The Project Gutenberg EBook of Strix, by Svend Fleuron

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Title: Strix
       Die Geschichte eines Uhus

Author: Svend Fleuron

Translator: Mathilde Mann

Release Date: October 13, 2006 [EBook #19530]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                 Svend Fleuron

                   S t r i x

           Die Geschichte eines Uhus




         [Illustration: Verlagssigel]




          Fnftes bis neuntes Tausend
   Verlegt bei Eugen Diederichs Jena / 1921




   Berechtigte bersetzung aus dem Dnischen
               von Mathilde Mann


Alle Rechte insbesondere das
Recht der bersetzung in fremde Sprachen vorbehalten.
Copyright 1921 by Eugen Diederichs Verlag in Jena


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1. Das Ohr des Waldes


In der fernen Tiefe der groen Fhrdenwlder, wo sich Licht- und
Schattenbume wirr ineinander verzweigen, ragt ein hoher Hgelzug steil
empor.

Er zieht sich rund um ein kleines Waldmoor herum, so da die Morgensonne
seine Westseite und die Abendsonne die Ostseite bescheint, whrend die
Strahlen der Mittagssonne nur seinen Gipfel streifen.

An der Nordseite des Hgels, ganz hart an der Wand, steht zwischen
Dornen und Gestrpp eine alte, abgestorbene Eiche.

Sie war einstmals eine Rieseneiche, ein Kolo von Baum; jetzt ist sie
hohl -- der Kern ist vermodert und ganz zusammengesunken, so da
gleichsam ein Haus in dem zunderigen Stamme entstanden ist.

Es riecht suerlich da drinnen und seifig wie nach Zecken.

... Die Zeit wohnt hier und zeugt jede Sekunde, wetzt ihren Zahn und
frit, was die Zeit vor ihr briggelassen hat.

Ungefhr in halber Hhe des Stammes, an der Seite der alten Eiche nach
dem Moore zu, ghnt ein groes Loch aus dem Bauch des Baumes hervor.

Eine Daune flattert in einem Spinngewebe an dem oberen Rande der
ffnung.

Tief unten in dem Loch, das in bezug auf das Sonnenlicht so gestellt
ist, wie der Hgel selbst --: die westliche Wand bekommt Morgensonne,
die stliche Abendsonne, whrend die hintere Wand nie den Schimmer eines
Strahles erhascht -- sitzt ein riesengroer Vogel, und je nachdem die
Sonne ihren Weg ber den Himmel geht, rckt er aus dem einen Schatten in
den andern.

Es ist ein Nachtraubvogel --: ein groer, braungefiederter Uhu!

Diese alte Eiche hier im Revier hat er mit gutem Bedacht erwhlt: hier
sitzt er gleichsam im Ohr des Waldes; jeder Laut, der von drauen her
ber den See hereindringt, fhrt zwischen den Hgelwnden hin und her
und bis zu ihm in das Loch hinein.

Es ist ein dickes, krftiges Uhuweibchen ...

Sein Kopf ist so gro wie der der grten Wildkatze, nach vorn zu flach
abgeschnitten, so da er das schnste Gesicht bildet.

Der Schnabel ist stark und gekrmmt, und die Schneiden sind so scharf
wie eine Rosenschere. Sie behandeln einen Braten kunstgerecht, zerlegen
ein Stck Wild im Handumdrehen. Ritsch, Ratsch -- und sie haben selbst
die Schenkelknochen eines zhen, alten Hasen durchgeschnitten.

Er _fngt_ kein Tier, dieser groe Uhu -- er _schlachtet_ es!

Von den gelben Schnabelrndern steht ein Kranz von Federn wie ein
brausender Schnurrbart ab. Er trgt sein Teil dazu bei, auf humane und
rcksichtsvolle Weise das arme Opfer irre zu fhren, wenn es im Kampf um
sein Leben versucht, sich ein Urteil ber den groen Schlund seines
Gegners zu bilden.

Der Schlund ist enorm -- aber erst wenn der Uhu ihn ffnet, kann man es
sehen.

Die Mundwinkel gehen ganz bis hinter die Augen und enden fast bei den
Ohren; sie erschlieen einen feuerroten, dampfenden Schlund, der den
verhltnismig engen Trichter zu einem ungeheuren Sack bildet, in dem
eine ganze Stallratte verschwinden kann.

Oben auf dem Kopf, rings um die Ohrlcher, die ungeheuer sind im
Verhltnis zu ihrer Gre bei andern Vgeln, sind die Federn sinnreich
geordnet, so da sie gleichsam einen Schirm bilden, gegen den die
Schallwellen anschlagen knnen.

Das Gehr der groen Eule ist denn auch so fein, da sie hren kann, wie
die Maus kaut und das Gras trinkt, ja selbst jede Bewegung, jeden
Flgelschlag des Nachtfalters hrt sie!

Oben von den Schirmen ragen wild und drohend, wie die Lauscherpinsel
eines Luchses, zwei wehende Federbsche in die Hhe.

Aber die Augen sind doch das Furchteinflendste in diesem Gesicht! Sie
sind prachtvoll gelb mit rtlichem Auenrand; die Eule kann gleichsam
Feuer und Blut dahineinlegen, sie glhen und Funken sprhen lassen, so
da das Opfer gelhmt wird, wenn es seinen Blick pltzlich fngt.

Sie ist so gro, da sie im Morgen- und Abendlicht, wenn sie ber die
Waldeswipfel hingleitet, einer kleinen Wolke gleicht -- einer Wolke, die
schwarz ist und an den Rndern sonderbar faserig! Ihr Krper ist wie der
einer Gans, und ihre Strke gibt der eines Knigsadlers nichts nach. Sie
hat Flgel wie Schaufeln und so muskulse Schenkel wie nur ein
Fuchsrde; die knnen ihren nchtlichen Wanderungen ber den Waldboden
Fahrt und ihrem Griff, wenn sie fngt, Feuer verleihen.

Ihre Fnge, die selbst durch Eichenrinde bis auf den Grund gelangen,
sind fingerdick, und wenn sie sie vllig ausspreizt, haben sie fast die
Spannweite einer Mnnerhand: die Wulsten unter ihnen gleichen
schwellenden Kissen und aus einem jeden ragt eine lange, dralle,
sichelfrmige Kralle, wie ein kleiner trkischer Krummsbel hervor.

Sie sitzt frmlich in Daunen und Federn ...

Die Dmmerung hat sie mit ihrem Pfeffer und Salz bestreut, und die Nacht
hat ihr mit schwarzem Pinsel ber Flgel und Rcken gestrichen. Lngs
der Mitte der dicken, breiten Brust luft ein weilicher Strich, der
sich oben unter dem Halse zu einem Fleck erweitert. Das ist das einzige
wirklich Helle an ihr, es ist gleichsam eine Erinnerung an den Glanz des
Tages, an das Licht der Sonne -- ganz will es sie doch nicht lassen.


Es ist sonnenwarm und mitten am Tage ...

Die Eule sitzt satt und tagesschlaff zusammengesunken ber ihrem Stand,
die langen Schwungfedern gleich einem wrmenden Unterrock ber ihre
Fnge gebreitet.

Der groe, runde Kopf mit den mchtigen Federbscheln ist ganz nach dem
Leib herabgezogen -- dadurch erhlt das Gesicht etwas mrrisches,
unzugngliches.

Wie ein groer Wurzelstock ragt sie aus dem hohlen Stamm hervor.

Die Finken knnen piepsen, der Specht kann klopfen und der Hirsch unter
ihrem Baum schreien -- sie hrt es nicht! Klfft aber ein Hund in weiter
Ferne, ertnt das Rollen eines Wagens oder der Klang einer Axt -- gleich
zittert es in den Federbscheln, sie struben sich drohend wie
Bockshrner auf ihrem Kopf, werden nach und nach zu Hngeohren wie an
einem melancholischen Schwein, um sich schlielich hintenber zu legen,
ganz an den Hals herunter, wie bei einem wilden, bissigen Pferd.

Drauen ber dem Waldmoor flimmert die Luft von Licht; es ist so
sonnenwei da drauen, so voll von Tag und Leben.

Feuerglnzende Stechfliegen treten pltzlich in die Erscheinung, stehen
einen Augenblick still und glhen -- und verschwinden dann wie
Sternschnuppen in den Schlagschatten. Groe, schimmernde Libellen
schwirren schaukelnd ber den Wasserspiegel, schrauben sich im
Spiralflug empor und fahren mit jhen Wendungen und unvorhergesehenen
Bewegungen in Schwrme von Mcken hinein, so da bei dem schnellen Flug
ihre steifen, durchsichtigen Flgeldecken knistern.

Dann schwingt sich ein Schwarm roter Falter von einem Wasserrosenblatt
auf. Gleich Blttern in einer Wolke von welkem Laub, das pltzlich vom
Winde erfat wird, stehen sie ber den Erderhhungen hin ... der Staub
auf ihren unberhrten Schwingen glitzert und leuchtet, whrend sie in
lautlosem Sonnentanz, einander umgaukelnd, sich vom Winde treiben
lassen, bis sie sich schlielich paaren, je zwei und zwei.

Da mischt sich ein Flug weier Schmetterlinge mit den roten und bringt
Verwirrung in das so glcklich beendete Hochzeitsspiel. Nun schweben sie
alle hernieder und setzen sich mit ausgebreiteten Flgeln ein jeder auf
seine Irisknospe. Es sieht so aus, als seien alle Knospen auf einmal
erblht!

Und himmelblaue Holztauben huschen hin und her von den Schpfstellen,
und nachtschwarze Blhhner flattern bullernd ber Wassertmpel,
whrend taugraue junge Reiher zwischen dem Flimmern des Rhrichtsaums
sich in der Geduld und dem Gewerbe des Fischens ben.

Es ist Tag da drauen ... es liegt Leben ber dem Waldmoor.

Drinnen aber im Baumstamme ist es dster und kalt. Die gefurchten Wnde,
die dieselbe glanzlose Farbe haben wie gebleichtes Gebein, und die
holperig sind von Zunderknoten und fauligen Knorren, wimmeln von
Larvengngen und Wurmlchern. Reisig und abgewehtes Laub hat sich
angesammelt -- und dicke, wollstrumpfhnliche Spinngewebe, die sich in
der Zugluft krmmen, verkleiden die Wnde der Rinde wie geheimnisvolle
Vorhnge.

Hin und wieder verirrt sich ein Sonnenstreif durch einen Spalt und
zeichnet einen phantastischen Lichtfleck auf die entgegengesetzte Wand.
Da kommt Leben in ein paar zottige Spinnen, eine schildgepanzerte
Kellerassel rollt sich schleunigst zusammen, whrend ein Bndel
schwefelgelber Stinkpilze, denen hier drinnen auch ein Lebensplatz
angewiesen wurde, aus Rissen in der Finsternis heraus einen langen Hals
machen.

Der Wind plaudert ununterbrochen mit der alten, abgestorbenen Eiche;
er gnnt ihr den Frieden nicht, sondern fhrt fort, sie zu qulen. Wenn
dann der Baum so recht klglich chzt, reckt die Eule sich auf und
schttelt sich im Schlaf -- dies Knarren des alten Holzes tut ihr so
innerlich gut.

-- -- --

Auf einmal dringt ein sonderbares, anhaltendes Kratzen durch das Loch zu
ihr herein.

Der Laut nimmt zu -- -- --

Drhnen von Pfotenklatschen, Ritzen von Krallen, die sich in Rinde
bohren, dumpfes Bumsen von losgerissenen Moosfladen, die in das Laub
unter dem Baume herabfallen, jagen wie Hiebe gegen ihr Trommelfell.

Da ist jemand auf dem Wege zu ihr herauf!

Im selben Augenblicke ist die Eule wach.

Es geht schnell zu ihr hinauf im runden Korkziehergang, ganz so, als
statte der Specht vormittags ihrem Wohnbaum einen Besuch ab. Jetzt ist
das Gerusch dicht hinter ihrem Rcken; sie hrt das trockne Holz des
Stammes chzen, und es drhnt in dem hohlen Baum wie in einer leeren
Tonne.

Die Eule richtet sich auf und wird zweimal so gro! Sie wirft gleichsam
die Kissen ab und ihr vorhin so dicker, aufgeplusterter Krper wird
schlank und lang.

Pltzlich gleitet ein kleines, langgestrecktes, schlangengeschmeidiges
Raubtier in kastanienbraunem Pelz lautlos durch das Eingangsloch ...

Da leuchtet es unten aus dem Zunderdunkel wie Zauberglut auf. Ein
elektrischer Strom, aus Spannung und Erregung geschaffen, entzndet
magische Funken in den brandgelben Lichtern der Eule, sie sperrt ihren
mchtigen Schlund auf und gibt pltzlich ein Furcht einflendes Fauchen
von sich.

Das geschmeidige Raubtier fhrt mit einem Satz zurck; in langen
Sprngen jagt es kopfber am Stamm hinab und verschwindet in wilder
Flucht.

-- -- --

Der Marder Taa ist der blutdrstigste Ruber des Waldes. Aber noch ist
er so jung, da er dergleichen Fehlgriffe begehen kann.

Er hatte gehofft, ein Eichhrnchen in dem hohlen Stamm da oben zu
treffen oder doch wenigstens einen kranken, alten Hher.

Jetzt macht er sich schleunigst unsichtbar, ganz verwirrt infolge des
Irrtums.


Alle Bewohner des Waldes kennen ja den groen, braungefiederten
Nachtvogel -- _den fliegenden Wolf_, mit dem menschlichen Gesicht und
den geradeaus gerichteten Lichtern, die die Macht des Blickes besitzen.

Sie ist der Tyrann des Hochwalds, der seine Steuer von allen erheischt,
von den Hirschklbern bis hinab zu den Musen.

Sie scheuen sie, sie frchten sie ... Strix Bubo, die groe Horneule!




2. Mnnchen und Junge


Strix steht in ihren Kraftjahren, in den jubelvollen Tagen ihres
glcklichen Alters.

Alles, wonach sie greift, fngt sie, und alles, was sie schlgt, fllt
und stirbt; sie hat Wachstum in den Federposen, Griff in den Fngen und
einen ewig brennenden Hunger im Magen; sie ist riesenstark. Wenn sie nur
einen Hasen anrhrt, spritzt das Blut gleich aus den zur Ader gelassenen
Pulsen; sie hat Lust zur Paarung und Freude an den Jungen, sie besitzt
alles, was reizt.

Ihr Jagdgrund ist gro! Sie wohnt hier in den Hochwldern, ganz am Ende
der Frde und kann bis zum nchsten Nachbar jagen.

Es sind alte, pfadlose Wlder, voll von Dickicht und sauren Erlenmooren,
umgestrzte Bume und herabgewehte Zweige liegen berall umher, und
berall stehen zunderige, hohle Bume und knarren. Unter der Geiel
eines groen Wildbestandes sind die Wlder aufgewachsen: Urwald-,
Kronenhirsche und Rudel von Rehen hatten hier zu allen Zeiten ihren
Stand und haben sich den Winter ber kmmerlich im Holz durchgest.
Daher das viele verkrppelte Eichen- und Buchengestrpp, daher die
vielen verrenkten Eschen und Erlen, daher das urwaldhnliche Gewirr, das
einem groen Uhu das Leben des Lebens wert machen kann.

Aber der Lrm der Menschen rckt Strix nher und nher. Es werden
hufiger Bume im Walde gefllt, neue Menschenwege werden angelegt,
kleine Steinhaufen und groe Steinhaufen, aus denen Rauch aufsteigt und
in denen Menschen wohnen, tauchen in wachsender Zahl lngs des
Waldsaumes auf. Schon mehrmals hat sie ihren Wohnbaum ndern und tiefer
in den Wald hineinziehen mssen. Wo die Bume am hchsten sind, wo der
Sturm am meisten zu nehmen findet, wo er die hrtesten Wunden schlagen
kann, so da groe Lcher in das morsche Holz kommen -- da ist sie immer
am besten gediehen.

Aber sie hat kaum ein halbes Jahr in ihrem neuen Versteck gewohnt, als
auch schon der groe Naturzerstrer mit Sge und Axt dorthin gelangt
ist. Sie ahnt ihn, lange bevor er sich auch wirklich hat blicken lassen,
denn vor sich her treibt er eine Schar anderer Tiere, denen es so
ergeht, wie der groen Horneule selbst.

Es sind Hirsche und Kahlwild, Hhnerhabichte und Wanderfalken,
Edelmarder und Wildgnse -- alle fliehen sie vor den Axthieben, vor
Hundegelut und Schssen und vor der scharfriechenden Fhrte des
arbeitstollen Menschen! Die ursprnglichen Bewohner des Waldes weichen
dieser lrmenden neuen Welt; sie ballen sich zusammen an den Stellen,
wo sie noch Lebensbedingungen nach ihren Gewohnheiten und Bedrfnissen
finden -- in den den Landecken, in entlegenen Winkeln, zwischen Heide-,
Moor- und Sumpfstrecken. Hier halten sie sich am Tage auf -- sie warten
die Nacht ab!

_Das mchtige Lichtgezcht_, das mit dem Tage erwacht und die Unruhe,
den Lrm, die Vernderung und die Umbildung der Erde und der Natur
schafft, die die Tiere scheuen, zwingt sie, sich zu verbergen, so lange
es rast! Aber des Nachts kehren sie zurck zu den alten Sttten,
verbreiten sich auf schnellen Sohlen, auf schleichenden Lufen ber das
Reich, das einstmals das ihre war. Die Hirsche und das Kahlwild sen den
Roggen der Ansiedler, die Dchse tummeln sich in den Saatfeldern, Marder
und Fuchs stehlen Tauben und Hhner -- und Strix nimmt an Katzen und
Ratten, was sie ergattern kann! In der Nacht gehrt die Erde noch den
Tieren!

Aber die Erde wird doch kleiner und kleiner. So dicht liegen bald die
Steinhhlen der Menschen um die Hochwlder herum, da stellenweise Tag
und Nacht eine angsteinflende Wolke ihres eigentmlichen Geruches
aufsteigt.

Eines schnen Abends merkt Strix, da sie um der Nachbareule willen gern
so weit jagen kann, wie sie Lust hat. Die Nachbareule lt ihre
Kampfstimme nicht mehr ertnen, sie mu wohl weiter weg bessere
Jagdgrnde gefunden haben!

Die Nachbareule ist fort -- der groe Moloch, das Gtzenbild der
Menschheit: die Zivilisation, hat sie gettet. Der Ausrottungskrieg
gegen die Stmme des groen Uhus geht seinen frchterlichen Gang.

In den letzten Jahren haben die Menschen angefangen, auf eine andere
Weise angreifend vorzugehen.

Auf den Gtern jenseits der Frde tauchen pltzlich groe, bunte,
langschweifige Vgel in Mengen auf.

Es sind Fasanen!

Sie sind in kleinen Feldhlzungen ausgesetzt, wo sie sich durch Kunst im
berflu vermehren. Es wimmelt von Ihnen am Waldboden und in den Bumen.
Sie sind so fett und gleichgltig, da sie weder laufen noch fliegen
mgen.

Sie ziehen aus allen Richtungen viele von den groen Uhus an; _hier_
brauchen sie ja nur ins Gras niederzustoen, gleich haben sie die Fnge
voll Nahrung.

Rings um diese kleinen Gehlze, einladend ber Dickicht und Gestrpp
aufragend, stehen hohe, schlanke Pfhle aufgepflanzt. Auf der Spitze
eines jeden liegt -- so recht dazu gemacht, um sich darauf zu setzen --
ein kleines strammgespanntes Tellereisen.

Diese Eisen machen es im Umsehen Uhu-leer um Strix herum.


Zu dieser Zeit trifft sie ihr letztes Mnnchen.

Er ist alt und abgelebt, aber ihr bleibt keine Wahl -- da sind keine
andern Mnnchen ihrer Art.

Er singt und heult ihr einen Winter lang etwas vor und betrt sie
flschlich, indem er trotz der schlechten Zeiten bestndig mit Beute in
den Klauen fliegt.

Es ist ein Eisen, das er schleppt. Er trgt es solange, bis die Federn
des Eisens sich ihm durch das Bein geklemmt haben, dann stirbt der Fu
ab, und eines schnen Tages fllt er mit Eisen und Fang zu Boden.

Ein erstklassiger Freier ist er ja freilich nicht, aber was tut das --
-- er ist ein Uhu und kein Kanarienvogel!

-- -- --

Da thront er neben ihr ...

Jedesmal, wenn sie die Hautblende von den Augen fortzieht, sieht sie
einen Schatten ihrer selbst vor sich: einen groen, braunen Uhu mit
Federbscheln wie ein paar Katzenohren und mit einer Mundspalte, die
sich darunter weit nach hinten zu fortsetzt ...

Das ist der einklauige: UF!

Er ist an die hundert Jahre; seine Zeitgenossen sind der Wolf und der
Adler gewesen -- der letzte berrest von Tieren, die noch etwas von der
groen Zeit an sich haben.

Den ganzen Winter sitzen sie zusammen in dem hohlen Baumstamm und wrgen
an ihrem Gewll. In der Regel schlafen sie gut -- und erwachen sie
zufllig, so haben sie genug zu tun.

Bald fordern die Nackenfedern einen Besuch ihrer Krallen, bald
wollen die Lichter gerieben und die Wangen gewaschen werden,
oder der Schnabelbart mit den vielen eingetrockneten Blut- und
Fleischberbleibseln meldet sich und bittet eindringlich, da man ihn
reinigt und brstet.

Dann pudern sie sich halbe Stunden lang und nehmen die possierlichsten
Stellungen ein. Uf wird zu einem jmmerlichen Grovater in der
Nachtmtze und mit Haarzotteln um die Ohren; Strix wird zur Furie; zu
einem wilden Gespenst -- bereit zu kratzen und um sich zu schlagen!

Aber zur Frhlingszeit, wenn die Mrzstrme den Wald stimmen, wenn die
Larven in dem faulen Holz des Baumstamms mit offenbar fieberhafter Hast
anfangen, ihr eifriges Klopfen und Hmmern zu beschleunigen, wenn die
Trume, die sie trumen, immer wiederkehren, da geht es nicht mehr an,
nur zu schlafen und sich zu putzen! Da mssen sie auf -- auf und die
Hrner struben und mit den Flgeln schlagen, whrend sie auf dem
Zunder, auf dem sie sitzen, hpfen und tanzen; da mssen sie schwnzeln
und sich krpfen und hu--u, hu--u heulen ...

Und dann bauen sie ihren Horst.


In einem Bett aus Reisig liegen zwei graubedaunte Junge!

Sie sind runzelig im Gesicht wie alte Weiber und hlich fr alle, nur
nicht fr Strix. Der Horst liegt in einer groen Vertiefung unter einem
alten Baumstumpf, aber er geht in den Baumstumpf hinein, weit hinein, so
da man in ein tiefes, undurchdringliches Dunkel sieht. Es ist ein ganz
vorzgliches Nest, da ist ein Fuboden und da ist ein Dach -- auf dem
Fuboden liegen allerhand Federreste. Ganz hinten im Baumstumpf ist die
Vorratskammer; da gibt es Amseln und Birkhhner und Hasen -- und alle
Speisen sind frisch, die Tiere sind ganz krzlich geschlagen. Aber vor
dem Baumstumpf ist der Fuboden in weitem Umkreis mit Flgeln und
Knochen berst; da sieht es aus wie vor einer Ruberhhle.

Die Jungen sind noch klein. Vor zwlf Tagen erst sind sie aus dem Ei
gekrochen, und Strix' einkralliges, altes Mnnchen sitzt getreulich
ber ihnen, um durch die Wrme seines Krpers den Lebensfunken in ihnen
zu erhalten. Uf kann schlecht fangen, kaum fr den eigenen Bedarf,
geschweige denn fr den anderer; seine Kralle ist stumpf und seine Augen
sind schwach -- da haben er und sie die Rollen vertauscht. Ihr liegt es
also ob, alle Vorrte zu beschaffen!

Und sie ist zu allen Zeiten ein khner Jger gewesen. Gleich bei
Tagesanbruch fliegt sie vom Nest auf. In dem blanken, sonnenfreien
Licht, das der ganzen Umgebung und allen Gegenstnden ihre richtige
Gre verleiht, jagt sie am eifrigsten und fngt sie am besten. Da
durchsucht sie den Wald, steigt ber Mooren und kleinen Wiesen auf ...
sie rttelt wie ein Falke auf hastig klappenden Flgeln und spht hinab.
Whrend die Holztauben gurren und die Drosseln singen, whrend die Hasen
ganz davon in Anspruch genommen sind, auf Freiers Fen zu gehen,
whrend die Wasserhhner in den Moortmpeln sich um Mnnchen und
Brutpltze balgen, krt sie zwischen dem berflu und macht Beute.

Oder sie fliegt auf ein baumfreies Feld hinaus, hinaus auf cker und
Heiden, und lt, whrend das Tageslicht mehr und mehr bermacht
gewinnt, die Ferne unter sich aufsteigen: neue Wlder weit da drauen
fangen an zu winken, Anger mit Lmmern und Zicklein kommen verlockend
nahe, sie gewahrt ferne Feldraine und Menschennester, in deren Nhe es
von Wieseln und Ratten wimmelt.

Rings umher unter ihr ertnt das Kullern des Birkhahns und das
herausfordernde Zusammenrufen streitbarer Rebhhne ... abgezehrte und
abgearbeitete Fehen sieht sie mit Stcken von Schwnzen anstelle der
frher so dicken, buschigen Lunten herumhuschen. Die Geburt der Jungen
hat alle Haare mitgenommen.

Aber die Fangzeit ist kurz zu dieser Zeit des Jahres ... bald surrt
glhende Luft vor ihrem Blick, scharfe, tzende Strahlen beien sie in
die Augen -- und auf einmal ist es, als werde die Erde unter ihr
sonnenbestrichen, der letzte Rest von Klarheit verzieht sich -- und nun
blinkt und flimmert und glitzert das Gras.

Da nimmt sie mit dem frlieb, was sie zwischen den Fngen hat, und
fliegt schleunigst zurck nach ihrer Behausung, das rote Licht des
Sonnenaufgangs ber den Flgeln.

So holt sie Ratten aus den weitentlegenen Drfern, Birkhhner aus der
Heide, Hasen vom Felde, Krhen aus dem Walde -- sie mht sich getreulich
ab und nimmt, was sie kriegen kann. Mit einem triumphierenden Hu-u
bringt sie ihrem Gatten den Fang, und wenn Uf sieht, was sie hat,
strubt er die Hrner und gibt einen zufriedenen, gurrenden Laut von
sich --! Wieder ein Hase! sagt er berrascht in seiner Sprache! ja! sie
strengt sich an!

Dann erhebt er sich von den beiden Jungen mit den scharfen Fngen; ihre
unheimlichen, halbkahlen Kpfe gucken hervor und zeigen sich ihrem
mtterlichen Ursprung. Sie will ihm bei der Beute behilflich sein, will
ihm helfen, sie abzuziehen und zu zerlegen, aber er reit sie ihr weg:
sie soll nur fangen, nichts als fangen -- -- --!

Doch Strix lt sich nicht kommandieren; sie kennt ihn und wei, da er
gern fr seinen eigenen Schnabel sorgt; so tranchiert sie denn das Wild
nach bester Regel, zermalmt die Knochen und macht zhe Muskeln weich;
sie kaut die Bissen durch und pfropft sie holterdiepolter ihren
heihungrigen Kleinen in die Schnbel.

Uf sitzt da und schmollt -- --: sie soll nur fangen, nichts als fangen
-- --


Es dmmert ... es ist ein frher Morgen im Mai! Die Fledermuse heben
sich noch wie Mwen vom Himmel ab. Die Drosseln schlagen ihre ersten,
tastenden Schlge, nur ein ganz kurzes Flten ohne Zusammenhang.

Dann fngt ein Birkhahn drauen am Waldrand an zu kullern und zu
schleifen. Eine Amsel trillert, ein kleiner Zaunknig piepst -- der
ganze Wald erwacht und begrt den dmmernden Tag mit Gesang. Der
Kuckuck ruft in unaufhaltsamen Kaskaden, aber die Weibchen sind zu
geschftig, um zu lauschen -- sie sind ganz davon in Anspruch genommen,
ein Pflegeheim zu finden! Rastlos fliegen sie umher, sie gucken in
Astlcher hinein und zwischen Baumwurzeln, oder sie flattern tief unten
ber Nessel- und Wildkerbelinseln hin; ihre langen Schwnze streifen
frmlich an den Krutern entlang und jagen die brtenden kleinen Vgel
auf.

Strix ist auf Fang aus! Sie mu in der letzten Zeit immer weiter hinaus,
die zunchst gelegenen Jagdgrnde sind erschpft.

Von ihren frheren Ausflgen wei sie, da dort auf der andern Seite des
Waldes unter einem mit Gestrpp bestandenen Abhang eine groe Herde
Ziegen mit Zicklein zu weiden pflegt. Heute Morgen ist ihr das Glck
hold! Eine der Ziegen hat gelammt und die kleinen, neugeborenen Zicklein
drcken sich neben der Mutter an deren Euter.

Die Erde ist im Begriff, die Nebel der Nacht abzuschtteln: alle kleinen
Niederungen zwischen den Hgeln stehen in einem Dampf, so da es fr
Strix ein leichtes ist, die Tiere zu berrumpeln. Keine von den vielen,
neidischen Krhen oder wachsamen Kiebitzen, deren Gebiet sie hat
durchfliegen mssen, hat sie erugt. Ungeahnt dringt sie vor ... sie
sieht das Gestrpp schon in der Ferne. Sie hat nicht den Mut, sogleich
niederzustoen und Beute zu machen. Es gilt jetzt ja mehr, als nur zu
fangen! Die Beute mu mit ... mit in die Luft hinauf und nach Hause in
den Fngen.

So strzt sie sich denn in einen Wipfel hinein, der aus dem Dickicht
aufragt ...

Der Zweig kracht unter ihrem Gewicht und dem Griff ihrer Fnge, so da
alle Ziegen sphen und sich aufrichten; aber jetzt, wo sie sich gesetzt
hat, verschwimmt sie mit dem Kronengewlbe und mit dem Abhang -- und die
Morgenschlfrigkeit senkt sich wieder auf die Tiere herab. In vlliger
Ruhe kann sie ihre Beute auswhlen: dasjenige der Zicklein das zu
uerst liegt.

Es sind Ziegen von der kleinen, ungekreuzten verkmmerten Landrasse, ein
Zicklein wird sie schon tragen knnen, wenn sie es nur richtig gefat
kriegt. Geduldig wartet sie den gnstigen Augenblick ab.

Auf einmal ist sie da!

Die Fnge bereit, vorn unter der Brust, strzt sie sich herab. Im
Vorbersausen versetzt sie der halbschlafenden Mutterziege eine
Ohrfeige, dann pat sie es so ab, da sie das Zicklein noch im Fliegen
packt.

Sie hat es ... sie flattert damit ber den Erdboden hin.

Es ist schwer, sie merkt, da es nicht so recht mit in die Luft hinauf
will -- es gehrt mehr Aufstiegschwung unter die Flgeldecken dazu.

Mechanisch gebraucht das Zicklein die Beine, und Strix reizt es durch
ihr Kampfgeheul zu den uersten Anstrengungen. Der Druck unter den
Flgeln wird strker. Bald hebt sie es leicht ber Grben und
Erderhhungen -- und jetzt, mit einer mchtigen Kraftanspannung, nimmt
sie endlich ihren Passagier mit in die Luft hinauf.

Sie hat die Fnge in beiden Flanken des Zickleins, tief drinnen in dem
zarten Rumpf, die Qual des kleinen Opfers wird auch nur kurz, schlaff
hngt der Kopf herab, ehe Strix nur die Hlfte ihrer Flughhe erreicht
hat. -- -- --

An diesem Morgen hat Strix etwas zu schleppen! Aber die Last ist ihr
teuer! Als sie um Sonnenaufgang, schachmatt und abgehetzt, einen langen
Schwanz von Krhen und kleinen Vgeln hinter sich, schwer durch die
Baumwipfel herabgeflogen kommt, als es Uf klar wird, da sie die Fnge
wirklich voll hat -- da vernimmt sie die zrtlichsten Liebeslaute seiner
alten Kehle: Wap, wap, wap!

Das sind Zeiten fr Strix! Tag und Nacht wechseln nicht schnell
genug ...

Der ganze hohle Baumstamm liegt voll von teilweise unangerhrten
Tierleichen. Da sind Birkhhner und Rebhhner, Holztauben und Krhen,
Hasen und Rehkitzchen -- ein unvergleichlich anheimelnder, gedeckter
Tisch! Die Kleinen knnen nicht so schnell sen, wie sie fangen kann,
aber ihr Sinnen ist darauf gerichtet, da sie immer einen gewissen
berflu vor Augen haben; dadurch sollen sie ihre Abstammung erkennen.

Ihrem alten Uf aber ist dies Wohlleben nicht zum Vorteil! Fett und
rundlich ist er geworden, und noch lter und bequemer. Lngst hat er
aufgehrt, Kinderwrterin zu sein und hat sich in seine eigene
Privathhle zwischen einem Haufen groer Steine zurckgezogen. Aber
darum hat Strix ihn nicht aufgegeben. Wenn sie in der Dunkelheit der
Nacht sein flehendes Rufen hrt und begreift, da er leidet, weil er
seinen Hunger nicht hinreichend stillen kann, so fliegt sie regelmig
mit seiner tglichen Nahrung zu ihm hinab.

Dann aber ereignet sich etwas -- -- --

Eines Morgens, als sie heimkehrt, sind die Jungen verschwunden. Sie
heult leise, sie ruft laut. Sie schreit wild und drohend und sucht. Den
ganzen Wald, die Kreuz und die Quer sucht sie ab; sie ist in allen
Lchern, Spalten, ffnungen ... nein, die Jungen sind weg!

War es der groe Zerstrer? War es der Marder? Er, der Marder -- -- --
neulich morgens, als sie lange weg war, hat _Taa_ die Gelegenheit
benutzt, einen Anschlag zu wagen. Das ist ja ein Leichtes fr ihn, da
sich der Horst zu ebener Erde befindet! Taa war auch glcklich ber die
Auenwerke des Horstes gelangt: ber die groen Reisigpalisaden, den
abgelagerten Kehricht und die vielen Skelett- und Aasteile, aber
_hinaus_gekommen war er nicht wieder so glimpflich. Die Jungen hatten
ihn nach den uralten Regeln empfangen: sie hatten sich auf den Rcken
geworfen und ihm das Gesicht mit den giftigen Krallen zerfleischt. Sie
hielten ihn noch in ihren Fngen, als sie, die Alte, heimkehrte. Sie
entri ihn ihnen und in dem Glauben, da er tot sei, warf sie ihn weit
hinaus ber den Rand des Horstes.

Aber Taa war noch hchst lebendig. Mit dem Verlust seiner halben Rute,
die ihm eines der Jungen in seiner Wut abgebissen hatte, rettete er sich
zwischen ein Gewirr von Knabenkraut.

Ha, der Marder, -- -- nein, diese Baumratte ist es nicht gewesen!

Der Sommerwind murmelt seine melodischen Gesnge, er bildet sich
Orgelpfeifen aus Astlchern, Flten aus Rindenspalten und gespannte
Saiten aus Zweigen und Strohhalmen. Er singt Strix mild und tnend etwas
vor, wie er so mancher andern trauernden Mutter gesungen hat.

Und Strix nimmt den Trost an -- und vergit dann schlielich die Jungen!

Als sie sich aber im nchsten Frhling auf ihre zwei rauhschaligen,
runden Eier setzt, hat sie sich gegen die Schlechtigkeit der Welt
gesichert: diesmal brtet sie hoch oben in einem alten, ausgebesserten
Bussardhorst.

Eines Tages kommt ein Mensch durch den Wald.

Es ist ein kleiner, untersetzter Mann mit einer langen Hakennase, die
wie ein Hahnenschnabel vorspringt, und mit kleinen, stechenden Augen.

Er hinkt ... kla-datsch klingt es, wenn er geht.

Er hat eine bunte Sportmtze auf dem Kopf und trgt eine dicke,
blauschimmernde Joppe. ber der Schulter hngt an einem dnnen Bindfaden
eine alte verbeulte Botanisiertrommel. Ein paar Klettersporen,
nachlssig in Zeitungspapier gewickelt, gucken ihm aus einer Tasche und
aus der andern baumeln die Enden einer selbstverfertigten Strickleiter.

Der Mann ist Leuchtturmwrter auf einem kleinen Leuchtturm weit drauen
am Auslauf der Frde. In seiner freien Zeit, oder wenn er die Aufsicht
ber den Leuchtturm seiner Frau bergeben kann, ist er ein eifriger
Trapper -- heute ist er auf dem Jagdpfad.

Sein Bezirk reicht so weit, wie der Himmel blau ist.

Im Frhling durchpflgt er alle Wlder nach Raubvogeleiern und alle
umliegenden Heiden, Moore und Smpfe nach andern Vogeleiern. Er begngt
sich nicht mit nur einem einzelnen Ei von jeder Art, nein, er hat
Verwendung fr mehr und nimmt selten weniger als das vollzhlige Gelege.
Im Sommer, wenn die Vgel ausgebrtet haben, findet man ihn wieder;
jetzt ist er darauf aus, daunige Junge in den verschiedenen Stadien zu
beschaffen. Er sammelt nicht fr sich selbst, sondern fr ein paar groe
Geschfte, von denen Schulen, Privatsammler und zufllige Liebhaber
unter dem Publikum ihre Versorgung bekommen.

Die Natur soll in die Stube hinein -- tot oder lebendig -- aber
in die Stube hinein soll sie! Auf Kommoden und Bcherschrnken, in
Naturaliensammlungen der Schulen oder in den Glasksten der Museen
erblickt man die letzten berreste der ursprnglichen Fauna des Landes;
hier steht sie ausgestopft mit starren Glasaugen. Jeder zweite, dritte
Vogel, der frher so allgemein war, da er in die Sagen des Landes
verwoben wurde, ist jetzt bald selbst nur noch eine Sage. Sie werden zu
Geld gemacht, sie werden aus den Wolken und von den Baumwipfeln
herabgeholt, um die Taschen der Leute mit klingender Mnze zu fllen,
der letzte Adler, wie die unverletzlich erklrten Strche! Die Menschen
wollen die seltenen Exemplare besitzen, wollen sie in die Hand nehmen
und vorzeigen knnen.

Vogelhansen oder ganz einfach Vogel, wie er genannt wird, hat sich
sein Gewerbe zum Spezialfach ausgebildet, und er verdient in der
Hauptgeschftszeit einen guten Tagelohn damit. Er ist als verwegener
unermdlicher Bursche bekannt, der klug ist in allem, was in sein Fach
schlgt -- er ruht nicht, bis er seine Beute in der Botanisiertrommel
hat.

Als Sohn eines Holzhauers hier aus der Gegend, ist er von Kindesbeinen
an gewhnt, im Walde umherzustreifen. Auf einer Fahrt als Schiffsjunge
hatte er in seiner grnen Jugend das Unglck, vom Mast zu fallen und
einen hlichen Bruch des linken Schenkels davonzutragen, was ihm in
spteren Jahren die neuerrichtete Leuchtturmwrterstellung drauen am
Auslauf der Frde verschaffte. Und Dank seiner Klettersporen und seiner
unbezwinglichen Leidenschaft ist er noch immer imstande, selbst in den
Wipfel der unzugnglichsten Buche hinaufzugelangen.

Im vergangenen Jahr, als er seinen groen Fang hier im Walde machte und
-- von den schreienden und fauchenden Hhern geleitet -- Strix' zwei
possierliche, voll befiederte Junge fand, hatte er in der Nacht zuvor
einen Besuch auf ein paar Hfen abgestattet, die in einem kleinen
grnen Tal jenseits der Heide lagen. Nach Erkundigung bei einem
seiner vielen Bekannten aus der Zeit, als er noch bei den Eltern im
Hegemeisterhuschen am Hochwalde wohnte, hatte er in Erfahrung gebracht,
da sich auf dem Scheunenflgel des sdlich gelegenen Hofes ein
Storchennest befand. Das war genug fr Vogelhansen. In der Dunkelheit
der Nacht radelte er die Meile ber die Heide und traf um Mitternacht
an Ort und Stelle ein.

Er findet den Hof und sieht zu seiner Freude den Storchenvater auf einem
Bein, den Kopf unter dem Flgel, auf dem Nestrande neben der brtenden
Strchin schlafen. Eine Brandstiege nehmen und sie anstellen, ist ein
Leichtes fr Vogel, und da das Nest gerade dort liegt, wo zwei
zusammengebaute Flgel sich kreuzen, gelingt es ihm, auf Socken auf
das Strohdach hinaufzuklettern.

Der Storchenvater wehrt tapfer sein Nest gegen diesen Ruber, namentlich
die Strchin geht scharf vor; sie klammert sich an dem Nest fest und
will ihm auf keine Weise gestatten, mit der Hand ber den Rand des
Nestes zu gelangen. Sie schlgt und hackt ihn in Schulter und Arm,
so da seine Kleider lange Risse davontragen.

Da greift Vogelhansen in die Tasche, zieht eine Flasche mit Ammoniak
heraus und schleudert der Strchin ein paar gehrige Schsse ins
Gesicht. Das hilft -- wenige Sekunden spter liegt das Nest offen da.
Fnf glnzende weie Eier schimmern ihm entgegen, ein volles Gelege!

Schnell zieht Vogel einen seiner Strmpfe aus, steckt vorsichtig die
Eier hinein und nimmt den Strumpfschaft in den Mund ...

Aber durch das Klappern des Storches ist der Hofhund erwacht, er fngt
an zu klffen und zu bellen: im Wohnhaus wird Licht angezndet und einen
Augenblick spter klappern Holzschuhe ber das Steinpflaster.

Da gilt es, sich zu beeilen! Vogelhansen setzt sich auf seine vier
Buchstaben, hlt die geraubten Eier mit der rechten Hand hoch in die
Hhe und rutscht resolut vom Dach herunter. Aber in der Eile verfehlt er
die Leiter, er mu der Sache ihren Lauf lassen -- und wie ein Schlitten
nach einem Luftsprung saust sein Krper in die Luft hinaus. Da hat er
das unverschmte Glck, da der Dngerhaufen sich gerade unter ihm
befindet: er fllt weich -- in einen groen Haufen Streu hinein. Er
greift nach seinen Schuhen und nimmt Reiaus ber die Heide.

