit Anlauf
gemacht werden; und bei vielen tritt hinzu, da sie sowohl vor-, als
auch seit- oder auch rckwrts ausgefhrt werden knnen. Daher ist
das Amt eines Preisrichters fr das Springen kein leichtes und
erfordert langgebte und intime Kenntnis der einzelnen Sprnge und
ihrer Werte. Auf den Festen gibt es ebensowohl Konkurrenzen fr
Pflicht-, wie fr Krsprnge.

Das Tauchen ist einfach. Man taucht entweder in die Tiefe nach
Tellern (Sieger ist, wer in der krzesten Zeit die grte Anzahl
hervorholt), oder in die Lnge: das Hechttauchen--man schwimmt unter
dem Wasser, und die dort in gerader Richtung erreichte Meterzahl gibt
den Ausschlag.

Auf jedem Feste findet auch ein Mehrkampf statt, der meist sehr
interessant verluft: gekmpft wird in allen drei Arten, und Sieger
bleibt, wer durchschnittlich in allen die hchste Punktzahl erreicht.

Die Preise werden entweder Eigentum des Siegers oder gehen in den
Besitz seines Klubs ber. Sie bestehen bei den groen Meisterschaften
oft in wertvollen Gegenstnden, die die Veranstalter oder auch die
Stadt stiften; oder in Medaillen, Ehren-Urkunden und dem einfachen
Lorbeer mit den farbigen Schleifen, die in goldenen Lettern von dem
heierrungenen Ruhme erzhlen--unvergeliche Andenken!--Es gibt
Preise, die dem Sieger sofort zufallen; aber es gibt auch
Wanderpreise, die erst nach mehrmaligem schwererstrittenen Sieg
erringbar sind und mehrere Jahre hintereinander ausgefochten werden
mssen, ehe sie in den Besitz des Siegers bergehen oder Klubeigentum
werden.

Was sonst die Feste noch zeigen, dient mehr zu ihrer uerlichen
Bereicherung und Ausschmckung. Das Schwimmen "lterer Herren", die
die Zeit der hchsten Ausbildung ihrer Strke bereits hinter sich,
wie die einleitenden Schwimmen der Knaben und Junioren, die sie noch
nicht erreicht haben, diese Trost- und Ermunterungs-Schwimmen knnen
bei weitem nicht das Interesse erwecken, das die jungen Leute vor
oder nach ihrem zwanzigsten Jahre in der hchsten Leistungsfhigkeit
ihrer Kraft bieten, und deren Namen daher mit Recht in der Mitte
aller Programme stehen. Groteske und lustige Wasserpantomimen sollen
so manchen geduldigen Zuschauer, der wenig oder nichts von den fr
Nichtkenner oft eintnigen Kmpfen versteht, entschdigen, und
einlautes, lebhaftes Wasser-Polo, in dem Klub gegen Klub sich mit,
fehlt heute auf keinem als Abschlu.

Die Preisverteilung findet am Abend des Festes statt. Musik und Tanz
"halten die Teilnehmer noch lange zusammen", wie es stets am Ende
aller Berichte heit.

--Gut Na!--Hurra! Hurra! Hurra!


6

Auf der Meldeliste des "Schwimmklub Berlin 1879" fr das diesjhrige
groe Wettschwimmen des Berliner Schwimmerbundes stand zum ersten
Male der Name Franz Felder. Der Inhaber dieses Namens war gemeldet
fr das Schwimmen um die Meisterschaft der Stadt Berlin. Es war
Brnings gewichtiges Wort gewesen, das, fr das Junge Mitglied in die
Wagschale gelegt, sie in der langen Beratung endlich zu Felders
Gunsten sinken lie.

Franz verga es ihm nie. Er war erst fast bestrzt, als er von der
Entscheidung hrte, trotzdem sie kaum anders htte ausfallen knnen,
wollte der Klub sich berhaupt beteiligen. Dann ergriff ihn einfach
ein Freudentaumel. Sein Klub sandte _ihn_ hinaus auf das groe
Schwimmfest des Winters, auf ihm um eine Meisterschaft, um die
Meisterschaft der Stadt Berlin ber die kurze Strecke von 100 Metern
zu ringen!--Er sollte sich auf dem jhrlichen Wettschwimmen des
groen Berliner Schwimmerbundes mit ersten Schwimmern--unter ihnen
alten Siegern--im Kampf um die silberne Medaille messen!!

Es war nur die Meisterschaft um eine Stadt, nicht die um ein Land
oder gar um einen Erdteil, aber es war immerhin die Meisterschaft um
die Hauptstadt, in der wie in keiner anderen der ganzen Welt der
Sport des Schwimmens grnte und blhte, die berallhin die besten und
gefrchtetsten Krfte stellte, wo es galt, erste Erfolge zu erzielen.
Eine Meisterschaft im Berliner Schwimmerbunde, der den grten Teil
der Berliner Schwimmvereine umfate, der im Allgemeinen Deutschen
Schwimmverbande die erste Stelle einnahm, war ein groer Sieg--ein
Sieg ersten Ranges, vielumstritten und heibegehrt...

Und _sein_ Klub sandte ihn, den jungen, unbekannten Franz Felder,
hinaus, diese Meisterschaft zu erkmpfen!--Sein Klub, der vor vielen
Jahren zuerst die Initiative zur Grndung eben dieses Schwimmerbundes
gegeben hatte, sein Klub, der lteste und angesehenste Berlins, mit
dessen schlichtem und doch so berhmtem Namen die so vieler erster
Schwimmer der Welt unauslschlich verbunden waren, der nicht nur fr
sich und seine Mitglieder, sondern fr die ganze Sache des Schwimmens
von jeher ein unnachahmliches Beispiel gewesen war--der "S.-C. B.
1879" entsandte _ihn_ zum diesjhrigen Wettbewerb!

Wenn er sein junges Mitglied in dieser Weise allen anderen vorzog, so
wute er, was er tat. Dann war es ohne Zweifel sein bester Schwimmer.
Aber was mehr war, als diese uere Anerkennung seiner Kraft, war die
innere: der Klub htte nie ein Mitglied hinausgesandt, von dessen
innerlicher Zusammengehrigkeit mit den Bestrebungen und Zielen des
Klubs--und das waren in der Sache unbedingt die hchsten--er nicht
berzeugt gewesen wre. Er hatte sich jahrelang von den Festen
zurckhalten knnen, stolz auf alte Erfolge und unbekmmert um neue,
als die alten Krfte, die sich zurckziehen muten, nicht sogleich
durch neue von gleicher Strke ersetzt werden konnten; und er wrde
sich Zeit genommen haben, im ntigen Falle nochmals jahrelang
zuwarten, denn nicht um knstliche Zchtung einzelner Gren und die
Erlangung lauter Triumphe, sondern um die allgemeine Hebung der Sache
war es ihm stets in erster Linie zu tun gewesen. Entschlo man sich
daher heute zu neuer aktiver Beteiligung, so mute man des Sieges
ziemlich gewi sein--und nicht nur dieses einen Sieges, sondern eines
neuen Ruhmesblattes in dem alten Kranze...

Felder war sich ber all dies durchaus nicht klar. Er fhlte nur, wie
sehr man ihn auszeichnete, nicht nur als Schwimmer, sondern auch als
Menschen, indem man seinen Namen als Vertreter seines Klubs zum
ersten Male ffentlich nannte; er wute, man vertraute ihm die Ehre
des Klubs an, nicht nur einen neuen Erfolg. Weiter sah er noch nicht.
So ging sein ganzer Ehrgeiz einstweilen dahin, diesen Sieg, auf den
es ankam, fr seinen Klub zu erfechten. Er fhlte, er _mute_ ihn
erringen!

Er war sehr stolz und sehr glcklich. Aber er hatte Angst, richtige
Angst--zum erstenmal in seinem Leben. Er wute bisher nicht, was
Angst war. Nie hatte er sie empfunden. Aber nun ergriff sie ihn. Es
war das Kanonenfieber des Soldaten, der zum ersten Male in die
Schlacht geht.

Denn wenn er unterlag?--Wenn er nur einen zweiten, dritten oder
berhaupt keinen Preis erhielt?--Er kannte seine Gegner wohl. Fast
alle hatte er wiederholt auf den Schwimmfesten gesehen und bewundert.
Aber mit keinem hatte er sich bisher je gemessen.--Auer dem seinen
stand nur noch ein neuer Name unter den Meldungen. Und er war der
Jngste von allen!--

Wohl schlug er schon die ltesten seines Klubs ber die kurze
Strecke. Aber sein Klub hatte, so lange er in ihm war, keine
Meisterschaften mehr aufzuweisen. Was wollte es also sagen, da er,
Franz Felder, sein bester Schwimmer war?--Nicht allzu viel.

Nagel, der seine innere Aufregung sah, redete ihm wiederholt
ernstlich zu. Er war besorgt um seinen Zgling--nicht, weil er
frchtete, da er unterliegen knne, sondern weil er sah, in welcher
verzehrenden Unruhe er umherging und bte. Er warnte ihn, allzu viel
Wert auf dies Rennen zu legen. Was war es denn, wenn er auch
unterlag?--Was heute Niederlage war, konnte morgen zum Siege werden,
und umgekehrt. Er hatte das mitangesehen, viele Male, und es an sich
selbst erlebt; und auch Franz wrde das erleben. Das war nicht das
erste und letzte Schwimmen, gewi nicht--und immer wiederholte der
gute und erfahrene Freund:

--Schwimm so gut, wie du kannst. Kmmere dich um nichts, als um dein
Ziel. Mehr kannst du nicht tun, als was deine Kraft dir erlaubt, zu
tun. Damit sei zufrieden...

Felder hrte zum ersten Male seinem Freund nur halb zu.

Sein Klub hatte _ihn_ hinausgesandt. In seinen Hnden lag seine Ehre.
Er durfte ihm keine Schande machen; er mute siegen--er _mute!_--


7

So kam der Sonntag des Festes heran. Franz hatte in der letzten Woche
nach der Arbeit des Tages noch allabendlich trainiert. Gestern war er
frh zu Bett gegangen, aber er hatte wenig schlafen knnen.

Am liebsten htte er am Morgen noch einmal die Strecke geschwommen--
nur einmal ... aber das wurde ihm natrlich nicht erlaubt. So verging
der Vormittag in unttiger Ungeduld. Er a mig und trank fast
nichts.

Man hatte in dem Restaurant des Klublokals in der Lindenstrae
gegessen und spielte nun gemtlich im Sitzungszimmer einen Kaffeeskat
an verschiedenen Tischen. Franz, der keine Karte anrhrte, sah wie
gewhnlich zu, aber es wurde ihm diesmal nicht leicht, ruhig zu
bleiben. Er ging von Tisch zu Tisch, bis ihn eine pltzliche
Mdigkeit berfiel und er vor sich hindruselte.

--Leg' dich doch hin, wir wollen dich schon wecken, wenn es Zeit ist!
rief Brning ihm zu und Franz rollte sich hinter dem groen Tisch auf
dem alten, knarrenden Sofa zusammen, auf dem sonst bei den
feierlichen Beratungen der Vorsitzende sa. Nach zwei Minuten schlief
er wie ein Toter.

Allmhlich leerten sich die Tische; man ging zum Fest. Der, an dem
Nagel und Brning saen, spielte ruhig weiter.

Um halb vier warf Brning die Karten zusammen und zog seine goldene
Uhr:

Massenhaft Zeit noch!--Aber wollen doch lieber gehen...

Er und Nagel standen vor dem Sofa, auf dem Franz noch immer schlief.
Er lag da wie ein Kind, und sein Atem ging still und friedlich durch
die etwas geffneten Lippen. Sicherlich trumte er jetzt von keiner
Niederlage.

Brning betrachtete ihn mit fast zrtlichem Lcheln.

--Wie ein junger Gott, was?--Und noch das reine Kind!--Aber wecken
wir unseren jungen Sieger!

--Er ist es noch nicht, sagte Nagel und rhrte den Schlafenden bei
der Schulter.

Franz fhr in die Hhe, und sein erster Griff war nach der Uhr.

--Aber wir versumen das Schwimmen, rief er auer sich, als er sah,
da sie bereits ber halb vier zeigte.

Die anderen lachten ihn aus, packten ihn in eine Droschke und fuhren
mit ihm zum Fest.--

Die enorme Halle des groen Schwimmbassins der Wasserfreunde war
festlich geschmckt. Der weite Raum mit den hohen, gotischen
Wlbungen war bis in den letzten Winkel durch die groen,
elektrischen Bogenlampen erleuchtet, denn durch die bunten
Fensterdrang nur noch das trbe Licht eines frhdunklen Wintertages.
Die sonst so kahle Halle war nicht wiederzuerkennen. An der Rckwand
hingen von der Decke bis zur Galerie die langen Fahnen der
veranstaltenden Vereine herab und verhllten die weie Flche der
Mauern mit ihren bunten Farben. An den Langseiten zogen sich von
Pfeiler zu Pfeiler in langen Reihen hunderte von winzigen, auf Seile
gezogenen Fhnchen in buntem Farbengemisch, und hoch von der Wlbung
der Decke hernieder schwebte regungslos ber der Mitte des Bassins
die mchtige weie Fahne des "S.-C. B. 1879" mit dem blauen Rande und
dem blauen Namenszuge in der linken Ecke. An der Eingangsseite bei
dem groen, sechs Meter hohen Sprungbrett spielte--hinter grnem
Blattwerk verborgen--die Musik.

Die Seiten des Bassins und die breiten Galerien waren dicht mit
Zuschauern besetzt, die sich gespannt vornber beugten, um besser die
Wasserflche unter sich berschauen zu knnen, in der die Wettkmpfe
stattfanden. Die engen Reihen boten ein buntes Bild: jung und alt--
alles sa hier durcheinander, und unter die dunklen Rcke der Herren
mischten sich die festlichen Toiletten der Damen und gruppenweise die
weien, buntgernderten Mtzen der zahllosen Sportgenossen. Alle
Schwimmvereine Berlins waren vertreten und scharten sich ihrer
Zusammengehrigkeit nach hier und dort zusammen.

In den Pausen und zu Beginn jedes neuen Rennens waren alle Augen auf
die Eingangswand gerichtet. Dort sa unter der Galerie an einem mit
Papieren bedeckten Tische der Ausschu des Festes: die Preis- und
Zielrichter, die beiden Schiedsrichter und in ihrer Nhe einige
hervorragende Gste, Vertreter der Stadt Berlin und einiger Behrden.
Hier befanden sich auch die reservierten Pltze fr die Vorstnde der
Vereine, denn hier nahmen die Rennen ihren Anfang.

Als Felder und seine Begleiter ankamen, muten sie sich an der
Aufgangstreppe, wo an der Kasse die blichen fnfzig Pfennig als
Entree erhoben und von Sportkameraden die Programme verkauft und die
Besucher empfangen wurden, bereits durch dichte Menschenmassen
arbeiten und hatten Mhe, sich durchzudrngen, um zu den
Auskleiderumen zu gelangen.

Es war gerade eine Pause, und die Wlbung hallte wider von dem
erregten Sprechen und Lachen der vielen Menschen. Es war bereits
erstickend hei. ber der noch vom letzten Rennen her leise bewegten
Wasserflche zogen sich leichte, weie Streifen, und die ganze Halle
dampfte von dem Dunst des Wassers und der Menschen.

Die Uhr wies ber die vierte Stunde hinaus. Man nherte sich den
groen Wettkmpfen. Lngst war die stereotype Erffnungsrede des
Vorsitzenden des Berliner Schwimmerbundes, eines redegewandten und
liebenswrdigen Herrn, in seiner bekannten eleganten Weise gehalten
und der Erffnungsreigen geschwommen. Bereits war das Schwimmen der
Knaben und Junioren, der Kleinen bis zum vierzehnten und der Knaben
bis zum siebzehnten Lebensjahre vorbei, und knftige Meister hatten
den ersten Anhauch ihrer Erfolge auf der heien Stirn gesprt.--Auch
die lteren Herren, die ber dreiig, hatten geschwommen und
vielleicht zum letzten Male die Hand nach dem Siegeskranze gestreckt.
Endlich war bereits ein interessanter Mehrkampf ausgefochten worden,
ber dessen unerwartetes Resultat noch hin und her geredet wurde.

Nun kam ein Brustschwimmen und ein groes Tellertauchen mit
unzhligen Konkurrenzen an die Reihe. Es konnte also noch lange
dauern, bevor die Meisterschaft Berlins ausgefochten werden sollte--
fr alle Kenner der Clou des Tages.

Felder wollte sich ausziehen, aber Nagel riet ihm ab. Wozu?--Man
hatte noch lange Zeit. Man gesellte sich also noch zu den
Klubgenossen, die eine ausgezeichnete Ecke am Anfang der Galerie
erobert hatten und besetzt hielten. Hier war man unter sich, unter
lauter Bekannten und Freunden, denn auch die Damen, die heute
mitgekommen waren, waren von so vielen geselligen Veranstaltungen des
Vereins her alte Bekannte. Es war wie eine groe Familie, diese Ecke.
Koepke empfing Franz mit der gewohnten Lebhaftigkeit. Er war so
erregt, als solle er selbst um den Preis schwimmen. Er war natrlich
wieder voll von Neuigkeiten, von denen kein Mensch etwas wute.
Georgy vom S.-C. "Spree" sollte nicht mitschwimmen infolge eines
Zerwrfnisses mit seinem Klub. Aber Wenzel war da; und Hoffmann, der
gefrchtete vom "Triton", auch. Hatte Franz ihn schon gesehen?--Dort
unten stand er, der lange mit der Hakennase und den mchtig vielen
Bndern ber der Brust.--Und Riesecker war da, der heute zum ersten
Male seit zwei Jahren wieder mitschwamm. Aber es wrde ihm wohl
nichts helfen...

Felder hrte kaum auf das Geschwtz. Er hatte seinem Freunde das
Programm aus der Hand genommen, und instinktiv suchte er seinen
eigenen Namen. Er brauchte in dem kleinen Heft nicht lange zu
blttern. Da stand es:

_IX. Schwimmen um die Meisterschaft der Stadt Berlin_

Offen fr alle Mitglieder. Bahnlnge 100 Meter gleich 4 Lngen.

1. B. Riesecker ...... (1. Berliner Amateur-S.-C.) schwarze Kappe

2. K. Wenzel ...... (S.-C. "Poseidon") gelbe Kappe

3. W. Georgy ...... (S.-C. "Spree") rot-weie Kappe

4. F. Felder ...... (S.-C. Berlin 1879) blaue Kappe

5. P. Hoffmann ...... (S.-C. "Triton") weie Kappe

6. W. Hofstetter ...... (Berl. S.-Sport-C.von 1888) rote Kappe

Darunter war der Raum freigelassen zum Einzeichnen der Sieger:

Erster: ........... Zeit: .... Min. .... Sek.

Zweiter: .......... Zeit: .... Min. .... Sek.

Da stand sein Name. Noch keine Stunde wrde vergangen sein, und die
Entscheidung war erfolgt. Welcher unter diesen sechs Namen wrde
eingetragen werden in die kleine leere Stelle?--Der seine?--

Er hielt es nicht mehr aus. Der Gleichmut seiner Freunde erregte ihn.
Ahnten sie, wuten sie denn nicht, was auf dem Spiele stand?--Warum
lachten sie noch?... Auer dem dummen Koepke schien keiner von der
Gre des Augenblicks erfllt zu sein.

Das Tauchen hatte begonnen. Es wrde bei der groen Beteiligung
mindestens eine halbe Stunde dauern. Aber Franz ertrug es nicht
lnger, ihm unttig zuzusehen. Die Zeit, in der die ersten beiden
unter Wasser blieben, erschien ihm endlos.

Er stahl sich weg und suchte einen der hinten gelegenen
Auskleiderume auf. In dem ersten, den er betrat, hatten sich bereits
sechs oder sieben Teilnehmer ausgezogen. Ein wstes Durcheinander
herrschte in dem engen Gela. Der Boden triefte von Nsse und
Schmutz, unter den Lattenbelgen standen Wasserlachen, Stiefel lagen
herum, die nicht zueinander paten, und Kleidungsstcke
verschiedenster Art waren wahllos bereinander geworfen--friedlich
vereinigten sich hier die toten Dinge, whrend sich drauen ihre
Besitzer so bitter bekmpften. Felder bemerkte das alles kaum. Er war
es nicht anders gewohnt.

Er war zufrieden, noch einen freien Haken zu finden, und kleidete
sich langsam aus. Er war ganz allein in dem abgelegenen Rume, in dem
ein trbes Dunkel herrschte, da man vergessen hatte, hier Licht
anzuznden. Durch die engen Fenster sah mit ihrem letzten Schein die
frh erlschende Wintersonne, und nur von ferne drangen verlorene
Rufe aus der Halle bis hierher.

Als er das Trikot angelegt hatte und darber die weie Badehose mit
dem blauen Rande streifte, berkam ihn wieder die zeitweilige
Mutlosigkeit der letzten Tage. Er hllte sich in sein Badetuch und
setzte sich in eine Ecke. Er wute, da man ihn rufen wrde, wenn es
Zeit war, und es war ihm ganz lieb, da man ihn bis dahin allein
lie.

Er glaubte nicht mehr daran, da er siegen konnte. Es war eine
Vermessenheit von ihm, zu schwimmen; und es war mehr als eine solche
von seinem Klub, ihn zu diesem Wagnis verleitet zu haben. Auf ihn
fiel die Schmach, wenn er unterlag. Und er mute ja unterliegen--wenn
nicht gegen die anderen, so doch gegen Wenzel. War berhaupt jemals
ein Mensch gegen den aufgekommen? Und gerade heute nach einjhriger
Pause schwamm der wieder mit!

Er sah trbe vor sich hin.

Pltzlich wurde er aus seinem Sinnengerissen. Zwei nasse Gestalten
strzten herein und suchten lrmend nach ihren Kleidern, whrend sie
laut miteinander ber das eben beendete Tauchen sprachen.

Hinter ihnen her Koepke.

--Wo bleibst du denn, Mensch?--Jetzt wird es aber wirklich Zeit. So
komm doch--alle warten schon auf dich! Felder lie sein groes
Badetuch von den Schultern gleiten und folgte dem wieder Forteilenden
langsam. Als er sich mhsam durch die immer enger zusammengeprete
Menschenmenge zu seinen Leuten durchgerungen hatte, kam eben der
letzte Taucher, mit seinen zwanzig Tellern beladen, bla und
schweratmend an die Oberflche.

Es herrschte an der Eingangsseite ein unglaubliches Gedrnge. Alles
stie sich durcheinander: Herren vom Wettschwimm-Ausschu in
schwarzen Frcken; Kellner mit gefllten Bierglsern; Bademeister in
hellen, frischgewaschenen Leinwandanzgen; Klubmitglieder in Mtzen
und Abzeichen, viele die Brust mit Medaillen und Schleifen berst,
freundlich oder feindlich gesinnt, und sich entweder herzlich
begrend oder hflich ausweichend; und Gste des Festes, jeden
Alters und Standes und Geschlechtes--alles mute hier durch, um
hinaus oder zu seinem Platz zurckzugelangen, und kaum wurde den
Schwimmern ausgewichen, die triefend von Wasser durch sie alle
hindurch und zu ihren Kleidern zu gelangen suchten. Die Halle drhnte
wider von dem Durcheinanderlrmen zahlloser Stimmen.

Man machte vor dem Hauptrennen des Festes die kurze Pause um einige
Minuten lnger, whrend welcher die Starter versuchten, einen kleinen
Raum um die Sprungbretter herum zu schaffen.

Felder stand eingekeilt in einer Ecke. Nagel hatte ihm selbst die
blaue Kappe bergezogen, die ihm das Los bestimmt hatte, und
erinnerte ihn noch einmal an seine Platznummer: "Du hast also Nr. 3
und schwimmst in der Mitte zwischen zwei Gegnern!" Er hrte Brnings
spttische Stimme, der ber den "Bldsinn des bertriebenen Tauchens"
sprach und fhlte dabei, wie sein Blick aufmerksam auf ihm ruhte. Als
er ihm begegnete, versuchte er, sorglos zu lcheln, aber er konnte es
nicht. Er hatte nur den einen Wunsch, da alles vorbei sein mchte.

Dann sah er, wie der Starter auf das eine der unteren Sprungbretter
trat und seine Fahne schwang. Der Lrm in der Halle verminderte sich,
Rufe um Rufe wurden laut, und eine klare Stimme tnte bis in den
fernsten Winkel des Raumes:

--Neunte Konkurrenz: Schwimmen ber hundert Meter um die diesjhrige
Meisterschaft Berlins. Herr Wenzel vom Schwimmklub "Poseidon"
schwimmt wegen pltzlich eingetretenen Unwohlseins nicht mit.

Ein Murmeln der berraschung erhob sich auf verschiedenen Seiten.
Dann lsten sich aus den dunklen Massen schnell einige helle, nackte
Gestalten und sprangen mit kurzem Ruck in das Wasser. Felder hatte
kein Wort verstanden. Er fhlte sich pltzlich vorwrts gestoen und
sah, wie der Raum vor ihm frei wurde. Er trat vor.

Einen Augenblick--eine kurze Sekunde--stand seine jugendlich-schlanke,
ebenmige Gestalt allein ber dem Bassinrand in der Mitte unzhliger
Blicke und berstrahlt von dem grellen Lichte der Bogenlampen, als
knne sie sich nicht entschlieen, den Sprung zu tun--dann streckte
Felder die Arme aus, neigte sich vor und ging mit glattem Sprunge
in das Wasser unter sich. Und in demselben Augenblick, als sein
heies Gesicht in die khle Flut tauchte und seine Hand nach der
Stelle des Brettes griff, wo seine Nummer stand, war es ihm, als
msse er aufschreien vor Lust, und er fhlte nichts anderes in
dieser Minute mehr, als die malose Seligkeit, schwimmen, jetzt
losschwimmen zu drfen!--Endlich im Wasser, war er jetzt wieder
Herr seiner selbst und seiner ganzen Kraft, und den Blick geradeaus
auf die glatte Flche vor sich geheftet, hrte er die Stimme des
Starters auf dem Sprungbrett ber sich:

--Sind die Herren bereit?--

Der Platz neben Felder lag leer. Aber dieser hatte keine Zeit,
darber nachzudenken, denn schon erklang ber ihm wieder die feste
Stimme:

--Achtung!--...--Fertig!

Und sofort danach mit dem gleichzeitigen Schwung der Fahne durch die
Luft:

--Los!--

Fnf Hnde lieen das Brett los, und fnf Gestalten durchschnitten
mit rasender Geschwindigkeit das Wasser.

Die Musik setzte ein, und es wurde so still unter der ungeheuren
Wlbung, da man auer ihr nur das Rauschen des Wassers unter den
peitschenden Schlgen der Arme und Hnde vernahm. Eine atemlose
Spannung ergriff selbst die Fernsitzenden unter den Zuschauern, und
allen teilte sich etwas von der inneren Erregung mit, die von diesem
Kampfe ausging.

Die erste Lnge von fnfundzwanzig Metern wurde fast gleich genommen.
Beim Wenden legte der Tritone in weier Kappe sich vor und blieb so
liegen bis rast an das Ende der zweiten Lnge, wo er seinen Vorsprung
gegen drei Gegner, unter ihnen Felder wieder verlor.

Wieder stieen fast gleichzeitig vier der Schwimmer zur dritten Lnge
ab; der fnfte war zurckgeblieben und blieb es.

Die vier Krper lagen nun fast nebeneinander. Bei jedem Sto
verschwanden die Kpfe mit den bunten Mtzen unter der Wasserwoge,
die ber sie wegging; dann sah man, wie sich die Arme wieder hoben,
um zu neuem Schlage auszuholen und die Krper, von neuem, mchtigen
Stoe der Beine getrieben, vorwrts flogen, als wrden sie gezogen...

Gegen Ende der dritten Lnge schien es, als schwmmen die vier auf
einen bestimmten Punkt zu, so sehr nherten sie sich einander. Aber
dann gingen sie wieder auseinander und jeder auf seine Nummer los.
Wieder erfolgte der Anschlag fast gleichzeitig; doch hatten sowohl
die rot-weie wie die rote Kappe eingebt, da ihnen die Richtung ein
wenig verloren gegangen war. So kam es, da Felder zuerst, oder doch
fast gleichzeitig mit dem Trger der schwarzen, wenden konnte.

Die Musik schwieg pltzlich und die ersten vereinzelten Rufe der
Teilnahme und der Ermutigung wurden laut. Auf der Galerie waren die
Zuschauer aufgestanden und berall drngten sich die Kpfe so weit
wie nur mglich vor. Die Spannung erreichte den hchsten Grad.

Die ersten Lngen hatte Franz geschwommen wie er immer schwamm: ohne
Aufbietung seiner letzten Kraft. Er war so glcklich, schwimmen zu
knnen, da er fast vergessen hatte, um was es sich handelte. Nun
erwachte er pltzlich wie aus einem Traum: er hrte die Rufe und sah
dicht neben sich den langen Riesecker, der sich eben wandte und ihm
mit dem nchsten Sto schon voraus war. Da packte ihn eine
frchterliche Wut. Er wute wieder, wo er war--und tief Atem holend,
stie er sich ab. Ganz einerlei jetzt--ob er siegte oder nicht; aber
leicht wollte er jenem den Sieg nicht machen! Er griff in das Wasser
und scho in ihm hin; er kmpfte mit ihm wie mit einem persnlichen
Feinde, auer sich vor Wut und Raserei.

Die Zuschauer sahen wie sich die zu Anfang der Endlnge nicht mehr
gerade Linie der vier Kpfe wieder schlo--wie der zweite dem ersten
wieder nher und nher kam und wie sich ihm die beiden anderen
zugesellten. In der Mitte des Bassins lagen die Schwimmer fast so
wieder zusammen, wie zu Anfang des Rennens.

Die Aufregung der Zuschauer stieg ins malose. Man rief nicht mehr,
man schrie den Schwimmern von allen Seiten zu, und jeder ihrer vier
Namen erklang aufmunternd, anfeuernd--drohend von berallher...

Franz nahm seine letzte Kraft zusammen. Er hrte und sah nichts mehr.
Er wute nicht mehr, wohin er schwamm, ob er berhaupt noch in einer
Richtung ging. Neben ihm peitschte irgend etwas mit beiden Armen wie
ein Ertrinkender das Wasser--er sah und hrte nichts mehr. Er fhlte
kaum, wie seine Finger das Holz des Brettes berhrten... Er wute
nicht einmal mehr, war es nun zu Ende oder nicht...

Dann vernahm er das frenetische Jubelgeschrei, das die Halle
durchbrauste und das den Tusch der Musik vllig bertnte. ber sich
sah er erregte Gesichter und neben sich fr einen Augenblick seine
Gegner--erschpft wie er. Wie sie holte er noch einmal tief Atem.
Dann tauchte er unter und schwamm mit einem Sto auf die Leiter zu.
Er hatte sich vollkommen ausgegeben,

Er hrte nicht, was die Umstehenden sagten. Er hatte nur das eine
Bedrfnis sich jetzt hinsetzen zu drfen. Er drngte sich aufs
Geratewohl durch die Menschen, die ihm keinen Platz machten. Man
hatte ihm ein Tuch bergeworfen, wie einem Pferde nach dem Rennen die
Decke. Er hllte sich fest hinein, um das Zittern seiner Glieder zu
verbergen, und machte sich rcksichtslos Platz. So gelangte er zu dem
Raum, wo seine Kleider hingen, und setzte sich, noch immer keuchend,
in eine Ecke.

Sie drngten sich ihm alle nach, seine Freunde, lachend ber seine
eilige Flucht und sein bses Gesicht, und versuchten, ihm die Hand zu
drcken.

Als er sie alle vor sich sah, die bekannten Gesichter, wurde er noch
bser:

--Aber warum denn?--Ich war doch nicht erster!--

Er sah, wie sie wieder lachten.

--Wer denn sonst, fragte Brning.

Franz sah von einem zum andern. Ohne Zweifel, sie lachten ihn aus.

Dann erblickte er seinen Schwimmwart und sah ihn an. Und eine Ahnung
stieg in ihm auf, da es wahr sein knne. Wenn Nagel es sagte, dann
glaubte er es.

Und als auch dieser nickte und sagte:

--Mit 2/5 Sekunden etwa... da war ihm, als lse sich von seiner Brust
der ungeheure Druck und eilig sprang er auf, um nach seinen Kleidern
zu greifen.

Hastig ri er Badehose und Trikot herunter und warf sich in seinen
Anzug. Um ihn herum lieen die Mitglieder des "S.-C. B. 1879" jetzt
ihren Gefhlen freien Lauf. Lebhaft wurde das eben beendete Rennen
besprochen. Allgemein stimmte man darin berein, da es ein ganz
auergewhnliches Rennen gewesen war, "wieder einmal eines von jenen,
bei denen alles anders gekommen war..." Am uergewhnlichsten
sicherlich das Endresultat.

Nur einer war ganz zurckgeblieben; einer hatte nicht mitgeschwommen.
Die brigen vier waren fast gleichzeitig durchs Ziel gegangen. Es
konnte sich bei ihnen nur um ein paar Sekundenfnftel handeln. Aber
Felder hatte unbedingt zuerst angeschlagen. Sie alle hatten es
gesehen. Gleich nach ihm hatte Riesecker die Hand angelegt, und es
hatte sich vielleicht nur um dies Anlegen der Hand gehandelt; dann
Georgy vom "Spree "-Verein, und wieder fast gleichzeitig mit diesem
der junge Erstlingsschwimmer Hofstetter, dem das kein Mensch
zugetraut htte. Hoffmann, der berhmte Hoffmann vom "Triton", der
Meister des Vorjahres, war berhaupt ganz zurckgeblieben und hatte
zu Ende der dritten Lnge schon gnzlich ausgesetzt.

Das an den Richtertisch gesandte Mitglied, wo unterdessen die Zeit
festgestellt und bekannt geworden war, kam zurck und besttigte fast
jede Einzelheit. Die hundert Meter waren geschwommen in der Zeit von
1:23 4/5 bis 1:25 Minuten. Riesecker hatte den zweiten Preis mit 24
1/5; der dritte hatte mit 1:24 3/5 abgeschnitten und mit 1/5 Sekunde
spter der junge Hofstetter.

Der Rekord fr Deutschland betrug 1:18 Minuten. Er war also
keineswegs erreicht, wie berhaupt in den letzten Jahren nicht mehr.
Was aber die Leistung Felders zu einer so auergewhnlichen machte,
war die Jugend des Siegers. Wenn man sie in Betracht zog, war es ein
Erfolg, fast einzig in seiner Art.

Neueintretende erzhlen von der allgemeinen Verblffung. Der ganze
Amateur-Schwimmklub sei in Aufruhr und wolle das Resultat anfechten,
da zwischen seinem Mitglied und Felder ein totes Rennen stattgefunden
habe: man habe ganz genau gesehen, da Riesecker und Felder zu
gleicher Zeit angeschlagen htten, und man habe es von ihrem Platze
aus besser sehen knnen, als von dem Tische der Richter.

Die Freude der Mitglieder wurde durch die Nachricht von dem Arger der
anderen natrlich nur erhht, und man freute sich im voraus auf die
nicht ausbleibenden Reibereien der nchsten Zeit.

Nur Franz war merkwrdig still geworden. Jetzt, wo er wirklich diesen
so heiersehnten und noch immer unbegreiflichen Sieg sein eigen
nannte, erschien ihm so wenig, was er errungen. Die Unruhe und Angst
der letzten Zeit waren vorbei. Aber geschwunden war auch zugleich mit
ihnen und wie mit einem Schlage das Gefhl des Angespanntseins, das
einer inneren Gehobenheit trotz aller Verzagtheit... Was hatte er
getan?--Wofr wurde er gelobt?--Er hatte geschwommen, wie schon
hundert Male, von Rand zu Rand der Wasserflche--etwas besser, nicht
viel schlechter heute, als sonst. Nur hatte er diesmal etwas getan,
was andere nicht gekonnt: um den Bruchteil einer Sekunde, um einen
Augenblick frher hatte er die Hand zum Anschlagen erhoben, und diese
eine, diese einzige Bewegung der Arme und der Hand erhob ihn
pltzlich so, da ihn alle anstarrten wie ein Wundertier. Wre er
unterlegen, ja, wre er nur zweiter geworden, kein Mensch wrde sich
um ihn kmmern, niemand seinen Namen nennen... Auerdem: Wenzel hatte
nicht mit geschwommen. Wre er nicht erkrankt, so htten sie alle
miteinander einpacken und zusehen knnen!

Er wollte wissen, wie er geschwommen hatte. Nagel wrde es ihm sagen.
Er drngte sich zu ihm, als er fertig war, und ging mit ihm hinaus.

Dann hrte er es: "Ein schner Sieg, weil er so schwer errungen
wurde. Wie du geschwommen hast?--Die ersten drei Lngen ganz gut. Bei
der letzten hast du natrlich den Stil verloren und bist ber deine
Krfte hinausgegangen. Sonst httest du auch nicht gesiegt.--Freu'
dich nur ruhig. Wir freuen uns auch."

Ja, Franz freute sich, als er dies hrte, und zog sich seine
Sportmtze ber die noch nassen Haare. Jetzt erst freute er sich
_wirklich!_--

Mit den anderen ging er hinaus, und eine Weile noch standen alle in
ihrer Ecke der Galerie, wo der Sieger mit neuen Glckwnschen
empfangen wurde.

Die schwle Hitze in der Halle hatte noch zugenommen. Der Dunst des
warmen Wassers und der vielen Menschen war erdrckend. berall sah
man rote Gesichter, auf denen der Schwei stand, und alles versuchte
die innere Glut mit groen Glsern Bier zu lschen. Aber noch immer
erschienen die Reihen der Zuschauer ungelichtet. Man blieb, weil man
einmal da war, oder auch, weil man noch das Wasserpolo und die
lustige Pantomime am Schlu nicht aufgeben wollte. Die letzten Rennen
gingen unter allgemeiner Interesselosigkeit vorber. Selbst ein
langes, aber vortreffliches Krspringen vermochte es kaum mehr
aufrecht zu erhalten. Wie immer, rchte sich an diesen letzten
Nummern die offenbar unvermeidliche berladung des Programms.

In der Ecke der 79er drngte Brning seine nheren Freunde zum
Aufbruch, endlich "dies verfluchte Schwitzbad" zu verlassen. Er knne
es nicht mehr aushalten, und wenn sie noch zehn Minuten lnger
hierblieben, knnten sie es erleben, da er sich auszog und ins
Wasser ging. Er hatte aus Anla des Sieges sogleich ein kleines
Festessen geplant und den immer bereiten Koepke (der als Belohnung
dafr mit eingeladen wurde) in ein benachbartes Weinrestaurant
geschickt, wo die Nennung seines Namens und kurze Angaben gengten,
um eine gemtliche Nische und ein ausgesuchtes kleines Souper fr
sechs Personen nach einer Stunde bereit zu finden.

Die Geladenen verabschiedeten sich fr ein paar Stunden von ihren
Leuten und verlieen, von vielen Blicken gefolgt, die heie Halle.--

Bei Tisch herrschte die lebhafteste Frhlichkeit. Franz sa zunchst
dem Gastgeber, neben ihm ein lterer Schwimmer mit groem Namen, und
ihm gegenber sein verehrter Schwimmwart. Er war uerlich still, wie
immer, aber innerlich war jetzt alle Sorge von ihm genommen, und er
lie sich alle die guten und ungewohnten Dinge, die auf den Tisch
kamen, mit dem ganzen unverdorbenen Appetit seiner jungen Jahre
schmecken.

Aber als Brning zum Schlu, als der Sekt kam, das Glas in die Hand
nahm und--halb ernsthaft, halb launig, wie es so seine Art war--eine
Rede auf ihn hielt und alle aufstanden, um auf den heurigen und alle
knftigen Erfolge mit ihm anzustoen, da bermannte ihn fast die
Rhrung ber so viel unverdiente Freundschaft. Ein groer Entschlu
keimte in ihm auf, und whrend die anderen schon weiteraen und
weiterlachten, stand er pltzlich auf und sagte geradeausschauend und
ganz schnell:

--Es lebe der Schwimmklub Berlin 1879. Ich danke ihm, da er mich
aufgenommen hat, und ich werde mich anstrengen, ihm immer so Ehre zu
machen, wie heute...

Das war ein kurzer Toast, aber ein guter, und alle wunderten sich,
da er ihn so zustande gebracht hatte; Brning nannte ihn sogar einen
Beweis fr "die unvermutet glnzende Rednergabe unseres lieben
Mitgliedes Franz Felder".

Aber das strte diesen nicht weiter, und uerlich still, aber
innerlich glcklich blieb er den ganzen Abend: whrend der
Droschkenfahrt nach dem Lokal, wo die Preisverteilung stattfand;
whrend dieser selbst, als er--noch einmal der Zielpunkt aller
Blicke--die silberne Medaille und die Urkunde, die ihn den Meister
von Berlin fr das kommende Jahr nannte, erhielt; und whrend der
langen Stunden, die sich noch durch die halbe Nacht zogen, als man an
den Tischen zu seiten des groen Saales sa, in dem unermdlich
getanzt wurde, und als immer wieder und wieder von allen Seiten alte
und neue Bekannte kamen, um mit ihm anzustoen, zutrinken und ein
Wort zu wechseln...

Und glcklich war er, als er endlich durch die helle und kalte
Winternacht heimwrts ging. Denn wie der Himmel dort oben, so war
auch seine Zukunft voll lichter Sterne, und ein jeder von ihnen war
ein neuer, ein groer und ein immer grerer Erfolg!


8

Er durfte seinen Sternen vertrauen. Einer nach dem anderen neigte
sich gegen ihn und fiel nieder in seine jungen, hoch emporgestreckten
Hnde--Sieg um Sieg!--

Die Meisterschaff der kurzen Strecke fr Berlin hatte Franz Felders
Namen mit einem Schlage bekanntgemacht. Jetzt konnte im Klub kaum mehr
darber gestritten werden, wer zu den nchsten Schwimmkonkurrenzen
entsandt werden sollte; es handelte sich nur noch darum, an welchen
Schwimmen er sich beteiligen konnte, und bei welchen es besser war,
von einer Beteiligung noch abzusehen. Das galt natrlich in erster
Linie bei den langen Strecken, fr die es im Klub kein Mitglied gab,
das sich mit den Meistern dieser Jahre ber sie htte messen knnen.
Aber man konnte sich nach dem unverhofften Triumphe seines jungen
Mitgliedes jetzt nicht mehr zurckziehen, um so weniger, als
man neben Felder einen ausgezeichneten Springer, Grafenberger,
herangebildet hatte, der sich auf dem Bundesschwimmen einen zweiten
Preis geholt, und auf den man als Springer ebensolche Hoffnungen
zu setzen begann, wie auf Felder als Schwimmer.

So war der alte Schwimmklub Berlin von 1879 mit einem Schlage wieder
in den Vordergrund des Interesses getreten, und seine alten
Mitglieder sahen wohl ein, da sie dem Drngen der jngeren nicht
lnger widerstreben durften und konnten, sondern verpflichtet waren,
das Eisen zu schmieden, das wieder zu glhen begann.

Mit der Hoffnung auf neue, rege Beteiligung an der ffentlichkeit und
mit der begrndeten Aussicht auf neue Siege begann sich ein neues,
frisches Leben in den Sitzungen, wie auf den bungsabenden zu
entfalten, und nie war der Ton bei den Zusammenknften so frei und
frhlich gewesen, wie zu Beginn dieses Sommers...

Felder bte unablssig. Als der laute Tag vorbeigerauscht war, der
ihm seinen so heiersehnten Sieg gebracht, erschien es ihm wieder so
wenig, was er getan, da ein tiefes Gefhl der Unbefriedigtheit ihn
fast nicht mehr verlie. Ja, er hatte gesiegt--aber war das ein Sieg
gewesen, wie er zu wnschen war?--Weder war seine Zeit eine besondere
gewesen, noch sein Stil bis zu Ende rein geblieben; dabei hatte er
seine Kraft vllig verausgabt; und endlich hatte Wenzel, der
Meistgefrchtete, nicht teilgenommen. Alles das beeintrchtigte den
Wert seines Sieges in seinen Augen bedeutend und er war ungeduldig
nach neuen Kmpfen.

Er bte unermdlich. Er erreichte es zunchst, die hundert Meter in
derselben Zeit, wie auf dem Bundesschwimmen, aber in glatt
durchgefhrtem Stil zu schwimmen; dann verbesserte er seine Zeit von
Woche zu Woche um ein weniges.

Als der Frhling kam und die ersten Ausschreibungen fr die
Sommerfeste erlassen wurden, begann er, das frhere Training fr
Strecken ber drei- und fnfhundert Meter wieder aufzunehmen. Seine
Fortschritte setzten selbst seine Klubgenossen in Erstaunen. Sogar
Nagel, der ihn unausgesetzt beobachtete, sagte nichts mehr. Nach
auenhin bewahrte der Klub absolutes Stillschweigen.

Dann kamen die Siege dieses Sommers, einer nach dem andern: er siegte
zweimal auf den internen Veranstaltungen seines Klubs gegen seine
eigene Mannschaft, war dessen erklrter bester Schwimmer ber alle
Strecken und in jeder Stilart und verzichtete damit frs erste auf
die Beteiligung an Kmpfen mit seinen eigenen Leuten. Er schlug auf
dem schnen Fest des "Delphin" dessen besten Schulschwimmer im
Brustschwimmen ber 150 Meter; er holte sich ein Diplom in
Reinickendorf und einen Ehrenpreis in Halensee. Und er erlebte einen
anderen, in seiner Art merkwrdigen Triumph. Er erreichte auf dem
diesjhrigen groen Verbandsschwimmen im Kochsee, auf dem er zu dem
groen 500-Meter-Schwimmen um den Hauptpreis nicht gemeldet war, da
diesmal die abmahnenden Stimmen seines Klubs, die vor allzu hastigem
Vorgehen warnten, im bergewicht gewesen waren, er erreichte auf
diesem Fest im Juniorenschwimmen ber dieselbe Strecke, bei dem er
natrlich startete, eine Zeit, die so nahe an die des Siegers im
Hauptschwimmen heranreichte, da alle Gegner schweigen und denen
recht geben muten, die schon fr dieses Jahr ungestm eine
Beteiligung Franz Felders an ersten Konkurrenzen gefordert hatten.--
Das war auch ein Sieg, und nicht der schlechteste!

Dazu kamen noch in diesem Sommer seine ersten Reisen. Sie wurden ber
den Sonntag gemacht, da er zur festgesetzten Zeit wieder bei seiner
Arbeit sein mute. Im Fluge hin, im Fluge zurck; oft im Morgengrauen
zur Bahn, eine lange Fahrt, ein hastiger Sieg, ein Telegramm an den
Klub, und schon wieder zum Bahnhof zurck... Nur einmal konnte er ein
paar Tage Urlaub benutzen, um nach Stuttgart zu gehen, wo er zwei
Tage blieb. Auf diesen seinen ersten Reisen, die mehr Ausflge waren,
unternommen auf Kosten seines Klubs und stets in Begleitung
irgendeines Kameraden, kam er nacheinander nach Magdeburg, Hamburg
und Stuttgart und im Sptherbst nochmals nach Hamburg, wo er den
schnsten aller seiner bisherigen Siege errang: in dem deutschen
Schulschwimmen einen Ehrenkranz mit Gravierung fr ein tadellos
durchgefhrtes Brustschwimmen von hundert Metern gegen und hundert
Metern mit dem Strom, bei dem die Art des Schwimmens, nicht nur die
Schnelligkeit gewertet wurde. In Stuttgart holte er sich den zweiten
Preis im Wettschwimmen ber einhundert Meter, in Magdeburg den ersten
im Hindernisschwimmen: ein in seiner knstlerischen Ausfhrung
wirklich wertvolles Diplom.

Und dann hatte sich Felder im folgenden Winter in seiner
Meisterschaft von Berlin im Schwimmerbund ber die kurze Strecke zu
behaupten: diesmal gegen Wenzel vom "Poseidon" und die besten
Berliner Schwimmer, und er tat es in einer Weise, die deutlich
zeigte, welche Sicherheit ihm bereits die sommerlichen Siege
verliehen hatten--er schwamm die kurze Strecke nicht nur in reinstem
spanischem Stil und verbesserte seine eigene Zeit gegen das Vorjahr
nicht nur um fast drei Sekunden, sondern er schlug den gefrchtetsten
Gegner, der alles daran setzte, die verlorene Meisterschaft wieder zu
gewinnen, um eine ganze Sekunde.

Zum zweiten Male war er Meister von Berlin geworden. Kaum war ein
kurzes Jahr vergangen, und doch: welcher Unterschied zwischen heute
und damals!

Als er--umstanden von seinen jungen und alten Klubfreunden--sein
Trikot berzog und der immer behbiger werdende Brning den anderen
in seiner spttisch-gutmtigen Art erzhlte, wie sie ihn damals vom
Sofa aufgeweckt und den Mutlosen in einer Droschke hierher gebracht,
dachte Felder selbst einen Augenblick an die trbe, einsame
Viertelstunde, in der er hier allein niedergedrckt bei dem grauen
Zwielicht eines trben Wintertages gesessen, fast verzweifelnd an
sich und seiner Zukunft.

Heute zweifelte er nicht mehr. Er dachte berhaupt wenig mehr an
Siegen und Unterliegen. Die heitere Zuversicht der Ruhe, erworben in
so manchen ernsten Kmpfen des letzten Jahres, war ber ihn gekommen,
und kaum lie die Erwartung jetzt sein Herz hher schlagen, wenn ein
neuer Sieg ihn reizte. Er wute, er tat, was er konnte, und er tat es
in erster Linie fr seinen geliebten Klub. Er hatte ihm bereits Ehre
gemacht. Er wute es, und er war stolz darauf. Als das Diplom des
Bundesschwimmens, das seinen Namen trug, in dem alten, gemtlichen
Klubzimmer der Lindenstrae, wo der Klub nun schon seit fast einem
Jahrzehnt tagte, dieser Sttte so zahlreicher, erregter Debatten, so
zahlloser freudiger und gehobener Stunden, zwischen der Unmenge
Ehrengeschenke und Urkunden vergangener Tage seinen Platz fand, wich
zum ersten Male recht eigentlich das Gefhl einer gewissen Fremdheit,
das ihn nie ganz verlassen hatte, von ihm: denn jetzt hatte der
Arbeitersohn aus dem Osten angefangen, seine Schuldzurckzuzahlen,
und man brauchte es nicht mehr zu bereuen, den armen Jungen unter
sich aufgenommen zu haben. Und er schwur sich damals und viele Male
spter, immer und immer wieder zu: ganz und bis aufs letzte die in
seinen Augen so unermeliche Schuld zurckzuzahlen, und vielleicht
nicht nur das, sondern dem "S.-C. B. 1879" mit Zinsen und
Zinseszinsen zu vergelten, was er an ihm getan.

Daher freute er sich an jedem seiner Erfolge, nicht nur fr sich,
sondern auch fr seinen Klub mit. Und so glcklich er auch war, einen
Preis nach Hause tragen zu drfen und die Ehrenzeichen und Medaillen
auf seiner Brust sich vermehren zu sehen--lieber war es ihm doch noch
und grer seine Siegerfreude, wenn er seine Preise in den Besitz des
Klubs bergehen und dort die Wand zieren sah, whrend ihm selbst nur
eine einfache Urkunde--gewissermaen als Besttigung--zuteil wurde.

