The Project Gutenberg EBook of Phantasten, by Erich von Mendelssohn

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Title: Phantasten

Author: Erich von Mendelssohn

Release Date: June 19, 2006 [EBook #18620]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                         ERICH VON MENDELSSOHN

                              PHANTASTEN

                                 ROMAN



                              BERLIN 1912
                     VERLEGT BEI OESTERHELD & CO.



                            Copyright 1912
                   by Oesterheld & Co. Berlin W. 15



GESCHRIEBEN IM SOMMER 1911


ALEXANDRA JEGOROWNA
zugeeignet




Vor neun Tagen hatte der Lloyddampfer Prinzessin Irene Sidney
verlassen, und deshalb bte der Anblick des grenzenlosen Wassers keinen
Reiz mehr auf die Passagiere aus. Am wenigsten an einem Tage wie heute,
wo ein feiner Staubregen durch alle Kleider drang und einen frsteln
machte. Fr solche Tage hatte man ja in den Salons alle die
Annehmlichkeiten, die ein moderner Luxusdampfer bietet.

Als Paul Seebeck auf das Deck hinaus trat, schlug er den Kragen seines
langen, englischen berziehers hoch und schaute sich um. Ein Augenblick
gengte ihm, um festzustellen, da er ganz allein war. Wohl hatte ihm
der Kapitn ein fr allemal die Erlaubnis gegeben, so oft es ihm gefiele
zu ihm auf die Kommandobrcke zu kommen - denn Seebeck strte nie, am
wenigsten durch unntige Fragen, seine Anwesenheit verkrzte dagegen die
lange Wacht - doch Paul Seebeck scheute sich, die anderen Passagiere auf
seine bevorzugte Stellung aufmerksam zu machen, um dem Kapitn keine
Unannehmlichkeiten zu bereiten.

Jetzt stand der groe, starke, doch etwas fette Mann neben dem kleinen
Kapitn auf der Kommandobrcke.

Schade, da das Wetter heute so trbe ist, sagte der Kapitn, sonst
knnten wir dort im Nordosten die Santa-Cruz-Inseln sehen. Er rollte
die Seekarte auf und wies mit dem zusammengeklappten Zirkel auf den
Punkt, wo das Schiff sich im Augenblicke befand. Aber ich glaube, da
es bald etwas aufhellen wird.

Paul Seebeck nahm ein Fernglas, sah erst nach Nordosten und folgte dann
weiter dem Horizonte.

Der Kapitn fuhr fort:

Morgen kommen wir sozusagen aus den englischen Gewssern heraus und in
deutsche hinein.

Paul Seebeck lie das Glas sinken:

Deutsche Gewsser, Herr Kapitn?

Nun ja, die des Bismarckarchipels.

Paul Seebeck hob wieder das Glas und schaute unverwandt nach Norden,
dann reichte er es dem Kapitn und sah auf den Himmel:

Sie haben natrlich wieder Recht, es wird wirklich heller. Aber gerade
dort vor uns liegen dicke Wolken. Sehen Sie mal hin.

Der Kapitn sah erst durch das Glas in der angegebenen Richtung, dann
mit bloen Augen und dann wieder durch das Glas. Schlielich sagte er
kopfschttelnd:

Merkwrdig.

Befrchten Sie ein Gewitter, Herr Kapitn? fragte Paul Seebeck
gleichmtig.

Ich wei gar nicht, was ich aus dem Ding machen soll. Nein, eine
Gewitterwolke ist es nicht.

Jetzt wandte sich der Matrose, der das Steuerrad bediente, grinzend
herum und sagte breit:

Herr Kapitn, die ist ja von einem Vulkane!

Der Kapitn war so interessiert, da er gar nicht daran dachte, den
Matrosen zurechtzuweisen. Er rollte die Seekarte wieder auf, bestimmte
die augenblickliche Lage des Schiffes ganz genau, prfte den Kompa und
sagte dann:

Unmglich, dort liegt kein Land.

Eine halbe Stunde verging, und alle schwiegen; der Kapitn und Paul
Seebeck schauten aber abwechselnd durch das Fernglas auf die schwere,
dunkelgraue Wolke. Endlich sagte Paul Seebeck:

Das ist und bleibt ein Vulkan mit der berhmten, pinienartigen
Rauchsule, und wenn er nicht auf der Karte steht, ist es ein Fehler der
Karte, und nicht des Vulkans.

Der Kapitn schttelte unglubig den Kopf:

Es kann nur eine sonderbar geformte Wolke sein; es ist ganz undenkbar,
hier mitten auf einer so befahrenen Route eine neue Insel zu entdecken.

Aber wenn es eine neu entstandene wre, Herr Kapitn? warf Paul
Seebeck ein. Denken Sie doch an die groe Flutwelle vor zwei Monaten,
die die ganze nrdliche und stliche Kste Australiens berschwemmt
hat.

Donnerwetter! rief der Kapitn. Das wre ja -

Er wollte das Glas heben, aber jetzt kam von der Seite her ein feiner,
durchdringender Staubregen, der in wenigen Augenblicken die Aussicht
verschleierte. Die Herren hllten sich fester in ihre Mntel.

Der Regen wurde strker und strker, und auerdem brach schnell die
Nacht herein.

Kommen Sie in meine Kabine, sagte endlich der Kapitn. Ich mchte die
Sache gern mit dem Ersten Offizier besprechen, und auerdem wird uns
jetzt ein warmer Punsch ganz gesund sein.

Danke, gern.

Wie der Kapitn dem Ersten Offizier die Mglichkeit andeutete, in der
Nhe einer neu entstandenen Insel zu sein, eilte dieser sofort auf die
Kommandobrcke, um selbst Umschau zu halten, kehrte aber bald enttuscht
zurck, da er des Dunkels und des Regens wegen nichts hatte wahrnehmen
knnen.

Als die drei Herren in der Kajte bei einem Glase Punsch zusammensaen
und der Kapitn mit dem Ersten Offizier alle Eventualitten und die
vorzunehmenden Manahmen besprach, zog sich Paul Seebeck in eine Ecke
zurck und schwieg, wobei er doch aufmerksam dem Gesprch lauschte, das
immer mehr an Flu verlor und zuletzt ganz aufhrte. Schlielich saen
die Drei schweigend da, und jeder hing seinen Gedanken nach.

Endlich sah der Kapitn nach der Uhr:

Meine Herren, jetzt sind wir schon drei Stunden hier unten. Wie wre
es, wenn wir wieder hinaufgingen und nach unserer Wolkeninsel shen?

Paul Seebeck lachte laut auf:

Bravo, Herr Kapitn. Vielleicht hat sie sich schon lngst aufgelst,
whrend wir sie hier in aller Ruhe erobern.

Als sie auf Deck hinaustraten, sahen sie, da Nebel und Regen vllig
verschwunden waren, und da klar der Mond schien. Passagiere gingen
plaudernd und rauchend auf und ab, oder saen, in Plaids gehllt, auf
Feldsthlen. Paul Seebeck hatte aber seine gewohnte Zurckhaltung vllig
aufgegeben und folgte zusammen mit dem Ersten Offizier dem Kapitn auf
die Kommandobrcke.

Jetzt war kein Zweifel mehr mglich: vor ihnen lag, steil dem Meere
entsteigend, ein Vulkan, ber dessen kegelfrmiger Spitze - aber ohne
diese zu berhren - eine ungeheure, blauschwarze Wolke schwebte. Durch
das Fernglas sah man in einigen Rissen am Krater die Lava glhend
herabsinken.

Als Erster brach Paul Seebeck das Schweigen:

Wie weit, Herr Kapitn -? fragte er. Der Kapitn drehte sich schnell
herum und betrachtete Paul Seebeck ganz fremd, als ob er seine Gedanken
erst sammeln mte. Dann schaute er wieder auf den Vulkan und sagte:

Sechzig Seemeilen schtze ich.

Dann sind wir also in vier Stunden dort?

Ja, wenn die Lotungen uns nicht zu lange aufhalten.

Ach, Sie glauben, da sich der ganze Meeresboden gehoben hat?

Ich mu wenigstens mit der Mglichkeit rechnen.

Der Erste Offizier hatte inzwischen unausgesetzt den Vulkan durch das
Nachtglas angesehen. Jetzt sagte er:

Herr Kapitn, der Vulkan liegt auf einem ziemlich breiten Hochlande.
Wir scheinen eine Insel von ganz achtbarer Gre da vor uns zu haben.

Paul Seebeck senkte den Kopf und sah vor sich hin. Dann ging gleichsam
ein Ruck durch ihn; er strammte sich auf, sah dem Kapitn fest in die
Augen und sagte langsam:

Herr Kapitn, jetzt ist es zehn Uhr; Sie sagten selbst, da wir vor
vier Stunden nicht dort sein knnen, also nicht vor zwei Uhr nachts. Um
Zwlf wird aber alles elektrische Licht ausgelscht, so da dann kein
Passagier mehr auf sein kann. Sie, der Herr Erste Offizier und ich sind
die Einzigen, die wissen, da wir dort eine neu entstandene Insel vor
uns haben. Die anderen haben nichts gesehen, oder wenn sie die Insel
gesehen haben, ist sie ihnen nicht weiter aufgefallen. Wollen Sie mich
um zwei Uhr an Land setzen und Schweigen bewahren?

Der Kapitn sah ihn berrascht an: Herr Seebeck - berlegen Sie sich's
- eine neuentstandene, vulkanische Insel! Heier Boden! Ich habe doch
die Verantwortung, auch fr Sie. Und dann - in das Schiffsbuch mu ich
die Sache doch eintragen.

Paul Seebeck prete die Lippen zusammen: Gewi, gewi -

Nach kurzem Schweigen fuhr er auf. Herr Kapitn, ich habe nichts
Unrechtes vor. Ich will die Insel fr das Deutsche Reich in Besitz
nehmen. Machen Sie Ihre Eintragungen in das Schiffsbuch, es wird sie ja
niemand anders als die Rhederei sehen. Wollen Sie Beide mir aber
versprechen, das heit, knnen Sie mir versprechen, absolutes Schweigen
zu bewahren, Sie und die Herren in Bremen, die das Schiffsbuch eventuell
lesen? Absolutes Schweigen nur drei Tage lang zu bewahren? Wenn im Laufe
dieser drei Tage nicht telegraphisch eine Bitte vom Reichskolonialamt
eingelaufen ist, lnger zu schweigen, sind Sie vllig frei.

Der Kapitn sah Paul Seebeck an.

Einem andern wrde ich ein solches Versprechen nicht geben, das mir
meine Stellung kosten kann. Ihnen gebe ich es.

Ich danke Ihnen, Herr Kapitn, Sie werden es nicht zu bereuen haben.

Auch ich gebe Ihnen das Versprechen, fgte der Erste Offizier hinzu.

Paul Seebeck senkte dankend den Kopf.

Nach einer Weile wandte sich der Kapitn wieder Paul Seebeck zu:

Verstehe ich Sie recht, wollen Sie sofort von Bremen nach Berlin
fahren?

Paul Seebeck schaute auf:

Nein, ich bleibe dort und gebe Ihnen einen Brief an einen Freund mit,
der alles fr mich ordnen wird.

Der Kapitn schttelte den Kopf:

Ich kann Sie nicht an Land setzen lassen, Herr Seebeck. Die
Verantwortung bernehme ich nicht.

Ich werde in meinem eigenen Motorboot hinberfahren.

Ich werde Sie leider daran verhindern mssen.

Herr Kapitn! Glauben Sie das verantworten zu knnen?

Der Kapitn stutzte einen Augenblick. Dann schlug er Seebeck lachend auf
die Schulter und sagte:

Ich kann Sie ja nicht mit Gewalt festhalten, dazu wissen Sie zu genau,
was Sie wollen. Aber erklren Sie mir doch, wie Sie sich alles denken.

Wieder sah Paul Seebeck dem Kapitn fest ins Gesicht und sagte ganz
langsam:

Ich habe mein Motorboot, mein Zelt und Konserven fr zwei Monate. Ich
werde Sie bitten, mir drei gewhnliche Feuerwerksraketen zu geben. Sie
haben sie ja an Bord zur Unterhaltung Ihres Publikums. Wir machen das
Motorboot mit allem Inhalt klar, so da wir es in einigen Minuten ins
Wasser setzen knnen. Wir kommen ja dicht an der Insel vorbei. Sobald
wir vom Schiffe aus einen Landungsplatz sehen, setzen Sie mich ins
Wasser. Sie sind dann so liebenswrdig, mit halber Kraft
weiterzufahren. Komme ich glcklich ans Land, lasse ich alle drei
Raketen aufsteigen, und Sie dampfen ruhig weiter. Ich verspreche Ihnen,
es erst dann zu tun, wenn ich heil und gesund am Lande bin. Lasse ich
nur zwei Raketen steigen, bedeutet das, da ich nicht landen kann und
Sie auf mich warten mssen. Eine Rakete allein heit, da ich in Gefahr
bin, und Sie mir ein Boot zu Hilfe schicken mssen. Einverstanden?

Ja, unter der Bedingung, da Sie sich vom Schiff noch so viele
Konserven mitnehmen, da Sie fr ein halbes Jahr versorgt sind. Nach
drei Monaten bin ich zwar wieder hier -

Und mein Freund, Jakob Silberland, ist dann mit Ihnen.

Der Herr, der zum Kolonialamt gehen soll?

Derselbe. Ich danke Ihnen, Herr Kapitn.

Sie haben mir nichts zu danken. Ich bitte Sie nur, in meine Kabine zu
gehen und sich alles noch einmal in Ruhe zu berlegen. Dort knnen Sie
auch Ihren Brief schreiben. Lassen Sie sich auch Ihr Abendessen dorthin
bringen, damit Sie ganz ungestrt sind. In einer Stunde komme ich zu
Ihnen hinunter, und wir knnen dann alles bis ins Kleinste besprechen.

Paul Seebeck verlie mit einer leichten Verbeugung die Kommandobrcke.

- - - Drei Stunden nach Mitternacht lag der Dampfer eine Seemeile vor
dem steil abfallenden, zerrissenen Ufer entfernt, das vom Mondlichte
schwarz und gro auf das Wasser gezeichnet wurde.

Leise Kommandorufe ertnen - ein Krahn dreht sich, und unter
Kettengerassel sinkt ein Motorboot auf die kaum gekruselte
Wasserflche. Halblaute Abschiedsrufe, ein Winken und Gren, der Motor
wird eingestellt, und das Boot saust davon. Langsam und schwer brodelt
es unter der Schraube des Dampfers, und jetzt setzt sich der Kolo in
Bewegung.

Der Kapitn steht auf der Kommandobrcke und verfolgt mit dem Nachtglase
das Motorboot. Jetzt verschwindet es hinter einer Klippe, taucht dann
tief in den Mondschatten, biegt um einen Felsen und ist fort. Eine
Viertelstunde spter steigen drei Raketen fast gleichzeitig in die Luft.
Aufatmend stellt der Kapitn den Telegraphen auf Volldampf.




Als Dr. phil. et jur. Jakob Silberland unter dem Schutze seines
bermig groen Schirmes dem Caf Stephanie zueilte, gab es nicht
Wenige, die trotz des strmenden Regens stehen blieben und ihm
wohlwollend lchelnd nachblickten. Das war auch nicht wunderlich, denn
Jakob Silberland bildete eine sonderbare Figur. Auf kurzen Beinchen sa
ein dicker Leib mit viel zu langen Armen, und im Gesichte bildeten die
heiteren, offenen Augen einen seltsamen Gegensatz zu der
scharfgekrmmten Nase und der hohen, ausdrucksvollen Stirn, ber die das
blauschwarze Haar in einigen glnzenden, langen Strhnen fiel.

Sobald Jakob Silberland das Caf betreten hatte, holte er sich vom
Stnder sechs oder acht Zeitungen und legte sie auf einen Tisch am
Fenster. Dann erst hngte er Schirm und Hut an einen Haken, wobei er
doch stndig seine Zeitungen im Auge behielt. Als er seinen Mantel
auszog, wobei ein abgetragener und etwas fleckiger Gehrock sichtbar
wurde, eilte der Kellner hilfsbereit herbei und sagte:

Guten Tag, Herr Doktor. Heute frh war der Brieftrger mit einem
eingeschriebenen Brief fr den Herrn Doktor da. Ich sagte ihm, er solle
am Nachmittage wiederkommen, dann wre der Herr Doktor bestimmt hier.

Dr. Silberland sagte nur: Danke und eilte auf seinen kurzen Beinchen
zu seinen Zeitungen, in denen eben ein anderer Gast zu blttern begann.
Als er sich richtig zurechtgesetzt und seine Zeitungen sortiert hatte,
bestellte er einen Kaffee und begann, die Brust an den Tischrand
gedrckt, eifrig zu lesen. Gerade als er die Kreuzzeitung mit
gerunzelter Stirn fortlegte und aufatmend nach dem Vorwrts griff,
erschien, vom Kellner gefhrt, der Brieftrger an seinem Tische und
bergab ihm einen eingeschriebenen Brief. Silberland erkannte sofort die
Handschrift seines Freundes Paul Seebeck, schob mit einer energischen
Armbewegung die Zeitungen zur Seite, quittierte, gab dem Brieftrger
zwanzig Pfennige und ffnete den Brief. Hierbei fiel ein
zusammengefaltetes Checkformular heraus, das Silberland sofort in seine
Brieftasche steckte. Der Brief lautete:


    An Bord des Lloyddampfers Prinzessin Irene.

    Lieber Jakob!

    Von dem wenig befriedigenden Ausfall meiner australischen
    Expedition wirst du durch die Zeitungen erfahren haben. brigens
    war der Verlauf viel klglicher, als die Zeitungsberichte erkennen
    lieen.

    Ich freue mich aber jetzt, da ich so migestimmt und so
    unzufrieden mit mir selbst die Rckreise antrat, denn dadurch hatte
    ich gerade die richtige Disposition zu neuen Dingen, die
    ernsthafter sind.

    Pa mal auf: wir haben eine neuentstandene, vulkanische Insel
    entdeckt, und zwar bin ich der erste, der sie sah. Ich bin dort
    geblieben und habe sie fr das Deutsche Reich in Besitz genommen.
    Die Sache ist Geheimnis, nur der Kapitn und der Erste Offizier von
    der Prinzessin Irene wissen davon, und die schweigen.

    Wo die Insel liegt, usw., kannst du von diesen beiden Herren
    erfahren.

    Bitte geh sofort nach Berlin, zum Reichskolonialamt, und la mir
    eine unbeschrnkte Vollmacht als Reichskommissar ausstellen, so da
    ich bis auf weiteres mit der Insel machen kann, was ich will. Die
    Leute sollen aber schweigen, bis erst feststeht, ob die Insel
    bewohnbar ist oder nicht. Sonst ist die Blamage nachher zu gro. Du
    gibst natrlich sofort deine alberne Stellung bei den Neuesten
    auf und kommst mit der Prinzessin Irene hierher. Ein Scheck auf
    zehntausend Mark liegt bei: bezahl alle deine Schulden, da du
    vollstndig unabhngig bist. Mach sonst aber nicht zu viele
    Ausgaben, denn ich werde hier mein Geld wohl sehr ntig brauchen.
    Eine Tropenausrstung mut du aber haben.

    Du verstehst, was ich will: ich denke an unsere Gesprche ber den
    absolut korrekten Staat, der durch keinerlei Traditionen und
    Rcksichten gehemmt ist. Wir haben ja oft darber debattiert, wie
    ein solcher moderner Staat auszugestalten sei - hier knnen wir ihn
    grnden, wenn auch nur in einem kleinen Mastabe.

    Alle Einzelheiten berlasse ich dir, nur besorge mir die Vollmacht
    und komm her. Setz dich aber auch mit dem Kapitn in Verbindung.
    Der Mann ist praktisch und wird dich ber Einzelheiten informieren.

    Entschuldige die Krze. Ich kann dir aber in dieser Eile nicht alle
    meine Gedanken auseinandersetzen; es ist wohl auch unntig,
    eigentlich ergibt sich ja alles von selbst.

    berlege dir aber jeden Schritt, den du tust.

    Gru
            dein Paul S.


Als Jakob Silberland diesen Brief zu Ende gelesen hatte, fuhr er sich
mehrmals mit der Hand durch das lange, schwarze Haar. Dann rhrte er
bedchtig seinen Kaffee um, der lngst kalt geworden war. Gerade, wie er
ihn trinken wollte, kam der Kellner und sagte:

Herr Doktor, die Redaktion fragt am Telephon, ob Sie noch hier wren.

Sagen Sie, ich wre gegangen, gab Silberland zur Antwort, und bringen
Sie mir eine Zigarre.

Wie gewhnlich eine zu Zehn?

Ja - nein, eine zu Fnfzig! sagte Jakob Silberland wrdevoll. Und
besorgen Sie mir ein Auto.

Sehr wohl, Herr Doktor, sagte der Kellner mit der solchen ungewohnten
Aufwendungen zukommenden Ehrerbietung.

Jakob Silberland aber fuhr, die feine Zigarre in der Hand, im Auto zur
Dresdener Bank, wo er den Scheck einlste, und unternahm dann eine
lngere Rundfahrt durch die Stadt, um alle seine kleinen und greren
Schulden zu bezahlen, die zusammen kaum zweitausend Mark betrugen.
Zuletzt begab er sich auf seine Redaktion, wo er gegen Stellung eines
Vertreters leicht entlassen wurde, da er kein angenehmer Kollege gewesen
war.

Mit dem Abendschnellzuge fuhr er nach Berlin.




Drei Monate spter saen Paul Seebeck und Jakob Silberland in ihren
blendend weien Flanellanzgen auf einem Steinblock am Strande, rauchten
ihre kurzen, englischen Pfeifen und sahen der langsam verschwindenden
Prinzessin Irene nach. Endlich sagte Jakob Silberland:

Etwas Urweltliches liegt ber der ganzen Insel: der Vulkan, die nackten
Felsen, der Mangel jeglichen tierischen Lautes - es kommt mir fast vor,
als ob ich um viele Millionen von Jahren in der Zeit zurckversetzt sei.
Es wrde mich gar nicht wundern, wenn pltzlich ein Ichthyosaurus oder
sonst irgend ein Ungeheuer aus dem Wasser auftauchte.

Paul Seebeck hatte nachdenklich seine Pfeife ausklopfend ihm zugehrt.
Jetzt hob er den Kopf und sagte lchelnd:

Die Ungeheuer wirst du schon noch zu sehen bekommen. Nur etwas Geduld.

Jakob Silberland lachte:

Hast du hier eine Ichthyosauren-Farm angelegt? Das Geschft drfte doch
kaum lohnend sein. Sobald die Zoologischen Grten versorgt sind, wrde
der Weltbedarf gedeckt sein, und was dann?

Es zuckte um Seebecks Mundwinkel, als ob er mit Mhe ein Lcheln
unterdrckte.

Aber wovon wollen wir hier sonst leben, wenn nicht von Ichthyosauren?
Es gibt ja keinen Grashalm auf der ganzen Insel, keinen Vogel, keinen
Floh, nichts. Soweit ich als gebildeter geologischer Laie urteilen kann,
ist auch das Vorkommen von wertvollen Mineralien zum mindesten hchst
unwahrscheinlich. Da bleiben doch nur die Ichthyosauren brig. Auerdem
finde ich den Gedanken sehr ansprechend, da der modernste aller Staaten
von urweltlichen Tieren lebt. Damit schliet sich zurckgreifend der
Ring und lscht die Zeit aus. Anfang und Ende berhren sich.

Jakob Silberland sprang auf:

Ist das dein Ernst?

Seebeck blieb sitzen und sagte gemtlich:

Du sollst etwas Geduld haben. Ich werde dir meine Saurierfarm schon
zeigen. Die grte Ichthyomuttersau habe ich brigens voll Dankbarkeit
gegen das gtige Schicksal Prinzessin Irene getauft.

Damit stand er auf und ging zu seinem Zelt, das einige Schritte
rckwrts im Schutze einer schrgen Felswand stand. Er kam mit einigen
Papierrollen zurck.

Sieh mal her, sagte er, indem er die Bltter entfaltete und jedes an
den vier Ecken mit Steinchen beschwerte, hier habe ich, so gut ich es
allein machen konnte, die Insel aufgenommen. Die Kste und diese Bucht
habe ich recht genau, im Inneren bin ich flchtiger gewesen und auerdem
habe ich grere Strecken der heien Lava wegen nicht betreten knnen.
Hier hast du die ganze Insel mit den Schren eins zu dreihunderttausend,
fuhr er fort, wobei er sich ber das betreffende Blatt beugte, der
Flcheninhalt betrgt ungefhr zwlfhundert Quadratkilometer, wovon der
Vulkan allein fast vierzig bedeckt. Hier ist unsere Bucht eins zu
zehntausend. Sie ist mit der Nebenbucht dort rechts von uns berhaupt
die einzige Bucht der ganzen Insel. Ich habe sie bei Tiefebbe
aufgenommen. Die rote Kstenlinie und die rot gezeichneten Schren
beziehen sich auf Tiefebbe, die entsprechenden blauen Linien auf
Hochflut. Du siehst, da unzhlige Schren und Klippen nur bei Tiefebbe
ber die Wasserflche emporragen. Bei Tiefebbe ist berhaupt nur eine
einzige, schmale und dabei stark gewundene Rinne selbst fr mein
kleines, flaches Motorboot passierbar. Ich kam glcklicherweise bei
Hochflut, sonst wre ich berhaupt nie lebendig hier ans Land
gekommen. Mit der Hand aufs Meer weisend, sagte er: Die uerste
Felsenspitze dort links ist etwa siebenhundert Meter hoch und fnf
Kilometer von uns entfernt, die dort rechts dreihundert Meter hoch und
vier Kilometer entfernt. Die Entfernung zwischen beiden betrgt drei
Kilometer. Diese Bucht stellt den einzigen Hafen, berhaupt die einzige
Landungsmglichkeit dar. Zwischen der Spitze rechts und dem Kap, das ein
wenig darber hervorragt, liegt eine zweite, breite, aber sehr flache
Bucht mit unzhligen Felsen und Klippen. Dahin kann man zu Wasser, aus
Grnden, die dir spter klar werden, nicht kommen, und vom Lande aus nur
mit Hilfe eines Seiles. Sogar ich als Bergsteiger habe dort nur schwer
hinunterklettern knnen. Diese zweite Bucht habe ich Irenenbucht
getauft, der einzige Name, den ich bisher hier einer rtlichkeit gegeben
habe. Lchelnd setzte er hinzu: Dort liegt also meine
Ichthyosaurenfarm.

Bevor der berraschte Silberland sich zu einem Worte sammeln konnte,
fuhr Paul Seebeck fort:

Denk dir unsern Standort hier als Mittelpunkt eines Kreises mit dem
Radius von fnf Kilometern, also der Entfernung des Kap dort links. Dann
bezeichnet der Kreisbogen ziemlich genau die Grenze eines submarinen
Plateaus, auf dem alle diese Schren liegen. Wie tief der Meeresboden
auerhalb dieses Plateaus ist, wei ich nicht; mein Lot ist hundert
Meter lang und mit ihm habe ich drauen nirgendwo Grund gefunden. Sehr
tief kann er aber doch nicht sein, denn auch da drauen liegen ja, wie
du siehst, einige vereinzelte Klippen. Das Plateau bricht aber steil ab;
ich vermute, der Schren da drauen wegen und auch aus anderen Grnden,
aber ein zweites, allerdings viel tiefer liegendes, submarines Plateau.
Der grte Teil der Insel ist eine im groen Ganzen wagerechte
Hochebene, vier- bis siebenhundert Meter ber dem Meeresspiegel, die
berall fast senkrecht abbricht. Dann - ja, der groe Vulkan -
neunzehnhundert Meter hoch, diese Mulde, mit ihren sechs
Quadratkilometern Flche, die stufenweise, amphitheatralisch, wenn du
willst, bis zur Plateauhhe emporsteigt - damit ist wohl die Topographie
der Insel erschpft. Ich habe sonst nicht viel Bemerkenswertes auf
meinen Streifzgen entdeckt, hchstens wre ein seltsames Durcheinander
von Schluchten erwhnenswert, das am Fupunkte des Vulkanes liegt und
mich da am Weiterkommen hinderte.

Und wie denkst du dir die Entstehung der Insel? fragte Jakob
Silberland.

Ich bin kein Geologe. Da die Insel erst jetzt entstanden ist, glaube
ich nicht. Sie wird schon einmal dagewesen sein, und zwar viel grer
als jetzt, ist dann unter die Oberflche des Meeres gesunken und hat
sich jetzt wieder darber gehoben, doch nicht bis zu ihrer
ursprnglichen Hhe. Und zwar glaube ich nicht, da sie sehr lange unten
gewesen ist, einige hundert Jahre hchstens.

Woher kannst du das wissen?

Die Steine sehen mir nicht aus, als ob sie lange Meeresboden gebildet
htten.

Damit stand Paul Seebeck auf, rollte seine Kartenskizzen zusammen und
brachte sie in sein Zelt. Als er zurckkam, sagte er, vor Jakob
Silberland stehen bleibend:

Ist das nicht ein ganz idealer Grund fr eine Stadt? Alle Straenzge,
sogar die Pltze der einzelnen Huser sind von der Natur vorausbestimmt.
Ich kann mir die ganze Stadt so lebendig vorstellen, wie sie sich den
Felsen anschmiegt, wie sie in ihrer Struktur den Stufen folgt. Aber wir
mssen einen Architekten haben, der einen ganz neuen Stil schaffen kann.
Einen grozgigen Knstler wie Edgar Allan. Dort oben - und er wies mit
der Hand auf einen vorspringenden Felsen - soll mein Haus stehen. Von
dort aus kann ich alles bersehen.

Du fhlst dich schon jetzt als Knig?

Knig? Nein, nein! wehrte Paul Seebeck erschrocken ab. Er sah still
vor sich hin. Dann sagte er, lchelnd wieder aufblickend:

Komm jetzt. Wir wollen etwas zu Abend essen. Dann werde ich dir meine
Ichthyosaurenfarm zeigen.

Da es fast Windstille war, beschlossen sie, vor dem Zelte ihre Mahlzeit
einzunehmen. Als Jakob Silberland sah, da Paul Seebeck seinen
Destillationsapparat aufstellte, und Wasser vom Meere holte, fragte er
besorgt:

Gibt es denn gar kein Trinkwasser auf der Insel?

Doch, es gibt einen Bach hier in der Nhe, der wohl zur Versorgung
einer kleinen Stadt ausreichen drfte, und weiter oben einen groen
Flu. Es wird aber nicht leicht sein, ihn einzufangen und hier herunter
zu leiten, denn er fllt mehrere Kilometer von hier in einem schnen
Wasserfalle direkt vom Hochplateau aus ins Meer.

Als sie gegessen hatten - der Kapitn hatte Jakob Silberland einen Korb
mit frischem Fleisch und Gemse aus den Vorrten des Schiffes
mitgegeben, so da Paul Seebeck nach den vielen Wochen mit
Konservennahrung endlich einmal etwas anderes bekommen hatte - rief
Jakob Silberland:

Aber jetzt will ich nicht lnger warten; jetzt mut du mir deine
Ichthyosauren vorfhren. Ich bin wirklich sehr gespannt, zu erfahren,
wovon wir hier leben sollen, besonders, was wir von hier exportieren
knnen.

Schn, sagte Seebeck. Komm!

Sie stiegen langsam in der mit Gerll bedeckten Mulde bergauf, und Paul
Seebeck erklrte dabei seinem Freunde, wie er sich die Anlage der Stadt
dachte. Der sonst so redselige Jakob Silberland sprach auch jetzt nur
wenig; zu sehr beschftigten seinen Geist die Perspektiven auf die
Zukunft, die ihm ja tausend Trume zu verwirklichen versprach.

Als sie die Plateauhhe erreicht hatten, blieb Seebeck stehen und sagte:

Wenn man nicht ein anstndiger Mensch wre, knnte man bei dem Gedanken
ganz sentimental werden, da dieses reine, unberhrte Land, das keine
Geschichte und keine Vorzeit hat, eine Gemeinschaft von Menschen auf
sich wachsen und blhen sehen wird, die auch jungfrulich frei, ohne
Verbindung mit der brigen Menschheit, ohne morsche Traditionen und ohne
berlieferten Zwang, irrende Sterne im groen Raume sind und die hier
sich nur auf Grund ihres reinen Menschentums zusammenfinden und hier
zusammenarbeiten werden. In der Traditionslosigkeit unseres zuknftigen
Staates sehe ich seine Bedeutung. Da ich einigen Hundert oder Tausend
Menschen, die sonst in keinen Rahmen passen, hier freie
Entwicklungsmglichkeiten und Glck zu geben vermag, gengt mir nicht.
Vom ersten Augenblick an war mir dieser Staat ein Begriff, ein
Kunstwerk, eine formale Befreiung. Ebenso, wie der Knstler durch seine
reine Darstellung befreit, durch die einseitige, aber dadurch
abschlieende Form Klarheit im Chaos schafft, soll fr die brigen
Menschen der Gedanke an unsere reine Insel eine geistige Erlsung sein.

Du siehst nicht weit genug, sagte Jakob Silberland, wobei er sich mit
der Hand durch sein blauschwarzes, strhniges Haar fuhr und erregt mit
seinen kurzen Beinchen trippelte. Du sprichst als Knstler. Ich bin
Praktiker und als solcher sehe ich noch eine Gewiheit: die
Institutionen, die hier entstehen, die wir hier schaffen werden, werden
beachtet, nachgeahmt werden, und unser Staat wird das Seinige dazu
beitragen, da sich die Menschheit aus den Ketten lst, in die
Gewaltttigkeit, Dummheit und Herrschsucht sie gelegt haben. Sie wird
durch uns lernen, frei zu sein, frei in der geschlossenen Gemeinschaft
zu werden. Man mu ihr nur einmal zeigen, da es mglich ist.

Paul Seebeck sah mit seinen groen Augen dem Freunde gerade ins
Gesicht:

Ich hoffe, da es so wird, wie du sagst. Es ist ja auch sehr
wahrscheinlich. Umsomehr, als wir ja kaum einen bestimmten Ausschnitt
aus der Menschheit darstellen werden, nicht einen besonderen Typus,
sondern gerade einen Extrakt aus der ganzen Menschheit. Stelle dir doch
nur vor, was fr Menschen zu uns kommen werden, fuhr er lebhaft fort,
wobei er sich in der Richtung auf die Irenenbucht zum Gehen wandte,
jedenfalls keine Durchschnittsmenschen, die irgendwo warm und zufrieden
in ihren Nestern sitzen, sondern die Unzufriedenen, Bedrckten,
Heimatlosen, alle die von einander entferntesten Extreme, die nur das
eine verbindet: der Ekel vor der Verlogenheit der Gesellschaft, die
Sehnsucht nach dem freien, dem wirklichen Menschen, dem Menschen, der
jeder einzelne sein knnte, wenn ihn nicht die Ketten der Tradition zum
Herdentiere erniedrigten. Hierher werden sie kommen und nichts
mitbringen, als ihr innerstes, freies Menschentum, und ihre Gemeinschaft
wird die Erlsung des Menschen, des Ebenbildes Gottes sein.

Jetzt standen sie vor dem steilen Abfalle zur Irenenbucht. Paul Seebeck
blickte noch eine Weile schweigend und mit glnzenden Augen auf das
Meer. Dann sagte er lchelnd zu seinem Freunde, wobei er auf die Bucht
unter ihnen mit ihrem Gewirr von Klippen und Sandbnken wies:

Also dort unten hausen und grausen meine Ichthyosauren.

Fr Jakob Silberland kam dieser Sprung von Paul Seebecks feierlichen
Worten zum leichten Scherze so berraschend, und auerdem wute er gar
nicht, was er aus Paul Seebecks Ichthyosauren machen sollte, da er
schweigend seinem Freunde mit Hilfe von Strickleitern, Eisenklammern und
natrlichen Felszacken in die Tiefe folgte. Da beide gebte Bergsteiger
waren, ging der Abstieg schnell von statten.

Als sie unten auf einer breiten Felsplatte angekommen waren und auf das
Wasser sahen, das hier schlammig und voll von grnen Algen war, sagte
Paul Seebeck:

Setz dich jetzt hier in den Schatten und verhalte dich ganz ruhig.

Jakob Silberland tat, wie ihm geheien. Er sah, da Paul Seebecks
umherschweifender Blick immer wieder zu einer tiefen dunklen Spalte in
der Felsenwand zurckkehrte. Er schaute scharf hin und glaubte, einen
schweren Krper herausgleiten zu sehen, der kein Fisch sein konnte.
ngstlich sah er Paul Seebeck an, aber dieser lchelte nur.

Jetzt hob sich zwanzig Schritte von ihm entfernt, ein riesiger,
schwarzer Kopf aus dem Wasser, ein breites, zahnloses Maul ffnete
sich - -

Mit einem Entsetzensschrei sprang Silberland auf. Sofort verschwand der
Kopf im Wasser. Paul Seebeck aber sagte lachend:

Du sollst mir meine Tiere nicht scheu machen.

Was sind das fr Tiere? fragte Jakob Silberland, noch am ganzen Krper
zitternd.

Schildkrten, mein Junge, allerdings reichlich groe.

Riesenschildkrten? fragte Jakob Silberland aufatmend.

Ja. Und zwar sind es reine Wassertiere. Ich habe sie nie lnger als fr
Minuten am Lande gesehen. - Sei ruhig, hier knnen sie nicht
heraufkrabbeln. - Am Tage sieht man sie immer nur ganz flchtig. Aber in
hellen Mondscheinnchten habe ich sie oft viele Stunden lang beobachtet.
Sie knnen schwimmen, tun es aber fast nie. Sie kriechen auf dem Boden
hin. Es gibt unzhlige hier. Die grten waren ber vier Meter lang.

Ich traute mich nie recht, mit meinem Motorboote vom Meere her in die
Bucht zu fahren, um die Tiere nicht zu erschrecken. Auerdem wrden die
unzhligen Sandbnke und Klippen, die du siehst, die Sache fast
unmglich gemacht haben, ganz abgesehen von den riesigen Algen, die
meiner Schiffsschraube wohl das Leben gekostet htten. Aber toll ist es
hier. Zuweilen habe ich tief unten im Wasser die Leuchtorgane von
elektrischen Fischen aufblitzen sehen, und bei Tiefebbe liegen die
phantastischsten Tiefseetiere hier herum. Soviel ich sehen konnte, ist
der Meeresboden hier auch nicht nackt, wie bei der groen Bucht, sondern
sieht wie ein submariner Urwald aus, der sich weit hinaus ins Meer
erstreckt. Meine Auffassung ist, da sich mit der Hebung der Insel diese
unterseeische Oase auch gehoben hat. Wie sie in dieses Gestein
hereinkommt, wei ich nicht. Vielleicht ruht sie auf Lehm. Jedenfalls
ist sie da, und die Schildkrten mit ihr.

Wenn wir vernnftig sind und keinen Raubbau treiben, knnen wir durch
die Tiere eine dauernde Einnahmequelle haben, die fr die ganze Insel
ausreichen wird. Dazu kommt noch der Fischfang. - Du siehst, unser Staat
braucht keine Not zu leiden.

Sie warteten noch eine halbe Stunde, aber kein Tier lie sich mehr
blicken. So traten sie den Rckweg an.




