The Project Gutenberg EBook of Nach Amerika! Erster Band by Friedrich
Gerstaecker



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Title: Nach Amerika! Erster Band

Author: Friedrich Gerstaecker

Release Date: May 2006 [Ebook #18475]

Language: German

Character set encoding: US-ASCII


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! ERSTER BAND***





                              Nach Amerika!
                              Ein Volksbuch

                               Erster Band
                                   von
                          Friedrich Gerstaecker.
Illustrirt von Theodor Hosemann.
Leipzig, Hermann Costenoble, Verlagsbuchhandlung
Berlin, Rudolph Gaertner, Amelang'sche Sort-Buchhandlung

1855





                                 [image]






                              NACH AMERIKA!


Wie man ein Bild, aus einem Werk heraus, vorn auf den Umschlag bringt, den
Beschauer dadurch gewissermassen in den Charakter des Ganzen einzuweihen,
so will auch ich hier den Anfang des einen Capitels, aus der Mitte des
Bandes heraus, zum Vorwort waehlen, den Leser gleich von vorn herein mit
dem bekannt zu machen, was ich ihm biete.

"Nach Amerika!" -- Leser, erinnerst Du Dich noch der Maerchen in "Tausend
und eine Nacht", wo das kleine Woertchen "Sesam" dem, der es weiss, die
Thore zu ungezaehlten Schaetzen oeffnet? hast Du von den Zauberspruechen
gehoert, die vor alten Zeiten weise Maenner gekannt, Geister heraufzurufen
aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu
machen? -- Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die
Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner
zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkuehne Menschenkind das sie
gesprochen, bebte zurueck vor der furchtbaren Gewalt die es
heraufbeschworen.

_Die_ Zeiten sind vorueber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht
gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das
rechte Wort vergeben sie zu rufen -- aber ein anderes dafuer gefunden das,
kaum minder stark, mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern,
den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhaeltnissen und
Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reisst, in dem es bis dahin mit
seinen staerksten, innigsten Fasern treulich festgehalten.

"Nach Amerika," leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten
schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft pruefen sollte, seinen
Muth staehlen -- "nach Amerika," fluestert der Verzweifelte der hier am Rand
des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde --
"nach Amerika," sagt still und entschlossen der Arme, der mit maennlicher
Kraft, und doch immer und immer wieder vergebens gegen die Macht der
Verhaeltnisse angekaempft, der um sein "taegliches Brod" mit blutigem Schweiss
gebeten -- und es nicht erhalten, der keine Huelfe fuer sich und die Seinen
hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen
_kann_ -- "nach Amerika" lacht der Verbrecher nach gluecklich veruebtem Raub,
frohlockend der fernen Kueste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt
vor dem Arm des beleidigten Rechts -- "nach Amerika," jubelt der Idealist,
der wirklichen Welt zuernend, weil sie eben wirklich ist, und ueber dem
Ocean drueben ein Bild erhoffend, das dem in seinem eigenen tollen Hirn
erzeugten, gleicht -- "nach Amerika" und mit dem einen Wort liegt hinter
ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes frueheres Leben, Wirken, Schaffen -- liegen
die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknuepft, liegen die Hoffnungen
die sie fuer hier gehegt, die Sorgen die sie gedrueckt -- _"nach Amerika!"_

So gaehrt und keimt der Saame um uns her -- hier noch als leiser, kaum
verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft
und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und
Kasten. Der Bauer draussen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain, der
ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer
geaergert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit
ueber dem Meer drueben, in dem fetten, herrlichen Land; -- der Handwerker in
seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft
setzt, mit Neuerungen und grossen, marktschreierischen Firmen, die wenigen
Kunden die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thuer zu locken; der
Kuenstler in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der ueber einer
freieren Entwickelung bruetet, und von einem Lande schwaermt wo
Nahrungssorgen ihm nicht Geist und Haende binden; -- der Kaufmann hinter
seinem Pult, der Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Buechern
zieht, und, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestuetzt, von einem neuen,
andern Leben, von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefuellten
Waarenhaeusern traeumt; in Tausenden von ihnen draengt's und treibt's und
quaelt's, und wenn sie auch noch vielleicht Jahre lang nach aussen die alte
fruehere Ruhe wahren, in ihren Herzen glueht und glimmt der Funke fort -- ein
stiller aber ein gefaehrlicher Brand. Jeder Bericht ueber das ferne Land
wird gelesen und ueberdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend fuer den
Kranken. Vorsichtig und aengstlich, und wie weit herum um ihr Ziel, dass man
die Absicht nicht errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem
Ding -- nach Leuten die vordem "hinueber" gezogen und denen es gut gegangen
-- nach Land- und Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk -- fuer Andere natuerlich,
nicht fuer sich etwa -- sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen
will hinueber, ein entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wuenschen
dass es dem wohl geht, und haeufen mehr und mehr Zunder fuer sich selber auf.

So ringt und draengt und wuehlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem
nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan,
und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war -- aus
dem, aus jenem Grund -- und taeglich, stuendlich noch hoeren wir von anderen,
von denen wir im Leben nie geglaubt dass _sie_ je an Amerika gedacht, wie
sie mit Weib und Kind und Hab und Gut hinueberziehn.

Und dort?  --

--  Die vorliegenden Blaetter sollen dem Leser ein Bild geben von dem Leben
und Treiben solcher Leute. Hier aus unserer Mitte heraus, aus den
verschiedenartigsten Verhaeltnissen und Sphaeren, aus allen Schichten der
menschlichen Gesellschaft sehen wir sie ziehen -- Gute und Boese, den
Leichtsinnigen und den Spekulanten, den Bauer und Handwerker, den
Gelehrten und den Arbeiter, den rechtschaffenen Buerger und den heimlichen
Verbrecher, Alle dem _einen_ Ziel entgegenstrebend. Und _Alle_ vereinigt
sie das Schiff; der eine kleine Bau, der hunderte von Menschen auf seinem
schwanken Kiel hinuebertraegt, dem fernen Welttheil zu; oh was fuer
Hoffnungen, was fuer Plaene und Traeume birgt er in seinem Schooss. Aber die
Auswanderer liegen die langen Wochen, ja Monate, verpuppten Raupen gleich,
im engen Haus, still und gedraengt beisammen; Jeder mit dem alten Leben
abgeschlossen hinter sich, mit dem neuen noch nicht begonnen, in einem
wunderlichen unnatuerlichen Zustand, ungeduldiger Ruhe, bis der Anker in
die Tiefe rollt, und die ausgeschobene schmale Planke der bunten Schaar
von Tag- und Nachtfaltern den Weg in's Freie oeffnet.

Hinaus flattern sie da nach allen Seiten, wie eine Hand voll Spreu, vom
Winde fort gefuehrt; die Einen selbstbewusst und keck dem fremden,
unbekannten Leben in die Arme springend, die Anderen scheu und zaghaft bei
jedem Schritte fast moralische Selbstschuesse und Fussangeln fuerchtend; Alle
aber entschlossen, die meisten sogar gezwungen, dem neuen Vaterlande die,
im alten aufgegebene Existenz abzuringen, Jeder in seiner Art, auf seine
Weise.

Dort nun sehen wir sie schaffen und wirken in Gutem und Boesen, die Einen
mit ihren kuehnsten Hoffnungen erfuellt, Andere, zerknirscht und zertreten,
die Stunde verwuenschend, die den Gedanken an Auswanderung gebar -- sehn wie
sich die Wildniss lichtet, wie Farmen und Staedte entstehn, und sich das
deutsche Element ausbreitet nach allen Seiten, und folgen den einzelnen
Bekannten und Freunden, die wir zu Hause schon, oder auf der Fahrt erst
lieb gewonnen, oder fuer die wir uns interessiren, auf ihren verschiedenen,
oft wunderlichen Bahnen.

Manchen alten Reisegefaehrten fuehr ich dabei dem Leser vor, und hoffe ihn
nicht zu langweilen, den weiten Weg; schlafen wir dann auch manchmal
draussen im Freien, oder in niederer Blockhuette auf duennem "Quilt", muessen
wir auch eine Zeit lang mit Maisbrod und Wildpret, oder gar mit Speck und
Syrup verlieb nehmen, wie es der Farmer am Ohio liebt, wir lernen doch das
Land kennen, mit seinen guten und schlechten Eigenschaften, seinen
Vortheilen und Maengeln, seinen Buergern und Einwanderern, seinen inneren
Verhaeltnissen, seinem Leben und seiner Lebenskraft, und bin ich im Stande
ihn auch nur einen Blick in jene ferne, von Tausenden so heiss ersehnte
Welt, wie ich sie selbst gefunden, thun zu lassen, so hab ich meinen Zweck
mit diesem Buch erreicht.

_Rosenau_ bei Coburg im September 1854.

                                                     Friedrich Gerstaecker.





                        INHALT DES ERSTEN BANDES.


Das Dollinger'sche Haus
Der rothe Drachen
Der Diebstahl
Franz Lossenwerder
Die Auswanderungs-Agentur
Die Weberfamilie
Nach Amerika
Der Tanz im rothen Drachen
Ruestungen
Die beiden Familien





                                Capitel 1.


                         DAS DOLLINGER'SCHE HAUS.


Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger zu Heilingen -- einer nicht
unbedeutenden Stadt Deutschlands -- hatte am Sonntag Mittag, ein kleines
Familienfest die Glieder des Hauses um den Speisetisch versammelt, und
diesen heute in aussergewoehnlicher Weise mit Blumen geschmueckt, und
delicaten Speisen und Weinen gedeckt. Es war der Geburtstag der zweiten
Tochter des Hauses, der liebenswuerdigen Clara und nur ihr erklaerter
Braeutigam, ein junger deutscher, in New-Orleans ansaessiger Kaufmann, als
Gast der Familie zugezogen worden.

Am oberen Ende des Tisches, um dem Leser die Personen gleich in
Lebensgroesse vorzufuehren, sass Vater Dollinger, ein etwas wohlbeleibter aber
behaebiger, stattlicher Mann, mit klaren, blauen, unendlich gutmuethigen
Augen und schneeweissen Locken und Augenbrauen, die aber dem edel
geschnittenen Gesicht gar gut und ehrwuerdig standen. Ihm zur Rechten sass
seine Frau, allem Anschein nach etwa funfzehn oder sechzehn Jahre juenger
wie er selber, und durch ihr volles, dunkelbraunes Haar vielleicht auch
noch sogar juenger aussehend, als sie wirklich war. Sie ebenfalls, mit
ihrer stattlichen Gestalt, hatte einen leichten Anflug zu Corpulenz, aber
das etwas ausgeschnittene Kleid, wie die schwere goldene Kette, Broche und
Ohrringe, die sie fast etwas zu reichlich schmueckten, passten nicht ganz zu
dem sonst so freundlichen, matronenhaften Aeussern.

Clara neben ihr, war das veredelte Bild der Eltern; die lieben treublauen
Augen schauten gar so vertrauungs- und unschuldsvoll hinein in die Welt,
an deren Schwelle sie stand, und die ihr, wie ein eben geoeffnetes,
prachtvoll gebundenes Buch auf den ersten, fluechtig durchblaetterten
Seiten, nur freundliche Blumen und ihr zulaechelnde Gestalten zeigte. Kein
Schmerz hatte diese engelsanften Zuege noch je durchzuckt, keine Thraene
wirklichen Schmerzes den reinen Blick getruebt, und die ganze zarte,
sinnige Gestalt glich der eben entkeimenden Fruehlingsbluethe im sonnigen
Wald, die dem jungen Fruehlingstag in Glueck und Unschuld die schwellenden
Lippen zum Kusse bietet, und in der blitzenden Thauperle ihres Kelchs, den
reinen Aether ueber sich, nur schoener, nur gluehender zurueckspiegelt.

Ihre um nur wenige Jahre aeltere Schwester, Sophie, die an des Vaters Seite
sass, aehnelte der Schwester in mancher Hinsicht an Gestalt, aber das
einfach kindliche, was Claerchen jenen unendlichen Reiz verlieh, fehlte
ihr. Ihre Gestalt war voller, majestaetischer, aber auch ihr Blick mehr
kalt und stolz; "ich bin des reichen Dollingers Kind" lag klar und
deutlich in den scharf zusammengezogenen Mundwinkeln, in dem fest und
entschieden, blitzenden Auge, und auch ihre Kleidung, ihr Schmuck war,
wenn nicht reicher, doch jedenfalls mehr in's Auge springend, Bewunderung
fordernd.

Zwischen Beiden sass Clara's Braeutigam, ein junger, bildhuebscher Mann in
moderner, fast fuer einen Mann etwas zu gewaehlter und sorgfaeltig geordneter
Kleidung; er trug das Haar in natuerlichen dunkelbraunen Locken und das
Gesicht glatt rasirt, bis auf einen kleinen, aufmerksam gekraeussten, und
nur bis zur halben Backe reichenden Backenbart, an den Fingern aber mehre
sehr kostbare Diamant-Ringe, eine Brillant-Tuchnadel von prachtvollem
Feuer, und eine schwere goldene, ebenfalls mit kleinen Edelsteinen
besetzte Uhrkette.

Die Bekanntschaft Clara's und ihrer Eltern hatte er dabei auf eine etwas
romantische Weise, und zwar gleich als ihr Lebensretter oder doch Befreier
aus einer nicht unbedeutenden Gefahr gemacht. Herr und Frau Dollinger
waren naemlich mit ihren beiden Toechtern im vorigen Herbst auf einer
Rheinreise bei Ruedesheim aus- und zu dem kleinen Waldtempel oben ueber
Asmannshausen hinaufgestiegen, um sich von dort nach dem Rheinstein
uebersetzen zu lassen; die Mutter hatte aber durch das nicht gewohnte
Bergsteigen heftige Kopfschmerzen bekommen oder, was wahrscheinlicher ist,
ennuyirte sich am Land und wuenschte an Bord des Dampfers zurueckzukehren,
und als sie gerade mit dem Kahn ueber den Rhein fuhren, kam ein Dampfboot
stromab, und hielt auf ihr Winken, sie an Bord zu nehmen. Herr und Frau
Dollinger, mit Sophie, von den Kahnfuehrern unterstuetzt, hatten auch schon
gluecklich die Treppe und das Deck erreicht, und dicht hinter ihnen folgte
Clara, als diese sich ploetzlich erinnerte, ihre Geldtasche im Kahn
vergessen zu haben, und anstatt diese sich heraufreichen zu lassen, selber
wieder zuruecksprang sie zu holen. Durch das Hineinspringen fing aber der
schmale Kahn an zu schwanken, waehrend sie, die vergessene kleine Tasche
aufhebend, das Gleichgewicht verlor und, mit dem Kopf voran, in den Rhein
stuerzte. Ungluecklicher Weise waren gerade in dem naemlichen Augenblick die
Kahnleute an Deck des Dampfers gestiegen, den Koffer eines Passagiers, der
mit an Land fahren wollte, in ihren Kahn zu heben, und wenn sie jetzt
auch, auf das Geschrei an Bord, rasch in diesen zuruecksprangen, trieb doch
Clara schon hinter dem Dampfboot aus, als der junge, eben von Amerika
zurueckgekehrte Mann, der dem ganzen Vorfall vom Deck des Dampfers
zugesehn, mit keckem Muth ins Wasser sprang und die Jungfrau doch
wenigstens so lange an der Oberflaeche unterstuetzte, bis das Boot herbeikam
sie beide aufzunehmen.

Das Weitere nahm einen ziemlich einfachen Verlauf, Joseph Henkel, wie der
junge Mann hiess, gewann sich in den naechsten Wochen, die er in der
Gesellschaft der ihm zu grossen Dank verpachteten Familie zubrachte, die
Achtung des Vaters und die Liebe von Mutter und Tochter, und als er zuerst
bei der Mutter um die Hand der Tochter anhielt, sagten Beide nicht nein.
Allerdings wollte der Vater erst, wenn auch nicht gerade Schwierigkeiten
machen, doch etwas Genaueres ueber die Existenzmittel eines Mannes
erfahren, dem er das Glueck und Leben eines lieben Kindes anvertrauen
sollte. Henkel selber bot ihm dazu die Hand und gab ihm Adressen an
verschiedene Haeuser in New-Orleans, die ihm ueber seine dortige Stellung
genaue Auskunft geben konnten.

Nach seinem Vermoegen mochte der alte Dollinger, wenn auch Kaufmann, nicht
so genau forschen; er war selber reich genug, einen _reichen_
Schwiegersohn entbehren zu koennen, und etwas Vermoegen musste der junge Mann
haben, dafuer buergte sein ganzes Auftreten, buergte besonders in den Augen
seiner Frau der reiche und wirklich kostbare Schmuck, den er trug. Joseph
Henkel war aber auch ausserdem ein interessanter und sehr gescheidter Mann,
der Manches in der Welt schon gesehen und erlebt, und das Gesehene und
Erlebte mit lebendigen Farben und Worten zu schildern wusste. Er hatte die
ganzen Vereinigten Staaten von Nord nach Sued und von Ost nach West
durchstreift, und dort theils seinen Geschaeften gelebt, theils gejagt,
sogar ein kleines Dampfschiff auf dem Arkansas laufen gehabt, mit den
Indianern Handel zu treiben, und ihnen die Produkte des Ostens gegen ihre
eigenen Fabrikate und den Gewinn ihrer Jagden einzutauschen. Er war auch
einmal von jenen wilden trotzigen Staemmen, die uns Cooper so herrlich und
unuebertroffen beschrieben, gefangen genommen und zum Opfertod verdammt,
und damals wirklich nur durch ein halbes Wunder gerettet worden, und Clara
hatte eine ganze Nacht nicht schlafen koennen, nur in der Angst und Unruhe
um die entsetzliche Gefahr, der sich der tollkuehne Mensch damals schon
ausgesetzt.

Der junge Mann schien aber zwischen jenen wilden Staemmen den Umgang mit
civilisirten Menschen keineswegs verlernt zu haben, und besass ganz
besonders ein fast wunderbares Geschick, sich seiner Umgebung
anzuschmiegen, und sich in ihre Charaktere ordentlich hineinzuleben. Als
ein tuechtiger und raffinirter Kaufmann, der vorzueglich eine vortreffliche
statistische Kenntniss der Union besass, gewann er sich dabei, und gleich
von allem Anfang an, die Achtung des alten Dollinger. Der Frau aber hatte
er leicht ihre kleinen, oft liebenswuerdigen Schwachheiten abgelauscht, und
wusste ihnen auf so geschickte Art zu begegnen, dass Frau Dollinger, mit der
Rettung des geliebten Kindes im Hintergrund, schon nach sehr kurzer Zeit
ganz entzueckt von ihm war, und sein Lob dem Gatten unaufhoerlich redete.
Auch mit der aelteren Schwester, Sophie, wusste sich Henkel bald auf guten
Fuss zu stellen; er hatte bei ihr das leichteste Spiel, denn ihre Schwaechen
lagen offen zu Tag, denen aber schmeichelte er mit solcher
Liebenswuerdigkeit, dass ihm Clara, die es fuehlte wie er dabei aus sich
herausging und etwas annahm was ihm nicht natuerlich war, oder doch
jedenfalls dem Mann, den sie liebte, nicht natuerlich sein _sollte_,
dennoch nicht boese darueber werden konnte.

Desto freier, offener und natuerlicher war er dafuer gegen sie selber; er
las, sang und spielte Pianoforte mit ihr, lehrte sie eine Menge kleiner
reizender, schottischer und irischer Lieder, oder plauderte mit ihr leicht
und sorglos Stunden lang in den Tag hinein, und konnte oft so herzlich
dabei lachen, dass es Einem ordentlich gut that, ihm zuzuhoeren. Selbst
Sophie entsagte dann nicht selten ihrem sonst etwas mehr abgeschlossenen,
fast steifen Wesen und kam zu ihnen, Theil an ihrer Froehlichkeit zu
nehmen.

Nur in den letzten Tagen war der junge "Amerikaner" wie er im Hause
gewoehnlich scherzhaft hiess, oder der "Delaware" wie ihn Sophie, wenn sie
manchmal bei recht guter Laune war, nannte, auffaellig niedergeschlagen
gewesen; er hatte Briefe von Amerika bekommen, wie er sagte, und ein sehr
lieber Freund von ihm war dort schwer erkrankt, auch ein Schiff das ihm
gehoerte, und das nicht versichert worden, so lange ausgeblieben, dass sein
Compagnon fast den Untergang desselben befuerchte. Der alte Herr Dollinger
troestete ihn deshalb, und er schien sich auch darueber hinwegzusetzen, die
sonst so bluehende Farbe seiner Wangen wollte aber doch nicht sogleich
wieder dorthin zurueckkehren, und das Auge hatte etwas Unsicheres,
Unstaetes, ihm sonst gar nicht Eigenes bekommen.

Nur heute, zu dem Fest der holden Jungfrau, die er bald die seine zu
nennen hoffte, hatte er all die trueben Gedanken, welcher Art sie auch
gewesen, und woher sie stammten, von sich abgeschuettelt, und war ganz
wieder der frohe glueckliche Mann, wie ihn Clara kennen -- _lieben_ gelernt.
Auf seinen Wunsch nur, womit Frau Dollinger eigentlich nicht ganz
einverstanden gewesen, war auch heute keine groessere Gesellschaft geladen
worden, sondern die kleine Familie speiste ganz "unter sich" in dem
festlich mit Blumen und Guirlanden geschmueckten Zimmer des jungen
liebenswuerdigen Geburtstagkindes. Frau Dollinger hatte sich eigentlich
schon laenger auf eine zu diesem Zweck einzuladende, groessere Gesellschaft
gefreut. Herr Dollinger selber hielt aber nicht viel von solchen Feten;
dafuer jedoch bedung sie sich aus, dass sie wenigstens den Nachmittag
spatzieren fahren wollten, wobei sie der junge Henkel gewoehnlich zu Pferde
begleitete.

Etwas that aber der alte Herr Dollinger gern, und zwar ein Glas Champagner
trinken, und der zweite Stoepsel war eben lustig hinausgeknallt, der
Gesundheit des "jungen Brautpaares" zu Ehren, als die Thuer aufging und
Lossenwerder, ein Comptoirdiener des Hauses, mit einem kleinen Paket in's
Zimmer trat.

Lossenwerder war schon seit elf oder zwoelf Jahren im Haus, und seinem
Aeussern nach eben keine angenehme Persoenlichkeit; er hinkte auf dem linken
Bein, das er als Kind einmal gebrochen, war ueberhaupt haesslicher und
magerer Natur, und schielte auf dem rechten Auge, wodurch sein sonst
gerade nicht unangenehmes Gesicht einen etwas falschen Ausdruck bekam. Das
Stoerendste aber an dem ganzen Menschen war sein Stottern, wegen dem man
sich auf ein laengeres Gespraech gar nicht mit ihm einlassen konnte, und kam
er einmal in Affekt, konnte er kein Wort mehr herausbringen. Frau
Dollinger sowohl wie Sophie konnten ihn auch nicht leiden, ja die letztere
behauptete sogar er verstelle sich und sie habe ihn schon ganz ordentlich,
wenigstens zehntausend Mal besser sprechen hoeren, als er es jedesmal
affektire, wenn er zu ihnen in die Wohnung komme; Clara aber hatte Mitleid
mit dem armen Menschen, den sie seines Ungluecks wegen innig bedauerte,
schenkte ihm oft eine Kleinigkeit und spottete nie ueber ihn, waehrend Herr
Dollinger selber, ihn als einen brauchbaren und treuen Diener, der noch
ausserdem eine vortreffliche Hand schrieb, kannte und sehr zufrieden mit
ihm war, ihm auch jedes nur moegliche Vertrauen bewiess.

"Hallo, Lossenwerder, was bringst Du mir da in's Haus?" rief ihm sein
Principal jetzt halb lachend, halb erstaunt entgegen, als der kleine Mann
das Zimmer betrat und schuechtern an der Thuere stehen blieb -- "ist das fuer
mich oder meine Tochter?"

"Gewiss fuer mich, Vaeterchen," rief Clara, rasch von ihrem Sitze
aufspringend -- "siehst Du, der Onkel hat mich doch nicht ganz vergessen
mit meinem Fest, und mir Gruss und Geschenk geschickt."

"Hehehe -- moe -- moe -- moechten es sich wo -- wo -- wo -- wo -- wohl wue -- n --
nschen Fraeulein" lachte aber der Stotternde, indem er Herrn Dollinger
zuwinkte, dass das Paket fuer ihn sei -- "ka -- ka -- ka -- kann ich mir de -- de
-- de -- de -- denken -- Go -- go -- gold und Ba -- ba -- ba -- ba -- bank -- no --
noten." Er zog dabei einen Brief aus der Tasche, den er dem Herrn uebergab.

"Hm, hm, hm" sagte aber dieser kopfschuettelnd, "und das bringst Du mir
jetzt in's Haus -- gerade wo ich ausfahren will -- warum hast Du es denn
nicht dem Cassirer gegeben?"

"Ni -- ni -- nirgends zu fi -- fi -- fi -- finden" stotterte Lossenwerder.

Herr Dollinger warf den Kopf, den Brief fluechtig durchfliegend, herueber
und hinueber, sagte dann aber, aufstehend und das Papier vor sich
hinlegend:

"Ja, da laesst sich denn weiter Nichts aendern; gieb mir das Paket
Lossenwerder, und sieh dann zu, dass Du Herrn Reibich findest. Ich lasse ihn
bitten um sieben oder halb acht Uhr heute Abend auf einen Augenblick zu
mir zu kommen -- verstanden?"

"Ja -- ja -- jawohl He -- he -- he -- herr Do -- do -- do -- Do -- "

"Schon gut" lachte Herr Dollinger, ihm zuwinkend, "und hier, Lossenwerder,
magst Du auch einmal ein Glas auf das Wohl meiner Tochter trinken.
Fraeulein Clara's Geburtstag ist heute -- hier Clara, reich es dem jungen
Herrn." Er fuellte dabei ein Wasserglas bis zum Rande voll von dem
funkelnden, schaeumenden Nass, und waehrend Clara mit freundlichem Laecheln
dem armen Teufel das Glas credenzte, nahm Herr Dollinger das Paket mit
Geld, ging zu dem nahen Secretair, in dem der Schluessel stak, oeffnete ihn,
legte das Geld hinein, zog dann den Schluessel ab und sagte, diesen der
Tochter ueberreichend:

"So Kinder, heute muesst Ihr einmal auf ein paar Stunden mein Cassirer sein,
bis der andere aufgefunden werden kann."

Clara nickte dem Vater freundlich zu, und Lossenwerder, der das volle Glas
in der Hand hielt und auf einmal ganz blutroth im Gesicht geworden war,
hob es empor und rief stotternd:

"Fr -- re, re, re, re, re, raeu -- le -- le -- lein Cla -- ra -- ra -- ra -- ra --
aus ga -- ga -- ganzem He -- he -- he -- he -- he -- he -- her -- ze -- ze -- zen."

Als ob er aber mit den Worten in der Kehle Luft gemacht, setzte er das
Glas an, und der Wein verschwand wie durch Zauberei.

"Alle Wetter" lachte Herr Dollinger, der sich gerade nach ihm umdrehte,
"Lossenwerder hat einen vortrefflichen Zug -- nun? -- hat's geschmeckt?"

"Gu -- gut Herr Do -- do -- do -- do -- do."

"Genug, genug" winkte ihm der Principal wieder ab -- "also bestell mir das
ordentlich."

Lossenwerder, der Art entlassen, und vielleicht froh aus einer Umgebung zu
kommen, in der er sich nicht heimisch fuehlen konnte, setzte das Glas auf
einen Seitentisch ab, machte eine etwas linkische Verbeugung, und wohl
wissend dass er zu einem ordentlichen Danke doch keine Zeit mehr uebrig
hatte, empfahl er sich ohne weiter auch nur einen Versuch zu muendlichem
Abschied zu machen.

"Eine unangenehme Persoenlichkeit" sagte Frau Dollinger zu ihrem
Schwiegersohn _in spe_, als der Mann noch die Thuer nicht einmal ordentlich
hinter sich geschlossen hatte; "ich kann mir nicht helfen, auf mich macht
der Mensch immer einen fatalen Eindruck."

"Wie -- wie befehlen Sie meine Gnaedige?" sagte der junge Henkel etwas
zerstreut; Sophie bog sich in diesem Augenblick zu ihm nieder und
fluesterte ihm ein paar Worte zu  --

"Er kann ja doch Nichts fuer seine Gebrechen" nahm Clara aber die Antwort
auf, "und thut gewiss Alles in seinen Kraeften sie eben durch gutes Betragen
vergessen zu machen."

"Papa, ich wuerde das Geld auch nicht so offen in dem Secretair da liegen
lassen" sagte Sophie.

"Nicht so offen? -- ich habe ja zugeschlossen  -- "

"Nun, es ist immer nicht gerade gut, wenn die Dienstleute wissen wo man
Geld liegen hat" stimmte die Mutter bei.

"Dienstleute?" meinte Herr Dollinger -- es war ja Niemand von ihnen im
Zimmer  -- "

"Doch Lossenwerder?"

"Bah" lachte der Kaufmann, mit dem Kopf schuettelnd.

"Ist es denn viel?" frug seine Frau.

"Nun, der Muehe werth waer's immer" sagte Herr Dollinger, "fuenf Tausend
Thaler etwa -- es soll aber auch nicht ueber Nacht da liegen bleiben, und
Lossenwerder hat mir auf heute Abend den Cassirer zu bestellen, das Geld an
sicheren Ort zu legen, bis ich morgen darueber verfuegt habe."

"Der Lossenwerder verwandte keinen Blick von dem Geld, so lang er im Zimmer
war" sagte die Mutter, mit dem Finger vor sich hindrohend.

"Lieber Gott, Muetterchen, Du weisst ja aber doch dass er schielt"
vertheidigte ihn lachend Clara -- "eben so fest und unverwandt hat er mich
indessen mit dem andern Auge angesehen; seine Schuld ist's nicht dass er
zwei Stellen auf einmal im Auge behalten muss."

"Lasst mir den armen Teufel zufrieden" sagte aber auch Herr Dollinger --
"der ist mir nuetzlicher wie zwei von meinen anderen Leuten; mehr zum
Nutzen wie Staat freilich, aber Staat will er auch nicht machen. Jetzt
uebrigens Kinder wird es Zeit dass wir uns ruesten, und Henkel, Sie muessen
noch Ihr Pferd holen lassen."

"Ich habe es schon, in der Voraussetzung dass wir bei dem schoenen Wetter
doch wohl eine kleine Parthie machen wuerden, hierher bestellt," erwiederte
rasch der junge Mann -- wuenschen Sie den Wagen jetzt?"

"Ich glaube ja, je eher, desto besser; die Tage sind kurz und wenn wir
noch eine Stunde oder zwei fahren wollen, duerfen wir nicht mehr viel
laenger warten."

"Aber Ihr Maedchen moechtet Euch ein wenig warm einpacken" sagte jetzt die
Mutter, alles Andere in dem Gedanken an ihre Toilette vergessend -- "zum
still im Wagen Sitzen passt ein Sommerkleid noch nicht und heute Abend wird
es kuehl werden."

"Und nicht so lange machen," mahnte der Vater, der sich sein Glas noch
einmal voll schenkte und leerte; "der Wagen wird im Augenblick da sein."

Der Wagen fuhr auch wirklich kaum zehn Minuten spaeter vor, Herr Dollinger,
der nun seinen Hut und Stock aufgenommen, ging, seine Handschuh anziehend,
im Hofe auf und nieder, und endlich erschienen, diesmal in wirklich sehr
kurzer Zeit, die Damen, ihre Sitze einzunehmen.

"Nun, wo ist Henkel?" sagte Herr Dollinger, sich nach seinem zukuenftigen
Schwiegersohne umschauend, "ich habe sein Pferd auch noch nicht gesehen;
jetzt wird uns der warten lassen."

Die Familie hatte indessen im Wagen Platz genommen, und der alte Herr
schaute etwas ungeduldig zum Schlag hinaus, als der junge Henkel zum Thor,
aber ohne Pferd, hereinkam.

"Nun? und Sie sitzen noch nicht im Sattel?" rief er ihm schon von weitem
entgegen -- "das ist eine schoene Geschichte; jetzt duerfen wir den Frauen
nie im Leben wieder vorwerfen, dass sie uns warten lassen."

"Ich muss tausend Mal um Entschuldigung bitten," sagte der junge Mann, zum
Wagen hinantretend, "aber mein Stallmeister hat mich sitzen lassen. Wenn
Sie mir erlauben schicke ich einen der Leute danach, oder gehe selber, es
ist nicht weit von hier. Aber thun Sie mir die Liebe und fahren Sie
langsam voraus, ich hole Sie in Zeit von zehn Minuten ein."

"Wir koennen ja hier warten," sagte die Mutter.

"Ja, wenn die Pferde stehen wollten," brummte Herr Dollinger -- "zieh nicht
so fest in die Zuegel Johann, das Handpferd kann das nicht vertragen und
wird nur noch immer unruhiger -- wir wollen langsam vorausfahren -- machen
Sie aber dass Sie nachkommen; auf dem Balkon vom rothen Drachen trinken wir
Kaffee, dort ist eine wundervolle Aussicht -- der Stalljunge mag
hinueberlaufen und Ihnen das Pferd holen."

Die Pferde zogen in diesem Augenblick an, Henkel musste aus dem Weg
springen und verbeugte sich leicht gegen die Damen, von denen ihm Clara
freundlich laechelnd zunickte.

Eine starke Viertelstunde spaeter sprengte der junge "Amerikaner," seinem
Thiere die Sporen gebend, dass es Funken und Kies hintenaus stob, ueber das
Pflaster, zum Entsetzen der Fussgaenger dahin, dem Wagen nach, den er nur
erst eine kurze Strecke vor dem bezeichneten Platz wieder einholte. Im
Stall wollte Niemand etwas davon gewusst haben, dass er sein Pferd bestellt
gehabt -- Einer schob die Vergessenheit natuerlich auf den Andern, und
Dollinger's Stallknecht musste die Leute sogar erst zusammensuchen, bis er
das Pferd bekam, deshalb hatte es so lange gedauert. Als er mit demselben
zurueckkehrte, ging der junge Mann in dem kleinen, dicht am Haus liegenden
Garten auf und ab, sprang aber dann, dem Burschen ein Trinkgeld zuwerfend,
und dessen Entschuldigung nur halb hoerend, rasch in den Sattel und flog,
wie vorher erwaehnt, in vollem Carriere die Strasse nieder.

Er hatte den Hof kaum verlassen, als Lossenwerder, einen grossen,
wunderschoen bluehenden Monatsrosenstock unter dem Arm, vorsichtig und wie
scheu, dass ihn Niemand gewahre, ueber den Hof und in die Hinterthuer des
Hauses schlich, und sich leise und geraeuschlos die Treppe damit
hinaufstahl. Er blieb etwa zehn Minuten im Haus und wollte dann aus
derselben Thuer wieder ueber den Hof zurueck, als der Stallknecht aus der
Futterkammer kam. Unschluessig blieb der kleine Mann eine kurze Zeit hinter
der Thuer stehen, und schlich sich dann, als der Bursche den Platz nicht
verlassen wollte, vorn zur Hausthuer hinaus auf die Strasse, den Weg nach
seiner Wohnung einschlagend.





                                Capitel 2.


                            DER ROTHE DRACHEN.


Der "rothe Drachen", ein Wirthshaus, das wegen seines vortrefflichen
Bieres, wie sonst mancher schaetzenswerthen Eigenschaften einen sehr guten
Namen hatte, lag etwa eine halbe Stunde von Heilingen, an der grossen
Landstrasse, die gen Norden fuehrte. Ein freundlicher Thalgrund umschloss
Haus und Garten und die dunklen, den Gipfel des naechsten Hanges kroenenden
Nadelhoelzer hoben nur noch mehr das freundliche Gruen der jungen Birken und
Weisseichen hervor, die sich ueber die niedere Abdachung erstreckten, und
bis scharf hinan an den hocheingefriedigten und sorgfaeltig in Ordnung
gehaltenen Frucht-, Gemuese- und Blumengarten des Hauses selber lehnten.

Es war ein warmer, sonniger Fruehlingsnachmittag; der Bach, der am Hause
dicht vorbeirieselte, plaetscherte und schaeumte in frischem jugendlichen
Uebermuth, des Eises Huelle, die ihn so lange gefangen gehalten oder doch
fest und aengstlich eingeklemmt, nun endlich einmal enthoben zu sein, und
die Voegel zwitscherten so froh und munter in den Zweigen der alten
knorrigen Linde, die unfern der Thuere stand, und flatterten und suchten
herueber und hinueber, aus den bluehenden Obstbaeumen fort ueber den Hof und
von dem Hof wieder fort in dicht versteckten Ast und Zweig hinein, mit
einem gefundenen Strohhalm oder einer erbeuteten Feder im Schnabel, dass
Einem das Herz ordentlich aufging ueber das rege glueckliche Leben. Und wie
blau spannte sich der Himmel ueber die bluehende, knospende Welt, wie leicht
und licht zogen weisse duftige Wolken, Schwaenen gleich, durch den Aether
hin, farbige, fluechtige Schatten werfend ueber Wiesen und Feld und die
weite Thalesflucht, die sich dem Auge in die Ferne oeffnete und dem
leuchtenden Blick neue Schaetze bot, wohin er fiel.

Ein Fruehling in Deutschland -- ein Fruehling im _Vaterland_; oh wie sich das
Herz da mit der wirbelnden, schmetternden Lerche hebt und jubelnd,
jauchzend gen Himmel steigt; zwinge die Thraene da nicht zurueck, die sich
Dir, dem Gluecklichen, in's Auge draengt -- in ihrem Blitzen preisest Du den
Vater droben, wie es die jubelnde Lerche dort thut, die mit zitterndem
Fluegelschlag ueber den gruenen Matten schwebt; -- wie das raschelnde
fluesternde Blatt im Wald, wie der schwankende, thaugeschmueckte Halm und
die knospende, duftende Bluethe im Thal. Ein Fruehling im Vaterland -- oh wie
schoen, wie jung und frisch die Welt da um uns liegt in ihrem braeutlichen
Glanz, voll neuer Hoffnungen in jedem jungen Keim, und wie sich das Herz
der schoenen Blume gleich zusammenzog, als der Herbststurm ueber die Haide
fuhr, mit rauher Hand den Blattschmuck von den Baeumen riss und zu Boden
warf und Schnee und Eis vor sich hin jagte ueber die erstarrende Flur, so
oeffnet es sich jetzt mit vollem Athemzug wieder den balsamischen
Fruehlingsgruss, und vorbei, vergessen liegt vergangenes Leid -- wie der
verwehte Sturm selber keine Spur mehr hinterliess und die schoensten Blumen
jetzt gerade an den Stellen bluehen, wo er am tollsten, rasendsten getobt.

Ein warmer erquickender Regen war die letzten Tage gefallen, und so gut er
dem Land gethan, hatte er doch die Bewohner des nahen Staedtchens in ihre
Haeuser und Strassen gebannt gehalten, von wo aus sie sehnsuechtig die nahen
gruenenden Berge theils, theils die dunklen Wolken betrachteten, die nicht
nachlassen wollten Segen auf die Fluren niederzutraeufeln. Heute aber hatte
sich das geaendert; voll und warm gluehte die Sonne am Himmelszelt und
hinaus stroemten sie in jubelnden Schaaren, hinaus in's Freie. Der "rothe
Drachen" vor allen anderen Plaetzen, der so reizend an der Oeffnung des
Thales lag und die Aussicht bot in das darunter liegende freie Land, hatte
dabei sein reichlich Theil erhalten der froehlichen Schaar, dass die Wirthin
mit ihren Kellnern und Maegden nicht Haende genug hatte zu schaffen und
herzurichten, und die Tische und Baenke im Garten draussen fast alle besetzt
waren rund herum von Schmausenden.

Der "rothe Drachen" sollte uebrigens, wie die Sage ging, seinen Namen von
einem wirklichen Drachen bekommen haben, der einmal vor vielen hundert
Jahren in der Schlucht weiter oben, die auch noch ebenfalls nach ihm die
Drachenschlucht hiess, gehaust und viele Menschen und Rinder verschlungen
hatte. Der Wirth des "rothen Drachen" nun, Thuegut Lobsich, dessen
Voreltern schon diesen Platz gehalten, behauptete dabei, Einer seiner
"Ahnen" habe den Drachen im Einzelkampf erlegt -- (die Gaeste meinten, mit
schlechtem Bier vergiftet) und dafuer von dem damals regierenden Fuersten
Platz und Wirtschaft als Gerechtsame, mit dem Schild als Wahrzeichen,
erhalten.

Wie dem auch sei, Thuegut Lobsich that wirklich gut auf dem Platz, der ihm
vortreffliche Nahrung bot, und befand sich so wohl, wie sich nur ein Wirth
in einer gut gelegenen Wirthschaft befinden kann. Seine Frau war aber
dabei der Nerv des Ganzen, in Kueche und Stall, in Keller und Haus, und
waehrend sich Vater Lobsich, wie er sich gern nennen liess, obgleich er noch
jung und ruestig war, am Liebsten zu seinen Gaesten irgendwo an einen Tisch
drueckte und "das Bier controllirte", wie er sagte, dass ihm die Burschen
kein Saures brachten und die Gaeste verjagten, arbeitete die Frau im
Schweisse ihres Angesichts vor dem Heerd, die bestellten Portionen
herzurichten und zu gleicher Zeit auch den Verkauf von Kaffee, Thee, Milch
und Kuchen zu ueberwachen. Dabei fuehrte sie die Kasse und rechnete mit
Kellnern und Maedchen ab, und wehe denen, die eine halbe Portion Kaffee
oder Kuchen vergessen, ein nichtbezahltes Glas nicht aufnotirt oder einem
schlechten Kunden noch einmal gegen den direkt gegebenen Befehl geborgt
hatten.

Boese Zungen meinten dabei nicht selten, Frau Lobsich sei der "einzige Mann
im Hause" und Thuegut duerfe nur tanzen, wenn sie nicht daheim waere; boese
Zungen erwaehnten dann aber nicht dabei, dass sie wirklich allein das
Hauswesen in Zucht und Ordnung hielt, und so scharf und heftig sie draussen
in Kueche und Wirtschaft, wo sie fremde Leute doch auch eigentlich nur zu
sehen bekamen, sein konnte, und so grosse Ursache sie dabei oft hatte
aergerlich zu sein, und die Ursache dann auch fuer vollkommen genuegend
hielt, es wirklich zu werden, so still und freundlich konnte sie sich
betragen, wenn sie allein mit ihrem Manne war, und so gern gab sie ihm in
Allem nach, was nicht eben zu Ruin und Schaden trieb. Salome Lobsich war
das Muster einer Hausfrau, und was ebensoviel sagen will, eine gute Gattin
dabei -- ob ihr Mann dasselbe auch von sich sagen konnte, stand auf einem
anderen Blatt.

Heute hatte sich uebrigens eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft in dem gar
so freundlich gelegenen Garten des rothen Drachen eingefunden, und dicht
vor der Thuer desselben, unter der alten breitschattigen Linde, die ihre
Arme so weit nach rechts und links hinueberstreckte, dass man sie schon
hatte stuetzen muessen, nur den Weg zu ihr und den Platz darunter frei zu
behalten, sass Lobsich selber mit einem kleinen Kreis guter Bekannten,
d. h. alter Kunden und quasi Stammgaeste von ihm, denn er selber kam selten
irgend wo anders hin, und wer also sein Bekannter _bleiben_ wollte, musste
ihn eben besuchen.

Zu diesen gehoerte besonders Jacob Kellmann, ein Kuerschner und Pelzhaendler
aus Heilingen, dann der Aktuar Ledermann von dort, eine lange hagere,
etwas ungeschickte Gestalt, mit aber nicht unangenehmen, gutmuethigen
Gesichtszuegen, und der Apotheker aus Heilingen, Schollfeld mit Namen, die
es gewoehnlich so einzurichten wussten, dass sie an einen Tisch mit einander
zu sitzen kamen. Lobsich nahm ebenfalls am Liebsten zwischen dieser
kleinen Gesellschaft Platz, und nur dann und wann, besonders wenn er die
Stimme seiner Frau irgendwo hoerte, stand er auf und ging einmal durch den
Garten und die Reihen seiner Gaeste, zu sehn ob Alle ordentlich bedient
wuerden, und keine Klagen einliefen gegen unaufmerksame Kellner, die er in
dem Fall auch wohl gleich an Ort und Stelle mit einem Knuff oder einer
Ohrfeige abstrafte, als warnendes Beispiel. Er musste an irgend Jemand
seinen Aerger auslassen, dass er nicht bei seinem Biere konnte sitzen
bleiben.

"Ist doch ein prachtvolles Wetter heute," sagte Kellmann, der eben einen
tuechtigen Zug aus seinem Glase gethan, und nun mit vollem zufriedenen
Blick ueber das freundliche Bild hinaus schaute, das sich, von der warmen
Nachmittagssonne beschienen, in all seinem blitzenden Glanz und
Farbenschimmer vor ihnen aufrollte "und es waechst und gedeiht Alles
draussen so schoen und steht so praechtig -- merkwuerdig dabei, dass Alles so
theuer bleibt, und die Preise, statt herunter zu gehen, immer nur steigen
und steigen."

"Ja das weiss Gott," seufzte der Aktuar, dem der Gedanke selbst den
Geschmack am Bier wieder zu verderben schien, denn er setzte das schon zum
Mund gehobene Glas unberuehrt vor sich nieder -- "und wenn das noch eine
Weile so fort geht, koennen wir alle mit einander verhungern oder
davonlaufen."

"Nun Ihr habt gut reden," sagte Kellmann, "Ihr bekommt vom Staat Euer
Gewisses und koennt Euch genau danach einrichten -- Euer Geld muss Euch
werden, wenn der erste jedes Monats kommt, unsereins haengt aber allein von
den Zeiten ab, und wenn die Lebensmittel knapp werden, kauft Niemand einen
Pelz. Holz will auch sein und daran kann sich nachher die ganze Familie
waermen."

"Ihr redet wie Ihr's versteht," brummte der Aktuar, -- "unser Gewisses
bekommen wir, das ist wahr, aber nur deshalb, damit wir gewisses Elend vor
den Augen haben. Ich habe fuenfhundert Thaler Gehalt, und Frau und Kind und
Dienstmaedchen zu ernaehren, und soll anstaendig dabei gekleidet gehn, denn
vor zehn und zwanzig Jahren hatte ein Aktuar in meiner Stellung auch nicht
mehr, und machte das Alles moeglich, ja befand sich wohl dabei. Jetzt aber
wird Brod, Butter, Fleisch, Holz, Wohnung, kurz Alles was wir nun einmal
zum Leben brauchen, gesteigert von Tag zu Tag, aber meine fuenfhundert
Thaler _bleiben_; vor zehn Jahren kaufte ich zwanzig Pfund Brod fuer
dasselbe Geld, fuer das ich jetzt nicht zehn bekomme -- aber _meine_
fuenfhundert Thaler _bleiben_. Auch mein Hausherr verlangt hoeheren Zins --
schon voriges Jahr bin ich hoeher gegangen, um nicht gesteigert zu werden,
d. h. fuer denselben Preis aus der zweiten in die dritte Etage gezogen,
aber dies Jahr muss ich ganz hinaus, denn er will wieder zehn Thaler mehr
haben und ich kann's ihm nicht geben. Ihr Leute habt Euch gut in die
Zeiten schicken, denn wenn das Brod theuer wird, schlagt Ihr desto mehr
auf Euere Waare, der kleine Beamte aber, der Staatsdiener um geringen
Lohn, das ist das geplagte, gefaehrdete Geschoepf, und jede neue Taxe macht
ihm keine neue Berechnung, sondern schnallt ihm nur den Leibriemen um ein
Loch enger, dass er weniger isst, bis er in's _letzte_ Loch geworfen wird,
zum ersten Mal von seinen irdischen Strapatzen, ohne Furcht vor rasch
abgelaufenen Ferien, wirklich ungestoert auszuruhen."

"Ach geht mit Eueren erbaermlichen Lamentationen an solch freundlichem
Tag," fiel ihm der Wirth hier in die Rede, der sich erst vor ein paar
Augenblicken wieder mit zum Tisch gesetzt und schon eine ganze Weile
ungeduldig mit dem Kopf geschuettelt hatte. "Das Reden macht's nicht besser
und Stoehnen und Seufzen hilft auch Nichts -- Kopf oben, das ist die
Hauptsache; das andere macht sich von selber -- aber hallo" -- unterbrach er
sich ploetzlich, von seinem Sitze aufstehend und die Strasse
hinunterzeigend, die in das weite Thal fuehrte -- "was kommt dort fuer ein
Trupp den Weg entlang?" -- und in der That wurde dort oben ein ganzer Zug
Maenner, Frauen und Kinder mit kleinen Handkarren und ein paar einspaennigen
Waegelchen sichtbar.

"Das sind Auswanderer!" rief Jacob Kellmann, von seinem Stuhl aufspringend
und dem Zug entgegenschauend -- "seht nur ein Mensch an, wieder ein ganzer
Schwarm aus dem Hessischen; Heiland der Welt, da muss doch endlich einmal
Platz werden."

"Na nu ist wieder der Frieden beim Henker," rief aber der Apotheker
muerrisch -- "hier Lobsich setzt Euch auf Eueren Stuhl und trinkt Euer Bier
aus, und Ihr Kellmann, lasst das Volk da draussen laufen, wohin sie wollen --
unzufriedene Bande, die es ist und die es nirgends gut genug kriegen kann,
wo ihr nicht das Confekt auf goldenen Tellern praesentirt wird. Na kommt
nur hinueber, wenn Euch hier der Hafer zu sehr sticht -- Euch werden sie
schon noch das Fell ueber die Ohren ziehn, dass Ihr am hellen lichten Tag
die Sterne zu sehn bekommt."

"Nein was fuer ein Zug!" rief aber Kellmann, die langsam naeher kommende
Schaar mit unverkennbarem Interesse betrachtend; "die armen Teufel."

"Hoert Kellmann," rief aber Schollfeld aergerlich, "tretet mir da ein wenig
aus dem Weg, dass ich auch was sehen kann, und setzt Euch wieder, ich
daechte doch wahrhaftig, Auswanderer hier an der Strasse waeren nichts so
besonders Neues, dass Ihr Maul und Nase aufsperrt und thut, als ob Euch so
etwas noch nicht im ganzen Leben vorgekommen waere."

Schollfeld war uebrigens nicht umsonst so muerrisch; er hatte einen Zorn auf
Auswanderer, denn er betrachtete Auswanderung als eine indirekte
Beleidigung gegen den Staat, gewissermassen als eine Grobheit, die man ihm
geradezu unter die Nase sage  -- : "ich mag nicht mehr in Dir leben und
weiss einen Platz, wo's besser ist." Das _dachten_ sich naemlich die
"Toelpel", wie er sie nannte, aber Sie _wussten_ es nicht -- gar Nichts
wussten sie und liefen blind und toll in die Welt hinein. Der Staat haette
auch eigentlich den Skandal gar nicht dulden sollen; hunderte von
Menschen, reine Deserteure aus ihrem Vaterland, liefen da frank und frei
vorbei, Anderen noch obendrein ein boeses Beispiel gebend, und er begriff
die Regierung nicht, wie sie dem Volke nur noch einen Pass gestatten
konnte.

Der Zug war indessen naeher gekommen und Lobsich rasch in das Haus gegangen
Bier herbeizuschaffen, da sich bei solchen Trupps gewoehnlich eine Menge
junge Burschen befanden, die noch Geld im Beutel und immer frischen Durst
hatten; um so mehr, da das Bergesteigen heute wirklich warm und den Hals
trocken machte.

                               [Capitel 2]

Die ersten Waegen passirten still vorbei; die Fuehrer warfen einen langen,
vielleicht sehnsuechtigen Blick nach den behaglich hinter ihren Tischen
sitzenden Gaesten und dem kuehlen funkelnden Bier hinueber, aber hielten
nicht an, sich laengere Rast dafuer auf den Abend versprechend. Nur von den
Fussgaengern blieben mehre Trupps unfern der Linde, unter der unsere kleine
Gesellschaft sass, und nicht weit von der Gartenthuere stehn, und waehrend
ein paar der Maenner dem Kellner winkten, ihnen Bier herauszubringen, als
ob sie sich scheuten in ihrer bestaubten schmuzigen Kleidung, mit der
schweissbedeckten Stirn, zwischen die geputzten und jetzt nach ihnen
heruebersehenden Gruppen hineinzugehn, hielt ein Trupp Frauen ebenfalls
dort. Angezogen von der ploetzlichen weiten und freien Aussicht, die ihnen
hier nach unten zu das Thal oeffnete, durch das sie gekommen, blieben sie
erfreut und ueberrascht stehn und schauten dabei auf das reizende Bild hin,
das wie mit einem Schlage so vor ihnen in's Leben sprang.

"Heiland der Welt, Lisbeth," rief ein junges, sechzehnjaehriges Maedchen
der, vielleicht zwei Jahr aelteren Schwester zu -- "dort drueben liegt
Holstetten, und von da ist's nur noch neun Stunden zu Haus -- dahinter kann
ich den weissen Weg durch's schwarze Nadelholz sehn, der hinueberfuehrt nach
Krisheim."

"Ja Marie," antwortete das Maedchen, und waehrend sie sprach, liefen ihr die
grossen hellen Zaehren an den bleichen Wangen nieder, "gleich hinter dem
Berg dort muss die Windmuehle liegen, und dann kommt Bachstetten und
nachher" -- sie konnte nicht mehr sprechen, das Herz war ihr zu voll und
sie mochte doch nicht das der Schwester, wenn diese ihren Schmerz sah,
noch schwerer machen. Aber zurueckdaemmen liess sich das auch nicht, die
Wunde war noch zu frisch und blutete zu stark, und beide Maedchen standen
wenige Minuten still und weinend da, die schoenen thraenenueberstroemten Zuege
den ihr naechsten Menschen ab- und der verlassenen Heimath, die sie wohl
nie im Leben wieder schauen sollten, zugekehrt.

"Ob auch wohl Martha der Mutter Grab ordentlich haelt und pflegt, wie sie
es versprochen," brach die Juengste endlich wieder mit leiser kaum hoerbarer
Stimme das Schweigen.

"Sie hat's ja versprochen," fluesterte fast eben so leise die Schwester
zurueck, "aber --  --  --  --  so lieb wird sie's doch nicht haben wie wir."

"Komm Lisbeth," sagte die Juengere wieder und ergriff, ohne sie aber dabei
anzusehn, der Schwester Hand -- "wir wollen gehn -- die Wagen sind schon ein
Stueck voraus."

Beide Maedchen nickten leise und kaum bemerkbar der verlassenen Heimath zu
und schritten dann schweigend Hand in Hand den Weg entlang, der nach und
durch Heilingen fuehrte, ihre weite, unbekannte Bahn.

"He Marie, Lisbeth!" rief sie der Vater an, der eben an der Thuer des
Gartens ein Glas Bier von einem der Kellner erhalten hatte -- "wollt Ihr
einmal trinken Kinder?"

"Ich danke Vater," sagte Marie zurueck, ohne sich umzusehn oder stehn zu
bleiben, "wir sind nicht durstig."

"Woher des Wegs Ihr Leute?" wandte sich jetzt Kellmann, der trotz
Schollfeld's aergerlichen Worten zu dem Alten getreten war, an diesen.

"Aus Hessen," sagte der Mann ruhig und that einen langen durstigen Zug aus
dem, mit dem trefflichen Bier gefuellten, schaeumenden Glas.

"Und wohin?"

"Nach Amerika."

"Hm -- ist ein weiter Weg -- ist Euch wohl schlecht gegangen hier im Lande?"
sagte Kellmann, die kraeftige und doch gramgebeugte Gestalt des alten
Landmanns teilnehmend betrachtend.

Der Bauer, dessen Blick auch an dem fernen Punkt indess gehangen, wo seine
fruehere Heimath lag, liess das Auge einen Moment wie misstrauisch ueber den
Frager gleiten und erwiederte dann leise und kopfschuettelnd:

"Schlecht? -- lieber Gott wie man's nimmt; man soll g'rad nicht klagen; der
liebe Gott hat geholfen und wird weiter helfen."

