The Project Gutenberg eBook, Im Schatten der Titanen, by Lily Braun


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Title: Im Schatten der Titanen
       Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt


Author: Lily Braun



Release Date: October 28, 2006  [eBook #19653]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK IM SCHATTEN DER TITANEN***


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IM SCHATTEN DER TITANEN

Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt

von

LILY BRAUN







77.-84. Tausend
Deutsche Verlags-Anstalt/Stuttgart
1918

Mit vier Portrts und zwei
Faksimile-Reproduktionen

Alle Rechte vorbehalten
Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart



Inhalt

                                                            Seite

Einleitung                                                     7


Aus Bonapartes Stamm                                          15

Jerome Napoleon                                               17
Diana von Pappenheim                                          46
Briefe von Jerome Napoleon und Grfin Pauline Schnfeld
  an Jenny von Pappenheim                                     57


Unter Goethes Augen                                           77

Jennys Kindheit                                               79
Goethe                                                        89
Freundschaft und Liebe                                       106


Der Leidensweg der Mutter                                    237

Im stillen Winkel                                            239
Im Strome der Welt                                           315


Ausleben                                                     343

Wieder daheim                                                345
Dem Ende entgegen                                            378


Anmerkungen                                                  421


Register                                                     427






Einleitung


Im Jahre 1890 starb Jenny von Gustedt, deren Leben diese Bltter
schildern sollen. Sie war die letzte Zeugin einer groen Zeit, ihre
Gestalt war geweiht und verklrt durch Goethes Freundschaft. Unter dem
Titel "Aus Goethes Freundeskreise" gab ich ein Jahr nach ihrem Tode ihre
Erinnerungen und hinterlassenen Papiere heraus. Sie sind auch diesmal
die Grundlage des vorliegenden Buches. Aber es ist nicht dasselbe wie
damals. Es ist uerlich und innerlich ein anderes geworden. Das gilt
nicht nur in bezug auf die Anordnung des Stoffes, sondern auch in bezug
auf den Inhalt, der sich um vieles bereichert und manchen fr die
ffentlichkeit uninteressanten Ballast verloren hat. Auch die Gestalt,
die im Mittelpunkt des Buches steht, Jenny von Gustedt, meine geliebte
Gromutter, erscheint verndert. Ihr Bild, das die junge Enkelin noch
nicht zu erkennen vermochte, weil sie jenes Sehen noch nicht gelernt
hatte, das sich nur auf den vielverschlungenen Pfaden eigenen Lebens
lernen lt, dessen Wiedergabe daher milingen mute, weil all die
mannigfaltigen Farbentne ihr fehlten, die nur durch persnliche
Erfahrungen zu gewinnen sind, tritt jetzt lebendiger hervor. Wie die
Menschheit stets erst nach und nach zu ihren groen Fhrern heranreift
und ihnen in Geist und Herzen Altre baut, lange nachdem sie ihre
Standbilder auf ihren Grbern in Erz und Marmor errichtet hat, so werden
die Toten jedes einzelnen Menschenlebens ihm auch erst mit der Reihe der
Jahre vertraut und wahrhaft lebendig.

Wohl war meine Gromutter mir von klein auf Schutzgeist und Leitstern
des Lebens, bei ihr fand ich Verstndnis fr alles, was mich bewegte;
fremd war mir die eigene Mutter im Vergleich zu ihr. "Wie mein das Kind
ist, knnt ihr nicht glauben," schrieb sie, als ich kaum fnf Jahre alt
war. Aber erst jetzt, nachdem sie lange in der Erde ruht, nachdem ich
Weib und Mutter geworden bin, nachdem die "Krallen des Lebens", von
denen sie die Narben trug, sich auch mir ins Fleisch geschlagen haben,
verstehe ich sie ganz. Ich wei nun aber auch, was ich ihr schuldig bin:
Wahrheit. Nicht nur die Wahrheit, die ich erst im Laufe der Jahre
erkannte, sondern auch die, die ich, unter dem Einflu konventioneller
Familienmoralbegriffe, bei der ersten Ausgabe des Buches zu verhllen
gezwungen war.

Von Kindheit an verwob sich mir das Bild meiner Gromutter mit dem jener
Titanen, die an der Schwelle des neunzehnten Jahrhunderts die Welt
beherrscht hatten: Goethes und Napoleons. Wenn andere Kinder, der Ahne
zu Fen sitzend, den alten trauten Mrchen lauschen, die sie erzhlt,
so ward ich nicht mde, den Lebensmrchen ihrer Jugend zuzuhren. Von
Weimars Glanzzeit sprach sie mir, von vielen kleinen Dingen und
Erlebnissen, die gro wurden, weil das Licht des Goethenamens sie umgab,
von den Menschen der Zeit, die wie ein anderes Geschlecht von da an in
meiner Erinnerung lebten, von dem Groen, Herrlichen selbst, dessen Haus
ihr eine Heimat war und Zeit ihres Lebens ihres Geistes Heimat geblieben
ist. Als ich lter wurde, war sie es, die mir Goethes Lebenswerk
erschlo; aus dem alten blauen Band der "Iphigenie", den er ihr
geschenkt hatte, tnten zuerst seine Worte an mein Ohr. Schauer der
Ehrfurcht lieen mein Herz erzittern, wie sie dann der Fnfzehnjhrigen
den schmalen Goldreif an den Finger steckte, der stets ihr liebstes
Angebinde aus des Dichters Hand gewesen war. Wenige Jahre spter,
whrend einer langen Genesungszeit nach schwerer Krankheit, wo ein
junges Ding, wie sie sagte, so leicht auf trichte Gedanken kommt,
sandte sie mir ihre schriftlichen Aufzeichnungen, fr die sie bei ihren
Kindern ein Interesse nicht voraussetzen konnte. Sie schrieb dazu:


Lablacken, 22./11. 1884.

Mein trautstes geliebtes Lilichen!

Die alten Manuskripte, die ich Dir sende, werden Dir vielleicht mehr
Last als Freude sein; sie sind nach Zeit, Stimmung, Schrift und
Abschrift so kunterbunt durcheinander, und jede Sache bedarf fast einer
Erklrung, so da ich Dein Versprechen hinnehme, Dich und Deine Augen,
Deine Zeit und Deine Gedanken nicht damit zu qulen, sondern sie nur als
leichte Beschftigung und Anregung zu betrachten. Ich habe, wie Du
weit, viel verbrannt, so als Braut vier Bnde Tagebcher und spter
viele Kisten voll oft recht interessanter Briefe, auch die von
Scheidler, meinem Hausphilosophen, wie er sich nannte. Die Briefe an ihn
lie ich nach seinem Tode von seiner Tochter verbrennen, ebenso bat ich
Holtei und manche andere meiner Korrespondenten darum; ich bedaure es
auch nicht: man liest kaum mehr die schnsten klassischen Werke, wie
wird man alte, vergilbte, schwierige Handschriften lesen! Was brig
blieb, berlasse ich Dir, mein geliebtes Enkelkind, ganz und gar, Du
darfst mit alledem thun und lassen, was Du willst, ich bin damit, wie
mit Allem im Leben, auer mit meiner fast krankhaften Mutterliebe und
mit meinem immer mehr reifenden Christenthum vollstndig fertig, bin
sehr unproductiv, und nur manchmal, wenn die Anregung von auen kommt,
schreibe ich Erinnerungen nieder, die Du spter auch haben sollst. Mein
Bestes an Gedanken und Gefhlen legte und lege ich in Briefen nieder.
Die meisten anderen Sachen haben eine Geschichte: Entwicklung, Klrung,
unntze oder gut ausgenutzte Leiden, von Anderen angeregte
Ueberschwnglichkeiten, von innen verarbeitete Irrthmer. Die Aufstze
aus Wilhelmsthal hatten persnliche Beziehungen und gehren in die
Kategorie getrockneter, gepreter Blumen mit leisem Duft und matter
Farbe. Die vier franzsisch geschriebenen Charakterbilder waren die
Fortsetzung frherer, ebenfalls dem Feuertode geweihter, die unter
Goethes Augen entstanden waren und ihn interessierten. Die Art Novelle
'Grfin Thara' ist mein letztes Geschreibsel; sie hat mich, mit langen
Unterbrechungen, oft angenehm beschftigt und sollte eigentlich nur eine
Art Einleitung, ein Faden sein, an den ich Erfahrungen und Ansichten
reihen wollte ...

Die Beschftigung mit den alten Manuskripten bildete ein neues Band
zwischen uns. Ich bat oft um Erklrungen, die mir mndlich und
schriftlich bereitwillig gegeben wurden, so da nach und nach zu den
alten Schriften viele neue hinzukamen, auch die Erinnerungen, die sie
auf Anregung des Groherzogs Karl Alexander von Sachsen-Weimar, ihres
treuen Freundes, noch in ihrer letzten Lebenszeit niedergeschrieben
hatte.

Einst, als ich wenige Jahre vor ihrem Tode wieder einmal in ihrem
stillen grnen Zimmer bei ihr sa, ffnete sie das wohlbekannte Fach
ihres Schreibtisches, das in seiner vorderen Hlfte fr mich immer eine
Fundgrube wunderbarer Dinge gewesen war: Ringe aus Haaren, Broschen mit
geheimnisvoll darin verschlossenen Bildchen, Gemmen und Steine, und
andere Merkwrdigkeiten hatten zu meinem Lieblingsspielzeug gehrt, um
das sich tausend Trume schlangen; an einem Miniaturbilde aber, das die
Mitte eines breiten goldenen Armreifens bildete, war mein Blick stets
gebannt hngen geblieben: einen Mann in groer Uniform, mit klassisch
regelmigen Zgen und dunklen, leuchtenden Augen stellte es dar. Jerome
Napoleon war es, des groen Kaisers Bruder, jenes Kaisers, den
Gromutters Erzhlungen mir immer als einen Riesen der Vorzeit hatten
erscheinen lassen -- nicht als jenen bekannten Kleinkinderschreck aller
guten Preuenkinder, sondern als eine schier bermenschliche Gestalt,
deren Machtgebot eine Welt formte und beherrschte. Aus der hinteren
Hlfte des Fachs, das alle diese Wunderdinge enthielt, zog Gromutter
ein sorgfltig verschnrtes Paket hervor und gab es mir. "Bewahre es mit
dem brigen," sagte sie, "damit es, wenn ich sterbe, nicht vernichtet
wird." Es enthielt Briefe des einstigen Knigs von Westfalen an sie, die
geliebte Tochter aus seinem heimlichen Liebesbund mit einer ihm immer
unvergelichen Frau. Wohl hatte ich schon lange von Gromamas Herkunft
reden hren, als Kind schon hatte man mich meines Ahnherrn wegen
verhhnt, und wenn ich an Eltern und Verwandte schchterne Fragen nach
ihm zu richten wagte, so wurden sie rot und schalten mich; ich wute nie
recht, ob ich stolz sein oder mich nicht vielmehr seiner schmen sollte.
Seine Briefe erst lehrten mich ihn lieben.

Als Gromama gestorben war und ich ihre Erinnerungen der ffentlichkeit
bergeben durfte, war es selbstverstndlich meine Absicht, ihrer
Herkunft der Wahrheit gem zu gedenken. Aber die engere und die weitere
Familie, in deren Mitte ich lebte, entrstete sich nicht wenig ber mein
Vorhaben; sie sah ihre Ehre dadurch bedroht, die Stellung ihrer
Mitglieder in Staat und Gesellschaft gefhrdet. Und ich, der Bande des
Bluts noch gleichbedeutend erschienen mit Banden des Geistes und
Herzens, frchtete, sie durch Widerspruch zu zerreien, und gehorchte.
Da dieser Gehorsam der Familie gegenber durch eine Lge vor der
ffentlichkeit erkauft wurde, daran dachte niemand. Nur mich qulte sie,
und in der Empfindung, da eine Zeit kommen werde, in der ich mein
Unrecht gutzumachen vermchte, bewahrte ich sorgfltig die Briefe
Jeromes und weigerte mich wiederholt, sie zu vernichten. Indem ich sie
nunmehr der Lebensbeschreibung meiner Gromutter einfge, glaube ich ihr
gegenber eine Pflicht zu erfllen. Und noch mehr vielleicht bin ich
ihrem Vater die Verffentlichung schuldig: nicht nur, da sie seines
Blutes war, zeigt sich darin, sondern auch, da er es wert gewesen ist,
diese Tochter zu besitzen.

Sein Name hat in Deutschland keinen guten Klang: der widerlichste
Klatsch, dessen Geifer zur Hhe eines Napoleon, auch als er ein
gestrzter Riese war, nicht heraufreichte, hielt sich dafr an seinen
Brdern und Schwestern schadlos. Halb Wstling -- halb Schwachkopf -- so
lebt Jerome in der Tradition der Nachkommen jener Deutschen, die sich zu
seinem Hofe drngten, die von seiner allzu freigebigen Hand Titel und
Wrden, Vermgen und Grundbesitz dankbar entgegennahmen. Seine Briefe an
meine Gromutter haben mich veranlat, ihn selbst in seinen Memoiren und
seinem Briefwechsel, seine Familie, seine Zeitgenossen und die
objektive Geschichtschreibung zu Rate zu ziehen, um seine wahre
Erscheinung dadurch kennen zu lernen. Nur sehr wenig sieht sie der
traditionellen gleich. Das auch vor der ffentlichkeit festzustellen,
das Bild seiner Persnlichkeit zu reinigen von dem Schmutz, mit dem man
es beworfen hat, es in seiner Gte und Liebenswrdigkeit, wie in seiner
erschtternden Tragik auferstehen zu lassen -- wurde mir zum
Herzensbedrfnis. Und da es stets einer der schnsten Zge meiner
Gromutter gewesen ist, der Verleumdung zu steuern, wo sie ihr
begegnete, glaube ich um so mehr in ihrem Sinne zu handeln, wenn ich in
diesem Buche der Schilderung ihres Vaters Raum gewhre.

Unklar mute leider das Bild ihrer Mutter bleiben. Wie sie auf jedem
ihrer Portrte eine andere ist, so ist auch ihr Wesen nicht
festzuhalten. Die Geliebte Jeromes wurde als ein so dunkler Fleck in der
Familiengeschichte betrachtet, da man versuchte, ihn so sehr als
mglich zu verwischen. Ihr letzter Brief an ihre Tochter ist das einzige
persnliche Zeichen ihres Daseins, das mir erhalten blieb. Was sonst
wohl vorhanden sein mag, schlft wahrscheinlich unter dem strengen
Schutze der Prderie in Rumpelkammern und Familienarchiven den Schlaf
des Todes. Auch die anderen Briefe, die ich dem Buch neu einverleiben
konnte, sind an Umfang geringer, als es unter anderen Umstnden htte
sein knnen. Sehr vieles mag der Vernichtung anheimgefallen sein, und
die verschlossenen Familienschreine und frstlichen Hausarchive, wo sich
z. B. die Briefe an die Kaiserin Augusta, an die Herzogin von Orleans,
an den Groherzog Karl Alexander und an andere finden drften, ffnen
sich mir nicht mehr. Wo es geschah -- was ich nicht unterlassen will,
dankbar zu erwhnen --, wie im Goethe-Schiller-Archiv und im
Familienarchiv der Bonapartes, hat sich nichts gefunden.

       *       *       *       *       *

Fr eine Zeit, wie die unsere, die ihrer selbst in all ihrer
verstndigen Nchternheit berdrssig wurde, ist es charakteristisch,
da sie der Vergangenheit nachsprt, verborgene Schtze wieder ans Licht
befrdert, Toten neues Leben einflt und ewig lebendige, die fr sie
lange verschollen waren, wieder auf sich wirken lt. Viele sehen nichts
anderes darin als ein Zeichen der Dekadenz, des Absterbens, weil es an
alte Menschen erinnert, die mit steigenden Jahren immer mehr in der
Erinnerung leben. Mir scheint, da es vielmehr ein Zeichen neuen,
werdenden Lebens ist, dem freilich, wie immer im Herbst, ein Absterben
des alten vorangehen mu. Denn Sehnsucht drckt sich aus darin, und
Sehnsucht ist immer etwas Junges, dem Erfllung folgen mu. Diese
Sehnsucht aber mchte dieses Buch nhren.




Aus Bonapartes Stamm




Jerome Napoleon


Wo alte Linden ihre Kronen breit und stolz gen Himmel wlben, ihre weit
ausladenden ste nach allen Richtungen auseinanderstrecken, da hat nicht
nur die innere Lebenskraft sie zu so vollkommener Entwicklung befhigt,
da hat die Natur ihnen auch den freien Raum gewhrt, der solches Wachsen
ermglicht. Ihre jngeren Geschwister und ihre Nachkommen erreichen
niemals die Hhe und Strke der Groen ber ihnen: sie genieen ihres
Schutzes, sie atmen dieselbe Luft; der Bltenreichtum, den der Sturm
abweht von denen da droben, fllt duftend auf ihre jungen Hupter, aber
mit ihrem vollen Strahlenkranz krnt sie die Sonne nicht -- im Dmmer
stehen sie, im Schatten der Titanen. Und das Zeichen ihres Lebens im
Schatten verlieren die Epigonen nie ...

Am 9. November des Jahres 1784, einem rauhen Sptherbsttage, brachte
Ltitia Bonaparte das letzte ihrer zwlf Kinder zur Welt: Jerome.
Fnfzehn Jahre frher, als die Hochsommersonne ber Ajaccio brannte und
Herz und Geist der blhend schnen jungen Frau erfllt war von den
Kmpfen um Korsikas Freiheit, die sie, hoch zu Ro, ihrem Gatten zur
Seite, das schlummernde Leben in ihrem Scho, mitgekmpft hatte, war ihr
zweiter Sohn geboren worden: Napoleon. Ihn trieb der strenge Vater und
das rauhe Schicksal frh aus dem Schutz des Elternhauses; arm und
unbekannt mute er sich schon als Knabe aus eigener Kraft die Stellung
schaffen. Anders Jerome. Sein Vater starb, als er ein Jahr alt war;
seine Mutter, seine Geschwister, allen voran der ernste Bruder, der, als
sei es selbstverstndlich, an Stelle des Oberhauptes trat, umgaben das
reizende Kind mit den zierlichen Gliedern und den groen lachenden Augen
mit zrtlicher Liebe. Bis zu seinem dreizehnten Jahre blieb es bei der
Mutter, whrend schon der Stern Napoleons immer leuchtender aufging ber
der Welt. Als dann das Kollegium von Juilly den jungen Jerome aufnahm,
war er nicht ein neuer, fremder Schler wie andere, sondern der Bruder
des groen Napoleon, dessen Triumphe jedes franzsische Herz hher
schlagen machten; Lehrer und Kameraden, stolz, einen desselben Blutes
unter sich zu haben, begegneten ihm mit liebevoller Bewunderung.[1]

Von den Ferien in Paris bei Frau Ltitia in der Rue de Rocher oder in
dem kleinen Hause in der Rue Chantereine, wo Josephine ihn mit Zeichen
der Gte und Verwhnung berschttete,[2] kehrte er, erfllt von
Schlachtenbildern und Siegeshymnen, in die Schule zurck. Und welche
Gefhle des Stolzes und der Begeisterung, welche Trume von Ruhm und
Glanz muten den Fnfzehnjhrigen bewegen, als Napoleon, von seinem
gyptischen Mrchenzuge heimkehrend, das jubelnde Frankreich durchzog.
Dieser Soldat von 30 Jahren, der sterreich unterworfen, England
erschttert, Venedig gedemtigt und Italien erobert hatte, war sein
Bruder! Europa zitterte vor ihm; vor Jerome aber wandelte sich der
ernste Heros zum zrtlichen der Vter. Unter der Wohnung des ersten
Konsuls wurden dem Knaben seine Zimmer angewiesen. Er erfreute sich hier
der vollkommensten Freiheit, und selbst alte, graue Mnner, die
Napoleons Zrtlichkeit fr den jungen Bruder sahen, beugten den Nacken
vor ihm.[3] Seine Wnsche blieben selten unerfllt; zwischen einer
Familie, die immer bereit war, seine Streiche zu verzeihen, und einem
Hof, dessen stndiges Amsement sie waren, konnte Jerome seinen
Phantasien freien Lauf lassen.[4] Er war schn und grazis, voll
sprhenden Temperaments und lachenden Leichtsinns; alles Schne
entzckte ihn, und sein Bedrfnis, das Glck, sein Lebenselement,
berall um sich zu fhlen, machte ihn verschwenderisch, wenn es galt,
Freunde zu erfreuen, Unglcklichen beizustehen. Ein liebenswrdiges
Glckskind -- so erschien er auf den ersten Blick. Er wre es gewesen,
wenn nicht jene allzu hufige Begleiterscheinung der Gte -- Schwche
denen gegenber, die er liebte -- und die Familieneigenschaften der
Bonaparte --trotziger Stolz und verzehrender Ehrgeiz -- der lichten
Helligkeit seines Bildes die tiefen Schatten hinzugefgt htten. Zwei
seiner Jugenderlebnisse sind bezeichnend fr diese Seiten seines
Charakters.

Mit fnfzehn Jahren kannte er keinen heieren Wunsch, als Napoleon in
den italienischen Feldzug zu begleiten. Seine Freundschaft fr seinen
Spielkameraden Eugen Beauharnais verwandelte sich in einen nie ganz
berwundenen Ha, als der Wunsch diesem, dem lteren, gewhrt, ihm aber
abgeschlagen wurde. Er blieb teilnahmlos und finster angesichts der
Siegesnachrichten und war der einzige, der den heimkehrenden Sieger zu
begren sich weigerte und, von ihm aufgesucht, all seiner Zrtlichkeit
gegenber eisig blieb. "Was soll ich tun, um dich zu vershnen?" fragte
lchelnd der Held den jungen Trotzkopf. "Den Sbel von Marengo schenke
mir!" rief dieser. Sein Wunsch ward erfllt, und unzertrennlich blieb er
bis zum Tode von der Waffe des Bruders.[5]

Ein Jahr spter wurde er Soldat; im gleichen Regiment diente der Bruder
Davouts. Auch dessen Brust schwellte der Stolz, und er begegnete dem
Kameraden hochmtiger als dieser ihm. Einer von uns ist zuviel in der
Welt -- dieser Gedanke beherrschte Jerome mehr und mehr. Er forderte
Davout zum Duell, einem Duell ohne Zeugen bis zur Abfuhr. Sein Gegner
scho ihn in den Unterleib, wo die Kugel sich an einem Knochen platt
drckte und dort liegen blieb, bis sie sechzig Jahre spter bei der
Autopsie der Leiche gefunden wurde.[6] Schon damals also schien jene
dunkle Prophezeiung sich zu bewahrheiten: da kein Bonaparte von einer
Kugel fllt -- jene Prophezeiung, die ein Unterpfand des Glcks zu sein
schien, und deren Erfllung schlielich das Unglck erst vollenden half!

Inzwischen hatte Europa sich merkwrdig verwandelt: als wre die Alte
Welt nichts als weiche, gefgige Masse in der Hand des Bildhauers
Napoleon. Er allein war es aber auch, der die Stelle zuerst empfand, wo
sie seiner Absicht harten Widerstand leistete. Das britische Inselreich
mit seiner meerbeherrschenden Macht war das Gespenst, das er drohend vor
sich sah und nicht zu fassen vermochte. Darum setzte er alle Krfte
daran, die franzsische Flotte auszubauen und kriegstchtig zu machen,
darum suchte er fr die Marine sorgfltig die besten Mnner aus. Seine
Liebe zu Jerome, seine groe Meinung von den Fhigkeiten des Bruders
konnte er nicht besser beweisen als dadurch, da er ihn zum knftigen
Admiral bestimmte. Hier, so glaubte er, sollte seine tollkhne
Tapferkeit und seine Abenteuerlust das rechte Feld finden. "Nur auf dem
Meere," so schrieb er an Jerome, "ist heute noch Ruhm zu erwerben. Lerne
was Du irgend kannst, dulde nicht, da irgend jemand es Dir zuvortut,
suche Dich bei allen Gelegenheiten auszuzeichnen. Denke daran, da die
Marine Dein Beruf sein soll."[7] Mit erstaunlicher Leichtigkeit fand
sich der verwhnte siebzehnjhrige Jngling in den anstrengenden
Schiffsdienst, den ihm der Konteradmiral Gauteaume auf Napoleons
ausdrcklichen Befehl auferlegte. Die Flotte, die dieser im Verein mit
Salmgunt zu befehligen hatte, war fr gypten bestimmt; die
Ungeschicklichkeit der Fhrer machte die Expedition zu einer vllig
zwecklosen. Jerome entgingen die Grnde nicht; sein Blick dafr wurde
durch den rger ber die Situation, die es ihm unmglich machte, sich
auszuzeichnen, noch geschrft. Er kritisierte scharf die beiden
Admirale, deren gegenseitige Eiferschteleien sie am Vorgehen hinderten.
"Gibt es etwas Jmmerlicheres," schrieb er, "als um lcherlicher
Prtentionen willen eine groe Sache zu gefhrden? ... Wie gefhrlich,
zwei Menschen zusammenzuspannen, von denen der eine nicht zu befehlen,
der andere nicht zu gehorchen versteht."[8] Mag sein, da diese
freimtige Kritik seiner Vorgesetzten, die eine Kritik seines Bruders in
sich schlo, diesem zu Ohren kam und, ihm selbst vielleicht unbewut,
dazu beitrug, Jerome mit anderen Augen anzusehen. Die groen
Tatmenschen haben mit den Mondschtigen eins gemein: sie vertragen es
auf ihrem gefhrlichen Wege nicht, angerufen, gestrt oder gar gewarnt
zu werden.

Unter dem Admiral Villaret-Joyeuse hatte Jerome Gelegenheit, sich auf
St. Domingo und Haiti im Kampfe gegen Toussaint Louverture
auszuzeichnen. Das gelbe Fieber, das ihn mit uerster Heftigkeit
packte, trieb ihn auf kurze Zeit nach Frankreich zurck, von wo aus er
dann im Jahre 1802 zur Vollendung seiner seemnnischen Ausbildung nach
den Antillen ging. In Martinique war sein ehemaliger Chef,
Villaret-Joyeuse, Gouverneur, ein ehrgeiziger Schmeichler, der sich die
Gunst des ersten Konsuls am sichersten durch die Gunst seines jungen
Bruders zu gewinnen glaubte. Er ernannte Jerome, den Achtzehnjhrigen,
der kaum ein Jahr des Seedienstes hinter sich hatte, zum Kapitn des
"Epervier".[9] Als selbstndiger Fhrer des eigenen Schiffes sollte er
nach Frankreich zurckfahren. Aber war es aus Leichtsinn, den brennender
Ehrgeiz steigerte, aus Unverstand oder aus Irrtum? bei der Begegnung mit
einem englischen Kriegsschiff ntigte er es, die Segel aufzubrassen und
Zweck und Ziel der Fahrt anzugeben, was einer Herausforderung fast
gleichkam. Das Unglck, das er dadurch heraufbeschwor, war um so grer,
als es gerade nur eines Zndstoffs bedurfte, um die kriegerische
Stimmung zwischen England und Frankreich zum Ausbruch kommen zu
lassen.[10] Rasch genug sah er ein, was er getan hatte; er meldete dem
Gouverneur von St. Pierre den Vorfall, als die Englnder bereits
beschlossen hatten, ihm den Weg nach Frankreich abzuschneiden und den
Bruder Napoleons als willkommene Geisel in Gefangenschaft zu nehmen.
Jerome, der von diesem Plan Kenntnis erhielt, blieb, wenn er Frankreich
vor schweren politischen Komplikationen, seinen Bruder vor den Folgen
seiner eigenen Schuld bewahren wollte, nichts anderes brig, als auf
neutralem Schiff unerkannt die heimischen Gestade wiederzugewinnen. Er
whlte mit einem kleinen Gefolge Getreuer den Weg ber Amerika, wo er
die Gelegenheit zur berfahrt am leichtesten zu finden hoffte. Seine
Absicht, auch dort unerkannt zu bleiben, erfllte sich nicht. Die
Liebedienerei der franzsischen Konsuln, die Sucht der Amerikaner,
Europern von Rang ihre Huldigungen zu erweisen -- vielleicht ein
Zeichen, da das Sklavenblut in den Adern vieler noch nicht
fortgeschwemmt ist -- zerrissen sein Inkognito schon wenige Stunden nach
seiner Ankunft. Wie ein Prinz von Geblt wurde der Bruder Bonapartes
empfangen und umringt. In Washington und in Baltimore, wo er die
uersten Anstrengungen machte, um seine Rckkehr nach Frankreich zu
beschleunigen, wurde er in einer Weise gefeiert, da seine Anwesenheit
den Englndern nicht unbekannt bleiben konnte und sie ihre
Vorsichtsmaregeln verdoppelten, um ihn nicht entkommen zu lassen. Es
bedurfte jedoch einer greren Macht als der Englands, um den jungen
Brausekopf festzuhalten: der Augen Elisabeth Pattersons, die ihm
liebeglhend entgegenleuchteten, ihrer roten Lippen, die sich
glckverheiend ihm darboten. Sie schlugen ihn in Banden, lieen ihn
Vergangenheit und Zukunft vergessen und der seligen Gegenwart junger
Leidenschaft leben. Hat der eitle Vater des reizenden Mdchens ihn mit
schlauer Absicht gefesselt? Hat sie selbst dem Bruder des groen
Napoleon Schlingen der Koketterie gelegt? Mige Fragen! Ist's nicht
genug der Erklrung, da zwei junge schne Menschen in Liebe zueinander
entbrennen? Mit dem Feuer seiner 19 Jahre liebte Jerome, mit der
Sicherheit des verwhnten Lieblings der Seinen rechnete er auf deren
Zustimmung zu seiner Ehe mit Elisabeth. Er hatte sich verrechnet. Wohl
liebte Napoleon seine Brder und Schwestern, und diesen, den jngsten,
vor allen; aber in ihrer Mitte hatte nur ein Wille zu gelten: der seine;
wohl wollte er sie glcklich sehen, aber nur das Glck aus seinen Hnden
galt ihm als solches. Die Nachricht, da Jerome eigenmchtig, ohne seine
Zustimmung abzuwarten, die Ehe mit Mi Patterson geschlossen habe, traf
in dem Augenblick in Paris ein, als Frankreich dem ersten Konsul die
kaiserliche Wrde verlieh und seine Brder und Schwestern zu Prinzen und
Prinzessinnen erhob. Sie war der bittere Tropfen in dem Kelch seines
Ruhms, und da das franzsische Gesetz die Rechtsgltigkeit der ohne
Einwilligung der Eltern geschlossenen Ehe Minorenner nicht anerkannte
und Ltitia, die stolze Mutter eines Geschlechts von Herrschern, auf der
Seite Napoleons stand, erklrte Napoleon die Ehe fr null und nichtig
und schlo Jerome aus der kaiserlichen Familie aus. Jeromes Hoffnungen
waren damit noch nicht zerstrt; der hinreiende Liebreiz seines Weibes
mute, so glaubte er, auch den eisernen Willen eines Napoleon brechen.
Im Mrz 1805, anderthalb Jahre nach seiner Heirat, schiffte er sich mit
ihr nach Portugal ein. Aber der Arm des Kaisers reichte bis Lissabon;
franzsische Agenten verweigerten der jungen Frau die Landung, nur
Jerome erhielt die Erlaubnis, den Weg nach Italien einzuschlagen.

Wie anders fand er Europa, als da er es verlie. Die drei Jahre seiner
Abwesenheit, die ihn eingesponnen hatten in stilles Liebesglck, hatten
den Bruder, hatten Frankreich emporgefhrt zum Gipfel des Weltruhms.
Konnte sein eigenes Geschick, sein Kampf um Anerkennung seiner Liebe,
jenem Manne, der die Geschicke der Vlker in seinen Hnden hielt und um
die Kronen Europas kmpfte, anders erscheinen als wie das Spiel eines
Kindes? Im Augenblick, da Napoleon sich zu Mailand Italiens Krone aufs
Haupt setzte und zum Gedchtnis der Schlacht von Marengo die
Bllerschsse krachten, die Glocken luteten, die Fahnen wehten und
Tausende und aber Tausende dem Rausch der Festesfreude sich hingaben,
betrat Jerome -- er, der den Sbel von Marengo trug! --ein Unbekannter,
ein Ausgeschlossener, den Boden Italiens. In Alessandria empfing ihn der
Kaiser. Weit mehr als der Zorn ihn geschreckt haben wrde, -- er htte
vielleicht nur seinen Stolz und seinen Eigensinn geweckt --, mute ihn
die Zrtlichkeit Napoleons erschttern. Alle sah er wieder, die Brder,
die Freunde, geschmckt mit dem immergrnen Lorbeer des Ruhms, whrend
in seinen Hnden die welkenden Rosen der Liebe schon entbltterten. Er
stand vor der Wahl, -- denn unerbittlich blieb der Kaiser --, auf der
einen Seite der Weg empor zu den Hhen der Menschheit, zu hchsten
Siegespreisen, zur Knigskrone, auf der anderen das Leben im
Dmmerschein stillen Familienglcks, ohne Zweck und Ziel. So sehr sich
ihm auch das Herz zusammenkrampfte, -- wie er Elisabeth liebte, dafr
zeugen seine Briefe aus jener Zeit --, er whlte den Ruhm, nicht die
Liebe. Welch ein Jngling von 21 Jahren htte anders zu whlen
vermocht?![11]

Um die Stimme des Herzens zu bertnen und nachzuholen, was er versumt
hatte, strzte er sich mit Feuereifer in die Aufgabe, die ihm gestellt
wurde.

Im Sommer des Jahres 1806 kommandierte er in der Flotte des Admirals
Willaumez den "Veteran" und nahm mit ihm von Brest aus neun englische
Schiffe die zwei Kriegsschiffe eskortierten. Auf der Hhe von Concarneau
erreichte ihn die englische ihn verfolgende Flotte; die Situation war
verzweifelt; auf der einen Seite der berlegene Feind, auf der andren
Sandbnke und Riffe. Entschlossen, eher zu sterben als sich zu ergeben,
ergriff Jerome der Mut der Verzweiflung, und unter den Augen der
englischen Flotte vollzog sich jene Tat unwahrscheinlicher Tollkhnheit,
von der ein englisches Journal der Zeit folgendes berichtete: "Jerome
Napoleon hat allen unseren Maregeln zu trotzen gewut und alle
Anstrengungen unserer braven Matrosen nutzlos gemacht; da er den Hafen
sicher und ohne Verluste erreichte, ist ein neues Beispiel fr das
unglaubliche Glck, das sich an die Schritte der Bonapartes zu heften
scheint und alle ihre Operationen begleitet."[12]

Nun erst verlieh Napoleon dem Heimkehrenden den Titel eines
franzsischen Prinzen, und als Anerkennung seiner Tapferkeit den Rang
eines Kontreadmirals. Als hhere Auszeichnung noch empfand es Jerome,
da Napoleon ihm fr den bevorstehenden preuischen Feldzug die
bayrische und wrttembergische Division anvertraute und es ihm nun
endlich vergnnt war, unter den Augen des bewunderten kaiserlichen
Bruders zu fechten. Jerome bewhrte sich. Trotz seiner 24 Jahre wute er
sich den Respekt der Truppen und ihrer Fhrer zu gewinnen, aber mehr
noch das Herz der Soldaten durch seine Sorge fr ihr Wohl.[13] Am Tage,
als die letzte schlesische Stadt vor ihm kapitulierte, erreichte ihn die
Nachricht vom Tilsiter Waffenstillstand. Der Friede folgte. Napoleon
hatte Preuen unterworfen und seinem Bruder ein Knigreich erobert. Mit
ein paar Federstrichen warf er die Lnder links von der Elbe zu einem
Staat zusammen und ernannte Jerome zum Knig von Westfalen; mit ein paar
gewechselten Briefen gewann er ihm in Katharina, der Tochter des
Souverns von Wrttemberg, die Knigin. Das Herz der also durch
kaiserliche Allmacht Vereinigten wurde nicht gefragt, und als das
blonde, rosige Prinzelein aus altem Frstenstamm dem dunkeln, blassen
Jngling aus dem Geschlecht der korsischen Usurpatoren gegenbertrat, da
wute es noch nicht, wie rasch, wie dauernd der Sieggewohnte es erobern
wrde.

Mit dem ganzen Prunk des kaiserlichen Hofes, in einer Gesellschaft, in
der Vertreter alter Dynastien sich mit den neugeschaffenen Aristokraten,
Frsten und Knigen von Napoleons Gnaden vereinigten, wurde am 28.
August 1807 die Hochzeit des jungen Paares gefeiert. Aber die bunten
Lichter, die ganz Paris am Abend erleuchten sollten, verlschten in
strmendem Wolkenbruch, und die Raketen, die bestimmt gewesen waren,
prasselnd gen Himmel zu steigen, verstummten vor dem Grollen des
Donners ...

Inzwischen war die Organisation des jungen Knigreichs erfolgt, mit dem
_Code Napolon_ die neue Administration im Lande eingefhrt, zum Empfang
des Herrscherpaares alles vorbereitet. Mit einem Brief, der dem Bruder
die Prinzipien, nach denen er regieren sollte, nochmals
auseinandersetzte, entlie ihn Napoleon. "Schenke denen kein Gehr, die
Dir sagen werden, da Deine Vlker, an Sklaverei gewhnt, unserer
Gesetze nicht wrdig sind," so heit es darin, "das ist nicht wahr. Sie
erwarten vielmehr mit Ungeduld, da ein jeder, den das Talent dazu
befhigt, -- nicht nur der Adlige --, zu jeder Stellung Zugang finden
kann, da jede Form der Dienstbarkeit und Abhngigkeit ein fr allemal
abgeschafft werde. Ich baue, was die Sicherung Deiner Monarchie
betrifft, weit mehr auf die Folgen dieser Maregeln, als auf die
Resultate groer Eroberungen. Dein Volk mu sich einer Freiheit, einer
Gleichheit, eines Rechtsschutzes erfreuen, die in Deutschland nicht
ihresgleichen haben. Diese Art, zu regieren, wird zwischen Dir und
Preuen eine zuverlssigere Grenzscheide bilden als die Elbe, als
Frankreichs Festungen und sein Schutz. Welches Volk, das die Segnungen
einer liberalen Herrschaft kennen gelernt hat, wird in die Bande des
Absolutismus zurckkehren wollen? Sei darum ein konstitutioneller Knig.
Du schaffst Dir damit ein natrliches bergewicht ber Deine
Nachbarn."[14]

In den Empfindungen der groen Masse des Volkes schien sich Napoleon
nicht zu tuschen. Mochte der Bruder des Korsen ihm fremd erscheinen,
seine Person ihm zunchst gleichgltig, vielleicht sogar antipathisch
sein, es begrte in ihm den endlichen, heiersehnten Frieden, geordnete
Verhltnisse, gesicherte wirtschaftliche Entwicklung.[15] Darum war sein
Empfang ein berraschend freudiger, den die persnliche Freundlichkeit
des Herrscherpaares nur noch steigern konnte. Die Proklamation des
Knigs, vor der in jedem Dorf des Landes sich die Neugierigen sammelten,
verhie die Sicherstellung der Konstitution, die Abschaffung der Adels-
und Kirchenprivilegien, der Leibeigenschaft und aller Personaldienste,
die Gleichheit vor dem Gesetz, die Gleichberechtigung aller
Religionsbekenntnisse, die Aufhebung der Sonderstellung der Juden, die
Neuordnung des Gerichtsverfahrens. "Lange genug hat Euer Land unter den
Vorrechten des Adels und den Intriguen der Frsten gelitten. Alle Leiden
der Kriege mutet Ihr tragen, von den Segnungen des Friedens bliebt Ihr
ausgeschlossen. Einige Eurer Stdte erwarben die unfruchtbare Ehre, da
Vertrge und Traktate in ihren Mauern geschlossen wurden, in denen
nichts vergessen war, als das Schicksal des Volkes, das sie
bewohnte."[16] War dies nicht ein Widerhall der Prinzipien von 1789,
unter deren Einflu das neue Frankreich sich entwickelt hatte, und deren
Verwirklichung in Deutschland an der Ohnmacht des Volkes und der Macht
der Frsten gescheitert war? Sie bedeuteten diesmal mehr, als
Frstenproklamationen und Versprechungen sonst zu bedeuten hatten.
Kster, der Geschftstrger Preuens in Westfalen, der dem Berliner Hof
regelmig Bericht zu erstatten hatte und neben dem Grafen Reinhard, dem
Bevollmchtigten Napoleons und geistvollen Korrespondenten Goethes, der
zweifelfreieste Zeuge war, sah mit Erstaunen, wie rasch die neuen
Einrichtungen Wurzel zu fassen vermochten. Weite Kreise der Bevlkerung
empfanden die Regierung Jeromes als einen Fortschritt gegenber den
alten Zustnden; die Gebildeten, von deren Unhaltbarkeit lngst
berzeugt, freuten sich der neuen freiheitlichen Einrichtungen;
Kaufleute und Handwerker sahen sich besonders durch sie gefrdert. "Was
mir aber das meiste Vergngen macht," schrieb Kster am 21. November
1808 nach Berlin, "ist, in der Lage zu sein, dem Gange einer
aufgeklrten und gerechten Verwaltung folgen zu knnen, welche auf einer
glcklichen Konstitution sich aufbaut. Sie entwickelt sich mehr und mehr
durch die sukzessive Organisation aller ihrer Hauptzweige, und es ist
nicht zweifelhaft, da dieser neue Staat, dessen Souvern nur das Gute
will, und zwar mit Bedacht und doch mit Entschlossenheit -- bald zu
einem hohen Grad der Vollkommenheit und des ffentlichen Glcks gelangen
wird."[17] In einem spteren Brief rhmt er die Einfachheit und
Schnelligkeit in der Verwaltung, berichtet von dem praktischen Wert des
durch den Knig geschaffenen Zentralbureaus fr Armenuntersttzung in
Kassel und sagt von ihm, da er von den regierenden Brdern des Knigs
die meiste Energie und den meisten eigenen Willen besitze.[18]

Gerade das aber, was ihn auszeichnete, war das Unglck Jeromes. Ein
eigener Wille war jene Eigenschaft, die Napoleon bei seinen Brdern am
wenigsten brauchen konnte, und Energie konnte nur dort am Platze sein,
wo etwas Wichtiges durchzusetzen, etwas Wertvolles zu erreichen war.
Jerome lag es am Herzen, seinem Lande ein guter Knig zu sein; ihn
verlangte danach, von dem ganzen Stolz seines Geschlechts beseelt, zu
beweisen, da er es aus eigener Kraft sein konnte. Aber seine Absichten
stieen auf unberwindliche Widerstnde und wurden durch die Plne des
Kaisers durchkreuzt.

Offiziell hatte seine Regierung mit dem Einzug in Kassel begonnen, aber
der Kampf mit den finanziellen Schwierigkeiten hatte bereits zwei Monate
frher angefangen. Auf dem Papier war ihm freilich eine Zivilliste von
fnf Millionen zugesichert worden, in Wirklichkeit aber war der
Staatsschatz durch Kriegsabgaben, durch die Lasten, die die Okkupation
durch franzsische Truppen dem Lande auferlegt hatte, vollkommen
erschpft, und um allein die Kosten fr die Einrichtung des Hofes, die
Reise nach Westfalen und den feierlichen Einzug bestreiten zu knnen,
mute Jerome ein Darlehn aufnehmen.[19] Die traurigsten Verhltnisse
fand er vor, als er einzog. Selbst fr ihn persnlich war die Lage eine
uerst beschrnkte: er, der gewhnt war, rckhaltlos aus dem vollen zu
leben, der von einem Kaiserhofe kam, wo Luxus als etwas
Selbstverstndliches erschien, der seine Freunde und Untergebenen, noch
ehe er ein Knig war, kniglich zu belohnen pflegte, fand im Schlosse zu
Kassel nur notdrftig eingerichtete Zimmer und eine ghnende Leere im
Sckel des Hofmarschallamts. Schon 1808 schrieb der hollndische
Gesandte an Knig Louis, den Bruder Jerome: "Die finanziellen
Schwierigkeiten Westfalens sind enorm."[20] Aber nicht genug der
vorgefundenen Not, wurden von Napoleon immer neue Opfer verlangt. Auf
der einen Seite machte er dem Knig heftige -- und nicht unberechtigte
-- Vorwrfe ber die hohen Gehlter seiner Minister, auf der anderen
schrieb er ihm bereits einen Monat nach seinem Regierungsantritt: "Ich
brauche notwendig Geld und Truppen. Trotz der Einnahmen aus den
eroberten Lndern verschlingt die Armee mehr als sie; mein Kriegsbudget
allein betrgt 400 Millionen. Statt der 20000 Mann, die Du stellen mut,
stelle 40000 -- Du kannst es."[21] Nach einem Vertrage vom April
desselben Jahres mute sich Jerome verpflichten, die aus den Besitzungen
des frheren Souverns und den skularisierten Besitzungen derjenigen
Personen, die nicht mehr westflische Untertanen waren, stammenden
Einknfte dem Kaiser zu berlassen. Zwar nahm dieser zunchst nur sieben
Millionen davon in Anspruch. Jerome aber sollte den Rest von nicht
weniger als 26 Millionen im Verlauf von achtzehn Monaten aufbringen.[22]
Auerdem hatte Westfalen 12500 Mann franzsischer Truppen stndig zu
besolden und zu ernhren.[23]

Im Juli bereits erging eine neue Mahnung Napoleons an den Bruder: er
msse, da sterreich rste, seine Truppen in Kriegsbereitschaft halten;
im August wurden fr den spanischen Feldzug 500 Pferde und 1000 Mann
verlangt; im September forderte er den gesicherten Unterhalt der
franzsischen Truppentransporte.[24] Als Jerome und Katharina der
Einladung Napoleons im Oktober 1808 zur Kaiserentrevue nach Erfurt
folgten, empfing er sie zwar aufs freundlichste, aber fr die Sorgen des
Knigs um sein Land hatte er kein Ohr. Die Not der Bauern, das
Daniederliegen von Handel und Gewerbe kmmerte ihn wenig; was galt ihm,
der Staaten zerstrte und schuf, Knige absetzte und krnte, das Land
Westfalen? Er, der Riese, sah weit hinweg ber die Niederungen, nur die
Gipfel grend. Wie alle groen Tatmenschen war er, sich selbst
unbewut, zum Zerstren vor allem geschaffen: das Alte zu strzen, dazu
gehrte Titanenkraft; das Neue aufzubauen, ist die Aufgabe fr den
emsigen Flei der Vielen.

Die Lage in Westfalen wurde von Jahr zu Jahr verzweifelter. Dem Aufstand
von Drnberg, eines von Jerome mit Gnadenbeweisen berschtteten
Offiziers seiner Garde, folgten die Kmpfe von Schills Freischaren und
der verwegene Zug des tapferen Herzogs von Braunschweig-ls, der zur
uersten Entrstung Napoleons sich durch Jeromes Truppen
durchzuschlagen und die ihn erwartende englische Flotte zu erreichen
imstande war. Mochte Jerome, der kaum Vierundzwanzigjhrige, von allen
Seiten auf das hrteste bedrngte Knig, sich wirklich taktischer Fehler
schuldig gemacht haben, -- er hatte sich stets als ein Draufgnger,
nicht als berlegener Feldherr bewiesen --, so war die Strafe, die ihn
traf, eine unverhltnismig harte. Napoleon lie ihn seine Oberhoheit
auf das empfindlichste fhlen. Seinen Ministern wurde mitgeteilt, da
sie "sich in erster Linie dem Kaiser gegenber verantwortlich fhlen
mten"; Graf Reinhard, der Vermittler dieser Nebenregierung, wurde
angehalten, "nach Paris zu melden, was in den westflischen Kchen vor
sich geht", obwohl Jerome sich dieses System der Spionage entrstet
verbeten und ihm erklrt hatte: "Alles, was mein Bruder wissen will,
kann er von mir selbst erfahren."[25] Und wie der Kaiser durch brutale
Zurcksetzung des Knigs Stolz verletzte, so verletzten die
franzsischen Truppen die Sicherheit des Knigreichs. "Seit meiner
Thronbesteigung fahren die franzsischen Offiziere, Soldaten, Reisende
und Kuriere fort, sich in meinen Staaten ebenso feindselig gegen die
Bewohner zu benehmen, als zur Zeit des Krieges gegen sie. Sie haben es
in einem Knigreich, das mit Frankreich eng verbunden und ihm vollkommen
ergeben ist, an jeder Rcksicht und an allem schuldigen Respekt fehlen
lassen," schrieb Jerome an den Marschall Berthier.[26] Seine Bitte um
strengere Vorschriften fr das Benehmen der Truppen hatten keinen
Erfolg, sie riefen nur neue, unbegreifliche Rcksichtslosigkeiten
hervor. Ohne irgendwelche offizielle oder inoffizielle Mitteilung, --
Jerome erfuhr gesprchsweise davon --, erschienen auf Napoleons Befehl
zur Festsetzung der einzelnen Stationen der Demarkationslinie gegen die
englische Einfuhr franzsische Zollbeamte in Westfalen und traten wie
die Herren auf.[27] Plnderungen und Diebsthle, die auf ihre Rechnung
geschoben wurden, kamen vor und reizten die Wut des Volkes aufs
uerste. Jerome wollte sich zuerst mit allen Mitteln widersetzen. "Ich
ignoriere," schrieb er nach Paris, "durch welche Befehle fremde
Zollbeamte sich erlauben, sich bei mir festzusetzen. Werden solche
Vorkommnisse geduldet, so gibt es hier weder einen Knig noch ein
Knigreich. Es kann doch unmglich den Intentionen des Kaisers
entsprechen, da ein Souvern in seinem eigenen Lande solchen
bergriffen ausgesetzt ist." Zu Reinhard, dem er von seiner Absicht,
abzudanken, sprach, sagte er: "Ich bin sowieso nicht auf Rosen gebettet,
und ich kann nicht zugeben, da durch solche, das Land ruinierende
Maregeln das Volk mir vollends entfremdet wird."[28]

Seine Energie schien nicht ohne Eindruck zu bleiben. Die Vergrerung
seines Reichs durch Hannover bis zur Kste der Nordsee wurde ihm in
Aussicht gestellt und damit die Beseitigung der finanziellen Nte
gesichert. Im Mrz 1810, als Jerome und Katharina mit groem Gefolge der
Einladung Napoleons zu seiner Hochzeit mit der sterreicherin nach Paris
gefolgt waren, leuchtete ihm wieder die volle Sonne kaiserlicher Huld.
Napoleon, auf der Hhe seines Glcks, wollte nur Glckliche um sich
sehen, und der Zauber von Paris, der Glanz der ppigen Feste lieen
Jerome alles Leid vergessen und seiner Jugend schrankenlos froh werden.
Bilder und Berichte der Zeit schildern ihn, wie er in weiem,
goldgesticktem Sammetkostm, die weien, wallenden, von blitzender
Brillantagraffe gehaltenen Federn auf dem Sammetbarett, das
feingeschnittene dunkle Gesicht mit den groen glnzenden Augen von
strahlendem Frohsinn erhellt, alle Herzen im Sturm zu erobern wute. Er
und Pauline, seine Schwester, das waren im Kreise dieser napoleonischen
Olympier die Gtter der Jugend und Schnheit, und die seligen Zeiten, da
er als Knabe, von allen verwhnt, unter den Zimmern des groen Bruders
wohnte, schienen wiedergekehrt zu sein.

Voll neuer Hoffnungen und frischen Tatendrangs kehrte er nach Kassel
zurck. Der Plan eines Kanals zwischen Elbe und Weser wurde
ausgearbeitet, die Anlage eines Kriegshafens in Kuxhaven begonnen,
wichtige und kostspielige Regulierungen der Elbe- und Wesermndungen in
Angriff genommen. Da traf ihn ein neuer Schlag: Napoleon nahm den
wertvollsten Teil der dem Knigreich Westfalen inzwischen neu
einverleibten hannoverschen Lande wieder in franzsischen Besitz und
hatte auf die Vorhaltungen des nach Paris entsandten Ministers von Blow
nur die eine Antwort: "Ich nehme es, weil ich es brauche." Jerome berief
seine Minister und diktierte eine Note, durch die er in schrfster Form
als Entschdigung fr Hannover Lippe, Anhalt, Waldeck, Schwarzburg und
die schsischen Herzogtmer verlangte. Reinhard gegenber sprach er
wieder von seiner Abdankung, die mehr und mehr ein Gebot der Ehre fr
ihn sei. Der kaiserliche Gesandte berichtete unverzglich ber diese
Unterredung nach Paris und fgte hinzu: "Wenn jemals der Knig mir
Gelegenheit gegeben hat, die Geradheit und Sicherheit seines Geistes zu
bewundern und der Vornehmheit seiner Gesinnung Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen, so war es bei dieser Gelegenheit."[29] "Ich glaube, htte
Jerome eine Armee von 300000 Mann, er wrde mir den Krieg erklren!"
rief Napoleon beim Empfang dieser Nachrichten.[30]

Aber so gro auch Jeromes Entrstung, so tief sein Stolz auch verletzt
war -- eine Empfindung behielt zuletzt bei ihm immer die Oberhand: die
Bewunderung und Ehrfurcht vor der Gre seines Bruders. Mitten im
hrtesten Winter nach der Zurcknahme von Hannover zog er sich, um
seinen Schmerz in der Stille zu berwinden, auf das Land zurck und
schrieb von da aus an den Kaiser: "Entspricht es Ew. Majestt
politischen Absichten, Westfalen mit dem Kaiserreiche zu vereinigen, so
habe ich nur den einen Wunsch, davon sofort in Kenntnis gesetzt zu
werden, um nicht in die Lage zu kommen, deren Manahmen, trotz des besten
Willens, mich ihnen stets anzupassen, fortwhrend zu durchkreuzen ...
Ich bin aller Opfer, aller Beweise meiner Anhnglichkeit fhig, wenn
Ew. Majestt es verlangt. Soll ich aber weiter regieren, so kann es nur
unter Bedingungen sein, die mich nicht entwrdigen."[31] Die Antwort war
-- Mahnungen zur Kriegsbereitschaft, zu neuen Aushebungen, zum Unterhalt
neuer franzsischer Truppendurchzge. Mit einer Rcksichtslosigkeit, die
alles Vorhergegangene bertraf, fhrte der Marschall Davout, Jeromes
alter Feind, seine Armee durch Westfalen; in Kassel einziehend,
ignorierte er den Knig, im ganzen Reiche hausten seine Soldaten wie in
Feindesland. Und Napoleon schien blind und taub zu sein fr das drohende
Schicksal, das sich langsam vorbereitete, fr die zhneknirschende Wut,
die die Faust noch in der Tasche ballte, aber schon heimlich nach
offenen Waffen Umschau hielt. Jerome sah das Unheil wachsen, und als
einziger vielleicht, der es damals wagte, dem Imperator mit einer
selbstndigen Meinung gegenberzutreten, schrieb er ihm am 5. Dezember
1811 folgenden denkwrdigen Brief:[32]

"In einer Lage, die mich zum uersten Vorposten Frankreichs macht,
durch Neigung und Pflicht dazu getrieben, alles zu beobachten, was sich
auf Ew. Majestt Interessen beziehen kann, ist es, denke ich, richtig
und notwendig, Sie mit aller Offenheit ber das zu informieren, was in
meiner Nhe vor sich geht. Ich beurteile die Ereignisse vollkommen
ruhig; ich sehe der Gefahr entgegen, ohne sie zu frchten; aber ich mu
Ew. Majestt die Wahrheit sagen, und ich hoffe, Sie vertrauen mir genug,
um sich auf meine Art, die Dinge zu sehen, verlassen zu knnen.

Ich wei nicht, wie Ihre Generle und Ihre Agenten Ihnen die jetzige
Situation in Deutschland darstellen; wenn sie Ihnen von Unterwerfung,
von Ruhe und Schwche sprechen, so werden Sie von ihnen getuscht und
betrogen. Die Grung ist aufs hchste gestiegen; die verwegensten
Hoffnungen werden unterhalten und mit Begeisterung grogezogen; man hlt
sich an das Beispiel Spaniens, und wenn der Krieg ausbrechen sollte, so
wird das ganze Land vom Rhein bis zur Oder der Herd einer ausgedehnten
und tatkrftigen Emprung sein.

Die Hauptursache dieser gefhrlichen Bewegungen ist nicht allein der Ha
gegen die Franzosen und der Unwille gegen das Joch der Fremdherrschaft,
sie liegt noch weit mehr in den unglcklichen Zeiten, in dem gnzlichen
Ruin aller Klassen, in dem bermigen Druck, den die Abgaben, die
Kriegskontributionen, der Unterhalt der Truppen, die Durchzge der
Soldaten und die unausgesetzt sich wiederholenden Belstigungen aller
Art ausben. Es sind Ausbrche der Verzweiflung von den Vlkern zu
besorgen, die nichts mehr zu verlieren haben, weil man ihnen alles
genommen hat.

Es ist nicht nur in Westfalen und in den Frankreich unterstellten
Lndern, da die Feuersbrunst ausbrechen wird, sondern auch in den
Lndern aller Souverne des Rheinbunds. Sie selbst werden die ersten von
ihren Untertanen Unterworfenen sein, wenn sie nicht mit ihnen gemeinsame
Sache machen ...

Ew. Majestt braucht nicht anzunehmen, da ich bertreibe, indem ich
Ihnen das Unglck des Volkes schildere; ich kann Ihnen sagen, da in
Hannover, in Magdeburg und anderen wichtigen Stdten meines Knigreiches
die Besitzer ihre Huser im Stiche lassen und vergebens versuchen, sie
zu den niedrigsten Preisen loszuwerden. berall droht das Elend den
Familien; der Aristokrat, der Brger und der Bauer, berlastet mit
Schulden, scheinen keine andere Hilfe mehr zu erwarten, als von einem
Befreiungsfeldzug, den sie mit all ihren Wnschen herbeisehnen, auf den
sie alle Gedanken richten.

Dieses Bild entspricht in all seinen Einzelheiten den Tatsachen. Von
den Hunderten von Berichten, die mir tglich zukommen, widerspricht ihm
keiner. Ich wiederhole es Ew. Majestt: ich wnsche nichts so sehr, als
da Sie angesichts dieser Tatsachen die Augen ffnen und mit all der
berlegenheit Ihres Geistes urteilen mgen, um danach die Ihnen richtig
erscheinenden Manahmen zu treffen ..."

Selbst wenn der Inhalt dieses Briefes von Eindruck gewesen ist, -- er
kam zu spt, der unheilvolle Krieg gegen Ruland, wo Feuer und Frost
sich vereinigten, um, weil Menschenkraft der groen Armee nichts
anzuhaben vermochte, zum vernichtenden Feinde zu werden --, war schon
beschlossen, und als einzige Antwort brachte der Kurier des Kaisers die
mit eigener Hand in grter Eile hingeworfene Frage nach dem Stande der
verfgbaren Streitkrfte Westfalens.[33] Wenige Monate spter rckte
Jerome an der Spitze seiner Truppen in Polen ein. Er war bestimmt, den
rechten Flgel der Armee zu kommandieren und sich dem Heere des Prinzen
Bagration gegenberzustellen. Nach mhseligen Mrschen im Regen und im
Sumpf gnnte Jerome in Grodno seinen Truppen drei Ruhetage. Dem Kaiser
wurde davon Meldung gemacht. Er sah eine Eigenmchtigkeit des Bruders
darin, die seine sorgfltig erwogenen Plne durchkreuzte, und befahl dem
Marschall Davout, sobald seine Armee mit der Jeromes zusammenstiee, den
Oberbefehl ber beide zu bernehmen. Davout nahm die Gelegenheit wahr,
in schroffster Form dem Befehl Folge zu leisten. Jerome reichte sein
Entlassungsgesuch ein und verlie Polen noch am gleichen Tage. Nicht das
Verlangen nach den Vergngungen Kassels, -- wenig verlockend mgen sie
in dieser Zeit dumpfer Gewitterschwle gewesen sein! --, trieb ihn zu
diesem raschen Entschlu: sein tief verletzter Stolz allein hie ihn
handeln.[34] Und sein Entschlu war berechtigt; starrkpfig und falsch
wurde seine Handlungsweise erst, als Napoleon ihn zu bleiben bat und er
dennoch den Weg heimwrts fortsetzte. Im August kam er in Kassel an,
zwei Monate spter kehrten die traurigen Reste der westflischen Armee
in die Heimat zurck, durchzogen die jammervollen, von Frost und Hunger,
Krankheit und Verwundungen gezeichneten Gestalten, die letzten Glieder
der groen Armee, plndernd, stehlend und bettelnd das erschpfte Land.
Und schon wurden von Paris neue Forderungen laut: Magdeburg sollte mit
20000 Mann besetzt und auf ein Jahr verproviantiert werden, eine neue
Armee galt es zu schaffen, ohne Aufenthalt Bataillone und Eskadronen
formieren![35] Jerome wute es: das war das Ende, und entrstet wandte
er sich an Reinhard, der ihn zur Eile in der Erfllung der kaiserlichen
Befehle ntigen wollte. "Wenn Westfalen dem Elend erliegen wird," rief
er aus, "und die Einwohner sich lieber eine Kugel vor den Kopf schieen,
als da sie ihr letztes Stck Brot opfern, dann wird man Ihnen
vorwerfen, da Sie die wahre Lage verschwiegen haben. Ihre Pflicht wre
es, die Wahrheit zu sagen, selbst auf die Gefahr hin, in Ungnade zu
fallen. Nach drei Monaten wrde man Ihnen recht geben."[36] Sein Appell
blieb ohne Erfolg. Und nun rstete er sich mit vollem Bewutsein zum
Ende seines Knigsdramas, das viele tricht -- oder verlogen -- genug
waren, fr eine frhliche Operette zu erklren.

Zunchst brachte er die Knigin in Sicherheit: er sandte sie am 10. Mrz
1813 mit einigen Damen ihres Hofes nach Paris, sie rcksichtsvoll in dem
Glauben lassend, da es sich nur um eine kurze Abwesenheit handeln
wrde. Nachdem ihm dann der Kaiser seine dringende Bitte, sich in
Magdeburg, dem wichtigsten und am meisten gefhrdeten Punkt seiner
Monarchie, mit seinen Truppen einschlieen zu drfen, rundweg
abgeschlagen hatte,[37] wandte er all seine Zeit und Kraft auf die
Ausbildung der jungen Rekruten, ohne den Forderungen des Kaisers rasch
genug nachkommen zu knnen. Infanterie, Artillerie, Husaren, Krassiere
-- lauter blutjunge Westfalen, die, wie Jerome einmal in der
Verzweiflung ausrief, sich oft noch vor dem eigenen Gewehr frchteten
und auf dem Pferde nicht festsaen, -- sollten zur Armee des Prinzen
Eugen stoen. Kassels Garnison bestand schlielich nur noch in einem
Regiment unausgebildeter Rekruten. Dabei wurde der Geldmangel immer
empfindlicher, die von Frankreich versprochene finanzielle Untersttzung
fr die Equipierung der neuen Truppen blieb aus, und die
Armeelieferanten wollten nur noch gegen sofortige Bezahlung liefern.
Jerome verkaufte die Staatswagen, den grten Teil seines Marstalls,
Silber und Kleinodien, um sie in Waffen und Uniformen zu wandeln.[38]

Noch einmal bat er den Kaiser bei einer persnlichen Begegnung in
Dresden um einen Posten in dem groen Kampf, der bevorstand. Napoleon
bot ihm, den er selbst zum Knig gemacht hatte, eine untergeordnete
Stellung als Untergebener eines seiner Marschlle an. Jerome, in der
bitteren Erinnerung an die noch nicht vernarbte Wunde, die ihm in Polen
geschlagen worden war, lehnte ab. Aber mochte auch der Kaiser ihn an
seiner verwundbarsten Stelle, seinem Stolze, treffen, seine persnlichen
Dienste geringschtzen, -- der Napoleonischen Sache, die auch die seine
war, blieb sein Denken und Tun geweiht. Mit ruhigem Ernst, fast mit
Heiterkeit, hinter der selbst seine Freunde die berzeugung des Knigs
von der Unabnderlichkeit des kommenden Untergangs nicht zu ahnen
vermochten, widmete er sich weiter der Reorganisation der Truppen und
sandte sie immer wieder zur Armee, sobald ihre Ausbildung es
ermglichte. Nicht er, der wissen mute, da die Entblung der
Hauptstadt von allen Verteidigungsmitteln der Preisgabe seiner Person
gleichkam, sondern Reinhard war es schlielich, der von der kaiserlichen
Armee die Deckung Kassels gegen die Scharen der immer nher anrckenden
Kosaken forderte. Umsonst! Die Angst der Bewohner wuchs zusehends, nur
Jerome blieb ruhig. Im Morgengrauen des 28. September waren die Russen
vor den Toren. Die in der Nacht und am Abend vorher unter des Knigs
Augen aufgefhrten Barrikaden, von den Knigshusaren verteidigt, an
deren Spitze der vierundachtzigjhrige General von Schlieffen focht wie
ein Rekrut, waren von der russischen Artillerie bald berwunden. Der
Ministerrat trat zusammen: er berwand schlielich den Widerstand des
Knigs und vermochte ihn dazu, die Stadt zu verlassen, um sich mit den
bereits angekndigten Hilfstruppen der kaiserlichen Armee zu vereinigen.
Seine erste Empfindung hatte ihm den richtigen Weg gezeigt: die Stadt zu
verteidigen bis zum letzten Blutstropfen, zu fallen eher als
davonzugehen oder sich zu ergeben; da er ihr nicht folgte, -- wer will
ihn darum richten? Die Hoffnung ist eine starke, lebenerhaltende Kraft,
bei einem Mann von 29 Jahren vor allem. Zu bleiben bedeutete fr ihn
gewissen Tod oder Schlimmeres: russische Gefangenschaft. Und Grere als
er haben zur rechten Zeit zu sterben nicht verstanden!

Am Nachmittage desselben Tages kapitulierte Kassel vor Czernischeff.
Fnf Tage spter verlieen die Russen die Stadt. Und nach zwei weiteren
Tagen erschienen zum Erstaunen aller die ersten kniglichen Truppen
wieder. Jerome folgte ihnen von Koblenz aus. Aber in jeder Stunde, die
ihn Kassel nher fhrte, schien sich der Himmel mehr zu verdstern:
Bayern hatte sich vom Kaiser losgesagt, Wrttemberg schlo sich unter
der Fhrung von Jeromes Schwiegervater seinen Feinden an, Bremen hatte
kapituliert, in Scharen desertierten die Soldaten, um sich den Gegnern
anzuschlieen, und vom Kaiser selbst keine Nachricht! Trotz alledem
trieb es Jerome nach Kassel zurck, -- niemand wute, warum. Am Abend
des 16. Oktober traf er ein; zwei Tage darauf folgte dem Kaisertraum der
Bonapartes das furchtbare Erwachen der Leipziger Schlacht. Bis zum Abend
des 24. Oktober drangen nur dunkle Gerchte von dem, was geschehen war,
in die Stadt, bis sich die Masse der Alliierten langsam heranwlzte. Wo
ist der Kaiser? Diese eine Frage peinigte Jerome unausgesetzt. Hilfe dem
Kaiser! Dieser Gedanke beherrschte ihn schlielich allein. Alle, die
die Treue noch hielten, -- es waren angesichts der wachsenden Desertion
wenig genug --, ihm zufhren: dieser Wunsch wurde zum Entschlu. Mit
einer kleinen, von allen Seiten zusammengezogenen Armee von 5000 bis
6000 Mann erreichte er Kln, ein anderer Truppenteil von demselben
Umfang befand sich in Wesel. Nun, da er, ein Knig ohne Land und Krone,
dem besiegten Kaiser gegenberstand, hoffte er endlich als einfacher
franzsischer General seine unter so schweren Opfern geschaffene und
zusammengehaltene Armee in den Entscheidungskampf fhren zu drfen. ber
seinen Kopf hinweg wurde dem Herzog von Tarent der Oberbefehl bergeben.
So war er verurteilt, er, der treueste der Brder, abseits zu stehen,
als die letzten Kmpfe geschlagen wurden.

Napoleons Abdankung und der Einzug der Bourbonen machten auch Jerome zum
Heimatlosen, Landesflchtigen. Nachdem sein Schwiegervater, der Knig
von Napoleons Gnaden, ihn in Wrttemberg, wo Katharina im Hause der
Eltern Zuflucht glaubte finden zu knnen, zum Gefangenen gemacht, ihn
unausgesetzt auf das ehrenrhrigste behandelt hatte und seine tapfere
treue Frau mit allen Mitteln der berredung und der Drohung hatte
bewegen wollen,[39] sich von ihm zu trennen, wurde ihm schlielich mit
Weib und Kind, das ihm Katharina in der Zeit der tiefsten Erniedrigung
geboren hatte, von jenem politischen Rechenknstler Metternich, der in
dem letzten Trauerspiel der Napoleoniden die Stelle des Mephisto spielen
sollte, Triest als Aufenthaltsort angewiesen. Er wurde bewacht wie ein
Gefangener; trotzdem erreichte ihn die Nachricht von Napoleons Flucht
aus Elba, seinem Triumphzug durch Frankreich, und es gelang ihm, aller
Bewachung und aller Gefahr zum Trotz, nach Frankreich zu entkommen, der
erste und der einzige der Brder des Kaisers, der sich zu seiner Fahne
meldete. Mit dem Kommando einer Division belohnte ihn Napoleon, die bei
Belle-Alliance den uersten linken Flgel der Armee bildete, und aus
deren Reihen die ersten Schsse fielen, das Signal zur furchtbaren
Schlacht. Gegen den Wald und das Schlo von Hougoumont strzte Jerome
tollkhn mit den Seinen, und berall, wo das Gewhl am dichtesten war,
wehte sein weier Mantel.[40] Als es zu Ende ging, blieb er in nchster
Nhe Napoleons. "Zu spt, mein Bruder, hab' ich dich erkannt," soll der
Kaiser im Augenblick, da sein Stern auf immer verlschte, zu ihm gesagt
haben.[41] Die Sage meldet, da sie beide der erlsenden Kugel warteten.
Wer aber zu so schwindelnder Hhe stieg, mu bis zum tiefsten Abgrund
niedersteigen: zu Tausenden fielen die alten Krieger um sie her, ihnen
aber war bestimmt, Schlimmeres zu ertragen als den Tod: die
Verlassenheit.

Jeromes Leben war von da an, wie das aller Bonapartes, ein unstetes
Wanderleben, unter stndigen, qulenden Sorgen. Wo er hinkam, war er ein
Gefangener, von den Kreaturen Metternichs bewacht, der ihn in einem
Bericht an die deutschen Souverne fr "einen der gefhrlichsten und
unruhigsten Kpfe der Bonaparteschen Familie" erklrte, und auf dessen
Veranlassung die Mchte den Vertrag von Fontainebleau, durch den die
Bourbonen verpflichtet worden waren, den Mitgliedern der Familie
Bonaparte bestimmte Revenuen zukommen zu lassen, umstieen, weil es zu
gefhrlich sei, "den verwegensten der kaiserlichen Brder, Jerome, mit
Geldmitteln zu versehen."[42] Erst als der einsame gefesselte Adler auf
fernem Felsen die groe Seele ausgehaucht hatte, als sein junger Sohn
der langsamen sterreichischen Seelenvergiftung erlegen war und die
berreste des Welteroberers in der Erde des Landes ruhten, das sein
Geist und sein Schwert zwei Jahrzehnte lang zum ruhmreichsten der Erde
gemacht hatte -- erst dann war es dem alternden Jerome, dem letzten der
groen Napoleoniden, vergnnt, in Frankreich auszuleben. Zum Gouverneur
der Invaliden ernannt, htete er den toten Bruder, wie er dem lebenden
gedient hatte, und starb, ein Greis, im Schatten des Titanen, unter dem
sein Leben verflossen war.

Ist das das Bild des "Knigs Lustik", das uns von allen Moralpredigern
und guten Patrioten von klein auf als abschreckendes Beispiel
verderblicher Sndhaftigkeit vor Augen gefhrt wurde? Haben in diesem
Leben, vor allem in den sechs Jahren des westflischen Knigtums, von
denen ein Jahr immer reicher war an Kmpfen nach innen und auen als das
andere, alle jene schwlen Geschichten Platz, die die lange
Regierungszeit eines Ludwig _XV._ kaum ausfllen knnten? Es scheint,
da der Bruder des Mannes, den der Ruhm zu den Grten der Erde erhob,
ein Opfer der historischen Legende werden mute, weil Ha und Neid nicht
emporreichte bis zu Napoleon selbst; die Ehre, den Namen dieses
Halbgottes zu tragen, mute er mit Verfolgung und Verbannung bezahlen.

Jerome war ein lebensfroher Mensch, mit einem empfnglichen, leicht zu
entflammenden Herzen; der antike Schnheitskultus von Florenz, der Stadt
seiner Ahnen, schien vor allem in ihm wieder lebendig geworden zu sein.
In seiner Freigebigkeit kannte er keine Grenzen, und Freude zu bereiten,
war fr ihn die grte Freude. Seine erste Jugend, seine ganze
Erziehung, in der die Frage nach dem materiellen Wert der Dinge nie eine
Rolle spielte, untersttzten die Entwicklung dieser Seiten seines
Wesens. Er war ein _grandseigneur_, -- es gibt keine deutsche
Bezeichnung dafr. Mit dem Mastab des Kleinbrgers gemessen, war er ein
Verschwender. Da er es in einem anderen Sinne nicht sein konnte, dafr
zeugt die finanzielle Lage seines Knigreichs, der stndige Kampf mit
den durch die Forderungen der Napoleonischen Politik entstehenden groen
pekuniren Schwierigkeiten. Gewi: sein Hof, der eines jungen
strahlenden Frsten, war ein glnzender, die leeren Rume der Schlsser
von Kassel und Napoleonshhe fllten sich bald nach seinem Einzug mit
den schnsten Erzeugnissen der feinen Kunst der Empire; er und die
Knigin --, deren tatschlich vorhandene Neigung zur Verschwendung zwar
von Reinhard wiederholt getadelt und noch im Exil von Jerome selbst im
Zgel gehalten werden mute, aber von den Sittenrichtern Jeromes, die
den Franzosen, den "Erbfeind" treffen wollten und die deutsche
Prinzessin daher schonten, sorgfltig verschwiegen wurde[43] --, hatten
immer eine offene Hand fr ihre Freunde. Gewi: Jerome erwies sich oft
als allzu gutmtig, indem er Unwrdige mit Geschenken berschttete;
noch fr die Kinder seiner Freunde oder seiner im Kriege gefallenen
Offiziere sorgte er in einer Weise, die seine Krfte berstieg, und den
Wnschen derer, die er liebte, konnte er niemals widerstehen. Aber der
finanzielle Ruin Westfalens war zum geringsten Teil seine Schuld: er war
schon vorhanden, als er die Regierung bernahm, und mute durch die
furchtbaren Erfordernisse der Napoleonischen Kriegszge notwendig zum
uersten fhren. Was aber die Berichte ber Jeromes wahnsinnige
Verschwendungen noch sicherer in das Bereich der Mrchen verweist, ist
die Tatsache, da Jerome, der beschuldigt worden ist, ein groes
Vermgen aus Westfalen mitgenommen zu haben, schon auf dem Wege von
Kassel nach Kln gezwungen war, seine letzten Pferde, ein herrliches
Gespann von sechs Schimmeln, fr neunzehnhundert Frank zu verkaufen, und
da er schlielich nur ein bares Vermgen von 80000 Frank besa. Er und
die Knigin waren gentigt, alles, was sie an Wertsachen ihr Eigentum
nannten, -- Brillanten, Perlen, Silber, Kunstgegenstnde --, zu
verkaufen, um berhaupt existieren zu knnen.[44]

Aber wenn er schon kein verbrecherischer Verschwender war, so ist er
doch ein Wstling gewesen, sagen die Tugendhaften, die zwar das
"Austoben" ihrer eigenen Jugend fr selbstverstndlich halten, aber an
den korsischen Knig von 23 Jahren den strengsten Mastab der Moral
anlegen zu mssen glauben.

Seine Zeitgenossen erzhlen von ihm, wie schn und verwegen, von welch
bestrickender Liebenswrdigkeit er gewesen ist. Noch als Greis wute er
die Menschen zu faszinieren. Kster rhmte von Kassel aus seine groe
Gte fr hoch und niedrig, und sein strahlendes, alle mit sich
fortreiendes Temperament;[45] Reinhard, der ihm kritisch genug
gegenberstand, schrieb: "Nichts ist der Leichtigkeit und Wrde zu
vergleichen, mit der der Knig reprsentiert; nichts erscheint
angelernt, nichts studiert. Man sieht, da ihn die Krone nicht drckt,
die er trgt, weil er sich wrdig fhlt, sie zu tragen."[46] Und diese
Krone fiel ihm in den Scho, da er kaum 23 Jahre alt war! Zu gleicher
Zeit aber fesselten ihn politische Rcksichten an ein Weib, das sein
Herz nicht begehrt hatte, das er erst nach und nach zu lieben lernte.

In Kassel strmte ein buntes Gemisch von Abenteurern und alten
Aristokraten seinem Hofe zu. Viele, die sich spter als Freiheitskmpfer
ihrer Vaterlandsliebe nicht laut genug rhmen konnten, umschmeichelten
ihn und empfingen dankbar Geld und Orden und Wrden aus seinen Hnden.
Die Frauen vor allem, ehrgeizige und leichtsinnige, solche, die den
Knig beherrschen, und solche, die von dem schnen Manne geliebt sein
wollten, drngten sich in seine Nhe. Und er war kein prinzipienfester
Tugendbold, -- korsisches Blut ist wild und hei --, er liebte die
schnen Frauen. Es bedurfte keiner Verfhrungsknste, um sie zu
besitzen; wie der Prinz im Mrchen vom Rosengarten war er: die Rosen
schmiegten sich ihm von selbst zu Fen, er brauchte sie nicht zu
brechen. Die Grfin Truchse-Waldburg, geborene Prinzessin von
Hohenzollern, kam mit der Absicht, ihn zu gewinnen, an den Hof, die
Grfin Bocholtz war ihre Rivalin in diesem Kampf.[47] Reinhard, der in
seinen Berichten nach Paris jedes Detail eines Maskenballes sorgfltig
registrierte, allen Hofklatsch der Schilderung fr wert befand, wei
wohl von denen zu erzhlen, die das Herz des Knigs entflammten, aber
von den wsten Orgien, die jene bel duftende, gleich nach dem Sturz des
Knigs anonym erschienene "Geheime Geschichte des ehemaligen
westflischen Hofes zu Kassel"[48] behaglich und weitschweifig
darstellt, wei er nichts. Auch der kleine Page von Lehsten, dessen
Erinnerungen Otto von Boltenstern krzlich verffentlichte, wei nichts
davon. Von schnen Frauen und frohen Festen erzhlt er, auch davon, da
der Knig die Liebe geno, aber zu gleicher Zeit erklrt er, da die
geringste Verletzung des Anstands, da zweideutige uerungen und
ffentliche Galanterien am Hofe vom Knig selbst auf das strengste
bestraft wurden und "kein Beispiel bekannt war, wonach die Unschuld
eines jungen Mdchens von gutem Ruf durch Verfhrungsknste untergraben
worden wre".[49] Neuerdings schien dagegen ein Buch Moritz von
Kaisenbergs ber Jerome dem alten Klatsch neue Nahrung zu geben. Bei
nherer Prfung aber zeigt es sich, da ein groer Teil der
verffentlichten Briefe fingiert ist und dem romanhaften Charakter des
Ganzen entspricht. Die darin erzhlten Schauergeschichten sind vielfach
wrtlich jener ominsen "Geheimen Geschichte" entnommen, die auch vielen
ebenso wertlosen wie tendenzisen Romanen das Material geliefert
hat.[50] Kein Patriotismus ist ja auch wohlfeiler wie der der
Beschimpfung des Feindes, und durch nichts fhlt die eigene gemeine
kleine Seele sich wohltuender erhoben, als wenn sie Hochgestellte im
Schmutze findet. Ohne diese fatale menschliche Eigenschaft wrden
Klatsch und Verleumdung es nicht so leicht haben, an Stelle der Wahrheit
zu treten. Auch nicht angesichts der Person des Westfalenknigs, dessen
Charakter eine unumstliche Rechtfertigung gefunden hat. Fr ihn gilt,
wie fr Faust: das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.

Katharina von Wrttemberg war ihm ohne Liebe vermhlt worden. Bald nach
der Hochzeit schon schrieb sie an ihren Vater: "Ich bin die glcklichste
der Frauen und kann der Vorsehung nicht genug danken, da sie mein
Schicksal mit dem der besten der Mnner vereint hat."[51] Reinhard
berichtete von Kassel aus an den Kaiser: "Das Leben der Knigin ist nur
von der der Anbetung gleichkommenden Liebe zum Knig beherrscht."[52]

Das Tagebuch der Knigin bringt auf jeder Seite die rhrendsten Beweise
ihrer Liebe und ihres Vertrauens.[53] Whrend der hufigen Trennungen
korrespondierten die Gatten tglich miteinander, und ber einen langen
Zeitraum verstreut finden sich in den Briefen der Knigin folgende
Stellen: "Ich habe nur Dich in der Welt" -- "Lieber nehme ich alle
Unannehmlichkeiten auf mich, als das Unglck, Dir zu mifallen" -- "Du
weit, da nichts mich so zur Verzweiflung bringt und mich so
unglcklich macht, als von Dir getrennt zu sein."[54]

Nach dem Sturze des Kaiserreichs, als Katharina fr sich und ihr Kind
einer vollkommen unsicheren Zukunft entgegensah, bot ihr ihr Vater ein
Schlo in Wrttemberg und eine gesicherte, ihrem Rang entsprechende
Existenz an fr den Preis ihrer Trennung von Jerome. Aber whrend
Napoleons Gattin den vom Glck Verlassenen ruhig verriet und seinen und
ihren Sohn um ihres Wohllebens willen an sterreich auslieferte, schrieb
Katharina ihrem Vater: "Durch die Politik gezwungen, den Knig zu
heiraten, hat das Schicksal es doch gefgt, da ich die glcklichste
Frau wurde, die es geben kann. Alle meine Gefhle gehren ihm: Liebe,
Zrtlichkeit, Bewunderung," und sie erklrte zum Schlu: "Der Tod oder
mein Gatte, das ist die Devise meines Lebens!"[55]

Einem Mann, der ein Wstling ist, kann eine Frau sich vielleicht aus
falschem Pflichtgefhl opfern, nie aber wird sie ihm die heie Liebe
eines Lebens weihen, -- jene Liebe, die selbst die schwerste Probe
besteht: da das Herz des anderen nicht stets in gleicher Liebe fr sie
entbrannte.

Allen Schmutz, den Neid und Ha und bswillige Verleumdung auf Jeromes
Grab gehuft haben, splt der Strom der Liebe Katharinas fort, und
gelingt es ihm nicht ganz, bleibt noch etwas von ihm an den bunten
Blumen der Erinnerung haften, die darauf wachsen wollen, so wei ich von
einer anderen Liebe, einer heimlichen, stillen, die auch die letzten
Blttchen reinwscht. Von ihr will ich erzhlen.




Diana von Pappenheim


Ein alter Brief liegt vor mir, rauh das Papier, die Schrift verblat,
auf dem gelben, mit Stockflecken besten Umschlag ein zerdrcktes
Siegel, das mit zierlichen Blumenkrnzen umwundene Wappen der Freiherren
von Pappenheim: ein schwarzer Rabe im Schild und auf dem Helm -- ein
schwarzer Unglcksrabe. Die Adresse lautet: _A Mademoiselle Diane,
Comtesse de Waldner, Dame d'honneur de S. A. I. Madame la grande
Duchesse et Princesse hrditaire de Saxe-Weimar  Pyrmont._ Datiert ist
der Brief vom 15. Juli 1806 aus Stammen, dem Familiengut der
Pappenheims; der ihn schrieb, war der Kammerherr des Herzogs Karl August
von Weimar, Wilhelm Maximilian von Pappenheim. Der Werther-Geist der
Zeit atmet in seinem eleganten Hoffranzsisch, und seltsam warnend tnt
fr den, der rckwrts schaut, die Stimme des Schicksals zwischen den
Zeilen. Also lautet er:

"Meine geliebte Freundin! Der Brief, den ich gestern das Vergngen
hatte, Ihnen zu schreiben, wird schon in Ihren Hnden sein. Ich reise
morgen frh nach Kassel und Fulda. In sechs Tagen hoffe ich wieder hier
zu sein und eine Menge Briefe von Ihnen vorzufinden .... Ich habe viele
gute Bcher eingepackt, die ich nach Weimar schicke, damit sie uns
nchsten Winter recht unterhalten mgen. Ich fhle mehr denn je, da der
Geist immer beschftigt werden mu, wenn wir nicht in Gefahr geraten
sollen, in unserer Entwickelung zurckzugehen, wovor uns Gott behten
mge. Ich treffe hier alle Vorbereitungen, da, wenn ich im Oktober oder
November auf acht Tage zurckkehren mu, Sie mich begleiten knnen und
gut untergebracht sind ...

Schreiben Sie mir bitte recht genau, wie Ihr Befinden ist! Sehen Sie
zuweilen meinen Freund Laffert? Rt er Ihnen nicht, das Tanzen, als ein
frivoles, fr ein junges Mdchen gefhrliches Vergngen, aufzugeben?
Welche Vergngungen haben Sie nicht, whrend ich es bitter empfinde,
von Ihnen getrennt zu sein ...

Ein kleiner Spaziergang in den Feldern hat mich eben zu einem Platze
gefhrt, wo ich vor vier Jahren begonnen hatte, einen Garten, eine
Einsiedelei, kurz einen Raum zu verwirklichen, so wie er Ihnen gefallen
wrde. Das Herz klopfte mir: als ich Stammen verlie, um in Weimar
Dienst zu tun, mute ich eine Unternehmung vernachlssigen, die mir so
viel Freude gemacht und von der ich mir so se Freuden versprochen
hatte; die Mauer war schon zur Hlfte aufgefhrt, da befahl ich, die
Arbeit zu unterbrechen, weil ich nicht mehr zurckzukehren glaubte;
jetzt, da ich mich mit einer so liebenswrdigen Frau verbinden will,
schlich sich der Wunsch, sie wieder aufzunehmen, leise in mein Herz. Wie
glcklich wre ich, Sie mir zur Seite zu sehen in dem Lande, wo ich
geboren bin! Der Gedanke, da Sie zu jung sind, um den Zerstreuungen der
Welt zu entsagen und auf dem Lande zu leben, stimmte mich traurig, und
ich sah, da man nicht alles zusammen wnschen und haben kann. Wenn Sie
zum mindesten diesem Lande so viel Geschmack abgewinnen knnten, um den
Sommer hier zuzubringen! Dann htte Weimar im Winter stets neuen Reiz
fr uns beide. Das Land ist schn, man wrde mit braven Menschen leben,
man gensse all das, was ich besitze, ohne jetzt irgend etwas davon zu
haben: die Jagd, die Fischerei, die Grten, die Frchte bis hinab zu den
kleinsten Bedrfnissen des Lebens. O la uns leben und lieben, wie
unsere guten Vorfahren hier lebten und liebten! Entschlieen wir uns
dazu, uns in ein paar Jahren hier zurckzuziehen! Wollen Sie? Geben Sie
mir diese Hoffnung und glauben Sie denen nicht, die Ihnen sagen werden,
da Sie fr das Landleben nicht geschaffen sind. Sie haben Geist genug,
um mit einem Gatten, der Sie zrtlich liebt, berall leben zu knnen.
Whrend meines Lebens habe ich mich immer in den sen Illusionen einer
vagen Hoffnung gewiegt; seitdem ich Ihnen verlobt bin, beginne ich an
ihre Wirklichkeit zu glauben. Mein Schicksal ist entschieden; ich bin
glcklich; wer aber wollte dann nicht dort leben, wo er die meisten
Freunde hat, wo er geboren ist -- in der Heimat! Wir knnen leicht auf
alle Karriere verzichten, wenn der Ehrgeiz und die Freuden der groen
Welt uns nicht verfhren, die oft nichts als Reue hinterlassen oder nur
vorbergehende Vergngungen bringen, bei denen Geist und Herz leer
bleiben ..."

Aus einem Bilde der Zeit, zu dem meine Augen hinberschauen, lchelt der
ppige kleine Mund der Braut, eines entzckenden, kaum achtzehnjhrigen
Mdchens mit tief in die Stirn fallendem blondem Kraushaar mir entgegen.
Diesen Brief, diesen einzigen Brief bewahrte sie von dem, der ihr Gatte
wurde, ihr Leben lang.

Im Schlosse der Eltern in Ollwiller im Elsa, zu Fen der alten Ruine
Freundstein, der ihr Geschlecht seinen Namen verdankte, war sie im Jahre
1788 geboren worden. Wieso sie nach Weimar kam und Maria Paulownas, der
jungen Erbgroherzogin Hofdame wurde, wei ich nicht. Kaum zwei Jahre
scheint sie dort gewesen zu sein. Im Herbste 1806 heiratete sie den mehr
als 20 Jahre lteren Pappenheim, ein Jahr darauf, als ihr erster Sohn
geboren worden war, erreichte ihren Gatten das Dekret des Knigs von
Westfalen, das an alle im Auslande lebenden Kurhessen erging, bei
Androhung der Einziehung seiner Gter nach Westfalen zurckzukehren. Was
Pappenheim von seiner Braut vergebens erfleht, von seiner Frau vergebens
verlangt hatte, Jeromes Befehl sollte es erzwingen: das Leben in der
Heimat.

Anders freilich, als er es sich getrumt hatte: statt in den stillen
Frieden des lndlichen Besitzes fhrte der Weg in die rauschenden Feste
des Kasseler Hoflebens. War es sein Ehrgeiz, war es ihre Lebenslust, die
solche Entscheidung traf, -- wer wei es? Im Sommer 1808 kam er mit
seinem kleinen Sohn und seiner hochschwangeren Frau, die im September
ihrem zweiten Sohn das Leben gab, nach Kassel.[56] Bereits im Winter
danach mu das Pappenheimsche Paar am Hof erschienen sein, und die junge
Frau mit der herrlichen Gestalt, der schneeweien Haut, den lachenden
blauen Augen und jenem unbeschreiblichen Liebreiz, der weniger in der
Regelmigkeit der Zge als in der Anmut des ganzen Wesens bestand, mu
schon bei ihrem ersten Auftreten die Aufmerksamkeit aller auf sich
gezogen haben. Ihre Jugend allein, die der knstlichen Mittel nicht
bedurfte, um zu bezaubern, stellte die lteren Damen des Hofes in den
Schatten und reizte ihren Neid. Bei Gelegenheit eines Maskenballes, am
5. Februar 1809, erlaubte sich eine von ihnen unter dem Schutze der
Maskenfreiheit, Herrn von Pappenheim mit seiner so viel jngeren Frau zu
necken; Grfin Truchse, so berichtete der Allerweltsgeschichtentrger
Reinhard nach Paris, machte aus dem Spa eine groe Klatschgeschichte,
die dem Knig zu Ohren kam und wohl bsartiger Natur gewesen ist, denn
bereits am 16. Februar erhielt die ebenso ehrgeizige wie eitle Frau den
Befehl, den Hof auf immer zu verlassen,[57] Pappenheim aber wurde zum
Grafen und zum ersten Hofmarschall ernannt, whrend Diana als Palastdame
in den Hofstaat der Knigin eintrat.[58]

Ein Nervenleiden, das Pappenheim bereits 1795 gezwungen hatte, den
Soldatendienst als Major der kurhessischen Leibgarde aufzugeben und sich
einige Jahre in der Stille von Stammen zu erholen, machte sich
inzwischen wieder geltend; und neben ihm, dem alternden kranken Mann,
sah Diana in der Blte ihrer Schnheit und Jugend den jungen strahlenden
Knig. War es ein Wunder, da ihr Herz sich ihm hingab, vielleicht
lange, bevor sie es sich selbst gestand? Da sie sich wehrte gegen die
erwachende Leidenschaft, da sie dem heimlichen Werben des Knigs aus
dem Wege ging, dafr zeugt ein Bericht Reinhards aus dem Jahre 1809.
Nach der Rckkehr des Knigs aus Sachsen, so erzhlten die bsen Zungen
in Kassel, sollte es zu einer Einigung zwischen beiden gekommen sein.
"Die Abreise der Grfin nach Weimar," so fgt Reinhard hinzu, "straft
das Gercht Lgen." Sie kehrte erst zurck, nachdem die Knigin wieder
in Kassel eingetroffen und Pappenheim aus Aix-la-Chapelle, wo er
Genesung gesucht hatte, heimgekehrt war. "Noch kann man also," schlo
der alte Zyniker seinen Bericht, "an die Tugend der Grfin glauben."[59]

Im Mrz 1810 begleitete sie die Knigin nach Paris. Ihr Mann jedoch wird
im Gefolge des Knigs nicht genannt. Der Glanz des Pariser Lebens, wo
ein Zauberfest das andere jagte, die lachenden Frhlingstage, die bis in
den Juni hinein eine Schar frhlicher, junger Menschen auf Frankreichs
glcklicher Erde festhielt, enthielten jene se berauschende Luft, in
der die Blume der Leidenschaft rasch emporblht und sich wundervoll
entfaltet. Niemand freilich wute davon, die Lsterzungen schwiegen,
auch als es wieder heimwrts ging nach Kassel, erwhnte Reinhard in
seinen Berichten den Namen der Grfin Pappenheim nicht, nur von der
zunehmenden Krankheit ihres Mannes war hier und da die Rede.[60] Da kam
der trbe Winter 1810/11 nach der Zurcknahme Hannovers durch den
Kaiser. Vor allen Festen fliehend, zog sich das Knigspaar mit wenigen
Getreuen, unter ihnen Diana von Pappenheim, nach Napoleonshhe zurck.
Hier, wo sie des Knigs zerrissene Seele sah, wo zu der groen Liebe
jene Empfindung hinzutrat, die dem Weibe die letzten Waffen nimmt, --
das Mitleid --, ffnete sich ihm ihr Herz. In dem kleinen Landhaus
Schnfeld, zwischen Kassel und Napoleonshhe, trafen sich die Liebenden
und vergaen im Feuer ihrer Leidenschaft den harten Winter, der drauen
mit starren Fingern an die Fenster klopfte, und das eisige Schicksal,
das alle Blumen der Hoffnung zu knicken drohte.

Am 7. September 1811 brachte Diana das Kind ihrer Liebe zur Welt: Jenny,
die Jerome ber die Taufe hielt und die, da der Gatte Dianens noch nicht
von ihr getrennt lebte, als seine eheliche Tochter anerkannt wurde. Bis
dahin hatten selbst die bswilligsten Lsterer das Geheimnis von
Jeromes und Dianens Liebesbund nicht zu entdecken vermocht, das Kind mit
den leuchtenden, dunkeln Augen, der gelblichen Haut, dem fein
geschwungenen Nschen war seine Offenbarung. War es wohl auch sein
Hndchen, das den unglcklichen Pappenheim, dessen Geist sich mehr und
mehr umnachtet hatte, in das Dunkel stie, aus dem es ein Entweichen
nicht mehr gab? Diana geleitete den Schwerkranken nach Paris und blieb
bei ihm, bis die rzte ihr keine Hoffnung mehr gaben. Welche Qualen
mgen sie gefoltert haben in dieser Zeit, wie zerrissen mag ihr Herz
gewesen sein von der Not des Gewissens, von der unbesiegbaren Glut
sehnschtiger Liebe!

1812 schrieb Reinhard nach Paris: "Die Grfin Pappenheim ist
zurckgekehrt und wohnt gegenber dem Schlo in der Wohnung, die der
Oberhofmarschall zuletzt innegehabt hat. Ihr Mann ist noch immer in
Paris in der Behandlung des _Dr._ Pinel."[61] Kurze Zeit spter zog ein
stiller Gast in Stammen ein, und zwei Jahre noch blickten die armen,
blden Augen ber die Fluren seiner Vter hinaus, die er so sehr
geliebt hatte. Diana besuchte ihn zuweilen, er kannte sie nicht mehr.

Die drohenden Gewitterwolken, die sich um das Schicksal ihres Geliebten
zusammenzogen, vor denen so manche, die ihn in Tagen des Glcks
umschmeichelt hatten, feige entflohen, fesselten sie nur noch mehr an
seine Seite, gaben ihrer Liebe die Weihe gemeinsam getragenen Leids. Und
ein Kind von ihm trug sie wieder unter dem Herzen, ein Kind, das vor der
Welt keinen Vater haben wrde. Sie prunkte nicht mit ihrer Liebe, denn
nicht Glanz und Einflu verlangte sie von ihm, und der Knig war weit
davon entfernt, sich wie ein prahlerischer Rou vor der Welt mit der
schnen Geliebten zeigen zu wollen. Darum legte sich schtzend der
Schleier des Geheimnisses um sie, darum enthalten selbst die spteren
Skandalgeschichten kein Wort von Diana von Pappenheim.

Ihre Entbindung stand nahe bevor, als die Russen in Kassel einzogen. Die
Angst um sie, die den Knig folterte, trieb ihn noch einmal nach Kassel
zurck zu jenem kurzen Aufenthalt, den niemand begriff und den seine
Feinde dahin deuteten, da er im Schlo verwahrte Reichtmer noch
heimlich habe entfernen wollen. Er hatte noch gerade Zeit, die Geliebte
in Schnfeld in Sicherheit zu bringen, dann war mit dem Knigstraum der
Liebestraum vorbei, und niemals sahen sie sich wieder!

In der Zelle des stillen Pariser Klosters _Notre-Dame des Oiseaux_ sa
ein Vierteljahrhundert spter eine junge Nonne am Schreibtisch und
schrieb einer fernen, unbekannten deutschen Schwester diese Zeilen:

"... Und nun, meine liebe Jenny, will ich die Zweifel zerstreuen, die
Deine Gedanken zuweilen bewegen, denn mehr als einmal habe ich, meine
geliebte Schwester, mit Madame Duperr von Deiner und meiner Geburt
gesprochen. Sie war, wie Du ganz richtig sagst, die intimste Vertraute
unseres Engels von Mutter, ihr bergab mich Mama im Augenblick meiner
Geburt. Damals, 1813, brachte der Knig, -- gentigt, sein Reich zu
verlassen --, noch die geliebte hochschwangere Frau nach dem Schlosse
Schnfeld, wo ich geboren wurde und dessen Namen ich trug. Da Mama
gentigt war, in Deutschland zu bleiben, und mich nicht mit sich nehmen
konnte, denn Herr von Pappenheim war schon seit langem wahnsinnig und
von ihr getrennt, vertraute sie mich ihrer besten Freundin an, nachdem
sie ihren Schmuck und alle ihre Wertsachen verkauft hatte, um meine
Existenz sicherzustellen. In der Verzweiflung dieser Stunden, wo sie
glaubte, als Bue fr ihre Snden alle Bande zwischen sich und dem Knig
zerreien zu mssen, folgte sie dem Rate der Freundin und teilte ihm
mit, ich sei gestorben. Madame Duperr sagte mir, da sie in ihrem
ganzen Leben nichts so bitter bereut habe, wie diesen Rat, den sie
erteilte, denn des Knigs damals tiefverwundetes Herz litt nicht nur
sehr unter der Nachricht, es wre fr ihn eine Freude gewesen, fr mich
sorgen zu knnen. Bei Dir lagen die Verhltnisse anders. Du wurdest
geboren, als unser Vater noch regierte und Mama und Herr von Pappenheim
formell zusammenlebten. Das ermglichte Deine scheinbare Legitimitt;
der ganze Hof jedoch wute, da Du des Knigs Tochter seiest, und die
Natur selbst schien es beweisen zu wollen, indem sie Dich schon als
kleines Kind zu Deines Vaters genauem Ebenbild formte. Aber auch Mama
hat es wiederholt Madame Duperr versichert, und als ich mit unserem
Vater, der sich inzwischen berzeugen konnte, da ich nicht gestorben
und nicht mit Dir identisch bin, das erstemal zusammenkam, sprach er mir
sofort von Dir und erzhlte mir alles genau so, wie Madame Duperr es
mir schon tausendmal wiederholt hatte. Wir beide sind die einzigen
Kinder aus dem Liebesbund zwischen unserer Mutter und dem Knig.
Gottfried und Alfred sind nicht unsere rechten Brder, denn der eine war
schon geboren, als die Pappenheims an den Hof kamen, und den anderen
trug sie gerade unter dem Herzen. Ich verstehe vollkommen, meine
geliebte Schwester, da die Rcksicht auf das Andenken Deiner Mutter und
die Wohlfahrt Deiner Kinder Dich dazu bestimmen, Deine Beziehungen zu
Papa vor ihnen zu verschleiern. Mein und sein Wunsch beschrnken sich
darauf, da Du Deinem Herzen freien Lauf lst, Deinem Vater all die
Liebe entgegenbringst, die er verdient und die unsere verklrte Mutter
fr ihn von uns fordert.

Immer wieder hat sie in ihrem Briefwechsel mit mir von unserer Herkunft
erzhlt und mir das Versprechen abgenommen, Dir nichts davon zu sagen.
'Im Augenblick aber,' so schrieb sie mir, 'wo die Verhltnisse Dir eine
Begegnung mit Deinem Vater gestatten werden, was so lange unmglich ist,
als er im Exil lebt, und wo er Dir von Deiner Schwester spricht, soll es
Deine erste Aufgabe sein, Jenny aufzuklren und sie in meinem Namen zu
bitten, all die Liebe und Zrtlichkeit, die ein Kind seinem Vater
schuldig ist, ihm entgegenzubringen und ihn nicht des Glckes zu
berauben, der Zuneigung seiner Tochter sicher sein zu drfen.' Dieser
Brief, liebste Schwester, aus dem ich Dir diese Zeilen abschreibe, ist
der einzige, den ich noch von unserer Mutter besitze, -- auf ihren
Wunsch mute ich ihre Briefe vernichten --, aber dieser eine gengt
auch, um alle Deine Zweifel zu beseitigen. Nachdem er seine Aufgabe
erfllt hat, will ich auch ihn verbrennen. In diesen strmischen Zeiten
wissen wir niemals, was geschehen kann. Gerade uns Klosterschwestern
kann die Revolution gefhrlich werden, und ich will nicht, da irgend
etwas von unserem Engel von Mutter in Hnde fallen soll, die es
entweihen. Schweren Herzens trenne ich mich von dieser letzten Reliquie,
aber dem Andenken und der Liebe zu unserer Mutter mu ich dies Opfer
bringen ...

Papa verlt mich soeben, er trgt mir alles Zrtliche an Dich auf. Wie
sehnt er sich danach, Dich zu umarmen, aber da es in diesen Zeiten nicht
mglich ist, mut Du ihn und mich dadurch entschdigen und unsere
Trennung ertrglich machen, da Du recht oft schreibst. Je nher ich
unseren Vater kenne, desto mehr liebe und verehre ich ihn. Ich
versichere Dich, meine liebe Jenny, man hat viel Bses von ihm erzhlt,
dessen er nie fhig gewesen ist. Viel ist in seinem Namen geschehen,
wovon sein gtiges Herz nichts wute, und Neid und Ha, die dem Glck
wie der Gre auf den Spuren folgen, haben sein Bild beschmutzt und
verzerrt. Wir haben die Aufgabe, ihn durch unsere Liebe viel
unverdientes Leid vergessen zu machen ...

Deine Schwester Pauline."


Das Leben hatte das Haar des Vaters bleichen, der Tod die schnen Augen
der Mutter schlieen mssen, ehe Jenny erfuhr, von wessen Blut sie war,
und da hinter Pariser Klostermauern ihr noch eine Schwester lebte.

In der Familie wute jeder, da diese Frau mit den napoleonischen Zgen
eine fremde Blume war, nicht dem friedlichen Hausgrtchen deutscher
Familiensippe entsprossen. Ihr selbst war es ein nur dunkel geahntes
Geheimnis geblieben. Auf welche Weise sie es erfuhr, wei ich nicht,
denn die ersten Briefe der Nonne, ihrer Schwester, an sie, befanden sich
nicht in dem mir bergebenen Paket. Es enthielt nur die folgende kleine
Auswahl aus der whrend vieler Jahre bis zu Jeromes Tode im Jahre 1861
und bis zu dem der Nonne in den achtziger Jahren lebhaft gefhrten
Korrespondenz, die blo durch wiederholten Aufenthalt meiner Gromutter
in Paris unterbrochen wurde. Die Briefe bedrfen keines Kommentars. Nur
tote Bltter sind es, und die sie schrieben, schlafen schon lange den
ewigen Schlaf, aber die Liebe, die in ihnen atmet, fllt sie mit warmem
Blut und lebendigem Leben.

Von Diana blieb nicht viel erhalten. Ein paar Bilder, von denen jedes
ein anderes Antlitz zeigt: das se, lachende Mdchen zuerst, eine
schne, khle Frau zuletzt. Und ein Brief an Jenny, ihre Tochter. Wie
der des liebenden, hoffnungsvollen Brutigams der einzige ist, der von
des unglcklichen Pappenheim Hand, trotz des Jahrhunderts, das ber ihn
hinwegging, erhalten blieb, so ist der Brief der sterbenden Diana der
einzige, der von ihr zeugt. In jenem lag, dunkler Ahnungen voll, die
Zukunft verborgen, in diesem weint und schluchzt der Schmerz der
Vergangenheit. Hier ist er:


Weimar, 20. Oktober 1844.

Meine liebe Jenny!

Ich frage nicht mehr, ob ich schreiben darf -- ich schreibe! Denn ich
kann Dich versichern, da es mir schlechter geht als im Augenblick der
Abreise. Eine tiefe Melancholie erfllt meine Seele, eine schreckliche
Mutlosigkeit beherrscht mich. Wer nur trsten will, glaubt mir
versichern zu mssen, da gar keine Gefahr vorhanden ist, und ich kann
nicht einmal daran zweifeln! Schon ein Monat schrecklichster Qualen, und
noch kein Schritt nher der Ewigkeit. Und all diese Leiden sollen sich
noch oft wiederholen, ehe das Ziel erreicht ist. -- O mein Gott, welchen
Prfungen willst Du mich noch unterwerfen!

Ich mchte mich einsperren knnen und mich vor keines Menschen Augen
zeigen; meine Nchte sind immer schlecht, am Morgen habe ich die
Empfindung, als htte ich eine Schlacht gewonnen. Man umgibt mit Sorge
und Liebe dieses nutzlose Leben, das zwischen Bett und Lehnstuhl hin und
her vegetiert. Wenn diese Zeilen Dir Trnen erpressen, -- ich kann's
nicht ndern, ich kann nicht anders schreiben, und Du weit ja, da ich
nicht sterben werde! Du darfst auch nicht daran denken, herzukommen. Du
kennst meinen Grundsatz meinen Tchtern gegenber: da ihre erste und
heiligste Pflicht sie neben ihre Gatten und ihre Kinder stellt. In
meinem Zustand wirken auch Schmerz und Freude gleichmig stark auf
mich; erlaubt man jemand bei mir einzutreten, den ich lange nicht
gesehen, so ergiet sich ein Strom von Trnen aus meinen Augen, und dann
kommt das Fieber. Vielleicht werden Monate, Jahre ber meine
tiefeingewurzelte Krankheit vergehen -- wie knntest Du darber auch nur
eine Deiner nchsten Pflichten vernachlssigen, whrend ich nichts
brauche als Ruhe, Stille und Einsamkeit .... Ach, knnte ich von dort
oben zu Dir hinuntersehen, dann httest Du den schnsten Trost: meine
Mutter hat die dunkle Schranke berschritten, sie ist dort, wo mein
Wunsch und mein Gebet sie hingeleitete.

Ich schliee, meine Jenny, meine geliebte Tochter, denn kein Wort knnte
ich uern, das nicht das Echo eines kranken Krpers und einer
tieftraurigen Seele wre. Bete fr mich, mein Kind, aber bete nicht, da
der Gott der Gte mir dies Leben erhalten mchte, das auf mir lastet und
immer auf mir lasten wird ...




Briefe der Nonne _mre_ Marie de la Croix (Grfin Pauline Schnfeld) und
des Knigs Jerome Napoleon


Paris, den 5. Februar 1848.

Im Augenblick verlasse ich meinen teuren Vater, meine liebste Schwester,
und ich beeile mich, mit Dir zu reden; da dieser beste Vater mir sehr
ans Herz gelegt hat, Dich nicht lange ohne Antwort zu lassen -- ein
berflssiger Rat, denn meine Liebe zu Dir wrde mir nicht gestatten,
Dir nicht so rasch als mglich von demjenigen zu sprechen, der uns so
sehr liebt, und dem ich so viel an Liebe weihe, als mein Herz zu geben
imstande ist. Deinen Brief, meine Jenny, erwartete ich mit grter
Ungeduld, denn jedesmal, wenn ich unseren geliebten Vater sah, frug er
danach; er schien zu ahnen, da dieser Brief seinem Herzen wohl tun
wrde. Und das geschah, meine geliebte Schwester: ich wollte, Du httest
seine tiefe Bewegung sehen knnen, als er von den warmen Gefhlen
erfuhr, die fr ihn in Deinem Herzen Eingang zu finden scheinen; groe
Thrnen fllten seine Augen, und von Zeit zu Zeit wiederholte er: "So
werde ich denn auch die Liebe meiner Jenny besitzen! Und Dir, meine
Pauline, verdanke ich dieses Glck! O sage es Deiner Schwester, da sie
einen Vater hat, der sie zrtlich liebt und der sehr darunter gelitten
hat, sich ihrer Nhe und ihrer Zrtlichkeit nicht erfreuen zu drfen!"
Du wirst gut tun, meine Jenny, ihm selbst zu schreiben, sein Vaterherz
wrde dafr sehr empfnglich sein. Ja, meine Jenny, wir mssen uns
bemhen, ihn mit allem erdenklichen Glck zu umgeben; das ist eine
Pflicht, deren Erfllung unser Engel von Mutter vom Himmel herab von uns
verlangt. Unser Vater sagt von ihr, da sie eine Frau ohne Gleichen
gewesen wre und er ihr immer das zrtlichste Andenken bewahrte.


den 6. Februar.

Wenn Du an Papa schreibst, so adressiere den Brief an mich; ich kann Dir
seine Adresse nicht geben, weil er in wenigen Tagen seine Wohnung zu
wechseln gedenkt. Es ist keine Rede davon, da er sich etwa in der Nhe
von Paris ankauft; er hat noch keine festen Plne, solange seine
Geschfte nicht ganz geregelt sind. Alle Welt scheint ihm wohl gesinnt,
aber die Welt ist zuweilen falsch, darum ist er in groer Unruhe, bis
das Gesetz von der Kammer angenommen ist. Sobald die Entscheidung fllt,
teile ich sie Dir mit. Ich hoffe sehr, da die Pension, die er fordert,
ihm bewilligt wird, denn unser guter Vater lebt auf groem Fu, will
immer schenken und helfen und Andere glcklich machen. Fr sich selbst
braucht er fast nichts, aber Anderen gegenber ist er von einer beinahe
zu groen Generositt. Was Napoleon betrifft, so ist er der beste Sohn,
der sich denken lt; kein Tag vergeht, ohne da er seinen Vater, den er
vergttert, sieht; er arbeitet viel und sucht seinem Vater alles
Unangenehme aus dem Wege zu rumen; da es aber keine vollkommenen Wesen
giebt, so amsiert er sich und macht leider viel von sich reden, was
unseren Vater sehr beunruhigt. "Aber," so sagt Papa, "meine Predigten
packen ihn nicht, weil das Beispiel fehlt, das ihnen Gewicht geben
knnte! Die Snden der Jugend, die wir an unseren Kindern ben!"
Napoleon hat ein weiches Herz, was fr Papa notwendig ist, da er es sehr
gern hat, von seinen Kindern zrtlich behandelt zu werden. Mathilde ist
der Gegensatz ihres Bruders, sie ist kalt, vor allem ihrer Familie
gegenber. Sie scheint nichts zu lieben als ihre Freiheit, besucht den
Vater nur an seinen Empfangstagen und hat keinerlei Bedrfni, ihn
allein zu sehen; sein Kommen und sein Gehen ist ihr vollkommen
gleichgltig. Sie ist eine reizende Salondame, sehr grazis, die berall
gefllt, und bei der das Amsement an Stelle jeder Art von
Herzensbeziehungen tritt. Papa sagt, da ihr Charakter dem von Napoleon,
dem Deinen und dem meinen vollkommen entgegengesetzt ist, und weder ihm
selbst noch ihrer Mutter gleicht. Er hofft, da sie sich in einigen
Jahren gendert haben wird. Whrend der zwei Jahre ihrer Ehe war sie so
unglcklich, da sie jetzt nichts so geniet als ihre Freiheit.
Glcklicherweise hat sie keine Kinder ... In diesem Moment ist von Papas
Familie nur Prinz Paul von Wrttemberg, sein Schwager, in Paris; er
sieht ihn oft. Papa ist so gut, da alle Menschen, die ihn kennen, ihn
lieben; er will nichts anderes, als Allen Gutes tun, die ihn umgeben.


8. Februar.

Ich sah Papa soeben, der, wie immer, viel von Dir gesprochen hat: "Wie
wren wir glcklich," sagte er, "wenn Jenny, als die dritte, unter uns
sein knnte. Es gehrt zu meinen grten Entbehrungen und zu den
schmerzhaftesten Strafen fr meine Snden, da ich nicht mit Euch
zusammen leben kann!" Mathildens Klte lt Dich uns doppelt vermissen!
... Ich sehe jetzt hufig Frau Duperr, die sehr an Papa hngt, und fr
die Papa eine dauernde, aufrichtige Dankbarkeit empfindet. Sie lt Dich
aufs herzlichste gren. La uns nicht lange auf einen Brief warten, der
fr Papa ein Herzensbedrfni ist ... Jedes Mal, wenn wir zusammen sind,
fhlen wir, da Du uns fehlst; wir wrden uns so gut verstehen, und Papa
wrde so glcklich sein! Er kommt alle anderen Tag zu mir und wiederholt
mir stets, da seine besten Augenblicke die sind, die er bei mir
verlebt. Gestern war Papa beim Knig, der ihn und Napoleon sehr
liebenswrdig empfangen hat. Napoleon, der die gegenwrtige Regierung
nicht liebt, widersetzte sich zuerst, hin zu gehen, als aber Papa
bemerkte: wer das Ziel will, mu auch den Weg wollen, erklrte er
sofort, seinem Vater zu Liebe wolle er nachgeben. Sein Verdienst hierbei
ist um so grer, als er fr gewhnlich einen eisernen, unbeugsamen
Willen hat ...


Paris, 15. Mrz 1848.

Eben erhalte ich Dein Brief, meine geliebte Schwester, und gleich setze
ich mich zum Schreiben nieder, denn um Dir eingehend zu schreiben,
brauche ich mehrere Tage. Das Schreiben wird mir sehr schwer und bei
jedem Brief zittere ich, da es der letzte sein knnte, den ich zu
schreiben imstande bin ... Ich war recht in der Sorge um Dich, da ich
aus unseren Zeitungen erfuhr, da auch in Deutschland und zwar besonders
in Preuen die Revolution ausgebrochen ist; Papa lie jeden Tag, an dem
er mich nicht selbst sehen konnte, nach Nachrichten von Dir fragen, so
gro war seine Sorge in dem Gedanken, da Preuen wie unser armes
Frankreich in fieberhafter Unruhe lebt. In diesem Augenblick ist es
ruhig in Paris, aber die Zukunft ist recht dunkel; der Handel liegt
darnieder, die Finanzen stehen schlecht; man sieht nichts als ruinierte
oder unglckliche Menschen. Ich bedaure auch von ganzem Herzen die arme
Herzogin von Orleans, die sich in ihrem Unglck so tapfer und edel
gezeigt hat; -- freilich glaube ich, da sie glcklicher sein wird, als
sie auf dem Throne gewesen wre! Ich gebe Dir keine politischen Details,
ich sage Dir nur, da alle Welt traurig ist und vor den Wahlen und vor
der Nationalversammlung zittert. Papa und Napoleon haben sich, Gott sei
Dank, in nichts eingemischt und werden es auch ferner nicht tun; Papa
hat den Posten eines General-Gouverneurs der Invaliden abgelehnt. Man
hatte ihm auch eine Stellung innerhalb der provisorischen Regierung
angeboten, aber er will zu meiner Freude nichts annehmen. Ich wre vor
Angst gestorben, wenn ich ihn in diesem Augenblick in einflureicher
Stellung htte sehen mssen. Er denkt nicht daran, Paris zu verlassen,
weil, wie er sagt, sein Herz fern von mir zu sehr gelitten haben wrde.
Sieben Tage lang konnten wir uns nicht sehen, weil die Barrikaden jede
Kommunikation unmglich machten. Unsere erste Zusammenkunft nachher hat
uns fast ebenso erschttert, wie die, die ich zu allererst mit meinem
geliebten Vater gehabt habe. Wir entschdigen uns jetzt fr die
Trennung, denn es vergehen nicht zwei Tage ohne ein Zusammensein. Du
bist am hufigsten der Gegenstand unserer Unterhaltung.