Paul Seebeck sa mit seinem Studienfreunde, dem Architekten Edgar Allan
zusammen im Caf Bauer in Berlin. Paul Seebeck war trotz der frhen
Nachmittagsstunde im Frack, denn er hatte am Vormittage mehrere
Staatssekretre und andere hheren Beamte aufgesucht. Jetzt hatte er
alle offiziellen Schritte getan; da er aber am Abend ins Theater wollte,
wollte er sich nicht erst die Mhe machen, sich fr die wenigen Stunden
nochmals umzuziehen. Deshalb war er im Frack geblieben, und es strte
ihn nicht, da er dadurch etwas Aufsehen erregte.

Edgar Allan war lang und knochig und hatte eine etwas eingefallene
Brust. Auch in seinem scharfgeschnittenen Gesichte verleugnete sich der
englische Halbteil seines Blutes nicht.

Paul Seebeck sah durchs Fenster auf die Strae hinaus. Edgar Allan
sttzte seine Ellbogen auf den Tisch und verbarg sein Gesicht in den
langen, mageren Hnden. Als er es nach einigen Minuten wieder erhob, sah
er, da Paul Seebeck ihn jetzt mit seinen groen Augen forschend
anblickte.

Edgar Allan sah ihn erst fremd an, dann verzog sich sein Gesicht. Er
sagte erregt:

Ich bin brigens nicht nur mit meiner Klage vom Reichsgericht
abgewiesen; das Warenhaus hat mit seiner Widerklage sogar erreicht, da
ich zu einer Entschdigung verurteilt wurde. Alle Sachverstndigen waren
darin einig, da mein Bau nicht den Voraussetzungen des Kontraktes
entsprach. Fast meine ganzen Ersparnisse habe ich hingeben mssen. Dann
fuhr er ruhiger fort: Die Leute haben aber recht, ich kann kein
einzelnes Haus bauen; ich verstehe berhaupt nicht, wie jemand das kann.
Man soll mir einmal den Bau einer ganzen Stadt bertragen, dann werde
ich schon zeigen, wozu ich tauge.

Paul Seebeck senkte seine Augen und sah dann wieder zum Fenster hinaus.

Pltzlich legte Edgar Allan seine Hand auf seinen Arm:

Wollen Sie mich mitnehmen? fragte er.

Paul Seebeck wandte sich herum und sah ihm gerade in die Augen:

Ja, sagte er, gerade solche Menschen wie Sie suche ich, brauche ich.
Ich wollte Sie nur aus dem Grunde nicht auffordern, weil ich nicht will,
da jemand anders als ganz aus freien Stcken zu uns kommt. Halloh!
rief er, aufstehend, einen vorbeigehenden, jungen, blonden,
hochgewachsenen Herrn zu, der, das Berliner Tageblatt in der Hand,
sich gerade nach einem freien Tische umsah.

Herrgott bist du pltzlich in Berlin? fragte der Angesprochene im
hchsten Grade erstaunt. Noch dazu im Frack? Ich dachte, du wrst
Kaffernhuptling oder Seeruber oder so etwas hnliches geworden.

Noch nicht, erwiderte Paul Seebeck. Aber meine amtliche Bestallung
als Seeruber habe ich seit heute Vormittag in der Tasche. Gestatten die
Herren, da ich vorstelle: mein Schulkamerad stud. jur. Otto Meyer,
Architekt Edgar Allan.

Referendar Meyer, wenn ich bitten darf, sagte der junge Mann, wobei er
Edgar Allan die Hand reichte, die dieser hflich nahm.

Als alle drei wieder saen, fragte Paul Seebeck seinen Schulkameraden:

Woher weit du eigentlich von der ganzen Geschichte?

Du mut mir Diskretion versprechen, sagte Otto Meyer feierlich.

Gewi.

Also die Sache steht lang und breit da drin -, er wies auf die
Zeitung, die er noch immer in der Linken hielt - sogar in der
halbamtlichen Fassung des Wolffschen Bureaus.

Zeig doch mal, sagte Seebeck und griff nach dem Blatte.

Nein, ich werde es vorlesen, sonst verstehst du es nicht richtig. Und
er las:

Eine Erweiterung des deutschen Kolonialbesitzes?

Durch den Schriftsteller und Forschungsreisenden Paul Seebeck wurde da
und da eine unbewohnte, vulkanische Insel mit einem Flchenraume von
zwlfhundert Quadratkilometern entdeckt und fr das Deutsche Reich in
Besitz genommen. Da auf und bei der fraglichen Insel auch nicht das
allergeringste zu holen ist -

Willst du vielleicht die Gte haben, ungefhr das zu lesen, was
dasteht? unterbrach Seebeck den Lesenden. Die Sache interessiert mich
nmlich.

Otto Meyer las weiter:

Da die fragliche Insel augenscheinlich nur als Wohnsitz einiger,
weniger Menschen in Betracht kommen kann und nicht fr eine eigentliche
Kolonie, lie der Staatssekretr des Kolonialamtes dem Entdecker der
Insel, Herrn Paul Seebeck, bis auf weiteres freie Hand in allen Fragen
der Besiedelung der Insel, wobei er ihn auf Widerruf zum Reichskommissar
mit allen Rechten und Pflichten eines solchen ernannte.

Diese Ernennung, die selbstverstndlich im Einverstndnisse mit dem
Reichskanzler erfolgte, ist als eine Konzession an die durch das
Scheitern der preuischen Wahlreform verstimmten linksstehenden Parteien
aufzufassen. Die Konservativen beruhigte der Reichskanzler durch das
bindende Versprechen, da die Insel in drei Jahren ebenso still und
leise verschwinden wrde, wie sie aufgetaucht ist -

Paul Seebeck und Edgar Allan lachten. Otto Meyer reichte Paul Seebeck
die Zeitung und dieser las die Notiz aufmerksam durch. Als er das Blatt
fortlegte, fragte Otto Meyer:

Ist es wirklich dein Ernst, dort eine Republik zu grnden? Eine
republikanisch regierte, deutsche Kolonie?

Ja, machst du mit?

Mit Vergngen, aber nur als Justizminister, sagte Otto Meyer ruhig.

Als Justizminister? Hm. Daran hatte ich eigentlich nicht gedacht. Ich
dachte eher als Staatslausejunge, als offizielles, destruktives
Element.

Du bist furchtbar liebenswrdig, antwortete Otto Meyer, ohne im
geringsten beleidigt zu sein. Aber sag mal, willst du nicht morgen bei
uns zu Mittag essen? Meine Eltern wrden sich doch sehr freuen, dich
mit australischem Ruhme bedeckt, dazu noch als zuknftigen Imperator Rex
begren zu knnen.

Schn. Wie frher um Drei?

Ja.

Jetzt erhob sich Edgar Allan und nahm Abschied. Paul Seebeck begleitete
ihn, so wie er war, in Frack und ohne Hut, auf die Strae hinaus. Als er
zurckkam, fragte Otto Meyer:

Was hast du dir denn da fr einen steifen Englnder aufgegabelt?

Na, er ist mehr Deutscher als Englnder. Deutsche Mutter und in
Deutschland erzogen. Er ist sonst auch gar nicht steif, hat nur jetzt
recht unangenehme Sachen durchgemacht. Ich hoffe, da er mit mir kommt -
und uns unsere Stadt baut. Er ist gerade der Typus Mensch, den wir
brauchen; das heit, er ist gerade kein Typus, sondern ein Mensch.

Ich bitte dich, sei nicht so schrecklich geistreich, sagte Otto Meyer.
Sonst bekomme ich Magenschmerzen.

Entschuldige mich einen Augenblick, sagte Paul Seebeck aufstehend und
ging auf Jakob Silberland zu, der gerade zur Tr hereintrat. Paul
Seebeck stellte ihm Otto Meyer vor, und als sie wieder Platz genommen
hatten, sagte er:

Edgar Allan kommt mit. Noch ein paar Leute, und wir knnen anfangen.

Kommt er? Gut! Da haben wir ja einen ganzen Kerl gewonnen. Ja, du, was
ich sagen wollte - mir sind noch einige Leute eingefallen - aber man
kann ja nicht gut jemand auffordern. Und wie soll man es sonst diesen
Leuten nahelegen?

Gar nicht, natrlich, antwortete Paul Seebeck. Wer nicht freiwillig,
aus innerstem Instinkt zu uns kommt, mag fortbleiben. Die brauchen wir,
die uns zufllig finden, weil sie uns brauchen.

Ja, ja, sagte Jakob Silberland etwas verlegen. Aber wir mssen doch
einen Anfang haben. Wir zwei, drei Menschen knnen uns dort nicht
festsetzen und auf die anderen warten. Damit wrden wir uns nur
lcherlich machen und gar nichts erreichen.

Du irrst. Wir mssen gerade hingehen und uns der Lcherlichkeit
aussetzen.

Ich frchte nur, da wir zwei, mit Edgar Allan also drei, unser ganzes
Leben lang allein auf der Insel hocken werden.

Otto Meyer, der offenbar frchtete, Zeuge eines Streites der beiden
Freunde zu werden, verabschiedete sich, wobei er Seebeck daran
erinnerte, da er morgen zum Mittagessen zu kommen versprochen htte.

Der Streit brach aber nicht aus, im Gegenteil, Paul Seebeck sagte ganz
ruhig, wobei er seinem Freunde gerade ins Gesicht blickte:

Ich verstehe dich vollkommen; du willst gleich mit einem gewissen
Material anfangen. Ich glaube, du machst dir unntige Sorgen. Es werden
mehr zu uns kommen, als wir brauchen knnen. Du wirst sehen, da viele
gleich mit uns kommen wollen. Aber jetzt mut du mich entschuldigen,
brach er ab, wobei er auf die Uhr sah. Ich will ins Theater.

Als Paul Seebeck gegangen war, setzte sich Jakob Silberland richtig in
der Ecke zurecht und lie sich vom Kellner alle Abendbltter bringen und
las die - je nach der politischen Richtung der betreffenden Zeitung -
wohlwollenden, abwartenden oder gehssigen Glossen zur halbamtlichen
Wolff-Nachricht. Nach einer Stunde war er aber mde vom Lesen; er lehnte
sich zurck und lie sich sein letztes Gesprch mit Paul Seebeck noch
einmal durch den Kopf gehen. Je mehr er nachdachte, umsoweniger hielt er
Paul Seebecks Ansicht fr richtig; er glaubte vielmehr, da man sich
einen gewissen, soliden Kern sammeln mte, um den sich dann die
Gemeinschaft kristallisieren knnte. Aber einfach abwarten - nein.
Lieber organisieren, aufbauen.

Und als ihm das als das richtige klar vor Augen stand, beschlo er,
einen Mann aufzusuchen, den er sich als wertvollen Mitarbeiter an der
Sache denken konnte, nmlich den russischen Flchtling Nechlidow.




Durch schwere, dunkle Vorhnge gedmpft, fiel das Licht in den Salon,
in dem die hohe Frauengestalt stand. Das schwarze Schleppkleid lie Hals
und Gesicht noch weier erscheinen, und die groen braunen Augen
leuchteten.

Warum kommen Sie erst jetzt zu mir? fragte Frau von Zeuthen Paul
Seebeck, der noch Hut und Stock in der Hand haltend vor ihr stand.

Wie schn Sie sind! erwiderte Seebeck und kte ihre Hand.
Unvernderlich schn wie ein edles Bild, das Zeiten und Geschehnis
berdauert.

Ihr Lcheln war nicht der Art als ob sie seine Worte als Schmeichelei
auffate. Sie sagte:

Jetzt mssen Sie mir aber alles, alles erzhlen. Ich habe die Zeitungen
gelesen und allerhand gehrt. Das will ich jetzt aber vergessen und
alles neu und rein von Ihnen hren.

Sie setzte sich auf den Divan und wies mit der Hand auf einen Armstuhl
neben dem Rauchtischchen, aber Paul Seebeck blieb stehen:

In Ihrem Hause ist eine Ruhe wie sonst nirgendwo auf der Welt. Sie sind
einige Jahrhunderte zu spt auf die Welt gekommen, Gabriele. Sie passen
nicht in unser Zeitalter. Sie gehrten nach Italien zur Zeit der
Wiedergeburt, und in Ihren Rumen htten sich die edelsten Mnner
versammelt, um ernst und gewichtig die Fragen zu errtern -

Sie wollten mir doch etwas erzhlen, unterbrach ihn Frau von Zeuthen,
wobei sie sich zurcklehnte.

Paul Seebeck legte Hut und Stock fort und setzte sich in den Armstuhl.

Also, ich kam von Sidney zurck -

Nicht so schnell. Verzeihen Sie, da ich Sie unterbreche. Aber Sie
drfen Australien nicht berspringen.

ber Australien kann ich leider nicht viel berichten. Ich kam hin - Sie
kennen ja meinen Expeditionsplan, er stand ja auch in allen Zeitungen -
und wie ich dort war, sah ich, da meine ganze Expedition eigentlich
berflssig war. Von dem, was ich als Neuland erforschen wollte, ist der
grte Teil in seinen groen Zgen schon bekannt, sogar schon
aufgenommen, und es reizte mich nicht, mich nur mit den Bagatellen
abzugeben, die natrlich auch von wissenschaftlichem Interesse sind -

Da Sie ja mehr Abenteurer als Wissenschaftler sind.

Vielleicht, vielleicht liegt der Wert meines Abenteuertums gerade
darin, da ich nur groe Dinge entdecken kann, nicht Kleinigkeiten
untersuchen. Ich kann nur die groen Dinge sehen und rume dann gern das
Feld dem Gelehrten, der dann nach Herzenslust messen und forschen mag.
Schon am ersten Tage in Sidney, wo ich in der Bibliothek der
Geographischen Gesellschaft sa und mir das ganze Material durchsah,
sank mir der Mut. Ich sah wohl, da da noch unendlich viel zu tun war,
aber fast nichts fr mich.

Ich unternahm die Expedition trotzdem - ich war ja dazu verpflichtet -
aber ohne Freude. Dadurch kam auch das Sprunghafte, Unsichere herein,
das manche Zeitungen mit Recht gergt haben, und kehrte vorzeitig
zurck.

Ich las in der Zeitung, da die furchtbaren Strme und
berschwemmungen, die der groen Flutwelle folgten, Sie zur Rckkehr
gezwungen htten.

Ich nahm das mehr als Vorwand. Htte ich ernstlich gewollt, htte ich
schon dort bleiben knnen. Ich kehrte aber nach Sidney zurck.

Und dann?

Ja, dann sah ich vom Dampfer aus meine Insel, deren Entstehung
natrlich die groe Flutwelle verursacht hat. Und da beschlo ich, auf
ihr meinen Staat zu grnden.

So schnell?

Ja, wissen Sie, Gabriele, fuhr Paul Seebeck lebhafter fort, zwischen
der Entdeckung der Insel und meiner Ankunft lagen ja viele Stunden. Und
eine Stunde ist lang, wenn man allein auf einem Schiffe steht und ganz
ungestrt seinen Gedanken nachhngen kann. Und unser Plan eines wirklich
modernen Staates auf breitester, demokratischer Grundlage, aber mit dem
Prinzipe der grten persnlichen Freiheit war ja schon lange fertig.

Wer ist wir?

Mein Freund Silberland, ein Journalist und radikaler Politiker aus
Mnchen, ein kluger Mensch, der unendlich viel in seinem Leben
gearbeitet hat und dem es immer schlecht gegangen ist, und ich. In
meiner Mnchener Zeit sind wir oft nchtelang im Caf Stephanie gesessen
oder im Englischen Garten herumgegangen und haben dabei immer nur
unseren Staat besprochen. Sie werden verstehen, da zwei Menschen wie er
und ich sich in einer solchen Frage aufs Glcklichste ergnzen knnen.

Frau von Zeuthen nickte und Paul Seebeck fuhr fort:

Wie ich also die Insel sah und wute, da sie herrenloses Land
darstellte, schrieb ich vom Dampfer aus einige Zeilen an Silberland.
Ich erinnerte ihn an unsere Trume und bat ihn, hinzukommen. Ich schrieb
ihm, er solle mir eine Vollmacht als Reichskommissar verschaffen. Er kam
auch, der gute Kerl, steckte seinen Beruf und seine Stellung auf und
kam. Aber das Kolonialamt hatte ihm doch nur eine sehr vorsichtige, sehr
provisorische Vollmacht fr mich mitgegeben und verlangte, mich selbst
zu sehen und zu hren. So mute ich also nach Berlin kommen. Und Paul
Seebeck schwieg, wobei er vor sich auf den Teppich sah.

War Ihnen denn das so unangenehm? fragte Frau von Zeuthen.

Ja. Wenigstens zuerst. Ich hatte schon viele Wochen ganz allein auf
meiner Felseninsel zugebracht und fhlte mich dort so heimisch, da es
mir schwer wurde, sie wieder zu verlassen. Und besonders frchtete ich,
sie mit etwas anderen Augen zu sehen, wenn ich nach dem Aufenthalt in
Europa zu ihr zurckkehrte.

Wie denn? fragte Frau von Zeuthen mit ihrem klugen Lcheln.

Er sah sie an und sagte langsam:

Ich frchtete, meine Insel nicht mehr so rein zu empfinden, nicht mehr
so ganz als Symbol der Unberhrtheit, kurz, nicht mehr so persnlich,
mehr als eine von den vielen, ein Kuriosum, keine Offenbarung - Sie
verstehen?

Frau von Zeuthen nickte.

Und weshalb sind Sie jetzt doch froh, hierher gekommen zu sein? fragte
sie nach einer kleinen Pause.

Weil ich sehe, wie wertvoll es fr mich ist, etwas Distanz bekommen zu
haben - nicht nur aus praktischen Grnden. Wieder schwieg er und sah
vor sich hin.

Dann habe ich hier auch einige Menschen wiedergefunden, die ich fr
meine Arbeit brauche. Und - hier sank er vom Stuhle und ergriff ihre
Hand und kte sie - eine Frau, die ich immer fragen mu, ob ich auch
auf dem rechten Wege bin.

Sie strich ihm mit ihrer schnen, weien Hand ber sein Haar.

Wollen Sie mir auch diesmal Ihren Segen mitgeben? fragte er, lchelnd
zu ihr aufblickend.

Ja, sagte sie. Und wenn Sie mich brauchen, komme ich zu Ihnen.

Er kte noch einmal ihre Hand und erhob sich dann. Im Zimmer auf- und
abgehend, fuhr er lebhaft fort:

Und wie bezaubernd die Idee wirklichen Neulandes, einer freien
menschlichen Gemeinschaft ohne alle Traditionen wirkt. Ich kenne von der
Schule her einen jungen Studenten, jetzt ist er brigens Referendar, der
fnf Jahre jnger ist als ich. Einen richtigen Berliner Juden, obwohl er
nicht so aussieht. Glnzend begabt, da jede Arbeit fr ihn Spielerei
ist, frech wie ein Dachshund, nie um eine Antwort verlegen, immer witzig
und nichts auf der Welt ernst nehmend. Dabei ein seelenguter Kerl und
immer hilfsbereiter Kamerad. Wir treffen uns hier zufllig im Caf, und
er benutzt die Gelegenheit, um tausend dumme Witze ber unsere Insel zu
machen. Am Tage darauf esse ich bei seinen Eltern. Auch dort schont er
mich durchaus nicht. Wie wir nach dem Essen bei einer Zigarre allein in
seinem Zimmer sind, sagt er mir pltzlich in vollem Ernste, da er mit
uns kommen will, um dann sofort darber dumme Witze zu machen. Aber ich
bin berzeugt, da es ihm im Grunde seines Herzens tiefernst ist, und
da er gerade durch seinen absoluten Mangel an Sentimentalitt ein sehr
gesundes Element darstellen wird.

Er blieb stehen und lauschte, denn auf dem Korridore wurde ein Trampeln
und eifriges Tuscheln laut. Frau von Zeuthen erhob sich vom Divan.

Die Kinder, sagte sie.

Gleich darauf wurde auch die Tr aufgerissen und die dreizehnjhrige
Hedwig strmte herein. Sobald sie Paul Seebeck erblickte, schlang sie
beide Arme um seinen Hals und hpfte vor Freude. Paul Seebeck konnte
sich nur mit Mhe soweit von ihr befreien, um dem etwas verlegen hinter
ihr stehenden zwlfjhrigen Felix wenigstens flchtig die Hand drcken
zu knnen. Noch halb an Paul Seebeck hngend, begann Hedwig, ihrer
Mutter bersprudelnd ein Schulerlebnis zu erzhlen, doch Frau von
Zeuthen unterbrach sie:

Macht euch jetzt schnell zum Mittagsessen fertig, Kinder. Wir essen
heute frher als sonst. Dann kannst du uns alles erzhlen, Hedwig.

Ein wenig schmollend zog Hedwig ab, Felix wandte sich in der Tr noch
einmal zgernd um, dann ging er schnell zu Paul Seebeck und flsterte
ihm zu:

Ich habe alles gelesen; ich wei alles. Ich will zu dir auf deine Insel
kommen. Dann lief er tief errtend aus der Tr.

Whrend die Schritte der Kinder auf dem Korridore verklangen, wandte
sich Frau von Zeuthen an Paul Seebeck:

Ich erwarte noch einen Gast -

Herrn von Rochow? fragte Seebeck.

Rochow? Nein ... Wie kommen Sie auf ihn?

Ach, ich bin in den letzten Tagen oft mit ihm zusammen gewesen; er ist
ja einer von den Unsrigen.

So? Das freut mich wirklich.

Er war einer von denen, an die ich von Anfang an dachte, und er kam
auch gleich zu mir. - Ja, und gestern sagte er mir, da wir uns wohl
auch bald bei Ihnen treffen wrden.

Rochow ist immer bei mir willkommen; er kommt vielleicht auch spter
zum Tee zu mir. Wissen Sie brigens, da er seinen Abschied nehmen
mute?

Nein, weshalb denn?

Ich wei es nicht genau. Es handelte sich um eine Soldatenmihandlung,
wo Rochow in irgendwelcher inkorrekten Weise zu sehr fr den Soldaten
gegen den schuldigen Leutnant eingetreten ist. Aber jetzt zum
Mittagessen erwarte ich einen jungen Freund, der Ihnen vielleicht groe
Freude machen wird.

Es klingelte, und bald darauf stand ein bleicher, junger Mann mit
tiefliegenden, rotumrnderten Augen in der Tr. Man sah seiner Kleidung
an, da sie mit groer Mhe ordentlich instand gehalten war. Frau von
Zeuthen ging auf ihn zu, fhrte ihn an der Hand zu Seebeck und sagte:

Da haben Sie meinen Melchior. Seht zu, ob ihr nicht Freunde werden
knnt.

Und whrend die beiden Mnner einander forschend und suchend in die
Augen sahen, ffnete sie die Tr zum anstoenden Ezimmer, wo Hedwig und
Felix bereits ungeduldig warteten.




Auf dem groen Tische in Paul Seebecks Hotelzimmer, der mit Zeitungen,
Broschren und Papieren bedeckt war, standen zwei schwere, fnfarmige
Leuchter und erhellten die Gesichter der kleinen Versammlung. Erst jetzt
waren sie zum ersten Male offiziell versammelt; so hatte es Paul Seebeck
gewollt. Mehrere Wochen hatte er ihnen Zeit gelassen, um alles in Ruhe
zu berlegen und sich einander kennen zu lernen.

Alle sieben waren da: am Tischende saen Paul Seebeck, Jakob Silberland
und Hauptmann a. D. von Rochow, dann kamen Edgar Allan und Referendar
Otto Meyer, zuletzt Nechlidow. Der junge Melchior sa gesenkten Hauptes
etwas im Hintergrunde und zuweilen hob sich sein bleiches,
abgearbeitetes Gesicht aus dem Dunkel.

Paul Seebeck stand auf, und aller Augen wandten sich ihm zu. Er sagte:

Ich habe ungefhr dreihundert Anfragen und Anmeldungen erhalten, habe
aber Alle gebeten, sich etwas zu gedulden. Wir sind jetzt sieben, und
das ist vorlufig genug, um die Sache in Gang zu bringen. Sobald wir
die Umrilinien gezogen haben, mgen die Anderen kommen, um sie
auszufllen oder zu verndern. Nun liegt die Gefahr vor, fuhr er fort,
wobei er den Kopf senkte und sich auf die eingezogene Oberlippe bi,
da wir sieben auch in Zukunft eine bevorzugte Stellung einnehmen. Das
darf natrlich nicht sein. Das wre eine Oligarchie statt einer
Demokratie.

Nechlidow hob den Kopf und rief:

Was bis zum heutigen Tage noch jede Demokratie gewesen ist, besonders
in der wahnsinnigen Karrikatur des Parlamentarismus.

Paul Seebeck sah ihm gerade ins Gesicht:

Tragen Sie das Ihrige dazu bei, Herr Nechlidow, da unser Staat nicht
an dieser Klippe strandet.

Es ging ein Leuchten durch Nechlidows vergrmtes Gesicht; er sagte
nichts, nickte nur.

Nun lt sich aber nicht leugnen, da wir sieben Grnder, eben als
solche, vorlufig eine Sonderstellung einnehmen. Wir mssen nur dafr
sorgen, da diese Sonderstellung nicht lnger dauert, als unbedingt
notwendig ist. Ich schlage deshalb folgendes vor: jeder Ansiedler,
selbstverstndlich Mann wie Frau, ist nach einjhrigem Aufenthalt auf
der Insel vollberechtigter Brger. Wir sieben Grnder bleiben das erste
Jahr allein auf der Insel und genieen das einzige Vorrecht, in diesem
Jahre ber uns selbst und den Staat, den wir ja allein reprsentieren,
zu verfgen. Dieses Vorrecht ist natrlich nur ein anderer Ausdruck fr
alle unsere Pflichten und unsere Arbeit. Vom opportunistischen
Standpunkte aus gesehen also ein Vorrecht, von recht zweifelhaftem
Werte, vom moralischen Standpunkte ein Recht in der tief innersten
Bedeutung des Wortes.

Jetzt konnte Otto Meyer sich nicht mehr beherrschen, er mute Jakob
Silberland zuflstern:

Da der Kerl seine geistreichen Bemerkungen nie sein lassen kann.

Halb verlegen und belustigt, suchte Silberland nach einer Antwort;
pltzlich aber erhob sich zum allgemeinen Erstaunen Melchior und sagte:

Darf ich eine Frage stellen? Da ist etwas, was ich nicht verstehe.

Bitte, sagte Seebeck.

Melchior zog die Brauen zusammen und versuchte augenscheinlich seine
Frage scharf zu formulieren; er sagte dann:

Nach alledem, was ich verstanden zu haben glaube, soll dieser Staat im
Groen wie im Kleinen keine willkrliche Konstruktion darstellen,
ebensowenig eine Gemeinschaft, die nur auf einen bestimmten Typus
Mensch zugeschnitten ist. Wenn Sie mir den trivialen Ausdruck erlauben
wollen, soll es nicht nur der ideale, sondern auch der normale Staat
sein.

Paul Seebeck nickte. Melchior sah ihn an:

Ein Staat, oder wohl besser: eine Gemeinschaft, deren Bau aus der Natur
des Menschen an sich, des zweibeinigen Sugetieres: Mensch, abgeleitet
ist, nicht wahr?

Wieder nickte Paul Seebeck, obgleich nicht so ganz zustimmend. Melchior
war aber so in seinen Gedanken vertieft, da er nichts um sich her sah.
Er fuhr fort:

Sie mssen mich recht verstehen, ich will nicht kritisieren, nur
fragen. Wie lt sich die Idee eines solchen Staates damit vereinigen,
da erst groe Vorarbeiten ntig sind? Da die Ansiedler sich erst ein
ganzes Jahr lang akklimatisieren sollen? Wrde es nicht gengen, die
Menschen einfach in die Freiheit zu setzen, so da sie selbst kraft
ihrer Menschennatur sich die neue Gemeinschaft schaffen knnen? Wenn
ihre Gedanken richtig sind, mte der so sich selbst aufbauende Staat
genau ebenso werden, wie der Ihrige, der doch - zunchst wenigstens -
ein theoretisches, aus den jetzigen Staatsformen abstrahiertes Gebude
darstellt; nur mit dem Unterschiede, da der sich selbst aufbauende
Staat natrlicher wre, ohne die Fehlerquellen, die bei dem Ihrigen, der
theoretischen Grundlage wegen, mglich sind.

Bravo! rief Nechlidow. Der Mann kann denken.

Sie mssen mich richtig verstehen, fuhr Melchior fast ngstlich fort,
ich vertrete gar keinen Standpunkt, ich sehe nur ein Problem und bitte
Sie, es mir zu lsen. Sie haben natrlich alles das genau bedacht, Herr
Seebeck? Er richtete sich ganz auf und sah Seebeck gespannt an. Aber
pltzlich verzog sich sein Gesicht, es wurde kreidebleich, er schwankte
etwas, griff rckwrts nach der Stuhllehne, so da der Stuhl sich auf
einem Beine drehte, und Melchior sank, die Stuhllehne noch immer in der
Hand, bewutlos neben den Stuhl hin, der auf ihn fiel.

Alle sprangen entsetzt auf. Paul Seebeck war mit einigen Schritten bei
ihm, hob ihn leicht wie ein Kind auf, klingelte nach dem Kellner, lie
sich ein freies Zimmer zeigen und bettete den Ohnmchtigen dort. Er
lste ihm die Kleider auf Brust und Leib und flte ihm dann Milch ein.
Melchior schlug schon nach einigen Minuten die Augen wieder auf und sah
unsicher um sich. Paul Seebeck fragte ihn besorgt:

Fhlen Sie sich jetzt wieder wohl?

Ja, ja, sagte Melchior zerstreut. Das hat nichts zu sagen. Sein
Blick fiel auf die gefllte Milchkanne. Mit zitternden Hnden schenkte
er sich ein Glas ein und strzte es hinunter. Er sah dankbar zu Seebeck
auf:

Ich danke Ihnen, Sie sind so gut zu mir.

Wnschen Sie irgend etwas? fragte Seebeck, die Hand schon bei der
elektrischen Klingel.

Ja, wenn ich etwas essen drfte - antwortete Melchior zgernd. Ich
werde zuweilen schwach, wenn ich hungrig bin.

Haben Sie denn heute Abend noch nichts gegessen? fragte Seebeck
besorgt.

Heute Abend? Melchior lchelte schwach. Gestern und heute habe ich
nichts gegessen. Wenn ich jetzt nur ein Stckchen Brot haben kann, ist
mir gleich wieder gut.

Der Kellner trat ein, und Seebeck bestellte, trotz Melchiors
verlegen-abwehrender Handbewegungen ein ordentliches Abendessen, doch
verlangte er nur Speisen, die in wenigen Minuten fertig sein konnten.
Whrend dieses kurzen Gesprches schlummerte Melchior ein. Paul Seebeck
berzeugte sich, da sein Atem ruhig ging und verlie dann zusammen mit
dem Kellner das Zimmer.

Als er zu seinen Gsten zurckkehrte, wurde er von allen Seiten nach
Melchiors Befinden gefragt. Er gab aber nur kurze, sachliche Antworten
und schlug dann lchelnd vor, wieder zur Arbeit berzugehen. Diesmal
ergriff er aber nicht das Wort, sondern bat Jakob Silberland, zu
erklren, wie sie ihren Staat zu finanzieren gedchten.

Jakob Silberland stand eifrig auf, und begann:

Die finanzielle Grundlage unseres Staates ist als durchaus gesund zu
bezeichnen. Wir haben Aktiven in den Naturschtzen, die fast ohne
Betriebskapital zu heben sind. Nach dem Urteil von Sachverstndigen
reprsentiert eine ausgewachsene Riesenschildkrte allein an Schildkrott
einen Wert von fnfundzwanzigtausend Mark, dazu kommt noch ihr Fleisch
im Werte von ungefhr dreihundert Mark. Ein genaues Studium mu ergeben,
wieviele Tiere man im Jahre erlegen darf, ohne Raubbau zu treiben;
jedenfalls fr mehrere Hunderttausende, vielleicht Millionen. Diese
Einnahmequelle mu dem Staate selbst verbleiben.

Da der Grund und Boden fr immer gemeinsames Eigentum bleiben mu, ist
ja selbstverstndlich, ebenso die auf ihm stehenden Huser, denn ein
Privatbesitz an Boden lt sich nur solange rechtfertigen, wie es
herrenloses Land in gengender Menge gibt, so da jeder andere sich
gleichfalls - wenn er will - einen gengenden Platz sichern kann. Da es
jetzt - speziell bei uns - herrenloses Land so gut wie nicht mehr gibt,
oder bald nicht mehr geben wird, ist Privatbesitz am Grund und Boden ein
Unding.

Wir brauchen nur etwas flssige Mittel, um die notwendigen Bauten und
Anlagen ausfhren zu knnen. Wir schlagen vor, das Geld durch eine
innere Anleihe aufzubringen, die rasch zu amortisieren wre. Diese
Anleihe mte natrlich eine innere sein, um auslndischem Kapital
keinen Einflu zu geben ...

Die Tr knarrte leise; aller Augen wandten sich ihr zu, und Jakob
Silberland brach ab. Mit schleppenden Schritten kam Melchior herein und
blieb verlegen stehen. Da sich aber alle Anwesenden Mhe gaben, ihn so
unbefangen wie mglich zu behandeln, atmete er schnell auf und nahm
seinen frheren Platz wieder ein. Jakob Silberland rusperte sich und
wollte in seinem Vortrage fortfahren, konnte aber die Aufmerksamkeit
nicht mehr sammeln. Paul Seebeck schlug deshalb vor, eine Viertelstunde
lang zu pausieren. Da niemand widersprach, lie er Tee und kleine
Butterbrtchen, sowie auch einige Flaschen Wein kommen, was die Herren,
auf- und abgehend, zu sich nahmen.

Paul Seebeck trat zu Melchior heran:

Haben Sie jetzt ordentlich gegessen? fragte er.

Ja, ja, antwortete Melchior, zerstreut auf den Boden blickend. Dann
schlug er die Augen auf:

Herr Seebeck, sagte er, Sie sind mir noch eine Antwort schuldig.

Paul Seebeck griff sich unwillkrlich an die Stirn; er verfolgte
rcklufig die Vorgnge des Abends und kam damit auch auf Melchiors
Frage.

berlegen Sie sich, wie viel die Menschen vergessen mssen, ehe sie
reif fr eine neue Gemeinschaft werden; vergessen, was sie selbst, und
das, was ihre Vorfahren gelernt haben: die Masseninstinkte. Um die zu
bekmpfen und zu vergessen, gengt weder die Mglichkeit, noch der Wille
zur Freiheit - zwei Voraussetzungen, die bei uns glcklicherweise
gegeben sind - eine groe Arbeit jedes einzelnen an sich und an der
Gemeinschaft ist notwendig. Unterschtzen Sie unser Vorhaben nicht; es
gilt nichts weniger, als einen neuen Typus Mensch heranzuziehen, einen
Typus, der eine Gemeinschaft von Individualitten bilden kann, ohne da
diese zu einer homogenen Masse wird.

Sie gebrauchen dauernd das Wort: Typus im Sinne von Individuum. Ich
finde das fast verdchtig.

Ach Gott, was ist denn dabei verdchtig? sagte Paul Seebeck
gleichmtig. Typus - Art - was Sie wollen. Sie wissen ja, was ich
meine, da spielt der Ausdruck doch keine Rolle.

Melchior schttelte den Kopf und zog die Augenbrauen zusammen:

Was Sie meinen, scheint an und fr sich so klar zu sein, da ein etwas
schiefer Ausdruck keine Unklarheit hereinbringen kann. Ich kann aber
doch nicht anders, als gerade hinter diesem schiefen Ausdruck ein
Problem zu sehen, nmlich dieses: da Sie gar nicht den freien Menschen
an sich brauchen knnen und entsprechend heranziehen wollen, sondern nur
einen ganz bestimmten Typus des freien Menschen.

Paul Seebeck hatte anfangs lchelnd zugehrt, dann wurde er aber ganz
ernst. Stehenbleibend, sagte er fast feierlich:

Es gibt keinen Staat und keine Gemeinschaft der Welt, wo der
Verbrecher, der Kinderschnder Raum fnde. Wohl aber lt sich eine
Gemeinschaft denken, die dem Verbrechen keinen Nhrboden gibt. Was
stellen Sie sich denn berhaupt unter dem freien Menschen vor? - Doch
nicht den, der ungehindert absonderlichen Gelsten folgen kann? Gerade
der in irgend einer Weise perverse Mensch ist im hchsten Grade unfrei.
Frei sein heit: von seiner eigenen Vergangenheit frei sein, von
Traditionen und Vorurteilen frei sein, heit Rckkehr zu einer Norm, die
es kaum noch gibt.

In diesem Sinne haben Sie Recht: ich erkenne wirklich nur einen Typus
des freien Menschen an; aber der ist sehr umfassend, nmlich alle
einschlieend, die in irgend einer Weise fr die Gemeinschaft im hheren
Sinne brauchbar, oder was dasselbe ist, notwendig sind.

Ja, ja, sagte Melchior nachdenklich. Ich glaube schon, da ich Ihnen
zustimmen werde, wenn ich in Ruhe alles richtig bedacht habe.

Paul Seebeck sah ihm gerade ins Gesicht:

Beantworten Sie mir bitte eine Frage: weshalb kommen Sie berhaupt zu
uns? Ich sehe, da Sie ernst arbeiten und da Sie aufrichtig sind, uns
also willkommen sein mssen - aber was wollen Sie von uns?

Melchior sah mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin:

Ich mu aus zwei Grnden zu Ihnen. Erstens glaube ich bei Ihnen alle
sozialen und sozial-psychologischen Phnomene im status nascendi, also
in reinster und dabei konzentriertester Form zu finden. Also aus
wissenschaftlichem Interesse. Dann glaube ich dort einmal ein
Arbeitsfeld zu haben, wo die praktische Arbeit nicht vergeudete Zeit
bedeutet.

Sie werden kein angenehmer Mitarbeiter sein, aber ein wertvoller. Und
er drckte Melchiors heie Hand.

Hinter ihnen erklang ein leises Klirren. Sie wandten sich um und sahen,
da Jakob Silberland an sein Glas schlug, augenscheinlich in der
Absicht, eine Rede zu halten. Er trippelte nervs auf seinen kurzen
Beinchen hin und her und fuhr sich mehrmals mit der Hand durch sein
langes, schwarzes Haar. Die anderen Herren saen um den Tisch herum mit
aufmerksamen und vielleicht etwas verlegenen Gesichtern. Paul Seebeck
und Melchior blieben im Hintergrunde stehen.

Melchior sah mit einem Blicke, der fast ein Werben um Liebe enthielt, zu
Paul Seebeck auf und flsterte ihm zu, wobei er errtete:

Sie mssen mir helfen, dann werde ich finden, was ich suche - dort auf
Ihrer Insel werde ich das Geheimnis der Menschheit finden.

Paul Seebeck nickte ihm freundlich zu. Er konnte ihm nicht mehr
antworten, denn Jakob Silberland begann:

Darf ich einige Worte sagen? Ich will nicht schwulstig sein, obwohl ich
mich beherrschen mu, es nicht zu werden. Aber ohne jede bertreibung
kann man wohl sagen, da von diesem Tage an eine neue Periode der
Menschheitsgeschichte ansetzt. Unser Anfang ist bescheiden, aber unsere
Bestrebungen werden Frchte tragen, deren Gre wir heute noch gar nicht
bersehen knnen. Statt grotesker Verzerrungen den wirklichen Staat, die
wirkliche Gemeinschaft von Menschen.

