The Project Gutenberg EBook of Die Last, by Georg Engel

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Title: Die Last

Author: Georg Engel

Release Date: April 22, 2006 [EBook #18231]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LAST ***




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                                Die Last

                                Roman von
                               Georg Engel


                              Ullstein & Co
                              Berlin * Wien




                                                Motto:

                              Nicht an einer Person hngen bleiben: und
                              sei sie die geliebteste -- jede Person ist
                              ein Gefngnis, auch ein Winkel.

                              -- -- Nicht an einem Mitleiden hngen
                              bleiben: und glte es hheren Menschen, in
                              deren seltne Marter und Hilflosigkeit uns
                              ein Zufall hat blicken lassen.

                                                       Friedr. Nietzsche




Erstes Buch.

I.


Es war Tag geworden.

Noch immer rieselte der Regen und troff an den kleinen Fenstern der
Krankenstube herunter. Bleigraues Licht stahl sich zgernd durch die
Gardinen und mischte sich mit dem Schein der Lampe, die auch jetzt noch
vor dem Bette brannte.

Auf dem groen Bauerngutshof erwachte einiges Leben. Man hrte zuweilen
ein dumpfes Aufbrllen der Khe, und dazwischen das vereinzelte Rufen
der Knechte. Doch klang alles gedmpft, als frchte man, die Kranke zu
stren.

Etwas Totes, Gedrcktes lag ber dem Gehft; und je mehr das trbe
Sonnenlicht vorrckte, in desto grere Lautlosigkeit verfiel das
Anwesen.

In dem weiten, zur ebenen Erde gelegenen Zimmer wurde ein schwacher Ruf
laut. Krnklich, hohl, gebrochen, ein wenig gereizt klang er, aber so
leise die Stimme auch flsterte, sofort fuhr aus dem ledernen Sessel
neben dem Bette ein Mann von mchtiger, imposanter Gestalt auf, rieb
sich ein wenig die Augen, strich ein paarmal energisch ber seine
dicken, kurzgeschorenen Haare und legte dann seine Finger behutsam auf
die Hand der leidenden Frau.

Na, Elsing, forschte er aufmunternd, wobei er seine Stimme soviel als
mglich herabdmpfte, geht's ein bichen besser?

Statt einer Antwort rang die Angeredete die Hnde und vergrub ihr
Antlitz in die Kissen: Du lieber Gott, sthnte sie leise, und es war
beinahe, als ob aus dem weien Linnen ein Schluchzen drnge.

Der Mann lie seine Hand aufs Knie sinken und starrte auf den hellen,
sandbestreuten Estrich der Stube.

Pltzlich warf sich das junge Weib herum und forschte hastig: Du bist
wohl eingeschlafen, Wilms?

Seltsam, -- neidisch fast schien die Frage.

Ja, ich bin ein wenig eingenickt, gab der Gatte zu. Und wieder konnte
man leise Entschuldigung aus den Worten hren. Ich sitz' ja nun auch
bald die vierte Nacht so, murmelte er halb fr sich.

Es wurde still.

Aus der Ecke nur tnte das schwere Tick-tack einer unfrmlichen
Kastenuhr, und zuweilen knirschte der Sand unter dem Stiefel des Mannes.

Die Leidende seufzte und schien die rechte Lage nicht finden zu knnen.
Endlich streckte sie sich und blickte in das trostlose Grau des
Regentages hinaus.

Welche Traurigkeit dort drauen und hier drinnen.

Gegen die Fenster stubte der Regen, Hagelkrner schlugen scharf gegen
die Scheiben, und ber die Wangen der Liegenden flo eine Trne.

Lsch' die Lampe aus, Wilms, bat sie, meine Augen -- es tut mir weh.

Er schraubte das Licht herunter, sofort sah es in der Stube noch fahler
aus.

Armes Weib, murmelte er, armes Weib. Er strich ber ihre Haare und
richtete sich langsam auf. Dann schritt er zur Tr. -- Aber er sollte
nicht hinausgelangen.

Wilms.

Sein Weib hatte sich aufgerafft. Du sollst nicht fort, rief sie
angstvoll, ich kann nicht allein bleiben -- mich friert, wenn du drauen
bist!

Elsing -- unsere Wirtschaft leidet darunter -- ich mu --

Ja, ja -- die Wirtschaft -- immer die Wirtschaft, stie die Kranke
hervor und fiel erschpft in ihre Kissen zurck, und ich liege hier in
meinem Elend -- zwei Jahre -- zwei ganze Jahre schon, und keiner hilft
mir, keiner, zur Last falle ich jedem -- auch dir --

Elsing, ich --

Ja, auch dir, fuhr sie atemlos fort, ich merk' das sehr wohl -- du
hast nur Mitleid fr mich -- nur Mitleid. Und wir haben uns doch aus
Liebe geheiratet.

Er war zgernd an ihr Bett getreten und pltzlich umschlang sie seinen
Hals: O Gott -- o Gott, ich bin wohl sehr hlich geworden? forschte
sie, am ganzen Leibe zitternd. Nicht wahr, gesteh's nur ganz offen.

Elsing, -- die Stimme des Mannes zitterte leicht. Er hatte sich auf den
Bettrand gesetzt und lie ein paar Strhnen ihrer langen, blonden Haare
durch seine Finger gleiten. Elsing, beteuerte er dann, fr mich bist
du noch so schn, wie in der ersten Stunde -- sieh doch blo deine
langen, weichen Flechten -- und der kleine Mund und die lieben, blauen
Augen -- alles so hbsch, mein armes Kind.

Es mute ihn doch bermannt haben, denn er schlo sein Weib in beide
Arme und kte es zrtlich auf die Lippen. Die Kranke schmiegte sich
befriedigt an seine Brust und fr einen Augenblick schien sie beglckt
und hoffnungsfreudig. Wenigstens wandte sie sich bald auf die Seite und
forderte ihn mit ihrer erregten Stimme auf: Wilms, gib mir die Bibel
von dem Tisch -- so, und nun geh -- geh nur und schlag ein Auge auf die
Wirtschaft -- es mu ja doch sein.

Da ging der Mann schwerfllig hinaus; allein als sich die Tr
geschlossen hatte, blieb er stehen und lauschte zurck.

Und trbe schttelte er den Kopf. -- Mit welch fieberhafter,
leidenschaftlicher Glut sein Weib dort drinnen las. Sie sang beinahe; --
ekstatisch, wie berauscht tnten die heiligen Worte:

'Und siehe, ein Weib, das zwlf Jahre siech war, trat zu ihm und rhrete
seines Kleides Saum an.

Da wandte sich Jesus um und sahe sie und sprach: Sei getrost, meine
Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und das Weib ward gesund zur
selbigen Stunde.'

Und ward gesund zur selbigen Stunde, wiederholte es drinnen, wie
verzckt. Dann einen Moment Stille, aber pltzlich mit herzzerreiendem
Schluchzen: O Gott -- und ward gesund -- lieber -- lieber -- Gott.




II.


Als Wilms auf den Hof heraustrat, atmete er tief auf. Hier wehte doch
frische Luft, hier beengte ihn die Hitze der Krankenstube nicht mehr,
und erfrischend rieselte der Regen auf sein entbltes Haupt.

Merkwrdig. -- Er hatte doch schon so oft mitten auf seinem Gehft
gestanden, aber heute befiel ihn zum erstenmal der Gedanke, da all sein
Hab, Huser und Scheunen, Stlle und Gertschaften, Menschen und Vieh
wie von einem drckenden Traum befangen wren.

Es zerfiel und zerbrckelte alles, es wurde morsch und verging. -- Und er
selbst?

Erschreckt fuhr er auf.

Drben in dem Strohdach der Kornscheuer klaffte eine betrchtliche
Spalte. Ungehindert flo der Regen hindurch und machte ihm die
Wintersaat faulen. Keiner meldete ihm den Schaden, er selbst hatte ihn
nicht bemerkt.

Frher war er als der werkttigste Landwirt Vorpommerns bekannt
gewesen; er allein wute, wie durch Zauber, dem fetten Boden dreifach
die goldigen, Nahrung bringenden Krner abzugewinnen; jetzt stand es
anders. -- Es ging bergab mit ihm.

Ein Lastwagen lag in einer Ecke des Hofes auf drei Rdern. Das vierte
gebrochen daneben. -- Ob man nach dem Stellmacher geschickt hatte?

Gerade schlich ein Knecht hinter dem Gefhrt trge dahin, Wilms rief ihn
laut an; aber der Mann wute von nichts, und schon wollte ihn der
Landwirt mit einem krftigen Fluch zurechtweisen, da dachte er an die
Kranke, und beinahe flsternd befahl er dem Manne, den Stellmacher zu
holen.

Der Knecht trottete davon, und Wilms setzte seine grobe Mtze auf und
schritt schwerfllig die Landstrae entlang. Zu beiden Seiten dehnten
sich seine Felder.

Auf das braunschollige Ackerland rauschte hrbar der Regen, und nur
allmhlich vermochte der Landwirt seine Leute zu erkennen, so dicht
wogte der schwere Nebel um sie herum. Grau und gespenstig tauchten
Mnner und Frauen aus den Wolken hervor, und verschwanden bald wieder,
als htte sie der Boden eingesogen.

Wie steht's mit den Kartoffeln, Karl? fragte Wilms endlich einen
jungen, flachskpfigen Burschen, der tiefgebckt die gesammelten Knollen
in einen Korb warf.

Der Herr wei ja -- der Regen -- es dauert schon zu lang.

Ja, ja -- Wilms ballte die Fuste, und in sein ernstes, ehrliches
Antlitz gruben sich tiefe Falten. Wie er sich jetzt langsam und ermdet
auf einen eisernen Pflug niederlie, der auf dem kotigen Acker herumlag,
da htte man ihn fr einen alten, gebrochenen Mann halten knnen. Und er
zhlte doch erst zweiunddreiig Jahre und stand in der Blte der Kraft.

Und die Nebel krochen um ihn herum, formten sich, ballten sich, und es
war, als ob sie ein hliches, graues Weib bildeten, zahnlos, mit
wackelndem Kopf -- eine drre Vettel, wohlbekannt allen Bedrckten -- die
Not, die grinsende Not, und sie hinkte auf ihn zu und streichelte ihn.

Er sank immer tiefer in sich zusammen und lie seine Leute schaffen, was
sie wollten.

Da klang Wagengerassel die Landstrae herab. Ein elendes, chzendes
Gefhrt nherte sich, und herab stieg ein wohlbeleibter Mann mit grauem
Stoppelbart, und in den Stoppeln sa ein sehr rotes, verschwollenes
Gesicht, aus dem ein Paar wsserige uglein und eine Hakennase lustig
hervorlugten. Der Ankmmling hie Herr Rosenblt, klimperte im
Augenblick mit einer dicken goldenen Kette und war der Kompagnon einer
in dem Landstdtchen Grimmen sehr angesehenen Viehexportfirma. -- Ein
gesetzter, umgnglicher Mann.

Heute zeigte sich der Viehhndler indes sehr aufgeregt. Er schritt
gleich auf den Landmann zu und pflanzte sich prustend und atemholend vor
ihm auf.

Herr Wilms, begann er unvermittelt und fuchtelte mit seinem Stock hin
und her. Was soll das heien? -- Was ist denn geschehen -- bei Ihnen zu
Haus? Als ich vorbeigefahren bin ...

Doch nicht meine Frau? stammelte Wilms und sprang auf -- nicht wahr? --
So sagen Sie's doch, wiederholte der unglckliche Mann heiser.

Nein, nein, nicht Ihre Frau -- ich meine blo -- -- es ist da einer von
den Blauen, von den Gerichtsvollziehern. Na kommen Sie schnell auf
meinen Wagen -- und leise setzte er hinzu: Was wollen Sie erst einen
Aufstand vor Ihren Leuten machen? Beeilen Sie sich, Herr Wilms. Bald
knarrte und chzte das Fuhrwerk auf Wilms' Gehft zu, und Herr
Rosenblt sa neben dem Besitzer und starrte ihm ngstlich ins Gesicht,
bis sie den Wirtschaftshof erreicht hatten.

Hier hielt der Wagen, und der Bauer sprang herab und blickte sich scheu
um.

Mitten auf dem Platze stand der Gerichtsvollzieher von Grimmen und
unterhandelte laut und barsch mit Jochen, dem Pferdeknecht, der von Zeit
zu Zeit einen ngstlichen Blick auf die Fenster der Krankenstube warf
und den Beamten zu bitten schien, leiser zu verfahren.

Alle Leute des Anwesens waren an diese Rcksicht auf die leidende Frau
gewhnt; ein lautes Wort, mitten in der dumpfen Stille, war unerhrt,
erschreckte alle frmlich.

Da is uns' Herr, sagte der Knecht endlich erleichtert, als er des
Bauern und seines Begleiters ansichtig wurde. Wilms kam schwerfllig
nher, seine Gestalt sank immer mehr zusammen, als ob auf seinem Nacken
sichtbarlich eine allzu schwere Last gelegt sei, und auf der Stirn
perlten groe Tropfen. Mit flsternder, heiserer Stimme bat er den
Beamten, mit ihm in die nchste Scheuer zu kommen. -- Nur nicht hier --
hier knnte man die Kranke stren, sie drfte ja von nichts wissen; das
knnte ihr den Rest geben. Ich bitt' Sie, kommen Sie mit mir -- ein
paar Schritte.

Jedoch der Gerichtsvollzieher hielt das fr berflssige Zeitvergeudung.
Er knpfte seinen Rock auf, nahm ein gestempeltes Papier heraus, das er
prfend berflog, und whrend er sich dazu wohlgefllig und amtswrdig
seinen militrischen Schnurrbart strich, las er trocken vor: Beauftragt
vom Grafen Brachwitz auf Boltenhagen -- Zahlung der rckstndigen Pacht
vom 1. April -- 3600 Mark -- -- nicht eingegangen -- hm -- vorzunehmende
Zwangspfndung.

Was? Vom April sind Sie dem Grafen noch schuldig? warf der Viehhndler
dazwischen.

Der Gerichtsvollzieher faltete das Blatt wieder zusammen und pflanzte
sich vor dem Besitzer auf:

Knnen Sie zahlen, Herr Wilms? fragte er prompt.

Nein.

Na, dann mu ich anfangen. Nehmen Sie's nicht bel.

Aber -- wenn Sie mir nur -- nur bis morgen Zeit lassen wollten, sthnte
Wilms und legte sich die Hand vor die Stirn. Nur bis morgen -- ich
knnte mich ja noch an jemanden wenden. -- Ich hatte in der letzten Zeit
mit meiner Frau so viel -- aber es ist doch vielleicht noch mglich.

Tut mir leid -- strenge Ordre. Der Gerichtsvollzieher knpfte dabei
seinen Rock zu und wandte sich an den Knecht.

Wollen gleich mit dem Vieh anfangen, befahl er kurz. Wo haben Sie die
Schweine?

Dann zeig dem Herrn, Jochen. Wilms hatte es tonlos gesprochen und
wandte sich jetzt schnell ab. Selbst dem Viehhndler hatte er nicht mehr
die Hand zum Abschiede gereicht. Er ging langsam in das Wohnhaus und
trat in das Zimmer seines Weibes.




III.


Wie er sie verlassen, ebenso lag Else noch jetzt. Mit der linken Hand
hatte sie die Bibel umklammert, die rechte fingerte nervs an der Wand,
und ihre krankhaft leuchtenden Augen waren auf das Fenster gerichtet.
Die ungewohnte Bewegung auf dem Hof, das Knarren der Torflgel, das
jetzt laut werdende Grunzen der Schweine, alles strte sie. Sie war ganz
aufgeregt, und als Wilms sich neben ihr Bett setzte, forschte sie
atemlos nach dem Grund all dieses Lrms. -- -- Ja der Grund --

Durfte ihr der Mann die wahre Ursache verraten? Konnte er gestehen, da
man jetzt den besten Teil seines Besitztums forttriebe, da andere
Trmmer bald folgen, und alle Pfosten seines Hauses um ihn
zusammenbrechen wrden, um ihn, den starken, krftigen Mann, der nun
schon seit Jahren, wie gelhmt, an dieses Bett geschmiedet war, so fest,
da alle Bewegungsfhigkeit gehemmt schien? -- Merkwrdig, ihm war es,
als wre sein Weib gesnder, als er; und er selbst gebrochen,
ausgezehrt, kraftlos, ein toter Mann, der in dem groen Lehnstuhl hockte
und vor sich hinstarrte.

Was hantieren sie denn dort drauen so laut? klagte das Weib und
klappte nervs mit dem Deckel der Bibel -- soll denn gar nicht ein
bichen Rcksicht auf mich genommen werden, Wilms?

Der Landmann raffte sich zusammen. Nur schonen die arme Frau, war sein
einziger Gedanke. -- Der Gedanke, der ihm die Not ins Haus gerufen.

I, Elsing, das wird wohl bald wieder aufhren.

Ja, aber was machen sie denn?

Ach, Rosenblt ist blo da und -- und kauft mir Vieh ab.

Der Jude? rief die Kranke und richtete sich auf. -- Sieh -- sieh da,
stotterte sie und zeigte gerade aus, da steht er vor dem Fenster -- und
guckt hinein, gerade auf mein Bett. Entsetzt fiel sie zurck und zog
die Decke hoch, so da sie nicht mehr bemerken konnte, wie Rosenblt mit
allerlei Grimassen ihren Mann hinauswinkte. Wilms, ich kann den Juden
einmal nicht leiden -- was hast du auch immer mit ihm. Immerfort was. Der
Herr Pastor sagt auch, da du dich zuviel mit ihm abgibst.

Still, Elsing, ich hab' schon manch gutes Stck Geld an dem Mann
verdient.

Ach wo -- die betrgen ja alle. Du verstehst blo die Wirtschaft nicht.
-- Das war ein bses Wort.

Wilms zuckte zusammen und griff nach seiner Brust. Drauen winkte Herr
Rosenblt immer energischer.

Ich mu jetzt aber doch einen Augenblick auf den Hof, Elsing,
ermunterte sich der Mann endlich.

Schon wieder?

Sie warf ihm einen flehenden Blick zu und ergriff seine Hand: Du bist
ja eben erst hereingekommen. -- Und dann -- mir ist immer so wohl, wenn du
bei mir bist, sobald du mich aber allein lt, dann berfllt mich
wieder die schreckliche Angst -- du weit ja -- als ob mir was auf der
Brust se -- sie keuchte -- nicht wahr, du bleibst?

Er blieb und sank ohne eine Antwort in dem hohen Lehnstuhl zusammen. Das
war das Bild seines Lebens. -- Die Last zog an ihm und zog ihn abwrts.

Jetzt sprach und fragte sie immer hastiger weiter. Wie es mit der
Wirtschaft stnde? -- Doch gut? Und der Pastor htte ihr eine Annonce
gebracht, in der ein beweglicher Krankenstuhl nicht allzu teuer
angepriesen wrde. 150 Mk. Nicht wahr, das ist nicht zu viel? -- Das
erbrigst du doch fr deine Frau? Du hast mich doch lieb? Nicht wahr? --
Und dann kamen die Erinnerungen. Wie sie noch frisch und gesund in ihrem
Hauswesen herumgesprungen wre, und wie furchtbar verliebt Wilms sich
als junger Ehemann gebrdete. Hinter jeder Tr, wo es die Leute nicht
sehen konnten, htte er um einen Ku gebettelt. Ach, ksse mich noch
einmal so. -- Ich bin doch eigentlich noch so jung.

Halb betubt sank sein Haupt an ihre Brust. Er war so zerschmettert, da
er fr nichts mehr das volle Verstndnis besa.

Da wurde an die Tr geklopft. Erst leise, dann energisch, und
schlielich trat Herr Rosenblt ins Zimmer und blickte sich verdutzt in
der Krankenstube um. Die dumpfe Luft und das Bild der beiden sich
umschlungen haltenden Gatten lie ihn einen Moment verstummen, eine Art
Rhrung zuckte in den Zgen des Hndlers auf, dann aber drngte die Zeit
gar zu gewaltig, und er rusperte sich stark: Guten Morgen -- Frau Wilms
-- ich bitte um Entschuldigung -- wie geht es Ihnen? -- aber es ist die
hchste Zeit, Herr Wilms -- ich mu mit Ihnen reden, jetzt sofort. Der
Kerl ruiniert Ihnen ja die ganze Wirtschaft.

Die fremde Stimme traf Else wie ein Schu.

Groer Gott, wer ist das? stammelte die Kranke, als sie den
Eindringling, der ihr eine linkische Verbeugung machte, gewahrte, und
ber ihr Gesicht flutete eine brennende Rte: Was will er hier? --
Wilms, mein Zimmer ist doch nicht zu Geschften da? Warum gehst du mit
dem Herrn nicht in die Wohnstube?

Es war ein unfreundlicher Gru, und Herr Rosenblt stand wie
angedonnert. Erst als Wilms ihn unter den Arm fate und begtigend
aufforderte, ihm zu folgen, hatte sich der Hndler soweit gefat, da er
energisch den Hut schwenken und gereizt auffahren konnte:

Wozu? Da kann ich ja auch gehen. Adieu auch, Herr Wilms, empfehle mich
Ihnen, verehrte Frau. Aber Wilms lie ihn nicht, und mit vielen Bitten
und Entschuldigungen schob er ihn durch eine braunlackierte Tr, in
deren Mitte ein groes, ovales, durch eine Gardine verdecktes
Guckfensterchen angebracht war, aus dem Zimmer. In der Wohnstube standen
einfache grne Ripsmbel, gestickte Deckchen prangten auf dem Sofa, und
mitten durch die Zimmerdecke zog sich ein groer, tapetenberklebter
Balken. Hier fiel Wilms in einen der Polstersthle nieder, sttzte
seinen Kopf in die Hand und fragte endlich den Geschftsfreund nach
dessen Begehr, aber es klang alles so zerstreut, so fern und tonlos, als
ob der Geist des Mannes auf dsteren Irrpfaden wandele. Und dieses
Gebrochensein, dieses vollstndige Einschlafen einer ehemals groen
Kraft erschtterte den andern. Mitleidig halb, und halb furchtsam, trat
er auf ihn zu. Dann berhrte er mit seinem Stock die Schulter des
Sitzenden, und whrend er ihm nun unaufhrlich leise auf die Achsel
schlug, redete er eindringlich auf ihn ein. Es war ein langer Vortrag,
aber Wilms hrte nur eins heraus, und das war etwas Hoffnungsfreudiges,
mitten in seiner trostlosen Nacht, ein Frhrotschimmer, ein
aufblitzendes Licht. -- Herr Rosenblt war ber die Pfndung emprt. --
Der Beamte htte gewi das Doppelte des Werts aus der Wirtschaft
gezogen, die schnsten Stcke Vieh, ohne die der Besitzer gar nicht
weiter existieren konnte. Seine Entrstung war zu ehrlich, es sprudelte
nur so aus ihm. -- Was soll das heien? -- Daran verdient der Graf ja ein
Heidengeld? -- Die besten Tiere -- Kunststck. -- Wilms, wissen Sie was?
Ich zahle Ihnen die 3600 Mark, und Sie stellen mir dafr die
gepfndeten Stcke beiseite. Und wenn Sie in acht Tagen die Summe nicht
an mich zurckerstatten knnen, dann, nun dann gehrt alles mir. -- Das
ist 'ne Spekulation. -- Ich bin ein Geschftsmann -- das ist 'n Geschft --
wollen Sie?

Ja, ja. O, es war ja dem Verschmachtenden, als htte ihm eine
freundliche Hand einen Trunk kalten Wassers nach staubiger Wanderung
gereicht. Er fhlte frmlich, wie ihn etwas erfrischend, wohlig
durchrieselte. Langsam stand er auf und reckte sich. -- Acht Tage Zeit --
noch eine ganze Woche? -- Ja, bis dahin mute ja Rettung kommen, irgend
woher, gleichviel, jedenfalls war vorlufig die entsetzlichste Last von
seiner Seele gewlzt. Tief atmete er auf, seine Brust hob und senkte
sich rasch.

Ja, alter Freund, natrlich, ich nehme es an, mit tausend Freuden,
geben Sie her.

Der Hndler jedoch hielt noch einen Augenblick mitrauisch inne.

Herr Wilms, nehmen Sie mir's nicht bel, ich habe noch eine Bedingung.

Ach wohl wegen der Zinsen?

Bewahre -- das wird sich schon finden, versteht sich, Zinsen auch. Nein,
es betrifft etwas anderes, aber das sag' ich Ihnen spter. Jetzt gehen
Sie raus, und machen Sie Ihre Sache mit dem Blutsauger da drauen ab. --
Vorwrts.

Damit zhlte er eine Anzahl Kassenscheine auf den Tisch. Wilms griff
danach und schritt ohne ein weiteres Wort auf den Hof hinaus, wo der
Vollzugsbeamte in dem Viehstall sein Werk gerade beendet hatte.

In wenigen Minuten hielt der berraschte die fragliche Summe in der
Hand, schrieb noch im Stehen eine Quittung, schttelte Wilms die Hand,
sprang auf seinen Wagen und rasselte vom Hof herunter.

Das Werk eines Augenblicks, es war alles wie ein verflieender, bser
Traum. Wilms und Rosenblt standen unter dem morschen Tor und blickten
dem entschwindenden Gefhrt nach. Als es jedoch hinter dem Tannenschlag
in einer Senkung der Chaussee untergetaucht war, pflanzte sich der
Hndler vor seinem ernsten Geschftsfreund auf, steckte die eine Hand in
die Tasche und klapperte mit seinem Stock an den Stangen des Zaunes hin
und her.

Hren Sie mal, alter Freund, begann er endlich unruhig und spie vor
sich hin. Jetzt will ich Ihnen auch sagen, was ich von Ihnen verlange.
Wenn ich um mein Geld unbesorgt sein soll, dann mssen Sie sich wieder
ausschlielich um Ihre Wirtschaft kmmern. -- Und das knnen Sie nur,
wenn Sie sich bei Ihrer Frau eine Vertretung anschaffen. 'ne Pflegerin,
oder so was hnliches. Es gibt ja Krankenschwestern genug. Auch kann ich
mich ja mal in Grimmen danach umsehen.

Wilms strich mit der Hand ber die Stirn. Das, was er eben vernommen,
klang wie eine eherne Anklage in ihm fort. Ja, ja, murmelte er halb
fr sich, ich habe ja auch schon daran gedacht -- aber es geht doch
nicht.

Geht nicht?

Herr Rosenblt fing an, sich zu rgern.

Ja, warum denn nicht?

Weil meine Frau keine Fremde im Hause dulden will. -- Ich mu ihr den
Willen tun, dem armen, gequlten Weib.

Zum Teufel, dann lassen Sie doch eine Verwandte kommen. -- Und ja --
hren Sie mal --

Der Redende richtete sich pltzlich auf und schlug dem Hofbesitzer
energisch auf die Schulter -- Donnerwetter, da fllt mir etwas ein.
Wilms, Ihre kleine Schwgerin ist ja vor ein paar Tagen aus Stralsund
zurckgekommen. Ich sah sie gerade aus dem Wagen steigen, als sie in
das Haus Ihres Schwiegervaters ging. Ein strammes Ding, so gro߫ -- Herr
Rosenblt zeigte eine gigantische Hhe -- die nehmen Sie sich -- die wird
hier schon Ordnung schaffen. Na, und wenn Sie wollen, will ich selbst in
Grimmen mit dem Alten ein paar Worte reden. -- Na also?

Wilms war gepackt. Fest starrte er den Hndler mit seinen berbuschten,
blauen Augen an und sann nach. Zwar kannte er die jngere Schwester
seiner Frau kaum. Als er damals um Else freite, war die kleine Hedwig
ein sechzehnjhriges, schweigsames scheues Mdchen gewesen, dem er nicht
viel Beachtung geschenkt hatte. Ja, er besann sich, da ihr eigentmlich
lauerndes, verschlossenes Wesen ihn manchmal verdrossen, aber doch -- --
der praktische Hndler hatte offenbar das Rechte getroffen.

Gegen ihre Schwester konnte Else nichts einwenden. Und vor allen Dingen:
er wurde frei, frei und unbehindert fr sein mhseliges Gewerbe. -- Noch
einen Augenblick schwankte er, noch einmal berflog er kurz das Fenster
der Krankenstube, dann erklrte er dem Hndler entschlossen, da er
seinen Rat befolgen wrde. Noch heute sollte ein Brief an den
Schwiegervater des Landmanns, den alten Rendanten Schrder zu Grimmen,
abgehen.

Bravo! -- ein Mann ein Wort, Herr Wilms, mahnte der Kaufmann dringend,
als er seinen harrenden Wagen bestieg, nicht wahr?

Der Angeredete nickte mit dem gewaltigen Haupt:

Seien Sie unbesorgt, Herr Rosenblt.

Und wenn ich wiederkomm', sieht es hier anders aus, rief der
Scheidende zurck, dann ein Hndedruck, und auch der zweite Wagen rollte
davon.

Wilms aber stand mitten auf der Landstrae und sah ihm nach.

Eine seltsame, beklommene Freudigkeit befiel ihn. Und langsam und
sinnend schritt er in sein Haus zurck.




IV.


Es war an einem Sonntag.

Der Regen hatte aufgehrt. Ein frischer Wind fuhr ber die herbstlichen
Felder. Weit und mchtig spannte sich der blaue Himmel aus, und ber
Baum und Strauch, Weg und Steg lag heller Sonnenschein.

Von der Stationsuhr des winzigen Sekundrbahnhofs von Boltenhagen schlug
es elf. -- Um diese Stunde mute Wilms' junge Schwgerin eintreffen.

Hinter dem Bretterverschlag, welcher den Warteraum vorstellte, obwohl er
vollstndig unbedeckt war und mitten auf freiem Felde lag, hielt der
Pchter bereits seit einer Viertelstunde mit einem bequemen Korbwagen
und blickte nachdenklich auf die glnzenden Schienen, die im
Sonnenlichte gleiten und funkelten.

Er dachte daran, ob ihm auf dem eisernen Wege wohl etwas Gutes entgegen
rollen wrde? Ob er in Hedwig jene Sttze und Hilfe finden knnte, die
er suchte? -- Merkwrdig, so oft er an das Mdchen dachte, befiel ihn
wieder dasselbe unangenehme Gefhl, das sie ihm als Kind bereits
eingeflt. -- -- Aber sie konnte sich doch in der Zwischenzeit gendert
haben. Zwei Jahre bewirkten ja viel, und sie hatte gewi in der
Stralsunder Pension sich auerordentlich vervollkommnet. Natrlich, es
war lcherlich, immerfort an dieser instinktiven Abneigung
herumzugrbeln.

Nein, er wollte -- -- --

Ein eleganter Jagdwagen fuhr in diesem Augenblick vor und schreckte den
Landmann aus seinen Betrachtungen auf. Gravittisch stieg der Kutscher
in einer reichen, silberberladenen Livree vom Bock, und Wilms erkannte,
da sein Gutsherr Graf Brachwitz, derselbe, der so streng auf die
Eintreibung des Pachtgeldes bestanden, ebenfalls einen Gast erwarten
msse. Jedoch der Landmann war nicht neugierig, der Kutscher schritt
vornehm an ihm vorber, und um dieselbe Zeit verkndete ein rasches
Keuchen und Prusten das Nahen des Zuges. Mit einem Sprung war Wilms an
den Schienen, die Bahnhofsglocke erklang, langsam und kreischend hielten
ein paar Waggons mitten auf dem freien Felde an. Und da -- aus einem
Coup sprang rasch und elastisch eine schlanke und dabei doch voll und
krftig gewachsene Mdchengestalt heraus, sah sich um, und hatte mit
einem, einzigen, klaren, zielbewuten Blick den Wartenden erkannt.

Schwager.

Wilms horchte auf. Die Stimme tnte so frisch und hell, so
willenskrftig, beinahe, als wenn sie das Befehlen gewohnt wre. --
Seltsam, das Mdchen war auch zweiter Klasse gefahren; das war ja eine
Dame. Und als er nun endlich vor ihr stand, ihr die Hand
entgegenstreckte und ein paar ungeschickte Begrungsworte
hervorbrachte, da leuchteten ein paar groe, braune Augen erst einen
Moment forschend in die seinen hinauf, dann reichte sie ihm unbefangen
den Mund, und mit einer gewissen peinlichen Beklemmung mute sich der
groe ungeschickte Mann herabbeugen, um die roten Lippen einer ihm
beinahe fremden Person zu kssen. Eine frstelnde, unangenehme
Empfindung beschlich ihn dabei. -- Und diese vornehme Gestalt sollte bei
ihm die Wirtschaft fhren? -- Rasch nahm er ihr eine kleine Handtasche
ab, und wollte sie eben zu seinem Wagen geleiten, als er pltzlich von
einem jungen Herrn im Jagdkostm angesprochen wurde, der sich ihm
lachend in den Weg stellte.

Halt, Herr Wilms, nicht so schnell -- na, Mensch, kennen Sie Ihre alten
Freunde nicht mehr? Dabei lftete der Jger vor Hedwig hflich die
grne Mtze, whrend er sich seine Doppelflinte gewandt an einem Riemen
ber die Schulter warf. Wie er so dastand, bildete er den Typus eines
hbschen, jungen, eleganten Aristokraten, mit seinem schwarzen
Schnurrbrtchen in dem braunen Gesicht, und mit dem lssigen,
kraftbewuten Wesen seiner Kaste. Hinter ihm verharrte ein
Livreebedienter mit abgezogenem Hut, und an den Taschen des jungen Herrn
schnupperte ein brauner Jagdhund herum.

Herr Fritz -- Herr Graf -- fuhr Wilms heraus.

Ach was, schnitt der Weidmann ab und schttelte dem Pchter
wohlwollend die Hand: Sagen Sie, wie Sie Lust haben. Hier drauen
kommt's ja doch nicht drauf an. -- Habe nmlich quittieren mssen -- Papas
Wunsch, verstehen Sie? Damit ich auf dem Gut vernnftig werden soll. Als
wenn ich nicht schon so vernnftig wre, da es einen Hund jammern
knnte, setzte er hinzu und wandte sich wieder an Wilms' Begleiterin.

Gndiges Frulein besinnen sich wohl nicht mehr auf mich? fuhr er
liebenswrdig fort. Auch nicht auf den Pensionsball, wo ich das Glck
hatte, mehrfach bevorzugter Tnzer zu sein -- wirklich nicht? --
Allerdings, wenn man so belagert wird. Und wieder lftete er freundlich
die Mtze. -- Sind Sie denn mit Herrn Wilms bekannt, verwandt,
verschwgert, oder wie ist das?

Jawohl, ich bin die Schwgerin des Herrn, gab das Mdchen hflich zu,
und doch hrte der Landmann wieder einen khlen abweisenden Ton heraus,
der sich mehr fr eine Komtesse, als fr die Tochter des Rendanten
Schrder aus Grimmen schickte. Auch der junge Graf starrte ihr einen
Augenblick betreten ins Gesicht, dann schien er pltzlich an der
Unterhaltung keinen Gefallen mehr zu finden, denn er sah sich, ohne auf
das Mdchen weiter Rcksicht zu nehmen, nach seinem Bedienten um, und
forderte, indem er eine Zigarre in den Mund steckte, mit undeutlichem
Murmeln Feuer.

Gut -- brennt schon -- na, auf Wiedersehen, Wilms -- (er verga beilufig
das 'Herr') habe die Ehre, mein Frulein -- heda, Hektor. Er pfiff dem
Hunde, grte leichthin und sprang auf den Wagen, dessen Zgel er
ergriff. Hinter ihn setzte sich der Kutscher, und mit elegantem,
unhrbarem Rollen flog das Gefhrt davon.

Da, wo die Chaussee in den Tannenschlag abbog, blickte sich der Jger
noch einmal um und sphte scharf zurck. Hedwig, die bereits neben Wilms
auf dem Korbwagen Platz genommen hatte, bemerkte es, ein keckes,
spttisches Lcheln flog um ihre frischen Lippen, immer heimlich von dem
Landmann beobachtet, der in sich gekehrt neben ihr sa und kutschierte.
Scheu blickte er manchmal von der Seite auf sie hin. Wie kam das junge
Mdchen zu solchen Bekanntschaften? -- Sie schien den jungen Herrn doch
besser zu kennen, als sie zugeben wollte? Und weshalb behandelte sie ihn
so von oben herab? Wilms seufzte tief auf. Nein, das war nicht die
Person, die er brauchte, damit sie Else pflegen und ihm selbst in der
Wirtschaft helfen sollte. Sein erster instinktiver Widerwille war
berechtigt gewesen. Wie sie jetzt neben ihm sa, die schlanke Figur ein
wenig vornber geneigt, die groen, braunen Augen durstig in die sonnige
Ferne gerichtet, die Lippen geffnet, als trnke sie die einstrmende
Luft, so war sie ihm ein zu feines, ein zu fremdes Wesen.

Mein Gott, was wird Else dazu sagen? dachte er bekmmert. Und was sie
fr einen Hut trgt, was fr Handschuhe?

Heftig schlug er auf die Pferde ein, wie einer, der etwas Unangenehmes
rasch zu Ende bringen will, und im scharfen Trab rollte das Gefhrt
dahin, ohne da Hedwig das eingetretene Stillschweigen unterbrochen
htte.

Nur einmal fragte sie beinahe gleichgltig, immer die Augen in die Weite
gerichtet: Ist Else noch so hbsch, wie sie war?

Wilms bi sich auf die Lippen, die Zgel in seiner Hand lockerten sich
unwillkrlich.

Hatte er recht vernommen? Ihre frische, klare Stimme tnte genau so
khl, so obenhin, so vllig uninteressiert, als htte ihre Frage einer
ganz nebenschlichen Person gegolten.

Und das war die Schwester, die sich nach seinem armen gequlten Weibe
erkundigte?

Ja, fuhr er rauh heraus, gerade noch so hbsch -- genau so -- --
allerdings spazieren gehen kann sie nicht mehr und sich putzen.

Anklagend und beleidigt klangen die wenigen Worte, und Hedwig richtete
zum erstenmal ihren Blick forschend auf ihren Schwager. Sie schien
verwundert und warf ein wenig die Lippen auf. Und beinahe mit
absichtlicher Herbheit setzte sie hinzu: Die lange Krankheit hat wohl
viel Geld gekostet?

Wilms schwoll der Unmut bis an die Kehle. Wie ein Wtender hieb er auf
die Tiere ein, im gestreckten Galopp ging's weiter.

Die beiden sprachen nicht mehr miteinander. Im ungemtlichen Schweigen
durchfuhren sie das Dorf, bis sie endlich auf dem Pachthof anlangten.

Vertrumt, verfallen, lautlos wie immer lag er da. Und diese Todesstille
lockte Hedwig das erste Wort ab.

Merkwrdig, murmelte sie befangen, als Wilms ihr zum Herabsteigen die
Hand bot, das htt' ich mir anders gedacht. Ist es hier immer so
lautlos?

Ja, mein Kind, immer. Aus Rcksicht fr Else. Und dann ist auch heute
Sonntag.

Ja, so -- so, so, wiederholte sie in sich gekehrt. Wilms sah, da sie
noch einmal mit einem ihrer langen, klaren Blicke das Anwesen berflog.
Dann strich sie sich ber die Stirn und uerte rasch und dringend, als
ob sie dem Anblick entfliehen wollte: Komm -- gehen wir zur Schwester.




V.


Der Nachmittag war im Verdmmern. Auf dem Hof webten bereits graue
Schatten und krochen an den Wnden der Scheunen empor, aber in dem
Krankenzimmer brannte eine groe schne Stehlampe, ein Hochzeitsgeschenk,
das noch nie benutzt war, und das jetzt eine strahlende, gemtliche
Helle verbreitete.

Hier mu es doppelt licht sein, hatte die jngere Schwester gemeint
und dann die Staatslampe einfach von der Glasservante heruntergenommen
und sie instand gesetzt.

Still und zufrieden lag die Kranke jetzt in ihrem Bett und sah mit
blinzelnden Augen in die Lichtstrahlen hinein, whrend sie die Hand der
Schwester, die neben dem Lager sa, mit ihren schmalen Fingern fest
umspannt hielt.

In der Mitte der Stube, vor dem groen Tisch, hatte Wilms Platz genommen
und beugte sich eifrig ber ein Wirtschaftsbuch, das seit vielen Monaten
vernachlssigt war. Nur langsam und schwerfllig vermochte der groe
Mann zu rechnen, aber es tat ihm schon unsglich wohl, endlich einmal
Klarheit in seine Verhltnisse bringen zu knnen. So mhte er sich fort,
und nur von Zeit zu Zeit hob er das Haupt und lauschte zu den beiden
Frauen hinber.

Dort drben las Hedwig der Kranken vor. Seltsam, nicht aus der Bibel.
Die neue Pflegerin hatte sofort erklrt, es sei nicht zweckmig, einer
Leidenden etwas vorzutragen, was diese beinahe auswendig wisse und zudem
auch ihre Gedanken stets auf Tod und Vergnglichkeit hinweise. -- Nein,
etwas Neues, Heitres msse gewhlt werden, und sofort war sie in ihr
Dachstbchen hinaufgeeilt, um das Versprochene zu bringen. -- Als sie
nach einiger Zeit zurckkehrte, hatte sie auch die Kleidung gewechselt.
-- Ein schwarzes Gewand legte sich einfach und straff um den schlanken
Krper und lie sie noch krftiger und selbstbewuter als bisher
erscheinen. Lchelnd setzte sie sich an das Lager und begann vorzulesen.
Es war die von einem modernen, schwedischen Satyriker verfate
Geschichte eines jungen Mdchens, das mit zwei Liebhabern zugleich
tndelt, um schlielich eine Geldheirat einzugehen, in die sie als
einzige Aussteuer die beiden Verlassenen als Hausfreunde mit
hineinbringt.

Else verstand die Anspielungen wohl nicht recht. -- Sie hatte sich in
ihren Kissen aufgerichtet und folgte den feinen Spttereien mit
befriedigter Verwunderung. Zuweilen huschte sogar ein schwaches Lcheln
ber ihr blasses Gesicht.

Wie lange hatte Wilms solch ein freundliches Zeichen herbeigesehnt, und
jetzt schien die rmste ihr Leiden beinahe vergessen zu haben.

Unwillkrlich verfing sich auch der Landmann in den liebenswrdigen
Worten, die von Hedwigs Lippen so frisch und hell hinabstrmten. Er
sttzte das Haupt und sah aufmerksam zu ihr hinber. -- Und doch --
whrend er mit Behagen auf ihren lebendigen Vortrag hrte, nagte sich
leise wieder jene unerklrliche Abneigung gegen das Mdchen in sein
ehrliches Gemt hinein, die er nicht bannen konnte, die ihn frmlich
verfolgte.

Schon wie sie dasa, tief in ihren Stuhl zurckgelehnt, da alle Formen
des jugendfrischen Leibes einen Kampf gegen das einengende Gewand
fhrten, so ungebunden, so ohne Rcksicht auf ihn, als ob er gar nicht
vorhanden wre, den Kopf zur Seite geneigt und auf ihren Zgen all jenen
wechselnden, prickelnden Spott, wie wenn sich auf dem feinen Gesicht der
Inhalt des Buches wiederspiegele, -- das gehrte alles nicht hierher,
nicht in die pommersche Krankenstube hinein, das war etwas Unreines,
Unertrgliches. -- Und jetzt empfand er auch, wie frech und unpassend das
war, was sie las.

Die Rte stieg ihm in die Stirn. Schwerfllig erhob er sich, ging
mehrmals im Zimmer auf und ab, und rusperte sich endlich stark:

Wollen wir jetzt nicht mit Lesen aufhren? Und da geschah das
Unerwartete.

Nein, -- Else frstelte und schttelte unwillig den Kopf: Du mut auch
immer stren, beklagte sie sich. -- La uns doch unser Vergngen. Ich
bin ja so froh, da ich endlich ein wenig Abwechslung finde. -- Und
wieder drckte sie der Schwester die Hand.

Das auch noch.

Etwas Unverstndliches murmelte der Pchter vor sich hin, heftig wollte
er erwidern, aber die Gewohnheit, sein Weib unter allen Umstnden zu
schonen, war strker. Mhsam bezwang er den aufsteigenden Zorn und
verlie mit starken Schritten das Zimmer.

Als er die Tr schlo, hrte er das Mdchen wieder laut und frhlich
weiterlesen.

Ein paar Stunden lief er drauen in der Dunkelheit umher, immer die
gerade Chaussee entlang, und suchte seinen Unmut abzuschtteln.

Gleich am ersten Tage brachte sie ihm Unruhe und Unfrieden ins Haus. Er
hatte es ja voraus gewut. -- Das Mdchen pate eben nicht in den
beschrnkten Kreis. Ob es nicht das beste wre, sie wieder zum Gehen zu
veranlassen? -- Er seufzte -- -- das durfte man leider nicht wagen. -- Und
dann, wie gleichgltig und verchtlich sie ihn selbst behandelte. Das
Achselzucken und das ber ihn Fortsprechen. Er galt dem Frulein eben
nur als Bauer.

Ha -- ha! Unvermittelt blieb der Pchter stehen und atmete tief auf. --
Ihn bedrckten ja ganz andere Sorgen, als dieses fremde Mdchen. Wie
konnte er es nur einen Augenblick vergessen?

Die Schuldenlast -- die entsetzliche Schuld. Acht Tage Frist hatte er, in
dieser Zeit mute er 1200 Taler schaffen, sonst gehrte sein ganzes
Inventar dem Juden. Aber woher? -- woher?

Laut sthnte er auf, und so heftig packte ihn wieder die Verzweiflung,
da er eine Pappel der Chaussee umklammerte und den starken Stamm
schttelte und stie, bis eine Wolke drrer Bltter auf ihn herunter
raschelte.

Ein kalter Nachtwind strich durch die Zweige, alles war dunkel und
still. Nur die raschen Bltter dort oben begannen wieder durcheinander
zu rauschen.

War das nicht, als ob ein Mensch sprche?

Hedwigs Stimme -- deutlich vernahm er sie wieder in der Hhe lesen,
lachen und kichern.

Der Einsame zuckte zusammen und horchte um sich. -- Ja, es war etwas
krank in ihm, es schmerzte ihn in der Brust. Und blitzartig durchfuhr
ihn das Bewutsein, da die kranke Frau zu Hause, die er so
leidenschaftlich, so tief, so gramerfllt liebte, ihn zum Schwchling
gemacht, da dieses blasse, abgezehrte Weib seine Kraft gestohlen, da
es tglich sein Blut aussauge, um davon selbst das Dasein zu fristen,
genau wie jener gespenstische Vogel, von dem er als Knabe gelernt, da
er den Verfallenen die Adern aufbeie.

Gott schtz' mich -- Elsing -- Elsing, was ist mir nur? stammelte Wilms
und wischte sich den Angstschwei von der Stirn -- nach Hause -- nach
Hause.

Er lief, er strmte dahin, bis er mit keuchender Brust den den,
schlummernden Hof erreicht hatte. Auf den Zehen schlich er dann durch
den Flur und ffnete geruschlos das Zimmer.

Ein Nachtlicht brannte auf dem Tisch. Aus dem Halbdunkel, aus dem die
unruhigen Atemzge der Kranken herauszitterten, erhob sich eine schlanke
Gestalt und kam unhrbar auf den Eindringling zu.

Jetzt stand Hedwig vor ihm. Sie legte die Finger auf die Lippen und
raunte kurz:

Sie schlft -- ich werde heute bei ihr wachen.

Du?

Ja.

Du? Nein, das -- das will ich nicht.

Das Mdchen beugte sich pltzlich vor, da er ihren Atem fhlte.

Und warum nicht?

Trotz der Dunkelheit trafen sich ihre Blicke und blieben erstaunt und
fragend aneinander hngen. Da rollte die Uhr; die Liegende regte sich,
und dann -- Wilms trat zurck und murmelte mde:

Meinetwegen.