Alle Storcheneier waren heil geblieben -- er hatte fr seine
Verhltnisse einen ungewhnlichen Fang gemacht!

-- -- --

Jetzt ist er wieder hier in der Gegend.

Ein eifriger Sammler hat ihm einen hohen Preis fr die Beschaffung eines
vollen Geleges Eier von dem groen Uhu geboten. Fr den Sammler gilt es,
die Eier zu erlangen, solange der Vogel berhaupt noch vorhanden ist.

Aus seiner Knabenzeit und von seinen spteren zahlreichen Besuchen hier
ist der kleine Leuchtturmwrter mit sich im Klaren, wo ungefhr er
suchen mu. Er geht geradeswegs nach der Stelle, wo er im vergangenen
Jahr das Eulennest gefunden hat und beginnt von hier aus, den Wald in
immer greren Kreisen zu durchtraben.

Er ist eifrig. Dem kurzen Bein wird es schwer, Schritt zu halten, ihm
mu mit einem dicken, eisenbeschlagenen Eichenknittel nachgeholfen
werden, dessen Krcke so gebogen ist, da sich der Stock schnell in die
Seitentasche einhaken lt, wenn Vogel die Hnde frei haben will. Er
klopft an die Stmme und guckt in die Wipfel hinauf, er kratzt an den
alten Eichenstubben und jagt den Stock bis an die Krcke unter alle
Wegberfhrungen und in die alten, mit Laub angefllten Fuchsrhren.

Strix liegt auf ihren Eiern wie ein Huhn, flach ausgestreckt -- mit
gestrubten Hrnern ...

Schon aus weiter Ferne hrt sie den eigenartigen Gang des Mannes.

Kla--datsch, klingt es, kla--datsch, kla--datsch ...


Als Strix eben flgge geworden und unbekannt mit der Welt war, hatte sie
eines Tages ein possierliches Tier im Walde umhertrollen sehen. Es ging
auf der hohen Kante und benutzte nur seine beiden hinteren Beine, die
beiden andern baumelten an der Seite herab. Wieder und wieder kehrte
es zurck, strich mit den Vorderpfoten an den Bumen entlang und sphte
wie ein Hahn in die Wipfel hinauf. Strix hatte beobachtet, da es eine
ungewhnliche Fhigkeit besa, die Farbe zu wechseln; bald war der Pelz
grau, bald schwarz, bald beides ... es war ein Mensch.

Der Mensch hatte sich ein Nest aus Steinen zusammengetragen, das lag
drauen am Waldessaum und nicht weit von ihrem Horstbaum. Sie fand das
Nest eines Abends und sah den Menschen hineingehen und vor ihren Augen
verschwinden.

Lange Zeit blieb sie drauen sitzen und starrte das Loch an, durch das
der Mensch verschwunden war. Er war eine sonderbare Erscheinung, fand
sie. Sein Gang und sein Treiben, sein scharfer Geruch erregten ihre
ganze Neugier.

Sie konnte es nicht lassen, den Menschen anzusehen, ihm aus der
Entfernung zu folgen, sie frchtete ihn instinktiv, ohne sich erklren
zu knnen, weshalb, fhlte sich aber trotz alledem mchtig von ihm
angezogen. Er kam nie in Eile, der Mensch, nie pltzlich berraschend,
wie das Raubtier, er trollte gleichsam umher und kmmerte sich nur um
sich selbst. Er knhrte nicht wie der Hirsch, heulte nicht wie der Hund,
er quakte im Grunde wie ein groer Frosch.

Nur selten geschah es, da der Mensch des nachts ausging; geschah es
aber, so sah Strix, wie er auf seinen nchtlichen Wanderungen durch
den stillen Wald gleichsam zum Narren gehalten wurde. Da ging er und
stolperte schwerfllig auf seinen Klumpfen und stie bei jedem Schritt
ein Stck Ast in die Erde -- kla-datsch klang es, kla-datsch -- whrend
es rings umher in der Dunkelheit von neugierigen Tieren wimmelte. Alle
kannten sie seine Unterlegenheit!

Der Fuchs lag hart am Wegrande zwischen den Farnen, der Rehbock stand
nicht zwei Sprnge davon zwischen den Stmmen, der Marder guckte ruhig
unter einem Stein hervor, und das Stachelschwein trabte in seinen
Fustapfen und schnffelte an seinen klappernden Ballen.

Alle hatten sie ihn lange, lange gesehen und gehrt, ehe er vor ihnen
stand; alle wuten sie, da er in der Dunkelheit blind und taub war.
Stand er aber pltzlich still, so erfate die ganze Schar ein Schrecken;
Strix hrte sie davonstrzen, und sie empfand selbst ein sonderbar
beklemmendes Gefhl im Halse.

-- -- --

Dasselbe beklemmende Gefhl stellt sich jetzt wieder ein, als sie
pltzlich das Kla-datschen unter sich hrt und den Menschen zwischen
den Stmmen auftauchen sieht.

Sie dreht den Kopf ganz nach ihm herum ...

Aber was soll sie frchten?

Sie hat ja ihren scharfen Schnabel und ihre spitzen Fnge; noch nie
haben diese beiden mchtigen Waffen sie im Stich gelassen, wenn Not am
Mann war; die Fnge greifen fest zu und bohren sich ein Loch da, wo sie
anpacken -- und der Schnabel gibt den Fngen nichts nach.

Und dann hat sie ja die Flgel.

Wie sie hier so im Baum liegt und auf die Erde hinabsieht, fhlt sie
sich dem groen, lcherlichen Tier unendlich berlegen; sie kann sich ja
von ihm weg emporschwingen und ihn unter sich kleiner und kleiner werden
sehen. Auch das ist gleichsam eine Befreiung!

Nein, was soll sie frchten! Sie hat den bermut und die Sicherheit
aller groen Vgel, sie besitzt den Glauben an sich selbst und das
Vertrauen zu den eigenen Fhigkeiten und Krften.

Da auf einmal fngt ihr Horstbaum an zu zittern und zu beben. Sie hrt,
wie sich groe, gehrnte Krallen einen Weg am Stamm hinauf bahnen.

Sie pret sich fester auf ihre Eier, rollt mit den Augen und faucht wie
eine Krte.

Die Krallen kommen nher und nher -- und machen dann pltzlich unter
ihr Halt. Da fngt sie an zu jammern und zu klagen wie eine Bruthenne
und stt eine Reihe tieftnender Aah -- Aah aus ...

Dem Leuchtturmwrter klingt es, als klage ein todkranker, leidender
Mensch.

Das Herz pocht in ihm! Wenn jetzt nur Eier und keine Jungen im Nest
sind, ist er seines Fanges so gut wie sicher. Er zieht seine
Strickleiter heraus und befestigt sie an einem Zweig.

Da tnt es pltzlich wie ein Tju vor seinem Ohr. Die Mtze fllt ihm ab
und drei lange tiefe Risse, aus denen Blut hervorquillt, zerfetzen ihm
die Wange.

Es ist Strix, die jetzt angreifend zu Werke geht; endlich ist ihre
Geduld erschpft.

Aber da gibt's kein Erbarmen! Auch auf diese Mglichkeit ist Vogelhansen
vorbereitet; er wirft seinen Rock ber den Kopf und zieht einen alten
Fechthandschuh ber die rechte Hand -- dann betubt ein halber Liter
Ammoniak den Uhu, und es gelingt ihm, das Nest zu plndern.

Strix fliegt in der Verwirrung eine Strecke ber den Wald hin und fllt
dann ohnmchtig zwischen den Bumen nieder.

Als sie aus der Betubung erwacht und hustet und nach Atem ringt, steht
das Hahnengesicht des Leuchtturmwrters mit den kleinen stechenden Augen
noch immer vor ihrem inneren Blick. Die Augen starren sie gieriger an
als die der Fchse, wenn sie, neidisch auf ihren Fang, geifernd um sie
herum sitzen, und sie sind grausamer und berechnender kalt als der
Blick, den ihr Taa an jenem Tage zuschleuderte, nachdem sie ihn
unversehens aus den Klauen der Jungen errettet hatte. Und gegen ihr
Trommelfell hmmert es: Kla-datsch, kla-datsch! ...

Die Futritte kann sie nie wieder vergessen!

Spter legte sie noch einmal und lag getreulich wochenlang brtend auf
einem einzigen, erbrmlichen, kleinen Ei.

Aber, woran es liegen mochte -- aus dem Ei wurde nie etwas anderes als
die Schale.




3. Der geflgelte Wolf


Das Flammengelb des Sonnenuntergangs stand noch am Himmel! Es spannte
seinen Brandgurt um die Erde und lie ihre pechschwarzen Haarstrhnen
sich struben. Es entschleierte am Horizont einen groen Wald, meielte
das Kuppelgewlbe der Buchen aus und schliff den Sgezahnrand der Tannen
blank.

Drinnen im Walde, tief unten zwischen dem welken Laub, sitzt Strix auf
einem bemoosten, halbverfaulten Baumstumpf.

Vor ihr, den Oberkrper halb auf den Baumstumpf hinauf, hlt eine
kleine, schreckgelhmte Maus sich in verzerrter Stellung, sie zittert
und bebt am ganzen Leibe.

In ihrem Kampf ums tgliche Brot ist die Maus in die Nhe des
Baumstumpfes gekommen, und in der Hoffnung, in dem faulen Holz einen
Kfer zu finden, ist sie, ohne Bses zu ahnen, hinaufgehuscht, als sie
pltzlich, gerade glcklich ber den Rand gelangt, einem Paar groer,
rollender Lichter begegnete.

Im selben Augenblick ist sie an den Fleck genagelt.

Alle ihre Krfte, all ihre Energie und ihr Wille haben sie verlassen;
schreckgebannt und verloren sitzt sie da, zu regungslosem Verharren
hypnotisiert.

Der bse Zaubervogel sieht und sieht das erstaunte, kleine Wesen nur mit
seinen glhenden Lichtern an, dann erhebt er ruhig seine Marterfnge und
krallt sie um die Maus.

Zappelndes Leben kommt in das dem Tode geweihte Tierchen, als die Fnge
von allen Seiten ihre Hornmesser in seinen Leib hineintreiben.

-- -- --

Strix liebt Muse -- und jetzt, wo sie fr den Rest des Sommers
nur Uf und sich selbst zu versorgen hat, gibt sie sich gern dem
zeiterfordernden Musefang hin. Nur auf diese Weise ist es ihr nmlich
mglich, die kleinen Kerle zu fangen: die Leckerbissen verschwinden wie
Krumen zwischen ihren groben Fngen.


Die Frsche sangen ihre bubbelnden, quakenden Gesnge ... sangen so
innig und mit einer eigenen berzeugenden Kraft! Sie brachten in ihrer
Sprache das Lob des Mitsommerabends zum Ausdruck und wetteiferten, wer
das am betrendsten zu tun vermochte.

Einige knarrten wie altes Holz im Sturm, andere krachten wie das drre
Reisig des Waldes, wieder andere glucksten, gurgelten und bubbelten die
Tne heraus -- es klang nach Eisschmelze und Platzregen, nach Rieseln in
Entwsserungsrhren und Grben.

In den Pausen aber lie die Rohrdommel sich hren! Eigentlich hatte
sie die ganze Zeit gesungen, sie hatte sich nur kein Gehr verschaffen
knnen -- jetzt drhnte die Luft von ihren sprden, dnnen Tnen, bis
die lebendigen kleinen Nuknacker von neuem begannen.

Still! Still! Alle Frsche im Walde wurden auf einmal stumm --: ein
groer Vogel strich mit weichem Flgelschlag lautlos ber das Wasser.

Strix untersucht den Saum des Rhrichts ...

Langsam lt sie sich ber Wasserlachen und Wasserrosen dahingleiten,
ber die Schilfpflanzen im Sumpf, wie ber das Wollgras am Ufer entlang;
tief, mit hngenden Fngen flattert sie dahin und guckt zwischen die
Erderhhungen hinab. Wildenten und Blhhner suchen schleunigst ihr
Versteck auf ... es pltschert und spritzt um sie her.

Der Waldsee hat ihr nichts geliefert!

So muss sie denn eine ihrer andern Fangstellen aufsuchen.

-- -- --

Weit drauen am Waldessaum, am Rain, steht eine kleine, verkrppelte
Eiche; ein drrer Zweig ragt aus der Mitte ihres Stammes auf: dicht ber
dem Zweig bildet der Stamm einen Knick, biegt sonderbar ungeschickt ein
und wird hohl im Rcken wie eine Elfe.

Ein stark begangener Wildwechsel luft gerade unter der Eiche hin. Zu
beiden Seiten des Waldrains und an seinen Abhngen hinauf wchst dichtes
Schlehdorngestrpp, oben dahingegen ist er nackt und kahl.

Der Wechsel fhrt das Wild nach dem Felde und wieder zurck. Er luft
erst durch den einen Schlehentunnel, dann ber den Wall hinauf und
weiter durch den zweiten Tunnel. Wenn nun der Hase oder das Rehkitz,
das Wiesel oder der Marder dem Wechsel folgen und in das schirmende
Dornengeflecht hineinschlpfen, machen sie gern einen Augenblick halt,
um zu verschnaufen.

Aber sie nehmen sich nicht in acht vor dem kleinen Stck offenen Walles;
die mden Wanderer trippeln noch, wenn sie gemchlich und sorglos ber
den Rand des Knicks gleiten.

Dieser Umstand ist gerade die Pointe des Fangplatzes, er verleiht ihm
Ruf und Anziehungskraft!

Kein Habicht oder Bussard kann sich im Walde niederlassen, der nicht
frher oder spter den Weg zu diesem Lauerplatz findet. In frheren
Zeiten ist hier manch' ein Kampf zwischen Strix' verblichenen Vorfahren
ausgefochten. Die streitbaren Uhumnnchen haben um ihr Leben gekmpft
und die Fnge oft derartig ineinander geschlagen, da sie zu einem
Klumpen verfilzt tot unter dem Baum gelegen haben.

Es ist schon spt am Abend, als der drre Eichenzweig kracht unter
den Fngen der groen Horneule! Sie faltet die weichen Daunenflgel
zusammen, und verkriecht sich in die Krmmung des Stammes, so da ihr
Kopf die Hhlung ausfllt. Sie ist ganz unsichtbar ...

Das Flammengelb des Sonnenuntergangs ist nicht mehr am Himmel sichtbar!
Die Kuppelwlbung der Buchen, den Sgezahnrand der Tannen hat die Nacht
verschlungen; es ist dster und unheimlich im Wald wie in einer Hhle.

Aber fr Strix ist es noch heller Tag.

Jetzt sieht sie die Welt in ihrer Beleuchtung, so wie sie sie schon als
ganz kleine Eule gekannt hat! Des Tages blendet sie sie oft hlich --
da hat sie einen dreidoppelten Farbenbelag -- und es kann vorkommen, da
sie Sonnenstich und Farbenkolik bekommt, so da sie sich verirrt, wenn
sie in ihr Nestloch hineinfliegen will.

Des Nachts dahingegen irrt sie nie in bezug auf irgendeinen Zweig! Sie
sieht das Spiel in den Augen der Muse, sie sieht die Krte, wenn sie
ber den Weg kriecht, sieht die Schnecke und den Wurm, wenn sie sich
durch das Gras schleichen, sie sieht den Tanz aller Nachtfalter! Sie
sieht deutlich die Mcke, die die Fledermaus fngt. -- In der Nacht
beherrscht sie alles!

Vor ihr breitet sich die Erde baumlos und offen aus, mit Feldern und
Wiesen, Moorstrecken und Heideflchen. Der Tau spielt ber Gras und
Krutern, rollt an Stengeln und Halmen herab, und legt sich in Haufen
auf die Blumen.

Es strahlt und schimmert da drauen! Aber das Grn ist nicht scharf wie
am Tage und das Wei und das Rot empfindet man nicht wie Wind im Auge
... die Farben der Nacht sind alle so zart und milde!

Nun beginnt das Leben auf den geheimnisvollen Wechseln. Das welke Laub
der Waldwege bibbert und bebt, ein vereinzelter, drrer Zweig wiegt sich
auf und nieder. Da unten wandern die Muse! Eine Ricke mit ihren Kitzen
kommt ganz oben zum Vorschein; sie stehen lange und winden -- setzen
dann in ein paar Sprngen ber den Waldrain hinweg. Der Fuchs maust am
Gehege entlang und ugt verstohlen nach den Rehkitzen; das hinterste,
findet Reinecke, ist ein etwas ausgelassener, kleiner Kerl!

Aber es sind alles Wanderer, die andere Pfade geschritten und durch
andere Tunnel gegangen sind, als den, welchen Strix bewacht.

Da hrt sie Bltter krachen, Zweige knacken ... auf dem Wechsel unter
ihr ist jemand. Tripp, trapp! Tripp, trapp! das ist ein Hase ...

Hasen waren in frheren Zeiten ihre tgliche Speise; damals, als der
Wald noch Hasen genug hatte, verbrauchte sie ein paar Hundert im Jahr;
jetzt mu sie sich mit bedeutend weniger begngen und Jungfchse und
Dachswelfen zur Aushilfe nehmen.

Der Hase macht auf dem Wechsel dicht vor dem Tunnel Halt.

Er setzt sich und lauscht -- er hebt sich ganz auf die Hinterlufe ...
die Augen stehen ihm starr im Kopf, whrend der Windfang mit der tiefen
Hasenscharte in der Lippe sich fortwhrend rund herum bewegt. Strix kann
mittels des Gehrs ihren kleinen Lampe auf der ganzen Reise verfolgen!
Sie hrt, wie er aus seiner aufgerichteten, kundschaftenden Stellung die
spitzen Vorderlufe wieder an die Erde setzt, hrt seine krftigen
Lungen arbeiten, seine Nstern sich blhen -- o, wonniger Laut! -- hrt
seinen Magen schreien und die Gedrme vor Hunger rummeln. Da wei sie,
da sie nicht vergeblich gelauert haben wird.

Und dann geht es, wie es gehen soll!

Der Hase hoppelt sorglos und sicher durch den ersten Schlehentunnel --
und sorglos und sicher kommt er heraus; er will weiter ber den Waldrain
in seinem Tripp, Trapp-Gehpfe, als sich pltzlich etwas wie eine
schwarze, warme Wolke auf ihn senkt. Ungeahnt taucht Strix aus der
Finsternis auf; auf ihren Wollflgeln kommt sie -- von hinten.

Sie kommt mit dem lhmenden Schrecken, der die Folge jeglicher
berrumpelung ist, und wird erst sichtbar, als sie sich in greifbarer
Entfernung von ihrer Beute befindet.

Der Hase wird in beiden Flanken gepackt, und so gewaltsam ist das
Hineinhauen, da die Fnge der Eule sich in der Brust begegnen. Er
stt einen Schrei aus, im nchsten Augenblick sitzt ihm etwas wie ein
Krummesser im Nacken; der Hase hat noch so eben Zeit zu dem Gedanken:
So, da bist du offenbar auf die Dornen gelaufen! dann wei er von nichts
mehr, er zappelt mit den Hinterlufen und streckt die Drossel ... die
gelben Lichter starren steif in den Raum hinein.

Strix geht in der Dunkelheit der Nacht mit gesenktem Kopf, mit krummem
Buckel und gesenkten Flgeln auf ihr Opfer zu, und sie walzt vor
sungslust um den armen Hasen herum. Dann pflanzt sie die kreuzfrmigen
Fnge auf ihn, knappt mit dem Schnabel und ffnet ihren mchtigen
Schlund. Sie zerschneidet Brustbein und Knochen ... es kracht und knackt
in dem Hasenleib; groe Stcke gleiten mit Haut und Haar hinab, whrend
lebenswarmes Blut ihre Schwungfedern befleckt und sich in ihren
Schnabelwinkeln und in den gelben Fngen festsetzt.

Sie ist ganz satt -- -- aber noch steht ihr der grte Genu bevor. Sie
fliegt auf ihren Ast hinauf und sitzt da und starrt und sieht auf den
toten Hasen hinab, als wolle sie ihn noch einmal mit Grauen erfllen.
Stundenlang kann sie so sitzen, und wie ein Geizhals unverwandt und
grbelnd auf ihren berflu hinabstarren -- bis sie dem herzzerreienden
Geheul ihres alten Gatten, der nach Nahrung schreit, nicht lnger
widerstehen kann.

Da ruft sie ihn -- und wollstig schlingt Uf die blutigen berbleibsel
herunter.

-- -- --

Nacht aus, Nacht ein erlegt Strix die Nahrung fr sich und Uf an dieser
alten Fangsttte. Dann, eines schnen Abends, versiegt pltzlich der
Zulauf. Die Stelle ist abgefangen, Strix hat alles erlegt, was auf
dieser Seite des Waldes herausgeht.

Da mu sie eine neue Taktik versuchen -- oder sich auf lange Zeit
anderswohin begeben.


Es ist mondhell! Blagrn scheint die Strahlenflle der Himmelslaterne
auf den Wald hinab. Ein alter, abgestorbener Gespensterbaum auf einem
Werder drauen im Moor tastet mit seinen eingeschrumpften Zweigen
flehend zum Himmel empor, er versinkt wie im Wasser -- der Rest des
Murrkopfes ist im Nebel verborgen. Die schlanke Weibirke tritt als Elfe
aus dem Nebelgebru der Moorhexe hervor und umspringt tanzend den Baum.

Ein Mensch wrde das Bild so sehen -- -- und er wrde sein Herz klopfen
fhlen unter dem Druck seiner Phantasie; er wrde sich erdrckt fhlen
von der Mystik des Waldes, von der eigenartigen Beleuchtung der einsamen
Umgebung.

Aber Strix hat keine Phantasie, mit der sie zu kmpfen braucht; fr
sie ist der Wald zu nchtlicher Zeit eine Freisttte, ein Heim; sie ist
vertraut mit jedem Bilde, mit jedem Laut -- und verkrppelte, rindenlose
Aststcke oder verschleierte Birken haben, trotz der Gaukelknste des
Nebels, keine Zauberkraft, kein Leben fr sie.

Bald wird der Mond gelb; er ist seinem Untergang nahe! Grau, aber mit
einer Ahnung von Rot und Klarheit, hngt die Dmmerung schon ber dem
stlichen Horizont. Es murrt da unten, es wimmelt von Licht unter der
dunkeln Decke, wie es unter einem Waldboden von Musen wimmelt.

Da kommen die Hasen mit Mdigkeit in den Augen, mit dem Bedrfnis
nach Ruhe in den matten Gliedern; geruschlos huschen sie auf ihren
Hexensteigen durch das Korn, sie wollen in den Wald hinein und sich
setzen. Sorglos hpft Lampe auf seinen weichen Ballen und mit
hochgekniffenem Bauch, um nicht na zu werden, denn der Tau spritzt
hoch von dem Grase.

Strix thront auf dem Fangzweig. Sie sa dort gestern Abend und auch
vorgestern Abend -- aber ohne Ergebnis; die Fangstelle ist ihr nicht
freigiebig.

Die Hasen sind scheu und mitrauisch geworden. Sie benutzen den
hundertjhrigen Wechsel nicht mehr; der Steig betrgt, das haben sie
entdeckt -- sie schlagen andere Wege ein, die ihn weit umgehen.

Da nimmt Strix ihre Zuflucht zu der Stimme!

Sie beherrscht ein ganz ungewhnliches Instrument! Sie kann die
Stimme so tief tnen lassen wie nur ein Ba, und eine Reihe hohler,
posaunenartiger Tne entsenden; aber sie kann auch in die Hhe gehen
und ein scharfes, gellendes Geheul anstimmen.

Ein heimliches Schaudern, ein stilles Grauen geht durch alles Lebende
des Waldes, wenn sie des Nachts ihre mchtige Stimme ertnen lt ...
die kleinen Vgel rings umher in den Nadelfestungen des Tannendickichts
weichen tiefer hinein zwischen die schirmenden Zweige, der Buntspecht
und das Eichhrnchen ducken sich tief in ihre Astlcher, ja, selbst der
Marder hlt inne in seiner nchtlichen Jagd, wenn er die unharmonische
Verkndigung seines groen Nebenbuhlers hrt. Den Fall gesetzt, die Eule
wre hungrig, und nhme, was ihr in den Weg kme, da wrde Taa in ihrem
Rachen verschwinden wie eine Ratte!

Mit viel Mystik hat die Natur sie begabt. Ihr lichtscheues Treiben, die
Farbe ihres Federkleides, ihr Bedrfnis nach Einsamkeit hat ihr seit
undenklichen Zeiten das Mitrauen der Menge zugezogen -- auch ber ihrer
Stimme liegt etwas, das mystisch und eigenartig wirkt.

Es steckt ein Stck Bauchredner in Strix; wenn es ihr pat, kann sie
teuflisch mit ihrer Stimme tuschen -- niemand kann danach beurteilen,
wo sie sitzt. Sie kann brllen wie ein Stier, heulen wie ein Wolf,
miauen wie eine Katze oder in ein schallendes Gelchter ausbrechen wie
ein wahnsinniger Mensch.

Jetzt heult es tief drinnen aus dem Walde! Es klingt schwach und fern,
als kmen die Tne von weit her.

Der Hase auf dem Felde fhlt sich sicher und glcklich dabei und doch
-- -- sitzt sie da, die groe, rotugige Fngerin, dicht hinter dem
Waldessaum. Huu -- Huu -- Huu ... bis in die Unendlichkeit hinein kann
sie so fortfahren. Die Geduld ist ihr angeboren. Eine Viertelstunde nach
der andern kann sie so dasitzen und vollkommen von ihrem Hinterhalt in
Anspruch genommen sein. Huu -- Huu -- Huu ... eigentmlich hohl und
dumpf klingt es; wer ihr etwas anhaben will, folgt dem Klange der Stimme
und glaubt, da er sie die ganze Zeit vor sich hat, aber er geht und
geht und ist ihr bestndig gleich nahe.

Huj -- Huj ...! auf einmal wechselt Strix die Betonung und unerwartet
nahe, so wie der Schrei jetzt klingt, bringt sie den verwirrten Hasen
dazu, angsterfllt ein Versteck zu suchen. Bald brllt sie, als sei sie
hinter ihm, bald, als hinge sie gerade ber ihm; der Hase gert von
Sinnen und schlpft schleunigst auf den alten, lieben Weg -- auf den
Todesweg -- um die Sicherheit und den Wald aufzusuchen.

Da stt sie aus der Dunkelheit heraus und herab auf das kleine Langohr,
in demselben Augenblick, als es den Kamm des Walles erreicht. Aeee,
klagt der rmste, Aeee, Aeee ... und wild und trbselig schreit der Hase
sein Leben aus.

Ungerufen erscheint Uf -- -- und hinter ihm drein wimmeln alle Fchse
herbei; ein Hasenschrei lockt sie, wie der Magnet Eisenteilchen anzieht.
Sie kommen von weit her, wie an der Nase herbeigezogen und sitzen da und
geifern, whrend die beiden groen Uhus in aller Ruhe ihre Mahlzeit
verzehren.

Es kommt wohl vor, da ein heihungriger, mutiger Reinecke sich mit den
Lefzen heranwagt, da rollt Strix ihr Federkleid auf, sie strubt jede
Daune und wird unheimlich gro, dann knappt sie mit dem Schnabel und
zndet Feuer in den roten Lichtern an.

Hu -- u --, heult sie ... Nase weg!


Strix ist ein groer Ruber, ein mchtiger Jger! Sie ist ein Meister
in allen anwendbaren Jagdmethoden. Sie jagt ihre Beute offenkundig,
verfolgt sie auf der Flucht, und streicht darber hinweg, oben in der
Luft, durch den Wald. Oder sie bedient sich des weniger anstrengenden
Hinterhalt-Verfahrens, hllt sich in den Schleier der Dunkelheit oder
der Dmmerung und setzt sich vermummt als Baumstamm oder als Erderhhung
auf die Liebessteige oder die Futterpltze des Kleinwilds. Der jagende
Fuchs knirscht oft mit den Zhnen vor Wut ber sie; er nennt ihr
Jagdverfahren, dem Wild das Leben stehlen. Hah! still dasitzen und
lauern und aus der Luft niederschlagen auf eine arme, nichts ahnende
Beute, hah! das kann jeder! hhnt der Fuchs in seiner Sprache.

Sie sind neidisch auf sie, alle, die zu Fu jagen! Fuchs und Marder,
Iltis und Dachs; sie hassen sie instinktmig, frchten aber ihre Fnge.




4. Das neue Gelege


Dicht fallen die Bltter im Herbst ...

Dichter noch, als der Oktober herannaht ...

berall in den Wldern wird es welk und kahl!

Und dann im November folgten die vermoderten Zweige, und das Regenwasser
trieb in Strmen an den Stmmen herab. Die letzten Motten und
Nachtschwrmer ertranken und lagen mit ihren nankinggelben Flgeln auf
dem Waldboden und trieben auf den Wasserlachen.

Der Dezember kam -- und der Schnee!

Dann brtete der Winter ber dem Lande --

Jetzt haben die Mrzstrme getobt und die Aprilschauer gesplt --
Hagelwolken haben mit Sonne am Himmel gewechselt, die Schnepfe ist hier
gewesen, die Anemonen stehen in Blte:

Es ist Frhling und die Hochwlder strahlen von Mai!

Strix und Uf haben wieder den Horst voll Junger: sie liegen versteckt
unter einer kleinen Tanne an einem Hgelabhang.

Uf hat die Stelle als Kinderwrterin noch nicht angetreten. Die Jungen,
die vor kaum vierzehn Tagen aus dem Ei gefallen sind, werden vorlufig
von Strix betreut und liegen wie lebendige Eidotter zitternd unter ihr.
Sie ist so zrtlich mit diesen Jungen, zrtlicher als sie je mit ihren
frheren Jungen gewesen ist -- und sie bewacht sie mit nie ermdender
Frsorge.

Keines Habichts gellende Paarungsfanfare, keines noch so starken
Fuchsrden heftiges Bellen duldet sie innerhalb ihres Bereichs. Und die
Menschen -- die bekommen nur schwer Erlaubnis, den Wald zu betreten!

Eines Morgens jagt sie einem biederen Bauersmann einen gehrigen
Schrecken ein ...

Er kommt in seinem Einspnner gefahren, um das Holz zu holen, das
er im Walde gekauft hat. Whrend er gemtlich dahinzuckelt, sieht er
pltzlich einen braunen Vogel aus dem Dickicht brausen, durch das der
schmalspurige Weg fhrt. Der Vogel ist gro, und er setzt sich ohne
weiteres auf das Pferd und fngt an, ihm gewaltig um Maul und Ohren
zu schlagen. Das Pferd macht Kehrt und geht durch; und der Bauer hat
seine liebe Mhe, es wieder zu bndigen, denn fortwhrend streicht ein
schwarzer, unheilverkndender Schatten ber das Fuhrwerk hin und heult
so bestialisch wie der Teufel in eigener Person.

Und noch schlimmer wird es, als die Jungen erst Form annehmen, als
die Daunen aus ihren weispieligen Federposen herausquellen und sie
anfangen, die nackten Hlse zu drehen. Jetzt hat Uf seine Arbeit als
Wrmflasche angetreten, so da Strix mehr Zeit zur Verfgung hat.

Sie ist auf dem besten Wege, eine Fabel fr die ganze Umgegend zu
werden. Sie fngt wie gewhnlich ... holt Ratten aus den Drfern und
Rebhhner von den Feldern, aber es macht ihr immer mehr Mhe, Futter
fr ihre heihungrigen Jungen und ihren nicht minder heihungrigen,
alten Gatten zu schaffen. Ihr groes Bereich ist in den letzten Jahren
merklich magerer geworden; der Hasen und Birkhhner sind weniger -- nur
die Menschen haben zugenommen.

Dafr hat sich hier und da einer von den bunten Vgeln mit den langen
Sten von den Gtern drben auf der andern Seite der Frde gezeigt --
und eines Morgens taucht ein neuer, groer Auerhahn auf.


Es dmmert am Horizont ... schchtern schlgt der Zaunknig seinen
ersten, schmetternden Triller, dann hlt er inne -- er ist zu frh
aufgestanden!

Ein Birkhahn kullert ein vereinzeltes Mal drauen am Waldessaum -- und
alles wird wieder still wie zuvor. Nur die Morgenbrise seufzt und sthnt
in den Baumwipfeln ...

Da setzt ein Auerhahn mit seinem scharfen Tju-it ein!

Strix strubt die Hrner.

War das ein Traum, der Lenzruf des groen Hahns? Sie sieht diesen groen
Vogel ja sonst nie.

Von neuem ertnt der durchdringende Ruf, es ist kein Schrei und kein
Flten, und doch schallt es weit durch den Wald.

Strix verlt den Horst und fliegt davon, der Richtung folgend.

Bald ertnt der Kampfruf eines andern Auerhahns -- und nun kmpfen die
beiden groen Hhne gleichzeitig mit einem Schwall von Kraft.

Sie hrt vor sich Flgel schlagen und krachen. Ausgebreitete Federfahnen
in breiten Flgeln hauen mit donnerhnlichem Getse gegeneinander. Sie
ist frher in solchen Augenblicken ein erfolgreicher Jger gewesen und
hat sich der Kmpfenden Mangel an Aufmerksamkeit zu Nutzen gemacht --
lautlos schaukelt sie ber dem Walplatz ...

Es ist noch dunkel in der Kronenwlbung und dunkel ist es auf dem
Erdboden. Von weit her aus der Heide vernimmt sie das Trillern der
Lerche und das dumpfe Trommeln der Birkhhne. Hier drinnen bullern
rucksende Holztauben auf: Ku-kuu, ku-kuu!

Sie fliegt in eine Tanne hinein und setzt sich zusammengekauert hin, mit
gestrubten Hrnern und funkelnden Lichtern.

Das frische Balzspiel beginnt von neuem ... tief und klangvoll tnt es
aus der Kehle und rollt in den dmmernden Morgen hinaus. Lngst hat sie
den Vogel entdeckt. Ihr scharfer Blick erkennt deutlich den Glanz seiner
Federn und das rote Ebereschenbschel ber jedem Auge. Mit stolzer
Haltung, mit gefchertem Sto und gekrmmtem Hals stolziert der schwarze
Hahn auf seiner kleinen Lichtung umher; um seinen Nebenbuhler zu
bertrumpfen, ist er nahe daran zu platzen. Auf einmal macht er einen
mchtigen Sprung, und indem er die Flgel krachend vor der Brust
zusammenknallt, stt er gerade unter Strix nieder und stimmt einen
Schlugesang an, noch feuriger, als bisher.

Jetzt kann sie nicht mehr an sich halten; als sei sie ein neuer Hahn,
geht sie auf das Balzen ein.

Mit gestrubten Halsfedern, mit schleifenden Flgeln, den Sto gespreizt
wie ein Rad, fhrt der Auerhahn auf ihn ein. Er knappt mit dem Schnabel.
Seine dicke, feuerrote Augenhaut schwillt und die Augen glhen vor Wut.

Da entdeckt er seinen Irrtum -- Strix lt auch ihre Fanfaren ertnen!
Er htte sich verteidigen sollen, der schwarze Puter! Er htte es wohl
gekonnt! Er ist eben so gro wie der Uhu und hat Hiebkraft in seinem
Schnabel und Kratzgewalt in seinen Krallen, aber Strix' Heulen ist nicht
auf _seinen_ Kammerton gestimmt -- der Auerhahn ist gleich bereit zur
Flucht.

Strix fhrt ihm indessen an die Kehle, ehe er Kehrt gemacht hat -- und
wie ein Federbndel rollen sie am Erdboden herum.

-- -- --

Strix machte reiche Beute an diesem Morgen!

Aber sie war nicht imstande, den Hahn nach Hause zu schleppen; sie mu
sich damit begngen, groe Stcke Brust zur Zeit zu nehmen.

Uf schwelgte und schmatzte mit der Zunge ...


Strix htte sich ruhig verhalten sollen!

Sie htte nicht auf den Bauer einfahren und auf die alten, friedlichen
Weiber, die Reisig im Walde sammelten -- als dergleichen wird ruchbar
und kommt schnell einem kleinen, unternehmenden Waldhter, _Pist Lak_ zu
Ohren. Als dann der Waldhter eines Nachmittags drauen in den Tannen
auf den seiner Brust beraubten groen Auerhahn stt -- ausgesetztes
Wild, womit die Menschen sich bemhen, die Verheerungen wieder gut zu
machen, die sie unter der Fauna des Landes anrichten -- da wird es ihm
nicht schwer, zusammenzuzhlen und auszurechnen.

Er lt Vogel, den groen Agenten benachrichtigen, dessen kleiner
Unteragent er, Pist Lak, sein Lebelang gewesen ist -- und sobald der
Leuchtturmwrter wieder einen freien Tag hat, macht er sich auf die
Wanderschaft. In diesem Jahre will er Junge haben, und zwar am liebsten
lebende. Er hat Bestellung auf so viele junge Uhus, wie er nur
beschaffen kann, fr Tiergruppen ringsumher in sogenannten Zoologischen
Gartenanlagen, diesen modernen Naturparks, die reiche Leute zur
Zerstreuung und Belehrung auf ihren Landsitzen einrichten lassen.
Mindestens fnfzig Kronen sind dabei zu verdienen, d.h. Pist Lak soll ja
zehn davon ab haben; aber die kann er ihm ja vorlufig schuldig bleiben!

An dem Tage nach Feierabend, wo Vogel und Pist Lak -- wohl ausgerstet
zu ihrem gefahrvollen Unternehmen, mit Pferdedecken und ein paar langen
Stben -- ausgezogen sind, um den Eulenhorst zu suchen und ihn auch
_finden_, fgt es sich so, da die beiden Alten abwesend sind. Strix
besorgt die ihr obliegenden Geschfte; sie ist auf Raub aus -- die
Jungen, die jetzt fast flgge sind, belegen ihre Arbeitskraft voll mit
Beschlag.

Uf dahingegen ...

Uf ist wohl niemals ein wirklich zrtlicher Vater seinen Kindern
gegenber gewesen, mag es nun sein, weil er alt ist, und es ihm an
Krper- wie Herzenswrme gebricht, oder weil er seine unwirksame
Kinderwrterinstellung satt hat. Ihm liegt es ja ob, die Kleinen zu
fttern, den Marder fernzuhalten und sie von den groen, hlichen
Zecken zu befreien, die sich gern an ihren Augen festsaugen wollen.
In diesem Jahr ist er aber auffallend nachlssig gewesen, hat seine
Pflichten auf die leichte Achsel genommen und sich nicht gescheut, in
seiner Gier und Eigenliebe, hufiger als sonst, den Lwenanteil des
zugetragenen Fraes an sich zu raffen.

Strix liebt ja Muse -- und die Jungen sind natrlich ganz wild auf
diesen Leckerbissen! Deswegen hat Strix dafr gesorgt, da sie so viele
Muse bekommen haben, wie sie nur in sich hineinpfropfen konnten. Sie
haben Muse als Morgenimbi, Muse als Mittagessen und Muse zur
Abendmahlzeit bekommen -- Strix hat nicht begreifen knnen, da nicht
die Kleinen der Muse lngst berdrssig geworden sind, so wie das der
Fall zu sein pflegte, wenn sie zuviel von anderem Raub bekamen. Da
entdeckt sie eines schnen Nachts, da Uf, wenn sie fortflog, alle Muse
verzehrte. Das wre allenfalls noch gegangen!

Aber neulich Nachts, nachdem lngere Zeit Schmalhans geherrscht hatte,
berrascht sie ihn dabei, wie er einem seiner eigenen Kinder gegenber
die rauhe Seite herauskehrt. Ja, es konnte kein Zweifel darber
herrschen -- er wollte das Junge _krpfen_!

Da fuhr sie auf ihn los! Er wurde gerttelt und verprgelt. Es sang in
seinem alten, mrben Gerippe -- und wo Strix' Flgelknochen hintrafen,
entstanden blutunterlaufene Flecke.

Als wollte er vortuschen, da er bei seiner schwarzen Missetat einen
Augenblick des Verstandes beraubt gewesen sein msse, starrte er sie
mit einem erstaunten, halb bldsinnigen Ausdruck in den alten, listigen
Augen an, aber Strix brachte ihn schnell auf andre Gedanken; er bekam
noch eine Tracht Prgel, so da er unter der gewaltsamen Behandlung
seiner handfesten Eheliebsten ganz frchterlich jammerte und klagte.

Hinterher stellte er sich sehr zerknirscht und voller Reue und machte
sich ganz klein und fuchsschwnzlerisch, whrend er um ihre Verzeihung
bettelte. Aber es half alles nichts -- er wurde aus dem Horst verwiesen
und hat sich seither selbst seine Nahrung suchen mssen.

-- -- --

Pist Lak und Vogel wird es doch nicht so ganz leicht, die Jungen
zu bewltigen. Die kleinen Teufel empfangen sie genau so, wie ihre
Geschwister in frherer Zeit den Marder Taa empfingen; sie werfen
sich auf den Rcken und reien und kratzen mit den scharfen Hornkrallen
um sich. Obwohl die Pferdedecken ber sie geworfen werden, mu der
stinkende Ammoniak mehrmals zu Hilfe genommen werden und seine
betubende Wirkung ausben.

Als Strix endlich mit einer fetten, braunen Ratte in den Fngen
heimkehrt, wird ihr ganzer Kopf fast zu Augen. Uf kann sich glcklich
preisen, da er nicht in der Nhe ist, sonst wrde die Reihe, gefressen
zu werden, jetzt wohl an ihn kommen.

Sie scharrt in dem Horst herum, wendet Reisig und trocknes Laub wieder
und wieder um, bis ihr auf einmal ein eigentmlich tzender Gestank in
die Nase steigt. Ihre Lichter fllen sich mit Wasser -- sie schnappt
nach Luft ... Da sieht sie vor sich den Anblick vom vergangenen Jahr:
das hakennasige Gesicht des kleinen Leuchtturmwrters mit den stechenden
Augen starrt sie wie durch einen Nebel an, und in ihren Ohren drhnt es:
Kla--datsch, kla--datsch ...


