Project Gutenberg's Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer, by Friedrich Gerstcker

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Title: Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: October 31, 2006 [EBook #19675]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERRN MAHLHUBERS REISEABENTEUER ***




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                     Herrn

          Mahlhuber's Reiseabenteuer.


                   Erzhlung
                      von
              Friedrich Gerstcker




                    Leipzig:
                F. A. Brockhaus.
                      1857.




Der Verfasser behlt sich das Recht der Uebersetzung
ins Englische und Franzsische vor.




Inhaltsverzeichni.

                                           Seite
 1. Der Commerzienrath                         1
 2. Die Vorbereitungen zur Reise               7
 3. Erstes Abenteuer                          12
 4. Das Posthaus und die Mamsell              25
 5. Das grne Zimmer                          32
 6. Die verhngivollen Schuhe                47
 7. Die Nichte                                64
 8. Der Ueberfall                             71
 9. Die Gesellschaft im Hirsch                82
10. Der Schlafkamerad                         90
11. Die Geschichte von dem Scheusal          103
12. Sind Sie Herr Mahlhuber?                 116
13. Die Flucht                               124
14. Wieder unterwegs                         128
15. Die Heimkehr                             137




1.

+Der Commerzienrath.+


In einem gemthlichen Stdtchen Baierns -- und alle Stdte und Stdtchen
Deutschlands sollten eigentlich den Gesetzen nach gemthlich sein --
lebte still und zurckgezogen der Held unserer Geschichte.

Herr Hieronymus Mahlhuber war ein anspruchloser Mann, der sich schon
seit lnger als funfzehn Jahren mit dem Titel eines Commerzienraths und
im Besitze eines Ludwigskreuzes nach Gidelsbach zurckgezogen hatte und
hier mit einer alten Haushlterin still und ruhig seine Tage verlebte.
Was er einmal frher gethan, den Titel wie den Orden zu bekommen, hat
man nie erfahren. Manche, und besonders die uerste Linke in Gidelsbach
(der Mller und der Bader), wollten behaupten, er htte Beides bekommen,
weil er nichts gethan, aber da sich das nicht denken lie, so fand es
auch keinen Eingang bei dem denkenden Theile der Brgerschaft. Die
Einwohner von Gidelsbach sahen den kleinen wohlbeleibten ltlichen Herrn
sogar mit einer soviel grern Ehrfurcht und Achtung an, weil eben ber
seinen Verdiensten ein gewisses geheimnivolles Dunkel lag, und zu
diesen gehrte jedenfalls und unbestritten, da er nur selten davon
sprach.

Von etwas sprach er aber, das brigens auch ein besonderes Interesse
fr ihn haben mochte, da es ihm am nchsten stand, und das war seine
Leber, die er, ob gegrndet oder ungegrndet, in den Verdacht gebracht
hatte, da sie drei Zoll zu gro sei und in ihrer Anschwellung darauf
hinarbeite ihm den Magen abzustoen.

Die beiden Aerzte im Stdtchen waren darber, wie sich das auch nicht
anders erwarten lie, durchaus entgegengesetzter Meinung, wodurch der
eine, der eine derartige Krankheit vollkommen ableugnete und das Leiden
zuerst als eine Indigestion und nachher fr alberne Einbildung erklrte,
einen sehr guten Kunden verlor, und der andere, der durch Klopfen und
Horchen an Brusthhle, Rippen, Schultern und allen andern Krpertheilen
des Commerzienraths allerdings einige jedenfalls zu bercksichtigende
und bedenkliche Symptome einer mglichen rothen oder gelben Hypertrophie
oder einer speckartigen Entartung der Leber gefunden haben wollte, ihn
gewann.

Herr Commerzienrath Mahlhuber war sehr besorgt um sein Leben im
Allgemeinen wie um seine Leber im Besondern, und das mu ihn
entschuldigen, wenn er mit dieser angeblichen unnatrlichen Vergrerung
derselben auch eine frher gehabte, leicht und glcklich operirte
Balggeschwulst oben auf dem Kopfe in Verbindung brachte. Er hatte
eine natrliche Scheu vor allen derartigen Dingen, und die sonst ganz
unschuldige Geschwulst war ihm als das Entsetzlichste erschienen, was
sich an dem menschlichen Krper nur berhaupt bilden konnte, da es, in
unmittelbarer Nhe mit dem Gehirn, in seinen Folgen unberechenbar sein
mute.

Bei weiter gar keiner Beschftigung als eben nur der, sein ihm uerst
kostbares Leben zu erhalten, malte er sich die Entwickelung solcher
Leiden mit den lebendigsten Farben aus, und war endlich zu dem Resultat
gekommen, da eine Vereinigung der Balggeschwulst-Nerven mit der Leber
keineswegs zu den Unmglichkeiten gehre, ja da oben sogar auf dem
Kopfe, trotz der vollkommen geheilten Narbe, ein hnlicher Schaden
wieder ausbrechen und krebsartige Folgen mit sich fhren knne.

Doctor Mittelweile that sein Mglichstes, ihm derartige Ideen auszureden
und ihm zu beweisen, da er ebenso leicht einen Krebs an der uersten
Nasenspitze wie an der vernarbten und vollkommen geheilten und von ihm
selbst operirten Geschwulst erwarten drfe; Doctor Mrzhammer aber, sein
frherer Arzt, machte sich ein Vergngen daraus unter der Hand, wo er
wute, da es dem Commerzienrath zu Ohren kommen mute, zu verbreiten,
die Naht knnte im Innern noch einmal eitern.

Doctor Mittelweile, der vergebens gegen solchen Unsinn ankmpfte und
tglich die alten Geschichten und Klagen mit dem vollkommen gesunden
Manne durchzuarbeiten hatte, wute endlich keinen andern Rath als ihn
auf Reisen zu schicken, weniger in ein bestimmtes Bad zu gehen, als nur
einmal einen Monat in der Welt umherzufahren. Sein Patient brauchte
Zerstreuung, und die konnte er in dem mit der Welt in fast gar keiner
Verbindung stehenden Gidelsbach nimmermehr finden. Er war hier versauert
und eingetrocknet und mute hinaus an die frische Luft. Auch fr die
Leber prophezeite er ihm dabei die segensreichsten Folgen, da nichts ein
unnatrliches Wachsen der Leber, wie man das ja auch an den Gnsen sehe,
so befrdere, wie Unthtigkeit und gehemmte Bewegung.

Doctor Mittelweile hatte nun aber mit einer andern Schwierigkeit
zu kmpfen, mit dem vor allem die Ruhe liebenden Temperament des
Patienten. Nur keine Aufregung! -- nur keine Uebereilung! wurden seine
Wahlsprche, und wenn er irgendetwas auf der Welt, auer Demokraten,
hate, so waren es Abenteuer, zu denen er selbst die unschuldigsten
Flle rechnete, sobald sie ihn nur aus dem gewhnlichen Gleise seines
stillen behaglichen Lebens hinausbrachten. Mute er da nicht eine Reise
als eine Kette von Abenteuern betrachten, und htte er sich je selber
freiwillig dazu entschlieen knnen? -- Nimmermehr.

Es gab nur Einen Gegenstand -- wie Doctor Mittelweile recht gut wute --
in der weiten Gotteswelt, der ihn endlich wirklich zu einem solchen
verzweifelten Entschlusse treiben konnte, und der war -- eben die Leber.
Hinter diese steckte sich der Doctor, und die Symptome wurden denn auch
bald so bedenklicher Art, da der Commerzienrath in seinem baumfesten
Entschlusse, wie er ihn nannte, wirklich wankend gemacht wurde und die
Mglichkeit zuzugeben anfing, da er doch am Ende reisen knne.

Es gibt nur zwei Wege fr Sie, hatte der Doctor, dem die Geschichte
nachgerade anfing langweilig zu werden, am Ende einer langen Rede einmal
zu ihm gesagt. Sie mssen sich in einen Wagen setzen, oder Sie werden
in einen gesetzt, oder vielmehr gelegt nach unsern jetzigen christlichen
Begriffen. Auerdem wei ich noch nicht einmal ob das allein fr Sie
hinreichend sein wird, denn das dumme Zeug, was Sie sich von der
"umwundenen Naht" haben in den Kopf setzen lassen (und ich kann mir
recht gut denken woher es kommt), wird auch die Reise nicht ganz mit der
Wurzel ausrotten, dazu gehrt schon eine Radicalcur.

Noch etwas Schlimmeres als eine Reise?

Schlimmeres? -- ja und nein, wie Sie wollen.

Und das wre?

Sie mssen heirathen.

Heirathen? rief der Commerzienrath, mit einem Satze aus seinem
Lehnstuhl hinausspringend und einen scheuen Blick nach der Thr werfend.
Wenn Dorothee das Wort gehrt htte!

Heirathen, besttigte aber der Doctor, der selbst zum ersten male
an einen solchen Ausweg gedacht und nun that, als ob er sich das Fr
und Wider schon monatelang mit allen Grnden und Hindernissen berlegt
und die Erffnung nicht lnger auf dem Herzen htte behalten knnen.
Heirathen, wiederholte er noch einmal, und nahm eine langsame
bedchtige Prise. Und je eher Sie sich dazu entschlieen, desto besser
fr Sie. Viel Zeit haben sie berhaupt nicht mehr damit.

Unsinn! sagte der Commerzienrath, der sich von dem ersten Schreck
erholt hatte, und wieder in seinen Stuhl sank, heirathen? Fragen Sie
einmal meine Dorothee, was die dazu sagen wrde.

Dorothee? rief der Doctor unwillig und verchtlich mit dem Kopfe
schttelnd, Dorothee! -- Was geht uns Ihre Dorothee an, wenn es sich um
Ihre lebenslngliche Behaglichkeit und Gesundheit handelt?

Behaglichkeit? -- Ja das kann ich mir denken, sagte der
Commerzienrath. Da ich die Hlle im Hause htte? -- Nein, Doctor,
meine Leber will ich Ihnen anvertrauen, aber meinen Hausfrieden nicht.
Wenn es denn nun einmal nicht anders sein kann, so will ich reisen --
meinetwegen; ich gehe so und so zugrunde; aber wie? -- wohin? -- womit?
-- wie weit?

Sie mssen vor allen Dingen fahren, sagte der Doctor rasch, und klug
genug, sein zweites Mittel fr den Augenblick nicht mit Gewalt erpressen
zu wollen. Zeit bricht Rosen, und wenn Sie sich hier morgen frh auf
die Post setzen, knnen Sie bermorgen mit dem Sechs-Uhr-Zuge die Wahl
zwischen den Weltgegenden haben, die Sie besuchen wollen.

Eisenbahnen! seufzte der Commerzienrath. Ich kenne kein
unbehaglicheres Gefhl auf der Welt, eine Operation ausgenommen, als
sich auf eine Eisenbahn zu setzen. Die unerwarteten Flle, die da
vorkommen: Zusammenrennen der Locomotiven, Platzen der Kessel,
Einschneien der Zge --

Wir sind ja mitten im Sommer.

Nun ja, aber alle derartigen Aufregungen, die junge leichtsinnige
Menschenbilder Abenteuer nennen, sind mir in innerster Seele verhat,
und wenn Sie sich dadurch eine Heilung meiner Krankheit versprechen,
haben Sie vorbeigeschossen. Ich frchte diese werden meinen Zustand
eher, wenn das berhaupt mglich ist, verschlimmern.

Lieber Commerzienrath, beruhigte ihn der Doctor, Sie haben in unserer
Zeit auf einer Eisenbahn nicht mehr Abenteuer zu frchten wie oben auf
dem Kanzleigericht; es geht Alles seine trockene, eingefahrene,
pedantische Bahn. Wenn Sie den Zug nicht versumen, brauchen Sie nicht
zu glauben, da Ihnen irgendetwas Auergewhnliches passirt.

Also morgen! sthnte der Commerzienrath, und

Gott sei Dank! sagte Doctor Mittelweile mit einem tiefen Seufzer, als
er die Treppe hinabstieg; haben wir ihn doch erst einmal so weit.




2.

+Die Vorbereitungen zur Reise.+


Der Tag war ein geschftsreicher im Mahlhuber'schen Hause, denn es galt
einen Menschen zur Reise herzurichten, der die Welt, wie diese von ihm
nichts wute, fast ganz vergessen hatte und von seinen Bequemlichkeiten,
die er alle hinter sich lassen sollte, so unzertrennlich zu sein schien,
da sie ihm ebenso viele nothwendige und fast unerlaliche Bedrfnisse
geworden waren.

Frau Dorothee, die sechsundfunfzigjhrige Haushlterin, wollte sich
aber fast noch weniger hineinfinden als ihr Herr; sie schimpfte auf den
Doctor, der, wenn er Ferien haben wollte, selber verreisen und nicht
ihren armen Herrn in Wind und Wetter hinausschicken sollte, und
weigerte sich im Anfange hartnckig, auch nur einen Finger zu rhren,
ihn in sein Unglck selber mit hineinstoen zu helfen. Erst als sie
sah, da all ihr Protestiren erfolglos blieb, erklrte sie pltzlich:
in dem Falle sei es ihre Pflicht selber mitzufahren, den armen Herrn
nicht ohne eine zuverlssige Sttze den Weltstrmen preiszugeben, und
als auch das nicht angenommen wurde, wollte sie wenigstens einen
Bedienten durchsetzen, den sie als unausweichbare Bedingung ihrer
Einwilligung zu einem so tollkhnen, ungerechtfertigten Unternehmen
stellte.

Dieser Bediente war ein Vetter von ihr, den sie auch ohne weiteres
bestellte, um gleich beim Packen hlfreiche Hand zu leisten. Aber
selbst der Vetter fand keine Gnade vor des Commerzienraths Augen. Herr
Mahlhuber war nun einmal fest entschlossen allein zu reisen, und --
hatte dabei auch seine ganz besondern Grnde. Sollte er sich einen
Menschen aufhngen, der nachher jede Bewegung, die er da drauen
gemacht, jede Ungeschicklichkeit in den fremden Sitten (und er war klug
genug solche zu frchten) genau und ausfhrlich mit nach Gidelsbach
zurckbrachte und den Leuten in der Schenke Stoff zum Lachen und
Maulaufreien gab? Nein, er wollte sich still in einen Postwagen setzen
und fahren, wohin? blieb sich gleich, ja, wenn es unbemerkt geschehen
konnte, vielleicht eine zeitlang herber und hinber, von Station zu
Station, um nur nicht zu weit fortzukommen; doch das fand sich Alles
spter und er konnte darber schalten und walten wie es ihm gut dnkte
-- wenn er nur allein war.

Auch incognito wollte er reisen. -- Mahlhuber! Der Name ging schon, es
gab verschiedene Mahlhuber, in Gidelsbach sowol wie in der Umgegend,
aber den Commerzienrath mute er verheimlichen. Schlechtweg Mahlhuber,
mit dem Ludwigskreuz jedoch, denn das durfte er nicht aus dem Knopfloch
lassen, es htte das als eine Misachtung angesehen werden knnen; aber
er trug es am Frack und den Oberrock darberhin, soda es wenigstens
nicht unnthig auffiel.

Eine Schwierigkeit zeigte sich aber doch noch. Der Commerzienrath hatte
Dorothee's wie ihres Vetters Begleitung parirt, wie berhaupt in der
ganzen Verhandlung eine sonst nicht so stark an ihm hervortretende
Willensfestigkeit gezeigt; Eins aber trug die wackere und um ihren Herrn
wirklich besorgte Wirthschafterin noch auf dem Herzen, auf dem sie
bestand und gegen das Herr Mahlhuber vergebens ankmpfte. Dieser sollte
nmlich, seiner grern Sicherheit wegen, ein paar alte Pistolen, die
bisjetzt friedlich, jeden Sonnabend sauber abgescheuert, ber seinem
Bette gehangen hatten, mit auf die Reise nehmen, etwaigen Gefahren
und Abenteuern, die gar nicht ausbleiben knnten, zu begegnen, und all
sein Struben dagegen und Aergerlichwerden half ihm nichts. Vergebens
erklrte er Dorothee, da er keinen Fu vor die Thr setzen wrde,
sobald er die geringste Ahnung von einem in jetziger Art zu reisen ganz
unmglichen Abenteuer habe, und Ruber gbe es nicht mehr, dank der
wohlthuenden Menge von Gendarmen und Polizeidienern berall, wohin ein
ruhiger Staatsbrger seine Bahn lenken mge; wozu also sich mit einer
hchst unbequemen Waffe schleppen, die, wenn nicht geladen, vollkommen
nutzlos und beschwerlich, wenn aber geladen, sogar fr den Trger selber
gefhrlich werden knnte? Dorothee gab nicht nach; sie hatte erst
krzlich eine furchtbare Geschichte gelesen, da ein Reisender durch
einen rechtzeitigen Pistolenschu sein eigenes Leben wie das seiner
Reisegefhrtin, eines jungen unschuldigen Mdchens, gerettet habe, und
versicherte sich Alles gefallen lassen zu wollen, wenn der Herr
Commerzienrath nur eben in der einen Sache nachgeben wrde.

Beide kamen zuletzt zu einem Compromi, wonach sich der Commerzienrath
Mahlhuber erbot und verpflichtete, ein Pistol -- das andere sollte
unangefochten an der Wand hngen bleiben -- ungeladen in die Tasche zu
stecken und mitzunehmen. Er wollte es erst in den Koffer thun, und
Dorothee wollte es geladen haben; zuletzt vereinigten sie sich zu der
angegebenen Art, und die Sache schien abgemacht.

Wenn aber der Commerzienrath die Sache solcherart fr erledigt hielt,
hatte Dorothee doch eine andere Ansicht davon und nicht umsonst ihren
Vetter bei der Hand, den geliebten Herrn, selbst gegen seinen Willen,
mit jeder nthigen Vorsicht zu schtzen und zu bewahren. Balthasar
bekam, mit zwei und einem halben Silbergroschen eine ordentliche Ladung
Pulver und Blei zu besorgen, das Pistol berliefert und kehrte nach
einer Viertelstunde etwa vllig befriedigt damit zurck.

Und hast du es wirklich ordentlich geladen, da es auch losgeht, wenn
das schlechte Gesindel den Wagen anhalten sollte? sagte Dorothee und
besah mistrauisch den Lauf der kleinen blankpolirten Waffe.

S'ist eine kleine Handvoll Pulver d'rin, versicherte der Bursche, und
eine kleine Untertasse voll Schroot -- wer das auf den Pelz kriegt, kann
sich gratuliren.

Aber da oben ging immer noch etwas hinein, sagte die Alte, mistrauisch
den kurzen, nicht ganz gefllten Lauf betrachtend, halb und halb mit dem
Verdacht, da der Vetter die zwei und einen halben Silbergroschen nicht
ganz verwandt haben knnte fr die Ladung.

Wenn's zu weit nach vorn kme, she er's, sagte der Vetter, und
Dorothee begriff da er Recht htte. Das Pistol, ein altes Familienstck
und noch mit Feuerschlo, wurde dann vorsichtig wieder an seine Stelle
neben den Regenschirm, den Stock und das Sitzkissen gelegt, und die
wrdige Frau fhlte sich jetzt wohl und beruhigt in dem Gedanken, Alles
gethan zu haben, was in ihren Krften stand, sich spter keine Vorwrfe
und Gewissensbisse machen zu drfen.

Da brigens der Herr Commerzienrath nur hchstens 14 Tage auszubleiben
gedachte, hielt man auch drei Koffer mit Hutschachtel und Reisesack
fr vllig gengend, alle die nothwendigsten Gegenstnde wenigstens
mitzufhren, die nun einmal unbedingt zu Leben und anstndiger Kleidung
gehrten. Um 10 Uhr Abends, bis zu welcher Zeit er jedesmal zu Bette
ging, mochte er sich befinden wo er wollte, war Alles beendet, am
nchsten Morgen 11 Uhr mit der kniglichen Eilpost fr so und soviel
Thaler Fahrgebhren und etwa das Dreifache an Ueberfracht nach
Burgkundstadt befrdert zu werden, von wo er sich entschlossen hatte die
Eisenbahn zu benutzen, um nach Mnchen zu gelangen.

Nun war die Post dazu bestimmt, sich am nchsten Morgen dem ersten Zuge
nach der Hauptstadt des Landes anzuschlieen, aber Herr Mahlhuber htte
dann die Nacht durch fahren mssen, etwas was ihm nicht im Traume
einfiel; er wollte seine Gesundheit nicht muthwillig zum Fenster
hinauswerfen. So sich genau erkundigend, welche Station der Postwagen
etwa um 9 Uhr Abends erreichen wrde, dort ein gehriges Abendbrot zu
bekommen und zu bernachten, nahm er bis dorthin Passage, und als der
Eilwagen von -- kommend, zehn Minuten vor elf etwa unter dem
schmetternden Ei du lieber Augustin des Postillons durch Gidelsbach
rasselte, die Pferde zu wechseln und etwaigen Passagieren Gelegenheit
zu geben eine Tasse sehr dnne Bouillon zu trinken, ging Herr
Commerzienrath Mahlhuber, von seinem ganzen Gesinde wie der nchsten
Nachbarschaft und einigen Neugierigen begleitet, auf die Post, wo er
schon seinen Schein gelst, sein Gepck abgeliefert hatte, und setzte
sich auf seine Nummer, die linke Ecke des Rcksitzes, Nr. 2, neben eine
etwas stattliche und wohleingepackte Dame mit grnseidenem Hute und
schwarzem Schleier. Gleich darauf nahm noch ein anderer, trotz des
warmen Wetters in einen groen wollenen Shawl eingepackter Herr den
dritten Platz in der rckwrtsfahrenden Ecke ein, den brigen Theil
mit Nr. 4 und 6 fr die diversen Hutschachteln, Kstchen, Bndel und
Necessaires der Dame freilassend, die hier Alles aufgehuft und in
Besitz genommen hatte.




3.

+Erstes Abenteuer.+


Der Abschied war genommen, der Commerzienrath hatte sich aber schon
vorher ernstlich von Dorothee sowol wie von seinen ihn begleitenden
Bekannten den Titel verbeten, und Herr Mahlhuber, wie er jetzt
schlechtweg hie, war eben noch einmal im Wagen aufgestanden, sein
Rcken- oder Sitzkissen anders zu ordnen, als die Peitsche des
Postillons mit krftigem Schwunge die eingespannten Pferde traf
und diese so rasch und pltzlich anzogen, da sich der darauf ganz
Unvorbereitete mit einem Schwung und Wurf auf den Schoos des Fremden
setzte.

Bitte tausend mal um Entschuldigung! rief er, so rasch ihm das
mglich war wiederaufschnellend den eigenen Sitz einzunehmen und eine
verbindliche Verbeugung gegen den Fremden machend, die beinahe fr die
Dame verderblich geworden wre -- ich dachte gar nicht, da wir so
schnell abfahren wrden; es kann kaum 11 Uhr sein.

Der Fremde erwiderte kein Wort; er hatte erst die Brauen finster
zusammengezogen, aber ein Blick auf den Mann selber mochte ihm wol
sagen, mit wem er es hier eigentlich zu thun habe. So sein Gesicht nun
wieder in die frhern ruhigen Falten legend, sah er still und ernst
gerade auf die ihm gegenberbefindliche Nr. 2, als ob der Herr
Commerzienrath gar nicht in der Welt gewesen wre.

Setzen Sie sich nur um Gotteswillen erst einmal hin, sagte die Dame,
die indessen die Hand schtzend vorgehalten hatte und jeden Augenblick
einen hnlichen Ueberfall wie auf den Fremden erwartet zu haben schien,
meine Nerven sind so schon so aufgeregt und angegriffen.

Herr Mahlhuber drehte sich rasch nach der schnen Sprecherin um, und
diesmal brachte ihn das Straenpflaster mit einem pltzlichen Ruck
gerade und glcklicherweise in seinen eigenen Sitz; das furchtbare
Rasseln und Schtteln des Wagens unterbrach oder verhinderte dabei
vielmehr auch jede nur mgliche Unterhaltung. Es lie sich kein
Wort verstehen und die Passagiere drckten sich schweigend in ihre
verschiedenen Ecken und sahen die niedern Huser von Gidelsbach, der
Commerzienrath mit einem eigenen Gefhle stiller Wehmuth, die andern
Beiden vollkommen gleichgltig, an sich vorbergleiten.

Ach drfte ich Sie wol bitten, das Fenster dort an Ihrer Seite
aufzuziehen, brach die Dame endlich das Stillschweigen, als sie die
letzten Huser von Gidelsbach hinter sich gelassen und die Luft frei und
frisch ber die blhenden Saatfelder herberstrich, ich leide so sehr
an Zhnen und frchte, da mir der Luftzug schaden knnte.

Der Fremde gegenber rhrte und regte sich nicht, und der Commerzienrath
sah erst die Dame und dann sein +vis--vis+ etwas bestrzt an; er hatte
die stille Hoffnung gehegt die Erlaubni zu bekommen, eine gidelsbacher
Cigarre anzuznden, und wenn das Fenster, die wundervolle warme Luft
drauen gar nicht in Betracht gezogen, geschlossen wurde, war daran
nicht mehr zu denken.

Wollen Sie nicht so gut sein und das Fenster da bei sich zumachen,
sagte die Dame wieder, ohne ihm lange Zeit zum Ueberlegen zu gestatten,
mit etwas lauterer Stimme, als ob sie frchte, da er am Ende schwer
hre, ich kann die Luft nicht vertragen.

