The Project Gutenberg EBook of Chr. M. Wieland's Biographie, by H. Doering

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Title: Chr. M. Wieland's Biographie

Author: H. Doering

Release Date: January 4, 2006 [EBook #17454]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHR. M. WIELAND'S BIOGRAPHIE ***




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BIOGRAPHIEN
DEUTSCHER CLASSIKER.


SUPPLEMENT
zu der Gschen-Cottaischen Ausgabe
"DEUTSCHER CLASSIKER."


Drittes Bndchen.
CHR. M. WIELAND.


Jena,
Verlag von Carl Doebereiner.
1853.



CHR. M. WIELAND'S
Biographie
von
=Dr.= H. DOERING.


Complet in Einem Bndchen.


Jena,
Verlag von Carl Doebereiner.
1853.




WIELAND'S LEBEN.


_Christoph Martin Wieland_ erblickte in dem unfern der ehemaligen freien
Reichsstadt Biberach gelegenen Dorfe Ober-Holzheim am 5. September 1733
das Licht der Welt. Sein Vater, _Matthias_, der dort eine Pfarrstelle
bekleidete, doch bald nachher Prediger an der Marien-Magdalenenkirche zu
Biberach ward, hatte die Jurisprudenz, der er sich anfangs gewidmet,
spter in Halle mit dem Studium der Theologie vertauscht. Er war ein
eifriger Anhnger Spener's und des damals weit verbreiteten Pietismus
geworden. Vorherrschend blieb in seinem Benehmen immer eine gewisse
Abgemessenheit, ein feierlicher Ernst, den er von der priesterlichen Wrde
fr unzertrennlich hielt. Seine Liebe zur Einsamkeit hatte zum Theil in
seinen beschrnkten Verhltnissen ihren Grund. Durch langwierige Processe
seiner Mutter hatte er sein kleines Erbtheil fast ganz eingebt. Mit
gleicher Resignation, wie er, ertrug seine Gattin, eine geborne _Kieke_,
die mannigfachen Entbehrungen, die ihres Mannes Lage zu fordern schien.
Sie war eine stille, anspruchslose Hausfrau, die jede berflssige Ausgabe
zu vermeiden suchte. Mit inniger Liebe hing sie an ihrem Sohne, und diese
Liebe verminderte sich nicht, als ihm noch ein Bruder geboren ward, der
schon frh an Engbrstigkeit litt, und bereits im Jnglingsalter starb.

Seiner Amme verdankte Wieland, wie er in sptern Jahren erzhlte, seine
groe Liebe zur Reinlichkeit. Als ihm einst der Dreier, wofr er sich beim
Gange in die Schule sein Frhstck kaufen sollte, zufllig aus der Hand
fiel, konnte er sich nicht entschlieen, die sehr beschmutzte Kupfermnze
wieder aufzuheben. Er zog es vor, hungrig die Schule zu betreten. Ein
gewisser Ernst, der ihn selbst bei seinen jugendlichen Spielen nie ganz
verlie, blieb ihm in seinen Knabenjahren eigen. Von Natur war er
schwchlich. Aber bei dem Unterricht, den ihm sein Vater schon im dritten
Lebensjahre ertheilte, entwickelten sich bald seine Geistesanlagen in
reger Wibegier, schneller Auffassungsgabe und einem trefflichen
Gedchtni. Er war noch sehr jung, als er, auer einer grndlichen
Kenntni des Lateinischen und Griechischen, auch in der Mathematik, Logik
und Geschichte bedeutende Fortschritte gemacht hatte. Mit einer sehr regen
Phantasie verband er Wrme und Innigkeit des Gefhls. Durch seine
Gemthsanlagen, vielleicht auch durch das Beispiel seines Vaters neigte er
sich frh zur religisen Schwrmerei. Verndert ward diese Geistesrichtung
durch das mit groem Eifer von ihm betriebene Studium der rmischen und
griechischen Classiker. Die Lebensbeschreibungen der Helden im Cornelius
Nepos begeisterten ihn.

Lebhaft regte sich seit seinem zwlften Jahre Wielands Gefhl fr Poesie,
noch ehe er den Virgil und Horaz gelesen hatte, die spterhin seine treuen
Begleiter auf einsamen Spaziergngen wurden. Seine ersten poetischen
Versuche waren lateinische Verse. Anakreon war sein Vorbild bei einem
Gedicht von der Echo, dem er eine Ausdehnung von beinahe 600 Versen gab.
Nicht viel krzer war ein anderes Gedicht in Distichen, zu welchem ihm die
bekannte Fabel von den Pygmen den Stoff bot. Dies Gedicht war eigentlich
eine Satyre auf die sehr kleine Frau des Rectors an der Schule zu
Biberach. In deutschen Versen whlte sich Wieland den durch sein
"Irdisches Vergngen in Gott" gefeierten Dichter Brockes zum Muster. Von
Gottsched, dem damaligem Tonangeber des guten Geschmacks, entfernte ihn
sein sehr feines Gefhl fr das wahre Schne.

Nicht blos der Form, auch dem Inhalt nach, blieb Brockes Wielands Vorbild
in mehreren Cantaten und andern religisen Dichtungen, die er zwischen
seinem zwlften und dreizehnten Jahre schrieb. Auch einige Opern und
Ballette fielen in jene Zeit. Seine Begeisterung fr die Poesie hatte
jedoch mit manchen Hindernissen zu kmpfen. Das vaterliche Verbot, mit
irgend etwas Anderem, als wissenschaftlichen Gegenstnden sich zu
beschftigen, nthigte ihn, frh aufzustehen, und die Morgenstunden zu
seinen poetischen Arbeiten zu benutzen. Keins seiner dichterischen
Versuche, ein Epos, "die Zerstrung Jerusalems" betitelt, nicht
ausgenommen, gengte ihm. In jugendlichem Unmuth verbrannte Wieland die
meisten seiner poetischen Versuche, und auch die wenigen, die seine Mutter
gerettet hatte, traf spterhin ein gleiches Schicksal.

Wielands Gefhl fr die Schnheiten der Natur ward frh geweckt durch die
anmuthigen Umgebungen der Stadt Biberach. Die Liebe zur Einsamkeit blieb
ein vorherrschender Zug in seinem Charakter. Oft brachte er nicht blos
einen groen Theil des Tages, sondern auch manche Sommernacht in dem an
der vterlichen Wohnung gelegenen Garten zu. In froher Erinnerung an seine
Jugendzeit dichtete er spter (1780) in seinem "Oberon" die Verse: "Du
kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen, den ersten Schmerz, die erste
Lust empfand" u.s.w. In einem sptern Briefe an einen Freund gestand
Wieland, da sein Jugendleben in einer anmuthigen Gegend groen Einflu
auf seine Bildung gehabt habe.

Sein vierzehntes Jahr hatte er kaum erreicht, als ihn sein Vater nach der
bei Magdeburg gelegenen Lehranstalt Klosterbergen sandte. Unter dem Abt
Steinmetz, dem damaligen Director jenes Instituts, war Wieland, bei dessen
Hinneigung zum Pietismus, der Gefahr ausgesetzt, ein religiser Schwrmer
zu werden. Seine Liebe zur Einsamkeit fand in Klosterbergen neue Nahrung.
Heilsam war ihm daher das mit besonderem Eifer betriebene Studium der
neuern Sprachen. Im Franzsischen machte Wieland, ungeachtet eines sehr
mittelmigen Lehrers, schnelle Fortschritte. Bald war er im Stande, ohne
Hlfe eines Wrterbuchs, mehrere franzsische Schriftsteller zu lesen.
Fontenelle, d'Argens und Voltaire waren seine Lieblinge, obschon der
Letztere durch seinen Spott ber religise Gegenstnde Wielands Gefhl
emprte. Er war durch diese Lectre allmlig ein Skeptiker geworden. In
einem philosophischen Aufsatze suchte er zu beweisen, da das Universum,
ohne einen Gott, aus ewigen Elementen sich habe bilden knnen. Die harten
Vorwrfe, die ihn von seinem Lehrer wegen dieses Jugendproducts trafen,
konnte nur Wielands tadelloses, rein sittliches Leben einigermaen
mildern. Er klagte jedoch sich selbst hart an wegen seiner Zweifel an der
Existenz Gottes. In schlaflosen Nchten rang er sich die Hnde fast wund,
und vergo bittere Thrnen der Reue. Er war an seinem Glauben irre
geworden, und frchtete die Ewigkeit der Hllenstrafen.

Eine freiere Richtung nahm Wielands Geist, als er sich wieder den
classischen Studien zuwandte. Whrend seines zweijhrigen Aufenthalts
hatte er den Livius, Terenz, Horaz, Virgil und andere rmische Autoren fr
sich gelesen. Auch einige griechische Schriftsteller whlte er zu seiner
Lectre. Den grten Einflu auf seine Denk- und Sinnesart gewann
Xenophon. In sptern Jahren erzhlte Wieland, wie er sich damals an der
Cyropdie nicht habe satt lesen knnen. Besonders gefiel ihm die Episode
von "Araspes und Panthea," die er spterhin zum Stoff einer Dichtung
whlte. Die "Denkwrdigkeiten des Sokrates" galten ihm, nach seinem eignen
Ausdruck, fr "das Evangelium der Welterlsung." Eine hnliche Richtung,
wie sie Xenophon verfolgte, fand Wieland in dem =Spectator=, =Tatler=,
=Guardian= und andern englischen Journalen, die ihm damals zufllig in die
Hnde geriethen.

Philosophische Studien, die er schon frh lieb gewonnen hatte, behielten
noch immer einen lebhaften Reiz fr ihn. Unter den Alten war Cicero sein
Liebling. Das ernste Studium von Wolfs Schriften und von Bayle's
historisch-kritischem Wrterbuche vollendete Wielands philosophische
Bildung. In sptern Jahren gestand er, da er "durch eine poetische
Manier, in den metaphysischen =terris incognitis= herum zu vagiren,"
damals von einem System zum andern bergesprungen sei. Von diesem
Schwanken befreite ihn einer seiner Lehrer, Rther mit Namen, der sich
seiner wahrhaft vterlich annahm. Auch der Conventual Grter machte sich
vielfach um seine Geistesbildung verdient.

Wielands Flei whrend seines zweijhrigen Aufenthalts in Klosterbergen
war musterhaft. Neben seinen philologischen und philosophischen Studien
betrieb er mit Eifer sein knftiges Berufsfach, die Theologie. Er fand
noch Mue, sich im deutschen Styl zu ben, fr den in den damaligen
Lehranstalten wenig gesorgt war. Belehrend waren fr ihn die zahlreichen
Beispiele aus alten und neuern Schriftstellen in Breitinger's kritischer
Dichtkunst. Auch durch das Lesen mancher kritischer Bltter suchte er sich
zu bilden. Er fand darin reichen Stoff zum Vergleichen und Prfen, nachdem
er seine eignen poetischen Krfte mehrfach versucht hatte.

Obgleich weniger productiv, als frher, hatte Wielands Neigung zur
Dichtkunst sich nicht vermindert. Anziehend waren fr ihn, auer Gellert
und Hagedorn, besonders Hallers Gedichte durch ihren philosophischen
Inhalt und durch die Wrde der Sprache. Verdrngt aber wurden jene
Dichter, als Klopstock mit seinem "Messias" hervortrat. Unbeschreiblich
war Wielands Enthusiasmus, als er die ersten Gesnge jener Dichtung in den
"Neuen Beitrgen zum Vergngen des Verstandes und Witzes" gelesen hatte.
Er fand in jenen Gesngen volle Befriedigung fr Geist und Herz, fr seine
Religisitt und fr sein poetisches Gefhl.

Der Dichtkunst blieb Wieland auch in Erfurt treu. Auf den Wunsch seines
Vaters hatte er sich 1749 in die genannte Stadt begeben. Er war damals
sechszehn Jahre alt. Den grten Theil der poetischen Versuche, die in
jener Zeit entstanden, verwarf Wieland wieder, oder lie sie wenigstens
unvollendet. Zu einem ziemlich langen Epos in Hexametern bot ihm die
griechische Mythologie den Stoff. Unter solchen Beschftigungen fhrte er
auch in Erfurt ein einsames Leben. Der Mangel eines Jugendfreundes
nthigte ihn, sich an ltere Personen anzuschlieen, zu denen ihn der
Ernst seines Wesens ohnedie hinzog.

Einen vterlichen Freund fand er in Erfurt an dem mit seiner Familie
verwandten =Dr.= Baumer, der spter eine Professur der Medicin und Chemie
in Gieen erhielt, und dort als Hessen-Darmstdtischer Bergrath starb.
Seine Kenntnisse in der Philosophie zu berichtigen und zu erweitern, war
die Hauptaufgabe, die Wieland in Erfurt sich stellte. Baumer's logische
Vorlesungen und ein Privatissimum ber die Wolfische Philosophie gaben
seinem Geiste reiche Nahrung. Mit Vergngen erinnerte sich Wieland in
sptern Jahren, an den Genu, den ihm Baumer verschafft, als er ihm zur
Lectre des Don Quixote verholfen. Aus jenem Roman habe er "die groe
allgemeine Naturgeschichte der menschlichen Thorheit und Narrheit" kennen
gelernt.

Bereichert mit mannigfachen Kenntnissen, kehrte Wieland 1750 nach Biberach
zurck. Der Sommer, den er im elterlichen Hause zubrachte, war eine der
merkwrdigsten Perioden seines Lebens. In diese Zeit fiel Wielands erste
Liebe. Ihr Gegenstand war Sophie v. Gutermann, die Tochter eines Arztes,
der mit Wielands Eltern in freundschaftlichen Verhltnissen stand. Nicht
durch blhende Schnheit, durch jugendliche Reize fhlte sich Wieland zu
Sophien hingezogen. An seinem rein platonischen Liebesverhltni hatte die
Sinnlichkeit auch nicht den entferntesten Antheil. Was ihn an Sophien
fesselte, war ihre ausgezeichnete Geistesbildung, die sie schon frh durch
das Lesen der besten deutschen Schriftsteller erlangt hatte, ihr rastloses
Streben nach Erweiterung ihrer Kenntnisse, und ihr glhender Enthusiasmus
fr alles Gute, Wahre und Schne. Obgleich nur zwei Jahre lter, als
Wieland, bte Sophie doch durch die Festigkeit ihres Charakters und innere
Haltung eine seltene Herrschaft ber den jungen Schwrmer aus. An
Kenntnissen ihr berlegen, suchte Wieland mit poetischer Begeisterung
Sophiens rege Wibegierde zu befriedigen.

Diesem Verhltni dankte Wielands erstes gedrucktes Gedicht seinen
Ursprung. Auf einem einsamen Spaziergange nach dem St. Martinskirchhofe
traf Sophie einst ihren Freund, und ihre Gefhle begegneten sich dort zum
ersten Mal in der Begeisterung fr die Schnheiten der Natur. Ein solches
Stillleben, meinte Wieland, sei allen geruschvollen Freuden der Welt
vorzuziehen. Durch den Umgang mit Sophien, uerte er in einem sptern
Briefe, mit Hindeutung auf seinen frhern Skeptizismus, sei er ein ganz
anderer Mensch, ein Freund der Tugend und Religion geworden. Unvergelich
blieb ihm noch in sptern Jahren ein schner Sommertag, an welchem er mit
der Geliebten in den freundlichen Umgebungen von Biberach umhergewandelt,
und sich mit ihr von der Bestimmung der Geister und Menschen und von der
Wrde der menschlichen Seele unterhalten hatte. Durch eine Predigt seines
Vaters ber den Text: Gott ist die Liebe, war er auf dies Thema gefhrt
worden. Die Frucht jenes enthusiastischen Gesprchs, das seine Begleiterin
bis zu Thrnen rhrte, war Wielands Lehrgedicht: "Die Natur der Dinge oder
die vollkommenste Welt." Es ward im Februar 1751 begonnen, im April des
genannten Jahres vollendet, und noch im Jahr 1770 zum dritten Mal
gedruckt.

Mit Schmerz trennte sich Wieland von der Geliebten, die im Herbst 1750
nach Augsburg zurckkehrte, wo ihr Vater, frher in Kaufbeuern ansssig,
sich niedergelassen hatte. Noch oft trat in Tbingen, wo Wieland um diese
Zeit seine akademische Laufbahn erffnete, Sophiens Bild vor seine Seele.
Der Eindruck, den sie auf sein Herz gemacht, war so tief, da die in einem
Briefe seines Vaters ausgesprochenen Zweifel an der Bestndigkeit seiner
Liebe ihn sehr schmerzten.

In seiner schwrmerischen Stimmung kannte er kein hheres Glck, als
Sophiens Besitz. Ueber die mannigfachen Schwierigkeiten, die der Erfllung
seines Lieblingswunsches entgegen treten konnten, setzte er sich leicht
hinweg. Im Geist sah er schon seine brgerliche Existenz begrndet,
whrend er noch nicht mit sich einig war ber das Berufsfach, dem er sich
widmen wollte. Die Jurisprudenz schreckte ihn durch ihre Trockenheit. Um
Theolog zu werden, htte er eine strkere Brust haben mssen. Das Studium
der Medicin ward ihm verleidet durch seine unberwindliche Scheu vor
todten Krpern, Krankenstuben und Spitlern. Er besuchte in Tbingen fast
gar kein Collegium. Die Liebe zur Einsamkeit fesselte ihn an sein Zimmer.
Ohne Freunde, ja fast ohne allen Umgang, brtete sein Geist ber der Idee,
die schnsten poetischen Blthen, die ihm sein Dichtertalent bieten
mchte, zur Verherrlichung seiner Geliebten in einen Kranz zu flechten. So
entstand sein frher erwhntes Gedicht: "Die Natur der Dinge oder die
vollkommenste Welt."

Begeistert von diesem Product, das er spter einer sehr strengen
Beurtheilung unterwarf, sandte Wieland sein Gedicht dem Professor Meier in
Halle, der damals als philosophischer Kopf und als Kritiker viel galt.
Weder seinen Namen, noch seinen Aufenthaltsort erwhnte er in seinem
Briefe. Meier hielt einen Adlichen fr den Verfasser des ihm gesandten
Gedichts, das er sofort drucken lie, und es mit einer Vorrede begleitete.
Noch ehe er das Schicksal seines Werks erfahren, hatte Wieland einen neuen
poetischen Plan entworfen. Die fnf ersten Gesnge eines epischen
Gedichts, "Hermann" betitelt, sandte er an Bodmer in Zrich, der damals in
dem lebhaftesten literarischen Kampfe mit Gottsched und seinen Anhngern
verwickelt war. Bodmer nahm die ihm gesandte Probe gnstig auf, vielleicht
schon deshalb, weil Wieland in jugendlicher Begeistrung seine Parthei
ergriffen hatte. Er trat mit dem jungen Autor in einen fortgesetzten
Briefwechsel.

In einer anmuthigen Sommerwohnung, spterhin das Wielandshuschen genannt,
auf einem Weinberge unweit Tbingen, diesseits des Neckars gelegen, lebte
Wieland damals dem Genu der Natur, einsamen Studien und mancherlei
poetischen Versuchen, von allem Umgang entfernt, in fast gnzlicher
Abgeschiedenheit. Seine Geistesrichtung und Empfindungsweise schilderte er
in einem damaligen Briefe mit den Worten: "Ich habe von der Dichtkunst
keinen kleinern Begriff, als da sie die Sngerin Gottes, seiner Werke und
der Tugend seyn soll. Inzwischen gefallen mir doch auch die Aeuerungen
jugendlicher Freude, wenn sie unschuldig ist, und Gleim und Hagedorn haben
mich oft ergtzt." In wechselnder Stimmung war Wieland jedoch auch den
unschuldigsten Scherzen so abgeneigt, da er die genannten Dichter eines
strflichen Leichtsinns beschuldigte. Der Ernst seiner Natur zog ihn zu
den englischen Poeten, zu Milton, Pope, Addison, Young, Thomson u.A. "Den
Franzosen," schrieb Wieland, "bin ich, ihres flchtigen und affenmigen
Charakters wegen, recht gram, und noch mehr den Deutschen, die ihren Geist
lieber nach diesen lcherlichen Geschpfen bilden wollen, als nach den
denkenden, mnnlich schnen und zuweilen himmlischen Britten."

Aus einer schwrmerischen Ueberspannung seines Geistes ging Wielands
Streben hervor, die Irreligiositt und den Leichtsinn zu bekmpfen. Er
wollte der Welt zeigen, da das Schne im cht platonischen Sinne mit dem
Guten einerlei sei. Auf keinen Dichter seiner Zeit lenkte sich Wielands
Aufmerksamkeit entschiedener, als auf Klopstock. Von der enthusiastischen
Verehrung jenes Sngers zeugten mehrere damalige Briefe Wielands. Ein
Nachahmer Klopstocks ward er nicht, ungeachtet es in seiner Natur lag,
leicht etwas anzunehmen von der Manier der Schriftsteller, die seinem
Geschmack besonders zusagten. Wielands "Lobgesang auf die Liebe", und ein
Gedicht, "der Frhling" berschrieben, zeigten unverkennbar den Einflu,
den Kleist auf sein poetisches Talent gehabt hatte. Er machte keinen
Versuch, den Snger der Messiade auf dem khnen Fluge seiner Phantasie zu
begleiten. Nur als Mensch wollte er ihm gleichen. Ihn beseelte ein
gewisser moralischer Stolz, der noch genhrt ward durch die Vergleichung
des gewhnlichen Lebens und Treibens der Menschen mit den erhabenen
Mustern von Tugend und Seelengre, die ihm ltere und neuere
Schriftsteller vor Augen stellten. Mit Enthusiasmus hatte er als Knabe,
wie frher erwhnt, den Cornelius Nepos gelesen. Noch hher begeisterte
ihn als Jngling die Schilderung jeder edlen That, whrend er sich von
schlechten Handlungen mit Abscheu hinweg wandte.

Auch in der Poesie, wie im Leben, blieb ihm ein lebendiges Gefhl fr das
Reinsittliche. Den philosophischen und moralischen Gedichten gab er vor
allen andern den Vorzug. Er schrieb darber unter andern: "Ich schtze die
heroischen Gedichte sehr hoch; aber ich berlasse es grern Geistern,
darin gro zu seyn oder sich darin zu versuchen. Ich begnge mich, die
wenigen Nebenstunden, die mir meine Muse gleichsam entwendet, dazu zu
benutzen, in philosophischen und moralischen Gedichten, und also in
Absicht der Dichtkunst in einer kleinen Sphre, die liebenswrdige Tugend
zu preisen."

Unter den Gedichten Wielands, die whrend seines Aufenthalts in Tbingen
entstanden, war der "Anti-Ovid", im Sommer 1752 verfat, nicht blos gegen
den Leichtsinn der Rmer, sondern auch der Franzosen gerichtet. Die Liebe
begeisterte ihn, in diesem Lehrgedicht einen Gegenstand zu whlen, dem er,
wie er in sptern Jahren gestand, damals kaum gewachsen war, da es ihm in
seiner Einsamkeit, umgeben von seinen Bchern, an der nthigen
Menschenkenntni fehlte, die er nur aus der Beobachtung der
Lebensverhltnisse schpfen konnte.

Einige Monate frher, als der "Anti-Ovid", im Mai 1752, entstanden
Wielands "moralische Erzhlungen." Bereits am Schlu des Jahres 1751 hatte
er seine "moralischen Briefe" herausgegeben. Von seinen bisherigen
Gedichten unterschieden sich die hier genannten weniger durch ihren
Gehalt, als durch die Form. Fr die "moralischen Briefe" hatte Wieland
Alexandriner, fr die "moralischen Erzhlungen" reimlose Jamben gewhlt,
und fr den "Anti-Ovid" ein freies Versma in wiederkehrenden Reimen.
Unter solchen Beschftigungen lebte Wieland weniger in der wirklichen
Welt, als in dem Reich der Ideale, das ihm seine Phantasie vorzauberte.
Seine Zukunft schien ihn wenig zu kmmern. In einer Art von
Selbstcharakteristik, die er noch whrend seines Aufenthalts in Tbingen
in einem Briefe an seine geliebte Sophie entwarf, gestand er, trotz seiner
mannigfachen Fehler, sich "ein gutes Herz und einigen Geist" zu, dabei
glaubte er mit Wahrheit versichern zu knnen, da es "sein Geist gewesen,
der sein Herz zu einem so guten gemacht habe."

Im Juni 1752 war Wieland aus Tbingen wieder in das elterliche Haus nach
Biberach zurckgekehrt. Lebhaft misbilligte sein Vater die Art und Weise,
wie er bisher seine Studien betrieben hatte. Ueber dem Versemachen hatte
er seinen knftigen Beruf fast gnzlich aus den Augen verloren. Einer
sogenannten Brodwissenschaft sich zu widmen, war ihm gar nicht in den Sinn
gekommen. Sehr abgeneigt war er daher dem vterlichen Plan, sich in
Gttingen der Laufbahn eines akademischen Docenten zu widmen. Wieland
meinte, da er dazu, wie zu manchem Andern, gar nicht passe. Er hoffte
wohl noch einen Wirkungskreis zu finden, der mit seinen Fhigkeiten und
Neigungen mehr harmonirte. Einer Lehrstelle an einem Gymnasium glaubte er
gewachsen zu seyn. Sein sehnlichster Wunsch war eine Professur an dem
Carolinum zu Braunschweig, besonders deshalb, weil er dadurch mit Grtner,
Ebert, Zachari u.a. talentvollen Mnnern, die in dem genannten Institut
Lehrstellen bekleideten, in nhere Berhrung zu kommen hoffte. Zur
Erfllung seines Lieblingswunsches zeigte sich jedoch keine Aussicht.

Von dem peinlichen Gefhl, seinen Eltern durch weitere Untersttzung
beschwerlich zu fallen, ward Wieland befreit durch eine Einladung
Bodmer's, zu ihm nach Zrich zu kommen. Er hatte den jungen Autor, nach
den poetischen Versuchen, die ihm Wieland gesendet, sehr liebgewonnen.
Gegen die Reise nach der Schweiz, die im Herbst 1752 angetreten werden
sollte, hatte Wielands Vater nichts einzuwenden. Er glaubte vielmehr, da
eine solche Entfernung seinen Sohn in mannigfacher Hinsicht heilsam seyn
mchte, besonders auch in Bezug auf seine Herzensangelegenheit, von der er
sich keinen sonderlichen Ausgang versprach. Wieland aber wollte Biberach
nicht verlassen, ohne seine geliebte Sophie noch einmal gesehen zu haben.
Manche Umstnde traten ein, die seine Hoffnung von einer Zeit zur andern
verzgerten. Er versank darber, wie er sich in einem seiner Briefe
uerte, "in einen Zustand von Unthtigkeit und Verdrielichkeit, der ihm
oft zur Last ward." Eine Beurtheilung von Bodmer's "Noachide" half ihm die
langweilige Zeit einigermaen verkrzen.

Genureiche Tage versprach sich Wieland von dem Leben in Zrich. Da er
seine dortigen Freunde nicht so bald wieder verlassen wollte, so wnschte
er in der Schweiz durch eine Hofmeisterstelle sich die Mittel zu seiner
Subsistenz zu sichern. Noch eh' er nach Zrich abgereist war, wandte er
sich deshalb schriftlich an Bodmer's Freund, den Rathsherrn Schinz, und
bat ihn um seinen Rath. In Bodmer's anmuthig gelegener Wohnung, wo er am
13. October 1752 eintraf, fand er einen freundlichen Empfang. Ehrfurcht,
Liebe und Dankbarkeit fesselten ihn bald an den Mann, der durch
Mittheilung seiner literarischen Schtze und durch seine belehrenden
Gesprche sehr gnstig auf Wieland einwirkte. Mit seiner Denk- und
Empfindungsweise harmonirte Bodmer's einfaches Leben, seine
Zurckgezogenheit von der Welt und die Neigung zu literarischen
Beschftigungen. Auch nachdem sie lngere Zeit zusammen gelebt, trat in
ihrem freundschaftlichen Verhltni keine wesentliche Strung ein. Noch in
sptern Jahren nannte Wieland jene Periode die glcklichste seines Lebens.

In so heiterer Stimmung vollendete er seine schon zu Biberach angefangene
"Abhandlung von den Schnheiten des epischen Gedichts Noah", das sein
vterlicher Freund Bodmer verfat hatte. Bodmer lie jene Abhandlung 1753
zu Zrich drucken, und bald nachher auch ein von Wieland verfates
"Schreiben ber die Wrde und Bestimmung eines schnen Geistes." Auch zur
Poesie kehrte Wieland in Zrich wieder zurck. Auf Bodmers Vorschlag
schrieb er ein kleines Epos, "die Prfung Abrahams" betitelt. Zu seinen
damals gedichteten "Briefen Verstorbener an ihre noch lebenden Freunde"
hatte er sich durch das von der englischen Dichterin Elisabeth Rowe
herausgegebene Werk: ="Friendship in death"= veranlat gefunden.

Noch immer trug sich Wieland mit dem Gedanken, seine geliebte Sophie einst
ganz die Seinige nennen zu knnen. Da die Schwierigkeiten, zu ihrem
Besitz zu gelangen, sich noch gehuft hatten, ahnte er nicht. Versunken in
seine poetischen Trume, fhlte er sich tief erschttert durch einen
Brief, in welchem Sophie ihr bisheriges Verhltni zu ihm fr aufgelst
erklrte. Dies Schreiben, das er zu Anfang des December 1753 erhielt,
meldete ihm zugleich Sophiens Vermhlung mit dem Churmainzischen Hofrath
de la Roche. Diesem geistreichen und allgemein geachteten Manne hatte sie
aus Gehorsam gegen ihre Eltern ihre Hand gereicht, und die Stimme ihres
Herzens, die noch immer fr Wieland sprach, wenig beachtet.

Die innige Theilnahme seiner Freunde mute ihm dies harte Schicksal
ertragen helfen. Mit grerer Selbstberwindung, als sich von seiner
reizbaren Gemthsart erwarten lie, billigte er in einem Briefe an
die Geliebte ihren Entschlu, und wnschte ihr aufrichtig Glck zu
ihrer Verbindung. Oft aber kehrte ihm noch die Klage um den Verlust
seiner Sophie wieder. Auf ihren dereinstigen Besitz mochte er wohl
mitgerechnet haben, als er einen Plan entwarf zur Errichtung einer
Privaterziehungsanstalt, oder, wie er sie selbst nannte, einer "Akademie
zur Bildung des Verstandes und Herzens junger Leute." Durch das peinliche
Gefhl, als Bodmer's Haus- und Tischgenosse seinem Gnner noch lnger zur
Last zu fallen, ward Wieland bewogen, 1754 bei einem Herrn v. Grebel in
Zrich eine Hauslehrerstelle anzunehmen. Weder die ausgezeichnete Achtung,
die er in seinem neuen Verhltni geno, noch die groe Rcksicht, die man
auf seine kleinen Eigenheiten nahm, konnte in ihm den Schmerz um den
Verlust seiner Geliebten mildern. Er sah sich in seinen schnsten
Hoffnungen getuscht, und versank in einen Trbsinn, den nichts zu
erheitern vermochte. In dieser Stimmung nahm er seine Zuflucht zu
philosophischen Studien. Mit groer Anstrengung las er fast Tag und Nacht
in Plato's Werken. Auch die Schriften mehrerer Mystiker und die
Lebensbeschreibungen von Heiligen gehrten zu Wielands damaliger Lectre.
Dadurch neigte er sich zu einer immer strengern Ascetik hin. In solcher
Stimmung schrieb er einem Freunde: "So einsiedlerisch ich hier Vielen
scheine, bin ich es doch noch lange nicht so, wie ich es gern seyn mchte.
Melden Sie mir doch, ob es keine Wste in Ihrer Gegend giebt. Ich habe
schon seit manchen Jahren groe Lust, ein Eremit zu werden; denn ich
versichre Sie im Ernst, da ich der Thorheiten der Welt und meiner eigenen
herzlich mde bin."

Wieland hatte damals alle Anlage, ein religiser Schwrmer zu werden. Die
Lectre von Youngs Nachtgedanken und von Klopstocks Mesias war geeignet,
jene Stimmung zu unterhalten, und ihn ber die Grenzen eines ruhigen
Forschens weit hinaus zu fhren. Sein Eifer fr Glauben und Frmmigkeit
kannte kein Maa und Ziel, und Toleranz war ihm ein vllig fremder
Begriff. Ueber Ovid, Anakreon, Tibull und mehrere franzsische und
englische Dichter, besonders aber Chaulien, Gay und Prior, sprach er in
seinen 1754 herausgegebenen "Sympathien" ffentlich ein Verdammungsurtheil
aus. Auf hnliche Weise eiferte Wieland in den 1755 geschriebenen
"Empfindungen eines Christen" gegen die "schwrmerischen Anbeter des
Bacchus und der Venus." Den Oberconsistorialrath Sack in Berlin, dem er
dies Werk zugeeignet hatte, forderte er dringend auf, "das Aergerni zu
rgen, das jene leichtsinnigen Witzlinge angerichtet."

Ein milderer Ton, doch eine eigentmliche mystische Richtung war
vorherrschend in mehrern "Hymnen" Wielands, von denen er spter nur den
"Hymnus auf Gott" in seine Werke aufnahm. Mit seinen "Erinnerungen an eine
Freundin" dem Inhalt nach verwandt war Wielands "Timoklea", eine Frucht
seiner philosophischen Studien, besonders der Lectre des Plato und
Shaftsbury. Wieland's "Platonische Betrachtungen ber den Menschen"
dankten ebenfalls jenen Studien ihren Ursprung. In diesen Schriften
sowohl, als in zwei Aufstzen, die er selbst als "Visionen" bezeichnete,
in dem "Gesicht des Mirza" und in dem "Gesicht von einer Welt unschuldiger
Menschen" sprach Wieland mit ergreifender Wrme von der Tugend, Schnheit
und Liebe im edelsten Sinne des Worts.

In seiner "Ankndigung einer Dunciade fr die Deutschen" unternahm er
einen kritischen Feldzug gegen Gottsched, den damaligen Tonangeber des
sthetischen Geschmacks und gegen seine Anhnger. Aus der
leidenschaftlichen Reizbarkeit seiner Natur versank er wieder in eine Art
von Abspannung des Geistes, die mitunter einen sehr hohen Grad erreichte.
"Ich verschlummere", schrieb er 1756 einem Freunde, "wider meinen Willen
einen groen Theil meiner Existenz. Ich fhle, da mein Leib immer
schwcher wird, und da sowohl meine sehr blden Augen, als mein Gehirn
dem denkenden Wesen oft versagen. Zuweilen wnsche ich, da ich ein halbes
Dutzend munterer Seelen htte, die der meinigen subordinirt wren, und die
alles das nach meinem Sinne ausfhrten, was ich nicht kann. Dergleichen
Wnsche sind fast alles, was mir von meiner ehemaligen jugendlichen
Lebhaftigkeit brig geblieben ist."

Seinem Trbsinn ward Wieland entrissen, als er seinen bisher auf Bodmer
und dessen Freunde beschrnkten Umgang allmlig erweiterte. Geneigter als
bisher ward er wieder den Freuden des geselligen Lebens. Auer dem
bekannten Fabeldichter Meyer von Knonau, gehrten Gener, der Verfasser
der Idyllen, spterhin auch Zimmermann, der Autor des berhmten Buches
ber die Einsamkeit, zu Wielands vertrautesten Freunden. Mit Frauenzimmern
verkehrte er wenig; er war sogar ihrem Umgange vllig abgeneigt. Seine
geliebte Sophie hatte ihn verwhnt, an das weibliche Geschlecht Ansprche
zu machen, die nicht jedes Mdchen erfllen konnte.