So rein und ehrlich war seine Freude, da er fast noch keine Neider
hatte, wenigstens nicht unter seinen Leuten. Er war noch ganz der,
als den sie ihn damals aufgenommen hatten, wenn er auch uerlich ein
junger, eleganter Mann geworden war, der es lernte, Wert auf sein
ueres zu legen. Auf seinen Lippen zeigte sich der erste Flaum, aber
sein Krper--obwohl Felder auch im letzten Jahre tchtig in die Hhe
geschossen war--zeigte noch immer die unentwickelte Formen des
Knaben, und wenn er an den Start ging, verschwand seine Gestalt fast
neben denen der anderen. Wer ihn nicht kannte, prophezeite ihm vor
seinen meist voll entwickelten, muskulsen Gegner sicher nicht den
Sieg, bis er ihn mit kurzen und sicheren Schlgen das Wasser teilen
und den schmchtigen Schwimmer schnell allen vorauseilen sah.

Diese Liebe zu seinem Klub, diese fast kindliche Freude an seinen
ersten Triumphen, diese so bescheidene und doch selbstbewute
Zurckhaltung und Ruhe, die Felder eigen war, erhhte seine
Beliebtheit im Klub von Tag zu Tag; und wann immer er kam, woran er
auch teilnahm, stets war er gern gesehen und fhlte sich mehr und
mehr heimisch in diesem Leben, das mehr als je fast jede seiner nicht
der Tagesarbeit gewidmeten Stunden in Anspruch nahm. Noch immer waren
und blieben die besten seiner Freunde die alten: Nagel, der treue und
ernste Berater; Brning, dessen ausgesprochener Schtzling er blieb
und der, so oft er nur konnte, den Unerfahrenen auf seinen Reisen
begleitete und natrlich stets alles zahlte; und Koepke, der
Unzertrennliche, sein Schatten, der bei jedem neuen Siege von neuem
aus dem Huschen geriet und ihm Erfolge voraussagte, ber die Felder
selbst einstweilen nur lchelte. Aber auch an manchen anderen
Klubgenossen hatte er wahre und aufrichtige Freunde, die verlernt
hatten, sich an seiner Schwerflligkeit und Wortkargheit zu stoen
und ihm nher standen, als Felder es selbst wute.

Und noch eines trug dazu bei, seine Beliebtheit zu erhhen: trotz
seiner erstaunlichen Fortschritte und der in Anbetracht seiner Jugend
auergewhnlichen Siege drngte er sich doch nie zu den Konkurrenzen,
und immer war es der freie Entschlu seines Klubs, der ihn--vor der
von Brning und einigen anderen gelenkten Majoritt sich beugend--
hinaussandte. So lie er sich ruhig mitnehmen in die fremden Stdte,
berwand schnell das anfngliche Unbehagen der hastigen und
berstrzten Fahrten, und tat sein Bestes, sich fr die Kmpfe
mglichst frisch zu erhalten, indem er geduldig die Ratschlge seiner
Begleiter ber sich ergehen lie und a und schlief, wenn diese es
fr ntig erachteten, und nicht, wenn er hungrig und mde war. Die
Reisen selbst interessierten ihn wenig: er sah wohl hier und da eine
Sehenswrdigkeit der fremden Stadt, wenn es zufllig eine freie
Zwischenstunde erlaubte, auch machte das neue und bunte Hafenleben
Hamburgs einigen Eindruck auf den Binnenlnder, aber im allgemeinen
drehten sich seine Erinnerungen an diese Reisen doch nur um
deren Zweck und Ziel: um die Wettlufe am Nachmittag und die
Preisverteilung am Abend, und die glichen sich alle mehr oder minder,
mochte es nun in Hamburg sein oder in Stuttgart oder Berlin.

Aus diesem Jahre, vielleicht dem glcklichsten seines kurzen Lebens,
stammte eine Photographie, auf der er sich zum ersten Male bildlich
im Schmucke seiner Siegeszeichen zeigte. Die kleine, braune
Rettungsmedaille war fast nicht mehr sichtbar unter den sechs bis
sieben groen Silbermnzen, die bereits eine ganze Reihe auf der
linken Brustseite bildeten; und um den Hals trug der junge Meister
bereits das breite Band mit der kleinen, vergoldeten Medaille, das in
leuchtenden Buchstaben den frhen Ruhm seines Trgers verkndete.

Als der "Welt-Sport", das berhmte und angesehenste Sportblatt der
ganzen Welt, Felder um sein Bild bat und es zu Ende dieses Winters
seinen Lesern zeigte, schrieb es dazu:

"Wenn wir heute--entgegen unserer sonstigen Gewohnheit--unseren
Lesern das Bild eines jungen Schwimmers zeigen, dessen Name, obwohl
bereits rhmlich bekannt in seinen Kreisen, doch noch keine
eigentlich nationale Geltung erlangt hat, so tun wir es in der
sicheren berzeugung, da der Name Franz Felder eines, vielleicht
nicht einmal fernen Tages ber die Grenzen seines Vaterlandes hinaus
genannt werden wird. Was uns zu diesem Ausspruch treibt, sind nicht
so sehr die in Anbetracht seiner Jugend allerdings auergewhnlichen
Leistungen und staunenswert schnellen Fortschritte dieses Schwimmers,
sondern vor allem die Beobachtung der ganz nur auf ein Ziel
gerichteten Energie dieses jungen Mannes, mit der er von frh auf
sich selbst gesteckte Ziele rastlos und unbekmmert zu verfolgen
scheint... Wir wten unter allen deutschen Schwimmern der jngeren
Generation keinen, der uns so zu den hchsten Hoffnungen berechtigt
erscheint, wie Franz Felder, der Meister von Berlin ber die kurze
Strecke der letzten beiden Jahre..."

Als an einem Sitzungsabend des Klubs die Nummer herumgereicht und von
allen Seiten mit launigen und spttischen Bemerkungen ber den
Schreiber begleitet wurde, war es wieder nur Nagel, der ernst blieb.
Indem er verstohlen das Bild mit dem ihm seit Jahren bekannten
Gesicht verglich und Zug fr Zug hier wiederfand, was er dort
so gut kannte: die niedrige, trotzige Stirn, den Mund mit den
ausdrucksvollen, gewlbten Lippen, das energische Kinn und die oft so
unnatrlich ernsthaft blickenden blauen Augen mit den scharf
gezogenen Brauen darber--da mute er innerlich dem gewiegten und in
allen Lebensstteln gerechten Menschenkenner des groen Sportsblattes
recht geben und seiner Beobachtungsgabe Bewunderung zollen. Aber was
jenen, den gleichgltigen Kritiker, so zu berschwnglichen
Prophezeiungen begeisterte, erfllte ihn mit heimlich-banger Sorge um
seinen Schtzling.

Er sprach nicht aus, was er dachte. Man wrde ihn mitverlacht haben.
Denn fr die meisten anderen lag alles dies, was er in diesem
Augenblick in voller Schrfe sah, noch verborgen unter der Weichheit
der Jugend, die in diesen Zgen noch nichts Hartes hervortreten lie,
und gerade in dieser Stunde, in diesem lustigen Kreise, unter diesen
ihm so vertrauten und lieben Menschen, kam alles, was in Felders
Natur an unbekmmerter Frhlichkeit, an sich und anderen vertrauender
Gte und natrlicher Liebenswrdigkeit lag, hervor. Mit den anderen
lachte er ber die berschwnglichkeiten des Reporters, denn wenn je
in ihm die Stimme des Ehrgeizes geschwiegen hatte, so rat sie es
jetzt. Seine ersten Siege hatten ihn beruhigt. Wenn es so leicht war,
zu siegen--nun, dann wollte er noch oft siegen. Aber wozu darber
nachdenken?--Das wrde alles schon kommen, wie es kommen sollte. Fr
ihn war die Hauptsache, da er seinem Klub Ehre und Freude machte.
Hier hatte er die Heimat seiner knabenhaften Wnsche gefunden, und
hier wollte er bleiben. Sein Klub wrde ihn leiten und ihm sagen, wie
weit er zu gehen, wo er stehen zu bleiben hatte. Er vertraute sich
ihm ganz.

Er war ganz ruhig, ganz sicher, ganz glcklich.

Er hatte ein groes Vertrauen in seine Kraft gewonnen. Denn er fhlte
sie wachsen von Tag zu Tag, von Tag zu Tag!


9

Sie waren eine glckliche Zeit fr den jungen Schwimmer--die Jahre
dieses rapiden, sicheren und doch nicht berhasteten Aufstiegs.

Aber nie schien ein Sommer in Franz Felders Leben so voll Sonne zu
werden wie dieser nchste, der seines achtzehnten Lebensjahres, in
dem er seine Lehrzeit beendete und in dem er in einer Flle anderer
erstklassiger Siege, die sich Schlag auf Schlag in fast
bengstigender Schnelle folgten, auch seine erste, ganz groe
Meisterschaft und mit ihr die groe goldene Medaille erfocht: die
Jahresmeisterschaft von Deutschland ber die groe Strecke von
tausend Metern--den schnsten und reinsten aller seiner bisherigen
Siege.

Der Wunsch, sich an diesem hchsten Wettkampf zu beteiligen, um den
alle ersten Schwimmer Deutschlands Jahr fr Jahr mit ihrem besten
Knnen rangen, hatte lange in ihm gelegen, bevor er sich
hervortraute. Die kurze Strecke, ber die er sich Meister fhlte,
reizte ihn schon nicht mehr. So kam es, da er sich mehr und mehr auf
die langen Strecken legte und im Frhjahr dieses Jahres wochenlang
berhaupt nur noch ber tausend Meter trainierte, bis er auch hier
Zeiten erreichte, die sich khnlich neben anderen sehen lassen
konnten. Aus dem unbertrefflichen Flieger war ein ausgezeichneter
Steher geworden. Als daher die Beratungen ber die jhrliche
Beteiligung begannen, konnten die schwachen und vereinzelten Einwnde
meist lterer Mitglieder gegen ihn nur seiner Jugend gelten, und sie
wurden von dem allgemeinen lebhaften Verlangen des Klubs nach neuen
und greren Siegen auf neuem Gebiet glatt berstimmt.

Das groe Schwimmen des "Allgemeinen Deutschen Schwimmverbandes"
sollte in diesem Jahre besonders groartig ausgestaltet werden, jede
Art von Konkurrenz im Schwimmen, Springen und Tauchen umfassen und
sich ber zwei ganze Tage erstrecken, einen Sonnabend und einen
Sonntag im Juli. Als Ort war diesmal Grnau gewhlt, der allbekannte
Sportplatz an der Dahme, der "wendischen Spree", dem Heim der groen
Regatten. Seit Jahren waren keine zahlreicheren und bedeutsameren
Meldungen aus allen Orten Deutschlands eingetroffen, und die gesamte
Schwimmwelt blickte den entscheidenden Tagen mit auergewhnlicher
Spannung entgegen. Der "Schwimmklub Berlin 1879" hatte neben Felder,
der am ersten Tage in einem 200-Meter-Schwimmen, am zweiten sich an
dem groen Schwimmen beteiligen sollte, seinen ausgezeichneten
Springer, Grafenberger, und zu den kleineren Wettkmpfen mehrere
verheiungsvolle Krfte gemeldet, so da er schon nach der Zahl
seiner Meldungen im Vordergrund des Interesses stand!--

Der Erffnungstag, der Sonnabend, war nicht vom Wetter begnstigt und
verlief auch sonst unbefriedigend. Grafenberger hatte seinen
schlechten Tag, und sogar Felder holte sich nur einen zweiten Preis,
indem er gegen den Meisterschwimmer Westdeutschlands aus Frankfurt
ber die 200-Meter-Strecke unterlag. Man trennte sich unter
strmendem Regen frh, um sich zu dem Haupttage durch ausgiebigen
Schlaf zu rsten.

Um so zahlreicher und auserlesener war am Sonntag die Zuschauermenge,
die in dichten Reihen die Holzbnke an dem sanft aufsteigenden Ufer
zu vielen Hunderten schon vor der angesetzten dritten Stunde des
Beginnes besetzt hielt, whrend von einem wolkenlosen, blauen Himmel
die Sonne in vollster Pracht auf Wasser, Wlder und sie, die
Menschen, herniederstrahlte.

Fast alles, was in der Welt des Schwimmsports einen Namen hatte, war
vertreten. Man sah mehr bunte Mtzen und Farben als je zuvor, und aus
der Zahl der Zuschauer und der Vertreter und Deputierten ffentlicher
Behrden konnte man ersehen, welchen Aufschwung das Schwimmwesen in
den letzten Jahren genommen und wie sehr es an Interesse in weiteren
Kreisen gewonnen haben mute.

Von Anfang an wurden alle Rennen mit allgemeinster Aufmerksamkeit
verfolgt, und selbst solche, die sonst nur Ermdung und Langeweile
bei den Zuschauern hervorzurufen pflegten, wurden mit Beifall
begleitet.

Als dann aber das Hauptschwimmen kam, als die schlanke, ebenmige
Gestalt Felders die Flut mit der Regelmigkeit und Kraft eines
Dampfers durchschnitt, als er erst den bestaunten Kolo der
Hamburger, dann den Meister der langen Strecke von Sddeutschland,
endlich in der letzten Lnge auch den bisher als unbesieglich
geltenden Karl Becker, den Sieger des Vorjahres, hinter sich lie und
vor allem ebenso ruhig aus dem Wasser stieg, wie er hineingegangen
war, da lste sich die aufs hchste gestiegene Spannung in einem
nicht endenwollenden Jubel. Es war ein Sieg, so rein und schn
erfochten, da jedes Mkeln und Deuteln vor ihm verstummte; und so
einfach und ungezwungen war die Haltung des Siegers (als habe er das
Selbstverstndlichste der Welt getan), da man nicht anders konnte,
als ihn bewundern und lieben zu gleicher Zeit.

Felder konnte sich vor den Beglckwnschungen kaum retten. Da es ihm
bei seiner Schwerflligkeit noch immer lstig war, vor so vielen
fremden Menschen Rede und Antwort zu stehen, suchte er sich ihnen
mglichst bald zu entziehen. Heute hatte er einen guten Grund.

Seine ganze Familie hatte heute ausnahmsweise "nach Grnau
hinausgemacht", um "einmal zu sehen, auf welche Weise er denn zu all
diesen schnen Geschenken und den Medaillen kme". Franz hatte zuerst
protestiert. Was fiel ihnen pltzlich ein?--Er wollte sie nicht da
haben. Sie sollten ihre eigenen Wege gehen, wie er die seinen ging.
Aber er konnte ihnen schlielich nicht verbieten, unter den
Zuschauern zu sein und zuzusehen. So hatte er ihnen denn mglichst
gute Pltze verschaffe und im benachbarten Restaurant einen groen
Tisch am Wasser belegt. "Einen recht groen, denn es wrden noch
mehrere dabei sein", meinte sein Vater.

Jetzt kam ihm diese ganze Familiengeschichte gerade recht, um sich
auf eine Stunde den anderen zu entziehen. Auch war er ganz zufrieden,
da die Seinen nun endlich einmal gesehen hatten, was aus ihm
geworden war, wenn sie auch nicht viel davon verstanden. Denn mehr
als je zerfielen fr ihn die Menschen in die zwei Klassen: in die,
die schwimmen konnten, und in die, die es nicht konnten...

Als er--die Brust bedeckt mit seinen Siegeszeichen--an den Tisch
trat, fand er auch bereits seine Familie fast vollzhlig vor: die
Geschwister, verheiratete und unverheiratete, waren da, die Kinder
der ersteren und andere Verwandte. Auerdem befreundete Familien, von
denen er nur einzelne Mitglieder kannte--alle bunt durcheinander.

Man hatte ihm einen Ehrenplatz oben am Tische aufgehoben. Er sah sich
flchtig um. Zu seiner Linken sa ein junges Mdchen, das ihm fremd
war, zur Rechten seine alte Mutter. Ein paar Pltze von ihm entfernt
machte sich ein beleibter Herr mit einer mchtigen Bowle zu schaffen.
berall bekannte Gesichter.

Franz nickte seiner Mutter zu.

Mit einem schwachen und seltenen Versuch, zu scherzen (sein neuer
Sieg hatte ihm Mut gemacht) meinte er:

--Na, Mutter, heute ging es ja noch mal gut; aber das nchste Mal
ertrinke ich dann sicher.--Die alte Frau glaubte nmlich noch immer,
ihr Franz msse eines schnen Tages seinen Tod im Wasser finden. Ins
Wasser gehen bedeutete fr sie, sich ganz unntigerweise einer Gefahr
aussetzen; und wenn sie in letzter Zeit auch begriff, weshalb ihr
Sohn das tat--denn er brachte doch die schnen Preise nach Hause--so
war sie doch immer noch nicht aller Sorge ledig. So antwortete sie
denn nur:

--Wenn du auch schwimmen kannst, ertrinken kannst du doch!...

Man lachte sehr ber ihre Antwort, und Franz lachte mit, obwohl er
sich ein wenig ber das Unverstndnis der alten Frau rgerte.

Da hrte er sich pltzlich von links her angesprochen:

--Kennen Sie mich denn wirklich nicht mehr, Herr Felder?--

Er sah seine Nachbarin berrascht an. Schon als er sich setzte, war
sie ihm aufgefallen, und er hatte gedacht, wer sie wohl sei. Sie war
noch ganz jung, etwa in seinem Alter, und sehr elegant gekleidet: ein
weies Sommerkleid mit rotem Besatz, ein groer Strohhut, blonde
Haare und ein Stumpfnschen, sehr hbsch und schon recht
selbstbewut--so kam sie ihm vor. Er sah ihr nun gerade ins Gesicht;
dann sagte er aufs Geratewohl:

--Aber gewi, Frulein, voriges Jahr auf dem Bundesfest...

Er hatte sie nie gesehen. Es kam berhaupt selten vor, da er mit
Damen sprach. Hchstens auf den Vereinsvergngungen oder auf den
Schwimmfesten, wo er von den Damen, die den Sieger in der Nhe sehen
wollten, zum Tanze geholt wurde, machte er eine flchtige
Bekanntschaft.

Sie lachte laut.

--Nein, sagte sie, es ist viel lnger her...

--Viel lnger her?--

Er wute nicht, was sie meinte. Er wute es wirklich nicht, soviel er
sie auch ansah.

Sie lachte noch immer; dann kam sie ihm zu Hilfe.

--Na, wir haben doch immer zusammen gespielt, als wir noch Kinder
waren. Wissen Sie denn nicht mehr, in der Fruchtstrae, im Hof, da
wohnten wir doch. Vatern gehrte doch dazumalen das Haus...

Ja, jetzt erinnerte er sich dunkel, aber auch nur ganz dunkel. So
oft, wie sie sagte, "immer", konnten sie brigens nicht zusammen
gespielt haben, denn er war doch meist fort gewesen, am Wasser. Aber
da sie sich als Kinder gekannt hatten, war schon richtig, denn er
erinnerte sich jetzt sogar ihres Namens: Elise Heinecke.

--Na, Sie htte ich aber nicht wiedererkannt, Frulein Heinecke!

--Ja, glauben Sie, ich Sie?--Aber als wir neulich Ihren Namen im
"Morgenblatt" lasen, meinte Vater, ob das wohl dieselben Felders
sind, die dazumal in der Fruchtstrae bei uns gewohnt haben; und da
er doch alles kennt, ist er denn gleich zu dem Herrn Fabender, was
doch der Vorsitzende von Ihrem Verein ist, gegangen, und der hat ihm
gesagt, wenn wir uns berzeugen wollten, brauchten wir nur heute nach
Grnau zu machen, da wrden wir Sie schon in Ihrem Glnze sehen.
"Machen wir!" sagte Vater, und auf dem Bahnhof haben wir denn auch
gleich Ihre Eltern getroffen. Nein, knnen Sie aber schwimmen!

Die letzte Bemerkung machte Franz warm. berhaupt, er wute nicht,
was es war, aber sie gefiel ihm ausnehmend. Es war so leicht, sich
mit ihr zu unterhalten. Sie fragte und verstand immer Dinge zu
fragen, auf welche er Antwort zu geben wute. Und wenn er keine gab,
so sprach sie gleich weiter und nahm es nicht weiter bel.

Das Schwimmen war vorber, und der groe Garten fllte sich bis auf
den letzten Platz mit Sportsfreunden und Zuschauern. berall an den
Tischen gruppierten sich die durstigen Mitglieder der vielen Vereine
und ihre zahlreichen Angehrigen. Ganz dicht am Wasser an der anderen
Seite hatte sich der S.-C. B. 1879--heute der Mittelpunkt aller
anderen--einen langen Tisch reserviert.

Als Felder, bereits von allen Seiten vermit, von seinen Leuten
gefunden und fortgeholt wurde, war er erstaunt, zu hren, wie
schnell die Zeit vergangen war. Er mute versprechen, nach der
Preisverteilung wiederzukommen, um teil an der Bowle zu nehmen, und
der alte Heinecke, stolz auf sein gelungenes Werk, sagte ihm
mindestens dreimal, sie sei nur ihm zu Ehren angesetzt. Wichtiger
aber war fr Franz, was auch die Tochter sagte, als er ging: "Ja,
Herr Felder, kommen Sie bald wieder. Sie mssen mir noch viel ber
Ihre Siege erzhlen."

Er dachte an sie, als er unter seinen Freunden sa, und zum ersten
Male, solange er denken konnte, htte er eine andere Gesellschaft als
die seines Klubs vorgezogen, und immer wieder blickte er nach dem
Tische hinber, von wo ein weies Kleid wie grend zu ihm
herberschimmerte.

Als jedoch die Preisverteilung in dem groen Saale des Restaurants
stattfand, als er aus den Hnden des ersten Verbandsvorsitzenden die
schne groe Medaille von Gold erhielt und ihm das breite,
dreifarbige Band, an dem sie hing, um den Hals gelegt wurde, als an
sein Ohr die Worte schlugen, die ihm galten--: "Wohl noch nie ist ein
Sieg, wie der heutige, von einer so jungen Kraft errungen worden. Was
aber seinen Wert noch erhht, ist die tadellose Art, in der er
gewonnen wurde. Indem ich Ihnen, Herr Franz Felder, daher hiermit den
groen Preis Ihres Sieges, den von allen deutschen Schwimmern am
heiesten begehrten, berreiche, kann ich keinem anderen Wunsche
Ausdruck geben als dem: Mchten alle Ihre knftigen Siege, mein
junger Meister von Deutschland, so rein und schn sein wie dieser
heutige..."--als diese Worte an Felders Ohr klangen und ihn dann
wieder der ungezgelte Jubel des ganzen Saales umtoste, da hatte er
alles, alles in der Welt vergessen, bis auf seinen geliebten Sport,
und nur ein Wunsch, eine Sehnsucht hielt ihn wieder gefangen: sich
immer wrdig zu zeigen der hohen und groen Ehre dieses Tages.

So sehr hatten ihn die einfachen, warmen Worte des alten Herrn
ergriffen, da er lange Zeit brauchte, um sich zu sammeln. Jeder
wollte mit ihm sprechen, jeder ihn und sein Ehrenzeichen sehen. Man
zog ihn an diesen Tisch und an jenen, berall wurden ihm offene Hnde
und gefllte Glser entgegengestreckt; er mute antworten, anstoen
und mittrinken, und als er sich endlich seines Versprechens erinnerte
und an den Tisch zurckkehrte, wo ihn die Bowle, seine Familie und
ein junges Mdchen erwarteten, da begannen bereits die ersten
Schatten des Abends zu fallen. Wie er sie wiedersah, war er gleich
wieder in dem Bann dieser braunen, lustigen Augen. Er nahm die
Glckwnsche seiner Familie und eine lange, schwlstige Rede des
dicken Hausbesitzers hin, weil es so sein mute, aber er sprach fast
nur mit ihr.

Sie schmollte erst ein wenig mit ihm, da er nicht eher gekommen war,
aber sie begriff doch, da er an einem solchen Tage viele
Verpflichtungen habe; denn wenn sie auch, wie sie lachend meinte,
wohl seine lteste Bekannte hier im Garten sei, so kannten ihn doch
alle anderen besser als sie. Sie erzhlte ihm, wie sie im Saale
gewesen sei und ganz dicht bei der Tribne gestanden habe, so da sie
jedes Wort gehrt habe. Sie bewunderte nach Gebhr seine neue
Medaille und las Wort fr Wort die Inschrift auf dem Bande, wobei sie
es, wie liebkosend, durch die Hand gleiten lie. Dann kam sie auf die
vorhin unterbrochenen Erklrungen seiner anderen Preise zurck, und
von neuem mute Franz ihr Herkunft und Bedeutung eines jeden
erklren. So erfuhr sie von allem, was seinem Leben bisher Inhalt und
Wert gegeben, und es schien sie aufrichtig zu interessieren, so da
sich Felder sagte: das ist nicht nur ein schnes, sondern auch ein
kluges Mdchen.

Spter gingen sie miteinander durch den Garten, und wieder stellte
sie Fragen, die zu beantworten ihm Freude machte. Sie wollte wissen,
wer die an diesem und die an jenem Tische waren, ob es befreundete
oder fernstehende Vereine waren. Sie fragte nach den Namen von
solchen, deren Brust sie, wie die seine, mit Preisen bedeckt sah.--
Waren es Springer oder Schwimmer, wie er?--Hatte er schon mit ihnen
gekmpft und hatte er sie geschlagen?

Es machte ihr offenbar Freude, so an seiner Seite durch die Reihen
der Tische zu gehen, zu sehen, wie Felder berall von Gren und
Zurufen begleitet wurde, und dabei mit angesehen zu werden.

In demselben Saale, in dem die Preisverteilung stattgefunden, wurde
jetzt getanzt. Als sie hrte, da er zwar etwas tanze, sich aber
nichts daraus mache, meinte sie auch, es knne kein besonderes
Vergngen sein, in dem heien und berfllten Rume sich
herumzudrehen, wo es doch drauen jetzt so schn khl geworden sei.

Die Bowle war fast geleert, und berall im Garten brannten die
Lichter, als sie von ihrem Rundgang an ihren Tisch zurckkehrten. Man
war natrlich wieder dagewesen und hatte nach Franz gefragt. Die
alten Leute waren mde geworden und wollten nach Hause. Die Kinder
schliefen schon zum Teil, und man brach auf, da man dem kolossalen
Gedrnge der letzten Zge und der Gefahr, berhaupt nicht mehr
mitzukommen, entgehen wollte. So brach die ganze Gesellschaft
zusammen auf. Franz wollte sie noch bis zum Bahnhof begleiten, bevor
er sich endlich wieder zu seinen Kameraden gesellte.

Man ging in einer langen Reihe durch den Kiefernforst zu der etwa
zehn Minuten entfernten Station.

Es kam wie von selbst, da der junge Mann und das junge Mdchen die
letzten wurden.

Als die Lichter der Huser in Grnau hinter ihnen lagen, umgab sie
die Dunkelheit des Waldes, und sie konnten nur noch die Zurufe der
vor ihnen Gehenden hren, ohne die Gestalten mehr recht zu
unterscheiden.

Die beiden gingen dicht nebeneinander, so schmal war der Weg.
Unsicher ber seine Richtung in dem tiefen Dunkel unter dem dichten
Nadelholz, kam es, da sie sich berhrten, wenn sie ihn mit ihren
Schritten suchten. Sie war Stumm geworden, und er, nicht mehr von ihr
gefragt, wute nicht, was er sagen sollte. Sie muten ziemlich weit
zurckgeblieben sein, denn das Sprechen und das Gelchter der Ihren
tnte zu ihnen zurck wie aus weiter Ferne.

Wieder stieen sie in der Dunkelheit aneinander, und er hrte, wie
sie lachte. Ihr Lachen machte ihm Mut, und er fragte:

--Soll ich Ihnen nicht meinen Arm geben, Frulein? Sie werden sonst
noch fallen.

--Nehmen Sie mich bei der Hand, gab sie zur Antwort, und er fhlte
ihre weichen, warmen Finger in den seinen. Und dann--wie es kam,
wute er nicht--blieben sie beide stehen. Er legte seinen Arm um ihre
Taille und beugte sich nieder, um sie zu kssen. Er stie erst gegen
ihren breiten Sommerhut, berhrte ihre Wange und kte sie dann
mitten auf den Mund. Sie hielt ganz still.

Dann sagte sie nur:

--Aber nicht doch, Herr Felder...--

Aber sie lie seine Hand nicht los, und nach einigen Schritten
blieben sie wieder stehen. Diesmal brauchte er nicht zu suchen, denn
sie hob das Gesicht zu ihm empor, und er kte sie wieder und wieder
und wieder, und er tuschte sich nicht, wenn er fhlte, wie ihr Mund
seinen Mund immer von neuem suchte.

Endlich aber wich sie von ihm zurck.

--Wir mssen uns eilen, sagte sie hastig und eindringlich, die
anderen mssen schon am Bahnhof sein.

Sie gingen Hand in Hand so schnell wie mglich, aber keines von ihnen
sprach ein Wort. Sie war es, die vorwrts trieb. Bevor sie in die vor
ihnen heller und heller aufleuchtenden Lichter hinaustraten, suchte
er sie noch einmal an der Hand zurckzuhalten. Aber sie sagte:

--Nein, nein. Wir mssen uns eilen.--Und sie gingen weiter.

Sie wurden von der ganzen Gesellschaft gesehen, wie sie aus dem Walde
traten. Sie warteten alle vor dem Bahnhof auf den Abgang des Zuges.
Der alte Heinecke machte ein bses Gesicht und ging auf seine Tochter
zu. Man suchte den Wartesaal auf. Der Zug hatte natrlich Versptung.

Dort, in der grlichen Enge und Hitze des vollgedrngten Raumes,
suchte sich Felder dem Mdchen vergebens noch einmal zu nhern. Nur,
als endlich alle auf den Bahnsteig strmten, gelang es ihm, ihr noch
einige Worte zu sagen:

--Sie werde doch ganz sicher in acht Tagen auf das Kochseefest
kommen?--Vater sei sehr bse, flsterte sie zurck,--aber sie wolle
sehen... Der Ausdruck ihres Gesichtes erschien ihm ganz verndert,
wie sie an ihm vorbeiging. Alle Freundlichkeit schien aus ihm
geschwunden; es war eine ganz andere als die, welche er noch eben in
seinen Armen gehalten.

Als sie alle in dem bereits berfllten Zuge untergebracht waren--die
einen hier, die anderen dort, aber alle auseinander gerissen--und er
Eltern und Verwandten Adieu gesagt, suchte er sie noch einmal mit den
Augen. Aber er fand die Abteilung nicht mehr, wo sie eingestiegen
war.

Eilig ging er den Weg zum Garten zurck. Er fhlte sich so leicht und
glcklich wie nie zuvor in seinem Leben.

Als er unter seine Freunde trat, wurde er mit Jubel, aber auch mit
unmutigen Bemerkungen ber sein Fernbleiben empfangen.

Ob er wohl lange genug Familie gesimpelt habe?--Und ein anderer rief
ber den Tisch hin:

--Lat ihn, Franz hat eine Braut...--

Felder kmmerte sich um nichts, sondern griff nach einem Glase. Er
war durstig, durstig und glcklich, und er wurde selbst nicht bse,
als ihm ein Dritter in tppischer Vertraulichkeit zuflsterte:

--Du, die kleine Heinecke mut du dir festhalten. Der Alte hat
Moneten wie Heu. Zwei Holzpltze im Norden...

Ob er sich wohl _darum_ gekmmert hatte!--Er wute nicht einmal, was
der Alte war. Aber das hatte er sich schon gedacht, da die
Bemerkungen nun nicht ausbleiben konnten.

Ein bermut ergriff ihn, der ihm sonst ganz fremd war. Er hrte
nicht, was die anderen sagten. Er lachte und trank und lie sie
reden. Ein schnes Mdchen, ein kluges Mdchen, und wie sie kssen
konnte!...

Es war ein wunderbarer Sommerabend, weich und warm. Die breite
Wasserflche lag still und schwarz und nur vom anderen Ufer her
blinkten noch einige Lichter.

Die Bnke und Tische wurden leerer und leerer. Aber noch gegen
Mitternacht, als sich der Schwarm verlaufen hatte, kamen an dem
Tische der 79er einige der angesehensten Sportkameraden zusammen, um
unter sich bei einem letzten Glase nochmals den Sieg des heutigen
Tages zu feiern, und unter allen Ehrungen dieses und aller
vorhergehenden Feste war keine schner und wertvoller fr den jungen
Sieger als die einfache und neidlose Bewunderung, die ihm die Besten
ihrer Kunst in dieser spten Stunde darbrachten, indem sie sich zu
ihm gesellten. Wieder wurde er ganz der Schwimmer, der er mit Leib
und Seele war, und wieder fhlte er sich hier, nur hier unter den
Seinen, zu Hause wie sonst nirgends auf der Welt.

Erst als sie lange nach Mitternacht Brnings Motorboot bestiegen und
das sicher gelenkte, elegante Fahrzeug lautlos an den flachen Ufern
vorberglitt, whrend sich die Mdigkeit ber die in den Ecken
Hockenden und Liegenden breitete, kehrten seine Gedanken noch einmal
zu dem jungen Mdchen zurck, das er heute in seinen Armen gehalten
und das seine Ksse so willfhrig und so innig erwidert hatte, und er
konnte in dieser stillen Stunde dem sehnschtigen Wunsche nicht
wehren, nur noch einmal wieder diese Lippen mit den seinen zu
berhren, diese weichen Lippen, die so verstndnisvoll zu fragen, so
freundlich zu lcheln und so hei zu kssen verstanden.


10

Acht Tage spter schwamm er auf dem Feste des "Deutschen
Wettschwimmkartells".

 Zum ersten Male, solange Felder sich an den Kmpfen beteiligte,
waren seine Gedanken nicht ganz und ungeteilt bei seiner Aufgabe,
obwohl es durchaus kein sicheres Schwimmen fr ihn war. Es galt einen
vielbegehrten Wanderpreis, der erst nach dreijhrigem, Jahr auf Jahr
errungenem Siege in den Besitz des Klubs berging, den Preis der
Stadt Charlottenburg, zum zweiten Male zu gewinnen, und Felder wute
ganz gut, da sein groer Sieg des letzten Sonntags die Gegner nur
noch hitziger gemacht hatte. War doch der Sieger des vorletzten
Jahres, Biedermann vom "Ersten Charlottenburger Schwimmklub", unter
seinen Gegnern und brannte darauf, ihm heute den bereits einmal
erstrittenen, dann wieder verlorenen Preis seiner eigenen Stadt
streitig zu machen. Er wute also gut, da er sich zusammenzunehmen
hatte.

Aber er konnte nicht so ruhig sein wie sonst. Immer wieder berflog
sein Auge die Menschenmengen, die an dem abgegrenzten Ufer des
Wassers langsam die Zuschauerreihen der Bnke zu fllen begannen,
ohne unter ihnen das weie Kleid mit dem roten Besatz und den groen
Hut erkennen zu knnen. Selbst als sein Schwimmen begann, und er an
den Start ging, suchte noch sein Blick in dem dichten Gewhl eine
Gestalt zu unterscheiden, ohne da es ihm gelang. War sie gekommen,
wie sie versprochen? Oder nicht?

Er dachte immer wieder daran, als er im Wasser lag und die ersten
Lngen schwamm. Und so kam es, da er in der Mitte der vierten
pltzlich dicht vor sich den Charlottenburger und neben sich einen
zweiten Gegner sah, von dem er nicht einmal wute, wer es war, so
wenig hatte er die Konkurrenzen im Gedchtnis. Ein gewaltiger
Schrecken durchfuhr ihn. Mit mchtigem Schlage ausholend, lie er den
neben ihm Liegenden hinter sich, erreichte Biedermann, schlug kurz
vor ihm an und glaubte gesiegt zu haben. Aber whrend er sich ruhig
an dem Balken hielt und den Abstieg suchte, sah er zu seinem
grenzenlosen Erstaunen alle beide, erst den einen, dann auch den
anderen, die neue Lnge beginnen--und als es ihm pltzlich klar
wurde, da er sich um eine ganze Lnge geirrt hatte, waren sie ihm
bereits um ein paar Meter voraus und die brigen teils schon neben
ihm, teils ebenfalls am Ende dieser Lnge. Da aber hatte Felder auch
alles andere vergessen, und sich fest auf die Seite legend und tief
Atem holend, sah und dachte er jetzt nur noch eines: sein Ziel!--Wre
die Lnge 75 statt 100 Meter gewesen, es wre ihm nie mglich
geworden, die so leichtsinnig und nutzlos verlorene Zeit wieder
einzubringen. So aber--und infolge seines ausgezeichneten, nie
versagenden Trainings--dachte er keinen Augenblick daran, den Sieg
schon verloren zu geben; und whrend die Richter bereits glaubten,
da er freiwillig ausgesetzt habe, sahen sie ihn jetzt wieder nher
und nher kommen, dann an der Seite des zweiten, gleich darauf an der
des ersten Gegners liegen und endlich in einer fast unglaublichen
Anstrengung dicht vor diesem anschlagen...

Von tosendem Beifall umhallt, von erregten Fragen ber das Geschehene
bestrmt, wurde Felder erst jetzt sein unbegreiflicher Irrtum recht
klar. Der Schrecken lag ihm noch in den Gliedern und er hatte sich
vollstndig ausgegeben. Er winkte den Freunden ab, die sich um ihn
bemhten, und mute sich im Ankleideraum sofort setzen, so erschpft
war er. Als er wieder ruhiger atmete, schmte er sich. Das konnte
ihm, ihm passieren, sich in den Lngen zu irren!--Und das alles,
dieses leichtsinnige Aufsspielsetzen eines wenn heute verlorenen,
erst in Jahren wieder einbringbaren Sieges, dies alles nur darum,
weil er nicht aufgepat hatte!--weil er an ein kleines Mdchen
dachte, statt an seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit! Er htte
sich selbst ohrfeigen mgen, so wtend war er.

Er wurde nicht ruhiger, als er Nagel vor sich sah, der ihn heftig
anfuhr:

--Du fngst ja schon an, es dir bequem zu machen. Du pat wohl
schon nicht mehr auf?--Na, weit du, so leicht ist die Sache
denn doch nicht, und solche Scherze solltest du einstweilen noch
unterlassen!... Sonst knnten sie doch bse Folgen fr uns haben!
Geschwommen hast du natrlich zuletzt wie ein Schwein!--

Felder sagte kein Wort. Er sa da wie ein Schler, der von seinem
Lehrer bestraft wird.

Er wurde erst ruhiger, als er sich nach dem Ankleiden--er trug heute
einzig und allein die groe goldene Medaille seiner Deutschland-
Meisterschaft auf der Brust--unter seine Freunde mischte und die
Erregung wahrnahm, die nach seinem unglaublichen Endspurt unter ihnen
immer noch nachzitterte. Keiner habe auch nur einen Pfennig mehr um
seinen Sieg gegeben, versicherte man ihm, als man ihn in der letzten
Lnge so weit hinter Biedermann liegen sah. Ob er mit Absicht
zurckgeblieben sei, um zu zeigen, was er knne?--Ob ein Krampf ihn
befallen habe!--Ob er sich in den Lngen verzhlt habe?--so
bestrmten ihn die Frager von allen Seiten, bis Felder von neuem
rgerlich wurde und sie stehen lie.

Er nahm Koepke auf die Seite. Er mge doch einmal nachsehen, ob der
alte Heinecke mit seiner Tochter nicht da sei, ja?--Und er mge ihm
Bescheid in den Garten bringen. Koepke rannte fort wie ein getreuer
Hund, aber die Antwort, die er nach einer halben Stunde brachte, war
nicht geeignet, Felders Laune aufzubessern. Er habe alle Reihen
durchgesehen, meldete Koepke, aber er habe von den Gesuchten nichts
finden knnen.

Jetzt war es klar, da sie nicht gekommen war. Natrlich war der Alte
schuld daran, der sie nicht gelassen hatte. Wie sollte er es jetzt
anfangen, sie so bald wiederzusehen?--

Mimutig sa er vor seinem Biere in einer Ecke des Gartens und lie
seine Freunde schwatzen, soviel sie wollten, ohne ihnen zuzuhren.
Mimutig und noch schweigsamer als sonst blieb er auch den Rest des
Nachmittags. Er wartete nur noch die offizielle Bekanntgabe der
Resultate ab, dann schlo er sich einem Klubfreund an, der frh nach
Hause wollte, da er morgen frh an die Arbeit mute.

Das einzige, was ihn einigermaen ber seine eigene Dummheit
trstete, waren ein paar Worte, die Brning ihm zugerufen, als er im
Garten an ihm vorbeigegangen war: "Menschenskind, du kannst ja viel
mehr, als wir alle wissen und du selber ahnst. Wer das fertig bringt,
was du eben getan hast, der kann sich schon einen Scherz erlauben."
Und er hatte ihm zugenickt und war mit seiner Mtresse fortgefahren.
--Ja, Brning hatte recht: er konnte weit mehr, als alle und er
selbst es wuten.

Zu Hause warf sich Felder aufs Bett und verschlief die Erinnerung
dieses Unglckstages, wie er ihn nannte, in zehnstndigem Schlaf.

Die ganze nchste Woche nagte es an ihm, da sie nicht gekommen war.
Im Grunde war es weniger die Sehnsucht, sie wiederzusehen, als eine
gewisse Unruhe, diesem ihm so unbekannten Gefhl ein Ende zu machen,
das ihn fr einen Abend, statt zum Schwimmen, in der Nhe ihrer
Wohnung auf und ab gehen lie, in der Hoffnung, sie ausgehen oder
heimkehren zu sehen und zu sprechen. Nachdem er fast eine Stunde
vergeblich herumgelaufen war, sah er nicht sie, sondern eine ihrer
Freundinnen, die er ebenfalls vom vorigen Sonntag her kannte, aus dem
Hause treten, glcklicherweise allein. Er lie sie bis zur nchsten
Straenecke vorausgehen und redete sie dann an. Die kleine Dicke
stie erst einen erstaunten Schrei aus, als sie Felder erblickte, war
es dann aber gleich selbst, die seinen Fragen zuvorkam.

O, Lieschen hatte sie ja in alles eingeweiht--wie gut es war, da sie
ihn sah, denn sie habe ja Nachrichten fr ihn!--Er habe sie wohl
zufllig gesehen?--Habe er auf Elise hier gewartet?--Nein?--Also: ob
er denn noch gar nicht wisse, da sie fort sei?--Nein?--Ach, es war
ja eine ganze Geschichte. Der alte Heinecke sei wtend gewesen am
Sonntag vor acht Tagen, darber, da sie den ganzen Nachmittag
zusammengesessen htten, und dann, da sie im Dunklen im Wald
zurckgeblieben seien. Schon auf der Rckfahrt habe er angefangen--
wenn sie schon daran dachte, wrde ihr noch ganz schlecht, so
geschimpft habe der Alte. An einem der nchsten Tage sei sie denn
auch gleich hingegangen, um von Elise zu erfahren, was denn
eigentlich vorgegangen sei. Aber die Freundin habe nur geweint--o so
geweint!--und immer nur gesagt, sie mchte doch so gern am Sonntag
kommen, um ihn noch einmal zu sehen. Als sie aber endlich Mut gefat
und ihrem Vater das gesagt habe, da sei die Geschichte von neuem
losgegangen, und um ihr ein Ende zu machen, sei sie noch in derselben
Woche nach Posen geschickt, zu einer Tante, um dort ein Jahr zu
bleiben und die Haushaltung zu erlernen. Sie habe Elise noch vor
ihrer Abreise gesehen, und diese habe ihr ausdrcklich aufgetragen,
doch Herrn Felder noch recht schn zu gren und ihm zu sagen, da er
doch nicht bse sein solle, wenn sie am Sonntag nicht kommen knne,
denn es sei doch nicht mglich, da daraus etwas wrde, und so sei es
denn schon das beste, wenn sie sich fgten und einander vergen...

So schwatzte die Dicke darauf los, selig, ihre Wissenschaft
loszuwerden und einen so guten Zuhrer zu haben. Denn Felder ging
neben ihr her, durch die Menschenstrme, und erwiderte keine Silbe.

Heute abend sei sie nun oben gewesen--so ging es weiter--um zu sehen,
ob noch kein Brief von Elise da sei. Ja, sie habe schon geschrieben:
es gefalle ihr ganz gut in der Stadt, in der sie jetzt sei, und in
vierzehn Tagen sei ein Ball im Kasino, wo auch Offiziere hinkmen,
und sie habe die Tante gebeten, hingehen zu drfen, und die Tante
habe es ihr erlaubt... Der Alte sei auch schon ganz beruhigt, und er
habe heute abend sogar gelacht, als er davon sprach da seine kluge
Elise schon nicht so tricht sei, zu denken, da "daraus" etwas
Ernsthaftes werden knne denn wenn er--Felder--auch ein vorzglicher
Schwimmer sei, so seien das doch nur brotlose Knste, und er knne
doch sein einziges Kind nicht einem jungen Menschen versprechen, der
eben erst aus der Lehre sei und keinerlei sichere Zukunft vor sich
habe...

Weiter kam sie nicht. Denn Felder blieb pltzlich stehen und fragte:

--Hat sie Ihnen keinen Brief fr mich gegeben?

Nein, keinen Brief. Aber sie habe ihm doch gesagt, da Elise ihn
recht schn gren lasse und es so bedauere...

Dann stand sie wieder allein auf der Strae unter den vorbeieilenden
Menschen. Ihr Begleiter hatte ganz unverhofft seinen Hut gezogen,
ganz kurz guten Abend gewnscht und war verschwunden. Nicht einmal
bis nach Hause brachte er sie!

Felder dachte nicht einmal daran. Was ging ihn die dumme Gans an!--Er
dachte an das Mdchen, das mit ihm erst gespielt und ihn dann so
leichten Herzens--mit einem flchtigen Gr--aufgegeben. Aber es war
viel mehr das Gefhl einer erlittenen Beleidigung als das des
Schmerzes, unter dem er in dieser Stunde litt. Da man ihn, den
Meisterschwimmer von Deutschland, so behandeln konnte, das war es,
was ihn wurmte und einen bitteren Groll in ihm entfachte. Und mehr
als alles hatte ihn das Wort des reichgewordenen Holzhndlers von der
brotlosen Kunst getroffen. Er bi die Lippen aufeinander vor Wut,
wenn er daran dachte, whrend er die Strae hinunterlief und sich
rcksichtslos durch die Reihen der Fugnger stie. Als ob er je
daran gedacht htte, dieses Mdchen zu heiraten!--Er hatte berhaupt
an nichts gedacht, dieser alte Geldprotz konnte ganz ruhig sein. Das
Mdchen hatte ihm gefallen, am meisten die unverhohlene Bewunderung,
die er in ihren Augen gelesen, und bei deren Blick ihm so warm
geworden war.

Aber ihm geschah ja ganz recht. Warum hatte er seine Leute verlassen
und war an den Tisch gegangen. Was gingen ihn die Frauenzimmer an? Er
hatte sich bis jetzt nicht um sie gekmmert und sie nicht entbehrt,
so wrde er wohl auch noch dieses dumme Ding vergessen, um
dessentwillen er heute abend sein Schwimmen versumte und fast einen
Sieg verloren htte...

Er sah nach der Uhr. Aber es war schon zu spt. Und mit einer
Bewegung des rgers schttelte er diese ganze dumme Geschichte, die
ihm schon viel zuviel Kopfzerbrechen gemacht hatte, von sich ab und
schlug den Weg nach seinem Klublokal ein, wo er noch den einen oder
anderen seiner Kameraden beim Biere zu finden hoffte...

Von diesem Abend an dachte er nur noch zuweilen an das Mdchen, aber
immer wallte von neuem das Gefhl verletzten Stolzes in ihm auf und
blieb in ihm zurck--wie ein Rest von Bitterkeit allen Frauen
gegenber.

Mit verstrkter Genugtuung geno er die zahlreichen Triumphe dieses
Herbstes, von denen fast jeder Sonntag ihm einen neuen einbrachte:
dieser die Odermeisterschaft und mit ihr die groe silberne Medaille;
der nchste zum zweiten Male den groen Staatspreis in Hamburg; und
bereits der bernchste den vielumstrittenen Preis im Brustschwimmen,
den die vereinigten westdeutschen Schwimmklubs gaben--einen silbernen
Pokal fr seinen Klub, so gro und wertvoll, wie dieser wenige besa.

Bevor der Winter begann, nahm er sich dann in der Fabrik, in der er
noch ein Jahr nach seiner Lehrzeit bleiben wollte, seinen ersten
achttgigen Urlaub und machte das groe Wettschwimmen des "I.
sterreichischen Amateur-Schwimmklub Wien" mit, auf dem er am ersten
Tage Anton Riegler, den Meister sterreichs ber die kurze Strecke,
zum ersten Male schlagen durfte; und am zweiten den groen Derbypreis
ber die lange gegen die Teilnehmer dreier Staaten: Italien,
Osterreich und Deutschland, unter ungeheurer Erwartung aller
beteiligten Kreise, ersiegte.

So griff der junge Meister von Deutschland mit diesen Siegen rasch
und beherzt nach den Lorbeeren des Auslandes, nachdem er die seines
eigenen, weiten Vaterlandes bereits sein eigen nannte.

Die Fahrt nach Wien, seine erste Auslandreise, war zugleich
eigentlich die erste, an der er wirklich Vergngen empfand. Er machte
sie mit Brning und zwei anderen Mitgliedern seines Klubs, alten
Freunden und lustigen Brdern, war Gast in der herrlichen Villa eines
reichen sterreichischen Sportfreundes, der sich die Ehre nicht
nehmen lassen wollte, den deutschen Meisterschaftsschwimmer bei sich
zu beherbergen, lie sich den ganzen Tag und die halbe Nacht durch
alle Vergngungen der schnen "Kaiserstadt an der Donau" schleppen
und es sich wohl sein unter den leichtlebigen Menschen mit dem
sorgenlosen Wesen und der gemtlichen Sprache. Noch nirgends hatte er
sich so wohl gefhlt wie hier, und als endlich die acht Tage mit
ihren Ausflgen, ihren frhlichen Mahlzeiten, bei denen es an feschen
Mdchen nie fehlte, ihren Fiakerfahrten, den Ronacherabenden und den
durchjubelten Nchten zu Ende waren, da war er wie betubt. Neben dem
groen Preise fr seinen Klub, dem Ehrenschilde, und den eigenen
Ehren brachte er unvergeliche Erinnerungen nach Hause, und unter
ihnen war nicht die letzte die an die Liebe, die er ebenfalls in Wien
erst kennen lernen sollte: die reue- und schmerzlose Liebe flchtiger
Stunden, lachend geboten und ohne Besinnen genossen, erfrischend wie
ein Trank und s wie eine vollsaftige Frucht.

Berlin kam ihm nchtern vor, und er brauchte einige Zeit, um sich
wieder an seine eintnige Tagesarbeit zu gewhnen, nach diesen Tagen,
in denen er geehrt worden war wie ein Knig und gelebt hatte wie ein
Millionr!...

