The Project Gutenberg EBook of Aus Kroatien, by Arthur Achleitner

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Title: Aus Kroatien
       Skizzen und Erzhlungen

Author: Arthur Achleitner

Release Date: April 30, 2005 [EBook #15734]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Aus Kroatien

Skizzen und Erzhlungen

von Arthur Achleitner




Leipzig 1920




Inhalt.


Zum Geleit
Drei Regimentsbefehle
Des Popen Meisterstck
Waldkultur
Kroatische Glanzkohlen
Auf Forstinspektion
Feuerstein und Schwefelfaden
Sprachliches Durcheinander
Von der Sann zur Korana
Eine Wahl ohne Ochsen, ohne Wein
Die tausendjhrige Linde




Zum Geleit.


Ein Vierteljahrhundert hindurch hatte ich Kopf, Herz, Hand und--Fe der
Schilderung der Alpenwelt und ihrer Bewohner gewidmet mit dem
erfreulichen Erfolg, da die deutsche Leserwelt es gewhnt geworden war,
beim Anblick meines Namens auf Bchern sofort an die--Alpen zu denken.
Freundschaftliche Beziehungen fhrten dann ber die Grenzen des
bisherigen Arbeitsgebietes der deutschen Berge; es kam zum Studium von
Land und Volk der interessanten Bergslovenen in der sdlichen
Steiermark; eine Studienreise durch Dalmatien usw. erweckte den Wunsch,
den Sdosten kennen zu lernen. Sehnsucht und noch viel mehr: Trotz, weil
man mich schon in jungen Jahren vor--_Kroatien_ und Slavonien "gewarnt,"
diese Lnder hhnisch als--"Halbasien" bezeichnet hatte.

Der Gewissenhaftigkeit wegen war fr die Studienreise durch Dalmatien
und Montenegro usw. die kroatische Sprache erlernt worden. Mit der zur
Verstndigungsmglichkeit ausreichenden Kenntnis dieses auf heimatlichem
Boden verspotteten, aber gar nicht bel klingenden Idioms ausgerstet,
kam es zunchst zu einer Automobilreise durch Kroatien bis zum
sdlichsten Zipfel dieses in manchen Bezirken mrchenschnen Landes, der
Kste entlang wieder herauf nach Fiume, worauf der Entschlu zu einem
lngeren Aufenthalt auf kroatischem Boden gefat wurde. Gtige
Einladungen seitens des gastfreundlichen Adels fhrten von Schlo zu
Schlo; es begann ein Wandern von einer curia nobilis zur andern, von
Dorf zu Dorf mit geschultem Blick fr landschaftliche Schnheit und
Wildbestand, mit rasch erweiterten Kenntnissen in der Geschichte des
Landes, mit der sozusagen Sprnase fr echtes Volksleben. Der beste
Begleiter war jedoch das--Fundglck.

Die sdslavische Gastfreundschaft mutet mrchenhaft an; das Schnste an
ihr ist fr den Forscher und Schriftsteller, da sie willig gibt, was
sie hat: die Chronik des Hauses. Wo das Geschriebene nicht hinreichte,
half liebenswrdige Aussprache, das Erzhlen alter Familienglieder in
Schlssern, Edelsitzen, Drfern.

Monatelang ein Schpfen, ein Sammeln fesselnder "Stoffe" mit
verjngender Schaffensfreude.

Als mit der Ausarbeitung begonnen wurde, vernichtete der Krieg alles.

Mittlerweile hat der Federfuchser die Grenze des Greisenalters
berschritten. Und Kroatien gehrt jetzt nicht mehr zu Ungarn, sondern
zur Drzava S H S, d. h. zum Staate Srbska (serbisch) Hrvatska
(kroatisch) Slovenska (slovenisch).

Ob und wie lange die Verbindung dieser bedeutungsvollen drei Buchstaben
whren wird, das zu untersuchen, ist nicht meine Aufgabe. "Zrtliche
Liebe" hat die drei--nicht vereinigt. Auch das gegenseitige
Sprachverstndnis ist nicht so innig, als man den Fernstehenden glauben
machen will. Es hat das hintere S Mhe, sich mit dem vorderen S zu
verstndigen, weil der Dialekt ausschlaggebend und zu sehr abweichend
ist; das H vergeht das vordere S gut, das hintere aber nur dann, wenn
der Slovene nach der Schrift sehr rein spricht. Wobei politisch dem H
nicht das vordere, sondern das hintere S sympathischer ist aus Grnden,
die in der Vergangenheit wurzeln.

Aus Kroatien haben Briefe den Weg in meine Arbeitsstube gefunden, allen
Hindernden zum Trotz. Den Bitten lieber Freunde, wenigstens einen Teil
des gesammelten "Stoffes" aus dem Kroatenlande verarbeitet der deutschen
Leserwelt zu unterbreiten, komme ich umso lieber nach, als das treue
Gedenken Freude bereitete, der Wunsch auf kroatischer Seite, dem
Deutschen einen Blick in die alten und neuen Verhltnisse Kroatiens zu
gewhren, Beachtung verdient.

Die "Stoffe" sind zu Skizzen und Erzhlungen verarbeitet; ehrlich,
gewissenhaft, ohne jede "Schnfrberei".

Mnchen, im Mrz 1920.

Arthur Achleitner.




Drei Regimentsbefehle.


Im Sden Kroatiens, Lika (d. h. Abgrenzung, Grenzland), herrscht die
Melancholie des Karstes. Das Gebiet ist zwar noch begrnt, doch die
wenigen schmalen Flutler mit Wasserlufen, die pltzlich im Boden
verschwinden, unterirdisch weiterlaufen und unvermittelt wieder zutage
treten, sind tief eingerissen. Dster und vllig kahl ragen aus diesem
Karstlande Felsberge auf, die den Eindruck der Traurigkeit noch
steigern. Nur wenige Tler und Mulden, Dolinen genannt, erweisen sich in
der Lika als fruchtbringendes Ackerland.

Um die Zeit zu Ende der dreiiger Jahre des vorigen Jahrhunderts muten
die Bauern als Soldaten der Likaner Militrgrenze von den Offizieren
geradezu gezwungen werden, den Boden zu bearbeiten, wobei Ackergerte
aus uralter Zeit benutzt wurden. Die Bevlkerung, besonders jene der
serbisch-orthodoxen Konfession, verhielt sich trotz Androhung schwerer
Strafen gegen jede Verbesserung im Ackerbau ablehnend. Besonders
"bockbeinig" zeigten sich die Menschen im Gebiet der stahlblauen Korana,
in der Umgebung des Kompagnie-Stdtchens S. Mager der Boden, dafr
blutgetrnkt infolge der vielfachen ruberischen Einflle der bosnischen
Trken. Freudlos die Gegend, d das Stdtchen in trkischer Bauart und
mit vielen Mhlen einfachster Art und verfallenen Getreideschuppen aus
napoleonischer Zeit. Die mrchenhaftblaue Korana prahlt just hier mit
hinreiender Schnheit in berraschenden Wasserstrzen; doch kommt
dieser Wasserzauber inmitten tiefer Melancholie nur bei hellem
Sonnenlichte zur Geltung. Grauer Himmel und Regenschauer verwandeln
diese Gegend in eine abschreckende de und Wildnis, die auf das Gemt
erschtternd wirkt.

Des schlechten Ertrages aus dem Ackerbau wegen hatten die Offiziere des
Likaner Grenzregimentes ihre stetige Not mit der mnnlichen Bevlkerung
der oberen Lika; schn und hochgewachsen waren (und sind heute noch) die
Mnner, prchtige Gestalten und brauchbare, mutige Soldaten, aber fr
die Bodenbearbeitung hatten sie keinen Sinn, und nur unter Zwang lieen
sie sich, stets je acht Mann, vor einen Pflug spannen, um an Stelle der
fehlenden Ochsen die Feldbearbeitung vorzunehmen. Auf Schritt und Tritt
muten den Likanern der Profos und Unteroffiziere folgen.

Zufolge Regimentsbefehles bauten die Kompagnie-Offiziere und
Stationskommandanten auf den militreigenen Grundstcken um jene Zeit
Kartoffeln zum Zwecke, die buerlichen Grenzsoldaten mit dieser Frucht
bekannt zu machen, die Leute zu veranlassen, den Kartoffelanbau in der
Lika allgemein einzufhren. Auch die Kompagnie im Stdtchen S. hatte im
Frhjahre den Regimentsbefehl zugemittelt erhalten, verschrft mit der
"gepfefferten" Bemerkung des zu Karlstadt residierenden Obersten K., da
die Offiziere zu S. "alles und mit Beschleunigung aufzubieten haben, den
Kartoffelbau erfolgreich einzufhren". Gehorsam hatte der dienstlteste
Hauptmann Attilius Tonidandel, ein sehr brbeiig aussehender, doch
gutmtiger und witzig veranlagter Herr, im Kchengarten bei seinem
Wohnhause "Krompir" (Grundbirne, Erdapfel) anbauen lassen, im Dienstwege
aber schriftlich beim Regimentskommando angefragt, "wie mit
Beschleunigung erfolgreich" die Kartoffel bei den Grenzsoldaten
"beliebt" gemacht werden solle.

Diese "gehorsamste", in Wahrheit etwas boshafte Anfrage war ohne Antwort
geblieben. Deshalb kmmerte sich Hauptmann Tonidandel nicht weiter um
den Befehl, noch weniger um die "gepfefferte" Bemerkung des
Regimentskommandanten, und Herr Attilius lie die "Krompir" Stauden
wachsen, wie sie wollten.

In der Stabskanzlei des todlangweiligen Garnisonstdtchens "mopste" sich
eines melancholischen Herbsttages Tonidandel wieder ganz erschrecklich,
als unerwartet und sehr aufgeregt sein Freund, der jngere Hauptmann
Adolar Pegan, ein kleiner, dicker Mann, eintrat, atemringend grte und
frchterlich in einem Gemisch von deutschen und serbischen Worten ber
die verdammten Grenzer fluchte. Und sthnend erstattete Pegan Kapport,
da in den Ackern nicht eine einzige Grundbirne vorgefunden werden
konnte; daher der grte Teil der Kompagnie Stockprgel erhalten habe.
Pfeifend und rasselnd holte Pegan, der einen Satthals hatte, Atem. Herr
Attilius Tonidandel blieb ruhig auf dem zerrissenen Ledersessel sitzen,
lachte vergngt und fragte, was denn die Teufelskerle mit dem gratis
verabreichten "Kartoffelsamen" getan hatten.

Herr Pegan rief erbost. "Schnaps wollten sie brennen, die Sramjes
(Schandkerle)! Das ist ihnen aber nicht gelungen!"

"Glaub' ich gern! Kann es den Kerls auch nicht verbeln, da sie von
'Krompir' nichts wissen wollen! Mir persnlich ist ein knusperig
gebratenes Spanferkel allemal lieber als der schnste Erdapfel!"

Pfeifenden Atems schmetterte Pegan aus dem dicken Halse. "Aber Befehl
ist Befehl! Regimentsbefehl dazu! Und der Oberst hat zuweilen den Teufel
im Leib! Ganz totprgeln kann ich die Kerle doch nicht lassen! Was aber
machen, Herr Bruder?"

"Ruhig abwarten, Herr Hauptmann und Bruder! Abwarten, bis es dem Chef
beliebt, Antwort auf meine Frage vom Mai zu geben! Der Oberst hat sich
seither Zeit gelassen, also tun wir desgleichen! Nur nichts berhudeln,
Herr Bruder! Und nicht aufregen, lieber Pobratim (Wahlbruder)! Darber,
wie unsere Grenzer zu Liebhabern der Erdpfel gemacht werden knnen,
soll sich nur das Regimentskommando oder Exzellenz, der alles wissende
und nie sichtbare General in Agram, den Kopf zerbrechen! Wir tun es
nicht in dem den Nest auerhalb der Welt!"

Ein Posthornsignal wurde hrbar. Die militrische Poststaffette aus
Karlstadt war in S. angekommen, die tglich einmal die Befehle des
Regimentskommandos berbrachte.

Und Tonidandel schickte den Kompagnieschreiber Jovo hinab, den
Postbeutel in Empfang zu nehmen. Dann wandte sich Attilius gelassen zum
Freunde Pegan und bewirtete ihn mit einem Glschen guten
Pflaumenschnapses (Slibowitz).

Pegan dankte und leerte das Glas auf einen Schluck. Und mit seiner
fetten Stimme beteuerte er. "Pobratim! Bleibt ewig wahr in Kroatien:
'Der beste Witz ist der--Slibowitz.' Auf Dein Wohl, Herr Hauptmann!"

"Wei schon, wie es gemeint ist: repetatur! Ist das einzige lateinische
Wort, das in meinem Gedchtnisse haften geblieben ist! Zivio pobratim!
(Hoch Bruder!)" Und Attilius schenkte das Glas abermals voll, mit so
ruhiger Hand, da kein Tropfen daneben flo.

"Danke, Herr Hauptmann! Ich staune ber deine ruhige Hand. Noch mehr
bewundere ich aber deine Gelassenheit. Wo doch die--Wische von der
Regimentskanzlei soeben angekommen sind! Sicherlich fr uns im 'Exil'
wieder unangenehme Befehle, lstige Auftrge, Rackereien. Er aber, der
solus altissimus sitzt bequem in Karlstadt!"

"Still, Bruder! Nicht aufregen ber Dinge, die wir nicht ndern knnen,
und fr die wir die Verantwortung nicht zu tragen haben.--Noch ein
Stamperl (Glschen) gefllig? Alle guten Dinge sind ihrer drei."

Obwohl der Kompagnieschreiber Jovo die Posttasche hereinbrachte und ber
ihre "Leibigkeit" etwas disziplinwidrig maulte, lie sich Tonidandel im
Einschenken des dritten Glschens nicht beirren. Lediglich zu Jovo
meinte er. "Maul halten, Schreiber, denn dich hat es nichts zu kmmern,
ob die Tasche dick oder mager ist!--Prosit! Du sollst leben, Herr
Hauptmann!"

Jovo grinste und zog sich in seine anstoende Stube zurck.

"So, nun wollen wir sehen, was uns das Regimentskommando mitzuteilen
hat. Setz' dich, Bruder, auf da du nicht hinfallst, so der Herr Oberst
teufelt!" Gemchlich nahm Attilius die Schriftstcke heraus, eines nach
dem andern, und legte sie auf den wurmstichigen Tisch. Beim Anblick
eines Aktenstckes, dessen besonderer Umschlag mit drei roten Kreuzen
als "eilig" bezeichnet war, meinte Attilius sarkastisch: "Ah, der Herr
Oberst belieben zu pressieren!"

Pegan drngelte auf Bekanntgabe des eiligen Befehles.

"Zeit lassen, Bruder! Nur nicht aufregen, nicht pressieren! Alles Unheil
beim Militr kommt vom berhudeln." Langsam entfaltete Tonidandel das
Schriftstck und las es durch.

"Darf ich wissen, Herr Hauptmann?" rief Pegan neugierig und ngstlich.

"Freilich! Also hr' zu! Der gndige Herr Oberst belieben uns
mitzuteilen: 'Nachdem das Generalat mit Dienstbefehl vom ... angeordnet
hat, da die Grenzsoldaten wenn ntig unter Zwangsanwendung zum
Erdpfelbau angehalten werden sollen, ihnen Kartoffelsamen unentgeltlich
verabreicht wurde, sieht sich das Regimentskommando veranlat zu
befehlen, da smtliche Militrstationskommandanten in der Lika den
jeweiligen Staresina[1] unauffllig zu einem Erdpfelessen einladen. Des
weiteren erfolgt andurch der Befehl, da die Herren Offiziere den
Grenzsoldaten bezglich der reifen Erdpfel Gelegenheit zum Verschaffen
geben!'--Unterschrift wie immer unleserlich, uns aber bekannt, lieb und
teuer!" Tonidandel lachte trocken und fgte dann die Frage bei, ob der
Bruder Pegan den interessanten Regimentsbefehl verstanden habe.

Schon whrend der Vorlesung des Schriftstckes hatte sich der zappelige
Hauptmann Pegan erhoben. Nun stapfte er auf Tonidandel zu und bat um
Ausfolgung des Schriftstckes. "Um den rtselhaften Befehl zu verstehen,
mu ich ihn schon selber lesen!" Hastig berflog Pegan den Ukas. Dann
legte er das Schriftstck auf den wurmstichigen Tisch und sthnte mit
fettiger Stimme: "Da wir den Staresina mit Krompir bewirten sollen, ist
verstndlich und auch mir einleuchtend. Leicht durchfhrbare Sache:
Beeinflussung der Gemeindevorsteher durch Gaumenkitzel und Magenfllung;
einer sagt's dem andern, und so kommt's unter d' Leut!--Was ich aber
nicht verstehe, ist der dunkle Sinn des zweiten Befehlsteils:
Gelegenheit zum Verschaffen geben! Was meint der Oberst mit diesen
sonderbaren vier Worten? Mir ein Rtsel!"

Tonidandel reichte dem Freunde Pegan abermals ein Stamperl Slibowitz mit
den Worten. "Strke dich, Bruder, auf da dein militrisches Gehirn
erleuchtet werde! Apropos: Wie lange dienst du schon in der Grenze?"

"Fragen der Herr Kommandant dienstlich?"

"Nein! Privatim und als Freund und Bruder."

"Na, dann wisse! Sechs Jahre diene ich auf--halbasiatischem Boden mit
der Sehnsucht nach Rckkehr auf europischen Grund!"

Sarkastisch meinte Tonidandel. "Sechs Jahre! Hm! Da wundert es mich, da
du neben der Tapferkeit und Rauflust unserer Grenzer den Kern ihres
Wesens, ihre Haupteigenschaft auer Dienst noch nicht kennen gelernt
hast!"

"Wieso? Was meinst du, Bruder? Worin besteht die Haupteigenschaft der
Grenzer?" Neugierig richtete Pegan den Blick auf den Freund und
Vorgesetzten.

"Die hervorstechendste Eigenschaft unserer Grenzer werde ich dir nicht
nennen! Du sollst sie aus der Praxis kennen lernen, um sie dann fr
deine Lebenszeit in der Erinnerung zu behalten! Auf Wiedersehen heut'
abend przis sieben Uhr auf meiner Bude! Przis sieben, ja nicht spter!
Laut Regimentsbefehl!"

"Schon wieder ein Rtsel? Was ist los? Weshalb forderst du 'przises
Erscheinen' zu einer Stunde, die doch mit dem Dienst nichts zu tun haben
kann?"

"Will ich dir als Dienstgeheimnis anvertrauen! Wir zwei essen punkt
sieben Uhr privatim eine gebratene Gans, um dreiviertel acht Uhr aber
essen wir dienstlich militrrarische Erdpfel mit unserem Staresina
laut Regimentsbefehl! Verstanden, Herr Bruder?!"

Lachend sicherte Hauptmann Pegan sein pnktliches Erscheinen zum
privaten Abendessen zu. Schluckte noch etwas Slibowitz und
verabschiedete sich vom Vorgesetzten.--

Kompagniekommandant Tonidandel bewohnte ein kleines, einstckiges,
verwahrlostes Haus im oberen Teile des Stdtchens S., bestehend aus drei
engen und niederen Zimmern, einer finsteren Kche und einer
Vorratskammer. Zu dem Huschen, da Attilius spttisch nach kroatischem
Brauch "curia nobilis" nannte, gehrte ein Kchengarten, der sich bergan
dehnte, etwas Gemse und vllig verwilderte Kartoffelstauden enthielt.
Vor Jahrzehnten mochten die Wohnzimmer das letztemal wei getncht, der
Fuboden mit Holz belegt worden sein. Jetzt waren die Dielen vermorscht;
in den feuchten Ecken gedieh der Hausschwamm. Doch der Fuboden war nach
Brauch und Vorschrift mit weilichgelbem Sand bestreut, der unter jedem
Schritt knirschte. Dem Himmel allein konnte bekannt sein, von wo und von
wem die Mbel stammten; der runde, schlecht polierte Tisch, die uralten,
mit geschossenem Wollstoff berzogenen Sthle, ein blinder Spiegel in
wurmstichigem Holzrahmen, ein grlich geschweiftes, mit Stroh geflltes
Sofa und davor ein ausgefranster Teppich.

Im engen Raume, den Tonidandel "Speisesaal" nannte, befand sich das
einzige gediegene Mbel des Hauses: ein Auszugtisch. Dazu sechs
wackelige Sthle, eine Kredenz mit Glsern, Geschirr von Steingut und
Zinn.

In diesem, von vier Unschlittkerzen "feenhaft" erleuchteten "Saale"
erwartete Tonidandel, vor dem "herrschaftlich" mit einem Linnen
gedeckten Auszugtische stehend, seinen Gast Pegan. Durch das Huschen
zog der verlockende Duft einer gebratenen Gans.

Als auch Tonidandel diesen Duft in die knotige Nase bekam, ffnete er
nicht nur die Fenster des "Speisesaales", sondern auch die Haustre, um
den Bratenduft mglichst rasch entweichen zu lassen.

Bis zur Ankunft Pegans war jeder verrterische Duft verflchtigt, aber
dafr qualmten im Speisezimmer die zu Stumpen herabgebrannten
Unschlittkerzen, die der Offiziersdiener schleunigst erneuern mute.

Kurz fiel die Begrung des Gastes aus. Tonidandel verwies auf die
Notwendigkeit einer _spteren_ Verabreichung des "Bilikum"
(Willkommtrunkes), so der Staresina gekommen sein werde. "Weit, lieber
Bruder, fr uns beide ist jetzt die Hauptsache, da wir uns mit
Gansbraten satt essen, und zwar _vor_ der Ankunft des Brgermeisters und
vor dem dienstlichen Erdpfeldiner!"

"Capsico!" rief Hauptmann Pegan mit seiner fetten Stimme. Die knusperig
gebratene und von der Kchin gut zerteilte Gans wurde aufgetragen. Der
Diener fllte dann die groen, unfrmlichen Glser mit fast
schwefelgelbem, doch vorzglichem kroatischem Weine und verschwand auf
einen Wink Tonidandels. So schnell verzehrten die Offiziere die
"rarische" Gans, als stnde in der nchsten Viertelstunde Alarm und
Abmarsch des Bataillons bevor. Tonidandel war berhaupt ein Schnellesser
und rasch gesttigt; Pegan hingegen gehorchte lediglich dem Drngen des
Kameraden, kaute kaum und verschlang die Brocken. Der Diener wurde
gerufen und mute rasch abtragen, hernach lften und die Kerzen mit der
Scheere putzen.

"Hinaus!" befahl der Gebieter, der nun die vorhanglosen Fenster schlo.

"Ich mu sagen, lieber Bruder, da mir dieses Essen im Eilmarschtempo
wahrscheinlich nicht gut bekommen wird!"

"Wei schon, worauf du anspielst! Mut aber auf den--Slibowitz warten!
Nimm einen krftigen Schluck vom Weine! Und behalte im Gedchtnis. Kein
Ton darf verraten werden, da wir soeben auf Regimentsunkosten eine Gans
verzehrt haben!"

"Sehr wohl, Herr Chef! Die Sache wird immer mysteriser!"

"Im Laufe des Abends wird dir alles klar werden!"

Auf die Minute genau erschien der Staresina im Hause. Ein
hochgewachsener Likaner, breitschulterig, hellugig, gutmtig. Wenn die
blonden Haare nicht berlang gewesen wren, htte man diesen Sdslaven
fr einen Deutschen halten knnen. Unbegrenzten Respekt vor der
Militrmacht verriet sein unterwrfiges, demtiges Verhalten. Der
Vorsteher, seines Zeichens ein Schmiedmeister, fate die ihm gewordene
Einladung nicht als besondere Ehre und Auszeichnung auf; er schien zu
glauben, da er befohlen war, zu ungewhnlicher Stunde einen
auerordentlichen und unangenehmen Befehl des Stadtkommandanten
entgegenzunehmen. ngstlich begrte er die Offiziere; unterwrfig
fragte er in schlecht verstndlichem Deutsch nach den Befehlen und
Wnschen des Herrn Kommandanten.

Tonidandel beruhigte den Vorsteher sogleich mit dem Hinweise, da es
sich tatschlich um eine Einladung, nicht um eine militrdienstliche
Angelegenheit handle. "Ich feiere nmlich heute meinen Namenstag und
will an meinem freilich mager bestellten Tische liebe Gste haben!
Meinen Freund und Kameraden Herrn Hauptmann Pegan und den Staresina!"

Der Vorsteher richtete sich berrascht auf und warf einen forschenden
Blick auf den Gebieter. "Zu viel der hohen Ehre! Ich nicht wissen,
gndiger Herr, wie ich kommen dazu!" Mit berschwenglicher Hflichkeit
stammelte der Schmiedmeister seine Glckwnsche zum Namensfeste, wobei
er beteuerte, bis zur Stunde nicht gewut zu haben, da der Herr
Kommandant den Taufnamen "Raphael" fhre.

Hauptmann Pegan platzte heraus. "Hab' ich auch nicht gewut!"

"Das ist nebenschlich! Nun wollen wir dem Staresina das 'Bilikum'
reichen!" Tonidandel fllte einen Pokal mit Wein, hielt eine kleine
Ansprache an den Gast, der sich so wohl fhlen mge im Hause wie im
eigenen Heim, und reichte dann dem Pokal dem Vorsteher, der aufrecht
stehend den Willkommspruch angehrt hatte, sich nun verbeugte, den Pokal
entgegennahm, einen Segenspruch fr den Hausherrn feierlich sprach und
den Pokal auf einen Zug leerte.

Die Offiziere leerten ihre gefllten Glser gleichfalls bis zur
Nagelprobe.

"Und nun zu Tisch!"

Whrend die Herren sich setzten, trug der Diener eine Schssel voll
Kartoffeln herein.

Trotz der groen Befangenheit richtete der Likaner einen neugierigen und
forschenden Blick auf den Inhalt der Schssel. Und dabei rutschte ihm
die Frage heraus: "Sto je to?" (Was ist das?) Tonidandel fllte den
Teller des Vorstehers mit Kartoffeln und sprach schmunzelnd. "Erst
essen! Die Erklrung wird alsbald folgen! Greif zu, Herr Hauptmann!"

Die Offiziere nahmen aus der Schssel, doch nur je eine Kartoffel und
aen mit gut geheuchelten Appetit.

Zgernd griff der Staresina zu, beguckte das ihm fremde Gericht,
stocherte daran und schnupperte vorsichtig. Da er sah' da die Offiziere
das seltsame Zeug wirklich verzehrten, gewann der Vorgesteher doch so
viel Vertrauen, ein Stck davon in den breiten Mund zu schieben.

"Was wir da essen, sind Erdpfel, Krompir, lieber Staresina! Erdpfel,
was wachsen in unserem Kchengarten! Wirklich Erdpfel, die aber die
Granicari[2] nicht essen wollen!"

Der Vorsteher hatte rasend schnell eine zweite Kartoffel gegessen und
rief geradezu frohlockend. "To je guska! Das ist Gans! Schmecken nach
Gansbraten sehr gut! Prozim! (Ich bitte!) Darf ich noch mehr davon
essen?"

Der Kommandant erwiderte lachend. "Nur zu! Alles drfen Sie essen! Bis
Ihnen die Ohren stauben! Der Staresina soll sich ja berzeugen, da die
Erdpfel wirklich sehr gut schmecken!

Fr die Lika mit ihrer hufigen Hungersnot wird es ein Segen sein, wenn
der Anbau der ausgezeichneten Erdpfel allgemein durchgefhrt wird!"

Gierig verzehrte der Vorsteher die Kartoffeln. Schmatzend wie ein
Fischotter beim Fischfra. Dann aber hielt er inne und sprach. "Bitt ich
schnstens, Herr Kapetan! Seltsam find' ich, da schmecken dieser
Erdapfel so stark nach Gans! Wahrhaftig wie gebratene Gans! Schmecken
jeder Erdapfel so?!"

Dem Hauptmann Pegan ging ein Licht auf; ein Lcheln umspielte seine
Lippen.

Vllig ernsthaft und im Tone der Belehrung erwiderte der Kommandant: "Es
gibt drei verschiedene Sorten von Erdpfeln, lieber Staresina! Eine
Sorte heit 'Schneeflocken', weil dieser Erdapfel wei und mehlig ist
wie Schnee! Eine andere Sorte heit 'Rosenkartoffel' von wegen der
rosaroten Farbe! Was Sie eben gegessen haben, ist der 'Gnse-Erdapfel',
weil er nach Gnsebraten schmeckt! Ganz so, wie es in Deutschland
einen--Gnsekohl gibt!"

"Wunder Gottes!" rief staunend der Vorsteher. "Das sein prachtvoll!
Schmecken herrlich! Der Banus in Agram und der Zar (Kaiser) in Wien
knnen nicht Besseres essen! Und der Ganserdapfel machen so prachtvolle
Durst!"

Whrend sich Hauptmann Pegan vor Lachen krmmte, versicherte Tonidandel
schmunzelnd: "Das ist ja das Schnste an einem Erdapfel! Und den von ihm
erzeugten Durst wollen wir nun lschen mit Wein! Trinken wir auf das
Wohl des Chefs unseres Likaner Grenzregiments, der zum Segen des
Granicari die Erdpfel bei uns einfhren will! Der Herr Oberst lebe
hoch!"

"Zivio!" rief der Vorsteher, der sich gleich den Offizieren erhoben
hatte.

Die Glser klangen und wurden geleert.

"Nie in meinem Leben haben mir der Wein so gut geschmeckt wie heute auf
den Gans-Erdapfel! Herr Kommandant wissen ja, wie selten unsereiner zu
wirklichem Gansbraten kommen! Aber nun werden wir bekommen guten Ersatz
fr wirkliche Gans durch Erdapfel, was auch so nach Gans schmecken!"
Hoch und heilig gelobte der Vorsteher, all seinen Einflu im Stdtchen
und bei den Dorfltesten des Bezirkes aufzubieten, um den Leuten diese
Wundergabe, den nach Gansbraten schmeckenden Erdapfel, zugnglich zu
machen. Im nchsten Frhjahre werde sicherlich in der Lika alles diese
Erdapfelsorte anbauen, vorausgesetzt, da man Samen und Knollen davon
vom Regiment erhalte.

"Soviel die Leute wollen, sollen sie bekommen!"

"Tausend Dank, Gnaden Herr Kommandant! Ich werde predigen davon, wie
gut, sehr gut sein besonders der Gans-Erdapfel! Ich sein berzeugt, da
ganze Bevlkerung sich bemhen wird, diese Erdapfel sich
zu--verschaffen!" Ein listiger und zugleich fragender Blick streifte den
Hausherrn.

Tonidandel verriet in keiner Weise, da er die Bedeutung dieses Likaner
Ausdrucks kannte. Absichtlich ignorierte er die listige Anspielung des
Vorstehers, der auf den Busch hatte klopfen wollen.

Auf "Regimentsunkosten" wurden noch etliche Krge Weines geleert. Bevor
aber der glckselige Vorsteher den Zungenschlag bekam, hob der Hausherr
die Sitzung mit dem Bedeuten auf, da frhmorgens die Kompagnie
ausrcken mte, daher die Nachtruhe erwnscht sei.

"Schon in aller Frhe rcken Herr Kapetan aus?" fragte blinzelnd der
Vorsteher beim Abschied.

"Ich nicht! Aber die Kompagnie! Und nun 'Gute Nacht', lieber Staresina!"

Mit einiger Mhe brachte der Kommandant den schwatzhaft und
berschwenglich gewordenen Gast zur Haustre und auf den Heimweg.

Im Speisezimmer bei trbem Licht der Kerzenstumpen fragte Pegan den
Vorgesetzten, ob die Kompagnie wirklich in aller Frhe ausrcken msse.

"Aber keine Idee, lieber Bruder! Ich habe das nur gesagt, um den
Vorsteher und meine Erdpfel los zu werden!" rief lachend der Hausherr.

"Was! Die Erdpfel willst du los werden? Wieso denn?"

"Ja! Es wird keine Stunde whren und im Kchengarten wird dann kein
Erdapfel mehr zu finden sein!"

"Nicht mglich! Du mut Wachen aufhellen, den Diebstahl verhindern!"

"O nein, lieber Bruder! Im Gegenteil! Es wird mich sehr freuen, wenn
sich unsere Granicari, allen voran der Staresina, in dieser Nacht meine
Erdpfel--'verschaffen'! Du mut nmlich wissen, lieber Bruder, da der
Grenzer niemals stiehlt; er 'verschafft sich' nur eine ihm nicht eigene
Sache! Und da im Regimentsbefehl deutlich zu lesen ist, da wir den
Granicari 'Gelegenheit zum--Verschaffen' geben sollen, rhre ich
ordergem keinen Finger, so unsere Grenzer sich heute nacht smtliche
Erdpfel aus meinem Kchengarten holen!"

"Ah! Jetzt verstehe ich alles! Die Erdpfel hast du mit der Gans braten
lassen, damit...."

"Stimmt! Und jetzt verlschen wir das Licht; im Dunkel der Nacht wollen
wir vom rckwrtigen Zimmer aus beobachten, wie sich die Granicari die
Gnsekartoffeln holen!"

So geschah es.

Am Morgen stellte Kommandant Tonidandel in Gegenwart des Hauptmanns
Pegan dienstlich fest, da im Kchengarten nicht eine Kartoffel mehr zu
finden war. Diese "Konstatierung" erfolgte zum Zwecke, da dienstlich an
das Regimentskommando der--Vollzug des Befehles gemeldet werden konnte.
Pegan unterschrieb das Dienstschreiben als Zeuge.

Tonidandels Hoffnung, mit einem Erdpfel-Befehl so bald nicht mehr
belstigt zu werden, erfllte sich vollauf; denn der Regimentschef
schien sich zu beruhigen mit der Vollzugsmeldung. Und die Grenzer
wollten von den Kartoffeln nichts wissen, weil die "verschafften"
Erdpfel aus dem Kompagnie-Kchengarten nicht nach--Gnsebraten
schmeckten.

Und bei den Granicari galt es frder ausgemacht, da der Staresina ein
"groer Lgner" sei....

       *       *       *       *       *

So zurckgezogen, gesellschaftlich abgeschlossen Kommandant Tonidandel
im Stdtchen lebte, ab und zu besuchte er doch den Prota (Erzpriester
der griechisch-orthodoxen Gemeinde), einen ehrwrdigen Greis mit
schneeweiem Bart und langem Silberhaar, im Pfarrhause. Sowohl der
ruhige Prota wie seine Gattin, die stille Posa (Poscha), besonders aber
die liebliche Tochter Maca (Matza, Marie) waren dem brbeiigen
Kompagniekommandanten beraus sympathisch. Tonidandel fhlte sich wohl
bei dieser Familie, zumal ihm der Prota, der, wie alle Stnde in der
Militrgrenze, unter dem Militrgesetz und der Militrverwaltung stand,
nie Unannehmlichkeiten, Verdru oder Scherereien verursacht hatte.
Gelegentlich vom Prota geuerte Worte ber die drckende
Militrdidaktur, ber den Despotismus des Regimentschefs nahm Tonidandel
umso weniger bel, als der Kompagniekommandant doch selbst seine eigene,
nicht gerade rosige Meinung ber den gewaltttigen Chef hatte.