In einer Art von Selbstcharakteristik meinte Wieland, sein Herz, trotz
allen seinen Fehlern, sei doch noch das Beste an ihm. An Zimmermann
schrieb er darber: "Sie drfen viel Gutes von meinem Herzen denken, ohne
sich zu betrgen. Was Sie mein Genie nennen, sind sehr reizbare Fibern und
eine daraus entspringende Lebhaftigkeit der Empfindungen, Imagination,
Activitt, Khnheit, Neigung zum Wunderbaren, zum Ausschweifenden u.
dergl. Verdient das, da ich mich hochachte, oder da ich mir selbst etwas
darauf einbilde? Gewi nicht! Aber dafr danke ich Gott, da ich von
Jugend an die Wahrheit geliebt, und fr das, was gut, recht und moralisch
schn ist, sehr empfindsam gewesen. Dieses ist fr mich sehr glcklich,
aber da ich es mit vielen Tausenden gemein habe, so ist es nichts
Vorzgliches. Da ich hypochondrisch bin, begreife ich. Schwach bin ich in
der That, aber noch voll Leben. Ich liebe mehr die Aussichten in ein
anderes, als in dieses Leben. Hier bin ich nur =par devoir=, nicht =par
inclination=."

Diese trbe Lebensansicht kehrte ihm noch oft wieder. Erst gereiftere
Jahre, grere Erfahrung und eine grndlichere Welt- und Menschenkenntni
bewirkten eine merkwrdige Vernderung in Wielands Wesen. Er schien
heiterer gestimmt. Seine Weiberscheu hatte sich verloren, und dem
Platonismus in der Liebe huldigte er nicht mehr so unbedingt als frher.
Auch sein hartes und unbilliges Urtheil ber mehrere alte und neuere
Dichter nahm er zurck. Auf seine eigenen literarischen Erzeugnisse hatte
jene Sinnesnderung den wohlthtigsten Einflu. Er beurtheilte seine
Arbeiten mit nachsichtsloser Strenge. Seinen Roman "Araspes und Panthea",
zu welchem ihm eine Erzhlung Xenophon's den Stoff dargeboten hatte,
nannte er in einem seiner damaligen Briefe "eine unreife und unvollendete
Geburt." Entschiedenen Antheil nahm er an der deutschen Bhne. Fleiig
wohnte er den theatralischen Vorstellungen der Ackermannschen
Schauspielertruppe bei, die damals (1757) durch die Drangsale des
siebenjhrigen Krieges aus Deutschland vertrieben, lngere Zeit in der
Schweiz und namentlich in Zrich sich aufhielt. In seinem Trauerspiel
"Johanna Gray" machte Wieland den ersten dramatischen Versuch. Statt der
Alexandriner, des bisher allgemein blichen Versmaes, whlte er die
fnffigen Jamben fr seine Tragdie. Sie ward am 20. Juli 1758 zum
erstenmal in Winterthur, und spter auch an andern Orten nicht ohne
Beifall aufgefhrt.

Auch in andern Gattungen der Poesie versuchte sich Wieland damals. Viel
versprach er sich besonders von einem epischen Gedicht, zu welchem ihm
einer seiner Lieblingsschriftsteller, Zachari in Braunschweig, den Stoff
dargeboten hatte, whrend ihm bei dem Entwurf seines Ideals vielleicht
Friedrich II. vorschwebte, der damals im Kampfe mit ganz Europa durch
Gre des Geistes und die glnzendsten Eigenschaften selbst seinen Feinden
Bewundrung abnthigte. Sein "Cyrus", wie das von Wieland beabsichtigte
Gedicht hie, sollte auf achtzehn Gesnge ausgedehnt werden. Auch seinen
vertrautesten Freunden hatte Wieland seinen Plan verschwiegen. Als er
jedoch zu Anfange des Jahrs 1758 die Ausfhrung seiner poetischen Idee
begann, stie er auf mancherlei Schwierigkeiten, und frchtete sich an ein
Unternehmen gewagt zu haben, dem er nicht gewachsen war. In einem seiner
damaligen Briefe meinte Wieland, "er stehe zu tief unter einem Helden, um
ihn wrdig darstellen zu knnen." Selbst der Styl und die Versification
kosteten ihm, nach seinem eignen Gestndni, unsgliche Mhe. Er fhlte,
da er bisher mehr in dem Reiche seiner Ideen, als in der wirklichen Welt
gelebt. Ein grndliches Studium der Geschichte und Politik hielt er fr
unerllich, um seinem Werke den hchsten Grad von Vollendung zu geben.
Fleiig studirte er Macchiavelli's und Montesquieu's Werke. Auch die
Lectre von Plato's Republik beschftigte ihn.

Das Resultat dieser Studien war Wieland's erste politische Schrift:
"Gedanken ber den patriotischen Traum, die Eidgenossenschaft zu
verjngen." Diese Schrift erschien, whrend Wieland sich noch fleiig mit
seinem "Cyrus" beschftigte. Eine neu aufkeimende Idee drohte dies Epos zu
unterbrechen. Durch Lucian und Swift begeistert, entwarf Wieland den Plan
zu einem satyrischen Roman. Unter dem Titel: "Lucian's des Jngern
wahrhafte Geschichten", wollte er in diesem, auf drei Bnde berechneten
Werke zwei Republiken, einen Staat verstndiger Bienen, die seltsame
Regierung, Sitten und Gebruche eines Volks, Pagoden genannt, und hnliche
wunderbare Dinge schildern. Die Ausfhrung dieser Idee unterblieb. Von
seinem "Cyrus" hatte er indessen die ersten fnf Gesnge beinahe
vollendet, und bei grerer Gemthsruhe wrde dies Werk noch rascher
fortgeschritten seyn.

Was ihn sehr bekmmerte, war die Sorge um seine fernere Subsistenz in
Zrich. Seine bisherigen Zglinge hatten anderweitige Bestimmungen
erhalten, und Wieland mute daher an seine eigene Zukunft denken. Eine
Zeit lang beschftigte ihn die Idee der Herausgabe einer Wochenschrift,
von deren Ertrag er in Zrich leben zu knnen hoffte. In einem seiner
damaligen Briefe uerte Wieland: er wolle alle seine Krfte
zusammennehmen, um jener periodischen Schrift die hchste Vollkommenheit
zu geben. Aber seine schnsten Stunden, meinte er, gehrten doch dem
"Cyrus". Um sich in ungestrter Einsamkeit mit diesem Gedicht beschftigen
zu knnen, kam er auf den Gedanken, sich wieder in seine Heimath zu
begeben. Einen bestimmten Lebensplan schien er an die Rckkehr in das
elterliche Haus nicht geknpft zu haben.

Der Wunsch, einige Jahre in vlliger Mue und Unabhngigkeit zu leben,
machte ihn gleichgltig gegen mehrere zum Theil vortheilhafte Antrge zu
auswrtigen Lehrstellen. Lngere Zeit schwankte Wieland, ob er sich nach
Marseille begeben sollte, um dort in der sehr angesehenen Familie Semandi
Unterricht zu ertheilen. Seine Unentschlossenheit ward vermehrt durch
einen Antrag Zimmermanns, der ihn dem Rathsherrn v. Sinner in Bern zum
Erzieher seines einzigen Sohnes empfohlen hatte. Sein Empfang in Bern,
wohin er sich am 13. Juni 1759 begab, bertraf in jeder Hinsicht seine
Erwartungen. Gleichwohl behagte ihm das neue Verhltni, in das er
getreten war, nicht lange. Er liebte zu sehr die Einsamkeit, um fr sie
Ersatz zu finden in den Gesellschaftskreisen, in die er wider seinen
Willen hineingezogen ward. Unmuthig uerte er sich darber in mehreren
Briefen. Aber auch seine Lehrerstelle behagte ihm nicht. Zum Unterricht,
besonders in den ersten Elementen, schien ein Geist nicht geschaffen, der,
wie Wieland selbst uerte, "den Cyrus denken, und mit Shaftsbury, Diderot
und Rousseau wetteifern wollte." Bereits nach einem Vierteljahre, im
September 1759, gab er seine Hauslehrerstelle wieder auf.

Eine Art von Erwerbsquelle erffnete sich Wieland durch philosophische
Vorlesungen, die er "gegen ein jhrliches Honorar von 200 Kronen" einigen
Jnglingen aus angesehenen Familien hielt. Er hatte an Freiheit und an
Zeit viel gewonnen, da jene Vorlesungen ihm tglich nur zwei Stunden
raubten. Demungeachtet rckte sein mehrfach erwhntes Epos, der "Cyrus"
nur langsam fort. Entmuthigt durch den geringen Beifall, den die von ihm
mitgetheilten Proben fanden, entwarf er den Plan zu einem philosophischen
Gedicht ber den Landbau. Die Ausfhrung unterblieb jedoch. Das einzige
Product, das er whrend seines Aufenthalts in Bern vollendete, war sein
mit groem Beifall aufgefhrtes Trauerspiel "Clementine von Porretta."
Aus seinem Lieblingsschriftsteller Richardson hatte Wieland den Stoff
zu dieser Tragdie geschpft. Ein Held, wie Grandison, mute ihn vor
vielen andern interessiren zu einer Zeit, wo ihn das Gefhl einer Liebe
ergriffen hatte, die eben so platonisch, als jemals, und nicht minder
schwrmerisch war.

Eine reizende Bernerin, Mariane Fels, war lngst schon die Knigin seines
Herzens, als Julie Bondeli, die Tochter eines Diakonus in Bern, ihr den
Sieg streitig machte. Julie war, glaubwrdigen Zeugnissen und ihrem noch
erhaltenen Portrait in Lavater's Physiognomik zufolge, eine der
hlichsten ihres Geschlechts. Was die Natur ihr inde an Reizen versagt,
hatte sie ihr durch Geistesgaben reichlich vergtet. Die gelehrtesten
Mnner ihrer Zeit erkannten dies, und standen mit ihr in Briefwechsel. Das
Gercht sagte von ihr, da sie mehr gelesen und studirt, als irgend ein
Frauenzimmer, und mit ausgebreiteten Kenntnissen in den
verschiedenartigsten wissenschaftlichen Fchern ein sehr richtiges Urtheil
verbinde. Darin fhlte sich Wieland nicht getuscht, als ihn die Neugier
trieb, sie kennen zu lernen. Von dem begeisternden Eindruck, den Julie auf
ihn machte, gab er in mehreren Briefen Rechenschaft. "Nie hab' ich,"
schrieb er unter andern, "ein Frauenzimmer gesehen, das bei einer
auerordentlichen Gleichheit der Gemthsart, bei dem heitersten Humor und
der grten moralischen Simplicitt, die nur in ihrem Alter mglich
scheint, mehr Lebhaftigkeit und unerschpfliche Resourcen im Umgange
gehabt htte, als sie. In diesen Stcken ist Sophie noch weiter hinter
ihr, als Julie in Absicht der Schnheit hinter Sophie'n ist. Der
aufgeklrteste Geist, den ich je an einem Frauenzimmer gesehen habe, und
ein Herz, das der edelsten Freundschaft wrdig ist."

In einem sptern Briefe gestand Wieland, da Julie weder eine Idee, noch
Empfindung von der Liebe zu haben scheine, die in Romanen und Tragdien
herrsche. Sie wolle Freunde haben, sie halte die Freundschaft fr eine
vernnftige und bestndige Liebe, und weil sie nicht anders geliebt seyn
wolle, so hasse sie alles, was den Schein einer berspannten, fanatischen
Leidenschaft trage. "Ich selbst," schrieb Wieland, "bin, wie ich glaube,
in Absicht der Liebe der Einzige in meiner Art, und ich bin stolz genug zu
glauben, da meine Art zu lieben der Liebe der Geister wirklich so nahe
kommt, als es unter dem Monde mglich ist. Ich liebe alle wahrhaft
tugendhaften Frauen eben so sehr, wie ich die Tugend lieben wrde, wenn
sie sichtbar wre. Das sind keine Grosprechereien. Wenn die Weisheit, die
Tugend, die moralische Venus, eine weibliche Gestalt annimmt, so mu
freilich der Instinct, der uns zu diesen lieblichen Geschpfen zieht, sich
unter die reine geistige Liebe mischen, die unserem Geiste fr das wahre
Schne, Gute und Erhabene natrlich ist. Aber darin besteht mein
Privilegium, da, wenn mein Gegenstand eine Julie ist (aber nicht eine
Julie wie die Tochter des Augustus), die Liebe der Engel sich natrlicher
und ungezwungener Weise zu der thierischen verhlt, wie eine Weltkugel zu
einem Sonnenstaube." Diesem Briefe fgte Wieland noch die
charakteristische Aeuerung bei: "Wir sind bereingekommen, da jedes das
Andere nach seiner eigenen, ihm natrlichen Weise, ohne den mindesten
Zwang lieben solle -- ich mit Enthusiasmus, weil meine Natur es so mit
sich bringt, sie ohne Enthusiasmus, aus gleichem Grunde. Ich weissagte
ihr, sie wrde noch so gut Enthusiast werden, als ich; sie zweifelte und
sagte, sie wnsche es, um mich glcklich machen zu knnen."

Lebhaft beschftigte sich Wieland oft mit dem Gedanken an eine eheliche
Verbindung. Er gestand, alles in der Welt, was nicht mit den Grundstzen
der Rechtlichkeit streite, unbedenklich thun zu wollen, wenn er dadurch zu
Juliens Besitz gelangen knnte. "Sie wrde," schrieb er, "mich
unaussprechlich glcklich machen. Aber ich sehe keine Mglichkeit. Ich
mte auf eine sehr anstndige und vorteilhafte Art etablirt seyn, wenn
ich berechtigt seyn sollte, eine solche Prtension zu machen, und bisher
ist kein Anschein zu einem solchen Etablissement." Worauf sich Wielands
Wnsche beschrnkten, schilderte er in einem seiner damaligen Briefe mit
den Worten: "Ich bin nicht fr das gemacht, was man Welt nennt. Alle ihre
Ergtzlichkeiten sind innere Plagen fr mich, obgleich ich aus Gewohnheit
daran Antheil nehme und vergngt dabei scheine. Freiheit, Mue,
Einsamkeit, ein Freund und eine Freundin bei mir -- das ist die Situation,
nach der mich drstet, und zu der ich nie gelangen werde."

Das Stdtchen Zopfingen, im Kanton Bern gelegen, hielten Wielands Freunde
fr den passendsten Ort, um, wie er damals willens war, eine mit einer
Buchdruckerei verbundene Buchhandlung zu errichten. Whrend er sich auf
diese Weise einen anstndigen Unterhalt zu verschaffen hoffte, wollte er
zugleich auf die Bildung seiner Zeitgenossen krftig einwirken durch
interessante Verlagsartikel, zu denen er vorzglich Uebersetzungen der
Classiker, des Virgil, Horaz, Xenophon, Theokrit u.a. seiner
Liebligsschriftsteller rechnete. Auch durch einzelne Stcke aus der
Philosophie und schnen Literatur hoffte er das Interesse des Publikums zu
fesseln. Die bessern Kpfe Deutschlands fr eine periodische Schrift zu
gewinnen, war ein Gedanke, der, schon frher entstanden, wieder in ihm
auftauchte. Wieland wollte in jenem Journal unter andern ein Gemlde des
Menschen entwerfen, nach den verschiedenen Nancen, die er durch das
Klima, die Religion, Staatseinrichtung u.s.w. erhalte; er wollte zeigen,
da der Mensch gebildet werden msse, und da die meisten Gesetzgeber und
Moralisten sich bisher auf diese Kunst nicht gar zu wohl verstanden
htten. Auch Biographieen und Charakteristiken ausgezeichneter Mnner des
Alterthums sollten in seinem Journal einen Platz finden.

Mehrere Aufstze, die er fr seine Zeitschrift bestimmt, hatte Wieland
theils ausgearbeitet, theils den Plan dazu entworfen, als ein Brief seiner
Mutter ihn mit der Nachricht einer bestimmten Anstellung zu Biberach
berraschte. Seiner Vaterstadt, von der er acht Jahre getrennt gewesen, in
dem ihm angewiesenen Wirkungskreis so viel als mglich zu ntzen, war der
feste Entschlu, mit welchem Wieland am 20. Mrz 1760 die Schweiz und
seine dortigen Freunde verlie, in dankbarer Rckerinnerung an die frohen
Jahre, die er in ihrer Mitte verlebt hatte. Schmerzlich war ihm vor allen
der Abschied von Julie Bondeli. Nur die Hoffnung ihres Besitzes konnte ihn
trsten.

Mit nicht zu grellen Farben hatte Wieland, noch vor seiner Abreise aus der
Schweiz, einigen seiner Freunde die Verhltnisse geschildert, die ihn in
seiner Vaterstadt erwarteten. Zum ersten Male mute er, so fremd dies auch
seiner Natur war, eine Rolle spielen in den mannigfachen politischen
Intriguen, welche die Wahl eines Brgermeisters in Biberach herbeifhrte.
Wieland hatte dort die ziemlich eintrgliche Stelle eines Kanzleidirectors
erhalten. Abgesehen davon, da dies Amt seinen Neigungen durchaus nicht
entsprach, frchtete er bereits nach zwei Jahren jene Stelle wieder zu
verlieren durch einen langwierigen Proze zwischen den evangelischen und
katholischen Rathsmitgliedern seiner Vaterstadt. Von dem Wankelmuth seiner
Freunde und Gnner machte Wieland die trbsten Erfahrungen. Mehrere seiner
damaligen Briefe enthielten rhrende Gestndnisse seiner unsichern Lage
und seiner durch heftige Gemtsbewegungen sehr erschtterten Gesundheit.
Mit Schmerz ergriff ihn der oft wiederkehrende Gedanke, was er in einer
andern Stellung, in Verhltnissen, die den Musen gnstiger wren, htte
leisten knnen. In einem Briefe vom 16. Mrz 1763 uerte Wieland: "Ich
mchte zuweilen eine Satyre wider die beste Welt schreiben, wenn ich mir
vorstelle, da kein anderer Platz in der Welt fr mich seyn soll, als eine
Stadtschreiber-, Consulenten- und Rathsherrnstelle in diesem kleinen
schwbischen Reichsstdtchen. Denn es ist noch nicht entschieden, welche
von diesen drei Personen, die sich ungefhr gleich gut fr mich schicken,
ich noch werde vorstellen mssen."

In so trauriger Lage trat oft die Erinnerung an die Vergangenheit und an
seinen Aufenthalt in der Schweiz vor Wielands Seele. Rastlos sann er auf
Mittel, sich aus Verhltnissen zu befreien, die seinen Neigungen so wenig
entsprachen, und ihm unsglichen Verdru bereiteten. Mitunter kam ihm die
Idee, um eine Professur an einem Gymnasium in Berlin, Breslau, Gotha oder
andern bedeutenden Orten sich zu bewerben. Die Einknfte einer solchen
Stelle, meinte Wieland, wren zwar gering, aber dafr sei ihm desto mehr
Mue gegnnt, und er knne arbeiten, was er wollte. Selbst die sprliche
Zeit, die ihm in Biberach seine Amtsgeschfte gnnten, konnte er nicht so
ntzlich, als er wohl gewnscht hatte, fr sich verwenden. Ueberall stie
er auf Hindernisse, die sich seiner hhern Ausbildung entgegenstellten. Am
schmerzlichsten fhlte er in seiner Vaterstadt den Mangel einer
bedeutenden Bibliothek.

"Hier gehen meine Talente fr das Publikum verloren," klagte Wieland in
einem Briefe an Zimmermann. "Unter solchen Zerstreuungen, bei einem
solchen Amte, ohne Aufmunterung, was kann ich da thun? Wenn ich auch Zeit
und Gemthsruhe und Muth genug htte, etwas zu unternehmen, so verbietet
mir der einzige Umstand, da wir keine Bibliotheken haben, alle
Unternehmungen von Wichtigkeit. Ich bin genthigt, immer aus mir selbst
herauszuspinnen. Es sind schon viele Jahre her, da ich mit einer
philosophischen Geschichte nach einem besondern Plan schwanger gehe. Die
Art, wie ich nunmehr ein solches Werk ausfhren wrde, drfte es zu einem
ntzlichen und angenehmen, vielleicht unentbehrlichen Buche machen. Ohne
eine Bibliothek von den vollstndigsten und kostbarsten Bchern zur Hand
zu haben, ist an ein solches Werk nicht zu denken. Sollte es nicht Schade
seyn, da es nur darum unterbleiben soll, weil ich zu Biberach und nicht
in Berlin oder an einem andern Orte bin, wo eine ffentliche
Bchersammlung mir die Folianten und Quartanten darbietet, die man bei
einer solchen Arbeit alle Augenblicke zum Nachschlagen braucht?"

Unter solchen Umstnden blieb ihm kein Trost, als zu seinen trocknen und
verdrielichen Amtsarbeiten wieder zurckzukehren. Er unterzog sich diesen
Arbeiten mit einer seltenen Ausdauer und Gewandtheit, die jedoch keine
andere Folge fr ihn hatte, als da seine erprobte Thtigkeit noch mehr
und fast bermig in Anspruch genommen ward. Oft fand ihn die Mitternacht
noch an seinem Schreibtisch, wo er den Concipienten und den Copisten in
Einer Person vorstellen mute, als sich die Arbeiten huften. Dies war
vorzglich 1764 der Fall, wo der frher erwhnte Proce durch zwei
kaiserliche Commissarien, die aus Wien nach Biberach gekommen waren,
gtlich ausgeglichen ward.

Den Gedanken an eine eheliche Verbindung mit Julie Bondeli hatte Wieland
aufgegeben. Beide schienen sich in dem, was sie eigentlich fr einander
fhlten, getuscht zu haben. In ihrem Verhltnisse war eine Spannung
eingetreten, welche Juliens Eifersucht veranlat, und Wielands Reizbarkeit
bis zu einem so hohen Grade gesteigert hatte, da ein vlliger Bruch fast
unvermeidlich schien. In einem Briefe an Zimmermann rechtfertigte sich
Wieland gegen allerlei Beschuldigungen, die, wie er uerte, "nur durch
Niedrigkeit und Bosheit ihm htten angedichtet werden knnen." Ungeachtet
mancher sehr leidenschaftlicher Aeuerungen, die ihm sein Unmuth ber
Juliens Benehmen eingab, blickte doch auch wieder das Gefhl noch nicht
ganz erloschener Zrtlichkeit aus mehreren Stellen seines Briefes hervor.
Entschlossen uerte er jedoch am Schlusse seines Schreibens: "Ich werde
allein bleiben, und so lange es Gott gefllt, ein Leben fortschleppen, das
bei einer ununterbrochenen Folge von Unannehmlichkeiten, ohne Beimischung
eines wahren Vergngens, kurz genug seyn wird."

Eine ruhige Ueberlegung mute ihm sagen, da es ein bedenklicher Schritt
sei, in seiner damaligen Lage sich zu verheirathen. Ungeschwcht erhielt
sich jedoch Zeitlebens ein herzliches Freundschaftsverhltni zwischen
Wieland und Julie Bondeli. "Den Beweis einer hhern fr ihn sorgenden
Vorsehung" glaubte Wieland, nach seiner eignen Aeuerung, in dem
Zusammentreffen mannigfacher Umstnde zu finden, die fr sein
Lebensschicksal entscheidend wurden. In dem kaum eine Stunde von Biberach
entfernten Marktflecken Warthausen lernte Wieland den Grafen von Stadion
kennen, in dessen nchster Umgebung er den Churmainzischen Hofrath de la
Roche, den Gatten seiner geliebten Sophie fand. Nach einem Raum von zehn
Jahren begegnete ihm auf seinem Lebenswege seine ehemalige Braut, die ihm
nun mit der innigsten herzlichsten Freundschaft entgegenkam. Ein gleicher
Empfang ward ihm auch von ihrem Gatten zu Theil, einem vielseitig
gebildeten Manne, der sich in seinen "Briefen ber das Mnchswesen", auch
als Schriftsteller von einer beachtenswerthen Seite gezeigt hatte.
Wielands Charakter gereichte es zur Ehre, da er in mehreren Briefen
unpartheiisch die Verdienste eines Mannes anerkannte, der ihm seine
Geliebte entrissen hatte.

Zu dem geselligen Kreise, in welchen Wieland eingetreten war, gehrten,
auer den bereits genannten Personen, des Grafen Stadion lteste Tochter,
eine Grfin v. Schall und deren Schwester, eine Stiftsdame in Buchau. Sehr
wohl fhlte sich Wieland, wenn er von Biberach, wo er durchaus keine
angemessene Gesellschaft fand, nach Warthausen eilte, um dort einige Tage
zuzubringen. Fr Geist und Herz fand er in seinen neuen Umgebungen volle
Befriedigung. Fleiig benutzte er die an literarischen Schtzen reiche
Bibliothek des Grafen Stadion. Hatte Wieland den Morgen sich mit dieser
Bchersammlung beschftigt, so unternahm er einen Spaziergang durch die
reizende Umgegend, bis ihn die Tafel zu einem kstlichen Mahle einlud.
Lesen und Gesprche der verschiedensten Art verkrzten ihm den brigen
Theil des Tages, welchen Abends gewhnlich eine musikalische Unterhaltung
beschlo.

Was Wieland jenem Kreise besonders verdankte, war die Erweiterung seiner
Welt- und Menschenkenntni, die durch sein zurckgezogenes Leben in
Biberach, wo er den grten Theil des Tages an seinen Actentisch gefesselt
war, nicht sonderlich hatte gefrdert werden knnen. Der feine Weltton
trat ihm in dem Umgange mit geistreichen Mnnern und liebenswrdigen
Frauen berall entgegen, zu einer Zeit, wo er in das praktische Leben
eingetreten und zu der Ueberzeugung gekommen war, da er, von den Trumen
seiner Phantasie befangen, sich die Wirklichkeit ganz anders gedacht, als
er sie jetzt fand.

Nach jenem freundlichen Asyl zog ihn aber auch seine Jugendgeliebte, die
sich noch immer den frhern Platz in seinem Herzen bewahrt zu haben
schien. Reizbar und fr Liebe empfnglich, mochte es ihm manchen Kampf
kosten, das uerst zarte Verhltni zu Sophien in der Reinheit zu
bewahren, wie es sich, glaubwrdigen Zeugnissen zufolge, fortwhrend
erhielt. Wieland war sogar fhig, mit seiner Liebe und ber sie zu
scherzen, was er unter andern in einem Briefe that, in welchem er mit der
feinsten, gegen sich selbst gerichteten Ironie, Sophien eine Art von
Liebeserklrung machte. In einem freundschaftlichen Verhltnisse stand er
mit ihrem Gatten, der sich, ohne die merkwrdige Vernderung, die in
Wielands ganzem Wesen vorgegangen war, schwerlich so innig an ihn
angeschlossen haben wrde. In einem damaligen Briefe gestand Wieland, da
er nichts von dem mehr sei, was er gewesen, "weder Enthusiast, noch
Hexametrist, noch Ascet, Prophet und Mystiker. Seit geraumer Zeit sei er
von alle dem zurckgekommen, und befnde sich ganz natrlich auf dem
Punkte, von dem er vor zehn Jahren ausgegangen."

An seinen Freund Zimmermann schrieb Wieland darber: "Was am meisten dazu
beigetragen hat, diese Verwandlung, oder, wenn Sie wollen, diese
Herstellung meiner ursprnglichen Gestalt, woraus die Magie des
Enthusiasmus mich verdrngt hatte, zu bewirken, das war hauptschlich die
Unzahl von Misgeschick, Noth und Plagen, die mich seit der Rckkehr in
mein Vaterland verfolgte. Da fhlte ich das Nichts all' der groen Worte,
all' der glnzenden Phantome, die in einer sen Einsamkeit oder an der
Seite einer Gyon oder Rowe so verfhrerische Reize haben fr ein
empfindsames Herz, wie das meinige, und fr eine Einbildungskraft, die um
so thtiger war, da sie mich fr alles, was den Sinnen abging,
entschdigen mute."

Zu einer heitern und ruhigen Gemthsstimmung konnte gleichwohl Wieland
noch immer nicht gelangen, seit er, wie er sich in einem seiner Briefe
darber ausdrckte, "aus den Wolken auf die Erde herabgestiegen" oder mit
andern Worten seine idealen Trume mit der rauhen Wirklichkeit vertauscht
hatte. Seine Lage, seine Geschfte waren geeignet, seinen Unmuth zu nhren
und zu steigern. Vergebens suchte er Trost in dem Studium der Philosophie,
das ihn damals ernsthaft beschftigte. Er wandte sich wieder zu poetischen
Schpfungen, und entwarf zu einer Zeit, wo seine Verstimmung den hchsten
Grad erreicht zu haben schien, den Plan zu seinem Roman "Agathon." Die
Vollendung dieses Werks erfreute ihn, weil er dadurch zu der Ueberzeugung
gelangte, da die Schwungkraft seines Geistes noch nicht so gelhmt wre,
als er geglaubt hatte. Die erste Idee zu seinem Roman hatte ihm der "Ion"
des Euripides gegeben. Aber Wieland hatte in seinem Helden sich selbst
geschildert, nicht blos dem Charakter, sondern auch den Hauptsituationen
und dem ganzen Streben nach. Mit Grund konnte er daher in einem seiner
Briefe behaupten: "Agathon sei eine wirkliche Person, die er vor allen am
genauesten kenne." Nur die Nebenumstnde hatte er erfunden. Agathon's
Seelengeschichte war im Wesentlichen Wielands eigene, und eine der
treuesten Selbstschilderungen.

Noch ehe die vier Theile des "Agathon" vollstndig erschienen, hatte
Wieland einen andern Roman, den "Don Sylvio von Rosalva" herausgegeben.
Nach seinem eignen Gestndnisse war die Beschftigung mit diesem
satyrischen Roman das einzige Mittel gewesen, ihn zu erheitern zu einer
Zeit, wo Migeschick, Plagen und schmerzliche Empfindungen von allen
Seiten auf ihn eingedrungen waren. Durch die Schilderung ergtzlicher
Thorheiten suchte Wieland das Gefhl seiner Uebel zu mildern und
abzustumpfen. Cervantes war damals sein Lieblingsschriftsteller. Durch das
wiederholte Lesen des "Don Quixote" kam ihm die Idee, nach jenem Muster
die herrschenden Modethorheiten zu verspotten, und besonders dem
Aberglauben einen tdtlichen Sto zu versetzen.

Eine seiner wichtigen literarischen Arbeiten war die von ihm unternommene
Uebersetzung Shakspeares. Sie erschien in den Jahren 1762-1768 zu Zrich
in acht Octavbnden. Schon whrend seines dortigen Aufenthalts hatte
Wieland den groen brittischen Dichter nher kennen gelernt. Die
Bibliothek des Grafen Stadion in Warthausen bot ihm die Hlfsmittel dar,
jenen Dichter auch in Deutschland, wo man ihn bisher noch wenig kannte,
durch eine Uebersetzung einzufhren. Es war ein khnes Unternehmen, dessen
Wichtigkeit er wohl nicht ganz erwogen haben mochte, als er nach seinen
Aeuerungen in der Vorrede zu seiner Uebersetzung "jene Arbeit mitten
unter allen Arten von Geschften und Zerstreuungen fortsetzen zu knnen
glaubte." Fr Wielands Geist war diese Beschftigung von dem gnstigsten
Einflu. Mit gereifterer Weltanschauung, die ihm durch den groen Britten
geworden war, neigte er sich immer mehr zur romantischen Poesie. In
Shakspeare's Humor glaubte er den Hauptgrund zu finden, weshalb dieser
Schriftsteller, ungeachtet Sprache, Sitten und Geschmack seit der Zeit, in
der er lebte, sich wesentlich verndert, doch noch immer unter seinen
Landsleuten den Reiz der Neuheit behalten habe und fr sie noch immer weit
anziehender sei, "als alle neuern Schriftsteller, die nach franzsischen
Modellen gearbeitet htten."

Die durch Shakspeare zuerst in Wieland geweckte Vorliebe fr das
Humoristische erhielt neue Nahrung durch einen andern englischen Autor. Es
war Sterne oder Yorik, wie er sich auf dem Titel einiger seiner Schriften
nannte. Fast noch von keinem Werke war Wieland so ergriffen worden, als
von dem unter dem Titel: "Tristram Shandy's Leben und Meinungen" damals
erschienenen Roman jenes Schriftstellers. Noch in sptern Jahren war
Wieland unerschpflich im Lobe jenes Werks.

Seine uern Lebensverhltnisse hatten sich allmlig gnstiger gestaltet.
1764 war er zum wirklichen Kanzleidirector ernannt worden. Mannigfachen
Verdrielichkeiten und lstigen Arbeiten berhoben, schien seine Existenz
im Wesentlichen mehr gesichert zu seyn, als frher. Wie er sein Verhltni
als Stadtschreiber in Biberach betrachtete, schilderte er in einem Briefe
an den Buchhndler Gener in Zrich, dem er zugleich meldete, da er nicht
abgeneigt sei, sich nchstens zu verheirathen.

"Ich habe nun," schrieb Wieland, "auf all' mein Lebelang ein zwar ziemlich
mhseliges, aber doch eintrgliches und honorables Amt -- ein Umstand, der
allezeit die Basis von meiner Ruhe ausmacht, und mich ber die
niederschlagenden Nahrungssorgen hinwegsetzt. Nun geht mir von den
Bedrfnissen des menschlichen Lebens nichts ab, als ein Weib, und da ich
durch den Tod meines Bruders die Ehre habe, der Einzige von meiner Familie
zu seyn, so werde ich von meinen lieben alten Eltern ber diesen Punkt so
sehr in die Enge getrieben, da ich bald genthigt seyn werde, in die
ganze Welt um ein Weib auszuschreiben. Hier findet sich keine fr mich,
denn ich sollte eine hbsche, gescheidte, muntere, und wo mglich eine
reiche Frau haben, und die drei oder vier Jungfrauen, welche hier, Standes
halber, ein Recht an mich haben knnten, sind nicht fr mich. Ich wollte,
da sich in den dreizehn hochlblichen Kantonen ein artiges Mdchen fnde,
das so viel christliche Liebe htte, einen ehrlichen Biberachschen
Kanzleidirector, der ganz hbsche Verse macht, von seinem Amt ungefhr
tausend Gulden Einknfte und die zrtlichste Seele von der Welt hat,
glcklich zu machen. Wenn Sie ein solches Mdchen wissen, lieber Freund,
so recommandiren Sie mich, ich bitte gar schn."

Am 7. November 1765 meldete Wieland seine Vermhlung. "Ich habe," schrieb
er, "ein Weib genommen, oder eigentlicher zu reden, ein Weibchen: denn es
ist ein kleines, wiewohl in meinen Augen ganz artiges, liebenswrdiges
Geschpf, das ich mir, ich wei selbst nicht recht wie, von meinen Eltern
und guten Freunden habe beilegen lassen." Wieland berichtete zugleich:
seine Frau stamme aus einem Augsburger Kaufmannshause, das unter dem Namen
Jakob Hillebrandt's selige Erben der merkantilischen Welt nicht unbekannt
sei." "Meine Frau," schrieb Wieland, "hat wenig oder nichts von
schimmernden Eigenschaften, auf welche ich, vermuthlich, weil ich Anlsse
gehabt habe, ihrer satt zu werden, bei der Wahl einer Gattin nicht gesehen
habe. Sie ist, mit Haller zu reden, gewhlt fr mein Herz, und meinen
Wnschen gleich -- ein unschuldiges, von der Welt unangetastetes, sanftes,
frhliches, geflliges Geschpf, nicht so gar hbsch, aber doch hbsch
genug fr einen ehrlichen Mann, der gern eine Frau fr sich selbst hat --
eine Prtension, welche man bei den groen Schnheiten vergebens macht."