Damit schlo er die Tr, um sich drauen leise ber die knarrende Treppe
nach jener Kammer unter dem Strohdach zurechtzutasten, wo er schon oft
genchtigt hatte.

Und so gleichgltig und abgespannt fhlte er sich, da er sich selbst
gar nicht die Frage vorlegte, warum er dem Mdchen nachgegeben.

Oben in der kahlen, weigetnchten Stube entkleidete er sich schnell,
und bald lag er ausgestreckt in dem hohen Bett, ohne jedoch die ersehnte
Ruhe finden zu knnen.

Die niedrige Decke drckte ihn beinahe auf den Kopf, und immer wieder
hob er das Haupt und lauschte auf das chzen und Pfeifen des Windes, der
klagend ber das Dach strich.

Es klang ebenfalls wie das Sthnen eines gefolterten, riesenhaften
Leibes.




VI.


Die zehnte Stunde des Vormittags war bereits angebrochen, als Hedwig in
die Stube trat, die sie kurz vorher verlassen, ein modernes Htchen auf
dem braunen Haar, und ber der Taille ein elegantes, offenes Jackett,
das ihren vollendeten Wuchs erst recht hervorhob.

Sie streifte sich Handschuhe auf und sphte dabei aufmerksam zum Fenster
hinaus, wie nach dem Stand des Wetters.

Du willst fort? forschte die Kranke mit leisem Vorwurf, whrend eine
Wolke ber ihre Stirn flog, denn die Bedauernswerte hatte bereits die
feste berzeugung gewonnen, da sie sich in Gegenwart ihrer Schwester
wohler befinde.

Ja, versetzte die Jngere aufatmend und ohne die verborgene Rge
sonderlich zu beachten: Es ist heute so frisch drauen -- wirklich
prachtvoll -- berall ziehen Sommerfden -- sieh nur -- und hier
drinnen -- sie vollendete nicht, sondern setzte rasch hinzu: Ich bin
das Wachen doch wohl noch nicht so recht gewohnt -- und dir geht es ja
heute besser -- da will ich einmal einen Gang durch eure Wirtschaft
machen. In einer Stunde bin ich wieder zurck.

Aber Hedwig, wenn ich so allein --

Ich bringe dir auch was Schnes mit, schnitt die andere lchelnd ab
und war im nchsten Augenblick verschwunden.

Seufzend richtete sich die Verlassene auf und blickte sehnschtig durch
die Fensterscheiben der schlanken Mdchengestalt nach, die drauen
bereits ohne sonderliche Eile mit leichten krftigen Bewegungen ber den
Hof schritt.

Wer doch auch so --, flsterte die Kranke endlich, einmal noch, nur
einmal -- -- Krampfhaft faltete sie die Hnde, und ihre Seele hob sich
wieder in jenem einen brnstigen Gebete zu Gott.

Unterdessen hatte Hedwig den Hof durchmessen. Wer sie so sah, mit dem
eleganten, dnnen Sonnenschirm in der Hand, und ihrer modernen Kleidung,
der htte kaum geglaubt, da den braunen, blitzenden Augen dieser jungen
Dame nicht der kleinste Schaden im Strohdach einer Scheune entging.

Sie bemerkte alles. Auch fr das Geringfgigste in diesem schweigenden
Gehft schien sie ein Interesse zu empfinden.

Vor dem offnen Kuhstall, aus dem ein warmer Dunst herausschlug, hockte
auf einem Prellstein ein alter, verwitterter Mann, ein greises, drres,
zahnloses Menschenkind, das kopfwackelnd dasa und sich zu sonnen
schien. Neben ihm, auf dem Holzpantoffel des Alten stand ein zerzauster
Rabe auf einem Bein und war gleichfalls in den allgemeinen bleiernen
Schlaf versunken, der wie verwunschen die gesamte kleine Besitzung
umfangen hielt.

Alterchen, rief Hedwig, als sie ihn erreicht hatte, und stampfte
leicht mit ihrem Schirm auf den Boden: Warum sieht der Hof so schmutzig
aus?

He? grunzte der Alte und hob nach Art der Schwerhrigen das Ohr. Dabei
blinzelten seine erloschenen, blden Augen in das frische, blhende
Mdchengesicht empor, und der zahnlose Mund begann zu kauen.

Das junge, krftige Leben da vor ihm gefiel ihm augenscheinlich nicht.
Auch redete sie ihn mit zu wenig Hochachtung an, denn der alte Krischan
a schon seit Menschengedenken auf dem Hof das Gnadenbrot und stand
auerdem im Rufe dunkler lichtscheuer Knste. Der Rabe galt dabei als
eine Art dienender bser Geist oder mindestens doch als Bundesgenosse
zu allerlei schwarzen Taten.

Schnell -- nehmt einen Besen und fegt einmal ordentlich aus, rief
pltzlich das schne Mdchen dringend dazwischen. Ihr war es, als knnte
man damit alles Hliche und Kranke, was sie hier vorgefunden, mit
starker Hand hinauskehren.

Der Alte regte sich nicht.

Sie stie ihn an.

Da zog ein leises Grinsen ber das verrunzelte Gesicht, der Mund hob an
zu schmunzeln, und ohne sich von der Stelle zu rhren, keuchte er heiser
zur Antwort:

Arbeiten? -- ne, vrbi -- all lang vrbi -- ne, ne, min Dchting, wenn Sei
hier wat utkihren willen, denn mtens slwst dauhn.

Und Sie, was treiben Sie hier? rief Hedwig scharf dagegen. Durch ihren
Krper zuckte es. Die schlaffe Faulheit des Alten emprte sie.

Ick? -- ick tw [Funote: warte] ups Starwen.

Aufs Sterben?

Unwillkrlich erblate die Angreiferin und trat zurck. Der Alte warf
ihr einen schielenden bsen Blick nach, und der Rabe erhob sich
pltzlich und schlug krchzend und hackend mit den Flgeln nach ihr.

Es war, als ob sich die alte Zeit in diesem Gehft gegen sie wehren
wollte.

Allein der neue Ankmmling war nicht von der Art, sich von derlei
unklaren Vorstellungen lange beeinflussen zu lassen.

Stolz hob sie das Haupt und lie khl die Worte fallen: Ich werde mit
meinem Schwager ber Sie sprechen.

Im nchsten Augenblick wandte sie sich und eilte grulos auf die
Landstrae hinaus.

Wie frisch und hell war es hier drauen. ber ihr das unendliche,
leuchtende Blau, vor ihr Felder und cker, grne und braune Flchen, die
einen noch im reifen Schmuck der Sptsaat, die andern bereits wieder
umgepflgt, dazwischen kleine, helle Wsserchen, wie Silberbnder auf
einem bunten Tuch, Duft und Dmmer und blauneblige Wlder in der Ferne,
und ber alles hinweg der ber den Boden flsternde Frhwind, der einen
krftigen Erdgeruch mit sich fhrte.

Hedwig sog ihn tief ein. Der kleine Zwischenfall mit dem Alten war
bereits vergessen. Hurtig setzte sie ber den Graben der Landstrae und
schlug den ersten besten Feldweg ein, der quer ber ein Stoppelfeld
fhrte, auf welchem in unsicherer Weite ein paar dunkle Punkte auf und
ab schwankten.

Wie einsam es hier berall war. Nur eine Schar Krhen hpfte auf dem
abgemhten Boden umher, und bei einer Biegung sah sie auf einem wilden
Dornbusch einen zierlichen, bunten Stieglitz sitzen, der im Sonnenschein
sein krftiges Liedchen sang. Sonst webte ber allem eine heilige
wohltuende Ruhe.

Hedwig blieb stehen und lie ihren Blick weit umherschweifen.

Also hier sollte sie fortan ihre Tage verbringen? So allein, so
ausgesetzt unter fremden Menschen? Denn ihr herber Verstand sagte ihr,
da auch Else ihr eine Fremde bleiben wrde, eine Bedauernswerte, fr
die sie sich hchstens ein unangenehmes Gefhl des Mitleids wrde
abzwingen knnen.

Und die lautlose Einsamkeit fing an, sie zu bedrcken.

Wie etwas Schattenhaftes flog es ber die Heide, kam auf sie zu und
qulte und ngstigte sie.

Sie dachte an ihren letzten Aufenthalt in der Stralsunder Pension und
zusammenzuckend empfand sie wieder jenes eine Ereignis, vor dem ihr
bisheriges Leben zusammengebrochen war, jene eine entsetzliche Stunde,
an der alle ihre Gedanken sich festgesogen hatten, so fest, da ihr
Krper eigentlich halb trumend herumwandelte, beinahe getrennt von
einer leitenden Seele. Und sie fhlte wieder, da sie etwas in ihrem
Leben vergessen mte, und da diese weite dnis ringsumher vielleicht
jene stumpfe Ergebenheit in ihr erzeugen knnte, nach der sie sich
sehnte.

Und merkwrdig. -- Noch sann sie diesen dunklen fernen Traum, da erweckte
sie etwas. -- Ein flchtender Hase streifte ihren Weg, fuhr vor ihr
zurck und setzte dann seitwrts ber das Feld.

Das Mdchen lachte pltzlich hell auf.

Das frische, selbstbewute Lachen eines krftigen Menschen. Was brauchte
sie sich in solchen Hirngespinsten zu verfangen? Es war ja alles
vorber, bald berhaupt nicht mehr gewesen, nur eine seltsame
verflatternde Erinnerung. Erhobenen Hauptes eilte sie weiter; ab und zu
schlug sie mit dem Sonnenschirm spielend an die den Weg begrenzenden
Bsche, und dann verweilte sie wieder, um sich von dem suselnden Wind
die Wangen khlen zu lassen.

So war sie in einen Hohlweg geraten. Fast in Manneshhe ber ihr erhob
sich zu beiden Seiten das Feld. An den Abhngen blhten noch wilde
Rosen, ganze rotbraune Bndel von Erika sproten dort empor, und hier
und da nickten violette Glockenblumen dazwischen.

Gedankenlos pflckte das Mdchen einen Strau, vielleicht fr die eigene
Brust bestimmt, vielleicht fr Else, da hrte sie unvermutet hoch ber
sich Stimmen laut werden und einen Wortwechsel sich entspinnen.

Und jetzt erkannte sie auch, wer dort sprach. Es war Wilms, den seine
Tagelhner um eine rckstndige Schuld zu mahnen schienen.

Vier bis fnf Mnner redeten dort oben durcheinander.

Leute, ich hab' euch doch gegeben, was ich hatte -- nun geduldet euch
noch die paar Tage -- ihr wit ja, was ich inzwischen selbst alles
durchmachen mute -- eine kleine Weile, dann ist ja alles wieder ins
gleiche gebracht. -- Nicht wahr?

Ja Herr, wir haben ja auch Vertrauen zu Sie, aber bei uns zu Haus
sieht's auch man mager aus.

I ne wir wollen Ihnen nicht drngen ne -- dat tun wir nich --

Ne Herr Wilms, Sie sind ja auch immer gut zu uns gewesen, und werden's
woll jetzt allein nich so haben, -- blo Frau und Kinners --

Man kann sie doch nich hungern lassen, Herr.

Einen Augenblick trat Stille ein. Die Mnner schienen stehen geblieben
zu sein, und die Lauscherin vernahm wieder, wie der Wind durch das
Heidekraut strich. Dann sagte der Pchter mit seiner tiefen treuherzigen
Stimme: Kommt morgen abend zu mir, Leute, dann sollt ihr bestimmt euer
Geld bekommen -- so oder so. Und in festerem Tone setzte er hinzu: Und
jetzt geht wieder an eure Arbeit.

Na, dann bedanken wir uns auch vielmals, Herr. Adjs!

Guten Morgen.

Man hrte, wie sich die Tagelhner entfernten, und etwas spter bemerkte
Hedwig, da schwere Tritte den Hohlweg herabknirschten.

Jetzt mute er kommen. Unwillkrlich trat das Mdchen hinter den
Dornenbusch zurck, als wollte sie den Nahenden ungestrt vorberlassen.

Auch der Pchter hatte keine Ahnung von der Nhe eines fremden Wesens,
das ihn und seine Qual erforschen knnte, sonst wrde er sicherlich
schnell vorbergeschritten sein; so aber hielt er an der tiefsten Stelle
des Weges an, senkte den Kopf auf die Brust und prete mit einer mden,
schlaffen Bewegung die Hand gegen die Stirn.

Es lag soviel Mdigkeit darin, soviel verschlossenes Weh.

Jedoch kein Sthnen quoll ber die geschlossenen Lippen, lautlos, ohne
Wort verharrte die groe Gestalt, es war ein Trauern, das man mit sich
und mit Gott allein abmacht, versteckt und geschtzt durch die
Einsamkeit.

Kein fremdes Auge darf dergleichen ersphen.

Mit ihren khlen, scharfen Blicken hatte Wilms' Schwgerin dies alles
erfat, nun sah sie, wie sich der Pchter die graue Forstjoppe strammer
zog, die Inspektormtze zurechtrckte und festen Schrittes weiterging.

Gott sei Dank. Es war auch besser so.

Bald mute er verschwunden sein.

Und doch -- ihr Geschick zwang sie pltzlich, sich fast gegen ihren
Willen in das Schicksal dieses Mannes einzumischen.

Schon hatte er die hher gelegene Ebene erreicht.

Ein Stein lste sich von der Bschung, wo das Mdchen stand, und rollte
mit Gepolter in den Hohlweg hinab.

Wilms wandte sich ruckartig zurck.

Tuschte er sich denn nicht? Das junge, elegant gekleidete Weib dort
unten war wirklich -- ja es war Hedwig, sie mute ihn schon frher
berrascht haben.

Die Zge des Pchters verzerrten sich, etwas Brutales stieg in ihnen
auf, und die derchen in seinen Augen wurden blutig.

Wie kommst du dorthin?

Ich? -- sie schlenkerte nachlssig den Schirm und kam nher -- ich ging
ein bichen spazieren.

Warum bliebst du denn nicht bei Else?

Weil ich es nicht lnger aushielt -- das Wachen, glaube ich, hat mich zu
sehr angestrengt.

Wilms brach los: Und nun gehst du hier so -- so -- was machst du denn
eigentlich hier?

Er hatte sich vorgebeugt, seine Lippen bebten.

Aber in dem Mdchen war pltzlich etwas geweckt, etwas vor dem sie sich
selbst graute, und an das sie vorhin so stark gedacht hatte.

Ganz nahe trat sie an den aufgeregten Mann heran und warf ihm einen
einzigen Blick zu: Ich sagte ja, ich gehe spazieren, kam es scharf und
trotzig hervor.

Ihre Fuste in dem zarten Glacleder ballten sich, ihr Krper zuckte.

Im Moment glich sie einer Katze, die sich zum Sprung anschickt. Aus
ihren blitzenden Augen leuchtete die Lust, mit ihrem Bedrnger zu
ringen. Brust an Brust. Um irgend etwas Unerkanntes -- Kostbares -- um
sich selbst.

Das alles war dem rohen, gutmtigen Bauer so neu, so unfabar, da er
das im Zorn bebende Geschpf vor ihm minutenlang kopfschttelnd
anstarrte.

Was willst du eigentlich von mir? murmelte er endlich verstndnislos.

Ich?

Sie erwachte pltzlich wie aus einem wohltuenden Traume und eine
brennende Rte jagte ber ihre Zge.

Beide starrten sich noch immer, wie aus allen Himmeln gefallen, an.
Langsam lie das Mdchen den erhobenen Schirm niedergleiten und richtete
sich straff auf.

Ein verchtlicher Zug flog um ihre frischen Lippen.

Es war wohl ihr Schicksal, berall mit den Mnnern im wirklichen,
krperlichen Kampfe streiten zu mssen. Dieser da schien ihr wenigstens
nicht gefhrlich.

Ich wollte einmal mit dir ber deine Verhltnisse sprechen, begann sie
kurz und herb.

Er stand so gro und krftig, und doch so ungeschickt vor ihr.

O, wie sie es reizte, diesen ungebrdigen Riesen ihre Macht fhlen zu
lassen.

ber meine Verhltnisse? wiederholte der Pchter, kalter Schwei trat
ihm auf die Stirn.

Da hast du also vorhin alles mit angehrt, wirklich alles?

Ja, ich wei, da du dich in Geldverlegenheit befindest.

Eine Sekunde noch dauerte das peinliche Schweigen, die Brust des Mannes
hob und senkte sich, als wollte sie etwas von sich abwlzen, den Kopf
schob er stierartig vor, die Zhne knirschten mechanisch bereinander.

Dann strzte es aus ihm heraus.

Und du -- -- was hast du dich da rein zu mischen, du freche Dirn? -- -- --
Was geht dich das alles berhaupt an? Nein, nein, du mut fort, -- aus
dem Haus -- heute noch.

Schrie und brllte er dem Mdchen wirklich all diese Schmhungen ins
Gesicht? Nein, ach nein, matt und schmerzhaft stachen ihm die Worte nur
durchs Gehirn, ber die halbgeffneten Lippen aber quoll dumpf und
heiser:

Was geht dich das an? -- Was soll das alles? Wozu drngst du dich in
meine Angelegenheiten? Was?

Wozu? -- Weil ich mir Klarheit ber die Menschen verschaffen will, bei
denen ich von jetzt an leben soll.

Willst -- du denn wirklich bei uns bleiben? -- Hedwig -- aber -- aber du
-- du pat ja gar nicht hierher, du taugst nicht in so viel Traurigkeit --
du solltest lieber wieder gehen.

Unwillkrlich hatten beide den Weg von neuem aufgenommen und schritten
nebeneinander ber die leere Heide.

Der Mann in sich zusammengesunken, das Mdchen schlank aufgerichtet und
geschmeidig, von Zeit zu Zeit einen prfenden Blick auf den Begleiter
heftend.

Und wieder sagte er eindringlich vor sich hin: Ja, ja, du solltest
gehen.

Da fate Hedwig seinen Arm und legte den ihrigen hinein.

Es waren die Bewegung und die Manier, wie sie sie drben in der
aristokratischen Tanzstunde in der alten Hansastadt gelernt hatte.

Stirnrunzelnd lie es Wilms geschehen, innerlich jedoch emprte ihn dies
elegante Gebaren, obgleich es sich leicht und anmutig genug ausnahm.

Schwager, hast du eigentlich etwas gegen mich? fragte sie pltzlich
und lie ihre klugen braunen Augen fest auf ihm ruhen.

Ihr Arm drckte noch gegen den seinen, so da sie sein Erschrecken
merken mute. Den ehrlichen Mann brachte die Lge, die nun gebraucht
werden sollte, in gnzliche Verwirrung.

Ich -- nein, -- was denkst du, -- ich habe nichts gegen dich.

Und Else?

Meine arme Frau wohl auch nichts -- blo --

Er stockte und ber seine offnen Zge breitete sich wieder jene groe
Verlegenheit.

Blo -- nun also?

Nun, du bist uns wohl nur zu sehr berlegen -- stammelte er. Du hast
soviel Bildung genossen -- drben in der feinen Pension -- Else und ich,
wir sind doch nur einfache Leute. Und dann meine schmalen Einknfte, du
hast es ja selbst gehrt, das wird dir doch auf die Dauer nicht
gefallen.

Sie schmiegte sich an ihn, bis er fast ihre weichen Glieder fhlen
konnte, und flsterte rasch und mit einem Ausdruck der Teilnahme: Aber
ich mchte ja so gern meine Krfte fr euch einsetzen, ich bin stark,
Schwager, und mchte euch gern helfen.

Wirklich? fuhr er auf und wandte sich voll zu ihr. Das willst du in
der Tat?

Sie nickte und sah ihn ernst an. Und wieder ein bichen Ruhe und
Gemtlichkeit bei euch verbreiten. Das fehlt doch bei dir?

Der Pchter entgegnete nichts, aber er seufzte tief auf und schaute in
sich gekehrt auf den Waldessaum, dem sie jetzt zustrebten.

Hedwig aber hing sich fester an ihn und fuhr interessiert fort:

Frher warst du doch selbst gewi viel heiterer?

Ja frher -- wiederholte der Landmann, tief Atem holend -- frher -- da
mag's wohl so gewesen sein. Damals waren wir noch guter Dinge. Da ging
ich auch oft mit Else ber das Feld -- --

Wie jetzt? warf sie rasch dazwischen.

Wilms lie einen scheuen Blick ber sie fortgleiten und lste seinen Arm
ungeschickt von dem ihren. Ja, mein Kind, beinahe so, uerte er
gedrckt. Und nach einer Pause setzte er fast abfllig hinzu: Du siehst
ihr eigentlich gar nicht hnlich.

Nein, besttigte seine Begleiterin.

Es klang scharf und herb.

Wortlos schlugen die beiden nebeneinander den Waldpfad ein.

Es war ein weitgedehntes Kieferngehlz, mit regelmig ausgehauenen
Wegen, die schnurgerade wie schmale Chausseen den Wald durchschnitten
und sich in Dmmerung zu verlieren schienen.

Die Wipfel der Bume waren in helles Sonnenlicht getaucht und wiegten
sich in dem leisen Luftzug hin und her. Ein starker Harzgeruch entquoll
den Stmmen. Von fern hrte man das eintnige Gerusch der fllenden
Axt. Und laut und stark schrie ein Hher in der Luft.

Die beiden einander so fremden Menschen waren schon weit in den
einsamen, schlummernden Wald eingedrungen, da begann Hedwig unvermutet
von neuem das Gesprch. Ihre Gestalt richtete sich dabei auf, die
dunklen Augenbrauen hatten sich zusammengezogen, ihr ganzes Wesen schien
von einem festen Entschlu beherrscht zu sein.

Wohin gehst du jetzt? forschte sie kurz.

Und gerade diesen Ton konnte der Landmann nicht vertragen. Mimutig
schttelte er den Kopf und schien nichts vernommen zu haben.

Sie blieb pltzlich stehen.

Er wandte sich unwillig zurck und winkte, aber sie rhrte sich nicht
von der Stelle.

In dem enganliegenden Jckchen, dem modischen Hut und ihrem blhenden
Gesicht darunter, nahm sie sich seltsam aus zwischen den hohen, uralten
Kiefern.

Wohin du gehst, mchte ich wissen?

Und merkwrdig, ihr Blick traf so fest und ernst den seinen, sie standen
sich wieder so dicht gegenber, da es dem Manne peinlich wurde.

Zum Frster, gab er nach, und unwillkrlich murmelte er hinzu: Ich
will ihm Heu verkaufen.

Du brauchst das Geld wohl fr die Tagelhner von vorhin. Nicht wahr?

Wie sie das riet. Wie praktisch das Mdchen dachte, es tat dem leidenden
Manne ordentlich wohl, da sie das Rechte getroffen.

Ja, ja, brachte er voller Angst hervor, wenn er es nur kaufen
mchte.

Um die frischen, etwas aufgeworfenen Lippen des Mdchens glitt ein
hochmtiger Zug. Er wird schon, entgegnete sie bestimmt, hat er eine
Frau?

Ja, jung verheiratet.

Gut, dann werde ich mitgehen und die Frau zu bestimmen suchen.

Ach ja, Hedwig, das wre -- sehr schn -- von dir -- stotterte er mit
niedergeschlagenen Augen.

Ein heies Gefhl stieg in ihm auf, etwas wie Dankbarkeit, etwas wie die
Lust, sich anzuschlieen an ein Wesen, das ihm helfen wollte. Und doch
-- groe Schweitropfen der Scham perlten ihm dabei auf der Stirn. Sie
bemerkte es und bat ihn, ihr den Weg zu zeigen. Ohne Widerspruch lie er
es geschehen, da sie ihren Arm unter den seinen legte, und eilte mit
ihr dann strmisch in ungewhnlicher Hast vorwrts.

Ihre Kleider flatterten dabei, durch ihre Wangen ebbte das Blut, er sah
sie an und merkte, wie ihre Brust sich beschleunigt hob, ihr Atem
strmte ihm frisch entgegen.

Oh, sie war vielleicht doch die treue Gehilfin, die er suchte, die
Schwester seines armen, geliebten Weibes, die ihm Trost bringen wollte.

Wie jugendfrisch und krftig sie war.

Hedwig, du fragtest vorhin -- -- --

Nach deinen Verhltnissen, ja.

Ich -- ich -- Hedwig -- wenn ich nur Vertrauen -- --

Und dann wurde die Sehnsucht, sich mitzuteilen, bermchtig. Er verga,
wer sie war, er ergriff ihre Hand, wie die eines anderen Mannes, und mit
stammelnden stockenden Worten, dann aber mit dem tiefen Gemt dieser
verschlossenen Seele offenbarte er sich, entlastete er sich von dem
berschweren Druck, schttete er all sein Weh vor dem schnen Mdchen
aus.

Und wahrlich, sie war schn.

Denn whrend er sprach, hob sich ihre Gestalt, ihre Glieder schienen
sich zu dehnen, ppiger zu werden, und whrend er von der rckstndigen
Pacht erzhlte, von der achttgigen Frist, die ihm der Handelsmann in
Grimmen gelassen, von seiner vollstndigen Zerrttung, da war es, als ob
sie mit gieriger Lust all diese Mhsal auf ihre Schultern zge, um sie
fortan allein und ungebeugt zu tragen. Als Wilms geendet hatte, sah er
sie an und erschrak.

Ihre Augen hingen an den seinen. Im Feuer seiner Erzhlung hatte er sie
an sich gepret, als ob er sie umfangen wollte.

Entsetzt, erwachend, fuhr er zurck.

Dort -- dort ist das Forsthaus, stammelte er.




VII.


Wieder brannte die groe Staatslampe in dem weiten Wohnzimmer des
Pchters. Und es war wirklich schon gemtlicher geworden.

Ein eiskalter Regen hatte sich drauen eingestellt, und whrend man
sonst in dieser bergangszeit frierend und schauernd seine Zeit
verbrachte, knisterte jetzt ein lustiges Feuer in dem mchtigen
Kachelofen, und lie von Zeit zu Zeit das wohltuende Gerusch der
berstenden und knackenden Holzkltze vernehmen.

Hedwig, lachend ber die Beschrnktheit, welche mit der Heizung
kalendermig erst beginnen will, wenn der erste Schnee fllt, hatte
selbst dem alten Kachel-Patriarchen die erste reichliche Nahrung
zugefhrt, und jetzt sa die Kranke in einem gewaltigen Lehnstuhl mit
Decken eingehllt davor, wrmte sich, und wartete auf die Wiederkehr von
Mann und Schwester, die gemeinsam zum Pastor des groen Dorfes gewandert
waren, um den Geistlichen mit Familie zu einem Besuch in das Haus des
Pchters abzuholen. Auch der Frster mit seiner Frau wollte
herberkommen. Hedwig hatte darauf bestanden, denn um jeden Preis
gedachte sie, Menschen und Geselligkeit in dies verdete Heim
zurckzufhren.

So sa die Leidende und hielt oft die Hand vor das zuckende Feuer, bis
sie ihr Blut durch die Haut hindurchschimmern sah.

Eine wohlige Wrme durchstrmte sie. Beinahe htte sie sich behaglich
gefhlt. -- Wenn sie nur nicht so verlassen und einsam geblieben wre.

Wozu muten auch die beiden gemeinsam gehen? Hedwig allein htte doch
auch gengt. Aber Wilms hatte sie durchaus in dem Wetter nicht
unbegleitet aufbrechen lassen wollen -- es schicke sich nicht, hatte er
geuert, und nun waren sie schon ber eine Stunde fort.

Die Uhr schlug.

Die Kranke wurde immer ungeduldiger. Mgde und Knechte kmmerten sich
nicht um sie. Seit langer Zeit zum erstenmal wurde im Hause flott
gearbeitet; der Pchter hatte mit Hedwigs Hilfe eine Molkerei
eingerichtet. Heute war die dazu ntige Maschine aus Stralsund
eingetroffen, welche ein Freund des Mdchens auf Kredit geliefert, und
das Gesinde setzte sie gegenwrtig instand.

Else konnte deutlich das Lachen und Schwatzen der Leute vernehmen.

Nicht einmal eine Klingel war ihr zur Hand, mit der sie vielleicht htte
luten knnen.

Ganz verlassen -- ohne jede fremde Hilfe.

Sie begann sich zu ngstigen.

Wilms knnte doch wirklich lngst zurck sein. Das war doch
rcksichtslos von ihm und namentlich ihr, der Verzrtelten, etwas vllig
Ungewohntes.

Leise begann sie zu sthnen und rckte in dem Sessel hin und her -- dann
hielt sie wieder die Hand vor die Glut und lauschte.

Drauen prasselte gleichmig der Regen hernieder. Man hrte frmlich
die Blasen platzen -- -- aber pltzlich, die Kranke horchte angestrengt,
ein rascher, dumpfer Hufschlag tnte dazwischen, dann kam etwas auf den
Hof gesprengt -- -- ein Pferd wieherte hell und anhaltend -- ein kurzer
Stimmwechsel -- --

Und es wurde an die Tr geklopft. Rasch und energisch, und ehe die
berraschte Frau sich noch besinnen konnte, trat ein junger Mann in
Joppe und Reithosen in die Stube und machte ihr an der Schwelle eine
kurze liebenswrdige Verbeugung.

Die Sporen klirrten dabei hell an den hohen Stiefeln, und von der
Lodenjoppe troff das Wasser herunter.

Pardon, begann er und zog ein wenig befangen die Mtze -- ich wei, es
ist eine groe Freiheit, da ich hier gleich die ganze Landstrae mit
hineinbringe. Nicht wahr? -- Treffe ich Herrn Wilms wohl zu Hause?

Nein -- nein -- leider -- Else machte vergebliche Anstrengungen, sich zu
erheben -- mein Mann und meine Schwester sind fort -- aber wer -- -- mit
wem habe ich denn --?

Und wieder versuchte sie, sich auf den kraftlosen Fen aufzurichten,
wurde jedoch durch das hfliche und doch zwanglose Nhertreten des
Reiters daran verhindert.

Oh -- meinte er gutmtig, whrend er bedauernd den Kopf schttelte --
ich hrte schon, Sie seien nicht wohl, liebe Frau, und nun tut es mir
doppelt leid, da ich Sie so erschrecken mu. -- Aber dieses
niedertrchtige Wetter drauen -- Sie sehen ja, ich bin durchnt, wie
eine Morchel -- und da dacht' ich, Herr Wilms wrde mich wohl ein
Stndchen bei sich aufnehmen. -- Ich bin nmlich der Graf Brachwitz, der
Sohn natrlich -- Ihr Mann kennt mich ganz genau -- vielleicht haben auch
Sie schon von mir gehrt -- -- ist's wirklich erlaubt? Sie sind zu
liebenswrdig.

Damit zog er sich den von Else angebotenen Stuhl ganz in die Nhe der
Kranken, musterte sie halb teilnahmsvoll, halb verlegen und streckte
dann die Hand befriedigt dem mchtigen Ofenfeuer entgegen.

Prachtvoll, uerte er behaglich und zog den einen mchtigen
Stulpenstiefel auf das Knie herauf, wobei er sich trotzdem leicht gegen
die Hausfrau verneigte: Habe ich wirklich Ihre gtige Erlaubnis, auf
Herrn Wilms zu warten, bis er wieder kommt, oder der Regen aufhrt? --
Oder falle ich Ihnen lstig?

O -- bewahre, hstelte die Kranke.

Und sie sprach die Wahrheit. Der vornehme Besuch, der sie, ohne da sie
es recht empfand, so hflich und dabei doch etwas von oben herab
behandelte, schmeichelte und imponierte ihr auf das uerste. Noch nie
hatte die Grafenfamilie in der Umgegend jemals Besuche abgestattet, und
jetzt sa wie durch ein Wunder der junge, jugendschne Aristokrat vor
ihr und bemhte sich, ihr allerlei Artigkeiten zu sagen.

Er hrte Elses Krankengeschichte geduldig an und lchelte nur ein wenig
suffisant, als Else ihm mitteilte, da sie als Mdchen stets gesund
gewesen, und ihr Leiden erst in der Ehe begonnen habe.

So? -- hm -- der junge Graf streichelte sich den Bart und nickte weise:
Ja, ja, verehrte Frau, das Heiraten. -- Ich bin auch prinzipiell
dagegen. Wenn es nur ein anderes Mittel gbe, zu einem Majoratsherrn zu
gelangen, dchte ich gar nicht daran. Ich habe berhaupt etwas Solides
in meiner Natur. Nicht wahr, das sieht man mir an? -- hm -- -- -- er
schlug mit seiner Reitpeitsche, die er noch in der Hand hielt, lssig
gegen ein Stuhlbein und begann sich ein wenig ungeduldig im Zimmer
umzusehen. Augenscheinlich fing ihm das Tete-a-tete mit der Kranken an
langweilig zu werden.

Wrden der Herr Graf vielleicht irgendeine Erfrischung zu sich nehmen
wollen?

Nein -- nein -- bewahre -- lassen Sie sich nur nicht stren -- wir
plaudern ja hier ganz vorzglich. Hm -- ein recht gemtliches Zimmer --
ein bichen gro -- -- ja -- sitzen Sie oft so allein? Mir ist es doch,
als wenn ich neulich eine Verwandte von Ihnen am Bahnhof getroffen
htte. Oder schon wieder abgefahren?

Wirklich, der Herr Graf haben das bemerkt? Nein, meine Schwester
Hedwig ist noch hier und wird berhaupt lange Zeit bei uns bleiben.

So? Na da mache ich Ihnen mein Kompliment, eine auergewhnlich hbsche
junge Dame -- also, Ihre Schwester? -- Na ja, die hnlichkeit ist
unverkennbar -- hier verbeugte sich der Reiter wieder mit jener
verbindlichen Art, die ihn unbewut so prchtig kleidete. -- Ein
Frulein Schrder, das sich jetzt lngere Zeit in Stralsund aufhielt --
nicht wahr?

Das wissen Sie ebenfalls? flsterte die Kranke, sichtlich
geschmeichelt.

Es fiel ihr nicht auf, da der Aristokrat seinen Kopf vom Feuer
zurckwandte, in das er bisher eifrig hineingestarrt, um seine scharfen
blitzenden Augen minutenlang forschend auf ihr eingefallenes, blasses
Antlitz zu richten, als ob er in ihr etwas Verborgenes, Geheimnisvolles
suchen wolle. -- Dann aber schien er befriedigt zu sein. Ja, ja -- fuhr
er gleichgltig fort: Wir kennen uns -- oberflchlich natrlich nur,
denn solch zartes Pensionsfrulein wird mit einem Offizier nicht gerne
zusammengebracht -- das knnen Sie sich doch denken.

Ach -- der Herr Graf scherzen nur --

Durchaus nicht -- man erzhlt die schauderhaftesten Geschichten von mir
-- -- na hier wird es ja auch bald losgehen und -- --

Er unterbrach sich, stand auf und lauschte: Hren Sie? -- Dort drauen
fhrt ein Wagen ber die Chaussee -- zwei feste Traber brigens, jetzt
lenken sie ber die Brcke -- das drften wohl Ihr Mann und Frulein
Schwester sein.

Ja wahrscheinlich, und sie bringen Pastors gleich mit.

So? Das kleine Pastorenfrulein hat sich gut entwickelt, seit ich es
nicht mehr gesehen habe. Sehr nett. Ein bichen bla, englisch
Teegesicht, aber man mu auch damit vorlieb nehmen.

Else rckte in ihrem Stuhl hin und her. Ein unbestimmtes Gefhl sagte
ihr, da ihr Gast einen Ton gegen sie anschlug, der sich nicht pate.

Und die Frsterfamilie kommt heute ebenfalls, brachte sie rasch
hervor, whrend ihre glnzenden Augen sich ungeduldig auf die Tr
richteten, durch die die Erwarteten im nchsten Augenblick eintreten
muten. Ich erhalte heute zum erstenmal Besuch, Herr Graf -- seit -- seit
langer Zeit.

Ach das freut mich in Ihrem Interesse wirklich ganz auerordentlich,
meinte der Reiter und schritt langsam ans Fenster, ohne auf den langen
Seufzer der Kranken die geringste Rcksicht zu nehmen. Also der Herr
Frster ebenfalls mit Gemahlin, murmelte er dabei vor sich hin, und bei
sich dachte er noch: Merkwrdig, wie mir das Herz schlgt. -- Ich habe
doch Angst, diesem Mdchen wieder entgegenzutreten.

       *       *       *       *       *

Die erste Begrung war vorber. Die beiden Damen der Pastorenfamilie
waren bereits auf das mchtige, schwarze Ledersofa plaziert hinter dem
gewaltigen, runden Tisch und warfen von dort aus erstaunte Blicke auf
den Grafen Brachwitz; der Geistliche selbst, ein kleines gebcktes,
weihaariges Mnnchen, das durchaus nicht zu seiner hageren, bergroen
Ehehlfte zu passen schien, sprach ber Elses Stuhl gebeugt der Kranken
jene Trostesworte zu, die er bei seinen hufigen Besuchen mit denselben
Worten fast mechanisch wiederholte. Aber auch er zwinkerte unter seinen
Brillenglsern verdutzt zu dem Reiter hinber, als knne er sich dessen
Anwesenheit nicht erklren, und Wilms stand bei seinem vornehmen Gast in
der Fensternische, schttelte ihm befangen die Hand und verwickelte ihn
in allerlei landwirtschaftliche Fragen, ohne sich innerlich jedoch von
der ngstlichen Vorstellung lsen zu knnen, was dieser Besuch wohl
bedeute.

So vergingen die ersten Minuten des Beisammenseins. Bis die Kranke
endlich fragte: Wo bleibt denn Hedwig? Alle hatten das Mdchen mit
hereintreten sehen, aber dann mute sie sich gleich wieder entfernt
haben.

Vielleicht ordnet sie noch in der Kche etwas an, entschuldigte Wilms.
Aber wieder mute er auf den jungen Brachwitz sehen, der unruhig neben
ihm verharrte.

So? In der Kche? warf dieser hin. Dann erscheint wohl bald die
Aufwartung. Vermutlich ein tchtiges Glas Glhwein bei der Nsse drauen
und der famose Landschinken, den Sie hier besitzen -- na ngstigen Sie
sich nicht, Herr Wilms, ich drcke mich sofort, den ungebetenen Gast
werden Sie los.

Aber Sie werden uns doch die Ehre schenken und erst eine Kleinigkeit zu
sich nehmen, Herr Graf, drngte die Kranke mit schwacher Stimme von
ihrem Stuhl aus.

Sie wollen mich also wirklich mit durchfttern, verehrte Frau? --
Abgemacht -- dann bleibe ich. -- Na, lieber Pastor, besinnen Sie sich
noch, wie Sie mich konfirmiert haben? Seitdem haben wir uns selten
gesehen. Frulein Paula ist inzwischen eine Dame geworden. -- Guten
Abend, mein liebes Frulein -- alle Wetter, ich wage gar nicht mehr 'Du'
zu sagen. Oder darf ich es doch noch?

So sagte der Edelmann jedem etwas Angenehmes, lachte und plauderte und
hatte sich berraschend schnell die Neigung der Anwesenden gewonnen.

Endlich erschien auch die Frsterfamilie. Der Frster, eine herkulische
Gestalt mit langem, fuchsrotem Bart, drhnender Stimme, groer
Gutmtigkeit und voller Kriegserinnerungen. Ein behbiger Vierziger. Die
Frsterin, eine schlanke, ppige Erscheinung mit tiefblauen,
gefhrlichen Augen, einem wunderbar weien, frischen Teint, und
bestndiger Neigung zur Frhlichkeit. Ein schnes Weib, das in naiver
Koketterie gefallen wollte.

Man stellte die Sthle um den Tisch. Zwei Mgde deckten frisches Linnen
darber, Wilms schob den Lehnstuhl der Kranken heran und brachte auch
einen Sitz fr Hedwig herbei.

Wo sie nur bleiben mochte?

Ist denn das Frulein noch in der Kche? fragte er zum Schlu eine der
Mgde.

Nein, Herr, das Frulein is oben in ihr Zimmer.

Wilms, dann hole sie doch bitte herunter, forderte ihn Else erregt
auf und fingerte krampfhaft auf der Tischplatte herum. Warum hlt sie
uns so lange auf? Ich versteh' das gar nicht -- der Herr Graf kennt sie
doch auch.

Gewi, unterbrach der junge Brachwitz seine Unterhaltung mit der
Frsterin, und ich wrde mich aufrichtig freuen, unsre flchtige
Bekanntschaft wieder anzuknpfen.

So geh doch, drngte die Kranke erregt.

Da ging der Landmann zgernd hinaus und stieg wieder die schmale Treppe
hinan, die unter das Dach fhrte. Neben der Kammer, die er selbst seit
der Krankheit seiner Frau bewohnte, lag das Zimmerchen, das man Hedwig
eingerumt hatte. Unsicher tastete er sich in dem dunklen Gang zurecht.
Ihre Tr stand offen.

Es war so seltsam still dort drinnen.

Sollte sie auch hier nicht zu finden sein?

Es wurde ihm so beklommen, eine peinigende Furcht bedrckte den groen
Mann, das Mdchen knnte sich heimlich entfernt haben.

Er sagte sich zwar gleich, da er sie nicht vermissen wrde, aber es lag
hier etwas Verstecktes, Geheimnisvolles in der Luft, das ihm den Atem
benahm.

Frchtete er wirklich so sehr ihre Flucht?

Sein Herz klopfte, zgernd trat er nher.

In dem kleinen, kahlen Raum verbreitete ein Lichtstmpfchen einige
Helle. Dunkle Schatten kmpften gegen die schwachen Lichtwellen. Das
Fenster stand offen. In dem Luftzug zuckte das kleine Flmmchen auf und
ab. Ein Bett war zu sehen, ein eleganter Lederkoffer, ein Waschtisch,
ein Schrank, zwei Rohrsthle, sonst nichts. Vor dem Fenster aber ragte
die Gestalt der Bewohnerin auf.

Sie mute sich eben gewaschen, oder Haupt und Brust im Wasser gekhlt
haben, denn sie umklammerte noch mit entblten Armen das Fensterkreuz
und lehnte regungslos in den kalten Regen hinaus, den man dumpf und
eintnig auf den Blechbeschlag spritzen hrte.

Arm und Nacken wei und rosig, als wre ein verwunschenes, wunderschnes
Marmorbild lebendig geworden. Deutlich sah der Pchter, da die feine
Haut vor Frost schauderte, und doch gab sie sich unbeweglich der Klte
preis, als wre ein berma von Glut und Lebenstrotz in ihr.

Wilms wollte zurcktreten, allein er fand sich wie festgewurzelt. O, wie
unrein erschien ihm das Bild, unpassend, widerwrtig, und doch konnte er
der eigenen Erstarrung kein Ende bereiten, immer mute er hinblicken,
whrend Ha, Abneigung, Bewunderung, und ein fernes, verabscheutes
Verlangen in seinem ehrlichen Gemt durcheinander irrten.

Ja, hnlich hatte Else ausgesehen -- damals in den Stunden des Glcks --
aber doch entfernt nicht so sicher, so stolz, so seltsam in ihrer
Schnheit.

Seine Lippen bebten.

Der Frost begann ihn ebenso zu schtteln, wie das schne Geschpf dort
drinnen.

Da schlug der Wind die Tr zu. Krachend fuhr sie ins Schlo. Das ganze
Haus hallte. Und Wilms taumelte auf und raffte sich empor.

Wie Else ber den Knall zusammengefahren sein wird -- das arme Weib, --
war sein erster, unwilliger Gedanke, -- dann wartete er noch ein paar
Minuten, klopfte schlielich laut an die Tr und berschritt auf ein
verwundertes Herein die Schwelle. Hedwig nestelte noch an ihrer
schwarzen Taille und machte eben die letzten Knpfe zu. -- Langsam wandte
sie ihm den Rcken und fragte rasch ber ihre Schulter fort.

Warum kommst du hier herauf? Geht es Else etwa wieder schlechter?

Nein, Gottlob nicht, ich soll dich hinunterholen.

Mich? -- Ja, ich wollte mich erst ein wenig subern nach dem
schmutzigen Weg von vorhin. Du siehst ja. -- Sind denn unsere Gste schon
alle versammelt?

Ja, es sind alle da. Auch der Frster. Er will mir das Heu abkaufen,
Gott sei Dank. Du hast also bei der Frau deinen Willen durchgesetzt, ich
danke dir dafr, mein Kind. Und -- und Herr von Brachwitz befindet sich
ebenfalls unten. Du hast ihn wohl schon vorhin bemerkt?

Ja, ich sah ihn.

Sag' einmal -- Hedwig -- gehrt denn der Herr zu deinen Freunden?

Nein.

Also blo solch eine flchtige Bekanntschaft?

Ja -- nein -- das heit, ich kenne ihn nher.

Sieh -- ich will mich nicht 'rein mischen -- es geht mich ja nichts an --
aber -- er hat dir wohl drben den Hof gemacht? Nicht?

Auch das.

Das Mdchen wandte sich jetzt langsam, so da der Pchter voll in ihr
eigentmlich blasses Antlitz blicken konnte, und ma ihn forschend mit
ihren braunen, sphenden Augen. Aber weshalb fragst du? fuhr sie
langsam fort, besucht er euch denn sonst nicht?

Nein -- nie.

Nie?

ber die Gestalt der Fragenden lief ein Zittern, die dunklen Augen in
dem blassen Gesicht brannten in unterdrckter, schmerzlicher Glut.

Schweigend trat sie vor einen schmalen Hngespiegel, zog ihre straff
sitzende Taille zurecht und strich ber ihr brunliches, glnzendes
Haar.

Wilms, der ebenfalls seinen Blick auf das Glas wenden mute, sah, wie
die vollen blhenden Lippen des jungen Weibes zuckten, wie ihre weien
Zhne sich hineingruben, und sich ber das ganze Antlitz wieder jener
lchelnde, trotzige, wildbegehrliche Zug verbreitete, den der Pchter in
seiner verstndnislosen Befangenheit nicht begriff, ber den er
nachgrbelte, und der ihn anwiderte.

Hedwig -- -- murmelte er unwillkrlich.

Ja, Schwager, antwortete sie leise.

Er schritt zur Tr und wandte sich verlegen hin und her.

Ich glaube, stie er heiser hervor, er kommt deinetwegen.

Die Sprache versagte dem krftigen Manne.

Ohne da er es wute, packte ihn grenzenlose, tiefe Scham, da er sich
in die Herzensangelegenheiten dieses Mdchen drngen wollte, und doch --
eine zehrende Neugier nagte in seiner Brust weiter, wie weit die
Beziehungen der beiden wohl gediehen seien, ob berhaupt von einem
innigen Gefhl gesprochen werden knnte -- oder ob -- das Blut stieg ihm
dabei in die Stirn -- ob sich etwas Unreines, Gemeines hineinmische.

Nicht wahr, wiederholte er, er kommt wohl deinetwegen?

Meinetwegen? sprach sie gedankenverloren nach.

Ein Windsto fegte pltzlich zum Fenster hinein. Klirrend warf er die
Scheiben gegeneinander und blies das Lichtstmpfchen auf dem Tisch aus,
so da vllige Dunkelheit entstand.

Der Pchter hrte, wie Hedwig tief aufatmete. Dann trat sie zu ihm auf
die Schwelle und sagte, whrend sie beide aus dem finsteren Raum
hinausschritten, mit ihrer gewhnlichen Bestimmtheit:

Lassen wir doch den Grafen. -- Er ist eine hliche Erinnerung fr mich,
die ich gern abschtteln mchte. -- brigens -- lachte sie leicht --
brauchst du dir dabei gar nichts Besonderes zu denken, Schwager -- eine
ganz alltgliche Dummheit. -- --

Sie unterbrach sich und klagte ber die dicke Finsternis, die Gang und
Treppe einhlle. Mhsam tasteten sie sich zurecht. Beide dicht
beieinander. Ihr Kleid streifte seinen Fu und es war ihm, als wenn eine
wohltuende Wrme von ihr ausstrme.