Aber, Madame, bei diesem wundervollen Wetter, wagte der Commerzienrath
eine oberflchliche Bemerkung, die ihm jedoch nichts half, denn die
Dame, von etwas resolutem Charakter und wahrscheinlich schon mehrfach
auf Reisen gewesen, stand einfach auf, bog sich ber ihren etwas scheu
zurckweichenden Nachbar hinweg, sttzte sich mit der linken Hand gegen
den Fensterrahmen und zog die Scheibe selber in die Hhe. Es war Herrn
Mahlhuber dabei fast so als ob sie etwas vor sich hingemurmelt htte,
was gerade nicht wie ein Segen klang, er konnte es aber nicht genau
verstehen und war auch wirklich durch die entschiedene Bewegung viel zu
sehr berrascht, recht darauf zu achten.

Jede mglich gewesene Unterhaltung schien dadurch wieder ins Stocken
zu gerathen, und whrend der Mann ihm gegenber -- muthmalicherweise
ein Englnder -- stumm zu sein schien, zog die Dame aus einem groen,
inwendig mit grnem Wachstaffet geftterten Kober eine Anzahl
Victualien, gestrichene Semmeln, Wurst, Kse und gebratenes Huhn, heraus
und begann ihre Mittagsmahlzeit, auf der nchsten Station wahrscheinlich
die Table d'Hte, wozu der Conducteur gewhnlich zehn Minuten Zeit
gestattete, zu ersparen.

Der Commerzienrath fgte sich in sein Schicksal, rckte sich zurecht,
lehnte den Kopf hinten an, entschuldigte sich bei seinem +vis--vis+,
von dem er wieder keine Antwort bekam, wenn ihn vielleicht seine Fe
geniren sollten, faltete die Hnde im Schoos, schlo die Augen und
versuchte einzuschlafen, was er auch glcklich in demselben Augenblick
zustande brachte, als der Postillon blies, der Wagen anhielt, der
Conducteur den Schlag aufmachte und hereinrief, da hier Mittag gemacht
wrde und die Passagiere geflligst aussteigen mchten.

Der Fremde stand ohne weiteres auf, dem Rufe Folge zu leisten -- es
konnte doch am Ende kein Englnder sein, denn er schien das Deutsche
vollkommen gut verstanden zu haben -- trat dem Commerzienrath auf die
Hhneraugen ohne sich zu entschuldigen -- es war doch am Ende einer,
-- und verlie den Wagen, sein Mittagsmahl einzunehmen, whrend sich die
Dame, als der Commerzienrath noch unentschlossen stand, was zu thun, den
Wagenschlag wieder zumachen lie, der gefrchteten Zahnschmerzen wegen.
Bis er sich besonnen hatte vergingen mehre Minuten, und wie er zuletzt
doch noch einmal ffnen lie und hineinging, behielt er dort eben noch
Zeit seine Table d'Hte mit einem halben Thaler zu bezahlen und zu
finden, da die Suppe zu hei zum Essen sei, als der Postillon auch
schon wieder zum Aufbruch blies und der Conducteur mit einem Es ist die
hchste Zeit, meine Herren die Thr aufri.

Nach Tisch, wie es Herr Mahlhuber jetzt nannte, war er gewohnt sein
Schlfchen zu halten, und wenn er auch um das Essen selber gekommen,
erschien ihm das nicht als gengender Grund sich auch um den Schlaf zu
bringen. So alle seine frhern Vorbereitungen wiederholend, gelang es
ihm diesmal wirklich seine Wagenecke zu behaupten, und erst die Sonne,
die schrg durch das Wagenfenster herein und ihm gerade auf die Augen
schien, weckte ihn wieder aus seinem sen Schlummer, dem er sich wol
zwei volle Stunden lang hingegeben.

Ach drfte ich Sie wol bitten das Fenster da in die Hhe zu ziehen?
waren die ersten Laute, die an sein noch traumtnendes Ohr schlugen, als
er erwachte, und als er etwas erstaunt um sich schaute -- denn er hatte
bis dahin steif und fest geglaubt, er liege zu Hause auf dem Sopha, und
wunderte sich, welches Fenster Dorothee in die Hhe gezogen haben wollte
--, stie ihn seine schne Nachbarin leise an und setzte flsternd
hinzu: Der Herr da drben mu taub sein oder kein Deutsch verstehen,
denn nicht allein, da er sich weder rhrt noch regt, wenn ich ihn um
etwas bitte, nein er zieht auch das Fenster jedesmal ebenso schnell
wieder herunter, wie ich es in die Hhe bekommen kann -- er nimmt nicht
die mindeste Rcksicht auf meine Nerven.

Der Barbar! sagte der Commerzienrath, whrend er seufzend ihre Bitte
erfllte, er durfte sich doch nicht in eine Kategorie mit einem solchen
Menschen stellen lassen. Durch diesen kurzen Wortwechsel waren aber auch
die Schranken gefallen, die sich bis dahin einer Conversation hemmend in
den Weg gestellt zu haben schienen. Herr Mahlhuber schielte nach seiner
Nachbarin hinber, die den Schleier jetzt in die Hhe gelegt, und wenn
auch nicht mehr ganz junge, doch regelmige, fast hbsche Zge hatte,
und sagte mit einem etwas bedenklichen Kopfschtteln (der andere
Passagier schlief gerade oder hielt wenigstens die Augen geschlossen,
und er konnte eine solche Bemerkung vielleicht wagen): Ja, das Reisen
ist mit vielen Unannehmlichkeiten verbunden.

Ih nun, das wei ich gerade nicht, erwiderte die schne Nachbarin,
ihr Tuch wieder von der Backe nehmend, sobald das Fenster befestigt war,
ich freue mich immer d'rauf, wenn ich einmal wieder hinauskomme; nur
der Postwagen kommt Einem so langweilig vor, weil man die Eisenbahn
jetzt gewohnt ist.

Ja! sagte Herr Mahlhuber. Er war noch nie auf einer Eisenbahn
gefahren.

Mir ist Reisen ein Vergngen, sagte die Dame.

Herr Mahlhuber sthnte, denn das erinnerte ihn an den traurigen und
ernsten Grund, der ihn aus seiner Heimat vertrieben, und er erwiderte
leise und kopfschttelnd:

Ach ich wollte ich knnte das auch von mir behaupten, aber eine Sache
hrt auf ein Vergngen zu sein, sobald sie uns einmal vom Arzte
anbefohlen wird.

Sind Sie krank? fragte die Dame theilnehmend.

Krank? wiederholte Mahlhuber und athmete leicht auf, denn das Gesprch
betrat ein Gebiet, auf dem er sich zu Hause fhlte, krank? -- ja und
nein; krank kann man eigentlich nicht sagen, -- haben Sie schon von
groen Lebern gehrt?

Groen Lebern? Gewi -- die strasburger sollen die besten sein, aber
meine Schwgerin hat eine solche Fertigkeit darin erlangt, da man sie
gar nicht mehr von strasburgern unterscheiden kann.

Nein, die meine ich nicht, sagte der Commerzienrath verlegen und
blickte mistrauisch nach dem Fremden hinber, der zwar die Augen noch
immer geschlossen hielt, aber um dessen Mundwinkel er doch glaubte ein
leichtes boshaftes Zucken zu bemerken, ich selber leide daran -- meine
Leber ist drei Zoll zu gro.

Drei Zoll? Segne meine Seele! sagte die Frau, aber woher wissen Sie
das so genau?

Ah, die Wissenschaft hat darin jetzt bedeutende Fortschritte gemacht,
fuhr der Commerzienrath rasch fort, eine solche speckige Entartung der
Leber soll in unsern Zeiten auch gar nicht selten vorkommen und durch
das Anstoen derselben an Rippen, Zwerchfell und Magen kann man ziemlich
genau berechnen, welchen Umfang sie erreicht.

Die Dame rckte etwas ngstlich auf ihrem Sitz, und der Commerzienrath
fuhr fort:

In Verbindung mit diesem Leiden steht nun, obgleich mein Arzt das immer
noch bestreiten will, eine nicht unbedeutende Operation, der ich mich
vor einiger Zeit zu unterwerfen hatte.

Eine Operation? -- aber ich bitte Sie --

Nun es war gerade nicht lebensgefhrlich, setzte der Erzhlende rasch
hinzu, da er zu frchten glaubte, da seine schne Zuhrerin deshalb
vielleicht Besorgnisse zeigte, aber jeder Schnitt in den menschlichen
Krper ist gewissermaen von einer Gefahr begleitet, da man nie wissen
kann, welche Folgen daraus entstehen, welche edeln Gefe verletzt
werden.

Ach hren Sie -- wenn es Ihnen recht wre --

Es war nur eine Balggeschwulst auf dem behaarten Theile des Kopfes,
setzte der kleine Mann hinzu, nahm die Reisemtze ab und bog den Kopf
gegen die Dame hinunter, eine Balggeschwulst etwa von der Gre eines
Taubeneis, sehen Sie hier -- leicht beweglich unter den Fingern und
eigentlich ohne besondere Schmerzen. Das Eigenthmliche war aber, da
sie doch, wenn man lange daran drckte, wehthat; die Geschwulst blieb
sich dabei ganz gleich, ob die Zunge belegt war oder nicht, wenn ich
aber eine Weile gedrckt hatte, lief mir sonderbarerweise das Wasser
im Munde zusammen und ich bekam dann einen hchst pikanten fauligen
Geschmack.

Aber ich bitte Sie um Gottes Willen, hren Sie auf! rief jetzt die
Dame entsetzt, ich werde ohnmchtig, wenn Sie noch zwei Minuten mit
solchen furchtbaren Sachen fortfahren. Was gehen mich denn Ihre
Geschwlste an?

Aber sie ist ja operirt, rief der Commerzienrath, der zu glauben
schien, da sie ihn noch nicht recht verstanden habe, und eben das
Zunhen da --

Ich schreie um Hlfe, wenn Sie nicht aufhren, unterbrach ihn die Dame
und wurde wirklich todtenbleich dabei. Herr, ich habe Ihnen ja schon
gesagt, da ich die ekelhaften Beschreibungen nicht mitanhren kann.
Behalten Sie Ihre Lebern und Geschwlste fr sich oder ich setze mich
hinaus zum Conducteur auf den Bock. -- Jesus Maria, meine Nerven!

Darf ich Ihnen vielleicht ein wenig Eau de Cologne anbieten? sagte der
Commerzienrath schchtern, der solche Einwendungen gegen seine Leiden
gar nicht vermuthet hatte, indem er in die Tasche griff nach seinem
kleinen Flacon zu suchen, das thut Ihnen vielleicht gut.

Ich danke Ihnen, ja, sagte die Dame und streckte die Hand aus das
Dargebotene in Empfang zu nehmen; Herr Mahlhuber hatte es aber selber
noch nicht, und die rechte Rocktasche stak ihm so voll von verschiedenen
Gegenstnden: eingewickelte Semmeln, Brillenfutteral, Schnupftabacksdose
und dann das verwnschte Pistol, das er heute Abend fest beschlo unten
in seinen Koffer zu legen, er konnte das kleine Flschchen gar nicht
finden und begann, da die Dame den Arm noch ausgestreckt hielt, die
verschiedenen Gegenstnde immer ngstlicher auszukramen und neben sich
hinzulegen.

Ich begreife gar nicht, murmelte er dabei vor sich hin, wo die --
Dorothee -- das kleine Flschchen anders knnte hingesteckt haben als in
-- als in diese Rocktasche. Da, das hier ist eine eingewickelte Semmel
-- das hier, er nahm das Pistol aus der Tasche und legte es neben sich
hin, das hier ist --

Um Gotteswillen, was wollen Sie mit dem Schiegewehr? schrie die Dame
jetzt so laut, da der Fremde ihnen gegenber erwachte oder doch die
Augen ffnete und einen flchtigen Blick hinberwarf, dann aber wieder
in seine frhere Stellung zurckfiel, es ist doch nicht geladen?

Bewahre, lchelte der Commerzienrath, der das Flschchen endlich
gefunden und ihr gereicht hatte, etwas verlegen und suchte, um sie
selber zu berzeugen, durch den Lauf des verdchtigen Pistols zu blasen;
aber vergebens blies er die Backen auf und wurde ganz roth im Gesicht.

Es ist verstopft, sagte er dann, entweder zu seiner oder des Pistols
Entschuldigung.

Halten Sie das schreckliche Ding nur nicht gegen mich, rief die Dame,
nichts weniger als beruhigt durch den verunglckten Versuch; wenn es
losginge....

Ich will Ihnen beweisen, da es keine Gefahr hat, sagte der
Commerzienrath entschlossen, dem muthlosen schwachen Wesen gegenber,
und den Hahn aufspannend zielte er auf die ihm gegenberstehende
Hutschachtel seiner schnen Reisegefhrtin.

Um Gotteswillen, was wollen Sie thun? rief die Dame, jetzt wirklich
erschreckt; aber sie hatte keine Zeit etwas Weiteres zu fragen, denn
ein furchtbarer Schlag, der ihnen Allen das Trommelfell zu zersprengen
drohte, schmetterte mit einem vor ihnen hinzuckenden Blitze durch den
engen Raum des Wagens und im nchsten Augenblick schon fllte dichter
undurchdringlicher Pulverdampf das Coup vollkommen an. Die Dame stie
dabei natrlich einen gellenden Schrei aus und fiel in Ohnmacht. Die
Pferde rissen in ihr Geschirr und wollten durchgehen, und Postillon und
Conducteur brauchten wenigstens zehn Minuten Zeit sie zu beruhigen und
wieder in ordentlichen Gang zu bringen.

Nur der Fremde, der fr den Augenblick in dem entsetzlichen Pulverqualm
vollstndig verschwunden war, sagte kein Wort und sa um so unheimlicher
und drohender in dem undurchdringlichen Qualm. -- Heiliger Gott, wenn er
ihn getroffen und todtgeschossen htte! Der Commerzienrath wagte nicht
die Hand auszustrecken, den furchtbaren Verdacht besttigt zu finden
oder zu zerstreuen.

Der Wagen hielt endlich. Ho, brrr, Gott verdamm' mich, ob ihr stehen
wollt, kopfscheue Bestien -- ho, brrr, so mein Thierchen, so ooo --
gutes Thier, so Schimmel, tnten die Beruhigungslaute von drauen zu
ihnen herein, der Conducteur sprang aus dem Cabriolet und ri den Schlag
auf.

Heiliges Kreuzdonnerwetter, was ist hier vorgegangen? schrie er,
zurckprallend, als ihm der weie warme Schwefelqualm entgegenschlug,
der die willkommene Bahn ins Freie fand, was ist geplatzt?

Die Dame lag in Ohnmacht und der Commerzienrath konnte nicht antworten,
denn sein ngstlicher Blick suchte durch den weichenden Nebel die
lautlos dasitzende Gestalt des Fremden. Nur erst sicher wollte er sein,
da dort kein Unglck geschehen wre, wenn er auch natrlich nicht
begriff wie eine Ladung und eine so furchtbare Ladung in die fr ganz
harmlos gehaltene Waffe hineingerathen sein konnte. Wie sich der Nebel
verzog, wurde auch das Gesicht des Fremden in der andern Ecke sichtbar,
aber so unheimlich verzerrt, roth und drohend, whrend die Augen unter
den halb zusammengekniffenen Brauen wild und lauernd vorblitzten, da
der Commerzienrath ihn schon am Arme fassen und ins Leben
zurckschtteln wollte, als der Conducteur die Stille wieder unterbrach.

Wer ist todt? rief er und keineswegs blos im Scherz, denn das
unheimliche Schweigen im Wagen kam ihm selber verdchtig vor.
Himmelsacerment, wenn sich Jemand eine Kugel durch den Schdel schieen
will, brauchte er sich doch dazu nicht auf der kniglich bairischen
Eilpost einschreiben zu lassen, da Einem die Pferde noch am Ende
durchgehen und auerdem Unheil anrichten? -- Das ist nun der Zweite.
Nun? setzte er dann erstaunt hinzu, als er die drei Passagiere nach und
nach durch den Qualm erkennen konnte und alle noch am Leben fand, wenn
er auch des Commerzienraths +vis--vis+ noch immer etwas mistrauisch
betrachtete -- da die Dame in Ohnmacht lag, verstand sich von selbst.
Was zum Teufel haben Sie denn dahier angerichtet -- ach Schwerenoth,
rief er pltzlich, als sein Blick auf das neben ihm stehende Gepck
fiel, gerade in die Hutschachtel geschossen.

In die Hutschachtel? rief die Dame entsetzt, jetzt pltzlich und ohne
weitere Hlfe aus ihrer Ohnmacht emporfahrend, und der Fremde drben
wurde immer rther im Gesicht. Heilige Mutter Gottes, mein Hut!

Wer hat denn aber hier im Wagen geschossen? rief der Conducteur
jetzt mit strengerer Amtsmiene, whrend die Dame entsetzt ber ihre
Hutschachtel herfiel, den erlittenen Schaden zu besichtigen, ich werde
Sie im nchsten Postamte anzeigen. Sie da, was thun Sie mit einem
geladenen Pistol in der kniglichen Post?

Postamt anzeigen? rief der Commerzienrath in tdtlichem Schreck, und
des vermaledeiten Pistols wegen, gegen das ich mich aus Leibeskrften
gestrubt?

Sie drfen hier im Wagen gar kein Pistol haben, sagte der Schaffner
streng.

Ich wollte ich htte es nie gesehen, rief der Commerzienrath in
ausbrechendem Grauen; da, fgte er dann hinzu und schleuderte die
Waffe, gar nicht an das aufgezogene Fenster denkend, mitten durch die
Scheibe hinaus auf die Strae, da die Scherben im Wagen herumflogen und
auf die harte Chausse drauen niederklirrten.

Jesus Maria, rief die Dame, mein Hut!

Herr, die Scheibe kostet 1 Gulden 25 Kreuzer! rief der Schaffner.

Die Frau zog in diesem Augenblick den zu Atomen geschossenen,
wunderschn verzierten und frher einmal mit Bndern und Blumen
geschmckten Strohhut aus dem durchschossenen Futteral; die ganze
gewaltige Ladung war schrg hindurchgegangen und hatte ihn vollstndig
vernichtet, da die Stcken darumhingen, und jetzt zum ersten male
wurde auch der andere Passagier in der Wagenecke laut, der pltzlich
herausplatzte, als ob ihm irgendein inneres Gef gesprungen sei, in
demselben Moment aber auch fast einhielt und nun so heftig zu nieen
und zu husten anfing, da er ganz blau im Gesicht wurde und der
Commerzienrath wirklich fr einen Augenblick sein eigenes Elend verga,
nach dem Manne hinberzuschauen.

Und hier das ganze Polster ist zerschossen! rief jetzt der Postbeamte,
der die Hutschachtel fortgerissen hatte, nach dem zugefgten Schaden zu
sehen, Herr, Sie werden eine Heidenrechnung bekommen.

Mein Hut, du lieber Gott, mein Hut! jammerte dabei die Dame, was
setz' ich jetzt auf, was setz' ich auf?

Ich will ja gern Alles bezahlen, sthnte der Commerzienrath in
vlliger Verzweiflung, wenn Sie mir nur sagen wollen was es kostet.

Schockschwerenoth, rief der Schaffner pltzlich nach seiner Uhr
sehend, jetzt haben wir hier schon sieben und eine halbe Minute
getndelt und ich komme zu spt auf die Station -- nehmen Sie Ihren Rock
dahinein, Madamchen -- werfen Sie den Bettel auf die Strae, er ist doch
nicht mehr zu brauchen; so, sagte er dann, die Thr zuschlagend und
seinen alten Platz wiedereinnehmend, fahr zu, Schwager!

Da unten liegt das Schieeisen noch, sagte dieser, mit einem
schmunzelnden Seitenblick und dem linken Daumen ber die Achsel deutend,
sollen wir's liegen lassen?

Was geht dich der Quark an? fahr zu! lautete die barsche Antwort
des verantwortlichen Postfhrers, die Peitsche fuhr aus und auf das
Handpferd nieder, und dahinrasselte das Geschirr wieder in scharfem
Trab, das Versumte nachzuholen.

Der Commerzienrath hatte indessen einen schweren Stand im Wagen, die
erzrnte und unglckliche Dame zu beruhigen, die wunderbarerweise an dem
Hute zu hngen schien, als ob es ein Stck ihrer selbst gewesen wre.
Sie weinte und zankte und betrug sich etwa wie ein unartiges Kind, dem
man irgendein Spielzeug zerbrochen, und das sich nun weder will trsten
noch beruhigen lassen. Zuletzt und kurz vorher ehe sie die nchste
Station erreichten, verstand sie sich endlich dazu, den hchstmglichen
Satz fr Hut und Schachtel anzunehmen, was ihr der Commerzienrath, froh,
so gut wegzukommen, gleich an Ort und Stelle auszahlte, aber auch dann
noch keinen Frieden hatte, denn, damit in Ordnung, fielen ihr pltzlich
wieder ihre bis dahin ganz auer Acht gelassenen Zahnschmerzen ein,
gegen die das zerbrochene Fenster nicht mehr geschlossen werden konnte,
und es zeigte sich jetzt, da das unglckselige Pistol nach allen Seiten
hin Zerstrung und Verwirrung angerichtet hatte.

Der andere Passagier dagegen sa so ruhig und regungslos wie immer
in dieser Confusion und sagte kein Wort; er mute jedenfalls stumm,
vielleicht gar taubstumm sein, oder wenigstens keine Silbe von ihrer
Sprache verstehen.

Aber dem Commerzienrath gingen andere Dinge im Kopfe herum, als sich
um den geheimnivollen Fremden zu kmmern. Glcklicherweise kannte ihn
Niemand, denn mit der Post war er frher nie in Berhrung gekommen und
eingetragen nur unter dem anspruchlosen Namen Mahlhuber. Die paar
Thaler, die es ihm gekostet hatte, betrachtete er als Lehrgeld fr
sptere Zeit, und pries sich immer noch glcklich so billig
davongekommen zu sein. Auf der nchsten Station bezahlte er auch die
Scheibe mit 1 Gulden 25 Kreuzer und Polster und sonstige Beschdigung
des kniglichen Postwagens mit 3 Gulden 30 Kreuzer, dem er natrlich
ein nicht unbedeutendes Geschenk fr Conducteur und Postillon beifgte,
dieser Schweigen zu erkaufen. Er dankte auch seinem Gott, als er endlich
Gelegenheit bekam, auf seinem schon frher bestimmten Anhalteplatz
einige Minuten vor 9 Uhr Abends aussteigen zu drfen, der Gesellschaft,
in der er sich nicht mehr getraut hatte ein Wort zu sagen, wie der
unangenehmen Erinnerung enthoben zu sein. Was fr ein Glck, da er
Dorothee's Vetter nicht mitgenommen hatte.

An Ort und Stelle angelangt und nachdem der Schaffner sein Gepck aus
der Schokelle genommen, um das sich vor dem Postgebude Niemand weiter
zu kmmern schien, nahm er Reisesack und Schirm, Stock und Sitzkissen
aus dem Wagen, drehte sich dann noch einmal um und sagte, mit einer
verbindlichen Verbeugung nach dem Innern des Wagens zu, die von der Dame
mit einem leise gemurmelten Gott sei Dank begleitet wurde:

Angenehme Reise, meine Herrschaften.

Gute Nacht, Herr Commerzienrath, sagte der Fremde, der bis dahin
noch keine Silbe gesprochen, und der also Betitelte stand, seine
Reiseutensilien in beiden Hnden, wirklich mit halbgeffnetem Munde
vor lauter Ueberraschung da; aber der Schaffner warf in dem Augenblick
den Schlag wieder zu, die Pferde waren vorgespannt und fortging's mit
schmetterndem Horngetn durch die stillen Straen des kleinen Fleckens
ber das rauhe Pflaster hin, was die Thiere laufen konnten.




4.

+Das Posthaus und die Mamsell.+


Der Commerzienrath Mahlhuber stand noch, wie wir ihn im vorigen Capitel
verlassen, viele Minuten lang wirklich sprachlos vor Erstaunen und
Ueberraschung da, bis er selbst das Rollen der Rder nicht mehr hren
konnte.

Gute Nacht, Herr Commerzienrath, hatte der Mensch gesagt, der die
ganze Fahrt hindurch keine Silbe gesprochen, und den er einmal fr einen
Englnder und dann fr taubstumm gehalten, bis er zu der Ueberzeugung
kam, da es doch am Ende ein Englnder sein knne. Gute Nacht, Herr
Commerzienrath; woher, um des Himmels willen, wute der Mann seinen
Namen?

Nu -- was soll denn hier mit den Sachen werden? fragte in diesem
Augenblick eine Stimme hinter ihm, und als er sich umdrehte, stand eine
Art Zwitterding von Postillon und Hausknecht, oben in Uniform und unten
in Unterhosen und Pantoffeln, mit einer Nachtmtze auf dem Kopfe und
einer Stallaterne in der Hand, neben ihm, und deutete auf die neben ihm
aufgeschichteten Koffer und Hutschachtel. Es kommt heute Abend keine
Post mehr.

So? -- das thut mir leid, sagte Herr Mahlhuber ganz in Gedanken, oder
es macht eigentlich nichts, setzte er dann sich besinnend hinzu, denn
ich werde hier bernachten.

Hier -- in der Post? fragte der Mann und leuchtete ihm erstaunt ins
Gesicht.

Nun, wird hier nicht gleich ein Wirthshaus gehalten? fragte der
Reisende, etwas unangenehm berrascht, man hat es mir doch gesagt.

Wirthshaus? -- ne, nich so recht -- die Schenke ist da drben, lautete
die etwas barsche Antwort.

Hm! sagte der Commerzienrath und sah etwas mistrauisch nach dem
niedern dstern Gebude hinber, in dessen unterer Stube nur Licht
brannte, und kann man da etwas zu essen und ein gutes Bett bekommen?

Zu essen, ja, sagte der Mann und leuchtete ber die Koffer hin, nach
deren Zustand den Passagier selber zu beurtheilen, gutes Bett aber ne,
wenn Sie nicht auf der Streu mit den Fuhrleuten schlafen wollen.