Was ich am meisten in Papas Charakter bewundere, ist seine
unbeschreibliche Gte. Nie wird man ihn irgend etwas Schlechtes von
anderen sagen hren; er findet immer noch eine Entschuldigung oder
Erklrung, selbst fr eine Handlungsweise, die sich gegen ihn richtet,
und wei bei Jedem eine gute Seite zu entdecken.


den 16. Mrz.

Ich kehre heute zu Dir zurck, in Erwartung des Besuchs von Papa. Ich
habe ihm soeben einen Eilboten geschickt, um ihn wissen zu lassen, da
es Dir gut geht und ich einen langen Brief von Dir habe, er hat mir
daraufhin sagen lassen, er werde in zwei Stunden hier sein, um Nheres zu
erfahren. Du siehst, liebste Schwester, wie sein Herz an Dir hngt, und
meins erfreut sich seiner Liebe zu Dir ebenso wie der zu mir selber ...


Paris, den 3. April 1848.

Meine liebe, gute Jenny!

Dein Brief, den ich eben durch Deine Schwester erhalte, macht mich sehr
glcklich, er ist fr mich ein wahrer Trost inmitten der groen
Umwlzungen, von denen Niemand (er mag welche persnlichen
Lebenserfahrungen immer haben) sagen kann, wohin sie fhren werden!!

Du hast sehr recht, mein geliebtes Kind, die Bande, die uns verbinden,
sind heilig wie die Natur; ihr Geheimni soll, solange wir leben, unter
uns bleiben: Deine wundervolle Mutter hat es mit sich gen Himmel
genommen. Dich, liebes Kind, das ich in meinen Armen gehalten habe, noch
ehe Deine Augen sich dem Licht ffneten, Dich, von der ich lange
glaubte, Du seist Pauline, die Nonne, -- Dich habe ich nie vergessen;
Dich in meine Arme schlieen, Dir meinen Segen geben zu knnen, wie ich
ihn Dir jetzt nur schriftlich senden kann, wird ein Tag des Glckes fr
mich sein. Ksse Deine Kinder im Namen des alten, bis zu dieser Stunde
ihnen unbekannten Freundes: in Zukunft wird meine Jenny es verstehen,
ihnen Zrtlichkeit und Liebe fr ihn einzuflen! Wenn Werner jetzt um
Dein Geheimni wei, so drcke ihm dankbar die Hand fr das Glck, das
er Dir gegeben hat. Ich drcke Dich an mein Herz und segne Dich als Dein
Dich liebender Vater

Jerome.


Paris, 24. Mai 1848.

Meine liebe Jenny!

Auf Deinen lieben Brief vom 12. vorigen Monats habe ich lange nicht
geantwortet -- nicht etwa, weil ich mich nicht mit Dir beschftigt
htte, mein liebes Kind, bist Du doch der Mittelpunkt aller Gesprche
zwischen mir und Deiner vortrefflichen Schwester, sind doch die Stunden,
die ich bei ihr bin, meinem Herzen die teuersten!! Wir leben hier auf
einem Vulkan, mein Kind, aber ich vertraue dem Stern dieses groen und
edlen Frankreich, fr das ich noch mit Freuden die letzten Jahre, die
mir zu leben brig bleiben, opfern mchte! Es scheint mir nebenbei, da
es auch in Eurem Lande nicht friedlicher ist, was mich sehr beunruhigt
-- habe ich doch auch dort Wesen, die meinem Herzen teuer sind! Ksse
aufs zrtlichste Deine lieben kleinen Kinder; lehre sie, mich zu lieben,
ohne da sie einen Augenblick aufhren, das Andenken ihrer herrlichen
Gromutter zu ehren! Ich verlasse mich auf meine Jenny, da dieses Ziel
erreicht wird! Drcke Deinem Mann in meinem Namen herzlich die Hand; in
diesen Zeiten mssen die Mnner vor allem einander entgegenkommen;
vielleicht ist die Zukunft nicht so dunkel, als Viele es glauben
annehmen zu mssen. Ich segne Dich, meine liebe Jenny, und drcke Dich
an mein Herz.

Jerome N.


24. Mai 1848.

Papa verlt uns soeben, und ich kehre zu Dir zurck, meine Jenny. Ich
habe ihm das Bild der Mutter gezeigt, er hat es hnlich, aber lange
nicht hbsch genug gefunden, er wird es kopieren lassen, da er sich
nicht mehr davon trennen mag. Auch eins von ihm selbst will er fr Dich
malen lassen, und sobald beide fertig sind, sollst Du sie bekommen. Im
Gedanken daran, Dir eine Freude zu machen, ist er jetzt schon ganz
glcklich. Er kt Dich so zrtlich, wie er Dich liebt, und er lt mich
noch hinzufgen, da die Gre dieser Liebe der Gre seiner ganzen
Liebesfhigkeit entspricht. Lebewohl, liebste Schwester, antworte bald
und glaube an die aufrichtige Liebe Deiner Schwester

Pauline.

Schicke doch ja Deine Lithographie, das wrde Papa so groe Freude
machen!


Paris, den 16. Juni 1848.

Meine liebe, gute Jenny!

Ich bin seit einigen Tagen im Besitz Deines Briefes vom 3., ohne da ich
bisher einen Augenblick gefunden htte, um Dir zu schreiben und Dir zu
sagen, wie Deine Zrtlichkeit mich stets aufs neue beglckt. -- Ich hre
mit Freuden, da es bei Euch ruhiger ist; was uns betrifft, so sind wir
einer vollkommenen Organisation und der notwendigen Ruhe, um zu ihr zu
gelangen, noch sehr fern; hoffen wir, da es nicht mehr lange dauern
wird, und da unsere konstituierende Kammer, die die besten Absichten
hat, bald eine von dieser edeln und gromtigen Nation anzunehmende
Verfassung schaffen wird -- dieser Nation, die noch immer bereit war,
fr die Sache der Gerechtigkeit und die Gre ihres Namens die grten
Opfer zu bringen! -- -- Ich habe das Bild Deiner herrlichen Mutter
kopieren lassen und Pauline fr Dich bergeben, die es jedoch nicht eher
abschicken will, als bis sie das meine beilegen kann, was die Sendung um
einige Tage verzgert. Ich hoffe, meine Jenny, da die Dinge sich so
einrichten lassen, um unser Zusammensein zu ermglichen und mir zu
gestatten, Dir vor meinem Tode meinen vterlichen Segen zu geben. Gre
Deinen Mann, ksse Deine Kinder zrtlich von mir und sei versichert,
liebes Kind, da Du nicht lebhafter als ich wnschen kannst, einander zu
sehen -- es wre ein Augenblick des Glcks nach Jahren des Kummers. Ich
ksse Dich zrtlich.

Jerome.


Paris, 16. Juni 1848.

Du wirst angenehm berrascht sein, liebste Schwester, so rasch einen
Brief von uns zu erhalten, aber Papa hat einen Augenblick der Ruhe mit
Eifer ergriffen, um mit Dir zu sprechen, um Dir zu sagen, wie er Dich
liebt. Die politischen Ereignisse verjngen den geliebten Vater nicht;
er ist sehr mde, ohne eigentlich krank zu sein. brigens wnscht er
sehnlich, da wir uns alle acht Tage schreiben mchten, da es ihm recht
lang erscheint, immer vierzehn Tage warten zu mssen. Das Bild der
Mutter habe ich; ich zgere aber mit der Absendung, bis das von Papa
fertig ist; zu gleicher Zeit werde ich Dir Haare von ihm und vom Kaiser
schicken. Der Ausdruck Deiner Liebe macht unseren Vater sehr glcklich!
Je mehr ich ihn kenne, desto mehr liebe ich ihn, aber mein armes Herz
blutet, wenn ich sehe, wie die politischen Verhltnisse sich scheinbar
zu seinen Gunsten umgestalten; sein Name hallt berall wider; eine
starke Partei steht auf Seiten seiner Familie und wnscht, sie am Ruder
zu sehen. Doch der Wankelmut des Volks, seine Unbestndigkeit in der
Neigung lt mich den Moment frchten, wo sie die Regierung in Hnden
haben knnten. Der Gedanke macht mich zittern, da traurige Ereignisse,
in die die Familie verwickelt wird, die alten Tage unseres Vaters zu
beunruhigen vermchten. Ich wre auer mir, wenn dieses gtige Herz noch
einmal durch Kummer zerrissen wrde. Unser geliebter Vater sieht die
Dinge anders an; er glaubt, wenn Gott die Bonapartes wieder an die
Spitze der Regierung stellt, so wird es fr die Dauer sein.
Unglcklicherweise denken andere nicht wie er, sie wissen, wie wenig man
auf die Sympathien und Antipathien der Vlker bauen kann, wie wenig
besonders auf die des franzsischen Volks. (Unter uns gesagt! Denn Papa
kann es gar nicht genug loben, und wir sind darin immer verschiedener
Ansicht.) Louis ist nicht in Paris; er hat Kandidaturen, die man ihn in
verschiedenen Departements anbot, abgelehnt, aber seine Anhngerschaft
ist eine so groe, da er wohl bei einem neuen Anerbieten zur Annahme
gezwungen werden wird. Ich sehe mit Beunruhigung, da Papa vielleicht
gezwungen werden wird, sich in die Dinge zu mischen, obwohl er es bisher
vermieden hat; der Wunsch, seinem Vaterland ntzlich zu sein, sein
schnes Frankreich dem Sumpf zu entreien, in den es zu versinken droht,
wird ihn vielleicht dazu bestimmen ... Lebwohl, liebste Schwester. Ich
bin zu erregt, um genau zu wissen, was ich schreibe. Die Angst, da
Ereignisse eintreten knnten, die dem geliebten Vater Unglck bringen,
foltert mich ... Wenn Du Nachrichten von der Herzogin von Orleans hast,
teile sie mir mit, da sie mich sehr interessieren ... Hoffen wir, da
glckliche Umstnde uns bald zusammenfhren. Schreibe unserem Vater
immer recht liebevoll, weil er Dich so zrtlich liebt.

Deine treue Schwester Pauline.


Paris, den 15. November 1848.

Meine liebe, gute Jenny!

Es ist grade an diesem Tage, da ich Dich in meine Arme schlieen
mchte, aber ich hoffe (wenn die Ereignisse sich nicht ndern), da ich
im Laufe des nchsten Jahres dies Glck haben werde: es wre das grte
Glck fr Deinen Vater, mein Kind; es wrde mich wieder jung machen,
meine Jenny, und indem ich Dich und Deine Kinder segnen knnte, wrde
ich hoffen, ihnen Glck zu bringen. Deine kleine Zeichnung hat mir die
grte Freude gemacht; in Gedanken sehe ich Dich auf deiner hbschen
Terrasse sitzen, Deinen kleinen Werner um den Blumenkorb springend!
Ksse Deine Kinder in meinem Namen, und drcke dem Manne
freundschaftlich die Hand, der ber dem Glck meiner Jenny wacht. Ich
schreibe bei Deiner Schwester, damit mein Brief sich nicht lnger
verzgert. Ich drcke Dich an mein Herz und segne Dich.

Dein Dich liebender Vater Jerome.


Paris, den 11. Oktober 1849.

Meine liebe Jenny!

Trotz meines Schweigens liebe ich Dich nicht weniger zrtlich und denke
nicht weniger an Dich, mein liebes Kind, die ich noch viel mehr liebe,
seit ich das Glck habe, Dich bei mir zu sehen: ich bitte Dich, sage
Deinem Mann, wie ich ihm immer dafr dankbar sein werde, da er Dir
erlaubte, einige Tage bei mir zuzubringen. Ich hoffe, liebe Jenny, da
ich, sobald die Zeiten bei Euch und bei uns ruhigere sind, wieder das
Glck haben werde, Dich in meine Arme zu schlieen, und da Du dann mit
Deinem Mann und Deinen Kindern kommst. Dein Brief, so gtig wie Du
selbst, meine Jenny, hat mich sehr glcklich gemacht. Ich ksse Dich
zrtlich.

Dein Dich liebender Vater Jerome.

Sprich oft von mir mit Deinen Kindern!


Paris, den 1. Februar 1850.

Meine liebe Jenny!

Ich beantworte Deine liebevollen Briefe, die ich immer voller Freude
wieder lese; heute, mein liebes Kind, besttige ich Dir auch den Empfang
Deines Briefes vom 24. an Deine Schwester. Ach, meine gute Jenny, diese
teure Schwester verliert ihr Augenlicht vollkommen, nachdem sie whrend
mehr als vierzehn Tagen die schrecklichsten Schmerzen ausgestanden und
mit einem wahren Heldenmut ertragen hat! Ich komme eben von ihr; sie
hrt nicht auf zu weinen, was ihr Auge noch mehr angreift; ich will sie
nun einer homopathischen Kur unterwerfen; nicht weil ich groe
Hoffnungen daran knpfe, aber weil ich nichts unversucht lassen will. --
Was das geliebte Kind vor allem verzweifelt macht, ist der Gedanke,
ihren Vater, ihren Bruder und ihre geliebte Jenny, an die sie bald nicht
einmal mehr schreiben darf, nicht mehr sehen zu knnen! Du wirst meinen
Schmerz verstehen!

Ksse zrtlich Deine Kinder, gre Deinen vortrefflichen Mann, und
zweifle niemals an meiner vterlichen Liebe. Ich drcke Dich an mein
Herz, mein liebes Kind.

Dein treuer Vater Jerome.


Paris, 10. Juli 1850.

Mein geliebtes Kind!

Deinen lieben entzckenden Brief vom 12. April habe ich lngst
beantwortet; Deine Schwester wird Dir gesagt haben, durch welches
Miverstndni er nicht in Deine Hnde gelangte; damit sich das nicht
wiederholt, bergebe ich ihr diesen Brief zur Weiterbefrderung. Du
kannst, meine liebe Jenny, nichts Gutes und Zrtliches an Deinen Vater
schreiben und fr ihn empfinden, was ich nicht mindestens in gleicher
Strke fr Dich und Deine liebe Familie empfinde; ich hoffe bestimmt,
da die Dinge sich so einrichten lassen, da ich Euch alle whrend
einiger Wochen bei mir haben kann. Es ist das ein schner Traum in
meinem Leben, den ich zu verwirklichen hoffe, ehe ich sterbe, denn ich
liebe Dich und Deine Kinder, als htte ich Euch alle erzogen und vor mir
aufwachsen sehen; ich liebe meine Jenny so sehr, da ich wnschte, ich
knnte fr meinen lieben Napoleon eine Frau finden, die ihr hnlich ist.
Meine liebe Pauline ist mein ganzer Trost, sie ersetzt mir M., die ich
nicht mehr sehe!!! Ich ksse Dich zrtlich, geliebtes Kind, mit Deinen
Kindern, die hoffentlich wissen, da ich noch lebe; alles Gute Deinem
lieben Mann, und Dir, mein liebes Kind, all meine Zrtlichkeit und
vterliche Liebe.

Dein Dich liebender Vater

Jerome.


Chateau de Gourdex, 17. September 1850.

Meine gute und innig geliebte Jenny!

Dein lieber Brief vom 10. vorigen Monats beweist mir wieder, da mein
liebes Kind ihren Vater, der sie so zrtlich liebt, nicht vergit, und
das macht mich um so glcklicher, als mein Herz von andrer Seite so
unnatrlich erkltet wird! Es ist ein Ersatz, den Gott mir gab, und fr
den ich ihm tglich danke. Unsere liebe Pauline ist immer gut, zrtlich,
liebevoll und befindet sich trotz des schlechten Sommers nicht bel. Ich
bin seit gestern hier, beim schnsten Wetter der Welt, in einer
reizenden Gegend, in vollster Ruhe und allein, ich habe nicht einmal
einen Adjutanten bei mir; ich bedarf der Ruhe, denn die Dinge stehen
schlecht bei uns, und Niemand kann voraussehen, wohin sie fhren werden.
Ich habe mich vollkommen von der Politik zurckgezogen, und indem ich
aufs Land ging, habe ich dies ffentlich konstatieren wollen. Ich
vermisse nur meine liebe Pauline, denn Napoleon wird mich nchsten
Sonnabend besuchen. Da ich Euch, meine Jenny, nicht Alle bei mir haben
kann: Dich, Deinen Mann und Deine Kinder, von denen ich hoffe, da sie
sich um ihre Liebe fr mich nicht erst bitten lassen mssen! Lebwohl,
meine Jenny, ich drcke Dich an mein Herz; ksse Deine Kinder und ihren
Vater, der Dich glcklich macht.

Dein Dich liebender Vater

Jerome.


Gourdex, den 14. Okt. 1850.

Meine geliebte Jenny!

Ich erhalte soeben Deinen lieben Brief vom 4., und ich antworte sofort,
um mich mit Dir, die mich so gut versteht, zu unterhalten. Ich bin
wirklich in einem reizenden, bequemen Haus sehr gut und nach jeder
Richtung hin angemessen unterbracht; die Marquise und ich sind fast
immer allein, selbst mein Adjutant darf nur kommen, wenn er gerufen
wird. Mein lieber Napoleon kommt alle acht Tage, um 24 Stunden mit uns
zuzubringen und dann nach Paris zurckzukehren, wo er eine Arbeit
vollendet, die ihm Ehre machen wird. Ich verlasse Gourdex nur, um meine
liebe Pauline, die recht leidend war, zu sehen; der Weg von Chartres
nach Paris ist eine Spazierfahrt von nur drei Stunden.

Ich bin weit davon entfernt, liebste Jenny, der Politik zuzustimmen, die
die Regierung einschlgt; ich habe mich auch vollkommen von den
Geschften zurckgezogen; ich bleibe in meinen alten Tagen mit meinen
Erfahrungen allein.

Mit Freude sehe ich, meine Jenny, da, wenn die politische Situation es
nicht verhindert, die Dinge sich so arrangieren, da Du binnen kurzem
mit Deinem Mann und Deinen Kindern einige Wochen in Gourdex zubringen
kannst. Ich werde Dir demnchst Nheres darber schreiben, ebenso ber
einen schon halb reifen Plan, den ich fr meinen lieben Napoleon habe.
-- Lebwohl, geliebtes Kind, gre Deinen Mann, ksse zrtlich Deine
Kinder im Namen von Mamas altem Freunde, der ihnen seinen Segen schickt.
Ich drcke Dich an mein Herz, mein liebes Kind.

Dein Dich liebender Vater

Jerome.


Paris, 26. Januar 1851.

Meine geliebte Jenny!

Alle Tage seit lngerer Zeit greife ich zur Feder, um Deine guten
zrtlichen Briefe, die mich so beglcken, zu beantworten, und alle Tage
lege ich sie wieder fort, weil ich hoffe, Dir endlich einmal ber die
Situation, die mich so sehr bewegt, etwas Trstliches sagen zu knnen.
Ich hoffe, da der gute Genius meines Vaterlandes es dem Unheil
entreien wird: Du weit, liebes Kind, da ich es mir zum Gesetz gemacht
habe, ungefragt keinen Rat zu erteilen, und mich aller Politik fern zu
halten; auch sehe ich meinen Neffen hchst selten, damit man nicht
behaupten kann, da ich ihn nach irgend einer Richtung hin beeinflusse.
Ich sehe aber nur zu deutlich die ganze Gefahr der Lage, die, durch die
Intrigen der Herren Thiers und Konsorten, alle Tage kritischer wird.

Ich habe voller Freude die Bilder Deiner Kinder erhalten, ich habe sie
einrahmen lassen und sie stehen vor mir; ksse sie zrtlich von mir. --
Unserer lieben Pauline geht es besser, und ich hoffe, ihr Auge wird
erhalten werden. Ich freue mich, da das gerechte Avancement Deines
Onkels Dich beglckt hat; ich habe sehr wenig Teil daran; er hat es sich
durch seine Talente und seinen eigenen Wert selbst geschaffen. Ich
bedaure nur, da er den alten Invaliden vergessen hat und ich ihm nicht
die Hand drcken kann.

Ich presse Dich an mein Herz, geliebtes Kind, und segne Dich. Wollte
Gott, alle meine Kinder wren so gut wie Du und die liebe Pauline!

Jerome.


Gourdex, den 22. Februar 1851.

Das Bildchen unseres lieben Otto, meine geliebte Jenny, macht mir die
grte Freude; von Dir gemalt, liebes Kind, ist es eine doppelte Freude
fr Deinen alten Vater. Ich danke Dir und segne Dich fr die Freude, die
Du mich empfinden lt. Umarme Deine Kinder, indem Du meiner gedenkst!
Ich hoffe, meine Jenny, da ich nicht sterben werde, ohne Dich und Deine
Kinder wiederzusehen. Wenn Gott es will, da die Geschicke meiner
Familie sich konsolidieren, so sollen die, die meinem Herzen nahe
stehen, nicht vergessen werden! -- Seit einem Monat erfreue ich mich
hier der vollkommensten Ruhe bei einem Wetter, einer Sonne, die ich in
gleicher Jahreszeit selbst in Italien nicht erlebt habe. Aber ich denke
doch am 1. kommenden Monats zurckzukehren, denn Deine gute Schwester
leidet unter meiner Abwesenheit, und ihr lieber Napoleon gengt ihr
nicht! ...

Dein Dich liebender Vater

Jerome.


Paris, den 18. Mrz 1851.

Meine geliebte Jenny!

In Beantwortung Deiner lieben Briefe vom 24. Februar und 10. Mrz komme
ich, um mit Dir zu plaudern, was fr Deinen Vater stets ein Augenblick
des Glcks ohne jede Bitterkeit ist. Ich kann, liebes Kind, auf das
Glck nicht verzichten, Dich wieder zu sehen, ich will nicht sterben,
ohne Deinem Mann fr das Glck zu danken, das er Dir bereitet, ohne
Dich, meine geliebte Jenny, und Deine Kinder zu segnen. Ich verzeihe
gern meiner guten Pauline, die alle Freude, die das Bildchen meines
kleinen Otto mir gemacht hat, allein auf meine Liebe zu Dir zurckfhrt;
sie bildet sich ganz irrtmlicherweise ein, da ich sie weniger liebe
als Dich; ich mache keinen Unterschied zwischen Euch beiden, weil Ihr
beide in gleicher Weise meine Liebe verdient und Eurem Vater die gleiche
Zrtlichkeit entgegenbringt! -- Ich freue mich der neuen Stellung, die
ihr einnehmt, indem ihr nach Rosenberg bersiedelt; Werner findet dort
einen segensreichen Wirkungskreis.

Ich habe mehr als einen Monat mit der Marquise (die fr Dein
freundliches Gedenken herzlich dankt) ruhig auf dem Lande gelebt, wo wir
uns des schnsten Wetters der Welt erfreut haben; seit dem 4. d. Mts.
sind wir zurckgekehrt, und ich hatte die Ungeschicklichkeit, mir eine
Erkltung zuzuziehen, die mich zehn Tage lang an das Zimmer fesselte und
mich hinderte, unsere liebe Pauline zu umarmen. Seit einigen Tagen
entschdige ich mich dafr, indem ich sie so oft als mglich aufsuche.
Gestern mute sie ihres Auges wegen, das sich wieder verdunkelte, zur
Ader gelassen werden, trotzdem fand ich sie leidlich wohl, und Du,
geliebte Jenny, stehst immer im Mittelpunkt unserer Unterhaltungen. --
Napoleon geht es gut, er bittet mich, Dich seiner zrtlichsten
Freundschaft zu versichern; Blanqui empfiehlt sich Dir angelegentlichst,
und alle lassen meiner Jenny volle Gerechtigkeit widerfahren, was mich
sehr beglckt.

Der politische Horizont ist finster, mehr oder weniger berall, aber da
wir nur die Werkzeuge der Vorsehung sind, wird nichts geschehen, was
nicht geschehen mu, und wenn man ein gutes Gewissen hat, so kann man in
Ruhe und Resignation die Dinge erwarten: "tue was Du kannst, es kommt,
was kommen mu."

Es gibt mehr als eine Gelegenheit, geliebtes Kind, die mir gestattet,
auf unser Wiedersehen zu hoffen, und sobald sie sich bietet, werde ich
sie nicht entweichen lassen. Lebwohl, meine Jenny, ich drcke Dich an
mein Herz und segne Dich und Deine Kinder.

Dein Dich liebender Vater

Jerome.


Paris, den 29. August 1851.

Meine liebe Jenny!

Mit Freuden denke ich daran, da dieser Brief zu Deinem Geburtstage in
Deine Hnde gelangen und Dir meinen vterlichen Segen bringen wird, was
meine Jenny, die in ihrem Herzen die Keime alles Guten und Edlen trgt,
sicher glcklich macht. Ksse in meinem Namen Deine lieben Kinder: ein
natrlicher Instinkt mu ihnen sagen, da sie mich lieben mssen. -- Ich
berlas gerade Deinen letzten lieben langen Brief, als meine liebe
Pauline mir den vom 23. schickte: zur Zeit der Feuersbrunst war ich
krank und auf dem Lande; brigens htte ich mich des Marschall
Sebastiani wegen nicht derangiert; ich habe mehr als eine Ursache,
diesen Mann nicht zu lieben! ... Du mut nicht glauben, mein liebes
Kind, da der politische Horizont unseres Frankreichs so schwarz ist,
da Jeder um unsere Existenz zittern mte. Sei versichert: Niemand kann
uns Bses tun, als wir selbst, wenn auch zugegeben werden mu, da die
Lage eine kritische ist. Ich bin gewi, Gott wird Frankreich schtzen!

Bei der Feuersbrunst habe ich von 250 Fahnen nur ... (unleserlich)
verloren; die 50 Fahnen von Austerlitz befanden sich in hchster
Sicherheit in meinem Kabinet, wo Du Dich entsinnen wirst, sie gesehen zu
haben. Unsere liebe Pauline fhrt fort, sich wohl zu befinden; die
Heilung ihres Auges ist wirklich ein Wunder, und ein Wunder, das mich
sehr glcklich macht, denn das geliebte Kind wre sehr zu bedauern
gewesen, wenn sie die, die sie liebt, nicht mehr htte sehen knnen!
Lebwohl, liebe Jenny, ich drcke Dich an mein Herz und sende Dir zu
diesem Tage meine wrmsten vterlichen Segenswnsche.

Dein Dich liebender Vater

Jerome.


Paris, den 14. November 1851.

Meine geliebte Jenny!

Dein Brief hat mich gerade am Vorabend meines Geburtstages erreicht, und
ich antworte Dir sofort, um Dir zu sagen, da er nicht ein Wort enthlt,
das nicht den Weg zu meinem Herzen gefunden htte! Ach, mein liebes
Kind, warum mssen die Ereignisse und das Schicksal uns so weit von
einander entfernen?! Ich wre so glcklich, Deine Kinder um mich zu
haben, Deinem vortrefflichen Mann zu danken fr das Glck, mit dem er
Dich umgiebt. Aber, liebste Jenny, irgend etwas sagt mir, da ich nicht
sterben werde, ohne Euch Alle gesegnet zu haben. Mein Leben ist recht
bewegt, trotzdem ich mich zurckgezogen habe, und ich sehe, wie die
Ruhe, deren ich so sehr bedarf, mir immer weiter entflieht. -- Mit
Freuden empfing ich das Portrait Deiner reizenden kleinen Marianne,
gre sie aufs zrtlichste von mir, ohne dabei der Anderen zu vergessen.
Ich hoffe, meine Jenny, Du sprichst Ihnen oft von Deinem "alten Pathen"
(weil es nun einmal so sein mu!); lehre sie, mich zu lieben, damit,
wenn ich sie einmal umarmen darf, ich spren kann, da ihr eigener
Herzschlag es ihnen sagt: kein Fremder ist es, der uns kt!

Ich segne Dich, liebes Kind, und gre Deinen Mann und Deine Kinder.

Dein Dich liebender Vater

Jerome.

_P. S._

Ich bergebe meinen Brief Deiner guten Schwester, die mein ganzer Trost
ist!


Le Havre, den 2. September 1857.

Meine liebe Jenny!

Ich beantworte Deinen Brief vom 26. vorigen Monats, der mich hier
erreicht hat, wo ich seit vierzehn Tagen bin, und wo die Seeluft mir
vortrefflich bekommt (Du weit, ich nehme keine Seebder). Ich baue
sogar an einem Luftschlo, das sich hoffentlich nchstes Jahr
verwirklicht: Dich mit Deinem Mann und Deinen Kindern hier her kommen zu
lassen. Das wrde Dich freuen, meine liebe Jenny? Ich, der ich Dein
liebevolles Herz kenne, bin davon berzeugt. -- Dein Brief hat mich sehr
interessiert. Ich mchte nur, da mein lieber Otto seine Gesundheit
schont, die nichts jemals ersetzen kann. Ich kann mich als Beispiel
anfhren; ich, der ich 73 Jahre alt bin und vom Alter gar nichts spre,
und darum noch so glcklich bin, meinem Vaterland und meiner Familie
zuweilen noch ntzlich sein zu knnen. -- Mein guter Napoleon assistiert
im Augenblick der Grundsteinlegung der Rhone-Brcke und der ersten
Erffnung des Mont Cenis; das liebe Kind ist mein Glck und mein Stolz,
und seine Liebe entschdigt mich fr manche Lebensleiden. (Die gute
Pauline, deren zrtliche Liebe ich kenne und die ich darum doppelt
liebe, schafft sich brigens mehr Sorgen, als vorhanden sind -- sage es
ihr recht deutlich.)

Sage Otto, da man ein Duell vermeiden mu, wenn die Ehre nicht verletzt
ist, da es aber beim Beginn des Lebens auch darauf ankommt, nicht fr
feige gehalten zu werden -- ich bin brigens berzeugt, da er getan
hat, was zu tun notwendig war. Ksse ihn und Deine anderen Kinder von
mir.

Ich umarme Dich zrtlich.

Dein Dich liebender Vater

Jerome.




Unter Goethes Augen




Jennys Kindheit


Weimar, das die junge Frau von Pappenheim an der Seite des Gatten, den
ltesten Sohn im Arm, in kindlichem Frohsinn verlassen hatte, nahm sechs
Jahre spter die einsame, gebrochene Frau wieder auf. Der Mann, der
schon lange ein geistig Toter war, hatte in Stammen den letzten Atemzug
getan, ihre kleinen Shne waren ihr -- auf hheren Familienbeschlu
wahrscheinlich -- genommen und zu einem Pfarrer in Pension gegeben
worden, der am besten geeignet schien, sie vor dem Einflu der
"sndigen" Mutter zu bewahren, nur die kleine Jenny hatte man ihr
gelassen. In der Stadt Karl Augusts und Goethes hatte man gelernt, die
Liebesbeziehungen der Menschen untereinander mit anderen Augen anzusehen
als mit denen der Sittenrichter, darum galt auch Diana hier nicht als
Verfemte, sondern als Unglckliche, der Liebe und des Mitleidens ebenso
wrdig wie bedrftig. Ihre ltere Schwester Isabella, die an den General
von Egloffstein verheiratet und Mutter der auch von Goethe oft
bewunderten schnen Tchter war, bereitete ihr ein Heim; ihre einstige
Herrin, die gtige kluge Erbgroherzogin Maria Paulowna, empfing sie mit
offenen Armen und sorgte dafr, da auch ihr kleines Tchterchen in
Weimar heimisch wurde. Ihre eigenen beiden Tchter, Marie und Augusta,
die sptere deutsche Kaiserin, wurden die unzertrennlichen
Spielgefhrten und lebenslangen treuen Freundinnen der Tochter Dianens.
"Als kleines, dreijhriges Mdchen," so erzhlt Jenny selbst, "brachte
mich meine Mutter zum erstenmal nach Belvedere, dem Sommeraufenthalt
Maria Paulownas, um mit den Prinzessinnen zu spielen. Ich war mit
Augusta in gleichem Alter und sollte von nun an in fast
geschwisterlichem Verhltnis neben ihr aufwachsen. Prinze Augusta war
ein schnes Kind mit frh entwickeltem, energischem Charakter. Sie hat
den Gouvernanten die Erziehung nicht leicht gemacht, und mancher
Kinderspiele erinnere ich mich, die nicht ohne Sturm und Trnenregen
verliefen, weil sie ihr Trotzkpfchen durchsetzen wollte."

Mit ihr zusammen geno sie den ersten, bereits in ihrem fnften Jahr
begonnenen Unterricht. Es mu ein frhlicher Wetteifer zwischen den
beiden gewesen sein, denn Jenny war ein ungewhnlich begabtes Kind, und
Augusta "zeigte eine eiserne Ausdauer, die durch klaren Kopf und leichte
Auffassung untersttzt wurde; sie war wie ein Bienchen, das aus jeder,
auch der unscheinbarsten Blte sich das Seste holte.[A]"

[Funote A: Diese uerung ist ein Zitat aus den Schriften meiner
Gromutter, wie alles, was ich im folgenden ohne weitere Bemerkung unter
Anfhrungszeichen mitteile.]

Goethe, der Maria Paulowna, die "Lieblich-Wrdige", sehr liebte -- "sie
ist eine der besten und bedeutendsten Frauen unserer Zeit und wrde es
sein, auch wenn sie keine Frstin wre; denn darauf kommt es an, da,
wenn der Purpur abgelegt wird, das Beste brigbleibe," sagte er von ihr
zu Eckermann -- und "etwas Vterliches im Umgang mit ihr hatte,"
kmmerte sich ernstlich um die Erziehung ihrer Kinder, und sie, die "in
ihrem bewundernden Aufschauen zu ihm die Rolle einer Tochter bernahm",
richtete sich darin ganz nach seinem Rat. Dadurch kam auch Jenny vom
ersten Augenblick des bewuten geistigen Erwachens unter seinen Einflu,
und es war die Atmosphre seines Geistes, in der sie aufwuchs. Fr sie
selbst galt mit, was sie in Erinnerung an diese frhe Zeit von Goethes
Verhltnis zu Karl Augusts Enkeln berichtete: "Er war leicht steif und
zugeknpft, aber niemals ihnen gegenber. Kamen sie zu ihm, was hufig
geschah, so hatte er immer neue, interessante Dinge zu zeigen und zu
erklren: den Kindern Bilder und geschnittene Steine, den
Heranwachsenden Bcher und Kunstwerke. Rhrend war es, wie er auch fr
das krperliche Wohl der Kinder besorgt war, wie er sich der Ausfhrung
seines Planes, den Griesebachschen Garten fr sie zum Tummelplatz zu
kaufen, freute."

Auch Karl August und Luise traten in den intimeren Gesichtskreis des
Kindes. "In meiner frhsten Jugend," so schreibt sie, "hat mir niemand
mehr imponiert als die Groherzogin Luise, Karl Augusts Gemahlin. Sie
war ernst, ruhig, frstlich, von einer Wrde der Erscheinung, die sich
auch im ueren kundgab. Als sie es lstig und unangemessen fand, sich
noch Toilettengedanken zu machen, blieb sie bei einer bestimmten, ihr
zusagenden Mode: unter der lichten, krausen Blondenmtze einen Kranz von
weien Lckchen um die Stirn: ein dunkles, einfarbiges, ungemustertes,
schwerseidenes Kleid, vorn bis zur Taille herunter ein anliegendes,
garniertes Blondentuch, halblange Puffrmel mit Handschuhen bis zur
untersten Puffe, das Kleid faltig, lang, hinten etwas schleppend, dazu
die edle Haltung, die klangvolle tiefe Stimme -- so trat sie in den zu
ihr geladenen Kinderkreis und freute sich an den Spielen ihrer
Enkelinnen, der Prinzessinnen Marie und Augusta. So hat sich mir ihr
Bild eingeprgt, so malte sie auch ihre Hofdame, Julie von Egloffstein.

"Wenn sie und Karl August zusammen erschienen, konnte man sich keinen
schrferen Gegensatz denken: die ernste Frstin mit dem durchdringenden
Blick, dem trotz aller echten Weiblichkeit strengen Urteil, der ruhigen
Sprechweise, der entschiedenen Abneigung gegen alles, was nur im
entferntesten an Frivolitt streifte, und der kleine, ber das ganze
runde Gesicht immer freundlich lchelnde Groherzog, dessen Witze leicht
etwas derb, dessen Schmeicheleien leicht etwas grobkrnig sein konnten.
Als beide jung waren, mag dieser Gegensatz empfindlich gewesen sein, im
Alter strte er nicht mehr, auch hatte die treue, aufopferungsvolle
Liebe der Groherzogin fr den Gatten jede Kluft zu berbrcken
vermocht. Er zollte ihr dagegen eine unbegrenzte Hochachtung, ein
schrankenloses Vertrauen. Was sie gegenseitig am festesten verbunden
hat, war ihre Vaterlandsliebe. Man hat Karl August als Mcen gefeiert
und htte ihn doch noch mehr als Landesherrn feiern sollen. Sein klarer
Blick schien selbst die Zukunft zu durchdringen, die politischen
Verhltnisse vorherzusehen; aber er ging nicht nur ins Groe, er sah
auch das Kleine, das Kleinste und fand berall und immer in Luisen die
beste, verstndnisvollste Untersttzung. Wie sie Napoleon begegnete,
wei die Weltgeschichte; wie sie im stillen fr die Armen im Lande
sorgte, wei das Volk; wie sie uns Kindern eine mtterliche Frstin war,
das wissen ihre Enkel, das wei auch ich. Sie blieb mir aber immer, so
oft ich sie sah, die Groherzogin, denn 'eine Wrde, eine Hhe entfernte
die Vertraulichkeit'. Oft erzog ein Blick von ihr uns mehr als eine
Strafe unserer Erzieherinnen, und ein kleines Geschenk aus ihrer Hand
wurde mit mehr Ehrfurcht betrachtet als die grte Bonbonniere von Karl
August, der mit uns scherzte und lachte und es gar nicht liebte, wenn
'die Frauenzimmerchen zimperlich taten', sondern gern frhliche, auch
kecke Antworten hrte."

Von nachhaltigem Einflu auf Jennys geistige Entwicklung sollte der Mann
werden, dem ihre Mutter im Jahre 1817 die Hand zum zweiten Ehebunde
reichte: Ernst August von Gersdorff.[62] Seit langem im weimarischen
Dienst, hatte ihn der Herzog, als Probe auf seine Befhigung, mit seiner
Vollmacht am Wiener Kongre teilnehmen lassen, und er hat diese Probe,
zu der ihn Goethe mit den Abschiedsworten entlie: "Der Herzog und das
weimarische Volk verdienen es, da ein Mann wie Sie Gut und Blut,
Gedanken und Tatkraft fr ihre Sache einsetzt,"[63] glnzend bestanden.
Mit scharfem Blick hatte er nicht nur die Disposition zu dieser "groen
Komdie" erkannt, sondern auch die Absichten ihres Regissieurs
Metternich durchschaut. Er erreichte alles, was fr Sachsen-Weimar zu
erreichen war: die Abtretung eines bedeutenden Gebiets durch Preuen und
die groherzogliche Wrde fr das Herrscherhaus. Sein grtes Verdienst
aber erwarb er sich nach seiner Rckkehr und seiner Ernennung zum
Minister, indem er Karl Augusts Absicht, seinem Lande -- im Gegensatz zu
allen anderen deutschen Frsten -- eine Verfassung geben zu wollen, auf
das lebhafteste untersttzte. Gersdorffs Energie und liberaler
Gesinnung, seiner Unabhngigkeit von den reaktionren Gelsten eines
Metternich und Genossen war es vor allem zu danken, da der
Verfassungsentwurf in wenig Wochen durchgearbeitet, von der Regierung
geprft und vollzogen, da die Freiheit der Presse innerhalb der
Landesgrenzen gesichert und, zum erstenmal in Deutschland, eine
allgemeine Einkommensteuer ins Leben gerufen wurde. Wenn er sich so
durch seine politische Ttigkeit als ein fr seine Zeit und seinen Stand
ungewhnlich aufgeklrter Mann erwies, so zeigte er sich durch seine
literarischen und knstlerischen Interessen als echter Brger Weimars.
Ein grndlicher Kenner der griechischen Dichter und Philosophen, hatte
er sich vor der ausschlielichen und kritiklosen Verherrlichung der
einheimischen Groen stets zu bewahren gewut und ber ihrem Ruhm nie
vergessen, zu beobachten und aufzunehmen, was das Ausland an poetischen
und knstlerischen Schtzen zu bieten hatte, und was die Vergangenheit
hinterlie. Wie alle Menschen von intensivem Leben und starker
Arbeitskraft, hatte er, trotz seiner amtlichen und privaten Ttigkeit,
dabei immer noch Zeit, sich seiner Familie und seinen Freunden zu
widmen. Jennys lebendiger Geist mute ihn besonders anziehen, und frh
schon beschftigte er sich mit ihr, nie mde, ihre Fragen zu beantworten
und ihren Interessen eine ernste Richtung zu geben. Schon das neun- und
zehnjhrige Mdchen nahm er auf seine Spaziergnge mit, ihr, statt der
Kindermrchen, Homers Heldengestalten vor Augen fhrend.

Das Jahr 1822 entfhrte Jenny, der Sitte der Zeit folgend, in eine
Straburger Pension, wo sie nicht nur ihre Sprachkenntnisse
vervollkommnen, sondern von wo aus sie vor allem mit der Familie ihrer
Mutter in nhere Beziehungen treten sollte. Aber wie sie auch hier auf
Goethes Wegen ging, so wurde auch auf andere Weise der Gedanke an ihn,
die Verbindung mit ihm aufrechterhalten: war doch ihr Onkel, Baron Karl
von Trckheim, in dessen Familie sie jeden Sonntag zubrachte, der Sohn
von Goethes Lili, derjenigen Frau, die von allen, die er liebte, die
seiner wrdigste gewesen ist.[64] Als Jenny nach Straburg kam, war die
Erinnerung an sie, die der Mittelpunkt nicht nur einer zahlreichen
Familie, sondern auch eines groen Freundeskreises gewesen und erst 1816
gestorben war, noch uerst lebendig, und die zrtliche Liebe, die sie
berall genossen hatte, mochte wohl nicht mde werden, sie zu schildern.
In strahlender Schnheit lchelte ihr Bild der kleinen Jenny entgegen,
sobald sie die Schwelle des Hauses der Verwandten berschritten hatte --
kein Wunder, da sie der verlassenen Geliebten Goethes in ihrem
schwrmerischen Herzen Altre baute, die die Jahrzehnte berdauerten,
ohne der Verehrung fr Goethe selbst irgendwelchen Eintrag zu tun.

Wie Jerome fr seine Mitschler im Kollegium zu Juilly der Gegenstand
allgemeiner Bewunderung gewesen war, weil er Napoleon zum Bruder hatte,
so wurde Jenny von ihren Mitschlerinnen wie ein Wesen ganz besonderer
Art betrachtet, weil Goethe sie kannte, weil die Hand des groen Mannes
auf ihrem Scheitel geruht. Bekam sie Briefe aus Weimar, so war die
Neugierde aller eine groe, und sie selbst wollte immer viel mehr
wissen, als man ihr schrieb: "Ich mu meine Eltern damals wohl sehr mit
neugierigen Fragen geqult haben, denn ich entsinne mich, da meine
Mutter mir schrieb, ich mchte mich mehr um meine Bcher als um Weimars
Feste kmmern. Trotzdem flossen Berichte mir darber reichlich zu. Mein
sehr geliebter Stiefvater war es besonders, der mir trotz der ihn
berbrdenden Staatsgeschfte in seiner geistvoll-humoristischen Art von
Weimar erzhlte. War es doch ein Paradies fr mich, Goethe, der Abgott
meines kindlichen Herzens, alles, was mit ihm zusammenhing, wertvoller
als alle Herrlichkeiten der Welt. Die heutige Jugend hat keinen Begriff
von solch einem Enthusiasmus; ihn zu haben, ist ein groes Glck, dessen
Mangel einen traurigen Schatten auf das Leben unserer jungen Leute
wirft. Die Begeisterung fr Goethe war bei uns Pensionskindern so
mchtig, da man meinen sollte, wir htten schon jahrelang andchtig zu
seinen Fen gesessen, und wir lasen doch nur heimlich hie und da seine
Werke! Da ich ihn kannte, da er mir das Haar gestreichelt, die Hand
gereicht hatte, gab meiner Person in den Augen meiner Freundinnen eine
weihevolle Bedeutung. Jede Zeile, die von Weimar kam, wurde
verschlungen, jedes Wort, das er gesagt hatte, machte die Runde durch
die ganze Mdchenschar. Wir haben einmal, als er krank war, bitterlich
weinend in einer Ecke gesessen, und ich und meine liebste Freundin
falteten schlielich die Hnde zu einem Kindergebet fr den groen,
bewunderten Dichter. Ein Gefhl wie dieses mag heute als sentimental
belchelt werden, ich glaube doch, wir waren dabei frommer, glcklicher,
unsere Seelen harmonischer, unser Geist erfllt vom Guten, Schnen und
Wahren. Die Empfnglichkeit dafr war grer, die Freuden des Lebens
darum zahlreicher, nicht vergllt durch Spottsucht und wohlfeile Witze."

Da sie im Zeichnen besonders viel Talent entwickelte, veranlate sie
ihre Mutter, im Jahre 1825, eine Arbeit von sich zur Ausstellung in die
weimarische Zeichenschule zu schicken. "Ich schickte," so schreibt sie
selbst, "die Kopie eines charaktervollen Bildes _Le prisonnier_; es war
in Wischmanier, _ l'estombe_, und stellt den Moment dar, wo ein
bekehrter Verbrecher den letzten Trost seines Beichtvaters empfngt.

"Zu meinem Entzcken erhielt ich, damals vierzehn Jahre alt, eine
silberne Medaille, worauf neben schn ausgeprgten, symbolischen Figuren
die Worte standen: 'Der Flei benutzt die Zeit' und 'Die Zeit belohnt
den Flei'.

"Um mich dankbar zu beweisen, schrieb ich einen kindlich-hochtrabenden
Brief: 'Du grter Dichter meines lieben Vaterlandes usw.', und
zeichnete mit groer Mhe nach einem alten Folianten, in welchem Ludwig
_XIV._ von Geschichte und Wahrheit, welche Neid und Lge zertreten,
verherrlicht wurde, deren Tempel, nur da ich in den Nischen, statt der
des Knigs, die Bsten von Schiller und Goethe anbrachte. Karl August
sagte, als er das Bild sah: 'Was haben sie das arme Kind mit
Geschmacklosigkeiten geqult!'"

Auch die Fden, die, dem Kinde noch unbewut, es so eng mit dem groen
Korsen verknpften, sollten ihr bei Gelegenheit ihres Straburger
Aufenthalts ahnungsvoll zum Bewutsein kommen; der Bruder ihrer Mutter,
Graf Eduard Waldner, ein Kriegsgefhrte Napoleons, dem vor Moskau ein
russischer Degen die Schdeldecke verletzt hatte, so da er zeit seines
Lebens gentigt war, eine Platte von Gold zu tragen, machte mit ihr
whrend einiger Ferienwochen eine Reise durch die Vogesen. Eben erst
hatte sein Kaiser auf ferner Felseninsel die groe Seele ausgehaucht --
wie einer jener Gtter der Vorzeit, bei deren Anblick Ehrfurcht und
Entsetzen miteinander streiten, stieg, von ihm emporgezaubert, seine
Gestalt vor dem geistigen Auge des Kindes empor. Der Rausch der
Freiheitskriege hatte in ihr noch keine Erinnerung hinterlassen knnen,
und in Weimar war die Bewunderung, die Goethe dem Welteroberer zollte,
doch nicht ohne Einflu auf seinen Kreis geblieben, so da Jennys
Empfinden dem Eindruck rckhaltlos offen stand. Vielleicht wirkte auch
jener geheimnisvolle Einflu des Bluts, der sich nicht fassen und wgen
lt, und doch Verwandtes zu Verwandtem zieht, denn lange, ehe sie von
ihrer Herkunft wute, beherrschte das Schicksal der Bonapartes ihre
Phantasie und fesselte sie mit besonderer Liebe an Eduard Waldner, der
ihr am meisten von ihnen zu erzhlen wute; denn bei der Mutter daheim
durfte die Vergangenheit mit keiner Silbe berhrt werden, und der
Stiefvater verwies ihr stirnrunzelnd jede Frage danach.

Unter all diesen verschiedenartigen Einflssen, zu denen ein fr die
damaligen Begriffe von Mdchenerziehung ziemlich strenger Unterricht in
den Wissenschaften und Knsten hinzukam, entwickelte sich Jenny geistig
und krperlich wie jene glhenden Blumen des Sdens, deren eine sie war.
Der Brief eines franzsischen Lehrers an das damals dreizehnjhrige
Mdchen zeugt von ihrer Frhreife.

"Ihre intellektuelle Entwicklung," so schreibt er, "ist Ihrem Alter
weit voran geeilt; das ist zuweilen ein Unglck, denn was frommt es, so
frh, im Alter des ersten Lenzes, in die Abgrnde des Daseins sehen zu
knnen:

    Wer erfreute sich des Lebens,
    Der in seine Tiefen blickt!

"Ich wei -- ein Zufall hat mir darber Gewiheit verschafft -- da Ihre
Gedanken reifer sind, als man es von der doppelten Zahl Ihrer Jahre
erwarten wrde ... Wie steht es brigens um Ihre Lektre? Wie weit sind
Sie mit Schiller? Sind die Eindrcke von dem, was Sie lesen, immer noch
so stark, da Sie alles darber vergessen, was Sie umgibt?" Leider fehlt
die Antwort auf diesen Brief; sie htte aber wohl nichts anderes
enthalten knnen als eine Besttigung des darin Gesagten. Das Gemt
dieses Mdchens war nicht nur wie weiches Wachs, in dem alles innere und
uere Erleben seine tiefen Spuren hinterlie, es war auch wie
kstlicher Marmor, der unter den Hnden des Knstlers "Leben" sich zur
Schnheit formt.

Eben 15 Jahre geworden, sah sie die Heimat wieder. Ihr Stiefvater, der
stets in lebhafter Korrespondenz mit ihr gestanden hatte, suchte sie auf
die Freuden wie auf die Gefahren des neuen Lebens brieflich
vorzubereiten. Frher schon hatte er einmal von sich gesagt: "Ich stehe
in eigensinnigem Gegensatz zu allem Weimarer Gtzendienst," jetzt
schrieb er an Jenny, deren Natur ihm geneigt schien, sich in anbetender
Schwrmerei aufzulsen:

"Was Goethe uns war, uns ist und nach seinem Tode, wenn man ihn voll und
ganz zu erkennen imstande sein wird, noch werden kann, wei niemand
hher zu schtzen als ich, und gerade deshalb wnsche ich, da Du nicht
zu denen gehrst, die ihn, wie die Heiden ihren Gtzen, anbeten, ohne
ihn zu kennen, nur des berhmten Namens wegen. Das ist Heuchelei und
Eitelkeit, zeugt aber von keinem groen Geist, denn ein solcher gehrt
dazu, um ihn zu verstehen und wahrhaft zu wrdigen, wie ich es von Dir
erwarte."

Mehr, als er ahnte, war sie seinem Rat schon gefolgt, hatte heimlich
ber Werthers Leiden bittere Trnen vergossen, und sich von Gretchens
Schicksal das Herz erschttern lassen. Auf den Eindruck, den sie davon
empfing, bezog sie sich spter, wenn sie angesichts gewisser strenger
Erziehungsmethoden in bezug auf die Lektre zu sagen pflegte: "Lat die
Kinder nur lesen ohne Kommentar, ohne Ge- und Verbote. Das Herrliche
groer Dichtungen, das sie vielleicht noch nicht verstehen, empfinden
sie, und an dieser starken Empfindung wchst ihr Verstndnis, und ihre
Seele weitet sich." Auch Prinze Augusta, so erzhlt sie, trug frh
schon das Verlangen, Goethes Werke zu lesen, und sprach ihm davon. "Er
whlte lange, ehe er ihr ein Buch nach dem anderen in die Hand gab." Mit
ihr gemeinsam, also auch unter seiner Leitung, setzte sie die in
Straburg allein begonnene Lektre fort. Alle ihre alten Beziehungen
knpften sich wieder an, viele neue traten hinzu, und der Strudel des
Weimarer Lebens ri sie um so mehr mit sich fort, als ihr Liebreiz alle
Welt bezauberte. Den Stempel ihrer Abstammung trug sie unverkennbar auf
der Stirn, in den dunkeln Augen, auf der warmen dunkel getnten Haut, in
der Lebhaftigkeit und der Reife ihres Wesens. Goethe, der fr Schnheit
und Jugend immer gleich Empfngliche, war entzckt von ihr. "Jenny von
Pappenheim," sagte er zu Felix Mendelssohn, "ist gar so schn, so
unbewut anmutig,"[65] und seine Vorliebe fr sie drckte er bei allen
Gelegenheiten aus. In ihrer groen Bescheidenheit hat sie spter nur
davon erzhlt, wenn ich sie darum bat oder der Groherzog Karl
Alexander, ihr treuer, lebenslanger Freund, sie im Interesse der
Goetheforschungen dazu aufforderte. Stellt man aber ihre verschiedenen
Schilderungen -- die, die sie als junges Mdchen schrieb, und die,
welche die Erinnerung der alten Frau diktierte -- zusammen, so wacht
Alt-Weimar auf vor uns, wie es nur durch den erweckt werden kann, der
selber in ihm lebte und fr den es nie gestorben ist. Es sei ihr darum
selber das Wort gegeben:




Goethe


Im November 1826 kam ich nach Weimar zurck; schchtern, mit
hochklopfendem Herzen erschien ich vor Goethe, der meine Mutter und mich
im Aldobrandinizimmer mit groer Freundlichkeit empfing. Ich sehe ihn
vor mir, nicht allzu gro und doch grer erscheinend als andere, mit
jener Jupiterstirn, die ich am vollendetsten in der von Bettina
gezeichneten Statue wiederfinde, die unser Museum schmckt, whrend
seine Augen durch Stieler am besten wiedergegeben sind. Auch mich sehe
ich noch im rosa Kleid und grnen Spenzer, unter einem groen, runden
Hut hei errtend bei seinem krftigen Hndedruck. Ich brachte keinen
Ton ber die Lippen, obgleich er mich, wie er es gern bei jungen Mdchen
tat, mit 'Frauenzimmerchen' und 'mein schnes Kind' ermutigte; erst als
er lchelnd sagte: 'Die Augen werden viel Unheil anrichten,' ermannte
ich mich zu der verwunderten Frage: 'Warum denn gerade Unheil?' Dann
verging ein Jahr, wo ich Goethe nur bei seinen Abendgesellschaften und
zu seiner Geburtstagsfeier sah; er hat mir jungem Ding aber immer so
imponiert, da ich vor ihm eigentlich nie ich selbst war, sondern eine
Seele, die mit auf der Brust gekreuzten Armen zu ihm emporsah. Ich hielt
den Atem an, wenn ich ihn sprechen hrte, und glaubte vergehen zu mssen
vor Scham, als er meine Mutter einmal frug: 'Was treibt denn eigentlich
die schne Kleine?' Meine Nichtigkeit drckte mich von da an so sehr,
da ich manche Stunde der Nacht wachend zubrachte, alle Bcher, deren
ich habhaft werden konnte, um mich herum.

"Nach der Geburt von Alma, Goethes reizender Enkelin, die meine
lebendige, sehr geliebte Puppe war, wurden meine Beziehungen zu Goethes
Haus und Familie sehr innige. Tglich stieg ich nun zu Ottilie hinauf,
ich lernte die kleine Alma wickeln, ihr Milch im Schnabeltchen geben,
bekmmerte mich zu Anfang wenig um die Mutter, und wenn die Kinderfrau
beschftigt war, hie es: Frulein von Pappenheim ist ja da und hat das
Kind. Einst, an einem Sonntag, kam ich aus der Kirche, Ottilie war nicht
in ihrer Stube, ich hatte mein Pppchen und spielte mit ihm. Pltzlich
trat ein junger Mann herein, sah uns betroffen an, wirbelte seltsam im
Zimmer umher, so da ich ganz ngstlich wurde. Als Ottilie auf mein
Rufen erschien, entpuppte er sich als junger Englnder, Namens
Thistelswaite, der an Goethe empfohlen war und den er heraufgeschickt
hatte. Goethe frug nach ihm, und Ottilie erzhlte von seinem aufflligen
Benehmen, worauf Goethe lchelnd sagte: 'Wer so schne Freundinnen hat,
mu fr Schleier sorgen,' eine uerung, die mich mehr beglckte als
alle Schmeicheleien, die ich je gehrt hatte.

"Walter und Wolf Goethe liebte ich bald mit einem ebenso mtterlichen
Gefhl wie ihre Schwester, und daraus entwickelte sich nach und nach die
Freundschaft mit der Mutter. Ihr edler, poetischer Geist, ihre
liebenswrdige Gabe, aus jedem Menschen das Beste und Klgste, was in
ihm lag, heraufzubeschwren, das Neidlose, Klatschlose, geistig
Anregende im Verkehr mit ihr bten einen unwiderstehlichen Zauber auf
mich aus; der Weg nach den Dachstuben zu dem 'verrckten Engel', wie sie
meine Tante Egloffstein, zu der 'Frau aus einem anderen Stern', wie sie
ihre Freundin, die Schriftstellerin Anna Jameson, nannte, wurde nur zu
gern von mir zurckgelegt. So kam ich hufig an Goethes Tr vorber;
kehrte ich ein, so war es in seinem E- und Empfangszimmer oder in
seinen Grten, wo ich ihn traf. Er selbst fhrte damals schon krperlich
das regelmige Greisenleben, was ihn sicher so lange geistig frisch
erhalten hat. Der einfache Wagen Karl Augusts hielt etwa zweimal in der
Woche vor Goethes Haus, whrend die wunderbaren Freunde oben zusammen
waren. Der 28. August 1827 versammelte zum letztenmal eine Schar
Gratulanten in Goethes Zimmern. Spter unterblieb auf seinen Wunsch der
groe angreifende Empfang. Damals berbrachte Knig Ludwig von Bayern
dem Dichter seinen Orden. Es war ein bewegter Augenblick, doch die Menge
der Frsten auf weltlichem und geistigem Gebiet beachtete ich wenig
neben dem wunderbaren Glanz der Goetheaugen. Das Jahr darauf schickte
Knig Ludwig einen antiken Torso als Geburtstagsgeschenk an Goethe,
wovon sein Friseur Kirchner, welcher tglich die Frisur auf dem
Jupiterhaupte herstellte, meiner Mutter erzhlte: es wr' ein Mann ohn'
Kopf und Arm', die wrden aber wohl nachkommen.

"Zu einem spteren 28. August -- seinem letzten Geburtstag -- schickte
ich ein Paar Pantoffeln; da ich aber nie eine Knstlerin, ja nicht
einmal eine Verehrerin von sogenannten Damenhandarbeiten war, schmte
ich mich meiner unvollkommenen Gabe und schrieb, da ich nicht wagte, sie
selbst zu bringen, folgende Verse dazu:

    Nur ganz bescheiden nah ich heute mich,
    Wo so viel schnre Gaben dich umringen;
    Doch, Herr, Bedeutung hab auch ich,
    Denn Liebe und Verehrung soll ich bringen;
    Drum, wenn auch Hhre, Meister, dich begren,
    Mir gnne nur den Platz zu deinen Fen.

    'Zwar kann ich Engeln nicht Befehle geben,
    Da seine Schritte sie mit Liebe fhren,
    Doch will ich weich mit Seide euch durchweben,
    Da ihn kein Steinchen mge hart berhren;'
    So sprach die Herrin, und so la mich schlieen
    Und gnn auch ihr den Platz zu deinen Fen.

"Es war etwa elf Uhr vormittags, als Friedrich, Goethes wohlbekannter
Diener, mir auf meiner Eltern Treppe begegnete, um der Freudestrahlenden
des Dichters Dank zu bringen. Auf rosa gerndertem, groem Bogen las ich
folgende Antwort:[66]

    Dem heil'gen Vater pflegt man, wie wir wissen,
    Des Fues Hlle, fromm gebeugt, zu kssen;
    Doch! wem begegnet's, hier, im langen Leben,
    Dem eignen Fuwerk Ku um Ku zu geben?
    Er denkt gewi an jene liebe Hand,
    Die Stich um Stich an diesen Schmuck verwandt.

Am 28. August 1831

Der lteste Verehrer J. W. v. Goethe.


"Zu meinem Geburtstag schenkte mir der verehrte Greis einen goldenen
Ring, dessen Stein eine lanzenartige Spitze zeigt.[67] Er nannte diese
mit freundlich-galanten Worten einen Pfeil. Die Zeit und die genauen
Worte, mit denen er allegorische Beziehungen zu freundschaftlich
berschtzten Gaben in mir bezeichnen wollte, habe ich vergessen, doch
fllt das Geschenk in Goethes letzte Lebensjahre. Auch einen
Separatabdruck seiner Iphigenie schenkte er mir mit der auf rosa Papier
geschriebenen Widmung:[68]

Freundlich treuer Gru und Wunsch zum siebenten September 1830.

Weimar.

Goethe.


"Noch einmal wurde mir die Freude eines poetischen Grues zuteil. Grfin
Vaudreuil, die schne Frau des franzsischen Gesandten, hatte mich fr
sich in Buntstift zeichnen lassen. Sie schickte das Bild zur Ansicht an
Goethe, der, in der Meinung, ich habe es ihm gesandt, mir folgende Verse
zukommen lie:


Der Bekannten, Unerkannten.

    Dich sh ich lieber selbst,
    Doch knnt ich nur verlieren,
    Wer drfte dann dein Auge so fixieren.

Am 16. Januar 1832.

Goethe.


"Auf dringende Bitten meiner Schwester und liebsten Freundin Pauline,
welche Nonne im Kloster _Notre dame des oiseaux_ in Paris war, schenkte
ich das Manuskript dieser Verse, vielleicht die letzten von Goethes
Hand, der Bibliothek dieses Pariser Klosters. Der damalige Bibliothekar
war ein sehr gelehrter Abb, der in Gttingen studiert hatte und
deutsche Literatur, Goethe besonders, kannte und liebte.

"Ein anderes Blatt, das Goethe mir einmal fr die Autographensammlung
eines Freundes, der aber inzwischen pltzlich gestorben war, geschenkt
hat, enthlt folgenden Vers:

    Nun der Flu die Pfade bricht,
    Wir zum Nachen schreiten,
    Leuchte, liebes Himmelslicht,
    Uns zur andern Seiten.

Joh. Wolfgang v. Goethe.[69]


"Die Geselligkeit in Goethes Haus war ein vielfaches Kommen und Gehen;
wenn es ihm lstig wurde, gab er oft auf Wochen den Befehl, keine
Fremden mehr zu melden, und der Fall ist vorgekommen, da Amerikaner ihn
nicht anders sehen konnten, als wenn er im langen Rock oder grauen
Mantel zur Spazierfahrt vor der Haustr in den Fensterwagen stieg. Der
beste und liebenswrdigste Blitzableiter war Ottilie, der er namentlich
die an ihn empfohlenen Englnder zuschickte, die den Weg in die
einfachen, aber geistig durchleuchteten Dachstuben hufig fanden. Hatten
sich die Visitenkarten sehr angehuft, so vermochte sie ihn zu einer
Abendgesellschaft, wo er sich vorher sehr nach den Herzensangelegenheiten
seiner Gste erkundigte und ihr die eigentlich berflssige Empfehlung
machte: da ihm (oder ihr) sein Glck begegne. Da sah man denn hoch, gro,
etwas steif den Dichterfrsten die Gste empfangen. Das Aldobrandinizimmer
barg den Kreis der Mtter und Tanten und, da Goethe bei solchen
Zwangsgelegenheiten selbst wenig sprach, oft eine groe Portion
Langerweile; das Urbinozimmer daneben wute davon nichts, da war fr 'die
Begegnungen des Glcks' gesorgt. Waren diese Gesellschaften durch besondere
Gren der Kunst und Wissenschaft, Humboldt, Rckert, Zelter, Rauch, Felix
Mendelssohn, veranlat, so hatten sie einen anderen Charakter und auch fr
Goethe ein anregendes Interesse.

"Er lud gern zu Tisch ein, wo sein Sohn, Ottilie, Ulrike, die Enkel und
der Hauslehrer die Tischgste waren. Man a nach damaliger Zeit gut,
nach jetziger Zeit einfach; erst in den letzten Jahren hatte er einen
Koch, vorher Haushlterinnen, mit denen er die Wirtschaft fhrte ohne
Ottiliens Hilfe. Er hatte kein Vertrauen in ihre wirtschaftlichen
Talente und sagte wohl scherzend: 'Ich hatte mir so eine kochverstndige
Tochter gewnscht, und nun schickt mir der liebe Gott eine Thekla und
Jungfrau von Orleans ins Haus.' -- Die Unterhaltung war bei diesen
kleinen Anlssen stets sehr animiert. Sie drehte sich immer um
Gegenstnde der Kunst und Wissenschaft. Seine Augen schleuderten Blitze,
sobald irgendeine Klatscherei zum Vorschein kam. Bei einer solchen
Gelegenheit wurde er einmal sehr derb, er rief mit drhnender Stimme:
'Euren Schmutz kehrt bei euch zusammen, aber bringt ihn nicht mir ins
Haus.'

"Eines sehr belebten Mittagsmahles wei ich mich zu entsinnen, das zu
Ehren der Polen Mickiewicz und Odyniec stattfand, beide uerst
liebenswrdige, geistreiche Menschen, besonders ersterer ein echtes Kind
seiner Heimat: himmelhochjauchzend, zu Tode betrbt.

"Zu Ehren von Tiecks -- Vater, Mutter und zwei Tchter -- waren auch
einmal oben bei Ottilie und unten bei Goethe Feste arrangiert worden.
Goethe sah die Familie zuerst bei sich zu Tisch; ich war zwar nicht
gewnscht, erlaubte mir aber, mit dem Vorrecht der Jugend, nachher in
das Allerheiligste einzudringen, um Tiecks zu Ottilie zu geleiten,
whrend der alte Herr andere Gste empfing. Es kam auf Walter Scott die
Rede, welchen er sehr schtzte, was meinem englisch empfindenden Herzen
wohl tat, nur wagte ich die Einwendung, da _'The fair maid of Perth'_
nicht immer allzu unterhaltend sei, worauf mir ein strafender
Seitenblick und ein 'Die Kinder wollen eben immer noch bunte
Bilderbcher' zuteil wurde.

"Einige Tage spter war Tee bei Ottilie. Man stand umher, sprach mit
gedmpfter Stimme, sah sich bei jedem Gerusch erschrocken nach der Tr
um, als ob eine Geistererscheinung erwartet wrde, aber sie kam nicht.
Ottilie sollte sie heraufbeschwren, doch die irdischen wie die
himmlischen Geister sind eigensinnig.

"Man wurde unruhig, Tieck wechselte die Farbe, bi sich auf die Lippen,
immer hufiger flogen die unsichtbaren Engel durchs Zimmer. Ich wandte
mich an Eckermnnchen, der still in einer Ecke stand und eben sein
unvermeidliches Notizbuch einsteckte. 'Er will nicht,' sagte er; da nahm
ich meinen Mut zusammen und ging hinunter. Die ersten Stufen lief ich,
die letzten schlich ich nur langsam, denn ich frchtete mich doch etwas
und wre fast schon umgekehrt, wenn ich mich nicht vor Friedrich
geschmt htte. Er wollte mich nicht melden; ich solle nur so
hineingehen, meinte er.

"Goethe stand am Schreibpult im langen offenen Hausrock, einen Haufen
alter Schriften vor sich; er bemerkte mich nicht, ich sagte schchtern:

"'Guten Abend!'

"Er drehte den Kopf, sah mich gro an, rusperte sich -- das deutlichste
Zeichen unterdrckten Zorns. Ich hob bittend die Hnde.

"'Was will das Frauenzimmerchen?' brummte er.

"'Wir warten auf den Herrn Geheimrat, und Tieck --'

"'Ach was,' polterte der alte Herr, 'glaubt Sie, kleines Mdchen, da
ich zu jedem laufe, der wartet? Was wrde dann aus dem da?' und damit
zeigte er auf die offenen Bogen; 'wenn ich tot bin, macht's keiner.
Sagen Sie das droben der Sippschaft. Guten Abend.'

"Ich zitterte beim Klang der immer mchtiger anschwellenden Stimme,
sagte leise 'Guten Abend', doch es mochte wohl sehr traurig geklungen
haben, denn Goethe rief mich zurck, sah mich freundlich an und sprach
mit ganz verndertem Tonfall:

"'Ein Greis, der noch arbeiten will, darf nicht jedem zu Gefallen seinen
Willen umstimmen; tut er's, so wird er der Nachwelt gar nicht gefallen.
Gehen Sie, Kind, Ihre frohe Jugend wird denen da oben besser behagen,
als heut abend mein nachdenkliches Alter.' -- --

"Unvergelich ist mir die liebste Erinnerung an Goethe: Ich war mit
Ottilie an einem schnen Frhlingstage zu Fu nach Tiefurt gegangen;
lange hatten wir auf dem stillen friedlichen Platz neben dem Pavillon
gesessen; der Blick nach der mit alten schnen Bumen bewachsenen Anhhe
war wohltuend und regte zu vertraulichem Gesprche an. Der Vormittag war
verstrichen, und wir gingen durch den Park nach der oberen Chaussee;
dort hielt ein Wagen, Goethe stieg aus, umfate jede von uns mit einem
Arm und fhrte uns zurck nach der Ilm, lebhaft von Tiefurts Glanzzeit
und der Herzogin Amalia erzhlend. An einem lnglich viereckigen Platz,
von alten Bumen umgeben, blieb er stehen, es war der Teeplatz der edlen
Frstin; etwas weiter zeigte er uns die Stellen, fr die er 'Die
Fischerin' geschrieben hatte und wo sie aufgefhrt worden war. So weich
und mild sah ich ihn nie, der ganze Tag war so harmonisch -- langsam
stiegen wir den Berg hinauf, wo der Wagen hielt, und fuhren zusammen
nach Weimar zurck. Vor Goethes Haustr stand ein kleiner Knabe, der
Pfefferkuchen feilbot; Goethe nahm ein Herz, ber dem zwei Tubchen
eintrchtig saen, schenkte es mir und lud mich noch zu Mittag ein, was
Friedrich rasch meinen Eltern kundtun mute. Nach Tisch holte er seinen
Faust, an dessen zweitem Teil er noch arbeitete und aus dem er Ottilie
oft vorlas. Jetzt durfte ich ihm lauschen, ich htte es ewig tun mgen,
nie den 'Platz zu seinen Fen' zu verlassen brauchen. Es dmmerte, als
ich gehen mute. Die Hand, die er mir reichte, zog ich dankbar und
ehrfurchtsvoll an die Lippen. Er sah wohl, welch einen Eindruck ich mit
mir nahm, und sagte noch, als ich mit Ottilien an der Tr stand: 'Ja,
ja, Kind, da habe ich viel hineingeheimnit.'

"Mit Julie Egloffstein, Adele Schopenhauer und anderen kam ich oft zu
ihm, aber keine Erinnerung war mir lieber als jene. Das
Pfefferkuchenherz behielt ich, bis es in Staub zerfiel, die Erinnerung
wird niemals zerfallen.

"Anmutig war eine Stunde in Goethes Hausgarten, wo ich mit Ottilie einem
Menschenschdel, den wir am Zaun gefunden hatten, wrdigere Ruhe unter
einem Baum bereitete. Goethe hatte uns von seinem Arbeitszimmer im
sonnigen Garten gesehen, kam herunter und sagte: 'Ihr Frauenzimmerchen
verklrt auch noch den Tod.' Wir hofften den Gedanken gedichtet zu
bekommen, aber es blieb bei der schnen Prosa.

"Ein andermal berfielen wir, eine Schar bermtiger Mdchen, den
Dichter zur Abendzeit in seinem Gartenhaus. Wir kamen von Tiefurt und
brachten ihm eine Menge Frhlingsblumen. Dabei hatte eine von uns das
Unglck, den Gipsabgu einer Venus umzustoen. Wir wurden bla vor
Schreck, einen Zornausbruch erwartend; die Snderin selbst brach in
Trnen aus. Ein sonniges Leuchten flog jedoch ber seine Zge, er drohte
mit dem Finger und meinte: 'Ei, ei, wer wird um die tote weinen, wo
Venus so viel lebende Vertreterinnen hat.'

"Oft sah ich ihn zwischen seiner Malvenallee im Parkgarten auf und
nieder gehen; er mochte wohl an seine Farbenlehre denken, da ihn die
vielfarbigen besonders erfreuten. -- Vielfache kleine, durch ihn gro
werdende Erinnerungen tauchen aus meiner Jugend bei mir auf, es fehlt
aber fr andere der Rahmen des damaligen uerlich sehr einfachen, in
Herz und Geist sehr geschmckten weimarischen Lebens. Es war nicht ganz
ohne Zopf, nicht ganz ohne Snde, auch reich an Leiden und Kmpfen, um
so mehr, als zu den wirklichen noch viele gemachte und eingebildete
kamen, die sich dadurch verwickelten, da man der Liebe eine
Berechtigung auch auf Kosten der Pflichten einrumte, doch dieser
Allerweltsstoff wurde in Weimar aus der Gemeinheit herausgehoben, mit
edlen Waffen bekmpft, poetisch verwendet. Unser Leben blieb reiner und
harmonischer als das Leben der jungen Generation. Man hatte Zeit
freinander und fr sich selbst, das Hasten und Jagen unserer Zeit war
uns unbekannt, das Leben nach innen hin tiefer und reicher, so arm es
nach auen erscheinen mochte. Und doch fiel auch meine Jugend schon in
den Abend dieses geistigen Lebens -- eine schne Mondscheinnacht mit
mildem, hohem, die Landschaft verklrendem Licht!

"Schiller, Herder, Wieland waren lngst tot. Frau von Schiller und ihre
Schwester, Frau von Wolzogen, kannte ich nur als alte Damen. Erstere
ging regelmig im Park spazieren, den Mops an der Leine, und hatte
wenig mehr von dem, womit sie als Schillers reizendes Weibchen oft
erwhnt worden war. Ihre Tochter Emilie, sptere Frau von
Gleichen-Ruwurm, wurde mit uns Kindern zu den Prinzessinnen eingeladen,
war aber viel lter als wir alle und der Gegenstand meiner stillen
Huldigung. Die Romane 'Gabriele' von Johanna Schopenhauer, 'Agnes von
Lilien' von Frau von Wolzogen, 'Rmhilds Stift' von Frau von Ahlefeldt,
welche diese Damen bekannt gemacht hatten, wurden noch gelesen, die
Autorinnen selbst waren noch geistesfrisch, aber doch auf Ausleben
vorbereitet. Von Wielands Nachkommen kannte ich die kleine Enkelin Lina
Wieland, die im Hause des Grovaters, unserer Wohnung gegenber, wohnte,
und Frulein Stichling, deren Vater in zweiter Ehe die Tochter Herders
heiratete, eine geistig und praktisch gebildete, still und sinnig ihrer
Familie lebende Hausfrau. Auch Charlotte von Stein sah ich fters, da
ich mit ihrer Enkelin und treuen Pflegerin befreundet war. Ich wurde zum
Tee zu ihr gebeten; dann sa sie alt, schweigsam, freundlich hinter
einem grnen Lampenschirm, irgendein Werk Goethes vor sich.

"Noch weiter zurck in den Erinnerungen und in den Kreisen, die Goethe
und Karl August mit bersprudelndem Geist und Herzen belebt hatten,
fhren mir die Gedanken einige Persnlichkeiten aus der Zeit der
Herzogin Amalie vor. Da schreitet Einsiedel, alt, gebeugt, mde, sich
schwer auf den Stock mit dem goldenen Knopf sttzend, an mir vorber. Er
geht, die hohen Treppen eines Hauses am Ende des heutigen Karlsplatzes
nicht scheuend, tglich um zwei Uhr zu der ebenso alten, ebenso mden
Adelaide von Waldner. Beide waren am Hofe Anna Amalias jung gewesen; die
groe, tiefe Liebe, die sie verbunden hatte, konnte nicht zur Ehe
fhren, wohl aber zu lebenslnglicher, reiner Freundschaft. Das
Zusammensein der Greise strte niemand, bis ihm selbst die Krfte
versagten. Er starb vor ihr, und als sie ihr Ende nahen fhlte, bat sie
meine Mutter, ihre Verwandte und Freundin, ein Pckchen vergilbter
Briefe, das sich in einem geheimen Schubfach fand, zu verbrennen. Es war
die Korrespondenz mit Einsiedel, whrend er sich in Italien befunden
hatte. Ein paar halb zerfallene Blumen nahm sie mit sich ins Grab. --
Frisch und jugendlich hatte sich ihr Zeitgenosse Knebel erhalten. Wenn
ich nach Jena kam, wo mein Onkel Ziegesar Prsident und Kurator war,
besuchte ich ihn zuweilen. Er ging nicht mehr aus, erfreute sich an
seinem Garten, an der Aussicht in die Berge und lebte immer in einem
stillen, drolligen Kampf mit seiner viel jngeren Frau, deren
Lebhaftigkeit mit seiner Ruhe sehr kontrastierte. Sie hatte den Turban
aus der Zeit und Mode der Frau von Stal beibehalten, und es amsierte
mich sehr, wenn er bei jeder ihrer schnellen Bewegungen hin und her
schwankte.

"Zwei eigentmliche Erscheinungen aus meiner Kinderzeit waren Herr und
Frau von Schardt, die neben uns wohnten und meinem Bruder und mir sehr
freundlich waren. Sie war innig befreundet mit Zacharias Werner, der das
'Kreuz an der Ostsee' geschrieben hatte. Dieses ganz geistige Verhltnis
bekundete sich doch auch in kleinen Liebesgaben. Sie stickte einst eine
damals sehr beliebte seidene Weste mit der ausgesprochenen Absicht:
'Wenn sie hbsch wird, bekommt sie Werner, wenn sie nicht hbsch wird,
bekommt sie der gute Schardt.'

"Selten nur sah ich Frau von Heygendorf und dann meistens auf
irgendeinem ihrer Armenwege. Sie war unendlich wohlttig, sanft und gut,
so da ich sie niemals hlicher Intrigen fr fhig gehalten habe. Die
Liebe zu Karl August war eine sie so vollstndig erfllende, da man bei
seinem Tode fr ihren Verstand frchtete. Das Theater, dessen Zierde sie
gewesen war, besuchte sie nicht einmal mehr. Auch Goethe ging nur selten
hinein, blieb dann gern unbemerkt im Hintergrunde, und nur bei der
ersten Auffhrung des ersten Teils vom Faust sah man ihn einen
Augenblick sich vorbeugen. Ein Flstern 'Goethe ist auch da' verkndete
seine Anwesenheit und erhhte unsere Andacht.

"Auch die Groherzogin Luise lebte immer zurckgezogener. Sie liebte die
groen Feste nicht mehr und war bei kleinen Empfngen stiller denn je;
um so wertvoller war mir ein Ku, ein freundliches Lcheln, da sie wenig
sprach. Unserem jugendlich bermtigen Leben und Treiben stand sie fremd
und vielfach mibilligend gegenber, war sie doch selbst niemals so
recht von Herzen jung gewesen. So hatte sie sich auch frher nie von dem
genialischen Treiben in der Musenstadt hinreien lassen; aber es ist
durchaus falsch, wenn man daraus beweisen will, da sie berhaupt kein
Verstndnis dafr hatte. Sie sah es nur nicht, wie so manches unechte
Genie, als notwendigen Beweis geistiger Gre an. Sie bewunderte, sie
verstand Goethe wie wenige, aber nicht den Menschen, sondern den
Dichter, den Gelehrten; sie fhlte sich dem Geiste ihres Gemahls aufs
innigste verbunden, ihre unendliche Liebe hatte fr seine Schwchen
immer wieder Vergebung, aber kein Vergessen und kein Verstehen. Sie war,
so schien es, schon auf einer hheren seelischen Stufe geboren, zu der
sich andere erst mhsam emporarbeiten mssen. Selbst ihr Schmerz hatte
etwas Heiliges an sich. Als Karl August gestorben war, verschlo sie
sich lange vor jedem Blick. Niemand sah ihr furchtbares Leid, denn als
sie vor uns erschien, war sie ruhig und gefat und dachte sofort daran,
andere zu trsten, Goethe vor allem, der aber schon abgereist war. Sie
soll ihm, wie Julie Egloffstein mir sagte, einen langen Brief
geschrieben haben, den aber niemand zu sehen bekam. Gleich nach
Goethes Heimkehr ging sie allein zu ihm. Kurz nachher traf ihn
Ottilie im Lehnstuhl sitzend, whrend er immer vor sich hin murmelte:
'Welch eine Frau, welch eine Frau.' Zu Julie Egloffstein sagte die
Groherzoginmutter: 'Goethe und ich verstehen uns nun vollkommen, nur
da er noch den Mut hat, zu leben, und ich nicht.'

"Sie schien auch keine Lebenskraft mehr zu haben und zeigte sich nur
noch im engsten Familienkreise. Nicht lange darauf, am 14. Februar 1830,
folgte sie dem geliebten Gatten zur ewigen Ruhe. Es ist sehr
schmerzlich, da wir immer erst nach dem Verlust voll empfinden, was wir
besessen haben. So auch hier; wir alle, das Land, das Volk fhlten uns
verwaist. Goethes Sohn war so ergriffen, wie ich ihn nie vorher gesehen
hatte, und Goethe sagte mit trbem Blick: 'Ich komme mir selber mythisch
vor, da ich so allein brig bleibe.'

"Noch Schwereres stand dem Greise bevor, als der Heimgang der liebsten
Freunde und der Lebensgefhrtin fr ihn gewesen war: die ewige Trennung
von dem einzigen Sohn, der in seinen sorgenden Gedanken und in seinem
Herzen einen so groen Platz einnahm. Sein Tod wirkte furchtbar auf den
Vater, denn ob er auch bei jedem Schmerz Stille, Arbeit, Einsamkeit als
letzte Heilmittel suchte und seinen ueren Ausbruch so sehr
unterdrckte, da man ihn neuerdings oft deshalb herzlos schilt, er
empfand so tief wie wenige, darum litt er auch krperlich so sehr
darunter. Nur beim Tode seiner Frau, so erzhlte mir Huschke, war er
weinend vor ihrem Bett in die Knie gesunken mit dem Ausruf: 'Du sollst,
du kannst mich nicht verlassen!' Als die Trauerglocken den Einzug des
toten Karl August uns allen wehmutsvoll in die Seele luteten, war er
still verschwunden. Den Kanzler Mller, der den Auftrag hatte, ihm des
Sohnes Tod mitzuteilen, lie er nicht zu Worte kommen, er sah ihn nur
gro an und ging hinaus. Da er die Kunde erraten hatte, wurde klar, als
Ottilie den nchsten Morgen in Trauerkleidern bei ihm eintrat und er ihr
die Hnde mit den Worten entgegenstreckte: 'Nun wollen wir recht
zusammenhalten.' Dann versuchte er zu arbeiten, verschlo sich vor jedem
Besuch, wollte schlielich verreisen; ein Blutsturz warf ihn aufs
Krankenlager und zeigte nur zu deutlich, wie entsetzlich er litt. Bei
allen geistig bedeutenden Menschen scheint Geist und Krper besonders
innig zusammengewachsen zu sein, das ist 'der Pfahl im Fleisch', die
Brde, die groe, dem berirdischen nher als dem Irdischen stehende
Naturen zur Erde zurckzieht. Zu solchen gehrte Goethe, nicht nur als
Dichter, sondern auch als Mensch.

"Wenn er nichts geschrieben htte, wrde er doch in die erste Reihe der
grten Menschen gehren. Er war gut, neidlos, einfach, half und
frderte gern, keine Hochschtzung der Welt hat ihn eitel, keine ihrer
Huldigungen hat ihn anmaend gemacht. Was vielen als Egoismus erschien,
das Wegrumen uerer Hindernisse auf dem Wege zu seinen Zielen, hat
diese Ziele mglich gemacht. Er gab seinem Volke eine Sprache, den
deutschen Geistern einen Mittelpunkt, er weckte schlummernde Krfte,
Gedanken, Gefhle und Bestrebungen in einem Mae, welches sich besonders
darin dokumentiert, da nach einem Jahrhundert seines Wandelns und
Wirkens kaum ein deutsches Werk erscheint ohne Motto aus Goethes
Schriften und ohne Zitate zur Bekrftigung ausgesprochener Ansichten. So
reich und voll er das geistige Leben erfate und beherrschte, so
bedrfnislos war er im ueren Leben. In seinen unansehnlichen
Wohnstuben leuchteten und lebten mit ihm, durch ihn und in ihm groe und
gute Geister, in seiner unansehnlichen Equipage, in seinen
unansehnlichen grauen Mantel gehllt, spendete er Gedanken,
Lebensweisheit, menschenfreundliche Gesinnungen; in seinen einfachen
Grten war keine Blume fr ihn ohne Genu, kein Licht- und Farbeneffekt
ohne Beachtung, keine Naturerscheinung ohne Gedankenanregung.

"Wie groartig waren die letzten Stunden seines Lebens, ruhig, mild, mit
klarem Geist, noch empfnglich fr anmutige Kunstleistung. Ein Maler
hatte ihm das Bild[70] der schnen Grfin Vaudreuil geschickt, er
betrachtete es aufmerksam: 'Wie gut ist es doch, wenn der Knstler nicht
verdirbt, was Gott so schn gemacht hat.' Noch in den letzten Stunden
stand er hoch aufgerichtet in der Tr seiner Stube, so da er
ungewhnlich gro erschien. Das bekannte Wort 'Mehr Licht' (?) mag er
wohl gesagt haben, klar und deutlich aber sprach er seine letzten Worte:
'Nun kommt die Wandlung zu hheren Wandlungen.' Er starb kampflos,
sagten die Anwesenden, nur Ottilie warf sich mir gleich darauf
schluchzend in die Arme: 'Und das nennen die Leute leicht sterben!'
Bekannte und Verwandte wollen nach seinem Tode eine unerklrliche
Trauermusik gehrt haben, als ob die Noten im Musikschrank lebendig
geworden wren. Grfin Vaudreuil versicherte mir, da es so gewesen sei,
auch Ulrike von Pogwisch sprach davon; ich selbst war so betubt an dem
Tage, da ich keine Rechenschaft zu geben vermag, was Wahrheit, was
Phantasie gewesen ist. Ebenso ging es mir bei dem Mittagsspuk im
Parkgarten, den August und Ottilie, Walter und Wolf Goethe empfunden
hatten und der nach Goethes Tod besonders auffllig gewesen sein soll.
Ich war lange dort und empfand nichts von der mir betriebenen
unheimlichen Stille, die ein entsetzliches Angstgefhl verursachen
sollte. Goethe selbst war es, der mir bei einem Besuch im Gartenhaus den
Ursprung des Spukes folgendermaen erzhlte: 'Ich habe eine unsichtbare
Bedienung, die den Vorplatz immer rein gefegt hlt. Es war wohl Traum,
aber ganz wie Wirklichkeit, da ich einst in meiner oberen Schlafstube,
deren Tr nach der Treppe zu auf war, in der ersten Tagesfrhe eine alte
Frau sah, die ein junges Mdchen untersttzte. Sie wandte sich zu mir
und sagte: 'Seit fnfundzwanzig Jahren wohnen wir hier, mit der
Bedingung, vor Tagesanbruch fort zu sein; nun ist sie ohnmchtig, und
ich kann nicht gehen.' Als ich genauer hinsah, war sie verschwunden.'

"Etwas Unheimliches habe ich, wie gesagt, nach seinem Tode nicht
bemerkt, wenn nicht das Gefhl des Verlassenseins, das sich unser Aller
bemchtigte, unheimlich genannt werden kann. Tglich ging ich, wie
sonst, den gewohnten Weg zu Ottilien, aber leise und langsam nur schlich
ich die Stufen empor und schlpfte wohl manchmal in die verlassenen
Rume, um mich auszuweinen.

"Meine letzte Erinnerung an Goethe war der ernste, mchtige, stille
Trauerzug, der ihn in weihevoller Stunde zu Karl Augusts Frstengruft
geleitete.

       *       *       *       *       *

"Als ich noch ein Kind war, ging ich allsonntglich zur Kirche, faltete
allabendlich die Hnde zum Gebet, jeden Morgen galt mein erster Gru dem
lieben Heiland. Da sah ich Goethe, er streichelte mir das Haar, er
lchelte freundlich und schenkte mir ein Krbchen Erdbeeren, das er
gerade einem armen, zerlumpten Mdchen abgekauft hatte, fr mehr Geld,
als es verlangte, wie ich deutlich bemerkte. Von nun an wurde jeder Tag
mir zum Fest, an dem ich ihm begegnete; ich sah ihn berall: im Park, im
Wald, auf der Strae, zu Haus, nur in der Kirche nicht.

"'Warum geht der Herr Geheimrat nicht in die Kirche?' frug ich.

"'Er ist kein Christ!'

"Ich erschrak tdlich. Wie konnte das sein? Wie konnte er lcheln, wie
konnten die Leute ihn gren, wie konnte er leben und war doch kein
Christ?

"Ich wuchs heran. Da hrte ich, da einer armen, fleiigen Familie das
Haus abgebrannt war; ich ging hin, um ihr mit meinen schwachen Krften
beizustehen, und fand sie glcklich und zufrieden in einem neuen Heim:
"Der Herr Geheimrat hat uns schon geholfen." -- Wie konnte er barmherzig
sein, wie konnte Segen auf seiner Gabe ruhen? Er war ja kein Christ!

"Und die Jahre vergingen. Ich machte die Bekanntschaft eines frommen
Mannes und freute mich dessen. Er gab mit vollen Hnden, er sprach so
schn von Gott und Christentum; keine Kirche in seiner Gegend gab es,
die nicht von ihm untersttzt worden wre, kein Sonntag verging, ohne
da er vor dem Altar des Herrn gekniet htte. Eines Tages a ich bei
ihm, ein Diener zerbrach eine Schssel, und sein Herr schlug ihn dafr.
Dann hrte ich von seinem Bruder sprechen; man sagte, er sei sehr arm.
'Er ist ein Ketzer und Gottesleugner und trgt gerechte Strafe,' sagte
mein Wirt. Ich erschrak, denn er war ja ein Christ!

"Ich wurde ein Weib, ich sah das Elend in der Welt, die bitterste Armut
in den Htten, und Kirchen von Gold strotzend, und Priester in Seide und
Spitzen -- da dachte ich an ein schlichtes Zimmer mit niedrigen Fenstern
und hlzernen Sthlen, an einen Mann darin im langen, grauen Rock mit
einer milden Hand, leuchtenden Augen, herrlichen Gedanken -- war er
nicht doch ein Christ?!

"Nun bin ich alt. Ich erschrecke nicht mehr, wenn ein geliebter Mensch
die Kirche meidet, aber ich bin verzweifelt, wenn er an den Htten der
Armut vorbergeht. Ich bewundere nicht mehr den frommen Mann, dessen
Name in allen Kirchenkollekten zu finden ist, aber ich verachte den, der
es versumt hat, ihn in die Herzen der Menschen zu schreiben."




Freundschaft und Liebe


Die Zeit, in die Jennys Jugend fiel, pflegt heute als die des
Biedermeiertums bezeichnet zu werden, und der moderne Gebildete, dessen
prtentiser Geisteshochmut jeden Zweifel an seiner tiefgrndigen
Kenntnis aller Dinge fr verdammenswerte Majesttsbeleidigung erklrt,
stellt sich darunter eine Periode geruhigen, geistesarmen Philistertums
vor, eine ereignislose Pause inmitten der beiden Akte der Welttragdie:
Napoleon und 1848. Redselige Gefhlsergsse, die Pfeife und die geblmte
Kaffeetasse sind, so meint er, ihre Symbole. Wer aber unter dem Einflu
dieser allgemein verbreiteten Auffassung in der Geschichte der
Menschheitsentwicklung nach dieser Pause sucht -- sehnschtig sucht
vielleicht, wie der vom Lrm der Grostadt Umtoste nach einem stillen,
grnen Winkel -- der mag die Jahresbltter noch so oft hin und her
wenden, er findet sie nicht. Und vor dem, was er findet, lst sich das
Bild der guten alten Zeit auf wie ein Traum am Morgen.

Nationale Kmpfe erschtterten Europa. Der Freiheitskampf der Griechen
begeisterte die Jugend, der der Polen stempelte sie wieder zu
bewunderten Mrtyrern; die Magyaren und die Italiener rangen um ihr
Volkstum. Unterirdisch und doch fr alle schon fhlbar grollte der durch
die Metternichsche Zuchthauspolitik erregte Zorn des Brgertums.
Politische Attentate in ungewhnlich groer Zahl wurden zu Verkndern
der Revolution der Zukunft. Und die trotz aller Beschrnkung der
Prefreiheit sich rasch ausbreitende Tagespresse begann in das stille
Heim des Brgers den Strom des ffentlichen Lebens zu leiten und wurde
zum Sprachrohr nicht nur der Unterdrcker, sondern auch der langsam zur
Manneskraft reifenden liberalen Ideen. Daneben aber entwickelte sich mit
der zunehmenden Zahl der zum Himmel ragenden Fabrikschlote, mit der
wachsenden Herrschaft der Maschinen etwas Neues, nie Dagewesenes: das
Selbstbewutsein der in den Hllen der Industriemagnaten
zusammengezwngten Massen. In England und Frankreich griffen sie zum
erstenmal zur Selbsthilfe der Arbeitseinstellung, und gegenber dem
allgemeinen Elend fingen soziale Ideale an, Hirn und Herz der Denker und
Dichter zu erobern. St. Simons Sozialismus ward vielen zur neuen
Religion, von der sie die Erlsung der Welt erwarteten.

Doch das wachsende Interesse fr politische und soziale Fragen nahm den
geistig belebten und empfnglichen Teil der Bevlkerung nicht in dem
Mae in Anspruch, da Kunst und Wissenschaft darber zu kurz gekommen
wren. Die Tatsache, da deutsche Gelehrte -- Vertreter jenes Typus
weltfremder Stubenweisheit -- ihre stille Studierstube verlieen und auf
die groe Bhne des politischen Kampfes traten, trug mit dazu bei, da
auch die Ergebnisse ihrer Forschungen ber den engen Kreis der
Fachgelehrsamkeit hinaus mehr und mehr in die Kpfe der Laien drangen.
Aber von noch grerer Bedeutung als sie war die Kunst fr das geistige
Leben der Gesellschaft. Je lter der letzte der Klassiker wurde, desto
lebendiger wurden er und seine Zeitgenossen, die Schiller, Herder,
Wieland, fr das gebildete Deutschland. Und die Romantiker mit dem
Zauber ihrer weltentrckenden Phantasie, dem funkelnden Glanz ihrer
Sprache machten ihnen den Rang vielfach streitig. Mit ihnen wetteiferten
um Ruhm und Gunst die glnzenden Sterne am Dichterhimmel des Auslandes
-- Scott, Dickens, Shelley, Lamartine, George Sand, Balzac, Hugo --
whrend die Vertreter des jungen Deutschlands schon anfingen, der
Romantik den Krieg zu erklren.

Da das Berufsleben den Brger noch nicht in jenes Prokrustesbett
fesselte, das ihn heute nur zu oft zu geistiger Verkrppelung zwingt,
und seine Frauen und Tchter die Befreiung aus innerer oder uerer Not
noch nicht in der Lohnarbeit zu suchen brauchten, so gab es in ihrem
Familienkreise die schne Ruhe, die geistiges Genieen ermglicht. Eine
andere Voraussetzung mute allerdings noch hinzukommen, damit dieser
kostbare Besitz nicht in gedankenlosem Zeitvertreib verschwendet werde:
der Seelenhunger nach intellektueller Speise, die Sehnsucht nach Nahrung
fr das Gemt. Hatten die Kmpfe der Zeit die Mnner mehr und mehr aus
dem lethargischen Schlaf geweckt, in dem ein behaglich-einfrmiges Leben
so leicht zu versinken vermag, so hatten die Ideen des St. Simonismus,
die geistige Vorkmpferschaft einer Stal und einer George Sand in
Verbindung mit dem Einflu der das weibliche Geschlecht auf das
Piedestal geistiger Ebenbrtigkeit erhebenden Romantiker, die alte
berzeugung von der Minderwertigkeit der Frauen in ihren Grundfesten
erschttert und ihnen die Augen geffnet fr die Bedrfnisse ihres
eigenen Wesens. Es war nur natrlich, da ihre pltzliche Befreiung aus
den Fesseln alter Sitten und Vorurteile sie auf der einen Seite zu einem
Mibrauch der noch unverstandenen Freiheit, einem kecken Hinwegsetzen
ber alle Hindernisse fhren mute, und auf der anderen, nach der
bisherigen gewaltsamen Unterdrckung, ein berschumender Ausbruch der
Gefhle sich geltend machte. Nachdem die sturmbewegten Wogen sich aber
geglttet hatten, blieb als nicht zu berschtzender Gewinn die
lebendige Anteilnahme der Frauen am geistigen Leben, die freie
Entfaltung ihrer Empfindung und ihrer Fhigkeiten zurck. Der geistige
Einflu einer Rahel, die soziale Wirksamkeit einer Bettina, der erste
deutsche Frauenrechtskampf einer Luise Otto-Peters sind demselben Boden
entsprungen wie der phantastische Selbstmord einer Charlotte Stieglitz,
die Liebesrasereien einer Hahn-Hahn.

"Still und bewegt," dieses schne, von Rahel geprgte Wort war das Motto
der Biedermeierzeit: still das tgliche Leben des einzelnen, still das
Heim, ruhig das Zimmer mit seinen Mullvorhngen und geradlinigen Mbeln;
der Geist aber und das Herz bewegt vom eigenen Denken und Fhlen und von
dem der groen Welt.

Weimar war whrend der zwlf Jahre, die Jenny von Pappenheim als
erwachsenes Mdchen dort lebte, wie ein Brennpunkt der Zeit. Hier hatte
die Klassik der Romantik in ihren besten Vertretern die Hand gereicht,
hier strmte alles zusammen, was geistige Bedeutung besa, und wer von
den Fhrern intellektuellen und knstlerischen Schaffens nicht
persnlich kam, um einmal eine Luft mit dem Grten zu atmen -- als
einen Segen frs Leben --, der wurde doch durch seine Werke den meisten
vertraut. Angehrige aller Nationen kamen, brachten ihre Interessen mit
und die Kunde von ihrem Heimatland. So waren denn die engeren und
weiteren Kreise, die sich um Goethe zogen, in ihrer Mannigfaltigkeit
bunt wie ein Regenbogen und vielfach wechselnd wie ein Wellenspiel. Je
lter Goethe wurde, desto ausgedehnter wurde die Vlkerwanderung. Aus
England besonders, wo es damals zum guten Ton gehrte, die Sprache
Goethes sprechen zu knnen, kamen zahlreiche Gste.

Die jungen Mdchen Weimars sahen sie besonders gern, denn die Fremden
waren meist reiche, unabhngige junge Leute, nur gekommen, um Goethe zu
sehen, Deutsch zu lernen und sich zu amsieren. Keinerlei Berufsarbeit
zog sie von ihren literarischen und anderen Interessen ab, keinerlei
Ermdung durch des Tages Arbeit hinderte sie am Genu der Geselligkeit.
Zu jeder Zeit konnten sie sich den Damen widmen, der einheimischen
mnnlichen Jugend waren sie daher stets ein Dorn im Auge. Alfred von
Pappenheim, der seine Halbschwester Jenny zrtlich liebte und vor seinem
Eintritt in russische Kriegsdienste in Weimar lebte, auch auf Urlaub oft
dorthin zurckkehrte, konnte selbst in seinen Briefen seinen rger ber
die Englnder, die die "ersten Liebhaberrollen spielen", nicht
unterdrcken, und Karl von Holtei, ein hufiger, beliebter Gast in
Weimar, sekundierte ihm dabei, indem er schrieb: "Zum erstenmal in
meinem Leben wnsch' ich ein Englnder zu sein, wenigstens immer so
lang, als ich in Weimar bin, denn

    Weimar an der Ilm ist eine Stadt,
    Schn, weil sie so viel Schnheiten hat,
    Alle Fremden sind wohlgelitten,
    Vorzglich die Briten."

Der Einflu der Englnder, unter denen sich manch einer befand, der
spter im knstlerischen oder politischen Leben eine Rolle spielen
sollte, war unverkennbar: das Interesse fr englische Literatur, das sie
erregten, stieg bis zur Schwrmerei. In den verschiedenen geselligen
Kreisen war die gemeinsame Lektre interessanter Literaturerscheinungen
allgemein blich. Sie regte zu ernsten Gesprchen an und trug dazu bei,
da zu oberflchlicher Unterhaltung und seichtem Tagesklatsch wenig
Neigung blieb. Englische Bcher -- Lord Byron vor allem und Walter
Scott, die beide Goethes hchste Anerkennung gefunden hatten -- wurden
besonders gern gelesen.

Aber auch die franzsische Literatur wurde nicht vernachlssigt. Graf
Alfred Vaudreuil und seine schne Frau Luise, der franzsische Gesandte
am Weimarer Hof, und Graf Karl Reinhard, sein Attach, der Sohn des uns
aus Jeromes Geschichte bekannten Reinhard, sorgten dafr, da sie der
Weimarer Gesellschaft vertraut wurde, und Jennys franzsische
Beziehungen, die besonders durch ihre Korrespondenz mit den Trckheims
und mit Graf Eduard Waldner aufrechterhalten blieben, machten sie selbst
zur geeigneten Mittelsperson fr Frankreichs geistiges Leben, das in den
Namen eines Chateaubriand, Lamartine, Balzac, George Sand, Victor Hugo
kulminierte. Galt das Interesse der Jugend hauptschlich der schnen
Literatur, so wurde durch die hufigen Besuche berhmter Gelehrter in
Weimar, durch die von Maria Paulowna eingefhrten literarischen Abende
am Hof, wo von ihnen oder von den stets geladenen Jenaer Professoren
Vorlesungen gehalten wurden, auch fr die wissenschaftliche Bildung und
Aufklrung gesorgt.

In einem anderen geselligen Zirkel, der sich im Hause Johanna
Schopenhauers zusammenfand, waren es die politischen Fragen, die am
hufigsten errtert wurden. "Es wehte eine eigentmliche Luft in diesen
Rumen," erzhlte Jenny von Pappenheim in Erinnerung an sie, "die von
der Luft Weimars verschieden war. Man atmete, man bewegte sich freier
als bei Hofe, weniger frei als bei Ottilie. Die Interessen, die uns hier
zusammenfhrten, waren mehr geistige als Herzensinteressen; der Kreis,
in dem die Unterhaltung sich bewegte, umschlo nicht nur die Literatur,
sondern auch jede Art der Wissenschaft; selbst die sonst unter uns
verpnte Politik, der wir mit ziemlicher Gleichgltigkeit begegneten,
fand hier Beachtung. Johanna Schopenhauer hatte eine unvergleichliche
Art, sich selbst in den Hintergrund zu stellen und trotzdem, wie mit
unsichtbaren Fden, die Geister in Bewegung zu erhalten. Oft schien sie
selbst kaum an der Unterhaltung teilzunehmen, und doch hatte ein
hingeworfenes Wort von ihr sie angeregt; ein ebensolches belebte sie,
sobald sie ins Stocken zu geraten schien. Ihre Tochter Adele, meine sehr
liebe, wiewohl bedeutend ltere Freundin, war in anderer Art wie die
Mutter, aber doch auch ein belebendes Element dieses Kreises. Ihre
Leidenschaftlichkeit ri sie oft ber die Grenzen der geselligen
Unterhaltung hin. Ihre Empfindungen waren von verzehrender Glut und ein
Hauptgrund ihrer vielfachen krperlichen Leiden. Von Natur reich begabt,
fehlte ihr die Kraft, sich zu beschrnken, so da sie weder ihr
poetisches, noch ihr knstlerisches Talent zu Bedeutendem ausbildete.
Goethes eindringliches Wort: 'Beschrnkung ist berall unser Los' wollte
sie nicht verstehen, daher das Gefhl des Unbefriedigtseins dauernd auf
ihr lastete. Vollkommen und tadellos war ihre Geschicklichkeit im
Silhouettenschneiden. Sie illustrierte einmal ein Mrchen, das Tieck
vorgelesen hatte, und zwar whrend er las, mit einer Feinheit und
poetischen Auffassung, die deutlich zeigten, was sie htte leisten
knnen, wenn sie die Ausdauer gehabt htte, zeichnen und malen zu
lernen. Durchaus verschieden von Mutter und Schwester zeigte sich Arthur
Schopenhauer, der, so selten er auch in Weimar war, doch oft genug
erschien, um sich uns unsympathisch zu machen. Goethe verteidigte seine
Persnlichkeit einmal ziemlich lebhaft. Er, der so innigen Anteil an dem
Ergehen seiner Freunde nahm, sah ungern, wie das Zerwrfnis zwischen
Johanna Schopenhauer und ihrem Sohne stndig zunahm und sein Einflu
machtlos dem gegenberstand. Die Treue in der Freundschaft, die ttige
Liebe zu den Kindern seiner Freunde ist immer einer seiner schnsten
Charakterzge gewesen, von dem die Schopenhauersche Familie das beste
Zeugnis ablegen konnte. Er war ein hufiger Gast in deren Hause gewesen;
nun, da er nicht mehr ausging, zog er Adele oft in seine Nhe, der
Mutter so am besten seine Dankbarkeit fr ihre Gastfreundschaft, ihren
anregenden Umgang beweisend.

"Ein stndiger Besucher ihrer Teeabende war _Dr._ Stephan Schtze, eine
sehr beliebte, originelle Persnlichkeit. Er hielt sich bescheiden
zurck, sprach nicht viel, aber dann mit liebenswrdigem, trockenem
Humor, der auch in seinen Gedichten, die er uns hufig vorlas, Ausdruck
fand. Vorlesen, Vorsingen, Vorzeigen eigener oder gesammelter Kunstwerke
machte berhaupt unsre damalige Geselligkeit zu einer so belebten. Man
wetteiferte darin, man hatte einen aufmerksamen, geschrften Blick fr
alle Vorkommnisse inneren und ueren Lebens und teilte anderen die
eigenen Beobachtungen und Erfahrungen rckhaltlos mit. Da sie sich
nicht auf die engen Grenzen Weimars beschrnkten, da uns auch fr das
politische Leben der Blick geffnet wurde, war mit das Verdienst Johanna
Schopenhauers."

Diese vielfachen Anregungen sollten aber auch in verschiedenster Weise
fruchtbar werden, zu eigener Fortbildung und selbstndiger Ttigkeit
anregen, und es war wieder Goethe, der dies Bestreben nach jeder
Richtung eifrig untersttzte. An der Zeitschrift "Chaos", die nur fr
einen abgegrenzten Teil naher Bekannter erschien, nahm er regen Anteil.
Jenny, die sich darin in Versen -- englischen, franzsischen und
deutschen -- und in Prosa oft vernehmen lie, erzhlt von ihr:

"Ihre Grndung war ebenso originell wie sie selbst. Wir saen ziemlich
einsilbig bei Ottilie im Mansardenstbchen, Emma Froriep, Hofrat Soret,
Mr. Parry und ich. Eckermann, den sein Herr und Meister eben losgelassen
hatte, kam ebenfalls hinauf und sah betrbt aus dem Fenster.

"'Es regnet', sagte er.

"'_It rains!_' wiederholte Parry.

"'_Il pleut!_' lachte Soret.

"Ottilie, rgerlich ber diese animierte Unterhaltung, schlug vor,
irgend etwas zu erfinden, um die einschlafende Gesellschaft wieder
aufzurtteln. Nach langem Hin- und Herreden wurde ein 'Musenverein'
feierlich gegrndet. Er sollte regelmig zusammenkommen und dichtend,
singend, malend den Musen dienen. Goethe aber sollte unser Oberhaupt,
unser Apollo sein; davon wollte er jedoch nichts wissen, und der
Musenverein als solcher kam nur noch einmal zusammen, um dann dem
'Chaos' Platz zu machen, das nun whrend fast zweier Jahre im
Mittelpunkt unseres Interesses stand.[71] Es war ein geselliger
Zeitvertreib, weckte, frderte Interessen, Talente und Talentchen und
hinderte wertlose Klatsch-Konversionen, war also in Goethes Sinn.
Ottilie, _Dr._ Froriep, Soret und Parry redigierten das 'Chaos' mit
vielem Takt und groer Verschwiegenheit. Es erschien jeden Sonnabend,
man fand Herzensergieungen in drei Sprachen, riet, hoffte verstanden zu
werden, hatte Stoff zu angenehmen Gedanken und Unterhaltungen; es war
ein anmutiges Spiel. August Goethe, Karl von Holtei, der den ersten
Prolog fr sie geschrieben, und Felix Mendelssohn, Goethes David, waren
unsere eifrigsten Mitarbeiter; Mendelssohn verfate einige allerliebste
Verse dafr, sandte auch spter einen Reisebrief aus Schaffhausen und
mystifizierte uns, indem er, sich hinter dem Namen einer Dame
versteckend, eine Warnungspredigt vor Weimars Gefahren einschickte. Sein
immer sehr harmloser Zorn richtete sich gern gegen die Englnder,
besonders gegen Mr. Robinson, den er stets nach seinem Freytag frug.
Ganz besondere Freude bereitete uns Mendelssohn mit seinen Kompositionen
einzelner Chaoslieder. Eins derselben ist fast zum Volkslied geworden
und hat mich immer gerhrt, wenn ich es hrte.[72] Im zweiten Jahrgang
unserer Zeitung erschienen drei Briefe Mendelssohns,[73] die dieser an
Goethe geschrieben hatte. Die Briefe seiner Freunde, die Goethe an
Ottilien zuweilen zum Zweck der Verffentlichung gab, wurden von ihm
erst einer genauen Revision unterworfen; er strich Unntiges, krzte die
Stze und nderte oft noch den ersten Druck. Ebenso verfuhr er mit
Gedichten, die ihm in die Hnde fielen. Er vernichtete oft ber die
Hlfte der Strophen; waren die Verse gar zu schlecht, so schttelte er
nur bedenklich den Kopf, brummte 'hm, hm' oder 'nu, nu' und legte sie
beiseite. Von den Erzeugnissen unserer dilettantischen Muse, die er
zurechtgestutzt hatte, pflegte Ottilie scherzend zu sagen: 'Wir haben
sie durch das Fegefeuer geschickt.'

"Nach zwei Jahren des Bestehens unserer Zeitschrift mischten sich
Neugier und Eitelkeit auch auswrtiger Kreise hinein, und da wurde sie
so seicht, da es eine Art Erlsung war, als der sehr kluge Irlnder
Goff daneben ein englisches _'Creation'_ erscheinen lie, dem ein
franzsisches _'Cration'_ von Soret folgte."

An Goethes Geburtstag, dem 28. August 1829, war das erste Blatt der
Zeitschrift erschienen. Sie enthielt auer einigen Beitrgen von Goethe
selbst solche von Riemer und Knebel, Fouqu und Chamisso, von Johann
Dietrich Gries, dem geistvollen bersetzer des Tasso, des Ariost und des
Calderon, von Eckermann und August Goethe, von Adele Schopenhauer, von
den reizenden Schwesternpaaren Egloffstein und Spiegel. Von Sulpice
Boissere wurde ein Brief an Goethe ber das Oberammergauer
Passionsspiel verffentlicht, worber Goethe ihm selbst Mitteilung
machte: "Ihre anmutige Betreibung der traditionellen Auffhrung eines
geistlichen Dramas ist sogleich in dem Abgrund der chaotischen
Verwirrung verschlungen worden." Auch Zelter schickte einen Bericht ber
Berliner Theaterereignisse, und Bettina von Arnim sandte zierliche
Reime. Unter den Auslndern treten[TN1] die jungen Englnder als
Mitarbeiter besonders hervor: Lord Loveson Gower, Charles des Voeux,
Samuel Naylor brachten bersetzungen Goethescher Verse in ihrer
Muttersprache, der Irlnder Goff, der schlielich auf dem Grabe seines
geliebten Kindes starb, nachdem er zehn Jahre lang jeden Winter nach
Weimar gekommen war, um eine Nacht auf dem Kirchhof zuzubringen, sandte
phantastische Trumereien, und W. M. Thackeray, der schon als ganz
junger Mann nach Weimar kam, stellte hie und da schchtern sein noch
unbekanntes Talent in den Dienst des "Chaos". Zur Erinnerung an ihn, der
in Jennys noch vorhandenem Album durch einige seiner hbschen
Zeichnungen vertreten ist, schrieb Jenny spter:

"Thackerays _'Vanity fair'_ rief mir wieder lebhaft den liebenswrdigen
Verfasser ins Gedchtnis zurck, der ein so treuer Freund meines
vterlichen Hauses war; sein treffender Humor, sein weiches Herz
sprechen sich in jedem seiner Werke aus. Er war hauptschlich in Weimar,
um sein eminentes Zeichentalent zu entwickeln. Whrend wir um den
Teetisch saen und sprachen, zeichnete er die humoristischsten Szenen.
Sich selbst zeichnete er in einer Minute und fing immer beim Fu an,
ohne die Feder abzusetzen, daneben pflegte er einen kleinen Gassenjungen
hinzustellen, der ihn verspottete, da er einen durch Boxen
eingeschlagenen Nasenknochen hatte. Sonst sah er gut aus, hatte schne
Augen, volles, lockiges Haar und war ziemlich gro. Er gehrte zu den
beliebteren Englndern, die sich in Weimar lnger aufhielten, und deren
gab es genug."

Einer ihrer leidenschaftlichsten Verehrer, Prinz Elim Metschersky,
Attach der russischen Gesandtschaft, schrieb in Prosa und Poesie fr
das "Chaos" und widmete der Angebeteten, nicht zu Erobernden, darin
folgendes Gedicht:

    _L'clat de ton regard aurait trop bloui_
    _Si la nuit ne l'avait recouvert de son voile;_
    _Il a le clair-obscur du jour vanoui,_
    _Il a le feu brillant, le feu vif de l'toile._

    _Le gnie et l'esprit unis au sentiment_
    _Voulurent tour  tour qu'il fut leur interprte,_
    _La lyre exprime ainsi par son frmissement_
    _Chaque sensation de l'me du pote._

Er war es auch, der auf seine Bemerkung, da man in Weimar nicht zu
tanzen verstnde, von Jenny die Antwort erhielt: "Wir vergessen zu
tanzen, aber die einzige Ursache ist: zu angeregte Unterhaltungen.
Fragen Sie die bsen Zungen nach unserem schlimmsten Fehler, und sie
werden Ihnen antworten: zu angeregte Unterhaltungen. Und um Ihnen zu
beweisen, da es nicht die Damen allein sind, die sprechen, sei Ihnen
verraten, da sie alle Englisch gelernt haben durch zu angeregte
Unterhaltungen." Durch seine Behauptung, "da die deutschen Mdchen von
sechzehn Jahren mit ebensolcher Sicherheit von der Liebe sprechen wie
die Franzsinnen im gleichen Alter von ihren Puppen", fhrte Metschersky
einen anderen lebhaften Meinungsaustausch herbei. Die Antwort Ottiliens
darauf ist so bezeichnend fr die damalige Gemts- und Geistesatmosphre
Weimars, da sie wiedergegeben zu werden verdient. Sie schrieb:

"ber jede Empfindung sprechen wir uns mit Klarheit und Offenheit aus.
Wre Weimar ein Ort, wo man wenig Fremde sieht, oder diese sich doch in
einem groen Zirkel verteilen knnten, wir wrden, wie es Sitte und
Gewohnheit verlangt, die ganze Stufenleiter, die man mit einem Fremden
durchzumachen hat, von der ersten Frage an: Sie sind zum erstenmal in
Weimar? bis zu all den Gesprchen ber Theater und Wetter, durchkmpfen;
doch da die verschiedensten Lnder uns ihre Bewohner senden, so haben
wir uns alle stillschweigend entschlossen, die entsetzliche Kette der
Langenweile, die uns auf die hergebrachte Weise tglich und stndlich
drcken wrde, abzuwerfen und, nachdem wir die erste Phrase als
Abfindungsquantum bezahlt, dann ruhig in unserer Weise fortzufahren, als
wre kein Fremder zugegen. -- -- Worin besteht denn der Unterschied,
sich fremd oder einheimisch fhlen? Doch nur darin, da man den alten
Bekannten mit Vertrauen und ohne Zeremonie entgegenkommt; also tut und
spricht, als knnte man nicht miverstanden werden, whrend man den
Fremden eigentlich immer in anderen Orten mit einer Art behandelt, die
doch eigentlich nichts wie ein hflich gezeigtes Mitrauen ist.

