The Project Gutenberg eBook, Von der Seele, by Carl Ludwig Schleich


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Title: Von der Seele

Author: Carl Ludwig Schleich

Release Date: February 15, 2005  [eBook #15070]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER SEELE***


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VON DER SEELE

Essays

CARL LUDWIG SCHLEICH

1922







INHALT

   Der Rhythmus

   Humor

   Schlaf und Traum

   Unterbewutsein

   Seelische Hemmungen und Schmerzen

   Der Sitz der Seele

   Instinkt und Spiel

   Temperament

   Tierseele und Menschenseele

   Glaube und Wissenschaft

   Rausch

   Die Musik als Erzieherin

   Mutter Erde

   ber Grbchen und Falten

   Das Wunder der Wundheilung

   Das Mysterium der Ernhrung

   Die Haut als ein Organ der Seele




DER RHYTHMUS


Wenn ich es wage, nach einer Zeit langen Reifens die Frucht stiller
Gedanken den Lesern dieser Abhandlungen darzubieten, so geschieht es
gleich bei meinem ersten Thema mit einem besonderen Zagen. Es ist nicht
die Furcht vor dem gewohnheitsmigen berschumen, eines
wissenschaftlich vielleicht tadelnswerten Subjektivismus, die mich
zweifelhaft macht, ob es mir gelingen wird, ein Interesse fr das
Gebotene zu wecken, als vielmehr eine gewisse, nicht zu berwindende
Ehrfurcht vor dem Thema selbst, die immer wieder die einsamen Versuche,
mich seinem letzten Sinn zu nhern, zurckgeworfen hat. Ist doch das
Feld des Rhythmischen fr jeden Denkenden ein heiliges Land, ein stiller
Hort der letzten Geheimnisse. Ahnen wir doch alle, da seinen dunklen
Hainen die Quellen entrauschen mssen, die allen Erscheinens, allen
Bewegens, allen Lebens unermessene Strme speisen! Statt trocken
aufzuzhlen, was alles fr unser letztes Streben und fr unsere letzten
aus dem Geschehen abstrahierten Gesetzmigkeiten dem Rhythmus
unterliegt, dem Rhythmus, diesem wogenden Wellen von Sein und Nichtsein,
von Stirb und Werde der Bewegung, von Aufbumen und Verlschen
tiefinnerlichster Triebe, statt diese endlose Kette der rhythmischen
Beziehungen trocken aufzuzhlen, kann man khn fragen: was ist denn
eigentlich nicht rhythmisch?--und es gibt auf diese Frage nur eine
Antwort: Es ist nichts ohne Rhythmus! Wo etwas Arhythmisches sich zeigt,
da ist es schon in Gefahr, vom Rderwerk des Weltallgetriebes
zentrifugal aus den Bahnen geschleudert zu werden, falls es nicht
schleunigst wieder sich einfgt in den Rhythmus der Gesamtheit. Je
weiter unser Wissen oder sagen wir besser unser Glaube an unser Wissen
sich vorwagt in die Labyrinthe geheimsten, nicht mehr am lichten Tage
offenbarten Geschehens des kosmischen und irdischen Getriebes, um so
mehr erkennen wir, da wir vor dem Rhythmus wie vor einer letzten
Schwelle anlangen, welche menschliches Verstehen von gttlichen Gesetzen
trennt. In der Tat, das Rhythmische ist wohl der tiefste und
grundumfassendste Gedanke, den wir der schpferischen Natur nachzudenken
vermgen; hier beim Rhythmischen, das wir in den Bewegungen der
gigantischen Weltkrper nicht weniger am Werke sehen, als in den
wirbelnden Atomen der sich zu Kristallen formenden Schneeflckchen,
drfen wir uns allerdings einem letzten Geheimnis, einem unsern
Menschenhirnen beinahe greifbaren Ahnen von einem verstndlichen Sein
des Weltganzen erschreckend nahe fhlen. Wir atmen gerade hier im
Rhythmischen gleichsam mit den Atemzgen des Weltganzen; das Rhythmische
ist die zuckende Scheinwerferbeleuchtung, in dessen Licht wir alles
Erkennbare sich abspielen sehen, ja es ist vielleicht die einzige
gemeinsame Kette, die uns, die Betrachter mit dem Betrachtbaren, an ein
letztes unbekanntes Ewiges bindet. Knnen wir uns doch das Chaos nur
vorstellen als einen Gegensatz zum Rhythmus, also nur negativ, nmlich
durch das Fehlen alles Rhythmischen in dem Kosmos, und insofern ist Hans
v. Blows Paraphrase auf Faust im Anfang war der Rhythmus ein
verblffend moderner, tiefgreifender Gedanke. Hier ist eine Mglichkeit,
wenigstens auf dem Umwege der Wahrscheinlichkeit sich der Gewiheit zu
nhern. Wrde doch sicherlich der endliche Fortfall alles Rhythmischen
aus dem All die Welt ins Chaotische zusammenstrzen lassen. Der Rhythmus
ist der Pulsschlag des Kosmos, der lebendige Atemzug des Alls, der alles
mit Bewegung weckendem Odem durchstrmt. Und, wie unser persnliches
Leben in Staub sinkt, wenn Puls und Atmung aufhren, so mte auch die
Welt sterben, wenn ihr Rhythmus stillstnde! Wie sollte nicht eine
ehrfurchtsvolle Scheu jeden befallen, der es wagen will, auch nur einen
Zipfel zu heben von dem tiefverschleierten Geheimnis? Und doch ist das
Problem ein so recht modernes, immer wieder uns in jeder neuen Epoche
unserer technischen Klassizitt greifbar vor Augen gercktes, da es an
der Zeit erscheint, einmal auch die Stellung der menschlichen Seele zu
dem Rhythmus des Weltganzen, ihr Eingespanntsein in die zuckenden,
rollenden Rahmen, in die sich her- und hinschiebenden, unendlich groen
oder unendlich kleinen Weberspulen des Weltalls zu untersuchen und die
Rolle des geschwungenen Mikrokosmus in konzentrischer Anpassung an den
schwingenden Makrokosmus einer zusammenfassenden Betrachtung zu
unterziehen. Mein Thema, die Psychophysik des Rhythmus, soll also nicht
so sehr sich mit dem Wesen des Rhythmus befassen, obwohl ich einer
solchen Definition nicht auszuweichen gedenke, sondern es soll im
wesentlichen feststellen, inwieweit auch unser seelisches Geschehen,
unser Fhlen und Denken, unsere Ethik und sthetik, unser Handeln und
Schaffen, unsere Liebe und unser Ha, Sympathie und Reaktion vom
Grundgesetz des Rhythmischen beeinflut und beherrscht werden, um daran
die psychophysischen Mglichkeiten zu erwgen, welcher Mechanismen wohl
die Natur sich bedient, um unsere menschliche Seele den kreisenden
Ringen des Ganzen einzufgen. Da bei der unendlichen Reihe der
Beziehungen der Psyche zum Gesamtrhythmus diese Betrachtung nicht
erschpfend, sondern ein Versuch, eine Skizze, vielleicht nur eine
Anregung sein kann, bedarf wohl nicht einer besonderen Begrndung.

Schon mehrfach habe ich versucht, eine Art philosophischen
Glaubensbekenntnisses abzulegen, das in dem Satze wurzelt: _Die
treibende Kraft des Weltganzen ist fr den Menschengeist ewig
unerkennbar, undefinierbar, unverstndlich, kann niemals der Gegenstand
wissenschaftlicher Analyse sein. Was wir von ihr zu verstehen glauben,
ist nur ihr Verhltnis zu den wechselnden, erforschbaren, variierbaren
Hemmungen, die ihr eingeschaltet sind, bzw. die wir ihr selbst knstlich
einschalten, um dann ihre von den Widerstnden erzwungenen uerungen zu
studieren_. Die Kraft, an sich einheitlich und unzertrennbar, berall
und unvergnglich, allgegenwrtig und allmchtig, wird zu einem sich nur
scheinbar selbstwandelnden, metamorphisierenden, irisierenden Proteus,
nicht aus eigener spielerischer Variationslust, sondern die Hand der
Hemmung zwingt sie, ihr Gewand von Fall zu Fall zu wechseln. _Die Art
der Widerstnde bestimmt die Art der uerung der an sich
unvernderlichen Urkraft_.

Die gesamte Physik ist nichts als eine Lehre von den Widerstnden. Die
Chemie ist ebenso nichts als eine Lehre von der Variabilitt der
Krpereigenschaften unter der Variabilitt der Bedingungen, unter denen
sie aufeinander wirken. Wir wissen z.B. nichts vom Wesen der
Schwerkraft, wir studieren aber ihre Gesetze am Widerstand, welche den
fallenden Krften die verschiedenartig abgenderte Luft entgegensetzt.
Wir wten nichts von der Elektrizitt, wenn wir nicht gelernt htten,
der Gesamtkraft spezifische Widerstnde einzuschalten, welche sie
zwingen in einer Form sich zu uern, welche wir elektrisch nennen. Die
Art, in welcher die Kraft die Hemmung durchbricht, ihr ausweicht, um sie
herumzukommen sucht, ist entscheidend fr die neuen Eigenschaften,
welche die unendlich variable Urkraft anzunehmen befhigt ist. Die Faust
der Hemmung und des Widerstandes ist es, welche dem Weltganzen Form und
Richtung gibt und welche auch in dem Organischen als Gesetz der
variablen Bedingungen, als Anpassung an die Widerstnde des Milieus ihre
universelle Macht tglich mehr erkennbar entfaltet. Wir werden uns ewig
umsonst bemhen, das Wesen irgendeiner Kraft zu analysieren, es gibt
keine Erforschung von dem eigentlichen Agens der Welt--sein fhlbares
Dasein verdichtet unser Denken zum Gedicht, zur Andacht, zum Glauben,
die Kraft und ihr religiser Name "Gott" ist darum kein Gegenstand
wissenschaftlicher Analysen. Was aber um so erfolgreicher der
menschlichen Erkenntnis unterworfen ist, was in gewissem Sinne sogar
unserer experimentellen, knstlichen Abnderung der Weltbedingungen
unterliegt, das ist die Hemmung, die Lehre von den Widerstnden: das ist
eigentlich das Problem aller Wissenschaft. Die Lehre von der Macht der
Hemmungen ist eins der Grundgesetze der Weltmechanik. Hier hat auch die
Definition von dem Sinne des Rhythmus im Weltganzen einzusetzen, wenn
sie bis zu den erkennbaren Grundanschauungen, gleichsam bis zu den
Mttern des Wissens vordringen will.

_Der Rhythmus ist nmlich eine Art Kompromi zwischen Kraft und
Widerstand_, ein wechselseitiges Gegeneinanderprallen, Sichausweichen,
Sichfliehen und -finden, ein harmonisches Spiel von Energieentfaltung
und Hemmungsbettigung, das Sichumkreisen und Sichumsprudeln zweier nie
ganz vereinbarer Gegenstze; der Rhythmus ist gleichsam eine Ehe
zwischen Kraft und Hemmung, die in Harmonie nur durch ein stndiges
wechselndes Nachgeben des einen und des andern zu erhalten ist. Der
Rhythmus bekundet die immer hin- und herschwankende Bilanz zwischen dem
Ja und Nein des Lebens und der Bewegung, er ist ein immer hin- und
herpendelnder, wechselnder Wert zwischen Plus und Minus, eine an- und
abschwellende Diagonale im Parallelogramm von Kraft und Widerstand. Und
seine eigentliche Ursache? _Die Aktivitt der Kraft auf der einen Seite
und die Elastizitt der Materie auf der andern_. Die Kraft, nach allen
Seiten gleichmig aktiv, geht gegen den Stoff gleichsam an, um ihn aus
dem Wege zu schleudern, er weicht aus, verdichtet sich, diese
Verdichtung komprimiert sein innerstes Gefge, wodurch wiederum der
Widerstand erhht wird, den er der Kraft bietet, so da diese nicht wie
eine Welle den Schlamm langsam durchrinnt, sondern wie eine Woge vom
starren Felsen schumend zurckgeworfen wird. Aus diesem Anprall, dieser
Verdichtung der Materie und dem Wachsen ihres rckstogebenden
Widerstandes setzt sich der Rhythmus, dieser Tanz zwischen Aktion und
Hemmung, zusammen. Das Herz der Welt, die Kraft, treibt seinen Strom in
alle Adern, die ihm die Widerstnde lassen, und alle Strme rinnen,
abprallend und abgeschleudert vom Widerstande des Alls, zurck in ihre
anfngliche, urewige Quelle. Das ist der Kreislauf der Kraft, das ist
der Puls der Welt, der Rhythmus!

War das Gesetz des Rhythmischen, der "ewigen Wiederkehr" aller Dinge vom
Sternenhimmel her, von Tag und Nacht, von Schlaf und Wachen, von Ebbe
und Flut, von Jahreszeiten, von Krankheiten und Strungen des
Wohlbefindens, von Geburt und Tod, von Saat und Ernte, von Wind und
Wetter, von Ha und Liebe--kurz von jeder Form der Polaritt her
bekannt, die einzig auf unsere Sinne zu wirken imstande ist, und hat man
zu allen Zeiten in dem Bewegten leicht und schon in den Kinderschuhen
der Wissenschaft dies Gesetz des metrischen Bewegungswiederholens,
dieses Pendelns der Erscheinungen sinnfllig beobachtet, so ist doch
erst den neuesten Forschungen ber Elektrizitt, nmlich der Lehre von
den Ionen und Elektronen, die Anschauung zu danken, da auch die
festesten Krper der Erde nur scheinbar fest sind, da wir annehmen
mssen, im inneren Gefge des starren Steins eines Felsens kreisen
Milliarden kleinster Teilchen mit einer so unendlichen Schnelligkeit und
einer so vollkommen harmonischen Gleichmigkeit, da unseren Sinnen so
ein innerlich von rasender Bewegung durchstrmter Krper eben fest nur
_erscheint_, hnlich wie ja auch das scheinbar festeste Ding der Welt,
die Erde, in Wirklichkeit in sausendem Rhythmus der Selbstdrehung und
der Drehung um die Sonne dahinrast. Es gibt schlechterdings vom heutigen
Standpunkte aus nichts Festes mehr, sondern alles ist rhythmisch bis in
die mikroskopischen Skelettgefge hinein, mehr oder weniger in
schwingender Bewegung, so da der Unterschied der Aggregatzustnde der
Krper, fest, flssig, luftfrmig, sich als ein ganz rmlicher
Schulmeisterkniff herausgestellt hat, um den braven Faustlehrlingen
statt des Brotes der Wahrheit den Stein grbster Sinnentuschung
hinzureichen. Es mte fr einen phantasiebegabten Mathematiker eine
seltsam lockende Aufgabe, wie ein letzter Triumph des mathematischen
Gedankens sein, fr jeden sogenannten festen Krper die Idealformel
finden zu wollen, gewissermaen die unendlich schnell rotierende lineare
Kurve darzustellen, die, um ihre Achse sich drehend, dem Auge nicht
minder wie der tastenden Hand den Eindruck des Krperlichen hervorruft.
Nach _Gramann_ hat jede auch noch so komplizierte Form, jeder Kristall,
aber auch jede amorphe Gestalt eines Krpers gewissermaen ihr ideelles
Rotationsskelett, ebenso wie etwa eine Kugel entstanden gedacht werden
kann durch einen Komplex unzhliger konzentrischer Kreise, welche alle
in den verschiedensten Achsen sich um- und durcheinander drehen. Htte
Gramann doch die Zeit der elektrischen Analyse der Atombewegung erlebt,
die uns zwingend gelehrt hat, da tatschlich alle Eigenschaften der
Stoffe, auch ihre Form, Folgen unendlich variabler, rhythmischer
Atomschwingungen, kleinster symmetrisch bewegter Stoffteilchen, der
aktiven Elektronen, sind! Wir wissen jetzt mit aller Bestimmtheit, da
durch diese gleichmige, bis in das feinste Krpernetz ausgedehnte,
symmetrische Atombewegung Farbe, Gefge, Aussehen und das ganze Heer der
physischen und chemischen Eigenschaften der Krper bedingt ist. Wir
Modernen wissen also auch, da der Rhythmus somit auch im Unsichtbaren
oder auch nur Erschliebaren, selbst in der Idee der Dinge seine Macht
entfaltet. Die Wellen, die das Meer aufwirft und am Widerstand der Dne
verrinnen lt, nur um im mikroskopischen Gefge des Sandes, der Luft,
der Pflanzen, der Tiere ihren Rhythmus weiter zu spinnen, sie
durchrauschen auch das Meer der Luft, als Licht und Ton, als
Elektrizitt und Wrme in unendlich variabler Gestalt, und alles dies
Bewegte, Wogende, Wellende ist nichts als die Urkraft "ther", von dem
Urwiderstand, in unausdenkbaren Variationen zu kleinsten Krperchen
zusammengeballt oder zerrissen, die wiederum in unbeschreibbar
zahlreichen Bewegungskurven sich untereinander umkreisen und tatschlich
nicht den Gegenstand stofflich ausmachen, sondern ihn immer kreisend,
rollend, kurven- und wellenbildend jeden Augenblick von neuem bilden. Es
sind Weberschiffchen, goldene Eimer, Tautrpfchen des Alls, die nach
ewigen Gesetzen ihres Daseins Kreise mit Bewegung vollenden, und
zugleich ist hier das Webende das Gewebte, der schpfende Eimer ist der
Trank, der Tropfen die neue Quelle! Die ganze moderne Elektrizittslehre
ist nichts als ein Hymnus auf den schwingenden ther, aus dessen
unendlich variabler Bewegungsschnelle um den Widerstand des Krperlichen
alle Form und alle Bewegung geboren wird. Es knnte dem Denker
schwindeln bei der Vorstellung, da das Sandkorn mit seinen Milliarden
schwingender therklmpchen nichts mehr und nichts weniger ist als ein
Weltall fr sich, ein Weltall mit einem geschlossenen System sich
umrasender Sterne, wenn nicht dieser Gedanke zugleich etwas unendlich
Befreiendes htte. Es gibt eben kein Gro und Klein in der Welt, die
Sorgfalt des Gesetzmigen war nicht um ein Titelchen weniger intensiv
beim Aufbau des Eiskristalles als bei der Komposition des
Planetendiadems um den Edelstein Sonne. Weder im Grten noch im
Kleinsten kennt die Natur eine Begrenzung, und jedes neue
Untersuchungsmittel erweitert nur den Kreis der Probleme nach oben ins
Gigantische, nach unten ins Winzigste! Also sind auch wir, die Menschen,
denen die Sonne Augen schuf, um sie zu bewundern und in ihren Strahlen
Leid und Glck dieser Erde zu beweinen oder zu bejauchzen, also sind
auch wir genau soviel wert und wichtig wie die Sonne selbst, aber auch
das Sandkorn ist ihr und uns gleich wert. Lehrt diese Lehre nicht eine
grandiose Piett nicht nur gegen das Mitlebende, sondern auch gegen das
Mitunbelebte?

Da es nun also feststeht, da aus allem Sichtbaren und Unsichtbaren
(alles als physikalisch bewegte Materie gedacht) ein unendlich
komplizierter Bewegungsrhythmus sich gleichsam herauskristallisieren
lt, da es nun auf der Welt nichts Unbewegtes und nichts Arhythmisches
geben kann, so mu auch das Organische dem Gesetze des Rhythmus in
gleicher Weise unterstellt sein. Und in der Tat ist ja die Lehre von der
Determination nur eine Variation von der rhythmischen Abhngigkeit auch
alles organischen Geschehens vom Rhythmus des Weltganzen. Was wir
Geschick oder Zufall nennen, ist immer nur der Schnittpunkt, wo der
Rhythmus des inneren Lebens mit dem Rhythmus des ueren zusammentrifft.

Wenn man sagt mit Darwin, das Organische hat sich den wechselnden
Bedingungen angepat, so kann man das bis in die gleichsam
mikroskopische Denkweise auch so ausdrcken, da der Rhythmus der
organischen Substanz in Bewegung sich, um lebensfhig zu sein, stets dem
Rhythmus der Gesamtheit einfgen mute. Leben konnte also nur bestehen
in gleichsam konzentrischer Einfgung des Einzelrhythmus in den
kosmisch-tellurischen Gesamtrhythmus. Wenn dieser Allrhythmus variierte,
so mute also auch der Sonderrhythmus folgen, und so lst sich fr uns
die Entwicklungslehre auf in eine Lehre von der variablen Hemmung als
eigentlicher Gestalterin der Variationen der Lebenserscheinungen, welche
stets dem Hemmungsfortfall der Weltbewegungen als Ganzes gedacht
unweigerlich folgen muten und noch mssen. Solche Hemmungsfortflle und
rhythmischen Variationen sind nun im All und auf Erden durch Versinken
und Erlschen zahlloser Welten direkt erweislich, und ich bekenne mich
in diesem Sinne ohne Zgern zu einer Art moderner Astrologie, wonach das
Organische sehr wohl seine Bildungsvariationen dem kosmischen Geschehen
verdanken kann und wonach die Form der Lebewesen, die Entwicklung neuer
Arten vielmehr buchstblich im Himmel beschlossen wird als auf unserem
winzigen Planeten. Der mechanische Weg dieser Abweichungen wird uns
einzig und allein verstndlich mit dem Bilde der rhythmischen
Einbeziehung alles Mitbewegten in den Strudel des Weltganzen, der in den
Nebeln des Orion nicht weniger am Werke ist als bei der Bildung einer
Emulsion aus Fett und Wasser oder dem Zusammenrhren einer Mayonaise.
Der Weltallsrhythmus weist auch dem Organischen Pole und quator zu und
gibt ihm, seinem eigenen gewaltigen Takte eingefgt, das
stabil-harmonische Gleichgewicht. Zu diesem Gleichgewicht gehrt, was
meines Wissens noch nie betont ist, auch die Form, die, wie wir nun
gezeigt haben, ja sich mit Hilfe der Elektronenlehre sehr wohl auffassen
lt als in direkter Abhngigkeit von der Rhythmik der Atome.

Die gesamte Morphologie wird sich einst auflsen lassen in eine ideelle
Rhythmologie! Wie aber sollen wir uns berhaupt die Rhythmik des
Organischen vorstellen? Wie konnte sich vom anorganischen Kreisen der
Materie, gleichsam gegen den Gesamttakt, die Synkope des Lebens
loslsen?

Nun, die Wissenschaft der Kristallisationen und der Kolloidalsubstanz,
die Chemie der Eiweivorstufen der Peptone und Albumosen erkennt einen
prinzipiellen Gegensatz zwischen belebter und unbelebter Substanz schon
lange nicht mehr an. Mit Fug und Recht kann man jetzt schon von einem
Kristalleben sprechen, wie von Ha und Lieben der Elemente. Die
Wahlverwandtschaft im _Goethe_schen Sinne ist lngst ein chemischer
Begriff, und schon lange hat man das Lcheln verlernt ber den alten
_Fechner_, welcher khn den Sternen und auch der Erde alle Kriterien
lebendiger Wesen zusprach. Aber trotz allem bleibt dem organischen Leben
deutlich ein Sonderrhythmus brig, der mit der vielleicht nur
scheinbaren Freiheit der Bewegungen der belebten Materie eine
Ausnahmsstellung vom starren und konstanten Rhythmus des Anorganischen
sichert. Mglich, da keine anderen Gesetze im Organischen walten als im
Unorganischen, eine durchgreifende, prinzipielle Variation des
Krftekreises mu doch stattgefunden haben, damit die Materie zum
Stoffwechsel, zur Eigenbewegung, zur Fortpflanzung, schlielich zum
Denken gelangte.

Ich will hier der Versuchung widerstehen, ein neues Mrchen der
Schpfungslehre auszuspinnen und es den wundervollen Dichtungen der
Bibel und dem Traum _Goethes_ und _Darwins_, dieser beiden Patriarchen
des Entwicklungsgedankens, anmalich anzureihen--um ein Mrchen mit dem
Beginn "es war einmal!" kommen wir ja bei den Schpfungsphantasien nie
herum, denn kein Mensch wird je wie Mephisto ausrufen knnen: "wir waren
selbst dabei"--: ich will nur auf die Mglichkeit hinweisen, da ein
Fortfall kosmischer Hemmungen bestimmend gewesen sein kann fr eine bis
dahin neue, aber doch im Wesen der allmchtigen Krfte liegende Variante
kompliziertester Rhythmen, die wir eben Leben nennen.

Unter der Faust der Hemmungen mag sehr wohl das rhythmische Gefge des
Anorganischen unendlich konzentriert und zu besonders dichter, latenter
Energie in den Stickstoffverbindungen zusammengepret, gleichsam zu
einer unendlich komplizierten Kraftspirale aufgezogen und verankert
worden sein, bis dann wieder durch himmlisches Geschehen die letzte
Hemmung der aufgespeicherten latenten Krfte fortfiel: gleichsam wie
lebendiges Gewrm hervorquillt unter einem erhobenen Stein, wo es zuvor
dem Auge unerreichbar in Fesseln lag, oder wie ein Schlssel, ein Funke,
ein Schlag, ein Sprung eines Kessels Dinge sind, die aufgespeicherten
Energien Gelegenheit zum Hervorbrausen gewaltiger Spannungen
Veranlassung gibt. Schliet nicht die befruchtende Samenzelle, das
Spermatozoon, am Ei mit goldnem Schlssel die Hemmungen auf, so da sich
die verborgenen Wunderwerke des Leibes auftun und emporblhen zu
kniglichen Thronen des Lebens und der Gedanken? Schlft nicht alles
Leben im Mutterscho wie Dornrschen in den Hecken, bis ein einziger
Ritterku den hemmenden, bannenden Zauberschlaf hinwegscheucht? In sich
geschlossen, in immer gleichem Rhythmus um sich selber kreisend, liegen
die anorganischen Bausteine wie in einer undurchdringlichen
Zauberkapsel, bis der Keim der Befruchtung eindringt, die Hemmung
aufschliet und sich das Werk vollendet. Was ist denn Zeugung und
Ernhrung anderes, als ein ewiger Austausch verschiedenartigster
rhythmischer Spannkrfte auf kleinstem Raum der Zellsubstanzen
zusammengepret, ein dauerndes Kartenmischen tierischer und pflanzlicher
Rhythmentrger durcheinander? Was ist Arzenei- und Giftwirkung anders,
als das Eingreifen aufgesammelter, von der Sonne akkumulierter
Spannkrfte in die Rhythmen des organischen Geschehens? Wie kann eine
Auenkraft dem inneren Gefge anders ntzen, als indem sie Schwungkraft
den ermattenden Rhythmen hinzufgt? Das Leben wird nur vom Leben
gepeitscht, getrieben, emporgehoben wie der brodelnde Schaum der
Flssigkeiten, in die ein Trpfchen Sure fllt. Auch in chemischen
Verbindungen werden Hemmungsketten fortgerissen, damit latente Krfte zu
neuen Formenkreisen sich stabilisieren. Ich will das berauschende Bild,
wo Rhythmus sich zum Rhythmus gesellt, um neue Formen hervorzubringen,
nicht weiter ausspinnen, es gengt mir, die Mglichkeit betont zu haben,
da das Leben nichts ist als eine neue, durch Hemmungsfortfall
ermglichte rhythmische Wellenform der sogenannten unbelebten Krfte. In
diesem Sinne kann in der Tat das Leben rhythmisch als eine Synkope des
Weltallrhythmus, als eine Sondertaktbewegung, nur scheinbar losgetrennt
von der Symphonie des Ganzen, definiert werden. Es mag einen langen
Schlaf gehabt haben im ewigen Barbarossagrab: der Felsen brach, die
Hemmung fiel, und die junge Majestt des Organischen stieg auf den Thron
der Erde.

Wenn wir diese Anschauungen in uns lebendig werden fhlen, so mu
natrlich zwingend das Motiv des Rhythmischen in allen Phasen des
menschlichen Betriebes, krperlich und geistig, nachweisbar sein. Es ist
lngst bekannt, welche Rolle die Periodizitt im Krperlichen und
Geistigen spielt, wie die ganze Summe physischen und psychischen
Geschehens in unserem Leibe und unserer Seele in dauernder Abhngigkeit
vom Rhythmus ist, von dem wiederum gar nicht anders zu denken ist, als
da er in Harmonie mit dem Welttakte sein mu, um nicht einfach
hinweggefegt zu werden vom Schwungrad des Kosmos, wie ein
Sonnenstubchen vom wehenden Atem. Ich will niemand behelligen mit der
Aufzhlung aller physiologischen und pathologischen Periodizitten, den
Bedingungen des Pulsschlags und der Atmungszahl, den periodischen
Sekretionen, Schlaf und Wachsein, Pubertt und Adynamie, Ein- und
Ausgabe der Nahrungsmittel, nicht mit der Rhythmik der Schmerzanflle,
der Krmpfe, der Zuckungen, Wallungen und Blutungen, ich will nur
verweilen bei dem psycho-physischen Grundgesetz des Rhythmischen auch im
menschlichen Leben und will den Mechanismus zu ergrnden suchen, auf dem
sich auch dieses psycho-physische Geschehen auf einem Widerspiel
zwischen Aktion und Hemmung, als dem eigentlichen Grunde der Rhythmik,
aufbauen lt. Ich mu hier bemerken, da ich alles seelische Geschehen
in Abhngigkeit setze von einer Aktion der Nervenstrme und einem
Hemmungsmechanismus, einer Art periodischer Isolation durch die
Neuroglia, bzw. von dem sie durchstrmenden Blutsafte, welcher ja nach
_Ritters_ Untersuchungen aus _Biers_ Schule in der Tat stromhemmende,
Nervenerregungen einbettende Kraft hat. Danach ist es leicht, sich
vorzustellen, da das mit dem Herzpulse einstrmende Blut periodisch die
Ganglien auer Kontakt setzt und da die Pause der Herzbewegung
diejenige Zeit ist, innerhalb welcher die Ganglien Anschlufreiheit
besitzen. Die rzte wissen, welche Rolle Blutmischungsanomalien fr die
Art der Anschlsse im Gehirn spielen, wie ein verdnntes, hemmungsarmes
Blut naturgem zu Erregungen und Unruhen, ngsten und Wahnvorstellungen
und Schmerzempfindungen disponiert; wie Hunger und Krankheit, vernderte
innere Sekretion ein ganzes Heer abnormer Nervenstrungen hervorrufen
kann. Sie wissen alle, wie die Herausnahme der Schilddrse unter
berladung des Blutes mit Hemmungssften, wie bekannt, auch den
geistreichsten Menschen zu einem Idioten machen kann. Wir wissen, da
die Nebennieren einen Stoff produzieren, welcher selbst auf peripheren
Nerven die allerenergischste Stromausschaltung zuwege bringt, und den
Irrenrzten ist bekannt, wie wichtig ein normaler Hemmungsmechanismus
fr den Bestand der Seele ist.

Es kann keine Frage sein, da, wenn der Blutsaft die ihm von mir
vindizierte Kraft der Ein- und Ausschaltung besitzt, das eigentliche
Wesen der Persnlichkeit, das Temperament eine Frage der rhythmischen
greren oder geringeren Reaktionsfhigkeit der Nervenzentren sein mu,
da die Zahl der aufgenommenen Eindrcke and ihre Verarbeitung zu
Vorstellungs- und Willensimpulsen in direkter Abhngigkeit von
rhythmischen Individualitten sein mu, die wiederum in Abhngigkeit von
der rhythmisch ein- und ausschaltenden Saftfllung des Gehirns steht.
Der alte Volksglaube von dem leichten und schweren Blute findet hier
also seine durchaus plausible wissenschaftliche Begrndung; das
Menschenherz ist nicht nur die grobmechanische Druckpumpe fr
Blutbewegungen, es spielt in seinen rhythmischen Zuckungen auch fr das
Nerven- und Gemtsleben eine wichtige, wenn auch bisher noch wenig
gewrdigte Rolle. Aber noch in einem ganz anderen Sinne ist die
Herzbewegung der eigentliche Manometer der harmonischen Einstellung des
Nervenlebens in den Gesamtrhythmus aller Erscheinungen. Schon _Ernst v.
Baer_ hat die geistreiche Frage gewagt, wie wohl unsere Wahrnehmungen
sich anders gestalten wrden, wenn wir nicht, wie jetzt, in einer
Sekunde etwa zehn Einzelwahrnehmungen zu apperzipieren fhig wren, in
einem Zeitraum, der durchschnittlich genau bereinstimmt mit dem Ablauf
eines Herzpulses, und er hat plausibel gemacht, da schon die Fhigkeit,
innerhalb einer Sekunde etwa 30 Beobachtungen machen zu knnen, uns
zwingen wrde, das ganze Weltbild anders zu sehen. Wir wrden die
Flintenkugel als einen Strich, alle Himmelskrper als leuchtende Kreise
wahrnehmen knnen, und wrden von jedem Sinne her der Welt als total
anders erkennende Wesen gegenberstehen. Wir knnen jetzt hinzufgen,
da wir schon mit bloem Auge die festen Gegenstnde nicht mehr als fest
bezeichnen knnten, sondern da wir etwas von ihrer innerlichen,
rasenden Bewegung wahrzunehmen vermchten. Wir sind also mit unserm
rhythmischen Spiel von Puls- und Nervenaktion einerseits und
Sinneseindrcken andererseits so in den Rhythmus des Ganzen eingestellt,
da unser Harmoniegefhl direkt abhngig ist von diesem rhythmischen Ma
unserer Wahrnehmung in Sekunden. Natrlich erklrt sich auf diese Weise
am einfachsten das "Zeitliche" im Begriff alles Rhythmischen. _Zeit ist
eben die mit dem Ma unseres eigenen rhythmischen Wahrnehmens gemessene
und empfundene Bewegung des Alls._ Das fhrt uns direkt zu einem
Verstndnis des _sthetischen_.

Wir haben nur von denjenigen Rhythmen der Auenwelt den Eindruck des
Lebenfrdernden, Erhebenden, Daseinsteigernden, welche sich dem Rhythmus
unserer inneren Aktionen harmonisch einfgen, richtiger, sofern wir sie
in uns harmonisch zu verschmelzen imstande sind. Daseinsteigernd im
sthetischen Sinne sind eben nur diejenigen Rhythmen, welche unserm
persnlichen Sinnesrhythmus synchron zu verbinden sind bzw. ihn ohne
Widerstand und Disharmonie zu erhhen imstande sind.

Das schliet nicht aus, da auch der Konflikt der Rhythmen auer uns mit
denen in uns als Kontrastempfindung nach vollzogenem Ausgleich
lusterhhend, doch nur indirekt wirken kann, aber im allgemeinen ist zu
einer sthetischen Freude die Einfgung der lusterweckenden Rhythmen in
den Rhythmus unserer Nervenstrme unerllich. Insofern hat alles
deutlich erkennbar Rhythmische einen erheiternden, erhebenden,
freudewirkenden Einflu, berall besteht ein geheimes Verhltnis seiner
Schwingungszahl zur Schwingungszahl unserer Nervensubstanz, mag das nun
an einer schngeschwungenen Linie, an einem Akkord, an einer
Farbengebung, an einem Wohlgeruch oder an einem Hautgefhl sich
bettigen. Die Rhythmen der schnen Dinge mssen einfgbar sein in die
Rhythmen unserer Sinnesschwingungen, um sthetisch zu wirken, das ist
das Grundgesetz der Kunst, so variabel fr den einzelnen, weil eben
diese innenwirkende Schwingungszahl eine durchaus persnliche Gleichung
ist. Ist in diesem Verhltnis doch auch der eminente Einflu alles
Rhythmischen, seine suggestive bertragbarkeit begrndet. Der Redner,
der Dichter, der Schauspieler reit mich darum in seinen Bann, weil dem
Schwungrad seiner Begeisterung alle meine Seelenrder sich im geheimen
Gleichtakt einstellen, und ich bin im Bann eines jeden Menschen, dessen
seelische Schwingungen mich gleichsinnig zu bewegen imstande sind. Die
ganze Macht der Imitation, ja der hnlichkeiten, beruht auf diesem
Einstellungsverhltnis zwischen Auenwirkung und Innenbewegung. Und
fragen wir, auf welchem Wege diese Rhythmusakkomodation sich abspielt,
so gibt es nur einen erkennbaren Weg des Ausgleiches zwischen
Wahrnehmung und innerer Anpassung, der ist die Marconiplatte des Nervus
Sympathicus, dessen enormen und oft blitzartigen Einflu auf
Herzbewegungen und Gefspannungen die rzte lange kennen. Hat aber die
Herzbewegung Einflu auf unsere Ein- und Ausschaltungen im zentralen
Nervengebiet, so ist der Kontaktkreis geschlossen: der sympathische
Auenweltrhythmus erhlt seine rhythmische Konsonanz im Innern. Die
Vorgnge sind also viel mechanischer, als man gemeinhin anzunehmen
geneigt ist. Ein zndendes Wort, eine schlagende Formel, eine leuchtende
Wahrheit hat oft die Kraft, unser ganzes Innere blitzartig zu erhellen,
weil sie Spannkraft genug hat, die schlummernden Wellen unserer Seele
mit rhythmischem Lichte zu durchbrausen. Dem metrischen, schn gefgten
Wortreiz liegt oft eine verborgene Harmonie zu unserem Atmungsrhythmus
zugrunde, und es wre eine dankbare Untersuchung, festzustellen, wie aus
den mglichen Atmungsvarianten sich die Versmae herleiten lassen. Ist
doch nicht, wie _Bcher_ meint, die Arbeit der Vater des Rhythmus und
der Musik, sondern ist doch vielmehr der Rhythmus der Arbeit mit dem
typischen Niederschlag des Hammers in der Exspirationspause, also beim
Ausatmen, und das Ausholen beim Einatmen eben die direkte Folge des
Atmungsrhythmus, so da dieser selbst fr Melodie und Rhythmus des
Gesanges den Ursprung bedeutet. Rhythmus und Arbeit sind beides nur
Funktionre unserer Atmungsmechanik, die Csuren einer Melodie sind
ursprnglich die naturgemen Pausen zum Atemholen.

Wir wissen, da es Schwingungen der Luftwellen gibt, welche von einer
solchen rhythmischen Schnelligkeit sind, da wir sie mit dem Ohre allein
nicht wahrnehmen knnen. Wir hren nicht mehr das Geigenspiel gewisser
Zikadenarten, trotzdem es mit Kunsthilfe wahrnehmbar und berechenbar
ist, hnliches mag bei vielen anderen Sinneswahrnehmungen der Fall sein,
so da schon aus diesen Tatsachen der Satz sich herleiten lt, der
Rhythmus unserer Nervenschwingungen bermittelt uns nur einen Teil der
Weltallsrhythmen, und dieses Verhltnis lt uns die Mglichkeit nicht
von der Hand weisen, da es Menschen mit einer Feinheit der
Sinnesrhythmen geben mag, welche mehr Dinge wahrnehmen, als der
Durchschnitt.--Haben wir bisher im wesentlichen die rhythmischen Wogen
betrachtet, welche von den brausenden, chaotischen Kraftwellen stammen,
die die Auenwelt gegen die seelischen Gestade wirft in nimmer ruhendem,
vom Weltallsodem gepeitschtem Wogenspiel, so bleibt uns noch brig, dem
rhythmischen Hin- und Hergleiten der inneren, scheinbar aus eigenem Herd
geborenen, summenden und kreisenden Nervenspindeln zu lauschen. War
schon der Mensch als organisches Wesen in seiner Gesamtheit aufzufassen
als ein System rhythmischer Durchflutungen fr sich, abgetrennt vom
Kraftspiel der anorganischen Masse, so ist noch viel mehr seine Seele
eine fr sich und vielleicht einzig dastehende, still verschlossene
Kammer wunderbaren rhythmischen Spiels, die ihn in eigener Weise
befhigt, mit den Eindrcken der Auenwelt innen frei zu schalten und zu
walten. Haben nicht auch diese seine der Phantasie zugeborenen
Ttigkeiten ihre offenbare, zwingende Beziehung zur Rhythmik? Ist nicht
eigentlich die Phantasie die Gabe, sich mit allen seinen Gedanken in den
Rhythmus des Andern auer uns, sei es Mensch, Tier, Pflanze oder ein
Unbelebtes, selbst ein Gedachtes, hineinzuversetzen? Wo wre der
Knstler, der einen Gegenstand voll und berzeugend darzustellen
vermchte, wenn er nicht zuvor vllig eins geworden wre mit dem
Rhythmus und der Wesensart des Darzustellenden, der nicht aufjauchzte,
wenn er sein eigenes inneres Empfinden, die Schwingungen des
persnlichen Ichs verschmelzen fhlt mit dem erschauten Objekt? Das ist
aber nur mglich, wenn er gleichschwingend den Einklang fhlt, in dem
der Rhythmus des Gegenstandes mit der eigenen inneren Rhythmik
verschmilzt. Sich "hineinversetzen" heit doch nichts anderes, als sich
das Gefhl des Anderen und sei es eines Gegenstandes einzuverleiben mit
Hilfe der Phantasie und so selbst Lebloses mit dem Strom des eigenen
Lebens betrachtend zu erfllen. Wehe dem Knstler, der nicht rhythmisch
verschmilzt mit dem Objekt, das er darstellen will: er mu ein Stein
sein knnen, wenn er ihn malt, eine Blume, wenn er ihres Kelches
Schnheit herbeizaubern will, ein Kind, wenn er sprechen will, wie
Kinder sprechen, und eine Wolke, wenn er mit ihr seine Lieder wandern
lassen will. Der echte Knstler steckt in Woge und Wald, die er malt,
ist Knig und Bettler, wenn er sie darstellt, hat ihren Stolz und ihren
Hunger, trgt ihren Szepter und ihren Bettelstab.

Wie reich macht doch die Phantasie, indem sie den Verwandlungsmantel
ber unsere Seele legt, so da schlechterdings nichts unerreichbar wird!
Aber auch der Wissenschaftler, der Entdecker und der Erfinder wird
niemals zu neuen Offenbarungen gelangen, wenn nicht die Intensitt
seines Einfhlens in die Materie ihn befhigt, den Rhythmus des zu
Schauenden bis zu dem geheimen Motor der kreisenden Atome zu erfassen
und das Geschaute auch anderen, weniger Einfhlungsfhigen zu
bermitteln. Wo wre der Redner, der Erzieher, der Prophet, der wirken
knnte ohne diese rhythmische Durchdringung seiner Lauscher, ohne die
Fhigkeit Strudel der innersten Bewegung zu erzeugen, in welchen
Zweifel, Furcht, Eigenliebe versinken, wie Holzstckchen in den
gurgelnden Schlund! Wie wre eine Ethik denkbar, die sich nicht den
Rhythmus des hherstehenden, anbetungswrdigen Ideals zu eigen machte,
das uns die Phantasie als lockendes Ziel eines kniglichen Gefhls der
inneren Harmonie vorhlt?

Wie knnte man Liebe erwecken, wenn nicht ein Gleichstrom siegenden
Wollens die Geliebte mit berauschendem Wort in den Feuerstrom
entfesselter Leidenschaften hineinrisse?

Ich bin am Ende meiner Ausfhrungen. Wollte ich alle Beziehungen des
Rhythmischen zur Seele auch nur aufzhlen, so wrde wohl kaum ein Gebiet
seelischer Aktionen unerwhnt bleiben. Ich mu mich mit diesen kurzen
Andeutungen begngen.

Der Rhythmus ist der Allbeherrscher alles physischen und psychischen
Geschehens. Der Puls des Universums schlgt in allem, was ist und lebt.
Das Gehirn der Menschen ist ein Gestade nur, das er mit ewigem
Wellenliede umrauscht, eine Harfe nur, auf der er seine Sonnenlieder und
Schattenklagen singt, ein Prisma nur, durch das seine hellen und dunklen
Lichtwellen zitternd jagen und das, vielgestaltig und zu buntem
Strahlenbschel zerstreut, den umgeformten Rhythmus wieder in das All
zurcksendet. War Rhythmus der Pendelschlag von Kraft und Hemmung, so
ist die Seele ein diesem Pendelspiel spezifisch eingeschalteter,
organischer Widerstand. Nicht die Lebenskraft ist das Besondere, der
Kraft kann noch unendlich viel Wunderbareres vorbehalten sein als der
Menschengeist,--sondern die eigentmliche Hemmung, die die Weltkraft
zwingt, sich in uns so rtselhaft zu spalten, ist der Gegenstand
wissenschaftlicher Betrachtung. Wo sich die Weltkraft entzndet an der
atomistischen Reibeflche des Organischen, da blitzt das Leben auf und
erlischt wie der Meteorstein, der aufglht, wenn sein Sturz ins Chaos
hineingert in die sausenden Rhythmen der irdischen Atmosphre.




HUMOR


Die Menschheit hat stets um so mehr Worte ber eine Angelegenheit
gemacht, je weniger sie von ihr begriff. Und die Wissenschaft, diese
bedchtige Frau Registratorin, die alles Menschliche, fein suberlich zu
Millionen Aktenbndeln geordnet, in den Schubfchern der ffentlichen
Bureaus einer kniglichen Logik aufbewahren lt, um nur hier und da die
Aktenste anders zu gruppieren und dabei viel Staub aufzuwirbeln,
bezeugt, was jeder Katasterbeamte schon lange wei: je dunkler ein
Proze ist, desto hher trmen sich die ihn behandelnden Dokumente. So
kann ich denn auch nur die Manuskriptensammlung derer, die sich den Kopf
ber die drolligste Sache der Welt, ber das Lachen, zerbrochen haben,
um ein Exemplar vermehren, natrlich ohne jeden Anspruch, damit den
Zauber von dem neckischen Spiel der Seele zu nehmen oder gar das heilige
Lachen als einen ganz profanen Vorgang zu entlarven. Ich will nur
versuchen, einige Gesichtswinkel zu zeichnen, unter denen man den Humor
und die humoristischen Zustnde von einer Seite beleuchten kann, die
vielleicht neu und reizvoll genug ist, um die Aufmerksamkeit derer, die
schon ber diese Dinge nachgedacht haben, vorbergehend festzuhalten.
Dabei mu ich verzichten, nach wissenschaftlicher Autoren Art die lange
Reihe der geistigen Vter von vor und nach Christi Geburt, die einmal
ber dasselbe Thema gestolpert sind, herzuzhlen, um endlich zu einem
eigenen Krnchen Wahrheit zu kommen, das ich in den literarischen
Riesenscheffel hineinzuwerfen entschlossen bin.

Die meisten bisherigen Arbeiten ber den Humor, diese "lachende Trne",
ber das "umgekehrt Erhabene" (Jean Paul), ber die "realsthetische
Gestalt des Metaphysischen" (Bahnsen), ber die "Kontrastempfindung"
(Kant) usw. scheinen mir an dem kardinalen Fehler zu leiden, das
Psychische bei dieser Form der Gemtsverfassung vor dem rein physischen
Akt der Humorsuerung, in Summa dem Lachen in allen Formen,
unberechtigt weit und vorschnell in den Vordergrund geschoben
zu haben. Was uns zunchst nottut, ist eine gengende, rein
physiologisch-funktionelle Definition der Vorgnge im Gehirn und im
Muskelapparat, die eine humoristische Stimmung hervorrufen und
begleiten. Eine rein mechanische Betrachtungsweise der materiellen
Vorgnge im Seelenorgan gibt erst eine einigermaen sichere Basis, von
der aus auch das rein Seelische im Humor berschaut werden kann. Ich
will daher mit einer Analyse der allgemein blichen Ausdrucksform
humoristischer Zustnde beginnen, dem Gelchter. Erst nach einer
Darstellung vom Wesen des Lachens in allen seinen offenen und
versteckten Arten kann es mglich sein, auf das in der Seele einen
Rckschlu zu machen, was diese besondere Form unserer bebenden
Atmungs- und Zwerchfellsttigkeit veranlat.

Nach der trockenen und kategorischen Ausdrucksweise der Physiologie ist
das Lachen eine automatische, direkt nicht dem Willen unterliegende,
rhythmische Muskelaktion im Gebiet der Atmungsttigkeit, begleitet von
gewissen mimischen Funktionen der Gesichtsmuskeln und besonderen
Gemtszustnden. In der Tat: das herzhafte, reine, typische Gelchter
ist durchaus unwillkrlich und nur schwer durch Willensttigkeit zu
hemmen, wie unsere Erfahrungen noch von der Schulbank her beweisen: "Zu
lachen ist am schnsten, wenn man es nicht darf." Da kommt es zu ganz
explosiven, gewaltsamen Ausbrchen des Vulkanes ber unserm Zwerchfell,
deren Unwillkrlichkeit etwas Verblffendes, Elementares, Unhemmbares an
sich trgt. Es ist also eine affektive, von dem Willen unabhngige, von
dem jeweiligen Gemtszustande erzwungene, rhythmisch-muskulre Handlung,
wie sie hnliche unter weniger erfreulichen Umstnden die Ohrfeige, der
Dolchsto, der Faustschlag, oder aber das Ghnen, das Niesen, das Husten
sind. Das Zentralorgan erleidet etwas, das, wie wir sehen werden, in
einer besonderen Spannung von Vorstellungen besteht, deren Umsatz in
unhemmbare Muskelttigkeit ebenso vor sich geht, wie die Tabaksprise
in der Nasenschleimhaut zu einer allmhlich zentral ausgelsten
Reizhhe fhrt, d.h. die Nase kitzelt, bis ein Orkansto der
Ausatmung unwillkrlich sich erhebt, mit dem Zweck, die lstigen
Naseneindringlinge an die Luft zu setzen. So gibt uns der Humorist
gleichsam eine geistige Prise, die durch eine Lachsalve ausgeniest
werden mu. Gute Erziehung und groe Energie vermgen zwar hier und da
diesen psychischen Nieseffekt zu unterdrcken, aber die Seele ist
verschnupft, wenn sie von ihrem angestammten Naturrecht, sich herzlich
auszulachen, keinen Gebrauch machen kann. Ist so die gewhnlichste Form
des Lachens eine passive, so werden wir auch gleich Modifikationen
kennen lernen, bei denen das Lachen einen direkt aktiven, aufreizenden,
provozierenden Charakter, wie im hhnischen Angriff, gewinnt. Betrachten
wir zunchst eine Person, die _unwillkrlich_ lachen mu. Was tut sie?

Unter Nackenstellung des Kopfes, bei geffneten Nstern, breiter
Mundstellung, zugekniffenen Augen und unter Inanspruchnahme smtlicher
Atmungsmuskeln, auch der auxillren, der sogenannten Reservemuskeln fr
besonders ausgiebige Atmung, vollzieht sich an ihr schnell
hintereinander: erst eine tiefe Einatmung, eine unwillkrliche
sogenannte Inspiration, dann verharrt sie einen kurzen Augenblick auf
der Hhe dieser Funktion, d.h. gleichsam erwartungsvoll hlt der
Betreffende mit der Atmung inne; diese setzt fr eine Sekunde aus (wobei
weder aus- noch eingeatmet wird), etwa wie der Snger, der vor dem
Einsatz seine Lungen voll Luft gepumpt hat, wartet, bis er den Strom
durch den Kehlkopf passieren lt. Hat dieser Zustand der
Vollbereitschaft der Lungen zur Entladung eine kurze Zeit gewhrt, so
schlieen sich die Stimmbnder krampfhaft zu, und nun folgen unter
rhythmischen Zwerchfellszuckungen periodische Sprengungen der
Stimmritze, wobei die beiden festgeschlossenen Stimmbnder durch
die Blasebalgste, die das Zwerchfell auf die gefllten Lungen
ausbt, Zug um Zug gezwungen werden, nachzugeben. Die Glottis, der
Stimmbandverschlu, wird gesprengt; und, immer von neuem sich krampfhaft
schlieend, bringen wiederholte Zwerchfellerschtterungen sie zu immer
neuer Explosion. Dabei steht der Schalltrichter oberhalb des Kehlkopfes,
also der Rachen, die Mundhhle, der Zungengrund, in sogenannter grter
Resonanzstellung, d. h. in maximaler Weite; um mit den Gesangslehrern zu
sprechen, in A-Stellung. Darum ist die Grundvokalisation des Lachens ==
a vorhanden, und der Hauch der ausgepreten Luftste macht daraus ha,
ha, ha! Diese Lachresonanzist individuell verschieden durch persnliche
Rachen- und Gaumenbildung, ist abhngig von der Resonanz eines
kleinen oder groen Kehlkopfes, von dessen Tief- oder Hochstand. So
nuanciert ein heller Tenortimbre das ha, ha zu hae, hae; und das
Schneider-meck-meck-meck ist durchaus der Ausdruck der fadenscheinigen,
zart gebauten Konstitution dieses Ritters von der Nadel, wie das tiefe
Bariton-Ao der Wucht des Schmiedes und dem Ernst des Priesters eigen
ist. Die helle Kopfstimme der Kinder und der Frauen schafft das
Silberlachen der Soprane, das s wie Zauberglckchen klingen kann, und
die tiefe Resonanz der Altistinnen ergibt, ebenfalls aus dem Bau der
individuellen Klangbildner, den weihevollen sonoren Timbre, in dem sich
Stolz mit schluchzender Wehmut paart. Dieses Spiel der Einatmung,
Verharren auf der Atmungshhe, stoweise Ausatmen unter Glottissprengung
und Vokalklang bei gleichzeitiger Beteiligung mimischer Aktion:
Mundffnung, A-Stellung der Lippen, Winkel- und Grbchenbildung der
Wangen, Nsternspiel, Augenschlu und Ttigkeit aller auch bei der
Atemnot mobilen Hilfsmuskeln, wiederholt sich in schneller Folge
mehrmals hintereinander, bis oft nur der physische Schmerz der
maltrtierten Leibespresse Einhalt gebietet: "Hren Sie auf, ich kann
nicht mehr, ich platze." Dabei ist zu bemerken, da Trnenstrom nicht
allzu selten diesen die hchste Lebenslust bettigenden Akt begleitet.
Wie merkwrdig: hchste Lust und das Symptom des Schmerzes verbunden in
einer Funktion! Wir werden sehen, wie diese Brderschaft von Freud und
Leid beim Lachen ein Wegweiser zum Verstndnis des ganzen Vorganges
werden kann. Es ist nicht Zufall, da man weint, whrend man lacht. Hier
steckt einer der Schlssel zum Verstndnis des Humors.

Halten wir zunchst fest: das Lachen ist ein automatischer Vorgang, eine
affektive Handlung rhythmisch-muskulrer Atmungsttigkeit. Welche
Stellung hat dieser Vorgang im Haushalt physischer Arbeit?

Um diese Frage zu beantworten, mu ich erstens Analogien herbeiziehen
und zweitens mich auf den Weg entwicklungsgeschichtlicher Analyse
begeben. Da auch andere affektive Spannungen im Gehirn mehr oder
weniger rhythmische Muskelaktionen in Szene setzen, beweist, da auch
bei anderen als den humoristischen Motiven im Gehirn die
explosiv-elektrische Ladung, gleichsam die Seelenzndung, den
Muskelapparat in Bewegung bringen kann. Was ist die Affekthandlung
berhaupt anderes als die Entladung von ungehemmten Seelenspannungen auf
das Muskelgebiet?

Viele energische Reize treffen vor der Affekthandlung, im Spiel der
Motive, das Gehirn; es vermag nicht gleich im logischen Gebiet Herr der
Problemstimmungen zu werden und die entstandene Qual in Logik, Phantasie
oder Willensaktion aufzulsen; eine ungemtliche Spannung entsteht, bei
gleichzeitigem Kampf verschiedener, unhemmbarer Vorstellungen: "Was soll
ich tun, was lassen?" Unorientiertheit, Verblfftheit, Abwehr und
Duldung, Stachelung, Trieb und Gegentrieb prallen in der Seele
aufeinander: nach dem Gesetz der Erhaltung der Kraft mu auch jeder
psychische Reiz seinen logischen oder muskulren Ausgleich finden, denn
es _gibt gewi ebenso ein psychisches quivalent, wie es ein physisches
gibt_. Wie benimmt sich da ein also um Rat Verlegener: er pellt an den
Lippen, dreht den Schnurrbart, durchwhlt die Haare, trommelt an den
Fensterscheiben, stampft mit den Fen, luft unruhig auf und ab, hin
und her, d.h. er versucht seine Affektspannung im Gemt durch Umsetzung
in Muskelaktion loszuwerden. Oder aber: eine schallende Ohrfeige, oft
auch in rhythmischer Wiederholung nach rechts und links, ein jhes Wort,
eine rasche Tat lst pltzlich ohne Kontrolle der mahnenden und
hemmenden Mutter Vernunft die mehr als ungemtliche, meist gefhrliche
Seelenbeklemmung. Dann erst wird die Denkbahn frei: "Herr Gott, was hast
du getan!" und nur der Konfliktsschmerz, die Reue, das Gefhl, der
Situation unterlegen zu sein, und der Mut, die Folgen dulden zu wollen,
vermgen die Wirkungen des seelischen Sturmwindes zu beschwichtigen und
das kstliche l friedlichen Verzichtes ber die hohen Wogen der
psychischen Ekstase zu breiten.

Was geschieht beim Ghnen? Auch hier wird ein Konflikt zwischen
Hirnhemmung und Hirnaktion, der berschu geistiger Spannung, der unter
der aufgestlpten Tarnkappe der Mdigkeit (Hirnhemmung) keinen Ausgleich
mehr im Denkorgan finden kann, durch Muskelkrmpfe (Ghnkrampf) nach
auen abgeleitet, gleichsam wie man mit der Leydener Flasche die
Konduktoren einer Elektrisiermaschine in einzelnen Phasen entldt. Beim
Ghnen ist also ein oft wiederkehrender Vorgang physischer Spannungen im
Gehirn gewohnheitsmig auf eine bestimmte Bahn der automatischen
Muskelttigkeit abgelenkt, wozu auch das Recken und Strecken vor
Mdigkeit abends und morgens gehrt. Wir haben hier also eine Analogie
mit dem Lachen, die so weit geht, da auch beim Ghnen die
Gehirnspannung auf einer besonderen Bahn, gerade der Atmungsfunktionen,
ihre Entladung findet. Da auch das Ghnen, wie jede Affekthandlung,
unwillkrlich ist, d.h. gar nicht oder nur mit Anstrengung vom Willen
gehemmt werden kann, und da beide, Ghnen und Affekthandlungen, auf
einen unvollzogenen Spannungsausgleich im Gehirn gedeutet werden mssen,
so knnen wir einen zwingenden Rckschlu auf das Lachen wagen, d.h. wir
sind gentigt, anzunehmen, da auch das Lachen einen muskulren
Ausgleich besonderer Spannungen im Gehirn darstellt. Welcher Art sind
diese? Mit der Beantwortung dieser Frage werden wir zu einer Definition
des Humors, d.h. der humoristischen Reizungen des Seelenorgans,
gelangen. Dazu bedrfen wir aber noch eines Ausblickes auf die
Entwickelungsgeschichte.

Nehmen wir den Menschen nicht als ein Gebild aus Gottes Hand, fertig mit
all seinen erhabenen Eigenschaften, Fehlern und Tugenden, mit einem
Schlage erschaffen, sondern nehmen wir in _Darwins_--brigens
gottglubigem--Sinne an, da der Schpfer eine allmhliche Entwicklung
zugelassen und gewollt hat, so wre es denkbar, da das Lachen eine
Funktion war, die jetzt im Stadium schon weit vorgeschrittener
Entwicklung unter ganz anderen Bedingungen, aber doch vielleicht unter
Festhaltung der ursprnglichen, rohen und primitiven Grundbedeutung
zustande kommt. Mir will es scheinen, da, wie es rudimentre Organe
gibt, Organe, die in frheren Daseinsperioden einen vollen Funktionswert
im Haushalt des Organismus gehabt haben, jetzt aber durch eine diese
Ttigkeit berflssig machende Entwicklung entbehrlich geworden sind, es
so auch _rudimentre Funktionen_ geben knnte. Es ist denkbar und sogar
beweisbar, da gewisse Funktionen, die frher einen sehr zweckgemen
Sinn im Daseinskampf gehabt haben, in weiteren Stadien zwar noch
vorhanden sind, aber doch eine ganz andere Stellung gewonnen haben.
Dafr einige Beispiele. Die Bewegung unserer Nstern im Liebes- oder
Lebenskampf hatte augenscheinlich ursprnglich den ganz ausgesprochenen
Sinn der Witterung von Freund und Feind, den Sinn der passenden Auswahl,
wie es noch heute bei Tieren beobachtbar ist. Und jetzt, da niemand mehr
seiner Nase die Entscheidung berlt, ob sich ein Herz zum Herzen
findet oder ob ein Gegner Eigenschaften besitzt, die ihm gefhrlich
werden knnen, noch heute sehen wir trotzdem auf der Mensur die
Paukanten mit zuckenden Nstern ihre Hiebe austeilen, wir sehen bei dem
Ausstoen einer tdlichen Beleidigung, bei geistigem Hieb, dem Angreifer
die Nasenflgel zittern,--und auch einem liebestrunkenen Freier fliegen
im Feuer seiner berredungskunst die bebenden Nstern. Das ist
rudimentr! Es hat eigentlich keinen Sinn mehr; und doch: es hatte einst
einen tiefen Sinn, den Zweck der Orientierung im Daseinskampfe und fr
die passende Auswahl: Orientierung und Auswahl durch Witterung. Von
_Gildemeister_, dem geistvollen Essayisten, ist in einem Aufsatze ber
die Hflichkeit sehr zutreffend das Hutabnehmen und der militrische
Gru zurckgefhrt auf das Visierhochheben bei der Begegnung zweier
Ritter, die nichts miteinander auszufechten haben, und der Handschlag
war nach _Gildemeister_ gewi frher, wie noch jetzt etwa bei den
Logenbrdern, eine kompliziertere Form der Bekundung aller Abwesenheit
feindlicher Bestrebungen. Auch hier ursprnglicher Sinn im Daseinskampf
und jetzt eine rudimentre Hflichkeitsform. Wer ist sich heute noch
beim Adieusagen vllig bewut, den Scheidenden Gott zu befehlen? Sagen
sich doch auch Atheisten  dieu. Die hchsten Liebeszeichen selbst, der
Ku, die Umarmung, mgen im Bedrfnis einer vorsichtig tastenden
Diagnose entstanden sein: drum prfe, wer sich ewig bindet! Liebkosen
sich doch manche asiatischen Vlker noch heute, indem sie direkt
Riechorgan an Riechorgan reiben.

Es gibt also rudimentre Funktionen. Kann nicht auch das Lachen zum Teil
in einer solchen rudimentren Funktion seinen Ursprung haben? Hatte es
vielleicht ursprnglich einen ganz anderen Sinn als den, den wir bei
oberflchlicher Betrachtung heute in ihm zu sehen gewohnt sind?