Auf der Streu schlafen? wiederholte der an jede husliche
Bequemlichkeit gewhnte Mann entsetzt, wie kann ich auf der Streu
schlafen?

Ja das wei ich nich, wenn Sie's nicht wissen, sagte der halbe
Hausknecht gleichgltig, aber sollen die Koffer hier auf der Strae
stehen bleiben?

Und in der Post ist keine Mglichkeit unterzukommen?

Fragen kann mer noch emal, sagte der Mann, seine Laterne niedersetzend
und seine Hosen etwas in die Hhe ziehend, manchmal nimmt die Mamsell
Gste ein, manchmal nich -- wie's 'r gerade pat. Und ohne eine Antwort
abzuwarten schlenderte er langsam, den Commerzienrath bei den Koffern
und der Laterne zurcklassend, in die Post hinein, die schmale steinerne
Treppe hinauf. Die Mamsell, wie er die gleich darauf in der Thr
erscheinende Dame genannt, schien aber seiner Beredtsamkeit nicht haben
widerstehen zu knnen, denn ihre gastliche Stimme rief gleich darauf von
der Treppe aus ein eben nicht ermunterndes, aber doch auf weitere
Erklrungen sich einlassendes Wer ist denn da?

Die Gefahr, die Nacht, wegen der er die Postfahrt unterbrochen, auf
einer Streu zubringen zu mssen, machte den Commerzienrath beredt;
er ging nher zur Thr, stellte sich der Dame (unter dem Lichte der
Stallaterne, die er zu dem Zwecke hoch in die Hhe hielt) als einen
Reisenden vor, der seiner Gesundheit wegen nicht mit der Post
weitergefahren wre und das Aergste befrchten mte, wenn er nicht die
Nacht in einem warmen Bette zubringen knne, und war sogar schon im
Begriff auf seine Leber und vielleicht auch auf die mit ihr in
Verbindung stehende Balggeschwulst einzugehen, als die Mamsell, die
rasch den gesetzten achtbaren Brger oder vielleicht gar Staatsbeamten
in ihm erkannte, ihr trstliches und schon viel freundlicheres Treten
Sie nher! ihm hinberrief und den theilweisen Postbeamten beorderte,
des Herrn Sachen in die grne Stube hinaufzutragen.

Grne Stube! Schon das Wort klang behaglich, und mit einem leise
gemurmelten Gott sei Dank griff Herr Mahlhuber seine Sachen auf
und folgte dem mit einem Koffer und der Stallaterne vorausgehenden
dienstbaren Individuum die Treppe hinauf in das Haus.

Die nchste Stunde verging dem Reisenden brigens in dem unbehaglichen
Gefhle, keinen Platz zu haben wo man zu Hause ist. Es war ihm Alles
fremd und unwohnlich in der fremden Stube; die hlzernen Sthle, der
wunderbare Geruch, die niedere rucherige Decke, die schrecklichen
Bilder an den Wnden, Caricaturen von Heiligen und Mrtyrern und ein
Napoleon dazwischen, der auf der Spitze eines Gletschers galoppirt,
whrend an der gegenberstehenden Wand schlechte Lithographien von
Landesvtern und Landesmttern hingen. Unheimlich auch sah der alte
Wandschrank aus, wo neben einer alten wiener Stutzuhr mit alabasternen
Sulen ein grnangestrichener Gypsmops stand, der frher einmal einen
beweglichen Kopf gehabt und mit ngstlich verdrehtem Halse jetzt in die
Stube unter sich hinunterstarrte, whrend auf der andern Seite eine
weithalsige, oben eingebrochene Glascaraffe einen Bschel Schilfblte
mit einigen roth- und gelbgefrbten Strohblumen hielt.

Die Mamsell lenkte jedoch seine Aufmerksamkeit von den brigen
Gegenstnden ab, denn sie erkundigte sich nach den Befehlen des Gastes
wegen Abendbrot. Die Auswahl war freilich sehr beschrnkt, also leicht
getroffen: aufgewrmter Kalbsbraten mit getrockneten Birnen und einer
halben Flasche Rothwein vom Besten, wie er noch vorsichtig
hinzusetzte, denn die altmodischen dickgeschliffenen Weinglser mit
viereckigem Fue erweckten eine dunkle Ahnung von sauerm Landwein in
ihm, die er nicht gleich wieder von sich abscheuchen konnte.

Kommen Sie schon weit her? fragte jetzt die Mamsell, die sich die
Schrze an der einen Seite aufgesteckt und die Aermel, man wute
eigentlich nicht recht weshalb, in die Hhe gekrempelt hatte.

Von Gidelsbach, sagte der Commerzienrath in seiner Unschuld, und --
und drber hinaus, setzte er dann etwas rascher hinzu, denn er hatte
sich ja einmal vorgenommen incognito zu reisen.

Die Mamsell war eine nicht gerade sehr junge Dame, in ihren besten
Jahren, so zwei- und vierunddreiig vielleicht, aber mit sonst noch
sehr jugendlichem Aeuern, langen Locken, zurckgescheitelten Haaren
und groen goldemaillirten Ringen in den Ohren. Auch der Schnitt ihres
Kleides gehrte jedenfalls einem vergangenen Alter an, whrend sie die
Fragen an den Gast mit einer schchternen mdchenhaften Verschmtheit,
die in eigenthmlichem Widerspruch zu ihren ersten Worten, als sie noch
in der Thr stand, richtete.

Ach, Gidelsbach liegt so schn, nahm die Mamsell den Anknpfungspunkt
an den einen bekannten Namen, es ist von jeher mein Lieblingswunsch
gewesen dort zu wohnen, das mu ein wahres Paradies sein. Sind Sie dort
bekannt?

Wenig, sagte der Commerzienrath, seine Vaterstadt verleugnend; das
Essen ist wol bald fertig?

Den Augenblick, sagte die Mamsell, fast unwillkrlich bei der
Frage halb von ihrem Stuhle aufstehend, und dann wieder auf den Sitz
zurcksinkend. Aber was ich gleich fragen wollte, haben Sie Geschfte
in Otzleben?

Wo? fragte der Commerzienrath erstaunt.

In Otzleben.

Otzleben! -- Wo liegt das?

Nun hier der Ort, wo wir uns befinden.

Der heit Otzleben? -- So -- nein -- ich wollte nur hier bernachten;
nicht wahr, der Kalbsbraten ist gleich fertig?

Ja wol -- den Augenblick, sagte die Mamsell, wieder von ihrem Sitze
aufschnellend, und der Commerzienrath stand ebenfalls auf und ging
indessen mit raschen Schritten im Zimmer auf und nieder. Es frstelte
ihn, und wie der Sand auf den Dielen, ein ganz ungewohntes Gefhl,
unter seinen Fen knirschte, kam ihm bei dem dstern, auf dem Tische
brennenden einzelnen Talglichte das Zimmer noch einmal so still und de
vor, als es ihm im Anfange erschienen.

Die Hausmagd ffnete in diesem Augenblick die Thr und kam mit einem
zwar groben aber reinlichen Tischtuche herein, das sie ausbreitete,
Teller, Messer und Gabel mit dem groen Salzfa darauf arrangirte und
dann wieder hinausging, das Abendbrot hereinzuholen. Die Mamsell hatte
indessen eins von den geschliffenen Weinglsern von der Commode genommen
und mit dem Schrzenzipfel einigen darin gesammelten Staub und mehre
todte Fliegen herausgewischt; dann stellte sie die Flasche auf den
Tisch, und wenige Minuten spter konnte sich der Commerzienrath zu dem
in langer Brhe schwimmenden aufgebratenen Kalbsto niedersetzen und
nach Herzenslust zulangen.

Heute ist ja wol auf der Post ein Unglck geschehen? fragte endlich
die Mamsell, die ihm gegenber Platz genommen, nach einer hinreichenden
Pause.

Ein Unglck? sagte der Commerzienrath, berrascht zu ihr aufschauend,
indem er einen Augenblick mit Kauen einhielt, wie so ein Unglck?

Es soll einem der Passagiere ein geladenes Pistol losgegangen sein, hat
der Postillon erzhlt.

Der Postillon sollte sich um seine Pferde bekmmern, brummte Herr
Mahlhuber, da tht' er gescheiter --

Er hat doch Niemanden getroffen? fragte die Mamsell mit einiger
Entschlossenheit weiter, der Sache auf den Grund zu kommen.

Wer? sagte der Commerzienrath, der Postillon?

Nein, der Passagier.

Nicht da ich wte, sagte dieser, die indessen eingestellte
Beschftigung wieder mit frischen Krften aufnehmend. So mittheilend er
sonst war, wo er Irgendjemanden fand, mit dem er sich unterhalten und
vielleicht die Geschichte seiner Krankheit und Leiden anbringen konnte,
so schchtern und zurckhaltend war er heute geworden, wo eben die
Erzhlung solche furchtbare Folgen gehabt, und die neugierige
Wirthschafterin mute es bald aufgeben aus dem schweigsamen Gaste
Neuigkeiten herauszulocken, von denen er am Ende gar nichts wute oder
die er, im andern Falle, Grund hatte zu verschweigen. Namen und Stand
ihres Gastes zu erfahren, besa sie aber noch ein anderes Mittel, das
Fremdenbuch, und als er vom Tische aufstand und sich das letzte Glas
Wein aus seiner Flasche, der er gar wacker zugesprochen, einschenkte,
schob sie ihm das mit einem freundlichen Knix zur Beachtung hin.

Dem Commerzienrath blieb keine andere Wahl als sich da einzuschreiben,
und Hieronymus Mahlhuber stand bald darauf in zierlicher Schrift ber
Namen- und Wohnortsrubrik zugleich hinweg, die letztere dadurch
geschickt umgehend. Stand? -- Das Co hatte er schon in aller Unschuld,
der alten Gewohnheit folgend, begonnen, als er sich eines Bessern besann
und die beiden Buchstaben zu einem P umformte, dem er sein rivatmann
dahintersetzte. Die brigen Colonnen fllte er so gewissenhaft wie
mglich aus und bat dann seine freundliche Wirthin ihm seine
Schlafsttte anzuweisen, da er entsetzlich mde sei und auszuruhen
wnsche. Und wann kommt die Post morgen frh wieder vorbei?

Zurck nach Gidelsbach?

Nein, den andern Weg. -- Was hatte er in Gidelsbach zu thun?

Die andere? -- um 9 Uhr -- eher noch ein paar Minuten frher.

Das pate ihm und er bestellte, da er dann morgen frh etwa um 8 Uhr
geweckt wrde, und einen starken heien Kaffee vorfnde. Die Mamsell
versprach Alles aufs beste zu besorgen.




5.

+Das grne Zimmer.+


Gott sei Dank, der Tag war berstanden! murmelte der Commerzienrath
leise vor sich hin, als er mit dem Sitzkissen in der einen und seinem
Regenschirm und Rock in der andern Hand, von der Mamsell gefolgt, die
den Reisesack und das Licht trug, die Treppe hinaufstieg, zu dem grnen
Zimmer; nun die Nacht gut geschlafen, und der Mensch kann seine Reise
morgen mit frischen Krften fortsetzen. -- Ach, ist dies das grne
Zimmer? unterbrach er sich, als seine Fhrerin eine Art kleiner
Bodenkammer aufstie und ihn bat nherzutreten, hm, das ist sehr
einfach.

Ja, wir sind freilich ein wenig hier mit Raum beschrnkt, Herr
Mahlhuber, sagte die Mamsell, und der Commerzienrath drehte sich rasch
und fast erschrocken nach ihr um. In dem Augenblick fiel ihm aber das
Fremdenbuch ein und er nickte zustimmend mit dem Kopfe, als die Mamsell
fortfuhr das Zimmer zu entschuldigen und nun das Bett dagegen zu loben,
in dem Herr Mahlhuber schlafen wrde wie in Abraham's Schoos.

Mit einem etwas dunkeln Begriffe, wie das eigentlich sein wrde, legte
er seine Sachen ab, ffnete das kleine Fenster, das aufs Dach hinaussah,
und schlo es gleich wieder, hob die schwere Federbettdecke auf und
legte sie mit einem prfenden, etwas mistrauischen Blicke zurck und sah
dann das Licht an, das die Mamsell auf den Tisch gestellt hatte, sich
dann nach der Thr zurckziehend, wo sie auf irgendeinen Befehl oder
vielleicht auf ein Lob fr das vortrefflich eingerichtete Lager zu
warten schien. Dem Commerzienrath war es aber nur um Ruhe zu thun, und
er fing an sich den Rock aufzuknpfen, whrend er ber die Schulter weg
einen Blick nach der Wirthin warf, ob dieser das Zeichen noch nicht
deutlich genug sei.

Nun, Herr Mahlhuber, ist Alles in Ordnung? sagte diese endlich, nicht
im Stande den Platz ohne eine beifllige Anerkennung zu verlassen, ist
es zu Ihrer Zufriedenheit?

Vollkommen; schlafen Sie recht wohl! sagte der Commerzienrath.

Wnsche angenehme Ruhe! sagte die Mamsell, und wenn Sie mit dem
Lichte fertig sind, mchte ich Sie freundlichst gebeten haben, es nur
dort an die Thr zu stellen, ich hole es mir spter. -- So, lassen Sie
sich etwas Angenehmes trumen, setzte sie mit ihrem verbindlichsten
Lcheln hinzu und verschwand dann, von einem leise gebrummten Danke des
Gastes begleitet, wie sie gekommen.

Das grne Zimmer, brummte dieser weiter, als er sich allein sah und
kopfschttelnd einen Blick in dem kleinen Raum umherwarf, dessen Grenzen
an drei Seiten die weie Kalkwand und an der vierten, wo das Bett stand,
ein schrg niederlaufender Verschlag von ungehobelten Brettern bildete,
_grne_ Zimmer? es ist kein grner Faden im ganzen Nest. Und ausgekehrt
haben sie hier seit voriger Woche nicht -- unter dem Bette Stroh, und da
in der Ecke ein Paar alte Stiefeln. -- Hm, hm, Dorothee hat doch am Ende
Recht, und Doctor Mittelweile wre am besten selber auf Reisen gegangen.
Lieber Gott, ich, ein ruhiger friedliebender Mensch, was habe ich heute
nicht schon Alles erlebt und gethan und -- ertragen -- hm, hm. Nun es
ist jetzt wenigstens Abend und eine ruhige Nacht gebe uns der liebe
Gott.

Damit sich die Nachtmtze ber die Ohren ziehend -- denn er hatte sich
whrend des Selbstgesprches vollstndig entkleidet --, hob er eben das
rechte Bein, in das etwas hohe Bett zu steigen als er an das Licht, und
den ihm gewordenen Auftrag dachte, es dicht an die Thr zu stellen. Eine
Lichtschere lag berdies nicht auf dem Teller und der Commerzienrath
hate nichts so sehr als den Qualm einer Lichtschnuppe. So das Bein
wieder zurckziehend, nahm er das Licht und trug es, sorgsam vorher
jedoch noch einmal in seine Pantoffeln schlpfend, sich nicht zu
erklten, zu dem bezeichneten Platze, setzte es dort nieder und stieg
dann, tief und dankbar aufseufzend, in das sehr weiche, aber etwas
voluminse Bett, sich die Decke bis unter das Kinn ziehend, den
Augenblick zu erwarten, wo die Mamsell das Licht abholen wrde; vorher
war er nicht im Stande einzuschlafen.

Eine Minute nach der andern verging aber und die Mamsell kam nicht;
durch die Thrspalte zog es auch ein wenig und das Licht flackerte hin
und her, da der Talg in groen Streifen niederflo. Es konnte doch kein
Unglck damit geschehen?

Hm, das ist rgerlich, murmelte er, sich im Bette aufrichtend, den
Platz besser bersehen zu knnen, und dann, als er fand, da das Licht
vollkommen freistand, wieder zurcksinkend, doch am Ende einzuschlafen
trotz der brennenden Talgkerze; aber es ging nicht, es war eine positive
Unmglichkeit und darauf zu warten, da das Endchen Licht von selber
niederbrennen sollte? -- das htte wol noch eine volle halbe Stunde und
lnger dauern knnen. Eine Viertelstunde wenigstens hatte er jetzt schon
in peinlicher, immer wachsender Ungeduld auf das Abholen desselben
gewartet.

Der Zustand wurde ihm endlich unertrglich und er beschlo aufzustehen
und das schon jetzt qualmende Licht auszulschen, er konnte es ja
umdrehen und rgerte sich, da er das nicht schon lange gethan. In
Gedanken vollbrachte er diese Operation jetzt auch fnf oder sechs mal
hintereinander und drehte dabei selbst unwillkrlich die rechte Hand;
aber das Licht blieb freilich stehen und flackerte weiter. Mit einem
verzweifelten Entschlusse warf er endlich die Decke von sich, fuhr mit
beiden Beinen aus dem Bette und in seine Pantoffeln und machte ein paar
Schritte dem Lichte zu, als er pltzlich erschrocken stehen blieb und
horchte, denn es war ihm genau so gewesen, als ob er drauen etwas
gehrt htte auf dem Gange. -- Wenn die Mamsell jetzt gerade
hereingekommen wre und ihn in dem Aufzuge gesehen htte! Er wollte im
ersten Schrecke wirklich wieder ins Bett zurckziehen, aber -- es war
auch nicht das Mindeste weiter zu hren; er blieb noch ein paar Secunden
lauschend stehen -- keine Maus; -- doch, unter seinem eigenen Bette
raschelte etwas im Stroh und er blickte schnell dorthin, das konnte eine
Maus gewesen sein; im Hemde durfte er jedoch nicht lnger stehenbleiben,
und jetzt rasch und entschlossen zu dem Lichte hinschreitend, bog er
sich eben nieder und streckte die Hand aus es zu ergreifen, als die Thr
geffnet wurde und die Mamsell in derselben Absicht auf der Schwelle
erschien.

Jesus Maria! rief sie, als ob sie einen Geist gesehen, als sie die
keineswegs empfangsmige Gestalt vor sich erblickte, und der
Commerzienrath fuhr mit einem ebenso verblfften Bitte tausend mal um
Entschuldigung! in demselben Moment rckwrts nach seiner Lagersttte
zurck, als die erschreckte Mamsell die Thr wieder ins Schlo warf und
also spurlos verschwand.

Als der Commerzienrath den Kopf endlich wieder unter der schtzend ber
sich gezogenen Decke vorstreckte, brannte das Licht, von beiden Theilen
im Stiche gelassen, noch immer ruhig fort und an ein zweites Aufstehen
war jetzt gar nicht zu denken, denn das schreckliche Frauenzimmer konnte
in gleicher Absicht noch immer hinter der Thr stehen, wieder denselben
unglcklichen Moment zu whlen sie zu ffnen. Es mute niederbrennen,
und mit einer verzweifelten Art von Ueberwindung schlo er endlich die
Augen in der festen Absicht einzuschlafen, ob das grne Zimmer
erleuchtet sei oder nicht. Trotzdem war er es nicht im Stande und mochte
etwa eine halbe Stunde so zwischen Wachen und Schlafen gelegen haben,
als der leergebrannte Docht endlich umfiel, noch einmal hell
aufflackerte und dann verlschte.

Gott sei Dank! sthnte der Commerzienrath in einem halben Bewutsein
seiner Lage und drehte sich jetzt entschieden auf die rechte Seite, das
Versumte seiner so leichtsinnig geopferten Nachtruhe nachzuholen, als
er das Rascheln wieder unter dem Bette hrte, aber diesmal weit strker
als vorher und zugleich ein leises Winseln, als ob eine junge Katze oder
etwas Derartiges darunterlge.

Na, das hat mir noch gefehlt, brummte der gepeinigte Gast leise und
ingrimmig vor sich hin, was ist jetzt wieder los? -- Er horchte eine
Weile, aber das Gerusch lie nach und er fing eben erst an wieder in
Schlaf zu kommen, als es von neuem und strker begann.

Heiliger Gott im Himmel! sagte der geplagte Commerzienrath, gewaltsam
einen Fluch zurckhaltend, ist das nicht um selbst den gesundesten
Christenmenschen zur Verzweiflung zu bringen, und dabei soll ich meine
gelbe Hypertrophie verlieren?

Das Rascheln und Winseln wurde jetzt strker und es blieb dem im Bette
Liegenden bald kein Zweifel mehr, da irgendein junger Hund sich gerade
unter der Bettstelle in dem dort befindlichen Stroh sein Lager gemacht
und nun durch Flhe oder bse Trume gepeinigt werde. An Selberschlafen
war aber unter solchen Umstnden gar nicht zu denken, nach irgendeiner
Bedienung zu rufen blieb ebenfalls ganz auer der Frage, und der
Commerzienrath entschlo sich endlich, wie das Rascheln und Winseln
immer strker wurde, noch einmal aufzustehen und den kleinen Strenfried
zu fassen und aus der Thr zu werfen. Ein Ueberfall des Lichtes wegen
war nicht mehr zu frchten.

Vorsichtig nach den Pantoffeln fhlend, die er rasch wieder anzog,
kauerte sich jetzt der wrdige Mann, den Kopf etwas nach rckwrts
gezwngt, weil er ihn gegen die Bettstelle pressen mute, vor seinem
Lager nieder, mit der Hand in dem Stroh nach dem Gegenstande seines
Grimmes zu suchen. Es dauerte gar nicht lange, so griff er einen jungen
Hund, der sich winselnd auf den Rcken legte, als er die Berhrung
fhlte, erwischte ihn beim Felle und trug ihn, sich schwerfllig damit
am Bette aufrichtend, der Thr zu. Ueber den Leuchter stolpernd, an den
er nicht mehr gedacht, fand er aber doch zuletzt die Klinke, ffnete sie
und warf den jungen winselnden Kter mit einem zwar leise gemurmelten,
aber desto herzlicher gemeinten Fluche ins Freie.

So, sagte er dann, als er die Thr wieder sorgfltig geschlossen und
sich zum Bette zurckfhlte, so, nun hat der Skandal auch ein Ende und
ich werde doch einmal wenigstens zur Ruhe kommen. -- O meine Leber!

Und wieder unter seine Decke fahrend suchte er sich den leidenden Theil
so bequem zu legen als mglich und brachte dann seine rechte Hand an den
Kopf, dort die ihm noch so schwere Sorgen bereitende Narbe seiner
Balggeschwulst solange zu drcken bis sie ihm wehthat, und sich dann mit
dem Gedanken zu qulen, da daraus jedenfalls einmal ein Krebsschaden
entstehen msse, der ihn langsam in sein Grab hinunterfre. Schon
manche liebe lange Nacht hatte er auf hnliche Art im Schlafe gesthnt
und auch jetzt gewann die Mdigkeit eben wieder die Oberhand und sandte
ihm schon in ungewissen schwankenden Traumbildern die Erlebnisse des
vergangenen Tages. Aber diese kamen nicht in der erlebten Reihenfolge,
sondern begannen mit dem letzten, denn er hrte deutlich wieder das
Winseln und Rascheln von vorher und wollte sich eben selbst im Traume
mit dem Bewutsein trsten, da es eben nur ein Traum sei, als das
Gerusch strker und lebendiger wurde und er sich endlich, ordentlich in
die Hhe fahrend, wieder im Bette aufrichtete, um darauf zu horchen.

Jesus Maria Joseph! rief er fast unwillkrlich als er zu der ganz
unzweifelhaften Gewiheit einer ganz neuen Strung gelangte, da ist
beim Himmel noch so eine Bestie darunter, und ich habe doch vorher
ringsumher gefhlt. Na, an die Nacht will ich denken; wenn ich aber je
zurck nach Gidelsbach komme, werde ich mir ein Vergngen daraus machen,
dem verdammten Doctor dieselbe Tour und ein Nachtquartier in dem Nest
hier -- wie hie es gleich? -- zu empfehlen. Der soll mir wiederkommen!

Betrachtungen nutzten aber hier durchaus nichts; der junge Hund lie
sich weder weg noch zur Ruhe philosophiren, und nach mehrmaligen
vergeblichen Versuchen, trotz der Giftkrte wiedereinzuschlafen,
mute der unglckliche Reisende, wenn er nicht die ganze Nacht solchen
Experimenten opfern wollte, zum dritten male heraus aus dem Bette, den
Strenfried zu entfernen. Wieder erwischte er ihn hinten im Nacken, trug
ihn an die Thr, die er noch fest eingeklinkt fand, ffnete sie, warf
ihn hinaus, schlo sie wieder und ging zum vierten male heute zu Bette,
der so nthigen Ruhe zu pflegen.

Es war umsonst, und kaum hatte er lange genug gelegen, sich nicht mehr
um das nun einmal Geschehene zu rgern, als das Winseln von neuem
begann. Wieder strubte er sich gegen die Macht der Umstnde, er mute
noch einmal aus dem Bette, den dritten Hund hinauszuwerfen und selbst
nach seinem Regenschirm tappte er jetzt umher, unter dem Bette, ehe er
sich nun wieder hinlegte, umherzufhlen, ob nicht etwa noch solch eine
kleine entsetzliche Bestie darunter versteckt sei, die nur auf den
Augenblick seines Einschlafens mit boshafter Sicherheit warte. Er konnte
nirgends mehr etwas entdecken; Stroh lag noch berall, aber kein Hund,
und den Schirm an das Bett lehnend, wie in Vorahnung eines neuen
Unheils, hatte er sich eben umgedreht und auf seine Lagersttte gesetzt,
die Beine dann heraufzuziehen unter die Decke, als ein neues Rascheln,
dem bald darauf das unselige Winseln folgte, ihm in Verzweiflung die
Jagd aufs neue beginnen machte. Wohl suchte er jetzt seine
Schwefelhlzchen vor, dem Reste dieser unseligen Nachtlrmer auf die
Spur zu kommen, er fand sie, aber er hatte kein Licht mehr daran zu
entznden und frchtete sich auch in dem vielen zerstreuten Stroh
umherzuleuchten. Wie leicht konnte da Feuer entstehen, und das war Alles
was ihm noch gefehlt. Mit dem Stocke stie er jetzt in alle Winkel und
Ecken, unter dem Bette nach jeder Richtung hin, unter die Commode, an
deren scharfer Kante er sich das Schienbein beschdigte, und unter den
Kleiderschrank, gegen den er mit dem Knie so heftig anrannte, da er
gegrndete Ursache zu haben glaubte, den Schwamm zu befrchten.