Da stie sie einen leichten Schrei aus.

Auf dem obersten Absatz der Treppe hatte sie fehlgetreten und griff nach
dem Arm des Mannes, was er erschrocken duldete. So stiegen sie hinab.
Langsam, als ob sie tiefen Gedanken nachhingen.

Erst als das llmpchen des Flures ihre Gesichter matt erhellte, kehrte
sie sich ihrem Schwager voll zu und meinte mit der alten unbeirrten Ruhe
und ihrer klaren Stimme: Es trifft sich aber doch gut, da Herr von
Brachwitz dich einmal besucht. Nach allem, was du mir gesagt hast, wird
es doch notwendig sein, mit ihm ber eine Herabsetzung der Pacht
ernsthaft Rcksprache zu nehmen.

Das schlug Wilms wie eine schwere Keule gegen die Stirn. -- Ja, ja,
stotterte er und neigte schwerfllig den Kopf. -- Seine Schuldenlast, die
ganze Zerfahrenheit seiner Besitzung, die kranke Frau dort drinnen,
Miernte und die hohe Pacht -- alles zusammen strzte pltzlich wieder
auf ihn ein und legte sich eisern, klammerfest um sein banges Herz.

Not, Sorge, Krankheit standen wieder auf dem ziegelsteingepflasterten
Flur, bereit, den Herabsteigenden zu empfangen. Dort oben in Hedwigs
Kammer hatte er gar nicht an diese seine grauen Gste gedacht.

Leise sthnend, lie er das Mdchen an sich vorberschreiten und folgte
ihr dann schweren Trittes.

Als sie das Wohnzimmer ffnete, hatten sich seine mden, schleppenden
Gedanken wieder so vllig verschoben, da er im Rcken Hedwigs mit
mattem Erstaunen darber nachdachte, wie scharf das schwarze Sammetband,
das sie um den Hals gelegt hatte, von der weien Haut seiner Schwgerin
abstach.

Wie sich die beiden wohl begren werden? grbelte er noch, dann
strmte ihnen die Helle des erleuchteten Zimmers entgegen.




VIII.


Ha, ha, ganz ausgezeichnet -- ganz ausgezeichnet schrie der Frster
Eltze, streckte seine Beine von sich und go seiner Frau mit khnem
Schwung neuen Rheinwein ins Glas: Hier, Annchen -- sto mit dem Herrn
Grafen an -- -- Ihr Wohlsein, Herr Graf -- ganz groartig -- wahrhaftig. So
was von Dressur von einem Hunde ist noch gar nicht dagewesen. -- Nicht
wahr, Anning, nicht wahr, Frau Pastorin? -- Liebesbriefe unter das
Hundehalsband zu binden, und dann von dem Kter in die Mdchenpension
tragen zu lassen, ha, ha, ha, zu komische Idee, zu ko -- --

Er verschluckte sich, wurde kirschrot im Gesicht und der winzige Pastor
Schirmer, der neben ihm sa, mute dem Riesen auf den Rcken klopfen:

Lieber Freund, beruhigen Sie sich doch, fistelte der Geistliche und
schickte einen unruhigen Blick zu Gattin und Tochter hinber, von denen
die letztere sich weit ber den Tisch lehnte, um den keck vorgetragenen
Geschichtchen des jungen Brachwitz mit heien Wangen zu lauschen.

Alle Schchternheit des Landgnschens war verflogen.

Auch die Frstersfrau folgte lchelnd den Anekdoten des jungen
Aristokraten.

Mein Gott -- scho es dem verwirrten Pastor durch das zitternde
Greisenkpfchen. Die Weiber -- die Weiber -- gar nicht auszustudieren --
Die Frster Eltze und meine Paula, die frmmsten aus meiner Gemeinde,
jeden Sonntag in der Kirche, dazu noch eine Erbauungsstunde -- und nun
dieses Benehmen, sobald ihnen der erste hbsche, junge Mensch ber den
Weg luft.

Ha, ha, was die Mdchen wohl fr Gesichter gemacht haben mgen, als der
Kter kam, grunzte der Frster von neuem und reckte eine Faust in die
Hhe.

Der Landedelmann, der neben Elses Krankenstuhl sa und ihr gutmtig von
Zeit zu Zeit allerlei kleine Dienste erwies, entzndete jetzt mit
Erlaubnis der Hausfrau eine seiner eigenen feinen Zigarren, und warf,
sich zurcklehnend, gespannt und erwartend dazwischen:

Na, lieber Eltze, das wird uns am besten Frulein Hedwig, -- Frulein
Schrder, verbesserte er sich -- sagen knnen. Denn sie hat sich ja
auch in dieser Pension befunden.

Was, das ist Ihre Pension, Frulein Hedwig? rief Paula Schirmer
lebhaft dazwischen.

Und der Frster schrie schallend: Donnerwetter, unser schnes Frulein
Hedwig war auch eine von den Ktermamsells? -- Na, wie war's denn?

Kennen sich denn die Herrschaften schon von frher? forschten jetzt
auch gespannt die beiden verheirateten Frauen wie aus einem Munde.

Alles sah auf Hedwig.

Sie hatte neben Wilms Platz genommen und, mit der Bewirtung beschftigt,
sich bis dahin wenig an der Unterhaltung beteiligt.

Was sie jetzt wohl antworten wird? dachte der Pchter in seinem
dumpfen Hinbrten. Von seinen Sorgen zu Boden gedrckt, und in seiner
Brust ein bohrendes Angstgefhl, hatte er bis jetzt auf die Tischplatte
gestarrt, und nur manchmal sah er auf sein blasses, angestrengtes Weib
herber, scheu und mitrauisch, als ob er auf einem Verbrechen ertappt
wre.

Was hatte sich nur in seinem Gewissen gendert?

O, es war nur die Angst, die entsetzliche Furcht um seine Existenz,
berredete sich der unglckliche Mann selbst.

Weiter nichts -- gewi -- gar nichts weiter.

Kennen sich denn die Herrschaften schon von frher? tnte es in seine
Gedanken hinein. -- Was sie jetzt wohl antworten wrde?

Und ohne Erregung, klangvoll und ruhig gab Hedwig zurck, obwohl sie den
Grafen zum erstenmal fest ansah:

O ja -- der Herr Leutnant besuchte ja oft die Blle unserer Pension. Ich
selbst habe sogar einmal einen seiner Briefe dem groen Hunde
abgebunden.

Leicht, kalt, liebenswrdig hatte sie das alles hingeworfen, jetzt erhob
sie sich mit ihrer tadellosen Haltung, um dem Pastor einen Teller mit
Kuchen und Frchten zu prsentieren. Sie war eine vollkommene Dame.

Bitte, Herr Pastor -- nicht ein Pfefferkuchen gefllig? -- Nein? -- Nun
dann aber einen Apfel, -- ich werde ihn gleich schlen -- Sie erlauben.

In der Gesellschaft war eine peinliche Stille entstanden. Selbst die
Wangen der Kranken, die solange teilnahmslos in ihrem Stuhle gelegen
hatte, frbten sich hektisch rot; mit heftigem, unvorsichtigem Tonfall
flsterte sie kurzatmig und gereizt:

Einen Brief vom Herrn Grafen an dich? -- Hedwig, das ist doch nur
Scherz, nicht wahr? -- Sag' das doch den Herrschaften.

Ja, sie waren alle sehr begierig, dies zu wissen. Die Frsterin, deren
tiefblaue Nixenaugen vor Neugier strahlten und leuchteten; die Pastorin,
die wie ein Pfahl dasa und alles in hohem Grade unmoralisch fand; und
die dumme, kleine, dralle Paula, die es gar nicht erwarten konnte, in
solche Heimlichkeiten einzudringen.

Ach, sie fand Hedwig s߫ und wundervoll.

Aber der junge Brachwitz lie die Aufgerufene zu keiner Antwort kommen:

Ein Scherz? wiederholte er dringend, indem er Hedwig aufmerksam
betrachtete. Ja, leider wurde es von den jungen Damen nur als Scherz
aufgefat, obgleich es mir verteufelt bittrer Ernst war. Warum brigens
nicht? -- Ich war jung und hatte mich in ein paar von den allerliebsten
Pensionrinnen wirklich verliebt. Wissen Sie noch, Frulein Hedwig?

Hedwig wurde pltzlich sehr bla, der Pchter bemerkte, wie ihre Hand
sich unwillkrlich ffnete und zuckend wieder schlo, aber uerlich
erwiderte sie gelassen, whrend sie den Hahn der Teemaschine drehte:
Gewi -- Sie machten es uns ja oft recht deutlich, Herr Graf --

Gleich in ein paar? echote die Pastorin, die Worte des Grafen
wiederholend, leise und entrstet. Die Unterhaltung des jungen Herrn
begann allen sichtlich zu mifallen.

Und wieder trat eine lange, drckende Pause ein, die keiner zu
unterbrechen wagte. Es wurde sehr ungemtlich. Else fing vor
Verlegenheit an zu zittern. Wenn der Graf nur gegangen wre. Aber er
blieb und begann jede Bewegung ihrer Schwester zu verfolgen.

Was das nur bedeutete?

Die Kranke regte sich so auf, da ihre Zhne leise zusammenschlugen. Sie
merkte, da sie fieberte, aber mit letzter Kraft hielt sie sich
aufrecht.

Auch die Blicke ihres Mannes hingen so sonderbar an Hedwig. Erst jetzt
fiel ihr das auf.

Ob die beiden Mnner von dem Mdchen irgend etwas wuten?

Aber was?

Und die beiden verheirateten Frauen flsterten miteinander so leise.

Worber?

Vor den Augen der Gepeinigten flimmerte es, ein langer stechender
Schmerz durchschnitt sie.

Gott im Himmel -- Hedwig, chzte sie halblaut, um nur irgend etwas zu
sagen, ich mchte -- du solltest -- etwas singen -- so lange habe ich
nichts gehrt. Sie schauerte zusammen.

Alle riefen Beifall. Der Frster, der dem Rheinwein zu stark
zugesprochen hatte, schwankte nach dem alten Klavier, das in der Ecke
stand, und trug grunzend zwei Lichter herbei. Paula Schirmer sorgte fr
einen Stuhl, und Hedwig erhob sich willig, um aus dem guten Zimmer die
Noten zu holen.

In dem Nebenraum herrschte Dunkelheit.

Sofort ergriff der junge Brachwitz, der das Mdchen nicht mehr aus den
Augen gelassen, einen der Leuchter und folgte Hedwig galant mit dem
Lichte.

Und wie von selbst fiel die Tr hinter beiden ins Schlo.

Und jetzt sah der Edelmann, wie das schne Mdchen ber dem
Notenschrnkchen gebckt stand und suchte.

Voll und reif boten sich die edlen Linien dieses jugendlichen
Frauenleibes dar, in ihren Wangen strmte das Blut, ber den braunen
Haaren schienen im Schimmer des Lichts knisternde Goldfunken zu tanzen,
und Brachwitz sauste und summte das Blut ungestm in den Adern, ebenso
unbezhmbar wie damals, als er das halbe Verbrechen, die grenzenlose
Roheit gegen sie verbt hatte.

Wieder konnte er dem weichen, trotzigen Zauber, den dieses Weib
ausstrmte, jener schweigenden, ppigen Verlockung nicht widerstehen.

Und die aufkochende, jede Vernunft berschumende Tollheit machte ihn
vllig besinnungslos.

Hedwig, flsterte er, in seiner Spannung erzitternd, und griff keck
nach ihrer Schulter: Antworten Sie mir doch endlich. -- Knnen Sie denn
die Dummheit von damals nicht vergessen?

Wie langsam und schwerfllig sie sich aufrichtete! Und jetzt bemerkte
Brachwitz mit Schrecken, welch eine Vernderung in ihrem Antlitz
vorging. Starre Marmorblsse jagte das eben noch so prangende Rot, alles
an ihr schien so gelhmt, so unbeweglich, nur die groen Augen richteten
sich haerfllt, und doch mit flammendem, unausgesprochen begehrlichem
Feuer auf den Bedrnger, so da der Reiter verwirrt und schwankend die
Hand von ihrer Schulter gleiten lie.

War das Zorn, war es Sehnsucht, was ihm da entgegensprhte?

Liebe Hedwig, wenn -- --

Still -- ich will das nicht -- befahl sie flsternd und heiser.

Aber Sie wissen ja nicht -- --

Jedoch unvermittelt unterbrach er sich und trat zurck.

Was war das?

Mit einer einzigen Bewegung glitt sie auf ihn zu, ganz dicht stand sie
vor ihm, ihr Mund verzog sich, die Lippen bebten lechzend, als ob sie
ihn kssen oder ihm die Zhne ins Fleisch schlagen wolle. Jede Fiber
zuckte und zitterte in dem schnen Gesicht, und ohne berlegung,
zusammenhanglos, sich die Hnde vor die Augen schlagend, stie sie
hervor: Nein, Sie wissen nicht -- Sie -- Sie wissen nicht, was Sie aus
mir gemacht haben -- Sie -- --

Was denn? flsterte Brachwitz verlegen.

Als sie seine Stimme vernahm, fuhr das Mdchen auf, wie wenn sie
pltzlich erst zum Bewutsein ihrer Lage kme.

Wortlos, keiner Bewegung mchtig, starrte sie ihn an.

Was hatte sie nur vorgebracht? -- Hatte sie ihm etwa das dunkle, hliche
Geheimnis verraten, das ihre Seele, ihr Denken seit jenem einen Tag
befleckte und verdarb? Das ngstlich behtete, das ausstzige Geheimnis,
das ihr heimlich Schrecken und Entsetzen einflte?

Hedwig fhlte, da sie dieses wortlose Gegenberstehen nicht lange wrde
ertragen knnen, da irgend etwas Schreckliches, Ungeahntes eintreten
mte.

Er begann wieder zu lcheln.

Jenes gutmtige, frech zutrauliche Lcheln, das sie schon damals wehrlos
gemacht.

Ihre Brust flog. O! wenn doch jetzt jemand in das einsame Zimmer treten,
oder wenn sie Mut genug besitzen mchte, den Bedrnger zur Seite zu
werfen. Aber nichts regte sich.

Und er hatte die Verwegenheit, seine Augen mit dem heien Ausdruck des
knftigen, sicheren Besitzes in die ihren zu tauchen, ein Verfhrer, der
seiner erprobten Macht sicher ist, und jetzt setzte er langsam das Licht
aus der Hand. Hedwig staunte ihn an.

Was nun wohl folgen wird? dachte sie dumpf. Aber da -- Gott sei Dank,
sie hatte es ja erwartet, da ging endlich, endlich die Tr, Wilms groe
Gestalt stand pltzlich neben den beiden, und mit warmer Dankbarkeit
hrte das Mdchen, wie ihr Schwager nach einer unangenehmen Pause
unsicher und gepret zu dem Grafen sagte, er wolle mit ihm ein paar
Worte ungestrt ber die Pachtverhltnisse sprechen. Der junge Herr
solle es nicht bel nehmen. -- Gott sei Dank, diese entsetzliche Minute
war vorber. Von da an geschah alles in wilder Hast. Jeder von den drei
Menschen in der frostigen Stube schien das Geheimnis der anderen zu
ahnen. Man sprach und rechtete, ohne innerlich bei der Sache zu sein.
Der Pchter bat um Herabsetzung seiner Lasten, der Graf zuckte
widerwillig die Achseln und meinte, da das alles Sache seines Vaters
wre. Schlielich kam man berein, da der Pchter in den nchsten Tagen
den alten Gutsherrn persnlich aufsuchen solle. Vielleicht knnte auch
Hedwig die Vermittlung bernehmen, da der alte Brachwitz gegen Wilms zu
schlecht gestimmt sei.

Hedwig?

Beide Mnner schwiegen wie auf Verabredung und blickten sonderbar auf
sie hin.

Wollte man sie herausfordern?

Ja, ja, ich komme, nickte sie halb geistesabwesend und doch ihre alte
Kraft zusammenraffend.

Und dann empfand Hedwig alles Sptere gleichsam wie durch einen dicken
Nebel hindurch.

Wie man wieder in das groe Zimmer zurckgekehrt war. Wie sie dann am
Klavier gestanden, und, von Paula Schirmer begleitet, das Heinesche Lied
gesungen:

    Tglich ging die wunderschne
    Sultanstochter auf und nieder
    Um die Abendzeit am Springbrunn,
    Wo die weien Wasser pltschern.

Wie es dann so still um sie her geworden und pltzlich ein wildes
Durcheinander entstanden war. Else hatte schon lngst zitternd und aller
Krfte beraubt dagesessen, beim Schlu des Liedes stie sie vor
Anstrengung bewutlos einen klagenden Ruf aus und sank ohnmchtig
zusammen.

Hedwig erinnerte sich noch, wie bla und leichenhaft schn ihr das
Antlitz der Schwester erschienen war. Scheu und hastig waren dann die
Gste enteilt, Wilms und das Mdchen hatten die Ohnmchtige entkleidet
und, als sie wieder den ersten Seufzer von sich gab, zu Bett gebracht.

Auf einem Sofa, neben dem Krankenlager, schlief Hedwig diese Nacht Hand
in Hand mit der Schwester, die ihre Finger wie ein trostspendendes
Amulett umspannt hielt.




IX.


Am nchsten Morgen ganz in der Frhe kam der Arzt. Es war der
Kreisphysikus aus Grimmen, der die Leidende allwchentlich besuchte und
als Freund des alten Rendanten die beiden Schwestern seit ihrer Kindheit
kannte.

Ein kleiner, fetter, frhlicher Herr, behaftet mit einem unfrmlichen
Bauch, einem verwitterten roten Weintrinkergesicht und mit einer
burschikosen Neigung zu allen hbschen Mdchen und Frauen, trotzdem er
in seiner eigenen Familie deren bereits eine stattliche Anzahl besa.

Schon bei seinem Eintritt begrte der kleine Dr. Rumpf die Anwesenden
mit einem lauten: Morgen, Kindtings; na, wie geht's? stiefelte mitten
in das groe Zimmer hinein und blieb dort ein wenig verwundert stehen.

In dem Bett lag die Kranke so unbeweglich und wei, als wenn sie bereits
verschieden wre. Und der Mann, sowie das junge Mdchen am Kopf- und
Fuende schienen gleichfalls schon viele Stunden an dem Lager zu
wachen.

Das stimmte den Arzt doch bedenklich.

Als aber Else langsam und begrend die abgezehrte Hand gegen ihn
ausstreckte, ermannte sich Dr. Rumpf, schritt schnell an das Bett und
kte seiner Patientin zuvrderst zrtlich die Hand.

Sein stachliger, weier Knebelbart kratzte dabei die rmste, da sie das
Gesicht vor Schmerz verzog.

Schlimmer, mein Kindting? fragte er teilnehmend, ohne sich um die
andern zu kmmern, schlimmer? Damit entblte er ungeniert die Brust
der Kranken, horchte aufmerksam herum und schttelte endlich den Kopf.

Wenn der Physikus so sehr zrtlich wurde, so galt es immer fr ein
schlechtes Zeichen.

Herr Doktor, hauchte die Liegende kaum hrbar, steht es sehr trostlos
mit mir? -- Sagen Sie es -- sagen Sie es, bitte, wiederholte sie
dringend, ich bin ja auf alles gefat.

So? gefat? ja, ja, mein Liebchen, murmelte der Doktor achtlos und
bewegte im Selbstgesprch die Lippen. Raus, schlo er pltzlich sein
Nachdenken und machte den beiden anderen eine energische Bewegung mit
dem Kopf, da sie sich entfernen sollten.

Wilms und Hedwig begaben sich in das niedrige frostige Wohnzimmer mit
den grnen Ripsmbeln.

Matt und in sich versunken lehnte das Mdchen hier auf dem Sofa, ber
das noch immer der graue Leinwandbezug gezogen war, whrend Wilms
schweigend durch das einzige Fenster auf den Hhnerhof hinausblickte.

Seit dem gestrigen Abend hatten die beiden noch kein Wort miteinander
gewechselt.

Ein seltsames Schweigen herrschte wieder zwischen ihnen.

Eine lange, bange Viertelstunde verstrich.

Dann trat der Physikus endlich breitbeinig herein und schlo die Tr
hinter sich zu.

Nun, Herr Doktor? fragte Wilms dumpf, der sich im selben Augenblick
zurckgewendet hatte. Aus den grob gemeielten Zgen des Mannes sprach
arbeitende, zurckgedmmte Angst, die ihm die Augen stier aus den Hhlen
heraustrieb und sich auch Hedwig mitteilte. Aber sonderbar! Als sie
ihren Blick flchtig ber den zitternden Riesen fortgleiten lie, da
drang zugleich ein spttisches Mitleid gegen diesen besorgten Gatten in
ihr Denken.

Mitten in ihrer Spannung lchelte sie spttisch.

Knnen Sie mir denn nicht ein bichen Trost schenken? stammelte der
Pchter von neuem. Ich kann's ja gar nicht mehr mit ansehen.

Trost? -- hm ja. -- Der Physikus lie seinen dicken Leib schwerfllig in
einen Polsterstuhl fallen und streichelte Hedwig, die sich erhoben
hatte, freundlich die Hand.

Na, Kindchen, immer hbsch artig hier drauen?

Ich will Ihnen was sagen, lieber Wilms, fuhr er dann ganz ernsthaft
fort, das Unterleibsleiden Ihrer Frau hat sich verschlimmert.

Groer Gott -- das -- das htt' ich nicht erwartet.

Der Pchter murmelte es in stumpfer Verzweiflung und lehnte sich, nach
Atem ringend, an die Wand. Und nach einer Weile brachte er hervor: Das
ertragen wir nicht, sie nicht, und ich nicht.

Armer Kerl, murmelte der Physikus und schttelte bedenklich den Kopf,
leider werden sich jetzt noch Krampfanflle einstellen -- ich hab' mir's
lngst gedacht, lngst. Und dann -- --

Und dann? unterbrach ihn Hedwig heftig und scharf und trat
aufgerichtet vor den Arzt hin. Nun mu doch etwas Energisches
geschehen, lieber Herr Doktor. Man kann es doch nicht einfach so
fortgehen lassen. Wollen Sie es nicht mit einer Operation versuchen?

In ihrer Heftigkeit stampfte sie leicht mit dem Fu und prete die Hnde
gegeneinander.

Eine Operation? knurrte der Physikus in sich hinein. Er schttelte den
Kopf, erhob sich chzend und begann eine Wanderung durch die Stube. So
oft er dabei an dem Landmann vorberkam, drehte er ein bichen an dessen
Rockknpfen; streifte er dagegen an Hedwig, so nickte er ihr in seinem
Selbstgesprch gedankenlos zu.

Endlich blieb er stehen und, indem er sich befriedigt den weien
Stoppelbart rieb, als wenn dieser hauptschlich an der Entwickelung
vorzglicher Gedanken beteiligt wre, gab er laut und bestimmt sein
Urteil ab: Nein, keine Operation; aber sie mu in ein Solbad -- ja, ja --
ganz recht -- und zwar sofort, denn es ist die allerhchste Zeit.

In ein Bad? wiederholte Wilms verwirrt, whrend er sich langsam ber
die Stirn strich.

Und ihm fiel wieder die unselige Schuld ein, die uneingelste, und wie
ihm beinahe alles fehlte, um nur die Haushaltung zu bestreiten. Die
Schweitropfen traten ihm auf die Stirn, nur mit schwerer Zunge konnte
er einwerfen: Aber -- aber die Mittel dazu werden wohl sehr groe sein?

Ja, billig ist's nicht, meinte Dr. Rumpf und sah den Pchter
teilnehmend an: Also morgen schreibe ich Ihnen, wohin Ihre Frau zu
gehen hat.

Damit verabschiedete er sich, ergriff seinen Stock, schttelte Wilms die
Hand und wollte eben dem Mdchen vterlich galant die Fingerspitzen
kssen, als er ordentlich erschreckt von ihr zurckfuhr und mit lautem
Ruf aus seiner Brusttasche einen mehrfach versiegelten Brief
hervorbrachte. Das htte ich beinahe vergessen, strafte er sich
selbst, Kindchen, hier -- dein Vater hat es mir mitgegeben. -- Es ist
Geld drinnen, und er sagte mir, da du es bereits erwartest. Ei, das
wre ja eine schne Geschichte geworden. Was? Na, adieu, Kindting.
Damit schritt Dr. Rumpf breitbeinig und ehrwrdig zur Tre hinaus und
fuhr geradeswegs zur Frsterin, deren zarte Haut noch am Abend allerlei
Kratzabzeichen aufwies, die des Physici Stoppelbart und seine
Heilmethode jedesmal hinterlieen. -- -- --

In der ungemtlichen guten Stube des Pachthauses blieben die zwei
Menschen allein.

Beide sahen sich an, der Landmann scheu und mit Herzklopfen, das Mdchen
fest und beinahe auffordernd, als erwarte sie, der Schwager mchte sie
nun fragen, warum sie sich das Geld habe nachsenden lassen.

Bezeichnend drckte sie den Brief gegen ihre Brust und lie ihre braunen
Augen ermunternd an den seinen hngen, jedoch Wilms schwieg und bi die
Lippen fest zusammen.

Eine Demtigung sollte nun folgen -- nur kein Geld von ihr -- nur das
nicht, fuhr es ihm durch den Sinn, und er raffte sich auf und wollte
hinausgehen.

Da tnte aus dem Krankenzimmer eine schwache, rchelnde Stimme
dazwischen.

Wilms -- Hedwig -- kommt zu mir.

Beide erschraken.

Es klang so fern, so geisterhaft.

Nun mute es geschehen.

Ehe es sich Wilms versah, stand Hedwig dicht vor dem Landmann, und
bewut und als gbe es keinen Widerspruch, drckte sie ihm mit einem
festen Blick den Brief in die Hand.

Er schob ihn zurck, als ob das Papier zwischen seinen Fingern beiendes
Feuer wrde, aber heftig, zornig stie das Mdchen das Dargebotene noch
einmal von sich.

Kommt doch zu mir, klagte es abermals von drinnen, weshalb bleibt
ihr so lange?

Hedwig -- was soll ich damit? stammelte Wilms, auf den Brief weisend.

Schnell! -- Es sind 5000 Mark -- ein Drittel meines Erbteils -- Wilms,
damit mut du dir helfen und dann Elses Reise bezahlen, hrst du?

Ich kann nicht -- ich darf ja nicht, Hedwig.

Warum nicht?

Weil -- weil -- -- er fand keine Antwort und hielt nur, wie von Ekel
erfat, das Geld weit von sich.

Willst du gerade mir nicht verpflichtet sein?

Ja, sthnte er.

Und aus welchem Grunde?

Weil -- --

Dem Bauern flimmerte es vor den Augen, die Kehle war ihm wie
zugeschnrt. O, er fhlte deutlich, da er das Geld nicht nehmen drfe,
weil dieses Mdchen, das so blhend, so krftig vor ihm stand, weil
dieses schne fremde Weib sich in sein Denken geschoben hatte, sndhaft
und abscheuerregend und dennoch etwas Unerkanntes in ihm erweckend, das
sich qualvoll und erfrischend zugleich in ihm emporhob.

Und wenn ich dich so recht darum bitte? drngte Hedwig einfach und
legte ihm vertrauensvoll die Hand auf die Schulter.

Beide blickten sich eine Sekunde lang an.

Da war es wieder. Da brach es wieder aus ihm hervor. Wilms zitterte am
ganzen Krper, tausend widersprechende Stimmen schrien in ihm
durcheinander.

Schlag sie nieder, reizten die einen.

Hast du nicht lange genug ein Weib entbehrt? flsterten die andern,
umarm' sie, kss' sie.

Groer Gott, was machst du aus mir, Hedwig? stie er tonlos hervor.
Ich darf ja nicht!

Und Elsen willst du nicht helfen? bat sie von neuem. Noch niemals
hatte sie so sanft zu ihm gesprochen.

Aus dem Krankenzimmer drang ein matter, ersterbender Laut.

Da prete Wilms pltzlich mit seiner brutalen Riesenkraft ihre beiden
Hnde in die seinen, die noch den Brief umschlossen, und nherte sein
Haupt dem ihren, als ob er dem Mdchen etwas zuraunen wollte. Aber kein
Wort ging ber seine Lippen, er sah sie nur an, und erst nach geraumer
Zeit drang es stckweise hervor: Ich nehm' es ja -- wenn du es willst --
denn du bist gut -- ja du bist gut.

Es war wie ein geheimes Einverstndnis ber beide gekommen. Und jetzt
lchelte sie ihn auch frisch und freimtig an, als sie ihn bat, nach
seiner Wirtschaft zu sehen, denn sie selbst wrde Else alles, was ber
die bevorstehende Reise beschlossen sei, schonend und ruhig mitteilen.

Er nickte und wandte sich langsam ab. Aber noch an der Tr streckte er
ihr in berwallendem Gefhl zum zweitenmal die Hand entgegen.

Hedwig stand noch immer und lchelte.

Geh nur.

Ja, ja, murmelte Wilms wie im Traum, und mit einem langen Blick: Du
bist gut.




X.


Am Nachmittag waren die beiden Schwestern allein. Wilms war in die Stadt
gefahren, um Herrn Rosenblt das vorgeschossene Geld zurckzuzahlen.

Es war gerade der achte Tag.

Und so waren die beiden Frauen auf sich selbst angewiesen. Bewegungslos
lag die Kranke in ihrem Bett, vor sich die Bibel, auf deren Deckel sie
leise hin- und herkratzte, und starrte apathisch auf den Hof hinaus, der
sich bereits in Dmmerung hllte.

Hedwig hatte bis dahin munter und emsig an einer eleganten
Seidenstickerei gearbeitet, jetzt aber lie sie sich ebenfalls am
Fenster nieder, und den Kopf auf die Hand gesttzt, trumte sie nun,
leise eine Melodie summend, in den sinkenden Tag hinaus.

Dunkelrot ging die Sonne hinter der Scheune zur Rste. Einen Augenblick
lang war das ganze Zimmer in magischen Glanz getaucht, selbst das
Antlitz der Kranken strahlte in wunderbarer Pracht.

Wie schn du bist, Hedwig, murmelte die Liegende, als ihr Blick die
Schwester traf, auf deren goldbraunen Haaren die Lichter purpurn, wie in
Verklrung spielten. Und gleich darauf wimmerte sie: Gott -- so war ich
auch einmal, und nun elend, gelhmt, immer auf fremde Leute angewiesen.

Jesus Christus, schrie sie pltzlich in ekstatischer Glut und hob die
abgemagerten Hnde in die leuchtende Hhe, da sie wie mit Blut befleckt
erschienen. Nimm mich doch zu dir, mach doch ein Ende mit mir elendem
Krppel -- ich ertrag's ja nicht lnger, wenn ich andere sehe, so schn,
so jung, und ich -- -- ach, in dem Bade wird's ja auch nicht besser
werden.

Hedwig rhrte sich nicht.

Die Kranke starrte ngstlich nach ihr hin und schien sie etwas fragen zu
wollen, aber nur ihre Brust hob sich etwas flchtiger als sonst.

Da schlich der alte Krischan, der zahnlose, taube Greis, ins Zimmer,
legte mit seiner zitternden Hand ein Zeitungsblatt auf den Tisch, und
entfernte sich wortlos, wie er erschienen war.

Seit Hedwig auf dem Pachthof weilte, wurde ihr aus der Stadt eine
Zeitung nachgesandt; und eilfertig erhob sich das Mdchen deshalb, um
die Lampe zu entznden und einen Blick in das Blatt werfen zu knnen.

Hedwig, rief die Kranke mit zitternder Stimme dazwischen, als das
Mdchen bereits ruhig ein paar Minuten im Schein der Lampe die
Tagesereignisse verfolgt hatte. Dabei war der Leserin allerdings
entgangen, wie ihre Schwester keinen Blick von ihr verwandt hatte,
obgleich sie sich erregt hin und her warf.

Willst du jetzt schon deine Medizin nehmen? fragte die Gerufene
willig, indem sie die Zeitung hinlegte.

Nein, mein Kind, noch nicht -- ich mchte, -- setze dich doch her zu mir
ans Bett, -- -- Wenn ich nun doch in das Bad soll, dann werden wir ja
nicht mehr lange so sitzen.

Schweigend folgte Hedwig dem Wunsch der Schwester und setzte sich auf
einen Korblehnstuhl, der zu Hupten des Bettes stand.

Die Kranke kauerte sich mit ihrem Kopf ganz in die Nhe der Schwester,
ergriff schlielich Hedwigs Hand und legte sie sich auf die Brust.

Deutlich fhlte das Mdchen, wie keuchend und rasch der Atem ging.

Eine Zeitlang verharrte sie so, als jedoch nach einer Weile die Jngere
von neuem nach der Medizinflasche griff, schttelte Else nervs den Kopf
und fragte berstrzt, als ob ihr dies schon lange auf der Seele
gelegen htte:

Hedwig, ich wollte dich einmal fragen, gefllt es dir denn bei uns?

Es lag etwas so ngstliches im Ton der armen Frau, da Hedwig unruhig
wurde.

Gewi, gab sie rasch zurck, berdies kam ich doch auch nur, um dich
zu pflegen --

Die Kranke richtete sich mhsam auf: Und was denkst du -- von Wilms?
fuhr sie hastig fort, ohne auf das eben Gehrte einzugehen.

Hedwig erschrak. Sie wute selbst nicht warum. Unwillkrlich mute sie
sich gerade jetzt daran erinnern, wie eisern fest Wilms heute vormittag
ihre Hnde umklammert hatte. Dem starken Mdchen wurde pltzlich das
Alleinsein mit der aufgeregten Kranken drckend und unheimlich.

Kannst du ihn leiden? forschte die letztere dringender, und umschlang
in ihrer sitzenden Stellung den Hals der Schwester.

O ja -- murmelte diese verwirrt -- dein Mann macht einen braven,
rechtschaffenen Eindruck. Und vor allen Dingen scheint er um dich so
aufrichtig besorgt.

Glaubst du? seufzte die Kranke erleichtert auf. -- Dann drckte sie
sich erregter an die Schwester, so da ihre Wange an der Hedwigs ruhte.

Schaudernd empfand die Jngere die Berhrung der feuchten
fiebergeschttelten Haut, ja ein leiser Widerwille beschlich sie, als
sie von der Kranken jetzt hei und zrtlich auf die Wange gekt wurde.

Ja, Gottlob, raunte die rmste dabei dicht vor dem Ohr der Schwester.
Er liebt mich noch immer. -- Aber -- aber -- o Gott, Hedwig, ich will dir
etwas anvertrauen. Sieh, wenn ich dich sehe, so schn und gesund, gerade
wie ich jetzt auch sein knnte, wenn ich mir unsere frhliche Jugendzeit
vorstelle, dann ist es mir manchmal, als ob ich Wilms -- o Gott --
verzeih' mir die Snde, rechne es mir nicht an, aus mir spricht ja nur
das Elend -- wimmerte sie dazwischen -- Hedwig, dann ist es mir
manchmal, als ob ich meinen Mann hate, -- hrst du? -- der mich zu
alledem gemacht hat. Bitter und giftig, wie ich noch nie einen Menschen
gehat habe. Und dabei -- ach, du kannst es ja nicht verstehen -- dabei
sehne ich mich ja so nach ihm, dabei mu ich immer an die ersten Monate
unserer Ehe denken, wo ich so glcklich bei ihm war und wir uns
herzten, sie zuckte zusammen und ri die glnzenden Augen weit auf.

Nein -- nein -- nein -- ach, du mein Gott, was sag' ich nur alles -- das
ist ja alles Todsnde -- Hedwig, glaube kein Wort davon, ich fiebere --
hre nicht darauf.

Und unvermittelt hob sie laut an zu beten; wirr durcheinander, mit den
Worten des Psalms:

    Herr Gott, mein Heiland, wie schreie ich Tag und Nacht vor dir.
    Du hast mich in die Grube hinuntergeleget in die Finsternis.
    Wirst du unter den Toten nicht endlich ein Wunder tun? --
    Erbarm' dich meiner -- Sela -- Sela.

Nach diesem Ausbruch fiel sie, wie ein lebloser Stein, schwer und dumpf
in ihre Kissen zurck, und blieb mit langsam verlschenden Augen liegen.

Kalt durchfrstelt, und doch voller Widerwillen gegen diese ekstatische
Art flte Hedwig der Erschpften, welche die Zhne krampfartig
zusammenbi, einige Tropfen der beruhigenden Medizin ein. Dann wischte
sie ihr den Schwei von der Stirn, was die Leidende alles mit denselben
erstarrten, ausdruckslosen Zgen geschehen lie.

Fast eine Stunde verrann so.

Kein Laut regte sich mehr in dem groen Zimmer. Traulich dmmernd, wie
immer, verbreitete die groe Stehlampe ihr Licht, und Hedwig sa an dem
Bett und sah scheu auf die Frau hin, die ihren Mann als den Zerstrer
ihrer Gesundheit hate und sich zugleich nach ihm sehnte in einer
wilden, unreinen Leidenschaft.

Unrein?

Mit schwachem Lcheln zuckte die Pflegerin die Achseln und lenkte ihre
Gedanken wieder auf sich selbst und jene eine Begebenheit zurck, wo
zuerst ein Mann ihren Lebensweg gekreuzt hatte. Nur trat ihr dabei, so
sehr sie sich auch Mhe gab, nicht der freche Brachwitz vor Augen --
nein, seltsam -- beinahe lcherlich -- immer fort, und je lnger desto
deutlicher, drang der starke Wilms auf sie ein, fate sie an beiden
Armen und beugte sich ber sie, immer gewaltsamer -- mit seinem ehrlichen
Gesicht, das doch so roh und zornig blicken konnte. O, es war ein so
schmerzhaftes, unselig-frohes Gefhl. -- -- Und sie sagte sich in ihrem
Hintrumen, da alles nur der Nachklang von Elses Erzhlung wre, und
sie stellte sich vor, wie warm und weich ihre Schwester wohl an Wilms
Halse gehangen htte, und dennoch -- und dennoch -- die Ahnung wurde immer
deutlicher, bis sie sich schaudernd aufraffte und sich schttelte.

Verwirrt strich sie ihr braunes Haar zurecht.

Aus der groen Kastenuhr schlug es achtmal.

So spt schon? -- Wo Wilms nur bleiben mochte? Und wieder erschrak sie
darber, da sie ihn erwarte.

Da -- sie fuhr auf.

Sprach ihr zur Seite nicht etwas?

Ach, mir ist viel besser, flsterte die Kranke leise sich regend und
legte ihre feuchte Hand wieder auf die der Schwester: Du bist auch so
still und sanft, mein ses Heting.

Wohl eine Stunde hatte die rmste vor Ermattung in tiefem Schlummer
gelegen, jetzt erhob sie sich mde und zerschlagen und blickte sich
dumpf im Zimmer um.

Ist Wilms noch nicht zurck?

Nein, noch nicht.

Wo fuhr er denn hin?

Nach Grimmen.

So? murmelte die Kranke in sich zusammensinkend -- Erzhlte er dir
das? Und nach einiger Zeit setzte sie gleichgltig hinzu: Er hat wohl
viel Vertrauen zu dir?

Ja, ich denke.

Die Kranke nahm von Hedwigs Hand ihre Medizin, das Mdchen schlug ihr
die Kissen zurecht, soda sich die Leidende besnftigt und ruhiger als
bisher ausstrecken konnte.

Dann lag sie und blickte ihrer schnen Schwester mehrere Minuten lang
unausgesetzt und grbelnd ins Gesicht. Hedwig scho das Blut in die
Wangen.

Sie wute selbst nicht warum.

Wnschst du etwas? forschte sie rasch.

Nein, nein, nichts. Komm, mein Liebling, ich will dich etwas fragen --
Ich bin doch deine Schwester, und du bist nun erwachsen -- Sieh, da
mcht' ich gern wissen, mein Heting, -- du darfst es mir aber nicht bel
nehmen -- ob du -- was du dort drben so in der Pension erlebt hast?

Es klang ein wenig ngstlich, aber doch mehr zudringlich und neugierig.

Statt einer Antwort lehnte sich Hedwig tief in ihren Lehnstuhl zurck
und schlo die Augen. -- Es war ihr, als senke sich die Decke des
niedrigen Zimmers immer tiefer auf sie herab, als fehle es ihr an Luft,
als wre alles zu eng und de auf diesem weltverlassenen Pachthofe. --
Was wollte nur die Schwester mit dieser albernen Frage? -- Wieviel
Spiebrgerlichkeit lag darin. Was ging sie das alles an?

Ah, jetzt verstehe ich dich, sagte sie endlich mit ihrer klaren
Stimme. Du denkst an das, was Graf Brachwitz gestern erzhlte.

Sie zog dabei die Arme hinter das Haupt und schaukelte mit dem Stuhl
leise hin und her.

Ja, ja, pflichtete Else bei, das geht mir gar nicht aus dem Kopf. Und
da gerade die beiden Frauen dabei waren. Es klang alles so dunkel,
Hedwig, sag' mir doch, mein Liebling, was hattest du mit dem Grafen?

Was ich mit ihm hatte?

Ja -- du mut mich recht verstehen -- -- ach, es regt mich so auf und jagt
mir soviel Angst ein -- -- du bist ja auch noch so unerfahren -- -- diese
schreckliche Unruhe hat mich seit gestern vollstndig niedergeworfen. --
Wir haben doch beide keine Mutter mehr, Hedwig, und da bin ich --

Was ich mit ihm hatte?

ber das Antlitz der Jngeren glitt ein kaltes, merkwrdiges Lcheln,
das wohl dem hlichen Ausdruck galt, welchen die Kranke gewhlt hatte.
Dann dehnte sie ihre volle, im Sessel ruhende Gestalt und schttelte den
Kopf, als wollte sie damit das Gesprch ein fr allemal abschneiden.

Hedwig, peinige mich nicht, rief die Kranke pltzlich mit spitzer,
gereizter Stimme. Was hattest du mit ihm?

Die Jngere wollte aufstehen. Die Gewhnlichkeit des Ausdruckes stach
sie geradezu, aber die Schwle, die von dieser abgezehrten Frau ausging,
die dumpfe Schwere, die bereits den krftigen Wilms zermrbt hatte,
prete auch sie in ihren Stuhl zurck.

Willst du mir keine Antwort geben?

Ja, antwortete Hedwig.

Nun also -- ich bitte dich.

Ganz einfach, Else. -- Der Graf ist, wie du weit, ein Lebemann --

O Gott -- und?

Du hrtest ja gestern. Deshalb drngte er sich, weil er viele hbsche
Mdchen dort vermutete, in unsre Pension ein und versuchte dann allerlei
lockere Tndeleien anzuknpfen.

Aber mit dir -- Hedwig -- mit dir?

Mit mir?

Ja.

Ein rascher Atemzug wurde hrbar. Der prachtvolle, junge Leib dieses
schnen Weibes wand sich, als ob er eine schmerzhafte Berhrung
empfnde, ein Schauer rieselte beinahe sichtbarlich ber sie hin, dann
aber strzte es rasch und wie gehetzt ber ihre Lippen:

Er hat einmal versucht, mich gewaltsam zu kssen -- weiter nichts.

Weiter nichts?

Zuvrderst ein langer befriedigter Seufzer der gesttigten Neugier. Dann
raffte sich die Kranke mhsam auf und blickte die schlanke,
zurckgelehnte Gestalt der Schwester mit furchtsamen, vor Erstaunen,
Neid und Bewunderung glhenden Augen an.

Ja, scho es ihr durch die krankhaft erregten Sinne, whrend sie
beinahe gierig nach dieser frischen Jugend hinstarrte, ja sie ist
verfhrerisch schn, dieses hingestreckte Ding mit den lichtbraunen,
goldfunkelnden Haaren. Und mit heftig erwachender Neigung berflog sie
die blhende Gesichtsfarbe der Schwester, entzckte sich an dem
verschleierten Leuchten und Blitzen der Augen und empfand, wie vornehm
das straffe schwarze Kleid die ganze Gestalt umschlo.

Heting, mein ses Kind, stammelte sie und berdeckte unvermutet die
Hand der berraschten mit brennenden Kssen. Eine irre, praktische
Hoffnung dmmerte dabei in ihr auf: Liebt dich denn der Graf so sehr?

Hedwig zuckte zusammen und wurde sehr bla.

Else bemerkte es.

La das, erwiderte die Jngere endlich herb, erhob sich und schritt
rasch bis zum Tisch, um an der Lampe zu schrauben.

Nein? rief Else entsetzt, ja aber aus welchem Grunde?

Er ist einfach frech gewesen.

Frech? -- Groer Gott -- Hedwig, dreh' dich doch um -- dann -- dann
durftest du ja hier gar nicht mit ihm zusammentreffen -- wenn ich das
gewut htt' -- -- Du hast dich doch damals gewehrt? Nicht wahr?

Ja, flog es halblaut vom Tisch herber.

Es klang wie von zusammengepreten Lippen.

Hedwig, du sollst dich umdrehen. -- Ich will dich sehen knnen, schrie
die Kranke mit durchdringender Stimme.

Und in demselben Augenblick wendete sich das Mdchen, und die Leidende,
so erschpft sie war, sah voller Verwunderung, wie Hedwig, die
Medizinflasche in der Hand, mit ihrem sicheren, selbstbewuten Ausdruck
und achselzuckend auf das Bett zuschritt.

Heting, mein Liebling, flsterte sie, beruhige mich doch. Weiter ist
zwischen euch nichts vorgefallen?

Nichts, entgegnete die andere, die Augenbrauen zusammenziehend.
Siehst du, da du doch diese ganze dumme Geschichte viel zu ernst
nimmst? Hier trink' deine Medizin.

Nein, la noch -- Heting -- wirklich weiter nichts? -- Weiter nichts?

War es mglich?

Die Kranke schluchzte, flehte, bettelte pltzlich halb besinnungslos um
eine Entgegnung und hob ihren mageren Krper weit in die Hhe.

Eine Pause entstand.

Die Gefragte blickte starr auf sie hin. Dann glitt von neuem ein
verchtliches Zucken um die aufgeworfenen Mdchenlippen und kurz und
gereizt kam die Antwort: Ich bitte dich, gib dich nun zur Ruhe. Was
soll denn noch alles vorgefallen sein? -- Komm', Else, du mut deine
Medizin nehmen.

So endete dieses Gesprch. Die Krankheit trat wieder in ihre Rechte. Es
wurde spt. Jeder Laut auf dem Gute erstarb, und noch immer war Wilms
nicht heimgekehrt. Erst als die groe Kastenuhr bereits die elfte Stunde
gemeldet hatte, hrten die beiden Schwestern seinen Wagen durch den
Torweg rollen.

Wo ist Hedwig? fragte Wilms noch unter der Tr. Aber er forschte
vergeblich.

Beim ersten Gerusch war Hedwig bereits aufgesprungen, hatte die
Schwester auf die Stirn gekt und war dann sofort in ihre Kammer
hinaufgestiegen.

Schon zu Bett, entgegnete die Kranke matt, und es fiel ihr nicht auf,
da der Pchter, der heute so frisch und froh und stattlich wie selten
aussah, zuerst nach dem Mdchen gefragt hatte.

Und siehe -- eine Stunde spter, da war der frohe Schein von seiner Stirn
verschwunden.

Zusammengeduckt sa der groe Mann in dem Lehnstuhl, welchen Hedwig
vorhin verlassen, und lauschte gedankenlos auf die raschen, rchelnden
Atemzge seines Weibes. Es war ganz dunkel ringsumher. Nur aus einem
Glase flackerte ein auf l schwimmendes Nachtlichtchen heraus.

Und der Mann sa und dachte an das, was ihm sein armes Weib eben
anvertraut hatte.

Gekt hatte sie der junge, lebenstrotzende Mensch?

Es war eine grobe Beleidigung -- auch fr den Landmann. Aber das fhlte
er nicht.

Er nickte und hockte und das Herz drckte ihm etwas weh und wund.

Ob sie sich wohl gewehrt hat? dachte er mde.