Stellen wir uns einmal vor, es sei ein Hhlenmensch, ein Urwaldbewohner,
in stetem Kampf mit Ungetmen, Schiebegerll und erratischen Blcken
pltzlich auf einer einsamen Wanderung vor eine groe Gefahr gestellt:
ein Ungetm, wie er solches noch nie gesehen, streckt pltzlich, einen
fauchenden Rachen aufsperrend, sein schreckliches Haupt aus dem Gebsch.
Was wird unser Urmensch tun? In jhem Schreck reit auch er den Mund
auf, so weit es gehen will, tut einen tiefen Atemzug und verharrt starr
erwartend eine Weile in Inspiration. Das kann man noch heute bei jedem
sehen, dem ein furchtbarer Schreck in die Glieder fhrt. Das ist auch
ganz verstndlich. Denn wenn sich ein Mensch berhaupt wehren will,
braucht er Muskelkraft, dazu aber vor allem Sauerstoff; denn bei jeder
Muskelaktion ist Sauerstoffverbrauch en masse ntig. Er ldt also mit
dieser tiefen Inspiration gleichsam seine Muskelzentren zu noch nicht
nher erkennbarer Aktion. Nun trete aber bei unserem Urahnen
blitzschnell ein Wechsel in der bedrohlichen Situation ein: das
launische Ungetm hat vielleicht keinen Hunger, es besinnt sich; ein
Lwe, ein Riesenbr trollt lustig um die Ecke. Nun ist die Gefahr
vorbei. Ein jher Wechsel von Lebensbedrohung in der Idee und
pltzlicher Lebensbejahung, d.h. Abzug der Gefahr, prallen ihm fast
gleichzeitig in seinem Gehirn aufeinander, und zwei Assoziationen
entgegengesetzter Art treffen sich in seiner Seele: idealer drohender
Tod, reelles wahrhaftiges Lebensgefhl. Unter freudigster
Gemtsverfassung entldt er, gleichsam spottend der Gefahr, stoweise
seinen nun berflssig aufgespeicherten Sauerstoff. Unter
Jubelempfindungen entweicht stoweise die berschssige Lebenskraft.
Noch heute wird jeder bemerken, da nach pltzlich berstandener
Lebensgefahr oder Gemtsbedrckung eine Neigung zu fast hysterischen
Heiterkeitsausbrchen eintritt. Das Gefhl, einem Unglck entronnen zu
sein, sein Leben bejaht zu fhlen, wo es eben noch auf das Dringlichste
verneint erschien, erzeugt eine halb automatische Heiterkeit, die sehr
verwandt ist dem, was wir humoristische Stimmung nennen. Dabei beachte
man die Tatsache, da Trnen leicht flieen knnen, wo eben noch im
Moment der Gefahr die stockende Zirkulation bei tiefster Einatmung die
Trnendrse unabweislich strotzend fllen mute, und da ihr Gebrauch
sicher in Aussicht stand, wenn das Messer dem Lebensfaden so ganz nahe
kam, falls man Zeit genug gehabt htte, noch ber den jhen
Scherenschnitt der Parzen zu klagen. Man holt in der Freude nach, was
der Kummer vorbereitet hat. Auch die Trne, dieser tauende Reif aus
Edens Bltenkelchen, hat trotz ihrer Poesie ihre ganz materielle und
physische Entstehungsursache. Freude und Leid sind wechselnd die
Schleusenwchter am Strom der Trnen, und in der Begleiterscheinung des
Trnenflusses bei Humorstimmung sehen wir einen zwingenden Beweis fr
den Ursprung des Lachens in einem pltzlichen Kontrast von
Lebensbejahung und Lebensverneinung. Wir werden gleich sehen, in welcher
Weise diese beiden Salpetermischungen fr die Explosionswirkungen des
Humors in jeder Form des Lachens noch heute auffindbar sind. Zunchst
soll noch auf eine Beziehung hingewiesen werden, die auer dem
pltzlichen Abzug einer Gefahr noch andere rein physische Vorgnge zur
Erregung von Heiterkeitausbrchen haben. Bei der pltzlichen Bedrohung
und fast gleichzeitigen Errettung des Lebens liegt es ja erfahrungsgem
auf der Hand, da dieser Vorgang eine Disposition zu freudigen,
muskulr-rhythmischen Lebensbettigungen im Gefolge hat. Munter, wie ein
spielendes Reh, hpft ein Knabe davon, den schon das Rad des Wagens
streifte; man kann ihn kurz nachher erst recht pfeifend, trllernd,
tnzelnd finden. Wenn beim bergieen mit kaltem Wasser, bei kalten
Duschen, eine pltzliche tiefe Inspiration erzwungen ist, so habe ich
bei mir stets unmittelbar danach eine fast unberwindliche Neigung zum
Lachen bemerken knnen und habe dem Triebe nie gewehrt,--gewi ein
trefflicher Beweis fr die Verwandtschaft von physischem Schreck,
seelischem Wohlgefhl und Lachen, fr die Verwandtschaft tiefer,
lebenfrdernder Inspiration und Entladung der Atmung durch das
Zwerchfell.

Wer die ngstlichen Brsenleute im Anprall brandender Wogen im Seebade
beobachtet hat, sah auch gewi, wie ich, ihre Ausbrche zappelnder,
hpfender und kullernder Heiterkeit. Auch beim Kitzeln ist ein
unwillkrlicher Zusammenhang von peripherischem Reiz, tiefer Inspiration
und exspiratorischen Atemsten zu bemerken. Ganz junge Kinder kann man
nicht kitzeln, dazu gehrt schon eine gewisse Ausbildung des
Bewutseins, das erkennen lt, da die lebensfreundliche, mehr
zrtliche, neckende Berhrung im Kontrast zu der starken, das
Atmungszentrum reizenden Wirkung steht. Man beachte auch, da man das
Kitzeln leichter aushalten kann, wenn man die Atmung gewaltsam
unterdrckt. Daraus geht hervor, da das Atmungszentrum, also das
eigentliche Lebenszentrum, als eine Art von Lachzentrum funktionieren
kann, da es also _sowohl peripher von der Haut aus, wie beim Duschen
und Kitzeln, als auch zentral vom Gehirn aus, wie beim Witz, erregt
werden kann_. Fr unsere Auffassung von dem Ursprung des Lachens aus
einem Kontrast von Lebensbedrohung und Lebensbejahung ist es
interessant, zu erfahren, da der scharf umschriebene Punkt am
Zentralorgan, der, von einem Nadelstich getroffen, das Leben aufhebt,
von der Wissenschaft noeud vital, Lebensknotenpunkt, genannt wird und
da wir hier auch die Fden finden, die zur Erregung des muskulren
Ausgleiches fr die Zwerchfellerschtterung die elektrischen Strme
senden. Hier finden wir eine anatomische Besttigung der Beziehung des
Lachens zur Lebensbejahung und -verneinung.

Nun gibt es noch Lachformen, die an sich mit dem Humorgefhl ganz und
gar nichts zu tun haben. Es sind jene Lachste, die im Bellen und
Brllen der Tiere ihr physiologisches Vorbild haben; sie bedeuten eine
_willkrliche_ Ttigkeit, welche die Feindschaft herausfordert: das
hhnische, krnkende, verletzende Lachen oder die Andeutung davon: das
Lcheln. Das ironische, kritisierende, erhabene Lachen werde ich bei den
besonderen Formen des Humors definieren: _denn Satire, Witz, Ironie,
Spott, Hohn sind nur vom Temperamente gebrochene Formen des Humors_. Bei
vielen dieser Lacharten ist ein berlegenheitsgefhl magebend, d.h. die
Lebensverneinung oder -minderung gilt fr andere, fr den Lacher nur das
Gefhl eines hheren, berlegenen Standpunktes. Das Grinsen und Greinen
ist eine Kombination von Ohnmachtsgefhl und Feindseligkeit und das
schadenfrohe Lachen die Wirkung der berzeugung eigener Unversehrtheit
bei fremdem Unglck, von dem wir aber die unbestimmte sympathische
Empfindung haben, wir konnten ebensogut in die Falle gehen. Wir
identifizieren uns in der Idee mit dem Leidenden, nehmen aber den
Kontrast von unserem realen Unberhrtheitsgefhl her.

Ich gehe einen Schritt weiter und will die Beziehungen der
Zwerchfellsentladungen zur Mimik und Rhythmik einer kurzen Betrachtung
unterziehen.

Da das Atmungszentrum an sich mit dem Gesichtsausdruck
verwandtschaftliche, koordinierte Berhrungen hat, ist eine allbekannte
Tatsache. Bei der Dyspnoe, dem Atmungshunger, ist der Ausdruck des
Gesichtes ein so typischer, da man diesen Krankheitszustand erkennen
kann, ohne die Atmungsttigkeit direkt zu beobachten. Wichtig fr die
Theorie des Lachens ist auch, _da bei der Atemnot, also wieder einer
Lebensbedrohung, ganz dieselben mimischen und Atmungsmuskeln in Aktion
sind wie beim Lachen._ Aus dieser Beteiligung der mimischen Muskeln beim
Lachen ist die Ansteckungstendenz des Lachens erklrlich. Alle
rhythmisch muskulren, d.h. gleichmig und oft wiederholten
Muskelttigkeiten haben etwas stark die Nachahmung Herausforderndes: das
Ghnen, das Lachen, das Tanzen, Marschieren, Singen, die
Kampfbewegungen,--sie alle sind ansteckend, d.h. sie reizen zur
Entfaltung gleicher Bewegungen, und zugleich sind wir geneigt, daraus
eine heitere, humoristische Lebensstimmung zu entnehmen. Der Mensch ist
brutal genug, sich selbst der Komik krankhaft rhythmischer Zuckungen
nicht zu entziehen. Der Veitstanz, der Gang der Rckenmrker, die
Epilepsie knnen Formen annehmen, die manche unwillkrlich zu
schuldlosem Lachen zwingen, ebenso wie einige solcher Krankheiten direkt
ansteckend wirken knnen. Die rhythmische Muskelaktion ist am
zwingendsten Heiterkeit und Nachahmung erregend bei den Rhythmen der
Musik. Der Rhythmus an sich hat also eine suggestive Kraft, gleichartige
Spannungen im Gehirn auch des andern zu erregen. Wir Menschen nehmen an,
da der springende Fisch, die hpfende Bachstelze, der tnzelnde
Araberhengst in heiterer Gemtsverfassung sich befinden, obwohl wir es
nicht beweisen knnen; es stimmt uns aber gleichmige Rhythmik auf
starke Lebensbejahung. Das ist das Heitere in der Kunst; denn alle Kunst
ist Rhythmus: Rhythmus die schnen Linien, Rhythmus die Schwingungszahl
der Tne und Farben, Rhythmus jegliche Harmonie und arhythmisch jede
bleibende Disharmonie, weil ohne Ma und Regelmigkeit. Darum ist auch
in der Musik vor allem etwas der Lebensbettigung, der Lust, dem Humor
Verwandtes, und zwar ist nur bei schrfster Ausprgung schnellerer
Rhythmen eine humoristische Musik denkbar, also Tanz, Marsch, Scherzo,
Capriccio, Sarabande, Gigue. Ein humoristisches Adagio ist schwer
denkbar. Darum ist bei den grten musikalischen Rhythmikern, Haydn,
Mozart, Mendelssohn, Schubert, Loewe, auch die Heiterkeit und die Freude
zu Hause, whrend bei den groen Reflektierern, den Grblern in der
Musik, bei Beethoven, Brahms, Schumann, Wagner und Strau, das affektive
Problem seine Heimat fand. Diese Ausweichung auf das Gebiet des Rhythmus
bezweckt den Nachweis, da auch die rhythmischen Zwerchfellste innig
anderen rhythmischen Heiterkeitsbettigungen verwandt sind und da die
Heiterkeit sich typisch des Ausdruckes rhythmischer Muskelaktionen
bedient. Ich wage, in diesem Sinne das Lachen als die wahrscheinliche
_Quelle der Musik_, als der Seele ersten Jodler, zu bezeichnen.

Nun sind wir so weit gelangt, etwas nher zu betrachten, was in einem
Gehirn, in dem ein humoristischer Zustand, ein Scherz, ein Witz, eine
komische Bewegung zur Wirkung kommt, fr materielle Alterationen
vorgehen mgen, dergestalt, da ohne Zutun des Willens jener rudimentre
Atmungsrhythmus ausgelst wird, den wir "Gelchter" nennen.

Wir haben gesehen, da die ursprngliche Bedeutung der rhythmischen
Atmungsaktion, die wir Lachen nennen, auf einea fast gleichzeitigen
Anprall zweier direkt _entgegengesetzter Formen der Vorstellungen_ vom
Leben zurckzufhren sein drfte: auf einen Strom der Lebensangst und
auf einen bald folgenden der Lebensfreude. Das "Nein" und "Ja" des
Lebens prallen so schnell aufeinander, sind zwei Motive so direkt
entgegengesetzter Art, da sie, fr den Augenblick unvereinbar, eine
Hemmung im Gebiet der Logik und Phantasie erfahren, diesen beiden Formen
geistiger Reflexion. Das ist ein elementares Ereignis, bei dem die Seele
keine Zeit hat, ihre registrierende Katasterarbeit zu vollziehen; sie
wird berrumpelt, verblfft, Begriff und Wille gehen zum Teufel, und
gewohnheitsmig ist der Strom abgelenkt auf ein indifferentes
Muskelgebiet, das der Ausatmung. Das ist nun gewi nicht mehr der Fall,
wenn wir heutzutage einen Kitzel verspren, zu lachen. Unser Leben
erscheint weder bedroht noch besonders untersttzt, wenn ein
Schulmeister bei der Visite im Frack sich auf eine Sahnentorte setzt,
die die unvorsichtige Hausfrau auf einem Sessel stehen lie, oder wenn
einem protzig gekleideten Gigerl, das beim Aufzug der Majestten
durchaus sich in die erste Reihe drngen mute, gerade im entscheidenden
Moment der Zylinder ber Augen, Ohren und Nase aufgetrieben wird, oder
wenn der kleine, ganz preuische Hauptmannssohn die heikle Frage
aufwirft, "ob der liebe Gott bei der Kavallerie oder bei der Infanterie"
stehe oder ob er nur ein "einfacher" Mann (d.h. Zivilist) sei; auch
fhlen wir unser Leben weder in Gefahr noch in besonderer Sicherheit,
wenn wir bei Fritz Reuter lesen, da ein unruhiger Schlfer die groe
Zehe seines Mitschlfers fr eine feine Havannazigarre hlt,--und doch
liegt allen diesen unaufzhlbaren Formen komischer Wirkungen eine
Spannung im Gehirn zugrunde, die wenigstens andeutungsweise einen
solchen Konflikt mit verblffender Unlogik enthlt, wie er in
deutlichster Form beim Kontrast von Lebensbejahung und Lebensverneinung
auftritt. Schon Kant hatte gefunden, da der Humor im Kontrast wurzelt.
Aber mit Recht ist ihm eingewandt worden, da schwarz und wei, klein
und gro, trocken und na an sich keineswegs zum Lachen reizen. Und
doch: unter Umstnden kann der einfache Kontrast schon humorvoll wirken.
_Aber zum Kontrast mu noch etwas hinzukommen_. Vor zehn Jahren hat in
der Revue des deux mondes _Mlinand_ in einem Artikel "Pourquoi rit-on?"
hier fr das Psychologische im Humor den treffendsten Ausdruck gefunden,
der, soweit ich sehen kann, alle Formen des Humors und des Komischen
umfat. Er sagt: Lachen erzeuge das, was, von der einen Seite
betrachtet, wunderbar, phantastisch, ungewohnt, illusionistisch, und von
der anderen Seite lange gewohnt, ganz natrlich, "familir", alltglich
sich prsentiere. Man kann diesen glcklichen Gedanken dahin
vervollstndigen und ins Psychophysikalische bersetzen, da erst dann
Kontraste Lachen erzeugen, wenn eine Idee mit einer Realitt so in
pltzlichen Widerspruch gert, da sich beide an Reizstrke ihrer
psychischen Spannung ungefhr das Gleichgewicht halten. Ich meine, der
Beschauer einer komischen Situation und der Hrer einer komischen
Schilderung mu beide Wirkungen fast gleichzeitig empfinden, einmal, was
er sich bei einer Sache denkt, d.h. seine Idee oder die Idee, die ein
zweites Wesen reprsentiert oder zu reprsentieren sich bemht, zweitens
mu er diese Idee pltzlich in ihr reales Gegenteil umschlagen fhlen.
Die Wirklichkeit oder die Vorstellung von der Wirklichkeit greift brutal
in eine eben erst empfundene, aufgedrungene oder selbstangesponnene
Illusion ein. Der ideell, illusionistisch erhobene, erhabene oder
berhebende Gedankengang, auer uns oder in uns erzeugt, schlgt in
verblffender Gegenlogik in seine direkt verneinende und zwar ebenso
pltzlich berzeugende Kehrseite um. Dabei werden zwei Spannungen
ziemlich gleichzeitig im Gehirn mit gleich starker assoziativer Kraft
erregt: die eine ist eine scheinbar ideale, illusionistische, aber
unhemmbar aufsuggerierte im Reiche der Phantasiettigkeit des Gehirns,
die zweite, gleichsam elektrische Gegenladung erfolgt aus den Quellen
unmittelbarer Wahrnehmung, blitzschneller erfahrungsgemer Reflexion.
Beides trifft zusammen: es findet _eine Knickung, eine Kreuzung der
Assoziation statt_, beide Spannungen kontrastieren so elementar
unlogisch, da die pltzliche Dupiertheit unserer Logik, das ruhig und
vorsichtig arbeitende Gehirn es schnell abweist, die beiden Motive etwa
logisch zu vereinen oder eine konsequente Handlung resultieren zu
lassen; die Doppelspannung erzeugt ein Gefhl hilfloser Erregung, die
gewohnheitsmig und instinktiv auf den entwicklungsgeschichtlich
eingeschleiften Bahnen periodischer Zwerchfellste entladen wird. Diese
Bahnen sind eben die dem Atmungszentrum assoziierten und koordinierten,
und zwar deshalb, weil ursprnglich das Zusammenprallen von Nein und Ja
des Lebens instinktiv auf den Atmungsbahnen, in dem schnellen
Herbeischaffen und Auslassen wehrkrftiger Atmungsluft Hilfe sucht. Das
tiefe Inspirieren bei der Gefahr ist zweckgem und das stoweise
Entladen der Lungen eine natrliche Konsequenz, wenn die Gefahr
pltzlich entwich. Bei der berrumpelnden Logiklosigkeit und bei der
pltzlichen Kontrastierung der Humor erzeugenden Motive kommt die
Gehirnfunktion in dynamisch hnliche, wenn auch fr die Erhaltung des
Individuums gleichgltige Zickzackvibrationen wie im Momente der Gefahr.
Uns kann also nicht wundernehmen, wenn der Ausweg, den der
Hirnmechanismus fr seine Stellungnahme gegenber einer Bedrohung fand,
auch fr die funktionell verwandten Zustnde, Schtteln beim Frost und
Duschen und Kitzeln, beim Ghnen und Lachen beibehalten ist. Der
Kontrastierung einer ideell-illusionistischen und einer entgegengesetzt
realen Vorstellung, die das Gehirn unmglich zugleich verarbeiten kann,
diesem Schnippchen, das ihm beide extrem-mglichen Seiten des Lebens
gleichzeitig schlagen, kann es nur ausweichend begegnen; es befreit sich
von der harten Nu, von dem logischen Vexierpulver, das es nicht
verdauen kann, indem es den ganzen Krempel auf den Lasttrger Zwerchfell
abldt: mag er sehen, wie er damit fertig wird. Whrend dieser geduldige
Entlader das Gehirn befreit, erzeugt sich in der Seele ein
unbeschreiblich wohliges Gefhl der erleichterten Klarheit und
Heiterkeit: das ein herzhaftes Lachen begleitende kannibalische
Dickhutergefhl. So kann schwarz und wei als Kontrast komisch wirken,
wenn zwischen eine Schar die Idee der Wrde aufntigender schwarzer
Priester pltzlich ein feister, weier Kuchenbcker in gleichem Tritt
sich mengt; so kann der Kontrast von feucht und trocken, klein und gro
humoristisch sein, wenn unter dem Ausruf "Gott sei Dank, da wir im
Trocknen sind!" jemand in einen Waschkbel stolpert oder wenn mit einer
Riesenbulldogge ein winziges Schohndchen trippelnd Schritt zu halten
sich vergeblich bemht.

So erscheint uns also der Humor im allgemeinen Sinne als eine besondere
Disposition zu gleichzeitiger Betrachtung der Welt und ihrer
Erscheinungen von zwei Seiten. Der humorvolle Mensch hat die Fhigkeit,
berraschend schnell und berraschend suggestiv die zwei Seiten jedes
Dinges aufzuspren und die Januskpfigkeit alles Irdischen vor aller
Blicken zu offenbaren. Damit suggeriert er ihnen einen eigenen Zustand
elementar frappierender und glaubhafter Logiklosigkeit, den auch der
Zuschauer oder Zuhrer nur auf dem Wege des ja so ansteckenden
Gelchters loswerden kann. So ist denn der Humor auch gleichzeitig eine
Weltanschauung, die unbesiegbar erscheint. Sie ist voraussetzungslos,
durch nichts kaptivierbar, unbestechlich und erbarmungslos und fast ohne
Irrtum, denn es gibt schlechterdings keine noch so ideale Erscheinung,
die nicht durch die Blitzphotographie ihrer kontrastierenden Realitt
zugedeckt werden knnte, und es gibt keinen noch so realen Vorgang, den
nicht der Zauberstab der Phantasie des letzten Erdenrestes entkleiden
und in reinlichen Asbest hllen knnte. Darum ist vom Erhabenen zum
Lcherlichen der Schritt so klein, weil, je hher der Kothurn steigt, um
so leichter ihm ein Bein zu stellen ist. Aber umgekehrt vermag auch im
Lcherlichsten noch sich das Erhabene zu bekunden.

Darum gehrt zum Humor solche ungemessene Dosis Phantasie, weil diese
Himmelsgttin ja auf dem schmalen Pfade der Ideen ebenso sicher wandelt
wie auf der Heerstrae der Trivialitten. An einer absolut realen Sache,
an einer allgemein gltigen Wahrheit schnell ihre Unzulnglichkeit in
khner Verallgemeinerung nachzuweisen, dazu gehrt ebenso Phantasie wie
dazu, eine gespreizte Idealitt im Handumdrehen vor den verzerrenden
Spiegel der Realitt zu stellen. Der Humor wirft der Idealitt einen
Knppel von realem Holz zwischen die Beine, sie mu stolpern und damit
die Menschlichkeit ihres Beinwerkes selbst widerwillig erweisen. Das
Ideal steht auf einem Fa mit dnnem Deckel: ein leiser Futritt der
Realitt, und der Gtze liegt im Waschfa. Die Idee ist eine
Seifenblase: ein Sandkorn Wahrheit lt sie platzen. Warum tat sie auch
so schn und erhaben, dies blutleere, zimperliche Ding! Aber auch das
noch so Reale, Handgreifliche steht auf schwachen Fen gegenber
der Khnheit von Philosophen wie Kant oder Nietzsche, die
unsere Wahrnehmungen schon als eine Halluzination und unsere
Diesseitsgltigkeit in Jenseitsnebel aufzulsen vermgen. Der echte
Humorist ist immer interessant, weil immer unberechenbar. Nur der kann
Humor empfinden oder erregen, der imstande ist, dies doppelte Gesicht
gleichzeitig zu haben oder zu verleihen; der Humorist verborgt Brillen
mit einem ideellen und einem realen Glase. Die einseitige, durch
Vorurteil und Sonderinteresse kaptivierte, stets logische und nur
vernnftige Betrachtungsweise der Welt ist die des Philisters; sie ist
langweilig und automatenhaft. Humor ist eine Gabe, die angeboren sein
mu, weil eine Doppelfunktion der Seele ihm zugehrt. Die phantasievolle
Anschauungsweise der Vollmenschen ist vielseitig und mit Humor getrnkt.
Die Vernunft an sich und die Weisheit ist aus Stein oder Erz, Blut und
Leben pulst der Humor erst in ihre starren Zge. Der geistvolle Narr und
der lachende, weinselige Weise haben mehr Erkenntnis in die Welt
gebracht als alle Schulphilosophen zusammen genommen. Sie sind ja doch
nie wirklich zu vereinigen, diese beiden Wagschalen des Lebens, das
Reale und das Ideale, nur an den schwanken Hebelarmen der Phantasie
lassen sie das Leben wgen und seinen wahren Wert bestimmen. Und welche
Quelle rein physischen Gesundheitsgefhles liegt in der Freude aus
Herzensgrund! Ich halte die Komdie direkt fr hygienischer als die
Tragdie. Jene entldt mein Gehirn von Sorgenwust und Tagesplage, diese
fgt zum Problem meines eigenen Lebens noch das des fremden Geschickes.
Gerade in diesem herrlichen Gefhl erhhter Lebenslust beim Lachen liegt
brigens ein Hinweis auf die atavistische, frher um Lebensbejahung und
-verneinung rotierende Bedeutung des Lachens. Von jeher sind die Bahnen,
auf denen sich das Gelchter auslst, assoziiert mit dem positiven
Gefhl gesteigerter und vermehrter Lebensfreude.

Fr das Verstndnis der einzelnen Formen des Humors ist zu
bemerken, da der Strom von Licht, der sich aus der Doppellaterne
humoristischer Lebensbeleuchtung ergiet, in gar verschiedenen
Medien seelischer Grundstimmung gebrochen werden kann, so sehr
auch im einzelnen die Tatsache der Kontrastierung von zwei
Phantasie- und Wirklichkeitsstrmen, dieser _Assoziationsknick im
Gehirn_, dieser knorrige Ast, gegen den die Sge der Logik
aufkreischt, sich berall nachweisen lassen mu, wenn anders
unsere Definition von dem gleichzeitigen Anprall kontrastierender
Doppelvorstellungen berzeugungskraft haben soll. Allerdings mu
dabei festgehalten werden, da jede humoristische Spannung der Seele
entwicklungsgeschichtlich im Gefhl der eigenen Lebensbejahung
wurzelt. So sind denn in der Tat manche Formen humoristischer
Stimmung nichts als die uerungen des Gefhles einer berlegenheit
ber andere. Die Schadenfreude ist deshalb die reinste Freude, weil
mein eigenes Unversehrtheitsgefhl im strksten Kontrast zu der
unbestimmt sympathischen Ahnung steht, da auch ich unter gleichen
Bedingungen htte meinen Rock mir zerreien, meinen Hut aufbeulen
lassen, meinen Heller verlieren mssen. Allerdings wirkt auch
hier der Kontrast um so sicherer auch auf andere suggestiv Heiterkeit
erregend, wenn die besondere vom Geschdigten prtendierte Form seiner
knstlich aufgebauschten Erscheinung etwas wie eine feindliche
Gegenstimmung von vornherein aufkommen lt. Dann gnnt man dem
Prtendenten eines angematen Thrones so recht von Herzen den
Zusammenbruch seines Pappsessels. Hier liegt der Schadenfreude oft ein
Gefhl fr humane Gerechtigkeit und Gleichheit zugrunde; sehr oft ist
eben Schadenfreude direkt durch prtentise, egoistische Aufgeblasenheit
und Breitmacherei herausgefordert. Auch hier fhrt der Humorist zur
Zertrmmerung einer gespreizten Illusion einen Hammerschlag gegen die
Idee: der Stahl der Realitt trifft die helle Glasglocke, da die
Splitter fliegen. Bei anderen Formen des Humors wieder ist von den
ursprnglichen Empfindungen von Ja und Nein des Lebens nichts als nur
noch das _berraschend Unlogische_ brig geblieben: so sehr hat sich die
Funktion des Lachens von ihrem ursprnglichen Vollwert entfernt. So
losgelst, gibt es natrlich tausend Varianten desselben Themas. Ich
will versuchen, diese Variationen des berraschend Unlogischen zu
formulieren.

Zunchst kann der _Assoziationsknick_ einzig und allein _durch ein Wort_
erregt werden. Die roheste Form dieses vorzglich auf berraschende
Logiklosigkeit, springende Doppelbeziehungen angewiesenen Humors ist
die Sucht, zu kalauern. In feinerem Sinne ferner das Wortspiel, das
Bonmot. Immer wird hier ein Wort, ein Begriff unter falscher Maske
eingefhrt und pltzlich die Maske rckwrtsgedreht, dann ist die
Doppelphysiognomie bemerkbar. Hier sind natrlich Synonyma und
erzwungener Gleichlaut, wie "Heils- und Heulsarmee", die Trger
besonders frappierender Unlogik oder die raffinierten Verhller
scheulicher Trivialitten. Der Schmerz heuchelnde Wehruf bei solchen
Kalauern beweist, da bei dieser Form von Logik eine kleine Verrenkung,
eine Knickung im Denkapparat vollzogen wird, was man den Kennern
Berliner Gepflogenheiten, glaube ich, nicht nher auseinanderzusetzen
ntig hat. brigens ist es geradezu verhngnisvoll, wenn jemand sein
Gehirn auf diese Wortantithese dressiert und sich zu einer Art geistigen
Jongleurs oder Schlangenmenschen ausbildet. Das kann frmlich zu einer
Kalauermanie, einer leider verbreiteten Form von Geisteskrankheit,
ausarten.

Wird der _Kontrast durch ganze Stze_ ausgedrckt, so erhalten wir die
Antithese, das Paradox, die Aphorismen, das Aperu. Auch hier werden
logisch unvereinbare Dinge mit verblffender Sicherheit in gegenseitigen
Kontrast gestellt. Die Fliegenden Bltter enthalten eine Fundgrube
solcher Weisheitssprche in Form kontrastierender Antithesen. Wer sie
sammelte, knnte ein Weisheitsbuch herausgeben. Besondere Kontraste
entstehen, wenn rein syntaktisch ein Satz anders konstruiert wird, als
er in unser aller Bewutsein ursprnglich lautete: "Lerne zu! Leyden!"
(Lerne zu leiden!) Hierher gehren auch die frchterlichen Imperative:
"Kaiser Wilhelm! Denk' mal!" "Platz! Vor dem Opernhause!" Es ist aber
doch ein Beweis fr die Aufsuggerierbarkeit rhythmischer Antithesen, da
man solches Zeug nicht hren kann, ohne wenigstens zu lcheln. Der
Kontrast ist erzwungen im Gehirn,--man kann ihn nicht abwehren, gerade
so wenig, wie man den Lichtstrahl hemmen kann, wenn er einmal die
Netzhaut getroffen hat. Wird die _Kontraststimmung_ erzwungen durch
_raffiniertere und behutsamere Irrefhrung der Logik_, so wird, wie in
der Anekdote, der humoristischen Erzhlung, knstlich die Phantasie in
eine Sackgasse gelockt, ein historisches Kolorit aufsuggeriert,--und
pltzlich gelangt der Zuhrer an den Assoziationsknick, an die
Gedankengabelung, weil der Erzhler mit pltzlichem Ruck der
elektrischen Bahn den Gegenstrom gibt. Dabei kann dann die Anekdote
sowohl im Wortwitz wie im Satzwitz enden, d.h. der Kontrast kann durch
einen Doppelsinn eines Begriffes oder durch doppelte Satzauffassung
bedingt sein.

Es ist nur natrlich, da die obsznen Witze hier eine hervorragende
Stellung haben. Ich gebe gern zu, da diese Witze manchmal von
besonderer Trefflichkeit sind. Das kommt aber daher, da die prde
Verhllung aller, auch der natrlichen und an sich nicht obsznen
Realitten es dem Sptter so leicht macht, die _Idee der guten Sitte_
und das _Bedrfnis der Natur_ in eine Art sensationeller, rasch
berrumpelnder Konflikte zu bringen. Die schlimmste Art ist natrlich
die Zote, bei der es nur auf obszne Kontrastierung von
Einzelvorstellungen ankommt, whrend ein fein sexualistischer Kontrast
auch den sensitivsten Geistern durch zierlichste Sinnverschlingung
Heiterkeit zu erregen vermag. Wir schmunzeln mit Sympathie: die da
gezeigten Menschlichkeiten sind ja auch die unseren. Aber diese Dinge
mssen, um wahrhaft humoristisch wirken zu knnen, doch einen dezenten
und fein umschleierten, intimen Charakter tragen. brigens gibt es
durchaus sentimentale und cholerische Formen dieser Kontrastierung von
Prderie und Naturbestimmung, wie der franzsische Sexualismus (Zola,
Maupassant) und der Satanismus beweisen, aus denen oft ein gerechter
Zorn gegen die kulturelle Verkmmerung und Verschnrung menschlicher
Natrlichkeiten und gegen die gesellschaftliche Fesselung des
Naturrechtes aufflammt.

Wird nun der _Kontrast zweier Weltanschauungen_ dauernd von dem
Humoristen festgehalten und dauernd dem Hrer oder Leser aufsuggeriert,
so gelangen wir zur humoristischen Novelle, zum humoristischen Roman,
zum Lustspiel. Unbedingt gehrt auch hier zur Humorwirkung immer das
berraschende, Pltzliche, Unerwartete, um eine Lachstimmung zu
erzeugen; denn der Konflikt der Ideen allein kann ebensogut zu Tragik
oder zum Problem wie zur Humoreske verwandt werden, erst die Art der
Behandlung ergibt die Variante: die Tragik errtert langsam und
unerbittlich logisch auf beiden Seiten konsequent die widerstreitenden
Ideen, sie erweist sie beide als berechtigt und lt die eine oder die
andere Weltanschauung scheitern; das Problemstck kommt berhaupt zu
keiner definitiven Entscheidung, sondern zu einem Fragezeichen; die
Humoreske lt pltzlich in berraschender Weise das Ideale am Felsen
alltglicher Vernnftigkeit zerschellen. Man erinnere sich nur, wie im
Don Quixote die kranke ritterherrliche Illusion stets an der
Mehlsack-Feistigkeit des kerngesunden Sancho zergehen mu wie die Butter
an der Sonne und wie bei Goethe die sentimentale, weichliche
Wolkenlangerei des Dr. Faust von der zynisch-grandiosen Sicherheit des
Teufels zerzaust wird. Fr den knstlerischen Humor, d.h. fr die aktive
Erzeugung humoristischer Stimmung, ist der Besitz des Musenkusses
unerllich. Jeder groe Humorist ist auch ein groer Dichter. Die
dichterische Erzeugung des Humors ist eins mit einer groen, frei
schaltenden und waltenden Phantasie, die im Reich des Realen ebensogut
zu Hause ist wie auf den Gletscherhhen des Idealen. "Wurzelnd mit
festen, markigen Knochen auf der wohlgegrndeten, dauernden Erde", darf
nur eine solche Phantasie es sich erlauben, neugierig ihr Lockenhaupt in
die Wolken zu strecken, um es zum Totlachen komisch zu finden, da auch
jenseits von Gut und Bse nur mit Wasser gekocht wird. Der die
humoristischen Gestalten produzierende Mimiker bedarf neben einer dem
Dichter kongenialen Phantasie einer stark physisch wirkenden
Suggestionsfhigkeit: er mu sein knnen, was er scheint. Versagt dem
Dichter oder dem Mimen die Fhigkeit, ihre innere Anschaung zu
suggerieren, so verfallen sie dem _passiven Humor_, der tragische Seiten
hat. Ihm verfllt auch jedes ernste Wollen, wenn dem prtentisen Anlauf
die Unzulnglichkeit des Menschlichen unvermutet und pltzlich ein Bein
stellt ... Ich mu leider darauf verzichten, an dieser Stelle nher
auseinanderzusetzen, in welcher Weise das Humoristische allein in dem
Medium der Situationen vielstrahlig gebrochen werden kann. Die
_Situationskomik_ nimmt ja den breitesten Raum auf den Brettern der
Bhne ein, und es ist jedem Theaterbesucher nun gewi leicht, in jedem
Falle nachzuweisen, warum diese oder jene Situation humoristische
Stimmungen erzeugt, warum ein Lcheln mit prasselnden Lachsalven von oft
lawinenhnlicher, elementarer Gewalt wechselt. Je schrfer und
pltzlicher kontrastiert von Dichtung und Regie die Situationen
herausgearbeitet, je weiter die Funkenkonduktoren durch gespaltene
Phantasiettigkeit voneinander gesperrt sind, um so sicherer wird die
Katastrophe im Schachte der unterminierten Logik herbeigefhrt und um so
energischer wird der induzierte Energiestrom auf die Telegraphendrhte
zum Ministerium der Heiterkeit abgelenkt. Irrtum, Verwechselung,
Tuschung, Vermummung, Verstellung sind hier die fast schon
farbenblassen Requisiten, die aber an einer gewissen Unsterblichkeit zu
leiden scheinen. Die Operette und komische Oper mit ihrem Liebeshumor,
dem grazisen Schferspiel, die Posse und der Schwank, die sich die
gewagtesten Situationen erlauben drfen, bis hinauf zum echten
_Lustspiel, das die reale Wahrheit einer sozialen oder individuellen
Idee in Kontrast mit den schiefen, egoistischen Gesellschaftstrieben zu
stellen versucht_: sie alle fristen ihr Leben nur, wenn sie im Einzelnen
wie im Ganzen Bewutsein, Wahrnehmung, Phantasie, Reflexion zu
fortwhrenden gegenseitigen Bocksprngen zu zwingen vermgen. Eine
richtige Burleske mutet uns geradezu eine geistige Zickzackepilepsie der
wechselndsten, pltzlichen Ein- und Ausschaltungen unserer Phantasie zu,
so da uns die kontrastierenden Ideen im Schdel herumfliegen wie die
Erbsen in einem geschttelten Topf. brigens will ich nicht vergessen,
zu erwhnen, da im gewhnlichen Leben gerade bei der sentimentalsten
Gemtsverfassung, bei feierlichen, ja der Trauer geweihten Situationen
der Humor, dieser Dieb aller Wrde, einen wahren Einbruch in das
Allerheiligste unserer Vorstellungen wagen darf. Es war unbegreiflich
komisch, als meine Grotante am Sarge einer Verwandten bei einem
Rhrungskollaps aller Anwesenden statt des Taschentuches eine in der
Eile eingesteckte Nachtmtze aus ihrem weitfaltigen Kleide zog, um sich
damit die Trnen zu trocknen. Es war von rhrender Komik, als ein
treuer, greiser Ehegatte, dem seine gute Alte gestorben war, ans Bett
der Leiche eine Riesenkaffeetasse brachte und diese leider zwecklose
Handlung also motivierte: "Ich hab'n ihr nun zwanzig Jahre jeden Morgen
so ans Bett getragen, nun kanns schon noch drei Tage so bleiben!" Das
ist eine Form von Humor, die an melancholischen oder _Galgenhumor_
streift. Sicher ist, da Feierlichkeiten der prunkvollen Trauer leicht
umspringende, humoristische, spttische, komische Gegenstrme
freimachen, die oft einen besonders explosiven Charakter aus gespannter
Kontrastierung erhalten knnen. Es ist nicht schn, aber wahr, da die
Menschen niemals so ausgelassen zu werden geneigt sind wie nach einer
groen Beerdigung, und die rohe Sitte der Schmausereien nach solchen
Akten beweist nur diesen realistischen Lebensbettigungstrieb selbst
angesichts des Todes, der mit zu Tische sitzt.

Diesen objektiven Schattierungen der humoristischen Kontraste durch
Sprache, Personen und Situationen reiht sich nun die Nuancierung an, die
der Humor erfhrt durch die vielstrahlige _Brechung an der psychischen
Disposition des Individuums oder einer ganzen Rasse_, durch das Prisma
des Temperamentes. Ich kann hier nur skizzieren, da vom Wesen des
Temperamentes dessen, auf den unsere Kontraste von Idee und Realitt
wirken, eine jede der besonderen Formen des Humors: Komik,
Possierlichkeit, Hohn, Geielung, Ironie, Satire, Spott, Witz,
Schalkhaftigkeit, Grazie, Galgenhumor, Drolligkeit, komische
Exzentrizitt, direkt abhngig sind. Je nachdem ein Individuum von
sanguinischem, cholerischem, phlegmatischem, melancholischem,
resigniertem, pedantischem, nervsem, phantastischem Grundtemperament
ist, je nachdem in einem Volke dieses oder jenes Temperament
vorherrscht: in zwingend paralleler Weise uert sich auch sein Humor in
besonders wohlcharakterisierten Formen, wobei natrlich, wie bei den
Temperamenten, die bergnge und verwandte Dispositionen eine
Kombinationen-und Variationenreihe vllig unbegrenzter Buntscheckigkeit
zult. Auch mu bemerkt werden, da auch bei derselben Person die
Grundbestimmungen variieren; wir haben nicht immer ein gleichwinkliges
Prisma, nicht immer eine gleichmige Grunddisposition in unserem Gemt;
wir knnen eben noch phlegmatisch sein: im nchsten Augenblick macht uns
ein Reiz sanguinisch oder cholerisch; oder unsere Morgenmelancholie und
unsern Aufstehpessimismus stimmt ein Tchen Kaffe, ein Glschen Kognak
zu beweglicherem Optimismus; und wieder ein anderes Mal treffen die
Komplementrfarben der beiden Weltbilder auf ein Eisprisma von Indolenz,
Phlegma und Resignation.

Unstreitig ist auch das Komische nur eine besondere Form des
Humoristischen: sie sind Zwillingsgeschwister der Bastardehe zwischen
Ideal und Real. Im Humor sehe ich eine subjektive oder objektive
_Gemtsverfassung_, die Komik ist ein subjektives oder objektives
_Mittel_, diese Gemtsspannung herbeizufhren. Mir will scheinen, da
zur komischen Wirkung ein gewisser phlegmatisch-pedantischer Rhythmus
der Aktionen gehrt, der diese dem Drolligen verwandte Wirkung ausbt.
Der gewissermaen verhaltene, scheinbar unbekmmerte, unengagierte,
trockene Humor ist um so komischer, je gleichmiger und verhaltener
seine rhythmische Aktion nebst der ihn begleitenden Mimik gestaltet ist.
Er verzieht keine Miene, der Trger des trockenen Humors; eine beinahe
apathische Typizitt seines Gesichtsausdruckes trgt dazu bei, den
Kontrast seiner realen Opposition gegen die Illusion auf rhythmischem,
Imitation erzwingendem, d.h. ansteckendem Wege zu verstrken. Man
betrachte daraufhin einmal aufmerksam unsere Komiker, Engels, Guthery,
Thomas, Alexander, Vollmer, Bendix. Bei allen ein ganz bestimmter
typischer Rhythmus ihrer Bewegungen, eine gewisse scheinbar unbeteiligte
Gleichfrmigkeit und schalkhafte, absichtliche Lssigkeit ihres
Gesichtsausdruckes: hngende Mundwinkel, pedantische, schlfrige oder
nrrisch verkniffene Augen, Mundspitzen, schlrfender, ziehender Gang,
schleppende oder besonders singende, meist monotone, typische Sprache im
Indifferenzton, dazu womglich refrainartige, immer wiederkehrende
Gesten und sprichworthnliche und scharf pointierte Satzbildung. Es ist
der besonders kontrastierende, gleichmige, scheinbar trge,
_pedantische Rhythmus, der die Komik macht_, auch beim Tappen des Bren,
bei den Bewegungen der Dickhuter, bei denen wir eben wie beim passiv
oder aktiv komischen Menschen ein besonderes Phlegma, eine besondere
nrrische Indolenz und langsame Leitung gegen die schnellen Reizwechsel
des Lebens vermuten. Sanguinische Tiere, die Katzen, die Hunde, die
Muse, nennen wir eher drollig, ihr schnellerer Rhythmus gibt ihrer
Komik etwas dem Schnippischen, dem Schalkhaften, dem Possierlichen
Verwandtes. Es kann also unstreitig der Rhythmus, in dem der Kontrast
sich kundgibt, die Formen des Humors modeln und frben. Entscheidender
aber ist fr die uerungsweise der empfundenen oder dargestellten
Kontraststimmung dennoch das Temperament, weil ja auch der Rhythmus
geistiger Bewegung wesentlich vom Temperamente bestimmt ist. So wird der
Sanguiniker sich meist des schnell kontrastierbaren Wortwitzes bedienen,
wie auch der geistreiche Witz, das Aperu, fast das ausschlieliche
Mittel des Humors des sanguinischsten Volkes, der Franzosen, ist. Dem
Choleriker ist der Hohn, die Geielung, die Ironie, die Satire das
Mittel der Kontrastierung; und die besondere Grazie der Spanier hat den
wundervollen Ritterhumor des Cervantes im Don Quixote gezeitigt, diesem
unverwstlich ehernen Monument humoristisch-wehmtiger Weltanschauung.
Die sanfte Melancholie der Germanen uert sich in dem einzigen,
herzenstiefen, gemtvoll sentimentalen Humor, dem wir die
berquellenden Labetrnke aus den Meisterwerken eines Dickens, Reuter,
Gottfried Keller, Raabe und anderer verdanken. Heines gemischt
cholerisch-sentimentales Temperament zeitigte die poetischen
Bltenstrue, in denen Rosen um Dornenkronen geflochten sind,
darin wechselnd Tau- und Blutstropfen aufleuchten. Der Amerikaner,
dessen Seele nach groen Dimensionen hastet, erzeugte auch einen
phantastischen, grodimensionalen, exzentrischen Humor, der in Edgar
Po, Mark Twain, Bret Harte die schpferischen Organe erhalten hat.
Endlich fhrt der Lebensverzicht, die tiefe Resignation, zu einer Form
der _Kontrastierung des eigenen, reell verlorenen Daseins mit einer
bewut ideellen, aber unlogischen Lebensbejahung_, zum _Galgenhumor_,
dessen Typus jener Verbrecher verkrpert, der, auf dem Karren zum
Schaffot gefhrt, der herbeistrmenden Menge zurief: "Kinder, lauft
nicht so: ehe ich nicht komme, geht es ja doch nicht los!" Hier ist der
Kontrast geradezu umgekehrt. Whrend sonst der Humorist tief innerlich
sein Leben bejaht und es doch in der Idee gleichsam spielend entwertet,
fhlt der arme Schacher sein Leben verloren und bejaht es spielend nur
in der Idee. Das ist typisch fr jede Form von Galgenhumor.

In jedem Falle ist also der Humor eine angeborene Gabe der vielseitigen
Betrachtungsfhigkeit der Welt und ihrer Erscheinungen, so verwandt der
Kunst, weil er, wie sie, des Rhythmus so dringend bedarf, Kunst aber
Rhythmus ist, verwandt der Philosophie, weil er, wie sie, die Wahrheit
ber alles liebt, verwandt endlich und entsprungen aus dem tiefsten
Schachte des Gemtes, wo die Edelsteine Gerechtigkeit und Menschlichkeit
ihre ewigen Kristalle wahren. Der Humor ist ein unbestechlicher Richter,
er ist eine Majestt, die mit einem Worte dekretiert: es soll dem Rechte
freier Lauf gelassen werden; ein Henker, der den Betrgern den
Lgenflitter und die Maske vom Antlitz reit, ein Evangelist, der es
versteht, die starren Formeln der sozialen Fragen selbst mit einem
Himmelslcheln zu lsen, und ein Trster, der ber alle Not Goldkrner
des reinen Gewissens und des unvernichtbaren Mutes der Persnlichkeit
streut. "Blankes Schwert erstarrt im Hiebe", wenn der Witz die Klinge
kreuzt; und fr manches drohende Gewitter ward ein einziges Scherzwort
zu rechter Zeit schon oft ein Blitzableiter, der den blauen Himmel
heiterer Einigkeit herbeizauberte. Der Humor ist ein Erzieher des
Volkes, ein Dokument seines Gemtslebens, eine Schatzkammer des
Reichtumes seiner Seele.




SCHLAF UND TRAUM


I.


Wer auf ein Leben von siebenzig Jahren zurckzublicken das Glck
hat--das ist bekanntlich die stark optimistische Auffassung der Bibel
von der durchschnittlichen Dauer des menschlichen Daseins--, der macht
es sich wohl mit einiger Verwunderung klar, da es mindestens
fnfundzwanzig Jahre waren, die er buchstblich verschlafen hat,--selbst
wenn er die kummervollen Nchte, in denen die Sorge oder der Schmerz
neben ihm am Bettrand sa, oder auch die Nchte abrechnet, die er
weniger kummervoll als deutscher Student verlebte.

Man kann es den Studenten also eigentlich ebensowenig verargen wie
weiland Friedrich dem Groen, da sie auf die freilich unhygienische
Idee gekommen sind, sich das Schlafen abzugewhnen; scheinen doch auch
unsere Ministerien der Meinung zu sein, da fr festangestellte Beamte
der Schlaf eine Luxusfunktion bedeutet. Ja, der Staat verlangt von
Sicherheitsbeamten, Nachtwchtern, Telegraphisten, Lokomotivfhrern usw.
sogar, da sie geflligst ihren eigenen Kalender umstellen, die Nchte
zhlen und die Tage aus ihrem Bewutsein streichen, sich also gleichsam
zum Eulen- und Fledermausnaturell im Interesse des Ganzen umzubilden
versuchen. Das wre eine grandiose Grausamkeit vom Staat und von der
Gesellschaft und ein strflicher Leichtsinn der Jugend, die die Lust, zu
leben, durch Abzge am Schlaf zu verlngern sinnt, wenn es nicht
tatschlich sogar recht wohlgenhrte Individuen in der Natur gbe, die,
wie Raubvgel und Falter, aus Neigung und Naturbestimmung mit
heraufziehender Nacht erst zu leben beginnen. Freilich: fr die
erdrckende Mehrzahl der Lebewesen ist die Sonne und das Licht und der
Mutterboden Erde, in Helligkeit und Farbe getaucht, der Tummelplatz fr
den Kampf, Sieg und Untergang des Daseins, und der Schlaf ist im
allgemeinen die Anpassung des Organismus an den Untergang der Sonne; er
whrt, so lange sie hinter den Bergen verweilt, und er schwindet mit
ihrem ersten stlichen Gru, der schon vor unserem Erwachen die Hhne
veranlat, Trompetenstudien zu machen. Freilich: schon lange hat die
Kultur, die Jean Jacques Rousseau eine Mrderin der Elfen und Waldgtter
schelten durfte, erst durch Holzscheite und Pechfackeln, dann durch
Tranfunzel, Docht, Steinl und Gas und jetzt durch das starre,
geisterhafte Licht der Glhbirnen und leuchtenden Strmpfe, deren Strahl
auf die Netzhaut wirkt wie ein Dolch (woran leider die Augenrzte
spterer Generationen noch einmal ihre Freude haben werden), dahin
gestrebt, die Sonne zu ersetzen und gleichsam zu verlngern,--wie man
eine krftige Bowle oder eine Suppe zieht. Ja, selbst die Natrlichen,
die heute versuchen wollten, mit Sonnenuntergang sich niederzulegen,
wrden von dem Lrm der auf knstliches Licht eingestellten Mitwelt
unsanft aufgerttelt werden und, wenn sie sich bei Tagesanbruch erhben,
in ihrem Hause wie des Begrbnisses unwrdige Bewohner von Vineta oder
Pompeji umherwandeln. Die Menschennatur hat einen Rhythmus von Ebbe und
Flut, wie das Meer, der Himmel, die Sterne und alles, was ist. Mglich,
da dieser Rhythmus sich ndern lt, da wir uns allmhlich anzupassen
vermgen an die knstlichen Quellen von Licht, aber man darf sich
nicht verwundern, wenn diese Anpassung nur auf dem Umwege von
Hypersensibilitt und Neurasthenie erreichbar ist. Nervositt ist
vielleicht nur die bergangsform--im Sinne Darwins--zu einer
knftigen Norm von bleichschtig-therischer, hypersensitiver
Weie-Lilien-Menschheit, die ihren Daseinskampf in elektrisch
erleuchtete Hhlen verlegt hat; vielleicht sogar lt sie sich vor
lauter Produktion berfeinerten und distinkten Nervenlebens noch einmal
am eigenen Lichte gengen, wie die entzckenden Glhwrmchen im Moose
oder die groen Laternentrger der Tropen. Man sollte meinen, da die
Menschheit keinen Grund htte, sich jenen Lebewesen anzureihen, deren
schwache Konstitution und federleichte Skelettformierung sie einst
abschob von der Chaussee des Lebens auf dunkle Waldwege, in Grben und
Smpfe, weil hier das Dunkel der Nacht sie ihren Feinden besser entzog,
wie Nachtinsekten, Kfer und Schmetterlinge; man sollte sich auch
scheuen, es jenen Dieben und Einbrechern in Wald und Flur nachzumachen,
den Eulen und Raubvgeln, die auf den Gedanken kamen, da die Finsternis
ein trefflicher Mantel fr lichtscheue Taten sei. Vorlufig aber bleibt
es hoffentlich dabei: fr unser Planetensystem ist es die Sonne, die als
die Urheberin und Erhalterin alles Daseins, gleichsam als die letzte
Ursache und der Grund aller Dinge zu gelten hat, und sie bleibt die
Wirkerin des Lebens selbst in der periodischen Abkehrung der Erdzonen
von ihrem Antlitz. Die Nacht und ihr Weben ist nur das Nachwirken oder
der Rckprall der Sonnenmacht. Tatschlich ist der Schlaf an ihr
Verschwinden gebunden, denn unsere Antipoden schlafen, wenn wir wachen,
und wachen, wenn wir schlafen. Periodisch also, wie die Sonne erscheint
und verscheint, so periodisch und rhythmisch pendelt das gesamte
organische Leben bei Pflanze und Tier zwischen Leben und Schlaf hin und
her. Denn da auch Pflanzen eine Art Schlaf haben, kann als ausgemacht
gelten, obgleich es auch hier Lichttrotzer gibt, die ihr eigentliches
Leben erst nachts beginnen. Die rmsten! Sie begreifen nicht, wie sehr
sie doch im Banne der Strahlen sind, wenn sie erst erwachen knnen,
sobald das Licht verschwindet. Nun kann man sagen--und die Wissenschaft
wiederholt es zuweilen noch heute--: dasjenige, was uns Schlaf bringt,
hat mit der Sonne gar nichts zu tun. Der Schlaf sei ein Symptom der
Ermdung, des periodischen Absinkens der Lebensenergie, ein passives
Zurckfluten der Lebenswelle; wie das Herz sich aktiv systolisch
zusammenzieht, die Atmung durch Rippenaktion eingeleitet wird, Diastole
und Ausatmung aber die passiven Phasen der vorangegangenen positiven
Aktionen darstellen, ebenso sei der Schlaf gleichsam die Diastole der
Nervenflut, eine Art Ausatmung des Seelenodems; er sei ein natrlicher,
rein passiver Vorgang der Ermattung, des Nachlassens der
Nervenspannungen. Ja, noch khner ist die Wissenschaft (Preyer) gewesen;
man hat behauptet, es sei ein Gift, wie das Narkotikum des Mohns, ein
physiologisches, von der Natur gewolltes Opium, das in der Kche des
Muskelhaushaltes gerade infolge der Ermdung jeder sich selbst bereite,
das sich allmhlich ins Blut mische und schlielich uns einschlfre.
Welche sonderbare Anschauung: Selbstvergiftung, Muskelgift, periodische
Narkose! Dann htte also das Sonnenlicht nur ganz zufllig mit Schlaf
und Wachen zu tun; und nur, weil wir am Tage unsere Muskeln gebrauchen
und damit das Fleischmilchsuregift whrend des Sonnenlichtes
produzieren, hat scheinbar die Sonne direkten Einflu auf den Rhythmus
von Schlaf und Wachen. Nun, abgesehen von der zweifelhaften Natur dieses
Muskelopiums--die Preyerschen Experimente brachten erstens keinen
Schlaf, sondern nur Vergiftungssymptome, und zweitens kann man diese dem
Schlaf ganz unhnlichen Zustnde fast mit dem Extrakte jedes anderen
Organes, ja, sogar aus dem ganz unttigen Muskel des neugeborenen Tieres
herauspressen; sie beweisen eben nur, da auch Muskelsfte fremde
Beimengungen zum Blut sind,--abgesehen also von der hypothetischen Natur
dieses Schlafstoffes gibt es sehr schlagende Gegengrnde gegen die
Mglichkeit einer solchen periodischen Ermdungsvergiftung. Wie sollte
ein Tier mit Winterschlaf so sonderbare Giftkammern besitzen, um von
ihnen aus Monate lang sich selbst in Narkose zu erhalten, ohne da fr
diese Funktionen auch nur der Schatten eines Organes in seinem Leibe zu
finden ist? Wie sollte zum Beispiel die merkwrdige Narkose des
Hamster-Chloroforms zu deuten sein, die ohne jede Analogie in unserem
Wissen vom knstlichen Schlaf wre und nur in der periodischen
Wiederkehr gewisser Wahnsinnsformen einen schwachen Analogiesttzpunkt
gewinnen knnte? Wie aber sollte erst diese Narkose durch Selbstgift zu
verstehen sein bei der pathologischen Schlafsucht des Menschen, bei der
eine--dann doch notwendige--besondere Muskelaktion vor dem Anfall oder
whrend der Dauer des Schlafes noch niemand aufgefallen ist und bei der
ein besonderer Gehalt des Blutes an dieser Fleischmilchsure in keinem
Falle bisher sich hat beobachten lassen? Wo produzieren Neugeborene, die
doch noch herzlich wenig mit Muskelknsten zu paradieren pflegen, das
Muskelmorphium ihres lieblichen Dauerschlafes, der sich fr unbefangene
Betrachter wahrlich eher wie ein Nachdauern sen Himmelsfriedens, aus
dem die Seele niederstieg, ausnimmt als wie ein tiefer und zher Kater,
der auf einen Sturm durchwachter Prgelnchte folgte, worauf allerdings
das Antlitz des eben einpassierten Mitbrgers mitunter hinzudeuten
scheint? Ist denn im Gegensatz zum Hindmmern des werdenden Menschleins
das unruhige Leben des Neurasthenikers oder des Greises, der hin und her
hastet in Lebensangst und Sorge, ein besonders mit Schlaf gesegnetes?
Lt sich ernstlich behaupten, da man, je mehr Muskelaktion man ausbt,
desto besser schlafe? Ist nicht gerade beranstrengung das beste Mittel,
um gar nicht mehr zu schlafen? Erfreuen sich nicht umgekehrt gesunde
geistige Arbeiter eines ungestrten, tiefen Schlummers? Will man
behaupten, da auch sie alle Gift produzieren? Die ganze
Ermdungstheorie, die das Leben auffat wie ein Kautschukband, das man
hier und da abspannen mu, um es funktionstchtig zu erhalten (wobei
noch nicht bewiesen ist, da es dadurch dauernd elastischer bleibt), ist
meiner Meinung nach unhaltbar. Gerade die lebenswichtigsten und
festgegrndetesten und wahrlich "beschftigten" Organe, das Herz, die
Lungen, der Magen--diese eigentlichen Motoren unseres krperlichen und
seelischen Betriebes--entbehren des Schlafes gnzlich. Sie hmmern,
blasen und whlen unbekmmert um Nacht und Tag und ermden erst, wenn
das Schifflein strandet. Aber auch die Nervensubstanz selbst, die sich
vor allem erholen soll, ruht nicht aus. Allein schon die Existenz eines
Traumes, die Mglichkeit eines Bewutseins im Traum spricht gegen die
absolute Ruhe des Nervensystems. Das, was wir Ermdungsgefhl nennen,
kann sehr wohl das Gefhl gestrten Gleichgewichtes der wechselnden
Lebensbettigung verschiedener Organsysteme sein, indem zum Beispiel
nach langen Mrschen die so lange unttigen, den Muskelzentren nahe
benachbarten Intelligenzzentren nach Lebensbeschftigung verlangen. Sie
wollen auch mittun, denn sie sind doch auch berechtigt, zu schwingen und
in Aktion zu treten. Wir sehen im Haushalt des Gehirnes immer nur ein
System ausgeschaltet und das andere eingeschaltet werden. Es knnte also
ebensogut das Gefhl der Ermdung eine Vorstufe des Schmerzes sein, der
uns warnt, die Maschine nicht immer auf einem Rade laufen zu lassen, wie
ja so oft Schmerz und Unlustgefhle die Rolle der Signalwchter fr
Strung und Gefahr bernehmen. Wo diese Wchter schweigen, wie bei
eigentlichen Geisteskrankheiten oder bei sportlichen Tollheiten
(Tagestouren der Radfahrer), da sehen wir die Ermdung als etwas
Illusorisches ausbleiben. Geisteskranke leisten krperlich oft
physiologisch Unfabares an Muskelaktion, und vor der ra der vier Tage
lang radelnden Dauerfahrer htte man die Sache nach den Gesetzen der
Ermdung fr Hirngespinst gehalten. Freilich hat man auch noch nichts
von besonders produktiven Kpfen, die auf solchen Athletenschultern
sen, gehrt.