So sa denn Tonidandel etliche Tage spter an einem Abend im kahlen,
doch behaglich erwrmten Wohnzimmer des Pfarrhauses und kneipte mit dem
Prota vom Weine, den der Kommandant vorher ins Haus gesandt hatte. Der
Erzpriester mit kmmerlichem Einkommen war so arm, da er den hohen Gast
nicht htte entsprechend bewirten knnen. Deshalb schickte Tonidandel
mit der Besuchsansage stets Wein, Slibowitz, zuweilen auch kalten
Aufschnitt ins Pfarrhaus.

So auch diesmal. Und wie die Herren nach der Begrung der Damen
gemtlich beisammen saen, erzhlte Tonidandel vergngt die Geschichte
von den Gnsekartoffeln, und zugleich sprach er die Hoffnung aus, fr
die Dauer seiner Dienstzeit mit "Erdpfel-Befehlen" verschont zu
bleiben.

Der ehrwrdige Prota wagte kaum ein Lcheln. Wrdevoll schlo er sich
der Hoffnung des Kommandanten an und leerte auf die Erfllung des
Wunsches Tonidandels sein Glas.

"Ist recht so, lieber Prota! Ich hoffe aber noch mehr, nmlich die
endliche Berufung unter Vorrckung nach--Europa!"

"Bog daj!"[3] rief der Erzpriester und hob die Augen zur geschwrzten
Decke. Und nachdem er die Unschlittkerze geputzt hatte, wagte er die
sanft vorgebrachte Bemerkung, da sich bei bescheidenen Ansprchen doch
auch in der weltentlegenen Lika leben lasse. "Besser freilich vielleicht
im Provinzial!"[4]

"Glaub' Er das nicht, lieber Prota!" erwiderte eifrig der Kommandant.
"In mancher Beziehung sind die Zustnde bei uns in der Grenze sogar
besser! Wir haben doch nicht die Rechtsbeugungen der adeligen
Gutsbesitzer, nicht die Willkrherrschaft der autonomen Komitate, nicht
die Gier und Leidenschaft politischer Hitzkpfe im Provinzial!"

Milde sprach der Erzpriester im Silberhaar. "Das nicht, gndiger Herr!
Aber dafr den Despotismus des Regimentskommandanten!"

"Das mu man als etwas Selbstverstndliches hinnehmen! Das Volk der
Grenze so gut wie wir Offiziere! brigens haben wir in der Grenze immer
noch mehr Rechtssicherheit als das Provinzial!"

Ergebungsvoll stimmte der Prota zu. "Euer Herrlichkeit belieben recht zu
haben! Nur drfte die Hrte des Militrgesetzes nicht zu bestreiten
sein."

"Warum 'Hrte'?"

"Halten zu Gnaden, Herr Kommandant! Hart wast es fr uns Serbokroaten,
weil die Auditore (Militrrichter) Fremde sind, unsere Sprache nicht
verstehen, auf Dolmetscher angewiesen sind, die zwar Kroatisch gut,
Deutsch hingegen nur ungengend knnen! Ich meine, da die beiderseitige
Sprachunkenntnis gefhrliche Folgen fr Leben, Freiheit und Eigentum der
Angeklagten hat und noch haben wird!"

"Hm! Ist ja richtig, aber wir zwei knnen das nicht ndern! Na
zdravje!"[5]

Demtig dankte der Prota fr diese Ehre. Und mit bebender Hand fhrte er
sein Glas zum Munde.

"Recht so, lieber Prota! Mu sagen, da ich recht zufrieden mit Ihm bin!
Der einzige Pope im ganzen Bezirk, der mir noch keinen Verdru bereitet
hat!"

"Ich danke gehorsamst fr diese Anerkennung! Dennoch zittere ich schier
jeglichen Tag, da doch einmal Unheil ber mich kommen werde...."

"Warum? Hat Er denn von frher her etwas auf dem Kerbholz?"

"Nicht schlimm, Euer Herrlichkeit aufzuwarten! Nur einen blen Auftritt
hat es vor Jahren gegeben, als wir zur Vorstellung vor dem damaligen
neuen Regimentskommandanten, einem Deutschen, nach Otocac (Ototschatz)
befohlen waren und vom Militrchef bs angefahren wurden, da wir
Erzpriester Feinde des Kaisers und sterreichs seien...."

"Wieso?"

"Der Oberst warf uns vor, da wir in unseren Kirchenbchern fr den Zar
von Ruland beten, nicht fr den Kaiser von sterreich!"

Interessiert rief Tonidandel. "Was? Ist das wahr?"

"Ja und nein, Euer Herrlichkeit aufzuwarten! Die Erklrung ist leicht
zu geben! Unsere Kirchenbcher mssen in--Ruland gedruckt werden, weil
die sterreichische Regierung nicht erlaubt, da unsere orthodoxen
Bcher in sterreich gedruckt werden! So ist es denn ganz erklrlich,
da in den in Ruland gedruckten Bchern der Name des dortigen
Landesherrn steht. Selbstverbindlich beten wir aber fr den Kaiser von
sterreich, fr unseren Landesherrn!"

"Weiter!"

"Jener Oberst steifte sich aber darauf, da es in den Bchern 'Zar',
nicht 'Kaiser' heit! Ich als Sprecher der Erzpriester habe den
gestrengen Kommandanten aufmerksam gemacht, da man in der slavischen
Sprache das Wort 'Kaiser' nicht kennt, nicht anders nennen kann als
'Zar'! Zar ist gleichbedeutend mit Kaiser! Zum Schlu der denkwrdigen
Audienz hatte ich gebeten, es mge der Oberst bewirken, da unsere
Kirchenbcher in sterreich gedruckt werden drfen; dann werde sicher
der Name unseres sterreichischen Zaren = Kaisers gedruckt werden!"

"Was geschah dann?"

"Wir wurden ziemlich ungndig entlassen! Der Oberst schien nicht recht
zu glauben, was ich ihm sagte! Und seither befrchte ich immer, da man
mir meinen Freimut verbeln, mich hinterdrein bestrafen, um meine so
krgliche Stelle bringen werde!"

"Mut, lieber Alter! Jener Oberst ist lngst nach--Europa versetzt, also
hat es fr den Prota von S. keine Gefahr! Und selbst im Falle, da sich
unser gestrenger Chef um diese verjhrte Geschichte unerwarteterweise
kmmern sollte, werde ich fr den Prota schon einzutreten wissen!
Jawohl! Prosit!"

Erfreut, von dieser alten Sorge befreit, griff der alte Erzpriester zum
Glase, dankte fr die Zusicherung des Wohlwollens und der Untersttzung
und leerte das Glas auf das Wohl des gndigen Kompagniekommandanten.

Spt wurde es an diesem Abend, bis Tonidandel sich verabschiedete und
sporenklirrend seiner Behausung zustapfte.

In der Kompagniekanzlei erschien der Kommandant am andern Tag erst zur
Stunde, da die Militrstaffette die Post von Karlstadt brachte.

Mit einigem "Haarweh" behaftet, sah Tonidandel den Einlauf durch,
langsam, ohne Interesse, verdrossen. Stutzig wurde er, als er einen
neuen Befehl des Regimentskommandos in Hnden hielt, ein Dienstschreiben
an alle Militrstationen des Likaner Bezirks mit dem Wortlaute. "Sollten
sich bei den Militrstationen alte _Pfaffen_ vorfinden, sind diese,
wohlverwahrt im Verschlag, dem Regimentskommando unverweilt
abzuliefern." Die unleserliche, doch wohlbekannte Unterschrift des Chefs
stand unter diesem verblffenden Befehl.

Zweimal las Tonidandel dieses Schriftstck sehr aufmerksam. Dann pfiff
er durch die Zhne. Wie weggeblasen war nun das "Haarweh". Und in seinen
Augen glnzte eine seltsame Freude. Wie Donnerrollen klang der Ruf:
"Jovo, hereinkommen!"

Der Kompagnieschreiber Jovo erschien, erwies stramm die Ehrenbezeugung.
"Zu Befehl, Herr Kommandant!"

"Da! Vorlesen diesen Regimentsbefehl!"

Jovo nahm gehorsamst dieses Schriftstck und las es mit geschraubter
Stimme laut vor. Beim Worte: "Pfaffen" stockte er, las es zweimal und
hielt verblfft inne. Seine Augen waren gro wie Pflugrder geworden.
Und der Mund stand so weit offen, da ein Leiterwagen htte hineinfahren
knnen.

"Noch einmal vorlesen das Wort!" donnerte der Kommmandant.

Gehorsam las Jovo: "Alte Pfaffen vorfinden!"

"Gut! Du besttigst also, da 'Pfaffen' geschrieben und zu lesen ist!"

"Zu Befehl, Herr Kommandant, ja! Es steht deutlich geschrieben:
Pfaffen!"

"Gut! Geh in das Pfarrhaus und hole den Prota! Das ist der einzige alte
Pfaffe[6], den wir hier haben! Abtreten!"

Eine Viertelstunde spter stand der ehrwrdige Greis vor dem
Kompagniekommandanten. Verschchtert, demtig, zitternd.

Herr Tonidandel bedauerte die Belstigung des alten Erzpriesters und
machte den Prota mit dem Inhalt des berraschenden Regimentsbefehles
bekannt. Dabei hatte der Kommandant ein Wetterleuchten in den Augen. Und
seine Lippen umzuckte ein Lcheln vergnglichsten Spottes,
unverflschter Schadenfreude.

Bebenden Tones erklrte sich der Prota bereit, sofort nach Karlstadt zu
gehen trotz der alten steifen Beine und des weiten Weges und sich beim
Regimentskommandanten auf Grund des Befehles gehorsamst zu melden. "Ich
bitte Euer Herrlichkeit nur um eine Abschrift des Befehles zu meiner
Legitimation bei der Vorstellung!"

"Aber nein, lieber Prota! Das ist unmglich! Tut mir sehr leid! Befehl
ist Befehl! Jeder Befehl mu befolgt werden, buchstblich und gehorsamst
befolgt! Demnach mu ich eine Kiste beschaffen lassen, einen Verschlag,
wie es im Dienstschreiben heit! In diesem Verschlag mu der Prota von
S. dem Regimentskommando eingeliefert werden! Laut Befehl!"

"Bog, bog!"[7] jammerte der Erzpriester beweglich und rang die Hnde.

"Nur ruhig, lieber Prota! Ich bin kein Freund von Grausamkeiten, hasse
jede Brutalitt! Demnach verfge ich, da der Prota bis eine
Viertelstunde des Weges vor Karlstadt inmitten des Militrpiketts auf
dem Wagen fhrt, dort aber in die Kiste kriecht und im befohlenen
'Verschlag' nach Karlstadt in die Regimentskanzlei gebracht wird! Halte
Er sich bereit! In einer Stunde geht der militrische Transport ab! Pelz
mitnehmen, Prota, denn es ist verdammt frisch! Wnsche wohl zu speisen!"

Der alte Erzpriester hatte eine Trne im Auge und bittere Angst im
Herzen, als er die Kanzlei verlie und zum Pfarrhause wankte. Jovo mute
den merkwrdigen Befehl abschreiben, worauf der Kommandant die Kopie
verglich und den Wortlaut mit Unterschrift und Dienstsiegel beglaubigte.
Die Abschrift erhielt der Transportfhrer eingehndigt behufs
Legitimierung dieses--Pfaffentransportes. Dazu scharfe Befehle
betreffend schonendster Behandlung des Prota, der erst kurz vor
Karlstadt in die Kiste einzuschlieen sei.

Auch dieser Unteroffizier, ein Granicar aus der Korbava, machte ein
hchst verblfftes Gesicht und groe Augen. Der Mund stand weit offen.

Mit einer Bedeckung von sechs Mann Grenzsoldaten in voller Wehr, mit
scharfen Patronen und "aufgepflanztem Bajonett", in der Mitte der
zweispnnige Wagen mit dem Prota und der Kiste, ging unter Fhrung des
Korporals der seltsame Transport ab.

Im Stdtchen S. zerbrach man sich die Kpfe darber.

Tonidandel rieb sich in seiner curia nobilis sehr vergngt die Hnde.
Den armen Prota als Opfer hoffte er spter entschdigen zu knnen. Dem
Regimentschef aber gnnte Attilius den unausbleiblichen rger von ganzem
Herzen.

Behaglich speiste der Kommandant zu Mittag, schlief auch noch ein
Stndchen. Dann aber erteilte er Befehl, da morgen ab acht Uhr frh ein
berittenes Pikett marschbereit zu sein habe, und zwar zu seiner
Begleitung auf dem Ritt nach Karlstadt. Denn Attilius ahnte etwas....

Noch vor Tagesbeginn bei dichtestem Karstnebel traf auf dampfendem
Pferde ein Meldereiter in S. ein, der dem Kompagniechef einen Befehl
berbringen sollte. Tonidandels Diener lie aber auftragsgem den
erwarteten Meldereiter nicht vor und verwies ihn in den Stall mit dem
Bedeuten, da der Befehl erst um acht Uhr berreicht werden drfe.

Lautete doch Tonidandels Leibspruch. Nur nichts berhudeln beim Militr.

Punkt acht Uhr ritt der Kommandant wohlbewaffnet mit Sattelpistolen und
mit dem Regimentsbefehl betreffend Ablieferung des alten Pfaffen im
Waffenrocke, begleitet von sechs berittenen Granicaren nach Karlstadt
ab. Gemchlich und trotz des Karstnebels recht vergngt. Zeitweilig im
Trabe, meist aber im Schritt! Nur nichts berhudeln!

Wtend zum Bersten wartete der Oberst K., ein graubrtiger, dicker Herr
mit struppigen Haaren und sehr liebebedrftigem Herzen, auf den
Kompagniekommandanten, ber den sich ein militrisches Gewitter
sondergleichen entladen sollte. Wegen Verhhnung des Vorgesetzten!

Tonidandel wurde "angehaucht und zusammengestaucht," da die Fenster in
der Regimentskanzlei klirrten. Attilius stand wie aus Erz gegossen,
muckste nicht und lie den Regimentschef nach Herzenslust wettern,
schimpfen, fluchen und drohen.

Bis der Oberst keinen Atem mehr hatte, nach Luft rang und sthnte.

Dann sprach Tonidandel. "Zu Befehl, Herr Oberst! Befehl ist Befehl! Hier
ist der mir zugegangene Regimentsbefehl! Ich bitte gehorsamst, das
Originalschriftstck lesen zu wollen!"

Knirschend vor Wut griff der Oberst nach dem Dienstschreiben und las es
zornfunkelnden Auges. Und heiseren Tones stie er hervor: "Allerdings!
Es steht 'Pfaffen' geschrieben! Herr Hauptmann htten aber doch unschwer
den--Schreibfehler erkennen knnen und sollen! Statt 'Pfaffen' mu es
heien: _Waffen_! Wo bleibt die Intelligenz? Wo das hhere Erfassen? Den
Kerl von Regimentsschreiber la ich in Eisen legen! Ich danke, Herr
Hauptmann!"

"Zu Befehl, Herr Oberst!" sprach Tonidandel, salutierte stramm und
schlo dabei die vergngt lachenden Augen.

"Danke! Werde das nicht vergessen! Auch nicht den Auflauf der
Bevlkerung in Karlstadt bei Einlieferung des Prota in einer--Kiste!
Schauderhaft! Eine Blamage fr mich, die ich Ihnen zu verdanken habe!"

"Bedaure sehr, Herr Oberst! Befehl ist Befehl! Ich bin seit vierzig
Jahren gewohnt, Befehle genau nach Vorschrift zu befolgen! Ich bin...."

"Des Teufels sind Sie, Herr! Danke, Herr Hauptmann!"

Tonidandel verbi das Lachen und griff nach der Trklinke. Da trat der
zornige Oberst an Tonidandel heran und zischte ihm ins Ohr: "Und was ich
Ihnen nie vergeben werde, ist, da ich das arme Opfer Ihrer Bosheit
entschdigen mute! Mit hundert Gulden! Scheulich!"

"Das freut mich...."

"Was? Auch das noch!"

"... fr den Prota, der ein bettelarmer Mann ist und die hundert Gulden
als Wohltat empfanden wird! Ich werde ihm fnfzig Gulden schenken!
Gehorsamst guten Tag, Herr Oberst!" Damit drckte sich Tonidandel zur
Tr hinaus und lachte ein stilles, beseligendes, gttliches Lachen der
reinsten Schadenfreude....

Auf die Rache des Regimentschefs, der mit der Sendung des "Pfaffen in
der Kiste" so schn verulkt worden war, harrte Attilius Tonidandel
gleich nach seiner Ankunft in S. Aber der erwartete Gegenstreich
erfolgte nicht. Sogar die Regimentsbefehle blieben aus. Diese Tatsache
bestrkte Tonidandels berzeugung, da sich die Institution der
Militrgrenze bereits berlebt habe und reif zur Aufhebung geworden sei.
Mit dieser Auffassung eilte der Kommandant, was er nicht wissen konnte,
den Ereignissen um reichlich vierzig Jahre voraus.

Tag fr Tag brachte die Militrpost von Karlstadt die leere Tasche aus
der Regimentskanzlei. Darob wurde Hauptmann Tonidandel nun doch stutzig
und nachdenklich. Und je mehr er grbelte, desto mehr krftigte sich die
berzeugung, da der reingelegte Oberst diese stille Zeit zur Ausbrtung
eines besonderen Racheplanes bentzen werde.

Furcht kannte Tonidandel als alter "Haudegen" nicht; er war bereit,
jeden Sto des ihm aufsssigen Chefs krftig aufzufangen und tchtig zu
erwidern. Umkehren den Spie im richtigen Augenblick und zustoen, auf
da der Oberst abermals in den Sand fliegt. Milich konnte die
"Vergeltung" des Chefs nur dann werden, wenn sie in die Winterszeit
fallen wrde. Den schrecklichen Winter in der Lika mit frchterlichen
Strmen und ungeheurem Schneefall kannte der Kommandant seit Jahren und
genauer, als ihm lieb war.

Eines trben Tages, da schchterne Schneeflocken zaghaft in die
blaugraue Korana fielen, brachte die Militrpost endlich einen
Regimentsbefehl aus Karlstadt an den Kommandanten der Kompagnie. In
grter Spannung las Tonidandel sehr aufmerksam das Dienstschreiben Wort
fr Wort, lauernd wie ein Luchs, erwartungsvoll wie nie im Dienstleben
an der Militrgrenze. Doch nichts von "Revanche" war zu finden, keine
"Falle" zu entdecken. Nicht einmal ein Schreibfehler hnlich Pfaffen =
Waffen.

Geradezu harmlos war der Auftrag, einen Dorfpopen im Bezirke wegen
ungengender Fhrung der Tauf-, Ehe- und Sterberegister zur
Verantwortung zu ziehen, Ordnung zu schaffen und ber das Ergebnis der
Untersuchung sowie Strafantrag an das Regimentskommando erschpfend zu
berichten. Der zweite Teil des Dienstschreibens enthielt den Befehl zur
Aufstellung von Detachements in mehreren, eigens benannten Drfern, von
sogenannten Ruberkommandos zur Unterdrckung von Rubereien.

Diesen Befehl las Tonidandel immer wieder, wobei er sich an den Kopf
griff. Der Zweck dieses Befehles war unfalich, denn seit Jahrzehnten
gab es in der Lika keine Ruber mehr; Leute, auch Granicari, die "sich
etwas verschaffen" bei guter Gelegenheit, genug, aber keine Ruber.
Sinn und Zweck soll aber ein Befehl haben!

Tonidandel fragte sich, ob in diesem Teile des Befehls vielleicht die
"Revanche" stecke, ob in der Aufstellung von Ruberkommandos die Rache
des Regimentschefs zu suchen sei. Nichts war zu entdecken, der Befehl im
ersten Teile harmlos, in der anderen Hlfte unsinnig und zwecklos, da es
keine Ruber gab. "Aber Befehl ist Befehl!"

Vorsichtig wollte Tonidandel vorgehen, mitrauisch, ohne Fehler, ohne
bergriffe.

Ungewhnlich konnte der Auftrag zur Kontrolle der Amtsfhrung eines
Dorfpfarrers nicht genannt werden; denn der Militrverwaltung in der
Militrgrenze war alles unterstellt: Mnner, Frauen und Kinder, alle
Stnde, Klerus, Stadtbrger und Landvolk. Demnach war das
Regimentskommando nicht nur "kompetent", sondern auch verpflichtet, die
Dienstgeschfte der Pfarrer zu berwachen, Ordnung zu schaffen,
besonders dann, wenn Beschwerden eingelaufen waren.

Tonidandel vermutete, da just ber den im Befehle genannten Popen
namens Vid (Veit) Denunziationen in Karlstadt eingelaufen sein drften,
und da dieser Pope mglicherweise kein ordnungsgem geprfter Priester
von normaler Ausbildung, sondern nur ein Protektionskind ohne
Fachbildung sein werde.

In diesem Falle war besondere Vorsicht angezeigt, um nicht gegen
den--Protektor zu verstoen.

Tonidandel ersah aus der Bezirkskarte, da die "Inspektions"reise zum
Amtssitz des Popen Vid mindestens drei Tage beanspruchen werde. Er
bertrug daher die Dienstgeschfte der Kompagniekommandantur dem
Hauptmann Pegan und trat dann mit blicher Bedeckung die Reise zu Pferd
an.

Ein erbrmliches Nest war das Dorf; die Holzhuser tief im Boden
steckend, meist nur ein Gela enthaltend, mit Stroh oder Dnger gedeckt.
Der Frsorge der Militrverwaltung entsprachen nur die Kirche und die
steingefgten Huser fr den Popen und fr die Schule.

Der langhaarige und brtige Pope Vid sprang wie ein gehetzter Hirsch
herbei, als Hauptmann Tonidandel mit sechs Soldaten am Pfarrhause hielt.
berschwenglich und untertnig begrte der Pope den "erlauchten" und
gndigen Herrn, vllig nach Domestikenart, unterwrfig und kriechend.

Barsch fragte Tonidandel in dem blichen Gemisch von Militrdeutsch und
Likaner Kroatisch, ob der Pope Vid heie und der Pfarrer dieses Dorfes
sei.

"Gehorsamst aufzuwarten, gndiger Herr! Ich bin der Pope dieses Dorfes
auf Empfehlung des hochwrdigsten Archimandriten durch die Gnade des
erlauchten Chefs des Likaner Regiments, des gndigsten Herrn Oberst K.
in Karlstadt! Womit kann ich Euer Hochwohlgeboren dienen! Ich bitte um
die hohe Ehre, die Schwelle meines Hauses berschreiten zu wollen!"

Den Hinweis auf die Ernennung zum Popen durch den Regimentschef K. hielt
Tonidandel einstweilen fr eitel Prahlsucht. Sein Pferd und die
Bedeckungsmannschaft schickte der Offizier in das Dorfgasthaus. Und
sofort machte sich Tonidandel an die Erledigung der Dienstgeschfte, die
fr einen Offizier ebenso seltsam wie lstig waren.

Der Forderung, die Register (Pfarrmatrikel) vorzulegen, suchte sich der
Pope zu entziehen mit dem Hinweise, da er--kein Freund von
Schreibereien sei und um keinen Preis der Welt den gndigen Herrn
Kommandanten belstigen wolle.

Scharf bestand Tonidandel auf der Vorlage der Pfarregister. Der Pope
wand und krmmte sich. Und er jammerte: "Halten zu Gnaden, erlauchter
Herr Hauptmann! Die Matrikel, so Euer Herrlichkeit wnschen, ist ganz
berflssig, also nicht vorhanden!"

"Waaas? Wieso?"

"Halten zu Gnaden, Erlaucht! Li ja bas tako![8] Ganz berflssig! Wird
ein Kind geboren, so taufe ich es, das Kind ist da, braucht also nicht
aufgeschrieben werden, weil es da ist! Stirbt einer in meiner Gemeinde,
so ist er weg; den Toten schreibe ich nicht auf, weil er eben weg ist!"

"Prachtvoll!" hhnte Tonidandel.

"Danke gehorsamst fr diese Anerkennung Euer Erlaucht! Sie freut mich
sehr!"

"Und die Hochzeiten! Werden diese auch nicht aufgeschrieben?"

"Nur die Namen, von wegen der Gebhren, wenn die Paare nicht gleich
bezahlen! Die Zahlung ist die Hauptsache! Wovon soll ein armer Pop
leben?"

"Eine interessante Wirtschaft in einem Pfarramt!"

"Ich danke untertnigst! Aber interessant ist bei mir nichts, das
Einkommen schlecht!"

"Wo hat Er denn studiert?"

"Gehorsamst aufzuwarten, beim Archimandriten!"

"Wie? Unbegreiflich! Zeig' Er mir seinen Lehrbrief!"

"Halten zu Gnaden, Herrlichkeit! Ich besitze ein solches Dokument
nicht!"

"Tod und Teufel! Also hat Er Theologie gar nicht gelernt!"

"Zu dienen, Erlaucht! Der hochwrdigste Archimandrit hat mich
hchstpersnlich unterrichtet, hat mich gelehrt: Messe lesen, Predigen,
alle praktischen Funktionen, die ein Pop wissen und ausben mu! Ganz
praktisch, nur praktisch! Ein Dokument hierber haben mir der
hochwrdigste Archimandrit nicht auszufertigen geruht!"

"Warum hat Ihn der Archimandrit in so auffallender Weise
sozusagen--abgerichtet?"

"Aus Dankbarkeit!"

"Wie? Was? Wie kommt ein Archimandrit dazu, einem Menschen wie Ihm--so
sonderbar zu Dank verpflichtet zu sein?"

"Das kann ich Euer Herrlichkeit nur ins--Ohr sagen, denn es mu das ein
Geheimnis bleiben!"

Und ehe der Offizier diese widerliche Zudringlichkeit verhindern konnte,
hatte ihm der Pope das--Geheimnis ins Ohr geflstert.

Erst starrte der Hauptmann den sonderbaren "Pfarrer" an, verblfft in
hohem Mae; dann aber lachte Tonidandel, da ihm das Wasser aus den
Augen scho.

Zum Schlusse dieser denkwrdigen Pfarrmatrikelkontrolle bestand der
Offizier auf der Einhndigung des Ernennungsdekretes.

Dieses Dokument lieferte der Pope ersichtlich ungern, zgernd und wider
Willen ab.

Ein Blick auf Dienstsiegel und Unterschrift. Und Tonidandel frohlockte.
Es stimmte genau; der Oberst K., kein anderer, hatte dieses Monstrum von
Theologen zum Pfarrer ernannt. Und den Popen Vid mute er vllig
vergessen haben: denn sonst wrde er den Hauptmann nicht auf
das--Protektionskind gehetzt, Kontrolle und Bestrafung angeordnet haben.

Wegen der weiteren Erledigung dieser Angelegenheit, erklrte der
Offizier, da ein Bescheid dem--"Pfarrer" schriftlich zugehen werde. Das
Ernennungsdekret nahm er mit.

Wie zu Stein erstarrt blieb der Pope stehen, als der Hauptmann lachend
das Pfarrhaus verlie....

Zwei Tage spter schrieb Tonidandel in der Kanzlei zu S. den gewnschten
Bericht an das Regimentskommando in Karlstadt. Zwar nicht "erschpfend",
aber sarkastisch, knapp und sehr verstndlich. Der Inhalt lautete
ungefhr: Eine Pfarrmatrikel gibt es im Dorfe .... nicht; der mit Dekret
des Regimentskommandanten, des Herrn Oberst K. zum--Pfarrer ernannte
Jasa Vid war frher durch viele Jahre _Kutscher_ beim Archimandriten
...., der den Vid aus Dankbarkeit zum Popen abrichtete, weil der Vid
niemals einen--Lohn fr seine Kutscher- und Hausknechtsarbeit erhalten
hat. Deshalb besitzt der Vid auch keinen theologischen Lehrbrief und
keine theologischen Kenntnisse. Vid behauptet, da der Archimandrit ihn
dem Herrn Regimentschef empfohlen habe. Die Bestrafung wegen
ungengender Matrikelfhrung wolle das hohe Regimentskommando vornehmen.

Bezglich der Errichtung von Ruberkommandos wird gehorsamst bemerkt,
da es im Dienstbereiche des Kompagniekommandos S. Ruber nicht gibt.

Deshalb wird gehorsamst um Angabe der Drfer gebeten, in die zwecklos
Detachements gelegt werden sollen....

Lachend fgte Tonidandel diesem Schriftstck das Dienstsiegel des
Kompagniekommandos und seine Unterschrift bei.

Das Stdtchen S. und die Lika wurden bald darauf eingeschneit, von allem
Verkehr gnzlich abgeschnitten. Wochen vergingen. Und als erstmals
wieder auf Schlitten die Militrpost aus Karlstadt nach S. kam, enthielt
die Posttasche unter anderm ein Schriftstck, das den Befehl zur
Aufstellung von Ruberkommandos widerrief und dem Kompagniekommando
mitteilte, da Oberst K. unter Befrderung zum Generalmajor nach Wien
versetzt worden sei. Also war Hauptmann Tonidandel seinen "Befehlsgeber"
und Peiniger los geworden.


Funoten:

[1] Staresina (gesprochen Starjeschina) = Oberhaupt, Gemeindesvorsteher,
Brgermeister, Dorfltester, auch Befehlshaber. Es mu der Staresina
nicht immer ein alter Mann sein, soll sich aber in "gesetzten" Jahren
befinden. Der Sdslave verehrt nur den Alten, der in bester Lebenskraft
voll und ganz seinen Mann gestellt, Groes geleistet hat.

D.V.

[2] Granicari (Granitschari) = Grenzsoldaten, granica = Grenze.

[3] "Gott gebe es!"

[4] Die unter der Militrverwaltung stehende Bevlkerung der
Militrgrenze nannte Zivilkroatien damals "Provinzial" und liebugelte
mit den dortigen Verhltnissen.

[5] "Zur Gesundheit!"

[6] Der Ausdruck "Pfaffe" hatte damals noch nicht die ble Bedeutung wie
jetzt.

[7] "Gott! Gott!"

[8] "Es ist wirklich so!"




Des Popen Meisterstck


Als Kommandant Tonidandel von der Grenzerkompagnie S. auf
Regimentsbefehl (unterzeichnet: "K.") die Untersuchung gegen den
Dorfpopen Vid wegen ungengender Fhrung der Pfarrmatrikel durchgefhrt
und dieses sonderbaren "Pfarrers" Ernennungsdekret mitgenommen hatte,
verlebte der Pope Vid begreiflicherweise schwere Tage bitterster Angst
in Erwartung der Strafe und der Absetzung. Denn soviel Verstand besa
Jasa Vid noch von seiner Ttigkeit als Rosselenker her, da er selbst
die Belassung auf seinem Posten fr unmglich hielt, nachdem in seine
Fhrung der Pfarrgeschfte von militrischer Seite "hineingeleuchtet"
worden war. An der Entlassung von kurzer Hand zweifelte Vid keinen
Augenblick; sie konnte nur noch die Frage weniger Wochen sein und hing
zeitlich davon ab, wann der Kompagniekommandant den Rapport schreiben,
das amtliche Schriftstck beim Regimentskommando in Karlstadt eintreffen
und Oberst K. dazu kommen werde, das Aktenstck zu erledigen.

Den ersten Tag nach Tonidandels Abzug verlebte der Pope in vlliger
Verzweiflung. Der zweite Tag verging in dumpfem Hinbrten. Am dritten
Tage dmmerte im "pfarrlichen" Kutschergehirn der Gedanke auf, da das
bittere Unheil vielleicht abgewendet werden knnte, wenn "man" den
allmchtigen Regimentskommandanten bei besonders guter Laune antreffen,
ihm ein besonders schnes Pferd "vorfhren" und kniefllig um Belassung
auf dem Posten trotz mangelhafter Registerfhrung und frherer
Kutscherttigkeit bitten wrde.

Mit einer gewissen Findigkeit, die der Logik nicht entbehrte, kam Vid zu
der Folgerung, da der Regimentsgewaltige ihn nicht zu hart bestrafen
knne, nachdem doch der Oberst in eigener Person den Kutscher
zum--Pfarrer ernannt hatte. Schuld des Popen konnte es nicht sein, falls
etwa der Archimandrit dem Regimentskommandanten verschwiegen haben
sollte, da Vid frher des Archimandriten Rosselenker gewesen. Wute
dies aber der Oberst, hatte er trotzdem die Ernennung vollzogen, so
durfte er, nun durch die "Stocherei" des Kontrolloffiziers der
Tatbestand "aktenmig" geworden, nicht so grausam sein, den Popen, sein
Protektionskind, davonzujagen.

Am vierten Tage beschftigte sich Vid mit dem Verhalten des Hauptmannes
gegenber dem ins Ohr geflsterten Geheimnis. Der Pope fragte sich,
warum der Offizier sich krmmte und so schrecklich lachte, da ihm das
Wasser aus den Augen scho? Die "Befrderung" des Kutschers zum Popen
mochte in fremden Augen ungewhnlich erscheinen; Vid erblickte in ihr
nichts anderes als die Tilgung einer Dankesschuld. Verjagt der Oberst
den Popen vom Pfarrposten, so wird der Archimandrit entweder fr eine
andere Stelle sorgen oder den rckstndigen Kutschersold bezahlen
mssen....

Weshalb aber lachte der Offizier so unbndig? Ist er vielleicht ein
Feind des Regimentskommandanten? Will er ihm mit der Aufdeckung des
Geheimnisses, da Vid frher--Kutscher gewesen, einen besonderen Streich
spielen? Darber Nheres und Sicheres zu erfahren, bestand keine
Mglichkeit. Doch eines erriet Vid gefhlsgem: eine Hauptrolle werde
und msse seine Ttigkeit als--Rosselenker spielen. Dieses "Gefhl"
lenkte auf den Gedanken, die Gunst des Regimentskommandanten neuerdings,
und zwar durch--Pferde zu gewinnen. Der arme schlechtbezahlte Dorfpope
besa jedoch keine Pferde, konnte solche nicht kaufen. Ein schnes
wertvolles Ro schon gar nicht. Und ein--Pope konnte ein Prachtro auch
nicht--"verschaffen". Nur darber--reden knnte er mit einem Besitzer
oder mit einem Sachverstndigen in der Pferdebeurteilung.

Eigentmer schner Pferde gab es im Dorfe nicht, wohl aber im nchsten
greren Orte. Sachverstndige im Heimatsdorfe genug. Gleich der nchste
Nachbar des Pfarrhauses, der Mirko, stand im Rufe eines Pferdekenners,
der freilich viel schwtzte; doch erzhlte die Fama von ihm, da
er--nachts auf geheimnisvollen Gngen sehr schweigsam, stumm wie das
Grab, sei.

Nicht ber die beunruhigende Sache betreffend die drohende Absetzung,
nur ber--Pferde wollte der Pope mit Mirko sprechen. Bei nchster
Gelegenheit fragte also Vid, wie doch eigentlich die kavalleristische
Episode im "Provinzial" bei der Landwehr gewesen sei.

Augenblicklich und sichtlich gern schnappte Mirko darauf ein und
erzhlte, da eine berittene Abteilung des Befehls zur Beendigung der
bung und Versorgung der Pferde harrte. Der Kommandant rief den
Landwehrreitern den Befehl zu: "S konja dol!" (Wrtlich: Vom Pferde zu
Tal; herunter, also absitzen!) Einer der Reiter jedoch, der im
Sprachgebrauch feinfhliger als der brgerliche Kommandant und deshalb
sprachempfindlich war, fragte mit schallender Stimme: "Kai pa mi, koji
smo na _kobili_?" (Wrtlich: Was aber wir, welche wir sind auf--Stuten?
bersetzt: Was aber sollen wir machen, die wir auf--_Stuten_ sitzen?)