Gegrndet auf die menschliche Vernunft, unterbrach Nechlidow, von
seinem Stuhle aufspringend, den Redner. Weg mit den Sentimentalitten,
die nur Ausbeutung, Schwche und Dummheit verschleiern sollen. Lat uns
die neue Menschheit auf die Vernunft aufbauen. Vernunft allein kann den
Menschen weiterbringen. Gefhle erniedrigen ihn zum Tiere. Aber streng
und ehrlich mssen wir sein.

Otto Meyer hatte mit einem spttischen Lcheln den beiden zugehrt;
jetzt aber wurde sein Gesicht ganz ernst. Er machte eine Bewegung, als
ob er aufstehen wollte, besann sich dann aber wieder. Herr von Rochow
hatte wohl zu viel Wein getrunken, denn sein Lcheln wurde blder und
blder, und seine treuherzigen, blauen Augen verschwammen immer mehr.
Edgar Allan hrte nur halb zu; mit einem Bleistiftstumpfe entwarf er auf
dem weien Tischtuche Htten und Huser in einem Stile, der in
merkwrdiger Weise eine stark betonte Horizontale mit flachen
Bogenlinien verknpfte.

Jetzt trat Paul Seebeck mit einigen raschen Schritten an den Tisch und
sagte:

Meine Freunde! Heute Abend ist es zu spt, um noch alle die
Einzelheiten zu errtern, die ich gern besprochen htte. Aber dazu haben
wir ja die vielen Wochen auf dem Schiffe.

Nur eins: das ist jetzt der Abschied vom behaglichen Leben, von
Grostadttrubel und den Vergngungen. Jetzt beginnt fr uns die Arbeit.
Es liegt nur an uns, diese Arbeit so anzufassen, da sie fr Andere und
uns selbst greres gestaltet, als sonst je mglich wre. Eine schwere
Zukunft liegt vor uns, aber eine groe.




Die Sachverstndigen waren nach Sidney zurckgekehrt. Alles war geprft
worden: der mutmaliche Ertrag der anzulegenden Schildkrtenkultur, der
Fischreichtum des Meeres, die Brauchbarkeit der Steine zum Hausbau, das
Wasser, die auf der Insel vorkommenden Minerale - und jetzt sa Jakob
Silberland den ganzen Tag in seinem Zelte an einem Holztische und
rechnete, wobei er unausgesetzt die kurzen Beinchen bewegte und sich
nicht selten mit den Hnden durch das schwarze, strhnige Haar fuhr. Die
andern sechs aber arbeiteten drauen in der glhenden Sonne, um erst am
Abend zu den Zelten zurckzukehren. In den Stunden, wo sie dann am
Strande lagen und auf das Meer hinaussahen, war manch ein gewichtiges
Wort gefallen.

Jakob Silberland hatte viel zu tun: die gesamte Korrespondenz lag in
seinen Hnden, ebenso die Buchfhrung und die Verwaltung der Gelder. Er
hatte die wchentliche Verbindung mit Sidney durch einen kleineren
Dampfer der Australisch-Neu-Seelndischen Transport-Gesellschaft
zustande gebracht, und jetzt galt es fr ihn, auf eine geraume Zeit
hinaus den Bedarf an Gerten, Baumaterial und anderen Dingen
vorauszusehen und geschickt auf die einzelnen Wochen zu verteilen, damit
der Verkehr sich fr die Gesellschaft lohnte.

Von diesen schwierigen Berechnungen bereitete die schwerste und
verantwortungsvollste Arbeit - die Verwaltung der Gelder - Jakob
Silberland den geringsten Kummer. Es war beschlossen worden, eine in
fnfzehn Jahren zu amortisierende, dreiprozentige innere Anleihe in der
Hhe von einer Million Mark aufzunehmen. In fnf Jahren hofften sie, mit
dem grten Teile der Bauten und Anlagen fertig zu sein und wollten dann
die Anleihe jhrlich mit hunderttausend Mark amortisieren. Besondere
Bestimmungen verhinderten den Handel mit diesen Papieren, um keinem
Auenstehenden auch nur den geringsten Einflu zu erlauben. Herr von
Rochow und Paul Seebeck hatten ihr ganzes Vermgen - eine halbe Million
und zweihundertfnfzigtausend Mark - in diesen Papieren angelegt, Otto
Meyer konnte fnfzigtausend beisteuern, und Edgar Allan zwanzigtausend.
- Jakob Silberland, Nechlidow und Melchior besaen nichts, konnten also
auch nicht die fehlenden hundertachtzigtausend aufbringen, etwas, was
Jakob Silberland in seiner Eigenschaft als Geschftsfhrer sehr
bedauerte. Bis jetzt war nmlich das Kapital nur in ganz geringem
Umfange angegriffen, und der weitaus grte Teil des Geldes lag mit
sechsmonatlicher Kndigung in der Filiale der Deutschen Bank zu
Sidney, wo es viereinhalbes Prozent trug; die Anleihe konnte also auch,
solange sie nicht verbraucht war, als eine werbende betrachtet werden,
die anderthalb Prozent berschu im Jahre erbrachte.

Aber Jakob Silberland war praktisch und fand einen Weg, um die
Unterbringung der restlichen hundertachtzigtausend Mark der Anleihe zu
erzwingen. Es war nmlich festgesetzt worden, da alle Staatsarbeiter -
und das waren ja vorlufig alle sieben Grnder - ein jhrliches Gehalt
von fnftausend Mark beziehen sollten. Die sptere, erweiterte
Gemeinschaft mochte diese Bestimmung besttigen, abndern oder umstoen;
sie galt vorlufig nur fr das erste Jahr.

Da jetzt von getrenntem Haushalt noch keine Rede sein konnte, wurden die
Notdrfte des Lebens gemeinsam bezogen und entsprechend vom Gehalte
abgezogen. Der Rest sollte bar ausgezahlt werden. Jakob Silberland
setzte aber durch, da nur die Hlfte dieses Geldes bar ausgezahlt
wurde, die andere Hlfte aber in jenen Anleihepapieren, von denen zu
diesem Zwecke die in Frage stehenden hundertundachtzigtausend Mark in
Scheinen von je hundert Mark ausgegeben wurden. Sogar gegen den
Zinsverlust in der Zeit vor Unterbringung der ganzen Summe verstand
Jakob Silberland die Staatskasse zu schtzen, indem er diese Papiere
nicht zum Nominalwert, sondern mit einem jhrlichen Aufschlage von
anderthalb Prozent ausgab.

Inzwischen arbeiteten die anderen in der heien Sonne. Ihre erste Sorge
galt der Zufhrung von Trinkwasser, dessen tgliche Herstellung im
Destillationsapparate zu langwierig war. Man verzichtete vorlufig auf
die Herstellung einer wirklichen, unterirdischen Wasserleitung, begngte
sich vielmehr damit, den kleinen Bach durch Spalten und Rinnen in die
Bucht zu leiten, wobei zwar ziemlich viele Sprengungen, aber nur wenig
Mauerungsarbeiten notwendig waren. In den folgenden Wochen arbeitete
Edgar Allan an dem Stadtplane, whrend die anderen fnf kleinere, aber
notwendige Arbeiten ausfhrten. Es war beschlossen worden, sofort nach
der Fertigstellung von Allans Plnen an den Huserbau zu gehen, und zwar
sollten die Huser in der Reihenfolge gebaut werden, in der die Grnder
sich endgiltig zur bersiedelung auf die Insel bereit erklrt hatten.




Die Sonne war untergegangen, und schon wenige Minuten spter umhllte
tiefe Nacht die Insel. Nur wenn eine Welle sich am Strande brach,
leuchtete fr eine Sekunde grnlich-wei der Gischt auf.

Die Sieben lagen, des starken Nachttaues wegen in leichte Decken
gehllt, schweigend um das Feuer, das sie der Stimmung wegen entzndet
hatten, und sahen zum strahlenden Sternenhimmel empor.

Keiner sprach ein Wort.

Viertelstunde auf Viertelstunde verrann; unbeweglich lagen die Mnner
da, nur ihre Gedanken arbeiteten bei dem ewigen Rhythmus des
Wellenschlages.

Endlich setzte Melchior sich auf. Mit zusammengezogenen Brauen starrte
er vor sich hin, und das leise flackernde Feuer lie seine scharfen Zge
unheimlich erscheinen. Nach einer Weile hob er den Kopf und sagte zu
Paul Seebeck:

Herr Seebeck, darf ich auf jenes Gesprch zurckkommen, das wir vor
mehreren Monaten in Berlin fhrten?

Seebeck drehte sich halb herum und sah ihn fragend an. Seine Rechte
spielte mit einigen Kieseln.

Melchior sagte:

Unser Gesprch fing so an: ich fragte Sie, weshalb man nicht die
Menschen ohne weiteres hier hersetzen knnte, damit sich die langsam
entstehende Gemeinschaft selbst jenen absoluten Staat aufbaue, den wir
hier knstlich schaffen wollen. Sie antworteten, da die Menschen so
vieles zu vergessen htten, bevor sie reif wrden, Sie gebrauchten das
Wort Masseninstinkte - erinnern Sie sich noch?

Paul Seebeck nickte. Nechlidow, der an der anderen Seite des Feuers lag,
war aufgestanden und hatte sich dicht neben Melchior gesetzt. Dieser
fuhr fort:

Ich habe darber nachgedacht und habe zunchst folgende Formel
gefunden: Sie wollen die tierischen Masseninstinkte durch das
menschliche Massenbewutsein ersetzen.

Paul Seebeck nickte und hrte auf, mit den Steinchen zu spielen.
Nechlidow beugte sich mit offenem Munde und glnzenden Augen weit
vornber. Edgar Allan aber sagte gleichmtig im Hintergrunde:

Glauben Sie denn wirklich, da das geht? Wir, die etwas besonderes zu
sagen haben, haben die Pflicht, uns die besten Bedingungen zu schaffen,
um das Betreffende zu sagen und knnen dann mit gutem Gewissen abtreten.
Denn wir erleben doch nicht, da die Masse uns versteht; in manchen
Fllen geschieht es spter - meistens wohl berhaupt nicht. Aber wir
haben die Pflicht, das zu geben, was wir geben knnen, gleichgiltig, ob
es genommen wird oder nicht. Auf die Masse warten knnen wir aber nicht.
Dazu ist unsere Zeit zu kostbar. Wir mssen es ihr anheimstellen, ob sie
uns nachhumpeln will oder nicht. Die Geschichte machen wir und nicht die
Masse.

Verlegenes Schweigen folgte diesen Worten. Seebeck griff wieder nach
seinen Steinchen. Jakob Silberland sagte:

Nein, Herr Allan, Sie begehen den Fehler, berhaupt einen Unterschied
zwischen Fhrern und Masse zu konstruieren. Das geht nicht. Ich will
damit nicht nur sagen, da es sich hier nur um graduelle, niemals
prinzipielle Unterschiede handeln kann, da es so unzhlige Gebiete gibt,
auf denen irgend jemand fhrt; soziale, politische, religise,
literarische, vegetarische, alkoholgegnerische und wei Gott noch was
fr Fhrer gehren auf jedem anderen Gebiete wieder zu der gefhrten
Masse; es handelt sich also immer nur um eine partielle, niemals um eine
absolute Fhrerstellung, und erst die Resultante aller dieser groen
und kleinen Bewegungen stellt die Geschichte der Menschheit dar,
sondern -

Er stand auf und hob dozierend einen Finger:

Da die Mitglieder eines heutigen Staates vollstndig, die Mitglieder
der ganzen Menschheit zum groen Teile, dasselbe sind, was die einzelnen
Teile eines Korallenriffs, die einzelnen Zellen im menschlichen Krper
sind: Glieder eines greren Individuums, die durch die Arbeitsteilung
und die darin liegende Verzichtleistung auf universelle Ttigkeit, als
Ganzes mehr zu vollbringen vermgen, als das Einzelwesen kann. Kurz und
gut, wir leben eigentlich schon im sozialistischen Zukunftsstaate, nur
da die Staatsformen, der uere Ausdruck der inneren Organisation,
immer um einige hundert Jahre zurck sind, ebenso wie der jeweilige
Stand der Orthographie immer die gesprochene Sprache vor einigen hundert
Jahren darstellt. Alles Unglck kommt aus dieser Inkongruenz von Form
und Inhalt - und die wollen wir ja hier abschaffen, indem wir die
Staatsform einige hundert Jahre Entwicklung berspringen lassen und sie
genau dem gegenwrtigen Stande der menschlichen Organisation anpassen.

Sind die Staatsformen wirklich im Rckstande? mischte sich Herr von
Rochow ins Gesprch. Ich mchte lieber sagen, da sie eine viel
vorgeschrittenere, gleichsam idealisierte Menschheit voraussetzen.
Denken Sie doch an das Institut der Ehe, das die Monogamie voraussetzt,
die es doch praktisch so gut wie gar nicht gibt.

Jetzt sprang Melchior auf und streckte flehend die Arme aus. Er rief:
Nicht mehr, ich flehe Sie an, heute Abend nicht mehr! Ich sehe jetzt,
wo das Problem liegt - lassen Sie mir nur etwas Zeit!

Verwundert und ein wenig gekrnkt sahen die anderen ihn an. Seine
Erregung war aber so echt, seine Stimme so flehend, dabei seine magere
Gestalt im Feuerscheine so grotesk, da sich der rger bald in Achtung
und Mitleid verwandelte. Doch htte die Situation peinlich werden
knnen, htte Otto Meyer sie nicht aufgelst. Er sagte nmlich
gemtlich:

Ja, Kinder, was strengt ihr euch unntig an, wenn Herr Melchior so
liebenswrdig ist, alle Denkarbeit fr uns zu bernehmen, und fr die
endgiltige Lsung aller Weltprobleme garantiert.

Alle lachten; nur Melchior hatte nichts gehrt. Mit gekrmmtem Rcken
sa er da und starrte vor sich hin.

Nach einer kleinen Pause sagte Edgar Allan:

Wir wollen also von der Theorie auf die Praxis bergehen. Ich bin
nmlich heute mit meinem Stadtplan fertig geworden. Wir knnen morgen
vielleicht einen kleinen Rundgang durchs Gelnde machen, und ich kann
Ihnen dann genau erklren, wie ich alles meine. Ich habe natrlich
versucht, die Natur so genau wie mglich zu verstehen und sie ihrer
eigenen Struktur entsprechend auszubauen. Die Stadt soll sich der
Bildung der Felsen eng anschlieen; sie darf ja kein Fremdkrper auf der
Insel sein, sondern ein organischer Teil von ihr, ihre Blte. Na, das
sind ja Gemeinpltze, sagte er aufstehend, aber ich habe auch einige
gute Ideen gehabt. In der Sohle unserer Mulde mchte ich die Hauptstrae
haben, die alle Terrassen verbindet und dann vielleicht spter weiter
auf das Hochland gefhrt wird. Die achte groe Terrasse - Sie wissen,
die breite, hinter der die Steigung so viel steiler wird, so da die
Strae dort in starken Serpentinen weitergefhrt werden mte - mchte
ich den ffentlichen Gebuden vorbehalten, einem Volkshause fr
Versammlungen und hnlichen Dingen.

Am Strande, in der Richtung auf die Irenenbucht zu, knnte eine
einreihige Strae von Fischerhuschen liegen; dort rechts, wo die Wand
ziemlich steil ist, wre nur Platz fr einige, wenige Huser. Das ist
eine ganz ideale Stelle fr Sonderlinge, die von dort aus hhnisch auf
die Stadt hinabsehen wollen. Auf solche Kuze mssen wir ja auch
vorbereitet sein. Vielleicht beschliet sogar einer von uns sein Leben
dort.

Aber jetzt will ich Ihnen meine Hauptgedanken sagen, meine Herren,
fuhr er lebhaft fort. Sehen Sie, der Bach wird auf absehbare Zeit
hinaus fr die Wasserzufuhr vllig ausreichen. Wir mssen aber den
ganzen Flu herunter bringen, denn dann knnen wir hier im Laufe einiger
Jahre eine Vegetation schaffen, wozu die Natur viele hundert Jahre
brauchen wrde. Und das berspringen von Zeitrumen ist ja unsere
Hauptbeschftigung hier. Die Sache lt sich ausgezeichnet machen. Ich
habe alles ganz genau geprft. Der Flu mu zunchst in das tiefe Becken
geleitet werden, das auch sicher frher einen See beherbergt hat - falls
Seebecks Theorie richtig ist, da die Insel nur vorbergehend unter das
Meer gesunken ist. Ebenso sicher ist natrlich auch diese Mulde das
frhere Flutal.

Der Wall, der das Becken gegen unser Tal abschliet, ist durchgngig
hher, als der zum Meere. Besser knnte die Sache berhaupt nicht
liegen, denn so hat das Staubecken ein natrliches Sicherheitsventil.
Wir brauchen niemals eine berschwemmung der Stadt zu befrchten, denn
das berschssige Wasser wird immer gleich ins Meer strzen. Wir mssen
nur ziemlich tief im Becken eine groe Rhre anbringen, die den Wall in
der Richtung auf die Stadt zu durchbohrt. Dann haben wir, unabhngig von
dem jeweiligen Wasserstande des Staubeckens, einen gleichmigen
Wasserstrom.

Oben, bei der Terrasse, die ich fr die ffentlichen Gebude reservieren
will, soll sich der Flu dann teilen. Der Hauptarm soll der Hauptstrae
folgen; ich will aber unzhlige, kleine Bche von ihm ableiten, so da
fast jedes Haus an flieendem Wasser liegt. - Natrlich wird das
Trinkwasser davon unabhngig in geschlossenen Rhren geleitet. - So gut
wie alle Huser werden ja auf kleinere oder grere Terrassen zu liegen
kommen, also auf wagerechten Grund. Mit Hilfe des Wassers knnen wir
nicht nur ffentliche Anlagen schaffen, sondern jedes Haus kann seinen
Garten haben. Ich denke dabei nicht nur an die Schnheit, sondern
besonders an die Regulierung der Atmosphre.

Wenn wir auf Kloaken verzichten und alle Abflle den Grten zugute
kommen lassen, haben wir schon etwas; aber das gengt vorlufig nicht.
Wir mssen vielmehr einen ganz energischen Anfang machen. Ich schlage
einfach vor, irgend eine recht schwere, fruchtbare Lehmerde aus
Australien hierher transportieren zu lassen und damit die Gartenflchen
etwa einen Meter hoch zu bedecken. Wenn wir uns dann Bume mit recht
starken, tiefgehenden Wurzeln pflanzen, werden die dann schon eine
allmhliche Lockerung des Bodens besorgen. Es gibt ja Bume, die
eigentlich nur einen Halt in einer dnnen Humusschicht brauchen, und
ihre Kraft aus dem Felsen selbst ziehen: manche Nadelhlzer, auch
Birkenarten. Das alles mte natrlich mit einem grozgigen Grtner
besprochen werden.

Meine Skizzen zu den Husern selbst werde ich Ihnen morgen zeigen. Ich
glaube, jetzt den richtigen Stil gefunden zu haben. Ich habe eine stark
betonte Horizontale mit flachen Kurven verschmolzen - na ja, das alles
morgen.

Aber jetzt mchte ich noch etwas sagen: es ist ein schner Gedanke, hier
alles aus eigenen Krften auszufhren; aber eigentlich ist es doch nur
eine unpraktische Sentimentalitt. Wir verschwenden Zeit und Kraft auf
Dinge, die jeder Kuli machen knnte. Sollten wir nicht lieber einige
hundert Arbeiter aus Sidney kommen lassen, um diese rein krperlichen
Arbeiten fr uns auszufhren? Dann kmen wir doch viel schneller
vorwrts. Es ist nur ein Vorschlag -

Nechlidow sprang auf:

Nein, nein, rief er. Keine Kompromisse! Damit finge die Lge an, die
alles durchsetzen wrde. Wir mssen unseren Prinzipien treu bleiben.
Solche scheinbar - und nur scheinbar - praktische Erwgungen haben die
groe Unwahrheit in die Welt hineingebracht. Wenn unser Leben hier einen
Zweck hat, so ist es der, zu beweisen, da das strenge Festhalten am
groen Gedanken, am Menschheitsgedanken auch praktisch am weitesten
fhrt.

Ich erlaubte mir nur einen Vorschlag, antwortete Edgar Allan hflich.
Da er auf Widerspruch stt, ziehe ich ihn hiermit zurck.

Das Feuer war bei Allans Rede langsam zusammengesintert; jetzt war es
nahe am Verlschen, aber niemand dachte daran, es wieder anzufachen. In
ihre Decken gehllt, lagen die Sieben schweigend da und sahen zum
glnzenden Sternenhimmel empor.




Als der Tag sich jhrte, an dem die sieben Grnder die Insel betreten
hatten, lag die Prinzessin Irene in vollem Flaggenschmuck vor der
Bucht. Als die Hochflut kam und die Klippen bedeckte, schleppten die
beiden zierlichen Dampfbarkassen schwere Boote mit Menschen und
Hausgert ans Land. Auf der improvisierten Landungsbrcke standen Paul
Seebeck und Melchior und begrten die Ankmmlinge, whrend die anderen
Fnf eifrig damit beschftigt waren, ihnen Unterkunft in den groen
Schuppen und Zelten zu bereiten, die zu diesem Zwecke errichtet waren.
Denn die Huser muten ja erst gebaut werden und zwar in derselben
Reihenfolge, in der die endgiltigen Erklrungen eingelaufen waren.

Dreihundertfnfzig erwachsene Personen trafen an diesem Tage ein:
tchtige Handwerker mit gesetzten Gesichtern, Kaufleute, die aus irgend
einem Grunde nicht vorwrts gekommen waren und nicht wenige
unbestimmbaren oder unsicheren Berufes, die erst hier ihr wirkliches
Vaterland wuten. -

Es ergab sich von selbst, da die sieben Grnder nicht mehr wie frher
selbst Hand an alle Arbeit legen konnten: Organisation und Leitung nahm
ihre Zeit und ihre Krfte vllig in Anspruch. Hauptmann a. D. von Rochow
bernahm die Leitung beim Bau der Strae und der ffentlichen Anlagen;
Edgar Allan hatte Tag und Nacht als Architekt zu tun; Otto Meyer hatte
einen Teil von Jakob Silberlands Ttigkeit bernommen, der nur noch die
Rechnungssachen versah, und Paul Seebeck hatte mit der Oberleitung und
persnlicher Inanspruchnahme durch die Kolonisten mehr als genug zu tun.
Nechlidow und Melchior wren den andern als Assistenten willkommen
gewesen; beide erklrten aber ein fr allemal, da sie einfache Arbeiter
bleiben wollten.

Bei der fieberhaften Ttigkeit entstand schnell Haus auf Haus, und froh
vertauschte man Schuppen oder Zelt mit dem festen Dache. Damit wurden
auch immer mehr Krfte frei, so da in immer grerem Mastabe an den
Straen und den ffentlichen Gebuden gearbeitet werden konnte. Die
Wasseranlage wurde nach Edgar Allans Plnen durchgefhrt, und die
Dampfer der Australisch-Neu-Seelndischen Transportgesellschaft muten
halbwchentlich verkehren und konnten doch kaum die Masse des bentigten
Materials bewltigen.

Jedesmal, wenn die Prinzessin Irene vor der Bucht hielt, brachten
ihre Boote Dutzende von neuen Ansiedlern auf die Insel.

Als das Jahr verflossen war, stand die Stadt da.




Auf den amphitheatralisch ansteigenden Bnken in der groen,
flachgewlbten Halle des Volkshauses saen dreihundertfnfzig Mnner und
Frauen und hinter ihnen drngten sich wohl zweihundert auf den Tribnen.
An einem langen Tische auf einem kleinen Podium im Brennpunkte des
Kreisbogens saen die sieben Grnder.

Nicht zum ersten Male waren die Glieder der Gemeinschaft hier
versammelt; aber doch zeigten alle Gesichter einen seltsamen Glanz. Vor
zwei Jahren hatten an diesem Tage die sieben Grnder die Insel betreten,
und heute waren dreihundertfnfzig Mnner und Frauen vollberechtigte
Brger geworden. Sie waren heute hier versammelt, um zum ersten Male
ihre Rechte auszuben.

Paul Seebeck erhob sich von seinem Stuhle, und sofort trat atemlose
Stille ein. Er richtete sich hoch auf, warf einen langen Blick ber die
Versammlung und lchelte glcklich. Dann sagte er:

Meine Damen und Herren!

Im Namen meiner Freunde heie ich Sie hier willkommen! In der
gemeinsamen Arbeit dieses Jahres haben wir Werte geschaffen, die uns
und unsere Enkel berdauern werden. Wir danken Ihnen fr Ihre treue
Mitarbeit.

Bis jetzt sind wir sieben Ihre Fhrer gewesen, nicht aus Hochmut oder
Herrschsucht, sondern nur, weil wir anfangs eine grere Sachkenntnis
hatten.

Jetzt legen wir unsere Mandate in Ihre Hnde. Sie mgen prfen, was Sie
von den Bestimmungen, die wir getroffen haben, beibehalten wollen und
was nicht. Vorbehaltlos bergeben wir Ihnen unsere Rechte und Pflichten.

Bevor wir in die Verhandlungen eintreten, mssen wir einen Vorsitzenden
haben. Als den in solchen Dingen gewandtesten erlaube ich mir, Herrn Dr.
Silberland vorzuschlagen. Es wird kein anderer Vorschlag laut - also
bitte ich Herrn Dr. Silberland, den Vorsitz dieser Versammlung zu
bernehmen.

Ein erstauntes und verschwommenes Gemurmel wurde laut, als die sechs vom
Podium herunterschritten und auf der vordersten Bank Platz nahmen.

Jakob Silberland war der Situation durchaus gewachsen; er gab ein kurzes
Glockenzeichen und sagte:

Sie werden mir ein Wort des Dankes an Herrn Seebeck erlauben. Ich wei,
da ich im Sinne der ganzen Versammlung spreche, wenn ich sage: in
diesem Augenblicke, wo Herr Seebeck aufgehrt hat, unser offizieller
Fhrer zu sein, wollen wir ihm versichern, da er immer und ewig unser
geistiger Fhrer bleiben wird. Denn wir wissen alles, was wir ihm
schulden: seine Initiative, seine Energie, sein praktischer Blick, sein
Glaube an den Menschen haben die Errichtung des stolzen Werkes
ermglicht, das wir hier vor uns sehen. Und wenn wir alle lngst im
Grabe liegen, wird der Name Paul Seebeck fr immer mit goldenen
Buchstaben im Buche der Menschheit stehen.

Zgernd hatten sich die Versammelten erhoben; Paul Seebeck war sitzen
geblieben und starrte in ttlicher Verlegenheit vor sich hin. Jakob
Silberland sah einen Augenblick lang auf die stehende Versammlung und
wute augenscheinlich nicht recht, was er mit ihr anfangen sollte.
Hilfesuchend sah er Otto Meyer an, der nur mit grter Mhe ein Lachen
herunterschluckte. Herrn von Rochows Gesicht strahlte. Er ging zu Paul
Seebeck und drckte ihm die Hand.

Pltzlich bekam Jakob Silberland einen rettenden Gedanken; er griff zur
Glocke, lutete kurz und sagte, whrend die Versammlung sich
geruschvoll wieder setzte:

Ich ersuche jetzt Herrn Seebeck als ersten, einen berblick ber die
verflossenen zwei Jahre zu geben.

Paul Seebeck trat mit einigen schnellen Schritten auf das Podium und
sagte:

Was hier geschehen ist und was wir hier wollen, wissen Sie ja alle, und
ich brauche nicht mit feierlichen Worten darauf einzugehen. Was ich
getan habe, glaube ich verantworten zu knnen.

Nur auf einen Punkt mchte ich hinweisen: ich bin, wie Sie ja alle
wissen, Reichskommissar mit den Rechten und Pflichten eines solchen. Ich
habe aber vom Reichskolonialamt die Ermchtigung erwirkt, mein Amt einem
andern, das heit, meinem jetzt zu whlenden Nachfolger zu bertragen.
Sobald die Wahl vor sich gegangen ist, werde ich es tun. Ich deponiere
hier beim Vorsitzenden der Versammlung eine unterzeichnete und datierte
offizielle Benachrichtigung an das Reichskolonialamt, wo nur noch der
Name des neuen Reichskommissars auszufllen ist.

Er verbeugte sich kurz und ging zu seinem Platze zurck.

Jakob Silberland gab ein Glockenzeichen und sagte:

Da ich jetzt selbst das Wort ergreifen mchte, um ber die Verwaltung
der ffentlichen Gelder Rechenschaft abzulegen, bitte ich um Erlaubnis,
den Vorsitz so lange an Herrn Referendar Meyer abzutreten. - Da kein
Widerspruch erfolgt, tue ich es hiermit. - Herr Referendar, darf ich
bitten.

Otto Meyer schritt gravittisch auf das Podium und flsterte Jakob
Silberland zu:

Na, Sie werden staunen: zunchst werde ich mal die ganze Zeit durch
bimmeln, dann kriegen Sie drei Ordnungsrufe, und ich fordere Sie auf,
den Saal zu verlassen.

Jakob Silberland sah ihm erschreckt ins Gesicht:

Um Gotteswillen -

Er kam nicht weiter, denn Otto Meyer lutete und sagte:

Herr Dr. Jakob Silberland hat das Wort.

Jakob Silberland suchte stehend allerhand Papiere zusammen, die auf dem
Tische lagen und sagte:

Ich kann jetzt natrlich nur in groen Zgen ein Bild von der
finanziellen Lage geben; ich werde Sie spter bitten, eine Kommission zu
whlen, um meine Bcher in allen Einzelheiten nachzuprfen.

Wir sind, wie Sie wissen, mit einer dreiprozentigen inneren Anleihe in
der Hhe von einer Million Mark belastet. Dieses Geld hat uns, solange
es noch teilweise auf der Bank lag, einen Zinsenberschu von
zehntausendachthundertdreiundfnfzig Mark und einundsiebzig Pfennigen
gebracht.

Wir haben zweihundertachtunddreiig Schildkrten verkauft. Sie wissen
ja, da wir nach dem Urteile der Sachverstndigen dazu gezwungen waren,
da der Platz fr die Tiere nicht ausreichte, und sie sonst einfach
fortgewandert wren. Dafr haben wir die Summe von fnf Millionen,
achthundertsechsundvierzigtausend siebenhundert und einundzwanzig Mark
und elf Pfennigen eingenommen. Wir hatten also sechs Millionen
achthundertsiebenundfnfzigtausend fnfhundertvierundsiebzig Mark
zweiundachtzig Pfennig bares Geld zur Verfgung.

Unsere Ausgaben waren folgende: Gehlter: abzglich der Mietsbetrge
eine Million siebenhundertachtunddreiigtausend fnfhunderteinundzwanzig
Mark. Hausbau: drei Millionen achthundertsiebenundfnfzigtausend
einhundertachtundsechzig Mark und zweiundvierzig Pfennige. Straenbau,
Anlage des Bewsserungssystems, Trinkwasserleitung, Hafenanlagen, Erde
haben zusammen zwei Millionen, sechshunderttausend vierhundertachtundneunzig
Mark sieben Pfennige gekostet. Verschiedenes kostete zusammen
zweihundertachttausend neunhundertdreizehn Mark, neunundzwanzig
Pfennige. Unsere gesamten Ausgaben betrugen also: acht Millionen,
vierhundertfnftausend einhundert Mark und achtundsiebzig Pfennige. Wir
schlieen diese zweijhrige Periode mit einem Defizit von anderthalb
Millionen, siebenundvierzigtausend fnfhundertfnfundzwanzig Mark und
sechsundneunzig Pfennigen ab.

Hierzu ist zu bemerken, da wir dieses Defizit ja jeden Tag aus der
Irenenbucht decken knnen; vielleicht sind wir sogar gezwungen, noch
hundert Schildkrten herauszunehmen, um einen geordneten Zuchtbetrieb
mglich zu machen. Dann, da wir in diesen zwei Jahren einen groen Teil
der Stadtanlage ausgefhrt haben, so da wir in der Zukunft nur einen
geringen Posten dafr aufzuwenden haben werden. Dann, da das fr den
Hausbau aufgewendete Geld sich mit neun Prozent verzinst. Die jhrliche
Miete betrgt zwar zehn Prozent der Baukosten, doch stellen wir ein
Prozent fr einen Reparaturfond zurck. Trotz dieses Defizits ist unsere
finanzielle Stellung also sehr gnstig.

Jakob Silberland setzte sich, und Otto Meyer verlie das Podium. Im
Hinunterschreiten flsterte er Jakob Silberland zu:

Bis an mein Lebensende werde ich nicht begreifen, weshalb ich hier
heraufkrabbeln mute. Aber wundervoll war es da oben.

Jetzt erhielt Edgar Allan das Wort. Er kniff die Lippen zusammen und
blickte ber die Kpfe der Versammlung weg. Er sagte:

Was ich gemacht habe, kann jeder Mensch sehen; ich hoffe, den hier
vorherrschenden Geschmack getroffen zu haben. Jedenfalls habe ich alles
getan, was in meinen Krften stand.

Jakob Silberland stand auf, gab wieder ein Glockenzeichen und sagte:

Wnscht jemand aus der Versammlung das Wort? - Nicht? - Dann knnen wir
zur Wahl schreiten. Hierzu ist zu bemerken, da sich bis jetzt die
Notwendigkeit von fnf mtern ergeben hat und zwar der folgenden: eines
Vorstehers der Gemeinschaft, eines Schriftfhrers, eines
Geschftsfhrers, eines Architekten und eines Leiters der ffentlichen
Anlagen. Zunchst wre die Frage zu entscheiden, ob diese mter in der
bisherigen Form weiterbestehen sollen. Weiterhin kann ich mitteilen, da
die bisherigen Inhaber dieser mter die bisher geltenden Bestimmungen
zusammengefat haben. Ihre Nachfolger htten dazu Stellung zu nehmen und
ihre eventuellen nderungsvorschlge der Versammlung zu unterbreiten.
Ich erlaube mir daher, folgende Geschftsordnung vorzuschlagen: zunchst
erfolgt die Feststellung der mter, dann die Wahlen zu ihnen. Die so
gewhlten neuen Beamten htten Stellung zu den bisherigen Gesetzen zu
nehmen und ihre eventuellen nderungsvorschlge einer spteren
Versammlung zur Beschlufassung zu unterbreiten. Schlgt jemand eine
andere Geschftsordnung vor? - Nicht? - Dann schreiten wir zu Punkt
eins: Debatte ber die bisherigen mter. Wer wnscht das Wort hierzu?

Jetzt erhob sich endlich im Hintergrunde ein Mann und sagte grob:

Ich meine, da alles gut war, wie es war, und da dieselben Herren oben
bleiben sollen, denn die verstehen es doch am besten.

Aller Augen hatten sich dem Redner zugewandt, der sich jetzt die Stirn
eifrig mit einem roten Taschentuche rieb.

Jakob Silberland mute zweimal luten, bis das beifllige Gemurmel
verstummte; dann sagte er:

Der verehrte Herr Vorredner hat sich gleich zu den zwei ersten Punkten
der Tagesordnung geuert, und zwar schlgt er Beibehaltung der alten
mter und Wiederwahl der bisherigen Beamten vor. Ist die Versammlung
damit einverstanden, da diese beiden Punkte gemeinsam behandelt
werden?

Jetzt kam Leben in die Versammlung, und von allen Seiten ertnten
Beifallsrufe und Zustimmungsuerungen. Da richtete Jakob Silberland
sich stolz auf und sagte:

Die ganz berwiegende Mehrheit wnscht die gemeinsame Behandlung beider
Punkte. Ich stelle also den Vorschlag des Vorredners zur Abstimmung,
die bisherigen Beamten zu ihren bisherigen mtern wieder zu whlen.

Jetzt wich die Schchternheit von der Versammlung. Die Beifallsrufe
bekamen einen fast animalischen Charakter. Es wurde geschrieen,
geklatscht und getrampelt.

Edgar Allan beugte sich zu Paul Seebeck und flsterte ihm zu:

Sehen Sie, wie sie bei dem Gedanken aufleben, wieder unter die Peitsche
zu kommen. Wie ein Alp hat die Vorstellung auf ihnen gelastet, da sie
frei wren.

Paul Seebeck seufzte und schwieg.

Endlich war es Jakob Silberland gelungen, mit seiner Glocke den Lrm zu
bertnen. Sein Gesicht strahlte vor Freude und Stolz.

Ich bitte diejenigen aufzustehen, die gegen den Vorschlag sind, sagte
er lchelnd. Und ebenfalls heiter lchelnd blieb die Versammlung sitzen.

Auf einen Wink von Jakob Silberland kamen Paul Seebeck, Edgar Allan,
Otto Meyer und Herr von Rochow wieder auf das Podium. Paul Seebeck
begann mit niedergeschlagenen Augen zu sprechen:

Im Namen der anderen Herren danke ich Ihnen fr Ihr Vertrauen. Die von
dem Vorsitzenden vorgeschlagene und von Ihnen angenommene
Geschftsordnung bestimmt als nchsten Punkt die Vorlegung der bis
jetzt bestehenden Gesetze samt unseren Vorschlgen. - Da wir der Lage
der Dinge nach nicht ntig haben, uns mit dem fraglichen Materiale erst
bekannt zu machen, knnen wir das jetzt gleich erledigen und brauchen
keine sptere Versammlung dazu.

Jakob Silberland reichte ihm einige Papiere. Paul Seebeck bltterte
etwas in ihnen und sah dann auf:

Ich will mir erlauben, das folgende Expos vorzulesen, das wir sieben
Grnder gemeinsam ausgearbeitet haben. Ich bitte, nderungsvorschlge
sofort vorzubringen, damit das, was unwidersprochen bleibt, als
genehmigt angesehen werden kann. Ich mchte mir vorbehalten, in einigen
Vortrgen oder in anderer Form die Gesetze vom rein-menschlichen
Standpunkte aus zu erlutern - hier mgen sie rein praktisch angesehen
werden.

Er schwieg einen Augenblick; dann hob er ein Blatt in die Hhe und las:

Die Gesetze der Gemeinschaft auf der Schildkrteninsel. - Erstens: Die
Schildkrteninsel ist ein Teil des deutschen Kolonialbesitzes. Der
jeweilige Vorsteher der Gemeinschaft auf der Schildkrteninsel ist in
seiner Eigenschaft als Reichskommissar dem Staatssekretariat der
Kolonien des Deutschen Reiches verantwortlich.

Es ist dies nur eine Formsache, erluterte er aufblickend, unter der
selbstverstndlichen Voraussetzung, da der jeweilige Reichskommissar
nichts gegen die Interessen des deutschen Reiches unternimmt, hat er ja
- vom Reiche aus - unbeschrnkte Vollmacht.

Zweitens: Nach einjhrigem Aufenthalte erhlt jeder Ansiedler und jede
Ansiedlerin ber einundzwanzig Jahre volles Brgerrecht.

Drittens: Die Versammlung aller Brger erlt alle Gesetze, besetzt
mter, bestimmt Ausgaben und Einnahmen der Gemeinschaft; sie fat alle
Beschlsse mit einfacher Stimmenmehrheit.

Viertens: Der Gemeinschaft gehren folgende Dinge, die nie Privatbesitz
werden knnen: der Grund und Boden mit Gebuden, Grten, Straenanlagen,
Wasser und Mineralien, dazu der Tierbestand der Irenenbucht. Huser und
Grten, die dem Privatgebrauche bestimmt sind, werden verpachtet, wobei
die jhrliche Pacht zehn Prozent von den Bau- und Anlagekosten betrgt.
Die Instandhaltung erfolgt auf Kosten der Gemeinschaft. Die Pacht ist
unkndbar, solange der Pchter seinen Verpflichtungen nachkommt.