_Die Nacht_ hat in den Tannen gelegen und in den Tag hinein geschlafen.
Sie hat Ihre ganze Energie ntig gehabt, um die Augen geschlossen zu
halten, denn die Sonne, die seit Tagesgrauen gebrannt hat, rumort auch
hier und peinigt und plagt sie mit ihren Lichtstrahlen.

Aber die Nacht ist wie ein Mann mit Willenskraft. Schlafe nur! hat sie
gesagt -- und geschlummert.

Jetzt ist die Sonne in einem Sack untergegangen; die mchtige
Wolkenschicht am Alkoven des Horizonts hat sie wie eine Ratte
eingefangen -- sie ist weg, weg!

Dann schttelt und schuddert die Nacht sich, behutsam streichelt sie
die Drossel, die im Begriff ist, sich zur Ruhe zu begeben -- und dann
schleicht sie hinaus, sie umfngt das Dickicht und die Waldwiesen und
den Saum der Lichtungen und lscht den Unterschied aus zwischen Kraut
und Unkraut, zwischen Nutzholz und Kmmerling, zwischen des Frsters
Lieblingsschonung und dem Anflug, der sich aus dem Humus hervorstiehlt.

Die Nacht nimmt den Wald in Besitz, entreit ihn dem Licht, das in der
Ferne entweicht; sie hllt die Millionen von Blttern in ihre schwarze,
eintnige Finsternis. Und nun schleicht sie sich ber den Waldraum,
_tritt aus_, wie es von dem Wild des Waldes heit -- tritt aus, an
Hecken und Grben entlang, schiebt sich vor ber cker und Wiesen,
wo der Widerschein des Sonnenunterganges noch liegt und als letzte
Rckzugsstellung Wachedienst tut.

Und so umfngt sie das Grundstck jedes Bauern, die Felder jedes
Kirchspiels, die cker jedes Gutes; sie erobert das ganze Land zurck
von dem Licht und gibt es ihrem groen Finsterniskind, der Eule.

Aber was hilft das dem Kinde? Von der ganzen Erde begehrt es nur _seine
Jungen_.

-- -- --

Die Nacht wird tiefer und tiefer ...

Und Strix, die seit der Dmmerung gesucht hat, gelangt allmhlich weit
umher im Umkreis.

Da, um die Morgenstunde, als sie in die Gegend der Menschennester
hinauskommt, hrt sie von einem kleinen Haus, das einsam und im Versteck
unter einigen hohen Tannen liegt, den schwachen, heiersehnten Laut.

Sie fngt ihn in ihren Ohren auf, betastet ihn gleichsam mit ihren
Federhrnern und lt ihn sich mittels heftiger Pulsschlge in die Brust
hineinhmmern. Ihr wird auf einmal so leicht zumute: da sind ja die
Jungen!

Sie stehen in einem Gitterkasten auf dem Hofe.

Jh fliegt sie gegen den Kfig, so da der Kasten erbebt -- und sie und
die Jungen vereinen lange ihre Klage.

Wu--hu! Wu--hu! heulen die Kleinen. Und Strix stimmt ein ermunterndes
Knappen mit dem Schnabel an. Sie glaubt, da sie hungrig sind und fliegt
davon, um einen Augenblick spter mit vollen Fngen zurckzukehren --
dann fttert sie ihre Jungen, obwohl diese im berflu schwelgen.

Sie will sie mitnehmen, will sie heraushaben -- sie zerrt an dem Kfig
und reit an den Gitterstben.

Da strzt der Kasten, der auf einem Haublock an der Mauer aufgestellt
ist, um und fllt mit lautem Getse in ein offenstehendes Kellerfenster
hinein.

Es ist schon halbhell, und nach einer Weile kommt der Waldhter Pist
heraus. Er glaubt, da sich die Katze mit dem Kasten zu schaffen gemacht
hat, und pret mit banger Ahnung die Nase gegen die Gitterstbe. Ein
rasendes Fauchen -- und beruhigt trgt er den Kfig in die Stube hinein.

Strix sitzt in einer der Tannen und sieht den Menschen herausstrzen und
wieder in sein Nest verschwinden. Sie heult -- sie ruft -- aber niemand
antwortet ihr mehr. Da fliegt sie einmal rund im Hofe herum -- die
Jungen sind weg!

Die nchste Nacht sitzt sie wieder in den Tannen. Sie erblickt den
Kasten, der an seinem alten Platz steht -- und sie umschwebt ihn voll
Wonne, ja, sie wagt sich sogar ganz hinein durch die offenstehende
Klappe.

Ach, das Bauer ist leer -- die Jungen sind weg!

Einen ganzen Monat lang besucht sie allnchtlich das Menschennest und
sitzt da und heult von einer der hohen Tannen am Hause herab; aber
niemand antwortet ihr auer einer schwarz und wei gescheckten Katze.

-- -- --

Da nimmt sie Uf wieder in Gnaden auf und zieht mit ihm noch tiefer in
den Hochwald hinein.


Der Sommer geht zur Rste ...

Herber Duft von abgefallenem Laub und aufschieenden Pilzen mischt sich
mit dem wrzigen Brodem der Waldmoose. Die Ebereschen errten, aber die
Becher der Adlerfarnen werden braun und hufen sich zu groen Schanzen
unter den Birken auf, deren erste vergilbende Bltter in dem funkelnden
Gespinst der Spinne baumeln.

Eine eigenartige Rastlosigkeit ist in die Ameisen gefahren, sie kren
nicht mehr zwischen den Insekten und den drren Zweigen, sondern nehmen
mit Fieberhast, was ihnen in den Weg kommt: magere, langbeinige Schnaken
und eingetrocknete Blattrippen. Kleine Froschkinder sind berall in
Bewegung und spielen den groen schnffelnden jungen Fchsen manch einen
Schabernack.

Da summt eine Biene ... die jungen Fchse schnappen danach, es ist
unwiderruflich die letzte Biene des Jahres!

Die Tiere haben Junge geworfen, die Vgel haben ihre Eier ausgebrtet
und die Pflanzen haben Samen angesetzt; jetzt ist der groe Erneuerer,
der _Winter_, im Anzug.

-- -- --

Als es rauh und kalt geworden, und als es mit dem Futter knapp wird,
besuchen die beiden alten Eulen ein Aas, das am Rande eines kleinen Sees
jenseits der Frde liegt.

Und dann eines Abends, als sie sich eben gesetzt haben, hren sie die
Unruhe aus einer Tanne herausbrllen.

Es ist ein Schu -- und die Federn stehen Uf um die Ohren. Er wird ganz
verwirrt und gert von Sinn und Verstand, er klappert mit dem Schnabel
und dreht sich auf demselben Fleck rund herum, wieviel Strix auch ruft.

Ein kleines kurzbeiniges, rotbraunes Ding, das wie ein Fuchs bellt,
fhrt auf ihn ein -- und stimmt dann pltzlich ein gottserbrmliches
Geheul an.

Den hat er doch wenigstens gefat! denkt Strix.

-- -- --

Aber seither ist auch Uf weg gewesen.

Er hatte wohl Wandergelste bekommen und war von ihr weg geflogen --
ber alle Berge!




5. Strix und die Menschen


Es ist wieder Frhling in den groen Wldern an der Frde.

Die blankschwarzen Wasserflchen der Waldseen liegen mit Vgeln berst
da ...

Auf den kleinen Tmpeln schieen die Blhhner hitzig und paarungstoll
aus dem schimmernden Versteck des Rhrichtsaumes heraus; sie gleichen
Maulwurfshaufen, die auf dem Wasser schwimmen. Auf den groen fhren die
Schwne Krieg, blendend wei und mit Federgebrause um den gekrmmten
Hals. Und in den kleinen Lchern, wo es friedlich und warm ist, liegen
stumme, gepaarte Enten.

Hin und wieder breitet ein Schwanenpaar die Flgel aus und flattert von
einem Gewsser zum andern, da stiebt dann das kleine Getier verwirrt
nach allen Seiten auseinander ...

An den Ufern entlang schleichen Marder und Wiesel; der Fuchs aber liegt
im Schilf und lauert auf die Wildgnse, die an Land gegangen sind, um
zu grasen. Mitten in dem Idyll kann man eine Hsin auf einem Wechsel in
voller Flucht sehen, drei, vier zerzauste Rammler hinter ihr her. Da
macht Reinecke ein paar Sprnge, besinnt sich dann aber ... nein, er mag
nicht rennen!

Es gibt jetzt sung genug! Die Paarungskmpfe zwischen den groen Tieren
und den Vgeln machen viele Invaliden!

Durch die Baumkronen zieht das kreischende Gelichter der Hher. Scharen
von fnf bis zehn unbeweibten Mnnchen verfolgen mit Geschrei und
Gekrchze ein glckliches Paar oder machen einem alten ledigen Weibchen
strmisch den Hof. berall, wohin sie kommen, schweigen die Drosseln,
und der Rabe stimmt den Frhlingsruf an, um sein Weibchen zu warnen,
das schon Eier gelegt hat; aber der Hher, der in seinem abgestorbenen
Baumwipfel sitzt und lauert, streicht augenblicklich von dem Zweig ab
und fliegt in der Richtung der nchsten lrmenden Schar.

Aus dem Gestrpp schieen die Amseln, den Sto in die Hhe, ber die
Lichtungen hin -- und wo viele alte Bume stehen, schallt das Konzert
der Stare und Dohlen ohrenbetubend.

Strix stimmt in den Frhlingsjubel ein.

Sie heult und heult ... nicht klagend, wie nach den Jungen, sondern
hohl, tief und klangvoll.

Nacht fr Nacht, vom spten Abend bis zum frhen Morgen ruft sie
nach ihrem alten einfngigen Mnnchen; sie sucht alle ihre frheren
Horstpltze ab und zieht weit ber das Land hinaus, jenseits der
Menschennester; aber nirgends sieht oder hrt sie das geringste von
Uf, so wenig wie von einer andern Eule ihrer Art.

Sie fhlt sich immer einsamer und verlassener.

In den milden, feuchten Nchten geht Zug auf Zug von starken, feurigen
Lenzvgeln ber ihren Kopf hin, und tausende und abertausende von
frhlichen Vogelstimmen schallen aus der Luft zu ihr herab.

Sie grt die Reisenden mit ihrem tieftnenden Ho--oo, sie schiet aus
den Baumwipfeln zwischen sie hinauf und sieht sie, schreckerfllt ber
ihr Erscheinen, nach allen Seiten auseinanderstieben -- und sie zieht
eine lange Strecke mit ihnen, bis sie, deren Flgel dem pfeilschnellen
Flug nicht gewachsen sind, zurckbleibt wie ein Hund, der einem
dahineilenden Zuge zu folgen sucht.

Und je weiter der Frhling fortschreitet, um so tiefer krallt sich
der herannahende Schlu der Paarungszeit mit all seiner Wildheit und
Unbndigkeit in ihr Inneres hinein. Sie wird immer empfindlicher und
reizbarer. Ihr feines Gehr, das es ihr ermglicht, in groem Umkreise
an der Welt teilzunehmen, ist um diese Zeit immer aufnahmebereit;
Krhengekrchz und Hhergelchter, Hundegebell und Lrm der
arbeitstollen Menschen regt sie ununterbrochen auf und macht sie
grimmig und streitlustig.

Diese Laute erwecken in ihr fortwhrend Erinnerungen an die groe
Heerschar ihrer Feinde!

Ein alter Fluch ruht auf ihr und ihrer Sippe, und der ganze Wald
gert in Aufruhr, wenn man sie am Tage erblickt. Die Eigenart und
berlegenheit ihres Stammes in der Nacht ist schuld daran; alle Vgel
und Tiere, die schlafen, solange die Finsternis brtet, mssen sie
notgedrungen frchten und sie deswegen hassen. Sie ist der Vogel der
Nacht, sie ist ihr verkrpertes Grauen, ihre Mystik ... wie die
Finsternis selbst kommt sie lautlos und berraschend, und wie das Wetter
der Nacht kann sie pltzlich ein teuflisches, schreckeneinjagendes
Geheul anstimmen. Die andern werden bange vor der Nacht und verkriechen
sich; sie fliegt in ihre Arme und tummelt sich darin, sie ist das
eigene, hoch betraute Kind der Nacht.

Sie wohnt bestndig in den Hochwldern, aber drauen in einer Einde,
in einem tiefliegenden dumpfen Winkel. Hier hat sie ihren Luftwechsel,
ihre Tunnel und geheimen Gnge durch Kronengewlbe und Laubgehnge.
Da hindurch kann sie aus dem berwucherten Baum, in dem sie wohnt,
ungehindert abstreichen und zu der freien Fahrt ber Lichtungen und
Unterwald hin gelangen.

Aber einmal, als sie in der Dmmerung ihren Lieblingspfad -- einen
langen und schmalen Gang durch rotknospigen Weidorn und ktzchengelbe
Haselbsche -- entlangstreicht, findet sie ihren Luftweg zerstrt. Das
schtzende Versteck, das sich so innig fest und dicht um ihn geschlossen
hatte, ist umgerissen, liegt bunt durcheinander in einem groen Berg.
Wo frher Bume standen und wilde Schlinge wuchsen, breitet sich jetzt
ein offener Platz aus, ber den sie hinjagen kann, ohne den Zweig eines
Wipfels mit den Flgeln zu berhren.

Sie hat den ganzen Tag tief unten in ihrem hohlen Stamm ein starkes
Hack--Hack gehrt, als arbeite tief drinnen im Wald ein Riesenspecht.
Sie kennt den Laut, es ist der, den sie am meisten von allen hat ...
es ist der Schlag der _Axt_!

Die Axt macht licht, und sie hat das Licht-machen. Sie will Dichtigkeit
von Zweigen und Stmmen, von allen Stmmen, rings um sich haben. Sie
will Waldesdunkel haben! Aber die Axt macht die Bume bis in die Wipfel
erbeben, kippen und sich pltzlich legen.

Am nchsten Morgen ist der Laut wieder da!

Und er hlt den ganzen Tag an. Sie sitzt in ihrem Versteck und schneidet
Gesichter, sie fhlt jeden Hieb wie einen Stich in ihrem Fleisch. Hu,
diese Laute, diese verdammten, menschengeschaffenen Laute, sie rauben
ihr das Verweilen im Verdauungswohlsein und erfllen sie statt dessen
mit aufregender Unruhe.

Als dann der Abend kommt und die im Laufe des Tages angehauenen Bume
anfangen zu fallen, als das Krachen und Poltern und Drhnen seinen
Hhepunkt erreicht, da fliegt sie einem Waldarbeiter in den Nacken.

Die Waldarbeiter pflegten sonst nie etwas von Strix zu sehen; sie hrten
sie nur. Oh, oh! klagte etwas in der Tiefe; uh, uh! antwortete es von
weit her. Das war zu der Zeit, als Uf noch lebte. Da hatten sie in den
frhen Abendstunden, namentlich in der Paarungszeit, ihre feurigen
Wechselgesnge angestimmt; _sie_ hatte laut gerufen, scharf und
innig begehrend, und _er_ hatte geantwortet, tief, hohl, mit einem
unheimlichen Uhuu, das aber fr ihr Ohr so wild und aufreizend klang.

Die ganze voraufgegangene Nacht hatte Strix nach Uf gerufen, aber
vergebens ... auch das hat dazu beigetragen, sie aufzuregen.

Sie bedient sich ihrer bekannten, unfehlbaren berrumpelungstaktik.
Ungeahnt taucht sie auf aus dem flockigen Versteck der Dunkelheit,
wirft sich ber den Waldarbeiter, packt ihn mit beiden Fngen bei den
Schultern und wrmt ihm die Ohren mit den Flgeln. Mit ihren scharfen
Ellbogenknochen schlgt sie ihn in die Schlfen und macht ihm ein paar
blaue, blutunterlaufene Augen, dann greift sie ihm in die Haarbschel
und schttelt ihn. Der Holzhauer wirft sich auf die Nase und schlgt die
Hnde vor seine Augen; aber jetzt erst nimmt Strix ihn als rechtmige
Beute in Besitz. Sie hakt die Fnge in seinen Krper und reit ihm den
Hintern auf ...

Es ist Pist Lak, den sie gefat hat, aber sie ahnt es nicht. In diesem
Augenblick sind ihr alle Menschen gleich!

Pist, der im ersten Nu, ehe er noch die Fnge der Eule zu kosten bekam,
ganz entzckt war, jetzt endlich die Gewiheit zu erlangen, da dieser
Geldvogel noch immer hier ist, hat pltzlich seine Ansicht gendert ...
er brllt wie ein Stier.

Da erdrhnt der Erdboden, da trampelt es im Laub: kla-datsch, klingt es
... kla-datsch, kla-datsch ...

Ein Zucken durchfhrt Strix!

Ihr Gesicht kann sie tuschen, kann vergessen; ihr Gehr nie. Sie wei
es schon lange, bevor sie die Gestalt erblickt: jetzt kommt er, der
lahme Kerl mit dem stinkenden Atem!

Ein mehr als instinktmiges Rachegefhl ergreift sie ...

-- -- --

Wie gewhnlich ist der kleine Leuchtturmwrter auf seinem Frhlingszug
nach Raubvogeleiern aus! Raubvogeleier hatten stets ihren Wert, denn
sie wurden immer seltener. Krhen-, Blhuhn- und Elstereier dahingegen
wollte niemand mehr haben, die waren jetzt zu gewhnlich.

Den ganzen Nachmittag hat er sich in der Nhe von Holzwrter Pist's
Arbeitsplatz aufgehalten, war mehrmals bei ihm gewesen und hatte ihn
geqult, er mge ihm doch den Horst des groen Uhus zeigen. Pist hat
immer geantwortet, so wie es war: da er den Horst gar nicht _wisse_,
ja, in diesem Jahre die Vgel nicht einmal _gesehen_ habe. Aber der gute
Leuchtturmwrter, der nicht ohne Grund ein schlechtes Gewissen in bezug
auf gewisse sieben Kronen hat, die er seinem kleinen Unteragenten noch
vom vergangenen Jahre her schuldet --, hat im Stillen gemeint, da _die_
wohl Schuld daran seien.

Da hrt er auf einmal das frchterliche Gebrll ...

Mit Sturmeseile kommt er gelaufen und sieht zu seinem ungeheuren
Erstaunen, zugleich aber mit geheimer Freude, den groen Uhu auf
Pist's Rcken reiten. Im ersten Augenblick ist er ganz berwltigt von
seinem Glck -- dann ergreift er seinen schweren, eisenbeschlagenen
Eichenknittel und haut auf die Eule ein, die sich aufgeblasen hat und
ihm ins Gesicht fahren will. Der Schlag trifft Strix an den Kopf, sie
verliert die Besinnung ... und als sie wieder zu sich kommt, sitzt sie
hinter Schlo und Riegel.

Sie ist in einem Kkenbauer untergebracht -- in demselben hlzernen
Kasten, der vor einem halben Jahre ihre Jungen beherbergt hat. Er ist
grndlich nachgesehen und frisch genagelt.

Ihr wird etwas schwammige Lunge durch das Gitter gesteckt. Da sprhen
ihre Lichter Funken, und sie faucht wie eine Katze. Der Leuchtturmwrter
tritt unwillkrlich einen Schritt zurck --: Du groer Zerstrer! sagen
die Lichter ... knnte ich dich nur auffressen!

Strix rhrt die Lunge nicht an. Gefrig starrt sie dem
hahnenschnbeligen kleinen Kerl in die stechenden Augen und sieht
drei lange Narbenstreifen, die an seiner Wange herablaufen. Soviel kann
ihr bichen Eulenverstand fassen, da diese Fratze alles erwgt, was
ihrem Besitzer zum Vorteil dient ... sie ist gleichsam von einem
Vollmond-Klteglanz umgeben!

Die Dunkelheit senkt sich herab, und Strix arbeitet die ganze Nacht, um
aus dem Bauer zu entkommen ...

Sie scheuert sich den Bart ab, indem sie ununterbrochen mit dem Schnabel
an den Gitterstben auf und nieder kratzt, und sie schlgt sich den
starken Ellbogen blutig durch ihr stndiges Stoen. Aber das Bauer ist
solide, es hlt!

Als das Licht des Tages sie eine Weile geblendet hat, so da sie
gezwungen ist, sich in den dunkelsten Winkel des Kastens zurckzuziehen,
fngt sie den Laut von Schritten auf: es ist das Strix jetzt so bekannte
kla-datsch, kla-datsch. Der hinkende Hahn in dem blauschimmernden
Gewand, mit dem flachen, schmetterlingbunten Kamm auf dem Kopf, tritt
vor das Bauer und macht sich daran, mit einem Stock in ihren Brustdaunen
zu whlen. Sie schlgt ihren Fang in den Stock und fhrt auf ihn los, so
da das Blut aus dem verletzten Flgelknochen ihm ins Gesicht spritzt --
und sie hrt da drauen ein mchtiges Krhen.

Ihre Federn struben sich; sie hat sich aufgeplustert und sitzt da und
faucht, die Flgel wie einen Schild vorn ber dem Kopf erhoben.

Da kommen auf dem Boden des Bauers ein Paar sonderbare steife Klauen
herangeschlichen; sie ffnen sich und schlieen sich am Ende ihrer
dnnen, storchhnlichen Beinstiele. Wenn sie nach der einen greift,
nimmt die andere die Gelegenheit wahr -- und dann auf einmal beien sie
sich in ihre beiden Stnder fest. Sie schlgt mit den Flgeln um sich
und fllt hin ...

Da sprt sie wieder den erstickenden Geruch; der lahme Hahn blst ihr
seinen stinkenden Atem ins Gesicht; der legt sich ihr vor die Brust,
benimmt ihr die Luft, sie schnappt und beit blindlings um sich. Ein
Nebel gleitet vor ihre Lichter und eine einschlfernde Wolke senkt sich
ber sie -- sie mu schlafen, sie mag wollen oder nicht.

Als sie wieder erwacht, sitzt sie wie in einem hohlen Stamm, nur da er
ganz eng ist, und er schaukelt, als sei der Baum whrend eines Orkans im
Begriff umzufallen.

Sie ist an den Gutsfrster verkauft, an einen kleinen Teufel von Mann,
eifrig und unverzagt, und ebenso hart von Gemt wie hart von Hnden. Es
ist dem Frster endlich -- dank Vogelhansens nie versagendem Ammoniak
und seiner eigenen zusammenschraubbaren Fuchszange -- gelungen, Strix in
seine Gewalt zu bekommen und sie in den groen, einem Rucksack hnelnden
Eulenkorb zu sperren, der auf seinem Rcken schlingert. Jetzt radelt er
mit ihr nach Hause. Strix soll als Auf gebraucht werden!

Erst soll sie einige Tage hungern, damit sie mrbe wird und mit sich
reden lt. Dann soll sie einen Spatzen bekommen und nach und nach
mehrere Spatzen, bis sie auf ordentliche Zahmvogelart gelernt hat,
dankbar aus der Hand zu fressen. Dann soll sie daran gewhnt werden,
sich um einen der Stnder fassen zu lassen, um mit dem Rcken am Boden
des Bauers entlangschleppend, mit einem Ruck herausgezogen zu werden.
Sie soll daran gewhnt werden, wie eine brtende Henne angebunden zu
sein und wie ein Piepvogel auf der Htte zu sitzen, whrend die Krhen
sie umlrmen und ausschimpfen, und er, der Frster, im Hinterhalt liegt
und eine Krhe nach der andern niederknallt. Endlich soll sie, sobald
sich eine passende Gelegenheit bietet, verkauft werden, und der Erls
soll zwischen ihre drei Aktionre verteilt werden.

-- -- --

Bei der Ankunft in der Frsterwohnung des Gutes jenseits der Frde wird
pltzlich der Orkan so stark, da der hohle Stamm, in dem Strix sitzt,
den Boden in die Hhe kehrt. Sie wird kopfber in ein Bauer geschttet.

Das Bauer ist alt und mrbe. Es hat ein paar Jahre lang einen kleinen
Krppel von Htten-Eule beherbergt, aber die machte keine Faxen. Die
hat da gesessen von dem Tage an, da sie als junger Vogel von einem
kleinen stinkenden Menschen im Walde geraubt und von seinen groen,
rotgefrorenen Hnden dahineingesetzt wurde. Der Frster hatte sie
allmhlich so weit gezhmt, da sie von selbst herausflog und sich auf
den Deckel des Eulenkorbes setzte.

Es riecht noch nach ihr im Bauer und da liegen eine Menge Federn und
berreste von Geschmei. Da liegt auch eine halb gekrpfte magere Taube
-- dem kleinen Krppel, der brigens eben erst eingegangen ist, hat es
offenbar an Appetit gefehlt.

Es ist eine gefhrliche Taube! Wre Strix nicht ein wilder Vogel gewesen
und htte die sung verachtet, in die sie nicht selbst ihre Fnge
geschlagen hat, so wre es mit ihr aus gewesen. Die Taube ist eines
natrlichen Todes gestorben ... an Hhnerdiphteritis. Der Frster hat
keine Ahnung davon gehabt -- eine Htteneule bekommt ja alles: von im
Hause gefangenen Ratten bis zu abgebalgten Fchsen!

Strix sitzt da und schlingert; ihr ist noch etwas unklar nach der
Betubung. Sie starrt durch das halbverrostete Drahtgewebe und sieht vor
sich, auf der Tr ausgespannt, gleichsam einen Schatten von sich selbst:
einen groen, braunfederigen Riesenuhu mit einer Schnabelspalte, die bis
weit unter die Ohren reicht. Er hat nur einen Fang.

Strix meint, sie msse den Fang kennen!

Dann khlt die Luft um sie her allmhlich ab; lange schwarze Schatten
schleichen sich ber den Hof hin -- -- der Tag geht zur Rste.

Gleich einem groen Vogelzug mit Wildrosenschimmer ber den flimmernden
Flgeln sieht sie die Wolken dem fernen, roten Abendland entgegeneilen.

Und der Wind folgt hinterdrein, so schnell er nur kann ... es wird
geruschleer, fast waldeinsam um sie her.

Bald jagt die erste kleine behende Fledermaus an ihrem Bauer vorbei.
Es folgen mehrere -- und dann auf einmal wimmelt es von Fledermusen.
In unbestndigem Zickzackfluge huschen sie ber den Hof, aus und ein,
wenden in rechten Winkeln oder schaukeln in langen anmutigen Zirkelbogen
herum, um dann wieder wegzuflimmern und zu Punkten in der Luft zu
werden.

Groe, schwerbelastete Nachtschwrmer mit dem fetten, plumpen
Hinterkrper, der unter ihren hastig schwirrenden Flgeln herabbaumelt,
schrauben sich mhsam vor ihr in die Luft empor, whrend ungeschlachte,
brummende Maikfer mit einer Geschwindigkeit, die sie veranlat, lange
Striche die Kreuz und die Quer durch die Luft zu ziehen, klatsch,
klatsch gegen das Bauer schlagen und krabbelnd herunterfallen.

Die Finsternis verdichtet sich um Strix ... in dem tiefen Blau oben ber
den Baumwipfeln funkelt der Abendstern, gelb und gro, als einziges,
schimmerndes Loch in der Himmelskuppel ...

Die treuen Tiere der Nacht sind alle ausgegangen!

Sie ist nun wieder ganz zu Krften gelangt und rumort in ihrem Gefngnis
herum, whrend sie mit Schnabel und Fngen an dem Drahtgewebe zerrt. Sie
zieht es auseinander, sie holt es zu sich heran, sie rttelt und reit
-- und das Drahtgewebe zerspringt.

Es hat Jahre lang gehalten; jetzt kann es keine Stunde mehr halten!

Sie bekommt den Kopf heraus und den halben Krper, aber die beiden
groen Flgel bleiben hngen. Sie mu wieder zurck, wieder hinein und
weiter an den zhen Strngen zerren; ihre Zunge blutet, ihr Schnabel
schmerzt -- aber endlich gelingt es ihr doch das ganze Drahtgewebe
aufzureien.

Als sie sich auf der Schwelle zur Freiheit befindet, fhrt pltzlich ein
kleines, schiefbeiniges, rotbraunes Ding klffend auf sie ein. Es ist
der Nachtwchter und Gefngniswrter hier auf dem Forsthofe, der alle
die verschlossenen Tren und Luken unter seiner Aufsicht hat. Das
frchterliche Rumoren dort im Eulenbauer hat ihn schon lange darauf
aufmerksam gemacht, da da etwas los ist; nun will er aber die neue Eule
lehren, da er sich dergleichen grndlich verbitten mu.

Der wachsame kleine Gefngniswrter hat indessen kein Glck. Strix
schlgt die Fnge in seinen Rcken ... er fngt an, gottsjmmerlich zu
heulen und strzt schreckerfllt ins Haus hinein.

Es ist sonderbar ... aber das Geheul erinnert sie auf einmal wieder an
Uf!

Im selben Augenblick schreitet ein kleiner schwarz- und weigefleckter
Kater mit steifem Schwanz und eifrig windenden Nstern auf den Hofplatz.
Er gehrt eigentlich zu einem Forsthaus weit drben auf der andern Seite
der Frde, aber der Frhling zerrt auch in ihm! Des Fressens halber
kommt er nicht, doch ... wenn sich die Gelegenheit bietet, nimmt er
gern einen Bissen mit. Jetzt wittert er pltzlich Vgel und sieht eine
Chance ...

Er verrechnet sich, armer Kerl -- und es geht ihm schlimmer als dem
kleinen, schiefbeinigen Gefngniswrter. Strix, die nun glcklich dem
Bauer entronnen ist, nimmt ihn als ihre rechtmige Gefangenenkost und
hlt eine wohlverdiente Mahlzeit an ihm.

Noch in derselben Nacht findet sie sich ber die Frde zurck und in
ihre Einde in dem trauten Hochwald. Sie versteckt sich in ihrem hohlen
Baumstamm ... da sitzt sie und denkt das _ihre_ ber das Dasein.


Zu Anfang war sie dem Eindringen der Menschen in ihr Bereich offen und
mit Macht begegnet!

Was sollte sie wohl frchten?

Sie hatte ja ihren scharfen Schnabel und ihre spitzen Fnge, und sie
hatte ihre groen, starken Flgel; sie besa Selbstvertrauen und
Zutrauen zu ihren Fhigkeiten und Krften -- was sollte sie wohl
frchten!

Aber ihr hufiges Zusammentreffen mit den Menschen und die Erfahrung,
die sie daraus schpfte, hatte ihrem Vertrauen auf eigenes Vermgen
einen Sto versetzt; hier hatte sie ja einmal ber das andere ihren
Meister gefunden --; einen Gegner, den sie nicht hatte in die Flucht
schlagen knnen!

Da der Mensch gefhrlich war -- das begriff sie jetzt.

Es war nicht besser geworden mit der Unruhe im Hochwald. Noch am Abend
bei Sonnenuntergang, wenn sie aus ihrem Tagesschlaf erwachte und sich
anschickte auszufliegen, konnte sie Wagenrollen und xteschlagen hren.

Ihr groes Heim, wo sie vor vielen Jahren in ihrer Jugend gewohnt hatte,
war schon umgestaltet und abgeholzt. Ganz weit drauen, wo einst ihr
Horstbaum stand, erhob sich jetzt ein Haus neben dem andern, Gitter und
Hecken wechselten ab mit Stacheldraht und Zunen; Motorrder surrten
umher, Telephondrhte durchwebten die Luft, lange Schornsteine spien die
Eingeweide der Erde aus, und heulende Eisenbahnzge fauchten berall.
Die Menschen breiteten sich aus wie die Wanderratten in gewissen Jahren
auf dem Berge ihrer Vorfahren; Strix wollte es scheinen, als mten sie
vorwrts ber ihre Leichen!

-- -- --

Und dann ward endlich der Gipfelpunkt erreicht.

Es ist Jagd im Tierwald, dem letzten der einstmals so ausgedehnten
Hochwlder am innersten Ende der Frde, dort, wo Strix ihre
jubelerfllten Tage gelebt hat -- und die Hunde hetzen einen Hasen. Sie
wird von dem Geklff geweckt, und als sie den Hasen vorberschlpfen
sieht, kann sie nicht widerstehen; sie mu der Bande folgen.

Es ist ja ihr Hase, den die Hunde hetzen! Es ist der letzte Hase, der
sich hier im Walde, ja, in der ganzen Umgegend findet -- nun holen die
meutestarken Teufel ihn!

Ihr gehren alle Hasen, das ist doch ganz selbstverstndlich; so lange
sie gelebt hat, haben die Hasen ihr gehrt!

Strix setzt von ihrem Zweig aus den Sprhunden nach ...

Sie streicht lautlos ber ihnen und wirft sich mit einem Brausen dicht
vor der Nase des ersten nieder. Im Vorberflug gibt sie ihm einen Fang,
der sein rechtes Nasenloch unheimlich klaffen macht. Der Hund stt ein
durchdringendes Geheul aus ...

Dann bei einer Wegbiegung, packt Strix den Hasen.

Sie ist schon dabei, ihn zu verzehren, als zwei groe Sprhunde nahen.
Mit dem dicken Ende des Flgelknochens versetzt sie dem eifrigsten einen
Schlag gegen die Nase und zerfetzt mit den Fngen das Ohr des andern.

Nach einer Weile erscheint einer von den Jgern.

Er ist wie gelhmt, als er aus der Ferne die Hunde geifernd um einen
groen Vogel sitzen sieht -- und er bleibt schleunigst stehen und macht
sich schubereit.

Er will dir den Raub wegnehmen, denkt Strix ... na, versuch' es nur mal!

Da entsendet der Jger ein Brllen in den Wald hinaus, sein Atem geht
von ihm aus wie ein heier Kampfesodem, und mit unsichtbaren Fngen
zerrt er an ihrer Haut.

Das war unergrndlich geheimnisvoll, und davor entfloh sie!

Aber nun hatte Strix genug -- seit dieser Zeit hielt sie sich den
Menschen fern.


Der groe Uhu kann sich nicht mit der Kultur abfinden.

Es gab einige Tiere, die sich nach ihr einstellen konnten. Fchse und
Dachse zum Beispiel, Marder und Wiesel, die konnten sowohl in der zahmen
Natur wie in der Wildnis gedeihen. Und da waren andere, die den wilden
unangebauten Gegenden ganz entsagen konnten, die Vorteil zogen aus der
stark um sich greifenden Urbarmachung und ihr Leben danach einrichteten.
Da waren Rebhuhn, Hase, Reh, Krhe und Elster; die wuchsen frmlich aus
dem Boden, wo die Axt rodete und wohin der Pflug kam. Sie aber, Strix
Bubo, konnte sich auf keinen Vergleich mit dem Neuen einlassen. Alles
das, was aufrumte und licht machte, war ihr ein Greuel; es ttete die
Lebensfreude in ihr ... es hatte sie, so lange sie denken konnte,
ununterbrochen in die Flucht getrieben.

Aus ihrer Einde in den Hochwldern um die Tiefe der Fhrde wird sie nun
weiter und weiter hinausgedrngt, dem Waldessaum zu, bis sie schlielich
wegfliegen mu -- hinweg ber die Menschennester, hinweg ber das
Land jenseits der Menschennester, hinaus nach einem sonderbaren,
ausgestorbenen Walde, der einsam und fern zwischen Smpfen und
Heidemooren liegt.

In einer wilden Hgelschlucht -- _Teufelshhle_ genannt -- vor einem
den, dstern Waldsee findet sie endlich in dem verfaulten Stamm einer
alten, leeren Buche eine neue Freistatt, ein Heim, das ihr uraltes
Sehnen nach einer Bergschlucht erfllt.

Sie hat Stimmengekrchz, sie hat Hundegeklff -- und Axthiebe und
Sgezahnbisse knnen sie um Sinn und Verstand bringen. Sie sollte nur
niederstoen auf diese Friedensstrer, auf diese groen Ratten, die
selbst hier im entlegenen Walde, wenn auch nur von Zeit zu Zeit,
herumhuschen.

Aber sie mag nicht mehr; auf alle Flle nicht am Tage -- und des Nachts
geschieht es nie, da diese Mitgeschpfe sich bemerkbar machen. Dann
heult nur der Wind, und der Wald summt seine alten Melodien; sie kann
ungestrt jagen, ungestrt krpfen, nach allen den bekannten Wiesen und
Lichtungen fliegen und vernnftige Spaziergnge in aller Ruh rings umher
auf dem Waldboden unternehmen.

Die Finsternis ist ihr Reich, und die Finsternis kehrt wieder nach dem
Lrm des Tages, kehrt immer, immer wieder ...

Nur diese Tatsache hlt sie bestndig fest, sonst wre sie Uf lngst
nachgeflogen -- ber alle Berge!




6. Winterleben im entlegenen Walde


Dahin sind die hellen Tage des Sommers mit goldener Sonne ber reifendem
Korn! Die Wlder sind verwelkt, das Laub ist abgefallen -- alle die
bunten Farben des Herbstes liegen bleich und zermrbt um die Wurzeln
der Bume. Nur das Moos schimmert, und die Beeren an der Eberesche sind
hellwach!

Klare, khle Morgen mit dnnem Eise und Nachtreif sind dunklem,
regnerischem Tagesgrauen gewichen. Der Novembernebel hat schwer und
drckend ber einsamer Heide und steifen Wldern gelegen und die Sfte
des Lebens zur Ruhe gebracht. Jetzt hat sich der Winter gemeldet, jetzt
ist der Frost gekommen!

berall liegt Schnee.

In dem fernen Walde ist die Schlucht zwischen den hohen, steilen Hgeln,
wo Strix jetzt wohnt, ein Wirrwarr von Faulbaum und Erle, von Birke und
Geiblatt -- und unter den ineinander gefilzten Zweigen flieen --
schwarz und kalt -- die grundquellreichen Wasser des den Waldsees.
Hier ist das Mrchenland, von dem der Mensch fabelt!

Es schumt da drinnen. Aus dem blanken, sturmblauen Osthimmel tritt der
weie Wintermond hervor, rund und klar. Im Westen glht es. Der Horizont
brennt mit hagebuttenrotem, goldgelb flammendem Schein ...

Strix ist noch nicht aus ihrem Tagschlummer auf dem Grunde ihres
hohlen Baumes erwacht. Aber Taa, der Marder -- ihr alter Erbfeind
und schlimmster Nebenbuhler, der sich wie sie aus dem Hochwald hat
zurckziehen mssen -- ist schon auf Jagd aus.

Ihnen beiden ist es eine Zeitlang kmmerlich ergangen! In den dunklen
Dezembernchten, whrend strmender, eiskalter Regen mit Sturmesgewalt
ber den Wald herabgeschleudert wurde und ihn durchnte und schwer
zugnglich machte, hat sich alles Lebende unter Dach gehalten. Da haben
sich die fleisch- und pflanzenfressenden Tiere in Kriegszustand befunden
-- und Strix und der Marder haben bittern Hunger gelitten.

Jetzt, wo der Schnee dicht ber Heide und Moor liegt, halten sie sich
schadlos -- und ihre scharfen Augen entdecken jetzt doppelt sicher den
Raub, dessen sie bedrfen.

Zum berflu ist der Winter ungewhnlich mildttig gegen sie gewesen:
er hat ihnen -- als Neues vom Jahr -- einen groen Zug Eichhrnchen
gebracht. Anfangs gab es fast berall im Walde Eichhrnchen; die
behenden Tierchen haben alle Lcher in den hohlen Bumen mit Beschlag
belegt, haben die Tannen und die leeren Krhennester ausgefllt. Strix
pflegt jede Nacht ein halbes Dutzend zu bewltigen. Da aber auch der
Fuchs auf Raub ausgeht, und der Marder ganz einfach die Forderung
stellt, in Eichhrnchen schwelgen zu knnen fangen die leckern Tiere
schon an, auf die Neige zu gehen.

Der grausame Taa ist noch grausamer geworden! Die Hrte des Winters
macht sich auch in ihm geltend, und er mu fortwhrend etwas Warmes in
den Leib bekommen. Drinnen im Mrchenland, auf einer Lichtung, nicht
weit von dem Baum des groen Uhus, hat er frh am Abend das Glck, ein
Eichhrnchen zu berraschen.

Das Eichhrnchen ist noch spt drauen. Es sitzt in dem Wipfel einer
kleinen, allein stehenden Tanne und pickt an einem samengespickten
Tannenzapfen.

Es ist unvorsichtig von dem Eichhrnchen, seine Abendmahlzeit so spt
einzunehmen und so weit entfernt von dem schirmenden Versteck; daher hat
Taa auch sofort seinen Schlachtplan fertig: auf dem Erdboden wird er dem
kleinen Springer berlegen sein, das wei er!

Vorsichtig schleicht er sich unter die Tanne -- und Ritsch, Ratsch --
steigt er in die Hhe. Das Eichhrnchen lt schleunigst die
tannennadelbehafteten Pfoten von den Schuppen des Zapfens und strzt auf
den nchsten langen federnden Tannenzweig hinaus. Als es das Ende des
Zweiges erreicht hat, benutzt es ihn als Schwungbrett und lt sich
mitten in die Lichtung hinabschleudern. Mit raschen Sprngen eilt es
dahin ber den Schnee ...

Der Marder setzt dem Flchtling nach. In wilden Rckenbiegungen und
Streckungen nimmt er in Sprngen von anderthalb Metern die Lichtung. Er
gleicht einem Flitzbogen, der ununterbrochen bald stramm gezogen, bald
schlaff gemacht wird. Aber Taa ist im Nachteil durch seines behenden
Gegners lange, geschickte Luftsprnge; er kommt seiner Beute nicht nahe,
ehe sie zwischen den Baumstmmen angelangt ist.

Das Eichhrnchen saust in die Hhe -- und Taa ihr nach; und dann geht
es durch eine Baumkrone nach der andern, so da der Schnee in groen
Klumpen herabfllt. Das Eichhrnchen bedient sich aller Kniffe; es fhrt
den Marder auf Abwege, auf verfaulte Zweige hinaus, von dem obersten
Wipfelzweig strzt er sich mutig herab, und ist dann im nchsten
Augenblick wieder oben in der uersten Spitze eines Baumwipfels.