Obwohl Vid den Scherz dieser drolligen Wortklauberei kannte, lachte er
doch herzhaft und lie sich die Pointe von Mirko erklren! Im
Kroatischen heit koni soviel wie mnnliches Pferd. Der Kommandant hatte
also befohlen. "Vom _mnnlichen_ Pferd herunter!" Deshalb fragte jener
Reiter, was die Leute machen sollten, die auf kobili, nmlich auf
_weiblichen_ Pferden, saen.

Kutscherhaft bebrllte Vid diesen Scherz und Spott auf zivile
Soldatenspielerei im "Provinzial". Und diese freundliche Aufnahme des
Scherzes machte den Nachbar zugnglich fr das--Weitere. Der Pope teilte
vertraulich mit, da er beim Regimentskommandanten in Karlstadt
eine--Gehaltsaufbesserung anstrebe, gute Aussicht htte, solange der
Oberst K. Regimentschef sei, weil dieser hohe Herr den untertnigen
Diener Vid zum Popen ernannt habe; aber eine groe Schwierigkeit sei
einstweilen vorhanden: es fehle dem armen schlechtbezahlten Popen an
einem Gegenstand zur--"Verehrung".

Mirko begriff sofort und fragte, "mit was" der Pope--"schmieren" mchte.

"Mit einem schnen, einem Regimentsobersten wrdigen Ro!"

Augenzwinkernd fragte Mirko, ob Stute oder Wallach.

Vid "himmelte" und versicherte, da er weder das eine noch das andere
bezahlen knne, auf--"leihweise" berlassung angewiesen sein wrde, den
Zeitpunkt der "Rckgabe" des betreffenden Pferdes nicht genau angeben
knne, weil der kluge Mittelsmann noch nicht gefunden sei, der zu
"passender Zeit" das "gewidmete" Pferd wieder bei guter Gelegenheit von
Karlstadt "zurckhole".

Auch diese dunklen Worte verstand der freundliche Nachbar sofort. Und
alsbald entwickelte Mirko einen seinen Plan, wonach in der Nacht zum
nchsten Feiertage aus dem greren Nachbarorte zwei schne Pferde
behufs Auswahl "leihweise" geholt werden sollen. Diese Aufgabe wolle
Mirko aus Freundschaft bernehmen. Sache des Popen aber werde es sein
mssen, fr die sichere Unterbringung der "entlehnten" Pferde zu sorgen,
falls sich die--Gendarmen fr den--Aufenthaltsort dieser Pferde am
Feiertage interessieren werden. Finden drfen die Gendarmen diese Pferde
nicht, weil sie oder das ausgewhlte Ro sonst dem Regimentskommandanten
nicht "verehrt" werden knnten. Fr die sptere "Heimholung" des
"Schmier"pferdes msse der Pope einen Vertrauensmann in Karlstadt
ausfindig machen; Mirko knne diese Aufgabe mangels genauer Ortskenntnis
am Sitze des Regimentskommandos nicht bernehmen.

Der Plan gefiel dem Popen sehr gut.

Aber die Zustimmung freute sich Mirko. Doch machte er als vorsichtiger
Mann von Erfahrung auf nchtlichen Gngen auf die Gefahr
des--Schneefalles aufmerksam. Spurschnee werde haargenau den Aufenthalt
der Pferde verraten, sowohl den Gendarmen als auch neugierigen Drflern.
Im Augenblinzeln Mirkos lag die Frage, ob der Pope ein Mittel zur
Spurenverwischung wisse.

Einstweilen wute Vid nichts, doch das Sprchlein sagte er salbungsvoll
auf. "Hat der Mann ein Amt, bekommt er auch den--Verstand dazu!"

Mirko betonte nochmals, da die "Leih"pferde in der Nacht bzw. gegen
Morgen des nchsten Feiertages in Dorfnhe gebracht werden, und da der
Pope alsbald fr sichere Unterbringung der Pferde wie fr Vernichtung
ihrer Spuren im Schnee aufkommen msse.

Im Pfarrhause wurde das bereinkommen mit Slibowitz begossen, mit
Handschlag bekrftigt.--

In der Lika trat Schneefall ein. Weit mehr Geflock, als dem Popen lieb
war. Je nher der Feiertag heranrckte, desto mehr Bangen fhlte der
Pope in der Kutscherbrust. Das Spiel war doch arg gewagt. Wurde es
infolge eines Zufalls verloren, der "Krach" in Karlstadt wrde
entsetzlich werden, die Entlassung aus dem Pfarrdienst im Vergleich zur
Explosion im Regimentskommando ein harmloses Kinderspiel sein.... Doch
rckgngig machen konnte Vid die so pfiffig begonnene Sache nicht mehr.
Wollte er eigentlich auch nicht. Er wnschte Pope zu bleiben; wenn
mglich allerdings auf einer--besseren Pfarre.

Whrend der Nacht zum orthodoxen Feiertage blieb Vid in den Kleidern;
verschmhte jede Ruhe, lauerte auf jedes Gerusch. Um Mitternacht endete
der Schneefall; Sterne erschienen am Firmament und flimmerten. Der
Warmwind blies von der Adria herein.

Noch um drei Uhr morgens hatte Vid keine Ahnung davon, wo er die--Pferde
sicher vor Gendarmenaugen unterbringen knnte. Unmglich in der Scheune
des Pfarrhauses wegen Platzmangels. Ebenso unmglich bei Mirko, der
nicht in Verdacht gebracht werden durfte. Es war Aufopferung genug, da
der Nachbar die Pferde "holte"....

Auch die Zeitfrage beschftigte den Popen noch gegen Morgen. Wird es
wahrscheinlich sein, da noch in der Nacht die--Gendarmen den Abgang der
Pferde merken, den "Entfhrer" sofort verfolgen werden?

Vid verneinte diese Frage. Ohne vorausgegangene Meldung werden die
Gendarmen sich nicht auf die Socken machen. Erfolgt die Anzeige am
frhen Morgen, brechen die Organe der ffentlichen Sicherheit sogleich
zur Verfolgung der Spuren im Neuschnee auf, so knnen die Panduren im
Dorfe ankommen etwa um die Zeit, da der Pope die Bauern aus der Kirche
entlassen wird.

Ein Gedanke scho dem "Pfarrer" durch den Schdel. Eine gute Idee, die
vollen Erfolg gewhrleisten knnte, wenn Mirko mit den Pferden
rechtzeitig eintreffen wrde. Aber Mirko kam nicht. Auch keine Meldung,
ob das Unternehmen begonnen wurde.

Nichts, gar nichts.

Die Zeit rckte vor. Schon riefen die Glocken. Die Glubigen wanderten
zur Kirche.

Der Pope mute sich beeilen. Whrend des Ganges zur Kirche brannte in
seiner Kutscherseele der heie Wunsch, da das Unternehmen gar nicht
begonnen worden sein mge. Denn jetzt wrde alles zu spt und verloren
sein....

In der Kirche war das Volk andchtig, der Pope zerstreut, nicht bei der
Sache. Vids Gedanken beschftigten sich mit--Pferden; er glaubte
pltzlich Hufgeklapper vernommen zu haben. Horchte auf, gelangte zur
berzeugung, sich nicht getuscht zu haben und verkndete der Gemeinde,
da zur besonderen Festesfreude nun um die Kirche ein--"Kolo", ein
Rundreigen, unter seiner Fhrung stattfinden werde.

Kolo, das Nationalvergngen der Sdslaven, ein immer willkommener Reigen
fr jung und alt, wobei Mnner wie Frauen erstaunlich viel Anmut in den
Krperbewegungen zu entfalten wissen.

Es verschlug nichts, da jede Art von Begleitmusik fehlte, der Kolo--im
Schnee stattfinden mute.

Der Pope fhrte die vielkpfige Schar der Kirchgnger Hand in Hand im
langgedehnten Zuge erst um die Kirche und dann in weitgestrecktem Bogen
auf einen freien Platz ber die Landstrae. Wohl ber vierhundert Fe
zertraten den Schnee, vernichteten alle Spuren....

Vid's scharfe Augen gewahrten zwei Gendarmen in Dienstausrstung. Die
Wchter der ffentlichen Ordnung und Sicherheit betrachteten langsam
schreitend gewisse Eindrcke im Schnee, gingen auf das Dorf zu.

Ein Nationallied anstimmend, fhrte Vid seine Schar zurck zur Kirche,
um die nun singend der Kolo langsam, wrdevoll und anmutig getanzt, d.
h. ruhig Hand in Hand geschritten wurde.

Den Gendarmen war die Erfllung ihrer Dienstpflicht unmglich gemacht;
die verfolgten Eindrcke im Spurschnee waren vllig zertreten von den
Kolotnzern. Fr den Reigen selbst hatten die Panduren nicht das
geringste Interesse. Sie wanderten an der Kirche vorber, schritten
aufmerksam guckend durch das Dorf und kehrten unverrichteter Dinge
zurck in den greren Ort.

Inzwischen hatte ein Schneesturm eingesetzt, der in wenigen Minuten die
ganze Gegend verwehte, den heimkehrenden Gendarmen den Marsch
erschwerte, den Kolotnzern das Feiertagsvergngen nahm. Schreiend
flchtete alles in die Huser und Htten.

Schneesturm in der Lika. Der tosende Wind aus Sdwest, nicht schneidend
kalt, eher warm, dennoch durchschauernd, trieb den Schnee in schweren
Schwaden vor sich her, suchte den Husern und Htten die Dcher
wegzureien und warf dann Schneemengen darauf, die alles zudeckten.
Schrilles Saufen in der oberen Luftregion, herunter dumpfes Surren in
den Dolinen, gurgelndes Heulen an Hngen und Flchen. Tolles Gewirbel
auf der Landstrae, die teils haushoch verweht wurde, auf kurze Striche
wie glattrasiert aussah, je nachdem der Sturm sie angreifen, der
Bodenwind kesseln und wegfegen konnte, was der Orkan an Schneemassen
hingeworfen hatte.

Wie ausgestorben die Gegend, kein Lebewesen auer Hausen ein verdorbener
Feiertag fr den Gostionicar, den Wirt, dem die Gste fehlten.

Nur der Pope hatte einen Gast im Hause, den pfiffigen Mirko, der sich
krumm lachte ber den von Vid so schlau und prchtig veranstalteten
Kolo, wodurch den Gendarmen die Pflichterfllung vereitelt, die Pferde
gerettet wurden. Da die "entlehnten" Rosse nicht lnger in
der--Sakristei verbleiben konnten, sah Mirko vllig ein. Aber mit der
Angelegenheit wollte er weiter nichts mehr zu tun haben. Bisher war
alles Geflligkeitssache aus nachbarlicher Freundschaft zum Popen; nun
aber Schlu. Kein Schritt weiter, kein Fingen rhren.

Vid hingegen sprach seine Meinung dahin aus, da bei solchem Schneesturm
das Verbringen auch nur eines Pferdes nach Karlstadt wenn nicht
unmglich, so lebensgefhrlich sein wrde.

Mirko hob die Schultern und schluckte Slibowitz dazu. Und mhlich wurde
er--anzglich; er stichelte, da das Wetter gar nicht besser sein knnte
fr einen "ungesehenen" Pferdetransport, wenn der--kocijas (Kutscher)
"tchtig" sei. Es klang wie Hohn, als Mirko herausquetschte: "Danas je
vrlo liepo vrieme, samo je jako snieg!" (Heute ist sehr schnes Wetter,
nur ist starker--Schnee!) Und nach einem neuen krftigen Schluck
Pflaumenschnapfes fgte er bei: "_Danas_ su nasi oni konji!" (_Heute_
sind unser jene Pferde!)

Zum Abend war die Lage geklrt. Mirko verweigerte bis auf die
Pferdeftterung jede weitere Hilfe; die "Leih"rosse mute Vid in eigener
Person entweder nach Karlstadt oder in ihre--Heimat bringen. Noch in
dieser Nacht trotz des schweren Schneesturmes.

Mirko leistete den letzten Geflligkeitsdienst und ftterte die Pferde
in der Sakristei. Das "Wassern" (Trnken) besorgte der Pope. Dann
verschwand der Nachbar.

Ein letztes Sinnen und berlegen seitens des "Pfarrers". Diesmal in der
Richtung nach der vom Regimentskommando auf--Pferdediebstahl verhngten
Strafe. Vid versprte einen sehr starken Kitzel am--Hals. Und dieses
Gefhl verstrkte sich, als der Pope zu Pferde sa.

Im Freien, vom Schneesturm umtost, von nachtschwarzer Finsternis
umhllt, drngten die "Leih"rosse der Richtung zu, die in ihre Heimat
fhrte. Der Versuch Vids, die Gule mit Schenkeldruck auf die Strae
nach Karlstadt zu bringen, milang vollstndig.

Als die Pferde ihrer Heimat zuliefen, sprte Vid deutlich, da das
fatale Gefhl an seinem Halse nachlie. Doch der Gedanke an die noch
immer drohenden einhundert Stockprgel fr den Fall des Erwischtwerdens
auf der Heimbringung der "entlehnten" Gule verursachte ein gewisses
Brennen am--Ges.

Auch in der Seele brannte etwas pltzlich sehr heftig, die Frage, wem
wohl die "entlehnten" Pferde gehren?

Vid hatte davon keine Ahnung.

Aber die Rosse werden und mssen ihren Stall kennen; sie werden ihn auch
ohne jede Begleitung finden. So dachte Vid. Und er rutschte vom Gaul
herunter.

Wie zum Dank gingen die Pferde im Galopp weg, der ersehnten Heimat zu
durch Nacht und Schneesturm.

Hart und mhsam war der Heimmarsch fr den Popen. Dennoch sozusagen
schn. Von bitterer Angst befreit die Seele, wie weggefegt das bngliche
Gefhl am Halse, das ahnungsvolle Brennen am Ges. Und erquickend das
Bewutsein, da die Mitwisserschaft Mirkos nicht gefhrlich werden kann,
weil die von ihm, nicht vom Popen, gestohlenen Pferde nicht behalten
wurden.

Mit "reinem Gewissen", freilich krperlich sehr ermdet, erreichte Vid
sein Pfarrhaus.

Bngliche Wochen folgten im Warten auf den Karlstadter "Krach" als
Konferenz des Berichtes vom Kompagniekommandanten. Viel spter als nach
S. drang auch in das einsame Dorf in der verschneiten Lika die Kunde,
da der gefrchtete Oberst K. nach Wien befrdert worden sei.

Jetzt konnte Vid von aller Sorge befreit aufatmen. Denn wiewohl nur ein
ehemaliger Kutscher und eigentlich unmglicher Pope, wute Vid doch, da
in der Regimentskanzlei alte Geschichten nicht ausgegraben wurden,
neuernannte Regimentskommandanten alte Sachen nicht aufstocherten. Und
da der Hauptmann von S. ihm nicht wehtun wrde, das hatte Vid
im--Gefhl.

Mit diesem "Gefhl" behielt er recht bis an sein Ende.




Waldkultur


Da sich die Militrbehrde an der damals trkischen (bosnischen) Grenze
um--_alles_ zu kmmern hatte, der Militrdiktatur im Grenzbezirk _alles_
unterstand, so wurde dort auch das--_Forstwesen_ "besorgt". Und zwar fr
die Verhltnisse jener weit zurckliegenden Zeit gar nicht bel und
ziemlich stramm. Freilich nicht gerade "forstlich" im technischen Sinne.

Irgendwo war eine groe Eichenwaldung abgestockt worden. Lange Zeit
hindurch war nach dem Kahlhieb nichts geschehen.

Zur Aufforstung fehlte es der Forstbehrde an Arbeitern zum
Eichelnsetzen und an Geld zur Bezahlung der Setzarbeit. In solcher Not
wandte sich die Bezirksforstbehrde an das Kommando des im betreffenden
Bezirk Rationierten Grenzregimentes mit der Bitte, das Setzen der
Eicheln von den Grenzsoldaten ausfhren zu lassen.

Diese Bitte kam dem Kommandanten des Grenzregimentes um so gelegener,
als der Oberst wegen der Beschftigung der Truppen sich in einiger
Verlegenheit befand. Es gab nmlich seit etlichen Monaten nichts zu
kmpfen gegen die Trken, berhaupt nichts zu tun in militrischem
Sinne. Beschftigung der Grenzsoldaten war also erwnscht. Von
forsttechnischer Arbeit hatte der Regimentskommandant selbstverstndlich
nicht die geringste Ahnung, hingegen die berzeugung, da der einfache
Befehl zur Durchfhrung der Eichelsetzarbeit mit Soldaten vollauf
genge.

Im Dienstwege wurde das Forstamt von der Genehmigung des Ansuchens
verstndigt.

Daraufhin stellte das Forstamt einen Techniker behufs Anordnung und
berwachung der Setzarbeiten zur Verfgung und sandte den Beamten an den
Stabssitz des Regimentes.

Der Kommandant Oberst X. lehnte entrstet die Beigabe des forstlichen
Sachverstndigen ab und sandte den Mann sofort zurck.

Ein Hauptmann erhielt den Befehl, mit zweihundert Mann im nher
bezeichneten Reviere die Aufforstung durch Setzen von Eicheln
durchzufhren "in eigener Kompetenz, mit mglichster Strammheit und
militrischer Przision". Aber die Frist fr die Arbeitsdurchfhrung war
nichts gesagt. Da der Forsttechniker vom Kommandanten abgelehnt und
zurckgeschickt worden war, hatte der Hauptmann "unter der Hand"
erfahren und sich als kluger Mann hinter die Ohren geschrieben.

Von forstlicher Kulturarbeit hatte der Hauptmann selbstverstndlich
keine Ahnung. Aber das wute er, da er fr die Eichelsetzarbeit den
Forsttechniker--nicht befragen durfte, wenn ein "Krach" mit dem
Regimentskommandanten vermieden werden sollte.

Soviel Verstand besa der Hauptmann, um sich denken zu knnen, da ein
gewisser Abstand zwischen den zu setzenden Saateicheln werde eingehalten
werden mssen. Diesen Abstand konnte der Offizier begreiflicherweise nur
militrisch berechnen; deshalb bestimmte der Hauptmann. "Distanz ein
Schritt". Von einem Hand-in-Hand-arbeiten zwischen Militr und
Forstbehrde keine Spur.

Das "Setzdetachement" rckte an, als das Forstamt noch gar keine
Saateicheln hatte. Das Material wurde schleunigst beschafft.
Unterdessen, zur Zeitausfllung, lie der Hauptmann die zur Aufforstung
bestimmte Kulturflche von Unkraut usw. befreien, roden und vorbereiten.

Endlich kamen die Eicheln.

Der Hauptmann lie seine Mannschaft antreten und hielt
"Instruktionsstunde". Die Soldaten wurden belehrt, wie sie die
Saateicheln zu setzen haben. Entfernung von Mann zu Mann drei Fu; auf
das erste Signal fhrt die rechte Hand in die Schrze und ergreift eine
Eichel; auf das zweite Signal bckt sich die gesamte Mannschaft und
steckt die Eicheln in den Boden; auf das dritte Signal richtet sich die
Mannschaft auf und tritt einen groen Schritt nach vorwrts. Und so
weiter, bis die ganze Flche mit Eicheln besteckt ist.

Da fr diese originelle Kulturarbeit wohl Saateicheln vorhanden waren,
nicht aber Bundschrzen zum Tragen der Eicheln, und da der Hauptmann
recht gut wute, da er wegen der fehlenden Schrzen den in seiner
Allmacht gefhrlichen Regimentskommandanten nicht behelligen durfte,
befahl der militrische "Forstmann" ganz einfach, da jeder Soldat
morgen beim Antreten eine--Bundschrze mitzubringen habe. Gleichgltig,
ob die Schrze der Gattin, der Schwester oder der Geliebten gehre. Die
Bundschrze mute, so lautete der Befehl, "verschafft" werden.

Damit war die Instruktionsstunde beendet, die Mannschaft entlassen.

Am nchsten Morgen pnktlich trat die "Kultur"-Mannschaft an. Einen sehr
bunten Anblick boten die Soldaten mit den umgebundenen farbigen
Schrzen. Die Vorliebe der sdslavischen Weiber fr grelle Farben in
Kitteln und Schrzen war damals genau so vorhanden wie auch heute noch.

Zum Schreien komisch sahen die Grenzsoldaten mit ihren grellfarbigen
Schrzen aus. Der drohenden Prgelstrafe wegen verzog niemand von der
Mannschaft auch nur die Miene. Die Kerle blieben ernst; sie lachten
unbemerkbar innerlich.

Der Hauptmann rckte mit der "Kultur"-Mannschaft aus; zu seiner Seite
marschierte der Kompagnietrompeter(!) als Signalist fr
die--Kulturarbeit.

An der Schlagwand wurden die Soldaten, denen die Saateicheln in die
Schrzen gegeben worden waren, aufstellt. Am Flgel standen der
Hauptmann und der Signalist mit der Trompete.

Und nun begann die Setzarbeit als Schauspiel fr Gtter.

Auf einen Wink des Hauptmanns blies der Trompeter das verabredete
_erste_ Signal. "_Habt acht_!"

Genau griffen die Grenzer in die sackhnlich aufgebundenen Schrzen und
erfaten je eine Eichel.

_Zweites_ Signal. "_Eicheln hineinstecken_!"

Im Nu bckte sich die Mannschaft, jeder Soldat steckte eine Eichel in
den damals berhmt fruchtbaren Boden.

_Drittes_ Trompetensignal. "_Marsch_!"

Die Soldaten traten einen groen Schritt nach vorwrts.

Stundenlang whrte diese stramm militrische Setzarbeit, bis der ganze
Eichelvorrat in den Boden gesteckt war....

Und diese Arbeit wiederholte sich bis zur vlligen Durchfhrung der
befohlenen Aufgabe, der "Eichenanpflanzung" auf einer riesengroen
Flche.

Worauf der Hauptmann sich beim Regimentskommandanten gehorsamst meldete.

Hinterdrein kam der Forsttechniker, um nachzufragen.

Zu ndern war nichts mehr. Und verhltnismig war die Sache gar nicht
schlecht gemacht....

Jahrzehnte verflossen.

In den "Erinnerungen" eines alten kroatischen Forstbeamten, die mir zur
Einsichtnahme gegeben wurden, heit es. "Herrlich anzusehen waren die
militrisch herangezogenen Eichenjungwlder. Leider wurden sie ein Opfer
jener aufrhrerischen Bosniaken, die vor Beginn der Okkupation Bosniens
nach Kroatien verbracht worden waren. Die aus ihrer Heimat abgeschobenen
Bosniaken hatten ihre Ziegen mitgenommen, die in diese Eichenjungwlder
getrieben wurden, als sich das junge Laub zeigte. Es war von den
Behrden streng verboten, mit Beil oder Hacke diese Eichenjungwlder zu
betreten. Den Eintrieb von gefrigen Ziegen zu verbieten, hatte
man--vergessen. Irgendeines Werkzeuges bedurfte der Bosniak nicht; er
wute sich gut zu helfen, indem er jeweils ein Eichenstmmchen so lange
mit den Hnden niedergebogen hielt, bis die Ziegen alles Laub
abgefressen hatten. Dann lie der Mann das Stmmchen in die Hhe
schnellen. Und das nchste Eichenstmmchen wurde ebenso des Laubes
beraubt. Ganze Jungbestnde wurden auf diese Weise kahl gefressen! Das
rarische Forstpersonal war auerstande, diesen Waldfrevel zu
verhindern. Wenn die Ziegen der Bosniaken sich in Bauernwaldungen
'verirrten', machten die Kroaten keine Umstnde: die Bosniaken wurden
so frchterlich verhauen, da sie frder Bauerngehlze respektierten und
ihr Interesse wieder den rarischen Waldungen widmeten."

Sicher ist das Geschilderte ein fesselndes Kulturbild einer
militrischen--Waldkultur in vergangener Zeit!




Kroatische Glanzkohlen.


Alte Herren schmunzeln heute noch, wenn von den kroatischen Glanzkohlen
aus der Grube Ocura bei Lepoglava in den Varazdiner Bergen gesprochen
wird; denn mit diesen Glanzkohlen war im Jahre 1875 ein glnzend
gelungener Scherz verbunden, mit dem der Bergverwalter jener Kohlengrube
kstlich "hineingelegt" wurde, und wozu, drollig genug, der zeitlebens
fr Bergbau lebhaft interessierte Knig Leopold II. von Belgien seinen
Namen leihen mute.

Anfang der siebziger Jahre war in Kroatien unter dem Namen "Kroatische
Glanzkohlen" eine Kohlengewerkschaft gegrndet worden in der Absicht,
die Kohlenkltze von Lepoglava-Ocura abzubauen. Das vielen Erfolg
versprechende Unternehmen konnte jedoch nicht sofort gewinnbringend
gestaltet werden, weil es an Gelegenheit zur Abfuhr der Kohlen mangelte.
Es fehlte an jeder Eisenbahnverbindung; die Achsenfracht nach
Varazdin-Csakaturn kam viel zu teuer und beanspruchte zuviel Zeit;
ebenso milich war es, die Grubenausbeute ber die kroatische Grenze auf
steierischen Boden zum Anschlu an die sterreichische Sdbahnstrecke
nach Friedau-Pragerhof zu bringen.

Die Gesellschaft beschlo deshalb die Erbauung einer Lokalbahn von Ocura
nach der Sdbahnstation Friedau (Steiermark) erwarb die Zustimmung der
Behrden und lie behufs Aussteckung der "Trasse" Ingenieure kommen, die
ihre Kanzlei im Kohlenest Ocura errichteten.

Die nicht geringen Schwierigkeiten, wegen der Bauerlaubnis usw. die
kroatischen und steierischen Behrden unter einen Hut zu bringen, waren
ein Kinderspiel im Vergleich zu den Hindernden, die der Erbauung der
Eisenbahn in Ocura selbst erwuchsen durch den eigenen Verwalter der
Grube Ocura.

Der Bergverwalter Bodlak, aus dem Lande stammend, wo "die Erdpfel als
Spalierobst gezogen" werden, war nmlich grenzenlos--neugierig und
obendrein ein Mensch nach Goetheschen Rezepten im "Zauberlehrling" und
im "Faust". Eine "Spottfigur von Dreck und Feuer" und obendrauf ein
"Wassertopf".

Ein Mnnle klein, untersetzt, mit sbelfrmigen Beinen und einem
wahrhaft riesigen Kopf, bildete Bodlak den Schrecken von Ocura und
Umgebung, in der Grubenverwaltung wie in der Gesellschaft, bei den
Behrden in der Amtsstadt Varazdin usw. Der Bergverwalter mit seiner
entsetzlichen Neugier war nicht mehr loszubringen, wenn er sich irgendwo
eingefunden und in eine Sache verbissen hatte. Fr den geplanten Bahnbau
von Ocura nach Friedau interessierte sich das Mnnle begreiflicherweise
aus dienstlichen Grnden, dann privatim, und berdies wnschte er, mit
seinen Spargroschen Aktionr der neuen Bahn zu werden.

Zecken und Wanzen waren wonneerzeugende Geschpfe im Vergleich zu Herrn
Bodlak, der mit seiner alle Grenzen bersteigenden Neugier und
Zudringlichkeit die Ingenieure in der Arbeit behinderte, mit
unermdlichen Belstigungen in Verzweiflung brachte.

Hfliche Bitten und Mahnungen blieben unbeachtet. Auch auf deutliche
Winke hin stellte Verwalter Bodlak seine lstigen Besuche und qualvollen
Fragen nicht ein.

Am meisten fhlte sich der Oberingenieur A. aus Brssel in der
Kanzleiarbeit gehemmt; er rgerte sich grenzenlos, und in wachsender Wut
beschlo er, den--Glanzkohlenmenschen auf den--Glanz herzurichten, Rache
zu nehmen, auf da ganz Kroatien sich vor Lachen krmmen werde.

Der Racheschwur war leicht gesprochen; die Durchfhrung einer Rachetat
hatte aber ihre Schwierigkeiten. Das sprte der Oberingenieur schon, als
er ber die Vorbereitungen zu einer "Tat" nachsann.

Eines Tages kam der schreckliche Bergverwalter wieder und qulte
besonders den Oberingenieur mit Fragen nach--Neuigkeiten. Bodlak sah
eine franzsische Zeitung auf dem Arbeitstische liegen und wollte
wissen, ob so ein franzsisches Blatt "bessere" Neuigkeiten berichte als
die "inlndischen" Zeitungen.

Unwirsch meinte der Oberingenieur, da "viel Gescheites" auch in dem
Brsseler Blatte nicht zu finden sei; es wre denn die unter Vorbehalt
gegebene Meldung, da der Knig Leopold von Belgien die kroatischen
Kohlengruben zu--kaufen beabsichtige.

Nun war der Teufel los! Und Bodlak war verwandelt in einen Menschen, der
sich vor Freude nicht mehr zu fassen wute, und der nicht genug--fragen
konnte.

Der jubelnde Bergverwalter berichtete sofort den Zeitungen in Agram und
Budapest die--erfundene Nachricht als sichere Kunde, erzhlte allen
Grubenbeamten von Ocura davon und frohlockte, da der belgische Knig in
seiner "bekannten Noblesse" aller Geldnot bei den kroatischen
Kohlenmenschen durch Gehaltsaufbesserungen ein wohlttig Ende machen
werde.

Die Nachricht erregte nicht geringes Aufsehen und wurde namentlich in
der Gegend von Varazdin geglaubt, weil sie vom Bergverwalter Bodlak von
der Grube Ocura ausging.

Die Grubenbesitzer freilich wunderten sich, da Bodlak mehr als sie
selbst wute.

Die Bahnbauingenieure hingegen hatten viel Spa an der wachsenden
Aufregung in Beamtenkreisen, aber schwere Mhe, die malos gesteigerte
Nachfrage Bodlaks nach Einzelheiten bezglich der Umwandlung der
Grubenverwaltung in eine "knigliche belgische Bergwerksdirektion" zu
befriedigen. Im besonderen wollte Bodlak wissen, ob Knig Leopold ihn
bernehmen und zum Direktor ernennen werde.

In dieser Frage erblickte der frchterlich berlaufene Oberingenieur die
Mglichkeit und gnstige Gelegenheit, an Bodlak fr alle Belstigung
Rache zu nehmen.

Gnstig war auch der Umstand, da der Postbote von Lepoglava den
Posteinlauf fr die Ingenieurkanzlei und fr die Grubenverwaltung in
einer gemeinschaftlichen Posttasche brachte und der Bequemlichkeit wegen
die Posttasche zuerst bei den Bahnbauherren zur Entnahme des Einlaufes
einlieferte. Dann erst trug der Mann die Tasche drei Kilometer weiter
zur Bergverwaltung bei Ocura.

So entstand denn nach lngerer Beratung in der Ingenieurkanzlei ein
Gemisch von amtlichem Dekret und privatem Schreibebrief an Herrn Bodlak.
Selbstverstndlich in franzsischer Sprache, in die der deutsch
aufgesetzte Brief mhsam genug hineingepret wurde. ber den drolligen
Text dieses kstlichen Schriftstckes heulten die Ingenieure immer
wieder bei jeder Lesung.

Aber das "Dekret" mute ein "Amtssiegel" haben.

Mit Eselsmhe wurde aus einem Alphabet von kleinen Gummibuchstaben in
kleinem Rundrahmen ein "kniglich belgisches Staatssiegel" hergestellt:
"Lopold Roi des Belges Propritaire aux mine en Croatie".

Schn anzusehen war dieses "Siegel" nicht, auf den ersten Blick als
"handgreifliche" und alberne Flschung erkennbar.

Der Oberingenieur hatte denn auch schwere Bedenken; er wurde jedoch
bernimmt von den Kollegen, die ihre Kpfe darauf wetteten, da Bodlak
in seiner Glckseligkeit diesen Schwindel nicht merken werde.

Also wurde dem Gemisch von "Dekret" und Privatbrief "Leopolds von
Belgien" dieses "Siegel" beigedruckt, das Schriftstck in einen
Briefumschlag gesteckt, der Brief geschlossen, mit gebrauchten
belgischen Briefmarken beklebt und eines Tages in die vom Lepoglavaner
Postboten gebrachte Tasche gesteckt. Ahnungslos trug der Posterer den
Einlauf zur Grubenverwaltung nach Ocura.

Eine Stunde spter stand Bodlak aufgeregt in der Ingenieurkanzlei und
bat flehentlich um--bersetzung des Briefes, den er soeben vom--"Knig
der Belgier" erhalten habe.

Die Ingenieure verbissen das Lachen, kmpften heldenhaft gegen den
bermchtigen Lachkitzel. Der Oberingenieur sah sich in der
Zerplatzungsgefahr; bersetzen konnte er den Brief nicht, nur Herrn
Bodlak zur Ernennung zum "Bergrat" gratulieren mit wenigen Worten; dann
mute der "Ober" die Kanzlei fluchtartig verlassen. Die Kollegen hatten
sich besser in der Gewalt; sie beglckwnschten Herrn Bodlak zur
Auszeichnung, gaben der Hoffnung Ausdruck, da weitere "Gnaden erweise"
des belgischen Knigs und "Besitzers" der kroatischen Glanzkohlengruben
sich auch auf die Ingenieure des Bahnbaues, so Kroatien mit--Belgien
verbinden werde, ergieen mgen.

Nach allen Regeln der Ulkkunst foppten die Herren den glckstrahlenden
"Bergrat" und erwiesen ihm faustdicke "Ehrfurcht", so da Bodlak auf den
verwegenen Gedanken kam, die ihm zuteil gewordene "Auszeichnung" der
Grubenverwaltungszentrale in Wien zu--telegraphieren. Daraufhin
verflchtigten sich zwei der Ingenieure unter Vorschtzung heftiger
Hustenanflle.

Der jngste Kanzleiinsasse blieb tapfer, riet von jeder Telegraphiererei
ab; denn es msse vor der offiziellen Verbreitung der "Glcksnachricht"
die landesherrliche Genehmigung zur Fhrung des auslndischen Titels
durch die Vizegespanschaft in Varazdin erwirkt worden sein. Deshalb
werde der Herr "Bergrat" gut tun, das Dekret persnlich dem Obersekretr
der Vizegespanschaft zu berbringen, der das Weitere dann schon
veranlagen werde.

"Prozim (bitte), wie lange wird es dauern, bis die Genehmigung erteilt
wird?" fragte schluckend vor Erregung Herr Bodlak.

Der Ingenieurbenjamin zog die Schultern hoch und sprach: "Acht Monate,
vielleicht ein Jahr; vielleicht wird die Zustimmung berhaupt nicht
erteilt!"

"Wie? Was? berhaupt nicht? Warum?"

"Man lt fremde Titel nicht gern herein! Belgisches nach Kroatien schon
gar nicht gern!"

"Wo doch der belgische Knig die kroatischen Gruben gekauft hat!" rief
in wachsender Erbitterung der "Bergrat".

"Haben Sie den Kaufvertrag gesehen? Ich nicht!"

Mit kurzem Gru verabschiedete sich Bodlak.

Immer tiefer nagten Kummer und Groll in der ehrgeizerfllten Brust. Die
Sorge vor einer Verweigerung der landesherrlichen Zustimmung wuchs mit
jeglichem Tage und fhrte zu dem Entschlu, durch Verffentlichung
des--"Dekretes" in den Zeitungen einen--"Druck" auf die Regierung
auszuben. Bodlak kalkulierte. Unter solchem "Druck" wird die
Unterbehrde, wenn auch widerwillig, die Angelegenheit an das
Ministerium weiterleiten mssen. Im Ministerium aber sitzen
"gebildetere" hhere Beamte, die schon ihrer Bildung wegen mehr Achtung
vor dem--Knig von Belgien haben werden....