Ganz und gar keine Anwendung lt aber die Hypothese von der Ermdung
oder der Selbstvergiftung auf die Formen knstlichen Schlafes zu, die
uns die junge Kunst des Hypnotisierens gelehrt hat. Es mte schon eine
sonderbare Ermdung oder ein sonderbares Gift sein, die durch Streicheln
oder Anglotzen, mit mehr oder weniger "freundlichem" Zureden, die
Hirnganglien berfielen und ertrnkten. Einer Mutter, der sorgsamsten
Beobachterin des Schlafes, wird sicher nicht beizubringen sein, da ihr
summendes Singen und ihr Auf- und Abwiegen dem Kinde ein ermdendes Gift
hinter die geschlossenen Lider schttet. Wie nun, wenn man diese ganze
Theorie des Schlafes als eines passiven Vorganges, wie ihn die
Wissenschaft noch heute definiert, ber Bord wrfe? Sehen wir zunchst
zu, was die Physiologie ber den Schlaf aussagt. Landois, wohl der
geistvollste und universellste Physiologe, spricht sich ber den Schlaf
in den folgenden Stzen aus: "Der Schlaf ist eine Phase der Periodizitt
des ttigen und ruhenden Zustandes des Seelenorganes." "Es ist im Schlaf
eine verminderte Erregbarkeit des gesamten Nervensystems vorhanden."
"Der Schlafende gleicht einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln."
Auffallend ist, da man bei diesen Grundstzen ber die Physiologie des
Schlafes so vllig vergessen hat, den Traum, als eine Funktion des
Schlafes, in die Definition miteinzubeziehen. Denn allein die
psychologische Tatsache des Traumes und seiner gewhnlichsten
Erscheinungsformen hebt diese Anschauungen smtlich auf. Der Schlaf kann
nicht die Periode des ruhigen Zustandes des Seelenorganes genannt
werden, denn es gibt Trume; Trume sind aber "Ttigkeiten" des
Seelenorganes. Im Schlaf ist ferner oft gerade eine erhhte Erregbarkeit
des Nervensystems vorhanden, wie das Zittern und Beben des Organismus
unter unruhigen Trumen beweist. Auerdem ist die vorhandene
Erregbarkeit smtlicher Nervenfunktionen im Schlafe leicht erweisbar.
Tue Salz auf die Zungenspitze eines Schlafenden, kitzle seine Nase,
bringe ein Licht in sein Zimmer: er wird mit der Zunge schmecken, die
Nase reiben, eventuell sogar niesen, sich in den Schatten drehen und
braucht dabei gar nicht zu erwachen. Aber selbst wenn er erwachte, so
wre damit bewiesen, da sein Nervensystem erregbar war, auch whrend er
schlief,--und es wre doch schwer festzustellen, ob strker oder
schwcher als vor- und nachher. Der Schlafende gleicht aber auch
keineswegs einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln, obwohl wir
leider keinem solchen Opfer der Wissenschaft mit einiger Aussicht auf
Erfolg diese Frage vorlegen knnten. Aber wir entnehmen gleichfalls aus
der Funktion des Traumes, die Ichbewutsein, Seh-, Hrwahrnehmungen usw.
nicht ausschliet, da die wesentlichen Teile des Hirnorganes, die
Ganglien der Hirnkugeln, in voller Ttigkeit sind. Ja, im Schlafwandeln,
einer Abart des Traumes, finden wir sogar bewute und durch die
Erinnerung und Beobachtung rekonstruierbare Zweckmigkeitshandlungen,
die nur durch die Ttigkeit der "gleichsam herausgeschnittenen"
Hirnkugeln vermittelt sein knnen. Im Widerspruch mit diesen
Definitionen ist also im Schlaf etwas vorhanden, das ihn als etwas
durchaus Aktives aufzufassen gestattet. Jene Analogie mit der Ebbe, mit
der Diastole, mit der Ausatmung, mit dem periodischen Nachlassen
elastischer Spannung knnte durch eine Auffassung ersetzt werden, wonach
der Schlaf eintrte, weil irgend etwas da ist, das eine Tarnkappe ber
die Gangliensysteme zieht, das den Nervenmechanismus angreift wie der
Konterstrom einer elektrischen oder Dampfbremse, das sich ber die
olsharfensaiten der Seele und ihre Milliarden schwingender Membranen
hinberzieht wie ein vielgestaltiger Dmpfer, der die Tne erstickt, die
Flammen verglimmen macht, die Bewegung stillstehen heit und die Welt
und ihre Umgebung zeitweise versinken lt. _In Wirklichkeit ist der
Schlaf eine Form der aktiven Bewutseinshemmung_. Wir wissen aber--und
das ist das Fruchtbare an dieser Betrachtungsweise--, da Hemmungen,
Isolation, Ausschaltungen im Bewutsein durchaus aktive Vorgnge, den
Nerventtigkeiten vllig gleichwertige Seelenfunktionen sind. Ja, wir
knnen sogar mit einigem Recht behaupten, da ganz allgemein, biologisch
gesprochen, die Hemmung, der Widerstand die Bedeutung eines aktiven
Weltgesetzes hat, indem gerade sie das eigentlich Entscheidende fr die
Formierung des berall vorhandenen und zur Bettigung drngenden Lebens
sein drfte. Die unendlich wandelbaren Gestaltungen, die das Leben
hat, gewinnt es nur durch Nachlassen oder Verstrkung der ihm
gegenbergestellten Formen der Hemmung. Das Leben ist gleich einem
gegebenen Strom rtselhafter, jeder Anschmiegung fhiger Materie, es
quillt durch jede Fuge, jede Ritze in der Form dieser Lcke, und die
Hemmung gleicht einer krallenden, bildenden, vielfingrigen Faust: sie
erzwingt die Form. Das Leben hat nur Platz in dem Hohlraum, den ihm die
Widerstnde lassen. Das ist ein Weltgesetz; und auch das komplizierte
System der seelischen Nerventtigkeit lt es erkennen. Jeder
hat schon an sich die aktive Macht dieses Gesetzes erfahren: die
Abhngigkeit seines Willens von etwas anderem in ihm, seinem Wollen
Entgegengesetztem, die zwei Seelen in seiner Brust, die Stimme, die vom
Meere ruft, und das Glcklein, das vom Kirchturm tnt und "Bleib
daheim!" lutet. Gott und Teufel, Wei und Schwarz, Ich und Du, der
andere in mir, Lust und Abscheu--immer um so nher beieinander, je hher
die Wogen des Empfindens gehen--sie sind nicht auseinanderzureien. Wie
ein Pendel seine Schwingungsweite innehlt und um so hheren Ausschlag
gibt, je hher der Anhub war, so lauert die Hemmung, die Wellen der
Erregung ins Tal zu reien. Kein Wunder, da es so ist! Denn, rein
mechanisch gesprochen: die Aktion einer Mehrheit der Nervenganglien des
Gehirnes mu in dauernder Hemmung sein, und zu einer Zeit knnen nur
wenige Systeme in Aktion anklingen, gleichsam wie ja zu einer Zeit nur
eine Leitung meinem Telephon angeschlossen sein kann, die brigen aber
abgesperrt sind. Ohne diese ewig wechselnde Ein- und Ausschaltung mten
ja jeden Augenblick alle Ganglien in chaotischen Wellen durcheinander
schwingen. Wir finden also, da wir in zeitlich nacheinander geordneten
Systemen nur deshalb denken knnen, weil uns im Augenblick immer nur
eine Bahn zum Denken von der Hemmung freigegeben ist. Was "die
Aufmerksamkeit konzentrieren" heit, ist nichts als das Gefhl und
Bewutsein davon, da von der ewig schwankenden, Anschlsse bald hier
erzwingenden, bald dort abdmpfenden Hemmung nur eine--die
Augenblicksempfindung vermittelnde--Bahn freigelassen ist. So ist also
der eigentliche Spiritus rector, _die Seele ber der Seele_, nicht in
den Ganglien, die nur die Erregungselemente abgeben, zu suchen; und in
dem Mechanismus dieser Hemmung wre das Prinzip zu erforschen, das
gleich immer wechselnden Registerzgen in der groen Hirnorgel bald
diesem, bald jenem System die Ventile ffnet, so da der einstrmende
Hauch des Lebens die fnfzehnhundert Millionen feiner Membranstimmen in
unfabar reicher Kombinationsmglichkeit zu seelischen Akkorden
erklingen lt. An einem Hause seien Millionen kleiner Glhlmpchen
angebracht, deren Drhte alle in eine stille Klause unter dem Dache
auslaufen. Hier sitzt ein Jemand, der das System der Hemmung in den
Hnden hlt. Er lt Millionen Flmmchen erlschen, und ein kleiner Rest
leuchtet: ein Namenszug strahlt in das Dunkel der Welt. Andere Systeme
werden geschlossen, andere freigelegt: ein Gru, ein Willkommen, ein
ganzer Satz erstrahlt,--und so knnte der Ingenieur der Hemmungen unter
dem Dach gewi jede Weisheit in farbigem Spiel aufleuchten lassen, falls
er den Strom seiner Batterien, der in alle Lmpchen zu flieen strebt,
zeitweise immer nur in einige eingelernte Bahnen zwingt und ihm die
anderen verschliet. So ist auch hinter unserer Stirn ein unendlich
kompliziertes System kleiner erregbarer Leuchtkrper ausgespannt, viel
zahlreicher als die Sterne am Himmel, die fr uns auch nur aufflammen,
wenn das Licht des Tages sie nicht abblendet; die nur dann in ihren
spezifischen Energieformen erzittern, wenn die Hirnhemmung gerade ihre
Leitungen dem Strahl des Lebens freigibt. Diese Hirnhemmung hat nun
keineswegs gleiche, scheinbar willkrliche Macht ber alle Formen
zentraler Hirn- und Seelenttigkeit; ihr wechselnder Einflu nimmt mit
dem Entwicklungsalter der einzelnen Hirnpartie ab. In den instinktiven,
dem Bewutsein ganz entzogenen Seelenttigkeiten, namentlich in
denen der Regulation von Herz- und Atmungsttigkeit, schwankt
die Hemmung nicht mehr; sie ist immer gegenwrtig, sie hat sich
selbsterhaltungsgem[1] herausgeprft, welche koordinierten Bahnen das
Beste, Unabnderlichste fr den Haushalt des Ganzen darstellen. So
werden auch unsere, heute nicht mehr bewuten Seelenhandlungen in
festen, definitiv und stets gleichmig gehemmten Bahnen reguliert, und
nur in den jngsten Phasen des Bewutseins tastet die Hemmung, gleichsam
nach Auswahl suchend, was wohl die beste, erhaltungsgeme Lsung sei.
Die jngste Entwicklungsphase eines seelischen Organismus ist gleichsam
stets sich selbst noch ein Problem, das nach definitiver, d.h.
instinktiver Lsung ringt.

  Funote 1: Von Hauptmann treffend statt "instinktiv" eingefhrter
  Begriff.

In uns geht sehr vieles unbewut seinen nicht mehr abzundernden
psychischen Mechanismus. Wir haben in uns psychisches Geschehen, das
unserer Kontrolle ganz entzogen ist. Unsere Sympathien und Antipathien
z.B. knnen wir nicht mehr ohne Rest im Bewutsein begrnden; wir tun
vieles, oft das Entscheidendste, ohne jeden plausiblen Grund,--mit einem
Wort: es gibt in uns Verstndigeres als den Verstand, Bewuteres als das
Bewutsein, Besseres als das Beste![1] Das sind jene unterbewuten,
schon definitiv vom schwankenden Bewutsein des Ichs und der Situation
abgelsten (definitiv gehemmten) Gebiete, die nicht mehr oder noch nicht
mit der tastenden Orientierung der hchsten Ganglienschichten assoziiert
werden knnen. Die jngsten Phasen geistiger Entwicklung senden ihre
Polypenarme (Sinne) wie Gehirnausstlpungen nach auen, sie horchen,
fhlen, wittern umher in der Welt und suchen nach Orientierung im
Weltganzen. Das Gefhl der allseitigen Hemmung, die Summe aller Reize,
die die Widerstnde auf meine Sinne ausben, wirkt das, was mein
Empfinden von mir selbst und mein Bewutsein von meiner Stellung in der
Welt ausmacht. Aber in der Tiefe meines geistigen Seins ist immer noch
ein dunkel in mein Jetztsein hineinreichender Unterstrom von einstigem
Wissen und Erkennen derer, die vor mir waren, gleichsam das Testament
der Psyche meiner Vorfahren, das ich nicht mehr entziffern kann, dessen
Gesetzen ich aber gehorche, auch ohne seine Sprache zu verstehen.
Manchmal fhlen wir ein dunkles Aufleuchten aus diesen Tiefen der mit
uns geborenen Stammesgeschichte, man sinnt ihm nach, wird sich seiner
Macht inne und fhlt doch nur einen Widerschein von seinem
Wetterleuchten. In diese Tiefe reicht nun keineswegs die Hemmung, die
der Schlaf dem Bewutsein bringt, seine Abblendung des geistigen Lichtes
bezieht sich nur auf jene krnenden Funktionen geistigen Geschehens, die
im wesentlichen, wie wir sehen werden, der noch gegenwrtigen Phase der
Hirnentwicklung zugehren.

  Funote 1: Das geht zum Beispiel deutlich aus der Tatsache hervor, da
  wir von einer Erkrankung trumen knnen, deren Herannahen im Wachen
  noch nicht empfunden wird: ein hohler Zahn, ein Geschwr kann im
  Entstehen schon Traummotive erregen, ohne gleichzeitig Wachsensationen
  zu veranlassen. (Moll.)

Was ist es nun, das diese Hirnhemmung[1], die das Dunkel des Schlafes
erzwingt, vermittelt?

  Funote 1: ber das mutmaliche Wesen dieser selbst siehe
  Ausfhrlicheres in des Verf. "Psychophysik des Schlafes und der
  schlafhnlichen Zustnde". Zweiter Teil seiner "Schmerzlosen
  Operationen". 5. Aufl. bei Springer, Berlin.

Wir stellen uns vor, da um die Ganglienzellen des Gehirnes ein
Mechanismus ausgespannt ist, dessen Aktion eben die Hemmung bedeutet,
und da dieser Mechanismus vielleicht ganz grob gebunden ist an die
Zwischensubstanz zwischen den Gangliensystemen, die Neuroglia, die
bisher als eine einfache Sttzsubstanz aufgefat wurde. Wir denken uns
diese Substanz aktiv durch Blutstrom und Saftzirkulation rhythmisch
erfllbar und entleerbar, so da je ihre Fllung oder Entleerung
imstande ist, Anschlsse (Assoziationen) unter den Zellen zu
unterbrechen oder zu bewerkstelligen. Sie bildet gleichsam zwischen den
Ganglienkrpern feuchte oder trockene Isolationsschichten, die den
berspringenden Funken oder induzierten Strmen greren und geringeren
Widerstand entgegensetzt. So geschhe auch das Denken in der Richtung
des geringsten Widerstandes im Seelenorgan, wie jede andere
Bewegungsform. _Die Ttigkeit der Ganglien ist die der spezifischen
Transformation (Umbildung) der Auenweltreize, ihre prismatische
Strahlenzersplitterung, und die Ttigkeit der Hemmung ist die der
Widerstandserzeugung fr die Assoziation dieser transformierten Reize._
Sicherlich gibt es auch ein psychisches quivalent, d.h. jeder Reiz, der
das Zentralorgan trifft, verlangt seinen vlligen Umsatz in Spannkrfte
der Vorstellung und des Willens; die Handlung und der Gedanke sind
gleichsam die Sammlung der zerstreuten Strahlenbndel zu weiem Licht,
die Rckgabe der unveruerten Pfunde an die Auenwelt. Die Hemmung gibt
die Bahnen an, in denen dieser Ausgleich sich vollzieht.

Diese, wie ich gern gestehe, fr eine Plauderei schwerflligen
Deduktionen waren ntig, um den Mechanismus des Schlafes vllig
verstndlich zu machen. Sie ermglichen eine hypothetische Einheit des
Gesichtspunktes, von dem aus es leicht wird, alle Formen des Schlafes zu
betrachten. Da die Strahlenfinger der Sonne imstande sind, die Hemmung,
die ber den Ganglien im Schlafe ausgespannt ist, zurckzuziehen,
vermge einer Reizung der sympathischen Nervengeflechte, wird uns ebenso
begreiflich, wie da ihr Loslassen von der Gefspannung dieser am Abend
gestattet, die Tarnkappe ber das Bewutsein zu ziehen. Man beobachte
nur einen Mden. Indem die heranrollenden Flutwellen des Hirnblutes
gegen seine Bewutseinszentren anbranden, fhlt er eine Neigung, nicht
mehr mitzudenken, es wird ihm schwerer, die Umgebung teilnehmend
festzuhalten, er vergit sich und sie, seine Muskelaktionen werden
schlaffer, die Lider sinken herab, und ein krampfhaftes Ghnen gibt
kund, da der Reizberschu, den das Leben in seiner Hirnrinde
zurckgelassen hat, eine gewohnheitsmige Ablenkung auf ein gewisses
Gebiet der Atmungsttigkeit erfhrt. Ghnen heit, das Gehirn von
Spannkraft des Denkens entladen, um so der Hemmung leichteres Spiel zu
gestatten. Recken und Strecken sind nicht minder Formen der berfhrung
geistiger Spannkrfte auf das Muskelgebiet. Die Flutwelle der Hemmung
splt immer weiter ber den lichten Strand des Bewutseins, in dessen
Glanz sich eben noch die Umgebung widerspiegelte. Diese Bildflche wird
immer trber, und schlielich versinkt wie mit einem Schlage die
Auenwelt vor seinen inneren und ueren Blicken: er ist in ihr und hat
doch kein Gefhl davon. Dieser Vorgang gleicht so unmittelbar der
Ein- und Ausschaltung elektroider Spannungen, dem langsamen Verglimmen
eines eben noch strahlenden Glhkrpers, da der Begriff des
"Erlschens" des Bewutseins zu dem Treffendsten gehrt, was unsere
Sprache besitzt. Man kann ihn ruhig buchstblich nehmen. _Die
Schlafhemmung ist also ein durch Nervenspannung (Sympathicus)
vermittelter Reflex_, den die Periodizitt des tglichen Lichtwechsels
durch Anpassung erzwungen hat, der aber--und das spricht deutlich fr
die hier vorgetragene Auffassung--ebenso gut durch andere Einflsse
nervser Natur erzeugbar ist. Ganz gleich, ob die vermutete
Zwischenwirkung der Neuroglia vorhanden ist oder nicht--und sie ist ja
eine Hypothese, wie andere auch--: Niemand kann leugnen, da Schlaf
durch Reizung der Hemmungsvorgnge im Gehirn aktiv zu erzeugen ist. Man
hat die Wichtigkeit dieser Vorstellung bisher nicht erkannt. Diese
Reflexhemmung ist nun z.B. ebenso, wie physiologisch durch den Rhythmus
des Sonnenunter- und Sonnenaufganges, auslsbar durch die Manahmen der
Hypnose: Streicheln ber die Stirn und Augenlider, starres Fixieren,
Kmmen, Wiegen, das gleichmige Einerlei des Tickens der Uhr, Vorlesen,
die Monotonie des Schlafliedes,--das alles sind Reizformen der sanften,
suggestiven Abblendung des Bewutseins auf einen einzigen Punkt, wodurch
es natrlich der immer bereiten Hemmung um so leichter gemacht wird,
rings um diese letzte Stelle des Bewutseins ihr Zeltdach des Schlummers
zusammenzuziehen. Eindmmung des Bewutseins auf einen Punkt und
Einschlafen sind Dinge, die nahe beieinanderliegen. So kommt es, da zum
Einschlafen auch der feste Wille dazu gehrt und da Gewohnheit und
Erziehung einen so erheblichen Einflu haben. Man zwinge sich bei
erschwertem Einschlafen, fest bei einem Punkte zu verharren, man stelle
den geistigen Blick auf eine Stelle der Erinnerung, der berlegung, der
Vorstellung und halte ihn ja fest--der Gedanke ist ein Springinsfeld, er
will rechts und links ber die Zune setzen--: dann wird es der Hemmung
schon gelingen, auch diesen Punkt mit weicher Hand auszuwischen und das
se Allvergessen hervorzuzaubern. Unsere Schlafmittel--einschlielich
der Mittel der Narkose--betuben in gleicher Weise, sie lhmen die
Gefnerven aktiv; und die Folge ist die Fllung der hemmenden Gespinste
um die Ganglien und die Erzwingung der Unmglichkeit ihrer gegenseitigen
Erregung. Ganz deutlich ist der Mechanismus beim Alkoholgenu. Der
anfangs die Gefe treffende Giftreiz verengt zunchst das Stromgebiet
der hemmenden Zwischenschicht; der Anschlu der geistigen Verknpfung
der Ideen erfolgt zunchst mit deutlicher, gern gefhlter, die
Lebenslust erhebender Leichtigkeit; ber alle Hhen und Tiefen der
Probleme schwebt frei und selig die erleichterte Kombination der
Gedanken; der Dmmste dnkt sich ungeheuer geistreich und traut sich
Fhigkeiten zu, von denen er nie geglaubt, da er sie sein eigen nennt,
wobei er oft sogar Kundige zu tuschen vermag. Die Hemmung gewinnt aber
um so mehr Gewalt, je hher die Dosis steigt, sie engt wie beim
Hypnotisierten das eben noch irrlichtelnde Bewutsein immer mehr ein,
der Berauschte bleibt geistig an einer Stelle kleben, er erzhlt
dieselbe Geschichte fnfmal, zehnmal, murmelt schlielich immerfort
dieselben dumpfen Fragmente: und endlich sinkt des dionysischen
Schwrmers blutgeflltes Haupt schwer auf den Tisch, und die volltnende
Harfe lt dem Sgegerusch des Schnarchens das Feld. Whrend aber bei
diesen knstlich erzwungenen Formen des Schlafes die Hirnhemmung nicht
nur die obersten Schichten des Bewutseins umfat, sondern auch ihre
eiserne Klammer tiefer um die Zentren der Muskelaktion sowohl wie
um die anderer Formen von Bewutsein schlgt, scheint uns fr den
physiologischen Schlaf charakteristisch, _da eigentlich nur das
Bewutsein fr Zeit und Ort, fr Orientierung in der Umgebung
und der betreffenden zeitlichen und rtlichen Situation fehlt_.
Da der Schlafende im Traum sein Bewutsein von sich selbst, den
Begriff der Persnlichkeit, durchaus nidht verliert, sondern nur
orientierungsunfhig fr das ist, was ihn in Wirklichkeit umgibt, so
kann man sagen: _Schlaf ist nichts als die periodische Hemmung des
Situationsbewutseins; er ist die periodische Ausschaltung der
Orientierung fr die Umgebung, die Zurck- und Einziehung aller
Empfindungsfasern, mit denen der Mensch direkt in seiner Umgebung
wurzelt_. Alles brige, sein Ich-Bewutsein, seine Bewegungsfhigkeit,
seine Phantasiettigkeit, seine Vorstellungssphre, unterbewutes
Instinktleben ist an sich ganz wach und nur insofern vermindert,
als diese Funktionen ihren verstrkten Ansto eben aus jenem
Situationsbewutsein zu ziehen gewhnt sind. Wir verlassen fr
gewhnlich im Schlafe nicht unser Bett, weil wir von diesem Bette gar
nichts wissen, wir greifen nach nichts ber und um uns, weil wir nichts
von dem "ber und um uns" wahrnehmen, und wir lassen alle
Muskelttigkeit ruhen, weil wir aus der Umgebung keine Veranlassung
beziehen, irgend etwas auf diese Bezgliches zu unternehmen. So weit
aber die tiefer gelegenen zentralen Funktionen vom restierenden
Bewutsein des Traumes erregt werden knnen, bleibt ihre
Beeinflubarkeit bestehen, wie wir noch sehen werden. Bei der
Betrachtung des Traumes werde ich auch noch genauer zu definieren haben,
in welcher Weise sich diese Tatsachen der Hirnhemmung bei den
verschiedenen Formen des gestrten, pathologischen Schlafes erkennen
lassen. Da nichts so individuell ist wie die Intelligenz, und da gerade
die Schichten, in denen Logik und Intelligenz ihre Werksttten besitzen,
in mehr oder weniger groer Tiefe im Schlaf ausfallen, so ist auch die
feinere Art der Bewutseinshemmung im Schlaf und noch mehr im Traum
etwas stark Individuelles. Jeder hat seinen normalen Schlaftypus, der
natrlich sehr erheblich durch Auenwelteinflsse zu verndern ist. Der
Schlaftypus wechselt auch deutlich mit dem Lebensalter des Individuums,
und seine grte Intensitt fllt zusammen mit der Vollreife, was
wiederum stark fr meine Auffassung von der Aktivitt des
Schlafmechanismus sprechen drfte. Der Schlaf des Neugeborenen ist
deshalb so intensiv, weil die mitgeborene Hirnhemmung an Ausdehnung so
ungeheuer die Anstze von Ganglienzellen berwiegt; denken lernen, heit
eben: Ganglienzellen in die erhaltungsgeme Hemmung hineinwachsen und
ihre Anschlsse durch sie regeln lassen. Das ist ja der einfache Grund,
warum Wahrheiten oft eine Generation an Hirnwachstum gebrauchen, bis sie
in die Kpfe der Nachlebenden hineinpassen und nun wie etwas
Selbstverstndliches erfat werden; deshalb ist es auch fr originelle
Geister ein so sicherer Weg, im lieben Vaterland zu etwas zu kommen,
wenn sie die Einsicht haben, sich still, geduldig zunchst dreiig Jahre
ins Grab zu legen. Es ist berall das Verhltnis von Ganglienaktion zur
Aktivitt der Hemmung, das Originalitt, Intelligenz, Charakter, Genie,
Talent, Temperament ausmacht und das auch den wechselnden Typus des
Schlafes bestimmt. Anwuchs neuer Zellassoziationen, geistige
Geburtswehen machen unruhigen Schlaf, ebenso wie beranstrengung, Sorge,
berlastung vorhandener Denksysteme (Rechnen, Geiz, Gewinnsucht,
Hoffnung, Erwartung, Freude), weil in allen solchen Fllen die
Gangliensysteme der zur Nachtzeit anrckenden Hemmung widerstehen.

Im wohlregulierten Hirnmechanismus geht abends alles nach der Schablone
der Ein- und Ausschaltung: sie brauchen noch gar nicht mde zu sein, die
glcklichen Philister, sie legen sich um Punkt neun Uhr zu Bett: eine
Drehung auf die Seite, eine Umschaltung am wohlgebten Kabel der
Bewutseinsleitungen,--und der Schlaf beginnt. Diese Regelmigkeit des
Ein-und Ausschaltens von Bewutsein und Schlaf selbst ohne jedes
Ermdungssymptom, die man bei wohlerzogenen Kindern und den Menschen,
die Sinn fr Ordnung und Gesundheit haben, beobachten, die man dagegen
freilich bei den Kindern Berliner Sonntagsausflgler nicht einmal
andeutungsweise mehr erkennen kann, spricht offenbar beredt genug gegen
die Ermdungs-und Vergiftungstheorie des Schlafmechanismus. Es ist eine
alte Weisheit, da der Vormitternachtsschlaf der strkendste ist. Weil
wir es eben im Schlafe mit aktiven Nervenspannungen zu tun haben, ist
der Kontrast von Tag und Nacht um so deutlicher wirksam, je nher der
Wechsel zum Eintritt der Schlafhemmung liegt. Die Zeit vor Mitternacht
liegt dem Scheiden der Sonne am nchsten, d.h. dem Hemmungseinsatz, und
jede Stunde nach Mitternacht fhrt uns dem Sonnenaufgang und dem Einsatz
des Bewutseins nher. Welche Erquickung bringt ein tiefer, gesunder
Schlaf; wieviel Heilung und Abwehr von Gefahr und Krankheit unter dem
Zeltdach seines Friedens in einer Nacht; welche sanfte Glttung der
erregten Flut des Tages unter dem Banne seines schwebenden Dunkels! Er
vermag Rtsel der Lsung nahe zu fhren in wenigen Stunden, und oft
steht die befreiende Idee am Morgen beim Aufwachen vor unserem Bette,
wie ein Kind mit einem Geburtstagsstrau. Weinend legt der Knabe sich
nieder, weil er die Lektion nicht bewltigen konnte, und morgens sagt er
sie her, erstaunt und verblfft ob der Heinzelmnnchenarbeit, die ber
Nacht in seinem eigenen Kopf geleistet ward. Der Dichter, der Komponist,
der den Tag verbracht hat in gigantischem Ringen mit dem Chaos seiner
inneren Gestaltungskraft--vergeblich, denn es wollte keine Schnheit dem
heien Nebel entsteigen--: eine stille Nacht tiefen, erquickenden
Schlafes, und im Hafen seiner Sehnsucht liegt bewimpelt und beflaggt ein
weies, stolzes Schiff aus dem fernen Lande der Phantasie. Da es eben
die jngsten Entwicklungsphasen des Bewutseins sind, in denen das
Gehirn des Kindes oder des frei bildenden Produzenten von Gedanken--der
Grund, warum das Genie stets mit Kinderaugen sieht--immer neue Systeme
an alte Bahnen anschliet, so sind hier auch gleichsam die leicht
verletzlichen, zartesten Blten des Seelenlebens ausgebreitet. Das
stille Zellenwerden und Gedankenspinnen bedarf mehr als andere, festere
Gewebe des Gehirnes des zeitweiligen Schutzdaches gegen Reif und Hagel.
Sehr wohl kann eine Nacht gleichsam die neue Drahtlegung und
Kabelstation fertigbauen, den Schlustein setzen, einen sammelnden
Kontakt einschalten, die ganze Monate im Anreiz des Lebenskampfes mhsam
vorgebildet hatten. Welche Qual aber, wenn diese dem geistigen Leben so
ntige Bewutseinsverhllung versagt! Was gibt es Frchterlicheres als
die Schlaflosigkeit, in der das geistige und krperliche Auge in die
Finsternis der Nacht starrt, die das Wesen eines Dmons annimmt? Dabei
die Gedankenflucht hinter dem Schdel, diese springenden, jagenden und
nicht fixierbaren Bilder, die doch so gleichgltig sind und uns so gar
nichts angehen, die sich aber unaufhrlich durcheinanderschieben,--diese
grauenvolle Ahnung dessen, was Wahnsinn sei! In der Tat:
Hemmungsfortfall ist ja auch der Inhalt vieler Wahnsinnsformen, da die
gereizten und zur berfunktion gepeitschten Ganglienzellen schlielich
alle Widerstnde durchbrechen, die blinden Affekte und die Bocksprnge
im Geist, die geistigen Veitstnze beginnen.

In der schonenden Hlle, die die Hemmung um wachsende, junge Reiser der
sprossenden Hirnzellen zu legen vermag, in der heilsamen Fesselung, die
der berwiegende Widerstand unreifen Kapriolen junger Hirnkeime
entgegensetzt, wurzelt vielleicht der Trieb der Berauschungssucht bei
Tier und Mensch. Die Alkoholisten, die Morphinisten, die Opium- und
Haschischvertilger verschaffen sich knstlich diese Verschleierung des
Bewutseins, den der gesunde Schlaf freiwillig gewhrt, nicht nur, weil
es angenehm ist, die qulende Unruhe erregter Ganglienarbeit zu hemmen,
sondern auch, weil sie instinktiv fhlen, da eine erhaltungsgeme
Ausgleichstendenz in diesem erzwungenen Widerstand liegt.

Diese Anschauung von der auf Nervenspannung beruhenden, aktiven Ein- und
Ausschaltung der Hirnhemmung als Ursache des Schlafes macht uns auch die
atypischen Schlafformen viel begreiflicher, als sie es unter der
Ermdungs- und Vergiftungstheorie sein konnten. Der Winterschlaf
gewisser Nager, der Tagschlaf gewisser Insekten und Vgel, die
pathologische Schlafsucht beim Menschen und die in einigen Grenzen
mgliche Verschiebung des natrlichen Schlaftypus (alle Sorten
Nachtwchter einbegriffen), sie alle werden verstndlich, wenn wir sie
betrachten als verschobene Rhythmen einer aktiven Hemmung. Die
Intervalle des Wechsels von Hemmung und Aktion sind auf nervser Bahn
nur zeitlich verstellt, soweit berhaupt noch ein Rhythmus erkennbar
ist; wo dieser aber ganz fehlt, wo entweder Aktion oder Hemmung allein
herrschen, da beginnt das Reich des Abnormen im Geiste, das ganz
natrlich in Krankheiten der Hemmungs- oder Aktionsorgane zu trennen
wre, wie an jeder elektrischen Einrichtung Strom oder Hemmung defekt
sein knnen.

So ist der Schlaf also die Ttigkeit eines besonderen Organsystemes, der
Hemmung, die sich aus Blutumlauf, Isolationsmechanismen und
Nervenerregung zusammensetzt. Den verschiedensten Ursachen, der
Schaukelbewegung der Wiege, dem Reflex der Hypnose, der Wirkung der
Narkotika, gehorcht diese rtselhafte Funktion so lange, bis schlielich
die Hand des Todes zum letztenmal und dauernd die ewige Hemmung gleich
einem eisernen Vorhang vor unserer Existenz herabzieht. Darum scheint
der Schlaf als des Todes Bruder, weil er uns ahnen lt, wie unsere
definitive Lebenshemmung sein wird. Was das Dunkel, das nur mit dem Tage
wechselt, an der Peripherie unserer Seele mit seinem Zauberschleier
wirkt, das vollendet einst die Nacht des Nirwana fr immer. Heute
versenkt der Schlummer das Ich nur auf ein kleines Stckchen unter die
Oberflche; es taucht ein wenig hinab in ein Meer, in dem noch die
kristallenen Gestaltungen des Traumlebens schweben; aber einst erstarrt
auch diese schwebende Flut das kalte Nichts zu Eis. Solange aber Wachen
und Schlaf mit Auf- und Niedergang der Sonne wechseln, haben wir
Gelegenheit, den vollen Frieden zu ahnen. Wir werden im Schlaf in eine
Sphre gleichsam frherer Daseinsepochen zurckgezogen, sowohl unseres
persnlichen Seins wie des Seins der Menschheit. Schlaf ist Seelenleben
minus Situationsbewutsein und ohne die Fhigkeit, die Umgebung logisch
mit unserem Geiste zu verknpfen. Das gibt unserer Phantasie die
Mglichkeit, uns einen Teil des nur halb bewuten Tierlebens
vorzustellen, dessen Fesseln die immer sprossenden Zellen der
Fortentwicklung gesprengt haben und dereinst in spteren Geschlechtern
vielleicht zu noch hheren, wundervollen Bewutseinsformen weiter
sprengen werden.


II.

Wenn es richtig ist, da im Schlaf alle diejenigen Saiten unseres
Seelenorganes, deren Sinneswurzeln wie Polypenarme in die Auenwelt
greifen, im Pianissimo e con sordino der Hemmung, also fast tonlos,
schwingen, wenn es also vorwiegend das Bewutsein der Stellung des Ichs
in der umgebenden Welt der Realitten ist, das aus der Reihe psychischer
Bewegungen im Schlafe entfllt, so ist es begreiflich, da alle noch in
der brigen Sphre der Seele schwebenden Gestalten im luftigen Reich der
Phantasie ihren Reigen fhren mssen. Schon wenn im Wachen jemand die
Neigung hat, ein deutscher Professor zu werden, d.h. sein Auge nach
innen kehrt und sich nicht entschlieen kann, Rinnsteine, Laternenpfhle
und Mitmenschen fr Realitten zu halten, wenn Dichter und Denker uns
begegnen, das Auge fr den Glanz der Ferne eingestellt und die ganze
Energie gleichsam zum Wachedienst fr das ewige Feuer der Vestalin nach
innen gepret, so sagen wir ja wie Josephs Brder: "Seht, da kommt der
Trumer!" Die Seele hat eben zwei groe Orgelregisterzge: "Real" und
"Ideal", die, gleichzeitig gezogen, leider nie recht miteinander
Harmonien geben, so schn sie, jedes einzeln gespielt, die Symphonie des
Daseins frben. Wenn die mehr oder minder ausgeprgte Schnelligkeit der
Leitungsanschlsse im Gehirn die Temperamente ausmacht, wenn die
unwillkrliche Zhigkeit der Willensimpulse, die Unhemmbarkeit von
Vorstellen und Willen den Charakter bestimmt, so scheidet das Register
"Gemt und Phantasie" unser Innenleben noch viel deutlicher von jener
andern Fhigkeit, durch die Welt zu kommen, jener festen
Orientierungs-und Anpassungskraft fr die Umgebung. Hat doch unstreitig
die halb unbewute Ttigkeit des Knstlers, das Versinken der Welt um
ihn her, durchaus etwas dem Traumleben Verwandtes, trotzdem gerade auf
den echten Knstler die Realitten des Lebens erst recht intensiv
wirken, weil er eben sie alle in tief innerlichem, ideellem Zusammenhang
sieht, gleichsam durchglht von dem Lichte seiner inneren
Wahrhaftigkeit. Alles, auch das Kleinste, das er erblickt, dnkt ihn ein
Beweisstck fr die Idee einer Schnheit, die durch ihn Gestalt gewann.
Die Welt und ihre Erscheinungen bieten ihm immer neue und mit verwundert
lebhaften Kinderaugen betrachtete Besttigungen seines inneren Traumes.
Wenn aber auch die von Musen nie gekte Stirn eines Bankiers im Wachen
keine anderen Besttigungen seiner Idee sucht, als da gerade seine
Aktien steigen, seine Gruben prosperieren: der Schlaf und Traum macht
ihn dennoch zum Dichter, er lst ihn sanft von seinen begehrlichen
Sinnen, und wenn er nun dennoch trumt von Dividenden, Giro und Diskont,
so verlegt er immerhin den Schauplatz seiner Sehnsucht und seines
Bangens auf eine Bhne, die die Welt bedeutet, sie aber doch nicht ist.
Wie aber ist es berhaupt mglich, da vor unserem Traumesblick ein
Tausendmarkschein, ein Himmel, ein Haus, ein Pferd erscheint, wenn doch
die Sinne, die diese Realitten bermitteln, in Hemmung sind? Nun, die
Halluzination, die Vorstellung, die Erinnerung, der Traum wren nicht
denkbar, wenn nicht die Nervenbahnen smtlich auch in umgekehrter
Richtung schwingen knnten, wie das die Physiologie unwiderleglich
festgestellt hat. Wenn mein Auge mir Licht und Schatten in einer
Schwingungsfigur bermittelt hat, deren Reiz im Gehirn in unserem
Sprachzentrum den konventionellen Begriff "Pferd" auslst, so kann
umgekehrt das Sprachzentrum in allen beteiligten Gruppenganglien bis
rckwrts zum Auge erzitternd ein sehr lebhaftes Bild dessen, was wir
"Pferd" zu nennen bereingekommen sind, unserer Phantasie in voller
Treue zutragen. Ja, wie bei den Halluzinationen im Traume kann selbst
bei offenen Augen, beim Halbwachen, die Realitt der Umgebung ungestrt
zum Gehirne geleitet werden, so da wir schwren knnen, wir sind im
Bett; wir wachen,--und dennoch erregt die gestrte und verwirkte
Traummechanik von rckwrts her erzitternd den Alp, "den Mann da vor
meinem Bette", mit grauenerregender Deutlichkeit. So ist es mit allen
halluzinatorischen Wahrnehmungen, die die Logik nur trben und
erschrecken, wenn sie in blitzschnellem Wechsel mit realeren
Wahrnehmungen fr wenige Sekunden hin- und herschwanken, die aber
natrlich die Logik des Wahnsinns bilden, wenn sie dauernd sind oder
immer wiederkehren. Dann verliert die Kritik ihre einzige sichere
Sttze, die Intaktheit der Sinneswahrnehmungen, und das Reich der
kranken Phantasie beginnt. Wenn ich nicht mehr die Fhigkeit habe, die
rckwrts schwingenden Bilder meiner Phantasie und ihren Abstand von der
Wirklichkeit am Mastab meiner gesunden Sinne zu messen, so weht meine
Logik in den Lften, wie ein Sommerfaden, der sich hoch in den Pappeln
gefangen hat. Da nun im Schlafe die Sinneszentren gehemmt sind, die
Sinnesbahnen aber leiten, wie wir gesehen haben, so prallt der Reiz der
uns umgebenden Welt in allen Formen, vom Knarren der Tr und vom Bellen
des Hundes bis zum Donner des Gewitters, an die Pforte der geschlossenen
Sinneswelt, und wenn er nicht stark genug war, sie zu ffnen, die
Hemmung zu berwinden, wodurch wir wach wrden, so springt er nach dem
Gesetze von der Erhaltung der Kraft in der Richtung des geringsten
Widerstandes von der Schwelle unseres realen Bewutseins ab, wie eine
Billardkugel von der Bande. Da diese Reize aber in jeder spezifischen
Ganglienschicht in andere Empfindungskrfte umgesetzt (transformiert)
werden, so klettert mit ihnen gleichsam eine Schar von Wichtelmnnchen
ber die Hecken der benachbarten Sinneswohnung in den Palast der
Phantasie. So wird ein Gerusch, der Druck der Bettdecke, ein Luftzug,
ja ein berfllter Magen, ein Schnupfen, ein Katarrh, ein Blutandrang in
irgendwelcher Richtung zum Motiv eines Traumes, gleichsam zum Thema von
allerhand Variationen und Spinnerliedchen im nicht gehemmten
Seelengebiet,--oft unter phantastischer Vergrerung der wahrgenommenen
Reize. Das Klappen des Fensters wird zum Schu, das Rcken eines Stuhles
zum Donner. Da das Gefhl meiner Persnlichkeit, mein "Ich"-Bewutsein
gar nicht mehr direkt abhngt von meinen Sinneswahrnehmungen (cogito,
ergo sum), sondern bis tief in die unterbewuten Schichten hinabreicht,
bis zu jenen Wurzeln, die schon im Daseinskampfe meiner Ahnen auch fr
mein individuelles Leben generell festgelegt und mitgeboren wurden, so
ist verstndlich, da der Persnlichkeitsbegriff mit allen mglichen
halluzinatorischen Traumbildern verknpft werden kann: man fhlt sich
und sieht sich doch in anderer Form, sogar als Tier in anderer Gestalt,
als Leiche aufgebahrt, als Knig oder Bettler, als Engel oder Teufel.
Das doppelte Bewutsein erklrt sich leicht aus dieser wechselnden
Hemmung im Gebiet realer oder phantasiegemer Seelenerregungen. Man hat
im Traum durch phantasiegeme Assoziationen vom Ich mit Muskelgefhlen
und dunklen Sehnsuchtsrichtungen Fhigkeiten, die uns fliegen lassen,
schwebend durch den ther und die Luft, die uns Probleme spielend lsen
lassen, an denen wir uns wach fast den Kopf zerbrachen. Aber es ist ein
Gaukelspiel; denn sobald wir wach sind, lst sich die neue Kunst, die
Problemlsung, die nur vorhanden war, weil unsere Logik ohne Sinne, ohne
die Elle der Kritik arbeitete, in Dunst auf, wenn die geschlossene
Barriere der Schlafhemmung in die Hhe steigt.

Man kann aber doch die Mglichkeit nicht ganz bestreiten, da manche
Menschen Verse, Lsungen von Rtseln, Plne usw. unmittelbar so
niedergeschrieben haben, wie sie es im Traume geschaut zu haben
glaubten; denn es ist ja keine Frage, da der Traum Erinnerungen
hinterlt, wenn auch die Dichter, die also beginnen: "Mir trumte
einst, ich sei ein groer Knig", gelegentlich wohl ein wenig flunkern.
brigens ist es wegen der Abschlieung der Gegenwart, die uns zeitlich
und rumlich umflutet, charakteristisch, da wir den Schauplatz unserer
Trume so oft in die Vergangenheit verlegen mssen, wenn wir berhaupt
Spuren eines Gefhles fr Zeit und Raum im (ruhelosen!) Schlaf behalten;
wir sehen uns daher fast stets jnger, als wir sind, oft direkt als
Kinder, Angehrige, die gestorben sind, meist lebend, bisweilen als
Tote und doch unter uns wandelnd. Wenn wir auch Tages-, Jahreszeiten
und Rumlichkeiten im Traume wiedererkennen, so zweifle ich doch,
ob jemand sagen knnte, in welchem Kalenderjahr, in welcher
geographischen Zone sein Traum sich abspielte, weil eben zur logischen
Raum- und Zeitempfindung das im Schlafe abgesperrte Gebiet der
Gegenwartsempfindung untrennbar gehrt. Sich zeitlich oder rtlich
orientieren, heit eben, rckwrts tasten aus der kontrollierbaren
Umgebung und der Augenblickssituation in vorgestellte Vergangenheit
oder Ferne. Die Phantasie hat es nicht ntig, mit Zeit und Raum sich
abzuqulen; darum hat sie auch etwas Gttliches an sich. Unstreitig
haben wir im Traume deutliche Lichtempfindungen, obgleich kaum jemand
genau die Beleuchtung seiner Innenszenerie unmittelbar nach dem Erwachen
anzugeben imstande sein wird; bei Wiedergabe der Traumesbilder schlgt
uns meistens die ergnzende Phantasie des Wachseins ein Schnippchen,
denn Traum und Phantasie des Wachenden sind einander stets neckende
Geschwister. Auch steckt ein Dichterling in jedes Menschen Brust, und
namentlich bei Traumerzhlungen korrigiert ganz naiv dieser wache kleine
Knstler die immer nur schwache Erinnerung aus dem Traume. Trume werden
oft gelogen, es besteht eine instinktive Freude beim Dichter Mensch,
seine Gaukeleien anderen auf den Tisch zu setzen, wie das Burgfrulein
von Niedeck es mit Ackersmann und Pflug und Pferd tat. brigens hat man
beim Traumerzhlen auch ein Gefhl der heiligen Scheu; man sieht
Traumreferenten gern in die Ferne schauen oder in sich versunken bei mit
der Hand verschlossenen Augen das fadenscheinige Gewebe des Traumes mit
etwas irdischem Zwirn ausflicken. Meist geht es, was die anderen Sinne
auer dem inneren Sehvermgen betrifft, im Traume ziemlich geruschlos
zu; die Leute schweben ohne Tritt, wie wir selbst gleichfalls ber
Wiesenplan, Fluten und Parkett. Wir sehen jedenfalls im Traume
deutlicher, als wir hren, riechen, schmecken, fhlen. Ja "die Stimme,
die da ruft", ist in lyrischen Gedichtsammlungen hufiger als im
wirklichen Traum; geheimnisvolle Gesten, Winken, Drohen, Nahen
phantastischer Gebilde sind hufiger. Sehr bezeichnend ist das Abbrechen
vieler Trume in dem Augenblick, in dem logischerweise eine Gehrs- oder
Gefhlswahrnehmung stattfinden mte. Sehr viele Trume schlieen wie
das wundervolle Goethesche Balladenfragment "Der untreue Knabe" mit
einem einfachen "die wend't sich" der verlassenen Geliebten. Sehr oft
sehen wir den Dolch, die mordende Faust sich auf uns niedersenken: jetzt
gerade mte der Schmerz eintreten,--da sind wir schon wach, bebend und
transpirierend. Das zeigt so recht deutlich, da im Schlafe tatschlich
eine Hemmung materiell besteht; denn im Moment, wo die Flamme der
Phantasie an dem Schleier der Sinneswahrnehmungen hinaufzngelt,
zerreit er, und Flamme und Schleier verschwinden. Wir haben eben das
Gefhl davon, da auch der Phantasie eine Fesselung nach rckwrts
geboten ist durch den Ausfall der realen Vorstellungen; es geht sehr oft
etwas im Traume nicht weiter, auch wenn wir nicht bei dieser Kollision
von Vorstellung und Wahrnehmung aufwachen. Wir wollen einen Ballsaal
betreten: wehe! wir sind splitternackt; wir wollen eine Rede halten,
womglich vor der Franzsischen Akademie, einer feierlichen Versammlung,
und wir stehen schon mitten auf dem Podium,--was ist das? Wir knnen ja
nicht sprechen, der Kiefer will nicht auf! In solchem direkten
Innewerden der Hemmung im Traume, festgehalten durch die Erinnerung, die
man von der Sache behlt, erblicke ich den strksten psychologischen
Beweis fr die reale Existenz der Schlafhemmung in der Sphre des
Situationsbewutseins. Auf diese Weise ist es auch begreiflich, da im
erneuten Traume das Bewutsein frherer Traumphantasien, ja
schlafwandlerischer Handlungen wieder auftritt. Die Phantasie ohne
logische Assoziation hat eben ihr Bewutsein fr sich. So erklrt es
sich, da Vergessenes im Traumschlaf wieder ins Gedchtnis gerufen
werden kann: es hat sich im Strudel der Tageswellen verloren, wird aber
emporgehoben, sobald im Schlafe das Bewutsein des Gegenwrtigen, des
sinnlich Wahrgenommenen versinkt. Alle Formen gespaltenen Bewutseins
sind Formen periodischer Hirnhemmung. Auch unsere Fhigkeit, morgens zu
einer bestimmten Zeit zu erwachen, gehrt zu den verbreitetsten Formen
eines doppelten Bewutseins. Der autosuggestive Willensimpuls aus den
Sphren unseres Zeitbewutseins langt pnktlich zur Sekunde an die
Einschaltung des Bewutseins: so weit geht die Automatie, der
Selbstwille unserer Ganglien, da sie ohne Zutun des Gesamtbewutseins
Zeitbegriffe bermitteln.

Beim Suchen der nheren Ursache des Trumens finden wir, da durchaus
nicht gerade die Dinge, die den Tag ber den strksten Eindruck auf uns
gemacht haben, im Weben des Traumes zu Motiven verwandt werden, so
verbreitet auch diese Ansicht sein drfte. Denn das, was uns tiefsten
Schmerz oder hchstes Glck fr die Seele gebracht hat, wird nicht
direkt Gegenstand der Traumesphantasie. Seelische Hochfluten dulden
ebensowenig wie Worte oder Lieder Trume. Es kann im Gegenteil ein
jeder, der sein Traumleben beobachtet, als eine Tatsache feststellen,
da dasjenige, was unseren Geist nebenher am Tage flchtig gestreift
hat, eine Person, ein Name, eine Szene, gesehen oder gehrt im
Augenblick, wo gerade andere Dinge unsere volle Aufmerksamkeit
fesselten, mit Vorliebe zum Thema des Traumes wird. Dafr gibt es eine
sehr plausible Erklrung. Die tiefgreifenden, erschtternden
Sensationen, die uns das Schicksal sendet, whrend wir wachen, verlangen
mit starkem psychischem quivalent fast augenblicklich einen seelischen
Ausgleich: ein Schrei, ein Jauchzen ist nur der Beginn eines lange
nachwirkenden Aufruhrs im Innern, denn das volle Werk der Orgel braust
im Sturm und rttelt an den Sulen und Gewlben unseres ganzen Wesens.
Eine Handlung, vielleicht lange im Sinnen und Grbeln vorbereitet, oft
ungestm, wie mit explosiver Gewalt ausgelst, gibt den psychischem
Insult an die Auenwelt zurck, oder, wo mit lhmender Gewalt das
schreckliche Faktum bleischwer auf unserer Brust lastet, da ist die
Hemmung als Aktion selbst mit in den Strudel aufgewhlter Wellen
gezogen, und unseren schreckhaften Schlummer unterbrechen kurze,
abgerissene Trume mit einem Schauplatz fernab vom Raume, der unser Leid
sah. Es ist keine Mglichkeit, gerade das Motiv des Schmerzes oder der
Wonne in den Traum aufzunehmen, weil schon im Wachen tausend Gedanken
und Willensimpulse den Ausgleich seiner seelischen Spannkraft
bernehmen: das Gewaltige, das uns lebhaft Interessierende, steht zu
sehr mitten in der Welt der Realitt, als da die Seele unter Hemmung
der Realitt im Schlafe sich mit ihm befassen knnte. Mich fragte einst
ein Kind in den Tagen erster, schwerer Trauer weinend: "Warum erscheint
mir Mutter nie im Traum?" Und Vter, die ihre ganze Hoffnung begruben,
sinnen wohl nach, warum das erbarmungslose Geschick die liebe Gestalt
des Sohnes nicht einmal im Traume wiedergibt. Der immer whlende Schmerz
verzehrt alle Spannkraft der Seele und hat kein Echo mehr. Und doch, wie
mild von der Natur, da nicht des Tages Weh auch noch hineinlangt in den
kurzen Waffenstillstand, den der Schlaf uns gnnt, bis der Tag zum
Kampfe mit den Leiden ruft! Der Mrder trumt nicht von seiner Tat; und
das liegt nicht nur an seiner Gemtsroheit, sondern hat allgemein
psychomechanische Grnde. Was im Brausen des Tages aber an flchtigen
Eindrcken vorberschwebt, wie ein Falter an einem offenen Fenster, das
verfngt sich im Netz der Seele doch und hebt, vom hellen Licht des
Tages verscheucht, in der Nacht die Schwingen und lt uns erkennen, wie
bunt sie gezeichnet sind. Denn in Wirklichkeit gibt es in der Natur
weder Klein noch Gro, alles hat sein spezifisches Bedeuten, auch fr
unsere Seele, und was das Bewutsein nicht registriert, das ist deshalb
doch da und wirkt zu seiner Zeit seinen Ausgleich. So gleicht der Traum
einer Welle, die sich zur Zeit des Wogenganges in einer Vertiefung des
Sandes verliert, die unsichtbar ist unter den wallenden Schleiern der
Flut. Wenn aber nachts die Brandung schweigt, steigt sie als Nebeldunst
empor und beginnt mit dem Wind nchtlichen Reigen. Das Traummotiv ist
wie eine vergessene Goldmnze im Portemonnaie des Studenten; so lange es
gefllt war, versteckte sie sich leicht und unbeachtet in einer Falte,
nun aber die Nacht der Schulden da ist, ist eine hohe Freude ber ihren
ungeahnten Wert. Wenn also empfindsame Menschen mit Pathos bekrftigen,
dies oder jenes habe einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht, da sie
"immer", die "ganze" Nacht, davon trumen mten, so ist das meist eine
sentimentale Lge: man trumt nicht vom Geliebtesten,--auch nicht davon,
was uns so "furchtbar nahe" geht. Die Erinnerung als Bild, neben der
Strae der Gedanken einherziehend, hat, genau wie der Traum, etwas
Zusammenhangloses, Unlogisches und Unerzwingbares an sich.
Erinnerungsbilder setzen, im Gegensatz zum Gedchtnis, pltzlich,
unvermutet, verblffend ein. So taucht pltzlich beim Kartenspiel unsere
liebe Gromutter im Dorfe vor den Blicken auf, wie sie ihren "roten
Dendron" begiet, oder mitten im Spiel einer ungarischen Rhapsodie
stehen wir am Sarg einer Tante, die an der Cholera gestorben ist. Die
gleichen willkrlichen, unvermuteten und unvorbereiteten Paradoxien
zaubert das Kinematoskop des Traumes vor unsere geistige Netzhaut, und
in beiden Fllen sind es Nebenstrme, induzierte elektrische Strme, wie
die Technik sagt, die sie veranlassen. Die mosaikartige Bildchen
gruppierenden Funken springen da ber, wo sie den geringsten Widerstand
finden, der von Puls und Blutwelle, Organreflexen und unbewut
gebliebenen Reizungen der Welt um uns, die nicht schlft, abhngig ist.
Ich war einst in einer Versammlung von rzten, und wir sprachen vom
Traum: das stets bereite Thema vom Traum des noch nicht erledigten
Abiturientenexamens kam aufs Tapet. Ich sagte voraus, da alle schon
davon getrumt haben wrden, nur die nicht, die einmal durchgefallen
seien, und zur groen Verblffung aller waren zwei, die nie jenen Traum
gehabt hatten: sie waren wirklich durchgefallen. Die Erklrung ist
einfach. Das vielgequlte Primanergehirn erhlt eine Examensfurche von
Qual und Schrecken, die das bestandene Examen, der kurze Moment der
Freude, nicht ausgleicht. Diese verrauscht schneller als die Jahre lange
Spannung. Ist man aber regulr durchgefallen, nun, so ist kein Rest mehr
da; die Lsung war betrbend zwar, aber logisch, den psychischen
Ausgleich hat das Leben selbst bernommen. Daraus knnen wir entnehmen,
da erstens psychische Erwartungsspannungen lnger haften als gehabte
Freude oder Schmerz und da zweitens sorgende Qualen mehr Erinnerung
hinterlassen als frohe Stunden. Unser Gehirn ist also von Natur zur
Undankbarkeit geneigt. Jedenfalls aber erscheinen solche
Gemtserregungen, wenn berhaupt, oft erst viele Jahre nach ihrem
Eintritt als Traummotive wieder: sie mssen erst abklingen, erst
untersinken auf den Grund des Bewutseins und gleichen dann eben den
bertnten Motiven, ber die das tgliche Leben rcksichtslos
dahinflutet. Mit dem Traum ist es wie mit den mitschwingenden Obertnen
in der Musik, man hrt sie ber dem Pianoton deutlicher als im Forte.
Auch der erwhnte Examenstraum taucht erst lange nach berstandenem
Examen auf. Sonderbar ist, da manche Menschen periodische
Wiederholungen bestimmter Arten von Trumen erleben; sie trumen eine
Zeitlang immer dasselbe. Das hngt wohl mit periodischen Strungen der
Krperorgane, die nchtlich gleiche oder hnliche Stromschwankungen in
der Seele auslsen, zusammen.

Wir haben bisher nur Traumformen betrachtet, bei denen die Region, in
der die Luftgebilde schweben, sich innerhalb der Zone rein psychischen
Geschehens hlt. Es vermag aber namentlich bei unruhigem, gestrtem
Schlafe leicht auch die unterbewute Spannung im Bestreben, restlose
quivalente zu schaffen, auf das muskulre Gebiet berzuzucken,
eventuell wie beim Nachtwandeln ganz in die Zone der unbewuten
Muskelttigkeit auszustrahlen. Das sind schon gewissermaen
Schlafkrankheiten, denn je tiefer an sich und je energischer die Hemmung
der Sinne im Schlafe ist, desto weniger vermag die Sphre der Phantasie
Anregung aus jenem Gebiet der Wirklichkeit zu beziehen, desto traumloser
ist der Schlaf. Je labiler aber die Wage zwischen Hemmung und
Erregbarkeit des Auenweltsinnes eingestellt ist, desto leichter
vermgen auch Funken auf Muskeldrhte berzuspringen. So sehen wir
Trumende lcheln, ja, wir hren sie lachen; sie weinen, sie sthnen,
sie schreien. Abwehrbewegungen, flehende Gesten, ja selbst
Spazierbewegungen auf flachem Bette sind zu beobachten; also nicht nur
die Hunde, die im Traum bellen, traben im Schlaf ber eine ideelle Wand,
die senkrecht zur Erdoberflche zu stehen scheint. Ganz allgemein aber
erlischt der Traum mit Vorliebe in einem deutlich fhlbaren Ruck aller,
namentlich der Rckenmuskeln,--dem Schlu irgendeines getrumten
Absturzes aus groer Hhe. Ist es nicht sonderbar, da dieses
Muskelzucken, das doch der Anfang des Erwachens ist, zeitlich genau und
logisch konsequent der natrliche Schlu eines bestimmten Traumes ist?
Die schlagartige Muskelzuckung pat ganz genau in das Traumesereignis.
Ahnt die Phantasie den Zitterschlag der Muskeln? Hier liegt meiner
Meinung nach eine interessante psychische Tuschung vor, die fr viele
Trume charakteristisch sein drfte. In Wirklichkeit liegen nmlich die
Dinge zeitlich umgekehrt: das erste ist der Muskelreiz, und in der Zeit
zwischen seiner Einschaltung und deutlichen Bewutseinswahrnehmung liegt
die blitzschnell verlaufende Traumperzeption; die Zuckung, die sich
vorbereitet, ist schon das Motiv des in einer Sekunde abblitzenden
Traumes. Die Sinneswahrnehmung des Kanonenblitzes geht auch der
Wahrnehmung ihres Knalles voran, und doch ist es derselbe physische
Vorgang, der beide auslst. In dem Augenblick, in dem die berladung der
psychischen Zentren gleichsam den Damm gegen das Muskelgebiet einreit,
wird mit einem Schlage die Hemmung aus dem ganzen breiten Felde der
Seele zurckgezogen, einen Augenblick ist das ganze Gebiet frei von
jedem elektrischen Engagement, das einfallende Strahlenbschel kann ber
den ganzen Horizont in einer Sekunde dahinrasen, genau wie das
Wetterleuchten ber den Abendhimmel. Wie viel Bilder knnen da entstehen
in einer Sekunde! Das ist genau dasselbe, wie wenn wirklich Abstrzende
in den wenigen Sekunden des Falles, whrend dessen in einer Art
hypnotischer Lhmung des Hemmungsapparates alle Drhte unbesetzt sind,
ganze Jahre der Erinnerung zu durchleben glauben, Beobachtungen, zu
denen die Bergkraxelei, diese bewuten Selbstexperimente ber Absturz
und Tod, reichlich Gelegenheit gegeben haben, denn einige Bergsteiger
bleiben ja wirklich am Leben, so sehr sie sich um Beisetzung in
Gletscherspalten bemhen. Man kann als sicher annehmen, da auf diesem
Mechanismus des "Traumblitzes" whrend der Sekunde des halbbewuten
Erwachens gut die Hlfte aller Trume beruhe. Ich erinnere mich eines
langen Schlertraumes, in dem ein Rabe und ein Ring, weigekleidete
Jungfrauen und weie Thronhimmel eine groe Rolle spielten; und als ich,
von irgendeiner Macht ins Nichts gejagt, irgendwohin abstrzte und
aufwachte, sah ich am Fenster eine Krhe den dichten Schnee verstuben.
Damals hielt ich das fr ein merkwrdiges Problem--den Raben, das Wei
im Traum und in der Wirklichkeit--; jetzt glaube ich zu wissen, da die
Dinge zeitlich umgekehrt lagen: ich sah im Erwachen den frischgefallenen
Schnee und die Krhe, und beide wurden das Motiv eines Traummrchens.

Wird der Auenweltreiz, der die zentral verbarrikadierten
Sinnesleitungen trifft, durch pathologische Anlage direkt auf die
Willensimpulse und ihre Muskelanschlsse unter berspringen der
Bewutsein vermittelnden Zonen bergeleitet, so entsteht jene
eigentmliche Form des Traumes, die man Nachtwandeln nennt. Das der
Sonne ja entliehene Licht des Mondes scheint tageshell ins Fenster und
lockt und trgt die besonders empfngliche Seele des Schlfers. Der Mond
suggeriert ihm gewissermaen den Sonnenimpuls des Aufstehens, aber die
Hemmung der Sinneszentren, der Vermittler der Orientierung in der
Umgebung, ist vllig bersprungen von den betrgerischen Mondstrahlen
und fest genug, um trotz der instinktiven Bewegungsfhigkeit das
Bewutsein fr Ort und Zeit ausgeschaltet bleiben zu lassen whrend des
Umhertastens des wandelnden Leibes, der gleichsam nur mit den Muskeln
fhlt, das heit: die Orientierung allein dem Muskelgefhl berlt. In
gewissem Sinne gehen in der Tat Somnambulen sicherer ber gefhrdete
Stellen; aber sie knnen nicht mehr als andere, weder an Wnden
hinaufklettern noch auf Fahnenstangen Ballett tanzen. Allerdings ist bei
ihnen mit der Orientierung fr den Moment auch das Bewutsein der Gefahr
ausgeschaltet, und es mag schon sein, da ein Somnambuler, der im
Fenster sitzt, angerufen und pltzlich die Situation wahrnehmend, im
ersten lhmenden Schreck herabstrzt; meist aber kriechen sie mit einem
charakteristischen, scheuen Wesen, gleichsam als schmten sie sich, so
monddumm gewesen zu sein, zurck in ihr Bett. Meiner Beobachtung nach
kommt Somnambulismus auch beim Hunde vor. Die grere Sicherheit der
unhemmbaren koordinierten Muskelbewegung ist bekannt von der
Zielsicherheit des Trunkenen und von der automatischen Virtuositt der
Knstler, die leicht durch ein voreiliges Einmischen reeller Wahrnehmung
verwirrt werden. Der produzierende Knstler gleicht in etwas den
Somnambulen: Saal und Publikum als Umgebung verschwinden, nur die
Muskeln jagen und greifen in schwindelerregender Ordnung durcheinander.

Interessant ist die Notiz Karl Loewes, des Balladenkomponisten, in
seiner Selbstbiographie ber sein Erwachen aus somnambulischen
Promenaden, zu denen ihn zeitweilige berarbeitung disponierte, in dem
Augenblick, wo er sich selbst bemerkte, die geliebte Tabakspfeife in den
Mund nehmend. Er pflegte zu diesem Zweck absichtlich die Tabakspfeife
neben sich auf den Nachttisch zu legen: ein hbsches Beispiel dafr, da
im unruhigen Schlaf Sinneseindrcke geleitet werden knnen, ohne dem
Bewutsein assoziiert zu werden. Da geistige Arbeit aber den Schlaf
unruhiger macht, ist leicht begreiflich: sie berreizt die
Ganglienaktion gegenber der Hemmung, daher ist bei Nervsen oft kurz
vor dem Einschlafen Zucken der Muskeln zu bemerken,--der Ausdruck der
Entladung des Gehirnes von berschssiger Spannkraft, die die sich
zusammenziehende Hemmung auspret: ein Analogon zum Ghnen und Strecken
vor dem Einschlafen. Halten wir die Fhigkeit, uns an Trume zu
erinnern, zusammen mit der Tatsache, da im Traum so leicht etwas vor
dem ungestrten Ablauf der Walze innerer Ereignisse sitzt, so begreifen
wir leicht, wie der Traum zu dem Problem der Bedeutung fr die Zukunft
kam. Wir haben ein Gefhl dafr, mit welcher Leichtigkeit Assoziationen
der Phantasiettigkeit mit den durch die Erfahrung eingeschleiften
Sinnenbahnen vor sich gehen; diese gleichsam rhythmisierten Themen des
Erlebten bermitteln das Gefhl des schon Vergangenen. Wie ja
perspektivisch unser Auge sich auch gewhnt hat, das Kleine fern, das
Groe nah zu deuten, so verknpfen wir mit dem Gefhl leichten,
ungehinderten Anschlurhythmus das Vergangene, Erlebte, schon Erfahrene;
mit der Empfindung des Anschluwiderstandes aber das Problematische,
Kommende, Werdende. Nebenbei gesagt, ist das der wahrscheinliche Grund,
warum uns eben vorhandene Situationen "schon einmal dagewesen"
erscheinen: der durchlebte Moment schliet frhere Traumesbilder in
leichtem, flssigem Rhythmus an das eben Wahrgenommene automatisch an,
und nun erscheint uns auch das reale Bild des Augenblickes mit im Wirbel
vergangener Spiegelungen. Dann kehrt sich die Kontrolle des Zeitlichen
um, und die Gegenwart scheint der Vergangenheit anzugehren.