Fnftens: Alle Beamten und Arbeiter der Gemeinschaft beziehen ein
jhrliches Gehalt von fnftausend Mark und werden auf mindestens ein
Jahr angestellt.

Sechstens: Schule, Krankenpflege, Alters- und
Arbeitsunfhigkeitsuntersttzung ist Sache der Gemeinschaft.

Siebentens: Jeder Brger hat das unbeschrnkbare Recht der freien
Meinungsuerung. -

Achtens -

Er hielt einen Augenblick inne und sah auf die Versammlung, die sich
ganz still verhielt. Dann legte er die Papiere auf den Tisch und sagte:

Heute mu ein Schritt von groer Bedeutung unternommen werden. Bis
jetzt sind wir alle Beamte gewesen; von heute ab ist es weder notwendig,
noch wnschenswert. Wir brauchen vorlufig nur etwa ein Drittel der
bisherigen Arbeitskrfte fr den Dienst in der Gemeinschaft; die anderen
zwei Drittel knnen sich jetzt freie Berufe ergreifen. Diejenigen, die
auf ein weiteres Jahr im Dienste der Gemeinschaft stehen wollen, knnen
sich spter bei unserem Schriftfhrer, Herrn Otto Meyer, melden.

Er sah mit leuchtenden Augen geradeaus:

Ich bin kein Freund der Phrase. Aber ich darf wohl sagen, da der
heutige Tag in der Geschichte der Menschheit unvergelich bleiben kann.
Helfen Sie mir dazu.

Und die Verhandlungen nahmen ihren Fortgang.




Am Abend desselben Tages standen die sieben Grnder auf dem Balkon von
Paul Seebecks Haus und sahen auf die Stadt hinunter. Wie leuchtende
Perlenschnre zogen sich die Reihen der Straenlaternen durch das samtne
Dunkel und zeigten hier deutlich, dort verschwommen die Silhouetten der
Huser. Und diese wiederum warfen aus ihren Fenstern einige scharfe und
harte Lichtbndel in die Nacht.

Unsere Grndung, sagte Herr von Rochow und bewegte wie segnend die
Arme, unser groes Kind, das wir geboren haben, und das so traut und
doch wieder so fremd dort unter uns liegt. Ein eigener, lebendiger
Krper.

Und was sind wir in diesem Krper? fragte Paul Seebeck, die Arme ber
der Brust verschrnkt haltend.

Doch wohl das Gehirn, sagte Nechlidow ruhig.

Und eben so fremd dem Krper, wie das Gehirn dem menschlichen Krper,
der seine eigenen Wege geht, ohne sich um sein Gehirn zu kmmern, fgte
Edgar Allan hinzu.

Melchior griff sich mit der Linken an die Stirn.

Der Krper lebt nach eigenen Gesetzen, kmmert sich nicht um das
Gehirn, und die Menschheit ein Krper, ein lebendiger Krper, mit
eigener Seele, murmelte er. Da liegt es ja! schrie er auf.

Otto Meyer schlug ihn begtigend auf die Schulter:

Nehmen Sie die Sache nur mit Ruhe. Sie brauchen die Weltrtsel noch
nicht heute abend zu lsen. Lassen Sie sich noch einige Tage Zeit. Die
brige Menschheit hat ja einige Tausend Jahre ber sie nachgedacht, ohne
sie zu lsen.

Melchior sah dem Sptter ins Gesicht. Am ganzen Leibe vor Erregung
zitternd, sagte er:

Nicht die Weltrtsel; aber das Problem des Menschen. Ich sehe jetzt, wo
es liegt, sehe es klarer und klarer.




Gabriele, jetzt brauche ich Sie. Helfen Sie mir, die Menschen zur
Freiheit zu erziehen. Sie wollen das Bewutsein der Freiheit haben, aber
wagen nicht, sie zu gebrauchen.

Ich glaubte, die Elite der Menschen hier zu versammeln; ich sah die
starken, freien Gesichter, die khnen, rcksichtslosen Augen - und setzt
man sie zusammen, wrmen sie sich wie eine Herde Schafe aneinander.

Und wir sieben stehen drauen, unverstanden und unverstehend.

Kommen Sie, die Mutter, kommen Sie und seien Sie ein Bindeglied zwischen
uns und jenen, zwischen unserem Werke und unseren Gedanken.

    Seebeck.




Trotz des Regens war Paul Seebeck in seinem Motorboote zur Prinzessin
Irene hinausgefahren, um Frau von Zeuthen noch am Deck zu begren.

Im Rauchsalon des Dampfers erwartete sie ihn mit ihren Kindern. Alle
drei waren schon im Mantel.

Als sie sich begrt und eine halbe Stunde zusammen geplaudert hatten,
sagte Frau von Zeuthen:

Ich habe Ihnen wieder einen Menschen mitgebracht. Seien Sie lieb zu
ihm, dann wird er wertvoll fr Sie und Ihr Werk sein. - Felix, bitte
Herrn de la Rouvire herzukommen.

Felix sprang hinaus. Paul Seebeck erhob sich und blieb erwartungsvoll
stehen. Unwillkrlich zuckte er aber zusammen, als er Herrn de la
Rouvire sah, denn dieser war ein Krppel. Er war nicht grer wie ein
achtjhriger Knabe und hatte auch das Gesicht eines solchen. Seine Beine
waren dick und kurz, seine Arme und die schwarzbehaarten Hnde aber wohl
noch grer, als die eines erwachsenen Mannes. Er blieb bescheiden im
Trrahmen stehen.

Frau von Zeuthen sagte:

Seine Vorfahren hat der Pbel aus Frankreich vertrieben, und derselbe
Pbel machte dem Urenkel das Leben in Deutschland unmglich. Nur hat er
sich andere Waffen gewhlt, die aber nicht weniger verletzen. Bei Ihnen
sucht er eine Heimat, Seebeck!

Seebeck trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand, die der Krppel fast
schmerzhaft fest drckte:

Seien Sie hier willkommen, sagte er herzlich und sah ihm gerade ins
Gesicht. Aber sein Lcheln erstarrte, als er in de la Rouvires Augen
blickte. Sie schienen ihm pltzlich einen fast tierischen Ausdruck von
Hunger zu bekommen. Aber im nchsten Augenblicke war dieser Ausdruck
verschwunden, und der Krppel stand wieder so bescheiden wie vorher da.

Im Augenblick vermochte Paul Seebeck nicht mehr mit ihm zu sprechen; er
wandte sich daher an Frau von Zeuthen, die zusammen mit ihren Kindern
etwas in den Hintergrund getreten war, und sagte:

Darf ich Ihnen ein Amt anbieten, Gabriele? Ich kann doch wohl
voraussetzen, da Sie sich auch in uerem Sinne ntzlich machen
wollen?

Frau von Zeuthen trat lchelnd heran:

Ich habe noch nie in meinem Leben ein Amt verwaltet. Vielleicht kann
ich es hier. Wozu wollen Sie mich denn machen?

Zur Archivarin, sagte Paul Seebeck. Bis jetzt hat die Sekretrin, die
ich mir habe geben lassen, auch das Archiv verwaltet. Aber die Arbeit
wird ihr zu viel, und auerdem pat sie nicht recht dazu.

Gabriele dachte einen Augenblick nach; dann sagte sie:

Ich danke Ihnen und freue mich auf diese Arbeit. Ich kann jetzt nur
unklar sehen, worin sie besteht, und die Dame wird mich erst in die
Einzelheiten einfhren mssen. Ich stelle es mir schn vor, im stillen
Zimmer zu sitzen und das unbegreiflich groe und bunte Leben durch die
festen Formen zu ahnen, in denen es sich grob und kalt niedergeschlagen
hat.

Paul Seebeck nickte ihr zu. Dann wandte er sich an Herrn de la Rouvire:

Und wie denken Sie sich Ihre Zukunft hier? Wnschen Sie einen freien
Beruf zu ergreifen, oder denken Sie an ein Amt?

Darf ich meine Zukunft nicht in Ihre Hnde legen, Herr Seebeck?
antwortete der Krppel und sah ihn treu und gut an.

Wenn Sie mir soviel Vertrauen schenken wollen, erwiderte Paul Seebeck
und sah ihm gerade ins Gesicht.

Aber was soll ich machen, Paul? sagte Hedwig und ergriff
einschmeichelnd seine Hand.

Du? Ich glaube, wir werden dich als Kindergrtnerin brauchen knnen;
unser Erziehungswesen liegt berhaupt recht im argen und mu erst
grndlich organisiert werden, fgte er, zu Frau von Zeuthen gewandt,
erluternd hinzu. Dann sah er sich nach Felix um; aber dieser sagte
nichts, starrte ihn aber mit seinen groen, glnzenden Augen unverwandt
an.

Frau von Zeuthen brach das sekundenlange Schweigen:

Wie steht's aber um die Dienstboten?

Dafr haben wir gesorgt; die jungen Leute zwischen sechzehn und
einundzwanzig sind verpflichtet, sich irgendwie ntzlich zu machen.
Unsere jungen Damen sind Dienstmdchen, Krankenpflegerinnen oder
Kinderfruleins, die Jungen sind Laufburschen oder Hilfsarbeiter. Dafr
bekommen sie etwas Taschengeld. Sie sehen, wir haben auch unsere
allgemeine Wehrpflicht. Dispens wird nur erteilt, wenn Lust und Begabung
zu selbstndiger Ttigkeit vorliegt.

Und was machen Sie mit Ihren Verbrechern, Seebeck? fragte Frau von
Zeuthen wieder.

Verbrechen sind noch nicht vorgekommen und werden wohl auch nie
vorkommen. Einige geringfgige bertretungen haben wir mit Geldstrafen
belegt. - Dagegen haben wir brgerliche Rechtsstreitigkeiten, wie Otto
Meyer sich ausdrckt, in berraschend groer Anzahl, und da standen wir
vor einer Schwierigkeit. Es war eine starke Stimmung vorhanden, ein
Gesetzbuch auszuarbeiten, oder wenigstens einen unserer Juristen als
Richter einzusetzen. Ich wollte natrlich nicht ein starres, eiskaltes
Gesetzbuch in unser flutendes Leben werfen, und ebensowenig einen
unserer, in ihrem Fach trotz allem verkncherten Juristen anstellen.
Schlielich setzte ich durch, da die Monatsversammlungen alle
Streitigkeiten durch Beschlu entscheiden.

Frau von Zeuthen nickte und schwieg. Dann fragte sie:

Wo sollen wir eigentlich wohnen?

Oh, dafr habe ich gesorgt, antwortete Paul Seebeck schnell. Ich habe
Ihnen ein fnfzimmriges Haus reservieren lassen; wenn es Ihnen nicht
gefllt, baue ich Ihnen ein anderes. Ich erlaubte mir, die
ordnungsgeme Reihe etwas zu durchbrechen, fgte er lchelnd hinzu.

Frau von Zeuthen drohte scherzend mit dem Finger:

Ihr Prinzip haben Sie durchbrochen? Diese Schandtat htte ich Ihnen
nicht zugetraut.

Durfte ich Ihretwegen nicht eine Ausnahme machen? gab Paul Seebeck
zurck.

Aber was werden die andern dazu sagen?

Die andern? Ach Gott, Gabriele, die Verwaltung bringt es mit sich, da
wir so viele Dinge selbstndig machen mssen - nachtrglich wird dann
alles gut geheien.

Aber doch nicht, wenn Sie die grundlegenden Prinzipien verletzen.

Doch nur den Buchstaben, nicht den Sinn. - Ich scheue mich nicht ein
Prinzip zu verletzen, wenn ich mir dadurch endlose Umwege spare und auf
krzerem Wege gerade das Ziel, den Sinn jenes Prinzips erflle.

Aber betreten Sie damit nicht einen gefhrlichen Boden? Wre es nicht
vielleicht doch besser, jene Umwege zu machen?

Nicht so lange ich so genau wei, was ich will, und so klar mein Ziel
vor Augen sehe. - Und hier liegt die Sache ja so klar: Ihre Mitarbeit
ist fr uns alle so ungeheuer wichtig, da es meine Pflicht ist, Ihnen
so schnell wie mglich volle Arbeitsmglichkeit zu schaffen. Ob Fischer
Petersen einige Wochen lnger in der Baracke leben mu, erscheint mir,
dagegen gehalten, als von geringerer Bedeutung.

Wenn aber Fischer Petersen sein Recht verlangt?

Wenn er es doch tte, Gabriele! Helfen Sie mir, ihn dazu zu erziehen!
Und auch Sie, Herr de la Rouvire, mssen mir dazu helfen.




Frulein Erhardt, meldete das Dienstmdchen, und Frau von Zeuthen
erhob sich vom Divan, auf dem sie in halb liegender Stellung ein Buch
gelesen hatte.

Ein dunkellockiges Mdchen mit schwarzen, trumerischen Augen trat ein.
Sie trug ein loses Reformkleid, das den Hals frei lie. Unter dem Arme
hatte sie eine schwarze dicke Aktenmappe, die einen ungrazisen
Widerspruch zu der lieblichen Erscheinung des Mdchens darstellte.

Gndige Frau, sagte sie und sank halb in die Knie.

Frau von Zeuthen war auf sie zugetreten, hatte sie bei der Hand
ergriffen und fragte erstaunt:

Sind Sie wirklich Herrn Seebecks Privatsekretrin?

Gewi߫, antwortete Frulein Erhardt. Schon seit drei Monaten.

Frau von Zeuthen nahm ihr die Aktenmappe ab und legte diese auf einen
Tisch. Dann bat sie Frulein Erhardt, im tiefen Ledersessel Platz zu
nehmen, setzte sich selbst auf den Divan und lehnte sich halb zurck.

Erzhlen Sie, sagte sie dann.

Ich habe nicht viel zu erzhlen, gndige Frau, sagte Frulein Erhardt.
Wie manche andere kam ich mit vielen unklaren Erwartungen und
Hoffnungen hierher. In den ersten Tagen fhlte ich mich recht
unglcklich hier in all der Geschftigkeit und wute gar nicht, was ich
selbst beginnen sollte. Da verlangte Herr Seebeck von der Gemeinschaft
eine Privatsekretrin - die anderen Herren hatten schon lngst
irgendwelche Hilfe bekommen - und ich meldete mich zu der Stellung. Das
ist alles, gndige Frau, sagte sie und strich ihr Kleid glatt.

Und wie war es in Ihrer Stellung? fragte Frau von Zeuthen.

ber Frulein Erhardts bleiches Gesicht glitt etwas Farbe. Sie sagte
lebhaft:

Es ist wunderschn, mit Herrn Seebeck zusammenzuarbeiten. Nur verlangt
er von den anderen Menschen ebensoviel wie von sich selbst. Und so viel
Wissen und Arbeitskraft hat doch kein anderer Mensch.

Die Tr wurde aufgerissen, und na und zerzaust strmte Felix herein.

Weit du Mutter, was Paul Herrn de la Rouvire vorgeschlagen hat? Er
soll hier eine Zeitung grnden und auerdem die Protokolle der
Versammlungen fhren.

Schn, schn mein Junge, sagte sie aufstehend. Erst jetzt gewahrte
Felix Frulein Erhardt, die gleichfalls aufgestanden und etwas
zurckgetreten war. Er wurde glhend rot im Gesicht.

Frau von Zeuthen legte ihm den Arm um die Schulter und fhrte ihn
Frulein Erhardt zu.

Mein Sohn Felix, sagte sie.

Felix verbeugte sich ungeschickt und reichte Frulein Erhardt die Hand,
die jene einen Augenblick lang festhielt.

Entschuldigen Sie, ich hatte Sie nicht gesehen, sagte er.

Frulein Erhardt schttelte langsam den Kopf:

Das tut nichts, sagte sie und sah Felix mit ihren groen, schwarzen
Augen an.

Frau von Zeuthen sah die Beiden aufmerksam an; dann wandte sie sich dem
Tisch zu, auf den sie die Aktenmappe gelegt hatte, und sagte:

Willst du etwas bei uns bleiben, mein Junge? Frulein Erhardt und ich
haben allerlei zu besprechen, was dich wohl auch interessiert. Sie will
mich in meinen neuen Beruf als Reichsarchivarin einfhren.

Bleiben Sie doch, Herr von Zeuthen, sagte Frulein Erhardt bittend,
und Felix setzte sich bescheiden in eine Ecke.

Frulein Erhardt aber ffnete die Aktenmappe und erklrte Frau von
Zeuthen, wie sie das Archiv bisher verwaltet hatte.




In der nchsten Sitzung der Vorsteherschaft brachte Paul Seebeck auch
die Schulfrage zur Sprache und legte einen Schulplan vor, den er
gemeinsam mit Frau von Zeuthen ausgearbeitet hatte. Die anderen fanden
nur wenig daran auszusetzen, und bald hatte der Plan die Form gefunden,
in der er der Gemeinschaft vorgelegt werden sollte. Als die Arbeit
beendet war, bat Paul Seebeck die anderen Herren, bei ihm zum Abendessen
zu bleiben und teilte gleichzeitig mit, da er auch Frau von Zeuthen,
Nechlidow und Melchior eingeladen htte.

Bei Tisch fragte Frau von Zeuthen nach dem Schicksale des Entwurfs, und
Paul Seebeck machte sie mit den geringfgigen nderungen bekannt.

Es ist doch fast eine Vergewaltigung, sagte Edgar Allan pltzlich,
da man so einem armen Wurme tausend Dinge beibringt, auf die es von
selbst nie verfallen wre - lauter fertige, geprgte Begriffe, ein
fertiges Weltbild, eine fertige Sprache. Nichts darf sich das Kind
selber bilden, mu alles das glubig hinnehmen, was die frheren
Generationen ihm vorgekaut haben.

Na, wissen Sie was, sagte Otto Meyer. Wollen Sie die Kinder gleich
nach der Geburt in die Wste schicken, um sich Sprache und Bildung ganz
aus eigener Kraft zu bauen? Ich glaube, Sie wrden zu Ihrer berraschung
einige entzckende Orang-Utans vorfinden.

Aber Edgar Allan hatte sich in seinem Gedanken festgebissen und lie
sich nicht beirren. Sein Mund verzog sich nur ein wenig spttisch, als
er Melchiors heies Gesicht sah. Er wandte sich Otto Meyer zu und sagte
ungewhnlich lebhaft:

Doch nicht, Herr Referendar. Die Kinder wrden doch eine gewisse
Disposition im Gehirn von ihren kultivierten Eltern mitbekommen haben,
die sie eben doch auf eine etwas hhere Stufe als den Orang-Utan stellen
wrde.

Aha! sagte Otto Meyer. Da setzen Sie aber die kultivierten Eltern
voraus. Seien Sie jetzt aber etwas radikaler in Ihren Gedanken und
setzen Sie den Fall, da alle Kinder von Weltbeginn an in die Wste
geschickt worden wren. Dann htten sie keine kultivierten Eltern,
mithin htten die Kinder eben auch nicht jene Kultur-Disposition im
Gehirn, wren also doch reine Orang-Utans.

Edgar Allan lehnte sich in seinem Stuhle zurck und legte Messer und
Gabel hin.

Sie wollen mich aufs Glatteis fhren, Herr Referendar, und sprechen
dabei nur meinen Gedanken aus.

Jetzt hielten alle mit dem Essen ein. Ganz leise klirrte es, als die
Egerte auf die Teller und Messerbnke gelegt wurden. Edgar Allan sah
sich im Kreise um und sagte lchelnd:

Ich wei wirklich nicht, ob mein Gedanke eine so ungeteilte
Aufmerksamkeit verdient. Er ist nicht viel mehr als ein logisches
Experiment, doch scheint er mir wert zu sein, zu Ende gedacht zu werden.
- Sehen Sie, meine Herren, und Sie, gndige Frau, die so liebenswrdig
sind, zuzuhren. Ich meine folgendes: eine gewisse Disposition zur
Weiterentwicklung mu schon im Menschenaffen gelegen haben, der unser
aller Stammvater ist, und zwar schon lange vor der Sprache, mithin vor
Logik, geformten Begriffen und Mglichkeit einer Fortentwicklung anders
als durch die Vererbung jener Kulturdisposition. Die Entwicklung ging
ungeheuer langsam, aber sie schritt fort. Da kommt mit der Sprache ein
ganz neues Element herein, ein vllig unnatrliches: die Erfahrungen
werden nicht nur durch Vererbung jener Kulturdisposition den folgenden
Geschlechtern berliefert, sondern in rein abstrakter Form, sie werden
gesagt, und das Kind lernt sie als etwas zunchst Fremdes, ihm
unnatrlich Hohes. Und so geht das weiter. Mit Hilfe der Sprache
bekommen die Begriffe ein eigenes Leben, eine selbstttige Existenz, und
immer grer wird die Kluft zwischen dem natrlichen Menschen, der ja
auch immer mit einer, eine Nuance hheren, Kulturdisposition geboren
wird, und dem, zu dem die Sprache mit allen ihren Anhngseln uns macht.
Wenn wir unseren Kindern weder Sprache noch sonst etwas mitgeben wrden,
als nur unsere Kulturdisposition, wrden sie kurz gesagt harmonische und
glckliche Menschen sein und nicht jenen Zwist zwischen dem eigenen und
dem angelernten Ich in sich tragen, der uns alle verzehrt. - Nach einer
kurzen Pause fuhr er fort: Stellen Sie sich einen Eskimo vor, den man
aus Grnland nach Berlin gebracht hat, und der sich dort im Laufe
einiger Monate akklimatisiert hat. Er trgt unsere Kleidung, benimmt
sich korrekt, aber trotz alles angelernten Anstandes, den das Milieu ihm
aufdrngt, in dem er sich gezwungenermaen befindet, gehen seine
Gedanken und Triebe ganz andere, viel primitivere, brutalere Wege. Er
spielt dauernd Theater. Statt der rauhen Prosa, die ihm natrlich wre,
mu er unausgesetzt hohe Verse sprechen und diese mit einstudierten
Gesten und Mienen begleiten. Der gute Mann hat im Laufe einiger Monate
oder Jahre eine Entwicklung, die naturgem Tausende von Jahren
gebraucht htte, berspringen mssen, und seine ganze Existenz wird zu
einer einzigen Lge. Seien wir einmal ehrlich: ist das nicht ganz genau
unsere Lage? - Ich berlasse Ihnen, die Parallele zwischen der
Eingewhnung des Eskimos in unsere Kultur und unserer Erziehung zu
ziehen.

Minutenlanges Schweigen folgte. Dann ergriff Herr von Rochow das Wort:

Ich finde Ihren Gedanken wundervoll und unwiderleglich. Und doch, sehe
ich die Sache von einer anderen Seite an, komme ich zu einem ganz
anderen Resultat. Wenn ich mir nmlich einfach den jetzigen Menschen und
seine Sprache vorstelle, wrde ich sagen, da Sprache und Begriffe nicht
mit ihm Schritt gehalten haben, sondern zurckgeblieben sind und
tatschlich nicht das auszudrcken vermgen, was wir denken und fhlen.
Und doch finde ich Ihre Gedanken unwiderleglich.

Er schwieg; Edgar Allan sah sich im Kreise um, als erwartete er weitere
Meinungsuerungen. Sein Blick blieb an Melchior haften, der ihn mit
aufgerissenen Augen und offenem Munde anstarrte.

Jakob Silberland rusperte sich und sagte:

Wie sonderbar. Vor einigen Jahren, als wir sieben noch ganz allein hier
auf der Insel waren, fhrten wir ein Gesprch ber Staatsformen im
Verhltnis zum Menschen. Und auch dort stieen wir auf denselben
Widerspruch, da sie sowohl als fortgeschritten, wie auch als
zurckgeblieben in bezug auf den Menschen angesehen werden knnten.

Seltsam, da derselbe Widerspruch heute in ganz anderem Zusammenhange
wieder auftaucht. Ach, ich entsinne mich deutlich jenes Gesprches,
sagte Herr von Rochow.

Na, das Problem ist doch ganz dasselbe, sagte Otto Meyer. Formen, die
die Menschen im Zusammenspiele schaffen, in ihrem Verhltnisse zum
einzelnen Menschen. Apropos Problem, Herr Melchior, haben Sie es
gelst?

Aber Melchior hrte ihn nicht.

Edgar Allan ergriff wieder das Wort: Ich finde etwas Niederdrckendes
darin, da die Arbeit des Einzelnen durch diese geistigen Verkehrsmittel
zum Allgemeingut werden. Jeder Idiot schmarotzt an uns, saugt unsere
Gedanken aus, verwssert sie bis zur Karrikatur - siehe die christliche
Kirche im Verhltnis zu ihrem Grnder - und ist dann stolz auf seine
Eigenschaft als Kulturmensch. Ich sehe darin eine Ungerechtigkeit.

Nein, sagte Jakob Silberland, Sie irren. Sie gehen von einer lngst
abgetanen Weltanschauung aus. Sie vergessen den springenden Punkt: es
gbe keinen groen Menschen, wenn es nicht ein Milieu gegeben htte,
das ihn zeugte. Die groen Menschen schulden ihre Existenz der Masse,
und diese wiederum ihnen. Das ist ein ewiges Wechsel- und Zusammenspiel;
eine natrliche Funktion des groen Organismus Menschheit.

Sie haben viel gelernt, verehrter Herr Doktor Silberland, sagte Edgar
Allan mit leichtem Spotte. Auer den Begriffsbrillen, die die gtige
Menschheit so liebenswrdig ist, uns in den ersten Jahren unserer
Kindheit auf unsere Nase zu setzen, haben Sie auch noch einige grne und
blaue und seltsam gestrichelte aus eigener Initiative aufgesetzt. Ich
beneide Sie um Ihr geordnetes Weltbild, bezweifle aber doch, da es sich
mit der Wirklichkeit deckt. Wenn ich von dem mir Eingeprgten absehe,
wenn ich unbefangen auf die Wirklichkeit sehe - etwas, wozu Sie als
gebildeter Mensch berhaupt nicht mehr imstande sind - sehe ich statt
unserer fiktiven Ordnung in der Welt nur ein ungeheures, rtselhaftes
Chaos.

Alle unsere Moralbegriffe, Staatsformen, Sprache, Gedanken sind doch nur
ganz schwache, ganz schiefe Reflexe der inneren Entwicklungsgesetze der
Menschheit, die wir nicht kennen und nie kennen werden. Denn diese
kindlichen Abstraktionen haben nicht nur ein eigenes Leben bekommen und
entfernen sich demnach mehr und mehr von den Realitten, sie werden
auch als primr angesehen, und man soll sich nach ihnen richten. Das ist
nicht das Problem der Menschheit, aber der Wahnsinn der Menschheit. Und
jeder Einzelne von uns hat keine andere Aufgabe, als soviel wie mglich
das Gelernte zu vergessen und in die Tiefen des eigenen Ichs
herabzusteigen, zu seinem eigenen Wesen, und sich dort ber seine
Stellung im Chaos zu orientieren. Auf irgend einem, noch so kleinen
Gebiete wird er sich Meister wissen, dort seine Arbeit ausfhren und die
brige Menschheit ihrem Schicksal berlassen. Wenn jeder so dchte,
kmen wir vielleicht wieder in eine gesunde Entwicklung hinein. Wenn wir
auf das forzierte Tempo verzichten, was die Menschheit bis jetzt
angewendet hat, und uns einige millionenmal langsamer entwickeln, wird
vielleicht noch einmal etwas aus den Menschen statt der Schattenwesen,
die wir jetzt darstellen. Was meinen Sie, Seebeck?

Ich finde den Gedankengang sehr interessant. Auch sehr wertvoll. Es
ergeben sich aus ihm aber so viele Perspektiven, da man Zeit braucht,
um zu ihm Stellung zu nehmen. So im Augenblicke kann ich es nicht. Ich
werde darber nachdenken.

Jetzt sprang Nechlidow mit einer solchen Heftigkeit auf, da der Stuhl
umfiel, auf dem er gesessen hatte. Er schrie:

Es wird ja immer toller; jetzt ist es aber wirklich genug. Ich
wenigstens habe keine Lust mehr, lnger an der Komdie mitzuspielen. Wir
kamen hierher, um die groen Menschheitsgedanken zu verwirklichen, die
groe, ruhige Linie auszufllen. Und was geschieht? Hier ein
Kompromichen und dort ein Kompromichen; berall Halbheiten, nichts
Ganzes. Alles Wankelmtigkeit und Wunsch nach dem behaglichen, ruhigen
Fahrwasser, nur um Gotteswillen keinen energischen Schritt. Was ist aus
den Idealen geworden, mit denen wir hierherzogen? Phrasen, Worte,
Andeutungen, keine Tat, keine Wirklichkeit.

Und heute kommt die Krone des Ganzen. Hier im Kreise der Grnder stellt
Herr Allan seine logischen Experimente an, die weiter nichts sind, als
eine Beschimpfung der menschlichen Vernunft, eine Erniedrigung der
Soziett. Wenn Herr Allan den dummen Orang-Utan wirklich so viel hher
stellt, als den vernnftigen Menschen, mag er zu den Orang-Utans gehen.
Aber statt ihn zurechtzuweisen, hren Sie sein kindisches und frivoles
Geschwtz ernsthaft an, antworten ihm sogar, wollen sich die Sache sogar
noch genauer berlegen.

Ich aber glaube an die menschliche Vernunft, die vielleicht sogar einmal
in Allans Nachkommen die Sehnsucht zum Affen ertten und volle Menschen
aus ihnen machen wird.

Euch gebe ich auf; aber noch nicht die Sache, mit der ihr nur noch
spielt. Ich werde versuchen, ob ich sie noch aus dem Schlamme retten
kann, in dem ihr sie festgefahren habt.

Er verlie das Zimmer und schlug die Tr mit Gewalt hinter sich zu.




Edgar Allan und Felix waren am Ende der Strae an der linken Seite der
Bucht angelangt. Vor ihnen lag die ziemlich steile Felswand, wo es nur
an einigen, und ziemlich weit von einander abliegenden Pltzen mglich
war, Huser zu bauen.

Beide trugen, des strmenden Regens wegen, dicke Gummimntel und hohe
Stiefel.

Sehen Sie, Felix, sagte Edgar Allan stehen bleibend und wandte sein
scharfes Gesicht dem Knaben zu. Hier ist der gebahnte Weg zu Ende, und
die Steine fangen an. Hinter uns liegt die behagliche Wrme der Masse.
Die hagere, sehnige Gestalt hoch aufrichtend, sagte er, ich bin der
Erste, der hier hinaus zieht, aber glauben Sie mir, die andern sechs
werden mir hierher folgen. Auch Nechlidow, obgleich er mich ermorden
knnte, wenn ich es ihm jetzt sagte.

Felix sah dem starken und einsamen Manne halb bewundernd und halb
zweifelnd ins Gesicht. Er antwortete nichts.

Dann stiegen sie weiter, ber die Felsblcke und durch die schumenden
Regenbche, und suchten einen Platz fr Allans neues Haus.




In diesem Jahre war die Regenzeit heftiger als je vorher und machte
fast jede Beschftigung auer dem Hause unmglich. Es war ein Glck, da
Edgar Allan bei der Stadtanlage so genau alle Eventualitten berechnet
hatte; sonst wre wohl manches der kleinen Grtchen fortgeschwemmt
worden.

Paul Seebeck benutzte die Zeit der allgemeinen Unttigkeit zur
Durchfhrung eines Planes, den er schon lange gehegt hatte.
Allwchentlich fanden jetzt im Volkshause Vortrge statt, die dann in
der nchsten Nummer der von Herrn de la Rouvire mit Geschick geleiteten
Inselzeitung gedruckt wurden.

Paul Seebeck selbst hatte den ersten Vortrag gehalten; ihm folgte Jakob
Silberland mit einem ganzen Zyklus volkswirtschaftlicher Vortrge, und
nach ihm behandelte Herr von Rochow verschiedene schngeistige Gebiete.

Die Inselzeitung erwies sich nicht nur als notwendig, sondern auch als
Machtfaktor: der Krppel hatte der ffentlichen Kritik einen breiten
Raum geschaffen, und mancher sprach lieber hier unter dem Schutze des
Redaktionsgeheimnisses seine Meinung aus, als in den Versammlungen der
Gemeinschaft. Herr de la Rouvire versah die Eingesandts mit
zustimmenden oder abflligen Glossen, und deshalb galt es, sich mit ihm
gut zu stellen, wenn man einen Erfolg wnschte. Und Herr de la Rouvire
empfing die Besucher an seinem Schreibtische, der so niedrige Beine wie
der eines Knaben hatte, und besprach stundenlang mit dem Besucher dessen
Anliegen, so da jener mit der Gewiheit davon ging, da seine Sache in
guten Hnden lag.

Gelegentlich suchte Herr de la Rouvire Frau von Zeuthen auf, und dort
traf er zuweilen um die Teestunde Paul Seebeck, der einige freundliche
Fragen an ihn richtete, die er bescheiden beantwortete, worauf er
gewhnlich bald fortging.

Als Frau von Zeuthen und Paul Seebeck so eines Tages allein geblieben
waren, sagte sie:

Ist es nicht eine Freude, zu sehen, wie er sich hier entwickelt. Da
haben Sie wieder einem Menschen freie Entfaltungsmglichkeit gegeben,
einen Nhrboden, wo er Wurzeln schlagen kann.

Paul Seebeck antwortete nicht; Frau von Zeuthen sah ihn mit ihren
groen, strahlenden Augen an und sagte:

Sie stehen so sehr im Tagesbetriebe, mssen sich zu sehr mit
widerwrtigen Kleinigkeiten herumschlagen. Htten Sie etwas mehr Distanz
- was Sie der Natur der Sache nach im Augenblicke nicht haben knnen -
wrden Sie sehen, wieviel Sie schon erreicht haben. Selbst in Nechlidows
berspanntheit liegt so viel Gre, die geweckt zu haben Ihr Verdienst
ist.

Paul Seebeck war aufgestanden und ging nervs im Zimmer auf und ab. Dann
blieb er vor Frau von Zeuthen stehen:

Es gibt Augenblicke, sagte er, wo ich meine, da Nechlidow recht hat.
Wenn ich aber dann an meinem Schreibtische sitze, meine Papiere
heraussuche und mich frage, was ich denn htte anders machen sollen,
dann finde ich nichts. Es gibt so viele Gegenstnde bei der Verwaltung
eines Staates, die einfach in einer ganz bestimmten Weise und nicht
anders erledigt werden mssen, ganz gleichgiltig, ob man konservativ
oder liberal oder sonst etwas ist. Vom grnen Tische sehen manche Dinge
eben ganz anders aus, als in der Praxis, und besonders fr den, der die
Verantwortung trgt.

Ich verstehe jetzt so gut eine Erscheinung, die mich frher so oft
erstaunt hat: wenn in einem parlamentarisch regierten Lande die
bisherige Oppositionspartei ans Ruder kommt und ihre bisherigen Fhrer
Minister werden, erfolgt fast immer ein Bruch zwischen ihnen und ihrer
eigenen Partei, die ihnen den Verrat an den Parteiprinzipien vorwirft.
Die Sache liegt natrlich einfach so, da unzhlige Dinge - namentlich
in der Verwaltung - mit Prinzipien gar nichts zu tun haben und ihrer
Natur nach erledigt werden mssen. - Ich habe mir schon frher das
gedacht, aber jetzt begreife ich es erst wirklich.

Hier kann man natrlich keine Grenze ziehen; es ist aber doch ein
Unterschied, ob man berhaupt ein Ziel vor Augen hat, oder, auf ein paar
bequeme Schlagwrter gesttzt, alles ruhig fortwursteln lt. In dieser
Beziehung habe ich ein reines Gewissen.

Paul Seebeck blieb stehn; er bi sich auf die Lippen und sagte:

Wissen Sie, Gabriele, was ich mir selbst in jenen einsamen Stunden
sage, wo man ehrlich gegen sich selbst ist? Ich will es Ihnen bekennen:
wir schaffen hier nicht die realen Werte, die wir schaffen wollten, und
unser ganzes Werk war vom ersten Augenblick an eine Unmglichkeit. Das
unendliche Leben lt sich berhaupt nur in einem Sinne formen, und das
ist in der Kunst, die immer einseitig und beschrnkt und deshalb
vollkommen ist. Silberland hat mich einmal einen Knstler genannt, und
ich fhle, da er recht hat, obwohl ich weder dichte noch male. Aber wie
jeder schaffende Knstler hatte ich ein starres, unvollkommenes
Material, in das ich den rauschenden Strom des Lebens zwngen wollte.
Das waren die staatlichen Begriffe. - Wie hat doch Edgar Allan recht,
und wie Nechlidow! - Aber statt zu sagen: als Knstler gebe ich eine
ganz einseitige Stilisierung des Lebens, aber ich forme nimmermehr das
Leben selbst, sagte ich: hier ist das Leben in seinen natrlichen
Formen. Ich habe die unendliche Mannigfaltigkeit des Lebens unterschtzt
und sehe, da es an sich weder begreiflich noch fabar ist, wenn man es
eben nicht als Knstler einseitig stilisiert, und es in seinem Reichtum
vorbeifluten lt.

Und sehen Sie, Gabriele, dann sage ich mir: wir schufen hier nicht den
Staat, und er wird nie geschaffen werden, wenn er sich nicht selbst
aufbaut, wir schufen nur eine Fiktion des Staates, lassen die andern ein
Theaterstck auffhren, dessen Autoren und Regisseure wir sind. Aber sie
spielen nur so lange Theater, wie sie in unserem Bannkreise sind, nicht
eine Minute lnger! Dann gehen sie nach Hause und fhren ein Leben, von
dem wir nichts wissen, und das uns auch nicht interessiert.

Aber dann, Gabriele, dann sehe ich Menschen wie Silberland, die ohne zu
zweifeln, arbeiten und an die Vollendung glauben. Und dann glaube ich
auch selbst wieder daran, da aus der Komdie Wahrheit werde.

Er setzte sich in den tiefen Ledersessel, sttzte das Kinn in die Hand
und sah vor sich in den Raum. Frau von Zeuthen stand auf, trat vor ihn
hin und legte ihre beiden Hnde ihm auf die Schultern:

Seebeck, ich gab Ihnen meinen Segen zu diesem Werke; ich gebe ihn Ihnen
noch einmal zu seiner Vollendung.

Er sank vor ihr nieder und umschlang mit solcher Heftigkeit ihre Knie,
da die hohe Frau schwankte. Da fate er ihre Hnde und drckte sie an
sein Gesicht:

Gabriele, sagte er, ich bin so einsam, so frchterlich einsam. Und
die Nchte sind so lang. Wenn alle die qulenden Gedanken kommen, dann
sehne ich mich nach Ihnen, Gabriele, nach dir, du Hohe, Reine. Komm zu
mir mit deinen khlen, weien Hnden. Ich bin so frchterlich allein.

Sie hob ihn auf und zog ihn an sich. Er lehnte seinen Kopf an ihre Brust
und schluchzte.

Langsam fhrte sie ihn zum Divan. Aber da sank Seebeck aufs neue vor ihr
hin und barg sein Gesicht in ihren Scho. Der groe, starke Mann bebte
am ganzen Krper, sie strich ihm lind ber das Haar.