Ein chzen seines Weibes schob sich dazwischen. Er beugte sich leise zu
ihr hinber und fuhr ihr beruhigend mit seiner groben Hand ber Wange
und Hals.

Und dabei irrten seine Gedanken wieder zu dem jungen Geschpf, das dort
oben unter dem Dach schlummerte, ebenso wie hier sein Weib, und das sich
vielleicht sehnte und verlangend die weien Arme nach dem Verfhrer
ausstreckte.

Halb betubt vor Mdigkeit sank sein mchtiges Haupt endlich schwer auf
die Kissen, so da Else davon erwachte und zrtlich ihre Arme um seinen
Nacken schlang.

Und mit irrer Sehnsucht und verlschendem Bewutsein prete er seine
Lippen auf den abgezehrten Arm der Bedauernswerten und sthnte in
verzweifelter Seelenqual tief und markerschtternd auf.

       *       *       *       *       *

Aber als die Wnsche des unglcklichen Mannes scheu in das
Dachkmmerchen drangen, wo er das schnere jngere Weib auf seinem Lager
ruhend vermutete, da hatte er recht geahnt, beinahe wie wenn sein
geistiges Auge die Mauern htte durchdringen knnen.

Da lag sie, vor Lebensglut und Herzensangst zitternd, und streckte die
weien Arme aus. Aber nicht nach dem Verfhrer, nein, nach etwas
anderem, Unbekannten, das sie nicht nennen konnte.

Der Schlaf wollte sich nicht einstellen, unruhig, schauernd, sich selbst
unerklrlich, warf sie sich herum, sttzte den Kopf in die weichen Hnde
und schaute regungslos durch das kleine Fensterchen zum Sternenhimmel
empor. ber das Strohdach, dicht ber ihr suselte der Nachtwind. Sie
hrte das heimliche Gerusch, wenn er mit den losen Halmen spielte, und
ihr war es, als schlge wieder die heie, glhende Stimme des jungen,
frechen Edelmannes an ihr Ohr. Ihre Brust ging auf und ab. Und da -- da
stieg es wieder herauf -- da sah sie von neuem das ganze Bild jener
unseligen Stunde vor sich, deren Einzelheiten sie vorhin ihrer Schwester
so sorglich verborgen hatte.

Da fand sie sich wieder in dem kleinen Pensionsstbchen, ein vor
berraschung und Angst gelhmtes Geschpf, das von dem liebestollen
Eindringling mit Kssen berdeckt wird, -- das vor Scham nur leise Bitten
hervorstammeln und um Schonung flehen kann, und das, nachdem einmal die
Binde roh von seinen Augen gerissen ist, sich wehrt, -- wehrt mit
verzweifelter, glhender, endlich siegreicher Kraft gegen einen
Angriff, von dem sie ahnt, da er ihr etwas Kostbares, Hchstes rauben
mu! Groer Gott, was ist seitdem aus ihr geworden? -- Was!! Sie wirft
sich nieder und pret ihr Gesicht in die Kissen. Seitdem ringt sie ja
tglich so. Nicht mit dem einen, nein, mit allen, allen. Sie schleicht
sich in ihrer Vorstellung an diese Rohen, Verhaten heran, wie das
hungrige Meer dort drben nahe der Insel, das gegen die Felsblcke
schlgt und donnert, und das die Steine zu sich herabziehen will, um sie
zu kssen, zu umarmen und zu ersufen.

Groer Gott! -- Sie will beten. Aber sie kann nicht beten. Sie verlacht
ja den geoffenbarten Glauben. Das hat sie auch drben gelernt von ein
paar schwedischen Mitschlerinnen, welche ihr all jene Bcher geborgt
haben, die wie Sturmwind Nebel und Wolken verjagen, aber auch das Meer
der Leidenschaft immer wilder in die Hhe peitschen.

Jetzt schumt's und brandet's. Hui, der Sturm pfeift.

Groer Gott -- Groer Gott.

Und dann stt sie die Decken von sich, da der Mond ihre weien Glieder
kt, und weint bitterlich.

Frhlingsschauer!




Zweites Buch.

I.


Wilmshus liegt versunken im tiefen Schnee. Zeitig ist der Winter
hereingebrochen und hat den den Pachthof vllig verschneit. Und doch
regt sich Leben in der weltabgeschiedenen Besitzung. Seit die Kranke,
von Hedwig begleitet, in dem fernen Solbad weilt, ist der lastende
Zauber von der Wirtschaft gewichen.

Lichter Rauch steigt aus dem Schornstein in die blaue, kalte Luft, Wilms
steht mit seinen groen Transtiefeln, das Wams bis an den Hals
zugeknpft, frisch und rstig auf dem Hof und lt die Scheunen
ausbessern, Viehzucht und Molkerei gedeihen, berall Ttigkeit in dem
einsamen Winkel, Spuren knftigen, rckkehrenden Wohlstandes.

Da klingelt ein Schlitten auf der Landstrae heran. Vielstimmiges
Hundegebell wird laut, und da hlt auch schon der unfrmige Kasten und
enthllt seine seltsam gemischte Ladung. Es sind der junge Graf
Brachwitz und Frster Eltze, welche zur Jagd fahren, mit dem Pastor
Schirmer, der Wilms aufsuchen will, und deshalb allein aussteigt.

Ho, ho -- Wilms, hier heran, -- hier heran, brllt inzwischen der
gutmtige Frster, whrend er mit seinen Riesenfusten, die in
kolossalen Pelzhandschuhen stecken, aus Leibeskrften winkt, und als
Wilms an den Schlitten tritt, um den jungen Edelmann befangen und
einsilbig zu begren, wird dem Pchter von dem Weidmann ein groes
Paket unter den Arm geschoben.

Hier, Wilms -- von meiner Frau. -- Ein paar Wrste und so was. Na schon
gut. -- Bei Ihnen als Strohwitwer wird ja diesmal davon wenig zu spren
sein, was?

Ja, sagen Sie mal, lieber Nachbar, wirft der junge Brachwitz
dazwischen, der in seinem pelzbesetzten Jagdkostm zurcklehnt und eine
Zigarre raucht. Wie geht es eigentlich Ihrer Frau? -- Gute Nachrichten?

Einsilbig erzhlt der Pchter, da er krzlich von seiner Schwgerin
einen Brief erhalten, wonach der Zustand der Kranken sich schon etwas
gebessert htte.

Nun, da gratuliere ich Ihnen von Herzen, lieber Herr Wilms, entgegnet
der Graf aufmerksam, und nachdem er dem Pchter eine Zigarre angeboten,
erkundigt er sich leichthin:

Ihr Frulein Schwgerin kommt ja wohl in Krze wieder hierher zurck?

Wilms Antlitz verfinstert sich. Er nickt blo.

Und wann, wenn ich fragen darf?

Das ist unbestimmt, sagt der Landmann dster, und tritt dem Schlitten
etwas nher.

So, so, der Graf mit den krftigen Pchter von oben bis unten, wobei
er unwillkrlich an das Gewehr greift, dann gibt er dem Kutscher
lchelnd das Zeichen zum Weiterfahren, nicht jedoch, ohne vorher mit
groer Hflichkeit die Hoffnung ausgesprochen zu haben, den Pchter bald
wieder begren zu knnen.

Vorwrts.

Der Schlitten fliegt davon.

       *       *       *       *       *

Pastor Schirmer blieb ber den Kaffee da.

In dem groen Zimmer, in dem noch immer das Krankenbett wie eine dstere
Mahnung stand, dampfte in groen altfrnkischen Schalen der braune Trank
auf dem Tische, und die beiden Herren saen gemtlich dahinter und
plauderten.

Die Hofarbeit war vollendet, das Tagewerk vollbracht, nun konnte der
emsige Landmann der Ruhe pflegen. Man steckte zwei groe, lange Pfeifen
an, die Wilms in den Krankheitsjahren unbenutzt im Schrank verborgen
hatte, und in kurzer Zeit hatten die beiden Herren, jeder behaglich im
Sofa zurckgelehnt, mchtige blaue Wolken um sich verbreitet.

Ein ser, angenehmer Tabaksduft fllte die Stube.

Ja, ja, sprach der Landmann nachdenklich vor sich hin, meine arme
Frau konnte den Geruch nicht vertragen, er verursachte ihr Hustenreiz
und ich -- -- kam es unwillkrlich heraus, hab' ihn dabei so gern.

Lieber Freund, man mu sich eben fgen, paffte der kleine Pastor und
nahm einen Schluck Kaffee, ja, mu sich fgen. Darin besteht
schlielich unser ganzes Christentum. -- Was ich sagen wollte -- -- Ihre
liebe Frau -- -- -- Sie bangen sich doch wohl schon sehr nach ihr?

Wilms nickte und rauchte in langen Zgen weiter.

Ja, es fehlte ihm etwas, er sehnte sich nach irgend etwas, sein Haus
erschien ihm jetzt oft so leer und freudlos, und dennoch zog sich sein
Herz vor Furcht zusammen, wenn er an Elses Rckkehr dachte. Sein
jetziges einsames Dasein schien ihm dann ertrglicher. Wenn er nur
dieses schmerzliche Sehnsuchtsgefhl aus seiner Brust htte verbannen
knnen. Es galt ja doch blo seinem Weibe. Nur ihr.

Freilich, solch ewiges Leid, murmelte der kleine Pastor mit seiner
dnnen Stimme weiter, das schliet die Menschen wie mit eisernen
Ketten aneinander, nicht wahr?

Ewiges -- Leid, wiederholte der andere mechanisch und blickte starr auf
das Bett hinber. Ja, Sie haben recht, Herr Pastor. Eine Zeitlang
schwiegen die beiden Freunde und hingen ihren Gedanken nach.

Die Pfeifen glimmten, drauen fiel Schnee, es war behaglich warm im
Zimmer.

So merkten sie nicht, da sich inzwischen die Tr leise geffnet und der
dicke Kreisphysikus Dr. Rumpf unbemerkt hereingetreten war. In seinem
Pelz, in Pelzmtze und derben Wasserstiefeln sah er wie ein borstiges
Ungeheuer aus. 'n Abend, Kindtings, 'n Abend, chzte er.

Kaum hatte Wilms seinen muntern Gast erfreut seiner zottigen Hllen
beraubt, so warf sich der Physikus pustend neben dem Pastor auf einen
Lehnstuhl nieder, nahm dem Geistlichen einfach die Tasse weg, trank dann
mehrere Schalen des heien Getrnks und schien endlich erwrmt zu sein.

Verdammter Frost, schnaufte er zuletzt und schlug sich befriedigt auf
seinen Kugelbauch. Komme hier blo 'raus, Wilms, um Ihnen zu erzhlen,
da ich einen Brief vom Anstaltsarzt in Inowrazlaw erhalten habe.

Nun, was denn, Herr Doktor, was gibt es denn? rief der Landmann
aufgeschreckt und sprang auf.

Na, es geht ganz leidlich, schreibt er. Sehen Sie, ich hab's gleich
gesagt. Nun soll sie nur noch an grere Selbstndigkeit gewhnt werden,
und deshalb schickt er Ihre Schwgerin nach Hause. In diesen Tagen sogar
schon. -- Ein reizendes Ding brigens, die kleine Hete, was? schmunzelte
der Physikus pltzlich ber das ganze Gesicht und kratzte in seinem
Stoppelbart; ich freue mich ordentlich darauf, da wir sie bald wieder
nach Grimmen bekommen.

Wilms blieb stehen. Nach Grimmen? wiederholte er schwerfllig. Geht
denn -- Hedwig zu meinem Schwiegervater zurck?

Na, vermutlich doch; oder haben Sie sie hier ntig, Wilms?

Ich?

Eine Unruhe befiel den starken Mann, er strich mit seiner Hand ber die
kurzgeschorenen Haare, dann uerte er auffallend hart und abweisend:
Nein, ich nicht.

Na, sehen Sie, sagte der Physikus gemtlich. Dann klopfte er mit der
Hand auf den Tisch. Vorwrts, meine Herren, jetzt machen wir ein
Sktchen; Karten hab' ich bei mir, und Sie stecken die Lampe an,
Wilms.

Lieber Doktor, das viele Kartenspielen halte ich fr -- -- -- wollte
Pastor Schirmer kleinlaut einwenden, aber der Physikus schlug noch
energischer auf den Tisch und knurrte: Ach Unsinn, machen Sie weiter
keine Umstnde, Pastor, -- und solange Sie gewinnen, ist Ihre liebe Frau
mit allem einverstanden. -- Wer gibt? -- Na also -- Wilms, bringen Sie die
Lampe -- Tourn, Pastor? Solettchen auch? Na dann Eichel. Raus mit den
Trimphern, meine Herren, -- Wilms, die Lampe blakt -- was gibt's Neues,
Pastor?

In bester Eintracht spielten die Herren fort.

Nur Wilms, der sonst ein vorzglicher Spieler war, beging einen Fehler
nach dem andern, zuletzt strte er sogar offenbar die Plne seines
Partners.

Der Pastor legte sanft die Karten auf den Tisch.

Na hren Sie mal, Wilms -- sagte er bedenklich, so was ist noch gar
nicht dagewesen -- haben die Treffzehn blank und werfen Sie mir nicht
'rein?

Ja, und ziehen dem geistlichen Herrn das Geld aus der Tasche? schrie
der Physikus.

Worber grbeln Sie denn immerfort? Mssen auch nicht zu viel an Ihre
Frau denken.

An seine Frau? Ja, er grbelte und qulte sich und sann -- -- aber die
Hnde mit den Karten begannen ihm vor Schreck zu zittern, bleischwer
fiel es ihm aufs Herz, er dachte ja gar nicht an sein unglckliches
Weib, all seine Erinnerung galt der Jngeren, diesem herrlichen jungen
Geschpfe, dessen Bild er nicht bannen konnte, das er immer wieder sah,
wei und rosig, so wie damals als sie ihre junge Schnheit dem Regen
preisgab. Den Sinn verwirrte es ihm noch.

Und sie wollte zu ihrem Vater zurckkehren, und nicht zu ihm, nicht in
dies Haus, das so leer war?

Die Herren spielten weiter. Noch ein paar Stunden, dann trennte man
sich.

       *       *       *       *       *

Einige Tage verstrichen, emsig wurde geschafft, nur mit der Molkerei,
die Wilms mit Hedwig eingerichtet, wollte es nicht mehr glcken. Hier
fehlte die anordnende, weibliche Hand.

Wenn das Frulein man wieder da wr, klagte die Obermagd eines Tages
dem Landmann.

Sie geht zu ihrem Vater, dachte Wilms trbe. Was kmmern wir sie.

Ernst und verschlossen ging er seitdem umher. Der Schnee fiel drauen
immer dichter und legte sich wie ein weier Wall um das Gehft.

Dadurch wurde es wieder so still und einsam, wie je zuvor. Ein Tag nach
dem andern verflo. In der Landwirtschaft gab es jetzt nichts mehr zu
wirken. Schweigend sa der Pchter oft stundenlang am Fenster, blickte
ber den verschneiten Hof und wartete, ob ihm nicht der Landbrieftrger
ein Lebenszeichen von den beiden Frauen bringen wrde.

Aber nichts von alledem geschah.

Und allmhlich verfiel er wieder in sein dsteres Hinbrten; der groe
Mann mit den kurzgeschorenen, blonden Haaren verbrachte dann ganze
Stunden im Zimmer. Er wanderte auf und ab, sah dabei auf das reinlich
zugedeckte Krankenlager seines Weibes, oder nahm ihre Bibel in die Hand
und starrte interesselos hinein, whrend er sich an die von ihr mit
Vorliebe gebrauchten Gebete erinnerte.

Dann begann er einige der Verse nachzusprechen und schttelte sich
zuweilen pltzlich, als ob ihn etwas Widerliches berliefe. Oft auch
nahm er ein Bild von der Spiegelkommode, das Else als Braut darstellte,
um es lange und aufmerksam zu betrachten. Wie blond sich ihre Zpfe
damals ums Haupt ringelten. -- Wie hnlich sie zu jener Zeit Hedwig
gewesen! Rasch stellte er bei solcher Gelegenheit die Photographie
wieder an ihren Platz und lief auf den Hof hinaus, wo er mit seinen
Leuten schalt und haderte.

Sie wunderten sich ber den Herrn. So hatte man ihn selten gesehen.

Und noch immer langte die erwnschte Nachricht nicht an.

Da endlich, eines Morgens, -- Wilms sa noch beim Kaffee -- da schlich der
taube Krischan in die Stube, schielte seinen Herrn an und legte
schweigend einen Brief auf den Tisch.

Wilms klopfte das Herz. Mit zitternden Fingern erbrach er das Schreiben,
nachdem sich der Alte entfernt hatte, aber es war nur ein gedrucktes
Formular, das eine Einladung zu einer lndlichen Versammlung enthielt,
die der ltere Graf Brachwitz einberief.

Wilms warf den Fetzen achtlos auf die Erde und seufzte tief auf. Er
interessierte sich nicht fr Politik.

Jawoll, meinte der Frster, der nachmittags im Vorbeigehen vorsprach,
indem er das Zirkular bemerkte. Der Graf will sich ja in den Reichstag
whlen lassen. Dazu soll hier ein Verein gegrndet werden. Zur Hebung
der Sittlichkeit auf dem Lande. Na ja, alter Freund, es soll ja bei uns
auch ganz doll zugehen. -- Die verdammten Weibsbilder -- haben Sie's nicht
auch schon bemerkt, Wilms? Kaum hat man mal eine fr die Hofarbeit in
Lohn genommen -- pardauz mu man sie wieder entlassen. -- Is da was los
mit so ner Person. -- Ne -- die Sittlichkeit, -- wei der Deuwel -- man
kann den Frauenzimmern nicht trauen.

Er kraute sich hinter den Ohren. Da soll ja neulich auch was mit einer
Verheirateten vorgekommen sein, -- warten Sie mal -- es war sogar 'ne
Adlige hier in der Nhe. Aber lachen Sie mich nicht aus, ich glaub's
nicht, weil bei Eheleuten 'ne zu groe Portion Schlechtigkeit dazu
gehrt -- Pfui Deuwel, kann ich blo sagen.

Wilms blickte den gutmtigen Riesen starr an. Seine Lippen bewegten
sich, aber er erwiderte kein Wort.

Na guten Morgen, Wilms, wie geht's Ihrer Frau?

Besser.

Und Ihrer Schwgerin?

Wilms rhrte sich nicht: Darber wei ich nichts.

Na, denn Adieu!

Adieu auch, Eltze.

Aber lange noch, whrend er ber seinen Wirtschaftsbchern rechnete und
schrieb, tnte es vor seinen Ohren:

Bei Eheleuten gehrt eine zu groe Schlechtigkeit dazu.

Der Schwei perlte ihm auf der Stirn. Die Zahlen vor ihm fingen an zu
tanzen. -- Wenn er nur Kraft finden knnte, sich gegen die bsen Gedanken
zu wehren. Aber da nagte und bi schon wieder solch tckischer Einfall.
Bei Eheleuten hie es -- Ja, aber war er denn eigentlich verheiratet?
Besa er denn ein Weib? -- -- -- oder hatte Gott der Allmchtige nicht eine
Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet?

Nur das nicht, sthnte er, nur das nicht. Nur nicht diese
entsetzlichen, verzweifelten Anklagen. Und er vergrub sich von neuem in
seine Papiere und arbeitete, bis die Lampe zu verlschen drohte.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Tage erhielt er abermals ein gleichlautendes Zirkular.
Zugleich erschien bei ihm der Inspektor Grothe aus Boltenhagen, ein
groer, breitschultriger Mann, der das Hauptgut des Grafen Brachwitz
bewirtschaftete. Er sollte den Pchter noch besonders zu der Versammlung
einladen.

Nein, ich komm nicht, entgegnete Wilms, whrend sich der Inspektor in
der groen Stube den Schnee abschttelte, und der Abgesandte rusperte
sich zufrieden und meinte: Da haben Sie auch recht.

Na, wieso, Herr Grothe, es handelt sich doch eigentlich um einen guten
Zweck.

Schnen guten Zweck, brummte der andre, indem er den Mund verzog:
Sittlichkeit -- da soll sich der Graf man zuerst um seinen Sohn kmmern.
Aber da werden alle Dirns auf dem Hofe unsicher gemacht, da es eine
Schande ist, und dann soll so'n Verein gegrndet werden.

Sobald der Pchter den Namen des jungen Brachwitz vernahm, stieg ihm
langsam das Blut in die Schlfen, so da er kaum dem anderen seine
Bewegung verbergen konnte. Lassen Sie man, Grothe, schnitt er kurz ab,
ich hr' so was nicht gern.

I -- ich sag ja auch gar nichts gegen den jungen Mann. -- Is sogar ein
ganz netter, liebenswrdiger Mensch. Und es is 'ne wahre Dummheit vom
Alten, da er den Jungen nicht bei's Militr gelassen. Hier in der
Wirtschaft versteht das natrlich nichts, und wei das nichts -- und
verfllt auf lauter Dummheiten. -- Die Frstersfrau kann ihn ja auch
nicht los werden, setzte er leiser hinzu, aber sie soll ihm ja neulich
gehrig die Tr gewiesen haben.

Wilms konnte nicht lnger zuhren.

Herr Grothe -- ich mu jetzt -- ich hab noch notwendig was zu tun --
Gren Sie den Herrn Grafen, und -- ja ich werd' woll auch kommen.

Na schn, verabschiedete sich der Inspektor. Geht's Ihrer lieben Frau
gut?

Ja, ich danke.

Sie schttelten sich die Hnde, und der Abgesandte des Grafen ritt
langsam vom Hof herunter.

       *       *       *       *       *

Aber der Besuch hatte seine Folge.

In der langen Zeit, in der sich Wilms in dem schneeverwehten Gehft so
einsam fhlte und mit all seinen sehnschtigen Gedanken an der fernen
Hedwig hing, da hatte er alles vergessen, was er von ihr zu wissen
glaubte, da war sie ihm als die reine, herbe unerreichbar hohe Jungfrau
erschienen. Jetzt, als ihm das wilde Treiben des Junkers geschildert
wurde, da erhoben die hlichen Zweifel abermals ihr Haupt, da erwachte
er wieder zur Wirklichkeit, ein krftiges Gefhl der Verachtung gegen
sich selbst regte sich in ihm, und mit aller Macht suchte er die
hliche aufkeimende Neigung abzuschtteln.

Zehnmal des Tages las er jetzt die wenigen Zeilen, die ihm Else bereits
wchentlich schreiben konnte, fuhr dann mit seiner rauhen Hand zrtlich
ber das Papier, und legte es schlielich in das Paket, in dem er die
Briefe aus der Brautzeit bewahrte.

Mein Elsing -- sie wird nun bald ganz gesund sein -- und dann werden wir
mit Gottes Hilfe wieder glcklich -- ach so glcklich, wie damals, eh'
die schwere Zeit begann. Er seufzte. Wenn sie doch erst da wr.

       *       *       *       *       *

Immer mehr rckte der Winter vor. Es ging stark auf Weihnachten. Wilms
merkte, da seine Leute kleine Geschenke fr ihre Familien einkauften.

Das bewegte ihm das Herz. Wieder mute er an sein fernes Weib denken.

Soll ich fr den Herrn auch 'ne schne Tann' putzen? fragte die
Obermagd.

Es klang wie Mitgefhl aus den wenigen Worten, als sie auf den einsamen
Mann blickte.

Wilms dankte.

Ne, la man, Drthe -- fr mich allein. -- Es hat keinen Zweck.

Aber nachmittags lie er den Schlitten anspannen und fuhr zur Stadt. Er
wollte Else etwas kaufen, seinem armen, langsam gesundenden Weibe eine
Freude bereiten.

ber die verschneite, dunkle Landstrae klingelte er endlich in Grimmen
ein und whlte bei dem einzigen Juwelier des Stdtchens ein kleines
goldnes Herz an einer dnnen Kette.

Er stand dabei, als man seinen Namen Wilms in das Gold eingrub.

Mit der Poesie einfacher Naturen wollte er damit dartun, da sein ganzes
Herz auf ewig seinem Weibe gehre. In dem Gasthof, in welchem er seinen
Schlitten eingestellt hatte, sa er noch eine Weile bei einem Glase Grog
und plauderte mit dem Wirt in der dunkelbraun verrucherten Gaststube.
Der Pchter erfuhr, da sein Schwiegervater, der alte Rendant Schrder,
noch allabendlich die Honoratiorenstube besuche.

Hedwig ist wohl noch nicht zurck? erkundigte sich der Landmann
leichthin.

Der Wirt mit dem grnen Sammetmtzchen verneinte. Da bezahlte Wilms und
brach auf.

Es war dunkel und kalt auf dem Heimweg. Der Wind strich scharf ber den
offenen Schlitten und warf dem Landmann spitze Eisnadeln ins Gesicht.
Eine Sehnsucht nach einer warmen, gemtlichen Stube beschlich ihn, wo
ein helles Feuer brannte, und eine liebe weibliche Hand dem Eintretenden
den dick beschneiten Pelz abnahm.

Die Luft wurde immer schneidender. Hochoben flimmerten ein paar
frostige Sterne. Wilms fror. Manchmal konnte er bei einzelnen
freistehenden Husern, an denen sie vorbeiflogen, in die trb
erleuchteten Stuben blicken. Da sah man schon Christbume, welche
geschmckt wurden. Im Hauptgut Boltenhagen klangen Kirchenglocken durch
die Nacht. Hohl und feierlich luteten sie das Fest ein. Vorboten der
groen Freude.

Wilms fate unwillkrlich an die Brusttasche, in der das Pckchen mit
dem Goldherz verborgen war, und trieb seinen Kutscher zu grerer Eile
an.

Die Glockentne verklangen, wieder Schnee, Dunkelheit, Landstrae und
weies Feld -- halb erlahmt vor Nsse und Klte langten Mensch und Vieh
endlich auf dem Pachtgut Wilmshus an und fuhren in den einsamen, von
dickem Schneewall umgebenen Hof.

Rings lag alles in Dunkelheit gehllt. Nur hinter den herabgelassenen
Rouleaux der groen Stube leuchtete Licht.

Hbsch von Drthe, dachte Wilms, whrend er ber den Flur schritt,
die Dirn hat Mitleid mit mir.

Er ffnete gleichgltig, zuckte zusammen und blieb starr und gro unter
den Pfosten stehen.




II.


Dicht vor ihm stand Hedwig in ihrem einfachen, schwarzen Kleid und
streckte ihm mit froher Herzlichkeit die Hand entgegen. Ein anmutiges
Lcheln umspielte dabei ihr blhendes Antlitz. Na, Schwager, neckte
sie leicht, der neue Gast gefllt dir wohl nicht?

In dem Ofen brannte ein flackerndes Feuer, in der hellen, durchwrmten
Stube weilte ein liebes, reizendes Geschpf, bereit, den groen Mann von
seinem schweren Pelze zu befreien; es war alles so, wie er es sich
gedacht hatte.

Aber den ungeschickten Mann wrgte es zuerst, als ob von unsichtbarer
Hand seine Kehle zusammengepret wrde. -- Halb religise Vorstellungen
durchflogen ihn, wie er sie als Knabe gehegt, oder von Else angenommen
hatte.

Sie war da.

Die Versuchung war wieder da.

All die Angst, die er ihretwegen in der langen Zeit erduldet, strzte in
seine Erinnerung und wandelte seinen Gegengru, als er sich endlich
aufraffte, zu einem unverstndlichen Murmeln.

Hedwig -- -- willkommen -- du --

Dann bemerkte er, da sie ihm noch immer die Hand entgegenhielt, und
prete sie unbeholfen zwischen seinen Fingern.

O -- sie verzog schmerzhaft den Mund.

Von seinem Pelz troff das Eiswasser auf ihr Kleid.

Er entschuldigte sich und wurde verlegen, als sie ihm beim Ausziehen
behilflich war.

Der Tisch war wei gedeckt, ein heier Grog dampfte schon, alles war fr
ein schmackhaftes Abendbrot zubereitet. Sogar die beiden Servietten
waren in anmutige Falten gelegt. Man konnte merken, da diesmal eine
Frau von guter Erziehung den Tisch besorgt hatte.

Verblfft musterte Wilms diese Anstalten.

Es kam ihm alles so berraschend, er konnte sich so gar nicht in den
neuen Zustand finden. Ungelenk ntigte er endlich den Gast auf das Sofa
und setzte sich dem Mdchen auf einem Stuhl gegenber.

Lchelnd ber seine Verlegenheit wollte ihm Hedwig einige Speisen
vorlegen, jedoch er hielt pltzlich ihre schon erhobene Hand fest und
begann ungestm zu fragen:

Noch nicht -- noch nicht -- vor allen Dingen, wie geht es meiner Frau?

Das Mdchen nickte ermunternd: Gut -- berhaupt berraschend -- so gut,
da sie schon in acht Tagen hier eintreffen wird.

Was? Gott sei Dank, murmelte Wilms. Kann sie denn schon gehen?

Ja, zwar noch auf einen Stock gesttzt, aber es wird mit jedem Tag
besser.

Und du, Hedwig? stockte er und sah sie wieder so verstndnislos an,
da sie in ein frhliches Gelchter ausbrach.

Du willst fragen, was ich nun eigentlich hier bei dir will? begann sie
endlich.

Ja, -- das heit -- --

Kannst du dir's wirklich nicht denken? Was seid ihr Mnner doch
schwerfllig. -- Vorausgeschickt bin ich -- aufrumen soll ich, das
Unterste zu oberst kehren, damit Else alles fein sauber vorfindet. Nicht
wahr, Schwager, das gefllt dir nicht?

Mir? Warum?

Weil du ein so grmliches Gesicht dazu machst.

Bewahre, Hedwig -- du weit doch, da du uns immer willkommen bist.

Wirklich?

Er schlug die Augen nieder und begann zu essen.

Sie dagegen nippte nur von allem und erzhlte ihm unaufhrlich von Else
und beschrieb alle Einzelheiten ihres Aufenthalts. Die halb polnische
Stadt, die Anstalt, den Arzt, die andern Kranken, alle Einrichtungen,
die Bder, und das Ganze so nchtern und verstndlich, da Wilms lngst
Messer und Gabel hingelegt hatte, um ihr mit lebhafter Spannung zu
lauschen.

Von Zeit zu Zeit go sie ihm den angenehm erwrmenden Trank ein und
lchelte liebenswrdig, wenn er ihr zaghaft zutrank.

Pltzlich trat dennoch eine Beklemmung zwischen beiden ein. Hedwig hatte
aufgehrt zu erzhlen und lehnte sich in die Sofaecke zurck, da die
Reise sie wahrscheinlich ermdet hatte. Auch Wilms hielt eine Scheu
davon ab, jetzt irgend etwas Gleichgltiges vorzubringen.

Er blickte mehrfach rasch zu ihr hinber, beobachtete dann das
verglimmende Ofenfeuer, faltete umstndlich die Serviette, und sah von
neuem unruhig auf das junge Mdchen hin.

Sie trumte an ihm vorbei, den Kopf in die Hand gesttzt, schien sie an
etwas Fernes zu denken.

Der Pchter wurde unruhig.

Hedwig, rusperte er sich halblaut.

Ja, Schwager.

Sofort richtete sich das Mdchen auf und drckte flchtig beide Hnde
gegen die Schlfen, als wollte sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den
Fragenden lenken.

Warst du noch gar nicht in der Stadt bei deinem Vater?

Nein, ich bin direkt hierher gefahren.

Sofort hierher? wiederholte Wilms. Eine peinliche Verstimmung stieg in
ihm auf. Was konnte sie nur in dem menschenverlassenen, verschneiten
Gehft suchen? Hastig gedachte er weiter zu fragen, wie jedoch sein
Blick ihre ruhigen, braunen Augen traf, verstummte er wieder und kratzte
verlegen auf dem Tisch hin und her.

Eine Zeitlang blieb es still.

Aber gerade dieses ruhige Beisammensein konnte Wilms nicht ertragen.
Etwas qulte und marterte ihn dabei grenzenlos.

Hedwig, fing er mit berwindung pltzlich an und zum erstenmal wendete
er ihr ganz sein ehrliches Gesicht zu. Es mu mal zwischen uns zur
Sprache kommen. Es liegt mir schon zu lange auf dem Herzen. -- Weshalb
bist du eigentlich -- ich -- mein Kind -- ich meine, warum bist du
eigentlich so gut zu uns?

Gut?

Sieh, Heting, erst hast du mir eine Summe deines Erbteils geborgt, und
ich hab mir damit helfen knnen. Das htt' mir schon kein anderer getan,
-- nein, la -- ich mu es mal sagen, auch meine Frau hast du gepflegt, um
die es nur wenige aushalten konnten. Und nu -- nu kommst du wieder
hierher zurck, in diese Einsamkeit, und willst uns wieder helfen und
untersttzen und aufrichten, und das alles soll ich mir gefallen lassen,
ohne eigentlich zu wissen, warum du das alles tust; ich kann's mir ja
gar nicht erklren, du pat ja zu so was gar nicht, du bist ja wie eine
vornehme, junge Dame, warum bestehst du also darauf?

Das letzte rief der groe Mann in einem heftigen, beinahe unglcklichen
Ton.

Statt einer Antwort erhob sich Hedwig. Ihre Wangen erblaten etwas, aber
sonst strmte ihr Wesen unvernderlich jene ernste Ruhe aus, die ihr
eigentmlich war. Langsam schritt sie zum Ofen, wrmte sich die Hnde,
durchma dann mit gesenktem Haupt mehrmals das Zimmer, als ob sie
nachdenke, und blieb endlich an dem Tisch stehen, wo sie ihre Finger auf
die Glocke der Lampe legte, da Wilms das Blut hindurchrinnen sah.

Ihre schlanke Gestalt stand dicht neben seinem Stuhl, er konnte das
Webemuster ihres Kleides erkennen.

Unwillkrlich wandte er den Kopf fort.

Siehst du, Schwager, hob sie nach schwerer Pause klar und bedacht an
zu sprechen, immer den Blick auf ihre durchleuchteten Finger gerichtet:
Ich habe auch schon darber nachgesonnen, warum ich so gern hierher
zurckkam in eure Einsamkeit.

Gern? unterbrach sie der Pchter erstaunt.

Ja, ich kam gern, fuhr sie hastiger fort, gerade weil es hier so
still ist. -- Mir ist diese Stille Bedrfnis. -- Ich verabscheute schon
als Kind alles Unruhige und Geruschvolle. Aber das ist nicht der
Hauptgrund, setzte sie sinnend hinzu: ich kam wohl zumeist
deinetwegen, Schwager.

Meinetwegen? schreckte Wilms auf. Aber es war alles so
leidenschaftslos, so berlegt und ohne eine Spur von Zrtlichkeit
hingesprochen, da der Pchter fhlte, er mte ihre Worte falsch
aufgefat haben.

Jedoch das Blut war ihm bis in die Augen geschossen, er scharrte
ungeduldig mit den Fen und blickte erregt zu ihr auf.

Ja, Hedwig, wie meinst du denn das? murmelte er.

Sie zog langsam die Hnde von dem Glase zurck und lie sich wieder auf
das Sofa nieder.

Ich sagte mir, du bist durch unsere Familie unglcklich geworden,
Wilms.

Das bin ich nicht.

Das bist du doch, Schwager. Bist du nicht, wie jeder andere Mann, eine
Ehe eingegangen, um eine Huslichkeit zu besitzen? -- Nun, und hast du
sie gefunden? -- Nein, das ging dir alles durch die lange Krankheit
verloren -- und auch jetzt, Schwager, -- ich mu es dir sagen, mit vielem
Schmerz, glaub' mir das -- auch jetzt wird dir meine arme Schwester
dieses Glck nicht schaffen knnen.

Nicht schaffen knnen? echote Wilms entsetzt. Eisesklte durchstrmte
ihn, wie vorhin, als er auf dem Schlitten sa.

Im Moment hate er das Mdchen, welches ihm das alles so schonungslos
enthllte.

Und warum nicht, Hedwig? flsterte er.

Weil mir der Arzt bei meiner Abreise vertraute, schlo Hedwig leise,
als wenn sie ihn nicht noch mehr erregen wollte, da Else nach wie vor
aufs uerste geschont werden mu, und da sie nie wieder als eine
Gesunde, sondern stets nur wie eine Kranke behandelt werden darf -- du
armer Mann.

Ein leises Sthnen unterbrach sie.

Sieh, beendete sie hastig, indem sie auffallend die Farbe wechselte,
und da stand es bei mir fest, da ich hier vielleicht den Wirkungskreis
aufnehmen knnte, den meine Schwester nicht ausfllen wird, damit du
wenigstens nicht allzuviel entbehrst, der du schon so viel gelitten.

Und da wolltest du -- --? stammelte er.

Er begriff es nicht.

Ja, ich sehne mich nach einer ruhigen, gleichmigen Beschftigung.

Aber -- aber willst du denn nicht heiraten? fuhr es ihm heraus. Er
schmte sich, als er es sagte.

Sie schlug die Augen nieder und zuckte die Achseln: Schwerlich,
erwiderte sie gleichgltig. Ich habe als Tochter eines kleinen Beamten
den trichten Wunsch nach besserer Erziehung gehegt, aber -- -- sie
zgerte und wurde zum erstenmal unruhig -- das ist mir wohl nicht zum
Heile ausgeschlagen. Und deshalb wird auch kaum jemand kommen, dem ich
gefalle, und der zu mir pat.

O Hedwig, doch -- doch -- widersprach Wilms gedankenlos, -- du bist ja
schn und klug, das wird sich schon finden. Aber whrend er es sprach,
mute er pltzlich widerwillig daran denken, da diese vollen, roten
Lippen schon strmisch und sndhaft gekt worden seien.

Das verdarb ihm den Abend vollends.

Auch Hedwig schwieg. Sie ruhte wie erschpft in ihrer Sofaecke. -- Nur
als er uerte, da sie schn und klug sei, traf ihn ein kurzer,
erstaunter Blick. Dann schlug sie wieder mde die Augen nieder.

So saen sie noch eine Stunde zusammen und sprachen ber alles, was in
der Umgegend in der Zwischenzeit geschehen sei. Eingehend erkundigte
sich Hedwig nach den Wirtschaftsverhltnissen.

Er gab ber alles genau Auskunft.

Dann schlug die Uhr in dem Kasten zehn, und Hedwig erhob sich.

Wilms empfand, da er gehen msse.

Er stand sofort auf.

Noch eins, sagte er, hier hast du die Schlssel.

Er nahm aus einem Krbchen, das auf dem Nhtisch am Fenster stand, ein
Schlsselbund und hndigte es seiner Schwgerin ein.

Achtlos empfing das Mdchen die klirrenden Dinger und hing sie sich in
den Grtel, aber Wilms beschlich ein schmerzliches Gefhl dabei, da
Elsens Befugnisse damit gleichermaen auf ihre Schwester bergingen.
Sie erschien ihm auch nicht mehr so schn, wie frher.

Dann reichten sie sich die Hnde und wnschten sich Gute Nacht.

Schlfst du hier? fragte Wilms.

Ja, in Elses Bett.

Nun, gute Nacht.

Gute Nacht, Schwager.

       *       *       *       *       *

Wilms betrat seine Dachkammer. Auf dem Tisch brannte ein Licht, darunter
lag ein groes Kuvert, das Elses Aufschrift trug.

Hastig zerri Wilms den Umschlag. Drinnen fand er ein Bild und einen
Zettel mit den wenigen Worten:


    Lieber, guter, einziger Mann!

    Wie gern mchte ich das Fest mit Dir feiern, denn mir ist so sehr
    bange nach Dir, aber bald, bald, wenn es Gott so fgt, bin ich
    wieder bei Dir.

    Mit tausend innigen Kssen

    Deine arme Else.


Wilms griff nach dem Bilde.

Auf einem Polsterstuhl sa die Kranke, das schmale Gesicht mit den
groen Augen ein wenig vornber geneigt. Neben ihr Hedwig, schlank
aufgerichtet, der vollendete Wuchs zum Greifen deutlich, als wenn
Gesundheit und Verfall gegen einander kontrastieren sollten.

Der Pchter schauerte, als er es sah.

Auf dem Antlitz des Mdchens ruhte ein so sicherer, triumphierender
Schein.

Freut sie sich, da sie leben wird, und die Schwester dem Tode zuwankt?
dachte Wilms erschttert.

In der Kammer war nicht geheizt. Ein Frsteln durchlief den Einsamen vom
Kopf bis zu den Fen. Mit Abscheu, als ob die Photographie Hedwig
allein darstelle, warf er das Bild von sich auf den Tisch und suchte
mde und zerbrochen sein Lager auf.

Bald erlosch das Licht.




III.


Am frhen Morgen, als Wilms aufstand, hrte er, wie seine Schwgerin den
Mgden im Hausflur schon etwas auftrug.

Er sah auf die Uhr. Es war erst sechs. Und noch stockfinster.

Das lockte ihm den Seufzer ab: Ach, wenn Else das doch auch vermchte.

Eine Viertelstunde spter, er hatte sich kaum vllig angekleidet,
brachte ihm Drthe Kaffee und Frhstck. Der Landmann erstaunte.

Soll ich denn hier oben frhstcken? fragte er.

Ja, Herr, das Frulein hat schon unten getrunken.

Na, wie sie will. Es is gut.

Die Obermagd ging.

Wilms sa eine Weile allein und wunderte sich, mit welcher Willenskraft
Hedwig ihre neue Aufgabe gleich erfate.

Dann fuhr er sich mit der groben Hand unwillig ber die Stirn.

Immerfort zwang ihn das Mdchen, sich mit ihr zu beschftigen. Aber er
wollte ihr an Regsamkeit nicht nachstehen. Er hatte ja einige wichtige
Geschfte in der Nhe abzuwickeln, und deshalb wollte er fortreiten,
damit er erst gegen Mittag wieder zurckzukehren brauchte.

Mglichst wenig mit ihr zusammen sein, dachte er.

Mit diesem Entschlu trat er an das kleine Kammerfenster und sah auf den
schneebedeckten Hof herunter.

In einem steinernen Seitengebude hrte er viele weibliche Stimmen
durcheinander sprechen, lachen und plaudern. Es war die Molkerei, die
solange auf Hedwig geharrt hatte.

Sollte sie schon unten sein? dachte er verwundert.

Als er etwas spter ber den Hof schritt, um sich im Stall sein Pferd zu
satteln, machte er den Umweg am Seitenhaus vorbei und warf einen raschen
Blick in den von einer Lampe erleuchteten, ziegelsteingepflasterten
Raum.

Richtig -- umgeben von ihren Mgden sah er Hedwig vor einem groen Fasse
stehen und mit ihren jugendlichen Krften den groen Klngel heben und
wieder herunterstampfen. Beifllig murmelten die Mgde und versuchten,
es ihr an zwei anderen Fssern nachzuahmen.

Sie hatte sich von Drthe eine gewhnliche Arbeitsbluse geborgt, an der
die rmel fehlten, und nun sah der Pchter, wie ihre vollen Arme vor
Anstrengung sich rteten. Ihr Atem umdampfte sie in der kalten Kche wie
eine Wolke.

Dem Lauscher fiel wieder jener Abend ein, als er sie allein in ihrer
Kammer getroffen, und augenblicklich war seine Freude an dem
arbeitsfrohen Bild wie fortgescheucht.

Widerwillig murmelte er etwas vor sich hin, schlug dann mit Gerusch die
Stalltr auf und ritt nach einiger Zeit grulos vom Hof herunter. Als er
sich auf der Landstrae noch einmal umwandte, glaubte er Hedwig unter
der Tr des Seitenhauses zu erkennen, die ihm nachblickte.

       *       *       *       *       *

Was it der Herr gerne? befragte Hedwig die Obermagd, ehe sie die
Molkerei verlie.

Drthe sann nach. Dann gab sie Kartoffelsuppe an. Und der Herr hat
gestern selbst einen Hasen geschossen. Der hngt noch.

Hedwig war zufrieden. Sie wollte selbst alles zubereiten. Der taube
Krischan wurde ins Dorf nach allerlei Zutaten zum Krmer geschickt.

Er hinkte unlustig vom Hof herunter.

Bewundernd lugten die Obermagd und ihre Untergebenen dem Mdchen nach,
als sie eilig dem Hause zuschritt.

Die versteht's, urteilte Drthe, schade, da die Frau nich auch so
is.

Den ganzen Vormittag ber revidierte Hedwig das Haus vom Keller bis
unter das Dach. Mit Elsens Schlsseln ffnete sie alle Schrnke, zhlte
nach und legte zurecht, als ob alles ihr gehre. Ihre Wangen rteten
sich dabei vor Vergngen. Sie erschien sich wie eine Hausfrau, die fr
Mann und Heim zu sorgen hat.

Dann waltete sie in der Kche. Zuletzt gab sie Drthe den Auftrag, eine
kleine Tanne schlagen zu lassen.

Ja, aber Frulen, meinte die Magd bedenklich, der Herr will aber
keine.

Warum denn nicht?

Er sagte, weil er so allein is. -- Und -- dann -- unsre Frau fehlt auch.

Sagte er das?

Ja, so hnlich sagte er woll.

Das Mdchen sah einen Augenblick zu Boden. Dann entschied sie lchelnd:
Ich bin ja da -- hre, Drthe, es mu eine recht schne Tanne sein. --
Haben wir etwas zum Putzen?

Ne, Frulen, da ich nich wte.

Nun, dann machen wir es uns heute selbst. -- Und fr euch auch, setzte
sie hinzu. Christian soll buntes Papier holen.

Sie is zu nett, sprach die Obermagd dankbar hinter ihr her.

       *       *       *       *       *

Wilms merkte bei Tisch, da gerade seine Lieblingsspeisen gewhlt seien,
und als er sich in seiner ruhigen Weise dafr bedankte, glitt ein
heiteres, selbstzufriedenes Lcheln ber Hedwigs schnes Gesicht.

Es bereitete ihr Freude, fr die Bedrfnisse eines Menschen sorgen zu
drfen, und namentlich fr diesen groen, unbeholfenen Mann, dem das
Schicksal schon so grausam mitgespielt hatte.

Freundlich plauderten sie wieder ber allerlei. Das Mdchen erzhlte von
ihren Erfahrungen bei der Molkerei. Wilms sagte ihr, da er ihre Kraft
und Energie bewundere. Dann berichtete er von den Geschften, die er
vormittags betrieben.

Es kam ihm ganz selbstverstndlich vor, da er dergleichen mit Hedwig
besprche. Ja, er glaubte, da ihm noch einmal so gute Eingebungen
kmen, wenn sie ihn mit ihren klugen, aufmunternden Augen dazu
anblickte.

Nach Tisch fhrte er sie in den Pferdestall. Hedwig riet ihm dringend,
einige von den Tieren zu verkaufen. Es war in den nchsten Tagen gerade
Pferdemarkt in Grimmen, und Wilms gestand, da er selbst etwas hnliches
geplant habe.

Dann trennten sie sich.

Als der Landmann zum Kaffee erschien, fand er ihren Platz leer. Er
fragte mehrfach nach ihr, endlich erfuhr er von Drthe, die ein
geheimnisvolles Gesicht aufsetzte, da das Frulein beschftigt wre.

Wilms verstand das nicht und trank mit einem merkwrdigen Gefhl seinen
Kaffee allein.

Er wollte sich nicht eingestehen, da er ihre stets dienstbereite
Gesellschaft vermisse.

Zum Abendbrot dagegen erschien Hedwig wieder und zeigte sich so
aufgerumt und heiter wie selten. Sie erzhlte allerhand lustige
Geschichten und Witze und brachte Wilms oft zum Lachen.

Wenn sie etwas Anzgliches vorbrachte, dann sah ihr Gesicht so reizend
aus, um ihren vollen Mund zuckte dann oft ein so feiner,
liebenswrdig-frecher Zug, da ihr Gegenber unwillkrlich mitlachen
mute.