Die Erinnerung an das zeitlich zusammenhanglos gefhlte Traumbild legt
uns aber das Gefhl einer Lsung in der Zukunft nahe. So sind wir alle
mehr oder weniger geneigt, Traumesbedeutungen und Traumhellseherei fr
mglich zu halten. Der Traumzustand der Seele hat mediumistischen
Charakter an sich, und wenn die hnlichkeit, die der Vergleich eines
Somnambulen mit einem Hypnotisierten ergibt, vielleicht nur uerlich
ist, so ist das Unterbewutsein, d.h. die Form des Bewutseins unterhalb
der sinnlichen Wahrnehmung, ein viel zu unerforschtes, eben erst
entdecktes Gebiet, als da sich hier gewisse wunderbare psychische
Tatsachen so ganz von der Hand weisen lieen. Der Spiritismus und
Okkultismus gleicht vielleicht der Alchimie, in beiden war viel Humbug,
Selbstbetrug und Konfusion. Aber man vergesse nie, da aus dem Chaos der
Alchimie sich eine so stolze, reale Wissenschaft wie die Chemie
herauskristallisiert hat; mglich doch, da aus dem Nebel des
Spiritismus sich einst noch helle Lichtpunkte der Erkenntnis losringen.
Man sollte keine weit verbreitete psychische Neigung fr wunderbare
Dinge der ernsten Untersuchung und des objektiven Abwartens fr unwert
halten; alle aprioristische Weisheit kommt in Sackgassen, und der
Kathederdogmatismus wre doch in arge Verwirrung geraten, wenn die
X-Strahlenwahrheit _Rntgens_ zuerst in spiritistischen Hnden gewesen
wre. Unsere Seele mag auch Y- und Z-Strahlen wahrnehmen auf jeder
Sinnesbahn, deren Existenz doch, wie die der X-Strahlen auch, wirksam
gewesen sein knnte, ehe es der Wissenschaft gelang, sie in das Licht
der Beobachtung zu rcken. In dieser Welt der Wunder, in der zu jeder
Zeit die Unbegreiflichkeiten grer sein werden als die Summe dessen,
was wir zu verstehen glauben, soll man recht vorsichtig sein mit dem
Bannfluch der Verachtung und Lcherlichkeit. Man braucht nicht an das
Traumbchlein fr zwanzig Pfennige oder an Wahrsagerinnen zu glauben und
kann doch meinen, da in der Seele Mechanismen ttig sind, von denen
wir vorlufig gar nichts aussagen knnen, weil hier vielleicht ganz
unentdeckte Transformationen von Kraft vor sich gehen. Deshalb braucht
der Traum noch kein prophetisches Element zu enthalten. Knnte
man die Zahl der nicht erfllten Trume mit in Anschlag bringen,
so wrde vielleicht die Zahl der "Erfllungen" in ein mit den
Wahrscheinlichkeitsformeln ganz in Einklang zu bringendes Verhltnis
zusammenschrumpfen. Beim "Traumeintreffen" wird aber, wie bei allen
Vorbedeutungen, von der leisesten hnlichkeit ein groes Geschrei
gemacht, whrend von den Millionen Trumen ohne jede Erfllung in der
Zukunft keine Silbe verlautet. Auf Ungebildete macht deshalb ein
scheinbares Wunder einen so tiefen Eindruck, weil sie keine Empfindung
haben fr das Problematische und Wunderbare selbst des Alltglichen; fr
die meisten Menschen ersetzt die Gewohnheit vollstndig die Erklrung.

So gibt es in der Welt der Phantasie, nicht minder als in der durch die
Sinne gespiegelten Zone der Wirklichkeiten, ebenfalls erkennbare
Gesetzmigkeiten, wenn sie auch vorlufig nur der logischen Hypothese
und Analogie erreichbar sind. Ich bin mir wohl bewut, da die von mir
versuchte Methode mechanistischer Betrachtung immer nur eine Seite der
Probleme aufzulsen vermag, aber unstreitig hat jeder Vorgang auf Erden
und am Himmel einen vielleicht erkennbaren Mechanismus. Mglich sogar,
da dasjenige, was wir Erkennen nennen, nichts ist als die Zurckfhrung
auf einfachere, erfahrungsgeme Mechanismen durch Analogieschlsse, es
ist sogar denkbar, da der Menschengeist erkenntnistheoretisch nie ber
rein mechanische Vorstellungen hinausreichen wird. Der Mechanismus als
Weltanschauung, wie ich ihn damit fasse, ist aber durchaus idealistisch:
er wei, da mit der Durchforschung der Gehirnkraft diese selbst nicht
erklrt ist. Und wenn die Seele einige erkennbare mechanische Seiten
hat, so ist das Wunder darum nicht geringer, das diese Innenwelt
umschwebt und durchflutet. Seiner Erhabenheit kann aber auch diese
Feststellung einfachster Gesetzmigkeiten keinen Abbruch tun. Die
Schnheit einer Beethovenschen Symphonie verliert wahrhaftig nicht durch
Kenntnis ihrer harmonischen Gesetzmigkeiten. Wir bestreiten niemand
das Recht, von ganz anderen Voraussetzungen und mit ganz anderen
Methoden denselben Stoff zu beleuchten. Er ist ergiebig genug, um jede
Behandlungsweise zu vertragen.

Was aber alle Forschungsrichtungen einigen sollte, das ist die
Anerkennung der menschlichen Unzulnglichkeit gegenber den letzten,
entscheidenden Rtseln. Wahre Bildung des einzelnen richtet sich nach
dem Ma der Ehrfurcht, deren er fhig ist, im Angesicht der Erhabenheit
und der rings vorhandenen Wunder der Welt.




UNTERBEWUSSTSEIN


Ein dunkles Wort mit einem tiefen Sinn, eine dmmernde Ahnung von Dingen
in uns, fr die wir noch keinen Namen haben, ein Gefhl fr
geheimnisvoll schwebende Schatten, fr etwas dmonisch in uns
Herrschendes, dem wir nicht ins Auge schauen knnen! Ein Sammelwort fr
alles triebhaft Mystische, Unerhellte, der Wissenschaft noch nicht
Zugngliche, fr etwas der Erkenntnis vielleicht kaum Erkennbares!

Denn wie sollte mit bewuten Sinnen der suchende Geist etwas erfassen
und deuten knnen, das eben unterhalb der Schwelle seines Bewutseins
liegt? Woher nhme er das Licht, um in die Tiefe des Seelengrundes
hineinzublicken wie der Schiffer auf den hellen Grund einer kristallenen
Flut im Sonnenglanz?--Und doch ist es das Wunderbare aller seelischen
Vorgnge, etwas, was den Mechanismus des Lebendigen so ganz
unterscheidet von jedem anderen unbelebten Ding auf Erden: da unser
seelischer Apparat, whrend seine Millionen kleinster Spulen, Rder und
Kurbeln rollen, schnurren und drehen, sich selbst beobachten, sein
Getriebe ein- und ausschalten und daneben etwas von sich empfinden und
ber sich aussagen kann! Knnte nicht ein Bezirk der Seele ausgesperrt
werden, whrend den umstellten die anderen Teile betrachten, wie einen
vor uns ausgespannten Schmetterling, so wre jeder Versuch zur
Beschreibung und Deutung irgend welcher seelischen Vorgnge, auch der
einfachsten, ein vergebliches Bemhen, denn ich kann meinem Nachbarn
nicht hineinsehen durch sein dunkles Auge in das feine Getriebe seines
seelischen Geschehens, und knnte ich's auch, ohne zugleich mit seinen
Nervenstrngen zu empfinden, so vermchte ich nicht das wirre Bild der
Blitze auf und nieder, das Hin und Her wetterleuchtender Schattenspiele,
das Durcheinander zitternder, zuckender, vielleicht phosphoreszierender
Zellenkugeln zu einem einheitlichen Sinne zusammenzufassen. Denn nur in
mich selbst hineinblickend, vermag ich dem flchtigen Spiel der Sinne
etwas Regelhaftes, stets Wiederkehrendes, Gesetzmiges, Rhythmisches
abzulauschen. Und da kennen wir sie alle aus eigenem innerem Bewutsein:
diese dunkle, schlummernde, nur hier und da sich in uns aufbumende
Macht, die uns schwanken lt auf dem geraden Pfad unseres gewollten
Wegs, die pltzlich hineinlangt mit unwiderstehlicher Faust in unserer
Seele stillen Frieden, die uns wie mit einem Schwertstreich zerspaltet
in zwei Seelen, die, wenn auch oft und oft unterdrckt, wieder und
wieder sich anzeigt, treibt und hetzt und, kaum erstickt unter den
aufgerafften Kissen unseres guten Gewissens, schon wieder versuchend,
lauernd, bedrngend uns hineinzerrt in ein dunkel lockendes Chaos
rtselhafter Ziele, unerhrter Torheiten, nie gefhlter Versuchungen!
Das ist der sinnlose Drang, hinabzustrzen von den hohen Zinnen eines
Kirchturms, einer steilen Burg, der Trieb, kopfber zu versinken in den
grnen Wogen des Waldes oder der See da zu unseren Fen, dieser
Zwiespalt zwischen Wohligsein und schnellem Vergehen, zwischen Erhaltung
und Vernichtung, den Goethe zu einer seiner schnsten Balladen, "Der
Fischer", verdichtete. Das ist das dunkel Offenbare im ehrlichen
Bekenntnis des Verbrechers aus Trieb, mit den bleichen Lippen
gestammelt, abzulesen aus verwirrten Augen: "Was habe ich getan!" Die
Darwinsche Lehre hat genug gepredigt vom Erhaltungstrieb, als beinahe
dogmatischem Motiv der Fortentwicklung der Lebewesen. Es ist an der
Zeit, nicht zu bersehen, da es auch einen Selbstvernichtungstrieb
gibt, der vielleicht ebenso deutlich zutage liegt, wie jener der steten
instinktiven Bejahung des Lebens. Was treibt die Mcke ins Licht, was
den Mrder gegen die Stelle seiner Tat, was die Vgel an die
Leuchttrme, an deren Kuppel die zarten Schdel zerschellen? Was sind
die Trunksucht, der Morphinismus, die dionysischen Berauschungsgelste
anders, als Triebe, die mit einer dunklen Wollust der Selbstvernichtung
mehr zu tun haben, als mit dem Erhaltungsdrange des Philisteriums! Wer
htte nicht schon in sich selbst diesen Zwiespalt zwischen stetem Wollen
und Nicht-Drfen, zwischen Vornahme, und Nichtvollbringen gesprt und
sich deshalb schon nicht selbst gehat und sich gefrchtet vor dem
Anderen, dem feindlich tckischen, zum Untergang lockenden Gesellen in
uns?

Woher stammt dieses Zweiheitsgefhl in unserem einheitlichen Organismus?
_Ich meine, es ist der psychische Gefhlsausdruck fr eine ganz
offenbare anatomische und physiologische Tatsache._

Wir haben zwei verschiedenartig arbeitende Nervensysteme in uns, deren
im Prinzip gegenstzliche Arbeitsleistung nicht verstanden werden kann
ohne Zuhilfenahme der Anschauung von den Vorgngen der Ein- und
Ausschaltung psychischer Aktionen durch die sogenannte Hemmung. Bestnde
nicht ein stetiger Wechsel in dem Freilassen und Besetztsein der die
Assoziationen (Ideenverknpfungen) vermittelnden Ganglienapparate, so
mte in jedem Augenblick wahlloses Wetterleuchten von Milliarden
kleinster Ganglienblitzchen am Horizonte unseres Bewutseins hin- und
herrasen--ein Zustand, der bei kompletter Hirnblutleere als
Gedankenflucht, Delirium, Verwirrtheit, auch wohl als Vorstadium
ohnmchtiger Bewutlosigkeit den rzten sehr wohl bekannt ist. Nur durch
das rumlich und zeitlich stetig schwankende Abblenden (Hemmen) bald
dieser, bald jener Bahnen des Denkens, jedesmal bis auf _eine_
freigelassene, bewirkt durch die Pulsschwankungen und den wechselnden
Saftdruck der Blutflssigkeit an den einzelnen Teilen des Gehirns und
Rckenmarks, knnen wir zu einem Gefhl der intensiven Einstellung der
Objekte kommen, einem Gefhl, welches wir Konzentration unserer Gedanken
auf einen Punkt, bewute Aufmerksamkeit, nennen. Scheinbar nur freilich
schalten wir selbst die Ideenkette ein, wenn wir sinnen, denken, wollen
und handeln, in Wirklichkeit schaffen Auenwelt und Innenreize die
Hemmungsdifferenzen, nach welchen die psychischen Aktionen ausgelst
werden. Der freie Wille ist nur ein psychologisches Gefhl, er ist
nichts als eine Gefhlstatsache, nur eine durchaus subjektive Wahrheit,
objektiv ist das "Auer uns" stets bestimmend fr das "In uns", denn
selbst der seelische Widerstand, die Abwehr, die kontrre Reaktion auf
eine Einwirkung ist doch immer von auen erzwungen. Der Gedanke gehorcht
also, wie das Physische, dem Gesetz des geringsten Widerstandes, indem
durch Spannungsdifferenzen der gegeneinander treffenden Reizmomente
solche Hemmungslcken, welche den elektroiden Anschlu erst ermglichen,
entstehen. Je schwcher nmlich an einer Stelle die Hemmung ist, desto
leichter findet ein Schlu im Sinne der Elektrizitt statt. Diese
Hemmung besorgt die den Nervenstrom eindmmende (isolierende)
Blutflssigkeit (Plasma) vermittels eines besonders fr diese
Funktion eingestellten Apparates, der seinerseits von dem
entwicklungsgeschichtlichen Urvater aller Nerventtigkeit, dem
sogenannten Sympathicus, beherrscht wird. Als die Materie reizbar wurde,
d.h. befhigt, auf Reize variierend (das macht ihren Unterschied vom
Automaten) zu antworten vermge innerer Molekularbewegung, da empfing
sie den Odem des Lebens, den Einhauch der Seele, den uns ewig
rtselhaften Antrieb zu allen schon erreichten und erreichbaren Hhen
organischen Gestaltens. Die erste Gleitbahn nervser Differenzierung in
der Entwicklung der Lebewesen, die eben die Geburt des Lebens erheischt
hat, von Anbeginn bis in alle Ewigkeit fortgestaltend und verfeinernd,
war das Geflecht des Nervus sympathicus, welcher spter mit seinen
Ranken alle Blutgefe, alle Organzellen, alle Kanle umspinnt und
durchdringt, des Herzens Pulsschlag auslsend, die Welle des Blutes
durch ringfrmige Zusammenziehung der derchen fortschiebend in
rhythmischer Schnelle, und damit auch die Ganglienhllen mit
Hemmungssften umsplt, das Durchlassen von elektroiden Funken
gestattend oder den Kontaktstrom durch Verstrkung des Hemmungssaftes
vom Blutadersystem aus absperrend.

Alle Auenweltsreize wirken zunchst auf diesen Herrn des Lebens, von
dessen blitzschnellem Eingreifen in das psychische Geschehen jeder Tag
uns den Beweis bringt. Nach der bisherigen Lehre von der Nerventtigkeit
sind es allein Ernhrungs-, bzw. Stoffwechselvorgnge, welche dem
Problem der Seelenttigkeiten durch chemisch-physikalische Alteration
zugrunde liegen. Wo, frage ich, ist der Stoffwechsel, wenn der
Verbrecher vor dem Anblick eines an sich harmlosen Stckchens Papier,
das ihn berfhrt, ohnmchtig zusammenbricht? Wo ist der Stoffwechsel,
wenn jemand auf ein Wort mit sechs Buchstaben (Schuft!) einen Menschen,
den er vielleicht liebte, im Affekt erwrgt oder erschlgt? Wo ist der
Stoffwechsel, wenn eine Kugel, bevor sie das Auge trifft, erst das
blitzartig vorgeschnellte Lid durchbohren mu (ein rhrender Versuch des
Lebens, das zarteste Wunderorgan zu schtzen)? Das alles sind
Reaktionen, wie sie nur im Bilde elektrischer Vorgnge Analogien finden,
und deren bermittler, ursprnglich der Ahne allen Gefhls, von den
Monaden bis zu uns, nur der Nervus sympathicus sein konnte. Da derselbe
aber nicht direkt Nervenstrme ein- und ausschalten kann, weil er
anatomisch keine Beziehungen zu den funktionierenden Ganglien hat, so
ist im Blutgefsystem des Gehirns und Rckenmarks ein uerst labiler,
saftfrmiger Hemmungsapparat eingeschaltet, die Neuroglia, welche im
Anschlu an das Blutsaftsystem, jedem Winke des Sympathicus gehorchend,
wechselnd Bahnen der Ideen, der Vorstellung, der Willensttigkeiten frei
macht oder hemmt.


Liegt vor uns ein menschliches Gehirn, dieses grau-weiliche Gebilde mit
der ausdruckslosen, tief und vielfach gefurchten Physiognomie, dieser
zweigeteilte, rohgeformte Brei von der Konsistenz schwappender Gelatine,
in welchem noch vor kurzem das zarteste Flgelwesen, Psyche, ihren
Wohnsitz gehabt haben soll, so berkommt uns ein ehrfurchtsvoller
Schauer, denn dies Forschungsgebiet ist heilig: hier wohnt des Menschen
letztes Geheimnis, die Persnlichkeit. Und doch kndet seine trge,
kalte Ruhe nichts Seelisches mehr. Da drngt sich der unabweisbare
Gedanke auf: nur, als ein Strom es durchflo, war es Seele, tot ist es
Masse, nur belebt war es Wunder, gestorben ist es Asche. Nur in dem
Spiel gespenstiger, huschender Flstergeister in seinen Gewlben, Hhlen
und Nischen bestand sein himmlischer Anteil am Sinn des Lebens; Seele
war sein Mieter. Diese ist vielleicht gar kein Fabares, Zustndliches,
Immergleiches, Dauerndes, sondern sie ist wie der Ton der Geige, kommend
und unwiederbringlich aufsteigend in die Lfte, ein Spiel der Krfte,
ein Akkord auf der Harfe des Lebens. Sie selbst legt niemand vor sich
hin, man kann sie nicht drehen und wenden, nicht zerstcken oder
zerfasern, nicht unter dem Mikroskop belauschen oder fixieren. Was uns
in der Hand bleibt, ist ein Instrument, das keinen Ton mehr gibt, dem
wir keine Antwort entreien. Das geistige Band fr ihre tausend Teile
ist unsere Phantasie; denn nur, indem wir unsere innen gefhlten
Regungen hinein projizieren in dieses graue Labyrinth, kommen wir zu
Vermutungen, Theorien, Erfahrungen. Dennoch glauben wir nicht an das
Dogma vom alleinigen Sitz der Seele im Gehirn oder Rckenmark. Wir
bezweifeln auch, da es auf die Dauer gelingen wird, die Theorie der
Herdfunktionen einzelner Seelenttigkeiten an ganz bestimmten Stellen
des Gehirns aufrecht zu erhalten. Wenn auf Verletzung bestimmter Teile
bestimmte Funktionen ausfallen (Sprach-, Seh-, Muskel-Zentrum usw.), so
beweist das noch nicht, da an den getroffenen Stellen allein die
spezifische Fhigkeit entstand. Das, was wir Seele nennen, ist berall
in uns, wo Leben ist, nicht allein im Gehirn sehaft. Beispielsweise
kann die Entfernung der Schilddrse mit konstanter Sicherheit den
Getroffenen seelenlos machen. Andererseits knnen betrchtliche Mengen
von Gehirnsubstanz entfernt werden, ohne da der Persnlichkeit, dem
Temperament, dem Charakter auch nur ein Tittelchen seiner psychischen
Einheit genommen wird. Hier waltet durchaus noch Unklarheit; wir tun
gut, lieber den ganzen Leib als nur ein Organ fr den Sitz der gesamten
seelischen Funktion zu halten. Wo mein Leib ist, ist auch meine Seele,
und die Pflanzen beweisen, da es nervse Funktionen gibt, bei denen es
seine Schwierigkeiten hat, Nervenelemente aufzuspren. Eins aber ist das
Gehirn ganz gewi: es ist der Trger alles dessen, was wir Bewutsein
nennen, in seiner Wlbung hat die ganze Auen- und Innenwelt ihre
symbolische Spiegelung, in ihm wird alles gemeldet, was in uns und auer
uns geschieht, in ihm bildet sich jeder Reiz um; gleichsam wie bei
besonderen Vorrichtungen aus mechanischer Arbeit Wrme wird, so bildet
es den groen Apparat der Umbildung (Transformation) aller physischen
Reize in psychische. Hier entspricht jedem krperlichen Dinge sein
psychisches Korrelat, jedes physische quivalent hat auch ein
psychisches! So ist von der Welt auer uns gleichsam in uns ein hin- und
herwallendes Kinematogramm. In diesem Sinne ist die Welt in uns nur eine
Vorstellung, eine Halluzination von uns, da wir nur ihr Symbol, nicht
ihr wahres Wesen in uns spiegeln. Die Lehre von der Entwicklung nimmt
an, da sich diese Fhigkeit, die Welt in uns in einem Symbole
aufleuchten zu lassen, erst allmhlich entwickelt hat und immer noch in
Entwicklung begriffen ist. Die Lebewesen haben aus der einfachen
Reizbarkeit, sich wie die Monade vor einem Sandkrnchen
zusammenzuziehen, lernen mssen, sich zu bewegen, in besonders dazu
entwickelten Apparaten zu atmen, zu verdauen, sich mit den erworbenen
neuen Eigenschaften fortzupflanzen, zu sehen, zu hren, sich zu
orientieren in der Umgebung usw. Was frher den alleinigen Inhalt des
Bewutseins ausmachte, wird dann spter immer automatisch, unbewut, und
die hchsten Staffeln des Bewutseins sind danach jedesmal auf dem Wege
zur harmonischen Automatie, zum Instinkte. Die ursprnglich tastenden,
gleichsam versuchsweise vorgeschobenen Funktionen der jedesmal jngsten
Keime des Gehirns sind allmhlich als fixierte, unverrckbare, nur von
den Reflexen beherrschte, nicht mehr labile Fhigkeiten dem Bestand
des Ganzen einverleibt worden, sie sind gleichsam tiefer gerckt,
unbewut, instinktiv, erhaltungsgem, unabnderlich eingestellt,
und der Kreis des Bewutseins ist jedesmal diejenige Sphre
unseres Orientierungsvermgens gewesen, welche zugleich auch die
entwicklungsgeschichtlich jngste Phase des wachsenden Lebensbaumes war.

So kommen wir nach diesen Vorbegriffen leicht zur Analyse des Gefhls
des Doppelten, des Zweigeteilten, Zerklfteten, Zusammengesetzten in
unserer Seele.

Die Hemmung, dieser eigentliche Regulator unserer seelischen Vorgnge,
hat eben zwei Funktionsformen: eine labile, noch entwicklungsfhige,
ein- und ausschaltbare, in Wahrnehmung, Beobachtung, Orientierung
wechselnde Ttigkeit, die eng verknpft ist mit der sogenannten bewuten
Willenssphre, und zweitens eine festgefgte, nicht mehr wechselnd in
willkrlichen Bahnen verlaufende, normalerweise stets gleich gerichtete,
definitive Stromlenkung: das ist das Gebiet der angeborenen, also
berkommenen Reflexe, Automatien, Instinkte. Nun ist unser gesamtes
peripheres Nervensystem, der nach auen gestlpte Teil des Gehirns,
fhig uns zu orientieren, uns zur Abwehr, zur Anpassung, zur
Ortsvernderung stetig in Atem erhaltend, und es erhellt jetzt, da wir
vollberechtigt sind, das ganze Gebiet der nervsen Ausbreitungen im
Organismus (und diese reichen wohl an jede der Milliarden
Einzelzellen)--als Sitz der Seele anzusprechen und nicht nur einen Teil
bzw. die Sammelstelle aller Einzelwahrnehmungen: das Gehirn.

_Bewutsein nenne ich somit den Gefhlskomplex, welchen die Summe aller
Auen- und Innenreize auf die Gesamtheit unserer nervsen Registrier- und
Orientierungsapparate ausbt._ Wie es kommt, da ein Auen- oder
Innenreiz, also ein mechanischer Vorgang, ein Gefhl auslst, bzw. sich
in Gefhl transformiert--diese Frage enthlt freilich das letzte,
vielleicht unlsbare Mysterium der Seele. Wir mssen uns damit begngen,
es als Tatsache hinzunehmen, da bei der Berhrung das Eis kalt und das
Feuer hei ist. Gefhl ist eben die Fhigkeit, zu differenzieren,
Unterschiede von der allergrten Feinheit zu registrieren. Unsere
gegenseitige Verstndigung wird nur durch die Konvention der Sprache,
durch immer gleiche Symbolverwendung fr gleiche Empfindungen
gewohnheits- und nachahmungsgem ermglicht. Wir setzen also das
Lautsymbol fr ein Empfindungssymbol und komplizieren die Sache noch
mehr, indem wir wieder die Lautsymbole zu Schriftsymbolen umgestalten.
So nennen wir nun jede Einwirkung, die wir gewohnheitsgem mit einem
Symbol registrieren knnen: _bewut_. Das Bewutsein ist darum in
demjenigen Teile unserer Nerventtigkeit enthalten, der sich in
dauerndem Kontrollzustand gegenber allen das Nervensystem treffenden
Reizen befindet. Die Gesamtheit aller auf uns wirkenden Reize, mgen sie
von auen oder innen stammen, lst in uns ein Allgemeingefhl der
Presence d'esprit, einer gewissen Fangbereitschaft unserer nervsen
Polypenarme aus, und diesen labilen Zustand der Aufnahmefhigkeit
gegenber allen Strahlungen, in welche unser Ich gert, nennen wir
gewohnheitsgem _Bewutsein_, nicht anders als wie wir den blauen
Lichtreflex ber uns Himmelsgewlbe, den Rand unseres Sehkreises
Horizont nennen. Soweit nun eben unser Zentralapparat labil ein- und
ausschalten kann, so weit unterliegt er dem Spiel der wechselnden
Hemmungen, die stets im Wirrsal aller auf uns wirkenden Krfte den Strom
der Seele um die Widerstnde dahingleiten lassen, wie sich ein Bach um
seine Felsenwiderstnde windet, dabei zu Schaum- und Regenbogenglitzern
aufsprhend. Doch hat dieser Strom der Seele immer zwei Quellen neben
sich: Reize, die von auerhalb, und Reize, die von innerhalb des
Organismus stammen.

Es stehen sich also in unserer Seele zwei groe Gebiete verschiedener
Nervenaktionen gegenber: die eine, welche in vlliger Automatie ohne
unsern bewuten Willen hin und herwogt, das Herz schlagen, die Lungen
atmen, die Drme sich bewegen, die Drsen arbeiten, die Saftstrme
flieen und den intimen Stoffwechsel an ungezhlten Arbeitsstellen sich
vollziehen heit, und eine zweite, welche lauernd, beobachtend, wartend,
orientierend alle Geschehnisse um uns und in uns direkt registriert. Die
eine in definitiv gehemmten, ein fr allemal regulierten Bahnen ohne
Irrtum, die andere ganz labil, schnell hier und da reagierend, oft sich
vergreifend, irrend, tastend, das Gefhl des Gewollten und Bewuten
auslsend. _Wahrnehmungen nun aus jenem der Beobachtung und Orientierung
entwicklungsgeschichtlich schon entzogenen Gebiet nennen wir ihres
dunkeln, unkontrollierbaren Ursprungs wegen: unterbewut._


Was wohl fr Trume kommen mgen--aus diesen dunklen Wldern, Schluchten
und Hhlen der tiefsten Seele, die ihre geheimnisvolle Entwicklung, die
Bildung ihrer typischen Formation unzhligen Geschlechtern, einer
endlosen Ahnenreihe von Vorfahren, Stammvtern und Keimgebilden
verdankt? Denn geworden aus einer Saat des Lebens ist alles! Die
Wissenschaft kann nicht den Entwicklungsgedanken entbehren, wenn sie
auch zugeben sollte, da durch dieses Jahrmillionen alte Weben und
Werden des Lebens ihm nichts von seiner bersinnlichkeit und
Unbegreifbarkeit im Ursprung genommen wird. Wenn Millionen von Wesen,
die meine direkten Vorfahren waren, dahinleben, ringen, sich wandeln und
sterben muten, damit ich atmen, gehen und sprechen kann, wenn meine
instinktiven Fhigkeiten das Produkt unendlicher in gerader Linie auf
mich und mein Keimplasma ausmndender Vorbungen und Vorbildungen waren,
so tragen wir alle ja in uns gleichsam eine seelische Erbschaft alles
dessen, was vor uns geschah, das sich auf uns erhalten hat, mit uns
geboren wird. Was Wunder! wenn in uns, den jedesmal jngsten Sprossen an
einem unendlich tief in die Vorzeit hinab reichenden Korallenbaum, aus
der Tiefe unserer eigenen Wunderwelt magische Nebel emporsteigen am
Horizonte unserer ephemeren Sonderexistenz, wenn alte Neigungen aus
fernen, anders, ganz anders gearteten Kulturen, wenn alte Bilder ferner,
fremder Heimatgauen, dunkle Willensregungen mit andrem Zweck, als es
grade unser Skulum zu Sitte und Recht erheischt, emportauchen mit
rtselhaftem Gefhl eines vorbestimmten und mitgeborenen Verhngnisses!
Das sollte unwahrscheinlich sein? Ist doch die Form meines Schdels,
meiner Nase, die Farbe meiner Haare und die meiner Augen und Haut in
meiner Sippe, in meiner Rasse fixiert und immer wiederkehrend, und ein
so feines Spiel, wie es die Nerven treiben, eine Funktion sollte nicht
bemerkbar bleiben von Geschlecht zu Geschlecht? Im Gegenteil! vielleicht
sind alle Erblichkeiten viel mehr funktionell als formal, und selbst die
hnlichkeit der Kinder mit uns mag einen ebenso groen Gehalt an
funktioneller Nachahmung wie an formaler Gleichrichtung der Zellbildung
in sich verbergen. Werden doch Menschen hnlich im Gesichtsausdruck, die
lange aneinander gekettet sind! Kann doch jede Form von Mimikri nur
funktionell entstanden sein!

So etwas also wie ein Testament unserer Vorfahren mag schlummern in den
festen Knollen, Strngen und Hgeln auf der Tiefe des Gehirns, in der
Tiefe unseres Seelenlebens! Drehen wir es um, das vor uns liegende
Gehirn, das wir bis jetzt vorhin nur von oben, von seinen beiden
hllenden Kuppeln aus sahen, wie anders ist das Bild! Fester,
wohlgeformter, charakteristischer ist hier die Physiognomie, und whrend
der Griffel des Anatomen sich vergeblich mht, die Rinde mit ihrem,
einem System aneinandergepreter Schluche mit Furchen und Windungen
vergleichbaren Formbilde genau wiederzugeben, so vermag hier die
Zeichnung an der Basis an festen Linien eine wohlgefgte Architektur zu
finden. Das entspricht dem Gewordenen, unabnderlichen berkommenen der
hier gelegenen Funktionen; hier walten die Instinkte, die regulren
Automatien, die Reflexe, alle unsere irrtumlosen Fhigkeiten. Und nun
ein Schnitt in diese weiche Masse da vor uns! Wie anders die
geheimnisvolle Zeichnung der Hemisphren des Gehirns gegenber den
geformten Wlsten der Basis! Dort ein weichlicher, weilich-grauer Brei
ohne Linie und scharfe Form, und hier an der Basis Zeichnungen und
Gebilde, die bestimmte, bisweilen obszne Vergleichungen mit allen
mglichen, przisen Lebensformen geradezu herausfordern! Dort in der
Wlbung der Kuppe waltet Willkr, Irrtum, Wahn, Streben, Wille nach
Umwandlung, Neugestaltung, und hier in der Tiefe fest gefgt das
Unabnderliche, das fest Erworbene, das Irrtumlose! Da haben wir den
anatomischen Ausdruck fr das Doppelbild, den Januskopf unserer Seele!
Ein Teil, der des bewuten Seins, strebt vorwrts, khn bis zur
Selbstvernichtung, dem Neuen, dem Unerhrten, der genialen Assoziation
entgegen, und ein anderer konservativer Teil reit uns stets zurck in
die Beharrung, die Resignation, in das Philisterium. In jedem von uns
steckt ein Neuerer und ein Reaktionr, beide miteinander oft in wtendem
Kampf. Hier reit das Genie sich los von seiner Neugeburt nie
dagewesener Assoziationen, denen ganz gewi neue Hirnsprossen in der
typischen Richtung und Entwicklungslinie des aufsteigenden
Menschheitsgedankens durchaus organisch zugrunde liegen, und strmt
dahin ohne Rcksicht auf den Bestand des berlieferten; ihn kmmert
nicht das Fundament, mit Fen tritt er seine vitalsten Eigeninteressen
danieder. Oft genug verbrennt an der Flammenfackel des Genius die letzte
Kraft seines wohlgegrndeten vegetativen Lebens. Da meldet sich wohl oft
gerade bei den Begabtesten ein dunkler Trieb nach Rausch und Betubung.
Der Bauer in ihnen lockt mit der Mglichkeit, auch einmal knstlich ein
Idiot zu sein, auch hier und da den Geburtswehen seiner Ideenflle zu
entrinnen, wenn auch nur fr kurze Zeit. Das Behagen, mit sem Gift die
vorwrts drngenden neuen Gehirnsprossen zur Ruhe zu zwingen, ist nur zu
oft der Grund zum Alkoholismus und zur Morphiumsucht bedeutender
Menschen geworden. Zwei Seelen! Und wie, wenn im Zerrbild des Genies, in
seiner Karikatur, im Irrsinn, wenige, winzige Zellgruppen auf eigene
Faust, losgelst aus der Harmonie des Ganzen, nicht mehr als ein Triumph
des aufwrts gehobenen Menschheitsgedankens, sondern als eine
krankhafte, wilde Anarchie weniger revolutionierender Ganglienlebewesen
die Herrschaft ber den Bestand des geistigen Erbes von Generationen
erzwingt? Dann ist es ganz dahin mit Harmonie und Einheit: dann ist
wirklich die Persnlichkeit gespalten, dann arbeiten Entartung und
Beharren wild gegeneinander. Darum, was man einem Genie wnschen
mu--das ist der krftig entwickelte Herr des Lebens, ein gesunder,
meinethalb direkt buerischer Nervengrundstock (Sympathicus), der seine
lebenerhaltende Faust dmpfend und migend auf die zarten, jungen
Triebe neuer, nie geahnter Gedankenbermittler legt, damit sie ruhig
gedeihen und blhen und eine ganze Menschheit beglcken! Wie konnte man
je daran denken, Genie und Wahnsinn Brder zu nennen! wie jemals das
erste Aufleuchten einer neuen Phase der Menschheitsentwicklung, durch
die alle Nachkommenden hindurch mssen, wie durch ein neues Kanaan, das
ihm allein zuerst erschien, verwechseln mit einer Gehirnentartung,
welche, unrettbar dem Untergang geweiht, den Stempel der
Lebensunfhigkeit in sich trgt! Nur, weil das unterbewute System auch
im Genie so oft in Gefahr geriet, wie beim Wahnsinn und beim
Verbrechertypus, konnte der bedauerliche Irrtum entstehen.

Auf der andern Seite der hochkonservative Philister: wie wichtig fr den
Bestand des Erworbenen, ein wie festes Hindernis fr alle
Scheinneuerungen und genialen Irrtmer. Nicht umsonst war der Philister
einem _Nietzsche_ so interessant: hier zeigt sich in der Tat am besten
das einfache Verhltnis bewuter und unterbewuter Seelenfunktionen. Am
dauerhaftesten geistig ist der Mensch, bei dem am wenigsten beide
Systeme einander zu beeinflussen vermgen. In ihren Funktionen
gegenseitig streng voneinander geschieden, haben sie keine Mglichkeit
einer unvorhergesehenen, pltzlichen Entladung von einem Gebiet in das
andere, knnen beide Systeme getrennt ungestrt ihren Dienst tun, bis
die Uhr still steht. Es darf mit Sicherheit angenommen werden, da
gerade Strungen in der festen, definitiv geregelten Hemmung des
unterbewuten Gangliensystems Beziehungen haben zu pltzlichen,
reflexhnlichen Affekthandlungen. Ich stelle mir vor, da erbliche
Belastung im Psychischen sehr wohl ihre Ursache in einer Schwche der
eigentlich undurchbrechbar gedachten Hemmung der automatischen
Ganglienapparate haben kann, dergestalt, da Kurzschlsse elektroider
Spannungen hier pltzliches berfllen von fern liegenden
Aktionsgebieten veranlassen. Sicherlich erreicht ja nicht alles, was an
Reizen dem Gehirn bermittelt wird, direkt das System der bewten
Denksphre. Unsere Willenshandlung und unsere Gedankenrichtung nehmen
nicht immer von bewuten Wahrnehmungen ihren Ursprung. Es ist, als ob
manche Sinneseinwirkungen, manche vielleicht noch gar nicht analysierten
Strahlungen und Materienwirkungen zwar vor der Bewutseinsschwelle
abgefangen werden, aber dennoch die Veranlassung zu einer besonderen
Gedankenrichtung, zu einer besonderen, dann erst spter bewuten
Handlung werden. Dafr einige Beispiele.

Ich stand an der Ausgangstr einer elektrischen Bahn, die nchste
Haltestelle erwartend. Leise zogen mir Bilder aus meiner Jugendzeit auf
dem Gute bei einem alten Onkel durch den Sinn. Ponyreiten, Kirschbume,
Wlder und Jugendliebe! Und der gute, alte Onkel--wie lebhaft ich ihn
vor mir sah. Da drehe ich mich von ungefhr in das Wageninnere, das ich
soeben passiert habe, zurck. Wahrhaftig, welche hnlichkeit--der gute,
alte Onkel--da sitzt sein leibhaftes Ebenbild in einer Ecke. Es ist
gewi, da seine Zge, im Unterbewutsein, als ich durch den Wagen ging,
abgefangen, das Motiv meiner Gedanken wurden.

Ich gehe eine ziemlich lange Strae hinauf. Mir kommt ein befreundeter
Herr mit seinen Absonderlichkeiten in den Sinn. Nach einer Minute steht
er vor mir. Ich hatte ihn ganz gewi vorher schon unterbewut gesehen.
(Ich glaube, bei hnlichen Gelegenheiten wird oft ein "um die Ecke
kommen" hinzugesetzt, die Sache wird dadurch romantischer.)

Solche Vorkommnisse beweisen direkt, da es ein Filtriersystem fr
Wahrnehmungen, vielleicht in den groen Hirnknollen, gibt, welches
verhindert, da alle Beobachtungen bewut werden. Wenn man sich genau
kontrolliert, knnen Farben, Formen, Gerche usw. ganze Gedankenketten
auslsen, ohne da man immer den Ursprung findet; die gesamte Kunst
macht Gebrauch von diesen Stimmung gebenden Suggestionen! Wie viel mag
ferner tatschlich pltzliche Sympathie oder Antipathie auf solchen
unterbewuten Assoziationen beruhen, wie oft mgen schnelle Entschlsse
solchen unterbewuten Einflssen ihren Ansto verdanken! Auffallend ist,
wie selten unsere entscheidenden Entschlsse direkt logischer Analyse
entsprechen: "es war mir so", "es lag mir so", "ein gewisses etwas gab
den Ausschlag" usw. Wenn alles auf alles wirkt--und nach dem Gesetz von
der Erhaltung der Kraft mu es ja wohl so sein--so kann sehr wohl das
meiste unserer Willensaktion unterbewut ausgelst werden. Wie viel mehr
nun aber bei pathologischen, gewissermaen schadhaften Einbettungen und
Isolierungen der sonst streng abgeschlossenen, automatischen Systeme.
Der triebhafte Verbrecher mag bei allen mglichen Innenreizen stets dem
Zwange eines pltzlich ihn berrumpelnden Affektes erliegen
(Kleptomanie). Strme, welche normalerweise sonst im Sinne der
koordinierenden Automatie Verwendung finden, schlagen blitzartig in die
Aktionszentren und lsen Handlungen aus, die eben deshalb antisozial
sind, weil sie durch das die Ethik der Zeit tragende und kontrollierende
Bewutsein nicht zurckgedmmt werden. Da auch bei den Epileptikern die
Hemmungsfortflle die Ursachen der Krmpfe sind, kann es nicht wunder
nehmen, wenn Epilepsie und Verbrechen so oft Berhrungspunkte haben.

Hier erscheint es fast so, als wenn der Verbrecher im epileptoiden
Anfall durch Abblendung seines Bewutseins geradezu in eine
entwicklungsgeschichtlich frhere Daseinsperiode zurckgeworfen wird, in
welcher in der Tat noch allein die brutalen Instinkte, wie beim
Raubtier, herrschten, so da die schauerliche Bestialitt mancher
Verbrechen allein durch diesen Rckschlag in seelische Gebiete, die
einem Rohzustand des Lebens entsprechen, erklrbar wird. Der Somnambule
und der antisoziale Verbrecher gleichen sich in bezug auf die Abblendung
des Bewutseins, welche nur bis zu verschiedenen Tiefen der Automatie
herabreicht: beim Somnambulen liegt nur ein Dmpfer ber dem Bewutsein,
so da Raum und Zeit und ihre kausale Verknpfung doch wie aus
Nebelschleiern durchscheinen, wobei die automatisch-motorische Sphre
wohlgeordneter Bewegungen ganz intakt ist (Schlafhemmung des Gehirns),
so da ein Trumender daherwandelt, friedlich im schlrfenden Gange
seine stillen Gedanken weiterspinnend. Beim epileptoiden Verbrecher
tritt aber die Abblendung des Bewutseins pltzlich ihn selbst
berrumpelnd mit der ganzen Heftigkeit einer tiefgreifenden
Bewutseinsstrung auf, und zwar bis in die Region der zurckgelegensten
Instinkte, so da jene sinnlos vernichtenden Raubtierhandlungen
resultieren.

Dem widerspricht nicht, da solche Verbrechen lange vorbereitet, oft
versucht sind, ehe es zur eigentlichen Ausfhrung kam. Der in seinen
Hemmungen eben defekte, unterbewute Apparat lockt durch aufleuchtenden
Kurzschlu in die bewute Sphre bergreifender Entladungen den
Willensapparat immer von neuem in den Bereich seiner dunkelen Gelste.
Es sind ja hauptschlich die beiden Systeme der Ernhrung und der
Fortpflanzung, auch im gesunden Menschen den Hauptinhalt unserer
unterbewuten Mechanismen beherrschend, die auch beim Verbrecher in
krankhaftem Anschlu regellos einbrechen in die Willenssphre. Whrend
der Gesunde diesen beiden Hauptinstinkten durch stndige
Bewutseinskontrolle ihren dmmenden Wall sichert, bricht die ganze
Summe aufgespeicherter und vielleicht mehrfach unterdrckter Gelste
pltzlich wie eine reiende Flutwelle in die Seele ein, und gerade wie
beim Epileptischen die motorische Krampfentladung im Muskelgebiet
begleitet ist von der Bewutlosigkeit, d.h. von der Unfhigkeit, sich in
Zeit und Raum zu orientieren, so ist der Verbrecher "im Anfall" auch
nicht fhig, seine Handlung logisch und kausal zu begreifen, er steht
ihr oft ebenso hilflos gegenber, wie der nach Motiven suchende
Kriminalist. Daher begreift man wohl die Neigung der Verbrecher, um den
Ort der Tat zu kreisen: sie suchen sich selbst und ihre Tat nher zu
begreifen, sie sinnen selbst nach Aufklrung und hoffen vom Orte, an dem
das Frchterliche geschah, irgend ein erlsendes Verstndnis. Das ist
der Magnetismus des Entsetzlichen, den brigens auch geistig Gesunde
andeutungsweise sehr wohl verspren. Das Grauen vor einer entsetzlichen
Tat und die Anziehungskraft, die sie auf unsere Neugier ausbt, lassen
sich wohl nur erklren durch eine Ttigkeit der Phantasie, welche im
geheimen sich selbst als den Verber der Tat unwillkrlich setzt und
damit jene Sphren des Unterbewutseins in leises Erzittern bringt,
welches Disponierten schon so oft gefhrlich geworden ist. Das ist die
Gefahr der Berichte ber Straftaten und der oft gewi verderbliche
Einflu schlechter Kriminallektre auf nicht vllig taktfeste Instinkte,
da sie oft das labile Gleichgewicht gestrter und nicht ganz
schlufhiger Hemmungen des unterbewuten Systems ins Wanken und
Erzittern bringen.

Pathologische, durch Hemmungsdefekte bermittelte Anschlsse aus dem
Gebiet der automatischen Instinkte in die Sphre bewuter Aktionen
scheinen die einzige befriedigende Erklrungsformel fr das dunkle
Wirken verbrecherischer Triebe zu sein. Dabei braucht nicht immer der
Trieb auf die Vernichtung oder Beschdigung des anderen zu gehen, diese
Triebe richten sich auch auf die Vernichtung oder Beschdigung der
eigenen Person: es gibt Verbrechen am Ich, wie am Anderen. Auch hier
zeigt sich das Abnorme wesentlich in zwei Richtungen: in Perversitten
der Nahrungsaufnahme und der Erfllung sexueller Funktionen. Aber auch
alles Bannende, Blendende, Gewaltige, weite Flche, schauerliche Tiefe,
der dunkle Abgrund und das endlose Meer, hat eine hypnotische,
bewutseintrbende Macht, und es erfordert einen Ruck im Willen, ihre
dmonische Anlockung abzuwehren, um nicht, wie das Kaninchen vorm Blick
der Schlange, wie das Weib vorm berauschenden Nimbus des Don Juan, der
Gefahr gegenber der Paralyse des Willens zu erliegen. Licht und Glanz
hypnotisieren ja nicht nur Motten und Mcken, sondern auch den Homo
sapiens.


Aber auch Innenreizen ist bestimmende Macht ber die Seele gegeben. Ganz
allgemeingiltig ist die Beziehung der sogenannten inneren Sekretion zu
unseren Trieben, Neigungen und direkt bewuten Handlungen. Unter der
inneren Sekretion versteht man wesentlich die von der Organumschlingung
des Nervus sympathicus geleistete Sftebildung in verschiedenen
Organsystemen, welchen smtlich spezifische Funktionen zufallen: so
dienen Galle und Magensfte, Speichelbildung usw. der Verdauung, sind
also auf die Erhaltung des Einzelnen gerichtete Funktionen, noch andere
zielen auf die Vorgnge der Neubildung eines Individuums ab, und
drittens gibt es Absonderungen, welche unzweifelhaft fr die
Saftmischung des Blutes und damit auch der Seelenfunktion von
allergrter Wichtigkeit sind. Die Schilddrse und ihr Sekret haben
bekanntlich einen groen Einflu auf den Zustand des Gemtes. Ein
erhhter Zuschu ihrer Produkte ins Blut--und eine groe Erregbarkeit,
Unruhe, Angst, extreme Neurasthenie ist die Folge (bekannt unter dem
Bilde der Basedowschen Krankheit), whrend andererseits ein Zuwenig der
Beimischung eines fr die Hirnfunktion unbedingt ntigen Saftes der
Drse, wie wir schon bemerkten, Atrophie und Idiotie des Gehirns nach
sich zieht. Diese Tatsachen, namentlich mit Beziehung auf die Rolle des
Sympathicus bei diesen Funktionen, sind brigens nur zu erklren mit
Hilfe unserer Annahme von der Funktion der Neuroglia als
Hemmungsregulator. hnlich wie bei der Schilddrse, mssen wir auch fr
alle anderen inneren Sekretionen annehmen, da ihre Produkte zum Teil
fr die Konstitution der Gesamtkrpersfte von allergrter Wichtigkeit
sind. Fehlt die Beimengung vitaler Ingredienzen zum allgemeinen
Blutsaft, so sind sogenannte Ausfallserscheinungen die nur allzuhufige
Folge. Sftemischung und seelische Funktion stehen eben vermittels des
Hemmungs- und Einschaltungsapparates der Neuroglia in innigstem
Zusammenhang. Es ist keine Frage, da ein groer Teil zunchst dunkler
und unklarer Impulse, welche wir im Bewutsein erhalten, Meldungen aus
diesen unterbewuten Fabrikationsstellen unseres Organismus darstellen,
wobei wieder Hunger und Liebe als die beiden groen Richtungen der
Erhaltung des Individuums und der Art wirken. Wie ein Verbrecher
hypnotisiert werden kann, d.h. wie ihm seine Bewutseinssphre
umdunkelt, verhllt, abgeblendet werden kann durch den Anblick eines
Edelsteins, eines Goldstckes, wie berhaupt die Hypnose die
reflexartige Abblendung des Bewutseins darstellt, und zwar von der
Umgebung her, so knnen auch die Innenreize zur hypnotischen Abblendung
des Bewutseins fhren. Ebenso wie etwas von auen suggeriert werden
kann, gibt es bekanntlich auch eine Autosuggestion, ebenso eine
Autohypnose. Die innere Sekretion, die einseitige berspannung eines
berladenen Systemes, z.B. desjenigen der Sexualapparate, kann von dem
Unterbewutsein her die ganze geistige Sphre sexuell frben, so da der
Betreffende gleichsam willenlos in Liebeshypnose einherwandelt und
jegliches Wesen durch eine Sexualbrille sieht. Wehe! wenn hier labile,
nicht fest eingedmmte Hemmungsverhltnisse im Unterbewuten bestehen:
es ist nur ein Schritt von der Gier zum Verbrechen. hnlich kann auch
bei der Hysterie eine Unsumme abnormer Kurzschlsse und Reflexe
ausgelst werden, die ihren letzten Grad in einer Saftbildungsanomalie
haben, wodurch eben die Hemmungsmechanismen nach unserer
Theorie beschdigt werden und damit die Beziehungen zwischen
Bewut und Unterbewut sich verschieben. Auch in diesen Fllen
neurasthenisch-hysterischer Bewutseinsbeeinflussungen spielt eine
Blendung des realen Erkennens, der Gegenwrtigkeit der Seele und ihrer
Anpassung an die Umgebung und die Daseinsepoche mit hinein. Diesen
Menschen ist ein Gefhl der Andersartung, des Deplacements eigen,
gleichsam als gehrten sie einer vergangenen Daseinsperiode an und
knnten sich nie hineinfinden in die Bedrfnisse ihrer Zeit. Es ist gar
nicht so selten, da schwere Hysterie zur vlligen Teilung des
Persnlichkeitsgefhls fhrt und da dieser unertrgliche Zustand, dem
ewigen Trieb zur Selbstvernichtung nachgebend, mit Selbstmord endet. Mir
erscheint der so hufige Selbstmord bei gedoppelter Persnlichkeit stets
wie die Erfllung einer Sehnsucht in eine frhere Gemeinschaft
Gleichgearteter, wie in einen Zustand auf frhere Entwicklungsstufen
zurck. Viele Menschen mit nicht vorwrts strebendem Intellekt haben oft
das Gefhl, nicht hineinzupassen in ihre Zeit, gleichsam rckwrts
tiefer in der Vergangenheit zu wurzeln, als es ihr individuelles Leben
in der Gegenwart gestatten will. Auf ihnen lasten allzu schwer die
Testamente der Vergangenheit, sie sind Reprsentanten funktioneller
Rckschlge (Atavismen) in frhere Entwicklungsstufen. Bei dieser
Sachlage ist es nur ein Glck, da nicht nur die Snden, sondern auch
die Tugenden unserer Vter in unser drittes und viertes Glied
hineinfluten.


Es ist verlockend, an dieser Stelle die Frage des Gewissens in uns
aufzurollen und an der Hand der psychophysischen Gesetze der
Hemmungslehre auch diesen gewi gleichfalls unterbewuten Vorgang einer
inneren durchaus regulatorisch wirksamen Macht den dmonischen Gewalten
mit unheimlichem, zerstrendem Charakter entgegen zu stellen. Ich mu
mich hier mit Andeutungen begngen, weil eine eingehendere Behandlung
der unterbewuten sittlichen Regulation in uns als Vorbedingung die
vollstndige Analyse der Ethik berhaupt erforderte. Obwohl nun gerade
aus der Hemmungstheorie sich eine vollkommen neu fundierte Ethik auf
physiologischer Basis unschwer entwickeln lt, so mu ich doch hier
darauf verzichten und kann fr die Frage nach unserem Gewissen, nach der
Stimme der Sittlichkeit in uns, welche wohl bei jedem Individuum sich
schon bemerkbar gemacht hat, hier nur andeutungsweise darauf aufmerksam
machen, da das, was wir mit diesem Namen belegen, gleichfalls etwas
Triebhaftes an sich hat. Aber es ist ein komplizierter Trieb. Einmal
funktioniert er deutlich zur Erhaltung unseres instinktiven
Artcharakters, hat also etwas Generelles, sich auf die Menschheit
vorbildlich Beziehendes und besonders lebensfhig sich Erweisendes an
sich, und zweitens ist ihm ein rein individuell, mehr auf den
egoistischen Vorteil, auf das gute Fortkommen der Persnlichkeit
Gerichtetes eigen. Es ist im allgemeinen klar, da unsere
arterhaltenden, der Menschheit und ihrem erworbenen Bestande
frderlichen Triebe in Konflikt geraten knnen mit den egoistischen
Selbsterhaltungsmotiven. In diesem Konflikt wird durch einseitig
exzessive Inanspruchnahme bewuter Willenshandlungen aus egoistischem
Zwecke die unterbewute Automatie der arterhaltenden, vorgebildeten,
schon berkommenen, durch Tausende von Jahren als lebensfhig erwiesenen
Funktionen durch Reizmangel in Gefahr gebracht. Denn nur das ist
wirklich auf die Dauer imstande, einen funktionellen Artcharakter zu
reprsentieren, was eben mit der neuen Funktion sich in der
Richtungslinie der naturgemen Fortentwicklung befand. Von Milliarden
Versuchen, ein Lebensproblem funktionell zu lsen, wird nur das Beste
eingestellt zur Automatie, kann nur die vollkommenste Lsung vorbildlich
und dauernd jedem neuen Spro des Keimplasmas erhalten bleiben. Was uns
jetzt als Problem beschftigt, z.B. die Ehe, der Staat, wird einst nach
vielen Millionen von unzulnglichen Versuchen zur definitiven Lsung
gefhrt werden: dann wird es eine Frage eines irrtumlosen Instinktes
sein, ob Polygamie oder Monogamie, ob Ehe oder freie Liebe herrscht, ob
der Staat monarchisch oder republikanisch oder sonstwie geleitet werden
mu, Probleme, die wie z.B. bei den Termiten und Bienen lange auf dem
Wege der Instinkte gelst sind. So ist unser Bewutsein stets auf dem
Wege der Neubildung und Umbildung von willkrlichen Handlungen zu
Automatie, und zu jeder Zeit der Entwicklung unserer verschiedenen
Hirnschichten war die jedesmal jngste willkrlich und lie hinter sich
den durch die Vorperioden gesicherten Bestand. Dieser letztere kann
nicht mehr abgendert werden, ohne den ganzen Bau zu gefhrden. Darum,
wo der bewut wirkende Wille im Anpassungsversuch an neue ethische
Forderungen (und jeder Tag kann im Wirbel der wechselnden Erscheinungen
des Lebens solche heraufbeschwren) eindringt mit Umbildungstendenzen in
die Automatie der unterbewuten Funktionen, da entsteht eine
Erschtterung hinab bis zur Wurzel des Lebens, ein Beben bis ins
Fundament der organischen Harmonie, und dieses Beben, gleichsam das
Pochen der Gefahr am Tor der Ruhe, hinter dem die Schatten alles
Gewesenen verschwunden sind, fhlen wir hnlich dem physischen Schmerz
bei Strung des organischen Gefges der Nervenenden als eine Mahnung,
als ein Warnen vor Gefahr, als die Stimme des Gewissens. Dann drften
wohl die brennenden Empfindungen der Reue den tiefinnerlichen Versuchen
entsprechen, die der Hemmung im Unterbewuten geschlagene Lcke durch
neue heilende Gewebssprossen zu verschlieen, und je mehr ein fester,
freier, ehrlicher Entschlu im Bewutsein die Strme und Zuckungen von
defekter Stelle ablenkt, um so ruhiger und gleichmiger kann der
Organismus die Harmonie der Funktionen wiederfinden. Es ist begreiflich,
da hier diese Segnung tief innerlicher Genugtuung, der Luterung nicht
ausbleibt, selbst wenn es dem Bewutsein klar ist, da die Reue, etwa
ein mannhaftes Gestndnis, vielleicht die Vernichtung, den Tod nach sich
zieht. Denn: das ist das Gigantische am ewig rauschenden Lebensbaum, da
es ihm nicht ankommt auf die einzelnen, zahllosen Blten, sondern da
ber der einen Persnlichkeit die rein erhaltene Art siegend
hinwegleuchtet in alle Fernen. Es ist eben das Unterbewute, der fertig
erworbene Besitz, an dem die Natur nicht rtteln lt, und dessen
Erhaltung ihr ber den Wert auch der erhabensten Persnlichkeit geht.
Erbarmungslos erscheint sie, aber sie ist gerecht, denn bei ihr handelt
es sich stets um die Idee der Menschheit, welche schlackenlos und
durchaus lebensfhig durchgefhrt werden soll zu Hhen, die,
unausdenkbar, dennoch dem Leben von Anbeginn als Mglichkeit beigegeben
wurden. In diesem Gesetz einer sorgsamen Auslese, einer steten Sonderung
der Spreu vom Weizen wurzelt Ethik und Gewissen, und ewig wird der
Einzelne im Konflikt mit der Idee des Ganzen erliegen mssen. Daher die
schier unbegreiflich dnkende Qual der Auslese schaffenden Krankheit und
die der seelischen Schmerzen. Wo aber zeigt sich dieser Konflikt
zwischen dem Individuum und der Idee der Menschheit deutlicher als in
der Liebe und dem Ha, den beiden tyrannischen Herren des Lebens?


Wenn irgendwo, so ist in der Liebe offenbar, da der Intellekt mit
seinem absichtlichen Wahlvermgen ganz und gar gegenber der Masse der
gefestigten und instinktiven Wahrnehmungen eine sekundre Rolle spielt,
wie er berhaupt zu einem feilen Diener und Sklaven unserer
unterbewuten Konstitution herabsinkt berall da, wo es sich um
Grundstimmungen der Seele, Lust und Unlust, Zuneigung oder Abneigung,
vorgefate Meinungen und immanente Tendenzen handelt: lauter Vorgnge,
die vor dem Urteil liegen: _Vor_urteile! Der absolut gescheiteste und
gebildetste Mensch mte genau genommen fr jede logische Angelegenheit
genau so viel Grnde wie dagegen beibringen knnen, und ehrliche Leute
gestehen fr die meisten Veranlassungen zu, da es durchaus nicht immer
Verstandesaktionen sind, auf Grund deren sie sich fr oder gegen eine
Manahme entscheiden. Gegenber den sicheren, verllichen Funktionen
des Unterbewuten ist eben der Verstand ein Stmper, tastend, immer im
Versuchsstadium, nachgiebig und immer bertlpelbar. Selbst der
Bedeutendste hat seine dumme Ecke, und Hypnotisierbarkeit des
Bewutseins ist durchaus nicht immer ein Zeichen von Kritiklosigkeit und
Intelligenzmangel. Ist so bei gewhnlichen Emotionen schon der Intellekt
fesselbar durch die Jongleurkunststcke des Wortschwalles und der
berrumpelnden Sophismen, so wird er ganz und gar geblendet, wenn die
vitalsten Spannungen von innen her ihn berrennen und verwirren.
Begreift man ja doch, namentlich im Erotischen, oft absolut nicht, warum
Dieser Jene oder umgekehrt auszeichnet. Ist in jedem echten
Liebesverhltnis nicht stets etwas fr die Unbeteiligten Unbegreifbares,
warum gerade diese zwei Menschen der verhngnisgleichen Fesselung der
Seele unterliegen, die beide wie ein Mandat der Natur, ein unabweisbares
Mssen empfinden? Wahllos fhlen gerade diese beiden die verschmelzende
Glut aufsteigen in der Seele, oft beim ersten Anblick, oft lnger
geschrt. Da sehen sie sich an wie Sendboten aus einer nur gemeinsam
erreichbaren, hheren Welt. Sie sind wie Gesegnete vor dem Altar der
Natur, zur Erfllung des Mysteriums der Niederkunft einer himmlischen
Seele, zur Hingabe eines neuen Bltensprossen vom eigenen Stamm. Wer
Kinder ganz gedeihen lassen will, gibt sich ja eigentlich selbst auf.
Hier vor allem, beim Durchglhtwerden der Seele in wahllosem Verlangen,
zeigt sich also die ganze dominierende Macht des Unterbewutseins in
vollkommener Deutlichkeit. Wer begreift, was es an innerer, zielsicherer
Anschauung fr Mechanismen waren, die gerade immer dieses Paar mit
unwiderstehlicher Gewalt zueinander hintreiben, so da geheiligte Wesen
aus den Erkrten werden, da sich unscheinbare, leblose Gegenstnde der
Erinnerung, wie Taschentcher, Blumen, Locken oder Ringelein mit dem
Glanz geheiligter Reliquien umgeben, zu Fetischismen erheben? Und das
alles ohne jedes Zutun des Bewuten, ja oft direkt gegen jede Vernunft,
Satzung, Sitte und Vorteil. Es ist fraglos, da die Wahl der Entflammten
rein nach dunkel gefhlten, der Bewutseinskontrolle ganz entzogenen,
innerlichen Ergnzungsgesetzen sich vollzieht, und da die
Unbegreifbarkeit des Bundes, der man so hufig begegnet, oft erst durch
den Anblick schier vollendeter Sprossen der Vereinigung nachtrglich
sanktioniert wird. Die Instinkte, d.h. die unterbewuten Kalkulatoren
unserer vitalsten Notwendigkeit, wissen eben besser als der sich stets
berhebende und sich oft irrende Chef der Seele, der Verstand, was fr
Ingredienzien, belebte Bausteine und Materialien ntig sind, um einen
mglichst leistungsfhigen Reprsentanten der Art aufkeimen zu lassen in
dem mtterlichen Wundergarten. Hier wird am deutlichsten die
geheimnisvolle Hellsichtigkeit unserer im Fundament der Seele Schicht
auf Schicht abgelagerten Erfahrungen, welche berall andeutungsweise
zutage tritt, wo eine Abblendung des Bewuten diese Schichten als den
Alleingehalt und als Prinzip der restierenden seelischen Funktionen
zutage treten lt: im Nachtwandeln, in der Hypnose, in der Ekstase, in
den dunkelen Ahnungen des Traumes und im Mediumismus. Gestehen wir es
ruhig ein, da wir das rtselhafte Getriebe unbekannter Krfte im
Labyrinth des Unterbewutseins nicht kontrollieren knnen, da wir die
Existenz von Krften, die mit den physikalisch und chemisch analysierten
gar nichts gemein haben, nicht ableugnen knnen; da es durchaus mglich
ist, da solche von der Wissenschaft noch nicht eingefangenen,
unbekannten Strahlungen doch in unseren Seelen wirksam sind, ohne bisher
je ein Abbild oder einen parallelen Erregungsvorgang in dem Sitz unseres
Bewutseins erzeugt zu haben. Man denke bei allen Versuchen, diesem
unerforschten Gebiet oft auf lcherlichen Umwegen nahe zu kommen
(Spiritismus, Okkultismus), nur immer an die Alchimie, in deren
Brutsttten in der Hand betrogener Betrger zwar nicht direkt das
gesuchte Gold, aber doch die Beherrscherin unserer Kultur, die Chemie,
ihre Geburtssttte und Wiege fand, jetzt eine reine Wissenschaft, bei
der die sogenannte reale Exaktheit ihre hchsten Triumphe schlielich
nicht zuletzt in der Umgestaltung in preuisch Kurant gefeiert hat. So
hat schon jetzt von dem Spiritismus, Hypnotismus, Mediumismus die
Psychologie die allerwertvollsten Anste erfahren; lassen wir also das
Vlkchen der verwirrten Dogmatiker ruhig schalten und walten, und
klopfen wir nur den berbewuten Schwindlern ernstlich auf die Finger,
welche raffiniert den vllig berechtigten inneren Glauben der
Mitmenschen an die oft zitierten "Mehr Dinge zwischen Erd' und Himmel"
teils aus Ulk und Fastnachtsgelst, teils aus Gewinnsucht und Eitelkeit
gehrig auszunutzen stets am Werke sind.