Mit Flei und Geduld schrieb Bodlak sein franzsisches
"Ernennungsdekret" mehrere Male ab und schickte die Abschriften nebst
Begleitbriefen an verschiedene Zeitungen.

Die kroatischen und ungarischen Bltter druckten den Text im
franzsischen Wortlaut ab und beglckwnschten ironisch Herrn Bodlak mit
etlichen angehngten Worten zur "Auszeichnung". Das Wort "Auszeichnung"
unter Gnsefchen.

Das deutsche Wochenblatt verffentlichte die "Ernennung" in deutscher
Sprache mit dem Beifgen: "Errterung berflssig". Der Wortlaut
entsprach genau dem vom Oberingenieur verfaten Urtext:

   "Wir, Leopold, Knig von und zu Belgien, der Belgier und Brabanter,
   ernennen Sie in Anbetracht Ihrer primitiven Kenntnisse im Bergbau zu
   Unserem kniglichen Bergrat in partibus in fidelio.

   Teilen Sie Uns mit, ob Sie diesen Titel in Kroatien annehmen und
   fhren drfen, damit Wir Ihnen das groe Diplom non plus ultra senden
   knnen.

   Achtungsvoll Leopold II."

   Brssel, Datum des Poststempels.

   Siegel. Lopold Roi des Belges Propritaire aux mines en Croatie.

Am meisten krmmten sich die Bewohner von Varazdin und Ocura nebst
Umgebung vor Lachen ber den kstlichen Text dieser Verulkung. Das
witzige "Ernennungs"-Dekret druckten schleunigst viele andere Zeitungen
ab, so da eine Anzahl anderer Leute Anla zur Heiterkeit hatten. Von
Mund zu Mund durch Kroatien lief die Kunde. Der Ulk griff ber auf
Ungarn und sterreich; sehr zur Freude der Kohlenbergbaugesellschaft,
der fr ihre kroatischen Glanzkohlen eine riesige und dabei kostenlose
Reklame gemacht wurde.

Der verulkte Bergverwalter machte noch weiter von sich reden, da er beim
Varazdiner Gericht--Klage wegen Beleidigung einreichte, aber nicht sagen
konnte, wer bestraft werden sollte. Selbst verstndlich wurde das
Klagebegehren abgewiesen.

Bodlak war in Kroatien unmglich geworden.

Die Zentrale erwies sich fr die riesige Reklame dankbar, indem sie den
Mann mit vollem Gehalt pensionierte. Worauf Bodlak verschwand.

Durch Briefe aus Ocura erfuhr man auch in Brssel von der drolligen
Ulkgeschichte. Knig Lopold hat besonders ber den ihm unterschobenen
Brief und das "achtungsvoll" gelacht, war aber "verschnupft", da man
ihm ein so--"minderwertiges" Franzsisch zutraute....

Die Kohlenbahn Ocura-Friedau wurde nicht gebaut; die Verfrachtung findet
heutzutage auf einer anderen Strecke: Golubovec-Varazdin statt, deren
vorletzte Station (vor dem Endpunkte Golubovec) das vielgenannte Ocura
ist. Die Gesellschaft besteht noch immer und freut sich ihres Besitzes
im kohlenreichen Gebirge Kroatiens.

Alte Leute schmunzeln heute noch, wenn die Rede ist von--kroatischen
Glanzkohlen.




Auf Forstinspektion.


Nach Aufhebung der sogenannten Militrgrenze (8. August 1873) muten die
Wlder zunchst des nordwestlichen Teiles Kroatiens durch eigene
Forstkommissre der Vizegespanschaften neu "eingeschtzt", auf ihren
Wert berechnet, dabei der Forstbetrieb besichtigt werden. Eine schwere
Aufgabe fr den Geist, aber auch fr den Krper der Forstkommissre, die
das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigen wollten. Fehlte die Kenntnis
der Landessprache, so war der harte Dienst noch mehr erschwert besonders
bezglich Beschaffung von Unterkunft und Verpflegung. Glcklicherweise
waren damals die Waldhter, Frster, ein Teil der Pfarrer sowie immer
die israelitischen Kaufleute in den Drfern der deutschen Sprache
mchtig und gewillt, sich derselben gegenber den oft hilflosen
Forstkommissren zu bedienen.

In der Absicht, das meilenweite, gutbestockte Waldgebirge von Jelenska
gornja (oberer Hirschberg) "auf Forstinspektion" zu durchwandern,
stapfte der Kommissr Gnter, ein Deutschsterreicher, mit leerem Rnzel
und wenigen Brocken der kroatischen Sprache durch das flache Vorland.
Der Schritt wurde beschleunigt, als der Beamte gewahrte, da ihm aus den
Waldbergen ein druendes Gewitter entgegenkam, Wolken mit allen
Anzeichen auf Hagel.

Wollte Herr Gnter nicht vom Hagelsturm berrascht werden, mute der
Forstkommissr ein schtzend Dach, Unterkunft fr etliche Stunden
finden. Schutz konnte im nchsten Dorfe Osekovo nur das Pfarrhaus
bieten. In der elenden Gastwirtschaft war auer Slibowitz nichts zu
haben, der Aufenthalt unmglich.

Die hfliche Bitte um gtige Erweisung von Gastfreundschaft erfllte der
Pfarrer, ein katholischer Kroate, sofort in aller sdslavischen
Liebenswrdigkeit, aber verblffend eilig und wortkarg. Dem Gaste wurden
Wein, Kse und Brot auf den Tisch im Wohnzimmer gestellt; dazu sprach
der erregte Zupnik (Pfarrer): "Bitte, zugreifen! Gesellschaft kann ich
nicht leisten! Mu Hagel beobachten, Wetter luten lassen!" Und weg war
er. Der Kommissr strkte sich, trat dann an das Fenster und harrte des
Losbruches des Hagelsturmes.

Windpurren, heftiges Sausen in den Lften, atembeklemmender Druck, bige
Ste; doch kein Tropfen, nicht ein Hagelkorn entfiel dem schweren
Gewlk, das weiter in das Vorland trieb und etwa zwei Stunden von
Osekovo niederging.

Von dem Augenblick an, da fr das Dorf und die Felder von Osekovo die
Gefahr des Hagelschlages gewichen schien, verstummte das Gewimmer aus
dem Glockenturm. In das Wohnzimmer trat der Zupnik, rieb sich vergngt
die Hnde, schenkte die Glser voll und hie den Gast willkommen im
Pfarrhause. Nach der Landessitte wurden die Bilikumglser
(Willkommenswein) auf einen Schluck geleert und sogleich wieder gefllt.
Die sonst bliche Feierlichkeit der berreichung von Salz, Brot und
Hausschlssel auf einer Tablette lie der Zupnik weg; er war zu sehr
erfllt von dem Frohgefhl, da die Hagelwolken diesmal unschdlich ber
die Fluren von Osekovo hinweggegangen waren. "Gut fr die Parochianen,
gut fr mich!"

"Sind Hochwrden mit konomie 'gesegnet!'" fragte der Kommissr.

"Gottlob nicht! Bin jedoch an jedem gndigen Unterbleiben von
Hagelschlag finanziell interessiert!"

"Wieso?"

"Wenn es in und um Osekovo _nicht_ hagelt, das Unwetter in--_anderen_
Pfarrbezirken niedergeht, bekomme ich ber den Zehent hinaus von jedem
Osekovo-Bauern in Getreide die _Hagelgratifikation_! Auf deutsch:
'Tempestasdotation'!" Der Pfarrer blinzelte luftig, ermunterte zum
Trinken und leerte sein Glas.

Der Kommissr ereiferte sich gegen Aberglauben und Unsinn. Zumal doch
der Pfarrer wahrhaftig nichts dafr knne, wenn es hagelt, oder wenn die
Gefahr weiterzieht.

Der Zupnik nickte. "_So_ hab' ich frher auch geredet, sogar einmal von
der Kanzel aus gegen die unsinnige Behauptung polemisiert, da der
Pfarrer, wie dies die Bauern glauben, Hagel machen und Hagel vertreiben
knne. Ich tu's nicht wieder! Kein Wort sag' ich dagegen bis an mein
Lebensende!"

"Warum?"

"Nach jener Predigt kam ein Bauer, einer der Starosten (Dorfltesten) zu
mir und sagte: 'Sehr schne Predigt, aber nicht fr mich! Denn ich habe
Hochwrden im Chorrock und mit Stola schon oft in den--Wolken gesehen,
wie Sie den--Hagel verteilten! Kein Mensch wei, wie der Hagel entsteht;
Sie haben von der Kanzel erzhlt, wie der Hagel--gemacht wird! Also
ntze das Leugnen nichts, da Sie groen Einflu haben.'--Darauf habe
ich, der Zupnik, versucht, dem Starost diesen Irrglauben auszureden. Der
Starost aber erklrte. 'Kein Unsinn! Von den Bauern wre es nur dann
_dumm_, wenn sie einem Zupnik, der den Hagel _nicht_ wegschicken kann,
weiterhin die Tempestasdotation, die Hagelgratifikation in Getreide,
extrig zahlen wrden!'--Daraufhin habe ich, der schlecht bezahlte
Pfarrer, die Bauern doch lieber auf ihrer fr mich wohlttigen Meinung
gelassen."

"Begreifliche Unterlassungssnde! Aber doch Versndigung gegen die
eigene berzeugung!"

Der Pfarrer blinzelte und sprach: "Der Herr sind
Waldschtzungskommissr! Arbeiten Sie ein Jahr auf Forstinspektion in
Kroatien, dann kommen Sie wieder nach Osekovo und bringen Sie Ihre
smtlichen Snden gegen die berzeugung mit! Na zdravje! (Zur
Gesundheit!)--Gren der Herr, falls Sie in Jelenska gornja nchtigen,
meinen Amtsbruder, der als--, 'Wald'pfarrer oft Hagel hat! Der Kollege
wird unter Tempestasdotation fr--Hagel_versendung_, fr Schutz seiner
eigenen Gemeinde mitten im Wald, _nicht_ zu 'leiden' haben! Haha!"

Kommissr Gnter mute einen Happen Schinken essen, noch einen Krug Wein
leeren zu Ehren der kroatischen Gastfreundschaft, die immer ihr Bestes,
zuweilen sogar das letzte gibt mit einer Bereitwilligkeit, die zu Herzen
geht und Ablehnung ausschliet.

Dann setzte Herr Gnter die Wanderung fort. Spt erreichte er das
Walddorf Jelenska gornja, wo der Kommissr erst recht auf die
Gastfreundschaft des Pfarrers wegen der Nchtigung angewiesen war.

Eiskrner auf dem Weg und auf den wenigen Feldern brachten das Gesprch
mit dem Zupnik von Osekovo sofort in lebhafte Erinnerung. Und schwer
fiel die Bitte um Aufnahme ins Pfarrhaus fr die Nacht.

Doch der Pfarrer von Jelenska gornja lie von Verdru oder bler Laune
nichts merken, hie den Gast herzlich willkommen und reichte das
Bilikum mit aller feierlichen Umstndlichkeit und einer Ansprache, die
in der Bitte ausklang, oft und zu jeder beliebigen Stunde bei Tag oder
Nacht einzukehren in dem Hause, das von diesem Augenblick an Eigentum
des Gastes sei.

Was das Haus, das einsame Dorf im weiten Forst bieten konnte, wurde
freudig gegeben. Frhlich war die Unterhaltung bei erstaunlich gutem
Wein. Vom Hagelschlag wurde kein Wort gesprochen, hingegen von der
Notwendigkeit ausreichender Versorgung mit Lebensmitteln, da auf viele
Meilen ringsum nichts zu haben sei....

Mit Sitte und Brauch in katholischen Pfarrhusern vertraut, wollte der
Forstkommissr frhmorgens der vom Pfarrer zelebrierten Messe im
Kirchlein beiwohnen und dadurch den Hausherrn gebhrend ehren. Vergebens
wartete Gnter in seiner Stube auf das "Zusammenluten" aller Glocken
als Zeichen fr den Beginn des Gottesdienstes. Die Glocken blieben
stumm.

Um etliche Minuten versptet kam der Beamte in die Kirche.

Hinterdrein beim Frhstck im Pfarrhause fragte Gnter, warum das
allerorten bliche "Zusammenluten" unterblieben sei.

Der Zupnik lachte. "Strickmangel!"

"Was? Keine Stricke an den Glocken? Warum?"

"_Abgerissen_ von den erbosten Bauern!"

"Abgerissen? Weshalb denn?"

"Weil der Zupnik den _Hagel nicht rechtzeitig_ nach Osekovo
hinausdirigiert hat!"

"O weh! Dann ist's heuer mit der--Tempestasdotation nichts!"

"Stimmt!--Keine Sorge, Herr Forstkommissr! Ihr Rnzel wird deshalb doch
mit Proviant gefllt!"

So war es auch. Reichlich versorgt trat Gnter seinen Marsch an. Und an
einer vereinbarten Stelle, weit vom Dorfe entfernt, traf er mit dem
dorthin bestellten Waldhter zusammen, so da der mhereiche Dienst
begonnen werden konnte. Tagsber Arbeit fr Kopf und Fe, Nchtigung in
einer Rindenhtte. Wie wohl tat da die Atzung als Spende des
Waldpfarrers, der des Hagelschlages wegen bei seinen erbitterten Bauern
in--Ungnade gefallen war!

Schmunzeln mute der Beamte, so er der buerlichen--Rachetat gedachte:
die Agrikel rissen die Strnge ab, weil die Glocken "unter Fhrung des
Zupniks" den--Hagel nicht verjagt hatten....

Der Dienst fhrte den Kommissr Gnter auch in das--"griechische
Waldmeer". So wurde ein Forst in der Ausdehnung von ber 30000 Joch
(rund 12900 ha) aus dem Grunde in Fachkreisen benannt, weil er von
Kroaten griechisch-orthodoxer Religion in geringer Zahl besiedelt war.

Wer von der Beamtenschaft erstmals eine Kommissionsreise in dieses
Gebiet, "Gorievica" (Gorievitza) genannt, unternehmen mute, erhielt von
den gewitzigten Kollegen stets ein Bndel von Ratschlgen und Warnungen
in einer Form, die an dicke bertreibungen gemahnte und zum Lachen
reizte. So besagte eine Schilderung aus dem Munde eines alten
Forstbeamten. Im "griechischen Waldmeer" wohnen die faulsten Menschen
Europas, das Walddorf Jesenas hat zwar einen Popen, doch das Beten lehrt
die "Griechen" der--jdische Krmer, der ihre Steuern bezahlt, fr alles
sorgt, was die Drfler zum Leben brauchen; der die stndig drohende
Hungersnot verhindert, der, kurz gesagt, der "Herrgott" von Jesenas ist
und dies mit Zustimmung des--Popen.

Zu dieser "handgreiflichen" bertreibung lachte Forstkommissr Gnter,
da ihm das Wasser aus den Augen tropfte, und nicht ein Wort davon
glaubte er.

Vor Beginn der Dienstreise wurde der Oberwaldhter Kuster in Samarica
(Samaritza), einem Dorfe am Fue des gebirgigen Waldmeeres, vom
Eintreffen des Kommissrs benachrichtigt und beauftragt, alles Weitere
zur Verstndigung von Frstern, Waldhtern und wegen Unterkunft in den
Walddrfern zu veranlassen.

Im Wagen verlie Forstkommissr Gnter seinen Wohnort (Sitz der
Vizegespanschaft), fuhr einen Tag lang, bis der Rosselenker erklrte,
auf der schlechten Strae nicht weiterfahren zu knnen. Auf dem Rcken
eines Bauernpferdes, ohne Sattel, wurde die Dienstreise fortgesetzt, bis
der Besitzer des Gauls versicherte, er sei nun mde genug. Zu Fu
"reiste" der Beamte weiter und erreichte abends das ziemlich groe Dorf
Samarica. Die aufgestellten "Ausspekulierer" (jugendliche Spheposten)
meldeten die Ankunft rechtzeitig, so da der einsame, krachmde Wanderer
mit--Glockengelute begrt wurde.

Ob dieses seltsamen Empfanges hchlich erstaunt, fragte Gnter den alten
Waldhter Kuster, wie denn ein Forstbeamter dazu komme,
mit--Glockengelute begrt zu werden. Glockenklang gebhre doch dem
einziehenden Bischof oder Archimandriten.

Kuster schttelte das graue Haupt. "O, Gospodin! Der Archimandrit kommt
nie nach Samarica, ein Herr von der Gespanschaft in fnfzig Jahren
einmal, ein Forstbeamter sehr selten! Also ist die Ankunft Euer
Hochwohlgeboren ein groes Fest, das gebhrend gefeiert werden mu! Gott
segne Ihren Einzug in Samarica und in meine hochbeglckte Htte!"

In Gnter stieg etwas wie eine Ahnung auf, da die Schilderungen der
Kollegen vielleicht doch nicht so arg--bertrieben sein knnten.

Der Kommissr mute im Hause des Oberwaldhters wohnen; die Unterkunft
war nicht schlecht. Als Atzung in der Stube zu ebener Erde, wo Gnter,
von Kuster bedient, allein speisen mute, gab es gebratenen Buran
(Puter) in einem wahrhaft riesigen Exemplar, bei dessen Anblick der
Kommissr die Hnde zusammenschlug und dann dem Hausherrn Vorwrfe wegen
solcher Auslagen machte.

Kuster verneigte sich ehrerbietig und beteuerte, auf "seine Rechnung"
schon zu kommen. Der Buran aber sei unbedingt ntig; erstens, damit der
gndige Herr unter allen Umstnden satt werde; zweitens, weil der Buran
morgen ein--Bospor[9] sein msse.

Auf eine nhere Schilderung lie sich der Hauswirt nicht ein, widmete
vielmehr alle seine Aufmerksamkeit den Vorbereitungen zum Bilikum. Salz,
Brot und ein ganzer Schlsselbund lagen bereits auf einer Kupferplatte;
dann wurde ein Glaspokal gefllt, der mindestens eine--Kaiserma (etwa
anderthalb Liter) fassen mochte. Whrend des Essens schielte der
Kommissr in wachsender Angst nach diesem "Becherchen", das nach
sdslavischem Brauch vom Gaste auf einen Zug bis zum letzten Tropfen
geleert werden mute.

Nach Beendigung dieser Vorbereitungen zum Bilikum stellte sich der Alte
wieder demtig hinter den Stuhl des Gastes, bat um das Zugreifen,
reichte auch die Schsseln wieder, bot Dunstobst und Salat an, der im
dunkelgrnen l der Sonnblumenkerne schwamm. "Wollen Euer Gnaden sich
geneigtest versorgen! Wir haben nur diesen Buran und sonst nichts fr
die Nacht! Der Waldhter ist nicht der Bischof von Djakovar!"

Zur Ablenkung suchte Gnter ein forstliches Gesprch in Gang zu bringen.
Auch war ihm lstig, da der Alte stets demtig hinter dem Stuhle stand
und Lakaiendienst versah.

"Bitte gehorsamst! Zu Dienstgesprchen geben die nchsten drei Wochen
auf der Gorievica reichlich Gelegenheit! Heut' ist Festtag fr meine
Htte!"

"Was? Drei Wochen?" Den Forstkommissr hatte der Schrecken
herumgerissen. "Drei Wochen Walddienst ohne Unterkunft? Darauf bin ich
nicht vorbereitet! Fr Biwakieren nicht im geringsten ausgerstet! Irren
Sie sich denn nicht, Kuster?"

Bescheiden klang die Erwiderung. "Bei der Aufforstung des vorderen
Teiles der Gorievica hab' ich als Lehrling mitgeholfen; jetzt bin ich
siebzig Jahre alt, Euer Hochwohlgeboren untertnigst zu dienen! Bitt'
ich gehorsamst: noch ein Stckchen! Vielleicht von der Grlina (Hals), wo
ist schn fett und wird machen morgen leichtes Steigen! Ein Schluck
Slibowitz dazu, schmeckt sehr gut!"

Gnter konnte nicht mehr essen; er war satt zum Platzen.

Nun bat der Hauswirt, dem hohen Gaste das Bilikum reichen zu drfen.

Whrend etliche Wachskerzen angezndet wurden, traten zwei Waldhter in
die Stube, verneigten sich vor dem Kommissr, meldeten sich aber nicht,
stellten sich am unteren Ende des Tisches auf und standen militrisch
stramm.

Kuster hielt eine feierliche Willkommrede und reichte dem Gast die
Platte.

Der Forstkommissr dankte, ergriff den schweren Pokal und begann zu
schlucken.

In diesem Augenblick erklangen die kleinen Glocken der Kapelle neben dem
Waldwrterhause. Dieses Signal wurde von den groen Glocken der Kirche
in Samarica bernommen, so da feierliches Gelute der Bevlkerung
ankndigte, da der zu Besuch erschienene Forstkommissr soeben beim
Oberwaldwrter Kuster das Bilikum trinke.

Keinen Ton davon hrte Gnter, der mit dem Mut der Verzweiflung gegen
die Unmenge Wein kmpfte, die hinuntergegossen werden mute. Mit zwei
winzigen Unterbrechungen zum Atemholen gelang es, den Pokal zu leeren.
Auf die Nagelprobe des letzten Tropfens lie es der Kommissr freilich
nicht ankommen.

Dank und Hndedruck. Mit einem Blick auf die beiden stramm stehenden
Waldwrter am Tischende meinte der Kommissr. "Wohl unsere Begleiter?"

"Gehorsamst zu dienen, Gospodin, _nein_! _Heute_ sind die beiden die
Stolfunktionre!"

"Was sind sie?"

"Stolfunktionre, Stol ist gleich Tisch! Zu Ehren des hohen Gastes bin
ich der untertnigste stolaravnatelj das ist der Tischdirektor oder
Rektor; der kleine Tune, der Anton, ist der fiskus mein Stellvertreter;
hingegen der groe schwarze Glisa (Gregor) wird sein beschftigungslos
in seinem Tischamt! Gehorsamst aufzuwarten!"

Zunchst erkannte der Kommissr die Notwendigkeit, einen Trinkspruch auf
den Hausherrn auszubringen.

Groe Freude darber, die auch nach--auen hin kundgegeben wurde, indem
der jngste Sohn des Hausherrn abermals die Glocken der Kapelle
erklingen lie.

Dann bat der "Fiskus" um die hohe Ehre, ein Glas auf das Wohl des Herrn
Forstkommissrs leeren zu drfen. Glserklingen, Glockenhall hinaus in
die stille Nacht.

Gnter wollte nun den andern Waldwrter ermuntern, sich mit einem Glase
Wein an der Tafelfreude zu beteiligen.

Doch erschreckt, wiewohl geehrt und freudeglnzend, wehrte Glisa ab mit
den Worten. "Nicht mglich!"

"Warum? Ist Er denn abstinent oder Trke, der Wein nicht trinken darf?"

Dem befragten Waldwrter rutschte die Wahrheit heraus, die nicht gesagt
werden sollte "Jesam vunbacitelj!"[10]

Im Antlitz Kusters spiegelten sich Angst und Zorn; die Blicke kndeten
Rache. Um wenigstens fr den Augenblick lstiger Fragerei zu entrinnen,
holte Kuster "besseren" Wein. Die zwei anderen, dienstlich stramm am
Tische stehenden "Funktionre" begriffen die Situation vllig und
verstanden jetzt nicht mehr--Deutsch.

Forstkommissr Gnter hatte vom Bilikum her zuviel Wein im Leibe, der
ungewohnte Alkohol wirkte, machte eigensinnig und hartnckig; justament
wollte der Oberbeamte die wahrheitsgetreue bersetzung des Wortes
haben, das den Hausherrn offensichtlich in Verlegenheit und Zorn
gebracht hatte und das zweifellos dem Gaste verheimlicht werden sollte.

Dem zurckgekehrten Kuster wurde scharf zugesetzt. Doch den Kroaten war
der Kommissr weder mit der Mundfertigkeit noch mit der Trinkfhigkeit
gewachsen. Gnter hatte schlielich den--Zungenschlag, die bersetzung
aber nicht. Und den "Kampf" mute er aufgeben, sein Zimmer aufsuchen....

Das "Katergericht", der "Bospor", wartete vergebens auf den Gast. Gnter
hatte seinen Willen durchgesetzt, trotz aller "Verkaterung" frhmorgens
den Dienstmarsch angetreten. Kuster mute mit, das Struben und Zureden
ntzte nichts.

Wie sich alle "Pressiererei" auf Erden rcht, so blieb auch der
berstrzte Abmarsch von Samarica nicht ohne Folgen, indem Kuster der
Eile wegen mit--_leerer_ Torba (Tragsack) die Fhrung bernahm, der
Kommissr etliche Stunden spter schwer unter Hunger und Durst litt und
obendrein keinen Wunsch, keine Klage uern durfte.

Die Waldhter aus Samarica kamen nach, selbstverstndlich mit leeren
Hnden; etliche Frster stieen zu; die Dienstgeschfte der
Waldeinschtzung begannen und whrten bis zum spten Abend. Als
pflichteifriger Beamter verga Gnter whrend der Dienstausbung auf
alle Bedrfnisse.

Aber als die Notizbcher, Rechenbehelfe und Instrumente verstaut waren,
Dmmerung den weiten Forst erfllte, fragte der Kommissr doch nach
Unterkunft und Atzung.

Wenig erbaulich, doch gelassen klang die Auskunft Kusters, da nach etwa
zwei Marschstunden das mitten im Wald gelegene Dorf Jesenas zu erreichen
sei.

"Mit Gasthaus?"

"Nein!"

"Kann man nchtigen?"

"Ja!"

"Bei wem?"

"Beim 'jdischen Herrgott'!"

Kleinlaut sprach Kommissr Gnter. "Gehen wir!" Nie im Leben hatte er
sich bisher so wehrlos und in den Hnden fremder Leute gefhlt als
jetzt. Und bruchstckweise kamen die von den alten Forstbeamten
erteilten Ratschlge und Wahrnehmungen in fatale Erinnerung, so da
Gnter auf dem nchtlichen Marsche wegen Verpflegung usw. auch noch
kleinmtig wurde. Schon aus Grnden der Autoritt wollte er nicht weiter
fragen. rgerlich genug war es, da die Fragen so locker auf der
vertrockneten Zunge saen und gewaltsam hinuntergewrgt werden muten.

Endlich, eine Stunde vor Mitternacht, wurde das verwahrloste Walddorf
Jesenas erreicht. Die Totenruhe unterbrochen von Hundegebell.

Die Waldhter klopften den "jdischen Herrgott" mit einer
Selbstverstndlichkeit aus dem Schlafe, die den Kommissr aufs hchste
verblffte. Und einer der Frster machte dem erschreckten Dorfkrmer in
kaum verstndlichem Deutsch klar, da sofort fr acht Personen
Pfannenschnitzel mit Erdpfel, groe Portionen, zubereitet,
Nachtquartier beschafft, fr den gndigen Herrn Forstkommissr ein
eigenes Zimmer mit frischberzogenem Bett und ohne Wanzen hergerichtet
werden mssen. Augenblicklich aber Wein, Kse und Brot. "Brzo, brzo,
napried!" (Schnell, schnell, vorwrts!)

Erst in kroatisch-serbischer, dann in deutscher Sprache sicherte der
ltliche Dorfkrmer sofortige Erfllung der Befehle mit hflicher
Dienstwilligkeit zu. Weckte Hilfskrfte, machte Licht in der Zechstube
hinter dem Kaufladen, ffnete die Haustre und hie den gndigen Herrn
Forstkommissr mit untertniger Ansprache willkommen im freilich
unvorbereiteten Hause, weshalb um Nachsicht gebeten wurde. Alles
gesprochen nun mit der Ruhe der Selbstverstndlichkeit, gepaart mit
Hochschtzung des Gastes.

Kaum waren in der Zechstube die Gste mit Wein und Brot nebst Kse
versorgt, verschwand der "Herrgott".

Verhltnismig sauber gehalten die "Stube", der Wein nicht schwer, doch
berraschend gut. Kommissr Gnter staunte ber den Empfang, besonders
ber die Gelassenheit des Krmers und Wirtes.

Oberwaldhter Kuster hatte allen rger verwunden und gab nun Auskunft,
da der "Jude von Jesenas" an Einquartierung von Forstleuten gewhnt,
sein Haus auf Meilen in der Runde die einzig mgliche Unterkunft sei.
"Der _grte Gauner_ von Kroatien, aber ein _anstndiger Mensch_!" Die
Frster sowie die Waldhter stimmten bei.

An dem Ausspruch Kusters kaute der Forstkommissr, bis der Krmer mit
weier Schrze vor dem Kaftan zunchst fr den Forstoberbeamten das
Essen brachte: eine riesige Portion "Naturschnitzel" von Rind, mit
fettriefenden Schmorkartoffeln hochgegupft auf einem zweiten Teller.
Dieser Anblick machte den ausgehungerten Kommissr sprachlos. Das
Staunen wuchs, als die brigen Gste gleichgroe Portionen erhielten.

Die Frage, wie hoch im Preise solche Mengen ppiger Nahrung in
weltentlegener Waldeinsamkeit bei wahrscheinlich enormen Bringungskosten
stehen werden, sprach Gnter nicht aus, machte sich aber auf eine
"gepfefferte" Rechnung um so mehr gefat, als der Wirt doch
vielverschrien war.

Auch mit dem Zimmer konnte Gnter zufrieden sein.

Der Dienst schuf die Tagesordnung: Morgens Frhstck im Krmerhause,
sptabends die Atzung.

Acht Tage hindurch. Und jeden Abend in erstaunlichen riesenhaften
Portionen Rindschnitzel mit gersteten Erdpfeln. Abwechslung unmglich.

Wegen dieser "Eintnigkeit" in der Verpflegung fragte Gnter den Adlatus
im Walddienst nach der Ursache.

"Was wir essen, stammt von--_Notschlachtung_!" erwiderte untertnig,
doch listig blinzelnd der alte Oberwaldhter Kuster.

"_Not--schlach--tung_?!" Sehr gedehnt und in drei Teilen kam dieses Wort
aus Gnters Munde.

"Zu dienen, Gospodin! _Notschlachtung_! Aber das Rind war ganz gesund!"

"Wie? Was? Notschlachtung erfolgt doch nur, wenn ein Stck Vieh
Beinbruch erlitt oder Lebensgefahr vorhanden war! Um vom Fleisch noch
etwas zu retten, wird--Notschlachtung vorgenommen! In--Europa!"

"In sterreich, Euer Hochwohlgeboren zu dienen! In _Kroatien_,
wenigstens in unseren Waldbezirken, wird Vieh aus--_anderer_ Not
geschlachtet."

"Welche--Not kann das sein?"

"Die--_Not_ entsteht durch den _Eigentmer_ des Viehstckes oder durch
die _Gendarmen...._"

Gnter starrte den alten Waldhter mit weitaufgerissenen Augen und
offenstehendem Mund an.

"So ist es, Gospodin! Euer Hochwohlgeboren werden leicht und rasch
verstehen, wenn ich sage: Die durch Verrat heraufbeschworene
Entdeckungsgefahr zwingt zur--Notschlachtung im Wald. Suchen der
Viehbesitzer, dem ein Stck abhanden kam, oder die von Verrtern
verstndigten Gendarmen nach dem angeblich gestohlenen Rind oder nach
der verschwundenen Kuh, _so mu das Stck sofort im Walde geschlachtet,
mssen die greren und besseren Teile in grter Eile--verschleppt
werden!_--Das _Stck_ ist immer--_gesund_! Was--Notschlachtung ist,
wissen jetzt Herr Kommissr."

"Ja, danke fr die interessante Aufklrung. Knnen Sie sagen, wie man
_hierzulande ein Stck Vieh--stiehlt_?"

"Aus eigener Praxis nicht, gndiger Herr! Aber wie andere Leute sich ein
Stck Vieh 'verschaffen', das kann man berall hren; es ist das kein
Geheimnis. Auch die Gendarmen wissen alles, kommen jedoch immer zu spt,
das heit, wenn die Notschlachtung schon vorber, das zerteilte Stck
bereits verschwunden ist.--Auf _normale_ Weise wird ein Stck Vieh,
meist Kuh, mit Hilfe eines _erschwindelten_ Viehpasses gestohlen.
Zunchst ist das Wichtigste, von dem Viehstck die Farbe oder besondere
Kennzeichen 'auszuspekulieren'; je gewhnlicher und regelmiger Farbe
und sonstiges Aussehen sind, desto leichter gelingt die Sache. Wei man
ber das Aussehen genau Bescheid, so geht man auf den Viehmarkt, sucht
ein mglichst hnliches Stck und lt sich in Kaufunterhandlung ein.
Man leistet eine Anzahlung von zwei bis drei Gulden, die sogenannte
'Likova'[11], borgt vom Verkufer den amtlich gestempelten 'Viehpa'
aus, der die Beschreibung des Viehstckes und die Verkaufserlaubnis
enthlt, und bittet den Viehbesitzer um etwas Geduld, da man auf dem
Markt noch etliche Stck Vieh ansehen und kaufen wolle. Hat der
Viehbesitzer noch keine schlimmen Erfahrungen gemacht, so gibt er den
'Pa' her und sieht ihn im Leben nicht wieder. Mit dem 'Pa'
verschwindet 'man', und jetzt erst wird der Diebstahl eingeleitet. Der
'Pa' hat nur den Zweck, den 'Besitz' des _gestohlenen_ Viehstckes
auszuweisen, wenn man dieses auf dem nchsten Viehmarkt _verkaufen_,
also Bargeld erzielen will. Milingt die Verbringung des gestohlenen
Viehstckes zum Markt, tritt Verfolgungsgefahr ein, kommen die Gendarmen
dazwischen, so erfolgt die erwhnte _Notschlachtung_, damit von dem
gestohlenen Viehstck gerettet werde, was in der Eile geborgen werden
kann...."

Der Forstkommissr lachte. "Wer mag wohl den schlauen Trick ersonnen
haben? Den Bauern ist er nicht zuzutrauen!"

In seiner demtigen Weise sprach Kuster: "Sehr richtig geurteilt,
gndiger Herr! Alle Intelligenz stammt von unserem--Hauswirt! Er ersann
den Trick, damit die Waldgriechen und natrlich er selbst fter
zu--Fleisch kommen. Fr die Ausfhrung seiner Plne haben die
Waldgriechen alle Schlauheit; sie werden fast nie erwischt, und da sie
sonst sehr faul sind, die mhsame und gefhrliche Verbringung
gestohlenen Viehes zu Markt scheuen, frisches Fleisch lieben, so erfolgt
auf einen Viehdiebstahl sehr oft, fast regelmig die Notschlachtung."

"Ja, wenn das alles die Gendarmen wissen, warum erfolgt denn
beim--Krmer keine Haussuchung? Das Vorhandensein greren
Fleischvorrates beim Dorfkrmer mitten im Forst ist doch stets
verdchtig, Nachweis ber rechtschaffenen Erwerb unmglich! Warum wird
nicht nachgesucht?"

"Halten zu Gnaden, Herr Kommissr? Wrden die Gendarmen bei
unserem Hauswirt nur ein einziges Mal nach unrechtmigem
Fleischbesitz--schnffeln, so bekommen sie zeitlebens in
Jesenas--_nichts mehr zu essen_! Der Hunger tut aber auch den Gendarmen
weh im groen Forst, wo auf Meilen im Umkreise nichts, gar nichts zu
haben ist...."