"Ihr wollt Euch wohl ein paar von den gebratenen Tauben holen die in
Amerika herumfliegen?" mischte sich hier der Apotheker in's Gespraech, der
nicht umhin konnte dem "Auswanderer", wie er sich ausdrueckte, "einen Hieb
zu versetzen" -- "habt Ihr auch Messer und Gabeln mit?"

Der Bauer sah den kleinen, spoettisch laechelnden Mann einen Augenblick
ruhig von der Seite an, zahlte dann dem neben ihm stehenden Kellner, dem
er das Glas zurueckgab, sein Bier, und ohne irgend etwas auf die Frage zu
erwiedern, oder aergerlich darueber zu scheinen, ja als ob er sie nicht
gehoert haette, wandte er sich und folgte mit einem "gruess Euch Gott Ihr
Herren", seinen vorangegangenen Toechtern.

"Holzkopf," brummte der Apotheker, nur noch mehr gereizt ueber diese
anscheinende Misachtung, hinter ihm drein -- "dem Volk ist zu wohl hier,"
setzte er dann, mit einem kraeftigen Zug aus seinem Glase hinzu -- "der Art
Leute fuehlen sich nicht behaglich, wenn sie nicht baumfest unter dem
Daumen gehalten werden."

"Guten Abend miteinander," sagte in diesem Augenblick ein Anderer der
Auswanderer, der, mit einem kurzen Pfeifenstummel in der Hand zu dem Tisch
trat, auf dem in einem schuetzenden Kelchglas ein Licht mit darum
gesteckten Fidibus zum Anzuenden der Cigarren stand -- "wenn's erlaubt ist,
moechte ich mir wohl einmal eine Pfeife bei Euch anbrennen."

"Mit Vergnuegen," sagte Ledermann, ihm einen Fidibus anzuendend und
hinreichend.

"Danke schoen," nickte der Mann, das Feuer benutzend und den blauen Qualm
in schnellen kurzen Zuegen ausblasend.  --

"Und wo geht die Reise hin?" frug Ledermann dem Rauchenden.

"Da hinueber," sagte dieser; immer noch scharf ziehend, indess er mit dem
linken, zurueckgebogenen Daumen ueber die linke Achsel wiess -- "uebers grosse
Wasser."  --

"Habt Ihr dort schon einen Platz?" frug der Aktuar.

"Ja," sagte der Mann freundlich -- "mein Bruder hat mir geschrieben aus dem
Wiskonsin heraus; da soll's gut sein."

"Und geht Ihr Alle dorthin?" frug ihn Kellmann.

"Die meisten von uns, ja; eine Parthie will aber auch hinueber in's
Missuri; da ist's waermer."

"Es sind wohl lauter Landleute hier miteinander?"

"Ja meistens -- ein Schneider ist dabei, und der Schmied aus dem Dorfe und
der Herr Pastor ist schon voraus."

"Der Pastor geht auch mit?" frug Kellmann schnell.

"Ahem," nickte der Mann, "der ist aber mit der Post gefahren, aber er hat
gesagt er wollte sehn dass wir Alle auf ein Schiff kaemen. Danke schoen Ihr
Herren, adje."

"Glueckliche Reise," rief ihm Kellmann nach.

"Danke," nickte der Mann noch einmal zurueck, "koennens brauchen," und
schloss sich den uebrigen wieder an, von denen die letzten gerade die Thuer
des Wirthshauses passirten.

Es waren aermliche, viele von ihnen kraenklich oder wenigstens bleich
aussehende Gestalten, in die Bauerntracht ihrer Gegend gekleidet; die
meisten Frauen mit Kindern auf dem Arm, Manche sogar deren an der Brust,
und ein Buendel dazu auf dem Ruecken, die im Schweiss ihres Angesichts, wie
sie bis jetzt gelebt, muehsam der fernen ersehnten Heimath
entgegenstrebten. Hie und da waren auch ein paar kraeftige junge Burschen
von zwoelf bis vierzehn Jahren vor ein kleines leichtes Handwaegelchen
gespannt, darauf gepackte Betten, Kleidungsstuecke und Lebensmittel die
weite Strasse entlang zu ziehen. -- Die Leute hatten kein Geld uebrig, denn
das wenige, was sie zur Reise aufgespart, mussten sie fuer das Schiff
aufheben, und ein paar Thaler sollten doch auch noch wenigstens, wenn das
irgend anging, uebrig bleiben, damit sie nur die ersten Tage in Amerika,
ehe sie Arbeit bekaemen, vor Sorge geschuetzt waeren. Den glaenzenden
Schilderungen die ihnen von dem neuen Lande ihrer Hoffnungen gemacht
waren, trauten die armen Frauen am wenigsten in ihrem vollen Umfange; von
Jugend auf, wie ihnen nur eben die Kraefte wurden ihre juengeren Geschwister
in der Welt herumzuschleppen, hatten sie arbeiten, hart arbeiten muessen,
und viel anders wuerde es auch wohl nicht da drueben sein. Der Sorgen waren
hier nur gar so viele angewachsen, mit jedem Jahre mehr, wie sie sich auch
plagten und quaelten, und schlechter _konnte_ es dort drueben nicht sein.
Das war fuer jetzt der einzige Trost den sie mit sich trugen die lange,
heisse Strasse entlang mit einer kleinen Hoffnung moeglicher Besserung
vielleicht, und sie drueckten dann die Kinder nur fester an ihr Herz und
kuessten sie, und fluesterten ihnen leise und heimlich zu dass sie nicht mehr
schreien sollten, denn sie gingen nach _Amerika_, und da wuerde schon Alles
gut werden, wie ihnen der Vater gesagt.

Die Maenner und Burschen zogen der fernen Welt aber schon mit mehr
Vertrauen entgegen; das Bewusstsein der eigenen Faehigkeit und Kraft hob sie
dabei auch ueber Manches hinweg das die abhaengigen Frauen schwerer zu Boden
drueckte. Wer bei einer langen Wanderung voran geht, und fuer den Weg zu
_denken_ hat, wird nie so muede als der, der ihm folgt, nur fuer sich denken
laesst, und hinter drein zieht. Viele von den Maennern trugen auch
Jagdtaschen und Gewehre auf dem Ruecken, Buechsen und Schrotflinten -- was
sollte es "da drueben" nicht Alles zu schiessen geben; -- Manche auch
nachgemachte bunte Blumenstraeusse auf dem Hut. Einzelne, aus Baiern und
Thueringen, die sich ihnen angeschlossen, hatten sogar ein paar kleine
gefaerbte Maraboutfedern mit ihren Landesfarben, blau und weiss, und gruen
und weiss in ihrem Hutband stecken; die Meisten aber schienen keine solche
Erinnerung an die Heimath mitnehmen zu wollen, in das neue Vaterland.

Die Leute gingen vorueber, und die Gaeste hatten ihnen schweigend
nachgeschaut, so lange fast, bis sie die naechste Biegung der Strasse ihren
Blicken entzog. Auch Lobsich war wieder vor die Thuer seines Gartens
getreten, und sich jetzt kopfschuettelnd zurueck zu seinem Tische wendend,
brummte er vor sich hin.

"S'ist mir doch was Unbedeutendes" -- es war dieses eine seiner stehenden
Redensarten, die in der That unbegrenztes Erstaunen ausdruecken sollte --
"was die Leute diess Fruehjahr wieder an zu ziehen fangen; Tag fuer Tag geht
das so fort; Trupp nach Trupp kommt ueber die Berge herueber, mit Sack und
Pack, mit Weib und Kind -- und Alles fort, Alles fort, und man merkt nicht
einmal von _wo_ sie fort sind."

"Doch, doch," sagte Kellmann, die Augenbrauen in die Hoehe ziehend und mit
dem Kopf nickend, "doch, doch Lobsich; ob man's wohl merkt? -- geht einmal
da ueber die Berge hinueber und seht Euch in den Doerfern um; da steht
manches alte halbzerfallene _leere_ Haus, an das irgend eine Familie da
drueben noch mit Schmerzen zurueckdenkt, und in das Niemand anderes mehr
Lust hat einzuziehen, weil er noch eine Menge _bessere_, ebenfalls leer,
in demselben Dorfe findet. Es ist immer ein trauriger Anblick solch ein
leeres Haus, und ich seh's nicht gern."

"Und was fuer _Geld_ tragen sie ausser Land," fiel der Apotheker hier ein,
der indess, sich zu zerstreuen, im Heilinger Tageblatt gelesen hatte, jetzt
aber nicht umhin konnte auch noch ein Wort mit drein zu werfen -- "was sie
nicht mit hinuebernehmen koennen, lassen sie wenigstens in den Seestaedten,
und zu uns kommt Nichts mehr davon zurueck. Wenn ich nur das erst einmal
erlebe, dass die Leute zu ihrem Glueck foermlich _gezwungen_, und nicht mehr
aus dem Land hinausgelassen werden; geht das aber so fort, so werden sie
so lange auswandern, bis uns hier weiter gar Nichts uebrig bleibt als
mitzugehen, wenn wir nicht eben allein sitzen wollen in dem veroedeten
Land, unseren Acker selber zu bauen. Hol sie der Teufel, wofuer hat sie
denn eigentlich der liebe Gott in die Welt gesetzt und ihnen den Holzkopf
gegeben, der sie zu allem Anderen untauglich macht. Ackern und Duengen
muessen sie drueben doch auch, und weshalb koennen sie das nicht eben so gut
_hier_? -- Nein Gott bewahre, die paar Thaler die sie sich _hier_ erspart
haben, muessen erst wieder verschleppt und hinausgeworfen werden an
Experimente und reinen Uebermuth, und nachher sitzen sie erst recht da;
dort drueben _koennen_ sie Nichts mehr sparen, und _muessen_ schon drueben
bleiben, wenn sie auch wieder herueber moechten. Die Paar die sich doch noch
ein paar Thaler zusammenscharren, die kommen nachher schnell genug wieder
zurueck, aber es sind nur wenige, und die anderen armen Teufel haben die
Bruecke muthwillig hinter sich abgebrochen, und sitzen nun auf der
wohlriechenden Haide ohne Unterfutter. Jesus Maria und Joseph, es muss ein
ordentlicher Jammer drueben sein."

"Na, _so_ arg nun denn doch wohl noch nicht, Schollfeld," sagte Kellmann
kopfschuettelnd, "man hoert doch nun auch so Manches von da drueben was nicht
gar so schlecht klingt, und wo sich's schon aushalten liesse, wenn man --
wenn man eben einmal einen solchen verzweifelten Schritt absolut thun
muesste oder wollte."

"Nicht so arg?" rief aber Schollfeld, der hier sein Steckenpferd ritt, und
sich selten eine Gelegenheit entgehen liess auf Amerika zu schimpfen --
"nicht so arg? da, hier lesen Sie einmal das Tageblatt, was der wackere
Dr. Hayde darueber schreibt; das ist ein Mann, der hat Haare auf den Zaehnen
und muss die Sache verstehn, denn er ist Einer von den Wenigen die drueben
gewesen und gluecklich wiedergekommen sind. Er bringt kaum eine Nummer in
der er nicht ein oder den anderen Hieb auf die Verhaeltnisse Ihres
"gluecklichen Amerika" hat -- das muss ja ein wahres Raubnest sein, lesen Sie
nur einmal."

"Hoeren Sie lieber Schollfeld, ich will Ihnen einmal 'was sagen,"
erwiederte ihm Kellmann ruhig, "dieser Dr. Hayde, der Ihnen die schoenen
Artikel schreibt ist, der Meinung aller ordentlichen Kerle in Heilingen
nach, das wenigste zu sagen eine kleine geschwollene Giftkroete, ein
weggelaufener Advokat, den die Verhaeltnisse aus Deutschland vertrieben,
und den in Amerika Niemand mit seinen Talenten haben mochte. Zu faul zum
arbeiten, und nicht im Stande etwas Anderes zu thun, wurde er dort
wahrscheinlich vom Schicksal hin- und hergestossen, und wie ein aus einer
Thuer geworfener Mops, stellt er sich jetzt draussen hin, wo sich Niemand
die Muehe giebt ihn zu stoeren, und schimpft und klefft. Ich will Amerika
eben nicht in allem vertheidigen, aber was _der_ gerade darueber sagt wuerde
mich auch nicht bestimmen. Wie ein Dreckkaefer schleppt er sich nur mit
groesster Muehe kleine Stueckchen Koth herbei, und rollt sie zusammen eine
Kugel zu machen in die er sein Ei legt -- pfui ueber den Burschen."

"Na jetzt freut mich aber mein Leben," rief Herr Schollfeld erstaunt aus --
"erst schimpfen Sie selber auf Amerika, und nun auf einmal soll der arme
Doktor die ganze Schuld tragen."

"Ich _schimpfe_ nicht auf Amerika," sagte Kellmann ruhig, "ich kann nur
nicht leiden wenn man es auf Kosten unseres eigenen Vaterlandes
herausstreicht, und gegen alle seine Nachtheile blind ist. Es waere
allerdings noch viel gefaehrlicher sich die Lichtseiten alle zu bunt
auszumalen; die armen Leute die nachher hinuebergehn und es anders finden,
sind dann zu sehr enttaeuscht, und fallen gewoehnlich, wie mir gesagt ist,
aus einem Extrem in's Andere -- aber so taugt's auch Nichts."

"Guten Abend selbander," sagte in dem Augenblick eine andere Stimme dicht
hinter ihnen, und als sie sich danach umschauten, stand ein alter
Bekannter von ihnen, Mathes Vogel, ein reicher junger Bauer aus dem
naechsten Dorf, an ihrem Tisch und streckte ihnen freundlich die Hand
entgegen.

"Hallo Mathes, wie geht's?" rief Kellmann die gebotene herzlich schuettelnd
-- "Wetter noch einmal Mann, wo habt Ihr jetzt gerade in der Saatzeit
gesteckt, dass Ihr in der Welt herumreist wie ein Baron, der seine Gueter
verpachtet hat? Ihr seid verreist gewesen."

"Ja Herr Kellmann, in Bremen."

"Wo seid Ihr gewesen?" frug Schollfeld erstaunt.

"In Bremen, Herr Schollfeld!" rief der junge Bauer, gegen diesen gewandt,
"oben in der Hafenstadt."

"Guten Abend Mathes," kam hier der Wirth dazwischen, der den alten Kunden
ebenfalls begruesste -- "lange nicht gesehn, recht gross geworden mein Junge;
hast Du Durst?"

"Merkwuerdigen," sagte der Bauer laechelnd.

"Na warte, den wollen wir begiessen," schmunzelte aber Lobsich, rasch in
den Garten zurueckgehend, "der soll mir nicht umsonst in den rothen Drachen
gefallen sein."

"Aber was hat Euch nach Bremen gefuehrt?" wiederholte Kellmann, fast etwas
misstrauisch gemacht durch das wunderliche halb verlegene Benehmen des
jungen Burschen.

"Ja Herr Kellmann," sagte der reiche Bauerssohn, wirklich jetzt verlegen
seinen Hut um den Zeigefinger der linken Hand drehend -- "das hat -- das hat
so seine eigene Bewandtniss --  Ich bin -- ich bin zu einem Entschluss
gekommen --  ich will -- ich will auswandern."

"Was will er?" schrie Schollfeld, der die Worte nicht ganz verstanden, den
ungefaehren Sinn aber etwa errathen hatte. Jedenfalls schoepfte er Verdacht
und ehe Kellmann nur im Stande war ein Wort darauf zu erwiedern rief er
nochmals laut: "wo will er hin?"

"Nach Amerika," sagte aber der junge Mann entschlossen und wollte noch
etwas hinzusetzen, aber der Apotheker schlug dermassen auf den Tisch, und
fing so an zu schimpfen und zu fluchen, Niemand wusste eigentlich auf was
und gegen wen, dass Mathes gar nicht gleich wieder zu Worte kommen konnte,
und vielleicht auch eben nicht boese darueber war.

"Hallo, wer ist todt?" rief aber in dem Augenblick Lobsich, der mit dem
bestellten Bier fuer einen seiner besten Kunden selber ankam -- "dass Dich
die Milz sticht, was ist denn dem Apotheker eigentlich in die Krone
gefahren?"

"Dem Apotheker Nichts," nahm aber Kellmann kopfschuettelnd das Wort, "doch
hier dem Dings da, dem Mathes -- was meint Ihr, Lobsich was er vor hat?"

"_Heirathen_?" sagte dieser, und ein breites vergnuegtes Schmunzeln ueber
den so richtig und schnell gerathenen Vorsatz zog sich ueber sein dickes
gutmuethiges Gesicht.

"Heirathen!" schrie aber der Apotheker dazwischen, indem er sich seinen
Hut in die Stirn drueckte und seinen Rock anfing zuzuknoepfen -- "heirathen?
-- ja prost die Mahlzeit; _auswandern_ will der Kerl, wie ein blindes Pferd
das durch die Stallwand bricht, in einen Teich zu fallen."

"_Auswandern_?" schrie aber auch jetzt Lobsich in unbegrenztestem
Erstaunen -- "na das ist mir aber doch wahrhaftig was Unbedeutendes."

"Oh hol Euch der Teufel mit Eurer albernen Redensart!" rief aber der nun
einmal aergerliche Apotheker, und nahm seinen Stock unter den Arm -- sein
stetes Zeichen dass er fertig zum Gehen sei -- "was Unbedeutendes; ja wohl,
wenn der Raptus erst einmal in _solche_ Koepfe und Geldbeutel faehrt,
nachher werden wir sehn was wir hier anrichten. Ich will mir aber mein
Abendbrod nicht verderben -- gute Nacht Ihr Herren."

"Halt Schollfeld!" rief aber Kellmann, ihn am Arm fassend und
zurueckhaltend -- "brennt mir nicht durch, ich gehe auch gleich mit und
wollte nur erst hoeren, was Mathes den Gedanken in den Kopf gesetzt hat.
Hol's der Henker, er macht sich entweder einen Spass mit uns, oder es ist
nur so eine Idee von ihm, die wir ihm wieder ausreden koennen."

"Wenn ich das wuesste blieb ich die ganze Nacht hier," sagte Schollfeld,
seinen Stock wieder auf den Tisch legend und zu dem verlassenen Stuhl
zurueckgehend. "Mensch, Mathes, seid Ihr denn rein vom Teufel besessen,
oder habt Ihr nur heute, in irgend einer Kneipe, ein wenig des Guten zu
viel gethan, dass Ihr so tolles Zeug zusammenfaselt."

Mathes blieb aber bei allen diesen Ausbruechen des Erstaunens, die erste
Erklaerung nur einmal ueberstanden, vollkommen ruhig, und zog nur, statt
jeder weiteren Antwort, einen Brief aus seiner Brusttasche, den er langsam
auffaltete und vor sich legte, als ob er ihn vorlesen wollte.

"Nun was soll's mit dem Wisch?" rief aber der Apotheker aergerlich, "Ihr
habt Euere Seele doch noch nicht dem Gott sei bei uns verkauft?"

"So schlimm noch nicht," lachte der junge Bursch, "das hier ist nur ein
Brief von Caspar Lauber, den Sie ja Alle kennen und der vor etwa sieben
Jahren nach Wisconsin auswanderte."

"Der was that?" rief der Apotheker, die Augen zusammenkneifend und das
linke Ohr zu ihm hindrehend -- "nuschelt nicht so in den Bart, dass Euch ein
Christenmensch noch verstehen kann ehe Ihr unter die Heiden geht."

"Der nach Wisconsin auswanderte," sagte der junge Bauer laechelnd -- "er
hatte mir damals versprochen zu schreiben wie es ihm ginge, schlecht oder
gut; -- wenn schlecht, wollte ich ihm helfen, wenn gut, vielleicht
nachkommen. Aber er schrieb nicht Jahr nach Jahr, und da er ueberhaupt
Nichts von sich hoeren liess, glaubte ich schon er sei da drueben gestorben
oder untergegangen in dem weiten Reich, bis ich vor vier Wochen etwa einen
Brief von ihm erhielt und seit der Zeit habe ich keine Ruhe gehabt bis zu
dem heutigen Tag."

"Nun ja natuerlich," brummte der Apotheker.

"Aber so lasst ihn doch nur reden," rief jetzt auch aergerlich der Actuar
dazwischen, "Ihr raisonnirt nur in einem fort und glaubt nachher, wenn Ihr
recht geschrieen habt, Ihr haettet recht."

"So lest den Brief einmal!" sagte Kellmann, die Arme auf den Tisch
stuetzend, "nachher wissen wir ja gleich woran wir sind."

"Aber erst muss ich noch Bier haben," rief Schollfeld dazwischen, "ich mag
die Luegen wenigstens nicht trocken mit anhoeren."

Lobsich winkte einem der naechsten Kellner, die indess leer gewordenen
Glaeser wieder zu fuellen, denn der Brief interessirte ihn selber zu sehr,
den Tisch jetzt zu verlassen, und Mathes sagte wie entschuldigend:

"Der Brief ist sehr kurz, aber es steht Alles darin was ich zu wissen
verlangte, und er lautet:

"Lieber Mathes -- ich habe bis jetzt mein Versprechen nicht gehalten, Dir
zu schreiben, weil es mir sehr schlecht gegangen ist."

"Na ja," fiel ihm hier der Apotheker in das Wort -- "und nun muesst Ihr Hals
ueber Kopf machen dass Ihr auch hinueber kommt."

Kellmann wollte dem ewigen Einredner etwas erwiedern, aber Mathes fuhr,
laechelnd die Hand gegen ihn aufhebend, wieder laut fort:

"Ich wollte aber nicht gern, dass mich Jemand Anders unterstuetzen sollte,
weil das hier im Lande eine Schande ist; ich wollte mir selber helfen, und
habe mir kuemmerlich, aber ehrlich und fleissig durchgeholfen. Jetzt habe
ich eine kleine Farm von achtzig Acker, und vier und zwanzig Stueck
Rindvieh, und dreissig Schweine und zwei Pferde und es geht mir gut. Ich
habe hart arbeiten muessen, aber ich komme durch. Wenn Du mit Geld hier
herueber kommst und willst mich aufsuchen, dass ich Dir mit Rath und That an
die Hand gehen kann, dann brauchst Du keine Angst zu haben, dass Du nicht
durchkommst. Wenn Du eine Frau hast, bringe sie mit; Kinder sind ein Segen
hier, kein Fluch wie fuer manchen armen Mann in Deutschland. Wer arbeiten
will kommt fort, wer faul ist geht zu Grunde. Es gruesst Dich zehntausend
Mal Dein Caspar Lauber -- Lauber's Farm bei Milwaukie, Wisconsin."

"Und auf den Brief wollt Ihr auswandern?" rief aber auch Kellmann jetzt
erstaunt -- "Mathes, ist Euch denn das Auswanderungsfieber so ploetzlich in
die Glieder geschlagen, dass Ihr die Seekrankheit fuer das einzige Mittel
haltet die es curiren koennte?"

Mathes schuettelte aber gar ernsthaft mit dem Kopf, faltete den Brief
zusammen, den er zurueck in seine Tasche schob, und sagte mit fester und
entschlossener Stimme:

"Lange im Sinn hab' ich's schon gehabt, aber der Brief hat es zuletzt zum
Ausbruch gebracht."

"Aber Mathes, Ihr vor allen Anderen habt doch Euer Auskommen hier im
Land," rief jetzt auch Lobsich, waehrend der Apotheker das ihm eben
gebrachte Glas auf einen Zug hinuntergoss, wie um seinen Ingrimm damit
nieder zu spuelen -- "wenn Ihr nach Amerika auswandern wollt, wer soll denn
noch da bleiben?"

"Ich _bliebe_ auch," sagte Mathes rasch und mit vor innerer Bewegung fast
erstickter Stimme, "ich bliebe auch, wenn mich mein Vater liesse, aber --
der will nicht in die Heirath willigen mit Rossner's Kaethchen, des Haeuslers
Tochter aus Rodnach; hier haelt er mich dabei unter dem Daumen mit seinem
Gut und Geld, und das Maedchen stirbt mir indessen in Arbeit und Gram; dort
drueben aber ist ein Platz, wo fleissige Menschen auch durchkommen koennen
mit Gottes Huelfe _ohne_ Geld, _ohne_ Ansehn. Der Lauber hatte gar Nichts
wie er hinueberging; nicht das Hemd auf seinem Ruecken war sein, und ich
weiss dass er nicht einen rothen Pfennig mit in das fremde Land gebracht
hat. Aus dem ist jetzt ein rechtschaffener Farmer geworden, mit eigenem
Land, Haus und Vieh, und was der kann -- schwere Noth noch einmal -- das
kann ich auch. Ich gehe hinueber, nehme das Kaethchen mit -- Geld zur
Ueberfahrt krieg ich schon, und wenn ich meine beiden Schimmel um den
halben Werth verkaufen sollte, und dort hilft der liebe Gott schon weiter.
Verhungern werden wir nicht, und ich brauche mir hier nicht mehr unter die
Nase reiben zu lassen, "das sollst Du thun und das nicht, und _die_ sollst
Du heirathen, die Du nicht magst und willst, und die Dich lieb hat und
Dich gluecklich machen kann, der sollst Du das Herz brechen -- weil ihr eben
nur der volle Geldsack fehlt."

"Unsinn!" sagte der Apotheker, jetzt wieder und zwar im Ernste aufstehend
-- "wenn Jemand einmal rein verrueckt geworden ist, laesst sich auch nicht
mehr mit ihm streiten. Gehn Sie mit Kellmann?"

"Ja, gleich," erwiederte der Gefragte -- "weiss denn aber schon Euer Vater
um den Plan, Mathes?"

"Heute hab' ich's ihm gesagt," erwiederte der Gefragte leise -- "aber er
glaubt es noch nicht."

"Und ist es denn schon wirklich so fest bestimmt?" sagte Kellmann
theilnehmend.

"Meine Passage in Bremen fuer mich und -- meine _Frau_ ist schon bezahlt,"
rief der junge Bursch da entschlossen -- "den funfzehnten geht das Schiff
ab, und ich habe nur noch eben Zeit das Nothwendigste in Ordnung zu
bringen."

"Ja da koemmt freilich jeder gute Rath zu spaet," sagte Kellmann, jetzt
ebenfalls aufstehend und seinen Hut ergreifend, "wenn der Sprung erst
einmal geschehen ist, braucht man nicht mehr ueber das Springen zu streiten
und ich wuensche Euch das Beste in Euerer neuen Heimath."

"Ich weiss es, ich weiss es," sagte Mathes geruehrt -- "aber vielleicht seh
ich Sie selber noch einmal auf freiem Boden drueben, mit Axt oder Pflug in
der Hand, wie ein wackerer, richtiger Farmer."

"Wen -- mich?" rief aber Kellmann ordentlich erschreckt aus -- "ich nach dem
vermaledeiten Lande, dass alle unsere besten Buerger frisst? Nein Mathes, fuer
dies Leben nicht -- aber wann geht Ihr fort? vielleicht laesst Euer Vater
doch noch mit sich reden, und lenkt ein wenn er sieht dass es Euch wirklich
Ernst ist."

Mathes schuettelte mit dem Kopf und der Actuar rief:

"Ein Bauer und einlenken, Kellmann? -- da kennt Ihr unseren deutschen Bauer
nicht; worauf der einmal seinen Dickkopf gesetzt hat, da muss er durch, und
wenn's nicht geht, so zerhaut er sich eben den Schaedel, aber er laesst nicht
nach. Der alte Vogel und nachgeben; Du lieber Gott, wenn er den eigenen
Sohn mit einem einzigen Wort vom Verderben retten koennte -- er spraech es
nicht."

"Na, da kann ich wohl auch meine Bude hier bald zuschliessen und mitgehn,"
sagte Lobsich, sich den Kopf kratzend -- "Schwerebrett das ist mir -- hm --
hm -- ist mir doch was Unbedeutendes, das -- das Amerika."

"Und was sagt denn das Kaethchen dazu?" frug Kellmann jetzt den Mathes,
waehrend die Uebrigen schon aufgestanden waren und sich zum fortgehn
geruestet hatten.

"Die weint und will nicht mit," sagte Mathes leise -- "aber sie wird schon
gehen."

"Sie will nicht mit?"

"Sie meint, es braeche meinem Vater das Herz."

"Das Herz brechen? -- dem alten Vogel?" lachte aber dieser veraechtlich --
"na Gott sei Dank, die hat einen guten Begriff von ihm -- als ob dem etwas
das Herz brechen koennte."

"Nun, es fraegt sich nur jetzt wem sie es lieber bricht," meinte der
Actuar, "dem Alten, wenn sie geht, oder dem Jungen, wenn sie bleibt -- die
Wahl wird ihr nicht schwer werden. Aber Schollfeld, Ihr seid ja auf einmal
so still geworden?"

"Ach lasst mich zufrieden," brummte dieser aergerlich -- "weiss es Gott, man
moechte am Ende selber mit hinueberlaufen, nur Nichts mehr von dem
verwuenschten Auswandern reden zu hoeren."

"Hahahaha!" rief da Kellmann, "Schollfeld bekoemmt auch ueberseeische
Ideen."

"Ueberseeische -- haette bald was gesagt," knurrte dieser aber, auf der
Strasse hingehend, ohne weder Mathes noch Lobsich gute Nacht zu sagen.

Die Uebrigen wechselten noch kurzen Gruss mit ihren Bekannten dort,
zuendeten sich frische Cigarren an, und schlenderten langsam, den
freundlichen Abend so viel als moeglich zu geniessen, die Strasse hinab, der
eigenen Heimath zu.





                                Capitel 3.


                              DER DIEBSTAHL.


Zehn Minuten mochten sie so etwa schweigend nebeneinander hergegangen
sein, als hinter ihnen auf der Strasse eine Equipage und klappernde
Hufschlaege gehoert wurden, die sie rasch einholten und an ihnen
vorbeirauschten, eine dicke Staubwolke dabei ueber den Weg waelzend. Es war
die Familie Dollinger mit dem, neben dem Wagen hin galoppirenden Fremden,
dem Braeutigam der Tochter.

"Die kommen schneller von der Stelle als die armen Auswanderer vorhin,"
sagte Kellmann, als sie vorbei waren -- "Wetter noch einmal, es ist doch
ein anderes Ding so ein paar fluechtige Rappen vor sich zu haben, und wie
im Flug durch die Welt zu jagen, als mit einem schweren Packen auf dem
Ruecken und wunden Fuessen vielleicht, muehselig die staubige Strasse entlang
zu keuchen."

"Ja, die Gaben sind ungleich vertheilt in der Welt," seufzte der Actuar,
"was der Eine haben moechte, _hat_ der Andere schon, und das ist auch wohl
das ganze Geheimniss der socialen Frage, laesst sich aber nun einmal nicht
aendern, und wir duerfen vielleicht den Kopf darueber schuetteln, und wuenschen
dass es anders waere, aber weiter eben Nichts."

"Der auf dem Pferd, war der Dings da von Amerika," sagte der Apotheker
jetzt, "der das schmaehlige Geld hat und des reichen Dollingers Tochter
noch dazu heirathet. Soll mir noch einmal einer sagen dass Eisen der
staerkste Magnet sei; Gold ist's, und wo das liegt zieht es anderes hin.

"Und wie steht's mit Actien?" lachte Kellmann.

"Bah -- bleibt immer dasselbe," brummte der Apotheker, "das Gold steckt
darin, und kann durch einen sehr einfachen chemischen Process leicht
herausgezogen werden -- wenn man sie hat."

"Es wundert mich uebrigens dass der alte Dollinger sein Kind ueber das grosse
Wasser hinueberziehen laesst," meinte der Actuar -- "dem haette es doch auch
hier im Lande nicht an einer eben so guten Parthie gefehlt."

"Liebe," meinte Kellmann achselzuckend -- "Liebe ist blind sagt ein altes
Sprichwort; dagegen lassen sich eben keine Gruende anbringen. Waer's
uebrigens auch nicht wegen dem grossen Wasser, der Bursche gefaellt mir
ausserdem nicht, und ich moechte ihm meine Tochter nicht geben und wenn er
bis ueber die Ohren in Golde staecke. Er hat ein verschlossenes,
hochfaehrtiges Wesen, behandelt den gemeinen Mann wie einen Hund, und
spricht von Allem was wir hier haben, unseren Einrichtungen, unseren
Gesetzen, unseren Vergnuegungen selber, ja unserem Klima und Land, das doch
zum Henker auch _sein_ Vaterland ist, mit der groessten Verachtung. Amerika,
und immer wieder Amerika, hinten und vorn; ei Blitz und Hagel, ich will
gar nicht leugnen dass es manche gute Seiten haben mag, das Amerika, wenn
ich sie auch gerade nicht einsehen kann, aber so viel besser wie unser
Deutschland ist es doch auch nicht drueben, und wenn's so einem Burschen da
einmal zufaellig geglueckt ist, sollt' er nicht als Lockvogel sich hier
mitten zwischen uns hineinsetzen, anderen vernuenftigen Leuten
unglueckselige Ideeen in den Kopf zu pflanzen.

"Wenn sich andere vernuenftige Leute solche Ideeen einpflanzen _lassen_,
geschieht's ihnen ganz recht," sagte der Apotheker -- "man braucht nicht zu
glauben was jeder dahergelaufene Lump eben sagt."

"Nun _ganz_ ohne kann's aber auch nicht sein," meinte Kellmann
kopfschuettelnd, "und ich -- ich halt' es immer fuer gefaehrlich. S'ist
merkwuerdig, wie rasch sich das mit der Hochzeit gemacht hat."

"Nun, wer sich die Braut gleich fix und fertig aus dem Wasser zieht hat
leicht freien," sagte der Actuar -- "Glueck muss der Mensch haben, dann geht
Alles wie am Schnuerchen; wer aber _das_ nicht hat, der mag sein Lebtag
fischen und faengt doch Nichts -- am wenigsten aber solch einen Goldfisch.

"Wo stammt er denn eigentlich her?" frug der Apotheker jetzt, wie sie
wieder eine Weile schweigend neben einander hingegangen waren, "man hoert
doch sonst eigentlich gar Nichts von ihm, und er kommt auch mit keinem
Menschen weiter zusammen -- stolzer aufgeblasener Bursche der."

"Gott weiss es," sagte der Actuar; "er ist, glaub' ich, mit einem
hollaendischen Schiff heruebergekommen, und hatte einen Pass von Amsterdam."

"Und der Pass lautete nach Heilingen?"

"Nun nicht gerade nach Heilingen, aber doch nach der Residenz, und wie
sich die Sache dann hier mit der Dollingerschen Familie gestaltete, nun
lieber Gott, da drueckte der Stadtrath das eine, und die Stadtverordneten
drueckten das andere Auge zu, und man sah nicht so genau nach den Papieren.
Ueberdiess verzehrte er ja hier viel Geld; waer' es ein armer Teufel
gewesen, haetten wir ihn wahrscheinlich schon bald wieder ueber die Grenze
gehabt.

"Hm, ja, glaub's," sagte Kellmann mit dem Kopfe nickend, "s'ist in
Heilingen eben nicht anders wie -- wie anderswo -- warum auch?"

Das Gespraech drehte sich von da ab, auf die staedtischen Einrichtungen,
deren waermster Vertheidiger der Apotheker war, und ueber die sich der
Actuar natuerlich nur sehr vorsichtig ausliess, waehrend sie Kellmann um so
unnachsichtiger angriff; kam dann auf die Saat und die Preise, und wieder
mit einem Seitensprung auf die jetzige Politik unseres lieben deutschen
Reiches, bis sie das Thor und zwar gerade mit Sonnenuntergang erreichten,
wo Jeder seinen Weg ging, die eigene Heimath aufzusuchen.

Der Actuar Ledermann besonders, der an dem entgegengesetzten Ende der
Stadt wohnte, beeilte seine Schritte, noch vor einbrechender Dunkelheit
seine Wohnung zu erreichen; das Geruecht ging naemlich in der Stadt, dass ihn
seine Ehehaelfte bei solchen Gelegenheiten oft allerdings sehr unfreundlich
empfange, und ihm einmal sogar schon einige sonst sehr nuetzliche, bei
_der_ Gelegenheit aber nichts weniger als passende haeusliche Geraethe
entgegen und vor die Fuesse geworfen habe. Thatsache war, dass "Madame" oder
Frau Actuar Ledermann, was auch ihres Gemahls Thaetigkeit und Ansehn
ausserhalb seiner eigenen vier Pfaehlen sein mochte, _innerhalb_ derselben
jedenfalls das Commando, und nicht immer mit Maessigung fuehrte, und der
Actuar suchte den Hausfrieden wenigstens soviel als moeglich zu erhalten
und jeden Anlass, zu irgend einer Stoerung desselben, zu vermeiden.

Mit solchen Gedanken vielleicht im Kopf, wollte Ledermann eben vom
Marktplatz aus in die Strasse einbiegen, an deren aeussersten Ende seine
eigene, sehr bescheidene Wohnung stand, als er seinen Titel genannt und
sich selber gerufen hoerte.

"Herr Actuar -- Herr Actuar Ledermann."

Er drehte sich rasch um und sah einen Gerichtsdiener eilig auf sich
zukommen, der, die Muetze abnehmend, vor ihm stehen blieb und ihm meldete,
dass er eben abgeschickt worden ihn zu holen oder aufzusuchen, da ein
Einbruch geschehen sei, ueber den an Ort und Stelle Protokoll aufgenommen
werden solle.

"Protokoll aufnehmen?" sagte Actuar Ledermann, keineswegs angenehm
ueberrascht; "ja was hab ich denn heute damit zu thun, wo ist mein
_College_?"

"Herr Actuar Beller sind unwohl geworden, heute Nachmittag," berichtete
der Polizeidiener, "und mussten zu Hause gehn; ich bin eben abgeschickt zu
sehn, welchen von den andern Herren ich zuerst treffen koennte."

"Hm -- ist sehr amuesant," brummte Ledermann vor sich hin -- "kommt mir
gerade apropos. Bei wem ist es denn?"

"Bei Herrn Dollinger."

"Was? -- bei Kaufmann Dollinger?" rief der Actuar rasch und erstaunt -- "am
hellen Tag, waehrend er ausgefahren war?"

"Er ist, wenn ich nicht irre, eben zu Hause gekommen," berichtete der
Mann, und hat glaub' ich sein Pult geoeffnet, und eine bedeutende Summe
Geldes entwendet gefunden."

"Hm, hm, hm," sagte der Actuar kopfschuettelnd und seinen Rock dabei, den
er der Bequemlichkeit wegen aufgelassen hatte, zuknoepfend, "es wird immer
besser hier bei uns. Am hellen lichten Tage. Aber die ganze Stadt steckt
auch voll fremden Volkes, das sich natuerlich keine Gelegenheit
entschluepfen laesst Reisegeld zu bekommen."

"Es muss doch wohl Jemand gewesen sein der mit dem Hause genau bekannt
war," sagte der Polizeidiener -- "nach dem wenigstens, was ich bis jetzt
von den Dienstleuten darueber gehoert habe, kann's nicht gut anders sein."

"Nun wir werden ja sehn; da muss ich aber erst  -- "

"Wenn sich der Herr Actuar nur eben an Ort und Stelle bemuehen wollen,"
sagte jedoch der Diener des Gerichts, "alles Noethige ist schon dorthin
geschafft und ich war eben nur fortgelaufen, einen der Herren zu suchen."

Der Actuar, dem Dienste natuerlich Folge leistend, seufzte tief auf und
schritt, im Geist wahrscheinlich des Empfangs gedenkend, der seiner
harrte, wenn seine Frau auf ihn mit dem Abendessen warten musste, rasch die
"Poststrasse" hinaufbiegend, dem gar nicht weit entfernten Dollinger'schen
Hause zu, dort den Thatbestand in Augenschein und zu Protokoll zu nehmen,
etwaige Spuren des Uebelthaeters zu entdecken und zu verfolgen, und die
Leute im Hause nach moeglichem Verdachte zu inquiriren.

                                * * * * *

Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger, in dem Alles sonst so still und
ruhig und wie am Schnuerchen zuging, wo Jeder seine angemessene und fest
bestimmte Beschaeftigung hatte, genau wusste was ihm oblag, und das that,
ohne eben viel Laerm darum zu machen, lief und rannte und sprach heute
alles durcheinander, und saemmtliche Bande der Ordnung schienen geloest.

Frau Dollinger vor allen Dingen lag in Kraempfen in ihrem Boudoir, und
beanspruchte die Huelfe ihrer beiden Toechter und der weiblichen Dienstboten
im Haus, ihren Zustand zu bewachen; Herr Dollinger selber war in seinem
Zimmer des obern Stocks, und ging dort mit raschen Schritten und auf den
Ruecken gekreuzten Armen auf und ab, waehrend dem jungen Henkel indessen die
Bewachung des Platzes selber uebertragen war, und die andern Dienstboten,
mit einem nicht unbedeutenden Theil der Nachbarschaft und deren
Verwandten, in den verschiedenen Winkeln und Ecken des Hauses herumstanden
und kopfschuettelnd, die Haende ein ueber das andere Mal in Verwunderung
zusammenschlugen. Die verschiedenartigsten Vermuthungen und Beweise wurden
da laut, und die Orte und Stellungen oder Beschaeftigungen jedes Einzelnen
auf das Genaueste und Peinlichste angegeben, wo und wie sich Jeder gerade
in der Zeit etwa befunden haben mochte, als die entsetzliche, verruchte
That geschehen und vollbracht sein musste.

Dem Actuar, mit dem ihm folgenden Gerichtsdiener wurde uebrigens willig und
dienstfertig Platz gemacht; Alle wollten aber hinter drein, und die Frauen
besonders gaben dabei durch die entschiedensten Ausrufe -- "Ne Du meine
Guete" und "Ne so was" ihre vollkommenste Misbilligung des Geschehenen zu
erkennen. Nichts desto weniger wurde auch selbst ihnen die Thuere vor der
Nase zugemacht, und Einer der Bedienten bekam strenge Ordre die Hausflur
zu raeumen, und Niemand mehr, so lange die Untersuchung dauere, die Treppe
hinaufzulassen, ausgenommen, es wisse Jemand noch um den Diebstahl, und
koenne irgend einen Fingerzeig geben den Dieben auf die Spur zu kommen;
solche Zeugen sollten nachher vernommen werden.

Oben an der Treppe empfing sie Herr Henkel, um sie gleich zu dem Ort, wo
der Diebstahl veruebt worden, hinzufuehren; einer der Leute war indessen
abgeschickt Hrn. Dollinger selber zu rufen, und dieser erschien jetzt, den
Actuar freundlich gruessend.

Es war indessen schon ziemlich dunkel, und im Zimmer Licht angezuendet
worden.

"Ich bedaure sehr, Herr Dollinger," sagte der Actuar, "dass, wie ich gehoert
habe, eine so fatale Sache mich hier in Ihr Haus gefuehrt haben muss."

"Ja allerdings," erwiederte der alte Herr, "ist es sehr unangenehm;
weniger des Verlustes wegen, der sich allenfalls ertragen liess, als wegen
dem Bewusstsein getaeuschten Vertrauens, mit selbst keinem gewissen
Anhaltspunkt auf Verdacht. Ich wollte gern das Doppelte verloren haben,
wenn es haette koennen auf andere Weise geschehn."

"Das Ganze ist uebrigens mit einer raffinirten Geschicklichkeit
ausgefuehrt," fiel Henkel hier ein, "und der Thaeter, wer auch immer,
jedenfalls ein hoechst gefaehrliches Subject, von dem ich nur hoffen will
dass wir ihm auf die Spur kommen."

"Duerfte ich Sie bitten mir den Platz zu zeigen?"

"Treten Sie hier in das Zimmer meiner Toechter; dort der Secretair ist
erbrochen."

"Hm -- mit einem breiten meisselartigen Instrument," sagte der Actuar nach
kurzer Besichtigung der offenen, arg beschaedigten Mahagoniplatte -- "und
die Thuer ebenfalls eingebrochen?"

"Nein -- die Thuer ist unbeschaedigt und muss jedenfalls mit einem
Nachschluessel geoeffnet sein."

"Und was vermissen Sie in dem Secretair?"

"Eine Summe Geldes, die ich erst vor wenigen Stunden, und im Beisein
meiner Familie und eines zuverlaessigen Comptoirdieners, im Paket wie ich
sie von der Post erhalten, hier eingeschlossen hatte, und von der der Dieb
auf eine mir unbegreifliche Weise muss Kenntniss bekommen haben."

"Wer ist dieser Comptoirdiener?"

"Oh, Lossenwerder; Sie kennen ihn ja wohl?"

"Lossenwerder," sagte der Actuar nachdenkend -- "ist wohl schon eine ganze
Weile in Ihrem Geschaeft?"

"Schon zwoelf Jahr; mit keinem Schatten irgend eines Verdachts; ich nahm
ihn als einen ganz jungen Burschen in mein Haus; er muss aber gegen irgend
Jemand davon gesprochen haben."

"Hm, hm, wollen ihn uns doch einmal nachher besehn; also hier hinein
hatten Sie das Geld gelegt?"

"Es ist ein Secretair, den meine Toechter gemeinschaftlich benutzen, und zu
dem jede von ihnen ihren Schluessel hat. Bitte lieber Henkel, lassen Sie
doch einmal Sophie oder Clara einen Augenblick zu uns herueber rufen."

"Ich habe schon das Maedchen geschickt, eine der jungen Damen ersuchen zu
lassen," entgegnete der junge Henkel, der indessen im Zimmer umhergegangen
war, und sich ueberall umgesehen hatte, ob nicht vielleicht doch der Dieb
irgend eine Spur, irgend ein Zeichen hinterlassen habe, an das man sich
spaeter einmal halten koenne.  --

"Und vermissen Sie weiter Nichts als das Geld?" frug der Actuar.

"Auch ein Schmuck meiner aeltesten Tochter scheint mit geraubt zu sein,"
sagte Herr Dollinger -- "aber da kommt Clara, die Ihnen das Naehere davon
selber angeben wird."

Clara betrat in diesem Augenblick das Gemach; sie sah todtenbleich und
angegriffen aus, und Henkel eilte ihr entgegen sie zu unterstuetzen.

"Clara, mein liebes armes Kind," sagte Herr Dollinger, auf sie zugehend
und die Hand nach ihr ausstreckend, "fehlt Dir etwas? -- Der Schreck hat
Dich wohl so angegriffen. Mach Dir doch nur keine Sorge, mein Herz;
vielleicht bekommen wir Alles wieder und wenn nicht -- nun ein _Unglueck_
ist es dann auch nicht; wenn Ihr mir nur Alle gesund bleibt, koennen wir
die paar tausend Thaler schon verschmerzen."

"Es ist nicht der Verlust, lieber Vater," sagte aber das junge Maedchen,
sich gewaltsam zusammennehmend, und des Vaters Hand ergreifend -- "nur die
Ueberraschung, der Schreck wahrscheinlich, und das -- das Unheimliche
dabei, als ich mein Zimmer vorhin betrat, und die Spuren des veruebten
Verbrechens entdeckte. Ich fuerchtete die entsetzlichen Menschen noch
irgend wo zu sehn, die vielleicht hinter einer Gardine stehen, unter einem
der Divans liegen, hinter einem Ofen lauern konnten und, wenn entdeckt, zu
verzweifelter Gegenwehr getrieben mich anfallen wuerden, und all solch
kindische Gedanken mehr. Dort der auf den Tisch geworfene Regenschirm
dabei, die hinuntergeworfene Stickerei von dem Secretair selber, am
meisten aber der Tabaksgeruch im Zimmer und die verloeschte, angerauchte
Cigarre dort auf dem Fensterbret, erfuellten mir das Herz mit einem
unbeschreiblichen Grausen."

"Eine Cigarre?" sagte Ledermann, sich vergebens nach dem bezeichneten
Gegenstand umschauend -- "wo lag sie?"

"Dort im Fenster, als ich zurueckkam."

"Die alte angerauchte Cigarre?" sagte Henkel rasch -- "die hab' ich zum
Fenster hinausgeworfen; ich glaubte Einer der Dienerschaft haette sie in
der Aufregung mit hereingebracht und dort abgelegt -- sie muss unten auf der
Strasse liegen."

"Bitte schicken Sie doch einmal einen Burschen danach, dass er sie
heraufholt," sagte der Actuar; "man darf auch das Unbedeutendste nicht
unbeachtet lassen, und wir wollen indessen die vermissten Gegenstaende
aufnehmen. Das Geld?  -- "

"Davon giebt Ihnen dieser Brief das genaue Verzeichniss," sagte Herr
Dollinger, "aber ich fuerchte fast dass wir durch das Geld selber nicht auf
die Spur kommen werden, indem das Paket fast nur Gold und kleinere
Banknoten enthielt, die leicht umzusetzen und schwer zu controliren sind.
Eher hoffe ich durch den Schmuck den Dieb verrathen zu sehn, da einige
sehr auffaellige Stuecke, wie ich hoere, dabei gewesen sind."

"Duerfte ich Sie um eine genaue Angabe derselben, heute Abend noch, wenn
irgend moeglich _schriftlich_ bitten?" erwiderte, nach einigem Besinnen,
der Actuar, "diese Einzelheiten wuerden mich jetzt zu lange aufhalten."

"Kannst Du das geben, Clara?

"Bis auf die kleinste Nadel hinunter," sagte das junge Maedchen rasch,
"besonders auffaellig war eine kleine, rundum mit Brillanten besetzte
Broche, ein Erbstueck unserer Grossmutter, und ausgezeichnet vor jedem
andern Schmuck, den ich noch in meinem ganzen Leben gesehen, durch einen,
in der Mitte gefassten, genau dreieckigen, hellblauen und wundervollen
Turquis. Mein Schmuck lag gleich dicht dahinter, den aber muss der Dieb in
der Eile uebersehen haben; er ist unangeruehrt geblieben."

"Das ist allerdings gluecklich," sagte der Actuar, "waere wohl auch des
Mitnehmens werth gewesen. Lag gleich dabei?"

"Hier in dem rothen Kaestchen."

"Aber das ist auch geoeffnet worden."

"Das? -- nein, das hab ich wohl selbst geoeffnet, nachzusehen, ob auch Alles
darin sei, und nicht wieder ordentlich geschlossen. Die Haken waren
allerdings auf, wenn ich mich nicht ganz irre, aber der Dieb hat
keinenfalls eine Ahnung gehabt, welchen Werth das kleine unscheinbare
Kaestchen enthalte, oder es staende jetzt nicht mehr da."

"Sehr wahrscheinlich, hm -- aber Sie vergeben wohl nicht, mein Fraeulein,
alle diese Einzelheiten besonders zu notiren; wer weiss ob sie nicht noch
einmal wichtig werden. Ah, da kommt auch Herr Henkel wieder; haben Sie die
Cigarre gefunden?"

"Gott weiss wo sie ist;" lachte dieser, "irgend Jemand muss es doch noch der
Muehe werth gehalten haben sie aufzuheben, und in einer Pfeife vielleicht
zu verrauchen -- ich bin selber hinunter gegangen, kann sie aber nirgends
mehr entdecken. Uebrigens ist es auch fast dunkel geworden, und ich werde
morgen ganz frueh nachsuchen lassen. Der Stummel wird Ihnen freilich nicht
viel helfen."

"Man weiss nicht," sagte der Actuar kopfschuettelnd, "je nach der Guete des
Tabaks liess sich vielleicht auf die Schicht der menschlichen Gesellschaft
schliessen, in der sich unser heimlicher Besuch herumtriebe. Aber das ist
allerdings Nebensache; wo also ist der Dieb hereingekommen? -- hier durch
diese Thuer?"

"Doch wohl vom Garten her durch das Fenster Euers Schlafzimmers," sagte
Herr Dollinger, "denn durch das Haus wuerde er es sich am hellen Tage im
Leben nicht getraut haben."

"Aber ich moechte meine Seligkeit zum Pfande setzen dass ich den Schluessel,
der nach unserer Schlafkammer fuehrt, ehe wir fortgingen, herumgedreht und
stecken gelassen haette, so dass von innen ein Oeffnen unmoeglich war."

"Und war die Thuer noch verschlossen wie wir zurueckkamen?"

"Nein, nur in's Schloss gedrueckt, aber der Schluessel stak darin."

"Hm, hm, hm -- dann ist der Bursche dort wahrscheinlich hinaus" -- sagte der
Actuar -- "zur Thuer hier hereingekommen und dort zur Nothroehre hinaus -- hm,
muss aber genau mit der Gelegenheit bekannt sein. Mein lieber Herr
Dollinger, wir werden Ihre Leute doch ein wenig scharf in's Gebet nehmen
muessen, denn ein ganz Fremder, kann sich die Zeit nicht so abgepasst
haben."

"Wo kommt der Blumenstock her?" sagte da ploetzlich Clara rasch und
erstaunt, auf einen sehr schoenen Rosenstock deutend, der in ihrem Fenster,
zunaechst der Thuere stand -- "wer hat den jetzt hier heraufgestellt?"

"So lange wir hier sind Niemand" -- rief Henkel -- "war er vorher nicht da?"

"Nicht heute Mittag, das weiss ich gewiss; aber vielleicht hat ihn eins der
Dienstleute mir heimlich hier hereingesetzt."

"Heimlich? -- so?" sagte der Actuar, "den freundlichen Geber wollen wir
also vor allen Dingen einmal herauszubekommen suchen."

"Es ist heute mein Geburtstag," sagte Clara leise und erroethend."

"Oh?" meinte Herr Ledermann mit einem freundlichen Laecheln, "da thut es
mir freilich leid, meine ganz ergebensten Gratulationen zu keiner
angenehmeren Zeit vorbringen zu koennen -- will eben nicht passen bei einer
solchen Untersuchung, kann es aber doch auch nicht geradezu
hinunterschlucken -- ich gratulire eben nicht zur Untersuchung."

"Es muss gewiss ein gesegnetes Land sein," sagte Henkel mit einem leisen,
halb boshaften Laecheln, "wo die Polizei sogar witzig sein kann."

"Hm," meinte der lange Aktuar, sich nach dem Sprecher umdrehend, "die
Polizei macht eben keinen Anspruch darauf, und ist das meistens
Privateigenthum. Aber wir wollen die Zeit nicht mit Allotrien vergeuden;
ist nicht herauszubekommen wer den Blumenstock hier, waehrend Ihrer
Abwesenheit in das Zimmer gesetzt hat?"

"Jedenfalls muessen die Dienstboten darum wissen," sagte der junge Henkel,
"und es wird das Beste sein sie einzeln darum zu befragen."

"Allerdings; -- Einzelverhoer hat ueberhaupt viele Vortheile, bitte schicken
Sie einmal die Leute herauf, dass man vor allen Dingen ihre Gesichter zu
sehen bekommt."

"Aber nicht hier, Vaeterchen, nicht wahr nicht hier in meiner Stube?" bat
Clara -- "ich wuerde den fatalen Gedanken im Leben nicht wieder los."

"Wir wollen hinuntergehn in das untere Zimmer," sagte Herr Dollinger,
freundlich dem Wunsch der Tochter nachgebend, "es laesst sich das dort eben
so gut abmachen als hier."

"Manchmal ist der Platz des Verbrechens selber der geeignetste," warf der
Actuar ein, "aber wie Sie wuenschen -- nur um eines moechte ich Sie noch
vorher bitten, dass ich mir einmal die Stelle oder das Fenster ansehn darf,
durch das sich Ihrer Vermuthung nach, der oder die Diebe entfernt haben
koennten."

"In unserem Schlafzimmer?"

"Doch durch diese Thuer?"

"Lieber Henkel, Sie sind wohl indessen so freundlich, meine Leute unten
zusammenzurufen; wir kommen gleich hinunter. Sie werden heut viel
belaestigt."

"Aber ich bitte Sie, bester Herr Dollinger," sagte der junge Mann, rasch
seinen Hut aufgreifend, "wenn ich Ihnen nur darin von irgend einem
wirklichen Nutzen sein koennte. Lieber erlauben Sie mir vielleicht mit
Ihnen einer moeglichen Spur zu folgen, denn meine Augen sind darin
vielleicht schaerfer als manche andere."