Die schneebedeckte Erde schimmert grnlich-wei im Mondlicht ...
unheimlich dunkel klemmt sich der Hochwald zusammen, um die beiden
fliegenden Tiere, und schwarze Dickichte unter ihnen liegen da und
rollen sich gleichsam im Schnee. Der Kronenwlbung Gewirr aus Zweigen
und sten zeichnet ein Gewebe, ein Netz gegen den hellgedmpften Himmel,
aus dem die Sterne wie ferne Katzenaugen hervorfunkeln.

Pltzlich hat das Eichhrnchen Unglck. Da, wo es sich hat
herunterplumpsen lassen, hat sich der Schnee in einer groen Schanze
angesammelt; es sinkt auf den Grund und wird in den losen, weichen
Flocken begraben.

Gleich einer roten Rakete, beleuchtet von den flimmernden Mondstrahlen,
streicht der Marder durch die Luft, seiner Beute nach und hakt sich in
sie hinein, ehe sich das Eichhrnchen von dem Schnee zu befreien vermag.
Er schttelt den kleinen tchtigen Akrobaten, bis der sein Leben aufgibt
-- und springt dann weiter, mit seinem Leckerbissen im Fange.


In der alten, hohlen Buche ist Strix erwacht und erscheint mit
blinzelnden Lichtern in ihrer Tr.

Sie sitzt da und schielt ... hinauf zu dem Mond und zu den Sternen, und
hinab auf ihre eigenen schweibefleckten Fnge!

Ihr Blick hat einen harten und strengen Ausdruck bekommen. Die
Einsamkeit qult sie, und sie kann nicht vergessen ... Der Groll und die
Bitterkeit nach den vielen Unglcksfllen ihres Lebens nagt noch immer
an ihrem Innern.

Gelegentlich, wenn es sich so trifft: wenn sie Menschen reden oder
Axthiebe fallen hrt oder wenn sie die dumpfen Sprnge ihres alten
Feindes Taa vernimmt, flammt es in ihr auf -- und dann wird sie grausam
und rachedrstig.

Lautlos still, aber bitter kalt ist die Nacht ...

Eine sprde, glitzernde, gleichsam mit Nadeln angefllte Frostluft
fchelt ihr um den Bart; sie hrt die Baumstmme sthnen unter dem
Joch des Frostes und die rieselnden Wellen des Waldsees gegen das Eis
ankmpfen.

Hell wie am Tage breitet sich der Wald unter ihr aus und legt sich
nackt hin, selbst ganz unter den dicht verzweigten Buchen, wo die
ausgehungerten Muse hausen. Ganz deutlich sieht sie jedes Getier, das
sich hervorwagt. Es ist Fangwetter, wenn die Erde ihr Wintergewand
angelegt hat, und der Vollmond hoch am Himmel steht.

Gleich einer Riesenfledermaus wirft sie sich aus ihrem Loch heraus und
verschwindet mit einem Geheul zwischen den Zweigwolken, um auf Raub
auszugehen.

Eine Strecke vor ihr, drinnen im Walde, hpft Taa mit seinem kleinen
Akrobaten. Er hat schon ein wenig in sich hineingesogen und einzelne
Bissen von dem Braten herausgerissen, aber er hat noch nicht den ganzen
Akrobaten verschlungen. Er, der Marder, wei sehr wohl, es ist eine
Eigentmlichkeit jedes Bratens, der munden soll, da man sich damit
erst abseits in die Bsche schlagen und einen Ort finden mu, wo man
verborgen sitzen kann, whrend man das Mahl verzehrt.

Da, auf dem Wege dorthin fllt er ber einen Steig aus tiefen, groben
Spuren, eine warme, frische Fhrte steigt ihm in die Nase -- und
pltzlich sieht er vor sich etwas wie einen trocknen Tannenstumpf aus
dem Schnee aufragen. Auf einmal steigt ein groer, brauner Kopf in die
Hhe und ein Paar lange Lauscher schlagen die Schneeschollen weg, als
schlgen sie nach Mcken. Es ist ein Rottier, das warm in seinem weien
Winterbett sitzt! Taa ist doch ein klein wenig bestrzt, namentlich, als
er nach einigen weiteren Sprngen dem Kalb des Rottieres von Angesicht
zu Angesicht gegenbersteht ... es ist dicht bereift ber den ganzen
Rcken.

Da ertnt pltzlich ein hliches, wahnsinniges Getute. Es wird von
einem durchdringenden, langgezogenen Geheul eingeleitet, dann folgt ein
heiseres, abschreckendes Lachen, und endlich ein Schrei, der durch Mark
und Bein geht.

Das Rottier fhrt zusammen -- und krasselt mit dem Kalbe in wilder
Flucht davon, auf die nchste Dickung zu. Der Marder aber verliert die
Besinnung, statt sich in das Lager des Rottiers zurckzuziehen, sich
mit seinem Raube einzugraben und im Schnee zu verschwinden, wei er im
Augenblick nichts besseres zu tun, als das Eichhrnchen in den Fang zu
nehmen und dem Wild zu folgen.

Strix jedoch jagt ebensosehr dem Gehr wie dem Gesicht folgend! Jeder
Laut, den sie vernimmt, meldet ihr eine Mglichkeit; lautlos setzt sie
ihm nach, ungeahnt taucht sie auf, das groe, gefiederte Gespenst!

Lngst haben ihre Ohren das Gerusch des fliehenden Rotwildes
aufgefangen -- sie beschleunigt den Flug der Wollschwingen und richtet
die Marterfnge ... da erblickt sie Taa mit etwas im Fange!

Sie erinnert sich seiner deutlich von jenem Sommermorgen, wo er
eingeklemmt in den zusammengepreten Fngen ihrer Jungen sa; er war
der Erste, der versuchte, ihr ihre Brut zu rauben -- und auch er hatte
sie angefhrt.

Strix verschlingt ihn mit den Augen von dem abgenagten Stummel seiner
Rute bis zu seinen breiten Sohlen; schon glaubt sie, da die rote
Waldkatze ihr gehrt ...

Da spielt der Schattenvogel, den der Mond vor ihr auf den Schnee
zeichnet, Strix einen niedertrchtigen Streich -- der Marder wird in der
letzten Sekunde gewarnt! Im Augenblick wo sie niederstoen will, drckt
er sich pltzlich an den Boden, so da die Eule ber ihn hinfhrt und
nur das kleine verendete Eichhrnchen in den Klauen hlt.

Wie sich ein Maulwurf in einem Nu in die Erde birgt, grbt sich Taa bis
auf den Grund in die weien Kristalle hinein, Strix schlgt um sich,
aber vergebens -- die geschmeidige Marderkatze bringt sich in
Sicherheit.

Da mu Strix sich zufrieden geben; mit ihrem geraubten Fra fliegt sie
auf einen Zweig hinauf und krpft ...

Sie verschlingt das Eichhrnchen, krpft seine Fahne, seine Zhne, seine
Klauen; dergleichen grobkrniger Zusatz befrdert die Verdauung so
angenehm!

Aber _ein_ Eichhrnchen ist zu wenig fr einen Verbraucher wie Strix.
Sie mu versuchen, sich mehr zu erlauschen, zu erlauern oder zu erjagen
-- und sie streicht, einer groen Flocke gleich, durch die Kellertiefe
des Tannenwaldes und gleitet weiter wie ein Schatten durch den Hochwald.
Sie untersucht die Wipfel -- sollte da nicht eine Taube sitzen? Sie
versenkt sich in die Dickungen --: sollte sich nicht eine Amsel dort
verborgen haben? Die lhmende Angst folgt ihr; da man sie nicht hrt,
sie nicht sieht, ehe sie auftaucht, darin besteht Ihre Zaubermacht.

Schon breiten sich blagelbe Nebel im Osten aus. Die graue Dunkelheit
wird zu blauem Himmel, und schwarze Wolkenschichten erhalten
Glorienglanz. Die gelbe Sonne ist auf dem Wege aufwrts, bald wird
sie auf ihrem kurzen Tageszuge rings um den Wald wieder sichtbar werden.
Ein paar rote Dompfaffhhne zwischen einem Gewirr reifgeschmckter
Birkenzweige scheinen Strix grell in die Augen, und jetzt endlich
sieht sie, wonach sie die ganze Nacht gesucht hat --: ein Eichhrnchen
schlpft vor ihr her, einen Zweig entlang.

Das Eichhrnchen ist morgenfrisch -- und Strix hat Pech mit ihrem ersten
grausamen Schlag; sie schlgt von unten zu, aber sie jagt nur die Fnge
in den Zweig, auf dem das Eichhrnchen sa.

In langen, krummbahnigen Sprngen, als wre es eine abgeschossene Kugel,
saust das Eichhrnchen von einem Baumwipfel zum andern.

Mit zusammengefalteten Flgeln schleudert sich Strix hinter ihm her,
sie macht jhe Wendungen rund um die groe Krone herum. Sie steigt mit
schnellen, aber lautlosen Flgelschlgen, gleich einem groen, braunen
Fuball, und streift mit blitzschnellen Hieben den glatten Pelz des
Eichhrnchens.

Haare stieben durch die Labyrinthe der Zweigwlbungen ...

Das Eichhrnchen schwebt in grter Gefahr. Trotz ihres schweren
Krpers versteht es Strix meisterhaft, sich zu winden, und sie ist
dem Springgesellen mehrmals so dicht auf den Fersen, da ihr die
zurckschnellenden Zweige ins Gesicht schlagen.

Aber dieser Akrobat ist nicht von gestern. Es ist ein alter, gewiegter
Bursche, der schon frher im Leben Eulen im Nacken gesprt hat -- er
wei, wo er hin will, wo Hilfe zu finden ist.

Die Gebirge auf dem Mond werden schwarz ...

Immer mchtiger, immer blendender erscheint die Himmelskuppel im Osten.
Schon schlecken gelbe Flammenstrahlen herauf -- und weit drauen am
Horizont schlgt gleichsam ein groer Pfau sein prachtvoll blulich
gleiendes Rad. Ein Schimmer vom Tag sickert zwischen den Bumen
herab ...

Strix ist zu sehr in Anspruch genommen von ihrer Jagd; sie achtet nicht
auf das Licht, das den Wald um sie her lebendig macht.

-- -- --

Auf der Leeseite des Waldes, in einem entlegenen Eschenmoor, sitzen
Krhen und Dohlen auf ihren Schlafbumen.

Strix hat in der letzten Zeit zu sehr in Eichhrnchen geschwelgt; sie
hat diese leckere Neuigkeit des Jahres der alltglichen Kost, den
Aasvgeln, vorgezogen. Sonst htten die Krhen keine so ruhige Nacht
gehabt!

Wie eine Sternschnuppe sinkt das Eichhrnchen nach einem glcklich
ausgefhrten Riesensprung quer durch das Krhenvolk hindurch ...

Da stiebt aus den Kronen alter Eschen eine boshafte,
_morgenverdrieliche_ Vogelschar auf. Mit Schreien und Flgelschlagen
umwirbeln sie die Schlafbume, kreischen wild und brechen in ein
gellendes Gelchter aus.

ber den Waldwipfeln in der Ferne geht gerade die Sonne auf ...

Strix ist mitten zwischen ihnen, ehe sie sich's versieht. Sie erhaschen
einen Schimmer ihrer wolligen dmmerungsfarbenen Flgel, mit denen sie
zwischen den Bumen aus und ein fliegt -- und nun strzen sie sich ber
sie. Von oben, von unten, von der Seite kommen sie. Die Krhen haben
etwas zu rchen. Der groe nchtliche Ruber wirkt auf sie wie ein
Schlag ins Gesicht, versetzt sie in Wut -- sie kennen Strix von mancher
Gewalttat her!

Gleich stechschtigen, aus dem Hgel aufgescheuchten Wespen umsummen sie
Strix. In langgestrecktem Bogen, unter spitzen, unbeholfenen Wendungen
stoen sie auf sie ein. Sie sind mutig, sie sind zahlreich: Hunderte und
aber Hunderte gegen _einen_ Feind. Federn und Daunen stieben wie Laub im
Herbst durch den Wald ...

Strix hat genug zu tun, um sich whrend der Flucht zu schtzen. Mit
Fauchen und Lichterblitzen, mit Flgelknochen und Fngen ist sie bemht,
sich die zudringlichen Viecher vom Leibe zu halten. Sie wagt nicht, ihre
gewhnliche Krhentaktik anzuwenden, die sie in ihrem bermut zuvor
so oft diesen Proletariern der Luft gegenber benutzt hat. Freiwillig
hat sie sich zuweilen von ihnen finden lassen und ihnen gestattet,
ununterbrochen um sie zu kmpfen. Und dann pltzlich, wenn eines zu
dummdreist geworden war, hat sie die Gelegenheit wahrgenommen und den
Gesellen mit ihren Fngen erhascht.

Da aber sind es nur drei, vier Stck gewesen -- und jetzt sind da
Hunderte und aber Hunderte!

Das leckere kleine Eichhrnchen ist vergessen; das hat sich lngst
geborgen und sitzt wohl verwahrt in irgendeinem Schlupfwinkel und
verschnauft. Auch Strix' Gedanken drehen sich jetzt um nichts weiter als
um einen hohlen Baumstamm. Das Gesindel ist hinter ihr drein, der Wald
ist in Aufruhr ...

Da ist das Glck ihr hold.

Wie sie sich in wildester Flucht, verfolgt von dem Krhenschwarm, hinter
einen Stamm wirft, verschwindet sie pltzlich. Ihren Verfolgern will es
scheinen, als sei sie von dem Baum verschlungen. Kopfber taumelt sie in
einen tiefen Spalt hinab ...

Wo ist sie abgeblieben? schreien die Dohlen, und sie verdichten sich
wie Kohlenrauch um ihr Versteck, machen einen langen Hals und starren.
Ein verwegener Schelm wagt sich ganz dicht heran und guckt in das
Loch hinein, fhrt aber mit einem Gekreisch zurck. Hu! war das ein
grulicher Anblick! Es glht aus dem faulen Holz heraus, wild und
flammend; der Schelm hat genug gesehen, er ist am Rande einer Schlucht
gewesen, die tief wie ein Abgrund war.

Dann kreischen die aufgeregten Krhen eine Stunde lang, sie schelten
und schimpfen, fahren einander an die Kehle und kratzen und hauen sich
gegenseitig nach den Augen, bis ein armer, rudiger, wintermatter Fuchs
ihrer Wut endlich den ntigen Ablauf schafft.

-- -- --

Als eine Weile alles still gewesen ist, kommt ein groer Kopf behutsam
zum Vorschein. Strix taucht auf und sieht sich lange wtend um.

Da sind Drohungen, da ist Rache in ihrem Blick!

-- -- --

Am folgenden Abend ist kein Brand im Sonnenuntergang: das Licht ist
hinter Schneetll verborgen. Ein schwerer, grauer Himmel lauert ber
der Erde; es schneit hin und wieder -- und die vereisten Birkenkronen
klirren.

In der freien Luft ber dem Walde, wo ein beiend kalter Nebel die
hchsten Wipfel verschleiert, sind die Krhen im Begriff, sich zur Nacht
zu versammeln. Schon aus der Ferne hrt man sie in kleinen Scharen von
acht bis zwanzig heranziehen ...

Sie versammeln sich heute abend frh -- und wie sie sich in
schwarzpunktigen groen Schwrmen rund herum schwingen um den alten,
dichten Tannenwald, der sie mit seinem Nadeldach und tausenden von
Ruhezweigen anzieht, klagen sie in einem mchtigen Chor ihre Winternot.

Die Krhe gibt in der Regel einem kahlen Schlafast den Vorzug. Sie
will am liebsten in der Esche des Moores oder in der alten Buche des
Hochwaldes sitzen, um leicht aufhaken und abstreichen zu knnen. Aber
heute abend ist das Wetter ungewhnlich hart, und der Hunger im Bauch
ist nur halb gestillt.

Kra-ah! Kra-ah! singen die schwarzen Vgel -- und es liegt etwas
bedrckend Unheimliches in ihren Stimmen. Jedesmal, wenn ein neuer
kleiner Schwarm von der Tagesarbeit zurckkehrt und sich den Genossen
anschliet, erhlt der Chor gleichsam neue Unheimlichkeitsnahrung und
vermehrt seine Strke.

Und dann schwindet das Licht -- --

Die rund herum segelnden groen Schwrme schweben nher und nher den
emporragenden Wipfeln zu, lsen sich pltzlich auf und kuscheln sich in
die Nadeltiefe ein. Es ist ein Wohlsein, eine namenlose Erquickung, den
Krper unter den warmen Kissen zu bergen. -- -- --

Aber unten, ganz nahe am Stamm, auf dem knorrigsten Ast thront Strix.

Sie sitzt da und heuchelt einen Knorren.

Mit gespannter Aufmerksamkeit hat sie das Abendgekrchze der Aasvgel
verfolgt ... die spielenden Federhrner haben ihre Gemtsstimmung
ausgedrckt. Das unheimliche Dmmerungskonzert ist in ihren Ohren zu der
lebhaftesten Musik geworden; sie hat mit voller Befriedigung vernommen,
wie der Chor wuchs und wuchs, und die Luft von den vielen gespannten
Schwungfedern drhnte.

Jetzt, wo die Krhen wie die Flocken aus einer Schneewolke, die
zerstiebt, rings um sie her in die Tannen hinabplumpsen, jetzt, wo sie
es endlich in ihrer unmittelbaren Nhe kribbeln hrt, wird sie auf ihre
Weise dem Ursprung allen Lebens dankbar.

-- -- --

Ein stumpfrutiger Marder hat die gleichen Absichten wie Strix.

Er spaziert hoch oben in Kronenhhe durch den Tannenwald; das
regnerische Wetter begnstigt auch seine Meuchelmrdertaktik.

Er ist an einem Stamme drauen am Rande des Waldes aufgebaumt; jetzt
hat er einen Kilometer, oben zwischen den Zweigen balancierend,
zurckgelegt.

Niemand ahnt ihn! Er schiebt sich an einem Zweig entlang, der im Winde
schaukelt. Fat dann das Ende des Zweiges und wippt in einen neuen
hinber, an dem er entlang kriecht, bis er im Baum verschwindet. Dann
schiebt er sich auf der entgegengesetzten Seite weiter, lauert von Zeit
zu Zeit und windet lange.

Es geht nicht in geschwinder Fahrt, wie hinter dem Eichhrnchen drein,
aber es eilt ja auch nicht!

Zufllig steuert er geradeswegs auf die knorrige Tanne los, die sich so
ungewhnlich gut zum Lauern eignet.

Sie ist voll trockner Knorren und dicht nebeneinander sitzen sie, so da
er keinen Vorteil durch Klettern einbt, nein, er kann schleichen ...
ganz bequem, als ginge es eine Treppe hinauf.

Und dann dort, wo der lange Schaft des Stammes allmhlich irgendwo
hoch oben unter den Wolken einen Besen bildet, ist die Tanne so
zusammengefilzt, so dicht und nadelig, da niemand, weder von oben noch
von unten, einen Einblick hinein gewinnen kann. Eine kleine Lichtung in
dem grnen Gewlbe, zu dem sich die Tanne emporreckt, erschliet den
Krhen und Holztauben den ntigen Einflug.

In seine eigenen, tiefsinnigen Gedanken versunken, beginnt der
alltglich bekmmerte Taa seinen Aufstieg. Sein knurrender Magen hat
unmglich vergessen knnen, da er vor mehr als achtzehn Stunden um
einen kleinen leckern Akrobaten betrogen ist, fr den die sphenden
Lichter und der suchende Windfang ihm noch keinen Ersatz in Aussicht
gestellt haben.

Seine Sprnge von einem Zweig zum andern auf dem Spaziergang hierher
sind nur knapp bemessen gewesen; bei _einer_ Gelegenheit ist er sogar
hindurch geplumpst -- bis hinab auf den Erdboden.

Er ist halbwegs mde und schlapp ...

Hin und wieder whrend des Aufbaumens streifen seine gierigen Lichter
wohl einen groen Knorren oben an der Seite des Stammes; aber solche
Knorren hat ja jeder zweite alte Baum, und die greisenhafte Tanne hier
ist voll davon. Zum berflu kommt der Wind gerade von der verkehrten
Seite; es zieht durch die Lichtung von unten herauf, wie durch einen
Schornstein.

Als Taa bei dem Knorren angelangt ist, wird dieser pltzlich lebendig
und frchterlich zu schauen. Strix ffnet die Seher und zndet gleichsam
Licht an, ein brandroter, phantastischer Schein schiebt sich ber den
Marder und hlt ihn fest. Sein halb offener, arbeitsthnender Rachen
schliet sich und in seinen Blick kommt das Verschlagene und Verlegene,
das ein Raubtier nicht zu unterdrcken vermag, wenn es sich einer groben
Unachtsamkeit bewut wird.

Aber Strix will hier keinen Kampf! Wohl hat sie diesen schlauen und
frechen Ruber -- und kann sie ihn von hinten berfallen, die Fnge in
seinen Rumpf schlagen und seinen starken Nacken in den Schraubstock
ihrer Schneiden fangen -- dann ist die Gelegenheit da. Aber nach offenem
Kampf, wenn ihr der Hunger nicht in den Fngen kribbelt und sie unbndig
macht, so da sie gleichsam rufen: greif ihn und krpf ihn! gelstet es
sie nicht.

Und Taa seinerseits wird sich schon hten!

Es ist, als wenn diese beiden mordlustigen, ungefhr ebenbrtigen Gegner
sich des Anlasses dieses Zusammentreffens wohl bewut sind; kein Laut
dringt aus ihren Kehlen. Der Uhu blst sich nur auf und strubt die
Zauberhrner; der Marder schleicht von dannen wie eine begossene Katze.

Der Sturm schaukelt die Tannen, so da ihre wolligen Zweige in die Hhe
schlagen wie ein Kleid, das der Wind gefat hat. Es ist dunkel zwischen
ihnen wie im Grabe.

Die tagmden Krhen sind lngst eingeschlafen. Der Himmel speit Schnee,
und die Schauer treiben Brandung und Sturzseen in den Wald und bringen
die Legionen der Tannennadeln zum Kochen und Sieden.

Wer hoch oben auf einem Zweige sitzt und in die Tiefe hinabsieht, dessen
Gesicht wird noch dunkler, wer aber von unten heraufkommt und in die
Hhe guckt, hat noch eine Chance trotz der Dunkelheit. Er sieht schwarze
Krhenleiber auftauchen, als seien es groe Tannenzapfen an den Zweigen.

Ein heiserer Todesschrei schleppt sich pltzlich durch die Nacht!

Strix hat lautlos ihren ersten schlafenden Klaus berrascht. Der rmste
erwacht erst, als er in ihren Fngen eingeklemmt sitzt.

Der Schrei weckt jh die zunchst schlafenden Kameraden. In das
Sturmesgesause mischt sich vereinzeltes Krhengekrchz.

Dann auf einmal flattert es aus allen Tannenwipfeln heraus; gleich
groen, verirrten Finsternisflocken schwingt sich Krhe auf Krhe in die
Luft hinaus.

Heisere Schreie und langgezogene, wehmtige Klagen steigern das Grauen
und das Entsetzen. Sie singen in ihrer Sprache, die schwarzen Aasvgel,
ber den Verlust und die Vergnglichkeit des Erdenlebens: hier saen wir
so schn, nachdem wir es so schwer gehabt hatten, da, da -- --

Strix wtet oben zwischen ihnen. Sie schlgt die Fnge in den Bauch
einer zweiten Krhe und macht sie schnell auf ewig verstummen. Sie packt
eine neue und noch eine -- gar viele schlgt sie nieder in der Schlacht.

Unten aber hpfte Taa und sammelte eifrig auf ...

Jetzt endlich fand er Ersatz fr seinen kleinen Akrobaten!




7. Der neue Wald rckt vor


Es war noch wild und urzeitartig in dem groen entlegenen Walde.

Er war ja freilich ein kniglicher Staatswald. Es gab einen Forstmeister
und es gab Frster, Hegereier und Waldhter, und jeden Winter in der
Zeit des Fllens dingte man drauf los unter den Leuten in der Umgegend,
um zu roden; aber noch war man nicht so weit gelangt, den Wald auf
fachgeme Weise zu durchforsten. Darum gab es Teile, die noch nie unter
dem Gesetz des Reieisens und der Axt gestanden hatten, in die seit
einem Menschenalter kein Mensch auer dem Wilddieb und dem Treiberjungen
oder dem leidenschaftlichen Eiersammler seinen Fu gesetzt hatte. Es war
hier nicht wie im Kulturstaat, wo es kaum einen Quadratfu Boden gibt,
der nicht alle zehn Jahre mindestens einmal die Stiefelsohlen des
Holzwrters sprt. Nein, Grben und Entwsserungsrhren waren hier
unbekannt, groe Moore und Lichtungen lagen mit Gestrpp bewachsen da,
zahllose kleine Seen mit Rhricht und Weidenbschen gab es, und im
Winter war fast jede Niederung berschwemmt.

Es war ein stark kupierter Wald, durchschnitten von langen, sonderbar
gewundenen Schluchten, die bei der Frhjahrsschmelze das Wasser der
Hgel den stillen Waldseen zufhren halfen.

Arbeitete man sich die Hgel hinauf, so erreichte man Hhenpunkte mit
weiter und ferner Aussicht; man sah den Wald von oben, sah Kronen und
Wipfel im Schein der Luft: das grne Gewlbe im Mai, das gelbe und rote
im Oktober lag wie ein unermeliches Blttermeer unter Einem und
glitzerte in Wellen und Kruselungen.

Durch den Boden der Klfte wanden sich Bche in tiefe Betten. Im
Sommer waren sie trocken, nur welke Bltter und umgestrzte Baumstmme
huften sich darin auf. Aber zur Frhlingszeit gruben die Strme der
Schneeschmelze die Betten auf, gruben sie tiefer und tiefer;
stellenweise konnte man in sie hineinsehen, als she man in einen
Abgrund -- so steil waren die Abhnge, da das Herbstlaub, wenn es fiel,
in Sprngen an ihnen hinabhpfte wie Krten.

In diesem Walde, der so weicherdig und so laubgesttigt war, da der
Mensch seine eigenen Futritte nicht hren konnte, wo ihm, dem hohen
Wesen auf Zehen, zumute war, als _schwebe_ er, und wo er deswegen oft
schauderte ber das ungewhnlich Geisterhafte, das pltzlich ber seinen
sonst so schwerflligen Fu und Rcken gekommen war, in diesem Wald
versteckt sich Dnemarks letzte groe Eule.

Sie hatte hier ungefhr zehn Jahre gelebt und war dieselben Luftwege --
aus und ein -- zwischen dem Zweiggewlbe geflogen, sie hatte dieselben
Fangzweige, dieselben Lauerstellen benutzt und versucht, ihre Beute zu
berholen, wo die Verhltnisse und ihre Erfahrung sie gelehrt hatten,
da sie berholt werden konnte. Alles war von einem Tage zum andern
gegangen, wie es zu gehen pflegte -- im Sommer berflu: Birkhhne,
Hasen und sptgesetzte Rehkitzchen; im Winter Schmalhans: Eichhrnchen
und Krhen, und Zank und Streit mit Fuchs und Marder.

Sie hatte sich nun an ihre Einsamkeit, an ihr groes Entbehren gewhnt.

Nur um die Frhlingszeit bei Regenschauern, und auch sonst wenn
schlechtes und unruhiges Wetter im Anzuge war, tauchten die alten
Erinnerungen in ihrem Innern auf.

Wohl entsann sie sich keiner Einzelheiten ... nur unbestimmte Ahnungen
von geraubtem Glck durch den Verlust von Mnnchen und Jungen konnten
sie zu diesen Zeiten andauernd grimmig und bse stimmen.

Aber es ging nur ber Marder und Fuchs, ber Krhe und Habicht her, nur
diese, ihre verhltnismig unschuldigen Feinde, bekamen ihre Fnge zu
fhlen, die verfolgte sie noch immer aus tiefstem Herzensgrunde. Der
Mensch dahingegen war fr Strix nicht mehr das groe, lcherliche Tier;
er war der Herr, dem man gehorchen mute, in dessen Launen man sich
finden mute, und nach dessen Treiben Strix sich notgedrungen richten
mute. Ihr Drauflosgehen den Menschen gegenber hatte lngst einen
Knacks erlitten; sie scheute sie jetzt mehr, als sie es je zuvor getan
hatte.

Und dann eines Tages verlautete es ... es ging auf Fledermausflgeln
durch den Wald, unhrbar fr andre, als fr die, so es verstanden: sie
hauen, sie fllen ...

Wer?

Die Zweibeine, die Gesichter, die groen Zerstrer oder welche
Namen man nun fr die Friedensstrer hatte. Hrt! Sie roden, sie hauen,
die Bume fallen um, Versteck wird zu Luft und Schutz zu Nsse. -- -- --

Es war ein neuer Forstmeister in die Wlder des groen Frdenkreises
gekommen, ein eifriger Kerl; er hatte fast sein ganzes Leben in der
Kanzlei gesessen und Entwrfe gemacht, daher hatte er ein frchterliches
Bedrfnis, sich zu rhren: zu hauen! Er sah den Wald durch die
Zauberbrille der Kultur: die Bume sollten da und da wachsen und so und
so stehen ...

Sein Vorgnger war ein altes, amtsmdes Individuum gewesen, mit
Sehnsucht nach Natur im Leibe. Er hatte, wo er nur konnte, gern hier und
da in seinen Anpflanzungen einen selbstgesten Kmmerling stehen lassen,
und er hatte auch Hirsch und Rehbock geschont und das Ohr dem Pfiff des
groen, flggen Habichtjungen verschlossen.

Jetzt sollte dieser Schlendrian ein Ende haben! Es sollte geschossen
werden, _geschossen_, und es sollte gefllt werden, _gefllt_ ... ein
ganzes Menschenalter sei ja dort im Walde kein Ast angerhrt, behauptete
der neue Meister.

Die Holzwrter waren gewohnt gewesen, glimpflich vorzugehen; sie
hatten viel zu Hause zu tun. In Zukunft sollte die Pfeife einen andern
Ton haben; sie sollten im Walde sein und sonst nirgends. Der neue
Forstmeister strmte dahin wie ein Unwetter. Alles was mrbe und
berlebt war, mute sich beugen -- und mit den Tagen, die gingen, und
dem Winter, der vorschritt, ward es lichter und offener im Walde.

Strix hrte die xte schlagen und die Sgen schneiden, und spt am
Abend, wenn sie ausflog, sah sie neue Haufen gefllter Bume und
geschlagenen Holzes; es lag in langen Streifen hinter den Menschen so
wie die verdauten Erdknollen hinter einem Regenwurm.

Eines Tages kommt ein Fu um die alte hohle Buche herum. --

Schale und Lauf sah man oft um den Baum herum, aber ein Fu -- --

Und Strix strubt die Hrner.

Nach ihrem langjhrigen ungestrten Leben hier drauen im Walde war sie
gleichsam in den Urzustand ihres Stammes zurckversetzt. Noch bis vor
wenigen Monaten hatte sie nur selten andere Laute gehrt als die eigene
Stimme und die Stimmen des Waldes und des Sturmes; jetzt steigt ihr ein
brenzeliger Geruch wie von sonnengedrrtem Harz und sumpfigem Moor in
die Nase, und das Gerusch von Tritten fordert eindringlich, in ihren
Ohren zur Ruhe gebracht zu werden. Strix kann nicht recht wach werden
-- --

Da rafft sie sich auf; sie wird pltzlich schlank, mit bermchtiger
Kraft drngt sich ihr die Erkenntnis auf: das ist ja der _Mensch_!

Ein Reieisen wird hervorgeholt, und ein Stock mit einem Spatenblatt
am Ende fngt an zu kratzen und zu hauen; Strix ist kurz davor,
auszufliegen, so genau untersucht der neue Forstmeister die Buche.

Herr du meines Lebens! -- entfhrt es seinem Munde, und er reit ein
gewaltiges Loch in die Rinde des Baumes ... herunter mit ihm!

Am nchsten Tage kommen die Schritte wieder, das Kratzen und Hauen
wiederholt sich.

Aber mehr als zweimal lt sich Strix nicht in ihrer Tagesruhe stren,
ihr Mitrauen ist erwacht -- wie ungern sie es auch tut, sie mu aus
ihrer alten Wohnung ausziehen.

Sie fliegt nach der Tiefe der alten Tannen und sinkt in ihr warmes,
lichtschwaches Gewlbe hinab. Hier sitzt sie eine Woche lang in einem
alten Habichthorst. Bis es pltzlich eines Morgens in dem Stamm singt
und wie von weien Federn um seinen Fu stiebt ... sie fhlt den Wipfel
erbeben, den Baum schaukeln und auf einmal umfallen -- da erst streicht
sie ab. Sie whlt eine neue Tanne, weiter entfernt im Dunkeln, aber
schlielich erreicht die Axt auch die ... die gierige Axt frit ganz
regelrecht auch Tannen!

Dann nimmt sie frlieb mit dem tiefen Astspalt hoch oben in der Buche,
der sie seiner Zeit vor den Krhen errettet hat. Es ist freilich ein
enger Raum, in dem es zieht, denn der Baum ist fast durch und durch
faul, und hatte ein Loch neben dem anderen, sowohl ber ihr als auch
unter ihr in der ganzen Lnge des Stammes. Aber ein Zufluchtsort ist
der Spalt doch!

Als der Frhling kam, wurden alle Lcher benutzt. Strix, die die
Vornehmste war, wohnte im ersten Stockwerk, ber ihr in den vielen
andern Stockwerken hatten Stare, Blaumeisen und Kohlmeisen ihre
Behausung, unter ihr wohnte ein Dohlenpaar und ganz unten im Keller eine
fette schwarze Ratte, eines der sogenannten Moorschweine. Das Erdgescho
aber stand leer, denn dort wohnte im Winter Meister Taa, und nach ihm
roch es den ganzen Sommer.

Es war Strix indessen unmglich, sich an den Spektakel der vielen
kleinen Leute ber und unter ihr in dem neuen Hause zu gewhnen. Als
daher der Sommer kam und das Laub die Schlupfwinkel des Waldes dster
machte, blieb sie oft den ganzen Tag drauen sitzen.

Sie setzte sich gewhnlich auf einen Fleck, wo selbstgesete Birken
und Erlen oder Tannen in groen Haufen Wurzel in der nachtschwarzen Erde
der Waldmoore geschlagen hatten; dahinaus wagten sich nicht viele von
denen, die zu Fu gingen. Sie zog tief in die Moore hinein, nach den
sumpfigen, feuchten Stellen, wo die Bume klein waren und sich in den
allerverzerrtesten Formen umeinanderschlangen. Namentlich hatte sie
drauen auf einem Grasbschel mitten in einer Wasserlache zwischen den
kranzfrmigen Zweigen eines uralten Weidengestrpps eine liebe und
ruhige Schlafsttte. Es war hier wie in einer Laubhtte -- und diese
Laubhtte benutzte Strix oft und lange.

Bis die vielen kleinen Vgel: Gartensnger, Mnch, Rohrdommel und
Nachtigall, deren eigentlicher Besitz dies alles war, und die ihren
Heckplatz und ihre Nestwohnung rings umher in dem Schlupfwinkel hatten,
zufllig auf sie stieen. Da hatte der Friede ein Ende! Die kleinen
Vgel hrten nicht auf, Strix ihr Mifallen ins Ohr zu schmettern, die
Lumpen des Waldes -- die Hher, zogen auf, und bald darauf die Drosseln
-- die wachsamen Schutzleute des Waldes -- da wute sie, da die
Botschaft erging, da das gellende Horn ertnte, da der Wald binnen
kurzem mobil gemacht sein werde, und sie breitete die Flgel aus und
flog hinauf durch das Laubdach, flog davon -- um sich wieder tief in
ihrem Spalt zu verstecken.

Nichts konnte Strix so reizen wie dies Kleinvgelgesindel. Meinetwegen
die Krhen! dachte sie. Meinetwegen Marder und Fuchs und zur Not auch
die Menschen! Das alles war gro, so wie sie selbst und hatte das Recht,
auszuschelten; aber so eine kleine lebende Flocke, was hatte die zu
sagen!

In dem tiefen Spalt war es scheulich im Sommer -- schwl und zum
Ersticken! Und kitzelndes Spinnengewebe hatte sie bestndig im
Schnabelbart -- in der Laubhtte des Weidengestrpps war es so frisch
und khl gewesen!

Der Sommer verging --

Es wurde immer schwieriger fr Strix, sich in dem alten Walde zurecht zu
finden. Es war mit dem bald ebenso wie mit den vielen andern, aus denen
sie ihrer Zeit geflohen war: der groe Zerstrer hatte ihn nun ganz
umgewandelt.

Wo sich Smpfe und Erderhhungen zwischen stehenden Gewssern hinzogen,
wo Zwergweiden und Birken, Wollgras und Porsch wuchsen, dahin kamen
breite Grben mit Wiesen und Gras. Wo einst Sandgrben und Heideebenen
und rotbraunes Heidekraut gewesen, wo Rehbock, Birkhahn und Hase freien
Durchgang gehabt, da wuchsen kleine immergrne Miniaturwlder auf.
Selbst Strix' kleiner Waldsee zwischen den Hgeln war verschwunden.
Wo einst Wasser glitzerte, und Rhricht und Entengrn und herrliche
Wasserpflanzen fr Wildente und Storch zum Hineinschlabbern bereit
lagen, da sah sie nun auf ihren nchtlichen Zgen nur noch ein leeres
Schlammbett liegen. Und so berall! Wo die Einsamkeit wohnte, wo der
Wind seinen Singplatz und die Sonne ihre Badestelle hatte, wo der
Herbststurm zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche wild brunstete, und der
Lenzregen in Bachbett und Schluchten rieselte und summte -- dort rumorte
jetzt der Menschengeist.

Es wurde Winter -- und Strix hrte Taa in seine Wohnung unter ihr
einziehen. Er hatte ein Junges bei sich ...

-- -- --

Taa war jetzt eine alte Ratte und lange nicht mehr so kampflustig, wie
er es in seinen jungen Tagen gewesen, als er die Nestpalisaden des
groen Uhus strmte. Er hatte graue Stoppeln im Bart, und die Farbe des
Pelzes fiel ins laubbleiche und nicht mehr in das frher so glanzvolle
und tiefe Kastanienbraun.

Er hatte das gewhnliche Leben eines Marders gelebt, hatte sich durch
die Welt gerubert und sich durch seine Schlauheit, Entschlossenheit und
seine vielen krperlichen Fertigkeiten Respekt verschafft. Jetzt hatte
er, was die letzteren anbetrifft, nichts mehr, dessen er sich rhmen
konnte; er war halb steif und zahnlos und lebte hauptschlich von dem,
was er durch seine vterliche Wrde einem Sohn abzupressen vermochte.

Klein-Taa artete in allem nach seinem Erzeuger. Er war, wie ein
Waldmarder sein soll, voll Schlpfen in der Pfote, Springen im Lauf und
einem ewigen Verlangen nach Blut in den Zhnen; aber er war noch grn
und unerfahren ...

Er lie sich indessen gut an!

An Streitbarkeit des Gemts bertraf er sogar noch den Vater -- und
so jung er war, lie _er_ sich kein Eichhrnchen nehmen, das er mhsam
gefangen hatte, ohne vorher entschlossen sein Leben dafr eingesetzt zu
haben.

Bei dergleichen dummdreisten Neigungen wrde er nicht alt werden, das
konnte sein Vater ihm weissagen, aber der groe Taa hatte sich nie mit
Weissagungen abgegeben.

Nur Einem gegenber zeigte sich Klein-Taa ungewhnlich gutmtig; das war
so wie es sein sollte, nmlich seinem vterlichen Erzeuger, dem groen
Taa gegenber.

Schlau und erfahren, wie der groe Taa war, hatte er den Sohn nmlich
von frhester Jugend an daran gewhnt, seine Beute mit ihm zu teilen.

So oft ward Klein-Taa der leckerste Teil seines Fanges weggenommen,
da er es allmhlich als selbstverstndliche Pflicht empfand, diesen
krftigen alten Kerl versorgen zu mssen.

Jetzt, wo es Winter mit ungnstigen Witterungsverhltnissen geworden
war, und die Sprlichkeit der Beute das Leben noch kmmerlicher fr
einen alten, abgelebten Marder machte, hing sich der groe Taa wie eine
Klette an seinen Sohn und wich nie -- auch nicht am Tage -- von seiner
Seite.

Klein-Taa empfand es zuweilen als etwas Naturwidriges, da sie beide
am Tage in derselben Hhle saen und Grillen fingen, da aber auch fr
Marder Wohnungsnot herrschte und der Frhling noch nicht in der Luft zu
spren war, fand er sich darein.

Eines Morgens bei Tagesgrauen kehren sie beide schneedurchnt heim.
Strix hrt Vater und Sohn in ihre Behausung schlpfen und anfangen, sich
in ihrer luftigen Stube zu putzen.

Strix sitzt in der ihren ber ihnen.

An diesem Morgen sind Spuren im Schnee zu lesen, und die Jger sind
berall auf den Beinen.

Drei groe, starke Mnner folgen den Mardern auf den Fersen; sie finden
den Baum, versuchen hinaufzuklettern, sind aber nicht imstande dazu. Da
znden sie Feuer an der Wurzel des Baumes in dem Loch des Moorschweins
an. Das Schwein wird gebraten -- und es schwlt hlich durch den
ganzen mrben Stamm hinauf. Der groe Taa niest, und Klein-Taa niest,
und auch Strix mu niesen. Jeder von ihnen denkt, da es ihm gilt.

Aber als die Marder hinausschlpften, flog auch Strix auf ... Die Jger
schossen den groen Taa. Strix und Klein-Taa bekamen sie nicht.

Wo sollte Strix jetzt nur bleiben?