"Sie loben den Enthusiasmus, den wir fr unsere Dichter empfinden und
die Sorgfalt, mit der wir ihre unsterblichen Werke in unserer Seele
aufnehmen. Doch ich frage Sie, was ist mehr das Eigentum des Dichters
als das gelobte Land der Liebe, als all die Wunderquellen, die ihm
entspringen, sie mgen nun Namen tragen, wie sie wollen. Die Frauen
verstehen sich berhaupt schlecht auf das Sondern, im Gegenteil, sie
suchen alle Empfindungen zu verketten, und Liebe, Poesie, Ruhm,
Vaterland, das alles bildet fr sie eine elektrische Kette, von der man
nur ein Glied zu berhren braucht, und es erzittert die ganze Reihe. So
ist es auch mit ihrem Wissen und Verstehen aller Dinge, sie suchen stets
den Teil davon zu erfassen, der es an eine Empfindung anschliet. Nehmen
Sie uns die Empfindung oder vielmehr das Recht, sie zu zeigen, schneiden
Sie uns von unseren Dichtern ab, und wir werden wie die Pariserinnen
gentigt sein, zu witzeln und ber Mode, Equipage und dergleichen zu
reden; erlauben Sie Ihren Frauen, Frauen zu sein, das heit ein Herz zu
haben, und sie werden uns an Liebenswrdigkeit bertreffen, weil ihre
angeborene Heiterkeit nur gemildert werden wrde, whrend bei uns das
Gefhl oft so despotisch das bergewicht erhlt, da jede Eigenschaft
des Geistes dadurch unterdrckt und gnzlich untchtig fr die
Geselligkeit gemacht wird. -- Man verspottet die Chinesinnen, da sie in
der frhesten Jugend die Fe ihrer Tchter in so enge Bande schnren,
da dadurch der Fu nie seine natrliche Form erhlt, zum eigentlichen
Gebrauch untauglich wird und sie durch das Leben schwanken. Doch mich
deucht, nach Ihrer Schilderung, da die franzsischen Mtter dasselbe
Experiment mit ihren Tchtern vornehmen, nur mit dem Unterschied, da
sie statt des Fues das Herz dazu whlen -- und am Ende ist doch ein
verkrppelter Fu besser als ein verkrppeltes Herz."

Wer heute die vergilbten Bltter des "Chaos" zur Hand nimmt, dem wird
die ganze Zeit lebendig: wieviel Geist und Wissen, wieviel mehr noch
Schwrmerei und Leidenschaft! Selbst das Lcheln glnzt nur zwischen
Trnen, und in den poetischen Liebesgren, die hin und her gewechselt
wurden, herrscht weniger die Seligkeit als das Leid der Liebe.

Auch Jennys Herz, das achtzehnjhrige, liebte zum erstenmal; es war
nicht jenes wild aufflackernde, strahlende und rasch wieder erlschende
Feuerwerk, dem die erste Liebe junger Menschen gleichzusehen pflegt, es
war die verzehrende Flamme heier Liebesglut, die sie ergriffen hatte.
Sie ist niemals ganz erloschen, und noch im spten Alter mu sie still
auf dem Altar der verborgenen Herzenskammer gebrannt haben, denn junger
Liebe, fr die andere meist ein mitleidig-spttisches Lcheln brig
hatten, begegnete die Greisin mit tiefster, fast mit ehrfrchtiger
Teilnahme. Und nie kam der Name dessen, dem ihr Herz gehrt hatte, ber
ihre Lippen. So wei ich nur, da er ein Englnder war, da sie sich
ihm, den ein schweres Lungenleiden nach dem Sden trieb, gegen den
Willen der Eltern heimlich verlobte und durch Ottiliens Untersttzung
mit ihm in Verbindung blieb, bis er im Jahre 1834 in Korfu einsam
gestorben ist. Die Schwermut, die alles beherrscht, was sie in diesen
fnf Jahren sehnschtiger und sorgenvoller Liebe geschrieben hat, ihre
Unnahbarkeit fr die Bewerbungen derer, die ihr Herz an sie verloren
hatten, ihre Abneigung gegen die gewohnten Freuden der Jugend sprachen
fr die Tiefe ihrer Empfindung. Was an den Geliebten erinnerte, hat sie
vernichtet; vielleicht zeugt dieses Opfer aller Liebeszeichen von
grerer Piett, als wenn sie sie bewahrt und damit vor den Hnden und
den Blicken Gleichgltiger nicht geschtzt htte. Nur diese zwei
Gedichte, die sie unter dem Eindruck ihres Schmerzes schrieb, und eine
Erinnerung an das Haus Goethes, von dem ihres Lebens Inhalt in Glck und
Leid ausging, sind erhalten geblieben:


Menschenschicksal

    Jngst sah ich im Vorbergehn
    Vor einem goldnen Gitter
    Ein lieblich Kindchen rttelnd stehen,
    Im Herzen Ungewitter.

    "Die goldnen Ketten fesseln mich,
    Die goldnen Stbe bannen,
    Die goldnen Wnde drcken mich,
    Ich mcht, ich mcht von dannen!"

    Und was erreicht sein wild Bemhn?
    Hat es sich losgerungen?
    Zog es ins Weite stark und khn?
    Ist Groes ihm gelungen?

    Am goldnen Gitter steht das Kind,
    Schaut bleich ins Weltenrund,
    Nur da die Hndchen blutig sind
    Und Stirn und Fe wund.


Ein Leichenbegngnis

    Ich grabe im Herzen ein tiefes Grab
    Und senke den bleichen Freund hinab,
    Und decke es zu mit Trnen und Weh
    Damit kein Fremder es jemals sh!

    Es tritt die Erinnerung leis hinzu,
    Sie singet milde den Freund zur Ruh
    Und baut im Herzen ein Monument,
    Darauf eine ewige Lampe brennt.

    Tief in der Nacht dann schleich ich hin
    Und grabe mit treuem, liebendem Sinn
    Ein Lebewohl auf den Grabesstein
    Und ein Wiedersehen auf die Lampe ein!

"... Ich stieg jene breite klassische Treppe empor, die meine Schritte
schon so oft durchmessen hatten -- mit fnfzehn Jahren, als ich im
runden Hut, im Pensionskleid und grnen Spenzer mit kindlicher Erregung
und jugendlichem Enthusiasmus an der Seite meiner Mutter hinausging, um
zum ersten Male den Nestor, den Herkules des deutschen Parnassus zu
besuchen; mein Herz grte ihn mit jener heiligen Ehrfurcht, die uns die
Arme ber der Brust kreuzen lt, mit jener vertrauenden Zrtlichkeit,
die voll Hingebung einen Vater in dem erhabenen Greis mit den weien
Haaren, mit der Jupiterstirn findet; mit sechzehn Jahren ging ich
denselben Weg, um mein Pppchen (Alma von Goethe) zu finden, ein
reizendes Kind, das ich wickeln und umhertragen durfte; spter wurde
seine Mutter meine Freundin. Mit wie viel verschiedenen Gemtsbewegungen
betraten meine Fe diese Stufen! Sie fhlten den leichten Schritt des
jungen Mdchens, das, zum Fest geschmckt, nur dem Gedanken an das
Vergngen nachhngt, jenem Gedanken, der die Fe beflgelt und die
runden Wangen abwechselnd wei und rosig frbt; sie fhlten denselben
Tritt, unsicher und zgernd vor Hoffnung und Furcht wegen einer
mglichen Begegnung, die das Herz nicht mehr ganz gleichgltig lie, und
wenn die Fe wieder langsam die Stufen hinuntergingen, htten sie
fhlen mssen, ob andere sie begleiteten und oft fr ein Wort, fr einen
Blick still standen, oder ob das junge Mdchen enttuscht und allein,
fast gedankenlos den gewohnten Weg betrat. Whrend vieler trauriger Tage
stieg ich empor, teils um zu trsten, teils um selbst getrstet zu
werden, um zu klagen, um zu lernen, um Gewiheit zu erlangen ber dunkle
Gerchte oder um manchmal an der Freude ber gute Nachrichten
teilzunehmen. Als Krankenpflegerin stieg ich empor wie als harmloser
Besuch, als Geladene zu einer geistreichen Gesellschaft, die sich am
Flgel oder um den runden Tisch mit seinen zwei Kerzen versammelte. Mit
brennenden Wangen ging ich hinauf, getrieben vom wild pochenden Herzen,
zurckgehalten von zitternden Knien -- ich glaubte unter diesem Dach
mein Glck, meine Zukunft zu finden; -- dann, eines Tages, schritt ich
dieselben Stufen abwrts; an einer Stelle hrte ich ein Wort, und das
Wort hie 'Lebewohl'; und es war so mchtig, da es sich den Mauern, der
Treppe einprgte; und noch nach acht Jahren, wenn ich eintrat, schrien
Mauern und Treppe mir dies Wort bis in die Tiefe des Herzens zu."

Wie Jenny einmal von Goethe gesagt hatte, da er zu denen gehre, die
ihre Gre mit dem "Pfahl im Fleisch" bezahlen mssen, so erging es ihr:
jede seelische Erschtterung ergriff auch den Krper. Jener furchtbare
Abschied, der wohl den Abschied frs Leben schon ahnen lie, schien sie
aller Lebenskraft zu berauben, und da keiner der Weimarer rzte ihr
helfen konnte, wandte sich ihre Mutter schlielich an _Dr._ Samuel
Hahnemann, den Begrnder der Homopathie, der nach langem Wanderleben
und Anfeindungen aller Art sich endlich in Kthen als Hofrat und
Leibarzt des Herzogs Ferdinand niederlassen konnte. Er nahm den wrmsten
Anteil an dem Ergehen seiner Patientin, und seine Briefe an sie --
winzige Zettelchen mit winziger Schrift -- gewhren Einblick in die
originelle Art seines Verkehrs mit ihr. So schreibt er im November 1827:


"Mein gndiges Frulein!

"Die pnktliche Folgsamkeit, mit welcher Sie meinen Wnschen nachkommen
und die Offenheit in Darlegung Ihres krperlichen und Gemtszustandes in
Ihrem Berichte verdienen meinen ganzen Beifall. Seyn Sie versichert, da
ich den innigsten Theil an Ihrem Wohle nehme und da ich Alles thun
werde, Sie herzustellen. Auch Ihre trben Ideen sind blo Folgen Ihres
krperlichen Unwohlseyns, was bei Ihnen schon in zartester Kindheit
begonnen haben mu. Mit der Gesundheit Ihres Krpers weichen aber jene
niederschlagenden Vorstellungen gnzlich. Bis hierher hatte diese
melancholische Gemths-Verstimmung doch den groen Vortheil fr Ihre
Sittlichkeit, Sie vor dem Leichtsinn zu bewahren, welcher so oft junge
Frauenzimmer Ihres Alters von dem edelen Ziele ihres Daseyns entfernt
und der modigen Frivolitt Preis giebt ...

"So hat der Allgtige selbst durch dieses Seelenleiden Ihnen eine
Wohlthat erwiesen in Sicherstellung Ihrer Moralitt, deren Reinheit mehr
als alle Gter der Erde werth ist ..."


Wenige Monate spter hie es:


"Mein liebes gndiges Frulein!

"Sie haben allerdings bei reiferen Jahren, wenn Ihr jetzt noch zu zartes
und daher so viel bewegtes Herz mehr Kraft und ruhigere Schlge bekommen
wird, auch Ihr inneres Siechtum noch mehr sich gebessert hat, frohere,
gleichmigere Tage zu verleben. Die unnennbaren, Sie jetzt noch
bestrmenden Gefhle werden sich dann am besten in einer, wie Sie
verdienen, glcklichen Ehe zu einem ruhig frohen Leben auflsen unter
schnen Mutter- und Gattenpflichten. Nur getrost; bei Ihrer edlen
Denkungsart wird es Ihnen noch recht wohl gehen, da, wie ich sehe, Sie
nicht zu groe Ansprche an diese etwas unvollkommene Welt machen und
mehr bei sich selbst an Vervollkommnung arbeiten. Ich bitte mir ferner
Ihre Krper- und Geisteszustnde treu zu berichten, und versichert zu
sein, da ich auf Alles achte, was Ihnen zum Wohlsein gereichen kann als

Ihr teilnehmender untertniger

S. Hahnemann.

"Im Tanze bitte ich stets sehr mig zu sein, dann kann er Ihnen nicht
anders als wohl bekommen."


Aus den brigen Briefen sei noch folgendes wiedergegeben:


"Mein gndiges Frulein!

"Billig htten Sie mir lngst den Gegenstand Ihrer so tiefen Betrbni
erffnen sollen, wo nicht speziell und mit Namennennung, doch im
Allgemeinen bezeichnend -- nicht etwa blo, weil ich als Mensch
herzlichen Anteil nehme, sondern weil ich als Ihr treuer Arzt doch
wissen mu, ob auch der Gegenstand der Art war, da auch eine gesunde
Person so stark htte mssen davon affiziert werden, oder so beschaffen,
da eine solche Trauer der Sache nicht angemessen war und Sie nicht so
tief und anhaltend davon htten gebeugt werden knnen, ohne krperlich
krank zu sein. So aber stehe ich da, wie vor einem Rtsel, dessen
Aufklrung ich von Ihnen erwarten mu, ehe ich besondere Rcksicht mit
meiner Arznei darauf nehmen kann. Blo beiliegende 16 Plverchen bitte
ich noch zu gebrauchen ... Allein spazieren wnsche ich nicht, wohl aber
recht viel ins Freie in Gesellschaft, damit Sie Ihren Gedanken nicht zu
sehr nachhngen. Vor Wein sollten Sie sich gnzlich hten ... Nach
Verbrauch der Plverchen bitte ich sogleich zu berichten

Ihrem untertnigen Hahnemann.

Kthen, d. 1. Sept. 1828"


"Mein liebes gndiges Frulein!

"Wenn die gtige Vorsehung den sendet, der Ihrer wrdig ist, der wird um
Ihre schne Seele freyen, und Ihre Schnheit nur als vortreffliche
Zugabe ansehen -- der wird auch ein Mann sein, vor dem die Gecken
fliehen und die Wstlinge beschmt zurcktreten, die keine Ahnung von
dem Werthe einer engelreinen, weiblichen Seele haben, die ich durch Ihre
Briefe in Ihnen zu verehren das Glck gehabt habe ... Diese Plverchen
nehmen Sie getrost von Ihrem

untertnigen S. Hahnemann.

Kthen, d. 3. Nov. 1828."


In einem der letzten Briefe lesen wir:


"Fahren Sie nur so fort, nchst Ihrer ditetischen Folgsamkeit, mir in
Ihren Briefen Ihre Denkungsweise, Ihr Herz und Gemth aufzuschlieen.
Sie haben einen alten Mann vor sich, der ungemein empfnglich fr so
etwas ist, ungeheuchelten Theil daran nimmt, auch wohl hierin guten Rath
zu geben wei. Erhlt, wie bei Ihnen, das geistige Gefhl und die
Empfindsamkeit die Oberhand, so wird das krperliche davon bermannt und
ber die Mae gestrt. Da ist es nthig, auf den rechten Weg
einzulenken, wo der Krper neben dem Geiste seine Rechte behaupten
knne, da ist es nthig, solche Beschftigungen zu whlen, wobei die
Phantasie mglichst wenig aufgeregt und mehr das Denken und Beobachten
gebt wird .... Nchstdem bitte ich blo leichte, frohe Lieder (keine
andere Poeterey), gute, wahre Reisebeschreibungen, Lebensbeschreibungen
und Geschichte zu lesen. Um Ihnen aber etwas und womglich vielmehr
Vergngen bei Ihren Spaziergngen zu verschaffen, haben Sie in Weimar
die beste Gelegenheit, sich einen unpedantischen Lehrer in der
Naturgeschichte zu verschaffen, der Ihnen, im Beiseyn Ihrer gndigen
Frau Mama, Kenntnisse beibringen wird, die Ihnen dereinst weit
schtzbarer und lieber sein werden, als viele andere weibliche
Beschftigungen. Dann sind Sie auf Ihren Spaziergngen nicht mehr einsam
und ohne Unterhaltung. -- --"

Der gute Rat des Seelenarztes mochte dem trauernden Gemt des jungen
Mdchens eine bessere Arznei sein, als seine "Plverchen" ihrem Krper.
Aber den Rat, der berall zwischen den Zeilen seiner Briefe zu finden
und sicherlich von den besorgten Eltern diktiert war: durch die
Verbindung mit einem "wrdigen Mann" die erste Leidenschaft zu
berwinden, vermochte sie nicht zu befolgen. An Bewerbern fehlte es
nicht; ihre Schnheit und noch mehr der Liebreiz ihres Wesens bezauberte
alle.

In einem Briefe Eckermanns aus dem Jahre 1829 heit es unter anderem:
"Der rechte Balkon wird leer gewesen sein, denn es war ziemlich alles
bey Frau v. Goethe. Man las den Egmont, welches bis gegen 11. dauerte.
Da ich, wie gewhnlich mich unter den Zuhrenden befand, so knnte ich
ber die lesenden Personen, ihre Art des Vortrags, ihre Betonung, im
Vergleich zum Theater, meine stillen Bemerkungen machen ... Was soll ich
aber zu unserm Liebling Jenny sagen, auf der meine Augen ruhten und die
sich nur auf andere Gegenstnde wandten, um zu ihr erfrischter und mit
grerer Neigung zurckzukehren.

"Sie hatte die Rolle des Ferdinand, welcher wie Sie wissen erst spt
kommt. Sie sa aber gleich von Anfang an dem Tisch der Lesenden, gegen
den die Zuhrer einen langen Halbzirkel bildeten. An den brigen
vorlesenden Personen war besonders anfnglich eine gewisse Verlegenheit
merklich, wie sie unter solchen Umstnden gewhnlich sein mag, und
welche sich besonders darin zeigte, da die Seele der Lesenden nicht
ganz bei der Sache war, wodurch dann falsche Betonungen und dergleichen
entstanden. Jenny aber sa da in der ruhigen Unschuld eines Kindes, die
Hand unter ihr Kpfchen gesttzt. 'Jetzt,' dachte ich, 'ist freilich an
Dir nicht die geringste Spur einer Verlegenheit sichtbar, aber ich will
sehen, wie Du thust, wenn es an Dich kommt.' Nun kommt Alba, er spricht
mit Silva, mit Gomez, er ruft seinen Sohn Ferdinand. Jenny fngt ihre
Rolle an, es ist dieselbige Ruhe, dieselbige Unbefangenheit, dasselbe
Kind. Die durchaus edle Rolle des Ferdinand sagte ganz ihrer schnen
Seele zu, und ich kann nicht sagen, da je die Unschuld eines reinen
Wesens mir in solchem Grade und solcher Liebenswrdigkeit erschienen
sey. Nach beendigtem Stck sagte ich ihr manches gute. Sie sagte aber,
da sie gro Angst gehabt und da ihr Herz whrend dem Lesen laut
gepocht habe. Ich sah sie mit verwunderten Augen an und konnte nicht
begreifen, wie einer Regungen des Herzens so verbergen knne, da man
ihm nicht das geringste ansieht.

"Es waren auch zwey englische Damen zugegen, Lady Murray in mittleren
Jahren und eine junge Lady in ihrer Begleitung, von deren Schnheit man
mir viel gerhmt hatte ... Allein neben der schnen Melany und Jenny
konnte sie sich in meinen Augen nicht halten ..."[74]

Alfred von Pappenheim schrieb einmal an seine Stiefschwester Cecile von
Gersdorff, Dianens Tochter aus ihrer zweiten Ehe: "Es tut mir leid, da
ich Dich nicht begleiten kann ... Mit Jenny wrde ich mich nicht leicht
entschlieen, zu reisen, aber Du als Backfischchen fndest vielleicht
nicht so viel Verehrer, und meine Rolle als Chapron wrde dann nicht so
schwer sein."[75] Und Karl Wolfgang von Heygendorff, der Sohn von Karl
August und Caroline Jagemann, der Jenny sehr verehrte, schrieb noch in
der Erinnerung begeistert, wie "wunderschn und engelgut" sie damals
war.

Sie blieb allen gegenber, die sich um sie bewarben, von gleichmig
khler Freundlichkeit. Die Freundschaft mute ihr ersetzen, was ihr die
Liebe schuldig geblieben war, und in einer Zeit wie die ihre, wo die
Herzen einander weit offen standen, weil der eigene innere und uere
wste Lebenskampf die Empfindungen noch nicht bis zu dem traurigen Rest
vollkommener Selbstsucht abgestumpft hatte, gab es noch echte,
teilnehmende Freunde. Ottilie Goethe nahm unter ihnen die erste Stelle
ein. Deren Charakteristik, die sie bald nach der Trennung von ihr
niederschrieb und auch im Alter noch fr zutreffend erklrte, gibt ein
deutliches Bild dieser merkwrdigen Frau:

"Ich fand meine Freundin in ihren hbschen Mansardenstuben, umgeben von
Bchern und Papieren, vor einem kleinen offenen Bcherschrank; ihre
Augen glnzten, ihre braunen Locken schienen schon zwanzig Mal nach
hinten geschttelt zu sein; ihre kleine weie Hand hielt ein Buch, ihre
Wangen brannten, und schon ihre Begrung zog mich in die lebhafteste
Unterhaltung.

"'Herr Nol,' sagte sie, 'frug mich nach einer Charakteristik seines
Geschlechtes, und ich gab ihm Gottes Recept einer Mnnerseele: eine
starke Dosis Egoismus, dreimal so viel Eitelkeit, ein gut Theil
Berechnung, das sie Vernunft nennen, das Alles gewrzt durch eine
Portion Geist -- und das Ragout ist fertig.'

"In dem Ausdruck, mit dem Ottilie ihr Epigramm begleitete, lag genug
Wahrheit, um den verchtlichen Zug, der ihren Mund umspielte, anziehend
zu machen, und Coquetterie, um ihm den Stachel des Beleidigenden zu
nehmen, aber auch genug Triumph, genug von dem '_je ne sais quoi_' der
Frau, welche den Sklaven neben der Gebieterin verrathen lt.

"Mr. N. lehnte sich an den Bcherschrank; ich hatte mich in einen
Lehnstuhl geworfen, dessen Rcken in kunstvoller Stickerei das Wappen
Englands zeigte, Ottilie stand in der Vertiefung des Fensters, das durch
die schrgen Wnde gebildet wurde. Die Unterhaltung drehte sich um
Irland und die Irlnder, ein Thema, das sie ganz beherrschte; sie in
dieser Festung anzugreifen, hie alle Waffen ihres Geistes gegen sich
richten.

"'Nicht wahr, Du wrdest bei einem Feuerwerk nicht versuchen, eine Ferse
in Deinen Strumpf zu stricken?' sagte ich ihr; 'und so kann ich mir an
der Seite eines Irlnders kein husliches Glck vorstellen!'

"'Ich liebe dieses Feuerwerk!' entgegnete sie; 'ich wrde ohne Strmpfe
gehen und leicht diese prosaischen Kerzen entbehren, die man vernnftige
Leute nennt; sie haben kein Herz und setzen die Vernunft an dessen
Stelle -- starke Liebe, starker Ha, ernster Kampf und keine Berechnung,
das ist es, was ich liebe. Der Irlnder allein hat Herz, Feuer, Muth --'

"'Auch Narrheit und Unbestndigkeit,' unterbrach sie Mr. N. Nach diesem
unerwarteten Einwurf trat sie vor, war mit einem Schritt auf der
Fubank, mit dem nchsten auf dem Stuhl und warf, wie ein verzogenes
Kind, ein Buch nach dem andern auf die Locken ihres Gegners. Und doch
war nichts Rohes in dieser Kinderei; ich, das junge Mdchen, lchelte
wie eine Gromama zu den Schlerstreichen dieser Frau und Mutter, die
von Zeit zu Zeit zwanzig Jahre ihres Lebens verga; alles war an ihr
natrlich und ungeziert, aber ihre Seele, ihrem Geist, ihrem Herzen
fehlten die Zgel -- wie schwer hat sie diesen Mangel ben mssen!

"Mr. N. suchte mit den Augen einen unauffindbaren Gegenstand. 'Sie
suchen eine Uhr!' rief sie aus; 'ich besitze keine, ich bin dafr zu
sehr Irlnderin.' Erstaunt erwartete er eine Erklrung dieser weder in
Roman noch Geschichte jemals erwhnten Nationaleigentmlichkeit. 'Das
heit, ich habe eine zu hohe Meinung von Gastfreundschaft; es gibt
nichts Grberes als solch eine Uhr, die in jeder Viertelstunde die
Besucher an die verflossene Zeit erinnert; schlimm genug fr die, welche
sich an die Zeit binden, bei mir findet sie keinen Platz, um ihre Sense
anzulehnen.'

"'Und dadurch,' antwortete er, 'werden wir unpnktlich, denn die
Langeweile vertreibt uns nie!'

"'Warten Sie nur, habe ich erst Salons, Lakaien und schne seidene
Kleider, so werde ich schrecklich langweilig sein. Ich war es schon
weniger, als ich aus Sparsamkeit noch Talglichter brannte, denn
jedesmal, wenn ich sie putzen mute, sah ich meine Gste an, sagte
schnell etwas Lustiges, und whrend sie lachten, putzte ich sie
geschwind incognito. Jetzt bin ich liebenswrdig zwischen meinen
schiefen Wnden, weil ich sie dadurch meinen hohen Besuchern vergessen
lassen mu.' Mr. N. nahm seinen Hut, sie sagte ihm freundlich Lebewohl,
tauschte einen Hndedruck von zehn Jahren Bekanntschaft mit ihm und
kehrte zu mir zurck. 'Er ist doch sehr schn,' sagte sie. 'Der Vater
hat mir eine angenehme Bekanntschaft ausgesucht. Er soll ein Herzogthum
zu erwarten haben, jedenfalls pat er gut in mein Herzogthum.'

"'Also wieder und immer wieder,' rief ich traurig aus.

"'O Du neugierige, kleine Katze, spielst Du wieder die erfahrene Frau
und ich das kleine Pensionsmdchen?'

"Whrenddessen hatte die Phantasie mit zauberhafter Schnelle andere
Bilder aufgezogen. Einem Gedanken schien sie nachzusinnen, dessen
Schatten schon ihre Zge bedeckte.

"'Keinen Brief von H. und doch bin ich jetzt frei!'

"'Er hat keinen Pfennig, Ottilie, du weit es recht gut!'

"'Was soll mir das Geld! Er wollte Missionar werden, ich stimme dem bei,
es ist ein edler Beruf. Kannst Du Dir in der Mitte der Wilden Deine
Freundin vorstellen, sie selbst als seine ergebenste Schlerin? -- Auch
eine Schule wollte er grnden; ich wrde die Wirtschaft fhren --'

"'Aber, liebes Herz, Du verstehst ja nichts davon.'

"'Die Liebe wird es mich lehren! Nur eins beunruhigt mich, ich kann
Desvoeux nicht vergessen; ich schrieb davon an H. --'

"'Und erzhlst es N. morgen.'

"Sie lachte, aber ich hatte Recht, denn nichts hatte Bestand in diesem
Kopfe, in dem die Phantasie Alleinherrscherin war. Da warf sie zwanzig
verschiedene Mnnerbilder, tausend Lebensplne, Gedanken, momentane
Empfindungen durcheinander, bis die Bilder zerbrachen, die Gedanken
ausarteten -- dann sa sie vor den Trmmern und weinte! Aber wie bei
kindlichen Schmerzen, trstete sie die Blume, die ein Fremder ihr
reichte, sie lchelte, sie berauschte sich an ihrem Duft und warf sie
schlielich in die allgemeine Unordnung zu Bildern und Gedanken. Und
doch waren edle unter ihnen, Gedanken von Pflicht, Barmherzigkeit und
Hingebung, aber kein einziger entsprang einem Grundsatz. Der Ursprung
war Liebe, das Ziel war Liebe, das Leben war Liebe, trotzdem diese Frau
nicht mehr jung und nicht schn war. Die Strahlen der Schnheit, mit
denen ihr Geist sie oft zu verklren schien, warfen sie nur noch tiefer
in Gram und Reue, denn oft entzndete sich die Leidenschaft an diesem
Glanz, um, wenn er erlosch, ebenso schnell zu vergehen; sah sie die
Flamme matter und matter brennen, fhlte sie, da ihr Athem sie nicht
mehr anzufachen vermochte, so weihte sie die Stunden der Nacht ihrem
wilden Schmerz. Und dennoch entsagte sie nicht diesem Phantom der Liebe,
sie begehrte in der ganzen Welt nichts als sie, inmitten brennender
Thrnen rief sie aus: 'Immer nur Leidenschaft, niemals Liebe!' Aber
schon im nchsten Augenblick klammerte sie sich an die Leidenschaft, die
ihr in der Maske der Liebe nahte -- und dann immer dasselbe Trauerspiel:
Glck, Seligkeit, Verlust und Reue. Trotzdem fehlte es ihr an
Freundinnen. Sie hatte alte und junge, fromme und kluge, Weltfrauen und
junge Mdchen mit derselben Einbildungskraft wie die ihre; Freundinnen
mit gebrochenem Herzen und Priesterinnen der Vernunft -- sie Alle waren
ihr ergeben, denn sie war von Herzen liebenswrdig -- liebenswrdig
selbst in ihrer Thorheit. Ja, sie hatte Freundinnen, doch diese hatten
sie nicht!

"'Glaubst Du, da er kommt?' fuhr sie fort. 'Da stehe ich nun den ganzen
Tag am Fenster und warte auf den Briefboten und denke dazwischen an D.'

"'Du bist zu mig, Ottilie!'

"'Was soll ich tun? D. gab mir zu thun: den Tasso mute ich bersetzen
und drucken lassen, dann nahm ich drei Monate lang Zeichenstunden, weil
er sich die Copie eines Bildes wnschte, und ich hatte noch nie einen
Bleistift berhrt! brigens -- doch, du wirst lachen -- nachdem N. mich
gestern Abend verlassen hatte, kam mir ein Gedanke, den ich diesen
Morgen aufschrieb, ich will ihn dir vorlesen. -- Du sagst, ich sei
mig, und weit doch, da ich sechs Stunden des Tages dem Vater widme;
oft kann ich nicht mehr und glaube ohnmchtig zu werden vor Schwche,
doch der Gedanke, da ich ihm ntzlich, ihm nothwendig bin, da ich
seine alten Tage verschnen und in der Welt zu etwas gut sein kann,
dieser Gedanke giebt mir die Krfte wieder. Neulich haben wir den
Plutarch zu lesen angefangen, und schlielich las er mir aus dem zweiten
Teil des Faust; es war schn und gro, als ich aber nach elf Uhr mein
Zimmer betrat, fiel ich, meiner ganzen Lnge nach, zu Boden.'

"Ich erhob mich, um sie zu kssen; ich liebte in diesem armen Kinde der
Phantasie dieses Gefhl, diese Pflicht, die ihrer Hingebung entsprang,
dieser stillen, gewissenhaften, rhrenden Hingebung mit all ihren
kleinen, stndlichen Opfern, ihren verborgenen Anstrengungen bis zur
Entkrftung, deren nur eine Frau fhig ist. Inzwischen hatte sie auf
allen Tischen nach ihrer Schrift gesucht, doch vergebens; ich kam ihr zu
Hilfe und entdeckte endlich unter Bchern, Briefen, Stickereien und
Noten ein mit einer groen engen Schrift bedecktes Papier. Ich begann zu
lesen; welch buntes Durcheinander: Kleider und Schrpen, Blumen und
Bcher, die sie sich zum Geburtstage wnschte, verschiedene Adressen,
quer darber einige Verse ihrer Tasso-bersetzung, den Titel einer neuen
Geschichte Irlands, und endlich in der Mitte fand ich etwas, das eine
Fortsetzung zu haben schien. 'Gib her, das ist's,' sagte sie und begann:

"'In einem dunklen Tempel verbreitete eine einsame Ampel ihr trauriges
Licht; lange schon hatte sie gebrannt und Niemand gab sich die Mhe, sie
mit Lebensspeise zu versorgen; trotzdem leuchtete sie noch, denn der
Tempel lag auf dem Wege frommer Pilger, und sobald die Flamme nahe am
Erlschen war, warf eine barmherzige Hand ihr etwas hin, das Leben zu
fristen. Es war nicht immer geweihtes l, das ihr gebhrte; die Pilger
gaben, was sie hatten: eine Blume, ein Lorbeerblatt, einen Dornenzweig;
der Eine gab ihr einen Tropfen Blut, der Andere seine Thrnen -- und die
Lampe brennt heute noch!'

"'Du bist es,' sagte ich; 'diese Flamme ist deine Seele, doch der neue
Pilger, Ottilie, bringt dir nur einen Dornenzweig!'

"'Sei es darum, auch dieser bringt mir Leben.'

"Goethe hatte whrend dieses Abends den Besuch eines Freundes, Ottilie
war frei, ich blieb bei ihr; um sieben Uhr kam Herr N. und verschiedene
junge Englnder, spter der Thee auf rundem Tisch, den zwei Lichter
erhellten.

"Die Unterhaltung wurde lebhaft, wie immer, sie drehte sich um Armuth
und Reichthum, und Ottiliens Verachtung dieser 'kleinen Stckchen von
schmutzigem Metall' trat deutlich zu Tage.

"'Doch wie vereint sich deine Verachtung mit den Ansprchen einer
eleganten Frau?' fragte ich lchelnd.

"'Ach, du triffst wieder meine schwchste Seite! Stellen Sie sich vor,
meine Herren, sie moquiert sich ber mich! ber mich, die ich ein neues
Mtzchen, eine seidene Schrze, russische Schuhe und die schnste aller
Sammetcravatten trage!'

"'Man sagte mir, es sei nicht allzu lang her, da du dich der Mode
fgst!' gab ich zurck; 'und deine Locken --'

"'Sind tausendmal schner als dein Vogelnest. Sie sind --'

"'Vom Jahre dreizehn,' unterbrach ich sie.

"'Ja, vom Jahre dreizehn!' rief Ottilie bewegt; 'alles Gute, alles
Schne ist vom Jahre dreizehn; -- damals gab es noch Begeisterung,
damals war Preuen herrlich, und unsere Herzen hatten ein Vaterland! Die
Regimenter durchzogen die Stadt und lieen uns ihre Verwundeten; wie
Engel des Friedens betraten wir die Krankenhuser, und die Kranken
segneten uns! Des Abends gab die Stadt einen Ball. Wenn wir einem der
Officiere einen Walzer versagen wollten, hie es: vielleicht ist es der
letzte, und wir gewhrten ihn. Dann die Bivouaks und morgens die
Trommler, die Schlachtmusik -- ein Gru, ein Lebewohl mit gesenktem
Degen -- es gab in Deutschland keine Schlafmtzen mehr, sie waren alle
Mnner geworden und die Mnner Helden! Damals war es der Mhe wert, zu
leben und zu sterben!' ...

"Die Stunden vergingen. Kein Klatsch, keine Frivolitt, keine
Taktlosigkeit strte unser Zusammensein. Ottilie hatte es mit jenem
Talent, das keine Frau in dem Grade besa wie sie, verstanden, Jeden mit
sich zufrieden zu machen; sie hatte mit Jedem ber das ihn am meisten
Interessierende gesprochen, wobei Jeder sich naturgem am wohlsten
fhlt; sie hatte alle Geistesgaben geweckt und welche zu sen versucht,
wo sie keine gefunden hatte.

"So war meine Freundin, als ich wute, warum mein Herz ihr
entgegenschlug, jetzt -- -- Ich will diese dunkeln Mysterien des
Schicksals und der Schuld nicht berhren. Dank dem Himmel, der mich
nicht zum Richter dieser unglcklichen Frau berufen hat! Ihre Seele war
glnzend und liebenswrdig, doch fr einen anderen Planeten geschaffen;
sie hatte sich in ihrem Fluge getuscht, statt der blhenden Grten
ihres Sterns fand sie die kalten Nebel des unseren, statt der Liebe fand
sie die Vernunft auf dem Thron, statt des heiteren Lebens fand sie
Arbeit und Sorgen, statt der unendlichen Rume des Sterns ihrer
geflgelten Brder fand sie die kleinlichen Verhltnisse unserer Erde,
wo man geht -- oder kriecht. Mit jedem Schritt verstie sie gegen ein
irdisches Gesetz, jedes Gesetz rchte sich, jeder Irrthum kostete ihr
eine Feder ihrer Flgel, einen Strahl ihres Lichts, eine Blume ihrer
Schnheit -- sie weinte, doch sie lernte nichts! Man donnerte ihr in die
Ohren: Die Vernunft ist Knig, du bist des Majesttsverbrechens
schuldig; zum Schaffot! zum Schaffot! Sie wollte entfliegen -- ihre
Flgel waren gebrochen, sie wollte durch einen Strahl ihres Lichts ihre
Richter gewinnen -- das Licht war erloschen; auf ihrer Harfe wollte sie
ihre Klagen singen -- zerrissen waren die Saiten!"

Wie ber der Familie Bonaparte, so schien ber der Familie jenes anderen
Titanen ein dunkles Schicksal zu walten, und wie der Schatten des einen
ber Jennys Leben seinen Schleier warf, so auch der Schatten des
anderen, da die Freundschaft sich noch inniger als mit der Mutter das
ganze Leben hindurch mit den Enkeln verband und ihr auch den Vater nahe
gefhrt hatte. Die Nachwelt ist im Urteil ber ihn so hart und ungerecht
gewesen, wie die Mitwelt grausam war gegen seine Shne. Jenny
charakterisierte ihn folgendermaen:

"August Goethe habe ich sehr gut gekannt; er war nichts
Auergewhnliches, sondern ein kluger, gutmthiger Mann, der, als Sohn
eines anderen Vaters, einen ernsten, ruhigen Lebensweg gefunden htte.
Der alte Goethe liebte seinen Sohn unendlich, er sah in ihm ein Stck
seiner selbst, oder wollte es vielmehr sehen; das empfand August aber
nicht als Glck, sondern als drckende Last. Goethe hatte viele Kinder
verloren, dieser Eine sollte ihm alle anderen ersetzen. Er nahm ihn
schon als Knaben auf seinen Wanderungen mit, versuchte ihm seine
Passionen einzuimpfen. Augusts frischer Geist fate leicht und frhlich
auf, was der Vater ihm lehrte; er zog aber, wie es ganz natrlich war,
den Umgang mit gleichaltrigen Gefhrten dem alleinigen mit seinem Vater
vor. Das schmerzte diesen, denn er verga, wie so viele Vter den Shnen
gegenber, die eigene Kinderzeit. Er wurde strenger, berwachte seinen
Unterricht, berhrte ihn zuweilen und unterdrckte die aufwallende
Zrtlichkeit, weil sie ihm nicht in sein Erziehungssystem zu passen
schien. Augusts heies Herz wandte sich mehr und mehr der Mutter zu, die
ihn von Anfang an verhtschelte. Sie verstopfte das schreiende Mulchen
des Babys mit Sigkeiten und anderen Dingen; sie ffnete dem streng
bewachten Knaben jede Hinterthr; sie steckte, was sie vom
Wirthschaftsgeld erbrigte, dem Jngling zu.

"Er mu bildschn gewesen sein; eine dunkle Erinnerung aus meiner ersten
Kinderzeit zeigt ihn mir wie einen jugendlichen Halbgott. Nun stelle man
sich Weimar, stelle man sich die Welt ringsum vor, die von Goethes Namen
erfllt war, und man wird sich nicht wundern, da Jeder, der zu Goethe
kam, um dem Vater seine Huldigungen zu Fen zu legen, dem schnen Sohn
alle erdenklichen Zrtlichkeiten erwies. Ein groer Charakter oder ein
groes Talent allein htten das Gegengewicht halten knnen.

"Die Nhe des Vaters floh er, weil die forschenden Blicke, die
unausgesprochenen Anklagen ihn einschchterten. So kam es, da er, der
sonst so Frhliche, sich in den Rumen Goethes am liebsten stumm und
mimuthig in die Ecken drckte. Das Gefhl, hier nur als der Sohn seines
Vaters betrachtet zu werden, der Gedanke, da er den Mund nur aufthun
knne, wenn er etwas Geistreiches zu sagen wisse, wird Jeder begreiflich
finden, der sich in seine Lage versetzt. Schmeichler, wahre und falsche
Freunde umgaben ihn auerhalb des vterlichen Hauses; unter ihnen lie
er sich nun vollstndig gehen, sie nannten seine Streiche genial, die
nur jugendlich und unvernnftig waren, sie bewunderten seine Verse, die
heute von jedem Tertianer besser gemacht werden. Nur wenige, die Ottilie
mir nach seinem Tode mittheilte, sind tief empfunden und schn
ausgefhrt, die aber kannte Niemand. Goethe schien eine Zeit lang des
Sohnes Leben nicht zu beachten, vielleicht da er auch hoffte, ein Genie
wrde sich daraus entwickeln. Er wartete vergebens; der Punkt, bis zu
dem jeder Mensch innerlich vorschreitet, war von ihm erreicht, er
gehrte nicht zu seines Vaters Genossen, die 'immer strebend sich
bemhen.' Es kam aber auch fr ihn eine Zeit, wo er die innere Leere
empfand. Seine Wnsche gipfelten schlielich in dem einen Wunsch: Fort!
Nach langem Kampf wagte er endlich, Goethe diesen Wunsch auszusprechen.
Es kam zu ernsten Scenen, denn Goethe wollte oder konnte ihn nicht
begreifen, selbst als Knebel sich auf seine Seite stellte. Fern von
Weimar, womglich unter anderem Namen, htten Augusts gute Seiten bald
die weniger guten unterdrckt.

"Um dieselbe Zeit ungefhr lernte er Ottilie von Pogwisch kennen. Man
hat erzhlt, Goethe habe die Heirath mit ihr bewerkstelligt, August habe
deshalb eine groe Jugendliebe aufgeben mssen. Das ist nicht wahr; er
hatte eine ganze Anzahl mehr oder weniger leichtsinniger Verhltnisse,
aber, wenn bei ihm berhaupt von groer Liebe gesprochen werden kann, so
gehrt diese Ottilien allein. Deren Gromutter, Grfin Henckel, die
Oberhofmeisterin bei Maria Paulowna und also auch meine Vorgesetzte
war, strubte sich von Anfang an sehr gegen diese Verbindung. Erst als
Christiane von Goethe gestorben war, willigte die stolze alte Dame in
die Heirath ihrer Enkelin. Der Jubel und die Glckseligkeit waren gro
damals, sie glaubten sich hei zu lieben, und doch liebte Ottilie in ihm
nur den Sohn seines Vaters, den sie mit den schnsten Trumen ihrer
Phantasie ausschmckte. Es war nur Phantasie! Ihr Geist vermochte ihn
auf die Dauer nicht zu fesseln, und eine Schnheit, die seine Sinne
erregen konnte, besa sie nicht. So ging bald ein Jeder seine eigenen
Wege. Ihre Ehe wurde, durch Beider Schuld, sehr unglcklich. Die
Enttuschung, die sie empfand, wenn sie nach und nach aus der glnzenden
Hlle ihrer Phantasiegebilde einen gewhnlichen Menschen sich entpuppen
sah, war immer sehr gro, am schmerzlichsten aber bei ihrem Gatten, bei
Goethes Sohn. Sie htte ihn vielleicht nun mit christlicher, helfender,
duldender Liebe tragen und heben knnen, und er, als der Rausch der
Leidenschaft verflogen war, mit ernstem Pflichtgefhl als treuer Gatte
und Vater ihr zur Seite stehen -- da nichts davon geschah, war mehr
Schicksal als Schuld. Charaktere, wie die ihren, durften sich nie
verbinden. Wie das in einer kleinen Stadt immer zu sein pflegt, wo die
Menschen dicht an einander wohnen, mischte sich der Klatsch auch noch in
die Ehe. Beide standen wie auf offener Scene, und besonders das
Galerie-Publicum verfolgte mit gehssiger Neugier den Fortgang des
Dramas. Ottilie hatte unverdienter Weise, denn sie that wissentlich
Keinem etwas Bses an, viele Feinde, besonders Feindinnen, die sie ihrer
Stellung wegen beneideten und sich zwischen sie und August zu drngen
versuchten. Es gelang ihnen nur zu gut. Die gewohnten Schmeicheleien,
die Ottilie ihm bei ihrer unbedingten Wahrheitsliebe nicht zutheil
werden lie, fand er anderswo zur Genge; die Trume, die sein Geist ihr
nicht verwirklicht hatte, suchte sie in ihrer Umgebung zu finden.
Erschienen sie ffentlich zusammen, so war ihr Benehmen tadellos; auch
zu Hause machten sie den Eindruck eines einigen Paares, sobald die
Kinder bei ihnen waren. In der Erfindung immer neuer Spiele fr sie war
August unerschpflich; sie zogen ihn -- wie oft! -- von seinen
Kneipereien ab, die seiner an und fr sich schwankenden Gesundheit
schadeten. Aber auch die Freude an seinen Shnen verbitterte ihm sein
Mitrauen. Ich stand einmal mit ihm am Fenster des Ezimmers kurz vor
Tisch. Im Garten ging Goethe auf und nieder, seine Enkel kamen
hinuntergelaufen, um ihn zu holen. Jubelnd umschlangen sie den
Grovater, erzhlten, lachten, spielten; er freute sich sichtlich ihrer
lieblichen Gegenwart, und ich sah mit Vergngen zu. Da fiel mein Blick
auf August: er starrte mit zusammengekniffenen Lippen, bla und schwer
athmend, auf dasselbe Bild, sein Aussehen sagte mehr als Worte.

"Ein schner, besonders hervorzuhebender Zug in Augusts Wesen war seine
Freundestreue. Wen er lieb gewann -- freilich waren's nicht immer die
Wrdigsten --, fr den ging er durchs Feuer. Sein Unglck war, da
Keiner von ihnen ihn, den Sohn Goethes, gnstig zu beeinflussen
versuchte, alle ordneten sich ihm unter, und doch bin ich berzeugt, da
er sich htte beeinflussen lassen. Dem Einzigen, der es versuchte, Ernst
von Schiller, ist es stets geglckt. August liebte ihn zrtlich, und es
wre von dauerndem Erfolg gewesen, wenn sein Freund immer htte um ihn
sein knnen. Sein ruhiger Ernst, sein fester Charakter, seine Abneigung
gegen alles Gemeine, seine Abstammung nicht zum mindesten, denn sie
stellte ihn August gleich, stempelten ihn eigentlich zu seinem Freunde.
Es sollte nicht sein -- auch hier Schicksal und keine Schuld!

"Am 'Chaos' betheiligte sich August mit groer Lebhaftigkeit; die
meisten seiner Reime -- Gedichte mchte ich sie nicht nennen -- wurden
darin gedruckt. Er schrieb hbsche Briefe, eine Tugend, die ich jetzt,
wo sie so ganz verloren geht, doppelt als solche anerkenne. Die Briefe
an seinen Vater waren weniger natrlich, sie zeigten den Zwang, den
Goethe, mit der besten Absicht, auch darauf ausbte. August sollte
Beobachtungen ber Witterung, Naturerscheinungen usw. anstellen, die ihm
fernlagen und ihn gar nicht interessierten. Von Menschen und Ereignissen
erzhlte er lieber, besonders von Italien aus, wo er sich endlich frei
und als Herr seiner selbst empfand.

"Der Gedanke 'Fort von Weimar!' war schlielich zu einer Macht geworden.
Fort, recht weit fort, wo er an Leib und Seele zu genesen hoffte. Da er
krank war, fhlte er immer deutlicher. Er kam zur Erkenntnis auch seines
seelischen Zustandes, ohne die Kraft zu haben, sich zu ndern, ungefhr
wie ein Wahnsinniger, der in lichten Momenten seinen Zustand begreift
und dadurch nur noch unglcklicher wird. In besonders trben
Augenblicken sagte er sich: 'Ich will nach Rom, um dort zu sterben.'

"Der Entschlu zu fliehen reifte in ihm. Er glich darin dem alten
Goethe, der sich von allen Qualen durch schnelles Losreien aus den
gewohnten Zustnden befreite. Nur wenige wuten um Augusts Plan. Mir
theilte ihn Ottilie mit, und ich konnte mir nicht versagen, ihm die
herzlichsten Wnsche mit auf den Weg zu geben. Ich war berzeugt, ihn
neugeboren wiederzusehen. Der Abschied von seinem Vater soll
erschtternd gewesen sein. Mir wurde erzhlt, August sei ihm pltzlich
weinend zu Fen gefallen und dann davongestrzt, whrend Goethe,
berwltigt von bser Ahnung, auf seinem Lehnstuhl zusammengebrochen
sei. Die Kinder schieden frhlich von ihm mit allen mglichen Wnschen
und Bitten: sie sollten den Vater nie wiedersehen.

    Ich will nicht mehr am Gngelbande
    Wie sonst geleitet sein,
    Will lieber an des Abgrunds Rande
    Von jeder Fessel mich befrein!

so lauteten seine letzten Verse im 'Chaos'. Und er ging, befreit von
jeder Fessel, um auch die des Lebens abzuwerfen. Er wurde im Lande
seiner Sehnsucht von allen Leiden erlst, aber anders, als er es gedacht
hatte."

Die drei Kinder von August und Ottilie fanden in Jenny eine zweite und
sorgsamere Mutter, als die eigene war. Die Knaben, Wolf und Walter,
waren im gleichen Alter mit Jennys Stiefschwester Cecile von Gersdorff,
Dianens Tochter aus ihrer zweiten Ehe, und innig befreundet mit ihr, so
da doppelte Bande der Liebe die Familien aneinanderfesselten. Jenny gab
den Kindern zusammen den ersten Unterricht und setzte ihn fort, auch als
ihr geliebtes Schwesterchen nach Straburg in Pension kam. Sie schrieb
darber an diese:


"Weimar, 22. April 1835.

"... Meine Stunden machen mir und den lieben Kindern groe Freude; sie
werden ernster betrieben als zu Deiner Zeit, wozu Ernas Vernunft und
Wolfs angeborener Ernst sehr beitrgt; Letzterer ist mir unbeschreiblich
lieb, sein Charakter entwickelt sich ausnehmend gut und tchtig, er ist
seinem Alter in jeder Beziehung ungeheuer voraus, lt das Schnste
hoffen; mein ganzes Herz hngt an dem lieben Knaben und der Gedanke
einer Trennung von ihnen wird mir tglich schmerzlicher, je
unabwendbarer ich ihn in die Wirklichkeit treten sehe ... Alma ist ein
gutes, gehorsames, mhsam strickendes und knippelndes Kind, spter
verspricht sie jedoch mehr zu werden ..."

Da die Stunden ernst genommen wurden, bezeugt eine Stelle aus einem
Briefe Walter Goethes an Cecile Gersdorff vom 6. Dezember 1834, worin er
sagt: "Bei Jenny habe ich mit Anna, Erna und Wolf Stunde, was mir viel
Freude macht. Leider mute ich meine ganze Rethorik kopieren, indem als
unsere Stunden begannen, meine Cahiers verschwunden waren." Noch im
Alter unterschrieb sich Walter in seinen Briefen an Jenny: "Dein
dankbarer Schler." Persnlich nher als er stand ihr Wolf, dessen erste
Knabenliebe seiner liebreizenden Lehrerin gegolten hatte. Sie schrieb
von ihm:

"Mit sechs Jahren war er ein heiteres, sehr gesprchiges Kind mit den
wunderschnen Goetheschen Augen, voll Lust zu jedem Spiel, der Liebling
seines Grovaters. Er wurde ein denkender, lernender Knabe, der mit
Leidenschaft auf- und erfate. Noch ein halbes Kind, fhlte er die Liebe
eines Jnglings. So wie seine tiefen, dunkeln, glhenden Augen alle
Mngel in seinem ueren berstrahlten und ihn schn machten, so war es
eigentlich die Liebe, die sein ganzes geistiges Ich durchstrahlte und
ihn zum Dichter stempelte."

Bezeichnend nicht nur fr ihr Verhltnis zueinander, sondern auch fr
Wolfs Charakter sind die folgenden Abschnitte aus Jennys Briefen an ihn:


6./6. 35.

"Solltest du wirklich in deinem jungen Herzen das tiefe, heilige Gefhl
der Liebe zum hchsten Geiste vermissen, solltest du wirklich strmen
wollen, wo sich dein Knie verehrend beugen mte, nun so la jeden
Gedanken an Gott, an Glauben, an Religion eine Zeit lang dahingestellt,
richte alle Krfte deiner Seele auf den einen Mittelpunkt deines Wesens
und entwickele mit deinem ganzen Streben die Fhigkeit des Rechten in
deiner Brust, und alles Groe mu sich stufenweise daran entwickeln. --
Ersticke jedes kleinliche Gefhl, streife alles ab von deiner Seele, was
nicht aus edler Quelle fliet und kein edles Geprge trgt; es ist des
wahren Menschen unwrdig, und mchtest du wohl ein Scheinmensch sein,
der dem Feuerwerk gleicht, das eine Minute in dunkler Nacht ein
Flammenrad bildet, sich in unruhigen Funken zerstreut und dann zwecklos
verpufft? Sieh nicht verachtend auf eine ganze groe, hohe Welt, la
auch sie jetzt dahingestellt, richte deine Blicke nur auf dich selbst,
da du dich dir selbst erhltst; nicht einen Gedanken von Egoismus, von
Eitelkeit, von Dnkel darfst du wuchern lassen, sie mssen alle fort; in
den Umri, den du dir von deiner Seele zeichnest, wie sie werden kann
und mu, pat solch elendes Germpel nicht. Wolf, ich beschwre dich,
la nicht so winzige Rcksichten dein Ohr vor meiner Stimme schlieen,
da du keinen fremden Einflu oder gar einen weiblichen erdulden willst.
Ich fhle mich ganz frei von der Eitelkeit, als knnte ich etwas
vollbringen, als solltest du mir etwas zu Liebe thun, um irgend einer
Prtension zu schmeicheln -- kein Mensch bekehrt, aber eine Wahrheit
thut es, aus welchem Munde der Zufall sie auch flieen lasse, und nur
der Wahrheit spre nach; ihre einzige Offenbarung und Besiegelung
findest du im Rechthandeln und -denken. Es giebt nichts auf der Welt
auer dem Rechtthun, was von Verwirrung, Unzufriedenheit, Kampf und
Irrthum frei wre, es giebt nirgends Befriedigung als in der Tugend. Ich
sage dir nicht, sie ist leicht, aber es ehrt dich, wenn man dir, dem
Fnfzehnjhrigen, das Schwere zumuthet. Du willst nicht, da ich dir als
Beispiel deinen Grovater nenne. Ja, er war als Dichter ein Genie, aber
als Mensch war er das, was Jeder aus sich machen kann, der die Kraft,
den festen Willen, das heilige Pflichtbewutsein in sich fhlt. Die
Bitterkeit in deiner Seele mu weg, sie ist ein Unkraut, eine Schwche.
Die auf sich selbst gesttzte Seele mu klar das Schlechte und
Erbrmliche in der Welt ins Auge fassen knnen, ohne daran irre zu
werden; es geht den Menschen nur insofern an, als er Krieg dagegen
fhren mu, auf ihn selbst und seine Entwickelung aus dem Mittelpunkt
des tiefsten Inneren hat es gar keinen Bezug, es ist von anderem Schrot
und Korn als er.


2./4. 37.

"Du fragst mich, was ich von meinen Grundstzen und den Bestrebungen,
ihnen zu folgen, habe? Alles, was mir lieb und werth ist, habe ich durch
sie; ich habe treue Freunde, auf die ich bauen kann, wie auf mich
selbst, solange ich das in mir erhalte, was mich ihnen achtungswerth
macht; ich habe Ruhe der inneren Gedanken, Trost fr jeden Schmerz,
natrlich solange ich nicht durch physisches Kranksein unempfnglich und
also nicht zurechnungsfhig bin; ich habe den Genu, in hohen Geistern
vertrauend, einstimmend schwelgen zu knnen, und so wenig ich noch das
Ideal meines Selbst erreicht habe, so weit ich auch hinter einem
Schleiermacher, hinter einer Rahel stehe, so bin ich doch schon hoch
genug geklommen, um sie zu erkennen; ich habe ein ausgeflltes Leben,
vollauf zu thun im kleinen Kreise der eigenen Ausbildung und der
Verkndigung des Wahren, Schnen und Guten, so weit meine Stimme reicht.
Es ist schon ein namenlos hohes Gefhl, sich als freiwilliger Soldat im
Heer zu fhlen, das gegen Lge, Unrecht und Schwche zu Felde zieht; da
ist von Dank oder Undank, Werth oder Unwerth in den Menschen gar nicht
mehr die Rede, man trgt die Fahne der Wahrheit und steckt sie freudig
auf, wo man ein Pltzchen erobern kann, und weil der Boden, auf dem die
Wahrheit lebt, der Menschen Seele ist, mu Seele zu Seele reden und sich
nicht darum kmmern, ob der Boden hart oder viel Unkraut darauf ist.

"Nun frage ich dich, was hast du wohl von deiner Denkungsweise?
Verachtung aller Dinge, selbst der hchsten, Mitrauen in alle Menschen,
selbst in lang erprobte Freunde deiner Kindheit, ein mchtiges Streben
und kein festes Ziel, eine leidenschaftlich aufgeregte Kraft und
Langeweile, den Trieb zum Denken und keinen festen Mittelpunkt als
Sttze. Das Alles bist nicht du, das ist dein Irrthum, denn zu deiner
Kraft gehrt ein edles Streben, zu deinem Streben gehrt ein hohes Ziel,
zu deinem heien Herzen gehrt ein wahrer Freund und in dein Denken,
Wolf, gehrt ein Gott!

"Ich knnte jedes Wort noch einzeln fassen und ein Capitel ber jedes
schreiben, doch ich bin zaghaft, weil ich nicht wei, ob dich der eine
Bogen nicht schon schreckt.

"Ich liebe nicht den Spott in deinem Munde und mu mich immer
berwinden, um meinen Glauben an dich diesem Spott auszusetzen; ich
liebe nicht deine Zweifel an jeder treuen, wahren Neigung und mchte dir
nie Gelegenheit geben, sie durch Miverstehen zu nhren oder durch
Bitterkeit zu uern.

"Ich wollte dir noch von deinen Kinderjahren reden und dir die erste
Wurzel zeigen, worauf der Baum treuer Freundschaft steht, den ich dir in
deinen Lebensgarten pflanzte, doch kannst du dies den zehn verflossenen
Jahren nicht glauben, so helfen auch die wrmsten Worte nicht."

Schon damals also, zwischen Wolfs 15. und 17. Jahre, zeigte sich bei ihm
jenes unheilvolle Gefhl, das sein Leben in steigendem Mae verbittern
sollte: das Mitrauen. Mitrauen gegen die Freunde, weil er glaubte,
ihre Freundschaft gehre nicht ihm, sondern dem Enkel Goethes, Mitrauen
gegen sich selbst, weil er an seine Leistungen den Mastab der
Leistungen seines Grovaters anlegte. Ottiliens Erziehung wirkte dabei
nur nachteilig; sie verzrtelte ihre Shne nie, aber sie erzog sie fr
"einen anderen Stern". "Du weit ja," sagte Wolf spter einmal zu Jenny,
"wie wir durch unsere Mutter auf das Edle, auf groe Gesinnung dressiert
worden sind mit Liebe und, wenn es sein mute, auch mit Sporn und
Peitsche." Eingehllt in diese um ihn geschaffene weltfremde Atmosphre,
tat jede Berhrung mit der Welt schon den Jnglingen weh. Sie gingen ihr
aus dem Wege und lebten nur in dem Kreise, den das Goethehaus um- und
abschlo. Zu denen, die ihnen von auswrtigen Freunden am nchsten
standen, gehrten zwei der beliebteren Gste in Weimar, Felix
Mendelssohn, der Walters musikalische Begabung weckte, und Karl von
Holtei, der August Goethes Freund gewesen war. Beide traten auch zu
Jenny in nhere Beziehungen.

Felix Mendelssohns erster Besuch in Weimar wurde ihr brieflich
mitgeteilt, als sie noch in Straburg in Pension war. "Bei meinen
Eltern," so erzhlt sie, "war er auch einmal zu Tisch eingeladen, man
zeigte ihm ein Bild von mir, und er wnschte, mich nach seinen
'Ringelreihen' tanzen zu lassen. Die Abschrift einer kleinen Composition
von ihm --ich entsinne mich nicht mehr, welche es war -- versetzte mich
in helles Entzcken, und lange Zeit hindurch beschftigte mich der
Gedanke an den 'wunderbaren Jngling', an Goethes 'David'.

"Bald darauf kehrte ich nach Weimar zurck, wo Felix Mendelssohns Name
in Aller Mund war. Selbst August Goethe, der sehr selten ein liebevolles
Urtheil ber fremde Menschen hatte, gab zu, da er das Zeug dazu habe,
alle Welt, selbst ihn, mit sich fortzureien. Es vergingen einige Jahre,
bis ich die persnliche Bekanntschaft des jungen Musikers machte;
vergessen jedoch konnte ich ihn nicht, da Goethe fters Briefe von ihm
bekam, die Ottilie sofort mitgetheilt wurden und die ich dann vorlesen
hrte. Sie athmeten alle die unendliche Verehrung fr seinen Gnner,
eine Verehrung, die nicht bei den Worten blieb, sondern sich durch
Thaten am schnsten uerte. Das war es ja auch, was Goethe bezweckte,
was ich immer mehr an ihm bewunderte: der Einflu, den er auf Alle, die
ihm nahe traten, ausbte, dem Keiner entging. Er weckte und frderte
jedes Talent, und wie Viele, die sonst im Dunkel verkommen wren, zog er
an das Licht seines herrlichen Geistes. Es ging eine Wirkung von ihm
aus, die mir, wenn sie auch heute noch nicht vergangen ist, doch damals
eine unbeschreibliche elektrische Kraft zu haben schien und die
Mendelssohn, der selbst ein genialer Mensch war, mit doppelter Gewalt
empfunden haben mu.

"Im Sommer 1830 war es, als Ottilie mir unter dem Siegel der
Verschwiegenheit mittheilte: Mendelssohn kommt. Da ein musikalischer
Besuch erwartet wurde, ahnte ich schon, als ich die Treppe hinauf kam,
Goethes Thr offen fand und hinein sah: Riemer packte mit Friedrich,
Goethes Bedienten, Noten aus, die abgestubt wurden, und der damals
einzige Mann, der kranke Flgelsaiten zu heilen verstand, entlockte dem
langen, braunen Kasten klglich wimmernde Tne. Ich vermuthete Zelters
Besuch und freute mich darauf, denn der alte Herr mit seiner derben
Komik, seiner polternden Sprechweise und seinem liebewarmen Herzen war
mir sehr werth geworden. Statt seiner kam nun sein Schler, das
Wunderkind, das Sonntagskind. Als ich ihm zuerst begegnete -- er ging zu
Goethe, ich kam von Ottilie --, beschlich mich ein leises Gefhl der
Enttuschung, er sah zart aus, ging etwas gebckt, und sein Gesicht
machte mir keinen bedeutenden Eindruck. Denselben Nachmittag traf ich
ihn bei Grfin Henckel und glaubte einen anderen Menschen zu sehen: die
Lebhaftigkeit seines Mienenspiels, seine Grazie, die doch durchaus
nichts Weibisches hatte, sein strahlendes Lcheln, als ob man einen
Vorhang vor einem Fenster wegzge und nun in den schnsten Frhling she
-- das Alles machte seine Erscheinung zu einer sich der Erinnerung
dauernd einprgenden. Und nun sein Spiel, das so ganz er selber war:
kein Gefhl, das ins Bizarre ging, keine Disharmonie, die sich nicht
milde auflste, keine Virtuosenkunststckchen, bei deren Anblick uns
schwindlig wird. Hummel schien mir mit mehr Feuer, mit mehr uerer
Leidenschaft zu spielen, aber man empfand nicht, wie bei Mendelssohn,
da so ganz das Herz im Spiele lag.

"Von Anfang an verbrachte er den grten Theil des Tages im Goetheschen
Hause. Er war wirklich Goethes David, denn er verscheuchte jede Wolke
von der Jupiterstirn unseres verehrten Dichters. Jedem, der damals
Mendelssohn kannte, wird es begreiflich sein, trat er doch mit dem
ganzen Zauber der Jugend, der Genialitt, der glcklichen Zukunftstrume
in unseren Freundeskreis. Es fiel Niemandem ein, wie das heute in
anderen Stdten der Fall sein wrde, ihn seiner Abstammung wegen
mitrauisch zu betrachten. Der Gedanke wre im damaligen Weimar
unmglich gewesen, und wird es sein, so lange die groen Traditionen
nicht zur Fabel geworden sind. Goethe schtzte die Menschen nach ihrem
Werth, Karl August hatte es stets gethan und war von seiner einmal
gewonnenen[TN2] berzeugung selbst durch Gegenbeweise nicht abzubringen
gewesen. Am herrlichsten befolgte unsere geliebte Grofrstin diesen
Grundsatz, und wir Alle htten uns geschmt, nicht diesen groen
Vorbildern nachzueifern. So gehrte Rahel, so gehrte Mendelssohn zu
unserer anerkannten Aristokratie.

"Vormittags war er meist allein mit seinem Gnner, der nie mde wurde,
ihm zuzuhren. Wie Goethe es bei allen Dingen liebte, nach einem
bestimmten System zu verfahren, so auch hier: er wnschte die Geschichte
der Musik in Tnen nach geordneter Zeitfolge zu hren. Irgendwo las ich
einmal, da man daraus die Folgerung zge, er habe von Musik nichts
verstanden und ihre uerliche Kenntnis nur als fr seine Bildung nthig
erachtet. Das glaube ich nicht. Felix Mendelssohn war stets aufs Hchste
berrascht von Goethes tiefem Verstndni und sprach oft mit uns davon:
'Goethe erfat die Musik mit dem Herzen, und wer das nicht kann, bleibt
ihr sein Lebtag fremd.' In Ottiliens Zirkel, den gerade damals das
'Chaos' vereinigte, beschftigte und belebte, trat er als neues,
willkommenes Element. Alles, was Kunst im weitesten Sinn berhrte, fate
er mit Begeisterung auf, whrend das wissenschaftliche Gebiet, besonders
das naturhistorische, nicht in seinen Interessenkreis zu ziehen war,
obwohl er es gut zu verbergen wute. Goethe, dem, seiner eigenen
wunderbaren Natur nach, jede Einseitigkeit unverstndlich blieb,
versuchte oft auf Felix einzuwirken. Es blieb vergebene Mhe; einmal
soll Goethe sogar -- ganz Saul! -- seinem Liebling zornig den Rcken
gekehrt haben, weil er ihn nicht verstand. Aufs Hchste erschrocken sa
Mendelssohn wie versteinert vor dem Flgel, bis er, fast unbewut, mit
den Fingern die Tasten berhrte und, wie zu eigenem Trost, zu spielen
begann. Pltzlich stand Goethe wieder neben ihm und sagte mit seiner
weichsten Stimme: 'Du hast genug, halt's fest!' So erzhlte Felix, der
lange dem Sinn der Worte nachgrbelte. Ein andermal war er die indirekte
Ursache eines heftigen Auftritts, der freilich wortlos verlief. Er
spielte Nachmittags bei Ottilie; ein Freund nach dem andern kam herein,
das neueste 'Chaos' lag vor uns, wurde besprochen, belacht, sein Spiel
verhallte ziemlich ungehrt. Da ging die Thr auf, Goethe erschien, warf
einen Blick so voll Zorn und Verachtung auf uns, da unser Gewissen uns
sofort mindestens zu Rubern und Mrdern stempelte, ging ohne Gru an
uns vorber, auf Mendelssohn zu, und ehe wir zur Besinnung gekommen
waren, hatte er mit ihm das Zimmer verlassen. Es war dies das einzige
Mal, da ich Goethe oben sah. Spter sagte mir Ottilie, der Vater habe
sie noch tchtig ausgezankt und ihr befohlen, auch ihren Besuchern sein
Urtheil nicht vorzuenthalten.

"Felix Mendelssohn machte Verse, wie wir alle, aber er beanspruchte
nicht den Ruhm eines Dichters. Gesellschaftsspiele, wobei in mglichster
Geschwindigkeit hbsche Reime gemacht werden muten, waren an der
Tagesordnung. Der Ungeschickte oder der, dessen Versfe zu sehr
humpelten, war verpflichtet, ein Pfand zu zahlen, das meist wieder durch
ein Gedicht eingelst wurde. In Tiefurt, wenn wir genug getanzt oder
gespielt hatten, ruhten wir uns dabei aus, und vor Kurzem fand ich noch
ein Pckchen vergilbter Bltter, mit allen mglichen und unmglichen
Reimen bekritzelt, die mich lebhaft an jene Zeit erinnerten. Darunter
befanden sich auch Mendelssohns Verse, mit denen er einmal in Tiefurt
sein Pfand eingelst hatte:

    Ihr wollt durchaus, ich soll ein Dichter werden,
    Weil ich mit Euch in Weimar bin;
    Ich aber kam als Musikant auf Erden,
    Und meine Reime haben keinen Sinn.

    Ich will in Tnen Eure Schnheit preisen,
    Und Eure Macht, die mich zum Dichten zwingt;
    Verfat die Lieder nur zu meinen Weisen,
    Und dann versprecht mir auch, da Ihr sie singt.

    Vermessen scheint mir's, wollt ich weiter dichten,
    Denn ich verscherze damit Eure Gunst;
    Ihr Schnen seid zu streng im Strafen, Richten,
    Mir hilft's doch nichts, ich lebe meiner Kunst.

"Als unser verwhnter Musikant, der doch im Grunde ein Dichter war, wie
jeder echte Knstler, uns seine schon einige Male hinausgeschobene
Abreise verkndete, war der Kummer gro. Er mute versprechen,
wiederzukommen, zu schreiben, uns einige Lieder zu schicken, die uns
seine Gegenwart etwas ersetzen sollten. Ulrike von Pogwisch beschftigte
sich einen ganzen Abend damit, seine Silhouette auszuschneiden, die sie
dann unter uns vertheilte. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr er fort,
sein Wagen war angefllt mit Rosen, die wir ihm zugeworfen hatten;
Ottilie und Ulrike gaben ihm das Geleit, und so schied er von Weimar,
recht als ein Sonnenkind. Er hinterlie nur trauernde Freunde, nicht
einen Feind.

"Als ich ihn nach vielen Jahren in Berlin wiedersah, war zwar der
lachende Frhlingsglanz von seinen Zgen verschwunden, aber Herbst- und
Winterstrme hatten sie nicht umbraust und strten auch wohl nie sein
Sonnenschicksal. Sein Spiel war gehaltvoller, ruhiger geworden, die
strmischen Phantasien seiner Weimarer Zeit wiederholten sich nicht
mehr. In der Erinnerung an die Vergangenheit leuchteten seine Augen auf,
und er sagte mit dem Tone tiefster berzeugung: 'Wer wei, was ohne
Weimar, ohne Goethe aus mir geworden wre!'"

In persnlich nhere Beziehung als zu Mendelssohn trat Jenny zu Karl
von Holtei. "Er war einer der hufigsten Gste unserer lieben
Musenstadt," schrieb sie. "Im Winter 1828 lernte ich ihn kennen, und
zwar nach einer seiner ffentlichen Vorlesungen, die wir eines Hoffestes
wegen nicht besuchen konnten. Bei Johanna Schopenhauer, wo er stets wie
ein Glied der Familie aufgenommen wurde, traf ich ihn zum erstenmal. Wir
erwarteten von ihm, dem Vielgereisten, viel Neues, Interessantes zu
hren. Welch eine Enttuschung, als er eintrat.

"'Gott Lob, hier bin ich der Englnderpest entflohen,' sagte er. Das war
keine Empfehlung fr ihn, da die Englnder eine groe Rolle spielten.
Nach der allgemeinen Vorstellung begann er ber die Interesselosigkeit
der Weimaraner in ziemlich derber Weise herzuziehen, weil seine
Vorlesung nicht besucht gewesen war. Wir bewiesen ihm, da die
Carnevalszeit keine gnstige fr dergleichen sei, worauf er uns
vergngungsschtig schalt. Schnell legte unsere liebenswrdige Wirthin
sich ins Mittel, um einer allgemeinen Verstimmung vorzubeugen, und bat
ihn, uns durch einen Vortrag zu vershnen, das wrde uns zugleich
reizen, den Saal spterhin zu fllen. Er lie sich nicht lange bitten,
las einzelne Gedichte und eine komische kleine Erzhlung, improvisierte
sodann eine Art Entschuldigung in Versen wegen seines ersten Auftretens
im Kreise der Grazien und Musen, wobei er sich mit einem Satyr verglich,
der zwar einen Bocksfu habe, aber trotzdem die Gutmthigkeit selber
sei; damit war der unangenehme Eindruck verwischt, wir nahmen ihn von
nun an auf wie einen der Unseren. Bei Anderen, wo sein ungezwungenes
Wesen ebenso gegen das Hergebrachte verstie, wurde es ihm oft sehr
schwer, ja manchmal unmglich, sich so zu rehabilitieren wie bei uns. Um
ihn ganz zu wrdigen, mute man ihn nher kennen. Er gehrte zu den
Menschen, die, sei es aus falscher Bescheidenheit oder, was hier wohl
besser zutrifft, aus einer Art Hochmuth, ihre guten Seiten sorgfltig
verstecken. Sie bauen um ihr schnes Selbst eine Dornrschenburg und
wundern sich, wie selten ein Prinz die Dornhecke zu durchbrechen
versucht. Sehen wir uns Holteis Leben an, so wird es verstndlicher, da
er sein Bestes mitrauisch verschlo. Er mute mit viel Gemeinheit
umgehen, mit viel Gemeinheit rechnen; edler Umgang war ihm selten
geworden, und das, was den Menschen Zeit seines Lebens am meisten
verbittert, eine freudlose Kindheit in der Nhe unwrdiger Verwandter,
hatte er wie Wenige durchkosten mssen. Der Kampf mit dem Leben, der uns
so leicht zu uns selber sprechen lt: 'Landgraf, werde hart,' hatte ihn
lngst gesthlt. Bisher war mir der Kampf zwischen Pflicht und Neigung,
zwischen Glauben und Zweifel allein schmerzlich bekannt geworden, in
Holtei trat mir zum ersten Mal jener andere harte Kampf gegen die
grauen Schwestern, Sorge und Not, entgegen.

"Als Holtei einen tieferen Blick in unsere Welt gethan hatte und sah,
da man hier frei athmen knne, fiel die rauhe Schale von selbst von ihm
ab. Sein natrlicher Frohsinn, sein weiches Gemt, sein Humor, der zwar
immer etwas derb blieb, gewannen die Oberhand, er fhlte sich bald
heimisch und war ein gern gesehener Gesellschafter. Die junge,
einheimische Herrenwelt Weimars liebte ihn, weil er ihre Abneigung gegen
die Englnder untersttzte, die Damen freuten sich, wenn er kam, weil er
stets ein paar galante Verse bei sich hatte; Goethe empfing ihn hufig,
weil er Neues und Interessantes hbsch vorzutragen wute.

"Sehr innig gestaltete sich die Freundschaft zu August Goethe. Holtei
sah in ihm eine hhere, nur auf falsche Wege geleitete Natur und gewann
den segensreichsten Einflu ber ihn, der sich sogar im huslichen Leben
angenehm bemerkbar machte. August liebte Holtei innig, betheiligte sich
ihm zu Liebe an unseren geselligen Freuden, so da eine Zeit
vollstndiger Harmonie angebrochen zu sein schien, die aber nur so lange
andauerte, als Holtei anwesend war.

"Unter all den kleinen und groen Festen, die uns vereinigten, waren bei
schnem Frhlingswetter die Picknicks die beliebtesten. Zu Fu, zu
Wagen, zu Pferde ging's hinaus nach Tiefurt, Ettersburg, Belvedere.
Tiefurt besonders, unter dessen herrlichen alten Bumen schon unsere
Eltern jung und froh gewesen waren, galt als angenehmer
Vereinigungsplatz, wo bei Spielen, Spaziergngen, dicker Milch, auch
wohl bei einem lndlichen Ball im Pavillon groe Heiterkeit herrschte.
Dorthin kam jeden Nachmittag Lord Charles Wellesley, der Sohn des
Herzogs von Wellington, und brachte uns Kirschen oder Erdbeeren mit, die
er selbst bei der Hkerin eingekauft hatte. Er war uerlich
unansehnlich, etwas taub, sehr einfach und sehr liebenswrdig im
Gegensatz zu seinem Bruder, Lord Donero, der stolz und zurckhaltend
war, seinem Vater sehr hnlich sah und nur unter Umstnden liebenswrdig
sein konnte. Mit Ottilie Goethe und Emma Froriep waren wir zur Zeit von
Holteis Anwesenheit auch einmal hinausgefahren, eine Anzahl junger Leute
fanden sich noch dazu, und wir saen schon frhlich um unseren frugalen
Vespertisch, als Holtei in gehobener Stimmung vom alten Goethe aus zu
uns kam. Er war wohl deshalb liebenswrdiger als sonst zu den Englndern
und versprach sogar den Vortrag eines ganz neuen Gedichtes, wenn er
dafr noch -- dicke Milch bekme. Die Satte wurde feierlich vor ihn
hingesetzt, er sprang auf einen Stuhl und recitierte ein Gedicht, das er
auf Weimar verfat hatte.

"Jubelnder Beifall belohnte den Dichter, der sich ruhig dem Genu der
dicken Milch berlie, whrend Ottilie einen Zettel aus der Tasche zog
und ebenfalls hchst witzige Verse auf Weimar vortrug, zu denen sie
allerhand aus dem Stegreif dazu improvisirte.

"Nachdem ein Jeder seinen Imbi mit poetischer Begleitung zu sich
genommen hatte, zerstreuten wir uns im sonnendurchleuchteten,
frhlingsduftigen Park an den Ufern der Ilm, die rauschend und flsternd
von vergangenem Leid, vergangener Freude erzhlte und immer wieder
denselben Lebenszauber voll Liebeslust und Jugendglck in ihren Fluthen
wiederspiegelte.

"Selbst Holtei wurde nach und nach bei uns ein Naturschwrmer, was ihm
sonst fern lag. Er sprach es wohl aus, wie schnell der Herbst des
Jahres, wie der Herbst des Lebens all die Freuden vernichtet und ihn,
den Wandervogel, wieder in die Fremde treibt. In solchen Stunden habe
ich ihn kennen und schtzen gelernt, in solcher Stimmung war es, wo er
mir folgende Zeilen in das Album schrieb:

    'Ach' ist unser erstes Wort,
    Denn des Seufzers bittre Kunde
    Dringt in stillem Friedensort
    Aus des Kindes zartem Munde.

    Und des Frhlings Zauberhauch,
    Und der ersten Liebe Beben
    Will mit bangem 'Ach' sich auch
    Kund den bunten Blthen geben.

    Und der Trennung ernster Schmerz
    Macht sich Luft mit diesem Worte
    Seinen Boten schickt das Herz
    Aus der Lippen heil'gen Pforte.

    Aber einmal noch umwehn
    Freudig uns des Wortes Schauer.
    Unerwartet Wiedersehn
    Staunet: Ach -- nach langer Trauer.

    Liebst du dieses Wortes Klang,
    So verschmh nicht diese Zeilen.
    Jeder Vers wird zum Gesang,
    Wird dein Aug auf ihm verweilen.

Weimar, Mrz 1828.

Karl von Holtei.


"Im Herbst 1829 kam Holtei wieder nach Weimar. Er traf mit dem
franzsischen Bildhauer David zusammen, der sehr gefeiert wurde und sich
trotz seiner Jugend schon einen Namen gemacht hatte, dessen guter Klang
durch die Bste Goethes ihm weit ber die Grenzen Deutschlands und
Frankreichs einen bedeutenden Ruf verschaffte. In der Gesellschaft
machte sein Talent, aus Brot die Kpfe der Anwesenden abzuformen, ihn
schnell beliebt, so da Holtei, der etwas mitrauisch und empfindlich
war, sich zurckgesetzt fhlte. 'Wenn nur die guten Weimaraner mal einen
Mondbewohner herbekmen, sie wrden sogar Schiller und Goethe darber
vergessen,' brummte er, und erst, als David fortreiste, kam der alte
gute Freund wieder zum Vorschein.

Meine Korrespondenz mit Holtei begann durch das 'Chaos' und setzte sich
fort, nachdem es eingegangen war."

Einige Auszge aus Briefen Jennys an ihn mgen hier folgen:


"14./5. 32.

"Meine Politik finde ich in der Geschichte und in der Philosophie, mein
Staatsminister ist Herders Nemesis, diese allein rechnet gut und
gerecht.


14./8. 32. Berka.

"Sie sehen am Datum meines Briefes, da ich noch in meiner lieben
Einsamkeit bin; die Natur ist so schn, die physische und moralische
Luft so rein, da die Brust freier athmet und alles Treiben und Drehen
und Qulen der politischen Welt in dem unreinen Nebel versinkt, welcher
unter den Bergen zu meinen Fen liegt. Nicht Frhlichkeit, aber Ruhe
und Frieden bedarf das Herz, und dieses findet es in den majesttischen
Wldern, in der hehren Natur, welche, den Menschen zum Spott, in Frieden
und Krieg, in Sturm und Ruhe, im Ungewitter und Sonnenschein immer gro
bleibt. Mchten die Menschen, die Nationen, die Knige und Diplomaten
sich ein Beispiel daran nehmen!


22./9. 33.

"Sollte die biblische Sage vom Baume der Erkenntni nicht dieselbe
Grundidee ausdrcken als die Fabel des Prometheus? Das Licht des
Himmels, die Erkenntni, raubte er, die Frucht des Paradieses, die
Erkenntni, raubte Eva. Ihre Schuld war die Begierde des Wissens, ihre
Unschuld ein unbewutes Rechthandeln. Sie wollten wissen, so muten sie
die Unschuld verlieren, denn nun begann das Forschen, das Streben, das
Ergrnden, das Zweifeln. Auch die Strafen des Prometheus und der ersten
Menschen enthalten den tiefen Sinn der unbefriedigten Erkenntnibegierde.
Das Paradies, nmlich das Glck, liegt so nah und ist so unerreichbar,
der Engel mit dem Flammenschwert: die Leidenschaften der Menschen, stehen
drohend vor der Pforte. Der grausame Adler und das zurckweichende Wasser
in den Strafen des Prometheus -- wre es nicht die Darlegung des
Goetheschen Ausspruchs: da nicht nur das Unmgliche, sondern so vieles
Mgliche dem Menschen versagt ist?


25./6. 36. Kochberg.

"Mit der Veredelung der Seele mu der Mensch denselben Proce vornehmen,
dem der Maler bei den Mosaikgemlden folgt, der Geist mu erst in
schnem Umri das Ganze vor sich haben, was er darstellen will: sein
eigenes Ich in hchster Vollkommenheit. Dann mssen alle Fhigkeiten,
alle Krfte, alle Talente die bunten Steinchen zutragen, die das Gemlde
bilden sollen. Es gehrt die Geduld eines ganzen Lebens, die redliche
Arbeit jeden Tages dazu, um das Werk zu frdern; jeder Gedanke, jede
Kenntni, jede Handlung mag ein Steinchen sein -- glcklich, wer sich am
Ende seiner Tage vor das vollendete Bild stellen und in Wahrheit sagen
darf: es ist vollbracht.


4./7. 36.

"Ich halte es immer fr einen Mangel an Menschenkenntni, wenn man sich
ber schnelle Untreuen wundert. Gerade in der Aufregung der Gefhle, in
der krankhaften geistigen An- und Abspannung, welche ein groer Schlag
hervorbringt, der zerstrend in unser gewohntes Geistes- und
Gefhlsleben eindringt, gerade in solchem Zustande ist das Herz eines
neuen Gefhls, eines neuen Anschmiegens am fhigsten, es steht gleichsam
offen. Spter schliet es sich, andere Gewohnheiten wurzeln fest, und
unter ihnen hat eine liebe Erinnerung wieder einen festen, bestimmten
Platz; dann wird ihr Wegrcken schon bedeutend schwerer, und ich wundere
mich viel mehr ber zweijhrige als ber zehnjhrige Treue.

"Darum ist mir die Bemerkung Larochefoucaults immer so wahr erschienen:
'_On n'est jamais plus prs d'une nouvelle passion qu'en sortir d'une
ancienne._' Das ist schon ein sehr tiefes Gefhl, welches dem Reiz der
Leidenschaftlichkeit widersteht, den die Seele eben gekostet hat, das
ist schon die Kraft einer seltenen Liebe, welche mit Abscheu den Becher
des Genusses von sich stt, den es nur einem Herzen verdanken will;
daher finden wir so sehr viel mehr Frauen, die nur eine Liebe empfunden
haben, als solche, die bei einem zweiten oder dritten Verhltni dieser
Art stehen geblieben sind. Bildet nicht das tiefste, reinste Gefhl die
Grenze, so kettet sich Leidenschaft an Leidenschaft zu endloser Kette."

Von Holteis Briefen an Jenny sind nur die wenigen Zeilen vorhanden, von
denen sie selbst erzhlt: "Holtei schrieb mir nach Goethes Tod, und
seine Worte bezeichnen am besten sein tiefes Empfinden: 'Es geht ein Ri
durch die Welt und durch die Herzen, nun Er geschieden ist. Wer wei, ob
es uns, die wir ihn kannten, nicht besser wre, wir sprngen hinein in
diese Kluft und gingen so dort hinber, wo Er herkam und nicht zum
zweiten Mal kommen wird!'[TN3]"

Der intime Kreis um Ottilie und ihre Kinder schlo sich nach Goethes Tod
besonders eng zusammen. Es war, als ahnten alle, da diese vier Menschen
es mehr als andere bedurften, von einer doppelten und dreifachen Mauer
der Freundschaft vor dem Leben, das wie ein barbarischer Eroberer
drauen stand, geschtzt zu werden. Und doch war es schlielich strker
als ihrer aller Liebe!

Neben Adele Schopenhauer und Alwine Frommann, gehrte Emma Froriep zu
den Intimen, die Tochter des Medizinalrats und spteren Leiters des
Landesindustriekontors Ludwig Froriep, dessen Haus auch eines der
Mittelpunkte des damaligen geistigen Lebens war. Jenny Pappenheim
befreundete sich innig mit Emma Froriep, in deren elterlichem Haus sie
viel verkehrte.

Wichtiger als die geistige Anregung, die sie im Froriepschen Hause fand,
war fr Jenny der Einflu der ruhigen, charaktervollen Freundin. Sie
verkehrte tglich mit ihr, und die beiden jungen Mdchen sahen es als
eine besondere Weihe ihrer Freundschaft an, da sie im Frhling und
Sommer zuweilen in dem lieblichen, nahegelegenen Berka wochenlang
allein zusammen hausen durften. Damals war es, nach den Zeichnungen in
Jennys Album, noch ein einfaches Drfchen und das Landleben kein
Badeleben. Aber gerade das entsprach dem Geschmack der Freundinnen. Die
Liebe Jennys zur Natur beherrschte schon das junge Mdchen. In Wald und
Heide suchte sie den Frieden wieder, den sie im unruhigen geselligen
Leben der Stadt verloren hatte. Emma Frorieps Gestalt war wie ein
Stck dieser Natur. Jenny hat sie auf den folgenden Seiten gezeichnet:

"Inmitten der Milaute des Irrthums, der Leidenschaft, der Schmerzen,
inmitten der Verwirrungen des Schicksals und der Seele, inmitten der
Kmpfe zwischen Kopf und Herz, zwischen der Pflicht und dem Vergngen
gab mir Gott eine reine Harmonie. Wenn sich ber meinem Haupt das
Gewitter zusammenzog, der Donner ber mir rollte und die Blitze hie und
da die Nacht in mir erhellten, dann kreuzte ich die Arme, hielt mich
gewaltsam aufrecht und wartete, denn bald sprach meine Harmonie in
sanften Tnen zu mir; wenn tausend verschiedene Stimmen mir tausend
verschiedene Worte zuschrien, wenn die Welt und das Leben mir ihre
geflschten Werthscheine zuwarfen, wenn jedermann um mich nach eigenem
Tact sein eigenes Instrument spielte, wartete ich wieder, denn bald
bertnte der reine Gesang meiner Harmonie alles. Wenn das Schicksal mit
seiner Riesenstimme mir seine Befehle zurief, so flchtete ich zitternd
zu meiner Harmonie, die jene schrecklichen Laute sanft und zrtlich
wiederholte, so da ich ihnen ohne Angst zu folgen vermochte.

"Emma heit meine Harmonie, mein Gewissen, meine Vernunft, Emma ist der
Name meines einzigen Ideals, das sich zur Wirklichkeit verkrpert hat.
Eins hier unten ist fr mich vollkommen gewesen: die Freundschaft mit
ihr. Ich liebe meine anderen Freunde, ich spreche und lache mit ihnen,
ich theile ihre Freude wie ihren Schmerz, doch nur vor Emma enthlle
ich ganz mein Inneres, nur zu ihr sage ich: 'Ich leide,' -- und ich
habe viel gelitten!

"Lange schon bewohnten wir dieselbe Stadt, besuchten dieselbe
Gesellschaft und kannten uns nicht. Ich war eben aus der Pension
gekommen, war ein lebhaftes, leidenschaftliches Kind, dessen Herz und
Geist fr nichts Anderes als fr den Namen Goethe Platz hatte. Ich
strzte mich in den geselligen Strudel, das Amusement war mein einziges
Ziel; Emma, obwohl viele Jahre lter als ich, stand betrachtend, wo ich
handelnd war, sie folgte instinctmig den Gewohnheiten der brigen, sie
erlaubte sich nichts, das nicht mit der Sitte bereinstimmte, ihr galten
die Mnner als eine andere Art Geschpfe, die sie sich immer fern hielt,
jeder freiere Blick emprte ihren Stolz, Liebe erschien ihr
erniedrigend, auch hatte sie keine Verehrer; ich war berzeugt, da sie
sich entsetzlich langweilen msse. Trotzdem fhlte sie sich glcklich.
Um fnf Uhr frhstckte sie schon mit ihrem Vater, der ihre einzige
Leidenschaft war, dann verbrachte sie den Tag in weiem Kleid mit
frischem, ruhigem Gesicht und noch ruhigerer Seele; sie nhte viel, buk
vorzglichen Kuchen, sang harmlose Lieder, dachte wenig und schlief gut
und fest. Mir erschien sie als ein steifes, khles Mdchen, das mir
imponirte, mich aber nicht anzog.

"Wie viel Thrnen muten auf die Flammen meines Inneren fallen, wie viel
Schicksalsstrme muten das Feuer ihrer Seele anfachen, ehe unsere
Herzen sich fanden!

"Jetzt gehrt das Amusement nicht mehr unter die Ziele meiner Tage und
die ihren haben die Farbe gewechselt. Zwar ist ihr Gang noch ruhig, zwar
beherrscht Gesetz und Sitte sie noch, doch sie erblat, wenn sie die
Herzenskmpfe ihrer Freunde sieht; oft steht sie nach einer
schlummerlosen Nacht erst um acht Uhr auf und sitzt stundenlang stumm
ihrem Vater gegenber. Sie singt nicht mehr, sie nht wenig, liest viel
und denkt immer. Die Mnner sind fr sie keine fremden Wesen mehr, doch
ihre Khle ihnen gegenber ist noch nicht gewichen und ihre Natur wird
niemals die zarte Schmeichelei lernen, welche die Frau dem, den sie
liebt, entgegenbringt, diesen Instinct, der uns treibt, ohne Berechnung
das zu thun, was dem Knig unserer Seele gefllt, kurz, jenes Etwas,
flschlich Coquetterie genannt. Und doch, als neulich vom weiblichen
Stolz gesprochen wurde, der die Liebe besiegen msse, unterbrach Emma
ihre Freundin und sagte: 'Was hat der Stolz mit der Liebe zu thun?!'

"Ich wei nicht, ob mein Herz oder meine glhende Phantasie Emma ihrer
glcklichen Gleichgltigkeit entri; ich glaube, da ich im Augenblick
des Erwachens zu ihr kam, als pltzlich der Vorhang der Vorurtheile und
Gewohnheiten zerri und ihr die wirkliche Welt erschien. Ich sprach ihr
ohne Zweifel von lauter neuen Dingen, Alles, was ich vom menschlichen
Geist und Herzen wute, kam ihr zunchst wie eine Fabel vor. Doch ich
vermochte sie zu berzeugen, und spter frug ich sie, wenn ich ihr
meinen Gedankengang enthllt hatte: 'Verstehst du ihn?' und fast immer
antwortete sie: 'Ja, ich verstehe ihn!'

"'Wir haben in unserem Leben keine andere Aufgabe, als in jedem
Augenblick so zu handeln, wie unser Gewissen es uns vorschreibt; die
Folgen gehren der Gewalt des Schicksals an, das ihrer doch immer Herr
bleiben wird, welches auch unsere thrichten Plne sein mgen,' sagte
ich einst.

"'Schon lngst ist dies auch meine berzeugung. Manchmal erschwert sie
das Leben, doch als allgemeine Regel giebt sie uns Gesetze, Sicherheit,
Ruhe und verscheucht auf immer Selbstvorwrfe und Reue. Nur nenne ich
das, was du Schicksal nennst, Gott!' erwiderte Emma.

"'Du weit,' unterbrach ich sie, 'da ich Gott im Goetheschen Sinn
verstehe.'

"'Verstehst du ihn? Ich nicht!'

"'Auch wei ich, da Goethe einst sagte: Es ist ganz einerlei, was fr
einen Begriff man mit dem Namen Gott verbindet, wenn man nur gttlich,
das heit gut handelt!'

"'Mir,' lchelte Emma, 'ist Gott der Gott der Liebe, der liebe Gott der
Christen.'

"Doch genug davon -- verwelkte Blumen sind die Worte, denen Blick und
Hndedruck fehlt; ich kenne keine Sprache, die das lebendige Gesprch
ebenso lebendig wiederzugeben vermag; Herz, Gefhl und Geist haben ihre
eigene Sprache. -- Eine Erinnerung wird dauernd frisch in meinem Herzen
bleiben, es ist die an unsere in Berka gemeinsam verlebte Frhlingszeit.
Ein Tag daraus mag fr das Bild unserer unschuldigen Freuden der Rahmen
sein.

"Auf einer kleinen Erhhung in jenem Theil von Berka, der Dorf Berka
genannt wird, erhob sich inmitten eines Gartens ein kleines Haus. Wie
oft, sobald es am Horizont aufstieg, beschleunigte sich mein Schritt,
und mein Herz, alle Sorgen von sich werfend, klopfte vor Freude und
Hoffnung; es war keine andere Hoffnung als die auf Frieden und Ruhe, und
doch war ich noch nicht zwanzig Jahre alt! In den oberen Rumen
richteten Emma und ich unseren Haushalt ein. Wir hatten eine kleine
Kche, einen groen Flur, ein Zimmerchen fr unsere Jungfer und konnten
im Nothfall sogar einen Gast beherbergen. Unser Schlafraum war einfach,
aber bequem, unser kleines Wohnzimmer war reizend: ein Schrank, zwei
Bcheretageren, ein rosa und wei drapirter Toilettentisch, darauf ein
Spiegel mit goldenem Rahmen, zu jeder Seite eine Vase, mit jenen
palmenartigen Farren gefllt, die im Tannenwald an den verstecktesten
Pltzen wachsen; dann unsere Schreibtische, nur durch die Fensterwand
getrennt, an der auf weichem Teppich zwei Lehnsthle standen. Neben den
tausend Dingen, die auf keinem Schreibtisch vermit werden, standen drei
blumengefllte Glser auf einem jeden; wir liebten vor allem die wilden
Rosen, von denen ein einziger Zweig schner ist als alle Centifolien.
Auch ein Sopha, ein runder Tisch, verschiedene Bilder fehlten nicht; auf
allem lachte die Frhlingssonne, die bis zum Abend auf unserer Diele
ihre Strahlen tanzen lie, und aus jedem Winkel des Zimmers fiel der
Blick auf das helle Grn der Hgel, auf die dunklen Tannen, auf drei
breite, sich durch das Thal schlngelnde Wege, in nchster Nhe auf die
Huser der Bauern und jene regelmige Thtigkeit, um die man sie
beneidet, sobald ein bser Gedanke drckend auf der Seele liegt. Aus dem
anderen Fenster sah man den kleinen Flu, die Kirche, die Brcke und den
Markt, von dessen Husern man nur die Dcher bemerkte, in der Ferne ein
weites Thal, durch ein Dorf und einen alten Thurm geschlossen, dann
Hgel auf Hgel und jedes Jahr ein neues rothes Dach, das sich darauf
erhob; schlielich ein spitzer, kahler Berg, auf dem der Fluch der alten
Frau zu ruhen schien, die im Anfang des vorigen Jahrhunderts dort
verbrannt worden ist. Dieser freundlichen Landschaft gebhrt der
dankbare Blick, mit dem wir jede Gegend betrachten, die das Glck mit
uns bewohnt hat, der freundliche Gedanke fr die Zukunft, eine Handlung
der Barmherzigkeit fr die Gegenwart, die Hand eines mitfhlenden
Freundes in der unseren.

"Bei meinem Erwachen stand Emma neben mir, zum Ausgehen bereit; sie
ging, der Natur ihren Morgengru zu bringen. Als sie zurckkam, war ich
angezogen, die Stube aufgerumt, frische Rosen, die ich im Garten
gepflckt hatte, auf dem Tisch und das Frhstck daneben. Nachher muten
die Wirtschaftssorgen erledigt werden, bis da Jede sich an ihre
Vormittagsbeschftigung begab, die wir bis drei Uhr ausdehnten, nur hier
und da durch gegenseitiges Vorlesen aus Bchern und Briefen
unterbrochen. Der ruhige Schritt unserer blonden, freundlichen Jungfer
mahnte uns an die Essenszeit; ihr strahlender Blick galt heute ihren
Kchenerfolgen, die unsere vollste Anerkennung fanden. Hastiges Klopfen
strte unsere sehr materiellen Freuden, und auf unser 'Herein' flogen
zwei Knaben lachend auf uns zu. 'Wolf -- Walter' riefen wir wie aus
einem Munde, und nun berstrzten beide sich im Erzhlen, wie es
gekommen war, da der Grovater sie im eigenen Wagen hierhergeschickt
habe.

"'Ich habe ihm gestern vorgespielt.'

"'Ich habe einen guten Aufsatz geschrieben.'

"Es gab viel zu fragen und zu erzhlen, dazwischen wurde unserer
Erdbeerspeise tapfer zugesprochen. Wolf berichtete von den
Stadtneuigkeiten, von dem Grovater, der sich wieder einmal mit Tante
Ulrike gezankt habe. Er ging, nach Art desselben, langsam, die Hnde auf
dem Rcken, den Oberkrper etwas geneigt, den Kopf gehoben, die weit
offenen Augen auf uns gerichtet, im Zimmer auf und nieder, dabei sagte
er mit grollender Stimme: 'Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, ihr
treibt's mir bald zu arg.' Ich mute lachen, ermahnte aber doch meinen
jungen Freund, des Grovaters nicht etwa zu spotten. 'Zu spotten?!' rief
er, 'Du glaubst, ich knnte das? Ist er nicht unser liebster, bester,
einzigster Grovater?' Dann erzhlten sie von den Eltern; dem Vater, der
viel Kopfweh habe und selten zu Hause sei, der Mutter, die sich eifrig
mit dem Plan zu einem Sommerfest beschftigte, und schlielich sprangen
sie hinaus und fuhren davon, uns in einer Art Betubung zurcklassend.
In unseren Frieden war die Welt mit ihrem Zwiespalt gedrungen.

"Bald darauf rsteten wir uns zum Spaziergang: weie Kleider, runde
Hte, das schottische Tuch ber dem Arm, ein Buch in der Hand, das
freilich nur selten geffnet wurde. Wir gingen stumm Arm in Arm neben
einander, meine Gedanken waren in jenem klassischen Hause, in dem ein
ber alles Erdenleid erhabener Jupiter zu thronen schien und dessen
Mauern doch so viel Kummer verbargen; ist es nicht auch immer die mhsam
zu ersteigende Jakobsleiter, an deren Sprossen nicht Engel, sondern
Dmonen stehen, gegen die der Kletternde kmpfen mu, damit sie ihn
nicht hinunterwerfen; wie wenige sind stark genug, um den strahlenden
Tempel menschlicher Gre zu erreichen, wie wenige sind so stark, um die
schwcheren Genossen nach sich zu ziehen. Ich wre lngst am Boden
zerschellt ohne den vorschreitenden erhabenen Fhrer!

"Wir hatten den Wald erreicht, sein Duft lie uns freudiger athmen, und
ein weicher Moossitz entschdigte uns, wenn wir zu hastig gegangen
waren. Manchmal tnten aus der Ferne Axtschlge gegen einen zum Tode
verurtheilten Baum; ein Krach, ein Fall, der wie schluchzend verklang,
entlockte uns einen Seufzer -- der Tag war schn, wer wnschte sich, zu
sterben? Nach und nach verlngerten sich die Schatten, unsere
Unterhaltung hatte zwischen Gefhl und Erzhlung, zwischen Philosophiren
und Schweigen, zwischen Vergangenem und Zuknftigem, zwischen Ernstem
und Heiterem gewechselt. Wir hatten neue Pfade entdeckt, neue
hochgelegene Matten, auf denen sich schne Luftschlsser bauen lieen,
und traten aus dem Wald, als der Mond schon hoch am Himmel stand. Sobald
wir die ersten Huser erreichten, begrten wir die freundlichen
Bewohner, deren rosige Kinder schon schlafen gegangen waren, um den
nchsten Morgen noch rosiger zu erwachen; die Eltern saen vor der
Hausthr, der Vater rauchte seine Pfeife, die Mutter legte die Hnde in
den Scho. Kennt ihr solch ein beseligendes Ausruhen, ihr Unthtigen,
die ihr euch mit euren leeren Gedanken gelangweilt in den Lehnstuhl
werft?! -- Zwei Schritte weiter sahen wir ein neues Huschen entstehen;
es hatte, wie die anderen, nur eine Stube, eine Kammer, Kche und
Ziegenstall. Wir hatten oft in bewohnte Rume gesehen, berall fanden
wir die peinlichste Sauberkeit; vor der Thr neben der Steinbank einen
blhenden Rosenstock, ein kleines Grtchen hinter dem Hause mit gut
gepflegten Gemse- und Blumenbeeten, ein Hfchen daneben mit ordentlich
aufgeschichtetem Holzvorrath, einige unglckliche Vgel in Kfigen, die
sangen und die weien Wnde garnirten, und dazu zufriedene Gesichter,
einen freundlichen Gru fr Jedermann.

"Unsere Jungfer erwartete uns: 'Der Pchter hat schon wiederholt nach
Ihnen gefragt, und das Abendbrot wartet. Auch hat der Bote Briefe in
Menge gebracht.'

"Der Mond leuchtete uns zu unserem einfachen Imbi, den wir in
Gesellschaft unseres guten alten Pchters, der zugleich unser Hauswirth
war, einnahmen. Er erzhlte uns von einem armen Tagelhner, der sich
beim Holzfllen verwundet habe und nun fr sich und seine Familie nichts
verdienen knne; dabei sah er uns erwartungsvoll an. Ich wollte sofort
hinstrzen, Emma hielt mich zurck.

"'Morgen in aller Frhe packen wir unseren Korb mit Fleisch und Brot,
vergessen auch unser Verbandzeug nicht, und freuen uns, da es Menschen
giebt, denen mit so wenig Mhe geholfen werden kann.'

"'Und denken an all das namenlose Elend, dem wir nicht steuern knnen!'

"Der Abend war herrlich, wir saen noch lange vor der Thr und sahen,
wie nach und nach ein Licht nach dem anderen hinter den Fenstern
erlosch. Die Stille herrschte und schien durch die Majestt des Mondes
zu regieren; die Ilm flsterte kaum, sie frchtete durch ihr Gemurmel
das silberne Licht zu stren, das friedlich auf ihrem Wasser flimmerte.

    Fllest wieder Busch und Thal
    Still mit Nebelglanz --
    Lsest endlich auch einmal
    Meine Seele ganz,
    Breitest ber mein Gefild
    Ruhig deinen Blick,
    Wie des Freundes Auge mild
    ber mein Geschick.

Zukunftsbilder stiegen vor mir auf, Trume von Glck wurden lebendig;
weit in der Ferne verschwand die Vergangenheit.

"Die Lampe im Zimmer machte uns wieder gesprchig, whrend eine Schleife
nach der anderen sich langsam lste. Wir dachten mit Schrecken an die
Stadt, an den Winter, den Schnee, den Kerzenglanz, an die falschen
Blumen und an das falsche Lcheln, an Toiletten und Gesellschaftsklatsch,
und freuten uns der Gegenwart, in die nichts von alledem gehrte. Noch
eine zrtliche 'Gute Nacht' und es wurde still in Haus und Herzen.

"In den Rahmen dieses Tages gehrt das Bild meiner Freundin; dann ist
alles Harmonie, Friede, Klarheit. Ihre schne Gestalt, ihr ruhiger Gang,
ihre glatten, ber der sanften Stirn gescheitelten Haare, dieser ganze
Typus einer deutschen Schlofrau, paten so gut zu den schlanken,
ernsten Tannen, zu dem majesttischen Wandel des silbernen Mondes auf
dem klaren Firmament; ihr verschleiertes weibliches Herz, ihre
angeborene Reinheit des Charakters paten so gut in diese ruhig
trumende Landschaft ohne zerrissene Felsen, ohne feuerspeiende Berge.
Und in mein Leben gehrte dieser Engel des Friedens."

In einem direkten Gegensatz zu diesem Engel des Friedens stand eine
andere Freundin Jennys, Grfin Louise Vaudreuil. Aber auch bei ihr,
der Weltdame groen Stils, bewhrte sich das Talent, das Jenny in ihren
spteren Jahren zur hchsten Kunst entwickelte: das Beste aus den
Menschen herauszuholen. Etwas von dem allumfassenden Goethegeist, dem
"nichts Menschliches fremd war", lebte in ihr und machte es ihr mglich,
schon mit einundzwanzig Jahren -- zu dieser Zeit sind die Charakterbilder
Ottiliens, Emmas, Louisens und das des Professors Scheidler entstanden --
in den Seelen ihrer Freunde, wie in einem offenen Buche zu lesen. Louise
Vaudreuil schilderte sie folgendermaen:

"Es war zwei Uhr Nachmittags, als ich in ein elegantes Boudoir trat, das
nur durch auf allen Sthlen und Tischen umherliegende Toilettengegenstnde
verunziert wurde. Eine junge Frau sa vor dem Spiegel, sie war bla, ihre
Augen schwarz umrndert, doch jeder ihrer edlen Zge von rhrender
Schnheit; sie hielt einen ihrer glnzenden schwarzen Zpfe in der Hand
und legte ihn mit grter Vorsicht um ihre Schlfen; Alles verrieth, da
sie eben erst das Bett verlassen hatte.

"'Guten Tag, mein Kind,' sagte sie; 'ich freue mich sehr, dich zu sehen.
Denke dir, ich habe heute keinen Brief von Alfred und bin so besorgt.'

"'Doch warum dich ngstigen, liebe Louise, erst vorgestern hattest du
Nachrichten aus Paris.'

"'Doch du weit, ich bin unter einem Unglcksstern geboren, auch nehme
ich immer Alles von der trben Seite. Und gerade heute bin ich
schlechter Laune; Margarethe ist wieder unartig gewesen; meine Tochter
hat kein Herz, keine einzige Neigung wurzelt darin, sie ist so
selbstschtig und so kalt!'

"'Aber liebe Freundin, sie ist drei Jahre alt!'

"'Der Hut und das Kleid, das ich fr dich bestellte, sind auch noch
nicht angekommen.'

"'Gndige Frau haben es vor acht Tagen bestellt,' sagte die alte
Kammerfrau, 'man kann die Postpferde von Paris hierher nicht beflgeln!'

"'Schweigen Sie, man hat Sie nicht gefragt.'

"Dann eine Pause. Die junge Frau hatte ihre Frisur beendet, doch sie war
noch immer damit beschftigt, eine widerspenstige Locke zu bndigen; es
schlug dreiviertel auf drei Uhr, ehe diese groe Arbeit gethan war.

"'Ich habe frchterliche Kopfschmerzen, das sind sicher die Vorboten
einer neuen Krankheit.'

"'Das kommt von dem scharfen Duft, den du an dir trgst und in allen
Rumen verbreitest.'

"'Ach nein, Kind; das Ausbleiben des Briefes regt mich zu sehr auf, auch
ist der Klatsch, mit dem diese Stadt mich verfolgt, zum Verrcktwerden!
Ich schrieb meinem Mann davon, der mich beruhigte und sagte, er wrde
zurckkehren, um wie frher in seinem Lehnstuhl hinter der groen
Zeitung zu sitzen, whrend ich mich mit Prinz Friedrich Schwarzenberg
unterhalte. Man ist zu schlecht in diesem kleinen Weimar; denke nur, da
Graf K. vorige Nacht vor meinem Hause wartete, bis der Prinz fortging,
um dies Ereigni mit seinem Commentar jedem Menschen zu erzhlen.'

"Louise weinte und ihre Stimme zitterte.

"'Ich versichere dir, liebe Freundin, da ich glaubte, du habest dich
lngst ber den Stadtklatsch erhaben gefhlt. Auerdem kannst du nicht
annehmen, da deine langen Unterhaltungen mit dem Prinzen unbemerkt
bleiben wrden; wir sind hier nicht in Paris. In Weimar geht man um zehn
Uhr schlafen, wenn bei euch die Feste anfangen, und steht auf, wenn sie
enden; es ist ganz natrlich, da gewhnliche Leute den Mastab ihrer
Gewohnheiten auch an Andere legen; doch da dein Mann davon wei, hat es
nichts auf sich, und dein Kummer verfliegt, sobald er zurck ist. Gehst
du an den Hof heut Abend?'

"'Ja, man sagt, er wre voll von kleinen deutschen Prinzchen, und diese
Stckchen Souvernitt amsiren mich. Am liebsten freilich bliebe ich zu
Haus, ich finde keinen Geschmack an der groen Welt; mein Buch, meine
Malerei, meine Kaminecke, das ist es, was meiner Natur entspricht, die
faul und indolent ist; auch schwre ich dir, da ich, wenn es nicht um
die kleinen Triumphe der Eitelkeit wre, die mir Spa machen, gar nicht
ausgehen wrde; ich begreife deshalb nicht, wie eine hliche Frau daran
Freude haben kann! Hast du heute den Alten schon gesehen?'

"'Louise!' rief ich vorwurfsvoll.

"'Soll ich sagen den Meister?! Ich theile eure kniefllige Bewunderung
nicht, dafr ist er mir zu menschlich, hat zu sehr, wie wir gewhnliche
Sterbliche, seine kleinen und groen Aventren gehabt.'

"'Trotz eurer kleinen und groen Aventren seid ihr aber Alle kein
Goethe geworden!'

"Louise lachte, jede Spur von Thrnen und rger war verwischt.

"Man meldete den Schneider, er kam von der Leipziger Messe.

"'Frau Grfin haben noch zweiundzwanzig Kleider im Stck liegen,' meinte
die Jungfer kopfschttelnd; doch der Schneider wurde empfangen, mute
alle seine Waren ausbreiten, die aufs Grndlichste examinirt wurden;
Louise suchte drei der schnsten Stoffe aus, schenkte mir einen davon,
lie die zwei anderen in den Schrank legen und den Preis dafr auf die
Rechnung setzen. Der Schneider wurde von dem Antiquar abgelst, dem sie
ein Rokoko-Armband fr vier Louisd'or abkaufte.

"'Der Kammerdiener des Prinzen fragt, ob Antwort ntig wre,' sagte der
eintretende Bediente, indem er Louise ein Billet bergab.

"'Ich werde sehen.' Sie las, whrend ich in einem Pariser Modejournal
bltterte. 'Hre nur, Jenny, wie prachtvoll er schreibt' -- auf ihrem
Gesicht malte sich staunende Bewunderung, doch sie galt nur der
Schnheit des Stils; ihre Stimme klang erregt, doch nur aus
geschmeichelter Eitelkeit: 'Wenn der Verdammte, an der Himmelsthr sich
anklammernd, nach einem einzigen Ton des Gesanges der Engel verdurstet,
wenn das Kind des Verderbens, in dessen Ohr das furchtbare Wort Ewig
klang, durch das Rtteln der Verzweiflung jene ehernen Thore erschttert
-- wrden Sie, Grfin, es in den dunkelsten Abgrund stoen, weil es sich
mit riesiger Kraft zu dem herrlichsten Glcke emporhob? Ich sah durch
das Gitter, welches mich vom Himmel trennt, sein strahlendes Licht, ich
sah die Trume meiner Jugend, die Wnsche meines Herzens, das Ideal
meines Lebens in Wirklichkeit an mir vorberschweben -- ich streckte
flehend die Arme danach aus -- das war mein Verbrechen; ich be
es durch das frchterlichste Erwachen, ich be es durch erneute
Verdammni. Sie werden mir verzeihen; von nun an sollen Sie in
mir nichts als den ergebenen Haushund finden, der nach dem Hieb
so treu bleibt wie nach der Zrtlichkeit, der treu bleibt, wenn ihm
Unrecht geschieht, treu bleibt, wenn er nur der Gleichgltigkeit
begegnet ----'

"Ich hrte ihr verwundert zu und verstummte. Ich verstand, da er zu
weit gegangen war, da sie ihres Widerstandes wegen triumphirte, da sie
stolz auf ihre tugendhafte Handlungsweise war, die niemals htte
nothwendig sein drfen. Ein Besuch rechtfertigte meine Schweigsamkeit,
oder vielmehr sie zog uns aus der Verwirrung, denn Louise sah zu klar,
ihr Urtheil war zu fein, als da sie meine Gefhle nicht, wortlos wie
sie waren, verstanden htte. Die Besucher gehrten zu jenen Menschen,
die ihrer Gte, ihrer Familienbeziehungen, ihrer negativen Verdienste
wegen von der Gesellschaft geduldet werden; die bsen Zungen
entschdigen sich fr deren Nichtigkeit durch wohlfeile Witze ber sie;
die Geistreichen behandeln sie wie Tische und Sthle, sie benutzend,
wenn der Augenblick es mit sich bringt; die Liebenswrdigen sprechen im
Vorbergehen mit ihnen; im Ganzen ist Alles, was man ihnen bietet,
gerade lau genug, um sie nicht vor Frost zittern zu machen. Ich
frchtete Louisens Ungeduld und Spottlust; es wre nicht nthig gewesen,
denn nie habe ich sie gesprchiger, freundlicher, zuvorkommender
gesehen, nie hat ein Gast befriedigter ber sie und sich das Zimmer
verlassen.

"'Du warst uerst liebenswrdig, zu meiner grten Uberraschung', sagte
ich, als wir allein waren.

"'Und du, Kind, beurtheilst mich falsch. Ich spotte nie ber gute,
anspruchslose Leute und habe Freude daran, Unterdrckte zu
untersttzen.'

"In der Ebbe und Flut meiner Gefhle dieser eigentmlichen Frau
gegenber gingen nach dieser wahren, gtigen Antwort die Wogen zu ihren
Gunsten hoch.

"'Habe ich dir schon erzhlt,' sagte sie, 'da ich einen Brief von Frau
von Y. erhalten habe? Die Arme leidet so sehr und ist dabei ein Engel an
Gte und Tugend; Gott wei, was aus ihrer unglckseligen Leidenschaft
werden soll! Ist sie allein mit Georg, so knnte die Welt zu Grunde
gehen, der Tod neben ihnen stehen, sie wrden es nicht bemerken. Neulich
besuchte sie Georg sie war allein -- doch eine einzige Thr nur trennte
sie von ihrem Gatten, und diese Thr war nur angelehnt, und dieser Gatte
vergttert Charlotte. Manchmal schafft seine Phantasie ihm einen
Nebenbuhler: 'das wr kein langer Schmerz,' sagt er dann, 'eine Kugel
fr ihn, eine fr mich und fr dich die Qual des Lebens!''[TN4]

"'Und sie ist im Stande, diese Liebe zu betrgen!' rief ich emprt; 'und
du kannst von ihrer Tugend sprechen!'

"'Nun ja, meine Liebe, denn sie betrgt im Grunde ihren Gatten nicht.
Ihre Mutter hat sie, als sie fnfzehn Jahre alt war, mit ihm
verheirathet; er verlangte keine Liebe von ihr und gab ihr seinen Namen
wie sein Vermgen. Georg, ihr Vetter und Spielgefhrte, hatte nichts!'

"Ich hrte zu, wie man ein Capitel der _'Vie prive'_ von Balzac liest,
Louise erzhlte das Trauerspiel, dessen Heldin Charlotte war, wie dieser
Schriftsteller es beschrieben haben wrde.

"'Isabella hat mir von ihrem Bett aus geschrieben,' fuhr Louise in ihren
Neuigkeiten fort; 'sie ist gestrzt und hat sich schwer verletzt.'

"'Ist sie nicht die Gattin des Mannes, den du zuerst heirathen
solltest?'

"'Ja gewi. Das war meine erste Erfahrung! Ich hatte mit diesem Gedanken
die Kinderstube verlassen; er war schn und reich, er sprach von Liebe
und ich war glcklich. Da erfahre ich eines Tages, da er sich mit
Isabella verlobt hat, sie konnte ihm ihre Mitgift baar auf den Tisch
zhlen, ich hatte erst nach meines Vaters Tod eigenes Vermgen zu
erwarten. Kurz nachher wohnte ich seiner Heirat bei, dann hat er mir auf
die niedrigste Weise den Hof gemacht, und du verlangst, da ich die
Mnner achte, da ich sie bemitleide und schone -- sie verdienen kaum,
da man sich ber sie lustig macht; auch ist es nicht meine Schuld, wenn
sie sich nicht an mir rchen. Ah, wie ich die Rache liebe!'