"Es wird in der Dunkelheit nicht eben mehr viel zu spueren geben," meinte
indess der Actuar; "das werden wir uns muessen auf morgen frueh aufsparen --
also jetzt noch das Fenster, wenn ich bitten darf -- ich moechte mir nur die
Gelegenheit einmal von oben besehn."

Clara selber oeffnete die Thuer und fuehrte dem Actuar mit ihrem Vater in das
kleine freundliche Gemach, dessen beide, schon von Blaetter schiessenden
Weinranken ueberzogene Fenster, auf den Garten hinaussahen. Das eine
Fenster war allerdings geoeffnet gewesen, aber der Rankenwuchs so dicht
zusammengezogen, dass sich ein Koerper kaum haette hindurchzwingen koennen.
Die Hoehe nach dem Garten hinunter, und gerade unter dem Fenster sollte ein
kleiner Rasenplatz sein, war eben nicht betraechtlich, vielleicht zehn oder
zwoelf Fuss, und unten umgab niederer aber ziemlich dichter Hollunder den
Rasen. Im Zimmer selber liess sich aber nicht das mindeste erkennen, das
einen solchen Verdacht unterstuetzt haette; das Einzige was dafuer sprach,
war die aufgeschlossene Thuer.

Zu der Unterstube des Hauses waren indessen die Dienstleute versammelt
worden, streng examinirt zu werden. Der Hausmagd vor allen andern lag die
Pflicht ob, die Etage, wenn sie nach unten in die Kueche ging, in
Abwesenheit der Herrschaft verschlossen zu halten. Diese aber behauptete
steif und fest, und weinte dabei und rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen
an, dass sie die Vorsaalthuer auch ordentlich, "zweimal herum" abgeschlossen
und den Schluessel zu sich gesteckt haette, und Niemanden in der weiten
Gotteswelt gesehen habe, der das Haus in der Zeit betreten haben koenne.
Trotzdem aber sei die Vorsaalthuer, als sie wieder nach oben gekommen
offen, wenigstens aufgeschlossen, wenn auch zugeklinkt gewesen, und sie
haette selber im Anfang nicht begreifen koennen wie das moeglich waere, aber
auch nicht weiter darueber nachgedacht, und es ihrer eigenen
Unaufmerksamkeit zugeschoben. Nach der Abfahrt der Herrschaft sei sie aber
nur eine ganz ganz kurze Zeit unten geblieben um -- sie wollte erst nicht
mit der Sprache heraus, aber der Herr Actuar draengte gar so sehr -- um den
jungen Herrn Henkel fortreiten zu sehn. Nachher mochte sie vielleicht noch
zehn Minuten der Koechin geholfen haben, und war dann nicht wieder von dem
Vorsaal oben fortgekommen, auf dessen Balkon sie gesessen und genaeht
hatte. In der Zeit habe Niemand mehr den Vorsaal oder des Fraeuleins Zimmer
betreten, darauf wolle sie das heilige Abendmahl nehmen, und der Diebstahl
muesse jedenfalls in den paar Minuten, die zwischen dem Fortreiten des
jungen Herrn und ihrem eigenen Wiederhinaufgehn nach oben gelegen haetten,
veruebt sein -- anders war es nicht moeglich.

"Wer aber hatte den Blumenstock in des Fraeuleins Zimmer gestellt?"

"Einen Blumenstock? -- waehrend die Herrschaft fort war?"

"Allerdings, eine Monatsrose -- in das Fenster naechst der Thuer."

"Der das gethan hat, muesse damit zum Fenster, oder in derselben Zeit mit
einem Nachschluessel zur Thuer hereingekommen sein, als der Diebstahl veruebt
worden, denn sie haette keine Seele im Haus gesehn.

Die Dienstboten hatten indessen mit einander gefluestert, als der Actuar
das Wort nahm und mit langsam bedaechtiger, aber ziemlich ernster Stimme
sagte:

"Hoert einmal Leute, ich will Euch etwas sagen; Ihr habt Euch da gut
unschuldig stellen, als ob Ihr eben erst auf die Welt gekommen waert, damit
dringt Ihr aber nicht durch. Das Geld ist fort -- Ihr seid die Einzigen die
unter der Zeit im Haus waren, und Euere Pflicht waere es gewesen  --

"Aber Herr Actuarius"  --

"Ruhe da, wenn ich Euch etwas mitzutheilen habe -- und Euere Pflicht waere
es gewesen, sag' ich, aufzupassen, dass niemand Fremdes den Platz betrat,
der Euch anvertraut war, und fuer den Ihr also auch in der Zeit zu stehn
hattet. Jemand ist aber in der Zeit da gewesen, und hat etwas gebracht und
etwas geholt, und man wird sich jetzt an _Euch_ halten muessen, bis der
Jemand ausfindig gemacht ist. Was giebt's da hinten -- was ist gekommen?"

"Dullmanns Rieke von ueber dem Weg drueben," sagte die Koechin jetzt, gegen
den Actuar vortretend, "will den Lossenwerder haben heimlich aus dem Haus
schleichen sehn. Da _haben_ Sie einen; _uns_ brauchen Sie so etwas nicht
unter die Nase zu reiben, Herr Actuar -- wir sind ehrliche Dienstboten die
sich ihr bischen Brot sauer genug im Schweisse ihres Angesichts  -- "

"Ach halt' sie das Maul," fiel ihr aber der Actuar etwas unsanft in die
Rede -- "_wer_ ist im Haus gewesen, Lossenwerder? -- und heimlich
hinausgeschlichen? -- wer hat ihn gesehn?"

"Hier die Rieke von Dullmann's  -- "

"Wann war das?" fragte der Actuar das jetzt vorgeschobene Maedchen, das
feuerroth wurde und ihren einen Schuerzenzipfel anfing wie einen Plumpsack
zusammenzudrehen. Erst ganz kurze Zeit vorher hatte sie einer ihrer
Freundinnen im Dollinger'schen Haus, und gewiss nicht in der Absicht die
Mittheilung gemacht, gleich damit, ohne weitere Warnung, vor die Polizei
gezogen zu werden.

"Nun Mamsell -- wie hiess sie? -- Rieke? -- Wann haben Sie Lossenwerder aus dem
Haus kommen sehn, und ist er ruhig hinausgegangen oder _geschlichen_?"

"Wenn Lossenwerder im Haus war," sagte Herr Dollinger ruhig, "so wird er
auch ordentlich hinaus_gegangen_ und nicht geschlichen sein; der waere der
Letzte dem ich so etwas zutrauen moechte."

"Die Rieke behauptet," fiel aber hier die Koechin in dem Bewusstsein
unrechtlich gekraenkten Ehrgefuehls rasch ein, "dass sie gar nicht auf ihn
geachtet haben wuerde, wenn er sich nicht so schnell und heimlich, und
dicht unter den Fenstern, am Hause hingedrueckt haette. Wer kein boeses
Gewissen hat, kann gerade und offen gehen."

"Sie sind aber gar nicht gefragt, zum Henker noch einmal," rief der Actuar
jetzt ungeduldig werdend -- "wenn Sie jetzt nicht ruhig sind, lasse ich Sie
so lange hinausfuehren, bis wir Sie wieder brauchen. Hier Mamsell Rieke;
wenn Sie sich die Schuerze abgedreht haben, dann sein Sie so gut und sagen
Sie uns einmal wo und wie Sie den Herrn Lossenwerder gesehen haben."

"Ich -- ich weiss nicht gewiss" -- stammelte das Maedchen verlegen -- "aber --
aber Lossenwerder kam -- bald nachher wie die Herrschaft fortgefahren war  --
"

"Wie lange nachher?" frug der Actuar.

"Etwa eine halbe Stunde denk' ich -- vielleicht nicht so lange -- kam er
viel rascher als es sonst seine Art ist, denn er geht gewoehnlich immer
sehr langsam -- kam er -- kam er aus der Thuer heraus, die er geschwind
hinter sich zuzog -- und dann  -- "

"Und dann?"  --

Und dann hielt er den Kopf nieder, als ob er nicht wollte dass ihn Jemand,
der vielleicht von oben heruntersaehe, erkennen moechte -- hielt er den Kopf
nieder und drueckte sich -- drueckte sich dicht am Haus hin, so schnell er
konnte die Strasse hinunter, und um die Ecke."

"Und nachher?" frug der Actuar.

"Nu, um die Ecke kann sie doch nicht sehn," sagte die Koechin.

"Ob Sie still sein wird," sagte Herr Ledermann jetzt aber wirklich boese
gemacht -- "Wenzel, wenn mir die Person da jetzt noch einmal das -- noch
einmal den Mund aufthut, dann wissen Sie was Sie zu thun haben."

"Sehr wohl, Herr Actuar," sagte der Gerichtsdiener  --

"Und sind Sie dann nachher nicht heruebergekommen und haben das den Leuten
im Hause gesagt, was Sie gesehn?" frug der Actuar.

"Ich habe ja aber Nichts gesehen," sagte die Rieke.

"Sie haben doch den Lossenwerder gesehn"  --

"Ja aber der geht doch so oft in das Haus hier herein, und kommt nachher
immer wieder heraus."

Der Actuar warf sich ungeduldig herueber und hinueber und sagte endlich
muerrisch:

"Unsinn -- baarer Unsinn -- aber hatte er denn irgend etwas in der Hand? --
_trug_ er etwas?"

"_Trug_? -- ja -- ja sehn Sie Herr Actuar -- das kann ich Sie nicht sagen --
das weiss ich nicht  -- "

"Nun Sie werden doch gesehen haben, ob er irgend ein schweres Paket in der
Hand hatte oder nicht."

"Ja sehn Sie, das weiss ich Sie wahrhaftig nicht, aber ich glaube es fast,"
sagte das Maedchen, "denn ich habe den Herrn Lossenwerder eigentlich noch
gar nicht anders gesehn, als dass er irgend 'was getragen haette; und wenn's
nur ein paar Briefe gewesen waeren, oder ein Regenschirm."

"Lieber Herr Actuar, ich glaube Sie sind da auf einer falschen Faehrte,"
sagte Herr Dollinger jetzt -- "man kann einem Menschen allerdings nicht
in's Herz sehen, aber fuer den Lossenwerder moechte ich fast selber
einstehen."

"Mein bester Herr Dollinger," sagte aber der Actuar kopfschuettelnd, "es
ist das mit den Untersuchungen eine wunderliche Sache, und Leute auf die
man am allerwenigsten gedacht, von denen man nie das geringste Unrechte
vermuthet hatte, kommen da oft in den sonderbarsten Verwickelungen vor und
-- sind schuldig. Ich selber kenne Lossenwerder als einen ordentlichen
braven Menschen, und will zu Gott hoffen, dass unser ganzer Verdacht
unbegruendet ist; das heimliche Schleichen aus dem Haus aber, und dass ihn
Niemand sonst im Haus gesehen hat macht ihn verdaechtig. Meine Pflicht ist
es wenigstens ihn selbst deshalb zu vernehmen und ich werde jedenfalls
noch heute Abend nach ihm schicken muessen -- unsere Eisenbahnverbindungen
sind jetzt zu schnell, und man darf keiner Menschenseele mehr zwoelf
Stunden Vorsprung lassen, wenn man nicht oft das leere Nachsehn haben
will."

"Passen Sie auf," sagte Herr Dollinger, "der Lossenwerder wird den
Blumenstock zum Geburtstag Clara's oben hinaufgetragen haben, und zum Dank
dafuer kommt der arme Teufel jetzt noch in den Verdacht des fatalen
Diebstahls."

"Wie aber ist er ohne Nachschluessel in die verschlossene Thuer gekommen,"
warf der Actuar ein  --

"Hm  -- " sagte Herr Dollinger, "das weiss ich freilich nicht -- nun fragen
Sie ihn selber, das wird jedenfalls der kuerzeste Weg sein."

"Um das Verzeichniss der gestohlenen Gegenstaende duerfte ich Sie dann
vielleicht nachher noch bitten."

"Meine Tochter wird es gerade jetzt eben schreiben," sagte Herr Dollinger,
"wenn Sie nur noch kurze Zeit warten wollen."

"Dann duerfte ich Sie wohl bitten, es mir gleich in meine Wohnung zu
schicken," meinte der Actuar nach kurzer Ueberlegung, "ich muss vor allen
Dingen erst in meine Wohnung und werde dann von da gleich noch einmal in's
Bureau gehen. Wo ist denn der Lossenwerder wohl am leichtesten zu finden?"

"Ich habe eben nach seinem Hause geschickt," sagte Herr Dollinger, "aber
dort ist er nicht. Paul, der Bursche, behauptet, er ginge manchmal, aber
selten, in eine Bierstube an der Ecke der Roessnitzer und Hertzergasse, aber
dort war er auch nicht; es ist uebrigens an beiden Orten bestellt, ihn
gleich, so wie Jemand seiner ansichtig wird, hierherzuschicken."

"Sehr wohl," sagte der Actuar, seine Papiere zusammenpackend, und sie dem
Gerichtsdiener uebergebend; nach kurzer Begruessung wollte er sich dann eben
entfernen, als er noch einmal in der Thuer stehen blieb und, sich scharf
auf dem Absatz herumdrehend, fragte:

"A prospos -- _raucht_ Lossenwerder?"

"Soviel ich weiss _nicht_," sagte Herr Dollinger.

"Doch ja, manchmal," sagte Einer der Leute -- Sonntags nach Tisch z. B.
regelmaessig eine Cigarre."

"Hm, so?" sagte der Actuar und verliess dann rasch das Zimmer und Haus.

Er hatte uebrigens auch alle Ursache sich zu beeilen, denn daheim wartete
ein mit jeder Minute drohender aufsteigendes Unwetter auf ihn, das er mit
einer Art von verzweifelten Hoffnung immer noch mit den, dem
Gerichtsdiener wieder zu dem Zweck abgenommenen, und geschaeftsmaessig unter
den Arm geklemmten Streifen Akten abzuleiten gedachte. Jedenfalls musste
ihm der Vorfall im Dollinger'schen Haus, der so viel von seiner Zeit in
Anspruch genommen, entschuldigen. Frau Actuar Ledermann aber hatte sich
schon den ganzen Nachmittag ueber, mit immer wachsender Ungeduld,
vorgenommen gehabt mit ihrem Gatten gegen Abend einen der vor der Stadt
gelegenen Gaerten, wo Concert sein sollte, zu besuchen und die Parthie war
ihr jetzt -- was halfen alle Gruende dagegen -- zu Wasser geworden; es
verstand sich von selbst dass Actuar Ledermann die Schuld, und deshalb auch
die Folgen trug.

Frau Actuar Ledermann hatte sich uebrigens vor einigen Tagen, wo sie trotz
dem nassen Wetter und allen Vorstellungen ihres Mannes spatzieren gegangen
war, furchtbar erkaeltet, und brachte keinen lauten Ton ueber die Lippen.
Das aber, und dass sie ihren gerechtfertigten Ingrimm nicht mit der vollen
Kraft ihrer Stimme hinaus_giessen_ konnte ueber den Gatten, wie sie es -- und
er auch -- gewohnt war, sondern alles das was sie ihm zu sagen hatte -- und
sie hatte ihm viel zu sagen -- heraus_fluestern_ musste, reizte ihren Zorn
nur noch immer mehr.

"Aber liebes Kind, ich versichere Dich," sagte der Actuar in einem
vergeblichen Versuch den aufsteigenden Sturm zu beschwichtigen, "dass ich
mich ueber anderthalb Stunden bei dem verwuenschten Diebstahl im
Dollinger'schen Hause aufgehalten habe und  -- "

"Und ich versichere Dich," zischte sie, mit einem Gesicht, dem die
Anstrengung die es sie kostete die Worte hoerbar zu machen, einen noch viel
unfreundlicheren, ja sogar boshaften Ausdruck gab -- "dass ich Dich vor
anderthalb Stunden schon gerade so erwartet habe wie jetzt, und seit drei
Stunden vollkommen angezogen dasitze und auf Dich passe."

"Aber Du _bist_ ja gar nicht angezogen, beste Therese."

"Weil ich mich wieder ausgezogen habe," rief die Frau -- "glaubst Du ich
soll mir ein Beispiel an einem liederlichen Menschen nehmen, und bei Nacht
und Nebel noch draussen herumstreichen, wie Leute die das Licht zu scheuen
haben? -- Und dann mit meinem Katharr -- dass ich mir den Tag ueber im warmen
Sonnenschein ein wenig Bewegung machte, das faellt Dir nicht ein; aber
Nachts, wenn der schaedliche Thau niederfaellt, der fuer mich gerade Gift
waere, da moechtest Du mich jetzt wohl noch hinausschleppen nicht wahr?
damit ich nur recht schnell unter die Erde kaeme -- o ich armes
unglueckseliges Weib  -- "

"Aber Therese Du bist unbillig, ich habe Dir doch angeboten heute
Nachmittag mit mir nach dem rothen Drachen hinauszugehn  -- "

"Weil Du wusstest dass das nichtsnutzige Geschoepf von einer Waescherin mir
mein Kleid nicht vor vier Uhr bringen wuerde," zischte die Frau.

"Aber Du hast ja noch andere  -- "

"Am Sonntag zum Skandal der andern Menschen mit einer solchen _Fahne_ zu
einem anstaendigen Vergnuegungsort hinausziehn, nicht wahr? -- _Dir_ laege
natuerlich Nichts daran was die Leute ueber Deine Frau sagten; aber Du bist
auch an anderen Orten lieber wie zu Hause, und statt Deiner Frau einmal
ein paar Stunden Gesellschaft zu leisten, und nachher mit ihr zusammen
auszugehen, musst Du natuerlich g'rad in's Wirthshaus laufen, und ein
Bischen vor Mitternacht dann wieder zu Hause kommen."

"Liebes Kind, es ist halb neun Uhr jetzt" -- sagte der Actuar ruhig, "dann
aber Therese," fuhr er nach kleinem Zoegern, mit einer fast gewaltsamen
Anstrengung etwas herauszubringen, das er auf dem Herzen hatte, fort --
"bist Du theilweise mit selbst Schuld daran, _dass_ ich mir eben ausser dem
Hause mein Vergnuegen suchen _muss_."

"Ich?" wollte die Frau erstaunt rufen, der etwas zu hoch eingesetzte Ton
blieb aber total aus, und Ledermann sah nur, mit der entsprechenden
Gesticulation, das zum Hoechsten erstaunte Gesicht der Gattin. Dadurch aber
vielleicht, und durch die ungewoehnliche, freilich erzwungene Stille, etwas
muthiger gemacht, fuhr er entschlossen fort:

"Ja liebes Kind, Du; denn anstatt Deinem Mann, wenn er von seinen
Berufsgeschaeften ermuedet zu Hause kommt den Aufenthalt daheim zu einem
freundlichen zu machen, in dem er gerne bleibt, laesst Dich Dein
unglueckseliges, heftiges Temperament nicht ruhen noch rasten, sondern Du
musst irgend eine Gelegenheit vom Zaune brechen mit mir zu zanken. Gebricht
es Dir aber vollkommen an Stoff, was jedoch nur in hoechst seltenen Faellen
zu sein scheint, so bist Du muerrisch und verschlossen, machst ihm ein
finsteres, verdriessliches Gesicht, und sprichst kein Wort."

Sprachlos nur vor Zorn und Staunen ueber die unerhoerte, bodenlose
Frechheit, hatte die Frau indessen dem heute so redseligen Gatten (der
aber nicht dabei zu ihr aufzuschauen wagte, sondern bald die rechte, bald
die linke Ecke der Stube mit den Augen suchte) angesehn. Es war eine
allerdings noch jugendliche schlanke, aber eher magere als volle Gestalt,
die Frau Actuar Ledermann, mit etwas vorstehenden, wenigstens stark
markirten Backenknochen und durchdringend scharfen, wenn auch kleinen
lichtgrauen Augen, die Lippen schmal und um den Mund in vielen kleinen
Faeltchen, zusammengezogen, das Kinn jedoch etwas zurueckstehend, was ihr
ein besonderes, und nicht eben angenehmes Profil gab. Auch in ihrem Anzug
liess sie sich zuviel gehn; der Zauber reinlicher Kleidung fehlte ihr, der
selbst der aermlichsten Tracht etwas Nettes, Freundliches giebt; die Krause
die das oben am Hals dicht anschliessende Kleid einfasste, war schon mehrere
Tage getragen und verdrueckt, ebenso zeigten die Manschetten Spuren
laengeren Dienstes, und die Haube sass ihr verschoben und zu viel
zurueckgedraengt auf dem, nicht ueberreich mit Haaren bedeckten Scheitel.
Frau Actuar Ledermann war nicht huebsch, und der Affect der ihre Zuege in
diesem Augenblick mehr entstellte als belebte, nahm ihnen leider auch die
letzte Spur sanfter Weiblichkeit, die sonst doch wohl noch hie und da
darin verborgen lag. Der bis jetzt mehr durch Erstaunen als Maessigung
niedergekaempfte Zorn gewann aber auch endlich die Oberhand, und waehrend
die Anstrengung, sich bei ihrer Heiserkeit gehoert zu machen, ihr Antlitz
fast dunkel faerbte, keuchte sie, die Arme in die Seite gestemmt, den
Oberkoerper gegen den ueberrascht einen Schritt zurueckweichenden Gatten
vorgebeugt:

"Spreche kein Wort, _heh_? sagt der Herr? -- prahlt da, "wenn er von
Berufsgeschaeften nach Hause kommt" -- spreche kein Wort? -- sitzt in der
Kneipe den ganzen gesegneten Nachmittag -- im rothen Drachen und das nennt
er Berufsgeschaefte; vertrinkt das Geld das wir hier zum nothwendigsten
Leben brauchten, und wirft mir jetzt meine Heiserkeit vor, die mir der
Himmel geschickt hat, oder mein boeses Glueck, dem ich auch einen solchen
Mann verdanke -- dass ich kein Wort spreche und verdriesslich bin. Ich soll
wohl _tanzen_? eh? -- wenn mir das Herz zum Zerspringen voll ist vor Jammer
und Elend daheim, und wenn ich den ganzen Tag da sitze, und bruete und
denke wie wir auskommen wollen mit den paar Groschen, die zum Sterben und
Verhungern zu viel, zum Leben aber zu wenig sind. Dann soll ich nachher,
wenn der gestrenge Herr sein Gesicht zeigt, lachen und vergnuegt und lustig
sein, nur damit der Haustyrann sich nicht unbehaglich fuehlt in _seinen_
vier Waenden."

Heftiger Husten unterbrach hier die Zornesrede der Frau, der die uebermaessig
angestrengte Luftroehre den Dienst versagte, und der Actuar Ledermann nahm
still und schweigend, den Moment benutzend, ein Licht von dem kleinen
Seitenschrank, zuendete es an der Lampe an, und verliess kopfschuettelnd und
seufzend das Gemach, sich auf sein eigenes kleines Stuebchen zurueckzuziehn.





                                Capitel 4.


                           FRANZ LOSSENWERDER.


In Heilingen, in der Glockenstrasse, stand ein vortreffliches Weinhaus, in
dem die wohlhabenderen Buerger Abends gewoehnlich zusammenkamen und ihr
Flaeschchen, aus denen auch oft zwei und drei wurden, tranken. Das Lokal
war ziemlich gemuetlich, und dem Zweck entsprechend, in eine Menge kleiner
Zimmerchen abgetheilt, die theils durch wirkliche Thueren und Verschlaege,
theils durch Vorhaenge von einander getrennt lagen, einzelnen
Gesellschaften zu gestatten eben einzeln zu bleiben, und ihr Glas,
ungestoert von dem Nachbar, zu trinken.

Das Haus hiess "der Pechkranz" nach einer alten Sage, die der Wirth sehr
gern mit der Heilinger Chronik belegte, und die noch in dem
dreissigjaehrigen Kriege spielte; ein, ueber der Eingangsthuer in neuerer Zeit
erst aus Stein gehauener Bachus, hielt auch in der einen Hand einen
Tyrsusstab, und in der anderen einen Pechkranz, in hoechst wunderlicher
Weise Sage und Geschaeft mit einander vereinigend. Die Allegorie war aber
gar nicht so uebel angebracht, und haette sich auch schon ohne Tilly recht
leidlich und genuegend erklaeren lassen, denn Bachus hatte hier schon in der
That in manchen Kopf seinen Pechkranz hineingeworfen, dass es lichterloh
zum Dache hinausbrannte, ohne weiter eben groesseren Schaden anzurichten,
als der alte Pechkranz in damaliger Zeit angerichtet haben sollte.

Der Wirth war uebrigens nicht in Heilingen geboren und erzogen, sondern ein
Rheinlaender, der sich hier erst vor einigen Jahren niedergelassen, und
durch gute Getraenke auch bald gute und schlechte Kunden genug bekommen
hatte. Seine Preise waren allerdings ein wenig theuer, "aber," sagten die
Heilinger, "wer einmal Wein trinkt, dem darf es auch nicht auf einen
Groschen dabei ankommen, wenn er nur aecht und rein ist," und Wirth und
Gaeste befanden sich wohl dabei.

Es war am Abend des naemlichen Tages, an welchem ich meine Erzaehlung
begann, als die Gaeste, die den Tag ueber meist auf Spaziergaengen im Freien
gewesen waren, anfingen einzutreffen, und die Kellner geschaeftig herueber
und hinueber sprangen, Wein und Speisen den Hungrigen und Durstigen zu
bringen. Die kleinen Raeumlichkeiten fuellten sich nach und nach, und selbst
in dem grossen Mittelsaal, der ungefaehr das Centrum des Ganzen bildete,
hatten sich schon hie und da einzelne Gruppen gebildet, oder auch einzelne
Gaeste sassen in irgend einer Ecke, ihre Flasche Wein vor sich, und auf
eigene Hand, in ungeselliger Gemuethlosigkeit, langsam Glas nach Glas zu
leeren. Es ist das aber nicht die rechte Art; zu einer schoenen Landschaft
und einer guten Flasche Wein gehoeren mindestens zwei Personen, um Beides
recht und ordentlich zu geniessen, die eine sich _darueber_, die andere sich
_dabei_ auszusprechen; wenn man allein ist, geht mehr als der halbe Genuss
von Beiden verloren. Es giebt allerdings Menschen, die sich zufriedener
fuehlen wenn sie Alles allein geniessen koennen, aber denen geh' aus dem Weg;
es sind Hypochonder oder Schlimmere, und der einzige Dank, den Du ihnen
schuldig bist ist dafuer, dass sie sich eben auch von Dir zurueckziehn. Nur
wer Niemanden hat an den er sich anschliessen darf, wer allein und
freundlos in der Welt dasteht und das Leid das ihn drueckt, allein tragen,
die wenigen frohen Momente seines Lebens allein geniessen muss, den bedauere
und hilf ihm, wenn Du kannst, denn er ist der Ungluecklichste von Allen.

Es mochte neun Uhr Abends sein, als ein Bekannter von uns, der
Kuerschnermeister Kellmann, die Weinstube betrat und, sich ueberall
umschauend, ob er nicht irgend einen Freund traefe zu dem er sich setzen
koennte, in einer der Ecken eine bekannte Gestalt entdeckte. Aber er sah
erst ein paar Secunden wirklich aufmerksam dorthin, ehe er seinen Augen
traute, und sagte dann, auf Jenen losgehend und neben dem Tisch stehen
bleibend:

"Hallo, _Lossenwerder_? Ihr hier im Pechkranz? na da moechte man doch, wie
die Schwaben sagen, den Ofen einschlagen. Alle Wetter Mann und vor einer
Flasche Ruedesheimer; nun das lass ich gelten und es freut mich wahrhaftig,
dass Ihr endlich einmal aufthaut und unter Menschen kommt. Aber was ist
denn heute los bei Euch? denn einen ganz besonderen Grund muss doch die
Festlichkeit haben."

"Ha -- ha -- ha -- hat sie auch He -- he -- he -- he -- herr Ke -- ke -- ke --
kellmann," sagte der kleine Mann verlegen laechelnd und sich etwas
schuechtern dabei umschauend, denn es schien ihm nicht angenehm, die
Aufmerksamkeit der uebrigen Gaeste so direkt auf sich gelenkt zu sehn.

"Jetzt kann ich aber auch den Leuten widersprechen," sagte Kellmann,
seinen Hut und Stock an einen der naechsten Haken haengend und sich neben
ihn setzend, "wenn sie behaupten Ihr traenkt nur Wasser, und Sonntags
hoechstens einmal ein Glas Duennbier -- ich kriege Leibschneiden, wenn ich
nur an das Zeug denke -- und sonst lebtet, als ob Ihr die Woche mit einem
halben Thaler auskommen muesstet. Alle Wetter Mann, das ist recht, dass Ihr
Euch auch manchmal ein Glas Rheinwein goennt; das haelt Leib und Seele
zusammen, und staerkt die Nerven und Muskeln mehr wie Rindfleisch. Wuerde
mir schwer ankommen, wenn ich unseren vaterlaendischen Wein entbehren
muesste," setzte er mit einem halbunterdrueckten Seufzer hinzu.

"Ha -- ha -- ha -- haben Sie a -- a -- a -- auch wohl ni -- ni -- nicht noe -- noe --
noe -- noe -- noe -- noethig, be -- be -- be -- bester He -- he -- he -- he -- he -- he."

"Ih nun wer weiss was Einem noch Alles bevorsteht," unterbrach ihn Kellmann
-- "hier Kellner -- mir auch eine Flasche von dem Ruedesheimer; der Duft hat
mir Appetit gemacht."

"Hallo Lossenwerder bei einer Flasche Ruedesheimer," rief aber jetzt noch
eine andere Stimme aus dem naechsten Stuebchen, wo ein paar junge Kaufleute
bei ihrem Glase zusammensassen -- "da muessen wir auch dabei sein;
Lossenwerder hat vielleicht heute seinen splendiden Tag und traktirt --
haben Sie was in der Lotterie gewonnen?"

Die jungen Leute, die Kellmann und Lossenwerder begruessten, kamen mit ihrer
Flasche heraus, und setzten sich an denselben Tisch, mit dem immer
verlegener werdenden kleinen Mann anstossend und trinkend. Denen gesellten
sich aber noch bald darauf Andre zu; Lossenwerder war in der ganzen Stadt
bekannt und oft auch, seiner koerperlichen Maengel wegen, zum Besten
gehalten. Vertheidigen konnte er sich aber schon seines Stotterns wegen
nicht, was den Gegnern gleich nur noch mehr Anlass und Stoff gegeben haette;
so wurde denn diese freilich gezwungene Zurueckhaltung endlich fuer
Gutmuetigkeit ausgelegt, mit der er sich Scherz und Stichelrede ruhig
gefallen liess, und was die schaerfste Erwiderung nicht vermocht, erreichte
er unfreiwillig dadurch, dass man es endlich muede wurde, den sich nicht
Verteidigenden zum Besten zu haben, und ihn eben zufrieden liess. Aber in
des Verwachsenen Betragen aenderte das Nichts; abgestossen und verhoehnt -- in
nur sehr wenigen Ausnahmen -- von Allen, mit denen er in Beruehrung kam, zog
er sich mehr und mehr in sich selbst zurueck, ging, ausser den noethigen
Geschaeftswegen und ausser der Geschaeftszeit, fast nirgends hin, und lebte
so einfach, ja fast duerftig, wie nur ein Mensch leben kann, der eben _nur_
Geld ausgiebt, um zu existiren. In einem Weinkeller hatte ihn aber noch
Niemand gesehn, und die Gaeste dort, die ueberdies keinen weiteren Zweck da
hatten als sich zu amuesiren, glaubten das einmal einen Abend mit dem
kleinen "Stotterberg", wie er spottweis, seines Stotterns und Hoeckers
wegen genannt wurde, am Besten thun zu koennen.

Im Anfang wollte sich Lossenwerder aber auf Nichts einlassen, ja machte
sogar zwei oder drei, wenn gleich vergebliche Versuche, sich zu entfernen,
denn von allen Seiten wurde er gehalten, und Jeder wollte und musste mit
ihm trinken. Nach und nach aber fing er an aufzuthauen; der ungewohnte
kraeftige Wein mochte ihm das Blut leichter und rascher durch die Adern
jagen. Nun sollte er erzaehlen, aber das ging nicht, sein Stottern wurde,
mit der schwereren Zunge, kaum verstaendlich, bis Einer, im Spott eben, auf
den Gedanken kam, ihn zum Singen aufzufordern. Lossenwerder weigerte sich
erst ganz verschaemt; das aber kam den Anderen zu komisch vor, und mit
Lachen und Toben, waehrend ein paar schon Champagner bestellten, den Genuss
wuerdig zu feiern, raeusperte sich Lossenwerder ploetzlich und stieg, von dem
Wein erregt, und jetzt unter dem lauten Jubel der ihn umdraengenden Gaeste,
auf einen Stuhl.

                               [Capitel 4]

Was aber, wie sich die Uebrigen gedacht, Spott und Scherz hatte werden
sollen, das erstarb in athemlosem Schweigen, nur von leisen Ausrufungen
des Staunens und der Bewunderung unterbrochen, als der kleine verkrueppelte
Mensch, mit einer hellen, glockenreinen Stimme, und Toenen, die zum
innersten Herzen drangen, erst noch scheu, dann aber immer
zuversichtlicher werdend, und wie von dem Inhalt des Liedes mit
fortgerissen, dieses also begann:

  "Ich habe schon zu oft geschaut
  In Deiner Augen Glanz, Du Holde,
  Auf meine Kraft zu fest vertraut,
  Viel mehr, als ich vertrauen sollte.

  Doch nein, fuer Dich Geliebte sind
  Des Lebens schoenste, reinste Bluethen,
  Von keinem Schmerz getruebt, bestimmt,
  Und was koennt' ich dafuer Dir bieten?

  Nichts -- gar Nichts, als ein treues Herz;
  Doch nimmer sollst Du es erfahren  --
  Ich kann, wie frueher, meinen Schmerz
  In tiefer, innerer Brust bewahren.

  Sei gluecklich! -- wenn auch ohne mich,
  Ich will Dich lieben, aber schweigen
  Und mein Gebet nur soll fuer Dich
  Empor, zum Thron des Hoechsten steigen.

  Wenn dann mein Herz im Grabe liegt,
  Und austraeumt seine stillen Leiden,
  Dann soll der Geist zum Himmel nicht
  Entfliehn, und zu der Seel'gen Freuden.  --

  Ein schoen'res Loos werd' ihm zu Theil,
  Umschwebend Dich in trueben Tagen,
  Soll er, zu Deinem Schutz und Heil,
  Selbst seiner Seligkeit entsagen."

Lossenwerder war ganz geruehrt geworden beim Schluss des Liedes, und die
Thraenen standen ihm in den Augen; waehrend sein wirklich haessliches Gesicht
durch den Schmerz aber eher einen komischen als ernsten Ausdruck bekam,
jubelte die Schaar jetzt um ihn her, die wirklich erst wieder Athem und
Laut gewann, als der wundersame Zauber dieser Stimme von ihnen genommen
war.

"Bravo -- bravo Lossenwerder -- bravo dacapo! Donnerwetter Mann, Ihr habt ja
eine Stimme wie eine Nachtigall, und stottert nicht die Probe dabei -- wie
am Schnuerchen geht das!"

"Es ist erstaunlich!" rief Kellmann, vor lauter Verwunderung ueber das eben
Gehoerte wirklich fast sprachlos.

"Nun aber auch trinken -- hier Lossenwerder -- hier," riefen sie, ihm das
Glas bis zum Rand mit dem schaeumenden Trank fuellend, "und dann noch ein
Lied; bei Gott, das zuckt und prickelt Einem ordentlich durch die Adern,
und klingt wie Glockenton so rein und voll; Lossenwerder wo habt Ihr das
Singen gelernt?"

"Vo -- vo -- vo -- vo -- vo -- von mi -- mi -- mir se -- se -- se -- se -- selb --
bber," stotterte der kleine Mann, kaum im Stande jetzt mit immer schwerer
werdender Zunge nur die paar Worte vorzubringen, waehrend ihm im Gesang die
Strophen wie der Lerche das schmetternde Lied; aus der Kehle wirbelten.

"Und da hat bis jetzt noch gar kein Mensch etwas davon erfahren," rief
Kellmann wieder -- "behaelt die liebe Gottesgabe da ebenfalls fuer sich
allein, kommt nirgends hin, spricht mit Niemand, trinkt und singt mit
Niemand, und hat eine Stimme in der Luftroehre sitzen, die Einer, wer es
darauf anzulegen verstaende, in reines Gold verwandeln koennte."

Von allen Seiten tranken sie jetzt dem kleinen Mann zu, und ueberschuetteten
ihn mit Lob und Jubel, und dieser schwamm wirklich in einem wahren Meer
von Wonne. So wohl war ihm auch noch nie geworden -- Niemand hatte sich bis
jetzt um ihn bekuemmert, Jeder ihn verspottet und verhoehnt, und zum ersten
Mal, vielleicht seit langen, langen Jahren, fuehlte er sich unter Menschen
einem Menschen gleich, wusste sich nicht mehr verachtet und unter die Fuesse
getreten, und sah freundliche Augen um sich her, die ihn wie ihres
Gleichen anschauten.

Dem loeste sich auch endlich seine Zunge, oder wenigstens sein guter Wille
zu reden, so weit, dass er beginnen wollte Geschichten zu erzaehlen. Das
ging aber unter keiner Bedingung; beim Singen ja, aber beim Sprechen
brachte er kein Wort mehr ueber die Lippen, und selbst das Singen versagte
ihm zuletzt den Dienst; die Augenlider wurden ihm schwer, er fing an zu
lallen, und war eben zurueck auf seinen Stuhl und dem Schlaf in die Arme
gesunken, als die Thuer aufging und zwei Gerichtsdiener in's Zimmer traten.
Es war etwa elf Uhr Abends und die meisten Gaeste, mit Ausnahme des einen
Tisches, hatten das Haus schon verlassen.

"Hallo was ist das?" sagte Herr Kellmann, der die beiden Leute zuerst
bemerkte, "das ist wunderlicher Besuch -- es wird doch nicht etwa eine
Polizeistunde eingefuehrt in Heilingen?"

Aber auch der Wirth war die "Diener der Gerechtigkeit", wie sie meist
etwas poetisch genannt werden, gewahr geworden und ging auf sie zu, sich
zu erkundigen was sie hierher gefuehrt.

"Ein kleiner buckliger Mann soll hier heute Abend bei Ihnen sein," sagte
der Erste -- "er ist aus dem Dollingerschen Geschaeft."

"Dort sitzt er in der Ecke," sagte der Wirth vom Pechkranz nach
Lossenwerder hinueberzeigend, "hat er etwas verbrochen?"

"Ich weiss nicht," erwiederte der Zweite ziemlich kurz -- "wir sollen ihn
abholen."  --

"Wird schwer sein," meinte der Wirth -- "sie haben ihm heute Abend hier
ordentlich zugetrunken, und der Wein hat jetzt das Uebergewicht -- wenn er
aufsteht kippt er wieder um."

"Hm -- da wird wohl auch nicht viel mit Fragen aus ihm herauszubringen
sein, Meier; was meinst Du, nehmen wir ihn mit?"

"Ich denke das Beste wird sein wir fuehren ihn zu Haus, und Einer bleibt
bei ihm bis er morgen frueh wieder zu Verstande kommt; jetzt ist doch
Nichts mit ihm anzufangen."

"Aber um Gottes Willen was ist denn vorgefallen?" frug Kellmann bestuerzt;
"der arme Teufel hat doch nicht etwa irgend 'was verbrochen?"

"Noch ist nichts Gewisses bekannt," erwiederte der erste Polizeidiener,
"nur bei Dollinger's ist heute Nachmittag eingebrochen, und die
Untersuchung muss jetzt erst ergeben, wer schuldig sei."

"Bei Dollinger's eingebrochen?" riefen Mehrere, "heute Abend?"

"Nein heute am hellen Tag," sagte der Mann.

"Alle Wetter das muss dann gewesen sein waehrend sie nach dem rothen Drachen
gefahren waren," sagte Kellmann rasch -- "sie kamen an uns vorbei mit dem
jungen Henkel."

"In der Zeit war's," bestaetigte der Polizeidiener, "denn wie sie zu Hause
kamen, wurde es entdeckt -- hier da Lossenwerder -- Sie da -- wachen Sie auf."

"Ja wenn Sie den stossen wollen bis er munter wird," lachte Einer der
jungen Leute, "da haben Sie Arbeit."

"Sie -- Lossenwerder -- hoeren Sie?"

"Ja -- ja" -- stammelte der von dem ungewohnten Weine, von dem er eigentlich
gar nicht so sehr viel getrunken, Betaeubte -- "me -- me -- me -- mehr We -- we
-- wein; ich za -- za -- za -- zahle A -- a -- a -- a -- a -- alles!"

"So?" sagte der Polizeidiener ruhig -- "nun fuer heute moecht' es doch wohl
genug sein; komm, fass ihn da drueben unter den Arm, er wohnt ja auch nicht
so sehr weit von hier -- wo ist sein Hut?"

"Hier -- armer Teufel, das wird ein boeses Erwachen werden."

"Wie man sich bettet so schlaeft man," sagte der zweite Polizeidiener, und
den Betrunkenen in die Hoehe richtend, der dabei unverstaendliche Sachen
stammelte und sogar einen total misglueckenden Versuch machte wieder zu
singen, fuehrten sie ihn hinaus und seiner Wohnung zu, indess die Gaeste noch
das "fuer und wider" der Schuld des Mannes, von dem sie nie etwas Uebles
gehoert bei einer anderen Flasche besprachen.

Und es _war_ ein boeses Erwachen fuer den Mann; von dem Weindunst betaeubt
schlief er, wie ein Todter, bis zum lichten Tag, und als er die Augen
aufschlug und ihm der Kopf schmerzte zum Zerspringen, fiel sein erster
Blick auf den ungeduldig in seinem Zimmer auf und ab gehenden
Polizeidiener, den er einen Moment bestuerzt anstarrte, und dann die Augen
wieder schloss, wie vor einem unangenehmen Traumbild.

"Nun Lossenwerder, ausgeschlafen?" sagte der Mann aber, froh endlich einmal
zu einem Resultat zu kommen -- "das hat lange gedauert -- kommen Sie, stehn
Sie auf und ziehn Sie sich an."

Die Stimme war _kein_ Traum, und der kleine Mann richtete sich erschreckt
von seinem Bett, auf dem er noch mit den Kleidern vom vorigen Abend lag,
empor. Wo war er? -- wie war er hierher gekommen? er drueckte sich mit
beiden Haenden die Stirn und der klare Angstschweiss brach ihm aus ueber den
ganzen Koerper; er _wusste_ nicht mehr was gestern Alles geschehn, und die
unheimliche finstere Gestalt vor ihm fuellte sein Herz mit einer wilden
Ahnung von Unheil, die alles Blut dorthin in jaehem Strom zuruecktrieb.

Wie ein Schlag da hinein traf ihn die Nachricht von dem entdecktem
Diebstahl, das Gefuehl, dass der Verdacht auf ihm laste, und die naechste
Stunde -- waehrend ein anderer Polizeibeamter bei ihm visitirte und man
nichts weiter, als in einem Winkel seines kleinen Schreibtisches, unter
dreifachem Schloss, ein Paeckchen mit 200 Thalern in fuenf und zwanzig Thaler
Cassenanweisungen, wie noch einige Goldstuecke fand, wie seine Abfuehrung
dann nach dem Dollingerschen Hause, da Herr Dollinger gebeten hatte den
Mann, an dessen Schuld er nicht glauben wollte, erst einmal an Ort und
Stelle selber zu befragen -- lag wie ein Alp auf seiner Seele, unter dessen
Last er auch kein Wort zu seiner Verteidigung zu sagen, ja nicht einmal
eine an ihn gerichtete Frage zu beantworten vermochte.

In dem Dollingerschen Hause angekommen, wurde er gleich in Herrn
Dollinger's Zimmer hinaufgefuehrt, und der alte Herr ging, als Lossenwerder
die Stube betrat, mit auf dem Ruecken gekreuzten Haenden in seinem Zimmer
auf und ab. Der junge Henkel sass in der einen Ecke des Sophas, das rechte
Knie ueber das linke geschlagen, mit einem Buch in der Hand, ueber das hin
er aufmerksam den Gefangenen betrachtete.

Lossenwerder war bleich wie ein Todter -- jeder Blutstropfen hatte sein
Antlitz verlassen, und bei dem Versuch den er zum Reden machte, kam kein
Laut ueber seine Lippen.

"Lossenwerder," sagte Herr Dollinger endlich, nach einer kleinen Weile vor
ihm stehen bleibend und ihn ernst, ja traurig betrachtend -- "ein boeser
Mensch ist gestern, waehrend unserer Abwesenheit, in unser Haus geschlichen
und hat, ausser einigen Juwelen, auch noch das Geld entwendet, das Du mir
gestern Mittag gebracht und das ich, wie Du weisst, in den Secretair dort
schloss. Warst Du waehrend unserer Abwesenheit wieder im Haus und in dem
Zimmer meiner Toechter?"

"He -- he -- he -- he -- he -- he -- he -- rr Do -- Do -- Do -- Do."

"Schon gut Lossenwerder, Du bist jetzt aufgeregt und das Sprechen wird Dir
schwer; beschraenke Dich auf ein einfaches ja und nein."

"Ja -- a -- !"

"In dem Zimmer meiner Toechter?"

"J -- a -- a -- a aber -- i -- i -- i -- i -- ich wo -- wo -- wollte"  --

"Sie haben einen Blumentopf dort hineingesetzt?" sagte Herr Henkel jetzt
ruhig.

Das Blut stieg dem kleinen Mann rasch bis in die Schlaefe hinauf, aber der
naechste Moment liess sein Antlitz wieder so weiss als vorher; er nickte nur,
zur Betaetigung des eben Gesagten, mit dem Kopf.

"Lossenwerder," sagte der Herr Dollinger mit leiser, bewegter Stimme und
dicht zu dem kleinen Mann hinantretend, wobei er die Hand auf dessen
Schulter legte, "Lossenwerder, noch gestern wuerde ich eben so leicht
geglaubt haben, dass eines von meinen eigenen Kindern eines schlechten,
unrechtlichen Streiches faehig waere, bis mich leider die immer deutlicher
sprechenden Thatsachen in meinem Glauben an Dich _wankend_ gemacht haben."

"He -- he -- he -- he -- he -- herr Do -- Do -- Do -- Do --   -- Dollinger"  --

"Ich will Dir klar und einfach unseren ganzen Verdacht vorlegen," sagte da
der alte Herr, dem Angeklagten jedes unnuetze Wort zu ersparen -- "gestern,
waehrend unserer Abwesenheit, ist der Secretair meiner Toechter erbrochen
und das Dir bekannte Geld entwendet worden -- drueben ueber der Strasse hat
Dich ein Maedchen gesehn, wie Du heimlich aus dem Hause geschlichen bist.
Ebenso bestaetigt Wilhelm, der Stalljunge, Dich gesehn zu haben, wie Du
haettest das Haus durch die nach dem Hofe zu fuehrende Thuer verlassen
wollen, bei seinem Anblick aber, was selbst dem Jungen aufgefallen ist,
zurueckgefahren, und dann auch nicht ueber den Hof gekommen waerst. Das
Stubenmaedchen, die keine Ahnung davon haben konnte dass Geld in dem
Secretair lag, ist bereit den schwersten Eid abzulegen, dass sie, wenige
Minuten spaeter, nachdem man Dich hatte aus dem Hause schleichen sehen, die
Vorsaalthuer nicht mehr aus den Augen gelassen, und gewiss waere, dass Niemand
die Schwelle mehr ueberschritten habe, bis sie den zurueckkehrenden Wagen in
den Hof einfahren gehoert. Heimlich bist Du im Haus gerade in der Zeit, in
welcher das Geld entwendet wurde, gewesen, und die gestrige Ausschweifung,
die man an Dir nicht gewoehnt ist, wie die bei Dir gefundene Summe, lassen
allerdings das Schlimmste fuerchten. Lossenwerder -- ich brauche Dir nicht zu
sagen, wie weh -- wie weh mir das gerade von _Dir_ thut, und ich wollte die
doppelte Summe, so bedeutend sie ist, gern verschmerzen, wenn es _nicht_
geschehen waere. Mache aber jetzt Deinen Fehler, wenigstens so weit das
noch in Deinen Kraeften steht, wieder gut; gestehe was Du mit dem uebrigen
Gelde gemacht, wo Du es verborgen hast, und ich selber will dann auch
Alles thun was in meinen Kraeften steht, Deine Strafe zu erleichtern. Ein
anderer Welttheil mag Dir nachher in spaeterer Zeit Gelegenheit geben
Deinen Fehltritt zu bereuen, und das wieder zu werden, fuer was ich Dich,
selbst bis diesen Morgen noch, gehalten habe."

Lossenwerder hatte waehrend dieser Auseinandersetzung wie aus Stein gehauen
vor seinem Prinzipale gestanden, nur das Zittern seiner Glieder verrieth
dass er lebe; jetzt aber brach er in die Knie, und zum ersten Mal
vielleicht mit dem vollen Bewusstsein der gegen ihn erhobenen Anklage --
oder auch von Schuld und Angst zu Boden gedrueckt, denn wer konnte in den
stieren, ueberdies nicht geraden Augen und in den todtenbleichen, mit
grossen Schweissperlen bedeckten Zuegen das richtige lesen -- umfasste er die
Knie des alten Herrn und bat mit wild stotternder Stimme, aus der dieser
nur mit aeusserster Anstrengung einen Sinn herausfinden musste -- ihn nicht
ungluecklich zu machen -- Nichts so Schreckliches von ihm zu denken.

"Ein aufrichtiges Gestaendniss, Lossenwerder," entgegnete darauf Herr
Dollinger, "ist das Einzige, was Deine Schuld jetzt noch in etwas
erleichtern kann. Das Gericht wird einen unbewachten Augenblick, dem die
Reue auf dem Fusse folgt, nicht so schwer strafen, wie den hartnaeckigen
Uebelthaeter.

"A -- a -- a -- a -- a -- aber ich bi -- bi -- bin ni -- ni -- ni -- nicht schu --
schu -- schu -- schuldig," -- stotterte der Unglueckliche -- "ich we -- we -- we
-- we -- weiss vo -- vo -- vo -- von Ni -- ni -- ni -- nichts  -- "

"Du weisst von Nichts, Lossenwerder?" sagte Herr Dollinger leise mit dem
Kopf schuettelnd -- "und woher ist das Geld das man bei Dir gefunden, woher
die Fuenfundzwanzig Thaler-Note, die Du locker in der Tasche getragen, und
die Dir der Polizeidiener gestern Abend noch herausgenommen hat?"

"Ge -- spa -- pa -- pa -- pa -- partes Geld -- e -- e -- e -- e -- e -- ehrlich ge --
ge -- gespartes G -- g -- g -- geld!" stammelte der arme Teufel.

Herr Henkel stand jetzt auf und ging langsam auf Herr Dollinger zu, dem er
ein paar Worte in's Ohr fluesterte und dann, waehrend dieser leise und
traurig mit dem Kopf nickte, das Zimmer verliess. Lossenwerder aber, der ihm
aengstlich mit den Augen folgte und vielleicht in einer unbestimmten Ahnung
fuehlte dass man ihn fortfuehren -- in ein Gefaengniss bringen werde, ergriff
wieder und jetzt aber wie in Todesangst des alten Mannes Hand, und bat ihn
um Gottes -- um seiner Seligkeit willen, soweit es ihm die, jetzt in der
Aufregung nur noch mehr fehlende Sprache immer gestattete, dass er ihm nur
das nicht anthun -- dass er ihn in kein Gefaengniss moege fuehren lassen. Herr
Dollinger erklaerte aber natuerlich darin Nichts thun zu koennen, denn wenn
er Nichts gestehen wolle oder zu gestehen habe, so muesse allerdings das
Gericht, bei so stark vorliegendem Verdacht, die Untersuchung aufnehmen,
wonach sich bald seine Schuld oder Unschuld herausstellen wuerde.

"Hab' ich aber einmal erst auf solchen Verdacht gesessen," stotterte der
Unglueckliche, "so bin ich gebrandmarkt mein Lebelang"  --

Herr Dollinger zuckte die Achseln, und die Thuer oeffnete sich in diesem
Augenblick, den einen Polizeidiener zeigend, der Lossenwerder leise auf die
Achsel klopfte und freundlich sagte:

"Wenn's gefaellig waere."

Lossenwerder zuckte zusammen als ob er einen Schlag bekommen, und wandte
sich noch einmal, wie Huelfe suchend, an Herrn Dollinger, aber ein Blick
auf diesen ueberzeugte ihn, dass er schon nicht mehr helfen koenne, wo das
Gericht die Sache in die Hand genommen, und sein Gesicht in den Haenden
bergend, folgte er dem Gerichtsdiener fast willenlos hinaus.

Gerade als er durch die Thuer schritt begegnete ihm, noch auf der Schwelle,
Frau Dollinger, und rasch bei Seite tretend, als ob sie selbst durch seine
Beruehrung angesteckt zu werden fuerchte, warf sie ihm einen zornigen,
veraechtlichen Blick zu und ging an ihm vorueber.

Lossenwerder seufzte tief auf, sagte aber kein Wort, denn wie er den Kopf
hob, sah er am andern Ende des Vorsaals Clara mit dem jungen Henkel in
eifrigem Gespraech, und auch dort musste er vorbei. Das war zu viel und wie
unschluessig blieb er stehn und sah sich um, als ob er einen Weg zur Flucht
suche.

"Na kommen Sie, Lossenwerder, machen Sie keine Dummheiten," sagte aber, ihm
ermunternd auf die Schulter klopfend, der Polizeidiener -- "es ist Alles
ein Uebergang, wie der Fuchs sagte, als sie ihm das Fell ueber die Ohren
zogen."

Lossenwerder nahm sich zusammen und schritt festen Trittes an dem jungen
Maedchen vorueber, das ihn mitleidig betrachtete.

"Etwas ueber zweihundert Thaler hat man schon bei ihm gefunden," fluesterte
der junge Henkel ihr leise zu -- "ich hoffe dass Vater Dollinger das andere
auch noch wieder bekommen soll."

"Ach Lossenwerder, warum habt Ihr das gethan?" sagte Clara, leise und
mitleidig den Gefangenen ansehend, als er an ihr vorueberging.

"U -- u -- u -- und Si -- si -- si -- si -- sie g -- g -- g -- glau -- ben d -- d --
das a -- a -- a -- a -- auch?" rief Lossenwerder und die grossen hellen Thraenen
standen ihm dabei in den Augen, aber der Polizeidiener hatte sich schon
laenger mit ihm aufgehalten, als er meinte verantworten zu duerfen, nahm ihn
leise an der Hand und fuehrte ihn die Treppe hinunter. Lossenwerder folgte
ihm wie in einem Traum.

Das Polizeigebaeude war nur hoechstens fuenfhundert Schritt von dort
entfernt, und stand an der andern Seite einer kleinen steinernen Bruecke
die ueber den, mitten durch die Stadt und haeufig ueberbrueckten kleinen Fluss
fuehrte. Als sie hinunter auf die Strasse kamen, liess der Polizeidiener
seinen Gefangenen los, kein Aufsehn zu erregen, und fluesterte ihm zu nur
ruhig neben ihm hinzugehn. Lossenwerder verstand ihn wohl gar nicht, denn
er sah verstoert zu ihm auf, und dann um sich her, und fand die Augen der
Voruebergehenden alle neugierig auf sich geheftet; sich aber doch, wenn
auch nur dunkel, des Zwanges bewusst der auf ihm lag, nahm er sein
Taschentuch heraus, trocknete sich die feuchte Stirn damit ab, und ging
mit krampfhaft zusammenengebissenen Zaehnen neben seinem Waechter her. So
erreichten sie die Bruecke, wo vier oder fuenf Jungen standen, die neugierig
die Ankommenden betrachteten; Lossenwerder's Blick schweifte ueber sie hin,
aber er sah sie nicht, bis er dicht bei ihnen war und einer derselben
spottend rief:

"Hoho, hoho -- Stotterberg hat gestohlen, Stotterberg hat gestohlen!"