Die alten Tannen waren dahin, und die Einsamkeit und Waldestiefe um
ihre liebe alte Buche auch. Von ihrem ganzen einst so wilden Walde mit
Sturmesgebraus und Baumgeknarre waren nur noch einzelne zerstreute Teile
brig, in denen sie frher nie hatte sein mgen. Ein niedriger Jungwald
breitete sich berall ber den entwsserten Mooren und auf den offenen
Stellen aus, und mystische, von Menschen geschaffene Laute hielten sie
von Morgendmmerung bis Abend wach. Wo sollte sie nur bleiben?

Es wurde immer gefhrlicher fr Strix, hier im Walde umherzuschweifen.
Die Jger kamen oft mit Flinte und Hund hierher, und es wurden groe
Treibjagden abgehalten. Htte sie das Leben nicht dies und jenes
gelehrt, und htte sie nicht bestndig den Platz gewechselt oder
sich unsichtbar gemacht, indem sie sich unter groen, halbverfaulten
Baumstmpfen und in alten, unbewohnten Fuchsbauten versteckte, so wrde
es ihr nie gelungen sein, den Jgern zu entkommen.

Mehr und mehr ward es ihr klar, da sie nun wieder weiter mute!

In ihren jungen Jahren war sie viel gewandert. Im Herbst und namentlich
zur Winterszeit war sie in der Regel von dannen gezogen, und hatte nach
Lust und Laune umhergestreift. In spteren Jahren hatte sie sich nicht
viel aus diesem Umherstreifen gemacht; sie war geblieben, wo sie war.

Aber nun zwangen die Verhltnisse sie von neuem.

Wohlan, so mute sie denn fort; sie mute sich eine neue und bessere
Gegend suchen!

-- -- --

Um die Frhlingszeit werden die uralten Wandergrillen nach Verlauf von
Jahren wieder lebendig in Strix -- in einer schnen Nacht berkommen sie
sie pltzlich wie mit der Unbndigkeit eines Fiebers.

Sie merkt, wie gleichsam ein Trieb, ein Verlangen in ihr aufsteigt. Es
ist kein Hunger, nichts, was sie durch ihren Schnabel, durch ihre Fnge
befriedigen kann. Es wohnt anderswo als in ihrem Magen und schmerzt auf
eine eigene, innere Art. Sie wird unruhig, kann nicht schlafen, nicht
still auf dem Zweig sitzen, sondern mu fortwhrend mit den Augen
zwinkern und die Flgel halb ffnen, wie zum Flug. Das Verlangen wchst
und wchst, auf seine Weise genau so, wie der Hunger wchst ... und so
steigt sie denn, als der Vollmond blank am Himmel steht und das Licht
grell ber der Landschaft liegt, wie in einem Rausch ber den
Waldeswipfeln auf und verschwindet.

Sie wandert, wie hunderte von groen Uhus vor ihr gewandert sind, von
den Menschen vertrieben, der Naturruhe und Einsamkeit entgegen, nach
denen ihr Sinn stand. Gleich diesen heimgegangenen Vorfahren aus den
lndergroen, jetzt verschwundenen Wldern hat auch sie dieselbe Liebe,
dasselbe innige Bedrfnis, sich auszuscheiden, zu isolieren.

Von Natur ist niemand so ungesellig wie Strix; aber es ist doch, als
wenn ihres Zeitalters berflu an Menschen sie -- die letzte -- noch
weniger umgnglich gemacht hat.

Ruhe, Ruhe, seufzt sie, wenn sie fr sich seufzt; Ruhe ist sozusagen
eine Lebensbedingung fr sie. Sie kann nicht atmen, nicht gedeihen, wo
wie hier Axthieb auf Axthieb fllt, wo Wagengerassel und Pferdegetrappel
erschallt, und Menschen und Hunde lrmen. Sie ist der Vogel der groen
Einsamkeit! Was die Sonne fr die Blumen, ist die Naturruhe fr sie; sie
mu sie suchen, ihr nachziehen, wie man die Zweige der Bume sich nach
dem Licht krmmen und strecken sieht.

Sie whlt die Nchte zu ihren Flgen und hlt sich am Tage still und
verborgen in irgendeinem den Winkel. Sie sitzt in einsamen Torfhtten,
in verfallenen Scheunen, in alten Kirchtrmen, die ganz allein liegen.
Hier darf sie in der Regel in Frieden sitzen, niemand ahnt ihre
Anwesenheit -- gro genug ist sie ja, aber sie hinterlt keine Spur!
Es geht ihr nicht wie dem Hirsch, der, wohin er auch immer tritt, einen
groen Abdruck seiner breiten Schalen hinterlt, eine Spur, die eine
Unzahl von Schtzen und Jgern hervorzaubert.

Das Einzige, was Strix verrt, wenn sie zu lange an einem Ort verweilt,
sind die weien Kalkkleckse die sie aus natrlichen Ursachen um ihren
Sitzplatz verbreiten mu.

Aber sie ist scheu und erfahren; sonst wre es ihr schon lngst ergangen
wie Uf, und sie wre nie davor bewahrt worden, das Schicksal des groen
Taa zu teilen.




8. Auf der Heide


Der Schimmer des Tagesanbruchs liegt gleich einem ungeheuren Tautropfen
und schaukelt ber der Erde drauen am stlichen Horizont.

Strix ist geflogen und geflogen --

Jetzt gewahrt sie in der Ferne Wald, sie sieht kuppelfrmige Kronen und
zahllose Anlufe zu Wipfeln -- ein mchtiger Hochwald mit einer Wlbung
neben der andern rundet sich ppig vor ihr empor.

Was sie erugt, sind Heidehgel am Horizont, sind Hnengrber und
Wachholderbsche, die Bume, an die sie gewhnt ist.

Bald lst die ferne Fata morgana sich auf -- und das ungeheure,
schwarzgetnte Heidekrautmeer gibt sich zu erkennen.

Noch ein Kilometer -- und als die Sonne aufsteigt, wird das
Heidekrautmeer zu der groen herrlichen Naturebene der Heide mit dem
Porschgrn der Schluchten und dem Violett der Hgelrundungen. Die
unzhligen Heidekrauterhhungen bekommen Form und Flle, sie treten
hervor und werden fr Strix zu Reisern und Bschen. Ameisenroter
Eisenocker guckt stellenweise hervor, olivenfarbene Mehlbeerenzweige
recken sich ber trocknen, natterbeschwerten Flechten empor. Der
mooshnliche Wolfsfu, der grne Pflanzenwurm der Heide, kriecht mit
seinen behaarten Ranken ber den Sand hin, auf sie zu; sie erkennt das
alles wieder von ihren wilden Streifzgen in ihrer Jugend -- und sie
fliegt hinein in die Heide bis an eine tiefe Schlucht zwischen ein paar
hohen, finsteren Hgeln, da lt sie sich nieder und setzt den Fu auf
den trockenen, knirschenden, mit Renntiermoos bedeckten Boden.

Es durchflutet sie, als sei sie lenztrunken und erfllt von dem
mchtigen Paarungstrieb; ihr wird so munter und leicht, sie wird wild
vor Freude ... hier ist noch die Erde in ihrer Ursprnglichkeit, weit
und offen mit Mooren und Smpfen, mit Weide und Porsch und dem Zug der
Hgel, der in den Himmel bergeht; ein berrest Natur von ihrer Natur
breitet sich vor ihr aus, mit Ruhe und Grozgigkeit, frei von den
vielen Steinhaufen, aus denen immer Rauch und Lrm aufstieg!

Zwischen Heidekraut, so krftig, da es in bezug auf Hhe mit
den Wachholderbschen wetteifert, und Strix hoch ber dem Kopf
zusammenschlgt, watschelt sie den bemoosten, reich mit Porsch
bestandenen Abhang hinauf und setzt sich auf den Gipfel eines alten
Hnengrabes, das in einsamer Majestt hoch oben auf einem der Hgel
thront. Sie sitzt da und keucht nach der Reise und starrt hinaus ber
ihr neues Heim.

Da hrt sie ein Piepsen gerade unter ihren Stndern.

Es ist ein kleines Birkkcken ...

Strix beobachtet mit gespannter Aufmerksamkeit, wie es sich ganz langsam
und mit groer Mhe durch das Moos hinaufarbeitet.

Strix hat wohl Lust zu dem Bissen; sie ist hungrig nach der Reise -- und
schlgt deswegen auf das Kcken nieder.

Da wird der Mooshgel, in dem das Birkkcken sitzt, gleichsam lebendig;
es kribbelt und krabbelt um die Fnge der groen Eule herum. Strix will
natrlich alles fangen, was kriecht -- und sie greift wild und gierig
nach alten Seiten um sich.

Endlich meint sie, da sie genug hat und ffnet vorsichtig die Griffe --
da hat sie nur Heidekraut und Moos in den Fngen.

-- -- --

Eine Birkhenne, die durch das Erscheinen des groen Uhus berrascht
wurde, wute nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als ihre kleinen
Kchlein in das Moos einzugraben; dort sollten sie stillsitzen, solange
der groe Fnger ausruhte. Nun htte ein kleines ungehorsames Junges um
ein Haar die ganze Brut in Gefahr gebracht!

Strix nimmt sich ihr Migeschick nicht weiter zu Herzen, sie betrachtet
das Ereignis als eine Art wohlgemeinten aber schlecht ins Werk gesetzten
Willkomm.

Jetzt will sie sich eine Wohnung suchen.

Und sie fliegt eine Wendung nach der andern und stolziert auf ihren
unbeholfenen, behosten Fngen, whrend sie mit rollenden Flgeln
zwischen den Heidekrauthgeln herumsucht.

Da hrt sie es auf der andern Seite des Hnengrabes brummen. Es ist, als
erwache jemand da unten und sprche laut mit sich selbst, whrend er
sich in aller Eile fertig macht.

Das Gebrumme des Reisenden klingt immer mrrischer; Strix fliegt aus
Neugier dahin -- und sieht eine groe Hummel aus einem Fuchsloch
herauskrabbeln.

Hu -- Hu -- Hu! schilt die Hummel und setzt mit einem gierigen und
honigerpichten Brummen ber den Kopf der Eule hinweg.

Diesmal ist der Willkomm hbsch ins Werk gesetzt, meint Strix! Der
Fuchsbau riecht ja freilich ein wenig, ja, er stinkt; aber das ist ja
nur heimatlich. Sie watschelt in den Eingang des Loches hinein und
scharrt sich eine Vertiefung, einen richtigen Nestraum mit Wlbung und
reichlich Platz zum Rhren; hier lt sie sich nieder.

Reineke kommt frh heute morgen und sehr angegriffen von der Nachtjagd.
Er geht halb im Schlaf und hlt den groen Uhu fr das, was _er_ unter
einem Gespenst versteht.

Er ist nur ein kleiner Fuchs, ein Dieb, der sich auf Art der Diebe
leicht erschrecken lt. Sein Krper ist schlaff, die Gesichtshaut sitzt
ihm in Falten, die Lefzen hngen herab und seine listigen Lichter haben
einen eigenen melancholischen Ausdruck.

Er sieht so aus, als habe er an Nahrungssorgen gelitten -- von der Art,
die ihren Mann zeichnen und ihn engherzig und hohlwangig machen.

Der Fuchs ist abgelebt -- das ist die Sache! Die Eckzhne im Unterkiefer
sind bis auf die Hhe der Vorderzhne abgeschliffen, seine Krallen sind
eckig und stumpf -- er kann nicht mehr fangen.

So kommt es denn aus diesem Anla zu keiner Prgelei. Das Gespenst ist
standhaft; es hlt sich Stunde auf Stunde in dem Bau, und so oft auch
Reineke seine Nase hereinsteckt, bekommt er sie mit groen, perlenden
Blutstropfen an der Spitze zurck. Schlielich ist die Sache
entschieden; der Bau ist besetzt, Strix wohnt da!

Und dann geht Reinecke durch die Hintertr.

-- -- --

Eine lange Zeit behlt Strix ihre Wohnung hier bei dem Heidefuchs, sie
sitzt warm in seinem Bau, in Schutz vor Regen und Sturm und geschtzt
gegen das blendende Tageslicht.

Wenn der Fuchs nach Hause kommt und seine Einquartierung vergessen hat,
wenn er sich in der Tr irrt und durch den Haupteingang geht, wie er es
sonst immer gewohnt gewesen ist, blst Strix sich auf und versetzt ihm
einen Hieb mit einem ihrer Fnge ... das hilft dann seinem Gedchtnis
fr eine Woche auf.

Auf der Heide findet Strix Ruhe -- der Kampf um ihre Ernhrung fordert
alle ihre Krfte.

Sie fngt Regenpfeifer und junge Kuckucks und Brachvgel, wenn sie im
August kommen und sich in dem Mae mit Heidelbeeren msten, da ihr
Brzel ganz schwarz davon wird. Sie fngt Stachelschweine und frit
sie mit Haut und Haar, und ohne Rcksicht auf die scharfen Stacheln zu
nehmen. Sie nimmt auch Fische und Kreuzottern und Nattern. Und wenn der
Tag zur Rste geht und die Sonne hinter den Hgeln versinkt, wenn der
Sommerwind sich legt und alles so wunderbar khl wird, wenn die Blumen
nach des Tages Arbeit ihren starken Duft ausatmen und der Schlaf sich
schwer ber die Landschaft legt, dann fliegt sie umher nach den fernen,
einsam gelegenen Hfen und fngt ihre leckerste Speise.

Alle Menschen sind in ihren Steinhhlen, nur ihre Gewnder --:
Frauenhemden und Strmpfe, Socken und Mnnerhemden, die zum Trocknen
hinausgehngt sind, nehmen noch den Kampf mit der Finsternis auf.

Da wimmert und pfeift und schreit es um die Gebude herum, da heult es
in der Nacht, gierig und garstig, whrend Strix die von den Menschen
fett gemachten Ratten krpft.

Alle ihre Jagdmethoden wendet Strix hier in der Heide an; sie macht
Birkhhner und Hasen bange mit ihrem Geheul, schlgt sie in der Luft und
im Fluge. Sie entreit auch andern Raubtieren ihren Raub, wo sie dank
ihrer berrumpelungstaktik ihre Nebenbuhler von hinten berfallen kann.

Eines Abends segelt sie lautlos ber die Heide ...

Sie streicht ganz niedrig und folgt den Windungen des Bachlaufes durch
den langen, grasgefllten Talboden. Da hrt sie pltzlich unter sich
einen klagenden, jammernden Laut und gewahrt nun zwei engverschlungene
Gestalten, die sich im Wasser tummeln. Sie schieen in die Tiefe hinab,
kommen pltzlich wieder zum Vorschein und treten Wasser, so da der Bach
schumt.

Es sind zwei Ottern im Kampf.

Nach einer Weile arbeiten sie sich an Land und kmpfen dort weiter ...

Der eine hat einen leckern Fisch im Maul, und _dem_ gilt der Kampf.

Strix schlgt zwischen ihnen nieder und setzt ihren Fang auf den Fisch.
Da sitzt sie dann, ugt mit den Lichtern bald den einen, bald den andern
an und versetzt ihnen einen Schlag mit dem Flgel, wenn ihre fauchenden
Gesichter ihr ein wenig zu nahe kommen.

Dann auf einmal fliegt sie mit der Beute auf!

Da werden die beiden wtenden Gegner im Handumdrehen Busenfreunde, sie
springen hoch in die Luft empor, ihr nach.

-- -- --

Hier auf der Heide liegt ein altes Eichengestrpp. Es liegt auf einem
Hgelabhang, nicht weit von dem Hnengrab, in dem sich der Fuchsbau
befindet. Das struppige Heidekraut reicht den kleinen, verrenkten
Eichenkrppeln an vielen Stellen weit ber den Kopf. Aber die Knirpse
sind trotzig -- sie krmmen sich zu einer dichten und umfangreichen
Krone, indem sie die Zweige wild und heftig um sich schlingen. An den
Zweigen wachsen Bltter -- und dieser Sonnenschirm benimmt dem
Heidekraut den Mut.

Hher hinauf an den Abhngen, wo die Knirpse in Gesellschaft stehen und
durch ihr Zusammenhalten Macht gewinnen, mu sich das Heidekraut damit
begngen, eine Verbrmung um die Lichtungen zu bilden.

Und ganz oben auf dem Hgelrcken werden sie zu Bumen, die fast
Manneshhe erreichen.

Diese Bume nennen die Heidebauern Wald!

Es ist wilder Wald: keine Steige auer denen, die das Wild tritt, finden
sich hier. Hier wachsen Zitterespen zwischen Ebereschen. Und Adlerfarne
zwischen den Zitterespen. Das Geisblatt duftet. Hier ist Lauberde und
Waldboden und Maiblmchen und Schatten hier auf der Heide! Im Frhling
kommen hier Anemonen und im Herbst Pilze, und die Eichen tragen kleine,
verkrppelte Eicheln.

Ein Stelldichein fr Tiere und Vgel ist dies Gestrpp -- ein
Sammelplatz fr die Insekten! Sie feiern die Ankunft jedes Warmbltlers
und wimmeln ihm tanzend entgegen, wie Wilde bei der Landung eines
vornehmen Europers.

In diesem Gestrpp schlgt Strix manch einen leckern Raub!


Es ist ein holdseliger Morgen!

Der Kuckuck ruft ber die Heide hin, und im Eichengestrpp zwischen
blhendem Ginster und dichtbelaubten Ebereschen sitzt der kleine
Bluthnfling mit der ziegelroten Brust und singt.

Strix hat sich am Rande des Gestrpps auf einen alten Grenzwall zwischen
einer Gruppe steifer Adlerfarnen und dem rtlichen, zarten Laub der
Eichenschlinge versteckt.

Es gluckert und ruft drinnen im Heidekraut ...

Jetzt schwingt sich eine Lerche mit kraftvollem Morgengezwitscher aus
den taufeuchten, dicht benadelten Heidekrautbschen empor, ruhig und
selbstverstndlich steigt sie dem Blau entgegen. Strix blinzelt mit dem
einen Auge nach der Richtung hin -- ja, da gewahrt sie den Ton! Eine
Schwalbe bestreicht den Grenzwall lngsschiffs und fngt Fliegen gerade
ber ihrem Kopf wie ein Fischdampfer Heringe im Schleppnetz; sie hrt
ihre Flgel schwirren. Es wimmelt in den Krutern um sie herum; allerlei
Gewrm eilt Stengel auf Stengel ab, es krabbelt, mit, klettert und
spinnt sich vorwrts.

Da sieht sie auf einmal durch den Ausguck der Laubhtte einen
graubraunen Vogel mit gestrecktem Hals und hocherhobenem Kopf aus dem
Heidekraut herausschreiten. Ein Schwarm von behenden, braunschwarzen
Geschpfen, nicht grer als welke Bltter, brodelt wie ein
Ameisenhaufen rings um sie herum. Es ist ein Rebhuhn mit seinen
Kchlein.

Das Huhn hpft in die Hhe und wirft den Kleinen Grashalme hinab,
es berholt eine Libelle, die ber einen Sandfleck dahinschiet, und
zerhackt sie in feine, feine Stcke, und nun whlt es einen von den
Haufen der weien Ameisen auf ...

Hinter dem Eichenlaub und den Adlerfarnen schiet etwas wie ein groer
brauner Pilz auf.

Da verstummt der Hnfling pltzlich in seinem Gesange, die Schwalbe,
die dahergestrichen kommt, fngt an zu zwitschern und zu schreien, das
Rebhuhn, dem der Wink gegolten hat, stt ein warnendes Glucksen aus --
und alle Bltter bekommen Beine zum Laufen.

Strix verlt ihr Versteck! Es raschelt in den Adlerfarnen und kracht in
den Brombeerranken. Aber sie hat sich zu gut versteckt --: ehe sie sich
freimachen konnte, hat die kleine glckliche Familie sich gerettet!

Ein leises Gerusch in einem Moosbschel dicht neben der Stelle, wo
Strix sich niedergelassen hat, macht sie indessen glauben, da dort
vielleicht ein kleines Rebhuhn unter dem Moos versteckt sitzt -- und mit
einem krftigen Hieb schliet sie ihren Fang um den Bschel.

Was sie fat, fhlt sich wie ein Stock an; er rollt unter ihr, -- und
im nchsten Augenblick erhebt eine groe, braune Kreuzotter ihren
schuppenrasselnden Leib vor ihr in die Hhe.

Auch sie ist auf Rebhuhnjagd aus!

Die Schlange wohnt hier im Heidegestrpp lngs des alten Grenzwalls und
pflegt eine gewisse Jahreseinnahme von ihren Hhnern zu haben.

Vor drei, vier Tagen hat sie eine groe Beute gemacht. Da war sie ber
die Kchlein hergefallen, die noch so klein waren, da sie keine Kraft
in den Stndern hatten. Schon hatte sie zwei umgebracht, sie lagen
zerkaut und mit Schleim bergeifert da, aber es war ihr nicht mglich
gewesen Ruhe zu finden, um sie zu verschlingen. Wenn sie gerade dabei
war, fuhren die rasenden Eltern auf sie ein; der Hahn krhte laut und
das Huhn schlug sie mit den Flgeln in die Augen und kratzte sie mit
seinen scharfen Krallen. Unablssig hatte sie zischen und mit der Zunge
spielen und ausweichen mssen, wie vor Feuer und Rauch.

Endlich war es ihr gelungen, des dritten Kchleins habhaft zu werden;
das Kleine lag da und spattelte in den letzten Zgen. Da packte sie es
und sauste damit von dannen; sie trug es im Maul hoch erhoben ber dem
Heidekraut -- und ging dann mit ihm in ihre Erdhhle hinunter. Hier
hatte sie es sich in Ruhe und Frieden einverleibt.

Aber das Malheur mit den beiden andern kitzelte ihr noch immer den
Gaumen. Htte sie bekommen, was ihr zukam, die drei Jungen statt des
einen, so htte sie ruhig faulenzen und sich an Nachttau und Tagessonne
gtlich tun knnen. Nun fhlte sie sich nach ein paar Tagen wieder so
schlank im Leibe -- sie mute hinaus, sie mute etwas zu fressen haben!

Im Laufe der Nacht war sie in einem Dutzend Muselchern bis auf den
Grund gewesen. Aber nirgends traf sie jemand zu Hause. Dann hatte
sie sich am Rande des Eichengestrpps versteckt, wo sie in ihrem
rechtmigen Revier lag und lauerte, als sie auf einmal urpltzlich
in ihrer Jagd gestrt wurde.

Die Schlange ist ein groes, rotbraunes Weibchen mit einem schwarzen
Blitzstrahl am Rcken entlang. Sie mit fast eines Armes Lnge und ist
stellenweise so beleibt, da sie beinahe die Dicke eines Handgelenks
hat. Als sie sich von dem Griff ihres brutalen Gegners befreit hat,
rollt sie sich in einer Spirale zusammen, den flach gedrckten,
eigentmlich herzfrmigen Kopf klar zum Angriff ber dem Gipfel der
bebenden Krperringe erhoben.

Sie ist ergrimmt und erregt! Ihre kleinen verrterischen Augen
blitzen und funkeln vor List und Bosheit. Ihr breiter Rcken und die
Bauchmuskeln arbeiten krampfhaft und wringen und krmmen sich nach der
unsanften Behandlung in Strix' Fngen. Ihr kurzer, rundlicher Schwanz,
der gewhnlich steif wie ein Stock unter ihr zu liegen pflegt, fhrt
ununterbrochen wie ein tickender Pendel ber den Sand hin und her.

Strix erwacht im Handumdrehen aus dem Fangerausch; steif wie ein
kalkuttischer Hahn in Ekstase, die Lichter in den Augen der Schlange,
dreht sie sich nach ihr hin. Wie von einer pltzlichen Eingebung
getrieben, rollt sich die Kreuzotter aus ihrer zusammengewickelten
Stellung, um bis an den Stnder der Eule zu gelangen und sich darum
herum zu winden; Strix aber befreit sich mit einem Satz rechtzeitig aus
den Schlingen. Da wechselt die Schlange die Taktik und richtet sich auf.
Mit spielender Zunge und grausam starrenden Augen hngt sie vor Strix,
sie siedet wie ein Teekessel und baumelt in der Luft wie ein groes
umgekehrtes Fragezeichen.

Strix blst sich zu doppelter Gre auf; sie strubt ihre Federn wie
ein Stachelschwein seine Stacheln, dann macht sie einen blitzschnellen
Ausfall und schlgt mit einem ihrer Flgel nach dem Heidewurm.

Die Schlange strzt sich auf den Flgel und bohrt ihre stark gekrmmten,
nadelspitzen Giftzhne durch die weichen Federn, sie pret die Zhne bis
auf den Grund und lt in bester Absicht mit ruhig geschlossenen Augen
das Gift strmen.

Zum Glck fr Strix ist es nur eine der hohlen Posen der Schwanzfedern,
die die Schlange fllt -- und sie schttelt sie schnell ab.

Da richtet sich der Heidewurm nochmals auf -- und diesmal bis zu zwei
Dritteln seiner Lnge; er schiebt sich lotrecht in die Hhe und so hoch,
wie er nur kommen kann, nur sein kurzer, rundlicher Schwanzstummel ruht
vom Afterloch bis zur Spitze als tragendes Fundament auf dem Erdboden.
Sein schleimgefllter, eiterspeiender Rachen ist auf Strix' Kopf
gerichtet, er kocht stark und rasselt mit seinen schuppenfrmigen
Bauchhuten, whrend er schwarze Doppelblitze aus seiner drahtdnnen,
tiefgespaltenen Zunge entsendet.

Strix ihrerseits ist auch nicht mig! Ihre hornartigen Nasenlcher
beben und gellen wie von der Luft aufgeweitete Trompetentrichter, und
sie trufeln reichlich whrend ihres Fauchens und Zischens. Sie wiegt
sich elastisch auf den federbehosten Stndern, bereit zu Parade und
Ausfall.

Da hat sie pltzlich ein Gefhl, als schlage ein eiskalter Schneeklumpen
gegen eins ihrer Augen! Die Schlange ist ihr bei ihrem Ausfall dicht
auf den Leib gerckt, ehe Strix sich mit dem Schild ihrer Flgel hat
decken knnen -- und nun sticht sie sie gerade unter das Auge in die
feinbedaunte, empfindliche Haut des Augenlides. Da sie aber schon
einmal, nur vor Sekunden, sich zur Genge entladen hat, vermag sie --
zum Glck fr Strix -- den Stich nicht mit ihrem Gift nachzufllen.

Strix empfindet nur einen beienden, brennenden Schmerz -- und bis zur
Raserei gereizt, langt sie mit ihrem Fang aus. Und diesmal hat sie die
Kralle voll; sie packt die Schlange an ihrer schwchsten Stelle, greift
sie um den Halsstengel gerade hinten in den Nacken -- und sie breitet
die Flgel aus und hebt sich mit ihr in die Luft empor. Gleich einem
langen Ende Tau schleppt die Kreuzotter ein Stck am Erdboden hinter
ihr drein ...

Vergebens sucht die Schlange sich mit dem Schwanz festzuhaken; die Fahrt
ist schon zu schnell, als da es glcken knnte. Da, als sie merkt, da
der Erdboden unter ihr schwindet, zieht sie schnell ihren geschmeidigen
Krper in die Hhe -- und nun schlingt sie sich um den Leib ihres
fliegenden Widersachers. Die Schlange hat Krfte -- und schwer ist sie!
Doch Strix ist gewohnt, mit greren Lasten umzuspringen. Sie hat ja
frher ein junges Zicklein weggeschleppt, und sie hat sich nicht
gescheut, mit einem Rehkitz anzubinden, fast tglich kmpft sie mit
Birkhhnern und Hasen, die tchtig um sich beien und kratzen knnen;
mit der Schlange wird sie schon fertig werden -- wenigstens vorlufig
noch!

Es ist Strix' Absicht, sie pltzlich loszulassen, so da sie herabfllt;
von dieser Taktik hat sie die wunderbarsten Erfolge erlebt! So wie die
Krhe, die sich der widerspenstigen Muschel gegenber, die sich nicht
bereitwillig ffnen will, zu helfen wei, indem sie sie in den Schnabel
nimmt und ber einen groen Stein mit ihr aufsteigt, um sie darauf
pltzlich herabfallen zu lassen -- so kennt auch Strix _ihr_ Gesetz
der Schwerkraft.

Aber das abscheuliche Gewrm scheint Strix nicht loslassen zu wollen!
Immer dichter windet es sich um ihren Leib; sie fhlt seinen nakalten,
geschmeidigen Schwanz sich unablssig unter ihre Daunen hineinbohren und
mit seiner stumpfen Spitze berall prickeln.

Mit einem Trotz und Eigensinn, der der groen Bubo eigen ist, hlt sie
bestndig den Hals der Kreuzotter in ihrem Schraubenstock fest. Die
Schlange windet den Nacken nach allen Richtungen und versucht bald
mit heftigem Rucken, bald mit List und Vorsicht den Kopf so weit zu
befreien, da er seine Hauzhne wieder gebrauchen kann. Ihre groen
Giftbehlter haben jetzt wieder das Bedrfnis, entleert zu werden; der
Notwehrtrieb und die Wildheit, die sie vorhin so stark zapften, haben
wieder berflu an der ttenden Flssigkeit geschaffen.

Schon mehrmals ist es der Schlange gelungen, den einen ihrer spitzen,
kegelfrmigen Giftzhne in der Richtung nach dem Fang der Eule zu
winden, aber der Zahn ist abgeprallt an der harten, hornartigen Haut.

Strix wackelt in der Luft. Die Schlange windet und krmmt sich, so da
es durch Strix' Schenkelbeine zittert; sie schwankt hierhin und dahin,
wie ein havarierter Ballon, der mit der Schwere seiner schon von der
Erde gefangenen Gondel kmpft.

Aber Strix ist ein alter Uhu; sie lt sich nicht so leicht erschrecken!

Wie oft hat sie nicht mit einer widerspenstigen Beute ringen mssen.
Niemand ergab sich ja gutwillig, niemand wollte aus freien Stcken
in ihren roten dampfenden Rachen hinein; selbst der Maulwurf und das
angstgelhmte kleine Moorschwein sind, wenn es galt, nicht bange
gewesen, sie fhlen zu lassen, da sie Zhne hatten.

Dann gelingt es ihr, auch ihren andern Fang nutzbar zu machen. Sie
umklammert damit den dicken Kreuzotterleib und pret ihn so, da die
Schlange ihren stinkenden Unrat von sich gibt und der Schlangenbauch
unter ihrer Umklammerung aufschwillt.

Da lt die Kreuzotter los.

Es ist auch hchste Zeit, denn in ihrer Todesangst hat sie sich rund um
Strix' Flgel gerollt, sie pret den Federfcher zusammen, so da die
eine von Strix' Tragflchen immer kleiner wird -- sie hat schon lange
mit den Flgeln schlagen mssen, um nicht in der Luft zu kentern.

berwunden ist die Schlange jedoch nicht!

Im nchsten Nu fhlt Strix sie um ihre Stnder, und ihre mchtigen Fnge
werden jammervoll zusammengeschnrt. Die Schlange wickelt sich rund um
sie herum, bis der dicke Teil ihres Krpers in Schlingen und Krmmungen
bereinander liegt, wie die Windungen in einer aufgeschossenen Trosse.

Auf diese Weise hat Strix noch nie einen Fang gemacht. Ihr ist zumute,
als wenn sie in einem Anfall wahnsinnigen Hungers sich hat verleiten
lassen, die Fnge in einen Klumpen Harz zu schlagen, von dem sie sich
nie wieder befreien kann -- und sie windet und verrckt sie und bohrt
in ihrer Verzweiflung ihre langen, pfriemspitzen Krallen, die kleinen
Krummsbel ihrer Fnge, bis auf den Grund in das Fleisch der Kreuzotter.
Es quillt heraus und siedet um sie auf.

Da gebiert die Schlange; eines nach dem andern gehen ihr zehn lebende
Junge ab!

Aber damit ist auch ihre Lebenskraft erschpft. Ihr dicker,
geschwollener Hinterkrper schwindet an Umfang. Die Windungen in der
lebenden Trosse erschlaffen, sie gleiten auseinander und rollen sich ab
-- eine langes Tauende baumelt leblos herunter.

-- -- --

Strix aber behielt die Kreuzotter einen ganzen Tag und eine ganze Nacht
in ihren Fngen; sie sa in ihrer Hhle innerhalb des Fuchsbaus und
schlief damit.

Dann krpfte sie ihre Beute mit gutem Appetit!


  _Die Heide blht!_

Die bisher so eintnige Flche der braunen Heide zaubert jetzt auf
einmal die sieben Farben des Regenbogens vor Augen -- und so gewaltsam
ist die Blte, da gleichsam ein Nebel von Violett von allen Hgeln
und Schluchtenrndern aufsteigt. Die Heidebeere wird schwarz, die
Preiselbeere wird einmacherot und die Blaubeere tiefblau wie ein
Nachthimmel. Auf den kahlen Stellen im Renntiermoos streckt der Brlapp
seine weilich-gelben Staubfden in die Hhe, und rings umher an den
Ufern des seichten Moors wimmelt es rostrot von rundbltterigem
Sonnentau; zu tausenden wimmelt er hier empor, der kleine
Insektenfresser -- und jede Pflanze klemmt eine schwarze,
zusammengedrckte kleine Fliegenleiche in ihrem kleberigen Scho.

Strix ist aus dem Fuchsbau in das alte Eichengestrpp bergesiedelt; sie
hat versehentlich den rechtmigen Inhaber des Baues aufgefressen.

Eines Nachts sa sie auf dem Hnengrabe ... der Donner rollte ber die
Heide, und die Blitze knatterten; es war so erstickend hei, da es ihr
den Atem benahm. Das ungemtliche Wetter machte sie wie gewhnlich
reizbar, sie fhlte sich boshaft, grausam und rachgierig.

Da kehrte ihr alter, gutmtiger Wirt heim und schnupperte in aller
Unschuld an den kmmerlichen berresten eines Birkhuhns. Das war ihr
Birkhuhn; sie hatte es in der Dmmerstunde geschlagen und gleich bis
auf wenige berbleibsel gekrpft. Der Anblick Reinekes dort bei ihrem
Raube schaffte dem Gewitter in ihrem Innern pltzlich Luft -- und ohne
weiteren nachweisbaren Grund flog sie hinterrcks auf ihn los und schlug
ihm ihre acht Krummesser tief zwischen die Rippen. Er ri sich los und
sprang auf sie ein; sie aber berspritzte ihn mit Kalk und stieg auf
ihren Flgeln in die Luft empor.

Dann war Reineke in seinen Bau geschlichen. Strix hatte ihren
Birkhuhnrest verzehrt und sich zum Schlaf in ihre Hhle gesetzt.

Pltzlich aber war er -- sthnend, hustend und rchelnd -- vor ihre
Eingangstr gekrochen und hatte, gleichsam reuevoll, weil er fehl
gegangen, seinen zottigen Kopf vor sie hingelegt.

Sie versetzte ihm einen Schlag mit der Kralle! Er rhrte sich nicht. Sie
versetzte ihm noch einen. Er schlief noch ebenso fest. --

Da lste sie das weiche Fleisch von seinen stumpfen Zhnen -- und
krpfte spter weiter, so oft sie Appetit hatte.

Aber eines schnen Nachts fing sein Fleisch an, bitter zu schmecken, und
sie konnte nun auch nicht weiter in den Bau hineinkommen. Fliegen und
Aasgrber wimmelten in ihre Hhle hinein, und diese ungeladenen Gste
strten sie im Schlafe -- so war sie denn ausgezogen.

Tief drinnen im Eichengestrpp, wo selbst der wilde Westwind nicht
imstande ist, hineinzugelangen, wo das Wiesel sein Nest in Gemeinschaft
mit Bussard und Turmfalk hat, da wohnt sie. Die kleinen Eichenkrppel,
die die Laubhtte bilden, in der sie sitzt, sind mit Flechten und
schwarzgrnem Moos dicht bepelzt.

Oft am Tage, wenn sie erwacht und zwischen dem Flitter des Laubes zum
Himmel hinauflugt, der so blau aussieht, geschieht es wohl, da das
Guckloch sich auf einmal verdunkelt, eine Wolke gleitet davor, eine
lebende, flimmernde Wolke aus Grau und Blau und Wei und Flgeln.
Bald ist es eine Taubenwolke, bald eine Starwolke mit berstarker,
bermtiger Brut! Oder auch der lebende Schneeflug, Wildgnse in einem
Keil, zieht mit Gegacker und Geschrei ber ihrem Kopf hin.

Wohin geht ihr Flug? -- Weit fort, gen Sden, ber ferne, sich gelb
frbende Wlder.

Da strubt sie die Federbsche; sie kann den Lrm der Vogelschar hren,
schon lange, bevor sie da sind. Es klingt wie ferner, rollender Donner.

Der Herbst ist im Anmarsch.

Bald wird das Korn von den Feldern eingefahren, und auf den einsamen
Heidehfen heimst die Hungerharke die berreste ein. Tausende von
Feldmusen, die im berflu geschwelgt haben, merken, da sie arm und
rmer werden. Frher brauchten sie nur an den Halmen hinaufzurennen und
die hre hinabzubiegen, dann wurde sie mit den Zhnen abgeschnitten und
heimgetragen -- hinunter in das Mauseloch. Jetzt mu man mhselig nach
einer hre suchen, lange Wege laufen -- und findet man sie, so ist man
glcklich, wenn sie nur nicht verschimmelt ist oder nicht schon lngst
gekeimt hat.

Aber es soll noch schlimmer werden! Die Rolle, die eine hre frher
gespielt hat, wird bald von einem Korn bernommen.

Die Muse huschen zwischen den Stoppeln umher ... sie haben ihre Gnge
und Schlupfwinkel ber das ganze Feld; es ist gleichsam von ihren
Tunneln untergraben. Und ein Loch liegt neben dem andern, schrge geht
es hinab und bestimmt guckt es aus der Erde hervor mit einem Kissen aus
herausgetragenen Erdklmpchen am Ende ... die Muse suchen unablssig
nach Krnern. Aber sie sind noch nicht sparsamer geworden, nein, dazu
mssen sie mehr Migeschick, greres Unglck erleiden -- dann kommt der
Schlpflug und wendet das Tischtuch um, so da die Brocken und sie
selbst darunter geraten.

Und nun beginnt die Not -- und damit die groe, alljhrliche
Auswanderung. Bei Tag wie bei Nacht, hauptschlich aber bei Nacht, zieht
ein Strom von kleinen Nagetieren aus den Feldern auf die Heide hinber.
Ein einzelner fester Stamm, der ein ordentliches Mauseloch hat, in das
kein Regen hineinluft, und hinreichenden Vorrat, von dem er zehren
kann, bleibt an Grben und Hecken zurck, die brigen aber wandern und
wandern ...

In solchen Tagen bekommt das alte Eichengestrpp Eulenbrot.

Strix nimmt Gottes Gaben in Empfang, lange ehe sie zu ihr hereinkommen.
Im Halblicht der Dmmerung fliegt sie weit hinaus auf die Heide und
setzt sich, als Granitstein oder Heidehgel vermummt, dort hin und lt
die wandernden Muse ganz dicht an sich herankommen. Dann lhmt sie sie,
wie sie tausende vor ihnen gelhmt hat -- und nun kann sie nur zulangen
und in sich hineinstopfen.

-- -- --

Jetzt ist die Luft rauh und nakalt und eisige Regenschauer gehen nieder
-- der Scho der Heide wird blumenleer, wildleer und unfruchtbar. Die
Laubhtte wird zu Feuchtigkeit und das Eichengestrpp bildet ein Bauer
aus Zweigen um sie her.

Sie zieht in einen verfallenen Torfschuppen drauen in einem groen Moor
und lebt hier eine Weile herrlich und in Freuden von hereinwimmelnden
Ratten. Von allen Seiten wittern sie diese einzige warme Behausung mit
ihrer Streu und ihrem Dnger.

Ratten sind ein Leckerbissen fr Strix! Und doch -- recht lange, das
fhlt sie, hlt sie die Heide nicht aus: wenn sie in den bebenden
Heidekrautbscheln den schwachen Ton eines mchtigen Brausens sprt,
steigt das Bild des Waldes in ihrem Innern auf.

Der Wald ist ihr Bereich! Der Wald ist warm und traulich in jedem
Wetter ... bei Sonne und Windstille wie bei Sturm und Regen. Selbst die
Oktoberstrme verschwinden ja im Walde, und wenn die kalten Regenschauer
des Novembers kommen, nimmt er ihnen das bermtige, so da man das
Pltschern nur weich und sanft empfindet.

Und der Wald fhrt fort, sie zu locken, sie zu betren, in ihren Trumen
zu spuken.

Ho--o, heult sie, ho--o! Der Wald in Sturm und Nsse, wenn man doch
geborgen in seinem hohlen Stamm se ... ja, dabei bleibt sie:
Regenwetter im Walde mit den plaudernden Tropfen ist das
Unterhaltendste, was sie sich denken kann!

Und dann eines Nachts macht sie sich auf, mit langem, hastigem
Flgelschlagen streicht sie dahin, quer zum Winde. Sie hat es im Gefhl,
welchen Weg sie einschlagen soll. Ein Gestank von Schornsteinrauch, ein
Strahlen von Licht aus den Steinhhlen der Menschen stt sie ab, immer
weiter, weiter -- in entgegengesetzter Richtung von ihrem frheren Heim
und den jetzt so fernen Hochwldern am innersten Ende der Frde.

Wochenlang streift sie umher, duldet Hunger und leidet unter bsem
Wetter, bis pltzlich eines Morgens ein Duft von sonnengesttigter
Baumrinde und suerlichem Waldboden sie an der Nase hinter sich
dreinzieht.

Welche Wonne, als sie durch gelb gewordene Kronen jagt und die Moderluft
des Laubfalls in ihren Nasenlchern sprt -- es ist, als wenn ein
verspteter, ausharrender Sommerfrischler an einem trbseligen und
regenkalten Herbstabend wieder eingefangen wird von dem Lrm seiner
geliebten Grostadt.




9. Im Kampf mit einem Adler


Es ist spt am Nachmittage.

Das fahle Licht des Wintertages wird noch fahler, die Dmmerung quillt
frmlich aus den Wolken herab. Die Luft ist scharf, und der Ostwind, der
seit Tagesgrauen geheult hat, nimmt mehr und mehr zu.