Man kann nicht anders, als der Liebe und dem Ha Mysterien zugestehen,
denn sie sind ja die Funktionre der Aushebung zum groen Marsch der
Menschheitsarmee auf dunkle unbekannte Ziele zu, sie stellen ja die
Methoden der Auslese dar, welche der Auswahl des Dienlichsten vorangeht.
Mit welchen Mitteln die Seele in andern die zwingenden Relationen, die
Ergnzung des Ichs erkennt, das ist eben das vollkommene Mysterium,
welches die Erforschung dieser Strahlungen und Bahnungen umgibt, eine
Unkenntnis der Pfade und Wegrichtungen, die uns aber doch nicht
berechtigt, die Existenz eines solchen inneren Erkennens zu leugnen. Die
eiserne Notwendigkeit, im Leben zur Erhaltung der Art die der
Beimischung notwendigsten, befhigtsten Elemente herauszuwittern, sie
macht uns zu Gefhrten und Geschobenen trotz dem Gefhl subjektivsten
Willens; vielleicht aber ist das Gefhl des freien Willens nichts als
eine gndige Illusion, eine fromme Lge der Natur. Die Natur mischt
immer wieder aufs neue fast spielerisch die Karten, zerschmilzt,
zerstampft, lst auf und harrt geduldig der neuen Kristallisationen, die
sich absetzen in dieser Riesenretorte Welt. Da in den Anfngen der
Lebenssprossung die eingeschlechtliche Fortpflanzung die alleinige
Methode der Abtrennung neuer Individuen vom Stammboden war, und erst
spter die zweigeschlechtliche Vereinigung in Form einer Infektion des
Mutterbodens durch das mnnliche Saatkorn auftritt, kann es nicht
wundernehmen, da dieser Trennung des keimfhigen Lebensplasmas in zwei
Anteile auch eine grundverschiedene Formation der Seele der
Geschlechtsreprsentanten entspricht. Kein Emanzipationsgelst der Frau
kann die offenkundige, differente Anlage der Geschlechtsnatur der
Lebewesen zu ihrem Hauptzwecke, dem der Erhaltung der Art, verwischen
und damit die ganz anders gegen einander gestellten Funktionen des
Bewuten und Unbewuten in der Seele von Frau und Mann gleichmachen oder
gleichsetzen wollen. Die unterbewuten Funktionen der Frau, ausmndend
alle in der Hervorbringung des Wunders aller Wunder, des
Menschensprossen, des neuen Reprsentanten der Unsterblichkeit, der
Menschheitsidee,--denn was ist ein Kindlein anders, als ein liebliches
Glied der Kette, welche uns hinberbindet in die Ewigkeit--haben ganz
sicher einen berragenden Anteil am Seelenleben gegenber dem Manne. Die
berraschende Ursprnglichkeit der Frau wurzelt eben in der Fhigkeit
unterbewuter, schneller und zwingender Kurzschlsse. Whrend des Mannes
Anteil am Aufbau des neuen Sprossen sich mehr der Ausbildung des
Intellektuellen, des Bewuten, des zur Automatie erst sich
Entwickelnden, die Probleme des Lebens bewut Lsenden zuneigt, hat die
Frau weit mehr den Bestand des schon Erworbenen, Instinktiven,
Automatischen dem Nachgeborenen einzuprgen (zu vererben). So ist es
naturgewollt, da die Frau somatischer, der Mann intellektueller ist,
wenigstens ganz gewi vom Standpunkte der Fortpflanzung aus, den wir--es
hilft nun einmal nichts, so traurig das beim notorischen
Geburtenberschu weiblicher Wesen klingt--nun einmal in der Natur als
das durchgreifendste Leitmotiv berall fhrend und lebendig finden. Wenn
jetzt eine Bewegung durch die Frauenwelt geht, entstanden nicht aus den
unterbewut dominierenden Forderungen der Generation, sondern aus den
bewuten und zwar konomischen Nten der Erhaltung und Ernhrung des
Individuums, so glaube ich, mu man die Frage aufwerfen, ob diese
Emanzipation, diese Verschiebung der vitalsten Notwendigkeiten nicht
doch etwas rttelt an den Grundbedingungen der natrlichen Ordnung, und
ob sie nicht zerschellen wird an der brutalen Tatsache, da eben es der
Natur berall weniger auf das Individuum, als auf die Art, weniger auf
das Wohlbefinden des Einzelnen, als auf die ungestrte Fortentwicklung
des Ganzen ankommt, zwei Gesichtspunkte, von denen der eine menschlich,
vergnglich, der andere zeitlos und ewig ist. Ist es so gewi, da von
dem Gewhl der Grundtriebe in uns nur ein winziger Teil, nmlich nur der
auslsende Ansto zur Willenshandlung, in unser Bewutsein ausstrahlt,
so kann von den Sinneswahrnehmungen mit Sicherheit behauptet werden, da
sie doppelt angeschlossen sind: teils mnden sie in automatische
Sphren, und zum anderen Teil im Bewutsein, wo sie gleicherweise
Kontakte d.h. Anste zur Regulation der bewuten und unbewuten
Mechanismen auslsen, wie das auch vollstndig nachweisbaren
anatomischen Strukturbildern entspricht. So z.B. wird nicht alles, was
als Licht oder Schall oder Gefhl auf unsere Sinnestasten wirkt, als
Lichtempfindung bertragen, sondern es mgen ultraviolette Strahlen
ebenso wie Tne ber und unter der als Ton wahrnehmbaren Skala unserem
unterbewuten Getriebe zugefhrt werden zur dynamischen Auslsung
verschiedener Automatien, ohne da auch nur ein leise wehender Hauch von
den Tiefen der Unterseele ber die Tasten unserer Bewutseinsklaviatur
dahinfhrt. Was hier von Licht und Ton gilt, trifft natrlich auf alle
Arten von Empfindungswahrnehmungen zu, seien es uere oder innere, vom
vegetativen Organsystem gegebene. So lsen Strungen der Bauchorgane zum
Teil Gefhlsinhalte, Seelenstimmungen ganz typischer Art aus, wie das
von den Hypochondrien sattsam bekannt ist, und es ist fraglos, da ein
Mensch sich schon leidend fhlen kann, d.h. einen dumpfen Druck auf dem
Ablauf seiner seelischen Registrierung versprt, lange ehe sein
Bewutsein oder der Arzt von dem Herd der Strung etwas aussagen kann.
So erklren sich die allgemeinen Unlustgefhle der Neurastheniker,
Hypochonder, Hysteriker, bei denen allein der trge, adynamische,
schleichende Ablauf der ernhrenden Funktionen ohne jede organische
Vernderung gengt, um mit dem der Lust des Lebens aufgezwungenen
dumpfen Widerstand allein jede Lebensfreude zu vergllen. Wie im Traume
bei der Abblendung des Bewutseins von Raum und Zeit durch die
rhythmische Schlafhemmung Organreize die Motive auslsen zu
Ideenverknpfungen ganz bezglichen Inhaltes, so kann bei
Reizaufspeicherungen aus der Tiefe der Minenarbeit unserer somatischen
Apparate die Vorstellung trotz aller ablenkenden Auenreize immer wieder
hineingezogen werden in die dumpfe Ahnung eines Unheils, einer Gefahr,
einer sich vorbereitenden Katastrophe. Es ist das Unglck der
Hypochondrischen, da sie recht haben, wenn sie behaupten, da doch auch
alle schweren Zustnde von Krankheiten ganz ebenso beginnen: das heit
mit dem dunklen Gefhl einer herannahenden Gefahr. Es ist eine
schwierige Aufgabe, sich an diese scheinbar die Wurzel des Lebens
annagenden Sensationen zu gewhnen und sie im Bewutsein ganz
auszuschalten: immer wieder kndet die grmliche Miene, da die gequlte
Seele stutzt und nach innen sinnt, als wenn sie lauscht auf das Bohren
und Nagen des bsen Wurmes tief in geheimen Gewlben. Umgekehrt wirken
die frischen, kraftvoll dahinflutenden Wellen gesunder rhythmischer
Auslsungen im Organsystem befruchtend und lebensgefhlerhhend auf
unsere Seele, ein Bad, ein Marsch, eine heitere Gesellschaft enthlt
eine Unzahl solcher uns unbewut einverleibten Impulse, die wie kleine
Peitschenhiebe auf die Zugkrfte unserer inneren Bewegungen wirken,
wahrscheinlich weil die dadurch im organischen Getriebe erzwungenen
Entladungen alle aufgespeicherte Reservereizung ausgleichen, die
Atmosphre reinigen. Alle diese Reize wirken aber um so unmittelbarer
auf unser Unterbewutsein, je mehr der strende Einflu der Kontrolle
durch das Bewutsein abgeblendet ist: im Rausch, im Schlaf, in der
hypnotischen Fesselung der Seele, im Bann einer zentrierenden Idee, im
Rausche der Kunst, in der rhythmischen Ekstase des Tanzes und der
symbolischen Handlungen treten Wirkungen hervor, die eben ihrer
unkontrollierbaren Unmittelbarkeit wegen stets etwas Mystisches an sich
haben, so oft schon als Beweisvorgnge bernatrlicher Gewalten, als das
Wirken dmonischer Krfte angesprochen sind. Sie sind aber vielmehr
Dinge, die natrlicher sind als viele andere Erscheinungen des
Seelenlebens, ber die wir uns, durch Erfahrung verblendet, nicht mehr
wundern, denn sie offenbaren nichts als alteingewurzelte Fhigkeiten der
Seele, die uns nur deshalb so fremdartig erscheinen, weil sie in ihrem
immer vorhandenen Mechanismus der Kontrolle durch das Bewutsein fr
gewhnlich entzogen sind. In seltenen Momenten nur wirkt eben das Leben
direkt nach Ausschaltung des Bewutseins, ber dem solange ein hllender
Schleier des Versunkenseins liegt, auf die automatischen,
altberkommenen Zentren, und staunend sieht der Beobachter Sicherheit,
Zweckmigkeit, Unmittelbarkeit, Zielgefhl und Innenklarheit bei
deutlichen Anzeichen von psychischer Bewutlosigkeit auftreten oft in
einer besonders vollkommenen Reinheit, vollkommener, als er selbst diese
Aktionen unter Beihilfe des oft nur strenden Bewutseins zu vollbringen
imstande wre. "Ja, wie ist das mglich, er ging doch ganz sicher", "er
schwankte nicht einen Augenblick" "und war doch augenscheinlich ohne
klares Denken!"--Das sind die gewhnlichen, staunenden Fragen, auf die
es nur die eine, nur scheinbar paradoxe Antwort gibt: er war so sicher,
eben weil er nicht bewut war.

Wir wissen jetzt, da die Automatie eben dem Problematischen des
Bewutseins in vielen Punkten berlegen ist. Das Unterbewutsein hat
also ganz sicher Ortssinn, Muskelsinn und Zeitsinn. Fr die beiden
ersten Fhigkeiten, denen durch Abblendung des Bewutseins unter
Umstnden gar nichts genommen werden kann, sind Rauschzustnde aller Art
beweiskrftig, und fr den Zeitsinn des Unterbewutseins sei bemerkt,
da fr mich das oft zitierte Aufwachen zu bestimmter Stunde kein
Problem mehr ist, seit ich wei, da Helligkeit und Morgengrauen,
Pendelschlag und Glockenton ebensowohl direkt wie ber den Umweg durch
mein Bewutsein hineinreichen in die tiefen Willenslager meines Wesens
und da man daher nicht zu glauben braucht, da die in uns stetig
pochende Uhr, das Herz, mit ihrem Sekundenzeiger, dem Pulse, auch
imstande ist, Stunden und Minuten zu registrieren wie ein Chronometer
aus Menschenhand.

Wir sind am Ende unserer Untersuchung. Ich hoffe gezeigt zu haben, da
es nicht aussichtslos ist, den Blick nach innen zu richten und auf die
scheinbar dunklen Nebel zu achten, welche aus der Tiefe der Brust
aufsteigen in die Helle unseres beobachtenden Geistes. Hier und da
erhascht man, sich selbst streng kontrollierend, doch einen flchtigen
Zipfel des Gespenstertuches, und der herabgefallene Mantel zeigt kein so
unbekanntes Gebild, da man sich erschaudernd davon abwenden oder
erzittern mte vor dem Ding da, welches, ein Wesen fr sich, nirgends
in der Erfahrung eine Analogie hat. Fr viele Menschen hat das
Unterbewute hnlichkeit mit den Tiefenungeheuern der See, den
Fabelschlangen, die nur hier und da ihren Leib an das Licht des Tages
erheben. Manche glauben gar nicht daran, andere erschaudern vor der
Mystizitt seiner Natur, und noch andere, die genau hinsehen, knnen
hier und da nachweisen, da das gefrchtete Ungeheuer weder eine
Schlange noch ein Ungetm ist, sondern eine auf realen Vorgngen
natrliche Spiegelung von Gesetzmigkeiten, die sich im Grunde der See
ebenso lebendig erweisen, wie im Gewoge der menschlichen Seele.




SEELISCHE HEMMUNGEN UND SCHMERZEN


Nicht ohne Verwunderung werden einige, welche vielleicht schon hier und
da meinen Namen in irgendeiner Beziehung zu chirurgischen Dingen nennen
hrten, die Ankndigung dieser Essays ber Kapitel aus der Seelenlehre
vernommen haben. Aber es scheint bei nherer Betrachtung doch auch
gerade der Chirurg unter den rzten alle Veranlassung zu haben, sich mit
dem Wunder aller Wunder, der Menschenseele, recht eingehend zu befassen.
Welch ernste Beziehung von Seele zu Seele, wenn ein leidender Mensch
ohne Bangen und Zagen dem Wundarzt seiner Wahl Leib und Leben
vertrauensvoll fr Augenblicke hchster Gefahr in die Hnde legt, in
Hnde, an deren Knnen und Vollbringen sich oft genug das Schicksal
hngt! Wer mte wohl mehr lernen, das leise und laute Bangen der Seele
zu beschwichtigen und von irgendeiner geheimnisvollen, vielleicht oft
gefhrlichen Macht der Persnlichkeit Gebrauch zu machen, als der
menschlich fhlende Operateur? Wer she fter die Menschenseele in ihrer
echten Heldengre und in ihrer zitternden Unzulnglichkeit frei von
aller konventionellen Maskerade, als ein Chirurg mit offenen Augen und
lebhaftem Anempfinden! Eins aber qualifiziert meiner Ansicht nach uns
Chirurgen mehr als fast alle anderen Mediziner zur Psychologie, sofern
wir nur wollen, _das ist das psychologische Experiment im groen Stil_,
welches wir tglich anzustellen von Berufs wegen gezwungen sind: die
Narkose, die gewaltsame Betubung der Seele. Ja, ein psychologisches
Experiment allergrten Stiles nenne ich es, wenn wir durch Verabfolgung
von flchtigen Gasen die Seele zwingen, alle ihre fhlenden Polypenarme
Schritt fr Schritt zurckzuziehen, damit sie bis in die Tiefe eines
selbst traumlosen Schlafes sich selber unbewut verharre im schwankenden
Gleichgewicht zwischen Sein und Nichtsein so tief und so lange, wie es
dem Operateur gefllt. Wer Tausende von Malen aufmerksam den zu
Betubenden in die Fensterchen der Seele, in die Pupillen geblickt hat,
der sollte doch wohl auch etwas wissen und sagen knnen vom Labyrinth
der Brust und von den Trumen, die der Seele auf dem Wege in die
Ewigkeit kommen mgen. Eine Narkose ist ja wie eine Ouvertre zur
Tragdie des Todes, wenn Gott sei Dank auch nur selten das Stck bis zu
Ende gespielt wird! Was Wunder aber, wenn bei diesem, ich mchte sagen,
brutalen Eingriff in ein Getriebe der Seele, gegen welches das
Zauberwerk eines Przisionsinstrumentes aus Menschenhand ein
jmmerliches Stmperding ist, so leicht der filigranene Schleier
nervser Spinngewebe, um welche die Seele schwebt, zerreit und
zerflattert! Was Wunder aber auch, wenn gerade dem Chirurgen immer
wieder der Gedanke sich aufdrngt, da hier ein _Mechanismus_ vorliegt
in dem Vorgange des knstlichen Einschlferns in wenigen Minuten, oft in
Sekunden, welcher dem Einschnappen einer Bremse, eines Kontrestromes,
einer Hemmung in sehr wesentlichen Zgen gleicht.

Es ist mir natrlich nicht fremd, da es unter den Psychologen eine
mchtige Gruppe gibt, welche die mechanische Analyse jeglicher
Gehirnttigkeit im Prinzip ablehnt, und ich will im Verlauf dieser
Auseinandersetzungen einmal das Gestndnis ablegen, da ich nicht der
Meinung bin, da jemals die Physiologie uns den letzten Aufschlu ber
das Wesen der Seele und des menschlichen Bewutseins geben knne. Das
vermag sie ebensowenig, wie etwa die Physik das Wesen der Schwerkraft zu
entrtseln imstande ist; aber sie kann auf dem Wege des Experimentes und
der Beobachtung immer eindringlicher die Bedingungen _beschreiben_,
unter welchen dieses oder jenes psychische Ereignis eintreten kann oder
mu. Durch diese Einschrnkung will ich mich ein fr alle Male gegen den
Vorwurf eines anmalichen Materialismus verwahren. Ich mchte um keinen
Preis diejenigen, welche erkenntnis-theoretisch tiefer in diese Materie
eingedrungen sind, als ich, verstimmen; mit der Aufdeckung eines
Mechanismus ist ja aber nicht zwingend eine materielle Deutung
verbunden. Fr mich ist der Mechanismus der Seele, wie der Mechanismus
berhaupt, als Weltanschauung gedacht, eine _ideale_ Betrachtungsweise.
Durch Kenntnis des Kontrapunktes und der Harmonielehre ist der Genius
eines Beethoven nicht beleidigt. Gott und seine Werke sind nicht weniger
erhaben, wenn man nach Gesetzen sprt, unter denen sie sich offenbaren.
Bei dem Wunderwerk der Seele kann unmglich eine Betrachtungsweise
erschpfend sein, und wie ein tiefer Bergsee gleichsam in jedem Lichte
neue Zauber kundgibt, so vertrgt es wahrlich das Geheimnis der
"fnfzehnhundert Millionen Ganglien" geduldig, ob man von dieser oder
jener Ecke des Gelehrtenschreibtisches aus die Brille darauf einstellt.
Frei ber die Seele reden kann ja schlielich doch nur der Knstler, der
in der glcklichen Lage ist, dazu keiner Worte zu bedrfen oder doch nur
von Begeisterung und Ehrfurcht durchrauschter! Vielleicht gelingt es dem
Thema auf eine kurze Spanne Zeit die verschiedenen philosophischen
Richtungen zu vereinigen, und ich will mich jedenfalls bemhen, den
Leser mglichst ohne Fachlupe gleichsam mit bloem Auge heranzufhren an
das Tatschliche meiner Feststellungen, die ich mir erlaubt habe unter
einem einheitlichen Gesichtswinkel zu gruppieren.

Welche ungeheure Rolle spielt in der gesamten Erscheinungswelt, in dem
Spiel der Krfte die Hemmung, der Widerstand! Ein Weltgesetz knnte man
daraus formulieren; zu einem philosophischen System knnte man ihr
Walten, die Idee von ihr ausgestalten!

Ist nicht jede Form ein Resultat der Bewegung der Materie gegen einen
Widerstand? Was ist die Anpassung anders, als Wirkung von Hemmung und
Widerstand auf das vorwrtstreibende Leben? Was ist der Rhythmus anders,
als die periodisch gehemmte Bewegung! Was ist Bewegung anders, als die
durch einen Widerstand in bestimmte Bahnung gezwungene Kraft! Und wie
anders wre Kraft zu erforschen und wirksam zu machen, als durch
knstliche und bewute Einschaltung von spezifischen Widerstnden!
Vielleicht knnen wir berhaupt niemals etwas wissen von dem Wesen der
Kraft, sondern lernen und studieren nur immer feiner die Widerstnde und
die Hemmungen, welche die Urkraft zwingen, in so verschiedener Form in
Erscheinung zu treten. Wer rief die Elektrizitt in die Erscheinung,
wenn nicht die Einschaltung geeigneter Widerstnde (Isolation)? Wrde
das Licht ohne Existenz eines thers bertragbar, ohne das brechende
Medium analysierbar sein? Wird es nicht sichtbar am Widerstand unserer
Nervenmaterie? Was sagt das Newtonsche Weltgesetz anderes, als da die
rtselhafte Eigenbewegung der Gestirne durch Anziehung und Abstoung in
bestimmten Bahnen dauernd gehemmt ist? Vollenden nicht auch Sonnen ihre
"_vorgeschriebene_ Reise"? Wohin wir sehen: Krfte, Eigenschaften,
Bewegungen, die wir noch nicht, ja niemals verstehen knnen, und
Hemmungen, Widerstnde, die wir erforschen, ja willkrlich verndern
knnen. Nur das Studium der Hemmungen enthllt die Gesetzmigkeiten.
Erst die Herrschaft ber die Widerstnde gibt dem Menschen die
scheinbare Gewalt ber die Krfte oder bermittelt die Ahnung von ihrer
Gesetzmigkeit.

So hat sich denn auch bei der rtselhaften Natur der seelischen Kraft
fr die Psychiatrie und die Psychologie der Gedanke an das Walten der
Hemmung in der Seele als beraus dankbar erwiesen; liegt doch in dieser
Betrachtungsweise eine kluge und fruchtbare Beschrnkung. Ich mchte
sagen, da erst mit der weiteren Ausbildung der Hemmungslehre ein
neutraler Boden geschaffen werden wird, auf dem Philosophen jeder
Richtung miteinander verhandeln knnen, ohne sofort bei der Frage nach
der Natur der Seele in einige Dutzend feindlicher Heere gespalten zu
werden. Wer die Hemmungen, unter denen sich die seelische Kraft uert,
studiert, prjudiziert ja nichts ber das Wesen, ber Gttlichkeit und
Unsterblichkeit der Seele, nichts ber Geisterwesen und Transzendenz,
sondern, da er das Bild nicht zu entblen vermag, begngt er sich an
dem Studium der Schleier, welche die Himmlische umwallen, und hofft
vielleicht durch leises Betasten der dunklen Hllen ihre Formenschnheit
zu ahnen. Freilich wrde die bisherige Annahme der Physiologie, wonach
die Hemmungen im Nervensystem eingeschaltet wrden gleichsam durch
Kontrestrme wiederum nervser Natur, nicht viel Terrain gewinnen
lassen, weil wir ja dann wieder angewiesen sind auf das Studium nervser
Kraft, die wir eben nicht entrtseln knnen. Wenn wir uns das Gehirn des
Menschen oder besser sein gesamtes Nervensystem vorstellen als einen
Sternenkomplex von Milliarden kleinster schwingender Sonnenstubchen,
die durch ein unnennbar feines Maschennetz von leitenden Fdchen, den
Ganglien und ihren Fortstzen, miteinander verbunden sind (wobei wir
denken mssen, da dieses Milliardensystem im kleinen Raume des Schdels
wunderbar zusammengefgt ist), und wenn wir annehmen, da es Strme und
Erzitterungen elektroider Bewegung sind, welche Empfindungen, Begriffe,
Handlungen auslsen--so ist es klar, da niemals alle diese kleinen
Sinnesspulen, Begriffstaster, Telephone und Markoniapparate smtlich
zu gleicher Zeit auf- und niedergehen und sich die goldenen Eimer
reichen, sondern wir mssen annehmen, da immer nur eine oder sehr
wenige Bahnen frei sein knnen; alle anderen mssen im Augenblicke
des Erklingens einer einzelnen Gruppe ausgeschaltet, gehemmt sein.
Das ist genau so, als wenn ich an meinem Telephon nur dann mit einem
andern Teilnehmer sprechen kann, wenn alle brigen tausend Nummern des
Anschlusses fr mich beraubt sind. Nur immer ein Gedanke ist zeitlich
frei, die Milliarden anderen gleichzeitig gehemmt. Alle unsere
Wahrnehmungen, Gedanken, Bewegungen, Willensimpulse sind aus zeitlich
aufeinanderfolgenden Aktionen zusammengesetzt, und in dem schnellen
Wirbel des Ablaufens der Gedankenspule folgt doch immer die Ttigkeit
eines Systems der eines anderen, wenn auch mit Blitzesschnelle. Was wir
die Konzentration des Gedankens nennen, ist in die Sprache der
Hemmungslehre bersetzt Ausschaltung aller Systeme bis auf eine Gruppe.
Es leuchtet ein, da also der Ingenieur, welcher unter dem Dache der
Intelligenz sitzt und welcher die Systeme ein- und ausschaltet, der
eigentliche Herr unserer Seele ist. Nimmt man nun mit der allgemein
gltigen Lehre an, da auch dieser Maschinenmeister nervser Natur ist,
so kommen wir mit unserer Assoziationslehre, mit der Lehre, da
Seelenleben eine Kette von Ganglienzellenbewegungen bedeutet, meiner
Ansicht nach in die Brche. Dann ist nicht das Gangliensystem, nicht das
Gehirn der eigentliche Sitz der Seele, sondern dann ist der eigentliche
Spiritus rector animae nur der Teil der Nervensubstanz, welcher der
Hemmung vorsteht, dann sitzt der eigentliche Prsident unserer Seele in
den brigens hypothetischen Hemmungszentren, und es wird noch
rtselhafter, woher denn eigentlich gerade diese kleinen
Bezirkskommandos ihre die ganze Armee beherrschende berlegenheit
beziehen. Solche Seelenquartiere ber der Seele, solche Oberseelen
vermehren also meiner Meinung nach nur die Rtsel, statt sie zu
vereinfachen. Das wre ein Spiel von Seelenttigkeiten, bei welchem man
niemals klar wird, wer nun eigentlich die Trmpfe in der Hand hlt, wer
einschaltet und wer ausschaltet, dann gbe es nur eine gnzlich
verborgene mystische Einheit, und jegliche mechanische Analyse der
Seelenttigkeit wrde zu einem zwecklosen Spiel mit Worten. Ich mu es
mir leider versagen, an dieser Stelle des weiteren die Unhaltbarkeit der
Lehre vom Strom und Gegenstrom in unserem Gehirnapparat darzutun, und
mu mich neben diesen kurzen Andeutungen damit begngen, auch auf den
Mangel aller Analogie aus der Elektrizittslehre hinzuweisen: erklrt
man die Gruppenerzitterungen der Ganglienzellen fr das Wesen der
seelischen Vorgnge, so kann man nicht ihre Hemmung als einen analogen
Vorgang auffassen, ohne gleich noch eine Seele ber der Seele zu
fordern, und ohne zu behaupten, da der in das Gehirn eindringende Reiz
gleichzeitig zur Erregung und Erttung der Nervenstrme dient. Dann
mte also dieselbe Ursache auch den Grund ihres Nichtseins darstellen.
Das ist meiner Ansicht nach nur die Maskierung eines metaphysischen
Prinzipes mitten in einer mechanistischen Analyse. So unbefriedigt mich
nun die bisherige Form der Hemmungslehre, wonach also ein Nervenstrom
den anderen aufhebt, gelassen hat, so fruchtbar erwies sich mir eine
andere Betrachtungsweise, welche die hemmende Ttigkeit einem ganz
anderen System _nicht_ nervser Natur berweist, nmlich dem an den
Ganglien vorberkreisenden Blute.

Da das Blutwasser tatschlich stromhemmende Kraft hat, kann man, wie
wir noch sehen werden, direkt beweisen, und es mu nur aufgezeigt
werden, in welcher Weise es an die Gangliensysteme herangelangt. Dazu
bedarf es des Nachweises eines besonderen Apparates, der, an das
Blutsystem angeschlossen, den Blutsaft gegen die Hirnzelle bewegt.
Dieser wichtige Apparat, welcher nach meiner Auffassung die Rolle
isolierender, zwischen die Ganglienzellen eingeschobener feuchter
Platten spielt, ist der Lymphapparat des Gehirns und Rckenmarks, die
_Neuroglia_. Bisher war man der Meinung, da dieses feine Maschennetz
bindegewebiger Fasern, in welchem die nervsen Apparate im Gehirn und
Rckenmark aufgehngt sind, eben ein Sttzapparat sei, um welchen sich
die Ganglienketten wie Schlinggewchse, wie etwa Winden um
Drahtschlingen, sttzend ranken, ein Gitterwerk, das gleichzeitig die
Bahnen der ernhrenden Blutgefchen trgt. Die Neuroglia sei, wie die
Wissenschaft sich ausdrckt: Sttz- und Nhrgewebe. Dagegen spricht
mancherlei: vor allem die hchst komplizierte und differenzierte Form
dieses Abkmmlings des Bindegewebes. Sttz- und Nhrgewebe finden wir
berall im Krper: es gibt ebenso, wie es ein knchernes Skelett gibt,
ein bindegewebiges. Der Leib ist, wenn man alle spezifische Organmaterie
hinwegdenkt, ein geformter Bindegewebsschwamm, d.h. alle Organe, Muskeln
und Weichteile sind aufgehngt gleichsam in fasergewebigen,
zhstrhnigen Maschen und Netzen, gleichwie das Fleisch einer Orange
hngt in einem harmonischen Gitterwerk der Fasern. berall in jedem
Organ ist die feine Struktur dieses Gewebes dieselbe: _nur_ im Gehirn
und Rckenmark ist dieses Sttzgewebe von unerhrt kompliziertem Bau.
Die Hirngefe, und nur sie, umspinnt eine feine geschlossene Drainage
und Rhrenmasse von Geweben, in welchen Blutwasser von den Gefen
durchsickernd und gleitend gelagert ist; von diesen muffartigen
Gefrumen gehen unzhlige Kanlchen an alle Gangliensysteme und liegen
in sternfrmigen Umhllungen, genau den Formen der vielgestaltigen
Ganglienzellen angepat, um die kleinen elektrischen Zentralkrper, etwa
wie ein allseitig geschlossener Handschuh um die Finger. Diese Strahlen
und Sterne begleiten Fasern und Kugeln der Nervensubstanz und sind
fllbar und entleerbar von dem plasmatischen Blutsaft, wie Milliarden
kleiner Schwmme und rispenartiger Futterale. Meine Annahme gipfelt nun
darin, da diese Neuroglia das ist, was in der Elektrizitt das
umhllende Seidengespinst um einen elektrischen Draht, was die
Isolierung der Kabel und Akkumulatoren darstellt, da ihr funktioneller
Fllungsgrad mit Blutwasser den Kontakt der Ganglien verhindert, und da
ihr wechselndes Leersein das berspringen der Seelenfunken begnstigt,
Mittels des Blutgefsystemes also vollzieht sich das, was wir vorher
Ein- und Ausschalten des Seelenstromes genannt haben.


Es sei mir gestattet, hier auf den feineren anatomischen Nachweis der
Mglichkeit einer solchen Funktion der Neuroglia, welche ein absolutes
Novum in der Medizin ist, zu verzichten; ich habe in meinem Buche
"Schmerzlose Operationen" diesem Nachweise gengend Raum gegeben, hier
will ich mich an die Probe auf das Exempel machen, nmlich die
Anwendbarkeit dieser Anschauung auf einige besondere Bewutseinsformen
prfen.

Wre also der gewissermaen gefilterte Blutsaft von einer solchen
Beschaffenheit, da seine Anwesenheit zwischen den Ganglien ihre
Kontakte aufhebt, so mten, wenn meine Anschauung richtig wre, die
Vorgnge, welche Blutwasser im Gehirn pltzlich und ohne
Ausgleichsmglichkeit anstauten, unweigerlich Bewutlosigkeit zur Folge
haben. Denn denken wir uns berall um die Ganglien eine
Flssigkeitsschicht, welche stromhemmend wirkt, aussickern, so mssen ja
die Assoziationen unmglich werden, weil nirgends Erregungsstrme
kommunizieren knnen. In der Tat: das ist der Fall. Dr. _Jordan_ hat in
einer Arbeit ber ein auf der Insel Java von den Eingeborenen gebtes
Narkoseverfahren berichtet, welches darin besteht, da von rckwrts her
dem Kranken am Halse beide groen Drosseladern fest zugedrckt werden.
Dann ist der Abflu des gesamten Blutes vom Gehirn gehemmt und es
entsteht das, was am Finger nach einer festen Umschnrung mit einem
Gummiring sich bildet: ein bertritt von Blutwasser in die
Gewebsmaschen. Der Finger wird taub, und nicht anders ist es im Gehirn,
es wird auch taub unter dieser gewaltsamen Vollpressung mit Blutwasser,
es verliert die Fhigkeit, seine Apparate spielen zu lassen, bewut zu
sein: der Betroffene liegt fhllos und bewutlos, wie narkotisiert. Aber
es gibt noch andere Mglichkeiten zur berstauung des Gehirns.

Strzt jemand so unglcklich, da ein erheblicher Blutergu sich
zwischen Schdelkapsel und Gehirn ansammelt, so verhindert das sich
bildende feste Gerinnsel in hnlicher Weise den Abflu des Gehirnblutes
aus der Ader des Galenus und aus den Drosselvenen; die Folge ist wieder
berschwemmtwerden des Gehirns mit Hemmungssaft, Aufhebung des
Ganglienkontaktes, Bewutlosigkeit! Nicht anders, wenn ein Gehirngef,
verkalkt und brchig, unter einer pltzlichen Wallung beim sogenannten
Schlaganfall birst, und nun das pressende Blutgerinnsel in ganz gleicher
Weise von innen her den Abflu hemmt; es entsteht wiederum die tiefe und
langdauernde Bewutlosigkeit, die so lange whrt, bis der Abflu
reguliert ist und die Ganglien durch Fortfall der umklammernden Hemmung
anschlufhig geworden sind, wobei die entstehenden Lhmungen auf
Rechnung der direkten Aufwhlung von Hirnsubstanz kommen. Die Mediziner
werden mir gleich zurufen: Halt! es gibt doch Bewutlosigkeiten ohne
gehemmten Blutabflu! Sehr richtig! Es gibt aber auch zwei Formen von
Bewutlosigkeit, welche theoretisch und praktisch gerade auf Grund
dieser Anschauungen ganz scharf voneinander zu trennen sind. Wenn in den
erwhnten Fllen das Bewutsein schwindet, weil eine komplette
berschwemmung mit hemmender Blutflssigkeit die Ganglien festbannt und
ruhigstellt, so ist es klar, da auch noch auf eine andere Weise gerade
unter Fortfall der Hemmungsfunktion eine Bewutlosigkeit denkbar ist,
nmlich die, bei der smtliche Ganglien mit einem Male gleichzeitig
miteinander in Kontakt stehen. Das wre so, als wenn pltzlich in einer
Telephonzentrale alle Meldeglocken gleichzeitig erklngen; auch dann
wrde die Seele der Station, das Meldefrulein, wahrscheinlich jegliche
Fassung verlieren. Im Krankenhausdienst konnte ich nicht genug auf diese
Form der Bewutlosigkeit, welche sich also unter einer vollstndigen
Entleerung aller Hemmungsmaschen vollzieht, aufmerksam machen. Unter dem
Anprall des Schdels gegen eine harte Unterlage entsteht bei der
Gehirnerschtterung, ohne direkte Verletzung der Substanz des Gehirns,
ein nervser Chok der Blutgefe, sie erblassen, werden krampfartig
ausgepret, und die Folge ist eine reflektorische Starre der Gefe,
vllige Leere, Volumenverminderung des Gehirns und Massenkontakt aller
sich nahe berhrenden Ganglien. Bewutsein ist nicht mglich, weil alle
Walzen gleichzeitig schnurren und die ganze Hirnorgel in allen Registern
und Pfeifen gleichzeitig erbraust ohne Rhythmus und ohne Melodie. Diese
Harmonielosigkeit ist eben Bewutlossein unter Neurogliakrampf und
vlliger Blutleere des Gehirns. Wie mit einem Schlage erhellt sich uns
nun das ganze Gebiet der Bewutlosigkeiten, vom Schwindel bis zur
Ohnmacht, die bei Hirnerschtterung, beim Chok und bei allen
erheblicheren funktionellen Blutdruckschwankungen auftreten, und bei
denen die ganze Symptomengruppe direkt entgegengesetzt ist jenen Formen
der Bewutlosigkeit durch Behinderung des Abflusses. Whrend bei den
Formen der Bewutlosigkeit durch Blutleere (beim Verbluten, bei Ohnmacht
durch Schreck und Schmerz) Krmpfe und Herzflattern, flache Atmung und
Gesichtsblsse, weite Pupille und Muskelzittern das Bild
vervollstndigen, sehen wir bei der Bewutlosigkeit durch
Hemmungseinschaltung Regungslosigkeit und Herzstrotzen, tiefe,
schnarchende Atmung, blaues Gesicht und Pupillenenge in Erscheinung
treten. Mangelndes Bewutsein aber in beiden Fllen: einmal, weil alle
Ganglien gehemmt, das andere Mal, weil alle zugleich ungehemmt sind. Wie
wunderbar stimmen zu dieser Anschauung die Ergebnisse des Experimentes!
_Albert_, einer der bedeutendsten sterreichischen Chirurgen, hat in
seinen berhmten Hmmerungsversuchen am Schdel trepanierter Tiere nicht
eher Bewutlosigkeit auftreten sehen, als bis die Blutgefe in Krampf
und Entleerung durch Reflex gerieten. Und _Deutsch_ in Wien sah bei
einem Kinde mit traumatischem Schdeldefekt und freiliegendem Gehirn bei
jedesmaligem Eintritt von Schlaf die Hirnrinde tiefblau werden. Viele
Chirurgen behaupten auf Grund direkter Beobachtung whrend der
Operation, da das Gehirn in der Narkose blutberfllt sei, andere
behaupten noch heute das strikte Gegenteil. Mit einem Schlage wird durch
meine Annahme der Widerspruch guter Beobachtungen aufgehellt: es gibt
eben zwei Formen der Bewutlosigkeit: eine hypermische mit komplettem
Blutberschu und eine anmische mit komplettem Blutmangel.

So konnte auch in meinem Sinne mit Leichtigkeit eine Theorie des
Schlafes und der schlafhnlichen Zustnde gegeben werden, welche
befriedigen drfte. Der Schlaf ist ein aktiver Vorgang der
Neurogliattigkeit, eine rhythmisch-periodische Funktion der Neuroglia,
ursprnglich ausgelst durch Sonnenuntergang und normal unterbrochen
durch Sonnenaufgang. Er besteht in einer Abblendung des Bewutseins fr
Raum und Zeit, in einer Aufhebung des Orientierungsvermgens fr unsere
Umgebung, und vollzieht sich durch eine Blutfllung der Hirngefe und
der Neuroglia auf reflektorischem Wege, gleichsam durch eine Dehnung des
Gefherzens, durch einen Akt der Gefmuskeln, welche sich erweitern
und damit buchstblich die hemmende Tarnkappe ber die Gangliensysteme
stlpen.

Es leuchtet ein, warum, wenn diese Grundanschauungen richtig sind, der
Schlaf keine vllige Aufhebung des Bewutseins erzwingen kann. Da nur
die jngsten Sprossen des Gehirnstammes, die Zonen des assoziativen
Denkens, nachweislich anatomisch von solchen komplett fllbaren
Neurogliamaschen umhllt sind, kann sich die Schlafhemmung nicht bis auf
die tiefen, unterbewuten und automatischen Gebiete unseres
Gehirnlebens, welche durch starres Bindegewebe definitiv isoliert sind,
erstrecken. Mein Ichbewutsein ist im Traum vllig wach, meine
Erinnerung ist lebendig, meine Phantasie steht in vllig von der Logik
ungefesseltem Spiel und ist im Traum deshalb um so beweglicher, als alle
Arten von Auenweltreizen, ein bellender Hund, eine schlagende Tr, ein
Schu, ein Ruf, ein Lichtschein, durch meine Lider einfallend zeitweise
und ruckartig imstande sind, die Hemmung zu durchbrechen und unter dem
Spiel zwischen Aktion und Ausschaltung das Kaleidoskop des Traumes immer
von neuem zu schtteln. Ein ewiger Strom von Lebensreizen flutet auch
unter dem Zeltdach des Schlummers durch die Gemcher unserer Seele.
Strme, die mit aller Gewalt, wie starke Affekte, unsere Harfe in der
Seele durchtoben, Erregungen, die im Laufe des Tages ihren Ausgleich
erzwingen in entschlossenem Willen und Handlungen, sind gemeinhin nicht
Gegenstnde unseres Traumlebens. Die feinen, schnell verrauschten
Motive, welche der brausende Strom des Lebens leicht fr den Augenblick
bertnen kann, sind es, welche sich im Netz der sinnenden Seele bei
Tage fangen wie schillernde Fliegen im Gespinst der Spinne und nun des
Nachts ihre luftigen Schwingen wieder heben. Ein tiefer Schmerz, ein
Ereignis, das uns laut aufschluchzen oder jauchzen lt, ist gewhnlich
kein Traummotiv, aber wenn wir uns belauschen, die kleinen, die
verlorenen, die nur gestreiften Dingelchen sind es, die bei Nacht der
Bildnerin Phantasie die bunten Fdchen in die Hnde spielen.

Sie webt nun im Gegensatz zur registrierenden Logik des wachen
Bewutseins in einer unter dem Teppich der Hirnhemmung whlenden,
umgekehrten Richtung die Ganglienbildchen aneinander, flickt dieses
Glied an jenes, aus allen Tierreichen Torso an Torso, bis Wunderwesen
mit Flgeln und Flossen, Schuppen und Hckern entstehen, bis gespiegelte
Taten und Ereignisse sich reihen zur sinnigsten Unsinnigkeit. Nur wer
ganz tief schlft, trumt nicht, natrlich: weil die Hemmung zu fest die
Tasten niederdrckt, als da ein Nachtelfchen der Idee ber die
Klaviatur dahinhuschen knnte.

Whrend also im Wachzustande die Registerzge und Stimmentaster unserer
Hirnorgel in ewigem Wechsel bald tausend Gruppen dieser, bald jener
Gangliensysteme vom Strom seelischer Erregungen erklingen machen, wobei
der Rhythmus des pulsenden Herzens zugleich mit dem so empfindlichen
Spiel der Gefverengerer und -erweiterer das eigentliche Schwungrad des
Betriebes abgibt, flackert in der Stille des Schlafes nur hier und da
ein leiser Akkord unter dem Dmpfer der Hemmung auf. Whrend dem wachen
Gehirn die Reize von auen in tausend Gruppenmeldungen und Erzitterungen
der Ganglien zugefhrt werden und sich in elektroiden Anhufungen zu
Vorstellungen und Willensaktionen verdichten, wobei jedem eindringenden
Reiz sein seelisches quivalent entspricht, entstehen im Schlafe die
Gedanken als Bewegungen gleichsam verschluckter Spannungen und kreisen
ohne Ausgleich, wie gefangene weie Muschen, im Gehege und Gitterwerk
der feinen Nervenlabyrinthe. Wo eine Lcke, ein Spalt von der Hemmung
freigelassen ist, dahinein geht der Strom der Trume immer vor und
zurck stets in der Richtung des geringsten Widerstandes. Denn wie jede
Bewegung gehorcht auch der Gedanke dem Gesetz der Richtung gebenden
Macht des Widerstandes. Nehmen wir an, da der Hemmungsfortfall in der
zuckenden Neuroglia diese Richtung bestimmt, so sind wir in einem
psychologischen Irrtum befangen, wenn wir davon sprechen, da wir unsere
Aufmerksamkeit auf irgend etwas konzentrieren; in Wahrheit konzentriert
dieses Etwas uns. Das was wir "bewut aufmerken" nennen, ist das Gefhl
von dem Zug und Zgel, welches die Dinge an unseren Nervenfdchen
ausben.

Auf den feinsten Nervensaiten
Prft ein Spielmann sein Gedicht,
Wohl fhlst du die Finger gleiten,
Doch den Spielmann siehst du nicht!

Dieser groe Spielmann kann ebensowohl ein transzendentes Wesen sein,
wie die unfabare und unentwirrbare Summe der Wirkung aller Weltendinge
auf uns. Denn alles wirkt auf alles und in jeder Entfernung, ob mit, ob
ohne Draht und Nervenfdchen. Die Seele des Menschen gleicht einem
Prisma, einer frei im Raume getragenen Markonitafel, in denen sich die
Weltenstrahlen brechen; dieses Medium, in welchem sich Sonnenlicht,
therwelle und jeder Reiz transformiert, ist einzig Objekt
wissenschaftlicher Analyse. Wir studieren auch hier nur die Hemmungen,
welche sicherlich den Schwingungen einer Weltseele in unserem Leibe wie
in den Saiten einer olsharfe entgegengespannt sind, und knnen nur in
uns hineinlauschend den Anprall des Odems der Natur zu einem
ahnungsvollen Liede vereinen. Die Reizbarkeit, welche schon die
Frhgeborenen des Lebens besitzen, gilt es nachzuweisen auch in den
hchsten seelischen Funktionen, die Widerstnde aufzufinden, unter
welchen die Seele dieses tut und jenes lt: das ist einzig, ohne
vermessen auf den Grund des Lebens zu langen, Gegenstand
naturwissenschaftlicher Forschung. Warum und wodurch diese Reizbarkeit
zu Geist wird, kann nur der beantworten, welcher der Erfinder und
Schpfer dieses Weltsystemes ist.


Fr mich ist also der Schlaf die Folge eines periodischen
Auerbetriebsetzens unserer gesamten Orientierungsapparate, welche wir
Ganglien nennen. Ein Dmpfer wird eingeschoben, eine Hemmungskurbel
gedreht, und der wesentliche Lenker dieses Hemmungsmechanismus ist der
Fortfall des Reizes des Sonnenlichtes und seine periodische Wiederkehr.
Die diesen Reiz bermittelnden Nervenfasern gehren nicht zum
Zentralnervensystem, sondern sie gehren zu dem Sonnengeflecht des
Sympathikus und zu seinen Abkmmlingen, welche berall die Gefe vom
Herzen bis in die feinen stchen des Lebens umranken. In den Auslufern
des Hirngefsystemes kreist aber der hemmende Saft, der besonders
dazu gebildetes Gewebe durchtrnkend die Ganglien an gegenseitigem
Kontakt verhindert. So wird endlich einmal klar, warum der,
entwicklungsgeschichtlich gedacht, frheste Nerv, die erste in der
Tierreihe auftauchende Andeutung eines nervsen Apparates, der
Sympathikus, der Seele Erstgeborener, an Weichtieren zum ersten Male zu
einer Zentrale der Reaktionen ausgestaltet, auch im Gottmenschen des
Genies noch der Herr des Lebens bleibt! Auch die feinsten und
erhabensten Gedanken eines schpferischen Gehirns werden in Schranken
gehalten von der gleichsam das gesunde Wachstum der Ideen garantierenden
und schtzenden Faust des eigentlichen Lebensnerven, des Sympathikus!
Hier liegt die einzige, anatomisch begrndete Grenzscheide zwischen
Genie und Wahnsinn. Denn wehe! wenn seine Wurzeln erkranken und damit
die Hemmungen fortfallen, welche der lebenfrdernden Harmonie der
seelischen Erregungen bergeordnet sind. Die Psychiatrie wei genug zu
berichten von der Entgtterung der menschlichen Seele, die Platz greift,
wenn der Hemmungsmechanismus fehlerhaft funktioniert. So hat mir diese
Anschauung auch Aufschlu gegeben ber die Natur des Temperamentes,
indem danach sehr wohl eine geringere oder strkere Hemmungsfhigkeit
des Blutsaftes des Individuums und ganzer Nationen die Ursache fr die
grere oder geringere Schnelligkeit der Auslsungen seelischer Kontakte
sein kann. Ja diese Anschauung vershnt einigermaen die Wissenschaft
mit der tief in allen Vlkern lebenden Vorstellung vom "guten und
schlechten Herzen" als einem Teil seelischer Ttigkeit. _Das Herz ist
danach nicht so unbeteiligt am Gemts- und Seelenleben, als man
gemeinhin denkt._ Nicht nur, da seelische Erregungen sich nachweislich
dem Herzen mitteilen, sondern auch die Ttigkeit des Herzens und die
Beschaffenheit des Blutes hat danach verstndlichen Einflu auf unsere
Allgemeingefhle. Die sprachliche Wendung: "das liegt ihm im Blute" ist
also nicht so sinnlos, wie sie scheint, wie berhaupt die Sprache ja oft
fr den Hellhrigen die alleinige Verrterin tiefster, geheimnisvoller
Vorgnge im Getriebe des Gehirns ist, was nicht wundernehmen kann, da
sie ja eine Art Projektion zentraler Mechanismen ist. Wie ungeheuer gro
ist das Kapitel vom Zusammenhang seelischer Zustnde mit der krankhaften
Vernderung der Blutsfte! Schritt fr Schritt knnen wir in der
Pathologie verfolgen, wie der Gemtszustand direkt in Abhngigkeit steht
von der Beschaffenheit der _Blutmischung_. Wie fein reagiert das
Nervensystem auf die geringste Abweichung des Mischungsverhltnisses der
einzelnen Komponenten! Die Vorgnge dabei sind viel zu pltzlich und
reflexhnlich, als da sie allein durch eine chemische Alteration
erklrt werden knnten. Eine leise Verstimmung des Magens, eine
Obstipation kann uns tief melancholisch machen, und eine groe Freude
reit mit der Erhhung des Blutdruckes im Gefsystem und der
Beschleunigung des Blutstromes ohne weiteres die Trauerschleier vom
Antlitz unseres vergrmten Gemtes. Der Gefnerv (Sympathikus) und die
durch ihn erzwungene wechselnde Flle der Neurogliazotten lt eben die
Assoziationen in allen Graden erleichterter oder erschwerter Kombination
vor sich gehen.

Die Beteiligung des Herzens, des Blutdrucks und der Neurogliafllung in
Form eines ein- und ausschaltenden Isolationsmechanismus gibt auch einen
Schlssel, warum unsere Seele gleichsam auf eine rhythmische Natur
gestimmt ist. Der Urgrund, warum der Mensch ein tiefinnerliches
Grundgefhl fr Rhythmus und Gegenstzlichkeit, fr Dualismus, fr die
Zweiseitigkeit aller Dinge auf Erden hat, ist eben in dem rhythmischen
Ein- und Ausschalten unserer Wahrnehmungsapparate, der Ganglien,
gegeben, da sie ursprnglich vom Pulse diktiert werden. Das Gehirn
pulsiert ja sogar sichtbar, wenn man es freilegt, selbst an kleinster
Stelle. Flutet die Blutwelle mit der Zusammenziehung des Herzens hemmend
zwischen die kleinen Seelentelephone, so werden sie abgestellt, um beim
Nachla und Abstrmen des hemmenden Mediums schnell nacheinander wieder
bahnfrei zu werden. Die Aufeinanderfolge der einzelnen Systeme wird
dabei reguliert vom Spiel der Gefnerven, welche, das mu immer wieder
direkt betont werden, einem ganz eigenen Nervenkomplex, dem Sympathikus
angehren, der einen gleichsam zwischen Hirn- und Rckenmark
eingeschalteten automatischen Stromregulator darstellt. Auf allen den
Millionen Pfaden der Sinnesstraen strmen unaufhaltsam und
ununterbrochen Reizwellen zum Gehirn. Sie alle werden gestaut in den
unzhligen Reizakkumulatoren und Transformatoren des Gehirns, den
Ganglien, und erst wenn die feuchte Platte der Neuroglia
stromdurchlssig wird, springt die Blitzkette der Entladungen von System
zu System, immer die Lcken erhaschend, welche die geschwchte Hemmung
offen lt. Das ist die Bahnung, die bung, die Einschleifung in meiner
Auffassung. Darin, da die ffnung und Schlieung dieser Bahnen
rhythmisch erfolgt, liegt der Grund fr die Rhythmik unseres Tuns und
Denkens, der Grund zur Rhythmik der Arbeit, zur Hebung und Senkung
unserer Sprache, zum Verse, zum Liede, zur schnen Linie, zur
Architektur, genug zur Gesamtsthetik. Denn im Grunde ist alles das
meinen Sinnen wohlgefllig, was ihrem natrlichen Rhythmus von
seelischer Ein- und Ausschaltung sich einfgt, und unlustgebend
dasjenige, welches ihm widerhaarig ist. Daraus folgt auch, da der
sthetische Geschmack darum so verschieden ist, weil der Rhythmus
etwas durchaus Persnliches, an mein Temperament, an meine
Apperzeptionsfhigkeit in einer gewissen Zeiteinheit, nmlich der
zwischen Systole und Diastole des Herzens, Gebundenes darstellt. Ich
kann hier natrlich nur andeuten, wie aus der durchschnittlichen Einheit
von 60 Schlgen in der Minute der Mensch sein Zeitbewutsein hergeleitet
hat, indem ja in ihm eine wirkliche Uhr, das Herz, von Anfang an ihr
Ticktack schlug, genau so, wie er den Fu und das Fingerglied zum
Raumma und die fnffache Strahlung der Hand zum Dekadenzahlsystem
ausbaute. Da nun, wie experimentell nachweisbar, unser Herzrhythmus
unter den allerverschiedensten Einflssen schwankt, wie die Wirkung von
Mensch auf Mensch direkt am Pulse mebar wird, so versteht man besser
als sonst, warum in der Kunst ein so starkes Moment der Aufsuggerierung
eines persnlichen Rhythmus zur Geltung kommt, welches den Zuhrer oder
Beschauer vllig in den Bann des Schpfers schner Rhythmen zwingt. Das
Hingegebensein des eigenen Seelengetriebes an ein mchtiges fremdes, die
Seele neu erfllendes Durchwogen und Durchglhen ist eben die Quelle
jedes echten sthetischen Genusses, nach dem sich ein bewegliches Herz
dauernd sehnt.

Habe ich damit die mechanische Seite der Suggestion gestreift, so ist
von hier bis zur Analyse der Hypnose auf mechanischem Wege nur ein
Schritt. Wenn nach unserer Anschauung die Sonne in ihrer rhythmischen
Beleuchtung und Verdunkelung der Erde, resp. die Erde selbst in ihrer
rhythmischen Abkehr und Neigung zum Licht einen periodischen,
naturgegebenen Hebel zum Ein- und Ausschalten des Bewutseins abgibt, so
mu es ja auch auf andere Weise durch Reflexhypermie im Gehirn mglich
sein, Schlaf und schlafhnliche Zustnde zu erzeugen. Nun, das
Streicheln, das Wiegen, das Kmmen, das Fixieren, das Zhlen, das Ticken
der Uhr--das alles sind deshalb schlaffrdernde Mittel, weil vermge der
gleichmig das Gehirn treffenden Reize die Neuroglia um so leichter
bergewicht ber die Zellaktion erhlt, je mehr durch Konzentration auf
einen Punkt die Hemmung an Macht gewinnt. Gerade wie im Alkoholrausch
der nchtliche Schwrmer schlielich immer dieselbe Geschichte erzhlt,
ehe sein mdes Haupt sich zum Tisch oder unter den Tisch neigt, so lt
der Hypnotiseur auf dem Wege reflektorischer Hemmungsverstrkung das
Bewutsein seitlich ringsumstellen und von den Hschern flchtiger
Gedanken umgeben. Alle Vorgnge eben, welche geeignet sind, dauernd die
Neurogliazotten in Erweiterung und Fllung zu halten, bringen
Kontakthemmung und bei lngerer Dauer den Schlafzustand, also auch die
_reflektorische_ Gefweite. Alle schlafhnlichen Zustnde knnen auf
_mechanische_ Weise einheitlich erklrt werden, selbst Morphium und
Chloroform wirken zunchst nur als Entfalter einer durchaus
physiologischen Funktion des Gehirns, indem sie ebenso wie der Alkohol
im Beginn Gefverengerung, damit Erregungen, Exzitationen, leichte
Anschlsse, spielende Gedankenflucht ber alle Problemhhen und -tiefen,
und mit der Leichtigkeit der Auslsung von Ganglienfunktionen eine hohe
Steigerung des Ichgefhls hervorbringen, erst dann mit der allmhlichen
lhmenden Erschlaffung der Gefe, in welchen das Gift kreist, die
Einengung und Abblendung des Bewutseins zuwege bringen, so da der
knstliche Schlaf so auf ein Haar dem natrlichen gleicht. Man hat eine
allzu bertriebene Hochachtung vor der Dauerhaftigkeit der feinsten
Hirnstruktur, wenn man meint, da z.B. eine Auslaugung des Fettes aus
den Hirnzellen durch das strmende Chloroform der eigentliche Grund der
Narkose sei, wonach also das Bewutsein ausgewischt wrde, etwa wie ein
Fettfleck durch Benzin. Trte wirklich das Gift ohne diesen segensvollen
Maschenfilter der Neuroglia jemals an die Zellen direkt als chemisch
aktive Substanz heran, so wre stets eine direkte Verleimung des
Gehirns, die Zertrmmerung der Apparate die Folge. Nur deshalb ist die
Narkose in Wirklichkeit kein so brutaler Eingriff, weil man niemals mehr
Gift im Krper kreisen zu lassen braucht, als gerade gengt, damit das
Spiel des auch im natrlichen Schlaf ttigen Mechanismus ausgelst
werde.

_Eine_ schlafbringende Ursache will ich noch erwhnen, welche allen
Schlaftheoretikern groe Mhe gemacht hat, das ist die Schlafsucht beim
Erfrieren. Soll hier, whrend ein vor Frost erstarrender Organismus
langsam in Schlaf versinkt, sich gerade aus dem daniederliegenden
Stoffwechsel ein Schlafgift produzieren? oder soll die sonst doch so
frisch und wach machende Abkhlung der Haut hier ausnahmsweise hchste
Mdigkeit erzeugen? oder ist es nicht vielmehr im schnsten Einklang mit
unseren Vorstellungen, da durch allseitige extremste Verengerung der
Blutgefe in Haut und Gliedern die inneren Organe blutberfllt und
damit die Neuroglia zur totalen Hemmungseinschaltung gezwungen sein mu?
So nur verstehen wir die frisch machende Wirkung kurzdauernder
Abkhlungen, die Erleichterung der Assoziationen im Nervensystem durch
Kaltwasserkuren usw., wenn wir annehmen, da die der Abkhlung schnell
nachfolgende Blutflle in der Haut die Hemmungsfilter im Gehirn entleert
und so die Ganglien erregungslustiger macht. So auch begreifen wir,
warum man im dauernd khlen Zimmer besser schlft als im berhitzten, ja
sogar, warum wir beim Umwlzen der Bettdecke von der Khlung der Haut
die Wiederaufnahme eines unterbrochenen Schlafes erhoffen. So auch
erklrt es sich, da die Inanspruchnahme groer Blutmengen zur Verdauung
bei berflltem Magen das Gehirn blutrmer und darum aufgeregter und
ruheloser macht und da irgend eine dauernde Ablenkung von Blutmengen
aus dem Gehirn unruhiges Trumen zur Folge hat.

So lernen wir aber auch verstehen, warum die ganze Skala der
Giftwirkungen immer zwischen Erregung und Lhmung hin und her schwankt,
weil diese beiden Funktionen vornehmlich gebunden sind an die Ttigkeit
der Neuroglia, welche wie ein schtzendes Filter vor den feinsten Teilen
des eigentlichen Rderwerkes ausgespannt ist. Wre die pathologische
Anatomie nicht allzusehr im Banne von der Sttznatur der Neuroglia, sie
htte schon lngst vielleicht nheren Aufschlu ber die
Funktionsstrungen als Folge primrer Neurogliaerkrankungen geben
knnen. Wenn Fllung, Ausschwitzung, Gerinnung, Verfettung, Verkalkung
usw. in ihr erst auf ihre eventuellen funktionellen Folgen geprft sein
werden, drfte auch fr die Heilung von Geisteskrankheiten mit ihrer
vielfachen Beziehung zur Blutmischung diese Anschauung fruchtbar werden
knnen. Ich will nach dieser Richtung nur ganz entfernt die Mglichkeit
der direkten Durchsplung der Neuroglia vom Blutgefsystem, die Wirkung
des Aderlasses, die eventuelle chirurgische Entlastung des Hirndems,
der apoplektischen Blutungen usw. andeuten. Die Mglichkeit, da man
durch Einverleibung von verschieden prozentigen Kochsalzlsungen in das
Venensystem, mit der Schaffung einer knstlichen Plethora zusammen mit
dem nachfolgenden energischen Aderla berall im Krper, also auch im
Gehirn, sehr wirksame Resorptionsvorgnge anregen kann, steht fr mich
schon heute auer allem Zweifel.


Dieser langen, zum Teil sich leider wiederholenden Auseinandersetzungen
bedurfte es, um einigermaen im Rahmen dieser locker gesammelten
Abhandlungen meine Anschauung zu entwickeln, unter Rcksichtnahme auf
diejenigen Leser, welche nicht gengend Physiologen sind, wodurch meine
Definitionen leider schwerfllig und unbeholfen werden muten. Ich kann
mich dafr aber mit den folgenden Betrachtungen um so rascher abfinden.

Bei der Frage nach der Natur des Schmerzes mu meiner Meinung nach jede
Beantwortung _beide_ Formen schmerzhafter Empfindung, die seelischen wie
die krperlichen, in Betracht ziehen, weil nur auf diese Weise eine
Definition wirklich erschpfend sein drfte, und weil beide Formen der
schmerzhaften Bewegungen in unserem Krper eine groe Flle von rein
physischen Berhrungsflchen darbieten; ich erinnere nur an die
mimischen und sekretorischen Begleiterscheinungen des seelischen und
krperlichen Schmerzes, an das Weinen und Gesichtverzerren, ferner an
die Beteiligung der Atmung, an Schluchzen und Schrei, an
Pupillenvergrerung in seelischer _und_ krperlicher Angst und an
andere gemeinsame unerfreuliche Wirkungen der Unlustzustnde, um die
Notwendigkeit einer gemeinsamen mechanischen Begrndung zu betonen. Was
ntzt es zum Beispiel in dieser Richtung, wenn wir, wie jetzt viele
Neurologen, mit der Ansicht uns begngen wollten, da der Schmerz eine
ganz spezifische Sinnesenergie vorstelle, da also in unseren seelischen
Orientierungsapparaten ganz bestimmte Einrichtungen gleichsam
Wchterdienste gegen die herannahende Gefahr bei Verletzungen aller Art
bernehmen? Abgesehen davon, da man auf diese Weise notwendig zu dem
tief pessimistischen Prinzip einer Schpfungstheorie kommt, die den
Schmerz als ein von Anbeginn dem Menschen aufgeladenes Kreuz darstellt,
wozu die Legende aus der Bibel vom verlorenen Paradiese und dem Fluch
des Erzengels einige Berechtigung gbe, abgesehen von dieser khnen und
gefhrlichen Meinung, als sei jedes Lebewesen eigens dem Schmerz
ausgeliefert und vorbestimmt, lt die Lehre von der Spezifitt der
Schmerznerven eben den psychischen Schmerz vllig in der Luft schweben.
Aber auch sonst lt sich vieles gegen eine solche Anschauung
vorbringen. Als schlagendstes Argument gegen den Bestand bestimmter, nur
Schmerz leitender Nerven--spezifisch schmerzleitend in dem Sinne, wie z.
B. der Sehnerv nur Licht leiten kann--will ich eine Beobachtung
anfhren, welche ich als erster bei Operationen unter meiner rtlichen
Schmerzlosigkeit gemacht habe, und welche spter hufig, so namentlich
von _Lenander_ in Stockholm, besttigt ist. Als ich am Bauchfell
operierte ohne Narkose bei vollem Bewutsein des Patienten unter
Anwendung nur rtlicher Betubung, bemerkte ich, da das normale,
blasse, nichtentzndliche Bauchfell auch ohne Einspritzungen ohne
Empfindung gegen Stich, Schnitt und Hitze ist, da aber nach wenigen
Minuten an den der Manipulation ausgesetzten Stellen nach vorheriger
Rtung Schmerz auch gegen leiseste Berhrung auftritt. Ist der Schmerz
ein nur auf spezifischen Bahnen geleitetes Spezialgefhl, wie ihn die
moderne Neurologie zu definieren geneigt ist, so mssen in einer Spanne
Zeit von wenigen Minuten Schmerznerven wachsen knnen, denn Krperzonen,
die eben noch nicht empfindlich waren, werden es gleichsam unter den
Hnden. Hier ist mit der Annahme, da der Schmerz nur auf vorgebildeten
Bahnen geleitet werden kann, nichts anzufangen; denn es fehlen im
Bauchfell gnzlich solche vorgebildeten sensiblen Bahnen, und doch
gewinnt es bald die Fhigkeit, zu schmerzen. Wer besondere Schmerzbahnen
annimmt, mu sich vorstellen, da diese Leitungsdrhte des Wehgefhls
innerhalb der Bndel der hinteren Rckenmarksnerven zusammen mit den
anderen Strngen fr das Tast-, Wrme- und Muskelgefhl verlaufen, und
mte unbedingt die zentralen Ausstrahlungen dieser besonderen Bndel
auch als eigentliche _Schmerzzentren_ im Gehirn nachweisen. Hier aber
gerade hat diese Theorie ein arges Loch: nicht nur fehlt jede Spur eines
Nachweises von Schmerzzentren im Gehirn, welches doch gerade die
Neurologen so ausschlielich als den Sitz der allgemeinen seelischen
Apperzeption hinstellen, sondern es ergibt sich aus vielfachen, auch
eigenen Beobachtungen, da das Gehirn selbst absolut ohne
Schmerzempfindung ist. Der berhmte Kopfschmerz ist entweder Schmerz der
Hirnhute oder Schmerz des weitverzweigten Nervus Trigeminus, der nicht
mehr dem eigentlichen Gehirn angehrt. Es wrde also bei diesen
gewichtigen Einwnden gegen die Theorie von der Spezifitt der
Schmerznerven eine andere, welche dieser Spezifitt nicht bedrfte und
doch alle bekannten Phnomene des Schmerzes verstndlich zu machen
vermchte, entschieden den Vorzug verdienen.