"Ich stand auf.

"'Hier, Kind, sind noch zwanzig Thaler fr deine Armen. Werden wir ihre
Schuld bald bezahlt haben?'

"'Noch dreiig Thaler und sie sind sorgenfrei.'

"'Die bettele ich heute Abend bei Hof zusammen!'

"Der Hof war vollzhlig erschienen. Louise kam als Letzte: ihre
Schnheit war die einer Sultanin, ein bunter Turban hob ihre
regelmigen Zge, ihre schnen schwarzen Haare glnzten auf dem
tadellosen Teint, den das Licht noch strahlender machte, prachtvolle
rothe Seide flo in schweren Falten um sie, es war ein Bild, auf das die
Natur stolz sein knnte, wenn die Coquetterie nicht die Natur betrogen
htte. Die Mnner umgaben sie, sie entwickelte all ihren Geist, all
ihren Witz, all das Feuer ihrer Blicke, und ich sah mit tiefster
Traurigkeit dieses glnzende Arsenal der schnsten Fhigkeiten zu einem
Feuerwerk verpufft. Nichts mahnte an die Blsse und Traurigkeit dieses
Morgens, sie lachte, sprach und sah mit ihrem durchdringenden Blick,
hrte mit ihrem feinen Ohr Alles, was in vier Slen gethan und gesagt
wurde.

"Der Groherzog nherte sich in all seiner tadellosen Hflichkeit. Nach
einigen einleitenden Liebenswrdigkeiten begann Louise eine jammervolle
Armengeschichte zu erzhlen von Kindern, die auf dem Ofen schliefen, um
nicht zu erfrieren, von Eltern, die ihnen Kartoffelschale als
Delikatesse vorsetzten usw., das sah der Wirklichkeit nicht hnlich, und
doch war diese Wirklichkeit schon traurig genug! Louise brachte mir
triumphierend zwei Louisd'or. 'Ich danke dir sehr,' sagte ich; 'aber ich
erklre dir, da, wenn der Groherzog mich nach der Sachlage fragt, ich
deine Mrchen nicht untersttzen kann und von deinen Armen nichts wissen
werde, denn ich wei wirklich nichts von ihnen.' Sie lachte und fuhr
fort, mit mehr oder weniger Erfolg ihre Geschichte zu erzhlen.

"Spter traf ich sie noch einmal, und sie erwhnte wieder ihrer
Freundin, Frau von Y.: 'Im Grunde ist sie eigentlich ein kleines,
mageres, trichtes Ding, das sich gehen lt, obwohl dein
deutsch-sentimentales Mitleid fr den Gatten mir auch nicht angebracht
scheint. Auf eine Heldenthat in ihrem Leben ist sie sehr stolz, hat sie
doch eigenhndig einen Pflasterstein aufgehoben, um ihn auf die
unglcklichen Soldaten zu schleudern, die sich fr diesen verrckten
Karl _X._ massacriren lieen! Das ist gerade keine edle Handlung, und
von einer Frau ausgefhrt, wird sie gemein; auch habe ich ihr einmal
grndlich meine Meinung gesagt. Ich sprach bewundernd von England, und
von dem, was dort besser sei als bei uns, sie glaubte sich als Patriotin
zeigen zu mssen, und pltzlich hre ich eine spitze Stimme, die mir
zuruft: Sie haben wohl nicht das Glck, Franzsin zu sein? -- O doch,
gndige Frau, ich bin sogar im Herzen von Paris geboren, ohne jemals
sein Pflaster zu beschdigen.'

"Alles lachte; ich schlich beiseite. Hatte sie doch diesen Morgen erst
in den hchsten Ausdrcken der Bewunderung von derselben Frau
gesprochen! Mich widerte es an, zu sehen, wie all ihre Geistesgaben der
Frivolitt geopfert wurden; meine Liebe zu ihr tat mir weh, und doch
habe ich sie mir nie aus dem Herzen reien knnen.

"Sie hatte genug Verstand, um ber Alles zu plaudern, sie fand stets die
passendste Antwort, um selbst Klgere zu verwirren, sie hatte
Beobachtungstalent, um ihren Mrchen den Schein der Wahrheit zu geben,
sie beherrschte die Sprache, um die Abenteuer ihrer Freunde geschickt
erzhlen zu knnen, sie hatte die Herzen der groen Welt durchschaut, um
mit Effect Sentenzen _ la_ Rochefoucauld auszusprechen, sie kannte
Hingebung und Opferfreudigkeit, um sie von anderen zu verlangen, sie
interessirte sich fr Alles, um ber Alles zu schwatzen. Sie war die
Weltfrau, die Pariserin, die schne Frau, das Kind der Eitelkeit und der
Schmeichelei und htte der Stolz ihres Geschlechts, der Engel der
Tugend, die echte Frau sein knnen, die ohne zusammenzubrechen eine Welt
voll Kummer trgt, die liebt, leidet, trstet und die Sprache der
Menschlichkeit hrt und versteht."

Louise Vaudreuil war stets von Bewunderern umgeben; Prinz Friedrich
Schwarzenberg, der einst viel genannte Verfasser der Memoiren eines
Landsknechts, war einer ihrer treuesten. Whrend einer Badereise, als
Jenny das kleine Tchterchen Louisens in ihre Obhut genommen hatte,
schrieb ihr Graf Vaudreuil: "Louise hat viele Verehrer, Prinz
Schwarzenberg und Prinz Kotschubey vor allem. Ich liebe diese Mehrzahl,
denn nur die Einzahl fordert die bse Nachrede heraus. brigens hat
bisher weder die Einzahl noch die Mehrzahl mein Vertrauen in eine Frau
zu erschttern vermocht, die Herz und Geist besitzt, und die wei, da
ein guter Gatte, den man liebt, einem Goldbarren gleicht, den nur der
Wahnsinn gegen die kleine Mnze der Bewunderer eintauschen wird." In
demselben Briefe heit es: "Vom Tode des Herzogs von Reichstadt haben
Sie gewi erfahren. Was ich bei dem Erlschen der napoleonischen Race
empfinde, werden Sie am besten verstehen, denn trotz Ihrer Betonung
Ihres Deutschtums haben wir uns in der staunenden Bewunderung fr einen
der grten der Menschen immer gefunden." Jenny antwortete darauf: "Mir
erscheint Napoleon als eines jener gewaltigen Werkzeuge der Allmacht,
die zuweilen nothwendig sind, um das unterste zu oberst zu schtteln,
damit der von Jahrhunderten aufgehufte Staub und Moder davon fliegen
und die Erde fr neues Blhen bereiten kann. Auch wie ein groer Pflug
ist er, der sie aufrhrt, der welke Pflanzen, die das neue Leben hindern
wollte, in Dnger verwandelt und unterirdisches Gewrm ttet. Nur
schade, da die Arbeit diesmal so wenig vorhielt: mir scheint, als tte
uns jetzt schon ein neuer Pflug noth, und ich wrde ihn herbeisehnen,
wenn nicht mein Herz von Grauen erfllt wre vor allem Blut -- auch vor
dem des Gewrms, das ja nichts dafr kann, da die Natur es zu dem
machte, was es ist." Ein merkwrdiges Urteil fr ein einundzwanzigjhriges
Mdchen. Vielleicht war es doch der unbewute Einflu des Blutes, der sie
also empfinden lie und dadurch noch untersttzt wurde, da ihr nicht die
deutsche, sondern die franzsische Sprache Gedankensprache war: Sie
dachte in ihr, wie sie hauptschlich in ihr schrieb. Es war ja auch ihre
Muttersprache: Diana, die Elssserin, sprach nach wie vor fast
ausschlielich franzsisch, und am Hofe herrschte seit dem Tode Karl
Augusts die franzsische Sprache um so mehr, als sie fr die Groherzogin
Maria Paulowna, die geborene russische Grofrstin, die gewohnte war.

Seit 1829 war Jenny als Hofdame in deren Dienste getreten. Durch ihre
Freundschaft mit den Prinzessinnen, vor allem mit Augusta, wurde sie
jedoch stets mehr als ein Kind des Hauses, wie als Mitglied des
Hofstaates angesehen. Das zeigte sich auch in der geschwisterlichen
Beziehung, die sich zwischen ihr und dem um sieben Jahre jngeren
Erbgroherzog Karl Alexander entwickelte. Sie wurde seine Vertraute, der
seine Bewunderung galt, und wenn er ihr als Sechzehnjhriger, hnlich
wie Wolf Goethe, eine schchtern-poetische Knabenliebe widmete, so war
das nur eine weitere Grundlage fr die lebenslange Freundschaft.

Zu Maria Paulowna sah Jenny, die sie in ihrem Sein und Wirken tglich
beobachten konnte, in ehrfrchtiger Liebe empor: "Sie war fr sich
selbst," so schrieb sie, "demthig und anspruchslos: ihr ganzes Leben,
Wirken und Sein gipfelte in der frstlichen Pflicht des Beglckens. Sie
bte die grte Strenge gegen sich; jede Stunde ihrer bis zur Ermdung
ausgefllten Tage hatte eine Wohlthat oder eine Pflicht zum Ziel. Sie
stand sehr frh auf, und wenn dann die letzte Pflicht des Tages, die
Hofgeselligkeit, an sie herantrat, war es denen, die das Glck hatten,
ihr nahe zu stehen, rhrend, wie oft die Mdigkeit des Krpers sie zu
ihrem eigenen Schrecken bermannte. Nie klagte die russische Grofrstin
ber die kleinen Verhltnisse Weimars; sie sprach es aus, wie das schne
Wort Schillers bei ihrem ersten Einzuge in Weimar sich ihr als
Lebensregel eingeprgt habe: 'Wisse, ein erhabener Sinn legt das Groe
in das Leben, aber sucht es nicht darin.'

"Weimars geistiges Leben, das versicherte sie oft, ersetze ihr
vollkommen den Glanz des russischen Hofes, darum untersttzte sie es
auch und frderte es, wo sie konnte. Dabei war ihr Goethes Urtheil stets
magebend; wie oft lie sie einen Wunsch fallen, weil Goethe nicht damit
einverstanden war, wie ergreifend war ihr Schmerz bei seinem Tode, wie
treu blieb sie seinem Geiste. Die Wohltaten, die sie ffentlich und noch
mehr im geheimen that, die durchdachten praktischen Plne zu
Erziehungsanstalten und Krankenhusern, welche alle zur Ausfhrung
kamen, das alles zeugt fr ihr tiefes Erfassen des Berufs einer
Landesmutter. Trotzdem hatte sie stets noch Zeit und Lust zu geselliger
Unterhaltung, aber eine unberwindliche Abneigung gegen das gewhnliche
Hofceremoniell mit seiner den Langenweile. Deshalb lste sie gern diese
drckenden Fesseln und wnschte ihre Umgebung, wie ihre Gste, in freier
krperlicher und geistiger Bewegung zu sehen. Auch den Fremdesten
wandelte sie nach und nach, ihm selbst unmerklich, zum natrlichen
Menschen um, dem sie die Maske leise abnahm, ohne welche die meisten
nicht glauben, bei Hofe erscheinen zu knnen. Ebenso unmerklich
bestimmte sie auch die Grenzen des freiheitlichen Umgangs, und schwer
verzieh sie es, wenn sie berschritten wurden.

"Die Sommer in Wilhelmsthal sind mir in freundlichster Erinnerung
geblieben. Dort in der herrlichen Luft und reizenden Umgebung schien
alles Unnatrliche von selbst von uns abzufallen. Wir vergngten uns mit
heiteren Spielen, besonders das Federballwerfen war sehr beliebt,
machten Spaziergnge, lasen und schrieben entweder im Schatten der
schnen alten Bume oder in unseren einfach-lndlichen Stbchen. Dabei
kamen so mancherlei Phantasien, Gedanken und Verse zu Papier, die nicht
unser Geheimnis blieben, denn die liebe Grofrstin interessierte sich
lebhaft fr jedes Glied ihres Hofstaats und hrte mit gtiger Nachsicht,
aber auch mit scharfem Urtheil der Vorlesung unserer Schreibereien zu.
Nach und nach wurden die dilettantisch-literarischen Abende zur
Gewohnheit, sie waren eine angenehme Unterhaltung fr die jngere
Hofgesellschaft und den damaligen Erbgroherzog, der auch, wie wir,
Beitrge dazu lieferte. Es gab nur noch wenige, die sich der Zeiten des
'Tiefurter Journals' erinnerten und das 'Wilhelmsthaler Journal' fr
eine recht schwache Copie desselben halten konnten; nher lag der
Gedanke an das mit Goethe zu Grabe getragene 'Chaos' oder an die
literarischen Abende, die whrend des Aufenthalts in Weimar eine groe
Anzahl bedeutender Gelehrter bei Hof versammelten. Wir hrten Vortrge
von Humboldt, Schleiden, Apelt, Froriep, Schorn, Schll und vielen
anderen, die uns weit mehr bildeten, als es dicke Bcher gethan
htten.[76] Dabei gewhnten wir uns daran, das Gelernte aufzuschreiben,
was auch in Wilhelmsthal fortgesetzt wurde, sobald Interessantes uns
auffiel. Die Anregung zu diesem geistigen Leben ging von Maria Paulowna
aus; sie wute, da darin Weimars Gre lag und immer liegen wrde,
deshalb erzog sie auch ihre Kinder in diesem Gedanken und hob uns in
ihre Atmosphre, die allem Kleinlichen fern war, die eine belebende
Kraft ausstrmte."

Wenn kindliche Verehrung, wie hier, mit zu lichten Farben malt, so ist
das immer begreiflich gefunden worden, aber man pflegt im Urteil
ungerecht zu werden, wenn der Freund auch beim Freunde die Schatten
vergit. Und doch ist gerade das am natrlichsten. Je nher wir einen
Menschen kennen, je mehr uns jede Stufe seiner Entwicklung vertraut ist,
desto mehr verstehen wir seine Natur, und die Fehler erscheinen uns
nicht wie dem Auenstehenden als etwas selbstndig Verdammenswertes,
sondern als die Bedingungen oder Ausartungen ihrer Tugenden. Wir
gewinnen sie beinahe lieb, wie jene. So sah Jenny ihre Freunde an, und
ihre Schilderungen ihres Wesens sind dann immer besonders schwer zu
verstehen, wenn es sich um Persnlichkeiten handelt, die der Geschichte
angehren und der Kritik aller unterliegen, die je nach der Gesinnung
und dem politischen Standpunkt eine andere sein wird. Das gilt vor allem
von Augusta, der spteren deutschen Kaiserin, der sich Jenny mit jener
treuesten Freundschaft verbunden fhlte, von der es heit:

    La adlermutig deine Liebe schweifen
    Bis dicht an die Unmglichkeit heran;
    Kannst du des Freundes Tun nicht mehr begreifen,
    So fngt der Freundschaft frommer Glaube an.

Aus der Jugendzeit, die sie zusammen verlebten, erzhlt sie folgendes
von ihr:

"Frh schon entwickelte sich in ihr jene weiblichste Tugend, das
Mitleid, die sich aber nie in Klagen und Thrnen uerte, sondern,
geleitet von der Mutter, zur praktischen Thatkraft wurde. Wir besuchten
oft zusammen unsere Armen und muten daher nicht selten hren, da wir
im Gefhlsberma zu viel gethan hatten oder ihnen statt Arbeit,
Kleidung und Nahrung, Geld gegeben hatten, das nur zu bald wieder
ausgegeben war und zur Trgheit fhrte, whrend Anleitung zur
Selbsthilfe die beste Armengabe ist."

Als Prinz Karl und Prinz Wilhelm von Preuen an den Weimarer Hof kamen,
wute jeder, da sie um die Hand der Prinzessinnen Marie und Augusta
werben wollten. "Merkwrdig schnell," so schreibt Jenny, "fate Prinze
Augusta Vertrauen zu Prinz Wilhelm, dessen Gte und Liebenswrdigkeit
uns sehr gefiel, dessen militrische Straffheit uns, denen der
preuische Drill etwas ganz Fremdes war, sehr imponierte. Langsam, aber
stetig zunehmend, entwickelte sich bei der Prinze eine tiefe Neigung zu
ihm. Sie sprach nicht davon, ihr Stolz verbot ihr, die Unterwerfung
ihres ganzen Wesens unter einen Mann einzugestehen, von dem sie wute,
da er ihr jetzt nur Freundschaft entgegenbrachte. Man hatte ihr
diensteifrig seine Herzensgeschichte zugetragen, ihr auch nicht
verhehlt, welch ausgezeichnetes Mdchen deren Heldin war. So stand es um
sie, als ihre Schwester sich vermhlte. Heiter und glnzend waren die
Feste dieser zu Ehren, wehmtig der Abschied. Sie schenkte mir noch
zuletzt ein Album, in das sie folgende Worte geschrieben hatte:

    _This above all, to thine own self be true,_
    _And it must follow, as the night the day,_
    _Thou canst not then be false to any man._

_Votre souvenir est toujours l!_

_Marie_


"Fast zwei Jahre vergingen, ehe Prinz Wilhelm die zur vollendeten
Schnheit erblhte Prinze Augusta heimholte. Sie hatte ihn treu im
Herzen getragen, wie sie jedem Treue bewahrte, den sie einmal lieb
gewann. Er war und blieb die einzige groe Leidenschaft ihres Lebens,
die sie zu schner Weiblichkeit entwickelte und alle Hrten ihres Wesens
abschliff.

"In meinem Album finden sich diese Zeilen von ihr:

    _Doux lieux o l'amiti vint charmer mon enfance_
    _Il faut, hlas, vous fuir,_
    _Mais vous viendrez me consoler mon absence_
    _Par un doux souvenir!_

    _Otez l'amiti de la vie,_
    _Ce qui reste de biens est peu digne d'envie,_
    _On n'en jouit qu'autant qu'on peut les partager;_
    _Dsir de tous les coeurs, plaisir de tous les ges,_
    _Trsor du malheureux, divinit des sages,_
    _L'amiti vient du ciel habiter ici bas,_
    _Elle embellit la vie et survit aus trpas!_

_Weimar, 3. 6. 29._


_Ces vers expriment ce que j'prouve en les traant, puissiez-vous en
tre persuade, chre Jenny._

_Your faithful_

_Augusta."_


Eine eifrige Korrespondenz entspann sich zwischen den Freundinnen, die,
da sie sich fast durch ein halbes Jahrhundert fortspann, ein
interessantes Bild der Zeit geben knnte, wenn die Briefe der Kaiserin
nicht, einem Versprechen getreu, von meiner Gromutter zum groen Teil
verbrannt worden wren. Aus der ersten Zeit der Abwesenheit Prinze
Augustas finden sich folgende Stellen aus Briefen Jennys an sie:


1./7. 1832.

"... Die Herzen der Leute der groen Welt sind alle nach einer Form
gegossen, die leider in allen Lndern die gleiche ist, und in die sie so
genau eingepat werden, da schlielich fr nichts als fr
Gleichgltigkeit und Langeweile Platz brig bleibt.


29./8. 1832

"Die Erziehung sollte die Einleitung, die Vorrede des Lebens sein; man
sollte daraus den Zweck der ganzen Arbeit, ihre Tendenz und wenn mglich
ihren Preis, ihren moralischen Wert kennen lernen. Darum ist es
nothwendig, da die Eltern, ohne den klaren Himmel der Kindheit zu
trben, die Rolle des Schicksals spielen, so da die Fehler der Kinder
sich so viel als mglich durch ihre natrlichen Folgen bestrafen; sie
wrden frhzeitig dazu gelangen, nicht den Himmel der Ungerechtigkeit
und die Menschen der Falschheit anzuklagen, wenn sie sehen, da fast
immer sie selbst die Hauptursachen ihrer Schmerzen und Leiden sind, wenn
sie in der Tiefe ihres eigenen Wesens die Ursachen des Unglcks
erkennen, das sie trifft. Nur selten drfte ihr Gewissen ihnen keine zu
zeigen vermgen. Ist die Vorrede eine vollkommene gewesen, so mu sie,
indem sie uns eine sichere Vorstellung von dem Buche giebt, das
Interesse dafr steigern, unsere Erwartungen wrden nicht getuscht
werden knnen, und die Eindrcke, die wir vom Styl und von den Details
erhalten, wrden mehr von unserem Herzen abhngen und von der
harmonischen Verbindung unserer Seele mit dem Autor. Die allgemeine
Idee, die uns die Vorrede gegeben hat, sollte uns vor groen
berraschungen und Enttuschungen bewahren.


12./9. 1833.

"Wenn man das Leben mit seinem Unglck, seiner Niedrigkeit, seinen
getuschten Hoffnungen kennen gelernt hat, so ist nichts natrlicher als
die Neigung zur Misanthropie und zur Menschenverachtung, und dieses
Gefhl, das man gewhnlich fr eine Folge reifster Erfahrungen und
tiefgrndiger Gedankenarbeit ansieht, entspricht nur dem gewhnlichen
Einflu des Unglcks auf die Menschen. Eine starke und edle Seele ist
die, die sich aus dem Schiffbruch des Lebens den Glauben an die
Menschheit und die Liebe zum Menschen retten konnte -- eine starke und
edle Seele, weil sie den Schlssel des Rthsels in sich selbst suchte
und fand.


1./11. 1835.

"Alle groen Leidenschaften sind gttlicher Natur; sie sind die
Emanationen Gottes im Herzen der Menschen. Man kann sie weder
willkrlich heranrufen, noch vernichten, sie sind Inspirationen des
Himmels, denen wir uns unterwerfen mssen, und die fr ihren gttlichen
Ursprung dadurch Zeugni ablegen, da sie ber den allgemeinen Gesetzen
der Natur stehen und diese sich ihnen unterordnen mssen."

Diese wenigen Proben -- alles andere schlummert in mir unzugnglichen
Archiven -- zeigen, wie weit der Briefwechsel unserer Groeltern von dem
Depeschenstil der Gegenwart entfernt war. Sie wollten nicht nur mit
ihren fernen Freunden vereinigt bleiben, es gelang ihnen auch, weil sie
die Verbindung durch Gedankenmitteilungen, nicht durch bloe
Lebensdaten, hinter denen sich die tiefgehendsten Wesenswandlungen
verbergen knnen, aufrechterhielten.

Auer Prinze Augusta war es noch eine andere Prinzessin, mit der Jenny
auf diese Weise in naher Beziehung blieb: Helene von Mecklenburg,
sptere Herzogin von Orleans. Ihr Gatte war jener franzsische
Thronfolger, den ein tdlicher Sturz davor bewahrte, durch die
Revolution seiner Hoffnungen beraubt zu werden. Die Schilderung ihrer
Beziehungen zu Helene leitete Jenny folgendermaen ein:

"... Die Armuth, die Niedrigkeit darf klagen und weinen, auf den Hhen
der Menschheit regiert das Lcheln, das klaglose Verstummen. Und die
nicht geweinten Thrnen wiegen centnerschwer. Mir war es vergnnt, in
das Herz, in die Seele solch einer Mrtyrerin zu schauen, als sie noch
unberhrt war von dem giftigen Hauch des Weltenschicksals, als sie noch
nicht selbst mitten im Wirbelwind des Lebens stand. Fast ein Kind noch,
kam Helene von Mecklenburg zum ersten Mal nach Weimar. Im Andenken an
ihre verewigte Mutter, Karl Augusts liebliche Tochter Caroline, wurde
sie ganz als Kind Weimars empfangen und blieb vom ersten Tage an des
Grovaters Liebling. Trotzdem dauerte es sehr lange, bis ihr durchaus
unkindlicher zurckhaltender Ernst einem offen-freundlichen Wesen Platz
machte. Ich gab mir viel Mhe um sie, weil ihre tiefen, forschenden
Augen mich reizten, sie zu entrthseln. Was mir zuerst seltsam auffiel,
war die hinter dem khlen ueren versteckte schwrmerische Phantasie,
deren realer Mittelpunkt schon damals Frankreich war. Ihre franzsische
Gouvernante wie die franzsische Hofdame ihrer Stiefmutter mochten wohl
diese Gedankenwelt in ihr mit geschaffen haben, die nach und nach alles
andere verdrngte. Unsere Unterhaltungen drehten sich meist um
franzsische Geschichte, franzsische Literatur, und immer, wenn sie
wieder nach Weimar kam, erstaunte ich, welche Flle neuer Kenntnisse sie
sich darin erworben hatte. Ich hatte ihr versprechen mssen, alles Neue,
das an guten franzsischen Bchern erschien, ihr mitzuteilen oder
zuzusenden, was dann auch gewissenhaft geschah. Mein Berater war der
liebenswrdige, geistreiche Graf Alfred Vaudreuil, der mit
franzsischer Gewandtheit und Leichtlebigkeit deutschen Ernst und
deutsche Grndlichkeit verband und mir immer neben seinem Freunde, dem
Prinzen Friedrich Schwarzenberg, von dem Ida von Dringsfeld so richtig
sagte: 'er war immer ohne Umstnde er selber', als der Typus wahrer
Vornehmheit erschien. Wir hatten bisher, wie Vaudreuil sich ausdrckte,
nur mit den Blumen und Zephyren Lamartines gespielt; jetzt gab er uns
Werke von Dumas und Victor Hugo, auch las er aus Chateaubriands Bchern
vor und unterrichtete uns in der sonst nur in verworrenen Bildern zu uns
dringenden franzsischen Zeitgeschichte. Es war auch zum Theil sein
Verdienst, da er uns, eine sonst der Politik fernstehende Gesellschaft,
auf die Geschehnisse des ueren Lebens aufmerksam machte und uns etwas
ablenkte von der ausschlielichen Beschftigung mit Seelen- und
Herzenskmpfen. Mein Stiefvater Gersdorff, selbst ein Staatsmann, war
mir gegenber mehr Philosoph; er meinte, Politik sei nichts fr
Frauenzimmer. Als aber die erste Kunde der Julirevolution zu uns drang,
da war auch uns auf lange Zeit ein Gesprchsthema gegeben. Der Eindruck,
den sie auf uns machte, war ein anderer als der, den sie bei der
vornehmen Gesellschaft im brigen Deutschland hervorrief. Wir schwrmten
fr die Ideen der Volksbeglckung; wir schwrmten fr Griechenland,
selbst fr Belgien, warum sollten wir es nicht fr Frankreich thun und
in Louis Philipp den Retter des Volksglcks betrachten? Wer ahnte denn,
da er es nicht sein konnte? Am interessantesten war mir, mit welcher
Lebhaftigkeit Goethe die Dinge verfolgte. Mein Stiefvater schrieb lange
politische Berichte fr ihn, so sehr er sonst mit Geschften berlastet
war, und unser Diener sagte uns, der alte Herr sei ihm oft aufgeregt
entgegengekommen, um die Briefe selbst in Empfang zu nehmen.

"Noch waren wir ganz erfllt von dem Thronwechsel in Frankreich, als
Prinze Helene wieder nach Weimar kam. Ihre Begeisterung fr Louis
Philipp und seine 'Mission' spottete jeder Beschreibung, und es dauerte
nicht mehr allzulange, so fing man an, erst leise, dann immer lauter
davon zu sprechen, da sie seinem Sohne bestimmt sei. Sie selbst sprach
nie davon, auch brieflich nicht, so offen auch ihr Herz sonst vor mir
lag; aber ich las die Hoffnung auf Erfllung ihres Kindertraumes in
ihren seelenvollen Blicken. Whrend sie sich mit ihrer Mutter in Jena
aufhielt, besuchte ich sie hufig. Man nahm die Krankheit der Herzogin
zum Vorwand des Fernbleibens von Mecklenburg, whrend die
unerquicklichen Verhltnisse dort es nthig machten. In Jena versammelte
sich bald ein geistig bedeutender Kreis um die Frstinnen; ich
vermittelte die Bekanntschaft mit meinem lieben Freunde, dem Professor
Scheidler, der seiner Taubheit wegen sehr menschenscheu war, und hatte
die Freude, zu sehen, wie Prinze Helene sich ihm anschlo und sich von
ihm bilden lie. Dort und in Weimar fhlte sie sich weit mehr zu Hause
als in Mecklenburg; wre sie ein echtes Kind jenes strengen, nordischen
Landes gewesen, niemals htte sie dem Sohne des Brgerknigs die Hand
gereicht. Obwohl sie, wie gesagt, nie mit mir darber sprach, war mir
dieser Schritt nicht unverstndlich. Sie liebte den Herzog nicht, denn
sie hatte ihn nie gesehen, sie war nicht ehrgeizig, dazu war ihr
Charakter ein viel zu weiblicher. Was sie wollte, suchte, ersehnte, war
ein Beruf, eine Pflicht; was sie glaubte, war an ein unabnderliches
Schicksal, das ihr schon frh die Liebe zu Frankreich ins Herz geprgt
habe. Sie war berzeugt, Recht zu thun, auch als sie mit ihrer Familie
brach und wie eine Ausgestoene von ihrer Heimat scheiden mute.
Strahlend glcklich waren ihre Briefe; strahlend schn soll ihr ueres
gewesen sein, schrieben mir meine Verwandten aus Paris, und ich freute
mich ihres sonnigen Schicksals. Erst nach und nach gingen ihr die Augen
auf ber den Knig, ber das Treiben am Hof, ber die sogenannte
'Volksbeglckung'. Es schmerzte sie tief, aber sie hatte ja ihren
Gatten, der sie in keiner ihrer Trume und Hoffnungen jemals getuscht
hat; sie hatte ihre Kinder, denen sie sich mit der vollsten Gluth der
Mutterliebe widmete; sie hatte Frankreich und seine Zukunft!

"Da begann ihr Mrtyrerthum. Langsam, mit frchterlicher Grausamkeit ri
das Schicksal ein Glck nach dem anderen aus ihren Armen, enthllte ihr
eine bittere Wahrheit nach der anderen, bis das Leben, all seiner
rosigen Schleier entkleidet, ein grausiges Skelett vor ihr stand. Sie
schauderte wohl davor zurck; aber nicht lange whrte es, so sa sie
wieder am Webstuhl und schuf neue Hoffnungsgewnder fr dies Bild des
Todes."

Jenny korrespondierte eifrig mit Helene. Von den Briefen der Herzogin
sind eine Anzahl verwahrt worden, die aus ihrer Mdchenzeit und aus der
ersten Zeit ihrer Ehe stammen, ebenso einige von Jennys Antworten.
Helene zeigt sich in ihnen als eine Schwrmerin, die uns khlen
Modernen, die wir selbst Empfindungen, die wir haben, schwer
aussprechen, ganz fremd erscheint.

Ihre ganze Persnlichkeit wird nur dann verstndlich, wenn wir sie als
Kind ihrer Zeit betrachten, das sich ber die Gefhlsschwrmerei der
Romantik selbstndig nicht zu erheben vermochte, und ihre Briefe sind
als Spiegelbild des Seelenlebens vieler Frauen jener Epoche so
bezeichnend, da einige von ihnen, trotz ihrer tatschlichen
Inhaltlosigkeit, hier folgen mgen. Wenn Jenny sich auch dem Einflu
ihrer Zeit nicht zu entziehen vermochte, so unterwarf sie sich ihm doch
nicht. Das zeigt sich auch in ihrem Briefwechsel mit Helene.

Aus ihren Briefen an sie sei folgendes angefhrt:


3./8. 33.

"Mir giebt es neben der Natur keine sicherere Kunde von Gott, als den
umfassenden Geist des Menschen, keine hhere Schwungkraft zum Guten und
Groen, als dessen Erkenntnis in allen seinen Zweigen; htte ich nur
Kraft und Zeit und Gedchtnis, um alles zu prfen, was der menschliche
Geist seit Jahrhunderten hervorgebracht hat, wie gnzlich wrde dann
alles Kleinliche verschwinden! -- Ich mchte keine Unruhe in Ihre Seele
bringen, Ihren Glauben nicht antasten, denn darber liegt der heilige
Schleier der Jahrhunderte; Beweise sind schwer, es wge sie daher jeder
in seiner eigenen Seele mit Glauben und Vernunft ab, an der reinen Moral
der Christuslehre ndert es ja durchaus nichts. Mit Ihnen mchte ich
Herder, Schiller, den Faust lesen, mit Ihnen die Geschichte, die
erfahrenste Lehrerin der Menschheit, studieren, mit Ihnen die Hhen des
Geistes und Lebens erklimmen, wo die Brust frei athmet und die Seele
sich rein und entzckt zu Gott erhebt.


3./9. 33.

"Wie verschieden die Philosophien, die Religionen, die Gedanken der
Menschen auch seien, in einem Spruch stimmen alle Vernnftigen berein:
'Wer nach seiner innigsten berzeugung Recht thut, hat vor dem Tode
nichts zu frchten.' Dieser Spruch mu als heiligste Wahrheit
aufgestellt bleiben, und so lassen wir die Frage ber Nichts und
Ewigkeit, lassen wir die Sorge fr die Zukunft und das Grbeln ber
Unerforschliches dahingestellt. Wir haben genug, wir haben vollauf zu
tun, um Recht zu tun allerwege.


9./10. 34.

"Man sollte eigentlich nur Unglck nennen, was tief in die Seele
eingreift, was einen Charakter und ein Lebensglck umzundern mchtig
genug ist, was eine bleibende Krnkung in der Seele lt und was, wenn
auch die Zeit ihren milden Einflu bt, immer als umflortes dunkles Bild
in der Erinnerung bleibt, es sei nun zu moralischer Krftigung oder zu
ewiger, innerer Trauer. Und doch, wie viele solcher Unglcksflle stehen
gerade nicht auf der Liste der von den Menschen im allgemeinen
anerkannten und aufgezhlten, wie oft jammern sie vor dem Schutte eines
alten Hauses und wissen nichts von dem Schutte, der allein von einem
ganzen, glnzenden Jugend- und Lebensglcke brig blieb!"

Unter den Bchern, die Jenny der jungen Prinzessin sandte, befand sich
auch Victor Hugos "Hernani", das sie ihr nach Eisenberg, dem Landsitz
des Herzogs von Altenburg, geschickt hatte. Darauf bezieht sich
folgender Brief Helenens:


Eisenberg, den 10. April 1834.

"Empfangen Sie meinen herzlichsten Dank, mein theures Frulein, fr die
Freude, die mir Ihre Gte bereitete, und tuschen Sie nicht meine
Hoffnung, die vertrauensvoll auf Ihre Nachsicht rechnete, als Ihr
Bchlein Tage und Wochen --ja -- Monate bei mir ruhte. Meine
Entschuldigung kann nur in der Vorliebe fr dieses Werkchen und in dem
sicheren --vielleicht zu sicheren Glauben an Sie bestehen. Nein, sicher
genug kann nie der Glaube an die liebe Jenny sein! Ein Herz, wie das
Ihre, kann vergeben, wenn man ihm edelmthige Gesinnungen zutraut, und
wird vergeben, wenn ich sage, da ich der Besitzerin wegen das Bchlein
hochhielt, und des Inhalts wegen mir der Abschied schwer fllt. Sie sind
der freundliche Engel meiner Lektre gewesen, bleiben Sie es und deuten
Sie mir, ich bitte Sie, die Schriftsteller an, die Ihnen vielleicht noch
Graf Vaudreuil als empfehlenswerth nannte, ehe er schied; denn seinem
Geschmack, glaube ich, drfen wir getrost folgen -- und die Perlen der
neuen franzsischen Litteratur noch mehr kennen zu lernen, ist mein
lebhafter Wunsch.

"Recht lang scheint mir die Zeit, die seit unserer letzten Begrung
liegt; ich glaube, es war auf dem Kinderball, wo Sie des kleinen
Findlings Schutzgeist waren; ein unfreundlich Geschick trennte uns
seitdem; doch hoffe ich, Sie verbannen mich nicht ganz aus Ihrem
Andenken, denn hat man sich einmal gefunden, so mag Zeit und Raum
kmpfen. Ein freundlicher Stern leuchtet segnend am Horizont und fhrt
zusammen hier oder dort.

"So unendlich glcklich und froh ich hier im liebenden Kreis der Familie
lebe, so sehr werde ich mich dennoch freuen, mein liebes Weimar mit
seinen freundlichen Bewohnern wieder zu begren, denn ihm gehrt ein
groer Theil meines Herzens, --Sie, liebes Frulein Jenny,
wiederzusehen, wird mir eine wahre Herzensfreude sein.

Ihre Helene."


Etwas spter bekam Jenny ein Gipsrelief der Freundin mit diesen Zeilen:


Ludwigslust, den 27. Sept. 1834.

"Um einen freundlichen Blick meiner lieben Jenny mchte ich bitten,
indem ich ihr das unbedeutende Dingelchen in die Hand drcke, welches
meine Zge vor ihre Augen fhren mchte. Ruhen sie von Zeit zu Zeit auf
dem kalten toten Gips, so werden sie auch Leben hinein hauchen und die
Seele hervorrufen, die es verbirgt, die die Ihrige liebt und versteht
und sich in froher Vergangenheit vertraut mit ihr fhlte.

"Mag auch jene Vergangenheit immer mehr zur Vergangenheit werden --
mgen gleich tausend Eindrcke das Gemth berhren, sie wird nimmer
zurckgedrngt, sondern wie ein Glanzpunkt meines Lebens mir theuer und
unvergelich bleiben. Sie, liebe Jenny, waren eine der freundlichsten
Erscheinungen derselben, und Ihr Andenken wird sich nie verwischen, es
erweckt nur den Wunsch in mir, Ihnen nher treten zu knnen, und tiefer
noch in Ihre liebliche zarte Seele blicken zu drfen.

"Sollte uns auch eine lange Zeit trennen, ich glaube, wir werden uns
doch immer wieder verstehen und gleich nahe stehen. Meine innigsten
Wnsche fr Ihr Glck werden Sie umgeben. 'Es gehe dir nie anders als
wohl,' sage ich mit Jean Paul, 'und die kleine Frhlingsnacht des Lebens
verfliee ruhig und hell -- der berirdische Verhllte schenke dir darin
einige Sternbilder neben dir und nicht mehr Gewlk, als zu einem schnen
Abendrot vonnten ist!' Denken Sie, wenn Ihr Herz sich freut, auch
einmal an

Ihre Helene."


Bald darauf wurde Helene von einem fr sie, der die Mutter schon sehr
frh gestorben war, doppelt groen Unglck betroffen, das wie eine
Vorahnung des knftigen, noch greren, erscheint: infolge eines Sturzes
vom Pferde starb ihr zrtlich geliebter Bruder Albrecht. Jenny schrieb
ihr voll warmen Mitgefhls und bekam diese Antwort:


Ludwigslust, den 12. Nov. 1834.

"Den innigsten, den liebewrmsten Dank meiner lieben theilnehmenden
Jenny fr die Worte, die Sie in meinem Schmerze zu mir reden, und die in
ihrer seelenvollen Tiefe mich so innig rhren und erheben, da ich sie
oft wieder durchlese. Ihr Herz wird durch Gottes Gnade vor einem solchen
Verlust bewahrt werden. Er, der Sie liebt und schtzt, wird Sie durch
freudigere Wege zum Ziele fhren, dessen stiller Sinn schon in Ihrem
edlen Gemthe liegt. Das ist mein Wunsch, denn je mehr ich leide, je
mehr mchte ich die, die mir teuer sind, mit Freude und Glck umringen
knnen. Ach, aber blicke ich im Geiste hinein in Ihr tiefes dunkles
Auge, dringe ich in die Schriftzge, die mir Ihre Gre und Worte der
Liebe brachten, -- ach, da ergreift mich ein schmerzvoller Klang aus
tiefem, verborgenem Quell, und ich mu weinen, um Sie weinen, um die
Klage Ihres eigenen Herzens. Sie weinen gewi oft, meine liebe Jenny,
aber in Ihren Thrnen bricht sich der Strahl des Himmels und die
Melancholie, die das Geprge Ihres ganzen Wesens ist, die Sie umgiebt
wie ein Glanz des Mondes, sie zieht Sie ab von der tndelnden
Nichtigkeit des Tageslebens, und enthllt Ihnen in eigner Brust das
Leben der Liebe, das ewig Nahrung gebende Princip, das vom Himmel
stammend uns Thatkraft und Muth in den Kmpfen, Ergebung eines Kindes in
den Fgungen, Glaube und Freudigkeit in jeglichem Wechsel des Lebens
verleiht. Die Leichtfertigkeit der faden Welt verletzt das verwundete
Gemth -- ich wei es und Sie mssen es empfunden haben, drum hinein
ins eigene Sein, in das Herz -- _'my heart my only kingdom is'_ ...

"Liebe Jenny -- mir ist das Herz so voll, da meine Worte mir immer drr
erscheinen -- Worte sagen wenig, die Sympathie versteht aber auch kaum
angedeutete Gefhle. Ich mchte Ihnen die Hand reichen ber die weiten
Fernen hinber -- wir sind beide betrbt -- ich wei nicht, warum ich
Thrnen in Ihren Worten lese, tusche ich mich, so danke ich Gott, wenn
er Ihnen einen froheren Weg zeigt als mir. Sagen Sie es mir, wenn Sie
glcklich sind, und Sie finden gewi ein Lcheln der Freude in meinem
betrbten Gemth. -- Sind Sie geprft, nun so blicken wir vereint
hinauf, von wo uns Hlfe kommt. Gott mit Ihnen und

Ihrer Helene."

"Mein Brief war gesiegelt, da ffnete ich das Zeitungsblatt und fand die
Todesnachricht des Grafen Vaudreuil! Nichts konnte mir unerwarteter
sein, heute noch dachte ich an ihn, an seine Liebenswrdigkeit und
freute mich seiner Bekanntschaft, nun ist auch er hinbergezogen in das
'stille Land' ... Was wird jetzt aus Ihrer kleinen Marguerite, die er so
liebte! Knnte Sie doch zu Ihnen!"


Aus dem folgenden Jahre stammt ein acht Seiten langer Brief, der nichts
ist als ein einziger Gefhlsergu und durch Jennys Gestndnis ihres
traurigen Herzensschicksals hervorgerufen wurde. Er beginnt:


Ludwigslust, den 4. Febr. 1835.

"Mein Herz trieb mich zu Ihnen, liebe vertrauensvolle Jenny, seit Sie
meinem Blick erschienen sind, wie viel mehr, seit Ihre holde reine Seele
der meinigen ihr Leben, ihr theuerstes Geheimni anvertraute und damit
Gegenliebe dem liebedrstenden Gemthe bewies ... Ja, ich irre sicher
nicht, Sie wuten es lngst, welchen wehmthigen Lebensglanz Ihr Brief
auf mein Herz geworfen hatte, Sie wuten, wie innig ich Sie liebe, seit
ich mit Ihnen geweint ..."

Die Verbindung zwischen beiden blieb ber alle Freuden und Leiden des
Lebens hinaus bestehen, wenn es auch zweifellos ist, da hier, wie im
Verkehr mit Prinze Augusta, Jenny die Gebende war, die anderen die
Empfangenden. Ihre Briefe, von denen leider so wenige erhalten blieben,
sind stets die strksten Emanationen ihrer Seele gewesen. Die Form des
Briefes whlte sie auch da am liebsten, wo ein greres Publikum der
Adressat war, wie z. B. im "Chaos" und spter im "Wilhelmsthaler
Journal". Fr die Hofgesellschaft war dies ein literarischer Mittelpunkt
geworden, wie das "Chaos" es fr Ottiliens Kreis gewesen war. Manche
jener schwrmerischen Briefe der Herzogin Helene fanden Aufnahme darin;
da jedoch das Blatt nicht gedruckt wurde, ging der grte Teil seines
Inhalts verloren.

Von Jennys Beitrgen dagegen ist viel erhalten geblieben: Reflexionen,
Erinnerungen an Personen und Bcher, Erzhlungen, Mrchen, auch
Familiensagen und Anekdoten, die von den verschiedenen Gsten erzhlt
und von ihr festgehalten worden waren. Gerade diese kennzeichnen die
Richtung einer Zeit, der die napoleonische Epoche noch so nahe war, da
Lebende sich ihrer erinnern und von ihr erzhlen konnten, und in der
Kriege aller Art die Gemter erregten. Alte Offiziere Napoleons
erzhlten von ihm; andere, wie Prinz Friedrich Schwarzenberg und Alfred
von Pappenheim, berichteten von ihren Erlebnissen in den italienischen,
polnischen und trkischen Feldzgen, oder im griechischen
Freiheitskrieg. Auch die romantisch-mystische Neigung der Zeit kam zu
ihrem Recht: der eine wute von dunklen Schicksalen zu berichten, die
wie ein ehernes Fatum ber bestimmten Familien schweben, oder von
geheimnisvollen Einwirkungen einer unsichtbaren Welt. Und whrend so die
bunten Bilder des Lebens und der Phantasie an den geistigen Augen der
Zuhrer vorberzogen, saen die jungen Mdchen still im Kreise und
stickten Vergimeinnicht und Rosen mit glnzenden Perlen auf
Brieftaschen und Geldbeutel fr die, die ihrem Herzen nahestanden. Nur
Jenny sttzte zumeist, ihrer Gewohnheit gem, das Kpfchen auf die
feine, schlanke Hand, denn sie konnte sich nie mit dem, was man
weibliche Handarbeit nennt, befreunden, die ihrem knstlerischen
Geschmack widerstand. Lieber nahm sie den Bleistift und das Skizzenbuch
und portrtierte die Anwesenden. Ihr Talent dafr war ein nicht
gewhnliches. C. A. Schwerdgeburth, der das letzte Portrt Goethes
zeichnete, war ihr Lehrer, und eine Mappe voller Bildnisse aus dem Ende
der zwanziger Jahre spricht noch heute fr den Lehrer wie fr die
Schlerin.

Erfindungs- und Darstellungsgabe zeigen ihre kleinen Erzhlungen fr das
"Wilhelmsthaler Journal", wenn auch der schwrmerisch-sentimentale
Inhalt sie uns heute schwer geniebar macht. Was sie dagegen in der Form
freundschaftlicher Briefe an Erfahrung und Lebensweisheit bot, lt es
erstaunlich erscheinen, da ein so junges Mdchen die Verfasserin sein
konnte. Zwei dieser Briefe mgen hier folgen. Im ersten, der Antwort auf
ein in den Schleier der Anonymitt gehlltes Schreiben Karl Alexanders,
gibt sie sich als alte Frau. Er lautet:

"Wie gut steht es der Jugend, wenn sie ihre Spiele, ihr Lachen, ihre
Thorheit vergit, um dem trben, ernsten Alter ihr Leben und ihre Farbe
zu borgen; sie gleicht dem Epheu, der mit seinem frischen Grn den
frbenden Stamm umschlingt, dem wilden Wein, der sich zrtlich um die
Ruinen der Jahrhunderte windet. Sie kommen zu mir mit der Gte der
ersten Jugend, mit den liebenswrdig hflichen Formen der groen Welt:
Sie bitten um Verzeihung wegen Ihrer Gabe, Sie entschuldigen sich Ihrer
Liebenswrdigkeit wegen, mit dem Mantel der Demuth wollen Sie Ihre
Geflligkeit bedecken, fr die Sie mir den Dank zu ersparen suchen;
trotzdem sollen Sie ihn haben und offenherzig haben: ich danke Ihnen
fr Ihren reizenden Brief, ich danke Ihnen, da Sie einen jener
glcklichen Augenblicke erfat haben, die ich dem Anschein nach fr
dauernd halten wrde, die dem Ausdruck der Gedanken so gnstig sind; ich
danke Ihnen sogar fr den Krieg, den Sie gegen die Einsamkeit und das
Gefhl erffnen -- denn, haben Sie nie von jenem magischen Trank gehrt,
der pltzlich verjngt, von jenen Streichen mit dem Zauberstab, die jene
Hexerei der Zeit, Alter genannt, verbannen? Nun denn, mein Herr, Ihre
Worte enthalten diese magische Kraft; meine Krcke werfe ich fort, ich
richte den gebeugten Rcken auf, meine grauen Haare frben sich wieder,
meine Stimme wird stark und jung und ruft Ihnen den Kriegsruf entgegen;
jawohl, den Kriegsruf, denn Sie haben den Trost und die Freude meines
ganzen Lebens angegriffen; Einsamkeit, dunkle Wlder, Gedanken, die das
Herz erforschen und unter der sichtbaren Form der Thaten in das tgliche
Leben eingreifen; das alles verdammen Sie mit dem einen Wort:
Sentimentalitt. Erinnern Sie sich der Worte von Casimir de la Vigne an
Lamartine:

    _Pourquoi donc trop sduit d'une fausse apparence_
    _Nommer la libert, quand tu peins la licence?_

Mein Herz erkennt diese Entheiligung des Gefhls, Sentimentalitt
genannt, nicht an: zwar ergeht sie sich gern in der Natur, hat stolze
Worte fr die Schnheit des Waldes, heie Thrnen fr den Tod einer
Blume, doch das wahre Gefhl allein hat Kraft und Thaten. Die Natur in
ihrer Pracht und Schnheit hat fr diese Kinder des menschlichen Geistes
zwei verschiedene Sprachen, sie sagt der Sentimentalitt: 'Athme dieses
weiche, unbestimmte Glck der Lfte, der Sonne, der Blumen ein, mache
eine Ode daraus, singe ein Lied dafr, und vor allem entsinne dich alles
dessen, was andere in hnlicher Lage empfunden haben, um auszusprechen,
wenn du nicht so fhlst,' dann wirft sie ihr einige Reime, wie 'Herzen
-- Schmerzen, Thrnen -- Sehnen' in den Scho, macht ihr ein Recept
nach ihrem Geschmack: trumerisches Schmachten, Blicke gen Himmel, se
Traurigkeit und, siehe da, die Sentimentalitt ist fertig! Sie braucht
weder Vernunft noch Strke, sie kmmert sich weder um die Seele noch um
den Nchsten, sie badet sich wohlgefllig in dem echten oder knstlichen
Genu des Augenblicks -- ich berlasse sie Ihnen, mein Herr, wir wollen
sie zusammenrichten, und alle Krfte unseres Geistes sprechen ein
furchtbares 'Schuldig' gegen sie aus.

"Aber das ist nicht die Lehre der Natur, der Einsamkeit fr das echte
Gefhl; diese Sprache ist in anderen Sphren entstanden, ihre Worte
verlangen Thaten: 'Mein Donner, mein Sturm predigt Dir Gottes Macht,
meine Tannen und Eichen predigen Dir seine Gre, meine Felsen, die
Pfeiler der Schpfung, predigen Dir seine Kraft; mit den Strahlen der
Sonne sendet er Dir seine Liebe und Gte, in jede Blume, in jede
Vogelfeder hat er die heiligen Gesetze ewiger Ordnung eingetrieben, und
Du, Widerschein seines Geistes, Du wagst es, schwach und schchtern zu
sein; erhebe Dich aus Deinem kleinen irdischen Leid, schau um Dich, auf
dieser reichen Erde gibt es Wesen, die hungern, die frieren, geh, hilf
ihnen; Du hast Brder, die Dich beleidigten, Dein Herz brachen, Dein
Leben zerrissen, geh, vergieb ihnen; siehst Du furchtbare Irrthmer,
schreckliche Verirrungen, geh und bekmpfe sie; Du seufzt, Du wankst
unter der Last Deiner Thrnen; schnell, trockne sie, und dann vorwrts,
vorwrts ohne Furcht! Der Neid, der Leichtsinn, die Selbstsucht schlagen
Wurzel in Deinem Herzen, reie dieses Unkraut aus, Du darfst nicht,
nein, Du darfst nicht schwach und klein sein inmitten der
Unendlichkeit!'

"Die Natur hat dem Gefhl ihre Predigt gut gelehrt -- nicht wahr, sie
verdient die Priesterweihe, wir werden ihr die erste freie Oberaufsicht
anvertrauen; ich freilich werde verlieren, da ich sie bisher allein
meines Hauses Hter, meinen Lehrer und Beichtvater nannte, aber ich
opfere mich der Gesammtheit und werde ihren Worten folgen, die sie zu
allen spricht.

"Whrend meiner langen Wanderungen zog dieser unsichtbare Priester meine
Seele vor Gericht, wir sprachen miteinander ber mein Leben, ber meine
Schmerzen und die Schmerzen anderer, wir theilten sie in zwei Hlften
und nannten die eine Schicksal; sie enthielt alles Leid, das wir nicht
ndern knnen; die andere Hlfte trug verschiedene Titel, wie:
Pflichten, die zu erfllen, Fehler, die zu vermeiden sind, und zum
Schlu den Wahlspruch: kmpfen! Und wenn ich mich in Theorien verlor,
wenn Gedanke sich auf Gedanke thrmte, so hoch, da die Erde drohte zu
verschwinden, hielt mein Fhrer mich zurck und zeigte mir eine Tanne,
die sich stark und gerade zu den Wolken erhob.

"'Hre die Geschichte dieses Baumes,' sagte er, 'vergi nicht, eine
Lehre fr Dich darin zu finden, und wende sie, die von oben kam, hier
unten an. Auf seinen Flgeln trug der Westwind die Samen zweier Tannen
bis zu jenem Hgel, und bald entschlpfte das Leben dem Kerker und
erschien grn und frisch in den Strahlen der Sonne. Die eine von ihnen
war bezaubert vom Anblick des blauen Himmels, von seinem wunderbaren
Glanz, und beschlo, sich bis zu ihm zu erheben. Sie strengte alle ihre
Krfte an, sie wuchs, zum Neide ihrer Nachbarn, mit fabelhafter
Geschwindigkeit zu nie gesehener Hhe. So lange nur der Zephyr mit ihr
spielte, freute sie sich ihres Wachsthums, doch als der Sturm nahte,
schlug sein hochgeschwungenes Scepter mit einem einzigen Schlag den
ehrgeizigen Stamm zu Boden. Sein Genosse war viel kleiner als er; er
hatte, whrend er wuchs, nie seinen Ursprung vergessen und fest die
Wurzeln in die Erde gesenkt; er widerstand dem Sturm, er wuchs empor, er
sah Jahrzehnte ihn bewundern, doch nie in seinem hchsten Ruhm verga er
die Erde. Des Himmels heiliges Licht nhrte ihn, doch was er empfing,
gab er der Erde als Kraft und Gesundheit zurck, sie brachte seinen
Wurzeln den Saft und er gab ihn als Schnheit und Gre dem Himmel
wieder.'

"Ich liebte die Lehren meines Predigers, ich dachte ihrer stets, und ich
schmte mich sehr, wenn ich bei der Rckkehr von meinen langen einsamen
Spaziergngen keinen guten Rath fr den, der ihn bei mir suchte, kein
Hilfsmittel fr den Leidenden, keinen Trost fr meinen Kummer gefunden
hatte, kurz, wenn ich keinen Gedanken der That aus meinen dunklen
Wldern heimbrachte. Wie gut verstand ich die Sage der Alten von der
Gttin der Wlder, deren Diener auf glhenden Kohlen schritten, ohne
sich zu verbrennen; die Kohlen sind die Proben des Lebens, die ihre
geflgelten Fe kaum berhren. Und doch bin ich ein Weib, der Kreis
meiner Thtigkeit ist eng begrenzt; es kommt vor, da ich nur mein Herz
zu untersuchen habe, da mein Rath, meine Hilfe nicht gefordert wird,
dann denke ich manchmal an alles das, was mein Prediger mir zu sagen
htte, wenn ich ber andere gestellt wre, wenn ich einer jener Mnner
wre, die von Tausenden gesehen werden, an denen die Hoffnung von
Tausenden hngt, von denen sie mit Recht Glck und Trost verlangen; wie
viel wrde er zu thun haben, um mich von Stadt zu Stadt fhren, ihre
Einrichtungen, ihre Leiden, ihre Wnsche kennen zu lernen, um meine
Gedanken von der Hauptstadt zum Dorf, von Verbrechen des einen zur
Arbeit des anderen zu fhren; zu wissen, ob der Brger Handel treiben,
der Bauer sein Feld bestellen kann, ob die Behrden der Gerechtigkeit
dienen, die Tatkraft das Grundgesetz des Landes ist, was der Boden trgt
und tragen knnte; ferne Reiche aufsuchen, um dort zu finden, was dem
meinen ntzlich und angenehm sein knnte; die Universitten, die Schulen
im Auge behalten, um in der jungen Generation den Samen einer ernsten
Erziehung zu sen, den Keim einer einfachen, starken Moral
einzupflanzen.

"Doch genug der Predigt! Vorwrts ihr kleinen Nymphen des Waldes, ihr
kleinen Dmonen der Unterwelt, ihr kleinen Elfen der Blumen und des
Wassers, zu euren Tnzen, euren Spielen und Possen! Bringt uns die
Freuden eurer Wlder und Haine, naht euch auf den Sonnenstrahlen, die
durch die Bltter tanzen, die sich hinter Baumstmmen verstecken und die
sich, wenn man sich gut mit ihnen stellt, auf dem Papier, dem Antlitz,
den Augen niederlassen; schnell eine Wendung, und die Schatten breiter
Bltter zeichnen sich auf dem Scho, ein leiser Westwind rhrt den Zweig
und wieder tanzt der Sonnenstrahl vor Dir, entreit Dir neckisch den
eben gewonnenen Gedanken und entflieht mit ihm. Du streichst mit der
Hand ber die Stirn, Du erfast ihn wieder, Du bringst ihn zu Papier --
husch -- ein kleiner Dmon wirft Dir eine Hand voll geflgelter
Teufelchen zu: rote, grne, blaue, bunte, vielfarbige, kurze und lange,
kleine und groe, eine ganze Sammlung niedlicher Kfer, des Ansehens
wert. Jetzt gilt's ein wenig trumen -- da schleudert ein Dmon, ein
bser Dmon einen mchtigen Raubvogel durch die Lfte gerade auf eine
arme Taube zu, nun fhlst Du die Erschtterung des Trauerspiels in
Deiner Seele, Dein Herz schlgt, Du nimmst die Partei der Schwachen, Du
mchtest der Unschuldigen zurufen: Komm zu mir, ich kann Dich
beschtzen! -- aber der Ruber und seine Beute sind verschwunden, der
Ausgang bleibt Dir unbekannt -- man denkt noch einen Augenblick an den
Tod, an die rohe Gewalt, an das Unglck, um zu seinem Buch
zurckzukehren. Man lt die Kfer summen, die Sonnenstrahlen auf der
Stirn tanzen, man sieht nicht einmal nach dem Eichhrnchen, das sich vor
unserem Anblick erschreckt, man will lesen -- Nymphen, Dmonen, Elfen
tanzen und spielen, man beachtet sie nicht, da sammeln sie einen Vorrath
ser Gerche, sie suchen in den Tannen, den Blumen, im Heu, in der Luft
und kehren beladen zurck -- lebt wohl, Flei, Buch, Ernst, tiefe
Gedanken -- die Trume kommen wieder und all die kleinen Geister der
Natur triumphieren! O, diese lieben kleinen Schauspieler, die Niemand
bezahlt, diese reizenden Feuerwerke, die keinen Pfennig kosten, diese
geistreichen Unterhaltungen ohne Verleumdung und Klatsch, diese
frischen, strahlenden Gewnder, die keinen zu Grunde richten, dieser
liebliche Duft in all den weiten Rumen, diese herrlichen Konzerte der
selbstlosen kleinen Snger! -- Nun, mein Herr, was sagen Sie zu den
heimlichen Freuden dieser melancholischen Einsamkeit? Ich biete Ihnen
Oper, Drama, Ballet, Feuerwerk, ich biete Ihnen Unterhaltung, Predigt
und Farben und Diamanten, soviel Sie wollen, und lebende Blumen und
wahre Freuden, und all das stark und schn und gro, und doch habe ich
noch die Seele des Freundes vergessen, der dazu gehrt, das Herz, das
ein Theil des unseren ist, die Augen, die die unseren widerspiegeln, die
sanfte Hand, die unsere Thrnen trocknet; ich will nicht davon sprechen;
fr den, der es erfuhr, ist es bekannt, da Gott uns ber solche Freuden
schweigen heit, er gab uns keine Worte, um sie auszudrcken.

"Ich bin nur eine alte Prophetin an dem Altar des Lebens, der Kummer hat
mich inspiriert, im Kummer vertrieb ich mir selbst die Mittel dagegen
und ich habe sie erprobt. Sie, Sie sind jung, es ist gut, es ist
natrlich, da Sie die Stdte und die Welt und die Sonne und die
lachende Landschaft lieben, deren Freuden keine Mysterien sind; doch all
das thut den Augen weh, die viel geweint haben, sie brauchen Schatten
und Stille; nach einem erfahrungsreichen Leben zieht mein Alter die
Bume den Thrmen und Dchern, die Dekorationen des Schpfers denen der
Menschen vor.

"Doch ich sehe voraus, da mein Predigen, mein Klagen und Fabeln die
Faden Ihrer Geduld fast ganz zerrissen hat; zunchst den, welchen Sie
meinem Alter gewhrten, wie meinem Geschlecht und meiner Freundschaft;
so halte ich mich nur noch an dem einen starken Faden Ihrer Gte, wenn
dieser mich nicht aus dem Abgrund der Ungnade emporzieht, bleibt mir
keine andere Hilfe und ich verliere die Hoffnung, mich ferner nennen zu
drfen

Ihre ganz ergebene

Schwtzerin vom Walde."


Der zweite Brief war auch an einen jungen Freund gerichtet:

"Denken -- --. Unter zehn Menschen knnen nicht zwei denken, und ein
richtiger, wahrer Denker findet sich noch unter tausend nicht -- und
ich sage tausend Deutsche -- die denkendste unter allen Nationen.
Denken -- die meisten Menschen haben noch keinen Begriff, was dieses
Wort in sich fat -- alle Fhigkeiten des Geistes auf einen Gegenstand
heften, ihn durchdringen, ihn von allen Seiten beleuchten, ihn dem Fr
und Wider des Scharfsinns wie einer Wasser- und Feuerprobe unterwerfen
-- ihn durch anderer Menschen Weisheit behutsam durchsichten und dabei
recht Acht haben, da uns nichts Falsches imponiere, nichts nur
Liebliches irre leite, da nichts uerliches uns unterjoche -- die
Vernunft als Mentor nie aus dem Auge lassen -- dann das Herz reinigen
von Nebenabsichten und in letzter Instanz an das Gefhl als Besttiger
appellieren -- dies ist, meines Erachtens, der Proze des guten und
ntzlichen Denkens.

"Zuerst sei unser Denken auf uns selbst gerichtet -- wir sind das
wichtigste Studium fr uns selbst. Haben wir schon einen Charakter
oder nur die Fhigkeiten dazu? d. h. ist unser Inneres mit bestimmten
Strichen gezeichnet und hingestellt -- oder ist es noch ein Chaos, in
dem sich die Elemente kreuzen, stoen, verwirren? Wissen wir schon, was
aus uns werden kann und mu? oder haben wir von der Wiege an Tag fr Tag
hingespielt und genieend oder leidend hinweggelebt? Haben wir einen
Lebenszweck? Stehen wir und unsere Bestimmung als Ganzes vor uns?
Sind wir Arbeiter oder Miggnger im Weinberge des Herrn? -- Was haben
wir gethan, seitdem wir von der Welt etwas wissen? was haben wir in
unserem Beruf geleistet? was haben wir vor allem an uns selbst
hervorgebracht? welche Fhigkeit entwickelt, welche Fehler
zurckgeworfen, welche Tugend gekrftigt? Haben wir uns ein Bild gemacht
von uns selbst, was wir erreichen knnen, haben wir danach gestrebt, es
einst in hchster menschlicher Vollkommenheit darzustellen? -- und
drfen wir ohne zu errthen uns selbst im Innersten der Seele beschauen?
Und wenn nein auf alle diese Fragen erfolgte, und wenn wir noch nichts
gedacht, erreicht, begonnen oder erstrebt htten -- nun denn frisch ans
Werk -- es ist immer Zeit; aber klar und stark und muthig mu man daran.
Wehe dem, der sich nicht herausraffen kann aus der schlaffen
Sinnesexistenz, wehe dem, der seine Krfte versauern lt im Kochtiegel
des tglichen Wasser- und Brodlebens, er wird auch an das Lebensziel
angeschlendert kommen, d. h. er wird gegessen, getrunken, geschlafen
haben und dann gestorben sein, aber er wei nichts von neuen blhenden
Gefilden im innersten Sein, er wei nichts von den reichen Fruchtgrten
der Wissenschaft, er wei nichts von dem edeln Selbstgefhl, das zu Gott
aufsieht und sagt: Herr, ich war ein Kind, und vor dir und durch dich
bin ich zum Manne geworden; Herr, ich war arm, und vor dir und durch
dich bin ich reich geworden; Herr, ich klebte an der Erde und war
erdrckt von ihren Sorgen und ihrem kleinen Treiben und ihren elenden
Interessen, und vor dir und durch dich habe ich mich emporgeschwungen
und kenne eine hhere Heimath und ein hheres Ziel! Wie ruhig schaut der
irdisch vollendete Mensch auf die Ewigkeit; und wre sie nicht, und
tuschte uns die eigene Seele ber eine Zukunft ihres Lebens, doch
htten wir auch hier schon schneren Gewinn, denn so eng ist die Tugend
und das Recht in der Sphre unserer irdischen Laufbahn mit der hheren
Tugend, die nur auf die Ewigkeit ihre Kreditbriefe zieht, verschwistert,
da der Mensch, der in sich hoch steht, schon einen erhhten Standpunkt
im Kreise der menschlichen Gesellschaft einnimmt, und er wird ihm
instinktmig von seinen Mitmenschen ohne Gesetz und ohne Zwang
eingerumt. Dieselbe Weisheit, die seine eigene Seele erzieht,
dieselbe Vernunft, die seinem Herzen Gesetze giebt, thut sich auch
kund in den Handlungen, die er in die uere Welt hinausschickt, so wird
ohne sein Zuthun, ohne weltliches Interesse sein Wirkungskreis
erweitert, weil er in stetem Verkehr mit seiner Vernunft ist, werden
auch seine blo weltlichen Handlungen vernnftig sein. Weil er denken
gelernt hat, wird er auch die tglichen Lebensereignisse besser
durchdenken und leiten knnen als sein nicht denkender Bruder, und so
dient ihm zum irdischen weltlichen Wirken das erstrebte Groe in seiner
Brust. Dem Nebenabsichtslosen vertrauen die Menschen, den eisern
Tugendhaften suchen sie sich zur Sttze, dem Wahren glauben sie, dem
Edlen unterwerfen sie sich; hat also der Mensch sich selbst bemeistert,
erkannt und gebildet, so fllt ihm von selbst die Herrschaft ber andere
zu, und nun kann er sein Leben ausfllen, nun kann er Gutes stiften, nun
kann er jeden Tag einen Kranz des treuen, guten Wirkens auf den Altar
seines Gottes legen -- da ist das Leben nicht mehr leer, de und wst
und langweilig, da braucht man des Frivolen nicht mehr, um die schne
heilige Zeit zu tdten, sie zieht nicht mehr zrnend, rchend, strafend
vorber, sie schttet freundlich ihr Fllhorn aus vor unsere Fe, und
jede Stunde winkt gern ihrer Schwerer, da sie uns neue Gaben spende.
Dann erst sehen wir mit tiefem, wahrem Jammer hin auf die armen
Menschen, die so gar nichts vom eigentlichen Leben wissen, und wir
mchten sie herbeirufen und heranziehen und ihnen die Schtze in ihrer
eigenen Seele zeigen, und ihnen begreiflich machen, da sie die Tasche
voll Dukaten haben und sich mit Zahlpfennigen herumplagen. Wohl dem, der
dieser Stimme folgt und nicht blind ist seinem eigenen Heile, der nicht,
wie Mummius in Athen und Korinth, sein reichliches Mahl verzehrt und den
Beutel mit schlechten Drachmen fllt, whrend die schnsten Werke des
Alterthums unbeachtet oder verstmmelt oder mit roher Gleichgltigkeit
auf den Straen gelassen oder auf die Schiffe als Ballast gepackt
wurden.

"Was oft den ersten Schritt hindert auf dem Wege der Selbsterkenntnis
und der Veredelung, ist ein gewisses Ungeschick im, ich mchte sagen,
Mechanischen des Werkes, man wei die Art, die Stunde, die Gelegenheit
nicht; aber Gelegenheit ist der erste Gedanke und Entschlu, jede
Stunde ist gut, und die Art verlangt nur Beharrlichkeit, Geduld und
Klarheit. Man setzt sich hin und beschaut seine Seele wie einen fremden
Gegenstand, man macht sich eine Liste der Fehler, der guten
Eigenschaften, der Schwchen, der Fhigkeiten, die man hat. Ist man
heftig und aufbrausend, so mu dieser Fehler ganz gemildert werden --
das thut die Vernunft, wenn man ihr ununterbrochene Wache gebietet --,
und ist er gemildert, so mu von seinem Feuer so viel Kraft brig
bleiben, da es unsere Thtigkeit aufregt und uns frischen Enthusiasmus
fr das Gute giebt; ist man neidisch, so mu dieser Fehler total weg,
davon kann kein gutes Hlmchen kommen, er mu mit der Wurzel heraus --
zu diesem braucht man nicht allein Vernunft, sondern auch Gefhl; da mu
die Nchstenliebe eingreifen und gestrkt werden und mit
ununterbrochener Sorge wachen, da der hliche Gast unter keiner Form
und keiner Maske sich einschleiche. Ist man faul, so mu dieser Fehler
total weg, denn nichts Gutes gedeiht dabei; dazu gehrt nur
Consequenz und eine unerbittliche Disziplin ber den Fehler; man mu
sich vorschreiben wie einem Kinde, was an jedem Tage gethan werden soll,
und dieses mu ohne einen Erla Monde und Jahre durchgefhrt werden.
Ist man leichtsinnig, so mu der Ernst herausgebildet werden, dazu ist
Denken, fortgesetztes Beschftigen mit gehaltvollen Bchern und
Mnnern der Weg; doch kann dieser Fehler bis zur Tugend gemildert
werden, und es darf uns der philosophische leichte Sinn bleiben, der
unnthige Sorgen ber Bord wirft, bertriebenen Schmerz nicht
aufkommen lt und uns durch Abwenden oder heiteres Aufnehmen der
Schattenseiten des Lebens die innere Kraft zum Wirken erhlt.

"Sind wir nun im Reinen mit unseren Fehlern und Mitteln dagegen, so
mssen wir eine ebenso strenge Prfung unserer Fhigkeiten vornehmen,
damit wir unser Pfund nicht vergraben.

"Haben wir uns so nach jeder Richtung geprft, so haben wir zunchst
einen Blick auf die uns umgebende Welt zu werfen, um zu sehen, was wir
in Bezug auf sie wirken knnen, was ihre Hauptmngel sind, wo wir ihnen
abhelfen knnen; der Frau ist ein enger Kreis gezogen, aber weit genug,
um ihr Leben, ihre Seele, ihre Bestimmung auszufllen -- so verzweigt
mit seinen Wurzeln in die ganze Welt und die ganze Zukunft, da ihr
stiller magischer Einflu unberechenbar in seinen guten und schlimmen
Wirkungen ist. Dem Manne ist die ganze Welt offen, und auf einmal
tritt sie ihm entgegen, da beschaue er sie vom engsten Kreis aus in
immer sich ausdehnendem Bogen, bis da er an die fernsten Ufer mit
seinen Gedanken reiche; er mge denselben Proce ausfhren wie der
Stein, den man ins Wasser wirft: von seinem Centrum aus bilden sich
Kreise, die vom engsten zum weitesten nach und nach das entgegengesetzte
Ufer berhren. Er betrachte mithin zuerst seine nchste Umgebung, prfe
ihr Thun und Treiben, den Grund, den Erfolg desselben, den Geist, der
sie beseelt, frage sich, was sie leisten und ausfhren, was sie sind und
werden, was sie sein sollten und knnten -- und diesem Gedanken
schliet sich unmittelbar der an: was kannst du zu ihrer Frderung thun?
Und so ist das erste Glied geschmiedet, das unsere Veredelung mit der
Veredelung des Nebenmenschen verkettet. Hier fngt schon der Einflu
eines stillen Beispiels an. Nun blicken wir weiter um uns und machen uns
bekannt mit dem Staat, in dem wir leben, berlegen uns seine Thtigkeit
und seine Mngel, ob und was wir dabei zu wirken fhig sind oder
werden knnen; jetzt schon erklren wir innerlich den Krieg allem
unredlichen Treiben, allen Irrungen, allen belstnden -- der Kreis
dehnt sich aus. Sind wir Deutsche, so liegt uns nun Deutschland als
Ganzes am nchsten, das Verhltni unseres Staates zu den
vaterlndischen Nachbarstaaten, ihr Einflu, ihr Zustand, ihr
Fortschritt -- nun mu nothwendig die Geschichte uns zur Seite stehen,
damit wir die jetzigen Zustnde aus den frheren entwickeln und
beurtheilen und die Wurzel der belstnde kennen lernen, um sie
womglich ausrotten zu helfen, und die Wurzel des Guten, um sie zu
schonen. Von Interesse zu Interesse steigert sich schon in uns die
Wibegierde aufs Hchste, unsere Kreise erweitern sich, unsere Ansichten
gewinnen neue Formen, unsere Erkenntnis bildet neue Regionen, und schon
ist ein tieferes, gehaltvolleres Leben in uns eingegangen, ohne da wir
noch die philosophischen und politischen Hhen erstiegen haben.

"Jeder Fhigkeit sind ihre besonderen Wissenschaften angewiesen. Haben
wir uns geprft, unseren Geschmack und unsere Krfte erwogen, so
entscheiden wir uns fr einen oder zwei Zweige, und diese treiben wir
nun mit Ernst und Eifer. Wir mssen uns nach den besten Bchern in
diesen Zweigen erkundigen, nach den Autoren, die darber geschrieben
haben; wir machen eine Liste von ihnen, um sie nach und nach
durchzunehmen, wir nehmen ein Werk und machen Auszge, ein anderes lesen
wir nur durch, je nachdem wir es rathsam finden -- schmen uns vor uns
selbst, wenn wir uns von den Schwierigkeiten abschrecken lassen,
erlauben uns nicht, feuern uns immer von Neuem an und werden so nach und
nach ein tchtiger, brauchbarer, befriedigter Mensch, dem seine
Stellung in der Gesellschaft und in der Welt nicht fehlen kann, -- weil
leider diese Klasse noch sehr in Minderzahl steht -- und der mit Ruhe,
Zuversicht und Hoffnung jeder Zukunft in die Augen zu sehen vermag."

Die Ratschlge, die sie hier anderen erteilte, hatte sie selbst befolgt
und erprobt. Fr sie gab es jenen Widerspruch nicht, durch den wertvolle
Menschenkrfte der Wirkung auf die Allgemeinheit so oft entzogen werden,
jenen Widerspruch zwischen einem bis in seine letzten Konsequenzen
verfolgten Individualismus, der sich die Ausbildung des eigenen Ich zum
Ziele setzt, und dem sozialen Altruismus, der im Wirken fr andere seine
Aufgabe sieht. Verfolgen wir Jenny in ihrer Selbsterziehung, die sie so
frh schon zu einer harmonischen Persnlichkeit machte, so drfen wir
freilich nicht aus dem Auge lassen, unter welchen gnstigen ueren
Bedingungen sie aufwuchs: Nur an den groen Schmerzen und Kmpfen des
Herzens und des Geistes entwickelte sich ihre Kraft; jene qulenden,
zehrenden Nte des Lebens, die Sorgen ums tgliche Brot, die schon im
Kinde, das der Angst der Eltern zusieht, die besten Keime ersticken
knnen, kannte sie nicht. Noch andere Ursachen aber muten
zusammenwirken, um sie zu dem werden zu lassen, was sie war. Ein
Durchschnittsmensch wird weder durch den Reichtum geistiger Anregungen,
der ihm zustrmte, noch durch die bittere Erfahrung getuschter
Liebeshoffnungen, die ihm zuteil wurde, solcher Entwicklung teilhaftig
werden. Lebt doch so mancher inmitten geistigen berflusses und bleibt
selbst blutarm, und anderen begegnet ein groes Geschick, um, wie es
scheint, nur ihre Kleinheit durch den Vergleich besonders scharf
hervorzuheben. Jennys Natur dagegen war ein fruchtbarer Boden, dessen
Atem nach dem Gewittersturm doppelt erquickend ist, weil er den ganzen
Reichtum der Frchte ahnen lt, den er hervorbringen wird. Ihre
natrliche Anlage war es, die sie befhigte, aus allem -- dem Guten und
dem Bsen, den Menschen und den Bchern -- den fr das Wachstum ihres
Geistes und fr die Bereicherung ihres Herzens ntigen Nhrstoff zu
saugen.

So wenig sie ber sich selbst geschrieben hat -- im Unterschied zu der
Mehrzahl der Memoirenschreiber, bei denen die Lebens- und Seelenanalyse
der eigenen Person stets im Vordergrund steht -- so lt sich die
Bedeutung dieser Seite ihres Wesens fr ihre Entwicklung ziemlich genau
nachweisen. "Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer
du bist", das gilt fr die lebendigen wie fr die toten Freunde -- die
Bcher.

In ihrem oben zitierten Brief legt Jenny ihnen im Hinblick auf die
Selbsterziehung die grte Bedeutung bei. Die Lektre war fr sie nicht
eine Ausfllung miger Stunden, und danach richtete sich auch ihre
Auswahl. Mit Hilfe der schngebundenen, mit zierlicher Goldpressung
versehenen, von anmutigen Bronzeschlieen zusammengehaltenen Quartbnde,
die Jenny mit Auszgen fllte, lt sich nicht nur verfolgen, was sie
las, sondern auch wie sie gelesen hat. Da sind Seiten und Seiten mit
Auszgen aus Byrons, Scotts und Shelleys Werken gefllt. Aber bald
darauf zeigt sich schon, da die Beschftigung mit den englischen
Dichtern sie zu England selbst gefhrt hat: Auszge aus historischen und
kulturhistorischen Werken folgen, denn mit jenem Feuereifer, den sie bei
allem entwickelte, was sie ergriff, studierte sie englische Geschichte.
Ihr Interesse und ihre Sympathie fr England, fr seine demokratische
Verfassung, seine Art der Erziehung, der Armenpflege, der sozialen
Gesetzgebung wurden dadurch geweckt und blieben dauernd lebendig; die
politische berzeugung ihrer spteren Jahre wurzelte in diesen
Jugendeindrcken.

Von den deutschen Dichtern steht Goethe, was die Hufigkeit und den
Umfang der Auszge betrifft, an erster Stelle, Schiller findet sich
seltener, dagegen Jean Paul um so hufiger; selbst Zacharias Werner, der
wie seine Freundin Schardt katholisch geworden war und dessen "Kreuz an
der Ostsee" viel gelesen wurde, erscheint neben den Klassikern. Sehr
frh schon -- ein Zeichen fr das persnliche knstlerische Empfinden
Jennys, das Schnes selbstndig zu finden wute -- wird Grillparzer und
Heinrich Heine zitiert. Einen weit greren Raum aber als Poesien nahmen
Prosastellen ein. Goethe erscheint wieder als der Bevorzugte, auch die
Briefwechsel mit seinen Freunden, die Schriften, die ber ihn
erschienen, verfolgte sie genau. Zuweilen werden auch die Eindrcke, die
die Bcher hervorriefen, kurz festgehalten. So schrieb sie ber Goethes
Briefe an Lavater:

"Fr das groe Publikum sind vielleicht diese Briefe von keinem groen
Interesse, fr das deutsche Publikum aber von dem allergrten, denn
wenn auch die eigentlich bedeutenden und krftigen Gedanken in zehn
Seiten zusammengefat werden knnen, so luft doch durch jede Zeile die
jugendlich wirksame, strebende Kraft, welche unsere Litteratur und
Sprache gewaltsam aus dem Schlummer der Zeiten zu herrlichem Leben rief.
Der Riesengeist, der sich fhlt, das Jnglingsherz, das sich innig an-
und aufschliet, die reife Mnnerseele mit der groartigen Toleranz und
dem sicheren Adlerblick, der planende Kopf, der die Zukunft mit Schnem
bevlkert, der feine, satirische Witz, der den Mephisto schuf -- es
liegt Alles skizzirt in nicht zweihundert kleinen Seiten. Und dann
welches Leben und Regen, welches geistige Zusammenleben, welcher
Frhlingshauch von Luft und Frische! Es kam mir vor, als ob ich unter
Grbern wandle, und auf einmal zge sich vor mir ein Vorhang auf, und
Karl August, Herder, Wieland, Lavater, Jacobi etc. etc. stnden lebendig
vor mir.

"Es war nur Traum, denn blo Knebel ist noch nicht hinter den groen,
dichten, rthselhaften Vorhang getreten!"

Und ber Schillers Leben von Frau von Wolzogen:

"So, ganz so, wie sie ihn schildert, stand Schillers Bild seit meiner
frhesten Jugend vor meiner Seele, so rein, so gro, so erhaben ber
alles Kleinliche schwebte mir sein edler Geist vor, und in jeder Zeile
fand ich eine Ahnung meines Herzens in schnste Wirklichkeit getreten!

"Mir fllt dabei ein, was Goethe zu Ottilie sagte, als sie meinte,
Schiller langweile sie oft: 'Ihr seid viel zu armselig und irdisch fr
ihn!'"

Herder, Schleiermacher, Schelling, Jean Paul sind weiter viele Seiten
gewidmet, und wenn wir ihren Inhalt prfen, ihn mit den franzsischen
Abschriften aus Chateaubriands und Lamartines Werken zusammenstellen, so
geht die Neigung Jennys zu religiser Vertiefung, ihre Sehnsucht nach
einem festen Gottes- und Unsterblichkeitsglauben deutlich daraus hervor.
Von jener Zeit sprechend, heit es in einem ihrer Briefe an mich: "Als
ich zwanzig Jahre alt war, schrieb ich mein Glaubensbekenntni, das also
begann: Ich verehre den Gott, den Pythagoras verehrte," und in einem
anderen: "Mein Verstand befand sich mit meinem Gefhl dauernd im Streit;
Beide thaten einander weh wie bittere Feinde."

Neben den philosophischen Schriften gehrten naturwissenschaftliche zu
ihrer bevorzugten Lektre, und auch an Auszgen aus Memoiren und
Reisebeschreibungen fehlt es nicht. In bezug auf die erstgenannten
bevorzugte sie die franzsischen, besonders alles, was sich auf
Napoleons Zeit bezog. Unter den Reisebeschreibungen wurden den Auszgen
aus Frst Pcklers "Briefen eines Verstorbenen", die leider heute zu den
vielen vergessenen guten Bchern gehren, viele Seiten gewidmet. Pckler
war ein alter Weimaraner und Jenny persnlich gut bekannt, was ihr
besonderes Interesse an ihm erklren drfte. Charakteristisch fr sie
ist folgendes Urteil ber ihn, das sie 1833, also mit 22 Jahren,
niederschrieb: "... Ich kann nicht leugnen, da ich seine Briefe mit
wachsender Sympathie gelesen habe. Wie oft habe ich sein Gefhl und
seinen Geschmack fr die Natur, die reine ungeknstelte Natur,
mitempfunden, und die Leere in der groen Welt, die doch durch ein
unwiderstehliches Beobachtungsbedrfni bei heitrer Stimmung eine
philosophische Ausfllung findet, und dann dies Gefhl von Einsamsein
unter Menschen, und vereint mit allen Lieben in der einsamen Natur. Es
liegt eine tiefe Religiositt in der Seele dieses geistesadligen
Menschen, und ich habe durchaus nicht jene Frmmigkeit vermit, wegen
deren Mangel ihn die Pietisten verdammen. Starke Geister mgen ihre
menschenrechtlich angeborene Freiheit benutzen, um sich ihren Glauben
selbst zu bilden ... In vielen kleinen Geschmackssachen habe ich meine
Meinungen, ja oft meine Worte gefunden, in Frauen- und Gartenschnheiten,
in seiner Ansicht ber Huslichkeit und geselliges Leben. Auch in
greren Dingen: seinem poetischen Aberglauben, seiner Geister-Ahnung
und seinen metaphysischen Trumen ber Seelenwanderungen, vor allem auch
in seiner Bewunderung Napoleons und seiner Entrstung ber das seiner
Familie bereitete Ende."

Da bei der jungen Aristokratin, die den beginnenden Kmpfen um die
Rechte der Frauen persnlich zunchst fernstehen mute, das Verstndnis
fr deren geistige Bedeutung in vollstem Mae vorhanden war, zeigt ihre
Beurteilung jener drei Frauengestalten, die als letzte Reprsentantinnen
der Romantik gelten knnen, von denen zwei jedoch, auch von der fernen
Warte unserer Zeit aus betrachtet, als Fhrerinnen in die neue Welt der
Frau angesehen werden mssen: Rahel Varnhagen, Bettina von Arnim und
Charlotte Stieglitz. Im Anschlu an Varnhagens Buch des Andenkens an
Rahels Freunde, an Bettinas Briefwechsel Goethes mit einem Kinde und an
Theodor Mundts Madonna, Gesprche mit Charlotte Stieglitz -- jener
unglcklichen Frau, die sich das Leben nahm, weil sie glaubte, die durch
ihren Opfertod hervorgerufene ungeheure Erschtterung wrde ihren
geliebten Gatten aus geistiger Lethargie erwecken -- schrieb Jenny das
folgende ber sie:

"Drei wunderbare Erscheinungen im weiten Bereiche der Litteratur und
Psychologie sind in neuerer Zeit wie glnzende Meteore in der Frauenwelt
Deutschlands erschienen; die tiefe Beschaulichkeit des Nordens mit
seiner sinnenden Philosophie, mit seiner nebelhaft ossianischen
Ideenpoesie, mit der schwrmerischen Aufopferungslust, mit allen Reizen
und Gefahren der reinen Geistigkeit, stehen feenhaft, hinreiend, in
tief empfundener Seelen- und Herzensverwandtschaft vor den deutschen
Frauen. Jedem der drei Genien in ihrer Gre und in ihren Irrthmern
tnt ein leiser, geistiger Schwesterngru aus dem heiligsten Innern
ihrer Landsmnninnen entgegen. Unberechenbar ist daher der Eindruck, das
Fortwirken dieser Bcher auf die Frauenwelt: als geistige
Heerfhrerinnen treten diese Erscheinungen an die Spitze der sich lngst
im stillen Sinnen, Bilden, Denken emancipirenden Frauen Deutschlands;
sie erkmpften sich mit ihrem Geist Sitz und Stimme unter den
Intelligenzen ihres Landes, sie rumten den Platz zu dem einflureichen,
weiblichen Wirken, was zwar hher in Deutschland anerkannt ist als in
allen anderen Lndern Europas, was aber doch noch lange nicht zu seiner
Blthe, zu seinem eigentlich angemessenen Umfang sich entfaltete. Sie
zeigen, wie die reine, nebenabsichtslose, unegoistische Seele der Frau
in jede Geistesfaser eingreifen kann, sie zeigen die Gewalt ihres
Denkens, ihres Fhlens, ihres Wollens und Vollbringens. Sie fordern
durch ihre weise Erkenntni und klare Auffassung, ja, mehr vielleicht
durch ihre Irrthmer, die Bildung, die ihren Geist von den Schlacken des
Falschen befreien und in lichtem Wissen und Erkennen darstellen kann;
sie fordern die sorgsame Beachtung ihres intellectuellen Fortschreitens,
um ihres edlen Selbstes willen; sie fordern sie mehr noch als Mtter der
Vaterlandsshne, als Geliebte seiner Jnglinge, als Gattinnen seiner
Mnner. Sie treten hervor in aller Wrde ihrer Geistesmacht, und ist
auch seit den ltesten Zeiten die Stellung der deutschen Frauen ihrer
Bestimmung und ihrer inneren Hhe angemessener gewesen als in anderen
Theilen der Welt, hat sich auch gern der deutsche Mann in Liebe und
Verehrung vor ihrer Reinheit gebeugt, so war doch im Allgemeinen ihre
Schtzung noch viel zu sehr auf das blo dienstbare husliche Wirken,
nicht eigentlich auf die Wrde ihrer Bestimmung, auf die Macht ihres
Einflusses gerichtet.

"Jetzt, in dem Jahrhundert der Berechnung und eines oft kleinlichen
Ntzlichkeitsprincips, tritt die groe Seele einer Rahel an das Licht
der Welt, mit dem Princip des allgemein Groartigen, des ewig Rechten,
mit der einzigen Bercksichtigung des Wahren, mit der enthusiastischen
Liebe des Schnen und Guten. Sie geht umher in Lndern, in
Verhltnissen, in Charakteren mit der gigantischen Fackel, die sie am
Altar der Wahrheit entzndete; sie beleuchtet das Kleinliche, Lgenhafte
und Elende vor der ganzen Welt, und manches Johanniswrmchen, das uns
ein Edelstein schien, stellt sie auf seine Fe, und es wird dunkel, und
manchen Edelstein, den wir fr einen Kiesel hielten, schleift sie
zurecht, und er wird leuchtend. Sie selbst greift mit ihrer Philosophie
in das Leben ein, ihr Denken wird zur That, und wie sie mit ihrem Geiste
in anderen Seelen unermdlich Geistesfunken weckt, wie sie das
kleinliche Interesse in allen Herzen abzustreifen sucht, wie sie im
Kreise ihrer Pflichten beglckt und wirkt, wie sie ohne aus ihrem
weiblichen Beruf herauszutreten, das Groe in den Mnnern frdert und
die kleinen Rder der Staatsmaschine, die ihrer Sorgfalt anvertraut
sind, fleiig von jedem Stubchen reinigt, ohne die schwache Frauenhand
in die groen Rderwerke zu wagen, bei einem doch so richtigen Blick in
die groen Verhltnisse, so steht sie in dem praktisch huslichen Kreise
mit voller Berufskenntnis da, in schweren Kriegszeiten die Trsterin und
Pflegerin der Verwundeten, die Retterin der Elenden, Arzt, Nherin,
Wartfrau, Bittende bei Reichen, Ermunternde bei Armen, ohne Ruhe und
Rast, voll Einsicht und ununterbrochener Aufopferung, unbekmmert um
ihre eigenen Krperleiden, unbekmmert um Dank oder Undank, die
Gutesthuende um des Guten willen, die echte, wahre, reine deutsche Frau!

"Nicht nur aus ihrem Buch habe ich das Alles gelesen, in ihren Augen, in
ihren Worten, in ihrem ganzen Benehmen war es ausgedrckt. 'Da werdet
ihr Bedeutendes kennen lernen,' sagte Goethe zu uns. Einfach und ohne
Prtensionen trat sie auf, schien mit ihren klugen, forschenden Blicken
in unseren Seelen zu lesen, regte uns an zu frohem Geplauder, scherzte
und lachte mit uns und wute nach und nach das Gesprch auf die hchsten
Dinge zu lenken. In wenigen Stunden lernte ich sie kennen und sie mich,
denn in der reinen Luft ihres Seins vermochte ich mich nicht anders zu
geben als ich war, mein Herz lag auf der Zunge, sie erreichte, was sie
wollte; denn ausgebreitet, wie der Entwurf eines Gemldes, lag meine
Seele vor ihr.

"'So jung und schon so viel gekmpft,' sagte sie, 'kmpfen Sie
nur weiter, immer weiter; hten Sie sich vor der Ruhe, der
Seelenbequemlichkeit; das giebt's nicht fr uns. Faust ist auch in
weiblicher Gestalt vorhanden, in Ihnen, in mir.'

"'Ist nicht aber Ruhe das, wonach alles in uns strebt?' wandte ich ein.

"'Nicht Ruhe, Leben ist es und immer wieder Leben. Nur der allzeit
Lebendige, Wache, Thatkrftige erreicht groe Ziele, bt groe Wirkungen
aus. Glauben Sie nicht den Propheten der Ruhe, glauben Sie dem
Allmchtigen, der schaffend berall in der Natur ihnen entgegentritt.'

"'Aber ich bin Christin, mchte Christin sein,' bemerkte ich schchtern,
'und dem folgen, der sagt: Meinen Frieden lasse ich euch!'

"Rahel sah mich gtig lchelnd an und erwiderte: 'Folgen Sie ihm
getrost, aber lernen Sie ihn verstehen. Den Frieden, den Christus meint,
bersetze ich mit Befriedigung. Sie allein giebt innere Ruhe, giebt
Kraft und Lebensfreude; sie wird aber auch nur durch Thtigkeit in uns
und auer uns, durch Pflichterfllung, Gott und den Menschen gegenber,
erreicht.'

"Das war meine kurze und doch nachhaltig wirkende Bekanntschaft mit ihr.
Varnhagen schenkte mir nach ihrem, ach, so schmerzlich beweinten Tode
das erste Buch 'Rahel', das nicht im Buchhandel erschien. Auch meine
Freundinnen Ottilie Goethe, Alwine Frommann und Adele Schopenhauer waren
dadurch erfreut worden.

"In der Absicht, unserem tiefgefhlten Dank wrdigen Ausdruck zu geben,
schenkten wir ihm eine Schreibmappe, auf der ich Rahels schnen Traum
illustrirte. Sie trumte von einem ungeheuren Sturm, und mitten in den
Wogen ihr Lebensschiffchen; aber vom Himmel herab rollte der blaue
Mantel Gottes, sie fhlte sich als kleines Kind, legte sich in eine
groe Falte des Gottesmantels und schlief ein. Einige Widmungsverse
begleiteten die Gabe. Unbegreiflich blieb mir immer, wie dieser Mann
der Welt, der Reclame, des Egoismus zu dieser Frau nach dem Herzen des
Hchsten passen konnte. Die Erinnerung an ihre reine Erscheinung wollte
ich mir durch den Verkehr mit ihrem Gatten nicht trben lassen, deshalb
gab ich mglichst schnell die Correspondenz mit ihm auf. Das Buch, das
er mir gab, lt mich jedoch dankbar seiner gedenken, und so oft ich es
aufschlage, weht Rahels lebendiger Geist mir daraus entgegen.

"Sie trat ein in unsere Krmel liebende Zeit, die gigantische, ganze
Seele. Es hebt sich die Brust der Frau, da sie Frau, des Menschen, da
er Mensch ist, und mit neuem Schwunge regt sich mancher Geist, und ein
groartiger Mastab wird von Tausenden an die Bestimmung des Lebens, an
die Forderungen unserer Welt gelegt. Rahels magische Gestalt schwebt
ber der Atmosphre der Gebildeten, und vor dem leuchtenden Kreis ihres
Wesens zieht sich das Kleinliche beschmt zurck.

"Was soll aber in dem sogenannten vernnftigen, berpraktischen
Jahrhundert eine Bettina? Was will die kleine Elfe unter den
Ntzlichkeitsmenschen? Was frdern ihre gaukelnden Tnze, ihre
Wipfelspiele, ihre Blumenpalste? Sie schwankt mit den Elfenschwestern
ihrer Phantasie in goldenen, glnzenden Rebeln, sie singt ihre
Herzensphilosophie in das Wehen der Frhlingslfte, zuerst an niemand,
fr niemand, wegen niemand. Die Menschen sind ihr nicht da, von Zweck
und Nutzen hat ihr nichts geredet, die Snde hat sie nicht gesehen,
Gesetz und Regel hat sie nicht gekannt; sie trumt, sie spielt, sie
liebt, sie singt in die Welt hinein, und ihre auserwhlten
Spielkameraden findet sie in der Natur. So tanzt und schwebt sie auf und
nieder in Gottes groen Schpfungswerken; man berlegt sich lange, woher
sie kam. Da ist's, als htte man auf einmal die Sage singen hren, da
einst an einem schnen Maientage viel deutsche Kinderseelchen zurck zum
blauen ther kehrten, und als sie an die Himmelspforte kamen, berzhlte
Petrus ihre Reihen und sagte: 'Eine ist zu viel, nur neun hat der Herr
gerufen.' Die zehnte sah betrbt hinab auf die kleine dunkle Welt: 'Es
ist so kalt, so farblos auf der Erde, und ist so warm und farbenreich
bei Gott!' rief sie weinend. Das Gebot aber war unumstlich; da gaben
alle Kinderseelen ihre Poesie dem einen Erdbestimmten und sagten: 'Damit
schaffe dir Wrme und Farben auf der irdischen Welt, wir schpfen
schnell aus ewigem Borne, was wir dir jetzt geben,' und traurig lchelnd
flog das Kind zurck. -- Dies ist die Seele, die in Bettinens Briefen
lebt und dichtet. Sie konnte als Kind wohl unter Blumen schwelgen und
wild und ungebndigt mit der Natur verkehren, doch das Kind ward
Mdchen, und das Mdchen liebte. Nicht wie Undine wird sie dadurch
gezhmt, nein, sie bleibt die wilde, ungestme, unfgsame Kinderseele,
und nun pat nichts mehr auf der ganzen Welt, nicht andere Menschen,
nicht Verhltnisse, nicht die Lebensweisen und nicht ihr eigenes Ich. Da
sucht sie in Natur und Poesie die Elemente, um sich einen
Herzensliebling zu schaffen, denn tief in ihrer Seele fhlt auch sie das
einfach groe Wort: 'Es ist nicht gut, da der Mensch allein sei.' Als
sie fertig mit dem Bilde ist und es nun schn und gro vor ihrer
Phantasie vollendet steht und ihre Herzensgluth ihm Leben giebt, da
sieht sie sich nach einem Namen um. Mit dem herrlichsten, den sie
erfahren kann, 'Goethe', benennt sie ihren selbstgeschaffenen Gott. Sie
umgaukelt in Elfentnzen und mit Elfenliedern unseren Hohenpriester, und
ihn, den ernsten mit der Gtterstirne, will sie als Schfer mit in ihre
Tnze ziehen. Er reicht ihr wohl die Hand, er lt sich von ihren Blumen
umduften, er lt den Elfenreigen im Mondenschein an sich vorber
ziehen, doch der Genosse der Elfe kann der greise Denker nicht sein!

"Im reinsten Lichte, in der einzig klaren, ungetrbten Atmosphre steht
sie der Mutter ihres Weisen gegenber; ganz herrlich, ohne Irrthum, ohne
Verkehrtheit, ohne Miverstehen lt das Leben diesen Bund. Doch Goethes
Mutter stirbt, die Jugend flieht Bettinen, aber ihre wilde Poesie
bleibt; ihr Wesen tritt nun aus aller Harmonie, unheimlich werden beim
ergrauenden Haupte ihre Spiele und Tnze, und, wie Varnhagen von ihr
bemerkte, die Elfe tritt zurck, die Hexe tritt hervor.

"In diesem Stadium lernte ich sie kennen. In leidenschaftlichster
Aufregung kam sie nach Weimar. Sie hatte in Berlin eine Klatscherei ber
Ottilie gemacht, die ihr Goethe sehr bel nahm; sie wollte sich
entschuldigen, er beharrte dabei, sie nicht zu sehen. Ottilie, die immer
gro und gut war, aber nichts fr sie erreichen konnte, rumte ihr
schlielich ein Kmmerchen im Gartenhaus des Stadtgartens ein, wo sie
den Zrnenden wenigstens aus der Entfernung sah. Nachher sprach ich sie.
Ihre groen Augen, die etwas Nichtirdisches an sich hatten, musterten
mich mitrauisch. Ich war jung, war tglicher Gast in Goethes Hause,
genug, um ihre flammende Eifersucht zu erregen. Sie war sehr
unfreundlich, und als ich mich in die Fensternische zurckzog, rief sie:
'Aha, ich gefalle wohl der Demoiselle nicht?' Ich wurde feuerroth, sagte
aber nichts, sondern versuchte das Fenster zu ffnen, um mich fortwenden
zu knnen; dabei klemmte ich mir die Hand, und whrend Ottilie
davoneilte, um einen Verband zu holen, wurde ich ohnmchtig. In
Bettinens Armen fand ich mich wieder. Voll Mitleid sah sie mich an und
sagte freundlich: 'Armes Kind, liebes Kind, thut es sehr weh?' Sie
khlte und verband meine schmerzhafte Wunde, lief hinunter, um gleich
darauf mit einem Blumenstrau und einer darin verborgenen Dte voll
Schleckereien wieder zu kommen. Ihr Groll, ihre Aufregung waren
vergessen, sie war ganz Weib: liebevoll und sorgsam. Da, wie ich
fortgehen wollte, verabschiedete ich mich unvorsichtigerweise von
Ottilie mit den Worten: 'Also morgen zu Tisch bei Goethe.' Bettina sah
mich starr an, brach in herzzerreiendes Schluchzen aus, lief wild im
Zimmer umher und strmte dann an uns vorber, die Treppe hinunter, zum
Hause hinaus, ohne Hut, ohne Handschuhe, gleichgltig gegen die
verwunderten Blicke der Menschen. So war sie und so erschien sie mir:
unordentlich in Geist, Haus und Wesen. Was ich am meisten bei ihr
schtzte, war ihre glhende Barmherzigkeit, durch die sie sogar
praktisch werden konnte, ihr Mitleid, das sie thatkrftig machte. Doch
was soll Bettinens Buch fr unsere Zeit?

"Zwar hatte ihre Seele als bunter Schmetterling sich auf allen Blumen
geschaukelt, als emsige Biene aus allen gesogen: Weisheitssprche,
Liebestne, Schnheitshymnen, Philosophenworte, die tiefste Offenbarung
ber das Reich der Tne; aber, wie es die Poesie des Augenblicks ihr
eingegeben, wie es der fliegende Gedanke ihr gebracht, wie es die
Phantasie ihr eben zugetragen; nicht wie bei Rahel, geht ein Princip des
ewig herrschenden Rechts, ein Streben des Erkennens, ein Lebenszweck der
hchsten Ausbildung durch ein ganzes herrliches Dasein; Bettina lehrt
nicht das Leben kennen, verstehen und im hchsten Sinn ergreifen -- was,
frag ich nochmals, soll uns dann ihr Buch?

"Vertreter soll es sein fr das poetisch Schne, das unabhngige Bereich
der Kunst und des Gefhls soll es beschtzen, das nicht als dienende
Magd Moral und Recht befrdern soll, sondern frei fr sich selbst im
eigenen Reiche besteht. Im Schnen finden sich dann beide wieder, nur
Schnes kann vollkommene Kunst erschaffen und erwecken, nur Schnes kann
Moral und Recht im hchsten Sinn erzeugen, im Schnen reichen beide sich
schwesterlich die Hand. Im Schnen reift das echte, glnzende
Gefhlsleben, das durch Bettinens ganzes Werk die reichsten Farben
trgt. Auch dem Gefhl soll es Vertreter sein, auch ihm soll es sein
altes Recht beschtzen, und weil es in frherer Zeit vom Lande der
Vernunft zu viel besessen, soll es jetzt nicht um Haus und Hof, um Sitz
und Stimme gebracht, aus seinem alten Erbteil vertrieben werden, um
ehrgeizigen Generlen der Vernunft einen bequemen Ruhesitz zu schaffen.
Zurckgefhrt in seine Grenzen, soll das Gefhl dort Herr und Meister
bleiben; ist es doch die letzte Instanz fr jede Wahrheit, die sich der
berzeugung des tiefsten Innern vermhlen will. Fr unsere Frauenwelt
ist Bettinens Buch ein giltiges Meisterstck des weiblichen Vermgens,
fr das Jahrhundert eine Bittschrift der Poesie, da man sie nicht im
Schatten der Vernunft erstarren lasse, da man die bunten Flgel vor dem
Verschrumpfen, die zarten Glieder vor dem Erfrieren retten mge! -- --

"Wie naht man dem Lager eines Fieberkranken, der einer schlimmen Seuche
unterliegt, weil er durch seine treue Pflege den Bruder von dem bel
heilen wollte? Wie naht man wohl in Gedanken dem Menschen, der muthig,
stark, mit Engelsseelengre fr einen falschen Glauben starb? Mit
heiliger Scheu, mit tief ergriffenem Herzen, mit billigem Erkennen
seiner Gre, mit tiefem Schmerz um den unseligen Wahn. Nur so naht
wrdig dem Todtenbette der Charlotte Stieglitz; lat vor der Thr
ihrer stillen Kammer das Klatschgeschwtz der Basen eurer Stadt; pat
Alltagsurtheil an die Alltagsmenschen, sprecht ber Oberflchlichkeit
das schnelle, unbedachte Wort des Tadels aus, doch hier bleibt stehen,
denkt tiefer, fhlt besonders, ehe ihr redet, denn auch in groe Seelen
schleicht der Irrthum ein, und dies ist der Fluch des engbegrenzten
Wissens, da reines Wollen nicht vor dem Wahne schtzt.

"Dem Gehalte dieses Denkmals nach, als Darstellung des
Lebensinhaltes[TN5] der Charlotte Stieglitz, steht es bei weitem hinter
Bettina und Rahel zurck; es enthlt weder die ewig sprudelnde,
feenhafte Quelle der Poesie der einen, noch die tapfere, kugelfeste,
immer vorwrtsdringende, tiefe Philosophie der anderen. Die ersten
Briefe sind durchaus unbedeutend, ja sogar in einem Grade, der sogleich
im Leser die Vermutung aufsteigen lt, da der Herausgeber, der sie
wichtig finden konnte und nicht nur einen oder zwei als Probe und zum
Belege ihrer spteren Entwickelung dem Publicum gab, wohl nichts in dem
Leben seiner Heldin unbedeutend fand und einen Mastab an ihr Wesen
legte, der nicht von der Vernunft allein gefertigt war. -- In den
letzten Jahren sind ihre uerungen und Tagebuchbltter grtenteils um
vieles bedeutender, das Sinnen, Denken, Erfahren, das reiche innere
Fhlen thut sich kund, und es ist nicht zu bezweifeln, da sie in der
schnsten Blte ihrer geistigen Entwickelungsperiode dem Leben
entschwand ...

"Zwei meiner Cousinen und ich hatten von Charlotte gehrt und wnschten,
sie entweder in Weimar begren zu knnen oder mit ihr in brieflichen
Verkehr zu treten; wir schrieben alle drei im Sommer 1833 an sie, an
Mundt und an Stieglitz und bekamen umgehend die drei Antworten, die
besser als jede Kritik die unglckliche Charlotte kennzeichnen. Sie
schrieb:


"'Meine inniggeliebte, unbekannte Freundin! Wahre Seelengre zeigen Sie
mir, denn dieselbe setzt sich muthig im Gefhl ihrer Wrde ber
Hergebrachtes hinweg; darum frchten Sie kein Miverstehen von meiner
Seite. Ein gemeinsames Band umschliet uns Frauen, das des Leidens, und
leichter tragen wir die Brde, wenn wir sie zusammen tragen. Sie sind
noch jung, so scheint es, denn es geht ein freudiger Zug durch Ihre
Worte, der mich wie aus anderer Welt berhrt. Haben Sie noch nicht
gelitten? Haben Sie noch nicht Ihr Liebstes leiden sehen? Ihr Theuerstes
verloren? Glauben Sie noch an einen gtigen Gott? Oder lernten Sie,
wie ich, durch namenlose Schmerzen nur der eigenen Kraft vertrauen?
Kennen Sie die heie Gewitterschwle eines Sommertages und die Sehnsucht
nach Blitz und Donner? Lassen Sie mich tiefer in das Heilige Ihres
Inneren schauen, damit auch ich Ihnen meine Seele ganz enthllen kann.
Aber erwarten Sie kein Frhlingsbild zu sehen, sondern einen tiefen,
dunklen See, zu dessen Spiegel nur selten ein Sonnenstrahl sich
verirrte. -- Leben Sie wohl, Sie liebes Herz; es drckt Sie, feuriger
Empfindung voll, an den Busen Ihre

Charlotte Stieglitz.'


"Theodor Mundt und Heinrich Stieglitz sprachen sich hnlich aus.
Ersterer schrieb:


"'Theuerstes Frulein! Wie das Mdchen aus der Fremde traten Sie in die
enge Htte unserer Alltglichkeit. Seien Sie mir gegrt im Namen
unserer Heiligen, Charlotte. Sie wollen von ihr Nheres wissen? Was soll
ich Ihnen sagen? Soll ich sie mit menschlichen Worten preisen, mit
irdischen Lauten schildern? Wollen Sie den Glanz ihres Auges beschrieben
haben, oder den Glanz ihrer reinen Seele? Erlassen Sie dies einem Mann,
der nur zu verstummen vermag, wenn er bewundert. Und auch ihren Gatten
mchten Sie kennen? Wnschen Sie es nicht. Ach, er ist ein gebrochener
Stamm, noch vor der Blthe. Die Melancholie seines Wesens ist in seinem
Leiden begrndet. Oft hat er blitzartig herrliche Gedanken, eines
Goethe, eines Schiller, noch mehr eines Jean Paul wrdig; dann versinkt
er in dumpfes Brten, aus dem selbst die gttliche Liebe seines Weibes
ihn nicht erweckt. Dunkle Schatten schweben um uns Alle, darum suchen
wir den Verkehr mit Menschen nicht. Wir mssen still in unserer Klause
bleiben und des Helden warten, der uns von den lastenden Ketten des
Unglcks befreit. Bewahren Sie ein mitleidig-wehmthig-liebevolles
Gedenken Charlottens treuem Freunde

Theodor Mundt.'


"Als seltsamstes Schriftstck gebe ich noch den Brief des Gatten wieder:


"'Holde mitleidige Genien! Von uns wollen Sie wissen, uns wollen Sie
kennen lernen? Aus dem Licht Ihres Daseins mchten Sie in die dunklen
Wohnungen verbannter Snder sehen? Senden Sie uns Ihr Licht, da es mich
erhelle, und einstimmen will ich in Ihre Hymnen zum Lobe des Schnen,
des Guten und Wahren. Und nach Weimar rufen Sie uns, um am Grabe Ihres
Propheten zu weinen, Lebenskrfte zu schpfen. Wissen Sie denn, ob er
auch mir ein Prophet ist? Und der Glaube allein kann Wunder verrichten.
Fr uns giebt es keine Wunder. Lesen Sie Byron und Sie kennen mich;
lesen Sie, wenn Sie es knnen, die goldene Schrift der Sterne, und Sie
kennen Charlotte. Dem gtigsten Schicksal befehle ich Sie,

Heinrich Stieglitz."


"Wir schrieben noch einmal an Charlotte und bekamen im Dezember 1833
ihre merkwrdige Antwort:


"'Ich flatterte ngstlich am Lebensbaum umher, von Zweig zu Zweig; ich
brachte ihm Frucht um Frucht hinab, und er erstarkte nicht; ich sang,
und er erstarkte nicht; ich hob ihn liebend empor auf meinen Flgeln,
und er erstarkte nicht; und da ich alle Mittel meines durch Liebe und
Pflicht geschrften Denkens umsonst versucht hatte, da dachte ich des
erziehenden Unglcks.'

"Wenige Monate spter ward sie Schicksal und Opfer durch eigenen Willen
und durch eigene Kraft! Irrte auch der Gedanke in dieser treuen Frau,
war auch ihre That ein grauenvoller Wahn -- die Absicht trgt das
edelste Geprge, und im Gefhl offenbart sich in reiner Glorie das 'ewig
Weibliche'! --

"Triumphiret nicht, ihr Alltagsfrauen; rufet ihr nicht ber dem
Strickstrumpf und der Kartoffelsuppe ein 'berspannte Nrrin' nach;
denkt sinnend ihres keuschen, muthigen Todes. Sie starb fr einen
Irrthum, doch sie starb gro, wie jede Heilige fr ihren Glauben. Ihr
nennt, die Brust bekreuzend, die Namen der Mrtyrerinnen, keine ging
muthiger in den Tod; ihr beugt das Knie vor Mttern, Gattinnen,
Geliebten, die freudig fr die Lieben starben; ihr singet ewige Lieder
den Helden, die fr das Vaterland die blutige Weihe suchten, -- aus
Herzen wie Charlottens gingen diese Thaten!

"Der Irrthum, unser ewiger Erbfeind, hat dies schne Opfer zu sich
hingelockt.

"Lat dies stille Grab unentweiht, lernet daran Selbstverleugnung,
Opfermuth, Liebe!"

       *       *       *       *       *

Jennys Jugendbild wrde ein unvollkommenes bleiben, und vieles in ihrer
spteren Entwicklung bliebe unverstndlich, wenn des Mannes vergessen
wrde, der ihr unter ihren mnnlichen Freunden nicht nur am nchsten
stand, sondern auch den nachhaltigsten Einflu auf sie ausbte: der
Jenaer Professor der Philosophie K. H. Scheidler. Dieser tapfere
Menschenfreund, der trotz seiner Taubheit sein Leben lang ein Optimist
geblieben ist, brachte dem schnen, klugen Mdchen freilich mehr als
Freundschaft entgegen, aber erst sehr viel spter, als sie lngst Frau
und Mutter war, erfuhr sie von seiner tiefen, stummen Liebe. Er blieb
auch dann, und mit noch grerem Recht als zuvor, ihr Hausphilosoph, und
als er sich nach Jahren doch noch zur Ehe entschlo, wurde seine Tochter
ihr Patenkind. Ihre philosophischen Studien betrieb sie unter seiner
Leitung und pflegte in Erinnerung daran zu sagen: "Er fhrte mich vom
Kinderparadies durch das Dunkel irdischer Hlle zum Himmel reiner
Menschlichkeit," und ihre in ihren Kreisen so seltene Fhigkeit, auch
den politischen Idealen der uersten Linken ein weitgehendes
Verstndnis entgegenzubringen, hatte sie ihm, dem ehemaligen
Fahnentrger der Wartburgfeier, zu verdanken. Das Bild, das sie von ihm
zeichnete, ist der beiden Menschen und ihrer Freundschaft wrdig:

"Ich war einsam und betrbt. Ich hatte gebetet ohne Trost. Ich hatte ein
geschichtliches Buch zu lesen versucht, es war mir in den Scho
gesunken. Der graue Himmel hatte einen Sonnenstrahl fr meine Blumen und
keinen Strahl der Freude fr mein Herz. Vergebens hatte ich zu den
Schriften gegriffen, in denen ich in Weihestunden des lebendigen
Auffassens edler Weisheitslehren angestrichen hatte, was mir als
zuverlssiger Leitstern, als Pilgerstab auf meinem Lebenswege erschienen
war. Nichts war mir brig als die Geduld; sie flsterte mir jenes Wort
immer wieder zu, das zugleich landlufige Redensart und tiefes Geheimnis
Gottes als ein Lebensrthsel fr Jung und Alt in Jedermanns Munde ist:
Alles geht vorber. Ich schlug die Arme ineinander, senkte das Haupt und
sagte mir leise: es geht vorber. Ich wollte das abwarten. -- Da tnt
auf dem Corridor ein fester sporenklingender Schritt, man meldet den
Professor Scheidler. Ich stehe auf, reiche ihm die Hand und heie ihn
durch Zeichen willkommen, denn das traute Wort htte er nicht gehrt;
seit mehr als zehn Jahren unheilbar taub, lebt er von Todesstille
umgeben. Dieser Mann der Tapferkeit, der Reinheit, des tiefen Denkens
und edlen Thuns, der Mann, welcher hher steht als das Unglck, der Mann
ursprnglicher Natur, er ist mein Freund.

"Niemals hat der Schmerz weniger Gewalt ber einen Sterblichen gewonnen,
obwohl er vielleicht keinen mit grausamerer Hartnckigkeit angefallen
hat. Denn dieser Mann mit der heiteren Stirn und dem Blick eines Kindes,
mit seinem sicheren Auftreten, seinem Ausdruck von Zufriedenheit, dieser
Mann, der nie klagt, nie mde wird, nie murrt, ist inmitten alles
menschlichen Treibens allein, allein mit seinem Herzen voll Teilnahme
und Liebe. Keine Familie, kein Herd, an dem er einem Blick begegnete,
der ihm sagte: ich gehre dir an. Kein Haus, wo er Karl genannt wird, er
ist fr jeden nur der Professor Scheidler. Keine Frau, die 'wir' sagte,
kein Wesen auf Erden, dessen erste und oberste Neigung ihm gehrte.
Dieser thatkrftige Mann, der alle Mibruche, alle Irrthmer bekmpfen
mchte, der seine hochgegriffenen berzeugungen auszubreiten sich
berufen fhlt, der den Drang empfindet, seine Lehren der
Uneigenntzigkeit und des Fortschritts in die Seele jedes Jnglings
hineinzudonnern, als Apostel der Sittlichkeit das Bse zu zerschmettern,
das Gute bis in sein kleinstes Fnkchen hinein zu schtzen, dieser Mann
ist ausgeschlossen vom vertrauten und lebendigen Verkehr mit
Seinesgleichen, oft verliert seine Stimme sich ins Leere, bei jedem
Schritt ist er gefesselt und aufgehalten, eine eherne Wand ist zwischen
ihm und der Welt, und der Gedanke der Vervollkommnung, fr den er lebt,
kann sich blo fr ihn selbst und einen engen Kreis von Freunden geltend
machen. Nicht einmal von Sorgen um das tgliche Brot ist dieser Mann der
Hilfe und des Rathes fr die Leidenden frei, bei aller Einfachheit und
Einsamkeit; er, der niemals an sich denkt, wenn es gilt, Einem, der
weniger hat als er, zu geben. Er hat keine Vorkehr getroffen gegen das
Kommen der Armuth im Krankheitsfalle oder in dem des frhen Alters: sein
Vermgen sind einzig sein Arbeiten und seine Bedrfnilosigkeit. Er hat
aber Zeiten erlebt, wo die schwere Last des Leides, das er dauernd zu
tragen hat, durch uere Entbehrungen noch schwerer wurde. Auch da hat
er sich nicht beklagt, niemals dem Schmerz gegenber die Waffen
gestreckt; nein, diese Stirn hat sich nicht gebeugt, auch wenn ihre
Heiterkeit von dunklen Prfungswolken berschattet wurde. Der Kampf hat
ihn niemals erschpft, stets behielt er, um dem Nchsten zu helfen, die
Hand frei. Einst legte er mir Rechnung ber das, was ich mit ihm
zusammen fr einen in Not befindlichen jungen Gelehrten an Hilfe zu
schaffen gesucht hatte, und da ich mich wunderte, wie viel er
zusammengebracht hatte, obwohl, wie ich wute, er selbst nicht bei Casse
war, fragte ich nach dem Woher. 'Das ist nicht schwer,' antwortete er in
aller Schlichtheit: 'ich habe tglich zwei Stunden mehr gearbeitet.'