Und so fremd dem Landmann zuerst dies alles war, so stark fhlte er sich
bald davon angemutet. Auch er besa eine Art derben, tiefen Humors, und
es dauerte nicht lange, so ging der Pchter gemtlich auf ihre Scherze
ein.

Gelassen nickte er, wenn sie ihn mit seiner groben Unbehilflichkeit
neckte.

Nur als er seine groe Pfeife in Brand setzte und ein paar mchtige
Dampfste herausjagte, verzog sie die Brauen.

Wilms hrte auf. Strt es dich? fragte er bedauernd.

Ungern htte er auf dieses Vergngen verzichtet. Sollte sie etwa
dieselbe Abneigung dagegen empfinden wie meine arme Else? dachte er ein
wenig verstimmt. Allein Hedwig zog ihr parfmiertes Taschentuch hervor
und whrend sie sich Luft zufchelte, uerte sie leichthin: Bis morgen
darfst du so rauchen, lieber Wilms, aber lnger nicht.

Bis morgen? dachte Wilms verwundert.

Er verstand sie wieder nicht.

Ferne, langhinhallende Tne mischten sich in ihr Gesprch. Von der
Kirche des Hauptgutes, die fast eine Viertelstunde entfernt lag,
begannen wiederum die Glocken zu luten, zum letztenmal vor dem Fest.

Wie ein feiner, vertrumter Silberton zog es durch die Luft. Hedwig
erhob sich. Sie trat ans Fenster und zog den Vorhang fort.

Drauen weier, blinkender Schnee, die graue Luft ganz erfllt von
groen Flocken, die langsam und schwer herabfielen. Wie erstarrt
schienen die weichen Daunen manchmal im leeren Raum festhalten zu
wollen.

Als sie so in das Gestber hineinblickte, beschlich das Mdchen eine
stille Wehmut: Morgen ist Weihnachten, sagte sie leise. Nichts regte
sich hinter ihr. Keine Antwort wurde laut. Langsam wendete sie sich
zurck.

Am Tisch sa Wilms, den schweren Kopf auf die Hand gesttzt, und
betrachtete das kleine Goldherz, das er vor kurzem gekauft. Eine Trne
war auf das Gold gerollt, gerade auf seinen Namen, der dort eingraviert
stand.

Jetzt sah er auf:

In acht Tagen ist sie wieder bei uns, sagte er weich, als ob er seine
schwere Empfindung zurckdrngen wollte.

Else? fragte das Mdchen rasch.

Ja. -- Komm, Hedwig -- ich will ihr dieses Herz zum Fest schicken. Wir
wollen es einpacken.

Das Mdchen richtete sich auf. Langsam schritt sie zum Tisch, langsam
wog sie das kleine Herz in der Hand. Erst als sie den eingeprgten Namen
bemerkte, blickte sie ihrem Schwager, der sich ebenfalls erhoben hatte,
fest und nachdenklich in die gutmtigen Augen.

Sie wird sich freuen, sagte sie schwer und nachdrcklich.

Das Kstchen wurde verschnrt, Wilms schrieb die Adresse, Hedwig trug
ihm Licht und Siegellack hinzu. Er drckte das Petschaft darauf.

Mit seltsam starren Blicken verfolgte sie sein Tun. Ein Atom von dem
flssigen Siegellack fiel auf ihre Hand und lag auf der weien Flche,
wie ein runder Blutstropfen.

O -- rief Wilms erschreckt, ich habe dir weh getan.

Mir?

Sie hatte kaum etwas gemerkt.

Es brennt nicht mehr, beruhigte sie den Landmann abwehrend.

Gleich darauf nickte sie ihm freundlich zu und ging zur Tr. -- Dabei sah
sie wohl nicht, da er ihr die Hand entgegengestreckt hatte, wie er es
immer tat, wenn er ihr Gute Nacht bot.

Die Tr schlo sich, bevor sie seinen Wunsch vernehmen konnte. Befremdet
blickte ihr der Pchter nach. Dann ging er noch lange in dem groen
Zimmer auf und nieder, bis er endlich unter das Fenster trat, genau
dort, wo Hedwig vorhin gestanden hatte.

Und ebenso, wie sie, sphte er in das lautlose Schneetreiben hinein, er
drckte die Stirn an das eisige Glas und regte sich nicht. Dachte er an
sein fernes Weib?

Er stellte sich vor, wie sie sich das goldene Herzchen um den weien
abgemagerten Hals schlingen wrde, aber whrend er sich es ausmalte,
wurde drauen das Getriebe immer strmischer, die Flocken wirbelten und
balgten sich immer toller -- das verwirrte seine Gedanken.

Was wohl Hedwig sagen wrde, raunte etwas in ihm, wenn ich ihr morgen
das dnne Kettchen um den Nacken legen wrde? Er wollte den Gedanken
abschtteln, aber im Geist beugte er sich und kte sie auf diesen
weien, blhenden Nacken. Und immer heier und toller braute seine
Phantasie. Ob sie dann wohl die Arme um ihn schlingen und ihren roten
Mund zu ihm erheben wrde, wie ein liebendes Weib, das sich an den Mann
schmiegt?

Ein irres Lcheln umspielte seine Lippen.

Pltzlich fuhr er auf und brach in ein gewaltsames, schmerzliches
Sthnen aus:

Jesus Christus -- nicht in Versuchung, stammelte er, o Gott, nicht in
Versuchung.

Wie im Krampf faltete er die Hnde.

Und drauen klangen noch immer die Glocken, bim -- bum -- bim -- bum,
feierlich leise, wie Gesang mahnender Geister, welche die Botschaft vom
Heiland auch in dies verlassene, im Schnee versunkene Gehft trugen.




IV.


So war das Fest herangekommen.

Schon am Nachmittag bat Hedwig den Pchter, er mchte das groe
Wohnzimmer verlassen. Irgend etwas Geheimnisvolles bereite sich vor.

Mrrisch und verdrielich, wie er sich sonst nie gegen das Mdchen
betragen hatte, ging Wilms hierauf aus der Stube, ohne ein Wort und
indem er es vermied, sie anzusehen. Jedoch mitten in den Vorbereitungen
fr den Heiligen Abend fiel Hedwig dies Benehmen nicht sonderlich auf,
sie rief ihre getreue Drthe und arbeitete mit ihr hinter verschlossenen
Tren.

Unterdessen sa Wilms in seiner Kammer und schrieb an Else einen Brief.
Hei und dringend flehte er sein Weib an, zurckzukehren, sobald es ihre
Gesundheit nur irgendwie gestatte. Er freue sich auf ihre Rckkehr, wie
auf ein Fest. berall fehle sie ihm. Alles erinnerte ihn an sie. Ach,
wenn sie doch erst da wre. -- Ganz am Schlu erwhnte er auch Hedwig.
Sie fhre das Hauswesen zu seiner Zufriedenheit, aber sein armes,
geliebtes Weib knne sie natrlich doch nicht ersetzen. Er stockte, da
er es schrieb. Das Blut sauste und summte durch alle seine Adern.
Gelogen -- gelogen, tnte es deutlich vor seinen Ohren. Hastig schlo
er das Schreiben, und sa dann stundenlang in dem immer dunkler
werdenden Raum.

Er wute, da Hedwig unten einen Christbaum schmcke. Fr seine Leute
natrlich, suchte er sich einzureden. Jedoch gleichviel. Bald wrde sie
nach ihm schicken, damit er teilnehmen solle an der allgemeinen, groen
Freude. Und er sollte dann mit ihr zusammen unter den flimmernden
Lichtern stehen? grbelte er, und dann allein sein mit dem Mdchen,
whrend der Baum seinen krftigen Tannengeruch verbreitete und die
Flmmchen darauf hell und aufrecht in die Hhe zngelten? Wrden dann
nicht die aufreizenden Gedanken wiederkehren, die ihn gestern bis zum
Wahnsinn gepeinigt? -- Nein, nein -- nur das nicht mehr. -- Wie wre es,
wenn er sich still aus dem Hause schliche und den Abend wo anders
zubrchte, vielleicht beim Pastor?

Wie gehetzt erhob er sich, warf seinen Mantel um und tappte leise ber
die dunkle Treppe nach unten. Er durchschritt den Hausflur, da ffnete
sich die Tr des groen Zimmers, eine Gestalt trat heraus.

Wilms fuhr zusammen und blieb unwillkrlich stehen. Die Dunkelheit
verhinderte ein Erkennen.

Unsicher nherte sich Hedwig dem Schweigenden.

Du willst noch ausgehen, Schwager?

Ja.

Jetzt?

Ja, ich hab' noch einen notwendigen Gang.

Aber doch jetzt nicht, drngte das Mdchen und fate leicht seinen
Mantel. Ich wollte dich ja gerade holen; Wilms, du wirst uns doch am
Heiligen Abend nicht allein lassen?

Der Pchter wand sich hin und her, je mehr sie ihn bat, desto qualvoller
glaubte er sich gefoltert: Mir macht das ja aber alles keine Freude,
Hedwig, brachte er hervor. Mich peinigt das geradezu.

O -- nein, nein, widersprach sie und ergriff seine Hand.

Das verwirrte ihn immer heftiger.

Hedwig, ich kann's nicht mehr mit ansehen, wenn andere sich freuen und
ich allein davon ausgeschlossen sein soll. La mich lieber fort, mein
Kind, ich will --

Aber sie hielt ihn noch. Fest lag ihre Hand in der seinen.

Dazu bist du ja viel zu gut, sagte sie weich und mitleidig, wie
selten ein Mensch zu dem Unglcklichen gesprochen. Willst du mir denn
auch die ganze Freude rauben?

Dir auch?

Ja natrlich -- fr dich haben wir doch den Baum geputzt. Immer noch
ruhte ihre Hand in der seinigen, jedoch mit der anderen ri sie jetzt
hastig die Tr auf.

Ein breiter, strahlender Lichtschein fiel auf den dunklen Flur und
bergo das eng beieinanderstehende Paar mit seiner Helle.

Gro, dunkelgrn, mit weithin reichenden Zweigen stand der Tannenbaum
mitten in der Stube, bunte Papierketten ringelten sich von Ast zu Ast,
unzhlige Wachskerzen flimmerten, und hinter ihm harrten die Leute des
Gehfts, Mnner und Frauen, alle sonntglich gekleidet, da der Herr des
Hauses das Fest mit ihnen begehen solle. Ganz vorn vor dem Baum aber
hatte Hedwig zwei kleine Mdchen aufgestellt, Kinder, die Hofleuten
gehrten. Sie hielten rote Papierrosen in den Hnden und sangen mit
schwachen Stimmen ein Liedchen, das mit den Worten schlo:

Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Als sie ausgesungen hatten und Wilms in den Lichterglanz hineinsah und
in die erwartungsvoll-feierlichen Gesichter seiner Leute, da hielt er
sich nicht lnger, er legte langsam die Hand vor die Augen und weinte
bitterlich.

Und die Hofleute nickten einander zu und stieen sich heimlich an, als
wten sie, was ihren Herrn bedrcke.

Aber nur wenige Sekunden lie sich Wilms so bermannen. Dann richtete er
sich auf und sah auf das Mdchen, das alles nur fr ihn angeordnet
hatte. Das Licht flutete ber ihre braunen Haare, ihre groen Augen
hingen fest und fragend an den seinigen. Sie stand noch immer dicht
neben ihm.

Ich dank' dir, Hedwig, sagte er einfach und prete ihre Hand mit
verzweiflungsvoller Glut. So schn haben wir in Wilmshus Weihnachten
noch nie gefeiert. Er lie sie voranschreiten und folgte ihr dann in
die Stube.

Freudig erregt sa der Pchter nachher in seiner Sofaecke und verfolgte
Hedwig, wie sie jedem der Hofangehrigen ein kleines Geldgeschenk
berreichte, das Wilms fr seine Leute bestimmt hatte, und fr sich
selbst auerdem noch eine Aufmerksamkeit hinzufgte. Drthe bekam eine
Schrze, der alte Krischan einen Tabaksbeutel, die beiden kleinen
Mdchen kte Hedwig und band ihnen seidene Halstcher um.

Hierauf allgemeines Knixen und Handschtteln.

Ich dank' auch, Herr -- schnen Dank auch, Frulen -- ne es is auch gar
zu viel -- so was htt' ich mich nich vermutet -- Herrje und was die
Leinwand schn is.

Damit entfernten sich die Leute und Hedwig ging mit ihnen.

Wieder sa der Pchter allein und blickte trumerisch in die ruhig
brennenden Lichter hinber.

Da flog die Tr noch einmal auf: Julklapp, rief es und dann noch
zweimal Julklapp -- Julklapp.

Drei Pakete polterten in das Zimmer, und da nur Hedwig so frisch und
hell rufen konnte, so wute der Landmann, da die drei Geschenke fr ihn
bestimmt seien. Er wartete, ob Hedwig nicht wieder zurckkehren wrde,
aber als er allein blieb, ffnete er die Schachteln. In der ersten fand
er eine Kiste feiner Zigarren, sodann eine Meerschaumspitze, in der
letzten endlich einen ledernen Bilderrahmen, auf dem mit Seide ein Kranz
blauer Veilchen gestickt war. Ein Zettel war mit einer Stecknadel daran
befestigt, darauf stand von Else.

War es mglich?

Behutsam nahm der Landmann den Rahmen in die Hand. Und diesen
wundervollen leuchtenden Kranz sollte sein armes Weib mit ihren
zitternden Fingern hergestellt haben? Ein Zweifel beschlich ihn.

Aber wer sonst?

Hinter ihm nherte sich etwas, ein leises Knistern wurde hrbar, Wilms
kehrte sich um und sah in das liebenswrdige Gesicht Hedwigs.

Er hob die Stickerei in die Hhe und fragte erregt: Wirklich von Else?

Ein Schatten flog ber die Stirn des Mdchens, aber sie bejahte. Allein
den Unglubigen berzeugte sie nicht.

Hedwig -- ich glaub's nicht -- Else hat ja so feine Arbeit gar nicht
gelernt -- nicht wahr -- du -- von dir?

Wieder schttelte sie leise das Haupt.

So sag's doch, rief er dringend.

Endlich gab sie es zu: Nun ja, es ist von mir, gestand sie, Else
wollte dir gern etwas Derartiges anfertigen, aber sie vermochte es noch
nicht. Da habe ich es bernommen.

Also auch von dir? murmelte der Pchter mit zitternder Stimme. Eine
Weile stand er in Gedanken versunken unter dem leuchtenden Baum; ohne
ein Wort des Dankes zu sprechen. Und ich, berlegte er bei sich, ich
habe gar nicht daran gedacht, diesem lieben, reizenden Geschpf eine
kleine Freude zu bereiten. Mit leeren Hnden steh' ich vor ihr, als
gehrte sie gar nicht in mein Haus! Whrend sie --

Es berlief ihn hei und kalt. Vor Beschmung wagte er gar nicht die
Augen zu erheben. Langsam und beklommen drngte es sich ber seine
Lippen.

Und die Zigarren und die Spitze, Hedwig, von wem sind die?

Aus ihren Augen sprhte ein spitzbbischer Funke, um ihren Mund flog ein
schelmischer Zug. -- Die seltsame Unbehilflichkeit des Mannes ergtzte
sie.

Von wem sie sind? -- Wer wei?

Sie zuckte die Achseln, aber als sein verstrtes Antlitz sie darber
belehrte, da er sich hrmte und litt, tat es ihr leid, diese
verschlossene Natur, deren tiefes Gemt sie immer strker und gewaltiger
anzog, verletzt zu haben.

Die Lichter brannten noch immer, es war so gemtlich im Zimmer, tiefe
Stille umgab die beiden.

Wilms fuhr auf. Er hatte in seinem Hinbrten nicht bemerkt, wie das
schne Mdchen, nachdem sie lange auf ein Dankeswort geharrt, sich
enttuscht abgewendet und an das Klavier gesetzt hatte.

Sie spielte jetzt. Ganz leise klang unter ihren Fingern ein altes
Kinderlied, das sie variierte und umbildete.

Schlaf, Kindchen, schlaf.

Der Bauer horchte hoch auf. Wie weich das tnte, wie wenn eine Mutter
ihr unruhiges Kind einwiegt. Ja, und dasselbe hatte ja auch seine Mutter
ihm vorgesungen. Eine arme Fischersfrau in der Katenhtte am Strand. Ach
er sehnte sich so nach Ruhe, sein Herz war mde und wollte schlafen, so
traumlos wie damals in Mutters Scho.

Hedwig spielte immer ernster und gewaltiger. Alle Saiten brausten, wie
ein Choral tnte es jetzt, das alte Lied.

Der Pchter schauerte, unwillkrlich fiel sein Blick auf einen einfachen
Silberring, den er seiner sterbenden Mutter vom Finger gezogen und
seitdem an der Uhrkette trug. Verstohlen kte er den Reif und trat
hinter Hedwigs Stuhl.

Und das Brausen und Donnern lste sich, der gewaltige Orgelton verlor
sich in der Ferne, wie ein ser, gestammelter Kindergru klang es aus.

Noch spielte sie die letzten ersterbenden Tne, da fhlte sie, wie
Wilms seine Hand auf ihr Haupt legte und leise ihr Haar streichelte. --
Sachte, sachte, eine scheue, zaghafte Liebkosung.

Sofort brach das Spiel ab, aber sie hob die langen Wimpern nicht auf.

Noch einmal fuhr er ihr leicht ber die Flechten, dann -- ihr stockte das
Herz -- dann fhlte sie, wie er ihre Hand ergriff und sanft einen
silbernen Ring an ihren Finger schob.

Da, Heting, sprach er weich, du hast so schn gespielt -- ich schenk'
ihn dir -- er is von meiner Mutter.

Sie zuckte krampfhaft zusammen, blickte mit ihren braunen, ernsten Augen
zu ihm empor und wollte etwas erwidern, aber die Zunge war ihr wie
gelhmt. Nur eine dsterrote Glut stieg ihr langsam ber Hals und
Wangen.

Da wurde pltzlich seine Hand, die noch liebkosend auf ihren Haaren
ruhte, drckend und schwer, als ob sie sich in Eisen verwandele.

Hedwig htte aufschreien mgen, so schmerzte es sie.

Was ist dir, Schwager?

Oh, es bedeutete nur eine Kleinigkeit, fast gar nichts; es war nur
unheimlich, die hervorquillenden Augen zu sehen, die unverwandt auf das
Bett starrten. Ganz zufllig war der Blick des Pchters ber das
reinlich zugedeckte Lager geglitten und da, -- da wurde eben seine Hand
so schwer, als wrde sie Eisen.

In dem Bett lag Else, schattenhaft, abgemagert, bla und streckte die
Arme nach dem Manne aus, der ihre Schwester streichelte.

Wilms, rief Hedwig entsetzt und sprang auf. Ihre krftige Stimme
verscheuchte den Spuk.

Ja, ja -- Hedwig -- willst du etwas?

Um Gottes willen, Schwager -- was ist dir? -- fhlst du dich krank?

Nein -- ich? bewahre -- mir war nur so -- seltsam. -- Ich glaubte -- es
ist lcherlich -- mir kam es vor, als lge Else mit einemmal dort drben
in ihrem Bett, murmelte er einfach, und doch mit hervorbrechendem
inneren Entsetzen.

Else? stammelte das Mdchen.

Beide starrten sich an, beide versuchten ein Lcheln zu erzwingen, aber
die Furcht schttelte sie, wie wenn ein kaltes, graues Gespenst zwischen
ihnen stnde.

Das war das erstemal, da es sie auseinander trieb.

Der Landmann fate sich zuerst. Wollen ein Ende fr heute machen,
ermannte er sich kurz -- es ist schon spt -- gute Nacht, mein Kind.

Sie reichten sich wie immer die Hnde. Die Finger des Mdchens waren
eiskalt. Dann trat Wilms an den Baum und lschte die Lichter aus.

Es wurde immer dunkler und dunkler, gleichgltig sah Hedwig zu, wie ein
Flmmchen nach dem anderen unter seinen Fingern erstarb, zuletzt
brannten nur noch die Kerzen zu beiden Seiten des Instrumentes.

Gute Nacht, murmelte Wilms noch einmal, dann hatte er das Zimmer
hastig verlassen.

Hedwig war es, als mte sie ihm nacheilen, sich in seine Arme werfen
und Schutz suchen, Hilfe gegen die Traumgestalt dort in dem Bette, das
auch sie jetzt aufnehmen sollte.

Wenn sie das Phantom dann ebenfalls bemerkte, wenn es neben ihr lge und
sie mit drren, weien Armen umfing, um sie zu wrgen!

Warum?

Weil du denselben Mann begehrst, der mir gehrt -- mir.

Einen leisen Angstschrei stie Hedwig aus.

Gib mir den Ring, klagte es neben ihr weiter. Er gebhrt dir nicht!

Licht -- Licht.

Mit zitternden Hnden entzndete Hedwig die groe Stehlampe und blickte
sich um. Rings lag alles friedlich und still, alles in den traulichen
Schein der Lampe getaucht. Jetzt lchelte Hedwig und setzte sich an den
Tisch, aber es war ein mdes, herzzerreiendes Lcheln, und als das
Mdchen den Reif an ihrem Finger fhlte, war es ihr, als ob er sie
stche.

Weies Silber bedeutet Trnen, sagen die Leute, dachte sie.

Ermattet schritt sie wieder zum Klavier und lie noch einmal die Finger
ber die Tasten eilen. Leise drangen die Tne durch das Haus, und Wilms,
der oben in seinem Bett den Kopf gegen die Wand prete und den Schlummer
herbeiflehte -- ihn umschmeichelte pltzlich die liebe, alte Melodie, das
Lied, mit dem ihn seine Mutter schon eingesungen hatte:

Schlaf, Kindchen, schlaf.

Aber es hatte seine Zauberwirkung verloren. Er fand keine Ruhe mehr,
sondern dachte unausgesetzt an das wunderbare, schne Weib, dem er den
Silberring geschenkt.

So endete der Weihnachtsabend in Wilmshus.




V.


Komm, Hedwig -- willst du nicht mit in die Kirche? fragte am nchsten
Morgen der Pchter, indem er im Sonntagsrock, das Gesangbuch unter dem
Arm, in das Wohnzimmer trat, in welchem Hedwig vor dem Fenster sa und
las.

Die Gefragte blickte auf. Sie sah heute abgespannt und bla aus, und
auch der Pchter mifiel ihr in seinem langen, schwarzen Gehrock. Die
Tracht lie ihn altfrnkisch, kleinbrgerlich erscheinen. -- Frher, in
dem Pensionat wrde Hedwig ber eine solche Figur gelacht haben.

Was war nur aus ihr geworden?

Guten Morgen, Hedwig, willst du mich nicht in die Kirche begleiten?
wiederholte der Landmann dringender. Ihm erschien der Kirchgang am
ersten Feiertag als selbstverstndlich.

Hedwig schwieg, drehte an dem Reif, den er ihr gestern geschenkt, und
lehnte dann seine Aufforderung mit kurzen Worten ab.

Du willst nicht? stotterte Wilms, als wenn er es nicht glauben knne.

Das Mdchen tippte auf ihr Buch und schttelte den Kopf. Geh nur
allein, Schwager. In der Kirche ist es mir zu voll. Die vielen Leute
stren mich dort.

Stren dich?

Auch kann ich keine vorgeschriebenen Gebete absagen, weit du, der
Gott, an den ich glaube, der kmmert sich um das Singen gar nicht.

Verstndnislos, mit weitaufgerissenen Augen starrte sie der Pchter an.
Eine tiefe Trauer zog allmhlich ber sein ehrliches Gesicht. -- Sie war
so schn, wenn sie so heftig sprach, der kleine volle Mund zuckte so
trotzig dabei. Schwer seufzte der Landmann auf und erwiderte kleinlaut:

Ich hab' dir das Gesangbuch meiner Frau mitgebracht -- -- ich wute ja
nicht, da du -- da du so gesonnen bist -- -- und also -- er drehte das
kleine Buch hin und her, du begleitest mich also nicht?

Es sprach soviel schwermtige Bitte daraus, da Hedwigs Herz
unwillkrlich schneller schlug. Aber ein Blick auf den altvterlichen
Bratenrock und das abgegriffene Gebetbuch stimmte sie wieder um.

Ihre heftig brennende Neigung kam ihr pltzlich wie ein Traum vor. Nach
Liebe sehnte sie sich, nach Sturm und Trotz gegen den Mann, nach irgend
etwas, was sie noch nicht kannte, -- und nun dieser schwarzgekleidete,
unbehilfliche Mann mit seiner Atmosphre von dumpfer Kirchenluft.

Sie erwachte frmlich. Die Stunde in dem Pensionsstbchen fiel ihr ein,
-- und -- --

Nein, ich gehe nicht, entschied sie entschlossen.

Wilms nickte und lie noch einmal seine blauen Augen voll auf ihr ruhen.
Wie du willst. -- Dann ruh' dich hier aus, Heting. Und wenn ich
wiederkomm', singst du wieder so schn wie gestern.

Er konnte ihr Errten nicht mehr wahrnehmen, ebenso wenig wie die
heftige Bewegung, als wenn sie ihn dennoch zurckhalten wolle.

Langsam schritt er ber den Hof in den klaren Wintertag hinein, whrend
das Mdchen ihm durch das Fenster ernst und dster nachschaute.

In der Kirche von Boltenhagen, zwischen den hohen Eichensthlen blieb
ein Platz neben Wilms frei. Hier hatte Else frher gesessen, und der
Pchter hatte es sich reizend ausgemalt, heute am hohen Festtag diesen
Raum von Hedwig eingenommen zu sehen.

Wie silberhell wrde ihre Stimme, die ihm gestern abend das ganze Herz
gerhrt hatte, wohl geklungen haben, wenn sie beide zusammen, Haupt an
Haupt, aus dem kleinen Bchlein die Psalmen verfolgt htten. Und nun
-- -- -- die Orgel rauschte, die Gemeinde stimmte ein, aber Wilms Lippen
bewegten sich nur mechanisch, er dachte immerfort an das schne, junge
Geschpf daheim, das an dem Christenglauben keine Freude fand.

Er wunderte sich, warum er nicht ungehalten auf sie sein konnte, warum
sich nicht zwischen dem Frommen und ihr, der Gottlosen, eine noch hhere
Scheidewand aufrichte -- aber seltsam, auch ihn erbaute heute der Dienst
des Herrn nicht, keine Trstung fand er in den Worten des kleinen Pastor
Schirmer, immer wieder beschftigten sich seine Gedanken mit dem
Mdchen, er empfand eine heftige Sehnsucht nach ihr und verstand es
nicht, warum er nicht bei ihr geblieben sei. Und doch brauste die Orgel
so herrlich und doch feierte man die Geburt des Herrn.

Er entsetzte sich. Er dachte schon ganz mit ihren Gedanken. Er besa
auch keinen Gott mehr, nur ein Weib, das er umfassen und kssen und
immer wieder kssen wollte, sein Heiland war ein Mdchen, das ihn
fortlockte, fort zu Lust und Leben und Arbeit.

Wirf die Last von dir, zuckte es durch seine Sinne.

Hatte es der Pastor gesprochen? -- War es ein Bibelwort? -- Er wute es
nicht.

       *       *       *       *       *

Als Wilms seine Schwgerin verlassen hatte, war Hedwig noch einige Zeit
regungslos am Fenster sitzen geblieben. Bald betrachtete sie den
schmalen, silbernen Reif an ihrem Finger, bald sah sie sich erstaunt in
dem weiten Zimmer um, als begriffe sie gar nicht, wer sie hierher
versetzt htte. Ihr war pltzlich alles zu eng und dumpf. Die
entsetzliche Angst von gestern drckte noch auf ihr Gemt, ihr dmmerte
es, als wre sie bis jetzt von einem hlichen Zauberschlaf umsponnen
worden.

Luft -- Licht.

Sie sphte an sich herunter. Das einfache, schwarze Kleid kam ihr
rmlich vor.

Was war nur in der Zwischenzeit aus ihr geworden? Drauen blitzte und
funkelte die Landschaft. -- Die dickbeschneiten Bume der Strae sahen
wie ungeheure, weie Korallen aus.

Das Mdchen befiel ein ungestmer, heier Drang, dort drauen
hinzustrmen, sich auszutummeln, ihre frische, schwellende Kraft zu
bettigen. Ja, sie wollte ebenfalls das Fest begehen. Es war ja ein
kleiner winziger Schlitten im Hause. Den selbst lenken und dann
hinfliegen auf der glatten Bahn, das wrde sie wieder gesund machen.

Kaum gedacht, war sie in ihr enges, kleidsames Pelzjckchen geschlpft,
hatte sich ihr keckes Barett aufgesetzt und lief jetzt ber den
einsamen, menschenverlassenen Hof.

Ich glaube, ich bin ganz allein in diesem frommen Hause.

Jedoch sie tuschte sich.

Vor dem Stall sa der alte Krischan, der Zauberer des Hofes, und
zitterte vor Frost oder vor Schwche. Neben ihm hielt der Rabe seinen
bestndigen Schlaf und zitterte ebenfalls.

Hedwig war dieses Paar von Anfang an unsympathisch.

Alterchen, befahl sie, holen Sie mir mal den Schlitten aus dem Stall
und das braune Handpferd dazu.

Der Alte erwachte aus seinem Schlummer und grinste sie an.

Willen dat Frulen utfhren? hustete er.

Ja, und nun schnell.

Allein der Greis hatte nicht gehrt, oder wollte den Befehl nicht
ausfhren. Langsam schlich er zur Seite und schttelte den Kopf.

Das Mdchen blickte ihn an: Was soll das heien? Haben Sie mich denn
nicht verstanden?

Der Alte schttelte wieder und steckte die Hnde in die Hosentaschen.
Dann begann er von neuem zu zittern, wie ein Knochengerst, das im Winde
klappert.

Ein widerwrtiger Anblick.

Hedwig stieg das Blut ins Gesicht, sie trat dicht an den hlichen Alten
heran und sagte scharf und bestimmt:

Christian, es wird Zeit, da Sie vom Hof herunter und in das
Gemeindehaus kommen. -- Verstehen Sie mich? Hier knnen Sie nichts mehr
leisten, dort dagegen knnen Sie sich ausruhen. -- Mein Schwager wird Sie
bekstigen. Wollen Sie?

Ganz genau hatte der Alte verstanden. Er zitterte, kaute weiter und
murmelte gelassen:

Ick bliew hier. Se snd nich de Fru. Se hewwen hier nix tau seggen.

Was? entgegnete Hedwig erblassend, das wird sich finden. Mit
schnellem Atem betrat sie den Stall, wo sie einen Hofjungen fand, der
sein flachsblondes Haupt an die Krippe lehnte und eingeschlafen war. Sie
rief ihn an und mit seiner Hilfe war der kleine, blaue Schlitten bald
herausgehoben und mit dem schnen braunen Pferde bespannt.

Hedwig setzte sich hinein.

Aber der Kutscher is in die Kirche, meinte der Junge.

Schadet nicht -- ich fahre allein -- adieu!

Sie hieb mit der Peitsche zu, der Braune, ein Renner mit halbenglischem
Blut, machte einen Seitensprung und flog mit ihr vom Hofe herunter.

Windschnell ging es ber die weie Landstrae. Die kleinen
Schlittenglocken klangen und klingelten, ringsum war keine Menschenseele
zu ersphen, alle hatten die Kirche aufgesucht, nur sie, sie allein
geno jetzt die weie, blitzende Landschaft.

Wie ihre Wangen sich rteten, wie die Augen vor Lust und Freude
blitzten. Die letzten, dumpfen Wochen waren vergessen, das war wieder
die Hedwig von ehemals.

Als sie bei der Kirche von Boltenhagen vorbeiglitt, kamen die Glubigen
gerade heraus, der ganze Platz wimmelte von festlich gekleideten Mnnern
und Frauen. Ihr war es auch, als htte sie auf der Portaltreppe ihren
Schwager erkannt, der in seinem langen, schwarzen Rock und seinem
wolligen Zylinder auf den Stufen stand und nach dem Gespann hinbersah.

Hui! Ein neuer Schlag traf den Braunen, so da das kleine Gefhrt wie
ein Gedanke vorberscho. Sie wollte einmal allein sein, alles
vergessen, alles abschtteln.

War sie's? -- War sie's nicht? dachte Wilms und strengte seine Augen
aufs uerste an. Nein, sie hat ja auch versprochen, mich zu erwarten,
beruhigte er sich dann. Die Sehnsucht von vorhin ergriff ihn immer
heftiger. Mchtig schritt er aus, um heimzugelangen.

Whrenddem war Hedwig auf freies Feld gelangt. Wie ein ungeheures,
erstarrtes Meer dehnte es sich zu beiden Seiten der Chaussee, die
Grenzbsche und die kleinen eisbereiften Tannenschlge schienen enorme
Sturzwellen, die in der Hhe festgebannt waren. Nur leichte
Schaumflocken trieb der Wind manchmal ab.

Tief aufatmend fuhr Hedwig dahin und gnnte ihrem dampfenden Braunen
jetzt grere Ruhe. Und Schritt vor Schritt, manchmal mit lautem
Wiehern, zog das Tier den Schlitten durch den tiefen Schnee, wohl zwei
Meilen Wegs, bis sie ein winziges an der Landstrae liegendes Gasthaus
erreicht hatten, das man in dortiger Gegend Krug nennt.

Hier warf das Mdchen dem Braunen eine Decke ber, stieg ab und betrat
die niedrige weigetnchte Gaststube. Ein kolossaler Kachelofen
verbreitete hier eine enorme Hitze. Ein derber, weigescheuerter
Kieferntisch stand vor dem Fenster, ein paar ungefge Sthle davor,
sonst bildeten nur noch ein schwarzes, fettglnzendes Ledersofa und
mehrere ldruckbilder, welche glckliche Familienszenen darstellten, das
Meublement der verlassenen Gaststube.

Und verdet blieb sie noch eine Weile. Htte nicht eine unsichtbare
Klingel bei Hedwigs Eintritt hell gelutet, die Krugwirte wrden
berhaupt nichts von ihrem Besuch erfahren haben.

So jedoch erschien nach einiger Zeit ein kleines blasses Weib, an deren
Rcken sich zwei Kinder festklammerten, whrend es ein drittes, einen
Sugling, auf dem Arm trug, und versprach, auf Hedwigs Wunsch, ein Glas
Milch zu bringen.

Hedwig lie sich an dem weigescheuerten Tisch nieder, streifte sich die
Handschuhe ab und sah durch das kleine pappgeflickte Fenster der
Gaststube auf das blinkende Feld hinber.

Drauen stand ihr Brauner, schttelte sich und wieherte laut.

Das gab ihren Gedanken die Richtung.

Am besten wr's, berlegte sie sich, ich bestieg wieder den
Schlitten, und dann rasch, weit fort von hier in die Stadt und von dort
wieder weiter, viel weiter, wo ich nichts mehr hre von alledem, was ich
hier zurckgelassen. O, es wre so gut, wenn ich jetzt ginge, bevor -- ja
bevor irgend etwas Schlechtes sich ereignet. Denn kommen wird es. Ich
wei nicht weshalb, aber es ist alles so ungesund in Wilmshus, so
ansteckend, ich wnschte, ich wre nie dort eingekehrt. -- Warum mir das
heut wohl gerade einfllt?

Sie sttzte den Kopf in beide Hnde und sa eine Zeitlang regungslos.
Das eiserne Blech vor dem Ofen knackte und bog sich regelmig hin und
her. Durch den Hausflur schallten streitende Stimmen hinein. Hinten auf
dem Hof des Hauses schienen mehrere Mnner miteinander zu sprechen.

Das Mdchen regte sich. Sie war also nicht allein hier? Auch brachte die
Krugwirtin das Verlangte noch immer nicht. Sie wurde ungeduldig. Endlich
erschien das blasse Weib wieder und stellte einen Seidel frische Milch
vor ihrem Gast nieder. Hedwig erkundigte sich, ob sie noch andere Gste
beherberge.

Nein, Frulein, mein Mann hat blo Besuch. Wir woll'n Pferd verkaufen.

Damit ging sie wieder hinaus.

Aber whrend Hedwig an dem Glase nippte, wurde drauen wiederum die
Flurtr geffnet, und das Mdchen hrte eine krftige Mnnerstimme
sprechen.

Sie griff nach ihren Handschuhen und horchte. Allein sie vernahm nichts
mehr. Das laute Gesprch hatte sich wieder verloren. Dennoch wurde sie
von einer merkwrdigen Unruhe ergriffen. Sie wollte aufbrechen. Rasch
schritt sie zur Tr und rief die Wirtin: die erschien auch
bereitwilligst mit ihrem Sugling auf dem Arm und wischte mit einem Tuch
den Tisch sauber.

Nun, ist das Pferd schon verkauft? fragte Hedwig.

Ja, sie sind woll schon einig.

Wer ist denn der Kufer?

Je, ich kenn' ihm auch nich. Mein Mann sagt ja woll 'Herr Graf' zu
ihm.

Graf? stotterte die andere erblassend, vielleicht Graf Brachwitz?

Ja, so kann er woll heien, antwortete die Wirtin gleichgltig und
trocknete sich die Hand ab, um die Bezahlung entgegenzunehmen.

Hier, liebe Frau, hier haben Sie -- -- hier haben Sie. Hedwigs
Bewegungen wurden immer hastiger. Vergeblich durchwhlte sie ihre
Taschen, ohne jedoch ihr Portemonnaie finden zu knnen. Wahrscheinlich
hatte sie bei ihrer eiligen Ausfahrt berhaupt vergessen, Geld zu sich
zu stecken.

Na, das schad't ja nich, trstete die Krugwirtin verwundert, das
Frulein schickt mich's dann.

Ja, ja, ich schicke es Ihnen.

Nur noch das Barett aufgesetzt, das sie abgelegt hatte, und sie konnte
hinauseilen. Mit hastigen Fingern rckte sie es sich zurecht, da
schallten Tritte den Flur entlang, und gleichzeitig sah Hedwig durch das
Fenster, wie der Krugwirt ein gesatteltes Reitpferd dicht neben ihren
Schlitten hinausfhrte.

Jetzt hoffte das Mdchen nur noch, da der Mann, dem das Ro dort
drauen gehrte, an der geschlossenen Tr der Gaststube vorbergehen
wrde. Aber das Schicksal wollte es anders. Die Tr wurde aufgemacht,
ein schlanker Mann, in grauem Wams und Pelzmtze, guckte herein und rief
gutmtig:

Sie, Frau Wirtin, ich hab' doch noch die paar Taler zugelegt -- wir sind
jetzt einig. Aber wehe Ihnen, wenn's nicht wirklich eine Whalebonestute
ist. -- Na, guten -- -- --

Morgen, wollte er sagen, indessen mitten im Wort fiel sein Blick auf
die Dame, die ihm zuvor den Rcken wandte, deren Gestalt ihm aber so
einzig vorkam, da er sie sofort erkannte. Da erblate auch er und
verlor die Herrschaft ber sich. Allerlei Entschlsse fuhren ihm wild
durcheinander. Sollte er nicht lieber einfach aufbrechen? Oder wollte er
es doch noch einmal wagen, vor das schne Mdchen, das er so beleidigt
hatte, hinzutreten?

Wenn sie ihm nun vor der Krugwirtin die Tr wies?

Er starrte ungewi auf sie hin und merkte, da ber ihre abgewandte
Figur ein Zittern lief, als wenn sie ebenfalls mit sich kmpfe.
Pltzlich kehrte sie sich hastig um. Wie gesagt, ich habe das Geld
vergessen -- ja, ich -- ich schicke es Ihnen aber, liebe Frau, brachte
sie verworren hervor, um nur irgend etwas zu uern, und schritt rasch
auf die Tr zu, auf deren Schwelle ihr Bedrnger von ehemals noch immer
verharrte.

Sie blickte nicht auf. Jedoch in ihrer ganzen Art drckte sich soviel
Trotz, Kraft und Selbstbewutsein aus, sie war in ihrer Verwirrung so
eigenartig schn, da Brachwitz vollkommen berwltigt zurcktrat und
die Mtze vom Kopf ri.

Guten Morgen, murmelte er mit einer respektvollen Verbeugung, whrend
sie an ihm vorberschritt.

Sie neigte unmerklich das Haupt, und flog dann auf die Landstrae
hinaus. Dort hatte der Krugwirt ihrem Braunen einen Futtertrog
umgehngt, und hielt nun den Rappen seines vornehmen Gastes, so da er
dem Mdchen nicht behilflich sein konnte, ihr Tier von der umgehngten
Blechbchse wieder zu befreien.

Sie stampfte vor Ungeduld mit den Fen, in der Eile berhastete sie
alles. Auch die Decke konnte sie nicht schnell genug zusammenfalten.

Am liebsten wre sie zu Fu durch den Schnee davongerannt.

Der junge Graf Brachwitz stand unterdessen auf den niedrigen Stufen des
Gasthauses und beobachtete das Treiben des Mdchens eine Zeitlang
gespannt. Dann strich er unmutig seinen Schnurrbart. Es tat ihm ehrlich
leid, da Hedwig eine so schlechte Meinung von ihm hatte, und er
verwnschte sein ungestmes Blut, das ihn damals zu dem offenbaren
Frevel gegen sie getrieben. Entschlossen sprang er zu Hedwigs Braunem,
nahm unbeirrt von ihrem Zurckweichen dem Tiere den Trog ab, dann
faltete er die Decke und trat hflich an den Schlitten, den Hedwig
inzwischen ratlos bestiegen hatte.

Darf ich die Decke hier hereinlegen? murmelte er kleinlaut.

Sie nickte und wandte sich ab, als er ihr den wollenen Fries leicht
ber die Fe warf.

Keinen Kutscher? fragte er dann erstaunt, whrend er ihr die Zgel in
die Hnde gab.

Nein, versetzte sie fest, ich fahre selbst.

Sie hob die Peitsche.

Allein bevor der Braune anzog, war Brachwitz auf die Schwelle des
Schlittens getreten. Ich mchte Sie bitten -- gndiges Frulein, da Sie
mir die Zgel berlassen, bat er leise und verwirrt.

Der Ton war ehrlich, die Anrede ehrerbietig.

Hedwig wandte ihre groen, braunen Augen auf den hbschen Menschen. Ihr
Blick war seltsam. Es schien, als wollte sie sein ganzes Wesen lesen.
Und nach kurzer Frist sagte sie kurz und herb, jedoch mit zitternder
Stimme:

Treten Sie dort herunter, Herr von Brachwitz, ich mu Ihre Begleitung
bestimmt ablehnen. -- Ein fr allemal.

Ein fr allemal? wiederholte er.

Vorwrts!

Wiederum hob sie die Peitsche, aber die Hand des Grafen legte sich sanft
auf den Griff.

Hedwig fuhr zusammen und richtete sich schwer atmend auf.

Liebes Frulein, bat er dringend, ich bitte Sie -- bitte Sie von
Herzen -- hren Sie mich doch nur ein paar Minuten an. Sie wissen ja gar
nicht, wieviel mir daran liegt, mich vor Ihnen zu -- -- nun ja, zu
rechtfertigen. Darf ich denn nicht, wenn Sie mich nicht bei sich im
Schlitten dulden wollen, wenigstens nebenher gehen, natrlich nur so
lange es Ihnen gefllt, langsam zu fahren? -- Ich mchte doch gar zu gern
Ihre Verzeihung erhalten, darf ich?

Er ergriff die Zgel seines Pferdes, und da Hedwig nichts antwortete, so
hielt er es fr Zustimmung und schmte sich nicht, zu Fu neben dem
langsam gleitenden Schlitten herzuschreiten und sein Tier mit sich zu
fhren.

Hedwig selbst kam es wie eine Art Buwanderung vor, als wenn der junge
Mann, der sie so beleidigt hatte, sich allein demtigen wollte. Mit
Interesse blickte sie auf ihn hin. In demselben Moment aber fiel ihr
ein, wie hei und wahnsinnig dieser fremde Mensch sie schon einmal
gekt hatte. Das emprte sie pltzlich wieder so ungestm, da sie der
Szene ein Ende zu machen beschlo.

Was wollen Sie also von mir? forschte sie hart.

Endlich Ihre Verzeihung erlangen, erwiderte der Graf treuherzig. --
Ich schme mich aufrichtig, da ich so hlich gegen Sie gehandelt
habe; Frulein Hedwig -- gndiges Frulein, wollen Sie mir nicht die
Versicherung geben, da Sie mir nicht mehr zrnen?

Ja, das will ich. Aber unter der Bedingung, da damit unsere
Unterredung zu Ende ist, und sich unsere Wege nie mehr kreuzen.

Nie mehr?

Nein.

Und warum nicht?

Das wissen Sie doch -- weil es zwecklos wre, Herr Graf.

Sein dunkles Gesicht frbte sich hher, er sah sie voll an und empfand
wieder ihre Schnheit. Leicht seufzte er auf und legte die eine Hand auf
die Lehne des Schlittens.

Sie haben recht, gab er endlich in sich gekehrt zu, und ber seine
frischen, offnen Zge legte sich ein Schatten. Ach, Unsinn, Frulein
Hedwig, ich mu es Ihnen einmal sagen, wir wollen ehrlich miteinander
handeln. Es ist tatschlich zwecklos. Obgleich ich Ihnen wirklich gut
war -- nein, werden Sie mir nicht bse, Ihnen war ich wirklich gut, wenn
ich Sie auch in meiner Tollheit geradezu mihandelt habe, ich
unterschtzte Sie vielleicht -- -- aber das ist es nicht allein --

Nun, aber? fragte das Mdchen hastig. Ihr Herz klopfte. Unvermittelt
blitzte es ihr auf, als ob dieser junge Aristokrat, der ihr eben so
treuherzig seine Liebe gestand, die Hnde ausstrecken wrde, um sie vor
dem Fall zu bewahren, den sie ahnte. Nun, aber? kam es zitternd ber
ihre Lippen. Was wollen Sie mir noch mitteilen?

Sie wute jetzt, sie liebte ihn nicht, aber sie wollte gerettet werden.

Aber, murmelte er widerwillig und ri an dem Zgel seines Pferdes --
man hat mich da vorige Woche in der Hauptstadt verlobt.

Sie?

Sie rief es beinahe entsetzt. Alles Blut entwich ihren Wangen. Und doch
durchschauerte sie es nur deshalb so kalt, weil sie sich jetzt vom
Schicksal zum Untergang bestimmt hielt.

Und wer ist Ihre Braut? wollte sie stammeln, aber in demselben
Augenblick hatte sie ihrem Braunen mit voller Wucht die Peitsche
versetzt, das Tier zuckte in die Hhe und raste dann in voller Wut mit
dem Schlitten die schneebedeckte Chaussee herunter. Kaum hrte sie
noch, was ihr berraschter Begleiter ihr nachrief.

Mit aller Kraft ri und zerrte sie an den Zgeln, jedoch sie hatte ganz
die Gewalt ber das schumende Tier verloren. Wie jagende Traumbilder
schossen Bume, Huser und Menschen an ihr vorber, die vorbersausende
Luft nahm ihr den Atem.

       *       *       *       *       *

In dem Pachthaus hatte der Landmann die Gesuchte nicht gefunden. Er
fragte den alten Krischan. Der zuckte die Achseln und wies auf die
Landstrae hinaus.

Da is sie fortgefahren, Krischan? forschte Wilms betroffen -- allein?
Sa sie nicht im Schlitten?

Der Alte nickte und schlotterte weiter.

Fort? murmelte Wilms, whrend er in sein Haus zurckschritt. Und er
hatte sich so gefreut, mit ihr zusammen zu sein. Das einsame groe
Zimmer schien ihm ohne sie unwirtlich. Als das Mdchen nach einer Stunde
nicht zurckgekehrt war, warf er sich in seine gewhnliche Joppe, band
den Hofhund los und wanderte die Landstrae nach Boltenhagen zu.