Der Winter verging stiller. Beim Hauptschwimmen Berlins mute er
aussetzen. Er war vllig bertrainiert.--Was schadete es? wenn er
sich auch rgerte. In seiner Brust regten sich neue Wnsche des
Ehrgeizes, und heimliche Trume erzhlten ihm von Siegen, die noch
_nicht_ die seinen geworden waren.


11

Wieder ging ein Winter und wieder kam ein Sommer.

Und wie alles in diesen letzten Jahren im Leben Franz Felders nur ein
rastloses Eilen von Erfolg zu Erfolg gewesen war, so kamen mit dem
nchsten Sommer jene Triumphe, die ihn auf eine Hhe fhrten, ber
die hinaus kein Weg mehr ging: neben einer Reihe anderer erster Siege
fiel ihm die der Europameisterschaft zu und mehr als das--er
behauptete diese Meisterschaft auf jener glorreichen Reise nach
England, wo er sie in einem in der Geschichte des Schwimmens einzig
dastehenden Rennen gegen die englischen und australischen Meister
verfocht, die grten und berhmtesten Schwimmer der Welt.

Die Europameisterschaft ber die lange Strecke von
eintausendfnfhundert Metern erschwamm er in Grnau auf einem Feste,
das der groe deutsche Verband, zu dem jetzt fast alle Schwimmvereine
des Deutschen Reiches gehrten, in Verbindung mit den grten
auerdeutschen Vereinen und Verbnden abhielt, zu dem Schwimmer fast
aller Lnder des Kontinents erschienen, und das sich zu einem
Wettschwimmen gestaltete, wie es in diesem Umfang und dieser
Bedeutung in Deutschland berhaupt noch nicht stattgefunden hatte. Es
war nicht nur fr Berlin, sondern auch fr die gesamte Schwimmerwelt
Deutschlands das groe Ereignis des Sommers, hinter dem alle anderen
Veranstaltungen weit zurcktraten. Noch nie hatte man einem Meeting
mit solcher Erwartung entgegengesehen, noch nie hatte die Spannung
eine solch fieberhafte Hhe erreicht...

Einmtigkeit herrschte unter allen Berliner Vereinen, selbst unter
denen, die sonst nie mde werden konnten, sich zu bekmpfen: galt es
doch, Berlin wrdig nach auenhin zu vertreten, dem alten Ruhme, seit
Jahren die eigentliche Heimat der Schwimmerei zu sein, keine Schande
zu machen. Daher wurden weder Mhe noch Kosten gescheut, und viele
Wochen vorher begannen die Delegiertenversammlungen, um das lange
Programm der Tage zu durchdenken, und bis in seine letzten
Einzelheiten festzusetzen.

Nie war aber auch die Beteiligung an den Meldungen eine so rege und
so aufregende gewesen. Mit Ausnahme Englands waren solche aus fast
allen Lndern des Kontinents, von Italien bis Schweden, von Holland
bis Osterreich eingelaufen, und fast kein in den letzten Jahren
genannter Name blieb unvertreten: neben den berhmtesten Schwimmern
die ersten Springer, die gekrntesten Mehrkampfmeister Europas.

Natrlich waren im Schwimmen alle grten Hoffnungen auf den Meister
von Deutschland gesetzt. In seinen Hnden lag vor allem der Ruhm
Berlins, die Ehre Deutschlands. Wenn er unterlag, so unterlag Berlin;
wenn er nicht siegte, so blieb die Meisterschaft von Deutschland in
den Hnden des Auslandes.

Und Felder wute es wohl!--Es gab keinen, der so berzeugt wie er
selbst von der Wichtigkeit dieses Sieges gewesen wre. Er fhlte, da
diesmal andere Dinge auf dem Spiele standen als sein eigener Ruhm und
der seines Klubs, um die er bis jetzt gekmpft. Die Stadt, in der er
geboren war, und sein ganzes Vaterland, das weite deutsche Reich,
sahen auf ihn an diesem Tage. Er konnte ihnen keine Schande machen--
es _durfte_ nicht sein!--

Er trainierte mit beispielloser Ausdauer und Sorgfalt. Da nun auch
das Jahr, das er nach seiner Lehrzeit noch in der Fabrik blieb, zu
Ende war, wollte er mit dem Eintritt in eine neue Stelle warten, bis
das groe Ereignis vorber war. Bei seiner Sparsamkeit hatte er
vermocht, etwas zurckzulegen. Auch standen ihm genug Brsen
wohlhabender Klubfreunde und Verehrer offen, aber Felder war viel zu
stolz, um auch nur das geringste anzunehmen. Er htte am liebsten
seine Sportreisen selbst bezahlt, aber das konnte er natrlich nicht.
Auerdem war sein Klub reich genug, um Opfer solcher Art nicht von
seinen Mitgliedern erwarten zu brauchen.

Da Felder somit vllig Herr seiner Zeit geworden war, hinderte ihn
nichts in seinem Training. Die Erfahrung des letzten Winters hatte
ihn klug gemacht, und er htete sich wohl, des Guten zuviel zu tun.
Er hielt sich selbst in strengster Selbstkontrolle und gnnte sich
kein Vergngen, das ber die zehnte Abendstunde whrte, wo er
todsicher bereits im Bett lag. Einige fanden seinen Ernst oft
lcherlich; er lie sie lachen.

Eine Art finsterer Entschlossenheit bemchtigte sich seiner in dieser
letzten Zeit. Er wurde noch wortkarger und verschlossener, als er
sonst schon war. Zugleich schien auch die schne und sonnige Ruhe,
die nach den Siegen der letzten Jahre ber ihn gekommen war und mit
jedem neuen Siege mehr und mehr das Schroffe und abweisend
Insichgekehrte seines Wesens gemildert hatte, von ihm zu weichen. Er
glich jetzt wieder mehr dem armen und unbekannten Knaben von damals,
mit der unjugendlichen Stirn und dem trotzigen Munde, der nichts war
und doch so viel werden wollte, als dem von aller Welt gefeierten
Sieger, der seine khnsten Trume zur Wirklichkeit geworden sah und
sich in ihrer Erfllung sonnte.

Und es war ihm in der Tat so, als habe er noch nichts erreicht, als
sei erst dieser Sieg ber Europa allein alles Strebens wert, erst die
eigentliche Krnung eines Gebudes, zu dem alle anderen Erfolge nur
als Stufen fhrten. Wenn er hier unterlag, er, auf dem die ungeheure
Verantwortlichkeit der Reprsentation eines ganzen, groen Volkes
lag, so war alles andere umsonst gewesen, so--in seinen bereits
berhitzten Gedanken redete er es sich ein--so war nicht nur Berlin,
sondern das ganze deutsche Reich dem Spott des mit dem Preise
davonziehenden Auslandes preisgegeben.

Denn da es auch einem anderen deutschen Schwimmer glcken knne, den
Preis ber "die Fremden" davonzutragen, daran dachte er nicht einmal
--so sehr betrachtete er schon sich selbst als den unbesiegbaren
Meister seines Vaterlandes. Aber er hatte Furcht vor diesen
Auslndern, vor diesen Gegnern, die er nicht kannte, von denen er
sich mit den wenigsten gemessen, ber deren Krfte er nichts
Bestimmtes wute. Und ein Gefhl der Unruhe und der Angst, hier, auf
seinem eigenen Boden, den er sich gewissermaen Meter fr Meter in
diesen Jahren erkmpft hatte, geschlagen zu werden, lie nicht von
ihm und verscheuchte jede unbefangene Freude... Es war kein Genu
mehr, mit ihm zu verkehren und ihn ben zu sehen, und sein
feierlicher Ernst, mit dem er kam und ging, steckte die andern an. Es
war wie in den Tagen vor einer Schlacht...

Er siegte.

In den letzten Tagen wich alle Unruhe wieder von ihm. Eine groe
Entschlossenheit leuchtete aus seinen Augen, als msse er siegen um
jeden Preis. Er wies alles von sich ab, er wollte nichts mehr hren
und sehen von dem, was alle um ihn herum beschftigte. Was gingen ihn
alle diese fremden Namen und Menschen an--ob er sie kannte oder
nicht, er schwamm darum nicht besser. Er wute nur eines: da er
siegen mute!

Und gleich als wenn die Kraft seiner Muskeln seinem Willen gehorchen
msse, so geschah, was er wollte.

Er siegte.

Er schlug den berhmten Hollnder, den gefrchteten sterreicher, er
schlug den riesigen Norweger, einen Hnen an Gestalt und Kraft, er
schlug die Besten seines eigenen Vaterlandes zum zweiten und dritten
Male, und er siegte ber seine eigene Zeit vom Vorjahre mit mehr als
drei Minuten.

Ein unbeschreiblicher Tumult entstand, als er anschlug. Die Zuschauer
rasten.

Seine Freunde erdrckten ihn fast. Vllig Fremde umarmten ihn. Man
trug ihn mehr, als er ging, durch die Reihen von Menschen, die ihre
Pltze verlassen hatten.

Deutschland hatte gesiegt. Und in Deutschland Berlin!--Und diese
khlen Berliner, so gern stets zu verkleinernder Kritik geneigt und
so abhold jeder Gefhlsberschwnglichkeit, waren kaum wieder zu
erkennen in dem Jubel und der Freude ber den Sieg ihrer Stadt.

Unglaublich, dieser Felder!--hrte man allenthalben, was der will,
das kann er auch.

Und die Begeisterung wollte sich nicht legen...

Am ruhigsten waren noch Felder selbst und--Nagel. Der sagte schon
lange nichts mehr, und nur ein Hndedruck zeigte, da er mitfhlte in
diesem Moment. Bei sich dachte er: Jetzt, jetzt wird es sich zeigen--
daran, wie er diesen Sieg ertrgt.--Brning rannte umher wie besessen
und schrie nach Sekt, und Koepke war vllig unzurechnungsfhig. Er
sprach nur noch in Hyperbeln.

An Felders Ruhe, die zudem viel mehr eine uerliche als eine
innerliche war, hatte brigens eine gewisse seelische wie krperliche
Abspannung ihren Hauptgrund. Jetzt, als alles vorber war, merkte er
erst, wie er sich in den letzten Wochen innerlich verzehrt hatte--in
dem einen Wunsche.

In demselben Garten, in dem im vorigen Jahre seine
Meisterschaftserklrung fr Deutschland erfolgt war, wurde ihm nun
die hchste aller Ehrungen zuteil, und unter dem achtungsvollen
Schweigen vieler Hunderte nahm er den Weltmeisterpreis entgegen...!

Die ganze warme Sommernacht hindurch dauerte wieder das Feiern um ihn
herum. Er lebte ganz in diesen Stunden. Er dachte nicht zurck. Er
dachte auch nicht in die Zukunft. Die Stimmen in ihm schwiegen. Zum
erstenmal vielleicht in seinem Leben schwiegen sie ganz. Er hatte
erreicht, nicht was er gewollt: nein, viel mehr als das. Sie muten
heute schweigen, diese Stimmen, denn sie wurden bertnt von dem
einmtigen Jubel um ihn her. Die stillen Sterne leuchteten hernieder;
der Atem der weichen Nacht spielte um die erhitzten Kpfe, und vom
Wasser her kam die frische Khle, die alle diese Menschen nicht mde
werden lie, zu sprechen, zu trinken, sich zu berauschen am Leben, an
Freude und an der eigenen Kraft.

Und Felder trank--trank--trank--alles, was man ihm bot: Sekt, Bier
und Wein, aber am sesten schmeckte ihm der berauschende Trank des
Erfolges.

Alles andere hatte er vergessen.

Selbst als er inmitten seiner wildesten Bewunderer wie berauscht
endlich zum Bahnhof ging, zog auch nicht ein Erinnern in seine mden
und wirren Gedanken, das ihm ein weies Kleid, einen jungen Leib oder
einen warmen Mund wachgerufen htte.

Mde sa er in einer Coupecke und whrend die anderen um ihn herum
sich noch immer ber den heutigen Tag ereiferten, schlief er ein; und
den Sieger ber seinen Siegen vergessend, dachten sie erst wieder an
ihn und weckten ihn erst, als der Zug in die von der Morgendmmerung
erhellte Halle des Grlizer Bahnhofs einfuhr...

Die ersten Tageszeitungen waren bereits erschienen. Man griff nach
den noch feuchten Blttern und las die kurzen Zeilen, die den Namen
Franz Felders, den Triumph Berlins, den Sieg Deutschlands--in dieser
Stunde der Welt verkndeten. Er selbst, der Sieger, war unfhig, sie
zu lesen. Die Buchstaben flimmerten und ranzten vor seinen Augen.


12

Der Glanz dieses Tages konnte selbst durch die Reise, die Felder
wenige Wochen spter nach England unternahm, um dort in dem gelobten
Lande des Sports seine Meisterschaft Europas gegen ihre ersten
bisherigen Meister zu behaupten, kaum erhht werden.

Die Reise war nie geplant. Es war an sie nie gedacht. Sie war einfach
eine natrliche Folge dieses letzten Sieges.

Whrend die Sportzeitungen des Kontinents einig waren in der
Anerkennung dieses Sieges, verhielten sich die englischen, an Zahl
und Bedeutung gleich und im Ton immer berlegen, dem Siege gegenber
skeptisch und erhoben den Einwand, da England sich nicht beteiligt
habe, da aber England in Sportsachen (wie auch in anderen Dingen)
Europa sei, und da Felder sich erst einmal mit englischen Schwimmern
gemessen haben mte, ehe ihm wirklich der nur knstlich gemachte
Titel des Europameisters gebhre. Natrlich verwahrte man sich gegen
diese Beschuldigung und erklrte sie fr lcherlich. Man hatte die
ersten Schwimmer Europas eingeladen, auch die Englnder. Sie waren
nicht gekommen, weil sie eben nie kamen. Und weil sie hochmtige
Narren waren, die sich einbildeten, man msse zu ihnen kommen.

Daher waren auch erst wieder manche Stimmen gegen die Reise Felders
nach England. Ein Entgegenkommen dieser Art war ein Zugestndnis,
eine Erniedrigung.

Aber andere sagten: Man mu es ihnen zeigen!--Jetzt ist die
Gelegenheit da, ihre angemate und nur eingebildete berlegenheit zu
brechen. Wenn wir ihnen jede Entschuldigung nehmen, so werden sie
sich bequemen mssen, von ihrem Piedestal herabzusteigen, auf dem sie
schon viel zu lange gestanden, dann ist Beteiligung an kontinentalen
Festen oder aber endgltiger Verzicht die unausbleibliche Folge.

Als dann auch der letzte Einwand: der der zu hohen Kosten dadurch
kurz abgeschnitten wurde, da sich Brning, der sich jetzt sogar um
seine Pferde nicht mehr kmmerte, erbot, sie smtlich zu tragen und
Felder nach England zu begleiten, wurde dessen Beteiligung
beschlossen.

Wenn Felder spter an diese Reise nach England zurckdachte, so kam
sie ihm vor wie ein Traum. Ein wirres Durcheinander von Bildern aller
Art zog an seinem Auge vorber.

Zunchst weite Landschaften, die im Fluge an dem dahinrasenden Zuge
vorbeizogen. Die dunkle Regennacht auf dem Schiffe: das Meer, das er
zum ersten Male sah--ein Wasser, wie er es nie geahnt, Wogen von
einer Kraft, gegen die das mchtige Schiff rang, wie sein Krper rang
gegen die stille Flut seines heimatlichen Flusses, und an der
menschliche Einzelkraft zerbrechen mute wie ein Streichholz unter
dem Schlage eines Hammers. Wasser, nur Wasser, dasselbe Wasser, das
er kannte und liebte wie kein anderer--und doch ein ganz anderes
Element. Nicht das, welches ihm vertraut war von Jugend auf, sondern
eine fremde, unheimliche Kraft, mit der zu messen er sich nie getraut
htte, vor der ihm graute, da er der Schwchere, ein Nichts war vor
ihr ... das war das Meer!... Elend, ganz zermalmt von der
lcherlichen und doch so mchtigen Krankheit der See, atmete er erst
auf, als er wieder Land unter den Fen fhlte--er, der es sonst nur
widerstrebend betrat, da er sein geliebtes Wasser verlassen mute--
und nur mit Schaudern dachte er an das Gebrll, die Feindseligkeit,
die ganze Furchtbarkeit des fremden Wesens zurck, das ihn behandelt
hatte wie den ersten besten, eine Katze, die ein Tiger geworden war,
ein Freund, pltzlich verwandelt in einen Feind, der die Maske fallen
gelassen und ihn niedergeworfen, um ihn zu ermorden!...

Dann, noch die Angst um das--gerettete--Leben in den Gliedern, die
Ode und Unermelichkeit der in ewigen Dunst gehllten Stadt, vor
deren Grenzenlosigkeit ihm sein Berlin wie ein Dorf erschien.
Endlich, in schrfstem Kontrast dazu, die Tage der Races an dem
stillen, umbuschten Ufer der Themse, wo der Himmel wieder lachte und
der Frieden wieder in den versteckten weien Husern zuwohnen schien,
wo er seinen Mut wiederfand, den Mut, sich daran zu erinnern, weshalb
er hierher gekommen war, und die Kraft, zu siegen, sich wirklich den
ersten Preis zu holen, weil er sich hier endlich wieder daheim
fhlte, daheim im Wasser...

Und die Bilder nach dem Siege.

Der Jubel dieser ihm erst so ernst, so steif erschienenen Menschen,
gegen den der Beifall von Grnau wie ein Murmeln war. In seinem
ganzen Leben zusammen hatte er nicht so vielen Menschen die Hand
geschttelt wie an diesem Tage. Man renkte ihm fast den Arm aus. Und
dann schleppte man ihn zwei Tage lang von einer Festlichkeit zur
andern, durchzog in Reihen von zwanzig Cabs--in denen nur je einer
sitzen durfte--wie in einer Prozession die endlosen Straen Londons,
behandelte ihn wie einen Frsten und berschttete ihn in
beispielloser Generositt und Gastfreundschaft mit Gaben jeder Art.
Am letzten Tage berreichte ihm irgend jemand, dessen Namen er nicht
einmal wute, ein Ehrengeschenk von 150 Pfund, da man gehrt hatte,
da er vllig auf die Arbeit seiner Hnde angewiesen war. Es wurde
mit so viel Achtung und Selbstverstndlichkeit angeboten, da Felder
es unmglich ausschlagen konnte. Er war ganz gerhrt. Er hatte
gedacht, diese Englnder wrden es gewaltig belnehmen, wenn ein
Auslnder daherkam und sie auf ihrem Grund und Boden schlug, und nun
sah und fhlte er berall nichts, als die neidloseste Bewunderung und
eine Verehrung, wie sie ihm in solchen Formen noch ganz unbekannt
war.

Und doch--war es die fremde Sprache oder was war es?--so gemtlich
wie in Deutschland oder gar in Wien waren diese Tage nicht. Alles
ging in ewiger Hast, von einem zum andern. Nie setzte man sich zu
einem Glas Bier zusammen, um in Ruhe alles zu besprechen. Getrunken
wurde zwar genug--und was nicht alles durcheinander!--aber alles im
Fluge, im Stehen, und von einer Hand ging er in die andere, fast wie
eine Sache, an der jeder ein Anrecht hatte. Jeder wollte ihm die Hand
geschttelt und mit ihm getrunken haben... Und immer wieder mute er
trinken und Hnde schtteln, bis er am Abend so mde war, da er die
rechte nicht mehr von der linken zu unterscheiden wute.

Nein, so gemtlich wie zu Hause war es nicht, und Felder war fast
froh, als es an die Heimreise ging. Eigentlich htte er sich nicht
fremd zu fhlen brauchen, denn Brning und ein anderer Klubgenosse
waren stets mit ihm, und der erstere war der beste Reisemarschall,
den man sich denken konnte: berall zu Hause, in allen sprachen
gerecht, praktisch und erfahren, dabei in unerschpflich guter Laune
und den schwerflligen Felder ber jede Verlegenheit spielend
hinbertragend. Man kam aus dem Lachen mit ihm gar nicht heraus.

Aber Felder wurde nie ganz froh. Denn ohne es sich selbst
einzugestehen, frchtete er sich vor dieser Heimreise. Wieder sollte
er--und diesmal einen ganzen Tag--sich dem furchtbaren Element
anvertrauen, wieder ihm machtlos und jmmerlich gegenberstehen und
sich in elender Ohnmacht vor diesem Wasser krmmen, das er sonst
siegreich packte, wo immer er es traf...

Er htte sich nicht zu frchten brauchen. Als sie nach einer letzten,
halb durchjubelten und durchtrunkenen Nacht am Morgen von
Queensborough abfuhren, war er so mde, da die Freunde ihn fast aufs
Schiff trugen, und kaum auf ihm angelangt, schlief er wie ein Toter
bis zu dem Augenblicke, wo sie ihn in Vlissingen wieder aufweckten.

Das war seine Reise nach England.

Alles war herrlich, glorreich, einzig gewesen. Aber er war froh, als
er wieder in Berlin war, wieder die heimatlichen Laute um sich herum
vernahm und das Schreckgespenst verga, das ihn angegrinst hatte wie
der leibhaftige Tod.

Denn er hatte es sich jetzt klargemacht: das Meer war das Meer, und
das Wasser war das Wasser. Aber dasselbe waren beide nicht!--Nie
wollte er das Meer wiedersehen.

Htte er es gesehen, wie es in stahlblauer Pracht dalag, ruhig,
verschwiegen, lockend, wie ein tiefer See, und nur leise erzitternd
unter den Strahlen der Sonne, wie es liebreich und vershnt den
Sieger heimtrug auf seinem breiten Rcken, er htte es wiedererkannt
als sein Element und nicht geruht, bis er sich seiner salzigen Flut
anvertraut und die Wonnen seiner Umarmung genossen.


13

Das war Franz Felders Reise nach England, von deren Triumph nun die
Zeitungen berichteten: ein wirres Durcheinander von Bildern aller
Art, und leuchtend nur die Erinnerung an seinen Sieg, der ihm erst
durch diese Berichte recht deutlich zum Bewutsein gebracht wurde--
den Sieg ber die ersten Gegner der Welt, die von keiner Seite frs
erste mehr bestrittene Meisterschaft von Europa, die hchsten
erreichbaren Auszeichnungen, und ein Ruhm, der seinen Namen von jenem
Tage an fr alle Zeiten unvergebar in die Annalen des Schwimmsportes
eingrub.

Er hatte erreicht, was er gewollt.

Was er ersehnt, war Erfllung geworden.

Er konnte etwas, was kein anderer Mensch auer ihm konnte.

Er war der Meister des Wassers.

Er hatte seinem Klub zu seinem alten Ansehen verhelfen. Mehr: er
hatte seinen Namen mit dem eigenen berhmt gemacht weit ber die
bisherigen Grenzen. Seine Schuld war beglichen.

Aus dem armen Knaben war ein junger Mensch geworden, auf den alle mit
Stolz und Bewunderung sahen, der keine Not mehr zu leiden brauchte,
so viele waren der hilfreichen Hnde, die sich ihm entgegenstreckten.

Nein, es war nicht richtig, da er erreicht, was er gewollt. Nie
hatte er so hoch gewollt. Er war dahin getragen, wohin er sich nie zu
sehnen gewagt.

Und so hoch war er getragen, da er sich fragen mute: wohin nun?--So
viel hatte er erreicht, da ihm nichts mehr zu wnschen brig blieb.

Welcher Weg fhrte noch ber die Hhe hinaus, auf der er stand?--Denn
sich dort zu behaupten erschien ihm selbstverstndlich.

Die Welt nannte seinen Namen.

Er verga nur zweierlei: da die Welt, die er so nannte, nur ein
unendlich kleiner Teil der wirklichen weiten Welt war--wenn es auch
die Welt war, in der er lebte; und da selbst dieser kleine Teil von
Menschen, die ihn heute anstaunten und bejubelten, sich seiner
vielleicht morgen noch erinnern, ihn aber ganz sicher bermorgen
vergessen haben wrden.

Aber wie ihm seine Sache von jeher allein nur als die einzig wichtige
erschienen war, so konnte er die Welt nie richtig messen, weil ihm
von jeher jeder andere Mastab gefehlt hatte. So war er allmhlich
dahin gekommen, sie nur unter einem einzigen Gesichtspunkt zu sehen,
und jetzt folgerichtig dahin, sich als ihren Mittelpunkt zu
betrachten.

Das einzige, was er sich noch wirklich klar machte, war, da er jetzt
die Hhe seiner Kraft erreicht hatte. ber sie hinaus konnte er nun
nicht mehr.

bertraf ihn, ja erreichte ihn nur irgendein anderer, so war es aus.

Es galt daher, sich auf dieser Hhe zu erhalten. Das mute nun sein
nchstes Ziel sein. Aber es war kein Ziel mehr, das ihn reizte.

Daher war er jetzt, auf der Hhe, nicht mehr so glcklich, wie er
gewesen war, als er sie erklommen und jede seiner Bewegungen von
tausend Augen verfolgt sah. Aber glcklich war er doch noch.

Da einmal ein Tag kommen mute, mochte er sich auch noch so lange
behaupten, an dem er herabsteigen mute, um einem anderen Platz zu
machen, das wute er. Darber gab es keine Tuschung. Das war so
sicher wie der Tod.

Aber er dachte nie an diesen Tag. Er wollte es nicht!--

Er stand oben und sah hinab auf den Weg, den er gemacht. Und aus der
Tiefe zu ihm heraufklang berauschend Jubel und Neid gleich stark in
seine Ohren.--

In dieser Zeit brachte jenes grte und angesehenste Sportblatt der
Welt, das seinen Namen "Welt-Sport" daher nicht mit Unrecht fhrte,
abermals sein Bild und erzhlte seinen Lesern die einfache Geschichte
seines Lebens und die beispiellose Geschichte seiner Erfolge.

Die Biographie konnte nicht mehr sein als die einfache Wiedergabe
schlichter Tatsachen. Das Bild war die Reproduktion nach einer
vorzglichen Photographie. Sie zeigte den Meister von Europa im
Brustbild, bekleidet, und neben den allerhchsten Ehrungen nur die
eine kleine, schlichte--und doch vielleicht die hchste von allen--,
kaum erkennbar neben den schweren Medaillen von Gold und Silber, die
kleine Mnze, die er sich als erste Ehre einst, vor langen Jahren,
geholt, indem er das Leben eines Menschen gerettet.

Das Bild selbst zeigte ein ernstes, schnes und stolzes Gesicht. Es
war nicht mehr das Gesicht des Knaben. Derselbe war nur noch der
seltsame Zug von Entschlossenheit um den Mund, und unverndert war
noch die etwas niedrige, trotzige Stirn. Aber die Weichheit, die
Rundung der Wangen und des Kinns, und vor allem der gutmtige,
vertrauende Blick der blauen Augen waren verschwunden und einem
frhernsten Ausdruck gewichen, so da das Gesicht an Bedeutung
gewann, was es an Liebenswrdigkeit verloren hatte. Es war das
Gesicht eines Menschen geworden, der ruhig, selbstbewut und
entschlossen in steter Wachsamkeit um sich und in die Ferne blickt,
damit ihm niemand zu nahe komme; der Ausdruck einer stets bereiten
Abwehr, der in seiner furchtlosen Khnheit ersetzte, was dem Gesicht
an tieferer geistiger Intelligenz mangelte. In dem Augenblick der
Aufnahme war er so lebendig geworden, da er es eigentmlich belebte
und interessant machte.

Es war noch immer ein sympathisches Gesicht, aber das liebenswrdige,
gute Gesicht des Knaben war es nicht mehr.

Ein anderes Bild aber--aus derselben Zeit--, das den Meisterschwimmer
in voller Figur und im Trikot zeigte und auf dem das Gesicht gegen
den Krper zurcktrat, strte in keiner Linie. Es war das Bild einer
wundervoll sicher und gleichmig entwickelten, vom Leben noch vllig
unangetasteten, ganz einzigen Kraft in der Siegessicherheit ihrer
Jugend.


14

Mit schweren Fen gehen wir ber die schwere Erde. Ewig ist in uns
die Sehnsucht, uns ber sie erheben zu knnen, und noch im Tode
bitten wir, sie mge uns leicht sein. Denn schwer ist sie uns, wie
das Leben.

Aber wir knnen nicht fliegen. Neidvoll sehen wir den Vgeln nach,
die sich in die Luft erheben, die fr uns zu leicht ist.

Zu schwer die Erde, zu leicht die Luft.

Aber wir knnen schwimmen.

Zwischen Himmel und Erde wiegt uns das Wasser. Halb zieht es uns
hinab, halb trgt es uns hinauf.

Wir sind noch nicht oben, aber wir sind nicht mehr unten. Es gibt uns
das Vergessen: das Vergessen der Erde und die Ahnung, im Himmel zu
sein, wenn es uns trgt.

Wir haben keine Flgel, aber wir fhlen die Schwere der Erde nicht
mehr.

Wunderbares Element!--Warum haben wir uns aus dir, das unser aller
Heimat und Wiege war, auf die Erde geflchtet?--Warum sind wir nicht
in deinen stillen, traumlosen, seligen Tiefen geblieben, statt in das
Getse, den Staub und den Kampf der Erde zu treten?--Warum keuchen
wir aus schweren Lungen, statt mhelos aus leichten Kiemen zu atmen?--

Weil wir Wrme, Licht und Leben brauchten?--Ach, die Wrme der Erde
ist sengende Glut, ihr Licht blendet unsere Augen, und unertrglich
ist uns meisten das Leben.

Dort unten war Khle, Dmmerung und Traum.

Aber wir wollten hinauf: aus den Tiefen hinauf auf die Erde. Und dann
wollten wir hher und hher, von der Erde in den Himmel. Wir knnen
es nicht. Und verzehren uns nun in der ewigen Sehnsucht, die nicht
hinauf kann und nicht mehr hinab.

Wunderbares Element!--Die meisten haben dich vergessen. So fremd bist
du ihnen geworden, da sie Furcht vor dir haben. Und statt sich dir
anzuvertrauen, blicken sie mit angstvollen Augen auf dich und zittern
vor der Berhrung mit dir. Mit dir!--Mit dir, das du sie trgst und
wiegst und ihnen neues Leben geben mchtest, das du ihnen den Staub
aus den Augen und die Qualen vom Herzen wschest und sie nur sinken
lt, wenn sie, dumm und ungebrdig, dich mihandeln mit plumpen
Gebrden und ungeschickten Fusten, und, das Unmgliche heischend, in
dir den Himmel suchen. Sie alle, die vergessen, da du nicht wie ein
Sklave behandelt sein willst, und es dir verdenken, wenn der Freie
sich im Zorn emprt und die ungebetene Last von sich abschttelt und
begrbt.

Aber nicht alle haben dich vergessen.

In einigen lebe noch die Sehnsucht nach dir fort, wie das Verlangen
nach der Reinheit aus dem Schmutze, und wenn sie zu dir kommen, so
nimmst du sie in die Arme, wiegst sie, kssest sie und vergiltst
tausendfach jede ihrer noch so ungeschickten Liebkosungen. Und wer
sich dir einmal so zu eigen gab, der begehrt den Himmel nicht mehr
und kehrt nur auf die Erde zurck, weil ihr Staub ihn gebar und ihn
nhrt, der kehrt zu dir zurck, wann immer er kann, der ist dein
eigen geworden fr Lebenszeit...

Einer von diesen wenigen war Franz Felder. Als sich kaum die kleinen,
dicken Kinderfuste von der Mutterbrustgelst, hatte ihn das erste,
selbstndige Lebensverlangen nicht auf das weite Feld der Erde,
sondern in die stummen Tiefen des Wassers gezogen. Und das Wasser
hatte ihn empfangen wie sein eigenstes Kind, hatte ihn unterwiesen in
der Kunst des Lebens, ihn verhtschelt, ihn auf alle Weise der
gehaten Erde zu entreien versucht, die Sehnsucht nach sich auf alle
Art genhrt, bis er sein eigen geworden war mit Leib und Seele.

So war es sein erster Spielkamerad gewesen und sein einziger
geblieben. So war es sein erster Freund geworden, und in der Stunde,
als er, noch fast ein Kind, bei einem allzu hastigen Sprunge sich
eine tiefe Fleischwunde an einem Nagel, den er streifte, in den Arm
ri, und sein Blut sich mit dem Wasser mischte, das es trank, war
zwischen ihnen die Blutsbrderschaft entstanden, die sich erst lsen
konnte mit seinem Leben. Die Wunde war geheilt, das Wasser heilte sie
wie von selbst, aber die Freundschaft zwischen ihnen hatte
gewissermaen ihre Weihe erhalten, und alle seine kleinen Schmerzen
und Wunden trug Franz fortab zu seinem Freunde und lie sie von ihm
heilen, die offenen und die verschwiegenen.

Nun war das Wasser sein Gegner geworden.

Sie rangen miteinander, doch es war nicht das kindliche Spiel mehr
des Augenblicks, vergessen im nchsten. Aus der knabenhaften Balgerei
war ein ernsthaftes Messen der Krfte geworden. Aber es war noch
immer der achtungsvolle Kampf zweier Gegner, die sich vor und nach
ihm die Hand schtteln und voneinander gehen ohne jeden Groll.

Noch immer herrschte die volle Eintracht der Einigkeit zwischen
ihnen.



Dritter Teil


1

Franz Felder wohnte noch immer bei seinen Eltern. Zwar nicht mehr in
dem dumpfen Keller, in dem er einen Teil seiner Jugend verbracht,
aber doch immer noch in einer Hofwohnung, ohne viel Licht und Wrme.
Er hatte sein eigenes Zimmer. Hier hingen alle seine Trophen. Die
Ehrenpreise, die in Gegenstnden bestanden und nicht in den
Klubbesitz bergegangen waren und dort das Vereinszimmer schmckten,
hatte er zum Teil seiner Mutter berlassen, die mit ihnen die
drftige Armut der vorderen Wohnstube zu verdecken suchte. Dort stand
das groe Bierservice, die Fruchtschale aus Cuivre, der Rauchtisch
und manches mehr--Dinge, die oft mehr dem guten Willen als dem
Geschmack ihrer Stifter Ehre machten. Aber alles, was er sich sonst
errungen in seinen vielen Kmpfen, hing hier in seinem eigenen
kleinen Zimmer in Gestalt dorrender Lorbeerkrnze und mehr oder
minder knstlerisch ausgefhrter Diplome an den Wnden, und von den
bunten Schleifen leuchteten goldene Inschriften. Bis an die niedrige
Decke hinauf hingen sie, und ber dem Bette war fast schon kein Platz
mehr fr neue Ankmmlinge. Auch hatte Felder es lngst aufgeben
mssen, sich alle seine Urkunden einrahmen zu lassen.

Auf der Kommode in einem groen Glaskasten--dem Geschenk eines
Klubfreundes, eines Schreiners, zu Weihnachten--lagen auf roter
Sammetunterlage alle seine Medaillen, goldene und silberne, groe und
kleine, alle an ihren Schleifen, eine ganze Sammlung von nicht
geringem Wert. Sie war sein hchster Stolz!--Mit welcher Liebe nahm
er nicht zu den Festen Stck fr Stck heraus, um es, eins nach dem
andern, auf seiner Brust zu befestigen; mit welcher Sorgfalt legte er
nicht jedes einzelne an seinen rechten Platz zurck!--Bei jedem neuen
Siege verrckte der neue Erwerb den Platz und die Stellung der
anderen, und in immer neuer Gruppierung lagerte sich um die schweren,
goldenen Rundstcke erster Siege die Schar der kleinen Trabanten,
alle gleich gekannt, alle gleich geliebt. Denn an jeden knpfte sich
eine unvergeliche Erinnerung.

So viele waren ihrer geworden, da sie lngst nicht mehr auf der
breiten Brust des Meisterschwimmers Platz fanden. Auf seiner letzten
Photographie trug er daher nur die wichtigsten selbst--die breiten
Bnder um den Hals und die groen goldenen und silbernen Mnzen auf
den Rockschlgen; die anderen waren auf einem Schilde reihenweise
geordnet, das auf einer Art Staffelei neben ihm stand, auf die er die
Hand legte. Das ganze Bild des beutebeladenen Siegers erschien
ebenfalls alsbald in einer Sportzeitung und bte stellenweise auf
unwissende Laien eine erheiternde Wirkung aus, die keineswegs
beabsichtigt war.

Auch dieses Bild prangte in der kleinen Stube, und was auer ihm an
Bildern dort noch zu sehen war, es stellte immer nur ihn dar: Franz
Felder. Da war er als kleiner Junge mit seiner Rettungsmedaille auf
der Brust, dick und ernst; als junges Mitglied des S.-C. B. 1879 mit
der hellen Mtze und dem Zeichen seines ersten Sieges auf der Brust;
ein Jahr spter als neugebackener Berliner Meister--noch ohne Band um
den Hals, aber doch schon gekrnt mit einem ersten Preise und mit
jenem seltsamen Zug um den Mund, der auf keinem der spteren Bilder
mehr fehlte. Endlich all diese Bilder der spteren Jahre, aufgenommen
in all den verschiedenen Stdten, wo man ihn mit zum Photographen
genommen oder ihn beim Fest selbst noch schnell vor den Kasten
gestellt, ehe er ins Wasser ging, immer um ein paar Zoll grer,
immer etwas selbstbewuter in der Haltung, je mehr die Zahl der
Zeichen auf seiner Brust wuchs--da waren sie alle bis auf dies
letzte, wo die Zahl der Ehren so gro geworden war, da er ihre Last
nicht mehr selbst tragen konnte... Und da waren die anderen Bilder,
die Gruppenaufnahmen, auf deren keinem er fehlte: erst mehr an der
Seite, fastversteckt unter den anderen, dann immer mehr in die Miete
gerckt, bis seine Person die Mitte selbst bildete--diese Aufnahmen,
ausgefhrt zum grten Teile von irgendeinem Amateurphotographen,
mehr oder minder gut gelungen, aber jede einzelne eine liebe
Erinnerung an die frhlichen Stunden eines Ausfluges, einer
Veranstaltung des Klubs, erfllt von Gelchter und immer berstrahlt
von der unversiegbaren Frhlichkeit der Jugend.

Und endlich die Bilder, die ihn darstellten unter seinen
Mitschwimmern bei den Konkurrenzen, Aufnahmen, wie sie in letzter
Zeit bei den wichtigsten Hauptschwimmen gewhnlich gemacht wurden,
bevor man an den Start ging. Alle Namen, die berhaupt in der
Schwimmerwelt in den letzten Jahren genannt wurden, waren da
vertreten, alle die mehr oder minder gefhrlichen Gegner, alle, mit
denen er, Franz Felder, gerungen, alle, die er besiegt hatte... Er
kannte sie alle und lchelte, wenn sein Blick auf ihren Gesichtern
ruhte. Im Momente der Aufnahme noch ruhig, fast gleichgltig--wie
verndert waren sie alle wenige Minuten spter, wo es drauf und dran
ging!--Wie verschieden waren diese nackten, nur mit dem Trikot
bekleideten Gestalten: der eine lang und hoch aufgeschossen wie ein
Turm und sehnig wie ein Pferd; der andere kurz und untersetzt mit
mchtigen Schenkeln und einer phnomenalen Brustweite; der dritte
ebenmig und schlank, in nichts fast seine Kraft verratend; und
immer war es Felder, der diesem Dritten glich. Auf allen Bildern
stand seine schne, schlanke Gestalt hoch aufgerichtet und ruhig
unter den anderen, und seine ernsten und mutigen Augen verliehen
seinem Gesicht einen Zug von Leidenschaftlichkeit und Intelligenz,
den man vergebens auf denen der anderen suchte...

Schlielich fllte eine Ecke des Zimmers ein groer Sto von
Programmen und Zeitungen: die Programme der Wettschwimmen, an denen
er teilgenommen, und die Zeitungen, die ber sie berichtet hatten. Es
war schon ein ganzer Haufen, und Felder hatte ihn sorgfltig
gesammelt. Koepke hatte ihm dabei geholfen und sorgte dafr, da
nichts fehlte.

So hatte er alles um sich herum in dem kleinen Raum, was seines
Lebens ganzen Inhalt ausmachte, und darum fhlte er sich wohl in ihm.

Seine Familie bedeutete ihm schon seit langem nur so viel, als sie
ihm diese Heimat erhielt. Ihre Interessen waren nur noch in wenigen
uerlichen Dingen die seinen. Jeder ging seine eigenen Wege, und man
war es beiderseits zufrieden. Wenn er seiner Mutter zur Ausschmckung
des Vorderzimmers die Wertpreise berlie, so tat er es nicht nur,
weil sie ihn in seinem kleinen Zimmer beengten, sondern
hauptschlich, weil er auf sie weit weniger Wert legte als auf seine
Diplome und Medaillen. Er wute nichts mit ihnen anzufangen.

Ganz Herr seiner selbst, mit eigenem Schlssel zu eigenem Eingang,
kam und ging er, wie er wollte, und lngst war jeder Anspruch seiner
Familie an seine Zeit verstummt. Von den heranwachsenden Geschwistern
zeigte keiner besondere Lust zu seinem Sport; daher interessierten
sie ihn nicht. Sie gehrten fr ihn zu dem "anderen Teile" der
Menschheit.

So war die einzige Vernderung in seinem ueren Leben eigentlich nur
die, da er seine Stellung aufgegeben. Als seine Beteiligung an den
auslndischen Konkurrenzen immer wieder die Bitte um Urlaub ntig
machte, wurde der sonst ziemlich geduldige Chef unwirsch, und vor
Felders englischer Reise sagte er ihm, er mge zwar ein groer
Schwimmer sein, aber das knne ihm doch fr seinen eigentlichen Beruf
nichts ntzen, und er mge lieber seinem Sport etwas weniger Zeit
opfern... Wie der kleine Junge vor Jahren unter den Worten des
Rektors, so bumte sich jetzt der gefeierte Meisterschwimmer auf;
aber er war zu stolz geworden, um berhaupt ein Wort der Entgegnung
zu verlieren. Er ging. Wenn man nicht wute, wer er war, so sollte
man es bleiben lassen oder es lernen.--Da er zeitweilig ohne
Stellung war, kmmerte ihn wenig. Als er dann von England kam, war er
durch die ihm gebotene Ehrensumme jeder augenblicklichen Not
enthoben, und er arbeitete von da an nur, wenn es ihm gefiel...

Grer war die innerliche Vernderung, die mit ihm vorgegangen war in
diesem Jahre. Als er von England als der unangefochtene Meister
Europas zurckkehrte, fiel sie zum ersten Male seinen Klubbrdern
auf. Ernst und schweigsam war er eigentlich immer gewesen, aber nie
hatte sich seine groe Gutmtigkeit und Freundlichkeit verleugnet.
Jetzt war etwas Strenges und Hartes in sein Wesen gekommen, das ihm
nicht eigen gewesen war. Wie er gegen sich war, so wurde er nun auch
gegen andere.

Auch seine Unbefangenheit war nicht mehr dieselbe. Er wute, was er
seiner Wrde schuldig war, und war eiferschtig auf sie. Er
verlangte, da sie respektiert werden sollte, und hatte angefangen,
darauf zu achten. Leichtigkeit im Umgang hatte er nie besessen, aber
die Schwerflligkeit seines Wesens war nie so hervorgetreten wie
jetzt, wo er nicht mehr im Hintergrunde stand. Bei den Sitzungen
glaubte er an den Beratungen teilnehmen, in die Verhandlungen
eingreifen zu mssen. Da ihm die Gabe der Rede jedoch vllig abging,
so vermochte er sich nur unbeholfen auszudrcken, und man fand
allgemein mit Recht, da er besser tte, zu schweigen wie
bisher. Dennoch hatte man so viel Achtung vor ihm und seinem
leidenschaftlichen Ernst, seiner hingebenden Liebe zur Sache, da
man ihn geduldig anhrte.

Eine bisher fremde Ungeduld hatte ihn ergriffen; er wollte immer
weiter und weiter, ohne doch recht Zuwissen, wohin noch. Bei den
meisten Mitgliedern des Klubs aber, besonders bei den lteren, machte
sich eine gewisse Ermdung nach so vielen groen und lauten ueren
Erfolgen geltend, und sie verlangten mit grerer Entschiedenheit
nach einer einheitlichen Ausbildung des Ganzen, nach einer ruhigeren
Entwickelung als bisher.

Noch hatte Felder nichts an Freundschaft und Achtung verloren. Im
Gegenteil: seine Siege hatten ihm begeisterte Bewunderer erworben,
die mit ihm durch dick und dnn gingen und bei denen er alles galt.
Aber man fand den Verkehr mit ihm nicht mehr so bequem wie frher.
Man fhlte, hier mit Bedauern, dort mit Unmut, da er nicht zufrieden
war.

Und so war es auch: in dieser Zeit, die nach beispiellosen Erfolgen
die glcklichste und schnste seines Lebens htte sein mssen, war er
nicht glcklich.


2

Ein Winter der Ruhe sollte diesem aufgeregten Sommer voll hchster
Triumphe folgen. Der Verein hatte nach langen Debatten beschlossen,
Felder nur auf ein einziges Winterfest zu senden, auf dem er den
Wanderpreis der Stadt Charlottenburg zum dritten Male erkmpfen
mute. Sonst sollte er ruhen, nicht trainieren und, wie Brning
lchelnd sagte, sich "in seinem eigenen Glnze sonnen". "Im nchsten
Sommer wrde es schon genug Arbeit geben, um das Gewonnene mit Ehren
zu behaupten", fgte Nagel in seiner bedchtigen Weise hinzu. Er
hatte sich brigens verlobt und sein Amt als Schwimmwart nieder
gelegt.

Auch Brning war in diesem Winter meist von Berlin fort, und so war
Felder mehr als vorher auf die Gesellschaft seiner anderen Klubbrder
angewiesen. Obwohl er mit allen mehr der minder vertraut war,
verband ihn doch mit keinem eigentlich die enge Freundschaft wie mit
jenen beiden, und sein Vertrauen geno nur noch Koepke. Aber der war
immer da und zhlte nur mit, wenn Felder ihn gerade brauchte.

Eine der strmischen Klubsitzungen war vorber. Es hatte irgendeine
Streitigkeit mit einem anderen Vereine gegeben, bei der die
Mitglieder verschieden Partei ergriffen. Obwohl Felder von der ganzen
im Grunde gleichgltigen Geschichte wenig begriff und sie ihn
obendrein nicht besonders interessierte, glaubte er es doch seiner
Wrde schuldig zu sein, ein paar Worte mitzureden, und die waren
wieder schlecht genug ausgefallen. Da man seine unklaren und
unbeholfenen Auseinandersetzungen so ruhig und ohne zu lcheln
hingenommen hatte, verdankte er nur seinem Ruhm...

Nun ging es noch in ein Caf mit zwei anderen, denn man war noch viel
zu erhitzt und aufgeregt, um schlafen zu knnen. Es war das brigens
fr Felder in letzter Zeit eine Gewohnheit geworden, an die er vor
einem Jahre noch gar nicht gedacht hatte. Jetzt aber: Geld hatte er
ja, und ausschlafen konnte er morgen auch...

Man sa in einem Cafe in der Leipziger Strae. In Felder nagte noch
der rger ber sich selbst, und er sprach kein Wort mehr. Um so
lauter waren die beiden anderen; in leidenschaftlicher Debatte
suchten sie sich gegenseitig zu berzeugen.

Felder hatte sich eine Zeitung geben lassen, las aber nicht, sondern
sah sich bewundernd um. Er war zum ersten Male hier. Er war nicht
mehr der unerfahrene Junge aus dem Osten Berlins, der nichts auer
seinem Stadtteil kannte, sondern ein gereister Mann, der Vergleiche
anstellen konnte. Aber dies schien ihm doch eines der schnsten Cafs
zu sein, das er je gesehen hatte. berall Gold und Marmor und Spiegel
bis an die Decke hinauf; und dazu stimmte die Eleganz des Publikums,
der ruhig-vornehme Ton, der hier herrschte und der selbst seine
Kameraden zwang, ihre lauten Stimmen zu dmpfen; und die leise Art
der Kellner, die in ihren blendendweien Schrzen kamen und gingen,
ohne da man es merkte.

Es waren nicht sehr viele Gste auer ihnen in diesem Teil des
Saales. An einem Tisch unweit von ihnen sa ein Herr mit einer Dame,
dessen Gesicht er nicht sehen konnte, da er ihm den Rcken zudrehte.
Die Dame war sehr elegant gekleidet, sa zurckgelehnt in ihrem
Stuhl, und whrend Felders Blick von der Betrachtung des Saales zu
ihr zurckkehrte, bemerkte er, wie sie ihn ansah. Er blickte fort.
Als er dann zufllig nach einer Weile wieder zu dem Tisch hinbersah,
sah er noch immer ihre Augen auf sich gerichtet, so fest und
unverwandt, da jeder Irrtum ausgeschlossen war, und er konnte sich
des Gedankens nicht erwehren, da sie ihn whrend dieser ganzen Weile
so angesehen haben mute. Diesmal wandte er sich noch schneller ab
und betrachtete noch aufmerksamer die Decke, die Wnde und die
brigen Gste. Es war ihm unbehaglich, so angestiert zuwerden.

Dann--als er nach einigen Minuten wieder hinschaute, berzeugt, dem
eigentmlich festen und ruhigen Blicke nicht mehr zu begegnen, sah er
die Dame unverndert wie vorher zurckgelehnt in ihrem Stuhle sitzen
und ihre Augen unverwandt auf seinem Gesichte ruhen. Diesmal
begegneten sich ihre Blicke: der Felders unruhig, herausfordernd-
fragend, der der Fremden unverndert ruhig, berlegen, fast
gleichgltig, als sei es selbstverstndlich, da sie ihn in dieser
Weise mustere; und ohne die geringste Vernderung, wie ihr Blick,
blieb auch der Ausdruck ihrer Zge.

Er wurde unruhig. Jetzt wute er, da er sich nicht tuschen konnte.

Er ergriff eine Zeitung, starrte verstndnislos auf eine politische
Karikatur der "Lustigen Bltter" und war entschlssen, nicht mehr
aufzusehen.

Was sollte denn das eigentlich heien?--

Warum starrte die ihn denn so an?--

So viel hatte er gesehen, da sie auergewhnlich schn war und
kostbar gekleidet. Sie trug ein ber und ber besticktes graues
Seidenkleid und einen Hut mit groen Federn von gleicher Farbe. Auch
glitzerte es berall von Steinen an ihr--an ihren Hnden, in ihren
Ohren, auf ihrer Brust.

Er wollte nicht aufsehen, um nicht nochmals ihrem Blick zu begegnen.
Als er aber dann, wie neugierig, sich nach den anderen Tischen umsah
und seine Augen ebenfalls scheinbar gleichgltig ber den ihren
schweifen lie, sah er, wie sie sich zur Seite gewandt hatte, da ihr
Begleiter mit ihr sprach und sie sich ihm zuwenden mute, um zu
antworten. Nun konnte er der Versuchung nicht widerstehen, sie zu
betrachten, und er sah, da sie noch weit schner war, als er dachte.
Er hatte noch nie ein so schmales, feines Gesicht gesehen, solche
zarte Haut, die wei aussah wie gepudert, und solch eigentmlich
rote, schn geschwungene Lippen, dabei so viel Selbstbewutsein und
zugleich Gleichgltigkeit in der aufrechten Haltung des Krpers... Er
konnte nicht fortsehen, so seltsam schn erschien sie ihm, und er
lie sie nicht mehr aus den Augen, wie sie sich jetzt etwas
vornberbeugte, um irgendeine Stelle in der Zeitung besser zu sehen,
auf die ihr Begleiter sie hinwies.