Eine solche Theorie glaube ich auf Grund meiner Anschauung von dem
Hemmungsmechanismus geben zu knnen.

Der Schmerz ist ein Allgemeingefhl der Unlust. Ist der gleichmige und
harmonische Ablauf der gesamten Krperfunktionen die Quelle vom Gefhl
der Gesundheit und der Lust, so mu bei den Unlustempfindungen dieser im
naturgegebenen Rhythmus schwingende Gleichklang aller Kraftstrmungen im
Organismus gestrt sein. Schon das besondere rein funktionelle
Bemerkbarwerden eines einzelnen Organsystems, etwa der gefhlte
Pulsschlag des Herzens oder der Arterien, kann dadurch, da er die
seelische Orientierungsspannung von der Auenwelt weg auf eine Lokalitt
des Krpers zurckzulenken zwingt, Strungen des Allgemeingefhls im
Sinne der Witterung einer Gefahr veranlassen. Das Gefhl der Flle im
Leibe, die Spannung in einem Muskelsystem, Steifigkeit in den Gelenken,
kann schon ohne jede Schmerzempfindung starke psychische Beunruhigung
hervorrufen. Auch jedes Flimmern vor den Augen, jedes Summen im Ohr,
Kribbeln in der Haut, kann bei lngerer Dauer mit dem Gefhl der
Unbehaglichkeit bis zur Qual verbunden sein, d.h. _jeder
Funktionsstrung ist der Gedanke an eine nahende oder doch mgliche
Gefahr assoziiert_. Wenn ein Sehnerv, welcher eben nur fr Licht
empfnglich ist, exzessiv gereizt wird, etwa bei Verletzung oder
Durchschneidung, so wird zwar dadurch kein Schmerz erzeugt, aber die
auftretende Flammengarbe von Lichtempfindungen verursacht einen tiefen
seelischen Sto, auch ohne direkten Schmerz. Also auch die spezifischen
Sinnesorgane knnen wie jedes Organsystem alarmierende Meldungen im
Gehirn und Rckenmark auslsen. _Schmerz aber vermgen nur die
Nervenbahnen zu leiten, deren Berhrung an sich normaler_weise
_Tast_gefhle auslst. Das sind die sensiblen Nerven und der
Sympathikus, deren Ausbreitung zu Endkolben und Endgeflechten in allen
nervsen Huten und der Krperhlle Platz gefunden hat. Wann entsteht
nun z.B. von der Haut her Schmerz? Immer nur dann, wenn das Gehirn durch
die abnorme, gehufte Art der Reizung nicht mehr in der Lage ist,
Einzelmeldungen und Sonderkontakte zu differenzieren, wenn die Meldungen
nicht mehr streng innerhalb der gegenseitig durch die Nervenisolation
gegebenen Bahnen bleiben, sondern wenn durch gewaltsame Annherungen und
Sprengungen, durch seitliches berspringen und Defektwerden der
Nervenscheiden transversale Massenkontakte ausgelst werden. _Der
Schmerz ist ein Kurzschlu elektroider Spannungen im Nervensystem._
Drcke ich gewaltsam eine Hautfalte zusammen, so presse ich unzhlige
Tastkrperchen seitlich aneinander. Die Folge ist zunchst Kribbeln und
Jucken, das auch schon beim Streichen und Kitzeln durch Vibration der
Hautzottenleisten entsteht; dann folgt bei gewaltsamem seitlichen Druck
und in ganz gleicher Weise bei tzung und Brand ein Defektwerden
der Bindegewebshllen der Nervenapparate, welche hier genau der
Funktion der Neuroglia im Gehirn entsprechen, d.h. ich stre den
Isolationsmechanismus, so da seitlich elektroide Funken berspringen.
Die Folge sind massenhafte reflektorische Alarmsignale, d.h.
gleichzeitige und aus den Bahnen geworfene Gruppenmeldung in einer Form
und Intensitt, auf welche normalerweise die Seele nicht eingestellt
ist. Diese Alarmsignale mit dem Charakter der Bedrohung und
Gefahr, dieses Anzeichen der beginnenden Lsion der peripheren
Nervenstrombahnen, dieses Verwirrungsgefhl durch irre geleitete
Reize im Getriebe des Nervenmechanismus nennen wir "Schmerz". Dieser
Kurzschlu der seitlichen Entladung bei verletzter Nervenisolation ist
um so intensiver, je mehr Apparate gleichzeitig ldiert sind oder je
dicker der Sammelstrang ist, an welchem die Nervenhlle defekt wird ganz
gleich auf welche Weise. Hierdurch, wenn also pltzlich in der Zentrale
turbulente Feuermeldungen gleichzeitig ertnen, entsteht eine
Unfhigkeit des Gehirns sich schnell zu orientieren, und die Unlust,
welche jeden exzessiven Reiz begleitet, steigert sich zusammen mit den
Wirbeln von Oberstrahlungen, welche in gnzlich ungewhnlicher Richtung
ausbrechen, zu Angst und Raserei, zu planlosen Abwehrbewegungen, zu
Affekthandlungen, oder wenn diese selbst bertnt werden, zur Ohnmacht
und zum Kollaps. Jeder Schmerz trifft also zum erstenmal vllig
jungfrulichen Boden, und es spricht gewi fr meine Auffassung, wenn
seine Wiederkehr nicht mehr so erschreckend wirkt, weil das Gehirn zum
zweiten Male nicht mehr so ganz unorientiert ber das, was nun kommen
wird, ist. Denn die Furcht vor dem, was folgen knnte, ist oft grer,
als die Klage ber den Augenblicksschmerz allein ausfallen wrde. Wre
der Schmerz eine spezifische Nervenenergie, so wre nicht abzusehen,
warum schon selbst ein heftiger Anfall eines sich wiederholenden
Schmerzes relative Gewhnung bei Wiederkehr auch nach lngerer Zeitpause
beobachten lt, was man weder vom Ton noch vom Licht noch von anderen
spezifischen Sinnesenergien behaupten kann. Auch, da man von zwei
Schmerzen stets nur den strkeren wahrnimmt, spricht gegen die
Theorie der spezifischen Schmerzleitung, denn ich kann z.B. von einer
Farbe alle Nancen gleichzeitig wahrnehmen. Die groe Summe der
entwicklungsgeschichtlich eingebten und koordinierten Reflexe einer
schnellen und unvermuteten Reizung zur Atmung, zur Herzbeschleunigung,
zur Pupillenerweiterung, zur Darmbewegung, zur Lockerung der
Schliemuskeln aller Art beweist, da die pltzliche berladung gewisser
Zentralen des Gehirns nach einem schnellen und ebenso pltzlichen
Ausgleich der psychischen Spannungen mit rasanter Flugbahn drngt: ein
Schrei, ein Sto, ein starrer Blick, die fahle Blsse des Gesichts, sie
alle sind der Beweis fr das Bestehen einer blitzschnellen,
kurzschluartigen Entladung von Spannungen, auf welche der Betrieb der
Seele physiologisch nicht eingestellt ist. Jede Bedrohung hat Beziehung
zum Atmungszentrum, schon pltzliche Abkhlung, durch die Dusche etwa,
bringt tiefe Atemzge und Neigung zu Stimmbandschlu und stoartiger
Respiration, d.h. die Inanspruchnahme auch aller Hilfsmuskeln der
Atmung, einschlielich der Mund- und Nasenffner, womit der mimische
Anteil an der Schmerzwirkung erklrt wird. Jede Gefahr, jede Angst, ja
jede Erregung lt die Pupille weit werden, um dem vielleicht
hilfreichen Licht die ganze Flche frei zu geben, und ein schnell
pulsendes Herz jagt das Blut wahllos in alle Systeme, um jede Funktion
gleichsam sprungbereit durch Heranwlzen der Ionen des Sauerstoffes
auszursten.

Ich wrde nicht wagen, mit solcher Sicherheit auch hier den gestrten
Hemmungsmechanismus fr die Natur des Schmerzes in Anspruch zu nehmen,
wenn ich nicht einen Trumpf in der Hand hielte, der die absolute
Stichhaltigkeit dieser Anschauungen mir tglich aufs neue zu beweisen
geeignet ist.


Meine Form der Schmerzlosigkeit zu operativen Zwecken, welche man die
Infiltrationsansthesie nennt, ist direkt eine Frucht dieser
Anschauungen. Eine Hypothese aber, welche ein so stolzes, nunmehr
berall anerkanntes Resultat gezeitigt hat, darf immerhin einige
Bercksichtigung auch seitens der Theoretiker beanspruchen. Die Lsung,
mit welcher ich rtliche Schmerzlosigkeit erziele, ist eine
Flssigkeitskomposition mit der ausgesprochenen Absicht, die Isolation,
die Hemmungen zwischen den seitlichen Nervenkontakten im Gewebe zu
verstrken, ohne die Nerven selbst etwa durch Gifte leitungsunfhig zu
machen. Ein ansthetischer Mckenstich, wie ich ihn mit meinen
ungiftigen Lsungen in der Haut anlege, lt die einzelnen Nerven
durchaus tastleitungsfhig, hebt aber den Schmerz absolut sicher auf in
jeder Schicht, weil er dazu bestimmt und erfunden wurde, um das, was den
Schmerz macht, den seitlichen Kurzschlu der Nerven, durch
Hemmungsverstrkung unmglich zu machen. Ich schiebe zwischen die Nerven
einen Dmpfer, ein Sordino ein, was Professor Bier in gleicher Weise am
Rckenmark direkt mit bewunderungswrdiger Khnheit wiederholt hat, ohne
da wir die Nervensaiten selbst irgendwie ldieren oder gefhrden. Es
wird fr mich stets ein Triumph folgerichtigen Schlusses sein, da ich
diese Form der schmerzlosen Operationsmethode fand einzig auf Grund der
Deduktion, auf Grund der lebendigen Anschauung von dem Bestehen eines
Isolations- und Hemmungsmechanismus im Betriebe des Nervenlebens.
Professor Bier hat auch den Nachweis gefhrt, da in der Tat das Blut
den von mir behaupteten schmerzisolierenden Einflu auf die peripheren
Nerven hat, und ich selbst habe schon frher angegeben, da bertritt
von Blutwasser in die Gewebe (beim sog. dem) unter Umstnden gengt, um
die Nerven smtlich fr Schmerz leitungsunfhig zu machen. Alle diese
gewichtigen Tatsachen lassen kaum eine andere als die von mir gegebene
Deutung zu, und wir haben nur ntig, diese an der Peripherie des Krpers
gewonnenen Erfahrungen auf das Gefge der Zentrale im Nervensystem zu
bertragen, um gleicherweise eine Einsicht in das Geschehen beim
psychischen Schmerze zu gewinnen.

_Auch in der Seele gibt es einen Kurzschlu elektroider Spannungen._
Auch hier enthlt die unsere Seele brutal berfallende maximale
Anspannung, die nach dem quivalenzgesetz der Krfte ebenso materiell
wirksam sein kann wie eine uere Gewalt am Leibe, bergroe Ladungen im
Gebiet der Vorstellungen, d.h. die in umgekehrter Richtung zu den
Apperzeptionen schwingenden Gangliengruppen durchsprengen
explosionsartig die einbettenden Hemmungen. Das typische Beispiel fr
solche Explosionswirkungen im motorischen Zentrum ist fr mich diejenige
Form der Epilepsie, welche durch eine materielle Bindegewebsnarbe im
Gehirn gegeben ist. Vor dieser Narbe finden periodische Akkumulationen
von nicht auflsbaren Spannungen statt, nicht auflsbar, weil die narbig
verdickte Neuroglia auch gewaltigen Ansammlungen nervser Kraft die
Hemmung entgegenhlt. Steigt aber diese aufgespeicherte Spannkraft zu
einer Hhe, da sie den Wall durchbricht, so brausen in die
unvorbereiteten Systemgebiete hinter der Narbe die Fluten der
elektroiden Wellen verheerend ein, und der Krampfanfall lst sich aus,
verstrkt durch den Chok der Gefe, der seinerseits allein, wie wir
sahen, das Bewutsein schwer zu alterieren vermag.

Das ist das Bild auch der seelischen Schmerzauslsung, wenn wir eine
Kette von deprimierenden Ereignissen oder ein einziges tief an unsere
Lebenshoffnung, an den Glauben an unser Glck greifendes Moment erleben.
Die Spannungen in der Phantasie, welche schlielich strker sind als
jedes vorangegangene seelische Erlebnis werfen uns unter der Analogie
einer geistigen Epilepsie in einen Strudel von Unorientiertheit und
brennender Hilflosigkeit, durchfluten uns mit dem Gefhl des
Vernichtetseins, und in gleicher Weise wie bei der physischen
Obstruktion des krperlichen Schmerzes findet die Entladung in
Schluchzen und Trnenstrom, in Affekthandlung, in Herzangst und
Pupillenklaffen ihren Ausgleich, wenn nicht die mit dem Willen
aufgebrachte gewaltsame Hemmung den Affektstrmen einen Damm
entgegenwlbt. Aber die Faust der die flammenden Blitze erstickenden
Neuroglia kann endlich auch erlahmen und dann eine Affekthandlung
resultieren.

Beim seelischen Schmerz mag so das Gehirn wechselnd buchstblich errten
und erblassen.

Ich bin am Ende meiner Ausfhrungen und schliee mit Zagen, da ich es
gewagt habe, ein so gewaltiges Thema, wie es das Gebiet der seelischen
Hemmungen umfat, in einem geschlossenen Aufsatze zu erledigen.
Vielleicht aber ist es mir doch gelungen, wenigstens die Hauptzge
dieser, wie ich zugebe, khnen und gewagten, aber ergiebigen Hypothese
zu entwickeln, und ihre Anwendbarkeit auf fast das gesamte Gebiet des
Seelenlebens wenigstens andeutungsweise vor Augen zu fhren.




DER SITZ DER SEELE


Als der Zeitgenosse Friedrichs des Groen _La Mettrie_ seinen berhmten
Aufsatz: L'homme machine schrieb, konnte er nicht ahnen, da dieser
kleine und wenig umfangreiche Essay die Quelle einer unendlich
verbreiteten, aber ganz unsglich den Weltanschauung werden sollte: des
jetzt auf ganzer Linie geschlagenen Materialismus. Das heit: der Lehre
von der chemisch-physikalischen Begreifbarkeit der Welt und ihrer
Probleme. hnlich wie einst die Rationalisten die Wunder der
Persnlichkeit Christi aufzulsen meinten in platt-alltgliche, nur
durch die Phantasie der Glubigen verzerrte Begebenheiten, so war fr
die Ritter von "Kraft und Stoff" es eine ausgemachte Sache: Geist,
Seele, Gemt, was sollen sie anders sein als eine Art Absonderung der
nervsen Organe, Exkremente der Ganglien, eine Art Gehirngalle? Wie
Niere, Leber und andere Drsen die Abfallstoffe des Heizmaterials
unserer menschlichen Maschine abstoen (sezernieren), so sezerniert der
Wunderball in unserer Schdelkapsel einfach ein luftiges Etwas und
dampft aus dem Gehirnbrei die Nebel des Gedankens!

Nicht drastischer lt sich die Kmmerlichkeit dieser Weltanschauung,
die man besser eine _Weltblindheit_ nennen knnte, darstellen, als mit
dem echt materialistischem Problem: wie wird aus der Kartoffel, die ein
Genie verzehrt, ein Gedicht, ein Bildwerk, eine Symphonie? Viele
Materialisten umgingen auch wohl den Kern der Sache, indem sie nmlich
rundweg diese Fragen fr der Wissenschaft nicht zugnglich und fr
keinen Gegenstand der "exakten" Forschung erklrten, womit dann die
Exaktheit gerade da aufhren mte, wo das Interesse fr jeden
Nichtwissenschaftler beginnt. Denn es ist unsere ungestillte Sehnsucht
nach dem Wissen vom Sitz der Seele ja nur ein Teil der alten Frage:
"woher? wohin?" Und nicht nur Narren warten auf Antwort.

Ich will versuchen nachzuweisen, da es auf diese Frage eine leidlich
befriedigende Antwort gibt. Nmlich aus der unumstlichen Wahrheit
heraus, da die Natur uns ein Delphi ist, das zwar stets sinnreich
antwortet, aber nur, wenn man weise fragt. Der falschen und aus
vorangegangenen Irrtmern entsprungenen Frage gegenber ist sie, die
Gtige, einzig Wahrhaftige, in der Rolle des verblfften und
verstummenden Vaters, den ein Kindlein fragt, ob die Sterne nie zu Bett
gehen, ob der liebe Gott auch einen Regenschirm hat, und wie die
sinnigen Unsinnigkeiten aus holdem Irrtum sonst noch lauten mgen. Fragt
man erst nach einem Sitz der Seele, als nach einem Dinge, das kein Ding
ist, das aber trotzdem vielleicht berall und ewig ist, so mu die
Antwort eine kindliche, nrrische und trichte sein. Und doch ist es ein
Axiom der Wissenschaft, eine ausgemachte Sache fr Unzhlige: die Seele
sitze im Gehirn! Prfen wir einmal, ob sich diese Antwort ernstlich
halten lt.

Es ist Tatsache, da viele unserer seelischen Fhigkeiten, z.B. die
Sprache, gebunden sind an die Unverletztheit eines ganz bestimmten
Bezirkes des Gehirns; da Geruch, Geschmack, Gesichtssinn,
Temperatursinn, Bewegung der Glieder, Atmungsbewegungen aufzuheben sind
durch Verletzung oder organische Zerstrung ganz umschriebener, oft nur
pfenniggroer Teile unseres Gehirns.

Es kann nimmermehr bestritten werden, da diese Teile den Mechanismus
bestimmter seelischer Funktionen ganz und gar beherrschen. Durch
unzhlige, untrgliche Erfahrungen, durch Experiment und Beobachtung am
Krankenbett, ist festgestellt, da ohne Nervensubstanz, ohne Gehirn eine
Seele einfach nicht vorhanden ist.

Im Banne dieser Tatsachen hat die sogenannte Lokalisationslehre
geschlossen, da Gehirn- und Rckenmark der Sitz aller seelischen
Funktionen sein msse, und hofft von dem weiteren Fortschreiten der
Beobachtung stndige Nachweise von immer neuen Herden spezifischer
Funktionen. Es wre eine Torheit, an diesen Tatsachen zu rtteln, aber
die Frage ist berechtigt: liegt hier nicht doch eine schiefe Deutung
vor? Wenn die Verletzung eines bestimmten Hirnteiles den Verlust einer
zugehrigen Funktion bedingt, so ist damit keineswegs bewiesen, da
diese Stelle des Gehirns allein diese Fhigkeit produziert. Es kann
vergleichsweise die Durchschneidung eines Bndels von Telephondrhten
einen bestimmten Stadtteil des Telephonanschlusses berauben, und doch
bleibt die Zentrale unberhrt. So knnte auch das Sehen, das Sprechen,
das Hren und Riechen im Gesamtgehirn entstehen, und die die Funktion
scheinbar verletzenden Lsionen der sogenannten Zentren knnten nur
zusammengekettete Sammelstellen von Leitbahnen nervser Ttigkeiten
treffen, welche ihre unzhligen letzten Ursprungsquellen weit ber das
Gehirn verstreut haben knnten. Diese berlegung ist von groer
Wichtigkeit, weil nur durch ihre Annahme erklrt wird, warum solch
Verlust des Sehens, Hrens usw. von einer Stelle aus durchaus nicht
immer ein dauernder ist. Denn es ist unumstlich wahr, da Hunde, denen
man das "Sehzentrum" herausschnitt, in gar nicht langer Zeit doch wieder
sehen "lernten", und es mu ein schlechter Beobachter sein, dem nicht
auffiele, da Menschen mit Verlust des Sprachzentrums deutliche
Anzeichen zu einem Versuch zu sprechen aufweisen. Sie bilden innen doch
die Sprache, es geht aber nicht heraus, sie zucken die Achseln,
verziehen das Gesicht zu schmerzlicher Resignation--die Leitungen (wohl
gemerkt nicht die Sprache bildenden Seelenherde) sind verletzt! Aus
diesen und zahlreichen anderen Grnden hat man die Theorie der
Herdfunktionen immer wieder angegriffen und ihr die Anschauung von der
Universalitt der ganzen Gehirnmasse entgegengestellt, wonach jede
Ganglienzelle durch bung schlielich zu jeder Funktion wesentlich und
stellvertretend herangebildet werden kann, so da also nach dieser
Ansicht wenigstens das Gesamtgehirn dann als Sitz der seelischen
Funktionen anzusprechen wre. Mir scheint es, als wenn in der
Lokalisationslehre nur die Zettelchen von _Lavater_ und _Gall_, die
diese auf das Schdeldach klebten, allzu khn nunmehr auf das Gehirn
selbst aufgedrckt wrden, da also keineswegs der Nachweis
lokalisierter Seelenttigkeiten irgend etwas ber den Sitz dessen, was
wir Seele nennen, aussagen knnte. Sagt man aber nun: so ist eben das
Gehirn und Rckenmark im ganzen als Sitz der Seele anzusprechen, dann
gehrt zum Gehirn auch das gesamte Nervensystem mit allen Fasern und
nervsen Organen, und dann sitzt wieder die Seele ebenso gut in meinem
kleinen Finger, wie in der Nase.

Nun sind aber die einzelnen Sinnesfunktionen, fr welche man Herde im
Gehirn fand, ja eigentlich gar nicht der Hauptbestandteil dessen, was
wir gemeinhin "Seele" nennen. Dazu gehrt vor allem die ganze Skala der
Allgemeingefhle, Lust, Schmerz, Gemt, Phantasie, Logik, Willenskraft
usw. usw. Wo in aller Welt ist auch nur der Schatten eines Beweises
dafr erbracht, da auch diese, wesentlich seelischen Funktionen
irgendwo einen Herd, ein Zentrum, eine Lokalisation im Gehirn oder
Rckenmark oder sonst wo besitzen? Hier sehen wir im Gegenteil das
Gehirn, das doch der Herr der Gefhle sein soll, in sklavischer
Abhngigkeit von jeder Verdauungsstrung, vom Stoffwechsel des brigen
Leibes, von Strungen und rein vitalen Vernderungen aller Art. Wenn man
nun aber ferner die Tatsache recht fest ins Auge fat, da z.B. das
Herausschneiden der gesamten Schilddrse, welche um die Luftrhre
gelagert ist, den betreffenden Kranken, und wenn er ein Genie gewesen
wre, unweigerlich zum Idioten macht, weil dann durch Fortfall
sogenannter innerer Sekrete (Beimischungen zum Blute) allmhlich die
Hirnfunktion erlischt, so erfhrt hiermit die Lehre vom Sitz der Seele
im Nervensystem allein einen nicht zu verwindenden Sto. Ebenso wie also
irgendein Zentrum ntig ist zum Vollbestand einer Seele, ist also auch
dringend der Schilddrsensaft vonnten. Also auch hier, in einer Drse,
sitzt ein Zentrum der seelischen Funktionen.--Ferner:

Wenn wirklich alle Eindrcke, die man empfngt, zu den Gehirnganglien
geleitet werden, so taucht die Frage auf, warum im Gehirn alle Ein- und
Ausschaltungen einen so geregelten Gang nehmen, warum nicht die fnfzehn
Millionen Ganglienzellen bei der nie schweigenden Anreizung durch
Tausende von Auenweltswirkungen, stets in chaotischem Wirrwarr
durcheinander brausen, als wrden die Tasten einer Orgel alle
gleichzeitig niedergedrckt? Das ist nur mglich durch Hemmungsvorgnge,
welche bald diese, bald jene Bahn dem Strom freigeben, so da, wenn eine
Gedankengruppe schwingt, alle anderen gehemmt, abgestellt sind. Das ist
im Innern des Schdels nicht anders als an meinem Telephon, an dem ich
auch nur sprechen kann, wenn alle anderen Nebennummern isoliert sind.
Die Hirnhemmung, waltend und schaltend wie ein Ingenieur, ist also
unbedingt der Herr der Situation in meiner Seele, und wenn sie, wie die
Schulmeinung ist, gleichfalls Hirnzellenttigkeit ist, so wre das
Zentrum der Seele dieses ganz in der Luft schwebende nervse
Hemmungsorgan, von dem bisher auch nicht ein Zipfelchen eines Gewandes
oder einer anatomischen Grundlage gefunden ist und nie gefunden werden
wird.

Ich selbst bin der Begrnder einer Lehre, nach welcher dieses Ein- und
Ausschalten gar nicht von Nervenelementen besorgt wird, sondern von dem
Blutsaft und dem Herzen, so da ich hier zum Bekenner eines alten
Volksbewutseins geworden bin, wonach das Herz, das herrliche
menschliche Herz, nicht nur als Druckpumpe, sondern auch als wirklicher
Faktor unseres Seelenlebens eine bisher von den Naturforschern nur
hhnisch belachte Rolle spielt. Ich habe die vollgltigsten Beweise
dafr erbracht, da das Blut im Gehirn mit dem Herzpulse eingeschleudert
und abgesogen das im steten Wechsel des Pulses bedeutet, was fr den
elektrischen Strom die Isolierung, jedem Laien als grne Seidenhlle um
den Kupferdraht bekannt, darstellt.

Es wrde Wiederholung sein, wollte ich hier nochmals den Nachweis
erbringen, da ein solches Zwischengespinst zwischen den Nervenfden und
Gangliensternen, Neuroglia genannt, mehr ist als ein Sttzgerst, an dem
die Nervenzellen ranken. Es ist fr mich unumstlich, da die mit
Blutsaft gefllte Neuroglia den aktiven vom Herzdruck abhngigen
Isolationsapparat, welcher ein- und ausschaltet, ausmacht. Hier erwhne
ich diese Anschauung nur noch einmal, um darzutun, da unmglich das
Gehirn und Rckenmark allein so schlankweg als der Sitz der Seele
bezeichnet werden darf. Erst mit meiner Auffassung wird der Schlaf, der
Traum, die Narkose als aktive Ttigkeit der Seele verstndlich, wie ich
das in zahlreichen Arbeiten zu erweisen mich bemht habe, erst mit ihr
wird die Phantasie, das Unterbewutsein, die Lehre von den Affekten und
Geistesanomalien eine neue Beleuchtung erfahren. Ist sie richtig, dann
wird es ganz und gar hinfllig, der Seele einen bestimmten Wohnort im
Leibe zuzusprechen, dann ist sie berall bei uns zu Haus, in den Nerven,
in dem Blute, in den Drsen, in dem Sonnengeflecht, und wird von
unendlich vielen Dingen mehr beherrscht als allein von der Intaktheit
des Gehirns.

Denn jede Zelle des Leibes hat ihre Seele fr sich; in der Republik, dem
Zellstaate, den die letzten erkennbaren Lebenseinheiten in unserm Leibe
bilden, hat jeder winzige, mikroskopische Brger einen Hauch der
belebten Allseele in sich, und die Zeit ist nicht mehr fern, wo die
Zelle auch ihr eigenes Gehirn und ihren Nervenapparat fr sich
zugesprochen erhalten wird. Die Hirnzellen, die in ihrer Gesamtheit nur
ein grandioses Regulationsorgan darstellen, werden dann nicht mehr als
Thronsessel der Knigin Seele gelten, sondern die Millionen seelischer
Wunder, welche insgesamt die unbeschreibbar herrliche Harmonie eines
Lebewesens hervorbringen, werden jeder Magenzelle, jeder Hautfaser
ebenso zugeteilt werden mssen, wie diesen Prtendenten einer angematen
Macht, den sogenannten Zentralorganen. Die menschliche Seele ist der
Mensch als Ganzes. Mit der Antwort auf seine Herkunft, die die
Philosophen anders als die Theologen, die Naturforscher anders als die
Knstler formulieren, fllt die Frage nach seiner Seele von selbst
zusammen. Die Seele der Monade, des kleinsten Lebewesens, birgt alle
Probleme, und hier mndet eben die Frage nach der Seele ein in das groe
Rtsel des Lebens berhaupt. Wir werden von der Seele stets nur soviel
wissen, als wir vom Leben verstehen. Der Gedanke ber die Seele ist eins
mit dem Gedanken ber das Leben.




INSTINKT UND SPIEL


Des Lebens letztes Merkmal ist die Reizbarkeit. Hier steht des Menschen
Sprsinn still, denn nicht tiefer hinab vermag der Geist der
schpferischen Natur den Gedanken des Lebendigen nachzudenken. Ein
armselig Symptom, ein Symbol halten wir in der Hand, statt seines
dahinter liegenden Wesenskernes. Und doch ist dieses Merkzeichen des
Lebendigen, die Reizbarkeit, die einzige kardinale Eigenschaft sowohl
der letzten im Winde verlorenen Pflanzenspore, wie auch der Krnung des
Lebendigen, der menschlichen Seele. Ein Automat, eine Maschine
beantwortet den Reiz, den auslsenden Ansto stets in derselben Weise,
zu dem einen von ihrem Erbauer gewollten Zweck; die Zelle aber, der
lebendige Automat, hat eine Wahl, eine Willkr, eine Freiheit. Aus
einfachen reizbaren Zellen ist jedes belebte Wesen geschaffen, und an
solche Zellen ist das hchste, wie das niedrigste Leben geknpft; denn
geistiges Leben ist Zellfunktion im Laternchen des Leuchtkfers nicht
minder, wie der Funke hinter der Prometheus-Stirn des Genies!
Aufsteigend von der einfachen Reizbarkeit des einzelligen Lebewesens bis
zur Feinfhligkeit des sublimsten Gedankens, der den Harfensaiten der
menschlichen Seele entgleitet, wurde der Nerven Stammherr, der _Nervus
Sympathicus_, der den Rhythmus der kriechenden Raupe, wie den Flug der
Libelle beherrscht, geschaffen als der erste Schritt zur Organisation
chaotischer Bewegungsmglichkeiten. Nach ihm kam Rckenmark und
Nervengeflecht und endlich die Krone des Nervenbaums, das Gehirn. Kein
Geringerer als Goethe sah, da das Schdeldach ein entwickelter Wirbel
sei, und die Hlle mute sich wohl entwickeln, weil an der Spitze der
Rckenmarksule die sich fortbildende Nervenmasse das Gehirn erzeugte.
Dessen jngste Sprossen, die Hirnrindenzellen, sind der Sitz unseres
Bewutseins. Ein jeder von uns trgt also in sich die organischen
Niederschlge dessen, was vor uns war. Einst war Stufe fr Stufe
aufsteigend alles das bewut, was jetzt unbewut, automatisch gleichsam
"von selbst" sich reguliert: Das Atmen, der Herzschlag, die harmonische
Bewegung, die Verdauung, genug das Leben an allen geheimen Laboratorien
unseres Leibes. Unter unseren, nunmehr uns selbstbewuten Gehirnteilen
mu also ein sich selbst berlassenes Labyrinth des Gewordenen in fester
Bahn geordnet liegen, aus dem wohl die dunkelen Gefhle stammen, die wie
dunkel empfundene Donner rollen durch die Niederungen unserer Seele.
Diese fernen, unterbewuten Triebkrfte, das Resultat der Daseinskmpfe
aller derer, die vor uns waren, sind der Inbegriff dessen, was wir mit
dem Namen "Instinkt" belegen.

Wahl also, das bewute Gefhl, so oder so zu handeln, steht dem "Mu"
gegenber, der Wahllosigkeit unseres Tuns aus den unserem Bewutsein
entzogenen Trieben heraus. Der kategorische Imperativ _Kants_, das
Gewissen, was kann es anders sein, als die Hand der vorwrts
gestaltenden Innenmacht, die uns alle am Ende zwingt, so zu leben, da
wir entwicklungsfhig ("vorbildlich" Kant) werden knnen, andernfalls
wir als lebens- und entwicklungsunfhig abzutreten haben vom Schauplatz
des immer spielenden Dramas: Leben.

Wir vermgen einen Blick zu tun in den Mechanismus dieses grandiosen
Getriebes gerade in unserer menschlichen Seele. Denn es ist ein
organischer Unterschied zwischen den Gebieten, in welchen wir bewut
denken, Probleme schmieden und uns den neuen Anforderungen des Lebens
anpassen, und jenen, wo uns jede Wahl abgeschnitten ist.

Um ein Bild aus der Elektrizitt zu geben,--wir denken und sinnen mit
willkrlich ein- und ausschaltbaren Gedankenelementen, unsere Instinkte
aber, unsere Regulationen des Stoffwechsels, unsere Automatien und
Reflexe sind definitiv in ihren Bahnen eingestellt, die dazu ntigen
Anschlsse sind ein fr allemal bestimmt und aneinander angereiht, sie
sind in den Hnden einer abgeschlossenen Hemmung.

Wenn wir dem ebengeborenen Sugling, bevor sein Mund je die Mutterbrust
erreichte, einen Finger an die Lippen haken, so beginnt er zu saugen;
wenn der erste Strahl des Lichtes sein Auge trifft, so verengt sich
seine Pupille: das Getriebe der nervsen Reize hat keine andere Wahl, es
mu die Bahnen gehen, welche die Reflexbewegung stets in gleicher Weise
auslsen, weil diese entwicklungsgeschichtlich angewhnten Reize stets
dieselben Bahnen entlang durchlaufen mssen, weil alle anderen
Mglichkeiten durch festgelegte Hemmung ausgeschaltet sind. So sind die
Reflexbewegungen also deshalb angeboren, weil Millionen unserer
Vorfahren diese Art der Beantwortung von Lebensreizen als die
zweckmigste und immer wiederkehrende fr uns erlernt haben. Die
automatischen Reaktionen haben sich also im Laufe der Jahrtausende als
die zweckdienlichsten, als die erhaltungsgemesten herausgestellt, und
sie gehren zu dem definitiven Bestande unseres nervsen
Gesamtmechanismus. Die Methode der Natur dabei war die Schaffung einer
dauernd fixierten Hemmung, welche Ausweichungen in nervse
Nebenleitungen unmglich machte. Da wir niesen, erbrechen, lachen
mssen, wenn man uns die Nase, den Rachen, die Sohlen kitzelt, sind
zwingende Beweise fr die Unausweichbarkeit der bestimmten Reize aus
definitiven Leitungsbahnen; das tiefe Atemholen beim kalten
Wasserstrahl, das Verschluckenmssen selbst gefhrlicher Gegenstnde
(Mnzen, Gebisse, Grten usw.), wenn sie den Gaumenring passiert haben,
der Lidschlu bei grellstem Licht sind Dinge, die wir mit hchster
Willenskraft nicht hemmen knnen, weil das Spiel der Krfte eben fr
diese Aktionen unabnderlich reguliert ist. Es ist ein weitverbreiteter,
aber irrtmlicher Glaube, da man unser ganzes Seelenleben in dieser
Weise meint auflsen zu knnen in die eine Frage nach den
Reflexbewegungen. Fr weniger elementare und kompliziertere Handlungen,
fr unser Gedankenspiel und fr unsere Empfindungen kommt eben noch ein
anderes, uns die Freiheit des Willens aufntigendes Etwas hinzu. Liegt
vor mir ein Buch, so kann ich es aufschlagen oder ich kann es
unterlassen; sehe ich einen Apfel, so kann ich ihn fassen oder liegen
lassen und habe dabei stets das Gefhl ganz freier Wahl, zu tun, was mir
beliebt. Gegenber einem ethischen Problem habe ich nicht minder das
Gefhl der Freiheit, mich fr dies oder jenes Tun oder Unterlassen zu
entscheiden. Hier empfinde ich die Summe aller auf mich wirkenden Reize
nur als einen Richtung gebenden, aber nicht zwingenden Antrieb.

Dieser mehr oder weniger entscheidende Antrieb stammt nun aus zwei
Quellen: Aus einer bewuten, kontrollierbaren und aus einer nicht
kontrollierbaren, unter- oder unbewuten Auslsung von Reizen. Antriebe,
deren Quellen uns verborgen liegen, aber um so lebhafter uns
beherrschen, nennen wir "Instinkte". In zwei groe Gruppen, denke ich,
sollte man die Instinkte, die unterbewuten Antriebe zur Handlung
einteilen: In solche, welche uns berkommen sind, aus frheren Stufen
der Entwicklung, welche also gewissermaen Rckschlagtriebe aus einer
frheren Daseinsperiode der Menschheit sind; und in solche, welche der
unaufhaltsamen Vorwrtsentwicklung unserer Seelenmechanismen entstammen.

Jene sind Instinkte des Gewesenen (deszendente), diese des Werdenden
(aszendente). Beide stehen in Verbindung mit unserm Willensmechanismus,
d.h. sie knnen die Ein- oder Ausschaltung dieser oder jener
Handlungsrichtung mehr oder weniger zwingend hervorrufen. Diese
ausgelsten Willensaktionen knnen uns persnlich ntzlich oder
schdlich sein, sie knnen aber auch fr die Entwicklung der Menschheit
als Ganzes frdernd oder hindernd, also erhaltungsgem oder
entwicklungshemmend sein.

Wo knnte der Seelenforscher fr das berkommene und Eingeborene tiefere
Zge der Erkenntnis tun, als bei der Beobachtung des werdenden Menschen,
dem jungen Erben des gesamten Menschheitsbesitzes, dem Kinde? Was aber
ist des Kindes tiefste Bettigung? Das Spiel, dieses fr die
Wissenschaft ernsteste aller Dinge. Ist der Entwicklungsgedanke richtig,
so mu ja in den erwachenden Trieben jedes jungen Infanten alles das
oder wenigstens das Wichtigste dessen zu erkennen sein, was einst auch
Bestand der Kindheit des ganzen Menschengeschlechtes war. Mit anderen
Worten: Die Geschichte der Menschheit mu sich gedrngt, konzentriert,
im Wesensabdruck wiederholen in den Lebensuerungen des jungen Brgen
fr die Unsterblichkeit des menschlichen Typus. Es mu also am Geborenen
funktionell das frhere Geschehen in groen Zgen bemerkbar sein! Und
ist es das etwa nicht? Wer je ein Kind in seinem heien Triebe
Erdarbeiten hat machen sehen; wer es beobachtet hat, wie es mit Wasser
umgeht, mit diesem heiligen Ernst einer schweren, selbstverstndlichen
Lebensarbeit, wer seine Lust am Tier, an Pferd, Khen, Schafen und
Ziegen gesehen und wen das Leuchten seiner hocherregten Augen beim
Anblick dieser Urahnen-Genossen erfreut hat, dem mu sich der Gedanke
aufdrngen: hier ist wirklich das Wissen und Kennenlernen nur ein
sokratisches Erinnern, ein Wiedergewinnen lngst in ihm schlummernder
Gefhle! Nimmt man hinzu seine Lust zum Kampf, ja seine Grausamkeit, ja
selbst den Hang zu Lge und Betrug, so fllt es uns wie Schuppen von den
Augen: das sind ja alles, alles Dinge, die Begleiter, Zwecke, Mittel von
unausweichbarer Notwendigkeit im Kampfe des Daseins unserer
Menschheits-Ahnen waren. Ja, gewi: hier prgte die formende Hand der
Entwicklung Fhigkeiten und Gelste vor, die nun wie eine
Zwangsvorstellung, wie ein stetes Mssen die Willensaktion wie zugeboren
zu den Dingen der Umgebung erscheinen lassen. Zhlt man nun die
dokumentarisch festgelegten Kettenfolgen dazu, unter denen ein Genie,
ein Talent der letzte markante Auslufer in Generationen vorgebter
Fhigkeiten war, so mu man zugestehen: Nichts beweist deutlicher, als
das Kind und seine Seele, da es Triebe und Instinkte gibt, welche wie
Reproduktionen, Rckschlge, Wiederholungen ganzer Abschnitte der
Stammesvorfahren sich geradezu aufdrngen. Der daseinkmpfende Urmensch
_mute_ Erdarbeiter, Wasserbeherrscher, Tierpfleger, Kmpfer sein, er
mute List, Lge, Verstellung, Grausamkeit als Mittel seiner Erhaltung
gebrauchen, er war dem Getreide, den Blumen, den Farben der Natur
wahrlich nher, als ein Grostadtkind, das, trotzdem es am Asphalt und
zwischen Steinmauern gedieh, doch seine unendliche Sehnsucht nach Feld,
Wald, Wiese eingeboren beibehalten hat. Seht es spielen mit
eifergerteten Wangen am Sandhaufen, am Bach und seht es Blmlein
pflcken, nach einem Pferdchen strampeln, nach einem Soldaten zittern,
seht es nach dem hellen Sternhimmel langen und zum Mond die Hndchen
heben--man mu es zugeben: hier waltet ein Erinnern: ein aus den Tiefen
des Gewordenen jauchzend aufbrausendes Wiedererkennen! Dieses
Wiedererkennen, dieses Zugehrigkeitsgefhl zu der umgebenden Natur und
zu Erstlingsfunktionen vergangener Epochen verlt nun auch den
aufmerksam sich beobachtenden Erwachsenen nie, wenn auch das umgebende
Leben neue, erst zu bewltigende Aufgaben an uns stellt und ganz
allmhlich damit die meisten unserer eingeborenen Instinkte hinabsinken
lt in den tieferen Schacht unseres Innern. Sie sind und bleiben aber
doch die Wrme, Licht und Glanz strahlenden Quaderzge im abgelagerten
Gestein der Seelentiefe und des Charakters, Wollen und Wesen eines
Menschen ist fest verankert mit der Summe dieser unserer Beobachtung
lngst entzogenen Urgefhle. Wie viel von unseren Sympathien, von unserm
Ha und Lieben, von Neigung und Gewohnheiten, bsen und guten Lsten mag
ferner in der Tiefe des Unterbewuten seine unverschttbaren Quellen
haben? Was kann des Gewissens Stimme anders sein als das Gefhl der
Disharmonie gegen allen Bestand des berlieferten, in welche uns eine
Handlung oder Unterlassung bringt? Denn ein tiefer Zwiespalt in uns
mahnt uns, da wir mit einer einzigen Tat an den Grundfesten dessen
rtteln knnen, was alle Vter vor uns aufgebaut!

Aber diese Entwicklung steht niemals still, sie drngt unaufhaltsam an
gegen die hemmenden Mchte der uns Grenze weisenden Natur. Und dieser
Vorwrtstrieb der Entwicklung, diese Sehnsucht unsererseits, wieder
vorbildlich zu werden, Merksteine des Erworbenen zu schaffen fr die
nach uns Kommenden, ist die Quelle dessen, was wir kommende Instinkte
nannten. Bietet gerade unsere Zeit nicht ein klassisches Beispiel dafr,
wie mchtig diese Triebe eingreifen in das Gestalten der Welt in uns und
um uns? Es ist, als schaffte der Menschengeist Geschpfe, Maschinen,
Werkzeuge, Krfte nach einem in sich selbst gefhlten Ebenbilde! Er
spinnt ein Netz gleichsam nervser, elektrischer Verbindung von
Menschengehirn zu Menschengehirn ber die ganze Erde, er durchfliegt
Erdteile und Meere, er schuf im Leib des Planeten Organe, die ihm Licht
und Wrme und neue Krfte liefern, und hlt im bewegten Bilde
(Kinematoskop) die Zeit fest und zeigt spteren Generationen die
Geschehnisse geschwundener Sekunden! Wahrlich wir sind in einem
klassischen Zeitalter, Zeugen unerhrten Gestaltens, und unser Trieb
ist: technische Vollkommenheit. Was Wunder! wenn bei diesem rasenden
Ansturm der aufsteigenden, aufwrtsfhrenden Instinkte die Probleme des
Herzens, der Sittlichkeit, der Religiositt, der Ehrfurcht, der
Behaglichkeit, des sich Gengeseins zu kurz kommen? Das ist die Gefahr
schnell vorwrts brausender Kultur. Die Neurasthenie, das allgemeine
Nervenzittern ist die Kehrseite der Medaille: die eingeborenen Instinkte
sind im Kampf mit den erworbenen. Mglich, da an diesem Konflikt die
moderne Kultur zerschellt, aber die Hoffnung bleibt bestehen, da auch
diese Triebe eben einrcken knnen in den definitiven Bestand des zu
berliefernden. Wre das nicht der Fall, so wre der Weg der Kultur ein
einziger groer Ozean des Irrtums. Denn nur, wenn unsere zeitlichen
Probleme fhig sind, zu dauernden Instinkten sich einzufgen in den
Zukunftsbestand der Menschheit, ist die Fortentwicklung des Menschen als
eines auf der Erde dauernd lebensfhigen Organismus garantiert.




TEMPERAMENT


Nicht nur Gesetz und Recht, auch Namen schleppen sich wie eine ewige
Krankheit durch die Zeiten. Wie es aber gerade die Irrtmer sind, welche
leichter und ausgedehnter Verbreitung finden, als die Wahrheiten, so
gibt es auch berkommene Namen, welche um so fester im Sprachgebrauch
haften, je irrtmlicher die Anschauung war, der sie ihren Ursprung
verdanken. Ja fr viele werden namentlich Fremdwortbezeichnungen mit
schwerer logischer Begriffsbestimmung zu leeren Lautformeln, mit denen
sie stets nur dunkel empfundenen, aber nicht aussprechbaren Sinn
verbinden. Und doch mu man erstaunen, wie oft bei weiterer
Fortentwickelung unserer Kenntnisse schlielich solchen alten
Wortreliquien ein packender Sinn innewohnt. Solche Begriffe sind oft von
derselben unaussprechlichen Tiefe, wie Volkslieder, deren Schnheit man
oft auch erst dann inne wird, wenn uns recht viele Jahrhunderte von
ihrem Ursprung aus des Volkes Herzen trennen. Solche Worte z.B. sind die
"Elemente", der "ther" der Alten, welche Grundbegriffe im Zeitalter der
physikalischen Chemie und der Theorien von der Elektrizitt geworden
sind. Man sieht daraus, da die Wissenschaft die berlebten Worte
gebrauchen kann wie alte Huser, die man nur modern einzurichten
braucht, um dem Geist der Zeiten zu entsprechen. Das Wort "Temperament"
verdankt seinen Ursprung folgendem Irrtum: In der Zeit der
Saftmischungslehre war man der Ansicht, da die Temperatur des Krpers
abhngig sei von dem bertritt gewisser Sfte ins Blut. Rotes
Arterienblut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, das waren die vier
Stoffe, mit denen die alte Saftlehre als Fundamenten der Blutmischung
ihre Systeme zusammenschusterte. Zahlreiche Sprachgebruche erinnern
noch heute an die einstige Sieghaftigkeit dieser humoralpathologischen
Lehre, d.h. der Lehre von der Erklrbarkeit aller Krankheitszustnde aus
Blutvernderungen. Das "gallige Blut", die "versetzten Hmorrhoiden",
der "zurckgetretene Salzflu", der "nach innen geschlagene Ausschlag",
die "nicht herausgekommenen Masern" usw. sind solche noch lange nicht
ausgestorbenen, ein bichen Wahrheit bergenden Schlagworte.

So haben des alten _Galen_ vier Kardinalsfte (Blut, Schleim, schwarze
und gelbe Galle) auch als Ursachen der vier Temperamente (d.h. Erzeuger
spezifischer Blutwrme), des sanguinischen, des phlegmatischen, des
melancholischen, cholerischen, noch heute ihren dnnen,
wissenschaftlichen Schimmer von tatschlichem Verhalten, nicht weil sie
einen Tatbestand ausdrcken, sondern weil dem Kenner der menschlichen
Seele der zeitweilige Zustand der wissenschaftlichen Lehrmeinung den
offenen Blick frs Wesen des Menschenherzens nicht zu trben vermochte.
Nicht allzu selten ist derjenige ja der strkste Wissenschaftler, dem
der Formelkram seiner Zeit den sogenannten gesunden Menschenverstand
nicht unterzukriegen vermag. Die Lehre von der zndenden Suggestivkraft
eines Schlagworts, einer Formel verdient wahrlich ein eigenes Kapitel in
der Psychologie.

Ist es also ganz sicher falsch, da das berwiegen des roten Blutes, des
Schleimes, der Galle im Blutsaft Ursachen der Temperamente sind, so ist
es doch unstreitig richtig, da die Zustnde der wechselnden
Erregbarkeit unseres "Blutes" ganz gut sich in diese vier kardinalen
Begriffe einreihen lassen. Ja, Kants weise Modifikation der
Kardinaltemperamente in Leicht- und Schwerbltigkeit, seine Einteilung
der Menschen in Warm- und Kaltbltige, kommt der Wahrheit schon recht
nahe. Nur klafft noch der eine Widerspruch: was hat das Blut mit der
greren oder geringeren Schnelligkeit der Auslsung unserer Grund- und
Stimmungsgefhle zu tun? Temperament ist ja Nervensache und nicht Sache
des Blutes und seiner Mischung. Da tauchen die Worte auf "leichtsinnig"
und "schwerfllig", "gutmtig", "schwermtig", "hitzkpfig",
"Feuergeist" und verschieben den Vorgang richtiger auf Zustnde der
Gesamtstimmung einer Seele.

Dieser Widerspruch wrde schwer zu berbrcken sein, wenn nicht die in
diesen Blttern schon mehrfach angedeutete Theorie von der Natur des
Blutumlaufes zwischen den einzelnen Gehirnelementen (Ganglien), als
eines Stromregulators, hier klrend eingriffe. Wir wollen sie an dieser
Stelle noch einmal kurz zusammenfassen. Das Gehirn ist ein
Orientierungsorgan fr die Auen- und Innenwelt. Diese Orientierung
geschieht durch Registrierung und Verbindung von Reizen, welche bewute
oder unterbewute Vorstellungen, Empfindungen, Impulse auslsen. Dem
Ablauf dieser einwirkenden Empfindung ist ein zeitliches Ma gesetzt,
vermittels dessen die Wahrnehmungen nicht alle gleichzeitig den
Ganglienapparat bestrmen, sondern hintereinander ausgelst werden.
Wahrnehmungen geschehen also gleichsam wie die telegraphischen Meldungen
vermittels eines stndig arbeitenden Unterbrechers, vermittels einer dem
Seelenstrom rhythmisch eingeschalteten Hemmung. Wre in unseren
wahrnehmenden Organen nicht eine solche intermittierende Hemmung am
Werke, so mten in jeder Sekunde Millionen Wahrnehmungen von allen
Organen der Sensibilitt auftreten, und statt einer tastenden
Orientierung wrde eine verwirrende, durcheinander brausende Disharmonie
entstehen. Man stelle sich einmal vor, wie qulend es sein mte, zwei
Gedanken von gleicher Strke zu gleicher Zeit zu empfinden, wieviel mehr
wrde das ungehemmte Durcheinanderfluten aller nur mglichen
Vorstellungen nebeneinander in demselben Zeitma unser Bewutsein vllig
aufheben! Nun sehen wir Gedankenflucht, Verwirrtheit, Ohnmacht,
Orientierungsunfhigkeit mit absoluter Sicherheit berall da auftreten,
wo Blutleere eintritt, oder wo das Herz und die Blutgefe ihre
rhythmische berflutung ber das Nervensystem aussetzen. Wir wissen, da
eine fahle Blsse des Gesichts solche Zustnde anzeigt, weil die
Gefnerven alle solche Betriebsstrungen mit Krampf und folgender
Blutentleerung beantworten. Da das Gehirn an diesen Blutleerezustnden
tatschlich teilnimmt, kann man bei Operationen an erffnetem Schdel
direkt beobachten. Da sieht man auch, da im Schlafe das Gehirn ganz
entgegengesetzt der bisher landlufigen Meinung blutvoll ist und da
diese Blutflle umschlgt in Blsse, sowie der Betreffende erwacht. Das
konnte man bei einem Kinde mit entbltem Gehirn viele Male beobachten,
d.h. Blutflle beim Einschlafen, schnelle Blutarmut beim Aufwachen. Hlt
man dazu die Tatsache, da alle Zustnde des erhhten Blutgehaltes des
Gehirns namentlich bei Blutstauungen mit Bewutseinsstrungen im Sinne
der Schlafhemmung begleitet sind, so drngt sich ein Gedanke auf, der
fr die Beurteilung dessen, was wir Temperament nennen, von allergrter
Bedeutung ist, und der dem uralten Begriff der Leicht- und
Schwerbltigkeit eine ganz neue und moderne Fassung zu geben imstande
ist. Nmlich: das Blut hat in der Tat direkten und wesentlichen Einflu
auf den Ablauf der Geschehnisse in unserem Nervensystem. Ist nmlich die
Nerventtigkeit bedingt durch die elektrischen Bewegungen hnliche
Molekularerzitterung, so ist sie auch ein- und ausschaltbar, hemmbar,
ableitungs- und zuleitungsfhig, d.h. beeinflubar im hchsten Mae
durch die Natur der eingeschalteten Widerstnde. Nun wissen wir,
da um die Nervenzellen herum dauernd mit dem Herzpulse bewegt ein
Flssigkeitsstrom kreist, der dem Blutstrome direkt entstammt, und
zwar in dazu vorgebildeten Rumen. Wir wissen ferner aus direkten
Beobachtungen am Widerstandsmesser fr elektrische Strme, da das
Blut und die Blutsfte hemmende Kraft besitzen. Darum mu das mit
dem Blute in Verbindung stehende Hllgewebe der Nervenzellen ein
Nervenstromeindmmer, ein Isolator sein. Ist dies richtig, so werden
also unsere Nervenbewegungen rhythmisch durch die isolierende Blutwelle
ein- und ausgeschaltet, und Anschlsse sind nur da mglich, wo im Spiel
der Gefmuskeln zeitweilig Entleerungen des Blutsaftes zwischen den
Gangliensystemen statthaben; umgekehrt sind Anschlsse dann unmglich,
wenn die Lcken zwischen den Systemen mit Hemmungssaft gefllt sind. Das
dieses Entleerungs- und Fllungssystem beherrschende Organ ist die
Neuroglia, und diese ihr zugeschriebene Funktion ist der Inhalt meiner
Neurogliatheorie.

An der Hand dieser berlegungen wird es nunmehr leicht, sich den Einflu
des Blutes auf die Grundstimmungen unserer Seele klar zu machen. Ist der
Blutsaft von einer Zusammensetzung, welche den Bewegungswellen der
Nervenelemente von Natur starke Widerstnde einschaltet, weil eben ein
solcher Saft eine Flssigkeitssule darstellt, durch welche nur
schwerfllig elektrische Entladungen stattfinden knnen, so hat der
Trger eines solchen Blutsaftes eben ein phlegmatisches, langsam
aufnehmendes, schwerbltiges, erst nach vielfachem Anprall zndendes
Temperament; sein Gehirn hat, wie man sagt, buchstblich eine ein
bichen langsame Leitung. Ist umgekehrt ein Blut von leichter
Durchschlagbarkeit fr die elektroiden Spannungszustnde im
Nervensystem, so wrde sein Trger leicht empfnglich, schnell
auslsend, schnell kombinierend, leichtbltig, sanguinisch sein.

Da htten wir also eine grundlegende Definition dessen, was wir
Temperament nennen: Temperament ist ein Ma fr die grere oder
geringere Schnelligkeit der Auslsbarkeit und der Anschlufhigkeit der
Nervenspannungen, oder, weniger gelehrt ausgedrckt: Temperament ist
Sache der Widerstandsfhigkeit gegen Eindrcke. Man kann also als gewi
annehmen, da jeder Mensch einen Grundrhythmus besitzt, vermittels
dessen er bei normaler Beschaffenheit seines Blutes mehr oder weniger
schnell Reize, Impressionen, Eindrcke, seelische Attacken aller Art
verarbeitet, und da dieser Rhythmus bei jedem Menschen ein anderer, in
gewissen Grenzen abweichender ist, wie das Rot, das ich sehe, eine
andere Nance darstellt, als das Rot, welches ein anderer sieht. Dieses
Widerspiel zwischen Erregung von Nervenstrmen und dem Widerstand,
welchen sie im Seelenorgan mittels der Saftwelle finden, ist es also,
was das Temperament ausmacht, und man begreift sofort, da dieser
Zustand nur ein im groen und ganzen konstanter sein kann, weil ja der
Zustand unserer Blutmischung nur summa summarum ein konstanter ist. Man
begreift sofort, da es ein absolutes Gleichma des Temperamentes nicht
zu geben vermag, da wir heute morgen melancholisch und nachmittags
sanguinisch sein knnen, einfach deshalb, weil die Zusammensetzung
unseres hemmenden Blutsaftes wechselnd sein mu, und da hier der
Salzgehalt, die molekulare Zusammensetzung des Blutes, sein Reichtum an
Sauerstoff oder Kohlensure, die Beimengung fremder Substanzen, alles
Dinge, die von Stunde zu Stunde wechseln knnen, auch von Einflu auf
das Dynamometer unseres Temperamentes sein mssen. Wir begreifen nun
auch leicht, warum ein bichen Alkohol, von dem Blutsaft eingesogen,
schon so schnell unser Temperament erhebt, aus einem Melancholiker einen
Lebensbejaher machen kann, weil eben der Ausgleich zwischen den erregten
Strmen eminent erleichtert ist, und es ist verstndlich, da man die
Gifte alle einteilen knnte nach dem psychologischen Prinzip der
greren Erleichterung oder Erschwerung elektrischer Stromleitung im
Nervensystem. Denn es ist immer der Blutsaft, der auch diese abnormen
Bestandteile zum Gehirn trgt und hier die nderungen der
Nervenanschlsse vollzieht, mag nun diese Zufuhr durch Auengifte
(Alkohol, Morphium, Chloroform, Atropin) oder durch Innengifte
(Harnsure, Galle, Eitergift, resorbiertes Bakteriengift, wie im Fieber)
geliefert sein. Man sieht gerade durch geschrften Blick fr das
Psychologische am Krankenbett, wie sehr Blutsaft und Temperament im
Abhngigkeitsverhltnis zueinander stehen.

Nur mu man sich die Angelegenheit nicht allzu mechanisch vorstellen.
Kompliziert wird die Sache dadurch, da das Spiel der greren oder
geringeren Zufuhr von hemmungsfhigen Sften auer von dem Pulse auch
vom Nervus sympathicus, diesem Urahnen der Nervensubstanz, beherrscht
wird, indem seine Steuerung der Stromenge und Stromweite beherrscht wird
von all dem dunklen Triebleben, mit dem eben die ganze Welt, ihre Sonnen
und ihre Finsternisse auf unserer menschlichen Seele spielen. Man hat
eben die Erregbarkeit dieses Wurzelgebietes unserer seelischen Kraft als
den notwendigen Vermittler zwischen Gehirn und Blutsafthemmung
aufzufassen. In ihm, in seinen berall ausgedehnten Geflechten, welche
den ganzen Krper durchsetzen, wie ein Urgehirn fr sich, das schon
alles in sich trgt, was die Entwickelung Millionen unserer Vorfahren
erworben hat, haben wir den eigentlichen Herrn unseres Lebens, auch
unserer Allgemeingefhle zu respektieren, und ob in uns Harmonie oder
Disharmonie, Lust oder Unlust herrscht, das wird wesentlich entschieden
durch die Strahlenaktivitt der Milliarden Ganglien des Sonnengeflechtes
in unserem Leibe, das am Feuer der Blutbildung ebenso beschftigt ist,
wie an der Schmiede der Eisen- und Phosphormolekle oder an der
Geburtssttte der Saatkrner fr die unzhligen, vielleicht nie
geborenen neuen Menschen in uns. Wie diese Nervengrundstimmung ist, ob
lebensfroh zur Entwicklung und zur Schnheit drngend, oder dster auf
Vernichtung, Ha oder Verneinung grbelnd, das ist natrlich dafr
entscheidend, welche Mischung aus dem Zusammenbrausen aller dieser
Krfte entsteht: warum eben zeitweise ein Cholerischer phlegmatisch und
ein Melancholiker in dionysischer Ekstase erscheinen kann und umgekehrt.
Das ist auch die Erklrung, warum man schlielich ganzen Familien,
Sippen und Vlkern bestimmte Grundfarben der Temperamente zuschreiben
kann, weil eben das rhythmische Spiel des Sympathikus, dieser
Stammeswurzel der Menschheit, welche eingesenkt ist in Boden, Klima und
Heimatluft, welche gebunden ist an die Scholle mehr als mancher ahnt,
bestimmend ist fr die grere oder geringere Flle, mit der eben der
eindmmende Blutsaft die Hirnzellen umsplt.




TIERSEELE UND MENSCHENSEELE


Fr die Naturwissenschaft, welche heute noch in den etwas wackelig
gewordenen Geleisen des Darwinismus wandelt, ist es eine ausgemachte
Sache, da der Mensch ein hher organisiertes Tier, da er gewissermaen
nur die letzte, erhabene Krnung des Lebens sei, hervorgegangen aus den
unendlich mannigfaltigen Formungen und Abnderungen, welche die
Widerstnde des Daseins auf die vorwrtstreibende, dem Leben nun einmal
anhaftende Gestaltungskraft ausgebt haben. Die hohen Geistesgaben, so
meint man, welche dem Menschen gestattet haben, eben Geist und Vernunft
in allen Dingen walten zu lassen, sind Steigerungen berall auch im
Tierleben ttiger Seelenkrfte; die Seele des Menschen sei also nur dem
Ma nach, nicht dem Wesen nach von der Tierseele verschieden (nur
quantitativ, nicht qualitativ). Da die Naturforscher dieser Entthronung
des bisher souvernen, vllig unbestritten als Zentrum der Welt
aufgefaten Menschengeistes die Feindschaft aller Mnner des Glaubens an
Gott und den gttlichen Ursprung des Menschen verdanken, kann nicht
wundernehmen. Mit der Beweisbarkeit dieser Anschauung fiele ja nicht nur
die Schpfungslegende, welche ja immerhin ihren tiefen symbolischen Sinn
behalten knnte, sondern es strzte auch rettungslos die jedem Einzelnen
instinktiv innewohnende, brigens uralte und noch lange nicht
ausgestorbene berzeugung, da der Mensch doch das Ma aller Dinge sei.
_Copernikus_ gab mit seiner Einreihung der Erde als eines Krnchen
Sandes in das brausende Meer der Gestirne diesem zentrierenden
Menschheitsgedanken (Anthropomorphismus) den ersten, _Darwin_ den
zweiten Sto: mit der Idee einer sukzessiven Entwicklung.

Also ein Aufsteigen des Menschen langsam aus dem Staub der Erde oder dem
Urschlamme des Meeres! (Letzterer ist lngst ins Land der
naturwissenschaftlichen Mrchen gewandert: denn auch die Naturbibeln
haben ihre Legenden, nur soll man sie noch fester glauben als die der
Religionsbcher.)

Eine Schpfung aus dem Erdenklo zwar auch, aber nicht mit einem Schlage
aus der Hand und mit dem Odem Gottes, sondern durch die langsam durch
Jahrmillionen gestaltende Faust der Anpassung und Vererbung, wobei der
Trieb zur Vermehrung, das "Seid fruchtbar!" immer als etwas
Selbstverstndliches ohne Erklrung gelassen wird.