"Na, schn! Und die Waldhter und die Frster?"

"Sie mssen aus gleichen Grnden schweigen und zum schlauen Krmer
halten, der fr alle und fr alles sorgt. Er ist ein '_anstndiger
Gauner_', denn er nimmt von uns sehr wenig Geld. Er ist
unser--_Wohltter_! Er ist auch der Wohltter der Gendarmen, berhaupt
der gesamten Bevlkerung auf der ganzen Gorievica. Das '_Glck_' im
Waldmeer ist er, denn er sorgt fr alle und fr alles!"

"Was sagen denn die Behrden zu diesem--Skandal?"

"Euer Hochwohlgeboren wollen gndigst bedenken: das Fiskalat hat keine
Ursache, sich dreinzumischen, denn der Krmer von Jesenas bezahlt fr
die Bevlkerung der Gorievica gewissenhaft die--_Steuern_!"

"Die Gespanschaft..."

"... bekommt Gendarmenberichte, die zu den Akten genommen werden. Da in
den wenigen Walddrfern Gendarmen nicht stationiert sind, nicht
untergebracht werden knnen, haben Inspektoren in den Walddrfern nichts
zu tun."

"Aber die Popen?"

"Sind sehr dankbar, wenn sie fr wenig Geld viel frisches Fleisch
bekommen, auerhalb der langen Fastenzeit der Griechen! Es ist schn und
ehrenwert, da die Griechen die Abstinenz genau einhalten, vierzig Tage
hungern, nur am Abend etwas von den getrockneten Fischen essen, die der
Krmer bndelweise aus Ungarn bezieht und auf--Pump verabreicht!
Abrechnung erfolgt spter: Fleisch fr Fische!"

"Zum Kuckuck! Es gibt doch Gerichte auch in Kroatien!"

Kuster verbeugte sich und sprach demtig. "Gndiger Herr! Wo
kein Klger, ist auch kein Richter! Vor Jahren weilte ein
Untersuchungsrichter auf Grund einer Gendarmerieanzeige in Jesenas: die
Kommission zog schon am zweiten Tage erfolglos und arg hungrig ab; der
Krmer hatte _nichts Ebares_ im Hause. Sogar der Richter hatte
_vergeblich_ in Keller und Speicher gesucht!"

Darauf verstummte Kommissr Gnther. Seine Neugierde richtete sich auf
die--Rechnung.

Der "Herrgott" von Jesenas weigerte sich, einen geschriebenen Beleg zu
geben. Untertnig erklrte er, da der gndige Herr Forstkommissr
achtmal fr Wohnung samt Bedienung und Licht, fr Frhstck (Kaffee mit
Milch, Brot, Honig und Eiern) sowie fr das Abendessen (Fleisch mit
Kartoffeln) zusammen tglich--_dreiig Kreuzer_[12] zu zahlen habe. Fr
_Wein_ tglich _zwlf_ Kreuzer "extra"....

Kommissr Gnter traute seinen Ohren nicht und ri vor Staunen weit die
Augen auf.

Erschreckt, das Staunen irrig deutend, bat der Krmer unter Verbeugungen
um Verzeihung, verwnschte seine Gedchtnisschwche, die ihm einen blen
Streich gespielt, und feierlich erklrte er, da der Tagespreis ohne
Wein--_zwanzig_ Kreuzer betrage!!! Am Wein hingegen knne er beim besten
Willen nichts nachlassen, da nur der Selbstkostenpreis berechnet worden
sei.

Mit Mhe setzte Gnter dem achtenswerten Krmer auseinander, da der
Preis von tglich dreiig Kreuzern wahrhaftig nicht als zu hoch erachtet
wrde. Der Kommissr wollte diesen Betrag bezahlen, aber der Hauswirt
verweigerte die Annahme des Betrages ber den Pensionspreis von zwanzig
Kreuzern hinaus. Ebenso lehnten die Dienstboten die Annahme irgendeiner
Belohnung ab.

Die Frster hatten fnfzehn Kreuzer tglich zu zahlen, die Waldhter
nichts....

Auf dem Rckmarsch hatte Forstkommissr Gnter ein sonderbares Summen im
Ohr; immer klangen gedmpft die Worte. "Grter Gauner, anstndiger
Mensch!" ber den Widerspruch rgerte sich Gnter schndlich. Und einen
Seelenkampf kostete es, schlssig zu werden ber die Frage, ob, wie alle
anderen Menschen, die in Jesenas zu tun hatten und haben werden, auch
Forstkommissr Gnter die Tatsachen hinnehmen und sich nicht weiter den
Kopfzerbrechen solle....

Der Seelenkampf war entschieden, als Gnter seinen Dienstwohnsitz
erreichte. Entschieden mit dem Satze. "Ich bin Forstmann in Kroatien und
nicht--Kaminfeger! Denn nur der 'Schwarze' kratzt, was ihn nicht beit!"

Im brigen ahmte er das Beispiel der alten Amtskollegen nach, gab die
gleiche Schilderung von den Verhltnissen auf der Gorievica und lie
sich von Unglubigen ins Gesicht lachen. Solange Gnter--Jahre
hindurch--auf kroatischem Boden weilte, wich er jeder Errterung des
Themas. "Grter Gauner und doch ein anstndiger Mensch" aus. Gnter
wollte ber den Krmer von Jesenas keine Witzeleien hren; der Mann
hatte whrend eines zweiten Aufenthaltes (Schtzungsnachprfung) seine
Achtung erzwungen, indem der Hebrer--es fehlte an Fleisch--vom kleinen
Mehlvorrat das--letzte Pfund Mehl willig hergab, um den hilf- und
nahrungslosen Beamten zu versorgen, solange es eben mglich war....


Funoten:

[9] Im Kroatischen hat das Wort "Bospor" die Bedeutung "briggebliebener
Buran"; im Slowenischen heit das gleiche Wort soviel wie Knoblauchrbe.
Mit solchen Rbchen gedmpft, mit Essig gesuert und gednstet, gilt in
Kroatien auch heute noch der "briggebliebene Buran" als Morgenspeise,
die nach feuchtfrhlicher schwerer Nachtsitzung den "Kater" und alles
"Haarweh" totsicher vertreibt. Von der Rbensorte ging der Name auf den
Buran ber. D.V.

[10] Jesam = ich bin, vunbacitelj = Hinauswerfer!--Hauptschlich im
Zagorje (Westprovinz von Kroatien) besteht der Brauch, da drei Personen
als Stolaren fungieren, besonders bei Gastmhlern zur Brautschau: der
Tischdirektor, sein Vertreter und der--Hinauswerfer.... Zur Ehrung eines
Gastes mssen die drei Stolaren anwesend sein, doch wird der vunbacitelj
in seiner "amtlichen" Eigenschaft nicht--vorgestellt. D.V.

[11] Likova in der Bedeutung: vorlufige Abrechnung, Anzahlung; das
slavische Wort bedeutet auch: Ausgleichung, offizielle Bilanz ber
gegenseitige Dienstleistung auf Grund eines Vertrages. Der tchtigste
Slavist der Gegenwart, Oberstleutnant _Zunkovic_, verweist auf das
deutsche Wort "_Leihkauf_", das ein miverstandener Begriff und aus dem
slavischen Worte entstanden ist. Tatschlich hat "Leihkauf", "etwas zum
Leihen kaufen", keinen Sinn.

[12] sterreichische Whrung bis 1885. In diesem Jahre wurde die neue
Kronenwhrung (zwei Kronen gleich dem alten Gulden) eingefhrt und in
ganz sterreich und Ungarn lngere Zeit hindurch--nicht beachtet....




Feuerstein und Schwefelfaden


In folge des Schnbrunner Friedens vom 14. Oktober 1809 war der
westliche Teil von Kroatien ("Illyrisch-Kroatien") franzsisch geworden.
Vier Jahre hindurch muten die an ganz andere Verhltnisse gewhnten
"okkupierten" Kroaten die franzsische Herrschaft und Verwaltungskunst
ertragen; sie durften wohl seufzen, die Faust aber nur im Sack machen.
Es gab jedoch auch Lichtseiten, indem in manche Dinge von den Franzosen
Ordnung gebracht wurde, die Besatzungstruppen sich im groen und ganzen
anstndig benahmen. Fr die Heiterkeit der Kroaten sorgte die
franzsische--Duellwut, die den Kroaten etwas ganz Neues und Urkomisches
war und Orgien feiern konnte, da der kroatische Wein gut, spottbillig
und zur Aufstachelung der Zweikampfslust nachtsber sehr geeignet war.
Weniger komisch wurde die vom Marschall Marmont auferlegte und sehr
tatkrftig eingehobene Zwangsanleihe befunden. Solchen Aderla
bekam der kroatische Adel empfindlich zu spren, weshalb just in
Gutsbesitzerkreisen die frher blich gewesene Liebugelei in das
Gegenteil umschlug, als man die verhimmelten Franzosen als Herren im
Lande hatte.

Neu war den Kroaten auch der Zwang, vor der kirchlichen Trauung die
staatliche Zivilehe auf dem franzsischen Standesamte zu schlieen. Den
farbenfreudigen Sdslaven gefiel die Trikolore Frankreichs als
Amtsschrpe der Brgermeister, da selbe die Farben Kroatiens, freilich
in anderer Zusammenstellung, aufwies. Der Klerus, der franzsischen
Herrschaft durchaus abgeneigt, unterlie wohl aus Grnden der Klugheit
den Widerstand gegen die aufgentigte Zivilehe. Es war berhaupt nichts
zu wollen, gegen die Zwingwirtschaft nicht aufzukommen; bis auf ganz
kleine Kreise, die mehr oder weniger notgedrungen den Verkehr mit
Militr und Beamtenschaft unterhielten, blieben Adel und Geistlichkeit
abseits, fgten sich knirschend ins Unvermeidliche, erfuhren von
Reibungen nicht viel, da es dazumal keine Zeitungen im Lande gab, der
Postverkehr sehr drftig eingerichtet war, das Briefschreiben nicht zu
den Gepflogenheiten des kroatischen Adels gehrte.

So wute man in "Illyrisch-Kroatien" kein Wort von der Vlkerschlacht
bei Leipzig, nichts von sonstigen Ereignissen.

Eines Tages frh morgens war in Franzsisch-Kroatien _kein franzsischer
Soldat mehr zu sehen_: alles in nchtlicher Stille pltzlich abgezogen.
Darob groes Erstaunen, Verwunderung. Bevor das Volk aber die Nachricht
vom Abzug der "Okkupations"truppen erfuhr, und ehe der Adel sich darber
richtig freuen konnte, wurde amtlich verkndet, da _Kroatien_ nunmehr
unter der _"vterlichen" Regierung sterreichs_ stehe.

Die Schilderungen der Stimmung in Kroatien wegen dieser Ereignisse gehen
weit auseinander, je nachdem der Autor sterreicher, Franzose, Ungar
oder Kroat gewesen. Sehr plastisch wei Dr. von Tkalac (Weber) in seinen
"Jugenderinnerungen aus Kroatien" zu erzhlen; aber ganz zuverlssig ist
dieser vornehme Kroate nicht wegen seiner leidenschaftlichen Parteinahme
fr den "Westen", und berdies war er zu jener Zeit noch nicht geboren,
kannte die Verhltnisse nur aus den Mitteilungen seines Vaters, der
wegen des finanziellen Aderlasses ein grimmiger Franzosenhasser war.

Da das von den Franzosen endlich befreite Volk seinen Bedrckern
"grollte" nur deshalb, weil die Besatzungstruppen ohne "klingend Spiel"
bei Nacht und Nebel abgezogen waren, glaubt dem Herrn von Tkalac wohl
der strkste Mann von Europa nicht. Er erzhlt auch, da die
"grollenden" Bewohner von Karlstadt nach dem Abzug die franzsischen
Adler von den Amtsgebuden herabrissen, und da die Leute in die
Freimaurerloge eindrangen und dort alles kurz und klein schlugen, die
Trmmer aus den Fenstern warfen und auf dem Platze verbrannten. Der
Brgermeister, zugleich "Meister vom Stuhl", habe Widerstand nicht
gewagt, weil er wute, da die sterreichische Regierung die
Freimauerei nicht dulden wrde.

sterreich regierte "vterlich" absolutistisch auch in Kroatien, wo man
an die ungarische Gesetzgebung und Verwaltung schlecht und recht gewohnt
war. Kein Wunder, da den Kroaten gewisse "vterlich-sterreichische"
"Spezialitten", wie Stempel- und Registrierungstaxen, Tabak- und
Salzmonopol usw., nicht gefielen. Auch die Nichtwiedergewhrung der
Selbstndigkeit der Gemeindeverwaltung nach ungarischen Muster
("Autonomie der Munizipien" genannt) pate den an ungarische Freiheiten
und Lssigkeiten gewhnten Kroaten nicht. Der Wiener Bureaukratenzopf
wurde als sehr lstig empfunden. Wegen rcksichtsloser Steuereintreibung
ballte das gequlte Volk die Fuste. Dr. Tkalac erzhlt, da ein nach
Karlstadt, dem Hauptsitz der vielen Behrden, gekommener Bauer beim
Anblick eines Amtsschildes mit dem sterreichischen Doppeladler ausrief.
"Der franzsische Adler hatte nur _einen_ Schnabel, wieviel wird nun
diese Bestie mit _zwei_ Schnbeln fressen!" Der Ausruf mu von einem
"biederen" Landsmann verraten worden sein, da der nicht ble Witz dem
Bauer "teuer zu stehen kam". Den aus slovenischen Landesteilen nach
Kroatien berufenen sterreichischen Beamten wird es nicht mglich
gewesen sein, den erwhnten Ausspruch eines Kroaten schlankweg zu
verstehen. Tkalac irrte sich mit der Behauptung, da sich Slovenisch
sprechende Beamte mit der kroatischen Bevlkerung "leicht" verstndigen
konnten. "Leichter" als Deutsch ja, aber nicht leicht; denn der
slovenische Dialekt von Krnten und Krain wird auch heute noch nicht von
kroatischen--Bauern verbanden. Man mu das im praktischen Verkehr selbst
erprobt haben, um sich ein Urteil darber erlauben zu knnen. Beide
Dialekte weichen sehr stark von einander ab. Hingegen knnen sich
gebildete Slovenen und Kroaten ziemlich leicht verstndigen, wenn sie
sich ihrer Idiome dialektfrei bedienen. In jenen Jahren gab es aber im
praktischen Verkehr eine reine, dialektfreie Sprache weder bei den
Slovenen noch bei den Kroaten.

Zum Zeitalter des belsten Absolutismus gehrte auch die
Gesinnungsschnffelei, die von den Beamten arg getrieben worden sein
mute, da es zu Aufstand, Verbrennung sterreichischer Amtsschilder und
gewaltsamer Vertreibung der Beamten, auch der sogenannten Krajnci
(Krainer), der slovenisch sprechenden Herren aus den Erblndern,
gekommen war. Das Wort "Krajnjac" (Krainer) war gleichbedeutend mit
"Beamter" geworden und entfachte den Ha der Kroaten, die, von
ungarischer Freiheit in der Selbstverwaltung verwhnt, gegen die
absolutistische "k.k." Bedrckung sich auflehnten. Der Adel und die
Brgerschaft murrten, blieben aber ruhig in der Hoffnung, da das
"_Provisorium" der sterreichischen Besetzung_ Kroatiens nicht
allzulange whren werde. Der Klerus wurde respektiert und hatte deshalb
keinen Anla zu Klagen.

Das war die Stimmung im Lande whrend des "Provisoriums" der
sterreichischen Besetzung.

Im September 1814 begann der Wiener Kongre, dem wegen der Befreiung vom
"k.k. Joche" mit groen Hoffnungen entgegengesehen wurde. Von der Komik
der Kongrevergngungen drang manche Nachricht auch nach Kroatien. Was
aber in der Kaiserstadt komisch wirkte, machte die Kroaten, wenigstens
in adeligen Kreisen,--toll. Die Parole: "Morgen wieder lustik" begriffen
sie sofort und setzten sie in Wirksamkeit auf Narrenweise und
in--Entartung. Wer nach langer Kerkerhaft in die Freiheit gelangt, wird
von der vermeintlichen Zgellosigkeit berauscht und wird toll, reif fr
das Irrenhaus.

Was sich auf kroatischem Boden abspielte, bildete nach Jahrzehnten noch
immer den Gesprchsstoff, so da Dr. von Tkalac (geboren 1822) aus den
Erzhlungen befreundeter Adeliger, die den tollen Rummel mitgemacht
hatten, entsetzensvolle Eindrcke empfing und mit Schaudern darber
schrieb.

Just die sogenannten gebildeten Klassen strzten sich kopfber, wie
besinnungslos, toll geworden von Zerstreuungswut, in Vergngungen, die
als "Niggerhetzen" selbst auf afrikanischem Boden--Erstaunen erregt
haben wrden. Der Drang nach Vergngen um jeden Preis war bermchtig
geworden; man wollte sich austoben, gierig, toll, ohne zu denken, da
alles, auch die Vergngungssucht, Grenzen haben msse, sinnloser
Geldverbrauch zum Ruin fhre, jede Entartung sich auf lange Zeit hinaus
bitter rchen werde.

Aufgebaut waren diese "Festivitten" auf der berhmten slavischen
Gastfreundschaft, die auch fr die Kroaten und Serben nicht nur als
Tugend, sondern geradezu als nationale und moralische Pflicht gilt, den
slavischen Vlkern schon im Kindesalter sozusagen eingeimpft wird. Wer
sich dieser Pflicht entzieht, gilt als ehrlos, ist der allgemeinen
Verachtung ausgeliefert und wird als ausgestoen betrachtet. Deshalb ist
der Slave, besonders der Sdslave, immer bestrebt, Gastfreundschaft, die
ihn selbst ehrt, zu erweisen; freudig gibt er sein Bestes und auch sein
Letztes, um den Gast zu ehren, und inniger Dank des Gastes bildet fr
den Slaven Lebensglck.

In jenen Jahren offenbarte sich, da auch die Gastfreundschaft--entarten
kann.

Im Umkreise von mehreren Meilen kennen sich selbstverstndlich die
Grundbesitzer berall. Gegenseitige Besuche mit ganzer Familie waren von
jeher zu gewissen Zeiten oder bei besonderen Anlssen blich. Zu
jagdlichen Veranstaltungen (groen Treibjagden) erschienen nur Herren in
groer Anzahl, immer mit eigenem Fuhrwerk und Dienerschaft. Zu
Familienfesten jedoch jeweils die Familien mit Kind und Kegel, gesamtem
Tro, mitunter sogar mit Tafelzeug, wenn etwa bekannt war, da wegen
bergroen Andranges von Gsten Mangel an Tischgerten eintreten konnte.
Infolge der pltzlich ausgetretenen Vergngungswut hielt man sich nicht
mehr an die frher blich gewesene Besuchsansage oder Einladung: man
erschien mit gesamter Familie, Dienerschaft, Pferden und Geschirr eines
Tages auf dem nchstgelegenen Edelsitz, feierte das Bilikum, blieb
mehrere Tage, d. h. bis der betreffende Gutsbesitzer erklren mute, da
er nichts mehr zu bieten habe und gezwungen sei, sich mit seiner Familie
den Gsten--anzuschlieen, die nun weiter zum nchsten Edelsitz zogen.

Schwatzen, Essen und Tanz fr Frauen und Tchter, Essen, Trinken, Tanz
und Kartenspiel fr die mnnliche Welt. Mitunter mehr als ein Dutzend
vielkpfiger Familien zusammen auf dem "heimgesuchten" Edelsitz. Von
einem Gut zum andern, bis alles--"abgegrast" war; dann boten aber die
zigeunernden Gste selbst Gastfreundschaft bis zum letzten Kalb,
Schwein, Fa und Knopf. Dieses Herumziehen whrte im Turnus, der nicht
ngstlich in den nachbarlichen Grenzen gehalten werden mute, da man
auch bei nichtbenachbarten Gutsbesitzern "einfallen" konnte und
Gastfreundschaft fordern durfte, bis der Winter mit Regengssen und
Schnee die damals schlechten Straen unfahrbar machte, auf den
Edelsitzen Vorrte nicht mehr vorhanden waren.

Tropfenweise kamen die Schilderungen vom Prunk der endlosen Feste aus
Wien nach Kroatien. Vom Ausspruch des ritterlichen geistvollen Frsten
de Ligne: "_Le congrs danse, mais il ne marche pas_" (der Kongre
tanzt, aber er geht nicht vorwrts), interessierte die adeligen Kroaten
nur der erste Satzteil, und den Ausspruch der Grfin Bernstorff, der
Gemahlin des dnischen Gesandten ("Es ist, als kme man vom Lande und
sehne sich nach langentbehrter Zerstreuung"), drehten die kroatischen
Notabeln einfach um: sie trugen die langentbehrte Zerstreuung auf's
Land--hinaus! Das neumodische Karussellreiten des Hochadels in Wien
wurde auf manchem Edelhofe nachgeahmt und als Sport nicht wenig belacht.
Fr die Volksfeste im Wiener Prater fehlten Verstndnis und Gelegenheit;
doch hatten die Notabeln im slavischen Sden ihre Freude an den Wiener
Scherzen, z.B. an der Verdrehung des Wortes "Dnemark" in "Tandelmarkt"!
Soviel Deutsch verstanden die Nobili sdlich der Save sofort, um den
"Knig vom Tandelmarkt" zu verulken.

Es fehlt der Nachweis dafr, da die harmlos galante Wette des
russischen Zaren mit der schnen Grfin Flora Wrbna-Kageneck bezglich
des schnelleren Toilettemachens von den kroatischen Edelleuten
irgendwie nachgeahmt wurde. Auf ulkhafte Art scheint es geschehen zu
sein, selbstverstndlich plumper als der Vorgang in Wien, wo der Zar
punkt neun Uhr in Begleitung von Zeugen im gewhnlichen Anzug bei Zichys
erschien, sich zum Austrag der Wette meldete, dann abtrat und schon nach
Umflu von fnf Minuten in voller Uniform wieder im Salon der Grfin
Zichy erschien und die Wette--verloren hatte, da die Grfin Flora
Wrbna-Kageneck sich--in eine Hofdame der Zeit Ludwigs XIV.
verwandelt--bereits im Saale befand.

Es ist nicht unwahrscheinlich, da diese harmlose Wette, deren Sieg der
Grfin Wrbna ein artiges Handschreiben des Zaren und als Geschenk
eine--"Bibliothek" eintrug, einen vergngensschtigen Adeligen auf die
Idee brachte, die "Familiensimpelei" auf den Edelsitzen in
eine--Pikanterie, in eine tolle "Mohrenherz" umzugestalten.

Auf einem Gutssitz hatten die siebzig Gste mit etwa vierzig Pferden und
Dienerschaft binnen fnf Tagen "ratzekahl" gezecht. Der Gutsherr war fr
ein Jahr ruiniert. Der "Oberarrangeur" und Vergngungsmeister verkndete
fr den nchsten Tag den Abzug und die Fahrt zum benachbarten Edelsitz,
wohin vorsichtshalber Botschaft gesendet worden sei. Da bei dieser
Verkndigung nicht alle Damen anwesend waren, benutzte der "Maestro"
die Gelegenheit, in die Rume der Frauen einzudringen. Die Raumnot hatte
dazu gezwungen, in je einem Zimmer acht bis zehn Frauen unterzubringen,
ebenso Mdchen und Kinder unter Aufsicht lterer Damen. Die Mnner waren
in Scheunen (Schlafgelegenheit auf Stroh), zu einem Teil auf
nahegelegenen Bauerngehften einquartiert, wo die Herren toll genug
"wirtschafteten".

Den Gipfel der Tollheit und Scheulichkeit erklomm das fr den letzten
Abend auf dem Gutssitz ausgefhrte _Lottospiel um die--Frauen_!

Die vom schweren Zechen berauschten Mnner "wrfelten" um die Ehefrauen,
mit denen sie die letzte Nacht vor der Abreise nach einem anderen
Edelsitz zubringen sollten. Die Dienerschaft (Zofen) wurde mit Geld
bestochen und zu Angaben verleitet, in welchem Zimmer und in welchen
Betten die einzelnen Damen nchtigten. Die Namen dieser Frauen mit den
erkauften Angaben wurden dann auf Zettel geschrieben, diese Zettel in
einen Hut geworfen und durcheinandergemischt. Jeder "Edel"mann dieser
seltsamen Korona--mit dieser Schndlichkeit waren alle freudig
einverstanden--zog einen Zettel heraus, der ihm fr die Nacht eine
"Genossin" zuwies.

Nicht gegen das schndliche Spiel um Ehre und Frauenwrde, gegen die
Zuchtlosigkeit, erhob sich erstmals ein Widerspruch, es wurde nur die
Befrchtung geuert, da der Betrug verfrht durch Licht entdeckt
werden knnte. Dieses Bedenken zerstreute der "Erfinder" des
"Frauenspieles" mit dem Hinweis, da _rasches Lichtmachen mit Feuerstein
und Schwefelfaden unmglich_ sei, da also bei dieser langsamen, den
Frauen sehr lstigen Prozedur den betreffenden "illegitimen" Eheherren
im Entdeckungsfalle die Flucht aus dem Zimmer wesentlich erleichtert
sei. Die Anwesenheit anderer Damen in den Stuben erregte berhaupt keine
Bedenken. Der _Weibertausch_ wurde _richtig ausgefhrt_! Und es gab
_keinen_ ffentlichen Skandal in Kroatien wegen dieser--afrikanischen
"Erlustierung".

Die "vergngensschtigen" berauschten Herren der Schpfung schlichen
barfu in die Frauengemcher und schmuggelten sich in die--ausgelosten
Betten. Wurde von einer oder der anderen Frau der schmhliche Betrug
irgendwie erkannt und Lrm geschlagen, so flchteten die Herren sofort
aus den Stuben, bevor Licht erzeugt werden konnte. "Dank" _Feuerstein
und Schwefelfaden_, der Langsamkeit, mit diesen Hilfsmitteln Licht zu
machen, vermochten sich die "Witzbolde" rechtzeitig in Sicherheit zu
bringen. Und dies des fteren!

Wegen dieses "witzigen Frauenspieles", das noch immer in der Erinnerung
lebt und auch mir im Jahre 1912 in Kroatien erzhlt wurde, hat Dr. von
Tkalac um 1840 einen seiner Verwandten interpelliert, der an diesem
"Weibertausch" damals "aktiv" beteiligt war. Die Antwort ist in Tkalac
"Jugenderinnerungen" wie folgt festgehalten: "Was willst du, es war eine
tolle Zeit! Da wir beinahe alle Hrner trugen und dabei keiner erfuhr,
wer von uns ihn damit gekrnt hatte, war es das klgste, zu schweigen.
Htten wir uns alle etwa wie die nrrischen Franzosen schlagen und
gegenseitig niedersbeln sollen? Was nun einmal geschehen war, konnte
man doch nicht ungeschehen machen. Und wenn die Frauen keinen Lrm
schlugen, mute man annehmen, da sie ... zufrieden waren."

Als 72jhriger Greis bewertete der auf seine kroatische Abstammung sonst
ehrlich-stolze, hochgebildete Dr. von Tkalac diese Ereignisse in seinen
"Erinnerungen". "Es mu eine 'tolle Zeit' gewesen sein, in welcher _den
Menschen jede Fhigkeit zu ernstem Denken und ernster Arbeit abhanden_
gekommen zu sein schien. Der sterreichische groe Staatsbankerott vom
Jahre 1811 scheint merkwrdigerweise diese stets lustige und
leichtsinnige Generation gar nicht berhrt zu haben."

Auf die tolle Zeit folgte 1817 eine schreckliche allgemeine Hungersnot
und bitterste Verarmung. Der Wucher kam zu hchster Blte und richtete
besonders die Grundbesitzer vllig zugrunde. Um sich ber Wasser zu
halten, nahmen sie nominell zu zehn und zwlf vom Hundert Geld auf, und
da sie nicht mit Bargeld zurckzahlen konnten, zahlten sie in
Naturalien--Wein, Getreide, Pflaumen (zum Branntweinbrennen), Heu,
Bau- und Brennholz--, die ihre Glubiger ihnen zu wahren Spottpreisen
abkauften, wodurch sich die Zinsen auf dreiig und vierzig Prozent
erhhten. Oder die Grundbesitzer suchten sich dadurch zu helfen, da sie
einen Teil ihres Allodialbesitzes oder ihrer Untertanen mit Haus und
Grundstcken verpfndeten, so da manchem Grundbesitzer, der fnfzig und
mehr Untertanenhuser besessen hatte, schlielich nur fnf oder sechs
brigblieben, mit denen er auerstande war, sein Gut zu bewirtschaften,
und deshalb gnzlich verarmen[13] mute.

Erst der _neue Staatsbankrott_ von 1817 mit der _frchterlichen
Hungersnot_ konnte die _Menschen ernchtern_ und dem _gedankenlosen
"lustigen" Leben ein trauriges Ende bereiten._ Fr die meisten war es
schon zu spt. Die wenigen, die sich aus dem allgemeinen Schiffbruch
retteten, waren zur grten Einschrnkung ihrer Bedrfnisse gentigt....


Funoten:

[13] Aus jener Zeit stammt die sterreichische Bezeichnung
"Zwetschgenbaron" fr verarmte kroatische Edelleute. D.V.




Sprachliches Durcheinander.


Whrend einer lngeren Jachtfahrt zum Besuche der dalmatinischen Inseln
hatte meine Wenigkeit die Wahrnehmung gemacht, da das Italienische
kroatisiert, das Kroatische italianisiert wurde und wird. Dies sowohl an
Bord wie in den Kstenstdten. Es hie also sehr aufpassen fr den, der
die kroatische Sprache aus der Grammatik, ohne Lehrer hatte erlernen
mssen. Mit Kenntnis der italienischen Sprache, etwas vertraut mit dem
in allen Adriastdten gesprochenen Venezianer Dialekt lie sich zur Not
durchkommen, wenn die Leute langsam sprachen. Dies tun aber die Mdchen
und Frauen des Litorale grundstzlich nicht; nirgends in der Welt wird
so rasend schnell gesprochen, auch bei nichts weniger denn aufregenden
Anlssen, als in den Kstenorten Dalmatiens. Mein bissel Kroatisch
konnte in Dalmatien keine "Siege" feiern; erweitert und verbessert wurde
es unter italienischem Einflu nicht. Wesentlich besser ging es droben
in Montenegro, wo die serbokroatische Sprache vom Kaufmannsitalienisch
nicht "infiziert" worden ist.

Der Rat eines Schiffskapitns, gebrtigen Bocchesen, lautete dahin.
"Reisen Sie nach Kroatien, um die Sprache rein und unverflscht zu hren
und auszutilgen, was Sie vom dalmatinischen Kroatisch Unschnes zur
Grammatik dazugelernt haben!"

Ich htte kein die Grndlichkeit liebender Deutscher sein mssen, wenn
nicht um Bekanntgabe "unschner" Ausdrcke gebeten worden wre. Von
einem Taubstummen erfhrt man tiefste Geheimnisse viel leichter und
eher, als man von einem kroatisch-italienischen Kapitn Belehrung ber
Sprachhlichkeiten erhlt. Doch wie man mit gut gebratenem Speck Muse
fngt, so kann man mit sterreichischen Zigaretten (die es 1912
noch in entzckender Beschaffenheit gab) den verschlossensten
Bocchesen--gesprchig machen. Wobei der Wein nachhelfen kann, so das
"Versuchskaninchen" Zeit und eine Weinzunge hat. Es wurde also ein
sprachliches Privatissimum an Land in einer guten Weinstube vereinbart,
und zwar der Sicherheit halber in drei Sprachen: Italienisch, Kroatisch
und Deutsch. Der Bocchese begngte sich mit dem Wrtchen: "Jest!" (Ja!)
Worauf meine Wenigkeit herausquetschte: "Liepa hvala! Naj liepse!"
(Schnen Dank! Sehr schn!)

Der Blick des Bocchesen funkelte auffallend spttisch, musterte mich
angejahrten Knaben so seltsam ironisch, da gefragt werden mute, was
denn in Teufels Namen schon wieder "unschn" in den gebrauchten Worten
sei. Aus der Zigarettendose nahm der Bocchese eine Papyros, zndete sie
an, und sprach: "Liepa hvala! Unschn ist das Wort: 'naj'! Und
verfnglich die Wrter: 'na liepse'!"

So gewandt im Sprachgebrauch war ich nicht, um den Unterschied zwischen
dem von mir gebrauchten Wrtchen "naj" und dem vom Kapitn anzglich
gesprochenen "na" sofort herauszuhren und zu erfassen. Erst viel spter
kam ich dem trockenen Witz des Bocchesen auf die Spur. Ich hatte mit dem
"naj" die Superlativbezeichnung gebraucht und gesagt: "sehr schn!" Der
Witz im Wortspiel bestand darin, da der Bocchese sagte: "na liepse!"
(Zu den Schnen [Mdchen]).

Etwa ein Stndchen darauf fuhren wir im Hafen einer Kstenstadt ein, wo
das Privatissimum bei Wein und Rauchopfer stattfinden sollte. Winkt
einem Kapitn dienstfreie Zeit, dann hat es mit der Ausbootung Eile.
Sonst im Dienst sind just die sdlndischen Bocchesen wie von Erz und
Granit. Ein Blick des Kapitns, und schon rief er mir zu: "Brzo, brzo,
naj brze!" (Schnell, schnell, schnellstens!)

Ja, Bauer, es ist eine andere "Wurst", wenn ein Bocchese das Wrtchen
"naj" zur Superlativbezeichnung bentzt oder ein Deutscher mit dem
ehrlichen Bestreben, eine Sprache ordentlich zu erlernen.
Selbstverstndlich wurde bei gutem Rtel von der Insel Lissa und
kstlichem Dalmatinertobak dem Bocchesen diese "Wurst" unter die Nase
gerieben. Doch der Erfolg war klglich gering. Alles, was dem Kapitn
herausgelockt werden konnte, waren zwei Worte: "jako interessante". Vom
Wein wurde nur genippt; aber das Drehen von Zigaretten aus dem
goldgelben wundervollen Tobak und das Rauchen ging groartig
flink, najbrze. Als dann im Gesprch auch meine Wenigkeit das
Verstrkungswrtchen "jako" (=stark, sehr) gebrauchte, erfolgte die
Belehrung, da "dies" "unschn" sei, die kroatische Sprache "beleidigt"
werde usw.

Studienfahrten in Dalmatien werden wohl in jedem Reisenden sehr wirksame
Eindrcke hinterlassen; eines aber ist in diesem slavischen Lande sicher
nicht richtig zu studieren, nicht zu erlernen: die kroatische Sprache!

Also wurde das Land ausgesucht, bereist und studiert,
wo--angeblich--_reines_ Kroatisch gesprochen wird, alles ganz anders und
"jako (vrlo) interessante" ist.

Das in seinen gebirgigen Teilen mrchenschne Land Kroatien hat neben
anderen Vorzgen die schne Eigenschaft, da man--gengend Zeit
vorausgesetzt--alle Notabeln kennen lernen, die wunderbare kroatische
Gastfreundschaft genieen kann, wenn man mit einem einzigen Adeligen
befreundet ist. Aber, woher die Zeit nehmen! Der Aufenthalt auf jedem
Edelsitz (curia nobilis)--schon von weitem erkennbar an der zum Schlo
fhrenden, kennzeichnenden Pappelallee--verschlingt wenigstens eine
Woche, da doch auch der Bibliothek und der Umgebung volle Aufmerksamkeit
gewidmet werden mu, wenn man zu Studienzwecken im Lande weilt.