Als wenn sie fhle, da er sie anblickte, sah sie pltzlich wieder
auf, und wieder begegnete dem seinen der Blick dieser groen,
dunklen, von langen, schwarzen Wimpern beschatteten Augen, die wieder
ruhig und prfend, ohne Frage, aber mit durchaus unverhohlenem
Interesse auf ihm ruhten. Diesmal stieg eine jhe Rte in sein
Gesicht, und mit einer hastigen Bewegung, die nur zu deutlich zeigte,
wie sehr er sich erraten sah, wandte er sich ab.

Er war verlegen und rgerte sich. Er wre am liebsten fortgegangen,
wenn es mglich gewesen wre ohne die anderen, die unbekmmert weiter
schwatzten.

Von jetzt an schaute er nur von Zeit zu Zeit auf, und jedesmal
begegnete er dem Blicke dieser Augen, der immer grer und immer
willensfester zu werden schien, als wollte er sagen: ich erkenne
dich...

Eine schwle Beklemmung stieg in dem jungen Manne empor, wie er sie
noch nie empfunden. Er fhlte, da diese Frau etwas von ihm wollte.--
Aber was?--Wer war sie?--War der Herr mit den ergrauten Haaren ihr
Mann?--Ihr Freund?--War sie eine anstndige Frau oder war sie--etwas
anderes?

Eine anstndige Frau war sie sicherlich nicht. Eine anstndige Frau
sah einen fremden Mann nicht so an, aber eine ffentliche noch
weniger. Die wre brigens gar nicht in dieses Caf eingelassen
worden.

Einerlei wer sie war. Er war er, Franz Felder, und er wute, wer er
war, und er lie sich nicht so ansehen. Mit einer fast verchtlich-
ausdrucksvollen Gebrde kehrte er sich ab und dem Gesprch seiner
Freunde zu. Man sprach jetzt laut und ohne Rcksicht auf die Ruhe des
Cafs vom nchsten Schwimmfest.

Felder hatte sich fest vorgenommen, berhaupt nicht mehr nach dem
Nachbartische hinzusehen. Mochte die ihn doch anstarren, soviel sie
wollte!--Er konnte es ihr nicht verbieten, aber er wollte ihr schon
zeigen, was er von ihrem Benehmen dachte!

Aber dann, nach einer Weile, whrend der er vergebens versuchte, sich
am Gesprch zu beteiligen, vernahm er ein Gerusch (ein Kellner hatte
einen Lffel fallen lassen), das ihn auf und nach der Seite sehen
lie, und unwillkrlich streifte sein Blick wieder den ihren wie
vorher. Und jetzt sah er, da sich der Ausdruck ihrer unbeweglichen
Zge gendert hatte: es war ihm, als hbe sich die Brust unter der
grauen Seide, als htte sich der festgeschlossene rote Mund ein wenig
geffnet, nur so weit, da er die weien Zhne durchschimmern lie,
und als sei in diese dunklen, kalten Augen das Feuer eines heimlichen
Begehrens getreten, das nach ihm verlangte... Und jetzt war ihm nicht
mehr ungemtlich, sondern pltzlich unheimlich zumute.

Wieder sah er fort und wieder auf: abermals hatte der Ausdruck dieses
fremden, rtselvollen Gesichtes gewechselt und an die Stelle
drohenden Begehrens war der triumphierender Freude getreten, der zu
sagen schien: Aha, jetzt frchtest du mich schon!

Er konnte es nicht mehr ertragen.

Schon wollte er das Gesprch seiner Genossen unterbrechen und sagen,
er sei mde und wolle fort, als er sah, wie sich der alte Herr halb
erhob und sich fragend an seine Begleiterin wandte, die bejahend den
Kopf neigte. Er blieb sitzen. Jetzt wrde es kommen. Beim Hinausgehen
wrde er irgendein Zeichen von ihr empfangen, und an ihm wrde er
erfahren, was sie von ihm wollte. Aber nichts von dem allen geschah.

Ruhig stand sie auf, lie sich den kostbaren Pelz um die Schultern
legen, und ging hochaufgerichtet und mit leichten Schritten, und ohne
ihn anzusehen, an ihm vorber: Felder sah auf, aber ihr Blick ging
gleichgltig ber ihn weg, und nur leise streifte seinen Stuhl die
Schleppe ihres Kleides, whrend der starke Duft eines seltsamen
Parfms von ihr ausging. Hinter ihr her der alte Herr, mager und
straff, der Typus eines hochmtigen, aristokratischen Rous, mit
seinen kalten und leeren Zgen, unnahbarer noch als sie...

Felder blieb ganz verdutzt sitzen. Er hatte so bestimmt irgend etwas
erwartet--was, wute er selbst nicht, aber irgend etwas
Ungewhnliches. Aber so: erst starrte sie ihn eine halbe Stunde lang
mit ihren schwarzen Augen an, wie ein Wundertier, sich frmlich an
ihm festsaugend, und dann ging sie fort und sah ber ihn hinweg, als
sei er Luft--Luft--Luft!--

Unbewut war seine Eitelkeit geschmeichelt, und nun fhlte er sich
pltzlich in ihr verletzt. Sie saen noch lange im Cafe, die drei,
aber Felder war noch migestimmter als vorher und fast grob. In der
Nacht, unter den heien und schweren Kissen, trumte er von ihr: von
ihrer schlanken Gestalt in dem grauen Seidenkleide, ihren drohenden
Augen und dem seltsamen Rot ihrer gemalten Lippen... Und noch nach
Tagen glaubte er zuweilen den Duft zu spren, der von ihr ausgestrmt
war, als sie an ihm vorbeischritt, diesen starken Duft eines ihm
unbekannten Parfms.

Dann hatte er bald die "ganze bldsinnige Geschichte" vergessen, denn
ein anderer Gedanke begann ihn zu beherrschen ganz--und gar...


3

In dieser Zeit, die die glcklichste seines Lebens htte sein mssen,
war Franz Felder nicht glcklich.

Alles, was er je in seinen khnsten Trumen kaum zu hoffen gewagt,
hatte er erreicht; alle Siege, die berhaupt erlangbar waren, waren
ihm zugefallen; was keinem je zuteil geworden: hchste Ehren in so
frhen Jahren, er besa sie...

Dennoch war er nicht zufrieden.

Alles konnte er ertragen, nur nicht diese Ruhe nach solchen Siegen.

Ihn drstete nach neuen und greren Erfolgen, gleich dem Trinker,
dessen Durst sich mit jedem neuen Glase vermehrt--er begehrte etwas
Neues, noch nie Dagewesenes...

Grere Siege gab es nicht, so konnten es nur auergewhnlichere
sein.

Eine Idee tauchte wieder in ihm auf, die ihn schon oft beschftigt,
und lie ihn nicht mehr los.

Er war Schwimmer, ausschlielich Schwimmer. Als Schwimmer war er vom
besten seines Klubs allmhlich der Meister Europas geworden.

Ein ausgezeichneter Taucher war er schon als kleiner Kerl gewesen,
und er whlte immer noch zuweilen unter dem Wasser herum, um die
Kraft seiner Lungen zu erproben und aus reiner Lust. Aber an den
Konkurrenzen der Teller und Hechttauchen hatte er nie teilgenommen.
Sie waren ihm immer als etwas Minderwertiges vorgekommen.

Im Springen dagegen hatte er es ber den glatten und schnen
Kopfsprung, mit dem er stets ins Wasser ging, nicht hinausgebracht.
Andere Sprnge hatte er frher wohl gekonnt und noch manchmal
versucht--aber immer nur ungern, und dann war er regelmig so
aufgeschlagen wie alle anderen, die sie nicht stndig bten. Endlich
waren sie gnzlich gegen sein Schwimmtraining zurckgetreten und ber
ihm in Vergessenheit geraten. Er konnte keinen einzigen mehr
ordentlich.

Daher hatte er sich an den Mehrkmpfen im Schwimmen, Springen und
Tauchen, aus denen der als Sieger hervorgeht, der die grte Anzahl
von Punkten in allen drei Arten aufweist, nie beteiligt und nie daran
denken knnen, es zu tun. Aber nie hatte er in den letzten beiden
Jahren seiner beispiellosen Triumphe ein Gefhl des Mimuts
ganz unterdrcken knnen, wenn er sehen mute, wie bei den
Preisverteilungen noch andere als er zu Meistern ernannt wurden, zu
Meistern im Mehrkampf und Springen, und gleiche, wenn auch nie so
beispiellose Ehren genossen wie er. Besonders stark war dieses
Gefhl--mehr ein Gefhl der Unbefriedigung, kein Gefhl des Neides,
denn kleinlich war er nicht--im letzten Jahre geworden, wo es dem
Verwhnten schwerer und schwerer wurde, mit anderen zu teilen.

Sein Ehrgeiz lie den Gedanken nicht ruhen und schrte ihn immer von
neuem: sollte es denn nicht mglich sein, auch dieses Gebiet fr sich
zu erobern, auf ihm gleiche oder doch hnliche Triumphe zu erlangen
wie auf seinem eigensten, und wenigstens einzelne Mehrkampfpreise an
sich zu reien?--Im Tauchen wrde es ihm leicht gelingen, sich durch
einfache bung ohne groe Anstrengung so lange "unter Wasser zu
halten" wie die anderen; bung und eine normale Lunge gengten hier
vollkommen. Und erst die seine!--

Aber im Springen?!--Er hatte bei seiner Einseitigkeit die anderen
Sports so gnzlich vernachlssigt, z. B. nie geturnt; er war kein
Knabe mehr, dessen Muskeln noch weich und nachgiebig waren gegenber
allen Anforderungen, sich auszubilden,--und hier kam nicht nur
Ausdauer und bung in Betracht, sondern jene spezifische Begabung,
die ihn gerade auf seinem Gebiet zu dem einzigen Schwimmer gemacht
hatte.--

Die Frage war: Konnte ein erster Schwimmer berhaupt ein erster
Springer sein, und umgekehrt?

Die Erfahrung sprach dagegen. Es gab erstklassige Schwimmer,
die hervorragend gute Springer waren, und umgekehrt. Die einen
oder anderen waren es gewhnlich, die sich daher die ersten
Mehrkampfpreise holten, indem sie durch die eine Fertigkeit
ersetzten, was ihnen an der anderen fehlte, und nur selten
verscherzte sich einer von ihnen durch schlechtes Tauchen den Preis.
Aber da sich ein und derselbe auf einem Feste an zwei ersten
Einzelkonkurrenzen auf verschiedenen Gebieten beteiligt hatte, das
war wohl noch fast nie dagewesen und htte jedenfalls mit der
sicheren Niederlage auf dem einen der beiden Gebiete geendet. Daher
fielen die Preise hierhin und dorthin, und der Klub geno die hchste
Ehre, dem es gelungen war, nicht nur erste Schwimmer, sondern auch
erste Springer heranzubilden. So besa der S.-C. B. 1879 neben dem
Meisterschwimmer Felder den unbertrefflichen Springer Grafenberger.

Felder wute dies alles ganz wohl.

Aber er kam von seinem Gedanken nicht mehr los. Es nutzte alles
nichts. Er ertrug es schon nicht lnger, andere neben sich als
ebenbrtige Meister gleich gefeiert zu sehen--einmal, einmal mute er
das Hochgefhl ganz auskosten, allein, ganz allein unter dem Jubel
des Tages dahin zu schreiten--: keinen neben, alle hinter sich...

Wenigstens mute er versuchen, ob es ihm nicht gelang, durchzusetzen,
was er plante.

Mit der alten, zhen Entschlossenheit, der ganzen Verbissenheit in
sein neues Ziel, ging er auch diesmal ans Werk. Er wollte vorab
nichts verlauten lassen. Einmal, weil er nicht ausgelacht werden
wollte, wenn die Sache milang; dann aber, weil er ganz gut wute,
da mit seinen beispiellosen Erfolgen ihm berall Neider entstanden
waren, die es sicher an gehssigen Bemerkungen nicht fehlen lassen
wrden, wenn sie sahen, wie er, immer noch nicht zufrieden, weiter
und weiter die Hnde nach den Lorbeeren anderer streckte...

berhaupt war es ganz ausgeschlossen, da er sich unter aller Augen
pltzlich im Springen versuchte. Er konnte ja nicht mehr im Bade
erscheinen, ohne da man ihm auf Schritt und Tritt nachging und jede
seiner Bewegungen verfolgte. Beim Schwimmen strte es ihn nicht, und
er hatte sich lngst an die leise geflsterten Worte und die
neugierigen Blicke gewhnt. Aber bei dem, was er jetzt vorhatte,
htte es jeden Versuch von vornherein vereitelt.

Er mute einen Ort ausfindig machen, an dem er ungestrt seine neuen
bungen anstellen und sich so weit ausbilden konnte, um mit einiger
Sicherheit vor seinen Klub an den bungsabenden hintreten zu knnen.
Das war nicht einmal schwer. Berlin, so arm an Winterschwimmhallen,
besa neben seinen am meisten besuchten Volksbadeanstalten und den
ein, zwei groen privaten Hallen in dem einen oder anderen Stadtteil
noch ein oder zwei Bassins, unbrauchbar fr die Schwimmfeste ihrer
Kleinheit wegen, gekannt nur von wenigen alten Stammgsten und
gehalten von ihren Besitzern nur als unfruchtbarer Anhang zu ihren
Etablissements, weil sie nun einmal da waren. Ein solches Bad lag
ganz im Sden der Stadt, jenseits des Halleschen Tores--verlassen von
aller Welt und als Schwimmbad seit langer Zeit vergessen und kaum
mehr genannt. Ob es noch existierte, wute selbst Felder nicht, der
hier vor Jahren einmal gewesen war, um der kleinen Veranstaltung
irgendeines lngst eingegangenen Klubs beizuwohnen.

Das war, was Felder jetzt brauchte, und eines Abends unternahm er
eine heimliche Orientierungsreise nach dem Sden der Stadt.

Er fand ein dunkles, tiefes Loch, gefllt mit einer schwarzen, kalten
Flssigkeit, vllig ungeeignet zum Schwimmen, da Felder es mit einem
einzigen seiner Ste in die Lnge und einem halben in die Breite
durchma, aber von gengender Tiefe, selbst fr die geraden Sprnge,
und leidlich erhaltenen Sprungbrettern in zweifach verschiedener
Hhe. Einmal in der Woche bte hier der Schwimmklub einer Schule, der
mit sportlichen Kreisen in keiner Berhrung stand; sonst badeten nur
morgens ganz frh und abends nach der Arbeit ein paar Tglichschwimmer
hier, die es "nicht lassen konnten", wie der verschlafene Bademeister
meinte, der Felder nicht einmal dem Namen nach kannte.

Dieser entschlo sich sogleich, nachdem er einige Versuchssprnge
gemacht hatte. Hier wrde ihn sicher niemand finden. Wenn er
allwchentlich einmal auf den bungsabenden (wenn hier die Lehrer
mit ihren Schlern hierherkamen) und ein anderes Mal auf den
Sitzungen seines Klubs erschien, wenn er zudem nach wie vor die
Sonntage mit seinen Leuten verbrachte, so konnte es nicht weiter
auffallen, da er regelmig die vier anderen Abende fortblieb.
Auerdem erwartete jetzt auch kein Mensch mehr von ihm, da er wie
bisher weitertrainierte. Und schlielich war er doch eben auch der
berhmte Franz Felder, der tun und lassen konnte, was er wollte,
und den so leicht keiner mehr danach fragen durfte.

Zustatten kam ihm, da die Arbeitszeit in der groen mechanischen
Werksttte, in der er jetzt wieder eine Stelle angenommen hatte, nur
bis sechs Uhr dauerte. Wenn er auf den Weg eine Stunde rechnete, so
konnte er um sieben am Halleschen Tor sein. Die Kasse des Bades
schlo um acht; das Bad selbst um neun Uhr. Es blieben ihm also zwei
Stunden--viel zuviel fr jeden anderen, noch zu wenig fr ihn und fr
das, was er vorhatte.

Vom Entschlu zur Ausfhrung war fr Felder nur ein Schritt. Die
ganze Hartnckigkeit seines Willens zeigte sich jetzt von neuem.
Viermal die Woche, jeden Montag und Dienstag, jeden Donnerstag und
Freitag, machte er nach der Arbeit den weiten Weg nach dem Sden,
bte frisch, als wenn er nicht von der Arbeit, sondern aus dem Bette
kme, seine Sprnge, von den einfachsten allmhlich zu den
schwierigeren bergehend, und endlich die schwierigsten--treu,
unermdlich, tglich von neuem die Kraft seines Krpers in dem
fremden und ungewohnten Kampfe erprobend, und nie beruhigt ber seine
Fortschritte, nie zufrieden...

Wie er frher geschwommen und nur geschwommen hatte, so sprang und
sprang er jetzt. Alles Gelernte durchging er jeden Abend von neuem,
um sicher zu sein, nichts gegen gestern eingebt zu haben, und
tglich ging er einen Schritt weiter. Zunchst wiederholte er die
einfachen Sprnge, die er als kleiner Knabe dort drauen in dem
Kasten an der Spree halb im Spiel gelernt, aber fast vergessen hatte,
und sah mit Freude, da er sie noch konnte: das einfache Abfallen und
den "Abrenner" sowie die leichtesten Formen der Kopfsprnge, in ihren
verschiedenen Arm- und Beinhaltungen, das Anlegen, Anziehen,
Strecken, Spreizen derselben. Dann diese selben Kopfsprnge in ihren
verschiedenen Drehungen, der viertel, halben und ganzen Drehung um
die Lngsachse, vorwrts und rckwrts, und wiederum dieselben mit
Anlegen oder Hochheben der Arme, alle diese sogenannten "Schrauben".
Alsdann die Hechtsprnge, die Bohrer, bei denen man ins Wasser scho
wie ein Pfeil, und auch diese in ihren mehrfachen Armhaltungen und
Drehungen beim Niedergehen. Endlich die "Schlusprnge", diese
schwierigen Sprnge mit ihren wunderbaren Drehungen um die
Breitenachse, die bis zur eineinhalb-, ja zweieinhalbfachen Drehung
des ganzen Krpers gingen, die so berhmten "Saltos", bei denen der
Springer sich in der Luft um sich selbst dreht wie ein Ball, Sprnge,
die in ihrer Vollendung von ungeheurer Schwierigkeit sind und daher
selten mit der hchsten Nummer sechs gewertet werden konnten, da sie
nur dem Gebtesten gelangen. Ganz zuletzt noch die Spreizsprnge,
jene sogenannten Auerbachsprnge, bei denen das regelrechte Spreizen
der Beine die Hauptsache war...

Daneben aber galt es einen groen Teil aller dieser unendlich
verschiedenfachen Sprnge zu ben in ihren wiederum so verschiedenen
Anstzen: aus dem Stand oder mit Anlauf; und sodann die aus dem Stand
in ihrer beim Abspringen angenommenen Haltung: vorwrts, rckwrts,
seitwrts. Endlich aber sie noch zu beherrschen von verschiedener
Sprungbretthhe aus, der niedrigen von einem, der mittleren von drei,
der hohen von sechs Metern aus.

Selbstverstndlich war es ein Unding, alle diese Sprnge in allen
ihren verschiedenen Ausfhrungsarten sich zu eigen zu machen. Kein
Mensch konnte das, und Felder dachte auch gar nicht daran: Worauf es
ihm ankam, war nur, sich einige der schwierigen, und wenn mglich die
schwierigsten, bis zur Sicherheit einzulernen, vor allem die, welche
bei den Konkurrenzen gewhnlich verlangt wurden; und sich sodann
einige andere ebenfalls bis zur Vollendung zu eigen zu machen, um sie
als selbstgewhlte Sprnge, im "Krspringen", ins Treffen zu fhren.

Vorerst durfte er an die Erreichung dieses Zieles noch gar nicht
denken und mute froh sein, wenn er die einfachen Sprnge, die,
"welche jeder konnte", lernte. Denn eigentlich konnte er noch gar
nichts und war sich auch ganz klar darber.

So bte er einstweilen und war froh, es so ungestrt und unter den
Augen seiner eigenen Kritik tun zu knnen.

Denn seine Berechnung tuschte ihn nicht. Er konnte ruhig sein, da
ihn hier niemand suchte und fand. Die Schwimmklubs hatten smtlich
ihre bestimmten Abende in den anderen Bdern, an die sich ihre
Mitglieder hielten, und sonst waren es immer dieselben paar Gste,
die den alten mrrisch-schweigsamen Bademeister abends aus seinem
Winterschlaf fr eine Weile aufstrten: ein fanatischer Naturmensch,
der durch den tiefsten Schnee in bloen Sandalen herkam, um sich
unter der kltesten Dusche zu erwrmen; ein uralter Doktor,
Medizinalrat usw., der auf den Schlag der Stunde kam, sich
geruschlos entkleidete und seinen drren Krper fr genau zwei
Minuten am untersten Ende des Bassins ins Wasser tauchte, wobei er
sich krampfhaft an der Leiter festklammerte; ein kleiner Judenjunge,
der auf den Befehl seiner Eltern kam, die es offenbar fr sehr gesund
hielten, wenn er sich nach langem Zaudern endlich entschlo, ins
Wasser zu springen, einmal herumzuschwimmen und dann eine halbe
Stunde lang noch bebend vor Angst und zitternd vor Frost mit bloen
Fen auf dem kalten Steinboden zu stehen und mit groen, staunenden
Augen Felders Sprngen zuzusehen; und dann noch einer oder zwei von
denen, die es "nicht lassen konnten"--keine groen Schwimmer, aber
passionierte Wasserratten, denen diese kstliche Erfrischung einer
tglichen Hautreizung Bedrfnis geworden war.

Keiner von ihnen allen wute, wer Felder war und was ihn hierher
brachte. Er trug ein einfaches Trikot und eine Badehose ohne jedes
Abzeichen, die er sich zu diesem Zwecke gekauft hatte--das erstemal
seit fr ihn undenkbarer Zeit, da er die blauweien Farben seines
Klubs nicht fhrte...

Ein seltsames Bild, dieses jeden Abend: der nicht groe, aber hohe
Raum halb im Dunkeln, nur schlecht beleuchtet von ein paar
flackernden Gasflammen, und unregelmig, oft kaum erwrmt. Das
schwarze, stille Wasserbecken, eine hohle Tiefe ohne Grund. Hier und
da hinter den verhngten Nischen ein vereinzelter Badegast, der sich
langsam auszieht, langsam ins Wasser geht und langsam wieder heraus.
Kein Rufen und Lrmen wie sonst in allen Bdern--kaum ein Gesprch;
ein eisiges, unheimliches Schweigen, einzig unterbrochen zuweilen
durch das pltzliche Schnauben des Dampfes, der an einer fehlerhaften
Stelle der Wrmerhren pfeifend herausschiet, um wie eine
Sommerwolke schnell zu verfliegen. Dann kommt Felder, greift rasch
mit einem kurzangebundenen "Guten Abend" nach seinen Sachen, steigt
zur Galerie hinauf, wo er sich schnell entkleidet--und nach wenigen
Minuten bereits hallt und rauscht das Wasser unter seinen ersten
Sprngen. Da gibt es nicht erst lange Abkhlung und Abreibung und
bedchtiges berlegen: ein einziges Emporstrecken der Arme, ein
Dehnen des dampfenden Krpers, dann ein festes Aufsetzen, und er ist
in seinem Element. Und nun bebt und drhnt fr die nchste Stunde das
Sprungbrett wieder und wieder unter den unermdlichen Fen, und das
schlafende Wasser gurgelt und grollt leise bei den Sprngen, die
gelingen, wenn der Krper es wie ein Pfeil durchschneidet; und es
knallt und spritzt hoch auf zu den Wnden bei denen, die milingen
und die ihn flach aufschlagen lassen, wie ein Brett... und es hat
nicht Zeit mehr sich zu beruhigen, bis Felder endlich atemlos, rot
wie ein Krebs und vllig erschpft--eine Pause machen mu, in der er
in irgendeiner Ecke auf einer Bank liegt und, die Hnde unter dem
Kopf gefaltet, zu dem schmutzigen Glasdach emporsieht...

Kaum wieder zu Atem gekommen, beginnt er das Spiel von neuem und von
neuem: immer schwieriger werden seine Sprnge, immer intensiver die
Anspannung seiner Muskeln und immer peinlich-genauer ihre Ausfhrung,
und wieder gellt und schreit das Wasser unter den Schlgen dieser
Hnde, und grollt und schumt und murrt noch, wenn Felder schon
wieder auf dem Brett steht, whrend der kleine Junge zitternd vor
Klte mit seinen immer erschrockenen Augen den rtselhaften Springer
verfolgt und in der Ecke fauchend der Dampf fr eine Minute aus der
zerplatzten Rhre schiet...

Fast ein Vierteljahr--von Weihnachten bis zum beginnenden Frhjahr--
dauerte dieses neue zhe und seltsame Training: in den ersten Wochen
sprang Felder stets allein, denn es kam ihm zunchst darauf an, seine
Glieder fr die neuen Anforderungen gelenkig zu machen. Dann, als er
von den einfacheren zu den schwierigeren Sprngen bergehen mute und
sie nicht mehr selbst kontrollieren konnte, brauchte er jemand, der
sie wenigstens einigermaen zu bewerten vermochte, und er vertraute
sich nach Abnahme eines heiligen Ehrenwortes seinem getreuen Koepke
an. Der hatte sich so lange im Schwimmerleben umhergetrieben, da er
wenigstens etwas von der Sache verstand; und da er Feuer und Flamme
fr die neue Idee war, verstand sich von selbst--erwartete er doch
immer das Unmglichste von seinem groen, genialen Freunde. Von da an
mute Koepke fast alle Abende dabeistehen, wenn Felder sprang, und er
tat es mit Wonne.

Vorher machte Felder indessen noch eine neue Bekanntschaft.


4

Er hatte wieder ein Ziel und war wieder glcklich.

Was ihn eine Zeitlang in seinen Strudel gezogen, der Rausch seines
Ruhmes und fremder, lauter Vergngungen, war in dieser Zeit fast von
ihm vergessen und lag unbegehrt hinter ihm. Zuweilen verga er ganz,
wer er war, und im Klub fand man wieder, da er den "Meisterschwimmer"
nicht mehr so stark herauskehre wie nach seiner Rckkehr von England.
So stellte sich bald das alte, trauliche Verhltnis mit seinen
Genossen wieder her und die festlichen Veranstaltungen des Winters
strahlten auch auf Felder ihre alte Frhlichkeit aus. Da er nicht
mehr ganz so oft wie frher unter "den Seinen" erschien, fiel nicht
weiter auf; selten, da er gefragt wurde und eine ausweichende
Antwort geben mute.

Noch hatte er sein Geheimnis auch an Koepke nicht verraten.

Abend fr Abend machte er nach der Arbeit den weiten Weg vom Norden
der Stadt nach dem Sden, fuhr erst eine Zehnpfennigstrecke mit der
Pferdebahn und ging dann den Rest des Weges mit seinen festen
elastischen Schritten die breite Lindenstrae hinunter, an den
glnzenden Lden und den Sttten der Erholung und Freude, wie an
seinem eigenen Klublokal vorber, seiner neuen Arbeit zu--mit dem
Ausdrucke innerer Entschlossenheit in den Zgen, als ginge es schon
zu neuen Siegen.

Mit dem Streben nach seinem neuen Ziel war er wieder ganz zu der
Einfachheit der Gewohnheiten seiner bedrfnislosen Jugend
zurckgekehrt. Nie hatte er seine Tagesarbeit unverdrossener und
stiller getan und nie waren seine Gedanken weniger bei uerlichen
Vergngungen und Zerstreuungen gewesen als jetzt. Wie frher trug er
sein Abendbrot, ein paar belegte Stullen, in der Tasche mit sich und
verzehrte es beim Ankleiden oder auf dem Heimweg aus der Hand. Das
war das einfachste und das billigste und es nahm ihm nichts von
seiner Zeit.--

Obwohl er zu seinen heimlichen bungen kam und ging, ohne sich
umzusehen, machte sich eine Bekanntschaft schon in den ersten Wochen
wie von selbst. Unter den paar abendlichen Stammgsten erschien auch
ziemlich regelmig ein Arzt, Dr. Knig, wie ihn der Bademeister
nannte. Ein guter Schwimmer, nahm er sein Bad der Gesundheit wegen,
lie sich Zeit beim An- und Auskleiden, und nachdem man sich erst
guten Abend gewnscht und der Doktor des fteren stillschweigend den
rtselhaften Sprngen Felders zugesehen hatte, wechselten sich die
ersten Worte ohne viel beiderseitiges Zutun. Dann traf es sich das
eine Mal, da man zusammen hinausging, und ein anderes Mal, da der
Doktor Felder traf, wie er in dem dunklen Torweg des Hauses seine
Stulle aus der Tasche zog und krftig hineinbi. Nach ein paar Tagen
stellte es sich heraus, da der Doktor wute, wer Felder war, da er
die Sportzeitschriften las und ihn nach den Bildern erkannt hatte,
worauf Felder nichts weiter brig blieb, als ihm den Grund seiner
Besuche in diesem entlegenen Bade zu erklren und die Bitte
auszusprechen, sie einstweilen geheimzuhalten.

Gewi htte Felder nach seiner gewohnten, unverndert mitrauischen
und zurckhaltenden Art diese unfreiwillige Bekanntschaft von
vornherein abgeschnitten, wenn ihm die einfache und freundliche Art
des Doktors nicht sympathisch gewesen wre. Dazu kam das groe
Interesse, das dieser an seinem Plane fate. Kurz, nachdem ein Wort
das andere gegeben und zu einer stetigen Unterhaltung geworden war,
war es nur natrlich, da man ein paarmal das Stck des
gemeinschaftlichen Heimweges zusammen ging und gelegentlich noch
irgendwo ein Glas Bier trank. So konnte es auch Felder nicht
abschlagen, als ihn der Doktor in seiner liebenswrdigen Weise eines
Abends bat, sein Abendessen in einem Restaurant zu teilen (von der
Stulle war nie die Rede gewesen), und ebensowenig mehr nein sagen,
als aus dieser Einladung ein nchstes Mal die zu einer Tasse Tee in
des Doktors eigener Wohnung wurde. Diese Einladung wiederholte sich
dann im Laufe des Frhjahres noch einige Male.

Zum ersten Male tat Felder einen Blick in die ihm vllig fremde Welt
einer hheren Lebensfhrung, erfllt von geistigen Interessen und
gelenkt von sicherem Geschmack. Denn der Dr. Knig war ein
weitgereister Mann, ein tchtiger Arzt von Ruf und ein guter
Psychologe, der die freie Zeit seines Lebens auf jede Weise zu einer
Art Kunstwerk zu gestalten bestrebt war.

Er erkannte natrlich bald die ungeheure Einseitigkeit Felders, und
da man mit ihm eigentlich nur ber _eine_ Sache ernstlich reden
konnte. Fr alles andere taub und blind, existierte es einfach nicht
fr ihn, setzte er jeder anderen Unterhaltung das Schweigen absoluter
Interesselosigkeit und eines geradezu krassen Unverstndnisses
entgegen, und war erst wieder zugnglich, wenn die Rede wieder auf
jenes eine zurckkam, oder er selbst sie naiv oder brsk dahin
zurckgezwungen hatte. Das htte den so vielseitigen lteren und
Erfahreneren bald langweilen mssen, sollte man meinen. Aber im
Gegenteil: der Doktor war, wie gesagt, Psychologe, und ihn htte
diese unglaubliche, auf so eisernen Willen gesttzte Beschrnktheit
interessiert, auch wenn sie sich nicht auf dies spezielle Gebiet
erstreckt htte, fr das er selbst eine besondere Vorliebe hegte und
dem er als Arzt eine so groe Bedeutung in der Gesundheitspflege
zuschrieb.

So gab er denn schon nach wenigen Gesprchen jeden Versuch auf, mit
dem "Meisterschwimmer" ber irgend etwas anderes zu sprechen, als was
ihn und seine Kunst betraf, und beschrnkte sich darauf, ihm gutmtig
zuzuhren, wenn er in weitschweifiger Weise von seinen Erfolgen
sprach; oder zu versuchen, den Horizont des jungen Mannes wenigstens
auf seinem eigensten Gebiete zu erweitern, indem er ihm von der
Entwicklung des Badewesens in frheren Epochen erzhlte. ber diese
Zeiten fehlte nun zwar Felder jeder Begriff; aber er hrte doch mit
gesteigertem Interesse zu, wenn der Doktor in seiner ruhigen Weise
und vertieft in die Erinnerung an seine Reisen nach den klassischen
Sttten, erst von dem Leben jener alten Rmer sprach, die den halben
Tag in ihren wunderbaren Bdern verbrachten; wenn er diese in
anschaulicher Schilderung aus ihren braunen Trmmern wiedererstehen
lie: die unerhrte Pracht jener Thermen des Caracalla und des
Diokletian, die in jener Zeit zu ffentlichen Wohnsttten geworden
waren, in denen die Rmer den grten Teil ihres Lebens lebten und
die sie zuletzt nur noch verlieen, um sich zu ihren ppigen
Mahlzeiten und den blutigen Schaustellungen der Arenen und des
Kolosseums zu begeben. Das mute eine Zeit nach Felders Herzen
gewesen sein, und er wnschte, in ihr gelebt zu haben: den ganzen Tag
im Bade und den halben im Wasser--was konnte es Schneres geben!--

Und er hrte dem Erzhler weiter zu, wenn dieser von dem
wasserscheuen Mittelalter mit seiner Verpnung des freien Badens und
den langen Jahrhunderten des Daniederliegens des Schwimmens sprach
und so gemach auf die Wiederbelebung der Schwimmkunst am Anfange des
eigenen Jahrhunderts und hier in Berlin kam, um endlich bei der
Jetztzeit und damit, wie von selbst, bei ihm, Franz Felder,
gewissermaen als der Krone des Ganzen, zu enden...

Wenn es so weit gekommen war, wurde auch der Zuhrer warm, und ein
Gesprch ber alle mglichen die Schwimmkunst betreffenden Fragen
entstand zwischen den beiden, das sich bei einer Tasse Tee oder einem
Glase Bier in dem gemtlichen, warmen, von dem Duft des Karbols
leicht durchzogenen Zimmer des Arztes oft bis zur Zeit von Felders
letzter Pferdebahn nach dem Norden hinzog.

Man war ganz zufrieden miteinander: Felder hatte jemand, der ihm
freundlich zuhrte, und der Doktor machte eine psychologische Studie,
von der der Betroffene allerdings nichts ahnte.


5

Es war die Bekanntschaft mit Dr. Knig, die fr Felder eine zweite
nach sich zog. Eines Abends erschien im Bade ein groer,
starkknochiger Herr in guter, aber schlechtsitzender Kleidung, mit
groen Hnden und scharfem Blick, den der Doktor als seinen Freund
vorstellte. Er badete nicht selbst, sah aber den Sprngen Felders mit
hchstem Interesse zu und lie ihn nicht aus den Augen, so da dieser
schon wieder mitrauisch geworden wre, wenn der Fremde ihm nicht als
Bildhauer vorgestellt worden wre. Man trank noch zu dritt ein Glas
Bier zusammen, plauderte ber allerhand und ging auseinander.

Das nchstemal, als sie wieder allein waren, erfuhr Felder den Zweck
dieses Besuches. Der Fremde war ein alter Bekannter des Doktors und
einer der bedeutendsten, wenn auch nicht berhmtesten Knstler
Deutschlands. Eines Tages war die Rede in seinem Atelier auf seine
neuen Werke und damit auf die Modellnot gekommen.

Der Bildhauer trug sich seit Jahren mit der Idee der Darstellung
eines jugendlichen Lufers, verzweifelte aber immer von neuem an der
Ausfhrung, da es ihm vllig an einem Modell fehlte, das auch nur
einigermaen seinen Ansprchen entsprach. Dr. Knig hatte von seinem
jungen Freunde erzhlt, und der andere war aus reiner Neugier
mitgegangen, um ihn sich einmal anzuschauen.

Er war Feuer und Flamme--ja, das wre ein Modell!--Aber er wisse
wohl, da nichts daraus werden knne. Einmal werde Felder sich wohl
nie zum Modellstehen hergeben, und dann habe er ja auch keine Zeit.--
Nun fragte der Doktor, mitleidig mit der fast komischen Verzweiflung
des Knstlers, behutsam bei Felder an: er erzhlte ihm von der Wrde
und der Gre echter Kunst, von dem unausgesetzten Ringen einer
vornehmen Knstlerseele, ihren Kmpfen und ihren Streben, das nur zu
oft an nichtigen, uerlichen Umstnden vor dem Ziele scheitert, von
der harten und unbelohnten Arbeit seines Freundes, und es gelang ihm,
besser und schneller als er gehofft, in Felder Interesse und
Verstndnis zu erwecken. So deutete er denn einmal an, wie sehr er
selbst zum Gelingen eines solchen Werkes beitragen knne.

Felder war durchaus nicht abgeneigt, doch machte auch er gleich den
Mangel an der ntigen Zeit geltend. Einen Versuch knne man ja an den
freien Sonntagen einmal machen, meinte er naiv... Als dann aber der
Doktor mit seinem letzten Trumpf herausrckte und davon sprach, wie
beim Gelingen des Werkes sein Ruhm sich mit dem des Knstlers
verbinden und beider Name in einer unvergnglichen und vielleicht
unsterblichen Schpfung weiterleben wrde, da war Felder bereits ganz
gewonnen, und nun war er es, der den Vorschlag zur weiteren
Besprechung der Sache machte... Was die Zeit anbelangte--nun, er
hatte ja ausgelernt und war sein eigener Herr, und wenn er seine
Arbeit wieder fr einige Wochen (lnger wrde die Geschichte wohl
nicht dauern) aufgbe, so wre das nicht so schlimm; er fnde danach
schon wieder andere.

Er wrde reichlich entschdigt werden, versicherte Dr. Knig. Da aber
emprte sich der Stolz des Meisterschwimmers. Davon knne keine Rede
sein. So sei es bei ihm nicht, "wie bei armen Leuten". Wenn er
einwillige, so tue er es um der Kunst willen und des Ruhmes wegen.
Der Doktor konnte nichts darauf erwidern, und man traf sich im
Atelier des Knstlers.

Als Schwimmer, der er war, msse er dargestellt werden, meinte
Felder, whrend der Bildhauer nicht von seiner ursprnglichen Idee
des Lufers lassen wollte. Ein Schwimmer?--wie sich Felder denn das
denke?--In welcher Lage denn?--liegend wohl?--Und das Wasser?--aus
blauem Glase, nicht wahr?--Und dabei der Krper aus Marmor?--Felder
nahm das fr Ernst, und es gefiel ihm. Aber der Knstler wurde
wtend.--Dann wiederholte Felder zum zwanzigsten Male: er sei der
Meisterschwimmer von Europa und kein Lufer... Keiner wollte
nachgeben, und die Sache war auf dem besten Wege, an der
Hartnckigkeit der beiden zu scheitern, als der lachende Doktor den
Vorschlag des Springers machte. Er gefiel. So wurde der eine beruhigt
durch die Idee, da die Gestalt des Krpers im Moment des Abspringens
sich nicht zu sehr von der des Lufers im Augenblick des Anlaufs
unterscheide; und der andere, da, wenn er auch noch nicht der
Meisterspringer sei, er es doch unzweifelhaft werden wrde, und da
die Zeit seines ersten Triumphes als solcher, wenn alles gut ging,
mit der der Ausstellung seiner Statue vor den Augen der Welt
zusammenfallen knne...

Die Sitzungen in dem groen Atelier in Wilmersdorf begannen. Obwohl
Felder nicht mehr arbeitete und mehr Ruhe und Schlaf hatte, als
vorher, war er doch schon gegen Abend, wenn er zu seinem Training
ging, von den ausgedehnten Stunden der Sitzungen und von den langen
Fahrten nach dem Vorort mder, als je zuvor.

Er hatte nie gedacht, da er so mde werden knne. Erst hatten ihn
die langwierigen Vorarbeiten interessiert, das neue der Umgebung und
die ganze Art des Knstlers. Dann sah er sich selbst mehr und mehr
aus dem rohen Ton hervortreten, immergleicher und hnlicher werden.
Als dann aber die stundenlangen, mhsamen Ausarbeitungen des
einzelnen begannen, ohne da er mit seinen ungebten Augen
irgendeinen Fortschritt wahrnehmen konnte, da hatte er oft die ganze
Kraft seines Willens ntig, um auszuhalten. Er hatte sich
vorgenommen, so lange zu stehen, bis der andere selbst das Holz aus
der Hand legte; aber wenn der Knstler--nach einer, nach zwei
Stunden--ganz in sein Werk vertieft und vllig entrckt, keine Miene
machte, eine Pause eintreten zulassen, dann war Felder oft einfach so
erschpft, da er pltzlich abbrach. Erstaunt ber die Zeit, die
verflossen war, brummte der Bildhauer etwas, das wie eine
Entschuldigung klang, und beide warfen sich in irgendeinen Sessel,
froh, nicht miteinander sprechen zu brauchen.

Denn zu einer rechten Unterhaltung kam es nie zwischen ihnen. Diese
beiden so verschlossenen, nur mit sich und ihren eigenen Zielen
lebenden Menschen, von denen keiner die Leichtigkeit und
Freundlichkeit des Dr. Knig besa, hatten sich nichts zu sagen. Wohl
entstand ab und zu ein Gesprch, da man, um keine Zeit zu verlieren,
jetzt des fteren auch drauen in einem migen Restaurant zusammen
a. Aber wenn der eine oder der andere nach so viel Stunden
schweigenden Beisammenseins in dem natrlichen Bedrfnis, sich zu
uern, dieser von seinem Werk und seinen Hoffnungen, und jener
ebenfalls von seinen Plnen und seinen Hoffnungen anfing, dann
konnten sie beide sicher sein, da sie aneinander vorbeisprachen und
keiner dem andern auch nur zuhrte... Denn was wuten, was verstanden
sie voneinander?--beide so einseitig, beide so verloren in ihre
Ziele: ungleich in ihrer Weite und Gre, gleich nur in ihrer
Auergewhnlichkeit und der Energie, mit der sie verfolgt wurden. In
einem aber verstanden sie sich ganz, und dieses eine hielt sie diese
lange Zeit--weit lnger, als vorausgedacht--zusammen.

Felder bewunderte den rastlosen Eifer, die unwillige und doch so
gnzliche Hingabe des Knstlers an sein Werk; er verstand insgeheim
dies schmerzliche, heie Ringen um ein Letztes, nie sich Erfllendes,
und die Art, in der es sich uerte: in fieberhafter Arbeit, ewigem
Gemurr und wilden Flchen... Und dieser, der Knstler, war sich
vllig darber klar, da er nie ein Modell wie dieses je gefunden
hatte und wiederfinden wrde, das so mit ihm bis zur beiderseitigen
Ermattung ging und instinktiv mit ihm arbeitete... Er htte es nie
gesagt, vielleicht nicht einmal zugegeben, aber in seiner Art und
Weise sprach sich deutlich seine Dankbarkeit aus: ob er Felder eine
Zigarette drehte oder ihm von den Tiefen seiner Knstlersehnsucht
sprach, die er vor jedem anderen scheu verschlo. Gegen Ende der
Sitzungen ging ihm sogar eine Ahnung davon auf, an was dieser junge
Mensch _sein_ Leben gesetzt hatte und was die nchste Zeit fr ihn
bedeutete. Durch Abgrnde in ihren Zielen voneinander getrennt,
verstanden sie sich in dem, worin sie gleich waren: in dem ungestmen
Drang, diese Ziele zu erreichen.

Zwei Flammen schlugen ineinander, und so entstand ein wundervolles
Werk, an das sie beide ihre Krfte gaben. Es kam zu Ende. Es
gelang.--

Auch Felder kam seinem Ziel nher und nher. Seine Sprnge wurden
sicherer und sicherer.

In seinem Klub sprach er weder von dem einen, noch von dem anderen.
Ein Erzhlen des einen wre ein Preisgeben des anderen gewesen.

Er schwieg, verschlossener und unzugnglicher, als je zuvor.


6

Eines Tages hielt er seine Stunde fr gekommen.

Er erschien--seit langer Zeit zum ersten Male wieder--auf dem
bungsabend des Klubs. Die enorme Halle der Wasserfreunde war noch
hell erleuchtet, aber auer den Mitgliedern des S.-C. B. 1879 waren
fast keine fremden Gste mehr anwesend. Die letzten kleideten sich
eben an; die Kasse war bereits geschlossen und niemand wurde mehr
zugelassen.

berall sah man die weiblauen Farben. Das Bassin gehrte fr den
Rest des Abends ausschlielich dem Klub, der es zweimal wchentlich
fr seine Mitglieder mietete.

Felder zog sich aus und trat an das eine der kleinen Bretter, wo
Grafenberger, der Meisterspringer Deutschlands, eben bte.

Eine Weile sah er ihm stillschweigend zu. Grafenberger machte einen
Salto rckwrts mit halber Drehung.

--Das kann ich auch, sagte Felder.

Der andere lachte:

--So leichte nu nich!--

Aber Felder lie langsam das Tuch von seinen Schultern gleiten und
trat an die uerste Kante des Brettes. Er stand mit dem Rcken dem
Wasser zu. Leicht hob sich sein Krper auf den Zehen in die Hhe,
fest legten sich die Arme an die Schenkel, und sich tief
hintenberneigend, tat er den Sprung.

Als er aus dem Wasser stieg, sah er in lauter erstaunte und
verblffte Gesichter. Am erstauntesten war Grafenberger selbst.

Und nun ging dieser eine Reihe mehr oder minder schwieriger Sprnge
durch, und jedesmal, wenn er aus dem Wasser stieg, stand Felder
bereits auf dem Brett und machte den Sprung nach, einen nach dem
andern. Das Erstaunen wurde immer grer und die meisten wollten gar
nicht glauben, was sie sahen.

Von dem kleinen Sprungbrett ging man zu dem groen ber, und alle
stiegen die Treppe zu der Galerie empor. Dort stand bald der ganze
Klub bis auf den letzten Mann um seine berhmten Mitglieder herum und
verfolgte in atemloser Spannung Sprung auf Sprung. Und es gab nicht
einen unter allen, den der Schwimmer dem Springer nicht nachgemacht
htte. Freilich dachte in dieser Stunde keiner an die Wertung der
Leistungen, und nur wenige machten sich klar, wie sich die uerlich
gleichenden Sprnge der beiden doch in Sicherheit und Exaktheit
himmelweit voneinander unterschieden. Man wollte jetzt nur sehen, ob
Felder berhaupt imstande war, die Sprnge auszufhren, und man
geriet bei jedem neuen in immer grere Aufregung, die sich bald in
Lachen, Zurufen und lauten, wie leisen Bemerkungen jeder Art Luft zu
machen suchte.

Felder geno das Vorgefhl kommender Triumphe und setzte allen Fragen
sein geheimnisvolles Schweigen entgegen. Aber als der Springer
meinte:

--Na, dann kann ich ja nchstens an zu schwimmen fangen!--lchelte er
bedeutsam. Nur Nagel uerte wieder kein Wort. Als jedoch Felder an
ihm vorbeiging und vor ihm stehen blieb, sagte er kurz:

--Du kannst sie alle. Wo du sie gelernt hast, wei ich nicht, und es
geht mich ja auch nichts an. Aber glaube nur nicht, da du auch nur
einen ordentlich kannst, wie er sein soll...--worauf Felder bla
wurde und weiterging.

Er vermochte nur noch zu erwidern:

--Das werden wir sehen!--

Seine Freude war dahin fr diesen Abend und er begann seinen alten
Freund und Lehrer zu hassen. Schon auf der nchsten Sitzung trat er
mit seiner Forderung hervor, bei der nchsten Gelegenheit im Springen
um eine bedeutende Meisterschaft gemeldet zu werden. Man hielt sie
erst fr Scherz; dann erhoben sich von allen Seiten Proteste. So viel
hatte man schon gesehen, um zu wissen, da ein solches Vorhaben ganz
aussichtslos war. War es auch erstaunlich, was er bei seinem geheimen
Training--man wute jetzt ganz genau, wo und wie er dazu gekommen
war--in so kurzer Zeit zustande gebracht hatte, so reichte das alles
doch noch lange nicht aus, um mit ersten Meistern in Konkurrenz zu
treten. Dazu gehrte vor allem eine jahrelange, stetige, sorgsame
Ausbildung unter den Augen von Kennern--das sollte er, der
Sportsmann, doch wohl am besten wissen... Von allen Seiten redete man
auf ihn ein, suchte ihn zu berzeugen, aber es war alles vergebens.
Man sprach zu Ohren, die berhaupt nicht mehr zuhrten.

Felder bestand hartnckig auf seiner Forderung. Wenn er gefragt
wurde, zu welcher Schwimmnummer er gemeldet werden wollte, antwortete
er: zum Springen um die Meisterschaft... und je dringender die Frage
wurde, um so mehr klang diese Antwort als Drohung: entweder--oder...

Man lachte nicht mehr. Dazu war die Sache zu ernst. Zuviel stand in
diesem Sommer im Schwimmen auf dem Spiel: die Meisterschaft
Deutschlands sollte behauptet, die grte ber Europa zum zweiten
Male gewonnen werden; der groe Staatspreis Sachsens und der
Stadtpreis Breslaus, zum dritten Male durch Felder erobert, in den
endgltigen Besitz des Klubs bergehen; unzhlige Anforderungen von
allen Seiten nach des jungen Meisters Teilnahme an den diesjhrigen
Schwimmkmpfen muten beantwortet werden--und dieser Mensch, was tat
er?--

Statt in diesem Sommer seine glorreichen Siege zu erneuern, mhelos
und ehrenvoll, verbohrte er sich in eine Idee, auf die noch kein
anderer vor ihm gekommen war und auf die auch nur er verfallen
konnte. Je mehr man auf ihn eindrang, von seinem aussichtslosen
Vorhaben abzustehen, desto erbitterter wurde er. Da er die Grnde
gegen seine Meldung nicht verstand, da er sie nicht begreifen wollte,
sah er in ihnen nur den Ausflu einer feindseligen Stimmung gegen
sich und ganz allmhlich in den guten, alten Kameraden und treuen
Freunden seines Klubs Gegner seiner Person und damit der Sache.

Denn da _er_ der Sache mit seinem Vorhaben schaden knne, daran
dachte er nicht einmal. Er--und der Sache schaden!--

Man begriff, da nicht mit ihm zu reden war, als er an einem anderen
Abend nach langer, vergeblicher Debatte einfach das Zimmer verlie.

Dann sprach Nagel, und was er sagte, wurde als das richtige
empfunden. Er schlo seine Ausfhrungen, in denen er ein kurzes und
klares Bild von Felders Entwickelung gab, mit den Worten: "Tun wir
ihm seinen Willen; denn was er ntig hat, um ihn zur Besinnung zu
bringen, sind nicht neue Siege, sondern es ist eine grndliche
Niederlage."--

So wurde der Meisterschwimmer von Europa von seinem Klub auf dem
ersten diesjhrigen Erffnungsschwimmen der vereinigten Berliner
Klubs nicht nur zu seiner alten Meisterschaft Berlins ber die kurze
Strecke, sondern auch zu dem Haupt-Mehrkampf im Schwimmen, Springen
und Tauchen, sowie zum Hauptspringen gemeldet, und diese Meldungen
wurden mit grenzenlosem Erstaunen, aber unbeanstandet angenommen.