Die Anderen stimmten lachend mit in den Ruf ein, und der Polizeidiener
drehte sich aergerlich und drohend gegen die Buben um, die scheu
auseinander stoben; Lossenwerder aber fuhr sich mit beiden Haenden
krampfhaft gegen die Stirn  -- "hat gestohlen!" schrie er dabei, ohne zu
stottern, mit gellendem wilden Schrei, und ehe sein Waechter es verhindern
konnte, ja nur eine Ahnung davon hatte, warf er sich mit einem
verzweifelten Sprung, ueber die niedere Ballustrade hin in den unten
vorbeilaufenden Strom. Noch ueber dem Gelaender erfasste ihn der
Polizeidiener an einem Rockzipfel, das Gewicht des niederfallenden Koerpers
war aber zu gross, als dass er es mit einer Hand haette aufhalten koennen, ja
er musste sogar loslassen, nicht selber das Gleichgewicht zu verlieren, und
der Unglueckliche schlug gleich darauf auf das Wasser, unter dessen
Oberflaeche er im naechsten Augenblick verschwand.

Der Fluss war indess hier weder breit noch tief, und auf der ziemlich
belebten Strasse fanden sich gleich mehre Leute, die unterhalb der Bruecke
in's Wasser sprangen, das ihnen etwa bis unter die Arme reichte, den
niedertreibenden Koerper aufzufangen. Sie hatten ihn auch bald erreicht und
gefasst, und von kraeftigen Armen wurde derselbe an die Oberflaeche gehoben
und zum Ufer gezogen. Wenn ihm jedoch auch das Wasser selber noch nichts
geschadet hatte, war der Unglueckliche doch durch den Sturz, in dem er
wahrscheinlich durch das Zurueckhalten seines Rockes gegen einen der
Brueckenpfeiler geworfen worden, schwer am Kopf verletzt -- die Wunde
blutete stark, und die Maenner trugen den Bewusstlosen zuerst auf die
Polizei, und von dort, auf den Ausspruch eines rasch herbeigerufenen
Arztes, in die Charite.





                                Capitel 5.


                        DIE AUSWANDERUNGS-AGENTUR.


Am Marktplatz zu Heilingen, und an der Ecke eines kleinen, auf diesen
auslaufenden Gaesschens, stand ein ziemlich grosses, gruen gemaltes und gewiss
sehr altes Erkerhaus, dessen Giebel und Stuetzbalken geschnitzt, und mit
wunderlichen Koepfen und Gesichtern verziert, und braun angestrichen waren,
und sich so weit dabei nach vorn ueberneigten, dass es ordentlich aussah,
als ob der ganze Bau mit dem spitzen, wettergrauen Dach naechstens einmal
ohne weitere Meldung nach vorn ueber, und gerade mitten zwischen die Toepfer
und Fleischer hineinspringen wuerde, die an Markttagen dort unten ihre
Waare feil hielten.

Nichtsdestoweniger wurde es noch immer, bis fast unter das Dach hinauf
bewohnt, und der untere Theil desselben ganz besonders zu kleinen
Waarenstaenden und Laeden benutzt. Die Ecke desselben nun, hatte seit langen
Jahren ein Kaufmann oder Kraemer in Besitz, der sich zu seinen
Materialwaaren, Kaffee, Zucker, Tabak, Lichten, Gruetze &c. auch noch in
der letzten Zeit die Agentur mehrer Bremer und Hamburger Schiffsmakler zu
verschaffen gewusst, und damit bald in einer Zeit, wo die Auswanderungslust
so ueberhand nahm, solch brillante Geschaefte machte, dass er die
Materialwaarenhandlung seiner Frau, wie seinem aeltesten Sohn uebertrug, und
fuer sich selber nur ein kleines Stuebchen, ebenfalls nach dem Markt hinaus,
behielt, ueber dessen Thuere ein riesiges, sehr buntgemaltes Schild jetzt
prangte. Dies Schild verdient uebrigens mit einigen Worten beschrieben zu
werden, da die Heilinger in den ersten Tagen -- als es eben erst
aufgehangen worden -- in wirklichen Schaaren davor stehen blieben und es
anstaunten.

Es war ein breites, laenglich viereckiges Gemaelde, ein grosses, dreimastiges
Schiff vorstellend, wie es sich unter vollen Segeln der fremden, ersehnten
Kueste naeherte. Die See selber war hellgruen gemalt, mit einer Unmasse von
sichtbar darin herumschwimmenden Fischen, die den Beschauer wirklich etwas
besorgt um die Sicherheit des Fahrzeugs selber machen konnten. Dessen
wackerer Kiel schaeumte aber mitten hindurch, und der, dem Anschein nach
vollkommen runde, nur nach hinten zu etwas laenglich auslaufende Rumpf,
presste eine grosse gruen und weiss gestreifte Welle vorne auf, die sich wie
eine breite Falte quer vor seinen Bug legte. Die Segel standen dazu fast
ein wenig zu sackartig, und nur an den vier Zipfeln festgehalten, stramm
und steif von den Raaen ab, und die langen blutrothen Wimpel mit roth und
weisser Bremer Flagge hinten an der Gaffel, stroemten und flatterten lustig
nach hinten aus, wahrscheinlich den raschen Durchgang des Schiffes durch
das Wasser anzuzeigen, das derart, durch den Wind getrieben, selbst diesen
ueberfluegelte. Ueber Deck war aber auch die Mannschaft, und Kopf an Kopf
eine volle Reihe bunter Passagiere sichtbar, mit sehr dicken rothen
Gesichtern, die Gesundheit an Bord des Schiffes bestaetigend, und mit sehr
hellgelben und sehr breitraendigen, rothbebaenderten Strohhueten auf, waehrend
hinten auf Deck der Capitain des Schiffes mit einem dreieckigen Hut, wie
einem Fernglas in der einen und einem Dreizack in der andern Hand stand.
Was der Maler mit dem Dreizack andeuten wollte weiss nur er und Gott; er
muesste denn gemeint haben dass der Capitain, wie frueher Neptun, das Meer
beherrsche. Uebrigens war es auch moeglich dass er fischen wolle, und sich
mit dem Fernrohr nur eben den staerksten und fettesten der ihn reichlich
umschwimmenden Fische ausgesucht habe.

Den Hintergrund dieses prachtvollen Seestuecks bildete ein schmaler
Streifen mit einzelnen Palmen bedeckter Kueste, an der eine Anzahl
pechschwarzer, nackter Maenner standen, die nur einen gelb und blauen
Schurz um die Huefte und einen gruenen Busch in der Hand trugen. -- Diese
sahen uebrigens gerade so aus, als ob sie die Ankunft des Schiffes schon
sehnsuechtig und vielleicht sehr lange Zeit erhofft haetten, und nun die
Zeit nicht erwarten koennten dass die Fremden an Land stiegen, damit sie
geschwind fuer sie arbeiten, und ihnen den Boden urbar machen duerften.

Neben dem Bild, und zu beiden Seiten der Thuer, wie sogar noch an dem
innern Theile des Fensterschalters, hingen lange Listen der verschiedenen
anzupreisenden Plaetze fuer Auswanderung. Obenan New-York, Philadelphia und
Boston, dann Quebeck und New-Orleans, Galveston; in Brasilien, Rio de
Janeiro und Rio Grande; in Australien Adelaide, dann Chile, Valdivia und
Valparaiso, und Buenos Ayres mit einer Menge neu entdeckter verschiedener
Kolonien und Ansiedlungen, wohin ueberall die besten kupferfesten Schiffe
A, in unglaublich kurzer Zeit und mit Allem versehen ausliefen, was dem
gluecklichen Passagier das Leben an Bord eines solchen Schiffes nur in der
That zu einer Vergnuegungsfahrt machen muesse und wuerde.

Weigel, wie der Eigentuemer dieser "auslaendischen Versorgungsanstalt" (ein
Spottname den die Heilinger der Weigelschen Agentur gaben) hiess, war ein
dicker, vollgenaehrt und bluehend aussehender Mann, ungefaehr sechs bis
achtunddreissig Jahr alt, mit ein wenig fest umgeschnuerter Cravatte, was
seinen Augen etwas Stieres gab, und sonst einem leisen Anflug von Grau in
den sonst braunen, widerspenstigen Haaren. Die Augen waren gross, blau und
ziemlich ausdruckslos; ein fast mitleidiges Laecheln aber, das oft, und
besonders dann wenn er irgend Jemandes Meinung bestritt, um seine
Mundwinkel spielte, gab dem Ausdruck seiner Zuege jene scheinbare
Ueberlegenheit, die sich zuversichtliche Menschen oft ueber Andere, wenn
mann es ihnen gestattet, anzumassen wissen. Ganz vorzueglich wusste er diese
Miene anzunehmen, wenn er ueber Amerika, oder irgend einen ueberseeischen
Fleck Landes sprach, ueber dem fuer ihn ein gewisser heiliger und
unantastbarer Zauber schwamm, und Jemand dann irgend einen Zweifel gegen
das Gesagte zu hegen wagte. Er schwaermte besonders fuer Amerika, und es gab
deshalb auch, seiner Aussage nach, keinen groesseren Luegner in der Stadt,
als den Redacteur des Tageblatts, den Advokaten und Doctor Hayde in
Heilingen. Dieser und er waren denn auch, wie das sich leicht denken laesst,
grimme und erbitterte Feinde und Gegner, woselbst sich nur irgend eine
Gelegenheit dazu fand.

Weigel bekam, wie das gewoehnlich bei den Agenturen der Schiffsbefoerderung
ueblich und der Fall ist, fuer jede Person die er einem Bremer oder
Hamburger Rheder sicher an Bord lieferte, einen Thaler, kurzweg genannt
"fuer den Kopf" und er theilte deshalb die Leute -- seine Mitbuerger sowohl
wie saemmtliche uebrige Bewohner Deutschland's, in solche ein "die Energie
hatten," d. h. zu ihm kamen und sich bei ihm einen "Platz nach Amerika"
besorgen liessen, wo sie nachher drueben selber sehn konnten wie sie fertig
wurden, und in solche, die "im alten Schlendrian hinkrochen, und hier
lieber verfaulten, ehe sie einen maennlichen entscheidenden Schritt thaten,
ihrer Existenz auf die Beine zu helfen." Jeder der hier blieb betrog ihn
aber wissentlich und mit kaltem Blut um seinen, ihm in ehrlichem Verdienst
zustehenden Thaler, und es verstand sich von selbst, dass er vor einem
solchen Menschen keine Achtung haben konnte.

Er selber kannte die Verhaeltnisse Amerika's nur aus Buechern die das Land
lobten, denn andere las er gar nicht, und bekam er sie einmal zufaellig in
die Hand, so warf er sie auch gewiss mit einem Kernfluch ueber den
"nichtswuerdigen Literaten, der wieder einmal einen ganzen Band voll Luegen
zusammengeschmiert" in die Ecke. Sein groesster Aerger war aber jedenfalls --
und so regelmaessig wie die Uhr Morgens acht schlug -- das Tageblatt, das er
der haeufigen Annoncen wegen halten _musste_, und das ebenso regelmaessig
kleine gehaessige und schmutzige Artikel gegen Amerika wie ueberhaupt gegen
Alles brachte, was sich frei und selbststaendig bewegte.

Zehnmal hatte er sich schon vorgenommen den "kleinen erbaermlichen Doctor"
zu pruegeln, und sehr vielen Leuten wuerde er dadurch ein grosses Vergnuegen
bereitet haben; aber er unterliess es doch jedesmal auch wieder, wenn sich
ihm gleich oft genug die Gelegenheit dazu bot; Beide mussten jedenfalls
schon einmal frueher etwas mit einander gehabt haben, vielleicht mehr von
einander wissen als Beiden zutraeglich war, und ein solcher Bruch waere da
nicht raethlich gewesen.

Sonst lebte Weigel still, und anscheinend als ein vollkommen guter und
achtbarer Buerger, vor sich hin, aber im Stillen wirkte und wuehlte er
seinem Ziel entgegen, und richtete in der That viel Unheil an. Seine
Beschreibungen Amerika's, die er sich selber in kleinen Brochueren aus
anderen Buechern zusammentrug, und um ein Billiges verkaufte, waren ein
langsames Gift, das er in manche friedliche und glueckliche Familie warf,
ein Saatkorn das dort wucherte und Wurzel schlug, und waehrend es die Leser
anreizte nur gleich ohne weiteres ihr Buendel zu schnueren und jenen
herrlichen Laenderstrichen zuzueilen, wo von da an ihr Leben nur einem
murmelnden Bache gleichen wuerde, der zwischen Blumen dahin fliesst, fuellte
er ihre Koepfe mit falschen Ideen und Begriffen von dem Land, das ihre neue
Heimath werden sollte, und machte viele, viele Menschen ungluecklich. In
der neuen Heimath dann angekommen, die ihnen, mit maessigen Anspruechen,
wirklich Manches geboten haben wuerde was ihre Lage, im Vergleich mit dem
alten Vaterland gebessert haben koennte, fanden sie sich jetzt ploetzlich in
all den wilden extravaganten Ideen, die sie durch solche Lectuere
eingesogen, enttaeuscht, fanden die Hoffnungen nicht realisirt, die man
ihnen gemacht, hielten sich fuer schlecht behandelt und ungluecklich, und
verfielen nun oft in das Extrem trostloser und eben so unbegruendeter
Verzweiflung, wobei sie den Mann verwuenschten, der sie hierverlockt, und
sie verleitet hatte, Heimath und eigenen Heerd zu verlassen, einem Phantom
zu folgen. Weigel aber hatte seinen Thaler fuer den richtig abgelieferten
"Kopf" bekommen, und dachte schon gar nicht mehr an die frueher
Befoerderten, die seiner Meinung nach jetzt in einem Meer von Behagen
schwammen und "unter Palmen wandelten."

Herr Weigel war allein in seinem kleinen Bureau, einem niederen, etwas
dumpfen und nicht ueberhellen Stuebchen, dessen eines breites Fenster mit
durch Zeit und Rauch arg mitgenommenen Gardinen verziert war, waehrend die
Waende durch Karten und statistische Tabellen-Anzeigen von Schiffen und
Gasthaeusern, Plaenen von neuangelegten Staedten oder zu verkaufenden Farmen
fast voellig bedeckt hingen. Er sass an einem hohen, ziemlich breiten Pult,
das einen maechtigen Kamm von Gefachen und Schiebladen trug und las, mit
einer Tasse Kaffee neben sich, eben seinen taeglichen Aerger, das
Tageblatt, als es an die Thuer klopfte, und auf sein lautes "Herein" ein
junger, sehr anstaendig, aber trotzdem etwas aermlich gekleideter Mann das
Zimmer betrat.

"Herr Weigel?" sagte der Fremde mit einer leichten Verbeugung.

"Bitte -- ja wohl," sagte Herr Weigel, seine Brille rasch in die Hoehe
schiebend und auf seinem Drehstuhl herumfahrend, seinen Besuch besser in's
Auge zu fassen -- "womit kann ich Ihnen dienen?"

"Sie befoerdern Passagiere nach Amerika?"

"Nach Amerika? -- denke so, hehehe," lachte Herr Weigel, sich vergnuegt die
Haend reibend, "habe schon ganze Colonien hinueber geschafft, Maenner und
Frauen, Weiber und Kinder; sitzen jetzt drueben in der Wolle und schreiben
einen Brief ueber den andern an mich, wie gut es ihnen geht -- da nur den
einen hier, den ich vor ein paar Tagen bekommen habe -- der Mann ist blos
mit zwei tausend Dollarn hinuebergegangen und hat schon eine eigene Farm,
achtzig Acker Land, vierundzwanzig Stueck Rindvieh, einige sechzig
Schweine, fuenf Pferde und will jetzt eine Schaeferei anlegen -- schreibt an
mich ich soll ihm einen Schaefer hinueber schicken, aber einen der die Sache
aus dem Grund versteht, kommt ihm auf ein paar Dollar Lohn nicht dabei an
-- bitte lesen Sie einmal den Brief."

"Sie sind sehr freundlich Herr Weigel," sagte der junge Fremde mit einem
verlegenen wie schmerzhaften Zug um den Mund -- "aber der Brief wuerde
gerade nicht massgebend fuer mich sein, da ich mich gegenwaertig nicht in den
Verhaeltnissen befinde, gleich einen Platz zu _kaufen_. Sind die
Passagierpreise jetzt theuer?"

"Theuer? spottbillig," lachte Herr Weigel, den Brief offen wieder zurueck
auf sein Pult, und seine Brille darauf legend, ihn zu weiterem Gebrauch
bereit zu haben; "spottbillig sag' ich Ihnen, man koennte wahrhaftig auf
dem festen Land nicht einmal dafuer leben -- _so_ nicht; und unter uns -- ich
weiss wahrhaftig nicht wie die Leute dabei auskommen, aber es muss eben die
rasende _Menge_ von Passagieren machen, die sie jetzt woechentlich, ja fast
taeglich hinueber spediren. Es ist fabelhaft was jetzt fuer Menschen
auswandern; auf einmal werden sie Alle gescheidt, und merken endlich was
sie hier haben, und was sie dort erwartet -- ist doch ein famoses Land, das
Amerika."

Und wie viel betraegt die Passage nach dem _naechsten_ Hafen der Vereinigten
Staaten, wenn ich fragen darf, fuer -- fuer eine erwachsene Person und ein
Kind?"

"_Naechsten_ Hafen? -- hehehe, fuerchten sich wohl vor der Seekrankheit?
lieber Gott, daran gewoehnt man sich bald; ist auch gar nicht so arg wie's
eigentlich gemacht wird. Der Mensch, der Doctor Hayde hier im Tageblatt,
hat neulich einen Artikel ueber die Seekrankheit gebracht den er
wahrscheinlich auch selber geschrieben, und wonach Einem gleich ach und
weh zu Muthe werden muesste; der ist aber nur dazu bezweckt den Leuten das
Auswandern zu verleiden. Sie moechten sie gern hier behalten, damit sie sie
nur recht ordentlich plagen und schinden koennen, weiter Nichts; davor
braucht sich kein Mensch zu fuerchten."

"Sie wollten mir aber den _Preis_ der Passage nennen."

"Den Preis? -- ja so -- warten Sie einmal" -- sein Blick fiel auf die
Glacehandschuhe und die schneeweisse Waesche des Fremden, dessen etwas
abgetragene Kleider er in dem halbdunklen Raum nicht so leicht erkennen
konnte, oder auch uebersah -- "der Preis -- Dampfschiff oder Segelschiff?"

"Segelschiff."

"Segelschiff -- wird -- sein -- Preis in erster Cajuete vier und achtzig
Thaler Gold."

"Und die -- die billigeren Plaetze?"

"Billigeren Plaetze -- zweite Cajuete oder Steerage fuenfundsechzig Thaler
Gold  -- "

"Und Zwischendeck?" sagte der Fremde leise und verlegen.

"Zwischendeck wuerde ich Ihnen nicht rathen," meinte Herr Weigel, seine
Brille jetzt abwischend und wieder aufsetzend; "besonders wenn man eine
Frau und ein Kind bei sich hat und es nur irgend ermachen kann, sollte man
nie Zwischendeck gehn, man ruinirt sich's und den Seinigen an der
Gesundheit herunter, was die paar Thaler mehr kosten."

"Aber Sie koennen mir wohl den Preis des Zwischendecks sagen?"

"Ja wohl, mit dem groessten Vergnuegen -- Zwischendeck nach New-York kostet --
warten Sie einmal, ich habe ja hier die letzten Briefe von meinen Haeusern.
Zwischendeck nach New-York kostet vierundvierzig Thaler Gold."

"Vierundvierzig Thaler?"

"Ja es ist seit ein paar Tagen erst wieder um vier Thaler aufgeschlagen,
weil die Leute eben nicht Schiffe genug anschaffen koennen fuer die
Auswanderer. Ist fabelhaft was besonders dieses Jahr fuer Leute
uebersiedeln. Soll ich Sie vielleicht einschreiben? es trifft sich jetzt
gerade gluecklich, denn am 15ten geht ein ganz vortreffliches Schiff ab,
die _Diana_, Dreimaster, gut gekupfert, mit allen nur moeglichen
Bequemlichkeiten versehn und einem Capitain, ich sage Ihnen ein wahrer
Schentelmann, wie er sich gerade nicht immer auf den Schiffen findet."

"Ich danke Ihnen fuer jetzt noch bestens, lieber Herr Weigel," sagte der
junge Mann -- "ich muss doch nun erst mit meiner Frau Ruecksprache ueber diess
nehmen, denn erst seit gestern ist mir die Idee ueberhaupt gekommen
auszuwandern; aber -- noch eine Bitte haette ich an Sie," und er drehte
dabei den Hut den er in der Hand hielt, fast wie verlegen zwischen den
Fingern  -- "

"Ja? womit koennte ich Ihnen dienen?" frug Herr Weigel.

"Koennten Sie mir wohl sagen, ob die Capitaine der Segelschiffe -- ich habe
einmal irgendwo gelesen dass das manchmal geschaehe -- auch Leute --
Passagiere mitnaehmen, die unterwegs ihre Passage -- abarbeiten duerften und
also -- auch keine Ueberfahrt zu bezahlen brauchten?"

"Keine Passage zahlen?" sagte Herr Weigel, die Lippen vordrueckend und die
Augenbrauen in die Hoehe ziehend, waehrend er langsam und halb laechelnd mit
dem Kopfe schuettelte -- "keine Passage bezahlen? -- ne lieber Herr -- ja so
wie heissen Sie denn gleich  -- "

"Eltrich," sagte der junge Mann etwas zoegernd  --

"So? -- ne mein lieber Herr Eltrich, davon steht Nichts in unseren
Verzeichnissen und Contracten; im Gegentheil, _da_ kommen wir zusammen;
das ist der Hauptpunkt, der Nervum Rehrum, der die ganze Geschichte
eigentlich zusammenhaelt, Amerika und Europa und die umliegenden
Dorfschaften, heh, heh, heh."

"Aber wenn nun irgend ein armer Teufel," fuhr der Fremde etwas lauter,
fast wie aengstlich fort -- "irgend ein armer Teufel sein ganzes Hoffen eben
auf eine Reise nach Amerika gesetzt haette, und bestimmt wuesste dass er dort,
wenn auch nicht gerade sein Glueck machen, doch sein Auskommen finden
wuerde?  -- "

"Nun dann soll er gehn -- um Gottes Willen gehn, und am 15ten dieses wird
wieder das neue, kupferfeste -- ja so, aber er muss bezahlen," unterbrach er
sich rasch als ihm einfiel von was sie vor erst wenigen Secunden
gesprochen, "er muss bezahlen, sonst nimmt ihn kein Capitain der Welt mit
ueber See."

"Und Sie glauben nicht dass da jemals eine Ausnahme stattfinden duerfte?"
sagte Herr Eltrich -- "es werden doch Leute auf See gebraucht zu den
nothwendigsten sowohl, wie den geringeren Arbeiten, und die Capitaine
muessen gewiss dafuer _bezahlen_. Wenn sich also nun Jemand erboete alle diese
Verrichtungen ganz _umsonst_, nur um Passage und die einfachste
Matrosenkost zu machen, sollte das nicht moeglich sein zu erlangen?"

"Lieber Herr," sagte der Herr Weigel, dem es jetzt so vorkommen mochte als
ob er mit dem Fremden da kein besonders grosses Geschaeft machen wuerde, und
der anfing ungeduldig zu werden, "zu den Arbeiten an Bord eines Schiffes
werden _Matrosen_ gebraucht, und wer kein Matrose ist, kann die auch nicht
verrichten. Das ist keine kleine Kunst, lieber Herr Schelbig, in den Tauen
den ganzen Tag herumzuklettern und zwischen den Segeln, wenn das Schiff
bald so herueberschlenkert und bald so" -- und er begleitete dabei seine
Erklaerung mit einer entsprechenden Bewegung der vor sich gerade
aufgehaltenen Hand -- "da muessen die Leute fest stehen koennen wie die
Mauern, sonst kann man sie nicht gebrauchen."

"Aber glauben Sie nicht, wenn man einmal an einen Capitain schriebe, ob er
sich doch nicht am Ende bewegen liess; oder" -- setzte er rasch hinzu, wie
von einem ploetzlichen Gedanken ergriffen, "wenn man sich nun verbindlich
machte die Passage nach einer bestimmten Zeit in Amerika nachzuzahlen --
sie dort abzuverdienen?"

"Ja da koennte Jeder kommen," sagte Herr Weigel kopfschuettelnd, "wenn die
Leute erst einmal drueben sind, thun sie was sie wollen. Das ist ein freies
Land da drueben, Herr Wellrich, und da koennte man nachher jedem Einzelnen
nachlaufen, und sehen dass man sein Geld wieder kriegte. Ne, damit ist's
faul, und ich nun einmal vor allen Dingen, moechte mich nicht auf solch
eine Quaengelei einlassen; daran hat man keine Freude, und das ist auch
kein rundes Geschaeft."

"Es ist nur ein armer Verwandter, der sich auf solche Weise gern
forthelfen wuerde," sagte Herr Eltrich erroethend -- "er ist sehr fleissig und
wuerde arbeiten wie ein Sclave, die Zeit ueber."

"Ja das glaub' ich," meinte Herr Weigel gleichgueltig -- "versprechen thun
die Art Herren gewoehnlich Alles was man von ihnen haben will."

"Koennten Sie mir denn vielleicht die Adresse irgend eines Schiffes oder
Rheders geben, der bald ein Schiff hinueberschickt," sagte der junge
Fremde, sich schon wieder zum Gehen ruestend -- "wenn ich vielleicht selber
einmal dorthin schriebe, um Sie nicht weiter mit der Sache zu belaestigen."

"Ja, schreiben koennen Sie," sagte Herr Weigel, "hehehe; aber Sie werden
keine Antwort bekommen; darauf koennen Sie sich verlassen. Die Leute da
haben mehr zu thun, als sich eines Passagiers wegen, fuer den sie noch
umsonst die Kost hergeben muessten, in eine Correspondenz einzulassen; kann
ich ihnen auch gar nicht so sehr verdenken."

"Und die Adresse?"

"Die Adresse? -- da, hier liegt die neueste Auswanderer-Zeitung; wenn Sie
wollen, koennen Sie sich da ein oder zwei Adressen herausschreiben. Da
hinten, auf der letzten Seite stehen sie."

Herr Weigel sah nach der Uhr, drehte sich wieder auf seinem Drehstuhl, der
beim Aufschrauben etwas quietschte, herum, schob das Tageblatt zur Seite
und rueckte sich einen Bogen Papier zurecht, als ob er irgend einen
nothwendigen Brief zu schreiben haette.

Wieder klopfte es da an die Thuer, und diessmal, ohne ein ermunterndes
"Herein" zu erwarten, oeffnete sie sich, und drei Bauern, denen die grossen
silbernen Knoepfe auf Weste und Rock und das feine Tuch der letzteren, die
jedoch ganz nach ihrem alten baeurischen Schnitt gemacht waren, etwas
ungemein solides gaben, traten, die Huete erst unter der Thuer und schon im
Zimmer abziehend, herein, und gruessten die beiden Leute die sie hier
beisammen fanden, mit einem herzlichen "Guten Morgen miteinander."

Das waren die Leute die Herr Weigel gern kommen sah, die wussten wesshalb
sie die eine Hand immer in der Tasche trugen, denn sie hatten dort etwas
zu verlieren, und waren nicht selten dabei die Vorboten eines groessern
Trupps, oft einer ganzen "Schiffsladung voll" die aus ein und derselben
Gegend auswandern wollte, und ein paar der Angesehensten indess
vorausgeschickt hatte, Platz fuer sie zu bestellen. Wie der Blitz war er
denn auch von seinem Stuhle herunter, schuettelte ihnen nacheinander die
Hand, und frug sie wie es ihnen ginge und was sie hier zu ihm gefuehrt.

"Seid Ihr der Mensch der die Leute nach Amerika schickt?" sagte da der
Eine von ihnen, eine breitkraeftige, sonngebraeunte Gestalt mit vollkommen
lichtblonden Haaren und Augenbrauen, aber dabei gutmuethigen vollen und
frischen Zuegen, dem das Ganze uebrigens etwas fremd und unheimlich
vorkommen mochte, denn er warf den Blick waehrend er sprach wie scheu von
einer der Schiffszeichnungen zur anderen, und schien sich ordentlich dazu
zwingen zu muessen das zu sagen, was er eben hier zu sagen hatte.

"Nun nach Amerika _schicken_ thu' ich sie gerade nicht," laechelte Herr
Weigel, die Anderen dabei ansehend, und etwas verlegen ueber die vielleicht
ein wenig plumpe Anrede.

"Nicht?" sagte der Bauer rasch und erstaunt -- "aber hier haengen doch all
die vielen Schiffe."

"Nun ja, ich besorge den Leuten Schiffsgelegenheit die hinueber _wollen_,"
sagte Herr Weigel, jetzt geradezu herauslachend, weil er glaubte dass sich
der Mann mit ihm einen Scherz gemacht, auf den er natuerlich einzugehen
wuenschte."

"Ja aber wir _wollen_ eigentlich noch nicht hinueber," sagte der zweite von
den Bauern, seinen Hut auf seinen langen Stock stellend, und sich dabei
verlegen hinter den Ohren kratzend -- "wir wollten uns nur erst einmal hier
erkundigen ob denn das auch wirklich da drueben so ist, wie es jetzt immer
in den Auswanderungszeitungen steht, und ob man blos hinueberzugehn und
zuzulangen braucht, wenn man eine gut eingerichtete Farm mit ein paar
hundert Morgen Land haben will."

"Ja wenn man Geld hat," lachte Herr Weigel.

"I nu -- Geld haetten wir," sagte der Bauer, und sah seine Nachbarn an.

"Ich bin Ihnen sehr dankbar," unterbrach den Sprecher hier der junge Mann,
der indessen die Zeitung nachgesehn, und sich Einzelnes daraus notirt
hatte. "Bitte," sagte Herr Weigel, und nahm ihm das Blatt, ohne sich
weiter um ihn zu bekuemmern, aus der Hand, und wandte sich wieder zu den
Bauern, als der junge Fremde sich mit einem artigen:

"Guten Morgen meine Herren" empfahl.

"Adje Herr -- Herr Schnellig," rief der Agent ziemlich laut hinter ihm her,
ohne sich weiter nach ihm umzudrehen, waehrend die Bauern freundlich den
Gruss in ihrer Art erwiederten.

"Wer war der junge Herr?" frug der erste Sprecher aber, als er die Thuer
rasch hinter sich in's Schloss gedrueckt.

"Ach, ein armer Teufel, der gern mit umsonst nach Amerika hinueber moechte,"
sagte Herr Weigel -- "er thut zwar als waer' es nur fuer einen armen
Verwandten, aber, hehehe, derlei Ausreden kennen wir schon -- kommen alle
Wochen vor."

"Umsonst mit nach Amerika?" sagte der erste Sprecher verwundert, "_der_
sieht doch nicht aus als ob er etwas umsonst haben wollte, der ging ja
_so_ fein gekleidet; Donnerwetter -- mit Handschuhen und allem  -- "

"Ja auswendig sind die Leute in der Stadt meist alle schwarz und sauber
angestrichen," lachte Herr Weigel, "aber inwendig, in den Taschen, da
hapert's nachher. Wer aber ein Bischen Uebung darin hat, kann auch schon
oben auf erkennen, ob der Lack aecht, oder blos nachgemacht ist, hehehe."

"Bei dem war er wohl nachgemacht?" sagte der zweite Bauer, dem Anschein
nach gerade nicht unzufrieden damit, dass der "glatte Stadtmensch" nicht so
viel galt wie sie, und dass der Auswanderungsmann das sogleich durchschaut
hatte. Herr Weigel nickte, seine Zeit war ihm aber kostbarer, als sie noch
laenger an Jemanden zu verschwenden, bei dem er doch voraussah, dass er von
ihm keinen Nutzen haben wuerde, und er suchte das Gespraech wieder dem mehr
praktischen Anliegen der drei Bauern zuzulenken.

"Also Sie wollten mitsammen nach Amerika gehn und sich eine ordentliche
Farm, gleich mit Land, Vieh, Haeusern und was dazu gehoert, ankaufen heh? --
'waer keine so schlechte Idee."

"Ja erst moechten wir aber einmal wissen wie die Sache steht;" sagte der
Erste wieder, der Menzel hiess, "wenn man ueber einen Zaun springen will,
ist es viel vernuenftiger dass man erst einmal hinueber guckt was drueben ist,
und wenn man das nicht kann, dass man Jemanden fragt der es genau weiss.
Sind denn die Farmen da drueben wirklich so billig? -- ist das wahr, dass man
dort noch gutes frisches Land fuer ein und einen Viertel Thaler kaufen
kann?"

"Thaler? -- nein," sagte Herr Weigel, "_Dollar_." "Ja nun, das ist aber
auch nicht viel mehr," meinte der Zweite, Mueller.

"Nun ein Dollar ist ungefaehr ein Speciesthaler," sagte Herr Weigel --
"lassen Sie mich einmal sehn -- die stehn jetzt -- stehn jetzt 1 Thlr. 121/2
Silber- oder Neugroschen."

"Nu ja," sagte Menzel wieder, "das ist aber immer kein Geld -- und fuer
tausend Dollar kauft man da eine fix und fertig eingerichtete Farm, wie
sie's glaub' ich nennen? mit Allem was dazu gehoert?"

"Ich habe hier gerade," sagte Herr Weigel in seinen Papieren suchend, "ein
paar Anerbietungen von hoechst achtbaren Leuten -- wirklichen Amerikanern --
die mir Farmen zu hoechst maessigen Bedingungen offeriren. -- Die Leute wissen
da drueben dass hier Viele zu mir kommen und sich nach solchen Plaetzen
erkundigen, und wenn sie dann 'was Gutes haben, schicken sie's mir. -- Wo
hab' ich denn die verwuenschten Plaene jetzt hingelegt -- ah, hier ist der
eine -- sehn Sie, Gebaeude und Alles sind darauf angegeben -- und der andere
kann nun auch nicht weit sein; ich habe sie erst vorgestern meinem Bruder
gezeigt, der gar nicht uebel Lust hatte eine davon fuer sich zu kaufen -- da
ist er."

Die drei Bauern draengten sich um den kleinen Tisch herum auf dem Herr
Weigel die Plaene jetzt ausbreitete, und suchten sich in den kreuz und quer
laufenden Strichen zu orientiren, wie der Platz eigentlich liege, und was
darauf staende.

"Ja aber wo ist denn das nun eigentlich, und wie sieht's dort aus?" sagte
Menzel endlich, nach einigen vergeblichen Versuchen deshalb -- "aus der
Geschichte hier wird man nicht klug."

"Ja sehn Sie," sagte Weigel, mit seinem Finger den Plan erklaerend, und den
angegebenen Zahlen folgend, "das hier, Nr. 1 ist das Wohnhaus, ein
Doppelgebaeude, der Zeichnung nach mit einer offenen Veranda dazwischen,
des warmen Klima's wegen, denn drum herum stehen "Baumwollenbaeume"
angegeben; Nr. 2 da ist ein anderes Gebaeude, bis jetzt zu Negerwohnungen
benutzt, denn der bisherige Besitzer scheint Sclaven gehalten zu haben;
Nr. 3 ist eine Scheune; Nr. 4 ist ein Rauchhaus, die Leute verschicken von
dort aus viel getrocknetes Fleisch; Nr. 5 ist, wie es scheint, ein
Waschhaus, und Nr. 6 ein anderes Wohnhaus, was dem ersten gegenuebersteht,
und wahrscheinlich den ganzen Hofraum, da die Front nach dem Flusse zu
liegt, abschliesst.

"Und welcher Fluss ist das?"

"Der Missouri, einer der groessten Stroeme Amerika's, ueber eine englische
Meile breit, und viel hundert Meilen hinauf schiffbar; alle Wetter meine
Herren, von den dortigen Stroemen koennen wir uns hier gar keinen Begriff
machen."

"Hm -- und wieviel Land gehoert dazu?"

"Dazu gehoert ein "Died" von 40 Acker, was frueher als Congressland gekauft
und schon bezahlt ist, und natuerlich mit uebernommen wird, und um den Platz
herum kann noch so viel Congressland dazu genommen werden, wie man haben
will -- nur die vierzig Acker, von denen aber ein Theil schon urbar gemacht
ist, muessen natuerlich hoeher bezahlt werden."

"Und was soll die ganze Geschichte kosten?" frug Mueller. -- Der dritte,
dessen Name Brauhede war, hatte noch kein einziges Wort zu der ganzen
Verhandlung gesagt.

"Die ganze Geschichte," erwiederte Weigel, sich das Kinn streichend, "wie
ich sie Ihnen hier gleich an Ort und Stelle ueberlassen kann, mit Haeusern
und Grundstueck und dazu noch einem kleinen Viehstand von vielleicht
einigen achtzig Stueck Rindvieh, und fuenfundfunfzig oder sechzig Schweinen,
wuerde -- etwa -- ein tausend und einige sechzig spanische Dollar betragen  --
"

"Und das waere nach unserem Geld?" sagte Menzel, Mueller dabei heimlich
unter dem Tisch anstossend  -- "

"Nach unserem Geld?" wiederholte Herr Weigel, mit einem Stueck dort
liegender Kreide die Summen rasch auf dem Tisch selber aufaddirend --
"wuerde es in einer runden Zahl etwa 1000 -- 400 -- eine Kleinigkeit ueber
1400 Thlr. Preuss. Courant betragen."

"Wieviel Stueck Rindvieh?" sagte Mueller.

"Einige achtzig Stueck sind angegeben," sagte Weigel, "und muessen auch
ueberliefert werden; aber gewoehnlich sind es noch mehr, denn das Vieh laeuft
draussen im Freien herum und bekommt Kaelber und man weiss es oft nicht
einmal -- die Kaelber werden ueberhaupt nie mitgezaehlt."

"Und die Passage hinueber kostet?" frug Menzel  --

"Zwischendeck oder Cajuete?"

"Zwischendeck -- immer wo's am Billigten ist," lachte Menzel, und strich
sich wohlgefaellig ueber die silbernen Knoepfe.

"Ja, kann mir's denken," rief Herr Weigel, auf den Scherz eingehend, und
ihn leise gegen den Arm von sich stossend -- "Sie sehn mir auch gerade aus,
als ob's Ihnen auf ein paar Thaler ankaeme."

"Ja, wo man's kann muss man's zusammennehmen," betheuerte aber auch Mueller
-- "also wieviel kostet's im Zwischendeck a Person?"

"Vierundvierzig Thaler fuer die Person -- Kinder zahlen die Haelfte."

"Aber ganz kleine Kinder?" sagte Mueller.

"Nun Saeuglinge gehen ein," lachte Herr Weigel, "das ist die Beilage, die
doch auch nur vom Schiff aus indirecte Nahrung bekommen."

"Leichten Zwieback?" frug Menzel.

"Ja wohl," sagte Herr Weigel, etwas verlegen laechelnd, da er nicht wusste
ob der Bauer das im Spass oder Ernst gemeint -- "wie viel Personen sind Sie
denn aber wohl etwa?"

"Nu, so eine sechzig moechten wir immer zusammen herausbekommen," meinte
Mueller  --

"Aber Alle auf ein Schiff muesstet Ihr uns bringen," sagte Menzel.

"Nun das versteht sich von selbst," rief Herr Weigel, und ein famoses
Schiff geht gerade den funfzehnten ab -- ich glaube das beste, das von
Bremen und Hamburg ueberhaupt laeuft -- die Diana."

"Ne das waer' uns noch zu frueh  -- "

"Am ersten naechsten Monats geht ein noch besseres," sagte Herr Weigel --
"wenigstens geraeumiger und ein besserer Segler."

"Ne das waer' uns auch noch zu frueh," sagte Menzel.

"Gut, dann traefen Sie es gerade ausgezeichnet mit dem Meteor," versicherte
Herr Weigel, keineswegs ausser Fassung gebracht; "ich wollte Ihnen den im
Anfang nicht anbieten, weil ich fuerchtete dass Sie frueher zu reisen
wuenschten, wenn Sie aber _so_ lange Zeit haben, dann kann ich Ihnen
allerdings die vorzueglichste Reisegelegenheit bieten, die sich nur
ueberhaupt denken laesst."

"So -- na das passte schon besser  -- " sagte Mueller -- "wie hiess das Schiff
gleich?"

"Meteor."

"Hm -- werd' es mir merken -- aber nicht wahr, beim _Dutzend_ kriegen wir
die Passage doch auch was billiger."

"Ne, das geht nicht," lachte aber Herr Weigel da gerade heraus; "es ist ja
nicht so, dass ein Schiff nur eben so viel Menschen an Bord nehmen kann wie
darauf Platz haben, sondern es muss auch genug Raum, und ueber und ueber
genug Essen und Trinken fuer sie dabei sein, wenn einmal die Reise, in
einem ungluecklichen Fall laenger dauerte als gewoehnlich. So ein Schiff hat
deshalb auch nur eine bestimmte Zahl von Auswanderern, die es an Bord
nehmen kann, und nach Amerikanischen Gesetzen nehmen _darf_, und auf die
ist Alles mit Kosten und Preis ausgerechnet, auf's tz. Die kleinen Kinder
werden eingegeben, aber die grossen muessen bezahlen. Und wie war's mit der
Farm?"

"Wo ist denn der andere Platz -- zu dem da der lange Zettel gehoert?" sagte
Menzel, der sich diesen indessen genau betrachtet, und nach allen Ecken
herum und herumgedreht hatte, ohne, wie er meinte, einen Handgriff dran
bekommen zu koennen.

"Der hier? der ist in Wisconsin; auch ein guter Platz, aber kein so grosser
Strom dabei," sagte Herr Weigel -- "ist aber auch billiger. Dort kann ich
Ihnen eine Farm, allerdings nur mit einigen vierzig Kuehen, fuer etwa
siebenhundertundfunfzehn Dollar ueberlassen, und dann habe ich noch fuenf
andere von sechs, acht, elf, neun und ich glaube zwoelfhundert Dollar -- die
letztere ist aber eine wirkliche Musterwirthschaft mit importirtem
Schweizervieh, und Backsteingebaeuden, und einer prachtvollen Lage Milch
und Butter in die nicht zu entfernte Stadt zu bringen; wird Ihnen aber
auch freilich wohl zu theuer sein?"

"Zu theuer? -- warum?" sagte Menzel -- "wenn man sich einmal etwas kauft,
soll man sich auch gleich 'was ordentliches anschaffen. Ich habe mir
uebrigens die Sache immer viel schwieriger vorgestellt mit dem Ankaufen,
und gedacht, dass man da erst lange in der Welt umher fahren und sein Geld
verreisen muesste. Wenn man das gleich hier an Ort und Stelle abmachen kann,
ist das ja weit bequemer."

"Auf eins moechte ich Sie uebrigens noch aufmerksam machen, meine Herren,
was Sie ja nicht versaeumen duerfen," sagte Herr Weigel -- "naemlich sich hier
gleich Ihre Billets zur Weiterfahrt in's Innere, wohin Sie auch immer
wollen, zu loesen.

"Von Neu-York aus?" sagte Menzel verwundert.

"Ja wohl von Neu-York oder Philadelphia oder wohin Ihr Reiseziel liegt."

"Ja aber kann man denn die _hier_ bekommen?" frug Mueller.

"Gewiss kann man das," laechelte Herr Weigel, "und das ist gerade der
ungeheure Vortheil unserer jetzigen Verbindung, die den Auswanderer von
der Thuer seiner alten Heimath fort, vor die seiner neuen setzt, ohne dass
er ein einziges Mal in die Tasche zu greifen und mehr zu bezahlen braucht,
als was er gleich von allem Anfang entrichtet hat. Das eben macht auch das
Reisen jetzt so billig, dass man mit _einem_ Blick im Stande ist saemmtliche
Kosten zu uebersehn; die Extra-Ausgaben fallen ganz weg."

"Das waere freilich ein Glueck," sagte Mueller, von dem erst vor einigen
Monaten ein Bruder "hinueber" gegangen war -- "die Extra-Ausgaben fressen
sonst das meiste Geld."

"Ob sie's fressen, bester Herr, ob sie's fressen," sagte Herr Weigel, sich
wieder vergnuegt die Haende reibend.

"Und wo kann man die Billete also bekommen?" frug Menzel.

"Bei mir hier, versteht sich," sagte Herr Weigel -- "alle bei mir."

"Und die gelten dann drueben?"

"Nun versteht sich doch von selbst," lachte der freundliche Agent, "ich
wuerde sie ja Ihnen doch sonst nicht verkaufen. Sehn Sie, wenn die
Deutschen hinueber kommen, dann sprechen sie gewoehnlich noch kein Englisch
-- oder haben Sie das etwa schon gelernt?"

"Ne  -- "

"Nun sehn Sie, und dann werden sie dort von ihren Landsleuten -- denn der
Amerikaner ist nicht halb so schlimm -- die sich das richtig zu Nutze zu
machen wissen, tuechtig ueber's Ohr gehauen, und muessen gewoehnlich gerade
noch einmal so viel bezahlen, als die Sachen eigentlich kosten.

"Aber es soll doch eine "Deutsche Gesellschaft" drueben in Neu-York sein,"
sagte jetzt Brauhede, der zum ersten Mal bei der ganzen Verhandlung den
Mund aufthat -- "die sich eben der Deutschen annimmt und Nichts dafuer
verlangt."

"Leben wollen wir _Alle_," sagte Herr Weigel achselzuckend -- "umsonst ist
der Tod, und dass die Leute, wenn sie ihre Zeit darauf verwenden fuer die
Deutschen zu sorgen, auch etwas dafuer nehmen werden, laesst sich wohl an den
fuenf Fingern abzaehlen. Neu-York ist aber ein theures Pflaster, die Leute
_brauchen_ dort mehr wie wir hier, und wer es daher _billiger_ thun kann
ist auch wieder leicht einzusehn. Ich will mich auch keineswegs empfehlen;
lieber Gott es giebt noch eine Menge Leute in Deutschland, die sich
demselben schwierigen und undankbaren Geschaeft unterzogen haben wie ich,
und die es sich vielleicht eben so sauer werden lassen gerade und ehrlich
durch die Welt zu kommen; aber Einen der es besser _meint_ dabei, werden
Sie wohl schwerlich finden, und ich ueberrede gewiss Niemanden nach Amerika
auszuwandern. Jeder Mensch muss seinen freien Willen haben, und auch am
Besten selber wissen was ihm gut ist."

"Ne gewiss," sagte Menzel -- "da habt Ihr ganz recht, das ist auch mein
Grundsatz; aber das mit dem Amerika leuchtet mir auch ein, und umsonst
thut da gewiss Niemand etwas -- das sind verflixte Kerle da, hab' ich mir
sagen lassen, besonders die Deutschen, und wo die nicht wollen gucken sie
nicht 'raus."

"Also die Billete kann man hier bei Euch kriegen?" sagte Mueller.

"Wohin Sie wollen, und ich stehe Ihnen dafuer dass sie nicht allein aecht
sind, sondern dass die hier in Deutschland geloesten Plaetze auch noch den
Vorrang haben vor allen in Amerika genommenen, wenn einmal Eisenbahn oder
Dampfboote zu sehr besetzt sein sollten. Es ist ja hier gerade so mit der
Post, wo Die, die sich zuerst, und auf der laengsten Station haben
einschreiben lassen, den Vorrang behalten muessen vor denen die nachher
kommen.

"Ahem, das ist klar," sagte Menzel; "na also da daecht' ich liessen wir uns
gleich einmal Plaetze belegen und gaeben das D'raufgeld, damit wir die Sache
richtig haetten, und nachher koennen wir ja einmal ueber die Farmen sprechen;
ich habe verwuenschte Lust."

"Du, das hat noch Zeit," sagte aber jetzt Brauhede wieder, Menzel am Rocke
zupfend; "erst muessen wir es uns doch einmal mit den Anderen zu Hause
ueberlegen."

"Wenn aber nachher die Plaetze auf dem ganz guten Schiffe fort sind," sagte
Mueller mit einem sehr bedenklichen Gesicht.

"Ja, _stehen_ kann ich Ihnen _nicht_ dafuer," versicherte Herr Weigel die
Achseln zuckend, dass sie beinah seine Ohrlaeppchen beruehrten.

"Na mein'twegen," sagte Brauhede, der allerdings auch in der Absicht
hierher gekommen war, ihre Passage fest zu accordiren, jetzt aber, da es
dazu kam Geld zu zahlen, nur ungern damit herausrueckte -- "aber von wegen
der Farm muessen wir noch erst mit den Anderen sprechen, und eine Farm
kriegen wir auch noch immer."

"Ja aber was fuer eine," sagte Herr Weigel.

Brauhede blieb uebrigens bei seiner Meinung, und Menzel bestand jetzt nur
wenigstens darauf die beiden Plaene einmal mitzunehmen, damit sie sich zu
Hause ordentlich hinein denken koennten. Wenn auch Herr Weigel sie im
Anfang nicht ausser Haenden geben mochte, ja sogar versicherte er habe nicht
uebel Lust die eine Farm fuer sich selber auf Spekulation zu kaufen, liess er
sich doch zuletzt ueberreden ihnen, aber allerdings nur auf zwei Tage, die
Plaene zu ueberlassen, und dann das Weitere ueber den Ankauf mit einer
zweiten Deputation der Gesellschaft zu besprechen.

Menzel bezahlte dann das Aufgeld auf ihre Passage im _Meteor_ fuer
siebenundfunfzig Personen und dreizehn Kinder, die saemmtlich aus _einer_
Ortschaft auswandern wollten, und nahm dann auch noch, nach einer kurzen
Berathung mit den beiden anderen, die noethigen Billete auf der Eisenbahn
von Neu-York aus, oder machte wenigstens eine Anzahlung darauf, dass sie
ihnen der Agent aufbewahrte, da dieser sie versicherte er sei nur noch im
Besitz einer sehr kleinen Anzahl, und wisse nicht, wann er gleich wieder
andere bekommen wuerde, waehrend die Anfrage darnach sehr stark waere.

Ausserdem kauften sie sich auch noch ein halbes Dutzend kleine Brochueren,
die Herr Weigel, wie er sagte, gerade frisch aus der Druckerei als etwas
_ganz Neues_ bekommen hatte -- ein Datum stand nicht darauf -- und die drei
Maenner verliessen dann wieder, von dem schmunzelnden Agenten bis an die auf
den Markt fuehrende Thuer begleitet, das Haus.

"Hoere Du," sagte aber Brauhede als sie wieder vor dem Haus und auf der
Strasse waren, und langsam ueber den Markt weggingen, "mit dem Landkaufen
wollen wir uns doch lieber hier noch nicht einlassen, das ist eine
wunderliche Geschichte und will mir nicht recht in den Kopf."

"Nicht in den Kopf?" rief aber Menzel -- "und warum nicht? -- der Mann
bekommt alle Tage Briefe aus Amerika, warum soll der nicht wissen was dort
zu verkaufen ist?"

"Wenn's aber so gut und billig waere, brauchten sie's doch nicht hier
herueberzuschicken," meinte Brauhede kopfschuettelnd.

"Das ist Alles was Du davon verstehst," sagte Mueller, "Amerikaner koennten
sie gewiss genug zu Kaeufern kriegen, aber deutsche Bauern wollen sie, die
ihnen zeigen wie man das Land behandeln muss, und darum schicken sie
herueber -- die sind froh drueben, wenn unsereins hinueber kommt.

"Nun, mag sein," brummte Brauhede -- "aber sicher ist doch sicher, und wenn
ich mein Geld hier weggegeben habe, und kann das Land was mein sein soll
nachher nicht finden, wie's dem Niklas seinem Bruder gegangen ist, nachher
waere die Geschichte aber faul."

"Dem Niklas sein Bruder war aber auch ein Esel," sagte der Andere, "der
sich hier Land von einem herumziehenden Vagabunden gekauft; da sollt' er
nachher wohl suchen. Aber _der_ Mann hier ist in der Stadt ansaessig und
hat ein Geschaeft; was der verkauft das muss gut sein, sonst waer' er ja gar
nicht sicher dass man ihn einmal deshalb beim Kragen kriegte."

"Ja krieg' ihn einmal wenn Du drueben in Amerika bist," sagte Brauhede
ruhig -- "das ist ein verwuenscht weiter und umstaendlicher Weg und -- wenn
man sich einmal hat anfuehren lassen, will man auch nicht gern noch dazu
ausgelacht werden."

"Papperlapapp!" sagte Menzel -- "dafuer hat Jeder seine Augen dass er sie
offen haelt, und ehe ich ihm mein gutes Geld gebe, werd' ich mich schon
sicher stellen dass er mir Nichts aufbindet."

Und die Maenner schritten, Jeder von jetzt an mit seinen eigenen Gedanken
ueber die nahe Auswanderung beschaeftigt, langsam die Strasse hinunter,
waehrend in seinem kleinen Bureau, vergnuegt die Haende zusammenreibend, Herr
Weigel auf und ab spazieren ging, und sich im Geist die naechst zu
ziehenden Summen zusammenaddirte, die er in kurzer Zeit, nach eifriger
Aussaat, einzuerndten hoffte. Die Geschaefte gingen vortrefflich; Lust zur
Auswanderung hatte in der That ein Drittel der saemmtlichen Bevoelkerung,
und es bedurfte nur manchmal wirklich einer leisen Anregung, die Leute zu
etwas zu bewegen, zu dem sie schon halb und halb selber entschlossen
gewesen waren.

Herr Weigel war sehr guter Laune; er legte jetzt die Haende auf den Ruecken
und summte ein leises Lied vor sich hin, seinen Marsch dabei fortsetzend.
Aber er sang falsch; er hatte keine Idee von irgend einer Melodie; doch
das schadete nichts, er _meinte_ wenigstens eine, und da er selber nicht
hoerte was er sang, genuegte es ihm vollkommen.

Die Thuer ging jetzt auf und der Tischler oder Schreiner kam herein, irgend
etwas an dem Pult auszubessern -- er hatte zweimal angeklopft ohne dass der
vergnuegte Agent darauf geantwortet haette.

"Guten Morgen Herr Weigel."

"Ah guten Morgen Meister -- nun kommen Sie endlich? ich hatte schon ein
paar Mal nach Ihnen hinuebergeschickt  -- "

"Ja lieber Gott Herr Weigel, ich war gerade drueben beim Herrn Geheimen
Rath Baerlich beschaeftigt -- die Leute sind so eigen wenn man von der Arbeit
fort geht  -- "

"Sehn Sie, hier das Bein moecht' ich gemacht haben; der Tisch wackelt da
immer, und wenn man etwas darunter legt, verschiebt sich das doch jedesmal
wieder. Koennen Sie es mir wohl bis heute Nachmittag in Ordnung bringen?"

"Ja gewiss," sagte der Mann, "das ist ja nur eine Kleinigkeit."

"Und wie ist es mit den Auswandererkisten die ich bestellt habe? -- werden
die bis heute Abend fertig?

"Ja wohl Herr Weigel; sechs habe ich schon in das Gasthaus "Stadt
Breslau," wie Sie mir sagten, abgeliefert."

"Nun das ist gut, denn der ganze Zug wird noch heute Vormittag ankommen,
und will morgen frueh wieder fort -- es sind doch noch keine Auswanderer
heute Morgen hier eingetroffen?  -- "

"Nicht dass ich gesehen haette -- aber gestern Abend zogen Viele durch."

"Ja ich weiss -- von Hessen herueber -- die armen Teufel; denen wird's einmal
wohl drueben werden. Nun wie gehn denn bei Ihnen die Geschaefte jetzt?"

"Ih nu gut, Herr Weigel, ich kann gerade nicht klagen; das Brod wird
freilich immer theuerer, aber man schlaegt sich so durch -- Kinder haben wir
nicht, und was verdient wird reicht eben ordentlich aus."

"Ich begreife nicht," sagte Herr Weigel da kopfschuettelnd vor dem Mann,
der seine Muetze eben wieder aufgegriffen hatte und sich zum Fortgehen
anschickte, stehen bleibend -- "wie Ihr Leute Euch hier vom Morgen bis
Abend plagt und schindet, eben nur das liebe Brod zu verdienen, wo Ihr in
ein paar Wochen drueben sein koenntet und so viel Dollare fuer Euere Arbeit
bekaemt, wie hier Groschen.