Mut, Mut! flsterte sie ihm zu. Ich kann nicht zu dir kommen; jetzt
kann ich nicht zu dir kommen. Du wrdest dein Werk vergessen und das
darfst du nicht. Diese Insel ist der Inhalt deines Lebens; ihr mut du
leben, wenn es ntig ist, mut - wirst du fr sie zu sterben verstehen.
Ihretwegen mut du das Opfer deines Menschentums bringen. Sie beugte
sich tief zu ihm hinab und legte ihre khle Wange an seine heie:

Glaubst du denn nicht, in wieviel schweren Nchten ich mich nach dir
gesehnt habe, du starker, du guter Mann. Aber ich wei, da ich dich
deinem Werke entziehen wrde, statt es zu frdern. Und das darf nicht
sein. Was ist das Liebesglck zweier armseliger Menschlein im Vergleich
mit deinem Werke! Sei stark, sagte sie, whrend sie sich wieder
aufrichtete, dazu will ich dir helfen. Aber deine Einsamkeit ist dein
grtes Gut, sie gebar die neue Gemeinschaft, sie wird sie zur Hhe
erziehen. Aber du darfst kein armer, schwacher Mensch werden: mehr wie
ein Mensch mut du sein.

Da erhob Paul Seebeck den Kopf aus Frau von Zeuthens Scho. Seine Augen
wurden gro und starr. Langsam und schwer sprach er die Worte:

Und ich schwre Ihnen, Gabriele, von dieser Stunde an nur meinem Werke
zu leben, und wenn es ntig ist, dafr zu sterben.

Er stand schnell auf und trat ans Fenster. Durch den strmenden Regen
blinkten einige Lichter, einige erleuchtete Fenster. Langsam drehte er
sich herum und sah erst jetzt, da das Zimmer fast dunkel war. Nur im
Umri sah er Frau von Zeuthen auf dem Divan sitzen. Mit gesenktem Haupte
und schleppenden Schritten trat er auf sie zu, ergriff ihre Hand, die
sie ihm nicht entzog, hielt sie lange in der seinen und zog sie dann
langsam an seine Lippen.

Da erhob sich Frau von Zeuthen:

Geh jetzt, sagte sie fast hart, geh zu deiner Arbeit.

Er neigte kaum merklich den Kopf und verlie mit schnellen Schritten das
Zimmer.




Der niederstrmende Regen wurde schwcher. Man sah statt des ewig
gleichmigen Graus am Himmel wieder Wolken, die langsam und schwer
weiterzogen. Zuweilen blickte sogar ein blaues Stckchen Himmel aus
ihnen hervor. Und endlich, endlich war der Himmel wieder rein, und die
Sonne schien.

Ein schwerer, warmer Brodem stieg von den Grten auf und lag wie ein
Dunst von Leben und Fruchtbarkeit ber der Stadt. Die Wasserrinnen an
den Abhngen versiegten, in wenigen Tagen waren die Straen wieder
trocken.

Da wollte Paul Seebeck Frau von Zeuthens Kindern eine Freude machen und
lie sich zwei krftige Pferdchen mit dicken, behaarten Beinen kommen.

An einem Sonntage machten sich Hedwig und Felix auf, um das Innere der
Insel zu erforschen. In den Satteltaschen hatten sie Essen fr sich mit,
und auf den Rcken der Pferdchen hatten sie Heu aufgeschnallt.

Sie ritten langsam die Hauptstrae hinauf; als sie aber die Plattform
erreichten, auf der das Volkshaus stand, stiegen sie ab, um die Tiere
nicht zu beranstrengen, und fhrten sie am Zgel die Serpentinen
hinauf. Als sie auf dem Hochplateau standen, sahen sie die Pyramide des
Vulkans riesenhaft und scharf in die Hhe ragen. Ein ganz dnnes
Wlkchen - kaum mehr als ein Schleier - schwebte ber seiner Spitze.

Da mssen wir hinauf, sagte Felix und half Hedwig wieder in den
Sattel, was meinst du?

Hedwig gab mit der Peitsche ihrem Pferdchen einen kleinen Schlag:

Komm, rief sie und galoppierte voran.

Sie waren immer noch auf dem gebahnten Wege, der der Arbeit am
Staubecken wegen angelegt worden war, und nach einer halben Stunde
hatten sie dieses erreicht. Sie sprangen von den Pferden, an denen der
Schwei herunterrann und setzten sich auf einige Steinblcke.

Vor ihnen lag ruhig der See, aber von dem Meere her klang ein donnerndes
Getse zu ihnen hin.

Weit du, was Allan mir erzhlt hat? fragte Felix. Er will im See
einen knstlichen Schlammboden machen und Fische hineinsetzen. Er sagte,
das wre gar nicht so schlimm, er wte nur nicht, wie er verhindern
sollte, da die Fische mit dem Wasserfalle ins Meer gerissen wrden.
Aber das findet er sicher auch noch heraus!

Fische? Wie nett. Aber dann soll er auch Vgel hierherbringen.

Daran hat er auch schon gedacht; er will berhaupt alle mglichen Tiere
hier wild aussetzen. Er wei nur noch nicht welche. Aber er sagte, da
nach zehn Jahren die Insel alle mglichen Pflanzen und Tiere haben wird.
Ich soll ihm bei der Arbeit helfen. Du, das wird wundervoll! rief er.

Aber wie sollen hier Tiere leben? fragte Hedwig zweifelnd und sah sich
in der den Steinwste um.

Das geht schon. Allan sagte, das schwerste wren die Sugetiere. Mit
den Fischen ist es nicht so schlimm, er will Tang massenhaft aus dem
Meere hierherbringen und dann Swasserpflanzen hineinstecken. Wenn das
alles richtig in Gang gekommen ist, bringt er Insekten und zuletzt die
Fische. - Und mit den Vgeln, sagt er, wre die Sache einfacher: einige
Mven brten ja schon. Man sollte nur an irgend einer Stelle, die so
weit von der Stadt weg ist, da der Gestank nicht hinkommt, regelmig
tote Fische hinlegen, aber furchtbar viele natrlich, und dann wrden
die Vgel schon kommen. Aber wie er das mit den Sugetieren machen will,
wei er noch nicht recht; er sagt, es knnten zunchst nur Tiere sein,
die von Fischen oder Vgeln leben. - Und bei der ganzen Arbeit soll ich
ihm helfen, ist das nicht wundervoll? rief er.

Hedwig sah voll Neid ihren Bruder an. Aber dann vernderte sich ihr
Gesicht. Fast furchtsam fragte sie:

Du Felix, sag mal, glaubst du, da alles noch gut geht?

Weshalb soll es denn nicht gut gehen?

Ja, siehst du, ich ging neulich etwas mit Herrn de la Rouvire
spazieren, und da kam Nechlidow, und die beiden sprachen zusammen.
Nechlidow war ganz wtend und sagte immer wieder, da Paul alles
zerstrt htte. Dann sagte er auch etwas zu mir, was ich nicht
verstand -

Nechlidow ist ein Idiot! unterbrach sie Felix mit Nachdruck. Allan
sagt, da gerade jetzt alles gut gehen wird, seitdem Paul eingesehen
hat, da er alles allein machen mu und nicht mehr darauf hrt, was alle
die da sagen.

Aus irgend einem Grunde war es Hedwig peinlich, dies Gesprch
fortzusetzen. Sie sagte, whrend sie ihrem Pferdchen den dicken Hals
streichelte:

Sollen wir nicht jetzt zum Wasserfall reiten? Er ist sicher
wunderschn.

Dagegen hatte Felix nichts einzuwenden, und so bestiegen sie ihre Pferde
und ritten dem Staubecken entlang auf das Meer zu. Bald schob sich ein
breiter Steinwall zwischen sie und das Becken und warf einen tiefen und
khlen Schatten auf sie. Sie trieben ihre Pferde zum Galopp an und
standen pltzlich einige Schritte vor dem steilen Abfall zum Meere. Sie
hrten ein Donnern, Zischen und Brausen, konnten den Wasserfall aber
nicht sehen. Rasch entschlossen sprangen sie von den Pferden, lieen sie
stehen und kletterten an dem Steinwalle empor. Er war hher, als sie
sich ihn vorgestellt hatten, aber endlich standen sie doch oben. Sie
sahen sich um: hinter ihnen streckten sich die drei Vorgebirge ins Meer,
zwischen denen die Stadt und die Irenenbucht eingebettet lagen, und vor
ihnen das groe Wasserbecken, das in seiner ganzen Breitseite zum Meere
hinab berflo. Sie sahen die Wasserflche in ruhigem Zuge bis zum Rande
gleiten und dort entsetzt, verzweifelt, mit wahnsinnigem Schmerzgeheul
in die Tiefe strzen, hier auf einem Vorsprung aufprallend, dort an
einer Klippe zerschellend, da der Riese in tausend und abertausend
glitzernde Tropfen zersprang, die erschrocken versuchten, sich wieder
zusammenzufinden, und sich doch erst wieder im groen Meere trafen, das
weit hinaus mit weiem Schaum bedeckt war.

Als sie sich satt gesehen hatten, traten sie langsam den Rckweg zu
ihren Pferden an und ritten in scharfem Galopp im Schatten. Erst als der
Steinwall sich wieder abflachte, und sie in den brennenden Sonnenschein
hinauskamen, migten sie ihr Tempo. Sie kamen an die Stelle, wo durch
die groe unterirdische Rhre das Wasser zur Stadt abflo; dumpf drhnte
es da unter den Hufen der Pferde. Sie ritten weiter am Becken entlang
bis dorthin, wo der Flu hereintrat und folgten diesem weiter in der
Richtung auf den Vulkan zu. Oft muten sie den Flu verlassen, weil
Steinblcke im Wege lagen, aber sie trafen doch immer wieder auf ihn.
Zuweilen flo er breit und behbig dahin, zuweilen rauschte er
unheimlich an einer schmalen Stelle, oder teilte sich auch mitunter in
viele Zweige, die sich aber immer wieder bald vereinigten. Hedwig und
Felix kamen ber breite Streifen feinen Sandes, in dem die Pferde bis
ber die Hufe einsanken.

Nach mehreren Stunden hielten sie an, sprangen von den Pferden, gaben
ihnen von dem mitgebrachten Heu zu fressen und nahmen ihnen auch die
Sttel ab. Dann hielten sie Umschau: so weit sie sehen konnten, umgab
sie graublau und gelb die Steinwste, aus der sich nur flache Rcken
emporhoben. Und vor ihnen lag, kaum merklich in seiner Gre gewachsen,
der Vulkan. Und die Sonne brannte hei auf sie nieder und gab den
Steinen einen blendenden Schimmer, der die Augen schmerzen machte.

Da setzte sich Hedwig pltzlich auf einen Stein und begann zu
schluchzen: sie konnte die groe Einsamkeit nicht ertragen, ihr war es
zu viel des Schweigens. Felix fragte nicht; er verstand sie und fhlte
dieselbe Angst wie sie, aber er beherrschte sich. Doch zitterten seine
Hnde, als er die Pferde wieder sattelte; er sagte aber ruhig:

Der Vulkan ist ja viel weiter, als ich dachte; wir knnen heute nicht
mehr hinkommen. Wollen wir nicht wieder nach Hause reiten?

Hedwig nickte; sie konnte nicht sprechen. Und so schnell es die Hitze
erlaubte, ritten sie nach Hause, zu den Menschen, zur Stadt.




Wieder war der Jahrestag der Grndung herangekommen, und die
Gemeinschaft war versammelt. Die Vorsteher hatten Rechenschaft ber das
verflossene Jahr abgelegt. Es sollte jetzt zur Neuwahl geschritten
werden.

Wnscht jemand das Wort? fragte Jakob Silberland, der wie immer den
Vorsitz innehatte. Nicht? Dann -

Ich bitte um das Wort, rief Nechlidow berlaut und ging auf's Podium.
Die Versammlung verharrte in eisigem Schweigen. Jakob Silberland sah
berrascht Paul Seebeck an; aber dessen Gesicht war hart und
verschlossen. Auf der Tribne aber beugte sich ein Mdchenkopf mit
glnzenden, braunen Augen ber die Brstung.

Nechlidow richtete sich straff auf, verschrnkte die Arme ber der Brust
und sagte:

Es tut mir leid, da ich die hier bliche gemtliche Handhabung der
Geschfte ein wenig stre. Htte ich mich jetzt nicht zum Worte
gemeldet, wre die Wiederwahl des bisherigen Vorstehers wohl glatt
erfolgt. Ich aber mchte verhindern, da sie berhaupt erfolgt.

Er sah Paul Seebeck an, und dieser erwiderte starr den Blick. Dann lie
Nechlidow seine Augen wieder ber die Versammlung gleiten und fuhr fort:

Wenn jetzt nicht ein energischer Schritt getan wird, verluft die mit
solchem Pathos angelegte Sache klglich im Sumpf.

Hier geht zwar alles gut, ich frchte fast zu gut; niemand hungert und
jeder hat ein Dach ber seinem Kopf - aber deswegen kamen wir nicht
hierher.

Wir kamen hierher, um der Lge zu entfliehen, die unser gesamtes
Gesellschaftsleben durchzieht und sind jetzt dabei, eine rgere und
verabscheuungswrdigere Lge zu stiften.

Hier kann nur eines helfen: das felsenfeste Vertrauen auf die
menschliche Vernunft und das Abschtteln jener Herren, die den Ursprung
alles bels in der menschlichen Vernunft sehen. Wir mssen die groen
und klaren Gesetze befolgen, die sich an der menschlichen Vernunft
ergeben und drfen sie nicht verwischen und im geheimen verspotten, wie
es Herr Seebeck und seine Kreaturen tun.

Fragen Sie sich: was hat unsere Gemeinschaft neues gebracht als neue
Phrasen? Ist hier wirklich ein neuer Geist? Wer wagt die Frage zu
bejahen! Ist nicht vielmehr das Umgekehrte geschehen, da einige,
wenige Mnner durch Worte und Scheingesetze, die sie nur uerlich, in
grbstem Sinne befolgen, gesttzt, einfach ihren Launen folgen, tun und
lassen, was ihnen gefllt? Wer wagt die Frage zu verneinen!

Die Gemtlichkeit und die persnliche Rcksichtnahme - dieses ganze
Spinngewebe von Gefhlsduseleien, das uns zu ersticken droht, mu fort.

Ich verkenne nicht, da wir Paul Seebeck groen Dank schulden; aber
unsere Dankbarkeit darf uns nicht hindern, kalt und klar zu sehen. Und
wenn wir das tun, knnen wir nur eins sagen: Seebecks Zeit ist vorbei.
Er ist ein groer Grnder, aber ein schlechter Ausbauer.

Ich bitte die Versammlung, nicht Paul Seebeck sondern mich zum Vorsteher
zu whlen; mich treibt kein Ehrgeiz, sondern nur die Liebe zur Sache.
Und ich kann mit ruhigem Gewissen sagen, da ich keine Sentimentalitten
und persnlichen Rcksichten kenne.

Mit zusammengekniffenen Lippen verlie Nechlidow das Podium. Jakob
Silberland sah ihm verstrt nach.

In der eisigen Stille dort unten entstand eine ganz leise Bewegung, ein
Rcken auf den Bnken, ein Murmeln, ein Flstern und zuletzt klang ein
Gewirr von Worten, Namen -

Edgar Allan hatte mehrmals von der Seite her forschend in Paul Seebecks
Gesicht geblickt und jedesmal hatte er zufrieden gelchelt, wenn er
Seebecks starre Zge sah.

Jetzt erhob sich im Hintergrunde die schwere Gestalt eines Handwerkers:

Wenn wir Herrn Seebeck nicht wieder whlen drfen, dann doch lieber den
Herrn Rouvire. Den kennen wir, der versteht seine Sache.

Edgar Allan drehte sich herum; freundlich lchelnd rief er dem Sprecher
zu:

Sie drfen Seebeck wieder whlen, guter Freund. Sie brauchen nicht
immer das zu tun, was der letzte Redner gesagt hat.

Aber seine Worte verloren sich; de la Rouvires Name hatte gezndet; von
allen Seiten erscholl er, gerufen, gebrllt.

Kreidebleich im Gesichte stand der Krppel auf:

Ich bitte Sie um Gotteswillen, whlen Sie mich nicht! Das geht nicht.

Stille trat ein. Aber eine grobe Stimme zerri sie:

Weshalb denn nicht? So war's doch ausgemacht.

Jetzt hatte Jakob Silberland seine Ruhe wiedergefunden. Er lutete
energisch und sagte:

Wer meldet sich zum Worte?

Paul Seebeck gab ein leichtes Zeichen mit der Hand und ging auf das
Podium. Ruhig und geschftsmig sagte er:

Ich mchte nur einige Worte zur Klrung der Situation sagen. Es sind
als Gegenkandidaten zwei Herren genannt worden, von denen allerdings der
eine die Absicht zu haben scheint, eine eventuelle Wahl nicht
anzunehmen. Bei aller Hochachtung vor den persnlichen Eigenschaften der
beiden Herren und der berzeugung von der absoluten Lauterkeit ihrer
Absichten, glaube ich nicht, da einer von ihnen imstande ist, das
verantwortungsvolle Amt eines Vorstehers der Gemeinschaft zu verwalten.
Ich glaube nicht, da die Herren auch nur eine Ahnung von den
Schwierigkeiten dieser Stellung haben; ihre Wahl wrde nicht einen
Fortschritt, sondern den Ruin unserer ganzen jahrelangen Arbeit
bedeuten.

Nun kann ich Sie allerdings nicht daran hindern, einen der beiden Herren
zu whlen; Sie knnen mich aber nicht zwingen, dem Gewhlten meine
Stellung als Reichskommissar zu bergeben. Die werde ich beibehalten und
werde von den unbeschrnkten Vollmachten Gebrauch machen, die sie mir
gibt, sobald ich sehe, da die Dinge eine Wendung nehmen, die ich fr
unrichtig halte. Wenn Sie aber einen Nachfolger whlen, der wirklich
imstande ist, mein Amt zu bernehmen, gehe ich gern.

Er verbeugte sich leicht und ging zu seinem Platz zurck.

Bravo! rief Edgar Allan, und dieser Ruf wurde von einem vielstimmigen
Pfui! beantwortet. Nechlidow sprang auf und schrie:

Das ist die Revolution! Jetzt wissen wir, was wir von dem Manne zu
erwarten haben.

Jakob Silberland lutete und lutete, aber erst nach mehreren Minuten
gelang es ihm, den Sturm zu bertnen. Ganz heiser sagte er, whrend der
Schwei ihm in zwei Rinnen die Wangen entlang lief:

Wnscht jemand noch das Wort? Herr Nechlidow, bitte!

Nechlidow sprach von seinem Platze aus:

Nachdem der bisherige Vorsteher offen den Bruch der Verfassung erklrt
hat, behalten wir uns alle Schritte vor, wie auch die Abstimmung
ausfallen mag.

Unter steigendem Gemurmel wurden die Stimmzettel verteilt und wieder
eingesammelt. Als Otto Meyer Jakob Silberland die Urne berreichte,
trat lautloses Schweigen ein. Einen Zettel nach dem anderen ffnete
Jakob Silberland und rief laut den darauf stehenden Namen. Otto Meyer
notierte die einzelnen Stimmen und zhlte sie dann zusammen. Dann
verkndete Jakob Silberland das Resultat:

Die Stimmen verteilen sich wie folgt:

Herr Seebeck zweihundertdreiundachtzig Stimmen;

Herr Nechlidow zweihundertsiebenunddreiig Stimmen;

Herr de la Rouvire einhundertachtundsiebzig Stimmen.

Elf Zettel sind blank.

Demnach ist Herr Seebeck ordnungsgem zum Vorsteher der Gemeinschaft
wiedergewhlt worden.

Aber von einer Minoritt! brllte Nechlidow. Ich verlange Stichwahl
zwischen ihm und mir.

Herr Seebeck ist verfassungsgem gewhlt worden, donnerte Jakob
Silberland ihm entgegen.

Jetzt erhob sich ein so unbeschreiblicher Lrm, da Jakob Silberland
nicht mehr Ruhe stiften konnte. Er setzte deshalb seinen Hut auf und
deutete damit an, da die Sitzung unterbrochen sei. Als auch das noch
keinen Eindruck machte, verlie er mit seinen Freunden den Saal, gefolgt
von der Mehrzahl der Versammelten. Zurckblickend sah er, da Nechlidow
auf dem Podium stand und eifrig auf die Zurckgebliebenen einredete.




Frau von Zeuthen stand in einem ausgeschnittenen schwarzen
Schleppkleide hochaufgerichtet vor dem Krppel, der die langen Arme mit
den schwarzbehaarten Hnden demtig hngen lie:

Sagen Sie mir, Herr de la Rouvire, was hatte das zu bedeuten, da man
Sie als Seebecks Nachfolger vorschlug?

Gndige Frau, es ist mir selbst vollstndig unerklrlich. Ich habe
nicht die geringste Veranlassung dazu gegeben. Wie sollte ich auch nur
auf den Gedanken kommen!

Aber Herr de la Rouvire, wenn Sie, trotz Ihrer Erklrung, mehrere
hundert Stimmen erhielten, so zeigt das, da viele Sie fr den
designierten Nachfolger Seebecks hielten und Ihre Erklrung nur fr ein
Scheinmanver ansahen. Wir stehen da vor einem System von Intriguen, an
dem das Mitrauen, das Nechlidow ausst, nur zum Teil Schuld haben kann.
Sie mssen doch mindestens eine Vermutung haben, wie dieser seltsame
Migriff geschehen konnte.

Sie sah mit groen, braunen Augen ernst auf ihn nieder, und unter diesem
Blicke wurde der Krppel gleichsam noch kleiner:

Gndige Frau, stie er hervor. Ich habe nicht gegen Herrn Seebeck
intriguiert; im Gegenteil, ich habe den geringen Einflu, den meine
Stellung mir gab, nur dazu benutzt, die keimende Unzufriedenheit zu
beruhigen und in vernnftige und sachliche Bahnen zu leiten. Und die
Resultate meiner Ttigkeit liegen ja offen zutage. Er wies auf eine
Nummer der Inselzeitung, die sich auf dem Tische befand.

Frau von Zeuthen schttelte den Kopf:

Diese Erklrung gengt mir nicht; sie verschleiert nur. Ich will mehr
wissen.

Herr de la Rouvire trat einen Schritt zurck und hob gleichzeitig die
langen Arme:

Gndige Frau, Sie, die hoch oben stehen, wo wir niemals hinkommen
knnen - knnen Sie nicht verstehen, da wir uns nach der Hhe sehnen?

Frau von Zeuthen setzte sich auf den Divan; ein Schleier legte sich ber
ihre Augen, aber sie sagte nichts. Herr de la Rouvire trat etwas nher
und hielt sich an einer Stuhllehne fest.

Verspottet oder bemitleidet habe ich mein Leben verbracht; niemand
wollte mich als vollen Menschen anerkennen. Dann brachten Sie mich
hierher, und hier fand ich zum ersten Male in meinem Leben ein
Arbeitsfeld. Ich wurde ein Mensch unter Menschen. Ich dachte an Sie und
wollte Ihnen Ehre machen, wollte Sie, die Unerreichbare, erreichen.

Frau von Zeuthen senkte den Kopf; ihr Blick ruhte unbeweglich auf ihren
beiden weien Hnden.

Die Menschen kamen zu mir, und ich kam ihnen entgegen. Viele haben mich
um Rat gefragt, und ich habe ihnen nach bestem Gewissen geantwortet. Ich
geno Vertrauen, aber ich habe es nicht mibraucht. Ich wollte nur
helfen, dem Einzelnen und der Gemeinschaft helfen. Die anderen aber
haben mich miverstanden; sie glaubten, ich wollte sie beherrschen. Und
das wurde mir erst gestern klar.

Frau von Zeuthen erhob sich:

Ich kann Ihnen heute nicht antworten, sagte sie, ich mu Sie bitten,
mich jetzt allein zu lassen.

Er lie den Stuhl los, an dem er sich festgeklammert hatte und trat
dicht an sie heran:

Schicken Sie mich nicht so fort! Sagen Sie, da Sie mich verstanden
haben!

Ich glaube Sie zu verstehen, sagte sie langsam, aber sie nahm nicht
die Hand, die er nach ihr ausstreckte. Aber gehen Sie jetzt; ich mu
allein sein.

Und Herr de la Rouvire ging.




Felix schmte sich doch, seine damalige Forschungsreise so kurz
abgebrochen zu haben, und ohne die geringsten Entdeckungen zurckgekehrt
zu sein. Obgleich er den grten Teil der Schuld seiner Schwester
zuschob, konnte er sich doch nicht vergeben, nicht mehr Standhaftigkeit
gezeigt zu haben. Andererseits sagte er sich auch, da sie viel zu
planlos losgezogen seien, so unvorbereitet, da sie nicht einmal die
Entfernung des Vulkans gekannt hatten.

Jetzt sa er fast jeden Nachmittag bei Paul Seebeck und studierte dessen
Karten und Plne, von denen fast alle - bis auf diejenigen, die die
nchste Umgebung und die knstlichen Anlagen betrafen - noch aus der
Zeit stammten, wo Paul Seebeck ganz allein auf der Insel geweilt hatte.

Paul Seebeck gab ihm alle Hilfsmittel, ber die er verfgte, darunter
auch mehrere Lehrbcher der Geologie und der verwandten Wissenschaften,
und untersttzte ihn auch soweit mit Erklrungen, wie seine knappe Zeit
es erlaubte. Fast immer freilich verliefen diese Nachmittage so, da
Paul Seebeck, mit der Zigarre in der Hand im Zimmer auf- und abgehend,
Frulein Erhardt Briefe diktierte, die diese stenographierte, um sie
dann spter auf der Schreibmaschine zu bertragen, whrend Felix, ber
sein Material gebeugt, still in einer Ecke sa. War Paul Seebeck mit dem
Diktate fertig, ging er zu Felix, machte ihn auf einige besondere Dinge
aufmerksam oder lste dem Knaben Zweifel, soweit er dazu imstande war,
und verlie dann das Zimmer. Gewhnlich packte Felix dann bald seine
Sachen zusammen und ging nach Hause, denn es war ihm unangenehm, mit
Frulein Erhardt allein zu sein.

Aber als er wieder einmal mit einem kurzen Abschiedswort fortgehen
wollte, drehte Frulein Erhardt sich auf ihrem Rundsessel herum und
fragte ihn:

Sind Sie jetzt bald mit Ihren Plnen fertig, Herr von Zeuthen? Wann
ziehen Sie los?

Felix besann sich einen Augenblick, dann sagte er:

Eigentlich bin ich schon fertig. Ich will nur warten, bis es etwas
khler geworden ist. Aber das wird es wohl schon in den allernchsten
Tagen werden.

Frulein Erhardt faltete die Hnde ber den Knieen und beugte sich nach
vorn; sie fragte:

Darf ich Sie auf Ihrer Reise begleiten, Herr von Zeuthen?

Felix sah sie berrascht an:

Ja, wenn es Ihnen Freude macht, natrlich. Aber sie wird wenigstens
eine Woche dauern.

Frulein Erhardt stand auf und reichte ihm die Hand:

Ich danke Ihnen.

Felix war etwas verwirrt, und um seine Ratlosigkeit zu verdecken, kte
er Frulein Erhardts Hand. Sie lie die ihre einen Augenblick in der
seinen ruhen. Dann trat er an den Tisch zurck und suchte eine von
Seebecks ersten Kartenskizzen heraus.

Sehen Sie, sagte er, bis an den Fu des Vulkans geht die Hochebene.
Die kenne ich jetzt, und da ist nichts zu holen. Steinplatten, Gerll
und zuweilen Sandstrecken. Und dasselbe sagt Paul; er ist da berall
gewesen und hat nichts gefunden. Ich kann mir auch nicht denken, da da
irgend etwas sein sollte. Aber dort am Fue des Vulkans, hier, wo Paul
die Striche gemacht hat, sagt er, wre eine Masse von Schluchten. Er ist
nicht weiter gekommen, weil er keine Zeit hatte. Dort ist der Boden auch
zuweilen so hei gewesen, da er ihn nicht betreten konnte. Da mten
wir also hin. Ich dachte, an einem Tage direkt bis zu den Schluchten zu
reiten - Sie knnen doch reiten, Frulein Erhardt?

Ja, aber ich habe kein Pferd.

Das tut nichts, Sie knnen das von Hedwig nehmen. - Ja, und dann
mssen wir sehen, was wir da oben finden. Natrlich mssen wir auch auf
den Vulkan steigen.

Ich werde Herrn Seebeck bitten, mir jetzt meinen Urlaub zu geben,
sagte Frulein Erhardt. Ich freue mich sehr auf die Reise, Herr von
Zeuthen.

Felix verbeugte sich etwas ungeschickt und ging.

Schon in den nchsten Tagen nahm die Hitze ab; khle Winde strichen ber
die Insel und fhrten leichte, graue Wolkenzge mit; ja, gelegentlich
fielen sogar einige Regentropfen. Jetzt, zwischen Sommerhitze und
Regenperiode, war die geeignete Zeit fr einen lngeren Ausflug
gekommen.

Am Tage vor ihrem Aufbruch hatte sich Paul Seebeck mehrere Stunden von
seiner Arbeit frei gemacht und half den beiden bei ihren Vorbereitungen.
Er sorgte dafr, da sie Proviant fr vierzehn Tage, und auch sonst
alles Notwendige, doch nichts berflssiges mit hatten. Was die Pferde
anging, riet Seebeck, sie nach der Ankunft einfach loszulassen; sie
wrden dann ohne weiteres nach Hause laufen. Felix und Frulein Erhardt
mten dann allerdings zu Fu heimkehren. Auf dem Hinwege brauchten sie
aber unbedingt die Pferde, des Transportes ihrer Sachen wegen.

Noch vor der Morgendmmerung brachen sie auf, und gerade, als sie das
Volkshaus erreichten, hob sich die Sonne ber den Horizont. Der Nachttau
verschwand bald von den Steinen, aber trotz des wolkenlosen Himmels
wurde es nicht hei. Die Spitze des Vulkans lag vollkommen frei von
Wolken und Schleiern vor ihnen.

Sie ritten in langsamem Trabe an dem Staubecken vorbei und kamen auch zu
der Stelle, wo sich Felix und Hedwig damals zur Umkehr entschlossen
hatten. Erst zur Mittagsstunde stiegen sie von den Pferden. Felix
ffnete einige Konservenbchsen und bot Frulein Erhardt vom Inhalte an.
Als sie gegessen hatten, warf er sich auf den Boden, zog eine seiner
Kartenskizzen hervor und bemhte sich, sich ber ihren gegenwrtigen
Standort zu orientieren. Frulein Erhardt sa inzwischen auf einem Stein
und schaute abwechselnd auf ihren Reisegenossen und auf die starre
Steinwste. Nach zweistndiger Rast brachen sie wieder auf. Sie hielten
streng die Richtung auf den Vulkan ein, muten aber immer grere Umwege
machen, um tiefe Spalten im Boden zu umreiten. Das Gelnde wurde auch
immer welliger, und gleichzeitig trat mehr und mehr Gerll und Grus auf.
Das Gerusch vom Flusse her war vollkommen verstummt, aber immer hher
und breiter reckte sich der Vulkan. Aus dem regelmigen Kegel lsten
sich immer grere Vorsprnge heraus, und tiefe Einschnitte zeigten sich
an seinen Wnden.

Auch das ganze Bild der Gegend hatte sich verndert. Es gab keine Ebene
mehr, aus der sich pltzlich scharf umgrenzt der Vulkan erhob. Ebene und
Vulkan kamen einander entgegen, verwischten in ihrer zunehmenden
Zerklftung ihre Gegenstze und verschmolzen zuletzt zu einem wilden
Krper.

Frulein Erhardt und Felix ritten an hohen Felsblcken vorbei, muten
oft im Zickzackwege an steilen Gerllhalden hinab- und hinaufreiten. Das
Traben war unmglich geworden, und im mhsamen Schreiten wiegten die
kleinen, starken Pferdchen rhythmisch die Kpfe.

Die Spitze des Vulkans war zurckgetreten und zuletzt ganz hinter einer
hohen Felswand versunken. Und hier hielten die beiden an, um im Schutze
der Felswand die Nacht zu verbringen. Sie nahmen das Gepck von den
Pferden, gaben ihnen den letzten Rest des mitgebrachten Heus zu fressen,
nahmen ihnen dann das Zaumzeug ab und banden es an den Stteln fest. Die
klugen Tierchen blieben erst schnuppernd stehen, gingen einige Schritte
heimwrts und wandten dann wieder die Kpfe nach Felix zurck. Da dieser
aber keine Miene machte, sie zurckzuhalten, setzten sie sich in
langsamen Trott und waren bald hinter den Felsen verschwunden.

Whrend Frulein Erhardt und Felix fast schweigend ihr Abendessen
einnahmen, wurden die Schatten unheimlich lang und kalt, krochen an den
Felswnden empor, hier und da leuchtete noch eine Spitze, ein
Vorsprung -

Wenige Minuten spter war es dunkel, und sofort legte sich ein schwerer
Tau auf Gesicht und Kleider.

Felix zndete eine kleine Lampe an und ordnete in ihrem schwachen
Lichtscheine die mitgebrachten Sachen. Er rollte die Schlafscke auf und
stellte die Konserven in eine kleine Spalte, die er - um sie vor den
Sonnenstrahlen zu schtzen - noch mit einem flachen Steine zudeckte.
Dann kroch er in seinen Schlafsack, ghnte, wnschte Frulein Erhardt
eine gute Nacht und schlief fest ein. Frulein Erhardt aber blieb noch
lange auf ihrem Steinblock sitzen; zuweilen bewegte sie frstelnd die
Schultern. Zuletzt ging sie vorsichtig zu Felix, kniete neben den
Schlfer hin, beugte ihr bleiches Gesicht ber ihn und kte ihn leise
auf die Stirn. Felix rhrte sich nicht. Da ging Frulein Erhardt
gesenkten Hauptes zurck und legte sich endlich zur Ruhe.

Als sie am Morgen aufwachte, war Felix fort. Sie sprang schnell auf und
brachte ihre zerdrckten Kleider, so gut es sich machen lie, in
Ordnung. Felix kam erst nach einer Stunde. Er war beim Flusse gewesen
und hatte Wasser geholt. Er setzte das Wasser ber den Spirituskocher
und sagte:

Wissen Sie, was ich herausgefunden habe, Frulein Erhardt? Wir sind vom
Wege ein tchtiges Stck nach links abgekommen. Die Spalten, von denen
Paul mir erzhlt hat, habe ich sehn knnen, wie ich zum Flu ging. Hier
ist sicher berhaupt noch nie ein Mensch gewesen. Am liebsten mchte ich
die Spalten in Frieden lassen und noch weiter nach links, also nach
Sden, gehn.

Er strzte in groer Hast seinen Tee hinunter und ging dann zum nchsten
Hgel, wo er eine mchtige Steinpyramide errichtete.

So, jetzt knnen wir unsere Sachen immer wieder finden, sagte er.
Sind Sie fertig?

Frulein Erhardt war fertig und bereit, ihm zu folgen.

Sie gingen an der Felswand entlang und kamen nach einer halben Stunde an
eine Gerllhalde. Hier stiegen sie hher hinauf, bis sie an einen Absatz
kamen, von dem aus sie Umschau halten wollten. Aber sie konnten nicht
weit sehen; htten sie nicht gewut, da sie sich am Abhange des Vulkans
befanden, der sich hoch ber die Ebene reckte - hier htten sie es nicht
feststellen knnen, denn an allen Seiten sahen sie nur ein Gewirr von
Felsen und Schutthgeln, das jede Aussicht versperrte. Nur an einem
einzigen Punkte, gerade zwischen zwei Basaltfelsen, konnten sie die
Ebene und sogar ein Streifchen des hellschimmernden Meeres sehn.

Sie gingen weiter; Felix immer zwanzig Schritte voraus. Das Geflle war
jetzt viel geringer, und das Gerll wurde oft durch Strecken von
graublauem Sande und Lehm unterbrochen, aus dem oft kleine Quellen
entsprangen, die aber alle bald wieder im Gerlle verschwanden.
Pltzlich schrie Felix leicht auf: er war mit dem einen Bein bis zum
Knie in ein Schlammloch gesunken. Frulein Erhardt eilte erbleichend zu
ihm, aber er hatte sich schon wieder beruhigt und zeigte ihr lachend das
schmutzige Bein und das Loch, in dem sich jetzt gurgelnd trbes Wasser
ansammelte. Aber Felix war durch den Vorfall vorsichtiger geworden; er
umging die immer hufiger auftretenden feuchten, dunklen Strecken, bis
sie endlich wieder auf festen Basaltgrund kamen. Hier sah Felix auf die
Uhr: sie waren schon drei Stunden ununterbrochen gestiegen. Dann setzte
er sich auf einen Stein, um Frulein Erhardt zu erwarten, nahm sich
einen Stein und kratzte den Schmutz vom Strumpf und Stiefel.
Nasermpfend warf er den Stein fort, denn das Zeug hatte einen widrigen,
fauligen Geruch.

Als Frulein Erhardt neben ihm stand, reichte er ihr eine Tafel
Schokolade und rckte gleichzeitig etwas auf seinem Steine zur Seite, um
auch ihr Platz zu machen. Aber sie bemerkte es nicht; nachdenklich
knabberte sie an der Schokolade und blickte dabei vor sich auf den
Boden.

Etwas gelangweilt und mivergngt sah Felix sie an; aber dann wurden
seine Zge pltzlich weich, und er wandte sich ab.

Sehen Sie doch, wie schn es hier ist, sagte er und streckte die Hand
aus.

Frulein Erhardt sah erst ihn mit ihren groen, schwarzen Augen an, dann
drehte sie sich ganz langsam umher. Jetzt waren die Felsen, die ihnen
vorher den Blick versperrt hatten, tief unten versunken. Sie hoben sich
kaum merkbar ber die Ebene, die breit und flach dort unten lag. Ein
schmales Silberband - der Flu - zog sich in Windungen hindurch; dort
lag ein kleiner hell spiegelnder Fleck - das Staubecken, und hinten,
weit hinten, das Meer -

Frulein Erhardt hatte die Hand auf Felix' Schulter gelegt, und er
empfand wohlig den leichten Druck. Aber dann merkte er ihre Wrme durch
seine Kleider dringen, und das verursachte ihm ein unbehagliches Gefhl.
Er stand auf:

Wir haben keine Zeit, Frulein Erhardt, wenn wir heute noch hinauf
wollen, sagte er.

Dann lassen Sie uns weitergehn, antwortete sie einfach und schlug die
Augen nieder.

Sie stiegen weiter. Pltzlich blieb Felix stehen.

Riechen Sie nichts, Frulein Erhardt? fragte er.

Sie sog die Luft ein:

Ja, das ist doch Meergeruch! sagte sie erstaunt.

Felix schttelte den Kopf:

Ich finde es auch. Aber das ist doch ganz unmglich. Wir sind doch ganz
weit vom Meere, und auerdem so hoch -

Aber je hher sie kamen, um so strker wurde der unverkennbare
Tanggeruch. Auerdem waren immer wieder groe, feuchte Lehmflecke
zwischen den Felsen. Um sie zu umgehn, muten sie mehrmals an den
zackigen Felsen emporklettern.

Auf einmal lag wieder die Spitze des Vulkans in ihrer bekannten Form vor
ihnen, nur da sie jetzt in der Nhe scharf und zackig aussah. Aber
zwischen dem Vulkane und ihnen lag in einem langen und breiten Becken
grnlich und fett schimmernd ein groer See. Jetzt nach dem heien
Sommer war der Wasserspiegel weit zurckgetreten, und die lehmigen Ufer
waren mit ungeheuren Massen von Tang und vertrockneten Algen bedeckt.