Mehrere seiner damaligen Briefe schilderten, wie glcklich sich Wieland
nach seiner Verheirathung fhlte. Sehr richtig hatte er sich beurtheilt,
als er meinte: "wenn er sich nur erst in seinem neuen Stande werde zurecht
gesetzt haben, so sollten hoffentlich die Musen, falls sie anders jemals
einen Antheil an den Geburten seines Gehirns gehabt, nichts dabei
verlieren." Durch manche lstige Amtsarbeiten ward ihm die Poesie
verleidet. Immer jedoch kehrte er mit erneuter Liebe wieder zu ihr zurck.
Mehrere seiner damaligen literarischen Erzeugnisse entstanden auf dem
Rathhause, in der Kanzleistube, mitten unter dem Andrang der lstigsten
und trockensten Amtsgeschfte. Die Fruchtbarkeit seines Geistes war nie
grer gewesen, als in dieser Periode seines Lebens. Auer der Vollendung
des "Agathon" schrieb Wieland damals seine "Komischen Erzhlungen" (das
Urtheil des Paris, Endymion, Juno und Ganymed, Aurora und Cephalus). 1768
erschien sein Gedicht "Musarion", zwei Jahre spter "Idris und Zenide";
hierauf die erste Hlfte des "Neuen Amadis" und ein Theil des Gedichts:
"die Grazien." In einem Briefe an Gener gestand Wieland: "der poetische
Taumelgeist habe ihn so mchtig ergriffen, da er seine Muestunden nicht
besser auszufllen wisse, als mit Reimen."

Zu manchen poetischen Entwrfen, mit denen sich Wieland beschftigte,
gehrte die bald wieder aufgegebene Idee, Alexander den Groen zum Helden
eines epischen Gedichts zu whlen. Lnger verweilte er bei dem Entwurf
eines Gedichts, welches unter dem Titel "Psyche" die reinste Blthe der
wahren Philosophie und zugleich eine "kritische Naturgeschichte unsrer
Seele" enthalten sollte. Gegen den ihm gemachten Vorwurf, in mehreren
seiner Gedichte einen zu muthwilligen, sarkastischen Ton angestimmt zu
haben, suchte sich Wieland zu rechtfertigen. "Ich gestehe", schrieb er,
"die Ironie ist meine Lieblingsfigur, und ich schmeichle mir, einiges
Talent dafr zu haben. Freilich ist's ein ziemlich gefhrliches Talent;
zum Glck aber hat mich die Natur mit einem guten und redlichen Herzen
begabt. Mein Menschenha ist nur gemacht. Ich liebe von Natur die
Menschheit und die Menschen, und wenn ich auch ber die Gebrechen der
Einen, und die Schwachheiten der Andern spotte, so geschieht's in der
Regel freundlich und in der Absicht, ihnen scherzend heilsame Wahrheiten
zu sagen, die man zuweilen geradezu nicht zu sagen pflegt."

Groe Sensation erregte die Keckheit, womit Wieland den Platonismus in der
Liebe, dem er frher gehuldigt hatte, mit allen Waffen des Witzes
bekmpfte. Die Stimme der ffentlichen Kritik warnte vor der Tendenz
seiner Schriften, weil sie ein Gift enthielten, das, je ser, um so
gefhrlicher sei. Mit Bedauern sprach man von dem Mibrauch seiner groen
und seltenen Talente, und ging selbst so weit, ihn als einen Dichter zu
bezeichnen, der die Liebe von der Wollust gar nicht mehr zu unterscheiden
scheine. Wieland's "Agathon" war in Zrich verboten worden. Fr den "Don
Sylvio von Rosalva" hatte er in Ulm einen Verleger suchen mssen. Am
hrtesten lauteten die ziemlich bereinstimmenden Urtheile ber Wielands
"Komische Erzhlungen."

Fast noch schmerzlicher, als die ffentliche Mibilligung seiner
Schriften, war fr Wieland der Gedanke, in der guten Meinung seiner
Freunde gesunken zu seyn. Er, der einst so warm der Tugend und Religion
das Wort geredet hatte, schien jetzt ein Epikurer und Skeptiker. Von dem
Dichter schlo man zurck auf den Menschen. Seine wrmsten Freunde, unter
andern Zimmermann, schienen den nachtheiligen Gerchten, die sich ber
Wielands sittlichen Wandel verbreiteten, nicht allen Glauben zu versagen.
In einem Briefe an Julie Bondeli rechtfertigte sich Wieland gegen die ihn
getroffenen Beschuldigungen. "Ich war", schrieb er, "ehemals Enthusiast in
Ansehung der Religion, der Metaphysik und Moral, und ich war es ganz
aufrichtig. So war damals meine Art zu seyn, oder das Resultat von
hunderttausend physischen und moralischen Ursachen. Hab' ich nun aber auch
in Einem Sinne aufgehrt, Enthusiast zu seyn, so bin ich doch nicht
weniger ein Freund der Wahrheit, und finde die Tugend nicht weniger
liebenswrdig, wenn ich gleich nicht mehr an die Prexistenz der Seele
glaube, und beim Bilde eines rosenfarbnen Seraphs mit Flgeln von Gold und
Azur nicht mehr verzckt werde. Solche erknstelte Speculationen sind
nichts als Stelzen, auf denen die menschliche Eitelkeit gern
einherschreitet, angenehme Hirngespinste, woran wollstige Seelen sich
ergtzen. Ich mute entweder meinen Platonismus reformiren, oder eine
Einsiedelei in Tyrol aufsuchen, um da zu leben. Die Erfahrung hat mir
einen Wahn nach dem andern genommen, und endlich kam ich in's
Gleichgewicht. Ich hoffe, Sie zu berzeugen, da ich stets, selbst bei
meinen Fehlern, den Charakter eines Biedermannes behauptet habe. Fr ein
Tugendmuster hab' ich mich nie gehalten. Man wird finden, da mein Geist
zwar zuweilen thricht, mein Herz aber immer gut war. Man hlt mich fr
einen Libertin, und giebt mir eine Menge Maitressen. Die Wahrheit ist, da
ich in freund- und verwandtschaftlichen Verhltnissen mit zwei oder drei
Damen stehe, die nicht ihrer Gestalt, sondern ihrer Verdienste wegen,
Achtung verdienen, und da ich einige flchtige Neigungen fr junge
Personen gehabt habe, die ich heirathen sollte, ich wei nicht warum. Alle
meine Liebschaften -- und ich habe deren seit meinem siebzehnten Jahre
wenigstens ein volles Dutzend gehabt, -- haben mir groe Pein verursacht.
Sie waren alle von der Art, die man =passions= nennt; alle meine Geliebten
waren Gttinnen, die ich anbetete, und ich habe wohl einigemal die
platonische Liebe bis zu einem Heroismus getrieben, dessen ich mich nicht
mehr fhig fhle. Vergesse man doch endlich diese moralischen
Donquiroterien meiner Jugend! Wenn sich ernste und strenge Personen
verwundern, mich als den Verfasser meiner neuen Werke zu sehen, so bin ich
zu beklagen; sie knnen mich schelten, aber sie sollen nicht so weit
gehen, deshalb nachtheilig zu denken von meinen Sitten und von meinem
Charakter."

Mit dem innern Bewutsein der moralischen Reinheit seiner Gefhle mute
sich Wieland trsten, als ihn der grundlose Verdacht traf, der Unmigkeit
und Wollust ergeben zu seyn. War ihm auch der Platonismus in der Liebe
verdchtig geworden, so konnte er doch fr keinen Epikurer im schlimmsten
Sinne des Worts gelten. Da er in seinen neuen poetischen Werken der
Sinnlichkeit das Wort zu reden schien, war ein bloes Spiel seiner
Phantasie. Er dachte sich nichts Arges bei den ihm zur Last gelegten
Schilderungen, die ihm unter beschwerlichen Amtsgeschften Trost
und Erheitrung gewhrten. Keinen unwesentlichen Antheil an der
Tendenz seiner damaligen Producte hatte auch die Wahl seiner Lectre.
Lucian, Horaz, Cervantes, Ariost und besonders Sterne, waren seine
Lieblingsschriftsteller.

An der Seite seiner Gattin Dorothea Hillenbrandt fhlte Wieland sich sehr
glcklich, obgleich sie, seinem eignen Gestndni nach, keine "Musarion"
war. In einem Raum von funfzehn Jahren hatte er so manche Erfahrungen in
der Liebe gemacht, da er sie wohl im Stillen einer Musterung fr werth
hielt. Schon in frherer Zeit hatte Wieland den Plan entworfen, eine
"philosophische Geschichte der Liebe" zu schreiben. Dieser Plan blieb
unausgefhrt; aber er bot ihm den Stoff zu seinem Gedicht "Idris und
Zenide," in welchem er beabsichtigte, die verschiedenen Arten der Liebe
gegen einander in Contrast zu stellen, und zu diesem Behuf verschiedene
Charaktere in eigentmlichen Situationen sich entwickeln zu lassen. Im
Wesentlichen unverndert kehrte die Idee, die dem erwhnten Gedicht
Wielands zu Grunde lag, in seinem "Neuen Amadis" wieder, mit dem er sich
gleichzeitig beschftigte. Ariost's rasender Roland war sein Vorbild. Den
Sieg der Natur ber die Schwrmerei, der Wahrheit ber die Heuchelei zu
verherrlichen, war nach Wielands eignen Worten die Aufgabe, die er sich
bei seinem "Neuen Amadis" stellte. Von dem Muster, das ihm bei diesem
Gedicht vorgeschwebt hatte, entfernte er sich in seinen "Grazien." Nach
seinen eignen Aeuerungen wollte er in diesem Gedicht "den Uebergang des
Menschen aus dem Naturstande zur Stufe einer verfeinerten Bildung"
schildern.

Von dem Eindruck, den seine Schriften auf das Publikum machten, erfuhr
Niemand weniger, als Wieland selbst. Aus den ffentlichen Kritiken, die
oft parteiisch und befangen waren, konnte er jenen Eindruck nicht kennen
lernen. Es lag aber auch in seinen Verhltnissen, da er berhaupt mit dem
Gange der Literatur unbekannt blieb. Die meiste Zeit brachte er in der
Kanzlei, in den Rathssessionen und an seinem Actentisch zu, ohne am Abend
eine andere Gesellschaft zu finden, als an einem Kartentisch oder in
huslichen Cirkeln, wo er seine Literaturkenntni eben nicht sonderlich
erweitern konnte. Durch Gewohnheit fhlte er sich nicht unbehaglich in
diesem einfrmigen Lebenskreise, und aus seiner scheinbaren Verstimmung
blickte oft ein unverwstlicher Humor hervor. "Wenn ich," schrieb er,
"auch zuweilen schwermthig werde, und mit dem Strumpfband in der Hand
mich nach einem tauglichen Nagel umzusehen anfange, so besinne ich mich
doch allemal so lange, bis wieder nichts daraus wird -- ein berzeugender
Beweis, da ich noch etwas in meinem Zustande finde, das der Versuchung,
mich aufzuhngen, wenigstens das Gleichgewicht hlt."

Diese Zeilen hatte Wieland noch vor seiner Verheirathung geschrieben.
Seine sehr glckliche Ehe zeigte ihm auch seine Amtsverhltnisse, so
bitter er sich auch oft darber beklagt hatte, in einem minder ungnstigen
Lichte. In einem seiner damaligen Briefe bat er einen Freund, "sich die
Sache nicht so gar grlich vorzustellen." Ueber die Nachmittage, uerte
Wieland, knne er frei disponiren, und seine Geschfte gingen ihm leicht
von der Hand. "Dafr bin ich aber auch," fgte er hinzu, "einer der
expeditivsten Leute im ganzen Schwabenlande. Nur ein kleines Tusculanum
geht mir noch ab, und bis ich erben werde (wozu in den nchsten zwanzig
Jahren wenig Hoffnung ist) sehe ich auch keine Mglichkeit, eins zu
bekommen. In Ermangelung dessen habe ich ganz nahe an der Stadt, aber doch
in einem etwas einsamen Orte, ein artiges Gartenhaus gemiethet, wo ich die
angenehmste Landaussicht von der Welt habe, und, so nahe es meinem Hause
in der Stadt ist, doch vllig auf dem Lande bin. Hier bringe ich im Sommer
meine meisten mssigen Stunden zu, =solus cum sola=, oder ganz allein mit
den Musen, Faunen und Grasnymphen, deren ich von Zeit zu Zeit einige im
Gesicht habe, welche auch den enthaltsamsten Einsiedler unversucht lassen
wrden. Ich rieche den lieblich erfrischenden Geruch des Heu's, ich sehe
schneiden und Flachs bereiten. Auf der einen Seite erinnert mich aus der
Ferne der Kirchhof, wo die Gebeine meiner Voreltern liegen, da ich leben
soll, so lange und gut ich kann; auf der andern Seite lockt mir ein durch
Gebsche halb verdeckter Galgen fernher den Wunsch ab, da ein halb
Dutzend Schurken, die ich ganz trotzig =tte leve= herumgehen sehe, daran
hngen mchten. Ich sehe Mhlen, Drfer, einzelne Hfe, ein langes
angenehmes Thal, das sich mit einem zwischen Bumen hervorragenden Dorfe
mit einem schnen schneeweien Kirchthurm endet, und ber demselben eine
Reihe ferner blauer Berge. Das zusammen macht eine Aussicht, ber der ich
alles, was mir unangenehm seyn kann, vergesse, und, mit diesem Prospect
vor mir, sitze ich an einem kleinen Tisch, und -- reime."

Wegen seiner Zukunft, wenn sich sein Blick dahin verirrte, konnte Wieland
unbesorgt seyn. Durch Pnktlichkeit und unermdete Berufstreue hatte er
sich die Achtung und das Vertrauen seiner Obern erworben. Seine
konomischen Verhltnisse berhoben ihn der Sorgen. Noch nie hatte sich
der Wunsch in ihm geregt, seine Lage mit einer andern zu vertauschen. Er
wute es daher anfangs seinen Freunden wenig Dank, als sie ihm eine andere
Stellung zu verschaffen suchten, die, wie sie glaubten, mit seinen
Fhigkeiten und Neigungen mehr harmonirte.

Eine flchtig hingeworfene Aeuerung Wielands, da er nicht abgeneigt
wre, ein akademisches Lehramt zu bekleiden, hatte in dem Churmainzischen
Minister v. Groschlag, der ihn in Warthausen kennen gelernt, die Idee
geweckt, ihn nach Erfurt zu ziehen. Wieland schwankte eine Zeit lang, ob
er dem an ihn ergangenen Rufe folgen sollte. Zufrieden mit seinen
bisherigen Verhltnissen, fesselten ihn Familienverhltnisse, Eltern und
Schwiegereltern an seine Vaterstadt Biberach. Er frchtete auerdem von
seiner neuen Lage manche Unannehmlichkeiten. Die Promotion war das Erste,
was er zu umgehen wnschte. Magister zu werden, meinte Wieland, werde sich
fr ihn um so weniger schicken, da er "die Ehre habe, =Comes Palatii
Caesarei= zu seyn, und vermge seines Diploms selbst fhig sei, Meister
der freien Knste zu creiren." Manche dieser Hindernisse rumte Wielands
Freund, der Professor Riedel in Erfurt, hinweg. Was ihn hauptschlich
bestimmte, den Ruf nach Erfurt anzunehmen, war die Vorstellung, da er
dort die ersehnte Mue zu literarischen Arbeiten zu erlangen hoffte. Das
Schreiben, in welchem ihm eine Professur der Philosophie mit dem Charakter
eines Churfrstl. Mainzischen Regierungsraths und einem Gehalt von 600
Rthlrn. zugesichert worden war, enthielt zugleich die schmeichelhafte
Aeuerung, da sein Name das Hauptmotiv gewesen wre, ihn nach Erfurt zu
ziehen. Man sei, hie es ausdrcklich in jenem Schreiben, "schon
zufrieden, wenn er nur komme, sollte er auch gleich nichts anderes thun,
als da seyn und machen, was ihm selbst gefalle." Diese Aussicht einer
unbeschrnkten literarischen Thtigkeit hatte so viel Lockendes fr
Wieland, da er sich entschlo, den Ruf nach Erfurt anzunehmen, und der
Magisterpromotion sich zu unterwerfen, so manches er auch, wie vorhin
erwhnt, dagegen einzuwenden gehabt hatte.

In der letzten Zeit seines Aufenthalts in Biberach beschftigten ihn
mancherlei schriftstellerische Plne, die er in Erfurt zu realisiren
hoffte. Er wollte unter andern "Briefe ber die Literatur" schreiben, und
sie "in kleinen Bndchen in die Welt fliegen lassen." Die Mue, welche ihm
seine Kanzleigeschfte irgend gnnten, benutzte er zu einer Revision
seiner poetischen Schriften, die damals neu gedruckt werden sollten.
Lngst zerfallen mit seinem frheren Freunde Bodmer, der sogar
Spottgedichte gegen ihn gerichtet hatte, folgte Wieland, der schnen
Vergangenheit sich dankbar erinnernd, nur den Eingebungen seines Herzens,
als er jene Sammlung "seinen alten und ehrwrdigen Freunden, dem Herrn
Kanonikus Breitinger und dem Herrn Professor Bodmer" mit einer fr beide
sehr schmeichelhaften Dedication widmete.

Am 1. Juni 1769 kam Wieland in Erfurt an, durch Hitze, Staub und andere
Unannehmlichkeiten der Reise so gnzlich erschpft, da er, seinen eignen
Aeuerungen nach, "einem Ritter von der traurigen Gestalt um einen groen
Theil hnlicher sah, als einem der sieben Weisen." Das Schicksal hatte ihn
wieder in die Stadt zurckgefhrt, wo er seine philosophischen Studien
begonnen, doch damals durchaus keine Neigung zu einem akademischen Lehramt
in sich versprt hatte. Auer seinem Freunde Riedel fand er in Erfurt
Meusel, Chr. H. Schmid, den Verfasser einer vielgelesenen Theorie der
Dichtkunst, den eben so berhmten als berchtigten =Dr.= Bahrdt u.A.
Keiner von diesen talentvollen Kpfen hatte damals schon einen so
festbegrndeten literarischen Ruf, als Wieland, der von mehreren seiner
Collegen schon dehalb beneidet werden mochte. Vorzglich fhlten sie sich
verletzt durch seine Ernennung zum ersten Professor der Philosophie. Neue
Nahrung erhielt ihre Migunst, als Wieland nach einem halben Jahre auch
zum auerordentlichen Beisitzer des =Collegii academici= ernannt ward.

Auf seinen Freund, den Professor Riedel, beschrnkte Wieland seinen
Umgang. Mit den brigen Lehrern der Erfurter Hochschule kam er in wenige
Berhrung. Den Freuden des geselligen Lebens, die nie besondern Reiz fr
ihn gehabt, sich in Erfurt fast gnzlich zu entziehen, ward ihm nicht
schwer. Ersatz dafr bot ihm seine freundliche Gartenwohnung im Gasthofe
zum Schwan, hinter dem Schottenkloster. Dies Asyl befriedigte in jeder
Hinsicht seine migen Wnsche. Er fhlte sich glcklich, seiner Familie,
sich selbst und den Musen ungestrter leben zu knnen, als es seine
Verhltnisse in Biberach gestattet hatten. Sein Lehramt erffnete er mit
Vortrgen ber die Geschichte der Menschheit, nach einem bekannten Werke
von Iselin ber diesen Gegenstand. Spterhin hielt er Vorlesungen ber die
Geschichte der Philosophie, las ber die allgemeine Theorie der schnen
Knste, und erklrte einige Lustspiele des Aristophanes und die Briefe des
Horaz. Auch gab er eine historisch-kritische Uebersicht der besten
griechischen, lateinischen, italienischen, franzsischen und englischen
Schriftsteller.

Am liebenswrdigsten zeigte sich Wieland in seinem Familienkreise. In
einem Briefe an seine Freundin Sophie la Roche gestand er, da er "das
Vergngen, mit seinen kleinen Kindern zu spielen, allem Vergngen der Welt
vorziehe." Das meinte er den Grazien zu verdanken, die berhaupt fr ihn
"sehr wesentliche Gottheiten" wren. Bei Uebersendung des unter diesem
Namen von ihm verfaten Gedichts, das er 1770 vollendet hatte, schrieb
Wieland: "Die Grazien thun mir unendlich viel Gutes; sie geben meinen
Gedichten Reiz, mir zuweilen Heiterkeit und noch fter Zufriedenheit mit
meinem Zustande; kurz, sie sind meine Schutzgttinnen, und ich werde ihnen
bis zum letzten Lebensaugenblicke dienen."

Nichts weniger als das Ideal eines Weisen, sollte der "Diogenes von
Sinope" seyn, dessen "Dialogen" Wieland noch whrend des Sommers 1770
herausgegeben hatte. Auch ohne Lucians Vorliebe fr diesen Sonderling,
mute schon fr Wieland die Untersuchung Interesse haben, wie ein Mann
wohl htte seyn _knnen_, ber den so seltsame und widersprechende
Gerchte herrschten. Seinem Helden gab Wieland weniger Cynismus und mehr
chte Lebensweisheit, als man ihm bisher gewhnlich zugestanden hatte. Das
kleine Werk, in welchem ernste und komische, sentimentale und satyrische
Schilderungen abwechselten, empfahl sich besonders durch eine Basis von
Sokratischer Philosophie.

In einem Briefe an seine Freundin Sophie la Roche gestand Wieland, da er
ber manche Dinge, die sich auf den moralischen Theil der menschlichen
Natur bezgen, nicht mehr so denke, wie ehemals, und z.B. die Clarisse'n,
die Carl Grandison's und hnliche Werke nicht liebe, aus dem einzigen
Grunde, weil sie ihm zu vollkommen wren. "Vielleicht habe ich Unrecht,"
schrieb er; "sollte ich aber Recht haben, so spotte ich doch nicht ber
ihre Denkart. Ich halte vielmehr dafr, da die Verschiedenheit der
Ansichten der Dinge von der Natur herrhrt, und ihr nicht weniger gem
ist, als der Unterschied, den sie in den Gesichtern, in den Temperamenten,
und in allem macht, was damit in Beziehung steht; und wofern die
ffentliche Ruhe und das allgemeine Wohl nicht darunter leidet, behaupte
ich, es msse erlaubt seyn, da der Eine fr heilig halte, was dem Andern
als sehr profan erscheint; da der Eine mit _dem_ sein Spiel treibe, was
der Andere fr sehr ernst und wichtig nimmt u.s.w.

So suchte sich Wieland als humoristischer Schriftsteller, wofr er gelten
wollte, und nach seinen Anlagen auch wohl gelten konnte, von den Fesseln
zu befreien, die den Flug seines Geistes hemmten, und sich zugleich ber
den in seinen Schriften angestimmten Ton zu rechtfertigen, den die
ffentliche Meinung mit der Wrde eines Professors der Philosophie fr
nicht vertrglich zu halten schien. Er uerte sich darber mit den
Worten: "Man glaubt hier, die Geistesschwere, gewhnlich Gravitt genannt,
sei eine wesentliche Eigenschaft eines akademischen Lehrers, und man kann
oder will nicht sehen, da ein Autor, der fr das Publikum und fr
Menschen von Geist schreibt, nicht wie ein Schulmeister schreiben darf."

Dieser Aeuerungen ungeachtet, glaubte Wieland doch seinen Beruf als
Professor auch in literarischer Hinsicht rechtfertigen zu mssen. Der
Entwurf, eine "Geschichte des menschlichen Geistes" zu schreiben, die er
dem Churfrsten von Mainz zueignen wollte, blieb zwar unausgefhrt. Aber
Bruchstcke einer solchen Geschichte waren gewissermaen alle Werke
Wielands, die in den Jahren 1770-1772 entstanden. Das Studium der Natur
des Menschen ward sein angelegentlichstes Geschft. In den Aufstzen: "Was
ist Wahrheit?" und "Welchen Zweck hat die Philosophie?" hatte er sich zwei
wichtige Fragen vorgelegt, ohne sich jedoch einzubilden, da er mit den
kurzen Antworten, die er darauf gab, seinen Gegenstand erschpft habe.
Seinen "Betrachtungen ber Rousseau's ursprnglichen Zustand des Menschen,"
fgte Wieland, gewissermaen als Ergnzung, einen Aufsatz bei: "Ueber die
Behauptung, da ungehemmte Ausbildung der menschlichen Gattung nachtheilig
sei." Den Contrast zwischen den von Rousseau geuerten Ideen und der
Beschaffenheit der menschlichen Natur wollte Wieland durch Beispiele noch
anschaulicher machen. Zu diesem Behuf schrieb er auer einem Roman,
"Koxkox oder Kikequetzel" betitelt, die "Reisen und Bekenntnisse des
Priesters Abulfauaris."

Entschieden richtete sich Wielands Aufmerksamkeit damals auf einen
Monarchen, dar mit mchtiger Hand die Fesseln zerbrechen zu wollen schien,
welche bisher die Geistesfreiheit gelhmt hatten. Durch den Kaiser Joseph
II. waren zugleich mit dem Jesuitenorden, die meisten Klster in den
sterreichischen Staaten aufgehoben und dadurch die Gewalt des Mnchthums
in mehrfacher Weise beschrnkt worden. Damals (1773) schrieb Wieland
seinen Roman: "der goldene Spiegel", den er dem als dramatischen Dichter
nicht unbekannten Kaiserl. Staatsrath v. Gebler in Wien zueignete. In
einem seiner damaligen Briefe an seine Freundin Sophie la Roche uerte
Wieland, da er in seinem Roman mit einer nicht gewhnlichen
Unerschrockenheit den Groen der Erde einen Spiegel vorgehalten habe, der
ihnen wahrlich nicht schmeichle. "Seyn Sie aber deshalb ohne Furcht",
schrieb er. "Ich frchte weder Bastille, noch Lwengrube, noch feurigen
Ofen. Hab' ich auch nicht die Ueberzeugung, da die Frsten und Minister
mich um meines Buchs willen mehr lieben werden, so bin ich doch gewi, da
sie sich wohl hten mchten, mir eine bse Miene darber zu machen."

Ohne seine fast gnzliche Zurckgezogenheit und den anhaltendsten Flei
htte Wieland whrend seines dreijhrigen Aufenthalts in Erfurt so viel
als Schriftsteller nicht leisten knnen, wie er wirklich leistete.
Ueberdies ward er oft unterbrochen in seinen literarischen Beschftigungen
theils durch Arbeiten, die ihm die churmainzische Regierung bertrug,
theils durch Aufforderungen zu zweckmigen Vorschlgen, wie der Flor der
Universitt zu befrdern seyn mchte. Unter diesen mannigfachen Geschften
war er nicht der Sorge berhoben, mit seiner Familie anstndig leben zu
knnen. Sein Gehalt war mig, und von seinen Vorlesungen, so zahlreich
sie auch besucht wurden, hatte er wenig Gewinn. Auch ohne innern Trieb
htte er zur Feder greifen mssen. Nur von seinem anhaltenden Flei, nicht
von der Gnade seines Frsten, hoffte Wieland, nach seinen eigenen
Aeuerungen, eine Verbesserung seiner Lage.

Einzelne Ausflge nach Weimar muten ihm Ersatz bieten fr eine grere
Reise, die weder seine beschrnkte Zeit, noch seine pecuniren
Verhltnisse erlaubten. Als ihm einst in Weimar Lessings "Emilie Galotti"
in die Hnde fiel, begeisterte ihn dies Trauerspiel zu einem von Lob
berstrmenden Briefe an Lessing. "Es war," uerte Wieland, "das erste
Schreiben, das ich an diesen groen Mann richtete." Literrische
Bekanntschaften und Verbindungen anzuknpfen, und zu Verfolgung
schriftstellerischer Zwecke einen Briefwechsel zu unterhalten, fhlte
Wieland kein Bedrfni. Er hatte schon so viele literrische Plne wieder
aufgeben mssen, weil es ihm an Zeit fehlte, sie auszufhren. Der Kreis
von auswrtigen Freunden, mit denen er in Briefwechsel stand, war daher
sehr beschrnkt. Er schrieb an wenige, meistens nur an solche, die sich
zuerst an ihn gewendet hatten. In ein engeres Freundschaftsverhltni war
er mit Gleim und Jacobi getreten. "Beide," schrieb Wieland an Sophie la
Roche, "gehren zu der kleinen Zahl der schnen Geister, die eine zu
schne Seele haben, um des Neides und der Eifersucht fhig zu seyn, und
Sie wissen, da solche zu den weien Raben gehren." Zu dem Dichter Jacobi
fhlte sich Wieland durch eine Art von Geistesverwandtschaft hingezogen.
Er pflegte ihn seinen _eigenen_ Dichter zu nennen, und freute sich
herzlich ber seines Freundes Streben, in der Poesie das Ideal von
Vollkommenheit zu erreichen, das vor seiner Seele schwebte.

In einem Briefe Jacobi's, welchem Wieland im Mrz 1771 in
Ehrenbreitenstein, wo er sich damals aufhielt, einen Besuch machte, hat
sich eine Schilderung von Wielands Aeueren und seiner Persnlichkeit in
jener Periode seines Lebens erhalten. "Beim ersten Anblick," schrieb
Jacobi, "schien mir seine Physiognomie nicht sehr bedeutend. Seine Augen
sind klein und etwas trb, und die Menge von Blatternarben, womit seine
Haut berdeckt ist, machen, da seine Zge nicht genug hervorstechen, um
sich gehrig auszeichnen zu knnen. Nichts desto weniger drckt sich in
seiner ganzen Gebehrde das Feuer seines Geistes und der Charakter seiner
Empfindungsart auf eine auerordentliche und eigentmliche Weise aus. Wenn
er stark gerhrt ist, gerth sein ganzer Krper, doch auf eine fast
unmerkliche Weise, in Bewegung; seine Muskeln dehnen sich aus; seine Augen
werden heller und glnzender; sein Mund ffnet sich etwas; und so bleibt
er in einer Art von Erstarrung, bis er einige Worte ausgesprochen, oder
seinem Freunde die Hand gedrckt hat. Dieser Ausdruck in Wielands Person
ist so fein, da er den Meisten unbemerkt bleiben mu; ich aber bin davon
mehr als einmal bis auf das Mark erschttert worden. Wieland geht schnell
von einem Vorwurf zum andern ber, weil er in einem Nu eine Reihe von
Gedanken oder eine Situation durchschaut und empfunden hat. Bei ihm wrde
es Zeitverderbni seyn, wenn er lnger dabei verweilte." Zu den
Eigenschaften, die nach Jacobi's Ausdruck, "Wielands Charakter eben so
liebens- und verehrungswrdig machten, als sein Genie," rechnete Jacobi
"die natrliche, schne und mnnliche Empfindsamkeit seiner Seele; die
unzerstrtere Gte seines Herzens; seine warme, uneigenntzige, zu Neid
und Eifersucht ihn ganz unfhig machende Liebe des Wahren und Schnen;
seine ungeheuchelte Bescheidenheit und unglaubliche Aufrichtigkeit."

So innig, wie sein Freundschaftsbund mit Jacobi, ward keine von den
Bekanntschaften, welche Wieland whrend eines damaligen Aufenthalts in
Leipzig anknpfte, wohin er auf kurze Zeit gereist war. Zu den Wenigen, an
die er sich nher anschlo, gehrten Weie und Garve, beide Gellerts
Freunde, den er nicht mehr unter den Lebenden fand, aber zu nicht geringem
Verdru hren mute, wie Jung und Alt sich bemhte, den gefeierten Dichter
durch matte Lobgesnge zu verherrlichen. "Es war," schrieb Wieland, "ein
entsetzliches Gesinge, Geplrre, Geseufze und Geheul." Weie's
liebenswrdiger Charakter zog ihn an. Er gehrte zu denen, meinte Wieland,
mit denen er sein Leben zubringen mchte. In Garve verehrte er den
Philosophen und scharfsinnigen Denker. Nur in geringe Berhrung kam er mit
Clodius, der ihn durch sein Talent fr den geflligen Umgang mehr
interessirte, als durch seine Geistesvorzge. Eine gewisse
Seelenverwandtschaft kettete ihn an Oeser, den er in der Winklerschen
Gemldegallerie kennen gelernt hatte. In einem seiner damaligen Briefe
gestand Wieland: "Unter allen Mnnern, deren Bekanntschaft ich in Leipzig
gemacht, ist Oeser der, den ich am meisten nach meinem Herzen gefunden
habe, eine schne Seele, ein vortreffliches Herz, bei aller Einfachheit
von auen, die sich an dem wahren Genie findet."

Entscheidend fr Wielands spteres Leben ward ein Ausflug nach Weimar.
Durch die dort angeknpfte Bekanntschaft mit dem Grafen v. Grz hatte er
das Glck, der verwittweten Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar
vorgestellt zu werden. Seine Persnlichkeit und geistreiche Unterhaltung,
verbunden mit dem literarischen Ruf, der ihm voranging, machten den
gnstigsten Eindruck auf jene, den Musen befreundete Frstin. Die Herzogin
Amalia bertrug ihm die Erziehung des damaligen Erbprinzen und nachherigen
Herzogs Carl August. Nicht lange zuvor hatte Wieland Aussichten gehabt,
nach Wien gerufen zu werden. Seine Hoffnung grndete sich auf das ziemlich
allgemein verbreitete Gercht: Joseph II. beabsichtige, die vorzglichsten
Geister der deutschen Nation in der Hauptstadt des deutschen Reichs zu
vereinigen. Die Hoffnung, nach Wien zu kommen, gab Wieland auch da noch
nicht ganz auf, als er bereits die Stelle eines Instructors des Erbprinzen
von Sachsen-Weimar angenommen hatte. "Ich stehe nun," schrieb er, "in
meinem vierzigsten Jahre, und wenn die Gttin Fortuna etwas fr mich thun
will, so ist's hohe Zeit; =en attendant=, und weil ich dieser Humoristin
nicht sonderlich traue, bemhe ich mich, =ne ipse desim mihi=."

Die neuen Verhltnisse, in die er zu treten im Begriffe stand, berhoben
ihn nicht gnzlich der Sorge fr die Zukunft, oder eigentlicher gesagt,
fr seine Familie. Ihre Lage war unsicher; denn mit Wielands Tode erlosch
die lebenslngliche Pension von 600 Thlrn., die ihm zugesichert worden
war, wenn er nicht mehr Instructor des Erbprinzen seyn wrde. Bis zu
diesem Zeitpunkt, der mit dem 3. September 1775 herannahte, bezog er einen
Jahrgehalt von 1000 Thlrn. Seine Einknfte hatten sich nur fr wenige
Jahre verbessert. Durch seine Anstellung als Prinzenerzieher sah er jedoch
einen frh gehegten Lieblingswunsch erfllt, mit dem er sich schon whrend
seines Aufenthalts in der Schweiz oft lebhaft beschftigt hatte.

Dem Hofleben konnte Wieland, wenigstens anfangs, keinen Geschmack
abgewinnen, obgleich die Fesseln, die es ihm anlegte, seinem eignen
Gestndni nach, nichts weniger als drckend waren. Etwas Erfreuliches
hatte fr ihn aber doch die Nhe einer durch Geist und Herz
ausgezeichneten Frstin, deren vielseitig gebildeter Geschmack sie fr
alles Groe und Schne, fr Wissenschaft und Kunst im weitesten Sinne des
Worts, empfnglich machte. Darum versammelte sie gern einen Kreis
feingebildeter Mnner und Frauen um sich, und jedes Talent konnte sich in
ihrer Nhe um so freier entwickeln, da Humanitt und Herablassung zu den
Hauptzgen ihres Charakters gehrten, wodurch sie sich allgemeine Liebe
und Verehrung erwarb. An seinen frstlichen Zgling, den Erbprinzen Carl
August, der durch treffliche Anlagen und liebenswrdige Eigenschaften zu
den schnsten Hoffnungen berechtigte, sah sich Wieland bald durch ein Band
wechselseitiger Zuneigung immer inniger geknpft. Das Interesse fr das
Wahre, Gute und Schne in seinem frstlichen Zgling zu wecken und zu
nhren, war die Hauptaufgabe, die sich Wieland bei seinem Unterricht
stellte. Ein Zeugni davon gab er, als er den Geburtstag des Erbprinzen
durch eine allegorische Dichtung in dramatischer Form, "die Wahl des
Herkules" betitelt, feierte.