Vier junge Hunde! murmelte er dabei leise vor sich hin, wo nur die
Alte steckt, oder ob sich die am Ende auch noch meldet? -- Vier solche
kleine malitise Thlen. Und wenn sie sich nur wenigstens gleich alle
auf einmal gemeldet htten, dann knnte ich jetzt wenigstens schon eine
Stunde schlafen. Auerdem werde ich mir wol hier den Tod an den Hals
holen mit meiner dnnen Kleidung und dicken Leber; -- wenn ich nur den
Doctor hier htte! setzte er mit einer Art Ingrimm hinzu, als er sein
Lager wieder suchte und sich laut aufseufzend zurck auf das Kissen
warf.

Armer Commerzienrath -- deine Ruhe sollte nur von entsetzlich kurzer
Dauer sein, denn noch war er nicht einmal in seine Lieblingsstelle
gerckt, als das jetzt frmlich unheimlich werdende Winseln von neuem
begann. Wie von einer Natter gestochen sprang er im Bette empor. Fast
unwillkrlich suchte auch die Hand nach seinen Pistolen, die er gewohnt
war ber seinem Bette zu wissen, wenn ihm die Erinnerung daran auch
einen Stich durchs Herz gab, suchte nach dem Klingelzuge, Hlfe
herbeizuholen gegen solche Qual. Weder das Eine noch das Andere war zu
fhlen; nichts als die kahle schrge Wand, und eiskalt lief es ihm bei
dem Gedanken ber den Rcken, da er es doch am Ende hier mit etwas
Uebernatrlichem zu thun haben knne in dem fremden alten Gebude. Aber
die jungen Hunde waren doch von Fleisch und Bein gewesen, hatte er nicht
das warme weiche Fell in seiner Hand gefhlt bei ihnen allen? Und wo kam
jetzt der neue Zuwachs her? Welchen Winkel im Zimmer mute er bersehen
haben, und blieb es nicht rthselhaft, da sie sich nur immer solange
stillhielten, bis er eben wieder im Bette lag?

Er wollte es jetzt durchsetzen und die kleine Krte winseln lassen
solange es ihr beliebte, wickelte sich demzufolge entschlossen in seine
Decke, aber -- er war nicht im Stande es durchzufhren. Der feine
winselnde Ton drang ihm durch Mark und Bein und er mute zuletzt wieder
heraus, sie den andern nachzuschicken -- um wieder und wieder dasselbe
Spiel zu erneuern. Wie der unerschpfliche Hut eines Taschenspielers,
der Bouquets und Karten, Percken, Eier und Taschentcher ausspeit in
ununterbrochener Reihe, so lieferte das lockere Bettstroh junge Hunde,
und der Commerzienrath -- denn man gewhnt sich ja an Alles --, der es
zuletzt anfing ganz in der Ordnung zu finden, da er sich die Nacht
damit beschftige junge Hunde aus der Thr zu werfen, trstete sich beim
neunten mit dem Gedanken, da er noch nie gehrt habe, wie eine Hndin
mehr als neun Junge gehabt, und beruhigte sich beim zehnten damit, da
er zugab, sie knnten von zwei Hndinnen herrhren. Halb im Schlafe,
denn er wurde nach und nach mde von der ungewohnten Arbeit, stand er
auf, wenn er die furchtbaren Laute hrte, griff unters Bett, zerrte die
immer strker winselnde Bestie bei den Ohren vor und setzte sie in einem
schon kaum mehr bewuten Zustande an die Luft, bis sich die andere
meldete.

Erst mit dmmerndem Morgen sollte er Ruhe finden; der halbe Hausknecht
von gestern Abend kam schwerfllig die Treppe heraufgeschlurrt, gerade
als der Commerzienrath den siebzehnten aus der Thr schleuderte.

Da, schrie er dabei, habt Ihr noch einen und der nchste, der mir nun
noch in die Kammer kommt, den werf ich aus dem Fenster, so wahr wie ich
Hieronymus heie. Ist das hier ein Gasthaus fr anstndige Reisende,
wo die Kammer von Hunden wimmelt? Und die Thr zuschlagend, da die
Fenster klirrten, warf er sich wieder ins Bett und hrte nur noch wie
der Hausknecht den kleinen Kter aufgriff und streichelte und liebkoste
und dann langsam mit ihm den Gang zurcktappte, wie er gekommen.

Weiter vernahm er nichts; seine Mdigkeit gewann endlich die Oberhand
und er sank in einen festen fast krankhaften Schlaf, aus dem ihn der
Hausknecht spter, zu der gegebenen Stunde, kaum wieder herausrtteln
konnte.

Da ist schon wieder einer! sagte er noch im Traume, der ihn auch
selbst die wenigen Stunden hindurch verfolgt haben mute. Satansbestie,
kleine, wenn ich dich jetzt nicht --

Papelt der irre? sagte der Hausknecht ruhig, seine Operation ihn
munter zu bekommen an ihm wiederholend, he holla -- der Kaffee ist
auf'm Tisch und die Post wird gar nicht mehr solange bleiben.

Wer ist auf dem Tische? fragte der Commerzienrath, pltzlich munter
werdend und sich wie aus einem Pistol geschossen in seinem Bette
aufrichtend. Heilige Mutter Gottes! setzte er dann sthnend hinzu,
als ihm die Erlebnisse der letzten Nacht wieder in der Erinnerung
auftauchten, bin ich nicht am ganzen Leibe wie gerdert und
zerschlagen. Und deshalb habe ich die Post weiterziehen lassen, hier
eine ordentliche Nachtruhe zu halten, und nun -- aber der Mamsell will
ich meine Meinung sagen -- wo ist die Mamsell?

Der Mann aber, an den er die Frage zu richten gedachte, hatte sich,
nachdem er seine Pflicht erfllt und den curiosen Reisenden geweckt,
dessen Kleider gereinigt auf dem Stuhle lagen, dessen Stiefel blank
und blitzend vor dem Bette standen, wieder zu seinen andern Geschften
zurckgezogen, und dem Commerzienrath Mahlhuber blieb nichts brig, als
seinen Grimm noch auf kurze Zeit zu verbeien und sich vor allen Dingen
in die Kleider zu werfen. Himmel, wenn er den Postwagen versumte und am
Ende gezwungen gewesen wre, noch eine Nacht in diesem Hause, in dieser
entsetzlichen grnen Stube zuzubringen. Aber er hatte noch Zeit genug,
und den dienstbaren Geist, der in Erwartung eines Trinkgeldes heute
Morgen sehr flink bei der Hand war, wieder heraufrufend, lie er ihm das
Gepck hinunter ins Packzimmer tragen, damit es gewogen und
weiterbefrdert werden konnte.

Den Leuten unten aber, und besonders der Mamsell, wollte er einmal
tchtig seine Meinung sagen ber eine solche Behandlung -- er hatte
sich den Rock schon bis oben hinauf zugeknpft, recht entschlossen und
determinirt auszusehen, und ging wirklich ein paar mal in seinem kleinen
Zimmer mit schnellen Schritten auf und ab, die Zornesworte sich zu
wiederholen, die er gegen sie auszuschleudern gedachte. War das eine
Behandlung fr einen anstndigen Mann, den Commerzienrath aus dem Spiele
zu lassen? war es nicht niedertrchtig einem Kranken den so nthigen
Schlaf frmlich abzustehlen, indem man nicht etwa Hunde zu ihm ins
Zimmer that, nein, ihn frmlich in eine ganze Sammlung von kleinen
nichtswrdigen winselnden heulenden Krten hineinsperrte, als wenn man
es darauf abgesehen habe ihn zugrunde zu richten? Sie -- Mamsell, Sie,
wollte er sagen und sie dabei mit einem durchbohrenden Blicke ansehen,
wie drfen Sie sich unterstehen --

Der Kaffee ist fertig, meldete der Hausknecht wieder, den Kopf ber
der Treppe zeigend, und wenn Sie nicht gleich kommen, knnen Sie keinen
mehr trinken.

Keinen Kaffee trinken -- der ganze Tag wre ihm verloren gewesen,
und rasch seine Reisemtze aufgreifend, stieg er mit schnellen
entschlossenen Schritten, die aber vorsichtiger wurden, als er die etwas
steile Treppe erreichte, hinunter.

Die Mamsell stand unten an der Treppe, und mit ihrem freundlichen
Lcheln und einem verschmten Blicke die Augen niederschlagend -- sie
dachte wahrscheinlich des Moments, in dem sie einander gestern Abend zum
letzten male gesehen -- sagte verbindlich:

Wnsche herzlich wohl geruht zu haben und wollen Sie jetzt nicht
geflligst nhertreten und Ihren Kaffee einnehmen?

Wohl geruht zu haben -- nun auch noch Hohn zu alledem! -- Wohl zu ruhen
zwischen siebzehn Hunden, ohne die Alte, das war zu arg, und jetzt
sollte sie es bekommen. Liebe Mamsell, sagte der Commerzienrath mit
einer Stimme, der sich aber Rhrung ber das erlittene Unrecht
beimischte, und die deshalb viel weicher klang als es berhaupt in
seiner Absicht gelegen, liebe Mamsell, ich mchte Sie sehr bitten --

Ach, verehrtester Herr Mahlhuber, unterbrach ihn aber die Mamsell
rasch und fast rgerlich, Sie haben ja gar nicht um Entschuldigung zu
bitten -- ich war ja eigentlich Schuld daran.

Um Entschuldigung bitten? fragte der Commerzienrath, dem in dem
wrmern Zimmer die Brille angelaufen war, indem er den Kopf niederbog,
ber die Glser wegzusehen, um Entschuldigung bitten --

Ich glaubte Sie htten sich lange zur Ruhe begeben -- und wagte
deshalb --

Ruh' begeben? wiederholte der Commerzienrath und bog sich immer mehr
herunter, den Ausdruck in der Wirthin Gesicht zu sehen, glauben Sie,
verehrteste Mamsell, da man sich berhaupt zur Ruh' begeben kann, wenn
man das ganze Zimmer voll Hunde hat?

Voll Hunde, Herr Mahlhuber? -- Aber ich bitte Sie um Gotteswillen, wie
so denn voll Hunde?

Wenn man berechtigt ist, sagte der Commerzienrath seinen Grimm jetzt
an dem mehr zugnglichen Kaffee auszulassen, indem er zum Tisch trat,
sich eine Tasse einschenkte und whrend des folgenden Gesprchs trank,
fast anderthalb Dutzend mit dem Beiwort "voll" zu belegen, so kann ich
verantworten, was ich behaupte; wollen Sie so freundlich sein und mir
meine Rechnung geben?

Anderthalb Dutzend Hunde? -- aber bester Herr Mahlhuber -- bitte --
2 Gulden 15 Kreuzer macht das Ganze -- anderthalb Dutzend Hunde? -- wir
haben nur einen einzigen kleinen jungen Pudel im Hause, den der Herr
Postmeister vorige Woche erst mit von Bamberg gebracht hat.

Einen einzigen? rief Herr Mahlhuber entrstet, indem er das Geld
fr sein Abendessen und Nachtquartier auf den Tisch legte, nennen Sie
das einen einzigen? -- siebzehn, sage ich Ihnen, siebzehn habe ich in
dieser einen unglckseligen Nacht mit eigenen Hnden unter meinem Bette
vorgeholt und aus der Thr geworfen, und -- die Alte ist vielleicht noch
oben.

Siebzehn Hunde? rief die Mamsell, das Geld erst berzhlend und
einsteckend und dann die Hnde ber dem Kopfe zusammenschlagend,
siebzehn junge Hunde?

Der Commerzienrath nickte durch die Tasse Kaffee durch, die er gerade an
den Lippen hielt.

Aber wir haben nur einen einzigen im Hause, der allerdings immer da
oben liegt und den ich gestern ganz vergessen hatte.

Wollen Sie mir meine fnf Sinne und die schlaflose Nacht abstreiten?
rief der Reisende.

Ach du mein Himmel! rief die Mamsell, der jetzt pltzlich ein Licht
ber das Ganze aufzugehen schien, da ist die kleine Krte immer wieder
durch das eingeschnittene Loch ins Zimmer gekommen.

Was fr ein Loch? rief der Commerzienrath erschrocken.

Was der Herr Postmeister hat oben in die Wand schneiden lassen, damit
das kleine Thier die Stube nicht verunreinigen soll, wenn die Thr
verschlossen wre.

Und Sie haben nur einen Hund?

Nur einen einzigen in der Welt.

Und da htt' ich die kleine infernalische Bestie siebzehn verschiedene
male zur Thr hinausgeworfen und jedesmal hinter ihr abgeschlossen,
whrend sie zu dem verdammten Loche wieder hereinkam?

Die Mamsell wollte etwas darauf erwidern, als in dem Augenblick die
heranpolternde Post und das frhliche Blasen des Postillons sie abrief.
Froh vielleicht, einem so unangenehmen Gesprch enthoben zu sein, sprang
sie rasch hinaus, nach den neuen Passagieren zu sehen, ob sie vielleicht
etwas verlangten, und der Commerzienrath hatte ebenfalls keinen
Augenblick Zeit mehr zu verlieren, seine Passage und Ueberfracht zu
bezahlen und einzusteigen.

Wie er gerade von dem Hausknecht gefolgt, der seine Utensilien trug,
aus der Thr treten wollte, sa der kleine Pudel ihm mitten im Wege und
kratzte sich mit dem nur zu gut gekannten Winseln den wolligen Pelz.
Der Commerzienrath hob auch in der That schon den Fu, die kleine Bestie
wenigstens in etwas fr die schlaflose Nacht auszuzahlen, aber seine
angeborene Gutmthigkeit siegte; tief aufseufzend umging er den sich
wenig oder gar nicht um ihn bekmmernden Pudel, der seine Beschftigung
ruhig fortsetzte, und bestieg, ohne auch nur einen Blick zurckzuwerfen,
den Postwagen.




6.

+Die verhngnivollen Schuhe.+


Die vorige unruhige Nacht hatte den sonst an seine ununterbrochenste
Ruhe und jede Bequemlichkeit gewhnten Mann so mitgenommen, da er seine
neue Reisegesellschaft, ohne sich auch nur im mindesten um sie zu
bekmmern, kaum begrte, sondern sich nur in die Ecke zurcklehnte und
die Augen schlo, das Versumte jetzt wenigstens in etwas und nach
besten Krften nachzuholen. Das Glck war ihm diesmal auch gnstiger,
seine Mitpassagiere nickten ebenfalls hben und drben in den Ecken, und
der Commerzienrath schlief fest bis nach Burgkundstadt hinein, wo sie um
2 Uhr Nachmittags eintrafen und etwas spter mit dem abgehenden
Eisenbahnzuge nach Bamberg befrdert werden konnten.

Hier aber begann wirklich ein anderes Leben fr den Commerzienrath; in
seinem ganzen Leben war er noch auf keiner Eisenbahn gefahren, und auch
das Kleinste, Unbedeutendste, was mit derselben in Verbindung stand, bis
auf die geflgelten Rder der Knpfe und Mtzenzierrathen hinunter,
interessirte ihn. Gerhrt schien er ordentlich ber die Geflligkeit der
ihm doch wildfremden Menschen, seinen Regenschirm oder was er sonst in
der Hand hielt, zu tragen -- wer htte sich selbst in Gidelsbach so weit
um ihn bekmmert, und er streute die Kreuzer nur so um sich her. Er
bedurfte aber auch fremder Menschen, ihn und sein Gepck wieder richtig
an Ort und Stelle abzuliefern, da er die Restauration und das
Gepckzimmer, den Billetverkauf und sein Coup fand. Behaglich dort in
eine Ecke und das weiche Polster gedrckt, hrte er mit einem
eigenthmlichen unheimlichen Wohlbehagen das scharfe Pfeifen der
Locomotive, fhlte die Wagen anziehen und sah sich gleich darauf zu
seinem unbegrenzten Erstaunen mit einer Schnelligkeit fortgerissen, von
der er frher allerdings keine Ahnung gehabt.

Das Coup war ziemlich voll und der Commerzienrath befand sich zwischen
einer ganzen Anzahl von Damen, die, schon eine lngere Strecke
zusammengefahren, miteinander flsterten und schwatzten und sich
heimlicherweise ihre Bemerkungen ber den frisch eingestiegenen
Mitpassagier in die Ohren flsterten. Mit ihm zugleich gekommen war ein
junges bildschnes Mdchen von vielleicht 18 oder 19 Jahren, und die im
Wagen Sitzenden muten natrlich glauben, wovon Commerzienrath Mahlhuber
auch nicht die Ahnung hatte, da sie Beide zusammengehrten. Die
verschiedenen Ansichten boten jetzt ungemeines Interesse, ob sie ein
jung verheirathetes Paar oder Vater und Tochter sein knnten.

So unschuldig aber auch Freund Mahlhuber unter diesem frmlichen Schauer
von Vermuthungen sa und sich nur fr Alles interessirte, was mit der
Bewegung und Einrichtung der Bahn und der verschiedenen Wagen selber wie
ihrer Fortbewegung in Verbindung stand, so aufmerksam hatte das scharfe
Ohr seiner jungen Nachbarin die einzelnen Worte hier und da aufgefangen,
und ihre Blicke hafteten mehre male, solange sie das unbemerkt thun
konnten, auf ihrem Nachbar.

Sehr einfach aber geschmackvoll gekleidet, trug sie einen
enganschlieenden Oberrock von ungebleichter Seide mit einem
rosaseidenen Halstuche und in der Hand einen breitrnderigen Strohhut
mit einem einfachen seidenen Bande, dann einen Sonnenschirm und eine
ziemlich vollgepackte etwas unbequeme Reisetasche, die sie neben sich
stehen hatte und auf die sie ihren linken Arm sttzte. Sie sah aus wie
eine junge Dame, die ein paar Stationen fhrt, irgend Verwandte zu
besuchen, dort vielleicht ein oder zwei Nchte zu bleiben und dann in
demselben Kleide nach Hause zurckzukehren. Nichtsdestoweniger hatte sie
etwas Unruhiges in ihrem Benehmen, das den scharfbeobachtenden Damen im
Coup keineswegs entgangen war, und blos an dem gutmthigen Lcheln des
Commerzienraths spurlos vorberglitt. Nur ein einziges mal, als sie das
groe dunkle Auge, gerade wie die Aufmerksamkeit der Uebrigen nach
anderer Richtung hingezogen wurde, auf ihn mit einem so ngstlich
fragenden Blick geheftet hielt, fiel es ihm selber auf und er wollte
sich in der That schon erkundigen, ob sie etwas von ihm wnsche oder ob
er Irgendjemandem aus ihrer Bekanntschaft, der er aber natrlich nicht
wre, frappant hnlich she. Sie drehte jedoch das Kpfchen gleich
darauf wieder leise errthend nach der andern Seite, und er dachte nicht
weiter daran.

Es ist jedenfalls Mann und Frau, sagte indessen die eine alte Dame auf
der andern Seite des Coup, die sich zu der ihr gegenber Sitzenden mit
dem Oberkrper vorbog, damit sie, in dem Klappern der Wagen, nicht zu
schreien brauche, sie reden fast gar nicht miteinander und die junge
Frau dreht nur manchmal das Kpfchen nach ihm herum, zu sehen was er fr
ein Gesicht macht.

Der alte Esel htte eher an sein Grab als an die Heirath mit einem so
jungen Dinge denken sollen -- wenn's wahr ist -- sagte die Andere.

Ich mchte nur wissen wie lange das dauern wird, meinte die Erste
wieder und stahl einen Seitenblick nach der jungen Frau, den sie aber
augenblicklich anscheinend gleichgltig zum Fenster hinauswarf, als sie
deren Auge fest auf sich geheftet fand; sie kann das doch nicht gehrt
haben, setzte sie schnell und leise hinzu.

Und was wr's? sagte die Andere, den Kopf hinberwerfend, Jeder hat
ein Recht zu seiner Meinung, sollt' ich denken.

Die dem Commerzienrath gegenbersitzende Dame hatte indessen kaum einen
Augenblick ruhig gesessen, sondern bald auf dem Sitze herum, bald mit
den Fen unter sich gefhlt und bald ihre Rcke beiseite gedrckt und
an des Commerzienraths rechtem und linkem Beine heruntergesehen.

Suchen Sie etwas? fragte dieser endlich gefllig, und sie hatte
wirklich noch nichts Anderes gethan die ganze Zeit.

Ach das ist mir sehr fatal, sagte die Dame, ich mu meine Ueberschuhe
zu Hause haben stehen lassen, denn ich erinnere mich nicht sie hier im
Wagen ausgezogen zu haben, und sie sind doch nirgends zu sehen. Wenn wir
jetzt noch Regen bekommen zu den schon so schmuzigen Wegen, kann ich mit
meinen dnnen Zeugstiefeln im Schlamme herumwaten.

Wenn Sie mir erlauben, sagte der Commerzienrath und machte einen
verzweifelten, wenn auch vllig erfolglosen Versuch sich zu bcken, so
will ich selber einmal nachsehen.

O bitte, bemhen Sie sich nicht -- ach das ist mir doch recht fatal,
sagte die Dame, eine recht nette, noch ziemlich jung und frisch und
blhend aussehende Frau.

Ja, man ist auf der Reise so manchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt,
sagte der Commerzienrath seufzend, man mu so Manches entbehren, dessen
Ntzlichkeit und Nothwendigkeit man wirklich erst einsieht, wenn man es
vermit.

Ja, und besonders wenn man leidend ist, sagte die junge hbsche Frau
mit einem tiefen Seufzer, indem sie jede Hoffnung auf die Ueberschuhe
aufzugeben schien, und neben dem Commerzienrath hin zum Fenster
hinaussah; ich kann mir den Tod holen in meinen dnnen Schuhen.

Es ist unendlich fatal, sagte der Commerzienrath und sah noch einmal
nach links auf die Knie der verschiedenen Damen nieder, die ihm jede
Aussicht nach unten rettungslos versperrten.

Ich gehe nie in Zeugstiefeln, sagte eine dicke Dame in einem
papagaigrnen seidenen Hute und blauen Blumen darin, mit sehr rothem
Gesichte und einem Paar entsetzlich groer emaillirter Ohrringe, die
rechts und links aus dem Hute heraushingen -- sie sa dicht neben der
jungen Frau, dem Commerzienrath schrg gegenber, und hatte indessen
eben eine gestrichene Semmel mit Kse beendet, die einen warmen
unangenehmen Geruch im Coup verbreitete --; ich trage bei schmuzigem
Wetter immer Lederschuhe, und die sind mir noch manchmal zu hei. Durch
die Ueberschuhe verdirbt man sich die Fe. Mnner tragen sie und mgen
sie tragen -- Mnner rauchen auch Cigarren, aber ich halte Ueberschuhe
fr etwas Unweibliches.

Der Commerzienrath, der keinesfalls den ganzen Sinn der Worte
verstanden, nahm das wunderbarerweise fr ein ihm gemachtes Compliment,
wenigstens verneigte er sich gegen die Dame und sagte verbindlich:

Ich kann mich auch nie erinnern Ueberschuhe getragen zu haben, obgleich
mein krnklicher Zustand mich wol dabei wrde entschuldigt haben.
Dorothee, wei ich, drang oft in mich mir ein Paar anzuschaffen, aber
ich strubte mich hartnckig dagegen -- ich habe Frostballen am linken
Fu.

Dorothee heit sie, sagte die eine Dame an der andern Seite des Coup
leise zu ihrer Freundin.

Sie sehen aber gar nicht aus als ob Sie einen krnklichen Zustand
htten, erwiderte ihm die dicke Dame mit den groen Ohrringen. Es ist
merkwrdig was die Mnner immer gleich pimpeln und lamentiren, wenn
ihnen einmal der Finger wehthut, und uns nennen sie das schwache
Geschlecht! Sie sollten einmal unsere Schmerzen zu ertragen haben. Und
sie nickte dabei mit dem Kopfe und sah sich unter ihren Nachbarinnen mit
einem triumphirenden Blicke ringsum, der nicht Anerkennung suchte, nein,
der wute, da er sie zu fodern hatte.

Nun, ich wei doch nicht, meinte der Commerzienrath, und in der Furcht
in dem Klappern des Wagens nicht gehrt zu werden, schrie er dabei etwas
mehr als gerade nthig gewesen wre; ich zum Beispiel leide, nach einer
sehr schmerzhaften Operation, deren Folgen vielleicht noch im
Hintergrunde fr mich lauern, an gelber Hypertrophie, die mir groe
Sorgen bereitet und mich in der That auf Reisen getrieben hat.

Ueberdrofi? fragte die dicke Frau erstaunt, wer hat schon in seinem
Leben von Ueberdrofi gehrt? Was sie jetzt fr verrckte Namen fr alle
Krankheiten haben!

Es ist eine speckige Entartung der Leber, sagte der Commerzienrath
rasch und sehr erfreut, die Dame mit den groen Ohrringen in etwas
belehren zu knnen, eine Art Fettleber, die, vllige drei Zoll zu gro
fr den brigen Bau meines Krpers, an Rippen, Zwerchfell und Magen
anstt und mir die bedauerlichsten Unbequemlichkeiten veranlat. Ein
Fahren im Wagen ist mir deshalb von meinem Arzte als eine Art
Passivgymnastik besonders empfohlen worden.