In dem harten Schnee sah man noch die Schlittengleise, in denen sie
gefahren war. Wilms Herz zog sich zusammen. Da er das Mdchen jetzt
schon entbehrte, wie sollte es werden, wenn sie ihn gnzlich verlie,
sobald sein Weib zurckgekehrt war?

Kurz vor Boltenhagen hrte er etwas ber die Chaussee klingeln. Der
ferne Punkt, den er wahrnahm, wurde grer und grer, schon vernahm er
das Schnaufen und Keuchen des gereizten Pferdes.

Er sprang zur Seite.

Halt! rief er mit harter Stimme den Anstrmenden entgegen.

Hedwig sah ihn, hrte ihn, aber dem Durchbrenner konnte und wollte sie
keinen Einhalt tun. Nur vorbei, nur nicht gefragt werden, nur weiter
sich austoben knnen, hart begleitet von der Gefahr.

Schon waren sie nahe.

Halt, schrie Wilms noch einmal.

Sein ganzer Kopf rtete sich. Er hielt dieses Vorbersausen fr
beabsichtigt, um ihm zu entgehen. Schon heute frh war sie an der Kirche
so vor ihm entflohen.

Ich bin's, Hedwig, brllte er noch einmal.

Keine Antwort.

Immer nher.

Da erhebt sich das Rohe, Gewaltsame in dem Bauern. Er springt vor, seine
gutmtigen Augen drohen, ein mchtiger Faustschlag trifft das Pferd vor
die Stirn, da es hoch in die Hhe steigt. Der Schlitten wird
umgeschleudert und das Mdchen schlgt hart in den Schnee, wo es mit
weitaufgerissenen Augen liegen bleibt, als htte sie der Blitz
getroffen.

Wilms, murmelt sie betubt.

Er hob sie auf, und noch halb ber sie gebeugt, gurgelte er heiser vor
Aufregung: Hedwig, dir is doch nichts? Sag' doch, Heting, dir is doch
nichts?

Er wute gar nicht, was er getan hatte.

Nein, nein -- Wilms, ich will nach Hause.

Ja, wir wollen nach Hause, Heting, brachte er bestrzt heraus, komm',
ich heb' dich in den Schlitten. Und whrend er das Mdchen in das
wieder aufgerichtete Gefhrt niederlie, befhlte und betastete er sie
ngstlich, ob sie auch keinen Schaden genommen htte.

Heting, sag' mir blo, wo bist du denn gewesen?

Allein sie sa wie erstarrt.

Frag' mich jetzt nicht -- ich will nach Haus.

Wie du willst, dann will ich dich jetzt auch nicht fragen, gab er
sofort nach. Aber nicht wahr, Heting, dir fehlt doch nichts?

Sie schttelte den Kopf.

Dann kommt es blo vom Schreck, trstete er sich und sie. Er nahm
neben ihr Platz, ergriff die Zgel, und der gebndigte Braune begann
folgsam im Trabe zu laufen.

Kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt. Gedankenlos sa
Hedwig neben dem Pchter und hrte auf das Luten der Glckchen. Nur
einmal stieg ihr schwache Verwunderung auf, warum jetzt das Tier jeder
Bewegung des Lenkers folge, das vorher so wild gewesen.

Verstohlen blickte sie auf den Mann an ihrer Seite und merkte, da seine
Augen gleichfalls auf ihr hafteten, voller Angst.

Er sah jetzt ganz anders aus, wie vorhin, als er das Pferd
zurckgeschlagen hatte.

Als sie daran dachte, zuckte sie zusammen, als habe sie selbst der
Faustschlag getroffen.

Was sollte daraus noch werden?

Es war ihr, als htte er damit auch sie gebndigt.




VI.


Und die Erkenntnis, da sie langsam unterlag, rhrte ihr ganzes Wesen
auf.

Kaum waren sie in dem Pachthause angelangt, so setzte sich Hedwig vllig
erschpft in eine Sofaecke und begann pltzlich heftig zu schluchzen.
Wilms sah bestrzt, da all ihre Glieder bebten und zitterten wie
Grashalme, ber die der Sturm rauscht.

Heting -- liebes Heting, murmelte er und fuhr ihr unbeholfen ber das
Haar. -- Bist du krank? -- Willst du mir nicht sagen, warum du weinst?

Immer heftiger flossen ihre Trnen. Wie ein pltzlicher Regenhusch, der
das Gewitter anzeigt.

Heting, das kann ich nicht mit ansehen. Bist noch bse auf mich von
vorhin?

Er meinte, weil er sie so roh aus dem Schlitten gestrzt.

O nein.

Sie schttelte den Kopf und drckte krampfhaft seine Hand.

Wilms -- ich bitte dich, Schwager, flsterte sie dringend. Geh' jetzt
hinaus und la mich allein -- ganz allein -- nicht wahr, du tust mir den
Gefallen?

Natrlich, Heting, ich tu' ja alles, was du willst, erwiderte der
Landmann. Blo sag' mir noch, bist du vielleicht ungehalten, weil ich
heute ohne dich in die Kirche ging? Sieh, wenn du es nicht fr recht
hltst, dann will ich ja berhaupt nicht mehr hingehen.

Sie machte nur eine stumme Bewegung der Verneinung, und der Pchter
schritt schwer und erschttert hinaus. Kaum hatte er die Tr hinter sich
geschlossen, so erhob sich Hedwig und warf sich vollkommen durchrttelt
und kraftlos vor Elses Bett in die Knie, wo sie ihren Kopf in die Kissen
grub.

Schwester -- Schwester, murmelte sie halb betubt vor Seelenangst.

Unterdessen schritt Wilms in dumpfer Verzweiflung auf dem Hof hin und
her. Und immer wieder richteten sich seine berbuschten Augen auf das
Fenster, hinter dem frher seine kranke Frau gelegen hatte und ihm Qual
bereitete. Jetzt sphte er nach der gesunden Schwester.

Er griff nach seiner Stirn und wunderte sich.

Unter ihm lag noch immer die Erde fest und bebte nicht, ber ihm
schwamm der Schneehimmel und spie keine Feuerballen aus, um ihn herum
ragten Haus und Scheunen festgefgt wie sonst, und doch brtete der
Mann, der nicht mehr in die Kirche gehen wollte, ber eine der Todsnden
nach.

Gedankensnden, hatte der Pastor einmal gesagt, Gedankensnden.

Es sollte noch schlimmer kommen.

Der kleine Hofjunge trat auf ihn zu und hndigte ihm einen Brief aus. Er
enthielt eine Einladung fr den heutigen Abend zur Frsterfamilie. Die
Frsterin hatte ihn selbst mit zierlicher Handschrift geschrieben.

Als Wilms zur Mittagszeit in das Wohnzimmer trat, fand er seine junge
Schwgerin am Nhtisch emsig mit einem Brief beschftigt.

An wen schreibst du, Heting? fragte er zaghaft.

Sie blickte mit trbem Lcheln zu ihm auf. An Else, antwortete sie
stockend.

Der Pchter stutzte. An meine Frau? wiederholte er dster und blickte
zu Boden.

Ja, ich frage sie an, wann sie wiederkommt. Sie senkte dabei das
Haupt, schrieb noch ein paar Zeilen und bergab Wilms dann den
geschlossenen Brief zur Besorgung.

Eine drckende Stille trat ein, wie sie jetzt immer entstand, wenn der
Entfernten zwischen beiden Erwhnung geschah.

Wann sie wiederkommt, dachte der Landmann mutlos. Er reckte sich. Ist
dir bange nach ihr, Heting?

Es sollte gleichgltig klingen, aber seine tiefe Stimme bebte leicht.

Zitternd wandte sich das Mdchen ab und antwortete nicht.

Nur von etwas anderem sprechen, dachte Wilms, von etwas anderem. Da
erwhnte er die Einladung, die er eben erhalten. Natrlich wrde Hedwig
ablehnen, glaubte er; auffallend war ja ihre Blsse, und sie hatte noch
eben ber ihr Befinden geklagt. Aber zu seinem Erstaunen rief sie
erregt: Ja, wir wollen hin. Warte, ich kleide mich gleich um.

Kopfschttelnd blieb er zurck.

Schon nach dem Kaffee fuhren sie vom Hof herunter in demselben
Schlitten, den Hedwig heute vormittag benutzt hatte.

In dem gemtlichen Frsterhuschen mitten im Walde ging es hoch her.
Vielstimmiger Gesang, Geigen- und Trompetenklang empfingen sie schon
bei ihrer Ankunft. Der Frster hatte von der benachbarten Akademie
mehrere Forsteleven, selbst einen Assessor eingeladen. Der hatte seine
Geige mitgebracht zur Verschnerung des Festes. Auch des Pastors
Tchterlein war da.

In einer der braungetfelten Stuben mit den vielen Hirschgeweihen
brannte noch der Tannenbaum. Darunter sa das blonde Tchterchen der
Forstleute in seinem Wgelchen und streckte die Arme nach den Lichtern
aus.

Hedwig nahm das Kind in die Hhe und kte es. Als sie sich umwandte,
stand Wilms hinter ihr, dessen Augen mit besonderem Ausdruck auf ihr
ruhten.

Er hatte sich in tiefster Seele gedacht: Warum gehrt mir dieses schne
Weib nicht und dieses Kind? Langsam fuhr er sich ber die Stirn und
ging zu den Mnnern.

Es wurde spt.

Der Abend verflo in lauter Frhlichkeit.

Hedwig wurde von den jungen Leuten der Hof gemacht, Paula Schirmer
schmiegte sich an sie, sie mute singen. Zum Schlu spielte der
Forstassessor zum Tanz auf. Da war es selbstverstndlich, da das
Mdchen von einem Arm in den andern flog. Nur Wilms stand ernsthaft
beiseite, er hielt es fr unpassend zu tanzen, solange sein Weib fern in
der Klinik weilte.

Stirnrunzelnd berkam es ihn, als ob seine Jugend in Trauer verfliee.
Und wie anmutig Hedwig tanzte, sie lenkte aller Augen auf sich, nur zu
wild erschienen ihm manchmal ihre Bewegungen, es lag dann etwas Rasendes
darin.

Er schttelte den Kopf.

Hren Sie auf, Frulein Hedwig, mahnte auch die Frsterin, sonst wird
es zuviel.

Sie zog das Mdchen mit sich fort und stubte ihr in ihrem Schlafzimmer
etwas Klnisches Wasser ins erhitzte Gesicht.

Wie geht es Ihrer Schwester? fragte sie dabei.

Das wei ich nicht, versetzte Hedwig geistesabwesend.

Die Frsterin starrte sie an. Sie merkte, da die Erregung ihres jungen
Besuches unnatrlich sei. Jedoch sie glaubte die rechte Spur gefunden zu
haben.

Wissen Sie schon, da sich der junge Graf Brachwitz verlobt hat?
forschte sie gespannt.

Ja, ich hrte schon davon, nickte Hedwig gleichgltig und wollte
wieder zu den andern.

Die Frsterin verstand nicht, was sie aus ihr machen sollte. Sie hielt
das Mdchen am Arm fest und klopfte ihr fast mtterlich die Wangen. Eine
Regung des Mitleids berkam sie fr dies schne, fiebernde Geschpf.
Wenigstens einen guten Rat wollte sie ihr erteilen, geschpft aus den
Erfahrungen einer reifen Frau. Und ganz ehrlich und aufrichtig kam es
heraus: Frulein Hedwig, ich wollte schon immer einmal mit Ihnen
darber sprechen. Bleiben Sie nicht mehr lange allein mit Ihrem Schwager
in Wilmshus. -- Hren Sie?

Warum? wandte sich Hedwig ruckartig um.

Sie war leichenbla geworden, nur die braunen Augen glnzten und
funkelten wie feurige Kohlen.

Weil, fuhr die Frau eindringlich fort, die Lsterzungen in der
Umgegend sich schon darber aufhalten. Ich rate Ihnen gut, wenn auch
nichts daran ist, gehen Sie dem Gerede lieber doch aus dem Wege.

Da raffte sich Hedwig auf, alles Blut scho ihr zum Herzen, es war ihr
so weh, da sie laut htte schreien mgen, denn sie fhlte, da sie
jetzt den Scheideweg erreicht habe.

Liebe Frau Annchen, sprach sie dennoch straff aufgerichtet, obwohl die
vollen Lippen in dem bleichen Gesicht bebten, so da ihr Gegenber nur
mit Mhe ihre Worte verstand. Solch miges Geschwtz ist mir
gleichgltig. Ich tue das, was ich fr recht halte, und scheue niemand.

Damit ri sie sich heftig los und ging in der groen Stube mitten durch
die Frhlichen hindurch, gerade auf Wilms zu, um ihn zum Tanz
aufzufordern.

Die Frsterin wurde rot vor Unwillen, als sie es sah, und flsterte
aufgeregt mit ihrem Manne.

Heting, sprach Wilms betreten, ich mchte nicht gern. Solange Else
fort ist -- --

Sie achtete nicht darauf. Komm, Schwager, -- wenn ich dich bitte?

Dabei sah sie ihn an mit ihren fieberigen Augen so hei, so flehend, als
ob er ihr damit das Leben retten knnte, als ob ihr ganzes Dasein an
diesem einen Tanze hing.

Da schlug es auch ber ihm zusammen. Weib -- Ruf -- die Furcht vor dem
Gerede, alles ging unter in dem einen Wunsche, dieses lebenstrotzende
Wesen einmal umschlingen und forttragen zu drfen.

Er packte sie, gewaltsam, verzweiflungsvoll, als wollte er sie an seiner
Brust zerpressen.

Bravo, riefen der Forstassessor wie die Eleven und lieen ihre
Instrumente noch lauter jubeln. Und unter Geigenspiel und
Trompetenklang schwenkte er sie herum, schwer, wuchtig, als ob es sich
um Leben und Tod handele.

Er sah auf sie herab.

Ihr Gesicht war schmerzverzogen, ihr Atem ging sthnend, wie wenn sie
mit jedem Schritt ber spitze Messer dahinglitte, und doch lag sie eng
und voll in seinen Armen, da er gnzlich die Besinnung verlor.

Ses, liebes, Heting, flsterte er.

Sie zuckte zusammen und schlo die Augen.

Da war auch der Tanz zu Ende, sie trennten sich hastig und kamen erst
wieder zusammen, als man aufbrach.

Adsch auch.

Auf Wiedersehen.

Die Frstersleute versprachen bald auf Wilmshus vorzusprechen. Wenn
Ihre Frau erst zurck ist, Wilms, meinte der Frster, das ist doch
jetzt bald.

Ja, das ist bald, besttigte Wilms berstrzt, das ist bald.

Wieder saen sie im Schlitten, der Landmann hatte ein Tuch um das
Mdchen geschlagen, da man fast nichts von ihr sah. Dann ging es durch
den nchtigen Wald, in dem die Schlittenglocken seltsam wiedertnten.

Kling-ling -- Kling-ling.

Hedwigs Haupt neigte sich leicht gegen seine Schulter. Ihr war so
bleischwer in allen Gliedern, der Schlaf schien sie erdrcken zu wollen.
Wie im Traum zog es ihr durch den Sinn, da sie mit diesem Mann nicht
lnger allein in einem Hause bleiben solle. Aber die silbernen Schellen
verscheuchten den Spuk gleich wieder:

Kling-ling -- Kling-ling.

In dem dunklen Gehft zu Wilmshus war keine Menschenseele zu ersphen.
Schwrzer als anderswo lag die Nacht auf diesem Ort. Frsorglich hob der
Landmann seine Schwgerin aus dem Gefhrt und sie duldete es, obwohl sie
fhlte, wie seine Arme zitterten. Da erleuchtete sich die Nacht. Aus dem
Hause schlrfte etwas heran, der alte Krischan schlich heraus, seinen
Herrn zu empfangen, eine Stallaterne warf einen breiten Schein ber den
Hof. Da machte sich Hedwig ungestm frei.

Erst auf dem dunklen Flur vor der Tr des Wohnzimmers, wo sie in Elses
Bett schlief, erreichte der Pchter seine Begleiterin noch einmal.

Rabenschwrze herrschte hier.

Zaghaft ergriff er ihre Hand und drngte sich scheu an sie.

Heting, flsterte er leise und berhrte furchtsam ihre Schulter.

Wilms, versprich mir was.

Alles, Heting, was du willst.

Dann soll Christian aus dem Hause und ins Altenheim.

Ja, dann soll er fort, wiederholte Wilms ohne berlegung. Halb betubt
beugte er sich zu ihr hinab.

Und derselbe schlrfende Greis, den sie eben verleugnet hatten, bewahrte
die beiden, die nicht mehr gerettet sein wollten, zum letzten Male.

An der Schwelle klapperten seine hlzernen Pantoffeln, in den Flur ergo
sich matter Lichtschimmer, eben als Hedwig, die gegen die Tr lehnte,
fhlte, da der Boden unter ihr zittere und schwanke und da sie in jene
Arme strzen wrde, die nach ihr tasteten.

Gute Nacht, Wilms, stotterte sie auffahrend.

Ach, gute Nacht, Heting, klagte der Pchter und starrte sinnlos auf
die Tr, die sich rasch hinter ihr schlo.

Der Alte war unterdes vorber geschlichen und hatte seine Schlafstelle
aufgesucht. Stille, webende, undurchdringliche Nacht umgab den Einsamen
wieder.

Er horchte und lauschte.

Kein Laut regte sich mehr, alles schlief, nur er stand noch wie ein Dieb
und wollte stehlen.

Dort drinnen also, dort drinnen.

Er wute, es war unverschlossen.

Die grobe, arbeitsgewohnte Hand reckte sich aus nach der Klinke, aber
ber dem Messing, in der Luft blieb sie, wie auf einer unsichtbaren
Mauer, liegen.

Das vermochte er nicht. Das wagte er nicht. Der Frost schttelte ihn,
da ihm die Zhne klapperten. Er schlug die Hnde vors Gesicht und stieg
wie vernichtet und zerbrochen in seine Kammer hinauf.

Er hatte einen schlimmen Traum.

Da sah er sein Weib auf der Totenbahre liegen, gelb und wchsern. Sie
war endlich gestorben. Frhlich tnten Geigen und Trompeten dazu, und er
selbst hatte Hedwig im Arm und tanzte jauchzend mit ihr um den Sarg
herum und kte sie auf den Mund. Die Leiche aber lag im Brautkleid und
ffnete die Augen und Pastor Schirmer predigte ber ihr: Wirf die Last
von dir. Sei mutig.

Er wlzte sich im Schwei und schrie so laut auf, da er erwachte.




VII.


So war der Winter hingeschwunden.

Der Schnee schmolz. Frhlingsstrme bogen und peitschten die Pappeln der
Landstrae, in allen Lachen spiegelte sich blendender Sonnenschein, an
den Birkenbschen begann es grn zu schimmern, und an einem frischen
Morgen vernahm Hedwig, die barhuptig auf dem Hof stand, rauschenden
Flgelschlag vor ihren Ohren, so da sie danach ausschauen mute.

Mit lautem Gezirp umkreisten die Hausschwalben das Dach und suchten ihr
Nest.

Das Mdchen, das ganz sonnenberglnzt dastand, legte die Hand vor die
Augen und blickte hinauf. Ja, es wurde wahr, der Frhling zog wieder ins
Land. Sie wohnte nun bald ein Jahr in diesem Gehft.

Und noch immer war Else nicht zurckgekehrt.

Von Woche zu Woche zog es sich hin. Immer trat wieder etwas dazwischen,
Monate wurden daraus. Wenn Hedwig dem Pchter nicht noch einmal von
ihrem Erbteil vorgestreckt htte, er htte die Pension der letzten
Wochen nicht bestreiten knnen. Zumal er jetzt alles Vorhandene zur
Saatzeit brauchte. Das zog ihm die Stirn oft sorgenvoll in Falten, aber
Hedwig hatte ihm die Summe aufgedrngt, ungeduldig, strmisch. Da hatte
er sie genommen. Sie gehrten ja zusammen, das Gedchtnis an Else wurde
jetzt seltener. Zwar langten wchentlich Briefe von der Kranken an, die
von einer immer fortschreitenden Besserung berichteten, doch diese
Mahnungen hatten das Schreckhafte verloren und schienen aus unbestimmter
Ferne zu stammen. Elses Gestalt wurde ihnen allmhlich unpersnlich und
verflo.

Dafr hatten sie sich gegenseitig immer enger aneinander angeschlossen.
Wilms blickte auf die stillen Wintertage als auf die glcklichsten
seines Lebens zurck. Ja, er hatte wieder ein Heim, in das er beseeligt
zurckeilte. Alles war wieder fest, gemtlich, geordnet. Auch hatte er
die Wintermuestunden benutzt, um von ihr zu lernen. Da hatten sie
zusammen unter der groen Stehlampe gesessen und die modernen Bcher
gelesen, die Hedwig kommen lie. Selbst seine politischen Ansichten
wurden durch sie geklrt. Und allmhlich begann er mit anderen Augen auf
Nahes und Fernes zu blicken. Die sklavische Gottesfurcht, die in dem
Hchsten einen Schergen sieht, einen kleinlichen Spher und Topfgucker,
entschwand ihm, erst zaghaft und scheu, bald aber sicherer fing er an,
nach dem Muster der Geliebten fr sich selbst Gutes und Bses zu
unterscheiden. Der schchterne Mann erwachte, er erhob sich wie aus
einer Gruft und sah sich erstaunt in der Welt um. Frische Luft wehte
berall, dem Starken gehrte berall auch das Recht.

Ja, der Krankendunst war aus seinem Heim herausgezogen.

Und Hedwig liebte ihren Schler. In dem reichen Geben und sich Mitteilen
verga sie, da sie sich nach ihm sehnte. Ihre verschwenderische Natur
fand Befriedigung.

Oft auch kam Besuch zu ihnen. Einmal die Frstersleute mit ihren Eleven,
dann Pastor Schirmer mit seiner Tochter, zuweilen auch der Inspektor von
Boltenhagen, sehr oft der schmeerbuchige Kreisphysikus aus Grimmen. Nur
die Frau Pastorin hielt sich zurck. Hedwig fragte nicht nach ihr und
suchte nach keinem Grunde.

Dann wurde musiziert und gesungen, hufig auch getanzt oder ernsthafte
Gesprche gefhrt, und alle fhlten sich von dem klugen, liebenswrdigen
Mdchen angeregt. Wilms wurde allmhlich stolz auf sie.

Ihr Widersacher, der taube Krischan, war vom Hofe entfernt worden. Das
hatte sich jedoch nicht so glatt abgewickelt und war jetzt die Ursache
zu vielem Verdru.

Wat soll ick? hatte der Greis gefragt, als Wilms ihm seinen Entschlu
ein wenig zgernd erffnete. Wo soll ick hen? Dabei hob er das taube
Ohr empor und wackelte kraftlos mit dem Kopfe.

Ins Altenheim. Da wirst du's gut haben.

Ne, hauchte der Alte und kaute widerwrtig mit dem stoppelbewachsenen
Kinn: Ick bnn nu all' fifuntwintig Johr up dit Flag. -- De Fru hett mi
verspraken, dat ick hier starwen knn.

Wilms wurde ungeduldig. Meine Frau is aber jetzt fort, rief er heftig.

Sei ward wer wedderkamen, grinste der Alte und lachte kauend.

Das war dem Landmann zuviel. Hedwig hatte auch darin recht. Es wurde dem
Tauben kurz und entschieden ein Termin zum Abzug gestellt.

Gelassen hrte der Greis die Entscheidung an.

Aber als der Tag herangekommen war, war der Alte nirgends zu finden.
Knechte und Mgde suchten ihn im ganzen Hause vergeblich, auch seine
Schlafstelle war leer, schon munkelten die Leute, da der Alte, den
niemand leiden konnte, in den Teich gesprungen sei. Da entdeckte Drthe,
die Obermagd, ein Zeichen. Sie hrte ber sich krchzendes
Rabengeschrei, und als sie aufblickte, sah sie, wie der zerzauste Vogel
des Vermiten in die offene Luke des Heubodens flog.

Da fanden sie ihn. In dem tiefsten Winkel, verborgen im warmen Heu, lag
er und wehrte sich halb bldsinnig gegen die Knechte. Ein Gensdarm
brachte ihn und seine Habseligkeiten endlich vom Hof herunter und
lieferte beides im Altenheim ab. Dort wurde er krank und man dachte an
seinen Tod. Allein in wenigen Tagen erholte er sich bei der guten Pflege
und unter der Obhut der rzte. Und bald sah man ihn tglich die
Landstrae hinunterschlottern, bis nach Wilmshus, wo er sich auf einen
Grabenstein setzte und ins Gehft hineinstarrte.

Das konnte ihm niemand verwehren, die Strae war frei. Wenn Hedwig
vorberkam, schttelte er sich und grinste in sich hinein.

Er wird mir noch mal das Haus ber dem Kopf anstecken, murmelte Wilms
einmal ingrimmig.

Hedwig redete ihm das aus.

Auf dem Schlosse zu Boltenhagen war in der Zwischenzeit ein groes Fest
gefeiert worden. Die Braut des jungen Herrn hatte dem alten Grafen
einen Besuch abgestattet. Hedwig sah sie vorberfahren, und der
Brutigam, der neben der Erwhlten sa, hatte sie ernst und ehrerbietig
gegrt. Er wandte sich noch einmal nach ihr um. Am Abend sprhte ein
prchtiges Feuerwerk herber. Leuchtkugeln und Raketen zischten durch
die winterstille Luft, und Wilms, der neben Hedwig am Fenster lehnte,
kehrte sich ihr beklommen zu, wie wenn er ihre Augen ergrnden wollte.
Aber sie lchelte wehmtig und sah ihn gro und ehrlich an. Da beruhigte
sich der ngstliche wieder.

Wer nach langer Armut Reichtum erlangt, wird ein Geizhals und frchtet
das Gewonnene wieder zu verlieren.

Das Schnste aber, was Hedwig dem den Besitztum gewonnen hatte, war der
Garten hinter dem Hause. Zur Saatzeit, wo Wilms meistenteils auf seinen
Feldern weilte, hatte sie mit Drthe von der jahrelangen Verwilderung
Besitz ergriffen. Beete wurden gegraben, mit heimischen, wie
auslndischen Blumensaaten bepflanzt, Gnge abgesteckt, Rasenteppiche
angelegt. Der riesige Apfelbaum in der Mitte ward beschnitten, die
verwilderten Johannis- und Stachelbeerhecken zu ordentlichen Grenzen
gerundet, das schwierigste aber mit den zerstreuten Fliederbumchen
vorgenommen. Hedwig lie eine dnne Laube zurechtschlagen und die
Stmmchen rings herumsetzen. Der gute Grtner im Himmel gab seinen Segen
dazu, er lie seinerseits in linden Nchten warmen Regen trufeln, und
als die Strche auf dem Schindeldach des Pachthauses erschienen, da
hatten sich die Zweige zusammengeschlossen, da bildeten weie und blaue
Fliederbsche ein duftendes Dach, und an hellen Mondscheinabenden sahen
die Zugeflogenen den Pchter und seine junge Begleiterin in der Laube
sitzen und hrten, wie sie beide zusammen heitere und traurige Weisen
sangen.

Solche Tne waren hier selten vernommen worden.

Der Flieder streute seine Blten ber sie, und vom blhenden Apfelbaum
quoll ein wundervoller Duft herber, der Storchvater klapperte im Traum
leise dazwischen. Den beiden Menschenkindern aber unten klopfte das Herz
hei und voll und sie schwiegen noch immer.

       *       *       *       *       *

Es war an einem Maienabend. Wilms, Hedwig und der kleine Pastor Schirmer
saen in der Fliederlaube und schwatzten ber dies und das. Ein
Windlicht leuchtete auf dem Tisch. Die Luft ging so sacht, da selbst
der winzige geistliche Herr mit seinen sprlichen Silberlocken
barhuptig sa.

Da knirschte ein starker Schritt den Gang entlang. Ein paar Zweige
wurden zurckgeschoben, die mchtige Gestalt des Frsters wurde
sichtbar.

'n Abend meine Herrschaften, rief er frhlich und schttelte allen die
Hand. Sie haben hier ein schnes Pltzchen -- wahrhaftig. -- 'n Abend
Frulein Hedwig, Ihnen bring' ich was ganz Besonderes mit -- er
schnalzte mit der Zunge -- hier.

Dabei reichte er dem Mdchen ein starkes Bndel grner Kruter herber.
Die strmten einen wrzigen Duft aus.

Waldmeister? sprach Hedwig berrascht.

Richtig -- meine Frau hat ihn selbst gepflckt. Er blht in diesem Jahr
so prchtig, da -- --

Da man ihn nicht umkommen lassen darf, ergnzte die junge Wirtin
anmutig, wie wr's, Herr Forstmeister, wenn wir gleich eine Bowle
zusammen brauten? Sie haben doch nichts dagegen?

Dagegen? schrie der Weidmann und sah sich so triumphierend um, als
htte er eben ein gutes Werk zustande gebracht. Deshalb habe ich ihn ja
gerade zu mir gesteckt. Und mit Ihnen in der Kche, Frulein Hedwig? --
Herrje, wenn meine Frau das wte, da ich mich jetzt noch mit Kochen
abgebe. Aber das soll auch ein Schlckchen werden, passen Sie mal auf,
Herr Pastor, was da rauskommt.

Die andern riefen Beifall. Und nach kurzer Zeit erschien Hedwig wieder
mit einer groen Terrine, hinter ihr der Frster, der noch eine Flasche
Rheinwein unter dem Arm trug. Wenn's zu dnn sein sollte, erklrte er
augenblinzelnd.

Aber es war nicht zu dnn.

Sie lieen die Glser klingen, rtlich spiegelte sich das Windlicht in
dem gelben Na, fein lutete der silberne Ton in die Maiennacht hinaus.

Schn, rief der Frster und legte sich befriedigt die Hnde auf den
Leib, sehr schn.

Ich dank' dir, Heting, sprach Wilms mit einem langen bewundernden
Blick und hob das Glas.

Und der kleine Pastor leckte sich die Lippen und nickte nachdenklich
lchelnd: Die Bibel hat einen Trinkspruch dafr, meine Freunde, sagte
er vor sich hin und faltete die Hnde um das Glas. Psalm 65 -- 11, 12
und 14.

Jawohl, sagte der Frster beifllig, sehr schn. Er hielt bereits
beim dritten Becher und man wute nicht, ob er den passenden Vers oder
Hedwigs gelungene Bowle so sehr bewundere. Dann zog er ein Pckchen der
Stralsunder Fabrik hervor und sprach halb bittend, halb verschmt: Ein
Sktchen?

Und ohne abzuwarten fuhr er fort: Wilms gibt.

Lchelnd griffen die Herren zu den Karten, die Zigarren wurden
entzndet, und bald fielen die bekannten Worte:

Tourn? -- Solo? -- Pastor, zeigen Sie mir Ihre Karten nicht.

Hedwig schritt leise aus der Laube hinaus. Langsam wandelte sie im
Garten herum, der Mond stand voll am Himmel und beleuchtete die schmalen
Pfade. An einem blhenden Rotdorn wandte sich das Mdchen und blickte in
die helle Laube zurck. Da saen die drei unter den weien und blauen
Fliederbschen, schlrften den guten Wein und spielten munter fort.

Es nahm sich aus wie ein Bild der Behaglichkeit.

Und das hast du geschaffen, wollte es in Hedwig auftnen, aber sie
sprach es nicht aus, nur ein Gefhl der Ruhe und des Stolzes berkam
sie.

Unhrbar ffnete sie die Gartentr, ging leise ber den schweigenden
Hof, bis sie die Einfahrt an der Landstrae erreicht hatte.

Hier war sie vor einem Jahr zuerst eingefahren. Vieles hatte sich
seitdem gendert.

Ausruhend blickte sie die Landstrae hinunter. Dort atmete alles
tiefste Stille, zwischen den Stmmen der Pappeln spann sich blaugraue
Dmmerung, nur die Grillen in dem Graben zirpten ohne Unterla.

Da tnte ein fernes Rollen dazwischen. Es wurde wieder still, aber dann
-- von einer Biegung der Chaussee hrte man deutlich Peitschenklang und
das Nahen eines Wagens. Ein paar Laternen blitzten auf.

Hedwig trat zurck. Kam das Gefhrt nicht aus Boltenhagen? Wohin ging so
spt noch eine Equipage? Sollte in der grflichen Familie jemand krank
geworden sein?

Die Chaise hielt an, gerade vor der Einfahrt des Gehftes, wo das
Mdchen stand.

Hedwig begann das Herz zu schlagen.

Aus dem Lederverschlag streckte sich ein unfrmlicher Kopf heraus und
eine belegte Stimme rief: Frulein Schrder? Sind Sie's, Frulein
Schrder? Ich bin's, Rosenblt aus Grimmen, Sie wissen schon, ein guter
Freund von Ihrem Herrn Vater.

Hedwig trat an den Schlag heran und reichte dem Geschftsmann die Hand.
Verwundert fragte sie, ob er denn aus der Stadt eine Bestellung an sie
htte.

Der Hndler wiegte den Kopf: Wissen Sie's denn noch nicht? Das heit
wieso sollen Sie's wissen? wiederholte er sich selbst. Da hab' ich
heut den Kreisarzt getroffen, Rumpf -- behandelt mir auch wegen mein
Steinleiden, macht mmer faule Witze, sagt mmer 'Se mssen's aushalten
Herr Rosenblt, Sie sind eben 'n steinreicher Mann.'

Ja, aber Herr Rosenblt -- --

Der Hndler besann sich: Da hat mir der Kreisarzt aufgetragen, Ihnen
'ne berraschung zu machen. Nu, wissen Sie's noch immer nicht? Ihre Frau
Schwester ist zurck -- bei Ihrem Herrn Vater -- und morgen wird sie hier
ankommen.

Wer ist zurck? fragte Hedwig ganz leise.

Nu, die Frau Wilms. Und aussehen soll se, ich sag' Ihnen, so gesund,
wie Sie und ich. Kann mir denken. Es ist ne groe Freude fr Sie. Na,
gren Sie mir den Herrn Wilms -- ich lass' ihm gratulieren. -- Gute
Nacht, Frulein Schrder.

Ich danke Ihnen auch bestens, sagte Hedwig und reichte ihm die Hand.

Der Wagen rollte weiter.

E seltsam ruhiges Mdchen, dachte der Hndler, whrend er sich in die
Kissen zurckdrckte. Sie bleibt sich immer gleich -- in Freud und
Leid.

Hedwig ging langsam ber den Hof zurck und betrat wieder den Garten.
Lange stand sie hinter der erleuchteten Laube und zupfte gedankenlos
einen Zweig des weien Flieders ab. Drinnen hatten die Herren die Karten
zusammengeschoben, sie stieen noch einmal zum Abschied mit den Glsern
an und der Frster reckte sich, strich das gewonnene Geld ein und summte
vor sich hin:

    Im Wald und auf der Heide,
    Da such ich meine Freude.
    Ich bin ein Jgersmann,
    Ich bin ein Jgersmann.

Frhlich klang die Weise in die Nacht hinaus. Und der kleine Pastor, der
nicht viel vertragen konnte, schob seinen Arm unter den des Sngers und
murmelte undeutlich:

Lieber Freund -- Sie -- Sie begleiten mich nach Hause, nicht wahr?

Natrlich -- wird besorgt werden, Herr Pastor, lachte der Frster mit
einem Seitenblick, wird alles pnktlich abgeliefert. Gute Nacht, Wilms,
gr die kleine Hedwig. Ein famoses Ding. Donnerwetter, wenn ich jung
wr -- wenn ich jung wr --

Gute Nacht.

Die beiden Herren zogen ab, Wilms gab ihnen bis zur Einfahrt das Geleit,
und noch auf der Chaussee konnte man den Frster das Jgerlied singen
hren.

Heiter begab sich Wilms in den Garten zurck. Als er in die Laube trat,
fand er Hedwig dort, die am Tisch sa und den Kopf in die Hand sttzte.

Er stockte.

Heting, du? -- Ich glaubte, du wrst schon zu Bett gegangen?

Nein, Wilms, ich wollte dich noch erwarten.

Wirklich? -- Das ist schn. -- Na, da komm, Heting, wir trinken noch ein
letztes Glas zusammen. -- Wir haben ja heut noch gar nicht zusammen
angestoen. -- Willst du?

Er setzte sich ihr gegenber und schob ein volles Glas vor sie hin, aber
sie verhielt sich so regungslos, sie hatte das Haupt so trbe gesenkt,
da Wilms sie befremdet anstarrte.

Heting, du bist doch nicht etwa krank? stotterte er.

Nein, nein, Schwager -- sie richtete sich auf und lchelte ein wenig.
Ich habe dir sogar etwas sehr Gutes mitzuteilen.

Sehr Gutes? -- Und dabei siehst du so traurig aus?

Traurig? entgegnete sie verwirrt, und pltzlich berzog eine tiefe
Blsse ihr Gesicht. Wilms sah, wie ihre Hnde sich zitternd bewegten.
Die Frhlingsluft wohl -- ich habe Kopfschmerzen -- ich freue mich auch
so sehr -- Wilms, Else ist nach Grimmen zurckgekommen und morgen trifft
sie hier ein.

Der Landmann lie sein Glas niedersinken und tat einen tiefen Atemzug.

Da erzhlte sie ihm alles. Und, schlo sie unsicher, sie soll ganz
hergestellt sein. -- Gottlob. Aber sie vermied es, ihn anzublicken.

Wilms regte sich. Gottlob, murmelte er mechanisch. Dann reckte er
sich, legte sich die Hand vor die Stirn und schritt wortlos in den
Garten hinein. Seine Gestalt bckte sich dabei, als ob er etwas trge.

Nach einiger Zeit kehrte er langsam zurck. In seinem Gesicht zuckte es,
wie er seinen Platz ihr gegenber wieder einnahm. Die gutmtigen blauen
Augen schienen ganz berbuscht. Er reckte die Hand aus und ergriff die
ihrige.

Ich dank' dir auch fr alles, Heting, was du an mir getan hast, sprach
er mit zitternder Stimme und umklammerte krampfhaft ihre Finger, auch
dafr, Heting, da du wieder ein bichen Zufriedenheit in mein Haus
gebracht hast. -- Ich hab' mich so wohl gefhlt -- murmelte er leise und
aus seinem Auge drang ein groer, schwerer Tropfen hervor: Gott geb's,
da alles so bleibt.

Da senkte Hedwig ihr Haupt auf seine Hand hernieder und blieb unbewegt
so liegen, da er ihre goldbraunen Flechten im flchtigen Glanz des
Windlichtes schimmern sah. Ihre Stirn brannte auf seiner Haut.

Die Brust des Mannes hob sich immer mhsamer. Sanft zog er seine Hand
zurck.

Wollen's uns nich noch schwerer machen, Heting, sagte er mit
Aufbietung aller Krfte. Es is ja so nich leicht. -- Komm, Heting,
wollen darauf anstoen, da wir immer gute Freunde bleiben, so wie
heut.

Langsam erhob sie sich. Schlank und aufrecht stand sie vor ihm, als sie
das Glas ergriff, aber ihre Augen hingen an den seinen, so dringend, so
unabwendbar, so gewaltig ernst, da er beinahe davor erschrak.

Die Bibel hat ein Wort fr diese Liebe: Feurig, wie die Flamme des
Herrn und stark, wie der Tod.

Die Glser klangen zusammen, sie sahen sich noch einmal in die Augen,
dann reichten sie sich die Hnde und gingen schweigend in das Pachthaus
zurck.




VIII.


Willkommen stand ber der Haustr geschrieben, und grne Guirlanden
mit roten und weien Gartenblumen schmckten die Pfosten, als die Herrin
des Hauses zum erstenmal wieder ber die Schwelle von Wilmshus schritt.

Wilms und Hedwig hatten sie gemeinsam vom Bahnhof abgeholt.

Ach, wie schn habt ihr alles fr mich gemacht, flsterte Else erregt,
als sie an der Hand ihres Mannes den Flur betrat, und warf sich an seine
Brust.

O Gott, wie danke ich dir, da du mich das noch erleben lieest. --
Erwartet mich der Pastor nicht hier? setzte sie begierig hinzu.

Nein, mein Kind, entgegnete Wilms, ich dachte, wir wollten zuerst
unter uns sein.

Else nickte: Ja, du hast recht. Kommt nur schnell in die Stube. Und
als sie in das groe Wohnzimmer eingetreten waren, wo bereits ein
festlicher, mit Blumen geschmckter Tisch ihrer harrte, da umarmte sie
ihre Schwester und kte sie strmisch auf den Mund:

Liebes Heting, das kommt von dir. Nein, wie freue ich mich, da ich
wieder in meinem eigenen Heim bin. Und noch dazu wieder ganz erholt. --
Sie stellte sich vor den Spiegel und nahm sich den Hut ab. Nicht wahr,
Wilms, fuhr sie hastig fort, man merkt mir doch gar nichts mehr an?
Ich sehe beinahe wieder so aus, wie zu unserer Hochzeit? -- Oder findest
du nicht?

Ja, mein Kind, antwortete Wilms gedrckt, du hast dich sehr -- sehr
erholt.

Hedwig und er warfen sich dabei einen Blick zu. Beide bemerkten, wie
hektisch rot ihre Wangen gefrbt waren und welch tiefe, blaue Ringe die
Augen der Heimgekehrten umrnderten. Ihre Gestalt war leicht nach vorn
geneigt und auch die Schultern vornber gezogen. Und doch lie das
schmale Gesichtchen noch immer Spuren einstiger Schnheit erkennen.

Unterdessen hatte Else sich wieder zu ihrem Manne gekehrt, sie legte ihm
beide Hnde auf die Brust und rief zwischen Lachen und Weinen:

Freust du dich denn gar nicht, Wilms, da ich wieder da bin? Du bist
ja so still.

Zrtlich hob sie den Mund zu ihm empor und schlo die Augen, als Wilms
sich schwer und wortlos zu ihr niederbeugte. Aber whrend er es tat,
streifte sein Blick ngstlich die Jngere. Schweigend wandte sich Hedwig
zum Fenster.

Und nun wollen wir zu Tisch gehen, rief Else. Ihr sollt mal sehen,
wieviel ich jetzt essen kann. Nicht mehr so wie frher.

Mit diesen Worten lie sie sich auf das Sofa nieder, wo Hedwig sonst bei
Tisch gesessen hatte, und zog Wilms neben sich.

Die Schwester mute ihr gegenber auf einem Stuhl Platz nehmen.

Dann teilte sie selbst in eifriger Geschftigkeit die Speisen aus, ja
die Heimgekehrte schien an einem Tage alles wieder einholen zu wollen,
was sie in jahrelanger Krankheit in der Wirtschaft verabsumt hatte. Zum
mindesten wnschte sie dem Gatten ihre frischgewonnene Kraft zu zeigen,
damit er sich daran erfreue.

Und dann begann sie ihre Erlebnisse in der Klinik zu erzhlen.

Wilms Stirn verdsterte sich immer mehr.

Seit Monden schon hatte ihn bei seinem Verkehr mit Hedwig nicht mehr die
leiseste Andeutung daran erinnert, da sein Heim einmal einem Lazarett
geglichen, in dem nur ber rzte, Krankheit und Medikamente verhandelt
worden war. Jetzt, whrend Else umstndlich ihre berstandenen Leiden
beschrieb, erhob sich frmlich wieder jener laue Krankheits- und
Verwesungsgeruch, der jahrelang seine Sinne niedergedrckt hatte.

Hilfesuchend sah er auf Hedwig, aber das Mdchen schien aufmerksam
zuzuhren und auch seine Abneigung nicht zu teilen. Das verdarb ihm das
erste Mittagsmahl vollstndig. Nur zum Schein hielt er noch Messer und
Gabel in der Hand, ja er dankte Gott, als seine Frau, die trotz ihres
gerhmten Appetites von allem nur flchtig genippt hatte, endlich die
Tafel aufhob.

Weit du, Heting, sagte sie zur Schwester und klopfte ihr beim
Aufstehen mtterlich die Wange: Du siehst bla aus. Gewi hast du dich
in der letzten Zeit hier beranstrengt. Aber jetzt soll das alles anders
werden. Ach, Wilms, wie glcklich bin ich darber, da ich jetzt selbst
wieder alles in die Hand nehmen werde. Und pat nur auf, wie rasch ich
mich wieder hineinfinde. Dann will ich dich auch ordentlich pflegen,
mein kleines Heting.

Die Angeredete lchelte wehmtig, und wieder trafen sich ihre und des
Landmanns Augen in einem langen, vielsagenden Blick.

Es war bereits das drittemal, da sie so stumm und traurig miteinander
sprachen.

Bedrckt und nicht fhig, sich lnger zu beherrschen, ri sich endlich
Wilms los. Er verabschiedete sich von seiner Frau, um aufs Feld zu
gehen, die Saat weiter zu beaufsichtigen.

Aber das alte Spiel wiederholte sich, Else haschte rasch nach seiner
Hand.

Wilms, du willst mich jetzt schon allein lassen? rief sie mit leisem
Ton des Unmuts, gleich den ersten Tag, wo ich hier bin?

Dabei wurden ihre Wangen glhend rot, mit den Zhnen nagte sie an der
Unterlippe. Das wirst du doch nicht tun, nicht wahr?

Hier schon war es ersichtlich, da die Halbgenesene eine Aufregung oder
gar einen Streit nicht wrde ertragen knnen.

Der Landmann blieb stehen.

Das also war seine Zukunft? Sollte er wieder gefesselt werden, da er
der daherfahrenden Not abermals gebunden und widerstandslos berliefert
war?

Die Angst um seine Existenz, die ihn schon einmal erfllt hatte, und die
erst seit kurzem gebannt war, von jenem stillen, schweigenden Mdchen
dort, das lhmende Entsetzen wollte ihn von neuem erfassen. Aber nur
einen Augenblick, dann richtete sich der groe Mann entschlossen auf,
bereit, endlich, endlich seine Manneswrde gegenber der Krankheit zu
behaupten.

Jedoch er sollte zu keinem unvorsichtigen Wort gelangen. Hedwig hatte in
seinen Mienen die heftige Bewegung gelesen und rasch eilte sie, ihm zu
helfen.

Elsing, erklrte sie mit ihrer freundlichen, aber doch so stolzen
Bestimmtheit, als wenn ein Widerspruch von vornherein ausgeschlossen
wre, und legte ihr leicht die Hand auf den Arm: Dein Mann hat fr uns
gar keine Zeit weiter, du mut ihn schon gehen lassen. Es steht zu viel
Geldverlust auf dem Spiel, wenn er in diesen Monaten aufgehalten wird.

Die Kranke warf der Schwester einen berraschten Blick zu:

So? sprach sie dann, noch immer ein wenig spitz, du scheinst hier ja
schon viel in der Landwirtschaft gelernt zu haben, Hedwig?

Allein ganz unvermittelt gab sie nach und winkte lchelnd mit der Hand,
da er sich entfernen solle.

Geh nur, Wilms -- geh. Ihr habt ja recht. Es ist ja wahr. Mir ist es
nur, als ob ich mich jetzt gar nicht von euch trennen knnte -- aber geh
nur.

Da ging Wilms schwerfllig und bedrckt hinaus. Und als er langsam ber
seine Felder schritt, auf denen geharkt und gest wurde, da war ihm weh
zumute, viel schlimmer als damals, als sein Weib auf dem Krankenlager
gelegen. Wie sollte das enden?

Mitten in seiner schweren Arbeit tanzte ihm alles durcheinander. Hedwigs
fragende Augen, ihr herrlicher Wuchs, ihre roten Lippen und daneben
wieder das zarte, nervse Bild der Heimgekehrten, das sich zrtlich an
ihn schmiegte, um ihn zu kssen.

Er schauderte zusammen, rings lag heier Sonnendunst auf der Erde, und
doch war es ihm, als htte eben etwas Kaltes seinen Mund berhrt. Ein
heftiger, krperlicher Widerwille beschlich ihn, als er sich an die
Liebkosungen seines Weibes erinnerte.