"Er fhrt ein durchaus geistiges Leben; seine Bcher trsten, beleben,
erquicken ihn; sie sind sein Genu und gegen das Andringen innerer
Feinde seine Waffe. Auch war kein Arsenal jemals so wohlversorgt, kein
Vorrath von Verteidigungs- und Angriffswaffen, um allezeit bereit zu
sein, so wohlgeordnet. Scheidler ist ein Mann der strengen Wissenschaft,
ohne da er darum aufhrte, ein Freund der schnen Literatur zu sein;
ein zierliches Gedicht, ein guter Roman findet bei ihm offenen Eingang
neben den tiefsten Gedanken ber Philosophie und Geschichte. Und wie die
es tun, die Freunde und Familie haben, teilt er zwischen seinen stillen
Gefhrten seine Zeit ein; er hat regelmige Stunden fr das Studium,
fr den Broterwerb, fr die Erholung. Er redet mit den groen Geistern
der Vergangenheit, die in ihren Werken fortleben. Ist dann der lange
Morgen wrdig verwendet, so fordert der Krper eine Rcksicht: nach dem
einfachen Mittagsmahl ein Spazierritt, hierauf eine Fechtbung, abends
zuweilen Schach oder Whist, hufiger einsames Denken. Menschenfurcht,
Eigennutz, Neid, Unwahrhaftigkeit kennt Scheidler nur, soweit er sie in
Anderen zu bekmpfen hat, seinem eigenen Herzen sind sie fremd; er hat
jene Unschuld der Seele, die das Bse kennt, wie man Geschichte wei,
niemals aber damit durch eigene Erfahrung befleckt ist; die mit der
Snde zu schaffen gehabt, nie aber sie in sich aufgenommen hat; eine
Unschuld, die nicht, wie bei einem Kinde, Unwissenheit ist, vielmehr
angeborene Reinheit, Unnahbarkeit, ein Tugendgranit, dem Sturm und
Tropfenfall nichts anhaben, ber den die Zeit keine Macht besitzt. --
Von Luxus wird Scheidler in keinerlei Form berhrt. Auf Gold und Purpur
der Kaiser wrde er blicken, ohne da seine schwarze Tuchweste mit der
einfachen Stahlkette darber, sein noch nicht zur Cravatte gewordenes
schwarzes Halstuch, sein blauer, je nach den Umstnden neuerer oder
lterer berrock und seine derben Sporenstiefel ihm auch nur in den Sinn
kmen. Ob ein Zimmer elegant ist, sieht er nicht, und wenn man ihm das
Auge auf ein komfortables Mbel oder eine hbsche Zierlichkeit lenkt, so
lacht er, wie wir ber eine ingenise Spielkche fr Kinder lachen; er
findet sie allerliebst, aber in seiner Miene erscheint kein Gedanke, da
er sie besitzen mchte.

"So war der Mann, der in mein Zimmer trat. Und ich, ich wagte ihm
gegenber traurig zu sein, zu klagen, den Schmerz zu fliehen.

"'Ihr letzter Brief war betrbt; ich bin herbergekommen, um Ihnen zu
sagen: seien Sie tapfer. Machen Sie es wie ich. Kommt mir ein Leiden, so
sehe ich ihm ins Gesicht, und dann sage ich: Bagatelle! -- und nehme es
auf mich. Dergleichen Gste sind der Seele heilsam; ich weise sie nicht
ab, ich nehme sie auf in mein Herz und lasse sie da arbeiten. Sie
bringen die Seele in Bewegung, sie sind fr unsere Entwicklung, was der
Sauerteig fr das Brot, sie machen, da sie sich hebt. Und greift der
Schmerz tief, so sieht man ihm noch tiefer ins Antlitz und ermit daran
seine eigene Kraft, die, um ihn eine Minute auszuhalten, allemal reicht.
Halten Sie ihn so eine Minute nach der anderen aus, und wenn Sie nachher
in der Erinnerung die Minuten zusammenrechnen, so werden Sie froh sein
ber den guten Kampf und den guten Sieg. Da wir im Kampfe mit dem
Schicksal unsere Kraft zu entwickeln streben, ist einmal unser
Lebenszweck. Frisch sein! Das Gttliche in uns zur Erscheinung bringen!
Fr einen edlen Gedanken leben und gegen Alles furchtlos kmpfen, was
sich ihm entgegenstellt! Keine Schwachheiten. Einem vernnftigen Wesen
gestattet ist sie hchstens im Falle der Krankheit, das aber ist die
einzige Ausnahme. Niedergeschlagenheit ist Zeitverschwendung. Immer
arbeiten! Immer seine Ideen klren! Die Philosophie in die That
umsetzen! Sie darf nicht verwahrt werden, wie der Schatz eines Geizigen,
vielmehr sie mu Zinsen tragen. An andere denken lernen -- voran an die
Armen! Alles, Alles, Alles, was uns auf diesem Wege begegnet, aufnehmen!
Immer inwendig ttig, immer gegen den Irrthum bewaffnet sein! Dann hat
man so viel zu tun, da man gar nicht einmal Zeit hat, seine Thr dem
Schmerze aufzuschlieen.'

"Ich begann freier zu atmen. Ich horchte auf jedes Wort und blickte in
das Angesicht, das fr so tapfere Worte den Stempel der Wahrhaftigkeit
trug. Ich schmte mich meiner Schwche; das ist der erste Schritt,
wieder Kraft zu gewinnen. Ich mit meinen gesunden fnf Sinnen, meiner
Jugend, meinen Zukunftsaussichten, mit der gesicherten und bequemen
Flle meiner Lebenslage, mit meiner Familie und meinen Freunden lie
mich niederschlagen durch ein Leid, und Er, der Arme, Einsame, dem die
Welt keinerlei Aussicht bot, redete mir zu. Dafr hatte ihn der Himmel
mit seinem heiligen Geiste erfllt und mit seinem gttlichen Feuer
entzndet. -- Dennoch wagte ich noch, das Wort 'Glck' aufzuschreiben.
Er schttelte den Kopf, und indem er mit gtigem Lcheln meine Hand
ergriff: 'Auch da soll man sagen: Bagatelle. Glck ist ein ganz
gleichgltiges Ding. Man mu nicht daran denken, dazu ist die Welt nicht
da. Htten Sie, was Sie Glck nennen, Ihr ganzes Leben lang, was wollten
Sie damit im Grabe? Glauben Sie, Sie wrden Ihre Anlagen dann entwickelt
haben? Glauben Sie, da in der lauen Luft eines bestndigen Wohlseins
Sie das Bild des Menschen, wie Gott ihn gewollt hat, wrden dargestellt
haben? Nein, dazu ist Sturm und Wirbelwind nthig. Sie mssen dahin
kommen, den Schmerz zu segnen. -- Das Leid, das mich selbst betroffen
hat, ermit Niemand: es kann sich Keiner vorstellen, was es heit, dies
niemals eine Menschenstimme vernehmen, dies Gestorbensein fr die Musik,
die ich leidenschaftlich liebte, die ich so gut kannte, da ich noch
heute neue Compositionen lese wie ein Buch. Sie wissen, wie ich bei
jedem Schritt im Verfolgen meiner Lebensziele gehindert bin, und andere
Gensse haben keinen Werth fr mich. Dennoch, wenn Gott mir zur Wahl
stellte, das Gehr niemals wiederzuerhalten oder niemals verloren zu
haben, ich wrde das Nichtwiedererhalten whlen, denn der Verlust hat
mich umgewandelt, mich durchgearbeitet, mich zum Philosophen gemacht,
mich mehr gelehrt als ein Leben voll Glck. Ja, wenn ich jetzt wieder
hren knnte. Aber das wre zu glcklich, ich knnte es vielleicht nicht
ertragen. Jedenfalls,' setzte er mit Nachdruck hinzu, 'soll es nicht
sein, denn es ist nicht.' Es war das erste und einzige Mal, da er mir
von seinem Unglck gesprochen hat. Ich blickte zu ihm auf mit der tiefen
Verehrung, die ein Mann, der sein Leben mit dem Heiligenschein eines
einzigen gttlichen Gedankens umgeben hat, einflt. Ich allerdings war
nicht imstande, sein Leid zu ermessen; ich stand davor wie vor einem
jener groen grauen Gefangenhuser, die man anschaut, ohne alle die
Seufzer und Thrnen zu kennen, die sie umschlieen. 'Ja,' schrieb ich
ihm auf, 'da Glck nicht die Hauptsache ist, wei ich und fhle ich,
und verspreche, mein erster und oberster Leitstern soll allezeit das
Gutsein bleiben. Aber nach dem Gutsein kommt mir das Glcklichsein.
Bietet es sich mir dar ohne Snde, so will ich, indem ich es ergreife,
Gott auf meinen Knien danken, da Er es mir geschenkt hat. Es
gleichgltig zu finden, werde ich niemals stark genug sein.' Er
schttelte sein Haupt. Seine Philosophie erschien mir riesengro; aber
er redete von auerhalb der Welt her und ich war inmitten der Welt; er
stand zu fern und zu hoch, um zu verstehen, was ich zu erwidern hatte.
Niemals war ihm der Kreis nahe getreten, in den ich vom Schicksal
gestellt war, mit seinen Irrthmern und Fesseln, seinen Kleinlichkeiten
und seiner Eleganz, seinem Glanze und seinen Pflichten, seinen Masken,
seinen Regeln, seinem Katechismus des Scheins. Seine Versuchungen waren
ihm fremd, seine lstigen Anforderungen thricht; er nannte Schwachheit,
was ich als ein pflichtgemes Opfer empfand. Dennoch, vor dem Gerichte
der unbeirrten und gesunden Vernunft war alles richtig, was er sagte,
alles gut, was er rieth. Die Welt hatte allemal Unrecht, wo er und sie
Entgegengesetztes verlangten. Allein sie ist die mchtigere: Scheidler
rieth, die Welt befahl.

"Ich hatte mein Gleichgewicht wieder. Ich fhlte, dieser Mann war mein
Freund, er hatte Recht, ich mute ihn hren und seinen edlen Grundstzen
gehorsam sein. Als er mich neu belebt sah, gewann sein Gesicht den
Ausdruck reinster Befriedigung. 'Nicht wahr?' sagte er, 'wir sind von
einer Partei. Es gibt blo zwei in der Welt, die eine fr das Gute,
die andere fr das Schlechte, fr eine mu man, wie Solon von den
Athenern es verlangte, sich entscheiden. Wir beide kmpfen fr das Gute,
wir sind Krieger desselben Heeres, und auf unserer Seite kmpfen alle
Menschen, die das Gute wollen. Keine Schwachheit! Man mu sie
wegweisen. Kein Schmerz um ein Ding der Welt! Man mu ihn bekmpfen und
zu ihm sagen, wie ich: Bagatelle. Sie wissen, meine Philosophie ist die
der Tapferkeit. Keine Feigheit! Keine Klage! Man soll die Erde nicht zum
moralischen Krankenhause machen, sondern zu einer lebenskrftigen Schule
und zu einem Schlachtfelde, auf welchem man Siege erficht.' -- Er stand
auf, drckte mir die Hand mehr wie es seiner mnnlichen Strke, als wie
es meinen schwachgebauten Mdchenfingern entsprach, seine Sporen
verhallten auf dem Korridor und er kehrte zurck zu seiner einsamen
Arbeit.

"Scheidler ist recht eigentlich ein Kind deutscher Erde. Er ist der
echte deutsche Mann. Vor allem, er ist der Mann von deutschem Gemt,
dessen angeborene Redlichkeit und festgewurzelte Gerechtigkeit ein so
freies und offenes, allem Menschlichen mit brderlichem Vertrauen
entgegenkommendes Herz gibt. Er ist der Mann der Gte, der zwar durch
Erfahrung vorsichtig wird, aber ohne einen Tropfen von Galle; der Mann
der Uneigenntzigkeit, der niemals sich als souvernes Ich fhlt, dem
andere nachstehen mten. Zum Nchsten sagte er nicht: trage die Last,
denn ich habe Macht, sie dir aufzulegen, er nimmt sie auf die eigenen
Schultern und sagt: ich bin der Strkere, ich will sie tragen. Niemals
hat die Frivolitt mit ihren grazisen Oberflchlichkeiten diesen Mann
zum Diener gehabt. Seine Manieren sind brsk, und auch das kommt vor,
da von dem gewaltigen Schwunge des Gedankenrades, das die hrtesten
Gegenstnde, die inhaltreichsten Krner zermalmend, unablssig in ihm
arbeitet, kleine Blumen der Freundschaft und der Freude ohne Erbarmen
erfat und gestaltlos, duftlos, leblos uns vor die Fe geworfen werden.
Einerlei. Gott sei gedankt, da Er den guten und starken Mann
geschaffen, ihm Seinen Geist der Wahrheit und der Liebe geschenkt, ihm
den Stempel edler Menschlichkeit auf Stirn und Herz gedrckt hat."


Folgende Briefe Jennys an ihn mgen als Ergnzung seiner Charakteristik
dienen und zugleich die Art ihrer Freundschaft beleuchten:


25./7. 32.

"Manche Erfahrung hat mich gelehrt, da das Beispiel auch bei intimen
Freunden die beste Predigt ist und dieser stille, sich immer
wiederholende Vorwurf viel mehr Eindruck macht als ausgesprochener
Tadel. Strafpredigten lassen fast immer eine kleine Bitterkeit zurck,
das liebe Ich fhlt sich gekrnkt, die Eitelkeit, diese mchtige Gewalt
in jedem Menschen, wird beleidigt, und oft entsteht wenig Gutes aus
diesem directen Erziehen.


3./1. 33.

"Ich halte die Freude fr ein solches Mittel zur Kraft, zum Leben, zum
Fortschreiten, ich betrachte sie so sehr als den erwrmenden Strahl der
Sonne, ohne welchen nichts zur Reife kommt, bei dessen gnzlicher
Abwesenheit die Seele verkmmert und zusammenschrumpft, da ich beim
letzten Bettler neben dem Nutzen der Gabe auch die Freude
bercksichtige.

"So kaufe ich dem jungen Mdchen einen warmen Rock im Winter und gebe
einige Groschen mehr aus, um bunte Streifen daran zu sehen, weil dies
das Theilchen Freude ist; so gebe ich zu Weihnachten jedem Kinde neben
dem Ntzlichen auch Spielsachen und ein Zuckerbumchen, und wenn ich der
Mutter Mehl gekauft habe, so bekommt jedes Kind zwei Groschen, um auf
das Schiehaus zu gehen. Dann erst glnzen die Augen, und die Armen
sagen sich: Das Leben ist nicht immer hart! Diese Momente sind etwas
wert, das nenne ich das Freudenalmosen.


17./6. 33.

"Die in unserer Zeit Neugeadelten kommen mir vor wie jene Ruinen, die
nie Schlsser oder Tempel oder Klster gewesen sind, jene Trmmer ohne
Vergangenheit, die hingebaut werden, um einen Park zu zieren. Man sieht
sie an ohne Ehrfurcht, ohne das philosophische Gefhl der Richtigkeit
auch des Groen und Festen auf Erden, ohne den Forscherblick, der auf
den Steinen die Geschichte der Jahrhunderte lesen mchte; man betrachtet
sie lchelnd und lobt die Nachahmung, wenn sie wirklich gut, bemitleidet
sie, wenn sie geschmacklos ist. Sie gilt nur als Zierde, wie der
Neugeadelte auch nur zum Putz eines Hofes oder Hfchens gestempelt wird.
Die Macht des Adels ist an der Zeit und der Unvernunft ihrer
Geschlechter zersplittert, die geschichtliche Erinnerung ist geblieben
und wird bleiben, solange man lieber einer Reihe von Herren als von
Dienern angehrt, -- das aber lt sich nicht erkaufen.


17./8. 33.

"Der Charakter ist die Composition des Menschen, seine Tugenden sind die
Melodie, seine Fehler das Accompagnement, das Instrument ist das Leben,
wohl dem, der es zu stimmen versteht! Das Schicksal schlgt den Tact
dazu, und nur ein groer, starker Menschengeist wird es selbst thun
knnen und ihn fest und ohne Schwanken beibehalten.


10./9. 33.

"Es giebt einen anscheinenden Leichtsinn, den die Philosophie gerade den
tiefsten Gemtern lehrt, es ist das oft mhsame Ueberbordwerfen von
Schwerem und Trbem. Wenn die Leiden der Menschheit das innerste Herz
zerreien und die Trauer darber fast jede Kraft lhmt, so mu man das
zu lebhaft fhlende Herz zu einem gewissen Leichtsinn erziehen, damit
die Kraft ungebrochen und das Leben ertrglich bleibe, damit man Muth
und Strke habe, wo es Hlfe und Thaten giebt.

"Wenn Sie wten, wie schwer und wie ntig gerade mir dieser Leichtsinn
ist, wie sehr ich schon meinen Hang zur Schwermuth bekmpft habe, wie
tdtend die fortwhrende Verletzung meines Herzens war! Jetzt habe ich
durch Selbsterziehung Kraft gewonnen zum Unvermeidlichen und Einsicht
zum Wegrumen des Vermeidlichen. Ich empfinde fr Thiere ebenso wie fr
Menschen, und seit den zweiundzwanzig Jahren, die ich lebe, habe ich
mich noch gar nicht an den Mord der Thiere und das Recht des Menschen
dazu gewhnen knnen. Der Gedanke an einen geblendeten Vogel oder selbst
das Prgeln eines Hundes verbittert mir jede Freude.


5./12.33.

"Nur kranke Herzen mitrauen und miverstehen einen wahren Freund. In
dem ganzen klaren Spiegel steht hell und deutlich das Bild, welches er
reflectirt, in dem zerbrochenen steht es zerstckelt, zerschnitten,
verdoppelt, verdreht, und das Auge, das wir uns anlcheln sahen, wird
zur Carricatur, whrend es doch eben so heiter vor dem Spiegel steht,
als zur Zeit, da er ganz war.


21./9.34.

"Ich fhle mich oft wie eine Taube mit Adlersgedanken; meine eigentliche
Tubchengesellschaft langweilt mich, fliege ich zu den Adlern, dann
athme und lebe ich erst, aber die Luft drckt meinen Taubenkopf, die
Sonne fllt meine Taubenaugen mit Thrnen und ich schaudere vor den
zermalmten Gliedern der Adlernahrung, so da ich zu meinen Krnern
zurckfliege und Tauben wie Adlern fern bleiben mchte. Soll ich mir nun
die Flgel beschneiden, um gewi bei den Tauben zu bleiben? oder soll
ich mich auf einen befreundeten Adlerssittig sttzen und Luft und Sonne
suchen und die Wildheit der Hhe mir zur Heimath gewhnen?


13./10.35.

"Die Natur hat nicht, wie bei Ihnen, alle Linien meines Charakters
deutlich gezeichnet, sie hat hie und da zu schwach aufgedrckt, da habe
ich nachhelfen mssen und das wird leicht krumm und verkehrt. Ich habe
viel anschaffen mssen, was am Ganzen fehlte, ich habe viel wegschaffen
mssen, was verunstaltete, und noch fhle ich zu deutlich, wie
unvollkommen mein Wesen ist. Doch gerecht und treu fr meine Freunde,
das bin ich, und darum werde ich Sie nie durch meine Schuld verlieren
und nie durch irgend eine Schuld verkennen.


2./4. 37.

"Die dogmatisch historischen Fragen ber Christus haben mich lange sehr
geqult, dann bin ich zu der Ueberzeugung ihrer Unerweislichkeit gelangt
und bin eigentlich ganz zufrieden mit dem Dahingestelltseinlassen. Ich
verehre Jesum auf dem Throne der Tugend und Wahrheit und dieser ist mir
mit so viel glnzenden Wolken umgeben, da ich die anderen Throne der
Weisen daneben nicht sehe und auch nicht ausmessen wollte, in welchen
Graden sie von- oder aneinander stehen. Wie oft hre ich, was meiner
Ansicht ganz zuwider ist, da der Glaube an Christi vollkommene
Persnlichkeit, das Hngen an ihm als Person das Haupterforderni zum
Christsein sei. Meiner Seele ist hingegen unerschtterlich gewi, da
einzig und allein der ein Christ sich nennen darf, der, wie der Heiland
sagt: 'seine Gebote hlt', da Christus uns fremd, sogar unbekannt sein
knnte und da wir doch echte Christen wren, wenn wir den Geist seiner
Worte kennten, glaubten und bten.

"Darum erscheint mir auch das Beweisen der Sndlosigkeit oder
Gttlichkeit etc. gar nicht so wichtig, und ich kann mir vorstellen, da
Christus ganz aus den Annalen der Geschichte verschwnde und da es noch
eben so vollkommene Christen geben knnte. Wie Rahel sagt: 'Ein gutes
Buch mu gut sein und wenn es eine Maus geschrieben htte', so mte das
Christenthum herrlich sein und wenn es aus der Erde gewachsen wre."

       *       *       *       *       *

Inzwischen war Jenny 26 Jahre alt geworden, ein Alter, das das bliche
Heiratsalter der jungen Mdchen ihrer Kreise bei weitem berstieg. Ihre
Stiefschwester war erwachsen, sie, wie ihre lieben Schler Walter und
Wolf Goethe bedurften ihres Unterrichts nicht mehr, Ottilie, deren
unruhiger Geist nicht mehr durch Goethe gezgelt wurde, und die haltlos
ihren Leidenschaften folgte, rstete sich, um Weimar zu verlassen, die
Freundinnen hatten sich alle ihren eigenen Herd gegrndet, Emma Froriep
zog mit ihrem Vater nach Berlin -- es wurde merkwrdig einsam um sie
her, und jeder Abschied mahnte leise an den Abschied der ersten Jugend.
An ihr Herz klopfte, strker und strker Einla begehrend, jene
natrliche Weibessehnsucht, die sich, wenn das Herz schon entschied, im
Verlangen nach Mannesliebe uert, die aber, solange eine leise Stimme
an den auf immer verlorenen Geliebten mahnt, im Verlangen nach dem Kinde
zum Ausdruck kommt. Um so strker wird die Sehnsucht nach dieser
Richtung alle Empfindungen beherrschen, je reicher die weibliche
Persnlichkeit ist, je mehr sie also, bewut oder unbewut, danach
drngt, einen ihr entsprechenden Lebensinhalt zu finden. Auf dieser
Stufe ihrer Entwicklung, die keiner unverdorbenen Frau erspart bleibt,
die nicht sehr jung schon geheiratet hat, war Jenny angelangt. Ein paar
Worte aus dem Briefe einer Freundin an sie, die sie zur Hochzeit
beglckwnscht hatte, zeugen dafr: "Mein Lieblingsgedanke ist, Sie mir
in einem hnlichen Verhltni zu denken. Ich wnsche es um Ihret- und um
der Welt willen. O Jenny, wie mssen Sie beglcken knnen! Mir war es
sehr lieb, Sie der Ehe geneigt sprechen zu hren. Sie haben recht, man
macht Ihnen den Vorwurf, da Sie mit der Liebe nur tndeln, alle ernsten
Bande verschmhen. Doch ich wei es besser! ein Blick in dies Auge, in
Ihr Innerstes hat mich belehrt, da Sie die Liebe kennen, da Sie ihrer
bedrfen."

Noch mehr aber spricht dafr ein Gedicht von ihr, in dem folgende Verse
sich finden:

    "... Mein Auge sucht auf Erden sehnend Liebe,
    Im Himmel nur erscheint sie hehr und gro;
    Da sie verzehrend mir im Herzen bliebe,
    War, Herr, du weit's, mein jugendtdtend Loos,
    Und weil ich Irdisches durch sie verloren,
    Hab ich sie mir als Himmelsglck erkoren ...

    Doch willst du freundlich mir das Leben schmcken,
    So gieb mir, Gott, ein Herz voll Liebe nur,
    Ich fa es feurig dann, und mit Entzcken
    Leist' ich dem Himmel meinen Liebesschwur.
    Gieb, Herr, mir Einsamkeit im Scho der Liebe,
    Da ich dir treu in meinen Kindern bliebe ...

Um diese Zeit kam Werner von Gustedt als Gast seiner Tante, der
Hofmarschallin von Spiegel, nach Weimar. Er war nicht viel lter als
Jenny, der Typus eines vornehmen jungen Mannes seiner Zeit mit dem
feinen, glattrasierten Gesicht, vom hohen Biedermeierkragen eingefat,
den vollen kurzen Locken, der schlanken, hohen, biegsamen Gestalt. Er
gehrte einem braunschweigischen Geschlechte an, das sich rhmen konnte,
lter zu sein als die Hohenzollern, und dessen Gter seit
Menschengedenken keinen anderen Herrn gehabt hatten als einen Gustedt.
Hofdienst war nie dieser echten Freiherren Sache gewesen, von keinem
Frsten besaen sie den Adelsbrief; sie saen stolz und selbstzufrieden
auf ihrem Besitztum und kmmerten sich wenig um die Schicksale der
groen Welt. Wenn Werner eine hhere Bildung genossen hatte, als es
sonst bei diesen Landjunkern fr gut befunden wurde, so hatte er es dem
Umstand zu verdanken, da er als Zweitgeborener keine Anwartschaft auf
das vterliche Gut besa und sich durch akademisches Studium zu einer
anderen Laufbahn als der des Gutsbesitzers vorbereiten sollte. Wie Jenny
aber spter oft selbst erzhlte, war es weder die uere Erscheinung,
noch die Geistesbildung -- die in Weimar als etwas Selbstverstndliches
bei jedem vorausgesetzt wurde --, die ihn anziehend machte, sondern
neben der groen Frische und Natrlichkeit die unberhrte Reinheit
seines Wesens. Problematische Naturen, sogenannte interessante Mnner
mit bewegter Vergangenheit und differenzierten Gefhlen, oder
sentimentale Schwrmer, bei denen die Empfindung Modesache war, hatte
sie bisher kennen zu lernen Gelegenheit genug gehabt. Hier trat ihr die
durchsichtige Natur eines einfach-klaren Mannes entgegen, und jenes
Gefhl, das nchst dem Mitleid bei den Frauen so oft der bergang zur
Liebe ist -- Vertrauen -- mag wohl das erste gewesen sein, was sie ihm
gegenber empfand, und blieb das Grundelement ihrer Beziehung zu ihm.
Eine Natur wie die ihre, die in ihren Gefhlen wie in ihren Taten ihr
ganzes ungeteiltes Selbst ausstrmte, hatte die volle Glut der
Leidenschaft nur dem einen, dem Toten, geben knnen; als sie Werner
Gustedt ihr Jawort gab, geschah es in ruhiger, vertrauender Liebe. Da
sie sich dabei glcklich fhlte, da sie der Zukunft hoffnungsvoll
entgegensah, geht aus einem Glckwunschbrief der Herzogin von Orleans
hervor, der also lautet:


Petit Trianon, d. 8. Oktober 1837.

"Wie sehr hat mich die Kunde Deines Glckes erfreut, meine liebe teuere
Jenny -- wie innig teilt mein Herz die Gefhle, welche das Deinige
erfllen und ihm in der Zukunft so schne gesegnete Tage verheien. La
mich es Dir aus voller Seele aussprechen, wie ich Dir das reiche Glck
wnsche, welches der Himmel mir bescheert hat, wie ich von dem Leiter
unserer Schicksale und unserer Herzen die Erfllungen Deiner goldenen
Hoffnungen erbitte. Schon einige Tage vor Empfang Deines so lieben
Briefes, fr den ich Dir den wrmsten Dank sage, erfuhr ich, da Dein
Loos bestimmt sei, Du meine liebe Tante verlassen wrdest -- was mir
recht leid thut -- und die glckliche Braut eines vortrefflichen jungen
Mannes wrst -- dessen Name Dein guter Onkel wohlweislich vergessen
hatte ... Rechne in allen Verhltnissen des Lebens auf meine Liebe und
auf die warme treue Theilnahme, welche Dir immer widmen wird

Deine Helene."


Eine Bleistiftzeichnung Friedrich Prellers, des Meisters der Odyssee,
der ein hufiger Gast im Gersdorffschen Hause war und manch reizende
Skizze in Jennys Album zeichnete, hat das Bild der Braut festgehalten:
das kindliche Wangenrund hat dem feinen Oval des Antlitzes Platz
gemacht, um den Mund ruht ein Zug tiefen Ernstes, die Augen erscheinen
grer und tiefer als frher, die Locken an den Schlfen sind dem
glatten Scheitel gewichen, der sich um die hohe Stirn legt, von einem
Schmuckstck umschlossen wie von einem Knigsreif. Den Brutigam
schildert Jenny selbst: "seine dunkelblauen, glnzenden Augen, sein
etwas wolliges, dunkelblondes Haar ber der schnen weien Stirn, das
lebhafte Colorit, der scharf und fein geschnittene Mund, die fest und
edel geformte Nase, der mnnliche Schritt -- das alles vereinte sich zu
einem Bilde selbstbewuter, deutscher Vornehmheit."

Ehe sie sich ihm auf immer verband, nahm sie in aller Stille Abschied
von der Vergangenheit: im Kaminfeuer ihres Mdchenstbchens schichtete
sie aus ihren Tagebchern den Scheiterhaufen, legte die Briefe dessen
darauf, den sie geliebt hatte, und weihte alles dem Feuertod. Zur
Dmmerstunde ging sie dann in jenes stille Goethe-Haus mit den
geschlossenen Fensterlden, das ihrer Jugend Glck und Weihe verliehen
hatte; die breite Treppe schritt sie hinauf und wieder hinab -- es war
vorber!

Im Mai 1838 fand die Trauung statt. Noch einmal versammelte sich Weimars
glnzende Gesellschaft um das gefeierte Hoffrulein Maria Paulownas --,
weinend, glckwnschend, segnend umgaben sie die Gefhrten und die
Beschtzer ihrer Jugend, noch einmal zog vom offenen Hochzeitswagen aus,
der sie entfhrte, das Bild ihrer Heimat an ihren Augen vorber: die
engen, holprigen Straen, das Schlo mit seinen sonnenglitzernden
Fenstern, das Vaterhaus an der Ackerwand mit dem murmelnden Brunnen
davor, die hohen Bume im Park und die rauschende Ilm, und zuletzt: das
stille Goethe-Haus mit den geschlossenen Fensterlden -- schluchzte
nicht doch in der jungen Frau das alte Leid noch einmal auf --? Oder
grte sie nur ernsten Blicks den Geist ihrer Jugend, ihm Treue
schwrend frs Leben, wie sie sich dem Manne neben ihr zugeschworen
hatte?




Der Leidensweg der Mutter




Im stillen Winkel


Eine Neigung, die fr die Gestaltung ihrer Zukunft bestimmend werden
sollte, hatten Jenny und Werner von Gustedt gemeinsam: die fr ein Leben
auf dem Lande in stiller Arbeit und Zurckgezogenheit. Jenny hatte das
Leben der groen Welt genug genossen, seine Reize waren fr sie
erschpft, und nicht nach Vergngen und Zerstreuung, sondern nach
Ttigkeit und Sammlung trug sie Verlangen. Bei Werner wieder machte sich
die Familiengewohnheit der Jahrhunderte geltend, und beide stimmten in
der Ansicht berein, die Jenny aussprach, indem sie schrieb: "Nichts,
auch kein Knigthum ist mir vergleichbar mit dem ausfllbaren,
bersehbaren Wirken eines groen, reichen Gutsbesitzers. Der Beruf, zu
ordnen, zu beglcken, zu verschnern, zu verbessern, der Land und Leute,
Natur und Geist umfat, erscheint mir so gut und so gro wie kein
anderer."

Und so hatte sich Werner Gustedt entschlossen, dem Gedanken an den
Staatsdienst zu entsagen. In Westpreuen, in schner wald- und
seenreicher Gegend, zwischen Deutsch-Eylau und Marienwerder, kaufte er
das Rittergut Garden, und hierher, in tiefe Einsamkeit, fern allem
gewohnten Verkehr mit den geistesverwandten Freunden, fhrte er die
junge Frau, das einstige gefeierte Weimarer Hoffrulein. Nun erst
forderte das Leben den Beweis fr das, was sie geworden war. Ihr ganzes
Wesen hatte schon lngst so sehr nach Bettigung verlangt, da selbst
eine so schwere Aufgabe, wie die ihr gestellte, ihr nur willkommen sein
konnte.

Die Erfllung der praktischen Pflichten einer Gutsfrau ist fr die an
den stdtischen Haushalt gewhnten niemals leicht; um wie viel
schwieriger mute sie vor siebzig Jahren im uersten Osten
Deutschlands, inmitten einer halbpolnischen Bevlkerung, ohne stdtische
Nachbarschaft, ohne Eisenbahn, ja selbst ohne Chausseen, sich gestalten,
noch dazu fr eine junge, nur an das Hofleben gewhnte Frau. "Wie oft
mu ich in meinem Haushalt von 30 Personen," schrieb Jenny an Frau
Wilhelmine Froriep, der Schwgerin ihrer lieben Emma, mit der sie ihre
praktischen Erfahrungen eingehend auszutauschen pflegte, "meine
hofdmische Unwissenheit ben." Und doch beschrnkte sie sich nicht
allein auf den Kreis der gegebenen huslichen Pflichten. Leid und Armut
waren ihr auch in Weimar begegnet, und sie hatte nach besten Krften zu
helfen gesucht, aber was sie dort suchen mute, das trat ihr hier auf
Schritt und Tritt entgegen, was dort ihr mitleidiges Herz bewegte, dafr
fhlte sie sich hier verantwortlich, wo es sich um die Bevlkerung des
eigenen Gutes handelte.

Es war im groen ganzen ein verwahrlostes, dem Trunk ergebenes, in
Unreinlichkeit und Unordnung dahinvegetierendes Volk. Kranken- und
Armenhuser gab es meilenweit in der Runde nicht, die Schule war
schlecht, um das krperliche und geistige Wohl der Kinder kmmerte sich
niemand. Jenny empfand diese Mngel auf das schmerzlichste. "Fr die
Kollekte der hiesigen Provinz fr Spitler in Jerusalem," schrieb sie
einmal, "whrend wir fast in keinem Kreise eines haben, gebe ich
keinen Pfennig;" und ein andermal: "Was uns verdriet, ist die alberne
Errichtung eines Denkmals fr den verewigten Knig, -- eine so
kostspielige Schmeichelei in einem Lande, wo es fast gnzlich an
Kranken-, Waisen-, Armenhusern, an Chausseen und Kanlen fehlt." So
viel in ihren Krften stand, suchte sie die Unterlassungssnden von
Staat und Gemeinde auf dem Gebiete, das ihr unterstellt war,
gutzumachen. Was sie leistete, war weniger Wohlttigkeit im damals
blichen Sinn, als soziale Hilfsarbeit, wie wir sie heute verstehen. Wo
sie Armut fand, suchte sie ihr durch berweisung von Arbeit abzuhelfen;
sie setzte es bei ihrem Manne durch, da eine Dreschmaschine, durch die
einige dreiig Familien im Winter brotlos geworden wren, erst
angeschafft wurde, als eine andere Erwerbsarbeit ihnen gesichert war; wo
ihr Trunksucht begegnete -- und das geschah in jenem fernen Winkel
Preuens noch hufiger als anderswo -- bekmpfte sie sie zunchst durch
Verabreichung von gesunder und krftiger Nahrung; wo Alter und Krankheit
zur Arbeit unfhig machten, da suchte sie neben allzeit bereiter
persnlicher Hilfe die Gemeinde und den Kreis zur Erfllung
selbstverstndlicher Menschenpflichten heranzuziehen. Sie stie bei
ihrer Arbeit auf viel belwollen, viel Miverstehen: Von der einen Seite
sagte man ihr achselzuckend: "Armut hat es immer gegeben, und die Leute,
deren Elend Sie als etwas so entsetzliches empfinden, sind daran
gewhnt." Was half es, wenn sie emprt ausrief: "Mag sein, da dem
Menschen der Jammer zur Gewohnheit wird, aber nie, nie gewhnt sich eine
Mutter an die Not ihres Kindes," und von der anderen Seite ihre Hilfe
nur zu oft als unbequeme Bevormundung empfunden und dem Sugling schon
der schnapsgetrnkte Lutschbeutel in den Mund geschoben wurde. Zu lange
schon, das fhlte sie bald, hatte das Elend, der schlimmste aller
Erzieher, unter dessen Peitschenhieben der Mensch sich nur zum Sklaven
entwickeln kann, auf den armen Knechten und Mgden, den fast noch
leibeigenen Instleuten gelastet, als da sie selbst noch htten
wandlungsfhig sein knnen. "Zu so groem Zweck reicht ein Menschenleben
nicht aus," schrieb sie; "wollen wir von der Zukunft irgend eine
Besserung erwarten, so mssen wir nicht bei den Erwachsenen anfangen,
die wir nur vor Noth zu bewahren vermgen, sondern bei den unschuldigen
Kindern."

Ihre Natur, die sich mit dem einen Wort "Mtterlichkeit" am besten
charakterisieren lie, hatte sie stets, schon als ganz junges Mdchen,
zu den Kindern gezogen. Alles Leid, das ihr begegnete, empfand sie bis
zum krperlichen Schmerz, das der Unschuldigsten -- der Kinder --
verursachte ihr die grten Qualen. Nicht nur, weil es die Wehrlosen
traf, sondern auch weil es immer aufs neue ihren schwer errungenen
Glauben zu erschttern drohte. Zu der berzeugung vom Vorhandensein
eines allgtigen Schpfers, eines Gottes der Liebe, eines himmlischen
Vaters nach Christi Lehre, stand das Elend in der Welt und das Unglck
des Lebens in einem furchtbaren Widerspruch, den sie nur dadurch glaubte
lsen zu knnen, da sie es als Strafen fr begangene Snden auffate,
und zwar fr Begehungs- und fr Unterlassungssnden der Besitzenden wie
der Besitzlosen. Wrden alle Besitzenden ihre Menschen- und
Christenpflicht erfllen, wrden alle Armen echte Christen sein, so gbe
es bald -- davon war sie damals noch berzeugt -- weder Not noch Elend.
Um diese Auffassung zu verstehen, mu zuerst Jennys Begriff des
Christentums verstanden werden. "Religion ist That," schrieb sie,
"Christenthum ist That, lauter That, nur That." Der religise Glaube
hat, wie sie meinte, nur fr den Menschen selbst, den er beglckt,
Bedeutung, fr die Allgemeinheit kommt es allein auf das Handeln an. An
einen Freund schrieb sie einmal darber:

"Glauben ist nicht das gewhnliche Frwahrhalten, wie etwa bei einer
geschichtlichen Thatsache, es ist die Hand, die sich Gott
entgegenstreckt. Es ist nicht wie ein Wissen, das der Schulmeister
einpaukt, es ist die Kraft des Schaffens und der Liebe, die durch
christliches Wollen, Wandeln, demthiges Forschen zu unserer Seele
herangezogen wird, wie Eisen durch den Magnet. Wer glaubt, da Christus
Gottes Sohn ist, und seinen Diener oder auch nur seinen Hund mihandelt,
der ist kein Christ! Wenn Sie diese uerlichkeiten nicht fr wahr
halten knnen, so lassen Sie doch die Geburt, die Wunder, die
Hllenfahrt, die Auferstehung des Herrn ganz bei Seite, wandeln Sie nur
mit allen Krften Ihrer Seele nach seinen Geboten, aber so, da das
tgliche Leben wie eingehllt ist darin und alle Beziehungen zu Ihren
Nebenmenschen darin wurzeln. Denkt man, der Glaube sei ein Frwahrhalten
aus gengenden Grnden? Aber die Grnde sind nie gengend. Er sei eine
Zuversicht dessen, was man nicht sieht und doch wei? Die Prfung kommt
und die Zuversicht weicht. Glaube ist Leben, nur Leben, lauter Leben."

Das Rechte tun und nicht den Glauben predigen -- das forderte sie als
Beweis fr echtes Christentum, und sie war so berzeugt davon, da die
'Snde der Leute Verderben' ist, da sie alles Unglck aus dem
Unrechttun ableiten zu knnen glaubte; ein langes Leben voll harter
Erfahrungen vermochte zwar ihre Ansicht auf der einen Seite zu
modifizieren, auf der anderen zu erweitern -- im Grunde aber war und
blieb sie der Grund und Boden, in dem ihr geistiges Leben wurzelte.

Ein Brief, den sie von Garden aus an ihre Freundin Emma Froriep schrieb,
ist dafr bezeichnend:

"Mit dem Verweisen auf knftige, ewige Seligkeit lockst Du keinen Hund
hinter dem Ofen des Materialismus hervor. Diese Hoffnung, so wahr und so
trstlich fr den Glubigen, ist nur ein Reiz zu Spott und Zweifel fr
den Unglubigen. Suche das Weltkind auf seinem Feld zu schlagen, und
zwar mit der beweisbaren, augenscheinlichen Wahrheit, da die Snde auch
hier auf Erden der Leute Verderben ist; male in hundert Bildern die
Gegenstze, z. B. die arme Tagelhnerfamilie, bei der der Vater nach
schwerer Arbeit in seiner reinlichen Htte sitzt, den Lffel freundlich
mit Frau und Kind in die Mehlsuppe taucht, noch eine Stunde vor der Thr
sein Pfeifchen raucht, mit den Kleinen spielt, betet und sich zur Ruhe
legt; dagegen den Trunkenbold, der flucht, dem Wucherer fr Schnaps mehr
als den Tagelohn hingiebt, die Frau schlgt, die Kinder verwnscht, in
Schmutz und Lumpen verkommt. Male den Gutsbesitzer, der Rath, Hlfe,
Trost fr jeden seiner Leute hat, und den, der in Erpressung und
Lieblosigkeit alle Arbeitskraft ausnutzt; male den reichen Offizier, der
sein Vermgen verthut, vertrinkt, verspielt und mit einer Kugel durch
den Kopf endet, und den armen Mann, der durch geistige oder krperliche
Arbeit ein Vermgen gewinnt und Gutes fr die Menschheit leistet; male
treu ihr inneres und ueres Leben und dann la aufrichtig die Frage
beantworten: 'Auf welcher Seite ist das Glck?' Auch dann, wenn nach
diesem Leben nichts wre, auch dann ist der Christ der glcklichste
Mensch auf Erden."

Das Leiden der Kinder aber -- und schlielich auch das der Tiere, fr
das ihr Mitleid fast ebenso rege war -- schien die Grundpfeiler des
ganzen Gebudes ihrer Religion zu erschttern. Ist es mglich,
angesichts eines gequlten Tieres, eines mihandelten Kindes an den Gott
der Liebe zu glauben?! Kann ein gtiger Vater im Himmel ruhig mit
ansehen, was fr einen guten Menschen schon unertrglich ist?! Selbst
die weitere Erklrung des Unglcks als einer Prfung, an der die
moralischen und geistigen Krfte reifer Menschen wachsen sollen,
versagte angesichts derer, die noch keine Krfte haben. Und die
alttestamentarische Ansicht von den Snden der Vter, die sich rchen
bis ins dritte und vierte Glied, erschien ihr unvereinbar mit dem Gott
der Christen. Sollte sie sich mit Goethes Weisheit, 'das Erforschliche
erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren' zufrieden
geben, wo sie nur Verabscheuungswrdiges sah? Nach vielen schweren
Gewissenskmpfen --'wie Jakob mit dem Engel, so habe ich mit mir selbst
gerungen' -- glaubte sie darin einen, wenn auch keineswegs
befriedigenden, so doch als weiteren Ansporn zur Tat dienenden Ausweg
gefunden zu haben: "Kinderleiden sind gewi zum Theil eine Folge der
ungeheuren Schuld der Gesellschaft gegenber den Armen, und sie rchen
sich an derselben Gesellschaft, indem sie Verbrecher, moralische und
physische Krppel, Lebens- und Arbeitsunfhige entstehen lassen." Hier
also schlo sich der zerrissene Ring ihres Gedankengangs wieder. Ist das
Leid Folge der Schuld, so wird es im selben Umfang verschwinden, als die
Schuld abgetragen wird. Ihr tiefes Mitgefhl und ihre berzeugung wurden
zusammen zur Triebkraft ihres Tuns.

Zu einer Zeit, wo Frbels Erziehungsgedanken noch nicht bis zu dem
einsamen Gut in Westpreuen gedrungen sein konnten -- seinen ersten
Kindergarten erffnete er ungefhr im selben Jahr -- sammelte Jenny von
Gustedt die Kinder der Landarbeiter und der Instleute um sich, "um ihnen
neben warmen Kleidern, guter Milch, reinen Hnden und Gesichtern, durch
Spiel, Erzhlung und Gesprch die primitivsten Ideen des Guten, Wahren
und Schnen beizubringen." Zur weiteren Untersttzung ihrer Bestrebungen
veranlate sie ihren Mann, die bisher in einem fernen Dorf gelegene
Schule nach Garden zu verpflanzen, und einen jungen, guten Lehrer
anzustellen, der Hand in Hand mit ihr zu arbeiten fhig war.

"Unsere Trume und Hoffnungen fr Garden," so schrieb sie an Wilhelmine
Froriep im Hinblick auf das bisher Erreichte, "treten allmhlich als
Wirklichkeiten hervor: ein junger, eifriger Lehrer, untersttzt von
unserer hufigen Anwesenheit beim Unterricht, von Preisen und kleinen
Kinderfesten, bringt schnell die liebe Schuljugend zu Ordnung, Flei und
Reinlichkeit, und da beim Verderb der Erwachsenen nur durch die Kinder
ein Heil fr die Zukunft zu erwarten ist, hat Werner das etwas groe
Opfer nicht gescheut, ganz allein die Kosten dieser Stelle zu tragen."

Aber den unglcklichsten der Kinder war durch all das doch nur zum Teil
geholfen: da gab es Verlassene und Waisen, denen selbst das rmlichste
Zuhause fehlte. Jenny entschlo sich, zunchst vier von ihnen in ihr
Haus zu nehmen und mit Hilfe einer dafr angestellten Pflegerin unter
ihren Augen erziehen zu lassen. Das erste Kind, das sie aufnahm und von
dem sie noch als alte Frau besonders gern zu erzhlen pflegte, war ein
wunderschnes kleines Mdchen, das sie im Straengraben neben der
schwerbetrunkenen Mutter liegend fand. Erstaunt ber den sorgfltig
gepflegten Krper des Kindes, erfuhr sie, da die Mutter es mit dem
Schnaps zu waschen pflege, ehe sie ihn trinke. Fnf Jahre blieb das
Mdchen in Jennys Obhut, dann entfhrte es die Mutter, nach weiteren
fnf Jahren fand man es eines Morgens sterbend vor der Tre, einen
elenden Sugling im Arme.

Die Beschftigung mit den Zglingen, deren Zahl schlielich auf sieben
anwuchs, fhrte im allgemeinen zu erfreulichen Resultaten. ber die
Anfnge des Stiftes schrieb sie: "Das kleine Mdchenstift ist auch ins
Leben getreten, und vier sehr nette Mdchen im Alter von 3-11 Jahren
werden unter meiner Aufsicht erzogen; da es die rmsten und
verwaistesten waren, fhlen sie sich sehr wohl ... Zu Weihnachten wurde
durch diesen Zuwachs der Familie die Freude sehr erhht, und ich kann
nicht sagen, wie rhrend mir die kleinen Wesen waren, die zum
erstenmal in ihrem Leben eine Weihnachtsfreude, diesen Glanzpunkt der
Kindheit, kennen lernten."

Was wre aber Jennys Leben, so reich und vielseitig sie auch seinen
Inhalt gestaltete, fr sie selbst gewesen, wenn ihrer Mtterlichkeit nur
fremde Kinder anvertraut worden wren. "Man sagt oft," schrieb sie
einmal, "da ein Weib, das fremde Kinder erzieht, aller Muttergefhle
theilhaftig wrde. Nur ein Mann oder eine Kinderlose kann das behaupten,
die von den Wundern des Mutterseins, den geheimnivollen Einflssen des
Blutes keine Ahnung haben. Alle Qualen der unglcklichen Ehe wiegen
federleicht gegenber der Seligkeit der Mutterschaft, alle krperlichen
Nthe und Schmerzen sind nichts als ein nothwendiger winziger Erdenrest,
der daran mahnt, da sie nicht reine Himmelswonne ist. Dabei ist das
Mutterherz ein besonders merkwrdiges Ding: neben der Gattenliebe findet
eine andere hnliche keinen Platz, ohne sie zu beeintrchtigen oder zu
verdrngen, das Mutterherz aber ist wie ein Diamant: bei jedem Kinde
wird eine neue Seite geschliffen und eine neue Flamme erzeugt, die der
frheren nicht schadet, sondern sie noch mehr verklrt." Als sie diesen
Brief -- ein Gratulationsschreiben an eine jung Vermhlte -- absandte,
war ihr zweites Kind, ein Tchterchen, das dem ltesten, einem Sohn,
nach kaum einem Jahre gefolgt war, gerade geboren worden, und die Kinder
bildeten ihr wachsendes Entzcken, den Mittelpunkt ihres Denkens und
Tuns. Welche mtterlichen Trume und Zukunftsgedanken umspielten jetzt
schon Ottos schwarzes Kpfchen und das goldig schimmernde der kleinen
Marianne!

Die Kinder sind unsere Unsterblichkeit -- wer vermag diesen Gedanken in
seiner ganzen Tiefe, in der ganzen Schwere der Verantwortung, den er
auferlegt, strker zu empfinden als eine Mutter, als eine solche Mutter,
bei der "Gefhle und Erfahrungen so unverlschbare Eindrcke
hinterlieen und eine sdliche Phantasie ins Ungemessene trug".

Nach ihren Briefen aus jener Zeit zu schlieen, berlie sie die Kinder
so wenig als mglich anderen. Gerade die unbewuten Eindrcke der ersten
Kindheit erschienen ihr als ausschlaggebend fr das ganze Leben. Das
sprach sie schon aus, als sie bei der Geburt des Grafen von Paris an die
Herzogin von Orleans schrieb: "O, gieb wohl Acht, aus welchen Zweigen du
die Wiege des Kindes flichtst, denn die Zweige wachsen zu Bumen empor
und beschatten das Menschenleben; umsonst umwindest du dann die Stmme
mit Krnzen, umsonst schmckst du die Wipfel mit Blumen, ein Windsto
des Schicksals verweht sie, und es zeigt sich wieder, ob eine
Traueresche oder eine immergrne Tanne darunter wuchs."

Keinerlei gesellige Ansprche entzogen sie ihren Mutterpflichten; bei
den weiten Entfernungen und schlechten Verbindungen war an nachbarlichen
Verkehr nicht zu denken, und das Leben war so ausgefllt, da er nicht
vermit wurde: "Ich lebe nach all meinen Einsamkeitstrumen und finde
sie in Wirklichkeit noch lieber," schrieb sie nach dreijhrigem
Aufenthalt in Garden und fgte hinzu, da sie sich nicht vorzustellen
vermchte, jemals in das stdtische Leben zurckkehren zu knnen. Nur
leise klang hie und da die Sehnsucht nach fernen Lieben durch. "Von
mir," heit es in einem Brief an Frau Froriep, "kann ich nur
Erfreuliches berichten: meine lieben Herzenskinder gedeihen an Geist und
Krper, und bermorgen ist Weihnachten!! -- Ottchen ist gro und
krftig, und seine Liebe und Zrtlichkeit beglckt mich unendlich ...
Wir sehen niemanden, und jeder Tag ist sich gleich -- gleich lieb und
angenehm, ich zeichne, stricke, schreibe, lese zuweilen, spiele abends
mit Werner Schach, oder wir lesen einander vor. Die Grundfarbe des
Lebens sind immer die zwei lieben Engelchen, und htte ich meine Mama
und meine Emma, dann mchte ich niemals sterben."

Das liebe Bild Weimars mochte aber doch immer lockender vor ihrer Seele
stehen, und das Verlangen, ihr Frauenglck, ihren Mutterstolz dort
strahlen zu lassen, wo alle Freuden und Leiden ihres Mdchenlebens sich
abgespielt hatten, war bald stark genug, um sie die beschwerliche Reise
im Wagen mit zwei kleinen Kindern nicht frchten zu lassen. Im Februar
1841 schrieb sie an eine ihrer Weimarer Freundinnen:

"Wie ich mich freue, Dich wieder zu sehen, Dir meine lieben, lieben
Kinderchen zu zeigen! Wie ich die Unerschpflichkeit ber dieses Thema
nun selbst be, kann Dir Emma sagen; jetzt, wo ich die se Hoffnung
habe, sie nach Hause zu bringen, sie dort lieben und hoffentlich
gefallen zu sehen, kann ich eher schweigen, obwohl mir Ottos Geschichten
bei weitem interessanter erscheinen als die Berechnungen ber den
Durchbruch der Weichsel und die Angelegenheiten vom Gleichgewichte
Europas! ... Jetzt habe auch ich die stille Ruhe eines befriedigten
Herzens und eines ausgebildeten und ausgefllten Lebens; mein Werner,
meine Kinder, mein Haus, meine Lebensweise, meine Gegenwart, meine
Aussicht fr die Zukunft, alles erfllt mich mit der gleichen
unausgesetzten Dankbarkeit gegen Gott, und die Opfer vieler
Lieblingsbeschftigungen erscheinen mir um so unbedeutender, da ich mit
regem Interesse Werners Thtigkeit, seinem so reichen und viel
umfassenden Berufe folge."

Alte und neue Freunde, unter diesen der Gatte ihrer Stiefschwester
Cecile, Graf Fritz Beust, machten ihren Weimarer Aufenthalt zu einem
sehr wohltuenden, und doch kehrte sie gern zurck in den Kreis ihrer
Wirksamkeit, zu ihrem Gatten, den sie mehr und mehr lieben lernte.
Manche Aussprche in ihren Briefen legen von dem ungetrbten Glck
ihrer ersten Ehejahre Zeugnis ab. So schrieb sie einmal, als Werner in
Geschften lngere Zeit abwesend gewesen war:

"Whrend meiner sechswchentlichen Strohwittwenschaft war ich sehr
einsam, und gegen das Ende dieser Zeit ergriff mich eine groe
Sehnsucht, dennoch habe ich mich durch stille Beschftigung und
namentlich durch die ununterbrochene Gegenwart meiner Kinderchen
erheitert -- als aber einmal mitten in der Nacht mein Werner neben
meinem Bette stand und leise meinen Namen rief, da wute ich mich doch
kaum eines schneren Moments in meinem Leben zu erinnern; seitdem kann
ich der Freude seiner Gegenwart gar nicht satt werden, und so einfrmig
und still unsere Tage aussehen, so sind sie doch lebendig durch unser
Glck und unsere Liebe."

Und in einem anderen Briefe heit es: "... ich bin schon einigemale mit
den Kindern und deren Kameraden zu dem unschuldigen Fest der
Schlsselblumenlese auf einer runden allerliebsten Wiese mitten in einem
herrlichen Buchenwald gewesen -- wenn ich da mit einem Buche sitze und
die kleine jubelnde Gesellschaft um mich herum spielt, scheint es mir,
als gbe es gar keine anderen Feste in der Welt, und komme ich dann nach
Hause und gehe mit meinem Werner herum, so scheint mir dies wieder wie
ein beneidenswertes Fest -- kurz, ich bin eine glckliche Frau ..."

Wie wenig die Auenwelt sie lockte, mit der sie nur durch den
Briefwechsel mit ihren Freunden verbunden war, wie sicher sie sich
glaubte in ihrem stillen Frieden vor allen Zweifeln, aller Zerrissenheit
des Innern, unter der sie einstmals litt, geht aus folgenden Zeilen
hervor: "Die liebe Prinze Augusta hat meiner Ignoranz in der neuesten
schnen Litteratur etwas nachgeholfen und mir die Reisebilder der Hahn
und einige andere Bcher geschickt; ich habe sie mit groem Interesse
gelesen, mich dabei mit einigem Grausen an die Atmosphre von Ottiliens
Salon und leider recht viel an ihr armes zerrissenes Gemt erinnert, --
ich bin mit einigen Kopfwunden und einigen radikal verwachsenen Narben
durch den Strom geschwommen, der die arme Ottilie umbrauste und dem sie
sich hingab und hingiebt wie die verrckte Hahn, -- jetzt wo ich am
friedlichen Ufer stehe, wo der Strom nicht einmal mit seinem Schaum
hinkommt, erscheinen mir die Seelen doppelt unselig, die sich hin- und
herschleudern lassen, anstatt einen khnen Sprung zu tun und ans Land zu
kommen."

Demselben Gedankengang folgte sie, als ihr junger Freund, der
Erbgroherzog Karl Alexander, sich verlobt hatte und sie ihm schrieb:
"Am ruhigen Ufer angelangt zu sein, wie ich, sich selbst freudig in dem
geliebten Anderen und dann in den Anderen aufgehen zu sehen, wie ich,
von dieser sicheren Sttte aus nach auen im Groen zu wirken, wie ich
es nur im Kleinen vermag -- darin vereinigen sich meine hchsten und
besten Wnsche." Auf ihren Brief erhielt sie folgende Antwort, die der
erste Anfang zu dauernder brieflicher Verbindung sein sollte:


Weimar, den 1. Mrz 1842.

"Meine liebe gute Frau von Gustedt!

"Sie werden vielleicht erstaunt sein, einen Brief von dieser Hand zu
erhalten, die es wagt, in einem Tone zu schreiben, der auf alte
freundschaftliche Beziehungen schlieen lt, aber wenn ich Ihnen sage,
da die Person, die Ihnen schreibt, von allen Ihren Freunden der Treuste
und Ihnen am aufrichtigsten zugetan ist, und dessen dauernde
Freundschaft fr Sie aus seiner Kindheit stammt, werden Sie leicht
erraten, welche Hand sich heute zum ersten Mal die Freiheit nimmt, Ihnen
zu schreiben. Es ist ein alter Wunsch von mir, Ihnen einmal brieflich zu
wiederholen, da weder Zeit noch Entfernung jemals aus meinem Herzen die
Erinnerung und meine tiefe Anhnglichkeit an Sie auslschen knnen, aber
die Furcht, indiskret zu erscheinen, hat mich zurckgehalten, heute
aber, wo ich an einem der wichtigsten Abschnitte meines Lebens
angekommen bin, habe ich das Bedrfnis, meine Gefhle dem Herzen einer
Freundin anzuvertrauen und htte ich da, sagen Sie es selbst, gndige
Frau, schweigen und mich nicht an Sie wenden sollen? Arbeiten aller Art,
zwingende Briefe haben mich verhindert, den Wunsch, den ich hatte, Sie
zu sprechen, zu verwirklichen, denn es giebt Dinge, die zu wichtig und
zu zart sind, um besprochen zu werden, wenn nicht Krper und Geist in
Ruhe sind. Ich wei bereits, welche Teilnahme Sie fr meinen letzten
wichtigen Entschlu empfunden haben, es war auch kaum ntig, es noch zu
versichern, denn ich wute im Voraus, da Sie mir bei dieser Gelegenheit
Ihre Glckwnsche nicht verweigern wrden, die mir so notwendig sind und
denen ich einen so hohen Wert beimesse. Dafr mchte ich Ihnen jetzt
meinen aufrichtigen Dank aussprechen, nehmen Sie ihn an mit der
Versicherung, da er aus dem Grunde eines Herzens kommt, das Ihnen ganz
ergeben ist. Ich wage die Bitte hinzuzufgen: geben Sie mir Ihren Segen
als Freundin, er wird mir Glck bringen, er wird mir die Kraft geben,
Sie nachzuahmen in der Erfllung Ihrer Pflichten und in der geistigen
Entwicklung, die Sie zu so schnen Erfolgen gefhrt hat und die alle
Menschen ergreift, die das Glck haben, sich Ihnen zu nhern. Sie mssen
von nun an auch meiner Braut ein wenig Freundschaft entgegen bringen,
denn ich liebe sie aufrichtig, und sie verdient Ihre Achtung. Ich darf
wohl sagen, da sie alle Eigenschaften hat, die hoffen lassen, da wir
gut miteinander leben werden, ihr sanfter Charakter, ihre immer frohe
und gleiche Laune, ihr gebildeter Verstand und die Zuneigung, die sie
mir entgegenbringt, berechtigen mich, wie ich glaube, zu dieser
Hoffnung. Ich wage sogar zu hoffen, da sie dereinst den beschwerlichen,
aber segensreichen Weg wandeln wird, den auch meine Urgromutter, meine
Gromutter und meine Mutter gegangen sind und noch mit solchen Erfolgen
gehen; und das ist nicht der geringste Vorteil, den sowohl das Land wie
auch meine Familie aus dieser geplanten Vereinigung ziehen werden ...

"Meine 23 Jahre und ihre 17 sind allerdings kein hohes Alter, aber das
Sprichwort sagt: 'wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch die Kraft',
das lt mich hoffen, da unsere Jugend kein Unglck ist, um so mehr als
sich dieser Fehler ja mit jedem Tage verringert. Ich wnsche herzlich,
Sie bald mit meiner Braut bekannt machen zu knnen, und hoffe, da wenn
ich erst verheiratet bin, Sie sich mit eigenen Augen davon berzeugen
werden, wie es in meinem kleinen Haushalt zugeht. Der Gedanke, da ich
von meinem Haushalt spreche, kommt mir so seltsam vor, da ich zu
trumen glaube. -- Aber dieser Brief wird ein Buch, und ich mu
gestehen, da ich verga, da ich Ihre Gte und Ihre Geduld mibrauche,
wenn ich in einem fort von mir spreche. Gestatten Sie mir noch, Sie zu
bitten, Ihrem Gatten meine Empfehlung zu vermitteln, und bewahren Sie
Ihre Gte und Freundschaft dem, der fr das Leben bleibt

Ihr ergebener Freund

Carl Alexander."


Es gehrt zu jenen freundlichen Mrchen, an die die Menschen so gerne
glauben, solange ihr Herz noch jung ist, da Freundschaft und Liebe dem
Dache gleicht, das vor den Unbilden des Wetters Schutz bietet, oder dem
l, das die heranbrausenden Wogen des Schicksals besnftigt. Wre es
Wahrheit, wie gesichert vor allem Bsen htte Jennys Leben verflieen
mssen! Aber das Unglck kennt keine Hindernisse, wenn es sein Opfer
erreichen will, und um so grer und vernichtender ist es, je reicher
und tiefer die Seele ist, die es trifft. Ein Pfeil, der an der Haut des
Elefanten abprallt, durchbohrt die Taube; ein Schrotkorn, das im Fell
des Bren stecken bleibt, ttet die Nachtigall.

Vielerlei Erlebnisse, die fr robuste Naturen ohne tieferen Eindruck
vorbergegangen wren -- Undankbarkeit und Untreue bei denen, die mit
Wohltaten berschttet wurden, Fehlschlagen der liebevollsten
Erziehungsmethoden -- wirkten beinahe verdsternd auf Jennys Gemt.
Schlechte Ernten, getuschte Hoffnungen auf Verbesserungen im Kreis und
in der Provinz berwand sie nicht, wie glcklichere Naturen, durch neue
Hoffnungen, sie steigerten vielmehr ihre Sorgen. Kamen trbe Nachrichten
von Freunden und Verwandten, so berwand sie sie schwer. Als Wilhelmine
Froriep ihr vom Tode ihres Kindchens Mitteilung machte, schrieb sie ihr:
"Wie mein hchstes Glck in meinen beiden Kindern liegt, so ist dies
auch gleich die wunde Stelle, an der mein Mitgefhl fr andere Mtter
fast physisch schmerzhaft ist -- in jeder Fingerspitze fhle ich
krperlich, was im Herzen vorgeht ..." Waren die eigenen Kinder krank,
so pflegte sie sie bis zur Erschpfung, aber sie litt weit mehr unter
der Angst, als unter dem Versagen der Krperkrfte. Die lang andauernde,
schmerzhafte Krankheit ihrer zrtlich geliebten Mutter, der sie fern
bleiben mute, weil sie sich zwischen ihr und den Kindern nicht zu
teilen vermochte, erfllte sie mit dauernder Angst. Die Geburt ihres
dritten Kindes, eines Mdchens, das auf ihren Namen getauft wurde,
vermochte sie darum nicht mit derselben Wonne zu begren, die sie sonst
empfunden hatte -- ein Umstand, der sie Zeit ihres Lebens diesem Kinde,
meiner Mutter, gegenber etwas wie Schuldbewutsein empfinden lie. Ein
halbes Jahr nachher, im Dezember 1844, rief der besorgniserregende
Zustand der Mutter sie nach Weimar. "Wenn man nicht mehr fr die Seinen
leben kann, warum dann berhaupt noch leben?" hatte sie in einem ihrer
letzten Briefe geschrieben, "ich kann ihnen nichts mehr sein, kann ihre
Zrtlichkeit nur mit einem Blick der Verzweiflung beantworten. O gtiger
Gott, erhre mich, la mich heimkehren zu Dir! Von dort aus werde ich
meine Kinder segnen, werde ihnen danken fr alles Glck, das mir
geworden ist durch sie! Alle Seligkeit des Lebens verdanke ich ihnen,
und die Worte, die ich so gern wiederhole: Ich bin eine glckliche
Mutter, sollen auch meine letzten sein und mir den Abschied verschnen!"
Jenny traf sie nicht mehr am Leben. Sie gab ihr noch das letzte Geleit,
dann kehrte sie heim, um vieles gealtert, wie jeder, an dessen Lebensweg
der erste Grabstein sich aufrichtet. Lange vermochte sie sich nicht zu
erholen. "Meine Nchte," so schrieb sie, "sind durch schreckliche Trume
des vergangenen Jammers, der durch die Lebhaftigkeit derselben immer
wieder zur Wirklichkeit wird, sehr peinlich; dann erwache ich in
Angstschwei gebadet mit Herzklopfen und mit einer demnach wieder neuen
Tuschung, weil ich zwar die trostlose berzeugung des nahen Todes
meiner geliebten Mutter trume, in der Regel aber nicht, da er wirklich
erfolgt sei -- daher mir die Gewiheit beim Erwachen einen neuen Schreck
giebt. Am Tage erhole ich mich durch die Stille, den freundlichen
Sonnenschein, der zu jeder Stunde meine behaglichen Zimmer erhellt,
durch die geistige Ruhe, die unschuldige Frhlichkeit meiner drei lieben
Kinder und die Liebe meines Mannes. Es ist mir sehr wohlthuend, da mir
niemand von meinem Schmerze spricht, und mich wieder niemand strt, wenn
ich davon sprechen oder daran denken will. So vergehen leise und sanft
meine Tage in einer stillen Trauer, die mir so mit meiner Seele verwebt
zu sein scheint, da ich nicht wei, wie sie je aufhren kann, oder wie
sich neben sie die Fhigkeit, eine frohe Botschaft, eine recht volle
Lebensfreudigkeit zu empfinden, stellen wird. Ich beschftige mich auch
so leise hin und fhle mich nicht allein nicht geistig gelhmt, sondern
sogar durch den Gedanken an meiner Mutter Liebe und Segen zur Ttigkeit,
die sie billigte, angeregt."

Die lndliche Ruhe empfand sie jetzt doppelt wohlttig. Den Schmerz
durch Zerstreuung zu betuben, jenes Rezept schlechter Seelenrzte, die
nicht wissen, da er die Heilkraft in sich selbst trgt, wies sie weit
von sich: "Der Schmerz soll sein, wie der Schnitt an der wilden Rose,
der ihrer Veredelung durch ein neues Reis vorangeht," schrieb sie, und
auf einen teilnehmenden Freundesbrief antwortete sie: "Meine Plne
konzentriren sich alle auf Garden; meine letzte Reise hat einen tiefen
Eindruck nicht allein auf mein Herz, aber auch auf meine Phantasie
gemacht, erst jetzt kommen Nchte vor, wo ich sie nicht im Traume wieder
durchlebe, und das Wort 'reisen' hat einen schmerzlichen Klang fr mich
... Ich lebe ganz klsterlich, still, ernst, beschftigt und ergeben,
obgleich wehmthig bis im Innersten der Seele, meine Kinder sind mein
Glck, sie gedeihen in dem gesegneten Landleben, wo ich alles auf sie
einrichten kann, auch der strenge Winter ist ihnen nicht entgegen, da
sie tglich, und Otto oft den ganzen Tag, drauen sind; jetzt fahren sie
im Schlitten spazieren, und mein Jennchen hlt mit ihren zwei
dunkelroten dicken Bckchen auf dem weien Kopfkissen ihren
Mittagsschlaf."

Whrend sie mit ihrem Besitztum sich immer mehr verwachsen fhlte, je
mehr Liebe und Arbeit darauf verwandt worden waren, und jede
Ausgestaltung des Hauses, jede Gartenanlage es ihr mehr und mehr zur
Heimat machte, in der sie und ihre Kinder Wurzel faten, erschien dem
Gatten das Feld seiner Ttigkeit immer enger. Der Wunsch, ins Weite zu
wirken, beherrschte ihn immer lebhafter. Jenny beobachtete diese
Entwicklung mit stillem Kummer. Sie hoffte, er wrde als Landrat
Befriedigung finden, und untersttzte daher seine Bestrebungen nach
dieser Richtung. "Ich wnschte sehr fr Werner," schrieb sie, "da er
Landrath wird, da mein viel sehnlicherer Wunsch, da er sein Leben mit
dem in jeder Hinsicht angestrengten Eifer ausfllen mchte, sein Gut
materiell und moralisch zur hchst mglichen Vollkommenheit zu bringen,
nicht erfllt wird, und sein Interesse gemeinntziger ist und in
weiterem Kreis sich bewegt, so wrde er als Landrath auf andere Weise
meine Lebensidee erfllen, denn seine Plne fr Chausseen, gute Wege,
Sparkassen, Krankenhuser, Turnanstalten, konomische Landverbesserungen,
sind nicht allein dem Plan, aber auch den Vorarbeiten nach, reif, und
ich zweifle nicht an seiner Energie zu ihrer Ausfhrung."

Fr sie selbst gewann der Plan an Reiz, da seine Ausfhrung sie nicht
von Garden fortzufhren schien und sich ihr dabei die Mglichkeit bot,
fr ihre sozialen Bestrebungen einen breiteren Boden zu finden. Ihre
Briefe aus dem Anfang des Jahres 1845 lassen berhaupt einen zuweilen
bis zum krampfhaften gesteigerten Ttigkeitsdrang erkennen. Die
verschiedensten Plne durchkreuzten ihr Hirn, und fr die, die der
ffentlichen Wohlfahrt dienten, suchte sie ihre frstlichen Freunde vor
allem zu interessieren. Schaffung von Rettungshusern fr uneheliche
Kinder, Suppenanstalten fr Arme, Heime fr die schulpflichtige
Arbeiterjugend schlug sie ihnen im Detail vor. Sie bekam damals
dieselben Antworten, die heute die Regierungen zu geben pflegen, wenn
sie zur Abhilfe dringender Notstnde aufgefordert werden: man wolle die
Frage untersuchen lassen. "Als ob es der Untersuchung noch bedrfte,"
schrieb sie, "wo im 19. Jahrhundert in Preuen Menschen verhungern und
erfrieren und Kinder aus Mangel an Nahrung und Pflege elendiglich zu
Grunde gehen!" In einem lngeren Brief des Erbgroherzogs von
Sachsen-Weimar -- einem der sehr wenigen, die erhalten blieben -- findet
sich eine Bemerkung, die auch auf eine solche Anregung ihrerseits
schlieen lt, aber auch die weiche Liebenswrdigkeit des jungen
Frsten, die damals schon fr energische Tatkraft nicht viel Raum lie,
so da jenes "Weh dem, da du ein Enkel bist!" auch auf ihn Anwendung
finden mochte, tritt gerade in diesem Schreiben besonders deutlich
hervor:


Weimar, den 12. Mrz 1845.

"Was Sie von mir denken, kann ich, verehrte und geliebte Freundin, weder
rathen noch wissen; was mich angeht, so wei ich nur, da ich diesen
Brief mit einem Gefhl wirklicher Beschmung beginne. Auf Ihre
liebenswrdigen und freundschaftlichen Worte durch ein Schweigen von
mehreren Wochen zu antworten, -- nicht danken, wo soviel Gte es zur
heiligen Pflicht macht, das ist ein Verhalten, das den schrfsten Tadel
verdiente, wenn das Gewissen des Angeklagten ihn nicht berechtigte,
seinen Richter um Milde zu bitten. Es giebt Briefe und Briefe, wie es
Freunde und Freunde giebt.

"Sie selbst bezeichneten eines Tages die verschiedenen Arten und teilten
sie ein in Freunde, die wir lieben, solche, die wir nicht lieben, und
solche, die wir nicht leiden knnen. Es besteht eine groe hnlichkeit
zwischen den verschiedenen Arten von Freunden und den verschiedenen
Arten von Briefen; es giebt welche, die man aus Pflichtgefhl schreibt,
solche, die man aus Rcksicht schreibt, und es giebt endlich Briefe, die
man aus innerem Drang, aus Freundschaft, aus Begeisterung schreibt. Ich
brauche Ihnen, glaube ich, nicht zu sagen, da die Briefe, die Sie mir
an Sie zu richten gestatten, zu dieser letzten Klasse gehren, und
gerade weil sie dazu gehren, knnen sie nicht zu jeder beliebigen Zeit
geschrieben werden, wie man auch nicht jeden Augenblick eine gute
Unterhaltung fhren kann. Deshalb schien es mir, als ob die im Tumult
des Karnevals verbrachten und durch eine Familienversammlung
unterbrochenen Wochen kaum die geeignete Ruhe boten, um mit Ihnen zu
sprechen.

"Lassen Sie mich nun von einer Verpflichtung zu einer anderen bergehen
und Ihnen im Geiste die Hand kssen fr den lieben, freundlichen und
zarten Brief, durch den Sie mich geehrt haben und der mich so erfreut
hat. Ich will ihn im einzelnen beantworten und ich kann nicht besser
beginnen, als indem ich von Ihrer Gesundheit spreche, die, wie ich
hoffe, zur Stunde wieder vollkommen hergestellt ist. Die Eindrcke, die
Sie im letzten Winter gehabt haben, waren zu tief, zu schmerzlich, um
nicht Ihre Gesundheit zu erschttern, aber ich habe eine zu hohe Meinung
von Ihrem Willen, von Ihrem Eifer fr das Gute, von Ihrer Thtigkeit und
endlich von Ihrer Religion, um nicht berzeugt zu sein, da Sie schon
seit langem Ihre Ruhe und Ihre Gesundheit wiedererlangt haben. Gott
behte mich davor, Ihren Schmerz nicht achten zu wollen, er ist viel zu
heilig, um nicht Gegenstand allgemeiner und aufrichtiger Theilnahme zu
sein; aber es bleibt ewig wahr, da eine regelmige Beschftigung
heilenden Balsam in solche Wunden giet. Darum sehe ich Sie muthig den
Weg weiter verfolgen, der Ihnen, seit Sie uns verlassen haben, den Segen
Ihrer Untergebenen eingetragen hat, ebenso wie die, fr die Sie hier
sorgten, Sie segneten und noch segnen. Der Plan, den Sie mir vorlegen,
oder vielmehr der Vorschlag, den Sie mir machen, mich fr eine Anstalt
zu interessieren, deren Zweck sein soll, fr die Kinder von Ammen und
unverheiratheten Mttern zu sorgen, ist ein neuer Beweis dafr. Ich
beeile mich, alle erforderlichen Informationen einzuziehen und in Kurzem
werde ich die Ehre haben, Ihnen davon zu berichten. Auf jeden Fall bin
ich von dem wahrhaft christlichen Gefhl berzeugt, das Ihnen diesen
edlen Plan eingegeben hat, auch von dem Schmerz, den Sie empfinden, wenn
Sie an das Unrecht denken, mit dem so viele Menschen in dieser Beziehung
ihr Gewissen belasten. Es geht ja mit diesem Unrecht wie mit so vielem
anderen, das man begeht, ohne daran zu denken, ich kann sagen:
glcklicherweise, ohne es zu vermuthen. Wenn man sich immer beobachten
wrde, wenn man immer Acht gbe, wrde man in seinen eigenen Augen ganz
anders erscheinen, als man sich zu sehen gewohnt ist.

"Ich wei nicht, ob Ihr Gemahl, dem ich mich zu empfehlen bitte,
Landrath geworden ist oder nicht; es wre mir lieb, wenn Sie mir das
mittheilen wrden. Ich wnschte es ihm aufrichtig, und wenn die
Verwirklichung von mir abhinge, htte ich mich nicht auf bloe Wnsche
beschrnkt. Wie gern she ich Sie in der richtigen Sphre fr Ihre
Thatkraft und Leistungsfhigkeit. Doppelt gern, weil Sie, auf einen
sozusagen unkultivierten Boden gestellt, alles selbst erst schaffen
muten; eine ganz von Ihnen geschaffene Welt, meine liebe Jenny, mu
sehr schn sein, beinahe ein Paradies, denn ber dem Schnen, das Sie
immer schaffen, werden Sie stets das Gute herrschen lassen! -- Damit
wre Ihr Brief annhernd beantwortet, ich sage annhernd, weil im Grunde
nur das Leben allein die rechte Antwort geben kann auf die Worte, die
sich an alle fhlenden, empfindenden und handelnden Fasern meines Wesens
zu richten scheinen. Ich bitte Sie demnach, von meinem Leben die Antwort
auf Ihr Interesse, Ihre Freundschaft und Ihre Theilnahme zu erwarten. --
Ich kann die Feder nicht fortlegen, ohne Ihnen noch ein wenig von hier
zu erzhlen. Ihr Vater und Ihre Schwester befinden sich wohl; Cecile
geht seit einigen Tagen wieder aus und scheint sich gut von ihrer
Entbindung erholt zu haben. Der Kleine wurde in Gegenwart von Mama und
uns allen getauft, was mich tief gerhrt hat, denn Beust gehrt so sehr
zu meiner eigenen Familie, er bildet so sehr einen Theil meiner selbst,
da es mir vorkommt, als ob alles, was ihm begegnet, Gutes und Bses,
mir selbst geschhe. Ich sehe hufig Frulein von Froriep, deren
liebenswrdigen Charakter ich mehr und mehr bewundere, ohne von den
anderen Eigenschaften zu sprechen, die sie auszeichnen. Sie erinnert
mich oft an Sie, und ich glaube deshalb um so mehr, da das, was sie so
liebenswrdig, so gleichmig gut und interessant macht, eine Gabe ist,
die sie von Ihnen hat. Denn das ist eine wirkliche Wohlthat der
Freundschaft, eine ihrer Segnungen, da sie die guten Eigenschaften
eines Freundes auf den andern bertrgt. Es scheint mir eine der
schnsten Erinnerungen zu sein, die man an jemanden haben kann, sich zu
sagen, da diese oder jene gute Eigenschaft, die ich besonders liebe,
von diesem oder jenem Freunde stammt. -- Vor einigen Tagen kam Frau von
Goethe an, die sich wegen Familienangelegenheiten herbegeben hatte. Es
schmerzte mich, sie zu sehen; ich kann sie nur einem entwurzelten Stamm
vergleichen, der auf dem Wasser schwimmt, so ohne Ziel, ohne feste
Absichten, ohne Plan, ohne Zukunft ist sie. Durch ihre manchmal etwas
barocke Eigenart brach zuweilen ihr mtterliches Gefhl durch, und dann
sagte sie mit Thrnen in den Augen von Alma: 'unser aller Frhling ist
hin.'

"Ich sah auch Walther, der bald nach seiner Mutter kam; er sieht so
schwchlich und gedrckt und lebensuntauglich aus, -- verzeihen Sie den
Ausdruck, -- da es einen schmerzt, wenn man ihn sieht. Man kann sagen,
da ein groer Name, wenn er nicht Ruhm und Auszeichnung bedeutet, zur
Last wird. Unter den Freunden, die wir im Laufe des Winters hier sahen,
befand sich auch ein gewisser Herr von Schober, ein Mann von Geist und
Talent, dessen schne Gedichte ihm in Deutschland einen Namen gemacht
haben. Ich erfreute mich des Verkehrs mit ihm ... Eine Reise nach
Holland, die ich jetzt whrend dieses Januarwetters unternehmen mu,
kommt mir recht ungelegen. Es ist die Zeit, in der ich mich am liebsten
vollkommen in meine Studien vergraben und von nichts stren lassen
mchte. Vermuthlich theilen Sie meinen Geschmack, darum verzeihen Sie,
da ich Ihre Zeit so ungebhrlich lange in Anspruch genommen habe. Mit
vielen Empfehlungen von meiner Frau und den herzlichsten Gren von mir

Ihr treuster Freund

Carl Alexander."

       *       *       *       *       *

Als im Herbst 1845 dem Gardener Ehepaar ein Tchterchen geboren wurde,
das den Namen der toten Gromutter erhielt, sah Jenny ihre Ttigkeit
nach auen fr eine Zeitlang unterbrochen und auf die Kinderstube
beschrnkt. Ihrer vergessenen Knste erinnerte sie sich nun wieder und
zauberte in zarten Aquarellfarben die reizenden Kpfe ihrer vier Kinder
aufs Papier. Otto, einen schlanken, feinen Jungen mit dem klassischen
Profil der Bonapartes, "der," wie sie schrieb, "fr mein Mutterauge das
vollkommenste Idealchen ist," malte sie am liebsten keck auf seinem Pony
sitzend; Mariannen, mit den groen Mrchenaugen, gab sie blasse Rosen in
die Hand; whrend Jenny, "der kleine blondgelockte Engel, bei dessen
Anblick mir Thrnen der Liebe und Dankbarkeit in die Augen steigen,"
mit ernstem Gesichtchen auf der Gartenfubank Sandkuchen backt oder das
kleine Dianchen, den Liebling aller, auf dem Schoe hlt. Die zwei
lteren Kinder gingen schon in die Dorfschule -- eine Manahme, die
Freunde und Verwandte entsetzte -- whrend daheim eine junge
Schweizerin, die Jenny aus der einfachen Bonne ihrer Kinder allmhlich
zur lieben Freundin wurde, sie im Franzsischen unterrichtete. In
Religion und Geschichte unterrichtete Jenny selbst und nach einer
Methode, die damals noch eine ganz neue war: mit der Geschichte der
engsten Heimat begann sie. Beim eigenen Vorstudium hatte sie sich dabei
fr die Geschichte der preuischen Ordensritter so begeistert, da sie
einzelne Gestalten daraus, wie z. B. die Winrichs von Kniprode, zum
Vorbild aller Rittertugenden erwhlte. Als noch grerer Held jedoch
erschien ihr der groe Friedrich, dessen Lebensgeschichte sie in
schlichten Reimen zusammenfate, um sie den Kindern recht genau
einzuprgen. Auch die Enkel lernten sie, als sie noch nicht lesen
konnten, und keine historische Persnlichkeit ist mir infolgedessen so
lebendig geblieben wie der "alte Fritz".

Noch mehr als ihr historischer wich ihr religiser Unterricht vom
Gewohnten ab. Die Kinder lernten weder Bibelsprche noch
Gesangbuchverse, von der biblischen Geschichte erfuhren sie wie von
schnen Mrchen, an die zu glauben, im Sinne des Frwahrhaltens, sie nie
gezwungen wurden. Nur ein Gesetz gab es fr sie als das unbedingte, dem
zu folgen Tugend sei und selig mache, das zu verletzen, den Weg zu
moralischem Zusammenbruch, zu Unglck und Elend betreten heie: Du
sollst deinen Nchsten lieben als dich selbst. Wie Jenny ihren Kindern
dies Gesetz verstndlich zu machen suchte, wie sie ihnen an Beispielen
aus dem tglichen Leben die Folgen des Gehorsams und des Ungehorsams ihm
gegenber auseinandersetzte, das hat sie in einem kleinen Bchlein
zusammengefat, dessen vergilbte Seiten mich wehmtig anschauen, und
hinter denen die Kpfe all der Kinder, die daraus lernten, aufzutauchen
scheinen. Auf dem weien Marmorkreuz aber, das auf ihrem Schreibtisch
stand, leuchten noch immer in goldenen Lettern die Worte: Die Liebe
hret nimmer auf.

Im Herbst 1846 traf Jenny der schwerste Schlag: die kleine Diana starb
-- die groe Diana zog sie nach ins Grab! Was Jenny empfand, kann ihr
niemand nachempfinden als eine Mutter, und zum ersten Male fhlte sie
sich, trotz der liebevollen Nhe des Gatten, allein mit ihrem Schmerz.
Niemand begriff, da der Tod eines so kleinen Kindes einen
unausfllbaren Lebensabgrund aufreien kann; niemand konnte verstehen,
da fr eine Mutter das Kind ein Teil ihrer Selbst ist, und sie immer
verstmmelt bleibt, wenn es ihr entrissen wird -- wie sie denn
eigentlich nur vollkommen wird durch ihre Kinder.

Wilhelmine Froriep gegenber, die eine Mutter war wie sie, sprach sie
sich aus: "Seitdem ich den tiefen unauslschlichen Schmerz empfunden
habe, den Dein Mutterherz doppelt gekannt hat, habe ich unzhlige Male
mit dem Gedanken in Deiner milden wohltuenden Nhe verweilt, mein
liebes, liebes Minele, und sehnte mich, in Deinen Augen das volle
Mitgefhl zu lesen, das nur Mtter empfinden knnen, namentlich bei dem
Tode eines so jungen Kindes; -- aber Du weit, ich war fast den ganzen
Winter so krank, da ich, statt meine Einsamkeit zu nutzen, sie als eine
groe Brde fhlte; -- meine drei mir gebliebenen Kinderchen hatte ich
sehr viel um mich, aber ich war zu schwach, um dies so recht freudig und
dankbar zu empfinden, und htte mein Krper das Wort fhren drfen, so
htte er sich sogar sehr darber beklagt. Im Seebad fhlte ich mich
wohl, die Luft war so herrlich, und das Meer scheint so ganz ohne
Abschnitt mit der Ewigkeit zusammenzuhngen, da die Seele ruhiger wird;
doch meiner Rckkehr nach Garden folgte eine unbeschreiblich trbe Zeit.
Wenn die Leiden der Phantasie sich zu denen des Herzens gesellen, werden
beide unendlich vermehrt, und ist dann der Krper nicht stark genug, um
den Willen zu untersttzen, kann die Thtigkeit nicht den Damm der
Gedanken bilden, so wird das Leben recht schwer, ich kmpfe noch
fortwhrend mit dem traurigen Einflu, den die alte Umgebung ohne das
heigeliebte Kind auf mich bt, und noch sehne ich mich stndlich von
hier weg; da dies Gefhl sich aber mildert, meine Gesundheit sich
strkt, und meine Thatkraft zunimmt, so fasse ich Geduld mit mir, und wo
Vernunft und Ergebung nicht ausreichen, hoffe ich auf die Zeit."

Der alte Freund -- Arbeit -- der ihr noch immer geholfen hatte, sollte
auch jetzt wieder helfen. "Ich lebe nur meinen Kindern, die mir viel
Freude machen, ohne da freilich die Schatten fehlen," schrieb sie. "Oft
sitze ich auch auf alte deutsche Art mit meinem Mdchen in der
Jungfernstube, weil meine Lampe und mein Buch ihnen vortheilhaft sind,
und mich der fleiige Kreis erfreut ... Wre meine Seele ohne Sehnsucht
nach Mutter und Kind, und htte ich eine Freundin, der ich mich so recht
innig mittheilen knnte, so wre diese Existenz ganz nach meinem
Geschmacke."

Bald jedoch sollte sich zeigen, da das tiefe Leid eine groe seelische
Umwlzung in ihr hervorgerufen hatte: Garden, die traute Heimat ihrer
Kinder, wo ihr die Wlder so freundlich gerauscht, die Seen ihr
lachendes blaues Auge vor ihr aufgeschlagen hatten, erschien ihr nur
noch wie das Grab des einen Kindes, und ihr Geist und ihr Herz, die
verlernt hatten, ein eigenes Leben zu leben und darum so qualvoll
litten, wenn ein Teil ihres Lebens, das Kind, ihnen genommen wurde,
sehnten sich hinaus, zurck nach der Heimat ihrer Jugend. In einem ihrer
Briefe aus jener Zeit heit es:

"Da meine Wnsche sich nach Weimar richten, kann ich nicht leugnen und
zeigt sich auch jetzt keine, auch gar keine Aussicht, uns dorthin zu
verpflanzen, so mag man sich doch gern bereit halten, glckliche
Zuflligkeiten und Schickungen zu ergreifen. -- Den Winter dort
zuzubringen, hat immer groe Schwierigkeiten: den Kindern ist der
hiesige gleichmige Winter zutrglicher, Otto hat Schlitten, Pferd und
alles Zubehr eigen, und fhrt nach Belieben, bis es 10 Grad Klte
bersteigt, dann ist die Freude kurz und er bleibt auch gern zu Hause.
Das Kleinste, wenn es Gott giebt und erhlt, macht schon nchsten Winter
die Reise, wenn nicht unmglich, doch ganz unwahrscheinlich. Der
gnstige Einflu unseres Schullehrers auf Mariannchen wird schwerlich
ersetzt werden, eine franzsische Bonne steht mir seit Ostern in diesem
Zweige der Erziehung bei, und fr Jennchen sind die groen ganz
durchwrmten und zugfreien Rume und die Spiele mit den kleinsten meiner
Stiftskinder auch schwer zu ersetzen. Werner hat sein Gut und seine
Provinzialinteressen, auch angenehme Mnner zum Umgang und meistens eine
Reise, die den Winter durchschneidet, und seine Laune ist so
gleichmig, und sein Ausdruck so zufrieden, da er keinen hinreichenden
Grund zu einem andern Winteraufenthalte bietet. Nun bleibe ich, die sich
wohl oft die Abende in Weimar vormalt, wo alles Lebenslustige bei Ball
und Theater und ich mit Emma, Dir, Luise, meiner lieben Cecile zusammen
wre, oder der Familienkreis, der jetzt so gemthlich geworden ist, mit
Karls und Beusts und Papa -- aber ich bin eins gegen 5, und da auerdem
das Beste meines Selbstes in den 5 steckt, ist das, was davon brig
bleibt, nicht lebensfrisch genug, um egoistisch zu sein."

Viele ihrer Freunde teilten ihren Wunsch und suchten ihn dadurch zu
verwirklichen, da sie an berufener Stelle Schritte taten, um Werner
Gustedt den Weg in den weimarischen Staatsdienst zu erffnen, der auch
ihm als angenehme Aussicht erschien. Jenny zweifelte von vornherein an
dieser Mglichkeit, ihr Mann war zu sehr Preue, zu wenig Hofmann, um
willkommen zu sein. Sie wute auerdem, da auch von seiten des
Stiefvaters, der mit ihrem Mann nicht gut stand, nur Opposition zu
erwarten war, da auch der Erbgroherzog, so sehr er ihr nahestand, fr
ihn keine Sympathie besa, und zwar um so weniger, je mehr seine
Schwester, die Prinzessin von Preuen, fr ihn eintrat. Aber trotz
dieser Erwgungen der Vernunft, berlie Jenny sich eine Zeitlang nur zu
gern ihrer Phantasie, die ihr ein Leben in Weimar in den schnsten
Farben malte. Selbst wenn der Aufenthalt dort kein dauernder wrde sein
knnen, so htte sie ihn doch der drckenden Einsamkeit Gardens
vorgezogen; "nach ein paar Jahren," so schrieb sie, "knnten wir im
schlimmsten Fall wieder werden, was wir jetzt sind, nur in der Nhe
einer groen Stadt, unserer Verwandten und im Mittelpunkt des
Fortschritts und eines regen geistigen Lebens."

Wie anders klingen diese Worte der Sehnsucht, als ihre
Einsamkeitsschwrmerei der dreiiger Jahre! So fern ab sie den
Weltereignissen lebte, sie spiegelten sich doch in ihrer eigenen Seele
wider: der Traum der Romantik war ausgetrumt, die Wirklichkeit forderte
ihre Rechte; dem Schauspiel wich die Idylle. Wenn sie sich, in innerster
Seele unbefriedigt von einem Leben, das trotz aller selbstgewhlten und
geschaffenen Arbeit doch nur ein Leben des Genieens, wenn auch des
reichsten geistigen Genieens gewesen war, in die lndliche Einsamkeit
zurckgezogen hatte, um dort in ihrem Mann, in ihren Kindern, in ihren
Armen und Pflegebefohlenen aufzugehen, so hatte sie dabei vergessen, was
den Mdchen ihrer Zeit zu vergessen freilich zur Pflicht gemacht wurde,
da sie selbst eine Persnlichkeit war, die ihre Rechte frher oder
spter zur Geltung bringen mute. Unter dem Druck der Erziehung und der
Vorurteile war die Wandlung von einem geistig lebendigen Mdchen in eine
gute Hausfrau, deren hchster Ruhm es war, die eigene Individualitt
mehr und mehr abzustreifen und das Ideal weiblicher Pflichterfllung
dadurch zu erreichen, da sie dem Willen und den Wnschen der Familie
blindlings nachkam, niemals aber die eigenen laut werden lie, bei dem
grten Teil des weiblichen Geschlechts damals eine selbstverstndliche.
Eine ungewhnlich starke Natur mute es sein, die nicht zwischen den
Mhlsteinen der Weibespflichten zerrieben wurde, und es muten ihr
Krfte von auen zu Hilfe kommen.

Hatte der Tod ihres Kindes sie aufgeschreckt aus
gefhlvoll-trumerischem Versunkensein in das friedliche Glck des
Hauses, so rissen die politischen Zeitereignisse sie aus einem
Gedankengang, der sich nun um das Wohl und Wehe der sie zunchst
Umgebenden drehte. Es war nicht nur die Not daheim, die um Abhilfe
schrie und der mit persnlichen Manahmen beizukommen sein mochte, es
war der furchtbare Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, der sich wie
ein dunkler klaffender Abgrund deutlicher und deutlicher vor jedem, der
sehen wollte, auftat. Wer war geneigter als die Kinder der Romantik,
sich von der Not der schlesischen Weber, der hungernden preuischen
Bauern, bis zu dem Elend der englischen Fabrikarbeiter aufs tiefste
bewegen zu lassen und sich mit der ganzen berschwenglichkeit ihrer
Liebes- und Mitleidsempfindungen ihnen zuzuwenden? Bettinens Buch an den
Knig, George Sands Begeisterung fr die Sache des Volkes liefern den
Beweis dafr. Kam eine religise berzeugung dazu, wie die Jennys, die
vom christlichen Glauben ausging und in der Forderung der Nchstenliebe
der Tat gipfelte, so muten die Ereignisse der Zeit auf sie wirken wie
Frhlingswetter auf wohl vorbereiteten Ackerboden. Mit noch weit
grerem Eifer als in ihrer Mdchenzeit vertiefte sie sich wieder in
ernste Studien, deren Zweck fr sie jetzt nicht mehr allein die
persnliche Aufklrung war, deren praktische Ergebnisse sie vielmehr
hoffte, dem Allgemeinwohl einmal nutzbar machen zu knnen.

Fr ihre Betrachtungsweise ist ein Brief an Gersdorff aus dem Jahre 1846
charakteristisch, der an die Lektre philosophischer Schriften anknpft,
und in dem es heit:

"Die Wahrheit, an die ich glaube, liegt zwischen Seneca und Bacon;
Bacons Ziel: der Nutzen und materielle Fortschritt durch die
Wissenschaften, als Mittel zu Senecas Ziel: die grte moralische und
geistige Entwicklung des Menschen. Diese Entwicklung ist das Endziel
alles Strebens; wre es im rohen Naturzustande erreichbarer als durch
Civilisation, so wrde ich fr den rohen Naturzustand stimmen, so aber
glaube ich: es liegt der Wissenschaft ob, Raum, Kraft, Zeit, Mittel zu
schaffen, um den Geist mglichst unabhngig von der Materie zu machen,
zugleich die Intelligenz zu ben und zu schrfen, und dem flgellosen
Menschen Flgel zu schaffen. -- Die Mittel, welche mit dem wenigsten
Zeitaufwande und dem geringsten Verbrauch an Krften die Bedrfnisse der
physischen menschlichen Natur befriedigen, mithin das Vergessen des
Krperlichen erleichtern, entfesseln den Geist und geben ihm Zeit, Raum,
Kraft und Mittel zum Wachsen und Gedeihen. -- Deshalb thut die
Wissenschaft gttlichen Dienst, wenn sie Dampfmaschinen,
Luftheizungen, Gasbeleuchtungen, Hebel, Wlbungen, Heilmethoden,
Ackerwerkzeuge, Produktionsmittel aller Art erfindet, und so lange mu
sie rastlos diesem gttlichen Dienste vorstehen, bis die Massen der
Menschen Mue gewinnen, um geistige Entwickelung pflegen zu knnen."

Als dann das Jahr 1847 erschien, mit hohlen Augen und eingefallenen
Wangen, eingehllt in das fadenscheinige Gewand des Hungers, und die Not
auf Schritt und Tritt Jenny mehr als je entgegenstarrte, sah sie noch
deutlicher als je die Unzulnglichkeit bloer privater Hilfe ein. Zwar
schuf sie einen groen leeren Raum ihres Hauses zur Volkskche um und
stellte Frauen an, die in groen Kesseln die Mahlzeiten fr die Scharen
von Hungernden kochten, die Tag fr Tag herbeistrmten; zwar gelang es
ihr, Nachbarn und Gemeinden zu hnlichen Einrichtungen anzuregen, aber
sie gehrte nicht zu denen, die voll eitler Freude ber die eigene
Leistung die groe allgemeine, nicht zu erreichende Not vergessen, weil
ein paar Menschen whrend ein paar Tagen satt werden. Unbekannt mit all
jenen politisch-konomischen Systemen, die die Sozialisten Englands,
Frankreichs und Deutschlands aufgestellt hatten, um fr alle
menschenwrdige Verhltnisse zu schaffen -- in ihren Bcherlisten und
Auszgen ist kein einziges Buch der Art aufgefhrt -- und immer noch
durchdrungen von der Macht des guten Willens der einzelnen muten ihre
Ideen, sobald sie sich auf Bekmpfung der allgemeinen Mistnde bezogen,
notwendigerweise unzureichende bleiben. Aber da sie sich berhaupt mit
ihnen beschftigte, da sie, die glubige Christin, niemals in den
verbreiteten Fehler ihrer Glaubensgenossen verfiel, der so bequem ist
fr die, denen es gut geht, und so einschlfernd fr beunruhigte
Gewissen: die Armut fr eine gttliche Einrichtung anzusehen, und Not
und Jammer fr gttliche Prfungen -- das allein beweist, da eine
Faustnatur in ihr lebendig war. Die Eindrcke der Zeit diktierten ihr
folgenden Brief an Gersdorff:

"... Alle Welt stimmt darin berein, da der Augenblick gekommen ist, wo
fr das Wohlergehn der breiten Masse des Volks etwas gethan werden mu,
-- der edelste wie der egoistischste Mensch begegnen sich heute in
dieser Erkenntni. Es ist interessant zu beobachten, was ein Jeder
heranschleppt, um den Damm gegen jene Sturmfluth bauen zu helfen, die
nher und nher kommt, um uns zu ertrnken. Die einen sehen in schnen
Parlamentsreden die Rettung, die anderen in der Organisation der Arbeit.
Und zu diesen gehre ich: vom Knig bis zum letzten Straenkehrer mte
jeder sich der Vollendung dieser Aufgabe widmen, alles Andere als
nebenschlich bei Seite schiebend, kein Opfer zur Erreichung dieses
Zieles fr zu gering haltend. Die Schwierigkeiten sind enorme, aber sie
sind nicht unberwindlich, und die Arbeit lohnt der Mhe, weil ihr Ziel
die erste Stufe zu vollkommener Radicalcur der kranken Menschheit ist.
Preuen ist von allen europischen Staaten derjenige, der zu ihrer
Ausfhrung am geeignetsten erscheint; seine militairische Organisation,
die Gewohnheit jedes Preuen, zu gehorchen und den Gesetzen persnliche
Opfer zu bringen, das Princip der Bevormundung, das die Regierung immer
befolgt hat, kurz ihre ganze Machinerie haben das Terrain vorbereitet.
Ueberall herrscht Ordnung, nur in der Arbeit herrscht blinde Anarchie.
Die Philosophen machen Preuen gerade aus der Bevormundung einen groen
Vorwurf, wer aber tiefer sieht, kann nicht so sehr in ihr das grte
Uebel erblicken, als in ihrer Einseitigkeit. Ein Kind mu getragen
werden, ehe es selbst gehen kann: aus der Organisation der Arbeit, die
Willkr ebenso ausschlsse wie Ausbeutung und Unbotmigkeit, wrde nach
und nach erst die Kraft, die Freiheit, die Selbstndigkeit sich
entwickeln .... An einer uns Landbewohnern naheliegenden Aufgabe knnte
die Organisation der Arbeit durch den Staat einsetzen: Der Errichtung
von Fabriken auf dem Lande, die auch im Winter der Landbevlkerung
Arbeit bte, damit die Einfhrung der Dreschmaschine sie nicht mehr und
mehr zum Hungern verdammt."

Zu dem starken Einflu, den die Zeitereignisse auf Jenny ausbten, und
dessen Grad sich an ihren ebenso vertieften wie gesteigerten und
erweiterten Interessen ermessen lt, der auch den Wunsch in ihr weckte,
der Entwicklung nher sein, an ihr mitwirken zu knnen, trat noch ein
anderer, rein persnlicher hinzu: die Aufklrung ber ihre Herkunft.

Am 1. Oktober 1847 hatte Jerome Napoleon nach zweiunddreiigjhrigem
Exil den Boden Frankreichs wieder betreten. Ob er ber den Aufenthalt
von seiner und Dianens Tochter Pauline im Kloster immer unterrichtet
gewesen war, ob sie sich ihm als "Mutter Maria vom Kreuz" auf Grund der
Briefe Dianens erst zu erkennen gab, als er Paris wieder zur Heimat
whlen durfte -- darber fehlten mir Nachrichten. Ob Briefe der Nonne an
Diana von Jenny gefunden wurden und zur Verbindung der Schwestern
fhrten, lt sich auch nicht mehr feststellen, ebensowenig wie der
erste Brief der Nonne an Jenny mit der Mitteilung, wessen Tchter sie
beide waren, erhalten wurde, eines nur steht fest: da Diana selbst es
war, die es Pauline zur Pflicht gemacht hatte, Jenny aufzuklren und sie
zu bitten, den zu lieben, dem sie das Leben dankte. Wie gro mute
Dianens Liebe gewesen sein, wenn sie ber den Tod hinaus dem Mann, der
Schmach und Leid und Verlassenheit ber sie heraufbeschworen hatte, die
Liebe ihrer Tochter zu sichern suchte. Wie erschtternd aber mute die
Nachricht von der Mutter heimlichem Liebesbund, die ihr Ende des Jahres
1847 zugegangen war, auf Jenny wirken. Zwar hatte sie in Weimar nie
gelernt, die Beziehungen der Menschen zueinander mit dem Mastab der
Prderie zu messen, aber von der Heiligkeit der Ehe war sie doch tief
durchdrungen, und in ihrer Mutter hatte sie das Muster aller
christlichen Tugend verehrt, und nun: welch ein Aufruhr all dieser
Gefhle. Ihre gute, edle Mutter war die Geliebte eines der verrufensten
Knige gewesen, sie war sein Kind, Bastardblut flo in den Adern ihrer
Kinder! Wie mochten die bsen Zungen der Welt ihre Mutter beurteilt
haben und noch beurteilen, was fr ein Schicksal stand ihren Kindern
bevor, wenn man erfahren wrde, da sie eine auerehelich Geborene zur
Mutter haben. Sie kannte ja diese Welt nur zu gut: hatte sie sich nicht
mit einem merkwrdigen Ahnungsvermgen am meisten zu den unehelichen
Kindern hingezogen gefhlt, die von allen Enterbten die unschuldigsten
und die verachtetsten sind? Und whrend sie so empfand, klang zu
gleicher Zeit die flehende Stimme der toten Mutter an ihr Ohr, die um
Liebe bat, um Liebe fr sich und den Vater. Sie sah sie vor sich in
ihrer ganzen Lieblichkeit, die doch stets von leiser Melancholie
beschattet blieb; sie sah sie, wie sie selbst in ihren Todesqualen ihrer
Kinder in heier Liebe gedachte. Wie mochte sie gelitten haben ein
ganzes Leben lang, von dem Augenblick an, da ihr der Sugling vom Herzen
gerissen und fern von ihr im Kloster aufgezogen wurde. Hatte sie nicht
dies furchtbare Opfer -- entsetzlicher noch, als wenn der Tod ein Kind
entfhrt -- ihren anderen Kindern zu Liebe gebracht? Jennys Herz, das
noch blutete von der Wunde, die des Tchterchens Tod ihm geschlagen
hatte, erbebte vor Mitleid und Liebe, und alles, was die hergebrachte
Moral ihr an erkltender Weisheit noch eben gepredigt hatte, verschwand
vor dem einen groen Gefhl. Nun aber begann auch ihre Phantasie, sich
ihrer Gedanken zu bemchtigen. Stets, selbst als der Ha gegen ihn in
Deutschland noch alles beherrschte, hatte ihr Geist dem groen Korsen
Altre gebaut. Und nun war sie seines Blutes, und die Stimme dieses
Blutes war es gewesen, die sie gezwungen hatte, dem Schicksal der
Bonapartes voll tiefer Anteilnahme zuzusehen, es in seiner tragischen
Gre zu erkennen, als alles um sie her voll Genugtuung in ihm nur die
gerechte Strafe Gottes erblickte. Und hatte sie sich nicht doch des
Vaters zu schmen?! Ihre Mutter hatte ihn bis zur Selbstvergessenheit
geliebt, ihre Schwester schilderte ihn als einen der besten Menschen,
und zweiunddreiig Jahre des Exils waren auch fr schwere Snden eine
harte Bue. Gehrte er aber zu den vielen von der Welt ber Gebhr
Verlsterten und Verfolgten, dann war er der Liebe doppelt bedrftig.

So stieg endlich aus dem Chaos der Empfindungen und Gedanken all jene
Zrtlichkeit hervor, die sie, nach der Innigkeit seines Dankes zu
schlieen, dem Vater entgegengebracht haben mu. Aber die neue
Verbindung des Herzens gab auch ihren Interessen eine neue Richtung.
Hatte sie bisher die politischen Ereignisse Frankreichs lebhaft verfolgt
-- die Freundschaft mit der unglcklichen Helene von Orleans hatte dazu
beigetragen --, so fhlte sie sich von nun an innerlich mit ihnen
verknpft, und die rege Korrespondenz lie sie ihr vollkommen
gegenwrtig erscheinen. Der Wunsch Jeromes, die Tochter in seine Arme zu
schlieen, fand in ihrem Herzen ein lebhaftes Echo. Wie ihre Empfindung
sie zu dem Vater zog, so ihr geistiges Ich zu jener Stadt, die wie eine
Feuerkugel wieder einmal nach allen Richtungen Europas die erleuchtenden
und erwrmenden ebenso wie die zndenden Strahlen ihres Wesens zu werfen
schien.

Die Mrzstrme der Revolution machten zunchst die Reise nach Paris fr
Jenny unmglich. Aber auch aus anderen Grnden war sie ans Haus
gefesselt: im Juli 1848 wurde ihr ein Sohn -- ihr letztes Kind --
geboren, und die nchsten Monate gehrten seiner Pflege. Ihr Mutterherz
klopfte so stark und hei fr dieses Kind wie fr die anderen, aber ihre
Gedanken, die sich sonst bei jedem neuen kleinen Erdenbrger um so mehr
auf die Kinderstube konzentriert hatten, konnte sie diesmal nicht
hindern, weit ber die Mauern des Hauses hinauszuschweifen. Was sie
fhlte und dachte, als der Widerhall der Berliner Barrikadenkmpfe bis
an ihr Ohr drang, als Preuens Knig sich dem Willen des Volkes beugen
und die Gefallenen mit entbltem Haupte ehren mute, und als der Gatte
ihrer lieben Freundin, Prinze Augusta, heimlich das Land verlie --
darber befindet sich nichts mehr unter ihren Papieren. Da sie die
Ereignisse aber mit anderen Augen betrachtete, als es in der Sphre
streng konservativen preuischen Junkertums, in der sie lebte, blich
war, dafr legt ein merkwrdiger Artikel von ihr: "Meine Ideen zur
Reorganisation des Staates nach 1848" Zeugnis ab, den sie ihrem
Stiefvater sowohl wie dem Erbgroherzog von Weimar und der Prinzessin
Augusta von Preuen zusandte. Ihre Antworten sind leider nicht mehr
vorhanden -- wenn sie berhaupt jemals geschrieben wurden. Der Artikel
lautet:

"Ein groer mchtiger Geist zieht durch die Welt -- ein Geist des
Schreckens, der Leidenschaft und -- der Gerechtigkeit; Schrecken und
Leidenschaften mssen weichen vor einem reinen, guten Willen, der Geist
der Gerechtigkeit mu bleiben, denn er ist der Geist Gottes, der heilige
Geist des Evangeliums; -- lat uns tun nach seinem Gebote, denn ein
hheres gibt es nicht; lat uns hell sehen bei seinem Lichte, denn es
ist dasselbe Licht, das jenseit des Grabes leuchtet, das Licht, das
nimmer vergeht -- die Wahrheit und die Liebe!!

"Wir, die Reichen, die irdisch Begnstigten, haben seit einer Reihe von
Jahren die Lawine beobachtet, welche die ganze brgerliche Verfassung zu
zertrmmern droht; wir haben die Notwendigkeit kommen sehen, da der
Arme, auch der fleiige und gengsame Arme, im Schweie seines
Angesichts, mit Aufopferung aller Lebensfreuden, nicht mehr das
tgliche Brot fr sich und die Seinen verdienen kann; wir haben eine
Einsicht in die mercantilischen, statistischen, politischen Verhltnisse
haben knnen. -- Mancher hat einzeln gern etwas, auch viel, aber lange
nicht genug gethan, um dem bel zu steuern, und eben weil es einzeln
geschah und ein Jeder begriff, da er doch nicht helfen knne, ist es
drftig geschehen, und je greller die Schauer und der Jammer des Elends,
welches Jeder allein nicht bewltigen konnte, in die Seele schnitt,
desto mehr beschrnkte man sich, und mit Recht, auf einen kleinen
Kreis, auf Hilfe an Einzelnen, desto mehr sorgte, sparte, erwarb,
vermehrte man, um fr die eigenen Kinder allen irdischen Unglcksfllen
vorbeugend zu begegnen, weil man an den verhungerten, mihandelten,
verkmmerten, elenden, an der Seele gekrnkten Kindern, an den
vernachlssigten Greisen und Kranken, an der nicht zu bewltigenden
Fluth moralischer und physischer Versunkenheit und Verzweiflung ein
schreckliches Bild von dem hatte, was mglicher Weise den Liebsten und
Nchsten geschehen konnte. Ich brauche nur an das Hungerjahr 1847, an
die Webernoth in Schlesien, an die Nothjahre durch Drre und
berschwemmungen in der Provinz Preuen, an die Thatsachen z. B. in
Bettinens Buch an den Knig ber die Berliner Zustnde zu erinnern, ich
brauche nur Jeden zu bitten, in der Residenz, auf dem Lande, namentlich
in den kleinen Provinzstdten, auf der Strae sich umzusehen; wer Arzt,
Brgermeister, Schullehrer, Fabrikherr oder Landwirth ist, der braucht,
dem Elende zu Gefallen, noch keinen Schritt auer seiner Berufssphre zu
machen, um zu wissen, zu sehen, zu fhlen, da unter Menschen, unter
Christen die Zustnde nicht so bleiben knnen. -- Es ist grauenhaft,
da eine Mutter vom Staate gezwungen werden kann, ihr Kind verhungern
zu sehen -- und dem ist so: sie luft zehnmal zum Brgermeister, der sie
nicht einmal anhrt -- er ist nicht hrter, nicht gewissenloser als ein
Anderer, aber er hat tglich zwanzig Flle, wo Hlfe Noth thut, und er
hat nicht die Mittel, er kann nicht helfen; so die Gemeinde namentlich
in Jahren von Miwachs, und so endlich der Staat -- Willen, Einsicht,
Mitleid, Wnsche sind da, aber keine Mittel -- diese sind es, die
geschafft werden mssen, und wehe, wenn der Spruch des Heilandes auch
jetzt in Erfllung gehen mte: 'Wahrlich ich sage euch, es ist
leichter, da ein Kameel durch ein Nadelhr gehe, als da ein Reicher in
das Himmelreich komme!'

"Ich frage, was der Reiche verliert, wenn er den berflu abgiebt, um
die Armuth mglichst aus der Welt zu schaffen? Der Bessere unter den
Reichen geniet im Angesicht so vielen Elends seinen Luxus mit
schlechtem Gewissen; Seide, Silber, Diener, Palste sind Dinge der
Eitelkeit, der Convenienz, der Sitte, sind aber weder Glck noch Genu,
wenigstens keine hheren, als ein komfortables brgerliches Leben auch
gewhrt; Vielen sind sie Gewohnheit, deshalb ihre Entbehrung ein
anzuerkennendes Opfer, bei weitem den Meisten sind es nur
Nothwendigkeiten des Standes: man mchte ebenso gern ein wollenes als
ein seidenes Kleid tragen, ebenso gern eine behagliche Stube als zehn
besitzen, ebenso gern zwei Gerichte als zehn essen, ebenso gern ein
tchtiges Dienstmdchen als zwei anspruchsvolle Kammerjungfern haben,
aber man meint, es ginge nicht, man wird als Sonderling zum Gesprch und
Spott der Leute, man mu demthigenden Momenten Trotz bieten, sich
vertheidigen, seine Einfachheit erkmpfen, und das thut man nicht -- man
braucht es ja nicht. -- Der Reiche wird nicht mehr groe Feste geben,
aber fragt, wieviel wahrhaft Frhliche auf diesem Feste sind? Wo hundert
Hausstnde auf ein jhrliches Fest in Wohnung, Dienerschaft und
Hausgerth versehen sein muten, wird ein einziges Etablissement, wie
jede Stadt es jetzt hat, mit wenig Kosten fr den Einzelnen dieselben
Freuden und grere gewhren, weil sie sich nicht bis zum berdru
hufen knnen. -- Der Reiche wird nicht mehr reisen knnen? O ja,
dieselbe Reise, die er noch vor zehn Jahren mit vier Postpferden in
acht Tagen fr sechs- bis achthundert Thaler machte, macht er mit der
Eisenbahn fr sechzig oder achtzig, und so wird nicht einmal sein Genu
geschmlert werden.

"Der Luxus befrdert die Industrie -- dieser Satz entbehrt alles
wahren Gehaltes. Gewinnt die Industrie nicht mehr, wenn eine
geschftige Hausfrau zwei Cattunkleider zerreit, als wenn eine Dame ein
seidenes Kleid auf dem Sopha auftrgt? Gewinnt nicht die Industrie mehr,
wenn sechs Porzellan-Milchtpfe zerbrochen, als wenn alle hundert Jahre
eine silberne Milchkanne umgeschmolzen wird? Die Kostbarkeit des Stoffes
macht nicht den Verdienst des Arbeiters, sondern die Masse der Arbeit.
Wenn statt einer Brsseler Spitze, die die Augen der Stickerin verdirbt,
zehn schsische geklppelte Spitzen gebraucht werden, welche von den
rmsten Leuten im Erzgebirge gemacht werden, wo ist da fr das
Allgemeine der Nachtheil? -- Der Luxus befrdert nicht die Industrie,
aber ein reges Leben, eine allgemeine Wohlhabenheit thun es im wahren
Sinne des Wortes -- der obige Satz war ein Trost, den sich der Reiche
machte, eine Rechtfertigung, die man fr ihn erfand, aber keine
Wahrheit.