7

Eine grndliche Niederlage!

Und die erlebte er.--

Das erste groe Schwimmfest Berlins in diesem Sommer--veranstaltet
von dem Bund der Berliner Vereine--fiel zusammen mit der feierlichen
Erffnung der diesjhrigen Kunstausstellung im groen Glaspalast,
beides auf einen Sonntag, einen klaren, aber noch frischen
Frhlingstag.--

Es sollte der Tag hchsten und beispiellosen Triumphes fr ihn
werden, so dachte Felder, der Tag, der allen anderen der letzten
Jahre die Krone aufsetzen, seinen Ruhm vor den Augen einer Welt
verknden sollte, wie keiner vor ihm: hier in einem unvergleichlichen
Siege, dort dieser Sieg bereits verkrpert in einem hohen Werke, das
seinen Namen trug; der Tag, um den er gekmpft hatte, wie um keinen
anderen, monatelang, mit zher Ausdauer--nicht nur in der eisernen
Arbeit eigener bung, sondern fast noch mehr in der mhsamen und
aufreibenden Hilfe beim Gelingen einer fremden.

Es kam alles anders, wie er es sich dachte.--

Der Morgen brachte die erste Enttuschung.

Sie waren hinausgefahren nach dem Glashaus am Lehrter Bahnhof, er und
zwei seiner Sportsfreunde, hatten mit der Karte des Bildhauers
unbeanstandet Eintritt erhalten und drngten mit der festlich
gekleideten Menge--allem, was Berlin an geistigem Leben besa--der
groen Eingangshalle zu. Sie fanden dort leicht, was sie suchten.
Denn um den "Springer" herum stand bereits ein dichter Haufen von
Menschen, alle ergriffen von der Schnheit und Kraft des Werkes, und
in der ersten Stunde bereits seinen Ruhm mit ihrer einstimmigen
Bewunderung besiegelnd.

Und es war ein herrliches Werk, das hier, fast in der Mitte der
groen Halle, in dem leuchtenden Wei seines Marmors vor dem
sattgrnen Hintergrunde hoher Blattpflanzen stand:

Erst zum Sprunge sich anschickend, noch nicht ganz zu ihm bereit,
erhob sich die jugendliche Gestalt des "Springers" in vollendet
ebenmiger Schnheit leicht auf den Zehen empor, streckte wie
flehend die schlanken Arme in die Hhe, um dem Krper Schwung zu
verleihen, und hielt die Augen fest und entschlossen in die Ferne
gerichtet--gewi des Gelingens, sicher des nahen Sieges... ber der
ganzen Gestalt aber lag zugleich bei aller Kraft eine solche Anmut,
eine solche Frische, da man den khlen Duft dieses vielleicht eben
erst dem Wasser entstiegenen Krpers zu spren glaubte, der sich nun
zu neuem und schwierigerem Sprunge anschickte, und den das Trikot nur
wie ein dnner Schleier umschlo, hinter dessen zartem Gewebe jeder
Muskel, ja die Adern erkennbar hervorzutreten schienen; und obwohl
zum Teil mit diesem Schleier bekleidet, erschien auf den ersten Blick
der ganze Krper wie nackt, bis man die unsglich feine Arbeit des
Meisters gewhrte, fr den die leichte Hlle kein Hindernis gewesen
war, das nackte Leben in seiner Wrme zu bilden.

--"Klassisch schn und doch von modernem Geiste beseelt"--"raffiniert
schlicht"--"einfach antik"--"wo kann er das Modell herhaben?"--"ein
Meisterwerk, ganz ohne Zweifel"--das waren die Ausdrcke, die mit
vielen anderen Namen und Vergleichen, von denen er nichts verstand,
Felders Ohren umschwirrten, als er sich mit seinen Begleitern nher
herangedrngt und nun fast vor der Statue stand. Er fhlte sich sehr
unbehaglich. Alles war ihm hier fremd. Selbst dieses Werk, sein
anderes Ich, das er doch so genau kannte, erschien ihm nicht mehr
dasselbe. War er das?--So trat er doch nicht auf das Brett, wenn er
sprang?

Er allein unter all den Anwesenden vielleicht stand der Schnheit des
eigenen Krpers verstndnislos gegenber, er und seine Freunde. Sie,
so sehr an den tglichen Anblick nackter Gestalten gewhnt, hatten
nie ber deren Schnheit und Hlichkeit nachgedacht, und von der
Kunst, die hier zu ihnen redete, verstanden sie nichts. Felder selbst
war zum ersten Male in einer Kunstausstellung, und der Blick auf die
vielen anderen Marmorwerke in dieser hohen Halle, in die lange Flucht
der Sle, von deren Wnden herab die Farben unzhliger Gemlde
leuchteten, machte ihn wirr und beraubte ihn.

Zudem rgerte er sich zu sehr, als da er sich ruhig irgendeiner
Betrachtung htte hingeben knnen. Er hatte sich diesen Morgen ganz
anders gedacht. Wie, das wute er wohl selbst nicht, aber etwa so:
da er mit dem Knstler vor der Statue stehen wrde, aller Augen auf
sich gerichtet, als auf das Modell usw.... So aber geschah nichts
dergleichen. Kein Mensch kmmerte sich um ihn, man drckte und stie
ihn von allen Seiten, und wenn ihn zufllig jemand ansah, so hatte er
das Bewutsein, mit diesem Blicke gefragt zu werden: Was wollen Sie
denn hier?

Wie htte aber auch irgend jemand in dem modisch gekleideten jungen
Mann mit dem hohen Hemdkragen und dem steifen Hut, der aussah wie ein
Kommis von Hertzog oder Wertheim, das Urbild dieses Hellenenjnglings
erkennen sollen, dessen Schnheit die Gedanken der Beschauer weit
zurckfhrte in die seligen Zeiten gttergleicher Menschen?

Unmutig forderte Felder seine Freunde zum Weitergehen auf; er wollte
versuchen, den Bildhauer und Dr. Knig zu finden. Die beiden anderen
waren gern bereit: der eine hatte Durst nach einem Frhschoppen, und
der andere fand auch, da er eine solche Stellung bei einem Springer
noch nie gesehen habe.

Da--whrend sie sich hinausstieen--fhlte Felder pltzlich, wie er
angesehen wurde. Der starke Duft eines seltsamen Parfms, den er
irgendwo und irgendwann schon einmal gesprt hatte, umwehte ihn, und
aufschauend, erblickte er dicht vor sich jene Dame aus dem Caf, die
ihn den ganzen Abend so auffallend angesehen hatte und nun ihren
Blick mit demselben festen Ausdruck forschenden Interesses auf seinem
Gesicht ruhen lie; wie an jenem Abend. Wieder war der alte Herr mit
ihr, und wieder trug sie ein Kleid von heller Seide und einen
auffallend groen Rembrandthut mit schwarzer Feder. Felder hatte kaum
Zeit, sich nach ihr umzusehen; im nchsten Augenblick schon war sie
weiter gegangen, und viele Menschen hatten sich zwischen sie und ihn
geschoben. Er htte zurckkehren mssen, um sie wiederzufinden.

Er dachte noch an sie im Weitergehen, als er am Ausgang auf den
Bildhauer traf, der ebenfalls in einer dichten Menschenmenge stand.
Er machte sich sofort los und kam auf Felder zu, als er ihn sah, und
man ging durch den Garten in langem Zuge nach der Osteria. Dort wurde
nun Felder genug und von allen Seiten angesehen, als die Knstler
erfuhren, wer er war, aber er wurde nie das Gefhl los, da alle
diese fremden Menschen in ihm nur das Modell sahen, und keine Ahnung
davon hatten, wer er eigentlich war... Nach Dr. Knig sah er sich
vergebens um; er war wohl noch in den Slen oder berhaupt noch nicht
gekommen. Der Bildhauer, uerlich borstig und wortkarg wie immer,
war doch durch seinen groen Erfolg erregt und mute sich immer von
neuem frei machen, um ein paar Worte mit Felder zu sprechen. Dieser
wollte gerne wissen, ob sein Name auch im Katalog stnde. Nein, dort
stand nur "der Springer", meinte der Knstler lchelnd, anders ginge
es nicht, aber er wolle schon dafr sorgen, da es in mglichst
vielen Zeitungen zu lesen sei, wer ihm Modell gestanden--darauf knne
sich Felder verlassen... "Und am Nachmittage komme ich zu _Ihrem_
Siege!"--sagte er noch, als Felder sich mit seinem Freunde
verabschiedete und, innerlich recht mimutig, ging.--Dieser
Nachmittag!

Wieder einmal erglnzte die weite Halle der Wasserfreunde in dem
festlichen Schmuck der Fahnen und Fhnchen; wieder fllten ihre
Galerien bis auf den letzten Platz die dichten Reihen einer bunten
Zuschauermenge; wieder bot sie das bis in die Einzelheiten immer sich
gleichende, unvernderte Bild eines "Schwimmfestes"...

Und in eintniger Gleichfrmigkeit verlief Nummer um Nummer des
wiederum viel zu lang ausgesponnenen Programms. Das ganze Interesse
der engeren Kreise konzentrierte sich heute nicht auf die
Schwimmkonkurrenz--Felders Sieg war ganz sicher--sondern auf dessen
Beteiligung am Springen. Lngst hatte sich ber die Grenzen des S.-C.
B. 1879 hinaus herumgesprochen, wie gnzlich aussichtslos und
vermessen sie war, und berall, in allen Ecken, lauerte das seste
und reinste der menschlichen Gefhle, die Schadenfreude, auf seine
Gelegenheit.

Nur Felder sah und hrte nichts von allem. Still und ernst wie immer
stand er unter seinen Leuten, und seine Augen blickten so ruhig und
siegesgewi wie immer.

Heute, heute war sein groer Tag, und kein Zweifel durfte in ihm
aufkommen; kein Zweifel der anderen das eigene, felsenfeste Vertrauen
stren. Er fhlte nur instinktiv die Feindseligkeit um sich herum an
der Art, wie man ihn allein lie oder ihn dies oder jenes fragte. Was
kmmerten sie ihn?--Nach einer Stunde wrde er sie besiegt haben, und
selbst die Widerstrebendsten lagen bezwungen zu seinen Fen!...

Als er daher seinen Namen hrte und auf das Sprungbrett trat, um den
ersten der fr den Mehrmeisterkampf vorgeschriebenen Sprnge zu tun,
hob er seinen Kopfhher als je, sah zu der hohen Wlbung der schnen
Halle empor, und in seinen Augen lag (fr niemand erkennbar) das alte
Leuchten, tiefer und siegesgewisser, als je zuvor.

Dann sprang er, und er sprang nicht schlecht. Ein Murmeln nur
begleitete sein Aussteigen aus dem Wasser--Erstaunen bei jenen unter
den Sportsgenossen, die ihn zum ersten Male springen sahen, halber
Beifall bei denen, die den Sprung an seinen eigenen Leistungen, die
sie seit einigen Wochen kannten, verglichen. Noch hatte die
Schadenfreude keinen Grund, sich zu uern und wagte sich noch nicht
hervor. Weder besonders gut, aber ebenfalls nicht schlecht waren auch
die nchsten Sprnge. Jeder Kenner sah indessen, da sie einfach nur
besser aussahen, als sie in Wirklichkeit waren, und da Felder jede
Hoffnung auf einen Sieg htte begraben mssen, wre es auf dieses
Springen angekommen. So aber erledigte er nicht nur den zweiten Teil
des Mehrkampfs, das Schwimmen mit einer Bahnlnge von 150 Metern, in
seiner alten glnzenden Weise, so da er hier die Hchstzahl der
berhaupt erreichbaren Punkte erlangte, sondern er stellte sich auch
im dritten Teile, dem Tauchen, ebenbrtig an die Seite seiner drei
Gegner, indem er, wie sie, alle zwanzig Teller hervorholte, und zwar
in einer Zeit, die sich nur unwesentlich von der ihren unterschied.

Keiner der Konkurrenten war vor Ablauf von 32 Sekunden aus dem Wasser
gestiegen, Felder 45 unter ihm geblieben. Die Teller hatten bei ihm
weit auseinander gelegen.

Der Mehrkampfpreis wurde daher trotz der im Springen erreichten
geringen Punktzahl--nicht vergleichbar mit der der anderen--von ihm
gewonnen. Seinem Verein fiel ein Ehrenpreis zu, ihm selbst ein
Andenken, und das eine der gesetzten Ziele war somit von ihm
erreicht: in seinen Lorbeerkranz ein neues Blatt geflochten. Der
Meister im Schwimmen nannte die erste Mehrkampfmeisterschaft sein!--

Aber das stille und erwartungsvolle Lcheln, das von den Gesichtern
so manches Kenners unter den Anwesenden nicht wich, zeigte, da es
noch nicht aller Tage Abend war. Vor allem das Lcheln Grafenbergers.

Denn das Ereignis des Tages, das Hauptspringen, sollte erst noch
kommen. Und wenn Grafenberger so lchelte, dann hatte er seinen Grund
dazu.

Heute mehr als je. Denn dieses Hauptspringen, das als dritte
Konkurrenz nach der eben beendeten folgen sollte, hatte eine ganze,
vielbesprochene Geschichte in den letzten Wochen gezeitigt. Als
Felder brsk und ungestm seine pltzliche Meldung zu diesem
Hauptspringen im Klub uerte, und als nach endlosen privaten und
internen Debatten die Furcht vor seiner Drohung die Schale zu seinen
Gunsten neigen lie, da erklrte Grafenberger ebenso brsk und mit
weit grerer Berechtigung natrlich: wenn sein Klub denn so
unverhofft einen so groen Springer in seinem bisherigen
Meisterschwimmer "entdeckt" habe und ihm denselben vorziehen wollte,
so mge er das doch tun, und da selbstverstndlich jeder Klub nur
einen Konkurrenten zu den Kmpfen entsenden knne, so sei es doch das
beste und einfachste, wenn er, Grafenberger, aus- und in einen
anderen Verein eintrete. Dann knne er ja mit Leichtigkeit beweisen,
wie lcherlich eine solche Bevorzugung sei. So sehr traf jedes seiner
Worte den Nagel auf den Kopf, da nur brig blieb, dem Emprten
klarzumachen, wie es sich ja nur darum handele, Felder ad absurdum zu
fhren, wie er, dem an dieser Beteiligung gar nichts gelegen sein
knne, ja gerade durch Felders unvermeidliche Niederlage nur seinen,
Grafenbergers, Ruhm als den des ersten Springers im S.-C. B. 1879
befestigen wrde; und so sehr sah dieser selbst auch den Grund aller
Einwendungen ein, da die Sache in aller Ruhe verlaufen wre, wenn
nicht--wie immer bei solchen Gelegenheiten--so viel bisher
Unausgesprochenes zutage getreten wre, was dann endlich doch
Grafenbergers Austritt zur unvermeidlichen Folge hatte. Er, eine weit
weniger ernste und vornehme Natur als Felder, hatte einen Ton
angeschlagen, den der Klub unter keinen Umstnden dulden durfte, und
so war er gegangen von dort, wo niemand gegen seinen Willen gehalten
wurde.

Mit Jubel sofort in einen anderen, ebenfalls altangesehenen Verein,
in die "Privat-Schwimmgesellschaft von 1885", aufgenommen, noch in
letzter Stunde von ihm zu heute gemeldet, erwartete der berhmte
Springer nun im Kreise seiner neuen Klubgenossen das Hauptspringen
mit innerlichster Freude; und schrfer und klarer als er hatte keiner
Felders kmmerliche Sprnge beim Mehrkampf betrachtet und gewertet.

Vergebens suchte er dem Blick seines frheren Genossen zu begegnen,
mit dem er so manche Jahre Schulter an Schulter um die Ehre des Klubs
gekmpft, und dem er--wie oft nicht in denselben Stunden desselben
Tages--gemeinsam mit ihm zu den hchsten verholfen.

Felder sah ihn nicht. Nicht sein Lcheln; nicht die boshafte
Erwartung um sich her; nicht die ngstliche Sorge seiner wahren
Freunde, Nagels und anderer. Er sah berhaupt nichts mehr von allem,
was um ihn hervorging. Er fhlte nur die groe Erwartung um sich
herum, und als Koepke, der uerlich Aufgeregteste wieder unter
allen, ihm mit irgendeiner unntzen Frage zu nahe kam, wies er ihn
mit einem barschen Wort zur Ruhe.

Als das Hauptspringen endlich begann, trat die atemlose Spannung der
Stille ein, die allen Entscheidungen von Bedeutung vorausgeht, und
teilte sich unwillkrlich auch dem Gleichgltigen unter den
Zuschauern mit. Fnf Springer aus den ersten Berliner Klubs, unter
ihnen drei mit bekannten Namen, waren gemeldet. Wie sie ausgelost
waren, kamen sie an die Reihe. Felder hatte die vierte Nummer und die
weie Kappe erhalten.

Er sah seine Vorgnger auf das Brett treten, er hrte die Stimme des
Starters, der Namen und Art des Sprunges verkndete, er sah die
Sprnge, er hrte das Wasser klatschen und rauschen, das Murmeln und
den Beifall der Zuschauer; er trat selbst hinter das Brett, sah vor
sich hin, vernahm die gleichmige ruhige und klare Stimme des
Starters neben sich, die rief: "Hechtsprung mit Anlegen der Arme und
Anlauf, ein Meter. Herr Franz Felder...", lief, sprang, tauchte unter
und wieder auf, ging hinaus und hinauf zu dem hohen Brett, stellte
sich auf seine uerste Kante, hob den ganzen Krper auf den
Fuspitzen in die Hhe, sah gradeaus, hrte wieder die Stimme,
diesmal unter sich: "Doppelsalto, rcklings, sechs Meter,
derselbe...", sprang ab, drehte sich in der Luft um sich selbst,
fhlte den Anprall des Wassers wie glhendes Feuer, kam in die Hohe
und stieg hinaus--aber worauf er lauschte, die alten, ihm so
vertrauten Laute des Beifalls vernahm er nicht.

Stumm und ohne zu wissen, wie er gesprungen, mischte er sich unter
seine Freunde.

Nach den zwei vorgeschriebenen Pflichtsprngen kamen die zwei
Pfostensprnge an die Reihe, die, an demselben Tage aus den
Schwierigkeitsgraden fnf und sechs ausgelost und jedem Bewerber vor
einer Stunde mitgeteilt worden waren.

Auf Felder waren gefallen:

Als erster ein Seitlingssprung mit 1/4-Drehung um die Lngsachse
vorwrts, mit Hochheben beider Arme, bei einer Bretthhe von drei
Metern: nicht allzuschwer gut auszufhren, und als zweiter ein
Schlusprung mit ganzer Drehung um die Breitenachse, schwierig bei
genauer Durchfhrung und der Sechsmeter-Hhe des Brettes. Den ersten
machte er gut; da ihm der zweite nicht so gelingen wrde, wie er
mute, war ihm seit einer Stunde bereits ganz klar, und er sprang ihn
infolgedessen vllig schlecht, so da das Publikum zu lachen begann,
whrend es dieselben beiden Sprnge der anderen des fteren mit
Beifall begleitete.

Felder sah und hrte noch immer nichts um sich her. Auch dieses
Lachen nicht. Nur ein Zwischenfall erregte die allgemeine und damit
auch seine Aufmerksamkeit. Als der Nachspringer Felders seine Sprnge
ausfhrte, erscholl von allen Seiten her, wahrscheinlich mit infolge
des vorhergegangenen, so augenscheinlich verunglckten Sprunges,
lauter Beifall. Die Pause zwischen den Sprngen dauerte etwas lnger
als sonst, und bevor der nchste, letzte Springer an die Reihe kam,
trat der Starter vorn auf das Sprungbrett und sprach mit erhobener
Stimme zu den Zuschauern gewendet: "Die Herren Schiedsrichter lassen
die verehrlichen Anwesenden, Damen und Herren, bitten, bei den
Sprngen jedes Zeichen des Beifalls und des Mifallens im Interesse
der Springer selbst zu unterlassen, und den Herren Richtern in keiner
Weise in ihrem Urteil vorzugreifen..."

Ein Zwischenfall solcher Art war eine Seltenheit und wurde daher
gebhrend bemerkt. Einstweilen aber schwieg der ganze Raum, und der
dritte Teil des Hauptspringens, die beiden Krspringe, begannen unter
allgemeiner Stille. Die "Krspringe", vom Springer nach freier Wahl
"gekrt", bei denen er an keine Schwierigkeitsgrade und keine Art der
Ausfhrung gebunden ist, und somit nur die Kraft und Fhigkeit, die
er sich selbst zutraut, entscheidet, sind gewhnlich lange vorher
eingebte und in vollendeter Sicherheit ausgefhrte Sprnge, die das
Knnen des Springers in hellstem Lichte zeigen. Da die Zuschauer
ihrem Beifall keinen Ausdruck mehr geben konnten, verliefen die
Sprnge der drei ersten Springer unter dem achtungsvollen Schweigen
des Publikums, bis Felder an die Reihe kam. Statt da dieser--wie es
nach der ganzen Art und der Krze der Zeit seines Trainings
eigentlich selbstverstndlich gewesen wre--sich zwei der weniger
komplizierten Sprnge ausgesucht, sie in guter Ausfhrung gezeigt und
damit wenigstens in ihnen die hchste Wertungszahl erreicht htte,
erlaubte es ihm sein Ehrgeiz nicht, sein neuerworbenes, noch so
unsicheres Knnen anders, als in Sprngen ersten Ranges zu zeigen,
und unter dem Kopfschtteln seiner Freunde, die indessen auf jede
Einmischung verzichteten, hatte er zwei Sprnge gewhlt, die ihm hier
und da--wenigstens zur Zufriedenheit Koepkes--gelungen waren und die
er in seiner grenzenlosen Verblendung auch heute vor den Augen aller
ausfhren zu drfen glaubte. Kein anderer Klub htte einem Mitgliede
jemals etwas hnliches erlaubt. Aber der seine war eben
bereingekommen, ihn gewhren zu lassen, und so kam, was
unausbleiblich kommen mute, und wozu es keines Propheten bedurfte,
es vorherzusagen.

Gereizt, erregt und wie im Fieber verlor Felder bei diesen letzten
Sprngen jede Ruhe und jede Besinnung. Er sprang, wie er geschwommen
hatte in den Augenblicken hchster Anstrengung, und verga
vollkommen, da, was dort noch zum Siege fhren kann, hier, wo es
einzig im gegebenen Moment auf Selbstbeherrschung und Ruhe ankommt,
unrettbar zur Niederlage werden mu.

Er sprang, wie er schwamm: wie er zweimal, dreimal--es war schon
lange her--geschwommen hatte, um den enteilenden Sieg noch zu
ergreifen--: mit dem Mut der Verzweiflung. Aber was er bot, das waren
schon keine regelrechten Sprnge mehr, das hatte berhaupt keine
hnlichkeit mehr mit den Aufgaben, die er selbst gewhlt und sich
vorgeschrieben, das waren krampfhafte Verzerrungen des Krpers, ein
unschnes Sich-berschlagen in der Luft ohne jede Haltung der Arme
mehr, die um sich griffen, wie um sich zu halten, und endlich ein
wstes Aufklatschen auf die Oberflche des Wassers...

Und whrend die Richter auf jede Wertung mit dem Niederlegen ihrer
Bleistifte berhaupt verzichteten, whrend sich auf den Gesichtern
der Umstehenden erst starres Erstaunen ob solcher, nie gesehener
Leistungen malte, das allmhlich in offene Frhlichkeit berging,
whrend Felders Freunde berlegten, ob sie ihn nicht lieber an dem
letzten der Sprnge hindern und der Blamage ein Ende machen sollten,
begann das Publikum, gereizt durch das Verbot des Beifalls, zu
lachen. Es lachte erst leise, dann ganz laut beim zweiten Sprunge,
und als Felder aus dem Wasser kam, da lachten selbst die Sportsleute
um ihn her, ja die eigenen Genossen, so komisch war der Kontrast
zwischen seiner siegesbewuten Miene und seinen klglichen Leistungen
gewesen...

Felder hrte das Lachen, jetzt hrte und sah er es, und er wurde
totenbla. Einen Augenblick schien es, als wolle er sich auf den
ersten besten der Nchststehenden strzen, dann berzog eine dunkle
Rte sein Gesicht, und wortlos verlie er die Reihen, die sich noch
nicht beruhigen wollten, bis das nchste Rennen die Aufmerksamkeit
von dem beendeten abzog.

Eine furchtbare Wut kochte in Felder, als er allein in einer Ecke des
kleineren Damenschwimmbades, das heute als Auskleideraum fr die
Beteiligten galt, sa. Man hatte es gewagt und ihn ausgelacht--ihn,
Franz Felder, den Meister Europas, ihn, ihn!--

Er ging auf und ab, auf und ab, aber er wurde nicht ruhiger. Er wurde
das Lachen aus seinen Ohren nicht los. Er wrde es nie vergessen
knnen, das wute er. Kein Beifall wrde es jemals mehr ganz
bertnen knnen.

Alles, was er tun konnte, war, die erlittene Wunde so unter neuen
Lorbeeren zu verbergen, da niemand sie mehr gewahren konnte.

Das aber wenigstens wollte er, und als er--nach einer halben Stunde--
geholt wurde und er zum letzten Male an diesem Tage an den Start
ging, nicht zum Springen mehr, sondern zum Hauptschwimmen ber die
250 Meter, da waren die Nebel von seinen Augen gefallen, und mit
seinem alten, klaren Blick sah er alles um sich her, die Freunde und
die Feinde, und jetzt war er es, der lchelte.

Jetzt durfte er es allein, und wer es etwa noch wagen sollte auer
ihm, dem wrde er das Lachen von den Lippen vertreiben!

Nicht wie sonst, ruhig, stet und berlegen seine Bahn
durchschneidend, nichts als das Ziel im Auge, nicht fair und vornehm,
wie man es an ihm gewhnt war selbst in den schwierigsten Kmpfen,
sondern auf seine Gegner achtend, sie herankommen und voraufgehen
lassend, sie durch die eigene Ungleichmigkeit strend, um sie dann
zuletzt rcksichtslos, fast brutal zu schlagen, so schwamm er dieses
Rennen, und als er den Jubel ber seine Waghalsigkeit und
berlegenheit in seinen Ohren erklingen hrte, war er wieder ganz er
selbst. Nie vorher hatte er so geschwommen, und erwute es. Er wute
auch, da er mit diesem Siege keinen Beifall unter seinen Freunden
finden wrde. Aber das war es gerade, was er wollte. Sie hatten ihn
ausgelacht, das verzieh er ihnen nicht. Jetzt war ihm auch an ihrem
Beifall nichts mehr gelegen.

Wie er zum letztenmal fr heute sich so die Leiter emporschwang, bis
zu der sich die erste Reihe der Zuschauer hinzog, da, wo die besten
Pltze nahe dem Start waren, die man durch Auflegen von Leinentchern
gegen das Aufspritzen des Wassers zu schtzen versucht hatte, war es
ihm wieder, als stiege der Duft eines seltsamen Parfms, den er schon
einmal gesprt, zu ihm auf, und als er sich zur Seite wandte, sah er,
da der erste dieser Pltze, die er beim Hinaussteigen fast streifte,
von der Dame besetzt war, die er an jenem Abend im Caf und heute
morgen erst wieder gesehen hatte. Fr eine Sekunde begegneten sich
ihre Blicke: sie hielt ihr Kleid mit der Hand zusammen, damit es
nicht na werden sollte, und lchelte leise, wie heimlich mit ihm
triumphierend ber seinen Sieg. Ein neuer Ausdruck schien in ihrem
Blicke zu liegen, etwa wie: wir kennen uns doch, nicht wahr?--Felder
war ganz verwirrt und wandte sich ab.

Als er angekleidet wieder in die Halle trat, galt sein erster Blick
dem Platze, wo sie gesessen. Aber er war leer, und die ihn
innegehabt, war nirgends mehr zu finden.--Was bedeutete das nun
wieder?--Wie kam sie hierher?--Und warum?--Warum nur?--Es war
seltsam, sehr seltsam.

Doch er hatte nicht lange Zeit, an den Vorfall zu denken. Zuviel
wogte noch in ihm, und immer von neuem kehrten seine Gedanken zu dem
unverhofften Verlauf des Tages zurck.

Erst der Morgen. Dann der Nachmittag. Und der Bildhauer und Dr. Knig
fielen ihm ein, die beide nicht gekommen oder schon wieder
fortgegangen waren, da sie ihm doch nicht Glck wnschen konnten.

Eines wie das andere--alles war umsonst gewesen!

Umsonst die zhe, eiserne Mhe langer Monate; umsonst die inneren,
bitteren Kmpfe und alles heie Ringen; umsonst alle Kraft und Zeit,
die er an diese Sache gesetzt!

Deutlich hatte er heute die Grenze seiner Kraft erkannt, ber die er
sich in unbegreiflicher Verblendung so sehr tuschen konnte.

Zum ersten und zum letzten Male in seinem Leben hatte er heute
ffentlich gesprungen. Nie wrde er von jetzt an wieder einen Fu auf
das Sprungbrett setzen. Sein Traum war zu Ende.--Er war ganz erwacht,
und er war sich ganz klar.

Aber nicht, da er mit seinem Plan gescheitert war, sondern, da er
sich lcherlich gemacht hatte--das war es, was Felder mit immer
tiefer sich einbohrender, innerlicher Wut gegen sich selbst und gegen
die andern erfllte. Er war ausgelacht worden. Er--Franz Felder!--Und
er hate sie alle, die es gewagt hatten!--

Aber er durfte jetzt nur noch den einzigen Gedanken haben, nicht zu
zeigen, wie sehr er sich rgerte. Das beste war jetzt zu tun, als
habe er selbst das Ganze als einen im Grunde nur scherzhaft gemeinten
Versuch betrachtet, um zu beweisen, da es mglich sei, in ganz
kurzer Zeit fast smtliche mglichen Sprnge zu erlernen, auch ohne
jahrelange bung.

Daher ging er nicht fort, wie er es am liebsten getan, sondern blieb
den ganzen Abend und die halbe Nacht unter seinen Kameraden, war so
lustig, wie es ihm berhaupt mglich war, nahm seinen ersten und auf
immer einzigen Mehrkampfpreis ebenso berlegen lchelnd und
gleichgltig entgegen, wie die Schwimmeisterschaft fr Berlin fr
dieses vierte Jahr, und brachte es sogar fertig, die Witze, die ber
ihn als Springer gemacht wurden, anzuhren, ja, auf sie einzugehen.

Aber in ihm war etwas gebrochen an diesem Tage des groen
Enttuschungen.

Er hatte geglaubt, da ihm, der so vieles erreicht, nun alles mglich
sein msse, woran er die Hand legte. Er hatte sich berzeugt, da er
sich schmhlich getaucht--da es nur ein Gebiet gab, auf dem er
Meister war, und da er nichts anderes zu tun hatte, als mglichst
lange Meister auf ihm zu bleiben: ob es ihm nun gefiel oder nicht!

Alles andere war ihm verschlossen.

Und eine Ahnung dmmerte ihm auf, wie eng der Kreis seiner Welt war.
Es gab andere, weitere Gebiete, von denen er nichts verstand, von
denen er nicht einmal wute. Ewig unerreichbar fr ihn.

Wohin nun aber sollte er mit dieser ungestillten Sehnsucht seiner
Wnsche, dieser begehrlichen Kraft, die nicht zufrieden war, wie ein
Zirkuspferd im Kreise herum zu trotten?--Wohin mit ihr?!--

Es war nur erst eine Ahnung, die ihm gekommen war mit dem heutigen
Tage. Aber schon begann sie ihn zu beunruhigen.


8

Alles ging wieder seinen alten Gang.

uerlich vernderte sich zunchst nichts im Leben des Vereins.

Die Springerei Felders betrachtete man als eine Laune, einen
verrckten Einfall, wert hchstens noch eines schlechten Witzes,
htte man nicht seine unbeschreibliche Aufregung und pltzlich
hervorbrechende Wut gesehen, wenn jemand ihn gelegentlich zu machen
versuchte. So rhrte man nicht mehr daran.

Innerlich aber war zwischen Franz Felder und seinem Klub ein Ri
entstanden, den keine Aussprache heilte und der sich fast tglich
mehr verschrfte.

Entstanden war er durch Felders eigenmchtige Handlungsweise. Wann
war es je dagewesen, da das Mitglied eines Klubs auf eigene Faust zu
trainieren begann und daraus sogar vor seinen eigenen Klubbrdern ein
Geheimnis machte?--Wenn man das wollte, brauchte man keinem Klub
anzugehren. Wre es nicht Felder und zudem die Idee nicht gar so
absurd gewesen, so wrde man ja der Sache noch auf andere Weise nher
getreten sein. So aber... Auerdem wrde er wohl jetzt eingesehen
haben, was er davon gehabt hatte!...

Man sprach mit ihm nicht mehr darber, aber Felder fhlte wohl,
wieviel an Unmut und Mitrauen gegen ihn zurckgeblieben war.

Schlimmer aber war, da er in den Zeitungen, die in diesen Wochen so
laut den Ruhm des Knstlers, der nach ihm seinen "Springer" gebildet,
verkndeten, als der "Meisterspringer von Europa" bezeichnet wurde.
Es war Felders ehrgeiziger Wunsch gewesen, da sein Name genannt
werden sollte; und der Bildhauer, von Dankbarkeit gegen seinen
selbstlosen und treuen Helfer getrieben, hatte alles getan, was in
seinen Krften stand, um ihn zu erfllen. Da dabei der Irrtum
unterlaufen war, war zwar nicht seine Schuld, da er wohl wute, da
Felder nur Schwimmer war, und da er ja selbst seinem verunglckten
Debt als Springer beigewohnt hatte; aber immerhin entschuldbar bei
den Kunstschreibern, die wenig von solchen Unterschieden wuten und
sich beim Beschauen der Statue wohl gedacht haben mochten, da der,
der als Springer dargestellt worden war, auch als solcher sich seinen
Meisternamen erworben haben mte.

Wer Felder kannte, wute, da ihm am wenigsten an diesem Irrtum
irgendwelche Schuld beizumessen war. Er htte sich lieber die Hand
abhauen lassen, als einen Erfolg fr sich in Anspruch zu nehmen, den
er nicht voll verdient zu haben sich bewut war.

Er war auer sich ber das Versehen. Er lie sich von dem Knstler--
noch einmal fhr er zu diesem Zweck den langen Weg nach Wilmersdorf
hinaus und betrat das staubige, nchterne Atelier wieder, in dem
bereits an einem neuen, groen Werk gearbeitet wurde--eine
schriftliche Erklrung geben, da er sich ihm nie gegenber als etwas
anderes ausgegeben habe, als was er wirklich war, und nahm zudem das
Versprechen mit sich, da alles getan werden wrde, um den
bedauerlichen Irrtum wieder gutzumachen. Das Papier stellte er zur
Verfgung des Klubs und dieser betrachtete natrlich die
Angelegenheit als seine eigene. Aber was half das alles! Felder htte
keine Feinde haben mssen, so zahlreich wie seine Erfolge, als da
das Versehen nicht gegen ihn ausgentzt worden wre; und wenn man ihn
auch nicht ffentlich als den Urheber desselben bezeichnete, so gab
es doch genug Stimmen in den feindlichen Lagern, die der Behauptung
nicht widersprachen, da er geduldet habe, was er so gerne als
Wirklichkeit gesehen htte...

Fr die immerwhrenden Streitigkeiten und Eiferschteleien zwischen
den Klubs war die ganze Sache l ins Feuer, und sie entbrannten zu
Beginn dieses Sommers ffentlich und heimlich heier als je. Felder,
der so stolz darauf gewesen war, da seine Person nie den Anla zu
irgend solchen gehssigen und die Sache schdigenden Fehden gegeben,
erlebte, da sie und sein Name in sie hineingerissen wurden und frs
erste berhaupt von ihnen nicht mehr zu trennen waren.

Immer wieder kehrte der Gedanke zurck, der an jenem Abend, als er,
uerlich ruhig und lchelnd, aber innerlich aufs tiefste erbittert
ber seine Niederlage, unter seinen Genossen sa und sich zum ersten
Male unter ihnen wieder fremd fhlte, zuerst in ihm aufgetaucht war:
der Gedanke des Austritts. Ein Austritt aus dem einen und der
bergang in einen anderen Verein war nichts Auergewhnliches. Es kam
alle Tage vor, da Trger bekannter Namen aus irgendwelchen, oft ganz
geringfgigen Ursachen ihren angestammten Klub verlieen und in einen
anderen bergingen, gewhnlich eine Anzahl anderer Mitglieder mit
sich ziehend und nicht selten eine Spaltung herbeifhrend, die die
Grndung eines neuen Vereins zur Folge hatte. Eine ganze Reihe der
wie Pilze aus der Erde schieenden Klubs war auf diese Weise
entstanden und hatte das Eingehen anderer, lterer, verursacht. Ja,
es geschah, da manche die Grndung solcher neuen Vereins geradezu
als Sport betrachteten, und es war vorgekommen, da Trger von Namen,
die zu den allerersten in der Schwimmerwelt zhlten, im Laufe weniger
Jahre drei, vier Vereinen angehrten und sie ganz nach ihrem Belieben
wechselten.

Aber Felder konnte sich doch noch nicht mit dem Gedanken eines
Austritts vertraut machen. Es erschien ihm noch immer als etwas
Undenkbares, da er den S.-C. B. 1879 verlassen sollte, mit dem er
verwachsen war mit jeder Faser, dem er die glcklichen Jahre seiner
Entwicklung verdankte, und den er durch seine Siege wieder zum ersten
und meistgenannten unter allen gemacht hatte.

Noch liebte er ihn und alles, was mit ihm zusammenhing. Noch konnte
er nicht von ihm lassen... Er wehrte sich gegen seine Gedanken.

Aber dann kam ein Tag, der gewissermaen die Entscheidung ber ihn
hinwegnahm.

Felder reiste nach Hamburg, um zum zweiten Male die Elbmeisterschaft
sich zu eigen zu machen.

Ein lteres Mitglied, ein Kaufmann, der gerade in Hamburg Geschfte
hatte, schlo sich ihm an, und Felder konnte es nicht hindern, da
whrend der Fahrt die Rede auf die Vorgnge und allen Klatsch und
Tratsch der letzten Zeit kam. So erfhr er die uerung Nagels bei
Beratung seiner Meldung zum Springen: "da er ihm eine Niederlage
wnsche, eine grndliche Niederlage"... Das Wort traf ihn wie ein
Schlag. Er lie es sich zweimal wiederholen, ehe er es glaubte. Dann
wurde er ganz still.

Er sprach kaum ein Wort mehr an diesem Tage: nicht whrend der Fahrt,
nicht whrend der Begrung in Hamburg, nicht whrend des Festes...
Man glaubte dort, er msse krank sein; aber man sah ihn schwimmen,
mit einer solchen verbissenen Wut und Kraft, da die bloe Vermutung
lcherlich schien. Sofort nach seinem Siege--und was fr ein Sieg war
es wieder!--ging er allein zum Bahnhof, ohne sich von einem Menschen
zu verabschieden, und fuhr mit dem Schnellzug nach Berlin zurck.

Er ging sofort in das Restaurant des Klublokals, wo er gewi war,
seine Leute zu treffen. Er fand einige von ihnen beim Billard. Auch
Nagel. Er wartete, bis die Partie zu Ende war, ohne auf irgendwelche
Fragen Antwort zu geben.

Dann gingen er und sein alter Schwimmwart in das noch leere
Klubzimmer, und hier, in dem Rume, der die Spuren jeder Etappe in
Felders Laufbahn in irgendeinem Preisstck, von dem einfachsten bis
zu dem kostbarsten, aufwies, hier erfolgte die Auseinandersetzung
zwischen den alten Freunden.

Felder war malos erregt; Nagel blieb ruhig wie immer. Und nichts
reizte den anderen so sehr, wie diese khle Ruhe.

--Ist es wahr, da du mir eine Niederlage, eine _Niederlage_
gewnscht hast?--begann Felder, und die Antwort, die er bekam,
brachte ihn auer sich:

--Ich habe sie dir nicht gewnscht; aber ich habe gesagt, eine
grndliche Niederlage sei das einzige, was dich noch zur Besinnung
bringen knne...

--Er sei also nicht bei Besinnung?

--Er sei seit einem halben Jahre so vllig von Ehrgeiz und Ruhmsucht
verblendet, das er jede Direktive verloren habe und nach dem
Unmglichen strebe.

Und nun sprach Nagel ruhig und lange, und wenn manches auch wahr war,
was er sagte, so war anderes doch auch einseitig und unverstndig,
und alles war hart und scharf und unfreundlich. Felder hrte es bis
zum letzten Worte an.

Er mge sich doch nicht einbilden, setzte Nagel auseinander, da man
die Wandlung in seinem Wesen nicht schon seit langem und mit immer
grerem Mifallen beobachtet habe. Da er der Entwicklung in dem
Ausbau des Klubs nie das ntige Interesse entgegengebracht habe,
darber war man sich ja schon lange klar gewesen. Wann habe er sich
wohl jemals um den inneren Fortschritt des Vereins gekmmert?--Habe
er zum Beispiel jemals der Jugendabteilung in ihrer Ausbildung
geholfen?--Sei er auch nur ein einziges Mal einem der Jngeren mit
Rat und Hilfe zu Seite gestanden?--Sei er nicht immer nur mit
Widerstreben an die Beteiligung bei dem Wasserpolo gegangen, und nur
dann, wenn es unumgnglich ntig gewesen war?--Habe er nicht noch
letzthin seine Beteiligung am Staffettenschwimmen aus reinem Hochmut
einfach abgelehnt?--Immer habe er nur an sich gedacht, schon als
kleiner Junge, immer nur an sich, und alles andere sei ihm schnuppe
gewesen. Auch mit den Kmpfen des Vereins um seine Existenz innerhalb
der Bewegung (damit meinte Nagel die Streitigkeiten mit anderen
Vereinen) habe er sich nie befat, sondern sei immer gleichgltig
und mrrisch nebenher gegangen, und wenn er sich in letzter Zeit
beteiligt habe, so sei es nur geschehen, um seine Person auch hier
in den Vordergrund zu drngen. Denn im Vordergrunde msse er jetzt
natrlich berall stehen. Nicht zufrieden mit seinen unvergleichlichen
Erfolgen in Deutschland und im Auslande als Schwimmer, habe er dann
endlich sogar seine Hnde nach den Lorbeeren anderer gestreckt und
sie an sich zu reien versucht. Das sei ihm zwar nun nicht gelungen,
und darber freue er sich, er, Nagel, der ihn immer gewarnt habe,
seinem Ehrgeiz allzusehr nachzugeben...

Denn wohin knne ihn dieser jetzt noch fhren?--Hchstens noch zur
Spezialitt, zum Berufsschwimmer. Dann aber sei es mit seiner
Entwickelung zu Ende, dann sei er kein Sportschwimmer mehr, sondern
nur noch eine Abnormitt. Ein Professional, der seine Kunst fr Geld
zeige. Aber es sei nie der Zweck des Klubs gewesen, dem anzugehren
sie beide die Ehre hatten, solche hors-concours-Gren heranzuzchten;
sein Ziel und einziger Zweck sei die gedeihliche Pflege des
Schwimmsportes, und nichts anderes...

So redete Nagel, und er sprach noch in seiner weitschweifigen und
langsamen Art, als die anderen von ihrem Billard aus dem Nebenzimmer
und immer mehr Mitglieder, ltere und jngere, hereinkamen, sich um
den Tisch setzten und gespannt zuhrten.

Leider war Brning nicht unter ihnen, Brning, der einzige, der mit
seiner Gemtlichkeit, Erfahrung und seiner Lebenskenntnis, mit seiner
Zuneigung fr Felder und seiner allgemeinen Beliebtheit im Klub die
Sache noch htte ins rechte Geleise bringen knnen. Er war nicht in
Berlin, sondern wieder einmal auf einer seiner pltzlichen Reisen.
Felder sa stumm und bla da. Jedes der Worte Nagels lie den Groll
und die Bitterkeit in seinem Herzen hher und hher steigen. Das war
ja alles falsch und unrecht, was er da vorbrachte, und jeden der
Vorwrfe wies er im Innern von sich, sowie er fiel. Er htte sich
nicht um das Gedeihen des Klubs gekmmert, er, der nur fr ihn, nur
in ihm all diese Jahre gelebt hatte?--Zwar mit der Jugendabteilung
hatte er sich wenig befat, das war richtig; aber er verstand nun
einmal nicht, Anordnungen zu geben und zu lehren. Er war doch nicht
der Schwimmwart. Aber war es nicht weit wichtiger gewesen, da er
selbst in unermdlichem Eifer sich ausgebildet hatte?--Wie htte er
es denn sonst zum ersten Schwimmer der Welt bringen knnen? Wie htte
er sich dankbarer erweisen knnen, als dadurch, da er alle Erfolge
mit seinem Verein teilte und dessen halbvergessenen Namen wieder zu
Ehren brachte?--Er habe sich frher nicht an den Debatten beteiligt.
--Auch das sei wahr, aber diese kleinlichen Streitigkeiten ekelten
ihn nun einmal an. Dafr habe er geschwommen, geschwommen, siegreich
geschwommen!... War das nicht mehr wert, als alle Worte?--

So wies er innerlich jeden der Vorwrfe, einen nach dem anderen,
zurck, und nur auf den letzten: den des Ehrgeizes nach einem fremden
Ziele, fand er nicht die richtige Antwort, so da er, als Nagel
endlich geendet und er bla und verwirrt aufstand, um zu antworten,
fast alles vergessen hatte, was er, der Schwerfllige, dem
Redegewandten entgegnen wollte.

Er brach los, aber was er vorbrachte, waren nur unzusammenhngende
Worte und halbe Stze. Er hatte nie verstanden, sich auszudrcken--
und auch in dieser Stunde, wo sein Herz so voll war, gingen seine
Augen nur unruhig von einem der bekannten Gesichter zum anderen, als
suchten sie bei ihnen Hilfe gegen diese unerhrten Beleidigungen und
Anklagen, bis sie auf der Statuette des Springers hafteten, die dicht
vor ihm auf dem Tische stand und die er in seiner Erregung erst jetzt
sah. Sie war heute gekommen, whrend er nach Hamburg gefahren war.
Der Bildhauer hatte seiner Dankbarkeit und Erkenntlichkeit fr Felder
einen Ausdruck geben wollen, und da dieser so oft und mit solcher
Liebe von seinem Klub gesprochen, hatte er gedacht, ihm eine Freude
zu machen, wenn er diesem eine kleine Nachbildung seines inzwischen
so berhmt gewordenen Werkes fr das Vereinszimmer stiftete... Nun
stand das wertvolle Geschenk auf dem Tische vor Felder.

Als dieser begriff, was es war, stockte er von neuem, und abermals
wallte ein mchtiger Groll in ihm auf. Immer und immer wiederholte er
ohne Zusammenhang das Wort von der Niederlage, und fast sinnlos vor
Zorn schrie er endlich, als er in keinem der Gesichter um sich her
auch nur eine Spur von Verstndnis fr seine Gefhle fand, ber den
ganzen Tisch hinweg:

--Ja, Niederlagen wnscht ihr mir, aber meine Preise nehmt ihr gern!

Das htte er nicht sagen drfen, und er merkte es sofort an der
Stille, die diesen Worten folgte. Dann unterbrach sie eine scharfe,
hhnische Stimme vom Tischende her, die eines alten Gegners:

--Sogar von dem Meisterspringer...

Vor Felders Augen wurde es dunkel. Er wute nicht mehr, was er tat.
Er griff nach der Statuette, zog sie so heftig zu sich heran, da ein
Arm abbrach, fate sie und schleuderte sie zu Boden, wo sie in
tausend Splitter zerbrach.

Ohne sich umzusehen, ging er hinaus. Niemand hielt ihn, niemand ging
ihm nach.

Als er im Torwege des Hauses an der Strae stand, fhlte er
pltzlich, da seine Augen na waren. Er sah nichts mehr und fuhr mit
dem Handrcken ber sie hin. Dann merkte er, da es Trnen waren. Er
wunderte sich.

Es war das erste und einzige Mal in seinem Leben, da er weinte.

Dann lachte er laut auf, trotzig und verchtlich.


9

Koepke mute den Brief aufsetzen, in dem Felder seinen Austritt
anmeldete. Kein Entwurf gengte dem im Innersten Gekrnkten. Sogar
der bliche "Schwimmergru" am Ende mute fortbleiben und wurde durch
das steife "Hochachtend" ersetzt. Endlich entschied er sich fr die
krzeste Fassung. Trotzdem dauerten Vorbereitungen und Ausfhrung der
Abschrift fast eine Stunde.--Da Koepke zugleich mit ihm austrat, war
ebenso selbstverstndlich, wie nebenschlich.

Es war kaum bekannt geworden, da Felder den S.-C. B. 1879 verlassen
wollte, als sich bereits mehrere der ersten Berliner Schwimmvereine
um seine Mitgliedschaft bewarben. Alle wren stolz darauf gewesen,
den Meisterschwimmer ihr eigen zu nennen. Aber Felder hatte bereits
entschieden, und es war mehr ein Zufall, als Absicht, der ihn den
Klub "Hecht" whlen lie. Er traf eines Abends mit mehreren der ihm
gut bekannten Mitglieder zusammen, ein Wort gab das andere, und
Felder war sein Mitglied, ehe er sich dessen versah. Es war kein
besonders hervorragender, aber geachteter und strebsamer Verein, der
sich natrlich mit dem S.-C. B. 1879 in keiner Beziehung messen
konnte, aber doch auch nicht zu jenen kleinen Klubs gehrte, die
lediglich aus Vereinssimpelei entstanden waren und das Schwimmen nur
so nebenbei betrieben. Er setzte sich in seiner Herrenabteilung meist
aus kleinen Gewerbetreibenden und Beamten, in seinen jngeren Leuten
aus deren Angehrigen und Bekannten zusammen und bildete
gewissermaen eine groe Familie.

Fr Felder war die Art und Weise entscheidend, mit der man ihm
entgegenkam. Man betrachtete seinen Eintritt als hohe Ehre und nahm
die Gelegenheit sofort wahr, den Tag als Fest zu feiern, wie man
berhaupt in geselligen Zusammenknften gro war.

Felder gebot von der ersten Stunde an unumschrnkt in allem, was er
wollte und wnschte. Das war nun zwar niemals mehr, als Beteiligung
an jeder irgendwie bedeutsamen Schwimmkonkurrenz. Denn jetzt, wo er
sich endgltig auf dieses, sein Gebiet, beschrnkte, war seine
Eifersucht, unumschrnkt auf ihm zu herrschen, grer als je. Keiner
widersprach seinen Wnschen. Dafr erwartete man Wunderdinge von ihm,
als Geringstes einen ganz neuen Aufschwung des Klubs.