Als was? fragte die dicke Dame und sah ihn gro und erstaunt mit ihrem
vollen rothen Gesicht an.

Als eine Art Passivgymnastik.

Das Fahren?

Ja wol --

Nun Gott sei Dank, sagte die dicke Dame und warf wieder einen Blick
umher wie vorher, und reist ihre Frau auch auf Passif--, wie hie das
Andere?

Gymnastik -- meine Frau? setzte der Commerzienrath berrascht hinzu
und die andern Damen steckten die Kpfe zusammen. Ehe er aber noch etwas
weiter darauf erwidern konnte, pfiff die Locomotive, der Zug ging
langsam und die junge hbsche ihm gegenbersitzende Frau mit den
vergessenen Ueberschuhen stand auf, ihr Umschlagetuch, das
zurckgefallen war, wieder ber die Schultern zu nehmen.

Sie wollen uns hier schon verlassen? fragte der Commerzienrath,
whrend die dicke Frau sich von ihm abbog und ihre Nachbarin zur
Rechten, in einem Versuch der an der andern Ecke sitzenden Dame etwas
zuzuflstern, fast erstickte.

Ja, ich gehe nur bis Hochstadt, lautete die Antwort, whrend die
Sprecherin aus dem Fenster und nach den Wolken schaute; lieber Gott im
Himmel, setzte sie dabei ngstlich hinzu, da hinten steigen wirklich
schon Wolken auf und wenn wir noch mehr Regen bekommen, bin ich
verloren.

Sie werden sich ein Paar andere Schuhe kaufen mssen, sagte der
Commerzienrath wohlmeinend, es wird wirklich das Beste fr Sie sein.

Ach das viele Geld so hinauswerfen, sagte die kleine Frau seufzend,
es wird mir aber am Ende nichts Anderes brigbleiben, und ich glaubte
so fest, da ich sie mithtte.

Nun vielleicht finden sie sich noch, suchte sie Herr Mahlhuber zu
trsten; aber der Trost war sehr schwach, denn der Zug hielt in diesem
Augenblick und die junge Frau stieg, wie das Coup geffnet wurde, mit
freundlichem Gru aus.

Station Hochstadt! sagte der Conducteur. Der Zug wird gleich wieder
fortgehen.

Der Commerzienrath hatte ihr eben den Reisebeutel nachgereicht, als
drauen ein Kellner mit Bier vorberkam. Herrn Mahlhuber durstete,
ebenfalls eine Folge seines Leberleidens, wie er sich selber
entschuldigte, fortwhrend, und er gedachte nicht eine so gute
Gelegenheit vorbeizulassen, den Durst zu lschen. Wie er aber ausstieg
warnte ihn der Conducteur den Zug nicht zu versumen, der den Augenblick
wieder abgehen wrde.

Nur einmal trinken, lieber Freund, sagte der Commerzienrath bestrzt,
ich habe ein Leberleiden, die gelbe Hypertro--

Ja von der kommt's, lachte der Mann, ebenfalls ein Glas auf einen Zug
leerend und sich den Bart wischend, das wei der Henker, die ist immer
trocken, und ohne sich weiter mit dem Passagier einzulassen, ging er
seinen Geschften nach den Zug hinunter.

Commerzienrath Mahlhuber trank sein Bier aus, bis auf die Nagelprobe,
sprang aber gleich darauf erschrocken, als die Locomotive einen kleinen
Pfiff that, in das Coup zurck, solche Angst hatte er dagelassen zu
werden. Uebrigens blieb ihm auch gar nicht viel Zeit, denn als er eben
noch zum Fenster hinaussah, pfiff es drauen wirklich und der Zug setzte
sich langsam in Bewegung. Wie sie an den Bahnhofgebuden vorberfuhren,
sah er die junge Frau, die von ihnen ausgestiegen und deren Platz ein
junger Mensch mit semmelblonden Haaren eingenommen, drauen nicht weit
von den Schienen stehen. In dem Augenblick berhrte aber auch zufllig
sein Fu etwas im Wagen, das ihm wie ein Ueberschuh vorkam, und rasch,
in der Erregung des freudigen Gefhls, ein gutes Werk zu vollfhren, und
selbst auf die Gefahr hin, seiner Leber Schaden zu thun oder ein paar
Knpfe abzusprengen, fuhr er mit der linken Hand hinunter und erfate
wirklich zwei dort stehende groe Schuhe.

Hier sind Ihre verlorenen Schuhe, Madame! rief er in vollem Jubel
hinaus.

Ach, ist es mglich? rief die junge Frau und streckte die Arme danach
aus. An ein artiges Ueberliefern war aber gar nicht mehr zu denken, denn
der Zug fing schon an rasch zu gehen, und mit wirklich lobenswerther
Entschlossenheit ergriff er die beiden Schuhe und warf sie nach der
Richtung hin, wo die Dame stand, die mit freundlichem Handwinken ihm fr
seine Geflligkeit, als er sich noch lchelnd nach ihr hinaus aus dem
Fenster bog, dankte.

Herr, sind Sie des Teufels? schrie in dem Augenblick die dicke ihm
schrg gegenbersitzende Dame und wurde kirschroth im Gesicht vor Zorn
und Aufregung. Sie haben meine Schuhe aus dem Fenster geworfen -- halt
da! -- halt -- halt! schrie sie dabei und drngte sich in wilder
Aufregung dem offenen Fenster zu, die ihr im Wege Sitzenden mit
Keilkraft auseinandertreibend; halt! schrie sie, sehr zum Ergtzen der
drauenstehenden Bahnwrter und Arbeiter, denn an den Gebuden waren sie
schon vorber, halt, meine Schuhe -- ich mu meine Schuhe haben -- ich
kann nicht ohne meine Schuhe weiterfahren!

Grinsende Gesichter der Drauenstehenden waren Alles, was man ihr darauf
antwortete. Brrrr! riefen wol Einige, in boshaftem Spotte die
Locomotive mit einem durchgehenden Pferde vergleichend, und ein Anderer
stellte sich hin und ahmte mit den Armen das Arbeiten eines Telegraphen
nach, der in gewaltiger Eile irgendeine wichtige Botschaft meldet; aber
Mitleiden durfte sie von den Leuten nicht erwarten -- noch weniger ihre
Schuhe, und wenige Secunden spter hatte der Zug die Station weit und
unerreichbar hinter sich.

Herr, Sie sind werth, da man Sie hinter den Schuhen her wrfe, wandte
sich jetzt der Grimm der dicken Frau gegen den entsetzten
Commerzienrath, der sich im Anfange noch nicht einmal recht in das
Unheil, das er angerichtet, hineindenken konnte, jetzt kann ich
barfulaufen.

Aber ich denke Sie tragen keine Ueberschuhe, rief der entsetzte Mann,
der sich, in der peinlichsten Lage von der Welt, nur noch an diesen
letzten Hoffnungsanker klammerte.

Ueberschuhe -- wer redet von Ueberschuhen! schrie die Frau, den jungen
semmelblonden Mann fest in seine Ecke hineindrckend, da der Bse Ihre
Ueberschuhe hole; meine Schuhe haben Sie hinausgeworfen.

Ihre Schuhe? fragte der Commerzienrath in unbegrenztem Erstaunen,
whrend die andern Frauen untereinander lachten und kicherten, aber wie
ist das mglich?

Mglich? wiederholte die gereizte Dame mit blitzenden Augen, mglich?
Ich hatte sie abgezogen, weil sie mir zu hei wurden -- ich leide an
heien Fen; jetzt sitz ich in Strmpfen.

Aber ich bitte Sie um Gotteswillen!

Gehen Sie zum Teufel mit ihren Bitten! schrie die gereizte Frau und
das Gesicht wurde ihr ordentlich braun in der furchtbaren Aufregung;
nun sitz' ich hier barfu und kann mir den Tod holen, bis ich nach
Bamberg komme.

Aber ich gebe ihnen mein Ehrenwort --

Behalten Sie Ihr Ehrenwort und geben Sie mir meine Schuhe? schrie die
Amazone.

Das junge Mdchen an seiner Seite war, auer dem jungen blonden Mann,
der noch gar nicht verstand, um was es sich hier eigentlich handelte und
ein etwas verdutztes Gesicht in das allgemeine Vergngen hinein machte,
die Einzige von den Zuschauern gewesen, die nicht gelacht hatte; oder
sie wollte es auch vielleicht verbergen, denn sie bog das Kpfchen, wie
der Blonde in den Wagen stieg, tief nieder, als ob sie den Ausdruck
ihres Gesichts -- vielleicht das ganze Gesicht verbergen wollte. Whrend
des von weiblicher Seite leidenschaftlich genug gefhrten Gesprchs
sagte sie auch kein Wort, und in der That lie auch die Dame in dem
papagaigrnen Hute, in dem Bewutsein ihrer schndlich misbrauchten
hlflosen Lage, Niemand Anderes zu Worte kommen.

Aber, liebste Madame --, sagte der Commerzienrath in einem trostlosen
Versuche sie zu besnftigen.

Gehen Sie mir mit Ihrer Madame, schrie die Frau, schaffen Sie mir
meine Schuhe -- Herr! Wer gibt Ihnen ein Recht hier, anderer Leute
Schuhe zum Fenster hinauszuwerfen?

Aber ich will sie Ihnen mit grtem Vergngen bezahlen --

Und was zieh' ich denn jetzt an? Soll ich etwa barfu oder in Strmpfen
in Bamberg zu einem Schuster laufen?

Ich wrde Ihnen gern ein Paar von den meinigen --

Haben Sie Schuhe bei sich?

Schuhe? Nein, aber Stiefel --

Glauben Sie, da ich in Mnnerstiefeln in der Stadt herumlaufen soll?
rief die Schne entrstet, nein, ist schon Jemandem eine solche
Unverschmtheit vorgekommen?

Aber was um des Himmels Willen verlangen Sie, das ich thun soll? rief
der Commerzienrath in Verzweiflung, das Unglck ist einmal geschehen
und ich kann nicht mehr thun, als da ich Ihnen selber berlasse zu
bestimmen, was ich thun soll.

Die dicke Dame hatte aber noch gar nicht die Absicht, den durch ihr
erlittenes Unrecht gewonnenen Vortheil, das Wort allein zu haben, sobald
wieder aufzugeben, und erst als der Commerzienrath in dumpfem
unheilvollen Schweigen und tief aufseufzend in seine Ecke zurcksank,
zeigte sie sich bereit berhaupt auf Unterhandlungen einzugehen, die
dahin endeten, da der unglckliche Mann vor allen Dingen sechs Gulden
fr ein Paar neue Schuhe auszahlte, ferner nach der letzten Station
versprechen mute zurcktelegraphiren zu lassen, da die verwechselten
Schuhe mit dem nchsten Zuge in den Goldenen Ochsen nach Bamberg
geschickt wrden, und auerdem seinen Reisesack ffnete und der dicken
Madame seine dunkeln tuchenen ganz neuen Pantoffeln, die er kaum zwei
mal an den Fen gehabt und die auf Versuch vollkommen gut paten,
anbot, in Bamberg wenigstens damit in einen Schuhladen gehen zu knnen,
den Schaden zu ersetzen. So dreifach entschdigt beruhigte sich die Dame
wenigstens insoweit, das erlittene Unrecht in die Busen ihrer
Nachbarinnen auszuschtten und mit den schon benutzten Hausschuhen des
Commerzienraths -- denen sie verleumderischerweise nachsagte, da sie
ihr zu weit wren -- zu scharren.

Der semmelblonde junge Mann hatte indessen bei genauerer Musterung des
Coup auch das junge Mdchen bemerkt und, von dem Anblick seiner brigen
Reisegefhrten rasch befriedigt, seinen Blick lnger und aufmerksam auf
ihr ihm noch halb entzogenes Antlitz geheftet. Der Blick wurde aber,
schon whrend des Tumults im Coup, forschender, als er wirklich
bekannte Zge zu entdecken glaubte, bis die junge Dame, die doch nicht
immer in der niedergebckten Stellung bleiben konnte, den Kopf einmal in
die Hhe hob und er nun sah, da er sich nicht getuscht hatte.

Wenn ich nicht irre, mein Frulein, redete er sie jetzt an, whrend
seine Nachbarin zur Rechten noch immer gegen sein +vis--vis+ ein
Kreuzfeuer hinberdonnerte, habe ich das Vergngen Frulein Redmeier
vor mir zu sehen?

Das junge Mdchen wurde purpurroth im Gesicht und stammelte verlegen
einige Worte.

Sie waren, glaub' ich, im vorigen Monat --, die Frau schrie jetzt so
dazwischen, da er fr eine zeitlang den Versuch aufgeben mute, und
erst spter, als sie sich endlich beruhigt, begann er wieder: Sie
waren, glaub' ich, im vorigen Monat in Schweidnitz bei meinen Aeltern --
Karl schrieb uns, da er unendlich glcklich sei.

Das junge Mdchen verneigte sich wieder halb gegen ihn, und whrend sich
der Commerzienrath mit einem aus tiefster Brust geholten Seufzer, nach
beendigter Unterhandlung, in seine Ecke zurcklehnte und das Reisen
verwnschte, das ihm nun schon seit er den Postwagen bestiegen, ihm dem
ruhigen, gesetzten Mann, fast nur eine Reihe von Abenteuern und
Fhrnissen in den Weg geworfen, fuhr der junge semmelblonde Mann in
seiner sen Weise fort: Sie werden einen braven wackern Mann in ihm
finden -- und er spielt vortrefflich die Violine. -- Gott sei Dank, er
hat es nicht nthig, aber in den Abendstunden ist es doch eine sehr
angenehme Erholung -- er wird Sie auf den Hnden tragen.

Die junge Dame wechselte indessen mehrmals die Farbe und schien in einer
ziemlichen Verlegenheit, was aber der junge semmelblonde Mann gar nicht
bemerkte, sondern in seiner faden slichen Weise fortfuhr.

Aber wo wollen Sie denn eigentlich hin? unterbrach er sich pltzlich,
als ihm der Gedanke das Hirn kreuzte; wie mir Mama geschrieben hat,
erwarten sie doch Karl morgen oder bermorgen zu Hause und ich habe mich
eigentlich nur hier in Hochstadt aufgesetzt, um mir in Bamberg, wo ich
sehr bekannt bin und meinen alten Schneider habe, einen Anzug anmessen
zu lassen -- es ist merkwrdig, wie stark ich in dem letzten Jahre
geworden bin; das gute Bier hier krftigt den Krper ungemein.

Sein Blick fiel in diesem Moment auf den Commerzienrath und er sagte
rasch, mit einer halben fast erschrockenen Verbeugung:

Doch nicht Ihr Herr Onkel, wenn ich fragen darf? -- Sie hatten ihn ja
wol erwartet?

Ja, hauchte die junge Dame in wirklich tdtlicher Verlegenheit, und
der Commerzienrath, der sich eben den Schwei von der Stirn trocknete
und, noch mit dem Gedanken an seine Schuhe beschftigt, gar nicht darauf
gehrt hatte, was seine beiden Nachbarn miteinander verhandelten, und
dem also auch die letzten Worte gnzlich entgangen waren, erwiderte in
aller Unschuld halb verbindlich, halb verlegen die tiefe,
ehrfurchtsvolle Verbeugung des jungen Mannes, der ihm in einigen
undeutlichen Worten, die auch grtentheils das Klappern der Wagen
verschlang, versicherte, da er sich unendlich glcklich schtze seine
werthe Bekanntschaft zu machen, und da er hoffe, wie sie als knftige
Verwandte recht gute und treue Nachbarschaft halten wrden.

Der Commerzienrath Mahlhuber, der keine Idee davon hatte, was der junge
fade Mensch von ihm wolle und noch viel weniger sich daraus machte,
verbeugte sich noch einmal und lehnte sich dann wieder, zufrieden einem
weitern Gesprch mit ihm enthoben zu sein, in seine Ecke zurck. Die
Dame in dem papagaigrnen Hut, der daran lag, zu wissen wer der Unmensch
sei, der ihre Schuhe zum Fenster hinausgeworfen -- benutzte aber die
erste Gelegenheit, wo der junge blonde Mann sich wieder gerade
aufrichtete, ihn mit halb unterdrckter Stimme zu fragen, wer der Mensch
da drben sei und wie er heie.

Der junge Mann, dem daran lag die Dame wissen zu lassen, mit wem er
verwandt sei, vertraute ihr ebenso leise, da er der Herr Regierungsrath
Redmeier und jetzt gerade von Nordamerika zurckgekehrt sei, wohin er im
Auftrage der Regierung eine Reise gemacht.

Die dicke Dame erschrak; ein Regierungsrath -- und was fr Grobheiten
hatte sie ihm angethan; wenn er das nun dem Knig wiedersagte -- und
also das war der Onkel von der jungen Frau -- nicht der Mann? --

Gott bewahre! Die junge Dame heirathete in nchster Zeit seinen ltesten
Bruder, den Referendar Fdchen, einen braven wackern jungen hbschen
Mann, der auch vortrefflich Violine spielte. Gott sei Dank, er hatte es
nicht nthig, aber in den Abendstunden war es doch sehr angenehm. Er
selber war Oekonom auf einem Gute in der Nhe von Hochstadt -- hatte
eine sehr gute Stelle -- sein Principal konnte gar nicht ohne ihn fertig
werden -- er fhrte die ganze Wirthschaft -- er spielte auch Klavier,
aber nicht so gut wie sein Bruder die Violine.

Der junge Fdchen hatte seinen Kopf soweit als mglich abgebogen, damit
die Braut nicht etwa hren sollte, da von ihrem Brutigam gesprochen
wurde.

Bester Herr, flsterte das junge Mdchen da rasch und heimlich dem
ausruhenden Commerzienrath zu, indem sie vorsichtig seinen Arm berhrte.

Bitte tausend mal um Entschuldigung, murmelte der Commerzienrath, der
wahrscheinlich glaubte, da er sie angestoen habe. --

Bester Herr, wiederholte das arme Mdchen in Todesangst, denn der
gnstige Moment konnte schon im nchsten Augenblick verflossen sein,
wenn Sie Mitleid mit einem armen Mdchen haben wollen, so widersprechen
Sie mir nicht und steigen Sie in Lichtenfels mit aus -- sei es auch nur
sich in ein anderes Coup zu setzen -- die Verzweiflung und Noth treibt
mich zu diesem Schritt, und Sie leisten einem unglcklichen Wesen einen
groen Dienst.

Hallo! dachte der Commerzienrath und sah berrascht seine Nachbarin
an, deren liebes, von der Erregung der eigenthmlichen Situation rosig
bergossenes Antlitz so bittend und vertrauend, so ngstlich und
kummervoll zu ihm aufgehoben war, whrend in den treuen dunkeln Augen
ein ganzer Himmel lag. Er begriff auch gar nicht, da er kaum die Hlfte
der Worte verstanden, was sie eigentlich von ihm wollte, htte es aber
auch nicht bers Herz bringen knnen, Nein zu ihr zu sagen, was es auch
gewesen sein mochte. Lange Zeit zum Ueberlegen wurde ihm dabei gar nicht
gelassen, denn Herr Fdchen, dem es nicht entgangen war, da seine
knftige Schwgerin etwas mit ihrem Onkel geflstert und ihm
wahrscheinlich mitgetheilt haben mochte, wer er selber sei -- der alte
Herr hatte ganz erstaunt dabei ausgesehen --, glaubte jetzt fr sich
selber wieder den gnstigen Zeitpunkt gekommen ein Wort einflieen zu
lassen.

Sie haben doch hoffentlich eine gute Reise gehabt, verehrter Herr
Regierungsrath? sagte er mit seiner sen, auf Alles gefaten Stimme,
die jeder Biegung, nur nicht des Widersprechens fhig war.

Regierungsrath? Der Commerzienrath wollte gegen einen solchen, ihm
nicht zustehenden Titel protestiren, aber der leise Druck, den er an
seinem Arme fhlte, war ihm Dasselbe, was dem Gefangenen das Bewutsein
der Kette ist -- er war nicht mehr frei, und in einer dunkeln Ahnung von
allen mglichen neuen Unbequemlichkeiten machte er wieder eine etwas
ungeschickte Bewegung gegen den jungen Blondin.

Sie haben doch hoffentlich eine gute und glckliche Reise gehabt?
schrie dieser aber jetzt lauter als vorher, weil er glauben mochte, der
alte Herr habe ihn nicht verstanden, und auch ein dunkles Gefhl hatte,
als ob ihm einmal Jemand gesagt, er hre etwas schwer.

Gute Reise? brummte der Commerzienrath, dem die in den letzten 48
Stunden ertragenen Leiden vor der Seele im Nu emporstiegen, glckliche
Reise? -- bisjetzt war's eine Marterpartie, und wenn ich Dorothee
gefolgt htte....

In Bamberg werde ich mir das Vergngen machen, Sie bei einem Onkel von
mir einzufhren, schrie der junge hoffnungsvolle Mann wieder, er hat
eine Materialienhandlung und ist ein vortrefflicher alter Herr -- spielt
auch ausgezeichnet die Flte -- er wird uns heute Abend etwas vorspielen
-- er thut das alle Abende, manchmal zwei, drei Stunden lang -- es ist
ein prchtiger alter Kauz. -- Sie gehen doch bis Bamberg?

Der Commerzienrath, der nur eine unbestimmte Ahnung hatte wo Bamberg
lag, htte schon einen Umweg gemacht, als er nur von der Flte hrte,
denn erstens war ihm jedes Instrument unangenehm, die Maultrommel
ausgenommen, und dann die Flte noch besonders verhat vor allen
brigen. Er fhlte aber auch, da er hier mit dem jungen hbschen
Mdchen und dem so laffig aussehenden jungen Burschen jedenfalls in eine
Verwickelung kme, der er am besten vielleicht noch durch einen zeitigen
Rckzug entgehen konnte. Abenteuer -- hatte er es dem Doctor nicht
vorhergesagt? -- da war eins brhwarm vom Feuer weg, und fix und fertig
gleich aufgetragen, um verzehrt zu werden. Das hatte ihm noch gefehlt,
die Nacht keinen Schlaf und am hellen Tage Aufregungen und
Verwickelungen. Nein, dagegen gab es ein probates Mittel; er nahm an der
nchsten Station leise und ohne Jemandem ein Wort davon zu sagen, seinen
Reisesack und sein Sitzkissen unter den Arm und empfahl sich; dann
konnte die brige Gesellschaft ruhig nach Bamberg oder wo sie sonst
hinwollte fahren, und nachdem er sich hier einen Tag ausgeruht, war
er dann immer im Stande die Reise, und zwar in aller Gemthlichkeit
und unbelstigt, fortzusetzen. Vor allen Dingen beschlo er dabei
sich fern von Damen zu halten, die ihn jetzt regelmig in die
verschiedenartigsten Verlegenheiten gebracht, und wenn es wahr ist,
da man durch Schaden klug wird, so wollte er sich die Sache gesagt
sein lassen und davon profitiren.

Um nun wenigstens nicht mehr angeredet und belstigt zu werden, lehnte
er sich in seine Ecke zurck, schlo die Augen und that als ob er fest
eingeschlafen wre.




7.

+Die Nichte.+


Auch seine junge Nachbarin hatte sich fest in ihr Tuch gewickelt und
zurckgelehnt, aber der blonde Schwager +in spe+ schien sich davon nicht
abschrecken zu lassen, sondern setzte das Gesprch unverdrossen, wenn
auch nur auf seiner Hlfte, fort, bis der Zug in der Nhe der nchsten
Station Lichtenfels pfiff.

Gott sei Dank! murmelte der Commerzienrath leise vor sich hin, aus
der Verlegenheit wr' ich denn also bald heraus, und leise seinen
Schirm zurechtrckend und den neben sich liegenden Reisesack umdrehend,
da er den Henkel gleich erfassen konnte, sa er sprungfertig und
aufmerksam auf das geffnete Fenster schauend da, bis der Zug hielt und
der Conducteur den Schlag ffnete.

Station Lichtenfels!

Wollen Sie uns hier schon verlassen, Herr Regierungsrath? tnte eine
Stimme mitten aus dem Waggon heraus -- es war die Dame mit dem
papagaigrnen Hut, die wenigstens nicht im Grolle von dem betitelten
Mann scheiden mochte.

Wnsche allerseits glckliche Reise! sagte der Commerzienrath, ohne
sich umzusehen und selbst den knftigen Verwandten keines Blickes
wrdigend.

Es thut mir unendlich leid, so angenehmer Gesellschaft so frh entsagen
zu mssen, hrte er noch hinter sich, und mit einem in den Bart
gemurmelten Bitte, bitte recht sehr! kletterte er, den Reisesack und
das Sitzkissen hinter sich herschleifend, die eisernen Tritte nieder und
eilte jetzt spornstreichs, und ohne sich nur umzusehen, der Restauration
zu, dort seine Sachen abzulegen und nach seinem brigen Gepck zu sehen.
Ein kleiner Junge, der sich ihm dienstfertig zum Fhrer anbot, geleitete
ihn rasch zum Packwagen zurck, wo der Packmeister, der das fr
Lichtenfels bestimmte Gut schon verabfolgt hatte, eine Partie
mitgehender Packete in Empfang nahm.

Ich mchte gern mein Gepck haben! rief der Commerzienrath.

Liegt da drben, lautete die prompte Antwort und Herr Mahlhuber
schttelte erstaunt mit dem Kopfe und sagte bewundernd:

Das mu ich gestehen, das ist eine vortrefflich rasche Expedition.

Der Zug hielt sich aber hier nur wenige Minuten auf; das Zeichen wurde
gegeben, die Conducteure sprangen auf ihre Sitze und die lange dunkle
Wagenreihe setzte sich wieder langsam, mit dem ruckweisen Anspannen der
Ketten, in Bewegung.