"Dem Armen mu ein menschliches Leben geschaffen werden, Kinder, an
denen sich sein Herz freuen kann, deren Geburt nicht ein Unglck, deren
Dasein nicht eine Last, deren Tod nicht eine Erleichterung ist; Frauen,
die im Hause walten und wachen knnen, die seinen Herd erfreulich, seine
Feierstunde sanft, seine Mahlzeit reichlich bereiten knnen; ein ruhiges
Krankenbett, wo er nicht mit Angst und Kummer ber das versumte
Nothwendigste liegt, wo er sich nicht zur Arbeit qult, ehe er halb
genesen ist, wo er nicht den Vorwurf der Seinigen ber ihre Last und
Mhe zu ertragen hat, einen warmen Rock gegen die Klte, eine gesegnete
Einsicht gegen Aberglauben und Irrthum, ein unverglltes Herz beim
Anblick der Wohlhabenden -- endlich einen ungebettelten Sarg und ein
gepflegtes Grab. -- An diesem Gewinne ermet seine Entbehrungen, an
diesen Entbehrungen seine namenlose Geduld. Wer drfte sich einen
Christen nennen, der zu diesen nchsten, selbstverstndlichsten Zielen
einer Reorganisation der Gesellschaft nicht gelangen und seine ganze
Kraft dafr einsetzen wollte?"

Professor Scheidler, dessen brieflich geuerte Ansichten sie wohl am
meisten in ihrer Gegnerschaft zu der landlufigen Auffassung ihrer
Standesgenossen untersttzten, schrieb ihr darauf: "Wren Sie ein Mann,
so wrde ich von Ihrer ffentlichen Ttigkeit Groes von Ihnen erwarten,
so aber frchte ich fast, da Ihre Ideen nicht zu Ihrem Glck
gereichen."

Seine Befrchtungen sollten sich nur zu bald bewahrheiten. Zum erstenmal
kam es zu tieferen Differenzen zwischen dem Ehepaar. Werner Gustedt
rechnete sich zwar zu keiner bestimmten Partei; er war seiner Gesinnung
und seinen Bestrebungen nach eher liberal als konservativ, aber er war
ein Gegner jeden Philosophierens und Spintisierens ber
Zukunftsprobleme, war ein Mann praktisch-nchterner Gegenwartsarbeit.
Den Phantasien seiner Frau war er niemals gefolgt, ihre Vorliebe,
umfassende Plne zu schmieden, hatte ihn stets gergert, und er war
immer nur froh gewesen, wenn sie sich bei der Ausfhrung einer
praktischen Aufgabe eine Zeitlang beruhigte. Vielleicht htten ihn ihre
radikalen politischen Gesinnungen auch nur verstimmt oder ihm ein
Lcheln abgelockt, wenn sie nicht den Versuch gemacht htte, in weiteren
Kreisen fr sie Propaganda zu machen. Das wnschte er nicht, und diesem
Wunsch gab er deutlichen Ausdruck. Fr Jenny war es, wenn nicht eine
Folge verstandesmiger Erwgungen, so doch eine Folge instinktiven
Gefhls, da die geistige Selbstndigkeit der Frau ein die Ehe
auflsendes Moment in sich trgt, und zwar um so mehr, je mehr sie
ffentlich zum Ausdruck kommt; da sie sich in ihrem Tun und Lassen
ihrem Gatten unterzuordnen hatte, war fr sie selbstverstndlich. Aber
das Recht auf ihre persnliche berzeugung wollte und konnte sie darum
nicht preisgeben. Weder der Wunsch ihres Mannes, noch seine abweichenden
Meinungen konnten ihr daher so wehe tun, wie die geringschtzige Art,
mit der er ihren eigenen Ansichten begegnete -- eine Art, die ihr
deutlich genug zeigte, da er ihnen die Existenzberechtigung absprach.
Das war fr sie das schmerzlichste, weil es ihr Rechtlichkeitsgefhl
verletzte, und um des huslichen Friedens willen lernte sie, was so
viele Frauen glauben lernen zu mssen: Schweigen -- jenes Schweigen, das
den Frieden nur vortuscht, in der Tat aber zwischen den Menschen eine
hhere Scheidewand aufrichtet, als der bitterste Streit es vermag. Denn
dem Streit kann Einigung oder Vershnung folgen, das Schweigen ist der
Anfang eines leisen, langsamen Voneinandergehens.

Jenny beschrnkte sich von nun an wieder auf den Austausch ihrer Ideen
im Briefwechsel mit ihren Freunden. Zu ihren alten Korrespondenten:
ihrem Stiefvater Gersdorff, Prof. Scheidler und einem alten englischen
Freund, Mr. Hamilton, der sie ber die innere und uere Politik
Englands auf dem laufenden erhielt, sollten bald neue hinzutreten, und
auch an neuen, groen Anregungen sollte es nicht fehlen.

Im Jahre 1849, als die politische Situation es gestattete, folgte Jenny
der Einladung Jeromes nach Paris. Mit welchen Empfindungen mgen Vater
und Tochter sich zum erstenmal umarmt haben, und wie merkwrdig mu das
erste Begegnen zwischen den beiden Schwestern gewesen sein: der
preuischen Protestantin und der franzsischen Nonne! -- Eine neue,
reiche, wunderbare Welt tat sich auf vor ihren Augen: die Welt bewegten
politischen Lebens, in deren Mittelpunkt die Familie Bonaparte stand;
die glanzdurchglhte, schnheiterfllte Welt der katholischen Kirche und
der unvergleichliche Reichtum alter, knstlerischer Kultur. Welcher
Mensch, der von den Wldern und Seen, der halbbarbarischen Bevlkerung
Westpreuens und dem engen Interessenkreis seines Junkertums an die
Gestade der Seine versetzt wird, knnte sich des gewaltigen Eindrucks
entschlagen? Um wie viel mehr mute eine Frau, wie Jenny, von ihr
berwltigt werden, in deren Innern, ihr selbst fast unbewut, die
Sehnsucht nach geistigem Leben, nach reifer Kultur gebrannt hatte. Paris
wird immer, trotz Revolution und Republik, die aristokratischste Stadt
der Welt bleiben -- wie Berlin ihren bourgeoisen Charakter nie zu
verleugnen vermag. Jenny, eine Aristokratin im besten Sinne, mute sich
dort wie zu Hause fhlen. "Es giebt Augenblicke im Leben," schrieb sie
in Erinnerung an ihren ersten Pariser Aufenthalt, "die uns, wenn sie
eintreten, ganz vertraut erscheinen, weil eine dunkle Erinnerung uns
sagt, da wir sie irgendwann und wo schon im Traume erlebten; in Paris
konnte ich mich tagelang auf Schritt und Tritt des gleichen Eindrucks
nicht erwehren; ich fhlte mich ebenso sehr hingehrig, wie ich mich in
Berlin immer fremd gefhlt habe." Warme Sympathie verband sie sehr rasch
mit Jerome und Pauline, ebenso mit ihrem Stiefbruder Napoleon, dessen
politisch-radikale Gesinnung sie auch in Zukunft mit ihm
freundschaftlich vereint bleiben lie. Im Kreise der Ihren lernte sie
eine Reihe der fhrenden Geister der Zeit kennen, die der wieder
aufgehende Stern der Bonapartes an sich zog, und knpfte die fast
zerrissenen Familienbeziehungen mit den Verwandten ihrer Mutter wieder
an. Nach ihrer Heimkehr entwickelte sich eine vielseitige, rege
Korrespondenz daraus, von der mir leider nur krgliche Bruchstcke
zugnglich geworden sind.

Einer derjenigen, von dem sie, wie sie sagte, auerordentlich gefrdert
wurde, war der bekannte Nationalkonom J. A. Blanqui, der sich durch
seine Geschichte der politischen konomie in Europa, der ersten ihrer
Art, weit ber die Grenzen seines Vaterlandes einen Namen gemacht hatte.
Als Jenny nach Paris kam, war sein infolge eines Auftrags der Pariser
Akademie der Wissenschaften entstandenes Werk ber die Lage der
arbeitenden Klassen in Frankreich gerade erschienen und hatte durch die
rcksichtslose Enthllung grenzenlosen Elends berechtigtes Aufsehen
gemacht. Seine Vorschlge zur Abhilfe der Not, die er auf Grund der
sieben Fragen der Akademie zum Schlu zusammenstellte, gipfelten in der
Forderung der Beseitigung aller Zollschranken und Monopole. In
Wirklichkeit aber ging er viel weiter, als er es hier im Rahmen eines
offiziellen Auftrags aussprechen konnte. Wenn er auch nicht, wie sein
Bruder, der Kommunist L. A. Blanqui, zum uersten linken Flgel der
damaligen Sozialisten gehrte, so war er doch als alter Saint-Simonist
ein berzeugter Gegner der gegenwrtigen Gesellschaftsordnung -- der
erste der Art, der Jenny Gustedt begegnete und bei ihr von vornherein,
ihrer ganzen eigenen Entwicklung nach, ein geneigtes Ohr finden mute.
Den Briefwechsel mit ihm leitete sie durch eine Neujahrsgratulation ein,
auf die er folgendes zur Antwort gab:


Paris, 18. Januar 1850.

"Gndigste Frau!

"Im Augenblick, wo ich mir gestatten wollte, meinen Dank fr Ihr
freundliches Gedenken, das Prinz Jerome die Freundlichkeit hatte, mir
mitzuteilen, persnlich auszusprechen, erhalte ich Ihren beraus
liebenswrdigen Brief. Keine Untersttzung knnte mich mehr beglcken,
als die Ihre, und ich werde sie als die wertvollste Ermutigung treu im
Gedchtni bewahren. Gewi, gndige Frau: es ist das parlamentarische
und politische Geschwtz, das uns heute ttet und ganz Europa gefhrdet.
Alle unsere Revolutionen haben Millionen sogenannter Staatsmnner
hervorgerufen, die sich schmeicheln, Alles zu wissen, ohne jemals etwas
gelernt zu haben. In der Unkenntni der elementaren Dinge besteht eine
groe Gefahr. Unsere griechischen und lateinischen Studien -- und noch
dazu welches Griechisch und Lateinisch! -- haben aus uns kein
gebildetes, sondern ein halbbarbarisches Volk gemacht, hnlich den
Griechen, die zur Beute der Trken wurden. Die Trken, die uns bedrohen,
sind aber gefhrlicher als die Mahomets _II._ Denn die Barbaren, in
deren Mitte wir leben, haben es vor allen Dingen auf das Wohl des
Nchsten abgesehen. In dieser groben und vulgren Form taucht die
gleiche Frage berall auf: in Frankreich, in Preuen, in Deutschland.
Gegenber den wenigen gewissenhaften Mnnern, die aus berzeugung fr
die Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen eintreten, giebt es so
und so viele, die diese Frage nur im Interesse ihrer egoistischen
politischen Passionen auszubeuten suchen. Wer aber heute den ersten
Schritt auf dem Wege zum wahren Volksglck tun will, der mu jede
persnliche Eitelkeit abstreifen, und zwar um so mehr, je mehr er von
Geburt der Bourgeoisie angehrt, sich also eigentlich zum Besten der
Notleidenden in das eigene Fleisch schneiden mu. Sie werden jetzt
begreifen, warum gerade Ihre Sympathie mir doppelt rhrend und wertvoll
ist. Sie haben mir die Ehre erwiesen, diese Korrespondenz durch Ihren
liebenswrdigen Neujahrsgru zu erffnen, gestatten Sie mir, gndigste
Frau, das vergangene Jahr als das fr mich glcklichste zu bezeichnen,
weil ich in seinem Verlauf das Glck gehabt habe, Sie kennen zu lernen.
Ich habe mich heute kurz gefat, um Sie nicht zu entmutigen, und auch
infolge einer respektvollen Zurckhaltung, die mehr als Sie glauben,
meine tiefe Sympathie zum Ausdruck bringt, die Ihr vornehmer Charakter
mir von Anfang an einflte. Was Sie sonst sind, konnte ich erraten,
indem ich Sie sah, und ich bin stolz darauf. Es bedurfte auch nur kurzer
Zeit, um in der verschleierten Tiefe Ihres Frauenherzens das zu
entdecken, was Sie bescheiden vergebens zu verstecken suchen: einen
gereiften Geist, stolze und gromtige Empfindungen.

"Es wrde mir zu hchstem Glck gereichen, Ihnen dienen zu knnen und
dafr das zu empfangen, was in allen Lebenskmpfen so unschtzbar ist:
das Verstndni der Freundschaft, die Ermuthigung durch Sie

"In grter Verehrung bleibe ich, gndigste Frau, Ihr ergebener

J. A. Blanqui."


Von dem Verlaufe des Briefwechsels, der bis 1854, Blanquis Todesjahr,
sich ausdehnte, sind nur noch einige Stcke von Jennys Hand vorhanden.
So schrieb sie ihm einmal folgendes: "Mit Ihrer schroffen Ablehnung
aller kommunistischen Ideen bin ich nicht ganz einverstanden. Warum
sollte, eine lange vorbereitende Entwicklung, vor allem eine gute,
gleichmige Erziehung vorausgesetzt, nicht ein Zustand mglich sein,
der eine Gemeinsamkeit des Lebens und des Besitzes zur Grundlage hat?
Selbstverstndlich stehe ich, was die Utopistereien der heutigen
Kommunisten anbelangt, auf Ihrer Seite: mit Blut und Schrecken wird
solch ein Zustand ebenso wenig erreicht werden, wie man durch
Verbrennung der Ketzer das Christentum frderte. Er mu das Ergebni des
allgemeinen Fortschritts der Menschheit sein, und ich kann nicht
leugnen, da an ihn zu glauben etwas sehr wohltuendes fr mich hat."

Unter den ihr durch alte und neue Freunde und durch die politischen
Ereignisse zustrmenden Anregungen wuchs ihr Interesse an konomischen
und politischen Fragen, aber soweit sie sich dabei auch, getrieben von
ihrem tiefen Mitgefhl mit den Enterbten des Glcks und von ihrer
religisen berzeugung, sozialistischen Anschauungen nherte, so blieb
sie doch, soweit die Gegenwart in Betracht kam und in bezug auf
politisch-rechtliche Fragen, auf dem Boden patriarchalisch-konservativer
Anschauungen stehen. Wenn sie z. B. die Mglichkeit des Kommunismus
anerkannte, so doch nur fr eine ferne Zukunft und auf Grund
allmhlicher Erziehung und Entwicklung der Menschheit zu einer gewissen
Hhe moralischer und geistiger Kultur. Im Unterschied aber zu der
berwiegenden Mehrzahl glubiger Christen, die wie sie die Tugend als
Voraussetzung des Glcks erklrten, erkannte sie die konomische Lage
der Menschen als Bedingung auch ihrer sittlichen Entwicklungsfhigkeit.
Darum legte sie den rmsten gegenber so gut wie keinen Wert auf das
Predigen der Moral, den allergrten aber auf die Beseitigung der Not in
jeder Form. Erst auf dem Grunde einer gesicherten Existenz, die durch
eine mglichst beschrnkte Arbeitsleistung gewonnen werden soll, also
auch gengend Zeit gewhrt, um sich geistige Bildung anzueignen, hielt
sie ein Fortschreiten der Menschheit zu ihren hchsten Zielen fr
mglich. Den auf tiefer Kulturstufe Stehenden gleiche politische Rechte
zu geben, hielt sie jedoch fr ebenso widersinnig, als wenn reife
Menschen unmndige Kinder als ihresgleichen behandeln wrden. Es
erschien ihr angesichts des ihr so wohlbekannten armen, verrohten,
scheinbar zur Freiheit unfhigen westpreuischen Volks ungeheuerlich,
ihm politische Macht und damit politischen Einflu zu gewhren. Sie
bersah dabei zweierlei: da auch in den Reihen derer, die physisch und
geistig nicht Not leiden, die Herzens- und Geistesroheit berwiegt, wenn
sie sich auch hinter reiner Wsche und gewhlten Formen verbirgt, und
da das Moralpredigen bei ihnen ebensowenig ntzt wie bei den Armen,
weil es von einer herrschenden Klasse in ihrer Gesamtheit
bermenschliches verlangen hiee, da sie sich in der Erkenntnis der
vollendeten Reife der ihnen bisher Untergebenen ihres Einflusses und
ihrer Macht freiwillig entuern sollte, indem sie die volle
Gleichberechtigung gewhrt. Wenn Jenny zu dieser berlegung nicht
gelangte, so ist der Grund dafr in der Tatsache zu suchen, die ihres
Lebens Glck und zugleich die Bedingung seiner Beschrnkung war: in der
Epoche, unter deren Einflu sie sich entwickelte. Das Kennzeichen ihrer
Erziehungsmethode war besonders im Hinblick auf die Frauen die
Treibhauskultur des Gefhls. Der Intellekt mute sich in seiner
Weichheit und Schwche vor der bis zum ueren verfeinerten Empfindung
nur zu oft fr besiegt erklren. So war es zuerst die Empfindung, die
Jenny fr die Not der Massen so hellsichtig machte -- dieselbe
Empfindung, die sie fr die Unzulnglichkeit der eigenen Klasse nur zu
oft mit Blindheit schlug. Sie empfand die Roheit des Volkes als etwas
Schmerzhaftes, Peinliches, sie empfand das gesittete Benehmen ihrer
Standesgenossen als etwas Wohltuendes, Gutes, und da die schne Form
fr sie persnlich nichts anderes war als ein schnes Gewand auf einem
vollendeten Krper, so mute die Hlichkeit eines Krpers schon sehr
gro sein, um von ihr auch durch die Hlle bemerkt zu werden.

Nach diesen Gesichtspunkten mu man eine Anzahl Briefe Jennys ber
politische Fragen betrachten, wenn man ihnen gerecht werden will. Fr
den Oberflchlichen mte vieles widerspruchsvoll erscheinen, was
tatschlich von ihr vollkommen konsequent gedacht war. Lesen wir z. B.,
was sie im ersten Jahre der preuischen Reaktion an Gersdorff schrieb:

"Ich glaube nicht, da, so lange diese Generation mit ihren Erinnerungen
an 48 und 49 lebt, irgend eine Aussicht auf Revolution ist -- denn der
Demokratie fehlen erstlich die Massen und zweitens die Hlfte ihrer
aufrichtigen Bekenner von 48, welche sich in der politischen Reife des
Volkes geirrt haben, und nun einsehen, da man zu Johanni zwar
Johannisbeeren, aber keine Weintrauben keltern kann. -- Ich wrde auch
mit einem groen Teil des jetzigen Verfahrens einverstanden sein, wenn
ihm die Idee zu Grunde lge, in der Bevormundungszeit, die wieder
begonnen hat, die Entwicklung zu frdern, die zur Reife und mithin zur
Beseitigung der Vormundschaft fhrt; die Innigkeit und Einigkeit mit
sterreich und Ruland deutet aber leider auf den Willen zu einer in
alle Ewigkeit fortgefhrten Vormundschaft.

"Ich kann auch die Kriegsantipathie von Regierenden und Volk nicht
schelten -- ich sehe darin keine Feigheit und Schlechtheit, sondern ein
berwiegen der wahren Ehre im christlichen und gttlichen Sinn ber die
falsche Ehre des Mittelalters, die uns noch in den Junkerknochen liegt.
Diese Begriffe von Ehre waren von A bis Z falsch, unvernnftig und
unphilosophisch -- die einzige Ehre ist die Ehre, die das Christentum
anerkennt: 'ohne Snden bleiben'; nichts und niemand hat die Macht uns
zu schnden, als wir selbst durch unsere eigene Snde, nichts und
niemand kann uns wieder zu Ehren bringen als unsere eigene Bue und
Tugend."

Hier steht der schrfste Radikalismus im einzelnen -- mit ihrer
Verurteilung des Ehrenkodex der Offiziere und Aristokraten stand sie
sicherlich in ihren Kreisen allein -- neben einem gewissen Verstndnis
der Manahmen der Reaktion, von denen sie hoffte, da sie im Interesse
des Volksfortschritts und der Erziehung zur knftigen Freiheit
gehandhabt wrden. In einem Brief an Scheidler aus derselben Zeit tritt
diese Auffassung der Bevormundung als eines notwendigen
Erziehungsmittels noch deutlicher hervor. Sie schrieb:

"Was Ihre politische Meinung ber Prefreiheit betrifft so kann ich ihr
noch nicht unbedingt beistimmen, die Sache hat zu viel fr und wider
sich, als da ich mich nach so wenig reiflicher berlegung fr eine
Partei erklren knnte, nur scheint mir, da Sie die Grnde wider die
Prefreiheit nicht fr gewichtig genug halten. Wre darin nur der
Verkehr zwischen Gebildeten und mehr oder weniger Gelehrten zu
verstehen, so mten Sie unbedingt Recht behalten, allein die Frage ist:
kann es zum Besten des Volkes, der greren Massen sein, oberflchliche
Begriffe von Dingen zu erhalten, welche sie nur halb verstehen und nie,
ihrer Lage und Beschftigungen wegen, ganz ergrnden knnen? Und ist es
rthlich fr die Oberhupter eines Staates, einen Einflu zu gestatten,
welchem oft keine reine Absicht zu Grunde liegt und wo persnliches
Interesse sich meist hinter dem Universal-Interesse verbirgt? Jedes
Warum und Aber in Staatsregierungen zu begreifen, dazu gehrt mehr
Kenntni und Einsicht, als der gewhnliche Mann je erwerben kann. Sie
werden mir sagen, da gefhrliche oder falsche Artikel widerlegt werden
knnen, allein wo haben Geschftsleute wohl die Zeit, jeden Tag zwanzig
Artikel zu widerlegen? Ist bei diesem Fall die Bemerkung der Madame de
Stal nicht allgemein zu brauchen: _'Que sert la justification l o le
plus souvent on n'coute pas la rponse?'_

"Die Grnde fr Prefreiheit sind freilich sehr gewichtig, und es geht
mir mit meiner Meinung darber wie mit der ber Republiken: ich fnde
beide Staatseinrichtungen unbedingt jedem anderen Gegensatze
vorzuziehen, wenn die Menschen, besonders die Massenfhrer und
Massenaufreger, besser und redlicher wren."

In einem spteren lngeren Brief an Professor Scheidler zeigte sich
dagegen mit um so grerer Klarheit der Standpunkt, den sie dauernd als
festen Boden unter den Fen behielt: da der Staat fr das
menschenwrdige Dasein seiner Brger verantwortlich sei. "Mir blieb eine
Lcke in den von Ihnen angefhrten Gleichheitsansprchen," schrieb sie,
"ich mchte nmlich, Sie fhrten dabei noch die Gleichheit der
menschlichen Naturbedrfnisse, Nahrung, Wrme etc. an, woraus die
Gleichheit ihrer Ansprche zu deren Befriedigung auf die einfachste
Weise, als Verpflichtung der Staaten, deducirt werden mte. Dahin
gehrt auch die Verpflichtung, frhzeitige Ehen, ohne Unvernunft,
mglich zu machen. Diese Hauptfragen treten immer wieder viel zu sehr in
den Hintergrund, anstatt gerade vorn und obenan zu stehen, und in einer
Weise obenan, da gar nichts Anderes vorgenommen werden mte, ehe diese
groe Aufgabe gelst wre, die ohne allen Zweifel nach der materiellen
Beschaffenheit der Erde gelst werden kann. Wenn alle Regierungen, auch
nur die von Europa, unablssig dahin strebten, Einrichtungen zu treffen,
da ohne bermige Arbeit jeder Mensch seine Lebensbedrfnisse auf die
einfachste Weise befriedigen knnte, da bei selbstverschuldetem Elend
der Eltern die Kinder gerettet wrden, so wrden sie es erreichen.
Deshalb habe ich mich im Jahre 1848 zu dem ersten Erscheinen der
Socialisten und Communisten so hingezogen gefhlt, weil sie sich dem
nherten, was ich fr das Wichtigste hielt.

"Keine Nation sein, keinen Kaiser haben, als Volk gedemtigt und
gekrnkt sein, das sind zwar gerechte Schmerzen und verbittern das Leben
Vieler; aber kein Brot und keine Wrme haben, vor Sorgen und Arbeit
nicht zum menschlichen Dasein gelangen, als Eltern entweder tglich
bittere Kummerthrnen weinen oder einer thierischen Gleichgltigkeit
anheimfallen, das sind ganz andere Schmerzen, ganz andere
Ungerechtigkeiten, das verbittert in unendlich hherem Mae das Leben
von unendlich mehr Mitbrgern, die dieselben Ansprche an Beseitigung
ihres Elends haben als die, welche mit ihren Klagen die Sturmglocke
luten, weil sie den Strang in der Hand halten, whrend die Elendesten
stumm bleiben. Die oben genannten politischen Leiden sind _des douleurs
de luxe_ neben den Leiden des wahrhaft armen Mannes."

       *       *       *       *       *

Inzwischen hatte Jennys persnliches Leben eine tiefgreifende Wandlung
erfahren: im Jahre 1850 war ihr Mann Landrat des Riesenburger Kreises
geworden, hatte zu gleicher Zeit Garden verpachtet und sich in
Rosenberg, einem Gute in der Nhe der Kreisstadt, neu angekauft. Der
Abschied war Jenny nicht leicht geworden: das mit so viel Liebe
eingerichtete und alljhrlich vervollkommnete Haus, der schne Garten,
in dem jeder Baum und jeder Strauch ihr etwas Lebendiges war, der
stundenlang sich hinstreckende Wald, der kaum zwanzig Schritt vor der
Haustr anfing, der blaue spiegelnde See, im Sommer und Winter der
Kinder beliebtester Tummelplatz -- das alles wurde ihr zu verlassen
doppelt schwer, als der Weg sie wieder in eine fremde Umgebung und nicht
nach Weimar fhrte, was sie so sehr gewnscht hatte.

"Fr meine Kinder," so schrieb sie damals, "wre ich gern wurzelfest
geblieben, denn ich glaube, es liegt ein groer Segen darin, eine Heimat
im engsten Sinn des Wortes zu haben, aber ich sehe ein, da das immer
seltener wird, und hoffe, da andere Werte an Stelle des verloren
gegangenen treten werden ... Doch bin ich sehr froh, da Werner bei
seiner gemeinntzigen Ttigkeit, die seinen Geschften sehr hinderlich
ist, endlich zum Entschlu kommt, zu Johanni zu verpachten; lieber wr
mir der Verkauf, er schien sich aber dazu nicht entschlieen zu knnen.
-- Die Sparkassen des Kreises sind im Gang, die Chaussee naht ihrer
Vollendung, und nach einer 4 monatlichen mhsamen Verwaltung der
freiwilligen Untersttzungen der zurckgebliebenen Landwehrfamilien
des Kreises hat er einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, der die Gemeinden
zu deren Unterhalt verpflichten will und den er dem Oberprsidenten
eingesandt hat. Es sind drei Werke, auf die er mit Befriedigung
hinblicken wird, wenn sie vollendet sind; sie waren notwendig und werden
Segen bringen, und in unserer Zeit ist es doppelt wichtig, da es auch
Mnner gebe, die im Schatten Fundamente bauen."

In Rosenberg stand der Gustedtschen Familie zunchst nur ein primitives
Heim zur Verfgung, das gegen das wohnliche Gardener Herrenhaus sehr
abstach. Auf einem hoch ber dem See gelegenen, von Linden und Buchen
gekrnten Hgel bauten sie sich ein neues Haus. Jenny, die oft von sich
sagte, da ein Baumeister und ein Tapezier an ihr verloren gegangen
wren, entwarf die Plne fr den Bau wie fr die Einrichtung selbst,
eine Arbeit, die ihr groe Freude bereitete und ihre Gedanken lange Zeit
von allem anderen abzog. Nach einem Jahre war das Werk vollendet und
zeugte von dem mit praktischem Verstndnis verbundenen Schnheitssinn
seiner Schpferin.

Nachdem Jenny sich und den Ihren die wohltuende Umgebung geschaffen
hatte, wandte sie sich mit frischen Krften den ffentlichen Aufgaben
zu, die sie mehr als je zum gegebenen Ttigkeitskreis der Frau hatte
betrachten lernen. Auf die Untersttzung Armer und Kranker, auf die
Aufnahme von verlassenen Kindern hatte sie ihr Haus von Anfang an
eingerichtet: "Den Raum fr Alles, sehr gro, hell, leer, wei
gestrichen, mit gut heizendem Ofen, sollte auf dem Lande jedes Guts- und
Pfarrhaus haben," schrieb sie; "stelle Betten hinein, so ist es ein
Lazareth, zieh Leinen durch, so ist es Wschetrocken-und Bgelraum,
mach Streu, Kopfkissen, Decken, so ist es fr die Einquartirung
geeignet, bei schlechtem Wetter Kinderspielplatz, bei groen Festen
Speisesaal; stell ein Harmonium hinein, so wird es eine Capelle."

Aber sie verfolgte noch grere Plne, als die bloer privater
Hilfsarbeit, und fand in dem Pfarrer des Kreisstdtchens -- Pfeil --
einen verstndnisvollen Frderer ihrer Ideen. Ein Rettungshaus fr
uneheliche Kinder wollte sie grnden, das eine bleibende Zufluchtssttte
fr diese allerrmsten sein sollte. Da sie, seit sie Kinder besa, sich
nicht mehr als unumschrnkte Herrin ihres Vermgens, sondern sich ihnen
gegenber in bezug auf seine Verwendung verantwortlich fhlte, so
glaubte sie das, was deren Zukunft sicherstellen sollte, nicht fr ihre
Interessen angreifen zu drfen. Auch ihren Gatten wollte sie nicht in
Anspruch nehmen; sie hatte sich ihre wirtschaftliche Selbstndigkeit
neben ihm gesichert und respektierte die seine -- ein Verhltnis, das
sie einmal brieflich folgendermaen verteidigte: "Fr mich selbst halte
ich fest an der berzeugung: '_qu'il ne faut pas faire les affaires avec
le sentiment;_' und ich trenne so scharf Gefhl und Geschft, da ich
sogar mit meinem Manne, wenn wir einander Geld leihen oder dergl.,
Schuldschein und Interessen gebe und empfange, genau berechne und
pnktlich zahle oder einziehe ... Ich habe zu viel Erfahrungen gemacht,
da dadurch ein ppiges Unkraut aus der Aussaat zum Familienglck
herausgesammelt wird, und es entsteht wirklich weder Klte noch irgend
ein Nachteil daraus, denn das Schenken steht ja doch jedem frei und
gehrt zum Bereiche des Gefhls; so bin ich auch fr Heiratscontrakte,
genaue immer vorrtige Testamente, genaues Feststellen jedes Eigentums
von Mobiliar u. dergl."

Wollte sie also ihren Lieblingsplan zur Wirklichkeit werden lassen, so
galt es auf andere Weise die Mittel dafr zu beschaffen, denn wenn auch
Stadt und Kreis Untersttzungen bewilligten, so mute sie den Grundstock
des Ganzen liefern. Sie entschlo sich, einen groen Teil ihres
Schmuckes, der durch Geschenke Jeromes sehr bereichert worden war, zu
verkaufen, und fuhr deswegen selbst nach Berlin. Ein breites schweres
Kettenarmband der Herzogin von Orleans, Perlengehnge der Grofrstin
Maria Paulowna, Ringe der Prinzessin Augusta von Preuen, vor allem aber
die Rubinen und Brillanten, die als Rahmen ein in ein Armband
eingelassenes Miniaturbild Jeromes umgaben, verwandelten sich auf diese
Weise in schtzende Mauern fr die von der Gesellschaft Ausgestoenen.
Nur ihre Kinder erfuhren spter, was sie getan hatte, da sie sich
verpflichtet fhlte, ihnen auch darber Rechenschaft abzulegen. Das
Rettungshaus aber steht heute noch. Ob es in dem halben Jahrhundert im
Sinne seiner Schpferin wirkte, oder ob es vor lauter Mhe, Seelen zu
retten, die Menschen zu retten verga?

All dem eifrigen Wirken und frhlichen Gedeihen sollte pltzlich ein
Ende gemacht werden. Marianne und Jenny erkrankten an jenem seltsamen
Landesbel, dem Weichselzopf. Die rzte nehmen noch heute an, da diese
Verwirrung der Haare zu einem dicken unauflslichen Ballen und die damit
zusammenhngende krperliche Schwche auf Schmutz und Vernachlssigung
zurckzufhren ist. Nun gab es ringsum keine schneren, gepflegteren
Kinder als die der Gustedts; die Mgde des Hauses sprachen angesichts
ihrer Erkrankung von Hexerei; man wollte, wie im Mrchen von
Schneewittchen, von einer Landstreicherin wissen, die den Kindern eine
vergiftete Frucht gereicht habe, aus Rache dafr, weil man ihr Kind im
Rettungshaus untergebracht und ihr zwangsweise genommen hatte. Der Arzt
ordnete bei Mariannen, bei der das bel am strksten auftrat, das
Abschneiden der Haare an. Trotz der Warnungen einiger Bauernfrauen, die
bei der einheimischen Bevlkerung in weit hherem Ansehen standen als
der Doktor und behaupteten, da gerade die Haare die Krankheitsstoffe
aus dem Krper zgen, griff Jenny kurz entschlossen selbst zur Schere.
Nach drei Tagen lag ihr holdseliges Tchterlein zum ewigen Schlaf auf
der Bahre.

Es scheint, als ob die Tre nur einmal vom Unglck geffnet zu werden
braucht, um auch sein ganzes groes Gefolge hereinzulassen. Der
schwergeprften Mutter, die ihr blhend schnes, fast erwachsenes Kind,
das begabteste von allen, sich von der Seite gerissen sah, blieb keine
Zeit, ihrem Schmerz sich hinzugeben.

"Du hast von meinen schweren und harten Prfungen gehrt," schrieb sie
im Herbst 1854 an Wilhelmine Froriep, "Du weit, wie eine Mutter fhlt,
obgleich Du nicht die trbe Nachhaltigkeit kennst, die der Verlust eines
geliebten, fast erwachsenen Kindes fr das Mutterherz hat; andere auch
recht schmerzliche Schicksalsschlge folgten diesem Unglck, -- der
verflossene Winter war eine Reihenfolge der sorgenvollsten Tage durch
die langwierige Krankheit meines Jennchen, und diesem Kummer folgte die
schwere Krankheit Werners -- aber Gottlob, er ist vorgestern ganz gesund
von Karlsbad zurckgekehrt, und so bereue ich nicht die zweimonatliche
Trennung, so schwer sie mir auch geworden ist. Jenny, ein sehr
niedliches, frisches Mdchen, hat ihren Weichselzopf glcklich
berstanden, und ihre lockigen Goldhaare sind in alter Flle
zurckgekehrt. Mein Wernerchen hat auch Masern, Ziegenpeter u. dergl.
Kinderkrankheiten durchgemacht, und ich natrlich doppelt mit ihm, aber
es sind doch mige Sorgen, die man auf der armen, so folgenreichen Erde
noch nicht schwer ins Gewicht fallen lt; dazu bin ich viel, sehr viel
allein, zu alt, um Freundschaften zu schlieen, zu austauschbedrftig,
um mir selbst zu gengen -- was denn die Zeiten der Strohwittwerschaft
recht grau macht." Von Otto, dem ltesten, ihrem Sorgenkind, schrieb sie
im selben Brief: "Er ist ein groer, schlanker Junge, eigentlich schon
Jngling, der als Freund neben mir steht, und so wie er unter
fortwhrendem Krnkeln doch gro, muskelstark und blhend wird, ein
Reiter, Schwimmer, Turner, ein Dominierender bei Kriegen und Prgeln
der Gymnasiasten, so entwickelt sich auch sein Charakter unter allen
Anfechtungen der Snde recht erfreulich; im Lernen bleibt er allerdings
durch die vielen Krankheitsversumnisse, trotz seines tadellosen Fleies
zurck, in der Charakterbildung ist er jedoch seinem Alter sehr voraus."
Die Eltern waren, des Gymnasiums wegen, gentigt gewesen, ihn in dem
nahen Marienwerder in Pension zu geben. Der Vater hatte von der Trennung
des Sohnes von der Mutter sehr viel gehofft, weil ihre liebevolle,
nachsichtige Erziehung dem zu allen Jugendtorheiten geneigten Knaben
nicht frderlich zu sein schien. Vor allem hatte er den Eindruck
gewonnen, da seine Krnklichkeit ihm vielfach nur ein willkommener
Vorwand war, um sich dem Lernen zu entziehen, whrend Jenny von der
Echtheit seiner Leiden berzeugt und immer geneigt war, ihn zu schtzen
und zu entschuldigen. So entwickelte sich in immer strkerem Mae jener
stille Kampf um die Erziehung des Kindes, der, mit so zarten Waffen er
auch gefhrt wird, dem Eheleben so schwere Wunden schlgt: der Vater
denkt an das Leben, fr das der Sohn sich entwickeln soll, die
Mutterliebe will ihn so lange wie mglich vor diesem Leben schtzen.

Zunchst schien die Mutter recht behalten zu sollen; der an Freiheit und
Selbstndigkeit, an Liebe und Nachsicht gewhnte Knabe emprte sich
gegen die strenge Zucht der Pension und des Gymnasiums, die damals noch
weit mehr als heute in der Individualitt des Schlers nichts als eine
verdammenswrdige Verletzung der vorgeschriebenen Ordnung sahen, und
deren Ziel daher nicht ihre Entwicklung, sondern ihre Unterdrckung war.
Otto Gustedt wurde relegiert. Daheim kam es zu bsen Auftritten, unter
denen die Mutter weit nachhaltiger litt als das Kind. Hochmut und
Faulheit warf der Vater ihm vor, wo Jenny die Berechtigung beleidigten
Selbstgefhls und krperliche Schwche zu sehen glaubte. Ihre
Zrtlichkeit und Sorgfalt ihm gegenber wuchs um so mehr, je hrter ihn
der Vater behandelte. "Das Spannen auf das Bett des Prokrustes, das man
Erziehung nennt, war mir immer widerwrtig," schrieb sie; "man soll der
jungen Menschenpflanze eine Sttze geben, wie dem jungen Bumchen, aber
man soll sie nicht je nach Laune und Wunsch, wie die Gartenknstler des
18. Jahrhunderts, zu allerlei knstlichen Gestalten beschneiden und
zurecht stutzen." Bei dieser an sich zweifellos richtigen Auffassung
verga sie nur, was heute, wo sie zu allgemeinerer Geltung gelangte,
fast stets vergessen wird: da, wie der unbeschnittene Buchsbaum doch
nicht zur hochragenden Buche wird, es auch Menschenpflnzchen gibt, die
durch alle Freiheit und Entwicklung doch keine starken Individualitten
zu werden vermgen, die wie Lehm und Wachs erst durch die Hand des
knstlerischen Erziehers Wesen und Form erhalten. Jennys Hand aber war
weich: sie streichelte die Falten von der Stirn, sie zeigte ihren
Kindern die groen und schnen Ziele und die Wege, die zu ihnen fhren,
wenn sie jedoch abseits gingen, so fehlte ihr zum Zurckziehen die
Kraft. "Ich wei, wie oft meine Augen und der Ton meiner Stimme um
Verzeihung gebeten haben, wenn ich schalt, und dadurch wurde das
Schelten fast wirkungslos," schrieb sie spter einmal. "Sie erzog ihre
Kinder, wie man Genies erziehen mte," sagte eine alte Freundin von
ihr, und wer damals den schnen, schlanken, fnfzehnjhrigen Otto sah,
aus dessen klassisch geschnittenen Zgen zwei Augen hervorstrahlten, die
jeden gefangen nahmen, der mochte die Nachsicht der Mutter verstehen.
War er ihr doch von allen ihren Kindern noch am meisten wesensverwandt:
seine Gte, seine himmelstrmende Phantasie, die ihn auf immer neuen
Wegen immer neuen Zukunftstrumen nachjagen lie, verband sie nicht nur
zu genau, sie wute auch aus eigener bitterer Lebenserfahrung, zu welch
inneren Konflikten und harten Enttuschungen sie ihn im Leben fhren
wrden. Und Zukunfts- und Gegenwartsleiden vereint steigerten nur noch
ihre sorgende Mutterliebe.

So glcklich ihre Ehe war, es fehlte nun nicht mehr an Bitternissen: wie
sie zu schweigen gelernt hatte, wenn ihre politischen Anschauungen
auseinandergingen, so schwieg sie angesichts der Angriffe des Gatten auf
ihre Erziehungsprinzipien. Als trennendes Element, nicht als
verbindendes, standen die Kinder zwischen ihnen. Gerade das glcklichste
Eheleben wird selten von dieser Liebesprfung verschont: die Zeit, da
die Kinder sich zu Menschen entwickeln, ist immer die gefhrlichste, und
die harmonischste die, die ihr vorangeht und ihr folgt.

Da Werner Gustedt infolge seines Berufs viel abwesend sein mute, war
der Anla zu Differenzen zwischen den Gatten kein hufiger. Abends, wenn
ber dem runden Tisch die Lampe brannte und die Familie sich um ihn
sammelte, plaudernd, lesend, mit Handarbeit beschftigt, war immer
Feierstunde; mit der Arbeit war das Arbeitskleid und die Arbeitsstimmung
abgelegt, und der blitzende, summende Teekessel sah zufriedene Gesichter
um sich und sang seine leise Melodie nur zur Begleitung frischer, froher
Stimmen. "Wer keinen Sonntag hat und keinen Feierabend, der hat keine
Familie." Diese Worte aus Pcklers Briefen eines Verstorbenen finden
sich in Jennys Abschriften doppelt unterstrichen. Oft, wenn der graue
Alltag die Harmonie des Lebens zu zerstren drohte, stellte der Sonntag
und der Abend sie wieder her. Dann wurden Bcher gemeinsam gelesen und
besprochen, und Gedanken, die sie anregten, wohl auch schriftlich
fixiert, um Stoff zu neuer Unterhaltung zu geben. Carlyles "Helden und
Heldenverehrung" -- "diese Offenbarung von Wahrheit, Mut und Glauben der
Menschenseele" --, Feuchterslebens "Ditetik der Seele" -- "eines der
klarsten, menschenfreundlichsten und berzeugendsten Bcher, die ich
kenne" --, Moritz Arndts "Wandlungen mit dem Freiherrn von Stein",
Schleidens naturhistorische Vortrge, Moses Mendelssohns "Phdon" und
eine Reihe kleinerer historischer und naturwissenschaftlicher Werke
wurden bei der abendlichen Lektre durchgenommen. Aus dem eben
erschienenen Leben Goethes von Lewes las Jenny manche Teile vor; "diese
hchst interessante Biographie," schrieb sie in ihre Bcherliste, "ist
leider voller falscher Thatsachen ber Weimar, dabei mit wenig
poetischer Befhigung geschrieben, aber durch tiefe, neue Auffassungen,
viel philosophischen Sinn und viel Wahrheit in den geistigen
Darstellungen und Urtheilen werth, von jedem Deutschen gelesen zu
werden."

Seit der nahen Verbindung mit Frankreich fehlte es natrlich auch nicht
an franzsischer Lektre. Memoiren, Briefwechsel und historische Werke
ber Napoleon und seine Zeit spielten darin eine Hauptrolle. Neben den
_"Dictes de Ste. Hlne"_ findet sich die Bemerkung: "Welch ein Aufwand
von Genie, Kraft, Flei, Urteil und Regierungskunst, um in St. Helena zu
enden! Aber tragischer noch als das persnliche Ende ist das Ende des
Werks -- es strzte zusammen wie ein Kolo ohne Fundament. Die alte Welt
unter sich zu begraben, mu wohl schlielich Napoleons gottgewollte
Aufgabe gewesen sein." Louis Napoleons Thronbesteigung im Jahre 1852
erregte ihr Interesse fr seine Person. Sie las seine "Napoleonischen
Ideen," nicht ohne bei ihnen die sarkastische Randbemerkung zu machen:
"Ideen -- ja, Napoleon -- nein!" Wie manche der alten Bonapartisten,
vermochte sie ein gewisses Mitrauen, ja direkte Antipathie gegen ihn
nicht zu berwinden, obwohl sie sich der neueinsetzenden napoleonischen
ra freute und auch, im Gegensatz zur allgemein herrschenden Meinung in
Preuen, das Mittel des Staatsstreichs billigte, das sie eingeleitet
hatte.

"ber den Staatsstreich von Louis Napoleon," heit es in einem Brief an
Scheidler, "stimmen wir nicht berein: ich billige ihn, ohne mich jedoch
fr die Zukunft zu verbrgen. Durch den Stall des Augias mute ein Strom
gefhrt werden, whrend eine hollndische Milchwirthschaft durch blanke
Wassereimer gereinigt werden kann. Seit zwei Jahren steigerte sich in
Frankreich eine nach und nach in alle Parteien bergegangene Sehnsucht
nach dieser Ausmistung, mit anderen Worten nach einem Herrn ...
Frankreich kennt seine eigenen Zustnde, deshalb die Riesenmajoritt
von sieben Millionen bei geheimer Abstimmung; ich dchte, dies schlge
alle Einwendungen, da der liberalste aller Grundstze doch ist, da ein
Volk am besten selbst wissen mu, wo es der Schuh drckt. Ich kann Louis
Napoleon auch nicht des Meineids schuldig finden, denn ein Eid hat nicht
nur Worte, sondern auch einen Sinn. Wenn er berzeugt war, da er es
nicht mit den Vertretern des Volkes, sondern mit Parteimnnern zu thun
hatte, so war die Auflsung der Nationalversammlung gerechtfertigt.
Dabei betone ich noch meine alte Ansicht, da, streng genommen, alle
Menschen meineidig sind, weil Keiner je gehalten hat und halten kann,
was man in verkehrter Weise bei Einsegnungen, Trauungen, Taufen u. dgl.
versprechen lt. Die wahre, letzte Instanz des Menschenwerthes liegt
doch nur in seinem Charakter, in seinem ganzen Sein. Man mte nie
einen Eid auf die Zukunft ablegen, nur fr den auf die Vergangenheit
kann ein Mensch brgen."

Im dritten Jahr von Louis Napoleons Kaisertum -- 1855 -- als die unter
dem Protektorate ihres Stiefbruders Napoleon stehende erste
internationale Industrie-Ausstellung in Paris stattfand, unternahm
Jenny, diesmal in Begleitung ihres ltesten Sohnes, wieder die weite
Reise, um Jerome und Pauline zu besuchen. Vater und Stiefbruder waren
nun anerkannte kaiserliche Prinzen; ein glnzender Hof residierte wie
einst in den Tuilerien; viele der Verwandten Jennys, lauter treue
Bonapartisten, fand sie im Besitz von Rang und Wrden; der junge Hof und
die glnzende Ausstellung lockten Scharen hervorragender Auslnder nach
Paris, die Monarchen von Portugal, England und Sardinien waren unter
ihnen. Mehr noch als vor sechs Jahren war es der Mittelpunkt der Welt,
in den Jenny sich versetzt fhlte. Aber leider findet sich kein Brief,
der ihre persnlichen Eindrcke geschildert htte. Nur einmal erwhnte
sie ihre Reise, indem sie schrieb: "Der Pariser Aufenthalt hat mich sehr
erfrischt. Ich finde die Sage vom Jungbrunnen darin bettigt, da wir,
um innerlich jung zu bleiben -- was fr uns und noch mehr fr unsere
Kinder eine Lebensnotwendigkeit ist --, in den sprudelnden Quellen
geistigen Lebens von Zeit zu Zeit untertauchen mssen, auch auf die
Gefahr hin, dabei zuweilen in Schlamm zu treten." Wie Schlamm erschien
ihr die realistische Richtung in der Literatur, die whrend des zweiten
Kaiserreichs die Romantik allmhlich aus dem Felde schlug. "Um auf
wirtschaftlichem und sittlichem Gebiet klar zu sehen und die bsen
Schden, die entstanden sind, mit richtigen Waffen zu bekmpfen, ist es
notwendig, da diese Zustnde mit rcksichtsloser Wahrhaftigkeit
geschildert werden," schrieb sie an ihren Stiefbruder Gersdorff, "das
ist jedoch Aufgabe der Wissenschaft. In das Bereich der Kunst, die uns
ber uns selbst erheben, uns begeistern und erfreuen soll, gehrt
dergleichen nicht." Es ist wieder das Kind der Romantik, das sich hier
ausspricht, dessen Geist an den mrchenhaften Romanen und romanhaften
Mrchen der Fouqu und Tieck und Novalis sich entzckte. Ihr muten auch
die Neuromantiker Frankreichs verstndlicher sein als die jungen Fhrer
des Realismus. Alfred de Vigny zitierte sie hufig in ihren
Sammelbchern, Sainte-Beuves kulturgeschichtliche Bcher schtzte sie
sehr hoch, whrend Mussets "Poesie der Verzweiflung nur fr diejenigen
zu ertragen ist, ja auch von ihnen genossen werden kann, die selbst noch
nicht verzweifelten oder die Verzweiflung heroisch berwunden haben. Ich
gehe, bei aller Anerkennung des groen Talents, Dichtungen wie den
seinen gern aus dem Wege, weil sie mich bis zum krperlichen Schmerz
martern." Sehr merkwrdig fr ihre Auffassungsweise ist ihre Stellung zu
Stendhal und Balzac, in denen sie die Vorkmpfer des Realismus nicht zu
erkennen schien. Nach zahlreichen Auszgen aus den Werken beider, die
fast immer die Charakteristik der weiblichen Natur und ihrer Schicksale
zum Inhalt haben, schreibt sie: "Um ihrer Erkenntni der weiblichen
Seele willen, die nur dem Auge eines gottbegnadeten Knstlers mglich
ist, verzeihe ich ihnen alle bittere Medizin, die sie zu schlucken
geben und die auch der zu nehmen gezwungen ist, der ihrer gar nicht
bedarf, also nichts davon hat als den widerwrtigen Geschmack. Wenn
Balzac sagt: 'Fhlen, lieben, sich aufopfern, leiden wird immer der Text
fr das Leben der Frauen sein', und selbst seine unvergleichlichen
Illustrationen dafr liefert, so hat er damit eine so starke Wahrheit
ausgesprochen, da alle Revolten einer George Sand und ihrer
Gesinnungsfreunde wie Strohhalme daran zerbrechen werden. Streubt Euch,
so viel Ihr wollt, fordert Rechte und erringt sie, zerstrt in blindem
Fanatismus das feste Gebude der Ehe, das Euch zwar einsperrt -- und
Eingesperrtsein ist oft ganz entsetzlich! -- aber auch schtzt, lat auf
Euren weichen Hnden die harte Haut der Arbeit erstehen: fhlen, lieben,
sich aufopfern und leiden wird nicht nur immer das gleiche Schicksal
bleiben fr Euch, je mehr Ihr ihm vielmehr entrinnen wollt, desto fester
wird es seine Krallen in Eure blutenden Herzen schlagen."

       *       *       *       *       *

"Meinen Koffer mit Geistesnahrung fr Jahre, mein Herz mit
Abschiedsqualen und Dankbarkeitsfreuden gefllt" -- so kehrte Jenny von
Paris und vom Elsa, wo sie noch ihre Verwandten besucht hatte, nach
Hause zurck. Doch nicht auf lange sollte sie sich der lndlichen Ruhe
erfreuen. Werner Gustedt hatte sich in den preuischen Landtag whlen
lassen, und wenn auch seine Frau nicht daran denken konnte, alljhrlich
auf Monate Haus und Kinder zu verlassen und mit ihm nach Berlin zu
gehen, und es noch weniger fr rtlich hielt, Tochter und Shne
wiederholt der lndlichen Ruhe und der Stetigkeit des Lernens zu
entreien, so wollte sie doch wenigstens einmal versuchen, den Winter
mit der Familie in Berlin zuzubringen.

Welch ein Unterschied: das Paris, das sie eben verlassen hatte, wo das
Leben kraftvoll pulsierte und das Kaisertum der Bonapartes, wie einst,
aus den Flammen der Revolution siegreich emporzusteigen schien -- jenes
Kaisertum, von dem Gerlach in seinen Briefen an Bismarck schrieb, es sei
die inkarnierte Revolution --, und das Berlin, in das sie eintrat, wo
jede Lebensregung niedergeknttelt wurde, und Hinkeldey, der allmchtige
Polizeiprsident, seine Rute ber eine Gesellschaft von Duckmusern
schwang -- jenes Berlin, die inkarnierte Reaktion!

Die politische Stellung Werner Gustedts bestimmte seiner und seiner
Gattin gesellschaftliche Position: Offiziell schlo er sich keiner
Partei an, ganz in bereinstimmung mit den Ansichten Jennys, die an
Scheidler schrieb: "Meiner Meinung nach kann ein Staatsmann, wenn er
praktisch, rechtlich, vernnftig, fr das Wohl des Volkes recht eifrig
ist, keiner Partei angehren, weil er unter Umstnden mit allen Parteien
abwechselnd stimmen mu. Bei Gelehrten, die nur ber Theorien
wissenschaftlich streiten, ist es natrlich anders, die knnen sich
freilich fr eine Partei als die beste entscheiden, wo aber der Riegel
des Mglichen vorgeschoben ist, den Sie so vollkommen anerkennen, kann
man eben doch nur das Mgliche fordern, nur fr das Mgliche Partei
nehmen, mithin in jetziger Zeit alle drei Monate fr etwas Anderes.
Gerade das Unterordnen der individuellen Meinung unter die Autoritt
eines Parteifhrers ist es, was ich nicht fr recht halte und wehalb
ich gewi nie, wenn ich Staatsmann wre, mit einer Partei gehen wrde,
auer natrlich in konkreten Fragen." Als ausgesprochener Gegner des
Manteuffelschen Regimes ging Werner Gustedt in den entscheidenden Fragen
mit den Liberalen. Die persnliche Freundschaft Jennys mit der
Prinzessin von Preuen kam hinzu, um das Gustedtsche Ehepaar vollends in
die Kreise der Opposition zu fhren, die durch einzelne ihrer Glieder,
wie Bethmann-Hollweg -- den Fhrer der sogenannten Gothaer --, Usedom
und Pourtals, stets in Verbindung mit der damals in Koblenz regierenden
Prinzessin standen. Mehr als je gehrte ihr in dieser Zeit der
Herrschaft der Dunkelmnner die wrmste Sympathie Jennys. Sie waren
beide echte Kinder Weimars, und was Bismarck nicht aufhrte, der
Prinzessin von Preuen zum Vorwurf zu machen: ihr Wurzeln in den groen
Traditionen ihrer Jugend -- das gereicht ihr wie ihrer Freundin zum
Ruhm. Ihr Briefwechsel wrde psychologisch und zeitgeschichtlich von
grtem Werte sein, und nicht nur die Einheitlichkeit ihrer
Anschauungen, auch der Einflu, den sie aufeinander ausbten, wrde
dabei zutage treten. Gerade in der Reaktionszeit Preuens hatten die
beiden Frauen viel Gemeinsames: ihre Bewunderung fr England, ihre
Abneigung gegen Ruland, ihr Wunsch nach Schaffung grndlicher, vor
allem sozialer Reformen, ihre Versuche, mit den eigenen schwachen
Krften nach dieser Richtung ttig zu sein. "Das Jahr 1848," berichtete
Jenny, "war ihr, wie sie mir schrieb, verstndlich und htte ihrer
Ansicht nach zu einem guten Ende fhren mssen", aber ihre Gegner --
Bismarck an erster Stelle -- hielten ihr weitherziges Verstndnis auch
fr die Ansichten der Gegner nur zu oft fr ein Einverstndnis mit
ihnen, so z. B. in bezug auf ihre Stellung zum Katholizismus und zum
Judentum. "Sie hatte es sich zum Ziel gesetzt," schrieb Jenny, "die
Wunden, die die Politik schlug und schlagen mute, mit der weichen Hand
der Frau zu heilen, und auch das ist ihr vielfach zum Vorwurf gemacht
worden. Immer wieder wollte sie zeigen, da die Politik eines Menschen
uns falsch, ja sogar verderblich erscheinen kann, ohne da der Mensch
selbst deshalb verdammenswerth ist. So war ihr die Politik der
katholischen Kirche widerwrtig, ohne da sie sich deshalb von dem
einzelnen Katholiken, dessen groen Charakter sie erkannt hatte,
abgewandt htte. Ebenso verachtete sie den jdischen Geist, zog aber den
einzelnen edlen Juden in ihre Nhe. hnlich war ihre Stellung England
gegenber; sie bewunderte rckhaltlos den freiheitlichen, grozgigen
Geist seiner Politik, der seit Jahrhunderten so erzieherisch gewirkt
hat, da auch der einzelne Englnder ein Stck von ihm in sich trgt,
aber sie verabscheute seine Unersttlichkeit, wenn es galt, sich fremde
Lnder anzueignen, und seine Grausamkeit in der Unterdrckung armer,
wilder Volksstmme." Ist das nicht, als ob Jenny sich selber schildert,
und liegt der Wunsch nicht nahe, zu erfahren, von welcher der
Freundinnen der bestimmende Einflu ausging? Aber die Briefe Augustas
sind verabredetermaen zum grten Teil verbrannt worden, und die Briefe
Jennys, die ein lebendiges Zeitbild gewesen sein mssen, ruhen, falls
sie nicht auch dem Feuertode geweiht wurden, in den unerreichbaren
Schrnken des kaiserlichen Hausarchivs.

Zur Zeit des Berliner Aufenthalts der Gustedts gaben sie der Prinzessin
zweifellos auch den Eindruck wieder, den das dortige politische und
gesellige Leben auf Jenny machte. Ein einziges Brieffragment, das sich
unter ihren Papieren befindet, enthlt folgende charakteristische Stze:
"Die Berliner Luft wirkt geradezu lhmend. Es ist, als ob der Geist
Hinkeldeys sie so durchdringt, da gar kein anderer daneben Platz hat.
Was gro und gut und zukunftsfroh erschien, ist fort und hlt sich im
Hintergrund oder ist ber das Alter lebendigen Wirkens hinaus, wie
Bettina, wie Varnhagen, wie Alexander von Humboldt. Es kommt mir hier
vor, wie in einem Kinderzimmer, wo die strenge Gouvernante Ordnung
gemacht hat: alles Spielzeug ist verschlossen -- die Kinder knnen beim
besten Willen nichts mehr entzwei machen. Aber ich frchte, das Bild
behlt auch in seiner weiteren Entwicklung seine Gltigkeit: sie werden
nun erst recht unzufrieden und unartig werden. Ich wrde es auch, wenn
ich hier zu leben verurteilt wre."

Alte Freunde, wie Frst Pckler und Karl von Holtei, liebe Verwandte,
wie der Schwager ihres Mannes, Graf Kleist-Nollendorf, und seine Frau,
verscheuchten ihr die trben Stunden, und ein schnes Bild, das Peter
Cornelius' begabter, leider jung verstorbener Schler Strauch von ihren
Kindern malte, wurde der schnste Gewinn ihres Aufenthalts. Das Motiv
dazu gab sie ihm: Christi Wort "Lasset die Kindlein zu mir kommen":
unter einem Palmenbaum sitzt er selbst, Diana, das Erstverstorbene, in
weiem Hemdchen, weie Rosen auf dem Kopf, ihm auf den Knien; die tote,
schne Marianne, gleich gekleidet, neben sich, whrend die drei anderen
weiter entfernt, in den bunten Gewndern des Lebens sich ihm nhern. Zu
den Kpfen der Verstorbenen hatte Jenny die Skizzen entworfen.

Kurz vor ihrer Abreise von Berlin schrieb sie einem Freunde: "Knnen Sie
sich vorstellen, da ich mich nach den, von Ihnen oft verhhnten
barbarischen Gefilden Westpreuens wie nach dem gelobten Lande der
Freiheit sehne?! Machte der unhaltbare Zustand Preuens, der bei der
merkwrdigen Geistesart des Knigs, seinem Sprunghaften, Phantastischen,
Unberechenbaren, nur immer unhaltbarer werden wird, mich nicht
aufrichtig traurig, ich wrde mich der nahen Abreise rckhaltlos
freuen." Das "natrliche, gesunde, heiterttige Leben" trat wieder in
seine Rechte, es stellte aber auch immer hhere Anforderungen an die
Mutter wie an die Gutsherrin. "Viele Mtter atmen erleichtert auf,"
schrieb Jenny, "wenn die Kinder der Schule entwachsen, dann, meinen sie,
sind die Sorgen vorbei. In Wirklichkeit aber wachsen sie nur mit den
Kindern. Oder ist es nicht viel leichter, ein Kind zu pflegen, das die
Masern hat, als eines Kindes Seele gesund zu machen, die die bsen
Miasmen der Welt zu vergiften begannen? Und ist es nicht viel einfacher,
ihm das Einmaleins beizubringen als die einzige Wahrheit, da Freiheit
von der Snde die Freiheit an sich ist?"

Otto, ihr Sorgenkind, der es mit nahezu sechzehn Jahren mhsam bis
Untersekunda gebracht hatte, weil nach der Mutter Wort: "seine
schwankende Gesundheit und sein schlechtes Gedchtnis ihm das Lernen
erschweren," sollte auf die landwirtschaftliche Schule nach Jena kommen,
um alle Zeit und alle Krfte seinem knftigen Beruf als Landwirt zu
widmen. "Aber" -- so fhrt Jenny in ihrem Bericht an eine Freundin fort
-- "die stille Schmach, die in Preuen auf denen ruht, die nicht das
Abiturientenexamen gemacht haben, hat das Gewicht nach Werners Wunsch
hinsinken lassen. Seit seinem Abgang von Marienwerder, den ich nicht
weiter berhre, da ich denke, Sie haben durch Emma und meine Schwester
die fatale Geschichte, die uns nun seit 8 Monaten peinigt, hinreichend
erfahren, ist er hier von unserem lieben herrlichen Prediger
unterrichtet und eingesegnet worden. Diese Feier war, durch die, ich
kann sagen, heilige Persnlichkeit des Predigers, so schn, wie ich sie
nie erlebt habe."

Eine Feier in Haus und Herzen, wie sie wenige so gut zu gestalten
verstanden als Ottos gtige Mutter, war der Einsegnungstag gewesen. Alle
Arbeit hatte geruht, dunkle Tannenzweige und leuchtendes Herbstlaub
hatten das Haus mit Duft und Glanz erfllt, und stolz und voll Hoffnung
sahen die Augen der Mutter auf den nunmehr erwachsenen Sohn. In das
Tagebuch, das sie ihm zur Eintragung seiner Gedanken und Erfahrungen
schenkte, hatte sie als Richtschnur fr sein Leben folgendes
geschrieben:

"Am Tage, der Dich aus der Kindheit entlt, sei das erste Wort der
Mutter an Dein Herz das Wort der hchsten, reinsten Liebe, sei die Lehre
Christi von der Menschenliebe; der Geist des Herrn gebe meiner Rede
Licht und Kraft, da sie in Deine innerste Seele dringe, da sie Dich
erflle, Dein ganzes Sein durchglhe, Dich gegen Undank, Irrthum und
Bosheit sthle, da Du befhigt werdest, zu lieben und zu helfen, nur um
der Liebe willen, ohne Wunsch oder Hoffnung auf Dank und Lohn, da Du
erkennen mgest, wie Alles eitel ist, was nicht aus dem reinen Quell der
Liebe entspringt, da Du es klar in Deinem Herzen lesen mgest, das
einzige hchste Gesetz, das Gott mit glnzenden Buchstaben aufgezeichnet
hat, das alle guten Geister in tausend Chren an seinem Throne singen:
Liebe deinen Nchsten als dich selbst.

"Ich gebe Dir, mein Sohn, als einziges Studium Deines Lebens, als
einzige Aufgabe vom ersten Erwachen Deiner Seele bis zu dem letzten
Gedanken: die Erkenntni und Ausbung der Liebe nach des Heilands Wort.
Und Du mut fleiig und thtig sein, wenn Du die heilige Aufgabe lsen
willst, denn die Liebe verzweigt sich in allen Fhigkeiten, in alle
geistige Erkenntni, in alles Wissen, in alle Verhltnisse, in alle
Thaten der Menschen. Du mut vor Allem Dich erkennen und vergessen
lernen, denn aus dem Mittelpunkte Deiner Seele, aus den Triebfedern, die
Du darin entdeckst; entspringt die Erkenntni und Nachsicht fr andere
Seelen, und nur im Vergessen Deiner selbst, im Aufopfern von Vergngen,
Bequemlichkeiten, weltlichen Vortheilen, sobald sie in Widerspruch mit
der Menschenliebe stehen, sprot der gttliche Keim der wahren Liebe.
Ihr erstes Erforderni ist, da Du Dich ganz in die Lage, in die
Empfindungen, in die Denkungsweise Deines Nchsten versetzen zu knnen
lernst, darum mut Du die Mhe der Beobachtung nicht scheuen, darum mut
Du den Standpunkt kennen lernen, aus dem die fremde Seele fhlt, denkt
und handelt, darum mut Du Dich mit dem Leben in allen seinen Formen
bekannt machen, darum mut Du jede uere Erscheinung genau prfen und
die Sitten und Ansichten aller Stnde kennen lernen; Du mut klar sehen
in den tausend verschiedenen Verhltnissen, die Zeit und Umstnde,
Weisheit und Irrthum so bunt gestaltet haben, um weder durch Hrte noch
durch falsches Mitleid Fehlgriffe in dem Werke der Menschenliebe zu
thun ...

"Mut Du auch ruhig den Contrasten der geselligen Verhltnisse zusehen,
so hte Dich, da Du die Grenze genau erkennen mgest, wo Armuth in
Mangel, und Einfachheit in Bedrftigkeit bergeht, hte Dich vor dem
Urtheil der Bequemlichkeit so vieler Reichen, welche sagen: Die Leute
wissen es nicht besser, sie sind einmal daran gewhnt. Man gewhnt sich
nicht an Frost und Hunger, an Erschpfung und Krankheit, man gewhnt
sich nicht an die dumpfe Einfrmigkeit tglicher Sorge und freudeloser
Arbeit; eine Mutter gewhnt sich niemals daran, ihr Kind Mangel leiden
zu sehen, und immer bleibt die Stimme der Natur wach, welche dem
Leidenden zuruft: 'So sollte es nicht sein', bis da seine Seele von der
Sorge zur Bitterkeit, von der Bitterkeit zum Unrecht, vom Unrecht zum
Verbrechen bergeht, und ist es erst so weit gekommen, so tritt die
strenge, unabwendbare Macht der Gesetze ein, die als Selbstschutz der
Gesellschaft das Verbrechen strafen mu, ohne auf dessen Quelle
zurckzugehen; aber der heilige Beruf der Liebe ist es, unermdlich in
dem ganzen Kreise, der uns zum Wirken angewiesen ist, diese Quellen zu
ersphen und zu verstehen.

"Alles Unglck sucht die Liebe auf und tilgt es, wenn sie die Macht dazu
hat. Wo Du gebietest, mu die Liebe herrschen und die Gerechtigkeit; da
Du aber die Mittel dazu behltst und Deine Liebe nicht in Schwche
ausarte, darum lerne Welt und Menschen kennen. Was Dir zunchst liegt,
lerne zuerst, gehe mit Deinen Untergebenen selbst um, suche sie zu
durchschauen, begegne ihnen mild, ernst, konsequent und
menschenfreundlich. Nicht Deine Macht mu Dich als ihren Vorgesetzten
zeigen, Deine Seele mu das bergewicht behaupten, Du mut ihr Herr im
Geiste sein, Du mut es sein in Christi Sinn, und Undank, Tadel und
Unvernunft mssen Dich unangefochten lassen in Deinem Werke der
Menschenliebe, in Deinem Glauben an das Gute.

"Darum, mein Sohn, lutere erst Deine eigene Seele. Um Gutes zu stiften,
mut Du gut sein, um zu herrschen, mut du Dich selbst beherrschen,
keine Launen drfen Dich herabwrdigen, sie reizen die Pfiffigkeit, die
Schmeichelei deiner Untergebenen, die auf Deinen Edelmuth, nicht auf
Deine Schwchen bauen mssen. Wenn der Arme mehr zu tragen hat, so hat
der Reiche mehr zu thun. Wem viel gegeben ist, von dem wird viel
gefordert werden.

"Das, mein Sohn, ist Christenthum; keine Religion der Gefhlsseligkeit,
der Schwrmerei, der Wortgefechte, sondern eine Religion der That, der
lebendigen Liebe."

An eine Freundin richtete Jenny kurz nach Ottos Einsegnung folgenden
Brief: ... "Ich bin mir bewut, ihm das Beste gegeben zu haben, was ich
fhle, glaube und denke, und werde und will es ihm weiter geben, wenn es
sein mte bis zur Selbstauflsung. Ich bin auch berzeugt, da er Alles
bereitwillig aufnahm, da die beste Absicht ihn beherrscht und da er,
wenn keine zu schweren Anforderungen an seinen Krper und an seinen
Geist gestellt werden, ein tchtiger Mensch werden wird. Aber mich
berfllt oft die qulende Sorge, da er zu denen nicht gehrt, die
groen Schmerzen, groen Pflichten, groen Verfhrungen gewachsen sind,
und das Rthsel der angeborenen Anlage mit all seinem Gefolge an
Zweifeln und Qualen steigt dann drohend vor mir auf." Eine wehmtige
Resignation klingt aus diesen Worten, jene schmerzlichste, zu der ein
enttuschtes Mutterherz sich durchdringt: da das geliebte Kind nicht
dem Bilde entspricht, das die Mutter von ihm entwarf. Alle
Enttuschungen des eigenen Lebens wiegen leicht fr ein Weib, das die
eigenen unerfllten Wnsche und Hoffnungen auf ihr Kind bertragen kann.
Mit ihm ist es noch einmal jung und geht mit starkem Vertrauen die alten
Wege des Lebens wieder, berzeugt, da sie nun zum Ziele fhren mssen.
Eine geheimnisvolle Stimme aus den unergrndlichen Tiefen ihres Innern
raunt ihr zu, da die Wunden, die ihr das Leben schlug, nur darum so
zahlreich waren, so schmerzten und so bluteten, weil sie die ihrem Kinde
bestimmten Leiden mit auf sich nahm. Und als ein Glck empfindet sie
dann ihr Unglck. ber spitze Steine mute ich gehen und glhendes
Eisen, sagt sie zu sich selbst, um mein Kind unverletzt auf meinen
Schultern hinberzutragen; von den Dornen am Weg mute ich die Haut mir
zerreien lassen, aber auf starken, hocherhobenen Armen halte ich mein
Kind, damit es ohne Schaden das Ziel erreiche.

"Da Gott nicht berall sein kann, schuf er die Mtter," heit es in
Jennys Sammelbuch. Aber wehe der Mutter, die die Machtlosigkeit ihrer
Gottesvertretung langsam begreifen lernt und sieht, da ihr Blutopfer
umsonst war. Nur die Kraft eines Glaubens, der Berge des Leids zu
versetzen vermag, und der Quell der Hoffnung, der in stets gleicher
Strke sprudelt, ob er auch schon tausendmal dem Verdurstenden das Leben
retten mute, vermgen ber die furchtbarste Offenbarung des Lebens
hinwegzuhelfen. Jenny besa jenen Glauben, aber ihre Hoffnung war
wasserarm, sie schien nur zu oft im Sande der Sorge zu versiegen. Da war
es der lebenskrftige Gatte mit seinem gesunden Optimismus, der sie
immer wieder den trben Vorstellungen entri und sie ber ihre traurige
Wahrheit hinwegtuschte, und wo es ihm nicht gelang, da war es die
Arbeit, die sie davon befreite.

"Wir wissen im Augenblick nicht, wo wir zuerst Hand anlegen sollen; das
Elend der uns umgebenden Menschen, Cholera, Klte, Hunger, Teuerung
lasten schwer auf uns und ihnen, und es ist doch im Ganzen nur sehr
krgliche Hilfe mglich, am meisten noch durch Suppenanstalten, und
diese bemhen wir uns in den Stdten des Kreises einzufhren. Daneben
suche ich die Kinder in unser groes, warmes Haus zu retten und freue
mich ihrer Frhlichkeit, die besser ist als aller Dank ... Ich schreibe
im Angesichte einer Rechenstunde von sechs kleinen Knaben, die eine Art
Schule bei mir bilden und neben meiner Jenn, die eine franzsische
bersetzung macht, -- wenn ich also einen uneleganten Brief in Styl und
Ausstattung schreibe, so halte es mir zu Gute," schrieb sie im Jahre
1856 an Emma Froriep, und uerte ungefhr zu gleicher Zeit ihrer
Schwester Cecile Beust gegenber: "Es ist mir jetzt erschreckend
deutlich geworden, welch groen Vorzugs wir uns in unserer Arbeit
erfreuen: Wir mssen alle Gedanken auf sie verwenden, und werden daher
gezwungen, sie von unseren Kmmernissen abzulenken. Sieh dagegen einen
Tagelhner oder einen Scheerenschleifer: der eine mht die Wiese und
der andere schleift die Messer, ohne da ihm diese Wohltat wird, seine
Gedanken knnen sich nach wie vor um die kranke Frau, um die hungrigen
Kinder, um den kommenden Winter, um den leeren Beutel drehen ..." -- --

Eine lange Periode der Schweigsamkeit beginnt mit dem Jahre 1859, nicht
nur, weil die etwa geschriebenen Briefe unerreichbar blieben, sondern
wohl auch, weil unter der Folge von Ereignissen ihrer nicht viele
geschrieben wurden. Die befreiende Gabe, sich auch im tiefsten Leid
aussprechen zu knnen, kommt vor allem der Jugend zu, die noch an den
Trost und die Hilfe der Freunde glaubt und glauben kann. Je lter man
wird, um so einsamer wird man; die persnliche Atmosphre der eigenen
Lebenserfahrungen entfernt den einen von dem anderen, je dichter sie uns
umschliet. Ein jeder wird eine Welt fr sich mit ihren eignen Gesetzen.

Jenny Gustedts ltester Sohn war inzwischen, nachdem er zur Emprung
seines Vaters das Abiturientenexamen nicht gemacht hatte, auf die
landwirtschaftliche Schule gekommen.

Mitten im Studium erwachte in ihm die Passion fr die militrische
Laufbahn mit solcher Gewalt, da er die Eltern vermochte, ihr
nachzugeben, und als er im schmucken Schnurenrock des Danziger Husaren
zum erstenmal wieder nach Rosenberg kam, war er so strahlend vor Glck
und bot ein so bezauberndes Bild junger, schner Ritterlichkeit, da es
wirklich schien, er habe endgltig gefunden, was seinem Wesen entsprach.
Mit Leib und Seele war er Soldat, ein tollkhner Reiter, ein
unermdlicher Tnzer, ein verwhnter Liebling der Damen. Seine kecken
Streiche wurden bald zum Stadtgesprch; als er einmal auf Grund einer
Wette whrend der Vorstellung zu Pferde in einer Loge des Theaters
erschienen war, kam er zur Strafe in eine kleinere Garnison. Trotzdem
war er bei jedem Ball in Danzig und morgens pnktlich in der Reitbahn
bei den Rekruten: er ritt nach Danzig und setzte sich, hei vom Tanz,
wieder aufs Pferd, um in den eisigen Winternchten, so rasch der Gaul
ihn trug, die Garnison zu erreichen. Pochend auf seine Jugendkraft,
rcksichtslos vergeudend, was fr ein ganzes Leben reichen sollte,
schlrfte er in vollen Zgen den sen, perlenden Wein sorglosen, liebe-
und lusterfllten Daseins. Die Mutter zitterte bei jeder Nachricht von
ihm und wagte doch dem Gatten ihre Angst nicht zu zeigen, weil sie
wute, wie ungeduldig ihre ahnungsvollen Sorgen ihn machten, weil sie
frchtete, ihn, der gerade anfing, mit dem Sohn zufrieden zu sein,
vielleicht unntigerweise zu reizen. Wie gerne wollte sie unrecht haben,
und doch gab ihr die Zukunft recht. Otto brach vollkommen zusammen, so
vollkommen, da es schien, als wrde er fr immer dem bunten Rock
entsagen mssen. In der aufopfernden Pflege der Mutter genas er nach und
nach. Kaum, da sie aufzuatmen wagte, kamen beunruhigende Nachrichten
aus Paris: das Alter, das Jerome bisher nichts anzuhaben schien,
berwltigte ihn nun mit doppelter Schnelligkeit, und in der Ahnung des
nahen Endes wnschte er sehnlich Tochter und Enkel noch einmal
wiederzusehen. Jenny entschlo sich mit den drei Kindern zur Reise nach
Frankreich und verlebte ein paar stille Sommerwochen bei dem geliebten
Vater auf dem Lande, berzeugt davon, da es das letzte Zusammenleben
sein wrde. Kaum ein halbes Jahr spter -- 1860 -- wurde der letzte der
Brder Napoleons zu Grabe getragen, und die Kuppel des Invalidendoms,
die sich ber die sterblichen Reste des Welteroberers wlbte, wlbte
sich nun auch ber ihm. Aber whrend Hunderte und Tausende noch immer
zum Sarge des Kaisers wallfahrten, und trotz all der Wunden, die er
schlug, trotz all des Lebens, das er zertrat, in Ehrfurcht bewundernd,
das Haupt vor dem Toten entblen, werfen sie kaum einen Blick auf das
Grabmal Jeromes -- der Schatten des Gewaltigen warf seinen dunklen
Schleier auch noch ber den Toten. Nur seine Kinder weinten um ihn, und
unter ihnen wohl keine so hei als Dianens Tchter.

Was Jenny so sehr gewnscht hatte: dem Vater die letze Ehre zu erweisen,
war unerfllt geblieben, denn seine Todesnachricht traf sie mitten in
der Auflsung ihrer lndlichen Huslichkeit: Werner Gustedt hatte die
Wahl zum Landrat des Halberstdter Kreises angenommen. Seit alten Zeiten
hatte ein Mitglied der Familie Gustedt diese Vertrauensstellung inne
gehabt, so auch sein 1860 verstorbener ltester Bruder, und die
Tradition war eine so fest gewurzelte, da die Kreisstnde ihn whlten,
obwohl die meisten ihrer Mitglieder ihn zum erstenmal gesehen hatten,
als er, eben von Preuen kommend, sich noch im Reisepelz an das offene
Grab des Bruders stellte. Die trben Ahnungen tapfer berwindend, in
Gedanken an die guten Seiten einer bersiedlung in die Stadt, in die
nchste Nhe der Verwandten, besonders im Interesse der Kinder,
unterwarf sich Jenny widerspruchslos der Entscheidung des Gatten. In
dreiundzwanzig Jahren hatte sie sich durch Kampf und Arbeit, durch Freud
und Leid im fernen Osten die Heimat erworben; die lebenden Kinder, die
ihr entsprossen waren, die toten, die sie ihr wieder hatte zurckgeben
mssen, fesselten sie an diesen stillen trauten Winkel. In ihm begrub
sie zum Abschied ihre Jugend. Aber wenn sie auch einst gekommen war mit
rosigen Wangen und dem leichten Schritt jugendlicher Freude und nun
ging, bla und schmal, zgernden Fues, als ob der Boden ihn festhalten
wollte: ihre dunklen Augen leuchteten strahlender als einst, und ihre
reine Schnheit verleugnete ihre fnfzig Jahre.

Ein groes, schnes Haus in grnem Garten nahm Gustedts in Halberstadt
auf, mit offenen Armen und Herzen kamen ihnen die vielen Verwandten
entgegen, deren Gter in der Nhe waren, und die den Winter in der Stadt
zuzubringen pflegten. Die liebliche, eben erblhte Tochter war des neuen
Heimes Schmuck und wurde die strkste Anziehungskraft fr die Jugend des
Stdtchens. Ein neues, frhliches Leben trat an Stelle des alten,
stillen; das gastliche Haus des neuen Landrats, in dem mit ihrer
Vornehmheit seine gtige, geistvolle Gattin eine Atmosphre von Behagen
verbreitete, wurde zum Mittelpunkt der Geselligkeit, das reizende
Tchterchen das umworbenste Mdchen der Gesellschaft. Unter den 7.
Krassieren war manch ein Offizier mit altpreuischem Namen, der sie
gern fr sich erobert htte und auch die Gunst des Vaters gewann. Jenny
selbst enthielt sich jeden Einflusses, nur das Herz der Tochter sollte
entscheiden. Und es entschied rasch genug: auf einen Infanterieleutnant,
von dessen Familie kaum jemand viel wute, der nur ein kleines Vermgen
besa und in der Gesellschaft keine groe Rolle spielte, weil er besser
zu unterhalten als zu tanzen verstand, fiel ihre Wahl. Als er zum
erstenmal in Helm und Waffenrock vor den alten Gustedt trat, ihn um die
Hand der Tochter bittend, wurde er schroff zurckgewiesen, und Jenny
mute auf lngere Zeit Halberstadt verlassen, um sich die Liebe zu Hans
von Kretschman womglich aus dem Sinn zu schlagen. In Begleitung ihres
ltesten Bruders trat sie eine Verwandtenreise nach dem Elsa an, wobei
die jungen Leute es sich wohl sein lieen: die Schwester, in der
Zuversicht ihr Ziel doch zu erreichen, der Bruder, im Vollgefhl der
wiedergewonnenen Gesundheit.

Auf dem Schlo der Familie Bussires, deren weibliches Haupt, eine
geborene Trkheim, Jennys rechte Cousine und alte Pensionsfreundin war,
trafen sie eine Schar frhlicher Vettern und Cousinen. Die eine von
ihnen eroberte im Sturm Ottos leicht zu entflammendes Herz, und die
Geschwister kehrten nach Halberstadt zurck, die Schwester ihrer Liebe
nur noch sicherer, der Bruder entschlossen, die seine zu verteidigen. Er
fand unerwarteten Widerstand bei seiner Mutter: seine Jugend, die ihm
fehlende Lebensstellung, seine Krnklichkeit, vor allem aber die nahe
Verwandtschaft des jungen Paares waren fr sie Grnde genug, sich mit
allen Krften gegen die Verbindung zu struben. Aber trotz der
Untersttzung, die sie bei ihrem Manne und bei ihrer Cousine, der
Mutter des jungen, von Otto geliebten Mdchens, fand, unterlagen
alle Grnde und Erwgungen der Vernunft der Liebesleidenschaft
des Sohnes. Im Jahre 1863 fand die Hochzeit des jungen Paares statt,
das zunchst nach Straburg bersiedelte. Und kaum ein Jahr spter
hatten Kretschmans Energie und Jennys Treue den Widerstand des Vaters
gebrochen, und den alten Dom von Halberstadt fllte eine glnzende,
frohe Hochzeitsgesellschaft.

Als auch die Tochter das elterliche Haus verlassen hatte und nur noch
der Jngstgeborene noch briggeblieben war -- wie einsam erschien es da
der Mutter! Sie wute ihre Kinder glcklich in ihrem selbstgewhlten
Los, sie wute von sich, da ihre Liebe durch keine Spur von Selbstsucht
vergiftet war, und doch konnte sie so recht nicht froh werden. Ihr
fehlte auch die Arbeit, alles Vertiefen in ihre Bcher bot ihr keinen
Ersatz. Nur Jeromes Memoiren, die um jene Zeit anfingen, zu erscheinen,
und aus denen ihres Vaters Bild ihr lebendig entgegentrat, vermochten
sie von der Gegenwart abzulenken. "Sie enthalten nicht nur," so schrieb
sie, "uerst wichtige historische Tatsachen, sie geben vor allem den
richtigsten wahren Abglanz seines Wesens, Wollens, seines Charakters und
seiner Liebenswrdigkeit." Mit ihrem Mann begann sie wieder die
gemeinsame abendliche Lektre, aber zu einem stillen Einleben in die
neue Art des Daseins schien es nicht kommen zu wollen. Eine innere
Unruhe trieb Werner Gustedt hin und her, lie ihn sich auf der einen
Seite wieder in politische Angelegenheiten mischen, whrend ihn die
Reiselust andererseits in die Ferne trieb. Eines schnen Morgens packte
er denn auch seinen Koffer und fuhr trotz der Sommerhitze ber Italien
nach Algier. Zu Beginn des Herbstes, als Hans von Kretschman im Manver
sein mute, traf Jenny in Heringsdorf mit der Tochter zusammen. Am 10.
September 1864 schrieb sie von dort aus an ihren eben heimgekehrten
Gatten:


"Mein lieber Werner!

Einen schriftlichen Gru sollst Du wenigstens finden, wenn Du an unseren
lieben huslichen Herd zurckkehrst, wo ich Dir so gerne entgegenkme,
ich halte aber mich und meine Jenn gewaltsam hier fest ... Meine
Meerpassion wurzelt immer tiefer im Herzen, in den Nerven und in der
Phantasie, obwohl ich immer schlecht schlafe. Am Tage aber fhle ich
mich leicht an Krper und Geist. Wald und Umgegend erinnern an unser
geliebtes Garden ohne Meer, und ich trume mich oft um zwanzig Jahre
zurck! ... Leben, Licht, Friede, Gre, Ewigkeit, Wechsel bei der
gttlichen Ruhe des stillen Meeres und dann das majesttische Losdonnern
des Sturmes wie der Zorn Gottes, und das geduldige Tragen der kleinen
Schiffchen, wie das Tragen des kleinen Menschen durch die gttliche
Liebe -- es ist zu wunderbar schn und mit nichts auf der Welt zu
vergleichen! Htte ich meine Lieben Alle um mich, ich mchte nie von
hier fort. So aber werde ich gerne abreisen ... Habe ich Jennchens
Wohnung in Magdeburg eingerichtet, wo sie, so Gott will, im nchsten
Sommer als glckliche Mutter hausen wird, dann setze ich, vereinsamte
Mutter, mich zu meinem lieben alten Mann. Lebe wohl, mein guter, lieber
Werner, ich hoffe, das Zuhause wird Dir doch wieder recht sein."

"Beantwortet am 12. September," steht von Gustedts Hand auf dem Briefe
vermerkt. Es war der letzte, den er erhalten hatte. Am 30. September war
er tot. Still und starr in ihrem Schmerz, mechanisch verrichtend, was
fr sie zu tun war, ohne Anteilnahme fr alles, was um sie her vorging
-- so sahen die Kinder ihre Mutter, wie sie sie noch nie gesehen hatten.
Nicht nur der Gatte war tot, nein auch in ihr war etwas gestorben: ihm
hatte sie sich in Liebe hingegeben, ihm hatte sie nicht nur jene banale
Treue des geschriebenen Rechts, sondern die Treue der Seele
unverbrchlich gehalten, ihm hatte sie sich untergeordnet, wenn beider
Willen nicht zu vereinigen war, ihm hatte sie vieles geopfert, was ihr
Leben reicher und glcklicher htte machen knnen, und gerade darum war
es ein Stck ihrer selbst, das mit ihm starb. Die Opfer, die sie ihm
bringt, verbinden das Weib dem Manne viel strker als die Freuden, die
sie von ihm empfngt, und je mehr sie sich hingibt, desto furchtbarer
ist die Leere, die sein Tod hinterlt.

Folgender Brief Jennys an Wilhelmine Froriep, die ihren Mann auch
verloren hatte, gibt den Zustand ihrer Seele am besten wieder:


"Halberstadt, den 16. Oktober 1864.

"Mein liebes teures Minele!

"Was ich damals zu verstehen glaubte, verstehe ich erst jetzt -- deinen
Schmerz. Da du nach Jahren noch Trnen hast, ist die Erleichterung, um
die ich dich jetzt beneide; seitdem der geliebte Sarg meinen Augen
entschwunden ist, kann ich selten weinen, und es ist mir, als
versteinere etwas in mir. Nur dafr kann ich Gott nicht genug danken,
da er mir Frieden gibt, Frieden in mir, Frieden in der Erinnerung --
Frieden im Gedanken an meinen Werner, dessen heiliges teures Totenbett
von lauter lieblichen Bildern und Gefhlen umgeben war. -- Gottlob, da
ich ihn pflegen, lieben, bedienen konnte bis zuletzt! Seine Krankheit
lag eigentlich zwischen zwei Reisen fr mich -- ich kam eben von
Heringsdorf und wollte im November zu Otto und meiner lieben
Schwiegertochter nach Straburg, wo sie ihre erste Entbindung erwartet.
Mein armer Otto mute den bittern Kelch des 'zu spt' ohne sein
Verschulden leeren; am Sonnabend frh um halb ein Uhr war sein lieber
Vater entschlafen, und am Abend um 7 Uhr kam er an. -- Die andern Kinder
standen um sein Bett; mich traf sein letzter Blick, ich hatte 13 Stunden
um, mit, durch ihn gelebt, ohne von mir selbst etwas zu wissen -- vorher
glaubte ich an keine Gefahr. Wie du, mein Minele, gehrt der Rest meines
Lebens meinen Kindern, wenn ich aber bersehe, da ich nur noch wenige
Jahre Arbeit fr sie habe, denke ich, dann wird mich der Herr im Frieden
abrufen -- wie gern beschl ich mein Leben in Weimar, aber meiner
Kinder Schicksal will sich da nicht einschichten lassen, und so wei ich
jetzt noch nicht wohin. Mein liebes Jennchen und ihr vortrefflicher
Mann nehmen meinen Sohn Werner in Leitung und Obhut -- ihr Beruf ist,
oft umherzuziehen, Otto hat noch keine feste Huslichkeit, so da ich
wirklich nicht sagen kann, wo ich wieder eine finden werde ..."

"Ich mu mich selbst erst wieder finden," heit es in einem anderen
Brief aus Straburg, wo sie zwei Monate spter der Niederkunft ihrer
Schwiegertochter entgegensah, "mu Vergangenes und Gegenwrtiges mit dem
Zuknftigen zu verknpfen suchen, mu lernen, allein zu sein. Wer sich
so lang und so fest wie ich auf den Arm des Lebensgefhrten sttzte, den
berfllt ein Gefhl des Schwindels, wenn er pltzlich selbstndig
vorschreiten soll. Ich brauche Stille und wei, da ich sie nirgends
sicherer finde als bei meiner lieben Nonne, zu der ich von hier aus
reise, und bei der ich bleibe, bis meine Tochter mich braucht ..."

Als die schwere Tre der Deersheimer Familiengruft sich hinter Werner
Gustedts Sarg geschlossen hatte, schien auch das Leben hinter ihr leise
die Tre zuzuziehen. An ein neues, das Wert und Inhalt fr sie haben
konnte, glaubte sie nicht mehr. Zu intensiv hatte sie fr Mann und
Kinder gelebt -- er war tot, sie gingen ihre eigenen Wege -- sie
vermochte nicht zu begreifen, da sie fr sich selbst noch zu leben
vermchte.

An einem grauen Januartag klopfte eine schwarz verschleierte Frau an die
Pforte des stillen Klosters in der brausenden Weltstadt Paris. Keine der
Jungfrauen, die hier um Einla gebeten hatten, um eine Zuflucht wider
die Verfhrungen und Schmerzen der Welt zu finden, war so voller
Sehnsucht nach Ruhe hierhergekommen wie diese Frau, in deren Seele und
in deren Herzen Ehe und Mutterschaft ihre unvergnglichen Zeichen
hinterlassen hatten. Weit ffnete sich ihr die Pforte, unhrbar schlo
sie sich hinter ihr.




Wieder im Strom der Welt


Im Frhling 1865 kehrte die Witwe nach Halberstadt zurck. Niemand von
der Familie kannte den Tag ihrer Ankunft. Wie sie es gewnscht hatte,
empfing sie die tiefe Stille des vereinsamten Hauses, in dem seit dem
Tode Werners noch nichts verndert worden war. Doch nicht, um "dem
grten und abstoendsten Egoismus, den es gibt, dem des Schmerzes", zu
leben, war sie heimgekommen. "Eine Lebensberechtigung hat nur, wer
ntzen kann," schrieb sie, "solange ich irgend Jemanden wei, dem ich
durch mein Dasein eine Last abnehmen, eine gute Stunde bereiten, einen
Schritt zum Ziele der inneren Vollendung weiter helfen kann, solange bin
ich nicht im Wege, nicht berflssig und habe noch immer Grund zur
Dankbarkeit gegen Gott." Und sie empfand es mit Freuden, da ihre drei
Kinder ihrer bedurften.

Da der Aufenthalt in Halberstadt fern von ihnen fr sie keinerlei
Anziehungskraft mehr hatte, so beschlo sie, nach Berlin berzusiedeln.
"So wenig sympathisch Berlin mir ist, so sehr ich darauf gefat bin,
durch die natrlichen Ansprche der Freunde und der Verwandten, durch
die Unbequemlichkeiten des Hoflebens viel von der Ruhe, die meinem Alter
not tut, opfern zu mssen, Otto ist derjenige unter meinen Kindern, der
im Augenblick meiner am meisten bedarf." Vorher aber hatte sie noch eine
andere, willkommene Mutterpflicht zu erfllen: ihre Tochter sah ihrer
Niederkunft entgegen, und da ihr Schwiegersohn kurz vorher von Magdeburg
nach Neie versetzt worden war und seiner Frau die Mhen des Umzugs
ersparen wollte, so sollte das stille Halberstdter Haus, in dessen
weiten Rumen der Frohsinn der Kinder so hellen Widerhall gefunden
hatte, nicht eher verlassen werden, als bis es die ersten
Lebensuerungen des Enkels erfllten.

An einem glhendheien Julisonntag -- Jenny war gerade aus der Kirche
gekommen -- gab ihre Tochter einem Mdchen das Leben. "Da dieses
Enkelchen in meinem Hause geboren ist," schrieb sie nach Weimar, "ist
mir wie ein Fingerzeig Gottes, da es mir doppelt ans Herz gelegt wurde.
Mutter und Kind sind gesund und munter. Mein Jennchen hat meiner alten,
viel erprobten berzeugung Recht geben mssen, da Kinderkriegen
angenehmer ist als Zhneziehen: das Kleine hat seine Mutter gar nicht
geqult und hatte es sehr eilig, in die Welt zu kommen, als ob es das
Leben gar nicht erwarten knnte. Mchten seine Hoffnungen es niemals
tuschen." Vierzehn Tage spter hielt sie das Enkelkind ber die Taufe
und gab ihr den Namen, der an die ihr liebste Gestalt des Goethe-Lebens
erinnern sollte, an die Mutter ihres Onkels Trkheim: Lily.

Nachdem meine Mutter mit mir nach Neie abreisen konnte, und eine kurze
Kur in dem von ihr schon oft besuchten, stets mehr geliebten und dankbar
gepriesenen Karlsbad die Gromutter gekrftigt hatte, schuf sie sich in
Berlin in Ottos nchster Nhe ihr neues Zuhause. "Mein guter Mann,"
schrieb sie von dort aus an eine Freundin, "hat so fr mich gesorgt und
Alles so genau vorbedacht, da mir nach aller menschlichen Berechnung
ein bequemes, sorgenfreies Alter -- soweit es materielle Sorgen betrifft
-- in Aussicht steht. Ich kann dabei, hoffentlich immer mit meinem
Jennchen und ihrer Kleinen, die Sommer in Harzburg oder Heringsdorf
verbringen, die etwa notwendige Frhlings- oder Herbstkur in Karlsbad
durchmachen, und behalte genug, um meinen Kindern auszuhelfen, ihnen
Extrafreuden zu bereiten und ohne Skrupel wohlttig sein zu knnen. Wenn
ich das Alles so niederschreibe, klingt es fast selbstschtig, aber wenn
ich auch ganz genau wei, da ich fr meine Kinder jede Entbehrung auf
mich nehmen knnte, so wei ich doch ebenso gewi, da sie in meinem
Alter fr mich empfindlich sein wrde."

Von einem ruhigen Leben, wie sie es erhoffte, war freilich trotz aller
Sicherung der Existenz fr sich und die Ihren keine Rede. Der politische
Himmel umwlkte sich immer mehr, und der Winter 1865 bis 1866 erschien
schon wie eine Kriegsvorbereitung. Wenn Jenny Gustedt am Teetisch bei
der Knigin von Preuen sa, mochten die Gedanken der Freundinnen sich
wohl stets sorgenvoll um dieselbe Frage drehen, die beide im Interesse
ihrer Kinder, im Interne des Vaterlandes und im Interesse des
Vlkerglcks so sehr bewegte. "Noch kein Argument", heit es in einem
der Briefe Jennys aus jener Zeit, "habe ich gehrt, das mir den Krieg
begreiflich gemacht htte. Tausende strzt er in lebenslanges Unglck,
vernichtet den Wohlstand, bringt fleiige Handwerker an den Bettelstab,
frdert Roheit und Rauflust. Auch da er eine Erziehung zum Mut wre,
ist nicht wahr. Das mag fr den Kampf mit dem Sbel in der Faust Geltung
haben, aber nicht da, wo Kanonen und Gewehre ihre Geschosse aus weiter
Entfernung Armen, fast Wehrlosen in den Krper jagen. Auch ist der Mut
allein der sittliche, der christliche, der sich im Kampf gegen
Verfhrungen und Entbehrungen, fr Wahrheit und Recht erwerben lt. Ein
Mrtyrer seiner berzeugung steht tausendmal hher, als einer jener
Tapferen, der in der Leidenschaft des Kampfes seinen Nchsten
niedermacht." Als dann der deutsch-sterreichische Bruderkrieg ausbrach
und Jenny von Sohn und Schwiegersohn Abschied nehmen mute, legte sie
fr ihre Auffassung des Mutes Zeugnis ab: sie blieb die Ruhige und
Tapfere zwischen Schwiegertochter und Tochter, die zu ihr gezogen waren,
und half ihnen, die bse Zeit ertragen. Es war keine leichte Aufgabe,
denn als die Nachricht von der Schlacht bei Kniggrtz in Berlin
eintraf, bekam sie zu gleicher Zeit die Mitteilung, da Hans von
Kretschman an der Spitze seiner Kompagnie den Tod frs Vaterland
gestorben sei. Da sie nicht amtlich beglaubigt war, besa Jenny den
Heroismus, vor ihrer Tochter ruhig und heiter zu erscheinen, whrend sie
heimlich immer wieder zur Kommandantur fuhr, um Gewiheit zu erlangen.
Endlich kam Nachricht: ihr Schwiegersohn war zwar schwer verwundet,
konnte aber doch nach Berlin gebracht werden. Bald darauf erhielt auch
ihre gengstigte Tochter einen beruhigenden Brief von ihm. Wenige Tage
nach meinem ersten Geburtstag trug man meinen Vater in Gromamas Haus --
man hat mir so oft erzhlt, wie ich mich vor dem Mann mit dem
verwilderten Bart gefrchtet habe, da ich heute noch zuweilen meine,
das Bild der verdunkelten Stube, wo er lag und wo Mama und Gromama sich
um ihn bemhten, vor mir zu sehen.

Nach dem Friedensschlu wurde mein Vater nach Potsdam versetzt; meiner
Gromutter ltester Sohn kam zu den dort garnisonierenden Gardehusaren,
und ihr jngster trat bei den Gardeulanen ein. Was war natrlicher, als
da auch sie dorthin ging, wo nun alle ihre Kinder vereinigt waren. Sie
bezog ein Haus recht nach ihrem Geschmack, von einem Grtchen umgeben,
mit dem Blick auf grne Bume, und richtete es ein, so schn und
traulich, wie es in jener Zeit der unumschrnkt herrschenden
Geschmacklosigkeit nur sie einzurichten verstand. Diese Umgebung, die
sie sich selber schuf, erschien stets so sehr als der notwendige Rahmen
ihrer Persnlichkeit, da ihrer wohl gedacht werden mu; gehrte es doch
zu ihrem Erbe an Goethischen Lebensmaximen, auch das uere des Daseins
mit sich selbst in Harmonie zu setzen -- in jene Harmonie, die eine so
wohltuende Atmosphre um sich verbreitete, die die Menschen magnetisch
in Gromamas Nhe, in den Frieden ihrer Rume zog.

Sie entsprachen in keiner Weise der damaligen Mode, die begann von den
geschnitzten Sulen, Lwenkpfen und Akanthusblttern der Renaissance
beherrscht zu werden. Nur ihr Speisezimmer enthielt die notwendige
Ausstattung an Mbeln aus glattem, dunklem Holz, ohne Schnrkel
und staubfangendes Beiwerk. "Es ist die Hauptsache," schrieb sie
in einer ihrer vielen Auseinandersetzungen ber Hausbauten und
Wohnungseinrichtungen, "da man bei Zimmern und Bauten gleich ihre
Bestimmung, so zu sagen ihre Seele erkenne. Darum passen Holzmbel in
Erume, Flure usw., nur dorthin nicht, wo es einem warm, wohnlich, auf
Bleiben anmutet, da sei Stoff und Polster, Ruhe fr den Krper und fr
das Auge." Die modernen Salons erschienen ihr "wie ein Museum ohne
Mittelgang, wie sechs Cabinets ohne Zwischenmauern, halb Atelier, halb
Gewchshaus, halb Porzellanladen, halb Theaterdecoration; Drapirungen
von trkischen Tchern um Bilder und Mbel, zahllose Nippes, wie in den
Glasschrnkchen der Kinder, deren Hauptverdienst es ist, die Geduld des
Stubenmdchens bis zur hchsten Vollkommenheit zu ben,
Miniaturbilderchen ohne Zahl, auch verblichene, viele ohne die Namen der
Dargestellten, den man auch kaum zu wissen wnschte -- nirgends Raum zum
ruhigen, gefahrlosen Schritt, nirgends wohlthuende einfache Linien, die
Ansicht eines Mbels meistens durch ein davorstehendes unterbrochen. Da
ist kein Raum zu huslicher Arbeit, zum Spielen der Kinder, da ist kein
eigentlicher groer Familienplatz mit groem Tisch zum groen Sopha,
groer Lampe, vielen Lehnsthlen, auf welchen jeder Eintretende wie auf
das berechtigte Centrum des Familienlebens zugeht." Wie anders wirkte
der stille grne Salon meiner Gromutter, der berall, wo sie auch
hinzog, seinen Charakter beibehielt, gewissermaen die Heimat war, die
sie berall mitnahm. Wie Moos bedeckte der Teppich den ganzen Fuboden,
dunkelgrn, ruhig, klein gemustert. Grne hellere Vorhnge mit weien
darunter hingen glatt an den Fenstern und bildeten die Portieren. Bei
ihrer Antipathie gegen alle spitzen Winkel -- die in den Zimmern und an
den Mbeln -- waren zwei Ecken des Salons durch hohe bis zur Erde
reichende Spiegel in schmalen Goldrahmen verdeckt, zu deren Fen meist
blhende Pflanzen in schmalen vergoldeten Krben standen. In einer
anderen Ecke befand sich ein kleines halbrundes Sofa, hinter ihm auf
einem Postament eine Goethe-Statuette. Ein grauer Marmorkamin mit
Bronzetren und dem Bilde der Kinder um Christus geschart darber, vor
ihm zwei der weich und tief gepolsterten Lehnsthle und ein Tischchen
mit der tglichen Lektre, fllte den vierten Zimmerwinkel. Zwischen
zwei Fenstern an einer breiten Wand stand ein groes bequemes Sofa, wie
die Sthle mit grn in grn gemustertem Stoff bezogen, davor ein groer
runder Tisch mit runder, fast bis zur Erde reichender grner Tuchdecke.
An den Wnden, die meist mit einer goldbraunen oder hellgrnen Tapete
bedeckt waren, hingen nur wenige schne lbilder, meist
Familienportrte. Von der Mitte der Decke hing mondartig eine Lampe mit
mattem Glas herab, auf dem Tische vor dem Sitzplatz stand eine kleinere
von antiker Form, ber der ein ganz leichter, lichter Schleier von rosa
Seide hing, ganz unhnlich den Staatslampen, die man so oft, den Gsten
zur Qual, nackt, grell in direkter Augenlinie auf den Tisch stellt zur
Anerkennung des Verbrauchs an Lichtmaterial.

Was aber dem harmonischen Raum erst das rechte Leben gab, waren die
Blumen. Keine Treibhausgewchse, keine steifen Topfpflanzen, sondern
blhende Blumen aus Wald und Wiese, zierliche Grser, buntes Laub,
dunkle Tannenzweige -- was immer die Jahreszeit bot und von der
Bewohnerin selbst auf ihren langen Morgenspaziergngen gepflckt oder
eingekauft und zuhause mit tglich neuer Freude in schlanke Kelchglser
geordnet wurde. An den Salon stie ein intimerer Raum, nur durch
Portieren von ihm getrennt, das Boudoir. Es entstand fast in allen
Wohnungen durch eine Teilung des Schlafzimmers; alle Wnde waren mit
leicht gezogener grauer Kretonne bedeckt, auf der Schilfbltter mit
Schlingrosen sich rankten. Unter dem groen einscheibigen Fenster stand
eine Couchette und auf dem Fensterbrett ein langer Korb aus Golddraht,
mit blhenden Pflanzen gefllt; die eine Wand nahm der Schreibtisch ein,
aus glattem Holz, ohne jede Schnitzerei; seine breite Tischplatte hatte
ihrer ganzen Lnge nach ein Postament zur Aufnahme lieber Freundes- und
Familienbilder, in der Mitte eine hhere Konsole mit dem weien
Marmorkreuz darauf. An der Wand darber hing das schne Bild ihrer
Mutter. Kleine Bchergestelle, ein paar niedrige Lehnsthle nahmen den
brigen Raum ein, dessen Fuboden mit demselben Teppich wie der Salon
bedeckt war.

Die Erscheinung der Bewohnerin entsprach vollkommen den Rumen, denen
sie die Seele gegeben hatte. Ihr schmales, bleiches Gesicht -- eine
griechische Kamee in vollkommenster Vollendung -- das bis zu ihrem hohen
Alter kaum eine Falte aufwies und das die Augen erleuchteten wie von
einem inneren Feuer, war von schwarzen Spitzen umgeben, die zu beiden
Seiten schleierartig herabfielen, ein dunkles einfarbiges seidenes
Kleid, dessen Falten weich zu Boden fielen, ein groer runder Kragen vom
gleichen Stoff mit breiten Spitzen besetzt, umgaben und umhllten die
Gestalt, entsprechend ihrer Ansicht: "Es ist der Wrde des Alters
angemessen, da Matronen und Greisinnen sich verhllen. Eine junge,
hbsche Frau verschnert eine hbsche Toilette und wird von ihr
verschnert, spter ist eine hbsche Toilette noch ein Schmuck, welcher
von der nicht mehr ganz jungen und noch hbschen Frau nicht verunziert
wird, dann kommt aber die Periode, wo die nicht mehr junge, nicht mehr
hbsche Frau die Toilette verunstaltet, wo es sich nicht mehr um
Toilette, sondern um Anzug fr sie handeln sollte, und diese Periode
wird bei Weltfrauen meistens bersehen, dann wird die Toilette
Aushngeschild ihres Kummers und ihrer Illusionen, und sie selbst
verlieren die kstlichen Gaben des Alters: Bequemlichkeit, Einfachheit,
Wrde." Sie machte der Mode nie eine Konzession, und doch wirkte ihre
Erscheinung als etwas so Natrliches und Selbstverstndliches, da man
nicht nur keinen Ansto daran nahm, sondern die Blicke auch des
Fremdesten ihr wohlgefllig folgten. Als nach dem Deutsch-Franzsischen
Krieg der Versuch auftauchte, unter Anlehnung an die Gretchentracht eine
"deutsche" Mode zu schaffen, schrieb sie: "Um in diesem Kostm, das fr
die Menschen unserer Zeit so pat wie die schrecklichen Renaissancembel
fr unsere Zimmer, anmutig zu erscheinen, mu man sehr hbsch sein, und
eine Mode, die Schnheit voraussetzt, ist schon verfehlt. Mode ist der
Begriff eines allgemeinen Anzugs, und ihr hchstes Ziel sollte nicht
sein, die paar schnen Menschen, die in der Welt herumlaufen, schner
zu machen, sondern die Millionen unschnen dem Auge nicht verletzend
erscheinen zu lassen. Bedenkt man, da kaum der zehnte Mensch hbsch,
da auch dieser zehnte nur hchstens dreiig Jahre lang hbsch ist, da
ihn auch whrend dieser Zeit Ausschlge, Bleichsucht, Schnupfen und
Zahnschmerzen so und so oft entstellen, so schreit die Majoritt zum
Himmel und bittet um Moden fr die Unschnen und fr die Alten. Heut
setzt sich eine Vogelscheuche denselben verwegenen Hut auf, der eine
junge Schnheit entzckend kleidet, fordert die Blicke mit denselben
Falbeln, Spitzen, Blumen und Schleifen heraus, die eine reizende
Koketterie der hbschen, jungen Frau sein knnen ... Wo bis jetzt der
Versuch gemacht wurde, die Mode zu reformieren, blieb der Erfolg aus,
weil die, welche das Scepter in Hnden haben, nicht reformieren, und
die, welche reformieren wollen, das Scepter nicht in Hnden haben ..."

Das Prinzip, aus dem heraus meine Gromutter ihr ueres gestaltete,
ihre Umgebung schuf, beruhte aber weniger auf verstandesmigen
Reflexionen als auf ihrem Wesen selbst, das der Inbegriff einer
Vornehmheit war, die sie definierte, wenn sie sagte: "Vornehmheit ist
vor allem unbewut; Absicht und Berechnung schliet sie aus, weil sie
dann eine Gesellschaft bekommt, die Anmaung heit und die sie nicht
vertrgt ... Vornehmheit ist Ruhe, Ruhe in Bewegungen, Ruhe im Gemth,
Ruhe in der Umgebung, Ruhe in Worten, Ansichten und Urtheil. Freundliche
Ruhe gegen Untergebene, sichere Ruhe gegen Hhergestellte. Phantasie und
Lebhaftigkeit schliet diese Ruhe nicht aus, so wie die
leidenschaftlichste Musik den Text nicht entbehren kann. Bei Frsten und
echten Aristokraten ist sie angeboren, und das einzige untrgliche
Kennzeichen alter Kultur. Sie ist eine Folge unangefochtenen Ansehens,
einer comparativen Sicherheit, von Anderen nichts zu brauchen, des
leichteren Kampfes mit dem Leben; woraus weiter folgt, da Hochmut und
Dnkel nichts mit ihr zu tun haben, denn sie ist nichts von uns
persnlich Erworbenes, worauf stolz zu sein allenfalls begrndet wre,
sondern etwas Gegebenes, ein Glck, eine Gnade, der wir uns durch edle
Gesinnung wrdig erzeigen mssen. Sie ist aber auch eine Schranke, und
als solche entbehrt sie nicht der inneren Tragik. Eine wahrhaft vornehme
Natur leidet schmerzhaft unter der Unvornehmheit, wird aber von ihr
niemals verstanden, ja ihrer Empfindlichkeit wegen bespttelt, wenn
nicht gar gehat werden. Sie wird infolgedessen immer eine gewisse
Zurckhaltung bewahren, sich in ihr fremden Kreisen niemals heimisch
fhlen, was ihr denn oft als Hochmut ausgelegt wird."

In Potsdam sammelte sich rasch ein groer Kreis von Verwandten, von
alten und neuen Freunden um Jenny Gustedt. Es waren durch die
Beziehungen ihrer Kinder viele junge Leute darunter, die sich bei ihr
ebenso wohl fhlten wie die alten, weil sie das Verstndnis fr die
Jugend nie verlor. Besonders in der Zeit nach dem Karneval, wo -- wie
sie sagte -- "Leidenschaft, Langeweile, Eitelkeit, Hochmut,
Toilettenunsinn dem Teufel einen Kranz geflochten hatten, ber den viele
gute Engel weinten", war ihr abendlicher Teetisch der Mittelpunkt einer
Geselligkeit, die um so anregender war, je weiter sie sich von jener
"philisterhaften und egoistischen Art" entfernte, die sich "in spten,
vielschsseligen Abendessen, prahlend, Verpflichtungen abmachend,
dokumentiert." Jenny Gustedt besa noch das Talent der Frauen des
_ancien rgime_, die Konversation unmerklich zu beherrschen, jeden
einzelnen Gast zur Geltung kommen zu lassen. "Weniger was Du giebst, als
was Du aus Anderen hervorlockst, macht Dich liebenswrdig," sagte sie,
und dies Hervorlocken verstand sie meisterlich. Der jngste
bescheidenste Leutnant ging in gehobener Stimmung von ihr fort und
fhlte, da er "nicht nur eine Uniform war mit obligaten Tanzbeinen,"
sondern ein Mensch, der auch etwas zu sagen gehabt hatte. Nur wenn die
Knigin sich anmeldete, was gewhnlich einmal in der Woche geschah,
blieb die Tr zum grnen Salon fr alle anderen Gste verschlossen, und
niemand konnte belauschen, was die Freundinnen miteinander besprachen.
In einem einzigen Brief aus dem Jahre 1867 findet sich eine Andeutung
darber: "Gestern war meine liebe Knigin bei mir," heit es darin. "Wir
vergaen ber der Not und der Angst der Zeit unsere traute gemeinsame
Vergangenheit. Sie war schn, im besten Sinne kniglich wie immer, aber
ernst und angegriffen. Der drohende Krieg, nachdem wir kaum ein
entsetzliches Blutvergieen hinter uns haben, lastet schwer auf ihr, und
es bedarf aller ihrer Festigkeit und Pflichttreue, um gegenber dem
Einflu Bismarcks auf den Knig an ihrem Grundsatz festzuhalten, sich
nicht in politische Angelegenheiten zu mischen." In demselben Jahre
hatte meine Gromutter auch die Freude, den Prinzen Napoleon bei sich zu
sehen. Bei ihrer Liebe fr ihn und ihrem natrlicherweise zwischen
Preuen und Frankreich geteilten Herzen -- hatte sie doch berall
Verwandte, deren Schicksale ihr nicht gleichgltig sein konnten -- war
die Aussicht auf einen Krieg fr sie doppelt furchtbar. An Wilhelmine
Froriep schrieb sie damals:

"Mein Alter hat viel Segen, und ich danke Gott dafr, bin aber doch oft
mde, und da ist es ein so beruhigender Gedanke, da jetzt meine
irdische Aufgabe beendet erscheint, meine Kinder versorgt, meine
Geschfte geordnet und da ich in Frieden scheiden knnte; da ich aber
auch in innigster Liebe mit meinen Kindern lebe, so kann ich alles
erwarten und wei, da ich ihre Lebensfreude erhhe und ihnen keine Last
bin. Wovor mir graut, da ich es gar nicht erleben mchte, das ist der
Krieg, der mir wie ein Hohngelchter Satans immer in den Ohren klingt --
warum die Vlker das Verbrechen begehen wollen, ist dies Mal unfalicher
wie je, und doch zweifeln gerade die nicht daran, die es am besten
wissen knnen."

Aber es war nicht nur die Kriegsfurcht, die das Gleichgewicht ihrer
Seele strte. "Meine wichtigen Gedanken und Gefhle werden nur dann zu
Sorgen, wenn meiner Kinder Snden damit verwickelt sind," schrieb sie,
und die Snden ihrer Kinder waren es, die ihr am Herzen zehrten.
Schweigsam, Hypochonder, im stillen und lauten Kampf mit seinen
Vorgesetzten, die oft, infolge Ottos langer Unterbrechung der
Dienstzeit, jnger waren als er, lebte ihr geliebter ltester neben ihr.
"Mit stillem Entsetzen sehe ich, wie er zuhause wahllos Bcher um Bcher
verschlingt," schrieb sie, "ohne den geringsten Nutzen, denn bei seinem
schlechten Gedchtni kann er unmglich etwas davon behalten, auch
findet er niemals Anregung zu irgend einer Unterhaltung darin. Obwohl er
wissen mu, da Niemand soviel Theilnahme und Verstndni fr ihn haben
kann als ich, bleibt er auch mir gegenber stumm und ich wei von seinem
Innenleben so wenig, als wre er ein Fremder." Ganz anderer Art waren
ihre Sorgen um ihren jngsten Sohn, der sich in frhlichem Lebensgenu
keinerlei Zwang auferlegte und es fr selbstverstndlich zu halten
schien, da die Mutter, wenn er mit seinem eigenen Einkommen nicht
reichte, immer wieder fr ihn einsprang. Eine Empfindung, die ihr sonst
fremd war -- Bitterkeit -- drckt sich oft in ihren Briefen aus, wenn
sie dieser Erfahrungen gedenkt. Sie gehrte nicht zu jenen Mttern, die
ihre eigene Jugend vergessen haben und darum die Fehler ihrer Kinder mit
dem strengen Mastab des Alters messen; wo sie konnte und wo es ihrer
Auffassung von Ehre und Anstand entsprach, verschaffte sie ihnen sogar
gern alle erreichbaren Lebensfreuden. Was sie nicht verstand, war jenes
lustige Indentaghineinleben, jenes Sichgengenlassen nur an den
materiellen Freuden des Daseins. Dabei verga sie wohl auch zuweilen,
da ihr Sohn ein blutjunger, hbscher Gardeleutnant war, nicht besser,
aber auch nicht schlechter als seine Kameraden, und hinzu kam, da sie
ihn bei sich wohnen lie, also aus nchster Nhe zu ihrer tglichen Qual
beobachten konnte, wovon sie sonst vielleicht gar nichts erfahren htte.
Seine Offenherzigkeit blieb dabei ihr Trost und vershnte sie immer
wieder. Aber auch die Herzensgeheimnisse, die er ihr rckhaltlos
anvertraute, riefen ernste Sorgen in ihr hervor. Sie, die frhe
Heiraten noch vor zehn Jahren eifrig propagiert hatte, schrak jetzt,
nachdem sie bei Nahen und Fernen so viel Tragdien der Ehe miterlebte,
davor zurck. "Ich glaube, da seine Liebe ein Strohfeuer ist, aber auch
ein Strohfeuer steckt ein Gehft an, wenn der Moment gnstig ergriffen
wird. Und wenn ich wieder erleben mte, ein von der zu frhen Fessel
wundes und blutiges Herz zu sehen und zu wissen, da, wie sehr sie auch
drckt, ihr Entfernen noch schwerer sein wrde -- es wre zu traurig,"
schrieb sie an die Vertraute ihrer Mutterschmerzen, ihre Tochter.