Der Anfang war vielverheiend. Man leerte die Kasse willig, um Felder
auf mglichst viele auswrtige Feste senden zu knnen, und freute
sich kindlich an den eroberten Preisen, mit denen man das noch recht
kahle Klubzimmer schmckte. So siegte er im Laufe der Sommermonate
nacheinander: im Schwimmen um die "Havelmeisterschaft", bei dem neben
ihm nur noch einer startete; in Magdeburg im Schwimmen um die
"Elbmeisterschaft", die er nun schon zweimal sein nannte; in dem
groen "Mggelseeschwimmen", einem heien Kampfe; in Hannover, wo er
allein an den Start ging, und daneben in mehreren lokalen
Veranstaltungen der Berliner Klubs. Er unterlag eigentlich nur ein
einziges Mal, als er auf dem Gastschwimmen des "Triton" sich von dem
Favorit dieses Klubs im Brustschwimmen zu dessen eigenem Erstaunen
schlagen lie.

Aber die Kmpfe dieses Jahres standen unter keinem gnstigen Zeichen
und nicht auf der Hhe derer der Vorjahre. Die Europameisterschaft
wurde nicht in England ausgefochten, sondern in Wien. Als Felder im
August dort hinreiste, fand er weder von England, noch von Italien
Konkurrenten vor. England hatte, wie gewhnlich, keine entsandt, und
der italienische Meister, mit dem er nun schon zweimal so erfolgreich
gerungen und der Stein und Bein geschworen, ihn beim dritten Male
unterzukriegen, war nicht erschienen. Er sei krank, hie es...
Deutschland hatte berhaupt keinen geschickt auer ihm. Es
konnte nichts Besseres tun. Aber die Freude an der diesjhrigen
Europameisterschaft war Felder getrbt. Er wre nur zufrieden
gewesen, wenn er sie gegen die ersten Meister der Welt auch diesmal
htte verteidigen knnen, vor allem gegen jenen australischen
Schwimmer, von dessen phnomenalen Leistungen die internationalen
Sportbltter so viel sprachen, dessen Rekord ber die 1000-Meter-
Strecke den seinen um zwei Minuten bertraf und dessen Portrt
deshalb in der letzten Nummer des "Sport im Bilde" neben das seine
gestellt war. Aber der war nicht gekommen und auch nicht erwartet
worden... Er messe sich nur in Australien und England, hie es.

Als Sieger kehrte er zurck, mit Jubel empfangen. Als Sieger ging er
auch aus dem diesjhrigen groen Verbandsschwimmen in Charlottenburg
hervor, wo er einen doppelten Triumph davontrug. Denn hier fhrte er
zum ersten Male die neuen schwarz-gelben Farben gegen die blauweien
ins Feld. Der S.-C. B. 1879 wagte es und hatte zum Schwimmen ber
dreihundert Meter--wie frher ihn--ein Mitglied gemeldet. Felder
lachte, als er es hrte.--Gegen ihn!--Man wollte ihn ersetzen?--Man
sollte sich tuschen. Er wollte ihnen zeigen, was sie an ihm verloren
hatten. Und es machte ihm ein grausames Vergngen, den frheren
Klubgenossen, mit dem er so manches Mal zusammen im Spiel gebt
hatte, noch neben sich liegen zu lassen, als die anderen drei
Konkurrenten schon lngst hinter ihnen geblieben waren, ihm zu
erlauben, bis auf Krperlnge ans Ziel zu kommen, schon die Rufe zu
hren, die frher ihm gegolten, und ihn dann unter dem tosenden
Beifall der Schwarz-Gelben und aller Zuschauer um diese eine
Krperlnge zu schlagen, indem er mit seinem gefrchteten und
berhmten Anschlag ans Ziel ging...

An diesem Abend, als er neben diesem 300-Meter-Siege auch noch den
neu gestifteten "Kaiserpreis" fr den "Hecht" erwarb und seine neuen
Genossen nicht genug tun konnten, ihm ihre Freude und Dankbarkeit zu
beweisen, whrend der S.-C. B. 1879 in corpore das Lokal der
Preisverteilung verlie, geno er ganz das Gefhl der Genugtuung
gesttigter Rache.

Aber in nchster Zeit, in den langen Tagen und Wochen zwischen den
groen Festen, sonst stets so ausgefllt durch ruhige Arbeit und
frohen Verkehr mit lieben Freunden, fhlte er mehr als je, was er in
diesem Sommer verloren. Keinen der beiden Schlge--die ersten, die er
in seinem Leben empfangen,--vermochte er zu verwinden: weder die
Niederlage im Springen, noch den Verlust seines Klubs. Der eine hatte
ihn noch trotziger und eiferschtiger gemacht, obwohl sie ihn tief
verletzt; aber an dem anderen litt er. Es war eine Wunde, die sich
nicht schlieen wollte.

Denn unter seinen neuen Genossen fhlte er sich fremd. Wie als Knabe
schon, war er auch jetzt noch nicht imstande, sich schnell an neue
Menschen anzuschlieen und im Verkehr sich leicht zu geben. Das wurde
natrlich auf der anderen Seite ebenfalls empfunden und manche
Versuche vertraulicher Annherung hrten von selbst auf.

Felder war nicht mehr zufrieden und glcklich. Noch standen seine
Siege ganz auf der Hhe derer vom Vorjahre. Er schwamm noch ebenso
tadellos, sein Stil war unanfechtbar, wie seine Siege, aber sie
machten nicht mehr dasselbe Aufsehen wie bisher. Man hatte sich an
sie gewhnt und erwartete nichts anderes von ihm. Er selbst legte
ihnen nicht den Wert mehr bei, wie frher.--Manche sagten, eine
gewisse Gier und Rcksichtslosigkeit habe sich seiner bemchtigt, die
ihm frher nicht eigen gewesen sei.

Vielleicht tuschten sie sich, weil er nicht mehr so ruhig war, wie
sonst, nicht mehr mit derselben frohen Unbekmmertheit und Heiterkeit
an den Start ging. Aber in einem hatten sie recht: Felder war
wirklich ein anderer geworden. Er war nicht mehr zufrieden, nicht
mehr glcklich.

Auerdem beschlich ihn jetzt zuweilen ein ganz neues Gefhl, das er
nie vorher gekannt hatte: er fhlte sich einsam.


10

Es war nichts Besonderes, da sich im Briefkasten des Klubs Sendungen
fr Felder befanden. Glckwnsche, Einladungen zur Beteiligung an
Schwimmfesten, Anliegen aller Art, um Photographien, Lebenslauf und
Autograph kamen alle Woche, und es war nicht das erstemal, da sich
unter all diesen geschftlichen Dingen, die smtlich von Koepke mit
rhrender Sorgfalt und komischer Wichtigtuerei erledigt wurden, so
da Felder nur seinen Namen unter die Antworten zu setzen brauchte--
es war nicht das erstemal, da sich unter den Eingngen Schreiben von
zarter Hand befanden, auf die der Empfnger zwar nie reagierte und
die er meistens dem Gelchter seiner Freunde preisgab, Briefe, die
ihn aber doch dazu veranlat hatten, seine Korrespondenz erst selbst
durchzusehen, ehe er sie seinem getreuen Sekretr auslieferte. Eines
Abends wurde ihm nur ein Brief gegeben, und kaum hatte ihn Felder in
der Hand, als er wute, von wem er kam. Er sprte einen schwachen,
unvergessenen Duft und schob ihn hastig in die Tasche. Sobald er
allein war, ffnete er ihn. Erst schien er ihm in einer fremden
Sprache geschrieben zu sein, so fremd und seltsam kamen ihm die
schlanken, eckigen Buchstaben vor. Dann entzifferte er ihn nach und
nach. Keine Anrede, keine Unterschrift. Was er las, waren nur diese
Zeilen:

"--Ich bitte Sie, mich zu besuchen. Ich wei, Sie werden kommen.
Jeden Freitag abend um 8 Uhr wird man sie an der Ecke der Charlotten-
und Taubenstrae, der sdwestlichen Ecke des Gendarmenmarkts, dort,
wo die Litfasule steht, erwarten, um Sie zu mir zu fhren. Ich
wei, Sie werden kommen!..."

Felder war ganz verblfft. Er nahm das Kuvert in die Hand: der Brief
war an ihn. Er trug die Adresse des S.-C. B. 1879 und war durch
dessen Schriftfhrer, wie schon so mancher andere, einfach an den
"Hecht" weitergesandt worden. Es war kein Zweifel mglich.

Und pltzlich, whrend er noch das Papier in der Hand hielt und nicht
wute, was erdenken sollte, stieg von ihm wieder der starke, seltsame
Duft eines bestimmten Parfms auf und mit ihm die hohe, schlanke
Gestalt in grauer Seide mit dem khnen und festen Blick.

Das war sie, die ihn damals im Caf so unverwandt angeblickt, die er
in der Kunstausstellung zum zweiten und an dem Nachmittag desselben
Tages--er bi die Zhne zusammen, wenn er an diesen Tag dachte--zum
dritten Male gesehen hatte, und dann nie wieder...

Sie mute es sein, die dies schrieb. Es konnte niemand anders sein.
Der Brief war von ihr.

Aber was fiel dieser Person denn ein?--Das war ja der reine Wahnsinn,
einem so zu schreiben: ohne Anrede, ohne Namen und in diesem Ton!
Aber sie irrte sich, diese "Dame". Er war keiner von denen... Sie
konnte lange warten. Er zerknitterte das rauhe, englische Papier in
einen unfrmlichen Klumpen und warf ihn fort. Dann bckte er sich,
las die Zeilen noch einmal und zerri den Brief in lauter kleine
Stcke, die er fallen lie.

Also _das_ wollte sie von ihm!--

Aber sie konnte lange warten. Einstweilen wrde sie sich schon mit
ihrem Alten begngen mssen.


11

So ging auch dieser Sommer zu Ende, und Franz Felder war fast froh
darber. Viele neue Ehren hatte er ihm gebracht, keine neuen, keine
reinen Freuden mehr.

Alles war anders geworden gegen den vorigen. Ein kurzes Jahr, und
welche Vernderungen!--

Getrennt von seinen alten Freunden, fremd und unheimisch unter den
neuen; nicht mehr dumpf in den engen Bezirk eines abgeschlossenen
Lebens gebannt, sondern beunruhigt durch Einblicke in die
Lebensfhrung anderer Kreise, erworben auf weiten und
abwechslungsreichen Reisen beim Streifen weiterer Fernen; neben
unerhrten, nicht endenwollenden Siegen eine lcherliche, zwecklose,
einzig selbstverschuldete Niederlage--hatte er Gefhle von
Bitterkeit, Groll und wiederum gesttigter Rache kennen gelernt, die
der schlichten, frohen Unbekmmertheit seiner Jugend bisher vllig
fremd gewesen waren.

Er hatte die hchste Hhe erreicht. Keine bewundernden Augen folgten
seinem Aufstieg mehr.

Er stand oben, ganz allein, wie er es gewollt. Nun ging es in
schwindelnder Hhe von Grat zu Grat, und wer ihm nachsah bei seiner
hastigen Wanderung von Sieg zu Sieg, ohne Ausruhen, ohne Freude mehr,
der konnte sich eines bangen Gefhles fr ihn nicht erwehren.

Eines Tages wrde er fallen in den Abgrund der Vergessenheit.

Felder selbst wute es. Aber wie der tollkhne Wagehals, der in
atemloser Hast von Gipfel zu Gipfel eilt und keinen Blick rckwrts
mehr in die Tiefe zu tun wagt, weil er frchtet, der Schwindel knne
ihn ergreifen und niederreien, so wollte auch er nicht mehr daran
denken, woher er gekommen war, und nicht wissen, wohin er ging.

Statt in ruhiger Wahl sich die schnsten der Frchte von dem Baume zu
pflcken und sie zu genieen, rttelte er in unersttlicher Begierde
an ihm und lie sie zur Erde fallen, ohne sich kaum noch die Mhe zu
geben, sie zu zhlen.

Die stille Wut des Gehetzten berfiel ihn zuweilen, von dem man das
Unmgliche verlangt und der doch ber seine eigene Kraft nicht hinaus
kann.

Und doch war er es ganz allein, der sich unaufhrlich antrieb mit den
qulenden Zurufen seines Innern: "Weiter!--weiter!--Immer weiter!--
Nur kein Stillstehen! "...

Er schwamm nicht mehr, wie bisher.

Er hatte keine Achtung mehr vor seiner eigenen Kunst, weil sie ihm
nicht mehr die hchste Freude war.

Wie er angefangen, in seinen Gegnern seine Feinde zu sehen, so sah er
einen Feind jetzt auch in seinem Wasser.

Nie tummelte er sich mehr in ihm, wie als Knabe im kindlichen Spiel;
nie rang er mehr mit ihm, um die Kraft des Jnglings in ehrenvollem
Kampfe mit dem Gegner zu messen.

Das Wasser war sein _Feind_ geworden. Er kmpfte mit ihm auf Tod und
Leben--um sein Leben!

Und er behandelte es, wie einen Feind. Er grte es nicht mehr mit
frohem, leuchtendem Blick, wenn er seine glitzernde Flche sah. Er
koste es nicht mehr mit warmer Hand und hielt keine vertrauliche,
heimliche Zwiesprache mehr mit ihm.

Hastig kam er, griff beim Sprunge mit den Hnden in die Flut, als
wolle er sie wrgend bei der Gurgel packen, schlug und mihandelte
sie, wenn sie ihn nicht schnell genug zum Ziele trug, und das Wasser
schien es zu fhlen.

Er bildete sich ein, es setze ihm seit einiger Zeit einen geheimen
Widerstand entgegen, als trge es ihn nicht mehr so leicht wie bisher
zu seinen Zielen, und rasend vor Wut mihandelte er es mit den
Fusten, um es seinem Willen gefgig zu machen.

Und das Wasser murrte und grollte und schrie unter diesen ungewohnten
grausamen und rohen Schlgen, und bumte sich auf, und lie ihn doch
immer noch gewhren, weil es ihn vor allen so lange geliebt hatte und
immer noch liebte.

Aber Felder hrte die heimliche Warnung der vertrauten Stimme schon
nicht mehr.




Vierter Teil


1

Er war nicht mehr zufrieden und nicht mehr glcklich.

Es schien ihm, als habe sein Leben keinen Inhalt mehr. Was seine
Freude gewesen war, war es nicht mehr.

Und strker und strker wurde das Gefhl der Einsamkeit in ihm. Er
hatte zwar jetzt jeden Abend etwas vor, ging hierhin in ein
Variettheater, und dorthin zum Bier, aber wiewohl er in Gesellschaft
war, fhlte er sich doch allein.

Eines Tages erhielt er einen zweiten Brief, auf demselben starken,
rauhen Papier mit dem unbeschnittenen Rande: "--Vergessen Sie nicht:
_jeden_ Freitag Abend um 8 Uhr erwartet man Sie an der Ecke der
Tauben- und Charlottenstrae, dort, wo die Litfasule steht, denn
ich wei, Sie werden kommen. Einmal werden Sie kommen--ganz
sicher!"...

Wieder knitterte er ihn zusammen, und wieder faltete er ihn
auseinander, um ihn abermals zu lesen. Die Geschichte wurde ihm
unheimlich. Der bestimmte, berlegene Ton des Briefes lie diesmal
kein Lachen in ihm aufkommen. Wenn er noch seine alten Freunde gehabt
htte, wrde er einem von ihnen, zum Beispiel Brning, den Brief
gezeigt haben. Unter seinen neuen war keiner, dem er sich anvertrauen
mochte.

Er dachte zuweilen an die erste Begegnung im Caf und die beiden ihr
folgenden. Manchmal, wenn er eine schne Frau oder ein hbsches
Mdchen sah, kam ihm die Fremde ins Gedchtnis, und immer fiel der
Vergleich zu ihren Gunsten aus. Immer dachte er auch daran, da sie
an jenem Nachmittag seinem Unterliegen beigewohnt--weshalb war sie
damals gekommen, wenn nicht seinetwegen?--Wute sie, wer er war?--Und
was mute sie nun von ihm denken?--

Das Rtselhafte der ganzen Sache begann ihn zu beschftigen. Diese
geheimnisvollen Briefe--woher hatte sie seinen Namen erfahren und den
des Klubs?--Sie mute ihn an jenem ersten Abend im Caf gehrt haben,
anders war es berhaupt nicht mglich.

Und dieses Rendezvous?--Ecke Tauben- und Charlottenstrae. Das war am
Schauspielhause. Auf dem Gendarmenmarkte. Wer erwartete ihn dort?--
Und was wollte sie von ihm?--Was konnte sie von ihm wollen?--Nur
eines!

Nie wre er hingegangen, wenn er sich nicht so einsam gefhlt htte,
wenn sie ihn nicht an jenem Nachmittage gesehen und--wenn sie nicht
so schn gewesen wre!

Denn sie war so schn, da er sie nie vergessen hatte. Als er diesen
zweiten Brief bekam, fhlte er es; und er zerri ihn nicht, sondern
steckte ihn zu sich.

Dann wieder kamen ihm diese Aufforderungen dumm und schamlos vor. Er
wute ganz gut, was sie von ihm wollte. Er war kein kleiner Junge
mehr, und zudem war er ein Berliner. Mit ihm "sich amsieren"--das
wollte sie!... Schlielich, nachdem er den ersten Freitag und den
zweiten hatte verstreichen lassen, beschlo er, an einem nchsten
einmal an der bezeichneten Ecke vorbei zu gehen. Er wollte doch
einmal nachsehen, wer denn dort auf ihn wartete. Wahrscheinlich
niemand... Sie hatte es jetzt wohl aufgegeben, nachdem sie einmal
gesehen, da "mit ihm nichts zu machen war".--

Um sieben Uhr kam er von der Arbeit. Um acht war er an der Ecke. Er
hatte recht: es war niemand da, um ihn zu "erwarten". Er war doch ein
rechter Esel. Da--schon wandte er sich zum Gehen--stand, wie aus der
Erde gewachsen, dicht neben ihm eine alte, kleine Frau, in einen
weiten Mantel gehllt und den Kopf halb unter einer groen Kapuze
verborgen, so da Felder nur die scharfe Nase und die dunklen,
funkelnden Augen sah, und sagte mit einem fremden Akzent hastig und
bestimmt: "Bitte mir nur zu folgen!--Nicht weit..."

Wo war sie so pltzlich hergekommen?--Hatte sie hinter der Sule
gestanden?--Oder war sie aus einer der wartenden Droschken
gestiegen?--Felder erfuhr es nie. Aber er folgte ihr fast willenlos,
so berrascht war er.

Die Alte ging schnell vor ihm her. Noch berlegte er, ob er nicht
umkehren sollte, als sie bereits vor einem Hause halt machte und die
Tr ffnete. Er hatte nur Zeit, zu fragen: "Wohin fhren Sie mich
denn eigentlich?"--Aber die Alte verstand seine Frage offenbar gar
nicht. Sowie er die ersten Worte sprach, unterbrach sie ihn und sagte
wieder nur (und es war wie eine eingelernte Redensart) schnell und in
hartem Deutsch: "Bitte mir nur zu folgen!--Gar nicht weit!--Schon
hier!"--Nochmals, als sie dann die Treppen hinaufstiegen und er immer
weiter, wie gebannt, folgte, wollte er fragen und sich wehren, aber
wieder wurde eine Tr geffnet, aus dem Entree strmte es ihm hell
und warm entgegen, und die Alte wiederholte, indem sie ihn durch
Gebrden aufforderte, seinen berzieher abzulegen und ihm dabei
behilflich war: "Schon hier!--Schon hier!"--

Im nchsten Augenblick stand Franz Felder in einem hohen, dmmerigen
Gemach: schwere Teppiche auf dem Boden, schwere Portieren ber den
Tren und Fenstern, schwere Fauteuils und Ruhesttten, aber sonst
alles klein und leicht, die tausend verschiedenen Luxusdinge aus der
Umgebung einer verwhnten Frau.

In der Mitte des Zimmers stand sie selbst, in einem dnnen fast
durchsichtigen Gewande, ihn erwartend. Als sie ihn sah, ging
sie langsam auf ihn zu, bis sie dicht vor ihm stand. Sie waren
allein. Sie sah ihn an, aber ganz anders, wie sonst: mit einem
unbeschreiblichen Lcheln. Sie legte ihre Arme um seinen Nacken und
ihr Krper prete sich dicht an den seinen.

Dann kte sie ihn, und es war wie ein Aufatmen, als sie dann das
erste Wort sagte: "Endlich!..."

Er stand ganz still. Er wute nicht, was er tun sollte. Aber das Blut
stieg ihm zu Kopf: wie schn sie war!--Und der Duft, der fremde,
seltsame Duft, der von ihr ausging, dieser Duft, den er kannte,
berauschte ihn und brachte ihn um seine letzten Sinne.

Noch wollte er nicht. Aber er mute. Wie schn sie war!... Er wute
schon nicht mehr, wo er war und was er tat.

Sie sah es. Sie empfand es.

Und da regte sich in ihr, die diesen Augenblick seit Monaten mit
verhaltener Gier ersehnt, und in ihm, der sich vor diesem Augenblick,
ohne es sich klar zu machen, gefrchtet hatte, die Lust ihn zu
verlngern, und Auge in Auge, mit heiem Atem und glhenden Hnden,
maen sie ihre Strke aneinander--diese schnen Menschen, beide in
der Flle einer in stetiger Ausdauer gebten Kraft.

Aber in ihm erwachte der Mann. Und da er der Strkere war, nahm er
sie, wie sie es wollte und gewollt hatte seit der Stunde, in der sie
ihn zum ersten Male gesehen und fr sich begehrt.


2

Sie wurde sein Leben von da an.

Sie wurde es so sehr, da er ber ihr sogar sein Liebstes verga. Er
htte es bisher fr eine Unmglichkeit gehalten, mehr als zwei Tage
vergehen zu lassen, ohne im Wasser gewesen zu sein. Ganz selten war
einmal einer gegangen, an dem er sich nicht in sein Element gestrzt
htte, und zwei wohl nie, solange er denken konnte. Nun geschah es,
da drei oder vier vergingen, ohne da es ihm in den Sinn kam, zu
schwimmen.

Er dachte nur noch an sie: an ihren Mund, an ihre Augen, an jede
Einzelheit ihres Krpers, der sein geworden war und es jeden Tag von
neuem wurde.

Es war ein seltsames Verhltnis. Als er eine Woche fast jeden Abend
bei ihr gewesen war, wute er noch nicht einmal ihren Namen; als er
sie vier Wochen kannte, wute er nicht viel mehr, als da sie
Georgette hie. Vielleicht nannte sie sich auch nur so.

Erst wollte er alles wissen. Er wollte schon dahinter kommen. Aber er
gelangte selten dahin, eine Frage zu tun; und dann hatte sie eine so
eigentmliche Art, auf Frgen, die ihr nicht paten, zu erwidern,
ohne sie zu beantworten. Nie erfuhr er das, was er eigentlich wissen
wollte. Und wenn sie nicht mehr ausweichen konnte, dann konnte sie so
leise bei seiner Frage lachen, als sei diese Frage nur ein guter Witz
von ihm.--Es kam nie zwischen ihnen zu einem Gesprch. Er so
schwerfllig, so unerfahren und selbst so schweigsam, war unfhig,
ein solches in Gang zu bringen; und sie--entweder hatte sie nur die
kurzen, abgerissenen Worte der Leidenschaft, oder sie lag ihm
gegenber, rauchend und ihn unverwandt anblickend, bis sie aufsprang,
die Zigarette fortwarf und sich von neuem an ihn schmiegte.

Etwas Fremdes haftete allem an, was sie tat und sagte. Ihre Sprache
war kein reines Deutsch, sondern ein Gemisch von Ausdrcken, die sie
auf ihren Fahrten durch aller Herren Lnder aufgelesen. Denn sie
kannte alles, war berall gewesen, hatte alles gesehen--und wenn dem
jungen Manne hier und da einer der vielen fremden Gegenstnde, mit
denen ihre Zimmer berladen waren, in die Augen fiel und er sie nach
seinem Ursprung fragte, dann geschah es auch wohl, da sie eine Art
von Geschichte daran knpfte: aber nie zusammenhngend, nie so, da
sie ein Stck ihres Lebens wurde.

Und so war und blieb sie: immer schlagfertig, immer bereit und im
Grnde nie direkt ausweichend, aber doch nie und nichts wirklich
gebend... nichts, auer sich selbst!...

Sie selbst fragte ihn nie nach irgend etwas. Aber sie unterbrach ihn
auch nie und schien sogar interessevoll zuzuhren, wenn es einmal
geschah, da er sein Schweigen brach und von sich und seinen Erfolgen
anfing zu erzhlen. Lange hatte es schwer auf ihm gelegen, da sie
ihn gerade an jenem Unglckstage gesehen, an dem er seinen ersten un4
letzten Versuch in der fremden Kunst machte, und er suchte ihr
weitschweifig zu erklren, wie alles gekommen war... Sie begriff
indessen durchaus nicht die Wichtigkeit, die er der Sache beilegte.
Gengte es nicht, da er unbestrittener Sieger im Schwimmen war?--Kam
ihm da einer gleich?--Was wollte er denn noch mehr?--Im Grunde sagte
sie ihm dasselbe, was seine Freunde ihm auch gesagt hatten. Ihr war
er recht so. Er war ja so schn, so jung und so stark--ah, so stark!

Aber sie versprach ihm, dem nchsten groen Schwimmen beizuwohnen,
"wenn es ihr mglich sein wrde", wie sie hinzufgte.

Allmhlich gab er es auf, zu fragen, als er sah, da er ihr durch
keine Antwort nher kam. Er beruhigte sich bei dem Bilde, das er sich
machte: eine reiche Auslnderin, die in Berlin lebte, nachdem sie
frh Witwe und vllig unabhngig geworden war (etwas derartiges hatte
sie einmal geuert); die wohl Bekannte und Freunde hier hatte
(natrlich nur Freunde in gutem Sinne, zum Beispiel den alten Herrn,
mit dem Felder sie zusammen gesehen); die sich in ihn verliebt hatte
und ihn liebte (das hatte sie ihm in der ersten Stunde in neun
verschiedenen Sprachen gesagt, und sagte es ihm tglich hundertmal in
einem Gemisch von dreien)...

Es war nicht viel, was er von ihr wute, und er fhlte, da es nicht
das richtige Bild war, das er vor sich sah. Aber was wollte er
machen, da es sich ihm nun einmal nicht klarer, als in diesen
schattenhaften Umrissen, zeigte?--

Und er liebte sie!--

Er liebte sie, wie er seinen Ruhm liebte: er konnte das Glcksgefhl,
die beide ihm gaben, nicht mehr entbehren. Sie hatte ihn gewonnen,
weil es seinem Ehrgeiz schmeichelte, von einer so schnen und
eleganten Frau begehrt zu werden, und weil ihr Wille der strkere
gewesen war; und sie hielt ihn fest, indem sie seine erregte
Sinnlichkeit mit allen Knsten ihrer Erfahrung immer und immer wieder
aufs neue anstachelte.

Er war in der ersten Zeit fast alle Abende bei ihr. Dann mindestens
drei-, viermal in der Woche. Nie durfte er ihre Wohnung ungerufen
betreten. Immer, wenn er von der Arbeit kam, hatte er zuerst auf dem
Postamte in der Nhe nachzufragen: zuweilen war ein Brief da, der die
Verabredung dieses Abends auf den nchsten oder bernchsten
verschob; jedesmal aber mute er an der Ecke der Strae erst nach der
Alten sehen, bevor er zu ihr kam: war sie da, so huschte sie
schweigend vor ihm her, und er folgte ihr die Strae hinunter und die
in ewiger Dmmerung liegenden, teppichbelegten Stufen der Treppen
hinauf bis in das hohe, schwle Gemach. fter und fter jedoch kam es
vor, da er noch in dieser letzten Minute durch ein hastig ihm in die
Hand geschobenes Billett gebeten wurde, heute "nicht zu kommen", da
das bekannte "unvorhergesehene Ereignis" eine Zusammenkunft fr
diesen Abend unmglich machte.

So wurde er in einer bestndigen Aufregung erhalten, ob er sie sehen
wrde oder nicht. Nach einer so pltzlichen und ihn immer tief
verstimmenden Absage lag der Abend zweck- und inhaltslos vor ihm; und
traf diese Absage nicht ein, sah er sie wirklich wieder, so war ein
Teil seiner Freude schon durch die Unruhe der Unbestimmtheit
zerstrt, in der er den Tag bis zum Abend verbrachte.

So gewhnte er sich mehr und mehr daran, die leeren Abende
durch Vergngungen auszufllen, an die er bisher schon ihrer
Kostspieligkeit wegen nur selten gedacht hatte. Er ging in den
Wintergarten, an Orte, wo Laune und Leben herrschten, nur um nicht
allein zu sein; trank in Cafs und Lokalen, die er bisher nie
betreten, hier einen Kognak, dort ein Glas Bier; kam spter nach
Hause, als er wollte, und tat seine Arbeit am nchsten Tage
widerwillig und in der ewig gespannten Erwartung, ob ihm der Abend
eine neue Enttuschung oder seinen Sinnen wieder die ersehnte
Erfllung und Beruhigung bringen wrde. Er fhlte sich nicht mehr
einsam, aber unruhig, und konnte den Abend nicht mehr erwarten
whrend eines Tages, der ihm zu lang wurde...

Der Rest der von England mitgebrachten Summe wurde fter und fter in
Anspruch genommen und schmolz immer mehr zusammen, denn sein
Verdienst reichte natrlich nicht entfernt aus, um die erhhten
Ansprche des jetzigen Lebens zu befriedigen. Felder gab fr seinen
Schneider jetzt in einem Monat mehr aus, als sonst in einem Jahre,
und doch wurde er nie das Gefhl los, nicht gut genug gekleidet zu
sein, wenn er zu ihr ging, obwohl er dort niemals einen anderen
Menschen auer ihr sah und sie nie ein Wort ber sein Aussehen
verlor. Er achtete auch schon nicht mehr darauf, wieviel er der
Sparkasse entnahm. Er brauchte ja nur nochmals nach England zu gehen,
um einen neuen Fond heimzubringen. berhaupt war es ein Skandal, da
er noch auf seine Arbeit angewiesen sein mute, whrend die Meister
der anderen Sports--die Radler zum Beispiel--lngst herrlich und in
Freuden von den Einknften ihrer Siege lebten. Nur in seiner Sache,
bei den Schwimmern, gab es das nicht...

Ganz langsam und allmhlich begann er, seine Kunst auch von dieser
Seite aus zu betrachten. Frher htte er sich dessen geschmt. Und
alles das, weil der Luxus, den er so pltzlich tglich einatmete, in
so schreiendem Gegensatz stand zu seinem bisherigen Leben der Armut,
Einfachheit und Gengsamkeit.--

Sie hatte ihn.

Sie besa ihn, weil er sie nicht mehr entbehren konnte.

Sie nderte ihn, ohne es zu wollen. Denn sie hatte ihn so gewollt,
wie er gewesen war: frisch und unberhrt und jung.

Er war es nicht mehr in dieser Leidenschaft zu ihr.

Er, der frher so mig gewesen war, trank jetzt, nicht regelmig,
aber unbekmmert, je nach Lust und Laune. Es tat ihm nichts. Er
fhlte keine Wirkungen. Sein Krper berwand die leichten Folgen
schnell.

Vielleicht war sein Kopf etwas benommener. Aber er lebte jetzt
berhaupt in einer dumpfen Schwere, in einem tglich neu erweckten
Rausch aller Sinne, durch dessen Nebel er immer, wo er ging und
stand, nur ihren brunlich-hellen Krper sah, ihre seltsam roten
Lippen und ihr dunkles Haar, eingehllt in die Duftwolke ihres
aufreizenden Parfms, einen Nebel, s und weich wie ihre Ksse, warm
und weich und entnervend wie die weien Dmpfe der Winterbder im
Schwimmbade.

Er verlor seine ewige Sehnsucht nach frischem, klarem Wasser, nach
kalter, reiner Luft in dieser Atmosphre. Er verlor sie, ohne es zu
fhlen, ohne es zu merken. Ganz allmhlich glitt er in sie hinein--in
diese abgrndige Leidenschaft, in die immer geffneten, immer
begehrenden Arme dieser fremden Frau. Er, der nicht wute, was Nerven
waren, fhlte sie erwachen und zittern unter den Liebkosungen ihrer
Hnde, und ehe sie Zeit hatten, sich zu beruhigen, wieder erwachen,
bis sie--von einem Tag zum anderen in steter Erregung gehalten--
diesen Reiz nicht mehr zu entbehren vermochten, wie der Trinker sein
Gift.

Gewi, er schwamm noch. Ja, er war jetzt wieder, wo ihre Absagen sich
mehrten und immer fter die unvorhergesehene Abhaltung, nach deren
Grund er nicht mehr zu fragen gewagt htte, eintrat, die flchtige
Zeile, die ihn bat, "_nicht_ zu kommen", er war jetzt wieder mehr
unter seinen neuen Klubbrdern, als vorher, denn er konnte diese
einsamen Abende nicht mehr ertragen, in denen er in unterdrckter
Begierde nach ihr von Kneipe zu Kneipe lief, um den Schlaf zu finden,
der nicht mehr, wie bisher, in der Minute ungerufen zu ihm kam, in
der er sich auf sein Bett warf. Aber er wir kein guter Sportgenosse
und kein angenehmer Gesellschafter unter den "Hechten". Sie wuten es
vorher, hatten es oft genug gehrt, als sie sich um seine
Mitgliedschaft bewarben, da sie im Grunde nur seinen Namen bekamen,
und sie sahen ihm alles nach. Da er ihnen so fremd bleiben wrde
hatten sie wohl nicht gedacht.

Keiner hatte eine Ahnung davon, was ihn der Sportsache innerlich zu
entziehen begann. Felder selbst sah und hrte nicht, was um ihn her
vorging.

Er sah nur noch _sie_.

Eines Abends gab sie ihm ihr erstes Geschenk. Sie saen sich mde und
schweigsam gegenber und wuten nicht wovon sie sprechen sollten. Sie
zeigte ihm ihre Schmucksachen und erklrte ihm ihren Wert. Er sah
Dinge, die er nie geahnt hatte. Wenn er nach ihrem Ursprung fragte,
lachte sie mit ihrem berlegenen Lachen: "O, das war, als sie in
Buenos-Aires gewesen war, der weie Pflanzer"--und dies Halsband kam
aus London "von einem Herrn, der mit dem Prinzen von Wales sehr
befreundet war... ja, dieser 'Prince des Galles'!..."...Und so ging
es weiter, und Felder verstand nichts und begriff noch immer nichts
und wollte auch nichts mehr begreifen.

Sie legte ihm die Ketten und Spangen um, wie einem Kinde, mit dem man
spielt. Und dann kam, was Felder so lange heimlich gefrchtet, und
was er so entschlossen war, schon beim ersten Versuch energisch
abzuweisen: dies Armband, das fr ihr Gelenk etwas zu weit war und
sich so fest um das seine schmiegte, dies goldene Band mit dem daran
baumelnden Schlo sollte er immer tragen als Andenken an sie--so
taten es jetzt die Mnner; und als sie sein Widerstreben sah, kam
dieser malose Zorn ber sie, den er nicht zum ersten Male an ihr
sah--ihre Augen blitzten, und ihre Lippen, die bebten, sprachen
fremde und unverstndliche Worte der Entrstung und der Beschimpfung,
bis sie dann bei seinen vergeblichen Versuchen, das Geschenk
abzustreifen, ihre Wut ebenso schnell wieder verga und in ein Lachen
ausbrach: Oh, er mute es ja behalten, er kam ja nicht los, sie hatte
ja den Schlssel, und den bekam er nicht, nein, den Schlssel
nicht... Und er, erschreckt durch ihren Zorn und gedemtigt durch ihr
Lachen, wagte nicht mehr, ihre erste Gabe zurckzuweisen. Es sollte
nur ihre letzte bleiben,--so beruhigte er sich selbst.

Er trug es, das Armband von Gold.

Nie hatte einer seiner Siege, selbst der des Vorjahres in England
nicht, ein solches Aufsehen gemacht, wie dieses einfache Armband; nie
sprach man so viel von Felder, wie in diesen Wochen, als er mit dem
Goldreif am Arm an den Start ging und schwamm. Man lachte, man
spottete, man schimpfte und forschte nach; man emprte sich, man
zuckte die Achseln, man machte Vorstellungen und--man erriet...
Allerseits aber war man sich einig, da es einfach lcherlich sei fr
einen Mann wie Felder, die dmmste und weibischste aller Moden
mitzumachen, die man den Gigerln und Narren berlie. Ein deutscher
Schwimmer und--ein goldenes Armband!--Es war der unerhrteste
Widerspruch!--

Felder sah und hrte nichts. Hchstens, da er verchtlich lchelte,
wenn die Blicke und Worte allzu zudringlich auf seinem Handgelenk
ruhten.

Hher als sonst streckte er seinen Arm empor, unter die Augen der
Zuschauer: an ihm glnzte der schmale Reif und leise klirrte das
winzige Schlo beim Ansprung gegen die goldene Kette.


3

Er stand noch nicht im Zeichen des Rckganges, wie die bsen und
durch "das Armband" von neuem aufgereizten Stimmen behaupteten. Aber
selbst ruhigere Beobachter, die sich durch uere Dinge nicht oder
doch nur wenig beeinflussen lieen, fanden seit einiger Zeit Felders
Stil nicht mehr so sicher, sein Tempo nicht mehr so flieend wie
bisher.

Vor allem nicht mehr so rein. Er schien Rcksichten auf seine Gegner
berhaupt nicht mehr zu kennen. Es gengte ihm nicht mehr, seine
Siege, wie bisher, in leichtem Kanter nach Hause zu bringen, sondern
er strebte danach, sie auch dem Publikum recht deutlich zum
Bewutsein zu bringen, indem er ihm seine berlegenheit ber die
andern auf alle Weise zeigte. Darunter mute sein Stil natrlich
leiden.

Er fhlte es selbst und sogar einzelne Bemerkungen darber kamen ihm
zu Ohren.

Er war zum zweiten Winterfest des Schwimmerbundes zu einem
Seitenschwimmen gemeldet. Es fiel in den Anfang des Februar. Felder
hatte nicht die Absicht, zu starten; aber da er auf der Sitzung des
"Hecht" wieder einmal nicht anwesend gewesen war, hatte sein Klub fr
ihn die Meldung erlassen, in der berzeugung, damit seinen Wnschen--
die nach mglichster Beteiligung strebten--zu entsprechen. Er war
rgerlich. Man htte ihn doch wenigstens fragen mssen. Wann denn?--
entgegnete man ihm. Man sah ihn ja so unregelmig. Und wenn man ihn
nicht gemeldet htte, wre er ebenfalls bse gewesen und htte von
Zurcksetzung gesprochen.

Er zog die Meldung nicht zurck; es war ihm einerlei. Ein Sieg mehr,
darauf kam es nicht an! Aber das sagte er gleich: zu der langweiligen
Preisverteilung und zu dem noch langweiligeren Tanzvergngen nachher
kam er nicht. Er hatte keine Zeit am Abend; er war eingeladen.

Er war jetzt immer eingeladen, kein Mensch wute, von wem. Aber man
wagte nichts zu entgegnen und war froh, da er keine weiteren
Schwierigkeiten machte. Er erschien, wie jetzt immer, spt auf dem
Fest. Er war die ganze Nacht bei ihr gewesen, und auch am Morgen
wollte sie ihn nicht fortlassen. Er blieb nur zu gern. Sie
frhstckten im Bett, spt, und die Stunden wurden verschleudert bis
ber den Mittag hinaus.

Schnell kleidete er sich aus und trat in die berfllte Halle mit
seinem hochmtigen und finsteren Lcheln auf dem Gesicht. Diese Feste
hatten keinen Reiz mehr fr ihn. Er fhlte weder Erwartung, noch
Aufregung. Er nahm seine Mitwirkung jetzt nur als eine Pflicht, die
von ihm erledigt werden mute, da er nun einmal der Franz Felder war.
Je blder sie getan war, desto besser. Um so eher konnte er wieder
bei ihr sein...

Ungeduldig wartend stand er unter seiner Mannschaft. Er hielt die
Arme gekreuzt ber der Brust und an seinem rechten Handgelenk glnzte
herausfordernd das goldene Armband, als wolle er die Blicke aller
darauf lenken. Kaum, da er seinen Klubgenossen antwortete, wenn sie
mit einer Frage zu ihm traten.... Gleichgltig glitt sein Blick ber
die Wasserflche hin, wo eben ein Rennen zu Ende ging und schnaufende
Gestalten die Lnge des Bassins durchkreuzten.

Sonst hatte Felder nie den Augenblick erwarten knnen, in dem er
selbst ins Wasser durfte. Heute kmmerte er sich nicht einmal mehr um
seine Konkurrenten; er hatte sich kaum die Zeit genommen, ihre Namen
auf dem Programm zu lesen. Wie gewhnlich jetzt, lie er sich Zeit
whrend der ersten Lnge. Bei der zweiten arbeitete er sich vor; bei
der dritten wollte er sich dann nach den anderen umschauen.

Er war gut in der Form heute, aber nicht so frisch wie sonst, so--
schien es ihm. Er nahm daher schon die zweite Lnge von Anfang an mit
Ernst. Bei der dritten wollte ihm der Vorsprung nicht gelingen.
Irgend jemand, er wute nicht wer, lag immer dicht neben ihm und
blieb es bis ans Ende. Er konnte ihn nicht los werden, nicht mit
aller Anstrengung, und die ungewhnliche Erregung am Start brachte
ihn zu der berzeugung, da sein Sieg diesmal sehr gefhrdet worden
war.

Aber es war noch mehr als das. Es war ein totes Rennen. Die Richter
konnten sich nicht einigen und es blieb unentschieden.

Ein totes Rennen--das war weiter nicht schlimm. Ein totes Rennen war
keine Niederlage. Aber es wurmte ihn doch, und er nahm sich vor, in
nchster Zeit wieder einmal zu trainieren. "Sie" erleichterte ihm
seinen Vorsatz, da sie ihm jetzt noch fter absagte, als bisher; so
bte Felder denn wieder fast jeden Abend, teils fr sich allein,
teils auch unbekmmert an den bungsabenden des "Hecht", und er
fhlte sich Herr seiner Kraft, wie immer. Sich die Zeit, wie frher,
nehmen zu lassen, verschmhte er.

Er freute sich besonders auf das nchste Meeting: auf dem Feste des
"Poseidon" wollte er seinem alten Gegner im Gastschwimmen ber die
200 Meter einmal wieder gegenber treten und ihm--was er bisher gern
vermieden--auf dem Fest eines Brudervereins unter den Augen der
Seinen den Lorbeer entreien.

Eine Bemerkung Wenzels gelegentlich seines Springdebuts war ihm zu
Ohren gekommen. Felder hatte sie nicht vergessen, wie er nie etwas
verga, was man ihm zugefgt. Dies sollte seine Rache sein.

Die Konkurrenz war merkwrdig stark besetzt: sechs Schwimmer von sechs
bedeutenden Klubs rangen um den ehrenvollen "Poseidonjahrespreis".
Felder freute sich auf seinen Sieg; er freute sich noch, als er an
den Start ging, obwohl er sich wiederum nicht ganz frisch fhlte.
Aber er war so sicher wie immer.

Dann, als er im Wasser und in der zweiten Lnge lag, geschah etwas,
was er nie fr mglich gehalten htte: er fhlte, wie ihn eine
pltzliche Mattigkeit berkam, und als er--gegen sie mit aller Kraft
ankmpfend--etwa in der Mitte der dritten nicht nur Wenzel leicht
vorauseilen, sondern auch rechts und links je einen Gegner neben sich
liegen sah, da hatte er zum ersten Male seit Jahren das deutliche
Gefhl, da er diesmal nie als Erster ans Ziel gelangen wrde. Und
mit gleicher Deutlichkeit empfand er, da es in diesem Augenblicke
nur einen Ausweg fr ihn gab, um dieser unvermeidlichen Niederlage zu
entfliehen: "Aussetzen!"--

Pltzlich im Schwimmen aufhrend und tief bis zum Grunde des Bassins
niedertauchend, schwamm er dort bis zum Fuende der Leiter, whrend
er ber sich das Rauschen des Wassers unter dem hastigen Wenden der
Konkurrenten hrte, und stieg an ihr hinter ihnen, die ihm seinen
Sieg entfhrten, aus dem Wasser unter die verblfften Zuschauer,
seinem triefenden Krper rcksichtslos Platz schaffend...

Er war an diesem Abend nicht einmal bse, um so mehr, als er hrte,
da nicht Wenzel, sondern ein junger Magdeburger vom dortigen
"Neptun", dessen Namen bisher nie genannt war, Sieger geworden war.--
Er hatte "ausgesetzt". Nun, was war dabei weiter!--Das taten die
grten Schwimmer aller Zeiten und Lnder alle Augenblicke, und das
Wunderbare bei ihm war nur das, da es das erstemal war. Und weil es
das erstemal war, so war er ber jeden Verdacht erhaben, da er den
alten, bekannten Kniff angewandt habe, um einer Niederlage zu
entgehen.

Er--Franz Felder--frchtete keinen Schwimmer der ganzen Welt und
brauchte keinen zu frchten. Das wute jeder. Aber selbst er konnte
einmal unplich sein, und das war er heute. Denn htte er sonst wohl
das Rennen aufgegeben?

Und _den_ Triumph geno er wenigstens an diesem Tage, da keiner,
auch sein rgster Gegner nicht, es wagte, den Verdacht dieses Kniffs
auszusprechen. Die Mutmaungen und Prophezeiungen indessen, in denen
man sich erging, hrte Felder glcklicherweise nicht. Sonst wre
seine Stimmung an diesem Abend doch getrbt worden, die durch die
ungeuerte leise Enttuschung seiner Genossen vom "Hecht" nicht
beeintrchtigt, aber durch die Aussicht auf das nchste Schwimmen
sogar noch bedeutend gehoben wurde.

Denn als Felder sich die erreichten Zeiten des 200-Meter-Schwimmens
geben lie, sah er, da die Leistung dieses jungen, unbekannten
Magdeburgers nicht nur mit Hinsicht auf seine erstklassigen
Konkurrenten, sondern auch in bezug auf die erreichte Zeit eine
auerordentliche genannt werden mute. Sie erreichte natrlich nicht
den von Felder vor zwei Jahren aufgestellten und seitdem von ihm
selbst nie wieder erreichten Rekord von 3:02, aber sie kam doch
bedenklich nahe an ihn heran.

Der junge Seubert hatte die 200 Meter in 3:25 1/5, Minuten gemacht.

Das reizte Felder. Da war das nchste groe Fest, zugleich das letzte
dieses Winters, das erste Jahresschwimmen des neugegrndeten
"Norddeutschen Schwimmkartells", das besonders groartig und
feierlich gestaltet werden sollte, um Zweck und Bedeutung dieser
natrlich wieder aus vielen eiferschtigen Fehden hervorgegangenen
Neugrndung recht zur Wirkung zu bringen, da war dies groe Fest so
recht die Gelegenheit, um sich auch diesmal einen glnzenden Abgang
von der Saison zu sichern und einmal wieder "sich selbst zu
bertreffen", das einzige, was er noch konnte.

Er hatte ja nur ntig, etwas miger zu leben und etwas mehr zu
trainieren. Da allerdings beides ntig war, leuchtete sogar ihm ein.
Dieses pltzliche Versagen der Kraft heute konnte doch kein reiner
Zufall sein. Es durfte jedenfalls nie wieder vorkommen; denn er
konnte wohl einmal "aussetzen", aber nun auch nicht wieder.--

Er tat beides: er war jetzt nicht nur nicht enttuscht, sondern
begrte es sogar mit Befriedigung, wenn eine Absage von ihr eintraf.
Gab sie ihm doch einen freien Abend der unausgesetzten bung, so
eifrig und ernst, wie er seit langem nicht mehr betrieben.

Daran, da es doch eigentlich nur ganz bei ihm stand, ob er zu ihr
gehen wollte oder nicht, da er ihr ebenso abschreiben konnte, wie
sie ihm, daran dachte er nicht einmal. So gro war ihre berlegenheit
in jeder Beziehung und so sehr verstand sie es, wenn er bei ihr war,
ihn durch immer neue Liebkosungen und Liebesbeweise an sich zu
fesseln, da ihm noch immer die Stunden die seligsten waren, in denen
er in ihren Armen liegen konnte, und diesen wundervollen, brunlichen
Krper, dieses hohe, geheimnisvolle Gemach mit dem Glanz seiner
Lichter und seinem verschwenderischen Luxus, diese stillen, faulen
Stunden des spten Abends und der Nacht, ja, die leisen, unmerklichen
Dienste der schattenhaft auf den schrillen Ruf der Gebieterin herein-
und heraushuschenden Alten sein eigen nennen konnte; und alles, was
er versuchte, war, sich in Augenblicken, wo seine trgen Gedanken,
durch die Freude auf seinen nchsten Sieg und durch eine keinen
Sportmeister je ganz verlassende Angst, seiner Kraft zu schaden,
aufgestachelt, in beklemmender Ahnung sich von ihr wandten, alles,
was er vermochte, war: sich dieser unersttlichen Leidenschaft,
diesen erschlaffenden Umarmungen einmal, nur fr heute, zu
entziehen...

Diese Frau, die ihm, ihm unter allen, ihre Liebe geschenkt hatte, wie
er glaubte, und die er darum, darum vor allen wieder liebte--sie war
noch immer sein Leben.


4

An diesem Tage kam, was kommen mute: seine erste Niederlage--der
Anfang vom Ende.

Seit drei Tagen hatte er sie nicht gesehen, und als er das letztemal
bei ihr gewesen war, hatte er sich ihren Umarmungen wortlos und
entschieden entzogen, so da ihr Zusammensein ein ganz kurzes war.
Sie bi die Lippen aufeinander, aber sie sagte kein Wort.

Felder kleidete sich heute mit besonderer Sorgfalt an und lie seine
Brust an Bndern und Mnzen tragen, was sie nur fassen konnte. Das
Armband, bei der tglichen Arbeit so hoch wie mglich hinaufgeschoben
und von dem wollenen Hemde so bedeckt, da es noch von niemand in der
Fabrik entdeckt worden war, wurde auf das Handgelenk heruntergezogen
und abgerieben, so da es glnzte und funkelte.

In diesem bei allen so verhaten Zeichen wollte er heute siegen, und
so wollte er siegen, da nicht nur das letzte Lcheln ber "das
Armband" verstummen, sondern auch das andere Lachen, das, welches er
noch immer in seinen Ohren fhlte, das Lachen jenes schrecklichen
Tages, schweigen sollte auf immer, um nie mehr gehrt zu werden.

Das erste Fest des "Norddeutschen Schwimmkartells" wollte zugleich
das erste sein, das die neuerbaute Schwimmhalle der Stadt
Charlottenburg erlebte, und man hoffte, es besonders glnzend zu
gestalten, obwohl die grten und angesehensten Berliner Vereine,
unter ihnen der S.-C. B. 1879, wie berhaupt alle dem "Verbande"
angehrenden Vereine naturgem fehlten. Aber es stand von Anfang an
unter keinem guten Zeichen. Obwohl die Stadt Charlottenburg ihre
Vertreter geschickt hatte, war doch das groe Publikum, das sich
offenbar an den Winterfesten satt gesehen und die Sommerschwimmen
erwarten wollte, nur schwach vertreten und fllte kaum die erste
Reihe der weiten Galerien. Zudem war das Wetter miserabel: ein
nakalter, grauer Mrztag, und mancher, der gekommen wre, war noch
in letzter Stunde zu Hause geblieben.