Skelette von Fischen lagen zu Tausenden herum, ebenso die Reste von
groen Seesternen und Krebsen.

Jetzt kam ein Windhauch und trieb Frulein Erhardt und Felix den Gestank
ins Gesicht. Trotzdem machte sich Felix an den Abstieg, whrend Frulein
Erhardt oben blieb. Sie sah ihm nach, wie er von Stein zu Stein
hinuntersprang und dann unten am Rande des Wassers entlang ging. Nach
einer Weile kam er, hochrot im Gesicht, den Abhang wieder
hinaufgestrmt.

Wissen Sie was, Frulein Erhardt? rief er, noch ganz atemlos. Im
Wasser wimmelt es von Fischen und Krebsen! Es sieht genau so aus, wie in
der Irenenbucht.

Sie gingen einige Schritte zurck, so da sie der Geruch nicht mehr so
belstigte. Dann fragte Frulein Erhardt:

Wie wollen Sie diese sonderbare Erscheinung erklren, Herr von
Zeuthen?

Felix dachte nach.

Paul glaubt ja, da die ganze Insel in etwas anderer Form schon frher
da war, untersank und dann jetzt bei der Bildung des groen Vulkans
wieder aufstieg. Es wre ja mglich, da wir hier den frheren Krater
vor uns haben, in dem sich unter dem Meere alle die Tiere und Pflanzen
angesiedelt haben. Wie die Insel aufstieg, hat sich diese ganze
abflulose Schssel mit ihrem ganzen Inhalte mit gehoben und bildet
jetzt tausend Meter ber dem Meere einen Salzsee. Das mu ich Allan
erzhlen, der wird gleich etwas groartiges daraus machen. Und Felix
begann gleich Frulein Erhardt grozgige Plne zu entwickeln, wie man
durch eine regulierte Wasserzufuhr verhindern knnte, da der Spiegel
sich in der Trockenheit senkte. Die konstante Hhe des Wassers wre die
erste Grundlage fr weitere Arbeiten. Dann mte man Fische
hineinbringen, die sowohl im Meere wie in Flssen leben knnten und die
sich dann dem langsamen, aber unvermeidlichen, allmhlichen Salzverluste
des Wassers anpassen wrden. Und ebensolche Pflanzen. Dann Vgel
herlocken, den berflssigen Tang als Dnger fr Anlagen verwenden - oh,
es wrde schon alles gehn; Allan wrde hier mitten in der Steinwste ein
Paradies schaffen.

Sie gingen weiter, des Geruches wegen immer so, da ein Wall zwischen
ihnen und dem See lag. Zuweilen konnten sie es sich doch nicht versagen,
die paar Schritte hinaufzulaufen, um sich das Wasser wieder anzusehen,
das sich mehr und mehr zur Seite schob. Gleichzeitig versank die Spitze
des Vulkans wieder hinter vorspringenden Felsen. Nun konnten Frulein
Erhardt und Felix wieder hher steigen, aber nur schrg aufwrts, so da
sie immer mehr nach rechts gerieten. Jetzt befanden sie sich ungefhr
ber ihrem Schlafplatze, eine halbe Stunde ber der Quelle des Flusses
und dann ber jenem Gewirre von Schluchten und Rissen. Der See war
vollkommen verschwunden.

Pltzlich hielt Felix an; er fate erregt Frulein Erhardts Hand:

Sehn Sie dort unten, was ist jetzt das?

Frulein Erhardt sah hin: in etwas geringerer Hhe, als in der, wo sie
standen, lagen rtlich-gelbe Erdwellen, aus denen Dampf entstieg, hier
als verteilter Dunst, dort in kleinen, festen Strahlen.

Wollen Sie hingehn? fragte Frulein Erhardt.

Natrlich, da mssen wir hin.

Aber dann kommen wir heute nicht mehr auf den Vulkan.

Dann gehn wir morgen hin. Wir haben ja Zeit. Aber das da mu ich
untersuchen.

Und er ging so schnell, lief lange Strecken, da Frulein Erhardt ihm
nicht zu folgen vermochte. Als sie erst die halbe Strecke zurckgelegt
hatte, kam ihr Felix schon wieder entgegen.

Sehen Sie, was ich hier habe! rief er und zeigte ihr einige
grobkrnige, gelbliche Steinbrocken.

Ist das nicht Schwefel? fragte sie erstaunt.

Ja, alle die gelben Hgel da unten bestehen aus Schwefelbrei und Lehm.
Man mu vorsichtig sein, da man da nicht versinkt. Und berall sind
heie Quellen, die entsetzlich nach Schwefelwasserstoff riechen. Gott,
wie schn ist das alles.

Frulein Erhardt sah erst dem Knaben in das heie, strahlende Gesicht
und wandte sich dann langsam ab. Sie lie den Blick ber die weite Ebene
schweifen, die, vom vielfach gewundenen Flusse durchzogen, dort unter
ihnen lag. Sie folgte mit dem Auge der groen Linie des Horizontes, wo
Meer und lichtblauer Himmel sich trafen, sie sah auf die starren
Steinblcke um sich, sah die Spitze des Vulkans in die Hhe ragen -

Ist es nicht prachtvoll, da es hier so etwas gibt? sagte Felix
ungeduldig und etwas rgerlich.

Mit einem gtigen Lcheln wandte sie sich ihm zu.

Gewi ist das schn, sagte sie. Glauben Sie, da es eine praktische
Bedeutung hat?

Felix wurde eifrig. Natrlich mte man hier Schwefelminen anlegen -

Ob es ihm nicht leid tte, die Unberhrtheit der Natur zu zerstren? Oh,
Allan wrde es so machen, da es eine Verschnerung, eine Funktion der
Natur wrde, eine natrliche Fortentwicklung, wie das Wachsen des Mooses
auf den Felsen.

Allan und immer wieder Allan! dachte Frulein Erhardt und sah zu
Boden. Hat er denn keinen Gedanken mehr fr andere Menschen brig?

Was machen wir jetzt? sagte Felix. Auf die Spitze knnen wir nicht
mehr kommen. Es ist ja schon vier Uhr. Wir knnen noch gerade vor der
Dunkelheit unten sein. Dann haben wir aber morgen wieder dieselbe
Geschichte. Ich glaube, es wre am vernnftigsten, einfach hier zu
bernachten. Ich habe noch drei groe Konservenbchsen mit Fleisch und
eine ganze Masse Schokolade in meinem Rucksack. Damit knnen wir, wenn
wir etwas sparen, gut noch zwei Tage auskommen.

Sobald wir dann wieder unten sind, knnen wir uns wieder satt essen. Was
meinen Sie dazu?

Frulein Erhardt sah sich um und suchte sich vorzustellen, wie man hier
auf den nackten Steinen schlafen sollte.

Ja, sagte sie etwas zgernd.

Gut, dann steigen wir jetzt noch so hoch wir knnen. Vielleicht knnen
wir dann schon morgen Abend wieder unten sein.

Sie stiegen noch zwei Stunden. Der Weg bot keine besonderen
Schwierigkeiten mehr, so da sie im Gehen wirklich die immer groartiger
werdende Aussicht genieen konnten.

Als sich die Sonne dem Horizonte nherte, sahen sie, da sie nur noch
wenige Stunden bis zum Gipfel brauchen wrden. Eine kleine Terrasse mit
Lehmboden und einem kleinen Wsserchen whlten sie als Schlafplatz.
Felix knpfte seine Jacke zu, steckte die Hnde in die Hosentaschen,
wnschte Frulein Erhardt eine gute Nacht und schlo die Augen. Sie sah
ihn mit ihren groen Augen an, sah im rasch fortschreitenden Dunkel
seine Knabengestalt undeutlicher und undeutlicher werden. Sie frstelte,
sie zitterte; Angst und Sehnsucht berfielen sie. Mit einem Aufschrei
warf sie sich auf den Schlfer und kte ihm Augen und Mund.

Felix erwachte wieder, machte eine Bewegung, wie um sie abzuschtteln
und zog sie dann tief aufatmend an sich.




Die Nachricht von Felix' Entdeckungen erweckte naturgem groes
Interesse in der Stadt. Paul Seebeck schlug ihm vor, er solle im
Volkshause einen Vortrag ber seine Reise mit Frulein Erhardt halten;
aber dazu lie sich Felix nicht bereit finden.

Ich habe die Sache schon so oft erzhlt; ich kann sie nicht noch einmal
erzhlen, sagte er.

Dabei hatte er sie mit allen Einzelheiten - doch nicht denen rein
persnlicher Natur - und allen seinen Gedanken, die sich an das
Geschehene knpften, nur einem Einzigen ordentlich erzhlt, und das war
Edgar Allan. Und wenige Tage darauf - der Architekt hatte nur einige
dringende Arbeiten fertig gemacht - ritten er und Felix, trotz des
feinen, aber stndigen Regens, der die Regenzeit einleitete, zum
Vulkane.

Als sie nach einigen Tagen zurckgekehrt waren, bewahrten sie absolutes
Stillschweigen ber die Resultate ihrer genauen Untersuchungen. Aber die
beiden, der Mann und der Knabe, saen tglich stundenlang zusammen.

Erst nach zwei Wochen waren sie so weit, da sie die Vorsteher ins
Vertrauen zogen, und gleichzeitig erschien eine kleine Notiz in der
Inselzeitung des Inhalts, da sich die Schwefellager als abbauwert
erwiesen htten.

In der nchsten Monatsversammlung der Gemeinschaft legte dann Jakob
Silberland die von Edgar Allan und Felix ausgearbeiteten und von der
Vorsteherschaft gutgeheienen Plne vor. Es handelte sich um nichts
weniger, als die Errichtung einer zweiten Stadt dort auf halber Hhe des
Vulkans; einer Stadt, die sich gleicherweise um das Schwefelgebiet wie
den See gruppieren sollte. Die Schwefelminen sollten abgebaut, die
Quellen aber zu Heilzwecken verwendet werden. Am Seeufer sollten die
Wohnhuser liegen. Otto Meyer verteilte Vervielfltigungen von Edgar
Allans Skizze, aus denen in groen Zgen die geplante Verbindung von
Minenstadt und Bade- und Luftkurort zu ersehen war.

Die Kredite, die zur Durchfhrung notwendig waren, waren nicht gro;
Edgar Allan verlangte nur die Anlage einer fr Lastautomobile fahrbaren
Strae zum Vulkane und die Anschaffung der wenigen Maschinen, die zur
Hebung des fast an der Oberflche liegenden Schwefels dienen sollten.
Die spteren Anlagen sollten aus der Hlfte der Ertrgnisse der
Schwefelminen bestritten werden, wobei die andere Hlfte der
Gemeinschaft zufallen sollte. Und diese Kredite wurden natrlich ohne
Widerspruch bewilligt.

Darauf bat Jakob Silberland um Urlaub aus seinem Amte bis zur nchsten
Jahresversammlung, wo er sich ber die endgiltige Niederlage seines
Mandats entscheiden wrde. Vorlufig wollte er die geschftliche Leitung
des neuen Unternehmens bernehmen. Der erbetene Urlaub wurde ihm
gewhrt, und als sein Stellvertreter wurde der durch Zuruf
vorgeschlagene Herr de la Rouvire gewhlt, der die Wahl mit einigen
Dankesworten annahm.




Dr. Jakob Silberland hatte Otto Meyer aufgesucht, mit dem er ein
Gesetzbuch fr die Gemeinschaft auf der Schildkrteninsel entwarf, und
jetzt standen sie von ihrer Arbeit auf. Der Nationalkonom reckte sich
und sagte:

Sie sind eigentlich der Einzige hier, der eine wirklich gemtliche
Wohnung hat; Ihre wunderschnen, orientalischen Teppiche und die dunklen
Mbel -

Na, wissen Sie was, Doktor. Die schne Frau wohnt doch noch ganz
anders.

Jakob Silberland zuckte die Achseln:

Wei nicht. Sie hat ja alles sehr nett und sehr geschmackvoll
eingerichtet, aber ich kann bei ihr nun mal nicht warm werden. Ich
glaube, sie hat zu viel Luft in ihren Zimmern.

Der lange, blonde, jdische Referendar lachte:

Ja, da haben Sie wieder mal recht; nichts auf der Welt macht eine
Wohnung so gemtlich, wie Staub und alter Tabaksrauch - ein Lehrsatz,
den man brigens auch gut und gern auf die groe Welt bertragen kann.
Finden Sie es vielleicht hier in unserem reinlichen und korrekten Staat
gemtlich? Ich mu zu meiner Schande gestehen, da ich mich zuweilen
nach den ehrwrdigen, europischen Spinngeweben sehne.

Jakob Silberland war ernst geworden; er dachte einen Augenblick nach,
dann sagte er eifrig:

Sie knnen nicht so die Parallele zwischen Zimmer und Welt ziehen. Was
im Zimmer erlaubt ist, kann drauen ein Verbrechen sein. Im Gegenteil
frchte ich, da wir schon einige Spinnen hier haben, und wir mssen fr
einen krftigen Besen sorgen, um die Gewebe wegzufegen.

Otto Meyer klopfte ihm auf die Schulter:

Nehmen Sie die Geschichte nicht so tragisch. So war es nicht gemeint.

Das wei ich schon; Sie wollten nur einen Witz machen. Aber gerade im
Witze sagt man oft Dinge, die man sonst nicht auszusprechen wagt.

Aber liebster Doktor, Sie brauchen meine Worte nicht als Bibelweisheit
aufzufassen. Ich kann Ihnen versichern, da ich kein Philosoph bin.

Gerade deshalb - Halloh!

Es hatte geklingelt und Melchior war eingetreten. Er war augenscheinlich
ohne Mantel gekommen, denn er triefte von Wasser.

Guten Tag, Herr wissenschaftlich gebildeter Bauarbeiter! Mit diesen
Worten begrte ihn Otto Meyer und schttelte ihm die Hand.

Stre ich? fragte Melchior und blieb an der Tre stehen.

Durchaus nicht, sagte Jakob Silberland und ging auf ihn zu. Im
Gegenteil, Sie sind uns sehr willkommen. Nachher kommt auch Seebeck. Wir
wollten spter zu Ihnen gehn; wir haben Wichtiges mit Ihnen zu
besprechen.

Einen Augenblick, sagte Otto Meyer und ging in sein Schlafzimmer, aus
dem er mit einem groen, rosa Bademantel zurckkehrte, den er mit
ernsthaftem Gesicht um Melchiors Schultern hngte. Er stlpte ihm auch
die Kapuze ber den Kopf.

So, sagte er, jetzt werden Sie sich nicht erklten.

Melchior lie sich alles ruhig gefallen. Er setzte sich, und seine
heien, tiefliegenden Augen wanderten zwischen den Beiden hin und her.

Was wollen Sie von mir? fragte er.

Otto Meyer zog die Hngelampe herunter, nahm Kuppel und Zylinder ab,
putzte den Docht und zndete ihn dann an. Dabei sagte er:

Ich soll ein neues Amt bernehmen, und da wollten wir Sie fragen, ob
Sie an meine Stelle rcken wollten.

Melchior schttelte langsam den Kopf:

Das geht nicht, sagte er, das wissen Sie ja.

Hren Sie mal, sagte Jakob Silberland. Wir wissen ja alle, aus
welchen Motiven Sie bisher die bernahme eines Amtes abgelehnt haben und
einfacher Arbeiter geblieben sind. Sie wollten Studien machen und dabei
Ihrem Studienobjekte so nah wie mglich sein. Das ist nicht nur
verstndlich, sondern sogar sehr vernnftig. Jetzt liegen sie aber so,
da wir Ihre Mitarbeit brauchen, dringend brauchen, und deshalb bitten
wir Sie, aus dem Zuschauerraum auf die Bhne zu steigen.

Melchior schttelte den Kopf:

Wir gingen von der Voraussetzung aus, da alle Arbeit gleichwertig sei;
deshalb mu es gleichgiltig sein, ob ich Vorsteher der Gemeinschaft oder
Maurer bin.

Nein, da irren Sie sich gewaltig, sagte Jakob Silberland mit
hochgezogenen Brauen und ging nervs im Zimmer auf und ab. Allerdings
betrachten wir alle Arbeit als gleichwertig, was sich schon darin
uert, da alle Arbeiter den gleichen Lohn beziehen. Doch ist dabei
selbstverstndliche Voraussetzung, da jeder an dem richtigen Platze
steht. Es ist eine doppelte Verschwendung menschlicher Energie, den
geistigen Arbeiter an die krperliche Arbeit zu stellen, die er doch
nicht so versehen kann, wie der Muskelmensch. Das ist doch die Grundlage
einer jeden vernnftigen Gesellschaftsordnung, da jeder ganz genau die
Arbeit tut, zu der er am besten geeignet ist. Das ist doch gerade der
Wahnsinn der blichen Gesellschaftsordnungen, da die Angehrigen
gewisser Familien geistige Berufe ergreifen mssen, wenn sie auch
tausendmal besser zu Handwerkern paten, whrend der geborene geistige
Arbeiter aus der Unterklasse nur in Ausnahmefllen auf den ihm seiner
natrlichen Anlage nach zukommenden Platz kommt.

Melchior war aufgesprungen. Erregt wollte er seinen Arm ausstrecken,
aber der verfing sich in den Falten des Bademantels, ein Vorgang, der
Otto Meyer ein Schmunzeln entlockte. Er verbi es aber und sagte:

Und dann noch eins, Herr Melchior: Sie haben ja Ihr berhmtes Problem,
auf dessen Lsung wir alle gespannt sind. Schaun Sie mal, bis jetzt
haben Sie die Geschichte von unten angesehn, wie wre es, wenn Sie sie
auch einmal von oben anshen? Glauben Sie nicht, da Ihnen dann manche
Dinge klarer wrden? Das wre doch auch ein Gesichtspunkt, nicht wahr?

Melchior hatte den Bademantel abgestreift.

Oh Gott, oh Gott, was sagen Sie mir da alles, darber werde ich
nachdenken. Aber ich glaube, Sie haben Recht, meine Herren.

Na also, sagte Otto Meyer und unterdrckte ein Ghnen.

Melchior war dicht an ihn herangetreten.

Aber ich begreife die Menschen noch nicht, mit denen ich jetzt
jahrelang tagtglich zusammenarbeite. Wre es nicht besser, solange bei
ihnen zu bleiben, bis ich wirklich die Gesetze ihres Lebens kennte?

Otto Meyer machte ein nachdenkliches Gesicht:

Vielleicht, ja wahrscheinlich, werden Sie die Sache dann gerade besser
verstehen knnen, wenn Sie etwas Abstand gewinnen. Sie knnen ja dann
spter mit neuen Gesichtspunkten an dieselben Probleme gehen.

Melchior setzte sich wieder und starrte vor sich hin. Dann hob er die
Augen und sah den blonden Juden an.

Sehen Sie, Herr Referendar, sagte er langsam, deswegen kam ich zu
Ihnen. Ich wollte Sie um Ihre Meinung fragen. Sie erinnern sich doch
gewi noch an jene Gesprche, besonders an das letzte, wo Herr Edgar
Allan seine Theorie vortrug. Sie haben natrlich auch darber
nachgedacht. Sehen Sie, die eine, sehr interessante Frage, weshalb man
die staatlichen Formen im weitesten Sinne, das, was Herr Edgar Allan
kurz die Begriffe nennt, sowohl als fortgeschrittener, wie auch als
zurckgebliebener in bezug auf den tatschlichen Zustand der Menschheit
ansehen knnte, mchte ich beiseite lassen. Denn mir scheint - ich bitte
Sie, passen Sie auf, meine Herren - da jene Begriffe mit den Gesetzen,
nach denen die Menschheit tatschlich lebt und sich entwickelt,
berhaupt nichts zu tun haben.

Donnerwetter! rief Jakob Silberland und fuhr sich mit der Hand durch
das lange, blauschwarze Haar.

Herr Doktor Silberland, ich bitte Sie, sich folgendes zu berlegen:
stellen Sie sich doch eine chinesische Millionenstadt ohne Verwaltung,
ohne Gesetze und ohne Polizei vor, die trotzdem lebt, wie ein geordneter
Organismus lebt, nur durch die ungeschriebenen, inneren Gesetze
erhalten -

Wie lange waren Sie in China, Herr Melchior? fragte Otto Meyer
interessiert.

Ich? Ich war nie da, aber ich kann mir doch vorstellen, wie das ist.

Hm. Ich meine, wenn Sie China nicht so genau kennen, es wre doch
immerhin mglich, wenigstens denkbar, da die chinesischen Stdte auch
wie die unserigen eine geordnete Verwaltung htten.

Melchior schwieg und dachte nach. Dann sagte er:

Aber dann denken Sie doch bitte an einen Ameisenhaufen, der doch wohl
die geordnetste Organisation auf der Welt darstellt - wo ist da
Verwaltung und Regierung? Und doch geht alles in der besten Ordnung.

Melchior sah, da es um Otto Meyers Mund zuckte, und er frchtete eine
indiskrete Frage nach dem Ursprung seiner Kenntnisse der Ameisen.
Deshalb fuhr er schnell fort:

Die Beispiele tun gar nichts zur Sache. Tag fr Tag habe ich diese
ungeschriebenen Gesetze herausgefhlt und ich wei, da ich deshalb mit
meinen Arbeitskollegen keine wirkliche Fhlung gewinnen konnte, weil ich
diese instinktiven Gesetze intellektuell suchte.

Sie suchen Probleme, wo es keine gibt, sagte Jakob Silberland. Die
ungeschriebenen Gesetze, die Sie sehr richtig als die instinktiven
bezeichnen, sind die, die sich aus den natrlichen, animalischen
Bedrfnissen des Menschen: Hunger, Liebestrieb und so weiter ergeben.
Die geschriebenen Gesetze dagegen stellen eine recht hilflose
Kodifikation dieser aus den animalischen Bedrfnissen im weitesten Sinne
sich ergebenden praktischen Folgerungen fr die Soziett dar, die immer
in ihrem tatschlichen Zustande die genaueste Abwgung der realen
Strke- und Bedrfnisverhltnisse darstellt. Die Gesetze hinken
natrlich immer nach. Und das ist ja unser Bestreben hier, so wenig wie
irgend mglich mit festen Gesetzen zu arbeiten, sondern alles so fluid
zu lassen, wie es geht. Gesetze stellen in ihrer starren Abstraktion
immer einen Fremdkrper im zuckenden, lebendigen Organismus der
menschlichen Gesellschaft dar.

Melchior lie die Hand schlaff auf die Stuhllehne fallen:

Da sitzen wir wieder fest. Aber Dr. Allan scheint doch recht zu haben,
wenn er sagt, da die Begriffe ein eigenes, lebensfremdes Dasein fhren.
Und wie ist das mglich, da sie gleichzeitig ein hheres und ein
tieferes Niveau als die Menschheit darstellen! In diesem Rtsel liegt
doch der Schlssel zum Problem verborgen.

Otto Meyer rusperte sich:

Wahrscheinlich ist die Sache einfach so, da man sie, von zwei
verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtend, verschieden sieht. Vom
Tale aus gesehen sind sie hoch, vom Berge aus erscheinen sie tief, weil
sie eben auf halber Hhe liegen.

Melchior sprang auf. Seine Augen waren aufgerissen:

Ich bitte Sie, mehr! Wie ist Ihr Gedankengang?

Otto Meyer lachte:

Um Gotteswillen beruhigen Sie sich. Ich habe gar keinen Gedankengang.
Ich meinte nur ganz harmlos, da wenn Sie behaupten, da der Teppich
grn ist, Silberland ihn dagegen fr gelb hlt, er vermutlich auf der
einen Seite grn und auf der anderen gelb ist.

Melchior sah ihn verstndnislos an; dann sank er gleichsam in sich
zusammen. Nach einer Weile sagte er leise:

Ich wei, da Sie mich verspotten, und doch haben Sie mir damit
geholfen. Ich sehe jetzt wieder den Weg vor mir. Ich danke Ihnen.

Bitte, bitte, gern geschehen, sagte Otto Meyer und stand auf. Er hatte
drauen Schritte gehrt. Es war Paul Seebeck.

Ah, Melchior, Sie, sagte er eintretend. Schn, da ich Sie hier
treffe. Dann knnen wir die Sache ja gleich besprechen. Ich habe nmlich
fast gar keine Zeit. - Gr Gott, Jakob.

Wir haben Herrn Melchior schon die Sache vorgetragen; er ist auch
einverstanden, erklrte Jakob Silberland.

So? Schn. Es handelt sich also darum, sagte Paul Seebeck, sich
setzend, da das bisherige Verfahren, bei dem alle Streitigkeiten von
der Monatsversammlung geschlichtet werden, auf die Dauer nicht
durchfhrbar ist. In Zukunft soll die Monatsversammlung nur noch
Berufungsinstanz sein, vielleicht sogar erst dritte Instanz. Zunchst
sollen alle Sachen jedenfalls von einem Richter entschieden werden, vor
allem die reinen Bagatellsachen. Ob wir als nchste Instanz die
Vorstandschaft nehmen, oder gleich die Monatsversammlung, mssen wir uns
noch berlegen. Praktisch kommt es ja auf dasselbe hinaus, da die
Versammlung ja fast immer gem den Vorschlgen der Vorstandschaft
beschliet. Na, wir werden sehen, wie sich das am besten formulieren
lt. Jedenfalls soll Otto Meyer der Richter sein. Und Sie wrden wir
bitten, seine Stellung zu bernehmen. Wenn Sie einverstanden sind, wrde
ich Ihnen vorschlagen, bis zur nchsten Jahresversammlung als Otto
Meyers Gehilfe zu arbeiten, um mit den Geschften vertraut zu werden.
Auf der Jahresversammlung lassen wir dann entsprechend beschlieen. Die
Sache wird uns natrlich ohne weiteres genehmigt; die Leute sind ja nur
froh, wenn wir ihnen wieder ein Stck Denkarbeit abnehmen. Sind Sie
einverstanden?

Ja, Herr Seebeck, ich wrde ja gern ein Amt bernehmen, seitdem ich
eingesehen habe, da meine Anschauungen einseitig bleiben mssen,
solange ich nur einfacher Arbeiter bin. Aber hinter dem, was Sie jetzt
sagten, liegt noch so viel verborgen, was ich erst durchdenken mu.
Wollen Sie mir nicht einige Tage Bedenkzeit lassen?

Ich kann es nicht, lieber Melchior. Es ist unmglich. Ich habe alles
aufs Genaueste durchdacht und wei, da es richtig ist. Ich bitte Sie,
sich jetzt sofort zu entscheiden. Seebeck hatte seine Augen kalt und
streng auf Melchior gerichtet, und dieser krmmte sich unter dem Blick.
Endlich sagte er:

Herr Seebeck, ich vertraute Ihnen, als ich hierherkam. Ich tue es auch
jetzt noch, obgleich ich Sie nicht mehr verstehe. Ich nehme Ihren
Vorschlag an.

Ich danke Ihnen, sagte Seebeck aufstehend. Aber jetzt mu ich wieder
an meine Arbeit.

Er ging aber nicht nach Hause, sondern an den Strand. Dort sa er, trotz
des strmenden Regens, lange auf einem Steine und sah zu, wie ein Licht
nach dem andern erlosch. Zuletzt auch die Straenlaternen. Da erhob er
sich, und der groe, starke Mann ging langsam, mit schleppenden
Schritten wie ein Kranker, die Strae hinauf. Vor Frau von Zeuthens Haus
blieb er stehen; nur die verhngten Fenster ihres Schlafzimmers waren
erleuchtet. Wie er weitergehen wollte, hrte er bei ihrer Haustre ein
Gerusch. Schnell trat er etwas zur Seite und sah hin. Die Tr wurde
geffnet, und eine dunkle Gestalt trat heraus, sah sich scheu um und
kam dann mit seltsamen Schritten nher. Paul Seebeck sah den kurzen
Oberleib mit den langen Armen. Kein Zweifel: es war der Krppel.

Das Licht in Frau von Zeuthens Schlafzimmer erlosch.

Paul Seebeck lie Herrn de la Rouvire vorbei gehen und im Dunkel
verschwinden. Dann richtete er sich stramm auf, bi die Zhne zusammen
und ging nach Hause.

Auf seinem Schreibtisch stand Frau von Zeuthens Bild; er nahm es, sah
ihm lange in die Augen, kte es und setzte sich dann an seine Arbeit.




Schon als die Schwefelquellen erst notdrftig eingefat waren, und die
ersten Baracken am See standen, bildete der Vulkan, wie die
entstehende Stadt kurz genannt wurde, einen beliebten Ausflugsort. Die
schweren Lastautomobile waren auch zur Mitnahme einiger Personen
eingerichtet, aber das gengte bald nicht mehr. Sobald die Strae
gebrauchsfertig war, lie Jakob Silberland als Geschftsfhrer einige
Personenautomobile kommen, die den tglich anwachsenden Verkehr kaum zu
bewltigen vermochten. Natrlich war es unmglich, in der Schnelligkeit
gengende Unterkunftshuser zu schaffen, aber da fand Edgar Allan einen
Ausweg. In den Schluchten am Fue des Vulkans lieen sich mit ganz
geringer Mhe mit Hilfe von Segeltuchdchern und Fumatten Wohnsttten
improvisieren, die im warmen, regenlosen Sommer ausreichten.

Es kamen auch Fremde zum Vulkan; die Durchreisenden, die oft einige
Tage oder Wochen auf der in Deutschland natrlich vielbesprochenen
Schildkrteninsel verweilten, versumten nicht, die neuentstandene
zweite Stadt zu besuchen, und nachdem erst die groen Schwefelbder in
ordnungsmen Betrieb gesetzt worden waren, wurden sie nicht zum
geringsten Teil von den Besuchern der Insel benutzt.

Einer der ersten Besucher war brigens ein Herr von Hahnemann, ein bei
Neu-Guinea stationierter Marineoffizier, der auf der Schildkrteninsel
seinen Urlaub verbrachte. Dieser Herr von Hahnemann fiel eigentlich
besonders durch seine Wibegierde auf; man sah ihn oft stundenlang mit
einfachen Arbeitern im Gesprch. Auch hatte er bei den Vorstehern und
einigen anderen hervortretenden Persnlichkeiten, wie Nechlidow, Herren
de la Rouvire und Frau von Zeuthen Besuche gemacht und wurde auch von
diesen gelegentlich eingeladen.

Einige Tage vor seiner Abreise kam Herr von Hahnemann zu Paul Seebeck,
um sich zu verabschieden. Paul Seebeck empfing ihn, wie er schon so
manchen derartigen Besucher empfangen hatte, mit dem sehnlichen Wunsche,
da dieser ihn bald wieder allein liee. Da Herr von Hahnemann aber
blieb, fragte er ihn nach Verlauf einer Stunde:

Haben Sie vielleicht ein besonderes Anliegen? Wenn ich Ihnen irgend
eine besondere Aufklrung geben knnte -?

Sie sind auerordentlich liebenswrdig, antwortete der Offizier mit
einer leichten Verbeugung. Entschuldigen Sie die etwas indiskrete
Frage mit meinem groen Interesse: wie denken Sie sich die Zukunft, Herr
Seebeck?

Paul Seebeck sah ihn zweifelnd an. Dann stand er auf und ging zum
Fenster.

Ich verstehe Ihre Frage nicht recht. Wir werden so weiterarbeiten wie
bisher. Und dabei sah er seinem Besucher gerade in die Augen.

Pardon, gewi. Ich meinte aber, wie denken Sie sich in Zukunft Ihre
persnliche Stellung zu der Sache?

Solange ich das Vertrauen der Mehrheit habe, sagte Paul Seebeck
ziemlich schroff, bleibe ich hier auf meinem Posten.

Herr von Hahnemann stand auf:

Aber die haben Sie ja nicht mehr. Auf der letzten Jahresversammlung
sind Sie von einer Minoritt nur deshalb gewhlt worden, weil sich die
oppositionellen Stimmen auf zwei Kandidaten verteilten.

Herr von Hahnemann, sagte Seebeck und trat dicht vor ihn hin. Ich bin
ordnungsgem gewhlt worden, und damit ist dieser Punkt erledigt. Im
brigen bedauere ich, mich mit einem Auenstehenden nicht ber innere
Verhltnisse unserer Gemeinschaft aussprechen zu knnen.

Herr Seebeck, ich verstehe Ihre Erregung ber meine taktlosen Fragen
durchaus. Ich mchte Sie aber darauf aufmerksam machen, da ich - nicht
nur als Privatmann hier bin.

Seebeck setzte sich an seinen Schreibtisch und fragte ganz ruhig:

Sie sind im Auftrage der Reichsregierung hier?

Ja, sagte Herr von Hahnemann. Es war eine Klage eingelaufen, und ich
wurde hierher geschickt, um ihre Grundlagen zu prfen. Zu meinem
Bedauern fand ich sie besttigt.

Darf ich Sie fragen, wer auer Nechlidow die Klage unterzeichnet hat,
deren Inhalt ich mir denken kann, fragte Paul Seebeck zwischen den
Zhnen.

Ich bedaure, Ihnen darauf die Antwort verweigern zu mssen. Sie sagen
selbst, da Sie sich den Inhalt der Klageschrift denken knnen, damit
erbrigt sich, auf die einzelnen Punkte einzugehn. Ich bin vllig
unbefangen hierhergekommen und habe alles mit eigenen Augen geprft,
besonders das Protokoll jener Sitzung. Da ich mich leider von der
Stichhaltigkeit jener Klage berzeugen mute, sehe ich mich zu meinem
Bedauern gentigt, von meinen Vollmachten Gebrauch zu machen. Sie mssen
die Reichsregierung verstehen, Herr Seebeck. Wenn hier nur einige
Idealisten auf einem unfruchtbaren Felseneilande sen, knnte man sie
ja in Gottes Namen machen lassen, was sie wollten, und ihre Experimente
mit Wohlwollen und Interesse betrachten. Da es sich jetzt aber schon um
Hunderte handelt, die Zahl der Ansiedler wahrscheinlich noch bedeutend
steigen wird, und ferner das Interesse des Reichs an diesem Teile seines
Kolonialbesitzes durch die Schwefelfunde noch erhht ist, ist es nicht
nur das gute Recht, sondern die Pflicht des Reiches, hier absolut
korrekte Zustnde zu schaffen.

Er machte eine Pause, als erwartete er eine Antwort; aber Paul Seebeck
sagte nichts, sah ihm nur ruhig ins Gesicht. Der Offizier wurde nervs
unter diesem Blicke; er holte aus seiner Brusttasche einige Papiere,
sowie ein kleines Etui hervor.

Herr Seebeck, auch fr den Fall, da sich jene Klage als stichhaltig
erweisen sollte, will die Reichsregierung in Anbetracht Ihrer
unbestreitbaren groen Verdienste Ihnen auch nur den Schatten einer
Demtigung ersparen. Sie verlangt nichts, als da Sie Ihr Mandat als
Reichskommissar niederlegen, und wird dann von sich aus einen neuen
ernennen. Was wir gesprochen haben, bleibt unter uns. Und hier haben Sie
noch einen ausdrcklichen Gnadenbeweis. Dabei legte er das kleine Etui
auf den Schreibtisch.

Das Ding enthlt vermutlich einen Orden, sagte Paul Seebeck
aufstehend. Bitte stecken Sie ihn wieder ein. Wollen Sie so
liebenswrdig sein, mir eine Frage zu beantworten: Was wird geschehen
wenn ich mich jetzt weigere, das Reichskommissariat freiwillig
niederzulegen?

Der Offizier war aufgesprungen:

berlegen Sie sich, was Sie sagen.

Ich habe es mir berlegt.

Das ist ein Affront.

Seebeck zuckte die Achseln:

Nicht gegen Sie, verehrter Herr von Hahnemann. Sie sind ja nur
Werkzeug. Sie spielen in einer Komdie mit, glauben Regisseur zu sein
und sind nur Puppe. Soll ich Ihnen sagen, weshalb ich gehen soll? Nicht,
weil es hier schlecht geht, nicht weil ich meine Stellung mibraucht
habe, sondern weil alles gut geht, besser geht, als es sich die Herren
dort in Berlin je trumen lieen. Weil wir mit unserer Arbeit vorwrts
kommen. Wir haben hier etwas Brauchbares geschaffen, haben die
Durchfhrbarkeit gewisser Utopieen erwiesen, und das ist der springende
Punkt. Alles andere ist ja nur Vorwand. Einige kleine Schwierigkeiten,
die die Durchfhrung einer groen Sache naturgem mit sich fhrt, die
Nrgeleien und Quertreibereien irgendwelcher Personen, die gar nicht
verstehen, worum es sich hier handelt, geben den bequemen Vorwand, um
alles zu vernichten. Ein Reichskommissar aus Berlin hier, hier in meinem
Werke! Nein mein Freund. Nehmen Sie Ihr Ding da mit und schmen Sie
sich, bei einer so unwrdigen Komdie mitzuwirken. Erzhlen Sie den
Herren in Berlin, da Paul Seebeck nicht fr einen lausigen Orden sein
Lebenswerk verkauft. Das Reichskommissariat lege ich nicht nieder.

Ich will - durchaus gegen meine Gewohnheit - die Spitze berhrt haben,
die meine Person betrifft, um die unerhrte Beschuldigung
zurckzuweisen, die Sie gegen die Reichsregierung gerichtet haben. Sie
fhlen sich in einer schwachen Position und sehen deshalb voll
ungerechtfertigter Bitterkeit auf alle anderen. berlegen Sie sich doch:
die Reichsregierung hat Sie mit dem grten Wohlwollen behandelt; was
soll die Regierung aber anders tun, als Ihnen in schonendster Form den
Abschied nahezulegen, wenn sich die Mehrzahl Ihrer eigenen Brger gegen
Sie erklrt? Und mehr, wenn die Klage sich als berechtigt erweist? Sie
selbst tragen allein Schuld an dieser Wendung der Dinge, jetzt mssen
Sie auch die Konsequenzen ziehen. Legen Sie das Reichskommissariat
nieder!

Ich tue es nicht!

Dann wird man Sie dazu zwingen!

Versuchen Sie es! sagte Paul Seebeck und ging in sein Schlafzimmer,
dessen Tr er hinter sich zuschlug.




Sobald die Prinzessin Irene mit Herrn von Hahnemann an Bord die Anker
gelichtet hatte, berief Paul Seebeck die Vorsteher der Gemeinschaft zu
sich und zwar die offiziellen Inhaber der mter, nicht ihre stndigen
Stellvertreter. Das war auffllig, denn die stndigen Stellvertreter,
wie zum Beispiele Herr de la Rouvire, pflegten sonst immer zu den
Sitzungen zugezogen zu werden. Paul Seebeck schickte auch Frulein
Erhardt fort, die gewhnlich bei den Sitzungen das Protokoll gefhrt
hatte, und schlo aufs Sorgfltigste alle Tren und Fenster seines
Arbeitszimmers. Seine Freunde sahen erstaunt seinem Tun zu; als er ihnen
aber dann seine Unterredung mit Herrn von Hahnemann erzhlt hatte, die
schon drei Tage zurcklag, ber die beide Teilnehmer aber bisher
vlliges Stillschweigen bewahrt hatten, begriffen sie ihn. Ein langes
Schweigen folgte seinem Berichte.

Als erster ergriff Herr von Rochow das Wort:

Man kann Nechlidow nicht einmal einen Vorwurf machen; er hat nur aus
den reinsten Motiven heraus gehandelt, freilich ohne die Tragweite
seines Vorgehens auch nur im Entferntesten zu bersehen.