Nur zwei Jahre hatte sie die Freude gehabt, auch diese in ihrer Nhe zu
haben; eine Freude, die ihr um so schattenloser war, als ihre Ehe
ungetrbt und ihre Zukunft in jeder Beziehung gesichert erschien. Eine
grere Erbschaft, die ihrem Schwiegersohn zugefallen war, verscheuchte
die einzige Sorge, die sie hatte: "Wenn ich auch wei, da Hans nie arm
zu sein verstnde, so wei ich doch auch, da er vom Reichtum nur den
edelsten Gebrauch machen wird." Und das Enkelkind, mit dem Sohn Ottos in
fast gleichem Alter, war ihr vollends ans Herz gewachsen, so da sie die
abermalige Versetzung ihrer Kinder im Jahre 1869 sehr schmerzlich
empfand. Ihr Briefwechsel mit der Tochter, der einzige, der aus jenem
Jahr vollstndig erhalten blieb, war ein sehr reger. Familienerlebnisse
und Erfahrungen, Bcherempfehlungen und Erziehungsratschlge spielten
eine groe Rolle darin, aber die grte: die Sehnsucht nach den
Abwesenden. "Heute habe ich meinen Stuben die letzte Nuance von Seele:
Blumen, gegeben, habe sie allein, ohne mein Lilychen, die so gern
nebenher trippelte, gepflckt, und mir wre sehr wohl, wenn ich meine
ruhigen, grnen Mauern um mich habe, nur mten alle Kinder und Enkel
darin sein ..." heit es in einem Brief. In einem anderen: "Ich gehe
nicht gern in das Haus, wo mir mein Lilychen nicht mehr entgegenjauchzt,
meine Tochter nicht mehr entgegenlchelt ... mich bergiet dabei eine
so schmerzliche Wehmut, da ich sogar die Strae vermeide." In einem
ihrer Erziehungsbriefe schrieb sie: "Regt mein Lilychen nicht durch
viele Erzhlungen und sogenannte freudige berraschungen auf, das
Kindchen mu _terre  terre_ gehalten werden, kochen, Sandkuchen backen,
laufen, mehr vegetieren, als mit Bewutsein leben ... Wie mein das Kind
ist, knnt Ihr nicht glauben, darum wei ich auch, was ihm schadet und
ntzt ... So mt Ihr Euch Beide die kleinen strengen Beschftigungen
mit den Nebenmenschen abgewhnen, ehe sie das Kind versteht und ihr
Herzchen erkltet. Du, mein Jennchen, mut in Ton und Ausdruck weniger
streng und hart sein, das tut so zarten Seelchen weh ..." Es war der
Seherblick der Liebe, der sie von dem vierjhrigen Kind so sprechen
lie, jener Liebe, durch die ich vom ersten erwachenden Bewutsein an in
dieser Frau alles fand, was ein Kind bedarf: Verstndnis, Anregung,
Leitung, Freundschaft und Mtterlichkeit.

Im Sommer 1869 besuchte sie uns. Sie war voller Sorgen um ihre Shne, um
Otto, dessen Krnklichkeit den Dienst fast unmglich machte, um Werner,
der weniger denn je das Seinige zusammenhielt. Wie immer, so wirkte der
Kummer auch auf ihren krperlichen Zustand, das alte Leberleiden machte
sich mehr als frher geltend, und eine Mdigkeit beherrschte sie, die
ihr wie eine Vorahnung des Todes erschien. "Ich mchte den ganzen Tag
schlafen," hatte sie kurz vorher ihrer Tochter geschrieben, "auch das
Hinberschlafen denke ich mir s -- mir wird all das Harte, Grausame,
Gewaltttige, die Verirrungen, Snden, Leidenschaften, Wehen in der Welt
so entsetzlich schwer mit anzusehen und anzuhren -- -- mir ist, als
htte ich hier nicht mehr viel zu lernen, ich wei immer alles, was ich
hre und lese, und kann doch nicht verhindern, da Ihr, meine geliebten
Kinder, vom Leben noch gelehrt werdet, was Euch Eure treue Mutter lieber
lehrte und ersparte ..."

Meine Mutter, in ernster Sorge um sie, befrwortete, da Mutter und
Shne sich trennen mchten, um die Last tglicher Leiden von ihr zu
nehmen, und htte der drohende Krieg sie nicht noch fester an ihre
Kinder gefesselt, so wre sie dem guten Rat vielleicht gefolgt. So
entschlo sie sich nur zu einer Karlsbader Kur im Frhling 1870.
"Unbeschreiblich schn ist es in diesem gesegneten Ort," schrieb sie von
dort aus, "ich fhle mich jetzt schon wie neugeboren, geniee auf
stundenlangen einsamen Morgenspaziergngen Wald und Berge und begreife
nicht, wie es Menschen geben kann, die sich freiwillig in die
Steinwsten der Stdte begeben. Auf stillen Bnken lese ich alte und
neue Bcher: Humboldts Kosmos zum zweiten oder gar dritten Mal, und mit
wahrer Leidenschaft: Ut mine Stromtid von Fritz Reuter; es ist ein
eminentes Meisterstck und die Atmosphre einfachen Lebens und redlicher
Menschen tut so wohl ... Verkehr habe ich so gut wie keinen, bin aber
neulich gegen meinen Willen in eine ganz interessante Unterhaltung
gezogen worden. Nicht Hnde, nein Kiepen voll Schmutz wurden auf
Lassalle geworfen. Sein Auftreten, besonders seine eitle, grospurige
Manier, sein wstes Hetzen, das so viel persnliche Eitelkeit und
Ehrgeiz durchblicken lie, waren mir auch stets antipathisch. Aber sein
starkes Gerechtigkeitsgefhl erhebt ihn doch so sehr, da man, nach
seinem Tode besonders, das Andere leichter vergessen sollte. In seinem
Eintreten fr die Sicherung des Lebens der Armen bin ich unbedingt auf
seiner Seite. Ich gehe sogar noch weiter: denn da ohne die friedliche
Gewaltthat des Strikes auch die gerechteren Ansprche der Handwerker
nicht erfllt werden, kann man sie ihnen nicht verargen, und sie sind
doch besser als Barrikaden. So bin ich aus einem politischen Gesprch zu
einem politischen Brief an mein sehr konservatives liebstes Tchterchen
gelangt, das sicher dabei krebsrot wird ..."

Kurz vor dem Ausbruch des Krieges kehrte Jenny von Gustedt nach Potsdam
zurck, und als das lange Gefrchtete Wahrheit wurde und alles um sie
her im Paroxysmus der Begeisterung schwelgte, schrieb sie ihrer Tochter:
"Es ist selbstverstndlich, da wir Frauen uns mit den lieben Kindern
und Enkeln hier vereinen. Alles steht in Gottes Hand, aber mir erscheint
es doch wie Gotteslsterung, wenn mitten im Hurrahschreien und Toben der
Vater aller Menschen wie ein alter Kriegsgtze fr uns allein in
Anspruch genommen wird ... Er verhllt sein Haupt bei diesen grten
Snden der Vlker ..." Whrend des ganzen Feldzugs wohnten wir bei
Gromama in Potsdam. Noch sehe ich sie deutlich vor mir, wie sie
frhmorgens im Sommer mit mir nach Sanssouci ging, wo die Bume so hoch
waren, da ich glaubte, sie wchsen in den Himmel, und die Stille so
zauberhaft, da ich, wenn die Bltter zu rauschen begannen und die
Wellen auf den Teichen sich kruselten, Elfen und Nixlein zu spren
meinte. Gingen wir aber oben auf den Terrassen, wo im heien
Sommersonnenschein die Rosen glhten, dann htte ich mich kaum
gewundert, wenn hinter den Laubengngen der alte Fritz mit dem
Krckstock und den Windspielen gemchlich hervorspaziert wre. Durch
Gromamas schne Geschichten war er mir ganz vertraut geworden. Oft
saen wir auf den weien Marmorbnken und sahen dem Steigen und Fallen
des Springbrunnens zu -- auf jedem Trpfchen tanzte ein lustiger
Sonnenelf, darum blitzte es so vergnglich, und ganz, ganz oben, da
badete sich die Rosenknigin, die tglich von den Terrassen herberflog,
damit kein Stubchen an ihrem duftenden Hemdchen hngen blieb. Ich habe
sie sogar gesehen, wie sie zu uns herunterlachte: zu dem kleinen Mdchen
und zu der alten Frau. Gromama war ja auch ihre gute Freundin, sonst
wte sie nicht so viele Geschichten von ihr und allen ihren Schwestern!
Hinter der Marmorbank war ein dichtes Gebsch, und da gab es im feuchten
Schatten viele, viele Schnecken, groe und kleine, schwarze, weie und
rote mit buntem, komischem Huschen auf dem Rcken. Die brauchten sich
vor keinem Franzosen zu ngstigen, sagte Gromama; wurde es ihnen
irgendwo ungemtlich, dann trugen sie eben ihr Huschen, das ihnen kein
Feind wegnehmen konnte, anderswo hin. Ach, es war herrlich, mit Gromama
spazieren zu gehen, viel tausendmal schner als mit Mademoiselle, bei
der man immer artig sein und beileibe nicht hinter die Bnke kriechen
durfte! Freilich: oft hatte sie keine Zeit fr mich, und wenn sie mit
Mama und Tante Cecile im grnen Zimmer sa und alle ernste Gesichter
machten, dann liefen wir, mein Vetter Wawa, Onkel Ottos Sohn, und ich,
am liebsten in den Garten und bauten Wlle aus dem groen Sandhaufen,
der fr uns in der Ecke lag. Kam eine Siegesnachricht, dann kriegten wir
immer was Schnes geschenkt und schrien darum aus Leibeskrften
"Hurrah!" Als die Kapitulation von Sedan bekannt wurde, tanzte meine
Mutter ganz allein im Zimmer umher und Gromama liefen zwei groe Trnen
aus den Augen, so da ich durchaus nicht entscheiden konnte, ob es zum
Lachen war oder zum Weinen. Auf dem Balkon aber wurde eine groe Fahne
herausgesteckt, und viele, viele Lichtchen brannten abends hinter den
Fenstern. Wir durften aufbleiben, um die Herrlichkeit mit anzusehen. Und
dann warteten wir alle Tage, da unsere Papas mit Sternen und
Lorbeerkrnzen geschmckt nach Hause kommen sollten. Aber sie kamen
nicht; nicht einmal zu Weihnachten, und unsere Mamas weinten, und
Gromama sah sehr, sehr ernst aus. Trotz der groen Puppe war es darum
gar nicht schn.

Wie im Sommer unsere Morgenspaziergnge, so waren im Winter unsere
Abende das Schnste vom ganzen Tag: Gromama erzhlte Mrchen am
Kaminfeuer, und wenn die Lampe kam, dann schnitt sie Puppen und
Schlitten und Wagen und Pferde aus, zeichnete Huser und Bume dazu --
kein Spielzeug war uns so lieb wie dieses!

Nur ein einziges Brieffragment aus der Zeit des Krieges gibt einen
Begriff von den widerstreitenden Empfindungen, die Gromama bewegt haben
mssen. "Ich bin wohl zu alt fr den Siegestaumel," schrieb sie, "oder
mein Herz ist wie immer zu sehr auf der Seite derer, die leiden. Wie
vielen armen Mttern bin ich schon begegnet, die ihr Liebstes haben
hergeben mssen und kein 'Tod frs Vaterland' macht sie wieder lebendig.
Und ich habe tglich, stndlich um drei Shne zu zittern! Und nicht nur
das: vor Metz lag Hans, whrend in Metz Berckheim und Henri (nahe
Verwandte) sich befanden; vor Paris ist Otto, in Paris meine geliebte
blinde Pauline, deren Kloster jeden Augenblick in Flammen aufgehen kann,
wenn mir auch meine gute Knigin immer wieder versichert, da Alles
geschehen sei, um es vor dem Bombardement zu schtzen ... Das schne
Frankreich, das friedliebende gute tchtige Landvolk, wie mssen sie
leiden! Nachher wird dann aber noch die Saat des Bsen aufgehen: zum
grollenden Feinde wird der Bauer werden, der seine zertrampelten Felder,
seine vernichtete Ernte sieht ..." Wenn sie auch selbst vor dem
Furchtbarsten bewahrt blieb und der mrderische Krieg ihre Shne
verschonte wie ihre Schwester, so traf sie das Unglck, das ihre
nchsten Verwandten traf, als htte es sie selbst getroffen: die beiden
einzigen Shne ihrer Schwester Cecile Beust fielen am gleichen Tage in
derselben Schlacht. Es war zugleich der Todessto fr die unglckselige
Mutter, die auf die Schreckensnachricht hin zusammenbrach, um nicht
wieder aufzustehen. Wenn schon vorher die innigste Freundschaft meine
Gromutter mit ihrem Schwager Fritz Beust verband, so wurde sie jetzt
zum wrmsten geschwisterlichen Verhltnis. Wie htte sie rckhaltlos mit
den Siegern jubeln knnen, da er so namenlos litt? Nur wo ihr Mutterherz
sich freuen durfte, da freute sie sich wirklich.

Die Erfolge ihres Schwiegersohnes, die Auszeichnung, die er mit Recht
erfuhr, bestrkten sie in der hohen Meinung, die sie von seinem Geist
wie von seinem Charakter hatte, und vertrieben die Sorgenwlkchen, die
sie hie und da auch am Lebenshimmel ihrer Tochter glaubte aufsteigen zu
sehen. Ganz besonders glcklich aber machten sie die Nachrichten von
Otto, ihrem Sorgenkind. Der Krieg hatte ihn zum begeisterten Soldaten
gemacht, hatte seine Schwermut vertrieben, und da er sah, da sein Mut
nicht unbeachtet blieb, da seine Leistungen als Ordonnanzoffizier des
Kronprinzen anerkannt wurden, schwand auch sein Mitrauen und machte
frohen Zukunftshoffnungen Platz. Einen Teil eines Briefes, den er im
August 1870 an seine Frau geschrieben hatte, teilte seine Mutter einer
Freundin mit folgenden Worten mit: "Es scheint, da eine Kur auf Leben
und Tod wie dieser Krieg notwendig war, um meines armen Otto Seele
gesund zu machen. Er schrieb seiner Frau: 'Denke Dir meine malose
Freude, als mir der Kronprinz, mein lieber gndiger Herr, im Namen des
Knigs das eiserne Kreuz berreichte, als Auszeichnung fr mein tapferes
und umsichtiges Benehmen in der Schlacht bei Wrth. -- Das sind seine
eigenen Worte. Ich wei mich nicht zu lassen vor Freude, denn es ist
eine sehr groe Auszeichnung, die ich gar nicht erwartet habe. Ich
glaubte mich schon bermig belohnt, als mich der Kronprinz heute dem
Knig mit den Worten prsentierte: hier ist Otto Gustedt, er hat sich in
der Schlacht bei Wrth und Weienburg besonders ausgezeichnet, seiner
muthigen Recognoszirung am Tage von Wrth verdanke ich die wichtigsten
Nachrichten. Die Thrnen standen mir dabei in den Augen.' Vielleicht,
da nicht nur fr meinen Otto, sondern auch fr Preuen die dunklen Wege
Gottes doch schlielich wieder die hellsten waren!"

Als die Friedensglocken feierlich ihre frohe Botschaft verkndeten und
ein Wald von Fahnen aus den kleinen Husern Potsdams fast bis zum
holprigen Pflaster niederwehte und die engen Straen noch enger machten,
da vermochte Jenny Gustedt zum erstenmal all des Jammers, den der Krieg
hervorgerufen hatte, zu vergessen: "So war es doch ein Seherblick, der
vor dreiig Jahren meinen Stiefvater jene Worte aussprechen lie:
Preuen wird an der Spitze Deutschlands stehen, das ist die allein
mgliche Lsung des gordischen Knotens der deutschen Politik, und es war
mehr als ein Traum jugendlicher Begeisterung, wenn ich vor
dreiundzwanzig Jahren, als diese Auffassung noch in den Verdacht
revolutionrer Gesinnungen bringen konnte, fr die Kaiserkrone
Deutschlands auf dem Haupte eines Hohenzollern schwrmte. Mchte der
Ruhm uns nicht bermtig machen und die Macht nur dazu fhren, dem Wohle
des Volks zu dienen."

Nach dem Feldzug mute sich Gromama wieder von ihrer Tochter trennen.
Die Hoffnung, da mein Vater als Generalstabsoffizier im _IV._
Armeekorps bleiben wrde, erfllte sich nicht, er wurde vielmehr nach
Karlsruhe versetzt, so da die Trennung, der weiten Entfernung wegen,
eine recht schmerzliche war. Da ihr Sohn Otto so frhlich zurckkam und
beim Kronprinzen in Potsdam blieb, da ihr Sohn Werner so viel ernster
und reifer geworden zu sein schien, erleichterte ihr den Abschied. Im
Sommer des folgenden Jahres verband sie eine Reise nach Karlsruhe mit
einem Besuch bei ihrer Schwester in Paris und beschlo sie mit der
gewohnten Karlsbader Kur. In einem Briefe aus dieser Zeit -- 1872 --
heit es: "Es scheint, als ob ein sehr friedliches, sorgenloses Ausleben
mir beschieden wre." Aber schon bald nach ihrer Rckkehr nach Potsdam
verdunkelte sich das helle Zukunftsbild wieder. Es wiederholte sich, was
gerade die besten Eltern am schmerzlichsten erfahren mssen: da ein
Zusammenleben von jung und alt nicht gut tut. Bei allem Verstndnis fr
jugendliche Neigungen und Torheiten wird es jeder Mutter, jedes Vaters
berechtigtes Bestreben sein, dem Kinde die Erfahrungen des eigenen
Lebens zunutze zu machen. Nietzsches herrliches Wort: Nicht fort sollst
du dich pflanzen, sondern hinauf! entspricht dem Wunsch, der, seit es
Mtter gibt, ihr Denken und Fhlen beherrscht. Fr ihr Kind wollen sie
Erfahrungen gesammelt, wollen sie gelitten haben; ihr Kind soll nicht
denselben Weg gehen, auf dem sie strauchelten, sondern ihn dort
fortsetzen, wo sie angelangt sind. Darum wachen sie ber seine Schritte,
lassen es an Warnungen und Zukunftsprophezeihungen nicht fehlen, darum
kann nichts so schmerzhaft verwunden, als wenn sie sehen mssen, da
der erwachsene Sohn oder die Tochter allem zum Trotz doch ihre eigenen
Wege gehen, und fr die Angst der Mutter gar nur ein mitleidiges Lcheln
brig haben. Was Gte und Liebe ist, empfindet Sohn oder Tochter nur als
Beeintrchtigung der Freiheit, und so spitzt sich ein ursprnglich
zrtliches Verhltnis oft so zu, da es nur durch Trennung vor dem
Zerreien bewahrt werden kann. "Er glaubt mich ganz zu bersehen,"
schrieb Jenny Gustedt von ihrem jngsten Sohn, "ahndet nichts von meiner
Seele, wei von der Wrde einer Mutter nichts, und doch sprechen seine
zrtlichen Augen meist die innigste Liebe aus ..." Sie fhlte selbst,
da sie ihren Sohn verlassen msse, um ihn zu erhalten. Als daher mein
Vater in den Groen Generalstab nach Berlin versetzt wurde und die
begrndete Aussicht bestand, da er eine Reihe von Jahren in derselben
Stellung bleiben wrde, entschlo sie sich, mit uns zusammen zu ziehen.
In der Hohenzollernstrae, ganz nahe dem Tiergarten, wo die Stadt sich
in ihrer aufdringlichen Hlichkeit ihr weniger empfindlich bemerkbar
machte, wurde eine gerumige Wohnung gemietet, in der sie ihre
ungestrten Zimmer fr sich haben konnte; mich allein hatte sie in
nchster Nhe: mein Schlafzimmerchen war nur durch eine dnne
Tapetenwand von ihrem Salon getrennt, und eine Portiere ersetzte die
Tre zwischen beiden. Entzckt war ich darber und geno das
Zusammenleben wie nie zuvor: wieder, wie in Potsdam, gingen wir zusammen
spazieren oder saen whrend der Vormittage spielend und lesend im
Zoologischen Garten; wieder erzhlte sie mir vor dem grauen Marmorkamin
Geschichten, viel schnere als frher, weil es nur selten noch Mrchen
waren, sondern Erzhlungen aus der eigenen Jugend, aus dem Leben groer
Geistes- und Kriegshelden. Auch sonst glich das uere Leben sehr dem in
Potsdam: Freunde und Verwandte kamen zur Teestunde zu ihr, und jeden
Donnerstag abend rollte der Wagen der Kaiserin in den Torweg, und ich
durfte den Kuchen zum Tee in den grnen Salon tragen, wo die beiden
Freundinnen in lebhaftem Gesprch beieinander saen. Einmal kam auch der
Kronprinz zu ihr hinauf, als ich gerade alle meine Papierpuppen auf
ihrem Tisch tanzen lie. Das schadete aber gar nichts; er war nur um so
freundlicher und machte, wie immer, seine Scherze mit mir.

Bald jedoch sollte mir der Unterschied von dem damals in Potsdam und dem
heute in Berlin zum Bewutsein kommen. Ob die Lombarden gestiegen oder
gefallen waren, das war angesichts der Morgenzeitungen das
Gesprchsthema, und abends, wenn man mich schlafend glaubte, dann sa
ich aufrecht im Bett und hrte Gromamas und ihrer Kinder erregte,
klagende und anklagende Stimmen. Ich verstand nicht alles, aber doch
genug, um zu wissen, da Geld, viel Geld verloren worden war, viel mehr,
als Gromama es vorher gefrchtet hatte; als dann gar unsere schnen
Goldfchse verkauft, der Kutscher entlassen wurde, und ich -- ein
unerhrtes Ereignis fr mein Leben! -- in einer Droschke zu Kronprinzens
fahren mute, wenn ich dort eingeladen war, da begriff ich Gromamas
sorgenvolles Gesicht, und mein Herz krampfte sich zusammen vor heiem
Mitgefhl.

Ihr Sorgenkind war es gewesen, das sich, dem Zuge der Zeit folgend, in
wagehalsige Spekulationen eingelassen und Schwager und Bruder mit
hineingezogen hatte. Sie verloren alle den grten Teil ihres Vermgens.
Welch ein Schlag fr die Mutter! Sie selbst traute sich wohl zu, "unter
dem kategorischen Imperativ der Lebensmaxime: Auskommen! von der Stufe
der Zehntausend zu den Hunderttausend, ja zu den Millionen ruhig
hinabzusteigen und jedesmal liebgewordenen Ballast, der keinen Platz auf
der unteren Stufe hat, blutenden Herzens ber Bord zu werfen -- wenn nur
derselbe Weg fr die Seele ein Steigen ist," aber fr ihre Kinder sah
sie Kmpfe und Sorgen ohne Ende voraus. "Nicht weil ich sie so verwhnt
habe," schrieb sie einer Freundin, "sondern weil sie trotz all meiner
Anstrengung durch Wort und Beispiel das glnzende Blech blo
materiellsten Lebensgenusses dem Golde geistiger und seelischer Freuden
vorziehen. Mein Jennchen macht noch am ersten eine Ausnahme, aber dafr
ist ihr Mann um so mehr der Sparsamkeit abgeneigt, und ist es mit so
viel Gte und Liebe, fast immer nur, um Andere zu erfreuen, da man sich
fast schmt, ihm darum zu zrnen." Was sie frchtete, sollte rasch zur
Gewiheit werden: die Shne, auf ihre Gte vertrauend, lernten es nicht,
sich einzuschrnken, und sie versagte sich eine liebe Gewohnheit nach
der anderen, um ihnen die Zulagen, die sie brauchten, gewhren zu
knnen. Mit der Hoffnung auf ein sorgenfreies Alter war es ein fr
allemal vorbei. "Ich bin noch immer vergebens neugierig," heit es in
bitterer Ironie in einem ihrer Briefe, "wann die Reihe des Gewinnens an
mich kommen wird, da ich bei allem Unerwarteten immer die schwarzen
Kugeln aus der Urne ziehe."

Hinter der Tapetenwand hrte ich bald so viel, da es fr ein
empfindliches neunjhriges Kindergemt drckend wurde wie Zentnerlast.
Aber ich sprach nicht darber, am wenigsten mit Gromama, vor der ich
doch sonst nie ein Geheimnis gehabt hatte! Ich mochte wohl fhlen, welch
unertrglicher Schmerz es fr sie gewesen wre, wenn sie mich in alles
Leid der Familie eingeweiht wte. Auseinandersetzungen zwischen Mutter
und Shnen gab es besonders oft, und wenn sie sporenklingend das Zimmer
verlieen, hrte ich noch lange Gromamas leisen Schritt auf und nieder
gehen und die qualvollen Seufzer, die von ihren Leiden zeugten.

Viele Jahre spter kleidete sie mancherlei Ansichten, Gedanken und
Erinnerungen in eine novellistische Form, deren Mittelpunkt, "Grfin
Thara", sie selber war. Die Gesprche darin, die sich um Offiziersehre,
um Schuldenmachen, Spielen und Trinken drehten, riefen mir jene Berliner
Abende lebhaft ins Gedchtnis zurck. Wie oft hatte ich dieselben Worte
gehrt:

"Wieder ein Liebesmahl? Und wieder Sect?"

"Thust du nicht, als wre das eine Snde? Schadet das Jemandem, wenn ich
Sect trinke?"

"Direct nur dir!"

"Das ist doch meine Sache!"

"Auerdem ist es Snde, sobald das Bedrfni nach Trank und Speise zur
Lust, Erweckung desselben zum Ziel wird! Nimmst du dir nicht etwa oft
die ruhige Selbstbeherrschung, bringst dich in einen unwrdigen Zustand,
machst auf viele Stunden deinen Krper krank, giebst den Leuten, denen
du befehlen sollst, ein gefhrliches Beispiel und bertrittst dabei sehr
oft das einfache Ehrengebot: was ich nicht bezahlen kann, mu ich mir
versagen."

"Das war falsch, versagen darf ich mir das unter meinen Kameraden nicht,
und bezahlen kann ich eine Flasche Sect."

"Eine, ja, fnfzig, nein, wenigstens nicht ohne Opfer der Deinigen, oder
ohne Rechnungen armer Handwerker stehen zu lassen. Und das Alles um das
Bischen Nasenkitzel, um das jmmerliche Lustigsein mit dem Ende, das du
Katzenjammer nennst!"

"Darin liegt gerade der Schneid, dem Katzenjammer zu trotzen, und so
lange ich den Krper habe, will ich mich mit ihm vertragen und ihm seine
Freude gnnen, ist er einmal weg, so hat er auch keinen Durst mehr ..."

Und wie oft, wenn der Sohn sich mit dem Hinweis auf die notwendigen
Verpflichtungen verteidigte, hrte ich sie die Vorgesetzten anklagen,
die "mehr verlangen, als die reichlichsten Zuschsse leisten knnen,
glnzende Regimentsfeste, bermig kostbare Geschenke, Pferde und
Uniformen, Jagden, Rennen und dergleichen, und die jngeren Offiziere
auf ein Eitelkeitspiedestal heben, von welchem aus sie glnzen sollen.
Ich habe selbst gehrt, wie ein Regimentscommandeur Kartoffeln in den
Bann erklrte, weil es fr Gardecavallerie-Officiere ein zu gemeines
Essen sei -- die Kartoffeln des groen Fritz! Und wie ein Anderer in dem
preuischen Schnarr- und Nasenton einen jungen Officier, der, seinen
Paletot auf dem Arm, zum Bahnhof ging, frug, ob sein Bursche den
Wadenkrampf habe, da er sich selbst so bepacke."

Gingen die Wogen der Erregung hoch, wurde der Mutter weiche Stimme
schrfer und hrter, dann waren es die "falschen Ehrbegriffe inbezug auf
Geld und Geldverwertung", die sie immer wieder bekmpfte. "Der, welcher
am versprochenen Termin sein Geld fordert," heit es in der "Grfin
Thara", "gilt fr gemein und unzart, nicht der, welcher empfangen und
versprochen hat und sein Wort nicht hlt; der, welcher eine Rechnung
schickt, wird mit jedem Schimpfnamen bezeichnet und als unverschmt
abgewiesen, nicht der, welcher auf Rechnung genommen hat. Der, welcher
mahnt, wird als Tretender bezeichnet, nicht der, welcher die Mahnung
verdient. Der Vater, der seinen Sohn versetzen lt, weil er Schulden
macht, wird verdammt, der Sohn wird bedauert, und es geschieht, meinen
die Kameraden, dem Vater ganz Recht, wenn der Sohn nun noch mehr
Schulden macht; der Vater hat ja nur das Vermgen der Kinder zu
verwalten, lebt auch zu lang, steht blos dem berechtigten Lebensgenu
des Sohnes im Wege! Mit ritterlichem Muth tritt er auf das Herz der
Mutter, die fr zwanzig- bis dreiigjhrige Liebe und Treue Spott und
Undank erntet. Das ist das Portrt eines 'charmanten Kerls', der
unsinnige Wetten macht, eine Maitresse hat, die schner wohnt, besser
lebt, kostbarere Kleider hat als Schwester und Mutter! Wie knnte er
drei Monate lang z. B. nicht nach Berlin fahren, wie kann er nicht Sect
trinken, nicht spielen! Nein, da mu man den Muth haben, durch seine
noblen Gewohnheiten dem Regiment Ehre zu machen, und ginge es ber den
Sarg von Vater und Mutter, ber alle gttlichen Gesetze, ber alle
Pflichten der Liebe und der Ehre, und opferte man die Altersruhe der
Eltern, die Unabhngigkeit der eigenen Zukunft, die Gesundheit des
Leibes und der Seele! Und zuletzt giebt es ja, Gott sei Dank, Pistolen
zum Selbstmord."

Aber auch die erregteste Auseinandersetzung schlo mit allen Zeichen der
Liebe, einer sorgenden, schmerzlichen, aber doch immer wieder hoffenden
Liebe. "La die Sonne nie ber deinem Zorn untergehen", war einer der
Grundstze Jenny Gustedts, und oft schlo sie ein ernstes Gesprch mit
den Worten: "Das Alles giebt Stoff zu guten Monologen bei der Zigarre im
Lehnstuhl oder vor dem Einschlafen. Bei Dialogen tritt Eitelkeit,
Rechthaberei, Krnkung so leicht in den Weg, aber die Selbstgesprche,
die folgen, die knnen Frucht bringen."

Aus jener schweren Berliner Zeit datiert ein Brief von ihr, der ihre
Stimmung am besten wiedergibt. "Die Gewohnheit meiner abendlichen
Selbstprfung", so heit es darin, "hat mir niemals so viele schlaflose
Nchte gemacht, als jetzt. Was habe ich versumt an meinen Kindern?
Welche Schuld habe ich ihnen gegenber begangen? Das sind die Fragen,
die mich qulen und auf die ich keine Antwort wei ... Mein Mann und ich
haben nie ber unsere Verhltnisse gelebt, unseren Kindern gaben wir
immer das Beispiel unbedingter Rechtschaffenheit. Aber freilich, diese
Verhltnisse waren eben sehr gute; was htte geschehen mssen, um die
Kinder vor der Verwhnung durch sie zu schtzen? Wir hatten nach
menschlichem Ermessen die Sicherheit, da ihre Lebensfhrung dieselbe
bleiben knnte wie unsere ... Ich habe ihnen immer durch mein Leben und
Denken meine Geringschtzung rein materieller Gensse gelehrt, habe
Geist und Natur ihnen als Hchstes gepriesen und zugnglich gemacht,
habe ihnen das Christentum niemals durch Kasteiungsideen und
Weltverachtung verekelt, sondern im Gegenteil gezeigt, da der beste
Christ auch stets der frhlichste, genufhigste Mensch sein wird. Und
dennoch diese Resultate. Bin ich vielleicht doch im Urteil zu hart? Sind
sie zu jung und vergebe ich ihre Jugend? Als ich so alt war, bin ich
doch auch lebensfroh gewesen, aber die geistigen Gensse gingen mir ber
Alles ... Ich bin zwar unter ungewhnlich gnstigen Verhltnissen
aufgewachsen, und das ist vielleicht die Ursache dafr, da ich mich so
ganz anders entwickelte. So wre also die Schuld in der Zeit zu suchen,
in dieser oberflchlichen, genuschtigen, nur nach Geld und Vergngen
jagenden Zeit, wo ein junger Lieutnant die Nase rmpfen wrde, wenn er
ein Schlafzimmer wie das Goethes bewohnen mte, und ein Student emprt
wre, wenn man ihm Goethes Arbeitszimmer anwiese ... Wenn das die Folgen
unserer Siege sind, dann wre es wahrlich besser, wir wren das arme,
unscheinbare Preuen geblieben ... Ich fhle mich recht mde, recht alt
und recht fremd in dieser Welt. Neulich besuchte mich R., seiner
Gesundheit hat das Studentenleben, das das Lieutnantsleben fast zu
bertrumpfen scheint, einen Knacks gegeben, den er vielleicht noch als
Greis spren wird -- wie jammerschade, Lust, Tatkraft, Tchtigkeit so zu
vergeuden. Und wie unbegreiflich bei einem Menschen wie er, der
ehrgeizig ist und dieses Leben fr das einzige hlt, also logischerweise
alle Kraft darauf konzentrieren mte, es durch Leistungen zu erfllen.
Statt dessen wird Gesundheit, Nerven- und Geisteskraft im Genuleben
ertrnkt. Ich suche sein Verantwortlichkeitsgefhl zu wecken, und da er
immer wieder kommt, mu doch irgend etwas ihn herziehen, was eine alte
ernste Frau kaum sein kann ... Wie arm an Liebe mu die Welt sein, da
mein wirkliches aufrichtiges Wohlwollen mir immer so unerwartet Herzen
gewinnt und ohne mein Wissen und Zutun es jedermann fr Liebe nimmt,
whrend ich eigentlich wirkliche Liebe fr sehr wenige Menschen
empfinde, deshalb nur mit sehr Wenigen lieber zusammen, als mit mir
selbst allein bin ... Laute, lrmende Heiterkeit in meiner Nhe schmerzt
mich jetzt ganz besonders. Meine Seele, die unter den Frhlichen den
Druck wie von heier Sonnenhitze fhlt, empfindet den Umgang mit
Trauernden, als trte sie in einen milden Schatten."

Die Schmerzen, die ihr diesen Brief diktiert hatten, bezeichneten noch
nicht den Gipfel des Leids, zu dem diese Jahre sie emporfhren sollten.
Selbst die Bume am rauhen Lebensweg, in deren Schatten sich zuweilen
von der mhseligen Wanderung ruhen lie, hrten auf, und die Steine
wurden spitzer und der Pfad immer steiler. Ihr Sorgenkind, ihr ltester
Sohn, wurde ohne seine Schuld in einen tragischen Familienkonflikt
verwickelt, aus dem es nur einen Ausweg fr ihn gab: das Duell. Die
Kugel seines Gegners traf ihn in den Unterleib. Leben und Tod standen in
langem, schwerem Kampf an seinem Lager, und als er sich endlich von ihm
erhob, war er ein an Leib und Seele gebrochener Mann. Nun war der Platz
der Mutter wieder an der Seite des Sohnes. Sie, die ihm das Leben
gegeben hatte, sah es als ihre Aufgabe an, es aus Schutt und Trmmern
ihm wieder aufbauen zu helfen.

Da ihr Schwiegersohn gegen alle Erwartung nach einem kaum
anderthalbjhrigen Aufenthalt in Berlin nach Posen versetzt wurde und
sie nun abermals heimatlos war, erschien es ihr wie eine Fgung Gottes.
"Ich bin wohl noch zu egoistisch gewesen," schrieb sie, "als ich mich
vor ein paar Jahren auf ein friedliches Ausleben in der Mitte meiner
Kinder vorbereitete. Bei der Art eurer Generation, alle Lasten, die seit
Beginn der Welt Jeder getragen hat, unertrglich zu finden, sind die
groen Familien sehr zu frchten; wer ein egoistisch ruhiges ses Alter
trumt, mu kein zehnfaches Leben mit hineinnehmen, wie es bei Kindern
und Enkeln geschieht und um so mehr geschieht, je mehr man sie liebt.
Ich fhle die Schmerzen meiner Kinder doppelt und dreifach und wrde sie
freudig tausendfach fhlen wollen, wenn ich auch nur ein Sandkrnchen
ihrer Last dadurch von ihren Schultern nehmen wrde. Aber ich kann
nichts, als im Stillen fr sie beten, und da sein, wenn sie ein allzeit
offnes Ohr und Herz brauchen, um ihren Jammer hinein zu schtten ... Es
mssen glckliche Menschen gewesen sein, die sich Hlle und Fegefeuer
ertrumten, sonst htten sie wissen mssen, da die Erde Beides zugleich
ist ... Glaube nicht, da ich klage: mit dem Leid wchst die Kraft. Das
wird auch Dein Mutterherz noch erfahren. Der Glaube, der Berge versetzt,
ist nicht strker, als die Mutterliebe, die den Kampf mit Hlle und
Fegefeuer aufnimmt, um ihres Kindes willen."




Ausleben




Wieder daheim


Jenny Gustedt war 64 Jahre geworden, ein Alter, von dem sie zu sagen
pflegte, da es ihm angemessen sei, "sich in den Schatten, sich aus dem
Wege der Welt zu stellen, um seiner selbst willen, weil die Grenze des
Diesseits schon das Jenseits streift, um Anderer willen, weil in den
Lebensverhltnissen das Greisenalter, ich mchte sagen, ber dem Etat
ist und oft beengend auf die nchste Generation wirkt". Und wenn sie
auch uerlich fast unverndert blieb und die Pforten ihres geistigen
Lebens sich nicht, wie bei den meisten alten Leuten, vor der Auenwelt
und ihren Eindrcken zuschlossen, nur das Besitztum der Vergangenheit
htend, so zeigte sich doch ein untrgliches Merkmal hoher Jahre:
Heimweh. Es befllt nicht nur den einen, der lange in fremden Lndern
war, als eine Sehnsucht nach den Wldern und Wiesen, wo seine Jugend
reifte; noch strker und schmerzhafter macht es sich vielmehr dem
anderen fhlbar, der in geistiger Fremde lebte, und nun heim verlangt
nach dem vertrauten Boden, in dem sein inneres Leben wurzelt, der seiner
Seele die erste Nahrung gab. Nicht die Zahl der Jahre bestimmt den
Zeitpunkt, wann dieses Heimweh unberwindlich wird, sondern das Ma der
Entfernung und die Menge der begrabenen Hoffnungen. Am lngsten vermag
die Mutterliebe, die das Weib an das innere und uere Leben des Kindes
fesselt, die Stimmen der Sehnsucht zu bertnen. Aber schlielich, wenn
der mde Fu den raschen Schritten der Jugend nicht mehr folgen kann und
das Auge nichts als eine fremde Welt vor sich sieht, dann siegt das lang
unterdrckte Verlangen, dorthin zurckzukehren, von dannen wir gekommen
sind.

Nach dem Tode ihres Gatten war der erste Gedanke der Witwe gewesen, sich
von nun an dauernd in Weimar niederzulassen. Liebe und Pflichtgefhl
hatten sie daran gehindert. Jetzt, zehn Jahre spter, sah sie, da ihre
Kinder ihrer nicht bedurften, da sie ihnen, selbst wenn sie litten,
kaum zu helfen vermochte, weil ihr Trost ihnen kein Trost war, und es
regte sich nun wohl auch in ihr der Wunsch, zum Schlusse des Lebens noch
einmal sich selbst zu leben. Im Hause ihres Schwagers, des Grafen Beust,
am Ende der Ackerwand, wo die alten Bume des Parks in die Fenster
hineingrten und der Brunnen dasselbe Lied rauschte und murmelte, wie
vor einem halben Jahrhundert, fand sie eine kleine, freundliche Wohnung.
"Meine Stuben wrden Dir sehr gefallen," schrieb sie mir, "sie sind
kleiner als die in Berlin, aber sehr harmonisch, und enthalten Alles,
was mir notwendig, ntzlich, angenehm und lieb ist; meine Freunde sind
sehr gern darin, meistens zwischen 6 und 8 Uhr, dann brennen meine
Lampen, alles ist still und friedlich, voll Blumen sind die Tische ...
Morgens nach dem Frhstck gehe ich fast ohne Rcksicht auf das Wetter
im Park, der immer schn ist, spazieren und vergesse vor lauter Erinnern
zuweilen das halbe Jahrhundert, das zwischen meiner Jugend und meinem
Alter liegt. Um 1 Uhr esse ich und habe neben der Gte der einfachen
Mahlzeit die Freude stets unbestellter Gerichte, die Du, mein
Herzensenkelkind, auch empfinden wirst, wenn Du einmal jahrzehntelang
Hausfrau warst und -- leider mu ich das vermuthen -- wie ich, gar kein
Talent dafr hattest. Oft esse ich auch bei meinem lieben Schwager
Fritz, der dann schon am Abend vorher sagt: Auf morgen freue ich mich,
dann bist Du bei mir! Selten vergeht ein Tag, ohne da ich liebe
Verwandte oder Freunde besuche oder empfange, und wie ein weicher,
warmer Mantel legt sich die vertraute geistige Luft Weimars um mich ...
Abends lese ich viel und mache mir darber kurze Notizen, die Dir
vielleicht einmal ntzlich sein werden. Man vergeudet so viel Zeit mit
schlechter Lektre, da es ein groer Gewinn wre, wenn Kinder und Enkel
sich darin wenigstens von den Alten raten und leiten lieen. Um 11 Uhr
bin ich zu Bett und schlafe mit Gedanken und Gebet fr meine Kinder und
Enkel ein ... Ich denke, wir Beide, mein geliebtes Kind, knnten jetzt
schon besser plaudern, als auf unseren Wegen in Berlin, und im Lieben
und Denken wirst Du mich immer besser verstehen ..."

Wenn es auch nicht das alte Weimar war, das meine Gromutter wieder
aufnahm, so war es doch in der Hauptsache das alte geblieben. Es schien,
als ob jeder im Umfang seiner Krfte sich bemhte, die Tradition
aufrechtzuerhalten, die vorschrieb, geistige Interessen in den
Mittelpunkt des Lebens zu stellen. Und der Groherzog Karl Alexander
war es, der darin mit dem guten Beispiel voranging. Er besa jene
Frstentugend, die wir heute vergebens suchen: Talente heranzuziehen und
zu beschtzen, ihnen freie Bahn zu schaffen, ohne sie beeinflussen zu
wollen. Seine Ehrfurcht vor geistiger Bedeutung war so gro, da er vor
ihr bescheiden zurckzutreten verstand. Niemals htte er einem Knstler
seinen Willen aufgezwungen und ihn dadurch auf das Niveau eines bloen
Handwerkers herabgedrckt. Die geistige Atmosphre, die er dadurch schuf
oder vielmehr erhielt, denn sie war Karl Augusts kostbares Vermchtnis,
ermglichte es, da aus dem Weimar Goethes und Schillers noch ein Weimar
Liszts und Wagners wurde. Obwohl die Welt Franz Liszt zu Fen lag,
whlte er sich die kleine Stadt, um alljhrlich sein Haus an der
Hofgrtnerei zum Mittelpunkt der Musikbewegung zu machen. Von Weimars
unscheinbarem Theater aus trat Wagners "Lohengrin" den Siegeszug durch
die Welt an. Ohne den Groherzog htte Liszt seine Auffhrung nicht
durchzusetzen vermocht. Da der Hof der modernen Musik so viel
Verstndnis und Frderung zuteil werden lie, zog eine Reihe anderer
Musiker, die spter zu groer Bedeutung gelangten -- es sei hier nur an
Mnner wie Eugen d'Albert und Richard Strau erinnert -- nach Weimar.
Und wie die moderne Musik, so fand die moderne bildende Kunst hier zwar
nicht einen Mittelpunkt des Lebens, wohl aber eine stille Wiege, wo sie
die jungen Glieder strecken, von wo aus auch sie den Weg in die Welt
antreten konnte. Graf Kalkreuth und Schillers liebenswrdig-geistvoller
Enkel, Herr von Gleichen-Ruwurm, waren Ende der siebziger Jahre ihre
Hauptvertreter in Weimar. Wie viele Dichter, Maler und Musiker haben
auerdem, wenn nicht den Beginn oder den Hhepunkt ihres geistigen
Schaffens, so doch Stunden der Anregung und Befriedigung -- jener
seltenen Feiertage des Lebens, die ihnen notwendig sind, wie dem
Arbeiter die Sonntagsruhe -- der lieblichen Stadt an der Ilm zu
verdanken. Dem Frsten aber, dem es gelang, im brandenden Meer des
modernen Weltlebens diese Insel der Ruhe, des stillen Schaffens und
Werdens, zu erhalten, blieb das Schicksal nicht erspart, das auf die
eine oder andere Weise alle traf, die im Schatten der Titanen geboren
wurden. Derselbe Mann, der vor seinen Freunden ein lebendiger,
geistvoller Plauderer und immer ein vornehmer Mensch im besten Sinne des
Wortes war, schien der verantwortungsvollen Last der groen
Vergangenheit seines Hauses und Landes oft fast zu erliegen, wenn er
sich unter Freunden im groen Kreise bewegte: er fhlte sich bedrckt,
wenn alle Augen auf ihn sahen, wenn jeder darauf wartete, was er sagen
wrde, und seine Zerstreutheit, seine Schchternheit und Verlegenheit
machten ihn in der breiten ffentlichkeit zu einer lcherlichen Figur.
Meine Gromutter schrieb einmal von ihm: "Da mein guter Groherzog so
oft miverstanden, ja, was noch schlimmer ist, verhhnt wird, schmerzt
mich um so mehr, als er im Grunde seines Wesens und seiner Anschauungen
der Typus dessen ist, was ein Frst in unseren konstitutionellen Staaten
berhaupt noch sein kann: ein Grandseigneur, der die alte schne
Tradition pflegt und die Entwicklung einer neuen Kultur frdert, indem
er wie ein guter Grtner dort der wildwuchernden Rosenranke eines
Talents eine Sttze giebt, dort einer andern, die im Verdorren ist,
Wasser, Luft und Licht zufhrt und allmhlich einen Park anlegt, in dem
Natur und Kunst den Grtner gleichmig preisen, weil er die Natur nicht
knebelte und die Kunst nicht degradierte."

Neben ihrem Schwager Beust, der ein ungemein liebenswrdiger Mensch war,
und trotz seiner lebenslangen Hofstellung -- was ebenso fr den Frsten
wie fr seinen Hofmarschall spricht -- nie ein Hfling wurde, gehrte
der Groherzog zu meiner Gromutter vertrautestem Umgang. Er besuchte
sie oft, und sie war ein hufiger Gast im Schlo, wenn sie allein kommen
konnte oder nur ein kleiner Kreis versammelt war. Bei solchen
Gelegenheiten war es, wo sie Liszts herrliches Spiel geno, sich des
genialen, geistvollen Gesellschafters freute, und durch ihn Wagners
Musik kennen lernte. Es war eine neue Welt fr sie und eine, die sich
der altgewohnten harmonisch anschlo.

"Ich habe zu viel Sinn fr Musik," schrieb sie einmal, "um es nicht
unertrglich zu finden, bei einem Kaffeekonzert, wo zwischen: 'wie freue
ich mich, Sie zu sehen' -- 'Kellner, eine Portion Kaffee' -- 'nein, sieh
nur diese Toilette' -- wo zwischen diesen und hnlichen Gedanken und
Gesprchen einige Tne von Mendelssohn oder Beethoven und dann zum
lauten Entzcken des Publikums das 'Pariser Leben' ertnt. Das Ideal von
Musik, das ich in der Seele trage, ist Verklrung, Seligkeit reinster
Liebe, Auflsung des Innern in Ton und Klang. Wenn ich still in
dmmeriger Ecke sa und Liszt spielte, wenn mir in Karlsbad, hoch ber
dem Konzert, auf einsamer Waldbank Wagners wunderbarer Pilgerchor
entgegenklang, wenn ich in Freiburg in der stillen dunklen Kirche sa
und die Orgel ber mir brauste -- das Alles war Musik. Es beeintrchtigt
schon meinen Genu, wenn ich, um eine Wagnersche Oper zu hren, in ein
volles Theater mit im Zwischenakt schwatzenden und kokettierenden
Menschen gehen mu. -- Wie ich den Faust nicht auf der Bhne sehen kann
-- den zweiten Teil aufzufhren, ist berhaupt eine Blasphemie -- so ist
fr mich jede Art Kunst, Musik insbesondere, entwertet, oder besser
entweiht, wenn sie auf das Niveau des Massenamsements heruntergezogen
wird. Wertvoller fr den Menschen ist ein schnes Bild im eigenen
Zimmer, als Hunderte weltberhmter Bilder im Museum, an denen er mit
einer Karawane Fremder vorberziehen mu. Eine Welt hchster
knstlerischer Kultur mte alle Museen auflsen und die Kunstwerke in
den Wohnungen verteilen, mte in gothischen Domen mit gemalten Fenstern
tglich musizieren und singen lassen, wobei einem Jeden der Eintritt zu
Genu und Andacht frei stnde ..."

Das Interesse fr den Musiker Wagner fhrte sie zu dem Dichter und
Denker, und nichts zeugt mehr fr ihre geistige Regsamkeit und
Auffassungsfhigkeit, als die Tatsache, da er bei aller
Grundverschiedenheit der geistigen Tendenz so stark auf sie wirkte. "Ich
lese mit wachsender Anteilnahme, wobei Staunen, Entzcken, Emprung,
Bewunderung in lebhaftem Streit mit einander liegen, Richard Wagners
Prosaschriften und Dichtungen," schrieb sie 1877 aus Weimar; "Alles
darin ist bedeutend und sehr klar; in schner bndiger Weise
unterrichtend sind alle Artikel ber Musik. Wie Wagner selbst die Musik
versteht, ist mir sonnenklar vor die Seele gesprungen in den wenigen
Worten: 'Wo die Sprache aufhrt, fngt die Musik an'. Nicht allein ihre
wortlose Herrlichkeit hienieden wird damit bezeichnet; aber man fhlt
sie als Sphrensprache der Ewigkeit. Die Aufstze: 'Eine Pilgerfahrt zu
Beethoven', 'Ein Ende in Paris', 'Ein glcklicher Abend' erinnern
ausnehmend in Tendenz, Empfindungen, spttischer, tiefer
Menschenverachtung, von der man sich selbst fast allein ausschliet, an
Byron, der einmal mein Lieblingsdichter war, bis ich Goethe und sein
Urteil ber die von ihm so richtig bezeichnete 'Lazarethphilosophie'
begreifen lernte. Es mu wohl Jeder, der von innen heraus wchst, dieses
Seelenstadium durchmachen -- auch Goethe mute es und hat es im Werther
geschildert und berwunden -- aber wehe dem, der darin stecken bleibt:
nicht nur, da er selbst ein dauernd unglcklicher Mensch wird, auch
seine Schaffenskraft zerbricht. In welcher herrlichen Verklrung tritt
im klarsten Gegensatz zu der ganzen Lazarethphilosophie und
Menschenverachtung das Christentum vor meine Seele. Die
Menschenverachtung, die dort zu Spott, Ha und Verzweiflung fhrt, die
Lebensbeziehungen der Menschen untereinander vergiftet und zerstrt,
fhrt hier zu tiefem Mitleid mit dem Snder, der noch blind fr die
Wahrheit ist: 'die Snde ist der Leute Verderben', fhrt zu sorgfltiger
Prfung der Ursachen, die Gemeinheit und Schlechtigkeit nhren und
entstehen lassen, und zum rcksichtslosen Kampf gegen sie. Auf der Seite
der Menschenverchter ein Schrei der Verzweiflung neben dem anderen, auf
der anderen Seite das himmlische: Freuet euch in dem Herrn, und abermals
sage ich euch, freuet euch. Auf der einen Seite Krieg mit oder
Abgeschlossenheit von den Menschen, auf der anderen Seite hlfreiches,
thtiges Zusammenleben und Lieben ... Ich kann Richard Wagner gegenber
den Eindruck nicht berwinden, der mich z. B. auch bei Heinrich Heine
immer wieder berwltigte, da sein Menschliches noch mit seinem
Gttlichen -- und jeder Knstler und Dichter ist gottbegnadet -- im
Kampfe liegt. Seine Musik, seine Dichtung, z. B. im Tannhuser --
widerspricht seiner, nicht vom Genie, sondern vom irdischen Verstand
diktierten Lazarethphilosophie. In Beethovens neunter Symphonie ist das
rein Gttliche zu unvergleichlichem Ausdruck gekommen; ich warte nun auf
Richard Wagners Neunte! ..."

Einige Jahre spter las meine Gromutter, noch ehe sie die Musik kannte,
den "Parsival" und schrieb mir darber: "Ich begann ihn gleichgltig,
werde aber immer mehr davon hingerissen und begreife nicht, wie
Eitelkeit, Weltlichkeit und Genusucht einen Geist beschatten konnten,
der solcher Gedanken, Anschauungen und Gefhle fhig ist. Die
Verherrlichung und Weihe des Mitleids, das er als die hchste Liebe
hinstellt, die Heiligung durch Bue und Gnade aller seiner Helden, die
Auffassung des Abendmahls werfen Lichter in meine Seele, wie noch kein
theologisches Buch es gethan hat.

"Wie oft habe ich mich geprft, ob es denn nicht Falschheit und
Schmeichelei sei, was mich so liebevoll hinzog zu Menschen, deren mein
Herz fr mich gar nicht bedurfte. Wagners Auffassung des Mitleids
erklrt mir meinen eigenen inneren Widerspruch. Das Mitleid, welches ich
in seiner hchsten, mir oft krankhaft erscheinenden Potenz von je her
fr Menschen und Thiere empfand, ist eben die hhere und bessere Liebe,
weil das Mitleid nichts fr sich will, auch nicht Gegenseitigkeit, die
meiste Liebe aber etwas sucht und braucht fr sich."

In einem anderen Briefe heit es: "Ich habe nun auch einen groen Teil
der Musik zum Parsival kennen gelernt. Sie gehrt zu den
erschtterndsten Eindrcken meines Lebens. Wunderschn war mir schon
seine Sprache, um wie viel herrlicher ist seine Musik. Wenn ich sagen
mte, welches die hchsten Emanationen des Gttlichen im Menschen sind,
die ich kenne, so wrde ich heute antworten: Goethes Faust und Wagners
Parsival. Sie stehen mir auch in anderer Weise gleich: wie ich den Faust
nicht auf der Bhne sehen mag, mchte ich den Parsival nicht sehen. Zwar
ist der Bayreuther Gedanke, der den Ort zu einer Art Wallfahrtsort macht
und die Menschen dadurch schon aus der Alltagsstimmung herausreit, mir
sympathisch, aber da es leider auch dort weniger die stillen, auf
seelischen Genu gestimmten Seelen sein werden, die sich zusammen
finden, sondern die jeder neuen Sensation auf dem Fue folgenden groen
Geldbeutel, so mchte ich um Alles in der Welt nicht unter ihnen
sitzen."

Mit vollen Zgen, mit einer fast ungebrochenen jugendlichen Kraft geno
Jenny Gustedt das geistige Leben, das wieder in breiten Fluten zu ihr
hereinstrmte. "Ich empfinde mit tglichem Dankgefhl," schrieb sie
ihrer Tochter, "wie wertvoll der Mensch dem Menschen ist, sofern wir uns
entschlieen, die Prliminarien des Konventionellen rasch zu erledigen,
und uns dann geben, wie wir sind, d. h. mit dem Besten, was in uns ist.
Eure Art, das Innerste zu verschweigen, also im Konventionellen stecken
zu bleiben, so da der Verkehr mit Menschen schlielich zum
berflssigsten Zeitvertreib wird, ist nur eine Folge Eures Mangels an
echter menschlich-christlicher Gesinnung: Ihr frchtet jede
Meinungsverschiedenheit, weil Ihr andere Ansichten in Eurer egoistischen
Rechthaberei gar nicht mehr vertragen knnt. Das ist nicht nur ein Nagel
zum Sarg der Geselligkeit, sondern auch zum Sarg der Freundschaft, der
Ehe, ja selbst der Beziehungen zwischen Eltern und Kindern. Bereichert
wird unser Leben, erweitert unser Gesichtskreis nur durch andere
Ansichten als die unseren, und nur durch ihren Austausch knnen wir
frdernd und anregend aufeinander wirken. brigens gilt dasselbe auch
vom Lesen: Nichts trichter, als nur lesen zu wollen, was in unseren
engen geistigen Horizont, in unsere Seelenstimmung, in unsere
Glaubensauffassung hineinpat, und zu sagen: Das und das kann man
nicht lesen. Man kann es nicht nur, man soll es sogar. Wie ein gesunder
Krper sich Wind und Wetter aussetzt und davon nur gekrftigt wird, so
mu ein gesunder, reifer Geist sich allen geistigen Luftstrmungen
aussetzen, um immer gesunder zu werden ..."

Die Bcherliste der Weimarer Zeit ist erstaunlich reichhaltig und
umfangreich, und Auszge aus dem Gelesenen fllen einige Bnde.
Memoiren, Korrespondenzen und Biographien aus der Zeit Goethes und
Napoleons, Friedrichs des Groen philosophische und historische Werke
und seine Korrespondenz mit Voltaire, Chateaubriands zwlfbndiges
Memoirenwerk nehmen auch in bezug auf die Auszge einen breiten Raum
ein. Kants Metaphysik der Sitten, Schopenhauers Ethik, Nietzsches
Geburt der Tragdie, Strau' Leben Jesu und sein Voltaire wurden
studiert; kleinere historische und kulturhistorische Schriften,
Reisebeschreibungen und hier und da auch ein Roman finden sich daneben
verzeichnet. In ihren Briefen erwhnte sie meist, was sie gerade
beschftigte; da ich damals noch ein Kind war, blieben ihre uerungen
mir gegenber meinem Alter angepat. An die elfjhrige Enkelin schrieb
sie: "... Ich wnschte Dir, mein Kind, die Weimarer Luft, die Deiner
Entwicklung notwendiger wre, als die Offiziersinteressen-Atmosphre,
in der Du lebst ... Wie oft finde ich im Laufe meiner Lektre Vieles,
was ich Dir jetzt vorlesen und ber das ich mit Dir sprechen knnte.
Ganze Abschnitte aus Goethes Faust, aus Wahrheit und Dichtung, viele
seiner herrlichen Briefe an seine Freunde wrden Dich besser vorwrts
bringen als Deine stupende Geschichtstabellenweisheit, die mir als
Gedchtnisleistung zwar sehr imponiert, aber sonst doch gar keinen Zweck
hat, als etwa den Eitelkeitszweck, damit zu prunken. Aber Bildung
bedeutet nicht eine mglichst groe Ansammlung von Wissensstoff, sondern
ein persnliches Gewordensein ... ber all das wollen wir miteinander
reden, wenn ich Dich bei mir habe, mein Herzenskind."

Bald darauf, im Frhling 1877, kam ich zum ersten Male zu Gromama nach
Weimar. Whrend einer langen, schweren Krankheit, die ich im Jahre
vorher durchgemacht hatte, war ich aus den Kinderschuhen
herausgewachsen, und noch sehe ich mich im Spiegel von Gromamas grnem
Salon vor ihr stehen: einen hoch aufgeschlossenen Backfisch, bla und
schmal, die blonden Haare straff aus der so schrecklich hohen Stirn
gekmmt, und daneben die schne alte Frau mit dem feinen Gesicht und den
grazisen Bewegungen, die mich gerhrt in die Arme schlo. Ich wei
nicht, warum ich herzbrechend weinen mute, vielleicht wute sie es
besser als ich; ihre ersten Worte waren: "Mein armes Kind", und sanft
und vorsichtig behandelte sie mich wie eine Kranke.

Wer keine Gromutter hat, der wei nichts vom schnsten Mrchenwinkel
des Kindheitsparadieses, der ist um das kostbarste Erbe der
Vergangenheit betrogen worden. Und wer von den armen Kindern der
Gegenwart besitzt sie noch, auch wenn sie nicht gestorben ist? Jene
gtige, verstehende, auf der Hhe der Lebenserfahrung milde gewordene
Frau, die nicht nur unsere Schmerzen besser mitempfindet als die Mutter,
die auch die Ruhe des Alters besitzt, die notwendig ist, um sie zu
heilen? Die fr sich selbst nichts mehr will und darum Zeit hat fr uns;
der wir alles sagen drfen, weil sie alles versteht.

Die Stadt der Epigonen, von der Dingelstedt sagte: "Sie mahnt mich
selber wie ein Sarkophag", wurde mir zu einer Stadt geistiger
Auferstehung. Meiner Gromutter Erzhlungen, das Zusammensein mit ihren
Freunden, die mir durch die Gloriole der Vergangenheit, die sie umgab,
wie Wesen aus einer anderen Welt erschienen, belebten die Straen, die
Huser, die Alleen und die stillen Waldwege mit den Gestalten Goethes
und Schillers. Hier durfte ich, ohne da das Lachen der anderen meinen
Mund versiegelte, von all meinen phantastisch-trichten Kindertrumen
reden, hier konnte ich meiner Begeisterung fr Menschen und Werke den
berschwenglichsten Ausdruck geben, ohne da ich zu frchten brauchte,
fr "dumm" oder "albern" gehalten zu werden. Gromama verstand mich,
denn nur altkluge Khle htte sie nicht begriffen. Tglich wanderte ich
mit ihr, die bis in ihr sptestes Alter eine rstige Fugngerin war,
morgens durch den Park und nachmittags nach Tiefurt oder nach Belvedere.
Nie versiegte unser Gesprch, nie ermdete sie, meine Fragen zu
beantworten. Abends und bei schlechtem Wetter lasen wir zusammen die
"Iphigenie" aus dem alten blauen Buch, den Osterspaziergang aus dem
Faust und manches, was Gromama selber in ihrer Jugend geschrieben
hatte. Ihre Verwandten und ihre Freunde besuchte ich mit ihr, und
seltsam muteten die Rume, die ich betrat, das heimatlose, von Ort zu
Ort verschlagene Soldatenkind an: Groeltern, Eltern, Kinder hatten
nacheinander darinnen gehaust, an den Bildern, den Mbeln, den tausend
Kleinigkeiten der Umgebung haftete der Duft der Tradition; sie waren wie
ein Kleid, das sich, je lter es wird, desto genauer und
selbstverstndlicher um den schmiegt, der es trgt, und das die
Ausstrahlung seines Wesens aufnimmt. Jene Harmonie, die denen verloren
gehen mu, die auch die Wohnung und ihre Einrichtung dem Wechsel der
Mode unterwerfen, umfing mich ebenso wohlttig wie der groe Kreis der
Familie, fr die ich, als Gromamas Enkelin, von Anfang an keine Fremde
war. Meiner Gromutter starker Familiensinn, der durch ein erstaunliches
Gedchtnis fr die verwickeltsten verwandtschaftlichen Beziehungen
untersttzt wurde, war sehr oft ein Gegenstand des Amsements fr ihre
Kinder; ich habe ihn immer nur als die Grundlage einer groen
Lebenswohltat empfunden: der Gedanke, nirgends verlassen und vereinsamt
zu sein, gibt eine gewisse innere Sicherheit, die freilich meist der
erst schtzen lernte, der sie verlor. Doch was sind alle diese Eindrcke
und Empfindungen gegenber der Erinnerung an jenes eine Ereignis meiner
Kindheit, dessen tief erschtterndes Erleben bestimmend fr mich werden
sollte: mein erster Besuch in Goethes Haus.

Zwischen jener Zeit, wo Jenny Pappenheims zierliche Mdchenfe tglich
die breite, klassische Treppe emporgestiegen waren, und der Gegenwart
lag ein Menschenleben. Als sie heimkehrte nach Weimar, eine alte Frau,
hatte Ottilie Goethe die Augen geschlossen, Ulrike, ihre Schwester, war
ihr gefolgt, und einsam und menschenscheu, um ihr Lebensanrecht an Glck
betrogen, niedergebeugt unter der Last der weithin leuchtenden Krone,
die Goethes Name bedeutete, lebten Walter und Wolf in den stillen
Dachstuben des groen Hauses am Frauenplan. Die alte Freundin ihrer
Jugend war immer mit ihnen in Verbindung geblieben und hatte von Jahr zu
Jahr gehofft und gewartet, da sie sich doch noch einen selbstndigen
Platz in der Welt erobern wrden. Vergebens! Walters musikalisches
Talent, das vielleicht ausgereicht htte, einem Menschen mit unbekanntem
Namen eine Durchschnittsstellung ohne Prtensionen von Berhmtheit zu
schaffen, war wie eine Pflanze, die, wenn man sie knstlich treiben
will, vor der Entfaltung verdorrt. "Er versuchte den Kampf mit dem Leben
nicht mehr, er ergab sich darein," schrieb meine Gromutter von ihm. "Er
nahm es mit tiefem, aber verborgenem Schmerze auf, als seine
Compositionen nicht beachtet wurden. Er dachte unendlich gering von sich
selbst. Mit rhrender Treue hing er an seiner Mutter, opferte ihr Geld,
Zeit, Gesundheit, Lebensfreude. Piett war der Cultus seines Lebens,
doch auch hier in schroffen Gegenstzen zur Welt. Nicht mittheilend,
unter vielem Kleinlichen auch die groartigen Kundgebungen der deutschen
Nation abweisend, waren er und sein Bruder miverstehend und
miverstanden. Mit allen Opfern persnlichen Behagens erstrebten sie das
piettvollste Erhalten des berkommenen, aber ihre grte und verborgene
Piett bestand darin, Weimar, welches durch Goethe gro geworden und aus
dem seine Gre herausgewachsen war, durch keine selbstische
Vertheidigung, durch keine Anklage, Enthllung, Preisgeben von
Controversen, literarischen Klatsch in Wort und That zu schdigen."

Weit schwerer ertrug Wolf die Tragik seines Lebens, die ihn -- den Enkel
-- zum Schattendasein verdammte, denn die Kraft, die in ihm zerstrt
wurde, war eine bedeutend grere als die des Bruders, ihr Kampf gegen
die Unerbittlichkeit des Schicksals daher lnger und schmerzhafter. Mit
neunzehn Jahren schrieb er eine romantisch-philosophische Tragdie, die
den Kampf des Menschen gegen die Natur und den Zwiespalt zwischen
heidnisch-naturreligiser und kirchlich-christlicher Anschauung zum
Gegenstand hatte und eine nicht gewhnliche Begabung verriet. Meine
Gromutter, die Wolf von klein an in ihr Herz geschlossen hatte und ihn
auch als den geistigen Erben Goethes ansah, schrieb von ihm:

"Niemand staunte, Niemand begriff, was in einem Menschen liegen mute,
der mit neunzehn Jahren 'Erlinde' schrieb. Humboldt und Varnhagen
schienen es zu begreifen, ihr Lob war aber nicht mchtig und nicht
nachhaltig genug, und so kam es, da sein Werk, wie sein ganzes Leben,
durch Enttuschung, berreizung und Stolz vereinzelt verloren ging." Er
vergrub sich spter in archivalische Studien, wurde zeitweise
Legationssekretr bei einer Gesandtschaft, aber seine zunehmenden
schweren neuralgischen Leiden hinderten ihn an allem und verbitterten
ihm immer dann das Leben, wenn es eine glcklichere Wendung zu nehmen
schien. "Er litt unter seinem Zustand wie unter einem Fluch, er litt
ebenso unter dem Fluch eines Namens, den er nicht berbieten konnte ...
Seine Vernunft pate nicht zur Welt und die Vernunft der Welt nicht zu
ihm. Das empfand er und hllte sich stolz und stumm in sein einsames
geistiges Leben, durchschritt ernst, forschend, lernend und denkend ein
langes Lebensdasein.

"Er hat sich einmal um ein Amt in Weimar beworben, es htte ihn zu einer
ersehnten glcklichen Huslichkeit gefhrt. Der Minister von Watzdorf
stemmte sich dagegen; spter allerdings wurden ihm sehr wohlwollende
Anerbietungen gemacht, aber sein Leben war abgelaufen.

"Im Jahrhundert der Geldgier und des Ehrgeizes verachtete Wolf Geld und
uere Ehre; fr nichts und niemand war ihm seine Wrde feil. Seine
groen, tiefen Gedanken blieben verschlossen in seiner Seele, sein
leidenschaftliches Herz wurde stumm.

"Es fand ein Mann am Meer eine Muschel, und weil sie keine Auster war,
schleuderte er sie zurck in die wogende See, nicht ahnend, da sie die
kstlichste Perle enthielt. Der Mann war Deutschland, die geschlossene
Muschel Wolfs liebe, edle, groe Seele ..."

Mit jener unglckseligen Eigenschaft der Nachgeborenen begabt, die jeden
Luftzug des Miverstehens wie ein Ungewitter, jeden leisen Nadelstich
der Lieblosigkeit wie ein Ans-Kreuz-Schlagen empfinden lt, zogen sich
die beiden Brder immer mehr von der Auenwelt zurck -- "zwei in
Nachtvgel verzauberte Prinzen, die einen vergrabenen Schatz bewachen".
In dem fatalistischen Glauben an den notwendigen Untergang ihres
Geschlechts, hatten die Brder auch die Liebe zum Weibe in sich
unterdrckt -- niemand sollte von neuem geboren werden, um den Namen
Goethe fortzusetzen. Schon in den vierziger Jahren, nach dem Tode der
reizenden Alma, des letzten Sonnenstrahls der Familie, hatte Walter
Goethe an den Sekretr Schuchardt geschrieben: "Wenn Sie so in den
Sammlungsrumen oder dem Arbeitszimmer des Grovaters Staub und bse
Geister bannen, so gereut es Sie vielleicht doch nicht, da Sie treu an
uns festhalten, den berbliebenen aus Tantalus' Haus. Aber glauben Sie
mir: das Reich der Eumeniden geht zu Ende ...!" Und seitdem war eine
neue Welt neben ihnen emporgeblht, aber sie sahen sie nicht, wollten
sie nicht sehen, und empfanden es doch peinigend, da sie selbst von ihr
auch bersehen wurden.

Zu den wenigen Freunden, denen ihr Heim und ihr Herz immer offen
geblieben war, gehrte Jenny Gustedt. "Du bist ein Vermchtni, eine
Erinnerung und ein Gegenwartstrost," schrieb ihr Walter, "Du, die Du
verstanden hast, in dieser Welt weiter zu leben." Und von Wolf erhielt
sie kurz vor ihrer Ankunft in Weimar diese Zeilen: "Seit der Mutter Tod
lebe ich nicht mehr. Ich passe auch zu nichts anderem, als allein zu
sein. Dich aber will ich wie ein Stck meiner selbst und wie das
Allerbeste begren." Von nun an war sie wieder einer der hufigsten
Gste in den Dachstuben. "Ich mchte Lebenswrme hineintragen, da es
keine Gottesliebe sein kann," sagte sie. Da ich sie begleiten durfte,
war eine groe Vergnstigung, die ich wie ein Geschenk aus einer hheren
Welt empfing. Mit angehaltenem Atem und pochenden Schlfen stieg ich mit
ihr die Treppe empor. Es schien mir wie Frevel, diese Stufen, die Goethe
gegangen war, mit denselben Schuhen zu betreten, an denen der Staub der
Strae haftete. Eine uralte Frau ffnete uns. Ich zitterte wie vor einer
Erscheinung: auch sie, die alte Dienerin, hatte Goethe noch gekannt! An
der Schwelle blieb ich wie verzaubert stehen: Goethe selbst mit lebendig
leuchtendem Blick sah mir entgegen. Es war das Stielersche Bild, das an
der Wand gegenber hing. Und ich bersah angesichts dieser Gestalt den
unscheinbaren kleinen Mann, der uns entgegengekommen war: Walter
Goethe. Als dann aber die Tre aufging und sein Bruder eintrat und
pltzlich ein paar groe, ernste, forschende Augen auf mich richtete,
kam ich zu mir. Whrend Gromama und Walter plauderten, stand Wolf auf
und ging mit mir herunter. Kein glubiger Katholik kann die Kapelle der
wunderttigen Madonna mit inbrnstigeren Gefhlen betreten, als ich die
Zimmer Goethes. Wie ein Sturm brauste es mir dabei in den Ohren, so da
ich nicht hrte, was mein Begleiter sprach. Im Arbeitszimmer des
Dichters lie er mich allein. Wie lange ich dort in Andacht versunken
blieb, wei ich nicht. Der kleine Garten lag im Sonnenlicht unter mir,
nichts regte sich; nur durch meinen Kopf und mein Herz spukten Trume
und Phantasien. Gromamas Stimme ri mich aus meiner Versunkenheit. Wir
gingen still nach Hause, whrend ber die dunklen Bume des Parks
rosenrote Abendwlkchen zogen. Zurck in die groe Vergangenheit
schweiften die Gedanken der alten Frau, vorwrts in die unbekannte,
geheimnisvolle Zukunft wanderten die des Kindes neben ihr.

Fast drei Monate war ich bei Gromama geblieben, schweren Herzens
trennte ich mich von ihr, denn selbst der Briefwechsel, der von nun an
ein immer regerer wurde, war nur ein schwacher Ersatz fr den tglichen
Umgang, fr den stndigen Einflu dieser in ihrer Gte, ihrer
Anteilnahme, ihrer freundlichen Stimmung sich stets gleichbleibenden
Frau. Nie hrte ich ein ungeduldiges Wort von ihr, nie kam das ein
weiches Kindergemt so oft verbitternde "das verstehst du nicht" ber
ihre Lippen, niemals verfiel sie in den Ton des Moralpredigers oder
suchte mir ihre religisen Ansichten aufzudrngen; aber gerade weil sie
keine Autoritt ber mich zu gewinnen suchte, wurde sie mir zur hchsten
Autoritt. --

Dasselbe Jahr fhrte uns noch einmal zusammen. Ihren jngsten Sohn, den
schlielich die Verhltnisse gentigt hatten, sich von der Garde fort
nach dem fernen Osten versetzen zu lassen, hatte das Leben in die
Schule genommen und ihn gelehrt, was er von der Mutter nicht hatte
lernen wollen; sein Leben war, zu ihrer Beruhigung, in ein anderes
Fahrwasser geraten, und als er ihr seine Verlobung mitteilte, die die
Umwandlung des Offiziers in einen sehaften Gutsbesitzer in Aussicht
stellte, freute sie sich dessen um so mehr, als all ihre Hoffnungen und
Trume, die sie einst an die Ttigkeit ihres Gatten als Gutsherrn
geknpft hatte, nun mit alter Lebendigkeit wieder erwachten. Im Herbst
des Jahres 1877 vereinigte sich die ganze Familie in Ostpreuen zur
Hochzeit, und meine Gromutter benutzte die Gelegenheit, um Verwandte,
die sie seit ihrem Abschied von Rosenberg nicht gesehen hatte, wieder
aufzusuchen. Von der Besitzung ihrer Schwgerin, der Grfin Kleist, aus
schrieb sie nach Weimar: "Wir bleiben noch diesen Monat hier, dann kehre
ich heim, und es wird mir sehr gut tun, wenn ich wieder in meiner grnen
Stube und bei meinen alten Freunden bin, obwohl es mir in meinem lieben
Preuen recht gut gefllt ... Krperlich ist mir nicht ganz wohl, und
das mahnt an die Weisheit bei alten Leuten, nicht zu reisen. Zwar sind
es nur kleine Unbehagen, die nicht stren, wenn man nicht immer die
Sorge wie eine beharrliche Herbstfliege verscheuchen mte, auerhalb
seines zu Hause krank zu werden ... Ich habe 14 Tage in Lablacken
zugebracht und ein schnes Gut, eine liebe Schwiegertochter und einen
Sohn, der zufrieden ist, gefunden. Wenn ich Dir Alles erzhlen wollte,
wrde ich viele Seiten des dnnsten Papiers beschreiben mssen, so mu
ich fr unsere Winterabende Alles aufbewahren, um so mehr, als Alles so
ganz anders ist, als was Du kennst, da wirklich nur mndlich und mit
den Ausdrcken von Auge, Stimme und zeichnendem Finger eine Schilderung
mglich ist ..." In einem anderen Briefe heit es: "Nun mu ich Dir noch
sagen, da sich meine untergegangene Freudefhigkeit aus ihrem
Scheintode rhrt durch das Glck meines geliebten Sohnes ... Aber noch
mehr durch seine zunehmende hnlichkeit mit seinem Vater, durch seinen
Ernst und seine Mnnlichkeit. Hier darf ich auf einen Ruhepunkt fr
meine Gedanken und meine Muttergefhle hoffen, der um so notwendiger
ist, als es sonst der Sorgen gar zu viele giebt."

Ihr armes Sorgenkind Otto hatte, krperlich zum Militrdienst nicht mehr
fhig, den Abschied nehmen mssen, und sein Leben spielte sich zwischen
Plnen zu neuer Ttigkeit und steten Enttuschungen, wenn es an ihre
Ausfhrung gehen sollte, ab. Dazu kam die zunehmende Schwierigkeit
seiner konomischen Lage, aus der die Mutter ihn immer wieder zu
befreien suchte. Aber auch dort, wo ihre Sorgen bisher die wenigste
Nahrung fanden, bei ihrer Tochter, war vieles anders geworden. Zwar war
die militrische Karriere meines Vaters eine ungewhnlich gute, und die
Zukunft schien in der Richtung gesichert, aber mit jeder hheren
Stellung wuchsen die Ansprche an sie und die Verpflichtungen, die sie
auferlegte, ohne da ihr Einkommen in gleichem Verhltnis zunahm. Es
entstand jenes Miverhltnis, dessen ganze nervenaufreibende Qual nur
der ermessen kann, der es selbst erlebte, zwischen einem glnzenden
Leben nach auen mit ausgedehnter Geselligkeit, schnen Toiletten und
einem groen Haushalt und der ngstlichen Sparsamkeit nach innen, die
meiner Mutter frh jeden Frohsinn nahm und das Familienleben mit jener
Gewitterschwle erfllte, die sich schwer auf die Brust eines jeden
legte und den freien Atem beengte. Wer anders war es, als wieder die
Gromutter, die helfend einsprang, sei es durch materielle Opfer, sei es
dadurch, da sie Tochter und Enkelin monatelang zur Krftigung ihrer
zarten Gesundheit und zur Erleichterung des Lebens mit sich nahm, wenn
sie nach Karlsbad, nach der Schweiz oder nach Tirol reiste. "Alle
irdischen Hoffnungen, die noch so sicher erschienen, erwiesen sich in
meinem Leben als auf Sand gebaut," schrieb Jenny Gustedt im Hinblick auf
das Schicksal ihrer Kinder; "es ist das der Weg, den Gott mit uns geht,
um uns zu der Erkenntni zu fhren, da Alles eitel ist und nur Eins not
thut. Ich wrde auch fr mich selbst nicht klagen, denn ich verstehe
den Lehrmeister und habe immer mehr irdischen Ballast ber Bord
geworfen. Aber meine Kinder verstehen ihn ganz und gar nicht. Ihnen wird
irdisches Unglck nicht zur Stufenleiter geistigen Wachstums; sie
vermgen ihm nicht ruhig ins Gesicht zu sehen, es willkommen zu heien
mit der Frage: wohin fhrst Du mich? Ich bin bereit! Und was mich fr
sie doppelt sorgenvoll in die Zukunft sehen lt, das ist die Tatsache,
da sie ja vom eigentlichen Unglck, von wirklichen Nahrungssorgen, von
leiblicher oder seelischer Gefhrdung der Kinder noch gar nichts wissen;
wie wrden sie das ertragen, da sie schon jetzt sich als zu schwach
erweisen ... Ich frage mich oft, was ihnen besser ist, wenn ich in ihrer
Nhe oder wenn ich fern von ihnen bin, aber da ich, so schmerzlich auch
diese Erkenntni ist, mit meinem Rat und Beispiel gar nichts und nur mit
materieller Untersttzung helfen kann, so ist es besser, ich bleibe in
Weimar und erhalte mich in der dortigen, mir so wohltuenden Atmosphre
ihnen so lange wie mglich."

Die Entfernung allein war auch imstande, ihre Gedanken und Empfindungen
abzulenken und ihr noch ein persnlich reiches Leben zu sichern, wie
Weimar es ihr bieten konnte. Bald nach ihrer Rckkehr aus Ostpreuen
schrieb sie mir von dort: "Warm und freundlich haben meine stillen
Stuben mich wieder aufgenommen. Mein guter Schwager, der liebe
Groherzog, Walter Goethe und alle anderen Freunde und Freundinnen kamen
mir entgegen, als htten sie mich alle sehr vermit, und es gab ein
Fragen, ein Erzhlen ohne Ende. Viele schne Blumen haben mein Zimmer in
einen Garten verwandelt, eine Reihe schner Bcher lassen mich schon die
Abendfeierstunden ahnen, bei denen Du, mein Lilychen, mir recht fehlen
wirst. Ich wnschte, Du wrst wieder unter meinem Dach, wo es Dir so gut
gefllt und Dein leider sonst so verschlossenes Herzchen Dir wieder
aufgehen wrde. Jedenfalls sollst Du wissen, da Du mir immer alles
sagen kannst, ohne ein Miverstehen zu frchten. Deine alte Gromama
war auch einmal jung und war wie Du ..." Nachdem ich es mit Gromamas
Hilfe erreicht hatte, da meine Briefe nicht mehr als Stil- und
Schnschreibbungen betrachtet wurden, die vor der Absendung die Kritik
beider Eltern zu bestehen hatten, schrieb ich ihr oft, und jede Antwort
von ihr war ein Fest, das mich nach dem lieben Weimar zurckzauberte.
"Du wrdest Dich wie ein Fischlein im Bache wohl fhlen," schrieb sie
mir im Sommer 1878, "wenn Du all die Herrlichkeit mit erleben knntest,
von der jetzt ganz Weimar voll ist. Im Juni war hier die Erstauffhrung
von Wagners 'Rheingold'. Es wimmelte von Musikbeflissenen -- echten und
unechten -- aus aller Herren Lnder, und jeder dritte Mensch, dem man
begegnete, war eine Berhmtheit oder eine, die es werden wollte. Da
htte doch mein Lilychen hineingepat?! Ich habe den Strom an mir
vorberfluten lassen, habe ganz im Stillen manches Schne gehrt, habe
unter anderem auch die Wagnersche Nibelungendichtung gelesen, die aber
dem Original nicht gerecht wird. Die germanischen Gttersagen haben mir
sowohl vom aesthetischen wie vom sittlichen Gesichtspunkt immer viel
hher gestanden als die griechischen; sie sind ein unerschpflicher
Quell fr die epische und die dramatische Dichtung, der aber in seiner
lebendigen Urkraft nur in den Dramen Hebbels zu spren ist. Hebbel als
Dichter -- Wagner als Komponist -- das wre vielleicht die richtige
Mischung gewesen, da einen Goethe und einen Wagner zusammen zu wnschen,
eine Vermessenheit wre ... Was mir einen sehr fatalen Eindruck machte,
ist das genialische Geberden, das sich die Kunstjnger beiderlei
Geschlechts jetzt angewhnt zu haben scheinen: wehende Locken und
vernachlssigte Toilette. Es erinnert mich an ein Wort Goethes, das er
einmal angesichts hnlicher Erscheinungen sagte: Je mehr einer was
scheinen will, desto weniger ist er was ... Eben haben wir das
Jubilumsfest des lieben Groherzogs berstanden. Es war ein grlicher
Trubel, mein armer Fritz aufs uerste angestrengt. Den ganzen Tag
waren Husaren, Lakaien, Hofequipagen unterwegs. Wie Cyrus seinem
Grovater vor dessen ppiger Tafel sagte: Wie viel Umstnde, um satt zu
werden, so sage ich: Wie viel Umstnde, um zu leben. Eine Episode der
Feste war wunderschn: das Morgenkonzert im Park unter dem goldenen
flutenden Glanz der Sommersonne mit der schnen Greisengestalt Franz
Liszts am Dirigentenpult ..."

Ein altes Bild von Goethes Lili hatte Gromama dem Groherzog als
Jubilumsgeschenk gegeben und mit folgenden Versen begleitet:

    Anmutig im Vergangenen sich ergehen,
    Das Schne schner noch zu sehen,
    Die Schatten doppelt zu verdecken,
    Viele Liebe geben und viele Liebe wecken:
    Das ist des Tages festliches Beginnen,
    Das Ziel von unserm Wnschen, unserm Sinnen.
    Ein Frauenbild, das lieblichste von Allen,
    Das irdisch lngst der Zeit verfallen,
    Bring ich Dir heut; es mahne Dich der Zeiten,
    Die, ob auch tot, uns noch lebendig leiten.
    So mge nie im Herzen uns veralten,
    Was liebt und lebt in ewigen Gestalten.
    Und wenn wir heut uns in Gedanken einen,
    Wird ber uns ein ander Bild erscheinen,
    Im Glorienglanze steigt es vor uns auf.
    Ich nenn' es nicht -- ich zeige nur hinauf!
    Was gro und gut Dir heute kommt entgegen --
    Das Beste dankst Du Deiner Mutter Segen.

Der Groherzog antwortete darauf:

    "Zierlich denken und s erinnern,
    Ist das Leben im tiefsten Innern!"

"Nie hab ich die Wahrheit dieses Wortes von Lilis unsterblichem Freunde
tiefer empfunden als heute, als in diesem Augenblick, wo die innigst
verehrte Freundin mir jenes Bildni durch meine Tochter bermitteln
lt und die Gabe durch ein Gedicht begleitet, das mich unentschieden
lt, was sinniger zu bezeichnen ist, Bild oder Gedicht. Indessen stammt
beides noch von einem Sinn und von demselben Herzen, das so glcklich zu
geben wei, weil es so richtig empfindet und in der "Mutter Segen" den
Schlustein fr so bedeutungsreiche Erinnerungen, so viel bedeutende
Wnsche findet. Glauben Sie meinem Dank, weil er nicht die Worte zu
finden wei, und Sie vor allem dem Herzen glauben,

Ihres wahrhaft ergebenen Freundes

Weimar, am 8. Juli 1878.

Carl Alexander."


Die nchsten Jahre verflossen, nur von Reisen zu ihren Kindern und nach
Karlsbad unterbrochen, still und friedlich. Meine Korrespondenz mit
meiner Gromutter drehte sich mehr und mehr um religise Fragen und
Zweifel, die mich um so strker beschftigten und qulten, als ich durch
einen ultraorthodoxen Geistlichen fr meine Einsegnung vorbereitet
wurde, dessen Ansichten mit denen meiner Gromutter in schroffem
Widerspruch standen. Ihre aus diesem Anla an mich geschriebenen Briefe
bilden in ihrem Zusammenhang ihr religises Glaubensbekenntnis, das sie
in den letzten Jahren ihres Lebens nur noch wenig modifizierte. In einem
ihrer ersten Briefe schrieb sie: "Alle meine Gedanken sind bei Dir, mein
liebes, liebes Kind, nicht blos weil die Bestrebungen unserer Seelen
sich gleichen, sondern weil ich Dich vor allen Klippen, Rckfllen und
Kmpfen bewahren mchte, die auf meinem Wege lagen und einen langen Teil
meines Lebens recht rauh gemacht haben ... Das Erforschliche erforscht
zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren, giebt Goethe als des
Menschen wrdigste Seeleneinrichtung an, und bei der Umarbeitung seiner
morphologischen Studien ein Jahr vor seinem Tode schrieb er: 'Man mu
ein Unerforschliches voraussetzen und zugeben, alsdann aber dem Forscher
selbst keine Grenzlinien ziehen. Mu ich mich denn nicht selbst zugeben
und voraussetzen, ohne jemals zu wissen, wie es wirklich mit mir
beschaffen sei, studiere ich mich nicht immerfort, ohne mich jemals zu
begreifen? Und doch kommt man frisch und frhlich weiter!' Du siehst
daraus, da der grte Geist, den seit Jahrhunderten die Welt gesehen
hat, nicht wie jetzt die naseweisen Schulbuben, ein letztes
Unerforschliches zugab. Die ganze Welt ist ja voller Materien, von der
Eichel an, die zur Eiche, bis zum Kinde, das zum Propheten, zum Dichter,
zum Helden wird. Fr den klgsten Menschen bleibt also stets unendlich
viel, was sein Verstand nicht erreicht, was entweder zur Glaubenssache
wird, oder was dahingestellt bleiben mu. Unerkennbares zu glauben wird
gegeben, aber nicht ergrbelt. Es kommt aber auch gar nicht auf dies
'Glauben' im Sinne eines Frwahrhaltens an. La Alles dahingestellt.
Folge Christus nur auf dem Wege, den er vorgeschrieben hat: 'Tut nach
meinen Worten und ihr werdet sehen, ob es Gottes Worte sind oder ich aus
mir selber rede.' Beten und arbeiten, mit den Menschen Frieden halten,
Alles frhlich genieen, was sich ohne Snde genieen lt, barmherzig,
wahr, liebevoll sein -- das ist des Weges Anfang ... Das erste aller
Geheimnisse -- das Leben -- hat noch niemand ergrndet, obwohl wir es
sehen, fhlen, haben; es ist auch ganz gleichgltig, wie wir uns seine
erste Entstehung denken -- einen allerallerersten Anfang uns denken zu
wollen, bleibt so wie so unmglich -- aber darauf kommt es an, was wir
daraus machen. Christus ist mit seinen Jngern auch nicht den Weg des
Grbelns gegangen, sondern den der Tat, die unter der ganz schlichten,
ganz begreiflichen Weisung stand: Liebe deinen Nchsten als dich selbst.
Er brauchte gar nicht existiert zu haben, wir brauchten gar nichts von
ihm zu wissen und dieses einzige Gebot -- 'darinnen hnget das ganze
Gesetz und die Propheten' -- wrde die hchste Richtschnur sein ...
Niemals drfte die Idee von der Erlsung von der Snde so verstanden
werden, als ob etwa ihr bloes Frwahrhalten uns los und ledig sprche
von allem Unrecht, das wir begehen. Wir mssen sie uns vielmehr tglich
und stndlich im Kampf gegen das Bse, Selbstschtige in uns erringen.
Ist unser Wille darauf gerichtet, ist nicht das Glcklichsein im Sinne
einer Anhufung materieller Gensse, sondern das Gutsein, im Sinne des
Freiwilligendienstes der Menschheit, unser Ziel, so werden wir auch
glcklich sein, weil Schmerz und Unglck uns nicht mehr bitter, trotzig,
menschenverachtend machen, sondern milde, ergeben, liebevoll, stark." In
einem anderen Briefe heit es: "Mit all meinen Gedanken bin ich bei Dir,
mein Kind, und es bekmmert mich tief, da Du, wie es scheint, mehr von
einem Theologen als von einem Christen unterrichtet wirst. Es ist der
Fluch der Theologie, da sie Glaubensstze aufstellt und daran festhlt,
wenn der wirkende Geist Gottes lngst darber hinausging, wenn sie
erklren will, was nur erfahren werden kann, und wenn sie oft so alberne
Erklrungen giebt, die sie Glauben nennt. Nicht nach dieser
vorgeschriebenen Weise glauben zu knnen, ist kein Unglauben, aber in
Hochmuth und bereilung die Glaubenslehren wegwerfen, das fhrt zum
Unglauben, weil es verhindert, da Geist und Herz nach dieser Seite hin
thtig sei, innere Erfahrungen machen und auf diesen weiter bauen kann.
Ich glaube jetzt an Christus als an den geistigen Sohn Gottes, an sein
liebevolles Werk, an sein Einssein mit dem Vater, an das groartige
Erziehungswerk, wodurch nach Aeonen alle Menschen selig werden; ich
glaube jetzt an den heiligen Geist als an die schaffende Kraft Gottes,
die das Universum erfllt, in Menschen, Kunstwerken, Erkenntnissen der
Wissenschaft zu Form und Gestalt sich bildet ... Du fragst, wie es
mglich sei, eine Entscheidung zu treffen, wenn Glaube und Wissenschaft
einander widersprechen. Handelt es sich um echte Wissenschaft, um das
Ergebni sorgfltiger Untersuchung, so ist sie Wahrheit, und der Glaube,
das Frwahrhalten, wird ihr selbstverstndlich weichen, wie er vor der
Erkenntni der Kugelgestalt der Erde weichen mute. Sagt dir aber jemand
im Namen der Wissenschaft, da es z. B. eine Seele nicht geben knne,
weil er sie nicht unter dem Mikroskop gefunden habe, so fordere ihm den
Beweis fr das Leben ab, denn alles Sichtbare ist todt, eigentliches
Leben ist unsichtbar. Das entflohene Leben des Krpers hast Du nie
gesehen, der todte Krper ist ja als Leiche derselbe, der Dir sichtbar
war. Liebe, Dankbarkeit, ja, sogar die unedlen Empfindungen sind
unsichtbar, und wo sie sichtbar sind, werden sie es nicht durch Form,
sondern durch Ausdruck und Gefhl. Der eben abgehauene Baum ist das, was
Du vom Baume siehst, sein Leben siehst Du nicht, den Duft der Rose
siehst Du nicht, die gewaltigsten Naturkrfte, Magnetismus,
Electricitt, siehst du nicht ... Das Christenthum verlangt von seinen
Anhngern gar keinen Wunderglauben, es bekmpft nur den geistigen
Hochmut -- der brigens auch menschlich ein Zeichen der Unbildung ist
--, der alles zu wissen und erklren zu knnen behauptet. Nicht Wunder
als Ausschreitungen der Natur brauchst Du anzunehmen, bekenne Dich nur
in Demuth, da Deine Intelligenz noch nicht bis zur Erkenntni aller
gttlichen Gesetze reicht, durch die diese Wunder erklrt werden. Htte
Christus vor fast 2000 Jahren gesagt: 'Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr
ein Mikroskop httet, ihr wrdet Tausende von lebenden Geschpfen in
einem Wassertropfen sehen, oder wenn ihr ein Fernrohr httet, ihr
knntet Millionen Welten entdecken, wenn ihr ein Telephon httet, ihr
wrdet die Sprache eurer fernen Freunde hren,' sie htten den Herrn
ebenso verspottet, als da er sprach: 'Wahrlich, ich sage euch, so ihr
Glauben httet, ihr knntet Berge versetzen!'"

Auf meine Frage, ob ich nach ihrer Auffassung gezwungen wre, an Gott zu
glauben -- mein Lehrer hatte mir mit allen Strafen der Hlle gedroht,
wenn ich die drei Artikel des Glaubensbekenntnis nicht eidlich zu
bekrftigen vermchte -- antwortete sie: "Zum Glauben zwingen wollen ist
ein Verbrechen an der Menschenseele und kann nur zum Bsen fhren, wie
es nur zum Bsen fhrt, wenn man einen Menschen dadurch zum treuen
Arbeiter machen will, da man ihn in Sklavenketten legt. Gott wird die
Seelen nicht fragen: glaubst Du an dies und das? sondern: wie war Dein
Herz, was hast Du gethan? Dann wird Mancher, der sonntglich in die
Kirche ging und den Morgen- und Abendsegen nicht verga, wohl aber die
thtige Menschenliebe, vor dem zurcktreten mssen, der sagte: wer darf
ihn nennen, wer ihn bekennen? und der betete: gieb mir groe Gedanken
und ein reines Herz ...

"Bengstigend, einengend ist mir immer so Vieles gewesen, was aus dem
Christenthum herausgeqult und als Glaubensartikel hingestellt wird, wie
z. B.: 'Gottes Gerechtigkeit fordert ein Opfer, deshalb stirbt der
Sndlose fr den Snder,' was aber die grte Ungerechtigkeit wre.
Oder: 'Meine Snden haben den Herrn ans Kreuz geschlagen,' was auch
unverstndlich ist, fast 2000 Jahre nach Christus. Oder das
Allerschwerste: 'Das ist mein Leib, das ist mein Blut,' whrend das neue
Testament so einfach und erklrend hinzufgt: 'Solches thut, so oft ihr
es thut, zu meinem Gedchtni' ... Da ich demnchst bei Euch zu sein
hoffe, so wollen wir vor Deiner Einsegnung uns noch grndlich
aussprechen. Es soll Dir in keiner Weise Gewalt angetan werden. Das Eine
aber la Dir jetzt noch sagen und halte daran fest: Es kommt nicht auf
das Glauben an Gott, sondern auf das Handeln im Sinne Gottes an. Der
Glaube, jenes unerschtterliche Vertrauen in Gott, das uns seine Wege
nicht nur tapfer gehen lt, sondern auch die hrtesten zu denen macht,
die uns am meisten vorwrts fhren, ist ein Geschenk hherer
Seelenentwickelung, eine Gnade, ein Glck, aber kein Sittengesetz ..."

Ich wei nicht mehr, warum, aber Gromama kam nicht. Ich blieb allein,
auch innerlich, denn in der tiefen Zerrissenheit meines Gemts -- einer
Folge des Religionsunterrichts, den ich geno -- blieben ihre Worte ohne
tieferen Eindruck, und ich wagte ihr nicht zu schreiben. Erst am Tage
meiner Einsegnung, als die Kirchenglocken mir wie die Stimmen des ewigen
Gerichts in die Ohren gellten und ich das Glaubensbekenntnis sprach in
der berzeugung, einen Meineid zu leisten, sah ich sie wieder. Mit den
Sorgen um ihren ltesten Sohn und das Ergehen ihrer Tochter mehr denn je
beschftigt, hatte sie fr die blasse, stille, vierzehnjhrige Enkelin
wohl Worte zrtlicher Liebe, aber sie pochten nur an die Tre meines
Herzens, die eine fremde Gewalt in das Schlo geworfen hatte und darin
festhielt. Wir reisten zusammen nach Ostpreuen, aber ich ging dem
Alleinsein mit ihr aus dem Wege. Dann kam ich aus dem Hause, und die
Korrespondenz schlief ein, weil die gestrenge Tante, bei der ich mich
zur Erwerbung des letzten Erziehungsschliffs aufhielt, die Briefe las,
die ich schrieb oder zu bekommen pflegte. Aber die Erinnerung an Weimar,
an Gromama war um so lebendiger in mir und steigerte sich um so mehr
zur Sehnsucht, je schroffer der Gegensatz zwischen dort und hier mir
fhlbar wurde, und ich ergriff schlielich die erste Gelegenheit, die
sich mir bot, um wieder in die alte Verbindung mit ihr zu treten. "Du
wirst vor all dem Neuen an Menschen und Dingen, die Dir begegnen, Deine
alte Gromutter wohl fast vergessen haben," schrieb sie mir, "aber sie
denkt um so mehr an Dich, mein Herzenskind. Deine Mutter teilte mir nur
Gutes von Dir mit und schickte mir einige Deiner neuesten Gedichtchen,
die in der Form sehr hbsch, im Inhalt aber gar zu einfrmig sind. Liebe
und Frhling sind sehr schne Dinge und knnen ein junges
sechzehnjhriges Herz wohl ausfllen, aber mein Enkelkind kenne ich zu
gut, als da ich nicht wte, da sie mehr zu sagen hat. Die
hauswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Talente, die Deine Tante bei
Dir pflegt, sind sehr ntzliche, aber die wertvolleren sind die des
Geistes. Weder darfst Du das Groe und Gute von Dir werfen, noch ber
die Gaben stolpern, die Gott Dir vor die Fe legte, Du mut sie
aufheben und pflegen.

"Ich sehe jetzt gerade die preuische Geschichte von Voigt; selten ist
ein Werk so treu, so vollstndig und so langweilig geschrieben worden.
Ich mchte Dir nur raten -- als Anregung zu poetischer Gestaltung -- die
ungeheuer poetische und und brillante Episode aus der Ritterzeit in
Marienburg nachzulesen, wo Johann von Bendorf wegen Bruchs der
Ordensgesetze vom Kriegszug der Ritter nach Livland ausgeschlossen wird
und aus Rache und Verzweiflung den Hochmeister Winrich von Kniprode
ermordet im Augenblick, da dieser die Kapelle verlt. Johann wird im
Hof der Burg enthauptet, whrend die Ritter an ihm vorber in den Krieg
ziehen. Was meinst Du dazu? Wage Dich an groe Stoffe, spanne Deinen
Bogen so stark Du kannst, damit die Pfeile Deines Geistes weitgesteckte
Ziele erreichen! ... Und dann habe ich ein anderes Bchlein wieder
gelesen, das mir mein armer, lieber Wolf Goethe wortlos bergab, ehe er
auf immer von hier Abschied nahm: seine Erlinde. Sie hat mich sehr
ergriffen, und ich schrieb ihm darber nach Leipzig, wo er jetzt lebt.
Da sein rechter Arm durch furchtbare neuralgische Schmerzen beinahe
gelhmt ist, antwortete er mir nur diese wenigen Zeilen: 'Rhre die
Wunde nicht an, denn nur dnn ist die Haut, die darber wuchs; da meine
Erlinde einen lebenskrftigen Keim hatte, glaube auch ich, aber es war
niemand da, der sie pflegte.' -- Hier hast Du das Buch, mein
Herzenskind. Wenn es Dir etwas sagt, wird doch vielleicht, auch ohne es
in Worte zu kleiden, ein warmes Gefhl das Herz des einsamen
Unglcklichen berhren, dessen letztes, tragisches Bekenntni er in
diesen Versen niederlegte:

    Alle Blumen sind gepflckt,
    Alle Lieder sind verstummt,
    Und ich geh einher gebckt
    In mein dumpfes Leid vermummt.

    Ich stehe stets daneben,
    Ich trete niemals ein;
    Nur einmal mcht ich leben!
    Und Mensch nur einmal sein! ..."

Dieser Brief griff mir ans Herz. Mit der berschwenglichen Schwrmerei
eines sechzehnjhrigen Mdchenherzens trumte ich mich in den Gedanken
hinein, dem Enkel Goethes ein Glck bereiten zu knnen. Und der Zufall
wollte es, da ich einen Theaterdirektor kennen lernte, der die
Auffhrung Erlindens wagen wollte. Meine Gromutter bermittelte dem
Verfasser seine Absicht. Wolf Goethe sandte ihr folgende Antwort.


"Leipzig, den 1. Januar 1881.

"Theuerste Jenny!

"Wie wunderbar und doch wie natrlich ist es, da Dir jetzt die Erlinde
nahe getreten. Welche Reihe von Gedanken und Empfindungen sich hieran
fr mich knpfen mu, wirst Du Dir vorstellen knnen.

"Es giebt Dinge, die wir ablehnen mssen, ja die es unsere Pflicht ist,
abzulehnen, es giebt Dinge, bei denen wir zweifelhaft sein mgen, ob wir
nicht den Willen der Vorsehung stren, wenn wir hemmend eingreifen. Zu
solchen gehrt wohl: spter Erfolg, sptes Glck. Das Glck liebt es,
uns verhllt, in fremder Gestalt zu nahen. Erst wenn es im Weggehen das
Haupt wendet und das unverhllte Antlitz zeigt, erkennen wir es oft. Es
wre unnatrlich gewesen, wenn ich nicht an die Erlinde Hoffnungen
geknpft htte. Da sie nicht von den Menschen, von den Vielen,
aufgenommen wurde, hat auf mein Leben groen Einflu ausgebt; aber ich
empfinde keine Bitterkeit mehr deshalb! Es hat nicht sein sollen! Ob die
Zeit der Erlinde gekommen ist, wei ich nicht. Ob gar meine Zeit
gekommen?! Ich glaube es nicht und wnsche es auch nicht. Der Mensch
steht in der Welt erst im Augenblick nach seinem Tode vollendet da, bis
dahin ist er fr sie eine Gestalt ohne Haupt, sind die Glieder formlos.

"Wie Du, theuerste Jenny, halte ich die Erlinde fr auffhrbar, mit
einigen Abnderungen und Auslassungen ... Erlinde bedarf bei der
Auffhrung einer migen Ausstattung und einer mit Ma angewandten
Musik. Die Frage des Theaterdirektors, welche Du mir freundlichst
mitteilst, hat mir groe Freude bereitet, die Antwort wird mir aber
nicht leicht. Die Grnde fr sie, ja sie selbst, liegen schon in dem,
was ich frher ausgesprochen habe. Soll ich die Gestaltung fr die
Auffhrung der Erlinde ganz in die Hnde von Anderen legen, Anderen ganz
berlassen? Denn ich selbst vermchte nicht, mich an ihr zu beteiligen.
Wer wei denn, ob sie nicht auch jetzt zurckgewiesen wird!? Soll ich
selbst mir noch etwas Neues, Schweres, Schmerzliches heraufbeschwren?
Ich wei wohl, da ein Erfolg viel unerwartetes Gutes fr mich mit sich
fhren knnte. Ich wei wohl, da es zu den groen Seltenheiten gehrt,
wenn einer Dichtung die Stelle, die sie bei ihrem Erscheinen nicht
erlangte, spter eingerumt wird, und da etwas Entscheidendes darin
liegt, auf einen bedeutenden Versuch in dieser Richtung nicht
einzugehen. Nun aber bleibt mir nach meiner ganzen Lage nichts anderes
brig, als Dich zu bitten, in mglichst unscheinbarer Form, vielleicht
durch die Gte Deiner verehrten Enkelin, zu antworten, da der Verfasser
der Erlinde, weil er nicht in der Lage ist, sich an ihrer Gestaltung fr
die Bhne zu beteiligen, gegenwrtig auf eine solche verzichten msse.

"Nun, theuerste Jenny, nimm, was ich schrieb, freundlich auf und lege
alles an die rechte Stelle."

Bis hierher ist der Brief ein Diktat. Darunter aber steht mit groer
zitternder Schrift:

"Treulichst

Dein Wolf.

Und wenn ich doch noch an dem Leben hinge?!"


Meine Gromutter antwortete ihm mit folgenden Zeilen:


"Mein lieber Wolf!

"Du mut Dir eine Antwort auf Deinen herrlichen -- mir herrlichen --
Brief gefallen lassen; es giebt auch mit 70 Jahren Lichtstrahlen, wie
sie das 17te beleuchten, aber es sind nur Blitze, und unter einem
solchen stand die Landschaft meines Jugendlebens vor mir, Deine Mutter,
die ich nie aufgehrt habe zu lieben, Du als Knabe, dunkle Wolken und
nun milder Regen. Das mute erst wieder still bei mir werden. Ich hoffte
auch auf einen Brief meiner Enkelin, um zu erfahren, we Geistes Kind
der Theaterdirektor ist, ob verstehend oder nur berechnend, -- sie hat
aber noch nicht geschrieben, und ich glaube in Deinem Sinn gehandelt zu
haben, als ich ihm gleich bei Lilys Anfrage, ehe ich Dir schrieb, sagen
lie, Du seist verreist, ich rate zu keiner direkten Anfrage, gab ihm
auch nicht Deine Adresse. So bist Du, ohne ihn zu krnken, aus dem Spiel
und frei, eventuell hervorzutreten. Ich verstehe Deine Auffassung -- ich
fhle ganz die letzten Zeilen Deines Briefes -- dann siegt aber doch die
ungeheure Scheu vor den Krallen des Lebens, und wir behalten unsere
Narben und unsere Ruhe!

"Ich kann es nicht lassen, die Erlinde nur noch eifriger, eingehender
und mit Bercksichtigung der Bhne zu lesen; da knnte allerdings nur
Deine Hand die Bhnenfhigkeit geben. Gestrichen drfte wenig werden,
aber verbunden viel, sowohl in den einzelnen Scenen, die in lebendigere
Beziehungen zueinander treten mten, als in den Personen. Ich kann
nicht leugnen, da ich glaube, nur in Weimar wrde man Erlinde ganz
verstehen und mit Sorgfalt und Liebe zur Auffhrung bringen, so da das
nahe und ferne Publikum ein Verstndni dafr bekme. Ich htte gern
noch einen Stern in Euer Wappen gebracht und das Licht dazu war da -- es
lagen nur Nebel dazwischen, aber sie haben es verhindert,
durchzudringen.

"Mein lieber Wolf, das soll kein Zureden sein; mir wrde so bang werden
wie Dir, da Du Dir neue Schmerzen fr Seele und Krper bereiten
knntest; es liegt die Atmosphre einer ganz anderen Welt zwischen Dir
und den Menschen; was sie Dir bieten, achtest Du zu gering, und das
'Sesam, thu dich auf', das zu Deinen Schtzen fhrt, vertraust Du
wenigen an ..."

Er antwortete nicht auf diesen Brief. Monate spter sandte er diese
Zeilen, deren Buchstaben noch grer, noch zitteriger sind.

"Ich schreibe Dir Briefe in Gedanken; ich kann sie Dir aber nicht
senden, weil wir auf der Erde sind, und spter kannst Du sie nicht mehr
erhalten, weil wir drben nicht lesen knnen.

Dein

Wolf Goethe."


Der Umschlag trgt das Wappensiegel: ein Stern -- fr einen anderen
war daneben kein Platz mehr! Ein Jahr spter folgte ein kleiner Zug von
Trauernden einem einfachen Sarge, dessen Blumenschmuck schon auf dem Weg
der rauhen Winterklte erlag.

"Heute haben Sie meinen lieben Wolf neben seiner Mutter begraben,"
schrieb Jenny Gustedt an diesem Tage. "Napoleons Sohn ging jammervoll zu
Grunde wie er: an der Kraft, die nach innen zehrte, weil sie sich nach
auen nicht entfalten durfte. Viele Generationen mssen sang- und
klanglos versinken, ehe der Eine aus ihnen hervorgeht, dessen Name in
die ewigen Sterne geschrieben wird -- das ist eine gerechte Entwicklung
--, aber da die Nachkommen an der Gre dieses Einen zu Grunde gehen,
gehrt zu den grausamen Rthseln, die wir nicht lsen knnen! -- Bald
wird Walter dem Bruder folgen -- ich wollte, es wre auch Zeit fr mich
zu gehen."

Der Kummer, der aus diesen Zeilen spricht, hatte seinen Ursprung nicht
in der Erlsung des Freundes von einem Leben der Schmerzen, auch um sie
hatten sich die Nebel wieder zusammengeballt. "Da ich meinen Kindern so
fern bin," schrieb sie, "da mein Alter mir das Reisen zu ihnen fast
unmglich macht, da ich sie in meinen eigenen Rumen nicht beherbergen
kann und nicht die Mittel habe, mir zu dem Zweck eine geeignete Wohnung
zu nehmen -- ich mu ngstlich zusammen halten, denn immer wieder
kommen berraschungen, die mich ntigen, einzuspringen, -- das macht
meine letzten Lebensjahre zu recht traurigen." Nach langen Kmpfen, die
ihr durch ihre Weimarer Freunde und deren instndiges Bitten, sie nicht
zu verlassen, noch schwerer gemacht wurden, als sie durch den Zwiespalt
ihres eigenen Herzens sowieso schon waren, entschlo sie sich, nach
Lablacken, dem Gute ihres jngsten Sohnes, berzusiedeln. "Ich bedarf
eines Heims, wo ich ohne Skrupel meine Kinder bei mir haben kann, und
eines Lebens, dessen vllige Einfachheit mir ermglicht, ihnen, was ich
erbrige von meinem Einkommen, zuzuwenden," heit es in einem ihrer
letzten Briefe aus Weimar.

Im Frhling 1883, als der Park seine erste duftende Lenzespracht
entfaltete, kam ich zu ihr. Vierzehn Tage blieben wir zusammen dort. Nur
wenige Freunde wuten, da sie von der Karlsbader Reise, die sie
vorhatte, nicht mehr nach Weimar zurckkehren wollte. Leise, ohne
Abschiedsschmerzen, sollte die Trennung sich vollziehen. Wir gingen noch
einmal all die schnen Wege nach Tiefurt, nach Belvedere, in die
geheimnisvolle Stille von Goethes Gartenhaus, und auf den Kirchhof an
das Grab ihrer Mutter und an das von Ottilie -- von Wolf; wir schritten
hinab in die Dmmerkhle der Frstengruft und standen schweigend vor den
irdischen Resten ihres vterlichen Freundes. Dann aber stiegen wir
hinauf zu dem letzten Lebendigen, den er hinterlassen hatte: ber die
klassische Treppe in die kleinen, stillen Dachstuben. Ich lie die
beiden Freunde allein und betrat die Zimmer wieder, wo Goethe wirkte,
bis der Tod ihn von der Arbeitssttte mit sich nahm. Es war eine Stunde
heiliger Andacht, aus der Gromamas leise Stimme mich weckte. "Komm,"
sagte sie leise, und ihre Augen schwammen in Trnen. Ich gab ihr den
Arm. Zum erstenmal sah ich, da sie alt, sehr alt war, denn sie ging
gebckt, und ihre Fe zitterten auf den breiten Stufen der Treppe, die
sie nie wieder betreten sollte.




Dem Ende entgegen


Nordwrts von Knigsberg fhrt die Chaussee durch ein Land, das sich
glatt wie ein Tischtuch bis zum Kurischen Haff erstreckt. Wogende
Kornfelder, grne Wiesen, soweit das Auge reicht, nur hie und da von
schmalen Waldstreifen unterbrochen, deren Eichen ihre knorrigen,
zackigen ste in tausend abenteuerlichen Formen nach allen Richtungen
der Windrose recken -- ein Zeichen all der Strme, mit denen sie um ihr
Leben kmpfen muten. Nach ein paar Stunden glatter Fahrt, vorber an
strohgedeckten Huschen und groen schmutzigen, lrmenden Kneipen,
wendet sich der Weg nach links. Dicke, kurzgeschnittene Weidenstmme,
deren lichte junge Kronen so drollig wirken wie blondes Lockengewirr
ber einem runzligen Greisengesicht, fassen ihn zu beiden Seiten ein.
ber die tiefgefahrenen harten Geleise holpert der Wagen, whrend das
junge, unruhige Viergespann, die Nhe des Stalles witternd, weiter
ausgreift. In eine breite Allee, ber die sich uralte Linden zu
lebendigem Dome wlben, schwere Duftwellen ringsum verbreitend, mndet
der Weg. Und durch ein Tor, von dicken Steinmauern flankiert, die, aus
unbehauenen Blcken, wie von Zyklopenhnden aufgerichtet erscheinen und
das Ganze einer Festung hnlich machen, geht es hinein auf den breiten,
vom Reichtum seiner Besitzer Zeugnis ablegenden Gutshof von Lablacken.
Ringsum langgestreckte, massive Stlle, auf die, von der Weide kommend,
die vierbeinigen Bewohner gemchlich zuschreiten; die schwarz wei
gefleckten Rinder von der einen Seite, die sich ngstlich
zusammendrngende Herde der Schafe von der anderen, und schlielich in
hellem Galopp unter frhlichem Wiehern der Trupp der jungen Pferde,
deren schmale Fesseln und schlanken Hlse von ihrer edlen Abstammung
Zeugnis ablegen. Am Herrenhaus, das nur eine niedrige Mauer und ein paar
himmelhohe Pappeln vom Gutshof trennen, mssen sie alle vorber. Ein
seltsames Haus ist es: Jahrhunderte haben an ihm gebaut, ohne Rcksicht
auf Stil und Schnheit, nur bestrebt, Platz zu schaffen fr die mit dem
Wohlstand steigenden Bedrfnisse der Bewohner. Im Grunde sind es drei im
Halbkreis aneinandergereihte zweistckige Gebude; ber jedem der Tore
prangt ein in Stein gehauenes Wappenschild, das derer von Ostau und von
Wnuk und zuletzt das der Gustedts: die drei eisernen Kesselhaken im
goldenen Felde. Der Mittelbau enthlt die Eingangshalle: Elchfelle auf
dem Boden, Elchgeweihe an den Wnden, schwere alte Eichensessel, Tische
und Schrnke als Einrichtung, dazwischen als einzige helle Flecke in dem
dmmigeren Raum ein paar Ritterrstungen, auf denen das Licht in weien
Reflexen spielt. Zu beiden Seiten steigt im Hintergrund die dunkle,
braune Treppe empor, nur geradeaus, wo die groe gedeckte Veranda nach
dem Park mndet, schimmert das Grn der hohen Linden herein. Fast
endlos, so scheint es, ist die Flucht der Zimmer, die sich oben und
unten, von Fluren, Treppen und Winkeln vielfach unterbrochen, rechts und
links durch die langgestreckten Huser ziehen. Alle Zeiten, alle Stile
spiegeln sich ab in ihnen: verblate Rokokosthlchen, von deren alter
Pracht nur noch flchtige Reste von Vergoldung zeugen, mchtige Truhen
und Schrnke, die einst den selbstgesponnenen und gewebten Leinenschatz
der Hausfrau bargen, steife, feierliche Empirembel mit Bronzebeschlgen
und gelbem Seidenbezug, und die ehrbar-gemtlichen Biedermeierkommoden,
Servanten und breiten, schwerflligen Sofas aus der Grovterzeit
erinnern an die Generationen, die hier geboren wurden, arbeiteten,
lebten und starben. Auch am lichtesten Sommertage ist alles wie von
graugrnen Schleiern umhllt, und ein Geruch, wie von feuchtem, welkem
Herbstlaub durchstrmt die Rume, denn dicht um das Haus stehen alte
Pappeln und Linden, so da ihre rissigen Stmme die Mauern berhren,
ihre ste an die Fenster klopfen, ihre Kronen sich ber das Dach hinweg
gren. Zu ebener Erde, im Esaal, vor dessen breiter Glastr die
lteste der Linden Wache hlt, hngen ringsum dunkelgerahmte Bilder an
den Wnden: Mnner mit dem Lockenhaupt des groen Kurfrsten, mit
Allongepercken und Galanteriedegen, mit dem steifen Zopf des groen
Friedrich, im braunen Wertherfrack oder mit hohen Vatermrdern -- alte
und junge, harte, finstere, und frhliche, weiche Gesichter, ohne einen
gemeinsamen Zug darin, der darauf deuten liee, da sie eines
Geschlechtes wren -- und zwischen ihnen die Frauen, solche mit dichter
Haube und glatt gescheiteltem Haar, die Arme verschrnkt unter der
zchtig bedeckten Brust, oder die Hnde, das weie Tchlein haltend,
gekreuzt ber dem Leib, und solche mit gepudertem Kpfchen,
hochgeschnrtem Busen und enger Taille, oder im klassisch frisierten
Lockengewirr und tief ausgeschnittenem Empiregewand -- alte und junge
auch unter ihnen, und doch alle einander hnlich, wie Schwestern.