Felder war heute pnktlich und verlor sich mit der kleinen Mannschaft
der Gelb-Schwarzen in einer Ecke der weiten, schnen Halle, in der
bereits jetzt alle Bogenlampen brannten.

Das Programm wickelte sich langsam und ohne besondere Teilnahme von
irgendeiner Seite ab. Nur gegen seine Mitte brachte ein
unvorhergesehener Zwischenfall etwas Leben unter die Anwesenden. Es
war beim Tauchen nach Tellern. Dreiig flache Emailleteller waren
bereits dreimal smtlich aus einer Tiefe von vier Metern hervorgeholt
worden--eine hervorragende Leistung--und es schien auch dem Vierten
gelingen zu wollen, so lange blieb er unter Wasser.

Felder stand bereits ausgekleidet dicht neben dem Starter und sah zu.
Dann merkte er pltzlich mit seinem erfahrenen Blick, da irgend
etwas dort unten nicht in Ordnung war, und als er fragend den neben
ihm Stehenden ansah, hrte er auch schon dessen halblaut
hervorgepreten bestimmten Befehl: "Hinunter!"--

Er ging sofort in die Tiefe und sah dort den Taucher bereits
bewutlos mit dem Gesicht nach unten ber den zuzammengerafften
Tellern liegen. Mit Felder war ein zweiter ins Wasser gegangen, und
beide hoben den leblosen Krper bis zur Leiter und an ihr hinauf zum
Wasserspiegel, wo er von vielen Hnden sofort in die Hhe gezogen und
nach hinten getragen wurde.

Als Felder, der erst nach dem nchsten Lauf an die Reihe kam, dorthin
folgte, war der Bewutlose bereits unter den Hnden des Arztes wieder
zu Atem gekommen, und Felder hrte, wie seine erste Frage der
Tellerzahl galt, die er ans Land geschafft zu haben glaubte. Als er
vernahm, was geschehen war, wurde er auch noch bse darber, da man
ihn nicht lnger drunten gelassen, denn er wrde auch die letzten
sicher noch bekommen haben!...

Die andern lachten und rgerten sich, aber Felder war es nicht ums
Lachen. Soweit war es also gekommen, da diesen jungen Leuten ihr
Leben schon nichts mehr galt, wenn es darauf ankam, ihren
lcherlichen Ehrgeiz zu befriedigen--so hrte er neben sich einen
alten Herrn zu einem anderen sagen; und er mute sich unwillkrlich
fragen: War es mit ihm anders?--Htte er nicht auch sein Leben um
einen Sieg gegeben?--

Drauen hatte sich die Stimmung der Anwesenden nach dem peinlichen
Vorfall nicht gebessert, und man beeilte sich mit der Abwicklung der
nchsten Nummern, um die Aufmerksamkeit abzulenken.

Dann kam das groe Rennen des Tages mit seinem unerwarteten, in
seinen Resultaten geradezu verblffenden Verlauf, das Hauptschwimmen
ber 175 Meter, in dem zwei der jngsten Schwimmer aus dem Nachwuchs
die Preise errangen, whrend nicht nur Wenzel vom "Poseidon", und
Karl Becker, der Meister Sddeutschlands, sondern auch Felder, Franz
Felder, der vierfache Meister Berlins, der Meister Deutschlands, der
"Champion der Welt", nicht nur zurck-, sondern berhaupt unplaziert
blieben!--

Wie es geschah, wie es geschehen konnte, das Unerhrte--keiner
begriff es recht.

Felders Vorsatz ging auf einen glatten Sieg in gutem Stil ohne
vllige Kraftausgabe. Er hielt ihn inne whrend der beiden ersten
Lngen, gab ihn auf bei der dritten und verga ihn vllig bei der
vierten. Aber es ntzte ihm alles nichts.

Er kam nicht vorwrts. Er sah immer die alten Gegner neben sich, die
neuen sich voraus; diese beiden jungen Leute, von denen er den einen
nur aus einem einzigen Schwimmen und den anderen berhaupt nicht
kannte. Und als er zum letzten Male bei dem pltzlichen Aufhren der
Musik wandte und mit seinem wahnsinnigen Seitenschlage den einen fast
erreicht hatte, schlug der andere bereits an, und der Sieg war
verloren.

Er ging erst ans Ziel gleich hinter dem zweiten.

Was geschehen war, begriff er erst recht, als er den jungen Seubert,
keuchend, aber selig, die Glckwnsche in Empfang nehmen sah und in
das junge, glckliche Gesicht blickte, das auch ihm zulchelte, als
erwarte es auch von ihm ein freundliches Wort oder einen Hndedruck.

So, ganz so, etwas verlegen, aber doch mit einer gewissen naiven
Selbstverstndlichkeit, als gehre es sich so, hatte er seine ersten
Triumphe entgegengenommen und seinen besiegten Gegnern ins Gesicht
gesehen.

Er dachte natrlich nicht daran. Er fhlte einzig nur die Schmach,
die er--seiner Ansicht nach--in diesem Augenblicke erlitt, wo er
seinen Stern lautlos fallen und in den Tiefen verschwinden sah, und
das harmlose Lcheln auf dem Gesicht dieses jungen Menschen schien
ihm nur Spott und Hohn zu bedeuten, so da er am liebsten
hineingeschlagen htte.

Kein Mensch kmmerte sich um ihn, keiner trat, wie sonst immer, zu
ihm und sprach mit ihm. Mit hastiger Wendung kehrte er sich zu den
anderen Schwimmern um, seinen alten Gegnern, mit denen er sich in
dieser Minute fast verwandt fhlte. Denn sie erlitten das gleiche.
Aber klger als er waren sie am andern Ende des Bassins ans Land
gegangen und so allen Errterungen entflohen.

Da griff auch er nach seinem Tuch und eilte zu seinen Kleidern. Als
er an der ganz bestrzten und heftig debattierenden Gruppe des
"Hecht" vorbeikam, wehrte er mit ungeduldiger Gebrde jede Frage und
Begleitung von sich.

Er fhlte jetzt nur, da er allein sein mute.

Er konnte niemanden um sich haben.

Ohne aufzusehen und ohne sich von einem Menschen zu verabschieden
verlie er das Fest.--

Es war noch frh, aber auf den Straen brannten bereits die gelben
und weien Lichter. Ein dichter und khler Regen ging nieder wie
Staub.

Felder ging die breite, gerade Strae bis zum Tiergarten, er
durchschritt ihn auf kotigen, dunklen Wegen, bis er ans Brandenburger
Tor kam, ging die Allee der Linden herunter, verlor sich in dem
Straengewhl des Zentrums, immer noch ohne zu wissen, wohin er
wollte, und sah erst auf, als der Regen sein heies Gesicht wie
Schlge zu treffen begann. Er war zwei Stunden gegangen wie zwei
Minuten. Er wute es nicht einmal. Er befand sich in der Nhe des
Moritzplatzes.

Er mute allein sein, ganz allein... Schon die wenigen Menschen um
ihn herum auf den Straen strten ihn. Der Name einer alten Weinstube
in der Nhe fiel ihm ein. Er war dort ein- oder zweimal frher
gewesen, mit seinen Freunden. Vielleicht war das Hinterzimmer frei.

Er traf es so.

Erst als er eintrat und den berzieher zurckschlug, wurde er gewahr,
da er sich im Schmucke seiner Ehrenzeichen befand, der hastig beim
Ankleiden bergestreiften Bnder und der Mnzenmenge auf seiner
Brust. Schnell verdeckte er sie wieder, und whrend er seinen Rock
auszog, streifte er alles ab und verbarg es in den Taschen, wie
geraubtes Gut.

Er war ganz allein in seiner Ecke, nachdem ihm der Wirt den Wein
gebracht. Sogar im Vorderzimmer spielten nur ein paar Stammgste, die
sein Eintreten berhaupt nicht bemerkt hatten, einen stillen Skat.

Er trank, sah vor sich hin und grbelte nach. Er konnte es noch immer
nicht begreifen, was geschehen war!--

Dann zog er zgernd ein kleines, abgentztes, in braunes Leder
gebundenes Buch aus der Brusttasche, das er stets bei sich trug.
Dieses Buch war ihm nach einem seiner ersten Aufsehen erregenden
Siege--wie lange war es schon her!--von einem lteren Mitglied seines
alten Klubs geschenkt worden, und der Geber hatte ihm dabei gesagt:
"Immer knnen Sie nicht siegen, aber so viele Seiten dieses kleine
Buch hat, so viel Siege wnsche ich Ihnen und uns..." Und Felder
hatte wie zum Scherz die Seiten gezhlt: 103. Koepke nahm das Buch
mit nach Hause, und als er es Felder wiedergab, fand dieser in
tadelloser Rundschrift und mit kaufmnnischer Genauigkeit von Anfang
an bis heute seine smtlichen Beteiligungen an den Festen des
Schwimmsports eingetragen: ihren Tag und Ort, ihre Veranstalter, die
Art der Konkurrenz und wer an ihr teilnahm, ja die Stunden--alles war
registriert und seine Siege schn unterliniert und mit roter Tinte
prchtig hervorgehoben: ihre Art, die gemachten Zeiten, die
errungenen Preise aufs genaueste verzeichnet... Und jedesmal nach
einer neuen Beteiligung oder nach einer Reise erhielt Koepke das
kleine, braune Buch, um es am nchsten Tage wieder zurckzugeben,
bereichert um ein neues Blatt, das in nchternen Worten und Zahlen,
aber doch so beredt von herrlichen Mhen und herrlichen Siegen
sprach.

ber kein Geschenk hatte Felder sich je so gefreut, wie ber dieses.

Oft hatte er in stiller Stunde in dem Buche geblttert, aber noch nie
hatte er so sorgfltig Blatt um Blatt gewandt, vom ersten bis zum
letzten, wie heute. Selten erst, dann immer fter, endlich fast auf
jeder Seite zeigte sich die rote Linie unter seinem Namen, und immer
fter kehrten die Worte wieder: "Erster: Franz Felder..."

Da stand sein Name, immer und immer wieder als der Erste, der
Erste..., der Erste!--und unter ihm standen die Namen seiner
Gegner--alle diese berhmten, gefrchteten Namen, die groen Kanonen
der Schwimmkunst, aus allen Gegenden Deutschlands und so vielen
Lndern Europas... Und immer wieder _sein_ Name ber allen als
Sieger!...

Er bltterte und bltterte--jedes neue Blatt ein neuer Sieg: ein
Lorbeerblattmehr in einem dichten Kranze!--

Fast keine Niederlagen, hier und da ein zweiter Preis, sonst immer
nur erste, erste, erste...

Er fing von vorn an und zhlte die beschriebenen Seiten: 82. Und er
zhlte die siegreichen: 73.

Bis zur letzten!--Bis--heute!--

Und auf diesem leeren Blatt, dem dreiundachtzigsten, sollte zum
dritten Male nacheinander nicht nur der rote Strich, sondern sein
Name berhaupt fehlen--oder es sollte leer bleiben, leer... Nein, das
durfte nicht sein!--

Der Schrecken griff pltzlich wieder nach seinem Herzen, derselbe
Schrecken, den er vorhin empfunden, als er seine Gegner vor sich sah
und fhlte, wie seine Kraft versagte, sie noch zu erreichen; aber
nicht die Furcht ber die Gefahr einer Niederlage war es gewesen,
sondern etwas anderes, ein Neues, ein Unbekanntes: das Erschrecken
ber etwas Unglaubliches, Unerhrtes--ber die Unwillfhrigkeit
seiner Kraft!--

Was war das?--Was war das auf einmal, das so pltzlich gekommen?--

War er wirklich schon dort angelangt, wo es kein ber sich selbst
Hinausgehen mehr gab?--Dann konnte jeder ihn schlagen, der ihm nur
gleich kam!--Dann war er schon am Ende.

Alle dsteren Prophezeiungen seiner Gegner fielen ihm ein: "Schneller
Aufgang, schneller Abstieg..." Und ein Mahnwort Nagels: "Du hast frh
angefangen, frh wirst du deshalb aufhren..."

Bis heute hatte er darber gelacht. Aber jetzt lachte er nicht mehr.
Es war ihm nicht mehr ums Lachen. Denn er war sich bewut, in diesen
letzten Wochen nichts versumt zu haben. Es hatte ein totes Rennen
gegeben, dann ein Aussetzen--aber beides war erklrlich, sogar
natrlich bei der Nachlssigkeit, mit der er in den vergangenen
Monaten seine Sache behandelt. Aber zu heute hatte er trainiert--
trainiert wie immer sonst--was war das also?!--

Er sa und grbelte, und trank und grbelte, und grbelte...

Und wieder griff die Angst nach seinem Herzen, die furchtbare, die
unbekannte Angst!--

War es etwa schon mehr?--War es schon eine Abnahme seiner Kraft?--War
er schon nicht mehr derselbe?--Blieb er schon hinter sich selbst
zurck?--Unmglich!--Mit zwanzig Jahren?--Da, wo die Kraft noch wuchs
von Tag zu Tag.--

Lcherlich!--Mit fnfundzwanzig wollte er anfangen, daran zu denken.
--Aber bis dahin wollte er sie, seine Kraft, wachsen, wachsen und
siegen sehen ber alles, was sich ihr in den Weg stellte!

Es war eine Indisposition heute, was war das weiter!--Wer hatte die
nicht zuweilen? Deshalb ntzten auch die verdammten Sinnierereien
nichts. Jetzt mute geschwommen werden, darauf kam es an.

Er trank und klappte das Buch zu. Die Seite blieb nicht leer, das war
sicher: die dreiundachtzigste. Auf der sollte ein Sieg stehen. Und
zwar bald!--

Denn es konnte einfach schon deshalb nicht sein, weil es nicht sein
_durfte!_

Wie Felder das Buch in die Rocktasche schieben wollte, stopfte es
sich dort gegen knisternde Papiere. Er zog sie hervor und sah, da es
ihre Briefe waren. Der sliche, fahle Duft eines seltsamen Parfms
stieg zu ihm aus den zerknitterten Blttern auf, und er fhlte, wie
es pltzlich wieder aus war mit seinem neuen Mut und seiner Frische.

Dieser Duft machte ihn schwach, und es half ihm nichts, da er die
Bltter zusammenballte. Wie er sie loslie, legte sich das steife,
englische Papier auseinander, und es entstrmte ihm dieser Duft, den
er so gut kannte, der allem anhaftete, was von ihr ausging: ihren
Kleidern, ihren Handschuhen, ihrem Atem, diesem Papier--ihm selbst!--
Ja, ihn selbst hatte dieser Duft frmlich durchtrnkt in diesen
letzten Monaten, so da er ihn pltzlich versprte, wenn er eines
seiner Kleidungsstcke zur Hand nahm... Er wurde ihn nicht mehr los,
diesen Duft, der ihn berall umgab, wo er ging und stand--lockend,
begehrlich, geheimnisvoll und aufreizend wie sie selbst, so da er an
sie denken mute ohne Aufhren.

Was ntzte es, da er diese Papiere von sich schob, diese Rufe nach
ihm, die er nun schon Monate lang hrte: erst strmisch und
sehnsuchtsvoll, erst alle Tage, dann, je seltener sie wurden, immer
herrischer und krzer, bis sie nur noch der Befehl waren: "Heute
abend um 9"--oder "Erst morgen!"--

Welche Macht sie ber ihn gewonnen, diese Frau, von der er noch immer
nicht einmal wute, wer sie war!--

Und wie Felder sa und grbelte, und grbelte, wurde es ihm klar,
warum er heute unterlegen war, warum er in der letzten Zeit nicht
mehr die alte Kraft in sich fhlte, die unbesieglich gewesen war; und
eine malose Wut kam ber ihn gegen die, die ihm seine Kraft geraubt.
Er ballte die Hand um den Rand des Tisches, da er sich bog und das
Glas klirrte.

Und dann kam, blitzgleich, auch die wahre Erkenntnis dieses
Verhltnisses ber ihn.

Was sie begehrt hatte, das war seine Jugend, seine Kraft und seine
Frische gewesen. Und was sie begehrte, hatte sie ihm genommen: die
Jugend, die Kraft und die Frische seines Krpers!--Stck fr Stck,
in unersttlicher Habgier war ihm, ohne da er es fhlte und ahnte,
eines nach dem anderen von ihr genommen, in unzhligen Umarmungen,
mit Kssen und Schmeicheln, bis sie ihn zu dem gemacht, was er heute
war!

Alles, was er besa, das einzige, das er sein eigen nannte, hatte sie
ihm geraubt: seinen Ruhm!--Sein Ruhm aber war sein Leben. Sie hatte
es zerstrt.

Er aber, er war so blind und so tricht gewesen, nicht zu merken, was
sie eigentlich von ihm wollte. Wie ein dummes Tier war er in die
Falle gegangen; wie ein Hund war er ihr nachgelaufen; wie ein ...
nein, er vermochte nicht weiter zu denken.

Denn jetzt wute er auf einmal auch, wer sie war.

Eine groe Abenteuerin, irgendwo in einem Winkel von
zusammengelaufenen Eltern erzeugt, frh verdorben, frh gelehrt, ihre
Schnheit als erstes und eintrglichstes Erwerbsmittel zu betrachten,
sie gelehrig in unstetem Wanderleben durch alle Lnder der Welt
schleifend, und alles mitnehmend, was sich ihr bot: hier die Alten
und dort die Jungen.

Die Alten, die sie begehrten und bezahlten, und die Jungen, die von
ihr ausgesucht und bezahlt Wurden!--Und einer von diesen Jungen war
er gewesen--er, Franz Felder!--

Nicht mit solchen Worten sagte er sich dies alles, aber er empfand es
alles so und fhlte, da es wahr war. Und er htte schreien mgen,
schreien vor Wut und vor Scham... Ihn, ihn hatte sie nicht bezahlt,
nein, das hatte sie nicht gewagt!--Aber wie lange noch, und es wre
auch dahin gekommen. Wieviel versteckte Anerbietungen hatte sie ihm
nicht schon gemacht, wie oft nicht versucht, mit ihm scherzhaft oder
gleichgltig von Geld zu sprechen, diesem Gelde, das sie verachtete,
weil sie es durch Arbeit nicht verdiente: damit er es nehmen solle
von ihr als--Lohn...

War ihm selbst nicht eines Tages, wenn auch nur ganz flchtig, der
Gedanke gekommen, eines dieser Anerbietungen, nicht anzunehmen, o
nein, aber als Darlehen zu benutzen, da es mit seinem Gelde zu Ende
ging, als Darlehen fr eine kurze Zeit, bis er sich in England durch
neue Siege neues geholt?--Es war nicht dazu gekommen, es war bei dem
flchtigen Gedanken geblieben. Aber er hatte ihn doch gedacht...

Auch gegen Geschenke hatte er sich bis heute gewehrt. Das einzige,
was er je angenommen, war das Band an seinem Handgelenk, die Kette
von Gold.

Aber sie war nicht unzerbrechlich. Sie band ihn nicht an sie.

Er griff mit den Fingern der lenken Hand zwischen sie und das Fleisch
und versuchte sie abzustreifen, obwohl er wute, da es nicht ging.
Und seine Wut stieg, als er sah, wie vergeblich es war.

Aber das sollte ein Ende nehmen, jetzt gleich, noch heute abend!

Er ri sich aus dem Hinbrten auf und rief nach dem Wirt. Er hatte
vier Stunden auf diesem Fleck gesessen. Als er nach der Uhr sah, war
es gegen Elf.

Der Regen drauen war strker geworden. Felder fhlte ihn nicht. Er
ging der Friedrichstadt zu.

Das Haus war offen. Natrlich: dieses Haus war nachts immer offen,
und die Treppen lagen in ihrem ewigen Zwielicht. Weshalb war ihm das
nie so aufgefallen, wie heute?--

Er klingelte an ihrer Tr. Er klingelte nochmals. Endlich hrte er
die schlrfenden Schritte der Alten und ihre Stimme. Er schlug gegen
die Tr und rief um Einla.

Als sie sich ffnete, schob er das Weib beiseite, das bei seinem
Anblick wie erstarrt war. Es war das erstemal, da er unerwartet kam.
Er kmmerte sich nicht im geringsten um die Fragen und Beteuerungen,
da Madame nicht zu Hause sei. Er hrte nicht hin, er verstand das
Kauderwelsch nicht. Er wollte Madame erwarten, sagte er kurz. Sie
wrde schon kommen.

Er ri die Tr zu dem groen Zimmer auf. Es war beleuchtet und warm,
wie immer. Aber sie war nicht da. Sie war auch nicht im Schlafzimmer.
"Ich werde Madame erwarten," sagte er nochmals, und mit solchem
Ausdruck in dem blassen Gesicht, da sich die Alte endlich mit
Jammern und Wimmern zurckzog. Felder merkte es nicht einmal.

Er lief im Zimmer umher und warf berall rcksichtslos die
Gegenstnde durcheinander. Er suchte den kleinen Schlssel zu dem
Armband. Als er nicht fand, was er suchte, begann er die Arbeit an
seinem Handgelenk von neuem: er zerbrach eine goldene Hutnadel und
eine Schere, er zerrte, bis seine Finger bluteten. Endlich gab er es
auf, warf sich in einen Sessel und wartete.

Wie lange?--Er hatte keine Ahnung.

Das Licht der Ampel trieb das Dunkel in die Ecken des Gemaches und
ein schwaches Rot auf seine Wangen, wie die Rte der Scham.

Ja, er schmte sich. O, wie er sich schmte!--

Er htte weinen mgen und konnte es nicht. Die innere Wut erstickte
seine Trnen.

Er lag wie in einem Halbschlummer.

Pltzlich fhr er empor. Er hrte drauen Stimmen: das klagende
Wimmern der Alten und ihren herrischen, emprten Aufschrei der
Verwunderung. Die Tr wurde aufgestoen, und sie stand vor ihm:
hochaufgerichtet, in groer Toilette, die Arme und die herrlichen
Schultern entblt, Zorn in den Augen und auf den roten Lippen. "Wer
ist hier?--Du?--Was willst du hier?--Wer hat dir erlaubt--"

Er ging auf sie zu. Die ganze Raserei dieser Nacht brach in ihm los.
Als sie seine Augen sah, wute sie alles. Aber sie hatte keine Angst.
Sie kannte keine Furcht und ihre Lippen verzogen sich leise und
spttisch.

Wie er das sah, griff er sie bei den Armen. Er wute nicht, was er
mit ihr tun sollte, er wute nur, da er sich rchen wollte an diesem
Geschpf, das ihn beraubt.

Sie bog sich wie eine Katze unter dem Druck seiner rauhen Hnde. Und
auf diesem selben Platze, auf dem sie an jenem ersten Abend
miteinander gerungen in begehrender Liebe, rangen sie nun in
widerstrebendem Ha.

Von seinem mihandelten Handgelenk flo Blut und befleckte die Seide
ihres Kleides und ihre weiche, brunliche Haut, whrend ihre Lippen
unerhrte Beschimpfungen, die er nicht verstand, von sich
schleuderten.

Immer wieder versuchte er, sie niederzuzwingen, und immer wieder flog
ihr schlanker Krper empor wie eine Gerte unter seinen Hnden.

Es war, als ob er seine Kraft an sie gegeben habe in diesen paar
Monaten...

War es das, oder war es der Duft, der von ihr ausging und ihn
betubte, da er sie nicht niederkriegen konnte?--

Kurz: er fhlte, da er auch hier der Schwchere geworden war...

Da gab er sie frei und taumelte hinaus, verfolgt von ihrem hhnischen
und triumphierenden Lachen.


5

Bis zum Morgen ging er durch die Straen. Als es dmmerte, schlug er
die Richtung nach dem Norden ein.

Um sechs Uhr war er an den Toren der Fabrik und der erste, der
eintrat. Er ging in die mechanische Werksttte. An einem der
Schraubstcke stand er eine kurze Weile. Als er zurck kam, hielt er
das gesprengte Armband in der Hand.

Noch fast eine Stunde ging er durch die den Gassen dieser Gegend.
Irgendwo schleuderte er das Armband auf einen Kehrichthaufen. Dann
erst wusch er sich an einem Brunnen die Hnde, verband sich das
blutende Gelenk und trank in einer Destillation eine Tasse Kaffee. Um
sieben Uhr war er an seiner Arbeit. Den Morgen ber sprach er kein
Wort. Am Mittag fhr er nach Hause, warf sich auf sein Bett und
schlief wie ein Toter.

Als er erwachte, war ein neuer Tag angebrochen. Mit ihm begann ein
neues Leben fr Franz Felder.--

Wenn das Leben, welches er vor einem Jahre vor seinem neuen, groen
Ziele der Springmeisterschaft gefhrt hatte, ein einfaches und
enthaltsames gewesen war, so war das, welches er jetzt lebte, noch
spartanisch dagegen zu nennen. Es zerflo zwischen Arbeit und Ruhe,
und sein einziger Zweck war fr Felder einstweilen: die
Wiedererringung seiner Kraft. Nicht dessen, was andere Menschen
Gesundheit und Kraft nennen. Die allermeisten htten ihn um die seine
beneidet. Nein, jener berlegenen, herkulischen Kraft, die er ntig
hatte.

Daher strich er von einem Tage zum anderen alles aus seinem Leben,
wodurch er glaubte, sie auch nur um ein Minimum vermindert zu haben:
das Glas und die Frau, denn beides war Gift und Krankheit; jeden
Verkehr, denn der nahm ihm die Zeit zur ntigen Ruhe; jede Freude,
denn er wollte von ihr nichts mehr wissen; und um ganz sicher zu
sein, strich er gleich alles auf einmal!

Das einzige, was er sich noch gnnte an Genssen, war eine mglichst
gute und nahrhafte Kost und zuweilen ein Glas starken Weines. Und
Schlaf, viel Schlaf!--

Die Arbeit war ihm lieb. Sie hielt seine Krfte im Gleichgewicht,
ohne sie zu verbrauchen.

Auerdem verlieh sie seinem Leben die ntige Regelmigkeit. Da er
mit seinem Gelde zu Ende und ganz auf sie angewiesen war, htete er
sich vor jeder unntigen Ausgabe. Er kleidete sich wieder wie frher
und achtete selbst an den Feiertagen kaum auf sein ueres. Wozu
auch? Es sah ihn ja niemand mehr.

Er nahm sich nicht die Mhe, seinen Austritt aus dem Verein "Hecht"
diesem anzuzeigen. Er sandte gelegentlich sein Trikot zurck. Sie
hatten seinen Namen wohl bereits aus der Mitgliederliste gestrichen.
Was lag ihm daran!--Er hatte nie Fhlung mit diesen Leuten gehabt,
unter denen er fremd, denen er nur der Meisterschwimmer Europas
gewesen war, die ihn fr Siege, aber nicht fr Niederlagen gebrauchen
konnten.

Er sah selbst Koepke kaum mehr, und damit zerri auch, das letzte
Band, das ihn noch an sein frheres Leben knpfte. Wenn er ihn
gelegentlich traf, tranken sie ein Glas Bier zusammen. Dann erzhlte
der alte Getreue Felder, wie er "ebenfalls der Schwimmsache Valet
gesagt habe", da sie ihm keinen Spa mehr mache, seitdem Felder nicht
mehr dabei sei. Er war in einen kaufmnnischen und in einen Kegelklub
eingetreten und spielte in beiden bereits seine alte Rolle des
Lasttieres mit unverhohlener Wonne weiter.

Felder lchelte krampfhaft. Also er hatte dem Schwimmen Adieu
gesagt!--Das sagte man also von ihm!--Nun, man wrde ja sehen...

Das neue Leben fiel ihm nicht schwer. Er dachte wenig und er fhlte
sich ganz wohl.

Nur die langen Sonntage waren schlimm. Es wre ihm am liebsten
gewesen, sie htten nicht existiert. Wenn er sie htte durcharbeiten
knnen, alle diese Wochen, einen Tag wie den anderen, ihm wre es
Recht, dachte er oft. Nun mute er sich mit den Sonntagen abfinden,
diesen endloslangen Nachmittagen, mit denen er nichts mehr anzufangen
wute, und er ging jetzt sogar das eine oder andere Mal mit seinen
stillen Eltern und den lauten Geschwistern, die darber hchst
erstaunt waren. Aber auch das gab er bald auf, denn er wute mit
ihnen nichts zu reden. Die huslichen Dinge langweilten ihn, und ber
das eine konnte er doch nicht sprechen, weder mit ihnen, noch mit
irgend jemand auf der Welt... Wer verstand das?--Er kannte keinen.

So ging er denn schlielich auch an diesen Nachmittagen seine
einsamen Wege: zu all den Orten, wo er frher so glcklich gewesen
war und die jetzt de und verlassen unter dem ewig grauen Himmel
lagen. Denn es wollte dieses Jahr nicht Frhling werden. Eine dnne
Eisschicht bedeckte noch den Kochsee, als er eines Tages dort durch
die Spalten der festverschlossenen Umzunung sah, und kahl und
traurig starrten die Gerste und Planken der anderen Badepltze in
die Hhe--am Pltzensee und in Grnau, wohin er auch kam,--kahl und
frostig wie die Bume, deren laublose Stmme sich regungslos von dem
braunen Boden der Landschaft abhoben. Sie stimmten ihn nicht
frhlicher, diese einsamen Ausflge, auf denen unvergessene
Erinnerungen ihn immer von neuem in ihrem Bann zogen. Aber er wute
nichts anderes zu tun, und so fuhr er immer wieder hinaus und ging
oder stand oft stundenlang, in Gedanken versunken, auf den
verlassenen Sttten seiner Siege und seines Glckes...

Besser wurde es erst, als es Frhling wurde.--

In der ersten Zeit schwamm er nur selten. Er wagte sich nicht in die
Schwimmhallen, aus Besorgnis, dort Bekannte zutreffen. Er frchtete
geradezu jede Frage, jedes Wort, jede Anspielung auf seine
Niederlage... Er htte sie nicht ertragen. Dann, als er wieder
allabendlich nach der Arbeit badete, vermied er mit derselben
Sorgfalt, wie im Vorjahre, die bungsabende der Klubs und ging an dem
einen Tage hier-, an dem anderen dorthin, wo er sicher sein konnte,
mglichst allein zu sein. So besuchte er alle Winterbder, wie es
gerade kam. Nur in jene kleine, dunkle Halle im Sden der Stadt, wo
er vor einem Jahre tglicher Gast gewesen war, ging er nie mehr...
Diese Erinnerungen sollten begraben bleiben und durften ihn jetzt
nicht stren. Er schwamm einstweilen noch ohne jeden Gedanken an ein
neues Training. Alles, was er wollte, war, seine ganze Kraft
wiederzufhlen, ehe er daran dachte, sie von neuem zu ben. Er
glaubte nmlich allen Ernstes, das Gefhl seiner Kraft verloren zu
haben. Einmal schwankend geworden an ihr, war er wie der eingebildete
Kranke, der stets die Krankheit zu haben glaubt, von der er hrt. Er
war irre an sich geworden, weil er angefangen hatte, ber sich
nachzudenken.

Er frchtete sich, die Zeit nehmen zu lassen. So schwamm er
vorderhand noch in allen mglichen Stilarten und alle mglichen
Lngen, wie es ihm gerade in den Sinn kam, ohne auf sich und seine
Umgebung zu achten. Und das ungeheure Wohlbehagen, das er immer
empfand, wenn er im Wasser war, ergriff ihn wieder, und tglich mehr
und mehr... Mit dem Wohlbehagen aber fhlte er zugleich seine Kraft
wieder, und seine bungen wurden ernster, wenn er sie auch noch nicht
prfen lie.

Dann hrte er eines Abends, als er seine hundert Meter zum dritten
Male so ganz fr sich geschwommen, wie ein Herr, den er nicht kannte,
der ihn aber beobachtet und zu seinem eigenen Vergngen nach der Uhr
gesehen hatte, sagte: 1:21.

1:21?!--Aber das war ja seine eigene, frhere gute Zeit, das kam nahe
an den von ihm selbst vor zwei Jahren in Wien aufgestellten Rekord
heran, als er so glnzend disponiert war?--Dann, dann--besa er sie
ja wieder, seine verlorene Kraft!--Dann ging es ja wieder!--

Er bat den Fremden, ihm doch nochmals die Zeit zu nehmen. Er schwamm
die hundert Meter zum vierten Male, und zwar bewut ohne besonderen
Kraftaufwand. Und seine Zeit blieb gut.--

Er freute sich noch nicht. Er wagte es nicht. Aber in seine wahllosen
bungen kam von jetzt ab wieder ein gewisser Sinn.

Er schwamm von neuem alle Stilarten und alle Lngen durch, lie sich
die Zeit nehmen, wenn er gerade den Bademeister oder sonst einen
Bereitwilligen dazu fand, und ohne noch in ein bestimmtes Training zu
treten, erprobte er doch schon--vorsichtig und unsicher wie ein
Anfnger--seine Fertigkeit.

Allmhlich wurde er ruhiger, je sicherer er wurde. Er konnte sich
nicht mehr verhehlen, da sein furchtbares Erschrecken nach jenen
ersten, im Grunde belanglosen Niederlagen tricht und bertrieben,
und da von einer ernstlichen Erschtterung seiner Kraft wohl nie die
Rede gewesen war; da ein paar Wochen ruhigen Lebens sie vielleicht
ganz von selbst in das alte Geleise gebracht htten und so eigentlich
dieser ganze Bruch unntig und im Grnde etwas lcherlich und darum
eigentlich beschmend war...

Aber eines blieb trotz allem. Wenn auch seine Kraft nicht erschttert
war, sein Selbstvertrauen war es auf jeden Fall!--Dieses stolze
Selbstvertrauen, entstanden nicht im einer Stunde, sondern aus
empfangsfhigem Boden schchtern und langsam emporgewachsen, stetig
erst bewssert durch kleine, dann genhrt durch immer grere
Erfolge, Wurzel schlagend in beispiellosen Siegen und endlich
untrennbar, Wesen und Eins, mit der Persnlichkeit, mit ihm, ihm--
Franz Felder!--

Dieses Insichselbstvertrauen war erschttert. Nicht seine Kraft, sein
Selbstvertrauen mute er daher wiedergewinnen!--

Dazu war nun das Leben, wie er es fhrte, am wenigsten geeignet.
Unfhig, Vergleiche zu ziehen, Eindrcke zu empfangen und
wiederzugeben, konnte er es nur nhren an den Maen seiner
Einbildung. Und mit jedem neuen _ber sich_ erfochtenen Sieg seiner
Kraft nahm es Dimensionen an, an die Felder frher nicht gedacht
hatte. Schon aus dem einfachen Grunde nicht gedacht, weil er frher
geschwommen, so gut er es konnte, ohne zu denken. Zahlen waren es,
die er jetzt verglich: Zahlen gegen Zahlen. Nicht Leistungen--warme
Leistungen des Lebens--gegen Leistungen. Wie er aber den Tag
ersehnte, an dem ihm das zum ersten Male wieder mglich sein wrde!--

Dann wrde er wieder leben. Denn dies Leben der Einsamkeit, wie er es
jetzt fhrte, war kein Leben mehr. Er litt unter seiner eigenen
Einsamkeit. Wie sehr er litt, wute er selbst nicht einmal mehr.

Er war immer allein, und allmhlich kam es ihm wie ein Traum vor: die
alten, lieben Freunde, die lauten, frhlichen Feste, seine
sensationellen Siege--waren sie in der Tat jemals Wirklichkeit
gewesen?--Der Taumel seiner Sicherheit, seine Wagnisse, seine
Reisen?--

Er wollte nicht an die Vergangenheit denken. Er wollte sich
vorbereiten auf die Zukunft. Denn alles lag erst noch vor ihm. Hinter
ihm lag nur ein Anfang, ein in seinem Ende miglckter Anfang.

Aber was er nicht hindern konnte, war: da zuweilen Bilder dieser
Vergangenheit vor ihm aufstiegen, und vor allem Bilder des letzten
Jahres, der Zeit, als er schon nicht mehr so ganz und gar in dem
engen Kreise der Genossen gelebt, sondern neue, fremde Menschen und
andere Lebensweiten sich ihm aufgetan. Und er sah noch zuweilen das
hohe, nchterne Atelier des Bildhauers vor sich, die kahlen Wnde und
die seltsamen Figuren, und den Knstler selbst, schweibedeckt,
schweratmend und in innerlichen Kmpfen qualvoll ringend; und das
warme, gemtliche Zimmer des Doktors, den frhlichen, freundlichen
Mann mit den blitzenden Augen und der lebhaften Stimme, unermdlich
im Erzhlen und voll Interesse fr ihn; und zuweilen--sah er auch
sie... Aber da wandten sich schnell seine Gedanken. Er wollte davon
nichts mehr wissen und zwang sich zum Vergessen. Und nur in seinen
Trumen erregte sie ihn zuweilen noch, wie sie es damals getan. Doch
auch diese Trume wurden seltener und seltener und schwanden endlich
ganz, wie ihr Duft allmhlich aus seinen Kleidern gewichen war,
dieses ekelhafte Parfm, das seinen Krper vergiftet hatte.

Und endlich wurden die Gestalten blasser und blasser und schwanden
ganz, so wie Felder es wollte.

Alles, was hinter ihm lag, wurde wesenlos und verlor seine letzte
Macht selbst ber seine Erinnerung.

Hatte er es berhaupt erlebt?--

Oft vermochte er kaum mehr daran zu glauben. Aber er hie doch Franz
Felder!--Er war es doch noch, der diesen Namen trug?--Aber wer fragte
noch nach ihm!

Er wute, er war vergessen. Er war nicht mehr Franz Felder, wenn er
auch noch so hie.

Es war ein Name, den er erst erobern sollte.

Und erobern wrde er ihn, dessen wurde er mit jedem Tage sicherer.

Denn wenn er auch vergessen war, noch lebte er.

Noch war er nicht tot!


6

Wenn man ihn verga--_er_ hatte nichts vergessen. In der ganzen
deutschen Schwimmerwelt gab es keinen, der mit schrferem Auge alle
Vorgnge in ihr verfolgte, keinen, der mit grerer Hast nach den
Berichten griff, als Franz Felder. Kein Ereignis von irgendwelcher
Bedeutung entging ihm. Er las alle Zeitschriften, die irgendwie in
Betracht kamen; er war unterrichtet ber alle Veranstaltungen und
ber den Verlauf einer jeden. Kein neuer Name blieb ihm fremd, kein
Sieg von irgendwelcher Bedeutung unbekannt.

Es wurde seine Beschftigung, an manchen langen, einsamen Abenden die
Sportszeitschriften durchzusehen, alte und neue, und Vergleiche ber
Vergleiche anzustellen zwischen dem, was geleistet wurde und
geleistet war--von ihm selbst.

Er wurde innerlich immer sicherer.

Als das erste groe Sommerschwimmen des Berliner Schwimmbundes
herannahte, drngte es ihn mit Macht zur Beteiligung. Aber er bezwang
sich und dachte an den Schwur, den er sich selbst in jener Nacht der
Verzweiflung getan.

Nein, er wollte nicht!--Was er tun wollte--nicht Berlin, nicht
Deutschland, Europa sollte es sehen. Dazu gab es nur eine
Gelegenheit. Er mute sie erwarten. Noch war seine Stunde nicht
gekommen.

Er blieb fern. Aber es wurde ihm schwer. Zum ersten Male sah er den
Preis seiner Vaterstadt ber die kurze Strecke, der vor vier Jahren
sein erster groer Sieg gewesen und den er seitdem Jahr fr Jahr
behauptet, in fremden Besitz bergehen. Freiwillig gab er den
Meistertitel Berlins aus den Hnden und seinen Namen neuer
Vergessenheit preis!--Freiwillig--denn an demselben Tage schwamm er,
fr sich allein, einmal am Morgen und einmal am Nachmittage in einer
eben geffneten, entlegenen Badeanstalt der Umgegend die hundert
Meter in einer Zeit, die seinem eigenen Rekord vor zwei Jahren fast
gleichkam und die Zeit des Siegers--auch eines alten Gegners--beide
Male bertraf.

Er bi die Zhne aufeinander. Er wollte noch nicht. Denn er _durfte_
noch nicht!--

Wieder vergingen Wochen, und der Sommer war da. Das Wasser wurde
tglich wrmer. Langsam nahte sein Tag: der Tag des groen Festes des
Allgemeinen Deutschen Schwimmverbandes, der grten internationalen
schwimmsportlichen Veranstaltung des Jahres, nicht nur fr
Deutschland, sondern alle benachbarten Lnder; der Tag der groen
Entscheidungskmpfe ber die allerersten Meisterschaften des
Weltteiles.

Und er erwartete ihn.

Dann fiel sein Blick eines Tages im "Welt-Sport" auf seinen Namen,
seit langer Zeit zum erstenmal wieder, und sein Herz schlug hher bei
dem, was er las. Es war eine Kritik des letzten Berliner
Bundesschwimmens und in der Hauptsache die Besprechung des Sieges des
jungen Georg Bauer vom "Triton", wo es am Schlu hie:

--"Die Leistung dieses jungen Mannes erinnert uns in ihrer
selbstbewuten Kraft und der idealen Schnheit ihres Stils an
diejenigen des noch vor kurzem berall genannten Meisters von Europa
vom Vorjahre. Unsere Leser wissen, da wir von Franz Felder sprechen.
Sie wissen auch, wie sehr wir stets gerade fr diesen Schwimmer
eingetreten sind, und erinnern sich, welche Hoffnungen und Wnsche
wir noch auf Jahre hinaus fr ihn gehegt und ausgesprochen haben. Um
so schmerzlicher war--wie wohl berall--unser Bedauern und um so
grer unsere Enttuschung, diesen in Haltung und Kraft einzigen
Schwimmer so jh niedergehen und dann von einem Tage zum anderen,
nach einigen uerlich gar nichts bedeutenden Mierfolgen, pltzlich
von der Bildflche verschwinden zu sehen: aus Grnden, die offenbar
tiefer liegen, als da wir ihnen hier ffentlich nachgehen drften.

Es wre sicherlich ein einziger Genu fr jeden feineren Kenner
gewesen, am vergangenen Sonntag zum Beispiel ihn und Bauer zugleich
an den Start gehen und die reifende Kraft des Jngeren mit der
gereiften des Meisters in einer Form wetteifern zu sehen, die bei der
rohen, immer mehr eingreifenden Preisjgerei gnzlich in
Vergessenheit zu geraten scheint.

Werden wir ein Schauspiel dieser Art nie mehr erleben?--Fast scheint
es so. Aber wir knnen die Hoffnung noch nicht aufgeben, Felder eines
Tages wieder an der Arbeit zu sehen, und mchten heute nur nochmals--
auch im Hinblick auf manchen ungerechten Angriff, der den Meister mit
zu seinem sonst rtselhaften Entschlu, sich so ganz zurckzuziehen,
getrieben haben mag--betonen: wenn auch die neuerlichen Leistungen
des Nachwuchses jedes Lobes wrdig sind und manchen zum Nachfolger
Felders geradezu prdestinieren, so scheint allen doch vllig zu
fehlen, was der Persnlichkeit dieses Meisters so sehr eigen war--
diese innerliche Leidenschaft und Liebe zur Sache, dieses Aufgehen in
ihr mit Leib und Seele, diese unbedenkliche Hingabe der Begeisterung,
die wir in seinen phnomenalen, oft ber die eigene Kraft
hinausgehenden Leistungen zu oft bewundert haben, als da wir uns
ber sie tuschen knnten. Dadurch--nicht durch die Teilnahme an dem
ueren Ausbau des Schwimmwesens, wie er in den Klubs betrieben wird,
und auch nicht durch seine Siege--hat Felder seiner geliebten Sache
den grten Dienst geleistet und ihr in den Augen vieler eine hhere,
gewissermaen edlere Bedeutung gegeben, als sie bis dahin besa. Das
sollte ihm unvergessen bleiben und seine Gegner daran erinnern, da
Menschen dieser Art ihre eigenen Wege gehen und gehen mssen, weil
sie nur auf ihnen ihre--oft nur von ihnen selbst geahnten oder
erkannten--Ziele, erreichen knnen..."

Wie das Herz des Lesenden schlug!

Was er selbst sich nie klar gemacht, was er aber ahnte und dem er
nachging--dieser Mann, der das geschrieben, hatte ihm Worte gegeben!
--Er war der einzige, der ihn ganz verstand!

--"Menschen dieser Art gehen ihre eigenen Wege..."

Ging er nicht die seinen, war er sie nicht stets gegangen, getrieben
von einer inneren Stimme, die das Rauschen und Brausen auch des
lautesten Beifalls bertnt hatte?--Und wenn er sie eine Zeitlang
nicht mehr vernommen, war sie es nicht gewesen, die ihn zurckgelockt
hatte zu sich?--Hrte er sie nicht wieder?--Und rief sie ihn nicht,
wie damals den armen, kleinen Jungen, jetzt wieder, ihn, den Meister,
zu Zielen, von denen niemand wute, auch er selbst nicht?!--

Ja, sie rief ihn wieder, und er hrte sie: rein und klar, wie nur
je!--

Ein paar Tage spter holte er eines Abends Koepke aus seinem
Geschft ab. Die Ausschreibungen zu dem groen internationalen
Verbandsschwimmen waren soeben erlassen.

Felders Tag war gekommen.

In einem Restaurant setzten sie seine Meldung auf: in dem blichen,
geschftsmigen Stil, aber doch noch Wort fr Wort berlegend. Und
als Koepke sie abgeschrieben, setzte Felder das bliche: "Mit
Schwimmergru..." und seinen Namen darunter in seiner klobigen,
mhsamen Handschrift. Auch die Einzahlung des Einsatzes von zwanzig
Mark, die Felder schon lange zurckgelegt, versprach Koepke zu
besorgen, und Felder durfte sicher sein, da es pnktlich geschehen
wrde. Befriedigt legte er die Feder aus der Hand und lchelte zum
ersten Male seit langer Zeit wieder.

Dann aber, als sie nach geschehener Arbeit noch zusammensaen, da
brach es pltzlich aus Felder hervor!--Er wute selbst nicht, wie es
so pltzlich kam, aber er mute sprechen, um endlich einmal wieder
die eigene Stimme zu hren. Und whrend der kleine Kaufmann erst
erstaunt und dann betroffen, ganz betubt wortlos zuhrte, Strmte
vor ihm aus gequlter Brust alles hervor, was sie seit Monaten zum
Ersticken bedrckte.

Man hatte ihn vergessen!--Ja, er wute es wohl. Er hatte sich von der
Schwimmerei zurckgezogen. Er konnte nichts mehr. Er war fertig. Er
war tot...

Aber wie sie sich alle tuschten!--Sie alle miteinander!--Was wuten
sie denn von ihm?--Verstanden sie ihn berhaupt?--Ahnten sie auch
nur, was er gewollt hatte?--

Wie sollten sie begreifen, was er erst wollte?!

Sie glaubten ihn fertig, und er war erst am Anfang. Sie glaubten ihn
gestrzt, die aus dem Tale Zuschauenden. Aber er war nur fr eine
kurze Weile hinter einer Felsecke verschwunden, um auszuruhen zur
neuen Wanderung von Gipfel zu Gipfel!

In vierzehn Tagen wrde er wieder vor ihren Augen erscheinen und eine
Wanderung beginnen, auf der sie ihm berhaupt nicht mehr folgen
konnten.

Er war noch nicht einundzwanzig Jahre alt. Er war noch gar nicht im
Vollbesitz seiner Kraft. Wenn er sich einen Augenblick je
eingebildet, sie verloren zu haben, so war er ganz einfach ein Narr
gewesen. Auf jeden Fall fhlte er sie jetzt wieder, so mchtig und
ungebrdig, da er den Tag nicht mehr erwarten konnte, sie zu
erproben. Und da er jetzt wute, wodurch er ihr schaden konnte,
brauchte er nur alles zu vermeiden, um sie ungeschwcht sich die
nchsten zehn Jahre zu ihrer Hhe entwickeln zu lassen und sie dann
noch zehn Jahre auf ihrer Hhe zu erhalten. Das aber waren zwanzig
Jahre!--

Und in diesen zwanzig Jahren wollte er es in seiner Sache zu
Leistungen bringen, wie sie bisher berhaupt noch nicht dagewesen
waren. Und zwar nicht in dem engen Rahmen des Sports, unter der
Vormundschaft und beengt durch die Regeln der Klubs und Verbnde,
sondern als freier Schwimmer der Welt, seinetwegen auch als
"Professional", wenn sie es denn so nennen wollten...

Wenn er in Grnau noch einmal innerhalb des bisherigen Rahmens
schwimmen sollte, so tat er es, weil er hier noch eine alte Rechnung
einzulsen hatte. Aber es sollte nur ein Wiederbeginn sein.
Unzweifelhaft wrde ihm der S.-C. B. 1879 nach seinem Siege von
selbst die Mitgliedschaft wieder anbieten, wahrscheinlich ihn gleich
zu seinem Ehrenmitgliede ernennen.

Er wollte sie annehmen.

Dann aber sollte sein Weg in die Weite beginnen. Berlin--was war
Berlin?--Das war ein abgegraster Boden, auf dem es nichts mehr zu
holen gab. Und auch in Deutschland waren der Stdte wenige, wo er
noch Ehren erlangen konnte, die er noch nicht besa.

Aber das Ausland!--Dahin mute er. Zunchst nach England. Und wenn er
von dort mit neuen Ehren und neuen Mitteln zurckgekehrt war, dann
sollten seine groen Reisen von einer Hauptstadt zu der anderen
beginnen, und berall wrde er seine Kunst--wenn es sein mute: vor
der ganzen ffentlichkeit zeigen und den Ruhm seines Namens ber die
ganze Welt tragen...

So sprach Felder. Seine ungelenken Worte berstrzten sich, und seine
Augen glnzten wie im Fieber, whrend seine heien Hnde heute abend
immer und immer wieder nach dem Glase griffen.

Und der kleine Kaufmann sah mit seinen weit geffneten Augen ganz
stumm und erschrocken auf seinen groen Freund und hrte ihm zu, ohne
ihn zu verstehen, und wute nicht mehr: redete ein Genie da vor ihm
oder ein Irrer.


7

In unsglicher Spannung erwartete Felder seinen Tag. Er lebte nur
noch in dem Gedanken an ihn. Nie vorher hatte er mit solcher Sorgfalt
sich auf alles vorbereitet.

Seine Meldung war angenommen worden. Natrlich. Sie htten sie gar
nicht abweisen knnen. Es lag nicht das geringste gegen ihn vor.

Dann wurden die Teilnehmer bekannt gemacht. Felder verschlang die
Namen, und er htte aufschreien mgen vor Freude--das war, was er
gewollt, und mehr, als er je zu hoffen gewagt: die allerersten Namen,
nicht nur Deutschlands, sondern Europas!--Er kannte alle, vom ersten
bis zum letzten! Da war zunchst Riesecker, der der Meister
Deutschlands gewesen war bis zur Stunde, wo er ihn zurckgedrngt
hatte--aha, jetzt wagte er sich wieder hervor, sein alter Gegner;
dann Scarpetta, der Meister Italiens, dem wohl wieder einmal nach
einer Niederlage gelstete; Anton Riegler, der Meister sterreichs
und Ungarns zu gleicher Zeit--der Europas wrde er nie werden, so
lange Felder lebte, Magelsdorffer, der im vorigen Jahre die groe
Rheinmeisterschaft ber 7500 Meter erfochten--er sollte aber doch
lieber in seinem heimatlichen Strom bleiben. Dann der junge
Nachwuchs: vor allem der junge Magdeburger Seubert wieder--nun, nur
nicht so eilig, junger Mann; und auch du nicht, Georg Bauer--ihr
jungen Hhne krht zu frh...