"Drueben, wo?"

"Nun in Amerika  -- "

"Hm, ja," sagte der Mann, sich nachdenkend das Kinn streichend, und einen
leichten Seufzer unterdrueckend -- "gedacht hab' ich auch schon ein paar Mal
daran, aber -- das geht nicht gut und -- es ist auch so eine unsichere Sache
mit da drueben. Hier weiss ich einmal was ich habe und dass ich auskomme, und
wie mir's da drueben geht weiss ich _nicht_."

"Aber Freund," rief Herr Weigel verwundert -- "ein Mann der fleissig
arbeitet bringt es dort immer zu was. Wetter noch einmal, Meister, Amerika
ist gerade der Platz fuer Euch, wo Ihr Euch ruehren und ausbreiten koenntet --
wenn Ihr dort waeret, ein geschickter Arbeiter wie Ihr! in fuenf Jahren
haettet Ihr zwanzig Gesellen."

"Meister Leupold nickte langsam mit dem Kopf, und sah ein paar Secunden
still vor sich nieder, als ob das Bild mit der grossen Werkstaette und dem
regen Treiben sich vor seinem inneren Geist eben auszubreiten beginne,
dann aber sagte er, jetzt herzhaft aufseufzend  -- "

"Und es geht doch nicht, Herr Weigel -- ich habe die alte Mutter zu Hause,
die ich unmoeglich hier allein zurueck lassen koennte  -- "

"Hierlassen? das fehlte auch noch," rief der Agent -- "die nehmt Ihr mit,
Mann -- koennt Ihr der denn eine groessere Freude machen, als wenn sie noch
vor ihrem Ende saehe wie wohl es Euch geht auf der Welt, und wie sich Euer
Zustand mit jeder Woche, mit jedem Tage fast bessert? -- Muss sie hier nicht
in Sorge und Kummer leben dass Ihr einmal krank werdet und Nichts verdienen
koennt, und wie sieht's dann aus?"

"Wenn ich aber nun dort drueben krank werde?" sagte der Meister leise.

"Wenn das nur nicht gleich die ersten Monate geschieht und fuer ein Unglueck
kann Niemand" -- warf dagegen Herr Weigel ein, "so koennt Ihr Euch auch
schon so viel gespart haben, das eine Weile mit ruhig anzusehn; und wenn
Ihr nicht krank werdet, seid Ihr in ein paar Jahren ein wohlhabender
Mann."

"Es ist eine verwuenschte Geschichte mit dem Amerika," seufzte der Mann
wieder, sich hinter dem Ohr kratzend -- "man hoert so viel davon, und sieht
eine solche Masse Menschen hinueberziehen, die alle voller Hoffnung sind
dass es ihnen gut geht -- und moechte am Ende ebenfalls gern mit -- wenn man
nur erst so einmal hinuebergucken koennte wie es eigentlich aussieht."

"Dazu ist es ein Bischen zu weit," meinte Herr Weigel.

"Ja nun eben," sagte der Tischler -- "und so auf's gerathewohl  -- "

"Das koennt Ihr aber nicht auf's gerathewohl nennen, wo wir alle Tage
Briefe von drueben herueber bekommen, von denen einer immer besser lautet
als der andere. Da -- hier liegt gleich einer, der letzte den ich bekommen
habe, wo ein Deutscher, den ich selber hinueberbefoerdert, und dem es jetzt
ausgezeichnet gut geht, an mich schreibt, und ein oder zwei gute gelernte
Schaafknechte haben will; lesen Sie einmal den Brief."

Leupold legte seine Muetze wieder hin, nahm den Brief und las ihn
aufmerksam durch; er nickte dabei mehrmals mit dem Kopf, und sah dann
wieder zu dem Agenten auf, der ihn indessen mit einem triumphirenden
Laecheln betrachtet hatte.

"Nun?" frug der Letztere, als Jener das Schreiben beendet und wieder
zusammenfaltete -- "wie klingt das?"

"_Sehr_ gut" sagte Leupold leise, "aber -- es hilft mir doch Nichts. Wenn
ich jetzt mein kleines Haeuschen, das ich mir mit Muehe und Noth
zusammengespart und aufgebaut, auch verkaufen wollte; faende ich erstlich
keinen Kaeufer, und dann bekaem ich auch das nicht dafuer wieder, was es mich
selber gekostet; wie gesagt, der Sperling in der Hand ist doch wohl besser
wie die Taube auf dem Dache."

"Bah, Taube," sagte Herr Weigel muerrisch -- "wenn die Taube auf dem Dach
eben so fest und sicher sitzen bleibt bis man sie holen kann, wie Amerika
ruhig liegt, und auf die wartet die hinueber kommen, so ist sie mir lieber
wie ein erbaermlicher Sperling, zum Sterben zu viel, und zum Leben zu
wenig; aber -- ueberlegt's Euch -- ah da kommt der Brieftraeger -- 'was fuer
mich?"

"Nun guten Morgen Herr Weigel," sagte der Tischler und wollte sich eben
entfernen, waehrend der Brieftraeger dem Agenten mehrere fuer ihn gekommene
Briefe ueberreichte.

"Siebzehn Silbergroschen drei Pfennige" sagte er dabei.

"_Siebzehn_ Silbergroschen?" rief Herr Weigel verwundert -- "aha da ist ein
Amerikaner dabei -- halt, wartet noch einmal einen Augenblick Leupold" -- da
ist vielleicht gleich noch was fuer uns, und was ganz Neues -- wollen gleich
einmal sehn was die Leute schreiben. Wahrscheinlich wieder von Jemand den
ich hinueber befoerdert habe, und der sich jetzt bedankt -- das kostet aber
viel Geld  -- "

"Apropos Neues," sagte Leupold, waehrend der Agent den Brieftraeger bezahlt
hatte und seine Papierscheere vom Tisch nahm, den Amerikanischen Brief
aufzuschneiden -- "haben Sie schon gehoert dass gestern Nachmittag bei Herrn
Dollinger eingebrochen und fuer sieben tausend Thaler Gold und Juwelen
gestohlen sind?"

"Alle Wetter," rief Herr Weigel, mit der zum Schnitt ausgehaltenen Scheere
in der Hand -- "gestern Nachmittag?"

"Am hellen Tage," bestaetigte Leupold.

"Und weiss man nicht wer der Thaeter ist?"

"Sie haben den einen Comptoirdiener in Verdacht und auch schon
eingezogen," sagte der Tischler.

"Gewiss den Lossenwerder," rief Weigel.

"Ich glaube so heisst er -- er ist ein wenig verwachsen  -- "

"Und schielt -- derselbe, ich habe den Burschen von jeher nicht leiden
koennen; hat mir auch schon ein paar Mal Kunden abspenstig gemacht, aus
reinem Brodneid; ich wuesste wenigstens sonst nicht weshalb, und habe ihn
dabei stark in Verdacht, dass er selber damit umgeht eine Agentur fuer
Auswanderer zu errichten. Da koennte Jeder hergelaufen kommen, ohne Briefe,
ohne Connexionen und ohne Kenntniss vom Land --  schickte nachher die Leute
in's Blaue hinein, dass sie dort saessen und nicht wuessten wo aus noch ein. Na
nun, wird ihm das Handwerk wohl gelegt werden; ich goenne nicht gern einem
Menschen etwas Uebles, aber bei dem freut mich's dass sie's wenigstens
herausbekommen haben, und er seine Schurkerei nicht mehr heimlich
forttreiben darf. Ist denn das Geld schon wieder gefunden?"

"So viel ich weiss nicht, einige hundert Thaler ausgenommen, von denen aber
der Mann betheuert dass er sie sich gespart haette; es ist uebrigens Manches
dabei zusammengekommen was ihn verdaechtig macht; das Naehere weiss ich
freilich nicht."

"Hm, hm, hm," sagte Herr Weigel, kopfschuettelnd den Brief, den er noch
immer in der Hand hielt, anschneidend -- "boese Geschichten -- boese
Geschichten, was man nicht Alles hoert auf der Welt. -- Nun wollen wir also
einmal sehen was der Herr da aus Amerika schreibt -- hm -- Washington
County, Tennessee den siebenten Januar 18 -- alle Wetter der Brief ist
lange unterwegs gewesen -- Herrn F. G. Weigel in Heilingen, Hauptagent der
Central-Auswanderungs- und Colonisations-Gesellschaft in Deutschland --
ahem -- Sie nichtsw -- hm -- Sie haben -- hm -- vor allen Dingen -- hm --  hm --
hm -- hm" -- Herrn Weigels Gesicht verlaengerte sich immer mehr, je weiter er
in seiner, wie es schien nicht eben angenehmen Lectuere vorrueckte, aber er
brach mit dem Lautlesen des Inhalts, dessen Einleitung unerwarteter Weise
hoechst derber Art war, schon gleich nach den ersten Sylben ab, und
murmelte, das Ganze nur fluechtig ueberfliegend, blos einzelne
unzusammenhaengende Worte, aus denen Leupold Nichts herausfinden konnte,
vor sich hin.

"Nun, was schreiben sie?" sagte dieser endlich laechelnd; er waere schon
lange gegangen, wenn ihn Weigel nicht eben zurueckgehalten haette -- "gute
Neuigkeiten?"

"Bah!" sagte Herr Weigel, den Brief zurueck auf seinen Schreibtisch werfend
-- "Jemand der seine Geschwister will hinuebergeschickt haben und mich
ersucht das Geld fuer ihn auszulegen. Da muesst' ich schoene Capitale
herumstehn haben, wenn ich allen Leuten umsonst wollte die Familie
nachschicken. Nachher sitzt der mitten im Land drin, und ich kann ihn dann
suchen."

"Ne, das ist ein Bischen viel verlangt," sagte der Meister, wieder nach
der Klinke greifend -- und diessmal hielt ihn Herr Weigel nicht zurueck --
"aber nun leben Sie auch recht wohl, und verlassen Sie sich darauf ich
besorge Ihnen das heute noch."

"Sein Sie so gut," sagte der Agent -- er war auf einmal ganz einsylbig
geworden, und Meister Leupold verliess mit nochmaligem Gruss das Zimmer, in
dem jetzt Herr Weigel mit in die Tasche geschobenen Haenden, aber
keineswegs mehr so guter Laune als vorher, raschen, heftigen Schrittes auf
und ab ging.

"Und vierzehn Groschen bezahlt fuer den Wisch -- es ist eine Frechheit
wahrhaftig, die in's Bodenlose geht. Lumpengesindel! glaubt die gebratenen
Tauben sollen ihm da in's Maul fliegen, so bald sie's nur aufsperren." Und
wieder riss er den Brief vom Pult, rueckte sich die Brille zurecht, und las
mit halblauter, aber heftiger Stimme den Inhalt noch einmal, und zwar
aufmerksamer durch als vorher.

"Sie nichtswuerdiger Hallunke" -- wenn ich Dich nur hier haette mein Bursche,
dafuer solltest Du mir brummen -- "schaendlich betrogen und angefuehrt" -- wozu
hat Dir denn der liebe Gott die grossen Glotzaugen gegeben, wenn Du sie
nicht aufsperren willst -- "Land eine Wueste" -- na versteht sich, ein
Gewaechshaus hab' ich ihm nicht verkauft -- "Haelfte gar nicht zu bekommen" --
Holzkopf -- "kein Mensch wollte die Billete nehmen" -- bah, geschieht Dir
recht -- "Wohngebaeude zu schlecht fuer einen Hund" -- fuer Dich noch immer
viel zu gut, mein Schatz -- "wenn Sie nur einmal herueber kaemen, Sie
miserabeler" -- bah" -- unterbrach sich Herr Weigel in dieser nichts weniger
als schmeichelhaften Lectuere, indem er den Brief in zwei Haelften riss, und
sich dann ein Streichhoelzchen mit einem Gewaltstrich an der Thuer
entzuendete "so viel fuer den Wisch!" und das Papier anbrennend, warf er das
auflodernde in den Ofen, und schloss die Klappe so heftig er konnte.

Allerdings wollte er sich nun ueber den Brief hinwegsetzen, aber geaergert
hatte er sich doch, und Rock und Stiefeln anziehend drueckte er sich seinen
Hut in die Stirn, griff seinen Stock aus der Ecke, und verliess sein
Bureau, das er sorgfaeltig hinter sich abschloss, und eine kleine Pappe
mitten an die Thuer hing, auf der die Worte standen.

"Kommt um elf Uhr wieder."





                                Capitel 6.


                            DIE WEBERFAMILIE.


Nicht weit von Heilingen, und in Hoerweite der Domglocke selbst, in
ziemlich bergigem, aber unendlich malerischem Land, lag ein kleines armes
Dorf, dessen Bewohner, da ihre Felder gerade nicht zu den besten gehoerten,
sich kuemmerlich, aber meist ehrlich, mit verschiedenen Handwerken und
Gewerben, mit Holzschnitzen wie auch hie und da mit dem Webstuhl,
ernaehrten. Das Dorf hiess eigentlich "Zur Stelle", welchen Namen aber die
Bewohner im Laufe der Zeit, und mit Huelfe ihres Dialekts, zu dem von
_Zurschtel_ umgearbeitet hatten, und mochte etwa dreissig Haeuser und
Huetten, mit der doppelten Anzahl von Familien, wie der sechsfachen von
Kindern zaehlen. Es ist eine wunderliche Thatsache, dass man in den
aermlichsten Distrikten stets die meisten Kinder findet.

Mitten im Dorf lag eins der besseren Haeuser; es war weiss getuencht, und
hinter den sauber gehaltenen Fenstern hingen weisse, reinliche Gardinen.
Vor dem Hause, ueber dessen Thuere ein frommer Spruch mit rothen und gruenen
Buchstaben angeschrieben war, stand ein Brunnen- und Roehrtrog, und ein
kleiner Koven an der Seite desselben, zeigte in der nach aussen befestigten
Klappe des Futterkastens dann und wann den schmuzigen Ruessel eines seine
Kartoffelschalen kauenden Schweines. Auch ein ordentlich gehaltenes Staket
umgab das Haus wie den kleinen Hofraum, und die Wohnung stach sehr zu
ihrem Vortheil gegen manche der Nachbarhaeuser ab.

Im Inneren selber sah es ebenfalls sehr reinlich, aber nichtsdestoweniger
sehr aermlich aus. In der einen Ecke stand ein grosser, viereckiger, sauber
gescheuerter Tisch aus Tannenholz, an zweien der Waende waren Baenke aus dem
naemlichen Material befestigt, und um den grossen viereckigen Kachelofen,
der fast den achten Theil der Stube einnahm, hingen verschiedene
Kochgeraethschaften, waehrend auf darueber angebrachten Regalen die braunen
Kaffeekannen und gebluemten Tassen gewissermassen mit als Zierrath zur Schau
ausstanden. Die dritte Ecke fuellte der Webstuhl des Mannes aus, und dem
gegenueber stand eine riesengrosse, braunangestrichene Kommode, mit
Messinghenkeln und Griffen und fuenf Schiebladen, die, mit wirklich
ruehrender Eitelkeit als eine Art von Nipptisch benutzt, zwei mit bunten
Blumen bemalte Henkelglaeser, eine vergoldete Tasse mit der Aufschrift "der
guten Mutter" -- ein Geschenk aus frueherer Zeit -- und ein gelb irdenes aber
allerdings sehr wenig benutztes Dintenfass trug, waehrend dahinter, in zwei
ordinairen Stangenglaesern, in dem einen Schilfbluethenbueschel, und in dem
anderen grosse stattliche Aehren von Roggen, Waizen, Gerste und Hafer
standen, zur Erinnerung an eine fruehere segensreiche Erndte.

Die Bewohner der kleinen Stube passten genau in ihre Umgebung; es war eine,
nicht mehr ganz junge aber doch ruestige Frau, in die nicht unschoene
Bauertracht der dortigen Gegend gekleidet, die an ihrem Spinnrad sass und
eifrig das Raedchen schnurren liess, waehrend die rechte Hand manchmal eine
neben ihr stehende Wiege beruehrte, den darin ruhenden kleinen Saeugling,
der immer wieder die grossen dunklen Augen zu ihr aufschlug, endlich in
Schlaf zu bringen. Sie war reinlich, aber in die groebsten Stoffe
gekleidet, ebenso der Bube von etwa vier Jahren, der ihr zu Fuessen mit
einer kleinen Mulde auf dem ueber die Diele gestreuten Sand "Schiff"
spielte.

Ausserdem war noch eine vierte Person im Zimmer, die alte Mutter der Frau,
eine Greisin von nahe an siebzig Jahren, die auch noch ihr Spinnrad
drehte, sich aber mit dem hinter den noch warmen Ofen gesetzt hatte, weil
ihr das heutige nasskalte, unfreundliche Wetter froestelnd durch die alten
Glieder zog. Es war eine gutmuethige, aber muerrische alte Frau, selten
zufrieden mit dem was sich ihr gerade bot, und unermuedlich darin, sich und
ihren Kindern die Last vorzuwerfen die sie ihnen mache, und den lieben
Gott taeglich zu bitten dass er sie doch bald zu sich naehme. Nur eine
kleine, ganz kurze Frist erbat sie sich immer noch -- dann wollte sie gerne
sterben. Erst; wie das Aelteste geboren war, wollte sie das noch gerne
laufen sehn; dann haette sie gern erlebt wie es zum ersten Mal in die
Schule ging; dann war es Fruehjahr geworden und sie hoffte nur noch einmal
neue Kartoffeln zu essen, zu Jacobi aber wollte sie noch einmal von dem
Pflaumenbaum die Fruechte kosten, den ihr "Seliger" noch gepflanzt. Wie der
Herbst kam wuenschte sie im Fruehjahr begraben zu werden, und die knospenden
Maiblumen weckten den Wunsch nach den Astern, ihrer Lieblingsblume, von
denen sie sich eigenhaendig ein schmales Beet in den kleinen Garten dicht
am Hause gepflanzt. So lebt und webt die Hoffnung in unseren Herzen mit
immer neuer, nie sterbender Kraft, und je aelter wir werden, desto mehr
lernen wir die schoene Erde lieb gewinnen, desto mehr klammern wir uns an
sie, und wollen uns gar nicht mehr von ihr trennen.

Der Tag neigte sich dem Abend zu; der Mann war in die Stadt gegangen seine
Steuern zu zahlen, und Manches einzukaufen was sie nothwendig im Hause
brauchten -- zum Ersatz dafuer hatte er das zweite Schwein, das sie bis
dahin gehalten, hineingetrieben, und der Erloes sollte seine Ausgaben
bestreiten.

Der Regen wurde jetzt wieder heftiger, die grossen schweren Tropfen
schlugen gegen das Fenster, und das Kind wurde vollstaendig munter und fing
an zu schreien. Die Mutter schob ihr Spinnrad zurueck, nahm das Kleine aus
der Wiege, und ging damit traellernd im Zimmer auf und ab. Die Alte spann
indess ruhig weiter, und suchte mit zitternder leiser Stimme ein
geistliches Lied zu singen, und mit dem Rad trat sie den Takt dazu. Sonst
sprach keine ein Wort.

Endlich wurde die Hausthuer geoeffnet, Jemand kam von draussen herein, und
strich sich die Fuesse auf den Steinen und der Strohdecke ab, und sie hoerten
gleich darauf wie der zurueckkehrende Vater und Gatte seinen grossen
rothblauwollenen Schirm auf die Steine stiess, das Wasser so viel wie
moeglich davon abzuschuetteln, und den Mantel auszog und ueber den grossen
Schleifstein hing der draussen im Flur stand, wie er das gewoehnlich that.
Die Frau oeffnete rasch die Thuer den Mann zu begruessen, der den Hut abnahm,
sich die nassen Haare aus der Stirn strich, und das Kind kuesste, das sie
ihm entgegenhielt.

"Jesus ist das ein Wetter, Gottlieb," sagte sie dabei, als sie ihm den Hut
aus der Hand nahm und neben den Ofen an den Nagel hing, "komm nur herein,
dass Du 'was Trockenes auf den Leib bekommst; wo hast Du denn den Jungen? --
ist er nicht bei Dir?" setzte sie, fast aengstlich, hinzu.

"Er ist draussen bei Lehmann's hineingegangen, denen wir ein paar Sachen
aus der Stadt mitgebracht," sagte der Mann -- "wird wohl gleich kommen --
wie geht's Frau? -- wie geht's Mutter? -- ha, das regnet einmal heute was
vom Himmel herunter will; was nur d'raus werden soll wenn das Wetter so
fort bleibt. Ein paar gute trockene Tage haben wir gehabt, und jetzt
wieder Guss auf Guss -- Guss auf Guss, als ob sie uns unsere paar Stuecken Feld
noch hinunter in die Wiesen waschen wollten. Von dem einen Acker ist die
Saat schon halb fortgespuelt -- wenn dasmal das Korn misraeth, weiss ich nicht
wo der arme Mann das Brod hernehmen soll."

"Klag nicht, Gottlieb," sagte aber die Frau freundlich -- "es geht noch
Vielen schlechter wie uns, und was sollen da die _ganz_ armen Leute sagen.
Lieber Gott, es ist viel Noth in der Welt, und wer heut zu Tage eben sein
Auskommen und ein Dach ueber dem Kopf hat und gesund ist, sollte sich nicht
versuendigen."

Sie hatte dabei das Kind auf die Erde gesetzt, holte den Topf aus der
Roehre, in der, trotz der vorgerueckten Jahreszeit, noch ein Feuer brannte,
der alten, froestelnden Mutter wegen, und goss den darin heiss gehaltenen
Kaffee -- sie nannten das braune Getraenk von gebrannten gelben Rueben und
Gerste wenigstens so -- in die eine braune Kanne, damit sich der Mann, der
den ganzen Tag draussen im Regen herumgezogen war, daran erquicken koenne.
Zugleich auch deckte sie ein weisses Tuch ueber den Tisch, auf den sie noch
Butter und Brod stellte, die versaeumte Mittagsmahlzeit wenigstens in etwas
nachzuholen. Der Mann setzte sich an den Tisch, schenkte sich eine Tasse
Kaffee ein, in den ihm die Frau die Milch goss, und schnitt sich ein grosses
Stueck Brod ab, das er mit Butter bestrich und verzehrte. Er sprach kein
Wort dabei, und beendete still seine Mahlzeit, schob dann die Tasse und
den Butterteller zurueck, nahm das Kleinste, das die Mutter zu ihm auf die
Erde gesetzt hatte, herauf auf sein linkes Knie, blieb, den rechten
Ellbogen auf den Tisch gestuetzt, den Kopf gegen die Wand gelehnt,
regungslos sitzen, und schaute still und schweigend nach dem Fenster
hinueber, an das die Regentropfen immer noch, vom Wind draussen gepeitscht,
hohl und heftig anschlugen.

Die Frau hatte ihn eine ganze Zeit lang mit scheuem Blick betrachtet; es
war irgend etwas vorgefallen, aber sie wagte nicht zu fragen, denn
Gottlieb, so seelensgut er auch sonst sein mochte, hatte doch auch seine
"verdriesslichen Stunden" und war dann, wenn gestoert, oft rauh und
unfreundlich; aber eine eigene Angst ueberkam sie ploetzlich. Ihr aeltester
Sohn -- der Hans -- war nicht mit zu Hause gekommen -- konnte dem -- heiliger
Gott, wie ein Stich traf es sie in's Herz und sie sprang erschreckt von
ihrem Stuhl auf und auf den Mann zu.

"Gottlieb -- um aller Heiligen Willen wo ist der Hans? -- es ist -- es ist
ihm doch nicht etwa ein Unglueck geschehn?"

"Der Hans?" sagte der Mann aber ruhig und sah erstaunt zu ihr auf, "was
faellt Dir denn ein? was soll denn dem Hans zugestossen sein? ich habe Dir
ja gesagt dass er bei Lehmann's etwas abgegeben hat, und dort
wahrscheinlich das Wetter abwarten wird."

"Ich weiss nicht," sagte die Frau, der dadurch allerdings eine Centnerlast
von der Seele gewaelzt wurde -- "aber Du bist so sonderbar heut Abend, so
still und ernst, und da schlugs mir wie ein Schreck in die Glieder, ueber
den Hans. Ist etwas vorgefallen Gottlieb?  -- "

Gottlieb schuettelte den Kopf langsam und sagte. -- "Nicht dass ich wuesste --
nichts Besonderes wenigstens, oder nichts Anderes, als was jetzt alle Tage
vorfaellt -- Geld zahlen."

"War es denn so viel?" sagte die Frau leise und schuechtern.

Der Mann schwieg einen Augenblick und sah still vor sich nieder; endlich
erwiederte er seufzend:

"Das Schwein ist d'rauf gegangen, und vier Thaler Siebzehn Groschen sind
immer noch mit Gerichtskosten und der alten Processgeschichte mit der
Brueckenplanke, mit der ich eigentlich gar Nichts mehr zu thun hatte,
stehen geblieben, und ich muss sie bis zum ersten Juli nachzahlen, unter
Androhung von Pfaendung."

"Nun lieber Gott," sagte die Frau troestend -- "wenn das das Schlimmste ist,
laesst sich's noch ertragen; da verkaufen wir eben das andere Schwein und
behelfen uns so. Wie wenig Leute im Dorf haben ueberhaupt eins zu
schlachten, und leben doch; warum sollen wir nicht eben so gut ohne eins
leben koennen als die."

"Ja," sagte der Mann leise und still vor sich hin bruetend -- "verkaufen und
immer nur verkaufen, ein Stueck nach dem anderen, und waehrend wo anders die
Leute mit jedem Jahr ihr kleines Besitzthum vergroessern, und fuer ihre
Kinder etwas zuruecklegen koennen, sieht man es hier mehr und mehr
zusammenschmelzen, unter Mueh und Plack das ganze Jahr lang."

"Aber kannst Du's aendern?" sagte die Frau leise und fuhr, wie der Mann
schwieg und mit der Faust die Stirn stuetzend vor sich nieder starrte,
schuechtern fort -- "arbeitest Du nicht von frueh bis spaet fleissig und
unverdrossen? goennst Du Dir eine Zeit der Ruhe, wo Dich irgend eine
noethige Beschaeftigung ruft, und haben wir uns etwa das Geringste
vorzuwerfen?"

"Nein," sagte der Mann, waehrend er die Hand auf den Tisch sinken liess und
die Frau voll und fest ansah -- "nein, aber das ist es ja eben, was mir am
Leben frisst. Wir koennen nicht mehr arbeiten, nicht mehr verdienen wie wir
jetzt thun, und jetzt sind wir noch jung und kraeftig, unsere Kinder noch
klein und gesund, und dennoch geht es mit jedem Jahr zurueck, wird es mit
jedem Jahr schlechter und schlimmer. Wie nun soll das werden, wenn uns
erst einmal Krankheit heimsuchte, wenn die Kinder heranwachsen und mehr
brauchen, wenn wir selber aelter werden und nicht mehr so zugreifen koennen
wie jetzt? -- Schon jetzt koennen wir uns nicht mehr in der theueren Zeit
oben halten -- das eine Schwein ist verkauft, das andere wird noch fort
muessen; unser Acker ist kleiner geworden in den letzten zehn Jahren,
unsere Beduerfnisse aber sind gewachsen -- wie soll das enden?"

"Aber Gottlieb," sagte die Frau freundlich -- "wie kommen Dir jetzt doch
nur solche Grillen? haben Dir die paar Thaler Steuern den Kopf verdreht?
Mann, Mann, Du bist doch sonst so ruhig, und hast immer vertrauungsvoll in
die Zukunft gesehn, wie sind Dir auf einmal solche schwarze Gedanken durch
den Sinn gefahren?"

Die alte Mutter hatte, schon so lange wie die Beiden mit einander
gesprochen, ihr Spinnrad ruhen lassen, und dem Gespraech aufmerksam
zugehoert; dabei schuettelte sie fortwaehrend mit dem Kopf, und sagte endlich
mit ihrer schrillen, scharf klingenden Stimme:

"Ja wohl, ja wohl -- das Geld wird rar und das Brod theuer, und mehr Maeuler
kommen -- mehr Maeuler sind da zum Verzehren, wie zum Verdienen. Schlagt
mich todt; schlagt mich todt dass ich weg komme aus dem Weg und Euch Platz
mache -- schlagt mich todt."

"Mutter," bat die Frau, in Todesangst dass sie dem Manne mit solcher Rede
wehe thun wuerde, denn _er_ gerade hatte sie immer auf das Freundlichste
behandelt, und Alles gethan was in seinen Kraeften stand, ihr jede
Erleichterung, die ihr Alter bedurfte, zu verschaffen -- "wie duerft Ihr nur
so etwas reden; versuendigt Ihr Euch denn nicht?"

"Wir haben noch genug fuer uns Alle Mutter," sagte aber der Mann
freundlich, der ihre Launen kannte und der alten Frau nicht wehe thun
mochte -- "nur fuer spaetere Zeit ist mir bange; Sie aber waeren die Letzte
die darunter leiden sollte. Wir werden Alle alt, und wenn wir unsere
Schuldigkeit in unserer Jugend gethan, wie Sie, dann ist es nicht mehr wie
Pflicht und Schuldigkeit der Juengeren fuer ihre Eltern zu sorgen -- wenn sie
nicht auch einmal wieder von ihren Kindern wollen verlassen werden."

Die Alte war wieder still geworden, sah noch eine Zeit lang vor sich
nieder, und begann dann auf's Neue ihre Arbeit, aber die Frau fuhr fort
und sagte, fast mit einem leisen Vorwurf im Ton zu ihrem Mann.

"Siehst Du Gottlieb, das hast Du nun davon mit Deinen trueben und traurigen
Ideen; Du machst Dir und mir und der Mutter nur das Herz schwer, und
nuetzest und hilfst doch Nichts. Der liebe Herr Gott da oben wird's schon
machen und lenken; Er hat die Welt so viele Jahrhunderte hindurch in ihrer
Bahn gehalten, und die Menschen darauf geschirmt und gepflegt, wie unser
Herr Pastor sagt, Er wird's auch schon weiter thun, und wir duerfen uns
eigentlich gar nicht sorgen und kuemmern um den "naechsten Tag."

"Doch, doch Frau," sagte aber der Mann, aufstehend und jetzt, die Haende in
den Hosentaschen, in der Stube auf und ab gehend -- "doch Frau, der Mann
_muss_, denn wenn er's _nicht_ thaete, waer er ein schlechter Hausvater, und
ihm allein fielen dann all die schweren Folgen zur Last, die daraus
entstaenden. Ich kann Dir das nicht so mit Worten deutlich machen, wie
mir's neulich der Schulmeister, mit dem ich darueber sprach, erklaerte, aber
der meinte es waere etwa so wie wenn Einer im Wasser waere. Da sei es auch
nicht genug dass man sich oben hielte an der Luft, und im Kreis herum
schwaemme eben nur nicht zu ertrinken, das thaete nicht einmal ein
unvernuenftiges Stueck Vieh; nein des Menschen, des verstaendigen Menschen
Pflicht sei es sich schon im Wasser nach dem festen Lande umzusehn, ob man
das nirgends erreichen koenne, denn zuletzt wuerde man da im Wasser, man
moechte noch so tapfer schwimmen, doch muede, und liessen erst einmal die
Kraefte nach, dann huelfe auch zuletzt das Schwimmen Nichts mehr, und man
saenke eben langsam zu Boden."

"Ich verstehe nicht recht was Du damit meinst," sagte die Frau, "aber Du
siehst mich so sonderbar dabei an -- hast Du noch 'was anderes dahinter?"

"Nein und Ja," sagte der Mann nach kleiner Pause, indem er sich mit dem
Ruecken an den Ofen lehnte, und langsam dazu mit dem Kopfe nickte,
"eigentlich nicht, denn Gott da oben weiss dass es wahr ist, und weiss wie,
und ob's einmal enden kann; aber dann -- dann hab' ich allerdings noch was
dahinter, denn ich meine -- ich meine  -- " er schwieg und es war
augenscheinlich, er hatte etwas auf dem Herzen, das er sich scheue so mit
blanken klaren Worten heraus zu sagen, die Frau aber, die eben damit
beschaeftigt war das Geschirr hinaus zu raeumen, setzte die Kanne wieder auf
den Tisch, sah den Mann erstaunt an, ging dann langsam zu ihm an den Ofen
und sagte leise, vor ihm stehen bleibend:

"Geh her, Gottlieb -- Du hast 'was, was Dich drueckt und willst nicht mit
der Sprache heraus -- es ist irgend noch etwas vorgefallen in der Stadt,
was Du nicht sagen magst. Du darfst doch nicht _sitzen_?"

"_Sitzen_? -- weshalb?" laechelte der Mann kopfschuettelnd -- "ich habe nie
etwas Boeses gethan."

"Nun was ist's denn, so sprich doch nur, denn Du aengstigst mich ja mehr
mit Deinem Schweigen, als wenn Du mir das Schlimmste gleich vornheraus
erzaehlst -- dem Hans fehlt doch Nichts?"

"Was soll dem Hans fehlen, naerrische Frau -- wenn's aufhoert zu giessen wird
er schon kommen."

"Und was ist's denn? -- gelt, Du sagst mir's?"

"Ich muss Dir's wohl sagen;" seufzte der Mann, "nun sieh Hanne, ich meine --
ich habe so darueber nachgedacht, dass es jetzt hier in Deutschland immer
schlechter wird mit uns -- und dass wir's zu Nichts mehr bringen koennen,
trotz aller Arbeit, trotz allem Fleiss, und dass jetzt -- dass jetzt doch so
viele Menschen hinueber ziehen  -- "

"Hinueber ziehen?" frug die Frau erstaunt, fast erschreckt, und legte die
Hand fest auf's Herz, als ob sie die aufsteigende Angst und Ahnung ueber
etwas Grosses, Schreckliches da hinunter und zurueckdruecken wolle, eh sie zu
Tage kaeme -- "wo hinueber Gottlieb?"

"Nach Amerika;" sagte der Mann leise -- so leise dass sie das Wort wohl
nicht einmal verstand, und nur an der Bewegung der Lippen es sah und
errieth. Wie ein Schlag aber traf sie die Wirklichkeit ihres Verdachts,
und ohne ein Wort zu erwiedern, ohne eine Sylbe weiter zu sagen, setzte
sie sich auf den, dicht am Ofen stehenden Stuhl, deckte ihr Gesicht mit
der Schuerze zu und sass eine lange, lange Weile still und regungslos. Auch
der Mann wagte nicht zu sprechen -- er hatte den Gedanken wohl schon eine
Zeit lang mit sich herumgetragen, aber sich immer davor gefuerchtet ihm
Worte zu geben, sogar gegen sich selbst, wie viel weniger denn gegen die
Frau. Jetzt war es heraus, und er betrachtete nur scheu die Wirkung die er
hervorgebracht.

Auch die alte Mutter sass, mit der Hand auf dem Rad das sie im Drehen
aufgehalten, und horchte nach den Beiden hinueber, was sie mitsammen
hatten, und wie die so still waren und kein Wort mehr sprachen, mochte es
ihr auch unheimlich vorkommen und sie sagte laut und muerrisch:

"Nun Gottlieb was giebt's -- was hast wieder Du mit der Hanne -- was habt
Ihr denn dass Ihr so still und heimlich thut -- macht Einem nicht auch noch
Angst unnuetzer Weise -- was ist nun wieder los?"

"Ja Mutter," sagte der Mann jetzt, der sich gewaltsam Muth fasste ueber das,
was nun doch nicht laenger mehr verschwiegen bleiben konnte und besprochen
werden _musste_, auch laut zu reden, dass er's vom Herzen herunter bekam --
"es geht mit uns hier den Krebsgang, und ich habe eben zu Hannen gesagt
dass uns zuletzt nichts anderes uebrig bleiben wuerde als -- als es eben auch
wie andere zu machen, und  -- "

"Und? -- und was zu machen?" frug die alte Frau gespannt  --

"Als _auszuwandern_," sagte der Mann mit einem ploetzlichen Ruck und
seufzte dann tief auf, als ob er selber froh waere es los zu sein.

"Herr Du meine Guete!" rief die alte Frau, liess die Haende erschreckt in den
Schooss sinken und lehnte sich in ihren Stuhl zurueck, waehrend ihr alle
Glieder am Leibe flogen -- "Herr Du meine Guete!" wiederholte sie noch
einmal, und die Finger falteten sich unwillkuerlich zusammen, so hatte sie
der Schreck getroffen.

"Auswandern," sagte aber auch jetzt Gottliebs Frau mit tonloser Stimme,
und liess die Schuerze vom Gesicht herunterfallen -- "auswandern, das ist ein
schweres -- schweres Wort Gottlieb -- hast Du Dir das auch recht -- recht
reiflich ueberlegt?"

"Tag und Nacht die ganze letzte Woche hindurch," rief aber der Mann, der
jetzt, da das Eis einmal gebrochen war, wieder Leben und Waerme gewann.
"Wie ein Muehlstein hat's mir auf der Seele gelegen, und ich habe lange und
tapfer dagegen angekaempft, aber es waere das Beste fuer uns, was wir auf der
weiten Gotteswelt thun koennten; und wenn auch nicht einmal fuer uns, wenn
wir selber auch schwere und bittere Zeiten durchzumachen haetten, doch fuer
die Kinder, die einmal den Segen erndten, den wir mit unserem Schweiss,
unseren Thraenen gesaeet."

"Auswandern? ja," sagte aber jetzt die Grossmutter, mit dem Kopfe nickend
und schuettelnd, als ob sie den schrecklichen Gedanken wieder von sich
abwerfen wollte -- "ja wohin es euch luestet, aber erst wenn ich todt bin.
Die paar Tage muesst Ihr noch hier bleiben die ich noch zu leben habe, oder
sonst schlagt mich todt, werft mich in's Wasser, oder schlagt mich mit dem
Beil auf den Kopf dass ich fortkomme, und hier auf dem Kirchhof unter der
alten Linde liegen kann, wo der Leberecht liegt. In der Welt koennt Ihr
mich doch nicht mehr umherschleppen, und nutz bin ich auch Nichts mehr,
wie das mit zu verzehren was andere verdienen. Wenn Ihr jetzt fort wollt
schlagt mich vorher todt."

"Ach Mutter wenn Sie nur nicht gar so haesslich reden wollten," sagte die
Frau traurig, waehrend der Mann wieder zum Tisch ging, sich dort auf den
Stuhl setzte, und den Kopf in die Hand stuetzte -- "Sie sind noch wohl und
ruestig und werden, will's Gott, noch manches Jahr leben und sich Ihrer
Kinder freuen. Wo die dann hin ziehen und sich ihr Brod suchen muessen, da
gehoeren Sie auch hin, und was die verdienen, das haben Sie auch verdient
mit Muehe und Noth und banger Sorge schon vor langen Jahren, wie wir noch
klein und unbehuelflich waren, wie unsere Kinder jetzt."

"Wozu mich mitnehmen," sagte aber die Frau, stoerrisch dabei mit dem
Oberkoerper herueber und hinueber schwankend, "unterwegs muesstet Ihr mich doch
aus dem grossen Schiff hinaus in's Wasser werfen, die Fische zu fuettern.
Bleibe im Lande und naehre Dich redlich, das ist _mein_ Spruch und meines
Leberecht Spruch von alter Zeit her gewesen, und wir haben uns wohl dabei
befunden, aber das junge Volk jetzt will immer alles anders haben, will
oben zur Decke 'naus und fliegen und schwimmen, anstatt huebsch auf der
Erde und im alten Gleis zu bleiben. Warum ist's denn frueher gegangen? --
nein Gott bewahre, jetzt soll Alles mit Eisenbahnen und Dampf gehen und
keine Geduld, keine Ausdauer mehr; nur fort, immer gleich fort, in die
Welt hinein und mit dem Kopf gegen die Wand -- schlagt mich todt, dann seid
Ihr mich los und koennt hingehn wohin Ihr wollt."

Und die alte Mutter stand auf, rueckte ihr Spinnrad bei Seite, und
humpelte, noch immer vor sich hin murmelnd und grollend, aus der Stube
hinaus.

"Sie meint es nicht so boes, Gottlieb," sagte die Frau zu dem Mann tretend
und ihre Hand auf seine Schulter legend, "es ist eine alte Frau die an
ihrer Heimath mit ganzem Herzen haengt und sich vor der Reise fuerchtet."

"Und Du nicht, Hanne?" rief der Mann sich rasch nach ihr umdrehend, und
ihre Hand ergreifend -- "Du nicht? Du wuerdest Dich dazu entschliessen koennen
unsere Heimath hier, unser Haeuschen, unser Feld zu verlassen, und mit mir
und den Kindern ueber das weite Meer zu fahren, in eine fremde Welt?"

Die Frau schwieg und ihre Hand zitterte in der des Mannes -- endlich sagte
sie leise  -- "So weit fort? -- und muss es denn sein, ist es denn gar nicht
moeglich mehr, dass wir hier gut und ehrlich durchkommen durch die Welt,
wenn wir uns auch ein Bischen knapper einrichten wie bisher? Ach Gottlieb,
es ist gar hart so von zu Hause fortzugehn, die Thuer zuzuschliessen und zu
denken dass man nun nie und nimmer wieder dahin zurueckkommt  -- "

Der Mann nickte traurig mit dem Kopf und sagte endlich:

"Du hast recht Hanne; es ist ein schwerer, recht schwerer Schritt, und man
sollte ihn sich wohl vorher ueberlegen ehe man ihn thut, denn zurueck kann
man nicht wieder, wenn man nicht wenigstens Alles opfern will, was Einem
bis dahin noch zu eigen gehoert hat. Thun wir aber recht nur allein an uns
zu denken? -- Sieh, wir schleppen uns vielleicht noch wenn auch kuemmerlich,
doch ehrlich, durch, bis wir einmal sterben, und wenn es auch hart ist,
dass es Einem nachher im Alter schlechter gehn soll wie in der Jugend,
brauchten wir doch gerade keine Furcht zu haben dass wir verhungerten; aber
die Kinder -- die Kinder -- was wird aus denen? Unser kleines Grundstueck ist
die Jahre ueber kleiner und kleiner geworden; mit dem Geschaeft geht's auch
kuemmerlicher wie bisher -- neue, geschicktere Arbeiter, junge Burschen die
noch keine Familie haben und weniger brauchen, sitzen in den Doerfern
herum, und die Fabriken und Maschinen geben uns ohnedies den Todesstoss.
Stahl und Holz braucht Nichts zu essen und arbeitet unermuedet Tag und
Nacht durch, und die Raeder und Walzen und Haemmer klopfen und drehen und
schwingen ununterbrochen fort gegen den Schweiss des armen Arbeiters der
darueber zu Grunde geht. Ich murre auch nicht darueber, es muss wohl schon so
recht sein, denn Gott hat's den Menschen selber gelehrt und die Welt muss
vorwaerts gehn -- wir aelteren Leute koennen uns aber eben nicht mehr darein
schicken, koennen nichts Anderes mehr ergreifen, und wieder von vorne
anfangen, wenigstens hier im Lande nicht wo Einem die Haende nach allen
Seiten hin gebunden sind, und darum ist mir der Gedanke gekommen
auszuwandern. Da drueben ueber dem Weltmeere hat der liebe Herr Gott noch
einen grossen gewaltigen Fleck Erde liegen, fuer uns arme Leute bestimmt,
den Maschinen und Raederwerken zu entgehn; dort haben wir Platz uns zu
bewegen, und wer nur da ordentlich arbeiten will hat nicht allein zu
leben, sondern kann auch vielleicht fuer sich und die Kinder was vorwaerts
bringen und braucht sich nicht mehr vor der Zukunft zu fuerchten und vor
Hunger und Noth. Wenn wir nicht auswandern, was bleibt unsern Kindern da
einmal anders uebrig, als in Dienst zu gehn und sich bei fremden Leuten
doch herumzuschlagen ihr Lebelang."

"Und die Mutter?" sagte die Frau, sich aengstlich nach der Thuere umsehend --
"was wuerde aus der alten Frau auf dem Meere?"

"Was aus so vielen alten Frauen da wird, liebes Herz," sagte aber der
Mann, augenscheinlich mit froherem, freudigeren Herzen, als er bei dem
eigenen Weib nicht den Widerstand fand, den er vielleicht gefuerchtet --
"sie gewoehnen sich an das neue Leben, sobald sie das alte nicht mehr um
sich sehen, und die Seeluft soll kraeftigen und staerken."

"Aber sie wird nicht mit uns wollen."

"Sie wird ihre Kinder nicht verlassen," troestete sie der Mann, "und ohne
sie duerften wir ja auch gar nicht fort."

Die Frau reichte ihm schweigend die Hand, die er herzlich drueckte, und
wandte sich dann, und wollte eben das Zimmer verlassen, als draussen Jemand
die Thuer aufriss und in das Haus trat. Das Unwetter hatte jetzt seinen
hoechsten Grad erreicht, und der Regen schlug in ordentlichen Guessen gegen
die Fenster an, waehrend der Wind die Wipfel der Baeume herueber und hinueber
schuettelte und die Bluethen von den Zweigen riss mit rauher Hand.

                               [Capitel 6]

"Schoenen Gruss mit einander," sagte dabei eine rauhe Stimme, waehrend die
Stubenthuer halb geoeffnet wurde -- "darf man hinein kommen?"

"Gott gruess Euch," sagte die Frau -- "kommt nur herein, bei dem Wetter ist's
boes draussen sein -- es tobt ja, als ob der letzte Tag hereinbrechen
sollte."

Der Fremde hing seinen Hut und Mantel draussen ab und trat mit nochmaligem
Gruss in die Stube.

"Gott gruess Euch," sagte auch Gottlieb -- "da, nehmt Euch einen Stuhl und
setzt Euch zum Ofen; es ist heut unfreundlich draussen, und man kann ein
Bischen Feuer brauchen."

"Sauwetter verdammtes," fluchte der Mann, als er der Einladung Folge
geleitet und sich die nassen Haare aus der Stirne strich -- "ich wollte
erst sehen dass ich die Schenke erreichte; hier um die Ecke herum kam der
Wind aber so gepfiffen dass er mich bald von den Fuessen hob, und es war
gerade als ob sie Einem von da oben einen Eimer voll Wasser nach dem
andern entgegen gossen. Schoenes Wetter fuer Enten, aber fuer keine
Menschen."

Es war eine rauhe, kraeftige Gestalt, der Mann, mit krausem dicken
schwarzen Bart und ein paar tiefliegenden unstaeten Augen, in einen groben
braunen Tuchrock gekleidet, wie ihn die Fleischer nicht selten auf dem
Lande tragen. Die ebenfalls braunen Hosen hatte er dabei heraufgekrempelt,
bis fast unter das Knie, mit seinen derben Wasserstiefeln besser durch
alle Pfuetzen und Schlammwege hindurch zu koennen; die aus ungeborenem
Kalbfell gemachte Weste war ihm bis an den Hals hinauf zugeknoepft, und
eine lange silberne Kette, an der die in der Westentasche steckende Uhr
befindlich war, hing ihm darueber hin.

"Ihr seid wohl weit von hier zu Haus?" frug Gottlieb nach einer laengeren
Pause, in der er den Mann und dessen Aeusseres fluechtig nur betrachtet
hatte -- "hab' Euch wenigstens noch nicht hier bei uns gesehen."

"Zehn Stunden etwa," sagte der Fremde, seine Pfeife jetzt aus der
Brusttasche seines Rockes nehmend und mit Stahl und Schwamm, den er bei
sich fuehrte, entzuendend -- "wie weit ist's noch bis Heilingen."

"Eine tuechtige Stunde -- wenn der Weg jetzt nicht so schrecklich waere,
koennte man's recht bequem in kuerzerer Zeit gehn."

"Hm -- ist noch verdammt weit, puh wie das draussen stuermt; und die
Pflaumenbluethen pflueckt's beim Armvoll herunter -- Pflaumenmuss wird theuer
werden naechsten Herbst."

"Das weiss Gott," sagte Gottlieb -- "es wird Alles theuer, immer mehr jedes
Jahr, langsam aber Sicher."

"Bah, es geschieht denen recht die hier bleiben, wenn sie nicht hier
bleiben muessen; 's giebt Plaetze die besser sind."

"Wollt Ihr auch auswandern?" sagte Gottlieb rasch.

"Auswandern? -- nach Amerika? -- hm -- ich weiss noch nicht," brummte der
Fremde, sich den Bart streichend  -- "es waere aber moeglich dass sie Einen
noch dazu trieben. Sind das Euere Kinder?"

"Ja.  -- "

"Habt Ihr noch mehr?"

"Noch einen Jungen von elf und ein halb Jahr."

"Und Ihr seid ein Weber?" sagte der Fremde mit einem Blick auf den
Webstuhl -- "auch schwere Zeiten fuer derlei Arbeit, mit einer Familie
durchzukommen."

"Ja wohl, schwere Zeiten," seufzte Gottlieb, als in diesem Augenblick die
Thuer draussen wieder aufging und die Mutter laut ausrief:  --

"Der Hans, lieber Himmel kommt der in dem Wetter."

Es war Hans, der aelteste Sohn des Webers, durch und durch nass, aber mit
frischem gesunden Gesicht und rothen Backen, auf denen das Regenwasser in
grossen Perlen stand.

"Guten Tag mit einander," sagte er, als er in's Zimmer trat und die
triefende Muetze vom Kopf riss -- "guten Tag Mutter."

"Guten Tag Hans, aber wo um Gottes Willen kommst Du in dem Regen her;
warum hast Du das Wetter nicht bei Lehmann's abgewartet?"

"Es wurde mir zu spaet Mutter und ich war hungrig geworden; habe auch noch
heute Abend dem Vater etwas zu helfen."

"Ein derber Junge," sagte der Fremde, der sich den Knaben indess mit
finsterem Blick betrachtet hatte -- "kann wohl schon ordentlich mit
arbeiten."

"Ach ja, er packt tuechtig mit zu," sagte der Vater -- "lieber Gott in
jetziger Zeit muss Alles mit Brod verdienen helfen."

"Die Kinder fressen Einen arm," sagte der Fremde.

"Habt Ihr Kinder?" frug Gottlieb.

"Ich? -- hm, ja," sagte der Fremde nach einer Pause -- "koennte noch Jemandem
abgeben davon."

"Ich moechte keins hergeben," sagte die Frau rasch, und kuesste das Juengste,
das sie eben wieder aufgenommen hatte um es zu fuettern, "Kinder sind ein
Segen Gottes."

"Ja -- so sprechen die Leute wenigstens," sagte der Fremde trocken, "aber
ich glaube es laesst nach mit Regnen; ich werde die Schenke wohl jetzt
erreichen koennen."

"Wollt Ihr nicht vielleicht erst eine heisse Tasse Kaffee trinken?" frug
die Frau, das Kind auf dem linken Arm, zum Ofen gehend, die dort
warmgestellte Kanne wieder vorzuholen.

"Danke, danke," sagte aber der Fremde abwehrend -- "kann das warme Zeug
nicht vertragen; ein Glas Branntwein ist mir lieber."

"Das thut mir leid," sagte der Mann, "den kann ich Euch nicht anbieten;
ich habe keinen im Hause."

"Thut auch Nichts," lachte der Fremde; "so lange halt ich's schon noch
aus. Sind doch huelflose Dinger so junge Menschen, ehe sie die Kinderschuh
ausgetreten haben," setzte er dann hinzu, als das Juengste das Maeulchen
nach dem schon einmal gereichten Loeffel vorstreckte -- "was machte nun so
ein jung Ding, wenn man es hinsetzte und sich selber ueberliesse."

"Ach Du lieber Gott," sagte die Frau bedauernd -- "so ein armer Wurm muesste
ja elendiglich umkommen."

"Bis den Nachbarn das Geschrei zu arg wuerde und sie kaemen und es
fuetterten," lachte der Andere.

"Dafuer haben die Kinder Eltern," sagte die Frau, das kleine, die Aermchen
zu ihr ausstreckende Maedchen liebkosend und kuessend, "die sorgen schon
dafuer dass kein Nachbar danach zu sehen braucht."

"Wenn die aber einmal ploetzlich stuerben, wie dann?" frug der Fremde, mit
einem Seitenblick auf die Frau, indem er seinen Rock wieder zuknoepfte und
sich zum Gehen ruestete.

"Dann ist Gott im Himmel," sagte Hanne, mit einem frommen
vertrauungsvollen Blick nach oben.

"Ja, das ist wahr;" sagte der Fremde mit einem leichtfertigen Laecheln,
"der hat allerdings die grosse Kinderbewahranstalt. Aber es hat wirklich
aufgehoert mit Giessen," unterbrach er sich rasch, "den Augenblick will ich
doch lieber benutzen. So schoen Dank fuer gegebenes Quartier Ihr Leute, und
gut Glueck."

"Bitte, Ihr habt fuer Nichts zu danken, behuet' Euch Gott," sagte Gottlieb
freundlich.

"Behuet' Euch Gott;" sagte auch die Frau, und der Mann, ihnen noch einmal
zunickend, nahm draussen wieder den nassen Mantel um, drueckte sich den
breitraendigen Hut in die Stirn, griff einen derben Knotenstock, der
daneben in der Ecke lehnte, auf, und verliess rasch das Haus, die Richtung
nach der Schenke einschlagend.

"Mich freut's dass er fort ist," sagte die Frau, die dem Knaben gerade das
Essen auf den Tisch setzte und den Kaffee einschenkte -- "bewahr uns Gott,
was hatte der Mann fuer ein finstres Gesicht und ein barsches Wesen; nicht
schlafen koennt' ich die Nacht, wenn ich den unter einem Dach mit mir
wuesste. In dem Gesicht liegt auch nichts Gutes -- und wie er fluchte und
ueber die Kinder sprach -- ob er nur wirklich selber welche hat."

"Er sagt's ja," bestaetigte Gottlieb -- "aber mir schien's ein Fleischer zu
sein, seinem Gewerbe nach, und die sind immer rauh und derb, meinen's aber
nicht immer so boes."

"So bess're ihn Gott," sagte die Frau mit einem Seufzer, "und je seltener
er unseren Weg kreuzt, desto besser."





                                Capitel 7.


                              NACH AMERIKA.


"Nach Amerika!" -- Leser, erinnerst Du Dich noch der Maerchen in "Tausend
und eine Nacht", wo das kleine Woertchen "Sesam" dem, der es weiss, die
Thore zu ungezaehlten Schaetzen oeffnet? hast Du von den Zauberspruechen
gehoert, die vor alten Zeiten weise Maenner gekannt, Geister heraufzurufen
aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu
machen? -- Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die
Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner
zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkuehne Menschenkind das sie
gesprochen, bebte zurueck vor der furchtbaren Gewalt die es
heraufbeschworen.

Die Zeiten sind vorueber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht
gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das
rechte Wort vergessen sie zu rufen -- aber ein anderes dafuer gefunden, das
kaum minder stark mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern,
den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhaeltnissen und
Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reisst, in dem es bis dahin mit
seinen staerksten, innigsten Fasern treulich festgehalten.