Strix sitzt in ihrer warmen Holzhtte tief unten in dem Bauch einer
alten Esche ...

Der Wald, den sie vorgefunden hat, liegt tief zwischen Hgeln, und
ist der letzte, von den einstmals so zahlreichen Wldern in dem groen
Frdendistrikt. Eine de Gegend zieht sich zwischen ihm und der Heide
hin -- und auf der entgegengesetzten Seite, nur eine Meile entfernt,
braust das Meer.

Strix schlft am Tage und trumt und sitzt unbeweglich, als sei sie ein
groes unverzehrtes Stck von dem Mark des Baumes. Aber selbst im Schlaf
hrt sie und hat zuverlssige Empfindungen.

Den ganzen Tag hat die Kronenwlbung gebrummt. Ein surrender,
orgeltiefer Laut ist von ihr ausgegangen. Es hat so hohl, so dumpf
getnt ... das ist der Gesang des Schneegesauses.

Bald ein Menschenalter hat Strix nun gelebt und den Wechsel der
Jahreszeiten verfolgt; sie kennt dies Sausen nur zu gut. Es wchst, wird
strker und strker -- und wie es zunimmt, whrend der Abend zur Rste
geht, werden alle andern Laute gedmpft; ihre Klangfarbe wird ihnen
genommen. Selbst die nchsten werden gleichsam von weitem weggezogen und
klingen schlielich ganz fern. Das Bum-Bum der groen Wassermhle, das
Knurren dieses wunderlichen, von Menschen geliebten Raubtieres, das
sie zu hren gewohnt ist, wenn ein Ostwind weht, wird schwcher und
schwcher; sie merkt auch kein Fallen von Zweigen mehr, und das Heulen
und Knarren der Bume ist ohne tnenden Schallboden; jegliches Gerusch
und Getse wird gleichsam von Federn aufgefangen.

Der Schneesturm stiefelt ber Wald und Heide, ber Wiese und Moor hin,
verkittet und lscht aus -- nur die rinnenden Gewsser liegen wie vorher
da, grauschwarz und offen. ber die blanken Eisgrtel auf den stillen
Mooren, die sich wie ein Keil in den Wald hineintreiben, gleitet das
Gestber in breiter Schlachtordnung dahin, bis es pltzlich aufgewirbelt
und in eine Schneeschlange verwandelt wird, die auf dem Schwanz steht.

Es dunkelt in der Baumtiefe um Strix herum. Ihre lichtstarken Augen
knnen das Spinnengewebe nicht mehr sehen, das von dem Schlackerwetter
fortwhrend auf und nieder geschaukelt wird. Immer weniger scharf hebt
sich der Eingang da oben zu ihrem Hause ab ... die Nacht, die sie so
sehr liebt, naht.

Besonnen erklimmt sie die Treppe und sitzt in der Tr und heult: die
Erde hat ja die Farbe gewechselt, wie die Bume die Rinde, die Natur
ist verwandelt, ihr alter Bekannter aus dem Wunderland gen Norden, der
Winter -- das Weiwetter -- ist gekommen! Mit einem Satz fliegt sie
hinaus und hinab in den Schnee, sie badet sich darin, sie tummelt sich
darin wie eine Ente im Wasser!

-- -- --

Der Schneesturm aber nimmt zu.

Sprung auf Sprung wirft sich das Gestber gegen den Wald. Es wirbelt vom
Waldessaum her, es stiebt aus den Wipfeln herab, es ist, als falle der
Himmel in weien kleinen Stckchen nieder, ununterbrochen ... ein
Wolfswetter, das drei Tage und drei Nchte anhlt!

In einem solchen Wetter werden alle Raubtiere reizbar; es wird ihnen
schwer, Beute zu finden, und sie haben kein Glck beim Fang. Alle
Grasfresser suchen ihr Versteck auf; die zankschtigen unter ihnen
werden friedlich und die streitbaren fgsam, sie erkennen ihre
gemeinsame Ohnmacht und halten sich notgedrungen in Ruhe. Den Raubtieren
ergeht es umgekehrt. Das Wetter peitscht sie auf, sie empfinden den
Hunger doppelt, die Mordlust wird angespornt, und sie spren einen
eigenartig brennenden Durst nach Blut.

Es ist mitten in der Nacht nach dem dritten Tage.

Der Schneesturm hat sich gelegt, und der Wald liegt reifberpudert und
mit groen Schneeklecksen da. Abenteuerlich sieht er aus -- groartig
phantastisch erscheint er in der Dunkelheit.

Alle Blattknospen in den Windeln, alle Anemonen in der schwarzen
Fruchterde, die Puppen, die zu Schmetterlingen werden, die Larven, aus
denen sich einstmals beschwingte Insekten entwickeln sollen, sehen ihn
-- ohne ihn zu sehen -- im Traume!

Ja, es ist, als wenn die Erde, auf der der Wald steht, selbst trumt --
und der Wald in seinem phantastisch weien Wetterkleide ist der
wundervolle Mitwintertraum der Erde!

Der Vollmond, der rot und gro und flachgedrckt aus dem schneebewlkten
Horizont weit hinten zwischen den Hgeln aufgestiegen ist, ward schon
lngst klein, weischimmernd und rund. Ein kalter und beiender Atem
weht zwischen den Stmmen herein; Strix, die schon stundenlang auf
ihren Fangstellen gelauert hat, fhlt den eiskalten Hauch bis auf ihren
Krper; mit groen Frosttropfen im Brustbart sitzt sie da.

Dreimal hat sie vergebens im Schnee nach einem Hasen geschlagen. Der
Hase hat sie genarrt und sich in eine Dickung gerettet. Dann hat sie
es mit einem Wiesel versucht, das am Graben entlang schnrte; aber das
Wiesel ist ihr zwischen den Fngen entwischt, ist bis auf den Grund
gesunken und ist von da aus durch einen seiner vielen Tunnel unter dem
Schnee geschlpft. Schlielich hat sie sich sogar herabgelassen, auf ein
Moorschwein niederzuschlagen -- jedoch alles ist vergeblich gewesen.

Sie hat Hunger, einen wahren Wolfshunger, Gekrse wie Magen sind gleich
leer, und sie sprt schon die schrecklichen Halluzinationen des Hungers.

Da ist kein Tier zu gro ... wenn sie es sich rhren sieht schlgt sie
blindlings drauf los, nur um Beute zu machen!

-- -- --

Auf der Leeseite des Waldes, wo der eisige Atem fast niemals hingelangt,
sitzt auf einem Ast ein reisemder Adler.

Er hat sich den ganzen Tag durch den ther gewiegt, hat eine Landschaft
nach der andern unter sich wechseln sehen; zuerst vom Meer zu Land,
dann von groen steinigen Flecken, wo gleichsam Berg an Berg lag --
Stdte der Menschen -- zu offenen, weitgedehnten Feldern, aus deren
schneebedecktem Erdreich nur ein vereinzelter viereckiger Steinhaufen
aufragte.

Schlielich war er wieder bers Meer gekommen und hatte schwarze,
schwankende Waldessume erblickt, Zweig hinter Zweig und Baum hinter
Baum tauchte am Horizont auf. Er hatte sich beeilt, dahin zu kommen ...
dort lag ja Wald, sein lieber Wald!

Im roten Schein des Sonnenuntergangs hatte er sich ber den Wipfeln
hingearbeitet, war in groen Bogen rund herum gesegelt und hatte sich
tiefer und tiefer nach der ruhewinkenden Sttte hinabgesenkt.

Und dann war das Tageslicht entschwunden, die Dmmerung verdichtete sich
zwischen den Stmmen und sprang gleichsam aus Rinde und Zweig heraus,
sie wimmelte aus den Wipfelzweigen hervor und wirbelte empor wie Wolken
von Mcken, den dunklen Fleck der Waldmasse verdoppelnd -- die lag da
wie ein groes Flo mit Baumstmmen beladen und schwamm auf dem Schnee.

Da strich der Adler durch die Wipfel hinab und nahm schwerfllig einen
Ast in Besitz. Er umfate ihn gierig, faltete die Flgel zusammen und
legte sie hbsch zurecht an dem Krper. Wie gut es tat zu sitzen!

Er sah sich um; er vergewisserte sich, indem er lange den Kopf drehte.
Aber alles, was er sah, und alles, was er erlauschte, gehrte zu dem
Walde, zu dem lieben alten Bekannten! Dann bewegte er sich seitlich, den
Zweig entlang, bis er dicht an den Stamm kam, er schttelte sich wie ein
Pferd nach langem Ritt, wetzte die Krallen an dem Zweig, putzte die
Federn und ghnte mde.

Noch ein paar Bewegungen nach der Seite, um eine Rundung an dem Zweig
zu finden, die fr seine Fnge pate, damit er in der Nacht keinen
Sitzkrampf darin bekam, dann ghnte er noch einmal, wohl zufrieden --
jetzt endlich _sa_ er -- jetzt endlich sa er gut!

Es ist die Gewohnheit des Adlers, ruhig zu schlafen; es ist, als seien
diese Vgel mit der berzeugung geboren, da sie nichts zu frchten
brauchen. Sie verschlafen Unwetter, Sturmgebrause, Futritte und
Schsse.

Der reisemde Adler schlft und schlft ...

Sein schweres, langgezogenes Schnarchen, das regelmig steigt und
fllt, wie das eines Menschen, kommt und geht durch den Wald -- ein
wunderliches, bullerndes Gerusch, das in der klaren Frostluft gleichsam
verstrkt wird.

Zuweilen klingt es, als msse der Riesenvogel von seinem eigenen
Geschnarch geweckt werden, das zu _einem_ langen, bullernden Schnarchen
anschwillt und schlielich gleichsam in einem Befreiungsruf endet. Dann
hat der Adler im Schlaf den Hals lang gemacht, hat den Kopf geschttelt
-- und dadurch wieder Luft in die Nasenlcher bekommen.

Verschwenderisch liegt der Schnee auf allen sten und Zweigen -- jedes
dnne kleine Reis hat sein Teil abbekommen! Selbst an den Stmmen, die
nicht kerzengrade stehen, hat er sich festgekittet; er drngt sich in
Borkenrisse, hakt sich ein in drre Reiser, und liegt als verlorener
Klecks auf allen Knorren und Narben.

Oft, wenn sich das Schnarchen des Adlers pltzlich zu einem Orkan
steigert, verlieren die aufgetrmten Schneemassen in den Baumkronen
das Gleichgewicht; da fallen sie in langen, weien Spritzern herab und
bohren sich mit hohlem, dumpfen Plumpsen in den Bodenschnee.

Der Adler aber schlft mit einem guten Gewissen! Er bedarf der Ruhe,
whrend er sich wieder bis an den Rand mit der mchtigen, unerklrlichen
Kraft des Schlafes fllt. Nachtfarben und gro wie ein Auerhahn sitzt er
da und lt sich weder von dem Mond stren, dessen bleiche Lichtstrahlen
um seine Augenlider spielen, noch von Klein-Taa, der vorberkommt. Teils
um den fuhohen Schnee zu meiden, teils aus Furcht, seinem alten,
halbsteifen Erzeuger wieder zu begegnen, durchjagt Klein-Taa den Wald
oben in den Baumkronen.

Pltzlich wird der Adler durch einen Sto von seinem Ast
heruntergetrieben; er hat das Gefhl, als wenn er durch eine drohende
Gefahr jh geweckt wird und sich gleich in die Luft hinausstrzen mu.
Ein paar feste Griffe klemmen sich ihm in die Seite, bohren sich in sein
Fleisch; er will schlagen, aber eine scharfe Klammer schraubt sich ihm
um den Nacken, so da er, ohne es zu wissen, den Hals ausstrecken mu.

Whrend dessen flattert er auf einem Flimmern von Flgeln durch die
Luft. Schneeklumpen und kleine Lawinen strzen um ihn herab, bis er in
dem fuhohen Schnee am Erdboden endet. Sein Hals und sein Nacken sind
schon _ein_ blutiges Fleisch und die Klammer um den Hinterkopf schraubt
sich immer dichter zusammen. Der Vogel der Nacht, der Dmon der
Finsternis, kmpft mit dem Sohn der Sonne, mit dem Knig aller Tagvgel
-- und auf Dmonenart hat der Angreifer seine Strke in dem
Ungewhnlichen und scheinbar bernatrlichen.

Da schttelt sich der Adler; Strix hngt ber seinem Rcken wie eine
sturmgepeitschte Riesenklette und mu sich ununterbrochen ihrer
Flgelarme und Schlagfedern bedienen.

Der Adler kommt auf den Einfall, sich zu rollen, er steigt in die Hhe,
wirft sich auf den Rcken, so da Strix zu unterst kommt, schlgt dann
mit den Flgeln, so da er das Gleichgewicht wieder gewinnt und macht
pltzlich einen Satz in die Luft hinauf, wie eine Elster. Aber Strix
sitzt fest; sie hat schon frher alle mglichen Purzelbume geschlagen
und noch viel schlimmere, halsbrecherische Schwenkungen mitgemacht.

Der Schnee stiebt auf unter den Flgelschlgen der beiden groen Vgel,
er weicht ihnen aus und ffnet willig ihren schwer arbeitenden Krpern
seinen Schlund. Da strzt eine Lawine von dem Baum herab, unter dem sie
kmpfen -- und begrbt sie.

Lange Zeit sind sie weg; nur eine flackernde Spitze von ein paar
Schlagfedern ist sichtbar.

Dann graben sie sich langsam aus der Tiefe heraus und steigen nach dem
Untertauchen wieder auf: _ein_ Vogel scheinbar, mit _einem_ Kopf und
_einem_ Hals, aber mit vier Flgeln.

Die Natur des Adlers ist wie der helle Tag; er ist mutig und offen und
ohne Tcke. Der Adler will seinen Gegner sehen, will ihn vor sich haben,
Brust gegen Brust.

Strix aber ist hinterlistig und grausam wie die Finsternis; sie lt
nicht los, was sie hinterrcks gefat hat -- --

Der Adler hat Schlund und Schnabel voll Schnee bekommen ... es wird ihm
schwer zu atmen, aber seine Krfte und seine Energie sind noch gleich
ungeschwcht. Er will den Teufel auf seinem Rcken in den Fngen
haben -- und er langt mit seinem mchtigen Raubvogelfu -- er hat die
Spannweite einer ausgewachsenen Mnnerhand -- nach dem Eulenleib hinauf.
Aber die Fnge whlen in einem Berg von Daunen herum und es gelingt
ihnen nicht, etwas anderes als die Haut zu fassen.

Zhe und ebenbrtig, unter lautlosen Kraftgriffen, kollern sich die
beiden groen Gesellen im Schnee herum; nur das Blasen ihrer Nasen und
das sthnende, heftige Ringen nach Luft hrt man.

Da glckt es dem Adler, whrend einer jhen Bewegung, seinen langen,
spitzgekrmmten Schnabel in den Schenkel seines zottigen Gegners zu
bohren; er reit eine Wunde da hinein, die brennt.

Strix stt ihr wildestes, unheimlichstes Geheul aus; als sei es eine
Eingebung, lst sie ihren Griff aus der linken Seite des zitternden
Adlerleibes, fhrt den freien Fang vor und schlgt beide Fnge um den
Nacken des Tagraubvogels zusammen. Ihre langen, pfriemspitzen Krummfnge
feiern aufs neue einen Triumpf -- ohne jegliche Kraftanstrengung, als
glitten sie durch Butter, versinken sie bis auf den Grund in dem Kopf
des Gegners.

Der Adler dreht sich herum wie ein mchtiger Mistkfer ... er wei nicht
mehr, da er lebt. Aber es whrt lange, bis seine Flgel, seine Fnge,
seine Unmengen von Muskeln still werden. Strix ist zu hungrig, um darauf
zu warten; so bald es mglich ist, beginnt sie unbekmmert ihre
wohlverdiente Mahlzeit.

-- -- --

Ein herrlicher Auerhahn, fand Strix. Aber es war ja auch lange her,
seit sie Auerhahn bekommen hatte.

Sieben fette Jahre verlebte Strix hier im Westerwald!

Der Wald war gut genug, nicht gro, aber so recht nach ihrem Geschmack.
Ein unzulngliches Wegenetz und unzureichende Bahnverbindungen hatten
die Forstverwaltung davon abgehalten, den Wald schlagen zu lassen.

Die Gegend war berhaupt nur dnn bevlkert und de.

Wie man auf einem groen, reich bestellten Gut mit einem berflu an
schwerem Weizen und tiefgrnen Rbenfeldern pltzlich mitten in aller
ppigkeit auf einen unfruchtbaren, von Unkraut berwucherten Steinplatz
stoen kann, so lag das Land hier um den Westerwald herum. Jahrhunderte
schienen daran vorbei gelaufen zu sein; er lag da, gleichsam gefeit
gegen die moderne Zivilisation.

Aber das Gefeitsein war nur scheinbar. Langsam aber sicher breiteten
sich die Menschen bestndig aus! Sie seten sich ber die Landschaft aus
wie die Blumen, die sie in ihren Grten zogen. Strix entdeckte anfangs
nur eine vereinzelte, gleichsam verirrte Blume: ein Ansiedlerhaus,
frisch ziegelgedeckt, taucht aus einem Heidetal auf, wie eine groe
scharlachrote Mohnblte. Dann kam die Pflanze allmhlich hufiger
vor, sie fllte Flecken und ganze Strecken -- und ihr folgten Pflug
und Spaten und Entwsserungsrohre und Windmotore, whrend Moos und
Heidekraut den Eindringlingen mehr und mehr Platz machen muten.

Kaum zehn Jahre bevor Strix nach dem Westerwald kam, hatte man von dem
Gipfel seiner Waldhgel ber lauter Moore und Heidehhen, ber niedriges
Gestruch und Smpfe hinausgeschaut; jetzt wurde das Kahle und Eintnige
allgemein! Die Buschflecken und Sumpfwasserspiegel verschwanden, die
schwarzen Heidehgel schrumpften ein -- und Strix sah lange, weie
Wegestreifen sich wie getrockneten Schleim hinter Schnecken die Kreuz
und die Quer durch die Landschaft ziehen.

Wie einstmals im dichten Wald ertnte jetzt auch hier der Ruf: hrt, sie
pflgen, sie graben, sie schaufeln, sie entwssern -- der Wasserspiegel
wird zu Morast, das Rhricht zu Gras, Inseln und Werder zu landfestem
Boden, die Katze geht trocknen Fues, wo einst der Otter schwamm ...

Regenpfeifer und Brachvgel pfiffen es klagend hinaus, Krickenten und
Schnatterenten plapperten es trauernd nach, und dumpf und unheimlich
trommelten rauschende Birkhhne es heraus.

Der alte, herrliche Urpelz, den die Erde anhatte -- ach, nun waren die
Menschen dahinein gekommen!

Es schritt rstig weiter mit der Zivilisation ... und der Raum, den
einst ein alter Fuchs, ein groer Marder oder Uhu inne hatte, um sich
darauf zu bewegen, ward kleiner und kleiner.

Und dann eines Tages, als ein armer Edelhirsch, gejagt und verfolgt,
sich vor seinen Nachstellern in ein letztes berbleibsel von Dickung im
Westerwald zu retten suchte, stand dort weit hinten auf einem groen
Platz, wo die schnste Zierblte der Kultur, das Wahlvereinsbanner sich
entfaltet hatte, ein Reichstagsabgeordneter und befrwortete den Bau
einer Lokalbahn.

Da hatte aber Strix den Westerwald schon lngst verlassen.




10. Der Leuchtturmwrter


Am Auslauf der Frde, wo der Sturm freien Zutritt hatte und wo das Meer
schumte, stand meilenweit ein eigenartiger Streif von Bumen.

Sie waren zum grten Teil im Laufe der Zeiten von selber gekommen.

Die Vgel hatten sie geset und die Tiere hatten sie gepflanzt ... wenn
Fuchs und Dachs nach Musen stachen, wenn das umherziehende Rehwild
nach Dornenbeeren scharrte, hatten die Tiere unbewut Bume in die
Erde gepflanzt. Sie hatten Eicheln und Bucheckern und Nsse von der
Haselstaude gelegt, sie hatten Ebereschen gepflanzt und das groblumige
Geiblatt.

Ganz unten am Rande des Strandes zwischen dem Sand und den Steinen waren
die Bume so winzig klein, da sie den Namen Baum kaum verdienten.
Dann stiegen sie an Hhe, je weiter landeinwrts man kam.

Aber mehr als zweimal Manneshhe erreichte kein Baum. Selbst einen
halben Kilometer weiter hinauf und mit einem halben Kilometer
schutzgebenden Schirmes vor sich, erhielt kein Gipfeltrieb Erlaubnis,
die einmal festgesetzte Hchstleistung zu berschreiten; der Sturm von
der See her war eine Riesenschere, die bestndig schnitt und schnitt ...

Gleich einem sanftabfallenden Halbdach ber einem offenen Schuppen
senkte sich die ganze Kronendecke nach der See hinab und tauchte den
Rand des Daches in Gischt und Schaum. Ein eigenartiges Dach ber einem
eigenartigen, mit Schlackerwetter angefllten Schuppen -- und doch, wenn
man aus See kam und sich zwischen dem Baumgewimmel barg, hatte man ein
Gefhl von Wohlbefinden und Traulichkeit, als sei man zu Hause
angelangt.

Bei ruhigem Wetter war es so still hier im Strandwald -- da kehrte der
Paradiesesfriede wieder. Aber bei Sturm und Regenschauern lrmte diese
ganze, erwachsene Baumwelt hlich, sie schrie und sthnte und schuf die
unheimlichsten Laute. Da bebte meilenlang das sturmgestutzte Halbdach,
das Wetter legte sich darauf wie ein grober Gesell und versuchte, ob es
nicht in den Schuppen hinabgelangen knne.

-- -- --

Hier hinaus kommt an einem frhen Morgen im Herbst der alte Sonderling,
die Eule.

Der Weidorn steht mit Fleischbeeren da und die Schlehe mit
blauschwarzen, kugelrunden Frchten, die Ameisen suchen einen Haufen,
und die Wildgnse schmettern mit scharfen, gellenden Schreien eine
Fanfare in die Luft ber ihrem Kopfe. Sie findet ein Haus zwischen einem
Haufen groer Steine mitten in der dichtesten Schlehenfestung.

Hier sitzt Strix, whrend das Laub von den Bumen fllt, und sprt,
wie es um ihr Haus herum wimmelt von Zgen und abermals Zgen stummer,
reisender kleiner Vgel: Laubsnger, Rotkehlchen, Drosseln und dem
lieben, leckeren Krammetsvogel, und sie hrt den gehetzten Hirsch leise
knhrend umhertrollen und mit seinem Geweih an die Auenwerke ihrer
Festung schlagen. Uhm, uhm, grunzt er, wenn er umgeben von ein paar
Stcken Kahlwild sich seines Daseins freut; hlich aber ertnt sein
Rhren, wenn er, von den Schleiern des Morgennebels verborgen, sich
erkhnt, seinen schallenden Brunstruf auszustoen.

An den rauhen Novemberabenden, wenn die Meerestiefe grau da liegt und
die Wellen in langen, weien Grundstrichen in die Fhrde hineinjagen,
wenn der Horizont Regen verkndet, und der aufgehende Mond mit seinem
roten Segel kaum Erlaubnis erhlt, hervorzuscheinen, verfolgt sie von
ihrem Versteck aus den Zug der Tausenden von Wildenten. Gleich schwarzen
Klumpen mit langen Hlsen, steigen sie Schof auf Schof ber dem Walde
auf, um landeinwrts zu eilen und sich in den Mooren und Smpfen des
Hinterlandes zu bergen. Und sie sieht die Mwen sich in groen Schwrmen
vom Meer hereinwiegen und sich im Schutz hinter den Steinen des Strandes
schwerfllig zur Ruhe setzen. Da schlgt sie an manch einem Abend eine
fette Stockente oder eine wurmgespickte Mwe ... derartig hat sich der
Fresack angefllt, da ihm die Regenwrmer lang aus dem Halse
heraushngen!

Und hier sitzt sie in den Wintertagen bei Schneegestber und hrt das
Meer unter sich tosen und lrmen. Sie fhlt sich sonderbar ergriffen von
dem Laut. Es liegt, so scheint es ihr, ein eigenartiges Waldessausen
darin, und hohle, tiefe Tne, wie von ihrer eigenen Stimme.

Die dnischen Wlder sind arm an Uhus geworden; Strix' eigene Art ist
dahin, ebenso die Groen ihrer Rasse: Hhnerhabicht, Wanderfalke und
Weihe hrt sie kaum je mehr -- sie wei nur noch von Meeresbrausen und
Waldessausen wie von einem Wesen _ihrer_ Art. --

Sie mu es sich so recht traulich machen, die wunderliche,
menschenscheue Eule, wenn sie hier aus der Tiefe ihres steingewlbten
Hauses heraus altklug mit Meer und Wald plaudert.


Das Meer, das Meer ...

Es kamen Tage, wo das Meer in Aufruhr stand, wo das sturmgepeitschte
Wasser von ihm aufstob wie Schneetreiben von einem Felde und Staub von
einer Landstrae. Da trieb es die verschiedenartigsten Wracks an Land:
Boote und Treppen, Pfhle und Kisten, alles bunt durcheinander, mehr
oder weniger zersplittert. Da schwemmte es auch seinen frischen,
seegrnen Tang an ... das Meer erntete, mhte selbst den Ertrag seines
Bodens und trug ihn, Fuder auf Fuder, lngs der Ksten und Ufer heim.
Hier lag es am Strande in Haufen und Schobern und bildete neue Welten
mit Einfahrten, Frden und Buchten.

Weit drauen am Horizont, unter einem dstern Chaos von Wolken und Regen
richtete sich eine Welle nach der andern empor, man sah eine graugrne
Mauer, die in einem Nu mit schumendem Wei berpinselt wurde. Dann trat
eine Verwandlung ein: die Mauer wurde zu einem Bergrcken, wild und
zerrissen schoben sich weilich-gelbe Felszinnen turmhoch empor, und
es stob von ihnen wie Schneewehen ... bis der Wasserberg pltzlich
zusammenstrzte und unter lrmendem Gepolter und siedenden Wirbeln in
die Tiefe versank.

Und neue Mauern richteten sich empor, und neue Bergrcken schossen auf
... sie tummelten sich feurig, die mchtigen Wogen. Dann veranstalteten
sie einen Wettlauf an Land und hauchten mit einem Gekrach ihr Leben
zwischen den Steinen aus. -- -- --

An solchen sturmerfllten Tagen ... wenn die Abende kamen und die
Ragnaroksage auf die Erde wiederkehrte, wenn die Finsternis jede Kreatur
bedrckte, so da sie zitterte ... dann tanzte Strix, whrend der
Horizont flammte, mit Buckel und krummen Flgeln oben auf dem Kamm des
Abhanges. Ihre wehenden Federbsche strubten sich, die Pupillen wurden
gro und der Blick scharf und tzend.

Aber in den Nchten, die auf solche Tage folgten, fuhr die Wildheit in
sie. Sie ttete rcksichtslos, sie wute nicht warum, sie ttete nur,
ttete ... Die Enten, die im Tang lagen und ihren Leib versteckten,
fest berzeugt, da sie sie nicht sehen konnte, nahm sie zu Zweien auf
einmal, eine in jeden Fang; sie machte Jagd auf die kleinen Goldammern,
die sie sonst gar nicht anrhrte, sie qulte ihre gefangenen Ratten, wie
eine Katze, und zog jedem Stachelschwein die Haut bei lebendigem Leibe
ab.

Und ununterbrochen fllte sie den Strandwald mit ihrem durchdringenden
Geheul --: Ho--o! Hu--u! Ha--Ha--Ha!

Im Strandwalde erlebt Strix ihre mageren Jahre.

Die Gegend ist zu rauh, um irgendwelchen berschu an Wild zu bergen.

Sie nimmt nicht zu an Wohlbeleibtheit und mu namentlich im Winter alles
in Betracht ziehen und auf Muse und Bussarde und eingefrorene Seevgel
niederschlagen. Nur im Sommer, in der Brutzeit, fllt sie sich mchtig;
die Mwenkolonien am Strande entlang mssen ihr erklecklichen Tribut
zahlen; sie schnappt die Gssel der Wildgans und die Jungen des groen
Sgetauchers weg, und manch ein rundlicher Dachswelpe, manch ein feister
Jungfuchs geht in ihrem sackhnlichen Magen zu den seligen Jagdgefilden
ein.

Sie lebt glcklich auf ihre Weise, in ihrer Einsamkeit, und geniet ihre
Ruhe. Kein aufreizender Axthieb, kein polterndes Wagengerassel peinigt
ihre Nerven ... nur das Rollen der Wellen und das Zirpen der Heuschrecke
klingt um ihr dickichtumkrnztes, sturmzerzaustes Haus.

Und dann eines Abends, als sie ausfliegt, scheint ihr aus weiter Ferne,
oben von dem stlichen Ende einer Anpflanzung, ein ziegelgedecktes Dach
in die Augen.

Es schiet aus einigen Tannenwipfeln auf wie ein feuerroter Fliegenpilz
ber grnem Moos ... die untergehende Sonne macht es erglhen und Funken
sprhen.

Es ist ein Menschennest, das dort aufgeschossen ist -- eine Villa!

Die Bahn ist eine Tatsache geworden. Aus der groen Provinzstadt am Ende
der Frde geht sie durch den Westerwald bis hier hinaus an die Kste.
Die Spekulation hat auch dies Ende des Landes erfat; man hat ein Auge
auf den Strandwald geworfen, auf die Abhnge, die Aussicht und den guten
Badestrand; eine groe Genossenschaft hat den ganzen Dreck gekauft und
zerstckelt ihn jetzt in lange Streifen; jeder Streif erhlt sein Stck
Wald, sein Stck Strand, sein Stck Wasser ...

Die Einsamkeit verschwindet schneller als die Buchenbltter gebrauchen,
um zu grnen und gelb zu werden; kleine berfllte Dampfboote fangen an
zu pfeifen und herumzupltschern, kleine Hunde bellen, Wagen mit Mttern
und Kindern kommen dahergehumpelt -- und fast jeden zweiten Abend, wenn
Strix aufwacht, ist ein neues, pilzhnliches Menschennest aufgeschossen.

Sie weicht und weicht, fliegt ein oder gar zwei lange Nachtflge am
Strande entlang, aber dann kann sie pltzlich nicht weiter kommen, sie
ist hart an der Landspitze -- am Meer.

Da drauen liegt der kleine Leuchtturm ...

An einem dunklen und spten Herbstabend ... die See tost, und die
Bume in dem letzten Streifen Strandwald klatschen die kahlen Zweige
gegeneinander ... ist ein Fischerjunge aus dem kleinen Dorf drauen an
der Landspitze, auf der der Leuchtturm liegt, auf dem Heimwege
begriffen.

Der Junge folgt dem Pfade auf dem Abhang oben am Waldessaum entlang und
sieht ngstlich in die Finsternis hinein, die dick zwischen den Stmmen
liegt.

Da hrt er auf einmal ein wunderliches Hallo an sich vorbersausen und
weiter durch den Strandwald jagen ...

Es durchschauert ihn eisig. Mit offenem Munde und pochendem Herzen
bleibt er stehen.

Einen Augenblick spter ist das Hallo wieder da!

Er glaubt, Pferdegetrappel und ein gewaltiges Bellen und Klffen von
Hunden zu vernehmen -- und er schlgt die Hnde kreuzweise vor die
Brust. Ob dies wohl das ist, was Grovater Pibe Knig Waldemars wilde
Jagd nennt?

Die Haare struben sich ihm auf dem Kopf, er will davonrennen, da fllt
ihm ein, da das ja das Schlimmste ist, was er tun kann. Er mu nur
gehen, gehen -- und er eilt dahin, mit hastigen Schritten.


Am nchsten Tage sprach das ganze Dorf von dem Erlebnis des Jungen!

Auf der Bank unter dem kleinen Leuchtturm, wo die alten Seebren
bei Sonnenuntergang zusammen kamen und ein Garn spannen, hrte der
Leuchtturmwrter eines Abends, da von Spuk geredet wurde.

-- Wo ist der Spuk? -- fragte Vogel.

Ja, es war hier ganz in der Nhe des Strandwaldes. Kristian Lars' Sohn,
erzhlte einer der Fischer, hatte es gehrt, und nun vorgestern hatte
auch er es gehrt. Es war ein eklicher Kram; es heulte und miaute und
bellte und klffte und rchelte wie ein sterbender Mensch. Der alte
Niels Pibe, der ja nun nicht mehr aus dem Bett aufstehen konnte,
behauptete, es wre Knig Waldemars wilde Jagd; er sagte, solche
nchtliche Jagd habe er, als er ein Junge gewesen war, fast in allen
Frdenwldern gehrt, nur viel schlimmer. Da jagte der Knig mit groem
Gefolge und vielen Hunden; jetzt habe sich die Teufelsmusik wohl
vermindert.

-- Daran sind gewi die vielen Kirchen Schuld --, fgte der Erzhler
gottesfrchtig hinzu.

Der Leuchtturmwrter spitzte die Ohren.

Aus seiner Kindheit drauen im Waldwrterhause dicht vor den Hochwldern
war er gar wohl bekannt mit der Musik des groen Uhus ... sollte es
mglich sein, dachte er, lebte wirklich noch eine von den groen Bubos,
und zwar so nahe an seinem Gebiet! Das mute ein Zugvogel sein, einer
aus dem nrdlichen Skandinavien, der auf seiner Winterreise hierher
verschlagen war ...

Und Vogelhansens alte Leidenschaft stieg mit einem Brausen in ihm
auf ...

Im nchsten Augenblick gaukelte er sich vor, da, wenn da ein Vogel sei,
auch zweie da sein mten ... es erging dem groen Uhu wohl so, wie man
sich von der Bekassine erzhlte, da sie nie allein liegt. Dann konnte
er am Ende wieder ein Gelege Eier bekommen oder eine Brut Junge fangen;
alles Einheimische von der Art stand jetzt fabelhaft hoch im Preise!

Es erging ihm fast so wie der Frau mit dem Milchtopf, aber dann besann
er sich -- nun, er mute ja erst einmal sehen!

_Eine_ Eule mute auf alle Flle da sein -- und wenn die nur da war,
hatte er auch sichere Hoffnung auf einen guten Gewinst. Der groe Uhu
war immer zu verkaufen, wenn man ihn nur, tot oder lebend, in Hnden
hatte.

Der kleine Leuchtturmwrter hatte sich freilich Zeit seines Lebens Jger
genannt, aber es war nicht mehr vom Jger in ihm als auf dem Rcken
einer Hand Platz hat. Er war Schieer schlecht und recht, er scho nur
fr den Kochtopf und fr die Tasche -- und am liebsten fr die letztere!
Denn das, was da hinein kam, konnte verkauft und in geliebtes Geld
umgesetzt werden!

Er war ein Aasjger, wie er sein Leben lang ein Nestruber gewesen war;
aber den Trost hatte er, da leidenschaftliche Sammler und andre brave
Mnner, die Schulen und Museen mit Vertretern der Fauna des Landes
versorgten, sein Treiben in Briefen oft eine sehr gemeinntzige Tat
genannt hatten.

Nun war er bejahrt und nicht mehr imstande, in eine Buche hinauf zu
klettern; aber das konnte auch einerlei sein, es gab nichts mehr, was
sich des Hinaufkletterns verlohnte. Schon seit Jahr und Tag hatten ihn
die Verhltnisse gezwungen, damit aufzuhren.

Um so eifriger brauchte er nun die Flinte! Die Flinte war der lange Arm,
womit er noch etwas an sich raffen und einem steifen Rcken und einem
stocklahmen Bein abhelfen konnte.

-- -- --

Und die Flinte wurde an diesem Abend von ihrem Platze ber dem
Herde heruntergenommen, wo sie sonst immer bereit lag, um gegen die
vorberstreichenden Mwen verwendet zu werden -- er hatte die alleinige
Lieferung von Mwen fr eine Modewarenhandlung -- und mit groem, grobem
Schrot klar gemacht.

Tag fr Tag schlich er in seiner Freizeit im Strandwalde herum. Er
durchwanderte ihn die Kreuz und die Quer, ja, er ging ganz bis an den
Badeort hinunter und frech durch alle Grten der jetzt mit geschlossenen
Lden daliegenden Sommervillen. Aber er konnte nichts von dem groen Uhu
entdecken auer einer vereinzelten braunen Feder.

Diese Feder gengte ihm jedoch; nun wute er, da der Vogel wirklich
vorhanden war.

Strix sa in einem Fuchsbau tief unter der Erde, da war es ja kein
Wunder, da der Leuchtturmwrter jedesmal vergebens ging.

Er ruhte jedoch nicht: er blieb seiner Natur und seinem Wahlspruch
getreu: -- niemals etwas aufgeben, ehe du nicht die Beute im Kasten
hast!


Es dmmert eines Abends ...

Die Farben entweichen von der Erde und steigen zum Himmel empor; der
wird im Westen rotglhend und schwefelgelb.

Die Steine am Strande entlang, alle die weien, alle die grauen, die
roten Taschenkrebsschalen, wie die blauen Muscheln, verschwinden fr das
Auge und werden zu einem dicken, wolligen Streif.

Und der Streifen zerbrckelt gleichsam, wird zu Sand, zu schwarzer Erde
-- die Dmmerung nimmt auch ihn.

Nur der kleine Leuchtturm drauen auf der Landzunge bleibt brig.

ber die See weht ein wahrer Orkan aus Westnordwest ...

Dstre schwarze Wolfen, wild zerfetzt an den Rndern, jagen ber den
Horizont. Sie kmpfen mit funkensprhenden Feuerschlangen, die sich um
ihren Rcken geschlungen haben, so da rings umher in der Luft blutige
Risse klaffen.

Das Meer tost und schumt ... sein Brausen ist in den Strandwald
gefahren, der siedet und brodelt, er kocht vom uersten Rande bis ins
innerste Dickicht. In seiner dicht verfilzten Kronenwlbung gehen tiefe,
mchtige Windwellen, die vom Wipfelast bis ganz hinab zur Wurzel
reichen.

Der Sturm treibt selbst mit den innersten Bumen Kurzweil; er knechtet
sie, die verwachsenen, kaum zwei Mann hohen Baumkrppel, so da die
wilden Schsse des Unterwaldes sich vor Wonne schtteln, wenn sie hren,
wie schwer die groen Baume kmpfen mssen.

Man krmmt den Rcken da oben an Land! Steht demtig da und dienert, wo
es sonst gilt, den besten Platz an der Sonne zu erhaschen; man schmeit
ste, Zweige und die letzten lieben Bltter ab -- und ist froh, wenn man
nur damit davon kommt.

Der ganze Waldboden ist bedeckt von abgerissenen Reisern und
Tannennadeln; er sieht aus wie ein Weg, der zu einer Beerdigung mit Grn
bestreut ist. Da ist nicht gespart, nicht gegeizt, Vogelbeeren, Schlehen
und Hagebutten liegen da -- und gleich willig und verschwenderisch
streut der Sturm noch immer drauflos.

Der kleine Leuchtturmwrter ist auf dem Jagdpfade; er schleicht in der
Dunkelheit herum, die Flinte bereit. Ist die Eule am Tage nicht zu
sprechen, wohlan -- dann mu er versuchen, ob er sie nicht des Nachts
treffen kann.

Dichter und dichter drckt sich die Finsternis um ihn, sie guckt hervor
aus Gestrpp- und Baumstammzwischenrumen, sie faucht ihm ihre schwarzen
Tupfen ins Gesicht und macht seine weie Hand, die das Flintenrohr
umfat, dick und schwarz.

Heulen, Jammern und Seufzen erfllt den Strandwald. Tne, bald so
herzzerreiend, da man glauben sollte, ein Mensch sei in Not, und Tne,
bald so berirdisch, als kmen sie vom Himmel, strmen ununterbrochen
seinem aufmerksamen Ohre entgegen.

Aber nicht nach ihnen lauscht er ... die Laute kennt er von seinen
vielen Wachen oben im Leuchtturm. Er wartet auf das Halloh und fragt
sich mit einem Fluch, wo es nur abgeblieben sein kann.

Ha, ha, ha, daran sind die vielen Kirchen schuld! hhnt er im Stillen,
als er wieder eine Viertelstunde vergeblich umhergeschlichen ist ...
nein, die groen Horneulen haben sich an Zahl vermindert, ihrer sind
weniger und weniger geworden -- das ist die Sache! Der Sturm ist wohl
derselbe, der er immer gewesen ist, und auch das Klipp-Klapp der
klappernden Zweigspitzen, aber die Hunde scheuchen wohl seltener als
frher Wild auf.

Da streift die wilde Jagd pltzlich an ihm vorber ...

Und es ist Fahrt im Treiben und Klffen in der Meute, es drhnt, es
rasselt, es bellt, faucht und klagt um ihn herum; er mu sich auf seinen
Stock sttzen -- er entsinnt sich nicht, den hochseligen Knig jemals so
wild jagen gehrt zu haben!

Strix hat nmlich einen leckern Bissen gefangen; es ist ein Hase, den
sie in den Fngen hlt, whrend sie vorberfliegt. Sie hat indessen
keine Ruhe, ihn zu verzehren, denn eine Schar kleiner Eulen, die ihr
Glck entdeckt haben, verfolgt sie und mischt ihre hohlen, schnarrenden
Hornlaute in ihr dsteres, durchdringendes Fauchen. Sie neiden ihr den
Fang und lstern laut darber.

Die Sturmste kommen und gehen durch den Wald und zerren und ziehen an
den Wipfeln. Pltzlich und berraschend, mit der Geschwindigkeit eines
Habichts, schlagen sie nieder, wirbeln das Laub auf und schleudern es
dem Leuchtturmwrter ins Gesicht. Er mu den Rockkragen aufklappen und
den Knoten des Halstuches fester binden. Er zittert am ganzen Leibe vor
Eifer und Spannung und starrt sich fast die Augen aus dem Kopf ... wo
schrie es doch?... wo heulte es eben?