Sie wurden alle kommen, mit Ausnahme der Englnder wieder. Nun, mit
denen wrde er ja bei der nchsten Gelegenheit noch ein Wort reden...

Sie waren alle da, und Felders innere Freude kannte keine Grenzen.
Jetzt erst war er wieder ganz ruhig.

Was fr ein Schwimmen sollte das werden!--Langsam, viel zu langsam
kam endlich der Tag fr den Einsamen heran.

Felder lag im Bett bis gegen Mittag. Mit offenen Augen starrte er die
Krnze und Bilder an den Wnden an. Endlich hielt er es nicht mehr
aus.

Frh am Nachmittag fuhr er hinaus nach Grnau. In dem kleinen Paket
in der Hand trug er sein Trikot. Der Zug war berfllt mit
Ausflglern.

In Grnau ging er gleich zum Sportplatz und dort hinter den Reihen
der Zuschauer entlang zu den ihm so wohlbekannten Auskleidestellen,
wo bereits berall Kleider hingen. Er suchte sich die entlegenste
freie Ecke und zog sich langsam aus.

Es war vier Uhr. Vor fnf konnte das 600-Meter-Rennen kaum beginnen.
Als er das Trikot ber seine glhenden Glieder zog, war er noch immer
ganz allein in dieser Ecke hier oben. Dieses Trikot hatte er sich fr
sein heutiges Schwimmen als Einzelschwimmer machen lassen, und
wochenlang hatte er darber nachgedacht, was er whlen sollte und
durfte. Endlich hatte er sich entschieden: ganz wei, nur am Rande
mit einem goldenen Streifen; und ebenso die Badehose: ganz wei, mit
goldenen, schmalen Streifen und vorn mit einem einfachen goldenen
Stern. Das waren die Farben keines Klubs, das war kein Abzeichen, das
war noch von niemand jemals gewhlt worden--es sollten die
selbstgewhlten Farben sein, unter denen er heute fr sich ganz
allein siegen wollte, heute, dies eine Mal, bevor--bevor er wieder
fr andere kmpfen wollte. Leicht und straff legte sich der dnne,
fast durchsichtige Stoff um seinen Krper, nur Arme und Beine frei
lassend, nirgends beengend, jeder Bewegung nachgebend, wie die
Trikots der Akrobaten und Athleten. Felder htte keine einfacheren
und bescheideneren und doch herausfordernd-bedeutungsvolleren Farben
whlen knnen als diese beiden: Wei und Gold!--

Noch immer kam niemand, und er stand bereits fertig. Von diesem Fleck
aus konnte er nicht nur den ganzen Sportplatz unter sich, sondern
weithin die ganze Gegend berblicken. Vor ihm unter den Bumen fielen
die langen Bankreihen stufenfrmig bis zum Wasserspiegel nieder,
dicht besetzt mit den Zuschauern, um so dichter, je nher der
Kampfplatz, alle es sich so bequem wie mglich machend, die Frauen in
luftigen Sommerkleidern, die Mnner oft in Hemdsrmeln, trinkend,
lachend, sich den Schwei abtrocknend und immer wieder die
Aufmerksamkeit den Spielen zuwendend... Kinder, die sich langweilten
und balgten, zwischen sich... Weiter unten die Farben der Klubs, die
schwarzen Rcke und Frcke der offiziell Beteiligten, der geladenen
Gste, der Richter, der Veranstalter... dann die nackten, hellen
Gestalten der Kmpfer... endlich der abgesteckte Platz mit seinen
fahnengeschmckten Gersten, die auf Tonnen schwammen... auf dem
Sprungbrett die schnell sich ablsenden Gestalten, in seltsamen
Formen die Luft durchschneidend und in dem aufspritzenden Wasser
verschwindend... Leben, Bewegung berall, berall Kommen und Gehen:
der erregte und doch verhaltene Ernst, die gespannte Aufmerksamkeit
dieses Festes, nur unterbrochen durch den zeitweiligen, tosenden
Jubel der Zuschauer, aber alles gebannt, etwas gelhmt durch die
drohende Schwle dieses Julitages...

Und darber hinaus die ganze, weite Landschaft, das leuchtende
Wasserbecken, hier sich zum See verbreiternd, dort, gegen
Westen, sich in trgem Flusse verengernd, an seinen Ufern die
menschenberfllten Sommergrten, von denen Musik herberschallte,
best mit Booten und Fahrzeugen, aufweichen die sonntagsfreudigen und
arbeitsmden Grostadtmenschen sich dahintreiben lieen; dann dort
drben das einfache und in seiner Einfrmigkeit doch so tiefe Bild
dunkler Kiefern und des weien, mrkischen Sandes: die sanften Linien
der Mggelberge, gebrochen am Horizonte durch den scharfen Strich
eines Aussichtsturmes, aber sonst leise und wellig dahingleitend, in
ihrer milden Freundlichkeit mehr geschaffen fr den stillen Ernst des
Herbstes, als fr diese grelle Sonne, der die geraden Stmme
regungslos, ohne Erzittern, wie betubt, standhielten...

Felder wute nichts von der Schnheit und von der Einfrmigkeit
dieser Gegend. Er hatte nie etwas anderes gekannt, als sie, und die
Bilder seiner Reisen hatte er gesehen, wie andere sie fr zehn
Pfennig im Automaten sahen. Er sah nur das Wasser. Und es glitzerte
und glnzte und lockte und rief; und ungeduldig griff er nach seinem
Tuch.

Dies Wasser war seine Heimat; dies Wasser war sein Land.--

Genau war mit Koepke der Zeitpunkt verabredet, an dem dieser ihn
abholen sollte: bei Beendigung der sechsten Konkurrenz, des
Hindernisschwimmens; sptestens aber vor Beginn der siebenten: des
Springens um die Deutschland-Meisterschaft, der als achte dann das
groe Hauptschwimmen folgen sollte. Zeit genug also. Und Felder war
schon fertig. Er wute, da Koepke kommen wrde. Hierher. Die
Ungeduld ergriff ihn. Wurde denn das Sprungbrett dort unten niemals
leer?--Immer von neuem erschienen die Springer. Und mit der Ungeduld
kam die Angst ber ihn, jene Angst, die er nur ein einziges Mal in
seinem Leben gesprt: damals, vor seinem ersten groen Siege, an
jenem grauen Wintertage, in der trben Ecke des Winterbades der
Wasserfreunde, als er so wie heute darauf wartete, da man ihn holen
sollte.

Aber wie durfte er _heute_ Angst haben!--Und doch fhlte er sie, wie
eine Drohung, ber sich, und er atmete erleichtert auf, als dort
unten eine Bewegung durch die Reihen ging, die das Ende eines Rennens
andeutete. Dann strzten nasse Gestalten herauf, ohne sich um ihn zu
kmmern, rissen sich, lachend und lrmend und noch schweratmend von
der Arbeit, die Trikots vom Leibe, nach Hemd und Hose greifend, und
sogleich er schien auch--pnktlich zur Sekunde--Koepke.

Da fiel die Unruhe von Felders Brust, und hocherhobenen Hauptes, das
Badetuch lssig um die Schultern geschlagen, stieg er langsam und
ohne sich umzusehen, durch die Reihen der Zuschauer hernieder und
schritt auf die Bahn zu. Auch dort vermied er, irgend jemand mit dem
Blicke zu streifen, sondern lehnte sich ruhig an das Gelnder, das
nchste Rennen erwartend, und als es begann, ihm aufmerksam mit den
Augen folgend. Aber er fhlte, wie man ihn ansah von allen Seiten; er
wute, da in diesem Augenblicke aller Augen auf ihm ruhten. Nicht
jetzt wollte er ihnen begegnen. Nach dem Siege--dann!--Nur einmal sah
er auf und ma mit dem Blicke die lange Bahn, die man fr das 6oo-
Meter-Rennen besonders abgesteckt hatte. Welche der sieben Nummern
war wohl die seine?--Wrde er in der Mitte oder an der Seite
liegen?--

Die Hitze wurde immer drckender; der Himmel war nicht mehr so rein,
wie am Mittag, sondern frbte sich ins Graue, und leichte Wolken
lagerten sich hier und da. Er war wie geladen mit Spannung, und ein
Gewitter konnte jede Minute losbrechen. Luft und Wasser lagen starr,
und die Bltter der Bume hingen schlaff hernieder. Es war
unertrglich, aber alle hielt die Erwartung auf das Kommende
aufrecht.

Dann war auch dieses Rennen zu Ende, und irgend jemand, den er nicht
kannte, sagte etwas zu Felder, was dieser nicht recht verstand. Ach
so, es sollte vor dem Beginne des Wettkampfes das bliche Bild
aufgenommen werden. Und er stellte sich auf den bezeichneten Platz,
aber erwute nicht, wer neben ihm stand. War es Scarpetta oder der
junge Seubert? Er sah nur immer gerade aus, seine Augen hatten einen
ganz starren Ausdruck angenommen, und in diesem Moment sah jeder, der
ihn frher gekannt und ihn nun zum ersten Male seit Monaten
wiedersah, wie sehr er sich verndert hatte.

Das war nicht mehr das weiche, runde, gutmtige Gesicht Franz
Felders, wie man es kannte von frheren Zeiten her und so vielen
Bildern, das unbekmmerte Gesicht des Knaben und des glckstrahlenden
Jnglings; das war nicht mehr der vertrauende, freundliche Blick, der
diesen Zgen auch dann noch geblieben war, als die letzten Jahre
schon die Linie der Entschlossenheit bis zur Hrte vertieft hatten:
das war das frhalte, herbe Gesicht eines Mannes, in dem die
Leidenschaften ihre Spuren hinterlassen haben; und in diesen Augen,
die ber alles hinweg in eine weite Ferne blickten, brannte nur noch
das Feuer eines dsteren Willens, der entschlossen war, sich
durchzusetzen, und sei es ber Leichen... Und wie sein Gesicht, so
hatte auch Felders Gestalt alle Weichheit verloren; jetzt sah man
deutlich, welche Kraft in dieser hageren Sehnigkeit und in diesen
straffen, eisernen Muskeln lag.

Das Bild war aufgenommen. Irgendein anderer, dessen Stimme ihm
bekannt in die Ohren schlug, gab Felder die schwarze Mtze und nannte
ihm die Nummer seines Platzes--den zweiten links. Aber Felder sah und
hrte berhaupt nichts mehr, als nur diese eine Zahl; und whrend er
sich zu ihr durchdrngte, verschwammen alle diese Gesichter um ihn
her vllig in ein groes Ganzes--die Starter, die Festteilnehmer, die
Sportsleute, die Zuschauer--und erst, als er im Wasser mit der Hand
an seiner Nummer lag, kam er wieder zur Besinnung. Jetzt schaute er
sich um: links neben ihm als Nummer eins lag der junge Georg Bauer
mit seinem lachenden Gesicht, als sei dies Schwimmen ein Spiel;
rechts neben ihm, totenbla und mit aufeinandergebissenen Zhnen
Riesecker; dann, als er den Kopf nach hinten bog und empor sah, ob
das Zeichen noch nicht gegeben wurde, erkannte er unter den
Gesichtern dort oben ber ihm, wie im Fluge, aber ganz deutlich vier,
fnf Gesichter seiner alten Freunde aus dem S.-C. B. 1879, unter
ihnen das ernste Gesicht Nagels.

Aber er durfte jetzt nur noch eines denken; und als er, wie um nichts
mehr zu sehen, sein heies Gesicht fr eine kurze Sekunde in das
Wasser tauchte, wurde ber ihm das Zeichen gegeben. Die anderen
hatten bereits abgestoen.

Mit einem Schlage war er unter ihnen...

Die ersten Lngen schwamm er unter dem Bann des einzigen Gedankens,
seinen Stil mglichst innezuhalten und sich nicht unntz auszugeben.
Er mute sich zgeln, so gro war das berma von Kraft in ihm. ber
die kurze Strecke--eigentlich immer sein Favoritgebiet--htte er
bereits gewinnen knnen. Dann kamen ihm in der dritten Lnge gegen
den Strom zu beiden Seiten die Gegner wieder nach. Er hielt indessen
seinen Stil inne, ohne sich zu berhasten, und erst in einer der
nchsten--es mute nach seiner Berechnung die fnfte sein--ergriff
ihn die Unruhe, ihn aufgeben zu mssen, da er glaubte, sich sonst
nicht behaupten zu knnen. Eine Lnge, die mit dem Strom, wenigstens
wollte er es indessen noch versuchen, bevor er dann mit seinem
Endspurt etwa Verlorenes wieder einbringen mute. Er sah sich jetzt
nicht mehr um.

Er schwamm, und er wute, wie gut und sicher er schwamm...

Jetzt noch eine Lnge, und dann noch eine. Und whrend dieser einen,
die er fr die vorletzte hielt, wurde er die Gegner nicht los. Er
fhlte, es war unmglich auf diese Weise. Er mute seinen Stil
aufgeben und sich durchs Ziel arbeiten, so gut es ging.

Er schlug an.

Und nochmals stie er ab.

Und jetzt--er fhlte es, wie er am Ende seiner Kraft war. Er wrde
auch diese Lnge noch zu Ende bringen, die wie endlos vor ihm lag,
aber so wie die anderen nicht mehr. Wer war denn noch neben ihm?...
Er sah zur Seite. Niemand?--Das gab ihm neuen Mut, und er holte zu
neuen Sten aus. Zugleich aber war es ihm, als ob man ihm zurief,
und als er nochmals unwillkrlich den Blick erhob, sah er, wie auf
dem Seitensteg ein Herr neben ihm herlief, mit den Hnden fuchtelte
und ihm fortwhrend zuschrie:--Genug!--genug!--es ist ja zu Ende!--

Zu Ende?--Was?--Darum lag niemand mehr neben ihm. Er wandte sich um
und stieg ans Land.

Die Musik blies immer von neuem Tusch; die ganze Zuschauermenge hatte
sich wie ein Mann erhoben und schrie und winkte mit Tchern und
Hten, und Felder trat in ein wirres Gewhl von durcheinander
redenden und durcheinander laufenden Menschen.

Aber wer war es denn, dem man zujubelte?--Wem galt all diese
Erregung?--Wer war der Sieger?--Einer konnte es doch nur sein.

Niemand schien es zu wissen.

Nur da _er_ es nicht war, das sah er!--Niemand kam zu ihm, niemand
kmmerte sich um ihn.

Da ging er langsam an dem Ufer entlang und an der Seite der Umzunung
empor zu seinem Platze. Mechanisch kleidete er sich an, und seine
Augen hatten wieder den starren, abwesenden Ausdruck. Er war wie
zerschlagen. Er begriff noch nichts. Nichts, als das eine; da er
unterlegen war!--Mechanisch streifte er sich das breite Band der
Ehrenmitgliedschaft der "Life Saving Society" um den Hals, die
hchste Ehrung, die ihm je zuteil geworden war, und die einzige, die
er neben den groen goldenen Medaillen seiner Europa-Meisterschaft an
diesem bedeutungsvollen Tage angelegt hatte.

Er strich es noch unter dem Rock glatt, als Koepke in hchster
Aufregung heraufstrmte.

--Mensch, rief er ihm schon von weitem zu, was wartest du denn
nicht!--Na, da unten geht es schn zu!... Aber was wollen sie denn
machen!--Du warst es doch nun einmal...

Felder starrte ihn an. Der Kleine wiederholte nur immer in einem
fort:--Groartig!--aber wirklich groartig!--Ah, was die sich rgern
dort unten, das ist ja ein Schauspiel fr Gtter!

Felder begriff noch immer nichts. Er packte ihn am Arme. Er wollte
wenigstens wissen, gegen wen er unterlegen war.

--Wer hat gesiegt?--stie er hervor.

--Wer gesiegt hat.?--schrie da der andere.--Wer gesiegt hat, fragt
er, und ist es selbst!

Mit einem Ruck zog Felder die Jacke fest, fuhr mit der Hand durch die
Haare und richtete sich auf. Mit einem Blicke bersah er, wie vorhin,
das Bild zu seinen Fen. Es hatte sich vllig gendert.

Vom Himmel fielen, jede Minute dichter, die ersten Tropfen, und ein
Teil der Zuschauer hatte bereits die Pltze verlassen. Die brigen
schickten sich an, zu flchten; die Frauen rafften ihre Kleider
zusammen, und die Mnner schlpften in ihre Rcke. Nur dort unten
beim Kampfplatz standen dicht zusammen die erregten Gruppen. Selbst
von hier oben aus konnte man erkennen, da etwas Auergewhnliches
geschehen sein mute.

Langsam von seinem Freunde gefolgt, den Strohhut in der Hand, stieg
Felder den Abhang hinunter. Er war wie verwandelt. Er lchelte.

Denn jetzt war seine Stunde gekommen!... Und er hatte nur noch einen
Gedanken: mglichst ruhig zu erscheinen, die wilde, unbndige Freude,
die ihn wie neugeschenktes Leben durchrann, nicht zu sehr merken
zulassen. Aber ganz konnte er sie nicht verbergen: sie lag auf seinen
Lippen, sie schien aus seinen Augen, und sein verhrmtes Gesicht
bedeckte eine schwache Rte.

Er kam zu der ersten Gruppe, wo heftig durcheinander geschrieen
wurde--es war Felder, als ob einige ihn erkannten, schwiegen und ihm
Platz machten, als er an ihnen vorbei ging.

Die nchste war die der "Borussia". Er sah den ihm bekannten
Schwimmwart des Vereins an: der wandte sich ab, und die anderen
machten ihm Platz.

Er zgerte einen Augenblick. Dann ging er an der Wasserseite entlang
auf den Platz zu, wo der Tisch der Veranstalter stand und das Komitee
der Richter sa. Sie waren alle beschftigt, und niemand kmmerte
sich um ihn. Er stand vor der groen Tafel, auf der soeben der letzte
der drei Sieger angekreidet wurde. Er las zunchst seinen eigenen
Namen:

1. Felder . . . . . 10:48

dann weiter:

2. Bauer . . . . . 11:12 2/5

3. Riegler . . . . . 11:20

Der Schreibende wandte sich um, als er seine Arbeit getan, lchelte,
als er Felder erkannte, und ging fort, ohne ihn anzusprechen.

Felder atmete schwer. Er fhlte die feuchten Tropfen nicht, die
dichter und dichter fielen; er fhlte die drckende Hitze dieses
Tages wie nie.

Also Bauer und Riegler!--Welcher Sieg: er hatte den berhmten Meister
sterreich-Ungarns gleichermaen geschlagen, wie die hoffnungsvollste
Kraft der Jugend. Er wute, da er vorzglich geschwommen hatte. Wenn
die erreichten Zeiten sich so nah lagen--eine Auergewhnlichkeit bei
einem Rennen ber eine so lange Strecke--so lag das bei ihm nur
daran, weil er durchaus seinen Stil beibehalten hatte. Ohne diese
berflssige Zugabe htte er leicht heute noch den Weltrekord ber
600 Meter--10:05 1/2--verbessern knnen.

Es war ein Sieg wie keiner. Vielleicht sein grter. Weshalb schien
man das nicht zu begreifen?--Was sollte das alles berhaupt heien?--
Warum kam man denn nicht zu ihm?--

Auf der linken Seite, der Wasserseite, dem Ufer gegenber, lagen die
fr die Klubs und die geladenen Gste reservierten Pltze. Man sa
dort nicht mehr, sondern alles stand dicht durcheinander, kam und
ging. Nur die Klubmannschaften bildeten noch einzelne Gruppen.

Dort sah Felder die blau-weien Farben. Und mit pltzlichem Entschlu
drngte er sich durch die Menschen und Sthle, ohne da ihn jemand
beachtete. In seinen Augen war alles Licht erloschen und er lchelte
nicht mehr.

Nach ein paar Schritten stand er still. Er konnte nicht weiter. Er
wartete. Er stand jetzt der Gruppe so nah, da man ihn von dort aus
sehen mute.

Jetzt wrden sie zu ihm kommen...

Er stand da und wartete, und Koepke, der ihm gefolgt war, ohne zu
wissen, wohin Felder wollte, stand neben ihm.

Er hrte die Stimmen, bekannte Stimmen, und er wute, wer sprach. Das
war der Vorsitzende, und das, das--war Nagels ruhige, sichere Stimme.

Niemand kam. Niemand schien nach ihm hinzusehen. Niemand sprach ihn
an. Was sollte es bedeuten!--Was konnte das bedeuten?--

Er ertrug es nicht mehr. Und er ging weiter, und dicht an den
Mitgliedern des S.-C. B. 1879 vorber. Er sah sie an und sie sahen
ihn an.

Aber keiner grte ihn; keiner machte eine Bewegung zu ihm hin.

Er ging weiter. Er begriff noch immer nichts. Aber er fhlte einen
Schmerz, wie er ihn noch nie in seinem Leben gefhlt.

Er ging weiter und blieb irgendwo am Gelnder stehen, mitten unter
den Mitgliedern des "Neptun", von denen er fast keinen kannte.

Das groe Hechttauchen war im Gange. Es regnete schon stark. Ein
Kmpfer nach dem anderen erschien am Start: ging ins Wasser, erschien
dort halb mit seinem Rcken, aber das Gesicht noch immer unter
Wasser, verschwamm sich, fhlte es am Anstoen, schwamm geradeaus,
ging ans Land, wurde beklatscht--Felder sah immer auf das Wasser vor
sich und begriff noch immer nichts. Er wartete und wartete und wute
selbst nicht, worauf eigentlich noch....

Dann war auch das Hechttauchen zu Ende, und in die Umstehenden, die--
ebenso wie er--ihre Blicke nur auf die unbewegte Wasserflche
geheftet hatten, _unter_ der der Sieg erfochten wurde, kam neue
Bewegung.

Da fhr auch Felder auf.

Irgend etwas mute geschehen.

Er mute Gewiheit haben.

Was ging hier vor um ihn?--Entweder war etwas gegen ihn im Gange, von
dem er nichts wute, oder ein unbegreifliches Miverstndnis--
vielleicht auf seiner eigenen Seite--tuschte und verwirrte ihn.

Jedenfalls mute ein Ende gemacht werden.

Und wieder ging er an seinem alten Klub vorber. Aber diesmal blickte
er nicht vor sich hin, sondern fest und entschlossen sah er von Mann
zu Mann--ohne zuerst zu gren, den Hut noch immer in der Hand--aber
wartend--wartend ... worauf?--Und berall, wohin er auch sah, wich
man seinem Blick aus, nicht brsk und unfreundlich, aber hier in
offenbarer Verlegenheit, dort in bewuter Absichtlichkeit, und
meistens wie erstaunt. Seine Fe wurden schwer und schwerer. Aber er
ging weiter.

An der nchsten Gruppe, der des "Poseidon", wurden seine Blicke von
einzelnen erwidert. Aber nicht freundlich, sondern herausfordernd,
mit offenbarer Feindseligkeit, wie er es kaum anders erwartet. Er
konnte sich nicht tuschen. Die Worte: "Grenwahn!"--"Verrckt!"--
"Der Meisterspringer"--und mehrfach das hhnisch betnte
"Einzelschwimmer" klangen zu vernehmlich an sein Ohr. Er hrte es und
ging weiter.

Weiter und weiter, den Steg entlang. Und wohin er kam, erkannte und
beachtete man ihn entweder gar nicht, oder man machte ihm Platz. Nur
als er den "Hechten" nher kam, schien es, als ob der eine oder
andere von dort Miene machte, ihm entgegen zu kommen. Aber da wendete
er sich ab und schritt schnell zu den nun fast vllig geleerten
Sitzreihen.

Auer den Vereinen war nun fast niemand mehr anwesend.

Er suchte die Vertreter der Zeitungen, aber sie muten bereits
gegangen sein.

Nur Koepke war pltzlich wieder neben ihm. Da fhr er ihn an: "Was
willst du denn noch?--Was lufst du mir denn immer nach?--So la mich
doch endlich einmal in Ruhe!"

Das war selbst fr den kleinen Kaufmann zuviel. Mit gekrnkter Miene
und ohne Antwort ging er von dannen. Felder war jetzt ganz allein.

Noch einmal bersah er das ganze Gelnde. Es war fast ganz leer und
der dichte Regen schlag durch die Bltter der Bume. Jedes Interesse
schien erlahmt und man trieb zum Biere und zu anderer Unterhaltung.

Dort unten gingen die letzten Wettkmpfe zu Ende. Die Richter saen
unter Regenschirmen, und nur die Buntbemtzten harrten bis zu Ende
aus.

Da wandte sich Felder zum Gehen.

Er dachte nicht daran, seinen Preis in Empfang zu nehmen.

Er kmpfte nicht mehr um Preise.

Um seinen Namen, um seine Ehre kmpfte er.

Nein, auch das nicht.

Um sein _Leben_ hatte er heute gekmpft, um sein ganzes vergangenes
und zuknftiges Leben.

Nie hatte er so gesiegt wie heute.

Und doch war er unterlegen!


8

Er sah ganz klar.

Er begriff pltzlich alles. Er tuschte sich nicht mehr. Er erblickte
alles in anderem Lichte, dem grellen, nchternen Lichte der
Wirklichkeit.--

Er war ein Narr gewesen.

Ein Narr, als er geglaubt, da er die Welt erobern knne mit seinen
Siegen. Ein Narr, als er whnte, sie drehte sich forthin nur noch um
ihn, nachdem er diese Siege errungen. Ein Narr, als er sich
einbildete, er sei der allmchtige und unbezwingliche Sieger. Und der
grte aller Narren, als er von diesem Tage eine unerhrte Wendung
der Dinge erwartet.

Er kannte doch das Schwimmerleben und wute, wie es in ihm zuging!--
Wie im Leben des Tages, so auch dort berall gegenseitiger Neid und
Ha! Hatte er ihn nicht in aller Blicken gelesen?--Nie wrde man ihm
diesen Sieg vergessen. Da er gewagt, seine eigenen Wege zu gehen,
war schon ein Vergehen gegen die Gewohnheit des Herkommens; da er
aber als einzelner Schwimmer den groen Preis an sich gerissen, der
doch von Rechts wegen einem Klub gehren sollte, das war ein
Verbrechen, das man ihm nie verzeihen wrde.

Und wie hatte er auch nur eine Minute glauben knnen, da sein alter
Klub ihn wieder aufnehmen, ja zuerst zu ihm kommen und ihm gar noch
die Ehrenmitgliedschaft antragen wrden?--Gerade die 79er waren es
doch, denen am wenigsten noch von allen Klubs an den Preisen lag--das
wute er doch am besten!--Er war von ihnen gegangen, und damit war
alles zu Ende gewesen zwischen ihm und den Genossen seiner Jugend.
Das war es gewesen, worunter er mehr gelitten, als er es sich jemals
selbst zugestanden. An dem Schmerz, als er an ihnen vorbeiging und
seine Blicke unerwidert geblieben waren, hatte er gefhlt, wieviel er
in diesem letzten Jahre innerlich entbehrt. Er wute es jetzt: nicht
um die Ehre, nicht um die Preise, nicht um seinen Namen hatte er
gekmpft, sondern um seinen alten Klub. Um seine alte Liebe, um die
Wiederkehr jener glcklichen Stunden im Kreise der Freunde, um das
trauliche und schne Beisammensein mit ihnen in allen Stunden, um
ihre Achtung und Freundschaft... Um alles, was seinem Leben jahrelang
Wrme und Licht verliehen--um sein Leben hatte er gekmpft.

Dafr hatte er zu siegen gehofft.

Er hatte gesiegt.

Und er hatte verloren.

Sie wrden ihn nicht wiedernehmen, auch wenn er selbst zu ihnen
zurckkehren wollte; und wenn sie ihn aufnehmen wrden, dann war
alles anders geworden.--

Was nun aber?--

So ging es doch nicht weiter.

Er tuschte sich nicht mehr, und er wute jetzt, wie furchtbar er
gelitten in dieser letzten Zeit. So konnte er nicht weiterleben. Er
konnte die Einsamkeit einfach nicht mehr ertragen.

Gewi: es standen ihm andere, die besten Klubs offen. Nichts lag vor,
was seinen Eintritt hinderte, und nach dem heutigen Siege wrden sich
gar bald die gehssigen in freundliche Mienen verwandeln und sich ihm
berall die Hnde entgegenstrecken, wo er sie nur ergreifen wollte.
Aber es wrde niemals wieder so werden, wie es gewesen war. Er wrde
so sein, wie im "Hecht": ein Fremder unter Fremden.

Aber was sollte denn nun werden?--Ihm begann vor der Zukunft zu
grauen, denn er sah jetzt in allem ganz klar.

Er erkannte, wie sehr er sich zunchst in bezug auf sich selbst
getuscht. Allmhlich in diesen letzten Jahren, und immer mehr und
mehr, hatte er sich daran gewhnt, nur sich zu sehen, nur seine
Siege, nur seine Triumphe. So war er dahin gekommen, den Erfolgen
anderer keine Bedeutung beizulegen, sie zu bersehen, soweit es
anging. Gewi, darber war kein Zweifel: sein Name war der
berhmteste unter allen, sein Erfolg beispiellos, sein Ruhm weiter
gedrungen, als der Ruhm irgendeines deutschen Schwimmers bisher...

Aber wieviel andere Namen wurden nicht auch neben, nicht mit dem
seinen zusammen genannt, wenn man von den Meistern des Schwimmens
sprach: alte Namen und neue, alle Tage neue... Er war nicht der
einzige, der Meister hie. Da gab es eine Menge von Meisterschaften,
selbst in Deutschland, die in anderen Hnden waren, an denen er sich
nicht beteiligt hatte, gar nicht hatte beteiligen knnen, schon
allein, weil Zeit und Raumentfernung und Satzungen es verboten. Da
gab es ferner die Meisterschaften im Mehrkampf, unter denen er nur
eine einzige, die bei seinem ersten und letzten Versuch errungene,
sein eigen nannte. Dann endlich die Springmeisterschaften... Doch
daran mochte er gar nicht mehr denken!--Also: nicht auf einer Brust
wurden alle Ehren vereinigt. Genug, da die seine die hchsten trug.
Er hatte einen Namen, den besten und berhmtesten. Aber es war doch
nur ein Name neben und mit anderen.

Noch immer der erste. Heute mehr als je der erste, und nach diesem
letzten Siege lauter genannt, als jemals zuvor.--Aber wie lange
noch?--

Denn auch darin sah Felder jetzt zum ersten Male klar: da es eine
Grenze gab, ber die keiner hinauskam. Nie hatte er sich das selbst
gegenber eingestanden, nie daran auch nur denken wollen... Aber
jetzt tuschte er sich auch hierin nicht mehr, und manches Wort fiel
ihm ein, das Nagel und auch andere schon vor Jahren warnend zu ihm
gesprochen.

Wie lange dauerte denn die Siegeslaufbahn einer Sportgroe?--So
lange, wie seine beste Kraft. Eine Reihe von Jahren, ein paar
weniger, ein paar mehr. Aber ber ein gewisses Ma ging es nie
hinaus.

Und im Schwimmen?--Wenn einer dieselben Meisterschaften und einige
Wanderpreise drei Jahre hintereinander errang, so war das schon eine
groe Ausnahme. Meist kam irgendeine andere Kraft dazwischen und
entri sie ihm vor der Entscheidung.--Wenn ein Schwimmer ein paar
Jahre lang die Meisterschaft ber die kurze oder lange Strecke, oder
in irgendeiner besonderen Art des Schwimmens, in der er es zur
besonderen Fertigkeit gebracht, behauptete, so war das gerade genug.
Sicher war kein Sieg, und je zahlreicher sie sich auf eine Person
huften, um so nher lag die Gefahr, da diese bald von ihrem Platze
verdrngt werden wrde. War einer aber gar, wie Felder, jahrelang der
berall Siegreiche, berall Gefrchtete und Beneidete gewesen, dann
waren sie alle hinter ihm her, sie, die "auch etwas konnten", und es
galt, sich zu verteidigen nach links und rechts und keinen der Gegner
aus den Augen zu lassen.

Das war nicht leicht. Jetzt erst fhlte Felder, wie schwer es war,
wieviel schwerer es wurde von Jahr zu Jahr!--

Eine Zeitlang hatte er sich auch hierber tuschen knnen. In stolze
Sicherheit gewiegt, hatte er sich fr unberwindlich gehalten, bis
ihm die Augen geffnet wurden. In erster Bestrzung wollte er die
Schuld einer Abnahme seiner Kraft und sich selbst zuschreiben. Lngst
wute er, da er sich auch darin geirrt. Sein eigener lssiger
Hochmut und Dnkel, das waren die hauptschlichsten Grnde, die alles
verschuldet, was geschehen war.

Er besa sie nicht mehr: nicht Hochmut, nicht Dnkel mehr. Er wute
seit langem wieder, was auf dem Spiele stand, und wie es zu ringen
galt, um sich auf der neu gewonnenen Hhe zu behaupten. Er war
bereit. Wie am ersten Tage der kleine Knabe bereit gewesen war, an
seinen ersten kleinen Sieg seine ganze, kleine Kraft zu setzen--so
war er willig, jetzt zu ringen um seine letzten Siege. Aber wozu?--
Und fr wen?--

Die Freude an Siegen war dahin, die er mit niemandem mehr teilen
konnte. Nicht nur mehr gefrchtet und beneidet, gehat wrden seine
Siege werden, wenn er sie in dieser Weise weiter erfocht. Man wrde
sie ihm erschweren auf alle Weise. Hatte er nicht heute erlebt, wie
man wie auf geheime Abmachung hin ihn berall auch dort ostentativ
geschnitten, wo er nicht das geringste verschuldet?--Hatte nicht
Feindseligkeit, ja Ha gegen den "Einzelschwimmer" in den Blicken
gelegen?--Ruhiger geworden, sagte er sich, da auch der Zufall, der
Ausbruch des Regens und andere Umstnde mitgewirkt hatten, um ihm
diese furchtbare Enttuschung zu bereiten. Sonst wrden doch der eine
oder andere von seinen lteren Bekannten aus irgendeinem der
befreundeten Klubs und sicherlich auch die passiven Sportfreunde und
die Kenner, wie zum Beispiel sein alter Bewunderer, der
Berichterstatter des "Welt-Sport", und andere zu ihm gekommen sein.

Aber die allgemeine Animositt gegen den "Einzelschwimmer" wrde
immer bestehen bleiben, und allgemeine Freude wrden seine Siege nie
mehr hervorrufen. Sollte er immer so stehen bleiben, er, der
Einzelne, gegen die geschlossenen Mchte der Klubs?

Und die anderen Trume, in die er sich gewiegt in dieser letzten,
einsamen Zeit--waren sie nicht ebenso haltlos und tricht?--Nach
England wollte er gehen?--Ganz allein, ohne Kenntnis der Sprache in
das fremde Land, um dort sich zu messen mit diesen unbekannten
Krften, von denen er nichts wute, als da sie die allerersten der
Welt waren? Woher sollte er die Mittel zur Reise nehmen? Und selbst
wenn er hinging, wenn er alle Schwierigkeiten berwand--was dann,
wenn er unterlag und mit Hohn und Spott heimgeschickt wurde?--Dann
war es endgltig aus...

Oder sollte er wirklich die wahnwitzige Idee zur Ausfhrung bringen
und seine Kunst zum Beruf machen? Dem ganzen Sportwesen den Rcken
kehren und als Professional die Welt durchreisen? Jede andere Arbeit
aufgeben, sich auf einige Dinge bis zur Abnormitt einben und dann
von Stadt zu Stadt und von Land zu Land ziehen und sich als "Artist"
anstaunen lassen?--Das war sicherlich die trichtste seiner
Einbildungen gewesen, und er lachte sich selbst aus. Das konnte er
einfach gar nicht!--

Alles, was also brigblieb, war, sich noch ein paar Jahre, so lange,
wie nur eben mglich, auf der wiedergewonnenen Hhe zu halten, den
schmalen, schwindelnden Grat zu verteidigen, bis eines Tages der
Abgrund des Vergessens auch ihn verschlang. Denn wie lange konnte die
ganze Herrlichkeit noch dauern?--Im besten Falle ein paar Jahre. Dann
war auch das vorbei. Dann waren die neuen, frischen, jungen Krfte
ins Feld gerckt, die jetzt bereits in der Stille heranreiften, mit
flatternden Fahnen und klingendem Spiel; und wer ihnen nicht selbst
klug genug zur rechten Zeit auswich, der wurde einfach berholt, zu
Boden gerissen, niedergestampft. Dann wrden die ersten wirklichen
Niederlagen kommen, die, nach denen es kein Aufstehen mehr gab. Denn
whrend er schon stillstand und ber die eigene Kraft nicht mehr
hinaus konnte, marschierten jene, und "Platz!--Platz endlich fr
uns!" war ihr Geschrei. Sie wrden siegen, ganz einfach, weil sie
jung waren. Ihre neuen Namen wrden die alten verschlingen, und noch
ein paar Jahre eines letzten, aussichtslosen, verzweifelnden Ringens,
in denen der alte Glanz immer mehr und mehr erblate,--und alles war
vorbei, sie alle miteinander vergessen; und whrend sie noch
weiterlebten, waren sie in Wirklichkeit schon tot, und niemand
kmmerte sich mehr um ihre verblaten Bnder und Medaillen, diese
letzten Zeugen einstiger Triumphe, von denen sie nur den geduldigsten
ihrer Freunde noch erzhlen durften, und auch das nicht, ohne bei
ihnen das Ghnen der Langeweile oder das Lcheln des Mitleids
hervorzurufen.

So war es bei allen.

So wrde es auch bei ihm, bei Franz Felder, sein!--

Denn es gab keine Ausnahme, _keine_.

Bei den meisten bildete die Militrzeit die Grenze. Diese Jahre einer
fr den Sport brachgelegten Kraft berstanden nur wenige. Das
Abschiedsfest, das der Klub alljhrlich seinen einberufenen
Mitgliedern gab, bedeutete fr die meisten von ihnen auch den
Abschied von ihrer sportlichen Laufbahn. Nur wenige hatten nach ihrer
Rckkehr noch die Kraft und die Lust, die Ziele ihrer Jugend wieder
aufzunehmen und sich in neuen Verhltnissen an neue Kmpfe zu wagen.
Viele bewahrten der Sache wohl noch ihr Interesse, aber das Leben
forderte sie ein, und wie der Student ins Philisterium, so gingen sie
in ihren Beruf, und bald in ihm und der neugegrndeten Familie auf.

Nicht alle. Durchaus nicht alle. Es gab manche, die selbst whrend
dieser Militrzeit noch Energie und Lust gefunden hatten, die alte
Fertigkeit nicht ganz einschlafen zu lassen und weiterzupflegen. Sie
kehrten zurck und waren nach kurzer Zeit wieder auf der alten Hhe.
Manche errangen erst jetzt ihre grten Erfolge; bei anderen wieder
schien die bung "in den Waffen" erst ihre ganze Leibeskraft
herausgearbeitet zu haben.

Bei Felder traf das alles nicht zu. In seiner ausgesprochenen
Einseitigkeit, die nie eine andere Bettigung, als diese eine,
erlaubt hatte, die ihn scheitern lie an jenem Versuch des Springens,
graute ihm vor der Zeit, die doch schon so dicht vor ihm lag. Er
wute nicht, wie er sie berstehen sollte: in einer schmutzigen
Kaserne ohne Wasser!--

Und wenn er sie berstand--was dann?--

Noch die paar Jahre. Noch eine Zeitlang neue, unerhrte
Anstrengungen. Nochmals neue Erfolge, wie dieser heutige, die den
verschollenen Namen noch einmal vor die Augen aller stellten,
nochmals beneidet, gefrchtet, gehat--und dann der unerbittliche
Absturz von der Hhe, entweder: schnelles Strzen oder ein stetes,
qualvolles Weichen Schritt fr Schritt.

Er tuschte sich nicht mehr. Er sah ganz klar.

Er wute, er wrde es knnen: die zwei Dienstjahre berstehen, in
neues Training treten und sich noch Jahre--lnger als irgendeiner vor
ihm--auf ehrenvoller Hhe halten. Er brauchte nicht zu verzweifeln.
So gro war seine Liebe zur Sache--er hatte sie erprobt; sie wrde
ihm auch diesmal helfen.

Er wute, er wrde das fast Unmgliche knnen.

_Aber so nicht_. Nicht unter diesen Umstnden.

Nicht allein, nicht so allein.

Es war vergeblich, es zu versuchen.

Denn die Freude fehlte, die Freude, die ihm Mut und Kraft verliehen,
so hoch zu Steigen, die Freude der Hoffnung, die ihm geholfen, die
letzte bittere Zeit zu berstehen: die mit anderen geteilte Freude.--

Aber was sollte denn nun werden?--

Er hatte sich rettungslos verstiegen und wute nicht mehr, wohin.

Wie sollte er nun leben?--

Er fand keine Antwort.


9

Eine unertrgliche Hitze brtete ber Berlin. Die Menschen atmeten
schwer in dieser Atmosphre von Staub und Dunst.

Felder tat noch seine Arbeit, aber er schwamm nicht mehr. Abends sa
er irgendwo und sah vor sich hin, wie ein Mensch, der keinen Ausweg
aus seinen Gedanken mehr findet; oder er ging mit demselben starren
Blick durch die heien Straen, bis er mde wurde.

Er lebte, wie er gelebt hatte, die schrecklichen Monate in dieser
letzten Zeit, ganz fr sich, und doch anders--denn wenn ihn damals
noch eine groe Hoffnung begleitet hatte, so ging er jetzt ganz
allein: er sah und hrte nichts mehr, selbst von dem, was in seiner
Welt, der engen, der kleinen und doch fr ihn alles bedeutenden,
vorging; auch durch die Zeitungen nicht mehr; und die Seite, die
dreiundachtzigste in dem kleinen, braunen Buch, das er nicht mehr mit
sich trug, blieb leer: die Seite, auf die der grte aller Siege
eingezeichnet werden durfte und nicht wurde...

Es war alles wie abgeschnitten. Es war alles vorbei.--

Er sprach berhaupt kaum ein Wort mehr.

So lebte er noch vierzehn Tage.

Dann fhlte er eines Tages, da er das Leben nicht mehr ertragen
konnte.

Irgend etwas, er wute selbst nicht was, war gebrochen in ihm, und
damit seine Kraft zum Leben. Er fhlte es deutlich.

Es nutzte nichts, dies Denken, um herauszukommen. Er kam nicht
darber hinweg.

Es war, als wenn alles tot in ihm wre: alle Sehnen pltzlich
durchschnitten von einer ungeheueren Enttuschung.--

Es war wieder ein Sonntag, einer dieser leeren, durch keine Arbeit
und keine Freude mehr ertrglich gemachten Tage, und erwlzte sich
auf seinem harten Bett in seinem kleinen Zimmer in dumpfer
Verzweiflung hin und her. Was sollte er tun?--Er wute es nicht mehr.

Er hatte keine Eltern, keine Geschwister, keine Freunde, keine
Geliebte mehr. Sinnlos war sein Leben geworden, zwecklos und
freudlos.

Und wie er mit den Hnden schlug, raschelte etwas auf ihn nieder:
verdorrte Lorbeerbltter, die beim Niederfallen in Staub zerfielen.

Er nahm die Spreu in die Hand.

Es war sein erster Siegeskranz: erfochten als Knabe in dem ersten
kleinen Schwimmen, seinem ersten schchternen Versuch, seinem ersten
Siege. Und wie er sah, was es war, was er in seiner Hand hielt, da
sah er zugleich sich und sein ganzes Leben; und es schien ihm, als
seien alle diese Krnze, die bedruckten und beschriebenen Urkunden,
diese Bilder an den Wnden, zerstaubt, zerfallen und zu nichts
geworden, wie dieser hier, und nichts von allem briggeblieben, als
ein kleiner Haufen drren Staubes, zu dem am Ende alles Leben wird.

Da wandte er sich ab von diesen zerfallenden und leblosen Dingen,
diesen modernden Leichen des Gewesenen, und eine schreckliche
Sehnsucht nach dem, was allein noch Leben fr ihn war, ergriff ihn.

Er kleidete sich hastig an und lie alles hinter sich.--

Er ging den ganzen Nachmittag durch die Hitze und den Staub und das
Menschengewhl des Sonntags: durch den Park von Treptow, grau und
nchtern unter dem Sommerstaube, an den Eierhuschen an der Spree
vorbei, teils am Ufer, dann auf der trostlosen Landstrae, die
bedeckt war mit Fuhrwerken und Radlern, bis Kpenick, wo er in dem
Vorgarten irgendeiner Wirtschaft ein Glas Bier trank. Und so ging er
weiter, bis er nach Grnau kam--Stunde auf Stunde ging er so den
langen, dunstigen Nachmittag, und berall, wo er hinkam, waren die
Grten voll von Menschen, und auf den dmmernden Uferwegen tauchten
immer neue Gestalten auf, die sich noch nicht entschlieen konnten,
die kstliche Frische des Abends einzutauschen gegen die dumpfe
Husermasse der groen Stadt.

Er aber mute allein sein, ganz allein, und so ging er, ohne Hunger
und Durst zu empfinden, durch Grnau und vorbei an dem Sportplatz,
der dunkel und leer dalag; und sein Herz war so mde und mutlos, da
es selbst hier nicht einmal mehr hher schlug ... weiter und weiter,
immer an den wegelosen Ufern der weiten Seen entlang...

Endlich war er allein. Endlich begegnete ihm niemand mehr.

Es war spt in der Nacht.

Kein lebendes Wesen zeigte sich hier mehr in dem weiten Umkreise von
Himmel, Wald und Wasser...

Da stand er still und entledigte sich seiner Kleider.

Nackt stand er da, und die Luft der Nacht umspielte seinen heien,
staub- und schweibedeckten Krper.

Langsam trat Franz Felder zum Wasser und sah es an, nachdem er den
ganzen Nachmittag--und wie lange vorher schon!--seinen Anblick
gemieden.

Aber zum ersten Male schien es ihm, als wrde sein Gru nicht
erwidert. Stumm und gleichgltig lag es da.

Warum vernahm es denn nicht die stumme Bitte seiner Verzweiflung?--

Und zgernd, fast ngstlich, setzte er Fu vor Fu, bis es seine Knie
erreichte, versank dann in den Schlamm und umarmte es leise. Nackt,
wie damals als kleiner Knabe, schmiegte er sich an seine dunkle
Brust.

Und schwamm.

Behutsam, wie um es nicht zu krnken, schwamm er bis in die Mitte des
Sees, bis dahin, wo es am tiefsten war. Dort wartete er: lie sich
sinken und verschwand tief unter der Oberflche.

Aber das Wasser trieb ihn empor, und wieder lag der Himmel ber ihm,
tiefblau, und der Mond und die glitzernden Sterne.

Begriff es denn nicht, was er heute von ihm wollte?--

Das Wasser war sein Freund gewesen, sein bester Freund, von jeher.

Es hatte den kleinen Kerl, der noch fast nicht gehen konnte,
liebreich getragen, wie es nur die trgt, die es liebt gleich seinen
eigenen Wesen, und seine Liebe war ihm treu geblieben whrend seines
Lebens bis heute.

Der ehrgeizige Ungestm des Knaben und der ungeduldige Groll des
Jnglings hatten sie nicht zu vermindern vermocht.

Alles hatte es seinem Liebling gegeben, was es berhaupt geben
konnte: Frische, Gesundheit, Kraft und Ruhm und unendliche Freuden,
die sich erneuten von Tag zu Tag: und alles hatte Felder genommen als
etwas Selbstverstndliches, wie andere Kinder die Liebe der Eltern
nehmen.

Nun kam er noch einmal zu ihm, um bei ihm die letzte Erlsung--vom
Leben--zu suchen.

Aber das Wasser nahm ihn nicht.

Es schien nicht zu begreifen, was er so pltzlich von ihm wollte; und
als knne er gar nichts anderes, als Lust und Freude bei ihm suchen,
so trug und wiegte und umschmeichelte es ihn, gleich als sei es froh,
ihn so vershnt wieder zu haben nach der langen Zeit der
Entfremdung...

Und Felder empfand die khle und linde Berhrung mit erschauernder
Wonne, und noch einmal verga er die schwere Erde, ihre Kmpfe und
ihr unertrgliches Leid und gab sich ganz der starken und reinen
Umarmung des Wassers hin.

Das war nicht mehr der Meister, der groe Schulschwimmer, der
"Champion of the World", der in dieser nchtlichen Stunde weit da
drauen und ganz allein seine Kunst bte; das war der Freund, der
wieder zum Freunde kam, um ihm seinen Kummer und seine Sorgen
anzuvertrauen und auszuruhen an seiner Brust von der Mhsal des
Lebens. Und so schwamm Felder zum letzten Male: ohne an etwas anderes
zu denken, als an die Lust dieser Stunde, lie er sich treiben,
breitete nur zuweilen die Arme, als wolle er die silbernen Wellen
fassen und an sich ziehen; lie das Wasser durch seine halbgeffneten
Lippen dringen und erwiderte Umarmung und Ku. Und wie er sich wandte
und drehte, sich bald auf den Rcken legte, bald hier untertauchte
und dort wieder emporkam, empfand er noch einmal die ganze Seligkeit,
die ihm das Wasser gegeben, die himmlische Leichtigkeit, mit der es
ihn trug...

Lange schwamm er so...--

Aber dann wurde sein Herz bei dem pltzlichen Gedanken an die Erde
wieder schwer.

Doch die Schwere seines Herzens zog ihn nicht hinunter. Und da
begriff er, da ihn dieses Element nie tten wrde, dieses Element,
das ihn liebte und das sein Leben wollte, nicht seinen Tod. So
unermelich stark, da es ihn mit einem Schlage htte niederstrecken
knnen, war es doch schwach ihm gegenber, der der Strkere war, weil
er geliebt wurde...

Endlich begriff er, weshalb es so war und immer so gewesen war,
begriff seine ganze eigene Schwche und die ungeheure Strke dieser
Liebe!--

Da schwamm er zurck zum Ufer, entnahm seinen Kleidern sein
Taschenmesser, ffnete es und durchschnitt beim hellen Lichte des
Mondes mit schnellem, scharfem Schnitt die Pulsadern seiner rechten
Hand, ganz nahe der Stelle, wo die Narbe war, die das Armband
zurckgelassen. Sein Blut spritzte empor und er empfand einen kurzen,
heftigen Schmerz.

Von neuem warf er sich ins Wasser und erreichte mit wenigen hastigen
Schlgen fast noch die Mitte des Sees. Sein rotes, warmes Blut
mischte sich mit der warmen, schwarzen Flut.

Er fhlte, wie mit ihm seine Kraft schwand.

Noch einmal breitete er die Arme weit auseinander, warf sich in der
jhen Angst des Todes herum und griff um sich, als wollte er sich
halten.

Aber zum ersten Male lie das Wasser ihn fallen, und er sank.

Den Lebenden hatte es geliebt.

Der Tote war ihm nichts als eine Last, die es achtlos in seinen
Tiefen begrub.



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHWIMMER***


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     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
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     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

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     distribution of Project Gutenberg-tm works.

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electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
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received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
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opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
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1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit:
https://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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