"Nach Amerika," leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten
schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft pruefen sollte, seinen
Muth staehlen -- "nach Amerika," fluestert der Verzweifelte der hier am Rand
des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde --
"nach Amerika," sagt still und entschlossen der Arme, der mit maennlicher
Kraft und doch immer und immer wieder vergebens, gegen die Macht der
Verhaeltnisse angekaempft, der um sein "taegliches Brod" mit blutigem Schweiss
gebeten -- und es nicht erhalten, der keine Huelfe fuer sich und die Seinen
hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen
_kann_ -- "nach Amerika" lacht der Verbrecher nach gluecklich veruebtem Raub,
frohlockend der fernen Kueste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt
vor dem Arm des beleidigten Rechts -- "nach Amerika," jubelt der Idealist,
der wirklichen Welt zuernend, weil sie eben wirklich ist, und ueber den
Ocean drueben ein Bild erhoffend, das dem, in seinem eigenen tollen Hirn
erzeugten, gleicht -- "nach Amerika" und mit dem einen Wort liegt hinter
ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes frueheres Leben, Wirken, Schaffen -- liegen
die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknuepft, liegen die Hoffnungen
die sie fuer hier gehegt, die Sorgen die sie gedrueckt -- _"nach Amerika!"_

So gaehrt und keimt der Saame um uns her -- hier noch als leiser, kaum
verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft
und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und
Kasten. Der Bauer draussen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain der
ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer
geaergert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit
ueber dem Meer drueben, in dem fetten, herrlichen Land; -- der Handwerker in
seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft setzt
mit Neuerungen und grossen, marktschreierischen Firmen, die wenigen Kunden
die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thuer zu locken; der Kuenstler
in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der ueber einer freieren
Entwickelung bruetet, und von einem Lande schwaermt wo Nahrungssorgen ihm
nicht Geist und Haende binden; -- der Kaufmann hinter seinem Pult, der
Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Buechern zieht und, das
sorgenschwere Haupt in die Hand gestuetzt, von einem neuen, andern Leben,
von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefuellten Waarenhaeusern traeumt;
in Tausenden von ihnen draengt's und treibt's und quaelt's, und wenn sie
auch noch vielleicht Jahre lang nach aussen die alte fruehere Ruhe wahren,
in ihren Herzen glueht und glimmt der Funke schon -- ein stiller aber ein
gefaehrlicher Brand. Jeder Bericht ueber das ferne Land wird gelesen und
ueberdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend fuer den Kranken. Vorsichtig
und aengstlich, und weit herum um ihr Ziel, dass man die Absicht nicht
errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem Ding -- nach Leuten
die vordem "hinueber" gezogen und denen es gut gegangen -- nach Land- und
Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk -- fuer Andere natuerlich, nicht fuer sich
etwa -- sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen will hinueber, ein
entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wuenschen dass es dem wohl
geht, und haeufen mehr und mehr Zunder fuer sich selber auf.

So ringt und draengt und wuehlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem
nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan,
und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war -- aus
dem, aus jenem Grund -- und taeglich, stuendlich noch hoeren wir von anderen,
von denen wir im Leben nie geglaubt dass _sie_ je an Amerika gedacht, wie
sie mit Weib und Kind, mit Hab' und Gut hinueberziehn. Und _dort_? -- noch
liegt ein dichter Schleier ueber ihrem Schicksal dort, doch Gottes Sonne
scheint ja ueberall -- Dir aber lieber Leser, greif ich aus dem Leben noch
hie und da ein paar Freunde heraus, die wir begleiten wollen auf dem
weiten Weg.

                                * * * * *

Oben in der Brandstrasse -- nicht weit vom Brandthor entfernt, und dem
Gasthaus zum Loewen schraeg gegenueber, wohnte Professor Lobenstein mit
seiner Familie, in der ersten Etage eines, zwar sehr alten, aber auch sehr
wohnlich eingerichteten Hauses, das ihm eigen gehoerte.

Der Professor war ein Mann, gerade an der anderen Seite der "besseren
Jahre", etwa einundfuenfzig alt, aber ruestig und gesund, nur erst mit
einzelnen grauen Haaren zwischen den rabenschwarzen Locken, die ihm ueber
die bleiche, aber hohe und geistvolle Stirn fielen, wie mit fast
jugendlichem, elastischem Gang und Wesen. Ein tuechtiger Kopf dabei, hatte
er _jura_ und _cameralia_ studirt, und einen grossen Schatz von Kenntnissen
aufgehaeuft; auch in manchem, mit schweren muehsamen Nachtwachen erkauften
Werk der Welt, der undankbaren Welt das Resultat seiner Studien und
Forschungen gebracht und dargelegt. Unzufrieden aber mit dem Erfolg, und
der kalten Aufnahme die es gefunden, wandte er sich spaeter wieder von den
bis dahin bevorzugten juristischen Wissenschaften ganz ab und allein
seinem Lieblingsstudium den Cameralien zu, in denen er besonders der
Gewerbskunde seine Thaetigkeit widmete, auch mit einem Buchhaendler in
Heilingen eine Gewerbszeitung gruendete und herausgab.

Hierin hatte er Unglueck; der Buchhaendler machte bankerott und er uebernahm
die Zeitung, mit ziemlich grossen Verlusten schon, allein.

So vortrefflich aber Professor Lobenstein in der Theorie seiner
Wissenschaft bewandert sein mochte, so wenig sattelfest war er es in der
Praxis, und seine Zeitung wollte und wollte keinen Boden gewinnen. Mit
fabelhaftem Fleiss suchte er dem zu begegnen, umsonst -- umsonst auch dass er
Capital nach Capital in das, zuletzt nur noch zur Ehrensache gewordene
Unternehmen steckte. Sein Haus bekam Hypothek auf Hypothek und mit einer
hoechst unguenstigen politischen Periode, in der ihm eine grosse Anzahl
Abonnenten absprang, trafen ihn auch so bedeutende pecuniaere Verluste, dass
er sich endlich genoethigt sah sein Blatt vollstaendig aufzugeben. Es war
das das schwerste Opfer, das er bis dahin gebracht.

Professor Lobenstein hatte eine ziemlich starke Familie, eine Frau, zwei
erwachsene Toechter von siebzehn und zwanzig Jahren, einen Sohn von
achtzehn, und zwei kleinere Kinder, einen Knaben von acht und ein Maedchen
von sieben Jahren. Wenn auch nicht in Reichthum doch in einem gewissen
Wohlstand erzogen, war aber der Familie bis jetzt das schwere Wort
"_Nahrungssorgen_" fremd geblieben; der Professor hatte immer, was man so
nennt, ein Haus gemacht, und sich in einem Umgangskreis bewegt, der ihnen
schon an und fuer sich eine gewisse Verpflichtung auferlegte Manches
mitzumachen, was seinen, sonst mehr einfachen Neigungen eben nicht
Beduerfniss schien. Das Alles sollte, ja _musste_ sich jetzt aendern, denn
wenn er auch aus den Truemmern seines Vermoegens, nach allen erlittenen
Verlusten, einen kleinen Theil zu retten vermochte, genuegte der nicht, das
bisherige Leben fortzufuehren. Die Wahl blieb ihm jetzt allein, von Neuem
eine Laufbahn mit geringeren Mitteln anzufangen, und sich und den Seinen
schwere und ungewohnte Entbehrungen an einem Orte aufzuerlegen, wo ihn
Alles und Jedes an fruehere und bessere Zeiten erinnerte oder -- es war eine
schwere Stunde in der ihm das Bild zum ersten Mal vor die Seele stieg -- in
einem anderen Welttheil, ungekannt, aber auch nicht bemitleidet oder
verspottet, ein vollkommen neues _Leben_ zu beginnen.

Aber die Frauen? -- wuerden sie den Muehseligkeiten einer so langen Reise,
einer Ansiedlung drueben in einem noch wilden Lande gewachsen sein? -- Dass
er selber die Beschwerden eines solchen Lebens leicht ertragen wuerde,
daran zweifelte er keinen Augenblick; er hatte so viel ueber Amerika
gelesen, sich mit den dortigen Verhaeltnissen aus allen erschienenen
Schriften so vertraut gemacht, dass er Alles kannte was ihn dort erwartete,
und einem derartigen Wirken eher mit Freude und Lust, als Bangen
entgegenging; aber durfte er seine Frau all den sie erwartenden
Unbequemlichkeiten und Strapatzen aussetzen? durfte er seine Toechter aus
ihrem geselligen gluecklichen Leben reissen, und ihnen mit einem Schlage
alle jene Vergnuegungen entziehen, die ihnen hier schon mehr als Erholung,
die ihnen fast Beduerfniss geworden?

Einen langen und schweren Kampf kaempfte er mit sich selber, Monate lang,
und er wurde alt in der Zeit; die Augen lagen tief in ihren Hoehlen und
seine Zuege bekamen etwas Mattes und Abgespanntes, das sie sonst, in seiner
schwersten Arbeitszeit noch nie gehabt. Wenn auch die Kinder dabei sich
leicht mit einem vorgeschuetzten Unwohlsein beruhigen liessen, dem scharfen
Blick der Gattin entging die Sorge nicht, die an seinem Herzen heimlich,
aber desto gewaltiger nagte, und ihren dringenden, aengstlichen Bitten
konnte er zuletzt nicht laenger widerstehen. Was sie doch zuletzt haette
erfahren _muessen_, vertraute er ihr an und wenn es die arme Frau auch wie
ein Schlag aus heiterem Himmel traf, nahm sie das Ganze doch viel ruhiger
auf als er erwartet, gefuerchtet, und damit eine schwere Last von _seinem_
Herzen -- auf das ihre. Aber leichter traegt sich die getheilte, und bereden
konnten sie jetzt zusammen was zu thun, welchen Weg zu gehen, die
Moeglichkeit besprechen die sich hier ihrem Leben bot, die Moeglichkeit
errwaegen, die ihnen dort eine andere freiere Zukunft oeffnete. Und die
Kinder? wohin Muetter und Vater gingen folgten die ja gern; nur die Scene
wechselte fuer sie, anderen, vielleicht selbst bunteren Bildern Raum zu
geben, und Kummer und Sorge kannten die ja nicht.

An demselben Abend waren die beiden aeltesten Toechter zu einem kleinen
Fest, dem Geburtstag einer Freundin, eingeladen und hatten schon den
ganzen Tag mit rastlosen Fingern an dem bunten blitzenden Ballstaat
genaeht. Der Vater begleitete sie dorthin, nur die Mutter blieb daheim,
Kopfschmerz vorschuetzend, und die Sorge um das juengste Kind, das mit einem
leichten Unwohlsein in seinem Bettchen lag. Aber gegen zehn Uhr
schlummerte es sanft und ruhig auf dem weichen Lager ein, und daneben, das
sorgenschwere Haupt in die Hand gestuetzt, sass die Mutter und weinte --
weinte als ob sie mit dieser Thraenenfluth all den Gram und Kummer
fortwaschen wollte, der jetzt, ein dunkler Wolkensaum, am Horizonte ihres
Gluecks erschien, und wild und drohend hoeher und hoeher stieg.

Lachend und plaudernd kehrten die Toechter, mit dem Vater spaet in der Nacht
zurueck; den leichten, sorglosen Herzen lag die Welt noch, ein weiter
Garten offen da, und was etwa an wuchernden Giftpflanzen dazwischen stand,
mischte noch sein fastgruenes Laub, dem jungen Auge nicht erkennbar, mit
Blum' und Bluethenpracht.

Aber der Moment naeherte sich auch, wo mit der vorgerueckten Jahreszeit all'
die noethigen und mannichfaltigen Vorbereitungen zu einer so langen Reise,
zu einer gaenzlichen Umgestaltung aller ihrer Verhaeltnisse, getroffen
werden _mussten_; auch schien die Zeit eine passende fuer den Sohn, der, von
der Schule gerade abgegangen, eben sein Abiturienten-Examen gluecklich
bestanden hatte. Der Vater wuenschte allerdings dass er hier erst studiren,
und ihnen dann spaeter, wenn er etwas Tuechtiges gelernt, vielleicht folgen
sollte, dachte ihm aber doch die freie Wahl zu lassen, und seinem Herzen
keinen Zwang aufzuerlegen.

Am naechsten Morgen nach dem Balle nun -- es war spaet mit Aufstehn geworden
nach der durchschwaermten Nacht und die zweite Tochter Marie eben erst zum
Kaffee heruebergekommen, waehrend der Sohn das Haus schon, irgend eines
notwendigen Ganges wegen verlassen hatte -- sass der Vater, ungewohnter
Weise nicht in seiner Studirstube an der Arbeit, sondern im Sopha, aus der
langen Pfeife den Dampf in weissen Kraeusselwolken von sich blasend, und die
Mutter am Naehtisch, Kleider ausbessernd fuer das Juengste, das in seinem
heruebergeschafften Bettchen wieder mit klaren Augen seine Puppe
schaukelte.

"Schon ausgeschlafen, Vaeterchen?" sagte Marie als sie, etwas beschaemt, die
Letzte am Kaffeetische Platz genommen, "ich habe wohl recht lange heut
geschlafen, aber -- was ist Dir denn? -- und der Mutter auch?" -- rief sie
vom Stuhl wieder aufspringend, als sie das ungewohnte ernste Wesen der
Eltern gewahrte -- "bist Du boese auf mich, Muetterchen?"

"Nein mein Kind," sagte diese und zwang ein Laecheln auf die Lippen, "aber
der Vater hat Euch etwas recht Ernstes heute zu sagen, etwas von dem wir
noch nicht wissen, ob es Euch betrueben wird oder nicht."

"Der Vater?" rief Marie erschreckt, und auch Anna, die aelteste Tochter,
sah aengstlich zu ihm auf; Professor Lobenstein aber, so in die Enge und
zum Aeussersten getrieben, hustete, paffte den Dampf ein paar Mal scharf
vor sich hin, die Pfeife ordentlich in Gluth zu bringen, und sagte:

"Ja Kinder, Ihr wisst -- wir -- wir haben doch in den letzten Tagen viel ueber
Nord-Amerika gesprochen, und auch Manches gelesen  -- "

"Ja, die herrlichen Romane von Cooper," rief Marie rasch.

"Und die schrecklichen Berichte im Tageblatt," laechelte Anna.

"Der Doctor Haide ist ein Esel," sagte der Professor, den Rauch wieder ein
paar Mal rasch ausstossend -- "wenn der haette in Amerika ordentlich arbeiten
wollen, brauchte er sich jetzt nicht von einer Winkeladvocatur und vom
Schimpfen auf freisinnige Leute zu ernaehren; ueber dessen Berichte wollen
wir uns keine Sorgen machen, aber  -- " er schwieg wieder einen Augenblick
und sah, wie furchtsam, nach der Frau hinueber. Die jedoch arbeitete um so
emsiger weiter, und selber mit dem Beduerfniss dem, was ihn schon so lange
gedrueckt, endlich einmal Worte zu geben, fuhr er rasch fort -- "ich habe
eine Frage an Euch zu thun, Kinder -- Haettet Ihr -- haettet Ihr wohl selber
Lust hinueber nach -- nach Amerika zu gehn?"

"Nach Amerika?" rief Anna rasch und auch wohl erschreckt. Marie aber
sprang auf, schlug in die Haende und rief jubelnd:

"Nach Amerika? oh das waere ja praechtig -- das waere herrlich -- nicht wahr da
sind auch Baelle, Vaeterchen?"

Die Mutter seufzte tief auf und der Vater zog wieder, etwas verlegen an
der Bernsteinspitze.

"Hm -- ich weiss nicht," sagte er langsam mit dem Kopf schuettelnd -- "wo wir
im Anfang hinwollten, werden wohl keine sein. Haengst Du so an Baellen,
Marie?"

"Ich tanze gern," laechelte das junge froehliche Maedchen etwas verlegen und
schuechtern.

"Nun tanzen wirst Du dort hoffentlich auch koennen, mein Kind," sagte der
Vater freundlich -- "wenn auch nicht gerade gleich auf solchen Baellen wie
wir sie hier gewohnt sind -- das Leben ist dort einfacher."

"Oh, und bis zum naechsten Fasching sind wir gewiss auch wieder zurueck,"
rief Marie.

Der Vater schwieg erst eine kleine Weile, und sagte dann leise aber
entschlossen.

"Wir wollen _ganz_ hinueberziehn, mein Kind."

"Auswandern?" rief die aeltere Schwester fast erschreckt -- das Wort, dessen
Bedeutung sie noch gar nicht vollkommen verstand, traf sie mit einem
unbekannten ahnenden Gefuehl von Schmerz und Leid -- "und die Mutter?"

"Ihr werdet mich doch nicht wollen allein zuruecklassen?" laechelte die
Frau, sich gewaltsam zwingend ueber den Schmerz dieser Stunde.

"Mutter!" sagte Anna, warf die Arme um ihren Nacken und kuesste sie.

"Und Eduard?" frug Marie.

"Bleibt, wenn er meinem Rathe folgt, noch hier bis er ausstudirt und etwas
ordentliches gelernt hat," sagte der Vater -- "wo nicht, hat er seinen
freien Willen und mag uns begleiten; sowie er zu Hause kommt werde ich mit
ihm sprechen."

"Aber  -- " rief Marie -- "wer verwaltet unterdessen unser Haus?"

"Wenn wir einmal fort sind von hier," sagte der Professor ausweichend,
"kann uns auch das Haus nichts mehr nuetzen, und ich werde es verkaufen."

"_Verkaufen_? -- unser Haus und den Garten?" riefen Maria und Anna fast wie
aus einem Munde erschreckt und rasch  --

"Unser freundliches Stuebchen, wo wir als Kinder gespielt," setzte Marie
traurig hinzu.

"Und die Baeume die Vater alle gepflanzt -- die Laube, die wir uns selbst
gebaut, und die so schoen geworden ist in diesem Jahr," sagte Anna leise --
"verlassen wollt' ich es ja gern, wenn wir Alle gehn, aber dass fremde
Menschen jetzt darin hausen sollen, die vielleicht gar nicht wissen wie
wir das Alles gehegt und gepflegt und  -- " ihr Blick fiel in diesem
Augenblick auf der Mutter, halb von ihr abgewandte bleiche Zuege, und fasste
das Blitzen einer heimlich fallenden Thraene. Anna erschrak und wurde
todtenbleich -- hier lag mehr verborgen als man ihnen gesagt, und
heimlicher Gram, heimliche Sorge nagte an der Eltern Herzen, durfte sie
die vermehren? Sie schwieg einen Augenblick und sah sinnend vor sich
nieder, dann aber Mariens Hand ergreifend sagte sie mit leichterem
vielleicht gezwungen froehlicherem Ton:

"Aber wir wollen nicht klagen; Vater und Mutter wissen am Besten was sie
zu thun haben, und was uns gut ist, und dort baut uns Vater dann ein
anderes Haus, und wir selber pflanzen uns ein neues Gaertchen, schoener als
das unsere hier."

"Aber ich bliebe hier, wenn ich an Vaters Stelle waere," schmollte Marie,
"und was wird Herr Kellmann dazu sagen, wenn er es erfaehrt? der ist so
immer gegen Amerika, und hat sich schon oft mit Vater darueber gezankt."

"Ach der macht mir die geringste Sorge," sagte Anna in ihrem Schmerz
laechelnd -- "wenn man _fuer_ Amerika spricht, schimpft er aus Leibeskraeften,
und citirt Gott weiss was fuer Stellen aus Briefen und Zeitungen, alles
Guenstige zu widerlegen, oder wenigstens stark zu bezweifeln, und kommt
Jemand der das Land ordentlich angreift, dann hab' ich auch schon gesehn,
dass er den Handschuh wacker dafuer aufnimmt, und man wirklich glauben
sollte er bekaeme so und so viel fuer den Kopf, Leute zu bereden
hinueberzuziehn. Das ist ein wunderlicher Kauz, der die meiste Zeit selber
nicht weiss was er will, und ich glaube, wenn es Jemand recht ordentlich
bei ihm darauf anlegte, koennte man ihn selber, nur durch Widersprechen,
dahin bringen, dass er in eigener Person hinueberginge."

"Herr Kellmann?" lachte Marie -- "nun _den_ moecht' ich in Amerika sehn."

"Und wer weiss, ob Dir das nicht noch passirt," bestaetigte der Vater, mit
dem Kopfe nickend.

"Und darf ich mein neues seidenes Kleid mitnehmen, Mama?" frug das junge
lebenslustige Maedchen jetzt die Mutter -- "hier lassen moecht' ich es doch
nicht gern, und drueben im Wald  -- "

"Liebes Kind, wir werden auch nicht mitten in den Wald gehn," sagte die
Mutter, die indessen heimlich die verraetherische Thraene aus dem Auge
geschuettelt, freundlich dabei der zu ihr getretenen Tochter die Stirn
streichend und kuessend, "denkt es Euch nicht so schlimm. Der Vater wird
uns schon einen Platz aussuchen, wo wir wenigstens unter Menschen und der
Cultur nicht ganz verschlossen sind -- er hielte es ja dort sonst selber
nicht aus."

"Aber warum gehst Du nur, Vaeterchen?" bat Marie  -- "es ist doch hier so
wunderhuebsch in Heilingen, und was wir da drueben haben, wissen wir noch
nicht."

Der Professor, zu dem Anna aengstlich aufsah, hatte seinen Sitz verlassen
und ging, langsam dabei mit dem Kopf nickend, im Zimmer auf und ab; er
fuehlte dass er, auch den Toechtern gegenueber, diesen eine Erklaerung seines
Handelns schuldig sei, denn er riss sie aus einem liebgewonnenen Leben
heraus, und fuehrte sie vielen, vielen Entbehrungen -- er durfte sich das
nicht leugnen -- entgegen. Von ihrer spaeteren Haltung dabei hing auch viel
ihrer Aller Glueck, ihrer Aller Zufriedenheit ab, und sie waren alt genug
ihrem Urtheil zu vertrauen. Aber es kostete ihm der Entschluss einen
schweren Kampf, und wo ihm die Frau war auf halbem Weg entgegen gekommen,
fuerchtete er hier gerade, nicht Widerstand zu finden, denn dafuer hatten
sie ihn zu lieb, aber Schmerz und Sorge zu wecken in den jungen Herzen,
denen er die ungebetenen Gaeste gern noch fern gehalten haette so lang als
moeglich. Sie standen jedoch an einem wichtigen, bedeutungsvollen Abschnitt
ihres Lebens, und mussten _sehen_, wohin der Weg sie fuehrte.

In kurzen, einfachen Worten, frei vom Herzen weg, und zu den Herzen
sprechend, weil sie aus dem Herzen kamen, schilderte er ihnen jetzt die
veraenderte Lage in die er, durch das gezwungene Aufgeben seiner
Zeitschrift sowohl, wie durch manche schwere, ihn betroffene Verluste
gekommen. Er verheimlichte ihnen nicht laenger dass er einen Theil -- einen
grossen Theil seines Vermoegens eingebuesst, und das ihm selber liebe Haus
nicht verkaufen wuerde, wenn ihn eben nicht -- die Verhaeltnisse dazu
_zwaengen_. Aber noch blieb ihnen genug nach einem fernen Welttheil
ueberzusiedeln und dort, mit bescheideneren Beduerfnissen, von Neuem zu
beginnen; Amerika mit seiner ungeheuren Lebenskraft bot ihnen nach allen
Seiten hin die Moeglichkeit der Existenz, und das gut und zweckmaessig
angelegte kleine Capital konnte dort gute Zinsen tragen fuer spaetere Zeit.
Hatten sie sich dann etwas verdient, waren die Hoffnungen, mit denen sie
hinueber gingen, Wahrheit geworden, und sehnte sich ihr Herz noch nach dem
Vaterland, wer hinderte sie dann zurueckzukehren zu den theueren Plaetzen,
die ihnen ewig lieb bleiben wuerden in der Erinnerung?

Dem Professor war es leichter um die Brust geworden, wie er das Eis nur
erst gebrochen. Selbst ueberzeugt von dem was er sprach, wurde er warm,
indem er den Gedanken weiter dachte, und seine Phantasie verlor sich
zuletzt sogar, Luftschloesser aufbauend, zauberschnell in weiter Ferne. Der
Professor ging mit dem Menschen durch, und die leicht geroetheten Wangen
belebte ein eigenes, inneres Feuer. Und die Mutter sass dabei, still und
schweigend, und aengstlich bemueht, in der wiederaufgenommenen Arbeit die
eigene Bewegung zu verbergen. Marie und Anna aber, die des Vaters Haende
erfasst und in den ihren hielten, schmiegten ihre Haeupter an seine
Schultern und fluesterten; die grossen, zu ihm aufgeschlagenen Augen voll
von Thraenen.

"Genug, genug, Vaeterchen; mal' uns das Alles nicht so praechtig aus -- wohin
Du und Mutter gehn, gehn auch wir, und waer' es mitten hinein in den
wildesten Wald. Kein unzufriedenes Wort sollst Du dabei von uns hoeren,
keine Klage, kein boeses Gesicht weiter -- keine Thraene -- nur die hier sind
uns so ganz von selber ueber die Backen gelaufen, weil wir die Mutter
weinen sahen. Mit Lieb und Lust wollen wir das Leben dort beginnen  -- "

"Und Kuehe und Huehner schaffen wir uns an!" rief Marie, "und die Kuehe
melken wir selber und machen Butter und Kaese."

"Wie gut," sagte Anna, dass wir im vorigen Jahr auf dem Land bei der Tante
waren, und dort das Alles zum Spass gelernt haben; jetzt wird es uns
nuetzen."

"Aber nicht wahr, Muetterchen, nun weinst Du auch nicht mehr," rief Marie,
zur Mutter hinuebergleitend, ihren Arm um deren Nacken legend und sie
kuessend -- "drueben wird schon Alles huebsch werden. Und ein paar von den
grossen Holzschuhen nehm' ich mir mit, wie sie die Bauern tragen, fuer
draussen bei nassem Wetter; hei wie wir da herumpatschen wollen und
schaffen und arbeiten; und plaetten thun wir auch selbst, dafuer nimmst Du
kein Maedchen mehr."

Den frohen, leichten Herzen schwammen schon die gewaltigen Umrisse ihrer
ganzen fernen, so ungewissen Zukunft, in den einzelnen bunten
Kleinigkeiten zusammen, die ihrem Geist, von dem Reiz der Neuheit mit
frischem Duft ueberhaucht, entstiegen. Nur die Lichtpunkte erspaehte der, in
die Ferne arglos hinausschauende Blick, und die goss er sich lustig
zusammen zu einem Ganzen: was dahinter lag, der duestere Hintergrund, den
das erfahrenere Mutterauge wohl erkannt, diente ihnen nur dazu die
einzelnen Lichter staerker hervorzuheben, deutlicher erkennen zu koennen,
und der Himmel spannte sich blau und rein ueber ihren gluecklichen Haeuptern.





                                Capitel 8.


                       DER TANZ IM ROTHEN DRACHEN.


Drei volle Monat waren nach den, in den vorigen Capiteln betriebenen
Scenen verflossen, und der Diebstahl im Dollingerschen Hause zu Heilingen,
der eine ganze Woche lang fast das alleinige Stadtgespraech gebildet, wurde
kaum noch erwaehnt. Der vermuthete Dieb (gegen den aber allerdings
nachtraeglich keine weiteren Beweise aufgefunden worden), war zwei Tage
nach dem Sturz von der Bruecke an seiner Kopfwunde gestorben; er hatte die
beiden Tage vollkommen bewusstlos gelegen, und kein Wort mehr gesprochen.
Das uebrige Geld aber -- ausser den zweihundert und einigen Thalern -- wie die
vermissten Pretiosen, konnten, trotz den genausten Nachforschungen nirgends
aufgefunden werden, und hatte er es wirklich gestohlen, so liess sich jetzt
gar nichts Anderes vermuthen, als dass er es irgendwo an einer heimlichen
Stelle vergraben, und ausser Sicht gebracht habe.

Actuar Ledermann hatte dabei ganze Actenstoesse ueber den Fall geschrieben --
man wusste wirklich nicht wo er nur den Stoff dazu herbekommen; aber mit
dem ueblichen Canzleistyl wurde die Sache, der jede gruendliche Vorlage
mangelte, nach Moeglichkeit gereckt und ausgedehnt und dann, als sich
Nichts weiter darueber ergab, mit starkem Bindfaden umschnuert und
etiquettirt, um spaeter vielleicht, mit Jahreszahl und Nummer versehn, in
irgend ein staubiges Gefach geschoben zu werden, dort ein Jahrhundert
fortzutraeumen, -- wie der Verstorbene unter dem Rasen, dicht an der
Kirchhofsmauer, an die er, ohne Sang und Klang damals, noch vor Tag, still
und heimlich hinausgeschafft worden.

Die Geistlichkeit von Heilingen hatte dem Ungluecklichen allerdings sogar
dies "ehrliche Begraebniss" versagen und den Koerper der Anatomie
ueberantworten wollen, da er unter dem Verdacht eines schweren Diebstahls
und gewissermassen als Selbstmoerder seinen Tod gefunden -- was kuemmerte die
stolzen Geistlichen die duldende Liebe die Christus gelehrt, wo _ihre_
Autoritaet Gefahr leiden konnte gekraenkt zu werden, und sie hatten einmal
verordnet, dass solchen Suendern ein "christliches Begraebniss" versagt werden
solle; aber die Polizei war milder und verstaendiger als die "Diener des
Hoechsten" und erklaerte den Tod des Armen fuer keinen Selbstmord, indem er
nur "auf der Flucht" umgekommen, waehrend wahrscheinlich der ihm
beigegebene Waechter die allerdings unschuldige, und nicht zur
Verantwortung zu ziehende direkte Ursache, seines Todes gewesen sei.

Aber fort -- fort mit den traurigen Bildern; das menschliche Leben hat der
dunklen Seiten so viele, und sie draengen sich uns doch auf, wohin wir
gehen -- nur der Augenblick gehoeret uns, und nicht muthwillig wollen wir
den Schmerz suchen. So mag mir der Leser denn noch einmal zum rothen
Drachen hinaus folgen -- es dauert vielleicht lange, ehe wir den Platz
wieder zu sehn bekommen -- und dort toent heut froehliche Musik aus dem
hellerleuchteten Saal des grossen Hauses, der mit Guirlanden und Blumen und
jungen Birkenreisern festlich geschmueckt ist, indess ihn eine muntere, laut
und lustig durcheinander wogende Schaar belebt.

Kaum eine Viertelstunde -- oder eine "halbe Pfeife Tabak", wie die Bauern
sagten -- vom rothen Drachen entfernt, lag Schloss Hohleck an der anderen
Seite des naemlichen Huegelrueckens, das gegenueber liegende Thal
ueberschauend, und der Besitzer desselben, Graf von Hohleck, feierte heute
die Vermaehlung seines aeltesten Sohnes, der dabei das Gut selber uebernahm,
und nun seinen Leuten dem Tag zu Ehren ein Fest "in der Schenke" gab. Bier
und Branntwein waren dabei zu freier Verfuegung gestellt, und ein starkes
Musikchor aus der Stadt engagirt worden, den Leuten die ganze Nacht
hindurch zum Tanze aufzuspielen -- und sie machten Gebrauch davon.

Aber auch aus Heilingen selber hatten sich eine Menge Gaeste eingefunden,
dem muntern Leben und Treiben der froehlichen Menschen zuzuschauen, und
waehrend der untere Gartensaal einzig und allein den Dienstleuten des
Rittergutes eingeraeumt war, zu dem den Stadtleuten jedoch gastlich der
Zutritt gestattet wurde, hatten sich die letzteren noch besonders in einem
paar der kleineren Stuben festgesetzt, wo sie ihren Wein oder ihr Bier
tranken oder auch eine Parthie spielten, die Zeit auszufuellen.

Zu den Gaesten aus der Stadt gehoerten auch mehre unserer alten Bekannten,
unter ihnen Kellmann und Schollfeld, zwei Stammgaeste des rothen Drachen.
Ledermann war ebenfalls, wenn auch spaeter, herausgekommen und ihnen hatte
sich noch der Auswanderungsagent Weigel -- sehr zum Aerger Schollfeld's,
der ihn nicht ausstehen konnte -- zugesellt. Weigel blieb aber nicht ruhig
an ihrem Tisch sitzen, sondern ging ab und zu, und hatte sein Glas nur mit
bei ihnen stehn, gewissermassen seinen Platz zu belegen.

Ledermann war uebrigens heute sehr still und niedergeschlagen, er hatte
sein einziges Kind vor etwa vierzehn Tagen verloren, und schien sich das
sehr zu Herzen zu nehmen, erklaerte auch nur herausgekommen zu sein, sich
ein wenig zu zerstreuen und die Gedanken los zu werden, die ihn in der
Stadt drin peinigten.

Uebrigens war ihm in den letzten Tagen hoechst unerwarteter Weise eine
kleine Erbschaft von 600 Thalern zugefallen und Schollfeld, der heute
Abend aussergewoehnlich gut aufgeraeumt schien, versuchte jetzt sein Bestes
des Freundes Grillen oder truebe Gedanken ebenfalls zu verscheuchen.

"Hoeren Sie einmal Ledermann," begann er, mit dem Deckel seines Kruges
klappend und mehr Bier verlangend -- "wie ist denn die Geschichte nun mit
den 600 Thalern?  -- beilaeufig gesagt schneiden Sie ein Gesicht dabei, als
ob Sie Schwefelsaeure verschluckt haetten."

"Er hoert nicht einmal," sagte Kellmann, als der Actuar kein Wort darauf
erwiederte, und die Anrede in der That gar nicht verstanden zu haben
schien -- "Ledermann, Mensch, wo sind Sie jetzt mit Ihren Gedanken, im
rothen Drachen bei Heilingen, im Monde, oder in Amerika?"

"Wo?" sagte der Actuar, rasch und fast verstoert aufschauend, als aber die
Anderen laut lachten, schuettelte er mit dem Kopf und seinen Krug nehmend
und trinkend sagte er ruhig und ernst:

"Ach lasst mich zufrieden Kinder -- ich habe den Kopf voll, und bin
wahrhaftig heute Abend nicht zum Spassen aufgelegt."

"Nicht zum Spassen aufgelegt?" rief aber Schollfeld, Kellmann unter dem
Tisch anstossend -- "ist auch gar nicht noethig mein lieber Actuar -- wir
spassen auch hier gar nicht; Jemand aber, der eine Erbschaft macht und
irgendwo Stammgast ist, ueberkommt dabei die moralische Verpflichtung
irgend etwas zum Besten zu geben, und es bleibt ein Skandal, dass man einen
solchen Glueckspilz auch nur noch daran erinnern muss. Hat der Henker da
wieder den Schleicher, den Weigel," unterbrach er sich aber ploetzlich mit
etwas leiserer Stimme, als er sah wie dieser das Zimmer wieder betrat, und
sich ihrem Tische zuwandte -- "ich hatte schon gehofft wir wuerden ihn heute
Abend los sein; jetzt ist _mein_ Vergnuegen beim Teufel."

"Nun meine Herren, noch so froehlich beisammen?" sagte Weigel jetzt, indem
er zum Tisch trat -- "ah, da sind ja der Herr Actuar auch noch dazu
gekommen -- bitte behalten Sie ja Platz, ich ruecke ein klein wenig hier
herueber -- so -- das geht vortrefflich. Nun, der Herr Actuar haben in diesen
Tagen ein grosses Glueck gehabt -- da darf man ja wohl gratuliren."

"Danke herzlich," sagte Ledermann ruhig; "es wird uebrigens so viel von den
paar hundert Thalern gesprochen, als ob's eben so viel Tausende waeren."

"Ih nun, das lassen Sie gut sein," sagte aber Weigel, mit dem Kopf
schuettelnd -- "sechshundert Thaler richtig angewandt koennten in der That in
kurzer Zeit zu so viel Tausenden werden."

"Wenn man sich Saechsische Loebau-Zittauer Eisenbahnactien dafuer kaufte,
nicht wahr?" sagte Schollfeld, das Gesicht halb in den ebengebrachten Krug
versteckt, und einen grimmigen Blick ueber den Rand desselben hin, nach dem
Auswanderungsagenten schiessend.

"Nun das gerade nicht," schmunzelte Herr Weigel, sein Glas ein wenig
weiter auf den Tisch schiebend, und sich die Haende reibend, "da wuesste ich
doch noch eine bessere Speculation."

"Und die waere," sagte der Actuar, seitwaerts zu ihm aufschauend.

"Wenn Sie sich eine kleine Farm in Amerika kauften."

"Puh!" rief Schollfeld, veraechtlich den Kopf abwendend, "jetzt sein Sie so
gut, kommen Sie uns hier nicht mit Ihrer alten Leier von dem verdammten
Amerika, und verderben Sie uns das Bier nicht -- hier ist auch Nichts zu
verdienen, denn von uns geht doch keiner hinueber."

"Lieber Herr Schollfeld," sagte aber Weigel mit grosser Ruhe, "von _uns_
weiss noch Niemand was er naechstes Jahr thun wird, und verschwoeren laesst
sich so eine Sache nun einmal gar nicht -- Amerika ist immer noch ein
Zufluchtsort."

"Ja fuer die Spitzbuben und Hallunken, _da_ haben Sie recht!" rief der
Apotheker.

"Ne lieber Herr Weigel!" rief aber auch Kellmann jetzt -- "mit sechshundert
Thalern kann ich da drueben auch Nichts anfangen, und bin dann noch
obendrein bei jedem Schritt und Tritt der Gefahr ausgesetzt, dass ich
betrogen und hintergangen werde. Man kann dort ja nicht einmal seinem
eigenen Bruder trauen."

"Aber mein bester Herr Kellmann, das sind die unglueckseligen Ideen, die
von -- na, ich will keinen Namen nennen -- ausgesprengt werden, um die Leute
blind zu machen, rein blind. Sie sollen eben nicht sehen was fuer
Vortheile, fuer fabelhafte Vortheile dort gerade fuer sie zu Tage liegen,
und die Geruechte von dort veruebten Betruegereien haengen eben als
Vogelscheuche ueber den Erbsen. Wir haben _hier_ eben so viele schlechte
Charaktere wie in Amerika."

"Ob eben so _viel_, will ich dahingestellt sein lassen," sagte Schollfeld
mit einem nichts weniger als freundlichen Seitenblick auf den Agenten --
"aber eben so schlechte gewiss."

"Nun also," erwiederte Weigel freundlich, ohne auf den Hieb einzugehn, ja
im Gegentheil die Waffe laechelnd umdrehend -- "sehn Sie, selber Herr
Schollfeld stimmt mir darin bei."

"Ja aber nicht wie _Sie_ es meinen!" rief da Schollfeld entruestet,
keineswegs gesonnen sich die Worte so im Munde verdrehen zu lassen.

"Von den Betruegereien will ich noch gar Nichts sagen," unterbrach ihn aber
Kellmann, ziemlich in Eifer -- "was ich dagegen sehr guten Grund habe zu
bezweifeln, sind die billigen Landkaeufe, sind dabei die Erleichterungen,
welche diese republikanische Regierung allen moeglichen Gewerken und
Unternehmungen bietet, die geringen Taxen, der freie Verkehr und Umsatz im
Innern. Das wird Alles ausgemalt mit Gold und Silber und Himmelblau, und
kommt man am Ende hinueber, so hat man die ganze naemliche Geschichte wie
bei uns. Dass all das nichtsnutzige Gesindel dort ohne _Pass_ herumlaufen
darf, mag wahr sein, das halte _ich_ aber eben fuer keinen Fortschritt."

"Verehrtester Herr Kellmann!" rief aber Weigel in Eifer -- "gegen
_Thatsachen_ koennen wir doch nicht anstreiten; wir wollen doch nicht blind
und taub mit dem Kopf gegen die naechste, und womoeglich haerteste Wand
rennen? wir sind doch vernuenftige Menschen, aber haben Sie nicht alle die
neueren Schriften jetzt gelesen, die  -- "

"Ach gehn Sie mit Ihren Schmierereien," rief aber Schollfeld, dem das
Gespraech jetzt zur Last wurde, "fuer einen Thaler den Bogen malen ihnen die
lumpigen Literaten selbst die Hoelle himmelblau an, und kleben von oben bis
unten Sterne drueber. Lasst mir jetzt Euer Geschwaetz von Amerika hier, oder
ich stehe, Gott straf mich, auf, und setze mich wo anders hin."

"Nun, jeder darf sich hinsetzen wo es ihn gerade freut," sagte Weigel,
wirklich etwas beleidigt, obgleich er sonst einen ziemlichen Theil
vertragen konnte.

"Ja leider," sagte aber Schollfeld, mit wieder einem Seitenblick auf den
Agenten, der diesen doch jetzt vermochte aufzustehn und sein Bier
auszutrinken.

"Herr Schollfeld," sagte er dabei, "Sie sind in der Stadt als ein
Antiamerikaner bekannt, und ich glaube Sie wuerden den Leuten eher zu einer
Auswanderung nach Sibirien wie nach Nordamerika rathen."

"Wuerde ich auch," sagte Herr Schollfeld trotzig, sich den Hut noch fester
in die Stirn drueckend.

"Nun ja, der Geschmack ist verschieden -- Jeder weiss am Besten wohin er
gehoert, und dahin treibt ihn der Instinkt," sagte Herr Weigel
achselzuckend, indem er den Tisch verliess, und Kellmann erwischte eben
noch zur rechten Zeit Schollfeld hinten am Frackzipfel, der aufspringen
und dem sich rasch entfernenden Weigel nach wollte.

"Aber so fangen Sie hier doch um Gottes Willen keinen Skandal mit dem
Menschen an!" rief Kellmann leise und bittend.

"Instinkt treibt?" rief aber Schollfeld jetzt, da er sich hinten,
vielleicht gern, gehalten fuehlte -- laut hinter dem Davoneilenden her --
"Sie wird bald 'was anders treiben Sie -- Sie _Seelenverkaeufer_ Sie!"

"Pst!" rief aber auch der Actuar jetzt, ihn rasch zu sich niederziehend --
"Sind Sie denn ganz vom Boesen besessen Apotheker? auf das Wort koennte er
Ihnen, wenn er's noch gehoert haette, die schoenste Injurienklage an den Hals
haengen."

"S'ist aber wahr -- der Lump!" rief Schollfeld aergerlich, den leeren Krug
zum hastigen Trunk aufhebend, und denselben dann laut auf den Tisch
aufstossend -- "es ist ein Seelenverkaeufer, der Kerl, und um einen Thaler
beschwatzt er das Kind, dass es die Eltern, den Mann, dass er die Frau
verlaesst -- hier Kellner, noch ein Glas Bier. -- Sprecht mir von Raubmoerdern
und Strassenraeubern, gegen die das Gericht einschreitet und ihnen das
Handwerk legt -- allen Respect vor einem Mann, der es den Leuten geradezu
in's Gesicht wirft, "ich _bin_ ein schlechter Kerl -- ich stehle wo ich's
bekommen kann, und wo ich's nicht gutwillig kriege mord' ich auch; aber
solche heimliche Hallunken sind die Upasbaeume der menschlichen
Gesellschaft -- sie vergiften was sie erreichen koennen, und von aussen geben
sie sich das Ansehen eines ehrlichen Baumes und haben gruene Blaetter und
glatte Rinde. Gegen _die_ Schufte sollte eingeschritten werden, nicht mit
Geldstrafen oder Gefaengniss, nein mit Knute und Strang --
Himmeldonnerwetter, wenn ich da 'was in der Regierung zu befehlen haette."

"Sie wuerden schoene Geschichten anrichten, kann ich mir etwa denken," sagte
der Actuar trocken, "s'ist so schon manchmal wie's ist. Lassen Sie doch
jeden seinen Weg gehn in der Welt; der liebe Gott weiss wohl wozu's gut
ist. Blutigel sind auch unangenehme Geschoepfe in der Naturgeschichte, und
doch verwendet sie die Natur wieder zu hoechst nuetzlichen und nothwendigen
Zwecken; denken Sie sich so ein Individuum waere ein menschlicher
Blutigel."

"Dann trink' ich aber nicht mein Bier an einem Tisch mit ihm," rief der
Apotheker.

"Bah, das ist wieder zu weit gegangen," sagte Kellmann, "viel zu weit
gegangen. 'Was Schlechtes koennen Sie dem Mann ueberhaupt nicht nachsagen,
denn dass er fuer Amerika wirbt, ist einesteils sein Geschaeft, anderntheils
seine Ansicht, und er koennte Ihnen von _seinem_ Standpunkt aus dann
ebensogut wieder vorwerfen, dass Sie eine Menge Menschen absichtlich
ungluecklich machten, die sie von einer Auswanderung nach jenem Lande
abhielten."

"Unsinn -- baarer Unsinn!" rief aber Schollfeld, unwillig den Kopf herueber
und hinueber werfend -- "Jemand ungluecklich machen, dass man ihm von einer
Auswanderung nach Amerika abraeth, waere gerade so, als ob ich als eines
Menschen Moerder betrachtet wuerde, den ich abhalte aus dem dritten Stock
auf die Strasse zu springen. Aber hol den Lump der Henker," brach er kurz
und aergerlich ab, "ich war so guter Laune und jetzt hat er mir den ganzen
Abend verdorben. --  Nach Sibirien auswandern  -- " brummte er dabei,
waehrend er eine neue Cigarre aus der Tasche nahm und sie an dem, auf dem
Tisch stehenden Licht entzuendete -- "Holzkopf der -- nach Sibirien
auswandern -- ich will nur einmal in den Saal gehn und sehn wie sie's da
treiben, dass man auf andere Gedanken koemmt -- ich bin bald wieder da." Und
von seinem Stuhl aufstehend verliess er langsam, und immer noch vor sich
hin murmelnd, das Zimmer.

Der Actuar stand ebenfalls auf und nahm seinen Hut.

"Na nu?" sagte aber Kellmann erstaunt -- "was ist das fuer eine Wirthschaft
heut Abend? Schollfeld laeuft fort, Lobsich hat sich gar nicht sehen
lassen, und Sie wollen jetzt auch Fersengeld geben? wo bleibt denn da
heute Abend unser Solo? -- wir koennen doch nicht wie die Pferde zu Bette
gehn, ohne unsere Parthie gespielt zu haben?"

"Mir ist heute nicht wie spielen," sagte der Actuar, langsam mit dem Kopfe
schuettelnd, "ich habe auch Kopfschmerzen, und an der frischen Luft wird
mir wohl besser werden."

"Fort duerfen Sie aber noch nicht," sagte Kellmann, indem er sein Bier
austrank, und ebenfalls aufstand, "da wollen wir lieber einmal unten im
Garten auf und ab gehn."

Der Actuar zoegerte einen Augenblick, dann aber legte er schweigend seinen
Arm in den Kellmann's und beide Freunde gingen mitsammen die Treppe
hinunter.

Es war indessen vollkommen dunkel geworden, und die Leute hatten sich, des
feuchten Abends, wie des im Saal wogenden Tanzes wegen, meist alle aus dem
Garten hinaus, und in die mehr geschuetzten Raeume der Gebaeude gezogen. Nur
hie und da sass noch irgend ein kosendes Paerchen in einer Laube, oder
schwaermte auch wohl auf dem Vorbau des Gartens nach dem, gerade ueber dem
nebelgefuellten Thal jetzt aufzeigenden Vollmond hinueber, dessen grosse
rothe Scheibe sich gluehend aus den Bergen hob, und das weite,
thaublitzende Thal ueberschaute.

Kellmann ging ruhig neben dem still vor sich nieder schauenden Freund her,
bis sie den breiten Fussweg der schoenen ebenen Chaussee erreichten, und
eine kleine Strecke derselben hinauf gewandert waren; dann aber blieb er,
diesen zurueck haltend, ploetzlich stehen, und sagte mit freundlichem,
herzlichen Ton:

"Aber lieber Ledermann, Sie duerfen sich Ihrem Schmerz um das Kind nicht so
ganz und ruecksichtslos hingeben; lieber Gott ich begreife dass es ein
schwerer, recht schwerer Verlust ist, aber Gott hat's gegeben und Gott
hat's genommen, und wer weiss ob dem kleinen lieben Wesen dadurch nicht
vielleicht ein recht truebes und schmerzliches Dasein erspart wurde."

"Es ist nicht das Kind, Kellmann," sagte aber der Actuar, leise mit dem
Kopf schuettelnd, "nicht der Tod meiner kleinen Adele nagt mir jetzt am
Herzen, obgleich der da oben weiss wie weh er mir gethan -- nein, ich halte
ihn sogar unter den jetzigen Verhaeltnissen, in denen ich lebe, fuer ein
_Glueck_, und es ist _furchtbar_, dass ich gezwungen bin so etwas von dem
Tod meines eigenen, einzigen Kindes zu sagen."

"Aber was, um Gottes Willen, haben Sie _denn_?" rief Kellmann, verwundert
vor ihm stehen bleibend und ihn anschauend. "Irgend etwas _ist_
vorgefallen, aber was? -- etwa wieder zu Hause der alte wunde Fleck?"

Ledermann nickte finster und schweigend mit dem Kopf.

"Aber was _will_ sie denn eigentlich," rief Kellmann finster die Brauen
zusammen und seinen Arm aus dem des Freundes ziehend, um besser
gesticuliren zu koennen -- "Wetter noch einmal, Ledermann, Sie haetten da
schon lange ernst und entschieden auftreten sollen, die Sache ist jetzt
schon viel zu weit eingerissen, und die Frau bringt sie, wenn das so fort
geht, wahrhaftig noch unter die Erde."

"Ernst und entschieden auftreten? -- lieber Gott," stoehnte der Actuar
kopfschuettelnd -- "soll ich mir denn die letzte leiseste Hoffnung auf
einen, nur moeglichen Hausfrieden selber muthwillig vernichten? -- _Sie_
haben gut reden; _Ihr_ Geschaeft ist in Ihrer eignen Wohnung, und Ihre
Erholung gestattet Ihnen, _die_ ausserhalb desselben zu suchen, ich aber
sitze und schwitze den ganzen lieben ausgeschlagenen Tag auf dem
verwuenschten Bureau, und komme ich dann Abends zu Hause, und sehne mich
nach einer halbstuendigen gemuethlichen Ruhe, so beginnt die Frau, und wenn
sie eine Ursache aus der Luft greifen sollte, mir das Leben zu einer Hoelle
zu machen. Lieber Gott, es fiele mir ja gar nicht ein Abends in ein
Wirthshaus zu gehn, wenn ich Frieden daheim haette; es giebt vielleicht
wenig Menschen in der Welt, die sich so nach einem stillen, haeuslichen
Leben sehnen, wie gerade ich, und keinen, Kellmann, keinen weiter, dem es
_so_ verbittert, so gaenzlich aus dem Fenster geworfen wird, jeden Abend
wieder von Frischem, wie gerade mir."

"Aber was ist denn nur vorgefallen?"

"Das Ganze ist mit wenig Worten erzaehlt," sagte der Actuar nach kurzer
Ueberlegung entschlossen, "und Sie sollen mir rathen, wie ich im Stande
bin mich einem Zustand zu entziehn, der mir unertraeglich wird. Sie haben
gehoert dass ich von einem entfernten Verwandten sechshundert Thaler geerbt,
die ich in den naechsten Wochen ausgezahlt bekomme. Das Vernuenftigste nun
waere das Geld in irgend einem _sichern_ Staatspapier, oder in guten Actien
anzulegen, und mit den wenigen, aber gewissen Zinsen meinen, ueberdies
aermlichen Gehalt zu erhoehen -- ich habe fuenfhundert Thaler jaehrlich und
weiss bei Gott oft nicht wie ich auskommen soll."

"Nun gut, das ist ja Alles so schoen und glatt wie es nur sein kann."

"Jawohl, aber meine Frau besteht darauf das Capital ihrem Bruder geben zu
wollen, der ein Geschaeft hat und mir _fuenf_ Procent verspricht."

"Ih nun, wenn es da sicher angelegt ist -- fuenf Procent waere aller Ehren
werth."

"Aber es _ist_ nicht sicher angelegt; der Bursche ist ein liederlicher
leichtsinniger Mensch, der schon einmal Bankerott gemacht hat und -- wie
ich ziemlich guten Grund habe zu vermuthen -- an der Grenze eines zweiten
steht."

"Ahem," sagte Kellmann nachdenkend.

"Geb ich _ihm_ das Geld," fuhr der Actuar fort, "so ist es ueber Jahr und
Tag, so sicher wie dort drueben der Mond aufgeht, verloren, und geb' ich es
ihm _nicht_, so weiss ich dass mir die Frau zu Hause den eignen Heerd zur
Hoelle macht."

"Aber Donnerwetter, Ledermann, nehmen Sie mir das nicht uebel," sagte
Kellmann stehen bleibend, "da wuerde ich denn doch einmal einen Trumpf
darauf setzen und mein Recht als Mann und Herr im Hause wahren; nur durch
Ihr ewiges Nachgeben haben Sie die Geschichte schon so, in Grund hinein
verdorben."

"Aber was _soll_ ich thun?" rief der Actuar verzweifelnd --  "mit Worten
_kann_ ich nicht gegen sie anstreiten, nicht sechs Maenner koennten das; in
Ruhe und Guete ist Nichts anzufangen mit ihr, und schlagen darf und will
ich sie ebenfalls nicht."

"So lassen Sie sich scheiden, zum Wetter noch einmal;" rief Kellmann,
"lieber doch eine trockne Brodrinde kauen, als mit solchem Drachen das
ganze Leben, eine ganze Existenz, muehselig und qualvoll hinzuschleppen."

"Heute Abend zum ersten Mal," sagte der Actuar seufzend, "habe ich ihr
selber damit gedroht; ich habe ihr vorgehalten, dass sie sich mit mir nicht
gluecklich fuehlen _koenne_, weil sie fortwaehrend, und ohne auch nur einen
einzigen Tag Frieden zu gestatten, zanke, und das Beste sein wuerde, wir
liessen uns, einem Leben zu entgehen das auf die Laenge der Zeit doch nicht
durchgefuehrt werden koenne, gerichtlich scheiden."

"Nun? -- und was hat sie darauf erwiedert?"

"Ich bin fortgelaufen," sagte der Actuar, seufzend den Kopf von dem Freund
abwendend, "denn sie wurde -- sie wurde so heftig, und betrug sich -- betrug
sich so unvernuenftig, dass ich mich vor den Nachbarn schaemte, und lieber
Hut und Stock nahm, den Frieden wieder, wie schon so oft, auswaerts zu
suchen."

"Also sie weigert eine Scheidung?"

"Sie schwur sie wolle mir die Augen auskratzen, wenn ich noch einmal ein
derartiges Wort erwaehne, zerbrach dann in ihrer Wuth Gott weiss was Alles,
und -- ich glaube sie bekam nachher Kraempfe -- ihr altes Leiden. Erst hatte
ich gehofft der Tod des Kindes wuerde sie milder stimmen, aber nein, und
wenn mich etwas ueber den Verlust des kleinen lieben Wesens troesten koennte,
so ist es gerade der Gedanke, es dem boesen Beispiel, das ihm die eigene
Mutter taeglich gab, entrissen zu sehn -- was haette zuletzt aus ihr werden
sollen, als eben eine solche Frau."

"Und so ist gar keine Hoffnung, mit Guete durchzukommen?  -- "

Der Actuar schuettelte schweigend mit dem Kopf.

"Hm, das ist eine verfluchte Geschichte," sagte Kellmann, "da -- da weiss
ich wahrhaftig auch nicht was ich rathen soll. Das Geld vertraute ich aber
-- wenn die Sache _so_ steht  -- meinem Schwager auch nicht an, soviel ist
sicher -- Sie sind das sich selber und Ihrer eigenen Existenz schuldig."

Der Actuar seufzte tief auf und die beiden Maenner gingen wieder eine
Zeitlang, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschaeftigt, nebeneinander
hin. Sie waren indess die Strasse ein Stueck hinauf- und wieder
zurueckgegangen, und blieben jetzt mehre Minuten nicht weit von dem Eingang
des Gartens stehn, den Ruecken diesem, und ihr Gesicht dem sich gerade ueber
die Berge hebenden Monde zugewandt, als ein junges Maedchen, noch ein Kind
fast und augenscheinlich auf der Wanderung, ganz allein mit einem kleinen
Buendel in der linken Hand, und einem grossen dunklen Tuch ueber dem rechten
Arm, die Strasse herunter kam und ziemlich dicht an ihnen vorueberging. So
viel sie im Mondenlicht erkennen konnten, war sie nur aermlich gekleidet,
und auch wohl ermuedet von einem vielleicht langen Marsch, denn sie blieb
zweimal stehen und trocknete sich dabei den Schweiss von der Stirn.

Das zweite Mal als sie Halt machte geschah das fast dicht vor den beiden,
hier im Schatten eines Hollunderbusches stehenden Maennern, die sie im
Anfang gar nicht bemerkte, und sie schien den Toenen zu lauschen die aus
dem etwa zweihundert Schritt davon gelegenen hellerleuchteten Gartenhaus
wild und lustig heraustoenten.

"Froehliche Menschen," fluesterte sie dabei -- "_Glueckliche_;" wie sie aber
den Kopf dem Lichte zuwandte, fiel ihr Blick auch auf die beiden dunklen
Schatten unter der Mauer, und wie unwillkuerlich fuhr sie zurueck; dabei
glitt ihr das Buendel aus der Hand und fiel zu Boden.