Wielands Interesse an der dramatischen Poesie ward genhrt durch die
Seylersche Schauspielergesellschaft, deren Mitglieder, zu denen der
berhmte Eckhof gehrte, damals Vorstellungen in Weimar gaben, wo sich
noch keine stehende Bhne befand. Weder den Dramen, noch den komischen
Operetten, meistens franzsischen Mustern nachgebildet, konnte Wieland
eigentlichen Geschmack abgewinnen, wenn er jenen Producten auch nicht
geradezu allen Werth absprach. Eine grere Wirkung hoffte er von der
bisher gnzlich vernachlssigten ernsten Oper. Schon in Erfurt hatte ihn
dieser Gegenstand beschftigt und ihm manche Erklrungen abgenthigt, seit
er seines Freundes Jacobi Cantaten und besonders dessen "Elysium" gelesen
hatte.

Den Beifall, den ein damals von Wieland gedichtetes Singspiel "Aurora"
fand, als es, von Schweizer componirt, aufgefhrt ward, ermuthigte ihn zu
einem grern musikalisch-dramatischen Versuche. So entstand Wielands Oper
"Alceste," die im Mai 1773 zum ersten Mal aufgefhrt ward. Gleichzeitig
schrieb er seinen "Versuch ber das Singspiel." Wielands Freude ber die
gnstige Aufnahme seiner "Alceste" ward vermehrt, als der berhmte Gluck
ihn aufforderte, fr ihn eine hnliche Oper zu schreiben.

Abgelenkt ward Wieland von der dramatischen Poesie durch ein literarisches
Unternehmen, das seine Zeit und Krfte fast bermig in Anspruch zu
nehmen drohte. Der sehr beliebte =Mercure de France= gab ihm die Idee zur
Herausgabe einer hnlichen Zeitschrift, die unter dem Titel: "Der deutsche
Merkur" erscheinen sollte. Wieland hoffte von diesem Journal eine
weitverbreitete Wirkung auf seine Zeitgenossen, und versprach sich selbst
davon fr die Zukunft eine in konomischer Hinsicht gesicherte Lage. Nach
seinem Plane sollten in jener Zeitschrift Gedichte und Aufstze in Prosa
von allgemeinem Interesse mit kritischen Uebersichten der neuesten
Erscheinungen im Gebiet der Philosophie, Geschichte, Politik und schnen
Literatur abwechseln. Die aufzunehmenden Recensionen sollten besonders
auch dazu dienen, parteiische und unbillige Urtheile ber die
vorzglichsten Schriften zu berichtigen. Wieland begann die Herausgabe des
"deutschen Merkur," stie jedoch bald auf nicht vorhergesehene
Hindernisse. "Ohne die Beihlfe unserer besten Schriftsteller vermag ich
nichts," gestand er in einem seiner Briefe. Unter den Mitarbeitern, die er
fr sein Journal zu gewinnen wnschte, waren Lessing, Herder, Garve, Mser
u.A. zu beschftigt mit eignen literarischen Arbeiten, um ihm eine
ununterbrochene Theilnahme am "deutschen Merkur" zusichern zu knnen.
Andere Schriftsteller, die ihm ntzlich werden konnten, kannte er zu
wenig; von mehreren wute er kaum, wo sie lebten, oder welche Stellung sie
behaupteten. Unter seinen nhern Freunden und Bekannten mute er sich die
Mitarbeiter fr sein Journal whlen, welches ihm brigens, da er nicht
blos die Herausgabe, sondern auch den Verlag bernommen hatte, bald durch
eine ausgebreitete Correspondenz und durch mannigfache Irrungen mit
Papierhndlern, Druckern und Correctoren unsglichen Verdru bereitete.
Seinem Freunde Jacobi gestand Wieland: "er sei des Merkurs schon satt,
noch ehe er begonnen." Von den Sorgen der Geschftsfhrung, fr die es ihm
durchaus an Talent fehlte, befreite ihn Bertuch, der nachherige
Legationsrath und Besitzer des Industrie-Comptoirs in Weimar, welche
damals sich der Erlernung des Buchhandels widmete, und ihm mit Rath und
That hlfreich zur Seite stand.

Wieland's khnste Erwartungen bertraf die Zahl der Abonnenten bald nach
der Ankndigung des "deutschen Merkur." Eine Auflage von 2000 Exemplaren
war in kurzer Zeit vergriffen, ungeachtet die innere Ausstattung des
ersten Hefts sehr drftig ausgefallen war. Auer Wieland und Jacobi hatte
kein Schriftsteller von anerkanntem Werth einen Beitrag geliefert. Gotter,
Brger, Mser u.A. hatten sich anonym unterzeichnet. Es war aber weniger
der Mangel an berhmten Namen, als die im "deutschen Merkur" enthaltene
Kritik, was bald ein nachtheiliges Licht auf jene Zeitschrift warf, die so
vielversprechend angekndigt worden war. Auf eine leidenschaftliche
Gegenwirkung mute Wieland gefat seyn, als er sich zu einem strengen
Kunstrichter aufwarf. Schwerlich aber ahnte er das Schicksal, da er durch
seine Urtheile es mit allen Partheien auf einmal verderben und selbst mit
denen zerfallen wrde, die er fr seine treusten Freunde hielt.

In manche Irrungen gerieth Wieland durch die Schrfe seiner Kritik mit den
Halberstdter Dichtern, mit Gleim, Jacobi, Michaelis u.A. Die Gttinger
poetische Blumenlese, zu welcher er selbst Beitrge geliefert, hatte er
mit einer Strenge beurtheilt, durch welche der Herausgeber Boie sowohl,
als die Mitarbeiten sich sehr verletzt fhlten. Es waren Brger, Hlty,
Vo, Miller, die Grafen Stolberg u.a. junge talentvolle Mnner, die dem
Gttinger Dichterbunde, der sich damals gebildet, angehrten. Vllig
verscherzte Wieland die Achtung jenes Vereins, als sein Tadel auch die
Bardenpoesie und den khnen Dithyrambenton traf, den die Gttinger Dichter
damals in einer Uebersetzung griechischer Chre der alten Tragiker
angestimmt hatten. Durch solche Bestrebungen meinte Wieland, werde die
deutsche Poesie bald allen Wohlklang und berhaupt alle Wahrheit,
Regelmigkeit, Anmuth und Eleganz verlieren. Hinsichtlich der Gttinger
Dichter bemerkte er: "Sie scheinen sich vorgenommen zu haben, den
Ausspruch des Demokrit, da ein Poet rasen msse, durch ihr Beispiel zu
rechtfertigen; aber die poetische Wuth sollte doch, dcht' ich, nicht gar
zu nahe an diejenige grenzen, die in die dunkle Stube fhrt." Durch solche
Aeuerungen, und durch seinen Ausfall auf die Bardenpoesie, der zugleich
den von den Gttingern hochverehrten Snger der Messiade traf, hatte
Wieland jene jungen Mnner so gereizt, da sie, als der Dichterbund am 2.
Juli 1773 Klopstocks Geburtstag feierte, Wielands "Komische Erzhlungen"
den Flammen opferten.

Mit den Frankfurter Dichtern, die auf einem andern Wege, als die
Gttinger, nach einer Nationalpoesie strebten, bei der ihnen Shakspeare
als Muster galt, war Wieland durch eine Recension des "Gtz von
Berlichingen" zerfallen, die, wenn auch nicht von ihm selbst herrhrend,
doch einen Platz im "deutschen Merkur" gefunden hatte. Das gespannte
Verhltni, in welches er dadurch zu Goethe getreten war, der sein
ausgezeichnetes und vielseitiges Talent bald nachher durch die "Leiden
Werthers", das Trauerspiel "Clavigo" u.a. Schriften bewhrte, ward noch
gesteigert durch die von Wieland im deutschen Merkur erschienenen "Briefe
ber das Singspiel Alceste." Den Verfasser dieser Briefe whlte Goethe zum
Gegenstande seiner aristophanischen Laune in der damals von ihm
gedichteten Posse: "Gtter, Helden und Wieland." Statt dadurch gereizt,
sich zu der Parthei der Gegner Goethe's zu schlagen, die die gefhrliche
und sittenverderbliche Tendenz der "Leiden Werthers" hervorzuheben
suchten, empfahl Wieland im "deutschen Merkur" die gegen ihn gerichtete
Schrift "allen Liebhabern der pasquinischen Manier als ein Meisterstck
von Persiflage und sophistischem Witze, der sich aus allen mglichen
Standpunkten sorgfltig _den_ auserwhle, aus dem ihm der Gegenstand
schief vorkommen msse, und sich dann recht herzlich lustig darber mache,
da das Ding so schief sei." Dabei lie Wieland es nicht bewenden. Auch
eine frher versprochene Vertheidigung des "Gtz von Berlichingen" hielt
er nicht zurck und lie sie bald nachher im "deutschen Merkur" drucken.

In der gerechten Anerkennung Goethe's, die er durch eine sehr ausfhrliche
Beurtheilung des eben genannten Schauspiels gezeigt hatte, blieb Wieland
sich gleich. Hinsichtlich der "Leiden Werthers" vertheidigte er in seiner
Kritik den Verfasser jenes Romans gegen die Beschuldigung, dem Selbstmord
das Wort geredet zu haben. Wieland nannte jenen Roman "das Gemlde eines
innern Seelenkampfes, wie ihn nur _der_ entwerfen knne, der den Schpfer
des Hamlet und des Othello studirt habe." So hatte sich Wieland wieder
ausgeshnt mit Goethe, der einer seiner gefhrlichsten Gegner zu werden
drohte. Aber auch den Angriffen derer, die die Klopstockische Bardenpoesie
priesen, setzte er nichts entgegen, als einen gelegentlich angebrachten
heitern Scherz. Auf diese Weise suchte Wieland allen seinen Gegnern
gegenber eine wrdige Stellung zu behaupten.

Die Irrungen, in die er mit seinen Halberstdter Freunden, mit Gleim und
Jacobi, gerathen war, wurden ausgeglichen, als Gleim zur Vershnung die
Hand bot. Er benutzte dazu eine Reise nach Weimar, wo das gestrte
Freundschaftsverhltni vllig wieder hergestellt ward. Auch mit einem
Freunde Gleims, mit Heinse, war Wieland zerfallen. Er vershnte sich aber
mit ihm, als er Heinses Roman "Laidion" gelesen, und ganz bezaubert worden
war von "dem schnen, abenteuerlichen Ungeheuer", wie er jenes Werk
nannte.

Auf einen bisherigen Lieblingsgenu, auf den Besuch des Theaters, hatte
Wieland einstweilen verzichten mssen. Durch den Brand des Weimarischen
Schlosses am 6. Mai 1774, hatte die Schauspielergesellschaft das Local zu
ihren Vorstellungen eingebt, und war entlassen worden. Mit dem Schlusse
des Jahres 1774 hatte das Erziehungsgeschft, welchem sich Wieland bisher
gewidmet, gnzlich aufgehrt. Der Erbprinz Carl August und sein Bruder
Constantin hatten, in Begleitung des Grafen v. Grz und des Majors v.
Knebel, eine Reise durch einen Theil von Deutschland angetreten, und sich
auch nach Frankreich begeben. Seit Wieland nicht mehr Instructor war,
hatten sich seine Sorgen vermehrt. Durch verdoppelten literarischen Flei
mute er an eine Erweiterung seiner Einknfte denken. Sein Familienkreis,
zu welchem vier Tchter gehrten, war noch durch seine Mutter vergrert
worden, die bereits 1772, bald nach ihres Gatten Tode, zu Wieland nach
Weimar gezogen war. Der mige Absatz des "deutschen Merkur" nthigte ihm
in einem seiner damaligen Briefe die Klage ab, da er kaum im Stande sei,
die Unkosten jenes Journals zu decken.

Zu den Sorgen fr seine Subsistenz gesellte sich manche Krnkung seines
Selbstgefhls. An Veranlagung zu Argwohn fehlte es ihm nicht. Ein
satyrisches Drama, "Prometheus, Deukalion und seine Recensenten" betitelt,
und von Wagner in Frankfurt am Main verfat, galt ziemlich allgemein fr
ein Werk Goethe's. Es erschien zu einer Zeit, wo Wieland von dem genannten
Dichter einige Zeilen erhalten hatte, die auf ein freundliches Verhltni
hinzudeuten schienen. Gleichgltige Hintansetzung auf der einen Seite, und
Vershnung auf der andern, hielt Wieland in seinem Unmuth fr das Loos,
das ihm zu Theil geworden sei, so wenig er es verdient zu haben glaubte.
"Nie hab' ich," schrieb er an Sophie la Roche, "mehr Liebe fr einen
Menschen gefhlt, als fr den Verfasser des Gtz und Werther. Seine
Freundschaft wrde mich glcklich machen. Aber er will nicht mein Freund
seyn. Er will die Freude haben, vor der Welt sein Spiel mit mir zu
treiben, und in die Art, wie er's thut, bringt er alles, was Beleidigungen
verzeihlich macht. Wodurch hab' ich das alles verdient? Wodurch hab' ich
mich unwrdig gemacht, von wackern rechtschaffenen Leuten geliebt und
geschtzt zu werden?"

So rhrende Klagen enthielten mehrere von Wieland's damaligen Briefen.
Eine Reise nach Halberstadt zu Gleim, der ihm unter allen seinen Freund
fast noch allein geblieben war, sollte seinen Unmuth verscheuchen. Ein
zweitgiges Zusammenleben machte in Wieland und Gleim den Wunsch rege,
knftig einen und denselben Wohnsitz zu haben. Manche Plne wurden in
dieser Hinsicht entworfen und wieder aufgegeben. Gleim's Bemhungen, ihm
eine Stelle in Berlin zu verschaffen, wute Wieland zu schtzen. Die
Grnde, weshalb er keinen Gebrauch davon machen konnte, enthielt ein bald
nach der Rckkehr aus Halberstadt geschriebener Brief an Gleim. Darin hie
es unter andern: "Wahrscheinlich wird Carl August mir nie Ursache geben,
mich von ihm zu entfernen. Ich sitze hier ganz gut. So schn auch immer
Ihr Berliner Project fr mich in unser chimrisches Plnchen pate, so
wrde es doch in der Ausfhrung unendliche Schwierigkeiten haben.
Anderswo, als in Weimar zu leben, wrde mich doch blos die Noth zwingen
knnen, irgend ein ffentliches Amt anzunehmen oder zu suchen. Die
Versetzung in eine Welt, wie die Berlinische ist, wrde sich berdies fr
meine Gemthsart und meine Umstnde kaum schicken. =Pain cuit et libert=
wird ewig mein Wahlspruch bleiben. Lieber mit sechshundert Thalern in dem
kleinen Drfchen, wo mein Gleim geboren wurde, in einer Htte an dem
Schmerlenbach, als in Berlin oder Wien mit so viel tausend Thalern, als
Sie wollen. Carl August ist mir gewogen und seine Mutter auch. In
Hofintriguen und Staatssachen werde ich mich nie mischen, und mich so viel
als mglich in meinem Schneckenhuschen ruhig halten. Ich werde also wenig
oder keine Feinde in Weimar haben, und in Frieden und Unschuld dahinleben,
so lange es Gott gefllt. Aendern sich einmal die Umstnde, so wollen wir,
um Ruhe zu bekommen, uns weder nach Berlin, noch in eine Windmhle setzen,
sondern uns irgendwo, nahe bei unserm Gleim, gerade so ein kleines
suetonisches tranquilles Gtchen kaufen, wie es einem Danischmende ntzt
und frommt -- so weit von Sultanen und Bonzen, als immer mglich ist. In
einer kleinen Stadt oder auf dem Lande, nicht weit von einer kleinen
Stadt, kann so ein Mittelding von Sokrates und Horaz, wie ich bin,
wohlfeiler glcklich seyn."

So schrieb Wieland zu einer Zeit, wo durch den Regierungsantritt seines
bisherigen Zglings Carl August und dessen Vermhlung mit der Prinzessin
Luise von Hessen-Darmstadt manche Vernderungen in seiner bisherigen Lage
eintreten konnten. Er schien gefat, unter allen Umstnden die
Lebensweisheit zu zeigen, die bisher seine unzertrennliche Lebensgefhrtin
gewesen war. "Ich habe," schrieb er, "schon meine Parthie genommen. Die
Hofluft ist mir immer zuwider gewesen, und je seltner ich knftig
genthigt seyn werde, sie zu athmen, desto glcklicher werd' ich seyn."
Diesem Gleichmuth blieb Wieland treu. In einem seiner damaligen Briefe an
Sophie la Roche uerte er: "Die bevorstehenden Auftritte, so unbedeutend
sie fr die brige Welt sind oder scheinen, sind fr uns Weimaraner doch
von so groer Wichtigkeit, da jetzt Alles bei uns in Erwartung der Dinge
schwebt, die da kommen werden. Der ruhigste unter allen nennt sich
Wieland, weil er fr sich selbst nichts verlangt, mit allem zufrieden ist,
und brigens voll guter Hoffnungen."

Wenigstens eine dieser Hoffnungen, die er lngst im Stillen gehegt, ward
erfllt durch die persnliche Bekanntschaft Goethe's, den der junge Herzog
auf seiner Reise in Frankfurt am Main kennen und schtzen gelernt, und ihn
aufgefordert hatte, in den Weimarischen Staatsdienst zu treten. Wenige
Monate, nachdem Carl August die Regierung bernommen und seine Vermhlung
gefeiert hatte, traf Goethe den 7. November 1775 in Weimar ein. Mit
Begeisterung verkndete Wieland dies Ereigni seinem Freunde Jacobi. Neid
und Migunst waren seiner Seele gnzlich fremd. Den jungen Autor, der ihn
durch seine Satyre gekrnkt, bald als Liebling und Vertrauten eines
Frsten zu sehen, dem er bisher nher gestanden, machte ihm keine
unangenehme Empfindung. Goethe galt ihm, nach seiner eignen Aeuerung als
"das grte Genie und als der beste, liebenswrdigste Mensch, den er
bisher gekannt."

Wielands Begeisterung fr Goethe kannte keine Grenzen. Die Belege dafr
findet man in mehrern seiner damaligen Briefe. Er war in der frohesten
Stimmung, die auch wohl darin einen wesentlichen Grund haben mochte, da
in seinen bisherigen Lebensverhltnissen nicht die mindeste Vernderung
eingetreten war. Von dem Herzog Carl August war ihm der Genu seines
bisher bezogenen Gehalts auf Lebenszeit zugesichert worden. Die Gemahlin
seines Frsten gab ihm unzweideutige Beweise ihres Wohlwollens, und die
Herzogin Amalia blieb ihm unvernderlich geneigt. Seinen Lieblingswunsch,
unbekmmert um das Treiben der Welt, sich selbst und seinen Studien zu
leben, sah Wieland erfllt. "In seinem Schneckenhuschen, wohin er," wie
er einem Freunde meldete, "sich zurckgezogen," kam er nur mit Wenigen in
Berhrung. Wichtig ward jedoch fr ihn die persnliche Bekanntschaft
Herders, der als Generalsuperintendent nach Weimar berufen worden war. Den
Eindruck, den Herder auf ihn machte, schilderte ein im October 1776
geschriebener Brief Wielands. "Meine ganze Seele," schrieb er, "ist voll
von dem herrlichen Manne. Aber er ist mir zu gro, zu herrlich. Ich fhle,
wie wenig ich ihm seyn kann. Fhlen, einsehen, durchschauen, was er ist,
und ihn lieben, mehr als ihn noch ein Sterblicher geliebt hat, das kann
ich. Aber wie unzulnglich ist das fr einen so tief denkenden,
allumfassenden, mchtigen Genius!"

Durch den Umgang mit Goethe und Herder ward Wieland nicht gleichgltig
gegen seine entfernten Freunde. Vorzglich war es Gleim, dem er alle seine
Freuden und Leiden mittheilte, und ihn gewissermaen in das Innere seines
Familienkreises fhrte. Wahrhaft einheimisch fhlte sich Wieland erst in
Weimar, als er um diese Zeit sich einen vor der Stadt gelegenen Garten
gekauft hatte. Dort, in lndlicher Einsamkeit, konnte er ungestrt die
Schnheiten der Natur genieen, und sich seinen Betrachtungen hingeben.
Seine ganze Existenz, meinte Wieland, habe dadurch eine andere Wendung
bekommen. In einem Briefe an Gleim, welchem er eine Schilderung seiner
"neuen Domaine" entwarf, bemerkte er: "Sie mssen sich nichts Vornehmes,
noch Kostbares vorstellen. Bilden Sie sich ein, da es ungefhr so ein
Garten ist, wie das kleine Gut, das Plinius dem Sueton kaufen will, ein
Landgut war, d.i. gerade so, wie ihn ein Msiggnger meiner Art vonnthen
hat; Bume genug, um Schatten zu haben, und gro genug, da meine Mdchen
sich mde darin laufen knnen. Seitdem die Kirschbume zu blhen
angefangen haben, bin ich nun den ganzen lieben Tag drauen, und habe es
schon so weit gebracht, da mir in meinen vier Mauern in der Stadt,
nirgends wohl ist, bis ich meinen Stab in der Hand habe, um hinaus zu
gehen und im Freien, im Grnen, unter meinen Bumen, im Angesicht meiner
eignen kleinen Pflanzungen, zu leben und zu wallen, und den unendlichen
Erdgeist einzuziehen, mit dem ich je lnger, je mehr Sympathie und
Verwandtschaft fhle."

In einem sptern Briefe vom 7. September 1777 meldete Wieland seiner
Jugendfreundin Sophie la Roche, da er seit Anfang des Sommers in einem
groen Hause vor der Stadt wohne, zwar nur zwanzig Schritte vom Thor, doch
mit allen Annehmlichkeiten des Landlebens, in der beneidenswerthesten
Freiheit und Ruhe. "Dort," schrieb er, "leb' ich fast ganz allein mit mir
selbst und den Meinigen; und wenn mir, um ganz glcklich zu seyn, noch
etwas abgeht, so ist's, da ich der brigen Welt nicht so ganz vergessen
darf, als ich wohl gern mchte. Hinten an meinem Hause hab' ich einen
Kchengarten mit Obstbumen, und ein paar hundert Schritte davon liegt ein
grerer Garten, den ich vor anderthalb Jahren gekauft habe, und worin ich
dieser schnen herbstlichen Tage froh werde, die die Natur uns noch ganz
unvermuthet schenkt."

In seiner Zurckgezogenheit blieb Wieland fast gnzlich unbekannt mit den
abentheuerlichen und groenteils bertriebnen Gerchten, die sich damals
ber Weimar und das dortige Leben und Treiben verbreiteten. Das seltene
Freundschaftsverhltni zwischen einem geistreichen Frsten und einem
genialen Dichter hatte allgemeine Sensation erregt, und war gewissermaen
das Signal geworden fr alle Kraft- und Dranggenie's, nach Weimar zu
wallfahrten. Die wunderlichsten Mhrchen verbreiteten sich ber Goethe und
dessen Freunde Lenz und Klinger, die damals von Frankfurt nach Weimar
gekommen waren. Von Lenz gestand Wieland selbst: "er mache alle Tage
regelmig seinen dummen Streich, und wundere sich dann darber, wie eine
Gans, wenn sie ein Ei gelegt habe." Selbst von Herder ward gefabelt, er
predige in galonnirten Kleidern, mit Stiefeln und Sporen, und reite
unmittelbar nach der Predigt zum Thor hinaus.

Gegen den Antheil an jenem Treiben, den ihm das Gercht schuld gab,
rechtfertigte sich Wieland in einem Briefe vom 7. Februar 1776 mit den
Worten: "Ich hre, da gewisse Leute, die aus verchtlichen Ursachen meine
und Goethe's Feinde sind, allerlei Calumnien aussprengen, und unter andern
auch mich, wegen meiner Connexion mit Goethe, mit in das, was hier
geschieht und nicht geschieht, einmischen, und mich zu einem, ich wei
nicht ob Actuar oder Soufleur oder Lichtputzer bei unsrer Staatscomdie
machen, da ich doch, Dank sei Gott und meinem Genius, ein bloer Zuschauer
bin -- bereit, mit aller mglichen Bonhomie zu klatschen, wenn gut
gespielt wird, und hchstens die Achseln zuckend, oder ein paar =sacres
bleus= zwischen den Zhnen murmelnd, wenn es dumm geht."

Der Einflu junger talentvoller Kpfe wirkte aufregend fr Wielands
geistige Kraft, zu einer Zeit, wo er in seinen "Unterredungen mit einem
Pfarrer" eine Apologie seiner frhern Schriften niedergelegt hatte. Manche
Plne entwarf er damals, seinen "deutschen Merkur" gemeinntziger zu
machen. Nichts, meinte er, wrde dieser Zeitschrift mehr aufhelfen, als
wenn man "mehr Urtheile ber Bcher und andere Dinge" hinein brchte. "Den
Leuten," schrieb Wieland, "liegt an nichts so viel, als zu wissen, was sie
ber alles Vorkommende denken und sagen sollen." Seltener waren allmlig
die Beitrge geworden, durch welche Goethe, Herder, Jacobi u.A. vor dem
Jahre 1776 sein Journal, dessen Aufnahme ihm sehr am Herzen lag,
untersttzt hatten. Es enthielt mehr Aufstze von seiner eignen Feder, und
fast alle seine Werke theilte er bruchstckweise zuerst in dem "deutschen
Merkur" mit.

Seine fast ununterbrochene Beschftigung mit der Literatur der Griechen
und Rmer entzog ihn nicht philosophischen und historischen Studien im
weitesten Umfange des Worts. Zugleich blieb ihm ein lebendiges Interesse
fr alle Ereignisse der Gegenwart. Die Fortschritte des Menschen in seiner
Geistescultur beobachtete Wieland mit scharfem Auge. Er machte sich mit
den neuern Reisebeschreibungen und mit jeder wichtigen Entdeckung bekannt.
Sein reger Geist durchwanderte das groe Gebiet der Wissenschaften und
Knste nach allen Richtungen hin. Dadurch erhielt er reichhaltige
Materialien zu grern und kleinen Aufstzen fr den "deutschen Merkur."
Die meisten jener Aufstze charakterisirte das Streben, Aufklrung zu
verbreiten zu einer Zeit, wo schwrmerische Kpfe, wie der Pater Ganer in
Wien, der berchtigte Graf Cagliostro, Memer, Schrpfer u.A. dem
Zeitgeiste eine so wunderbare Richtung gaben, da man sich des Unglaubens
auf der einen Seite, und des Aberglaubens auf der andern beschuldigte.
Behutsam aber glaubte Wieland zu Werke gehen zu mssen, und nicht zu
verkennen war seine Gewissenhaftigkeit in Allem, was er ber religise
Gegenstnde schrieb.

Unter seinen mannigfachen Studien und Beschftigungen ward er der
Dichtkunst nicht untreu. In diese Zeit seines Lebens fallen die
poetischen Erzhlungen: "Gandelin" oder "Liebe um Liebe"; das "Winter- und
Sommermhrchen"; "Pervonte"; der "Vogelfang" oder "die drei Lehren", "Hann
und Gulpenheh" u.a.m. Seine Natur neigte sich entschieden zur romantischen
Poesie. Nach seinen eignen Aeuerungen war er berzeugt, da sich "dem
Mhrchen ein hherer Zweck unterlegen lasse, als bloe Unterhaltung
kleiner und groer Kinder." Bei den meisten der vorhin erwhnten Gedichte
hatte Wieland franzsische Quellen benutzt, die =Fabliaux= von =Chretien
de Troyes=, die =Lays de l'Oiselet= u.a.m. Aus einer altfranzsischen
Sage, =Huon de Bordeaux= betitelt, schpfte Wieland auch den Stoff zu
seinem "Oberon", durch den er seinen Dichterruhm fr immer begrndete.

Fr eine eigenthmliche Schnheit des Plans und der Composition seines
Epos hielt Wieland, nach seinem eignen Gestndni, "die Art und Weise, wie
die Geschichte von Oberon's Zwist mit seiner Gemahlin Titania in der
Geschichte Hons und Rezia's eingewebt worden sei." Er schrieb darber
einem Freunde: "Oberon ist nicht nur aus zwei, sondern, wenn man es genau
nehmen will, aus drei Haupthandlungen zusammengesetzt, nmlich aus dem
Abentheuer, welches Hon auf Befehl des Kaisers zu bestehen bernommen,
der Geschichte seines Liebesverhltnisses mit Rezia, und der
Wiederausshnung der Titania mit Oberon. Aber diese drei Handlungen oder
Fabeln sind dergestalt in Einen Hauptknoten verschlungen, da keiner ohne
die andern bestehen, oder einen glcklichen Ausgang gewinnen knnte. Ohne
Oberon's Beistand wrde Hon Kaiser Carl's Auftrag unmglich haben
ausfhren knnen; ohne seine Liebe zu Rezia, und ohne die Hoffnung, welche
Oberon auf die Treue und Standhaftigkeit der beiden Liebenden, als
Werkzeuge seiner eignen Wiedervereinigung mit Titania grndete, wrde
dieser Geisterfrst keine Ursache gehabt haben, einen so innigen Antheil
an ihrem Schicksal zu nehmen. Aus dieser, auf wechselseitige
Unentbehrlichkeit gegrndeten Verwebung ihres verschiedenen Interesses
entsteht eine Art von Einheit, die meines Erachtens das Verdienst der
Neuheit hat, und deren gute Wirkung der Leser durch sein eigene Theilnahme
an den smmtlichen handelnden Personen zu stark fhlt, als da sie ihm
irgend ein Kunstrichter wegdisputiren knnte."

In seinem "Oberon", der sich dadurch von Wielands bisherigen Gedichten
unterschied, da durchaus keine Spur von satyrischer Tendenz darin zu
entdecken war, hatte er alle Elemente des Romantischen zu vereinigen
gesucht, Schwrmerei im Heroismus, in der Liebe und der Religion. "Es
scheint", schrieb er, "einer der feinsten Kunstgriffe in Gedichten
romantischer Gattung, da man die Genien und Feen als Wesen einer hhern
Ordnung und Brger einer andern Welt einfhrt, deren Natur, Wirkungskreis
und Geschichte fr uns immer etwas Rthselhaftes, Geheimes und
Unerklrliches hat, auch alsdann, wenn unsre Begebenheiten durch eine noch
hhere und geheimere Ordnung der Dinge, die man wohl Schicksal nennt, in
die brigen eingeflochten, und wir, ohne zu wissen, wie und warum,
Werkzeuge abgeben, wodurch das Schicksal ihnen Gutes erweist."

Wieland war noch beschftigt mit seinem "Oberon", als das Studium der
Alten, an dem er noch immer mit Liebe hing, in ihm die Idee weckte, seinen
Lieblingsdichter Horaz zu bersetzen. Ausgefhrt ward diese Idee erst, als
er den "Oberon" vollendet hatte. Wieland beschrnkte sich in seiner
Uebersetzung des Horaz nur auf die Briefe und Satyren des rmischen
Dichters. Es war ihm mehr darum zu thun, den Geist seines Originals
wiederzugeben, als sich streng an die Form zu halten und die Treue seiner
Uebersetzung bis auf das Buchstbliche auszudehnen. Um die Manier und den
Ton seines Autors besser zu treffen, whlte er, statt des Hexameters, den
jambischen Vers, den er fr geeigneter hielt, die Leichtigkeit und
Gewandtheit der Conversationssprache wiederzugeben. Auch bei seiner
Uebersetzung des Lucian, die er einige Jahre spter unternahm, ging er mit
gleicher Freiheit zu Werke, wodurch der Ausdruck bald krzer, bald
weitlufiger ward als der des Originals. Einen bleibenden Werth verlieh er
seinen Uebersetzungen, durch die denselben beigefgten Einleitungen und
Erluterungen, die von der grndlichsten Sachkenntni zeugten. An die
Uebersetzung des Lucian erinnerte sich Wieland noch in sptern Jahren oft
mit Vergngen. Zwischen ihm und jenem Autor fand eine Art von
Geistesverwandtschaft statt, und Wieland uerte scherzend, da er whrend
jener literarischen Arbeit sich oft dem Glauben an eine Seelenwanderung
berlassen habe.

Einen sehr ernsten Zweck suchte Wieland zu verfolgen in seinen
groentheils durch die politischen Ereignisse veranlaten "Gesprchen in
Elysium" und in seinen "Gttergesprchen." Frher, als diese Schrift,
entstand ein Werk, das durch seinen Inhalt groe Sensation erregte. Die
erste Idee zu seiner "Geschichte der Abderiten" gaben ihm vermuthlich
Erinnerungen an die republikanische Verfassung seiner Vaterstadt Biberach
und eine Vergleichung jener Constitution mit der monarchischen Regierung
in Weimar. Er ward jedoch immer vorsichtiger und behutsamer in seinen
Schriften und Aufstzen ber politische Gegenstnde. Schon sein Verhltni
zum Weimarischen Hofe bestimmte ihn, in dieser Hinsicht Rcksichten zu
nehmen. Sein Freund Jacobi mute sich's gefallen lassen, da Wieland in
den fr den "deutschen Merkur" bestimmten Bruchstcken des Romans "Alwill"
mehrere Stellen strich, besonders eine ber den Frstendienst. Er schrieb
darber an Jacobi: "Gott wei, wie Du, mit dem Bewutseyn deiner und
meiner Verhltnisse, so etwas hinschreiben konntest, da ich's drucken
lassen sollte." Bescheidenheit hielt Wieland fr eine unerlliche
Bedingung, unter der ein Privatmann ffentlich ber Staatsangelegenheiten
sprechen, und ber Maregeln, von denen das Wohl oder Wehe ganzer Nationen
abhngig sei, ein Urtheil fllen sollte. Er war der Ansicht: die Wnsche
des Volks und die Meinung verstndiger und unparteiischer Mnner zu
vernehmen, msse den Frsten immer willkommen seyn, so lange sie noch
keine entschiedene Parthei ergriffen htten. Sei aber einmal der
unglckliche Wurf geschehen, so knne das Einmischen von Privatleuten und
ihr Urtheil ber die ergriffenen Maregeln nichts mehr helfen, wohl aber
schaden. Wiederholt warnte Wieland vor dem Mibrauch der Presse. Aber eine
Reform in den politischen Verhltnissen wnschte und hoffte er sehnlich.
Eine khnere Sprache als manche seiner Aeuerungen erwarten lieen, fhrte
Wieland in einem 1784 gedruckten Aufsatze.

"Wenn man", uerte er darin, "mit der Religion und der Priesterschaft
fertig ist, so wird wahrscheinlich auch die Reihe an Untersuchungen
kommen, die unsern weltlichen Gewalthabern nicht behagen drften, so
gleichgltig auch das Gefhl ihrer Strke sie jetzt dagegen machen mag.
Denn auch sie wird man endlich fragen: Aus welcher Macht thut ihr dies und
das? Von wem habt ihr diese Macht empfangen, und wem habt ihr Rechenschaft
davon zu geben? Worauf grnden sich eure Vorrechte, Besitzthmer und
Ansprche? Wenn sich alle eure Vorrechte -- wie uns unsre Philosophen von
allen Dchern herabpredigen -- auf einen bloen Vertrag zwischen uns und
euch grnden; wenn alles, was ihr besitzt, blos anvertrautes Gut ist, und
euer Ansehn keinen andern rechtschaffnen Grund hat, noch haben kann, als
eine von uns empfangene bedingte Vollmacht, die wir alle Tage zurcknehmen
knnen, sobald wir uns auf eine vorteilhaftere Art einzurichten wissen:
wie knnt ihr erwarten, da so aufgeklrte Leute, wie wir, in der
wichtigen Angelegenheit unsres zeitlichen Lebens euch eine willkhrliche
und unbeschrnkte Gewalt ber unsere Personen, unser Eigenthum und unser
Leben einrumen werden? Ehe wir euern Verordnungen gehorchen, wollen wir
untersuchen, ob sie uns glcklich machen werden. Ehe wir euch Subsidien
bewilligen, wollen wir erst wissen, wie ihr sie zu unserm Nutzen
anzuwenden gedenkt. Und ehe wir uns an die Schlachtbank fhren, oder uns
der Gefahr aussetzen lassen, unser Feld verwstet, unsre Wohnungen
angezndet und unsere Shne in die Kriegsknechtschaft gefhrt zu sehen,
wollen wir vorher untersuchen, was uns daran gelegen ist, ob ihr etliche
Quadratmeilen mehr oder weniger zu besteuern habt, oder nicht."