Auf den Zehenspitzen schleicht er umher, bewegt sich so lautlos wie sein
lahmer Fu es gestattet. Er bleibt oft stehen und lauscht mit offenem
Munde, die Handflche hinterm Ohre ... war das nicht das Fauchen eines
Uhus?... ja, jetzt hat er es ... es kommt aus der Anpflanzung ... da
drinnen zwischen den Fichten, da heult es!

Der Leuchtturmwrter hat Glck: auf einem schmalen Pfad stt er auf die
sonderbare Versammlung. Er sieht etwas Schwarzes, das sich im Dunkeln
bewegt, legt die Flinte an die Wange und zielt in der Finsternis, so gut
er vermag ... Strix' Leben hngt an einem Faden!

Sie sitzt ber ihrem Opfer und klemmt es fest gegen den Erdboden, rollt
Feuer aus den Augen und knappt mit dem Schnabel. Die kleinen, fliegenden
Katzen umschwirren sie wie Elstern.

Der Leuchtturmwrter zittert frmlich, die Beine wollen ihm versagen; er
kann die Flinte nicht ruhig halten, er mu auf die Knie nieder.

Da ertnt endlich der Schu ...

Aber in der Erregung und in der Dunkelheit schiet der Leuchtturmwrter
zu hoch; zwei behende kleine Eulen fallen wie zwei Bndel Kleider zur
Erde.

Strix macht sich aus dem Staube und nimmt obendrein ihren Hasenbraten
mit.

Aber in dem Augenblick, wo sie, von dem Sausen des Sturmes getragen,
ber die Fichtenwipfel dahinsegelt, ruckt es in ihr. Sie ist in den Wind
vom Leuchtturmwrter gekommen, und der beeilt sich und strmt vorwrts,
um seine Beute zu sichern -- sie aber ffnet die Fnge und gibt
freiwillig ihren leckern Braten preis ... Kladatsch, klingt es,
Kladatsch, Kladatsch, so schnell, da die Kladatsche fast bereinander
stolpern.

Und dann ist sie im Sturmgebraus verschwunden.

-- -- --

Das ist Tag und Jahr her -- und vergessen; vergessen war das Ganze.
Nicht einmal Erinnerungen an ihre jubelerfllten Tage waren
zurckgeblieben. Nur der Kampf um die Nahrung und der Kampf um das Leben
haben sie jetzt seit Jahren in Anspruch genommen; sie ist ein einsamer
Vogel und hat sich daran gewhnt, als sei sie es ihr Leben lang gewesen.

Jetzt pltzlich taucht es alles wieder auf ...

Nicht leibhaftig und in Gestalten geformt, so wie das Menschengehirn es
vermag ... nein, nur in fernen unbestimmten Ahnungen. Ihr Gesicht kann
tuschen und ihr Gesicht kann vergessen, ihr Gehr nie -- und diese,
eines Menschen eigentmliche Art zu gehen, hat sich ihr nun einmal unter
Umstnden, wo ihre Nerven bis aufs uerste angespannt waren,
unauslschlich eingeprgt.

Ist er es, der lahme Hahn mit dem stinkenden Atem, der ihre Jungen
geraubt und sie in einen Bauer gesetzt hat?...

Sie ahnt es und fhlt dasselbe unwiderstehliche Kribbeln in ihren
Fngen, wie wenn eine pltzliche Lust, etwas Lebendem die Haut
abzuziehen, sie anwandelt. Der Kampfesmut aus alten Zeiten fhrt in
sie, der Ha, die Wildheit, die Bosheit flammen auf.

Aus der Fichtenanpflanzung heraus hinkt der ein wenig niedergeschlagene
kleine Leuchtturmwrter, seine beiden kleinen Eulen in der Hand. Seine
erste Eingebung ist, sie wegzuwerfen; aber dann fllt ihm ein, da er
sie dem Ausstopfer in der nchsten Stadt ja anschnacken kann.

Da hat er wieder das wilde Halloh um die Ohren!

Diese neue Mglichkeit erfllt augenblicklich seine ganzen Gedanken.
Schnell steckt er eine frische Patrone in die Flinte -- und eilt davon,
dem Gerusch nach.

Aber nun lt Strix erst allen Ernstes ihre Stimme ertnen.

Ein heimliches Schaudern, ein stilles Grauen durchbebt den lahmen Hahn
... ein so teuflisches Heulen, wie er es jetzt hrt, meint er noch nie
zuvor vernommen zu haben. --

Huu -- Huu ... bis ins Unendliche ruft die Eule, so wie damals, als sie
den Hasen in den Todestunnel hineinlockte. Der Leuchtturmwrter rennt
dem Laut nach; er glaubt die ganze Zeit, da er die groe Eule im
Dunkeln gerade vor sich hat; aber er rennt und rennt und ist ihr immer
gleich nahe.

Sein Kla-datsch, Kla-datsch von dem lahmen Bein hmmert aufreizend
und anfeuernd in Strix' Ohren; sie hat eine brennende Lust, auf ihn
niederzuschlagen, in seinem Fleisch zu zerren. Aber die Furcht vor den
Menschen ist noch immer zu gro. Sie mu sich damit begngen, ihn zu
foppen und sich ihrer berlegenheit in der Finsternis zu freuen ... da
geht er ja unter ihr, taub und blind, und stapft schwerfllig auf seinen
Klumpfen -- und sie ndert ihren Platz wieder und wieder und saust von
allen Seiten ber ihm, whrend sie ihm ihr Geheul in die Ohren gellt.
Nur wenn er still steht, schweigt sie, und dann sprt sie das alte,
beklemmende Gefhl im Halse.

Huu -- Huu ... quiwitt, quiwitt! Hin und her durch den Strandwald
geht es, dann ber die Abhnge hinaus und auf und ab an den langen
Dnenwnden, unter denen das Meer siedet und schumt.

Der lahme Hahn ist nahe daran, vor Durst zu vergehen, es schwitzt ihn,
und das Halstuch hat er schon lngst in die Tasche gesteckt; er fhlt
sich immer mehr gereizt durch die Fopperei des Vogels und ist doch
gleichzeitig mehr denn je darauf erpicht, ihn zu kriegen. Hier an den
offenen Dnenhngen, wo hinaus er die Eule nun endlich getrieben hat,
scheinen seine Aussichten ihm verbessert ... hier kann sie ihn nicht
so leicht durch ihr Geheul tuschen, hier kann er den groen Vogel
ja sehen, wenn er von Zeit zu Zeit einmal aus dem Schlehengestrpp
aufschiet, befreit von den Schlagschatten und der Erddunkelheit. Er
_will_ sie haben; er kann es an ihrem Heulen hren, da es eine alte,
mchtige Eule ist; sie mu viel wert sein, und es gibt ja nicht mehr von
der Art .... Huu -- Huu ... und bestndig erschallen vor ihm die
verwirrenden Tne. --

Ein paarmal schon hat er sich an dem Dnenhang hinauf und wieder hinab
gearbeitet und dagesessen und ihr im Schutz eines kleinen dichten,
sturmgepeitschten Dornenstrauches aufgelauert; jetzt hrt er sie wieder,
sie ist hoch oben ber seinem Kopf, gerade unter dem Rande des Abhanges.

Der Sturm pfeift in den wilden Klettenstengeln und entfhrt seiner
groen Hakennase Tropfen auf Tropfen, er singt hohl und orgeltnend
in den Flintenrohren und klemmt einen eigenen vorwurfsvollen, gellenden
Ton aus den kleinen Steinen heraus, die in der Tiefe unter seinen Fen
rasseln.

Auf allen Vieren, das Gewehr fest unter die Achselhhle geklemmt, kommt
er heraufgeklettert ...

Ganz zufllig flattert Strix im selben Augenblick von einem
Schlehdorngestrpp auf und schwingt sich ber den Abhang hinaus, wodurch
sie sich einen Augenblick vor ihm in der Luft zeigt, gerade als er vor
einem Absatz an der Dnenwand steht. Er richtet sich schnell auf, geht
blindlings drauf los und vergit, sich in acht zu nehmen; jetzt will er
einen Schnappschu versuchen, will versuchen, den Satan nach dem Gehr
zu schieen; aber in der Eile tritt er fehl und hlt einen groen
Schlagschatten am Ende des Absatzes fr festen Boden, er strauchelt,
will mit der Flinte vor sich fassen, die Schsse gehen ab, der rechte,
als das Rohr gerade ber dem Boden ist, der linke, als das Rohr schon in
der Erde ist. Der Lauf zerspringt ihm zwischen den Hnden und reit ihm
die rechte Hand ab, er kann sich nicht festhalten, er gleitet und strzt
in die Tiefe.

Strix sieht ihn fallen, aber sie versteht seinen Fall nicht!

Sie glaubt, da er hinter ihr drein ist -- bis sie von einem neuen
Sturmsto wieder gegen den Abhang geworfen wird und ihn erblickt, wie er
ausgestreckt am Strande liegt, den bleichen Hahnenschnabel steif in die
Luft. Sie umkreist ihn, wirft sich in langen Bogen vor sein Antlitz
nieder und fat im Vorbersausen nach seinen wehenden Haarstrhnen --
und dabei heult sie und schleudert ihm ihr krchzendes, bermtiges
Hohngelchter ins Gesicht, whrend der Sturm im Riedgras seufzt und
pfeift.

Endlich setzt sie sich auf einen Vorsprung des Dnenhanges; dort sitzt
sie lange stumm und starrt grbelnd und unverwandt auf ihren toten Feind
hinab. Es ist das erste Mal, da sie einen Menschen so still sieht ...
der Mensch -- die ewige Unruhe, die sie zeitlebens gestrt hat -- nun
liegt er dort tief unter ihr und ist so still geworden.

Da schreit sie hlich, da heult sie unheimlich ... es schallt im Walde
-- es hallt wieder von den Dnenhngen --:

-- Qui -- witt, quiwitt -- komm mit! komm mit! ... ha, ha, haaa!


-- Es heult in der Nacht.

Seit jener Nacht waren Strix' Tage am Strande gezhlt.

Es verlautete gar bald, da Leuchtturmwrter Hansen auf nchtlicher
Jagd auf einen groen Uhu umgekommen sei. Die Strandzeitung schlug Lrm
und der Bericht ging durch das ganze Land -- und obwohl es keineswegs
stimmte und auch nicht weiter verlockend war, und obwohl es ganz
auerhalb der Jagd- und Badesaison war, benutzte doch ein gewiegter
Hotelpchter die Gelegenheit, mchtige Reklame fr sein neues, groes
Badehotel mit dazu gehrigem Jagdwald zu machen.




11. Klein-Taa


Der Winter verging leidlich fr Strix.

Sie hatte nur mit dem Hunger und der Langenweile zu kmpfen.

Das Los des Leuchtturmwrters wirkte gerade nicht verlockend auf die
in der Gegend ansssigen Jger; sie erblickten darin eine weitere
Besttigung fr die Annahme, da die groe Eule ein Zaubervogel sei,
den man am besten in Ruhe lie.

Der alte Niels Pibe, den die Strandzeitung interviewte, benutzte
die Veranlassung, um verschiedene Geschichten von Eulen wieder
aufzufrischen, aus denen zu ersehen war, da die Eule Bses ansagt --
und da, wenn man sie schiet, dies den Tod bedeutet.

Eifrige Sammler lieen sich freilich nicht von diesen Ammenmrchen
abschrecken, und als der Frhling sich nherte und das Wetter weniger
rauh wurde, erhielt der gewiegte Hotelpchter in der Tat Anfragen in
bezug auf seine Pensionspreise und den viel beredeten Vogel.

Indessen kam ihnen ein Fremder, mit dem niemand rechnete, zuvor.


Es ist an einem Abend, Ende Mrz, bei heftigem Seesturm ...

Das Meer schumt. Kein Fahrzeug ist zu erblicken. Die grauen
Regenschauer und die graue See gehen ineinander ber. Nur eine
vereinzelte, groe Mwe mit einer unverhltnismig groen Flgelweite
fr den kleinen, leichten Krper tummelt sich im Sturmgebraus und wiegt
sich hin und her ber dem einsamen Horizont.

Scharf und salzig treibt die Seeluft durch den Strandwald; sie stinkt
nach Fischen und Tang, nach Strand und Muscheln ...

Strix tanzt nicht mehr an dem Dnenhang, sie hat zurzeit anderes zu tun.

Sie hat sich ein Nest aus Zweigen zwischen ein paar ausstrahlenden
Wurzelhlsen einer kleinen verkrppelten Erle zusammengetragen und
liegt und brtet auf einem unbefruchteten Ei, einem letzten, aus alter
Gewohnheit gelegten Ei!

Und die Regenschauer kommen in Zwischenrumen, aber regelmig wie
die Kinder in dem Heim armer Leute, und das Meer da drauen nimmt die
trostlose Farbe des Sandgraus an. Und der Regen peitscht herab, strmt
und strmt, so da auch oben in der Luft See und Meer entstehen.

Strix drckt sich tief in ihr schtzendes Nest unter dem Erlenstamm und
lt die Regenschauer kommen und die Regenschauer gehen; sie brtet und
gibt acht ... auf die Erde, das wei sie ja, ist kein Verla.

Da kracht und raschelt es vor ihr im welken Laub ... ein
langgestrecktes, schlangengeschmeidiges Raubtier wickelt seinen
blanken Pelz aus dem Grau der Dmmerung heraus.

Es ist auch einer von den alten Feinden -- ein guter Bekannter aus
Strix' jubelvollen Tagen! Obwohl Klein-Taa jetzt ein alter Marder
geworden ist, hnelt er noch immer seinem Vater so aufs Haar, da ihm
eigentlich nur die gestutzte Rute fehlt.

Klein-Taa ist auf der Frhlingswanderung; auf der Suche nach einem
Weibchen -- sonst kme er nie in diese rauhe Gegend.

Der Marder ahnt die Eule nicht, er kriecht nur in Schutz vor dem Wasser.
Hopp, hopp, geht es, hopp, hopp -- ins Trockne hinein, am Eulenbaum
entlang.

Stieg in Strix eine Erinnerung auf, als sie den Burschen sah? Bereute
sie vielleicht erst jetzt eine ungenutzte Gelegenheit bei einer
zuflligen Begegnung in einer dunklen Tanne? Oder ist nur das Wetter
schuld daran?

Sie fhrt auf die Waldkatze ein. Der Marder glaubt in dem ersten
Augenblick der berrumpelung, da er einem Truthahn geradeswegs in
die Arme luft. Ein warmes Aufblitzen, eine Mischung von Freude und
berraschung ber dies unerhrte Glck zuckt in den kleinen, listigen
Lichtern des behenden Raubmrders auf -- da pflanzt Strix ihre acht
Fnge in seinen Hinterkrper.

h! knurrt der kleine Taa ... verdammter Irrtum! Und blitzschnell reit
er seinen kurzen, krftigen Katzenschlund auf -- Strix sieht wie in
einer Sonnenuntergangsvision den roten, blutdampfenden Rachen und die
weien Zahnreihen. Eine drohende Wolke von wilder Bosheit senkt sich
ber die vorhin so glitzernden Pupillen des Marders; er legt die
Lauscher zurck und windet sich mit einer Kraftanspannung pltzlich
in eine kauernde Stellung.

Strix will sich das Tier mit ihren Fngen vom Leibe halten, aber
Klein-Taa ist zu lang, ohne Anstrengung gelingt es ihm, seine
Vorderlufe in die Horneule hineinzuschlagen. Er umarmt Strix auf beiden
Seiten des Brustbeins und bohrt in der Wut seines ganzen Schmerzes seine
Nase und seinen Rachen in ihre Federn und ihr Fleisch.

Einen Augenblick ist Strix kurz davor, umzufallen.

Sie mu den einen Fang loslassen und in aller Eile die Flgelspitzen und
den Sto als Sttzstbe in die Erde bohren, aber der Marder geht mit der
vollen Unbndigkeit seines ganzen Mordinstinktes drauflos.

Vergebens pret Strix ihr zottiges Gesicht gegen seinen Nacken und lt
ihre scharfe Hakennase seinen Pelz lichten, vergebens schleudert sie
ihm ihr Wolfsgeheul ins Ohr und begeifert ihn mit ihrem Auswurf: der
aufgeregte Taa lt sich nicht einschchtern, es handelt sich um Leben
oder Tod -- Strix mu entweder weichen oder sich ergeben.

Strix, die noch unverletzt ist, weil ihr dichtdauniges Kleid und die
langen, dicken Brustfedern bisher den Stachel von den leidenschaftlichen
Bissen des Marders abgehalten haben, whlt das erstere und reit sich
mit einem Ruck von ihrem Gegner los. Aber der Marder hlt fest und geht
mit.

Da kommt ein Orkansto! Er schlgt pltzlich wie ein Vogel Greif nach
Beute in die Waldestiefe hinab, fllt ein paar Bume und erhascht einen
Arm voll Laub. Strix breitet mechanisch die Flgel zur Flucht aus -- und
leicht wie ein Federball, den Marder in ihren Fngen, braust sie durch
die Waldesgipfel empor. Sie hat das Glck, beim Aufflug, wo Klein-Taa
endlich loslassen will, seinen langen, geschmeidigen Krper fest zu
umklammern, ihre acht Krummdolche bohren sich in sein Fell hinein,
gerade unter den Schulterblttern zwischen den Rippen.

Das wird eine seltsame Luftfahrt! Im Vergleich damit ist der Flug mit
der Kreuzotter das reine Kinderspiel; der fauchende Sturm nimmt Strix
mit ihrem bichen Beute in seine mchtigen Klauen und streicht mit
rasender Geschwindigkeit mit ihnen davon. Er spielt Fangball mit ihnen,
wirbelt sie in groen Rutschbahnschleifen auf und nieder und nach den
Seiten und rund herum. Strix hat alle ihre Krfte ntig, um die Flgel
gespannt zu halten.

Die wasserblanke Erde jagt wie auf flchtigen Lufen des Rehbocks unter
ihr dahin; sie sieht von Dukelheit umhllte Baumwipfel auf sich zu
eilen, im Nu unter ihr liegen und dann wieder davonschieen. Bald ist
sie schwindelnd hoch in der Luft ber ihnen, sie sieht weder Gestrpp
noch Hochwald oder die Lichtung der kahlen Stellen; bald ist sie den
schaukelnden Kronenwlbungen so nahe, da sie ihr Sturmgebraus und
Zweigegeklapper hren kann -- und es durchschaudert sie, trotzdem sie
den Marder umklammert hlt; sie kann ja nicht landen, das fhlt sie,
nicht anhalten und die Flgel emporschwingen und im Winde rtteln;
alles, was sie berhrt, wird sie umrennen.

Da macht sie eine mchtige Bewegung mit den Flgeln und, obwohl ein Flug
in die hohe Luft sonst nicht Sache der Eule ist, steigt und steigt sie
-- sie mu fort von der Anziehungskraft der Erde und der Sturmesgewalt,
hoch hinauf, wo sie ungehindert gleiten kann, wenn auch in einer selbst
fr sie wahnsinnigen Eile.

Eindrcke und Empfindungen sausen durch ihr Gehirn; sie drngen sich
auf, gewinnen Platz, werden beiseite gestoen und gewinnen abermals
Platz, und whrend alledem kmpft sie -- _sie_, der lebende Ballon --
mit ihrem noch immer gleich mordlustigen Passagier in der Gondel.

Klein-Taa, dem schon gleich zu Anfang Strix' Klauen durch die Eingeweide
gedrungen sind, whlt ununterbrochen in ihrer Brust und ihren Flanken
herum, aber ihm fehlt eine Sttze fr seinen Hinterkrper, seine Bisse
gelangen nicht auf den Grund, er reit ihr nur groe Bschel Federn und
Hautstreifen aus.

Strix ihrerseits arbeitet mit der ganzen Willenskraft des
Selbsterhaltungstriebes. Zh und ausdauernd klemmt sie die Horndolche
tiefer und tiefer in die Seiten des Marders und zapft Blut aus seiner
Brust, whrend sie vor Erregung und Anstrengung im Fluge schlingert.

Taa ist im Begriff zu ermatten. Er schnappt wild und blind im Irrsinn
des Todes um sich, und seine krftigen Hinterklauen, die wiederholt
whrend der Fahrt Strix auf verhngnisvolle Weise gegen den Bauch
gestoen haben, fangen an, schlaff und leblos herabzuhngen.

Da benutzt Strix einen Augenblick, wo Klein-Taa, um Luft zu schpfen und
die kitzelnden Federn vom Maul zu entfernen, den Hals ausstreckt, und
sie umfat mit ihrem scharfen Krummschnabel seine Kehle. Einen Bruchteil
einer Sekunde schwindelt es sie -- dann lt sie pltzlich, zuerst mit
den Fngen, dann mit dem Schnabel, los. Sie schleudert ihn von sich
und gibt ihm noch einen Segen in Gestalt ihres kalkweien Geschmeies
mit. In einem langgestreckten Bogen sieht sie seinen schwarzen
Raubtierkrper, der sich rund um seine Rute herum dreht, durch die Luft
Purzelbume schlagen, bis ihn das Erdendunkel endlich verschlingt, und
er in der Nacht verschwindet.

Im selben Nu erfat der Sturm Strix wie mit einem Kampfruck. Von ihrem
Passagier befreit, ist sie einen Augenblick spter hoch oben zwischen
den Wolken; sie mu schleunigst ihre Flgelweite verringern, sich rund
herumdrehen und, den Kopf gegen die Windrichtung, sich in langen,
weitgedehnten Schleifen seitlich dahintreiben lassen. Nakalte
Sturmste fauchen ihr ins Gesicht und pflcken lose Daunen und Federn
aus ihrem Kleide -- dann ergieen sie sich in reienden Regenstrmen
ber sie.

Ermattet vom Kampfe und schwer von dem Regen, der sie niederzuschlagen
droht, sucht sie schleunigst Schutz hinter dem ersten Hgelabhang, den
sie antrifft. Jetzt, wo sie ein freier Vogel ist, hat sie keine Angst,
dagegen zu rennen; sie hat ihre ganze Beweglichkeit wieder und landet
glatt auf einem Fels im Talgrunde.

Sie ist entsetzlich zugerichtet.

Der eine Schenkel hngt in Fetzen, bis in die Fnge hinein schnurrt es
darin; der Stnder versagt anfnglich dem Krper die Sttze. Von den
langen Brustfedern, mit denen sie die Fnge zu wrmen pflegt, sind nur
noch einzelne Daunen brig geblieben, der brige Teil der Brust besteht
aus schweienden Lchern und Rissen. Sie ist mrbe am ganzen Krper,
im Nacken, in den Flgeln -- und ihre mchtigen Fnge sind wie aus den
Gelenken gezogen. Der groe Knoten an ihrem linken Augenlid, den sie
jahrelang mit sich herumgeschleppt hat, seit ihrem Kampf mit der
Kreuzotter, ist fast zu Wallnugre angeschwollen und ragt ber das
Auge vor, so da sie nur schlecht sehen kann. Jeder Fleck an ihrem Rumpf
schreit nach Pflege und Suberung.

Sie mu irgendwo in Ruhe und Einsamkeit sitzen -- und sie hinkt davon,
hinab nach einem Graben und verkriecht sich unter einer Brcke.

Ein groer Frosch, der, aus seinem Winterschlaf erwacht, auf dem Wege
ins Freie ist, hat das Unglck, ihr geradeswegs in die Fnge zu laufen.

-- -- --

Der kalte Klumpen war ein Gtterbissen fr Strix, er wirkte wie ein
Stck Eis in dem Mund eines armen, drstenden, fieberkranken Patienten!




12. Zurck


Die Luftfahrt mit dem Marder blieb Strix' letzte Heldentat. Die Kmpfe
des Lebens hatten sie allmhlich arg mitgenommen.


Als sie wieder einigermaen zu Krften gekommen ist und ihre Wundflchen
sich vernarbt haben, fliegt sie fort aus ihrem Schlupfwinkel unter
der Brcke. Sie hat sich dort von einem Mondwechsel bis zum andern
aufgehalten und Frieden gehabt, denn um diese Jahreszeit gab es ja keine
Arbeit auf den Feldern.

Wochenlang fliegt sie herum und sucht -- sucht nach groen Wldern mit
hohlen Bumen, nach alten, leeren Eichen. Sie sucht nach Ruhe und
Frieden, nach der groen Einsamkeit, die ihr Schreien ertragen kann,
ohne sich zu entsetzen ... wo sich der Wald ohne Hilfe der Menschen
verjngt, wo die Sonnenstrahlen spielen und der Wind saust, wo niemand
auer _ihr_ sich in die Weltenordnung einmischt -- da will sie sein,
da will sie hin ...

Whrend sie so umherschweift, folgt sie, ohne es zu wissen, einem
uralten Naturgesetz. Es liegt heimlich verborgen in dem Fluge ihrer
Flgel wie in dem Bedrfnis ihres Herzens: sie fliegt im Kreise und
landet in einer schnen Mitternacht in heimischen Gegenden.

Whrend ihrer Luftfahrt mit Klein-Taa hat sie in einem einzigen Fluge
eine Wegeslnge zurckgelegt, zu der sie in frheren Zeiten Jahre und
Tage gebraucht hat. Sie ist ber den Westerwald dahingeflogen und ber
seine jetzt so kultivierten Smpfe und Moore; sie ist ber ihre
einstmals so groe Heide geflogen, die jetzt zum grten Teil umgepflgt
und bepflanzt ist. Der Hgelabhang, hinter dem sie in der Nacht landete,
liegt nicht weit von dem verfallenen, von Ratten wimmelnden
Torfschuppen, und der Wald, in den sie jetzt Einkehr hlt, ist -- wilder
Wald.

Aber sie kennt ihren groen wilden Wald nicht wieder!

Dort, wo noch vor zwei Jahrzehnten, als sie in der hohlen Buche auf der
Hgelkette vor dem Waldsee wohnte, alte, herrlich dichte Tannen wuchsen,
wo es selbst an glhenden Sommertagen dunkel und khl war, ragen jetzt
lange, gestengelte Stcke in die Hhe. Und da ist immer Spektakel! Die
Menschen treiben sich dort herum und hauen weg, so da nur die steifsten
von den Stcken brig bleiben.

Der neue Wald sieht aus wie hohes Gras.

Und treiben die Menschen sich dort nicht herum, so zerrt der Wind fast
immer an den Wipfeln; die Bume ihrer Kindheit standen frei und offen,
sie konnten sich, ohne einander zu hindern, wiegen und biegen.

Und nun die alten Riesen mit den vielen Knorren, Narben und Lchern, die
_sie_ Bume zu nennen pflegte und nicht Gras -- die sind weg. Die Axt
hat sie wohl genommen, lange bevor der Sturm sie hat holen mgen.

In einer kleinen, krummen, dichtkronigen Buche lt sie sich nieder!

Es ist eine Krppel-Buche -- einigen Bumen ergeht es nmlich wie
einigen Menschen: je mehr sie in Regelmigkeit und Schemaform
hineingezwngt werden, um so mehr kommen sie mit der Neigung zum
Ausschreiten zur Welt. Sie werden sonderlich -- und wollen nicht gut
tun! Viel von dem Samen, den die langaufgeschossenen, hochkultivierten
Buchen um sich werfen, und den sie von Winden und Vgeln ber das
umliegende Land hinaustragen lassen, artet nicht im geringsten nach
seinem Ursprung. Der Nachwuchs wird krumm und buckelig, treibt Zweige
in rechten Winkeln und bildet, wenn er Erlaubnis erhlt, lange genug
zu stehen, die wunderlichsten Labyrinthe aus seiner Kronenwlbung. Die
Forstleute haben geradezu neue Namen fr diese Sonderlinge; sie nennen
sie Krppel.

In der dichtverfilzten Zweigkrone einer solchen Krppelbuche haust Strix
fast einen ganzen Monat.

Aber was hilft es ihr, da sie endlich Husung gefunden hat -- Tagesruhe
und Waldesfrieden hat sie nicht gefunden.

In alten Zeiten waren Tagesruhe und Waldesfrieden so sicher wie die
Sonne am Himmel. Wenn sie damals aus ihrem Mittagsschlummer in dem
hohlen Baumstamm erwachte, hatte sie nur den Gesang der Jahreszeit im
Walde gehrt: im Winter den Sturm und das Sieden und Brausen. Im Herbst
den Regen und den Tropfenfall und das Pltschern. Im Frhling das
Bersten der Knospenschalen und das Glucksen und Saugen des Holzsaftes
aus Wurzel und Faser.

Und im Sommer hatte sie damals nur das Zittern der Bltter, das Summen
der Insekten, den Diskant der Mnchgrasmcke und das Gurren der
Holztaube gehrt, alles das, was naturgem mit zu dem Waldfrieden
gehrte und gleichsam die Stille verdoppelte.

Jetzt dahingegen -- nein, sie gewhnt sich niemals daran, sondern
fhrt jede zweite, dritte Minute auf: Ein Wagen nach dem andern kommt
dahergerollt, Rufen und Rennen von Menschen ertnt; dann bellt ein
Hund, ein Schu knallt; das Gellen von Pfiffen erschallt und das
aufgeschreckte Gebrll von Waldhrnern. Der Wald hat sich verndert; der
neue Wald hat andere Gewohnheiten als der alte -- und die sind ihrem
Wesen und ihrer Natur ganz zuwider.

So mu sie denn weiter, -- nach nur ein paar Monaten! Sie mu den Kreis
schlieen und die letzte Strecke der weiten, starkgebogenen Kurve
zurcklegen, in der sie seit ihren frhesten Tagen vorwrts getrieben
wurde.

Gewandert ist sie auf ihre Weise -- und nun geschieht es, da der
Instinkt und die neuen Verhltnisse in den Gegenden, aus denen sie
kommt, sie nach den groen Frdenwldern zurckziehen, wo sie einstmals
gebrtet hat, und wo sie vor bald achtzig Jahren das Licht der Welt
erblickte.

Der groe Eichenstumpf, unter dem sie ihren Horst gehabt und ihr erstes
Gelege Junge mit Uf ausgebrtet hat, ist nicht mehr da, und alles, was
dunkel und urwldlich war, -- was sie schn genannt hat -- ist weg ...
nur drauen in einer Einde, in einem sumpfigen, tiefgelegenen Winkel,
den die Menschen jetzt die _Urwaldecke_ nennen, stehen auf einigen
kleinen Inseln in einem schlammigen, noch unentwsserten Waldmoor ein
paar alte, geschonte Rieseneichen.


Jahrhunderte und Jahrhunderte sind ber die Eichen dahingegangen! Winter
auf Winter, Frhling auf Frhling haben sie erlebt, haben sie genossen.
Sie kennen den Himmel in Frostklte mit Schneegestber, in Lenzesblau
mit Schneewolken, in Sommersonne und Herbstnebel; sie kennen Edelhirsch
und Wildsau, Wolf und Br -- und sie kennen den Menschen!

Aus dem Baumgewimmel des Urwaldes, aus seinem Chaos von Alt und Jung,
Heimgegangenem und Neuem sind sie herausgestiegen, haben sie sich
emporgelitten, emporgetrotzt und sich den Platz erkmpft, auf dem sie
stehen. Vor hunderten und aber hunderten von Jahren haben sie geblht
und die Wonne der Bestubung genossen; vor hunderten und aber hunderten
von Jahren haben sie schwere, langapfelige Frchte um sich gestreut.
Sie haben Generationen von Tieren und Generationen von Vgeln gefttert,
haben das Sonnenlicht von ber tausenden von Jahren umgesetzt. Jetzt
verebbt das Leben in ihnen, sie sollen der Erde zurckgeben, was sie
einstmals empfangen haben.

Auf ein paar alten Bildern an der Wand des Forsthauses steht eine jede
von ihnen wie ein einsam aufragender Turm. Die Photographien sind vor
fast einem Menschenalter aufgenommen, als der Tannenwald auf den Hgeln
rings um sie her nur eine kleine Anpflanzung war. Kein jetzt lebender
Forstbeamter entsinnt sich der alten Eichen als Waldknige zwischen
Tannenzwergen stehend. Nur Strix sieht noch heutigen Tages immer das
stolze Bild. Da ist sie Nacht fr Nacht ber den kleinen Tannen
hingeschwebt und hat manch einen jungen Hasen, manch ein Rehkitz
geschlagen, und Amseln hat sie zu hunderten genommen.

Die eine von den Eichen -- die lteste -- ist berall geborsten und
gerissen, und es sind groe Stcke aus ihrem Stamm gefallen. Man hat
Liebhaberaufnahmen, wo ein Reiter zu Pferd in der Eiche hlt! Um sie zu
bewahren, ist ihre Rinde in Eisenringe eingeschlossen und es sind starke
Sttzen unter ihre ste gestellt. So geborsten und zerrissen ist sie,
da die Leute gar nicht mehr glauben wollen, da es _ein_ Baum mit
_einem_ Stamm gewesen ist. Nein, den rger mu sie nun erdulden, da
kluge Kpfe unter den Forsteleven behaupten, es sei ursprnglich ein
ganzes Bndel von Eichen gewesen, deren Stmme dann allmhlich
zusammengewachsen seien.

Die andere Eiche, die am weitesten drauen im Moore steht, umgeben von
dem Geflecht des Geisblatts und dem dichten Wald der Adlerfarnen, hat
noch ihre ganze uere Rinde bewahrt. So mchtig ist ihr Stamm, da
zehn Personen erforderlich sind, um ihn zu umspannen und ihre dicken,
knorrigen Wurzeln greifen so weit um sich, da ein vierspnniger Wagen
im Kreise um sie herumfahren knnte. Es ist ein Anblick aus der
Vergangenheit!

Wer sich allmhlich durch das Gestrpp hindurchgearbeitet hat, und nun
pltzlich der Eiche von Angesicht zu Angesicht gegenbersteht, stutzt
ganz benommen: das ist doch endlich einmal ein Baum, den ein paar
moderne Holzhauer nicht in einem Tage zu bewltigen vermgen!

Nur ganz oben, wo ein Ast abgeweht ist, hat das Alter eingesetzt. Hier
ist die Rinde abgefallen, und ein groes Loch klafft aus der nackten
Holzschale heraus.

Durch dies Loch fliegt Strix eines Abends hinein und lt sich auf den
Boden des hohlen Stammes fallen. Hier sitzt sie den Winter hindurch --
sitzt warm und dunkel zwischen Spinnengeweben und Wurmlchern, ohne
andre Gesellschaft als ein paar Frostschmetterlinge und eine groe
Hummel im Winterschlaf.

Als der Frhling kommt, fliegt eine ungenierte Kohlmeisenfamilie in den
Baum hinein und lt sich huslich nieder in dem faulen Holz ber ihr.
Das Nest, das ganz unten in einem langen und engen Loch ist, birgt fast
eine ganze Stiege Eier!

Und dann, eines Morgens, als Strix von der nchtlichen Jagd heimkehrt,
sieht sie auf dem Grunde der hohlen Eiche zwischen ihren groen
Gewllklen die letzten traurigen berreste des Meisenweibchens liegen.
Der kleine Vogel hat offenbar ein tragisches Ende genommen.

Aber noch am Abend desselben Tages stellt sich der Meisenvater mit einem
neuen Weibchen ein, das ganz ruhig das Eierlegen in dem Nest der ersten
Frau fortsetzt. Lngst hat der arme Mann die Stiege voll, aber das Ende
ist noch nicht abzusehen, das kann die alte, welterfahrene Eule hren.

Dies schreckliche Rumoren ist Strix ein wenig unbehaglich, und als das
Meisenpaar erst Junge bekommt, ganze einundzwanzig, da wird das Geschrei
und Gepiepse fast unertrglich. Mehrmals versucht Strix, all das
schreiende Leben mit den Fngen herauszuziehen -- es ist ja doch Nahrung
und sie ist gleich zur Hand. Aber ihre Fnge sind nicht mehr krftig und
nicht mehr geschmeidig genug, namentlich wollen die groen Horndolche
sich nicht mehr in Winkel biegen lassen.

So gewhnt sie sich denn an den Spektakel ... etwas Gemtliches hat dies
Lrmen trotz alledem! Es bringt Abwechslung, es bringt Leben -- und sie
entbehrt es sehr, als die Meisenkinder eines schnen Tages erwachsen
sind und sich auf und davon machen.

Strix altert jetzt. Und wie bei allen Raubvgeln meldet sich das Alter
ungestm und pltzlich.

Ihre starken geschmeidigen Flgel fangen an, steif zu werden, ihre Fnge
sind abgenutzt und sie greift fehl. Auch ihr Sehvermgen ist nicht mehr
wie in alten Zeiten, wo sie in der Dmmerung des Zwielichts die Motte am
Stamm erkennen konnte.

So ist ihr krzlich ein wahrer Skandal passiert -- sie hlt einen groen
Auswuchs an einem Stamm fr einen Vogel!

Der Auswuchs ist ein Wespennest, aber im Blendwerk des Mondlichts und
zwischen dem Maskenspiel der Bltter wird es zu einem Birkhahn.

Es ist lange, sehr lange her, seit die alte Strix Birkhahn gekostet hat,
und es hungert sie frmlich danach, wieder einmal einen ordentlichen
Bissen zu bekommen. Sie entsinnt sich ihres frher so glcklichen
Verfahrens, setzt volle Fahrt auf und -- schlgt mit allen ihren acht
Fngen in eine wunderlich schwammige Zundermasse. Sie hat sich geirrt,
das merkt sie, denn dies Wesen ist ja kein Wesen ihrer Natur; es schreit
nicht, es summt -- und die Daunen, die sie losreit, sind lebendig und
stechen.

Fr einen Wespenbussard wrde diese Begebenheit ein wahrer Gtterbissen
gewesen sein; der Vogel wrde die Waben geschtzt haben, er htte es
verstanden, jede Hornisse aus ihrer Federbekleidung herauszuschlen.
Strix dahingegen wird nur geqult und zerstochen, obwohl sie nicht
zaudert, die Flucht zu ergreifen.

Mehrere Tage lang ist sie hiernach in ihrem hohlen Baum sitzen geblieben
und hat ber ihr Schicksal gejammert; sie begreift nicht, warum das
Glck sie so pltzlich im Stich lt ...

Bisher war ja alles, was mit dem Beschaffen der Nahrung zusammenhing, so
selbstverstndlich fr Strix gegangen! Sie hatte immer fangen knnen und
selbst aus ungleichem Kampf immer den Sieg davongetragen. Sie hatte sich
aus schwierigen Lagen erretten, hatte Schutz und Versteck finden knnen,
kurz, das Leben war trotz allen Streites und aller Widerwrtigkeiten
leicht fr sie gewesen.

Sie wird ganz melancholisch!

Und whrend der Sommer fortschreitet und die Ernte herannaht, macht das
Alter mehr und mehr sein Recht geltend.

Die ehemals so selbstverstndlichen kleinen Glckszuflle werden zu
ebenso selbstverstndlichen kleinen Unglcksfllen; sie fliegt immer
hufiger in der Dunkelheit irre; bekommt Schlge von den Zweigen ins
Auge und stt die Flgel und den Kopf gegen ste und Baumstmpfe.
Eines Abends auf der Jagd verwickelt sie sich -- bei den wtenden
Anstrengungen, ein Moorschwein zu fangen -- in ein niedriges
Eisengespinst, das die groen zweibeinigen Spinnen um eine Anpflanzung
gezogen haben. Um ein Haar htte sie ihr Leben dabei eingebt.

Die Arbeit der Nacht wird schwer fr sie; sie geht ihr nicht mehr wie
ein Spiel von der Hand, sondern verursacht ihr groe Anstrengungen und
tausende von Qualen.

Das alles altert sie; sie bt mehr und mehr von dem ein, was wir
Menschen Lebenskraft nennen: Mut und gute Laune.

-- -- --

Es wird wieder Winter -- und Strix hat sehr zu leiden. Namentlich
peinigen ihre Erbfeinde -- die Krhen und Elstern -- sie schrecklich.

Eines Tages wird sie von einer ganzen Schar Elstern entdeckt; es sind
ihrer zwlf -- zwei ganze Familien -- Hauskrhen, mit langen Schwnzen
und mit Wei an den Flgeln, ihre Federn glnzen wie Metall; sie
sind eingebildet und sagen, da sie, wenn sie fliegen, sehr wohl mit
Fasanenhhnen verwechselt werden knnen. Sie foppen die Alte, ziehen sie
auf. Sie sitzt da, verzweifelt vor Wut, und schneidet Gesichter.

Aber was soll sie tun? Mit ihrem Sehvermgen ist es schlecht bestellt,
namentlich am hellen Tage, und sie kann nicht mehr, wie in ihren jungen
Tagen, herausfahren und eine mit jedem Fang fassen und sie mit sich in
den hohlen Baum schleppen. Sie mu den Hohn leiden und die Qual
aushalten. Aber allein das Bewutsein davon macht sie noch hinflliger.

Es ist unter den Tieren nicht wie unter den Menschen. Unter den Tieren
mu ein jeder fr sich selbst sorgen, und nur selten hilft eins dem
andern beim Fang, wenn die Fnge abgegriffen und die scharfen Zahnrnder
oder Schneiden zu Zahnfleisch werden. Daher kommen auch in diesem Winter
fr Strix Zeiten wo sie Aas fressen und noch dankbar dafr sein mu.

In ihrem langen Leben hat sie reichlich Gelegenheit gehabt, das
nchtliche Leben der Raubtiere aus der Nhe zu beobachten und ihr Tun
und Lassen zu ersphen.

Sie sieht die Fchse in groem Umfang ihre verschiedenen Speisekammern
rings umher im Erdboden versorgen. Die Kerle machen es gerade so wie
der Hund, sie vergraben alles, was sie nicht auf einmal fressen knnen.
Rings umher in den Mooren, unter Grasbscheln und in verlassenen
Ameisenhaufen verstecken sie ihren Raub -- und finden ihn mit Sicherheit
selbst nach Verlauf langer Zeiten wieder.

So legt sich denn Strix darauf, ihnen ihren Wechsel abzulauern und
die Gelegenheit wahrzunehmen, in ungestrter Ruhe sich die Niederlagen
zunutze zu machen. Aber das Leichengift des Aases ist keine strkende
Medizin -- sie wird schwach und altert in bestndig zunehmendem Grade.

-- -- --

Strix hat jetzt die lngste Zeit gelebt.