Es ist schlechterdings unmglich, den Entwicklungsgedanken in den
Naturerscheinungen zu leugnen, ohne tausendfltigen Gesetzmigkeiten,
Erfahrungen, Experimenten Gewalt anzutun, wenngleich zugegeben werden
mu, da der Darwinismus noch keineswegs mit demselben den
Schpfungsbegriff umstt. Bekanntlich war Darwin gottesglubig und mu
wohl angenommen haben, da der schaffende Gott eben die langsame
Entwicklung dem beseelten ersten Lebenskeime eingehaucht hat, wodurch
das Schpfungswunder wahrlich nicht weniger staunenswert und herrlich
erschiene. Was dem glubigen Naturforscher Demut abzwingt, ist eben das
Wunder der unendlichen Entwicklungs_mglichkeit_ des Lebens, der
Milliarden Variationen am gleichen Typus, der Unerschpflichkeit der
Mittel zum Anpassen an unzhlige Widerstnde und geheime
Schwierigkeiten, endlich das unverkennbare Zweck_bewutsein_ der sich
vorwrts entwickelnden lebendigen Masse. Die Schpfung, die der
Gottesmann im Herzen trgt als _einmalige_ fr ihn denkbare Mglichkeit
der Entstehung von Welt und Mensch, ist eben fr den Naturforscher
stndig fr einst, jetzt und alle Zeiten stumm am Werke; das ist
eigentlich der ganze Unterschied. Eine Frage trennte die beiden
Weltanschauungen, aber viel tiefer und scheinbar unberbrckbar,
uferlos: das ist eben jene schon angedeutete: kann wirklich der
Menschengeist als eine hhere Stufe Tiergeist definiert werden? Es mge
mir erlaubt sein, einige Grnde beizubringen, welche gegen eine solche
Auffassung von der einfachen Steigerung der Tierseele in die
Menschenseele sprechen. Unstreitig sind in den nervsen Apparaten,
welche das Leben im Tiere und im Menschen regulieren, eine groe Anzahl
Einrichtungen und Funktionen anzutreffen, welche vllig identisch
arbeiten und nur gradweise Unterschiede erkennen lassen, alle
Sinnesorgane, alle Reflexe und automatischen Bewegungen, alle bewuten
oder unbewuten Mechanismen des Stoffwechsels und der Fortpflanzung, die
Mechanismen der Liebe und des Hungers--alle diese anatomischen und
funktionellen Dinge sind gleicherweise im Nervenapparat von Tier und
Mensch vorhanden: manchmal dies oder jenes beim Menschen vollkommen und
hher entwickelt, manchmal--und das ist sehr bemerkenswert--auch in
entschieden hherer Entwicklung beim Tier als beim Menschen, z.B. der
Gesichtssinn beim Raubvogel, die Witterung bei Hund und Reh, die
Automatien der Bewegungen bei der fallenden Katze, beim Hund und
Pferd[1]. Wo aber liegen denn die eigentlichen Unterschiede zwischen
Tier- und Menschenseele, dergestaltige Abweichungen, da von einem
Gradunterschied gar nicht die Rede sein kann? Wir meinen, da es
offenkundig genug ist, da solche essentiellen (wesentlichen)
Unterschiede in Hlle und Flle bestehen, welche alle auf ein
einheitliches Prinzip zurckzufhren sind. Der Unterschied wird
bemerkbar zunchst in rein historischem Sinne: alle Daten der Geschichte
beweisen, da der Mensch sich zum mindesten in bezug auf seine
Lebensgewohnheiten im Lauf relativ sehr kurzer Zeitlufe grndlich
verndert, da er sozusagen seine Lebensweise in breitesten Grenzen
aktiv vorrckt, whrend das Tier von Anbeginn seines Auftretens
auf der Erde, vom Moment, an wo der Hirsch Hirsch, der Vogel Vogel
war, aktiv an seiner Lebensart nicht das geringste gendert hat.
Nicht einmal Ortsvernderungen, geschweige Nahrung, Liebesleben,
Wohnungsverhltnisse, Bewegungsmittel usw. haben die geringsten,
aktiven Variationen erfahren.

  Funote 1: Ein Beispiel dafr war im Zirkus Schumann vor einiger Zeit
  zu sehen. Auf einer von langsamer Drehung zu immer rasenderer Eile
  getriebenen Drehscheibe wurden erst Menschen und dann Tiere postiert.
  Whrend die Herren der Schpfung sehr bald abgeschleudert wurden,
  vermochten die Tiere sich durch schnellste Anpassung an die Bewegung
  "auf dem Platz" mhelos auf der sausend rotiereuden Drehscheibe
  galloppierend zu halten.

Man kann also sagen: Die Lebensbedingungen der Tiere waren in
historischen Zeiten konstant, whrend ein berirdischer Historiograph
den Pfahlbauer und den kommandierenden General zu Pferde wahrscheinlich
fr zwei ganz verschiedene Lebewesen mit Recht verzeichnen wrde. Ebenso
stabil ist das Tier geblieben von Anbeginn seines Auftretens in bezug
auf die Erkenntnis seiner Stellung zum Weltganzen, whrend der Mensch
sein Verhltnis zur Natur um ihn und in ihm einer dauernden Betrachtung
unterzogen hat, was ihn neben anderem auch dazu gefhrt hat, Herr von
Tieren und von Naturkrften zu werden, wovon bei Tieren in beiden
Hinsichten auch nicht das geringste zu bemerken ist. Fgen wir hinzu,
da bei Tieren nichts zu sehen ist von einer bewuten Kunst und bewuten
Ethik (alle darauf bezglichen Beispiele gehren in das Gebiet
automatischer, reflektorischer Nerventtigkeiten, sind also Handlungen
aus _Mechanismen_, nicht aus _Motiven_ heraus), so meinen wir die
hervorstehenden differenzierenden Merkmale zwischen Tier- und
Menschenseele wenigstens symptomatisch angegeben zu haben. Worauf
beruhen nun diese erkennbaren Unterschiede?

Folgen wir dem Entwicklungsgedanken, so mu mit dem Menschen eine
durchaus neue seelische Kraft aufgetreten sein, es mu mit ihm ein
Prinzip zur Erscheinung und Wirkung gekommen sein, von dem vor seiner
Erschaffung nichts auf der Erde beobachtbar gewesen sein kann, weil
alles, was mit dem Menschen entstand, erst durch dieses neue Prinzip
mglich wurde. Wenn wir nicht annehmen wollen, da wirklich das, was wir
Menschenseele nennen, ein Ding fr sich ist, ein metaphysisches,
unerhrtes Wunder, mit dem uns der Geist der Natur begabt hat--eine
Anschauung, welche wohl unwiderlegbar sein drfte als die eine denkbare
Mglichkeit--so mssen wir zum Erfassen einer anderen Mglichkeit eine
Hypothese einfhren, welche vielleicht wahrscheinlicher und einfgbarer
in den Entwicklungsgedanken ist, als jene des unvermittelten Eingreifens
einer bernatrlichen Macht in den Ablauf der Dinge.

Machen wir uns zuvrderst einmal die seelische Stellung des Menschen zum
Weltganzen ganz klar. Das Wunderbarste und Verblffendste an dem
Verhltnis einer schpferischen Natur zum Menschen ist die Tatsache: da
sich das fortentwickelnde Leben Organe (Nervensubstanz, Gehirn, Seele)
geschaffen hat, die fhig sind, dieses Leben zu begreifen, die durch
Entwicklungen seelischer Kraft dazu gefhrt haben, _da die entwickelte
Materie sich selbst begreift_. Nehmen wir einmal an, um ein Bild zu
gebrauchen: Die Sonne wre der Quell aller Dinge, so bestnde das Wunder
darin, da die Sonne sich das Menschenauge zu einem Spiegel ihrer
eigenen Schnheit und aller ihrer Eigenschaften erschaffen habe. So
schuf die gesamte Natur den Menschengeist, um sich in ihm ihrer selbst
und ihrer Gesetze allmhlich ganz bewut zu werden. Es knnte fraglich
sein, ob dieses Wunder nicht _nur_ auf der Erde und keinem anderen
Gestirn geschehen ist, so da die kleine Erde doch der geistige
Mittelpunkt des Universums sein knnte, sein _einziger_ Spiegel. Denn
unstreitig ist der Mensch fhig, sich von der Gesamtnatur, von den
letzten Dingen eine Vorstellung zu machen, in sich ein Bild der Welt aus
seinen Gedanken zu erzeugen. Wenn man nun bedenkt, da jeder unserer
Gedanken in seiner Entstehung genau so materiell sein mu wie eine
vorbeifliegende Bleikugel, da er sekundre Wirkungen haben kann, welche
die gresten materiellen Katastrophen (Explosionen, Felssprengungen
usw.) hervorrufen, so erhellt erst recht der kolossale Schritt, welchen
die Natur in der Hinzufgung der seelischen Kraft zur Entwicklung
gemacht hat. Wenn wir nun nicht zugeben wollen, da eben diese Kraft der
sich selbst bewute Geist des Schpfers ist, womit alle Forschung
aufhren wrde, so ist man gezwungen aus einem anderen, weniger
bernatrlichen Prinzip heraus das Auftreten der menschlichen
Fhigkeiten in der Kette der Entwicklungen wenigstens hypothetisch zu
erklren.

Da die bei Tieren beobachtbaren psychischen Ttigkeiten nicht
ausreichen, um die Seele des Menschen als eine Steigerung dieser
Ausbungen zu definieren, da wir andererseits von einem Eingreifen einer
metaphysischen Macht absehen wollen, so bleibt nichts brig, _als der
Nervensubstanz der menschlichen Seelenorgane eine im Tier nicht
beobachtbare neue Funktion zuzuschreiben_. Diese neue Funktion ist die
Fhigkeit der menschlichen Nervenmasse, nicht nur in der einen Richtung
von der Reizstelle zum Wahrnehmungszentrum zu schwingen, sondern auch in
umgekehrter Richtung vom Wahrnehmungszentrum zur Reizstelle bewegt zu
werden. Auf dieser Funktion beruht unsere Fhigkeit, z.B. ein Pferd mit
Farbe, Form, Schatten und Licht und allen anderen Eigenschaften nicht
nur zu sehen, sondern es auch von nunmehr neu zu erzeugen. Gerade wie im
Kinematoskop durch Abrollen von tausend Einzelbildern eine wirkliche
Form und Bewegung eines tatschlichen Bildes entsteht, so ist der
Mensch, und nur er allein, imstande, von innen heraus, aus dem
funktionellen Betrieb seiner Ganglienzellen heraus die Welt mit allem,
was wahrgenommen und gedacht werden kann, neu entstehen zu lassen.

Mit einem Worte: die _Phantasie_, als eine besondere Funktion der
menschlichen Nervensubstanz erfat, ist es was den Menschen aus dem
Tierreich so hoch und herrlich heraushebt, da man wohl sagen darf:
gewi ist der Mensch tierisch in seiner physischen Natur, aber er ist
Gottes Ebenbild in seiner psychischen Natur. Wohl ist er das hchste
Tier, aber zugleich auch eine Vorstufe zu hheren Wesen. Das letzte Tier
der Erde, der erste Gott dieser Welt, das ist der Mensch!




GLAUBE UND WISSENSCHAFT


Die Stellung des Menschen und des seiner Beobachtung Zugnglichen im
Weltganzen zu begreifen--diese uralte Sehnsucht ist der gemeinsame
Quell alles Wissens und jeden Glaubens. Wie zwei sich ewig befehdende
Kniginnen im Geisterreiche stehen sie sich gegenber und sind
doch Geschwister von derselben Mutter aller Erkenntnis--der
Kausalitt--geboren, Glaube und Wissenschaft. Da bisher nie ein
ehrlicher Friede zwischen diesen beiden Denkungsarten und ihren
Vertretern mglich war, ist im Grunde um so verwunderlicher, als es ja
bei gleichem Ursprung und bei gleichem Ziel eigentlich nur ein Streit um
die Methode ist, der sie trennt. Was bei dem Glauben die innere, selige
berzeugung, die Ahnung, die Offenbarung ist, das ist beim Wissen die
widerspruchslose Hypothese, die alle Erscheinungen deckende gedachte
Gesetzmigkeit. Sind das nicht im Grunde vielleicht dieselben
Funktionen unseres Seelenapparates, die in dem einen wie dem anderen
Falle zu einer unverrckbaren Einstellung unserer logischen Ttigkeiten
auf einen bestimmten Zentralpunkt fhren, der in der Art zwingender
Selbstsuggestion die Ausgangsstelle aller Schlufolgerungen darstellt?
Nichts ist machtvoller als die Formel. Sie reit den einzelnen in
unwiderstehlicher Suggestivkraft in den Bann ihrer Kreise, sie hat
infektise Kraft und vermag die Massen in geradezu epidemischer Weise
unter ihr Banner zu zwingen, wie eine Armee unter das Symbol einer
Fahne. Was mag das Wesen der Formel, des Schlagwortes, des erlsenden
Gedankens, der Suggestion eines sich aufzwingenden, epocheschaffenden
Begriffes sein?

Wenn der Entwicklungsgedanke richtig ist, so ist Denken ein Wachstum, so
gehrt ein Heranreifen der einzelnen Elemente unseres Denk- und
Empfindungsorganes dazu, um einen Gedanken, d. h. dem Zusammenklang so
und so vieler Akkorde erzitternder Ganglienelemente die immer ntige
Resonanzflche zu schaffen. Das geschieht, "wenn die Zeit gekommen" ist,
wenn das Ackerfeld des augenblicklichen Entwicklungsstandes des
organischen Saatfeldes vorbereitet ist fr den neuen Keim.

Das Aufdmmern neuer Kombinationen von Ganglienttigkeiten in einem
Gehirn (dem genialen), das erstmalige Aufleuchten anschlubereiter,
bisher nicht durchleuchteter Gebiete wrde verlschen wie eine
Sternschnuppe an dem Horizonte des Bewutseins der Mitlebenden, wenn
nicht im Stillen gleichmig eine Zndflche in mitgeborenen Gehirnen
geschaffen wre; wie es ja oft genug geschehen ist, da
entwicklungsgeme Gedanken erst Jahrhunderte spter ein tragfhiges
Ackerland in den Seelen der Nachgeborenen erhalten haben. Diese
Zndkraft wohnt genialen Gedanken eben deshalb inne, weil die
Entwicklung der meisten Gehirne einer Epoche ziemlich gleichmig
herangediehen ist an die letzte, entscheidende Auslsung, die nur Einem,
manchmal auch Mehreren (nur Unkundigen berraschend durch ihre
Gleichzeitigkeit) gelingt. Jahrhunderte lang kann eine Idee vorbereitet
sein, bis in einem Geiste der Prometheusfunke durchbricht, und wie einst
Goethe gesagt hat: das Auge mu sonnenhnlich sein, wenn es die Sonne zu
sehen vermag, so fllt dieser Funke auch in nervse Systeme, welche
spezifisch empfnglich sind fr das ihnen gebrachte Licht. Das ist dann
in der Tat ein Vorgang, der mit der Infektion durchaus vergleichbar ist,
weil auch bei ihr eine Disposition unbedingt dem Haften des
Ansteckungsstoffes vorangehen mu. Formeln also, welche in der
Entwicklungsrichtung der menschlichen Geistesapparate gelegen sind, sind
deshalb so suggestiv, weil ja die Mitgehirne schon warten auf einen
Anschlureiz, dem sie entgegengewachsen sind. Ist diese Anschauung von
dem buchstblichen Heranwachsen der Geisteselemente zu neuen Aufgaben
richtig, und alle Forschung und Erfahrung scheinen sie zu sttzen, so
kann man sagen, da alles Objektive, alles sogenannte Allgemeingltige
naturgem einem Wandel unterworfen ist und da das Objektive bei seinem
erstmaligen Auftreten zunchst erst die Wahrheit eines Einzelnen, d.h.
etwas durchaus Subjektives gewesen ist. Die eine Wahrheit anerkennende
Mitwelt steht also unter der Suggestivkraft eines Genies, solange bis
eine noch zwingendere subjektive Kombination diese "Wahrheit auf Zeit"
ablst. Dieser Tatbestand trifft nun den Glauben ebenso wie die
Wissenschaft. In groen Perioden wechselt der Glaube ebenso wie die
Wissenschaft ihr Gewand. Da die Sehnsucht, das Rtsel der Welt zu lsen,
in jedem Glubigen nicht minder wie in dem Wissenschaftler die Ursache
der Annahme dieser oder jener ihn ganz erfllenden berzeugungen ist, so
kann es nicht wundernehmen, da eine groe Reihe von Parallelen sich
aufstellen lassen zwischen der Entwicklungsgeschichte der Religion und
der Wissenschaft. Da es sich aber um dieselbe Funktion der Seele in
beiden Fllen handelt, so kann die Berufsfrbung, welche unabnderliche
Vorgnge unseres Geistesapparates erfahren, nicht weit genug gehen, um
diese Gleichrichtung des inneren funktioneilen Betriebes zu verwischen.
Ich kann an dieser Stelle nicht diese funktionelle Parallele zwischen
Wissenschaftlern und Glaubensmnnern bis ins Einzelne durchfhren, es
mge gengen, auf einige naheliegende hnlichkeiten hinzuweisen, um
wieder einmal daran zu erinnern, wie mig es eigentlich im Grunde ist,
wenn, wie das so oft geschieht, zwischen Theologen und Naturforschern
gespannte und sich gegenseitig exkludierende Feindseligkeiten erffnet
werden.

Ich wrde nicht wagen, den lieben Gott vom Standpunkte der Wissenschaft
eine zwar wahrscheinliche, aber unbewiesene Hypothese zu nennen, wenn
nicht ein Mann, dem es um den Namen Gottes heiliger Ernst ist, den Spie
mit vollem Recht sofort umkehren und der Wendung ihre blasphemische
Schrfe nehmen knnte, indem er einem solchen Naturforscher antwortete:
"Umgekehrt, lieber Freund, mit jeder deiner Hypothesen umschreibst du
nur den Gottesgedanken." Da in der Tat eine Wissenschaft ohne Hypothese
niemals zu grundlegenden Gesetzen kommen wrde, es bisher auch nicht
mglich war, Wissenschaft ohne Hypothese zu treiben, so mu man zugeben:
auf beiden Seiten ist ein groer Unbekannter, und je nach Temperament
und Erziehung wird auf der einen Seite mit Ehrfurcht personifiziert und
symbolisiert und auf der anderen Seite mit khler Logik analysiert, was
brigens die Ehrfurcht nicht ausschliet. In beiden Fllen aber ist
eine gedachte, substituierte, der ueren Erfahrung nicht zugngliche,
nicht beschreibbare, fabare und erkennbare Grundmacht der Urgrund
aller Dinge. Ist die hypothetische Durchdringung aller Materie mit
dem ther, seine Erfllung des Weltraumes an jeder Stelle etwas
anderes als die Allgegenwart Gottes, nur in naturwissenschaftlicher
Formel? Ist das Gesetz von der Erhaltung der Kraft nicht der uralte
Unsterblichkeitsgedanke nur in physikalischer Fassung?

Gibt es eine besondere Lebenskraft, und die moderne Naturwissenschaft
nhert sich mit dem Neovitalismus bedenklich dieser Mglichkeit, so ist
die Unsterblichkeit auch geistiger Funktionen nicht mehr auer dem
Bereiche naturwissenschaftlicher Denkweise. Der Glaube an die Einheit
der Kraft (Monismus), hat er nicht verzweifelte hnlichkeit mit dem
Monotheismus der Juden, dem ebenso ein Polytheismus voranging, wie dem
Monismus eine auf viele Einzelkrfte aufgebaute Kraftlehre? Und
weiter--der nie verschwindende Dualismus der Philosophie, die
Gegenberstellung von Kraft und Stoff, von Gott und Teufel, von Energie
und Widerstand, sind es nicht alles Bezeichnungen fr funktionelle
Vorgnge in unserer Seele, welche jedem Menschengehirn eingewurzelt
bleiben, mag Zufall und Wahl seine Trger nun zur Gemeinschaft von
Priestern oder von Naturwissenschaftlern gefhrt haben? Es ist eine
nicht mehr zu bestreitende Tatsache, da die Naturwissenschaft ebenso
dogmatisch sein kann wie die Kirche. Das eigensinnige Festhalten an
Voreingenommenheiten, berlieferungen und bequemen Gewohnheiten ist eben
ein allgemein menschliches Hindernis fr den Fortschritt, ganz gleich,
ob es sich in Kirche, Staat oder Laboratorium bekundet. Wir haben
Unfehlbarkeitsanwandlungen hier wie dort, und die Ppste der
Wissenschaft sind nicht weniger intolerant gewesen als die der Kirche
und sind es noch.

Es gibt Wissensmonopole ebenso, wie es Erkenntnismonopole gibt. Die
konsequenten Negierer in der Wissenschaft sind die Zwillingsbrder der
Atheisten. Der Wille zur Macht ist auf den Akademien nicht weniger am
Werke als in den Konsistorien. Die Intoleranz, die Proselytenmacherei,
die Verketzerung anders Glubiger und tausend andere Menschlichkeiten
hier wie dort.

Alle diese Beispiele beweisen schlagend, da die allgemein menschlichen
Funktionen einer Seele, die Art des mechanischen Ablaufes geistiger
Bestrebungen nicht durch den Beruf oder das Amt wesentlich modifiziert
werden knnen, da die menschliche Seele als Funktion eine Einheit
bedeutet, da alle Menschlichkeiten in jedem Beruf sich ereignen mssen
und da im speziellen der Priester mit dem Vertriebe und der Propaganda
seiner Lehren nicht anders verfhrt als der Wissenschaftler. Nirgends
wird die Parallele dieser Funktionen deutlicher als in einem Vergleich
zwischen Priestern und rzten, die beide als die praktischen
Verwirklicher religiser oder wissenschaftlicher Ideen zu gelten haben.
Es mge ein kurzer Vergleich dieser beiden Berufsarten hier gestattet
sein.

Weniger die Priester als die rzte drften erstaunt sein, wenn man den
Nachweis versucht, da diese beiden Ttigkeiten tief im Wesen verwandt
und verkettet sind, nicht nur durch die gemeinsame Frsorge um den
Einzelnen, dort in seelischer, hier in krperlicher Beziehung; ein
Vergleich, der sich geradezu aufdrngt und nicht nur in der Forderung
wurzelt, da in jedem Arzt etwas Priesterliches sein msse, sondern viel
mehr noch in der Methode der Einwirkung auf den seelisch und krperlich
Notleidenden bei nherem Zuschauen offenbar wird. Die Gleichheit liegt
in dem Angriffspunkt des menschlichen Elends, des Leids, des Kummers,
der Not, des Schmerzes bei beiden. Der Priester trstet die Seele und
hypnotisiert sie, reit sie hinweg mit den befreienden Ideen des
Hinweises auf ein Jenseits, auf eine ausgleichende Gerechtigkeit im
Reiche hherer als irdischer Mchte, psychologisch gesprochen, er erhebt
die Seele ber die Gegenwart mit der Suggestion einer groen Hoffnung,
gegen welche das Irdische in ein Nichts versinkt, und der Arzt erreicht
mit dem Schlaf, direkten chemischen Alterationen des Gehirns, mit
Morphium, Narkose und Anstheticis eine funktionell der Hypnose ganz
nahe stehende Bewutseinstuschung ber den Zustand der Gegenwart. In
dem einen Falle Hypnose auf dem reflektorischen Wege durch
Gedankenbertragung, in dem andern auf dem Wege der chemischen
Alteration der Hirnfunktion. Dinge, die in ihrem Mechanismus vielleicht
verwandter sind, als man heute noch allgemein zugeben mchte. Verfasser
hat den Versuch unternommen, fr die Narkose, fr die Schmerzlosigkeit
Prinzipien aufzustellen, welche auch fr die Giftwirkungen die Auslsung
physikalischer Vorgnge bedeuten, und glaubt damit alle Formen der
Bewutseinseinschlferung auf einen einheitlichen Mechanismus, den der
physikalischen Hirnhemmung zurckgefhrt zu haben, so da einem Menschen
auf dem Wege der Verbalsuggestion Trost zu bringen, fr den
Seelenmechanismus nichts anderes bedeutet als die Einverleibung gewisser
beruhigender Medikamente: in beiden Fllen geschieht ein Appell an
denselben Mechanismus: Eindmmung, Einengung, Blendung, Hemmung des
Bewutseins. Was Priester und Arzt gro und mchtig macht, ist dasselbe:
die starke, suggestive Kraft ihrer Persnlichkeit, welche in beiden
Fllen trotz aller zwingenden Gewalt der Heilmittel im letzten Grunde
nicht entbehrt werden kann. Der eine hat sein Trostmittel, die Religion,
der andere sein Heilmittel in der Hand; wie sie aber wirken, ist nicht
allein im religisen Gedanken an sich, nicht allein im Heilstoff an sich
begrndet, sondern bedarf in beiden Fllen der Zutat tiefgreifender
Glaubensstimmung, welche erst recht die Pforten der Seele ffnet fr den
Eingang der Heilswahrheiten und -Wirkungen. Die Sonne der Hoffnung mu
von beiden gleichermaen belebend in das Dunkel der verzagten Seele
ausstrahlen. Wie oft ist die fromme Lge, die Heiligung der Mittel durch
den idealen Zweck den Priestern gerade von den freidenkerischen rzten
vorgeworfen worden, und welchen Arzt gbe es, der um ein Stck "frommer"
Lge, um eine gute Dosis bestgemeinten Jesuitismus herumkme? Nein, ganz
gewi ist der Arzt berufen, das Erbe des Priesterstandes auf sich zu
nehmen, und wird dieser Funktion nicht eher gerecht, als bis er bewut
und ohne Verschleierung den Methoden der Glaubensmnner in gerechter
Wrdigung mehr Ehrfurcht als bisher zu zollen bereit ist. Ist wirklich
die Wirkung aller der herrlichen Heilquellen so wesensverschieden von
dem "Lourdes" der Glubigen? Ist nicht mancher Kurort wie ein
Wallfahrtsort, ja spielt nicht das Rezept bisweilen die Rolle eines
Ablazettels fr Snden des Genues, hat nicht die Medizin immer noch
den alten, psychologisch auch tief begrndeten Brauch, hier und da
Rezepte zu verschreiben, ut aliquid fieri videatur? Wie viele Glubige
pilgern im Sommer nach Karlsbad oder Marienbad mit der stillen Hoffnung,
die hier vergebene Snde im folgenden Winter reichlich nachholen zu
knnen!

Die Medizin kennt Ppste und Episkopate; der Glaube an die Chemie ist so
stark und dogmatisch, wie nur irgend eine Heilswahrheit, und die Zeiten
sind dagewesen, wo wissenschaftliche berzeugungen die Herrschergewalt
von Staatsreligionen besessen haben, in denen Ketzern und
Andersglubigen der wissenschaftliche und materielle Ruin sicher war. An
die Stelle des Totmachens durch die Inquisition und des Ketzergerichts
ist oft genug das noch wirksamere Totschweigen getreten, der Boykott,
das Abrcken, das Verfehmen, das in modernen Zeitlufen, nur scheinbar
schonender, dem "Protestanten" den Strick oft genug gedreht hat. Die
Geschichte aller Wissenschaften kennt Beispiele von krassester Dogmatik,
Ketzerhinrichtung und Bannbullen, und die Szene des zum Widerruf
gezwungenen Galilei wiederholt sich alle Jahrhundert mehrmals.--

Ist hier an einem Beispiel gezeigt, wie nahe sich in praktischer
Anwendung Wissenschaft und Glaube berhren, so ist ihre Verkettung in
ideeller Hinsicht eine noch viel weiter und tiefer gehende. Die
Vertreter echter Wissenschaft sind von jeher dem Felde ihrer Probleme
genaht mit einer tiefen und heiligen Ehrfurcht, die sich in
psychologischer Hinsicht nur wenig unterscheiden drfte von dem Gefhl
der Demut, mit welchem der echte Priester vor den Altar tritt. Ja noch
mehr, dem ehrlichen Forscher wird mit dem Zuwachs seines Wissens stets
ein Staunen ber den unbegreiflichen Reichtum der Natur Hand in Hand
gehen, und eine Kette von Offenbarung und Wundern wird ihm die
durchforschte Auenwelt aufweisen, genau wie dem Religionsmann die
tiefdurchsonnene Innenwelt. So weit der sprende Spaten auch reicht,
berall wird er auf Granit des Unergrndlichen im letzten Sinne stoen
und wird, falls er gerecht ist und fhig, die Probleme psychologisch zu
begreifen, in hchster Toleranz Jedem sein Recht lassen, sich ber
undefinierbare Dinge eine Meinung nach seiner Fasson zu machen. Denn er
wei, da Dinge des Gemtes und der Phantasie weder zu sttzen noch zu
widerlegen sind mit den Waffen des Intellektes. Es gibt eine Einheit des
wissenschaftlichen und des religisen Denkens, die sie beide der Kunst
nhert: die Phantasie. Ohne sie gbe es keinen neuen, fruchtbaren
Gedanken, ohne sie wre aber auch kein Glaube mglich. Dieser schpft
aus den Tiefen des Gemtes, jener aus denen des Verstandes. Nie wird
eine Wissenschaft das religise Empfinden auslschen knnen, nie aber
auch kann ein Glaube den Resultaten der Wissenschaft sich
entgegenstellen. Ein Mann des Gottesglaubens, wie Goethe, konnte ein
fruchtbarer Forscher sein, und ein Mann der khnsten Gedanken der
Wissenschaft, ein Newton, konnte ein strengglubiger Kirchengnger sein.




RAUSCH


Rausch--welch ein wunderbares, eine Flle tonmalerischer Anklnge in
sich bergendes und weckendes Wort! Ein Lautsymbol merkwrdigster und
tiefgreifendster Art. Tauchen aus ihm doch Laute empor und klingen ans
Ohr, die an ein schumendes Wehr, an ein gurgelndes Wellenspiel, an ein
im Sturme zitterndes Blttermeer gemahnen, hnlich wie ein diskretes
Parfm von Veilchen die dazu gehrige Wiese und den Wald, Himmelsblau
und Freiheitsgefhl der Seele aufzuntigen vermag. Wie treffend, ja
erschpfend wird in diesem Sprachgebrauch der eigentliche Seelenzustand,
der den "Rausch" bedingt, und den wir gleich kennen lernen werden,
direkt beschrieben, einfach und fast sicherer, als es die
kompliziertesten Hilfsbegriffe der Wissenschaft zu tun vermchten. Woher
stammt der ahnenden Seele der Volkssprache diese tiefgrndige Weisheit,
da sie oft schon alle Geheimnisse vorgeahnt zu haben scheint, welche
die grbelnde Wissenschaft auf mhsamen Umwegen oft auch nicht tiefer zu
entschleiern vermag? Eine Frage, die uns zwingt, anzunehmen, da unsere
Sprachbegriffe vielfach nichts anderes sind als eine symbolische
Projektion psychologischer Vorgnge im inneren Rderwerk der Seele nach
auen. Frwahr, die Sprache ist eine der reichsten Fundgruben unserer
Seelenkunde, wenn auch bisher noch eines Bergmannes harrend, all ihre
Schtze zu heben. Das mag einmal beleuchtet werden an diesem Beispiel
der Beziehungen der berauschten Seele zum Rauschen und Brausen bewegter
kleinster Teilchen, mgen es nun Tropfen der Regenflut, Halme des
Grases, schwingende Saiten der olsharfe oder die zitternden
Phosphorsternchen im Filigran unserer Seele, die Ganglien des Gehirns,
sein.

Wer doch einen Blick hinein tun knnte in den feinmaschinellen
Przisionsbetrieb der fnfzehn Millionen schwingender, webender,
gleitender, aufzuckender und aufleuchtender kleinster Ganglienkugeln da
hinter dem steilen Altar unserer Gedanken; etwa hinter die Stirn eines
vollendet arbeitenden Gehirnes, das dem eines _Goethe_, eines
_Helmholtz_, eines _Beethoven_ ebenbrtig wre! Wer nur, wie der
denkendste aller Dichter, Hebbel, zum schlafenden Kinde sagt, einmal in
seine Trume sehen knnte--dem wre alles, alles klar! Denn, was nutzt
es uns, das Gehirn der Abgeschiedenen hin und her zu wenden, es in
feinste Scheibchen zu zerschneiden--im lebendigen Spiel, in jauchzender
Arbeit, im Rausch des Lebens mten wir es schauen, wollten wir den
ganzen Gespensterreigen in dem geheimnisvollen Gef erhabenster
Gedanken berblicken! Und doch: die Technik unserer Tage, emporgereift
zu einer Werkstatt gar fr Menschenflgel durch das Reich der Luft, an
ihrer Spitze die Elektrizitt, gibt uns vielleicht doch Bildermaterial
und Zeichenstifte genug, um freilich in den Kinderschuhen der naivsten
Erkenntnis einmal den Versuch zu wagen, so etwas wie einen Rundgang
durch den Bildersaal des seelischen Betriebes zu unternehmen.--Da hngen
die Millionen feinster kleiner Sternchen (Ganglienkugeln) in einem
Maschennetz, so zart, da Spinngewebe dagegen Schiffstaue oder
Ankerketten sind; wie feinste Trubchen im Spalier, wie Windenblten am
Drahtgitter sind sie ausgest und senden aufleuchtend ihre
Feuerstrhlchen aufeinander zu. Denn wenn der millionenfach gespaltene
Fingerstrahl der Sonne, umgeformt in Millionen Arten von Auenweltreizen
oder Innenweltgeschehnissen, an ihre Aufhngeschnrchen rhrt, dann
blitzen sie vielleicht auf mit hellen oder dunklen Lichtwellen (die
gibt's jetzt nmlich auch), zittern und machen es wie die Sender und
Empfnger der Marconi-Platten: sie haben sich etwas mitzuteilen,
irgendeine Form der Milliarden Mglichkeiten von Bewegungswellen, von
Rhythmen, von Interferenzen und harmonischen oder disharmonischen
Vorgngen auerhalb dieser mikroskopisch kleinen Telephonzentrale der
Seele. Da klingen an oder leuchten auf vielleicht allein 4000 solcher
Sandkrnchen der Weisheit gleichzeitig, und dann wei es die Seele: der
Menschenfinger hat eben etwas glhend Heies gefat, 5000
Muskelumschalter kurbeln schnell die Scheinwerfer der Erkenntnis, die
Augen, auf den Fingerpunkt, und indem andere Tausend fr blitzschnelles
Rckwrtssteuern der Handbewegung sich zitternd ins Zeug legen, meldet
der reflektierte Strahl an die Netzhaut im Auge und an die dahinter
liegenden anderen 10 Tausend, 100 Tausend, 1000 Tausend Sternchen, alle
in verschiedenen Kombinationssystemen aufgescheucht, die Antwort: heie
Ofentr, Blutzufuhr einleiten, Blasen bilden, l aufstreichen, zum
Doktor gehen!

Nicht wahr? das ist zum Lachen komisch, und doch ist es ganz ernst: so
und nicht anders vollzieht sich jeder Vorgang der Wahrnehmung, des
Erkennens, des Willens, der Tat; und selbst, wenn die Knigin der Seele,
die Phantasie, aus den Himmelsrumen herniedersteigt, denn nur vom Geist
der Welten kann sie kommen, und einen Funken ihres Zauberfllhorns in
die Menschenseele trufelt, dann geht ein wunderbarer Tanz von
Gruppenganglienglut und -leuchten, von Zucken und Erzittern, von Flammen
und Verlschen los in der kleinen menschlichen Zauberzentrale, ganz
hnlich wie eben geschildert, nur da hier das Spiel innerlich vom
Zauberstab gleichsam verdichteter, kristallischer und sich wieder
lsender Erinnerungen erregt wird.

Werfen wir nur noch einen Blick in unser Bilderbuch. Was ist hier
geschehen? Mit einem Male flutet alles regellos, ungeordnet, strudelnd
durcheinander. Die Meldungen sind ganz sinnlos, whrend 1000 Zellen
"Stiefel" leuchten, knden andere "Mondkalb", "Schweinebraten", "Fis
dur"; die Finger- und Armkrne zucken, die Beinregister wirbeln
durcheinander, alle Begriffe rasen wie ein Karussell, und die
Irr-Lichtsucher zucken ringsumher an den Fenstern des Seelenarsenals,
ohne die fliehenden Dinge fassen zu knnen--das Struwwelpeterbild eines
berauschten Gehirnes! Da ist etwas entzwei gegangen, hnlich wie an
einer pltzlich versagenden elektrischen Lampe, wie an einem brllenden,
zischenden, zitternden, stampfenden Automobil. In der Tat: die
Hemmungen, die in der Elektrizittszentrale wie im Gehirn die Ordnung
garantieren, sind kaput. So wrde der Bescheid eines kundigen
Seeleningenieurs lauten. Jedes solche Denksternchen (Ganglion)
hat nmlich um sich ein Gespinst von isolierendem Material
(Hemmungsgeflecht), wie jeder Kupferdraht sein Seidentrikot, welches
Stromgebung und -empfang reguliert, und zwar von der groen Pumpstation
aller Sfte und Krfte, dem Herzen, her. Je nach Fllung und Entleerung
dieser Berieselungshllen der Nervenkntchen in Gehirn und Rckenmark
sind die Strahlungsbahnen geschlossen oder jedem Einfall, jeder
Vorstellung, jeder Handlungsvornahme offen. Schade, da man immer so
weit ausholen mu, wenn man Fachgelehrsamkeit populr machen will; die
dicke, dicke Schale, die zu durchdringen ist, lohnt selten den kleinen,
bescheidenen Wissenskern. Jetzt aber sind wir wirklich am Kern der
Sache. Jetzt wissen wir, was eigentlich physisch geschieht in unserer
Seele, wenn wir berauscht sind. Es ist ein wirkliches Ganglienstrudeln,
-pltschern und Aneinanderpoltern hin- und hergeschleuderter Blttchen
im Orkan der allerverschiedenartigsten Erregungen, welche unsere
Hirnzentrale gepackt haben. Da kommt beispielsweise die langsam
anschwellende Welle vom Saftstrom des Blutes, sagen wir einmal vom Magen
her mit dem Alkohol. Die kleinen, anfnglich vom Willen des ganz
vernnftigen Trinkers, der sich gerade heute vorgenommen hat, ausnehmend
solid zu sein, noch gut beschrnkbaren Dosen des mehr Leiden- als
Freudenbringers Alkohol treffen kreisend in den labyrinthischen
Gezweigen des Blutgefsystemes auch die letzten, kleinen,
feinen Seidengespinste um die Gangliensternchen. Die abnorme
Beimengung lt die Gefnerven ihre Fhler einziehen, die
Gefrhrchen werden enger und damit die Ganglien austauschbereiter,
anschlu(assoziations-)lsterner. Da haben wir den ersten Effekt: unser
eben noch ganz in seiner Wrde eingekapselter Tischgeno wird merkwrdig
lebhaft, spricht flssiger als sonst, ihm fllt auch wohl gar eine
hbsche, neue Wendung, eine geistreiche Nuance ein, ber die er beinahe
selbst erstaunt und selbst geschmeichelt vor Freude rter wird als
sonst; das gibt ihm ein Gefhl von Huttenscher Lust, zu leben,
obwohl ihm vielleicht sonst ziemlich alles schief geht; dieser
Lebensfreudenberschu gibt ihm den Kupplerrat, heute einmal nicht
so zimperlich zu sein, dem schnen Stoff mal kraftvoll auf den
Leib zu rcken, zumal er ja augenscheinlich immer geistreicher
wird, sein "ungehemmter" Geist schwebend leicht ber Hh'n und
Tiefen aller Probleme dahinsteuert mit einer Art selbstanbetender
Schnheitsinnigkeit; das alles macht die mit den "Einzeldosen"
steigende Anschlufhigkeit der Ganglien; die Hemmungsgespinste sind
durchlssiger geworden, sie sprhen sich Welle um Welle zu, in lustig
hpfendem Tanz, indem der beschleunigte Puls, gleich dem schnellenden
Schwanz der munteren Forelle, immer mehr rhythmische Strudel von
Kontaktmglichkeiten (Assoziationen, wie das schreckliche Wort
heit) gibt. Die Leichtigkeit der geistigen Ein- und Ausgabe macht
unseren Lebemann zum geistigen und materiellen Verschwender;
Selbstberschtzung, Renommiersucht, Grenwahn verderben die geistige
Atmosphre.

Nun aber gibt es eine physische Grenze der Erregbarkeit der Gefnerven,
welche diese Hemmungserleichterung bedingen, sie schlagen ins Gegenteil,
in Lhmung und damit in Erweiterung der kleinen Hirndrainagerhrchen um,
und nun wird oftmals ganz unvermittelt unser lchelnder, jauchzender
Lebensbejaher zu einem Tiefmelancholischen, zum tppischen Mllersknecht
mit trgster, langsamster, bldester Telephonleitung. Die uglein
blinzeln nur noch verschmitzt, die Zunge lallt und kndet nur noch
die bekannte, immer wiederholte, eingleisige Geschichte, das Haupt
sinkt und endlich--ein Kurbelruck an der Hemmung: Falstaff schnarcht
mit jenem unpoetischen Echo, mit dem die ausgleichende Natur die
Bacchantenjauchzer zu beantworten pflegt. Die langsam vordringende
Hemmung hat Lichtlein um Lichtlein am Seelenhimmel ausgelscht,
Nebelschleier und Tarnkappe um die Funkenstationen gezogen und mit
fester Hand die schrankendurchbrechende Feuerseele auf die sanfte Glut
des unter der Intellektasche glimmernden Unterbewutseins verwiesen.

Das ist immer dasselbe Spiel, oft nur durch manche phantastischen
Exzentrizitten mit dem Beigeschmack des Wahnsinns nuanciert, ob das
Gift nun Alkohol, Morphium, Haschisch usw. usw. heit. Ja, die Herkunft
des Alkohols schon frbt den Rausch spezifisch, wie denn, trotz chemisch
gleicher Formel, Fuselalkohol und veilchenduftender Kognak ganz anderen
Anschlag auf der Klaviatur unseres Seeleninstrumentes bekunden. Es ist
brigens bei allen Rauschgiften so, als ob dem chemischen Skelett doch
etwas von dem Himmel und Erdreich, unter dem es in der Sonne reifte,
anhaften bleibt, so da in der berauschten Seele des Menschen sich etwas
von der Heimat der Trnke kund zu geben scheint, aus der sie stammen. So
haben Haschisch und Morphiumtrume immer etwas Orientalisches in ihren
Motiven, und der Kartoffelspiritus verrt pommersche Derbheit und Kraft
nicht weniger deutlich als des Rheines Traube Heiterkeit und Frankreichs
Schaumwein seinen perlenden Geist.

Aber auch, was die Kunst an Berauschtheit, an Lebenserhhung,
Anschluleichtigkeit und dionysischem Wahn in uns erzeugt, spielt sich
ganz hnlich im Kaleidoskop der Seele ab. Was ist Begeisterung anderes,
als das Hineingerissenwerden unseres seelischen Rhythmus in die
brausenden, rauschenden Wellen einer vollaustnenden, bermenschlich
schnen Sprache, in das gleiende Spiel einer geistsprhenden
Gedankenkunst, in das se Wogen und Wiegen einer hinreienden Melodik
und Harmonie? Im Mittelma schwingt meine Seele, aber die extremen
Rhythmen reien sie zum Einklang mit jauchzendem Lustempfinden, denn
jedes Kunstempfinden, das Fesseln des Alltglichen von meiner Seele
reit, entfesselt auch den Prometheus in mir und macht mein Herz zur
Feuerseele; darum berauscht die Kunst. Die goldenen Bltter meiner
schnen Mglichkeiten fliegen rauschend empor, wenn ihr Feuerodem mich
durchbraust; nie empfundene, nie selbst zu erzeugende Akkorde greift sie
auf meiner Sinnenorgel. Sie zeigt mir glhende Nebel von Sonnen der
Kleopatra, die ohne des Knstlers Weltallsodem niemals vielleicht in mir
ihren mystischen Spiegel erhalten htten, sie gibt mir Farbensymphonien,
die mit mir vielleicht htten sterben mssen, wenn nicht eines
Gottbegnadeten Lichterspiel meine Seele zum reflektierenden Kristall
gemacht htte!--Und das alles durch diese Wunderwelt von seltenen,
exotischen, niemals selbst erzeugten Rhythmen auf allen Klaviaturen
meiner Sinnesinstrumente. Vom Rausch der Hautnerven bei den schnen, von
weicher Hand gespendeten Berhrungen und Streichelungen bis zu dem des
Auges, das schne Linien, Farben und Formen gierig trinkt, bis zu denen
des Ohres, das Geist und Wohllaut in sich saugt--immer dasselbe
daseinfrdernde Lustgefhl sinkender Fesseln, fallender Hemmungen,
schmelzender Erstarrung. Da tnt der Himmel vor lauter Geigen, die Luft
schneit Rosen, und der Odem wird paradiesisch leicht. Die Kunst gibt
Lebenssteigerungen, herrlicher und berauschender, als sie je aus
goldenen Schalen als Trank, und sei er aus den Trauben Edens gekeltert,
der sonnenwrts gerichteten Seele gereicht werden knnen.

Seid von der Schnheit dieser Welt berauscht--das ist wohl die beste
Lehre eines Kmpfers gegen den Teufel Alkohol!

  Treibt mein Blut ein Himmelswirbel?
  Zukunft steigt aus Vlkerschmerz,
  Ewiges aus Lebensglut,
  Menschheit, dir gehrt mein Herz!
  (Franz Evers)




DIE MUSIK ALS ERZIEHERIN


Die industrielle Technik, die es fertig gebracht hat, da der ganze
groe Erdball zu einer gemeinsamen Heimat des Menschen geworden ist, die
alle noch so abgetrennten Glieder des Erdreiches mittels elektrischer
Nervenfden und Verkehrsadern zu einem einzigen gewaltigen,
kontinuierlichen Organismus vereint hat, diese industrielle Technik ist
zweifellos der Trger der Kultur des Abendlandes und wird es noch lange
bleiben. Ist doch die ganze groe, geistig-humane Idee der sozialen
Frsorge, die vielen wohl als der eigentliche Brennpunkt unseres
Kulturfortschrittes erscheinen mag, nichts als die direkte Konsequenz
des unendlichen Aufschwungs und des allseitig eindringenden, uns alle
umspannenden Einflusses der Technik. Wie in dem glcklich berwundenen
Zeitalter des Materialismus die Naturwissenschaft die Religion aus dem
Mittelpunkt des geistigen Interesses der Kulturnationen drngte, sie,
welche die Zentralleuchte des gesamten Mittelalters gewesen ist, so
scheint die objektive, Ursachen suchende Wissenschaft in unserer Zeit
lngst berstrahlt von den blendenden Erfolgen der Technik, die jene,
die Wissenschaft, aus der Ruhe ihres Selbstzwecks hob und lngst in
ihren Frondienst zwang. Hat doch auch die Philosophie, diese Knigin des
Wissens, ein nur noch leise hallendes Echo in den Hainen der groen
Sehnsucht der Volksseele. Und wie steht es da mit der Kunst,
diesem einst so mchtigen Wrmfeuer menschlicher Gemter und
Lebensgestaltungen? Kann es ein Zweifel sein, da ihre schn gewirkten
Fahnen schlaff am Maste hngen, whrend ein frischer Wind dem stolzen
Schiff der Technik alle Segel fllt? Wohl ist es eine Zeit der fast
gttlichen Verehrung groer Knstler, die nicht einmal immer den
Vergleich mit ihren greren Ahnen aushalten, nicht aber eine Zeit der
Kunst! Wir haben noch keine Kunst, die in der Seele aller unbestritten
als Geliebte lebendig wirkte, unser Tun beeinflute, unserem Willen und
Denken Richtung wiese. Die Technik hat gesiegt und berstrahlt alles.
Ja, so sieghaft ist die ihr innewohnende Werbekraft, da auch in der
modernen Kunst das technische "Wie?" fast alles ist. Das ist nirgends
offenkundiger als in der Musik und gerade hier dem Freund der Volksseele
am allerschmerzlichsten. Es kann wohl von niemandem ernstlich bestritten
werden, da wir Deutschen mit dem Charakteristikum unserer vertrumten,
gefhlsinnigen und grbelnden Seele--vielleicht gerade deshalb--das
musikalischste Volk der Erde sind. Kann doch eigentlich nur Italien mit
uns bisher konkurrieren um den Preis der grten Leistungen, der
ewigsten Werke der tnenden Kunst, dieser Fhigkeit, von Seele zu Seele
zu wirken mit einer Sprache der Gestirne, mit einer Harmonie, die
wortlos von den ewigen, ehernen Gesetzen des Weltalls, von seinem
geheimen, himmlischen Sinn und von der ahnbaren Schnheit des wirkenden
Gtterwillens beredter spricht, als tausend Bibeln sprechen knnten. Die
Musik ist die unmittelbare Offenbarung der harmonischen Idee des
Weltganzen! In ihr ist alles Leid und alle Freude der Kreatur enthalten.
In ihr ist das Meer, der Fels, das Tal, der brausende Flu, der Friede
der Heide. Die Flammenringe schwingender Gestirne spiegelt das Meer
ihrer schwebenden Akkorde.

Sie kann Sonnen leuchten, Sterne verblassen lassen. Alles
Naturerscheinen ist ihr ausdrckbar. Jedem Menschenschicksal, jedem
Ereignis, jeder Stimmung findet sie die entsprechende Symbolik. Sie ist
wie ein allen Fhlenden gemeinsamer, dem Hchsten und dem Geringsten
offener Tempel, in dem ein Glaube verkndet wird, vor dem ohne
Widerspruch sich Herzen und Geister beugen. Sie ist die Sprache unserer
himmlischen Heimat, der Laut des ewigen Vaterlandes ist in ihr. Sie ist
wie eine unbewute, stille friedliche Einigung ber alles Zwiespltige
von Menschenbrust zu Menschenbrust.

Ist so Musik wie ein in jedes empfindsame Herz gesenkter heimlicher
Besitz von etwas berirdischem, wie ein verstecktes Stckchen
Himmelsblau, wie eine echte Reliquie eines gttlichen Wanderers ber
irdische Gefilde, die jeder irgendwo im Schrein der Seele als sein
Kstlichstes bewahrt--wie sollte man nicht bedauern, da die Art, wie
man heutzutage die Musik zu etwas unerhrt Khnem, knstlich
Hochgeschraubtem, exzentrisch Dionysischem, schreiend Krassem
emporpeitscht, ganz und gar dazu angetan ist, sie der Volksseele zu
entfremden!

Und doch ist nichts so geschaffen, das Herz der Menge tief zu ergreifen,
so sanft zu leiten, so innerlich zu bilden, wie diese abstrakte Sprache
des Gefhls. Es kann nicht zu oft gesagt werden: mag jede andere Kunst
schlielich ein Bildungsvorrecht der Begterten, einer kleineren
Gemeinde von Kennern und Gelehrten bilden, die Musik darf niemals der
Seele der groen Mehrzahl des naiven Volkes geraubt werden. Aus dem
Volkslied und dem Choral emporgetaucht, wie ein Eiland aus dem Meere
ursprnglichsten, innigsten Empfindens, mu sie auch Eigentum des Volkes
bleiben.

Beispiellos in der Entwicklungsgeschichte der Knste und Wissenschaften
ist die Siegeslaufbahn der Musik. Whrend alle anderen Zweige geistiger
Kultur, alle anderen Knste Jahrtausende gebrauchten, um bis zum Gipfel
der Klassicitt aufzusteigen, durchma sie, diese empfindsame
Interpretin einer Logik des schnen Gefhls, den Zeitraum ihres
Erwachens aus dem naiven Volksempfinden und ihres Emporklimmens auf die
erhabensten Menschheitshhen in wenigen Jahrhunderten. Welch eine
Entwicklung von Palestrina bis Bach und Beethoven, welche Sturmflut von
Bach bis Wagner und welches berschumen in unseren Tagen! Und das alles
im schnellsten Tempo berreichen Wachstums, so da gleichsam im Umsehen
die einfachen Zelte ihrer nomadischen Existenz sich zu prachtvollen
Domen und Palsten emporwlbten. Bei allzu hitziger Treibhauskultur
pflegt auch den edelsten Gewchsen die Entartung zu drohen! War die
Musik der alten Meister eine unpersnliche Anbetung eines
selbstgeschaffenen, nackten, schnen Weibes, so scheint man in der Zeit
der siegenden Technik darangegangen zu sein, den Leib dieser Gttin mit
eitel Schmuck und bunten Gewndern zu berschtten. Den Kultus des
Leibes lste ein Kultus der Trachten ab. Statt des schnen Gemldes ein
Chaos bunter, gleiender Farben. Nicht mehr der musikalische Gedanke in
vierstimmiger Reinheit ist die Hauptsache, sondern mit allen Mitteln
ingeniser Instrumentation sucht man das Neue in der Auffindung
frappanter, orchestraler Klangeffekte. Nicht der klare Grundri ist der
Trger des Stils, sondern eine staunenswerte Phantastik der Arabesken
verdeckt die reinen Linien des innersten Gefges. Dieses berwuchern des
Technischen in der Musik hat, so verblffend die Resultate in bezug auf
die Freiheit aller selbstndig gefhrten Stimmen (Polyphonie und
Kontrapunktik) sein mgen, eine groe Gefahr: die des Ausweichens der
Musik auf das Gebiet tonmalerischer Gerusche! Das Exzentrische der
verblffenden orchestralen Technik entfremdet damit mit Sicherheit die
Musik dem Boden des Volksempfindens. Zum wenigsten ist sie dem stets
langsam nachrckenden Verstndnis der breiten Massen vorlufig viele
Epochen hindurch vorangeeilt. Aber es kann mit Fug und Recht die Frage
aufgeworfen werden, ob die moderne Musik berhaupt Anwartschaft hat, bis
zur Seele des gemeinen Volkes vorzudringen. Sie mag verblffen und
hypnotisieren, fanatische Anhnger und unerbittliche Gegnerschaft
erwecken--erwrmen, vertiefen, rhren, erschttern und das Heiligste in
uns bewegen wird sie kaum. Dazu appelliert sie zu sehr an den Verstand,
zu wenig an das schlichte Herz. Dieser unmittelbare Appell an das Gemt
des Hrers, diese Knige und Bauern gleich packende Unmittelbarkeit
unserer klassischen Musik ist es, die allein erziehliche, bildende,
erhebende Kraft fr das Volk hat.

Nur so geartete Musik ist im Geisteskampfe der Kulturstrmungen unserer
Tage mit aller ihrer Tageshast und Existenzangst ein unentbehrliches
Gegengewicht, gleichsam ein heiliger Hain, in den die mden Verfolgten
jederzeit fliehen knnen und wo ihnen keine Macht der Erde kraft
himmlischen Gesetzes etwas anhaben kann. So weit ich sehe, haben wir
keine Mglichkeit, den Strmen des Lebens einen so Ruhe spendenden Hafen
entgegenzusetzen, als die, dem nervsen Impuls unserer Zeit durch
gesunde musikalische Gensse Ruhe und Zuversicht wiederzugeben. Nicht
nur, da die Irrenrzte wissen, da einfache Musik beruhigt und sanft
stimmt, Illusionen zerstrt und Wahnvorstellungen verscheucht, jeder hat
an sich schon dies innerliche Aufatmen der gengstigten Seele, dies
Stillewerden der Dmonen vor den heiligen Klngen versprt. Wahrlich,
gerade in unserer Zeit ist es von Wert, den bildenden, heilsamen,
beruhigenden und vertiefenden Wert der guten musikalischen Darbietungen
auf das Gemt des Volkes laut und vernehmlich zu betonen. Man schaue
einmal die Andacht gerade unserer einfachen Leute bei den Gratisspenden,
die unsere Musikkapellen dem Publikum um die Mittagszeit darbieten. Es
ist, als gbe es in unserer Riesenstadt pltzlich Tausende, die der
Daseinskampf gar nichts angeht. Man sehe den Hunderten nach, die die
Militrmusik mit sich zieht, die sie ans offene Fenster bannt, und man
wird erkennen, mit welcher elementaren Macht ein Marsch wie ein
Rattenfngerlied an den Herzen reit und lockt zur willenlosen Nachfolge
ins Blumenland der Phantasie! Tiefer gefat, ist die Musik eine
Kulturmacht ersten Ranges, sie ist fhig, dem Gemtsleben unserer Zeit
eine Religion ohne Dogmen, ein Hort tiefster Seeleneinkehr zu sein! Sie
ist die gefhlvolle, snftigende Schwester der vorwrtsstrmenden
Technik.

Darum kann unseres Erachtens kein Unternehmen dankbarer begrt werden,
als die Absicht, den breitesten Volksmassen die Mglichkeit zu geben,
gute Musikauffhrungen zu genieen. Man mag darber streiten, ob die
Oper z.B. an sich eine ideale Kunstform ist oder nicht, das eine kann
nicht zweifelhaft sein, da der Erziehungswert gerade der Oper fr das
Volk ungemein hoch einzuschtzen ist. Gewi, es mag dem scharfen Denker
unnatrlich erscheinen, da die dramatische Handlung durch Gesang, Chre
und Zwischenspiele widersinnig gehemmt und verzgert wird, aber liegt
nicht in der breiten Schilderung seelischer Motive, in ihrer
eindringlichen Interpretation durch die Musik, wie in dem griechischen
Chor, eine ausgezeichnete Methode, tief innerlichst jedem Zuhrer die
Seelenspannungen der Handelnden einzuprgen? Ist es nicht die beste Art,
auf das tiefste Mitleid und Furcht, Verstndnis fr alle
Menschlichkeiten, fr jede Tragik und Lust in der Seele zu wecken? Und
dann bedenke man vor allem, wie sehr die Volksseele gerade in der Oper
sich eine von keinem anderen Zweig der Dichtung bertroffene
Ausdrucksform geschaffen hat. Sie ist ein naiver, ehrlicher Reflektor
des nationalen Empfindens und der nationalen Eigenart. Welche Flle von
Volkstmlichkeit spriet uns allein aus unsern deutschen Opern entgegen!
Wie unmittelbar verstndlich aber auch reprsentiert sich der fremde
Volkscharakter in der italienischen und franzsischen Oper! Fr die
breite Masse bietet so gerade die Oper eine kulturell beraus wichtige
Mglichkeit, auf die angenehmste Art ein Stck Vlkerpsychologie und
Kulturgeschichte zu treiben, da man aus historischen, nationalen,
phantastischen oder romantischen Opernwerken eine unerschpfliche Flle
von fruchtbaren Bildungsansten erhlt. Mit der ganzen Zauberlockung,
die Dichtung, Gesang, Orchester, Malerei und Ausstattung gemeinsam vor
dem Genieenden auszubreiten vermag, stellt in der Tat die Oper das
universellste Kunstwerk dar. War es doch dies hohe Ziel, welches dem
Genius Richard Wagners vorschwebte, indem er die Oper zu einer Arena
aller Knste emporheben wollte. Wo hat dies Wagner am herrlichsten
erreicht, wenn nicht da, wo er echt volkstmlich blieb: im Lohengrin,
Tannhuser, Fliegenden Hollnder und dem deutsch-nationalsten Werke
neben dem Faust: den Meistersingern?

Gerade die Volksoper hat Meisterwerke in Flle, um ihr Amt als
Erzieherin des Volkes auf das herrlichste zu erfllen. Gerade unsere
deutsche Musik ist reich genug, um sich den Ehrenplatz neben allen
Kulturfaktoren unserer groen Zeit zu erringen.

Aber gerade hier bei der Oper sehen wir den das Ziel verrckenden
Einflu der Technik am allerdeutlichsten. Wie in dem Schauspiel die
Ausstattung mit allen Mitteln einer raffiniertesten, maschinellen
Verblffungs- und Blendungsmethode sich vor der geistigen Idee eines
Dichterwerkes breit zu machen beginnt, so ist die groe Oper noch viel
mehr darauf angewiesen, der Maschinen- und Dekorationstechnik die Rolle
eines unendlich kostspieligen Rivalen gegen den Geist der Tne
zuzuschieben. Auch hier wieder ist die Folge Entfernung des
Besitzstandes der Musik von ihrer Heimsttte, der Volksseele. Wo sind
die guten alten Zeiten geblieben, wo jede neue Oper im Sturm
volkstmlich wurde und ihre Arien, ihre Themen in Werkstatt und Salon
mit gleicher Selbstverstndlichkeit gesungen, gepfiffen, gespielt
wurden? Die Technik hat es zuwege gebracht, da die schwerste
Problemmusik geschmackverwirrend und Halbgebildete in Massen zchtend,
von Phonographen und Pianolas an allen Ecken heruntergeleiert, Markt und
Gassen beherrscht. Hier ist ein Gleichgewicht dringend ntig, eine
heilsame Rckkehr zur erprobten, altvterlichen Klassizitt dringend
geboten. Wieviel Heil knnte da dem Volksempfinden aus einer wirklich
trefflichen Volksoper erwachsen! Aber freilich, Vollendetes mte sie
bieten knnen, wenn sie den zirzensischen Vergngungen der Menge, den
Varits, den Ausstattungsstcken, den Ringkmpfen und anderen
sportlichen Extravaganzen Paroli bieten wollte. Man mte ein schlechter
Menschenkenner sein, um nicht zu wissen, da die Volksseele zwar leicht
auf Irrwege zu fhren, aber doch niemals auf die Dauer und im letzten
Sinne vom geraden Wege der Aufwrtsentwicklung abzubringen ist. So kann
sie sich lange von verblffenden uerlichkeiten blenden lassen, aber
schon jetzt scheint sie nach Vertiefung und Verinnerlichung zu hungern.
Der Verstand des Menschen hat seine Vorratskammern fast berfllt, die
Seele, das Gemt in unserer Zeit ist leer ausgegangen und sucht in
Spiritismus und Okkultismus einen unverdaulichen Ersatz. Wo aber knnte
die Seele des Volkes tiefer und nachhaltiger ergriffen, gelutert,
gerhrt und auf menschliche Gte gestimmt werden, als vor dem Altar der
Musik, von dem so viele deutsche Genien das hohe Lied der Schnheit
verkndet haben!




MUTTER ERDE


Wie oft, wenn wir als junge Studenten Handwerksburschen gleich
hinauszogen vor die Tore, ber die junggrnende Heide hinweg, am
Wiesenrand entlang, hinein in die schlanken Birken mit dem Schleierlaub,
haben wir es vorausgesagt: es ist eine verflixt materielle Sache um das
Frhlingsgrn! Da ist irgend ein Stoff dahinter, der einem in die Poren
oder die Nase, nicht blo durch die Augen dringt, und so das Mark mit
jauchzendem Optimismus fllt! Etwas "Betrinkliches" mu
dahinterstecken!--Das war eine Anschauungsweise, die man freilich dem
Bruder Studio als naheliegend nicht allzu hoch anzurechnen braucht, sie
entsprang ja auch weniger tiefen Einblicken in den Zusammenhang der
Natur, als dem tglichen Umgang mit "stofflichen" Dingen. Dennoch war
sie weise. Die Physik, diese Frau Oberkalkulatorin der Natur, hat's mit
ihrer bebrillten Detektivnase herausgetftelt: es gibt im Chlorophyll
(grnes Pigment) der Pflanzen Bewegungen, die auf uns bergehen und
sonderbar schwellende, prickelnde, se Unruh schaffende Wellenkreise an
unserem Nervensystem veranlassen: das sind die aufgespeicherten
ultravioletten Sonnenstrahlen. Welch ein sonderbares Paradox! Jenseits
vom Violett und diesseits vom Rot, unsichtbare Strahlen! Und doch! Auf
diesem Paradox ist fast unsere ganze moderne Physik und Chemie
aufgebaut, so da man von nun an vorsichtig sein mu mit Leutchen, die
es lieben, mit Paradoxen und Aphorismen um sich zu werfen wie die
Automaten mit Schokolade oder Pfefferminzpltzchen. Leuchtendes Dunkel,
dunkler Strahl, Nachleuchten, Fluoreszenz, Lumineszenz,
Reibungsleuchten, Rntgenstrahlen, Radiumlicht, Becquerelstrahlen, und
wie die gleichsam unter der Sehschwelle verborgenen geheimen
Leuchtkferchen der Natur alle benamst sein mgen. Sie alle kann das
arme menschliche Auge, dieses Sonneninstrument, das der groe
_Helmholtz_ einen unvollkommenen Apparat genannt hat, nicht wahrnehmen,
und sie sind nur auf raffiniertem Umwege einzufangen; so in ausgepumpten
Glasrhren, in welchen elektrische Flammengarben sprhen, von denen sich
das unsichtbare Licht abstt wie Ru von der Kohlenflamme (im
Rntgenlicht), oder eingefangen durch Silbersalznetze, dessen Maschen
weniger durchlssig sind als die menschliche Netzhaut, und rckwrts
sichtbar gemacht durch die Photographie. Diese Experimente und tausend
andere haben nun gelehrt, da eigentlich alles, was ist, auf
Wellenbewegung und Strahlung herauskommt, und da die Reihe der Strahlen
mit den sichtbaren Strmen von Glanz, welche die Sonne ber unsern
finstern Planeten ausgiet, lange nicht abgetan ist, sondern da eben
auch ein Ozean von unsichtbaren, strahlenden Bewegungen im Sonnenlicht
mit auf uns herabprasselt, in dessen millionenfach variierte
Wellenbewegungen des thers alles, was ist, auch das Leben, mit
hineingerissen ist. Ja, Leben ist vielleicht nichts anderes als dieser
Weltenrhythmus, zu welchem Sonne und Ultrasonne mit unzhligen
Strahlensystemen die um sich selbst kreisenden Atomkomplexe der Masse
anpeitscht, wie ein Wasserfall des Mllers Rad. Das Leben des Kosmos,
der leuchtende Odem der Welt, bertrgt sich auf die Materie in Gestalt
rollender Strahlenwellen. In besonders feinen Krafttransformatoren, in
kleinen Speichermaschinen hat die organische Materie es gelernt, das
Betriebskapital solcher Lichtwellen aufzuhufen, um auch nachts und im
Dunkel des Wintertags die Maschine nicht stille stehen zu lassen: im
Grn der Pflanzen, im Rot des Blutes.