Empfehle mich ergebenst, Herr Regierungsrath! rief der semmelblonde
junge Mann aus dem Coupfenster heraus und winkte mit der Hand hinber.

...pfehle mich. -- Da dich der Bse hole sammt deinem Regierungsrath!
knurrte Herr Mahlhuber leise und finster vor sich hin, ohne sich auch
nur nach dorthin umzusehen, von wo die Stimme kam, denn seine
Aufmerksamkeit war jetzt vor allen Dingen auf den kleinen Haufen Gepck
gerichtet, der aufgeschichtet an der Barrire lag und in dem er nicht
ein einziges Stck seines Eigenthums entdecken konnte.

Wo sind denn meine Koffer? fragte er, als ihm die Ahnung eines neuen
Unfalls dmmerte, rasch und erschrocken den einen Postbeamten, der bei
den Sachen stand und die Expedition derselben zu haben schien.

Ihre Koffer? -- Wei ich nicht, brummte dieser, die Spitze eines
Bleistifts zwischen den Lippen und ein kleines schmales Buch in der
Hand, indem er die einzelnen Stcke zu berzhlen schien, 3, 4, 5,
6 --

Aber sie sollten doch hier liegen --, rief der Commerzienrath.

Wei ich nicht -- 7, 8, 9, 10 -- waren nach Lichtenfels bestimmt? --
11, 12, 13, 14.

Nein, nach Mnchen; aber ich fragte den Packmeister deshalb --

Der Postbeamte warf den Kopf auf die Seite und deutete, ohne weiter eine
Miene zu verziehen, mit dem Bleistift ber die Schulter, hinter dem
wegbrausenden Zuge her.

Futsch! sagte er dabei so ernsthaft, wie es das in tausend kleine
Winkel und Falten gezogene Gesicht nur mglicherweise erkennen lie, und
notirte zu gleicher Zeit die richtig befundene Anzahl der eingetroffenen
und registrirten Colli in sein kleines Buch.

Der Commerzienrath blieb wirklich im ersten Augenblick sprachlos vor
Schreck, denn der Gedanke, trotz aller erlittenen Unbill, war ihm noch
zu neu, sich mitten in der Welt wie er ging und stand und allein auf
sich selber angewiesen zu wissen; dann aber, wie uns das oft so im Leben
geht, wenn zu viel des Unheils ber uns pltzlich und gewaltsam
zusammenbricht, lachte er geradeheraus und sah dann gleich darauf wieder
so ernsthaft aus, als ob er eine Stecknadel verschluckt htte.

Der Postbeamte blickte ihn halb mistrauisch, halb erstaunt an; da es ihn
aber ungemein wenig interessirte, was der Passagier that und trieb,
drehte er sich ohne ein Wort weiter zu sagen um und ging langsam seinen
Geschften nach.

Der Commerzienrath blieb rathlos da stehen, wo er sich gerade befand,
und berlegte sich eben, was er jetzt thun solle, seinen Sachen mit dem
nchsten Zuge nachreisen oder danach schreiben und sie hier erwarten,
als Jemand Anderes seinen Gedanken eine neue Richtung gab.

Seinen Augen wollte er nicht trauen, als er das junge hbsche Mdchen,
seine Nachbarin aus dem Coup, die er wenigstens halbwegs nach der
nchsten Station glaubte, mit einem Gendarmen gerade auf sich zukommen
sah, und das Erstaunen wuchs, als ihm die Schne auf die herzlichste
Weise mit Lieber Onkel anredete und ihm mit halbverbissenem Lcheln
erzhlte, der Herr da -- der Gendarm nmlich, habe sie gefragt, wo sie
herkomme und wohin sie wolle, und durchaus ihren Onkel zu sehen
verlangt.

Der Commerzienrath sah erst den Gendarmen und dann das junge hbsche
Mdchen an, und heimlicherweise kniff er sich dabei in den Arm, um sich
unter der Hand erst einmal vor allen Dingen davon zu berzeugen, da er
nicht trume, sondern diese tollen Geschichten wirklich und bei
vollkommen gesundem Verstande mit durchmache. Daran war brigens kein
Zweifel, und die dem anstndig aussehenden alten Herrn gegenber sehr
artig gestellte Frage des Gendarmen, mit wem er das Vergngen habe zu
sprechen, brachte ihn endlich zu vollem Bewutsein zurck.

Mahlhuber -- Commerzienrath Mahlhuber, sagte er mit einer gewissen Art
von Selbstbewutsein, denn einem kniglichen Beamten gegenber hrte
jedes Incognito auf. War es Absicht oder Zufall dabei, wer kann in den
Falten des menschlichen Herzens lesen? aber sein Oberrock klappte in
diesem Augenblick ein wenig zurck, und dem aufmerksamen Blick des
Gendarmen entging nicht der darunter eingeknpfte Orden, der ihm im Nu
ein verbindliches Lcheln ber das breite Gesicht zog.

Entschuldigen Sie, sagte er mit einer nicht ungelungenen Verbeugung,
da ich Ihr Frulein Nichte belstigt habe, aber die junge Dame ging
dort allein mit ihrem Reisebeutel auf und ab, und vor etwa einer
Viertelstunde ist uns erst hierhertelegraphirt worden, auf ein einzelnes
Mdchen, deren unvollkommene Beschreibung allerdings die entfernte
Vermuthung einer Aehnlichkeit mit Ihrer Frulein Nichte zulie, zu
fahnden. Die junge Dame sollte wahrscheinlich in Bamberg, mglicherweise
auch schon in Lichtenfels aussteigen. Der Herr Commerzienrath werden
entschuldigen --

Bitte, bitte, sagte dieser, whrend er dem dankenden Blick der jungen
Fremden begegnete, aber -- das ist ganz hbsch und gut -- meine
smmtlichen Sachen sind jedoch aus Versehen nach Mnchen anstatt nach
Lichtenfels expedirt, und wie krieg' ich die wieder?

Haben Sie schon telegraphiren lassen, Herr Commerzienrath? fragte der
Gendarm, sehr geehrt dadurch, einem solchen Herrn einen Rath ertheilen
zu knnen.

Telegraphiren? -- Nein -- und wann kann ich die Sachen wieder hier
haben?

Sollen sie hierher zurckgehen?

Ja, sagte Herr Mahlhuber, nach kurzer Ueberlegung, entschlossen.

Jedenfalls mit dem Nachtzuge -- erlauben Sie mir, da ich das fr Sie
besorge?

Mit Vergngen, sagte der Commerzienrath, und das junge Mdchen schien
whrend der etwas langedauernden Verhandlung, in der sich der
dienstfertige Mann die Nummern der Packzettel geben lie und dann damit
in das Telegraphenzimmer ging, wie auf Kohlen zu stehen. Endlich war das
Alles besorgt. Die Nachricht, das Gepck hierher zurckzusenden, war
schon in Mnchen und der Gendarm seinen Geschften nachgegangen. Der
Commerzienrath Mahlhuber stand mit der jungen Fremden allein auf dem
Platze.

Aber nun, mein Frulein, brach er endlich, indem er sich die Brille
abwischte und wieder aufsetzte, das Schweigen, mchte ich Sie doch um
Alles in der Welt gebeten haben, mir zu sagen, was Sie eigentlich von
mir wnschen und wie ich in der That zu der Ehre komme --.

Zu so groem Dank ich Ihnen verpflichtet bin, sagte tief errthend die
junge Fremde, darf ich Ihnen doch in diesem Augenblick noch nicht
vollen Aufschlu geben; aber Sie haben mir und Jemand Anderm einen
groen Dienst erwiesen, und vielleicht kommt einmal die Zeit, wo ich im
Stande bin, mich Ihnen dankbar zu erweisen. Darf ich Sie jetzt nur noch
bitten, mit mir zum Flu hinunterzugehen, wo ich mich bersetzen lassen
mchte? die Leute hier drfen mich nicht allein gehen sehen.

Das wird Ihnen wenig helfen, mein Frulein, sagte der Commerzienrath,
dem mit dieser aufgezwungenen Ritterschaft doch anfing unheimlich zu
werden, sowie Sie ber den Flu kommen, sind Sie doch allein, denn ich
versichere Sie, da ich nicht daran denke, mich noch weiter in diese mir
schon auerdem hchst unangenehme Sache einzulassen -- meine Stellung
als Staatsbrger und mein Leberleiden als Mensch verbieten mir --.

Sobald ich das andere Ufer betrete, unterbrach ihn rasch die junge
Dame, bin ich aus dem Bereich jeder Verfolgung.

Verfolgung? wiederholte der Commerzienrath ngstlich, dem es berhaupt
ein bngliches Gefhl wurde, Jemandes Flucht zu untersttzen, nach dem
sich ein Gendarm erkundigt hatte, Sie werden doch nicht -- nicht
irgendetwas -- irgendetwas angegeben haben?

Nichts Bses, lchelte das junge Mdchen; ein tiefes Roth stahl sich
dabei ber die sanften Zge, und die treuen Augen sahen so offen und
unschuldsvoll zu ihm auf, da an einen Zweifel an ihren Worten gar nicht
zu denken war.

Aber was verlangen Sie denn noch von mir? fragte der Commerzienrath,
dessen gutes Herz gegen jedes andere selbstschtige und
commerzienrthliche Gefhl arbeitete, was mu ich thun, um sie
wenigstens fr den Augenblick aus irgendeiner -- irgendeiner
unangenehmen Lage zu ziehen?

Mich nur an -- oder wenn Sie Ihrer Gte die Krone aufsetzen wollen,
ber den Flu begleiten -- dort hab' ich Freunde.

Der Commerzienrath schttelte mit dem Kopfe, die ganze Geschichte kam
ihm mehr wie ein Mrchen vor, das ihm Jemand erzhlt htte und das er
glauben konnte oder auch nicht -- wie es ihm gerade gefiel. Es blieb ihm
aber jetzt gar keine andere Wahl als sich zu fgen, denn verrathen
durfte er das vielleicht durch unglckliche Familienverhltnisse zu
einem solchen Schritte getriebene junge Mdchen nicht, und sie jetzt im
Stiche lassen wre fast Dasselbe gewesen. So also mit einem aus tiefster
Brust heraufgeholten Seufzer ihr den Arm bietend, fhrte er seine schne
Schutzbefohlene -- oder wurde vielmehr durch sie gefhrt -- den schmalen
Pfad hinab, der sich zum Wasser niederzog. Als er aber wieder, etwa eine
halbe Stunde spter, in die Restauration zurckkehrte, lie er sich ein
Zimmer mit einem Bett geben, a etwas, zog sich dann aus und legte sich
-- nachdem er die Thr vorher sorgfltig verschlossen und verriegelt
hatte, ordentlich schlafen.

Dem Kellner war strenge Ordre geworden, ihn nicht eher zu stren, bis er
von selber aufstehen wrde, und mit dem beruhigenden Gefhl, allen
Unannehmlichkeiten entgangen und in wenigen Stunden diesem ganzen
fremden Unwesen enthoben zu sein, faltete er die Hnde und war bald
sanft und s eingeschlafen.

Der Commerzienrath Mahlhuber war fest entschlossen, mit dem ersten
Morgenzuge und sobald er nur wenigstens erst einmal seine
durchgegangenen Koffer wieder hatte, unbeschadet des Gelchters
einzelner Narren und gefhlloser Menschen, die Heimfahrt anzutreten --
er dachte nicht daran einen neuen Don Quixote aus sich zu machen.




8.

+Der Ueberfall.+


Reisen -- ja, es sollte ihm noch einmal Jemand kommen und ihn auf Reisen
schicken wollen, dem wollte er sagen, was er von ihm dchte. -- Reisen
-- alles liederliche Gesindel der Welt trieb sich auf Reisen umher:
verkappte Englnder, junge leichtsinnige Mdchen, entsetzliche
Frauenzimmer mit Hutschachteln und ohne Ueberschuhe -- und was fr Geld
flog dabei auf die Strae! Lieber Himmel, was hatte er in den zwei Tagen
nicht allein an Schadenersatz fr Hut und Schachtel, Wagenpolster,
Fensterscheiben, Ueberschuhe fr Unkosten gehabt, auerdem sein ganzes
Gepck in die Welt hineinfahren lassen, und Telegraphen und Wirthshuser
bezahlt, und wie war er behandelt worden!

Auf die Dorothee war er besonders bse -- die mute ihm jedenfalls das
Pistol geladen haben -- und dann das entsetzliche Frauenzimmer mit dem
papagaigrnen Hute mit den zum Fenster hinausgeworfenen Schuhen. -- Kein
Wunder, da der Commerzienrath Mahlhuber eine ganze Weile in dem sonst
nicht schlechten Bette lag und vergebens einzuschlafen versuchte. Auch
die Leber fing ihn wieder an zu drcken, und die operirte Balggeschwulst
prete er solange, bis sie ihn ebenfalls schmerzte.

Reisen -- Handwerksburschen reisten und hatten einen Zweck dabei;
Postillone reisten, weil sie dafr bezahlt wurden, sie wuten auch wohin
sie wollten und trieben sich nicht unntzerweise in Gegenden umher, in
die sie nicht gehrten. Aber er, was hatte er, der Commerzienrath
Mahlhuber aus Gidelsbach, hier in Lichtenfels im Hirsch zu suchen?
Weshalb war er hier, was trieb er hier und was sollte ihm eine solche
Reise ntzen? Seine Leber verringern? Er htte darauf schwren mgen,
da sie seit den letzten 24 Stunden um 1 Zoll gewachsen war, sie stie
ihn jetzt auch an die Rckenwirbel an, und in die Narbe der operirten
Geschwulst hatte sich wahrscheinlich die gestern geholte Erkltung
gezogen, denn sie brannte ihm wie Feuer. Und der junge Pudel -- heiliger
Gott, wenn er an den jungen winselnden Satan dachte, lief es ihm noch
jetzt eiskalt den Rcken hinunter.

Mit dem Gedanken fiel er endlich in einen unruhigen, unerquicklichen
Schlaf, der ihn, wenn auch nicht gerade die berstandenen Scenen, doch
andere hnliche qualvolle durchleben lie.

Ihm trumte, er lge in Gidelsbach in seinem eigenen Bette -- was htte
er darum gegeben, wenn es wahr gewesen wre --, und Dorothee hatte
gerade gebacken und brachte ein groes Schwarzbrot herein, das sie ihm
oben auf die Bettdecke und gerade auf die Brust legte. Er wunderte sich
noch darber, weshalb das wol geschehen sein knne, als sie ein zweites
herbeitrug und auf das erste stellte; er wollte schreien und dagegen
protestiren, aber er brachte keinen Ton heraus, und die Magd kam auch
und schleppte ein drittes riesiges Brot herbei, und dann die Frau mit
dem papagaigrnen Hut, und dann die Mamsell aus dem otzlebener Gasthofe
mit den aufstreiften Aermeln und den langen Locken, und dann das junge
Mdchen aus dem Coup, dessen Onkel er unfreiwillig geworden, und
zuletzt der schweigsame Passagier aus dem Postwagen, den er fr einen
Englnder gehalten und der zuletzt zu ihm Gute Nacht, Herr
Commerzienrath! gesagt hatte. Eine furchtbare Angst berkam ihn dabei,
die ihm fast die Besinnung raubte, und ihm nun endlich, nach langem
Ankmpfen gegen die Schwche, Kraft genug gab, mit einem in der Hast
aufgegriffenen Regenschirm aus der Stube, die Treppe hinunter und aus
dem Hause zu strzen. Meine Schuhe! schrie die Dame mit dem
papagaigrnen Hut hinter ihm her, Lieber Onkel! das junge Mdchen,
Aber Herr Commerzienrath! die alte Dorothee, er hrte und sah nicht
mehr und lief in einemfort, bis er zu seinem Entsetzen entdeckte, da er
sich im uersten Nglig, wirklich nur im Hemd und von der Mittagssonne
beschienen, in dem belebtesten Theile von Gidelsbach befand. Die Fe
drohten ihm dabei den Dienst zu versagen, der kalte Schwei trat ihm auf
die Stirn, und sich nun rasch an die nchsten Huser drckend, spannte
er den Regenschirm auf, in dessen Schutz sich den Blicken der Volksmenge
soviel als mglich zu entziehen und sein Haus wieder zu erreichen.
Guten Morgen Herr Commerzienrath! sagte der Amtsschreiber Weber, der
ihm begegnete; Herr Gott, Sie gehen ja in bloen Fen. Guten Morgen
Herr Commerzienrath! nickte ihm die Frau Geheimrthin Beutel aus dem
gegenberliegenden Hause zu; ach bitte, kommen Sie doch einmal herber,
ich habe Ihnen etwas Nothwendiges zu sagen. Guten Morgen, Herr
Commerzienrath! rief der Materialwaarenhndler Bohne, an dessen offener
Thr er mit ungedeckter Flanke vorber mute, Herr Jemine Sie werden
sich erklten! Ne seht nur -- da leeft Ener im Hemde! schrie da
pltzlich ein junger nichtsnutziger Tagedieb, der an irgendeiner Ecke
stand.

Hurrah, hurrah! hrte der Commerzienrath in seinem Traume die Buben
schreien und die Strae heruntertoben, nher und lauter. Aber Herr
Commerzienrath, sagte da die Frau Baurthin Drilling, die ihm gerade
entgegen- die Strae herunterkam und rasch und erschreckt ihre grne
Brille abnahm. -- Der Commerzienrath hrte nichts mehr, wartete nichts
weiter ab, sondern fuhr, gleichgltig wohin er gerieth, in das erste
beste offene Haus hinein, das er fand und mit ungeheurer Beruhigung
erkannte. Er erinnerte sich nmlich, da dieses Haus mit der hintern
Wand an das seine stie, und wenn er unbemerkt oben auf den Boden kommen
konnte, der mit seinem Dache in Verbindung stand, war er gerettet. So
rasch ihn seine Fe trugen, lief er die Treppe hinauf und rannte in der
ersten Etage beinahe ein Dienstmdchen um, das, als es ihn sah, einen
Eimer mit Wasser fallen lie und um Hlfe schrie. Hinter ihm bellte ein
Hund, schrien Stimmen, klapperten Thren, er floh wie ein gehetztes Reh
die steilen Treppen, weder an Leber noch Balggeschwulst denkend, hinauf,
bis er den Boden erreichte und offen fand. Jetzt war er gerettet, lief
durch die erste Kammer, dann durch eine zweite, dann eine dritte, bis er
pltzlich den letzten Dachstuhl erreichte, und hier den Boden nicht mehr
gedielt, sondern nach unten offen fand. Nur die Querbalken lagen etwa
drei Fu voneinander entfernt darberhin; dicht hinter ihm aber tnten
die Stimmen der Verfolger, und eine Wahl blieb ihm nicht -- er mute
hinber. Er sprang auf den ersten Balken, von diesem auf den zweiten --
er fhlte wie ihm die Leber dabei gegen seine Rippenwnde schlug, wie
das Blut in der Narbe auf seinem Kopfe pulsirte, er wollte einhalten und
konnte nicht mehr, sein schwerflliger Krper war einmal in Schu
gekommen, er mute weiterspringen. -- Und unter ihm ghnte die dunkle
Tiefe -- ein Abgrund, von dessen Existenz er keine Ahnung gehabt, dessen
Tiefe er nicht mit dem scheuen Blicke erreichen konnte. Und weiter wurde
die Entfernung zwischen den einzelnen Balken, immer weiter, jetzt 3,
jetzt 4 Fu, immer noch setzte er darber hin und es war als ob die
Angst ihm Flgel geliehen. Jetzt lagen sie 4 Fu, jetzt 5, jetzt 6 Fu
voneinander entfernt. Athemlos schnellte er sich von Holz zu Holz und
kein Ende konnte er erkennen, so weit in die Unendlichkeit hinein lag
die gefhrliche Bahn, der er folgte, und auf der ihn ein schadenfroher
Geist dahinri. Kaum noch mit den Fuspitzen erreichte er den schmalen
Halt, jetzt wankte er, er wollte das Gleichgewicht wiedergewinnen,
umsonst, noch einen verzweifelten Sprung wagte er nach dem nchsten
Balken, dieser knackte, brach unter seinem Gewicht und der
Commerzienrath schlug mit der Hand, die er ausstreckte sich zu retten
und irgendwo anzuklammern, dermaen an die weie Kalkwand, an der sein
Bett stand, da er, in Angstschwei gebadet und an allen Gliedern
zitternd, davon erwachte und in seinem Bette emporfuhr. Im ersten
Augenblicke hatte er wirklich auch keine Ahnung, wo er sich eigentlich
befand.

Ein lautes Klopfen an der Thr brachte ihn endlich soweit wieder zu
sich, da er sich besinnen konnte, er sei weder in diesem unanstndigen
Aufzuge in Gidelsbach umhergelaufen, noch von den Bodenbalken
heruntergestrzt, wenn ihn die Knochen auch in der That gerade so
schmerzten. Aber wer klopfte mit einer solchen Hartnckigkeit an seiner
Thr? Und hatte er nicht strenge Ordre gegeben (er sah nach seiner Uhr,
es war 5 Uhr Nachmittags, und er mochte etwa vier Stunden geschlafen
haben), ihn unter keiner Bedingung zu stren?

O Dorothee, klagte der gequlte Mann vor sich hin, wre ich dir und
nicht diesem verdammten Doctor gefolgt, so se ich jetzt noch -- herein
denn zum Donnerwetter! -- Wer ist da drauen, und was klopfen Sie als ob
Sie die Thr einschlagen wollten?

Ich kann nicht hinein, sagte eine freundliche Stimme von auen, die
jedenfalls einem Manne gehrte, es ist von innen zugeschlossen.

Aber wer sind Sie, was wollen Sie? rief der Commerzienrath, nicht ohne
eine unbestimmte Ahnung, da der heutige Gendarm mit diesem Klopfen in
nherer Beziehung stehen knnte.

Ich habe Ihnen eine erfreuliche Nachricht mitzutheilen, sagte die
Stimme von auen wieder, und bitte sich nicht im mindesten meinetwegen
zu geniren.

Geniren? brummte der Commerzienrath und streckte, halb berlegend, das
eine Bein aus dem Bette; der Bursche glaubt wol, ich ziehe einen Frack
an -- aber erfreuliche Nachricht? Wahrscheinlich ist mein Gepck
angekommen, Gott sei Dank, da es endlich berstanden ist. Warten Sie
einen Augenblick, rief er dann wieder mit lauter Stimme und weit
energischer, als er sich bisjetzt in irgendeinem Lebensverhltnisse
gezeigt, ich werde gleich aufmachen; stieg dann aus dem Bett, riegelte
die Thr auf, glitt rasch wieder mit einem leisen Schmerzensschrei O
meine Leber! unter die Decke und rief: Herein!

Guten Morgen, Herr Commerzienrath, sagte fast mit dem Herein
zugleich eine sliche unendlich hfliche Stimme, und ein wohlfrisirter
und gelockter Kopf mit dem Scheitel in der Mitte, was dem Trger etwas
unleugbar Dummes gab, streckte sich augenblicklich, von dem brigen
Krper gefolgt, in das Zimmer. Der Fremde war brigens sehr elegant,
wenn auch gerade nicht besonders geschmackvoll gekleidet, trug eine
schwere goldene, oder wahrscheinlich vergoldete Uhrkette, eine Tuchnadel
mit riesiger Camee, Ringe an den Fingern und im linken Ohr sogar einen
sehr kleinen und sehr zierlichen Ohrring; auerdem Stiefeln von
Glanzleder, umgeklappte Vatermrder und sehr lange weie Manchetten.

Mit wem habe ich die Ehre? sagte der Commerzienrath, der sich mit dem
unbehaglichen Gefhl eines nicht Angezogenen solcher Staatstoilette
gegenber womglich noch tiefer in seine Decke zurckzog. Sie wollten
mir etwas Angenehmes mittheilen, ich mu tausend mal um Entschuldigung
bitten, da sie mich zu dieser Tageszeit --

Um Gottes Willen machen Sie keine Umstnde, bester Herr
Commerzienrath, rief der Fremde, der sich inde vergeblich nach einem
freien Platze umgesehen, seinen Hut abzulegen und ihn endlich dem
vollgepackten Reisesack anvertrauen mute, auf dem er nicht recht die
Balance zu halten schien; wie ich gehrt habe, sind Sie gesonnen sich
hier in Lichtenfels huslich niederzulassen.

Ich? rief der Commerzienrath, erstaunt emporsehend.

Nun ich wei, da es noch Geheimni bleiben soll, beruhigte ihn der
Fremde, und auf meine Discretion knnen Sie sich verlassen, jedenfalls
ist es aber ein sehr glcklicher Umstand fr Sie, da ich heute den
Morgenzug versumte und zu spt von Koburg herberkam, ich reise fr das
Haus Helboldt und Sohn und mache in feinen Weinen und Champagnern --
Helboldt und Sohn, Herr Commerzienrath, ich brauche Ihnen blos den Namen
zu nennen, und Sie werden einsehen, wie nur ein glcklicher Zufall mich
hier noch zurckhalten konnte. Helboldt und Sohn fhren eine wahre
Pracht von Weinen und ich hege nicht den geringsten Zweifel, da Sie
nach bester Auswahl reichlich bestellen werden. Hier, fuhr er dann
fort, indem er nach und nach aus allen seinen verschiedenen Taschen
winzig kleine Flaschen mit Etiketten hervorbrachte und auf den
Nachttisch des wirklich vor Erstaunen sprachlosen Commerzienraths
stellte, habe ich Ihnen gleich die besten Sorten, unter denen Sie
jedenfalls Das finden werden, was Sie suchen, mitgebracht.