Es ist des Hauses seltsam geheimnisvolles Schicksal, das aus diesen
Bildern spricht: Schon lange, lange ist es her, da hier nur Mdchen
geboren wurden, da der alte Besitz sich vererbte von Tochter zu
Tochter, mit den Namen ihrer Gatten den Namen des Besitzers wechselnd.
Und eine dieser Frauen, aus deren todblassem Gesicht ein paar dunkle
Augen feindselig funkeln, hat, so erzhlt man, von irgendeinem finsteren
Geheimnis belastet, keine Ruhe gefunden im Grabe; mit hohen
Stckelschuhen geht sie allnchtlich durchs Haus, und das Klappern ihrer
Tritte, das Rauschen ihrer seidenen Rcke, die tiefen, schweren Seufzer,
die sie ausstt, will schon manch einer gehrt haben, wenn der Sturm,
vom Kurischen Haff herberbrausend, drauen heulte und pfiff und die
alten Baumste knarrten und die Bltter an die Fenster schlugen. Auch
die Buchenallee im Park, die vor hundert Jahren ein zierlich
beschnittener Laubengang war, soll sie zuweilen auf und nieder gehen.
Vielleicht war sie es, die diese Bume, die die geraden Wege mit den
Blumenrabatten zu beiden Seiten anlegen lie und die undurchdringlich
dichten Lauben von Flieder und Jasmin! Einer der Wege durchschneidet
den groen Garten von Osten nach Westen. Wo er beginnt und wo er
aufhrt, ist die Mauer von einem hohen hlzernen Bogenfenster
unterbrochen. Wer abends durch das eine gen Westen hinausschaut, der
sieht, wie jenseits der Felder und Wiesen am uersten Horizont der rote
Sonnenball in den grauen Fluten des Kurischen Haffs versinkt, und wer
durch das andere am frhen Morgen die Blicke schweifen lt, den soll
auch der dmmernde junge Tag an das Scheiden gemahnen, denn hinter dem
fernen Kirchturm von Legitten, unter dem die Toten von Lablacken
begraben werden, steigt er auf. -- -- --

Hier war es, wo Jenny Gustedt ihres Lebens letzte Station gefunden
hatte. In der gerumigen Wohnung des Erdgeschosses von einem der drei
Huser richtete sie sich in alter, vertrauter Weise ein. Ihr zuliebe --
denn Luft und Licht war ihr ein Lebensbedrfnis -- lie ihr Sohn zwei
der groen beschattenden Bume vor ihren Fenstern fllen, so da die
Sonne von allen Seiten freien Zutritt hatte. Monatelang versammelten
sich jeden Sommer ihre Kinder und Enkel um sie, und da die
Gastfreundlichkeit ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter keine Grenzen
kannte, so war in der schnen Jahreszeit fr sie fast zu viel der
Unruhe, der sie freilich durch ein mit dem zunehmenden Alter immer
hufigeres Zurckziehen in ihre stillen Stuben entgehen konnte. Die
fremden Gste brachten ihr auch allzu wenig, denn so sehr sie sich
frhlicher Jugend freute und fr harmlosen Witz ein heiteres Verstndnis
besa, so vertrug sie doch schwer den herrschenden Ton der dortigen
Gesellschaft. Die Signatur ihrer Unterhaltung war die Oberflchlichkeit;
man htte fast ein stillschweigendes bereinkommen aller vermuten
sollen, durch die jede Vertiefung eines Gesprchs verhindert wurde.
Meiner Gromutter Auffassung, wonach Vornehmheit Ruhe ist, erschien hier
in ihrer Karikatur: man war ruhig, weil man sorgfltig alles zu berhren
vermied, was Uneinigkeit und damit Unruhe htte hervorrufen knnen.
Seine tiefsten Gedanken, seine eigensten Sorgen behielt ein jeder fr
sich. Durch Reiten und Kutschieren, durch Jagd und Segelfahrt und durch
den ostpreuischen Nationalfehler langer und hufiger Mahlzeiten war der
Tag fr die Gste ausgefllt; um gesellschaftlichen und nachbarlichen
Klatsch drehte sich die allgemeine Unterhaltung; kam das Gesprch auf
politische Fragen, so wurde es ausschlielich eins der in der Hauptsache
-- in ihrer parteipolitischen Stellung dazu -- von vornherein einigen
Mnner. Auch der beste, naheliegendste Anknpfungspunkt zur Entwicklung
tieferer Interessen, die praktischen Fragen der Landwirtschaft, bildeten
das Sondergebiet des Gutsherrn, fr das er ein ernsteres Verstndnis bei
anderen weder voraussetzte noch zu wnschen schien. Selbst seiner
Mutter, die seine Plne und seine Ttigkeit, zwischen Freude und Sorge
schwankend, verfolgte, gewhrte seine Zurckhaltung nicht den Einblick,
den sie sich so dringend gewnscht htte.

Das schne groe Gut, ein kleines Frstentum nach mitteldeutschen
Begriffen, bot dem ttigen Landwirt die grten, abwechslungsreichsten
Aufgaben. So hatte es seit Menschengedenken durch die berschwemmungen
der Wasser des Kurischen Haffs zu leiden gehabt; Felder, Wiesen und
Weiden waren so und so oft auf Jahre hinaus dadurch ihres Wertes beraubt
worden. Jetzt erhoben sich unter der Leitung des neuen Besitzers
allmhlich Dmme und Deiche gegen die anstrmenden Wogen, und Kanle
durchzogen nach allen Richtungen hin die Felder, so da ganze Strecken
sumpfigen Landes in ppige Wiesen verwandelt wurden. Der Wald, dessen
uralter Baumbestand und dessen Bewohner, die riesigen Elche, an jene
dunkle Vorzeit erinnerten, wo noch kein menschlicher Fu die de Wildnis
des Samlandes betrat, wurde allmhlich licht und schn. Das Haff, das
bisher nur wenigen armen Fischern krgliche Nahrung geboten hatte und
allen wie ein finsterer Feind erschien, in dessen unergrndlicher Tiefe
die letzte der heidnischen Gttinnen, Neringa, die Riesin, hauste, Jahr
um Jahr Steinblcke emporschleudernd, um die Menschen zu verderben,
wurde nicht nur zu einem frhlichen Tummelplatz fr die elegante Jacht
des Gebieters, auch ein fester Hafen wurde gebaut, wo die Fischer
Zuflucht fanden und wo allmhlich mehr und mehr groe Khne landeten, um
den Reichtum an Steinen zu verfrachten. Alljhrlich hatte der Landmann
die seltsamen, immer wieder neu auftauchenden erratischen Blcke beim
Bestellen der Felder sprengen und sammeln mssen, hatte berall, nur um
sie beiseitezuschaffen, breite Mauern aufgeschichtet; jetzt fuhr eine
Feldeisenbahn sie zum Hafen, und sie wurden zur Quelle reicher
Einnahmen. Die Vermehrung der Wiesen und ihres Ertrags fhrte zu einer
Vergrerung und Modernisierung der Milchwirtschaft. Fr alle Gebiete
der Landwirtschaft wurden neue Maschinen aller Art angeschafft und, als
einer der ersten, der den Versuch wagte, wurden in Haus und Gut
telephonische Verbindungen angelegt. Aber neben diesen groen
praktischen Reformen steigerten sich die Luxusbedrfnisse: der
altmodische Garten, mit seinen Georginen und Malvengngen, seinen
verwachsenen Lauben und versumpften Teichen wurde in einen englischen
Park verwandelt, das Haus wurde vielfach erweitert, die alten Mbel
wanderten in die Fremdenzimmer und machten neuen Platz; die Zahl der
Reit- und Wagenpferde vermehrte sich, eine kostbare Pferdezucht, eine
Fasanerie wurde eingerichtet -- kurz, wenn sich die Mutter auf der einen
Seite der rastlosen landwirtschaftlichen Ttigkeit ihres Sohnes freute,
so wuchsen auf der anderen ihre Sorgen.

Nach einem langen Aufenthalt bei ihr schrieb sie mir: "Als der Wagen,
der mein bestes, geliebtes Kind und ihre zwei trautsten Tchter auf
lange entfhrte, verschwunden war, ging ich wie im Traum in meine Stube
und sammelte meine Gedanken und Gefhle. Mein gromtterliches Herz war
berflieend weich, als ich mit Rhrung die 5 Monate an mir vorbergehen
lie, in der mein liebes Enkelkind mir nur noch mehr ans Herz wuchs ...
Ruhe und Friede ist um mich, auch treue, gute kindliche Liebe. Wer aber
krzlich doppelt so viel besa, mu sich erst an Herzensgengsamkeit
gewhnen, um so mehr, als ich mir auch wieder das Schweigen angewhnen
mu ber all die vielen Dinge, die wir, mein Lilychen, miteinander
beredeten ... Ich bekomme von allen Freunden Kondolenzbriefe ber meine
bevorstehende Einsamkeit, wenn Werners ihren Winteraufenthalt in
Knigsberg nehmen, aber ich empfinde sie doch nur an solchen Tagen
ernst, wo meine Augen zur Schonung mahnen und Freundschaftsstndchen wie
in Weimar wohlttig wren. Ich habe aber Gott Lob eine Virtuositt, in
Gedanken und Briefen mit meinen Lieben in der Ferne weiter zu leben, und
mein Krper bedarf immer mehr der Ruhe und Einfrmigkeit, so da ich den
Winter nicht allzusehr frchte."

In einem anderen Briefe heit es: "Werners fahren diese Woche zum
Rennen, da ihre Pferde beteiligt sind. Auch diese Sache hat nicht meine
Billigung, doch mache ich meinen Tadel nicht breit, wenn ich wei, da
er nichts ntzt. Hier sind in diesem Jahr ungeheure Arbeiten gemacht
worden, Gott segne sie und lasse aus dem berstrzen keine Sorgen
entstehen und aus der zu vielen Arbeit keine Abspannung fr meinen
lieben Sohn. Er ist jetzt oft recht hypochonder, was bei dem vielen
Regen, der Erschwerung der Kanalarbeiten, den sich mehrenden Lasten
durch Verwhnungen und der vollkommenen Unfhigkeit, sich
einzuschrnken, mich nicht Wunder nimmt. Seine Frau hat es dann um so
leichter, um ihre Abneigung gegen das Landleben -- das herrliche,
segensreiche, natrliche Landleben! -- einzuimpfen und ihm den
Aufenthalt in Knigsberg oder Berlin als viel angenehmer erscheinen zu
lassen. Und dann wundern sich die Gutsbesitzer, wenn ihre Arbeiter
demselben Zug nach der Stadt folgen! ..."

Einem Brief des folgenden Jahres entnehme ich diese Zeilen: "Mein Werner
war drei Tage hier. Sie knnten so schn sein, wenn die Flut
unangenehmer Geschfte ihn nicht immer unter Wasser brchte und die
Sorgen ihn mir gegenber nicht so verschlossen machten, da ihn selbst
mein stilles ngstliches Lesen in seinen mden Zgen nervs macht. Dabei
immer neue Plne und Wnsche, die er befriedigen soll, unaufhrliche
Ansprche an Amsements, wo doch hier aus der tglichen Erfllung der
Pflichten ein so tiefes, reiches Glck blhen knnte, vor dem jedes
Vergngen nichts ist als ein Rausch, aus dem man krank erwacht ... Glck
suchen die lieben Beiden, d. h. stete Erfllung ihrer Wnsche, und es
ist doch so leicht zu sehen, da auf Erden nichts darauf eingerichtet
ist. Im alltglichen Leben kommt hnliches Erkennen so ganz von selbst,
z. B. eine Schulstube nicht fr ein Theater, eine Scheune nicht fr
einen Ballsaal zu halten, sie sind eben nicht darauf eingerichtet. Man
sollte das Leben gleich klar und tapfer und freudig nehmen als das, was
es ist: als Schule, Schule mit Freistunden, Sonntagen, Ferien, aber
immer Schule. Es giebt selten Schler, die die Schule lieben, aber alle
lieben das Gelernte ... Nimm dir kein Beispiel, mein Lilychen, an dem
Styl dieses Briefes, der meinen alten franzsischen Professor noch im
Grabe ngstigen knnte: ein Brief, sagte er, mu wie ein Bchlein
flieen, das tausend kleine Wellen hat, aber nur einen Lauf. Ein Thema
mu unweigerlich aus dem andern sich entwickeln, ohne da der Faden
verloren geht! ..."

Zu den Sorgen um die Kinder und ihr Ergehen kamen die um die Enkel
hinzu: da war der Sohn ihres armen ltesten, der nicht recht
fortzukommen vermochte in der Welt, da war das Tchterchen ihres
Jngsten -- wieder ein Mdchen, ein einziges, das unter Lablackens Dach
geboren worden war --, dessen Leiden eine langwierige Kur notwendig
machte, an deren Erfolg die Gromutter nicht glauben konnte, da war
meine schwere Erkrankung, die mich ein paar Jugendjahre kostete.

"Ich wache jetzt regelmig im Morgengrauen mit starkem Herzklopfen
auf," schrieb sie damals, "wobei alle meine Angst um Kinder und Enkel
mir recht lebendig wird. Dann wird es recht schwer, den kategorischen
Imperativ, den ich am Tage zu meinen Pflichten stelle: Sorget nicht! zu
erfllen. Menschliche und Herzensgrnde habe ich wohl nach allen Seiten
hin: hier die durch berwltigende Lasten eines Luxuslebens gesteigerten
landwirtschaftlichen Nte, die auch meines lieben Sohnes Gesundheit
erschttern, dazu der Stoizismus des Schweigens ber die Dinge, die man
glaubt, nicht ndern zu knnen oder die man nicht ndern will, und der
allmhlig bei meinen Kindern zur Verkehrstradition geworden ist. Und bei
Ottos die Existenz auf einem Ast, der sie widerwillig trgt, bei ihm wie
bei Werner Gedankenwechsel auf eine groe Zukunft, bei denen die
Millionen in der Luft hngen -- das ist, mein Lilychen, nicht die Art
Deiner alten soliden Gromutter, aber leider die Art unserer
Gesellschaft, die sich selbst ihr Grab grbt ... Die Vertrauensfhigkeit
ist bei mir zu sehr ausgegangen, als da ich mit hoffen knnte ..."

Ich befand mich damals, als die Krankheit mir Zeit zum Grbeln lie, in
jenem inneren Konflikt, den viele Mdchen unserer Kreise, die nicht im
oberflchlichen Genuleben aufzugehen vermgen und weder einen ernsten
Beruf haben noch heiraten wollen ohne Liebe, durchkmpfen mssen. Als
ich einmal wieder in Lablacken war, erriet meine Gromutter mehr, was
mich qulte, als da ich es verraten htte -- zum "Stoizismus des
Schweigens" war auch ich dressiert worden. Es kam zu ernsten Aussprachen
zwischen uns, und was sie sagte, gipfelte immer in dem Rat: schaffe dir
durch dein Talent so viel innere und uere Selbstndigkeit, um nicht
heiraten zu mssen! Sie regte mich mndlich und brieflich immer wieder
zu schriftstellerischer Arbeit an, bat mich, ihr alles zu schicken, was
ich geschrieben hatte, "Du brauchst Dich dabei vor mir nicht zu
frchten, mein geliebtes Herzenskind," schrieb sie, "hchstens binde
ich einige zu ppige Schlingpflanzen Deiner Phantasie an, damit der
Sturm sie nicht zerzaust." "Entschliee dich," heit es in einem anderen
Brief, "nicht zu einer Heirat, weil irgend jemand Dir zuredet, oder etwa
gar aus Mitleid mit einem Kurmacher -- das ist schon das allerdmmste!
-- oder weil Du frchtest, zu alt zu werden. Glaube fest, da die spten
Heiraten die besten sind. Junge Eheleute entwickeln sich fast immer
auseinander, und da Scheidungen, so notwendig sie oft sein mgen, immer
ein Gefolge schwerer Schmerzen und Bitterkeiten nach sich ziehen, so ist
es besser, zu warten, bis der reife Verstand, das reife Herz ihre Wahl
treffen." Ein paar Jahrzehnte frher hatte Jenny Gustedt im Hinblick auf
Lewes' und George Sands Apostelschaft fr freie Ehen noch geschrieben:

"Ich betrachte die Ehe in ihrer Heiligkeit und Unauflsbarkeit als einen
Hebel des Gttlichen, als die Sttze wahrer Reinheit und Liebe, als
Schutz und Schirm von Frauenehre und Frauentugend, als das festeste Band
brgerlicher Ordnung und geselliger Anmuth. Diese auerehelichen
Verhltnisse, auch bei edleren Naturen, lassen immer in Kampf und
Irrgngen mit der Welt und mit sich selbst, sie tragen das Geprge des
selbstgemachten Geschickes, sie werden nicht wie ein Gegebenes fest und
demthig hingenommen, weil sie eben lsbar sind und dem Menschen den
Versuch gestatten, einen Migriff durch einen zweiten und dritten
Migriff zu verbessern. Es ist deshalb nicht genug zu betonen, wie gro
Goethes Charakter sich zeigte, als er sich gerade mit der alternden
Geliebten ehelich verband und sich selbst damit befahl: Sie ist Dir
gegeben, bleibe ihr treu! Wir kommen schnell dahin, weltliche Stellungen
und Verhltnisse als etwas Gegebenes anzunehmen, uns ihnen in Treue und
Demuth anzupassen, und wir sollten vor allen Dingen Menschen als
Gegebene betrachten und uns dahin erziehen, wie Goethe es that, uns,
unser Glck und unser ganzes Wesen so zu bilden, da wir damit an keinem
der uns gegebenen Menschen Schiffbruch leiden. Von den Verhltnissen
zwischen Eltern und Geschwistern wird dies noch eher eingesehen, bei der
Ehe wird es so selten und so spt verstanden, weil man sich einbildet,
den Mann oder die Frau gewhlt und nicht empfangen zu haben. Wer hat
aber je die und vollends den Gewhlten im engsten Zusammenleben
wiedergefunden? Besser -- schlimmer -- jedenfalls anders, und dem echten
Menschen -- ich erinnere wieder an Goethe -- mu es dann so recht sein,
er mu dem Gegebenen halten, was er dem Gewhlten versprach."

Und sie hatte, als man sie auf die vielen unglcklichen Ehen verwies,
gesagt: "Ich bin trotz alledem ein Advokat der Ehe, die doch, trotz Wenn
und Aber und Ach und Leider, das beste ist, was man whlen kann." Jetzt,
auf der Hhe ihrer Lebenserfahrung, schrieb sie mir: "Ich habe meine
alten Ansichten vielfach modifiziert, nachdem ich Menschen kennen
lernte, die nichts zusammenhielt als ihre treue Liebe, und Ehen sah, die
auch vom strengsten christlichen Standpunkt aus nicht aufrecht erhalten
werden durften, ohne die sittliche Verderbni von Eltern und Kindern
nach sich zu ziehen. Auch die unbedingte Empfehlung der Ehe vermag ich
nicht mehr aufrecht zu erhalten. Jedenfalls sollte sie nicht wie bisher
als einziger Beruf des Weibes aufgefat werden; das Resultat davon ist
auf der einen Seite die Tragik der beschftigungslosen alten Jungfer,
die vergebens auf die Ehe gewartet hat, auf der anderen die oft noch
grere der Frau, die den Gatten verlor, die Kinder fortgeben mute und
nun verzweifelnd vor einem leeren Leben steht. Darum mag Dir bescheert
sein, was da will, sichere Dir auf alle Flle den inneren Schatz, den
der Rost und die Motten nicht fressen und der unter allen Umstnden die
reichsten Zinsen trgt ... Ich mchte Dir gerne dabei behlflich sein
und kann es nicht in dem Ma, wie ich mchte. Mir fehlt leider gute
Lektre, wie sie mir in Weimar von allen Seiten zuflo. Ich scheue die
Anschaffungskosten wertvoller Werke, und was Werners aus der
Leihbibliothek kommen lassen, ist zwar ein Zweig der Litteratur, den ich
bisher zu gering schtzte -- Tendenzromane und Sittennovellen -- und der
manches Gute und Belehrende bringt, aber doch nur fr ein Publikum, das
es in anderer Form nicht annehmen mag. In meinen stillen Stunden wrde
ich mich noch gern mit bersetzen beschftigen, da das Selbstproduzieren,
wozu ich frher Krfte hatte und keine Zeit, und jetzt Zeit habe und
keine Krfte, doch nicht mehr mit 73 Jahren in Angriff genommen werden
kann; aber auch dazu fehlt Gelegenheit und Material ..."

Es war die geistige Einsamkeit, die ihr dann am drckendsten fhlbar
wurde, wenn sie unter Menschen war. Sie empfand, was Goethe aussprach,
der bis in seine letzten Lebensjahre ein freudig Empfangender blieb und
darum als Geber so berschwenglich reich sein konnte: "Wir sind Alle
kollektive Wesen ... Wir mssen empfangen und lernen, sowohl von denen,
die vor uns waren, als von denen, die mit uns sind. Selbst das grte
Genie wrde nicht weit kommen, wenn es Alles seinem eigenen Innern
verdanken wollte." Und wenn sie auch niemals darber sprach, so mochte
die Sehnsucht nach Weimar, das ihre Heimat war und blieb, doch oft ihr
Herz mit stiller Wehmut fllen. Die Liebe zu ihren Kindern hatte sie
fortgetrieben, aber was sie ihnen von den Schtzen ihres Innern geben
konnte, das galt ihnen nichts, und was sie empfing, war nicht viel mehr
als ein wenig pflichtmige Zrtlichkeit, die einer Mutter galt, deren
tiefstes Wesen allen ihren Kindern fremd und unverstndlich war. Wie oft
krampfte sich mir das Herz zusammen, wenn ich sah, wie ihre Gedanken und
Empfindungen mit einer Art nachsichtigen Mitleids belchelt wurden, wie
ein spttisches Wort ber ihren "liederlichen" Freund Goethe sie
verstummen machte, welch beziehungsreiche Stille eintrat, wenn "die gute
Mama" von Seelenerfahrungen zu sprechen versuchen wollte. Nein, hier
fand sie die Saiten nicht, aus denen ihr Spiel Tne htte hervorlocken
knnen, hier war niemand, der fr ihren nie verlschenden geistigen
Durst einen frischen Trunk bereithielt.

Auch mit ihrer Anteilnahme fr das Wohl und Wehe der Gutsinsassen, der
Knechte und Mgde, der Instleute und Dorfbewohner stand sie allein. Hier
geschah nichts, das an jene umfassende Ttigkeit erinnerte, die sie in
Garden und Rosenberg ausgebt hatte. "Am Notwendigsten fehlt es zwar
nicht," schrieb sie, "aber dafr am Freiwilligen vollstndig, und es
wird, frchte ich, so lange daran fehlen, bis dies unterwrfige demtige
Volk aufhren wird, den Rocksaum der Herrin und die Hand des Gebieters
zu kssen, und fordern wird, was man ihm von selbst nicht gab.
Unendliches wre hier zu leisten: den armen elenden Weibern die
notwendigsten Begriffe von Reinlichkeit und Haushaltung beizubringen,
die Mnner in ihren Feierstunden mit unterhaltender und belehrender
Lektre zu versorgen, statt da sie im Krug alles Verdiente durch die
Gurgel jagen. Und was wre Alles fr die Kinder zu tun, bei denen
berhaupt jede Arbeit anzufangen hat! Sie wachsen buchstblich zwischen
den Schweinen und im Straenkot auf, von klein an gewhnt an die
widerlichsten Eindrcke der Unzucht und der Trunkenheit, und von der
Schule, die fr sie der lichte Punkt des Lebens, der Ausgang von
geistiger Erweckung, Sittlichkeit und Frohsinn sein sollte, erwarten sie
nichts als Prgel." Um den Wnschen und Ratschlgen der Mutter in etwas
nachzugeben, richtete ihr Sohn einen Kindergarten ein, fr den eine
ehemalige Krankenschwester als Leiterin gewonnen wurde. Meine Gromutter
hatte die grte Freude an den vielen strohgelben Kinderkpfchen, die
sich nun zu frhlichem Spiel alltglich versammelten, und den rmsten
unter ihnen, den armen vaterlosen, wandte sie wie immer ihr grtes
Mitleid, ihre weitestgehende Sorgfalt zu. Es waren ihrer nicht wenige,
denn uneheliche Geburten waren an der Tagesordnung, Trunksucht und
Roheit frderten ihre Vermehrung. Da gab es z. B. ein armseliges Weib --
Gromamas Hauptschtzling --, das als ganz junges Ding von ein paar
Burschen betrunken gemacht und im Straengraben vergewaltigt worden war;
nachher hatten sie ihr ein paar Eimer eiskaltes Wasser ber den Kopf
gegossen, und als sie zu sich kam, war sie halb gelhmt und bldsinnig.
Sie erholte sich so weit, um die Puten hten und -- fast alljhrlich ein
neues elendes Wrmchen in die Welt setzen zu knnen. Der Kindergarten
nahm sie alle auf und brachte ein bichen Sonnenschein in das dunkle
Leben der Kleinen, etwas Freude in das graue Leben der Mutter. Wo sie
meine Gromutter sah, den einzigen Menschen, der ihr anders begegnete
als mit Fluchen, Schelten und Spotten, humpelte sie von weitem schon
eilig auf sie zu, um ihr die Hand zu kssen; dabei huschte ber ihr
bldes Gesicht ein seliges Lcheln, und ein Blick grenzenlosen Erbarmens
antwortete ihr aus den Augen ihrer Wohltterin. Als aber nach einiger
Zeit die fromme Schwester, die Leiterin des Kindergartens, ihn selbst um
ein kleines, schreiendes Baby vermehrte, wurde trotz aller
Gegenvorstellungen meiner Gromutter der Anla bentzt, ihn aufzulsen.
"Du siehst, wohin solche Sentimentalitten fhren, dadurch wird die
Unsittlichkeit nur untersttzt -- die Leute verdienen es eben nicht
besser!" hie es, und die armen Kinder kamen wieder zurck in den
Schmutz und das Elend des Elternhauses. Nicht einmal die Schule, in der
nur neue und andere Qualen ihrer warteten, befreite sie daraus. Der
Anblick dessen, was sie dort erlitten, war ein neuer Anla fr meine
Gromutter, um einzuschreiten und hier wenigstens ihren Willen so weit
durchzusetzen, da der alte rohe Lehrer durch einen neuen ersetzt wurde.
In einem ihrer Briefe darber heit es:

"Es sind Vereine gegen Tierqulerei entstanden -- und ich begre sie
freudig -- aber ruhig sehen wir zu, wie die Kinder geqult werden, wie
vor allem die lndlichen Schullehrer ihr Zchtigungsrecht in
unbarmherziger Weise gebrauchen. Zu Folterkammern der Kinder werden die
Schulen; der Lehrer versucht einzuprgeln, was ein armes, schlecht
genhrtes, schlecht begabtes Kind nicht begreifen kann, und nun, aus
Angst vor der Mihandlung, erst recht nicht begreift. Man spricht viel
ber die Frsorge des Staates fr den armen Mann, lt aber inzwischen
ruhig des armen Kindes ohnehin recht graue Kindheit durch qualvolle
Schuljahre vollends verbittern. Es kommt bei jedem Wetter, schlecht
bekleidet, schlecht genhrt, erfroren, durchnt in die schlecht
erwrmte enge Schule, wo beim geringsten Vergehen strenge Strafen seiner
warten. Dabei mu es den Lehrern noch Garten-, Feld- und andere Arbeit
leisten, zu Hause Aufgaben lernen und den armen Eltern nach Krften
helfen ... Ich habe einen Jungen infolge der Ohrfeige eines Lehrers
sterben sehen, einen anderen desgleichen, der bis Mitternacht in Schwei
gebadet zitternd sein Pensum lernte, bis ein Gehirnschlag ihn erlste.
Ich habe die Bitte gehrt: Vaterchen, schneid mir die Haare nicht zu
kurz, sonst tut der Stock des Lehrers so weh! Oder: Mutterchen, nur
heute noch la mich zu Hause, ich habe so groe Angst -- und das von
Kindern, deren arme Kathe nichts verlockendes fr sie hatte, fr die
eine freundliche Schule, ein froher Unterricht, ein gtiger Lehrer ein
wahrer Lebenssonnenschein sein mte; ich habe es gesehen und gehrt ein
halbes Jahrhundert nach Goethe, den man als unseren grten Dichter
preist, dem man Denkmler errichtet, auf dessen Namen man Vereine
grndet und der gesagt hat: Frhlichkeit ist die Mutter aller Tugenden."

Wenn sie sich schon, soweit die Prgelstrafe der Kinder in Betracht kam,
in schroffem Gegensatz zu der allgemeinen Auffassung konservativer
Kreise befand, so noch entschiedener in bezug auf die Art in der
Behandlung der Erwachsenen. Ich habe sie oft bebend und totenbla sich
zurckziehen sehen, wenn ein Knecht oder ein Diener mit einer Ohrfeige
traktiert wurde und sie doch nicht die Macht besa, es zu verhindern.
"Ihr erzieht Sklaven, und aus den Sklaven werden notwendig Aufrhrer,"
sagte sie, "whrend ihr Menschen erziehen solltet, die nur in Liebe
folgen." Sie selbst empfand allen Untergebenen gegenber "ein
instinktives Schuldbewutsein, ein Gefhl der Scham, wenn ich in
bequemem Wagen an ihren schmutzigen Htten vorberfuhr. Ich habe immer
versucht, durch besondere Gte, Rcksicht und Liebe diese Schuld
abzutragen, aber mit dem Alter ist das peinigende Gefhl nur immer
drckender geworden. Warum bist Du nicht die alte Frau, die auf dem Feld
Rben zieht oder mit der Holzkiepe auf dem Rcken nach Hause wankt, um
dort noch von der Ungeduld, der Armut und Lieblosigkeit ihrer Kinder
empfangen zu werden -- frage ich mich immer wieder, und die rtselvollen
Beziehungen zwischen Schuld und Unglck werden nur immer dunkler.
Erfahre ich, wie Millionen und Abermillionen Jahr aus, Jahr ein im
Schweie ihres Angesichts die widerwrtigste Arbeit verrichten und kaum
das nackte Leben dafr haben, whrend Andere, nicht weil sie besser,
sondern nur weil sie glcklicher sind, im bequemen Lehnstuhl Kupons
schneiden, so verdunkelt sich das Auge meiner Seele nur zu oft und
vermag den allgtigen Vater im Himmel nicht mehr zu erkennen."

Mitleid, auch in dieser hchsten Steigerung, mit dem Unglck zu haben,
ist eine Empfindung, die sie mit anderen weichen Herzen teilte, aber bei
ihr erschpfte sie sich weder in bloen sentimentalen Gefhlen, sie
lste vielmehr auf der einen Seite stets eine eingehende berlegung ber
die Manahmen zur Abhilfe des Unglcks aus und steigerte sich auf der
anderen nicht zur Verdammung, sondern zu tiefstem Mitleid mit der
Schuld. Englands sozialpolitische Gesetzgebung, ebenso wie die
Selbsthilfe der englischen Arbeiter durch Gewerkschaften und
Genossenschaften, ber die sie durch ihre Korrespondenz mit ihrem
Freunde Hamilton genau orientiert war, erschienen ihr vorbildlich. "Das
Bedrfni," so schrieb sie mir einmal, "das groe Kreise der Besitzlosen
jetzt nach besseren Lebensbedingungen empfinden, ist der klarste Beweis
fr ihren geistigen Fortschritt. Verurteilt, in ihrem Elend zu
verharren, sind eigentlich nur die ganz Stumpfsinnigen, die sich, wie
die Verbldeten im Schmutz, darin wohl fhlen." Sie stand mit ihrer
Auffassung im Kreise Lablackens ziemlich allein, und jede Roheit, jede
Gemeinheit, die unter den Arbeitern oder den Instleuten zutage trat,
wurde als Gegenbeweis benutzt. Ich erinnere mich, wie sie z. B. einmal
ihrer Entrstung ber die sich wiederholenden schamlosen
Vergewaltigungen ihres Schtzlings, der armen Lahmen, lebhaften Ausdruck
gab und man ihr sagte: "Und diesen Leuten, die Du so verdammst, glaubst
Du eine hhere Kultur zufhren zu knnen? Verlangst fr diese gemeine
Bande alle mglichen Arbeits- und Lebenserleichterungen? Verteidigst es
sogar, da ein so elender, besoffener Kerl dasselbe Wahlrecht hat wie
ein gebildeter Mann?" Sie aber erwiderte darauf: "Seid ihr vielleicht
stets dieselben gewesen, die ihr heute seid? Seid ihr und euresgleichen
nicht auch vor Jahrhunderten aus solch physischer und moralischer
Vertiertheit aufgestiegen? Da es bei euch um so viel frher geschah,
ist nicht euer Verdienst, sondern Gottes Gnade, die euch nun die
Verpflichtung auferlegt, den Anderen, Zurckgebliebenen herauszuhelfen.
Und was das Wahlrecht betrifft, so ist, wenn sein Besitz von sittlicher
Wertung abhngen soll, der arme rohe Trunkenbold dessen noch immer
wrdiger als der reiche und vornehme Mann, dessen Krper, Geist und
Seele die Jahrhunderte bildeten, und der doch sein grtes Vergngen im
Saufen, Spielen, Pferde- und Leuteschinden und Mdchenverfhren findet."
Ihre Entrstung ber Gemeinheit und Ungerechtigkeit ihrer
Standesgenossen lste aus der sonst so milden, sanften Frau zuweilen
eine so groe Erregung aus, da die ursprngliche, durch Erziehung und
Leben gebndigte Leidenschaft ihrer Natur dabei wieder zum Vorschein
kam. "Wenn der Adel, nachdem die alte Welt zertrmmert ist, nicht die
Bausteine trgt zur neuen, so ist er selbst Schuld daran, wenn er Ruine
bleibt und allmhlich ganz verschwindet," schrieb sie. "Adlig sein heit
eine adlige Gesinnung haben," heit es an anderer Stelle, "und sie ist
zugleich die christliche; sie verbietet ppiges Leben, Schulden machen,
ber die Verhltnisse hinauswollen, die Armen und Abhngigen verletzen
und ausnutzen ... Wenn ein Leutnant fr dreiig Mark diniert und
fnfzehnhundert Mark verspielt, dessen Vater sich sein gewohntes Glas
Bier versagt, dessen Mutter stirbt, weil sie keine Badereise an sich
wenden kann, dessen Schwester eine widerliche Geldheirat macht, um die
Familie zu retten, so ist das ein greres Verbrechen, als wenn ein
armer Kerl einem reichen Mann das Portemonnaie aus der Tasche zieht ..."
"Ihr entrstet Euch," schrieb sie ein anderes Mal, "ber die zunehmende
Unzufriedenheit, ber die wachsenden Lebensansprche der Armen, statt
ber den Grad ihrer bisherigen Zufriedenheit zu staunen und Euch ber
Euch selbst zu entsetzen, die Ihr im Besitz aller hchsten Gter der
Welt doch noch immer unglcklich seid. Was ist unglcklich in Euch?
Neid, Genusucht, Geldgier, gekrnkte Eitelkeit -- ach, wenn sie doch
vor lauter Unglck sterben wollten! ... Ihr seid mit Allem unzufrieden,
auer mit Euch selbst, kehrt die Sache um und seid mit Allem zufrieden,
auer mit Euch selbst! Lernt das Beichtgebet der katholischen Kirche,
aber nicht nur mit den Worten, sondern mit dem Herzen: mein ist die
Schuld, mein ist die groe Schuld --, statt da Ihr die Schuld nur immer
auf Andere schiebt. Ihr habt Euch entwickelt, habt Euch genhrt, habt
die Kultur der Welt fr Euch allein in Anspruch genommen, whrend die
Anderen, die stillen, dunkeln, demtigen Massen im Schweie ihres
Angesichts fr Euch arbeiteten, und Euch noch die Hnde kten, wenn ein
gndiges Lcheln sie dafr belohnte. Jetzt ist ihre Zeit gekommen, und
wenn sie mit Gewalt und Verbrechen protestieren gegen die lange
Leidensnacht, so ist Euer die Schuld."

Eine andere Variation desselben Standpunktes war es, wenn sie gegenber
dem zunehmenden Antisemitismus ihrer Kreise die Juden verteidigte. "Ich
teile den Ha gegen die jdischen Gesinnungen," schrieb sie, "nur da
ich das 'jdisch' als Eigenschaftswort fr unsere Zeit und nicht blos
fr die Juden ansehe. Wenn heute alle Juden verschwnden, blieben
unzhlige Christen aller Nationen, um den jdischen Geist fortzusetzen.
Wenn der Ursprung dieser Gesinnung den Juden nicht ganz, aber vielfach
zur Last fllt, so mssen wir nicht vergessen, da die Folgen von Druck,
Qual, Mihandlungen whrend vieler hundert Jahre nicht durch
Emancipation von einem halben Jahrhundert ausgeglichen werden knnen und
ein mehr als tausendjhriger Ha sich nicht in fnfzig Jahren verwischt.
Da sie ohne Vaterland eine compacte Nation geblieben sind, gereicht
ihnen zum Ruhm, uns Namenchristen aber zum Vorwurf. Im Eifer fr ihre
Idee leugnen die Antisemiten fast die Geschichte, ignoriren Foltern,
Judengchen, Judensteuern, Qualen jeder Art, Ausschlieen von fast
jedem Amt und Erwerb. Nennen sie Krmer, nicht Handelsherren, angesichts
eines Rothschild! Luten die Sturmglocke gegen hunderttausend Juden und
ihre Siege ber Millionen Christen, doch gehren zu jedem Betrger
Leute, die sich betrgen lassen, und die Armeen sind auch nicht zu
finden, mit denen uns die Juden vertilgen. Sind es denn geistige,
diabolische Waffen, so lat uns nur Christen sein, anstatt zu Millionen
berzulaufen in das Lager des Schwindels, des Betrugs und der Grnderei,
die nirgends so schamlos sind wie in Frankreich, wo es sehr wenig Juden
giebt. Lat uns in unseren christlichen Bestrebungen so zh, so klug, so
ausdauernd sein wie die Juden, lat uns, wie sie, erst erwerben und dann
ausgeben, anstatt uns beim Ausgeben so lange aufzuhalten, bis wir den
Halsabschneidern selbst in die Arme laufen, weil es fr faule
Verschwender keine rechtlichen Leiher giebt."

Da sie mit diesen Ansichten ziemlich allein stand, kann weder
wundernehmen noch ihrer Umgebung zu persnlichem Vorwurf gemacht werden.
Im Geiste Goethes lebte und dachte sie; fr sie war des irdischen Lebens
hchster Inhalt, wie fr Faust vor seiner Vollendung: die Arbeit im
Dienste der Menschheit, das Schaffen eines neuen Bodens fr ein neues
Geschlecht. "Solch ein Gewimmel mcht ich sehn, auf freiem Grund mit
freiem Volke stehn," darin gipfelten auch ihre Wnsche angesichts des
grenzenlosen Elends in der Welt. Und auch ihr Christentum war das
Goethes. Wenn er sagte: "Ich bin ein dezidierter Nichtchrist," so
drckte er damit dieselbe Absage an das kirchliche Christentum aus, das
sie kennzeichnete, wenn sie von ihrer "Grfin Thara" sagte: "Sie
bezeichnete ihre Herzensstellung mit dem 'Ich bete allein'." Und wenn
sie erklrte: "Religion ist Tat," so geschah es auch in der treuen
Gefolgschaft ihres groen Meisters.

Aber zwischen diesen Auffassungen, die einer inneren Befreiung von
Vorurteilen und Selbstsucht und einer geistigen Hhe entstammen, von der
aus alles Materielle auf gleicher Ebene liegt, und denen der Generation,
die ihre Kinder angehrten, lag eine Welt, lag vor allem der groe
Kampfplatz der sozialen Gegenstze, auf dem ein ungeheures Ringen ums
Dasein begonnen hatte, bei dem auf allen Seiten die persnlichen
Interessen die Fhrer waren. Den Wnschen der zum Bewusein ihres Elends
gelangten Massen nach Freiheit, nach Gleichheit der Lebenshaltung
nachgeben, bedeutete fr die privilegierten Klassen ein allmhliches
Aufgeben ihrer selbst, das dem einzelnen zwar mglich erscheinen konnte,
der, wie Jenny Gustedt, das Menschheitsinteresse allein im Auge hatte,
fr die Gesamtheit aber unmglich war. Diese historisch notwendige und
in seiner Entwicklung psychologisch folgerichtige Kampf entzndete
unausbleiblich jenen Ha, der sich bei zwei Gegnern immer entwickelt,
die um ihr Leben miteinander ringen, und dieser Ha wird wieder
notwendig das Urteil ber den Feind irrefhren und die besten Absichten
verdunkeln. Meiner Gromutter ging dafr jedes Verstndnis ab, und das
erschwerte noch ihre Stellung.

Ihres Sohnes Wahl in den Reichstag, durch die zwar die Sphre seiner
Interessen erweitert wurde, brachte sie noch mehr als frher in innere
und oft auch in uere Konflikte, da sein schroffer, konservativer
Standpunkt ihren Widerspruch herausforderte. "Meines Sohnes neue
Ttigkeit hat dem geistig oft recht den Leben einen neuen Inhalt
verliehen," schrieb sie an eine Freundin, "es kommen Bcher, Broschren,
Zeitungen ins Haus, und vor allem die auerordentlich unterrichtenden
stenographischen Reichstagsberichte, die meine fast eingeschlafenen
politischen Interessen wieder rege machen und meinen alten Kopf oft mit
einer Flut von Ideen erfllen, die wie gepanzerte Ritter im Turnier auch
wohl gegeneinander streiten. Wie viel Kraft, Klugheit, Erfahrung in den
Kpfen und Worten der Volksvertreter! Statt der Zeitungen, die Alles
parteipolitisch frben und mehr und mehr auf den sittlich tiefsten
Standpunkt gelangt sind, in jedem Gegner ohne weiteres einen Schurken zu
sehen -- wodurch die demoralisierendste Wirkung, die sich denken lt,
von ihnen ausgeht -- sollten die Reichstagsberichte allgemein gelesen
werden. Bei mir befestigt sich dabei die theoretische Neigung nach
links, whrend ich doch wohl einsehen mu, da praktisch die jetzige
konservative Regierung die beste ist. Das Ideal der Linken, das sich in
den viel verpnten und doch, christlich aufgefat, herrlichen Worten:
'Freiheit, Gleichheit und Brderlichkeit' ausdrckt, ist auch das meine
und entspricht der Reinheit der Theorie, steht aber im Widerspruch mit
der Unreinheit im praktischen Leben: es baut auf dem Fundament und der
Voraussetzung tugendhafter Menschen, whrend das praktische Leben auf
der Voraussetzung sndhafter Menschen bauen mu. Das groe
Erziehungswerk aber der Geschichte und der Menschheitsentwicklung nhert
uns bestndig dem Ideal, denn trotz aller Qualen und Greuel der
Gegenwart lt sich der allgemeine, fr unsere Wnsche freilich sehr
langsame Fortschritt doch nachweisen: von der unaufhrlichen
Kriegsplage, den Hexenverfolgungen und Ketzergerichten des Mittelalters,
ber die Schauer der Negersklaverei bis heute -- ein stufenweises
Aufsteigen, zu dessen gottgewolltem Tempo wohl der Hemmschuh
konservativer Politik ebenso notwendig ist wir die Peitsche der
Sozialisten ... Nur wo die Konservativen schrfster Observanz sich nicht
mit dem Aufhalten begngen, sondern erhalten wollen, was dem Tode
verfallen ist, da befinde ich mich in Gegensatz zu ihnen. Wie gute
Eltern sollten sie ihre Arbeit als ein Erziehungswerk betrachten, das ja
auch oft darin besteht, der zu groen Heftigkeit der Kinder Zgel
anzulegen, und sollten sich mit dem Gedanken vertraut machen, da sie,
wie alle Alten, der Jugend weichen mssen, wenn ihre Rolle ausgespielt
ist." In einem anderen, aus dem Jahre 1886 datierten Briefe schreibt
sie: "Ich mchte wohl mit den Plnen unseres eisernen Kanzlers
einverstanden sein, aber ich kann es nicht immer und bin froh, da ich
mit meinem Gewissen nicht an der Stelle meines Sohnes im Reichstag
sitze. Allein die Kolonialpolitik ist mir nicht sympathisch, so sehr ich
den Schutz zum Auswandern billige -- Goethe sagt: wo wir ntzen, ist
unser Vaterland! -- aber doch nur in Gegenden, die ein schnes Vaterland
werden knnen, nicht in die Glutfen der Welt, wo man noch dazu mehr
Eisenbahnen brauchen wird, um zu besseren Lndern zu gelangen, als wir
in Deutschland noch brauchen, um das ntigste Verkehrsnetz zu vollenden,
und wo es, wie ich frchte, nicht ohne jene Kolonialgreuel der
Unterdrckung und Ausrottung der Eingeborenen abgehen wird, die Englands
groartige Politik so beflecken. Auch mit der Polenausweisung bin ich
nicht einverstanden, ich halte sie fr hart, grausam, ungerecht,
unpolitisch, erbitternd. Unter den Tausenden sind eine Masse harmlose,
gehorsame, gengsame Leute, die jetzt erst ein Polenbewutsein bekommen,
und wenn Bismarck an eine Vorbereitung zu einem Polenaufstand glaubt, so
ist er es, der ihnen die Soldaten zutreibt. Einen hnlichen Standpunkt
habe ich immer gegenber der Sozialisten-Ausweisung eingenommen: es ist
selbstverstndlich, da der Staat Verbrecher verfolgt und ihnen die
Mglichkeit zum verbrecherischen Handeln nimmt, aber wie Wenige der
Ausgewiesenen mgen von Natur Knigsmrder sein. Und wie viel
Idealismus wie viel ehrliche, aufopfernde Menschenliebe spricht aus den
Worten ihrer eigentlichen Vertreter im Reichstag! Sie sind nicht nur ein
notwendiger Sauerteig in unserer inneren Politik, sie wirken auch als
Strafgericht Gottes an all denen, die, befriedigt vom eigenen Wohlleben,
an der grenzenlosen Not der Millionen achtlos vorbergingen. Wollte
Gott, da die Herrschenden sich dieses Strafgericht zu Herzen nehmen und
sich ihrer ungeheueren Unterlassungssnden ebenso bewut werden wie der
groen Verantwortlichkeit, die eine Folge ihrer bevorzugten Stellung
ist. Du siehst, mein Lilychen, worauf alte Leute verfallen, die nichts
Tatschliches aus ihrem Leben zu berichten haben: sie treiben sogar ihre
stille Privatpolitik, und im Hintergrund will der Wunsch nicht zur Ruhe
kommen, da sie sogar damit noch ntzen knnen. Meine Kinder habe ich
nach der Richtung aufgegeben, mein Enkelkind aber ist noch ein
unbeschriebenes Blatt und lt sich vielleicht die gromtterlichen
Zeichen gefallen, die sich darauf einprgen mchten."

Nichts kann den Wesensunterschied zwischen meiner Gromutter und der
Welt, die sie umgab, deutlicher bezeichnen, als diese Briefe. Sie war
zwar weit entfernt davon, sich zu irgendeiner der sozialistischen
Theorien zu bekennen, sie beschftigte sich gar nicht mit ihnen und wre
z. B., htte sie sich damit beschftigt, zu einer Anerkennung der Idee
des Klassenkampfes nie gelangt, aber da sie in ihr Beurteilung einen
Sozialisten menschlich auf gleiche Stufe stellte mit anderen Menschen,
da sie praktische Forderungen, die von jener Seite kamen, als
berechtigt anerkannte -- das machte sie in diesem Kreise zu einer ganz
ungewhnlichen Erscheinung und begegnete nur darum meist einem gewissen
nachsichtigen Schweigen und fand eine verzeihende Beurteilung, weil ihr
weltfremder Idealismus und ihr hohes Alter als die eigentlichen Ursachen
dafr angesehen wurden.

Ihre Lektre der stenographischen Berichte der Reichstagsverhandlungen
-- "die ich mit einem Eifer lese, wie Backfische einen spannenden Roman"
-- bestrkten sie indessen in ihren Auffassungen. "Ich gewinne," schrieb
sie, "besonders durch die Reden der Mitglieder der Linken, Einblicke in
Zustnde, deren Grauen ich zwar ahnte, die mich aber doch angesichts
ihrer Wirklichkeit ganz auer Fassung bringen. Das Elend der Schuldlosen
-- das grlichste Rtsel der Welt! In den Dorfkathen hockt es und sieht
mich aus blden Augen an, und in den Fischerhtten am Strand, wo ein
hartes Geschlecht in stndigem Kampf mit Wasser und Wind um das Bichen
armseliges Leben ringt, und aus Zolas Romanen schreit es mir entgegen,
da aller Rest von Lebensfreude davor die Flucht ergreift."

Ihr Mitleiden, das kein gefhlsmiges Mitleid mehr war, steigerte sich
fast bis zum Krankhaften. Kein Mensch, ja kein Tier war ihr zu gering,
als da ihr Herz sich vor ihm verschlossen htte; es wurde ihr zum
krperlichen Schmerz, wenn sie Unrecht sah, das sie nicht verhindern,
Kummer sah, dem sie nicht abhelfen konnte. Wenn sie sich frher
angesichts des unverschuldeten Unglcks dadurch beruhigt hatte, da die
Schuld der Gesellschaft an Stelle der Schuld des einzelnen trat, so
vermochte sie jetzt nicht mehr dabei stehenzubleiben. Es gab fr die
Greisin, die sich am Ende ihrer Tage demselben Sphinxrtsel des Lebens
gegenber sah wie in ihrer Jugend, nur einen Ausweg, der sie davor zu
bewahren vermochte, den Glauben an den allgtigen Gott -- die Sttze
ihrer inneren Welt -- nicht selbst zu zertrmmern, ihn mit dem
namenlosen Unglck, das sie sah und empfand, in Einklang zu bringen: der
Glaube an Vor- und Nachexistenzen der Seele. Die christliche Idee von
einer knftigen ewigen Seligkeit hatte sie sich nie zu eigen gemacht,
"in ihr liegt weder ein Trost fr die Unglcklichen," sagte sie, "noch
eine Erklrung dafr, warum der Eine ins Elend, der Andere in den Glanz
geboren wurde," aber der Gedanke einer unendlichen Entwicklung, in der
das Erdendasein nur eine der Episoden ist, hatte fr sie etwas
auerordentlich Beruhigendes und Befriedigendes. Scheinbar
unverschuldetes Unglck war danach die Folge der Schuld frherer
Existenzen, und selbst fr die Qualen der Tiere fand sie eine Erklrung
in der Seelenwanderung, wie sie der Buddhismus auch im Hinblick auf sie
lehrt. Ihr Glaube war so unerschtterlich, da keine Einwendung dagegen
sie aus der Ruhe brachte. "Du glaubst nicht an Vorexistenzen, weil Du
Dich ihrer nicht erinnern kannst, und hltst sie, selbst ihr
Vorhandensein vorausgesetzt, fr wertlos, wenn wir von unserem
persnlichen Vorleben nichts mehr wissen?" schrieb sie mir. "Kennst Du
nicht jenes merkwrdige Erinnern, das uns in Gegenden und in Situationen
befllt, die wir zweifellos auf Erden noch nicht sahen oder erlebten,
oder das Geheimni der Sympathie, das Menschen gegenber nicht anders
wirkt wie ein Wiedererkennen lngst Vertrauter? Oder die Bilder des
Traums, die uns mit aller Lebendigkeit in Lnder und unter Menschen
fhren, die wir auch in diesem Leben noch nicht gesehen haben? Und was
den Wert der Erinnerung betrifft, so vergessen wir doch schon von
unserem irdischen Leben neun Zehntel aller Thatsachen und noch unendlich
mehr aller Worte; schon hier liegen die Lebensresultate nur in dem, was
wir geworden sind, schon hier lsen sich Hunderte von scheinbar nahen
Verhltnissen bis zur Vergessenheit. Ist es nicht sogar in tausend
Fllen eine Erlsung, wenn die Erinnerung verblat und verlischt? Es
kommt gewi in frheren und spteren Existenzen des Geistes nicht auf
Erinnerung, sondern auf Gewordensein an."

Und in einem ihrer letzten Briefe schrieb sie: "Am Schlusse meines
Lebens ist das innere Drngen, Strmen, Fragen, das Hin- und
Hergeworfensein zwischen Glauben und Zweifeln beseitigt; mit den Dogmen
habe ich abgeschlossen ... Das Unglck der Schuldlosen, Kinderqualen,
Leiden, die vor unseren Augen nicht zur Besserung, sondern zum Verderben
zu fhren scheinen, die geringe Zahl der Namenchristen und die noch
geringere der Christen im Geiste und in der Wahrheit, die Millionen in
Irrthum und Grausamkeit hereingeborener Menschen -- Rtsel, die mich
mein Leben lang qulten und meine Freuden vergllten, sind mir zu
Mysterien geworden, Folgen oder Beziehungen von Vor- und Nachexistenzen.
Darber hinaus dringt siegreich mein Hoffen, und ich glaube, da
schlielich allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntni der
Wahrheit kommen. Es scheint mir begreiflich, da, wie ein Maulwurf das
Licht nicht sehen, wie ein unmndiges Kind den Faust nicht verstehen
kann, wir auf unserer Erdenstufe die hheren Stufen noch nicht zu
erkennen vermgen. Auch der ungeheure Fortschritt der Wissenschaft und
der trotzdem noch so geringe Umfang unseres Wissens dient mir zum
Beweise dafr, wie viele Erkenntni-Entwicklungen wir sowohl in der
irdischen wie in anderen Existenzen noch vor uns haben. Wo aber der
Verstand sich entwickelt, sollte die Seele es nicht vermgen, sollte
nicht reifen und wachsen und Hhen erreichen, die auf Erden nur wenige
-- ein Christus, ein Goethe -- erreicht haben!?"

Aber wie ihr ganzes Lebensgebude zusammengestrzt wre, wenn dieser
Glaube nicht die Brcke gebaut htte zwischen ihrem Gottesglauben und
ihrer Menschenliebe, so wre sie auch an dem Schmerz und an der Gre
ihrer Mutterliebe zugrunde gegangen, wenn sie die Hoffnung auf ihrer
Kinder endliche hchste Entwicklung htte aufgeben mssen.

Die letzte Eintragung in ihr Sammelbuch besteht in jener dsteren
spanischen Ballade, die von dem Jngling erzhlt, der der Mutter das
Herz aus der Brust reit, um es der grausamen Geliebten zu bringen. Er
strzt auf dem Wege zu Boden --

    "Da sieh, dem Mutterherzen
    Ein Tropfen Bluts entrinnt,
    Und fragt mit weicher Stimme:
    Tat'st Du Dir weh, mein Kind? ..."

So gro, so stark war auch ihre Liebe, die durch alle Wunden, die ihr
geschlagen wurden, nicht sterben, sondern nur immer noch wachsen konnte.
Aus dieser Empfindung heraus schrieb sie mir: "Mir ist oft, als mte
ich denen Glck wnschen, die nicht heiraten und keine Kinder haben. Wie
gering ist die Zahl der Mtter, bei denen das Glck das Unglck
berwiegt! Fr Muttermhe, Muttersorge, Mutterarbeit entschdigt die
Liebe zu den Kindern und die Freude an ihnen -- aber der Schmerz und
Stachel ber ihre Leiden und ihre Snden und ihre schweren Schicksale,
die sind _par-dessus le march_, und je mehr man liebt, desto schwerer
ist dies Mitleiden, und je lter man wird, desto kraftloser ist man
dagegen, sogar Gebet, Glaube und Frmmigkeit lassen darin schmerzliche
Lcken. Eine Mutter trgt nicht nur ihre eigene Last, sondern noch die
Lasten ihrer Kinder und Kindeskinder bis zum Grabe, und das schlimmste
ist, da sie sie ihnen dadurch nicht einmal abnimmt ... Und wenn ihr
Nest leer geworden ist, sie keine oder oft keine erfllbaren Pflichten
mehr hat, ihre Kinder ihr fremd und fremder werden, ihr Rat nicht gehrt
wird und ihre Erfahrungen nichts ntzen -- wie furchtbar, wie
unertrglich wrde diese entsetzlichste Lebensenttuschung sein, die
Enttuschung an dem, was wir aus unserem Blut entstehen sahen, mit
unserem Herzblut nhrten, wenn es den einen Trost nicht gbe: den
Glauben an immer neue Verwandlungen, bis fr Alle die hchste Stufe der
Seelenentwicklung erreicht ist. Der Schmerz freilich bleibt: hat das
Erdenfegefeuer sie nicht genug gereinigt, so sinken sie in eine noch
tiefere Hlle der Prfungen -- vielleicht, da die Thrnen der Mutter,
auch die ungeweinten, die am schwersten wiegen, sie davor bewahren! Wenn
ich rckwrtsschauend mein Leben betrachte und mich frage, welches
Gefhl das mchtigste, welche Erkenntni die folgenreichste, welche
Hoffnung die sicherste ist, so lautet die Antwort: Das tiefste Gefhl
ist die Mutterliebe; die wichtigste Erkenntni: Die Snde ist der Welt
Verderben; die sicherste Hoffnung: Die Entwicklung der Menschheit bis
zum hchsten Sein. Ohne diese wrden Gefhl und Erkenntni nur die
Qualen der Erdenkinder erhhen, und es gbe nur einen Ausweg aus dieser
Hlle: Die Selbstvernichtung der Menschheit."

So war sie am Ende des Lebens da angelangt, wo Goethe gestanden hatte,
als er schrieb:

    "... Und solang Du dies nicht hast,
    Dieses: Stirb und Werde,
    Bist Du nur ein mder Gast
    Auf der armen Erde."

Und sie sah dem Tode entgegen im Sinne seiner letzten Worte, die sie oft
wiederholte: "Nun kommt die Wandelung zu hheren Wandelungen."

Innerlich fester verbunden wie je und nur uerlich fern der alten
Heimat, schien sich der Kreislauf ihres Lebens leise zu schlieen. Und
als ob die Harmonie ihres Wesens auch in ihrem Dasein zum Ausdruck
kommen sollte, so berhrte das Ende den Anfang. Hatten sich beschattend,
aber auch schtzend die ste des Waldriesen ber sie gebreitet, so
schmiegten sie sich jetzt wie Freundesarme um sie.

Mit denen, die sie in Weimar lieb hatte, war sie immer in Verbindung
geblieben und hatte an allem, was sie erzhlten, den lebhaftesten Anteil
genommen. Nur einer, der zu den Nchsten gehrte -- der Groherzog --
war seit ihrer Abreise verstummt. Er hatte ihre Trennung von Weimar
nicht begriffen und sie als eine persnliche Krnkung empfunden, die er
nicht verwinden konnte; da es vor allem pekunire Sorgen waren, die sie
dazu gezwungen hatten, da sie geblieben wre, wenn sie sich eine
grere, zur Aufnahme ihrer Kinder mgliche Wohnung htte gnnen drfen
-- das hatte ihr Stolz ihm verschwiegen, das verschwieg sie ihm auch
dann, als sein Miverstehen, der scheinbare Verlust seiner Freundschaft
ihr tiefe Schmerzen bereitete. "Eure Generation, die so reich an
Verstandeserkenntni und so bettelarm an Herzensreichtum ist, wei
nichts von dem Wert treuer, lebenslanger Freundschaft," schrieb sie,
"sie ist die Wahlverwandschaft der Seelen, die uns die Fremdheit der
Beziehungen des Bluts vergessen lt, sie ist der Hebel geistigen
Fortschritts, der grte menschliche Trost im Leid. Einen lebendig
verlorenen Freund beweinen mssen, ist darum viel schmerzlicher, als um
das unabweisbare Geschick seines Todes zu trauern. Da der Groherzog
mich so miverstehen konnte, wo die gute Kaiserin mich so ganz verstand,
war darum eine harte Prfung fr mich. Nun ist meines lieben Walter
Goethes Tod die Brcke geworden, die ihn wieder zu mir hinberfhrte --
wie denn das Beste in meinem Leben immer in tiefer Beziehung zu dem
Namen Goethe gestanden hat." Walter Goethes Vermchtnis seines
grovterlichen Nachlasses an die Groherzogin Sophie von Sachsen-Weimar
war nicht nur ein Zeichen seiner groen Gesinnung, sondern auch ein
Beweis fr seine Menschenkenntnis. Er wute, da es durch sie in der
rechten Weise zu einem Besitztum des deutschen Volkes werden wrde. "Es
ist so viel ber Goethes Nachla gestritten worden," heit es in einem
Brief meiner Gromutter, "man hat oft mit mehr Neugierde als
Begeisterung darnach verlangt, mir selbst sind von allen Nachlssen die
geistigen Goetheflammen in seinen Enkeln als die wichtigsten und
liebsten erschienen, und da ich recht hatte in meiner groen Meinung
ber diese so viel Gescholtenen beweist Walters Testament. Die
groartige und wrdige Weise, wie es zur Verherrlichung seines groen
Ahnen gewandelt wird, entspricht ihren Charakteren, die zwar nicht in
dieses Jahrhundert, aber in das Groe und Edle aller Jahrhunderte
passen." Als nun auch das Goethe-Haus der ffentlichkeit zugnglich
gemacht und die Empfangszimmer wie zu Goethes Lebzeiten gestaltet werden
sollten, wandte man sich von Weimar aus an sie, die einzige, die von der
ehemaligen Beschaffenheit der Rume noch etwas Genaues wissen konnte.
Nach ihrer Beschreibung und einer Zeichnung, die sie sandte, wurden sie
in ihrer alten schlichten Vornehmheit wieder hergestellt. "Ich
beschftige mich viel mit Weimar," schrieb sie mir, als sie davon
erzhlte, "und es versinkt ein halbes Jahrhundert meines Lebens, whrend
in jugendlicher Frische die alte schne Zeit vor mir aufsteigt. Ob die
Goethe-Gesellschaft ein Mittel sein wird, sie auch fr die Menschheit
lebendig zu machen, wage ich nicht zu entscheiden. Es ist leider eine
Eigentmlichkeit des Deutschen, da er gute und groe Gedanken hat, sie
aber verknchern und versumpfen, sobald er sie in die Paragraphen eines
Vereinchens zwngt. Auch der deutsche Gelehrte, so hoch ich ihn stelle
als grndlichen Wahrheitssucher, gert mit seinem Forschungstrieb leicht
in Kleinigkeiten, und dann geht ihm der groe Blick fr das Ganze
verloren. Hoffentlich wird der Goethe-Verein nie vergessen, da Goethe,
neben seinem Interesse fr das Kleinste, das Groe stets obenan stellte,
hoffentlich wird er seinen Geist zu erforschen und lebendig auszubreiten
suchen, was uns recht not tut ..." Der Groherzog, erfllt mit
jugendlicher Begeisterung fr die neue groe Aufgabe Weimars, wandte
sich nun auch an die alte Freundin mit Fragen und Bitten, die die Zeit
Goethes und ihre Erinnerungen daran betrafen. Und die ferne Einsamkeit
Ostpreuens wurde ihr belebt und erfllt mit den unsterblichen Gestalten
der Vergangenheit. Unermdlich im Fragen war der Groherzog, unermdlich
im Antworten war sie. Im Traum verloren machte sie ihre regelmigen
Spaziergnge durch Park und Wald oder sa still mit gefalteten Hnden in
ihrem tiefen grnen Stuhl; ihr Mund zuckte nicht mehr so oft wie sonst
in schmerzlicher Sorge, ein weiches Lcheln umspielte ihn -- mit sanftem
Ku grte sie der Genius ihrer Jugend.

Immer schattenhafter erschien ihr die Gegenwart, immer mehr lebte sie in
der Vergangenheit und in einer Zukunft, die sie jenseits des Grabes sah:
"Ich sehe von Stufe zu Stufe, von Licht zu Licht bis in den fernen,
gottdurchglnzten Raum des Allerheiligsten. Ein Reich des Lichts, voll
Musik, voll Liebe, hrt und fhlt mein Geist mit einer Zuversicht, die
tglich wchst. Und lchelnd, fast ohne Schmerz winke ich denen, die
mir vorangingen, grend zu ..."

Es waren ihrer viele vorangegangen: Pauline, die blinde Schwester, war
in demselben Kloster gestorben, das des verlassenen Suglings erster
Zufluchtsort gewesen war, und Beust, auf den sich alle schwesterliche
Liebe meiner Gromutter nun konzentriert hatte, war ihr gefolgt. "Er
war," schrieb sie von ihm, "ein reiner Mensch und darum eine vornehme
Natur, wie ich eine zweite nicht kenne." Sein Tod wurde, wie der Walter
Goethes, zu einem neuen Bindeglied zwischen ihr und dem Groherzog. Auf
ihren Brief, der den Freund ber den Verlust des Freundes zu trsten
versuchte, antwortete er:


"Schlo Wartburg, am 9. September 1889.

"Ihr Brief, gndige Frau, hat mich tief gerhrt, ich wollte, ich knnte
Ihnen danken, wie ich es fhle. Jede Zeile erweckt Erinnerungen und
Bedauern, die sich darin gleichen, da sie, die einen wie die andern,
sich in mir nur durch Schweigen ausdrcken. So tief ist die Furche, die
der Schmerz um den Verlust meiner Mutter in mein Herz grub, und so tief
ist auch die, die mir der Verlust meines Freundes grbt. Er gehrt zu
denen, deren Eindruck erst erkennen lt, was man besessen hat. Und man
lernt die ganze Gre dessen, was man besa, erst kennen, wenn der
Besitz verloren ging. So feste Bande zwischen den Menschen, wie die
zwischen mir und ihm, ziehen gleichsam, wenn sie auseinander gerissen
werden, ein Stck von unserem eigenen Ich mit sich ... So haben Sie mich
doch wider meinen Willen zu einer erlsenden Aussprache veranlat. Sie
allein knnen beurteilen, was ich leide! Der Glaube, da mein treuer
Freund nun mit denen vereint ist, die ihm vorangegangen sind und die er
so zrtlich liebte, ist wohl ein Trost, aber den Verlust lt er mich
nicht berwinden.

"Ihr Brief hat mich in Wilhelmsthal gesucht und in Weimar gefunden. Der
nahende Herbst hat mich und meine Tochter Elisabeth veranlat, die
Gegend zu verlassen, an die sich all die schnen Erinnerungen knpfen,
die Ihr Brief heraufbeschwor. Ich gestehe Ihnen, da ich an jenem lieben
alten Hause auch um anderer teurer Jugenderinnerungen hnge, die mit
unsichtbarer Schrift auf seinen Mauern geschrieben stehen. Wie bedaure
ich, gndige Frau, mit Ihnen nur noch schriftlich verkehren zu knnen,
und wie sehr bedauerte es der Verstorbene, der in derselben Lage war wie
ich. Aber die Erinnerung kennt weder Zeit noch Entfernungen, und auch
das Herz wei von beiden nichts. Das empfindet aufs tiefste und mit
aufrichtiger Dankbarkeit

Ihr alter Freund

Carl Alexander."


Auch aus der Ferne schlo sich der Kreis der alten Freunde um so enger
zusammen, je kleiner er wurde. Drei Greise waren es nur noch -- Jenny
Gustedt, der Groherzog und die Kaiserin -- die das Band einer
gemeinsamen Vergangenheit umschlo. Und unter ihnen war Jenny die
Trsterin, die, die sie aufzurichten versuchte aus dem niederdrckenden
Leid. "Aus jeder Zeile, die meine geliebte Kaiserin mir schreibt," heit
es in einem Brief meiner Gromutter aus dem Jahre 1888, "lese ich, wie
schwer sie unter den Schlgen des Schicksals leidet: den Gatten, den
Sohn verloren, den Enkel, der die erziehende Schule des Kronprinzentums
nicht durchmachte -- wie sie sich ausdrckt -- unter der Last einer
schwer zu tragenden Krone, mit dem Ausblick in eine ungewisse Zukunft."
Nicht allzu lange sollte die Kaiserin die neue Zeit miterleben, die ihr
immer fremder wurde. In den ersten Tagen des Jahres 1890 schlo sie die
mden Augen fr immer. Kurz darauf schrieb Carl Alexander an ihre
Freundin:


"Berlin, Schlo, 15. Januar 1890.

"Sie werden es mir, wie sich selbst, gern glauben, da Ihre Teilnahme
mir eine wahre Wohltat gewesen ist. Sich selbst, weil es Ihr Herz war,
das Ihre Feder fhrte, und weil es der Schmerz ist, der die Sprache der
Freundschaft am liebsten hrt. Ich kann von meinem eigenen Verlust nicht
sprechen. Das ist auch nicht ntig. Ein Jeder macht mir den Eindruck,
als htte er einen persnlichen Verlust erlitten. Das ist, wie ich
glaube, das charakteristische Zeichen dieses Unglcks.

"Gestatten Sie mir, hier zu schlieen. Es giebt Ereignisse, deren
einzige Sprache das Schweigen ist, denn dieses allein ist der richtige
Ausdruck fr den grten Schmerz.

"Mein treuer Beust fehlt mir sehr und fehlt mir stets aufs neue und
immer mehr ...

"Leben Sie wohl, gndige Frau. Das Gedchtni meiner Schwester und
meiner Mutter werden Sie immer treu bewahren, erinnern Sie sich aber
auch freundlich

Ihres sehr traurigen Freundes

Carl Alexander."


Seiner Bitte um ein Erinnern folgte von Weimar aus eine neue: Goethes
letzte Lebensjahre mchte sie schildern, sie, die von allen berlebenden
dem groen Toten jetzt noch am nchsten stand. Und whrend der
Wintersturm vom Haff herberbrauste und Wintereinsamkeit das Haus mit
tiefer Stille fllte, sa die alte Frau am Schreibtisch und suchte ihren
Erinnerungen eine Form zu geben. "Ich werde selbst wieder jung dabei,"
schrieb sie mir, als sie von ihrer Ttigkeit erzhlte. Auf ihre ersten
Sendungen antwortete der Groherzog:


"Weimar, 28. Januar 1890.

"... Ich erhielt die Bltter, die Sie, meine liebenswrdige und getreue
Freundin, die geduldige Gte hatten mit Details ber Goethe und die
englische Gesellschaft whrend seiner letzten Lebensjahre zu fllen, und
um die ich mir erlaubt hatte, Sie zu bitten. Ich komme heute, um Ihnen
die Hand dafr zu kssen. Vor allem aber komme ich, um Sie um
Entschuldigung dafr zu bitten, da ich abermals an dieselbe Gte
appelliere, die mich so zu Dank verpflichtet, und an dieselbe
Erinnerung, die mich entzckt. Meine Unbescheidenheit verlangt vor Allem
eine Erklrung; hier ist sie: Das Testament Walter Goethes hat mit dem
Augenblick, da es bekannt wurde, in Weimar ein neues Leben erweckt. Ich
kann es nicht besser charakterisieren, als indem ich versichere, da man
den Eindruck hat, als ob die Seele des grten deutschen Dichters, die
Seele Goethes, wieder eingezogen sei in diese Stadt, in sein altes Haus,
in das Schlo, um aufs neue zu wirken und zu schaffen. Hervorragende
Mnner sind herberufen worden, um Walter Goethes Vermchtni zu ordnen
und zu verwalten, andere haben sich bemht, Zulassung zu der
wundervollen neu entdeckten Quelle zu finden; sie kamen und kommen, um
im Archiv zu arbeiten, und wir verdanken dem Umstand eine Flle
interessanter Bekanntschaften. Einen jungen Amerikaner, Mr. G..., rechne
ich dazu, der eine Arbeit "Goethe in England" unter der Feder hat, und
fr den es sehr wichtig ist, alle Beziehungen zwischen Goethe und
England kennen zu lernen. Diese Notwendigkeit fhrte mich zu Ihnen, und
das Interesse, das ich an der Sache nehme, lt mich meine Bitte
wiederholen. Und um meine Zudringlichkeit vollends auf die Spitze zu
treiben, gestatten Sie mir, Sie zu bitten, fr mich Notizen ber Alles
zu machen, was an Tatsachen, Unterhaltungen und Namen aus jener Zeit
noch in Ihrer Erinnerung lebt. Diese Zudringlichkeit ist so natrlich,
da Sie sie verzeihen, und so notwendig, da Sie sie verstehen werden.
Es lohnt sich der Mhe, die Arbeit, die ich Ihnen zumute, in zwei Teile
zu teilen: die eine, die Erinnerungen an die Englnder enthaltend, so
da sie Mr. G... von Nutzen sein kann, die andre, fr mich persnlich,
die die brigen Erinnerungen an die groe Epoche Weimars zum Gegenstand
hat.

"Goethe hatte die Gewohnheit, jeden groen Schmerz dadurch zu bekmpfen,
da er eine neue Arbeit unternahm. Dieser Brief ist freilich keine,
aber er gehrt zu jener Ttigkeit, die ich mich bemhe, im Gang zu
erhalten, weil ich in dieser fremden Welt der Seelen so schwer zu
kmpfen habe. Dieser Kampf wird mir um so leichter werden, je eher ich
dort Verstndni finde, wo ich verstanden sein mchte. Sie werden aus
diesem Bekenntni, teuerste Freundin, nichts Neues folgern, denn Sie
kennen, wie ich hoffe,

Ihren alten, treu ergebenen Freund

Carl Alexander."


"Weimar, den 11. Februar 1890.

"... Ich habe niemals aufgehrt, Ihr Fernsein von Weimar, meine liebe
verehrte Freundin, auf das lebhafteste zu bedauern, ich tue es jetzt
lebhafter denn je: wie wrden Sie sich inmitten all der Ttigkeit wohl
fhlen, die ich nicht anders charakterisieren kann als mit dem
symbolischen Bilde des Januskopfes, denn sie umfat die Vergangenheit
und wirkt fr die Zukunft ...

"Vier Wochen sind heute seit unserem groen Verlust vergangen. Ich fhle
mich in dem seelischen Kampf, der von ihm hervorgerufen wurde, noch
nicht als Sieger. Und er beginnt immer wieder, wenn ich am wenigsten
daran denke. Wie seltsam ist doch dieses doppelte Leben, das wir fhren:
eines nach auen und eines nach innen, und Liszt hatte Recht, als er
whrend einer fr ihn sehr schweren Zeit der Prfungen einmal sagte: es
schiene ihm, als ob ein zweites Ich es auf sich genommen habe, sie zu
ertragen. Da wre ich bei den intimen Bekenntnissen angelangt -- die
rechte Sprache einer fest gegrndeten Freudschaft! Und sie ist keine
bloe Vermutung, sondern die einfache Wahrheit von Seiten

Ihres treuesten Freundes

Carl Alexander."


"Weimar, den 20. Mrz 1890.

"Die Verlegenheit, meine teuerste Freundin, scheint mir den schlimmsten
aller Momente zu schaffen, um einen Brief zu schreiben. Dieser Gedanke
ist fr mich zur berzeugung geworden, als ich die Feder ergriff, um
Ihnen -- endlich! -- fr Ihren liebenswrdigen Brief zu danken und fr
die interessanten und wertvollen Notizen, die ihn begleiteten. Ich
bedarf von Seiten Ihrer alten und treuen Freundschaft aller Nachsicht
und all der Gte, die sich mir gegenber stets bewhrt hat, um Ihrer
Vergebung angesichts meiner Nachlssigkeit und Undankbarkeit sicher zu
sein. Ich habe aber trotzdem ein Recht, zu versichern, da meine Snden
nur scheinbare sind: Sie werden die erste sein, mir zu vergeben, wenn
Sie sich erinnern wollen, welch traurige Pflichten mich Anfang des
Monats nach Berlin gefhrt haben. Nun aber bin ich wieder zu Ihren Fen
mit meinem aufrichtigsten Dankgefhl. Nehmen Sie es als solches an.

"Ihre Notizen haben den doppelten Reiz eines wichtigen und interessanten
Inhalts und einer entzckenden, faszinierenden Form. Wir sollten Ihr
Gedchtnis und Ihre Feder in Anspruch nehmen, um ein Bild der
Gesellschaft Weimars zu zeichnen. Ich habe mir immer gewnscht, da ihre
Geschichte geschrieben wrde. Das knnte nicht besser geschehen, als
wenn Zeitgenossen einzelne Personen darstellen, und Niemand in der Welt
wre dazu besser imstande als Sie. Und so sehen Sie mich abermals als
Bittenden nahen, um Sie zu beschwren, es zu tun! Die Biographie
Ottiliens wre das erste, was Sie unternehmen sollten. Ein Lebensbild
Walter Goethes zu zeichnen, wrde ich sehr gern unternehmen. Wolf hat
einen ebenso treuen wie geschmackvollen Biographen in seinem Freunde
Mejer gefunden. Der Salon von Johanna Schopenhauer ist von Stephan
Schtze geschildert, aber noch nicht verffentlicht worden. Eine
Sammlung wrde auf diese Weise entstehen, die an Interesse zunehmen
wrde, je mehr die Epoche sich entfernt, die sie schildert, und je mehr
die litterarischen Publikationen des Goethe-Schiller-Archivs
fortschreiten. Diese wrden fr unsere Sammlung erst die Atmosphre
schaffen. Lassen Sie mich Ihrem Nachdenken meine berlegungen
anvertrauen, whrend die Vgel von Liebe singen und die Blumen den
Frhling predigen. Zahllose Kindererinnerungen sind durch Ihre Notizen
erweckt worden wie Blumen aus dem Lenz meines Lebens, und es ist nicht
ohne tiefe Bewegung -- Sie knnen nicht anders empfunden haben! -- da
ich diese Zeugen der Vergangenheit vor mir lebendig werden sah! ...

"... Wie fehlt mir dauernd mein treuer Beust, und wie anders wre es,
wenn Sie mir nicht auch fehlen wrden!

"Die Reichstagswahlen haben uns hier sehr beschftigt, wir sind von den
Resultaten degoutiert. Ich finde brigens, da der Moment fr den
Abschied des Reichskanzlers sehr schlecht gewhlt ist. Da er es so
wollte, vermindert beinahe den Eindruck des Unglcks, das im ersten
Moment empfunden wurde.

"In der Verlegenheit habe ich angefangen, ich schliee mit der Politik
-- Beide begegnen einander fters -- Der Himmel wolle, da wir von der
einen entfernt bleiben und da Sie aus der anderen befreien

"Ihren treuesten, anhnglichsten und ganz ergebenen Freund

Carl Alexander."


"Weimar, den 9. April 1890.

"Goethe sagt irgendwo:

    Du im Leben nichts verschiebe,
    Sei Dein Leben Tat um Tat,
    Und Dein Streben sei's in Liebe,
    Und Dein Leben sei die Tat.

"Es steht gewi nicht im Widerspruch dazu, wenn ich mit der Beantwortung
Ihres liebenswrdigen Briefs die Zusendung des Buchs von M. Mejer ber
Wolf Goethe verbinde, das Sie sicherlich interessieren wird. Der Autor
hat es mit Liebe geschrieben -- es gelingt nichts, wie Sie wissen, wenn
man nicht auch mit dem Herzen bei der Sache ist! ... Nur Sie allein,
meine sehr liebe und verehrte Freundin, knnten, wenn Sie die Biographie
Ottiliens schreiben wollten, etwas noch weit Besseres leisten, denn ich
glaube, da im allgemeinen die Feder einer Frau mehr dafr geeignet ist,
eine so merkwrdige, ungewhnlich begabte, aber niemals im Gleichgewicht
sich befindende Persnlichkeit zu charakterisieren, wie Frau von Goethe
es war. Ich komme abermals, um Sie darum zu bitten, obwohl ich verstehe,
da Ihre Freundschaft fr Ottilie Ihnen dabei einige Skrupeln macht.
Gestatten Sie mir dazu zu bemerken, da es nur menschlich ist, Fehler zu
haben, da aber alles Menschliche notwendig die Kritik herausfordert,
noch mehr jedoch auf Verstndni und Vergebung rechnen kann. Die
Geschichte Ottiliens ist im brigen so bekannt, da es sich um
Indiskretionen dabei kaum mehr handeln kann. Die Biographie ihrer
Freundin, Mrs. Jameson, ist ein Beweis dafr. Nur um die Auferstehung
der groen Epoche Weimars, die durch Walter Goethes groherziges
Vermchtni hervorgerufen wurde, zur vollstndigen zu machen, bitte
ich Sie, Ihre Erinnerungen und Ihre Feder in den Dienst der Sache zu
stellen ... Meine Frau dankt Ihnen herzlich fr Ihre Glckwnsche, meine
Kinder vereinigen sich mit mir im Gefhl der Liebe und der Dankbarkeit
fr Sie, und ich danke Ihnen noch besonders und voll tiefer Bewegung fr
die Worte, die Sie meiner geliebten, unvergelichen Mutter gewidmet
haben. Ich habe das Recht, so zu sprechen, denn auf der einen Seite
fhren mich meine Pflichten in die Vergangenheit zurck, auf der anderen
lebt mein Herz in ihrem Kultus. Er wird mit Gottes Hilfe der Compa
sein, der mich in die Zukunft leitet, die ich mich bemhe, im Vorhinein
zu verstehen, indem ich die Geschichte studiere, und fr die ich mich
vorbereite, indem ich mich selbst immer weiter zu einer selbstndigen
Individualitt zu entwickeln trachte ... Offene Aussprachen wie diese
sind nur Fortsetzungen unserer unvergelichen Weimarer Unterhaltungen.
Die Freundschaft ist doch die seste aller Gewohnheiten. Meinen Sie
nicht auch? -- Jedenfalls ist es die Ansicht

Ihres getreusten Freundes

Carl Alexander."


Kurze Zeit nach Empfang dieses Briefes schrieb mir meine Gromutter:
"Mein von Dir bersetzter alter Aufsatz ber Ottilie ist freilich keine
Biographie und mein Auszug noch weniger, doch bin ich dem alten guten
treuen Freund gern gefllig, der ihn haben will. Er schreibt mir gute
und schne Briefe und hat mir endlich mein Wegziehen von Weimar
vergeben; unserer Kaiserin Tod hat uns zu einander isoliert, und was den
Jetztmenschen Phrase ist, bleibt uns Bedrfnis und Wahrheit. Das stumme
Nebeneinanderhergehen in Freud und Leid schnrt mir jetzt wieder, da die
Shne hier sind, das Herz zusammen und nimmt dem Zusammenleben Trost und
Wrme; wenn auch etwas Trnen und Sorge dabei gespart werden, so wird
viel Hheres an Rat, Mitgefhl, Seeleneinflu und Liebe Preis gegeben
oder wenigstens beschattet und verscharrt ... Ich bin immer sehr mde
und schlafe viel; dabei lchelt eine heitere Frhlingssonne in mein
Zimmer und tanzt freundlich um die Bilder meiner Lieben. Wenn ich im
Halbschlummer liege, ist es mir, als ob sie Alle lebendig wrden, oft
fllt sich der Raum ganz an mit trauten Gestalten -- fernen, halb
vergessenen und ewig geliebten. Dann meine ich oft, ich wre in Weimar
... Mein guter Groherzog ist es, der mir die Vergangenheit so lebendig
vor die Seele zaubert. Ich danke es ihm, denn sie war schn -- viel
schner als die Gegenwart, und meine Sehnsucht wchst, je weiter ich
mich von ihr entferne ... Oder nhere ich mich ihr wieder? ..."

Oft schien es, als sprche sie mit teuren, anwesenden Freunden -- und
doch war das Zimmer leer. Auf einen fragenden, erstaunten Blick ihrer
Kinder sagte sie dann lchelnd: "Wundert Euch nicht -- sie waren
wirklich da, sie reden mit mir, whrend Ihr schweigt --" Sie hatte
keinerlei Schmerzen, aber ihr Bedrfnis, allein zu sein, nahm zu, ihre
Spaziergnge wurden immer krzer, und ein ueres Interesse nach dem
anderen fiel von ihr ab. Ihr Herz aber lebte ein um so strkeres Leben,
und aus ihren Augen leuchtete es wie Verklrung. Mitte April schrieb sie
dem Groherzog u. a.: "Mutterliebe und Erinnerung sind meine
Lebenselixire. Wie in einen schtzenden Mantel und undurchdringlichen
Harnisch mchte ich Kinder und Enkel hllen, und dankbar vor dem
Abschied von dieser Lebensstufe ein paar immergrne Blttchen dem zu
Fen legen, der meiner Jugend Abgott, meines reifen Lebens Erzieher,
meines Alters Freund und Vorbild ist. Ihnen brauch ich ihn nicht zu
nennen ... Nehmen Sie, was ich schrieb, nur wieder als Zeichen der guten
Absicht an, denn die Krfte versagen. Die Vorangegangenen werden mir
immer gegenwrtiger. Sie rufen mich." Der Groherzog schrieb darauf:


"Weimar, den 26. April 1890.

"In Ihrem gtigen und interessanten Brief vom 16. sagen Sie mir, da
Ihnen, gndige Frau, die Biographie von Mrs. Jameson unbekannt ist. Ich
erlaube mir, sie Ihnen zuzuschicken ... Da Sie Ottiliens
Lebensgeheimnisse kennen, werden Sie zwischen den Zeilen lesen, was die
Freundschaft verbergen wollte. Man sagt, da der Kaschnack -- der
Schleier, mit dem die Frauen des Orients ihr Antlitz bedecken und der
nur die Augen frei lt -- ihnen einen ganz besonderen Reiz verleiht.
Die Seiten der Biographie, in denen von Ottilie die Rede ist, bettigen
diese Auffassung. -- Und Walter Goethe, mein Freund Walter, wo bleibt
sein Portrait, seine Biographie, die ihn darstellt, so wie er war! Das
schmerzt mich, denn ich empfinde es als eine Ungerechtigkeit und
Undankbarkeit, da die groen Eigenschaften dieser edlen Seele nicht in
der Oeffentlichkeit bekannt werden ... Drfte ich selbst zur Feder
greifen? Um Walter richtig zu beurteilen, mu man mit ihm vertraut
gewesen sein, es gengte nicht, ihn zu sehen oder auch nur mit ihm zu
verkehren. Er zeigte sich nur in der Intimitt, und ich darf wohl sagen,
da ich zu denen gehrte, die ihm am nchsten standen ... Seine
Schpfung, das Goethe-Schiller-Archiv, vervollstndigt sich inzwischen
mehr und mehr, und ich hoffe, da es sich nach und nach zum Archiv der
deutschen Litteratur erweitern wird. Sie sehen: meine Trume suchen
immer den Frhling! Sie sprechen vom Herbst, von den schweren Verlusten
der Freundschaft -- lassen Sie mich Ihnen mit einer Hoffnung antworten.
Hoffnung aber lt nie zu Schanden werden!

In treuster freundschaftlicher Gesinnung kt Ihnen die Hnde

Ihr alter Freund

Carl Alexander."


Auf diesen Brief kam keine Antwort mehr. Die Hand der
Achtundsiebzigjhrigen war mde geworden, und ein Schleier nach dem
anderen umhllte ihren Geist. Wohl suchten auch ihre Trume den
Frhling, aber nicht den, der drauen die Bume mit Blten bedeckte, der
vor ihren Fenstern Veilchen und Reseden duften lie, der mit holden
kleinen Lenzesgren ihre Zimmer schmckte. Sie schlief -- sie trumte
-- und wenn sie die Augen ffnete und des Sohnes oder der Tochter Hand
leise drckte oder zrtlich ber das Kpfchen ihres jngsten Enkelkindes
strich -- dann war das ihres Gegenwartlebens einziges Zeichen. Kam der
Abend, und deckte der dunkle Schleier der Nacht Haus und Garten, dann
erst, so schien es, ward es lebendig um sie: wie leise Schritte war's,
wenn die Lindenbltter weich ber die Scheiben strichen, wie Rauschen
von Gewndern, wenn durch den wilden Wein an der Mauer der Westwind
strich, wie Flstern von Stimmen, wenn ber das Dach hin die alten ste
sich berhrten. Alle sah sie, grte sie, lchelte ihnen zu und rief sie
mit Namen: die Mutter mit dem schimmernden Lockenhaar, die Kinder im
weien Rosenkrnzchen, den fernen Geliebten mit den durchgeistigten
Zgen des frhe vom Tode Gezeichneten, den Dichter mit den leuchtenden
Augen des Unsterblichen und den Vater, ber dem leise und feierlich der
Adler Napoleons seine Kreise zog. Und es kam eine linde Juninacht, da
zogen sie die Tochter, die Mutter, die Geliebte, die Freundin mit in
ihren Reigen. Niemand sah, wie sie ihr nahte -- die Wandelung zu hheren
Wandelungen! Sie starb allein. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Hnde
gefaltet, jede Falte hatte der Tod, ein sanfter Freund, aus ihrem
Antlitz weggewischt, ein hoheitsvoll-feierlicher Ernst lag auf ihren
Zgen. -- -- --

Der Haffwind pfiff ber die wogenden Felder, rttelte die toten ste von
den Bumen und streute weie und rote und gelbe Blten ber die Wege,
als sie zu Grabe getragen wurde. Niemand dachte daran, die Tote dorthin
zu fhren, wo ihres Geistes Geburtssttte, ihres Herzens Heimat war;
niemand schenkte ihr den letzten Ruheplatz an der Seite der Mutter, in
der Mitte der Freunde, wo ein treues Gedchtnis ihn geschmckt, Liebe
ihn gepflegt htte. In Legitten, mitten im den Land, dicht an der
staubigen Strae, wo ein einsames Kirchlein zwischen sprlichen Bumen
sich erhebt, umgeben von eines kleinen Dorfes armseligem Friedhof, dort,
dicht an der Mauer, liegt ihr Grab. "Die Liebe hret nimmer auf" steht
in goldenen Lettern auf dem eisernen Kreuz. Aber die, denen sie ihres
ganzen Lebens Liebe schenkte -- ihre Kinder -- sind weit, weit fort. Nur
die Blumen, die der Zufall zwischen dem Efeu wachsen lt, und die
Blten, die der Wind von den Linden herberweht, schmcken die Sttte,
wo sie ruht, und statt da Worte der Liebe und des Erinnerns sie gren,
zwitschern die Schwalben unter dem Kirchendach und das Glcklein singt
sein Sterbelied, wenn neue Schlfer unter ihm einziehen.

Fhlt sie die Einsamkeit, die liebelose? Oder wei sie, da Blumen ihrem
Grab entsprieen, die nie verwelken, da ein Ton aus ihm klingt, der
sich dem Siegeslied der Menschheit vermhlt? Mir war's, als htte ich
ihn gehrt und mte ihn weiter verknden.




Anmerkungen


[Anmerkung 1: Vgl. _Andr Martinet, Jrme Napolon, roi de Westphalie.
Paris_ 1902. Seite VIII f.]

[Anmerkung 2: Vgl. _Mmoires et Correspondance du roi Jrme et de la
reine Catherine. Paris_ 1861-1866. 7 Bnde. Bd. 1, S. 18. -- Dieses
Quellenwerk umfat die ganze Korrespondenz des Knigs mit Napoleon, mit
seiner Gattin und mit hervorragenden Persnlichkeiten seiner Zeit,
zugleich das regelmig gefhrte Tagebuch der Knigin, ferner die
amtlichen Berichte aus den Archiven der Ministerien des Krieges, der
Marine und des Auswrtigen sowie einen groen Teil der Berichte des
Grafen Reinhard, Gesandten Napoleons in Kassel, an diesen.]

[Anmerkung 3: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 1, S. 20f.]

[Anmerkung 4: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. _IX._]

[Anmerkung 5: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. S. 22, und _Martinet_,
a. a. O. S. _X_.]

[Anmerkung 6: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 1, S. 23.]

[Anmerkung 7: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 1, S. 51.]

[Anmerkung 8: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 1, S. 52ff.]

[Anmerkung 9: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 1, S. 107 u. 118f.]

[Anmerkung 10: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 1, S. 123f.]

[Anmerkung 11: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 1, S. 128 bis 324. --
Dieser Abschnitt enthlt die ausfhrliche Darstellung der Ehe Jeromes
mit Elisabeth Patterson und all ihrer Folgen bis zu seinem Tode, sowie
zahlreiche Briefe Jeromes an Elisabeth, auch aus der Zeit nach der
Trennung der Ehe.]

[Anmerkung 12: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 1, S. 374ff., und
_Martinet_, a. a. O. S. _XVIII_.]

[Anmerkung 13: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. _XVIII._]

[Anmerkung 14: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. 19ff., und _Mmoires_,
a. a. O. Bd. 3, S. 71f]

[Anmerkung 15: Vgl. _Dr._ Rudolf Goecke und _Dr._ Theodor Ilgen. Das
Knigreich Westfalen. Nach den Quellen dargestellt. Dsseldorf 1888. S.
163. --Die Verfasser, unter den deutschen Historikern des westflischen
Knigtums diejenigen, die sich mglichster Objektivitt befleiigten,
verurteilen die nach Jeromes Abdankung erschienenen gemeinen
Klatschgeschichten ber seine Regierungszeit, die "nach den Urteilen
Ununterrichteter die Epoche der Fremdherrschaft allein ausgefllt
haben". S. 116.]

[Anmerkung 16: Vgl. Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 50f., und _Mmoires_,
Bd. 3, S. 82ff.]

[Anmerkung 17: Vgl. Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 122.]

[Anmerkung 18: A. a. O. S. 117.]

[Anmerkung 19: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 3, S. 78f und S. 90f.]

[Anmerkung 20: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. 37.]

[Anmerkung 21: A. a. O. S. 45f.]

[Anmerkung 22: Vgl. _Mmoires_, Bd. 3, S. 129ff.]

[Anmerkung 23: Vgl. Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 76.]

[Anmerkung 24: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. 46ff.]

[Anmerkung 25: A. a. O. S. 50.]

[Anmerkung 26: _Mmoires_, a. a. O. Bd. 4, S. 33.]

[Anmerkung 27: _Martinet_, a. a. O. Bd. 4, S. 33.]

[Anmerkung 28: A. a. O. S. 86.]

[Anmerkung 29: A. a. O. S. 119.]

[Anmerkung 30: _Mmoires_, Bd. 4, S. 336ff.]

[Anmerkung 31: Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 206.]

[Anmerkung 32: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. 148ff.]

[Anmerkung 33: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 5, S. 140.]

[Anmerkung 34: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. 170ff.]

[Anmerkung 35: A. a. O. S. 185ff.]

[Anmerkung 36: A. a. O. S. 191.]

[Anmerkung 37: Vgl. Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 258.]

[Anmerkung 38: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. 200.]

[Anmerkung 39: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 6 und 7.]

[Anmerkung 40: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 7, S. 46ff., _Martinet_,
a. a. O. S. 274ff.]

[Anmerkung 41: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 7, S. 46ff., _Martinet_,
a. a. O. S. 274ff.]

[Anmerkung 42: Vgl. Ed. Wertheimer: Die Verbannten des ersten
Kaiserreichs, Leipzig 1897, und _Correspondance indite de la reine
Catherine de Westphalie. Publie par le baron A. du Casse. Paris_ 1891.]

[Anmerkung 43: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 5, S. 27, wo von 64000 Fr.
berichtet wird, die der Knig seiner Frau zur Begleichung ihrer Schulden
schenkte. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 3, S. 118ff., wo Reinhard von ihrem
Toilettenluxus spricht. Vgl. auch Ernestine v. B.: Knig Jerome und
seine Familie im Exil. Leipzig 1870. S. 128f., wo erzhlt wird, wie
Katharina sich hundert Paar Schuhe aus Paris bestellen wollte und Jerome
unter Hinweis auf ihre finanzielle Lage sie vor Verschwendung warnte.]

[Anmerkung 44: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. 223, 232, 239, 245, und
_Mmoires_, a. a. O. Bd. 7, S. 233, wo im Detail ber den zum Teil vom
Knig von Wrttemberg erzwungenen Verkauf des Schmucks der Knigin
Katharina, des Silbers, der Kunstgegenstnde berichtet wird.]

[Anmerkung 45: Vgl. Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 117, und _Martinet_,
a. a. O. S. 52.]

[Anmerkung 46: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 3, S. 198ff., Briefe
Reinhards vom 15. Januar 1809.]

[Anmerkung 47: _Un roi qui s'amusait. Par un indiscret. Paris_ 1888.
S. 40 u. 44. Dies Buch ist nur insofern eine zuverlssige Quelle, als der
Autor Berichte und persnliche Briefe des Grafen Reinhard zitiert, und
es wurde auch nur insoweit von mir benutzt.]

[Anmerkung 48: Geheime Geschichte des ehemaligen Hofes in Kassel,
Petersburg (Braunschweig) 1814. Zwei Bnde, fast ausschlielich voll
mehr oder weniger schmutziger, durch nichts beglaubigter Anekdoten.]

[Anmerkung 49: Otto von Boltenstern. Am Hofe Knig Jeromes. Erinnerungen
des westflischen Pagen von Lehsten. Berlin 1905. S 29f. Lehsten erzhlt
unter anderem, um zu beweisen, wie gro Jerome gegenber die
Verleumdungssucht war, da man bei seinem Aufenthalt in Dresden seine
Pagen -- also auch ihn, Lehsten -- fr verkleidete, zum "Harem" Jeromes
gehrige Mdchen gehalten und sie dadurch aufs bitterste gekrnkt habe.]

[Anmerkung 50: Moritz von Kaisenberg. Knig Jerome Napoleon. Leipzig
1899. -- Der Verfasser vermischt authentische Briefe eines seiner
Vorfahren mit Briefen einer Frau von Sothen und anderer, in denen
zahlreiche Abschnitte mit Stellen aus der eben zitierten "Geheimen
Geschichte des ehemaligen Hofes in Kassel" zum Teil wrtlich identisch
sind. Es sei nur auf die folgenden hingewiesen: Geheime Geschichte I S.
91 und Kaisenberg S. 143, Geh. Gesch. S. 92 und Kaisenberg S. 101, Geh.
Gesch. S. 93 und Kaisenberg S. 73, Geh. Gesch. S. 96 und Kaisenberg S.
73, Geh. Gesch. S. 89 und Kaisenberg S. 74, Geh. Gesch. S. 113 und
Kaisenberg S. 96ff., Geh. Gesch. S. 133 und Kaisenberg S. 143, Geh.
Gesch. S. 174ff. und Kaisenberg S. 75ff., Geh. Gesch. S. 192 und
Kaisenberg S. 78, Geh. Gesch. S. 235ff. und Kaisenberg S. 160 usw.]

[Anmerkung 51: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. 15.]

[Anmerkung 52: _Un roi qui s'amusait_, a. a. O. S. 253.]

[Anmerkung 53: Das Tagebuch ist in den sieben Bnden der Memoiren
vollstndig verffentlicht.]

[Anmerkung 54: _Correspondance indite_, a. a. O. S. 66f., S. 150f.,
auerdem die zahlreichen, in den Memoiren verffentlichten Briefe
Katharinens an Jerome, und S. Schloberger: Briefwechsel der Knigin
Katharina. Stuttgart 1886.]

[Anmerkung 55: Vgl. _Mmoires_, a. a. O. Bd. 6, S. 382f. In ihrer
Verzweiflung ber die Gewaltmaregeln, die ihr Vater ergriffen hatte,
um sie zur Trennung von Jerome zu zwingen, wandte sich Katharina
schutzflehend sowohl an den Kaiser von Ruland wie an den von
sterreich, und erniedrigte sich so sehr, den Falschesten unter den
Falschen, Metternich, um seine Untersttzung zu bitten. Ihre Emprung
ber ihre Familie, die alles tat, um ihren Mann in ihren Augen
herabzusetzen, und die Liebe zu ihm, der "das ganze Glck meines Lebens
ist", drckt sich darin rhrend aus. Vgl. _Correspondance indite_,
a. a. O. S. 165.]

[Anmerkung 56: Vgl. Erlebnisse in kurhessischen und russischen Diensten
und Erinnerungen an die Gesellschaft in Weimar des Freiherrn Alfred Rabe
von Pappenheim. Marburg 1892.]

[Anmerkung 57: _Un roi qui s'amusait_, a. a. O. S. 225 u. 229. Berichte
Reinhards.]

[Anmerkung 58: Vgl. _Almanach royal de Westphalie pour l'an_ 1810. S. 62
u. 65.]

[Anmerkung 59: _Un roi qui s'amusait_, a. a. O. S. 236. Berichte
Reinhards.]

[Anmerkung 60: A. a. O. S. 210f.]

[Anmerkung 61: A. a. O. S. 199.]

[Anmerkung 62: Vgl. G. Th. Stichling, Ernst Christian August von
Gersdorff. Weimar 1853.]

[Anmerkung 63: Vgl. Briefwechsel zwischen Goethe und Minister von
Gersdoff. Mitgeteilt von Lily von Kretschman. Goethe-Jahrbuch. 1892. Bd.
13, S. 98ff.]

[Anmerkung 64: Vgl. Graf Ferdinand Eckbrecht von Drckheim: Lilis Bild.
Mnchen 1894.]

[Anmerkung 65: Vgl. _Dr._ Karl Mendelssohn-Bartholdy: Goethe und Felix
Mendelssohn. Leipzig 1871. S. 27.]

[Anmerkung 66: Dieses Gedicht befindet sich in meinem Besitz. Der Bogen,
schnes englisches Papier, war mit blauem Umschlag versehen und gerollt;
die Adresse, auch von Goethes Hand geschrieben, enthlt nur den Namen
der Empfngerin, "Frulein Jenny von Pappenheim", das Siegel ist fast
ganz abgebrochen.]

[Anmerkung 67: Die Bescheidenheit verbietet hier, wie es scheint, meiner
Gromutter, zu wiederholen, was sie mir in bezug auf diesen Ring, den
sie mir geschenkt hat, und den ich besitze, erzhlte. Von dem kleinen
schwarzen Pfeil, einem Stckchen Kohle vielleicht, in einem Bergkristall
eingeschlossen, sagte Goethe: "Das ist der Pfeil, mit dem Sie mich
getroffen haben."]

[Anmerkung 68: Die "Iphigenie" mit Goethes Widmung, die ich gleichfalls
besitze, ist die Jubilumsausgabe von 1825, mit dem Prolog vom Kanzler
von Mller, in Quart, hellblau gebunden.]

[Anmerkung 69: Dieses Blatt habe ich einem Frankfurter Goethe-Verehrer
zum Geschenk gemacht.]

[Anmerkung 70: Maler Mllers Portrt der Grfin Vaudreuil, ein
Pastellbild, befindet sich im Goethe-Museum.]

[Anmerkung 71: Vgl. meinen Artikel "Weimars Gesellschaft und das Chaos"
in Westermanns Monatsheften 1893.]

[Anmerkung 72: Unter dem "Volkslied" ist das bekannte
"Lieblingspltzchen" gemeint, das nicht, wie Mendelssohn in der
Komposition angibt, dem "Wunderhorn" entnommen ist, sondern dem "Chaos"
Nr. 41. Als Verfasserin wird "Friederike" angegeben, das Pseudonym fr
Bettina.]

[Anmerkung 73: Es handelt sich nur um einen Brief vom 28. August 1831
(siehe Goethe-Jahrbuch _XII._ 1891), den Goethe unter dem Titel "Berner
Oberland" im "Chaos" verffentlichte.]

[Anmerkung 74: Vgl. Erlebnisse in kurhessischen und russischen Diensten
und Erinnerungen an die Gesellschaft in Weimar aus der Goethezeit des
Freiherrn Alfred Rabe von Pappenheim. Marburg 1892. S. 40f.]

[Anmerkung 75: Vgl. "Die litterarischen Abende der Groherzogin Maria
Paulowna", von Lily von Kretschman, in der "Deutschen Rundschau". Berlin
1893.]




Register


Ahlefeldt, Frau von, 98.
d'Albert, Eugen, 347.
Albrecht, Herzog von Mecklenburg, 187.
Anna Amalia, Herzogin von Sachsen-Weimar, 99.
Apelt, Professor Ernst, 175.
Arndt, Ernst Moritz, 293.
Augusta, Kaiserin von Deutschland, 12, 79, 88, 176ff., 189, 249,
  272, 289, 298ff., 317, 334, 409.

Bacon, Roger, 266.
Bagration, Prinz, 35.
Balzac, Honorde, 107, 110, 296, 297.
Beauharnais, Eugen, 19, 37.
Bendorf, Johann von, 372.
Berckheim, General von, 331.
Berthier, Marschall, 30.
Bethmann Hollweg, 298.
Bettina von Arnim, 89, 114, 211ff., 266, 300.
Beust, Graf Fritz, 248, 264, 346, 349, 408.
Bismarck, Frst, 299, 399.
Blanqui, J. A., 71, 278ff.
Bocholtz, Grfin, 43.
Boissere, Sulpice, 114.
Boltenstern, Otto von, 43.
Bonaparte, Jerome Napoleon, 10ff., 17, 57, 269ff., 271, 277, 279,
  289, 295, 308, 311.
" Jerome Napoleon (der Sohn), 58ff., 68f., 70f., 74.
" Ltitia, 17f., 23.
" Louis Napoleon, Knig von Holland, 28.
" Louis Napoleon (Napoleon _III._), 64, 294f.
" Mathilde, 58f.
" Napoleon _I._, 11, 17ff., 23, 84, 86, 106, 172, 294f., 353, 376.
" Napoleon _II._, Herzog von Reichstadt, 172.
Blow, Minister von, 32.
Bussires, Familie von, 310.
Byron, Lord, 110, 204.

Carlyle, Thomas, 293.
Chamisso, Adalbert von, 114.
Caroline, Herzogin von Mecklenburg (Prinzessin von Sachsen-Weimar), 180.
Chateaubriand, F. R., 110, 181, 205, 353.
Cornelius, Peter, 300.

David, Bildhauer, 152.
Davout, Marschall, 19, 33, 35.
Dickens, Charles, 107.
Dingelstedt, Franz, 355.
Donero, Lord, 151.
Drnberg, Major von, 30.
Dumas, Alexander, 181.
Duperr, Madame, 52f., 59.

Eckermann, 95, 113f., 125f.
Egloffstein, Isabella von, 79, 90.
" Julie von, 97, 101.
" Die Schwestern v., 114,
Einsiedel, Kammerherr von, 99.

Feuchtersleben, Ernst von, 293.
Fouqu, Baron de la Motte, 114, 296.
Friedrich _II._, Knig von Preuen, 261, 353.
Friedrich, Goethes Diener, 91, 95, 144.
Frommann, Alwine, 155, 210.
Froriep, Emma, 113, 151, 155ff., 231, 243, 264, 302.
" Ludwig, 175.
" Wilhelmine, 240, 245, 247, 253, 262, 313, 324.

Gauteaume, Konteradmiral, 20.
Gerlach, Ernst Ludwig von, 298.
Gersdorff, Cecile von (Grfin Beust), 126, 139, 259, 264, 331.
" Ernst August von, 82, 87, 266ff., 277, 283.
Gleichen-Ruwurm, Emilie von (Schillers Tochter), 98.
" H. L. von, 348.
Goethe, Johann, Wolfgang, 79f., 84f., 87f., 89ff., 109f., 119ff.,
  131, 134, 137f., 144f., 158, 161, 166, 204f., 213, 234f., 353,
  355, 359, 364, 377, 389, 392, 396, 414.
" Alma von, 89, 120.
" August von, 101, 103, 113, 134ff. 150.
" Ottilie von, 89, 93ff., 102ff., 113f., 116, 126ff., 136, 138f.,
  144ff., 151, 189, 205, 210, 213, 231, 250, 259, 377, 415f.,
" Walter von, 90, 103, 139, 160, 231, 260, 359f., 360, 406, 411.
" Wolf von, 90, 103, 139ff., 160, 231, 356ff., 372ff., 377.
Goff, 115.
Gower, Lord Loveson, 115.
Gries, Johann Dietrich, 114.
Grillparzer, Franz, 204.
Gustedt, Diana von, 261f.
" Jenny von (die Tochter), 253, 255, 260, 264, 289, 310ff., 312,
  316, 327f., 336.
" Marianne von, 73, 247, 260, 264, 289.
" Otto von, 71, 75, 247f., 255, 260, 264, 290ff., 301ff., 307,
  310, 313f., 315f., 318, 325, 327, 331ff., 362f.
" Werner von, 61, 232f., 239, 248f., 255, 264, 276f., 286, 293,
  297f., 302, 309, 311f., 314.
" Werner von (der Sohn), 325ff., 333, 360f., 384, 397, 399.

Hahn-Hahn, Ida Grfin, 108, 249f.
Hahnemann, _Dr._ Samuel, 121ff.
Hamilton, Mr., 277, 393.
Hebbel, Friedrich, 364.
Heine, Heinrich, 204, 351.
Helene, Herzogin von Orleans, 12, 180ff., 233f., 271, 289.
Henckel, Grfin, 135, 145.
Herder, Johann Gottfried, 98, 107, 205.
Heygendorf, Frau von (Caroline Jagemann), 100, 126.
" Wolfgang von, 126.
Hinkeldey, Polizeiprsident von, 298, 300.
Holtei, Karl von, 9, 109, 113, 148ff.
Hugo, Victor, 107, 110, 181, 185.
Humboldt, Alexander von, 94, 175, 300, 328.
Huschke, _Dr._, Goethes Arzt, 101.

Jagemann, Caroline (siehe Frau von Heygendorf).
Jameson, Anna, 90, 415.

Kaisenberg, Moritz von, 44.
Kalkreuth, Graf Leopold, 348.
Kant, Immanuel, 353.
Karl Alexander, Groherzog von Sachsen-Weimar, 10, 88, 190, 250ff.,
  256ff., 347f., 363ff., 405ff., 417f.
Karl August, Groherzog von Sachsen-Weimar, 46, 81f., 85, 90, 99ff.,
  126, 173, 180, 205.
Karl, Prinz von Preuen, 176.
Katharina, Knigin von Westfalen, 25, 31, 39, 41, 44f., 50.
Kirchner, Goethes Friseur, 91.
Kleist-Nollendorf, Graf von, 300.
" Grfin von, 361.
Knebel, Karl Ludwig von, 99, 114, 205.
Kniprode, Winrich von, 261.
Kretschman, Hans von, 310, 317, 330f., 341.
Kster, Geschftstrger von Preuen in Kassel, 27, 42.

Lamartine, A. M. L., 110, 191, 205.
Lassalle, Ferdinand, 328.
Lavater, Joh. Kaspar, 204.
Lehsten, Page von, 43.
Lewes, George Henry, 293.
Liszt, Franz, 347, 349, 365.
Louis Philipp, Knig von Frankreich, 181.
Luise, Groherzogin von Sachsen-Weimar, 81f., 100f.
Ludwig _I._, Knig von Bayern, 91.

Maria Paulowna, Groherzogin von Sachsen-Weimar, 48, 79f., 110, 173f., 289.
_Marie de la Croix, mre_ (siehe Pauline, Grfin Schnfeld).
Marie, Prinzessin von Sachsen-Weimar (Prinzessin Karl von Preuen), 79, 176.
Mendelssohn, Felix, 88, 94, 113f., 143ff.
" Moses, 293.
Metschersky, Prinz Elim, 115f.
Metternich, Frst, 39f., 106.
Mller, Kanzler, 102.
Mundt, Theodor, 216f.
Musset, Alfred de, 296.

Napoleon (siehe Bonaparte).
Naylor, Samuel, 115.
Nietzsche, Friedrich, 353.
Nol, Mr., 127f.
Novalis, Friedrich, 296.

Otto-Peters, Luise, 108.

Pappenheim, Alfred von, 55, 109, 126.
" Diana von, 46ff., 79, 85, 89, 173, 253f., 269.
" Gottfried von, 53.
" Wilhelm Maximilian, 46ff., 53.
Parry, Mr., 113.
Patterson, Elisabeth, 22, 24.
Paul, Jean, 204f.
Paul, Prinz von Wrttemberg, 59.
Pauline, Grfin Schnfeld (_mre Marie de la Croix_), 52ff.,
  57ff., 92, 269, 277, 295, 331.
Pfeil, Pfarrer, 288.
Pogwisch, Ulrike von, 103.
Pourtals, Graf, 298.
Preller, Friedrich, 234.
Pckler, Frst (Semilasso), 206, 293, 300.

Rahel Varnhagen, 108, 146, 207ff.
Rauch, Christian, 94.
Reichstadt, Herzog von (siehe Bonaparte).
Reinhard, Graf, 27, 30f., 37, 43f., 49ff.
" Graf Karl (der Sohn), 110.
Reuter, Fritz, 328.
Riemer, Fried. Wilh., 114.
Rckert, Friedrich, 94.

Sainte-Beuve, Charles Aug., 296.
Saint-Simon, 107.
Salmgunt, Admiral, 20.
Sand, George, 107f., 110, 266, 387.
Schardt, Sophie von, 99.
Scheidler, Prof. Karl H., 9, 164, 182, 219ff., 276f., 284f., 294.
Schelling, F. W. J., 205.
Schiller, Ernst von, 137.
" Friedrich, 85, 98, 107, 205, 355.
Schleiden, M. J., 175, 293.
Schleiermacher, Friedr., 205.
Schlieffen, General von, 38.
Schll, Adolf, 175.
Schopenhauer, Adele, 97, 111, 114, 155, 210.
" Arthur, 111, 353.
" Johanna, 98, 110f.
Schorn, Ludwig von, 175.
Schtze, _Dr._ Stephan, 112.
Schwarzenberg, Prinz Friedrich, 165, 167, 172, 181.
Schwerdgeburth, C. A., 190.
Scott, Walter, 94, 107, 110, 204.
Sebastiani, Marschall, 72.
Seneca, 266.
Shelley, Percy Bysshe, 107, 204.
Sophie, Groherzogin von Sachsen-Weimar, 406.
Soret, Hofrat, 113.
Spiegel, Die Schwestern von, 114.
" Hofmarschallin von, 232.
Stal, Frau von, 108.
Stein, Charlotte von, 98.
Stendhal, 296.
Stieglitz, Charlotte, 108, 215f.
" Heinrich, 216f.
Stieler, Maler, 89.
Strauch, Maler, 300.
Strau, Richard, 347.

Thackeray, W. M., 115.
Thiers, L. A. 69.
Thistleswaite, Mr., 90.
Tieck, Ludwig, 94f., 296.
Toussaint-Louverture, 21.
Truchse-Waldburg, Grfin, 43, 49.
Trckheim, Elisabeth von (Goethes Lili), 83, 365.
" Karl von, 83.

Usedom, Herr von, 298.

Varnhagen von Ense, 210, 213, 300.
" Rahel (s. unter Rahel).
Vaudreuil, Graf Alfred, 172, 181, 188.
" Grfin Louise, 103, 164ff.
Vigny, Alfred de, 296.
Villaret-Joyeuse, Admiral, 21.
Voeux, Charles des, 115.
Voltaire, 353.

Wagner, Richard, 347, 349ff., 364.
Waldner, Aldelaide von, 99.
" Eduard Graf, 86, 110.
Wellesley, Lord Charles, 150.
Werner, Zacharias, 99, 204.
Wieland, 98, 107, 205.
" Lina, 98.
Wilhelm, Prinz von Preuen (Kaiser Wilhelm _I._), 176f.
Willaumez, Admiral, 24.
Wolzogen, Frau von, 98.

Zelter, Karl Friedr. 94, 114, 144.
Ziegesar, Prsident von, 99.




ANMERKUNGEN ZUR TRANSKRIPTION

 umschliet im Original gesperrten Text

_ umschliet im Original in Antigua gesetzten Text

[Anmerkung TN1: Im Original steht hier "treten" anstatt "traten".]

[Anmerkung TN2: Im Original steht hier "gewonnennen" anstatt
"gewonnenen".]

[Anmerkung TN3: Ein im Original fehlendes Anfhrungszeichen wurde hier
ergnzt.]

[Anmerkung TN4: Ein im Original fehlendes Anfhrungszeichen wurde hier
ergnzt.]

[Anmerkung TN5: Im Original steht hier "Lebeninshaltes" anstatt
"Lebensinhaltes".]



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Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

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