"Wir thun Dir Nichts, Kind," sagte Kellmann, der die Bewegung gesehen
hatte, gutmuethig; "wo willst Du denn noch so spaet hin?"

"Nach Heilingen," antwortete das fremde Maedchen, ihr Buendel wieder
aufnehmend -- "ist es noch weit bis dorthin?"

"Eine halbe Stunde etwa, wenn Du ruestig zugingst; aber Du scheinst muede zu
sein und wirst wohl laenger brauchen."

"Ich komme weit her," sagte die Fremde, aber sie zoegerte dabei und es war
als ob sie noch nach irgend etwas fragen oder um etwas bitten wolle, und
sich auch wieder scheue es zu thun.

"Du bist wohl hungrig, Kind?" frug sie da Kellmann, dessen gutes Herz ihn
zu helfen draengte, wo das in seinen Kraeften stand -- "sag's gerad' heraus;
und wenn Du kein Geld hast macht das nichts, ich schaffe Dir was."

Das Maedchen schwieg und drehte seufzend den Kopf ab und Kellmann, dem
richtigen Princip der Gastlichkeit und Menschenliebe treu, nicht viel zu
fragen erst, wo man gern giebt, sagte ihr sich einen Augenblick auf die
kleine Bank am Thor zu setzen, und er werde ihr einen Imbiss holen -- sie
koenne dann Heilingen bald erreichen. Ohne erst eine Antwort abzuwarten
ging er darauf rasch in's Haus, und das Maedchen zoegerte noch einen
Augenblick und folgte dann, augenscheinlich zum Tod ermuedet, der
freundlichen Einladung.

"Du kommst weit her?" sagte der Actuar endlich, der neben ihr stehn
geblieben, im Anfang aber noch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken
beschaeftigt war, viel auf die Fremde zu achten.

"Von Erfurt."

"Von Erfurt? hm -- das ist eine lange Strecke; zu Fuss den ganzen Weg?"

"Ja."

"Und willst in Heilingen bleiben?"

"Ich weiss es noch nicht."

"Hast Du Verwandte dort?"

"Einen Bruder."

"Hast Du denn einen Pass bei Dir?"

"Ja," sagte das Maedchen und holte, mit einem scheuen Blick auf den Frager,
ihr kleines Buendel vor, das sie Miene machte aufzuknuepfen, der Actuar
aber, der die Bewegung verstehen mochte, sagte rasch:

"Nein nein -- lass nur sein -- ich will ihn nicht sehen --  ich frug nur
Deinethalben, damit Du hier in der Stadt in keine Verlegenheit kaemest. Da
ist auch Freund Kellmann schon mit dem Essen -- nun lass Dir's schmecken."

"Da," sagte der kleine Kuerschner, der schnellen Schrittes mit einem grossen
gestrichenen Weissbrod und einem hohen Glas Milch herankam und es der
Fremden reichte -- "das wird Dir gut thun."

Das junge Maedchen nahm das Glas mit schuechternem Danke an und trank -- erst
ein wenig, dann aber herzhafter --  sie mochte wohl recht durstig gewesen
sein. Wie sie fertig war setzte sie das Glas auf die Bank zurueck und nahm
ihr Buendel wieder auf.

"Ich danke Ihnen auch noch viel tausend Mal," sagte sie dabei mit weicher,
ergriffener Stimme -- "ich hatte seit heute Morgen Nichts gegessen und war
recht matt geworden."

"Armes Kind," sagte Kellmann mitleidig -- "aber hast Du denn schon einen
Platz in der Stadt wo Du uebernachtest?"

"Ja," sagte die Kleine -- "ich denke so -- koennen Sie mir aber wohl noch
sagen ob das Haus des reichen Herrn Dollinger nahe am Thore ist, oder weit
in der Stadt drin?"

"Dollinger's Haus? oh nicht so weit in der Stadt drin --  aber was willst
Du dort?"

"Mein Bruder ist in Herrn Dollinger's Geschaeft -- wohnen auch die Leute bei
ihm im Hause?"

"Nicht dass ich wuesste," sagte Kellmann.

"Aber man kann es doch dort erfahren wo sie wohnen?"

"Gewiss -- gleich unten im Haus bei dem Hausmann; frage nur nach der
Poststrasse, wenn Du in's Thor kommst."

"Gute Nacht Ihr Herren, und nochmals schoensten Dank --  Gott mag es Ihnen
vergelten."

"Gute Nacht Kind, guten Weg," sagte Kellmann, "aber --  wie heisst denn Dein
Bruder?"

"Franz Lossenwerder," sagte das Maedchen und ging langsam die Strasse hinab.

"Oh Du mein Gott," rief der Actuar leise und erschreckt vor sich hin, wie
er den Namen hoerte -- "das ist ja schrecklich."

"Du lieber Gott, das arme Ding muss von dem Schicksal des Bruders gar
Nichts wissen," seufzte auch Kellmann  -- "und wenn sie das jetzt heute
Abend erfaehrt -- o wo wird sie nur die Nacht bleiben?"

"Armes, armes Kind," sagte der Actuar, "und selbst ohne Geld in der
fremden Stadt."

"Ich geb' ihr etwas," rief Kellmann, rasch entschlossen, und eilte "heh! --
pst!" rufend die Strasse hinab dem Maedchen nach, das stehen blieb und nach
Buendel und Tuch fuehlte als sie den Ruf hoerte, weil sie glaubte dass sie
vielleicht etwas vergessen haette.

"Liebes Kind," stotterte aber Kellmann verlegen, als er sie eingeholt,
denn er konnte es nicht ueber's Herz bringen ihr die Wahrheit zu sagen --
"ich -- ich kenne Deinen Bruder, aber -- er ist jetzt nicht in Heilingen --
Du -- Du wirst es morgen schon hoeren, und im Dollingerschen Hause koennen
sie Dir auch heute nichts weiter sagen, es ist sogar sehr die Frage ob der
Mann unten im Haus noch auf ist. Gleich wenn Du in's Thor hineinkommst,
das dritte Haus an der rechten Seite, vor dem die beiden Laternen stecken,
ist ein Gasthaus -- ein gutes anstaendiges Haus, wo sie Dir Quartier geben
werden -- da gieb ihnen diese Karte, der Wirth kennt mich, und sage ihm nur
ich haette Dich hingeschickt."

"Aber bester Herr," sagte das Maedchen bestuerzt, als ihr der gutmuethige
Kuerschnermeister mit der Karte zwei grosse Stuecken Geld -- es waren zwei
Thaler -- in die Hand drueckte -- "ich weiss gar nicht  -- "

Kellmann liess sie aber gar nicht zu Worte kommen.

"Schon gut -- schon gut," rief er, drehte sich um, und kehrte, das Maedchen
allein auf der Strasse zuruecklassend, eben so rasch nach dem Platz zurueck,
wo der Actuar noch seiner harrend stand.

"Haben Sie es ihr gesagt?" frug dieser ihn.

"Nein -- um Gottes Willen nein; das moegen Andere thun, _ich_ koennte es
nicht."

"Aber was soll jetzt aus ihr werden?"

"Ich werde mich im Loewen schon nach ihr erkundigen," sagte Kellmann nach
kurzer Ueberlegung -- "und wenn es ein ordentliches Maedchen ist, hab ich
Bekannte genug hier in der Stadt, ihr einen Dienst zu verschaffen. Aber
wie ist es denn mit der Lossenwerderschen oder Dollingerschen Geschichte
geworden? ist denn noch etwas von dem gestohlenen Gut zu Tage gekommen? --
man hoert ja keine Sterbenssylbe mehr darueber."

"Nichts -- gar nichts weiter," sagte der Actuar; "im Gegentheil hat der
arme Teufel von Lossenwerder ein kleines Tagebuch gefuehrt gehabt, was sich
unter den confiscirten oder mit Beschlag belegten Sachen fand, und worin
er jeden bis dahin eingenommenen Groschen sorgfaeltig und ordentlich, mit
seinen hoechst bescheidenen Ausgaben, aufnotirt. Das aber als gueltig
angenommen -- und wir haben nicht die mindeste Ursache es zu bezweifeln da
es fast zwoelf Jahre zurueckfuehrt -- waere im Gegentheil der Beweis geliefert
dass die aufgefundenen zweihundert Thaler muehsam und redlich gespartes Geld
gewesen waeren."

"Und _kein_ anderer Beweis hat sich gegen ihn herausgestellt?"

"Keiner, als dass er im Hause war und sich auffaellig heimlich daraus
entfernt hat; aber auch selbst das findet nach den Acten eine
wahrscheinliche, wenn auch etwas wunderliche Erklaerung. Nach einer Zahl
vieler hoechst mittelmaessiger, oft aber auch ziemlich guter Gedichte, in
denen sich besonders viel Gemueth ausspricht, scheint der arme verwachsene
und huelflose Mensch eine Art von -- Liebe -- ich kann es nicht anders
nennen, gegen Dollinger's juengste Tochter und Henkel's Braut in seinem
unschoenen Koerper mit herumgetragen, und nur, seinen Standpunkt gar wohl
erkennend, den einzelnen, in seinem Pult verschlossenen Blaettern
anvertraut zu haben  -- doch das unter uns. Diese unglueckselige und
hoffnungslose Neigung _kann_ ihn moeglicher Weise dazu getrieben haben, dem
jungen Maedchen zu ihrem Geburtstag einen Blumenstock zu schenken -- er hat
sogar ein Gedicht geschrieben was den Punkt beruehrt, und worin er sich
gluecklich fuehlt dass sie eine Blume pflegen koennte die er gezogen, wenn sie
auch nicht wuesste von wem sie kaeme. Dass er unter solchen Umstaenden nicht
wollte im Hause gesehen sein laesst sich denken, und ein Diebstahl in ihrem
eigenen Zimmer verliert, diesen Thatsachen gegenueber, an
Wahrscheinlichkeit, wenn er auch nicht eben zu einer Unmoeglichkeit
gehoerte. Das Menschenherz ist schwach, und Mancher schon ist geringerer
Verfuehrung erlegen."

"Hm, hm, hm," sagte Kellmann vor sich hin -- "das ist ja eine rechte,
rechte boese Geschichte, und der arme Teufel da am Ende ganz und gar
unschuldig in sein Verderben gesprungen."

"Ja, und eine Sache die mir selber schon manche schlaflose Nacht gemacht
hat," sagte der Actuar, "denn ich _kann_ den Gedanken nicht los werden,
welchen Antheil ich selber daran gehabt, den Ungluecklichen dahin zu
treiben -- obgleich ich eben nicht mehr als meine Pflicht gethan, und an
einen solchen verzweifelten Schritt nicht denken konnte; war er
unschuldig, haette sich das ja bald in der Untersuchung herausgestellt."

"Ja, und die Untersuchung rechnet Ihr Herrn vom Gericht eben fuer Nichts,"
sagte Kellmann finster -- "aber wenn das sein erspartes, und Gott weiss dann
_wie_ muehsam erspartes Geld war, wird es doch auch seinen Erben nicht
koennen vorenthalten werden."

"Die Untersuchung ist noch nicht ganz geschlossen," sagte der Actuar,
"aber ich glaube auch nicht dass irgend Jemand anders einen Anspruch darauf
wird geltend machen koennen. Diese Schwester erwaehnte er ueberhaupt mehrmals
in seinen Notizen, und hat sie auch dann und wann unterstuetzt, das Geld
wird ihr spaeter allerdings zugesprochen werden."

"Und keine Spur ist sonst aufgefunden von dem moeglichen, von dem
wirklichen Dieb?"

"Keine -- die Dienstboten sind Alle mehrmals scharf inquirirt und auf das
Genauste die ganze Zeit beobachtet, zu sehen ob eins von ihnen vielleicht
groessere Ausgaben als gewoehnlich mache, oder sich durch irgend etwas
anderes verrathen wuerde; ja die Leute haben untereinander fast eben so
scharfe Wacht gehalten, den Verdacht von sich abzuwaelzen und den
Schuldigen aufzufinden, aber es hat sich bis jetzt nicht das Mindeste
herausstellen wollen. Mit Geld ist das eine boese Sache, und wenn der Dieb
die Juwelen nur vorsichtig ein paar Jahr an sich haelt, und dann vielleicht
noch gar ausser Landes schafft, wer soll ihn da aufspueren? allwissend sind
wir auch nicht."

"Das weiss Gott," sagte Kellmann -- "wie damals mit der Pelzdecke, die mir
Jemand von der Ladenthuer weggestohlen, und die ich zwei Jahr spaeter ganz
gemuethlich im Polizeibureau, beim Polizeidirector selber in der Stube
wiederfand; da hoert denn doch Alles auf. Aber mir ist wahrhaftig jetzt
nicht wie spassen zu Muth; der Anblick des armen Maedchens hat einen
wehmuethigen Eindruck auf mich gemacht; lieber Himmel, was es doch fuer
Elend auf der Welt giebt, und still und bewusstlos gehen wir meist daran
vorueber."

"Und die Musik da drinnen, waehrend das arme Kind dort allein und freundlos
seine Strasse geht, und trotzdem jetzt noch gluecklich ist gegen den
Augenblick, wo es das Furchtbare doch erfahren _muss_. Mich leidet's heute
nicht laenger hier draussen, Kellmann," brach er kurz ab -- "ich mag die
Tanzmusik nicht hoeren -- wollen wir zurueck in die Stadt gehn? es ist
ueberdies schon spaet."

"Ich habe Nichts dagegen," sagte Kellmann, tief aufseufzend --  "mir ist
der Abend heute auch verdorben, aber wir wollen Schollfeld erst abrufen."

"Da drin ist wohl Pruegelei?" sagte da Ledermann, als aus dem Hause wilder
Laerm zu ihnen heraus toente.

"Das waere frueh," meinte Kellmann -- "die kommt gewoehnlich sonst erst
spaeter, oder ganz zum Schluss. Es ist doch sonderbar, dass ein deutscher
"Tanz" nie ohne eine Schlaegerei enden kann; es scheint auch ungefaehr
dasselbe, wie der Cotillon bei einem Ball, nur dass sich die jungen Maedchen
nicht dabei betheiligen -- hoechstens verheirathete Frauen, ihre Eheherren
zu schuetzen, und die Verwirrung womoeglich noch groesser zu machen -- hallo
aber das kommt hier heraus."

"Sie werden Jemanden hinauswerfen," sagte der Actuar ruhig -- "lassen Sie
uns an die Seite treten dass wir nicht in das Gewirr gerathen."

Der Actuar hatte allerdings recht, denn unter dem Lachen, Schreien und
Jubeln der Menge, durch das einzelne wilde Flueche einer, ihnen keineswegs
unbekannten Stimme toenten, waelzte sich ein Haufen Menschen aus dem Saal
heraus, in der Mitte einen Mann schleppend, der sich mit Haenden und Fuessen,
wenn auch umsonst, gegen solche unwuerdige Behandlung straeubte, und in dem
die beiden Freunde sehr zu ihrem Erstaunen den Auswanderungsagenten Weigel
erkannten.

"Lasst mich los!" schrie dieser dabei, mit den wildesten, ungemessensten
Fluechen und Schimpfreden -- "lasst mich los oder ich rufe die Polizei --
Huelfe! -- Moerder! Feuer!"

"Bruell nur mein Herzchen!" sagte aber der Verwalter von Hohleck, eine
riesige breitschultrige Gestalt, der den machtlos dagegen Ankaempfenden wie
in einer eisernen Klammer am Kragen gepackt hielt -- "Dich koennten wir hier
brauchen, die Leute heimlich beschwatzen dass sie Hof und Dienst verlassen
und nach Amerika liefen -- ei Du Hallunke, Du kommst mir einmal wieder vor
die Faeuste."

"Halt da -- Hohmeier! lasst ihn los!" rief aber in diesem Augenblick eine
andere, etwas schwer klingende Stimme, die dem also Gefaehrdeten zu Huelfe
zu eilen schien -- "der hier -- Homeier -- der hier ist mein Freund -- mein
ganz intimer Freund und den lass ich mir -- Homeier, den lass ich mir nicht
aus dem Hause werfen."

Es war Niemand anderes als der Wirth, Lobsich, selber, aber, wie es die
Seeleute nennen, "halb im Wind", mit schwerer Zunge und schon etwas
taumelndem Gang, dass sich der Zustand in dem er sich befand, nicht gut
verkennen liess. Er versuchte dabei den Agenten zu halten und aus den
Haenden derer die ihn gefasst hatten fortzuziehn; Hohmeier, der Verwalter
schob ihn aber mit seinem linken Arm bei Seite, als ob es ein Kind gewesen
waere, und sagte ruhig:

"Geht zu Bett Lobsich, das waer' Euch viel besser heut Abend, aber mischt
Euch nicht in Sachen die Euch Nichts kuemmern."

"Nichts kuemmern?" rief aber der Wirth gereizt, indem er den Verwalter mit
grossen stieren Augen ansah -- "nichts kuemmern _Hoh_meier? -- oh _Hoh_meier
wem gehoert denn dies Haus, heh? -- nichts _kuemmern_? wem gehoert denn der
rothe Drache, heh, _Hoh_meier."

Die Schaar war indessen bis grade dorthin gekommen, wo Kellmann und der
Actuar standen, und wo sie den Agenten zwischen zwei ziemlich nah zusammen
wachsenden Akazienbaeumen durchtragen wollten als dieser, solche letzte
Gelegenheit vielleicht, benutzend, Arm und Beine auseinanderspreitzte, dass
sie ihn nicht hindurchbringen konnten, waehrend er von Neuem sein "Huelfe!
Moerder! Feuer!" aus voller Kehle schrie.

"Wenn ihm nur Jemand die Beine ausheben wollte!" sagte Herr Schollfeld,
der ein hoechst vergnuegter Zeuge der Scene war, ohne jedoch seines
schwaechlichen Koerpers wegen selber Theil daran zu nehmen, jetzt
wohlmeinend. Ein paar Knechte vom Hof, die ihren Verwalter in seinem
Richteramt unterstuetzten, liessen sich das auch nicht zweimal sagen, und
der wuethend, aber vergebens dagegen Antretende fand sich bald in der
vollkommnen Gewalt der Leute, ohne im Stande zu sein auch nur den
geringsten erfolgreichen Widerstand zu leisten.

"Heh _Hoh_meier!" schrie aber Lobsich, der sich indess durch die im Garten
stehenden Stuehle und Tische wieder nach vorn gedraengt hatte den Mann frei
zu machen, von dem er sich ploetzlich einbildete dass er sein Freund sei,
"lasst mir den Menschen los, sag ich Euch _Hoh_meier -- Donnerwetter ich
will doch einmal sehn wer hier in meinem eigenen Hause zu befehlen hat.
Ihr oder ich -- _Hoh_meier. Es ist mir doch was Unbedeutendes!" Er schien
sich auch in der That den Leuten entgegenwerfen zu wollen; im Vorspringen,
und das viele Getraenk im Kopf, blieb er aber mit dem einen Fuss in einer
dort stehenden Fussbank haengen, und schlug der Laenge lang in den Garten,
waehrend die Knechte den jetzt wuethend um sich schlagenden Agenten rasch
aufgriffen und, lachend ueber des Wirthes Unfall, aus der Gartenthuer auf
die Strasse warfen.

Ein furchtbarer Laerm entstand jetzt, die Leute jubelten und lachten, und
erzaehlten sich untereinander wie der "Auswanderungsmann" einen
Schaafknecht vom Gut haette bereden wollen als "Schaafmeister" nach Amerika
auszuwandern, und vom Verwalter dabei erwischt waere, und der
"Auswanderungsmann" stand vor dem Gartenthor und schimpfte und wuethete,
bis einer der Knechte das Schloss wieder aufdrueckte und hinaus und ihm nach
wollte, und dann auf der Chaussee stehen blieb und hinter dem davon
Laufenden herfluchte, und Steine hinter ihm drein warf.

Drinnen im Saal toente die Musik aber wieder rauschender als vorher, und
die jungen Burschen durften die Zeit hier nicht laenger im Garten
versaeumen. Waehrend die aber wieder in den Saal draengten, Taenzerinnen zu
bekommen, und Schollfeld von Kellmann angerufen war, mit ihnen zurueck nach
der Stadt zu gehn, blieb Lobsich noch im Garten, an dessen Thuere er trat,
und nach der Strasse hinaus mit lauter und immer aergerlicher werdender
Stimme Weigel's Namen schrie. Lobsich war jedenfalls stark angetrunken und
wollte sehr wahrscheinlich den Mann zurueck holen, um ihm jetzt ernstlich
beizustehn und den Skandal noch einmal von Neuem zu beginnen.

Die drei Freunde hielten sich dabei im Schatten eines dichten
Fliederbusches, von dem aufgeregten und jetzt doch nicht
zurechnungsfaehigen Menschen nicht bemerkt zu werden, und dann unbelaestigt
den Garten zu verlassen, als Lobsich's Frau, die das Toben ihres Mannes
wohl im Haus gehoert, von dort her und den Mittelweg herunter eilte. Ohne
dass er sie bemerkte kam sie auch bis dicht an ihn hinan, und hier seinen
Arm ergreifend sagte sie mit leiser, bittender Stimme.

"Lobsich -- Vater -- komm sei vernuenftig, lass das Schreien und Toben hier
auf der Landstrasse und geh zu Bette -- thu _mir's_ zu Liebe Lobsich, wenn
ich Dich darum bitte."

"Lassmchfrieden," stammelte aber der Betrunkene mit schwerer Zunge und
suchte sie von sich abzuschuetteln -- "lass mchfrieden sag ich -- Dnrrwttrrr --
ich weiss -- ich weiss was ich ss -- se thun habe  -- "

"Aber Lobsich, ich bitte Dich um Gottes Willen," fluesterte die Frau in
Todesangst -- "Du machst Dich und mich ungluecklich wenn Du Dich nicht
aenderst -- was soll daraus werden?"  --

"Lassmch -- frieden," stammelte aber der Mann, sie unwillig von sich
abschuettelnd, aber er verliess den Thorweg wenigstens und taumelte durch
den Garten fort, seitwaerts vom Hause ab -- "Weibervolk," murmelte und
fluchte er dabei -- Himmelsakkrments Weibervolk -- Unsinn -- violettblaues --
ist mir doch -- ist mir doch was Unbe -- Unbedeutendes  -- " und er
verschwand damit hinter den Bueschen. Die Frau aber blieb, den Ellbogen auf
das Thuerschloss gestuetzt und das Gesicht in den Haenden bergend, allein
zurueck, richtete sich aber rasch wieder auf, als sie Schritte auf sich
zukommen hoerte, und wollte nach dem Haus zurueck.

"Frau Lobsich," sagte Kellmann, der es war, gutmuethig, ja fast herzlich --
"macht denn das Lobsich jetzt oefter dass er so ueber die Schnur haut?"

"Ach Sie sind es Herr Kellmann," sagte die arme Frau beruhigt. "Lieber
Gott, ich weiss meinem Herzen keinen Rath mehr, wenn er's so fort treibt;
wie soll das enden?"

"Aber ich habe Ihren Mann so doch noch in meinem Leben nicht gesehn,"
sagte Kellmann verwundert.

"Ach ja," seufzte die Frau -- "es ist nicht das erste Mal, aber ich habe
immer gesucht es so viel als moeglich zu verheimlichen, es giebt gar solch
ein boeses Beispiel fuer die Leute. Es sind auch eigentlich nur einige
Wochen erst dass er so scharf zu trinken anfaengt. Lieber Gott, im Kopf hat
er frueher schon manchmal eins gehabt, aber er artete doch nie aus, jetzt
jedoch geht der Spiritus mit ihm durch, und er wird zum Thier. Ach guter
Herr Kellmann, wenn Sie einmal ein recht ernstes aber doch freundliches
Wort mit ihm sprechen wollten; auf Sie haelt er etwas. Mir verspricht er's
wohl auch," setzte sie leiser hinzu, "aber -- er vergisst es immer nur zu
rasch wieder."

"Ich will mein Moeglichstes mit ihm versuchen, Frau Lobsich," sagte
Kellmann freundlich -- "aber," setzte er rascher und leiser hinzu -- "dort
glaub' ich kommt er schon wieder zurueck, es wird besser sein wenn Sie
versuchen ihn heute Abend zu Bett zu bringen; mit einem betrunkenen
Menschen laesst sich Nichts anfangen."

"Na? -- Donnrrwttrrr," stammelte aber in diesem Augenblick der Wirth, der
auf seinem Zickzack Cours wieder nach der Thuer zurueckkam, und die Arme
einstemmend einen, wenn auch vergebenen Versuch machte, mit gespreitzten
Beinen vor seiner Frau stehen zu bleiben -- "Dnnrrrwttrrr," wiederholte er,
herueber und hinueber schwankend -- "was's das vor Wirthschaft heh? wo gehoert
die -- gehoert die Frau hin, heh?  -- in die Hofthuer mit fremden Kerlen
schwatzen heh? -- ist mir doch -- ist mir doch was Unbe -- Unbedeutendes."

"Aber lieber Lobsich," nahm hier der jetzt auch hinzugetretene Schollfeld
das Wort, "sein Sie doch vernuenftig und gehn Sie  -- "

"Hallo?" rief aber der Wirth, sich halb nach dem Redner herumdrehend, in
dessen hell vom Mond beschienenen Zuegen er den Apotheker erkannte -- "sin'
wir auch hier? heh?  -- haben auch mit g'holfen mein' besten Freund -- mein'
besten Freund mit hinaus zu werfen -- heh? Sie -- Sie Giftmischer Sie -- Sie
-- "

"Herr Lobsich!" rief Schollfeld aergerlich, "Sie sind heute nicht
zurechnungsfaehig, sonst  -- "

"Was? -- Pillendreher will noch -- will noch raiss  -- raiss'niren -- heh?"
rief aber der gereizte Wirth und that einen Schritt gegen den Mann an.

"Aber Lobsich so bedenke doch um Gottes Willen was Du sprichst," bat ihn
die Frau, seinen Arm ergreifend  -- "komm mit mir in's Haus -- wir haben
noch so viel zu thun."

"Viel zu thun? -- heh? -- habe keine Zeit mehr heut Abend -- hickup" --
stammelte aber der Mann gegen den Schlucken ankaempfend -- "muss noch -- muss
noch -- hickup -- muss noch Wein abziehn und -- und Bier trinken  -- hickup --
und -- und hahahahaha -- da ist -- da ist ja die ganze Gesellschaft -- ja wohl
-- hickup -- ja wohl, komme schon -- komme schon meine Herrn -- Lobsich ist
immer da  -- ein verfluchter Kerl, der -- der -- hickup -- der Lobsich  -- ist
mir doch -- ist mir doch was Unbedeutendes;" -- und in einer unbestimmten
Idee dass ihn vom Haus aus Jemand gerufen haette, wobei er seine Umgebung
ganz vergass, taumelte er dem Saal wieder zu, wohin ihm die Frau aengstlich
folgte. Sie musste ihn ja zurueckhalten, dass er so seinen Gaesten und Leuten
nicht wieder unter die Augen kam.





                                Capitel 9.


                                RUeSTUNGEN.


"Nach New-Orleans!"

"Das ausgezeichnet schoene, 360 Last grosse, schnellsegelnde, kupferfeste
und gekupferte dreimastige Bremer Schiff erster Klasse:

_Die Haidschnucke_, Capitain _E. Siebelt_, mit vorzueglicher Gelegenheit
fuer Cajuets- und Zwischendecks-Passagiere -- wird am 30. August expedirt.

Agent dafuer, I. G. Weigel,

Hauptagent des Central-Bureau's fuer Norddeutsche Auswanderung in
Heilingen, am Markt Nr. 17."

Diese Anzeige stand am Morgen nach den, im letzten Capitel beschriebenen
Vorfaellen im Heilinger Tageblatt, und Dr. Haide, der Redacteur desselben,
hatte die Gelegenheit nicht unbenutzt wollen voruebergehen lassen, einige
entsetzliche Mordgeschichten und falsche Bankerotte aus den Vereinigten
Staaten, wie zur Entmuthigung aller Auswanderungslustigen, in der
naemlichen Nummer seines Blattes abzudrucken.

Weigel war wuethend darueber, und schrieb augenblicklich einen anderen
Artikel dagegen; den nahm Doctor Haide aber nicht auf, weil er, wie er
ganz naiv erklaerte, "sich dadurch selber blamiren wuerde." Uebrigens sei
die Sache auch schon erledigt, indem die Schiffsanzeige _fuer_, sein
Artikel aber _gegen_ Amerika und die Auswanderung waere, und er es sich zum
Grundsatz gemacht haette, jeden Artikel nach beiden Seiten hin zu
beleuchten -- wenn Herr Weigel etwas gegen ihn wolle einruecken lassen, sei
er keineswegs verpflichtet es aufzunehmen, und er moege ihn deshalb, wenn
er damit durchzukommen glaube, nur ganz einfach darauf verklagen.

Die Abfahrt dieses Schiffes war aber fuer Heilingen in so fern von nicht
unbedeutender Wichtigkeit, als sich mehre Familien dieser Stadt ernstlich
dahin entschlossen hatten, mit demselben nach Amerika auszuwandern. So
unter Anderen Professor Lobenstein, der sein Haus jetzt verkauft, und der
Stadt ueberhaupt durch seine beabsichtigte Auswanderung hoechst willkommenen
Stoff zu den mannichfaltigsten Vermuthungen und Eroerterungen geliefert
hatte. Ja mehrere Kaffeegesellschaften der naeheren Bekannten Lobenstein's
waren wirklich nur einzig und allein zu dem Zweck gegeben worden, sich
einmal ordentlich ueber die Sache "aussprechen" zu koennen.

Auch in dem Dollinger'schen Haus hatten die letzten Wochen bedeutende
Veraenderungen hervorgebracht, indem der junge Henkel Briefe von Amerika
erhielt, nach denen seine Anwesenheit dort, dringend nothwendig geworden.
Zwei Wechsel trafen zugleich fuer ihn ein, wie ziemlich starke Auftraege zu
Ankaeufen in Tuchen und Seidenwaaren von seinem Haus, welches Geschaeft er
mit Herrn Dollinger in Gemeinschaft auszufuehren gedachte.

Der alte Herr Dollinger, so schwer es ihm auch wurde, und so lange er sich
dagegen gestraeubt, musste da wohl endlich seine Einwilligung zu der
Verbindung Clara's mit dem jungen Amerikanischen Kaufmann, ueber dessen
Familie und Geschaeft in New-Orleans er von einem dortigen Geschaeftsfreund
das Beste erfahren hatte, geben. Nur wunderte man sich dort, dass der junge
Henkel in Nord-Deutschland sei, waehrend man ihn auf einer groessern Tour
durch Italien und Griechenland vermuthet. Die Leute dort konnten nicht
wissen dass der junge Mann auf dem Rhein andere Plaene fuer seine Zukunft
geschaffen, als er sie frueher vielleicht ausgesonnen.

Am letzten Sonntag war also, ganz in der Stille, die Trauung vollzogen und
Clara, das liebe holde Maedchen, die Frau des jungen reichen Amerikaners --
wie man ihn ueberall in der Stadt nannte, geworden. Jetzt galt es nun
freilich noch, in der kurzen Zeit all die noethigen und so mannichfachen
Vorbereitungen zu einer Reise nach Amerika fuer die junge Frau zu treffen.
Es sollte aber wirklich auch nicht viel mehr als eine Reise werden, denn
Henkel hatte sich schon selber fest erklaert, seinen kuenftigen Wohnsitz
keineswegs in Amerika, sondern in Havre nehmen zu wollen, wo ueberdies, der
bedeutenden Geschaeftsverbindung wegen mit diesem Hafen, ein Associe des
Hauses sich aufhalten musste. Ein oder zwei Monate gedachten die jungen
Eheleute dann jedes Jahr in dem reizend gelegenen Heilingen zuzubringen,
was ihnen, wie den Eltern, die jetzige Trennung sehr erleichterte, und
spaetestens im Maerz oder April schon wieder nach Europa zurueckkehren zu
koennen. Die ganze Reise war dadurch wirklich fast nur zu einer etwas
laengeren Vergnuegungsfahrt geworden.

Auch fuer Clara's Mutter war das Bewusstsein, ihr Kind nicht fuer immer zu
verlieren und bald wieder in die Arme schliessen zu koennen, eine unendliche
Beruhigung, und selbst hierzu hatte es ihr einen grossen Kampf gekostet,
ihre Einwilligung zu geben. Clara selbst aber hing mit ganzem Herzen an
dem theuren Mann, und fuehlte sich vollkommen gluecklich in einer
Verbindung, die seit sie den Fremden kennen und lieben gelernt, ihr das
Ziel ihrer irdischen Wuensche geschienen.

Was war ihr die Reise, was die Gefahr und Muehseligkeit derselben? sie waere
ihm in eine Wildniss gefolgt, und haette sich doch gluecklich an seiner Seite
gefuehlt.

Der junge Henkel wuenschte nun die Ueberfahrt in einem Englischen Dampfer
nach New-York, und von da mit einem Amerikanischen Dampfschiff nach
New-Orleans zu bewerkstelligen, Clara fuerchtete sich aber an Bord eines
Dampfers zu gehn, theils der doppelten Gefahr, theils der unangenehmen
Bewegung derselben in schwerem Wetter wegen, von der sie viel gehoert, und
da es sich jetzt gerade so traf dass eine ihr befreundete Familie,
Professor Lobenstein's, ebenfalls nach New-Orleans, und in einem
Segelschiff von Bremen ab auswanderte, bat sie mit diesen reisen zu
duerfen. Henkel selber schien nicht recht damit einverstanden, fuegte sich
aber doch endlich den Bitten seiner jungen Frau.

Wenn aber bei Dollinger's im Haus wenig mehr als Waesche und Kleider
herzurichten waren, nur zu einer Reise nicht zu einer Uebersiedlung nach
Amerika, und man diese schon grossenteils gepackt und vorausgeschickt
hatte, die letzten Stunden in der Heimath durch kein Aussuchen und Packen
gestoert zu haben, so schien dagegen bei Professor Lobenstein das ganze
Haus von innen nach aussen gekehrt zu sein.

Der Professor naemlich hatte auf keinerlei Weise bewogen werden koennen mit
seinen Sachen eine Auction anzustellen, und nur das Nothwendigste
mitzunehmen, da Fracht und Spesen unterwegs ein wirkliches Capital
auffressen wuerden, fuer das er sich Alles was er dort brauchte auch an Ort
und Stelle neu anschaffen koennte. Allen die ihm dies riethen zeigte er aus
verschiedenen Schriften die statistisch aufgestellten Arbeitsloehne der
verschiedenen Handwerker, wie die Preise der Provisionen, und bewiess ihnen
auf das Klarste und Unumstoesslichste was jedes einzelne Stueck Meublen und
Hausgeraeth in notwendiger Folgerung in Amerika kosten muesse. Eben so hatte
er sich mit unendlicher Ausdauer einen Ueberschlag der verschiedenen
Frachtpreise nach New-Orleans, und von da in's Innere gemacht, bis er
endlich zu dem obigen Resultat gekommen, und nun auch augenblicklich eine
Anzahl Tischler in Arbeit setzte, lauter neue Kisten fuer seine Sachen
anzufertigen.

Eine grosse Anzahl von diesen war nun schon, gepackt und mit eisernen
Reifen beschlagen, als Fracht vorausgeschickt, eine andere Sendung sollte
heute abgehn, und die letzten dann in den naechsten Tagen befoerdert werden,
noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein. Kellmann selbst, dem
Hause eng befreundet, hatte dahin mehrere Auftraege uebernommen, und kam
heute Morgen, Bericht ueber die Ausfuehrung derselben abzustatten.

Er selber war natuerlich mit der ganzen Uebersiedlung gar nicht
einverstanden, hatte aber doch, als er alle Gruende des Professors dafuer
gehoert, weit weniger dagegen gesagt, als die Familie im Anfang vermuthet
und auch wohl gefuerchtet haben mochte. Der Professor sei eben ein
Professor, meinte er nur, und wo der einmal seinen Kopf aufgesetzt habe,
liess sich auch Nichts mehr abstreiten oder gar dagegen beweisen, man muesse
ihn eben sich selber ueberlassen, und -- es thue ihm nur um die Familie
leid. Nichtsdestoweniger gab er sich jede erdenkliche Muehe ihnen, wo er es
nur irgend vermochte, beizustehn, wobei er den Professor doch von manchem
unueberlegten oder unpraktischen Schritt zurueckhielt. So kaempfte er, und
zwar gluecklicher Weise mit Erfolg, gegen die unglueckselige Idee des
Professors an, sich hier, trotz Allem was er darueber schon gelesen, von
dem Auswanderungsagenten Land und eine Farm zu kaufen. Er wollte drueben
nicht "in Gefahr kommen" von Amerikanischen und betruegerischen
Landspeculanten hintergangen zu werden, und seine Berechnung saemmtlicher
Kosten gleich hier an Ort und Stelle machen koennen, was ihm nicht moeglich
sei, wenn er die Contracte nicht in der Tasche habe.

Kellmann, auf dessen praktisches und gesundes Urtheil er sonst ueberhaupt
viel gab, machte ihn mit seinen ernstlichen Vorstellungen aber doch
stutzig, und noch eine authentische Person ueber die dortigen Verhaeltnis zu
hoeren, wandte er sich zuletzt an den jungen Henkel, und bat diesen um
Meinung und Rath ueber die, ihm allerdings sehr am Herzen liegende Sache.
Dieser rieth ihm aber ebenfalls auf das Entschiedenste ab, sein Geld hier
an eine solche Speculation wegzuwerfen, denn dieser Weigel scheine ihm,
was er bis jetzt von ihm gesehn, eine keineswegs volles Vertrauen
verdienende Persoenlichkeit. Er solle warten bis sie drueben waeren, dort
habe er Zeit genug (Kellmann hatte ihm dasselbe gesagt), und finde er in
New-Orleans oder Missouri nichts Besseres, so sei er selber vielleicht im
Stande ihm ein kleines reizendes Gut abzutreten, das er einmal auf einem
Jagdzug in's innere Land gekauft, und jetzt noch verpachtet haette.

"Und der Preis?"

"Er wuerde zufrieden sein." Damit war die Sache fuer jetzt abgemacht;
freilich zu Weigels Verdruss, der die Farm, wie er sich ausdrueckte, nun
noch "zur Verfuegung" behielt.

Es mochte etwa Morgens um elf sein, als Kellmann Professor Lobensteins
besuchte. Das Haus war am vorigen Tag oeffentlich verauctionirt und von
einem reichen Weinhaendler in Heilingen erstanden worden, die Familie aber
jetzt in angestrengter Arbeit eifrig bemueht das unangenehme Gefuehl nicht
allein zu verscheuchen, sondern auch eines vor dem anderen zu verbergen,
"zum _ersten_ Male in der _eigenen_ Heimath _fremd_ zu sein;" zum ersten
Mal fremd in den Raeumen, die ihrer Kindheit Spiele gesehn, und Zeuge
gewesen waren ihrer keimenden Hoffnungen und Traeume.

Der erste schwere Schritt zu einem neuen Leben und Wirken war aber damit
geschehn; freilich auch zu gleicher Zeit die Bruecke abgebrochen, die noch
zurueck haette fuehren koennen in das Vaterland. Das Band war damit zerrissen,
das sie noch an dieses knuepfte, und wunderbarer Weise hatte sich jetzt,
wie sie sich gestern noch fast Alle gefuerchtet vor dem Gedanken die lieben
theueren Raeume zu verlassen, ein fremdes unheimliches Gefuehl zwischen sie
und das Haus geworfen, und sie _ersehnten_ den Augenblick wo sie hinaus
konnten, fort, nur fort von hier -- aus den Erinnerungen fort. Und doch
sprachen sie das nicht aus gegen einander; Jedes hielt sich nur allein fuer
so thoericht und kindisch, mit den quaelenden Gedanken; keines wusste dass das
Gefuehl in ihrer Aller inneres Leben verwoben sei, und in des Herzens
feinsten Fasern Wurzel schlug.

Die Stimmung Aller, so sehr sie sich auch hueteten dem was sie dachten
Worte zu geben, war denn auch an dem ganzen Morgen schon eine stille,
gedrueckte gewesen, und Kellmann's Erscheinen befreite Alle wie von einer
Last. Unten auf der Treppe wurde der aber schon laut.

"Na, ist das ein Vergnuegen zu so einer Auswanderungsfamilie in's Haus zu
kommen," rief er, als er sich mit zusammengehaltenen Schoessen zwischen
einer Reihe Kistendeckel hindurchdrueckte, die, mit den Naegeln nach aussen,
an der Wand lehnten, und dabei noch ueber eine Unzahl Koerbe und Schachteln
wegsteigen musste, nur in die Stube zu kommen.

"Nehmen Sie sich in Acht, lieber Kellmann," rief ihm der Professor, der
seine Stimme gehoert hatte, aus der halbgeoeffneten Thuere entgegen (er
konnte diese nicht ganz aufmachen da ebenfalls eine Kiste dahinter stand).
"Sie moechten sich da draussen die Kleider zerreissen."

"Ist schon bereits geschehen," brummte Kellmann, indem er versuchte einen
Blick nach seinem, allerdings beschaedigten Ruecktheil zu gewinnen, "meine
Guete, wie sieht das bei Ihnen aus -- ah guten Morgen meine Damen -- und
schon so fleissig? -- was um Gottes Willen naehen Sie denn da? --
Getraidesaecke fuer die naechste Erndte?"

"Fehlgeschossen Herr Kellmann," rief ihm aber Marie, die sich gern mit dem
freundlichen Mann neckte, entgegen -- "Jacken sind das fuer uns, in den
Busch, zwischen den Dornen und Schlingpflanzen, die uns sonst das leichte
Zeug von den Schultern rissen. Warten Sie einen Augenblick, da koennen Sie
uns gleich Ihre Meinung sagen; die meinige ist gerade fertig, und ich will
sie eben anprobiren. Lassen Sie nur, ich werde schon allein fertig, dort
drueben muessen wir ueberdies Alles allein machen -- So -- nun, wie gefalle ich
Ihnen darin?"

"Gar nicht," sagte Kellmann muerrisch, "ich saehe Sie weit lieber in einem
leichten Ballkleid und mit Ihrem gewoehnlichen heiteren Gesicht, als in der
Sackleinwand und -- hm  -- das verdammte Amerika. Geht denn Eduard jetzt
noch mit, oder bleibt er da? wo steckt er denn wieder? -- der ist immer
fort wenn ich komme."

"Der geht mit, lieber Kellmann," rief der Professor, "er konnte sich nicht
dazu entschliessen, seine Eltern und Geschwister allein in die Welt ziehn
zu lassen, wo er ihnen vielleicht, zum ersten Mal in seinem Leben,
nuetzlich sein wuerde, und ist jetzt noch in der Geschwindigkeit zu einem
Tischler gegangen, die paar Wochen wenigstens zu benutzen, und doch eine
Idee von dem Handwerk zu gewinnen; wer weiss was wir da Alles zu thun
bekommen."

"Wird auch was recht's davon in den paar Tagen profitiren," brummte
Kellmann -- "bei wem ist er denn, bei Leupold?"

"Leupold?" rief der Professor, "der geht ja mit unserem Schiff nach
New-Orleans."

"Der Tischlermeister Leupold wandert auch aus?" rief Kellmann laut und
verwundert.

"Hat sein Haeuschen und seine Werkstaette verkauft, und ist jetzt
wahrscheinlich schon unterwegs nach Bremen," betaetigte ihm der Professor.

"Na nu ist mir's aber doch ueber den Spass," rief Kellmann --  "da laeuft ja
halb Heilingen fort; jetzt freut mich mein Leben; naechstens werden wir uns
unsere Schraenke und Schuhe und Roecke selber machen koennen wenn wir 'was
haben wollen; ich darf nur gleich den meinigen zum Schneider schicken dass
er ihn mir noch ausbessert, ehe er auch durchbrennt. S'ist wirklich zum
Verzweifeln."

"Lieber Gott," sagte der Professor -- "die Leute verlangen nur Ellbogenraum
sich zu ruehren; sie wollen einen Platz haben, der ihren Beduerfnissen
Befriedigung verspricht."

"Da haben Sie gleich den faulen Fleck," rief Kellmann, "_Beduerfnisse
befriedigen_, wenn die Leute lebten wie ihre Voreltern gelebt haben, und
nicht mit jedem Jahre auch neue Beduerfnisse kennen lernten und befriedigt
haben wollten, so haetten wir alle Platz, und das verwuenschte Amerika
koennte sehen wo es Haende und Faeuste bekaem zuzupacken und ihm den Boden zu
bestellen. Aber ich will mich nicht laenger aergern -- lasst sie laufen,
nachher wird's hier erst recht gemuethlich -- apropos -- Ihren Freund Weigel
haben sie gestern Abend im rothen Drachen hinausgeworfen -- er wollte
Dienstleute, ich glaube einen Schaefer, verlocken nach seinem geruehmten
Amerika auszuwandern."

"Meinen _Freund_?" sagte der Professor achselzuckend, "ich habe mit Herrn
Weigel nie in einer solchen Beziehung gestanden, aber ich achte ihn als
einen Mann der ein gutes Herz mit einer tuechtigen Portion gesundem
Menschenverstand verbindet, und besonders schaetzenswerthe statistische
Kenntnisse Amerika's besitzt."

"Bah!" sagte Kellmann, den Kopf auf die Seite werfend, und mit den Fingern
schnalzend, "so viel fuer seine statistischen Kenntnisse; _unverschaemt_ ist
er, das halt' ich fuer seine Hauptforce, und er wirft Ihnen da mit der
groessten Kaltbluetigkeit eine Masse Zahlen in den Bart, denen man nicht
gleich widersprechen kann, weil sich der Gegenbeweis eben nicht fuehren
laesst. Wenn das Alles wahr ist was er ueber Amerika sagt, waere _er_ der
groesste Esel wenn er nicht selber hinueberginge."

"Seine Verhaeltnisse gestatten es ihm nicht, wie er mich oft versichert
hat," vertheidigte ihn aber der Professor.

"Ja, das kennen wir schon," sagte Kellmann, "und wenn mich irgend etwas
glauben machen koennte dass _er_ wirklich Amerika kennt, so waere es der
Umstand dass er selber nicht hinuebergeht."

"Im rothen Drachen war ja wohl gestern ein kleines Fest?" frug die Frau
Professorin dazwischen, die das unerquickliche Gespraech abzubrechen
wuenschte.

"Ja, fuer die Dienstleute von Hohleck," sagte Kellmann, "und Schollfeld und
ich waren ebenfalls hinausgegangen um den Spass mit anzusehn."

"Und ihr Freund, der lange Actuar war nicht dabei?" lachte Marie.

"Er kam spaeter nach," sagte Kellmann -- "der arme Teufel ist jetzt auch
immer verdriesslich und niederschlagen."

"Er hat sein Kind verloren," sagte Anna mitleidig.

"Ja, und zu Hause fuehlt er sich auch wohl nicht so recht wohl und
behaglich."

"Wir haben davon gehoert," sagte die Professorin -- "seine Frau soll
eigenwillig und heftig sein, und ihm oft gar unangenehme Scenen bereiten."

"Seine Frau ist  -- " fuhr Kellmann auf, aber er unterbrach sich selber
wieder, und trommelte eine Weile mit den Fingern auf dem vor ihm stehenden
Tisch.

"Was ist Ihnen denn nur heute, Herr Kellmann?" sagte aber Marie, jetzt zu
ihm tretend und seinen Arm beruehrend -- "Sie schneiden ja heut Morgen ein
so bitterboeses Gesicht, wie ich noch fast in meinem Leben nicht an Ihnen
gesehn. Ist Ihnen irgend etwas Aergerliches begegnet? -- oder -- Sie sind
doch nicht boese mit uns?"

"Boese mit Ihnen? lieber Gott Mariechen," sagte Kellmann herzlich ihre Hand
ergreifend -- "ich muesste boese mit Ihnen sein dass Sie fortgehn und mich hier
allein zuruecklassen; sonst wuesst' ich wahrhaftig nicht weshalb."

"So kommen Sie mit," lachte Marie, indem sie neckisch zu ihm aufsah.

Kellmann seufzte tief auf, sagte dann aber kopfschuettelnd, und mit der
Hand ueber seine Stirn streichend, als ob er sich daraus all' die trueben
Gedanken verscheuchen wollte  --

"Nach Amerika? -- ja, weiter fehlte mir gar Nichts; aber heute sind es
wirklich andere Sachen die mir im Kopf herumgehn."

"Ist etwas vorgefallen, und koennen wir Ihnen helfen, lieber Herr
Kellmann?" sagte Anna freundlich.

"Ach Gott nein," sagte der kleine Mann seufzend -- "es ist ein Stueck von
dem allgemeinen Elend, das ueber den ganzen Erdball hinspielt, und das uns
gewoehnlich mit einem unheimlichen Gefuehl, auch nicht ausser dem Bereich
desselben zu liegen, durchschauert, wenn wir ihm einmal auf unserem
Lebenspfad begegnen. Sie sahen mich als ich vor dritthalb Stunden etwa
drueben aus dem Loewen kam?"

"Ja, Sie gruessten ja herauf," sagte die Professorin  --

"Nun gut; ich war dort, einem armen Maedchen nachzufragen, das wir gestern
Abend spaet auf der Strasse trafen, und das ich dorthin schickte
Nachtquartier zu suchen" -- Und nun erzaehlte ihnen Kellmann mit kurzen
Worten das gestrige Zusammentreffen mit des ungluecklichen Lossenwerder
Schwester, und ebenfalls dass sich schon jetzt herauszustellen scheine, wie
der arme Teufel von Lossenwerder unschuldig in Verdacht gerathen sei. Nur
in reiner Verzweiflung mochte er sich den Tod gegeben haben, als man ihm
das letzte, einzige das er auf der Welt hatte -- seinen ehrlichen Namen --
nehmen wollte -- oder eigentlich schon von Gerichts wegen genommen hatte.
Unsere wackeren Polizeigesetze halten ja nun einmal jeden Menschen fuer
einen Spitzbuben, bis er nicht durch Atteste genuegend dargethan hat dass --
"gegen ihn noch nichts Gravirendes bekannt geworden."

"Und was geschieht jetzt mit dem armen, armen Maedchen?" frugen fast
gleichzeitig Marie und Anna -- "lieber Gott, hier in der fremden Stadt,
allein, ohne Mittel, ohne Freunde, wie entsetzlich muesste es da sein, wenn
sie vielleicht aus rohem Munde zuerst die furchtbare Nachricht vernaehme."

"Gestern Abend," sagte Herr Kellmann etwas verlegen, "kam uns das Ganze
wirklich so schnell und ueberraschend, dass wir nicht die geringste Zeit zum
Ueberlegen behielten; wir -- wir gaben ihr nur ein paar Groschen und
schickten sie in den Loewen, hier gegenueber, um da zu uebernachten, damit
sie nicht in der Stadt nach ihrem Bruder fruege, und die entsetzliche
Geschichte gleich in der ersten Viertelstunde erfuehre; heute Morgen wollte
ich dann selber herkommen und sehn was sich thun liess  -- "

"Und jetzt? -- weiss sie was geschehen ist? frug die Professorin mitleidig
die Haende faltend -- Herr Kellmann zuckte mit den Achseln und sagte:

"Sie ist fort  -- "

"Fort? -- wohin?" riefen die Frauen.

"Kein Mensch konnte mir darueber Auskunft geben, gestern Abend war sie
richtig dort angekommen, und ihres duerftigen Aussehns wegen in die
Gesindestube gewiesen, und dort muss sie unglueckseliger Weise ihren Namen
genannt, vielleicht nach ihrem Bruder gefragt und das Schrecklichste
gleich erfahren haben, denn sie war, selbst ihr Buendel im Stich lassend,
hinausgelaufen in Nacht und Nebel und -- und nicht wieder zurueckgekehrt."

"Du lieber Gott," sagte Anna, "wenn sie sich nur kein Leides gethan."

"Ich bin gleich zu Ledermann und dann auf die Polizei gegangen, diese
aufmerksam zu machen," sagte Kellmann etwas kleinlaut, "werde auch selber
noch mein moeglichstes thun das arme Ding wieder aufzufinden, aber -- ich
weiss wahrhaftig nicht wo man die eigentlich suchen soll, denn sie kennt ja
keinen einzigen Menschen in der Stadt."

"Und in ihres Bruders frueherem Logis?  -- "

"Hat sie Niemand gesehn -- ich war dort."

"Waren Sie auch schon -- auf dem Kirchhof?" frug ihn Marie jetzt leise und
schuechtern."

"Wahrhaftig, daran hatte ich gar nicht gedacht," sagte Kellmann rasch
seinen Stuhl zurueckschiebend, "die Moeglichkeit ist da, und ich will keinen
Augenblick mehr versaeumen -- vielleicht ist es jetzt noch nicht zu spaet."

"Und Sie sagen uns Antwort?"

"Sowie ich etwas Bestimmtes ueber sie weiss -- aber -- aber was dann mit ihr
anfangen? -- hier in der Stadt _kann_ sie nicht bleiben," sagte Kellmann,
die Thuerklinke schon in der Hand, "und ueberhaupt scheint mir ihr
schwaechlicher Koerper zu grober Handarbeit gar nicht geeignet."

"Vielleicht bietet sich da fuer die Schwester in demselben Haus ein
Ausweg," rief Anna ploetzlich, "das fuer den Bruder ja so viel gut zu
machen, wenn er wirklich unschuldig gelitten. Gestern Nachmittag noch
klagte mir Clara ihr Leid, dass ihre Kammerjungfer, mit der sie sehr
zufrieden ist, und die ihr bis dahin fest versprochen mitzugehn, ploetzlich
anderes Sinnes geworden waere, und sich jetzt weigerte Heilingen zu
verlassen. Clara ist so seelensgut, sie wuerde gewiss Alles thun was nur in
ihren Kraeften steht, das arme Kind den herben Verlust vergessen zu machen.

"Aber wird sich das Maedchen selber dazu eignen?" sagte Kellmann.

"Weshalb nicht," rief aber auch jetzt Marie -- "bringen Sie die Arme nur
hierher, sobald Sie sie finden, und nehmen sie Henkel's nicht mit, findet
Papa gewiss einen Ausweg."

"Ja, Papa einen Ausweg," sagte aber der Professor -- "ich kann _Niemanden_
mehr mitnehmen Kinder, so viel solltet Ihr eigentlich jetzt schon wissen,
denn wir sind Leute genug."

"Ach wenn sie ueberhaupt gehen will," rief Kellmann, "die Passage bringen
wir hier schon zusammen, und wenn sich Fraeulein Anna bei Frau Henkel fuer
sie verwenden will, waer' es ein Glueck fuer das arme Maedchen, den hiesigen
fuer sie so trueben Verhaeltnissen so rasch wieder entrissen zu werden. Doch
jetzt leben Sie wohl -- ich habe da nicht lange Zeit mehr zu verlieren, und
hoffe Ihnen bald guenstige Nachrichten bringen zu koennen."

                                * * * * *

Actuar Ledermann hatte die Nacht einen heftigen Fieberanfall bekommen, und
sich am anderen Morgen auf seinem Bureau entschuldigen lassen. Erst um
zehn Uhr etwa fuehlte er sich etwas besser, und beschloss ein wenig an die
frische Luft zu gehn, in dem sonnigen Morgen draussen die trueben quaelenden
Gedanken zu verscheuchen.

Er ging auf den Kirchhof, das Grab seines kleinen Lieblings zu besuchen,
und nahm einen Monatsrosenstock mit hinaus, ihn darauf zu pflanzen.

Der Weg der zu dem Grab, zwischen den andern Huegeln hin, fuehrte, lief eine
kurze Strecke die Mauer entlang, die bis jetzt leer gelassen und von
Unkraut ueberwuchert lag. Nur ein einziger, unter Gras und Unkraut fast
versteckter flacher Huegel war dort aufgeworfen, ueber dem kein Kreuz den
Namen des Hingeschiedenen kuendete, keine Blume ein sorgendes Herz
verrieth, das dem Entschlafenen die stille Thraene nachgeweint. Und dort? --
in das hohe, feuchte Gras geschmiegt, lag eine schlanke Maedchengestalt,
Stirn und Antlitz in dem wuchernden Unkraut verborgen, auf dem die vollen
aufgeloesten Locken ruhten.