In allen sdslavischen Lndern stt man auf rhrende Dankbarkeit, wenn
die Leute merken, da man als Reichsdeutscher den guten Willen hat, sich
der betreffenden Sprache nach Mglichkeit zu bedienen. Besonders in
Kroatien ist das "bocchesisch-marinierte" Nrgeln (brigens mehr
scherzhaft als bissig gemeint) nicht blich; Belehrung wird auf
freundliche Bitte hin bereitwillig und freudig in zartester Form
erteilt.

Von Zara aus hatte meine Wenigkeit fr einen bestimmten Tag die Ankunft
auf einem kroatischen Edelsitz mit einem kroatischen brzojav (Telegramm)
angesagt. Von der letztmglichen Eisenbahnstation ging es zu Wagen in
sausender Fahrt auf staubiger Landstrae dahin. Der Insasse war von der
langen Reise mde, bernchtig, schlaftrunken, wenig empfnglich fr die
Schnheit des Sommermorgens in fruchtbarer Gegend. Nicht das geringste
Interesse war vorhanden fr die Reitertruppe, die auf abgemhter Wiese
bte. Soll die Stimmung des "tunkenden" Reisenden genau wiedergegeben
werden, ist's nur in bajuvarischer Sprache mglich. "Mei' Ruah' mcht'
i!" Schlafen, ausruhen um jeden Preis.

Da sich beim Anrollen meines Wagens von der Kavallerieeskadron ein
Offizier entfernte und gegen die Strae galoppierte, war mir
unsglich--"wurscht". Aber der Offizier hoch zu Ro tauchte am
Wagenschlag auf, grte hflichst auf kroatisch und hie den Gast dann,
im Trab mitreitend, in deutscher Sprache auf kroatischem Boden
willkommen mit den Worten. "Gute Ankunft, Herr--Achleitner! Lustig sein!
Zum Abend kommen wir alle zur Begrung! Servus!" Und weg war der
Offizier. Der Schlaf war auch weg. Ich fhlte ordentlich, da mein
Gesichtsausdruck "schafmig" war. Beispiellos verblfft.

Als eine Pappellallee in Sicht kam, waren die Zurufe der Bauern: "Zivio
gospodin tajni savjet!" (Hoch, Herr Geheimer Rat!) leicht als
"eingelerntes Zeug", befohlen vom Gutsherrn, zu erraten.

Mittags gab es mit umstndlicher Feierlichkeit den Willkommstrunk
mit--onomatologischer Beigabe. Der Mensch lernt nie aus. Zwar bestritt
der Schloherr nicht die Mglichkeit, da das kroatische, mit nur einem
"l" zu schreibende Wort "Billikum", also "Bilikum", vom Deutschen
abgeleitet und dem kroatischen Wortschatz einverleibt worden sein knne,
aber sehr wahrscheinlich sei solche Anleihe nicht, da das Wort "Bilikum"
"spielend leicht" aus dem Kroatischen erklrt werden knne: "Pije-li,
kume?" (Will er trinken, Gevatter?) Piti = trinken, pijem = ich trinke.

Angesichts des "zweiliterigen" Willkommsbechers erstarb jede
Widerspruchslust. Der Wissenschaft halber wurde zunchst diese
Ableitungstheorie notiert; dann ging's an die Leerung des
Willkommsbechers. Eine kurze Dankrede und ein prchtiges "Diner" darauf,
hernach erquickender Erholungsschlaf im Bett.

Auf kroatischen Edelsitzen hatte ich erstaunlich viel Glck insofern,
als zur rechten Zeit Schlechtwetter eintrat und dadurch das "Schnffeln"
in Archiv und Bibliothek ermglicht war. Fundgruben kostbarer Art fr
Kulturhistoriker. Im Archiv des "Kume" (Gevatters), so nannte meine
Wenigkeit in Gedanken den Hausherrn wegen der Ableitung des Wortes
'Bilikum' aus dem Kroatischen, gab es ziemlich viel handschriftliches
Material aus der Franzosenzeit. Darber wurde begreiflicherweise bei
Tisch, besonders abends, eingehend gesprochen bunt durcheinander in drei
Sprachen, von denen wir wegen hochgradiger "Vergelichkeit" das
gallische Idiom Unbehagen verursachte. Darauf aufmerksam zu machen, da
"mein Franzsisch" "verschwitzt" sei, fehlte die Gelegenheit. Im
Sprhfeuer dieser noch dazu sehr flink gefhrten Gesprche begann der
Gast Schlimmes zu--ahnen. Am Ton war bei einer Gesprchswendung die
Ironie herauszuhren; doch nicht fr Kroatien und sonstige Knigreiche
als Belohnung ergab sich die Mglichkeit, rasch den Sinn zu erfassen,
als der Hausherr schalkhaft lchelnd erwhnte: "J'ai du bien au soleil!"

Von allen Gttern verlassen, bersetzte der Gast in Gedanken so rasch
als mglich wortwrtlich und damit regelrechten Bldsinn! "Ich habe
viel--Sonne!" Anzuwenden wre aber die ironisch gemeinte Deutung
gewesen. "Ich bin Gutsbesitzer!"

Alle Augen richteten sich auf den Gast, von dem eine uerung erwartet
wurde.

In dieser peinlichen Lage flogen zu allem Unglck die Gedanken aus
Kroatien nach Tirol; der Satz unseres alten Ludwig Steub im Fremdenbuch
der altberhmten Weinstube des Gasthauses "Klause" bei Kufstein trat in
Erinnerung und beherrschte alles. "Einschreiben, einschreiben, nichts
leichter als das, wenn man nur immer gleich wte: was?!"--Im gegebenen
Falle: Reden, reden; nichts leichter als das, wenn man nur wte:
was!... Flink von Tirol weg und hinein in die--kroatische Grammatik, und
das Znglein plapperte die Antwort auf den franzsischen Witz: "Nemam
sada sunce!" (Ich habe jetzt keine--Sonne!)

Schallendes Gelchter. Die Tafelrunde krmmte sich und schrie wie toll
geworden. Und hielt diese grliche Antwort fr einen--sprhenden Witz,
der mit schrecklichem Lrm und Hndeklatschen aufgenommen wurde.

Als sich die Tischgste etwas beruhigt hatten, glckte es mir, das
Miverstndnis aufzuhellen und die Bitte vorzubringen, das lngst
vergessene Franzsisch wegzulassen und zugunsten meines Lerneifers
Kroatisch, reines Kroatisch, aber hbsch langsam, zu sprechen. Diese
ehrliche Bitte wurde Anla, da der Hausherr die "Episode des Herrn
Nikola von Zdencaj", der damals, zur Franzosenzeit Kroatiens, Obergespan
des Agramer Komitates war, zum besten gab, und zwar viel witziger, als
sie in von Tkalac' "Jugenderinnerungen" zu lesen ist.

Herr von Zdencaj (etwa mit "Brunner" zu bersetzen), war ein arger
Franzsling, der sein Geld nach Bojarenart viel lieber in Paris als in
Agram oder Wien "verjuxte". Er blieb in Kroatien, als die Franzosen sein
Vaterland besetzten, machte aus seiner Vorliebe fr Gallien nun erst
recht kein Hehl und gab sich alle Mhe, "echt franzsische" Dienerschaft
in sein Haus zu bekommen. Das gelang aber nicht, obwohl Zdencajs Freunde
in Paris alles versuchten, Domestiken fr Kroatien anzuwerben; nur einen
Sprachlehrer konnten sie senden, der dann die kroatische Dienerschaft
Zdencajs in "Pariser" Domestiken ummodeln sollte. Mehr Talent als der
Deutsche hat ja der Slave fr fremde Sprachen; doch zu raschem Erlernen
gehrt doch auch ein gewisses Ma von Intelligenz. Die Diener Zdencajs
versagten klglich, merkten sich kaum die franzsischen Taufnamen, mit
denen sie angerufen wurden. Im Hausdienst mute Franzsisch gesprochen
werden; Zwangsdressur, unzhlige Probediners, damit die kroatischen
Diener das Servieren und Sprechen auf Pariser Art fr das groe
Festmahl am--Napoleonstage erlernten. Ein Ereignis sollte dieses
Festdiner fr Westkroatien werden. Gelehrig oder doch anstellig, gut
brauchbar waren Zdencajs Domestiken unbestreitbar, doch ein gewisses
Mitrauen wurde der Gebieter nicht los. Deshalb hielt er am Festtage
selbst noch am Morgen eine Probe an der bereits geschmckten Tafel ab.
Zdencaj erteilte seine Befehle im Franzsisch jener Zeit, im
"Bojaren-Patois"; die in "Jean", "George", "Pierre" usw. umgetauften
kroatischen Diener antworteten "franzsisch", machten ihre Sache gar
nicht schlecht whrend dieser Generalprobe, so da Zdencaj aufatmete und
beruhigt dem Festdiner entgegensah. Bis zum Abend fhlte sich Zdencaj
als Grandseigneur, und als solcher begrte er seine franzsischen und
kroatischen Gste. Erstere waren in der Mehrheit, da Militr und
Beamtenschaft geladen war. Slavische Gastfreundschaft sollten die
Franzosen kennen lernen, Gastlichkeit in ppigster Form, sich aber wie
daheim in Frankreich fhlen durch die Art der Bedienung. Zdencaj hate
das laute Flaschenffnen bei Tisch, den Lrm, das "Schnalzen" der
krftig und rasch gezogenen Korke; deshalb waren vor Dinerbeginn ganze
Batterien edler franzsischer Rotweine geffnet und in einem Nebenraume
bereitgestellt worden. Fr diese Seltenheiten interessierten sich die
Diener des Hauses Zdencaj viel strker als fr die erwarteten Gste, so
da die Domestiken schon eine Stunde vor Beginn des Festmahles
nach--Burgunder dufteten und "weinselige" Augen machten.

Nikola von Zdencaj "bekomplimentierte" in der Art des achtzehnten
Jahrhunderts den etwas verfrht erschienenen kommandierenden General und
bald darauf den Gouverneur, so da es unmglich war, die Dienerschaft im
Auge zu behalten.

Nach lngerem Begrungsgesprch ging es zur Tafel.

Die ersten Gnge wurden zwar nicht nach Pariser Art, nicht sehr "diskret
serviert", doch Verste grerer Art kamen nicht vor. Als der erste
Braten aufgetragen wurde, gewahrte der sphende Kontrollblick des
Hausherrn, da einem der Gste, noch dazu einem franzsischen
Stabsoffizier, der Teller nicht gewechselt worden war. Zdencaj versuchte
zunchst mit Augenwinken den Fehler ausbessern zu lassen. Dafr fehlte
es bei den weinseligen kroatischen Dienern an Achtsamkeit. Der Gebieter
"stupste" Janko und deutete auf Gast und Teller. Worauf Janko auf den
Franzosen lossteuerte und den Teller wegnehmen wollte. Der Offizier
meinte lchelnd: "Bien oblig!"

Janko stutzte, ri die Augen auf, lie den Teller stehen und kehrte
sichtlich malos berrascht zum Gebieter an der Tafel zurck, der in
franzsischer Sprache den "talketen" Diener rffelte und sofortigen
_Tellerwechsel_ befahl.

Janko im Burgunderdusel und in Angst vor Strafe verga im Nu alle
eingepaukten Parisismen und stotterte in der Muttersprache. "Prozim,
njihovo gospodstvo! Gospodar rekni, da si ga sam _oblize_!"[14]

Die Gste kroatischer Nation, denen Zdencaj's Nachffung franzsischer
Gebruche wenig gefallen haben mochte, brllten vor Vergngen ber die
kstliche Verwechslung von "oblig" (verpflichtet) mit "oblize"
(ablecken) und hatten helle Freude daran, da der Hausherr durch den
angetrunkenen Diener grndlich blamiert worden war. Das schallende
Gelchter veranlate die franzsischen Gste, nach dem Anla zu fragen;
die mit boshafter Bereitwilligkeit gegebene Auskunft versetzte dann auch
die Franzosen in unbndige Heiterkeit. Sogar Herr von Zdencaj lachte
mit, freilich etwas gezwungen und suerlich.

Nach Beendigung des Mahles wurde aber "Gericht gehalten" und den Dienern
verkndet, da jeder erbarmungslos entlassen werde, der nicht bis
Jahresschlu der franzsischen Sprache im Hausgebrauch vollkommen
mchtig sei. In dieser Sache "siegte" Herr von Zdencaj. Aber seine
Blamage hat sich in der Erinnerung lnger als ein Jahrhundert erhalten;
denn auch in der Gegenwart wird ber die kstliche Episode gesprochen
und gelacht. Ob dies auch in der Zukunft der Fall sein wird, drfte von
der Ttigkeit der franzsischen--Kontrollkommission in Kroatien
abhngen....


Funoten:

[14] Bitte, Euer Herrlichkeit! Der Herr sagt, da er ihn (den Teller)
selbst--_ablecken_ werde! Lizem = ich lecke, oblizem = ich lecke ab.




Von der Sann zur Korana


Vor etwa zehn fahren folgte meine Wenigkeit einer Einladung lieber
Freunde, in Rmerbad, dem "sdsteierischen Gastein", Aufenthalt zu
nehmen. Die drollige Einladung sprach von einer "slavischen Agnes
Bernauer", die in der Nhe ihre Grabsttte habe, erwhnte auch, da der
"verflossene" Reichskanzler Caprivi "an der Sann beheimatet" sei, und
lockte mit der Versicherung, da ein nigelnagelneues Automobil zur
Verfgung stnde, mit dem nach Belieben in das "halbasiatische" Land
gefahren werden knne.

Zwei Tage spter war ich in--_Rmerbad_, dem alten Toplice (slavisch
toplice = warm) im lieblichen Sden der grnen Steiermark. In diesen
heien Quellen, wie auch in Varazdin-Tplitz, fanden die rmischen
Statthalter der Provinz Pannonien Heilung von Gicht und Zipperlein. Die
Dankbarkeit lieen sie in Stein einmeieln. Dies tat auch der
Provinzchef Matius Finitus mit dem Eintrag in das "steinerne
Fremdenbuch": "Nymphis aug. Matius Finitus. V.S.L.M." (= votum solvit
lubens merito). Zu deutsch: Den erhabenen Quellen (Nymphen) Matius
Finitus sein Gelbde einlsend. Drei Votivtafeln solcher Art wurden in
alter Zeit bei den Heiwellen gefunden; die Thermen gerieten dann in
Vergessenheit, flossen ungentzt durch wunderlieblichen Waldeszauber
zur munteren Sann, bis die Mnche des nahen Karthuser Klosters in
Gairach sich klug und weise den wertvollen Besitz sicherten, einen
Badedirektor aufstellen unter der bezeichnenden Bedingung, "im Bade
lauter zchtiges Gesinde und ehrbare Weibsleute zu halten". Der Zeit
nach waren die Gairacher Mnche zu Toplitze-Rmerbad der Badeverwaltung
des salzburgischen Gastein um rund achthundert Jahre versptet daran,
klimatisch aber bedeutend im Vorteil durch die sdliche Lage,
gleichmige Temperatur und das ppige Wachstum und durch den Mangel an
jeglichem, an der Sann ganz unbekanntem salzburgischem Schnrlregen, der
zum Entsetzen der Gasteiner Kurgste so gern in Schnee bergeht. Vor
Jahrhunderten schon wurde auf die gleiche Heilkraft und Temperatur der
Heiwellen von Rmerbad und Gastein verwiesen, und auf diese Tatsache
fuend (Gastein 25,8-49,6 Grad Celsius, Rmerbad 36,2-37,5 Grad
Celsius), Rmerbad das "steierische Gastein" genannt zum Arger der
Gasteiner.

"Gichtiker" war meine Wenigkeit damals noch nicht; demgem lieen die
Heiwellen von Rmerbad mich "kalt"; das Interesse galt der "slavischen
Agnes Bernauer", der steierischen "Inez de Castro", der unglcklichen
Veronika von Jeschnenitz (jesen = Herbst, jesn = Esche), Grfin von
Cilli, die in der gotischen Klosterkirche zu Gairach bei Rmerbad
begraben liegt.

Zunchst "verbi" sich der Onomatologe in den Namen "Gairach", der sehr
deutsch aussieht, in dieser slovenischen Gegend aber kaum rein deutsch
sein kann. Zum mindesten ist das deutsche "Hai" (Gehege, befestigter
Platz, Umfriedung zu Verteidigungszwecken) vergrbert in "Gai". Da das
Gairacher Kloster auffallenderweise quer zum Strlein steht, als
Talsperre gebaut ist, kann ber den ehemaligen Verteidigungszweck kein
Zweifel begehen. Im Slavischen hat "gaj" die gleiche Bedeutung wie das
deutsche "Hai". Und Ach, Ache ist der Wildbach, dem der Tiroler ein "r"
einfgt, wenn im Bach oder Flu Felsblcke liegen. Deshalb heit der Inn
bei Landeck "Arch'n"....

Der Grabstein der slavischen Agnes Bernauer besagt soviel wie das
urkundliche Material, nmlich nichts. Die unglckliche Veronika von
Jeschenitz, Grfin von Cilli, hat einen Hofdamen-Roman erlebt und das
winzige Ma von kurzem Glck im Jahre 1436 mit blich tragischem Ende
gebt. Tugendhaft hatte Veronika dem in sie rasend "verschossenen"
Grafen Friedrich II. von Cilli erklrt, da der Weg zu ihrem Herzen nur
ber den--Altar fhre. Im brigen pochte Veronika auf ihre
Hofdamengrundstze. Der junge Graf Friedrich II. war bereits und
ausgiebig verheiratet, hitziger Natur und rasend verliebt in Veronika.
Die Zeit aber war rauh. Graf Friedrich II. "erstach" als hitziger
"Gemtsmensch" seine sanft und ahnungslos schlummernde Gemahlin und
"heiratete" dann mit der im fnfzehnten Jahrhundert blich gewesenen
Eile die Hofdame seiner "verblichenen" Gemahlin. Nun erst wurde die
Angelegenheit "brenzlich"; denn der Altgraf Hermann von Cilli trat auf
den Plan, und Seine Grfliche Gnaden waren noch hitzkpfiger als der
Sohn. Der Papa verbelte nicht die "kurzhndige" Beseitigung der
Gemahlin Nr. 1, sondern die Heirat der Hofdame aus "nichtebenbrtigem"
kleinem Landadel. Die "Mesalliance" pate dem Alten nicht. Die
Nichtbercksichtigung der Standesinteressen mute "gerochen" werden, und
zwar mit der gleichen Eile, mit der Friedrich seine erste Gemahlin aus
dem Leben ins Jenseits befrdert hatte. Der abkunftstolze Altgraf sandte
zwei gutgenhrte krftige Ritter in die Burg Osterwitz bei Franz
(Umgebung von Cilli), wo Veronika "residierte", und lie Friedrichs
Gemahlin Nr. 2 einfach und kurzerhand in einem mit Wasser reichlich
gefllten--Waschbottich ertrnken. Gleichzeitig wurde der Sohn Friedrich
zur--Abkhlung in das Verlie der Burg Cilli gesteckt.

Das ist der "etwas" tragische Roman der Hofdame Veronika von Jeschenitz,
der slavischen Agnes Bernauer und steierischen Inez de Castro. Mehr war
nicht zu erfahren und die Stimmung damals diesem "Stoff" nicht gnstig.
Weit mehr als die arme Veronika fesselte die Behauptung im
Freundeskreise zu Rmerbad, da der deutsche Reichskanzler _von Caprivi_
von--Slovenen abstamme, und da seine Ahnen an der Sann sehaft waren,
nmlich auf dem Edelsitz Scheuern bei Steinbrck am Zusammenflu der
Sann und Save. Ahnherr war Ritter Andreas _Kopriva_ (zu deutsch:
Brennessel), der 1680 starb ohne die geringste Ahnung, da etwas mehr
als zweihundert Jahre spter ein preuischer General von _Caprivi_
deutscher Reichskanzler, noch dazu als Bismarcks Nachfolger "Politik
machen" werde. Nicht ein Wort von dieser "Behauptung" habe ich damals
geglaubt. Unvorsichtig gab ich dem Zweifel auch noch schriftlich
Ausdruck, machte "Witze" ber die Abstammung Caprivis von dem
slovenischen Geschlecht der Kopriva. Sehr bald ging ein Platzregen von
brieflichen Nachweisen, Urkundenabschriften usw. auf den spottlustigen
Zweifler nieder. Heute wei ich auf Grund gewissenhafter Forschungen,
da Caprivi wirklich ein umgemodelter Kopriva gewesen ist.

Auf Dauer und noch dazu im wonnigen Gelnde von Rmerbad konnte aber
auch der "gehorsame Soldat" Caprivi, den Wilhelm II. zum
Reichskanzlerdienst einfach "befohlen" hatte, nicht fesseln. Das Herz
flog dem Freunde R.U. entgegen, der den Vorschlag gemacht hatte, sein
neugekauftes Automobil zu einer Fahrt nach "Halbasien", hinunter zu den
Wasserwundern von Plitvice im sdlichsten Zipfel von Kroatien zu
erproben.

Praktisches Geographiestudium! Reisen bildet!

"Automobilfahren ist schner noch als Jagd und Liebe!"

Dieser Ausspruch khlte meine Begeisterung ab. Doch der Sden, der mir
unbekannte Sden Kroatiens, die Schilderungen von der mrchenhaften
Schnheit der Korana und von Plitvice gaben den Ausschlag!

Also los!

Drei Stunden flinker Fahrt, und wir beguckten die fast unleserliche
Aufschrift auf Eisentafeln, die auf dicken, rotweiblau angestrichenen
Holzpfhlen thronten: "Hrvatska i Slavonia". (Kroatien und Slavonien).
Damals ein Knigreich, das zu Ungarn gehrte, deshalb das ungarische
Staatswappen auch am Schilde jeder Tabaktrafik. Das Wort Goethes vom
Deutschen, der keinen Franzmann leiden kann, doch seine Weine gerne
trinkt, htte man damals mit gewissen Vernderungen auf Kroatien
anwenden knnen. Viel Zuneigung fr ungarische Freiheit in Gesetzgebung
und Verwaltung, "Autonomie der Munizipien" (Selbstndigkeit der
Gemeinden) usw., Komitatsselbstherrlichkeit, _das_ pate den Hrvaten;
da die kroatische Sprache fr Ortsnamen, Schule und Verkehr auf
Landstraen und bei Behrden im Lande "zugestanden" war, bildete ein
rgernis wegen der Form der "Konzession"; denn die Bestrebungen, die
auf Magyarisierung hinausliefen, kannte man in Kroatien so gut wie in
Budapest; man wute auch, da Kaiser Franz Joseph den Kroaten ihre
Sprache in Land, Amt und Schule erhalten wollte, jeder Magyarisierung
widerstrebte. Als aber die ungarische Regierung verfgte, da die
Verkehrssprache auf den Eisenbahnen (M.A.V. = magyar allam vasutak,
ungarische Eisenbahnen; alter deutscher Eisenbahnerwitz in der
bersetzung: M.A.V. = "miserabelste aller Verwaltungen") "_magyarisch_"
auch in Kroatien und Slavonien sein _msse_, war es aus mit der
"Zuneigung" der Sdslaven fr--ungarische Freiheit usw. Damals "liebten"
die Kroaten die gewaltttigen Magyaren "tdlich"....

Gottlob wurde diese "Liebe" nicht auf uns deutsche "Benzinisten"
bertragen; gelegentliche Versuche kroatischer Kinder, dem Kraftwagen
Steine nachzuwerfen, hatten nichts zu bedeuten.

In Hotels wurden lediglich die Ohren gespitzt; man wollte hren, welcher
Sprache die Automobilisten sich bedienten. Als Deutsche wurden wir
freundlich und gut bedient.

Was der Name "Kroat", slavisch Hrvat, Horvat, Arvat, eigentlich
bedeutet, wissen die Kroaten selber nicht. In Agram war es vor zehn
Jahren ganz unbekannt, da die Erklrung des Namens im--Titel des
Bischofs von Zengg steckt! Der Titel lautet: "Bischof von Modrusch und
Korbavia". Letzteres Wort stammt von "Korba", das sich im Russischen
erhalten und die Bedeutung hat: nasse, sumpfige Gegend. Dieses Korba
steckt in den topographischen Namen: Korpula, Skorba, Karwin, Charbin.
Die Bewohner wie die Grenzgegenden an der "Korba" in alter Zeit
erhielten den Namen "Korbati", was Ufergebirge, Uferbewohner bedeutet.
Aus "Korbati" wurde dann: Chorbaten, Karwaten (Karpaten), Kroaten.

Deutschland machte die Bekanntschaft mit den Kroaten, mit ihrem Mut, mit
ihrer Beutegier und Grausamkeit im Laufe des Dreiigjhrigen Krieges.
Der Name "Kroat" (Krawat) wurde ein Schimpfwort im Deutschen ("Schimpf"
in neuerer Bedeutung, nicht in der mittelalterlichen, wo das Wort soviel
wie Vergngen, Unterhaltung bedeutete); dazu hat ab 1740 Baron von der
Trenck mit seinen Panduren und Greueltaten sein Teil reichlich
beigetragen. Nicht mit Unrecht sagt der Kroate Dr. von Tkalac im Vorwort
zu seinen "Erinnerungen": "Kroatien und die Kroaten spielen in der
deutschen Litteratur keine erfreuliche Rolle. Da die Kroaten bei dem
letzten groen Einfall der Mongolen im Jahre 1242 durch ihren Sieg in
Grobnik (bei Fiume) Europa vor Verwstung und Barbarei gerettet, da sie
jahrhundertelang eine Vormauer Europas gegen das damals noch mchtige
Trkentum bildeten, ist weit weniger bekannt, als da sie dem Hause
Habsburg im Dreiigjhrigen, im Erbfolgekrieg von 1740 und im
Siebenjhrigen Krieg Heerfolge und Schergendienste leisteten und sich
dadurch die Feindschaft der abendlndischen Vlker zuzogen. In
'Wallensteins Lager' lt Schiller von einem Scharfschtzen einen
kroatischen Soldaten mit den Worten ansprechen: 'Kroat, wo hast du das
Halsband gestohlen?' Der Kroat antwortet: 'Du willst mich betrgen,
Schtz', und der Trompeter besttigt dies: 'Seht nur, wie der den
Kroaten prellt?' Die Gaunerei des Scharfschtzen macht auf die Zuhrer
keinen Eindruck, aber seine Ansprache: 'Kroat, wo hast du das Halsband
gestohlen?' bewirkt eine Erschtterung des Zwerchfells, die nicht wieder
vergessen wird. Und wenn nun gar in geographischen und geschichtlichen
Werken Kroatien als ein Land dargestellt wird, das von verschiedenen
halbwilden Vlkerschaften, namentlich von Panduren, Hajduken,
Schereschanern, Morlaken, Uskoken, Primorzen, Schokatzen, Raitzen usw.
bewohnt wird, wissen gar viele nicht, da die Mark Brandenburg von einer
Menge verschiedener Vlkerschaften, wie Potsdamern, Charlottenburgern,
Teltowern, Schnebergern, Lichterfeldern usw., bewohnt wird. Ich will
nun freilich nicht behaupten, da Kroatien das irdische Paradies und die
Kroaten das auserwhlte Volk Gottes seien, aber wenn man sich fr die
unwirtlichsten Lnder Innerafrikes und Zentralasiens und fr deren
wilde und stupide Bevlkerungen interessiert, wrde wohl auch das nicht
so fern liegende Kroatien und sein Volk verdienen, da man sich in
Deutschland ber beide besser unterrichtete." Bitter klagte Dr. von
Tkalac auch darber, da er als Universittsstudent in Berlin als eine
Art ethnographisches Wundertier, weil Kroat von Geburt, angestaunt
wurde. Eine den hchsten Kreisen Berlins angehrende Dame konnte es
berhaupt nicht begreifen, da ein Universittsstudent, der Griechisch
und Latein verstand und Italienisch, Franzsisch und Deutsch sprach,
ein--Kroat sein konnte.

hnliche und bittere Klagen zu erheben, hatten die Slovenen vielfach
Ursache, die man stets zum Dienervolk herunterdrcken wollte, und deren
Sprache man bestenfalls als Verstndigungsmittel fr Dienstboten
bezeichnete. Wer viel und lang in slovenischen Familien der Intelligenz
verkehrte, mute zur berzeugung gelangen, da berlange ungerechte
Behandlung, gewaltsame Unterdrckung eine gefhrliche Verbitterung im
slovenischen Volke heraufbeschwren werde. Zndstoff war mehr als genug
vorhanden. Die berstrzte Grndung der schlecht geleimten "_Drzava
SHS_" war allerdings nicht vorauszusehen. Seitens der Slovenen und
Kroaten ist sie ein menschlich begreiflicher Racheakt. Und "Rache ist
s". Ist sie aber gengend ausgekostet, wird auch die Verbitterung
weichen, bei den Sdslaven und Deutschen der sdlichen Gebiete die
Vernunft einkehren und lehren, da man aufeinander angewiesen sei und
miteinander leben msse. Hoffentlich dann beiderseits mit weiser
Migung in Politik und nationalen "Gefhlen"....

Auf der flinken Fahrt zu den so gut wie unbekannten Wasserwundern von
Plitvice macht man erstmals die Bekanntschaft mit der stahlblauen Korana
in _Karlstadt_, wo sich Kulpa und Korana, diese interessanten Flsse
Kroatiens, vereinen. Was doch die Neuzeit alles schafft! Aus einer
wuchtigen Grenzfestung, die im sechzehnten Jahrhundert als Trutzburg
gegen die nahe Trkei (Trkisch-Bosnien) angelegt wurde, aus dem
dsteren, blutgetrnkten Stdtle Karlovatz ist eine moderne, fast
elegant zu nennende, freundliche Stadt mit schnen Gebuden geworden.

Fr Reisen im Kraftwagen sind immer von Wichtigkeit die
Straenverhltnisse und Charaktereigenschaften der Bevlkerung des
jeweils zu durchfahrenden Landes. Die Gutmtigkeit des kroatischen
Volkes, solange der Kroat keinen Schnaps im Leibe hat, wird gerhmt;
dicht neben ihr sitzt aber die "negative Intelligenz", die sich in
Kopflosigkeit uert, wenn ein Automobil herankommt. Ein lammfrommes
Pferd mu erschrecken, so der Fuhrmann ihm pltzlich mit den Hnden an
den Kopf greift und die Augen verdeckt. Just im gefhrlichsten Moment,
da der Kraftwagen vorberfhrt, erweist sich die Neugierde viel strker
als die Vorsicht; der Bauer bentigt zweifellos die Hnde zum--Schauen,
zieht sie also von den Augen des Pferdes weg, und der Zusammenprall ist
fertig....

Wenige Stunden hinter Karlstadt beginnt die Melancholie des Karstlandes,
genannt _Lika_, ein begrntes Gebiet, aus dem stellenweise stattliche
Berge, kahle Felshupter aufragen; tief eingerissen sind die wenigen
Flutler mit Wasserlufen, die pltzlich im Boden verschwinden,
unterirdisch Seen bilden und unvermittelt wieder zutage treten. Auch die
Korana hat solche "Mucken". Eine eigenartige Welt, echtes Karstgebiet
mit seinen Eigenheiten, das im nrdlichen Teil der fruchtbaren Tler und
Dolmen nicht entbehrt. Herbe sprliche Schnheit in tiefster
Melancholie, wie sie aus Lenaus Gedichten weht....

Beim trkisch angelegten Stdtchen _Slujn_ prahlt die lichtblaue Korana
erstmals mit ihrer Schnheit in berraschenden Wasserfllen.

Nach Sden steigert sich die de der Lika zur Schaurigkeit, berall
steile Hhen, tiefe Schluchten, freiliegendes Gestein, in den Dolinen
wenig Ackerboden, geringwertige Weidepltze. Winzige Drfer, deren
trostlose Huschen tief im Boden stecken, mit Stroh oder Dnger gedeckt
sind. So eine "Wohnsttte" enthlt einen einzigen Raum, den die
Familie, Ziegen, Schweine, Hhner und etliche Gnse "bewohnen". Der
Winter soll in der Lika sehr streng und lang (6-7 Monate) sein und
enorme Schneeflle bringen. Die Lika umfat 6212 Quadratkilometer, hat
eine Bevlkerung von rund 192000 Seelen und besa (1890) im Stdtle
Gospic eine einzige Apotheke fr die ganze Provinz!

Stundenlang whrte die Fahrt durch dieses melancholische Karstgelnde.
Dann endlich erklomm das ratternde Auto eine letzte Anhhe, bekrnt von
einer steinernen Kanzel hart an der schmalen Strae. Ein auffallendes
Bauwerk in weltentlegener, schauriger Einsamkeit, das eine
Zweckerforschung geradezu erzwingt.

Ein Blick in die Tiefe, ein Ruf hchster berraschung!

In einer wohl hundert Meter tiefen Erosionsschlucht entwickelt die hier
smaragdgrne Korana die zaubervollste Romantik: viele weischumende
Kaskaden, blaue Bassins, graugrne Seen, entzckend geformte Terrassen
inmitten wuchtig starrender Sturzfelsen. Wahrhaftige Wasserwunder,
mrchenschne Gebilde, erzeugt von einem einzigen Wildbach. Die Pforte
zu einem Paradiese auf sdkroatischem Boden!

In drngender Sehnsucht nun weiter mit der Hchstgeschwindigkeit des
Kraftwagens, hinein in die Mrchenwelt von _Plitvice_.

Ein blauschimmernder See, umrahmt von herrlich prangenden Wldern, die
ppigkeit einer Tropenwelt; hochstmmige Buchen mit mchtigsten Kronen,
dichtbemantelte Edeltannen, Ahorn massenhaft mit groartigem Wuchs.
Nicht minder hufig die Eibe, doch nur als Gestrpp. Ein ungeheurer
Naturpark, berwltigende Waldeinsamkeit bei einem unglaublichen
Wasserreichtum. Der untere (Kozjak-) See schillert in seltsamen
Farbentnen, bald tiefblau, dann smaragdgrn, gelb und grau.

Auf grner Anhhe thront das vom Agramer Komitee zur Erschlieung der
Plitvicer Wasserpracht erbaute Hotel.

Auf die Lnge von acht Kilometern sind hier zusammengedrngt 13 (!) Seen
und 30 (!) entzckende Wasserflle bei einem Hhenunterschiede von rund
200 Metern. Wasserwunder der bescheidenen blauen Korana, der Tochter des
Kapelagebirges, die nach dem Verlassen des Plitvicer Mrchengebietes
alsbald im Karstboden versinkt, spter wieder zutage tritt, als
unscheinbares Flchen nach Norden eilt und sich bei Karlstadt mit der
schiffbaren Kulpa vereinigt.

Jeder der dreizehn Seen von Plitvice (kroatisch und russisch plit =
Felsplatte) zeigt sich anders hinsichtlich der Konfiguration und
Wasserfarbe; das Farbenspiel ist von der Temperatur abhngig, unter
fnfzehn Grad Celsius erscheinen alle Seen grau!