Aber Herr, zum Donnerwetter, brach jetzt endlich der verhaltene Grimm
des Commerzienraths los, sind Sie des Teufels oder wollen Sie mich zum
Narren haben?

Ich, Herr Commerzienrath?

Deshalb sind Sie hierhergekommen? mir Ihre sauern Weine anzupreisen?
rief jetzt der in seiner Ruhe, in seinem Schlafe (Leber und
Balggeschwulst noch gar nicht gerechnet) mishandelte Mann. Das war die
gute Nachricht, die Sie mir zu bringen hatten?

Saure Weine, Herr Commerzienrath? wiederholte der Weinreisende mit
einem Gefhl, als ob ihm Jemand einen Dolchstich versetzt htte.
Helboldt und Sohn saure Weine -- ich bitte Sie um tausend Gottes Willen
-- nicht einmal unser Weinessig --

Gehen Sie zum Teufel, Herr! unterbrach ihn der sonst so schchterne,
jetzt jedoch zur Verzweiflung getriebene kleine Mann, ich liege hier
halb todt im Bette, mich auszuruhen, um meine Gesundheit
wiederherzustellen, um mit Tagesanbruch dies verdammte Nest verlassen zu
knnen, und Sie brechen mir hier gegen alles Land- und Vlkerrecht unter
falschen Vorspiegelungen in mein Zimmer, mich unter meiner eigenen
Bettdecke zu maltraitiren. Packen Sie Ihre verwnschten Flaschen wieder
ein und lassen Sie mich ungeschoren.

Aber, Herr Commerzienrath, bei einem lngern Aufenthalt hier --
Helboldt und Sohn --

Ich sage Ihnen ja, da ich auf der Durchreise bin, Herr, ist Ihnen das
nicht deutlich genug --

Aber Ihr Frulein Nichte --

Meine Nichte? rief der Commerzienrath stutzig werdend, und
aufhorchend.

Ihr Frulein Nichte fuhr der nicht so leicht abzuschttelnde Bursche
fort, hat doch vorhin in meinem Beisein geuert, da Sie gesonnen
wren, sich hier huslich niederzulassen, weil Ihnen die Gegend enorm
gefallen htte.

Meine Nichte? Herr, lassen Sie mich mit Ihren Weinen und meiner Nichte
zufrieden, tobte der Commerzienrath, durch den neuen Beweis nicht im
geringsten milder gestimmt, ich will von Beiden nichts wissen; und nun
seien Sie so gut und packen Sie die verdammten Flaschen wieder ein --
Sie verstehen doch deutsch? -- und lassen Sie mich zufrieden. Ich bleibe
nicht hier, habe keine Nichte, will keinen Wein und liebe nicht, mich,
wenn ich im Bette liege, mit fremden Leuten zu unterhalten. Guten
Morgen, Herr Helboldt und Sohn.

Herr Commerzienrath, sagte der Weinreisende pikirt, indem er seine
Flaschen wieder einpackte und seinen Hut ergriff, wenn auch nicht gegen
mich persnlich, so sollte doch wenigstens die Achtung, die Sie der
Firma Helboldt und Sohn schuldig --

Helboldt und Sohn soll --, brummte der Commerzienrath, sich unwillig
in seinem Bette mit dem Gesicht nach der Wand, ebenso rasch aber auch
wieder zurckdrehend, da er an sein Portemonnaie und die Uhr dachte, die
auf dem Tische lagen.

Nun ich sehe, sagte achselzuckend der Geschftsreisende, da wir doch
wol in keine Geschftsverbindung miteinander treten knnen; es thut mir
auch leid Sie bemht und meine kostbare Zeit solcherart vergeudet zu
haben, ich bin Reisender --

Reisen Sie glcklich, brummte der Commerzienrath, mit einem halb
malitisen Lcheln unter seiner Bettdecke vor.

Guten Morgen, Herr Commerzienrath, brach der Bevollmchtigte kurz ab
und warf die Thr hinter sich ins Schlo, da die Scheiben im Fenster
und Wasserflasche und Glas im Waschtische zusammenklirrten.

Flegel! knurrte Mahlhuber leise vor sich hin, als er sich wieder im
Bett zurechtrckte, die Augen noch einmal schlo und einen Versuch zu
machen schien aufs neue einzuschlafen. Das aber ging unter keiner
Bedingung; der Aerger mit dem unverschmten zudringlichen Menschen hatte
ihn dermaen aufgeregt, da an eine Fortsetzung seiner unterbrochenen
und berhaupt mittelmig genug gewesenen Ruhe gar nicht zu denken war.
Er hob sich endlich mit einem schweren Seufzer von seinem Lager, wusch
sich und zog sich an, und beschlo einen Spaziergang in der wirklich
freundlichen Umgebung zu machen, um mde zu werden und dann wenigstens
Aussicht auf einen Nachtschlaf zu haben. Sein Gepck mute ja doch noch
heute Abend oder sptestens morgen frh ankommen und, Gidelsbach lag
nicht so entsetzlich weit entfernt, es nicht wieder erreichen zu knnen.

Der Spaziergang schien keine so ble Idee gewesen zu sein, nur strte
ihn die Unmasse von Heiligen- und Mrtyrerbildern, die er berall traf,
und die blutigen Leiber und Wunden derselben riefen ihm auf peinliche
Art seine eigene Leber wie seine Operation wieder und wieder ins
Gedchtni zurck. Mit Gewalt zwang er sich jedesmal nicht daran zu
denken, aber kaum hatte er sich durch einen andern Gegenstand zerstreut,
tauchte wieder, in Stein oder Holz, und immer bunt bemalt, mit einem
Ueberflu von Blut daran, ein neues Bild vor ihm auf.

Es ist zum Verzweifeln! seufzte der Commerzienrath leise vor sich hin,
whrend er sich scheu, soweit als mglich, um die solchen bsen Eindruck
auf ihn machenden frommen Kunstwerke herumdrckte; es ist wirklich zum
Verzweifeln, und ich begreife eigentlich doch nicht recht, weshalb diese
Masse von Monumenten nthig ist. Als Commerzienrath und guter Christ
durfte er aber nicht mehr denken, ja er machte sich in seinem Innern
schon schreckliche Vorwrfe soviel gedacht zu haben, und suchte sich
endlich dadurch eine Erleichterung zu verschaffen, da er quer ber ein
Feld hinweg dem nchsten Holzrande zuzueilen suchte, dort mehr
ungestrt zu sein. Das freilich hatte nur die unangenehme Folge fr
ihn, da er unterwegs, und mitten in einem etwas weichen und unbequemen
Saatfelde, von einem biedern Landmanne, dem Eigenthmer desselben,
angehalten und aufgefodert wurde, zwei Gulden Strafe fr das Verlassen
des Weges zu zahlen, widrigenfalls er, der Bauer, sich in die
unangenehme Nothwendigkeit versetzt sehen wrde ihn zu pfnden.

Der Commerzienrath wollte dagegen protestiren, ja knpfte unter dem
Vorwande, ihm eine Karte mit seinem Namen zu geben und ihm zu beweisen,
da er nicht absichtlich ihm einen Schaden habe zufgen knnen, seinen
Rock auf, unter dem der Orden schimmerte; der Bauer blieb aber gnzlich
gefhllos, selbst gegen das bunte Band im Knopfloche des Fremden, das er
vielleicht nicht einmal sah, keinesfalls beachtete. Er bestand auf
seinen zwei Gulden, oder Hut und Schnupftuch des Uebertreters der
Gesetze, ja wurde dermaen grob gegen den kleinen unbehlflichen Mann,
da dieser nicht umhinkonnte, in die jedenfalls unbillige Foderung oder
vielmehr Erpressung zu willigen und das Geld zu zahlen.

Damit kam er noch dazu nicht einmal nach dem Waldrande, sondern wurde
mit Zwangspa auf die Strae zurckgeschickt, nochmals Spieruthen
zwischen den ihm fatalen Erinnerungen zu laufen bis Lichtenfels.

Der Marsch hatte brigens das Gute fr ihn, da er hungerig und durstig
den kleinen Ort wiedererreichte, vor allen Dingen nach den
Bahnhofsgebuden hinabging, sich dort die Gewiheit zu holen, da seine
Sachen noch nicht gekommen wren, und dann langsamer die krummen,
schauerlich gepflasterten Straen des Stdtchens zurck bis in sein
Wirthshaus wanderte, etwas zu genieen.




9.

+Die Gesellschaft im Hirsch.+


Das Gastzimmer im Hirsch war heute von festlich gekleideten Menschen,
von denen dem Reisenden auch schon eine Menge auf der Strae begegnet
waren, ziemlich besetzt, und es wurde eine groe Quantitt Bier
getrunken, wie unzhlige Portionen Essen nach allen Richtungen hin
aufgetragen, die fast ebenso rasch verschwanden als sie kamen.
Allerdings hatte der Commerzienrath darunter zu leiden, denn er wollte
zuerst auf seinem Zimmer essen, wohin er sich eine Portion Rinderbraten
mit jungen Bohnen, sowie eine Flasche Wein bestellte; aber vergebens
wartete er eine halbe Stunde darauf, es kam nichts; er rief die Treppe
hinunter, es hrte ihn Niemand. -- Unten wurden Thren aufgerissen und
zugeschlagen und unzusammenhngende Reden, wie Portion Kalbsbraten --
Kartoffeln -- drei Halbe Bier -- gleich -- komme schon -- gefhrt, und
einzelne dieser Ausrufe bekam auch er zur Antwort, weiter aber nichts,
und er sah endlich ein, da er, wenn berhaupt gesonnen heute noch etwas
zu essen, in die Gaststube mit hinunter msse, den dort hineinstrmenden
Lebensmitteln und Getrnken ebenfalls in den Weg zu kommen.

Das gelang ihm auch endlich nach einiger Anstrengung, und nachdem ihm
ein junger Mensch von Kellner oder Wirthssohn, der die Teller herumtrug,
als ob er es nur gewissermaen aus Geflligkeit oder zu seinem eigenen
Vergngen thue, einen sehr guten Rinderbraten und sehr schlechten
Rothwein gebracht hatte, drckte sich der kleine Mann damit in eine
Ecke, zwischen ein paar politisirende bairische Staatsbrger hinein und
hrte geduldig ihre ber ihn hinber gewechselte Meinung der neuesten
Verhltnisse, das Fr und Wider des gerade ausgebrochenen russischen
Kriegs, wie ihre Urtheile ber das vaterlndische Ministerium mit an.
Die beiden durch das starke Bier etwas erhitzten Leute thaten aber dabei
Aeuerungen, die den schchternen Commerzienrath zuerst mit Erstaunen,
dann mit wirklichem Entsetzen erfllten. Wenn ihnen Jemand, der es gut
mit dem bairischen Ministerium meinte, zugehrt htte, mute er ja
glauben, da er, der Commerzienrath Mahlhuber, Besitzer des
Ludwigkreuzes und vollkommen loyaler Unterthan, mit diesen Menschen
gleiche Gesinnungen theile, und stand er jetzt auf und trug seinen
Teller an einen andern Tisch (selbst den Fall gestattet, da ein anderer
Tisch frei gewesen wre), so konnte er den schnsten Skandal mit den zu
Allem fhigen Menschen bekommen. Was er a und trank, so sehr er sich
auf die Mahlzeit nach der starken Bewegung gefreut, schmeckte er gar
nicht; freilich kam ihm das, wenn es ihm bei dem Rinderbraten
nachtheilig war, wieder bei dem Wein zugute, und er hatte Flasche wie
Portion eben beendet, als noch zwei andere Mnner in Uniform, der
hiesige Gendarm mit dem Conducteur der thringischen Post, das Zimmer
betraten und zu ihrem Tische kamen. Gott sei Dank, die beiden rothen
Republikaner hrten doch jetzt wenigstens auf zu politisiren.

Guten Abend, meine Herren, sagte der Conducteur, mit der Hand
militrisch an die Mtze greifend; Platz doch hier nicht belegt?

Bitte, nein, sagte einer der Politiker, haben Sie nichts Neues gehrt
vom Kriegsschauplatz? -- Keine neuen Zeitungen mitgebracht?

Ich? Nein, lachte der Postbeamte, wollte sie uns hier holen -- ist
aber eben ein Unglck hier in der Stadt passirt, setzte er dann
ernsthafter hinzu.

Ein Unglck? Hier in Lichtenfels?

Ja, sagte der Conducteur, in der Staffelstrae ist ein armer Teufel
von Maurer mit einer groen Familie vom Gerst gefallen.

Mit der ganzen Familie? rief der Commerzienrath erschreckt.

Nein, das nicht, lachte der Conducteur, der Mann hat nur eine starke
Familie zu Hause, aber er hat den Hals gebrochen.

Sie hinken ja, Herr Conducteur? sagte der eine von des Commerzienraths
Tischnachbarn, der aufgestanden war, dem Postmanne seinen Platz zu
geben, was haben Sie denn am Fue?

O nichts, meinte dieser, halb mit gegen den Commerzienrath gewendet
neulich Abends, kurz vor Schlafengehen, gehe ich noch einmal barfu
durchs Zimmer; an demselben Tage hatte aber mein jngstes Mdchen eine
Fensterscheibe zerbrochen und einer von den scharfen spitzigen Splittern
war zufllig in eine Dielspalte gerathen und dort stecken geblieben. Wie
ich also durch die Stube gehe --

O um Gottes Willen hren Sie auf, bat ihn der Commerzienrath, dem es
schon bei dem Gedanken an eine so furchtbare Verwundung wie mit
Messerstichen vom Wirbel bis in die Fuzehen scho, das geht Einem
durch Mark und Bein.

Was denn? fragte der Conducteur erstaunt.

Nun, da Sie in so scharfes Glas getreten sind, sagte, immer noch
sichtlich schaudernd, der Commerzienrath.

Ich? fragte der Conducteur erstaunt, ich bin hineingetreten?

Aber Sie erzhlten uns doch eben --

Da so ein Glassplitter im Zimmer gelegen hat? Ja, lachte der
Conducteur, aber dafr hat der Mensch seine Augen, und wenn ich
barfig gehe, passe ich immer furchtbar auf.

Aber Sie sagten ja, da das die Ursache Ihres Hinkens --

Meines Hinkens? Ich hinke gar nicht mehr, sagte der Conducteur ruhig,
das Bein war mir nur vorhin ein bischen eingeschlafen.

Die Andern lachten, whrend der Conducteur aufstand sich eine Cigarre
anzuznden, und der Commerzienrath sah sich etwas erstaunt im Kreise um,
denn er wute nicht recht, ob der Mann im Ernst war oder ihn nur zum
Besten haben wollte. Der Gendarm unterbrach aber sein Nachdenken, indem
er den leergewordenen Platz und die Freiheit der Bierstube benutzte und
sich mit einer achtungsvollen Handbewegung nach der Mtze neben den
Commerzienrath niedersetzte.

Nun, noch nichts von Ihren Sachen gehrt, Herr Commerzienrath? sagte
er so freundlich, wie die Polizei berhaupt nur freundlich aussehen
kann.

Ah Sie sind der Herr, der mir die telegraphische Depesche besorgte?
erwiderte der Commerzienrath und wurde roth dabei, denn er log in diesem
Augenblick, wenn er dem Sicherheitsbeamten gegenber that, als ob er ihn
nicht gleich erkannt htte. Lieber Gott, er wollte ihm ja verbergen, da
er sich nach dem heute Vorgefallenen nicht so ganz sicher fhle, und
glaubte das am besten durch angenommene Gleichgltigkeit bewerkstelligen
zu knnen. Der Gendarm brigens, der nicht den geringsten Verdacht dem
anstndigen Fremden gegenber hatte, sagte lchelnd und verbindlich:

Ja wol, Herr Commerzienrath, zu dienen, unangenehme Sache das, sein
Gepck auf eine solche Weise zu verlieren. Es ist auch unverzeihlich von
dem Packmeister, da er nicht besser aufgepat hat. Donnerwetter, wenn
einmal das Gepck fr Lichtenfels eingeschrieben ist, so mu es auch in
Lichtenfels abgeliefert werden, sonst hrt die Freundschaft auf.

Der Commerzienrath berlegte sich noch, ob er dem Manne mittheilen
solle, da das Gepck gar nicht fr Lichtenfels bestimmt gewesen wre,
und besann sich eben auf eine Ausrede, ihm eine mgliche Veranlassung zu
nennen, weshalb er unvorbereiteterweise hier ausgestiegen sei, als jener
etwas nher an ihn heranrckte, seinen dicken Schnurrbart so dicht als
mglich an das Ohr des Commerzienraths brachte -- so dicht in der That,
da ihn einzelne daran vorstehende Haare im Ohre kitzelten -- und mit
leiser Stimme sagte:

Sie wissen doch, Herr Commerzienrath, was ich Ihnen heute Morgen
mittheilte, von wegen des durchgebrannten Frauenzimmers --

Durchgebrannt? rief der Commerzienrath erschreckt, ist denn wieder
ein Unglck geschehen?

Unglck? -- Nun ein Unglck ist es wol gerade nicht, meinte der
Gendarm entschuldigend, junge Leute haben rasches Blut und machen
manchmal einen dummen Streich, den sie aber nicht machen wrden, wenn
sie 25 Jahre lter wren; wir haben aber mit dem letzten Zug Nachricht
von Hof bekommen, wo die junge Dame zu Hause ist. Wie es scheint, hat
sie in diesen Tagen --

Aber ich bitte Sie um Gottes Willen, sagte der Commerzienrath
entsetzt, von welcher jungen Dame reden Sie denn? Ich verstehe kein
Wort von Allem was sie sagen.

Von welcher jungen Dame? sagte der Gendarm, ih von der weggelaufenen,
wegen der uns hierhertelegraphirt ist und fr die wir Ihr Frulein
Nichte im Anfang hielten, weil sie so ganz allein mit dem groen
Strickbeutel am Arm herumging.

Der Commerzienrath seufzte tief auf, erwiderte aber kein Wort weiter,
und der Gendarm fuhr, zutraulicher werdend, weil er im Stande war eine
so interessante Mittheilung zu machen, fort:

Wie es also scheint, sollte jenes junge Mdchen in den nchsten Tagen
mit einem ihm widerlichen Manne verheirathet werden, hat sich aber noch
zur rechten Zeit ein Herz gefat und ist fortgelaufen. Allem Vermuthen
nach ist sie in Bamberg ausgestiegen, denn die Polizei hat dort, wie uns
hierhergemeldet worden, zwei verdchtige Individuen aufgegriffen und
festgehalten.

In Bamberg? sagte der Commerzienrath.

Ja wol, besttigte der Gendarm. Uebrigens sind mit dem letzten Zuge
von Hof, der etwa vor einer Stunde hier durchging, ihre beiden Brder
ebenfalls durchgekommen und gleich nach Bamberg weitergefahren. Sie
erkundigten sich bei mir, ob hier nichts Verdchtiges gesehen worden,
und ich konnte ihnen schon die Arretirung der beiden jungen Damen
mittheilen. Ist eine vortreffliche Erfindung diese Telegraphen, setzte
der Beamte schmunzelnd hinzu, soll auch von einem Gendarm entdeckt
worden sein.

Das junge Mdchen?

Nein, die Telegraphen, versicherte der Gendarm mit selbstzufriedenem
Lcheln, und zwar auf die einfachste Weise von der Welt. Wie er es
herausgebracht hatte, soll der Herr Polizeidirector ausgerufen haben:
das ist ja keine Kunst, das kann ich auch. -- Aber so geht's immer
nachher, die gescheiten Leute haben die Einflle und die andern Herren
sagen nachher: Ja, das ist keine Kunst, das kann ich auch.

Aber auf welche Weise entdeckt? fragte der Commerzienrath trotz der
verschiedenen Dinge, die ihm im Kopfe herumgingen, doch gespannt, auf
welche Weise der Mann mit dem blanken Helme solch eine Behauptung
motiviren und entwickeln wrde.

Ungeheuer einfach, lachte dieser, die ganze Geschichte ist ja doch
nur nach dem Princip der Klingelzge eingerichtet, wie zum Beispiel in
einem Gasthofe. Wenn man einmal klingelt, kommt der Kellner, zwei mal,
das Stubenmdchen, und drei mal, der Hausknecht. Auf der Polizei ist es
ebenso, wo nach den verschiedenen Klingeln, nach ein- oder mehrmaligem
Anziehen, der oder jener der Sicherheitsdiener herbeigerufen wird, und
bei uns hier sind auch zwei oder drei Zge bereinander angebracht. Mein
College sa auf einer Bank im Vorsaale des Criminalamts mit ein paar
Gefangenen, die er eingebracht hatte, als ihm die Geschichte einfiel.
Statt aber gescheit zu sein und ein Patent darauf zu nehmen, erzhlte er
sie einem der Herren Actuare, der sprach darber mit einem Professor,
und wie man die Hand umdrehte, hatte der's nachgemacht und steckte den
Nutzen ein -- und jetzt mu man fr jeden Zug an der Klingel, und wenn's
nur bis Bamberg wre, 1 Gulden 30 Kreuzer zahlen -- rechnen Sie einmal
die Halben Bier, die man dafr trinken knnte.

Hm, sagte der Commerzienrath, der jetzt nach des Gendarm Meinung einen
vollkommenen Einblick in die Sache gewonnen haben mute, sich aber doch
mehr fr den andern Fall interessirte, also zwei Brder der jungen Dame
sind hier durch und nach Bamberg gegangen, die Flchtige einzuholen?

Ja wol, Herr Commerzienrath, erwiderte der Gendarm, thut mir
eigentlich leid um das arme Ding. Lieber Gott, wenn sie einmal ihren
Brutigam nicht haben will, ist es auch hart sie dazu zu zwingen; aber
das ist eine Sache, die nur die Familie unter sich auszumachen hat, die
Polizei mu jedenfalls ihre Schuldigkeit thun, und wre sie mir unter
die Hnde gefallen, wrde ich sie ebenfalls ausgeliefert haben und wenn
es meine eigene Schwester gewesen wre.

Nach diesem heroischen Bekenntnisse stand der Mann mit der Uniform
rasselnd auf, trank sein Bier aus, wobei er einen prfenden Blick ber
die in der Stube versammelten Physiognomien gleiten lie, und wollte
sich eben anschicken mit einem militrischen Gru das Zimmer zu
verlassen, als ihm eine versumte Hflichkeit einfiel.

Ihr Frulein Nichte befindet sich doch vollkommen wohl, wenn ich fragen
darf? sagte er mit einer hflichen Verbeugung gegen den Commerzienrath,
vielleicht nur ein wenig angestrengt von der Reise?

Ja -- ich danke, erwiderte der Commerzienrath und fhlte wie ihm das
Blut in einem wahren Strom in die Stirn und Schlfe scho, da er einem
kniglichen Beamten gegenber lgen mute.

Ist unangenehm, besonders fr Damen, setzte der galante Gendarm hinzu,
ihres Gepckes, wenn auch nur zeitweilig beraubt zu werden. Nun
hoffentlich haben Sie die ganze Bescherung morgen mit dem Frhzuge
wieder hier. -- Wnsche Ihnen einen angenehmen Abend, Herr
Commerzienrath! und der Mann rasselte mit klirrenden Sporen und
klapperndem Wehrgehnge zur Thr hinaus.




10.

+Der Schlafkamerad.+


Da haben wir die Bescherung, sthnte der Commerzienrath stillbetrbt
vor sich hin, als ihn der Gendarm, seinen eigenen Geschften
nachzugehen, verlassen hatte; ich sitze hier, schon ohnedies ein halber
Gefangener, auf mein Gepck wartend, und die beiden Brder der Mamsell,
die mich mit ihrer Onkelschaft in die nichtswrdigste Verlegenheit
gebracht hat, fahren in der Gegend umher und werden, wenn sie sich in
der falschen Fhrte finden, jedenfalls hierher zurckkehren. Finden sie
mich als Mitschuldigen aus, kann ich mir gratuliren, denn da ich an der
ganzen verdammten Geschichte so unschuldig bin wie ein neugeborenes
Kind, wird mir natrlich gar Niemand glauben. Und wie hab' ich mich
selber der Polizei gegenbergestellt? Gott im Himmel, wenn das spter in
die ffentlichen Bltter kme und Dorothee kriegte es zu sehen, ich wre
ein geschlagener Mann.

Der Commerzienrath blieb noch eine ganze Weile, mit seinen eben nicht
sehr erfreulichen Gedanken beschftigt, an dem Tische sitzen; da die
Nacht aber indessen mehr und mehr einbrach und der Tabacksqualm in dem
engen Raum immer unertrglicher wurde, beschlo er lieber wieder in sein
Zimmer zu gehen. Er lie sich deshalb unten ein Licht geben, stieg
langsam die Treppe hinauf, ging ber den Gang hinber nach seiner
Stubenthr, ffnete sie und wollte eben ghnend eintreten, als er Licht
darin und am Tisch einen Fremden sitzen sah.

O bitte tausend mal um Entschuldigung, rief der Commerzienrath, vor
der unerwarteten Entdeckung zurckfahrend, ich habe die Thr
verwechselt.

Der Fremde machte eine leichte gleichgltige Bewegung mit dem Kopfe, als
ob er htte sagen wollen: Sie sind vollkommen entschuldigt, und studirte
dann in den vor ihm liegenden Papieren weiter. Der Commerzienrath
dagegen drckte die Thr leise und artig ins Schlo zurck, den Fremden
da drinnen nicht weiter zu stren und sein eigenes Zimmer zu suchen.
Aber wo war das? In den vielen Thren des Corridors fand er sich gar
nicht mehr zurecht, und wo er eine Thr anfate, traf er entweder schon
Jemanden im Zimmer oder sie war verschlossen. Noch einmal ging er jetzt
an die Treppe zurck, um von da aus in einer gewissen Art von Instinct
die rechte Thr zu finden; sein Weg fhrte ihn wieder an dasselbe
Schlo, hinter dem der Mann neben dem Tische sa und las, und es blieb
ihm jetzt nichts weiter brig als hinunterzugehen und seine Nummer zu
erfragen.