Diese Aeuerungen waren prophetische Worte, die bald nach Friedrichs II.
Tode (1786) und noch mehr durch die sptern politischen Ereignisse sich
bewhrten. Die Stellung, welche Wieland damals als Schriftsteller und
Journalist zu behaupten suchte, bezeichnete er selbst in den Worten:

"Es ist eben so wenig meine Absicht, unserm Jahrhundert Hohn zu sprechen,
als ihm zu schmeicheln. Ich halte es fr eins der wirksamsten Mittel,
seine Zeitgenossen zu bessern, wenn man ihnen, wie Swift, immer
beleidigende Dinge sagt. Sie immer zu streicheln und liebzukosen und
einzuwiegen und in Schlaf zu singen, taugt nichts."

Die Rechte der Menschheit gegen den Druck des Despotismus in Schutz zu
nehmen, war Wielands unablssiges Bestreben. Bei der sich immer mehr
ausbreitenden Aufklrung, bei den immer raschern Fortschritten der Cultur,
hielt er den Zeitpunkt nicht fr entfernt, wo, nach seinem eignen Ausdruck
"die schafsmigsten Menschen zu Tigern werden knnten." Nur einer
einzigen Commotion, meinte er, bedrfe es, "um zehn oder zwanzig
Millionen, die nichts mehr als das nackte Leben zu verlieren htten, dahin
zu bringen, auch dies gegen Alles aufs Spiel zu setzen."

Wielands Welt- und Menschenkenntni hatte ihn nicht getuscht. Noch vor
dem Schlu des achtzehnten Jahrhunderts gingen seine Worte durch den
Ausbruch der franzsischen Revolution fast buchstblich in Erfllung. Wie
mchtig dies politische Ereigni auf ihn eingewirkt, zeigten mehrere
Schriften und Aufstze, in denen er seine politische Meinung niederlegte.
Cosmopolit im eigentlichsten Sinne des Worts, durfte er sich wohl das
Zeugni geben, da "in Allem, was er seit dem 14. Juni 1789 ber die
ffentlichen Begebenheiten in Frankreich geschrieben habe, ein gewisser
Geist von Unpartheilichkeit, Billigkeit und Migung athme."

Die Hauptmaxime, die ihn "in seinem Urtheil ber die menschlichen Dinge"
leitete, zeigte Wielands eignes Gestndni. "Nie vergesse ich," schrieb
er, "da Menschen in allen Umstnden und Zeiten weder mehr noch weniger,
als Menschen sind. Daher kommt es, da nicht leicht etwas so gut oder
schlimm, so vernnftig oder so albern, so edel oder so schlecht ist, da
ich es ihnen nicht unter gewissen Umstnden zutrauen sollte. Daher kommt
es, da ich nichts Vollkommenes von ihnen erwarte, und mich nie darber
formalisire, wenn sie, zumal in auerordentlichen Lagen und im Gedrnge
groer Schwierigkeiten, nicht wie Gtter, reine Geister oder stoische
Weise, sondern nur wie arme Erdenklse, weder weiser, noch consequenter,
noch uneigenntziger handeln, als man es seit so vielen Jahrtausenden von
den Adamskindern gewohnt ist, oder doch billig gewohnt seyn sollte."

Von den Greueln der franzsischen Revolution wandte sich Wieland mit
Abscheu hinweg. Die Vaterlandsliebe regte sich wieder mchtiger in ihm.
Rhmend hob er das Gute hervor in der wegen ihrer Mngel oft von ihm
getadelten Constitution der deutschen Staaten. In der Liebe zu der
bestehenden Verfassung zeigte sich ihm die wahre Vaterlandsliebe. "Was
kann," schrieb er, "deutscher Patriotismus anders seyn, als das
aufrichtige Bestreben, zur Erhaltung und Vervollkommnung der gegenwrtigen
Verfassung des gemeinen Wesens alles beizutragen, was jeder, nach seinem
Stande, Vermgen und Verhltni zum Ganzen dazu beizutragen fhig ist? Mit
wie vielem Rechte kann man von uns Deutschen sagen, was der rmische
Dichter von den Landleuten sagt: =Felices sua si bona norint=! Glcklich,
wenn der Schlummer der Gewohnheit uns nicht gleichgltig, blind und
undankbar gegen die grten Wohlthaten unserer Verfassung gemacht htte;
wenn wir ihrer nicht genssen, wie der Gesundheit, deren hohen Werth man
erst fhlt, wenn man sie verloren."

Als politischer Schriftsteller entging Wieland nicht dem Schicksal, wegen
seiner Grundstze von allen Partheien, sowohl der monarchischen, als
aristokratischen und demokratischen, verkannt, und oft hart angefochten zu
werden. Seine heftigsten Gegner waren die Aristokraten, die ihm seine
Abneigung gegen das Kastenwesen und Privilegien aller Art sehr verbelten.
Gegen den Vorwurf, "die Schuster- und Schneider-Aufklrung befrdert zu
haben," vertheidigte sich Wieland mit den Worten: "Meiner geringen Meinung
nach, ist das Beste fr den Schuster -- Schuhe zu machen. Sollte aber --
was denn am Ende doch auch keine Unmglichkeit ist -- ein Schuster
glauben, da er auch =ultra crepidam= etwas Gemeinntziges oder ein Wort
zu seiner Zeit zu sagen habe, warum sollte das nicht erlaubt seyn? Einer
von Sokrates bravsten Jngern war zwar kein Schuster, aber doch einer, der
fr die Schuster arbeitet, ein Gerber; und die Athenienser konnten es wohl
leiden, in mehr als dreiig Sokratischen Dialogen, die er schrieb, die
Wahrheit zu hren. Und sagte nicht der wackere Schuster Hans Sachs seinen
Nrnbergern und der ganzen Welt, in seinem naiven Reimen manche heilsame,
mitunter auch manche derbe Wahrheit, ohne da ein Mensch etwas dagegen
einzuwenden hatte? -- Aber freilich hatte man auch vor 200 Jahren in
Deutschland noch etwas mehr Respect vor einem Menschen und vor einem
Brger, als heut zu Tage!"

Durch Verschiedenheit der Meinung sah sich Wieland oft den heftigsten
Angriffen blosgestellt. Das Bewutseyn, einen guten Zweck verfolgt zu
haben, mute ihn trsten. Da er oft schrfer gesehen, als Andere, und
manches in prophetischem Geiste gesprochen hatte, bewies er in seinen
"Gesprchen unter vier Augen" durch den Vorschlag: das demokratische
Frankreich mchte zu seiner eignen Rettung -- Buonaparte zum Dictator
ernennen. In jenen politischen Dialogen sah Wielands Blick weit in die
ferne Zukunft hinaus, und in mehreren Schilderungen entwarf er ein
anschauliches Bild von der Zeit, die jenseits der Grenzen seines
Lebens lag.

Von solchen Beschftigungen ward Wieland wieder zu den Musen zurckgefhrt
in den geistreichen Cirkeln, welche die Herzogin Amalia in Ettersburg und
Tiefurth zu versammeln pflegte. Was irgend im Gebiet der Poesie und Musik
von Bedeutung schien, ward in jenen Cirkeln, an denen Goethe, Herder,
Einsiedel, Knebel, Bertuch u.A. Theil nahmen, zu einem Gegenstande der
Unterhaltung. Lndliche Feste und Schauspiele, in denen die eben
genannten Mnner, nebst einer Corona Schrter, Amalie v. Gchhausen
u.a. geistreichen Damen sich in die Rollen theilten, wechselten mit
Ergtzlichkeiten anderer Art ab. Einen Beitrag zu den dramatischen
Vorstellungen jener Dilettantengesellschaft, die bald das Schlo zu
Ettersburg, bald die nahgelegene Waldung zum Schauplatz whlte, lieferte
Wieland in seiner "Pandora." Mehrere Gedichte und Aufstze legte er auch
in dem noch handschriftlich erhaltenen "Tiefurther Journal" nieder.

In solchen Kreisen fhlte sich Wieland sehr behaglich, so wenig er sonst
auch dem Hofleben und der damit verbundenen Etiquette Geschmack abgewinnen
konnte. Noch in spterer Zeit pries er oft das Glck, so geistreichen
Cirkeln angehrt zu haben, die durch den lebhaften Austausch der
mannigfachsten Ideen fr ihn immer das Interesse der Neuheit behielten.
Die in einem Briefe vom Jahr 1782 enthaltene Schilderung der vlligen
Zufriedenheit mit seiner Lage pate auch fr seine sptern Lebensjahre.
Jenes Schreiben enthielt das Gestndni: "In einer erwnschten Befreiung
von ffentlichen Geschften lebe ich den Musen und mir selbst, ein
unscheinbares, aber glckliches Leben, begnstigt durch die Gnade meines
Frsten und durch die Liebe vieler Rechtschaffenen."

Der erwhnte Brief schilderte ihn zugleich "umgeben von einer zahlreichen,
um ihn her theils aufblhenden, theils noch aufkeimenden Familie, die
seine Existenz auf die interessanteste Weise vervielfltige und durch die
sen Sorgen und angenehmen Pachten des Hausvaters sein sonst sehr
einfrmiges Leben vor Stockung bewahre." Fhlbar mute ihm jedoch werden,
da er, bei aller Sparsamkeit, seinen literarischen Flei verdoppeln
mute, wenn er fr den anstndigen Unterhalt seiner nicht kleinen Familie
gehrig sorgen wollte. Von vierzehn Kindern, die ihm seine Gattin geboren,
lebten damals noch eilf. Der Vortheil, den er bisher von seinen
schriftstellerischen Arbeiten gezogen, war gering. Den meisten Gewinn
hatte er noch der Herausgabe des "deutschen Merkurs" zu danken gehabt. Bei
den meisten seiner frhern poetischen Werke hatte er sich mit einem
Dukaten fr den Druckbogen begngen mssen. In Bezug auf das Honorar fr
seine "Komischen Erzhlungen" gestand Wieland einem Freunde: "Jedermann,
welcher wei, da in Frankreich dem mittelmigsten Reimer und
Romanschreiber wenigstens zwei Louisd'or fr den Bogen bezahlt werden,
lacht mich aus, da die Komischen Erzhlungen mir nicht mehr noch weniger
eingetragen haben, als fnf Gulden fr den Bogen."

Einigermaen verbessert hatten sich Wielands literrische Einknfte durch
seine Bekanntschaft mit dem Buchhndler Reich in Leipzig, der ihm fr das
Gedicht "Musarion" ein Honorar von dreiig Dukaten und fr den "Diogenes
von Sinope" funfzig gesendet hatte. Der Gelehrtenbuchhandlung in Dessau
hatte Wieland eine nicht unbedeutende Summe auf Actien geliehen und sie
grtentheils eingebt. Zurckgeschreckt durch so bittere Erfahrungen,
schwankte er, ein Capital von 1000 Thlrn. daran zu wagen, als die
Unternehmer der Jenaischen Literaturzeitung, Schtz und Bertuch, ihn im
Jahr 1784 zum Beitritt aufgefordert hatten. Dagegen trat Wieland, nach
Reichs Tode, in nhere Verbindung mit dem damals noch sehr jungen
Buchhndler Gschen in Leipzig, der zuerst den "Peregrinus Proteus" und
die "Gttergesprche" druckte, und nachher der Verleger von Wielands
smmtlichen Werken ward.

Durch eine genaue Revision und Feile wnschte Wieland seinen Schriften den
hchsten Grad von Vollendung zu geben. In der Ankndigung der
Gesammtausgabe seiner Werke im zwlften Stck des "deutschen Merkur" vom
Jahr 1793 uerte Wieland, da ihn jene Arbeit schon seit einigen Jahren
beschftige. "Ich widme ihr," schrieb er, "die heitersten Tage und Stunden
meines Lebens, und spare weder Zeit noch Mhe, um den kleinsten Flecken
wegzubringen, den ich an einem bereits vollendet scheinenden Werke gewahr
werde. Es ist ein ser Gedanke, zumal in den letzten Herbsttagen des
Lebens, auch nach seinem Tode noch unter den Menschen, die man geliebt
hat, fortzuleben, ihnen noch werth und ntzlich zu seyn, und von den
Besten unter ihnen noch geliebt zu werden. Wenn auch die Hoffnung, da die
Zukunft diesen Gedanken realisiren werde, nur Tuschung wre: welche
Aufforderung, welche Nachtwachen knnten zu viel seyn, um sich noch in
seinem Leben eine so se Tuschung zu verschaffen? Niemand kann es
strker fhlen und einsehen, als ich selbst, da, meiner angestrengtesten
Bemhungen ungeachtet, auch die besten Producte meines Geistes noch immer
weit unter meiner eignen Idee, geschweige denn unter den Ideal des Schnen
und Guten in ihrer Art bleiben. Dieser Gedanke wird meine Aufmerksamkeit
schrfen, und meinen Flei verdoppeln; und so werde ich, was auch der
Erfolg seyn mag, die Welt dereinst desto ruhiger verlassen knnen, wenn
ich mir bewut seyn werde, alles, was in meinen Krften stand, gethan zu
haben, um ihr meinen geistigen Nachla so wohl beschaffen und in so guter
Ordnung, als mir mglich war, zu hinterlassen."

Bei der Durchsicht seiner Schriften berzeugte sich Wieland, wie sehr sein
Styl und Geschmack sich allmlig gelutert hatten. Seinen Jugendarbeiten
beurtheilte er mit nachsichtsloser Strenge. Nur wenige nahm er in die
Sammlung seiner Werke auf. Den meisten Werth legte er noch auf seine
"moralischen Erzhlungen." Nach einem seiner damaligen Briefe hielt er
diese Erzhlungen "fr das Beste von allem, was er vor seinem fnf und
zwanzigsten Jahre geschrieben habe." Ueber den Platz, den er seinen ersten
schriftstellerischen Versuchen in der Gesammtausgabe seiner Werke anweisen
sollte, schwankte er lange. In Bezug auf seine Erzhlung: "Araspes und
Panthea" uerte er in einem Briefe an seinen Verleger Gschen: "Ich
finde, da es die hchste Unschicklichkeit wre, dies noch sehr
jugendliche und meinen frhern Jugendwerken noch viel zu hnliche Product
an die Spitze meiner smmtlichen Schriften zu stellen, und zwar nicht
hinsichtlich des Inhalts oder der darin geuerten Geisteskrfte (in
welcher Rcksicht es nicht zu verachten ist), sondern weil mein Geschmack
und Styl damals noch zu unreif, und von dem, was er im Agathon und im
goldnen Spiegel ist, noch zu weit entfernt war." Oft verwarf Wieland
wieder die bereits getroffenen Anordnungen. Endlich entschlo er sich,
seine Jugendarbeiten der Ausgabe seiner Werke beizufgen, weil sie doch,
wie er uerte, "gewissermaen zur Geschichte unserer Literatur gehrten
und zeigten, von welchem Punkte er ausgegangen sei."

Lngere Zeit beschftigte sich Wieland mit dem Gedanken, auch seine
Uebersetzungen in die Sammlung seiner Werke aufzunehmen. Ueber diese Idee,
die er wieder verwarf, uerte er sich in einem Briefe vom 1. November
1793 mit den Worten: "Alle Welt stimmt mit Recht darin berein, da meine
Uebersetzungen des Horaz und des Lucian so viel von meinem Eignen haben,
und sich so weit von der gewhnlichen Uebersetzer-Manier entfernen, da
sie so gut, als irgend eins meiner Originalwerke in eine Sammlung aller
meiner Schriften gehren, zumal da der Commentar einen eben so
betrchtlichen Theil ausmacht. Ich glaube es dem Publikum schuldig zu
seyn, da die allgemeine Ausgabe aller meiner Werke, auch die Satyren und
Briefe des Horaz, und wenigstens die auserlesenen Werke Lucian's nebst
meinem Commentar enthalte."

Im Allgemeinen erklrte sich Wieland ber die Gesammtausgabe seiner
Schriften in einem Briefe vom 30. Juni 1795 mit den Worten: "Unter meinen
smmtlichen Werken will ich eigentlich nichts verstanden haben, als was
ich nach meiner besten Ueberzeugung fr werth halte, unter die besten und
reifsten Producte meines Geistes aufgenommen zu werden." Mehrere seiner
Werke wurden von ihm umgearbeitet, um sie dem ihm vorschwebenden Ideal von
Vollkommenheit mglichst zu nhern. Er scheute weder Zeit noch Mhe,
siebzehn Gesnge seines "Neuen Amadis," dessen "licensise Versart" ihm
nicht behagte, in zehnzeilige Stanzen umzuschmelzen. Nach seinem eignen
Gestndni ging Wielands Bemhen hauptschlich darauf hinaus, sowohl dem
eben erwhnten Gedicht, als seinen brigen poetischen Arbeiten, "ohne
Nachtheil der ungezwungenen Leichtigkeit, Correctheit des Stils und der
Sprache zu geben." Zu Anfange des Februar hatte er die "wirklich mhsame
Revision der dreiig Bnde seiner smmtlichen Werke" vollendet. Er sah
sich dadurch mancher Sorgen berhoben. Einer reinen Freude berlie er
sich inde erst, als die empfangenen Nachrichten von zahlreichen
Subscriptionen einigermaen seine Besorgnisse milderten, da das
Unternehmen fr seinen Verleger einen bedeutenden Verlust herbeifhren
mchte.

Die politischen Ereignisse vermehrten in dieser Hinsicht Wielands
Besorgni. Nicht fr sonderlich gnstig hielt er den Moment, in welchem
die Gesammtausgabe seiner Werke an's Licht trat. "Wir sind leider,"
schrieb er, "in eine unglckliche Zeit gefallen, und selbst die Hoffnung,
das Einzige, was uns zum Trost noch brig blieb, scheint bereit, mit jedem
Augenblicke die Flgel aufzuspannen, und uns durch die Flucht einem
Zustande zu berlassen, der durch seine Ungewiheit beinahe noch schlimmer
ist, als das Aergste, was uns wirklich treffen kann." Manches
Unerfreuliche brachte ihm aber auch schon die Gegenwart. Wielands Unmuth
kannte keine Grenzen, als ein Wiener Nachdruck seiner Werke, ihren
rechtmigen Verleger, der bei dem Unternehmen kein Opfer gescheut, mit
einem bedeutenden Verlust bedrohte.

In seinem Familienkreise mute Wieland Trost und Erheiterung suchen, und
er suchte dort beides nicht vergebens. Kaum htte er eine Gattin finden
knnen, die die Pflichten einer thtigen Hausfrau und sorgsamen Mutter
pnktlicher erfllt htte, als seine liebe Dorothea. Ungestrt konnte er
den grten Theil des Tages an seinem Arbeitstisch zubringen, und dadurch
nach allen Krften fr das Wohl seiner Familie sorgen. Ohne durch ihr
Aeueres, noch durch Talente sich auszuzeichnen, war Wielands Gattin sein
hchstes Lebensglck. In einem seiner Briefe nannte er sie ein Muster
jeder weiblichen und huslichen Tugend. "Sie ist", schrieb er, "frei von
jedem Fehler ihres Geschlechts, mit einem Kopf ohne Vorurteil, und mit
einem moralischen Charakter, der einer Heiligen Ehre machen wrde. Die
Jahre, die ich mit ihr lebe, sind herangekommen, ohne da ich nur ein
einziges Mal gewnscht htte, nicht verheirathet zu seyn. Im Gegentheil
ist sie und ihre Existenz so mit der meinigen verwebt, da ich nicht acht
Tage von ihr entfernt seyn kann, ohne etwas dem Schweizer-Heimweh
Aehnliches zu empfinden." Die innige Liebe zu seiner Gattin gab ihm auch
in einem Briefe an Gleim die Worte ein: "Gott hat mich aus einer Gefahr
erlst, an die ich ohne Schaudern nicht denken kann. Ich war nahe daran,
oder wenigstens machte mich Liebe und Angst denken, das beste, fr mich
allein geschaffene Weibchen zu verlieren. Alle lieben Engel Gottes haben
Mitleid mit mir und meinen armen Kindern gehabt; wir haben unser bestes
Mtterchen wieder, und sie befindet sich auer Gefahr."

Die Geburt eines Kindes hielt Wieland immer fr einen Zuwachs seiner
huslichen Glckseligkeit. Mit reiner Vaterfreude betrachtete er die
Entwicklung der "kleinen krabblichten Mitteldinger von Aeffchen und
Engelchen", wie er seine lieben Sprlinge scherzweise nannte. Es war ein
herzerfreuender Anblick fr ihn, und oft bat er einen auswrtigen Freund,
doch zu ihm zu kommen und seine Freude darber zu theilen, da die
Herzogin Mutter, der Herzog, Prinz Constantin, Goethe, Gleim u.A. bei der
Taufe seiner Kinder Pathenstellen bernommen. Seine Gattin hatte ihm
vierzehn Kinder geboren, von denen ihm sechs Tchter und drei Shne am
Leben blieben. Zwei liebe Kinder, Philipp und Wilhelm, entri ihm der Tod.
"Die Zeit", schrieb Wieland "heilt wohl Wunden dieser Art, aber die Narbe,
die sie zurcklassen, bleibt so lange wir leben."

Noch ehe ihn jener zwiefach harte Schicksalsschlag getroffen, hatte
Wieland seiner Jugendfreundin Sophie la Roche geschrieben: "Ich habe eine
ganz artige Nachkommenschaft um mich her, alle so gesund und munter,
gutartig und hoffnungsvoll, jedes in seiner Art, da ich meine Lust und
Freude daran habe, und mich gerade wegen dessen, was die Meisten fr eine
groe Last halten wrden, fr einen der glcklichen Sterblichen auf Gottes
Erdboden halte. Das Alter berschleicht mich ganz unmerklich mitten unter
dieser um mich aufsprossenden und aufblhenden jungen Welt. Ich erfahre je
lnger je mehr, da alle wahre menschliche Seligkeit innerhalb der Rume
des ehelichen Lebens liegt. Ich werde immer mehr Mensch, und in eben der
Proportion immer glcklicher und besser. Arbeiten wird meine Lust, weil
ich fr meine Kinder arbeite, und auch davon bin ich im Innersten
berzeugt, da mein ruhiges Vertrauen auf die Hand, die das Gewebe unserer
Schickungen webt, weder mich, noch die Meinigen betrgen werde."

Wielands Familienkreis war noch durch einen talentvollen jungen Mann
erweitert worden, den er bereits 1785 als Haus- und Tischgenossen bei sich
aufgenommen hatte. Dieser junge Mann, der, anfangs Hauslehrer von Wielands
Kindern, spterhin durch Familienbande noch nher an ihn geknpft ward,
war Reinhold. "Es ist eine wunderbare Geschichte", schrieb Wieland den 15.
Mai 1785 an Gleim, "wie und auf was fr Art dieser junge Mann aus den
Wolken, oder vielmehr aus den Armen irgend eines Gottes in meinen Schoo
gefallen, und mir und meiner Frau so lieb geworden ist, da wir ihn mit
einstimmigem Beifall unseres Kopfes und Herzens zu unserem Sohne
angenommen haben."

Aus Wien gebrtig und in einem Jesuitencollegium erzogen, hatte Reinhold
dem Mnchsleben in dem Barnabiter-Orden so wenig Geschmack abgewinnen
knnen, da er heimlich nach Leipzig entfloh und von da nach Weimar ging,
wohin ihn seine Freunde v. Gemmingen und Blumauer an Wieland empfohlen
hatten. Die wohlwollende Aufnahme, die er dort fand, verbunden mit dem
Genu der Denkfreiheit in einem protestantischen Lande, versetzte ihn in
die froheste Stimmung. Selbst ber seine noch ungewisse Zukunft konnte er
sich beruhigen, da Wieland ihn seines Charakters und seiner Kenntnisse
wegen schtzte, ihm einen Antheil an der Redaction des "deutschen Merkurs"
gnnte, und spter durch seinen Einflu ihm eine Professur der Philosophie
auf der Universitt Jena verschaffte. Noch fester ward Reinhold's
Verhltni zur Wielandschen Familie durch seine Neigung zu des Dichters
ltester Tochter, der damals sechzehnjhrigen Sophie. Reinhold erhielt am
Altar ihre Hand, und fortwhrend, auch spter, als er einem Ruf nach Kiel
gefolgt war, bestand zwischen ihm und Wieland ein ungetrbtes
Freundschaftsverhltni.

Wielands Vaterfreuden wurden erhht, als er auch seine brigen erwachsenen
Tchter glcklich vermhlt sah. Die Prediger Schorcht und Liebeskind,
letzterer bekannt als Verfasser der von Herder herausgegebenen
"Palmbltter" und als Mitarbeiter an Wielands "Dschinnistan", hatten sich
mit Caroline und Amalie Wieland verheirathet. Julie war die Gattin des
Kammerraths Stichling in Weimar geworden, und Charlotte, die 1794 mit dem
Dichter Baggesen und dessen Gattin nach der Schweiz gereist war, knpfte
dort unvermutet ein Ehebndni. Wieland schrieb darber den 17. April
1795: "Wenn je eine Ehe im Himmel geschlossen worden, so ist es gewi
diese, die sich auf eine beinahe wunderbare Art, und doch wieder so
natrlich durch die entschiedenste Sympathie der Herzen, Gemthsart,
Neigungen, Sitten -- zwischen dem Sohne Salomo Geners, meines liebsten
und einzigen Jugendfreundes und einer Tochter seines Freundes Wieland
geschlossen hat -- eine Verbindung, die in jedem Betracht so ganz nach den
innersten Wnschen meines Herzens ist, da ich mich nicht erwehren kann,
dem schnen Wahn der vortrefflichen Salomo Generschen Wittwe Raum zu
geben, und mit ihr zu glauben, da der Geist meines verewigten Freundes
selbst diese Ehe geknpft habe."

In seiner eigenen Ehe blieb Wieland immer dem schon frh gefaten
Grundsatze treu, in seinem Aufwande nie die durch seine Lage und seine
Verhltnisse ihm vorgeschriebenen Grenzen zu berschreiten. Einfach und
schlicht, wie seine Lebensweise, war Wielands Wohnung und Kleidung. Nichts
erinnerte in seinen Umgebungen an Prunk und Glanz, und Luxusartikel kannte
er fast gar nicht. Ueberall aber zeigte sich in seinem Haushalt die
uerste Sauberkeit und Ordnung. Sein Mittagstisch war einfach, und
berhaupt jede Ueppigkeit und Verschwendung ihm vllig fremd. Er sah ein,
da der Seinigen Ruhe, wie seine eigene, durch einen seine Krfte
bersteigenden Aufwand leicht gefhrdet werden konnte.

Seine Sparsamkeit artete nie in Geiz aus. Es war ein harmloses Spiel, wenn
er zuweilen mit Wohlgefallen empfangene Goldstcke betrachtete oder sich
dergleichen Mnzen gegen Silbergeld einwechselte. Er mute sich sagen, da
er sie doch nicht behalten konnte, und willig gab er sie hin zu nthigen
und unentbehrlichen Ausgaben.

Vllig fremd war Wielands Charakter jede Art von Habsucht und Eigennutz.
Sein poetischer Sinn machte ihn gleichgltig gegen den Erwerb, so wenig er
das Erworbene verschwendete. Schon seinen hausvterlichen Pflichten
glaubte er das schuldig zu seyn. Doch bte er Gastfreundschaft im
schnsten Sinne des Worts. Seine Freunde fanden bei ihm immer die
herzliche Aufnahme, die ihm selbst in seinen Jugendjahren in Bodmers Hause
zu Theil geworden war. So weit es seine Krfte irgend erlaubten, half er
jedem, der sich an ihn wandte, gern mit Rath und That. Um aufkeimende
Talente zu untersttzen, bewilligte er fr Beitrge zu seinem "deutschen
Merkur" mitunter ein hheres Honorar, als er selbst erhielt. Aus
Gutmthigkeit wies er selbst Manuscripte, die er nie abdrucken lie, nicht
zurck, sondern zeigte sich bereit, sie zu bezahlen -- eine Liberalitt,
durch welche der Gewinn, den ihm sein Journal abwarf, nie bedeutend werden
konnte.

Im Grunde war Wieland in Bezug auf sich selbst sparsamer, als gegen
Andere. Darin lag auch vielleicht der Grund, weshalb er whrend seines
Aufenthalts in Weimar nur wenige Reisen unternahm, obgleich er sie zur
Erholung von angestrengten Geistesarbeiten wohl bedurft htte. Seine
eigene Aeuerung, da er "ein Mensch sei, der selten aus seinem
Schneckenhuschen heraus krieche", schien sich an ihm bewhren zu wollen.
In einem Briefe an Gleim setzte er die Grnde auseinander, weshalb er
einer Einladung, nach Halberstadt zu kommen, nicht folgen knne. "Tausend
seidene Bnder", schrieb er, "fesseln mich an Weimar. Ich bin in den Boden
eingewurzelt und um nur Eins zu sagen, wie kann ich, oder wie knnte meine
Frau mit mir, sich von den Kindern trennen? Unser Haus ist eine kleine
Welt fr uns geworden. Aber Sie, liebster Gleim, Sie haben keine solchen
Hindernisse. Kommen Sie zu uns, und versuchen Sie einmal, wie sich's in
meinem Hause lebt, wo alle Augenblicke aus irgend einem Winkel ein anderes
Bbchen oder Mdchen, auf das man nicht gerechnet hatte, hervorgekrochen
kommt."

Eine Reihe von Jahren verstrich, ehe Wieland, den nicht blos die Liebe zur
Gemchlichkeit, sondern auch die mannigfachen mit der Herausgabe des
"deutschen Merkur" verbundenen Geschfte an sein Haus fesselten, sich mit
Reiseplnen beschftigte. Zur Strkung seiner Gesundheit entschlo er sich
1794 zu einem Ausflug nach Leipzig und Dresden. Nach der letztgenannten
Stadt zog ihn die dortige Gemldegallerie. Er wnschte in Dresden das
strengste Incognito zu beobachten. An seinen Freund und Verleger Gschen
schrieb er darber: "Ich wei nicht, warum Frau Fama so grillenhaft ist,
sich schon im Voraus mit einer so unbedeutenden Sache, als meine Excursion
nach Dresden ist, so viel zu thun zu machen. Es ist meine Meinung gar
nicht, mich in Dresden Allen, die mich in Beschlag nehmen sollten,
preiszugeben. Weder meine Gesundheit, noch meine Dit, die ich in meinen
Jahren bei einer uerst zarten und reizbaren Constitution zu beobachten
habe, noch meine Absicht, meine Zeit in Dresden zur Betrachtung der
dortigen herrlichen Gemldesammlung zu benutzen, knnte sich mit vielen
Aufwartungen, Besuchen, Diners und Soupee's vertragen, und ich wollte die
Reise dorthin lieber ganz aufgeben, als die Freiheit, auch in Dresden (wo
freilich keine Freiheitsbume so leicht Wurzel fassen knnen) nach meinem
eigenen Sinn und Willen zu leben."

Dieser Wunsch ging nicht ganz in Erfllung. So gern auch Wieland jeder
Gelegenheit, sich gefeiert zu sehen, auswich, hatte er es doch nicht
vermeiden knnen, in Pillnitz dem Churfrsten vorgestellt zu werden.
Manche interessante Bekanntschaften, die er in Dresden machte, lieen ihn
jedoch seine Reise nicht bereuen. Mit grern Hindernissen hatte er zu
kmpfen, ehe er die Idee, das Land wieder zu sehen in dem er seine Jugend
verlebt, realisirte. Nicht nur fr den "deutschen Merkur", sondern auch
fr die ununterbrochene Fortsetzung des Drucks seiner smmtlichen Werke
hatte er Sorge tragen mssen, ehe er an einen sechsmonatlichen Aufenthalt
in der Schweiz denken konnte, von welchem er sich, nach seiner eigenen
Aeuerung, "fr seinen innern und uern Menschen viel Gutes versprach."
Nicht blos die Sehnsucht, seine an den Buchhndler Gener in Zrich
verheirathete Tochter Charlotte wiederzusehen, bewog ihn zu jener Reise.
Auch sein leidender Gesundheitszustand mute ihm sagen, da ihm Erholung
hchst nthig sei. "Ich bedarf", schrieb Wieland, "einer solchen
Aufziehung meines innern Uhrwerks, und die Freuden des Herzens, die mich
in der Generschen Familie erwarten, werden ein Trunk aus der =Fontaine de
Juvence= fr mich seyn."

Ein Anflug von Hypochondrie, wie er selbst gestand, machte allerlei
Bedenklichkeiten in Wieland rege, ehe er sich entschlo, die Reise nach
der Schweiz anzutreten. "Man spricht und schreibt", uerte er in einem
seiner damaligen Briefe, "gar so viel von der Unsicherheit der Landstraen
in Franken und Schwaben, wo zahlreiche Ruberbanden sich eingenistet haben
sollen, da ich in der That nicht wei, ob ich Recht thue, eine so
gefhrliche Reise mit Weib und Kindern zu wagen. Ueberhaupt kommt mir ganz
Deutschland jetzt nicht viel besser vor, als es in den Zeiten des
dreiigjhrigen Krieges war, und ich gestehe, da ich alles Zutrauen zu
den Menschen verloren habe, und in jedem Unbekannten einen Dieb und Mrder
zu sehen glaube." An seinen Schwiegersohn, den Buchhndler Gener, schrieb
Wieland bald nachher: "Ich sollte freilich, wenn ich auch nur so viel
Glauben htte, als der zehnte Theil eines Senfkorns, mehr Vertrauen setzen
in die lieben Engelein, die uns geleiten werden. Aber das ist eben
das Elend, da ich weniger Glauben habe, als der heilige Sanct Thomas,
und auch nicht viel mehr Herz als Glauben. Da lob' ich mir meine
ehrliche Hausfrau, eure Mutter! Die ist so zart, als ob sie aus
Postpapierschnitzeln gemacht wre, und hat Herz und Unerschrockenheit und
Heldenmuth, trotz der tapfersten aller Marfisen und Bradamanten."

Am 24. Mai 1795 war Wieland mit seiner Frau und drei Kindern, Caroline,
Wilhelm und Luise, in einen bequemen Wagen, den er der Herzogin Amalia
verdankte, von Weimar abgereist. Die freundliche Aufnahme, die er
unterwegs an mehrern Orten, besonders in Nrnberg gefunden, ward noch
bertroffen durch die zahlreichen Beweise von Liebe und Wohlwollen, die er
von ltern und jngern Freunden bei seinem Eintritt in die Schweiz
empfing. An Gschen schrieb Wieland den 8. August 1795. "Sie erhalten dies
Blttchen nicht -- wie Sie billig vermuthen knnten -- von den Ufern des
Lethe, dessen Anwohner ein ses Vergessen aller Dinge ber der Erde
eingesogen haben, sondern von dem rechten Ufer des Zrchersees, in dessen
Nachbarschaft ich ein artiges kleines Huschen schon seit ungefhr acht
Wochen bewohne, und mich so wohl befinde, als ob ich in meinem nun bald
zurckgelegten 63sten Jahre auf neue Rechnung zu leben anfangen sollte.
Sie kennen das Land und den Ort und die liebenswrdigen Menschen, mit
denen ich lebe. Sie haben sich selbst, wenn ich nicht irre, mehrere Tage
in dem Generschen Hause aufgehalten, und wenn Sie sich nun das Vergngen
denken, in welches ich durch eins meiner liebsten Kinder mit demselben
gekommen bin, so werden Sie sich leicht vorstellen knnen, da Tage und
Wochen mit einer mir selbst kaum begreiflichen Geschwindigkeit, ber
meinem Haupt wegfliegen, und wie lange mein hiesiger Aufenthalt auch
whren knnte, er mir am berraschenden Tage des Scheidens doch immer nur
ein kurzer Morgentraum scheinen wird."