Nein -- nein -- Gott schtz' mich -- bewahr mich davor. -- Das darf ich ja
nicht denken -- Karl, Jochen, rief er laut seinen Leuten zu.

Er wollte Menschen um sich haben, um die Gespenster mitten in der
Sonnenglut zu scheuchen.

       *       *       *       *       *

Inzwischen waren die beiden Schwestern allein.

Hedwig riet der Kranken, sie solle sich jetzt etwas niederlegen, allein
Else wollte davon nichts wissen, obwohl ihre Bewegungen seit Wilms
Fortgange sichtlich matter geworden waren.

Nein, nein, Heting, lehnte sie hastig ab, glaub' mir, das hab' ich
jetzt nicht mehr ntig. Wir wollen jetzt lieber die Wirtschaft ein
bichen durchmustern, vor allen Dingen meine Schrnke. Darauf freue ich
mich schon wochenlang. Hast du sie auch hbsch in Ordnung gehalten?

Die andere bejahte leidend und schlo im Wohnzimmer einen Wscheschrank
auf, aber Else ging das alles zu langsam. In der Hast ri sie der
Jngeren das Schlsselbund aus der Hand und lief damit von einem Schrank
zum andern. berall sah sie hinein. Dann hing sie sich die Schlssel in
den Grtel.

Ich mchte sie jetzt doch lieber wieder selbst behalten, erklrte sie
Hedwig mit vor Vergngen gertetem Gesicht. Von jetzt an werde ich ja
wieder alles allein beaufsichtigen. Und sie kte ihre Schwester
strmisch auf die Wange: Nicht wahr, Heting, du freust dich doch
darber?

Die Jngere nickte ernst. Ein wehmtiges Lcheln spielte um ihre Lippen,
als die klappernden Dinger wieder den Grtel ihrer Schwester schmckten.

Jetzt war sie also abgesetzt, sie kam sich berflssig vor. Mutlos
blickte sie zu Boden. Dagegen gab es keinen Kampf. Der Aufenthalt im
Zimmer wurde ihr drckend.

Komm, Else, nahm sie sich zusammen, ich habe noch eine berraschung
fr dich. Komm mit.

Sie gedachte der Heimgekehrten den Platz zu zeigen, der frher mit
wildem Gestrpp bedeckt gewesen und sich nun unter Hedwigs Hand in einen
blhenden Garten verwandelt hatte.

Sie schritten dorthin.

Und Elses Entzcken war zuerst ganz aufrichtig. Still und selig schlang
sie den Arm um Hedwigs Schulter, und so saen die beiden Schwestern in
der blhenden Fliederlaube und trumten in den sinkenden, rosigen Tag
hinaus.

Hedwig erinnerte sich an den vergangenen Abend. In ihrem Ohr klang der
silberne Ton wieder, wie gestern, als sich ihr Glas mit dem des
Landmanns berhrt hatte.

So wrde fortan Else mit ihrem Mann hier sitzen, dachte das Mdchen, sie
aber wrde gehen. Sie lie die Hnde in den Scho sinken und sah ber
die Stachelbeerhecken fort auf die angrenzende weite grne Wiese hin,
auf der zahllose Schmetterlinge im letzten Abendsonnenschein
herumgaukelten.

Du bist so still? fragte Else.

In demselben Augenblick kehrte Wilms zurck. Er freute sich darber, die
beiden Frauen an der liebgewordenen Sttte zu finden, und erzhlte Else,
wie oft sie hier schon gemtlich gespeist htten. Zum Schlu bat er, da
auch heute an dieser Gewohnheit festgehalten werde.

Else sah erstaunt zu dem vor ihr Stehenden auf.

Hier? fragte sie verwundert. Aber hier wird es doch bald zu khl?

Bewahre, Elsing, widerlegte Wilms, wir haben ja gestern erst mit
Hedwig hier gesessen, sogar bis spt in die Nacht hinein.

So? entgegnete Else gedehnt. Eine leichte Wolke zog ber ihre Stirn,
die Falten um ihren Mund prgten sich etwas schrfer aus, es war nur
eine ganz leise Andeutung von Verstimmung und ebenso schnell wieder
entschwunden, wie sie entstanden war.

Noch war kein Argwohn in der Leidenden erwacht.

Dann habt ihr euch ja in meiner Abwesenheit ganz gut unterhalten,
meinte sie achselzuckend.

Sie lchelte dabei, wie wenn sie das Ganze fr einen Scherz hielte, und
liebkoste die Hand ihrer Schwester. Gleich darauf aber verzog sie die
Schultern.

Eben war die Sonne hinter rotglhenden Streifen verschwunden, ein laues
Lftchen strich ber die Wiesen.

Mir wird doch zu kalt, sagte Else matt und erhob sich rasch, und ich
denke, wir wollen deshalb lieber im Zimmer essen. Dafr sind wir ja auch
alle drei wieder zusammen.

Sofort erhoben sich auch die andern. Der Wille der Kranken war mchtiger
als ihre eigenen Neigungen. Sitte und Gewohnheit geboten immer dieselbe
rcksichtsvolle Unterordnung.

Sorglich legte ihr Hedwig ein Tuch um die Schultern, Else nahm den Arm
der Jngeren, und nach all der selbst auferlegten Anstrengung dieses
Tages wandelte sie matt und mde neben der jugendfrischen Fhrerin her.

Wilms folgte ihnen.

Finster sah er auf die beiden so verschiedenen Gestalten, aber er wagte
keinen Vergleich mehr. Nur am Ausgang des Gartens wandte er sich noch
einmal nach der blhenden Fliederlaube zurck. Ein schwerer Duft wehte
herber.

Auch das vorbei, murmelte Wilms. Verstrt ri er sich los. Die
Lebensfreude entfloh von ihm, wie ein vorbeipfeifender Vogel, und der
dstere Geist der Verzweiflung beschattete ihn wieder mit seinen dunklen
Fledermausflgeln.




IX.


Am nchsten Morgen erschien der dicke Kreisphysikus.

Aus seinem ueren Gebaren konnte man schwer entrtseln, was er von dem
Zustand der Pchterfrau hielt. Er kte ihr zwar ein paarmal die
Fingerspitzen, aber doch mit Zurckhaltung.

Das war ein seltsames Zeichen, denn Patienten, an denen der beleibte
alte Dr. Rumpf Freude erlebte, beehrte er mit seiner strmischsten
Zrtlichkeit.

Bei Else jedoch benahm er sich beinahe mitleidig. Er streichelte ihr
nach der Untersuchung das feine blonde Haar aus der Stirn und sagte
begtigend wie zu einem kleinen Kinde:

Na, es macht sich ja. Aber schonen, mein Kinding, immer hbsch schonen.
Nur recht still, das ist die Hauptsache.

Damit begab er sich in den Garten, wo Wilms und Hedwig seiner schon
harrten.

Ja, meinte er dort mit leisem Kopfschtteln, es ist ja zum Stillstand
gekommen bei Ihrer Frau, lieber Wilms -- wollen 's Beste hoffen. Aber
keine Aufregungen, hren Sie, davor mssen Sie sie in acht nehmen, ich
sage es Ihnen ausdrcklich, eine Erregung wre das reine Gift fr die
Kranke.

Als der Physikus kurz nachher vom Hofe heruntergefahren war, blieben der
Pchter und das Mdchen noch einen Augenblick nebeneinander im Garten
stehen.

Tiefe Niedergeschlagenheit malte sich in den ehrlichen Zgen des
Landmanns.

Heting, begann er endlich heiser, whrend er sich scheu umblickte, und
seine Brust hob sich so gewaltsam, als ob er unter Bergesschwere seufze:
Es ist schrecklich, was mir fortwhrend im Kopf herumgeht, aber nicht
wahr, du wirst keinen Abscheu vor mir bekommen? Heting, er ergriff ihre
Hand und keuchend flsterte er weiter, als ob's ein Geheimnis wre: Ich
kann das Ungewisse nicht mehr ertragen, es geht ber meine Krfte. Ich
wnschte, es wre so oder so, biegen oder brechen, entweder sie wrde
gesund, oder -- sie ginge von uns.

Dabei stierte er erhobenen Hauptes verzweifelt in den blauen Himmel
hinauf, wie wenn er von dort oben eine trstende Antwort erwarte.

Aber nichts regte sich, nur der Wind fhrte Wiesenduft in den Garten
hinein.

Wilms prete pltzlich mit beiden Hnden seinen mchtigen Kopf und
sthnte laut auf: Groer Gott -- wie kann ich nur an so was denken? -- --
Ich bin ja woll selbst schon wahnsinnig geworden -- schon wahnsinnig,
wiederholte er tonlos.

Warum soll man nicht einen Wunsch hegen? sprach Hedwig verloren vor
sich hin.

Sie hatte bis jetzt wie ein weies Marmorbild den Jammer des Mannes, den
sie glcklich machen wollte, mitangesehen, jedoch whrend sie das letzte
sprach, erweiterten sich ihre groen Augen schreckhaft weit. Regungslos
starrte sie in die Ferne. Etwas Rotes, Blutendes flimmerte ihr dort
undeutlich entgegen, ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und als sie Wilms
noch einmal anblickte, wurde sie leichenbla.

Entsetzen.

Sie mute etwas Grliches erschaut haben.

Grulos gingen die beiden auseinander. Bald darauf betrat Wilms das
Wohnzimmer, um sich von seinem Weibe zu verabschieden. Munter und emsig
fand er Else an ihrem Nhtisch sitzen, eifrig damit beschftigt,
Leinenzeug zusammenzusticheln.

Wo ist Hedwig? fragte sie rasch bei seinem Eintritt und hob ihre
hellen Augen.

Wilms stutzte: Wahrscheinlich in der Kche, gab er unbeholfen zurck.
Er log. Etwas Unerkanntes, Dunkles zwang ihn dazu.

Sein Weib lie ihre Arbeit langsam in den Scho sinken und sah ihn an.
Eben hatte ihr Drthe, die Obermagd, erzhlt, da sich Hedwig mit dem
Herrn im Garten erginge. Und doch sagte er, da er mit ihrer Schwester
nicht zusammengetroffen wre?

Sie atmete rasch, ihre Finger erzitterten ein wenig, in der Hast stach
sie sich mit der Nadel, da ein kleiner Blutstropfen hervorquoll.

Wilms wollte ihr rasch sein Taschentuch herumwinden. Sie wehrte ihn ab:

La das. -- Es macht nichts, sagte sie fest, obwohl ihre schwache
Stimme leise zitterte. Dann wandte sie sich und schaute eine Zeitlang
still zum Fenster hinaus. Als sie ihrem Mann ihr Antlitz wieder
zukehrte, hatte es seinen alten Ausdruck zurckgewonnen, nur ihre Augen
blickten nachdenklich und grbelnd vor sich hin.

Adieu Wilms, sagte sie etwas gezwungen, und nachdem sie sich noch die
Hnde gereicht hatten, bat sie ihren Gatten: Schick' mir doch Christian
einmal herein. Er soll eine Einladung zu Pastors tragen.

Wilms stand bereits an der Tr. Er wurde verlegen. Wen soll ich -- --?
fragte er zgernd.

Nun den alten Christian.

Ach so den -- -- ja -- den -- Elsing -- den hab' ich entlassen.

Wilms wute, da er Unrecht auf sich geladen hatte, er hatte den Alten
fortgejagt aus Liebe zu dem schnen Weibe, vor deren Kammer er damals
gestanden. Der Mann hatte ein Menschenalter auf dem Hofe gedient. Der
Schwei brach ihm aus der Stirn, in seiner Befangenheit scharrte er mit
den Stiefeln auf dem sandbestreuten Estrich der Stube hin und her und
wagte die Augen nicht zu seinem Weibe zu erheben. Aber Else sa zuerst
ganz stumm. Du hast den alten Christian entlassen? murmelte sie
endlich unglubig. Im Ernst?

Der Pchter nickte.

Die Kranke fuhr auf: Aber weit du denn nicht, da ich dem Alten
versprochen hatte, er knne hier sein Leben beschlieen! rief sie
entrstet.

In heftigem Unmut warf sie ihr Leinenzeug von sich und prete beide
Hnde an die Schlfen. Die Augen, die sich immer dunkler umrnderten,
begannen krankhaft zu leuchten.

Auch Wilms bemerkte es. Angsterfllt trat er nher: Du sollst dich doch
nicht aufregen, Elsing, bat er atemlos. Hrst du, mein Kind, nicht
deswegen.

Allein Elses Geduld war erschpft. Ein Trnenstrom brach hervor, sie
schleuderte die Schere auf den Fuboden, da sie klirrte, und war ganz
fassungslos.

Ich will endlich wissen, was hier hinter meinem Rcken vorgegangen
ist? rief sie emprt, obgleich sie nach Luft rang. Warum hast du denn
nur den alten Mann entfernt, wie?

Weil er sich ausverschmt benommen hat.

Gegen dich?

Da kam die Frage. Wilms stotterte. Das Blut stieg ihm zu Kopfe.

Gegen mich -- Elsing? -- Nein, das gerade nicht.

Gegen wen denn?

Gegen -- gegen deine Schwester -- gegen Hedwig.

Else zuckte schmerzhaft zusammen. Dann schnellte sie empor und machte
ein paar widerspruchsvolle Bewegungen.

Und da hat Hedwig wohl auch verlangt, schluchzte sie wtend, da er
fort soll? -- Nicht wahr?

Jedoch gerade der Ausbruch ihres Zornes verstockte den Landmann. ber
der Nase zogen sich bei ihm ein paar tiefe Falten zusammen:

Natrlich, gab er langsam zurck, auf Hedwigs Wunsch hab' ich's dann
getan.

Da verlor die Leidende allen Halt.

Aber sie hat hier nichts zu wnschen, schrie sie jetzt gnzlich
sinnlos. Was geht dich berhaupt meine Schwester an, whrend du doch
ganz genau wutest, da ich nie und nimmer meine Einwilligung zu dieser
Entlassung geben wrde? -- Sag mir blo, was geht dich dabei Hedwig an?

Sie wollte noch weiter klagen, aber pltzlich brach sie ab, und ihr
Blick richtete sich verwirrt auf ihren Mann.

Was ging so schnell mit ihm vor?

Er sah sie gro an, der ungelenke Riese, als ob er dieses schwache
Frauenbild zum erstenmal she. Die Fuste ballten und ffneten sich
wieder, seltsam schwer ging die Brust.

Elsing, kam es dumpf heraus, indem er schwerfllig auf sie zutrat --
nu is es genug -- nu will ich nichts weiter davon hren, du bist krank,
das halt ich dir zugut.

Wuchtig und nachdrcklich wie nie hatte er gesprochen. Es klang hart
und herb, als ob Steine aufeinander geworfen werden.

Kopfnickend schritt er dann zur Tr. Jedoch eh' er sie erreicht hatte,
schwankte pltzlich sein Weib auf ihn zu, um mit ihren schwachen Armen
seine Brust zu umklammern:

Wilms, ich wei ja nicht, was ich spreche, stammelte sie halb
ohnmchtig, und in dem blassen Gesicht schlossen sich mde die Augen,
ich -- ich -- ach Gott, ich tu' ja alles aus Liebe zu dir. -- Glaubst du
das denn nicht?

Kraftlos lag sie in seinen Armen, Wilms mute sie aufheben.

Ja, ja, das glaub' ich, murmelte er durch das eine Wort verwandelt und
bezwungen -- du arme Dirn -- komm, Elsing.

Er trug sie zum Sofa und bettete sie sanft hinauf.

Wie er sich aber zu ihr niederbeugte, warf sie die Arme um seinen Hals
und hob ihre Lippen strmisch zu den seinen.

Nicht wahr, du bist wieder gut? lchelte sie.

Ja, ja, Elsing.

Ein heier Ku brannte auf seinem Munde. Dann befand er sich drauen
und schritt gebeugter, als je zuvor, seinen Feldern zu.

In einer Furche lag ein Schmetterling, der von einem Sandklos getroffen
war. Mitleidslos stampfte ihn der Landmann mit schwerem Stiefel in die
Erde.

Dir is wohl, sprach er rauh.

       *       *       *       *       *

Und dieselbe Hedwig, auf welche die Kranke eben anfing neidisch zu
werden, trat zur Tre herein und brachte der vllig erschpft Liegenden
eine Tasse Bouillon. Das rhrte die Leidende und stimmte sie um. Zwar
flossen noch immer Trnen aus ihren Augen, aber sie zog dennoch das
schne blhende Mdchen zu sich nieder und streichelte zrtlich sein
braunes, goldig schimmerndes Haar. Nicht wahr, Heting, flsterte sie
kaum vernehmbar, du bist nicht schlecht zu mir, nicht wahr? Und sie
hob das Gesicht der Schwester empor und forschte in ihren dunklen,
sprechenden Augen: Nein, nein, du wirst mir nicht weh tun, setzte sie
getrstet hinzu.

Spter, als Hedwig sie schon wieder verlassen hatte, nahm die Leidende,
die da glaubte genesen zu sein, die Bibel und versuchte, ihre bsen
Gedanken durch die heiligen Worte zu bemeistern. Jedoch verstndnislos
berflog sie die breiten Zeilen, und ihre Lippen murmelten allerlei
abgebrochene Laute, die nicht hierher gehrten. Zerstreut erhob sie sich
endlich und schritt mehrmals unsicher durch das weite Zimmer.

Weshalb er mich wohl belogen hat? sann sie, ohne eine Antwort finden
zu knnen. Mde und abgespannt lehnte sie endlich am Fenster und blickte
auf den Hof hinaus, ber dem warmer Sonnenschein lag.

Da wurde sie aufmerksam. Welch eine Gestalt sa dort drauen auf dem
Prellstein vor dem Tor? Ein schlotterndes abgelebtes Menschenkind hockte
dort und richtete seine erloschenen Augen unverwandt auf das Gehft.

Die Sphende beugte sich vor. Das war ja der alte Krischan? Eine
merkwrdige Freude befiel die Leidende. Sie fragte sich nicht, ob es
passend sei, mit dem entlassenen Knecht zu verkehren, hastig, mit
fieberischer Eile lief sie auf ihn zu und berhrte seine Schulter.

Mhsam hob der Greis das nickende Haupt, und als er die Frau in dem
einfachen, grauen Kleide erkannte, lief ein schwaches Lcheln ber die
vertrockneten Lippen.

Fr Else war er stets ein treuer Kettenhund gewesen.

Arm' Fru, sagte er und strich mit seiner welken, zitternden Hand an
ihrem Arm herunter. Arm' Fru.

Das war die Begrung.

Nein, nein, rief Else laut, damit er sie verstnde. Ich bin nicht
mehr krank, Krischan, ich fhle mich viel wohler.

Arm' Fru, nickte der Alte unverndert, beinahe mitleidig.

Else erschrak. Was meinte der Taube damit? Ohne berlegung, mit jhem
Errten fragte sie ihn, warum er ihre Schwester denn beleidigt htte?

Ick? flsterte der Alte und hob das Kinn. Dann raffte er sich auf und
keuchte der Wartenden etwas ins Ohr.

Ein paar Worte nur, aber Else taumelte zurck und wurde schneewei. Nur
ein paar helle, rote Flecken glhten auf ihren Wangen.

Du lgst, Krischan, schrie sie auf. Das ist nicht wahr.

Allein der Greis verstand das unglckliche Weib nicht, oder lie sich
nicht stren. Denn von neuem streichelte er mit seiner Knochenhand ber
ihren Arm und brachte mit Anstrengung hervor:

Arm' Fru -- ne, ne, ick heww's slwst seihn, as sei tausamen in'n
Schlidden seten hewwen. De beiden tuben [Funote: warten] nu all
ungedllig.

Warten? sthnte die rmste schwach. Alles drehte sich vor ihr. Sie
mute sich an die Mauer der Einfahrt lehnen.

Dat Sei, min arm' Fru, starwen sllen. Se luren all up den Dod von de
Fru. Dann willen sei sick friegen.

Ein herzzerreiender Schrei, schrill, kreischend gellte ber die
Landstrae und wurde von den Mauern des Pachthauses zurckgeworfen.

Die Gepeinigte glaubte zu ersticken, eine eisige Hand griff nach ihrer
Kehle, das Gesicht des Krppels tanzte wie hundert Fratzen um sie herum.
Noch gurgelte sie etwas.

Hilfe -- -- Hilfe.

Dann ein dumpfer Fall.

Arm' Fru, chzte der greise Knecht und beugte sich zu ihr hinab, arm'
Kinding, sei hed di mbracht, de anner Dirn.

       *       *       *       *       *

Aber Else war nicht gestorben.

Klang das nicht wie ein Hilferuf? fragte Hedwig die Obermagd, mit der
sie gemeinsam in der Molkerei weilte. Auch Drthe hatte den schrillen
Ruf vernommen. Als sie nachforschten, fanden sie die Herrin des Hauses
unter dem Unkraut des Grabenbords hingestreckt, wei wie eine
zertrmmerte Statue, die, in Schmutz und Unrat, der Vergessenheit
anheimgefallen.

Ein zerschlagenes Menschenbild.

Beim Fall hatte sie einen Stein gestreift, eine blutige Narbe zog sich
davon ber die Stirn.

Da warf sich das schne Mdchen in die Knie. Ihr Mund ffnete sich:

Ist -- sie tot -- Drthe?

Die Magd schrie auf. Ne, ne, Frulein, sie bewegt sich ja -- heben Sie
ihr den Kopf.

Ja, ja -- sie lebt, wiederholte Hedwig erwachend.

Gottlob, was eben vor ihren Ohren gesaust und gebraust hatte, war nicht
wahr. -- Sie hatte ihr wohl den Tod gewnscht, aber das war im
Fiebertraum, in einer Vision geschehen. -- Sie lebte ja -- sie lebte --
Gott sei Dank. Jetzt waren es nur Gedanken gewesen, schlimme Gedanken,
aber kraftlos -- groer Gott -- sie lebte ja.

Mit starken Armen umfate sie den starren, zuckenden Leib und trug ihn,
wankend und zitternd unter der Last, zum Erstaunen der Magd allein, ohne
Hilfe in das groe Zimmer. Dort entkleidete sie die Schwester und
bettete sie auf das Lager, das die Hausherrin wieder aufnahm in seine
weien Kissen.

Ja, die Kranke kehrte zurck in die linnene Gruft.

Ob fr immer?

Nein, dann gab es ja noch die feuchte, die schwarze Ruhesttte, auf der
Blumen blhen, dachte Hedwig, die wie frher an dem Bett sa und auf
die sich regenden Atemzge der Kranken lauschte. Und diese Behausung
hatte sie der Schwester gewnscht, grbelte sie weiter, um allein den
Mann zu besitzen, dessen Herz ihr schon gehrte, den sie erzogen,
gebildet, veredelt hatte, und der sich nach ihr sehnte, wie nach der
Erlsung. Der morsche Krper dort sollte im Grabe liegen, und der junge
blhende Leib bei dem geliebten Manne. Sie fuhr auf und blickte nach der
Kranken hin. Inzwischen hatte sie ihre ganze Kraft und Besonnenheit
zurckgewonnen. Sah das wchserne, bleiche Gesicht der Leidenden nicht
schon aus, wie das einer Leiche? -- Ja, Hedwig war sich jetzt vllig
klar. Die Kranke unten -- sie selbst oben. Das war das Rechte, keine
Snde, es zu wnschen, nur der Lauf der Natur.

Leise erhob sie sich, um durch das Fenster auf die Landstrae
hinauszusphen; ob Wilms und der Arzt noch nicht kmen, nach denen sie
sofort geschickt hatte. Dabei mute sie an dem langen Mahagonispiegel
vorber. Unwillkrlich blieb sie vor ihm stehen und zog sich die Taille
zurecht.

Das Glas zeigte ein wunderschnes, zur Reife strebendes Weib, ganz dazu
geboren, um zu wirken, zu schaffen und glcklich zu machen. Sie lchelte
schwermtig, als sie sich musterte. Noch sah sie hinein, da befremdete
sie etwas. Auch das Bett hinter ihr spiegelte sich in der Scheibe und
jetzt -- tuschte sie sich? nein, die Kissen bewegten sich, die magere
Gestalt richtete sich auf, und ein paar umflorte, dster umschleierte
Augen starrten nach ihr hin.

Hed -- wig, sthnte etwas.

Die Gerufene flog zu Else hin und ergriff ihre Hand, die Kranke schaute
sie glsern an, als suche sie sich zu besinnen.

Wie komm' ich hierher? flsterte sie und befhlte angsterfllt die
Kissen des Bettes.

Pltzlich schob sie sich an Hedwigs Brust, stie jedoch pltzlich die
Schwester mit heftigstem Abscheu von sich.

Else, ich bin es ja, rief Hedwig befremdet, erkennst du mich denn
nicht?

Allein die Bedauernswerte schien schon zu phantasieren. Sie wlzte sich
sthnend herum und bedeckte ihre Augen mit einem Kissen, wie wenn sie
dem Anblick der Schwester entfliehen wollte.

Ja, ich erkenne dich, wimmerte sie mit so schriller Stimme, da es die
Jngere wie mit spitzen Nadeln durchdrang. Du hast dich hier
eingeschlichen, um mir mein Glck zu stehlen. -- Du wartest nur auf
meinen Tod! -- -- Aber ich sterbe noch nicht -- ich mache dir nicht Platz
-- ich will leben -- hrst du, ich will leben!

Hedwig verstand, um was es sich handelte. Kalt rann es ihr ber den
Rcken hinab. Immer den Blick auf das schluchzende, schmerzzerwhlte
Weib gerichtet, tastete sie sich rckwrts zum Tisch und umklammerte
dort fest die Kante. Auch sie mute sich halten. Alles schwankte und
fiel in ihr, aber whrend des Hinstarrens bi sie noch immer die Zhne
trotzig zusammen.

Nie war sie so schn, wie in diesem stummen Ringen mit der Sterbenden.

Da raffte sich die Fiebernde nochmals auf und krallte beide Fuste nach
der Schwester. Der hchste Paroxysmus war erreicht. Hedwig grauste.
Gespenstisch sah die Verfallene mit dem schwarzen Schatten im Gesicht
bereits aus, als ob eine Tote noch die Fuste schttele.

Geh' mir aus den Augen, kreischte das arme Weib -- fort -- fort -- ich
will dich nicht sehen -- du willst mich vergiften --! -- Meinen Mann hast
du auch verfhrt, -- heut nacht warst du bei ihm -- ich wei alles -- Jesus
Christus, Ehebrecherin du! -- Jesus -- Erbarmen. Dann ein langes Rcheln,
und sie fiel ohnmchtig auf ihr Lager zurck.

In demselben Moment betrat Wilms das Zimmer.




X.


Ein sanfter Maientag ging zur Rste.

Am Horizont lsten sich prachtvolle Farben ab. Ein Spiel von Gelb,
Tiefblau und Rot wogte durcheinander, und durch die ste der
Fliederlaube fielen die letzten rtlichen Lichter. Ein leises Lftchen
wehte durch den Garten, sonst atmete alles Beruhigung und Abendstille.

Aber zu dieser friedlichen Umgebung pate schlecht die wilde Bewegung,
die in dem Pachthause ausgebrochen war.

Scheu und lautlos wie frher schlichen Knechte und Mgde umher, die
Trangeln wurden eingelt, damit sie die Kranke nicht durch Knarren
strten, alles im Hause hllte sich wieder in Schweigen, eine dumpfe,
dstere Feierlichkeit drckte abermals auf Menschen und Gehft herab.

Am Abend war der Kreisphysikus eingetroffen und weilte jetzt allein in
dem groen Wohnzimmer. Immer stiller wurde es im Haus, nur zuweilen
hrte man einen schrillen Wehruf aus der Krankenstube.

In der Fliederlaube aber saen zwei schweigsame Menschen, die fuhren
zusammen, wenn solch ein klagender Laut heraustnte, und hielten den
Atem an, ob er sich nicht wiederhole.

Immer heimlicher und dmmernder wurde es um sie herum, hinter Baum und
Strauch quollen lichte, weie Nebel hervor, und die beiden verngsteten
Menschen konnten kaum noch ihre Zge erkennen.

Heting, nun geh zu meiner Frau, forderte endlich der Pchter
undeutlich, indem er noch tiefer in den Schatten der Laube rckte, und
sieh dich um, warum der Doktor gar nicht zurckkommt.

Damit sank die groe Gestalt wieder in sich zusammen und brtete so
verloren vor sich hin, da der Landmann nicht bemerkte, wie Hedwig
seinem Wunsch nicht Folge leistete, sondern still neben ihm sitzen
blieb.

Endlich strich sie sich das Haar aus der Stirn. Das gewahrte Wilms.

Hedwig, wolltest du nicht -- --?

Nein, Schwager, ich gehe nicht zu deiner Frau.

Du -- gehst nicht?

Nein -- nicht -- bitte, Wilms -- la mich nicht mehr hinein.

Ja -- aber -- Heting, warum denn?

Weil -- weil ich mich vor ihr frchte, kam es bebend ber ihre Lippen.

Der Pchter starrte sie an -- verstndnislos -- und fate sich an den
Kopf.

Noch wute der Hofpchter ja nicht, was sich heute morgen zwischen den
beiden Schwestern abgespielt hatte. Schweigend hatte Hedwig alles in
sich verschlossen; der zartfhlende, weichherzige Mann brauchte es ja
nicht zu erfahren, da sie entdeckt seien, da ihre heimliche Sehnsucht,
die sich noch niemals geuert, die noch Wunsch war ohne Erfllung, da
diese bereits belauert und verflucht sei von der Scheidenden, die sie
nun bald nicht mehr stren wrde.

Alles wollte sie kalt und stolz von ihm fernhalten, um selbst zu harren
und zu lauern, bis die Erlsung endlich da wre -- der Anfang des Glcks.

Aber jetzt -- jetzt, wenn die wilden Wehlaute herausdrangen bis in den
stillen Garten, dann ertrug sie es nicht. Dann schreckte sie zusammen
und zitterte. Wie Eis lag es ihr ums Herz. War sie wirklich schuld, da
ein Menschenleben dort drinnen scheiden mute? Hatte sie wirklich eine
Verzweifelte in den Tod getrieben?

Wieder schlug ein Schmerzensschrei an ihr Ohr.

Das berwltigte sie, dem war sie nicht gewachsen, alles schrie in ihr
nach Trost -- Ruhe -- Verzeihung.

Ein Wort der Liebe entbehrte sie, ein einziges Wort von dem Manne, dem
sie ihre Jugend schenken wollte, dem sie sich hingeben wollte,
bedingungslos, jetzt, wo es auch immer sei, weil er sie mit seiner
dumpfen Hilflosigkeit von Anfang an betrt hatte.

Aber der Pchter sa verstrt da und regte sich nicht.

Da lie Hedwig mutlos die Hnde in den Scho sinken und verzweifelt
murmelte sie:

Ich wnschte, ich wre es, die sich zur ewigen Ruhe legen knnte, und
bei euch bliebe alles beim alten. -- Ich strbe so gern.

Aber der Tod hatte noch keine Gewalt ber sie, das Leben schlug vielmehr
brausend ber ihr zusammen.

Wilms packte krampfhaft ihre Hand: Du -- Heting? stammelte er, nein,
nein -- nur nicht du -- das knnt' ich nicht ertragen -- nur du nicht --
wir wollen ja zusammen bleiben. Er umklammerte sie und drckte sie an
sich.

Und dann war es pltzlich da, was sich seit Monden nher und nher
geschlichen hatte.

Ohne bergang fhlte sie seine zuckenden Lippen auf den ihren, sie
schlang ihre Arme um den gewaltigen Nacken des Mannes und unter
schmerzhaften Kssen merkte sie, wie seine Trnen ihr Gesicht netzten.
Auch sie schluchzte. Als ob sie sich trsten wollten, lagen sie einander
in den Armen.

Es war kein freudiges Finden.

       *       *       *       *       *

In dem weiten, ungemtlichen Wohnzimmer war es inzwischen stiller
geworden. Der dicke Kreisphysikus hatte seine Untersuchung beendet und
die Schwerleidende schonend befragt, durch was sie denn so pltzlich in
Erregung versetzt worden wre. Lange hatte das matte Weib seinem Drngen
widerstanden, endlich jedoch, als der alte Herr sie gar so vterlich und
gut in die Arme nahm, fate sie sich ein Herz, und wie ein kleines Kind
an den alten Freund geschmiegt, flsterte sie ihm stockend und weinend
ihre entsetzliche Entdeckung zu.

O, Gott, das htt' ich nicht geglaubt -- aber es ist wahr, Herr Doktor,
Krischan hat es selbst gesehen.

Der alte Arzt schttelte den Kopf und redete ihr aus voller berzeugung
solche Vermutungen aus. Ach, Unsinn -- mein Kinding -- Gesindegekltsch.

Wirklich? hauchte sie schwach. Aus ihren Augen brach ein
Hoffnungsstrahl.

Selbstverstndlich -- da kenn' ich die beiden zu gut.

Ach, ja, flsterte die Liegende dankbar, dann hob sie den mden Blick
zur Decke empor, auf welche die brennende Lampe ihren gelben Kreis warf,
und drckte dem Physikus zum Schlu die Hand, ich glaube es ja auch
nicht, sagte sie mit zuckenden Lippen, nein, ich glaub' es nicht --
glaub' es nicht.

Wilms trat ein.

Sein Weib lchelte ihn an und bewegte die Lippen. Jedoch es war
unverstndlich, was sie verlangte.

Der Arzt beugte sich ber sie.

Wilms, Ihre Frau wnscht auch ihre Schwester zu sehen, erklrte er
sodann und begab sich selbst in den Garten, um das Mdchen zu holen. In
der Laube traf er sie. Es herrschte schon Finsternis.

Nach mir verlangt Else? sprach Hedwig verwirrt, aber den langjhrigen
Freund durfte sie die Unruhe, die in ihr strmte, nicht merken lassen.
Ja, wir wollen zu ihr.

Welch ein Gang. Noch brannten die ersten Ksse auf ihrem Munde, noch
wute sie nicht, wie das alles mglich war, und was nun folgen sollte.

Wird sie noch lange leiden? forschte sie atemlos.

Ob der kleine Physikus den nachzitternden Wunsch aus dieser Frage
herausgehrt hatte? Vor dem Hausflur blieb er stehen und strich ihr
gedankenvoll ber die welligen Haare.

Ja, sie kann noch sehr lange leiden, gab er halblaut zurck, und
deshalb -- Heting, ich glaube, es wre gut, wenn du jetzt dauernd von
hier fortgingst.

Ich? Sie erschrak; -- wute er schon etwas?

Der Aufenthalt hier ist dir nicht gut bekommen. Du kamst hier als eine
Dame an, und -- ich wei nicht, aber du hast hier drauen etwas Hartes,
Buerisches angenommen, und -- es wre wirklich fr alle gut, verstehst
du, brach er ab, wenn du zu deinem Vater zurckgingst.

Keine Antwort.

Starr und gro blickte das Mdchen durch die Dunkelheit zu dem alten
Freunde hinber. Es war ihr zumute, als sollte sie ihm jetzt um den Hals
strzen, um ihm all ihre peinigenden Gedanken, die gierig um den Tod der
eigenen Schwester herumflatterten, zu beichten und anzuvertrauen. Aber
noch war ihre Kraft nicht erschpft.

Sie fate sich und gab dem Doktor ruhig zur Antwort: Es ist vor allen
Dingen meine Pflicht, hierzubleiben, solange Else mich ntig hat. -- Ich
danke Ihnen aber fr Ihren Ratschlag, setzte sie beklommen hinzu,
whrend sie schon durch den Flur schritten.

Es war gut gemeint, sprach der kleine Physikus nachdrcklich.

Die Ansicht ber die Unschuld des Mdchens stand nicht mehr so
felsenfest bei ihm. Er ma seine Begleiterin mit einem mitrauischen
Blick.

Sie traten ein.

An dem Bette der Kranken sa Wilms, das Haupt mit den kurzgeschorenen
blonden Haaren tief auf die Brust gesenkt. Er hob es auch nicht, als er
den Schritt des Mdchens hrte. Seine groe Hand ruhte in der seines
Weibes.

Die Trostesworte des Arztes muten der Hingestreckten Linderung
verschafft haben, denn sie lag jetzt still und nickte Hedwig eifrig zu,
nher heranzukommen.

Die Jngere gehorchte. Dabei empfand sie, da die Blicke der Kranken sie
durchdrangen, und obwohl es ihr schien, als ob der silberne Ring, den
ihr Wilms geschenkt hatte, jetzt an ihrem Finger weiglhend wrde, und
trotzdem sie glaubte, ihre Lippen wrden nun von selbst die heimlichen
Ksse bekennen, so bezwang sie sich dennoch und sah die Kranke gro und
ruhig an.

Nur ihre Brust hob sich ngstlich. Die Blicke der beiden Schwestern
trafen sich, und als Else in diese stillen, braunen Augen hineinsah,
schien sie Beruhigung zu schpfen. Wenigstens zog sie Hedwig bis auf den
Bettrand nieder und streichelte ihr stumm die Wange. Aber im
Niederbeugen streifte Hedwigs Gewand den sitzenden Wilms. Ein Schlag
durchzuckte das junge, aufgeregte Weib. Wieder war ein Moment gekommen,
wo sie sich beinahe ber die Leidende geworfen htte, um die Last von
sich zu werfen und all ihre Schuld zu gestehen. Aber der Aufbruch des
Arztes drngte sich zwischen ihre Gedanken. Nachdem der Physikus dem
Pchter noch einige Verhaltungsmaregeln erteilt hatte, verabschiedete
sich der treue Hausfreund, und bald verkndete ein leises Rollen, da er
vom Hofe heruntergefahren sei.

Die drei bedrckten und beladenen Menschen blieben allein. Tiefes,
anhaltendes Schweigen herrschte, nur zuweilen knirschte der Sand auf dem
Fuboden, oder die Uhr in dem Kasten regte sich und schlug. Die Kranke
lag und hatte die Augen geschlossen, aber unter den gesenkten Wimpern
lenkte sie heimlich ihren Blick von Wilms auf Hedwig und von dem Mdchen
wieder sphend auf den Mann.

Doch ihrem Argwohn wurde keine Nahrung zugefhrt.

Die beiden saen sich gegenber, als wren sie sich vllig fremd und
gleichgltig.

Sollte der alte Knecht nur aus Ha gesprochen haben? dachte Else
erleichtert, ach, wenn das doch wahr wre. Eine lange Zeit verging. Da
bemerkte Else, die nach Art der Kranken nervs mit dem kleinen Goldherz
auf ihrer Brust spielte, wie ihre Schwester sich hinberbeugte, als
wnsche sie mit dem gnzlich in sich versunkenen Manne zu reden.

Nein -- nein. Das wollte die Leidende nicht. Mitten in ihrer Qual wurde
sie eiferschtig auf die junge Schnheit, die so ruhig auf dem Bettrand
sa in ihrem weien, mit Rosenknspchen gemusterten Kleide, das leicht
und knapp am Krper herunterflo.

Wie voll sie erblht war. -- Nein, nein, sie sollte mit Wilms nicht
reden. Else wollte allein sein mit ihrem Manne. Und jetzt fiel ihr auch
auf, wie sonderbar Hedwig das Goldherz betrachtete. Das flte der
Kranken Furcht ein.

Das Herz -- ist -- ein Andenken -- von Wilms, brachte sie mit
Anstrengung hervor, indem sie das winzige Kleinod kte, und nun,
Hedwig -- geh' schlafen. -- Wilms soll heut bei mir bleiben -- ich -- ich
will allein sein mit -- meinem Manne -- hrst du?

Es war so bezeichnend gesprochen und von so unverkennbarer Abneigung
begleitet, da Hedwig sich rasch erhob und ohne ein weiteres Wort aus
der dumpfen Krankenstube hinauseilte. Kaum war sie drauen, so atmete
sie erleichtert auf und flog in ihr Kmmerchen empor, das sie seit Elses
Rckkunft wieder bewohnte.

Dort oben entzndete sie Licht, ffnete das Fenster, lehnte sich hinaus
und sog den warmen betubenden Nachtduft ein, der von Wiesen und ckern
herberquoll.

Wie lange mag sie wohl noch leben? ging es wieder ungeduldig durch
ihre Sinne. Sie harrte jetzt schon wie eine Verzweifelte. Und whrend
sie bereits halb entkleidet auf ihrem Bette kniete, streckte sie noch
einmal sehnend die Arme aus, als wollte sie jemand umfangen,
unauflslich an ihrer Brust verstricken. Glut und Begehren schwemmten
alle Angst fort. Wild, ohne alle Eindmmung, lag sie im Bette und
lauschte, ob nicht Wilms kommen wrde, ihr das Abscheiden der
Verfallenen zu melden.

Ein lngstvergessener Liedvers fiel ihr ein. Den summte sie in ihrer
Aufregung vor sich hin:

    Der schwarze Reiter hlt vorm Haus.
    Komm' feine Frau zu mir heraus,
    Ein Hemd gengt -- mut eilen,
    Da ich vom ersten Morgenstrahl
    Zurck bin ber See und Tal;
    Wir reiten viele Meilen.

Aber der schwarze Reiter hielt noch nicht vor dem Pachthof, das
Stundenglas rann noch weiter.

       *       *       *       *       *

Es schlug eins.

Die Kranke regte sich. Mit feuchter Hand hielt sie noch immer die Rechte
des Gatten umspannt. Wilms, flsterte sie heiser.

Aufgescheucht fuhr der Pchter empor. In seiner Betubung hatte er dem
Schlummer nachgegeben und merkte erst jetzt, da die erloschnen Augen
seiner Frau schon lange stumpf und starr auf ihm ruhen muten.

Was willst du, Elsing?

Ich glaube -- es geht bald -- mit mir zu Ende, rchelte sein Weib, und
es klang, als ob ihr der Tod bereits auf der Brust se.

Elsing -- um Gottes willen -- bist du denn krnker geworden?

Ja, ich glaub' wohl. -- Wilms -- ich dank' dir auch fr alle Liebe
-- -- -- nur zuletzt -- aber sag' mir die Wahrheit; du hast mich nie
belogen: -- Wenn ich nun gestorben bin -- willst -- willst du dann Hedwig
heiraten?

Es war schon, wie wenn die Stimme von jenseits des Grabes drnge, der
Pchter umklammerte die Lehne seines Stuhls, er konnte kein Wort
hervorbringen, die Zunge klebte ihm am Gaumen, seiner selbst kaum
mchtig, schttelte er nur den Kopf, whrend das Bild der immer mehr
sich verfrbenden Frau seine ganze Seele gefangen nahm.

Langsam hob die Scheidende den Finger und bewegte ihn, wie man einem
kleinen Kinde droht. Dann winkte sie ihm, er solle sich ber sie beugen,
und whrend sie den plumpen Mann mit verendender Leidenschaft kte,
flsterte sie ihm vernehmlich zu: Hr' auf mich -- Hedwig ist nichts fr
dich -- ihr pat nicht zusammen, -- weil -- ach, weil sie viel mehr ist
als du -- und erinnere dich, mein armer Mann -- erinnerst du dich nicht --
was ich dir -- von Hedwig und dem Grafen damals erzhlte -- Ein
befriedigtes Lcheln spielte kaum merklich um die Lippen der Liegenden,
diese letzte Rache schien ihr wohlzutun, namentlich als sie empfand, da
ihr Mann getroffen zusammenzuckte. Noch einmal ffnete sie die Augen, um
dies Bild voll zu genieen, dann hauchte sie noch: Sie ist nicht rein --
nicht so, wie ich -- wie ich -- -- wie -- --

Die Worte verklangen im Wesenlosen, eine neue Ohnmacht nahm sie hinweg,
und nur auf Momente erwachte die Gequlte wieder und schrie laut auf.
Kaltes Entsetzen hatte Wilms gepackt, nein, er vermochte es nicht mehr,
mit der Ringenden allein zu bleiben. Er sprang zur Tr und schallend
rief er durch das Haus: Hedwig -- Hedwig.

Schlaflos lag das Mdchen noch oben in ihrer Kammer, denn sie erwartete
ja etwas hnliches, da Wilms ihr ein Zeichen geben wrde.

Ob das schon das Ende war?

Eine nie gefhlte Lust durchdrang sie, ein schauerlich schner Zustand,
und doch klopfte ihr Herz wie eine Glocke, und die Angst bergo sie mit
schttelndem Frost. Es war ihr, als fhlte sie Todeswehen um sich, als
flhe die Seele der Geschiedenen eben an ihr vorbei.

Hedwig -- Hedwig.

Es klang so flehentlich. Notdrftig hllte sie sich in Kleider und fuhr
lautlos die Treppe hinab. Am untersten Absatz stand Wilms und starrte
hinauf.

Ist sie nun tot? fragte Hedwig, sich gnzlich vergessend.

Der Landmann schttelte den Kopf, jedoch er begriff sie wohl nicht.

Noch nicht, gab er tonlos zurck -- aber ich kann nicht mehr mit ihr
allein bleiben, -- komm' rein. Er ffnete und lie das Mdchen
voranschreiten. Dann setzten sie sich dicht nebeneinander an das Fenster
und sahen wortlos zu dem gefolterten Krper hinber, der nicht leben und
nicht sterben konnte. Dieses jammervolle Bild konnte die Jngere nicht
ertragen. Instinktiv, und nur ihrem strksten Trieb folgend, berall
einzugreifen, nahm sie das Flschchen mit dem giftigen Beruhigungsmittel,
und lie die Tropfen in den Lffel herabtrufeln. Mechanisch zhlte
Wilms mit. -- Fnf -- sechs -- sieben. Das Mdchen setzte ab und flte
der Leidenden den Trank ein, wonach sie bald einem bleiernen Schlaf
anheimfiel.

Aber Wilms Gedanken flogen weiter. Wr's ein Verbrechen gewesen, wenn
man der Kranken die ganze Flasche gereicht htte? grbelte er. Dann
htte sie endlich die Erlsung gefunden, sie wre eingeschlummert, um
nicht mehr aufzuwachen, und Ruhe wre in das Haus eingezogen und
Frieden.

Ein scheuer Seitenblick streifte das Mdchen, das mde neben ihm sa,
und jetzt merkte der Pchter erst, wie fest sie sich an ihn lehnte, um
keinen Blick von der Ruhenden zu verwenden. Merkwrdig -- Hedwigs Lippen
bewegten sich leise, es war, als ob sie die Atemzge der Schwester
zhle. Und in diesen Minuten der Stille sah auch der Pchter, da sie
nur locker und leicht bekleidet war, berall schimmerte ihm ihre
Schnheit entgegen. Er bedeckte die Augen mit der Hand, um es nicht zu
beachten, aber er sah es doch. Die Frau, die sich dort immer tiefer in
den Schlaf hineinwiegte, war im Augenblick, als ob sie schon versunken
und vergessen wre.

Leise und weich schmiegte sich Hedwig an ihn, als ob sie einschlummern
wollte.

Beide Schwestern waren mde, sehr mde.

Wilms wurde immer seltsamer zumute. Da wurde leise an der Haustr
geklopft.

Als der Pchter ffnete, sah er drauen in der klaren, sternenhellen
Nacht Pastor Schirmer im vollen Ornat stehen, nach welchem Wilms auf
der Sterbenden Wunsch geschickt hatte.

Schweigend fhrte er den spten Gast ins Wohnzimmer. Der Geistliche
mute irgendwo im Vorberwandern einen Zweig blhend roten Rotdorns
abgepflckt haben. Den legte er als letzte Gabe auf das weie Linnen.
Dann wurde das Kruzifix vor das Bett gerckt, die Lichter angesteckt,
und das zitternde Mnnchen wollte der Schlummertrunkenen die
Sterbesakramente spenden. Jedoch still und starr lag die Wegbereite und
hrte nichts von dem, was sie sonst leidenschaftlich in sich aufgenommen
htte. Aber die Gebete, die der Geistliche statt der heiligen Handlung
vor sich hinmurmelte, waren doch nicht in den Wind gesprochen. Wenn es
der einen Schwester auch verloren ging, die jngere und schnere folgte
seit langer Zeit zum erstenmal einer kirchlichen Handlung mit
zurckgehaltenem Atem und brennenden Augen.