"Lieber Gott," sagte der Actuar, mit dem Blumenstock im Arm neben ihr
stehen bleibend, leise vor sich hin -- "es ist doch noch viel, viel Elend
in der Welt, und wenn Einem recht traurig und weh um's Herz ist, sollte
man eigentlich immer hinaus auf den Kirchhof gehn. Da haben die Leute
nicht ihre glatten unbewegten Alltagsgesichter vor, sondern geben sich wie
sie sind, und wenn es auch eben kein Trost sein sollte andere Menschen
ungluecklich zu sehn, ist es doch jedenfalls einer, zu wissen dass man es
nicht allein ist." Und sich langsam abwendend schritt er dem Grabe seines
Kindes zu, setzte den Blumentopf auf den kleinen Huegel, und sich selber
dann auf eine dicht daneben liegende Marmorplatte, die das Grab eines
anderen Menschen deckte.

Dort blieb er lange, das Gesicht mit den Haenden bedeckt, und regungslos in
seiner Stellung verharrend, seinen schmerzlichen Gedanken ueberlassen, bis
die Sonne hoeher und hoeher stieg, und ein stechender Kopfschmerz ihn mahnte
den, den heissen Strahlen vollkommen ausgesetzten Platz zu verlassen, wenn
er sich nicht noch kraenker machen wollte als er schon war. Er stand auf,
und sah sich nach dem Todtengraeber um, diesen zu bitten den Blumenstock
fuer ihn einzusetzen, und fand ihn auch, nicht weit von dort entfernt, mit
einem neuen Grabe beschaeftigt. Langsam seinen Spaten schulternd ging er
mit ihm zu dem verlangten Platz, und dort sein Handwerksgeraeth neben sich
in den Boden stossend und sich den Schweiss von der gluehenden Stirne
trocknend, sagte er freundlich:

"Warmer Tag heute, Herr Actuar -- sehn Sie einmal was fuer ein schoenes
Stoeckchen; das muessen wir aber ordentlich angiessen, sonst vertrocknet es
gleich in der lockeren Erde -- werde Ihnen das schon besorgen."

"Bitte sein Sie so gut," sagte Ledermann, und der Mann nahm den Stock auf,
drehte ihn um und schlug mit der flachen Hand unter den Topf, diesen
locker und los zu bekommen.

"Kennen Sie das junge Maedchen was da auf dem Grabe an der Mauer liegt?"
frug der Actuar jetzt, als sein Blick wieder zufaellig dort hinueber
streifte -- "dort drueben meine ich."

"Ja ich weiss schon," sagte der Mann, ohne den Kopf zu wenden und mit
seiner Arbeit beschaeftigt -- "nein -- sie sass vor dem Kirchhofsgitter schon
heut' Morgen wie ich oeffnete, um drei Uhr frueh, und muss die ganze Nacht da
zugebracht haben. Wie ich das Thor aufmachte frug sie mich nur nach dem
Grabe eines armen Teufels, den wir hier vor kurzer Zeit zu Ruh gebracht,
und ist seit der Zeit nicht von dort weggegangen. Das kommt manchmal vor."

"Und wer liegt da begraben?" frug Ledermann schnell, dem ein ploetzlicher
Gedanke an das Maedchen von gestern Abend aufstieg.

                               [Capitel 9]

"Dort an der Mauer?" sagte der Todtengraeber, "ih Sie wissen ja, der kleine
bucklige Bursche, der von der Bruecke gesprungen war, und sich den Kopf
aufgeschlagen hatte."

Dem Actuar fuhr es mit einem eisigen Stich durchs Herz, aber er erwiederte
Nichts, gab dem Mann eine Kleinigkeit fuer seine Dienstleistung, und ging
dann langsam, als ihn dieser wieder verlassen und seine fruehere Arbeit
aufgenommen hatte, zu Lossenwerder's Grab, wo die Trauernde noch still und
regungslos in ihrem Jammer lag. Nur das krampfhafte Zittern des Koerpers
verrieth das darin wohnende Leben.

"Liebes Kind," sagte Ledermann leise -- das Maedchen bewegte sich nicht --
"mein liebes Kind," sagte er lauter, und beruehrte ihre Schulter mit seinem
Finger. Langsam hob sie das bleiche, Thraenen ueberstroemte Gesicht zu ihm
empor, und als sie den fremden Mann neben sich sah, richtete sie sich
verwirrt, beschaemt aus ihrer Stellung auf.

"Aber wie koennen Sie sich hier so Stunden lang in das feuchte Gras
werfen," sagte der Actuar mit freundlichem Vorwurf -- "Sie _muessen_ ja
krank werden -- nicht wahr, Sie kennen mich nicht mehr?"

Das Maedchen sah ihn gross und verwundert an, und schuettelte dann langsam
mit dem Kopf.

"Ich sprach gestern Abend mit Ihnen, draussen vor dem Thor, wo die Musik in
dem Hause war," sagte Ledermann -- "hatten Sie gar keine Ahnung von dem
Schicksal des Bruders?"

"Keine," sagte die Arme leise, das Koepfchen wieder senkend.

"Und wo erfuhren Sie seinen Tod?"

Das Maedchen schauderte zusammen als sie des Augenblicks gedachte, und
sagte endlich, wie mit angstgepresster Stimme:

"Gestern Abend in dem Haus -- die Leute in der Gesindestube frugen mich wo
ich herkaeme und um meinen Namen, und dann  --

"Und dann?" frug der Actuar mitleidig, als das Maedchen schwieg und ihr
Antlitz wieder zitternd in den Haenden barg  --

"Dann sagten sie" -- setzte das Maedchen, am ganzen Koerper bebend hinzu --
"dass Einer der so hiess -- und sie spotteten dabei ueber sein Gebrechen -- dass
Einer -- hier  -- " sie vermochte nicht auszureden und warf sich,
ruecksichtslos um den neben ihr stehenden Fremden, und in krampfhafter
Verzweiflung, wieder auf das Grab nieder, das sie laut schluchzend mit
ihren Armen umschlang, und den Bruder rief, sie zu sich zu nehmen in sein
stilles, kuehles Bett.

Nur mit Muehe, und herzlichen troestenden Worten die er zu ihr sprach,
brachte sie Ledermann, als sich ihr Schmerz in etwas ausgetobt, endlich
dahin sich etwas zu fassen und zu beruhigen, und ihm mehr ueber ihr
Schicksal und sich selber zu sagen. Sie hiess Hedwig, war funfzehn Jahr alt
und hatte bis zu ihrem elften Jahr bei einer entfernten armen Verwandten
zugebracht, nach deren Tode sie, ein Kind noch, bei fremden Leuten in
Dienst gehen musste. Ihre Elteren schienen in besseren Verhaeltnissen gelebt
zu haben, waren aber frueh gestorben, und die Waisen sich selber ueberlassen
gewesen. Ihr um zehn Jahr aelterer Bruder Franz hatte sie dabei noch immer
dann und wann von dem Wenigen was er selber verdiente, unterstuetzt, auch
ihr vor einigen Monaten -- und das musste etwa grade vor seinem Tode gewesen
sein, geschrieben, dass er recht sparsam lebe, und bald so viel zusammen zu
haben hoffe mit ihr, der Schwester, nach Amerika auszuwandern, dort
vielleicht ein kleines Geschaeft oder irgend etwas Anderes anzufangen,
ehrlich durch die Welt zu kommen. Hedwigs Aussage nach musste er ihr auch
die genaue Summe geschrieben haben, die er besass, und als sie der Actuar
dringend bat ihm den Brief zu verschaffen, wenn es irgend moeglich sei, da
der vielleicht vollstaendig des Bruders Unschuld beweisen konnte, zog sie
aus ihrer Brust das zusammengefaltete und dort bis jetzt sorgfaeltig
bewahrte Papier. Es war das letzte was sie von ihm bekommen, und als Monat
nach Monat verstrich und keine neue Nachricht kam, wurde sie zuletzt
unruhig und schrieb nach Heilingen. Aber auch hierauf erhielt sie keine
Antwort und nicht mehr im Stande die Ungewissheit zu ertragen, verliess sie
ihren Dienst und machte sich, mit wenigen Groschen in der Tasche auf, den
weiten Weg zu Fuss zurueckzulegen. Und ihr Empfang? grosser Gott mit Spott
und Hohn wurde ihr Bruder -- das einzige noch auf der Welt ihr gehoerende
Wesen, das sie mehr als sich selber liebte -- eines furchtbaren Verbrechens
beschuldigt, in Folge dessen er sich selber das Leben genommen, und
schlimmer, gewaltiger noch als die Nachricht seines Todes, erschuetterte
das reine, vertrauensvolle Herz des armen Kindes der erste _Zweifel_ an
den Hingeschiedenen, der doch heimlich und quaelend in ihr aufsteigen
wollte, wie sie sich auch dagegen straeubte; und doch _wusste_ sie dass er
keiner schlechten Handlung faehig gewesen sei.

Waehrend dieser Erzaehlung flossen ihre Thraenen staerker; wenn aber der
Schmerz auch nur mehr aufgeruettelt wurde durch das Wiederdurchleben
vergangener Scenen, fand sie doch auch einen Trost in dem Aussprechen ueber
ihren Verlust. Der Actuar ueberlas indess fluechtig den Brief, und den Datum
mit dem veruebten Raub vergleichend sah er, ob Lossenwerder nun schuldig
oder unschuldig sei, dass jenes, bei ihm gefundene Geld sein Eigenthum
gewesen sein muesse, schon vor dem Tag, und nicht mehr als Beweis gegen ihn
gelten konnte.

So traf sie Kellmann, der von Lobensteins direct auf den Gottesacker
gegangen war, das arme Maedchen aufzusuchen. Mit wenigen Worten sagte ihm
der Actuar was er von ihr erfahren, und der gutmuethige kleine Kuerschner
setzte sich neben sie auf das Grab des Bruders, nahm ihre Hand in die
seine, und diese streichelnd sprach er ihr Muth und Hoffnung in das arme
gequaelte Herz. Sie sollte nicht mehr allein stehn auf der Welt; er wollte
Freunde fuer sie finden, die sich ihrer annaehmen, und sie Beide, Ledermann
und er, wollten nicht ruhen noch rasten bis ihres Bruders Name wieder
ehrlich gemacht sei vor der ganzen Stadt; lieber Gott, sie konnten ja
nichts mehr fuer den Armen thun.

Hedwig weinte, waehrend er sprach; aber die Thraenen loesten ihren Schmerz --
die freundlichen Worte; oh die ersten wieder seit so langer, langer Zeit
die sie gehoert, thaten ihr wohl und bannten die Verzweiflung aus ihrem
Herzen, der sie ja sonst wohl rettungslos verfallen waere. Wieviel Segen
hat schon ein herzliches Wort gebracht, dem Ungluecklichen gespendet -- wie
viele Thraenen getrocknet, wie manches Weh, wenn es nicht heilen konnte,
doch gelindert.

Kellmann erbot sich dann auch, sie zu seiner Mutter zu fuehren, wo sie
wenigstens bleiben konnte bis sich etwas Weiteres entschieden. Von Amerika
sagte er ihr noch Nichts, die naechsten Tage mochten sie erst mit dem
Gedanken vertrauter machen, wenn sie hoerte wie viel Leute die auch ihren
Bruder gekannt und liebe Freunde von ihm selber seien, gerade jetzt nach
dort hinuebergingen.

Hedwig zoegerte noch schuechtern das guetige Erbieten anzunehmen, aber die
Worte klangen so herzlich, so gut gemeint, sie stand so huelflos, so allein
in der weiten Welt, der fremde Mann erschien ihr wie ein Engel des Himmels
in ihrem Schmerz, und unter Thraenen nahm sie seine Hand und dankte ihm,
und sagte dass sie ihm folgen wuerde, wohin er sie fuehre.





                               Capitel 10.


                           DIE BEIDEN FAMILIEN.


Der Leser muss mir noch, ehe wir unsere weitere Wanderung zusammen
antreten, zu zwei Stellen folgen, in Lage und Art freilich gar sehr
verschieden. Den Characteren, die wir dort finden, begegnen wir spaeter
wieder, theils auf der Reise, theils in ihrem neugewaehlten Vaterland.

An der Hannoeverschen Grenze lag ein kleines Dorf, Waldenhayn mit Namen,
und fast versteckt zwischen maechtigen Linden und Fruchtbaeumen, die es von
allen Seiten dicht umgaben.

Mitten im Dorf auf einem flachen, aber die ganze Ortschaft ueberschauenden
Huegel stand die Kirche, und daneben das kleine freundliche Pfarrhaus, das
sein Dach ueber gute und glueckliche Menschen gespannt hatte, Jahrzehnte
lang -- und heute? -- Guter Gott welche Veraenderung in dem Haus -- der Vater,
Pastor Donner, still und ernst in seinem Sorgenstuhl, und, ganz gegen
seine sonstige Gewohnheit, ordentlich eingehuellt in eine dichte
Tabakswolke, die Mutter mit verweinten Augen, und doch immer geschaeftig
herueber- und hinuebergehend, bald aus der in jene Stube, Kleinigkeiten zu
besorgen die sie immer wieder vergass, ehe sie nur das andere Zimmer
betreten.

Der aelteste Sohn Georg ging zu Schiff -- ging nach Amerika ueber das weite,
wilde Weltmeer nach einem anderen Vaterland, dort fuer den unruhigen Geist
das Glueck zu suchen, das er hier nicht fand, und "wann wuerden sie ihn -- ja
wuerden sie ihn je wieder sehen?" Oh es ist ein grosser Schmerz fuer ein
Elternherz ein Kind in der Bluethe der Jahre zu verlieren -- wie viel Sorge,
wie viel schlaflose Naechte hat es gemacht, bis es wuchs und gedieh; welche
Hoffnungen knuepften sich an das junge Wesen, und bluehten und reisten mit
ihm; wie treulich wurde da nicht jeder Schritt bewacht, den noch
unsicheren Fuss vor Stoss und Fall zu schuetzen, wie aengstlich jedem boesen
Eindruck gewehrt, der Herz oder Geist haette vergiften koennen. Und nun das
Alles preiszugeben der Welt, ihren Verfuehrungen, ihren Gefahren fuer Geist
und Koerper, das Alles preiszugeben und hinausgeworfen zu sehn auf die
stuermischen Wogen des Lebens -- sich selbst ueberlassen, und der eigenen,
vielleicht doch noch zu schwachen Kraft. Wie viele heimliche Thraenen
werden da geweint, wie trueb und traurig liegt da oft des Kindes Zukunft
vor dem ahnenden Blick des Vaters und der Mutter -- Krankheit wird es
erfassen und halten, und keine liebende Hand in der Naehe sein, es zu
pflegen und ihm den Schweiss von der heissen, gluehenden Stirn zu trocknen,
die Verfuehrung ihre falschen, goldblinkenden Netze nach ihm auswerfen, und
keine treu warnende Stimme ihm zur Seite stehn -- Noth und Mangel
vielleicht in bitterem Weh auf ihm lasten, und Niemand da sein, der ihm
Huelfe bringt, und den Ungluecklichen troestet und unterstuetzt -- Mutter und
Vater sind fern, fern von dem Geliebten, seine Klage dringt nicht herueber
zu ihnen -- ihr Trost und Huelfswort nicht zurueck zu ihm.

Und ein solcher Abschied dann -- der Tod pocht nicht viel haerter an des
Glueckes Thor, und das Bewusstsein den Geschiedenen still und geschuetzt in
kuehler Erde zu wissen, auf der die treu gepflegten Blumen keimen, ist oft
noch weniger bitter als dieser _freiwillige_ Tod -- der Fortgang ueber's
Meer, in eine fremde, ungekannte Welt -- vielleicht so ohne Wiederkehr wie
jener, und ohne jedes beruhigende Gefuehl der Sicherheit. Der Scheidende
ist da noch immer besser, weit besser daran als die Zurueckbleibenden; ihm
liegt die Welt jetzt frei und offen da, jede Stunde draussen, jede Meile
Wegs bringt ihm Neues, Unbekanntes, und wehrt dem Blick nur an dem einen
Schmerz zu haften. Er hat auch zu sorgen, fuer sich und sein Gepaeck, seine
ganze Zukunft ist ihm in der einen Stunde in die eigene Hand gegeben -- ein
ungewohnt Geschaeft bis jetzt -- und fremde Landschaft, fremde Scenen
wechseln so rasch an ihm vorueber, dass jedes Bild einen Theil des alten
Schmerzes fortfuehrt mit sich. Selbst der Gedanke an die Verlassenen hat
nicht das Herbe, Bittere fuer ihn, als es fuer diese hat, wenn sie sein
gedenken, und sich mit Vermuthungen quaelen muessen wie es jetzt ihm geht,
was er thut, was er treibt, wo er jetzt gerade weilt. _Er weiss_ in welchem
Kreis die Seinen sich bewegen, kennt in jeder Tageszeit ihre kleinen,
haeuslichen Beschaeftigungen, ihr gleichmaessiges Wirken und Schaffen, und
sein Herz, das immer noch daheim bei ihnen weilt, wahrt seinen festen
Anhaltspunkt an sie sich unverkuemmert fort, bis das Bild, von anderen
dicht umdraengt in weiter immer weiterer Ferne langsam erbleicht, und nur
noch auf dem Hintergrund des Herzens wie schlummernd liegt, in seinen
Traeumen ihn zu segnen, oder dereinst, wenn die Welt ihn kalt und rauh von
sich stoesst, und er allein und freundlos sich da fuehlt, wieder aufzugluehen
in aller Frische und Waerme, ein Trost und Hoffnungsziel, dem armen,
einsamen Wanderer.

Georg war ein junger lebenskraeftiger Mann von dreiundzwanzig Jahren, mit
dunkelbraunen, vollen, ihm frei und ungescheitelt ueber die offene
sonngebraeunte Stirn fallenden Locken, schwarzen klaren Augen und freien,
gutmuethigen Zuegen, die selbst eine breite dunkle Narbe ueber den rechten
Backen, der Autograph eines Commilitonen, nicht entstellen konnte. Er
hatte Medicin studirt, und sich das Doctordiplom mit eifrigem Fleiss
verdient, aber die Aussichten fuer einen jungen Arzt waren trueb und
unversprechend in seiner Heimath, und jene fremde Welt, von der er schon
so viel gelesen und gehoert, zog ihn maechtig an. Sein Vater konnte und
wollte dieses Streben nicht bei ihm unterdruecken; auch er erkannte die
Banden, die hier einen kraeftigen Geist so leicht in Fesseln legen, und
ehrte den Wunsch und Drang der jungen, nach Thaten duerstenden Brust, einen
Schauplatz zu finden fuer ihr Sehnen und Wirken, wenn er sich auch wohl
selber dann wieder mit einem schweren Seufzer gestehen musste, wie manche
Hoffnung der Sohn zertruemmert, wie manche Erwartung er getaeuscht sehn
wuerde in dem neuen Leben, das jetzt ihm freilich im vollen Glanz einer
aufsteigenden Sonne, von warmem Lichte uebergossen winkte. Und wie wuerde
sich sein Herz dann bewaehren, das jetzt jubelnd zu den blinkenden,
Flaggen- und Blumengeschmueckten Waellen seiner eigenen Luftschloesser
aufschaute, wenn es an deren Truemmern stand? oh dass er dann haette an
seiner Seite stehen und ihn leiten duerfen den dunklen, schmalen Pfad zum
wahren Glueck -- retten ihn dann vor sich selbst und seinem bittern Weh.

Aber die Zeit lag noch fern, und weshalb sich selbst den Augenblick
vergiften, wo sich der Himmel noch blau und rein ueber seiner Zukunft
spannte. Georg selbst sah auch Nichts von solchen trueben Bildern, die das
Herz des Vaters oft mit banger Trauer fuellten; ihm war das Thor jetzt weit
und frei geoeffnet, das hinaus in's Leben fuehrte und an dessen Schwelle er
stand, und nur die Trennung noch vom Vaterhaus lag schwer auf seiner
Seele.

Am schwersten freilich trug gerade diese Stunde, weil ganz und ungetheilt,
das Mutterherz. Nicht dachte _sie_ in diesem Augenblick an die Hoffnungen
die dem Sohne in der Welt draussen bluehen, an die Gefahren die ihm drohen
koennten; sie sah und fuehlte Nichts, als die Trennung von dem _Kind_, den
Abschied von dem Heissgeliebten, und wie im Traum hatte sie schon den
ganzen Tag ihren gewoehnlichen Beschaeftigungen obgelegen, wie im Traum noch
einmal seine Lieblingsgerichte bereitet fuer den Abend, den letzten Abend,
den er im Vaterhause zubringen wuerde.

Lieber Gott, die Speisen kamen Abends auf den Tisch und wurden gegessen,
aber Keiner von allen, die juengsten Geschwister ausgenommen, schmeckten
was sie assen; man sprach dabei ueber das an dem Nachmittag fortgesandte
Gepaeck, ueber das Wetter, ueber die Uhr die zehn Minuten vorging -- Georg
trug Gruesse auf an alle seine Bekannte, die sich noch seiner erinnerten. Er
hatte an dem Tag noch selber ein paar Briefe schreiben wollen, war aber
nicht dazu gekommen -- Vieles Andere war ihm ebenfalls entfallen; so wollte
er einen Absenker von dem Rosenstock mitnehmen der vor der Mutter Fenster
bluehte, und jetzt blieb ihm doch keine Zeit mehr; aber waehrend dem Essen
stand die Schwester -- unvermisst -- vom Tische auf, ging hinaus, grub einen
Absenker aus, und brachte ihn in einem kleinen Topf dem Bruder, dem sich
die Thraenen in die Augen zwangen -- er mochte kaempfen dagegen wie er wollte
als er die Gabe sah. Die Mutter stand vom Tisch auf und ging hinaus --
nicht ein Wort wurde gesprochen so lange sie fort war. Die Speisen
verschwanden dabei von den Tellern und der Wein wurde getrunken, und die
Mutter kam zurueck und nahm ihren Platz wieder ein, lautlos wie vorher; man
konnte den langsamen Gang der Uhr hoeren, an der Wand.

Da endlich fuellte der Vater sein Glas bis zum Rand, hob es mit der Linken
und ergriff mit der anderen Georgs Hand. Er hatte etwas zum Herzen des
Sohnes, zum Trost vielleicht der Mutter sprechen wollen, aber die Worte
schwollen ihm im Mund -- er brachte eine volle Minute keine Sylbe ueber die
Lippen, und sich gewaltsam fassend und zusammennehmend sagte er endlich.

"Auf ein frohes Wiedersehn Georg!"

Georg presste des Vaters Hand und trank ihm und der Mutter und den
Geschwistern zu -- und die Mutter hob ihr Glas und stiess mit dem Sohne an,
aber mehr vermochte das Mutterherz nicht -- zu lange hatte sie jetzt
gewaltsam gegen ihr eigenes Gefuehl an- und den Schmerz niedergekaempft, den
Anderen zu Liebe; laenger war sie es nicht im Stande, und das Glas mit
zitternder Hand niedersetzend, dass der Wein ueber und auf das Tischtuch
floss, stand sie auf, warf die Arme krampfhaft um den Hals des Sohnes und
schluchzte laut.

"Mutter, liebe -- liebe Mutter  -- "

"Mein Kind -- mein Kind," jammerte die Frau und der Schmerz wuchs an
Heftigkeit, wie der maechtig aber still dahinwaelzende Strom schaeumend
hinausdonnert in's Freie, wo er sich erst einmal Bahn gebrochen aus seinem
Bett -- "mein liebes -- liebes Kind."

"Aber Mutter," bat der Pastor, "fasse Dich; es ist ja doch nur vielleicht
auf kurze Zeit, bis sich der Junge draussen die Hoerner abgelaufen, und ihm
die Heimath anders aussieht wie jetzt; dann kommt er wieder."

"Liebe -- liebe Mutter," fluesterte Georg, sie innig an sich schliessend, und
auch ihm erstickten unaufhaltsam fliessende Thraenen die Stimme.

Die Geschwister weinten auch, und der Vater war aufgestanden und ein paar
Mal mit raschen Schritten, wie um den Anderen Zeit zu geben, eigentlich
aber nur seine eigene Fassung wiederzugewinnen, im Zimmer auf- und
abgegangen. Jetzt blieb er neben der Gattin und dem Sohne stehn, und sie
langsam trennend sagte er mit sanfter, bittender Stimme:

"Kommt Kinder, kommt -- macht Euch selber nicht das Herz zum Brechen
schwer; das ist unrecht. Ueberdies quaelt Ihr Euch zweimal, und habt morgen
frueh noch dasselbe Leid. Es ist eine lange Trennung, aber keine Trennung
fuer's Leben -- wir sind Alle noch ruestig und gesund, und werden uns, will
es Gott, hoffentlich Alle einmal froh und freudig in die Arme schliessen
koennen."

"Aber Du schreibst bald, Georg," fluesterte die Mutter sich mit aller Kraft
zusammennehmend -- "Du laesst uns nie lange ohne Nachricht, nicht wahr Du
versprichst mir das?"

"Gewiss Mutter, gewiss -- so oft ich kann -- aber aengstigt Euch nur auch
nicht, wenn einmal ein Brief laenger ausbleibt als gewoehnlich; der Weg ist
weit, und ein Brief kann leicht verloren gehn."

"So, und jetzt zu Bett Kinder," mahnte der Vater -- "es ist spaet geworden,
sehr spaet, und Du musst frueh wieder heraus Georg, die Post nicht zu
versaeumen; sind Deine Koffer hinuebergeschafft?"

"Es ist Alles drueben," sagte die Mutter, sich aus den Armen des Sohnes
windend und ihre Thraenen trocknend, "nur sein Ueberrock ist noch hier, den
er anzieht, und die kleine Tasche in die er morgen frueh sein Nacht- und
Waschzeug steckt -- doch das besorg' ich schon selber und werd' es nicht
vergessen. Ich bin frueh auf, Georg, Du musst ja doch auch noch Deinen
Kaffee haben bevor Du gehst."

"Gute Nacht Mutter!" rief Georg, umschlang sie noch einmal und kuesste ihr
Lippen, Augen und Stirn, "gute Nacht meine gute, gute Mutter -- gute
Nacht!"

"Gute Nacht mein Georg, mein Kind," sagte die arme Frau unter Thraenen --
"schlaf nur jetzt recht aus -- zum letzten Mal unter unserem Dach -- fuer die
naechste Zeit wenigstens," setzte sie rasch hinzu -- "denn mit Gottes
Beistand hoff' ich soll es nicht das letzte Mal gewesen sein -- und -- und
meinen Segen nimm mit Dir, wohin Du gehst -- wo Du weilst -- was Du thust --
--  er ruhe auf Dir, mein gutes, gutes Kind!"

Georg beugte sich unwillkuerlich dem ernsten heiligen Wort -- seine ganze
Gestalt zitterte dabei, und die Mutter musste sich endlich mit freundlicher
Gewalt aus seinen Armen winden; dann aber floh sie auch hastigen Schrittes
aus dem Zimmer, sich in dem eigenen Kaemmerlein recht, recht herzlich
auszuweinen.

Die Geschwister sagten dem Bruder jetzt gute Nacht -- die aelteste Schwester
Louise hing lange an seinem Hals, aber riss sich los, den Schmerz der
Eltern nicht zu vermehren. Die Juengeren kuessten ihn auf die Wangen und
sagten. "Gute Nacht Georg -- weck' uns nicht zu spaet morgen frueh, dass wir
Dir auch noch koennen glueckliche Reise wuenschen."

Georg kuesste sie herzlich und bat sie brav und gut zu sein, und Vater und
Mutter Freude -- viel Freude zu machen, denn er selber ginge nun fort, und
die Eltern wuerden deshalb recht traurig sein.

"Gute Nacht Georg," sagte der Vater, als die Kinder zu Bett gegangen
waren, und Alle, ausser ihm, das Zimmer verlassen hatten, "habe keine Angst
dass Du die Post morgen verschlaefst, ich wache schon auf zur rechten Zeit --
gute Nacht mein Sohn. Komm komm, fange nicht selber wieder an, und mach'
mir das Herz nicht schwer vor der Zeit -- aber Georg, um Gottes Willen was
ist Dir? -- sei ein Mann -- Nun ja -- so lange die Frauen da waren hat es mir
auch das Herz fast abgedrueckt -- man darf es sie ja nicht so merken lassen,
sonst zerfliessen sie ganz  -- "

"Mein lieber -- lieber Vater," schluchzte Georg an seinem Halse."

"Mein guter, guter Sohn!" fluesterte der Pastor, des Kindes Stirne kuessend,
und jetzt selber im Innersten ergriffen und bewegt -- "bleibe brav -- bleibe
so brav wie Du bist -- ich kann Dir nichts Besseres wuenschen -- trage Gott
im Herzen und Dich selbst, und -- Deiner alten Eltern Bild, deren Segen Dir
folgt auf allen Deinen Wegen."

"Mein Vater!"

"So mein Sohn -- jetzt gute Nacht und bete zu Deinem Schoepfer dass er uns
morgen in der schweren Abschiedsstunde staerkt -- gute Nacht mein Georg --
gute Nacht."

Leise machte er sich los aus des Sohnes Arm, kuesste ihn noch einmal, und
verliess dann rasch das Zimmer. Georg aber blieb lange, lange Minuten auf
dem Stuhle sitzen wo ihn der Vater verlassen, das Gesicht in seinen Haenden
bergend.

"Gute Nacht," fluesterte er endlich leise und kaum hoerbar, als Alles schon
im Hause still war, und zu Ruhe gegangen -- "gute Nacht Ihr Lieben und Gott
schuetze Euch und mich; aber nicht moeglich waere es mir, die furchtbare
Trennungsstunde noch einmal durchzuleben, nicht moecht' ich Dir Vater, Dir
Mutter den Schmerz, das bittere Weh zum zweiten Mal bereiten. Es ist
vorbei -- Alles vorbei, und wenig Stunden noch und die Heimath selber
liegt, ein schoener Traum nur, in der Erinnerung Tiefe. So denn an's Werk"
setzte er fest und entschlossen hinzu, "und ob das Herz darueber brechen
will, "durch" ist mein Wahlspruch jetzt, durch Nacht zum Licht -- _durch_."

Und mit den, fest zwischen den zusammengebissenen Zaehnen gemurmelten
Worten stand er auf, und sein Schlafzimmer oeffnend warf er den Rock ab,
und badete Gesicht und Nacken in kuehlem Wasser. Dann, als er die Glut die
ihn durchtobte, in etwas geloescht, packte er den kleinen Nachtsack mit
den, sorglich fuer ihn auf dem Waschtisch ausgebreiteten Gegenstaenden, zog
sich wieder an, knoepfte den Ueberrock bis an den Hals zu, denn die Nacht
war kalt, und nach der gehabten Aufregung froestelten ihn die Glieder, und
im Zimmer umherschauend fiel sein Blick auf den, unter dem Spiegel
stehenden, fuer ihn eingeschlagenen Rosenstock. Rasch barg er ihn in der
weiten Tasche seines Ueberrocks, oeffnete dann das Fenster, das in den
Garten hinaus und von da ueber den Kirchhof fuehrte, der Landstrasse zu, und
schwang sich auf das Fensterbret.

"Ade!" fluesterte er, "ade Du trautes, liebes Haus, ade -- Gott halte seine
Hand ueber Dir, und schuetze die lieben Menschen -- ade, ade." Und von dem
Bret hinunterspringend in den Garten, durcheilte er diesen, schwang sich
leicht ueber die Kirchhofmauer, die er als Kind unzaehlige Male
ueberklettert, und schritt dann langsam und traurig seinen einsam dunklen
Weg entlang.

                                * * * * *

Noch hob sich die Sonne nicht ueber den oestlichen Fichtenhang, und der
daemmernde Tag gruesste eben die schlummernde Erde, als sich die Mutter von
ihrem Lager hob, das Maedchen weckte dass es Feuer in der Kueche mache, den
Kaffee bereit zu halten, und dann den Mann rief, dem Sohn ade zu sagen.
Pastor Donner hatte aber auch nur in unruhigem Schlaf gelegen -- die
Gedanken und Sorgen liessen ihn nicht ruhen, und wie aus boesem Traum fuhr
er oft empor, mit einem wehen Stich durch's Herz zurueckzusinken, _dass_ es
eben kein Traum sei, der ihn bedruecke und quaele.

Er stand auf, zog sich an, und waehrend die Mutter draussen in der Kueche
sorgte, dem Sohn ein rasches Fruehstueck zu bereiten, ging der Vater hin ihn
zu wecken.

"Georg!" sagte er, als er die Thuer oeffnete, die in des Sohnes Kammer
fuehrte -- "Georg -- es wird Zeit -- heiliger Gott!" unterbrach er sich aber
rasch und erschreckt als er das Gemach leer, das Bett unberuehrt und keine
Spur mehr von dem Kinde fand -- "heiliger, erbarmender Gott -- er ist fort."
Und wie er sich auch vorgenommen sich zu fassen, und der Frau, dem Kind,
die letzten Augenblicke nicht mehr zu erschweren, durch seine eigene
Schwaeche, traf ihn _der_ Schlag doch zu hart -- zu unerwartet. In diesem
Augenblick betrat die Mutter das Zimmer, und sah wie der Vater sich
erschuettert von der Thuer abwandte und das Antlitz in den Haenden barg.

"Mein Sohn -- mein Kind!" stammelte sie, in der sie durchzuckenden Ahnung
des Geschehenen, der sie wie ein jaeher Schlag in's Herz traf -- "wo ist --
wo ist Georg?" Aber der Vater zog sie an die Brust, und ihre Stirn, auf
die seine heissen Thraenen fielen, kuessend, fluesterte er leise:

"Er hat uns den Schmerz des Abschiedes sparen wollen, Louise -- er ist
fort."

"_Fort!_" hauchte die Frau -- kaum noch den Sinn der Worte fassend, und
brach bewusstlos in den Armen des Gatten zusammen.

                                * * * * *

Ausserhalb Waldenhayn, wenn auch noch zu demselben Kirchspiel gehoerend, und
dicht an der Grenze des bis hier herniederlaufenden Holzes, stand ein
kleines, schon halb verfallenes Haus, das frueher einmal von einem
Forstgehuelfen des herrschaftlichen Waldes bewohnt, dann aber nicht mehr
benutzt, und um ein Billiges, eigentlich auf Abbruch, verkauft worden war.
Der Mann der es kaufte aber, hatte frueher ebenfalls in herrschaftlichen
Diensten gestanden, und dann das Metzger-Handwerk getrieben; sein wildes,
liederliches Leben jedoch liess sein Geschaeft nicht foerdern, noch vorwaerts
gehn. Er schien auch keine rechte Lust an einer regelmaessigen Arbeit zu
haben, heirathete dann, als er Alles was er sein nannte, durchgebracht,
ein Maedchen vom herrschaftlichen Gut, das den Dienst dort verlassen musste
und von dem Herrn selber eine Abstandssumme bekam, und kaufte mit dem
Gelde eben das kleine unwohnliche Gebaeude, das er nichtsdestoweniger
bezog, und sich jetzt angeblich vom Viehhandel ernaehrte. Er zog im Lande
herueber und hinueber, und kaufte und verkaufte Vieh, mehr aber noch trieb
er sich in den Wirthshaeusern herum, wo er trank und spielte, und den
schlimmsten Ruf im Lande hatte, den ein Mensch haben kann, ohne dass jedoch
die Polizei den mindesten Halt an ihn bekommen konnte. Aber die
ordentlichen Leute zogen sich von ihm zurueck; Niemand mochte Umgang mit
ihm oder seinem Weibe haben, und auf dem Weg zu seinem Hause wuchs Gras;
wen dort nicht ein besonderes Geschaeft hinfuehrte, betrat ihn nimmer.

So hatte der "schwarze Steffen," wie er im Lande seines dunklen Haares und
Aussehns wegen hiess, sechs Jahre in dem kleinen Haus gewohnt, und sein
Weib ihm, ausser dem Kind das sie in die Ehe gebracht, noch drei andere
geboren. In der letzten Zeit tauchte dabei ein anderer Verdacht gegen ihn
auf, dass er sich naemlich unter der Hand mit Wilddieben einlasse, und --
wenn auch vielleicht nicht selber wildere, doch das Gestohlene kaufe und
unterbringe.

Sicher ist, dass nicht alles Fleisch was er zu Markte fuehrte, im Stall
gemaestet worden, und als nun auch gar einmal, und vor nicht so sehr langer
Zeit, ein Forstgehuelfe, in Ausuebung seiner Pflicht, erschossen worden,
wurde die Aufsicht ueber den schwarzen Steffen, dem man aber doch nicht zu
Kragen konnte, so scharf gefuehrt, und diesem zuletzt so unertraeglich, dass
er schon ein paar Mal mit den Forstbeamten im Wirthshaus Streit gesucht
und gefunden, und ihm zuletzt von der Herrschaft, nach lange geuebter
Nachsicht, der Befehl zugestellt wurde, das auf den Abbruch damals
erstandene Haus, von dem uebrigens kein Ziegel mehr sein gehoerte, zu raeumen
und abzutragen oder stehen zu lassen, wie es ihm gefalle, seinen Wohnsitz
aber, wider ihn eingelaufener Klagen wegen, wo anders zu nehmen, vom
ersten des naechsten Monats an.

Steffen war heute einmal ausnahmsweise den ganzen Tag zu Haus geblieben,
und hatte manche von seinen Sachen, wobei ihm die Frau half,
zusammengetragen und in einen Ranzen gepackt. Die Kinder aber achteten
wenig darauf; sie waren gewohnt dass der Vater oft fortging, und dann immer
mehre, manchmal sogar acht Tage fortblieb, ehe sie ihn wieder zu sehen
bekamen, oder auch nur von ihm hoerten. Fragen, wohin er ging, durften sie
nie.

Der Vater war uebrigens muerrischer heute als je -- er sprach fast kein Wort,
trank aber oft aus der Flasche, die zum ersten Mal offen in der Stube
stand, und woraus sich auch die Mutter zweimal einschenkte, und sich dann
zu dem juengsten Kinde setzte, und es auf den Schoos nahm und kuesste.

"Weshalb weinst Du, Mama?" sagte das zweite Kind, ein Junge von etwas ueber
fuenf Jahren -- "hat Dir Jemand 'was zu Leid gethan?"

"Weil sie eine Naerrin ist," brummte der Vater, der die Frage gehoert hatte,
und jetzt einen aergerlichen Blick nach der Frau schoss -- "ich daechte wir
haetten nun genug darueber geschwatzt und die Sache waer' abgemacht."

"Nun ja -- ich sage ja auch kein Wort mehr dagegen," erwiederte die Frau --
"es -- es ueberkommt Einen nur noch manchmal so -- nachher wird's besser und
-- es geht ja doch nun einmal nicht anders," setzte sie still und schwer
vor sich hinseufzend, hinzu.

Steffen entgegnete nichts weiter darauf, schickte aber bald darauf, unter
irgend einem Vorwand, die Kinder mitsammen hinaus in den Garten, und sagte
dann, als er sich mit der Frau allein sah, muerrisch und finster.

"Du flennst und flennst, und wirst die Baelge noch zuletzt aufmerksam und
aengstlich machen mit Deiner Heulerei -- kannst Du sie hier ernaehren, so
bleib da, ich habe Nichts dagegen; kannst Du's aber nicht, dann sei auch
vernuenftig und mach' jetzt keine dummen Streiche -- es waer' ein Spass, wenn
sie uns abfassten, und Du weisst am Besten was uns nachher bevorstuende."

Die Frau war schlank und voll gewachsen, mit besonders kleinen Haenden und
Fuessen, musste auch einmal in frueheren Jahren wirklich schoen gewesen sein,
und mehr noch als nur die Spuren war ihr davon geblieben, haette sie eben
etwas gethan sich das zu erhalten. Aber in ihrem ganzen Aeusseren ging sie,
wenn nicht geradezu unreinlich, doch vernachlaessigt; die ungeordneten
Haare wurden durch einen zerbrochenen, aechten Schildpatkamm, und durch ein
schwarzes abgescheuertes Sammetband, in dem vorn eine grosse bronzene
Broche mit einem unaechten Turquis sass, gehalten; in den Ohren hingen ihr
ebenfalls lange emaillirte unaechte Ohrringe, die mit dazu beigetragen
hatten ihr bei ihren bescheidenen und einfachen Nachbarn den Namen der
"stolzen Jule" zu geben, und das Kleid von gutem Stoff und nach neuem
Schnitt gemacht, zeigte unausgebesserte Risse, und Spuren von Fett, in
Streifen und Flecken, die schlecht zu dem blitzenden falschen Schmucke
passten.

Auch in den Augen selber lag etwas Keckes, Unweibliches, das aber doch
jetzt einem maechtigeren Gefuehl gewichen war, denn nur manchmal, bei den
rauhen Worten, blitzte es an gegen den Mann, und um die Lippen zog sich
dann ein eigener fester Zug von Trotz und Zorn.

"Ich hab' Dir genug zu Willen gethan, dass ich mit Dir gehe und die Kinder
zuruecklasse," sagte sie dann nach kleiner Weile -- "wenn's mir das Herz
dabei zusammenzieht, waerst Du schlimmer wie ein Thier, wolltest Du's mir
wehren. Der Wolf laesst seine Brut nicht im Stich, und wir wollen fort  -- "

"Der Wolf hat auch draussen zu leben, und fuer die Jungen Milch -- wer
giebt's uns?" zischte der Mann zwischen den zusammgebissenen Zaehnen durch
-- "wir koennten krepiren hier im Nest, keine Katze miaute deshalb im ganzen
Kreis."

"Ich weiss es, ich weiss es," sagte die Frau, "und das ist das Einzige was
mich freut, dass wir ihnen jetzt einen Streich spielen -- den Lumpen. Und
wie sie schreien und schimpfen werden -- aber ernaehren muessen sie sie doch,
davon hilft ihnen kein Gott. Leid thut's Einem freilich immer, die armen
Dinger, die noch Nichts von der Welt wissen und begreifen, so allein
zurueckzulassen -- wenn ich das Juengste nur mitnehmen duerfte  -- " setzte sie
leise hinzu.

"Komm mir nur jetzt nicht wieder mit dem alten Gewaesch," rief aber der
Mann finster und aergerlich -- "ich daechte das haetten wir ueber und genug
besprochen und ueberlegt, und waeren einig darueber."

"Ueberlegt gar nicht," sagte aber die Frau, die Brauen fest
zusammenziehend -- "wenn ich davon anfing hast Du mich immer grob
angefahren und ausgezankt, und Deinen Willen gehabt dabei, wie bei allem
Anderen. Ich weiss dass ich nicht zu den Weichen gehoere, aber -- Mutter
bleibt doch Mutter, und -- 's ist immer ein haesslich unnatuerlich Ding."

"Papperlapapp!" sagte der Mann den Kopf herueber und hinueber werfend --
"unnatuerlich -- natuerlich ist's allerdings nicht dass die Scheunen
ringsherum voll liegen, und das reiche Lumpenpack das Geld mit vollen
Fausten zum Fenster hinauswirft, waehrend wir hier trocken Brod nagen
sollen, und das nicht einmal immer kriegen -- schoene Natuerlichkeit das."

"Wenn Du nur nicht den dummen Streich mit dem  -- "

"Halt's Maul!" brummte aber der Mann muerrisch -- "ich sollte mich wohl
erwischen und anzeigen lassen, dass ich jetzt im Zuchthaus saess und spaenn --
Gott verdamm mich, ich schoesse eher die ganze Bande ueber den Haufen, einen
nach dem anderen -- bist Du nun fertig mit Deinen Sachen?"

"Ja!" sagte die Frau leise und unwillkuerlich zusammenschaudernd -- "es kann
fort gehn."

"Wir wollen aber doch warten bis es dunkel ist," sagte Steffen nach
kleiner Pause; "besser ist besser, und der Maertens unten an der Strasse
braucht nicht gleich zu wissen dass wir fortgefahren sind, beide zusammen,
seine Nase hineinzustecken vor der Zeit; er ist mir so schon ein paar Mal
hier oben herumgekrochen, wo er Nichts zu suchen hatte."

"Aber wenn sie uns nun doch vor der Zeit vermissen?" sagte die Frau, "und
unserer Spur nachgehn; wenn's jetzt schlimm ist, nachher wird's erst boes,
und wir duerften dann nur gleich mit Sack und Pack abziehn."

"In's Arbeitshaus, eh? -- nein, eine Weile halt' ich sie uns schon von den
Hacken, und Gefahr dass sie uns finden, hat es auch nicht. Wo wir zur
Eisenbahn kommen bin ich bekannt, und habe schon manchmal Vieh da gekauft,
wenn sie auch eben meinen Namen nicht wissen, und wenn wir fortgehn, lasse
ich einen alten Hut von mir und das gelbe Tuch von Dir unten an dem tiefen
Wasserloch unter den Erlen. Sobald Jemand hier in der Gegend vermisst wird,
suchen sie dort immer zuerst, und der Schulze im Dorf hat das Pulver nicht
erfunden, dem ist leicht was aufgehaengt. Bis sie eine Weile stromab
geangelt haben, sind wir hoffentlich unterwegs, und wenn nicht unter, doch
ueber dem Wasser. Aber ich will jetzt noch einmal hinunter zum Maertens gehn
und Mehl holen; es ist auch heute der gewoehnliche Tag, und hierher kommt
nachher keiner so leicht, nimm Du indess die Kinder vor, und instruire sie
wie sie sich zu verhalten haben."

Und seine Muetze aufgreifend steckte Steffen die Haende in die Taschen, und
schlenderte langsam den Hang hinunter dem naechsten, eine gute
Viertelstunde entfernten Hause zu, waehrend die Frau die Kinder zu sich
hereinrief, das Juengste, ein kleines liebes Maedchen von anderthalb Jahren,
auf den Schoos nahm, und sich damit still und lautlos in die Ecke setzte.

Die Sonne neigte sich indessen ihrem Untergang, und der Vater kam nach
etwa einer Stunde, als es schon voellig dunkel geworden war zurueck -- die
Mutter sass noch immer mit dem Kind auf dem Schoos, das bei ihr
eingeschlafen war, und hielt es fest an sich gedrueckt.

"So Jule, es ist Zeit," sagte der Mann, seine Arbeitsjacke abwerfend und
den Rock anziehend, "weiss die Albertine was sie zu thun hat?"

Die Frau zitterte am ganzen Leib, aber sie erwiederte kein Wort, stand
auf, kuesste das Kind das sie auf dem Arm trug, und legte es in sein
Bettchen -- einen Kasten, der in der Ecke der Stube stand.

"Albertine," sagte sie dann zu der Aeltesten, und wandte sich von der
duester brennenden Oellampe, die Steffen auf den Ofen gestellt hatte, ab,
dass die Tochter ihr nicht in die jetzt wirklich todtenbleichen Zuege
schauen sollte -- "ich gehe mit dem Vater heute Abend eine Weile fort -- den
Karl bring ich erst noch zu Bett -- sollten wir morgen frueh nicht bei
Zeiten da sein, so -- so zieh die Kinder an und gieb ihnen zu essen -- der
Brodschrank ist offen, und Milch steht unter der Diele in der Schuessel --
Du passt mir auf dass den Kleinen Nichts passirt -- Du -- Du bist ja schon ein
grosses Maedchen."

"Und geht mir nicht vor die Thuer morgen, bis wir nicht wieder da sind,"
sagte Steffen, "wie ich heut Abend drunten gehoert habe, ist hier ein
toller Hund herumgelaufen. Das Beste wird sein Ihr haltet die Hausthuer zu,
dass er nicht etwa gar herein kommt."

Die Frau hatte dabei das etwa dreijaehrige Maedchen das indess gar schlaefrig
geworden war, ausgezogen und in sein Bettchen gelegt -- und der Junge,
Carl, sass auf der Bank am Fenster, noch auf sein Abendbrod wartend. Aber
er sah auch erstaunt dabei die Eltern an, die noch nie so spaet Abends
fortgegangen waren, und auch wohl noch nie, oder doch nur selten gar so
freundlich mit ihnen gesprochen hatten.

"Was fuer ein Hund ist es, Vater?" frug er jetzt, da der Gedanke an den
tollgewordenen Hund ihn besonders interessiren mochte -- "Maertens' Bello?
der kennt mich, und beisst mich nicht."

"Nein, der grosse Tuerk aus dem Dorfe unten," sagte Steffen -- "der den
Mueller auch schon einmal gebissen hat."

"Oh der ist schlimm!" rief der Knabe erschreckt -- "da geh' ich gewiss nicht
hinaus."

"Geh' nun zu Bett Carl, es ist spaet," sagte der Vater.

"Ich habe mein Abendbrod noch nicht," brummte der arme kleine Bursch.

"So? -- dann wird Dir's Albertine geben -- und -- seid brav und folgt ihr  --
"

Er gab dem Knaben und aeltesten Maedchen die Hand, und ging zu den Bettchen
der Kleinen die er kuesste; dann aber als ob er sich einer solchen Regung
schaeme, richtete er sich rasch wieder auf, drueckte den Hut in die Stirn,
und sagte, das Zimmer verlassend, und noch in der Thuer sich umdrehend:

"Ich warte auf Dich unten am Wasser -- mach schnell!"

"Sei ein gut Kind Albertine, und hab mir gut auf die Kleinen Acht,"
fluesterte die Frau jetzt dem Maedchen zu, das eben dem Bruder ein Stueck
Brod und Salz gegeben hatte, an dem der ass und verwundert dabei hinter den
Vater her aus der Thuer, und nach der Mutter schaute, die lange -- o lange
Zeit nicht so freundlich mit ihnen gesprochen hatte.

"Aber Mutter wo geht Ihr nur hin?" -- frug das Maedchen, der das Benehmen
der Eltern ebenfalls auffiel, verwundert.

"Auf's Amt," sagte die Frau, auf die Frage schon vorbereitet -- "wir muessen
morgen frueh mit Tagesanbruch in der Stadt sein, und wollen gehn so lang's
kuehl ist."

"Und wann kommst Du wieder?"

"Hoffentlich morgen gegen Abend -- wenn wir fertig werden; auf dem Amt sind
sie aber gar weitlaeufig -- manchmal dauert's laenger als man denkt. Geht mir
aber nicht vor die Thuer, Ihr habt zu essen genug -- jedenfalls sind wir
morgen Abend um die Zeit wieder da -- und acht' mir auf die Kleinen, Tine --
sei ein vernuenftig gutes Maedchen -- Du bist gross genug. Und -- wenn Jemand
nach uns fragen sollte, so sag nur wir waeren in den Wald gegangen, und
kaemen gleich wieder -- es wird aber wohl Niemand fragen," --  setzte sie
leise, und wie zu ihrer eigenen Beruhigung hinzu.

Sie sah sich im Zimmer um, ob sie Nichts vergessen habe --  ihr Buendel lag
aber versteckt draussen vor der Thuer, wie der Mann seine gepackte
Jagdtasche ebenfalls draussen verborgen gehabt und jetzt mitgenommen hatte.
Ihr Blick ueberflog auch nur fluechtig den kleinen Raum, und haftete dann
auf dem Bettchen des juengsten Kindes -- sie konnte nicht widerstehn, und
trat noch einmal zu dem schlummernden Kind.

"Geh doch hinaus Tine, und hole ein paar Stuecken Holz herein, so lang ich
noch hier bin, dass Du morgen frueh Kaffee kochen kannst -- ich bleibe so
lang bei den Kindern," setzte sie langsam und ohne das aelteste Maedchen
dabei anzusehn, hinzu. Dieses ging, und in wilder, fast aengstlicher Hast
kuesste die Frau jetzt die kleine, schon sanft schlummernde Line, und hob
dann das Juengste aus seinem Kasten, auf dessen rosige Lippen sie den
eigenen Mund in wilder Heftigkeit presste, bis es schrie. Die Thraenen -- die
Mutter _konnte_ sich nicht ganz verleugnen in dem Augenblick -- liefen ihr
dabei voll und schwer die Wangen hinunter, und erst als sie das Aelteste
mit dem Holz zurueckkehren hoerte, legte sie das leicht beruhigte Kind
wieder auf sein Lager, und kuesste den Jungen, dem die Thraenen auch anfingen
in die Augen zu steigen. Er wusste freilich nicht recht weshalb, und nur
vielleicht weil er die Mutter weinen sah, wurd' es ihm auch so weh und
weich um's Herz.

"Aber Mutter, was ist Dir nur heute Abend?" sagte das Maedchen, dem die
aussergewoehnliche Bewegung derselben unmoeglich entgehen konnte -- "was habt
Ihr nur, Du und der Vater?"

"Bah -- der Vater war garstig mit mir, und wir haben uns gezankt," sagte
die Mutter, das Gesicht abwendend von dem Kind.

Ein scharfer Pfiff von draussen her schlug an ihr Ohr, und sie fuhr
erschreckt in die Hoehe.

"Ja -- ich komme schon!" murmelte sie, kaum hoerbar, vor sich hin, "so adieu
Albertine -- hab auf die Kinder Acht, und -- _behuet Euch Gott_!" und mit
dem, wie scheu gefluesterten und vielleicht seit langer, langer Zeit nicht
ausgesprochenen Segen, verliess sie rasch das Zimmer und das Haus.

"Was zum Teufel troedelst Du denn da drin, und laesst mich eine Stunde hier
warten?" rief der Mann muerrisch, als sie ihn endlich an der verabredeten
Stelle traf -- aber die Frau erwiederte kein Wort, und die fieberheisse
Stirn in die Hand pressend, folgte sie dem, jetzt ebenfalls finster und
schweigend Voranschreitenden, durch die Nacht.






***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! ERSTER BAND***



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            Project Gutenberg Edition
            richyfortytwo
            Joshua Hutchinson
            Online Distributed Proofreading Team



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work is in the public domain in the United States and you are located in
the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
course, we hope that you will support the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of
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1.D.


The copyright laws of the place where you are located also govern what you
can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
state of change. If you are outside the United States, check the laws of
your country in addition to the terms of this agreement before
downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating
derivative works based on this work or any other Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work.
The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
any work in any country outside the United States.


1.E.


Unless you have removed all references to Project Gutenberg:


1.E.1.


The following sentence, with active links to, or other immediate access
to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
distributed:


    This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
    almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
    or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
    included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org


1.E.2.


If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the
public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
permission of the copyright holder), the work can be copied and
distributed to anyone in the United States without paying any fees or
charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.


1.E.3.


If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
copyright holder found at the beginning of this work.


1.E.4.


Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
terms from this work, or any files containing a part of this work or any
other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.


1.E.5.


Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.


1.E.6.


You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
processing or hypertext form. However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version posted
on the official Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} web site (http://www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
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request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other form.
Any alternate format must include the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License as
specified in paragraph 1.E.1.


1.E.7.


Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply
with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.


1.E.8.


You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works provided that

    - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
      the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you
      already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
      the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to
      donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
      Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
      days following each date on which you prepare (or are legally
      required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
      should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
      Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
      "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
      Archive Foundation."

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      receipt of the work.

    - You comply with all other terms of this agreement for free
      distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.


1.E.9.


If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
work or group of works on different terms than are set forth in this
agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
Section 3 below.


1.F.


1.F.1.


Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
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1.F.2.


LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the "Right of
Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
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damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
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OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
OF SUCH DAMAGE.


1.F.3.


LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this
electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
the person you received the work from. If you received the work on a
physical medium, you must return the medium with your written explanation.
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to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
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to give you a second opportunity to receive the work electronically in
lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
refund in writing without further opportunities to fix the problem.


1.F.4.


Except for the limited right of replacement or refund set forth in
paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.


1.F.5.


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exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
limitation set forth in this agreement violates the law of the state
applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
shall not void the remaining provisions.


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any volunteers associated with the production, promotion and distribution
of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
you cause.


Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
                                Foundation


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form accessible by the widest array of equipment
including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please
visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.


      General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.


Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
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all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
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***FINIS***