Durch manche Besorgnisse, die der Gang der politischen Ereignisse in ihm
weckte, fhlte sich Wieland bewogen, seine Abreise zu beschleunigen. "Der
Krieg", schrieb er, "hat sich nun von den Ufern des Rheins und Neckars bis
in's Herz von Deutschland gezogen. Alles weicht dem unaufhaltsamen Strom,
und es fehlt hier nicht an Gerchten, die uns auch fr die Reiche von
Thringen und Sachsen bekmmert machen knnten, wofern es den Westfranken
vielleicht Ernst seyn sollte, allen freiwilligen sowohl als gezwungenen
Theilnehmern an dem Gttern und Menschen verhaten Kriege ihre schwere
Hand fhlen zu lassen. Haben nun auch die Zeitumstnde mich die Wonnetage,
die ich mir von meinem hiesigen Aufenthalt versprach, nicht so rein
genieen lassen, als ich wohl gewnscht htte, so ist doch einer von den
Hauptzwecken meiner Reise erreicht. Ich befinde mich ungemein wohl, und
wenn der gute Genius, der meine Reise von Weimar nach Zrich begnstigte,
mich auch von Zrich nach Weimar zurckgeleitet, so darf ich hoffen, die
guten Folgen derselben fr meine Gesundheit und die Munterkeit meines
Geistes noch mehrere Jahren zu verspren."

Am 15. September 1795 meldete Wieland, da er letztverwichenen Sonntag um
zwei Uhr Nachmittags mit seiner lieben Reisegesellschaft gesund und
wohlbehalten in Weimar angekommen sei. "Sein guter Genius", schrieb er,
"habe es so geleitet, da er auf der ganzen Route ber Stuttgart,
Heilbronn, Schwbisch-Hall, Anspach, Nrnberg, Bamberg, Coburg und
Saalfeld keinen Franzosen zu Gesicht bekommen, auch nirgends kaiserliche
Truppen angetroffen, auf keiner Post lnger als eine Stunde aufgehalten
worden sei, da er seine aus Vorsicht mitgenommenen deutschen und
franzsischen Psse auch nicht ein einziges Mal nthig gehabt, und mit
Einem Worte so ruhig und bequem gereist sei, als ob berall Friede wre."

Sein Aufenthalt in der Schweiz hatte ihm das Landleben von einer so
anmuthigen Seite gezeigt, da ihm, der, nach seinem eignen Gestndni,
"gern wie Horaz, durch's Leben weggeschlichen wre, und der nichts mehr
hate als Stadt-, Hof- und Weltgetmmel", sich oft der sehnsuchtsvolle
Wunsch aufdrang, in lndlicher Zurckgezogenheit, der Natur, sich selbst
und den Seinigen leben zu knnen. Die Achtung und Neigung frstlicher
Gnner, die Freundschaft mancher vorzglichen Mnner, die Weimar damals in
sich versammelte, htten ihn in jenem Entschlu wankend machen knnen. Oft
aber ergo sich Wieland in bittere Klagen, da er bei aller Mue doch ein
sehr zerstckeltes Leben fhre, mit Unterbrechungen durch Besuche von
Einheimischen und Fremden. Sein Zartgefhl fr das Schickliche versetzte
ihn in eine sehr unmuthige Stimmung, wenn er von Fremden im Schlafrock und
in der Nachtmtze berrascht ward. Trostlos machte ihn besonders die
Vorstellung, da seine arglos hingeworfenen Aeuerungen von solchen
Besuchenden aufgefangen und ffentlich bekannt gemacht werden knnten.
All' diesem Ungemach glaubte er in einer lndlichen Zurckgezogenheit zu
entgehen, die ihm berdie manchen Lieblingsplan, der seinen Geist
beschftigte, auszufhren vergnnte. Ernstlich dachte er lngere Zeit
daran, seinen bisherigen Aufenthalt in Weimar mit einem freundlichen
Landhause bei Hohenstdt, unweit Grimma, zu vertauschen. Viel Lockendes
hatte fr ihn die Idee, dort seines Freundes Gschen Nachbar zu werden.
Seine Verhltnisse zum Weimarischen Hofe nthigten ihn inde, diesen Plan
wieder aufzugeben.

Den Aufenthalt in dem unweit Weimar gelegenen Rittergute Tannrode malte
sich Wielands Poesie mit den glnzendsten Farben aus. Ueber den Ankauf
dieses Gutes, das der Familie von Egloffstein gehrte, pflog er
Unterhandlungen. Er nannte es in einem seiner Briefe ein chtes
Horazisches Sabinum. "Ich schmeichle mir", schrieb er, "wenn ich erst in
meinem alten Schlchen Tannrode etablirt seyn werde, in der herrlichen
Luft und der schnen Natur, die mich dort umgeben wird, neue Munterkeit
und Kraft zu meinen Geistesarbeiten zu erhalten." Diese Idee gab Wieland
jedoch wieder auf. Er entschlo sich zu dem Kauf des unweit Weimar
gelegenen Gutes Osmanstdt fr die Summe von 22,000 Thalern. Diese Summe
glaubte er theils durch den Verkauf seines Hauses in Weimar, theils durch
ein etliche Jahre verzinsliches und nach und nach abzutragendes Capital
decken zu knnen, das er durch Vermittlung seines Freundes Gschen zu
erhalten hoffte.

Mit manchen Hindernissen hatte Wieland, da Gschen's Antwort ablehnend
ausfiel, noch zu kmpfen, ehe er seinen Lieblingswunsch realisiren konnte.
Seinen Credit in Weimar wollte er nicht benutzen. "Davon bin ich ziemlich
berzeugt", schrieb er, "wenn alle andern Stricke reien sollten, der
Herzog wrde mich nicht in der Noth stecken lassen. Aber ich habe mehr als
Eine Ursache, zu diesem heroischen Mittel, nur im uersten Nothfall zu
concurriren. In einem Briefe an Gschen uerte Wieland: "Hren Sie,
lieber Freund, wie ich glaube, da meine Angelegenheit, ohne da Ihnen
oder mir zu wehe dabei geschieht, arrangirt werden knnte; denn ganz kann
ich Sie freilich nicht aus dem Spiel lassen, so sehr ich's auch thun zu
knnen wnschte. Sie sind nun einmal, weil Sie es selbst so gewollt haben,
mein Verleger, und mssen es seyn und bleiben, dafr ist kein Rath." --
Nachdem Wieland nun das Honorar fr die neue Ausgabe seiner Werke auf 7000
Thaler festgesetzt hatte, schlo er seinen Brief an Gschen mit den
Worten. "Warum ich Sie bitte, ist, da ich auf knftigen Michaelistag 4000
Thaler von Ihnen zu empfangen sicher rechnen knnte."

Wie wohl sich Wieland fhlte in seinem "Osmantinum" oder seiner
"Oberinstdtischen Retraite", wie er sein lndliches Asyl mitunter nannte,
schilderten mehrere seiner damaligen Briefe. Am 25. April 1797 hatte er
dort, nach abgeschlossenem Kauf, seinen Einzug gehalten. Ein Vierteljahr
spter, den 25. Juli, schrieb er: "Mir ist, als ob gar keine andere Art zu
existiren fr mich mglich sei, und die Weimarischen Propheten, die als
ganz unfehlbar voraussahen, da ich mich gar jmmerlich auf dem Lande und
=vis  vis de moi mme= langweilen wrde, bestehen mit Schande. Auch
sperren sie die Augen mchtig darber auf, da ich so heiter und vergngt
aussehe, und knnen sich da Phnomen gar nicht erklren. Ich hingegen
begreife das Wunder sehr gut, und in der That ungleich besser, als wie ich
die vier und zwanzig Jahre, die ich in Weimar gelebt, noch so leidlich
habe aushalten knnen. Landluft, unverknstelte Natur, viel Gras und
schne Bume, uere Ruhe und freie Disposition ber mich selbst und meine
Zeit -- das Alles zusammengenommen ist, so zu sagen, mein Element, so gut,
wie die Luft des Vogels und das Wasser des Fisches Element ist; und es
geht also ganz natrlich zu, da ich darin gedeihe."

Wieland war damals unerschpflich im Lobe des Landlebens, das, wie er
glaubte, sehr wohlthtig auf seinen Gesundheitszustand einwirke. Er
schrieb darber den 19. December 1797 einem Freunde: "Das Angenehmste ist,
da ich in diesem vernderlichen, dumpfen und schlackrigen Winter eine
ber alle Menschenerwartung hinausgehende Probe ber meine
Leibesconstitution mache. In der Stadt wrde ich mich in diesen
verwichenen acht Wochen wahrscheinlich ziemlich schlecht befunden haben;
hier in meinem Hause zu Osmanstdt befinde ich mich ununterbrochen wohl
und munter, arbeite an meinem Schreibtisch mit Succe, habe, ungeachtet
ich wenig an die Thr komme, guten Appetit, und schlafe weit besser, als
ehemals. Alles dies entscheidet, wenigstens was mich betrifft, den Vorzug
des Landlebens vor dem Stadtleben, nichts von den negativen und passiven
Vorzgen zu gedenken, welche die Landmaus beim Horaz gegen ihre Freundin,
die Stadtmaus, geltend macht. Nebenher thut mir auch das Bewutseyn wohl,
da ich meinen Garten bereits in einen merklich bessern Zustand versetzt
habe. Ueber dreihundert Bume habe ich gepflanzt, von deren grerem
Theil, wenn sie gut durch diesen Winter kommen, ich wenigstens die ersten
Frchte zu erleben hoffen kann; und das, was ich auf Cultur und
Verbesserung verschiedener, nach und nach durch Verwahrlosung in Abnahme
gekommener Parthien bereits gewandt habe und noch verwenden werde, wird
schon im knftigen Jahre so auffallend seyn, da, wer mich wieder besucht,
sich in ein kleines Paradies versetzt zu sehen glauben wird."

Unter den erwhnten lndlichen Beschftigungen war Wieland seinen
literarischen Arbeiten nicht untreu geworden, obgleich manche darunter ihm
so viel Beschwerden und Verdru bereiteten, da er sehnlich wnschte, sich
ihrer entledigen zu knnen. Den "deutschen Merkur" wrde er, wenn er den
migen Gewinn, den ihm diese Zeitschrift abwarf, htte entbehren knnen,
zuerst aufgegeben haben. Sehr unwillig ward er mitunter ber die
reichlichen Zusendungen schlechter Verse und anderer mittelmiger
Produkte. Besonders ward Wielands Zeit zerstckelt durch die Beantwortung
zahlreicher Briefe, die aus allen Gegenden Deutschlands an ihn gelangten.
In dieser Beantwortung war er freilich mitunter so saumselig, da er die
deshalb ihm gemachten Vorwrfe wohl verdient zu haben glaubte, und sich
selbst bisweilen noch schrfer tadelte. Wielands Humor, der ihn nie ganz
verlie, gab ihm einst eine ffentliche Erklrung ein, durch die er den zu
hufigen und werthlosen Manuscriptsendungen vorbeugen wollte.

"Verschiedene, welche mich," schrieb er, "mit allerlei theils
versificirten, theils prosaisch-poetischen Aufstzen, Idyllen u. dgl. fr
den Merkur zu beschenken die Gewogenheit hatten, setzen mich in eine Art
von Verlegenheit, deren ich gern auf immer berhoben zu seyn wnsche. Ihr
geneigter Wille verdient Dank; aber es entsteht hier eine leidige
Collision von Pflichten, deren Effekte weder ihnen noch mir angenehm seyn
knnen. Einige scheinen von der Gte ihrer Producte so berzeugt zu seyn,
da man ihnen, ohne Beleidigung, weder sagen, noch zu verstehen geben
kann, man sei anderer Meinung. Andere sind zwar bescheidener, geben sich
blos fr Anfnger aus, bitten um Nachsicht, oder da man ihnen ihre
Lection corrigiren, oder ihnen wenigstens sagen mchte, ob sie zur
Dichterei berufen seien oder nicht. Aber sie bringen das mit einer so
sichtbaren Erwartung eines hflichen, d.i. ihrer Eigenliebe schmeichelnden
Bescheides vor, da man's kaum ber's Herz bringen kann, ihnen durch eine
ehrliche Antwort wehe zu thun. Hierzu kommt noch, da unser einer -- der
von einem solchen jungen Candidaten des Musenpriesterthums gefragt wird:
Meister, was soll ich thun? und ihm nach seinem Gewissen die Antwort
werden lt: Alles, lieber Freund, nur keine Verse machen! -- sich darauf
verlassen kann, da der junge Aspirant diese Antwort geradezu fr einen
Beruf annehmen wird, sich nun erst recht auf's Versemachen zu legen. Denn
-- sagt er zu sich selbst -- meine Verse mssen doch wohl gut seyn, weil
Wieland sich frchtet, da ich ihn ausstechen werde, und mich also gleich
an der Schwelle des Musentempels gern zurckschrecken mchte. -- Wie
knnte der arme Verfasser des Winter- und Sommermhrchens sich
unterstehen, einem solchen Rivalen etwas Unangenehmes zu sagen? Der junge
Mann wrde natrlicher Weise denken mssen, es verdriee Wieland nur, sich
in Leichtigkeit der Verse und guter Art zu erzhlen, bertroffen zu sehen.
Das will ich denn auch dem jungen Dichter hiermit ohne Widerrede
zugestanden haben. Nur der Merkur ist kein wrdiger Schauplatz fr solche
Originalwerke. Mein unmageblicher Rath ist, sie besonders, und um des
Effects willen, auf prchtigem hollndischen Papier, mit Kupfern von
Chodowiecky, abdrucken zu lassen. Der Verfasser wird an der Wirkung sein
Wunder sehen! Jetzt ist gerade der rechte Zeitpunkt, wo die Nation fr
solche Werke Sinn hat, denn man sieht ja, wie gut sie den Oberon
aufgenommen, der doch nur auf schlechtem Papier, und ohne Kupfer von
irgend Jemand, sein Fortkommen in der Welt suchen mute."

Ein anderes Ungemach, worber Wieland sich oft bitter beklagte, erwuchs
ihm aus den zeitraubenden Correcturen, die er zwanzig Jahre hindurch
allein besorgt, und erst 1793 sie einem Hausgenossen, einem Candidaten der
Theologie, Ltkemller mit Namen, bertragen hatte. Mit Unmuth uerte
sich Wieland oft ber das unleserliche Manuscript. Jeder Gelehrte und
Schriftsteller, uerte er, sollte eine leserliche Hand schreiben, das
knne man mit Fug und Recht fordern; sonst msse er seine Druckschriften
von einem seiner Hand kundigen Schreiber gut copiren lassen. Dergleichen
Verdrielichkeiten, gegen die er durch lange Gewohnheit htte gleichgltig
werden sollen, erzeugten in ihm sogar den Gedanken, die Herausgabe des
"deutschen Merkurs" aufzugeben, ungeachtet dies Journal fr ihn bisher
keine unbedeutende Erwerbsquelle gewesen, und von talentvollen Kpfen,
unter andern seit 1785 von Reinhold, und seit 1788 von Schiller durch
gehaltvolle Beitrge untersttzt worden war.

Am 26. November 1798 theilte Wieland seinem Freunde Gschen die Nachricht
mit, da der "deutsche Merkur" mit dem December aufhren werde. Vierzehn
Tage nachher widerrief er jedoch diesen Entschlu, und erklrte sich fr
die Fortsetzung seines Journals, wenigstens bis zum Schlu des
Jahrhunderts. Der Rath seiner Freunde mochte ihn zu diesem Entschlu
gebracht haben, von welchem ihn ein Blick auf den damaligen Zustand der
deutschen Literatur zurckgeschreckt hatte. Die Kantische Philosophie, die
ihm durch Reinholds Bemhungen, ihre Principien immer allgemeiner zu
verbreiten, nicht unbekannt hatte bleiben knnen, uerte ihren Einflu
auf alle wissenschaftliche Forschungen. Unverkennbar war besonders der
Einflu jener Philosophie auf die neuere Aesthetik, an deren Stelle jetzt
eine Geschmackscritik treten sollte. Dagegen hatte Wieland im Wesentlichen
nichts einzuwenden. Aber die neue philosophische Schule, die sich aus der
Kantischen gebildet, schien ihm eine gnzliche Umgestaltung der Aesthetik
herbeizufhren, seit man angefangen hatte, sie auf die Grundideen der
Fichte'schen Wissenschaftslehre zu reduciren. Dies war besonders von
Schiller in den "Horen" geschehen. Mit wachsender Besorgni sah Wieland an
die Stelle ruhiger Untersuchungen eine neue Sturm- und Drangperiode
treten, und wie in der politischen Welt, schien auch im Gebiet der
Aesthetik eine Art von Terrorismus vorherrschend werden zu wollen. Auf's
Heftigste erregt ward die Leidenschaft der verschiedenen Partheien durch
die in dem Schillerschen Musenalmanach vom Jahr 1797 gedruckten "Xenien."

Die Verfasser dieser Epigramme, Goethe und Schiller, waren Wielands
Freunde. Seiner Verehrung Goethe's ist bereits frher gedacht worden.
Schillers Talenten jedoch hatte Wieland anfangs nicht volle Gerechtigkeit
widerfahren lassen in einer ziemlich harten und fast unbilligen
Beurtheilung einiger Scenen des "Don Carlos", welche Schiller in der
"Thalia" mitgetheilt hatte. Wielands Urtheil enthielt ein Brief vom 6.
Mrz 1785. "Ich kann irren," schrieb er, "jedenfalls aber spreche ich nach
meiner innigsten Ueberzeugung, wenn ich sage, da ich weder die Charaktere
in diesem Stck richtig gezeichnet, noch die Leidenschaften mit Wahrheit
dargestellt finde; da ich auch dann, wenn ich zugeben knnte, da es
einem Tragdienschreiber, der seine Personen aus dem sechzehnten
Jahrhundert an dem Hofe Knig Philipps II. nimmt, erlaubt sei, sie in
ideale Phantasiegeschpfe zu verwandeln, doch die psychologische Wahrheit
nicht selten an ihnen vermisse, ohne welche sie allenfalls, wenn man will,
schne Carricaturen seyn mgen, aber doch immer nur Carricaturen sind; da
ich ziemlich hufig auf Gedanken und Ausdrcke gestoen bin, die, meinem
Gefhl nach, bald schwlstig, bald zur Unzeit witzig, bald sonst
unschicklich und der redenden Person nicht anstndig sind; und da
berhaupt die Sprache in diesem Stck sehr weit davon entfernt ist, was
nach meinem von Sophokles und Racine abgezogenen Ideal die schne Sprache
der Tragdie seyn soll."

Ungeachtet dieser strengen Critik, die ihm eine unmuthige Stimmung
eingegeben haben mochte, ward Schiller, als er einige Jahre spter (1787)
nach Weimar kam, von Wieland mit vterlicher Zuneigung empfangen. "Wir
werden schne Stunden haben," schrieb Schiller; "Wieland ist jung, wenn er
liebt." Ein freundschaftliches Verhltnis zwischen beiden Dichtern dauerte
fort, und ward noch fester geknpft durch Schillers Beitrge zum
"deutschen Merkur." Im December 1787 erffnete Wieland dem Publikum die
Aussicht, da "Schiller mit dem nchsten Jahrgange vielleicht jedes
Monatsstck mit einem Aufsatze seiner Hand zieren werde, die schon in
ihren ersten Versuchen den knftigen Meister verrathe, und nun, da sein
Geist den Punkt der Reise erreicht habe, die Erwartung rechtfertige, die
sich das Publikum von dem Verfasser des "Fiesko" und des "Don Carlos" zu
machen Ursache gehabt habe." Wieland fgte hinzu: "Da ich selbst vom
Mittelpunkt des Lebens schon einige Jahre herabsteige, und tglich mehr
Gelegenheit finde, an mir selbst zu erfahren, wie wahr das Virgilische:
=Facilis descensus Averni= in mehr als Einem Sinne ist, so gereicht es mir
zu nicht geringer Ermunterung, diesen vortrefflichen jungen Mann an meiner
Seite zu sehen; und mit solcher Untersttzung darf ich sicher hoffen, den
deutschen Merkur seinem ersten gemeinntzigen Zwecke in Kurzem auf eine
sehr merkliche Art nher zu bringen."

Mehrere Stellen in Wielands damaligen Briefen sprachen fr seine
Anerkennung und Hochachtung Schillers. Mit liebenswrdiger Bescheidenheit
weigerte sich Wieland, fr den "historischen Calender", den Schiller
damals herausgab, das Leben des Cardinals Richelieu zu schildern. Er
wollte nicht mit Schiller in die Schranken treten, der fr jenen Calender
seine "Geschichte des dreiigjhrigen Kriegs" lieferte. "Diese
Geschichte," schrieb Wieland, "hat so viele Leser gehabt, als es in dem
ganzen Umfang unserer Sprache Personen giebt, die auf einigen Grad von
Cultur des Geistes Anspruch zu machen haben. Von einem Schriftsteller
verfat, dessen frhere Werke in der dramatischen Dichtkunst sowohl, als
in derjenigen, die sich mehr dem Gebiet der historischen Muse nhert,
groe Erwartungen von dem, was sein Geist in dem Zeitpunkt seiner Reise
leisten knnte, erweckt hatten, bertraf sie selbst diejenigen, zu welchen
man sich durch seinen ersten Versuch in dem historischen Fache berechtigt
hielt; einen Versuch, der bereits alles, was unsere Literatur in dieser
Hinsicht aufzuweisen hatte, hinter sich zurcklie, und natrlicher Weise
in Allen, denen der Ruhm der Nation nicht gleichgltig ist, den Wunsch
erregen mute, da ein Schriftsteller, der bei seinen ersten Schritten in
dieser neuen Laufbahn ein so entschiedenes Talent gezeigt hatte, sich zu
einem Platze neben Hume, Robertson und Gibbon emporzuschwingen, sich, wo
nicht gnzlich, doch hauptschlich, der Geschichte unseres Vaterlandes
widmen mchte."

Mit diesem Urtheil war es Wieland Ernst, und das Verhltnis zwischen ihm
und Schiller erhielt sich in der ursprnglichen Reinheit, wie es der
Letztere mehrere Jahre zuvor (1787) durch die Worte bezeichnet hatte: "Mit
Wieland bin ich ziemlich genau verbunden, und ihm gebhrt ein groer
Antheil an meiner jetzigen Behaglichkeit, weil ich ihn liebe, und Ursache
habe zu glauben, da er mich auch liebt." Schillers Gesinnungen gegen
Wieland, wenn sich auch seine sthetischen Ansichten gendert hatten,
waren dieselben geblieben. Wieland dagegen schien ihn mit einer Art von
Neid zu betrachten. Die Anzeige der neuen Ausgabe seiner Werke, von denen
die erste Lieferung erschienen war, hatte er mit den Worten begleitet:
"Wre es auch nur, damit man uns nicht gar ber den neu erschienenen Horen
aus dem Gesicht verliert, die jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit
beschftigen, und in der Allgemeinen Literaturzeitung so pomps
angekndigt und so hyper-pomps recensirt worden sind."

Weder in den "Horen", noch in den "Xenien" war Wieland in Vergleich mit
andern Schriftstellern auf eine Weise angegriffen worden, die ihn htte
veranlassen knnen, sich persnlich zu beklagen. Nur in einem Anflug bler
Laune hatte er sich durch einige Xenien (Gschen an die deutschen Dichter,
Peregrinus Proteus u.a.) verletzt fhlen knnen. Der Tadel war meistens
weniger gegen ihn, als gegen seine Nachahmer, besonders den Rector Manso
in Breslau, gerichtet. Aber der Ton, der in jenen Epigrammen herrschte,
und der Uebermuth, der sie charakterisirte, war Wielands Urbanitt
zuwider. Er glaubte, seine Meinung darber ffentlich aussprechen zu
mssen, und whlte dazu die Form des Dialogs, der ihm gnnte, den
schrfsten Tadel auszusprechen, und sich doch zugleich den Schein zu
geben, als vertheidige er die Verfasser der "Xenien." Er bezweifelte
sogar, da sie, ungeachtet des allgemeinen Gerchts, aus Schiller's und
Goethe's Feder geflossen seyn knnten. Die bedenkliche Frage, wie diese
Epigramme in den Musenalmanach gekommen wren, suchte Wieland mit einer
seinen satyrischen Wendung dadurch zu erklren, da Schiller, aus Mangel
an Zeit, das Ordnen seiner Distichen nicht selbst besorgt habe. "Das
Geschft," schrieb Wieland, "kam zur bsen Stunde in die Hnde irgend
eines jungen, lebhaften, von Witz und Muthwillen strotzenden, fr Goethe
und Schiller enthusiastisch eingenommenen Kunstjngers, welcher der
Versuchung nicht widerstehen konnte, diese Gelegenheit zu benutzen, und --
vielleicht weniger in der Absicht, sich ein Verdienst um seine =magnos
amicos= zu erwerben, als um sie zu rchen, und ein schreckliches Exempel
an ihren Widersachern zu statuiren -- in aller Stille eine gute Anzahl
derber, handfester Distichen von seiner eignen Fabrik hinzuthat. Das in
den =parvum amicum= gesetzte allzu groe Vertrauen wre denn also das
Einzige, was dem Herausgeber des Almanachs zur Last gelegt werden knnte,
und wofr er durch den hlichen Spuk, den die "Xenien" machen, mehr als
zu viel bestraft ist. Wer wei, welches Meisterwerk, das uns allen Freude
machen wird, ihn damals beschftigte, als er dem jungen Brausekopf die
Sorge fr seinen Musenalmanach berlie, und sich dadurch unwissend
manchen bittern Augenblick bereitete."

Unter dieser schonenden Wendung verbarg Wielands Ironie seine wahre
Meinung, die er in einem Briefe an Gschen vom 29. November 1796 mit den
Worten aussprach: "Ich habe wenig Freude daran, wenn Mnner, wie Goethe
und Schiller, der Welt eine solche Farce geben, und durch einen
Muthwillen, der in ihren Jahren kaum verzeihlich ist, sich selbst eine
pbelhafte Behandlung zuziehen. Ich mchte eher darber weinen, als
lachen. Ueber die ihm gesandten Gegen-Xenien, die der Buchhndler Dyk in
Leipzig verfat hatte, schrieb Wieland: "Ich werde mich wohl hten, dieses
von der Pleie zu uns herberschallende Echo hier Jemand mitzutheilen; ich
frchte jedoch, es wird ohne mich bekannt genug werden." In einem sptern
Briefe vom 5. December 1796 uerte Wieland: "Das htten die Herren
Gtterbuben, um mit dem Verfasser des Ardinghello zu reden, doch
voraussehen sollen, da man beschmutzt wird, wenn man sich zum Spa mit
Gassenbuben herumbalgt."

Wielands Unmuth ber die "Xenien", die er seinen Freunden geraume Zeit
nicht verzeihen konnte, erhielt neue Nahrung durch die Reform im Gebiet
der Aesthetik, die damals von den Brdern August Wilhelm und Friedrich
Schlegel ausging. Ein patriotisches Interesse schien es nicht zu seyn, was
ihre vereinten Bemhungen leitete, der deutschen Poesie einen neuen
Schwung zu geben. Sie begnstigten vielmehr die poetischen Formen des
Auslandes, und suchten durch Uebersetzungen und Nachbildungen eine neue
Dichterschule zu begrnden, die der romantischen Poesie vorzugsweise das
Wort redete. Gewohnt, das Schne und Gute berall anzuerkennen, wo er es
fand, war Wieland jenen Bestrebungen nicht abgeneigt. Er erinnerte sich,
da er einst selbst hnliche Wege betreten hatte, und erkannte daher das
Fortschreiten einer jngern Generation gern an. Was ihm aber keineswegs
behagte, war der polemische Ton, durch den die Hupter der romantischen
Schule die von ihnen aufgestellten Principien geltend zu machen suchten.
Schonungslos griff eine von den Gebrdern Schlegel herausgegebene
Zeitschrift, "Athenum" betitelt, seit dem Jahr 1798 alles an, was die
"Xenien" noch verschont hatten. Auch Wieland entging diesem Schicksal
nicht durch eine, spterhin von ihm selbst als voreilig erklrte Aeuerung
in der Vorrede zu seinen smmtlichen Werken. "Seine beinahe ein halbes
Jahrhundert umfassende Laufbahn", schrieb er dort, "habe begonnen, da eben
die Morgenrthe unserer Literatur vor der aufgehenden Sonne zu schwinden
angefangen, und er beschliee sie, wie es scheine, mit ihrem Untergange."

Unter mehrern Angriffen, die seitdem von den Huptern und Anhngern der
romantischen Schule gegen das sogenannte goldene Zeitalter der Literatur
gerichtet wurden, befand sich auch im zweiten Bande des "Athenums" eine
gegen Wieland gerichtete ="Citatio edictalis."= Sie lautete: "Nachdem ber
die Poesie des Hofraths und =Comes Palatinus Caesarius= Wieland in Weimar,
auf Ansuchen der Herren Lucian, Fielding, Sterne, Bayle, Voltaire,
Crebillon, Hamilton und vieler anderer Autoren =Concursus creditorum=
erffnet, auch in der Masse mehreres verdchtigt, und dem Anschein nach
dem Horaz, Ariost, Cervantes und Shakspeare zustehende Eigenthum sich
vorgefunden: als wird jeder, der hnliche Ansprche =titulo legitimo=
machen kann, hierdurch vorgeladen, sich binnen schsischer Frist zu
melden, hernachmal aber zu schweigen." Dieser ffentliche Angriff Wielands
war das Signal fr alle Anhnger der romantischen Schule, ber den
genannten Dichter die wegwerfendsten Urtheile zu fllen, und ihm unter
andern die Anerkennung des Hans Sachs im "deutschen Merkur" als sein
bedeutendstes Verdienst um die literarische Welt anzurechnen. Kaum konnte
ihm verargt werden, wenn er, tief gekrnkt, in seinem Unmuth die Frage
aufwarf: "Ob er das um seine Zeit und seine Nation verdient habe?"

Was ihn hauptschlich schmerzte, war, da der grere Theil derer, die ihn
nicht tief genug herabwrdigen zu knnen glaubten, unter Goethes Aegide zu
stehen schien, da das "Athenum", unerschpflich in dem Lobe dieses
Dichters, zu den "drei grten Tendenzen des Zeitalters" auer der
franzsischen Revolution und Fichte's "Wissenschaftslehre", auch "Wilhelm
Meister's Lehrjahre" gerechnet hatte. Obschon der aufrichtigste Verehrer
und Bewunderer Goethe's, fhlte Wieland sich ihm allmlich entfremdet,
wenn auch Goethe's Persnlichkeit noch immer einen unwiderstehlichen Reiz
auf ihn ausbte. An Herder, fr den er lngst eine groe Zuneigung
empfunden, schlo er sich um so inniger an, da Goethe und Schiller sich
einander mehr genhert hatten, als es bisher der Fall gewesen war. Aber
whrend Wieland Herder's Unmuth ber Kant's "Kritik der reinen Vernunft"
theilte, und sich bei einer Anzeige an Herders "Metakritik" zu einer
leidenschaftlichen Philippika hinreien lie, fand er selbst Niemand, der
die unbillige Behauptung, "er habe sich selbst berlebt", zu wiederlegen
suchte. Zwar bemhten sich Kotzebue und Merkel, in dem "Freimthigen" und
in den "Briefen ber die wichtigsten Produkte der schnen Literatur",
Wieland an seinen Gegnern zu rchen, doch geschah es nicht selten auf eine
fr ihn unwrdige Weise.

Wie Wieland selbst ber seine Gegner urtheilte, zeigte ein 1799 an einen
Freund gerichteter Brief, der zugleich einige Andeutungen ber sein
Verhltni zu Goethe und Schiller enthielt. "Warum ich Sie bitten mchte",
schrieb Wieland, "wre besonders dies: sich mit den Gebrdern Schlegel und
Comp. nicht abzugeben. Es sind grobe, aber witz- und sinnreiche Patrone,
die sich Alles erlauben, nichts zu verlieren haben, nicht wissen, was
Errthen ist, und mit denen man sich beschmutzen wrde, wenn man auch den
Sieg ber sie erhielte, welches doch beinahe unmglich ist, da sie, auch
geschlagen und niedergeworfen, gleich wieder aufstehn, und es nur desto
rger machen wrden. Knnen Sie's aber ja nicht lassen, den Muthwilligen,
die durch ein in Deutschland noch neues =genre=, nmlich franzsische
=persiflage=, ihr Glck zu machen hoffen, etwas abzugeben, so beschwre
ich Sie bei allen Gttern, lassen Sie wenigstens Goethe und Schiller aus
dem Spiel, wr' es auch nur mir zu Liebe, und um allem Argwohn
auszuweichen, als ob ich irgend einen directen oder indirecten Antheil an
der Sache htte. Ich stehe mit diesen beiden Matadoren in einem guten, mit
Goethe in einem beinahe freundschaftlichen Verhltni wie ich mir
einbilde, wenigstens vor der Welt, denn =de occultis non judicat praetor=.
Aber die Herren sind empfindlich und ein wenig argwhnisch. Ich kann mich
also nicht nur selbst, sondern auch meine Freunde knnen sich, mir zu
Liebe, nicht genug in Acht nehmen, da ich mit ihnen nicht compromittirt
werde."

Von dem damaligen Unwesen in der deutschen Literatur frchtete Wieland,
nach einem Briefe vom 15. Februar 1801, einen dreifachen betrchtlichen
Schaden. Jener jacobinische Sansculotismus, meinte er, werde erstens den
Charakter unserer Nation, einer an Stupiditt grenzenden Gleichgltigkeit
gegen das Wahre, Schne und Gute verdchtig machen; zweitens die ganze
Classe der Gelehrten und Schriftsteller, die so ehrwrdig und
vielvermgend seyn knnten, in der ffentlichen Meinung tief herabsetzen,
sie ihres wichtigsten Einflusses berauben, und dadurch ihren Verchtern
und Verfolgern unter den Groen und Aristokraten gewonnen Spiel geben.
Endlich drittens werde jener Sansculotismus jungen Leuten, theils fr eine
kleinere Zeit, theils fr ihr ganzes Leben, Kopf, Geschmack und Herz
verwirren. "Alles aber", fgte Wieland hinzu, "will seine Zeit haben. Auch
diese Periode der schndlichsten Anarchie in der Gelehrtenrepublik wird
vorbergehen, und das unfehlbarste Mittel, ihr Ende zu beschleunigen,
wre, es wie ich zu machen, und zu thun, als ob gar keine Schlegel,
Tieck's, Bernhardi's, Clemens Brentano's, und wie die Gesellen alle
heien, in der Welt wren."

Auf hnliche Weise uerte sich Wieland in einem Briefe an Vo: "Ich fange
an, immer gleichgltiger zu werden gegen Bbereien dieser Art, und hlle
mich sehr ruhig in das Bewutseyn, da ich ein Besseres um die Zeit, in
der ich lebe, verdient habe. Was seit dem Moment, da ich etwas Gutes habe
drucken lassen, d.i. etwa vom Agathon an, mir widerfahren ist und noch
tglich widerfhrt, wre hinreichend, jeden Jngling, der sich mit einiger
Fhigkeit dem Dienst der Musen widmen wollte, abzuschrecken. Inde hat die
fast unbegreifliche Ungerechtigkeit meiner Zeitgenossen wenig Einflu auf
meine Glckseligkeit, und es war kein Compliment, sondern wahres
herzliches Gefhl, als ich zu meiner Muse sagte:

    Du machst das Glck von meinem Leben,
    Und hrt dir Niemand zu, so singst du mir allein.

Uebrigens hab' ich doch immer das Glck gehabt, dessen Horaz sich rhmte,
von einer kleinen Zahl solcher Leute geliebt zu werden, deren jeder ein
Publikum werth ist; und dies war auch immer fr mein Herz genug. Ich habe
immer die Kunst der Musen um ihrer selbst willen geliebt, und sie mit
Liebe und aus Liebe getrieben. Das lauteste Zujauchzen aller Leser in der
Welt wrde mich fr den kleinsten Fehler, den ich vermeiden konnte, und
nicht vermieden htte, nicht schadlos halten, wenn ihn gleich Niemand
gesehen htte, als ich."