Ach wissen Sie was, Herr von Rochow, unterbrach ihn Paul Seebeck
mde, es mute einmal so kommen. Ob Nechlidow oder ein anderer nun den
entscheidenden Schritt tat. Aber bei Gott, rief er aufstehend, ich
lasse mir mein Werk nicht zerstren. Und was wrde es helfen, da die
Leute einen von unseren Leuten zum Kommissar machen; sie werden schon
dafr sorgen, da es ein richtiger Eunuche ist, der ihren Willen tut.
Was eine unfhige Verwaltung aus lebenskrftigen Kolonien machen kann,
sieht man ja deutlich genug aus unseren afrikanischen Kolonien.

Besonders, wenn man an die englischen Nachbarkolonien denkt, sagte
Jakob Silberland.

Gehen wir doch zu England, sagte Otto Meyer gemtlich; die werden uns
schon in Frieden lassen; die Englnder wissen, da die Kolonieen von
Mnnern gemacht werden und nicht von Korpsstudenten.

Seebeck sah ihn starr an.

Bitte, sagte er.

Ich meine, sagte Otto Meyer, wir haben keinen Grund, das positive
Resultat unserer Arbeit zerstren zu lassen, blo weil einige Geheimrte
im Kolonialamt Bauchschmerzen haben. Wenn die Deutschen eine anstndige
Kolonie nicht haben knnen, erklren wir uns fr autonom und lassen uns
dann von England annektieren. Sowas lt sich doch machen, deswegen
braucht man doch nicht gleich tragisch zu werden.

Das wre Revolution, sagte Hauptmann a. D. von Rochow ernst.

Paul Seebeck dachte nach; dann fuhr er heftig auf:

Ist das unsere Schuld? Was gehen wir das Reich an? Wir haben den Leuten
nicht einen Pfennig gekostet; alles haben wir allein gemacht, mit
unserer Arbeit, unserem Gelde. Jetzt wo die Sache nahezu vollendet ist,
wollen sie es nicht etwa bernehmen, um es in unserem Sinne
fortzufhren, sondern sie wollen es zerstren. Ich bitte Sie, stellen
Sie sich doch hier einen Berliner Gouverneur vor! Oder noch schlimmer,
einen hiesigen Idioten, der die Puppe der Herren da oben ist! Aber das
erlaube ich nie! Vorlufig bin ich hier.

Also, erwge doch meinen Vorschlag. Ich glaube, das ist der einzige
Ausweg.

Jakob Silberland stand auf und trippelte auf seinen kurzen Beinchen im
Zimmer auf und ab:

Wir wollen doch zunchst mal berlegen, was jetzt geschehen wird. Vom
nchsten Hafen aus telegraphiert der Mann nach Berlin, da Seebeck sich
weigert, freiwillig zurckzutreten; die Antwort lautet wahrscheinlich,
da Herr von Hahnemann Vollmacht erhlt, Seebeck abzusetzen, und
entweder er oder ein anderer wird vorlufig Reichskommissar hier, bis
sie den richtigen Idioten herausgefunden haben. Hahnemann kann vor einem
Monat berhaupt nicht wieder hier sein; das wre das allerfrhste.
Vorlufig kann man Seebeck nichts tun. Da er sich weigert, freiwillig
seinen Abschied zu nehmen, ist kein Verbrechen. Kritisch wird die Sache
erst, wenn ihm das Reichskommissariat entzogen wird, und er sich nicht
darum kmmert. Dann kommt ein Kriegsschiff und nimmt ihn als Aufrhrer
mit. Bis dahin wrde aber mindestens ein zweiter Monat vergehen. In
diesen zwei Monaten mte alles entschieden sein; denn wenn wir offenen
Aufruhr begehen und uns nicht durchsetzen, sind wir verloren.

Seebeck hatte sich wieder gesetzt; ruhig sagte er:

Kinder, ihr beide wit Bescheid im Staatsrecht. Existiert denn
berhaupt eine Mglichkeit, sich von England annektieren zu lassen?

Gewi, die Mglichkeit ist da. Einer von uns mte mit dem nchsten
Schiffe nach Sidney und sehen, was er dort ausrichten kann, sagte Jakob
Silberland eifrig.

Wenn Herr von Rochow als Fachmann mir helfen will, baue ich Ihnen in
sechs Wochen Befestigungen auf, die dem Kriegsschiff eine harte Nu zu
knacken geben werden. Eine Landung zu verhindern, ist bei unserem Hafen
eine Kleinigkeit, einige Seeminen gengen, fgte der hagere Architekt
hinzu.

Ich beschwre Sie, meine Herren, berlegen Sie sich, was Sie tun
wollen! Revolution, Vaterlandsverrat! rief Herr von Rochow.

Das Vaterland hat uns verraten, nicht wir das Vaterland, sagte Paul
Seebeck scharf. Aber ich will Sie zu nichts verleiten, was Ihrem
Gewissen widerspricht. Noch ist es Zeit fr Sie alle, sich
zurckzuziehen. Ich aber bleibe hier ...

Und ich bleibe bei Ihnen, sagte Herr von Rochow und ergriff Seebecks
Hand. Ich bleibe bei Ihnen, was auch kommen mag.

Ich auch, sagte Otto Meyer und zndete sich eine Zigarette an.

Wo bekommen wir aber das Geld her? fragte Jakob Silberland. Es
handelt sich doch jedenfalls um Hunderttausende.

Wir mssen es uns natrlich ganz korrekt bewilligen lassen, erklrte
Otto Meyer, sonst wird die Sache zu deutlich. Wir sagen einfach, da
bei der dauernden Spannung zwischen England und Deutschland die
Befestigung unvermeidlich ist. Und da wir ja leider Spione im Lande
haben, knnen wir sagen, da die Bewahrung militrischer Geheimnisse in
einem kleinen Kreise - hier also in der Vorsteherschaft - eine absolute
Notwendigkeit ist. brigens wre es am besten, in aller Heimlichkeit so
viel zu bauen, wie nur irgend geht und sich die Kredite nachtrglich
bewilligen zu lassen. Denn wenn man drauen erfhrt, da wir
befestigten, wird das Kriegsschiff mit Windeseile angerannt kommen.

Paul Seebeck war ans Fenster getreten und blickte hinaus:

Schade, schade, da es so kommen mute. sagte er.

Was brauchen wir eigentlich, wandte sich Otto Meyer an Herrn von
Rochow, eine Strandbatterie und -

Hauptmann a. D. von Rochow schttelte den Kopf:

Eine Strandbatterie hat gar keinen Sinn; die schiet ein Kriegsschiff
in einer Viertelstunde zusammen. Nein, ein schweres Festungsgeschtz und
einige Maschinengewehre hier oben fr alle Eventualitten gengen. Das
Hauptgewicht mssen wir auf die Seeminen legen. Die natrlich mit
elektrischer Zndung von hier oben aus.

Ist das nun alles eine Kette von Zufllen oder war es eine
Notwendigkeit? Mute es so kommen? sagte Seebeck, noch immer am Fenster
stehend und hinausblickend.

Zerbrich dir darber nicht den Kopf, sagte Otto Meyer und klopfte ihm
auf die Schulter, die Probleme sind dem tchtigen Melchior reserviert.
Wir knnen ja handeln, brauchen also nicht nachzudenken.

Bravo! rief Edgar Allan.

Und dann begannen die Vorsteher der Gemeinschaft, die zu unternehmenden
Schritte bis in die kleinste Einzelheit zu beraten. Erst bei Tagesgrauen
trennten sie sich, und da war alles beschlossen.




Wie schon oft in der letzten Zeit holte Nechlidow seine junge Freundin
um fnf Uhr vom Kindergarten ab, nachdem Hedwig ihre kleinen Schtzlinge
entlassen hatte.

Die beiden gingen schweigend durch die lange, einreihige Fischerstrae
bis zur letzten Landspitze, die die bewohnte Bucht von der Irenenbucht
schied.

Wissen Sie, Hedwig, was Herr von Hahnemann mitgenommen hat? fragte
Nechlidow, als sie dort auf einer gewaltigen Klippe saen, Paul
Seebecks Abschiedsgesuch.

Hedwig sah ihn erschreckt an:

Woher wissen Sie das?

Ja, ich wei es. Herr von Hahnemann war hier, um die Richtigkeit meiner
Klagen zu prfen; er hat mir selbst gesagt, da er sie in allen Punkten
berechtigt gefunden htte. Ich sprach ihn, gerade als er zu Herrn
Seebeck hinaufgehen wollte. Ja, jetzt ist es mit Seebecks
Selbstherrschaft vorbei - jetzt werden wir die Sache wieder in Ordnung
bringen.

Sind Sie ganz sicher, da Sie Recht haben? fragte Hedwig leise.

Seien Sie nicht traurig, liebe Hedwig. Es tut mir selbst um Seebeck
leid, denn ich achte ihn als Menschen. Aber die Sache geht vor. Und
Seebeck ist schwach, viel zu schwach, um sie durchzufhren. Seien Sie
aufrichtig, was ist von den Idealen brig geblieben, mit denen wir
hierher kamen? Wodurch unterscheidet sich unsere Gemeinschaft von
irgend einem beliebigen Staate? Nur durch Phrasen. In Wirklichkeit ist
alles genau dasselbe. Sehen Sie, Hedwig, in jener entscheidenden Sitzung
in Berlin sagte ich zu Paul Seebeck, da es nur ein Mittel gbe, um
nicht in die Verlogenheit aller anderen Staaten hineinzugeraten, und da
dieses das absolute Festhalten an der menschlichen Vernunft sei. Er gab
mir recht, er ist intelligent genug, das einzusehen, aber zu schwach, es
durchzufhren. Der Todfeind aller Kultur, aller Fortentwicklung der
Menschheit, die Sentimentalitt liegt ihm so tief im Blute, da sie
strker als alle Vernunft ist. Hier brauchen wir Mnner, klare,
vernnftige Mnnerkpfe, Kerle wie Herrn de la Rouvire, aber keine
trumerischen, weibischen Dichter wie Seebeck.

Hedwig hatte ihm ngstlich zugehrt:

Aber Paul ist doch so gut.

Eben deshalb mu er fort. Das ist ja gerade sein Fehler. Gte, Liebe -
was sind das fr Begriffe. Miverstandene Naturtriebe. Heutzutage
lieben Mnner einander; was ist das fr ein Unsinn! Oder ein Mann und
eine Frau lieben einander, aber kommen aus irgend einem Grunde nicht
zusammen. Denken Sie doch nur alle die kindischen Romane. Liebe ist der
Wunsch nach dem Kinde, also ist sie nur dort wahr und nicht verlogen, wo
zwei Menschen zusammen ein Kind haben wollen, sonst nicht. Seitdem wir
aber das wissen, brauchen wir doch keine Dichter und keine Gefhle mehr.
Wir haben doch die Vernunft, und die verirrt sich nie; wie oft tun das
aber die unklaren, mystischen Gefhle. Sehen Sie doch, was so ein Gefhl
fr Bocksprnge macht: aus dem Triebe nach dem Kinde wird die Liebe, die
alles mgliche verbindet, was mit dem Wunsche nach dem Kinde, nach der
Zukunft der Menschheit, nicht das Geringste mehr zu schaffen hat; aus
der Liebe wird die Gte und aus Gte und Rcksichtnahme nach allen
Seiten ruiniert Seebeck diesen Staat, der eine neue Menschheit htte
gebren knnen. Ach was htte hier werden knnen, wenn Seebeck stark
gewesen wre.

Aber hier geht alles doch so gut - unterbrach ihn Hedwig schchtern.

Ungeheure Lgen sind hier gebaut, und die florieren glnzend, das ist
wahr.

Hedwig war aufgestanden und wandte sich langsam der Stadt zu. Nechlidow
ging ihr nach und fate sie bei der Hand:

Liebe Hedwig - sagte er bittend.

Aber sie ri sich los. Aus ihren groen, braunen Augen quollen Trnen.

Ich will kein Kind von Ihnen haben, Herr Nechlidow, sagte sie mit
zuckenden Lippen. Dann machte sie sich schnell von ihm los und lief der
Stadt zu.

Nechlidow folgte ihr langsam.




Als die Kredite fr die in Hinblick auf die Spannung zwischen England
und Deutschland notwendigen Befestigungen bewilligt wurden, war nicht
viel mehr zu tun, als das Festungsgeschtz zu montieren, das zusammen
mit den beiden Maschinengeschtzen in der bombensicheren Kasematte im
Felsen unter Seebecks Haus Platz finden sollte. Denn Hauptmann von
Rochow hatte als Fachmann diese Stelle als die geeignetste gewhlt, ganz
abgesehen davon, da sich nur hier die Arbeiten in vlliger Heimlichkeit
hatten vornehmen lassen. Ein mit Stahlplatten bedeckter Schacht fhrte
von Paul Seebecks Kohlenkeller mehrere Meter tief hinab, und dort unten
war ein Gewlbe ausgehauen, in dem die Geschtze stehen sollten.

Nur drei lange, schmale Schiescharten fhrten hinaus, und die lagen
gerade ber den Dchern der auf der nchsten Terrasse stehenden
doppelten Huserreihe, so da diese fast mit Sicherheit die den
Geschtzen zugedachten Schsse auffangen wrde.

Die Seeminen hatten die Vorsteher in mehreren Nchten allein versenkt,
und ihr Lageplan war in den Hnden der Archivarin gut aufgehoben. Es
war nicht so schwer, diese Arbeiten in voller Heimlichkeit auszufhren,
als vielmehr gleichzeitig auch den Ausbau des Vulkans zu versehen, zum
mindesten scheinbar, damit die pltzliche Arbeitseinstellung dort oben
kein Mitrauen erweckte.

Aber es ging. Die vier Mnner arbeiteten mit eiserner Energie Tag und
Nacht - nur vier waren sie jetzt, denn Jakob Silberland weilte in
Sidney, wie es hie, um grere Abschlsse ber den gewonnenen Schwefel
zu erreichen. Und auf den riesigen Kisten, die die Geschtzteile und die
Munition enthielten, stand harmlos das Wort: Maschinen.

Sechs Wochen nach seiner Abreise kam Herr von Hahnemann wieder zur
Schildkrteninsel. Diesmal auf einem Torpedoboot. In Paradeuniform
stieg er ans Land und begab sich eine Stunde spter zu Paul Seebeck.
Dieser empfing ihn mit gelassener Hflichkeit und bat ihn, Platz zu
nehmen. Der Offizier dankte mit einer Verbeugung, blieb aber stehen,
whrend Paul Seebeck sich an seinen Schreibtisch setzte.

Sie bringen mir meine Abberufung, Herr von Hahnemann? fragte er ruhig.

Herr Seebeck, bei der groen persnlichen Achtung, die ich fr Sie
hege, erlaubte ich mir, in meinem Berichte unsere letzte Unterredung
wohl wahrheitsgetreu, doch - etwas harmloser zu schildern, als sie sich
zugetragen hat. Es steht Ihnen noch heute frei, freiwillig das
Reichskommissariat niederzulegen; trotz allem.

Ich tue es nicht, antwortete Paul Seebeck und sah ihm gerade ins
Gesicht.

Ist das Ihr letztes Wort?

Ja.

Dann habe ich hiermit die Ehre, Ihnen kraft meiner Vollmachten Ihr
Abberufungsschreiben zu berreichen, sagte der Offizier und legte ein
versiegeltes Kuvert auf den Schreibtisch. Wollen Sie die
Liebenswrdigkeit haben, mir den Empfang zu besttigen.

Mit Vergngen, antwortete Paul Seebeck, entnahm einer Schublade einen
Briefbogen und schrieb einige Zeilen darauf. Ist es so recht? Und er
reichte dem Offizier das Blatt, das dieser aufmerksam las und es dann in
seine Brieftasche schob.

Gewi, Herr Seebeck. Ich danke Ihnen. Damit ist die Sache erledigt. Ich
verstehe aber nicht, weshalb Sie es so weit kommen lieen.

Ich pflege einem Brieftrger nicht die Unterschrift fr einen
eingeschriebenen Brief zu verweigern - wozu soll ich dem nichtsahnenden
Manne Schwierigkeiten machen. Er erfllt ja nur seine Pflicht. Jetzt ist
also der Brief ordnungsgem mein Eigentum geworden, und ich kann damit
machen, was ich will. Damit nahm er das versiegelte Kuvert und zerri
es mit seinem Inhalt in kleine Fetzen, die er in seinen Papierkorb warf.
Dann wandte er sich wieder dem Offiziere zu und sah ihm ruhig ins
Gesicht.

Herr von Hahnemann trat einen Schritt zurck; sein Gesicht war
kreidebleich.

Wissen Sie, was das heit? rief er.

Ja, sagte Paul Seebeck, das heit Aufruhr.

Wollen Sie sich denn dem aussetzen, da man Sie mit Waffengewalt
zwingt, den Willen der Reichsregierung anzuerkennen?

Was wollen Sie damit sagen, Herr von Hahnemann? fragte Paul Seebeck
freundlich.

Der Offizier hatte sich wieder etwas gefat. Seine Stimme bekam etwas
vom scharfen Kommandoklang, als er sagte:

Ein Kriegsschiff wird kommen und Sie als Gefangenen mitnehmen.

Ach so einfach ist die Sache? Aber wenn ich mich nun mit Gewalt der
Gewalt widersetze?

Dann werden Sie standrechtlich erschossen.

Paul Seebeck stand auf; er berlegte einen Augenblick. Dann ging er an
dem Offizier vorbei zur Wand, hob ein Gemlde vom Nagel, wobei eine
Stahlplatte sichtbar wurde, die der Tr eines in die Mauer
eingelassenen Geldschrankes hnlich war. Dann zog er einen Schlsselbund
aus der Tasche und blickte auf:

Sie sind Marineoffizier, nicht wahr?

Herr von Hahnemann neigte bejahend den Kopf.

Dann sind sie auch natrlich imstande, Entfernungen auf dem Wasser
abzuschtzen. Darf ich Sie bitten, hier ans Fenster zu treten? Danke.
Sehen Sie die letzte flache Klippe dort rechts? Schn. Sehen Sie in
gerader Richtung drei Kilometer weiter. Bitte halten Sie den Punkt im
Auge.

Seebeck war an den Schrank getreten und ffnete das Geheimschlo. Bei
dem Gerusch wandte sich der Offizier unwillkrlich wieder nach ihm um
und sah, da der Schrank ein Tastbrett wie das einer Schreibmaschine
enthielt.

Ich habe Sie ersucht, jenen Punkt im Auge zu behalten, sagte Paul
Seebeck scharf. Der Offizier kniff die Lippen zusammen und blickte
wieder hinaus. Paul Seebeck drckte rasch auf einen der Knpfe und
schlug dann die Stahltr zu. Im selben Augenblick erhob sich bei dem
angegebenen Punkte auf dem Meere eine gewaltige Wasserpyramide, blieb
einige Sekunden stehen und brach dann in sich zusammen. Erst eine halbe
Minute spter klang ein dumpfes Grollen herber. Der mit Schaum bedeckte
Wasserspiegel war in wilde Bewegung geraten. Selbst im Hafen
schaukelten die Schiffe.

Herr von Hahnemann sah Seebeck stumm an; dann verbeugte er sich und
verlie das Zimmer.

Er ging so schnell er konnte die Strae hinunter, an allen denen vorbei,
die ihn wieder erkannten und ansprechen wollten, und stand eine
Viertelstunde spter in Herrn de la Rouvires Haus.

Der Krppel bestrmte ihn mit Fragen, aber Herr von Hahnemann schttelte
nur unwillig den Kopf. Er fragte:

Wissen Sie, da die Insel befestigt ist?

Herr de la Rouvire fuhr erstaunt auf:

Da sie befestigt ist? Das ist doch unmglich. Erst vorgestern wurde
doch die Befestigung beschlossen.

Herr von Hahnemann lachte kurz auf:

Herr Seebeck scheint keine groe Achtung vor der Monatsversammlung zu
haben. Jedenfalls ist die Insel schon befestigt, und die Versammlung hat
etwas zu bauen beschlossen, was faktisch schon da ist. Er wird es wohl
schon oft so gemacht haben. Ich will Ihnen etwas sagen, fuhr er fort,
wobei er dicht an den Krppel herantrat, ich habe Herrn Seebeck die
Enthebung aus seinem Amte mitgeteilt, die er aber ignoriert. Er mu also
mit Gewalt entfernt werden. Hier ist kein anderer Ausweg tunlich. Bei
den Befestigungen ist es aber ohne Blutvergieen nicht mglich, und das
zu verhindern ist meine Pflicht. - Sie haben sich ja Ihres groen
Einflusses und Ihrer Verbindungen hier gerhmt; beweisen Sie mir jetzt,
da Sie wahr gesprochen haben. Und dann - die Reichsregierung kann Herrn
Nechlidow als frherem, russischem Flchtling kein Amt bergeben, aber
Ihnen, dem Trger eines alten Adelsnamens, der Sie auerdem hier
praktisch in die Geschfte eingearbeitet sind, knnte ich das
Reichskommissariat bertragen. Die Vollmacht dazu habe ich. Die
Reichsregierung will unter keinen Umstnden einen Kommissar von Berlin
hierher senden; sie hat mich beauftragt, einer hiesigen geeigneten
Persnlichkeit das Kommissariat zu bergeben, um jeden Schein eines
gewaltsamen Eingriffes zu vermeiden. Also schaffen Sie mir die
Befestigungsplne und Sie sind Reichskommissar!

Die Augen des Krppels glnzten:

Das wird nicht schwer sein, Herr von Hahnemann. Wenn Sie so
liebenswrdig sein wollen, eine halbe Stunde hier zu warten, komme ich
mit den Plnen.

Wissen Sie denn, wo sie sind?

Jedenfalls doch im Archiv; und Frau von Zeuthen ist meine gute
Freundin.

Ah! ber das Gesicht des Marineoffiziers glitt ein gemeines Lcheln.

Sie verstehen, Herr von Hahnemann? Eine Frau kann aus Edelmut sterben,
aber sie kann sich keinem Skandal aussetzen. Am wenigsten sie, die
Keusche, Reine, sie, die Unerreichbare, die ich doch erreichen konnte -
wie alles andere auch.

Der Offizier war wieder ganz ernst geworden:

Wie Sie das machen, ist Ihre Sache. Aber nicht die Originale selbst,
die knnten spter vermit werden, sondern Sie mssen die Plne
kopieren, verstehen Sie? Und Niemand darf etwas davon erfahren, dafr
mssen Sie sorgen. Sonst wird die Sache einfach verndert, und wir
sitzen da.

Keine Sorge, Herr von Hahnemann, bleiben Sie nur ruhig hier; ich bin
bald wieder zurck.

Und die langen Arme schlenkernd und eifrig vor sich hinmurmelnd,
stolperte der Krppel die Hauptstrae hinauf. Bei Frau von Zeuthens Haus
angekommen, sagte er dem Dienstmdchen, er kme in Geschften und wurde
natrlich sofort eingelassen.

Mit Siegermiene trat er in Frau von Zeuthens Arbeitszimmer, aber er sank
gleichsam in sich zusammen, als er in ihre strahlenden, braunen Augen
blickte. Er wollte sich ihr nhern, aber sie hob abweisend die Hand. Da
blieb er bescheiden an der Tre stehn.

Geschfte, Herr de la Rouvire? fragte sie ruhig.

Ja, gndige Frau. Ich mu Sie um die Befestigungsplne bitten, die Sie
ja als Archivarin in Verwahrung haben.

Nein, sagte Frau von Zeuthen, die Plne habe ich allerdings. Sie gehn
aber nur die Vorsteher an. Und so weit haben Sie es doch noch nicht
gebracht.

Mit eingezogenem Kopfe sah er sie von unten an.

Gndige Frau, ich bin - Reichskommissar an Paul Seebecks Stelle.

Frau von Zeuthen lachte laut auf und sah ihm belustigt ins Gesicht.

Der Krppel bi die Zhne zusammen.

Gndige Frau, sagte er drohend.

Wenn Ihre Geschfte so sonderbarer Natur sind, brauchen wir sie nicht
lnger zu diskutieren. Gehen Sie, Herr Reichskommissar. Damit drehte
sie ihm den Rcken zu und setzte sich an ihren Schreibtisch.

Mit leisen, schleichenden Schritten nherte er sich ihr. Sie stand auf
und wandte sich ihm zu. Mit beiden Hnden hielt sie sich rckwrts am
Schreibtische fest.

Weshalb gehen Sie nicht, sagte sie herrisch, aber ihre Stimme zitterte
dabei.

Ich mu die Plne haben, sagte er, dicht bei ihr, und hob dabei die
langen Arme mit den schwarzbehaarten Hnden.

Aber ich gebe sie Ihnen nicht und damit gut. Gehen Sie! Jetzt besttigt
sich also meine Vermutung, da Sie zu den Verrtern gehren. Gehen Sie,
mit Ihnen bin ich fertig.

Gndige Frau, die Stimme des Krppels war ganz sanft, Sie scheinen
sehr leicht zu vergessen! Er schritt auf die Tr zu, fate die Klinke
und drehte sich wieder nach Frau von Zeuthen um. Soll ich wirklich
allen Leuten erzhlen, was in einer gewissen Nacht zwischen uns
vorgefallen ist? Er richtete sich auf und sagte kameradschaftlich:
Geben Sie mir doch lieber die Plne.

Frau von Zeuthen ging zu ihrem groen Schranke, ffnete diesen aber
nicht, sondern holte aus dem Winkel zwischen ihm und der Wand Felix'
Reitpeitsche hervor. Sie wog sie prfend in der Hand, trat dann schnell
auf Herrn de la Rouvire zu und schlug sie ihm zweimal mit aller Kraft
durchs Gesicht. Dann warf sie die Peitsche fort und blieb hoch
aufgerichtet vor ihm stehn. Er sah sie eine Weile ganz verstndnislos
an, griff dann mit beiden Hnden an sein schmerzendes Gesicht und
taumelte hinaus.

Vor der Haustre blieb er stehn und nickte bedchtig mit dem Kopfe. Dann
ging er langsam, sehr langsam, die Hauptstrae hinauf, am Volkshause
vorbei und weiter am Flusse entlang zum Staubecken. Er ging dorthin, wo
der Flu in das Becken eintrat, sah lange auf das Wasser und stieg dann
langsam und frstelnd hinein. Er glitt aus, schrie auf, sah auf der
Strae das Lastautomobil halten, sah ihm Leute entsteigen, die ihm
zuwinkten, zuriefen; er wollte ans Ufer zurck, aber schon hatte ihn die
Oberstrmung erfat. Langsam fhrte sie ihn fort; er hrte das Brausen
des Wasserfalles nher und nher, die Strmung wurde strker, immer
strker, das Brausen kam nher, nher, jetzt -

Sechshundert Meter war die Felswand hoch, von der das Wasser senkrecht
in das Meer strzte.

Und am selben Abende verlie Herr von Hahnemann auf seinem Torpedoboot
unverrichteter Sache die Schildkrteninsel.




Eine auerordentliche Versammlung der Gemeinschaft - das war noch nie
dagewesen. Und doch war niemand erstaunt, als die Vorsteherschaft durch
Maueranschlag zu dieser einlud; es lag so viel ungelste Spannung in der
Luft, soviele Vermutungen waren nur halb ausgesprochen, von Mund zu Mund
gegangen, da alle es als eine Erleichterung empfanden, eine klare
Darstellung aller jener unverstndlichen Vorgnge zu erhalten. Und das
galt nicht nur von der Brgerschaft - gerade die Vorsteher fhlten
strker als je die Kluft, die sie von den Anderen trennte, und wollten
auch Kenntnis von allen dunklen Strmungen erhalten, von denen sie nur
den letzten Wellenschlag gefhlt hatten.

Erst als die Gemeinschaft vollzhlig versammelt war, betraten die
Vorsteher den groen Saal des Volkshauses. Otto Meyer bernahm als
Stellvertreter des abwesenden Jakob Silberland den Vorsitz. Sogleich,
nachdem auf ein Glockenzeichen Ruhe eingetreten war, mehr als Ruhe:
Totenstille, erhob sich Paul Seebeck. Sein Gesicht war bleich,
erschreckend bleich, und seine Augen lagen schwarz umrndert tief in den
Hhlen.

Liebe Freunde, sagte er, jetzt ist die ernsteste Stunde gekommen,
die wir bis jetzt hier erlebt haben. Jetzt handelt es sich um ein klares
Ja oder Nein. Jetzt mu entschieden werden, ob der Staat, den wir alle
in treuer Zusammenarbeit errichtet haben, zerstrt werden darf oder
nicht. Wir knnen das Unglck noch abwenden. Noch knnen wir unser Werk
uns und unseren Kindern erhalten. Aber ein mutiger Schritt ist dazu
notwendig.

Wir haben Verrter im eigenen Lager gehabt, gemeine Schurken, die, um
sich selbst vorwrts zu bringen, die Zukunft der Gemeinschaft opferten,
und wieder andere, die aus einem falschen, kurzsichtigen Idealismus
heraus, in bester Absicht, den Feind ins Land riefen. Vielleicht sehen
sie jetzt ein, wie unverantwortlich leichtsinnig sie gehandelt haben und
benutzen jetzt die Gelegenheit, ihr Unrecht wieder gutzumachen. Aber
auch sie waren nur Werkzeuge, boten nur den erwnschten Vorwand zur
Vernichtung unseres Werkes etwas frher, als es sonst geschehen wre.
Was geschah, mute geschehen, frher oder spter, und deshalb hat es
keinen Zweck, Betrachtungen ber Verschuldungen anzustellen oder
Vorwrfe zu erheben. Jetzt mu gehandelt werden. Die Sache liegt so: das
Deutsche Reich will uns nicht mehr unsere Freiheit lassen, man sieht
dort, da wir hier die Durchfhrbarkeit freier Ideen beweisen und
frchtet die Einwirkung dieser Ideen auf die eigenen, innerpolitischen
Verhltnisse. Jemand, der die gegenwrtig in Deutschland herrschende
ultrareaktionre Strmung kennt, versteht diese Furcht der zur Zeit
regierenden Clique nur zu gut. Das wre aber doch fr uns nur ein Grund
mehr, sollte ich meinen, unser Werk bis zum letzten Punkte
durchzufhren, statt uns einfach vor Beschrnktheit oder Bosheit zu
ducken. Jetzt kommt aber eine groe, groe Frage, die ich Sie in aller
Ruhe zu berlegen bitte: wenn wir uns hierher einen schnoddrigen
Berliner Assessor setzen lassen, ist zwar unsere Arbeit vernichtet, und
wir haben hier Zustnde wie im schwrzesten Preuen, aber Sie haben
Ruhe. Wenn wir uns aber das nicht gefallen lassen, sind wir Aufrhrer
und damit rechtlos, nach den heute blichen Anschauungen nicht viel mehr
wie wilde Tiere. Und da wird nicht gefragt weshalb wir uns nicht beugen,
die Tatsache, da wir es nicht tun, gengt. Kein Mensch in dem dumpfen
Berliner Ministerium wird verstehen, da man Menschheitsideale ber
hndischen Gehorsam stellt. Solche Gedanken sind uns reserviert.

Ich bin aber nicht so verblendet, Sie zu einem nutzlosen Widerstande zu
verleiten, der nur den sicheren Untergang von uns allen bedeuten wrde.
Es gibt einen Ausweg, und das ist dieser: wir erklren uns autonom und
lassen uns dann von England annektieren. Als englische Kolonie knnen
wir sicher sein, vllig ungestrt weiter arbeiten zu knnen. Dazu haben
wir noch einige Wochen Zeit; Herr Doktor Silberland ist gegenwrtig in
Sidney, und ich werde nachher die Versammlung um die Ermchtigung
bitten, Herrn Doktor Silberland zur Vornahme der notwendigen Schritte zu
beauftragen.

Was ich bis jetzt getan habe, geht nur mich selbst an und kann fr
keinen anderen Brger der Gemeinschaft nachteilige Folgen haben, solange
sich die Gemeinschaft nicht solidarisch mit mir erklrt. Sie brauchen
also nicht zu frchten, da ich Sie in irgend eine schwere Situation
hineingebracht habe. Sie knnen ganz frei beschlieen.

Wenn Ihnen unsere Sache aber lieb ist, und Paul Seebecks mde Augen
bekamen Glanz und Feuer, wenn Sie als Mnner fr Ihr Werk eintreten
wollen, dann knnen wir es retten. Bevor ein Kriegsschiff hier ist,
knnen wir unsere Befestigungen vollenden und knnen uns halten, bis wir
unter englischem Schutze stehen.

Ich mag darber nichts mehr sagen, ich will Sie zu keinem folgenschweren
Entschlusse berreden, den Sie spter bereuen. berlegen Sie es sich in
Ruhe.

Das eiskalte Schweigen, mit dem Paul Seebecks Rede angehrt worden war,
dauerte noch fort, als er wieder auf seinem Platze sa. Dann erklang
hinter ihm eine Stimme:

Nechlidow soll antworten; wo steckt er?

Eine andere Stimme antwortete:

Der kommt nie mehr zu den Versammlungen.

Und schwer und hart sagte eine dritte Stimme:

Nechlidow ist ein Lump, mag er sich ersufen wie der andere. Ich halte
zu Herrn Seebeck.

Jetzt wich die Starre von der Versammlung; man redete, schrie
durcheinander, die Gesichter wurden rot, Arme wurden bewegt, der Lrm
stieg und stieg -

Paul Seebeck trat wieder auf das Podium, aber er konnte nicht sprechen.
Die Leute verlieen ihre Pltze, umdrngten ihn, drckten seine Hnde,
jeder, jeder einzelne wollte ihm Treue geloben.

Paul Seebeck wollte reden, wollte ihnen danken, aber er stammelte nur
einige Worte und sank dann bewutlos um. Er hrte nur noch Edgar Allans
schneidend scharfe Stimme:

Aber jetzt bitte nicht nur Worte, Leute, auch Taten.

Paul Seebeck wurde in ein anstoendes Zimmer getragen und Frau von
Zeuthen und Otto Meyer bernahmen seine Pflege.

Inzwischen wurden die Verhandlungen unter Herrn von Rochows Vorsitz
fortgesetzt. Paul Seebecks Vorschlge wurden einstimmig genehmigt,
obwohl sich manche recht zgernd von den Sitzen erhoben. Unter dem
brausenden Beifall der Versammlung verkndete Herr von Rochow darauf die
Autonomie der Gemeinschaft auf der Schildkrteninsel.




Noch immer keine Entscheidung von Sidney. Bei der immer strkeren
Spannung zwischen England und Deutschland wre der Ausbruch eines
Krieges in der allernchsten Zeit hchst wahrscheinlich, schrieb Jakob
Silberland. Dann wre die Annektion selbstverstndlich. Bis dahin mte
man sich halten.

Und mit allen Krften wurde gearbeitet. Fnfzig unverheiratete Mnner
wurden vom Hauptmann von Rochow im Gewehrschieen eingedrillt. Die
Vorsteher und auer ihnen Felix und Melchior bten sich an den
Geschtzen, und manche Klippe da drauen im Meere war von den schweren
Granaten des Festungsgeschtzes bei Schiebungen getroffen, in die Luft
geflogen.

Der Vulkan wurde inzwischen zur Aufnahme aller Nichtkmpfer
eingerichtet. Welchem Zwecke die Gebude dort auch ursprnglich bestimmt
waren, jetzt wurde alles zu Wohnsttten eingerichtet, sogar die
Umkleidezellen des Schwefelbades. Ein Fieber hatte alle ergriffen, ein
Freiheitsrausch, und als sich nach fnf Wochen am Horizonte die
Rauchsule des Kreuzers zeigte, wurde er von den kampffrohen Mnnern mit
Jubel begrt. Man war bereit, ihn zu empfangen. Vor Seebecks Haus
standen in Reih und Glied die Infanteristen mit ihren Mausergewehren,
die Stahllden vor den Geschtzscharten in Seebecks Keller waren
aufgeklappt und die Geschtze nach vorn gerollt. Vier Meter ragte der
hellgraue Lauf des Festungsgeschtzes heraus. Es wurde von Edgar Allan
und Felix bedient, whrend Otto Meyer und Melchior an den beiden
Maschinengewehren standen.

Oben in Paul Seebecks Arbeitszimmer standen er und Frau von Zeuthen. Vor
ihnen auf dem Schreibtische lag der Lageplan der Seeminen; die Stahltr
an der Wand stand offen und zeigte die sechzig weien Tasten.

Wie weit ist das Schiff jetzt? fragte Frau von Zeuthen.

Paul Seebeck sah prfend durch sein Fernglas:

Zehn Kilometer, schtze ich es jetzt.

Einige Minuten spter hielt der Kreuzer an. Ein weies Wlkchen erhob
sich und eine halbe Minute spter rollten drei dumpfe Schsse ber die
Stadt.

Die waren blind! rief Hauptmann von Rochow herauf.

Noch zwei Kilometer, und das Schiff kommt in den Bereich unserer
Minen.

Aber der Kreuzer drehte sich auf der Stelle und wandte der Stadt seine
Breitseite zu.

Ja, da drauen konnten wir leider keine Minen legen, es ist zu tief,
sagte Paul Seebeck. Aber hierher kommen knnen sie doch nicht. Und
Silberland wird ja bald kommen; er wei ja, da in diesen Tagen der
Kreuzer kommen mute. Solange mssen wir uns eben halten. Das knnen wir
auch.

Und wenn es nichts wird?

Es zuckte um Paul Seebecks Mundwinkel, als er sagte:

Sie wissen, da ich fr mein Werk sterben kann.

Das Haustelephon, das den Keller mit Paul Seebecks Arbeitszimmer
verband, klingelte. Seebeck nahm das Hrrohr:

Ja.

Hier Allan. Was meinen Sie, sollen wir nicht den Salut beantworten? Es
ist doch unhflich, einen Gru nicht zu erwidern.

Schn, aber blind. Wir wollen nicht anfangen.

Das Haus bebte in seinen Fugen, als der Schu krachte.

Einige Minuten spter kam die Antwort: im Hafen stieg eine Wassersule
auf, der ein doppelter Knall folgte.

Was jetzt? - telephonierte Allan herauf.

Abwarten, ob sie wirklich ernst machen. Je mehr Zeit wir gewinnen,
desto besser, gab Paul Seebeck zurck.

Aber Minute auf Minute verrann, eine Stunde, eine zweite, und nichts
geschah.

Die Herren erwarten wohl, da wir die bewute weie Fahne aufziehen,
sagte Paul Seebeck zu Frau von Zeuthen.

Da hllte sich pltzlich der Kreuzer in eine einzige Rauchwolke. Im
Hafen erhob sich eine ungeheure Wasser- und Staubwolke, der ein
donnerndes, krachendes Getse folgte. Wie sich die Wolke verzogen hatte,
sah man, da alle Hafenanlagen mit der Landungsbrcke und den
Lagerhusern in Trmmern lagen. Die am Quai liegenden Fischerboote waren
fast smtliche verschwunden. Aber das wild wogende Meer war mit Trmmern
und Balken bedeckt.

Und Schu auf Schu folgte, aber alle galten nur dem Hafen.

Sie wollen uns so lange schonen, wie es geht, und das gefllt mir sehr,
damit gewinnen wir Zeit, sagte Paul Seebeck zu Frau von Zeuthen. Dann
telephonierte er zu Allan:

Wir drfen erst schieen, wenn sie die Stadt selbst beschieen. Nicht
vorher.

Von unten her klangen Rufe, die man bei dem Getse nicht verstehen
konnte. Frau von Zeuthen trat ans Fenster und sah hinunter.