So alt das Haus Habsburg geworden war, von mnnlichen Mitgliedern hatte
sich kein Prinz je nach--Plitvice "verirrt". Die Kronprinzessin
Stefanie, jetzige Grfin Lonyay, lie sich gelegentlich einer
Quarnerofahrt bereden, von Zengg an der kroatischen Kste aus die
Mrchenwelt von Plitvice zu besuchen. So qualvoll die Wagenfahrt
gewesen, die Dame hatte den Besuch nicht bereut; sie war sprachlos vor
berraschung.

Wenn es erlaubt ist, _meinen_ Eindruck mit einem einzigen Wort zu
erwhnen, so wre zu sagen, da ich "tirolisch" gerufen habe: "Oha!"
Mehr Worte standen nicht zur Verfgung.... Das Staunen war zu gro. Der
Eindruck viel gewaltiger als etliche Tage spter hoch am Vratnik beim
ersten Anblick der tief unten blauenden Adria, die der "Benzinist"
bereits kannte. Da das Erscheinen eines Reichsdeutschen in Plitvice, im
sdlichsten Zipfel Kroatiens, Aufsehen erregte, ist begreiflich; haben
ja noch wenige--Kroaten den weiten mhevollen Weg "hinunter" gefunden.
Die Regierung Kroatiens hatte sich Jahrzehnte hindurch bemht, der
Pester "Hegemonie" eine Bahnverbindung von Ogulin nach Plitvice zur
Erschlieung der Wasserwunder abzuringen. Immer vergeblich! Plitvice
liegt auf--kroatischem Boden, nicht auf ungarischer bzw. magyarischer
Erde. Vor etwa acht Jahren war es gelungen, eine Verbindung mit Hilfe
eines--Postautomobils zu schaffen. Sechs Personen hatten darin Platz,
und zur Besichtigung der Wasserwunder von Plitvice war--eine ganze
Stunde Zeit gegeben. Wer diese Verfgung ersonnen, htte verdient,
strafweise "Prsident" der "Drzava SHS" zu werden.... Oder "Ehrenbrger
von Mnchen" whrend der "wonnigen Tage der Rterepublik 1919".

An sich aber war die Verfgung sehr nett, nmlich als durchschlagender
Beweis, da "St. Bureaukratius" auch in der slavischen Welt gedeiht!
Eine einzige Stunde Besichtigungszeit fr das grte Wasserwunder des
Erdballs!!! Einfach "kstlich"! Doch es gibt auch fr jenen
sdslavischen St. Bureaukratius eine Entschuldigung in der Person jenes
Altmnchener Hausbesitzers, der in jener Zeit, als Mnchen noch Mnchen,
eine reinliche gemtliche Stadt und nicht spartakistisch durchseucht
war, nach Paris fuhr, drei Tage spter aber schon wieder im "kniglich
bayerischen" Hofbruhause sa und die erstaunten Freunderln bezglich
der berraschend schnellen Rckkehr dahin aufklrte, da in Paris "auch
nichts los" sei. Alles gesehen, alles sei genau wie in Mnchen. "Auf dem
_Pre la chaise_ einmal--_herumgetanzt_, is aa nix!"------

In _Plitvice_ kann man, was im Flachlande Kroatiens unmglich ist,
reichlich und gefahrlos--Wasser trinken. Wein ist aber besser, der
Slibovitz ausgezeichnet.

Wir haben uns bemht, mglichst viel von den Wasserwundern dieser
sdkroatischen Mrchenwelt auf die photographische Platte zu bringen.
Doch der beste Apparat kann nicht das unsglich schne Farbenspiel
offenbaren. Wollte ein gottbegnadeter Knstler sie malen, _den_ Menschen
mchte ich kennen lernen, der beim Anschauen der Bilder dem Maler
glaubt, die Wahrheit auf die Leinwand gezaubert zu haben....

In Agram kann man immer viel Dinge hren, die man nicht zu glauben
braucht. Die Versicherung, da es in der Lika schon lngst keine Ruber
mehr gibt, das Reisen vllig sicher und gefahrlos sei, hatte mein
"Automobilherr" mit Vergngen entgegengenommen. Mir war in Erinnerung,
in einem Geschichtswerk gelesen zu haben: "Ni gora bez vuka, ni Lika bez
hajduka!" (Weder ist das Gebirge ohne Wlfe noch die Lika ohne Ruber!)
Der Spruch stammt aus unruhigen Zeiten, als noch den Nordkroaten und
Slavoniern Likabewohner und Ruber sinnverwandte Worte waren. Zu lesen
war aber auch, da der Likaner damals nicht aus Habsucht Hajduk wurde,
sondern aus gekrnktem--Ehrgefhl wegen Verprgelung; unter dem
berstrengen Grenzregime wurde das geringste Vergehen grausam mit
Stockschlgen usw. bestraft. Entehrenden Strafen zu entgehen, flohen die
kurzhndig Verurteilten ins Gebirge; bitterste Not und Verzweiflung
machten die Hungernden dann zu Rubern. Als Kaiser Franz Joseph die
Leibesstrafe, die grausame Verprgelung, aufhob, hrten in der Lika die
Rubereien sehr rasch auf. Der letzte Hajduk namens Toma Kovacevic aus
Vranik wurde im Jahre 1872 hingerichtet.

Von alledem sagte ich kein Wort. Aber als "Justamentmensch" und echt
bayerischer Dickschdel wollte ich bezglich der ffentlichen Sicherheit
im sdlichsten Zipfel Kroatiens und hart an der bosnischen Grenze, also
"fern von Europa" eine "Probe auf das Exempel" machen, es auf einen
ruberischen berfall ankommen lassen. Also wurde die Geldtasche im
Kasten des Hotelzimmers versperrt, als einzige Waffe wie immer nach
alter Gewohnheit das griffeste Jagdmesser mitgenommen. Speiste vorher
mit den Reisegenossen zu abend, und dann ging ich bei salzburgischem
Schnrlregen "im Mondschein spazieren". Ein Ausflug in pechschwarzer
Nacht auf einsamer Landstrae zur bosnischen Grenze. Mutterseelenallein
und furchtlos, neugierig und erpicht, mit likanischen Rubern
Bekanntschaft zu machen und etliche Worte auf Sdkroatisch wechseln zu
knnen.

"Schrecklich solide" Leute diese Likaner. Bleiben bei Muttern zu Hause,
wenn es finster ist und schnrlregnet, lieben die Trockenheit und Wrme.
Ein Vergngen war dieser frostige Spaziergang so tief im Sden wirklich
nicht; aber "poetisch" das Geheul frierender Dorfkter in langgezogenen
elegischen Tnen.

Unweit des zweiten Dorfes auf dieser einsamen trutzigen Wanderung
endlich ein verdchtiges Gerusch. Ein Knacken von Holz, das etwas
hnlichkeit mit dem Aufziehen von Gewehrhhnen hatte. Also doch! Und
gleich mehrere Ruber und schubereit!

Nein! Richtige Raubgesellen machen vor dem Angriff nicht so blden Lrm;
auch ist es nicht blich, da echte Hajduken sich angesichts des
Menschen, der berfallen werden soll, am Boden wlzen....

Zwei Esel waren die Spektakelmacher, zwei arme Langohrige, die zur
Nachtruhe die Packsttel los werden wollten. Eine Grausamkeit hherer
Art, den armen Lasttieren niemals die Traggestelle vom Rcken zu nehmen.
Damals war mir noch nicht bekannt, da nicht Grausamkeit vorliegt,
sondern tiefgewurzelter, bei den Sdslaven unausrottbarer Aberglauben,
wonach die Stellen, wo sich Esel wlzten, dem Menschen "frchterliches"
Unglck bringen. Man lt, beispielsweise auf der Insel Lissa, dem
Grauen den Packsattel stndig auf dem Rcken, damit der Esel sich nie
richtig wlzen kann.... In der Nhe des lissanischen Stdtchens Comisa
hielt mich mein Begleiter mit--Gewalt ab, den Fleck zu betreten, auf dem
ein Langohr Wlzversuche machte, um das lstige Gestell vom Rcken zu
bringen.

Mit dem Raubberfall war es also nichts. Demgem weitergewandert auf
der einsamen Landstrae durch Nacht und Finsternis. Auf sdkroatischem
Boden mit dem Eigensinn und Trotz des niederbayerischen Dickschdels!

Irgendein Mensch, Kroat oder Bosniak, wird mir doch begegnen in dieser
Finsternis. Und wissen, erleben wollte ich, ob der sdslawische
Mitmensch den einsamen Bajuvaren anbetteln oder niederzuschlagen
versuchen werde.

Der Schnrlregen hatte aufgehrt; khl wehte ein "sdliches" Windchen,
glitschigfeucht war die Strae. Ein schlechtes Wandern.

Im Dickschdel regte sich die--Vernunft mit dem Gedanken, da das Hotel
in Plitvice erreicht werden msse, bevor der Pfrtner sich zur Nachtruhe
begibt. Denn dem Wanderer fehlte der Hausschlssel, und Hotelportiers im
ersten Schlafe "orgeln" berall sehr fest, hren in diesem Zustande
schlecht.

Jetzt umkehren? Ohne einem Kroaten auf einsamer nachtumfangener
Landstrae begegnet und angegriffen worden zu sein? Nicht um das ganze
Knigreich Kroatien! Auch dann nicht, wenn die khle regenfeuchte Nacht
"fern von Europa" im Freien obdachlos verbracht werden mte!

Der Dickschdel aus Niederbayern gibt nicht nach ohne Zwang! Und der
Zwang mu berwltigend stark sein; ansonsten erreicht er nur
gesteigerten Trotz.

Justament wurde weitergewandert.

Irgendwo vor mir erscholl Hundegebell. Also mute ein Dorf oder doch ein
Gehft an der Strae liegen, ein Mensch durchgewandert oder doch
vorbergegangen sein. Vielleicht pilgerte der nchtliche Wanderer mir
entgegen? Wenn ja, bruchte ich nicht lnger weiterzumarschieren, knnte
alsbald umkehren, in das Hotel zurckkehren; vorausgesetzt, da der
Dickschdel noch im Besitz seiner Spazierhlzer und sonst heilgeblieben
sein wird.

Der Trotz schliet die Vorsicht nicht aus. Niederschlagen lassen
lediglich aus Interesse fr kroatische Verhltnisse wre--bertriebene
Sympathie, Abwehr eines Angriffs hingegen Pflicht der Selbsterhaltung.
Demgem wurde der hemmende Wettermantel, wiewohl tropfna, gerollt und
auf die linke Schulter genommen, das Jagdmesser in der Scheide
gelockert, griffbereit gemacht.

Zu sehen war der "Entgegenkmmling" nicht, aber zu hren, denn fest der
Tritt auf der quietschendnassen Strae. Demnach kein Bosniak in Opanken,
sondern ein Kroat in soliden Stiefeln, oder ein Obersteirer in
grobgenhten Goiserner Bergschuhen.

Der Luftzug wehte entgegen, brachte aber keine "Witterung" von dem
nchtlichen Wanderer, der Kerl rauchte nicht. Ein Kroat, der nicht
raucht, ist deshalb zwar noch nicht "suspekt", aber immerhin eine
Ausnahme, wenn er Tobak besitzt. Ein leidenschaftlicher Raucher ohne
Rauchzeug kann unter Umstnden gefhrlich werden.

Vorsichtshalber wurde das Jagdmesser nun doch ganz aus der Lederscheide
genommen, die scharfgeschliffene Klinge in der Hand bereitgehalten. Hieb
oder Stich je nach Bedarf augenblicklich mglich. In Notwehr
selbstverstndlich.

Auf Entfernung von etwa zwanzig Schritten mute der Kerl gemerkt haben,
da ihm ein Mensch entgegenkam; er blieb stehen und horchte.

Das tat auch meine Wenigkeit. berdies schnupperte ich, da der Wind
etwas wie--Schafwitterung an die Nase brachte. Sind--Schafhirten
gefhrlich? Ich glaubte nicht daran und schritt weiter.

Nur noch fnf Schritte Entfernung. Schafdunst zum belwerden.

Distanz zwei Schritt. Der Kerl hob einen Arm in die Hhe. Das sah aus,
als sei ein Schlag auf mein deutsches "Denker"haupt beabsichtigt. Aber
der "Schafene" hatte keinen Stock in der Faust. Ob etwa einen Stein, das
war in der Finsternis nicht zu erkennen. Gro und demgem gefhrlich
konnte der "Stein" nicht sein. Ein Steinchen brauchte der festgebaute
bayerische Dickschdel nicht zu frchten. Also drauf ankommen lassen!
Schlgt der Kerl zu, bekommt er im selben Augenblick die Klinge des
Jagdmessers in die Brust.

Ein Zuruf, zwei Worte in kroatischer Sprache: "Dobro noc!" (Gute
Nacht!) Weich im Dialekt gesprochen, Schafwitterung dazu, dick und
aufdringlich.

Dank meinerseits im Vorbergehen: "Lahko noc!" (Leichte Nacht!) und dazu
ein Auflachen der Selbstverspottung wie des Vergngens darber, da der
Kerl sich vor mir--gefrchtet hatte.

So endete das "furchtbare" Abenteuer zu nchtlicher Stunde auf einsamer
Landstrae tief im Sden Kroatiens, im "Ruberwinkel" "fern von Europa".




Eine Wahl ohne Ochsen, ohne Wein.


Im Kroatien der dreiiger Jahre stand die ungarische Feudalverfassung in
Geltung; der Schwerpunkt des gesamten Verwaltungssystems lag in der
Autonomie der Komitate. An der Spitze der Komitate standen jeweils
entweder ein erblicher oder ein vom Knig ernannter Obergespan (supremus
comes, kroatisch: veliki zupan = groer Fhrer). Dem Obergespan
untergeordnet waren zwei Vizegespane (podzupani), die Ober- und
Vizestuhlrichter sowie die Notare als Vollzugsorgane der Verwaltung und
der Rechtsprechung (Gerichte). Justiz und Verwaltung waren damals wie
berall in diesen Organen vereinigt (so z.B. in Tirol, in Bayern usw.).
Diese Organe wurden in Kroatien--gewhlt und zwar von der "Kongegration"
des im Komitat ansssigen Adels auf jeweils drei Jahre. "Dekretiert"
war, da diese Wahl, die zu jener Zeit auf lateinisch "restauratio"
genannt wurde, "frei" sein sollte, von der Regierung nicht beeinflut
werden durfte. Was eine "Wahl" nach ungarischem Muster, "frei" und von
der Regierung nicht "beeinflut", bedeutet, wei heutzutage jeder
Gymnasiast und Realschler. Wie aber vor 1848 in Kroatien "gewhlt"
wurde, erzhlt Dr. von Tkalac in seinen "Jugenderinnerungen" auf Grund
von Mitteilungen, die er aus dem Munde des--bereits genannten--Agramer
Obergespans Nikola von Zdencaj, eines "berhmten Wahlmachers", selbst
erhalten hatte. Die Darstellung ist, wie mir auf mehrfache Umfragen
besttigt wurde, richtig und einwandfrei, wiewohl sie jedem Begriff von
"Wahl" ins Gesicht schlgt und das Dekret, betr. "Nichtbeeinflussung",
in noch nicht dagewesener Weise verhhnt. Doch zu den Verhltnissen
jener Feudalzeit pate der Vorgang im Komitat Turopolje (Trkenfeld) zu
Agram, Anfang der dreiiger Jahre, ganz ausgezeichnet; die Wahl eines
Vizegespans bleibt typisch und ist wohl in Ewigkeit bezglich "Freiheit"
und "Nichtbeeinflussung" nicht zu bertreffen. Sogar die gegenwrtige
jugoslavische Briefzensur in Agram, so Erstaunliches sie leistet, ist
kaum ein Abglanz jener groartigen Willkrherrschaft seitens der
Komitatsgewaltigen.

Der Agramer Obergespan des Komitates Turopolje, Nikola von Zdencaj, sah
der ntig gewordenen Neuwahl des ersten Vizegespans, der "Restauration",
aus dem Grunde mit gewissem Unbehagen entgegen, weil sich sein Gehilfe
Lentulaj (etwa mit Ruderer, Steuerer, Lenker zu bersetzen) der Neuwahl
unterziehen mute, Zdencaj diesen sehr verstndigen, rechtlichen und
diensterfahrenen Beamten nicht verlieren wollte. Die Gefahr solchen
Verlustes war gro, da die Gegenpartei nicht Lentulaj, sondern einen
Herrn Cegetek (Zwitscherer), einen kreuzbraven Mann, aber von geringen
Verwaltungsfhigkeiten, "korteschierte", d. h. fr ihn die Wahlagitation
betrieb. Ein Teil des Landadels lie ziemlich viel Geld springen,
Gutsbesitzer spendeten Wein in Gebinden und Ochsen, welch letztere im
ganzen am Spie zur Belebung der Wahlstimmung auf dem Marktplatz in
Agram gebraten werden sollten, jeden Abend zwei Ochsen bis zum
Wahlschlu. "Wein in Strmen". Kein Wunder deshalb, da die Turopoljer
in dichten Scharen schon vor dem Wahltage nach Agram zogen und die
schne Stadt "bevlkerten". Fr Speise und Trank war ja reichlich
gesorgt; auerdem zogen diese Scharen lrmend und singend zur Belebung
der Wahlstimmung unter Fhrung von Anhngern Cegeteks von Kneipe zu
Kneipe.

Verbieten konnte der Komitatsgewaltige diese Umzge der Turopoljer
nicht, berhaupt vor der Wahl nicht eingreifen; das "Dekret" mute
"beachtet" werden "vor" den Wahltagen, wenigstens der Schein der
Nichtbeeinflussung gewahrt werden. Mit Wein und Bratochsen zugunsten des
ihm sympathischen Wahlkandidaten Lentulaj durfte Herr von Zdencaj nicht
"operieren".

Lentulaj selbst lie angesichts der starkbetriebenen "Korteschierung"
Cegeteks die Ohren hngen und die Hoffnung sinken. Am letzten Abend vor
der Wahl sah er sich den Rummel auf dem Hauptplatz an, wo die Anhnger
Cegeteks in weinseliger Begeisterung die am Bratspie "duftenden" Ochsen
betrachteten und ihren Kandidaten "hochleben" lieen.

Es war nichts zu wollen, gegen Cegeteks Freunde nicht aufzukommen. In
gedrckter Stimmung ging Lentulaj zum Chef, dem Obergespan Nikola von
Zdencaj, und klagte ihm das Wahlleid: "Keine, nicht die geringste
Aussicht, amice, selbst wenn ich Geld fr zehn Ochsen und hundert Fsser
Wein bester Sorte htte! Ich werde nicht gewhlt werden, mit Glanz
durchfallen!"

Der Komitatsgewaltige hatte zwar noch keine Idee, wie der sympathische
Wahlwerber und Vizegespan "durchgedrckt" werden knnte, aber
entschlossen war Herr von Zdencaj zu einer "mnnlich festen" Tat. Also
lachte er zunchst und sprach die aufmunternden Worte. "La mich nur
machen! Du wirst zum ersten Vizegespan 'gewhlt' werden, ohne Wein und
ohne Ochsen! Ich brge dafr!"

Lentulaj dankte, glaubte nicht an solche Mglichkeit, hoffte aber doch,
da er die--Willenskraft des Obergespans aus dem Dienstleben kannte, und
verbrachte eine schlechte Nacht zwischen schmerzlichem Verzicht und
beseligender Hoffnung.

Schon um acht Uhr morgens war der Sitzungssaal des Komitathauses, "Aula"
genannt, als Wahllokal, von Wahlberechtigten und Neugierigen, die dort
nichts zu tun hatten, dicht gefllt. Der Obergespan Nikola von Zdencaj
konnte sich durch die Menschenmenge nur mit Mhe hindurchdrngen und
seinen Platz an dem Prsidialtische erreichen.

Sonst als Komitatsgewaltiger ein kleiner Herrgott, war der Obergespan
diesmal nur eine geduldete, wenig beachtete Persnlichkeit, der
Wahlleiter, weiter nichts. Im Stimmengewirr, dem Summen in einem
Bienenkorbe hnlich, ging seine Ansprache vllig verloren; die Whler
hrten wenig, die Anhnger Cegeteks gar nicht auf die Rede Zdencajs, mit
der die Wahlhandlung erffnet wurde.

Verrgert forderte der Obergespan "Silentium", und dann schrie er in den
menschenberfllten Saal die Mitteilung, da _zwei_ Kandidaten, die
Herren von Lentulaj und Cegetek, zur Wahl stehen, einer von ihnen fr
den Posten des Vizegespans zu whlen sei, und zwar der Einfachheit
halber "per acclamationem", durch Zuruf.

Diese "Einfachheit" pate den Anhngern Cegeteks, die in erdrckender
Mehrheit im Saale erschienen waren, ausgezeichnet in den Kram.
Donnerhnlich wuchtig und brausend erschollen die Rufe aus Hunderten von
Kehlen. "Wir wollen den Cegetek!"

ber die Lage konnte kein Zweifel mehr bestehen: es stand ein einziger
Mann, der Obergespan allein, gegen eine erdrckende Mehrheit von
Gegnern, die fest entschlossen waren, nicht zu wanken, nicht
nachzulassen, bis ihr Wille durchgesetzt sei. Den Willen, nicht Cegetek,
sondern seinen erprobten Amtshelfer von Lentulaj "whlen zu lassen",
hatte aber der Obergespan. Und zum Willen hatte Herr von Zdencaj auch
noch die Kaltbltigkeit, wiewohl er gleich den Whlern Kroate, ein sonst
hitziger Sdslave war. Also rief der Obergespan drhnend in den Saal:
"Silentium! Ich kandidiere zwei Herren: Lentulaj und Cegetek? Wer davon
ist genehm? Lentulaj oder Cegetek?"

Ein ohrenbetubendes Gebrll brach los. Smtliche Anwesende im Saale,
ausgenommen die Herren am Prsidialtische, tobten und brllten den
Namen: "Cegetek!"

Obergespan v. Zdencaj blieb ruhig und klaren Kopfes, wiewohl er den
Ausruf zum dritten Male in den Saal schrie: "Silentium! Cegetek oder
Lentulaj!"

In hchstgesteigerter Erregung, gereizt und aufgestachelt durch das
Verhalten des Prsidenten, der immer wieder den Namen des
Gegenkandidaten nannte, brllte die Mehrheit. "Cegetek! Nur Cegetek!
Kein anderer! Cegetek!"

Ein Stocktauber, ja ein--Toter htte den Donnerruf, den in fanatischer
Wut gebrllten Namen: "Cegetek!" hren mssen.

Der Obergespan wollte ihn aber nicht hren. Herr von Zdencaj legte die
Hand als Schallbecher an das rechte Ohr, tat so, als horche er
angestrengt, und schttelte in prachtvoll geheuchelter Gelassenheit den
Kopf.

Augenblicklich wurde es still im Saale.

Jetzt verkndete der Obergespan mit kstlichem ruhigem Spott: "Ich hre
nur den Namen--Lentulaj!"

Ein Stutzen erst, dann brach der Entrstungssturm los, donnernd,
kreischend, vom Ba hinaufreichend bis zu den Fisteltnen hellster Wut.
"Nicht Lentulaj, sondern Cegetek!"

Bisher hatte Nikola von Zdencaj, in Wahrung seiner Wrde als
Komitatsgewaltiger, von seinem rotgepolsterten Fauteuil aus, _sitzend_
zur Whlermasse gesprochen. Nun _stand er auf_ zum Zeichen, da eine
_offizielle_ Mitteilung verkndet werde.

Die Whler verstummten in gespanntester Erwartung und horchten.

Herr von Zdencaj in unerschtterlicher Ruhe erklrte: "_Ich habe bisher
nur den Namen 'Lentulaj' vernommen_. Demgem _proklamiere_ ich amtlich
in meiner Eigenschaft als Obergespan und Leiter der Wahlhandlung Herrn
von _Lentulaj_ als gewhlt durch Akklamation zum ersten Vizegespan!
_Herr von Lentulaj ist--gewhlt_!" Sprachs und setzte sich.

Viel Hunderte Wutschreie gellten durch den Saal, ein Orkan
der Entrstung entlud sich, wie wahnsinnig tobten die geprellten
Anhnger Cegeteks und brllten den Protest:
"Gewaltstreich!--Nichtswrdigkeit!--Gemeinheit!--Sind wir in der Trkei?
Wir protestieren--zu Protokoll! Die Proklamation gilt nicht! Sie ist
ungiltig!"

Statuengleich sa der Obergespan auf dem roten Fauteuil und wartete
ruhig, geduldig. Herr von Zdencaj kannte seine Leute und lie sie toben,
brllen, protestieren, austoben.

Das dauerte eine Weile--dann aber flaute der Sturm ab. Es wurde etwas
ruhiger im Saale.

Der Obergespan verneigte sich leicht gegen die Whlerschaft, wandte sich
zum Obernotar am Prsidialtische und befahl mit lauter Stimme: "_Die
Proklamation Lentulajs ist zu protokollieren!_"

Im Saale erst allgemeine Verblffung. Die Leute waren sprachlos vor
berraschung; denn viele hatten es doch nicht fr mglich gehalten, da
der Obergespan angesichts des deutlich genug zum Ausdruck gebrachten
Willens der erdrckenden Stimmenmehrheit genau das Gegenteil feststellen
werde. Seine Gelassenheit, die souverne Nichtbeachtung der Mehrheit
flte wie immer jenes Hchstma von "Respekt" ein, das teils ein Lachen
hilfloser Verlegenheit bewirkt, teils zu Anzeichen ungefhrlicher
Drohungen reizt. Whrend ein Teil der bertrumpften Anhnger Cegeteks
lachte, ballten andere die Fuste in ohnmchtiger Wut gegen den
schlaueren Obergespan, der klug genug war, jetzt erst recht gelassen zu
bleiben und alles unterlie, was einen neuen Sturm htte erzeugen
knnen. Herr von Zdencaj erhob sich und forderte die Whler auf, mit
Zuruf fr die Stelle des zweiten Vizegespans entweder Herrn Cegetek oder
Herrn von Busic zu whlen.

Abermalige Verblffung. Die Aufforderung mit Nennung des Namens
"Cegetek" an erster Stelle hatte die Wirkung eines kalten Wasserstrahles
auf die erhitzten Kpfe. Die Leute glaubten, da der Obergespan _jetzt
ihren_ Willen erfllen, _Cegetek_ zum zweiten Vizegespan _haben mchte_.
Das aber wollten die Whler justament nicht; sie wnschten Rache zu
nehmen und Zdencajs "Plan" zu vereiteln.

Mit donnernden Zurufen wurde Herr--_Busic_ gewhlt.

Der Obergespan beherrschte sich vllig, nichts deutete an, da mit
dieser Wahl ihm ein Wunsch erfllt worden war, die Whler abermals
"reingefallen" waren.

Nach erfolgter Protokollierung wurde das Wahlgeschft geschlossen; die
"Komdie" war--aus. Langsam leerte sich der Saal. Und schier jeder
Cegetekianer guckte noch einmal nach dem Gewaltigen am Prsidialtische,
hoffend, ein Lcheln oder eine Geste des Triumphes ersphen zu knnen.
Doch Herr von Zdencaj wahrte die undurchdringliche Gelassenheit und
eiserne vornehme Ruhe, bis er sich in seinem Arbeitszimmer und ohne
Beobachter befand. Dann erst schmunzelte er vergngt.

Nach Jahren uerte er sich zum jungen Herrn von Tkalac, der ihn wegen
dieser "Wahlhandlung", die in Kroatien viel besprochen und belacht
worden war, befragte, mit dem Behagen einer angenehmen Erinnerung. "Es
kommt bei solchen Gelegenheiten nur auf Willenskraft und Kaltbltigkeit
des Obergespans an; wer diese nicht besitzt, wird bei der 'Restauration'
immer geschlagen werden. Das Geschrei von hundert Eseln ist nicht soviel
wert wie die einzige Stimme eines verstndigen und ehrlichen Menschen."

Ob nach Umflu von drei Jahren jener Herr von Lentulaj nochmals _ohne
Ochsen und ohne Wein_ zum ersten Vizegespan gewhlt wurde, ist nicht
festzustellen, da gegenwrtig jede Verbindung mit dem Agramer
Komitatsarchiv unmglich erscheint.




Die tausendjhrige Linde.


Krftiger und ser denn je dufteten die Blten der riesigen uralten,
vielleicht tausendjhrigen Linde nchst der Kirche von Krasic
(Kraschidsch), einem Winzerdorfe an der stlichen Abdachung des
Uskokengebirges in Kroatien. Den Slaven war und ist die Linde ein
geheiligter Baum, das Wahrzeichen alter Rechte, fr Freud und Leid, die
Beratungsstelle zum Austrag von wichtigen Gemeindeangelegenheiten, von
Streitigkeiten unter den Bauern wie mit der Grundherrschaft. Sommerliche
Festlichkeiten, Tanzvergngungen usw. wurden stets unter der Linde, pod
lipom, veranstaltet. Noch in den dreiiger Jahren des vorigen
Jahrhunderts wurde jede Dorflinde fr unverletzlich gehalten, selbst ein
abgestandener Baum niemals gefllt; Sagen und Mrchen, viel Aberglauben
umrankten die Linde, der man keinen Ast abbrechen durfte, weil jede
Beschdigung als Verbrechen hnlich der Kirchenschndung erachtet wurde.
Der Stamm der Riesenlinde von Krasic hatte einen Umfang von mehr als
zwei Klaftern; der Baum stand in voller Herrlichkeit und blhte im Juli
1838 so wonnig, krftig und s, wie sich die Dorfbewohner und auch der
alte Pfarrer nicht erinnern konnten. Es galt in Krasic fr sicher, da
dieser auergewhnlich starke Bltenduft der Dorflinde etwas bedeuten
msse; doch konnte niemand, auch der weihaarige Zupnik (Pfarrer)
nicht, sagen, was die Ursache sei, und was der Duft ankndigen wolle,
der ber die Gemarkung des Dorfes hinausdrang und, zeitweilig vom
Luftzug verweht, sogar in den Weinbergen der Novakovicgora noch
wahrzunehmen war.

Diese Linde berragte alle Dcher, schirmte sozusagen das Kirchenschiff
und den Widum (Pfarrhaus) und glich gewissermaen den Schwingen einer
Gluckhenne, unter denen die Kcken Schutz finden.

Stolz waren die Krasicer auf ihre Riesenlinde so hoch und breit. Wegen
des berstarken Bltenduftes im Juli schttelte aber der Zupnik wie der
Staresina den Kopf. Der lteste (Dorfvorsteher) Zaka (Zacharias)
glaubte, da der fast betubende Duft ein groes Unglck ankndigen
werde, war aber auerstande, zu sagen, was als ein besonderes Unglck
anzusehen wre. In seligem Frieden mit der grflichen Grundherrschaft
lebten die Drfler allerdings nicht; der Ha galt nicht der grflichen
Familie, sondern den Gutsbeamten, die sich mit dem Neuntel von Getreide
und Heu, mit dem Zehntel von der Weinfechsung nicht begngten,
regelmig die Hlfte forderten, aber nicht immer erhielten.

Bisher hatten die Krasicer beim Domanialgericht Klage gefhrt, immer
wieder Beschwerde eingelegt, aber nichts zu ihren Gunsten erreichen
knnen. Der Richter stand auf Seite der Gutsherrschaft; die Beamten
wollten nicht locker lassen und hatten dafr ihre Sondergrnde.

In der pfarrlichen Arbeitsstube, durch deren offen stehende Fenster der
Lindenbltenduft wonnig eindrang, sagte der Staresina, ein groer, noch
immer schner Mann im Weibart, zum allgemein verehrten Priestergreise.
"Der Duft ist zu stark; er gefllt mir nicht! Ich gehe nach Karlstadt
und will fragen, was er bedeutet!"

Der ehrwrdige Pfarrer konnte und wollte den Dorfvorsteher vom Gang zur
Kreisstadt nicht abhalten, hatte jedoch den Wunsch, zu verhten, da
sich der Staresina mit der komischen Frage nach der Ursache des
berstarken Bltenduftes bei der Beamtenschaft in Karlstadt lcherlich
mache und verhhnt werde. In der Meinung, da der Vorsteher in einem
Scherz das Krnchen Ernst herausfinden werde, verwies der Pfarrer auf
den Spruch: "Ne prelazi na cetir noge mosta!"[15]. Damit wollte der
Zupnik andeuten, da man _nicht berstrzt reiten_, das Pferd am Zgel
fhren solle, weil mglicherweise die Brcke morsch sei. Vor einem
bereilten Schritt wollte der Pfarrer den Vorsteher abhalten oder doch
warnen.

Der Staresina hob den weibebuschten Kopf, richtete die blitzenden Augen
auf den Zupnik und sprach. "Wer _zu Fu_ geht, kommt auch ber eine
baufllige Brcke!" Nach kurzem Abschied verlie der Vorsteher das
Pfarrhaus und stapfte nach Karlstadt.

Zwei Tage spter stand er wieder vor dem Pfarrer und berichtete, da der
berstarke Bltenduft der Linde "neue Rechte", nove pravice[16],
ankndigen wollte, ein neues Urbanialgesetz, das der Kaiser und Knig
den Bauern zum Schutz gegen die aussaugenden Grundherren gegeben habe.
Mit der Raubwirtschaft und Bauernschinderei sei es jetzt zu Ende; die
Bauern htten nun mit kaiserlicher Ermchtigung ein Recht, Neuntel,
Zehent und Robot zu verweigern, ihre Peiniger, die Blutsauger,
zurckzuwerfen und zu verprgeln, wenn die Gutsbeamten mit Gewalt
vorgehen.

Der Pfarrer ahnte Schlimmes und bat flehentlich, jede Gewalttat zu
unterlassen, das Neuntel von der beendigten Ernte diesmal noch zu geben,
da einstweilen vom Reichstag nur die "knigliche Proposition"
angenommen, das Gesetz selbst vom Monarchen noch nicht "sanktioniert",
nicht vollziehbar sei.

Der Staresina war nicht zu belehren, die Mitteilung von dem in Budapest
angenommenen Gesetz zum Bauernschutz zu Kopf gestiegen. Er wollte nicht
mehr auf den Pfarrer hren, wiewohl der Vorsteher sonst zugnglich war
und mit allen Gemeindeangehrigen den greisen Zupnik aufrichtig
verehrte. Scharfen Tones, metallhart sprach der Staresina die Worte.
"Jetzt wird die Linde sprechen; sie allein entscheidet mit dem letzten
Wort!" Damit verlie der alte Zaka den Widum und blieb dem Pfarrer fern.

Von Haus zu Haus lief die aufwhlende Kunde von dem "neuen Recht". Und
fr den nchsten Sonntag nach Beendigung des Gottesdienstes wurde der
"Rat unter der Linde" einberufen. Die "Linde sollte sprechen"....

Schwere Befrchtungen erfllten die Seele des ehrlichen Pfarrers, der
sich entschlo, in der nchsten Sonntagspredigt die Gemeinde vor den
Folgen der Zinspflichtverweigerung umso mehr eindringlich zu warnen, als
im Dorfe Leute auftauchten, die zweifellos zu offenem Widerstand
aufreizten und den Bauern alle Freiheit und obendrein eine goldene
Zukunft versprachen.