So trstete sich Wieland, und berlie sich in dem Gartenhuschen, das er
sich in seinem "Osmantinum", wie er seinen Wohnsitz gewhnlich nannte,
hatte erbauen lassen, der freundlichen Hoffnung, "noch manche selige
Stunde zuzubringen und noch manchen geheimen Besuch von seiner Muse zu
erhalten." Zu den Plnen, die er in seiner lndlichen Zurckgezogenheit
entwarf und zum Theil ausfhrte, gehrten besonders Uebersetzungen aus dem
Griechischen, aus Xenophon, Euripides und Aristophanes, die er unter dem
Titel eines "Attischen Museums" herausgeben wollte. Tchtige Gehlfen
hatte er bei diesem Unternehmen an Jacobs und Hottinger. Den Letztern
hatte er whrend seines Aufenthalts in der Schweiz kennen gelernt, und
schtzte ihn sehr. "Ich kenne," schrieb Wieland, "keinen so ganz rein nach
dem sokratischen Modell gebildeten Geist, als Hottinger."

Unter den Uebersetzungen der alten Classiker, die er fr das "Attische
Museum" unternahm, fesselte ihn vorzglich der "Ion" des Euripides. Mit
der Wahl dieser Tragdie verband Wieland eine Nebenabsicht. Durch eine
flieende, dem Original treu nachgebildete Uebersetzung wollte er das
gebildete Publikum veranlagen, dieselbe mit dem von A. W. Schlegel
gedichteten Trauerspiel "Ion" zu vergleichen, das damals auf die
Weimarische Bhne gebracht und vielfach besprochen worden war. So knnte
man, meinte Wieland, mit eignen Augen sehen, wie beide denselben Stoff
bearbeitende Knstler und ihre Werke sich gegen einander verhielten. Eine
solche Vergleichung aber, "mit reinem Sinn fr das Wahre, Schne und
Geziemende angestellt," knne fr Freunde und Jnger der Kunst nicht
anders als unterhaltend und belehrend seyn.

Von zwei eigenen Werken, "Agathodmon" und "Solon", die, wie er an Gschen
schrieb, "noch als Embryonen in seinem Kopfe lgen," gab Wieland den Plan
zu dem zuletzt genannten Werke wieder auf. Eine groartige Wirkung
versprach er sich von den mannigfachen Schilderungen, die er in den
"Briefen Aristipp's und seiner Zeitgenossen" entwerfen wollte. Dies Werk,
von welchem er einen ausfhrlichen Plan entwarf, sollte eine seiner
umfassendsten Schriften werden. Whrend der Ausarbeitung beschftigten ihn
inde noch manche andere literarische Arbeiten. An seinen Freund und
Verleger Gschen in Leipzig schrieb er den 19. Dezember 1797: "Es ist hohe
Zeit, da ich Ihnen einmal wieder ein kleines Lebenszeichen gebe. In der
That, was das geistige, oder, vielleicht richtiger gesagt, was das
literarische Leben betrifft, so lebe ich, seit die unfreundliche
Jahreszeit eingetreten ist, vollauf. Ich komme nur selten aus meinem
Museum, aus dem Hause gar nicht, arbeite von Morgen bis in die Nacht,
finde Tage und Wochen unbegreiflich kurz und schnell, und habe
demungeachtet seit dem 23. November eins der schwersten literarischen
Abentheuer, eine metrische Uebersetzung der Wolken des Aristophanes
glcklich, wie ich wenigstens hoffe, zu Stande gebracht."

Am 18. Februar 1798 meldete Wieland, da er einige Dialoge politischen
Inhalts, unter dem Titel "Gesprche unter vier Augen" auszuarbeiten
angefangen habe, und noch mehrere folgen lassen werde, bis er "alles vom
Herzen habe, was er in diesen kunterbunten Zeitluften fr Worte zu
rechter Zeit halte." Da er dabei doch einige Rcksichten genommen, zeigte
seine eigene Aeuerung in einem sptern Briefe vom 7. November 1798.
"Obgleich in meinen Gesprchen," schrieb Wieland, "die Sache der
Menschheit freimthig gefhrt wird, und Wahrheiten gesagt werden, die man
weder zu Paris, noch zu Wien oder Petersburg von den Dchern predigen
hrt, so hab' ich, meiner Denkart und der Klugheit gem, vor allem, was
einem auch nur halbweg vernnftigen Leser anstig, oder dem Respect, den
man den Machthabern schuldig ist, zuwiderlaufend scheinen knnte, mich
sorgfltig gehtet, und hoffe also mit der Leipziger Censur in keine
Collision zu kommen, wiewohl ich nicht dafr stehe, da das Buch nicht zu
Wien verboten werden wird, wie beinahe alles Gute, was auerhalb Wien an's
Licht tritt."

Fr eins seiner besten Werke hielt Wieland den bereits erwhnten
"Agathodmon." Dies Urtheil, meinte er, werde die Nachwelt darber fllen,
so gleichgltig sein Werk auch fr den Augenblick aufgenommen werden
mchte. "Das siebente Buch des Agathodmon," schrieb Wieland, "war mir
eine sehr schwere Aufgabe, vielleicht die schwerste von allen, die ich mir
aufgeben konnte. Die Ausfhrung ward mir um so mhsamer, da Jahreszeit und
Witterung Geistesarbeiten dieser Art sehr ungnstig waren, um mich selbst
zu befriedigen. Ich habe das ganze Buch mehr als sechs Mal von neuem durch
-- und einige Hauptstellen ganz umgearbeitet, und des Feilens und Polirens
wollte kein Ende werden. Nun ist es -- wie es ist; ich bin mit mir selbst
zufrieden, denn ich wei, da ich als Mensch, als schriftstellerischer
Volkslehrer und als Dichter mein Bestes, und also meine Schuldigkeit
gethan habe."

In eine sehr unmuthige Stimmung ward Wieland durch die Nachrichten
versetzt, die er von dem geringen Absatz der Gesammtausgabe seiner Werke
erhielt. An seinen Verleger, Gschen in Leipzig, schrieb er darber den
15. Juli 1799. "Ich kann nicht anders, als mit tiefem Gefhl beklagen, da
ich mich selbst bereits berlebt habe. Ich wei nicht, wie ich zu solchem
Verfall meines Credits und meiner Gunst bei dem lesenden Publikum gekommen
bin, und theile daher Ihre Meinung, da es bei den zwei und dreiig Bnden
wenigstens fr das achtzehnte Jahrhundert sein Bewenden haben msse.
Vielleicht geht im neunzehnten Jahrhundert ein gnstigerer Stern ber uns
auf, und ich will mich inde, wie jener griechische Fltenspieler,
begngen, den Musen und mir selbst zu spielen."

Erholung von anstrengenden Geistesarbeiten fand Wieland in seinem
lndlichen Asyl. Mannigfache Plne zu Verbesserungen in seinem Hause und
Garten gaben ihm die heitere Stimmung wieder, die er durch den Gedanken,
wie tief sein literarischer Ruhm gesunken sei, verloren hatte. Noch
fterer wrde er dem Mimuth anheim gefallen seyn, wenn zu jener
Verstimmung seines Gemths sich noch krperliche Leiden gesellt htten.
Doch selbst in hherem Alter war ihm eine fast ununterbrochene Gesundheit
geblieben. In einem Briefe an Gschen, vom 24. December 1798 wunderte sich
Wieland selbst ber sein Wohlbefinden. "Sie grnden darauf," schrieb er,
"Ihre Hoffnung, da ich ein ziemlich betagter Patriarch werden drfte. Vor
zwanzig Jahren hatte ich gar keinen Begriff davon, wie ich sechzig sollte
alt werden knnen, und hatte zu diesem Mitrauen in meiner
Leibesbeschaffenheit allerdings viele und triftige Ursachen. Nach dem fnf
und funfzigsten Jahre wurde meine Gesundheit unvermerkt immer fester, und
ich befinde mich nun im sechs und sechszigsten so, da ich ohne Absurditt
mein zehntes Stufenjahr zu bersehen hoffen kann. Sie aber, lieber Freund,
sollen und mssen mich berleben, wre es auch nur, um meine =Confessions=
oder Nachrichten von mir selbst und meinen Schriften, oder wie Sie meine
Selbstrecension betiteln wollen, verlegen zu knnen, die nicht eher, als
nach meinem Hingang aus dieser Welt gedruckt werden soll."

Der Gedanke, da dieser Zeitpunkt sich ihm immer mehr nhere, trbte nicht
Wielands Heiterkeit. Er fhlte sich in seinem Alter sehr glcklich unter
literarischen und lndlichen Beschftigungen und Genssen. Immer neues
Vergngen schpfte er aus der Betrachtung der von ihm selbst geschaffenen
Gartenanlagen, auf Spaziergngen durch seine Lindenallee, oder durch ein
Birkenwldchen am Ufer der Ilm, wo er sich ungestrt seinen Ideen
berlie. In solchen Augenblicken glaubte er zu seiner vlligen
Zufriedenheit kaum noch etwas zu bedrfen. An seinen Schwiegersohn, den
Buchhndler Gener in Zrich, schrieb Wieland im Januar 1799: "Ich freue
mich so lebhaft auf die wiederkehrende schne Jahreszeit, da ich sie
wirklich im Geist schon geniee, und den dazwischen liegenden Winter um so
weniger lang finden werde, da die literarischen Arbeiten, womit ich ihn
auszufllen gedenke, mehr als hinlnglich wren, mich eine doppelt so
lange Zeit zu beschftigen. Ich werde aber fleiig seyn; denn es ist nicht
mehr als billig, da ich das Recht, den Sommer blos mit Genieen
zuzubringen, im Winter durch Arbeiten erkaufe."

In einem nicht lange nachher geschriebenen Briefe an Gleim erkannte
Wieland es dankbar, da ihm, neben der Glckseligkeit, ungestrt mit den
Geistern der Weisen und Dichter der Vorwelt Umgang pflegen zu knnen, noch
das Vergngen gegnnt sei, seinen guten Genius, in Gestalt eines Weibes,
an seiner Seite, und einen Kreis von Kindern und Enkeln um sich zu haben,
unter welchen ihm seine Tage so leicht und schnell entschlpften, wie den
Bewohnern des dichterischen Elysiums. "Das Einzige", schrieb er, "was
allenfalls (wenigstens zur vollstndigen Aehnlichkeit mit dem Elysium, das
uns Lucian so genial geschildert hat) noch abgeht, sind die Buttersemmeln
und Bratwrstchen, die auf den Bumen wachsen, die gebratenen Rebhhner,
die von selbst auf den Tisch geflogen kommen, und die schnen crystallenen
Kelchglser, die man von den Hecken abbricht, um sie aus Quellen und
Bchen mit kstlichem Wein zu fllen, die eben so freiwillig, als
unerschpflich aus allen Felsen hervorsprudeln u.s.w. So bequem und
wohlfeil hab' ich's nun freilich nicht. Aber, die reine Wahrheit zu sagen,
ich mcht' es nicht einmal so bequem und wohlfeil haben; denn ich halte
das Gesetz, da uns die Gtter nichts Gutes ohne Arbeit geben, fr ein
sehr weises Gesetz, und betrachte eine gewisse Portion Mhe und Sorge
=quantum satis=, als die unentbehrlichste Wrze zum wahren Lebensgenu."

Erhht ward dieser Genu fr Wieland noch durch Besuche seiner
Weimarischen Freunde. Selbst sein Frst, seine Frstin, die Herzogin
Mutter verschmhten nicht, ihn unter dem Schatten seiner Bume zu
begren. Der lebhafte Ideenaustausch in mannigfachen Gesprchen, die ihn
in die Vergangenheit zurckfhrten, hatte fr Wieland viel Anziehendes.
Von groem Interesse war ihm auch die damals angeknpfte Bekanntschaft mit
Jean Paul, von dem er sich vielseitig angeregt, doch, nach seinem eignen
Gestndnisse, auch eben so oft abgestoen, als angezogen fhlte.

Unstreitig einer der schnsten Momente in Wielands spterem Leben war das
Wiedersehn seiner Jugendfreundin Sophie la Roche, die ihn 1799 in
Osmannstdt besuchte, begleitet von einer ihrer Enkelinnen, Sophie
Brentano, einer Schwester des bekannten Dichters Clemens Brentano. Die
Erinnerung an die genureichen Tage, die Wieland damals verlebte, blieb
ihm unvergelich. Wieder angefrischt ward sie, als Sophie Brentano im Mai
1800 ihn abermals in seinem lndlichen Asyl begrte. Erheiternd wirkte
auf ihn die Gegenwart des durch Geist und Herz ausgezeichneten Mdchens,
das damals in der vollen Blthe jugendlicher Schnheit stand. Einen
eigentmlichen Reiz erhielt ihr Wesen durch einen Zug stiller Melancholie.
Wieland beklagte oft, da Sophie, so ganz geschaffen, Andrer Leben zu
verschnern, sich von den Menschen hinwegwende und die Einsamkeit suche.
Frher jedoch, als er selbst oder irgend Jemand ahnen mochte, zerstrten
die Eindrcke eines lngst zerrtteten Gemths ihren von Natur zarten
Krper. Das friedliche Osmantinum, nach dem sie sich so oft gesehnt hatte,
war bestimmt, ihre irdischen Uebereste zu empfangen.

"Ich und meine Familie", schrieb Wieland den 29. September 1800 an
Gschen, "haben in diesem Monat einen harten Stand gehabt. Sophie
Brentano, das liebenswrdigste und interessanteste Mdchen von 24 Jahren,
das vielleicht der Erdboden trug, ward am 24. September von einer der
sonderbarsten und verwickelten Nervenkrankheiten befallen, die sich in
wenig Tagen als gefhrlich ankndigte, mit jedem Tage trostlosere Symptome
zeigte, und unerachtet aller ersinnlichen angewandten Hlfe, mit dem Tode
endigte. Was wir in diesen trbseligen sechzehn Tagen erfahren und
gelitten, mge Ihnen Ihre eigene Einbildungskraft und Ihr eigenes Herz
sagen. -- Die Hlle, die der entflohene Engel zurck lie, ruht nun in
einem stillen Pltzchen meines durch sie geheiligten Gartens."

Wielands stille Trauer um das zu frh verblhte holde Mdchen erklang noch
oft in den Briefen an seine Freundin Sophie la Roche. Den 24. April 1801
schrieb er: "Die Wiederkehr der schnen Jahreszeit giebt der geistigen
Gemeinschaft, die bisher zwischen unsrer Sophie Brentano und mir ziemlich
ununterbrochen fortgedauert, ein neues Leben. Alle meine Spaziergnge
fhren zu ihrem Grabe; meine liebsten Ruhepltze sind nur wenige Schritte
davon entfernt, und der Gedanke, da uns nur noch ein kleiner Zeitraum
trennt, wird unvermerkt zu einem still fortdauernden Gefhl, das meinem
Aufenthalt im Garten ein ganz eignes melancholisch ses Interesse giebt.
Weil es indessen gut ist, da ich noch, so lange als mglich, fr meine
Kinder lebe, so helfen Sie mir, theure Freundin, Gott fr die Erhaltung
meiner bessern Hlfte bitten, deren zeither abnehmende und noch immer
schwankende Gesundheit mich nur zu oft beim Blick auf Sophiens Ruhesttte
mit Trbsinn und herzzerdrckenden Ahnungen erfllt. Noch hoffen wir, was
wir sehnlich wnschen, da die immer nher kommende schne und milde
Jahreszeit das Beste bei ihr thun, und uns eine Gattin und Mutter, die so
wenige ihres Gleichen hat, und uns so unentbehrlich ist, auf lange Zeit
wieder schenken werde."

Ein ungewhnlich rauher Sommer, ber den er sich bitter beklagte,
vereitelte Wielands Hoffnungen. "Der Juni", schrieb er, "war so kalt,
windig und unfreundlich, da wir oft vierzehn Tage lang tglich zweimal
die Wohnzimmer heizen lassen muten. Aber noch viel schlimmer spielte uns
der Juli mit. Strmische Westwinde bei Tag und Nacht, ein immer
dichtbewlkter Himmel, kaum zwei bis drei Tage, an denen die Sonne
zuweilen durchzubrechen vermochte, und zwei Regentage gegen einen, sind
diesen ganzen Monat ber unser Loos. Seit mehr als vier Wochen steht der
Barometer meist anderthalb, zwei, drei, hchstens vier Linien ber sieben
und zwanzig Zoll, und so oft er ein wenig ber vier Grad stieg, konnten
wir auf einen vollstndigen Landregen rechnen. Wie eine solche Witterung
nicht nur den Menschen, sondern auch den Feld- und Gartenfrchten aller
Art bekommt, knnen Sie sich vorstellen. Die dadurch bisher aufgehaltene
Ernte ist vor der Thr, und noch ist kein Anschein zu einer schon so lange
und so sehnlich erwarteten Vernderung. Doch der Mensch ist nun einmal in
der Gewalt der groen elementarischen Massen, und Geduld! Geduld! Geduld!
ist die unwillkommene Lection, die sie uns einbluen, und an der wir unser
Lebelang zu lernen haben, weil uns nichts schwerer eingeht."

Mehrfache Veranlassung, sich in der Geduld zu ben, so schwer ihm dies
auch werden mochte, fand Wieland, als der in einem frhern Briefe erwhnte
Gesundheitszustand seiner Gattin im Herbst 1801 sich tglich
verschlimmerte. Wielands Empfindungen schilderte ein Brief an Gschen vom
19. October 1801. "Zwar bin ich", schrieb er, "noch nicht in der traurigen
Nothwendigkeit, das Aergste erwarten zu mssen; aber ich kann doch nur
selten ber mich gewinnen, es nicht zu frchten. So wenig beneidenswerth
auch meine brige Lage ist, wrde ich mich doch fr den glcklichsten
aller Menschen halten, wenn mir der Himmel nur _sie_, die nun sechs und
dreiig Jahre lang das ganze stille Glck meines Lebens machte, nur noch
einige Zeit erhalten wollte. Sie allein ist mein Ersatz fr alles Andere;
ohne sie -- Gott allein wei, ob und wie ich ohne sie leben knnte."

Am 8. November 1801 sah sich Wieland fr immer getrennt von seiner
Gefhrtin, im Kreise derer, denen sie das Leben gegeben, und fr deren
Wohl sie kein Opfer gescheut hatte. Den tiefen Eindruck jenes Verlustes
zeigte ein Brief Wielands an Gschen vom 31. December. Er uerte darin
unter andern: "Mit mir geht es -- wie es kann; leidlich wenigstens. Ich
arbeite viel, aber es ist, als ob mir die Schwungfedern gestutzt wren.
Sonst arbeitete ich mit Freude, mit Munterkeit; jetzt mhsam, entgeistert,
schwerfllig. Mglich, da auch die trbselige, immer vernderliche und
gar nicht wintermige Witterung etwas dazu beitrgt. Gewi aber ist, da
ein Herkules, der mir meine Alceste, nur mit so viel Gesundheit, als sie
noch vor drei Jahren besa, aus dem Elysium zurckbringen knnte, auf
einmal einen ganz andern Menschen aus mir machen wrde."

In einem sptern Briefe vom 15. Februar 1802 wunderte sich Wieland selbst
ber seinen leidlichen Gesundheitszustand in einem Alter von beinahe
siebzig Jahren. Er schrieb einem Freunde: "Da die Engelsseele, die nun
meinen krperlichen Augen unsichtbar geworden, mir geistiger Weise immer
gegenwrtig ist, und da ich mich nach und nach an diese rein geistige Art
Liebe und Freundschaft gewhne, trgt ohne Zweifel das Meiste dazu bei,
da ich mich so wohl, d.h. nicht viel schlimmer befinde."

Dankbar erkannte Wieland die zarte Aufmerksamkeit und Theilnahme der
Herzogin Amalia, die ihn, um seinem Geiste eine andere Richtung zu geben,
im Juli 1802 nach Tiefurt eingeladen, und nach Wielands eignem
Gestndnisse, ihr Mglichstes gethan hatte, ihn zu erheitern und vergessen
zu machen, da er, "ohne seine Alceste, die ihm kein Herkules wieder
bringe," wohl zuweilen glcklich scheinen, doch nicht glcklich seyn
knne. "Der besten Frstin zu Gefallen", schrieb Wieland, "arbeite ich,
wiewohl unter mancherlei Unterbrechungen, etwas langsam in den
Vormittagsstunden an einer Uebersetzung der Helena des Euripides. Bevor
ich mit dieser Arbeit zu Stande bin, ist an den Aristipp nicht zu denken;
denn mit diesem kann und will ich nicht anders, als mit ganzer Seele, mit
ganzem Gemth und mit allen mir noch brigen Krften mich beschftigen."

Ermuntert fhlte sich Wieland zu dem eben erwhnten Werke, das spter
unter dem Titel: "Aristipp und seine Zeitgenossen" erschien, durch die
Theilnahme, die ihm nicht blos in seinen nchsten Umgebungen, sondern auch
durch briefliche Mittheilungen entgegen kam. "Was Sie mir", schrieb er an
Gschen, "ber die Entwicklung und Ausfhrung der beiden Hauptcharaktere
des Aristipp und der Lais schreiben, hat mir groes Vergngen gemacht.
Solche Leser, fr welche nicht nur im Detail nichts verloren geht, sondern
die auch Sinn fr die Composition, Haltung und Ausfhrung des Ganzen
haben, d.h. gerade fr das, worauf Alles ankommt -- solcher Leser wnsch'
ich mir recht viele. Aber unglcklicher Weise giebt es deren unter hundert
kaum Einen, weil in der That beinahe eben so viel Genie, Kopf, Bildung und
Kunstsinn dazu erfordert wird, ein solcher Leser zu seyn, als ein Autor,
der im Stande ist, solche Leser zu befriedigen."

Unter einzelnen Unterbrechungen hatte Wieland so fleiig an seinem
"Aristipp" gearbeitet, da er im Sommer 1801 das vollstndige Manuscript
seinem Verleger Gschen senden zu knnen glaubte. Das Werk erlitt jedoch
eine Unterbrechung durch die Idee, seinem "Aristipp" eine ausfhrliche
Beurtheilung der vorzglichsten Werke Plato's in den Mund zu legen. Schon
vier Monate, schrieb Wieland an Gschen, beschftige ihn einzig die Lsung
dieser Aufgabe. "Sie knnen sich nicht vorstellen," heit es in jenem
Briefe, "was fr ein Stck Arbeit dies ist. Wenn ich aber so glcklich
seyn sollte, mich mit Ehren aus der Sache zu ziehen, so wird es das
wichtigste und beste Morceau meines ganzen Werks seyn." Ueber den Umfang
desselben war Wieland eine Zeitlang nicht mit sich einig. "Es findet
sich", schrieb er, "da ich mit dem vierten Bande allerdings schlieen
kann, aber da die Ausfhrung meines Plans, den Aristipp bis nahe an
seinen Tod fortzufhren, wenigstens noch einen starken Band erfordern
wrde. Im vierten kann ich ihn nicht weiter bringen, als bis zum Tode
seiner Kleone und zu seinem Entschlu, Cyrene wieder zu verlassen, und
sich zu seinem Freunde Philistus zu Syrakus zu wenden. Ich bin aber
gleichwohl entschlossen, es vor der Hand bei den vier Bnden zu lassen,
und nicht eher an den fnften zu gehen, als bis unsre -- merken, da dem
Werke noch was fehlt, und bis sie Ursache finden, mich nicht als Freund,
sondern als Verleger, zum fnften Bande aufzufordern. Dabei mu und wird
es einstweilen bleiben; denn wenn ich noch vor Fertigung dieses fnften
Bandes aus der Welt ginge, so blieben die vier Bnde ein doch fr sich
bestehendes Werk, und Niemand htte sich zu beklagen, da es unvollstndig
wre."

Eine Art von Fragment blieb gleichwohl der "Aristipp", so lange Wieland
nicht den vierten Band dieses Werks geliefert hatte. Darber war jedoch
eine geraume Zeit vergangen. Der Grund zu dieser Zgerung war der
Gesundheitszustand seiner geliebten Dorothea. Wieland schwebte fortwhrend
zwischen Furcht und Hoffnung. Bei seinem Freunde und Verleger Gschen
entschuldigte er sich, da es ihm in den letzten sechs Wochen physisch und
moralisch unmglich gewesen sei, irgend einer Geistesarbeit sich mit dem
freien und muntern Sinne zu widmen, der eine der unerllichsten
Bedingungen sei. "Seyn Sie inde versichert", schrieb Wieland, "da ich
nicht ruhen werde, bis das Werk vollendet, und so vollendet ist, da ich
selbst einiges Wohlgefallen daran haben kann."

Diesem Vorsatz blieb er treu, ohne sich durch den damals entworfnen Plan
irre machen zu lassen, nach dem Muster des =Thatre des Grecs=,
gemeinschaftlich mit Bttiger und Jacobs ein "Theater der Griechen"
herauszugeben, welches Uebersetzungen, mit Anmerkungen und Abhandlungen
begleitet, enthalten sollte. Von der Ausarbeitung des fnften Bandes
seines "Aristipp" ward Wieland inde bald wieder abgelenkt durch mehrfache
neue Entwrfe zu literarischen Arbeiten, die jedoch zum Theil unausgefhrt
blieben, wie unter andern das Werk "Osmanstdtische Unterhaltungen"
betitelt, worin er einige sehr gelungene Erzhlungen seines Sohnes Ludwig
aufnehmen, und ihn dadurch als Schriftsteller in's Publikum einfhren
wollte.

Wielands literarische Thtigkeit war damals sehr gro. Ehe er seinen
"Aristipp" vollendet hatte, lieferte er einige Seitenstcke zu diesem
Werke. Dahin gehrten die beiden griechischen Gemlde "Menander und
Glycerion", und "Krates und Hipparchia", die er als Taschenbuch fr die
Jahre 1804 und 1805 herausgab, und auerdem sechs Erzhlungen, zuerst in
Almanachen gedruckt und hierauf unter dem Titel: "das Hexameron von
Rosenhain" in einem Bndchen vereinigt. Wieland war dadurch mit mehreren
Buchhndlern in Verbindung getreten, mit Cotta in Tbingen, Wilmans in
Bremen, und Vieweg in Braunschweig, wodurch sich sein vieljhriger
Verleger Gschen verletzt fhlte. Wieland suchte ihn zu beruhigen. "Ich
kann", schrieb er, "den Gedanken nicht ertragen, da die Irrungen, die ein
doppeltes Paar alter Griechen und Griechinnen unschuldiger Weise zwischen
uns veranlat haben, das Grab unserer vieljhrigen Freundschaft seyn
sollten. Ich glaube, Sie knnen sich meinen kleinen Verkehr mit den
Taschenbchern um so mehr gefallen lassen, da Sie auch nichts dagegen
htten, wenn ich dergleichen Aufstze im Merkur abdrucken liee, der noch
unter meinem Namen und Bttigers Redaktion fortluft. Wre es nicht
Thorheit gewesen, wenn ich, in meinen Umstnden, solche Gelegenheiten
nicht htte benutzen wollen?"

Schon in einem frhern Briefe an Gschen hatte Wieland offen gestanden,
da "die eiserne Noth, die ehemals den Horaz zum Dichter gemacht, ihn
drcke und drnge, und da er alles, was seine alte Muse noch gebhre,
bald mglichst in baares Geld umsetzen mte." Dadurch hoffte er
wenigstens einigermaen sich die sorgenvolle Lage zu erleichtern, in die
er durch den Kauf seines Guts, durch mannigfache kostspielige Bauten und
Verbesserungen, und durch den geringen jhrlichen Ertrag seines
Besitzthums gerathen war. Da er "bei seiner Landwirtschaft keine Seide
spinne," gestand er offen seinem vieljhrigen Freunde Gschen.

"Ich habe," schrieb Wieland den 21. April 1802, "eine Last auf mich
geladen, unter der ich erliegen wrde, wenn ich nicht ernstlich darauf
bedacht wre, sie je eher je lieber von meinen alten Schultern abzuwlzen,
in sofern es ohne Nachtheil und vielmehr zum wirklichen Vortheil meiner
armen Kinder geschehen kann. So lange der holde Engel, der mich vor sechs
Monaten verlassen mute, noch sichtbar um mich war, fhlt' ich diese Last
zwar auch, aber sie drckte mich weniger. Ich hatte mehr Muth und
Hoffnung, mehr Lust und Freudigkeit zum Arbeiten, und alles, was mein
Geist unternahm, ging leicht und munter von statten. Seitdem ist alles
leider ganz anders. -- Ich fhle, wenn ich noch einige Jahre den Meinigen,
der Welt und meinen Freunden leben soll, so ist es schlechterdings
nothwendig, da ich mich gnzlich schuldenfrei mache -- und dazu ist
mglicher Weise nur Ein Mittel. Das ganze Gut zu verkaufen, wenn sich auch
ein Kufer dazu fnde, der mir dafr geben wollte, was mich's kostet, dazu
kann ich mich aus mehreren und verschiedenen Ursachen nicht entschlieen.
Meine Idee ist, das Gut zu zerschlagen, den Pavillon, den ich bewohne,
nebst dem Garten und einer einzigen Hufe Ackerland fr mich zu behalten,
aus allem Uebrigen aber ein fr sich bestehendes kleines Erblehngut zu
machen, und es gegen baare Bezahlung an den, der Lust dazu haben wird, zu
verkaufen. Da das Gtchen so klein ist, so ist es natrlicher Weise keine
Sache fr reiche Leute. Indessen knnte und sollte sich doch wohl in ganz
Germanien unter 24 Millionen Menschen irgend Jemand finden, dem gerade ein
solches kleines Landgut anstnde, und in dessen Augen es dadurch noch
einen besondern Werth erhielte, da er mein lieber Nachbar wrde, und
(alles vorausgesetzt, was hierbei vorauszusetzen ist), mit mir und meiner
Familie in einem beiden Theilen angenehmen freundschaftlichen Verhltni
leben knnte. Wenn meine Imagination bei guter Laune ist, so poetisirt sie
mir verschiedene Arten mglicher Subjecte vor, die hiezu geeigenschaftet
seyn knnten. Ich gestehe brigens gern, da diese meine Idee einem
utopischen Traum ziemlich hnlich sieht. Indessen sind doch schon viel
unwahrscheinlichere Dinge realisirt worden."

Im August 1802 meldete Wieland seinen Entschlu, das ganze Gut zu
verkaufen, doch mit Vorbehalt des von ihm bewohnten Hauses und dazu
gehrigen Gartens, von welchem er jedoch den =usum fructuum= und jede
selbstbeliebige Benutzung dem Kufer des Guts berlassen wolle. "Der
Garten," schrieb er, "soll, so lange es nur immer mglich seyn wird,
meiner Familie bleiben, und dies um so mehr, da er das heilige Grab meiner
Geliebten, und dereinst auch das meinige neben ihr, in sich schliet.
Finde ich einen annehmlichen Kufer zum Gute, so lebe ich knftig wieder
in der Stadt, und bringe nur die schne Jahreszeit in meiner
Osmanstdtischen Villa zu."

Eine unverhoffte Fgung des Schicksals, oder, wie Wieland sich ausdrckte,
"seines, noch immer zu seinem Besten geschftigen guten Genius," hatte ihm
im Februar 1803 in dem Hofrath Khn aus Hamburg einen Kufer seines Guts
zugefhrt, der sich zu der Kaufsumme von 30,000 Thlrn. anheischig machte.
"So ungern," schrieb Wieland, "ich mich auch von dem Boden trenne, worin
die heiligen Gebeine meiner geliebten Dorothea ruhen, so kann ich diesen
Verkauf doch nicht anders, als fr das Glcklichste halten, was mir in
meinem Leben noch begegnen konnte. Ich bin dadurch von einer Last befreit,
die mich fters zu Boden drckte; ich werde auf einmal schuldenfrei, und
es bleibt immer noch so viel brig, da ich fr meine noch unversorgten
Kinder ungleich mehr thun kann, als mir mglich gewesen wre, wenn ich das
Gut noch lnger htte behaupten mssen."

Wielands damalige Briefe enthielten mehrfache rhrende Gestndnisse ber
seine drckende Lage und ber die Mittel, die er ergriffen, sie durch eine
erweiterte literarische Thtigkeit zu verbessern, die beinahe seine Krfte
berstieg. In Bezug auf seine Beitrge zu mehreren Taschenbchern schrieb
er: "Ich schme mich, da ich durch die Etourderie, mit der ich mein
ganzes Leben hindurch zu kmpfen gehabt, mich selbst in meinem siebzigsten
Jahre noch zu Projecten solcher Art hinreien lassen konnte. Aber die
Summe, deren ich bedurfte, um blos meine unvermeidlichen Ausgaben zu
bestreiten, stand, zumal in den letzten Jahren, mit dem Ertrag des Gutes
und meiner brigen fixen Einnahmen in einem so unproportionirten
Verhltni, da ich, um das sehr betrchtliche Deficit zu decken, alle
meine Krfte aufbieten mute, das =vacuum=, das Ceres und Pales in meinem
Beutel lieen, durch den Ertrag der Frchte meines Geistes zu ersetzen.
Ich fhlte von Zeit zu Zeit, da ich ber Vermgen arbeitete, oder
wenigstens da ich, wenn es noch lnger so fortgehen mte, Gefahr liefe,
in den traurigen Zustand von Erschlaffung und Kraftlosigkeit zu gerathen.
Aber Noth hat kein Gesetz. Die Hoffnung, mein Gut ohne betrchtlichen
Schaden verkaufen zu knnen, war sehr gering, die Last, die auf mir lag,
immer drckender, und die Gefahr, mit jedem Jahr rmer zu werden, immer
grer. Welche Lage fr einen Siebzigjhrigen, von einer zahlreichen
Familie umgebenen Mann von meiner Sinnesart und Constitution!"

Mit Bttiger, der ihn kurz zuvor besuchte, ehe sich im Februar 1803 sein
frher so hei ersehntes Idyllenleben in Osmanstdt schlo, durchwanderte
Wieland noch einmal den gerumigen Garten. Nicht ohne Rhrung betrachtete
er alle seine Lieblingspltze. Eine tiefe Wehmuth ergriff ihn, als er vor
den Grbern seiner Dorothea und der Sophie Brentano stand, und sich sagen
mute, da er auch diese in fremden Hnden zurcklassen mte. Nach
einigem Schweigen sagte Wieland: "Ich traue es dem wackern Kufer meines
Guts zu, da die Sttte, wo auch ich einst neben meiner Gattin begraben zu
seyn wnsche, ihm stets heilig und unantastbar seyn werde." Darin tuschte
sich Wieland nicht. Der neue Besitzer seines Gutes ehrte die heilige
Sttte, wo die geliebten Todten ruhten.

In einem Schreiben aus Osmanstdt an die Herzogin Amalia hatte Wieland
sich sehr gefreut, eine Wohnung in der Nhe des Palastes seiner von ihm
innig verehrten Frstin beziehen zu knnen. Aus den Fenstern seiner von
dem Schauspielhause nur durch einen Garten getrennten Wohnung sah er auf
freundliche Anlagen hinaus, in denen, wie er sich uerte, die geliebte
Frstin als "die wohlthtigste aller Feen walte." Nur der Vergnstigung
eines Schlssels, meinte er, werde es bedrfen, um mit aller
Bequemlichkeit in's Himmelreich einzugehen. "Denn das wird fr mich,"
schrieb er, "jeder Ort seyn, wo sich die ber alles verehrte und geliebte
Frstin aufhlt, deren Huld und herablassende Gte so wohlthtige
Sonnenblicke auf den spten Abend meines Lebens geworfen."