Es war ihr, als wren dies die Hochzeitsweisen, die fr sie und den Mann
neben ihr gehalten wrden -- dicht neben dem Lager der Scheidenden.

Amen, -- Amen, schlo der Priester.

Amen, wiederholte Hedwig fest und mutig.

Der Pastor wollte allein bei Else bleiben, und so gingen die beiden
andern still hinaus. Vor der Tr verharrten sie noch einen Augenblick
und lauschten zurck. Drinnen hrten sie, wie der Priester mit lauter,
erregter Stimme Gebete aufsagte.

Dann trennten sie sich, ohne sich die Hand zu reichen, ja, ohne Gru. So
hoch war schon die Spannung zwischen ihnen gestiegen, da sie sich
nichts mehr zu sagen hatten.

Es war nur noch ein Hindrngen.

Mde und gleichgltig suchte Hedwig ihr Lager auf, und Wilms wachte in
der dunklen guten Stube neben Elsens Zimmer die bange, traurige Nacht
durch.

Drinnen sang das zitternde, greise Mnnchen immer hingebungsvoller, und
was rztliche Kunst nie vermocht htte, das geschah hier.

Else schlug pltzlich die mden Augen auf, und ein seliges Lcheln
verbreitete sich ber ihr ganzes Gesicht. Das Tiefste in ihrem Leben war
getroffen und klang jetzt aus. Ja, sie wollte wie ein Kind Gottes, wie
eine Fromme sterben. Mit unsglicher Mhe richtete sie sich auf und
klammerte sich vor Freude weinend an den Geistlichen: Sie -- sind -- es,
Herr Pastor? hauchte sie, o, wie schn -- -- dann ist mir wohl -- o, so
wohl --

Und sie legte ihren Kopf andchtig gegen das weie Greisenhaupt, und
whrend sie durch das Fenster zu den hellflimmernden Sternen hinaufsah,
sang sie ganz leise mit ersterbender Stimme das Auferstehungslied mit:

    O selig, der das Heil erwirbt,
    Der in dem Herrn, dem Mittler stirbt!
    O selig, wer, vom Laufe matt,
    Die Gottesstadt,
    Die droben ist, gefunden hat.

    Nun, Tor des Friedens ffne dich:
    Hinein! Hier schliet die Wallfahrt sich.
    Ihr Schlafenden im Friedensreich,
    Gnnt allzugleich
    Auch mir ein Rumlein neben euch.

Im dunklen Nebenzimmer sa ein Mann und hrte alles, was sich drinnen
begab. -- Wehmut, Verzweiflung, Leidenschaft stiegen in ihm auf, ein
krampfhaftes Schluchzen drngte sich in seine Kehle; bebend, berwltigt
faltete er die Hnde und stammelte das nach, was zu ihm hereinschallte.

Er wute nicht mehr, was er betete.




XI.


Der letzte Morgen fr die Kranke brach an.

Pastor Schirmer, der gutmtige, greise Geistliche, hatte seinem
Pfarrkind versprochen, bei ihm auszuhalten, und so fand das einstrmende
Tageslicht die blonde Frau in einem tiefen Schlaf, aus dem sie erquickt
erwachte. Zu seinem Erstaunen erfuhr der Pastor, da die Leidende sich
wohler fhle. Nur das, was sie sprach, erschien ihm gereizt, wirr,
unzusammenhngend, auch funkelten die Augen unruhig ber alle
Gegenstnde im Zimmer umher. Ihre mageren Finger befanden sich in
bestndiger Bewegung und kratzten auf der Bettdecke auf und ab.

Hedwig -- soll kommen -- und mich kmmen -- und waschen, verlangte die
Kranke dann, und soll -- einen Spiegel mitbringen.

Der Geistliche schttelte besorgt das Haupt, aber er schickte doch nach
dem Mdchen hinauf, um sich dann selbst mit herzlichen Worten zu
verabschieden.

Wilms trat leise in das Wohnzimmer, jedoch sein Weib beachtete ihn gar
nicht und erst, als er ihr scheu Guten Morgen, Elsing bot, lchelte
sie sanft und sah vor sich nieder. Sie schien sich mit ihren Gedanken
kurz nach ihrer Hochzeit zu befinden, denn sie flsterte verschmt:

Wenn ich -- ein Kind bekomm', -- und es -- wird ein Mdchen, dann -- soll
Hedwig -- Pate stehen. -- -- Ist Hedwig noch nicht da?

Und immer in tiefen Gedanken lste sie ihr Haar, nahm es nach vorn und
wickelte eine Strhne um ihren Finger. Als Hedwig endlich erschien,
blickten sich die beiden Schwestern einen Moment lang seltsam an. Else
sanft und glckselig lchelnd, die Jngere hingegen erschrak und konnte
sich das Bild nicht erklren.

Komm', Heting, flsterte die Kranke, die von allen Schmerzen befreit
schien, waschen und -- kmmen -- das viele Haar drckt mich auf den Kopf
-- hast du auch so weiches Haar? -- Sieh mal, ich kann mich ganz drin
einwickeln -- Wilms freute sich immer damit -- -- -- Heting -- hier herzte
sie die jngere Schwester zrtlich und streichelte ihr die Wange, wenn
du seine Frau bist, mut du es auch immer aufmachen. -- Dann kt er
es. -- -- Und whrend sie mit ihrem fahlen Gesicht in den Spiegel sah,
summte sie:

    Ihr Schlafenden im Friedensreich
    Gnnt allzugleich
    Auch mir ein Rumlein neben euch.

Aber es war eine Tanzmelodie, wonach sie sang, und sie machte ihrem
Spiegelbild ein neckisches Gesicht, als ob sie sich sehr schn fnde.

Kalt durchschauert blickten die beiden anderen auf sie hin. Dies war das
Furchtbarste, was sie mit der Leidenden bis jetzt durchgemacht hatten.

Hedwig erfllte mit leichter Hand alle Wnsche der Kranken, bis die
Schwester pltzlich zusammenfuhr, um das Mdchen starr anzublicken.

Sie hatte etwas entdeckt.

Dann schaute sie wieder auf Hedwigs Finger hinunter, um endlich von
neuem ihre funkelnden Augen ber ihre Pflegerin gleiten zu lassen.

Einen Moment sann sie nach.

Heting, begann sie mit singender Stimme, was trgst du da fr einen
Ring? -- sieh mal, von Silber -- den wollte mein Mann mir ja immer
schenken, und nun hat er ihn dir gegeben -- -- sieh mal -- bist du nun
seine Braut?

Else -- la meinen Finger -- es tut mir weh.

Bist du seine Braut? -- Komm', Heting, ich will dir was sagen, sie
beugte sich herab und kreischte pltzlich mit schneidender Stimme:
Ehebrecherin! -- Ehe der entsetzte Mann das Mdchen noch von den
umklammernden Griffen befreien konnte, fhrte die Rasende die Hand
Hedwigs zum Munde und bi, wie laut die Vergewaltigte auch schrie, in
den Ringfinger hinein und kratzte sie und zerrte sie an den Haaren.

Hilfe -- Hilfe, rief Wilms. Mit einem Sprung war er am Bett, hob das
Mdchen hoch in die Hhe und schleppte die Halbbetubte ins Nebenzimmer
hinein. Sie zitterte am ganzen Leibe und schlang schluchzend und Hilfe
flehend die Arme um seinen Hals.

Da verga sich Wilms.

Er raffte das Mdchen, das er noch immer trug, an sich und voll wehen
Mitleids prete er ihr wtende Ksse auf Mund, Stirn und Hnde, als
msse er alles gut machen, was eben an der Mihandelten verschuldet war.

Heting, mein liebes Heting -- groer Gott -- wenn's nur schon vorber
wr'.

Und seinem Wunsch sollte Erfllung werden. Ein seltsam verrchelnder
Laut tnte hinter ihnen auf, Else war, als man ihr die Jngere geraubt
hatte, ihrem kranken, delirierenden Gehirn nachgebend, aus dem Bett
gesprungen, hatte mit nackten Fen die anstoende Tr erreicht und
geffnet.

Da sah sie das Bild und hrte die Ksse.

Langsam legte sie ihren Arm an das kalte Holz, machte mit der andern
Hand eine matte Bewegung in die Luft hinein, und neigte darauf ihr Haupt
wie mde, gegen den erhobenen Arm zurck.

Und sie hatte auch genug geschaut.

Ein Rcheln, ein schwerer, dumpfer Fall, die Augen schlossen sich, und
im weien Hemde lag eine Leiche auf dem Estrich.

Elsing -- sie stirbt.

Keine Antwort.

Da schleuderte der Landmann das Mdchen von sich und stierte wie
geistesabwesend auf die starre Hlle seines Weibes herab.

In der Kastenuhr schlug es die zehnte Morgenstunde, ein Pferd wieherte
gerade im Stall.

Der schwarze Reiter hatte die feine Frau im weien Hemde geholt und
jagte donnernd mit ihr ber die Brcke, die in die Ewigkeit
hinberfhrt.

       *       *       *       *       *

Es war nach dem Begrbnis.

Die Leidtragenden hatten sich entfernt, und nun wollte sich auch der
Rendant Schrder, der Vater der beiden Schwestern, verabschieden. Er sah
der Verstorbenen sehr hnlich, der alte Herr, trotz seines wrdigen,
schwarzen Gehrocks, des militrisch gescheitelten schneeweien Haars,
und der winzigen Ordensrosette im Knopfloch. Traurig ging er auf Wilms
zu, der teilnahmslos in der Sofaecke sa, und drckte ihm schwermtig
die Hand: Gott hat Schweres ber uns verhngt, sagte er unsicher, wir
mssen uns aber in seinen Willen fgen, mein Sohn -- ich htt' auch nicht
geglaubt, da ich das noch erleben wrde.

Damit zog er ein weies Taschentuch und weinte bitterlich hinein.
Allmhlich ermannte er sich und wandte sich an Hedwig, die
schwarzgekleidet am Fenster sa und trumerisch ber den Hof fort auf
die sonnige Landstrae hinausblickte.

Komm, Heting, mein Wagen hlt schon drauen, deine Sachen knnen dir
nachgeschickt werden. Ich will jetzt wenigstens meine Einzige um mich
haben.

Sie sollte fort?

Eine lhmende Verwunderung erfllte das Mdchen; an diese Mglichkeit
hatte sie gar nicht gedacht. -- Und doch, es war ja so natrlich, sie
konnte doch vor den Augen der Welt nicht allein mit dem Mann im den
Pachthof bleiben.

Sie erhob sich. Untersttzung heischend, sah sie zu Wilms herber.

Aber der rhrte sich nicht. Er empfand nicht, wie schn sie war, immer
mit demselben unbeweglichen Gesicht sa er geduckt in seiner Ecke und
sah schweigend und gleichgltig vor sich hin. Mit der gleichen Miene
hatte er in den letzten Tagen alles an sich vorberziehen lassen. Den
Sarg, die Leiche, die brennenden Lichter, die singenden Dorfkinder, den
alten wrdigen gebeugten Vater, die in die Gruft polternden Erdschollen,
nichts hatte dieses stumpfe, gelassene Schweigen zu brechen vermocht.

Aber jetzt -- jetzt, wo man ihm die Geliebte entreien wollte -- da
erwartete Hedwig, und ihre Augen begannen immer sehnsuchtsvoller zu
leuchten -- jetzt mute er doch alle Erinnerungen von sich werfen, um
sich das Weib seiner Wahl nicht nehmen zu lassen.

O, sie war ja berzeugt, nun wrde er aufflammen, nun -- -- sie horchte
und wartete, allein immer dasselbe Schweigen.

Sie scharrte ungeduldig mit dem Fu.

Wilms, sagte sie leise.

Jedoch der Mann in der Ecke bewegte sich gar nicht, dstere Bilder
muten vor seiner Seele stehen, denn er wandte den Kopf und starrte auf
die Stelle, wo Else im weien Hemde gelegen hatte. Dann schauerte er
zusammen.

Komm, Heting, drngte der Vater. Es wird nun Zeit, wenn wir noch vor
Abend zurck sein wollen.

Der alte Herr griff nach seinem Hut und sah sich noch einmal still und
betrbt in dem weiten Zimmer um, wo seine Tochter gestorben war.

Da tat das Mdchen einen tiefen Atemzug, ihre ganze Gestalt reckte sich:
Vater, entgegnete sie rasch und bestimmt, ich kann dich jetzt nicht
begleiten, ich mu noch etwa eine Woche hier bleiben, weil ich Wilms
versprochen habe, ihm alles in der Wirtschaft zu zhlen und instand zu
setzen, was durch Elses Krankheit in Unordnung geraten ist. Aber dann --
und wieder atmete sie seltsam schwer -- dann komm' ich dir nach.

Der Rendant stutzte. Eine Woche noch? wiederholte er verlegen und
putzte an seinem Zylinder. So? -- Mein Sohn, kehrte er sich fragend zu
dem Landmann, wre es dir lieber, wenn Hedwig noch -- noch hier bliebe?
Ja? Er wartete noch eine Weile, und da Wilms ihn augenscheinlich gar
nicht gehrt hatte, mute er dieses Schweigen wohl fr Zustimmung
halten, denn er fuhr langsam und bedenklich fort: Nun, wenn du es
verlangst -- natrlich -- du hast ja auch einen so groen Verlust
erlitten, da du dich gewi ein bichen nach Gesellschaft sehnst, na,
dann kann ja Hedwig auch noch acht Tage hier bleiben, ich habe nichts
dagegen -- obwohl, hm, ja, ich wnschte nur, du wrdest mit der Zeit ein
wenig ruhiger -- und -- nun adieu, Wilms -- und da wir uns zu besserer
Gelegenheit wiedersehen, mein Sohn. Immer Kopf oben -- hrst du?

Hier schwankte die Stimme des alten Beamten doch bedenklich, er kehrte
sich rasch ab, und bald nachher fuhr er als der letzte Leidtragende von
dannen.

Hedwig und der Pchter befanden sich wieder allein.

In den ersten Stunden konnte Hedwig ihr Herz klopfen hren, so hell und
erwartungsvoll pochte es. Was nun wohl folgen wrde? dachte sie. -- Der
Weg war frei, die Last abgeschttelt, versunken, endlich gab es nichts
Trennendes mehr zwischen ihnen, und mit verzehrender Gewalt verlangte es
sie danach, da der starke Mann sie nun in die Arme nehmen und sie
kssen und wiegen sollte, noch zrtlicher und glhender, als vor wenig
Tagen, da Else darber gestorben war.

Aber der Tag verflo, ohne da der stille Mann von ihr etwas verlangte
oder begehrte; schweigend nahm er die Mahlzeiten ein, stumpf und
trbsinnig brach er des Abends auf, um sich in seine Kammer hinauf zu
begeben.

Er hatte whrend der langen Zeit nicht ein Wort mit dem Mdchen
gewechselt. Wie ein Alp bedrckte es bereits ihre Brust.

Schon befand sich die groe gebeugte Gestalt an der Tr, da rief ihn
Hedwig atemlos an.

Wilms.

Er blieb stehen, hob aber nicht den Blick.

Willst du -- willst du morgen nicht auf deine Felder gehen?

Der Landmann nickte gleichgltig und legte die Hand auf die Trklinke.

Jetzt wrde er verschwinden.

Es war die hchste Zeit.

Wilms -- willst du nicht noch hier bleiben?

Ein scheuer Blick streifte das schne Geschpf, dann irrte er an ihr
vorber und fiel auf das groe zugedeckte Bett, das einst die Heimsttte
der Kranken gebildet.

Eine mchtige Bewegung lief durch den riesenhaften, ungelenken Krper,
man sah ihm an, da er sich beherrschen und bezwingen wollte, dann aber
schlug Wilms beide Hnde vors Gesicht, und ein halblautes, ersticktes
Sthnen drang zu der Erschreckten hinber.

Es war das wilde Schluchzen eines verzweifelten Menschen, eine
erschtternde, trostlose Selbstanklage.

Im nchsten Moment war der Pchter hinter der Tr verschwunden, und die
Zurckbleibende vernahm nur noch, wie seine Tritte auf der knarrenden
Treppe verhallten.

Da stand sie und starrte mit bangem Entsetzen auf die leere Pforte.

War es wirklich Wahrheit? -- Sie befand sich jetzt allein? Der Mann, den
sie erheben, befreien, glcklich machen wollte, dem sie mit weichen
Hnden unter Kssen die Schmerzenslast von den wunden Schultern zu
nehmen gedachte, der flchtete vor ihr? Der wrdigte sie keines Wortes?

Sie sah sich im weiten, hellerleuchteten Zimmer um.

Nein, nein, an Schatten, an wiederkehrende Geister, die die Sttten der
Snde umschweben, glaubte sie ja nicht. Wilms war nur berreizt, unter
ihrer Pflege wrde ihm die Gesundheit schon wiederkehren, und die Lust
am Leben, und die Lust an ihr.

Trotzig zog sie das Goldherz aus ihrem Kleide, das sie der Toten mit
fester Hand abgenommen, und las mit ihren roten zitternden Lippen den
Namen Wilms.

Dann entkleidete sie sich, und ohne Furcht, mit einem seltsamen, fast
bermtigen Lcheln, suchte sie ihr Lager auf und beschlo, von Wilms zu
trumen.

Nein, nein, der Schatten war beschworen, Gespenster kehren nicht wieder,
die Toten stren die Lebenden nicht, getrost bettete sie ihr Haupt auf
den weien Arm, und im Traum, der sie zu dem geliebten Manne fhrte,
lchelte sie wieder ihr stolzes, verfhrerisches Lcheln.




XII.


Am nchsten Tag feierte man Christi Himmelfahrt.

Zum erstenmal saen Wilms und Hedwig in der Fliederlaube beim Kaffee.

Schwle, dumpfig-warme Luft strich ber die Erde, Bume und Blumen
standen regungslos, als shen sie furchtsam zu den grauen Wolken empor,
die sich dort oben zu gewaltigen schwarzen Bergen zusammenballten, die
Hofschwalben umkreisten die Scheunen in schrgem, niedrigem Flug, dumpfe
Gewitterstille lie Menschen und Vieh verstummen, nur die Heuschrecken
und Frsche auf der Wiese summten und quakten lauter als je.

Und still und schwl trmte sich auch etwas zwischen den beiden Menschen
auf, die lautlos einander in der Laube gegenber saen. Geschftig und
leidenschaftlich fr ihn besorgt, hatte Hedwig dem Pchter alles
bereitet und zurecht gemacht, er hatte auch manchmal wie zum Dank mit
dem Kopf genickt, jetzt aber brtete er wieder, das Haupt in die Hand
gesttzt, dster in das brauende Unwetter hinein, das wie an ungeheuren
schwarzen Seilen bereits vom Himmel herunterhing. Schon klatschten
einzelne, schwere Tropfen von der Hhe auf den Rasen.

Da erhob sich der Landmann, und Hedwig vernahm, wie er nach dem Kutscher
rief, zugleich bemerkte sie auch, da vor der Einfahrt bereits das
Korbfuhrwerk wartete.

Willst du fortfahren? begann sie befangen.

Wilms nickte.

Geschftlich?

Wieder neigte der Pchter schwerfllig das Haupt.

Wirst du lange fort bleiben, Wilms?

Noch immer suchten die Augen des Mannes scheu den Boden, aber zum
erstenmal seit Tagen erteilte er doch eine Antwort. Gepret kam es
heraus: Ja, es kann woll -- ein paar Tage dauern.

Da freute sich das Mdchen, da sie die erste war, die wieder seine
Stimme vernahm, und im berwallenden Gefhl streckte sie ihm beide Hnde
entgegen, um sich von ihm zu verabschieden.

Aber er rhrte ihre Finger nicht an. Dster stand der groe Mann vor
ihr. Wohl blieben seine berbuschten Augen gro und starr an ihrer
rosigen Haut haften, wie wenn sie sich von dem Anblick nicht trennen
knnten, als er aber scheu den Kopf hob, da umfate er das Mdchen mit
einem so jammervollen, so verngsteten und geistig zerrtteten Ausdruck,
seine breiten Lippen zitterten derartig krampfhaft, da das Mdchen in
jhem Entsetzen zurckbebte.

Ein kalter Schrecken rann durch alle ihre Glieder.

Sah sie nicht, da der gequlte Mann mehrfach ansetzte, als wollte er
dennoch ihre Hand ergreifen, um bald darauf seine Rechte wieder sinken
zu lassen?

Was hinderte ihn nur?

Etwas Unsichtbares, Unerklrliches mute sich regelmig vor ihm
erheben, und mit einem pltzlichen Entschlu ri er sich jh von dem
Mdchen los und lief, ohne ein weiteres Wort, wie gehetzt zu seinem
Wagen.

Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, und bald hrte die
Zurckbleibende, wie der Wagen davonrollte.

Matt lehnte sie sich an die Wand der Laube und sah abgespannt in den
grauumzogenen Himmel hinauf, von dem der Gewitterregen noch immer nicht
auf das lechzende Land niederrauschen wollte.

Das also ist das Ende? dachte sie. Sie griff sich an die Stirn und
fuhr auf. Ihre ganze Umgebung schien ihr pltzlich so fremd; wie konnte
sie nur in diesem den, verwunschenen Gehft so lange gesumt und
geharrt haben, sie, die doch mit ganz anderen Hoffnungen in die Welt
hinausgetreten war?

Ein langes blendendes Leuchten ging ber den Horizont, ein dumpfes
fernes Murren schob sich dazwischen, und ein kurzer Regengu pfiff ber
das Land.

Die Bume schttelten sich und richteten sich auf. Auf Blttern und
Halmen perlten groe Tropfen.

Aber auch Hedwig war aufs neue erfrischt, sie hatte ihre Schwche
berwunden. -- Spielend dehnte sie ihre Gestalt und schritt mit ihrem
krftigen Gang in die Wirtschaftsgebude, um ruhig und sicher, wie
frher, das Gesinde zu leiten und in Wilms Abwesenheit die Geschfte des
kleinen Gutes zu besorgen.

Nimm die leeren Scke dort vor dem Fenster fort, Drthe, ordnete sie
mit ihrer frischen Stimme an.

Ja Frulen, die liegen man noch da, damit die sel'ge Frau nich durch
das Wagengerassel gestrt werden sollt.

Nun ja -- aber meine Schwester braucht sie jetzt nicht mehr, wir aber
knnten die Scke vielleicht noch ntig haben.

Die Leute gehorchten ihr. Unbedingte Ordnung und widerspruchsloser
Gehorsam waren in das Gehft eingekehrt.

Und Hedwig selbst hatte ihre ganze Sicherheit zurckgewonnen.

Sie wute jetzt, da ber Wilms der finstere Geist der Schwermut
schwebe, da die Tote dennoch aus dem Grabe auferstanden sei, um
unvershnt die beiden, die nach einander verlangten, auseinander zu
scheuchen. Aber sie scheute die Frau im weien Hemde nicht. Die Lebende
war vor ihr gewichen, und deshalb wollte sie alle Kraft einsetzen, um
auch den blutlosen Schatten aus dem Hause zu jagen.

Drauen schlugen harte Tropfen gegen das Wirtschaftsgebude, aus den
grauen Nebelwnden rollte und polterte es dumpf heran.

Eine zischende Windsbraut wirbelte ber das Gehft.

       *       *       *       *       *

Wilms fuhr die Landstrae entlang. Sein Ziel waren ein paar groe Gter
in der Umgegend von Greifswald. Als er an der Kirche von Boltenhagen
vorberkam, schallte Orgelklang und Gesang heraus, so da er aus seiner
Versunkenheit aufgestrt wurde.

Er wunderte sich.

Jochen, was is heut fr ein Tag? fragte er seinen Kutscher.

Ja Herr, weiten Se dat nich? Ht hewwen wi ja unsen Herrn Christ sin
Himmelfahrt.

Wilms fate sich an den Kopf.

Hatte er denn alle Zeitrechnung verloren, da er von dem hohem Festtag
gar nichts wute? Frher hatte er an diesem Tage stets neben Else im
eichenen Kirchenstuhl gesessen und andchtig mitgesungen. -- Seitdem aber
Hedwig auf dem Gehft wirkte -- -- -- nein, nein, er wollte nicht weiter
denken.

Rasch sprang er vom Wagen herab und schritt hastig ber die Treppen in
das Gotteshaus hinein.

Vielleicht wohnte hier doch das Heil, vielleicht konnte hier die
unselige, feige Angst von ihm genommen werden.

Die Kirche war gedrngt voll. Eben schwieg die Orgel, und der kleine
Pastor Schirmer begann von der Kanzel zu predigen. Rhrend und beweglich
schilderte er die Leiden und gttliche Sanftmut des Gottessohnes, und
wie er nach seiner Auferstehung den Jngern, die ihn nicht kannten, in
seinem weien Gewande am See Tiberias erschienen sei, um sie den
gesegneten Fischzug tun zu lassen.

Und seine Gestalt war wie der Blitz, und sein Kleid wei wie der
Schnee.

Da zuckte Wilms, der auf der hintersten Bank Platz genommen hatte,
erbleichend zusammen. Das Wahnbild, das ihm vorschwebte, trat wieder vor
seine Augen, es wurde schwarz vor ihm, Kirche und Menschen drehten sich
im Kreise.

Die strmische Angst jagte ihn von dannen.

Nur hinaus -- in die Luft -- ins Freie, da er atmen konnte. Schwankend
erhob er sich.

Allein der Eintritt des Pchters war von seinen Nachbarn bemerkt worden.
Leise flsterten sie sich zu, wie elend, krank und abgezehrt der
Landmann aussehe, und Frster Eltze, der in seiner Nhe gesessen, folgte
ihm hinaus.

Und gerade als der nach Luft Ringende seinen Wagen erreicht hatte,
ergriff der gutmtige Riese die Hand des Pchters und hielt ihn zurck.

Wilms, sind Sie krank?

Der Pchter starrte den andern an.

Ja -- Eltze -- ich kann -- in der Nacht nich mehr schlafen.

Ach, Unsinn, alter Freund, warum denn nicht?

Weil -- weil meine Frau immer bei mir is.

Wilms -- um Gottes willen -- alter Freund, das reden Sie sich blo ein.

Der Pchter zuckte die Achseln, und whrend er sein Gefhrt bestieg,
antwortete er wehmtig: Das kann woll sein, dann grte er den Frster
noch kurz, und im nchsten Moment rollte das Fuhrwerk in das graue
Unwetter hinein.

Jochen, gib auf den Herrn Obacht, rief Eltze voller Besorgnis den
Abfahrenden nach.

Und er hatte recht mit seiner Warnung, der gutmtige Weidmann.

Der finstere Geist, der den Unglcklichen mit seinen schwarzen Fittichen
beschattete, senkte sich immer tiefer auf sein Opfer herab, so da die
Nacht noch dsterer in ihm wurde.

Am Himmel zuckte und leuchtete es, in langen Linien schossen die
schmalen Feuerstreifen dahin, aus den dunklen Wolkengrnden heraus
rollte der Donner und hallte verendend ber die weite Ebene.

So waren die Reisenden an einen unbetrchtlichen Landsee gelangt, der
mit einem Wasserarm die Chaussee unterbrach, so da sie an dieser Stelle
berbrckt war.

Aus Binsen und Schilf, die das unbewegte Wasser umgaben, quollen feuchte
graue Dnste empor, fahl und farblos lag die Flche, nur an der Brcke
erhoben sich ein paar verkrppelte Silberweiden.

Eben rasselte das Gefhrt ber das morsche Holz, als Wilms Blick
gleichgltig ber den schweigenden See schweifte.

Aber dann -- der Pchter richtete sich auf und stierte auf das jenseitige
Ufer hinber.

Er mute etwas Furchtbares erschauen, denn kalter Fieberschwei brach
ihm aus allen Poren, mit der Hand umfate er die Schulter seines
Knechtes.

Jochen, schrie er, kehr' um.

Herr -- Herr Jesus -- wat is denn?

Jochen -- Jochen -- kehr' um.

Der Kutscher begann am ganzen Leibe zu zittern:

Herr, Se snd woll krank? Wat is denn dor wern See? -- Seggen Se mi's
doch -- ick frcht mi.

Aber der Landmann brachte kein Wort hervor. Mit weit aufgerissenen Augen
starrte er ber die graue Flche, denn der dstere Geist, der ber ihm
war, malte ein entsetzliches Bild.

Dort drben stand eine weibliche Gestalt, ihr Hemd war wei wie der
Schnee, ihre Augen funkelten wie grelle Blitze, und ber ihr entlud
sich schmetternd ein krachender Donnerschlag.

Da begann es dem Knecht vor dem hinstarrenden Manne zu grausen, mit
aller Kraft warf er die Pferde herum und jagte unter prasselndem Regen
mit seinem ohnmchtigen Insassen den Weg, den er gekommen, wieder
zurck.

       *       *       *       *       *

Zwei lange, bange Wochen verstrichen, dann konnte der Pchter das groe
Bett in der Wohnstube, an dem Hedwig Tag und Nacht gewacht hatte,
verlassen.

Es schnitt allen ins Herz, als sich der ehemals so riesenhafte Mann
kraftlos reckte und sich mit einem wehmtig lchelnden Blick im Spiegel
beschaute.

Na, Wilms, nu frische Luft, rief der dicke Dr. Rumpf -- und dann,
Kinding, die Fenster auf und was Ordentliches fr den Magen -- -- paar
Buddeln Rotspohn, und Hauptsache: raus, raus!

Und am Arm des Physikus lie sich Wilms in den Garten leiten, in dem
jetzt die Linden blhten und einen erquickenden, wrzigen Duft
verbreiteten.

Ach, hier ist es schn, sagte der Landmann, als er in der Laube sa,
bewundernd, komm, Heting -- und Sie auch, Herr Doktor, wir wollen noch
ein bichen zusammenbleiben.

Die beiden andern warfen sich einen bedeutsamen Blick zu und gedachten
ihn durch ein harmloses Gesprch ein wenig aufzumuntern, jedoch der
Pchter lie sie nicht zu Worte kommen.

Er war so gesprchig, wie seit vielen Jahren nicht. Alles, womit ihn die
Natur umgab, erinnerte ihn an Begebenheiten aus seiner Jugend, aus
seinen Lehrjahren und erweckte auch das Andenken an seine Mutter.

Trgst du noch den Ring, Heting? -- Nicht wahr, den wirst du doch immer
in Ehren halten? Weit du noch -- am Weihnachtsabend?

Nur Else erwhnte er nicht. Es schien, als ob das Grab sie nun doch
festhalte, als ob die Erde sich endlich dauernd ber ihr geschlossen
hatte.

Als der Physikus nach einiger Zeit seinen Wagen bestieg, folgte ihm
Hedwig und fragte rasch und verzweifelt:

Nun, Herr Doktor, nun?

Ja, was soll ich sagen? -- Ernhrung, mein Kind, Ernhrung. Das ist das
allereinzigste Mittel.

Ja aber, Herr Doktor, er it ja fast gar nichts.

Heting, sprach der Physikus ernst und strich dem Mdchen ber die
heie Stirn, jetzt hngt alles von dir ab, verstehst du?

Nein.

Der Mann ist seelisch krank, sagte der Doktor langsam, indem er ihr
fest in die Augen sah, verstehst du jetzt, warum alles von dir
abhngt?

Da wurde das Mdchen bla und wieder dunkelrot und sah vor dem alten
Freunde zu Boden.

Sie verstand ihn.

Und morgen komm' ich wieder, rief der Physikus in anderem Ton, kte
seiner jungen Freundin im Vorbergehen die Hand und fuhr vom Hofe
herunter.

Mit glhenden Wangen lief Hedwig in den Garten, jetzt wute sie es, was
der erfahrene Arzt verlangte, sie sollte den geliebten Mann verlassen. --
Sie -- sie selbst hielt man fr die Ursache, da er nicht zur Ruhe kommen
knnte; war es mglich, da ihre Gegenwart ihn qulte und peinigte? --
Glaubte er sich wirklich sndenbeladen, weil er ihr blhendes Leben der
Todverfallenen vorgezogen? -- Die Tote siegte, die Tote ging im Hause
umher, die Tote behauptete den Platz an seiner Seite. -- Nein, so konnte
sie sich nicht verscheuchen lassen. -- Schmeichelnd setzte sie sich neben
Wilms, und als er sie musternd anlchelte, schlang sie ihre weichen Arme
um den abgezehrten Mann, und flsterte mit ihrer angsterfllten bebenden
Stimme: Wilms, ich liebe dich ja so sehr, nicht wahr, jetzt wirst du
auch wieder gesund werden?

Und wie ihre Lippen sich auf die seinen legten, da war es ihm, als ob
ein kstlicher, erfrischender Heiltrank in ihn hinberstrme, der alle
seine Glieder mit einer wohltuenden Schlaffheit erfllte, so da er sein
Haupt mde an ihre Brust lehnte und dort zu schlummern strebte.

Ja, Heting, murmelte er erquickt, nun werden wir bald sehr glcklich
sein.

Und nicht wahr, an Else erinnerst du dich nicht mehr so wie damals?

Nein, nein, Heting -- la das -- an meine Frau denke ich nich mehr -- will
nich mehr -- nur du.

Waren es die Lindenblten, die der leise Wind von den Zweigen
schaukelte, war es Hedwigs Nhe, der mde Mann schlummerte an ihrer
atmenden Brust wie ein beruhigtes Kind sanft und sicher ein.

Eine Schwarzdrossel nistete oben in der Krone der Linde. Die sang das
Schlummerlied.

Aber in dem Mdchen zehrte und bohrte der Gedanke an die verlangte
Trennung weiter.

       *       *       *       *       *

Ein andermal sah der Kranke aufmerksam und nachdenklich auf Hedwigs
stolzen, weien Hals, von dem sich ein schmales, goldenes Kettchen
abhob.

Heting, trgst du da nicht -- -- --?

Ja, Elsens Goldherz.

Das besitzt du?

Ja, ich hab' es ihr abgenommen.

Der Pchter sttzte das Haupt und blickte sinnend vor sich hin.

Mir is es doch lieb, sagte er endlich, da sie es nicht mitgenommen
hat in die Erde. -- Mir wr' es dann immer gewesen, als wr mein Herz mit
begraben. -- So aber liegt es bei dir.

Dann streckte er die Arme aus und zog sie an sich. Und beide klammerten
sich aneinander, als ob sie Schutz suchten vor dem weien Schatten, der
unerbittlich durch das Haus ging.

Und als sie sich immer leidenschaftlicher in seine Arme schmiegte, da
ging es wie ein Beben durch den kranken Krper. Heting -- Heting,
stammelte er, ich werd' -- wohl nie wieder ganz glcklich werden.

Da frstelte das liebeglhende Mdchen zusammen und verstand ihn.

       *       *       *       *       *

Wilms Seelenzustand wurde immer trbsinniger. Oft, wenn Hedwig
unvermutet zur Tr hereintrat, dann traf sie ihn, wie er starr auf die
Schwelle hinblickte, auf der einst Else entseelt dahingesunken, und wenn
sie dann auf ihn zuflog, um ihn durch ihre Liebe zu ermuntern, dann kam
ein Ausdruck von Furcht in seine Augen, als wenn ihn ihre Zrtlichkeit
qule.

Und einmal rang er sich schwer die Worte ab: Heting, k mich nich so --
mir is es immer, als wenn Else zush.

Da zuckte das Mdchen zusammen, und so oft sie sich ihm in den nchsten
Tagen nherte, immer glaubte sie etwas Kaltes, Frostiges zu spren, das
an ihr vorbei strich.

Sie fate sich an die Stirn und begann schmerzlich zu lcheln. Sie fing
an, an Gespenster zu glauben.

Mit der Zeit begann der Kranke auch Elses Namen immer hufiger in seine
Reden zu mischen. Bald erinnerte er sich an Worte seiner Frau, bald an
allerlei Eigentmlichkeiten, und eines Tages, beim Mittagbrot, merkte
Hedwig, da sie der Pchter mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen
beobachtete:

Was hast du denn, Wilms?

Du -- du siehst -- ihr doch sehr hnlich, stammelte der Landmann
fassungslos und lie Messer und Gabel aus seiner Hand klirren.

Und am Nachmittag nahm Hedwig aus der Nebenstube wahr, da Wilms,
anstatt zu schlafen, bitterlich vor sich hin schluchzte.

Dagegen vermochte sie nichts. Die Tote siegte.

Ihr wunderbarer, prachtvoller Krper blhte neben ihm, und der Kranke
koste und scherzte mit der Verwesten.

       *       *       *       *       *

Onkel Doktor, weinte Hedwig vor sich hin, als sie mit dem weibrtigen
Physikus, den sie hatte holen lassen, in der Laube sa, was soll ich
dagegen tun?

Sie hatte dem alten Freunde alles gebeichtet, was sie seit dem einen
Jahre auf diesem Gehft erlebt hatte.

Was du tun sollst? fragte der alte Herr und legte die beiden Hnde des
jungen, fiebernden Geschpfes in die seinen. Heting, mein Kind, ich
hab' dich lieb und habe Wilms lieb, und deshalb sag' ich, du mut fort.

Sie starrte ihn mit ihren groen, braunen Augen an, und der Physikus
fhlte an ihren Hnden, wie das Blut in den Adern hmmerte und scho.

Still, Kind, still, sagte er, du willst ihn doch nicht zugrunde
richten, und sieh, so oft er dich anblickt, immer wird er in dir die
Ursache sehen, die die Verstorbene in den Tod getrieben. -- Nein, nein,
mein Kind, bleib ruhig, ich wei ja, du liebst ihn sehr, aber eben
deshalb, Heting, bitt' ich dich, befrei' den armen Kerl von all' den
bsen Erinnerungen. Glaub mir, so lange du hier bleibst, bleibt auch die
Tote bei ihm. -- Nicht wahr, das hast du doch selbst schon bemerkt?

Hedwig senkte das Haupt, aber sie nickte leise. Dann sah sie mit
sehnschtigem Blick auf den blhenden Garten hinaus, auf die anstoende,
saftige Wiese, auf die fernen cker, auf denen sonnendurchleuchteter
Staub dahinzog.

berall hatte sie hier gewirkt und geschafft. Ordnung und Wohlstand
hatte sie zurckgezwungen. Das hatte die Tote doch nicht vermocht.

Unter ihren Trnen zog ein trotziges Lcheln ber das blasse Gesicht.

Nun, Heting, fragte der Physikus und stand auf: Weit du nun, was du
zu tun hast?

Sie nahm noch immer das Bild der blhenden Felder in sich auf, mit
bebender Brust sog sie die frische Landluft in sich ein. Ja, sie hatte
alles fr eine glckliche Zukunft vorbereitet, aber einwandern sollte
sie nicht in das gelobte Land.

Heting? fragte der Arzt dringender.

Sehen Sie, Herr Doktor, rief das Mdchen, indem sie mit der Hand nach
dem schnen Gut zeigte: Diese Saat habe ich bestellt, sehen Sie dort
drben die grnen Halme? Aber ernten mag sie ein anderer, flsterte sie
mit erstickter Stimme.

Da streichelte der alte Herr dem jungen Geschpf die welligen braunen
Haare aus der heien Stirn, nahm sie in seine Arme, und whrend ihr
Schluchzen zu ihm heraufdrang, sagte er wie zu einem kleinen Kinde:

Recht -- recht -- du bist ein tapferes, kleines Ding, es wird auch alles
wieder gut.

       *       *       *       *       *

Heting, sagte Wilms an einem der nchsten Tage, als sie nach dem
Kaffee in der Wohnstube zusammen saen, du bist ja so vornehm
angezogen, willst du ausfahren?

Das Mdchen sah ihn lange und ernsthaft an, als wollte sie sich jeden
seiner Zge einprgen, dann schttelte sie trbe lchelnd das Haupt,
aber sie wandte sich ab und lie ihren Blick lange auf dem Hof ruhen
und sah grend zu den Pappeln der Landstrae hinber.

Nach einer Weile kehrte sie dem gebeugten Mann ihr schnes Gesicht zu
und fragte einfach und doch voll verschlossenen Wehs:

Wilms, hast du mich wirklich ein bichen liebgewonnen?

Wie kannst du nur so fragen, Heting.

Und mehr -- mehr als Else?

Ich bitt' dich, Kind -- daran mut du nicht rhren -- la sie doch
ruhen.

Er verzog die Stirn und schttelte matt den Kopf.

Bist du mir bse? rief Hedwig pltzlich leidenschaftlich, und whrend
sie sich vor dem Stuhl des gebeugten Mannes in die Knie warf, umschlang
sie den Kranken und hob sich selbst zu ihm empor: Nicht wahr, du bist
nicht bse auf mich? flsterte sie mit schwankender Stimme und
schmiegte sich an ihn, ich habe doch alles blo aus Liebe zu dir getan,
das weit du doch, Wilms?

Der Landmann wurde gerhrt. Ja, mein Kinding, ja, sprach er liebevoll
und streichelte ihr das goldglnzende, braune Haar.

Da stand Hedwig langsam auf und sah sich noch einmal aufmerksam in der
Stube um. Dann schritt sie rasch zum Klavier, um Wilms, wie sie das um
diese Zeit schon gewhnt war, etwas vorzuspielen. Mde und erschlafft,
wie er war, wiegten ihn die Tne noch immer am leichtesten in den
ersehnten Schlummer.

Was soll ich spielen?

Ganz gleich, es is ja alles schn.

Nein, was du gern hast.

Nun, dann das von Weihnachten, du weit ja, Heting.

Sie schlo die Augen, ein ser Schauer durchfuhr sie zum letztenmal.
Und dann spielte sie das alte Volkslied, das schon so unendlich viel
Mde eingesungen.

Drauen rollte ein Wagen auf der Chaussee heran, Hedwigs Herz klopfte
zum Zerspringen, aber sie lie sich nichts merken und spielte tapfer den
alten Sang, so leise und wehmtig und klagend, da dem Kranken, der doch
nicht wute, was ihm bevorstand, die Trnen in die Augen traten.

Und er schlummerte wirklich sanft und lchelnd ein, whrend das
Abschiedslied leise austnte. Als er erwachte, war das Zimmer leer.
Alles war still, nur von der Landstrae hrte man dumpfen Hufschlag und
das Rollen eines enteilenden Gefhrts.

       *       *       *       *       *

Der Frster hatte Hedwig in seinem Wagen zur Bahn gebracht, und sah zu
ihr bewundernd in das Coup hinauf.

Feurig und blutrot ging am Himmel die Sonne zur Rste, davon mochte das
Mdchen so rosig bergossen sein, als sie zum Fenster hinaus nach der
Gegend sphte, wo Wilmshus lag.

Aber das Gehft war lngst hinter dem Tannenschlag versunken, und
merkwrdig, wie Hedwig jetzt am Fenster lehnte, war sie wieder die
vornehme, junge Dame, die vor mehr als einem Jahr an dieser Stelle
angekommen war.

Sie begriff sich selbst nicht; seit der de Pachthof hinter ihr
verschwunden war, strmte ihr frischere Luft entgegen, ihr war es, als
htte sie selbst ein Jahr lang siech gelegen und sollte jetzt zum
erstenmal wieder in die lachende, sonnenfunkelnde Welt hinaus.

Wohin gehen Sie jetzt, Frulein Hedwig? fragte der Frster.

Ich wei nicht. -- berall, wo es fr mich etwas zu tun und zu schaffen
gibt. -- Die Welt ist gro.

Da haben Sie recht. -- Und kommen Sie vielleicht bald hierher wieder
zurck?

Auch das kann sein. Wir Menschen wissen ja nie, was die nchste Stunde
bringt.

Die Glocke klang. -- Der Frster schwenkte seinen grnen Hut.

Gren Sie Wilms, rief Hedwig mit hervorbrechenden Trnen.

Der Zug bewegte sich, und rascher und rascher fuhr er in die rotgoldene
Abendglut hinein.

Hedwig sah nicht mehr zurck.




Von Georg Engel erschienen ferner:

Hann Klth. Roman.
Der Reiter auf dem Regenbogen. Roman.
Der verbotene Rausch. Heitere Novellen.
Zauberin Circe. Berliner Liebesroman.
Die Furcht vor dem Weibe. Roman.
Das Hungerdorf.




Ullstein-Bcher


Bis jetzt sind erschienen:

#Clara Viebig# Dilettanten des Lebens
#Georg von Ompteda# Maria da Caza
#Heinz Tovote# Frau Agna
#Rudolph Stratz# Arme Thea
#Fedor von Zobeltitz# Das Gasthaus zur Ehe
#Paul Oskar Hcker# Die Sonne von St. Moritz
#Ernst von Wolzogen# Mein erstes Abenteuer
#Georg Engel# Die Last
#Kurt Aram# Violet
#Richard Vo# Der Todesweg auf den Piz Pal
#Otto Ernst# Lat Sonne herein
#Max Kretzer# Der Mann ohne Gewissen
#Wilhelm Jensen# Unter heierer Sonne
#Karl Rosner# Sehnsucht
#Wilhelm Hegeler# Der Mut zum Glck
#Peter Rosegger# Die Frsterbuben
#Rudolf Herzog# Nur eine Schauspielerin
#Joseph Lauff# Marie Verwahnen
#Rudolf Hans Bartsch# Elisabeth Ktt
#Franz Adam Beyerlein# Similde Hegewalt
#Walter Bloem# Sonnenland
#Richard Strowronnek# Bruder Leichtfu
#Felix Hollaender# Charlotte Adutti
#Heinz Tovote# Mutter!..
#Karl Rosner# Georg Bangs Liebe
#Korfiz Holm# Thomas Kerkhoven
#Ludwig Ganghofer# Gewitter im Mai
#Georg von Ompteda# Denise de Montmidi

Jeder Band 1.-- Mark




Musik fr Alle

Jeden Monat erscheint ein Notenheft


Bisher sind unter anderen erschienen:

Tannhuser, zwei Hefte -- Tristan und Isolde -- Lohengrin -- Meistersinger
von Nrnberg, zwei Hefte -- Der fliegende Hollnder -- Rienzi --
Sommernachtstraum -- Carmen, zwei Hefte -- Der Evangelimann -- Brahms-Heft
-- Cavalleria rusticana -- Fra Diavolo -- Margarethe, zwei Hefte -- Die
Geisha -- Hnsel u. Gretel-Heft -- Dollarprinzessin -- Der fidele Bauer --
Der Graf von Luxemburg -- Wiener Frauen -- Der Vogelhndler -- Hoffmanns
Erzhlungen -- Die Zauberflte -- Die weie Dame

Jedes Heft 50 Pf. (60 h)

Ausfhrliche Inhaltsverzeichnisse aller bisher erschienenen Hefte stehen
auf Wunsch kostenlos zur Verfgung. Erhltlich in allen Buch- und
Musikalienhandlungen sowie direkt vom

Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien




[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der um 1910 bei Ullstein erschienenen Ausgabe erstellt. Die
nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

p 008: Wie steht's mit den Kartoffeln, Korl? -> Karl
p 009: ffnende Anfhrungszeichen ergnzt: sprang auf -- nicht wahr?
p 119: Frster Elze -> Eltze
p 148: Drte -> Drthe
p 150: schlieende Anfhrungszeichen ergnzt: Der hngt noch.
p 240: Komma entfernt: Else zuckte schmerzhaft zusammen,. ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the Ullstein
edition, published around 1910. The table below lists all corrections
applied to the original text.

p 008: Wie steht's mit den Kartoffeln, Korl? -> Karl
p 009: added opening quotes: sprang auf -- nicht wahr?
p 119: Frster Elze -> Eltze
p 148: Drte -> Drthe
p 150: added closing quotes: Der hngt noch.
p 240: removed comma: Else zuckte schmerzhaft zusammen,. ]





End of the Project Gutenberg EBook of Die Last, by Georg Engel

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LAST ***

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