Fast ein halbes Jahrhundert hindurch war der Pfarrer unter oft
bitterharten Verhltnissen Seelsorger, doch nie fiel ihm der Gang zur
Kanzel so schwer wie an diesem Sonntag. Und wie er den Leuten zureden
sollte, wute er nicht, als er bereits auf der Kanzel stand. Beim
Anblick der Mnner mit gewissermaen bissigem Gesichtsausdruck kam die
Erleuchtung pltzlich und ebenso jh der unbeugsame Entschlu, all die
Beliebtheit und Verehrung dranzusetzen, den verhetzten Bauern
rckhaltlos, unbekmmert um die Folgen fr den Prediger, die Wahrheit zu
sagen. Und so hub der greise Zupnik zu sprechen an, da es leicht sei,
im schwer arbeitenden und unter harten Lebensverhltnissen leidenden
Volke mit lockenden Worten groe, ja ungeheure Hoffnungen auf
schrankenlose Freiheit und goldene Zeit zu erwecken. Wer die
leichtglubige, begehrliche, geldlsterne Menge mit frechen
Versprechungen berschtte, der habe immer gewonnenes Spiel, mag der
Schwtzer ein Verrter, ein Dieb, ein berlufer, ein Schuft sein. Das
Volk opfert immer fr eine glnzende Hoffnung die kleine Habe, das
bichen angeborenen gesunden Menschenverstand. Blitzdumm sei es, die
wenigen letzten Gulden den Schwtzern nachzuwerfen in der Hoffnung, da
die kommende Zeit Dukaten in schwerer Menge einbringen werde. Die
Zukunft bringe aber kein Geld, berhaupt keinen Gewinn, dafr aber
bittere Enttuschung und schweres Unglck in der Familie, in der
Gemeinde, im Vaterlande. Das sei immer und berall so gewesen, wo
Geldgier und Faulheit grer waren als Verstand und Vernunft. "Die
Gescheitesten auf Gottes weiter Erde sind wir Kroaten schon in frheren
Jahrhunderten nicht gewesen, weil wir fr andere Leute und fremde
Interessen Blut und Leben hingegeben, dafr keine Entschdigung, nicht
mal ein Dankeswort erhalten haben. Leute von Krasic! Zeiget doch ihr,
da wir nicht die Dmmsten von Kroatien sind! Ein bissel dumm sein, ist
ja ganz nett und bekmmlich fr Leib und Seele! Aber die Allerdmmsten
wollen wir nicht sein! Wir sind es aber, wenn wir auf ein Gesetz pochen,
das noch nicht Gesetzeskraft erlangt hat, weil der Kaiser-Knig es noch
nicht sanktioniert hat. Es mu das Neuntel von Getreide und Heu gegeben
werden, weil der Monarch die Bauern _noch nicht_ von dieser
Abgabenpflicht befreit hat! Sobald das geschehen ist, das Gesetz
rechtskrftig geworden ist, bin ich der erste, der es verkndigen und
euch auffordern wird, der Grundherrschaft das Neuntel und Zehntel zu
verweigern! Bis jetzt sind wir _noch nicht_ so weit: wir mssen zinsen!
Seid vernnftig, Mnner von Krasic!"

Ein Gepolter machte den Kanzelredner stutzig. Der Pfarrer hielt inne und
guckte betroffen auf die Bauern, die rcksichtslos aus den
Kirchensthlen traten, in Haufen das Gotteshaus verlieen. Nur Weiber
und Kinder blieben beim greisen Pfarrer zurck, der die Predigt jh
beendete und tiefbetrbt den Gottesdienst fortsetzte.

Unter der duftenden Linde versammelten sich die Drfler von Krasic zum
Schwur, alle Abgaben der Grundherrschaft zu verweigern, die "Blutsauger"
(Beamten) mit Gewalt zu vertreiben, wenn ntig totzuschlagen. Denn damit
sei der Kaiser-Knig einverstanden, der die alten Rechte (stare
pravice) erneuerte und der Bauernschinderei ein Ende gemacht habe.

Gegen den greisen Pfarrer fiel kein Wort; die Verehrung sa tief genug,
die Dankbarkeit wurzelte so fest, da einer der Hetzer aus Karlstadt,
der zu einer Art "Katzenmusik" vor dem Widum auffordern wollte,
regelrecht verprgelt und aus dem Bereich der heiligen Linde entfernt
wurde. Und nach Beendigung der Versammlung unter der Linde ging der
Staresina zum greisen Pfarrer und bat um Verzeihung, da die Bauern so
rappelkpfisch whrend der Predigt die Kirche verlassen hatten.

"Wenn es nur das wre! Es wird noch viel schlimmer kommen!" meinte
ahnungsvoll der bekmmerte Zupnik.

"Wollen wir hoffen, da der Knig das Gesetz sanktioniert, _bevor_ die
Ernte eingebracht ist!"

Der greise Pfarrer verwies auf die Langsamkeit, mit der in Pest und Wien
gearbeitet werde.

"So? Dann trgt der Knig Verantwortung und Schuld!"

"Und die Krasicer werden in--Blut schwimmen!"

Der alte Zaka richtete einen langen Blick auf den greisen Pfarrer,
seufzte tief und ging.

Als die Linde verblht hatte, ihr auffallend starker Duft erloschen war,
brachten die Bauern die letzten Garben unter Dach und Fach. Der bliche
Erntejubel unterblieb. Die Spannung war zu gro, die Erwartung, was nun
erfolgen werde.

Der Staresina ging nach Karlstadt und fragte bei der Vizegespanschaft
an, ob das Urbanialgesetz sanktioniert worden sei. Er kam mit dem
betrbenden Bescheid zurck, da bis auf weiteres alles beim alten
bleibe, also das Neuntel der Ernte gezinst werden msse, widrigenfalls
die bockbeinigen Bauern mit Gewalt dazu gezwungen wrden. Alle Bauern,
nicht nur die von Krasic!

Das Wetter schlug um. Auf die sdlich-heien Erntetage folgten
windgepeitschte Regengsse, die den Boden Kroatiens in Morast
verwandelten, den Verkehr unterbanden. Auf Seitenstraen und Dorfwegen
konnten Ochsenfuhrwerke kaum durchkommen.

Die Bauern des abseits gelegenen Dorfes Krasic frohlockten in der
Meinung, da das Neuntel ihnen verbleiben werde, einmal weil der
"Lindenschwur" bekannt geworden sei und die Herrschaft eingeschchtert
habe, und dann, da den Blutsaugern die--Rache verregnet sei.

Verregnet war allerdings auch der Erntetanz unter der Linde; er sollte
stattfinden am nchsten sonnigen Sonntag.

Der Warmwind flog ber das Land und trocknete rasch auf. Schon am
zweiten Tage darauf staubte die gute Strae von Karlstadt nach Ogulin
wieder. Und die Sonne brannte hernieder.

In Krasic war es rasch trocken, die Linde hatte sich alle Tropfen vom
Laub geschttelt; kstlicher Erdgeruch berall, wonniger Duft in den
Rebgelnden.

Im Dorf erscholl heftiges Peitschengeknall. Herrschaftliche Gutsbeamte
waren mit Leiterwagen gekommen, wollten das Neuntel von den Bauern
einheimsen und wegfahren. Eine rcksichtsvolle Neuerung: man _holte_ das
Neuntel, _ersparte_ den _Zinspflichtigen_ die _Bringung_ zum weit
entfernten grflichen Schlosse. Dagegen hie es: Rasch heraus mit dem
Getreideneuntel! Alsbald gab es Lrm in Haus und Scheune des Staresina,
dessen Enkel ausliefen wie bei Feuersnot und Einsturzgefahr.

Und sogleich wimmerten die Kirchglocken, riefen um Hilfe gegen Bedrcker
und Ntiger.

Gem dem "Schwur unter der Linde" rckten die Bauern aus mit Beilen,
Sensen, Schaufeln und sonstigem Werkzeug, das zum Schlagen gebraucht
werden kann. In regellosen Haufen setzten sich die Krasicer zur Wehr,
griffen an.

Der Staresina Zaka wollte freilich nur die Verjagung der habgierigen
Gutsbeamten und ihrer Helfer; aber einmal im Angriff wurde in den Bauern
die Kampflust der Sdslaven, mit ihr die Wut gegen die Peiniger und
Blutsauger lebendig. Und da gab es kein Halten mehr. Halbtot wurden die
Handlanger geschlagen, und nur der grfliche Upravnik (Verwalter) konnte
sich unverletzt retten, weil der Dorfvorsteher sich schtzend vor ihn
gestellt hatte.

Mit dieser Hilfeleistung erreichte der Staresina aber nur
die--_beschleunigte_ Benachrichtigung der Gutsherrschaft von dem Krawall
in Krasic und deren Verlangen von _militrischem_ Schutz bei der
Komitatsbehrde.

Geheuer war dem Vorsteher nicht, als er die bel zugerichteten
Gutsknechte erblickte, denen die Bauern und das Weibsvolk nicht den
geringsten Beistand leisten wollten. Sogar das Verbinden der halbtot
Geschlagenen wurde verweigert. Der Ha war zgellos geworden. Nur mit
Mhe konnte der alte Zaka seine eigenen Angehrigen dazu bewegen, die
Verletzten notdrftig zu verbinden und auf einem Leiterwagen bis in die
Nhe des grflichen Schlosses zu fahren, wo die Knechte wie gebundene
Klber abgeladen wurden. Worauf die Staresina-Leute _sofort_ Reiaus
nahmen und im Galopp davonrasselten.

Zaka selbst wanderte nach Karlstadt, wo er den Sachverhalt vorbringen,
um "gut Wetter" bitten wollte. Was er von den Schreibern zu hren bekam,
lautete bereits bel genug; bis zum Vizegespan gelangte der Staresina
berhaupt nicht. Und im Gerichtsgebude uerten etliche Juratusi
(Auskultatoren, Rechtspraktikanten), da wegen der Schandtat in Krasic
das Standrecht verkndet, jeder dritte Mann werde gehngt werden. Und
wenn der Staresina nicht schleunigst verschwinde, werden ihm als dem
"Oberhetzer" fnfzig Stockprgel auf Grund der "alten Rechte"
verabreicht werden.

Stehenden Fues verlie Zaka die Kreisstadt und und lief heim, so rasch
es den steifen alten Beinen noch mglich war. Er eilte auch noch in das
Dorf Jaska, das an der Strae von Agram nach Karlstadt lag, und wo der
Vizestuhlrichter Zaba (Frosch) seinen Amtssitz hatte. Diesen
Gerichtsbeamten wollte der Staresina um Rat und Frsprache bitten. Aber
der Herr war nicht zu Hause. Dem alten Vorsteher entschlpfte die
uerung, da der Richter nie zu Hause sei, wenn man ihn zu Rat und
Hilfe bentige. Wegen dieser Bemerkung wollte der Gerichtsdiener dem
alten Zaka ein viertelhundert "amtliche" Stockprgel "aufmessen".

Verngstigt und erbittert tat der Staresina im Heimatdorfe das Dmmste,
so er tun konnte: er rief die Bauern unter die Linde und erzhlte ihnen
seine Erlebnisse in Karlstadt und Jaska.

Die Folge dieser aufreizenden Mitteilung war, da die Krater Bauern
nicht nur alle Schlagwerkzeuge, sondern auch Schuwaffen hervorholten,
sich zum Empfang von Panduren (Gerichtsdienern) und Gendarmen
bereithielten, nicht mehr abwehren, sondern in entfesselter Mordlust
alle Personen totschlagen wollten, die aus der Kreisstadt und von Jaska
kommen wrden.

Zu spt merkte der Staresina, was er angerichtet hatte, und da sich
dieser Sturm nicht mehr beschwren lie. An die Mglichkeit, da der
Gutsherrschaft Militr zum Schutz gegeben werden knnte, dachte er
berhaupt nicht.

Gro war deshalb die berraschung, als am dritten Tage nach dem Krawall
eine verstrkte Kompagnie Soldaten mit Offizieren und mit einem
Hauptmann zu Pferd an der Spitze in Krasic einrckte. Reden konnte der
Vorsteher nicht mehr, nur mitlaufen, als die zum erbitterten Kampf
entschlossenen, mit allerlei Mordwaffen ausgersteten Bauern zur Linde
sprangen.

"Unter der Linde" hielten sich die Bauern gesichert, vor dem ersten
Angriff der Militrmacht gefeit. Mochten auch glauben, da die Soldaten
das Schieen nicht wagen wrden, solange man im Bannkreis der "heiligen"
Linde stehe. "Pod lipom" fand der Staresina auch die Sprache wieder, die
fr einen Vorsteher ntige Intelligenz freilich nicht, denn er richtete
an den Kapetan (Hauptmann) die naive Frage, was das Erscheinen so
vieler, nicht zu Gast geladener Soldaten in Krasic zu--bedeuten habe.

Der Hauptmann verstand nicht Kroatisch und lie durch den Profosen
fragen, was der Staresina mitteilen wolle.

Fr sein Patriarchenalter war Zaka ein arger Hitzkopf, oder es hatte ihn
der hhnische Ton, das spttische Lachen des Profosen auer Fassung
gebracht; der Vorsteher rief erregt, da das kleine Dorf so viele
Soldaten nicht beherrbergen knne, dazu keine Lust habe; die Bauern von
Krasic aber wollen weiter nichts als ihre vom Kaiser-Knig gegebenen
Rechte. Zum Schlu krhte der alte Zaka die Forderung, da die Soldaten
sofort abzumarschieren htten!

Lachend bersetzte der Profos die "Befehle" des Staresina dem Hauptmann,
dem man das Erstaunen ber das Verhalten des Dorfvorstehers und des
sichtlich angriffslustigen Bauernhaufens anmerken konnte. Eine kurze
Zwiesprache folgte in scharfem Ton seitens des Kommandanten, der an dem
"Spa" bereits genug hatte.

Der Profos meldete nun dienstlich und ernsthaft auf kroatisch: der
ganzen Kompagnie samt Offizieren sei sofort im Dorfe gutes Quartier zu
beschaffen und reichliche Verpflegung mit Wein zu geben. Wer sich
weigere, erhalte erstmals fnfundzwanzig Stockstreiche. Die Bauern haben
alle Gewehre "unter der Linde" niederzulegen, dann schleunigst
heimzugehen und fr Quartier zu sorgen; ansonsten fnfzig Stockprgel
fr jeden Agrikel. Wer sich weigert oder gar lrmt, wird an der Linde
aufgehngt! "Vorwrts, marsch!"

Der Staresina verlor den Verstand, brllte tobschtig, warf seine
Tabakspfeife zu Boden und zerstampfte sie. Brllte aus Leibeskrften:
"Sind wir Hajduken? Uns ehrlichen Bauern eine solch schndliche
Behandlung! Gehet fort, Soldaten, von hier, wo ihr nichts zu suchen
habet! Mit unseren Schindern werden wir schon alleine fertig! Fort mit
euch!"

Mehr als die herausgeschrienen Zornesworte des Dorfltesten wirkte auf
die Bauern die Tatsache, da der Staresina sein kostbarstes Gut auf
Erden, die silberbeschlagene Tabakspfeife, mit den Fen trat. Dies war
bei ihm das Zeichen fr die hchste Entrstung, fr die grte Wut, das
Signal, da nun "ausgeredet" sei und mit aller Schrfe "gehandelt und
eingegriffen" werden msse.

Ein erneutes Gesprch zwischen dem Kapetan und dem Profosen blieb
unbeachtet im Trubel an der Linde; doch horchten die Bauern auf, als der
Profos die Drohung rief, da der Staresina als erster fnfzig
Stockprgel sofort "aufgemessen" erhalte, wenn die Leute nicht
augenblicklich die Waffen niederlegen und still auseinandergehen wrden.

Zur Verstrkung der Drohung zog der Hauptmann hoch zu Ro den Sbel.

Nun gab es kein Halten mehr. Die Wut der Bauern war entfesselt. Etliche
der Jungbauern sprangen los, der Kapetan wurde vom Pferd gerissen trotz
heftiger Abwehr mit Sbelhieben, zu Boden geworfen und mihandelt.

Kommandorufe der anderen Offiziere erschollen, Schsse blitzten auf.
Vier Bauern fielen tot nieder; andere wurden schwer angeschossen.

Brllend und rasend vor Wut warfen sich alte und junge Bauern auf die
Soldaten, schlugen mit Beilen, Hacken und Sensen, Schaufeln und Kntteln
los. Die Flintentrger drehten die Gewehre um und droschen mit den
Kolben auf Infanteristenkpfe.

Die Soldaten feuerten abermals. Etwa zehn Bauern strzten leblos zu
Boden. Zu einer weiteren Salve kam das erste Glied nicht mehr: die
rasenden Bauern schlugen die Reihe nieder; das zweite Glied mute mit
Kolbenhieben abwehren.

ber den Knuel verkmpfter, blutender und sterbender Bauern und
Soldaten hinweg feuerte das dritte Glied auf die anstrmenden, rasenden
Krasicer abermals eine Salve, die breite Lcken ri und zur Flucht
zwang.

Auf die springenden Bauern schossen die ausschwrmenden Soldaten nun wie
auf Hasen im Kesseltreiben, rasch, "lustig" und erfolgreich. Etwa zwei
Dutzend Krasicer fielen bei dieser "Jagd".

An der Linde lagen etwa fnfzehn Bauern, darunter mit zerschmettertem
Schdel der Staresina Zaka und an zehn Infanteristen, teils tot, teils
sterbend.

Vom Geknatter der Schsse aufgeschreckt, rannten die Weiber aus den
Husern und zur Linde. Heulend die einen, kreischend und fauchend die
anderen; etliche so wtend, da sie einzeln stehende Soldaten angriffen,
die Mhe hatten, die rabiaten Weiber abzuwehren.

Hornsignale riefen die Kompagnie zum "Sammeln" Der Platz um die
Dorflinde wurde im langsamen Vorschreiten gesubert, das Weibervolk
gegen die Huser zurckgedrngt. Der Profos verkndete auf kroatisch,
da erschossen werde, wer vom Zivil ein Haus betrete oder verlasse.
Einquartierung dazu. Jedes Haus wurde militrisch besetzt. Das konnte
erzwungen werden. Der Weiber in den Husern vermochten die Soldaten aber
nicht Herr zu werden. Die Zungen waren nicht zu bndigen, die Trnen der
Witwen nicht zu stillen.

Wortkampf und Fluchen in jeder Htte.

Und als sich die Kunde wie Flugfeuer verbreitete, da der
Vizestuhlrichter von Jaska zu Wagen angekommen sei, konnten die Soldaten
die wtenden Weiber nicht in den Husern halten. Reden und abrechnen
wollten die Weiber mit diesem Behrdenmanne, der ihrer Meinung nach
seine Pflicht grblich verletzte, weil er nicht zu Hause war.

In flatternden Rcken, mit aufgelstem Haar, kreischend und fluchend
strmten die Weiber zum Lindenplatz, wo sich der Vizestuhlrichter mit
zwei Offizieren um den bel zugerichteten Hauptmann bemhte. Sein
Unterbeamter, ein junger Juratus, suchte im Knuel der Bauern und
Soldaten nach, wer noch am Leben war.

Der Vizestuhlrichter, ein angejahrter, erfahrener Mann, war dienstlich
in Karlstadt festgehalten gewesen, konnte nicht rechtzeitig in Krasic
erscheinen. Mit der Volksseele vertraut, insbesondere ein Kenner der
Sdslavin wute er, da, wie die Bosnierin, auch die Kroatin im Zorn
ihren Kindern, so diese ungehorsam sich erwiesen, die Schmerzen der
Geburtswehen vorhlt in der Meinung, dadurch die ahnungslosen Kinder
hart zu strafen. Auf Grund solcher psychologischer Kenntnisse war Herr
Zaba auf "krftige" Vorwrfe seitens der Krasicer Weiber wegen seines
verspteten Erscheinens gefat. Den Hagelsturm von Verwnschungen und
Flchen, wie er in wilder Wut und fanatischer Kraft niederbrauste und
-prasselte, konnte der Richter aber doch nicht ahnen. Ein
Wortgeschmetter grlichster Art von tobschtigen Weibern, die gewillt
waren, den schuldlosen Gerichtsbeamten in Fetzen zu zerreien, und nur
von herbeigeeilten Soldaten von Mord und Totschlag abgehalten werden
konnten.

Alle Seelenkunde lie Zaba im Stich; solchem Verfluchen war er, selbst
ein Sdslave und dem Einflu eigenartiger Erziehung und absonderlicher
Verhltnisse unterworfen, nicht gewachsen; sein Denken wurde verwirrt,
die Seele in Angst vor Verdammung versetzt dadurch, da schwangere
Weiber, deren Gatten erschlagen und erschossen auf dem Dorfplatze lagen,
dem Richter die Verantwortung an dem furchtbaren Unglck aufluden, ihn
vor den Richterstuhl Gottes forderten und seine Sterbestunde
verfluchten. Sinnverwirrt, an vermeintliche Schuld nun selbst glaubend,
wiewohl schuldlos, klagte er sich vor den tobenden Weibern der
Nachlssigkeit und leichtsinnigen Versptung an; besinnungslos rannte er
von einer Leiche zur anderen, bat jeden Toten um Verzeihung und heulte,
da er keine Antwort bekam.

Die Offiziere, von den Weibern malos beschimpft, machten der Szene ein
Ende, fhrten den sinnverwirrten Richter von dem Lindenplatz weg und
redeten ihm zu, Vorkehrungen fr die--Beerdigung zu treffen. Dadurch
gerieten die Gedanken auf den greisen--Pfarrer, den kein Auge erblickt
hatte.

Von der Domestika erfuhr man, da der hochwrdige Pfarrer tags vorher
nach Agram gefahren war und fr den Abend in Krasic erwartet wurde.

Der zappelige Richter verfgte die Verbringung der Leichen in
die--Kirche und sandte Boten nach Jaska, die--Srge beschaffen sollten.
Diese Anordnung beruhigte in etwas die Weiber, die auf Zureden lterer
Mnner auch in die Huser zurckkehrten und fr die Soldaten kochten.
Nicht aus christlicher Barmherzigkeit, sondern im Bestreben,
Plnderungen zu verhindern. Dann eilten die Witwen in die Kirche zu
ihren Toten....

Der verwundeten Soldaten wegen kam ein Militrarzt, der sich auch der
verletzten Bauern nach Mglichkeit annahm.

Da der Schreiner in Jaska Srge in groer Anzahl weder vorrtig hatte
noch sofort beschaffen konnte, war vorauszusehen; der sinnverwirrte
Richter erwartete jedoch das Unmgliche, brachte mit seinem Geschrei
neue Aufregung in das Dorf.

Nicht ein einziger Sarg wurde gebracht. Die Boten kamen nicht wieder.

Spt am Abend kehrte von Agram der greise Pfarrer zurck. Die
Schreckenskunde raubte dem ehrwrdigen Seelsorger die Sprache.
Erschttert vergo er Trnen bittersten Leides. Unter der Linde von
Greisen, Weibern und Kindern umringt, suchte er Trost zu spenden, die
Leute zu beruhigen, von Rachegedanken abzulenken. Freilich schreie das
vergossene Blut gen Himmel, doch die Rache liege bei Gott....

Betend verbrachte der Pfarrer mit den Witwen die schwle Nacht bei den
Toten in der Kirche. Am Morgen konnte er noch die Trauermesse lesen.
Dann aber machte der Verwesungsgeruch der Leichen den Aufenthalt in der
Kirche unmglich. Schnelle Beerdigung war geboten. Srge hatte man
nicht.

Verschwunden der Richter, die Offiziere. Aus benachbarten Drfern kamen
Bauern in Scharen. Von der Gutsherrschaft lie sich niemand blicken.
Unschlssig warn die Soldaten bezglich ihres Verhaltens; der Befehl
lautete, niemanden aus den Husern zu lassen; doch die Leute wollten zur
Beerdigung gehen, die persnliche Freiheit erzwingen. Die Gefahr eines
neuen Krawalls stieg bedrohlich auf. Da lieen die Soldaten alle Leute
frei. Auf Anordnung des Pfarrers wurden die Todesopfer auf Brettern auf
den Friedhof getragen und in ein gemeinsames Riesengrab gelegt. Was
arbeitsfhig war, mute mithelfen, auch die Gaffer aus den
Nachbardrfern.

Am Riesengrab der siebenundzwanzig Leichen sprach der greise Pfarrer
nicht viel, aber eindringlich von der Strafe Gottes fr jene, welche die
Verantwortung zu tragen haben.

Glhend brannte die Sonne Kroatiens hernieder; der Verwesungsgeruch
drngte zur Eile. In aller Hast mute das groe Grab zugeschttet
werden.

Mit der Mahnung zum Frieden, zur Rckkehr in die Huser, zu Gebet und
Arbeit entlie der Pfarrer das tieferschtterte Volk. Und wie betubt
und gebrochen wankte er dem kleinen Widum zu....

Whrend der heien Nachmittagstunden schien das Dorf ausgestorben zu
sein. Niemand zu sehen, auch die Soldeska nicht, kein Offizier;
verschwunden die Gaffer aus den umliegenden Drfern. Tot die Sttte des
Jammers, leer der Platz um die tausendjhrige Linde von Krasic.

Gegen Abend Wagengerassel, Lrm und Befehlsrufe: der Oberstuhlrichter
von Karlstadt war mit Gerichtsbeamten und etlichen Juratusi gekommen,
wollte "ptotokollieren". Der stellvertretende Staresina mute erst die
Offiziere herbeirufen, dann die lteren Mnner von Krasic.
Tatbestandaufnahme unter der Linde. Tische und Sthle wurden aus dem
Widum geholt, der Protest der Domestika hhnend verlacht.

Mit "vorbereiteten Protokollen" konnte summarisch "gearbeitet" werden;
es ging glatt bezglich der Aussagen der beteiligten Offiziere. Die
lteren Bauern von Krasic wollten nicht reden, konnten berhaupt nicht
schreiben und hatten etwas im Blick, das den Oberrichter schwer reizte
und schreien machte: "Wir wissen schon, was ihr wollet! Eure Rechte! Wir
werden euch zeigen, was eure Rechte sind! Was geschehen ist, habet ihr
reichlich verdient! Schade ist, da nicht alle Aufrhrer erschossen und
erschlagen worden sind! Die Protokollierung seid ihr nicht wert! Gehet
alle zum Teufel! Fort!"

Die Juratusi schrieben emsig weiter. Es mochte sich um das
"Generalprotokoll" handeln, fr das die Unterschrift der Hauptperson,
des Dorfpfarrers, gewnscht und bentigt wurde. Zwar erschien
schleppenden Ganges, gebeugt und zermrbt von dem schweren
Schicksalsschlag der Seelsorger im Weihaar vor dem Tisch des
Oberrichters unter der Linde, hrte demtig und aufmerksam an, was mit
zuckerser Stimme freundlich lockend gesprochen wurde, doch die Antwort
war ein Kopfschtteln, das die Silberstrhne flattern machte.

Der Ton der Bitte um die Unterschrift des Zupnik wurde weich und
flehend.

Das Weihaar flatterte heftiger.

Eindringlich wurde der Hinweis, da der Priester es in der Hand habe,
seiner Gemeinde den Frieden zu bringen, der Behrde die schwere Arbeit
zu erleichtern und abzukrzen.

"Ich kann nicht unterschreiben! Und ich will nicht!" erklrte festen
Tones der greise Pfarrer.

Was nun geschah, machte die Juratusi und Beisitzer trotz der heien
Temperatur frsteln: der hochmtige Oberstuhlrichter bat mit gefalteten
Hnden den Dorfpfarrer um die Unterzeichnung des Protokolltextes....

Wieder flatterte das Silberhaar.

Der Oberrichter schlug einen anderen Ton an, sprach jedoch nicht
deutlich aus, was beabsichtigt sei und geschehen werde. Dem Sinn nach
war es die Drohung, da der Bauern alte und neue Rechte "begraben"
wrden, und da der Zupnik von Krasic dafr die Verantwortung zu tragen
haben werde.

Der alte Pfarrer richtete einen langen forschenden Blick auf den
Oberrichter und ging mde, wie gebrochen, von der Linde weg. Niemand
wute, ob der Priester den Sinn der Drohung verstanden hatte oder nicht
verstehen wollte.

Zur Nchtigung begaben sich die Gerichtsherren in das benachbarte Dorf
Jaska, wo der Stuhlrichter Zaba fr Quartier und Verlegung sorgte.

Krasic blieb unter Bewachung seitens des Militrs mit scharfem
Nachtdienst.

Am Vormittag kehrten die Gerichtsherren in das unglckliche Dorf zurck.
Tisch und Bnke wurden hart an der Kirche aufgestellt; jedoch wurde
nichts mehr geschrieben. Der Oberrichter sprach mit den herbeigeeilten
Offizieren, von denen dann ein Leutnant mit einem Juratus ins Dorf
hineinschritt.

Ein Stndchen spter kam dieser Offizier mit dem Juratus und fnfzig
Soldaten, die xte und Beile trugen, zurck, und alle nahmen Aufstellung
unter der tausendjhrigen heiligen Linde.

Der Platz ringsum blieb menschenleer. Die Drfler wurden vom Militr
gewaltsam in den Husern und Htten festgehalten.

Ein Wink des Oberrichters. Ein militrischer Kommandoruf ertnte. Gleich
darauf geschah etwas Unerhrtes nach sdslavischen Begriffen: die uralte
Linde wurde mit Axtschlgen mihandelt.

Knatternde Beilhiebe gegen den Stamm der heiligen Linde. Dumpf,
drhnend, knatternd, prasselnd. Ein fast kindisches Tun am riesenhaften
Baum; die schrfsten Eisen konnten die Rinde ritzen; nicht aber den
Splint angreifen. Kaum kleine Splitter sprangen ab vom Stamm.

Zurufe des Oberrichters, dem die Vernichtungsarbeit zu langsam vor sich
ging, reizten auf, erzwangen den krftigeren Angriff.

Die Schneide einer Axt wurde schrg angesetzt; mit wuchtigen Hieben
trieben die Soldaten die Rcken anderer Beile tiefer in den Splint; ein
Dutzend Hnde drngte den Axtstiel seitlich, so da der Axtkopf klaffend
Bresche ri, ein Stck Splint mit Rinde absprang. Unzhlige Male wurde
dieses mhsame Tun wiederholt, doch blieb der Erfolg gering bei dem
ungeheuren Umfang dieses riesenhaften Baumes; so gering, da beim
Scheine mehrerer Lagerfeuer die Nacht hindurch an dem Vernichtungswerk
gearbeitet wurde.

Bis spt in die Nacht hinein vertrieben sich die Richter, die Juratusi
und die Offiziere die Zeit mit Kartenspiel und fleiigem Zechen,
den--Sturz der heiligen Linde erwartend, dessen Zeugen die gewaltigen
Herren sein wollten.

Den greisen Pfarrer konnte man hnderingend am Fenster sehen....

Im Dorfe wute man von der Zerstrungsarbeit nichts. Niemand durfte das
Haus verlassen. Das Militr hielt scharfe Wacht....

Gegen Morgengrauen weckten dumpfes Getse und ein markdurchdringender
Schrei die Gerichtsherren am Zechtisch aus dem Schlummer: die riesige
Linde war krachend niedergestrzt, ihr Stamm hatte im Sturz einen
Soldaten erwischt und zermalmt. Gefllt und vernichtet das Heiligtum,
das Wahrzeichen altslavischen Glaubens und Rechtes, die Linde als
Versammlungssttte und Symbol....

Wie ein rachegieriges Ungeheuer lag der Baumstamm auf der Leiche des
zermalmten Soldaten. Alle Versuche, dieses Opfer frei zu bekommen,
schlugen fehl.

Die Sdslaven unter den bestrzten Soldaten jammerten, murrten, da der
von der Linde erschlagene Kamerad des Grabes in geweihter Erde auf lange
Zeit entbehren msse.

Den Offizieren wurde unbehaglich.

Der ob der Lindenvernichtung triumphierende Oberrichter wischte sich den
Schlaf aus den weintrben Augen und empfahl die Abtrennung der Beine vom
Leichnam des zermalmten Soldaten. Die Beine sollte man im Friedhof
begraben, dann knnen Leib und Kopf leichter--warten.

Mit schallendem Gelchter begrten die Juratusi diesen "Witz" ihres
obersten Vorgesetzten.

Ein Frhstck noch, das der Widum liefern mute; dann fuhr die
Gerichtskommission eilig von Krasic weg. Bis zur Mittagsstunde war auch
die militrische Besatzung abmarschiert, so still, da die Drfler nur
mhlich ihre Befreiung merkten.

Als die der Linde benachbarten Hausbewohner das Zerstrungswerk
gewahrten, verbreiteten sie heulend die Kunde im Dorf, so da zum Abend
die Bevlkerung weinend den heiligen Baum umstand, klagend in tiefster
Trauer, wie um einen geliebten hervorragend edlen Menschen.... Kein
Drfler nahm auch nur ein Zweiglein von der Linde zum Gedenken heim. Der
Baum blieb unberhrt.

Still und wehmtig kehrten die Leute in ihre Huser zurck.

So gro und niederschmetternd war der Eindruck der Vernichtung des
Dorfheiligtums, da Emprung und Rachegier nicht aufkommen konnten.
Mchtiger war der Schmerz....

Unter Leitung des stellvertretenden Staresina fand am Morgen eine
Trauerversammlung unweit der gefllten Linde statt, und ruhig verhielten
sich die Mnner, solange der Vorsteher in Wehmut von der Vernichtung des
Wahrzeichens sprach und die Leute von Krasic aufforderte, keinen Finger
zur Fortschaffung des Baumes zu rhren. Es solle der Lindenbaum ein
Zeuge des Unglckes von Krasic bleiben....

Die Kpfe der Mnner gingen hoch, als der Staresina der Hoffnung
Ausdruck gab, da aus den Wurzeln der alten Linde ein neuer Baum, mit
ihm die Gerechtigkeit ersprieen mge, das neue Recht zugunsten der
gepeinigten Bauern.

Eine siebenkpfige Abordnung wurde gewhlt, die zu Fu nach Agram zog,
den Banus um Gerechtigkeit und Bestrafung der Mrder von
siebenundzwanzig Krasicern und der heiligen Linde zu bitten.

Unverrichteter Dinge kehrte die Abordnung zurck. Der Ban hatte die
Leute nicht empfangen ihnen sagen lassen, da eine strenge Untersuchung
stattfinden werde.

Drei Monate warteten die Krasicer auf die
"Gerechtigkeits"-Kommission--vergeblich. Es kam kein "Herr" von
Karlstadt, niemand von Agram. Bauern von weither in Massen, die
entblten Hauptes vor der gemordeten Linde standen und beteten.

Jahre hindurch blieb der vermodernde Riesenstamm unberhrt als Zeuge
jenes bitteren Ereignisses liegen. Die Krasicer rhrten keinen Finger.
Die Behrden erst recht nicht.

Tatschlich spro aus der Leiche der alten heiligen Linde ein neues
Bumchen hervor, das eine neue Zeit und mit ihr eine Regelung der
Abgabenpflichten und der Rechte der Bauern brachte. Und als der Moder
der alten Linde zerfallen, vom Meteorwasser verschwemmt, von den Winden
verweht war, das Jungbumchen erstarkte, erlosch der grimme Ha des
kroatischen Bauers gegen jeden "Herrn", das heit gegen jeden Menschen,
der nicht stndig Bauernkleidung trug.

Das ist die Geschichte der tausendjhrigen Linde.


Funoten:

[15] Nicht berschreite er auf vier Fen die Brcke.

[16] Pravo = Recht, Berechtigung. Gemeint war die "Knigliche
Proposition" des nach mehrjhrigen Parlamentskmpfen im Ungarischen
Reichstag endlich 1837 zustande gekommenen Urbanialgesetztes gegen die
Bauernschinderei.





End of the Project Gutenberg EBook of Aus Kroatien, by Arthur Achleitner

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