Der grte medizinisch-biologische Denker der Jetztzeit, _Ottomar
Rosenbach_, hat diese Betriebsmechanik durch feinste Molekularstrme bis
ins kleinste ausgedeutet, ja den ganzen Entwicklungskreis, welchen die
Physik und unsere modernen Anschauungen gezeitigt haben, klipp und klar
vorausgesagt. "Die reichlich flieenden, unsichtbaren, feinsten Strme
der Auenwelt allein sind die Grundlagen der Bildung der spezifisch
somatischen Energieformen!" Da haben wir des Rtsels Lsung: Das Grn
des Frhlings, der Glanz der Bltter und Blten, das Himmelsblau, das
Spiel des Lichtes, sie alle haben berall gleichsam hinter sich
unsichtbare Schattengeister, die auf goldenen Leitern hineinklettern in
die geheimen Werksttten der Zellen, Zellstaaten, Pflanze, Tier und
Mensch und hier ihre stille Arbeit verrichten. Es ist eben auch auf der
Erde nicht anders wie beim Beginn des Lebens im Wasser. Als die
Triebkraft die im Meere gelsten Atome von Kohlenstoff, Stickstoff,
Wasserstoff und Sauerstoff zu Betriebskomplexen in rhythmischem Anprall
all ihrer Krfte zusammengeschweit hatte, da gab die in erster
Organisation gebildete einfachste Zelle die aufgespeicherte Sonnenkraft
in der gleichen Form zurck. Noch heute sieht der Meerfahrer mit Staunen
die Kiellinie seines Schiffes aufglhen im Fluoreszenzlicht des
leuchtenden Meeres. Hier schafft in Myriaden von leuchtenden Zellen die
Sonne transformiertes Licht. Die Quelle der Kraft die Sonne, die Zelle
der Transformator, die Arbeit das widergestrahlte, gewandelte Licht! So
glht auch aus den Furchen der von den Naturgewalten oder von
bestellender Hand aufgelockerten Erde im Frhling das Licht der Welt
zurck. Lebensglut in allerverschiedenster Form leuchtet auf aus Keim
und Halm, aus Busch und Wald, aus Mensch und Tier. Heines sentimentales
Gedicht feiert Luna als die trauernde Gattin des grollend einsamen
Sonnengatten. Das erfordert eine kleine biologische Korrektur: nicht
Luna, die kalte, kraterstrotzende Schnheit ist die Gattin der Sonne,
nein, unsere Mutter Erde ist es, die dem gewaltigen (brigens schwerlich
in Einehe lebenden) Knigsgestirn Myriaden Kinder gebiert. Sie, unsere
nach _Fechner_ durchaus lebende, atmende, sich bewegende, Pulse und
Kreislauf der Gewsser zeigende Allmutter ist es, welche in jeder ihrer
Ackerkrumen, auf felsigem und auf sandigem Boden, ja sogar in ihren
atmosphrischen Nebelschleiern berall Wiegen und Brutsttten fr
ungezhlte Geschpfe trgt, von denen die kleinsten nicht weniger
Wundertrger sind als die grten. Mutter Erde! Im Bann des feurigen
Gemahls gehst du ewig schaffend, ein ewiges Brautbett und ein ewiges
Grab deiner Geschpfe, die vorgeschriebenen Kreise, hllst dich ins
hochzeitliche Grn und schlfst unter dem Linnen des hllenden Schnees.
Du reckst die Kuppen deiner Berge und die schumenden Arme der See empor
zu den Feuerstrmen deines Gebieters, und in deinen Tiefen und Hhen, in
deinen Schlnden, deinen Hllen glht es allberall von den
Lebensgluten, mit denen dich der Sonnengott tglich aufs neue
berstrahlt.

Uns aber, armen Kindern, Erdgeborenen deiner unentrinnbaren Liebe, die
wir dich niemals ganz in voller Schnheit sehen--denn eine Weltreise
selbst zieht nur eine winzig schmale Spur um deinen Riesenleib--bist du
an jeder Stelle die hllende, liebende, prgende Mutter! Denn unsere
Heimat ist immer nur ein armselig Fleckchen deines nur der Phantasie
erreichbaren gewaltigen Umfanges. Welche Kraft in der Heimatliebe! Uns
prgt die Scholle, uns fesselt die Scholle und lt uns nie mehr los mit
tausend und abertausend Fden, die aus dem Boden stammen. Welch eine
geheimnisvolle Mimikry in der Bildung unseres Gesichts und unseres
Leibes nicht nur, sondern auch in den feinsten Regungen unseres Gemtes.
Hat nicht das Auge des Seemanns den Farbenton der See, wie die Qualle
den farblos durchsichtigen Charakter des Wassers? Ist es ein
Unterschied, wenn das langbeinige Insekt Form und Farbe von Zweig und
Blatt annimmt, und wenn des Menschen innerstes geistiges Bewegen, seine
Lieder, seine Sehnsuchten abhngig sind von dem Boden, der ihn geboren?
Das eben sind jene rhythmisch gestaltenden Bewegungswellen, die Land und
Pflanze, Tier und Mensch eines bestimmten Bezirkes schlielich abstimmt
auf eine biologische oder sthetische Einheit, die so klar hervortritt
an den autochthonen Poeten der Heimat.




BER GRBCHEN UND FALTEN


Wer aufmerksam einem Portrtmaler bei der ersten Skizzierung eines
menschlichen Antlitzes zuschaut, dem wird es nicht entgehen, wie wenig
Linien eine "schauende Hand" ntig hat, um den ganzen lebendigen Gehalt
einer Physiognomie in des Betrachters Seele neu zu erwecken, wie wenig
armselige Kohlenstrichelchen gengen, um die Wunder der Persnlichkeit
auf das schrfste und zwingendste zu umschreiben.

Welcher staunenswerten Vielseitigkeit der Natur an Variationen ber
dieses einzige Thema, Gesichtstypus, vermag der Knstler tastend
nachzugehen, und wie schnell kann die geringste, oft nur mit Millimetern
rechnende Ausweichung, Verlngerung oder Verkrzung eine schon
vollendete hnlichkeit gnzlich ber den Haufen werfen. Sonderbar: es
sind viel mehr die weichen Teile des Gesichts mit ihren Falten, Linien,
Gruben, Schatten, Einsenkungen und Abrundungen ber den starren
Wlbungen des Kopfskeletts, die die Persnlichkeit fr das Auge
blitzartig erkennbar machen, als die festen, typischen, schwer
individualisierbaren Linien der knchernen Grundlage des Kopfes. Es ist
ein eigentmlicher, aber doch richtiger Gedanke: man wrde ein geliebtes
Haupt eher an einem Ohrzipfelchen wiedererkennen, als man je aus einer
Schar von Totenkpfen den eines verstorbenen Bruders, einer Freundin
herauszufinden imstande wre. Auch wird zur Rekognoszierung der
Verbrecher immer die bildliche Darstellung mehr leisten als die feinsten
Schdelmae eines die knchernen Verhltnisse bercksichtigenden
Systems. Der Grund ist ein sehr einfacher. Die Seele, diese letzte,
mystische Trgerin der Persnlichkeit, hat keine Gewalt ber ihr aus
Kalkkristallen gebautes Knochenhaus, sie formt aber um so emsiger mit
feinsten Nervenfingern am plastischen, sich windenden, Wellen bildenden
Material der Muskeln. Denn auch die Haut, dieser wunderbare,
stumpfleuchtende, hllende Mantel des Krpers, dies schmiegsamste
natrliche Trikot des Leibes, ist ja durchsetzt mit Millionen kleiner
Muskelstrhnen, die auf das feinste und vielfltigste die zarte Decke
der Gesichtsteile zu verschieben imstande sind. So gleicht das Antlitz
des Menschen immer bewegt und den Ausdruck wechselnd der Physiognomie
eines nur scheinbar starren und unbeweglichen Berges, auf dem das Licht
unaufhrlich spielt, oder der Spiegelflche eines Sees, ber den Wind,
Himmel und Wolken dahinziehen. Und doch hat jede Physiognomie bleibende,
nie ganz verstrichene Linien und Vertiefungen, die die seelischen
Affekte zwar steigern oder mildern, aber nicht ganz verwischen knnen,
die sogar der Tod, der alle Bewegung mit einem Ruck hemmt, nicht ganz
ausgleichen kann. Denn das Friedenvolle, das dann ein eben noch in
Qualen verzerrtes Antlitz erhlt, ist wohl nicht der Abglanz einer zum
ersten Mal geschauten besseren Welt des Jenseits--ach! wenn es doch so
wre!--sondern es ist der Effekt des Nachlassens heftiger
Muskelspannungen, das sanfte Zurckgleiten aufgewhlter Muskelwellen in
die Ruhelage, in das Gleichgewicht der Ewigkeit. Im Leben aber sind es
gerade diese in nimmer ruhendem Muskelspiel hin- und herbewegten
Schatten, diese zueinander strebenden oder ausweichenden, oft parallel
laufenden Bgen, diese Falten, die die darunterliegenden Muskeln
aufwerfen wie kleine Kobolde, die unter Teppichen ihr Spiel
treiben,--die wie lebende Runenzeichen dem Antlitz die Sprache, das
Charakteristische, das Verrterische, das Snftigende oder das
Aufreizende, das Beherrschende und das Ergebene, das teuflisch
Abstoende oder den berirdischen Liebreiz, das Dmonische oder das
Gttliche geben.

Vor die starrenden Hhlen des grinsenden Schdels breitete uns Natur
eine weiche, zart getnte Maske aus Haut und Muskeln, Fett und
Fasergewebe, die bald straff gespannt, bald faltig und hngend ihr
Kolorit aus dem Rot des Blutes, dem Gelb des Fettes, dem Wei des
sehnigen Gewebes erhlt. Wohl gibt das feste Stativ der Knochen auch
dieser Maske die entscheidende grobe Modellierung, aber der eigentliche
Modelleur ist das Fett, die Fllsubstanz, die Abrundung gebende Masse,
die erst die weichen, schwellenden, welligen Linien schafft. Dieses aus
feinen, gelben Trubchen gebildete Gewebe ist die eigentlich plastische
Substanz in der Hand der grten Bildnerin Natur. Die unendlich
wandlungsfhige Struktur dieser in der Anatomie etwas grob als
Fettpolster bezeichneten Substanz bringt es mit sich, da das Gesicht
oft momentane Ausdrucksvarianten durchmacht, ganz ohne Muskelaktion,
allein nach dem Gehalt an Blut und Zellsaft in diesem aufsaugungs- und
entleerungsfhigsten Gewebe. Welch ein Zusammenfallen der gespannten
Zge der Wangen und der Gesamthaut beim pltzlichen Absinken der Krfte
im Schreck, in der Ohnmacht, im Chok, im hchsten Schmerz! Ohne da ein
Muskel zuckt, fllt der Tonus der Haut, das mittlere Ma gesunder
Spannkrfte zusammen wie die Segel bei sterbendem Winde. Der im
psychischen Affekt der Hilflosigkeit absinkende Blutdruck entleert die
strotzende Fllung der Fett-Trubchen, und das hohle Polster entzieht
der gespannten Haut die rundende Unterlage. Nirgends ist das so deutlich
sichtbar wie am Auge. Man hat sich vielfach den Kopf zerbrochen ber die
physiologische Bedeutung der Schatten unter den Augen, dieser "blauen
Ringe der Venus". Die Lagerung der Augpfel ist vom Gehalt der
Augenhhlen an Fett abhngig, weshalb bei Leidenden, Hungernden, bei
Gram und Grbeln die hohlen Augen entstehen, d.h. bei mangelndem Fett
die beiden Augpfel abwrts und nach hinten sinken. Dadurch bilden sich
Falten zwischen Haut und unterem Knochenrand der Augenhhle, die das
dunkle Venenblut hindurchschimmern lassen. Dieser Mechanismus des
Zurcksinkens der Augpfel kann so momentan vor sich gehen, da eine
schwere Anstrengung, ein vorbergehendes Ermatten des Herzens, ein
Sinken des Blutdrucks, ein Schreck, eine Depression, die hchste Wonne
der Liebe und das tiefste Weh mit dunklen Schatten das Auge oft ganz
pltzlich umkreisen. In diesem Sinne ist das Auge ganz sicher ein
Spiegel der Seele, wie auch das Aufleuchten der Freude, das Blitzen der
Lust im entgegengesetzten Fall den Anstieg des Blutdrucks am Auge
erkennbar machen. Wir verstehen also, da ein Schwinden des Fettes z.B.
im Alter die Haut runzlig und faltig, wegen Nachlassens der feinen
Unterpolsterung der elastischen Gesichtsmuskeln machen kann. Der
nutzlose Kampf gegen Runzeln und Krhenfe wrde nicht so verbreitet
sein, wenn eben nicht dieses Nachlassen einer gewissen Spannung des
Fettgewebes unter der Haut, seine Schwellbarkeit und Erektilitt, nicht
so verrterisch fr die Zahl der Jahre wre, die ber ein Antlitz ihre
Ringe und Furchen gezogen haben nicht viel anders wie am Durchschnitt
des Baumes. Auch Menschenstirnen tragen Jahresringe mit ihren
Sorgenfalten, Kummerlinien und Schmerzensrunen! Da hier ein feinerer
seelischer Mechanismus im Gesicht im ganzen wie am Auge im Spezialfall
besteht, beweist, da es nicht allein die Anwesenheit von Fettgewebe
ist, die Faltung und Runzelung verhtet, weil das Alter ja im
allgemeinen fett macht, sondern da es eine gewisse Schwellbarkeit des
Fettgewebes ist, die mit psychischen Affekten Hand in Hand geht, die
jung erhlt, und deren mit dem Herzdruck und der Atmungsenergie sinkende
Intensitt den alternden Gesichtern die strotzende Kraft, die psychische
Potenz nimmt.

Und nun zu den Grbchen: diesen launigen kleinen Schaukelwiegen der
Grazien, der Kobolde und Neckerpeter, diesen kleinen Nischen der
kichernden Heiterkeit, die so zart und liebreizend sein knnen, so weich
wie die von dem Flaum einer Mwen- oder Schwalbenbrust im Seesand
eingebuddelten Mulden. Auch sie haben mit den Fett-Trubchen zu tun; sie
sind nicht, wie ein Poet sagt, "die frohen Tippstellen einer mit ihrem
Werk zufriedenen Gotteshand", sondern sie sind an sich prosaisch genug
Hauteinziehungen ber Schmelzlcken des inneren Fettgusses. Wo
Muskelgruppen gegenseitig Lcken lassen, die nicht wie sonst durch die
plastische Fllmasse von innen her verdeckt werden, entstehen diese
kleinen Zentren der lachenden Lebensfreude, deren Beziehung zum
seelischen Innenleben eine so feine und schnell reagierende ist, weil
diese Polsterlcken rings von Muskelkulissen umgeben sind, deren
unaufhrliches seelisches Spiel wir schon mehrfach betont haben.
Gestehen wir es nur ruhig ein, die Wissenschaft kann nichts Erhebliches
mehr dagegen einwenden: das Gesicht mit seinen komplizierten
Einrichtungen symmetrischer Faltungen, Linien- und Furchenbildungen ist
ein Apparat der Seele, der von den groben und typischen Rhythmen des
mimischen Ausdrucks der Affekte bis zu den leise widergespiegelten,
huschenden Beschattungen des Gemts dem Seelenforscher verrterische
Kunde gibt. Der allein durch Faltung, Verziehung, Schwellung und
Abschwellung, Runzelung, Zuckung des Fettes und der Muskelbndel
erzeugte Wellentanz der enorm elastischen Gesichtshaut hat so
komplizierte Mechanismen, da es denkbar ist, da zwei Menschen der
Sprache entraten knnten, um sich ber alles Wesentliche zu
verstndigen, und da die Mglichkeit besteht, da viele Tiere nur durch
eine komplizierte Mimik gegenseitigen, die Sprache ersetzenden
Meinungsaustausch und Verstndigung erzielen. Man denke an die mimische
Nachahmbarkeit der Gesichtszge bei Schauspielern, um sich ein Bild von
der Feinheit des Muskelspiels im Kommando der Phantasie zu machen. Wird
es doch immer wahrscheinlicher, da die oft zu beobachtende hnlichkeit
miteinander alt gewordener Ehepaare auf einer Nachahmung der Bewegungen
des Gesichts beim Essen, Sprechen, Trinken, Lachen und Weinen beruht.
Und auch die hnlichkeit der Kinder mit ihren Eltern mag hufig mehr
funktioneil als formal sein, d.h., die nachgeahmten mimischen Eigenarten
der Eltern lassen die Kinder hnlicher erscheinen, als sie es in
mebaren Formverhltnissen, etwa der Nase, der Augen usw., wirklich
sind.

Da alle Faltungen der Gesichtshaut also Muskelbewegungen ihren Ursprung
verdanken, so sind sie, wie alles Rhythmische, in gewissem Sinne
bertragbar. Nicht nur Kinder ahmen exzentrische Gesichtsausdrcke nach,
auch Erwachsene eignen sich posenartige Grimassen anderer an. So
schreibt die Seele mit flchtigem Griffel ihre Neigungen, Wnsche und
geheimsten Sehnsuchten ins Tagebuch unseres Antlitzes, adelt unschne
Zge durch heien Trieb zum Edlen und verzerrt die edelsten Linien aus
der Hand des Gttlichen bis zur Abscheulichkeit. Wir alle sollten mehr
in Gesichtern als in Bchern lesen lernen!




DAS WUNDER DER WUNDHEILUNG


Eine der gewandtesten, nur selten entlarvten Gauklerinnen ist die
Gewohnheit. Sie versteht es, Rtsel, Merkwrdigkeiten und Probleme des
Lebens langsam und ganz unkontrollierbar hinwegzueskamotieren, so da
nur wenige von uns hinter ihren Kunststckchen die Mglichkeit eines
noch anderen Sachverhalts wittern. Dem Realisten ersetzt die Erfahrung
vollkommen die Erklrung. Was man recht oft erlebt, das glaubt man zu
begreifen, und Phnomene, die wir angestaunt haben, werden, wie Telephon
und Biograph, den Enkeln als die selbstverstndlichsten Dinge von der
Welt erscheinen. Dem groen Kind, dem Erwachsenen, ergeht es nicht
anders: Gewohnheit und Routine ntigen uns eine Brille auf, die in dem
Walten der Natur an allen Fragezeichen, an allen noch unbekannten
Mchten, allen Mrchengestalten, Symbolen und Mystizismen uns
vorbeisehen lt. Es war immer so, ist nun einmal so und wird gewi so
sein: das ist die Suggestionsformel der Erfahrungsweisheit, mit der das
trumerisch betrachtende, nachdenkliche, nach Ergrndung sehnschtige
Gemt in den Bann der "Bedrfnisse des praktischen Lebens"
zurckbeschworen wird. Und doch hat jeder in seinem Beruf Kenntnisse von
merkwrdigen Dingen, ber die er anders zu denken, als es die Tyrannei
"allgemeine Ansicht" mit den Fesseln der Gewohnheit erheischt, wohl
einen tief verborgenen Trieb versprt.

So ist fr die meisten die Tatsache, da Wunden heilen, eine
naturgegebene und selbstverstndliche Eigenschaft des Lebendigen, ber
die es fr die Praxis nur so weit Betrachtungen anzustellen lohnt, als
die Forschung Mittel und Wege verheit, den Ausgleich einer
Gewebsdurchtrennung sich mglichst schnell und grndlich vollziehen zu
lassen. Die Wundbehandlung interessiert naturgem viel mehr, als das
Problem der dabei ausgelsten Krfte: die geheime Spinnstube des
Zellstaates. Und doch: jeder, der eine Wunde behandelt, der ihren
Zustand prfend abwgt, sieht unmittelbar dem Wunder aller Wunder ins
Auge: dem Entstehen und Vergehen des Lebendigen, der Neugeburt, dem
Ersatz des Verlorenen, _einem Versuch zur Unsterblichkeit_. Wenn er ein
bichen Knstler ist in seinem Anschaun der Natur, wird ihn etwas von
der Ehrfurcht berhren, die jeden umweht, der sich den verschlossenen
Tren naht, hinter denen ein Geheimnis schlummert. Die Wundheilung ist
doch der Vorgang einer ausgleichenden Neugeburt an der Stelle
vernichteten Zellebens. Regeneration, Wiedererzeugung lautet das
allgemeine Gesetz, von dem die Wundheilung nur eine Teilerscheinung,
einen Spezialfall darstellt. Vieles ersetzt sich an unserm Leib immer
aufs neue, auch ohne da es uerer Gewalt zum Opfer fllt: unsere
Fingerngel sind in 4-5, jene der Zehen in 12 Monaten vollstndig neu
erzeugt, unsere Augenwimpern wechseln in 100-150 Tagen, und nach 4
Wochen wird keine Hautschuppe mehr an meiner Krperoberflche sein, die
heute hier geboren und ans Licht gehoben wurde. Unsere Hornhaut, dieses
klare Fensterchen, durch das alles Licht und jeder Schatten in unsere
Seele fllt, wird immer neu gefgt vom Rand her und immer neu geputzt
vom sanften Schlag der Lider. Den ganzen Krper durchstreifen Millionen
wandernder Semnner, die die weiten Felder und die tiefen Schachte
aller organischen Gebilde mit neuen Keimen berschtten. So ist das
Wunder des Sens und des Erntens, der Akt des Fruchtens und des
Neubildens, des Sterbens und der Wiedergeburt in uns allen immer am
Werk. Die winzigen Handlanger dieser stndigen Arbeit bei Tag und bei
Nacht am Webstuhl des Organischen sind direkte Abkmmlinge jener
Wunderzellen, die eine rtselhafte Kugel formten, aus deren Kapsel das
Dasein eines jeden von uns sprang: die Trger der erhabenen Idee der
Menschheit. Denn was ist ein befruchteter Keim anders, als die sichtbare
Form der Unsterblichkeit, eine Hoffnung, ein Beweis fr die
Unvernichtbarkeit des Lebendigen, fr die kontinuierliche Erhaltung auch
der kompliziertesten Krfte! Diese Keimlinge, die kein Geringerer als
der Nestor der Anatomen, der greise _Klliker_ in Wrzburg, als direkte
berbleibsel des befruchteten Eies auffate, die sich zu Millionen
Individuen, zu weien Urtierchen, Leukozyten genannt, in unserm Krper
vermehrt haben, springen nun berall ein, wo es eine Neuarbeit, eine
Reparatur, ja auch nur einen Widerstand, eine Gefahr gibt. Sie kmpfen
mit Bakterien, produzieren Heilkrper, sie stillen die Blutungen durch
Abscheidung von Gerinnungssaft, sie tragen die Nahrung den fernsten
Geweben aus den groen Drsenarsenalen der Verdauungshfen zu, sie sind
die Lasttrger und Transporteure abgeschiedener, unbrauchbarer und
fremdartiger Gewebsbestandteile, Arbeiter, die Gerste aufbauen und
Ruinen abtragen, berall gegenwrtig und immer bereit, aus den tausend
Millionen Spalten, die das Blutadersystem ihnen offen lt,
hinauszuschlpfen und nach dem Rechten zu sehen: eine Armee kleiner
Hygieniker, Krieger und Friedensfrderer zugleich. Wo organisches Leben
sich erhlt und ersetzt, besteht es und formt es sich neu durch diese
direkt von der Zeugung dem neuen Individuum erhaltenen Kraft der
Ergnzung des Verbrauchten. Diese Fhigkeit ist merkwrdigerweise fr
die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten eine hchst wechselnde, d.h.
der Grad, bis zu dem ein verlorener Teil wieder ersetzt werden kann,
scheint in umgekehrtem Verhltnis zur Ausprgung eines erhhten,
individuellen Lebens zu stehen, und je weniger ein Tier- oder
Pflanzenexemplar in jedem einzelnen seiner Teile individuelle
Variationen und Differenzierungen aufweist, je mehr es nur
Artreprsentant ist, desto weiter geht die Ersatzfhigkeit des
Verlorengegangenen. Spinnen und Krebse ersetzen sich mit allen
zugehrigen Teilen abgeschnittene Fhler, Beine und Scheren; Schnecken
erhalten ganze Teile des Kopfes mit Fhlern und Augen wieder; Fische
vermgen die verlorene Schwanzflosse vllig wieder auszubilden. Bei
Salamandern und Eidechsen zeigt sich ein Wiederwachsen des ganzen
verlorenen Endleibes mit Knochen, Muskeln und selbst einem Teil des
Rckenmarks, ja bei jungen Eidechsen fhrt seitliches Einkerben des
Schwanzes zum Hervorwachsen eines zweiten aus der Wunde. Von solchen
Vollkommenheiten des Wiederersatzes und einer luxuriierenden Wundheilung
ber den Bedarf hinaus ist freilich der Mensch leider weit entfernt.

Es ist beinahe, als htte die Natur es seiner Launenhaftigkeit und
Eitelkeit, niemals sich mit dem Gegebenen zu bescheiden, versagt, mehr
als einmal die Nase zu wechseln und sich mehrfach schnere Augen
einsetzen zu lassen.

Das Tier freilich, frei von Eitelkeit und selbstqulerischem Grbeln
ber die eigene unzulngliche Schnheit, kann mit diesen hohen Gaben der
Wiederbildung abgeschnittener Glieder keinen Mibrauch treiben.

Ist es aber nicht geradezu das Ideal einer Regenerationskraft, wenn wir
erfahren, da man den Schirm der gelatinsen Meerqualle (Meduse) in
beliebig viele Stckchen zerschneiden kann und aus jedem ein ganzes,
neues Quallenindividuum hervorwchst, sofern nur an dem Torso ein Stck
des Randes erhalten blieb; wenn Plenarien, Infusorien, Swasserpolypen,
Ringelwrmer die Fhigkeit zeigen, aus zerstckelten Trmmern eines
Individuums ebenso viele Shne und Tchter zu bilden? Man denke an das
in diesem Fall glckliche Opfer des berhmten Schwert- und
Schwabenstreichs--die zur rechten und zur linken herabgesunkene
Trkenhlfte htte sich nach einiger Zeit als ein Bruderpaar
erhoben--wenn auch der menschlichen Neuerzeugung ohne das Zwischenglied
einer neuen Mutter so weite Grenzen gesteckt wren! Fr uns Warmblter
ist es nun einmal anders angeordnet, jene Kaltblter knnen sich also im
Notfall auch ohne Liebe fortpflanzen, jeder ihrer Teile enthlt in
sich alle Keime zum Neuersatz des Ganzen. Da ist der hochorganisierte
Mensch so arm: die Narbe, diese rtliche, spter grauweie Marke,
dieses Kainszeichen eines Unglcks, einer von auen wirkenden
Gewalt, bei Studenten das stolz getragene Merkmal besonderer
Heldenhaftigkeit--dieses indifferente Gewebsmaterial ist das einzige,
womit im gnstigsten Falle die Krone der Schpfung zum Ausgleich
beschdigter oder entfernter Teile dienen kann. Und doch: in dieser
Narbe, dieser bindegewebigen Substitution des Zerstrten, in diesem
scheinbar so unvollkommenen Surrogat hher organisierten Gewebes stecken
so viele merkwrdige, abgelaufene Prozesse, eine solche Flle
bildnerischer und zum Teil problematischer Vorgnge, da es sich wohl
auch fr den Nichtfachmann lohnt, einmal einige Blicke auf ihre
Entstehung zu werfen. Wohl jeder trgt irgendeine Narbe an sich, deren
Geschichte auf einiges Interesse rechnen darf.

Was geschieht, wenn ein scharfer, spitzer, schneidender oder reiender
Gegenstand in unsere Krpergewebe dringt? Ob die Stelle der Verletzung
oder Durchtrennung die Oberflche oder die Tiefe betrifft, ob sogenannte
edle oder unedle Teile getroffen werden, sofern das Organ kein direkt
lebenbeherrschendes ist, wie z.B. einige Teile des oberen Rckenmarks,
durch deren Lsion das Leben wie an einem geffneten Ventil ausstrmt,
stets werden dabei neben den spezifischen Gebilden des betreffenden
Organs diejenigen Netze mitzerrissen, die berall sind: Lymph-,
Blutgefe und das sttzende Gerst, die Bindesubstanz, in die smtliche
hheren Organe, Drsen, Muskeln, Nerven, Knochen, eingelassen sind. Denn
neben dem knchernen Skelett durchsetzt, hlt und sttzt unsern Krper
ein bindegewebiges Gespinst, in dessen Maschen die eigentlich
funktionierenden Substanzen aufgehngt sind. Dieses Maschennetz stellt
zugleich die Bahnen dar, auf denen Blutgefe und Nerven ihre Strme zu
den Zentralorganen hin- und zurckleiten. Diese drei Faktoren werden
also berall getroffen, wo die Kontinuitt des Gewebes gewaltsam
durchbrochen wird, d.h. wo eine Wunde entsteht. Daher blutet sie, daher
schmerzt sie, daher klafft sie. Meldet der Schmerz, dieser bissige und
sprungbereite Wchter der Gefahr, den Vorgang zum Gehirn, so sucht
seinerseits das herausstrmende Blut die eingedrungenen Schdlichkeiten
abzuschwemmen: Staub, Bakterien, Gifte, zerrissene und gelste
Gewebsfetzen, die der Zersetzung anheimfallen und Kadavergifte
produzieren wrden, werden so fortgerieselt, und beim Kontakt des Blutes
mit der Luft, beim Aufhren der gewohnten Berhrung mit der inneren
Glasur der Gefrhren (dem Endothelium), gerinnt ein Teil und liefert
den organischen Kittleim, dessen weiche Masse die Grundlage fr die
Organisation der spteren Narbe abgibt. Zugleich wandern aus den
vielfachen Spalten des Bindegewebes, durch dessen Entspannung die Wunde
klafft, jene Keimlinge der Regeneration, die weien Blutkrperchen aus,
die dem zerrissenen und aufgewhlten Mutterboden die neuen Saatkrnchen
zutragen. Nun zeugt und keimt es unaufhrlich, Zelle um Zelle des
Mutterbodens, die Gefhutchen, die Saftlckenauskleidungen, die
Nerven, die Bindegewebszellen, sie produzieren von beiden Seiten des
Wundspaltes her ein Chaos sich umschlingender, durchwachsender, mit den
Fhlern verschmelzender, junger Brut, die scheinbar regel- und ziellos
vorwrtsstrebt gegen das jenseitige Ufer. Die Vorposten beider Seiten
berhren sich im Innern des trennenden Gerinnsels. Nirgendwo aber gilt
trotz des Durcheinanders aller dieser Zellarten so sehr der Satz omnis
cellula e cellula, auf deutsch: Art schlgt sich zu Art, wie hier bei
der Wundheilung. Allmhlich entwirrt sich das Chaos; was zu Gefen
gehrt, bildet mit Geschwisterzellen einen Hohlraum, der schon
angeschlossen an das alte Kanalsystem und schon gefllt ist mit den
roten und weien Ernhrungszwischenhndlern, den Blutkrperchen; das
Bindegewebsnetz beider Seiten findet sich zu einem spannkrftigen
Spinngewebe zusammen, dessen Elastizitt gleichsam wie mit eingelassenen
Stricken die Wundrnder stndig zur Mitte zusammenzieht, d.h. sie
einander nhert; die Nerven senden ihre Fhler kontinuierlich aus und
finden sich sicher in dem Wirrwarr bereinandergehufter Mauersteine
zurecht.

Dann reichen sich die Werkmeister beider Seiten endlich die Hnde und
bilden die Strebepfeiler des neugefgten Lebens. Es legt sich
Gefkolben an Gefkolben, Nervenbndel gegen Nervenbndel, und das
immer enger sich maschende Bindegewebsnetz bildet offene Lcken und
Kanle, so da schon in weniger als zehn Tagen, bei ungestrter Heilung,
Blut-, Saftstrom und Nervenleitung und mit ihm Leben und Nahrung
ungehindert von einer Seite zur andern durch die Mauerwand des
provisorischen Gerinnsels herber und hinber rollen. Darber deckt
sich schlielich der Teppich der Hautschuppen, der von seinem
Muttergewebe aus im Moment der Vollendung dieses Kabel- und
Kanalisierungssystems--wunderbar genug--nicht frher und nicht spter,
wie auf ein bewutes Kommando, neugeborene Deckzellen abschiebt und ber
die noch etwas erhaben rtliche Narbe ausbreitet. Was gibt den Ansto zu
all diesen mit dem Mikroskop mhsam durch die Arbeiten eines _Virchow_,
eines _Thiersch_, eines _Billroth_ erforschten Keimungs-, Sprossungs- und
Reparaturvorgngen? Ist es nicht merkwrdig, zu denken, da der
pltzliche seitliche Hemmungsfortfall, den der Schnitt oder der Ri
bedingt, gleichsam ungezhlte Spaltlcken hervorquellenden Lebens ffnet
und da von den reich ausstrmenden Saatkrnern auch dem winzigsten
etwas anhaftet, das wie ein Bewutsein einer Pflicht, einer Berufstreue,
einer bestimmten Rolle im ganzen Staat anmutet? Woher kommt dieser
unmittelbar sich uernde, regulierende, mahaltende, sich in Reih und
Glied stellende, einem idealen Typus, einem vorangegangenen Plan
nachbildende Gesamtwille, der aus dem Chaos des Formlosen, aus dem Nebel
des scheinbar Wahllosen und Zuflligen hchste Organisationen,
wundersamste Funktionen herausbildet? Da drngt sich dem dazu
disponierten, sinnenden Betrachter jene Ehrfurcht auf, die im Kleinen
wie im Groen Unbegreifbares als einen Teil des Erhabenen nie ohne
innere Bewegung anschaut und die dem Naturforscher so leicht verloren
geht, obwohl gerade er so vielen Anlssen zu ihr begegnet. So ist auch
dem Praktiker der Wundpflege ein immer reges, naives Sichwundern
dienlicher, als ein gleichgltiges "Das mu so sein!" Beim allzu khnen
Eindringen in das Allerheiligste menschlicher Gewebe und bei den
gewohnten Erfolgen der Chirurgie erstirbt zu leicht das so natrliche
Dankgefhl gegen die wunderbaren Hilfsmittel, die uns das ewig um
Erhaltung ringende Leben in die Hand gibt; nicht wir sind die Meister,
es sind alles Seine hohen Werke!

Da unsere Kunst es verstanden hat, gerade gegen Ende des vergangenen
Jahrhunderts sich zum Diener dieser Naturkrfte zu machen, ist der
Schlssel zum Verstndnis ihrer staunenswerten Erfolge; nicht allein hat
sie es gelernt, die Hemmungen eines ungestrten, natrlichen
Wundverlaufs (prima intentio naturae) auszuschalten (Antisepsis,
Asepsis), indem sie die berall drohende Wundsaftzersetzung verhten
lehrte, die Gesamtheit namentlich der deutschen Chirurgen, allen voran
ein _v. Langenbeck_, _Billroth_, _Thiersch_, _Mikulicz_, _Czerny_, _v.
Bergmann_, haben die Technik der Benutzung der natrlichen Hilfsquellen
wahrhaft erstaunlich gefrdert. Hier hat sich der Flei und das Genie
des Menschen wetteifernd den Wundern der Natur an die Seite gestellt.
Gleichsam als htte eine bewute Arbeitsteilung Talent und Energie je
nach der Individualitt vor eine besondere Aufgabe gestellt, so hat
jeder der Genannten und viele neben ihnen bestimmte Gebiete der Kunst
mit besonderem Glck auszubauen verstanden, v. Bergmann lehrte
zahlreiche Vorbedingungen zu erfolgreichen Eingriffen am edelsten Organ,
am Gehirn, v. Langenbeck war ein Reformator der plastischen Chirurgie,
Mikulicz und Czerny haben mit Billroth gewetteifert, die Chirurgie des
Unterleibs technisch zu erschlieen, Thiersch, Reverdin und Gluck waren
Begrnder der knstlichen Gewebsberpflanzung, und noch neuerdings haben
Rehn in Frankfurt und Kmmel in Hamburg gelehrt, da man selbst Wunden
des Herzens und der grten Gefe zur Heilung zu bringen vermag. So ist
denn der plastische Ersatz und die Vereinigung getrennter Gebiete durch
die Naht und durch die verklebende und substituierende Narbe fast fr
jedes Organsystem fruchtbar gewesen, und die glckliche operative
Entfernung verlorengegangener Gehirnteile, die Ausschneidung auch
grerer Teile von Darm- und Magenstcken, die zweckmige
Wiedervereinigung und Umschaltung der rhren- und sackfrmigen Gebilde
des Verdauungskanals sind dem oft rettenden Walten geschulter Chirurgen
ebenso zugnglich, wie das Herz, die Lunge, die grten Gefe, in denen
das Leben an seiner Wurzel strmt und atmet. Das alles wre nicht
mglich gewesen ohne ein immer eingehenderes Betrachten der Wunder der
Wundheilung, zu denen das bloe Auge nicht ausreichte, sondern sich mit
den schrferen Linsen des Mikroskops bewaffnen mute. So wurden denn von
den Meistern der reinen Naturbetrachtung in stillen Werksttten die
Geheimnisse enthllt, die der Chirurgie in ihrer praktischen Anwendung
so ungeheure Erfolge brachten.




DAS MYSTERIUM DER ERNHRUNG


Einer die Weisheit, Allmacht und Harmonie des Weltgeistes preisenden
Weltanschauung mu es ein unbequemer Gedanke sein, sich ganz nchtern
klar zu machen, da das Leben nur bestehen kann, indem es Leben
vernichtet. Erhaltung und Erzeugung auf dem Umwege von Tier- und
Pflanzenvernichtung! Dieses mrderische Gesetz vom Werden durch Sterben
ist vom Standpunkte menschlichen Erkennens ebenso grausam und fhllos
von Mutter Natur gedacht, wie es unsthetisch ist. Eine Art Lebewesen
scheint immer nur geschaffen, um von der anderen vernichtet und
gefressen zu werden: das wre so eigentlich die Quintessenz des Kampfes
ums Dasein, bei welchem dem zeitweisen Sieger am Ende dieselbe
Vernichtung durch Verwesung droht, wie den Wesen, auf deren Kosten es
sein mehr oder weniger kurzes Dasein gefristet hat. Sollte diesem
unableugbaren, schrecklichen Grundgesetze des Lebens nicht doch eine
vershnlichere, dem menschlichen Fhlen weniger schmerzliche und
peinliche Betrachtungsweise abgewonnen werden knnen?

Ja, hat nicht vielleicht die Chemie, die Beherrscherin der Kultur,
aufgestiegen aus dem Schlamm der Alchymie wie eine schnheitleuchtende,
schpferische Gttin, die Mglichkeit, uns Menschen von diesem
Bannfluche alles Lebendigen--der brigens schon im Paradiese am Werke
gewesen sein mu--zu befreien durch knstlich hergestellte
Nahrungsmittel? durch Laboratoriumsbrot und Fabrikeiwei? durch Synthese
von Stickstoff, Kohlenstoff, Wasser, Kalk, Phosphor usw., kurz alles
dessen, was in der Nahrung chemisch und theoretisch vorhanden sein mu,
um den Stoffwechselbetrieb zu erhalten? Das ist durchaus keine Utopie
vom Standpunkte der Eiweichemie aus. Ist es doch gelungen, eine dem
Eiwei sehr hnliche Verbindungsreihe von Krpern, nmlich die
Peptonoide, eigentlich Eiweie, wie sie im Magen zur Verdauung
umgearbeitet werden, tatschlich herzustellen und damit Tiere zu
fttern.

Mit welchem Effekt? _Mit dem des langsamen Verhungerns!_ Ich habe mich
vor dieser Tatsache erschttert gefhlt wie vor einem gedanklichen
Elementarereignis! Es mte etwas wie eine Weltanschauungskatastrophe,
wie ein Erdbeben der Erkenntnis durch die wissenschaftliche Welt gehen,
wenn diese Tatsachen wirklich besttigt wrden. Die Mehrzahl der
Naturwissenschaftler steht selbstverstndlich auf dem Standpunkte, da,
wenn es gelnge, das Eiwei chemisch rein aus seinen Elementen
aufzubauen, das Problem der Nahrungsmittelsynthese gelst wre. Dann
reit man Schlachthuser nieder und baut den kchen-chemischen
Grobetrieb!

Hier hat nun die Rechnung ein Loch! Man wird mit knstlichem Eiwei nach
meiner Ansicht weder Tier noch Mensch erhalten knnen, was schon die
scheinbar gnzlich milungenen Versuche der Hundeftterung mit
peptonhnlichen Krpern beweisen drften; was aber erst wrde fr eine
Verblffung entstehen, wenn wirklich chemisch reines Eiwei knstlich
durch Aufbau im Laboratorium gewonnen--kein Nahrungsmittel wre? Hier
ist ein Rhodus fr unser naturwissenschaftliches Denken, das wir
berspringen oder berwinden mssen. Hier ist eine Probe auf die
Stichhaltigkeit unserer gesamten naturwissenschaftlichen berzeugung!

Man hat eben, befangen in der Lehre von Kraft und Stoff, _das Mysterium
in der Ernhrung_ vergessen! So mu eines Tages die Lehre von den
Wrmeeinheiten (Kalorien), die der Krper zu seinem Betriebe aus der
Nahrung nimmt, erstaunlichen Schiffbruch leiden, weil der
Ernhrungsvorgang keine Maschinenheizung allein ist, sondern weil ber
seinem chemischen Mechanismus noch ein Rtsel, ein Wunder, ein
Sonderbares schwebt, das erst erklrt, warum Leben nur durch Leben sich
erhalten kann.

Ich stehe nicht an, hier meine eigenen Gedanken darber auszusprechen,
nicht allein weil ich sie fr interessant genug auch fr ein breites
Publikum erachte, sondern weil ich die hier angeregte Fragestellung fr
durchaus neu und wichtig halte.

Meine Ansicht ist, da die Ernhrung eigentlich eine stetige
Neuerzeugung ist, nicht nur eine Erhaltung des Bestandes. Wir erzeugen
uns stndig in uns selbst von neuem, alle unsere Zellen erzeugen sich
neu, nachdem sie abgestoen und verbraucht sind. Wir werden immer von
neuem geboren, tglich, stndlich. Wir sind nach Jahren nicht mehr
dieselben, welche wir waren. (Welch Trost fr veredlungs- und
besserungsbedrftige Seelen!) Wir wechseln in dieser ununterbrochenen
Selbsterzeugungskette nicht nur Haare und Haut, wie die Schlangen,
sondern den ganzen Zellstaat, der uns in seinem Betriebsschwirren und
Schpfungsweben das Bewutsein unseres Ichs zuflstert, dieser ganze
Zellstaat des Individuums stirbt fortwhrend ein bichen und wird
fortwhrend ein wenig geboren. Das ist bekannt und wird von niemand
geleugnet. Was aber bisher nicht beantwortet ist, das ist die Frage nach
der Herkunft aller der Saatkrner, die nun einmal fr eine Zeugung
unerllich sind. Sind sie gleich mit der Geburt uns schon mitgegeben,
so da der Zeugungsakt das ganze Leben hindurch abliefe wie eine Spule
vom himmlischen Webstuhl der Liebe, oder erhalten wir von auen
irgendwie neue in uns hineingetragene, an jeder Stelle unseres Leibes
wirksame Saat?

Das letztere ist der Fall! Zu allem Leben ist die Zelle ntig. Aber sie
selbst ist schon eine hochkomplizierte Maschine. Der Kern der Zelle
scheint ihr Wesentlichstes. Der hat eine sonderbare Struktur und eine
merkwrdige chemisch-physiologische Zhigkeit. Er besteht aus
Nukleinsubstanz. Dieses Nuklein ist chemisch oder physikalisch schier
unzerstrbar. Keine Sure, keine Lauge, keine Verdauung kann es
vernichten. Nur dem Feuer widersteht es nicht. _Hier im Nuklein der
Kerne steckt das Mysterium der Ernhrung._ Dieses ist in jeder
Pflanze--in jeder Tierzelle, die wir zu uns nehmen, enthalten. Ohne
Nuklein ist keine Nahrung denkbar, es kommt aber nur im Zellkern vor. Es
ist aber auch der Trger aller Befruchtungsvorgnge.

Durch einen Zufall sah ich einst ein Stckchen Schleimhaut von einem
Menschenmagen unter dem Mikroskop, von einem Magen, der eben im Begriff
war, zu verdauen. Ich war aufs hchste erstaunt. Die ganze Schleimhaut
nicht nur, auch die gesamte Magenwand war durchsetzt mit weien
Blutkrperchen, dieser Armee von Heinzelmnnchen und Liliputanerpolizei
in unserem Leibe, in so auffallender Weise, da ich das fr eine
Entzndung oder Eiterung hielt. Aber eine Eiterung der Magenwand bei
einem vllig gesunden Menschen! Damals lebte noch mein alter Lehrer
Virchow, dieser Meister der Deutungskunst des Kleinen. Er schttelte den
Kopf und meinte, das mte ein Leukom (eine Geschwulst) sein. Ich wei
jetzt, belehrt durch weitere Erfahrungen, da jede Magenwand im Zustand
der Verdauung prall gefllt mit diesen weien Ameisen des Lebens ist und
da sie dort lauern auf die freigewordenen chemisch unverdaulichen
Nukleinkerne der Nahrung. Diese nehmen sie in sich auf, tragen sie
berall mit dem Blutstrom und treten durch die Geflcken ins Gewebe
und streuen, die echten Semnner des Geheimen, die Samen aus, die sie
aus der Nahrung nahmen, berall wo es nottut, wo der wallende, wogende,
rollende Teppich des kleinsten Lebens eine Lcke, einen Defekt erhalten
hat. Mag Darm und Magen seinen Chemismus treiben nach dem Gesetz der
Maschinenheizung und nach dem quivalent von Wrme und Arbeit, die
Millionen Nukleinkrnchen, kleine Wundersterne ewiger Erzeugung
und ewigen Gebarens, wrden ganz verloren sein und nur die cker
dngen, wenn diese kleinen Wchter des Zellbestandes sie, die sonst
Unverdaulichen, nicht abfangen wrden, als die eigentlichen Trger des
Wunders der Ernhrung, und sie verteilten auf alle die mikroskopischen
Wiesen und Zellrasenflchen, denen im kleinen Mastabe das menschliche
und tierische Gewebe gleicht. Das eigentliche Charakteristikum des Lebens
sind die Nukleinsterne der Zelle, sie sind die Himmelsschlsselein,
die, eindringend in das Herz anderer Zellen, das ganze Wunderwerk der
Zeugung aufschlieen, die die Wunderfedern und Zaubermotoren anspringen
lassen zum Ablauf alles kleinen und riesengroen Lebens. Nuklein
ist sogar der Trger der Persnlichkeit, der Artcharaktere, der
Stammeseigenschaften, es ist schlechthin das Individuellste, was es
auf Erden gibt, denn es gibt jedem Wesen sein ureigenes Geprge,
von einer beispiellosen, durch alle Generationen, alle Wandlungen
fortwirkenden Konstanz.

Es ist meine aus dieser Betrachtung gewonnene berzeugung, da die
Ernhrung nicht erschpft ist durch die Bilanz von Aufnahme von Wrme
und Umsatz in Arbeit, sondern da neben diesen betriebstechnischen
Vorgngen noch ein Proze einherluft, welcher das Rtsel des Lebens in
sich schliet und darum mysteris und wundervoll ist. So aufgefat ist
die Wandlung, die die Nukleinsubstanzen des Lebendigen im Kreislauf
aller Lebewesen durchmachen, gleich dem ewigen Kartenmischen eines
allmchtigen Wesens, dessen gigantische Phantasie niemals Genge finden
konnte an dem schon Erreichten, sondern das unablssig am Werke ist zu
variieren, zu kombinieren, zu hemmen und zu treiben und geruhig sich des
bunten Spieles zu freuen an den wandelnden Erscheinungen des Alls; ein
Wesen, fr das Sonnen- und Kometenbahnen nicht wichtiger sind als die
Staubflge des Sonnenstubchens und das Lieben und Zeugen der
allerkleinsten Lebenseinheiten, der Nukleinsternchen in den Zellen von
Mensch, Tier und Pflanze.




DIE HAUT ALS EIN ORGAN DER SEELE


Um alle ihre Lebewesen hat Mutter Natur einen Mantel geschlagen. Sie
lt nichts hllenlos und wahrhaft nackt. Pflanze und Tier, vom
niedrigsten einzelligen belebten Organismus bis zu den kompliziertesten
Prachtexemplaren: an Krperlichkeit dem Mammuttier, an Geistigkeit dem
Herrn dieses Planeten, dem Menschen, sie alle tragen ein natrliches
Kleid, gewebt aus elastischen Fasern, ber die schillernde Schuppen,
leuchtende Farbenglut, Bltenschmelz und schmckende Zier
verschwenderisch und in staunenswerter Vielgestaltigkeit nicht minder
ausgebreitet sind, als ein rauher und den Feinden aller Art trotzender
Abwehrpanzer, ein schtzender Wall von Hckern, Stacheln, Borken und
Horngersten. Diese Enveloppe ist eng angeschmiegt an die Struktur des
eigentlichen Leibes in wunderbarer Anpassung an das Milieu der
Milliarden von Variationen zulassenden Lebensformen und schliet die
Organe ein enger und dichter, als es je ein Kleiderstoff tun knnte. Wir
sprechen von einem Federkleid, vom Pelz, vom Mantel, von Hautdecken und
Krperhllen bei allen Tieren; und nur der Mensch, dieser einzige
Vollstrecker und Vervollkommner der Naturidee, hat sein Corriger la
nature der eingeborenen Hlle hinzugefgt, wiederum in analoger
Verquickung von Schutz und Schmuck--nmlich unsere Kleidung, bei welcher
die Variationslust unter dem Direktorium der Mode nicht weniger lebhaft
am Werke ist, als bei der Meisterin der Vielgestaltigkeit, Mutter Natur
selber. Welches Wunderwerk aber ist diese unsere Haut, ein feinmaschiges
Trikot, in dem wir immer herum gehen mssen und das wir niemals ablegen
knnen! Es ist ein Zaubergewebe von eigenartiger Pracht, Leuchtkraft und
reichem Glanz, das hinreiend schn sein kann, solange der Jugend
Bltenschmuck ber ihm gebreitet liegt, und das im Alter die
Runenschrift alles Menschenleides aufweist. Welch eine Rolle spielt die
Haut im Haushalt unseres Leibes! Sie atmet, sie reguliert die
Krperwrme, sie sondert Verbrauchtes ab, sie nimmt Luft, Licht,
Feuchtigkeit ein und gibt sie aus, sie resorbiert Heilstoffe und Gifte
und sondert schtzende le ab, sie zieht sich zusammen und dehnt sich
aus, sie hat einen eigenen Duft, der nicht nur die Rassen voneinander
unterscheiden lt, sondern auch viel mehr, als man gemeinhin wei, der
Trger eines gut Teils unserer Persnlichkeit ist, sie hat eine
Farbenskala von groem Reichtum und trgt ein mikroskopisches,
Wiesendecken gleiches Feld feinster Hrchen, das sich zu Busch und Wald
verdichtet, in denen Mysterien wohnen und Lebensrtsel sich verbergen,
das unser Gttlichstes, Auge, Mund und Stirn, umrahmt und unser
Menschlichstes versteckt! Sie ist aber ferner unser nervsestes Organ!
Nicht allein, da sie ein Teppich ist, in den die Wundersternchen des
Gefhls und des Empfindens eingewebt sind, zahllos wie die Sterne am
Himmel, sie hat ein hochkompliziertes seelisches Leben, auf das sich
einmal ernstlich hinzuweisen durchaus der Mhe lohnen drfte. Die Haut
erschrickt, schaudert, ist durchrieselt von Gefhlen der Lust und des
Abscheus, es kann ihr weh und wohlig sein, sie kann erglhen vor
Erregung, Zorn oder Scham und kann erblassen im Affekt des Schreckens,
der Ohnmacht, der Wut. Sie ist der feinste Barometer unseres Krankseins,
und der Rckschlsse, welche der Kundige allein aus ihrem Befhlen auf
unsern Gesundheitszustand, auf Gefahr oder kommende Genesung machen
kann, sind unzhlige. Und nun dies Befhlen selbst. Welche Flle
seelischen Geschehens birgt es in sich! Welche Wonnen, welche Beruhigung
einerseits, welche Beleidigung und welchen Abscheu auf der andern Seite
bermitteln diese Milliarden kleiner Empfindungsknuel, die als
sogenannte Nervensprossen in der Haut und als Tastkrperchen ausgest
sind und von Mensch zu Mensch ihre Strme senden! Welche Wunder der
Seele im Streicheln, im Liebkosen, im einfachen Handauflegen! Alles das
wirkt von Seele zu Seele durch das Medium der Haut, die ja buchstblich
nichts anders ist als ein Schilfwald von Polypenarmen, den das
Nervensystem nach auen in die Welt ausgestlpt hat. In der Haut schuf
sich Natur die Wunderharfe, auf der des Lebens Zauberfinger spielen,
hier wogen und wallen die feinsten Nervenstrme hin und her, die uns
orientieren, uns mit sichtbaren und unsichtbaren Strahlen laden, von
hier aus spielt die Sonne und das Licht, das Dunkel und die Finsternis
ihre Funken- und Schattenlieder. Hier sind der Seele durstige, saugende
Kelche, mit welchen sie, lechzend nach Erregung, Kraft und Bewegung, den
ganzen Funkenkranz der Sonnenwellen jenseits und diesseits vom Spektrum
einschlrft. Ein Sonnenbad, ein Meeresbad, ein Freiluftbad, eine
Dusche,--welche Quellen von Schwungrad treibender Lebensenergie
bermitteln sie allein und direkt durch diesen Zaubermantel berst
mit Nervenflitter und Glhlmpchen von ebenso geheimnisvoller wie
schnheitdurchleuchteter Zweckmigkeit. Es ist meines Wissens
noch niemals gengend betont, da die Haut, diese Hlle und diese
Offenbarung unserer Persnlichkeit, nachweisbar anatomisch und
entwicklungsgeschichtlich ein echtes _Seelenorgan_ ist.


Wenn das Wunder aller Wunder geschehen ist, wenn die mtterliche Eizelle
befruchtet ist, wenn mit goldenem Schlssel des werdenden Menschen erste
Blte aufgeschlossen wird, lagert sich die wachsende Keimsubstanz in
drei mikroskopisch deutlich erkennbaren Teppichen bereinander: den
sogenannten Keimschichten. Aus einer wird das Baugerst des Leibes, das
Skelett mit seinen Sulen, Rhren und Kapseln, Schdel und Rckgrat, aus
dem anderen Herz, Gefe, groe Drsen und der Ernhrungsweg, und aus
dem dritten, dem Horn-Sinnesblatt: Gehirn, Nervensubstanz und--Haut! Da
haben wir des Rtsels Lsung: Gehirn und Haut sind als ein einheitliches
Organ angelegt und gedacht. Sie entstammen denselben Adern aus dem
tiefsten Schacht des Lebens, sie sind eine anatomische und
physiologische Einheit. Da dem so ist, wage ich khn den Satz: unsere
Haut ist ein Teil unserer Seele! Jetzt wird es uns klar, warum sie von
unserer Seele ebensoviel zu knden, wie von der des anderen zu empfangen
vermag; sie ist ja ein Teil, ein Substrat des Seelenorgans selbst, sie
ist nach auen gestlptes Gehirn, sie enthlt, entladet und empfngt
einen betrchtlichen Teil des seelischen Geschehens berhaupt. Jetzt
erkennen wir deutlich--und das ist das Wichtigste dieser ganzen
Betrachtung--warum von hier aus, von der Haut her, so gewaltige
Eingriffe in den Gesundheitsbestand unseres gesamten Organismus mglich
sind. Die ganze Hygiene der Haut ist oder sollte es wenigstens
sein--eine psychologische Angelegenheit. Jetzt erhellt, warum die
Reinlichkeit ein Teil, eine Funktion seelischer Schnheit ist, warum
Sauberkeit eine kardinale Tugend, ein soziales Erfordernis, eine
sittliche Pflicht ist. Die Kultur eines Volkes wie des einzelnen kann
gemessen werden an dem Ma von Sorgfalt, das beide auf die Kultur der
Haut verwenden. Zur Kultur der Seele gehrt untrennbar die Kultur der
Haut. Die Zeiten sind fr immer vorber, in denen struppiger Bart,
ungepflegte Hnde, Wasserscheu und Nonchalance der Tracht fr das
Erkennungszeichen genialischer Kraftnaturen galten: "er gibt nichts aufs
uere", pflegte man frher von einem solchen teutonischen Kraftmeyer
entschuldigend im Hinblick auf die Gewalt seines Innenlebens zu sagen,
wobei man eben verga, da das "uere" unseres Leibes, die Haut,
durchaus ein Teil des Innerlichsten ist. Gewi knnen wir es durch keine
Kultur erzwingen, unserer Haut wieder jenen weichsamtenen Bltenschmelz
zu geben oder zu erhalten, wie ihn beispielsweise die Halspartie oder
der Nacken eines Kindes aufweist, man kann die Haut nicht schner
gestalten, als sie von Natur angelegt ist, aber jeder kann ihr den
Hhepunkt ihrer Elastizitt, Leuchtkraft, Frische und dynamischen
Strahlenwirkung--denn an diese glaube ich in irgendeiner Form von X-,
Y-oder Z-Strahlen--abzwingen.

Ein Blick auf eines Menschen Haut--brigens instinktiv zur Abschtzung
der Persnlichkeit ebensooft gebt wie der forschende Blick in die viel
weniger durchschaubaren Augen--kann uns von der Seele mehr verraten, als
viele, viele Worte und andere Lockmittel zum Fallenlassen der seelischen
Maske, die den meisten nun doch einmal das Leben, die Gesellschaft, der
Kampf ums Dasein aufntigt. Das Gehirn kann sich mit Hilfe seiner
Sklaven, der Muskeln des Gesichts, leicht "verstellen", die Haut
verstellt sich nicht, sie kann nicht posieren, die sagt wie eine
schlecht gepflegte Pflanze: man kultiviert mich nicht, meines Trgers
Seele ist matt, wie meine welken Fasern, oder sie blitzt uns entgegen:
seht! wie mein Herr mich hlt, so ist sein ganzes Wesen! Welch
armseliger Versuch, dieses Seelenorgan zur Lge zu zwingen, durch Puder,
Schminke, Tinten und Creme! Wahrlich, die Frauenwelt mu uns Mnner fr
lauter kurzsichtige Troddel halten, wenn sie immer wieder glauben kann,
es gbe jemand, der diese Maskerade der Haut nicht durchschaute. Hier
kann die Kunst nichts tun, aber desto mehr hat die Natur uns Mittel
gegeben, diesem unserem Seelenorgan auf das wirksamste beizukommen. Wer
nicht tglich eine halbe Stunde Zeit hat, mit Seifung, Dusche, Luftbad,
Abreibung usw. seiner Haut und seiner Seele zu dienen, versumt ja nicht
nur, den natrlichsten Schmuck, den wir haben, zu putzen und sauber zu
halten, sondern er verzichtet auch darauf, seiner Energie die
unerllichsten Kraftquellen zu erschlieen. Es ist wissenschaftlich
noch nicht vllig geklrt, warum die tglichen kalten und wechselnden
Vollduschen die Nervenspannkraft so offensichtlich steigern--ich glaube
an eine Art Turnbung der kleinsten Gefmuskeln der Haut und sekundr
des Gehirns, welche unsere Willenskrfte zu beeinflussen imstande
sind--aber die Tatsache ist unbestreitbar, das kalte Wasser hat
Mhlenwind fr die Flgel unserer Seele, es hat die Fhigkeit,
Spannungen in uns zu akkumulieren, wie die Sammler der elektrischen
Ladung. Denn abgesehen von dem Segen der Disziplinierung, morgens
zunchst durch eine Dusche den Gesamtbetrieb anzudrehen, wie eine Kurbel
am Automobil, es sind direkte physische Krftespannungen, welche von der
Frottierung der Haut, der rhythmischen Zusammenziehung aller ihrer
Millionen mikroskopischer Muskeln beim Duschen, Luftbad und beim
Abreiben ausgelst werden und die direkt von der Haut in die Seele
einstrmen wie unzhlige Bche in den brausenden Strom, der unsere
Persnlichkeit in den Ozean des Lebens trgt.

Wie hbsch symbolisiert alles das, was wir von der seelischen Natur der
Haut gesagt haben, die durch alle Natur- und Kulturvlker
hindurchgehende Sitte, die Haut zu schmcken mit Farben, Perlen,
Edelgestein und Flimmerwerk. Es ist, als wenn dieser Ziertrieb des
Menschen uns all die herrlichen Eigenschaften der Haut in
konzentriertestem Mae zum Bewutsein bringen wollte: da ist die Perle
obenan ein Symbol fr den matten Glanz ihrer schmiegenden, schimmernden
Weichheit, da ist der Diamant ein Symbol fr die funkelnde schillernde
Pracht ihrer seitlichen Durchleuchtung, da ist der Rubin als Symbol
ihrer Durchstrmung mit der flssigen Glut des Lebenssaftes. Das ist
vielleicht auch der geheime Sinn, warum die Menschen und namentlich die
Frauen, die ja durchschnittlich eine so unendlich viel schnere Haut
besitzen als der Mann, sich so gern mit Naturgebilden schmcken, die,
was Schnheit der Hlle betrifft, im ganzen Reich der Erde beispiellos
dastehen, mit den Pflanzen und Blten! Auch hier symbolisiert die
Weichheit des Flaums im Bltenkelch und Bltenblatt einen Reiz, der der
menschlichen Haut keineswegs versagt ist! Bltenschmuck ist ja eine Art
Huldigung, die der Mensch dem Naturgedanken schner Umhllung darbringt;
denn, wenn Grovater Goethe und Vater Darwin recht haben, diese Trger
aller unserer modernen Naturgedanken, so ist die Bltenhaut in ihrem
Farbensamt und ihrer schneeigen Decke die Stammutter und das Urgebild
auch der menschlichen Haut! Was wir auch mit unserer Haut anfangen,
denken wir daran, da sie von Blten stammt und ihr Ebenbild ist, da
sie Zartheit und Innigkeit verlangt in ihrer Pflege, wie ihre duftenden,
das ganze Leben verschnenden Ahnen aus dem Reich der Blumen.



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER SEELE***


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