Auf ihrem vllig erschpften Pferdchen ritt Hedwig die Hauptstrae
hinunter, drngte sich durch die Infanteristen und strmte die Treppe
hinauf:

Der Dampfer von Sidney liegt da hinten, dicht an der Insel; man kann
ihn vom Vulkane aus sehen. Herr Silberland ist in einem Ruderboote vom
Dampfer abgestoen, ich konnte ihn ganz deutlich erkennen. Der Dampfer
fuhr dann wieder weg.

Paul Seebeck war aufgesprungen:

Wo liegt der Dampfer? Wo?

Hedwig beschrieb ihm die Stelle.

Hierher rudern! War er allein?

Ja.

Um Gotteswillen, das sind ja ber dreiig Kilometer. Wenn er das
aushlt. Wann war das?

Ich mute zuerst herunterlaufen und mein Pferd holen. Ich bin so
schnell geritten, wie ich konnte. Aber drei Stunden ist es mindestens
her.

Dann kann er in zwei Stunden hier sein.

Frau von Zeuthen strich ihrer Tochter ber das erhitzte Gesicht:

Leg dich etwas auf Pauls Bett, mein Kind, und ruh dich aus. Aber dann
mut du wieder zurckreiten, hrst du?

Darf ich nicht hier bleiben, Mutter?

Nein, das geht nicht, Kind.

Aber Frulein Erhardt kommt auch, sie geht sogar zu Fu, ich habe sie
berholt.

Wenn du ihr auf dem Rckwege wieder begegnest, sag ihr, da sie
umkehren soll, sagte Paul Seebeck. Aber geh jetzt Kind und ruh dich
etwas aus. Oder willst du etwas zu essen haben?

Hedwig schttelte schmollend den Kopf und ging in Paul Seebecks
Schlafzimmer.

Also nur noch zwei Stunden, dann wissen wir Bescheid, sagte Paul
Seebeck aufatmend. Wenn Silberland es nur aushlt.

Hedwig war in Paul Seebecks Schlafzimmer gegangen, aber sie legte sich
nur fr einige Minuten auf sein Bett. Leise ffnete sie dann die Tr zum
Badezimmer, schlpfte durch dieses in die Kche und ging die
Hintertreppe hinunter. Mit einigen Sprngen hatte sie unbemerkt die
nchsten Huser erreicht und ging jetzt durch die kleinen Gchen, die
die einzelnen Terrassen mit einander verbanden, zum Meere hinunter. In
kurzen Zwischenrumen schlugen noch immer die Granaten in den Hafen.

Hedwig ging zu Nechlidows Huschen, das gerade am Anfang der
Fischerstrae lag. Mit klopfendem Herzen ffnete sie die Tre und trat
ein.

Es war still im ganzen Hause. Hedwig trat ins Wohnzimmer ein. Hier war
es fast dunkel, denn die Fenstervorhnge waren dicht zugezogen.

Nechlidow erhob sich von seinem flachen Sofa zu einer halbsitzenden
Stellung.

Sie kommen zu mir, dem Verfehmten? Wird man Sie nicht steinigen, wenn
man das erfhrt?

Ein scharfer Knall in der Nhe, dem ein anhaltendes Prasseln und Krachen
von niederstrzenden Mauerteilen folgte, lie ihn aufstehen. Er trat zum
Fenster und zog die Vorhnge zurck. Das gegenberliegende Haus hatte
sich in einen rauchenden Trmmerhaufen verwandelt.

Nechlidow lachte bitter auf:

Meine Schuld, nicht wahr?

Herr Nechlidow, sagte Hedwig bittend und trat an ihn heran. Glauben
Sie nicht doch, da Paul recht gehandelt hat?

Bei Gott, er hatte nicht recht, und wenn ich tausendmal daran Schuld
trage, da jetzt alles zusammenbricht. Ich habe das nicht gewollt. Ich
habe nicht vorausgesehen, da es so kommen wrde. Aber es ist besser,
da diese riesige Lge zusammengeschossen wird, als da sie weiter lebt.
Wer wei, vielleicht kommen die englischen Schiffe noch rechtzeitig,
und dann baue ich die Stadt wieder auf. Und wenn sie nicht kommen, um so
besser, dann ist eine Halbheit weniger auf der Welt.

Sind Sie wirklich schuld daran? fragte Hedwig schchtern.

Nechlidow legte ihr beide Hnde auf die Schultern und sah ihr in die
braunen Augen:

Weshalb kommen Sie mit dieser Frage zu mir?

Weil ich wissen will, was Sie sind.

Nein, Hedwig, es ist nicht meine Schuld. Die Leute sind daran schuld,
sie sind ja alle behext, haben ihr bischen Vernunft ganz verloren. Wenn
Seebeck aus lauter Sentimentalitt die Dummheit begeht, seine Entlassung
zu verweigern, weshalb ihm dann zustimmen, weshalb es zur Revolution
kommen lassen! Wir htten alles so glatt machen knnen, Seebeck htte
gehen mssen, Rouvire wre Reichskommissar geworden. Aber da kam wieder
der sinnlose Selbstmord von Rouvire dazwischen, und damit war alles
verloren. Denn Rouvire hatte die Leute in der Tasche. Ja, und jetzt
gehen mir dieselben Menschen, die unsere Klageschrift unterschrieben
haben, wie einem Pestkranken aus dem Wege und lassen sich Seebecks
schner Augen wegen von ihm in den Tod fhren. Eine Kette von
unbegreiflichen Sentimentalitten war wie immer der Grund alles
Unglcks. Mein Fehler war nur, da ich auf die Vernunft der Menschen
vertraute. Das ist die Wahrheit, Hedwig.

Aber was soll jetzt kommen? Was werden Sie tun?

Ich? Ich warte, bis meine Zeit gekommen ist. Die da drben mgen sich
gegenseitig zerfleischen, wenn sie noch nicht reif fr die Vernunft
sind. Ich glaube an sie und an ihren endlichen Sieg. Ich glaube an die
Menschheit.

Hedwig sah vor sich hin. Dann schttelte sie ihren Lockenkopf:

Wollen wir nicht noch einmal zu unserer Landspitze hinausgehen? Wer
wei, wann wir wieder zusammen sein knnen.

Und sie gingen Hand in Hand die Treppe hinunter und traten auf die
Strae. Da scho dicht vor ihnen auf der Strae ein blendend weies
Licht auf. Nechlidow taumelte zurck. Hedwig stie einen leichten Schrei
aus und fiel flach auf das Gesicht.

Nechlidow sprang auf sie zu, hob sie auf, drckte sie an seine Brust -
sie schlug die Augen auf, lchelte noch einmal, wollte die Hand heben,
aber lie sie schlaff wieder fallen. Ihr Haupt sank zurck -

       *       *       *       *       *

Ein Ruderboot wandte sich um die Landspitze, die die bewohnte Bucht von
der Irenenbucht schied.

Das ist Silberland, rief Paul Seebeck Frau von Zeuthen zu.

Er lief die Treppe hinunter, auf die Strae, schrie Hauptmann von Rochow
zu:

Bleiben Sie hier. Handeln Sie nach Ihrem Gutdnken! und strzte dem
Hafen zu. Mehrere Granaten schlugen in seiner Nhe ein und bedeckten ihn
mit Staub. Unten angekommen, sah er um sich. Alles lag schon in
Trmmern. In der Fischerstrae standen nur noch einige Huser. Und
horch! das Prasseln auf den Steinen, das Klirren an Fensterscheiben, die
kleinen Springbrunnen auf dem Meere. Also hatten sie schon die
Maschinengewehre in Ttigkeit gesetzt.

Da kam das Ruderboot. Jakob Silberland stand auf und rief etwas, was
Seebeck des Lrmes wegen nicht verstehen konnte. Jakob Silberland setzte
sich wieder an die Ruder. Jetzt war er nur noch zwanzig Schritte vom
Strande entfernt. Wieder stand er auf. Sein Gesicht war verzerrt, Blut
flo von seinen Hnden herunter. Er schrie:

Entente cordiale zwischen England und Deutschland; damit ist der
Weltfriede endgiltig gesichert.

Klack, klack, klack klang es im Boote und im Wasser - Jakob Silberland
fuhr sich mit der Hand ins lange schwarze Haar und brach dann auf der
Bootsbank zusammen. Langsam fllte sich das durchlcherte Boot mit
Wasser und sank.

Paul Seebeck blieb mit verschrnkten Armen stehn und sah das Boot
versinken.

Da legte sich eine Hand auf seine Schulter und er sah in Nechlidows
bleiches Gesicht. An den Kleidern hatte er groe Blutflecke. Er fragte:

Darf ich zusammen mit Ihnen sterben, Herr Seebeck?

Seebeck reichte ihm die Hand:

Lassen Sie uns zusammen sterben, Sie fr Ihre Idee, ich fr mein Werk.

Nechlidow schttelte den Kopf:

Ich sehe nichts mehr, wei von keiner Vernunft mehr. Ich sehe nur noch
einen Strom, dessen Wellen uns in die Hhe hoben, als wir ihn zu leiten
glaubten, und der uns jetzt mitleidlos wieder in seine Strudel zieht.
Aber ich sehe nicht, wohin er geht. Ich sehe nur noch Sie und will mit
Ihnen zusammen sterben.

Kommen Sie, sagte Seebeck. Wir wollen den anderen sagen, da wir alle
sterben mssen.

Aber auch oben hatte man Jakob Silberlands Untergang gesehen.

Jetzt ist es genug! rief Edgar Allan Hauptmann von Rochow zu. Dieser
nickte. Und einige Minuten spter donnerte das schwere Festungsgeschtz,
begleitet vom Knattern der beiden Maschinengewehre.

Dies war aber nur ein Signal fr den Kreuzer, seinerseits das Feuer zu
verstrken. Und jetzt galten seine Schsse nicht mehr dem Hafen. berall
schlugen die Granaten in die obere Stadt. An vielen Stellen brannten die
Huser.

Da kamen Paul Seebeck und Nechlidow zusammen die Strae herauf. Die
Leute umdrngten sie, fragten, aber die beiden gingen hinauf in das
Seebecksche Arbeitszimmer. Dort trat Paul Seebeck ans Fenster, wartete,
bis das Feuer fr einen Augenblick verstummte und rief dann mit scharfer
klarer Stimme:

Wir bekommen keine Hilfe von England. Wer ist bereit, mit uns fr unser
Werk zu sterben?

Die Gesichter dort unten wurden gro. Wutschreie ertnten. Drohende
Fuste wurden emporgereckt. Aus dem Gebrlle waren nur einzelne Worte
verstndlich:

Wir wollen uns nicht hinschlachten lassen!

Wir sind verraten.

Wir wollen die da oben ausliefern und uns ergeben ...

Drehen Sie die Geschichte herum, sagte Edgar Allan zu Felix, und der
gehorchte. Die noch rauchende Mndung des Festungsgeschtzes war auf die
Infanteristen gerichtet.

Da liefen sie, warfen die Gewehre fort, liefen, was sie konnten, nur
fort, dem sicheren Hochlande, dem Leben, der Zukunft zu. Nur einer
drehte sich um und feuerte einen Schu ab, bevor er den anderen gleich
sein Gewehr fortwarf.

Edgar Allan brach, ins Herz getroffen, lautlos zusammen.

An seine Stelle trat Nechlidow. Niemand fragte ihn, weshalb er gekommen
sei, niemand machte ihm Vorwrfe. Man drckte ihm die Hand, und
schweigend trat er an das Geschtz.

Hauptmann von Rochow warf noch einen Blick auf seine fliehenden
Soldaten, dann ging er zu Seebeck hinauf.

Seebeck konnte ihm nur flchtig zunicken, denn jetzt geschah drauen
etwas Sonderbares: der Kreuzer stellte sein Feuern ein, und die
Dampfbarkasse wurde ins Wasser gesenkt. Von der anderen Seite kam ein
bemanntes Boot, das die Barkasse in Schlepptau nahm.

Hrt mit dem Schieen auf, telephonierte Seebeck hinunter. Vielleicht
kommen die in friedlicher Absicht. Aber so scharf er auch hinsah, er
konnte keine weie Fahne bemerken.

Sind denn die Leute wahnsinnig? Sie wissen doch, da Seeminen da
drauen liegen! rief Seebeck.

Die Dampfbarkasse nahm aber nicht den Weg nach dem Hafen zu, sondern
fuhr auf die Landspitze bei der Irenenbucht zu.

Die glauben, da da keine Minen liegen und wollen da landen. Herr von
Rochow, ich bitte Sie! Hauptmann von Rochow strzte zum Tastbrett, und
Paul Seebeck beugte sich ber den Plan. Die Barkasse kam nher, war
jetzt bei der flachen Klippe -

Fragend sah Herr von Rochow Seebeck an, der mit verschrnkten Armen und
zusammengepreten Lippen ans Fenster getreten war.

Siebenunddreiig, achtunddreiig, zweiundvierzig, sagte er kurz und
scharf.

Wie um einen Akkord zu spielen, drckte Hauptmann von Rochow die drei
Tasten nieder, und drauen scho ein ungeheurer Wasserberg in die Luft
und strzte dann mit donnerndem Gebrll zusammen. Boote und Klippe waren
verschwunden.

Herr von Rochow griff sich mit beiden Hnden taumelnd an den Kopf:

Deutsche, deutsche Soldaten, murmelte er wie irrsinnig. Dann richtete
er sich kerzengerade auf, zog einen Revolver aus der Tasche und scho
sich in die Schlfe.

Seebeck wandte sich beim Knalle um; spttisch lchelnd sah er auf die
Leiche.

Frau von Zeuthen war entsetzt aufgesprungen. Dann setzte sie sich
wieder auf ihren Stuhl. Seebeck trat auf sie zu:

Gehen Sie jetzt, Gabriele. Denn dem, was jetzt kommen wird, sind die
Nerven keiner Frau gewachsen. Gehen Sie, Sie mssen sich Ihren Kindern
erhalten.

Sie stand auf und schttelte energisch den Kopf:

Ich bleibe bei Ihnen, meinetwegen -

Nichts geschieht Ihretwegen, unterbrach sie Seebeck schroff. Dann
setzte er aber sanft hinzu: Denken Sie an Ihre Kinder, Gabriele. Sie
haben noch eine Aufgabe auf dieser Welt, wir nicht mehr. Und nehmen Sie
Felix mit; wozu soll er sich hier verbluten. Sie knnen ihm nach zehn
Jahren erzhlen, was sich hier alles vor seinen Augen abgespielt hat.
Dann wird er es verstehen und davon lernen. Und gren Sie Ihre kleine
Hedwig von mir.

Da sank Frau von Zeuthen vor ihm nieder und kte seine Hnde. Er hob
sie auf und zog sie an seine Brust. Drauen krachten wieder die
Granaten, und unten donnerte das Festungsgeschtz, begleitet vom
Knattern der beiden Maschinengewehre.

Frau von Zeuthen ri sich los:

Felix mu bei Ihnen bleiben, Seebeck! Das Opfer mu ich Ihnen bringen.
Er ist ein Mann. Er soll Ihr Geschick teilen. Ich gehe zu Hedwig.

Paul Seebeck trat ans Telephon.

Felix soll herauf kommen.

Das schwere Geschtz verstummte und Felix kam herauf.

Was gibt's?

Du mut deine Mutter zum Vulkane zurckbegleiten.

Aber Paul!

Du mut! Hol dein Pferd fr deine Mutter.

Paul, ich will bei dir bleiben.

Felix, es hat keinen Sinn mehr. Denk was fr ein Leben du noch haben
kannst und denk an deine Mutter. Er legte den Arm um Felix Schulter und
fhrte ihn Frau von Zeuthen zu:

Wollen Sie wirklich Ihren Jungen hier lassen?

Da schlang die Mutter die Arme um ihr Kind, unter strmenden Trnen rief
sie:

Felix, komm mit mir!

Er entwand sich ihren Armen und sah Paul Seebeck an. Dieser sagte:

Du sollst mein Erbe sein, Felix; sieh zu, ob du mein Werk fortfhren
kannst, und das mit mehr Glck. Geh meines Werkes wegen.

Felix kmpfte mit sich. Dann sah er mit seinen strahlenden, braunen
Augen Paul Seebeck an und sagte:

Aber das verspreche ich dir, Paul, ich werde mich ebenso halten wie
du.

Paul Seebeck strich ihm ber das Haar.

Gut, mein Junge. - Aber geh jetzt und hol dein Pferd.

Jetzt ging die Sonne unter, und der Kreuzer stellte sein Feuern ein.
Wenige Minuten spter war es dunkle Nacht, in der hier und da die
Flammen von den brennenden Husern emporloderten.

Da hob sich riesengro die rotgelbe Scheibe des Vollmondes ber den
Horizont, beleuchtete den Kreuzer und sein Werk. Schaurig sahen im
kalten Lichte die Trmmer aus. Und nun begann der Kreuzer wieder zu
feuern; unter donnerndem Krachen strzte das groe Volkshaus zusammen.

Kommen Sie, Gabriele, jetzt ist keine Zeit mehr zu verlieren. Er
begleitete sie bis zur Hauptstrae und weiter bis zu den rauchenden
Trmmern des Volkshauses. Da tauchte ein Schatten hinter ihnen auf, und
Felix holte sie auf seinem Pferde ein.

Ich mchte nur noch schnell von den anderen Abschied nehmen, geh nur
voraus, Mutter! rief er und galoppierte zurck.

Leben Sie wohl, Gabriele. Mein Versprechen habe ich gehalten, nicht
wahr? Und dann wandte er sich schnell ab und ging hinunter.

Frau von Zeuthen ging langsam den Berg hinauf und weiter auf der Strae
hin. Als sie das Staubecken erreichte, schrak sie zusammen, denn vor ihr
erhob sich eine dunkle Gestalt. Aber der Mond erleuchtete ein bekanntes
Gesicht.

Frulein Erhardt?

Ja, gndige Frau!

Wollen Sie zur Stadt?

Ich kann nicht mehr gehen, ich bin so mde. Wo ist Felix?

Er ist in einigen Minuten hier. Ist Ihnen nicht Hedwig begegnet?

Frulein Erhardt schttelte den Kopf:

Nein, aber ich glaube, ich habe mehrmals auf dem Wege geschlafen. Sie
wird an mir vorbeigeritten sein, ohne da ich sie bemerkte. Aber Felix
kommt, mein Felix!

Frau von Zeuthen hatte sich neben sie gesetzt und strich ihr sanft ber
den Leib. Da schlang Frulein Erhardt die Arme um ihren Hals und
flsterte ihr zu:

Ich habe ja ein Kind von ihm.

Frau von Zeuthen kte sie:

Liebe Tochter, sagte sie.

Dann schwiegen sie beide, saen im bleichen Lichte des Vollmondes einsam
auf der Ebene und warteten, warteten - -

Als Paul Seebeck von der Hauptstrae wieder auf sein Haus zu einbog,
blieb er wie erstarrt stehen, denn aus dem Kellerfenster scho eine
Stichflamme, der ohrenbetubender Knall folgte. Paul Seebeck griff sich
an die Stirn und strzte dann hin. Dichter, beiender Rauch quoll aus
den Fenstern, verhllte die Lufe der drei Geschtze -

Er sprang die Treppe hinunter, von unten klang ihm leises Wimmern
entgegen. Die Lampe war verlscht, aber das weiche Dmmerlicht der
Mondnacht erfllte den Raum.

Auf dem Boden lag Nechlidow in den letzten Zgen, der ganze Leib war ihm
aufgerissen. ber den Verschlu des Geschtzes gebeugt lag Felix. Paul
Seebeck hob ihn auf. Felix schlug die Augen auf und lchelte:

Du, Paul, ich wollte Nechlidow doch wieder helfen; er konnte das
Geschtz nicht allein bedienen.

Paul Seebeck betastete ihn. Auf der rechten Brustseite war ein kleiner
nasser Fleck. Seebeck ri die Kleider auf; das Blut strmte.

Mu ich sterben, Paul? Dann gr die andern.

Nein, nein du bleibst leben. Hab keine Angst. Schlaf jetzt nur etwas.

Ja, sagte Felix, ich bin so mde.

Und Paul Seebeck bettete den sterbenden Knaben so gut er konnte auf den
Boden.

Unter seinem Maschinengeschtz lag Otto Meyer, ein Granatsplitter hatte
ihm den Oberschenkel zerfetzt. Er reichte Seebeck die Hand:

Du, sag mal, kannst du mir nicht irgend einen passenden Ausspruch
empfehlen? Ich kann doch nicht so ganz klanglos sterben. Ich sterbe fr
die Freiheit, oder etwas hnliches?

Du stirbst, weil du ein anstndiger Kerl bist.

Also gut: ich sterbe, damit die Anstndigkeit lebe! Bravo. Schlu. - Es
war so schn, mit dir zusammenzuarbeiten, Seebeck. Ich danke dir dafr.

Dann sank er zurck.

Paul Seebeck trat an Melchior heran, der bewutlos in einer Blutlache an
der Wand lag. Wie er ihn untersuchte, schlug er die Augen auf:

Herr Seebeck, Sie? Gut, da Sie kommen. Ich habe es gefunden!

Was haben Sie gefunden?

Das Problem der Menschheit habe ich gefunden. Hren Sie! Er versuchte
sich aufzurichten, aber sank wieder zusammen.

Das Problem der Menschheit! Seebeck lachte auf. Da drauen haben Sie
das Problem der Menschheit! Und er wies auf das Kriegsschiff hinaus,
das jetzt langsam sein Feuern einstellte.

Seebeck, schmen Sie sich! Wer wird einen Spezialfall verallgemeinern.
Hren Sie, ich habe nicht mehr viel Zeit, glaube ich.

Paul Seebeck verschrnkte die Arme und sah dem Sterbenden gerade ins
Gesicht.

Ich hre, sagte er.

Sie erinnern sich noch an alle unsere Gesprche? Sie alle haben am
Problem mitgearbeitet, Sie alle haben mir Bausteine gegeben. Jetzt habe
ich aber die Formel gefunden. Sie erinnern sich, da alle Fragen immer
wieder auf denselben toten Punkt kamen, da man die Begriffe
gleichzeitig als fortgeschrittener, wie auch als rckstndig in den
Bezug auf den realen Stand der Menschheit ansehen kann. Da kam Herr Otto
Meyer mit dem Einfall, da sie von zwei verschiedenen Gesichtspunkten
aus betrachtet sein mten, um verschieden zu erscheinen. Lebt er noch?

Nein, er ist tot.

Schade, es htte ihn sicher interessiert. Sehen Sie, Herr Seebeck,
jetzt habe ich die beiden Standpunkte; den niedrigen des einzelnen
Menschen und den hohen der gesamten Menschheit. Wenn sich aus uns allen
kleinen gleichgiltigen Einzelwesen jetzt das ungeheure Individuum der
Menschheit aufbaut - solange ich selbst unter den Arbeitern lebte, habe
ich diese Kristallisation gefhlt, aber nicht begriffen, ich fhlte, wie
sich die Zellen instinktiv zusammenschlossen, obwohl sich jede einzelne
krampfhaft dagegen wehrte - dann mssen ja unsere Gedanken klein sein,
die der Menschheit sind aber gro, fr uns ebenso unbegreiflich gro,
wie die Zelle in unserem Krper nichts von unseren Gedanken versteht,
und doch baut sie Krper und Leben auf.

Aber da haben wir als Ausgleich jene Begriffe, halb einzel-menschlich,
halb universal-menschlich, dem Menschen zu hoch, der Menschheit zu
niedrig. Sie zeigen weder den Standpunkt des Menschen, noch den der
Menschheit, sondern gerade die noch ungelste Spannung zwischen beiden
Teilen.

Prfen Sie es doch nur an irgend einem Beispiele: denken Sie an die Ehe.
Dem einzelnen Menschen ein praktisch fast unerreichbares Ideal, fr die
Menschheit veraltet. Denn vom hohen Standpunkte der Menschheit aus
gesehen, gleichen sich die im Einzelfalle eintretenden Hindernisse aus;
und fr den Gesamtdurchschnitt wird dann die Ehe nicht zu hoch, sondern
zu niedrig.

Oder denken Sie an die Orthographie einer Sprache, die zwar scheinbar
rckstndig ist, in Wirklichkeit aber die groen, ewigen Gesetze und
Wandlungen der Sprache, dieses Gutes nicht eines Einzelnen, sondern der
Menschheit wiedergibt.

Und wie erklren Sie dieses Beispiel hier? fragte Paul Seebeck und
wies auf die Leichen um sie her.

Ach was hat das zu sagen, da einige Zellen absterben. Ein kleiner
Entzndungsproze im Krper der Menschheit, weiter nichts.

Ja, ja, sagte Paul Seebeck.

Und sehen Sie doch, da die groen Taten nie vom einzelnen ausgefhrt
werden, sondern nur von der Masse, vom Individuum Menschheit. Das ist ja
auch selbstverstndlich, denn der Natur der Dinge nach mu die auf einer
millionenmal hheren Stufe stehende Menschheit auch hhere Gedanken
haben. Wie selten opfert sich ein einzelner fr eine Idee, und wie
leicht tun es tausende zusammen, weil nicht mehr der Einzelne denkt,
sondern die Masse an sich.

Aber hat uns nicht hier die Masse verraten, und bleiben nicht wir
einzelne zurck?

Kommt das nicht auch in unserem Krper vor, in dem sich die einzelnen
Blutkrperchen gegenseitig auffressen, statt zusammen zum hheren Zwecke
als dem ihrer Einzelexistenz zu wirken? Krankheitserscheinungen, weiter
nichts. Und eben so, wie trotz aller Krankheiten der menschliche Krper
sich weiter entwickelt, so wird es auch die Menschheit tun, um spter
wieder Zelle eines neuen, unermelich hohen Individuums zu werden. Bis
sich schlielich das Universum in einem unendlich weiteren Sinne, als
wir armselige Einzelzellchen es heute begreifen knnen, zu einem groen
Organismus zusammenschliet. Und da wird die Erlsung sein, der Zweck
des Daseins. Ich sterbe, fuhr er mit schwcherer Stimme fort, aber Sie
leben ja noch. Gehen Sie zu den Menschen und sagen Sie ihnen, da ich
ihr Geheimnis gelst habe.

Paul Seebeck schttelte langsam den Kopf:

Ich gehe nicht mehr zu den Menschen, Melchior.

Jetzt richtete sich der Sterbende mit seiner letzten Kraft auf:

Sie mssen, Seebeck, sonst habe ich das alles umsonst gedacht. Das darf
doch nicht sein!

Nein, sagte Paul Seebeck hart, Sie sollen das alles umsonst gedacht
haben. Mag Ihr Leben verschwendet sein, wie das von uns allen.

Da brach Melchior zusammen.

Nun fiel das bleiche Mondlicht durch die Fenster und beleuchtete die
vier Leichen und die Geschtze. Sinnend blieb Paul Seebeck stehen. Er
schaute auf das Meer hinaus, das so friedlich dalag. Aber dort in der
Ferne das Ungeheuer, jetzt nicht mehr feuerspeiend.

Paul Seebeck setzte sich neben Felix' Leiche hin und wartete. Aber ihm
war keine Granate bestimmt. Da kte er des Knaben eiskalte Stirn und
ging hinaus. Er ging an den Trmmern des Volkshauses vorbei, die sich
gespenstig in die Hhe reckten, zur Irenenbucht hinunter. Langsam stieg
er die Stufen hinab und setzte sich unten auf die Felsplatte. Er sah die
breiten Rcken der Riesenschildkrten feucht im Mondlichte glnzen, sah
sie die Kpfe erheben -

Da lie er sich langsam ins Wasser gleiten. Die Tiere tauchten
erschreckt unter. Er wollte schwimmen, weiter hinaus ins Meer wollte er,
aber er verfing sich in den langen Schlingpflanzen. Er kmpfte, um sich
zu befreien, aber sie lieen ihn nicht los. Da gab er nach und lie sich
vom Wasser tragen. Es umfing ihn so lau und weich. Aber wie er sich
nicht mehr bewegte, beruhigten sich die Tiere wieder. Er sah ihre
glnzenden Rcken herankommen, dicht vor ihm tauchte ein riesiger,
schwarzer Kopf aus dem Wasser auf, schob sich langsam nher, ein
breites, zahnloses Maul ffnete sich - -




IM GLEICHEN VERLAGE ERSCHIEN:

HANS FRANCK
THIES UND PETER
DER ROMAN EINER FREUNDSCHAFT

PREIS BROSCH. M. 3.50, GEBUNDEN IN LEINEN M. 4.50

_Neue Freie Presse_: In der Freundschaft sind Fehler Verbrechen! Davon
handelt der Roman. Es ist die Tragdie restlos angestrebter
Freundesvereinigung, jener Freundschaft, die in der vlligen
Umklammerung und Einschlieung des geliebten Wesens dessen Menschenrecht
mit Fen tritt, die sich selbst mordet. Thie und Peter ist ein
Bekenntnisbuch, warm und sprudelnd vom Herzen gespeist. So ist Hans
Francks schpferischer Erstling eine starke Hoffnung, die am schnsten
eingelst scheint auf gleichem Weg. Hebbels unerbittlicher Geist und
Otto Ludwigs eherne Erzhlerkunst scheinen hier in einem bewegten Kopfe
unserer Zeit wiedergeboren zu sein, der reiche bleibende Frchte
verspricht. Die Sprache ist von elastischer Hrte und bringt groartige
Bilder von starker Energie.

_Saale-Zeitung_: Oft, hundertmal, ist die Liebe zweier Mnner besungen,
zerstrt, angegriffen worden, niemals in der intensiven Art wie hier.
Hans Franck ist es gelungen, sein Thema restlos zu durchleben, zu
erfassen, in sich aufzunehmen, es in die Form der Kunst zu gieen und
gelutert herauszuschlen. Das Thema selbst hat Franck restlos
erschpft, ohne auch nur die geringsten Seitensprnge zu machen. Hatte
sein Name auch zuvor schon einen guten Klang, so ist Franck mit diesem
Roman in die Reihe unserer ersten deutschen Dichter gerckt. Der Roman
wird in der Geschichte des deutschen Romans noch eine Rolle spielen.


IM GLEICHEN VERLAG ERSCHIEN FERNER:

GRETE MEISEL-HESS
DIE INTELLEKTUELLEN
ROMAN

PREIS BROSCHIERT M. 5-, ELEGANT IN LEINW. M. 6-

_Anna Croissant-Rst_: Die Disziplin in ihrem Roman und der Aufbau sind
bewundernswert. Die Helden des Romans, Olga, Stanislaus sind in allen
Konturen und Linien ungeheuer scharf gezeichnet und wohl geraten. Dr.
Emmerich, auch Koszinsky sind sehr gute Typen, berhaupt ist ein
Reichtum von Personen und Ideen in dem Roman, da sich manche von den
herkmmlichen Romanmodeschneiderinnen 10 Romane daraus zurechtschneidern
knnten. Das quillt alles nur so ber und ist doch in straffen Banden
gehalten.

_Neue Freie Presse_. Manfred Wallentin ist in ihr der vorgeahnte Typus
des Menschen der Zukunft und der Schnheit, der Typus des moralischen
bermenschen, im Sinne einer Herrennatur, die Beladene und Bedrckte
fhrend durch das Leben geleitet. Die anderen Figuren des Romanes,
strebende, wankende, strauchelnde und wieder sich erhebende Mnner und
Frauen, verkrpern den Geist dieser Gruppe der Intellektuellen in
mannigfacher Gestalt. Zu klarem Relief sind die verschiedenen Charaktere
gearbeitet, ein jeder stellt ein Beispiel - das Typische seiner Art.
Nirgends groteske Verzerrung oder leichtfertiges Fertigwerden mit
komplizierten Gedanken. Philosophische, theosophische, soziale
Errterungen kommen in streng gefhrten Dialogen zur Diskussion, wandeln
sich hier in poetisch wohltuend gemigter Form zu pulsendem Leben.

_Neues Wiener Tageblatt_. Frau Meisel-He hat sich schon durch ein Werk
ber Die sexuelle Krise in die Scharen der sozialreformatorischen
Streiter gestellt, whrend sie in ihrer Stimme, das ihr feinstes Buch
bleibt, eine individualistisch vertiefte Studie gibt - jeder
nachdenkliche moderne Mensch wird den Roman mit groem Interesse lesen.

A. E. FISCHER, Buch- und Kunstdruckerei, GERA-R.



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1912 bei Oesterheld erschienenen Ausgabe erstellt. Die
nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

p 019: steigen drei Reketen -> Raketen
p 022: Zeitungsberichte erkennen liessen. -> lieen
p 027: [Komma ergnzt] Blatt beugte, der Flcheninhalt
p 030: Einen grosszgigen Knstler -> grozgigen
p 031: lchend wieder aufblickend -> lchelnd
p 033: dadurch abschliessende Form -> abschlieende
p 035: Paul Seebecks Ichtyosauren -> Ichthyosauren
p 041: [Anfhrungszeichen entfernt] Durch den Schriftsteller -> Durch
p 044: [Komma ergnzt] daran erinnerte, da
p 045: du willst gleieh -> gleich
p 050: [Vereinheitlicht] im Cafe Stephanie gesessen -> Caf
p 052: auf und abgehend -> auf- und abgehend
p 054: [Punkt ergnzt] Dann lief er tief errtend aus der Tr.
p 055: [Anfhrungszeichen korrigiert] einer von den Unsrigen.
p 059: [Zeichen ergnzt] also [ ]in Vorrecht -> ein
p 058: fuhr erfort[ ], -> er fort,
p 062: fragte Seebeck die Hand -> fragte Seebeck, die Hand
p 063: ausgewachene Riesenschildkrte -> ausgewachsene
p 063: Das es jetzt ... nicht mehr gibt, -> Da
p 065: bilden kann, ohne das -> da
p 067: alle sozialen und sozial-psychologischen Phnomen -> Phnomene
p 069: Schwche und Dumheit -> Dummheit
p 072: Jacob Silberland den geringsten Kummer -> Jakob
p 075: Rhytmus -> Rhythmus
p 076: [Anfhrungszeichen korrigiert] erinnern Sie sich noch?
p 089: an Herren Seebeck erlauben -> Herrn
p 090: Denn wir wissen alles, was wir ihm schulden -> alle
p 090: [Punkt ergnzt] im Buche der Menschheit stehen.
p 092: allerhand Papier zusammen, die -> Papiere
p 093: [Komma entfernt] fnfhunderteinundzwanzig, Mark.
p 097: geklatscht und gestrampelt -> getrampelt
p 106: antworetete der Krppel -> antwortete
p 108: [Komma ergnzt] Rechtsstreitigkeiten, wie [...] ausdrckt
p 108: alle Steitigkeiten durch -> Streitigkeiten
p 116: [Vereinheitlicht] Orang-Utans vorfinden. -> vorfinden.
p 122: Arbeit ausfhren nnd -> und
p 122: die wir jetzt darstellen, -> darstellen.
p 139: [Punkt ergnzt] Schatten auf sie.
p 145: stand der Krppel auf; -> auf:
p 151: [Punkt ergnzt] die sich auf dem Tische befand.
p 156: Proviant fr viezehn Tage -> vierzehn
p 167: [Anfhrungszeichen korrigiert] praktische Bedeutung hat?
p 183: [Vereinheitlicht] der Vorstandsschaft -> Vorstandschaft
p 201: [Anfhrungszeichen korrigiert] Woher wissen Sie das?
p 213: [Vereinheitlicht] Herr Reichkommissar -> Reichskommissar
p 214: Reipeitsche -> Reitpeitsche
p 227: ihr auf den Rckwege -> dem
p 233: [Anfhrungszeichen korrigiert] Wir sind verraten.
p 233: [Ellipse ergnzt] ausliefern und uns ergeben ..  -> ...
p 241: [Punkt ergnzt] Gut, da Sie kommen.
p 245: der menschlichen Krper sich -> menschliche
p 247: Neue Freie Prese -> Presse
p 248: ERSCHIEN FENRER -> FERNER

Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
folgenden Wrtern:

p 011: grinzend
p 058: Karrikatur
p 074, 172: endgiltig
p 178: kennte ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the Oesterheld
edition, published around 1912. The table below lists all corrections
applied to the original text.

p 019: steigen drei Reketen -> Raketen
p 022: Zeitungsberichte erkennen liessen. -> lieen
p 027: [added comma] Blatt beugte, der Flcheninhalt
p 030: Einen grosszgigen Knstler -> grozgigen
p 031: lchend wieder aufblickend -> lchelnd
p 033: dadurch abschliessende Form -> abschlieende
p 035: Paul Seebecks Ichtyosauren -> Ichthyosauren
p 041: [removed quotes] Durch den Schriftsteller -> Durch
p 044: [added comma] daran erinnerte, da
p 045: du willst gleieh -> gleich
p 050: [unified] im Cafe Stephanie gesessen -> Caf
p 052: auf und abgehend -> auf- und abgehend
p 054: [added period] Dann lief er tief errtend aus der Tr.
p 055: [corrected quotes] einer von den Unsrigen.
p 059: [added character] also [ ]in Vorrecht -> ein
p 058: fuhr erfort[ ], -> er fort,
p 062: fragte Seebeck die Hand -> fragte Seebeck, die Hand
p 063: ausgewachene Riesenschildkrte -> ausgewachsene
p 063: Das es jetzt ... nicht mehr gibt, -> Da
p 065: bilden kann, ohne das -> da
p 067: alle sozialen und sozial-psychologischen Phnomen -> Phnomene
p 069: Schwche und Dumheit -> Dummheit
p 072: Jacob Silberland den geringsten Kummer -> Jakob
p 075: Rhytmus -> Rhythmus
p 076: [corrected quotes] erinnern Sie sich noch?
p 089: an Herren Seebeck erlauben -> Herrn
p 090: Denn wir wissen alles, was wir ihm schulden -> alle
p 090: [added period] im Buche der Menschheit stehen.
p 092: allerhand Papier zusammen, die -> Papiere
p 093: [removed comma] fnfhunderteinundzwanzig, Mark.
p 097: geklatscht und gestrampelt -> getrampelt
p 106: antworetete der Krppel -> antwortete
p 108: [added comma] Rechtsstreitigkeiten, wie [...] ausdrckt
p 108: alle Steitigkeiten durch -> Streitigkeiten
p 116: [unified] Orang-Utans vorfinden. -> vorfinden.
p 122: Arbeit ausfhren nnd -> und
p 122: die wir jetzt darstellen, -> darstellen.
p 139: [added period] Schatten auf sie.
p 145: stand der Krppel auf; -> auf:
p 151: [added period] die sich auf dem Tische befand.
p 156: Proviant fr viezehn Tage -> vierzehn
p 167: [corrected quotes] praktische Bedeutung hat?
p 183: [unified] der Vorstandsschaft -> Vorstandschaft
p 201: [corrected quotes] Woher wissen Sie das?
p 213: [unified] Herr Reichkommissar -> Reichskommissar
p 214: Reipeitsche -> Reitpeitsche
p 227: ihr auf den Rckwege -> dem
p 233: [corrected quotes] Wir sind verraten.
p 233: [completed ellipsis] ausliefern und uns ergeben ..  -> ...
p 241: [added period] Gut, da Sie kommen.
p 245: der menschlichen Krper sich -> menschliche
p 247: Neue Freie Prese -> Presse
p 248: ERSCHIEN FENRER -> FERNER

The original spelling has been maintained throughout the book,
particularly for the following words:

p 011: grinzend
p 058: Karrikatur
p 074, 172: endgiltig
p 178: kennte ]





End of the Project Gutenberg EBook of Phantasten, by Erich von Mendelssohn

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PHANTASTEN ***

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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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