Seine khnsten Erwartungen bertraf die wohlwollende Aufnahme, die
Wieland, als er wieder nach Weimar zurckgekehrt war, bei der hochherzigen
Frstin fand. Sie zog ihn in ihre nchsten Umgebungen und erweiterte den
Kreis seiner ltern Freunde durch neue Bekanntschaften, unter denen ihm
Fernow, nach Jagemann's Tode zum Bibliothekar der Herzogin ernannt, eine
der interessantesten war. Whrend des Sommeraufenthalts der Frstin in
Tiefurt befand sich Wieland oft dort. Wie sie ihn berall auszeichnete,
bewies auch sein Ehrenplatz in der herzoglichen Loge. Seine Liebe zur
Bhne, auf der damals manches vielversprechende Talent sich entfaltete,
fand wieder neue Nahrung, und er bedurfte nicht mehr der Opfer, mit denen
er whrend seines Aufenthalts in Osmanstdt den theatralischen Genu hatte
erkaufen mssen. Erfreulich und belehrend waren fr ihn auch die damaligen
Kunstausstellungen unter Goethe's und Meier's Leitung. Wieland glaubte so
wenigstens einigen Ersatz dafr zu finden, da die von Goethe
herausgegebene Zeitschrift: "die Propylen", fr die er sich lebhaft
interessirt, aufgehrt hatte.

So vereinigten sich mehrere Umstnde, ihn in einer ruhigen Gemthsstimmung
zu erhalten, die jedoch durch den Tod Herders am 18. December 1803 heftig
erschttert ward. Seiner Freundin Sophie la Roche schrieb er damals: "Es
ist ein groer unersetzlicher Verlust fr seine Familie, fr die Welt und
fr seine Freunde. Er war mein bester und gewissermaen mein einziger
Freund in Weimar. Ich habe sehr viel an ihm verloren, und hatte groe
Ursache, auch um meiner selbst willen zu wnschen, da er, der so
betrchtlich jngere Mann, mich Alten berleben mchte. Geduld und
Ergebung ist alles, was uns in solchen Fllen brig ist; und mir wird
diese Ergebung freilich insofern leichter, als mein Gefhl fr Schmerz und
fr Freude durch den 8. November 1801 abgestumpft worden ist. Indessen ist
es Pflicht, sich fr die Lebenden so lange als mglich zu erhalten, und
sich an der geistigen Gemeinschaft gengen zu lassen, da wir mit unsern
Geliebten, nachdem sie unsern Augen und Armen entschwunden sind, uns noch
immer fort unterhalten knnen. Das egoistische Gefhl unseres Verlustes
ist menschlich; aber immer verliert es sich wieder in dem sen Gedanken,
da sie ausgelitten haben, da ihnen nun wohl ist, und unendlich besser,
als uns."

In ein dumpfes Hinbrten artete Wielands Ergebung in das unvermeidliche
Schicksal selten aus, und seine Thtigkeit ward dadurch nicht gelhmt. Von
besonderem Interesse war in seiner damaligen Stimmung fr ihn die Schrift:
"Meiner Gattin wirkliche Erscheinung nach ihrem Tode." Ihr Verfasser,
=Dr.= Wtzel, hatte sie dem Herzog von Weimar zugeeignet, und sie ward in
einem Hofcirkel, in welchem sich auch Wieland befand, vorgelesen und
vielfach besprochen. Den 20. October 1804 schrieb Wieland an seinen Freund
und Verleger Gschen: "Ich arbeite seit einigen Monaten an einem kleinen
Werke, wovon ich aus wesentlichen Ursachen wnsche, und es daher zu einer
Bedingung machen mu, da es besonders, und als ein Werk fr sich, im
Buchhandel erscheine. Der Titel ist: Euthanasia, oder Gesprche ber das
Leben nach dem Tode, veranlat durch die Schrift: Meiner Gattin wirkliche
Erscheinung nach ihrem Tode. Diese Euthanasia wird aus drei oder vier
Dialogen bestehen, wovon der erste und grte vollkommen fertig ist. Das
Ganze wird mich noch bis Ende dieses Jahres beschftigen."

Ein sehr scharfes Urtheil fllte Wieland in einem sptern Briefe ber die
vorhin erwhnte Schrift und ihren Verfasser. "Ich glaube," schrieb er,
"da der Herr Doctor oder Magister Wtzel durch meine Analyse seines ber
allen Ausdruck elenden und abgeschmackten Buchs in Reputation kommen wird.
Aber damit er Ursache habe, sich dafr bei mir zu bedanken, mcht' ich ihm
rathen, sich in bevorstehender Messe um Geld sehen zu lassen. Wirklich
wre ein Hermaphrodit mit drei Kpfen, sechs Armen und vier Beinen kein
sehenswrdigerer Irrthum der Natur, als dieser in seiner Art gewi einzige
Mensch, in welchem Dummheit, Eigendnkel, Pfiffigkeit, Albernheit und
Plattheit auf eine Art, die allen Psychologen zu schaffen machen sollte,
vereinigt sind. Wer sollte nicht vier Groschen daran spenden, ein solches
Migeschpf mit Augen zu sehen!"

Durch den Tod seiner geliebten Gattin hatte Wieland hinlnglich
Veranlagung erhalten, ber den Zusammenhang der Geisterwelt mit dem
irdischen Leben reiflich nachzudenken. Er glaubte sich aber gegen alle
Geistererscheinungen erklren zu mssen, wenn er sich die Erfahrungen
seines eignen Lebens zurckrief. "Wre eine Mglichkeit", schrieb er, "da
die Geister der Verstorbenen erscheinen knnten, warum habe ich von meiner
Gattin, dieser treuen Seele, nie eine Erscheinung gehabt? Warum, wenn
Geister auf unsre Seelenorgane wirken knnen, erscheint sie mir nicht alle
Wochen wenigstens einmal im Traum, und unterhlt sich mit mir, da sie doch
wei, wie unaussprechlich glcklich sie mich durch eine solche
Herablassung zur menschlichen Schwachheit machen knnte? Sie _kann_ also
nicht, oder sie _darf_ nicht, und warum sollte es denn nicht mit allen
Andern eben diese Bewandtni haben?

Bei der Richtung, die sein Geist damals genommen, hatte Wieland die
Vollendung des "Aristipp" fast gnzlich aus den Augen verloren, besonders
als ein literarischer Plan, den er schon vor zwanzig Jahren (1790)
entworfen, der Ausfhrung entgegenreifte. Es war eine Uebersetzung der
smmtlichen Briefe Cicero's. Die mit einer solchen Arbeit verbundenen
Schwierigkeiten getraute er sich zu berwinden. Willkommen war ihm diese
Arbeit auch deshalb, weil sie ihn ber die Eindrcke der politischen
Ereignisse hinwegtrug. Freude und Leid griffen damals rasch wechselnd in
sein Leben ein. Im November 1804 war er Zeuge gewesen bei der
Vermhlungsfeier des damaligen Erbprinzen (jetztverstorbenen Groherzogs)
von Weimar mit der russischen Grofrstin Maria Paulowna. Den Dichter, der
jenes frohe Ereigni durch das Drama: "die Huldigung der Knste" gefeiert,
mute Wieland bald nachher scheiden sehn. Schiller starb am 9. Mrz 1805,
und Goethe war damals gefhrlich krank. "Ich kann mir vorstellen", schrieb
Wieland den 6. Juni 1805 an Gschen, "welche Sensation die Nachricht von
Schillers Tode in Leipzig gemacht hat. Nach Herder, und so lange uns
Goethe noch erhalten wird, konnte Deutschlands Literatur keinen
empfindlichern Verlust erleiden." Seinen eigenen Gesundheitszustand
schilderte Wieland in diesem Briefe mit den Worten: "Einen so strengen und
fast ununterbrochen fortdauernden Winter habe ich in 72 Jahren nicht
erlebt, und ich wundere mich alle Tage, wie es zugeht, da eine so zarte
Maschine, wie diejenige, an die mein Daseyn geknpft ist, eine solche
unbarmherzige Witterung mit so wenig Beschwerden, als ich in der That
diese Zeit her gefhlt habe, auszudauern vermgend gewesen ist."

Dieser physischen Kraft bedurfte Wieland, um die Schrecknisse zu ertragen,
welche die Schlacht bei Jena am 14. October 1806 ber Weimars Bewohner
verhngte. Bei der allgemeinen Plnderung jener Residenz hatte er jedoch
am wenigsten Ursache gehabt, fr seine Person und seine Familie sich zu
beklagen. Er erhielt eine Sauvegarde, und im Namen Mrats ward ihm der
unmittelbare kaiserliche Schutz zugesichert. Tief erschttert von dem
allgemeinen Unglck und innig beklagend, da er den Tag erlebt, wo seine
frstliche Gnnerin ihren Sommeraufenthalt, das freundliche Tiefurt, hatte
verlassen, und der Erbprinz fr seine Gemahlin ein Asyl im Auslande hatte
suchen mssen, begann Wieland wenige Wochen nach jenen Schreckenstagen,
den 1. November 1806 seine frher erwhnte Uebersetzung der Briefe
Ciceros, die seinen Blick von dem vielfach bewegten Leben der Gegenwart so
entschieden ablenkte, da er, nach seinem eigenen Gestndni, von allem,
was um ihn her vorging, wenig gewahr ward.

In Bezug auf die mit dieser Uebersetzung verbundenen Schwierigkeiten
nannte er sie, zumal fr einen Greis von 72 Jahren, ein groes Wagstck.
"Kaum kann ich", schrieb er, "etwas anderes zu meiner Entschuldigung
anfhren, als die _Zeit_, in welcher, und die _Art_, mit welcher dieser
verwegene Gedanke wie ein Gewappneter ber mich gekommen ist. Ich fhlte
damals ein zwiefaches dringendes Bedrfni in mir, ohne dessen
unmittelbare Stillung ich nicht lnger ausdauern zu knnen glaubte. Das
eine war: mich je eher je lieber aus einer frchterlich einengenden
Gegenwart in eine andre Welt, in eine Zeit und unter Menschen, die
lngst nicht mehr waren, wo mglich unter lauter colossale Menschen vom
Titanen- und Gigantenstamm zu versetzen; -- das Andere: irgend eine groe,
schwere und mhselige, aber bei alle dem angenehme und zu meinen Studien
passende Geistesarbeit zu unternehmen, welche mich hoffen lie, da sie
mir durch Lust und Liebe zur Sache, und durch die mit der Ausfhrung
selbst nothwendig verbundene unvermerkte Steigerung meiner Krfte
vielleicht so weit gelingen drfte, da ich die Welt mit dem Troste
verlassen knnte, die letzten Jahre oder Tage meines Lebens nicht nutzlos
zugebracht zu haben. Wie htte mir, zu Befriedigung dieses doppelten
Bedrfnisses, und zur Erreichung dieser Absicht, mein guter Genius einen
glcklichern Vorsatz einhauchen knnen, als die Uebersetzung der Briefe
Cicero's?"

Mitten unter dieser Beschftigung erschtterte ihn, nachdem die
Kriegsstrme geschwiegen, die Nachricht von dem Tode der Herzogin Amalia.
Am 10. April 1807 war ihr standhafter Geist von den Schicksalen, die sie
ertragen, berwltigt worden. Wielands ganze philosophische
Standhaftigkeit war nthig, um sich ber den fr ihn zu schmerzlichen
Verlust zu trsten. Frohe Momente brachten ihm die Friedensnachrichten und
die Heimkehr des Herzogs Carl August in seine Staaten. Dennoch aber
bedurfte Wieland des rastlosen Fleies, den er seiner Uebersetzung der
Briefe Cicero's widmete, um nicht der Gewalt schmerzlicher Eindrcke zu
erliegen. Der Herzog von Weimar hatte ihm das freundliche Belvedere zu
seinem Sommeraufenthalt angewiesen. Auf einer migen Anhhe, dem
Schloberge gegenber, fand Wieland unter dunkeln Fichten ein
Lieblingspltzchen, wo er bald umherwandelte, bald mit der Lectre irgend
eines rmischen oder griechischen Classikers sich beschftigte. Mit
ruhigem Gleichmuth und auf das Unvermeidliche gefat, schrieb er den 3.
November 1809 an seine Freundin Sophie la Roche: "Was uns noch bevorsteht,
wei allein der Himmel. Unser knftiges Schicksal ist ungewi. Wie es aber
auch entschieden werden mag, ich werde es zu ertragen wissen, und mich
selbst in keinem Falle verlassen."

Wielands philosophischer Gleichmuth sollte jedoch bald erschttert werden.
Er erhielt die Nachricht von dem Tode seiner eben erwhnten
Jugendfreundin, deren letztes Werk, "Melusinens Sommerabende", er noch
revidirt und mit einer Vorrede begleitet hatte. "Es scheint", schrieb er,
"mein Schicksal, da ich alles berleben soll, was ich am meisten und
innigsten liebte. Bald habe ich, auer meinen grtentheils weit von mir
entfernten Kindern, nichts mehr zu verlieren. Aber der Verlust, den ich am
9. November 1801 erlitt, hat mich auch gegen jeden andern vllig
abgestumpft. Die Welt kann zufrieden seyn, eine so auerordentliche Frau,
die von ihrer Kindheit an fr diese Welt viel zu gut war, 76 Jahre lang
besessen und 36 Jahre die Frchte ihres, mit ihrem Herzen gnzlich in Eins
verwebten und gleichsam zusammengewachsenen Geistes dankbar und undankbar
genossen zu haben. Fr uns lebt sie jetzt nur noch, insofern wir ihrer
gedenken und das wollen wir."

In einem Briefe vom 8. September 1808 warf Wieland einen Rckblick auf
seine Laufbahn. "Ich habe", schrieb er, "zwar in vollen 75 Jahren Gottlob!
kein glnzendes, noch sonderliches Glck gemacht; sondern auch das
herzdrckende Schicksal erfahren, alle Freunde und Freundinnen meiner
Jugend und meiner besten Jahre zu berleben. Aber demungeachtet verdanke
ich der Mutter Natur eine so glckliche Organisation und Sinnesart, und
meinem guten Genius so manche glcklichen Ereignisse, und ein so
freundlich schnes Gewebe der 27,593 Tage (die Schalttage mit
eingerechnet), da ich mich nicht zu tuschen glaube, wenn ich gegen Einen
trben oder strmischen Tag, womit die Parzen mich nicht verschonen
konnten oder wollten, vierzehn heitere und vergngte Tage eines so frohen
Lebensgenusses zhle, als ein Sterblicher, ohne thrichte Forderungen an
den Himmel zu machen, von diesem unvollkommenen Erdenleben nur immer
verlangen kann. Denn fr mich sind die Gefhle, worin sich ein Tropfen
Bitterkeit mit dem Sen vermischt, immer die angenehmsten."

Am Abend seines Lebens brachte Wielands Schicksal, ungeachtet er, nach
seinem eignen Gestndnisse, "sich von den Erdengttern so viel als mglich
entfernt gehalten," ihn noch in Berhrung mit Frankreichs Kaiser, als
Napoleon mit den damals (1808) auf dem Congre zu Erfurt versammelten
Frsten einige Tage sich am Hofe zu Weimar aufhielt. Er wnschte den
Dichter zu sehen, der ihm durch die frher erwhnte Prophezeiung, "da
Frankreichs Heil nur allein auf Buonaparte beruhe", merkwrdig geworden
war. Wieland befand sich gerade den Tag nicht am Hofe. Unter dem Vorwande
des Unwohlseyns hatte er eine Einladung zum Ball abgelehnt. Eine
Vorstellung von Voltaires Julius Csar lockte ihn jedoch Abends in's
Theater, wo er seinen Platz in einer Seitenloge nahm, die sonst der Herzog
einzunehmen pflegte. Als Napoleon erfuhr, da es Wieland gewesen sei, den
er dort in seinem einfachen Kleide und einem Sammtkppchen auf dem Haupt
gesehen hatte, erkundigte er sich auf dem Ball wiederholt nach ihm.

"Nun war kein andrer Rath", gestand Wieland in einem Briefe vom 13.
October 1808, "als mich in den Hofwagen, der mir geschickt wurde, zu
setzen und -- in meinem gewhnlichen =accoutrement=, eine Calotte auf dem
Kopfe, ungepudert, ohne Degen und in Tuchstiefeln (brigens anstndig
costumirt) im Tanzsaal zu erscheinen. Es war gegen halb eilf Uhr. Kaum war
ich etliche Minuten dagewesen, so kam Napoleon von einer andern Seite des
Saals auf mich zu. Die Herzogin prsentirte mich ihm selbst, und er sagte
mir ganz leutselig -- das Gewhnliche, indem er mich zugleich scharf in's
Auge fate. Schwerlich hat wohl jemals ein Sterblicher die Gabe, einen
Menschen gleich auf den ersten Blick zu durchschauen, in einem hhern
Grade besessen, als Napoleon. Er sah, da ich, meiner leidigen Celebritt
zum Trotz, ein schlichter, anspruchsloser, alter Mann war, und da er, wie
es schien, fr immer einen guten Eindruck auf mich machen wollte, so
verwandelte er sich augenblicklich in die Form, in welcher er sicher seyn
konnte, seine Absicht zu erreichen. In meinem Leben hab' ich keinen
einfachern, ruhigern, sanftern und anspruchslosern Menschensohn gesehen.
Keine Spur, da der Mann, der mit mir sprach, ein groer Monarch zu seyn
sich bewut war. Er unterhielt sich mit mir, wie ein alter Bekannter mit
_seines_ Gleichen, und was noch keinem Andern _meines_ Gleichen
widerfahren war, an anderthalb Stunden lang in Einem fort, und ganz
allein, zu groem Erstaunen aller Anwesenden. Da ich ein sehr ungebter,
schwerzngiger franzsischer Orateur bin, so war es glcklich fr mich,
da er gerade in der Laune war, viel zu sprechen, und die =frais de la
conversation= fast allein auf sich nahm. Es war nahe an zwlf Uhr, als ich
endlich zu fhlen anfing, da ich das Stehen nicht lnger ertragen knne.
Ich nahm mir also eine Freiheit heraus, die sich schwerlich irgend ein
andrer Deutscher oder Franzose unterstanden htte. Ich bat Se. Majestt,
mich zu entlassen, weil ich mich nicht stark genug fhle, da Stehen
lnger auszuhalten. Er nahm es sehr gut auf. =Allez donc=, sagte er mit
freundlichem Ton und Miene, =allez! bon soir!="

In eben diesem Briefe meinte Wieland, so ungemein freundlich Napoleon auch
gegen ihn gewesen, habe er doch an ihm vermit, was man Gemth nenne, und
es sei ihm mitunter vorgekommen, als wre der Mann aus Bronze gegossen.
"Indessen", schrieb Wieland, "hatte ich es doch dahin gebracht, da ich
ihm ganz offen endlich die Frage vorlegte, wie es denn komme, da der
Cultus, den er in Frankreich reformirt habe, nicht philosophischer und dem
Geist unsrer Zeit nicht angemessener ausgefallen sei. Lchelnd erwiederte
hierauf Napoleon: Ja, mein lieber Wieland, fr Philosophen ist er auch
nicht gemacht, denn die Philosophen glauben weder an mich, noch an meinen
Cultus, und den Leuten, die daran glauben, kann man nicht Wunder genug
thun und lassen. Wenn ich einmal eine Religion fr Philosophen stiften
knnte, die sollte freilich anders beschaffen seyn. An diesen Faden spann
sich nun das Gesprch ber Religion fort, wobei Napoleon den Skeptiker so
sehr machte, da er die historische Existenz Christi bezweifelte. Das war
aber nur ein sehr allgemeiner Skepticismus, den er da auskramte, und ich
fand an seiner Freigeisterei nichts zu bewundern, als die Offenheit, mit
welcher er sich mir preisgab."

Einen Beweis der Huld Napoleons erhielt Wieland durch den ihm bersandten
Orden der Ehrenlegion. Dem Kaiser Alexander verdankte er gleichzeitig
(1808) den St. Annenorden, wobei sich ihm unwillkhrlich die Bemerkung
aufdrang, da das Ausland seine Verdienste gerechter anerkenne, als die
Nation, zu der er gehre. Sein Patriotismus erkaltete jedoch nicht durch
solche Erfahrungen. Ohne in Napoleon den auerordentlichen Mann zu
verkennen, den er fr ein Werk in den Hnden der Vorsehung hielt, uerte
sich Wieland mit tiefem Unmuth ber die mannigfachen Bedrckungen, die das
Unterjochungssystem des franzsischen Machthabers ber Deutschland
verhngte.

Was ihn oft in eine trbe Stimmung versetzte, war der Gedanke, sich so
vieler Freunde beraubt zu sehen, die er geschtzt und geliebt hatte.
Herder, Schiller, Gleim waren ihm vorangegangen, in der letzten Periode
seines Lebens auch noch Fernow und Seume. An dem Letztern schtzte Wieland
neben seinen Kenntnissen und Talenten besonders die Biederkeit seines
Charakters, den offnen, geraden Sinn. "Es ist eine Freude", schrieb er,
"derbe Wahrheiten so freimthig und krftig, und doch so manierlich gesagt
zu hren. Seume kann sicher seyn, da Niemand glauben und sagen wird, da
englische Guineen oder Napoleons aus ihm sprechen. Ich habe von jeher
groe Stcke auf die chten Cyniker gehalten, deren Ideal Lucian in seinem
Kyniskos so trefflich aufhellte. Der chte Cyniker ist der chteste Mensch
und der wahre Weise, und =minor Jove=, wie Horaz sagt. Das alte
Griechenland hatte ihrer kaum ein halb Dutzend binnen 500 Jahren
aufzuweisen; und in unsern Tagen ist Seume der Einzige, den ich wenigstens
kenne."

Zu dem Schmerz ber Seumes Verlust gesellten sich fr Wieland husliche
und persnliche Leiden. Seine Tochter Julie entri ihm der Tod. Ein
hartnckiges Augenbel untersagte ihm mehrere Wochen Lesen und Schreiben.
Nur langsam genas er im Herbst 1809 von einer lebensgefhrlichen
Krankheit. "Das Sonderbare dabei war", schrieb Wieland, "da, nach der
Versicherung meines Arztes, das Herz und die ganze Blutmasse an dem
schrecklichen Sturm auf alle brigen Theile meines ohnedie schwachen
Krpers keinen Antheil nahmen, und ihre eigene Oekonomie ruhig
fortzutreiben schienen. Der Puls ging ruhig und gleich, nur etwas
schneller, als gewhnlich. Dafr aber waren die Muskelkrfte, Nerven,
Flechsen und Sehnen so jmmerlich zugerichtet, alle Drsen so rein
ausgewunden und ausgetrocknet, alle Fibern so abgespannt, da ein
vierteljhriges Kind mehr Strke in Armen und Beinen hat, als ich in den
ersten vierzehn Tagen. Meine rechte Hand war lange fast unbrauchbar; ber
vierzehn Tage konnte ich nicht einen Augenblick stehen. Kurz, ich mute,
wie ein Kind, von vorn anfangen, und die Verrichtungen des animalischen
Lebens wieder lernen, als ob sie mir etwas Neues wren. Wie gern mcht'
ich hier meinen mich umgebenden Tchtern und Enkelinnen eine Lob- und
Dankrede halten!"

In seinem Familienkreise war es, wo Wieland die durch zunehmende
Altersschwche ihm oft geraubte Heiterkeit wiederfand. "Wohl mir", schrieb
er, "da ich im Winter meines Lebens noch mit Gegenstnden der Liebe
umgeben bin, mit Kindern und Enkeln, die mir Freude machen, und mein Herz
wenigstens so lange warm erhalten werden, bis es zu schlagen aufhrt."
Sehr glcklich wrde er sich gefhlt haben, wenn er noch einmal seinen
ganzen Familienkreis um sich htte versammeln knnen, der immer kleiner
geworden war, und zuletzt nur aus einer seiner verwitweten Tchter mit
zwei Tchtern von dieser, und seiner jngsten Tochter Luise bestand. In
dankbarer Erinnerung an die Feier seines Geburtstags im Jahr 1810 schrieb
Wieland an Bttiger: "Auch wieder ein paar schne Tage, die sich ganz
besonders freundlich, heiter und liebevoll an die 28,105, die nun mit mir
vorbeigewankt, gehpft, gestolpert, getanzt, gewalzt, gestrmt und
geschlichen sind, angeschlossen haben! Es ist doch eine hbsche Sache um's
lange Leben, wenn einem am Vorabend des 78sten Jahres noch solche Stunden
zu Theil werden, wie ich am Abend des 4. September im enggeschlossenen
Kreise brderlich verbundener Freunde genossen habe. Es konnte meinem
Herzen nicht anders als wohlthun, so viele und unzweideutige Zeichen
herzlicher Theilnahme, Achtung und Liebe zu empfangen."

Wielands Gesundheit, ziemlich gestrkt seit der frher erwhnten
Krankheit, gnnte ihm, an seiner Uebersetzung der Ciceronianischen Briefe
mit wenigen Unterbrechungen fortzuarbeiten. Neben dieser Beschftigung
trug er sich damals mit dem Gedanken einer neuen Ausgabe seiner
smmtlichen Werke. Als sein Freund und Verleger Gschen ihn dazu
aufgefordert und seinem Wunsche gem, versprochen hatte, deutsche
Lettern, statt der bisherigen lateinischen, zu whlen, schrieb Wieland:
"Die erste und wichtigste Frage wre wohl diese: ob die neue Auflage
_alles_, was in der ersten ist enthalten soll oder nicht? Da diese Frage,
meines Erachtens, blos aus buchhndlerischem Gesichtspunkte entschieden
werden kann und mu, so habe ich nichts darber zu sagen, als da sie mir
viele und kaltbltige Ueberlegung von allen Seiten zu erfordern scheint.
Glauben Sie Ihre Rechnung bei einer Auswahl des Besten und
Interessantesten eher zu finden, als bei einer wiederholten Auflage meiner
_smmtlichen_ Werke, so bin ich's vllig zufrieden; nur mu ich bemerken,
da alles, was sich mit gutem Gewissen retouchiren liee, hchstens drei
oder vier Bndchen ausmachen, und manchen Lesern auch damit vielleicht
kein Gefallen geschehen wrde. Die zweite Frage ist: ob wir die Kinder
meines Geistes in der Ordnung, wie sie zur Welt gekommen sind, auf
einander folgen lassen wollen? und da dies aus mehrern Grnden wohl das
Beste seyn mchte: ob die poetischen von den prosaischen Werken
abgesondert werden, und also zwei Classen ausmachen sollen? Auch dies kann
und soll blos von Ihnen entschieden werden. Wenn nicht merkantilische
Rcksichten das Letztere rathen, so sollte ich beinahe glauben, es drfte
vielen, wo nicht den meisten Liebhabern meiner Schriften angenehmer seyn,
ohne Hinsicht auf Verse und Prosa, in der Ordnung, wie sie geschrieben
wurden, zu lesen; um so mehr, da sie eben dadurch dem scharfsinnigen und
aufmerksamen Leser eine Art von Geschichte, oder vielmehr die Belege zur
Geschichte meines geistigen Lebens an die Hand geben, welche ich, wenn der
schwarzbraunige Bruder des Schlafs mir Zeit dazu lt, zu schreiben
gedenke."

Mit dieser Selbstbiographie schien es Wieland wenig Ernst zu seyn. In
seinem literarischen Nachla fand sich auch nicht das kleinste Fragment
jener "Memorabilien," wie er sie zu nennen pflegte. Zufllige Umstnde
verhinderten die in dem vorhin erwhnten Briefe besprochene neue Ausgabe
seiner Werke. Er gewann dadurch mehr Mue zu seiner Uebersetzung des
Cicero, zu welcher, als ihn der Tod bei dieser Arbeit berraschte, sein
Freund und Landsmann Grter die noch brigen vierzig Briefe Cicero's
hinzufgte.

Nicht ohne Nachtheil fr seine schwache Brust glaubte Wieland die Berge
und Anhhen von Belvedere ferner erklimmen zu knnen. Er leistete daher im
Sommer 1811 Verzicht auf seinen bisherigen Lieblingsaufenthalt, und
beschrnkte sich auf kleine Ausflge nach Jena und auf Spazierfahrten. Am
11. September 1811 hatte er das Unglck, als der Wagen umwarf, das
Schlsselbein zu zerbrechen. Noch gefhrlicher ward seine jngste Tochter
verletzt. Wahrhaft bewundernswerth war, nach Goethes Zeugni, die Fassung,
der ruhige Gleichmuth, womit Wieland die schmerzlichen Folgen des Falles
und die Langeweile der Genesung ertrug. Auch bei dieser Prfung bewhrte
sich seine Lebensphilosophie, die ihn noch nie verlassen hatte.

"Es gehrt," schrieb er den 18. October 1811, "unter die grten Uebel der
schon oft von mir recht herzlich verwnschten Celebritt (zu deutsch
Berhmtheit) -- die brigens auch hin und wieder ihr nicht zu verachtendes
Gute hat -- da einer nicht einmal den kleinsten Finger, geschweige ein
Schlsselbein, was doch im Grunde auch nicht viel sagen will, brechen
kann, ohne da es sogleich in ffentlichen Blttern der Welt verkndigt,
und dadurch alle entfernten Freunde des Verunglckten unschuldiger und
ungebhrlicher Weise, gegen den Willen desselben, zum Mitleiden
aufgefordert, beunruhigt, und nicht selten ist der Fall gesetzt werden,
sich das Uebel rger vorzustellen, als es ist."

Wieland genas bald wieder. In vlliger Heiterkeit fand ihn sein
achtzigster Geburtstag, den er in einem Cirkel von Freunden feierte, die
ihn nach Jena eingeladen hatten, und ihm an jenen Tage eine silberne
Denkmnze berreichten, mit der Aufschrift: "Dem unsterblichen Snger."
Mit den heitersten Eindrcken kehrte er wieder nach Weimar zurck, wo ihn
Ifflands Darstellungen auf dem dortigen Hoftheater erwarteten. Er schien
sehr lebhaften Antheil daran zu nehmen. Seine Gesundheit blieb sich
gleich. In der Nacht vom 10. auf den 11. Januar 1813 traf ihn jedoch ein
Anfall von Schlag. Aller rztlichen Hlfe unerachtet, ward sein Zustand,
durch ein hinzutretendes heftiges Fieber, von Tage zu Tage bedenklicher.

Die Nhe seines Todes schien Wieland nicht zu ahnen. In schmerzlosen
Stunden beschftigte sich seine Phantasie mit seinen Kindern. Auch sprach
er bisweilen mit lebhaftem Interesse von seiner Uebersetzung der
Ciceronianischen Briefe. Als am zehnten Tage, den 20. Januar, das durch
rztliche Mittel beseitigte Fieber mit grerer Heftigkeit wieder
zurckkehrte, schwrmte Wielands Phantasie bald in Griechenland, bald in
Italiens Gefilden. In den Abendstunden hrten seine Kinder ihn schwach,
doch vornehmlich, Hamlets berhmten Monolog: "Seyn oder Nichtseyn", bald
deutsch, bald englisch recitiren. Er sank hierauf in einen tiefen
Schlummer, und die Mitternachtsstunde fand ihn nicht mehr unter den
Lebendigen.

Eine allgemeine Trauer verbreitete die Nachricht seines Todes. Die Brder
des Freimaurerbundes, dem er angehrte, beschlossen eine feierliche
Bestattung des Entschlummerten. Architektonische Verzierungen schmckten
in dem mittlern Theile des Landes-Industrie-Comptoirs zu Weimar, das von
seinem vieljhrigen Freunde Bertuch eingerumte Local, wo Wielands
sterbliche Hlle am Abend des 24 Januar ausgestellt ward. Seine
zahlreichen Verehrer und Freunde sahen dort, mit fast unvernderten Zgen,
sein mit einem Lorbeerkranze geschmcktes Haupt, auf einem blauseidnen,
mit golden Spitzen eingefaten Kissen ruhen. Eine hnliche Decke breitete
sich aus ber den untern Theil des Sargs. Der Krper war in ein weies
Tuch gehllt. Ein Lorbeerkranz umwand die Prachtausgaben der beiden
Gedichte: "Oberon" und "Musarion", die in einem Einbande von Maroquin auf
einem rothen Sammtkissen auf dem Deckel des Sargs ruhten. Dort sah man
auch auf einem kleinern weien Atlaskissen die Decorationen des russischen
und franzsischen Ordens.

Der Gartensaal des Gutsgebudes zu Osmanstdt, einst Wielands
Lieblingsaufenthalt, empfing in der nchsten Nacht seine irdischen
Ueberreste. Dort versammelten sich am 25. Januar 1813 Nachmittags die
smmtlichen Brder der Loge Amalia, nebst einer groen Zahl von Wielands
Freunden und Verehrern. Sie schlossen sich dem Trauergefolge an, welches
der franzsische Gesandte, Baron St. Aignan, mit des Dichters ltestem
Sohne Ludwig erffnete. Sechzehn Maurerbrder trugen den Sarg. Das Gelut
der Dorfglocken lockte einen groen Theil der Bewohner von Osmanstdt
herbei. Ihrem alten Gutsherrn, wie sie Wieland noch immer nannten, wollten
sie die letzte Ehre erweisen. Der Zug ging die lange Allee hinab, die der
Dichter oft durchwandelt hatte, bis zu dem Bosket, wo Wieland sich lngst
seine Ruhesttte gewhlt. Dem Trauergesange an seinem Grabe folgte eine
kurze, aber herzliche Rede des Oberconsistorialraths Gnther, der die
Verdienste des Dahingeschiedenen in ergreifenden Umrissen schilderte.

Neben den Grbern derjenigen, die ihm am theuersten gewesen im Leben,
neben Sophie Brentano und seiner Gattin Anna Dorothea, erhielt Wieland,
seinem oft geuerten Wunsch gem, seine Ruhesttte. Neben den zwei
dreiseitigen Pyramiden, die die Grber seiner Lieben bezeichneten, erhob
sich auch sein Grab.

Der Weimarische Bildhauer Weie hatte jene Denkmale in Seeberger Sandstein
ausgefhrt. Fr Sophie Brentano war das Emblem einer Psyche mit einem
Rosenkranz umgeben gewhlt worden; fr Wielands Gattin das Sinnbild der
Eintracht und Treue: zwei verschlungene Hnde in einem Eichenkranz. Die
geflgelte Lyra mit dem Stern der Unsterblichkeit darber ward fr Wieland
zum Sinnbilde gewhlt. Er selbst hatte bereits 1806 fr jene Denkmale die
treffende Inschrift verfertigt:

    "Lieb' und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen im Leben,
    Und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein."

Die bereinstimmenden Zeugnisse Aller, die Wieland nher gekannt,
besttigen die richtige und partheilose Schilderung seines liebenswrdigen
Charakters, die einer seiner Freunde in den nachfolgenden Worten entwarf:
"Mild gegen den Irrthum, schonend gegen Fehler, war er fr Vernunft, fr
Recht und Pflicht, fr alles, was der Menschheit heilig seyn mu, weil es
allein dem hhern Menschenleben Werth giebt, ein unermdlicher, eifriger
Kmpfer, aber eben deshalb auch ein rastloser Bekmpfer aller Vorurtheile,
aller Verfinsterung, aller Unterdrckung. Veredlung und Beglckung seines
Brudergeschlechts war sein Ziel. Er schwatzte nicht von Religion und
Philosophie, aber er bethtigte sie im Leben, in welchem er dankbar alles
Gute, und mit ruhiger Ergebung das Unglck hinnahm. Fr ihn gab es nichts
Greres im Leben, als, nie in Gemeinheit sinkend, den Sinn stets auf das
Edle gerichtet, unausgesetzt ein guter Mensch, Gatte, Vater, Freund und
Brger zu seyn."

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[Errata / Druckfehler:

"Betrachtungen ber Rousseau's ursprnglichen Zustand des Menschen,"
  original: urspnglichen
die meisten Klster in den / sterreichischen Staaten aufgehoben
  original: stereichischen
Der Erbprinz Carl August
  original: Erbpinz
"Hann / und Gulpenheh"
  original: Han
zum Weimarischen Hofe
  original: Weimaririschen
jener zwiefach harte Schicksalsschlag
  original: hatte
so wenig Geschmack abgewinnen
  original: Geschack
seinen Entschlu, das ganze Gut
  original: da
Ereignisse hinwegtrug
  original: hiwegtrug
einer lebensgefhrlichen / Krankheit
  original: lebensgefahrlichen]





End of Project Gutenberg's Chr. M. Wieland's Biographie, by H. Doering

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHR. M. WIELAND'S BIOGRAPHIE ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
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where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
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