Sie hat alle Qualen des Lebens erduldet --

Der Nachtfrost und der Lenzschnee lschten den Lebensfunken in
ihrem ersten Gelege Eier und sie hat mehr als einmal auf verfaulten
Eierschalen gesessen; einige sptausgefallene Junge, die nicht flgge
waren, als der Winter kam, sind eingegangen, und wo sind die wenigen
glcklichen, die lebten, abgeblieben?

Sie hat sich nie stark vermehrt und die Welt mit dem Abklatsch ihres
eigenen Ichs belstigt. Andere Vgel brteten zweimal im Jahre und
setzten jedesmal vier, sechs, acht, ja, zehn Kinder in die Welt; sie war
mig gewesen und hatte sich stets mit nur zweien begngt.

-- -- --

Der Winter geht seinen Gang. Er wird hart werden in diesem Jahr, und
Strix leidet Not -- schlimmer denn je.

Sie streift nicht mehr umher, macht nicht einmal mehr kleine Ausflge;
sie hat keine Krfte dazu und fhlt auch nicht das Bedrfnis. Sie bleibt
lieber in der Urwaldecke und hungert.

Wenn dann der Novembersturm pfeift und die Schneeflocken um ihr Haus
da drauen wirbeln, wenn es so schneidend kalt ist, da Larve und Wurm
im Holz um sie her in Ruhe frieren und nicht den leisesten Laut mehr
telegraphieren -- dann schliet sie die Augen und sitzt in sich
versunken da, whrend sie den dnischen Frhling vor sich sieht.

Die Weiden stehen gelb von aufgebrochenen Ktzchen, und Schwrme von
lenzdurstigen Bienen fliegen hin und her, whrend ein warmer und
wachstumverheiender Erdbrodem aus dem Boden aufsteigt. Die Schnecken
sind drauen, und mitten im Sonnenschein zwischen den grnen
Wildkerbelbschen thront eine groe, leckere Krte. Sie sitzt da und
verzehrt Mcken, die sie in einem dichten Schwarm umtanzen. Jedesmal,
wenn sie mit Blitzesgeschwindigkeit die Zunge herausgeschnellt und sie
wieder hineingezogen hat, zwinkert sie wohlbefriedigt mit den Augen.

Strix will sich ber sie strzen; die Krte ist ja nun bald derjenige
von den Schnellufern, mit dem sie am besten fertig werden kann -- da
erwacht sie zu der nchternen Wirklichkeit, indem sie mit dem Kopf gegen
den hohlen Baumstamm stt.

Ja, Strix war alt geworden, uralt -- und das war gerade der Segen beim
Altwerden, da man die Fhigkeit erhielt, in sich hineinzusehen und die
Bilder hervorzurufen, die man zu Dutzenden und Aberdutzenden von Malen
in einem langen Leben gesehen hatte. Man schwelgte in den Erfahrungen,
man sah den Wechsel der Natur zu jeder Zeit im Strahlenglanz der
Erinnerung vor sich.

Wenn nichts weiter, so konnte man sich ja daran erwrmen!

Aber _sehnen_ tat sich Strix doch -- sie sehnte sich, sehnte sich --
sie konnte sich nur nicht klar darber werden, wonach. Es lag wie ein
bestndiger Druck dadrinnen, wo das, was man Hoffnung und Glauben nennt,
Wohnung hat ...

Sie sehnte sich nach dem, was nicht mehr war, nach dem Unberhrten,
Grozgigen in der Natur ihrer Heimat, oder nach den alten, guten,
traulichen Zeiten, als Einsamkeit im Walde war, wo sie Aussicht auf die
Heide, auf Wild und Fauna hatte und nicht einzig und allein auf Menschen
und wieder Menschen.

Sie sehnte sich nach dem in der nordischen Natur, womit ihre eigene
Natur so innig verknpft war: nach dem Trotzigen, dem Unnachgiebigen.
Jetzt hatten die Menschen alles auf den Kopf gestellt, und Wege und
Eisenbahnen, Anpflanzungen und Korncker berall hingebracht, wo frher
Wildnis herrschte. Sie hatten die Wlder aus ihrem Naturzustande in
beschnittene Grten verwandelt und all das ursprngliche Tierleben aus
ihnen vertrieben; sie hatten die Natur zahm gemacht, sie pflgten sie
um und eggten sie, sie bestellten sie und klecksten ein Haus neben dem
andern auf. Als einzige Erscheinung hatte sie, und nur sie, und dann die
beiden alten Eichen den Untergang all des Freien berstanden; sie sprte
es jetzt in ihren alten Jahren mehr denn je an sich, da sie heimatlos
und verfolgt war, und da sie es ihr ganzes Leben gewesen war.

Deswegen klagte sie so oft, da es gleichsam wie ein Unwetterschaudern
durch die Umgegend ging, deswegen lag etwas unerklrlich Unheimliches in
ihrem einsamen nchtlichen Heulen.




13. Strix schafft sich einen Sklaven an


In der Urwaldecke -- um die alten Eichen herum -- traf man eine Menge
hohler und zunderiger Vergangenheitsbume zwischen dem Neuwuchs an.

Darin wohnten die andern Eulen des Waldes, die _kleinen_ Eulen,
deren Treiben und deren Lebensweise ganz so war wie Strixens. Ihre
Gesellschaft hatte Strix denn auch immer zugesagt.

Sie hielten Sabbath, wenn sie Sabbath hielt, bedurften des Schlafes,
wenn auch sie mde war, und kamen nicht am Tage dahergebraust und
machten Lrm. Ihre Nhe belebte die alte Eule, sie waren gleichsam
Fleisch von ihrem Fleisch und redeten _ihre_ Sprache.

Jeder Vogel singt mit seinem Schnabel, sagen die Menschen. Die eine
Vogelart versteht denn auch nicht viel von dem, was die andre sagt. Die
Lyrik der kleinen Vgel wird nicht von den Krhen verstanden, und das
Krchzen der Krhen, von dem sie selbst versichern, da es voll von den
schnsten und am meisten in die Ohren fallenden Harmonien ist, wird von
den Habichten nicht geschtzt. In der Vogelwelt herrscht mit andern
Worten, ebenso wie in der Menschenwelt, eine babylonische
Sprachenverwirrung.

Eine Art spricht sozusagen Deutsch, eine andre Flmisch, eine dritte
Franzsisch usw. Nur einzelne Sprachgenies, wie die Familien Star und
Elster, gibt es; sie sind mit der Fhigkeit geboren, sich in mehrere
Sprachen hineinzuversetzen, und sie treten als Dolmetscher auf. Nicht
alle aus diesen Familien bringen es gleich weit -- und nur ein einzelner
alter, hochbegabter Star versteht zehn Sprachen!

Strix hat oft um die Frhlingszeit von ihrem bescheidenen Platz unter
der Tribne dem Vortrag eines solchen Professors beigewohnt. Das
meiste klang in Strix' Ohren chinesisch, aber vereinzelte Male, wenn ein
paar hohle, orgeltnende Brauselaute kamen, spitzte sie die Hrner und
machte einen langen Hals ... es war, als wenn wir Menschen auf der Reise
in Italien pltzlich von einem Tisch im Speisesaale heimische Laute
hren.

Aber alle die langen Schrei- und Heulkonzerte der kleinen Eulen waren
Strix von Anfang bis zu Ende verstndlich; sie sprachen ja in ihrer
Zunge, nur weicher und sanfter.

Von ihnen sagte sie auch, da sie _zwitscherten_.

-- -- --

In den Zeiten vor vielen, langen Jahren, nachdem ihr Gatte gestorben
war, und ehe sie sich noch so recht an ihre Einsamkeit gewhnt hatte,
suchte sie mit Vorliebe die Gesellschaft der kleinen Eulen.

Wenn die blanken Mrznchte im Anzuge waren und der Himmel wie mit
blitzenden, feurigen Eulenaugen berset war, wenn es in der alten
hohlen Buche, in der sie damals sa, zu kribbeln und zu krabbeln begann,
und die Fledermuse oben in dem faulen Holz, die sonst immer am liebsten
jede fr sich allein hngen wollten, wonnevoll piepsten und liebeskrank
in der Dunkelheit zusammenkrochen ... wenn sie selbst hinaus mute,
nicht um zu fangen, sondern um zu tanzen wie auf sonnendurchglhter
Baumrinde, whrend sie wahnsinnig mit den Flgeln um sich schlug -- da
hatte sie sich oft den Kavalieren der kleinen Eulen gegenber uerst
angenehm gemacht.

Sie fing gute Bissen fr sie, Raub, den sie sonst niemals bekamen, wie
Hasen, Birkhhne und Rebhhner; sie lie sie ihre fetten Ratten krpfen,
whrend sie unter anmutigen Gebrden und gurrend wie eine Kropftaube um
sie herumschwnzelte und ihnen Anla gab, ihr ihre Aufwartung zu machen.
Aber keiner von ihnen hatte sich veranlat gefhlt, sich nher mit ihr
einzulassen.

Wenn dann der Herbst kam, wenn der regnerische November mit seinem
Tagesgrau und seiner Nachtfinsternis den Sinn schwer und das Blut
reizbar machte, wenn alles Wild noch sommerstark war, nicht geschwcht
durch Winterhunger, Frost und Klte und daher wachsam und ungeheuer
schwer zu fangen -- da nahm Strix eine berraschend blutige Rache. Sie
tat es nicht bewut, _das_ mu man zu ihrem Lobe sagen; sie tat es aus
Instinkt und aus Rcksicht auf die Ansprche ihres groen Magens.

Wenn die kleinen Eulenherren auf Musejagd gingen, schlug ihnen
pltzlich ein groer Vogel in den Nacken. Strix tauchte aus der Nacht
auf, als werde sie im selben Nu von ihr geboren. Sie machte kurzen
Proze und verzehrte ihre angebeteten Verwandten mit Federn und Fngen.
Die kleinen Eulen drauen im Walde waren denn auch in Todesangst vor ihr
gewesen.


Jetzt sind die Zeiten mit den Paarungsgelsten lngst vorber!

Es ist mit Strix in der letzten Zeit reiend bergab gegangen.

Ihre Federn haben die blanke, dunkelbraune Farbe verloren, und statt
dessen den blassen, welken Ton vorjhrigen Laubes angenommen. Die
haarfeinen Federn um ihren Schnabel sind silbergrau, ihre Flgel sind
steif, und der Schnabel ist ungewhnlich krumm.

Sie ist keine groe Eule mehr.

Ihr einst so muskelstarker Krper ist zusammengeschrumpft, so da ihr
die Haut zu weit ist und in Falten und Beuteln sitzt, die Schenkel sind
so dnn, da ihre einst so mchtigen Marterfnge jmmerlich lang
erscheinen und den Stndern eines Storches gleichen. Ihr Federkleid ist
zerzaust, der neue Brustbart besteht aus lauter Stoppeln ... sie hnelt
einem trocknen, eingeschrumpften Pilz. Nur ihr Kopf rollt noch in seiner
vollen Gre unheimlich in den Schalen der knochigen Schulterbltter.

Strix ist abgelebt -- die Greisin der Einde heult aus dem letzten Loch.

-- -- --

Es ist ein ungewhnlicher Frhling in diesem Jahr.

Sie kann keine Schlafruhe unten in dem hohlen Eichenstamm finden. Jeden
Augenblick struben sich ihre Hrner, und die Augen ffnen sich; dann
erwacht sie und ist ganz klar: zum bald achtzigsten Mal hrt sie die
groe Botschaft, die das Mrzsausen und die Aprilschauer verknden.

Aber was geht das sie an -- und sie lauert wieder in sich hinein ...

Bis neue Botschaften so beraus stark werden, da sie in ihrem Ohr
rumoren: ein Wurm im Holz, ein brandgelber Zitronenfalter, der in
einem Spalt berwintert hat und whrend eines Sonnenstreifens durchaus
hinaus will, oder auch nur die Fden in einem Kokon, die whrend der
unmittelbar bevorstehenden Verwandlung der Puppe zu bersten anfangen.
Alle diese feinen, dem menschlichen Ohr unhrbaren Laute dringen auf sie
ein und wecken sie ununterbrochen.

Bald kann sie nicht mehr unten in der hohlen Eiche sein, es hmmert und
pocht, es beit und nagt, sie mu aufbrechen und sich auf den Rand des
Zunders, dicht unter das Eingangsloch setzen.

Die bisher so weie Erde liegt geborsten und gefleckt vor ihr. Sie
sieht schwarze Erdschollen und rotes welkes Laub hervorschimmern. Es
pltschert um sie her, und jeden Augenblick schwindet das Weie mehr und
mehr, es wird schmutzig und gelb, es vergeht spurlos.

Blulicher, dichter Nebel steigt um sie auf; sie starrt in Wolken von
Feuchtigkeit hinein und sieht das Tauwetter dampfend durch den Wald
schreiten. Die kleinen Schlammseen rings umher im Waldmoor, die starr
und blankschwarz dagelegen haben, nehmen einen matten, milchigen Ton an.
Dann berstet das Eis an einer Stelle, es gurgelt und quillt empor mit
ausgelassenem, befreitem Wasserspritzen. Es ist, als lge ein groer
Fisch unter dem Eise; er will Luft und Platz haben und fhrt deswegen
herum und stemmt die Rckenflosse gegen die Eiskruste -- berall
entstehen Risse und gurgelndes Gerusch.

Dann fangen die Hgelwnde von ihrem Baum an zu glucksen; kleine
Rinnsle kommen mit rasender Geschwindigkeit herab, strzen sich
kopfber den Abhang hinunter und bohren sich in den Talboden. Es summt
da unten, es singt, es braust es strmt -- ein Wildbach ist pltzlich
entstanden.

Winzig kleine, grne Keime tauchen aus dem Waldboden auf, und in der
Lichtung zwischen den Bumen wird es sonnig und warm. Wie es um sie her
schimmert, wie es schwillt! Sie entdeckt etwas Grnes, sie kann schon
Bltter sehen ... der welke Wald legt wieder sein Frhlingskleid an!

Und whrend die Tage dahingehen, fhrt eine Redseligkeit in alle die
Strandvgel; obwohl es vielen von ihnen entsetzlich schwer wird, sich
auszudrcken, schwatzen sie doch ununterbrochen drauf los. Und dann
eines Morgens hrt sie Stimmen, die im Laufe des Winters nicht dagewesen
sind. Das sind alle die Zugvgel, Drossel und Holztaube, Star und
Rotkehlchen, die heimgekehrt sind.

Und mit ihnen kommt das Leben. Sie sind ja weit gereist und haben viel
gesehen, sie haben Eindrcke gesammelt und knnen erzhlen -- und alle
lobpreisen sie wie einen Garten Eden diese alte Urwaldecke, diesen
unermelichen absterbenden Wald, diese Baumrinde und diesen zundrigen
Kern, die in langsamem Faulen begriffen sind; hier ist das reiche
Insektenleben, das die modernen Wlder der Gegenwart nicht zu bieten
vermgen.

Ein ohrenbetubender Spektakel erfllt die Luft. Es heult und pfeift, es
tutet und schreit ... Strix mu wieder hinab in ihr dunkles Loch; bel
ist es freilich da unten, aber noch tausendmal schlimmer ist es hier
oben.

Und die Laute strmen ihr entgegen. Bald bettelnd, bald flehend, aber es
sind auch einige tief emprte und gehssige darunter, einige, die Fang
und Schnabel ahnen lassen, obwohl sie von winzig kleinen Singvgeln
abstammen. Strix hrt sie, fat sie auf und lt sie durch sich
hindurchsplen, ohne sie auch nur mit einem Gedanken zu verfolgen --
dies alles ist ja nur der gewhnliche Weltrummel!


Es ist ein stiller, warmer, lieblicher Lenzabend!

Aus den Gipfelzweigen der Tannen, aus der Kuppelwlbung der Buchen
singen die Drosseln ihr letztes Lied, und der groe, rote Frhlingsmond
hngt wie ein Riesen-Pigeon ganz oben in einem Baumwipfel. Whrend die
Dmmerung mit Sturmesschritten durch den Wald rennt, singen die Vgel
dem Tage ein letztes Lebewohl: Wittewit, wittewit! Das ist die Drossel.
Wittwii, wittwii, eine andre. Sie sind vor Strix und hinter ihr und
berall -- Pan blst: der Zapfenstreich geht durch den Wald.

Strix ist mehrmals auf dem Wege nach oben gewesen.

Es ist ja jetzt ihre Stunde, und der Magen macht Ansprche. Aber die
Krallen wollen heute abend nicht in den Zunder beien, und die Flgel,
die ihr mhseliges Sichhinaufschleppen zu untersttzen pflegen, lassen
sich nicht heben. Die Krfte haben sie pltzlich ganz verlassen.

Sie ist trbselig, die alte Strix.

Whrend sie sich ausdauernd, aber vergeblich, unten in dem hohlen Stamm
abmht, klagt sie vor sich hin.

Es ist nicht das lange, prachtvolle Ho--o--o, das andere Lenzabende
gekannt haben, hinausgerollt mit dem Fanfarenklang der Paarungslust, mit
verheiungsvollen breiten Flgeln und einem berma von Kraft, nein es
ist ein kleines, furchtsames, abgerissenes Ho, nur bis ins Unendliche
wiederholt, eine Art Zeitvertreib, eine Art Trost in der Einsamkeit,
oder mglicherweise ein instinktiver Ruf nach Hilfe.

Diese schwachen, herabgestimmten Ho-Rufe, die viel hnlichkeit mit den
Paarungsrufen der kleinen Eulen haben, werden denn auch von einem
kleinen feurigen Eulenhahn aufgefangen, der schon lange ungepaart im
Walde herumgeflogen ist. Er gehrt zu der Rasse +asio otus+ und ist
auch eine Horneule mit sich strubenden Federbscheln und gelben
Kugellichtern; aber das ganze Persnchen ist keine drei Kse hoch,
und Strix kann ihn mit Leichtigkeit in ihrem einen Fang zu einem
Federklumpen zusammenrollen.

Trotz seines eifrigsten Suchens hat _Glip_ -- so heit die kleine
Horneule -- kein Weibchen finden knnen, und dies Unglck ist ihm nun im
dritten Jahre widerfahren. Er ist deswegen sehr aufgelegt zu freien, und
sei es auch um seine alte Grotante!

Der Grund fr seinen bestndigen Mierfolg liegt auf der Hand:

Die Zeit der Bedrngnis, unter der Strix ihr ganzes Leben gelitten
hat, beginnt nun auch fr die kleinen Eulen. Die Kultur hat in immer
strkerem Grad um sich gegriffen, jetzt raubt man den kleinen Eulen ihre
Waldestiefe und haut ihre hohlen Bume um.

An vielen Stellen verfolgt man sie auch geradezu!

Die Vorliebe fr Fasanen hat sich verbreitet: der Kampf zugunsten von
dem, was die Menschen das _Nutzwild_ nennen, ist verschrft, kein
Raubvogel, er mag noch so klein und unschdlich sein, ist mehr sicher.

Das mgen die Gtter wissen; wenn jemand bestrebt gewesen ist, auf
ehrliche Eulenweise zu einem Weibchen zu gelangen, so ist es Glip. Er
kann mit gutem Gewissen behaupten, da er weder zu bescheiden, noch zu
unnatrlich whlerisch gewesen ist. Aber Verhltnisse, ber die er, wie
erwhnt, nicht Herr ist, haben ihn zum Verzicht gezwungen.

Einmal im vergangenen Jahr sah es einen Augenblick licht fr ihn aus. Es
war ihm gelungen, einen jungfrulichen Vogel zu finden, ein ganz freies,
ungepaartes Eulenfrulein. Es bewarben sich freilich noch dreizehn
Herren auer ihm um sie, aber was machte das -- der Schatz war ja da.
Es kam nun nur darauf an, wer ihn besitzen wrde.

Es war drben auf der andern Seite der Frde, drauen in einem dichten
Tannenwald, wo er die Schne traf. Sie sa in einer kleinen Tanne, und
die Freier hingen dicht in den Zweigen rings um sie her.

So war auf alle Flle die Sachlage am Tage.

Aber des Nachts hatte das Bild einen weniger friedlichen Charakter, da
kmpfte man wie die jungen Hhne und umschwrmte die Zuckertaube wie
zudringliche Fliegen, so da sie zu nichts in der Welt mehr Frieden
hatte.

Leider lenkte der Frster des Gutes eines Tages wohlbedachterweise seine
Schritte durch den Tannenwald. Er traf die ganze Versammlung an, die,
ermattet von den nchtlichen Ausschreitungen, in sich selbst versunken
da sa wie kleine, schlaffe Kasperlepuppen. Mit schief gestrubten
Hrnern und zwinkernden Augen schielt ein Einzelner auf ein weies
Gesicht herab, aber das Gesicht verschwindet bald wieder. Dann,
spterhin am Tage, ertnen kleine, kurze Schsse -- und einer nach dem
andern gleiten die lebenden Tannenzapfen hintenber von dem Zweig herab.

Der Frster war schleunigst zurckgeradelt und hatte sein Tesching
geholt. Er verstand sein Handwerk aus dem ff und beurteilte die Sache,
wie sie war: so lange es ihm gelang, eine gewisse kleine, helle Eule,
die mitten in dem Klumpen sa, nicht zu treffen, wrden die andern schon
festsitzen wie die Kletten.

Er bekam neun! Dann war der Bann gebrochen. Die kleine, helle Jungfer
glitt mit zum Himmel erhobenen Augen hintenber, und nun zerstob der
Rest in alle Winde.

Glip floh in den Wald und machte sich daran, die Bume von oben bis
unten zu durchsuchen. Aber sie waren entweder eulenleer, oder er traf
Paare an, die in glcklicher Ehe lebten, mit Kindern bis ber die Ohren.
Wohl strengte er sich an, hier, wenn mglich, Eindruck zu machen, war
sowohl uerst grob wie auch uerst liebenswrdig. Aber er erreichte
nichts weiter als eine unfreundliche Behandlung, war er doch ein
aufdringlicher Kavalier!

So wurde Glip denn auch in dem Jahre um seine Flitterwochen betrogen.

In diesem Frhling aber ist er wieder Feuer und Flamme. Er hat weit und
breit gesucht und seine hohlsten und tiefsten Tne erklingen lassen. Bei
jedem glcklich brtenden Paar, von dem er gehrt hat, ist er offen und
mit Gewalt eingebrochen ...

In manch einem Eulenhorst hat es einen Kampf auf gute alte Art gegeben,
und es hat aus blutigen Rissen rot getropft auf weiblanke, zertrampelte
Eier. Glip hat aus dem Wege rumen wollen, um spter entfhren zu
knnen, aber er ist berall der Kleine geblieben und hat mrderliche
Prgel bekommen.

Da lchelt ihm endlich eines Abends das Glck; er ist pltzlich auf
seiner Paarungswanderung auf das Ho einer Horneule gestoen.

Er spitzt die Ohren --!

Ja, er ist seiner Sache sicher; es ist ein Weibchen, und zwar ein
ungepaartes. Das kann er an der Weise hren, wie sie ruft. Er kauert
sich auf einen Zweig nieder und heult wonnevoll zurck ... hu, hu, hu,
hu!

Mit angehaltenem Atem lauscht er lange auf Antwort.

Hoo! kommt es so tief da unten aus dem Waldkessel. Nicht so sehr
freundlich freilich, wie Glip es erwartet hatte; aber eine Antwort
bekommt er doch -- und er ist ja nicht verwhnt.

Er fliegt gleich in der Richtung weiter, und es whrt auch nicht lange,
bis er ausfindig gemacht hat, da seine vermeintliche Anbeterin unten in
dem Bauch der groen Eiche sitzt.

Mit schnellen, weichen Flgelschlgen ist er dort.

Er erreicht das groe Eingangsloch unter eifrigem Scharren und Kratzen
seiner Fnge; es jubelt in ihm: ein langsam rinnender Strom von Ho-Rufen
gleitet aus dem hohlen Stamm in sein Ohr hinauf, und nun sieht er -- so
da ihm einen Augenblick der Atem ausgeht -- ein paar rote Lichter unten
auf dem Grunde funkeln. Er begrt sie mit Kaskaden seines wildesten
Geheuls.

Glip ist gerade zur rechten Stunde gekommen. Sie baut ja ein Nest, das
kann er hren; sie whlt da unten herum und legt die Unterlage zurecht
-- und er beeilt sich, Strix seine erste Liebeserklrung zu bringen: ein
trocknes -- und knorrenloses Reis.

Da faucht Strix den frechen Eindringling an. Und doch -- eine schwache
Hoffnung blitzt in ihren Augen auf: sollte er sich nur so weit
hinabwagen, da sie ihn fassen kann, da htte sie doch endlich einen
Bissen.

Glip seinerseits, der in der rabenschwarzen Finsternis und infolge der
Engigkeit des hohlen Baumes die Gre des alten Uhus nicht erkennen
kann, fat die Ablehnung des Reises als ganz selbstverstndliche
Sprdigkeit auf. Sie verlangt natrlich mehr!

Da fngt die kleine Horneule an, sich mit Musen fr Strix einzustellen.
Sie macht groe Augen und entreit ihrem verliebten Anbeter die ersten
leckern Fleischstcke; er htte sie ja fr den eigenen Schnabel
bestimmen knnen -- und sie beeilt sich, ihm zuvor zu kommen. Sie
kokettiert mit ihm, sitzt da und sperrt den Schnabel auf, sobald er sich
zeigt -- und der verliebte Bursche kann so vielem Entgegenkommen nicht
widerstehen.

Am Tage setzt sich Glip zu ihr in den hohlen Baum, natrlich nur gerade
vor das Eingangsloch -- und ein ganzes Ende von Strix entfernt. Es will
ihm ja zuweilen scheinen, als sei sie eine Art Ungeheuer, aber gleich
darauf macht ihn die Liebe wieder blind.

Ihr Mienenspiel ist ja unvergleichlich, findet das kleine Nrrchen.
Noch nie hat Glip eine Eule gesehen, die imstande gewesen wre, Kummer,
Freude, Zorn und Ha bessern Ausdruck zu verleihen als dieser se
alte Uhu. Ihre groen, sonnenflammenden Lichter, die ihn zu Anfang ganz
bange machten, wenn er in sie hineinstarrte -- siehe, das sind ja in
Wirklichkeit ein paar kluge, gute Seher mit einem bestimmten, festen
Blick. Sie kann Einen ja freilich ansehen, da man ein Gefhl hat, als
wolle sie Einen im nchsten Augenblick verschlingen, aber das kommt
daher, weil ihr Blick so gro ist; er beherrscht mehr als Einen selbst,
er umfat alles, alles -- um Einen und hinter Einem!

Glip bewundert Strix, er ist wahnsinnig verliebt. Wenn er sie nur herauf
bekommen knnte! Er hat eine so schreckliche Lust, ihr sein Wiwit ins
Ohr zu tuten!

Strix ist nicht mehr im stande, sich im Nacken zu kraulen, aber auch
hierfr wei ihr kleiner Sklave Rat. Sie braucht nur ihren groen
Katzenkopf in die Hhe zu recken, dann kratzt er in ihrer zerzausten
Percke herum. Er geht ganz bis auf den Grund und macht es so vorsichtig
und kitzelnd, ja, mit Befriedigung bemerkt Strix, da der Sklave wieder
und wieder seinen Schnabel und seine Zunge glttend an ihren
Federhrnern hinaufgleiten lt.

Jetzt mu es doch kommen! denkt das Nrrchen ... jetzt gilt es nur,
auszuharren, dann ergibt sich die alte Jungfer.

Immer eifriger fngt er fr sie, immer khner wird er auf seinen
Raubzgen.

-- -- --

Lautlos wie er selber, streichen die lenzfrohen Schnepfen die langen
Talstrecken drinnen im Walde entlang. Glip kann in dem Zwielicht der
Dmmerung, dicht an einen Stamm gedrckt, verborgen da sitzen und sie
auf und ab, ab und auf schweben sehen.

Es ist, als htte eine jede Schnepfe ihre bestimmten Luftwege; aber
wenn sie sich begegnen, geschieht es wohl, da sie sich zu Zweien, ja
zuweilen zu Dreien, gegeneinander strzen, und dann stimmen sie ein
sonderbares Murksen und Pfuitzen an. Da benutzt Glip die Gelegenheit.
Wenn sie gerade vor ihm sind, fhrt er blitzschnell auf sie ein -- er
zielt auf die zunchst fliegende und schlgt die Fnge in der Luft um
sie zusammen.

Aber einen so groen Fang mu er auf der Stelle zerlegen, er ist leider
nicht im stande, sein reiches Gtteropfer in ungeteiltem Zustande
darzubringen. Es wird still im Hain, wo Strix' kleiner, dummdreister
Sklave sich blicken lt. Die kleinen Vgel lassen Eier und Junge im
Stich. Das geht nicht mit Schreien und Flattern vor sich, wie wenn der
Sperber auftaucht, -- nein, vorlufig treibt Glip sein Gewerbe nur des
Nachts und raubt die kleinen Vgel, wenn sie schlafen. Seine feinen
Ohren hren die Jungen des grauen Fliegenschnppers im Nest piepsen,
da holt er die eine Nacht das Weibchen, das Mnnchen die nchste Nacht.
Strix krpft und stopft in sich hinein, so viel sie nur kann -- ihr
Sklave ist ein tchtiger Sklave!

Bald aber gengt es nicht mehr, wenn Glip nur des Nachts arbeitet, er
mu jetzt auch den Tag mit zu Hilfe nehmen. Man trifft ihn berall im
Walde: Im Dickicht wie lngs der Wege; er sitzt stumm auf einem Ast,
gegen den Stamm geklebt. Man glaubt, da er schlft, aber er ist wachsam
genug, und das leiseste Gerusch veranlat ihn sofort zu sphen. Bald
ist er auf Musejagd unten im Laube, bald in irgendeinem Baume hinter
Vgeln her.

So berraschen ihn eines Nachmittags ein paar alte Waldhter, als er im
Begriff ist, junge Dohlen zu rauben. Sie sehen, wie sich eine kleine
Eule an ein Nestloch anklammert und hineinguckt, aber die alten Dohlen
umflattern das Nest.

Der eine von den Waldhtern will sich bcken und einen Stein aufnehmen,
aber der andre hlt ihn zurck.

-- Nein, la das, Pist Lak! Bedenke, wie es Vogel erging ... es bringt
immer Unglck, wenn man eine Eule totschlgt.

Glip lt sich nicht im mindesten stren. Mit der einen Klaue greift er
in das Nest hinein, holt ein Junges heraus und fliegt damit zu Strix.
Zehn Minuten spter ist er wieder bei dem Nest -- eine nach der andern
holt er alle die jungen Dohlen.

Sie kamen durch einen Unglcksfall ums Leben -- so etwas geschieht auch
tagtglich im Walde!

Auch die Stare verschont Glip nicht. In der Morgendmmerung lt er
sich auf dem Starenkasten nieder und pocht mit dem Schnabel gegen das
Holzwerk. Dann glauben die Jungen, da es die Starenmutter ist -- sie
stecken den Kopf heraus, und -- wupp hat Glip sie im Nacken gefat.

Es gehrt etwas dazu, um Strix mit dieser Art von Kost zu versorgen --
aber nun ergibt sich das verlockende Ungeheuer auch wohl bald!

Strix wird kindisch; sie verwandelt sich mehr und mehr aus einem groen,
gefrchteten Nachtraubvogel in einen hilflosen jungen Kuckuck, der Tag
und Nacht gefttert werden mu. Es wird Glip schwer, alle die kostbaren
Liebesgaben zu beschaffen, er ist nahe daran zu ermden -- und lt nach
in seinem Eifer. Er greift nach allem, was ihm in den Weg kommt und
bringt Frsche und Krten statt warmer, leckerer Spatzen. Strix mu ihre
schlimmsten Hungertage noch einmal durchleben und Eidechsen, Schlangen
und kleine Kreuzottern fressen, ja, an einem warmen Abend wird ihr sogar
eine dicke, schleimige Waldschnecke prsentiert.

Es wird Strix schwer, den schwarzen Klo zu verschlucken, und sie rollt
schrecklich mit den halbblinden, gleichsam verschimmelten Lichtern,
obwohl sie ja nie im Leben ein Kostverchter gewesen ist.


Es ist leicht, das Ende vorauszusagen --:

Eines schnen Nachts, als die Paarungsbrunst aus dem Blut gewichen ist,
erwachte Glip aus dem Liebesrausch und sah, da er ein Sklave war. Da
hob er die Verlobung auf -- und machte sich aus dem Staube.




14. Strix Bubos Tod


Glip kehrte nicht wieder.

Strix hat infolgedessen seit zwei Tagen keinen Fra bekommen, sie ist
matt und ausgehungert und noch lichtscheuer als sonst. Sie ist kaum im
stande, sich aufrecht zu halten; unten auf dem Boden der hohlen Eiche
kriecht sie auf dem Bauch zusammen.

Sie ist halb von Verstand, hat fortwhrend Visionen und sitzt da und
heult ihren eigenen Namen.

Schu--hu! seufzt sie ... Schu--hu!

-- -- --

Da sitzt sie in dem alten verfaulten Vergangenheitsbaum, vertrieben,
lebensmde und verbraucht. Ebenso wie die Eiche, ist sie schon lngst
ein Fremdling in der Zeit gewesen.

Sie hat die Zeit, ihre Unruhe, ihren Lrm und den berflu an Menschen
berall; sie trgt Urzeit in sich, und der sind die Menschen entwachsen.

Das dumpfe Brummen des Bren, das Gebrll des Elchhirsches, das Heulen
des Wolfes und das Knarren und Krachen des Urwalds selber, das waren
Laute, die fr sie paten. Sie hat dasselbe Wilde und Dmonische in
ihrer Stimme gehabt ... aber niemand hat ihr in verstndlicher Sprache
geantwortet.

Sie sind dahin, alle die ursprnglichen Mitgeschpfe ihrer Sippe, sie,
in denen, o wie in ihr, das Grozgige wohnte. Die Menschen haben sie
genommen und sich selbst nach eigener Machtvollkommenheit an ihre Stelle
gesetzt.

Ihre Tage sind jetzt vergangen ... ihre vielen, vielen Jahre.

Es hat Zeiten in ihrem Leben gegeben, die schnell dahingesaust sind, wie
das Gewitter ber die Heide dahinjagt. Da hat sie geliebt und gehofft,
gekrpft und sich Tag und Nacht beim Raube ergtzt. Dann kamen andre
Zeiten, harte Zeiten, wo sie hat entbehren und leiden, flchten und
wandern mssen, wo sie kaum eine Maus fr ihren Schlund hat finden
knnen.

Aber das alles steht jetzt vor ihrem Innern wie ein undurchsichtiger
Nebelschleier vor fernen Wldern; sie wei, die Wlder liegen dahinter
-- viel mehr wei sie nicht.

Das Leben ist dahingeschwunden -- fr Strix wie fr den Eichenriesen,
in dessen Bauch sie sitzt. Das lange, lange Leben ist pltzlich zu etwas
unfalich Kurzem zusammengeschrumpft.

Auf einmal zuckt sie zusammen -- ihre matten, ausgebrannten Lichter
werden so gro wie Teetassen.

Da senkt sie die Hrner und wirft den Kopf zurck und bewegt den
Schnabel wie in beginnender Kampfekstase ... komm auf mich zu, komm auf
mich zu!

Mit steifen Blicken starrt sie vor sich hin ...

Sie sieht, wie damals, als sie eben flgge geworden und auf dem Zweig
sa, ein wunderliches Tier auf sich zu kommen. Es geht auf der hohen
Kante und gleicht einer Rieseneidechse, -- selbst der Schwanz fehlt
nicht.

Es ist ein Waldarbeiter, den Strix in ihrem Todesaugenblick vor sich
sieht; er schleppt einen Baum hinter sich her, den er gefllt hat.

Da ist er, der sich stark vermehrende Zerstrer, der Mensch, dem sie nie
hat widerstehen knnen, der ihr das Leben sauer gemacht hat, der ihr das
Lebensglck mit Gatten und Kindern geraubt, ihre Wohnsttten vernichtet,
ihr die Nahrung weggenommen und die Erde zahm gemacht hat.

Sie wird blutgierig und bse, sie fhlt die Wildheit wie mit der
Unbndigkeit der Jugend in sich fahren, und sie schlgt ihre Fnge in
den Kopf und den Hals des Menschen.

Dann beginnt sie ganz besonnen, ihn zu krpfen; aber pltzlich kommt
es ihr vor, als verschlinge sie ein Kaninchen, das nicht durch ihren
Schlund hinunter will.

Todesschwindel hat Strix schon lngst befallen, sie haut und zerrt in
dem Eichenzunder. Dann gleitet sie vorn ber und liegt auf der Brust,
sie streckt die eingeschrumpften Fnge nach hinten unter sich, rttelt
mit dem Kopf hin und her und zwinkert die geschwollenen Augenlider auf
und zu, whrend sie mit bebenden Flgeln das Leben von sich abschttelt.


Der Herbst verging und der Winter kam --

Und neue welke Bltter; neue zundrige Erde und Wurmmehl aus der alten
Eiche sickerten herab und fllten den hohlen Boden aus. Strix' irdische
berreste wurden zugedeckt wie die so manch eines andern Vogels, denn
hier in den hohlen Stamm der Eiche hatte sich im Laufe der Zeiten die
Fauna des Waldes zurckgezogen, um in Frieden den Strohtod zu sterben.
Schicht auf Schicht lagen die Skelette bereinander, wie auf einem
berfllten Friedhof, wohlbewahrt von der Eichensure.

Da waren Skelette von Fledermusen und Mardern und Spechten, von andern
groen Uhus lange vor Strix, von Eichhrnchen und Sperbern und von einer
kleinen, goldbusigen Frau Meise mit einem groen Loch im Kopf.

Eine ganze Geschichte des Waldes lag hier als Mumien aufbewahrt.

Aber als das Beben des Lenzes von neuem herannahte, als der brandgelbe
Zitronenfalter sich anschickte auszufliegen, lie sich eines Abends
eine kleine Horneule in den hohlen Stamm hinab. Sie setzte sich in
Balzstellung, fegte mit dem Schwanz und lie die Flgel schleppen.

Er benahm sich ganz, als sei er hier zu Hause, nherte sich aber doch
nur mit einer gewissen Vorsicht dem unheimlichen Dunkel auf dem Boden.
Lange sa er da, reckte den Hals und starrte hinab.

Da erschien die entzckendste kleine Chinesin von einer Eule mit langen,
gestrubten Hrnern, flachem Antlitz und schiefen, zwinkernden Augen
oben im Eingang -- und die kleine Horneule wurde Feuer und Flamme.

Er lie sich schnell entschlossen hinabplumpsen --

Es war leer in dem Stamm!

Da scharrte er wie ein Hahn und gluckste seine kleine Henne hinab, und
beide machten sie sich nun auf das eifrigste daran, das Loch mit Reisern
zu umkrnzen.

Und dann, eines schnen Tages, lagen fnf kleine, kugelrunde,
kreideweie Eier und leuchteten in der Dunkelheit wie mit Phosphorglanz.

Sie ruhten so sicher und lieen sich so leicht ausbrten -- sie lagen
auf einer alten, weichen Matratze -- -- --

Glip hatte glcklich eine Frau gefunden.




Inhaltsverzeichnis


    Seite

1. Das Ohr des Waldes                              1
2. Mnnchen und Junge                              9
3. Der geflgelte Wolf                            30
4. Das neue Gelege                                41
5. Strix und die Menschen                         53
6. Winterleben im entlegenen Walde                69
7. Der neue Wald rckt vor                        85
8. Auf der Heide                                  98
9. Im Kampf mit einem Adler                      119
10. Der Leuchtturmwrter                         130
11. Klein-Taa                                    149
12. Zurck                                       157
13. Strix schafft sich einen Sklaven an          170
14. Strix Bubos Tod                              186


  [Illustration: Verlagssigel]

_Gedruckt bei Poeschel & Trepte in Leipzig_


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *
       *       *       *       *       *

Druckfehler:

mit den vielen eingetrockneten Blut- und Fleischberbleibseln
  _mit dem vielen_
Die Fledermuse heben sich noch wie Mwen
  _Mven_
und guckt in die Wipfel hinauf
  _in der Wipfel_
Ihr scharfer Blick
  _charfer_
Uf schwelgte und schmatzte
  _schmatze_
Er will dir den Raub wegnehmen, denkt Strix
  _denckt_
Das Eichhrnchen ist noch spt drauen. Es sitzt
  _Er sitzt_
Das Rottier fhrt zusammen -- und krasselt mit dem Kalbe
  _krasselt: dnisches Wort?_
mit gestrecktem Hals und hocherhobenem Kopf
  _hocher / hobenem (als ob zwei Wrte am Linienende)_
Die Schlange ist ihr bei ihrem Ausfall dicht auf den Leib gerckt
  _sei ihrem Ausfall_
feiern aufs neue einen Triumpf
  _Originaltext ungendert: Triumf oder Triumph?_
ber die See
  _Uber_
Er gehrt zu der Rasse +asio otus+
  _Originaltext ungendert: richtige Form +Asio otus+_
fnf kleine, kugelrunde, kreideweie Eier
  _kreideweise_

Unsichtbare Satzzeichen:

und die Federn stehen Uf um die Ohren[.]
Das schtzende Versteck ... ist umgerissen[,] liegt bunt durcheinander
sitzt sie wie in einem hohlen Stamm[,] nur da er ganz eng ist
Es ist Jagd im Tierwald[,] dem letzten
voll Schlpfen in der Pfote[,] Springen im Lauf und
hngt sie vor Strix[,] sie siedet wie ein Teekessel
streicht sie dahin, quer zum Winde[.]
Da streift die wilde Jagd pltzlich an ihm vorber ..[.]
sie begreift nicht[,] warum das Glck
fliegen hin und her[,] whrend
wo frher Wildnis herrschte[.]
der Zapfenstreich geht durch den Wald[.]
Mit steifen Blicken starrt sie vor sich hin ..[.]






End of the Project Gutenberg EBook of Strix, by Svend Fleuron

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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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works, and the medium on which they may be stored, may contain
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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