Nummer vom Herrn Commerzienrath -- welche Nummer hat der Herr
Commerzienrath?

Nummer 7.

Nummer 7, Herr Commerzienrath! wiederholte der Wirth.

Nein, das ist nicht mglich, sagte Herr Mahlhuber, in dem Zimmer
wohnt ein anderer Herr; Nummer 17 vielleicht.

Nein, Nummer 7, drckte sich der Wirth jetzt mit einer etwas
verlegenen Verbeugung vor, ach bester Herr Commerzienrath, Sie drfen
es nicht belnehmen --

Aber in Nummer 7 wohnt schon Jemand, sagte dieser bestimmt; ich habe
mir Nummer 7 bestimmt angesehen.

Ich wei wohl, Herr Commerzienrath, sagte der Wirth mit seinem
freundlichsten Lcheln, aber die entsetzlich vielen Gste, die gerade
heute Abend angekommen sind --

Ja, dagegen habe ich ja gar nichts, sagen Sie mir nur meine Nummer.

Ich bin genthigt gewesen, den Herrn mit in Ihr Zimmer
einzuquartieren, brach der Mann in einem verzweifelten Entschlusse
heraus.

In mein Zimmer? rief der Commerzienrath, und beinahe htte er das
Licht, das er in der Hand trug, fallen lassen, jedenfalls fiel die
Lichtschere hinunter.

Es war wahrhaftig nicht anders mglich.

Ich soll mit dem Fremden in einem Zimmer schlafen?

Nur fr die eine Nacht, bester Herr Commerzienrath; es ist Sie ein ganz
anstndiger Herr und ein guter Freund von mir.

Aber zum Teufel, Herr, warum nehmen Sie ihn da nicht in Ihr Zimmer?
fragte der Commerzienrath in nicht unrichtiger Folgerung.

Bester Herr Commerzienrath, ich habe eine Frau und vier Wrmer darin,
entschuldigte sich der Wirth, ihm dabei wie besnftigend an der Schulter
herunterstreichend, Alles was recht ist --

Frau und vier Kinder in Einem Zimmer, sagte der Commerzienrath
kopfschttelnd, doch was geht das mich an? Ich habe von Ihnen das
Zimmer heute Nachmittag fr mich allein gemiethet und bin willens Ihnen
dasselbe Geld dafr zu zahlen, das Sie von Beiden fodern knnen;
schaffen Sie mir nur den fremden Menschen da hinaus; ich kann nicht zu
Zweien in Einem Zimmer schlafen, es widerstreitet meiner Natur.

Sind Sie verheirathet? fragte der Wirth.

Nein -- wie so?

Nun, ich meinte nur -- aber ich kann doch den Herrn da nicht wieder
hinauswerfen, verehrter Herr Commerzienrath, klagte der Wirth, und in
der ganzen Stadt ist kein Platz mehr zu haben. Ich wei Sie sind in
Ihrem vollen Rechte, Sie knnen das Zimmer fr sich allein verlangen,
und wenn Sie es durchaus wollen, mu der andere Herr hinaus, aber Sie
glauben gar nicht was Sie mir fr eine Freundschaft erweisen, wenn Sie
ihn darin behielten. In ein anderes Zimmer kann ich ihn schon gar nicht
mehr stecken, denn in keinem liegen unter Vier und Fnf, in manchem noch
mehr, das war das einzige leere Bett, und so ein lieber Mensch. -- Und
nun erging sich der beredte Wirth in einer Masse von Bitten und
Beschwrungen und Schilderungen des liebenswrdigen Schlafkameraden, den
er bekommen htte, da der gutmthige Commerzienrath, der berhaupt kaum
einem Menschen in der Welt eine Bitte abschlagen konnte, endlich
einwilligte und seufzend mit dem Licht wieder umdrehte nach Nummer 7 zu.

Dort angekommen, klopfte er hflich an die Thr, und auf das mrrische
Herein seines aufgedrungenen Stubengenossen trat er mit einem
schchternen Guten Abend -- Sie entschuldigen in sein eigenes Zimmer.

Zu seiner wirklichen Entschuldigung mu ich dem Leser nochmals bemerken,
da er ein deutscher Commerzienrath war.

Guten Abend, sagte der im Besitz sich Befindliche, den Kopf
zurckbiegend und mit der flachen, nach auswrts gedrehten Hand seine
Augen vor dem Lichte schtzend, den Eintretenden besser erkennen zu
knnen; wollen Sie auch hier schlafen?

Ich hatte allerdings die Absicht, erwiderte der Commerzienrath, doch
etwas ber die Frage frappirt; ich wohne seit heute Mittag in diesem
Zimmer.

Ah ja, ich wei߫, sagte der Fremde, ich sah die Sachen hier stehen,
als ich hereinkam. Der Wirth wollte es mglich zu machen suchen, Ihnen
ein anderes Schlafzimmer anzuweisen.

Mir? rief der Commerzienrath, in der That etwas betroffen ber die
kaltbltige Ruhe des Mannes, der sich doch eigentlich htte -- er fhlte
das unbestimmt -- bei ihm entschuldigen mssen. Der Fremde brach aber
diese Gedanken kurz ab und sagte freundlicher als er bisher gesprochen:
Nun wir mssen sehen, wie wir uns einrichten, Herr Schlafkamerad; der
geduldigen Schafe gehen viele in einen Stall. Auerdem ist es ja nur fr
eine Nacht, wir werden uns schon vertragen und es ist mir immer lieber,
als da mich der Wirth mit zu einem der Frommen hineingesteckt htte.
Bitte, nehmen Sie Platz.

Der Fremde rckte sich dann das Licht etwas bequemer zurecht, sttzte
den Kopf in die linke Hand und vertiefte sich aufs neue in die vor ihm
liegenden Briefe oder Papiere, von denen er von da ab kein Auge mehr
verwandte.

Es war ein noch junger, und wie es schien schlanker Mann, von etwa
24--26 Jahren, anstndig und modern gekleidet, aber mit auffallend
langem dunklen Haupthaar, zwei vorn in die Hhe gedrehten
Jupiter-Ammon-Locken und spitzen, aber ebenfalls vollem langen Bart,
jedenfalls ein Fremder, und zwar seinem Dialekt nach ein Oesterreicher.
An dem linken Zeigefinger trug er einen groen Siegelring mit einem
rothen geschnittenen Stein, auch einen vielleicht echten Brillant im
schwarzen Halstuch (der Commerzienrath war kein Kenner von Steinen) und
den Rock mit einer Reihe Knpfen bis oben an die Tuchnadel zugeknpft.

Der Commerzienrath Mahlhuber sa auf dem Sopha, sein dunkelbrennendes
Talglicht mit einer groen Schnuppe daran vor sich, und starrte in
tiefen Gedanken auf den Lesenden, der seiner gar nicht weiter achtete.
Das vor ihm brennende Licht warf dabei einen rthlichen zitternden
Schein auf ihn, der den Umrissen des Krpers ordentlich Bewegung gab und
wie ein leises Zucken aussah, und die tiefen Seufzer, die er zu gleicher
Zeit nur mhsam zu unterdrcken schien, bis er sie nicht mehr bewltigen
konnte, wurden dem kleinen gutmthigen Manne zuletzt selber unheimlich.

Der Fremde war gewi recht unglcklich -- hatte vielleicht einen
schmerzlichen Brief aus der Heimat erhalten und sa nun brtend darber.
-- Aber, lieber Gott, er konnte ihm nicht helfen, er hatte seine Hnde
schon in mehr fremden Affairen als ihm lieb war, und der arme Teufel
mochte sehen, wie er selber mit seinem Antheil Leiden fertig wrde.
Jeder Mensch hat berhaupt sein Pack zu tragen, der eine schwerer, der
andere leichter -- er schleppte die Leber- und Balggeschwulst,
wenigstens die Folgen davon -- sein +vis--vis+ wand sich wahrscheinlich
unter anderm Kummer.

Ueber dem Denken wurde er mde, bezwang sich aber doch noch und wrde
eigentlich am liebsten abgewartet haben, da der Fremde zuerst zu Bett
gegangen wre. Da fing dieser auf einmal an zu ghnen und der
Commerzienrath sah kaum die Bewegung, als auch bei ihm die Kinnladen an
zu arbeiten fingen und er sich gar nicht wieder zufriedengeben konnte.

Sie werden schlfrig, sagte der Fremde.

Ich? Bitte um Verzeihung, es zog mir nur so --, wieder unterbrach das
Ghnen jede vielleicht beabsichtigte Bemerkung, es zog mir nur so durch
die Kinnbacken. Das kommt aber von einer Erkltung, die ich mir neulich
zugezogen; auf Leber und Kinnbacken wirft sich bei mir Alles, ich leide
an der Leber.

So? sagte der Fremde, ohne weitere Notiz von ihm zu nehmen.

Ja, sagte der Commerzienrath seufzend, meine Leber ist drei Zoll zu
gro -- sie pat mir nicht mehr und trgt sich auch nicht ab -- sie wird
immer grer, bis sie mir einmal das Herz abdrckt.

Der Fremde stie einen tiefen klglichen Seufzer aus, erwiderte aber
nichts, bis Herr Mahlhuber, der sich doch spterer Reiseerinnerungen
wegen davon in Kenntni zu setzen wnschte, mit wem er eigentlich eine
Nacht in ein und demselben Zimmer geschlafen, sehr hflich sagte:

Apropos, verehrter Herr, mit wem habe ich denn eigentlich das Vergngen
so naher Nachbarschaft?

Doctor Wickendorf aus Wien, sagte der Fremde, ohne von seinen Papieren
aufzusehen.

Aus Wien -- ih sehen Sie einmal an! rief der Commerzienrath, von einem
neuen Gedanken ergriffen; ich habe in der That schon einmal daran
gedacht, nach Wien zu reisen, um -- hm, das trfe sich ja wirklich ganz
ausgezeichnet und knnte als ein gtiger Wink der Vorsehung gelten, die
uns hier so glcklich zusammengefhrt. Darf ich mir eine Frage an Sie
erlauben?

Was wnschen Sie? fragte der Fremde langsam ber das Licht
hinwegsehend, erstaunte aber nicht wenig, als sein Schlafkamerad, der
vom Sopha aufgestanden war, mit niedergebeugtem Kopfe, als wenn er ihn
htte widderartig vom Stuhle stoen wollen, auf ihn zukam.

Bitte, fhlen Sie einmal hierher, sagte der Commerzienrath, als er dem
Fremden so nahegekommen war, da dieser schon von seinem Stuhle
aufspringen wollte, indem er ihm den niedergedrehten Kopf hinhielt und
mit seinem rechten Zeigefinger in die Nhe seines Scheitels deutete.
Thun Sie mir die Liebe und fhlen Sie einmal hierher.

Aber was wollen Sie nur?

Hierher, wenn ich bitten darf -- noch ein wenig mehr rechts -- so, das
ist der Platz, fhlen Sie da nichts?

Nein.

Gar nichts, keine Erhhung?

Nein, eher ein Loch --, sagte Doctor Wickendorf. Sie haben sich wol
im Heraufkommen an die Treppe gestoen?

Der Commerzienrath sthnte tief auf.

An die Treppe gestoen? wiederholte er seufzend, gbe Gott, es wre
weiter nichts als das, aber ich wollte schon lange einmal einen der
berhmten wiener Aerzte consultiren, und das Schicksal scheint mir jetzt
gnstig zu sein. Meine Leber ist nmlich drei Zoll zu gro߫, fuhr der
Commerzienrath, als ihn der junge Mann unterbrechen wollte, rasch fort.
Ich leide an einer speckigen Entartung der Leber, die ich an Rippen,
Zwerchfell und Magen anstoen fhle. Das Schlimmste aber dabei, was mir
mein Hausarzt nicht zugestehen will, ist eine damit in Verbindung
getretene, frher operirte Balggeschwulst.

Herr, thun Sie mir den Gefallen und seien Sie still, rief Doctor
Wickendorf, indem er ein Gesicht schnitt, als ob er Aloe verschluckt
htte -- ich kann so etwas nicht hren, es wird mir immer gleich bel.

Uebel? rief der Commerzienrath -- ein Arzt und belwerden -- fhlen
Sie nur hier -- die Balggeschwulst war etwa von der Gre eines
Taubeneis, leicht beweglich unter den Fingern, und --

Aber was geht das mich an! rief der junge Mann im Ekel abgewandt, ich
bin ja doch kein Arzt, da Sie mich mit solchen hchst fatalen Dingen
qulen.

Kein Arzt? rief der Commerzienrath wirklich berrascht, sagten Sie
mir denn nicht selber, da Sie ein Doctor wren?

Ich bin Doctor der Philosophie, aber kein Arzt, brummte der junge Mann
rgerlich vor sich hin.

O da bitte ich tausend mal um Entschuldigung , sagte der kleine Mann
sehr erschreckt und glitt, whrend der misverstandene Doctor ber seinen
Scripturen weiterbrtete, in seine Sophaecke zurck.

Es wurde ihm aber unheimlich, auch vielleicht langweilig, dem stillen
dstern Gesellen gegenber so dazusitzen und nicht einmal von seiner
Leber reden zu drfen. Doctor -- kein Mensch sollte eigentlich die
Erlaubni bekommen, sich Doctor nennen zu drfen, wenn er nicht wirklich
Arzt ist, denn das mu ja zuletzt eine strfliche Confusion geben. Und
der Mensch hatte gar kein Gefhl fr Anderer Leiden, setzte er in
seinen Gedanken, dabei ernstlich mit dem Kopfe schttelnd, hinzu, ekelt
sich, wenn ihm ein Mitmensch Das erzhlt, was ihn drckt -- und ist noch
grob dazu. Ich werde zu Bette gehen. Und mit einem tief aus der Brust
heraufgeholten Seufzer beschlo er diesen guten Vorsatz auch
augenblicklich auszufhren.

Das Bett war gut -- das Deckbett ein wenig schwer und warm, das lie
sich nicht ndern; warum lag er in fremden Betten herum, da er zu Hause
ein besseres hatte. Wenn er nur jetzt wenigstens einschlafen konnte, die
Versumnisse und Schrecken der letzten Nacht in etwas nachzuholen.
Groer Gott, was hatte er nicht Alles in den letzten 48 Stunden erlebt?
-- und wo befand er sich jetzt? -- Er lschte das Licht aus, da er den
unbehaglichen fremden Platz nur gar nicht lnger zu sehen brauchte, und
wollte sich dann mit einem hflichen Gute Nacht! fr seinen
Stubengefhrten auf die rechte Seite drehen; aber das andere Licht
brannte noch, und mit einem brennenden Lichte im Zimmer war er nun
einmal nicht im Stande einzuschlafen. Es ging nicht, er mochte noch so
mde sein; wollte denn der Mensch die ganze Nacht durch lesen?

Der Commerzienrath warf sich eine ganze Stunde lang im Bette herum, an
Einschlafen war nicht zu denken, und sein Sthnen machte endlich den
Fremden ebenfalls aufmerksam.

Sie knnen nicht schlafen? sagte dieser, den Kopf halb nach ihm
herumdrehend.

Mein Herr Doctor -- wenigstens nicht solange ein Licht im Zimmer
brennt, erwiderte der Commerzienrath, fest entschlossen, seinen neuen
Quler wenigstens wissen zu lassen, was ihn beunruhige. Doctor
Wickendorf hatte die Anspielung gar nicht gehrt oder nicht verstanden,
denn er las ruhig weiter, und nur das erneute Sthnen des Schlaflosen
weckte ihn endlich wieder aus seinem Brten.

Mein lieber Herr, sagte er, mit einem tiefen Seufzer von seinen
Schriften aufsehend, indem er sich ganz nach dem Bette des Andern
umdrehte, apropos, Sie haben mir noch nicht einmal ihren Namen
genannt.

Mahlhuber! sthnte der Commerzienrath.

Ah -- mein lieber Mahlhuber, wie es scheint knnen Sie doch nicht
einschlafen --

Wenigstens nicht solange das Licht brennt.

Da wren Sie vielleicht nicht abgeneigt, fuhr der Doctor, ohne auf den
Einwand zu hren, fort, mir Ihre Hlfe in einer sehr schwierigen Sache
angedeihen zu lassen.

Meine Hlfe? sagte der Commerzienrath, sich erschreckt in seinem Bette
emporrichtend, mein lieber Herr Doctor, ich kann mir selber nicht
helfen, und denke gar nicht daran mich in die Affairen anderer Leute
weiter hineinzumischen, als ich schon, vollkommen gegen meinen Willen,
hineingerathen bin. Wenn Sie mir nur erlauben wollten, da ich --

Ich verlange nichts von Ihnen als Ihren Rath, sagte der Doctor, ohne
auf die Einsprache weiter Rcksicht zu nehmen. Sie sollen nicht die
geringste Verantwortlichkeit dabei bernehmen, Ihr Name wird nicht
einmal genannt. Nur, wie schon gesagt, Ihren Rath wnschte ich, denn ich
habe es schon oft gefunden, da das Urtheil eines vollkommen
unbefangenen ruhigen Mannes manchmal mit Leichtigkeit und spielend das
Rechte trifft, whrend wir armen Sterblichen uns umsonst abmhen, ein
glckliches befriedigendes Resultat auf irgendeine knstliche Weise
herbeizufhren. Es betrifft Leben und Tod eines Menschen, der die
scheulichsten, nichtswrdigsten Verbrechen --

Leben und Tod? rief der Commerzienrath erschreckt. --

Bitte, unterbrechen Sie mich nicht, sagte der Doctor, die Hand dabei
gegen die entfernte leere Zimmerecke ausstreckend und mit hohlem, aber
begeistertem Tone fortfahrend, der die scheulichsten, nichtswrdigsten
Verbrechen unter dem Mantel christlicher oder vielmehr geheuchelter
Frmmigkeit begangen, sich in Familien eingeschlichen und die Tchter
verfhrt, sich in Geschfte gedrngt und die Firmen ruinirt, sich an
Reiche gehngt und sie ausgesogen hat, bis sie in Verzweiflung einem
raschen Tode in die Arme sprangen, oder in Elend und Siechthum ihrem
Grabe entgegenwelkten. Der letztvorkommende Fall ist der furchtbarste,
und ich wei noch nicht, was die Folgen sein werden. Nach unsern
moralischen Gesetzen kann ein solcher Verbrecher nicht frei ausgehen,
und doch ist er nicht zu fassen, doch hat er sich bisjetzt schlau Allem
zu entziehen gewut, was den Gerichten auch nur den geringsten Halt an
ihm bieten konnte --

Das mu ja ein ausgefeimter Schurke sein, rief der Commerzienrath,
halb in dem Wunsch sich mit dieser Bemerkung wieder unter seine Decke
zurckziehen zu knnen und die Unterhaltung damit fr heute abgebrochen
zu haben, halb aber auch in gerechter staatsbrgerlicher Entrstung ber
ein solches Scheusal, das unter dem Deckmantel der Religion Jammer und
Elend in der Welt sete, und nun noch dazu von der weltlichen
Gerechtigkeit, trotz erwiesener Schuld, nicht erfat und zermalmt werden
konnte.

Darf ich Ihnen diese Aufzeichnungen vielleicht einmal vorlesen? sagte
der Doctor jetzt wieder, einen freundlichen Blick auf den Commerzienrath
werfend, wenn Sie die Triebfedern von des Verbrechers Charakter erst
einmal hieraus kennenlernen, werden Sie eher im Stande sein ein Urtheil
zu fllen. Ich frchte, der liebe Gott selber wird einen Blitz oder eine
furchtbare Seuche oder etwas Derartiges ber den Menschen schicken
mssen, ihn zu bestrafen, denn auf andere Art sehe ich nicht wie ihm
beizukommen ist -- das letzte Verbrechen mte denn klar bewiesen werden
und gegen ihn zeugen.

Aber ich sollte doch denken die Polizei msse da im Stande sein ihn zu
berfhren? rief der Commerzienrath, wofr ist sie denn da?

Sie werfen da eine schwierige Frage auf, lchelte der Doctor, aber
Sie werden mir selber Recht geben, wenn Sie einmal die Einzelheiten
gehrt haben.

Wie viel Uhr haben wir denn eigentlich? sagte der Commerzienrath,
vergebens bemht, in seiner dunkeln Ecke das Zifferblatt der einen Uhr
zu erkennen.

O es ist kaum 10 Uhr, wir haben noch Zeit genug zum Schlafen. Ich bitte
Sie aber jetzt den einzelnen Punkten aufmerksam zu folgen, Sie werden
ber ein solches Gewebe von Bosheit erstaunen.

Der Commerzienrath wollte noch eine Einwendung machen; es war 10 Uhr und
die Zeit fr ihn zur Ruhe, die, wenn er sie berschritt, sich am andern
Tage unrettbar an ihm strafte; aber er schmte sich auch einer so
furchtbaren Nothwendigkeit gegenber, wo es sich um die Bestrafung oder
Entdeckung eines wirklich gefhrlichen Menschen handelte, gleichgltig
zu scheinen, fhlte noch einmal nach Leber und Kopf, seufzte tief und
schmerzlich auf und sagte dann endlich resignirt:

Nun gut, Herr Doctor, wenn sich die Sache wirklich so verhlt, so
fangen Sie in Gottes Namen an -- es wird doch nicht so sehr lange
dauern?

Kaum eine halbe Stunde, lautete die wenigstens in dieser Hinsicht
trstliche Antwort, und der Doctor putzte sein Licht, rusperte sich,
trank einen Schluck Bier aus dem neben ihm stehenden Glase, sttzte den
Kopf wieder in die linke Hand und begann:




11.

+Die Geschichte von dem Scheusal.+


In einer groen Stadt in Deutschland, die wir Yburg nennen wollen, ich
habe den wirklichen Namen absichtlich weggelassen, besonderer
Rcksichten halber -- lebte der Commerzienrath Schler --

Commerzienrath? fragte unser Freund gespannt und sich etwas weiter aus
dem Bette lehnend, das Ganze besser zu hren.

Der Commerzienrath Schler; ich mu Sie aber bitten, mich jetzt nicht
weiter zu unterbrechen, da Sie sonst den Faden verlieren und dem Ganzen
nicht aufmerksam genug folgen knnen; ich will lieber noch einmal von
vorn anfangen: In einer groen Stadt in Deutschland, die wir Yburg
nennen wollen, lebte der Commerzienrath Schler in sehr glcklichen, mit
jeder irdischen Lebensgabe reichlich ausgestatteten Verhltnissen. Er
besa ein stattliches Haus mitten in der Stadt, in einer der besten
Lagen -- die erste Etage bewohnte er selber, die zweite allein trug ihm
400 Thaler Miethe --, war in allen ersten Familien eingefhrt, galt fr
einen Liebling des Knigs, trug drei Orden verschiedener Herren Lnder,
bezog vom Staate noch auerdem eine Pension von 1200 Thalern, und
verfgte als Vormund der Tochter eines reichen vor einiger Zeit
verstorbenen Bankiers auerdem ber ein sehr bedeutendes Capital. Diese
junge Dame hie Rosaura.

Der Commerzienrath Schler war ein anerkannt ehrenwerther und auerdem
sehr frommer Mann, Mitglied des Gustav-Adolf-Vereins, Vorsteher eines
Armeninstituts, Kassirer des Waisenhauses, Director des Missionsvereins
und Protector aller brigen mildthtigen Anstalten in der Stadt und
Umgegend, dabei etwa 52 Jahre alt, noch immer ziemlich rstig und
unbeweibt --

Aber Sie wollen doch nicht behaupten, da dieser Mann, warf der
Commerzienrath Mahlhuber eine fast ebenso erschrockene als erstaunte
Bemerkung ein.

Bitte, unterbrechen Sie mich nicht, sagte der Doctor rasch, es gibt
in unserm gesellschaftlichen Leben viele Dinge, die wir uns nicht
trumen lassen; aber Sie werden gleich selber hren. In dem Hause des
Generalsuperintendenten, wo der Commerzienrath freien Eintritt hatte,
erkrankte die Tochter so schwer, da ihr Arzt, ein intimer Freund des
Commerzienraths, keine andere Rettung wute, als sie in ein ziemlich
entfernt gelegenes Bad zu einer von seinen eigenen Verwandten zu
schicken; das geschah. Die Kasse des Waisenhauses wurde eines Morgens
erbrochen gefunden. In dem Local, wo sie aufbewahrt worden, fanden sich
deutliche Spuren, da im Hause selber Irgendjemand mit den Spitzbuben --
es war ein Capital von 15,000 Thalern entwendet worden -- gemeinsame
Sache gemacht hatte; aber trotz allen Nachsprens der Polizei blieb der
Dieb unentdeckt. Der Commerzienrath war an dem Nachmittag, wie er das
sehr hufig dringender Arbeiten wegen that, der Letzte im Bureau
gewesen. Er selber sagte aus, da bei seinem Fortgehen Alles in der
gewhnlichen und gehrigen Ordnung gewesen sei, und er die Fenster noch
selber eigenhndig untersucht habe, ob die Lden fest und gut
geschlossen seien. Ein Resultat war nicht zu erzielen, und Mehre, der
Unterkassirer, wie der Hausmann und andere niedere Beamte, auf die man
in diesem Falle Verdacht werfen mute, wurden eingezogen und eine Weile
in Untersuchungshaft gehalten, und als sich ihnen nichts beweisen lie,
abgelohnt und entlassen.

Es ist entsetzlich! sthnte der Commerzienrath.

Als Director des Missionsvereins, fuhr der Doctor fort, hatte der
Commerzienrath, der mit Australien und Afrika in brieflicher Verbindung
stand und einzelne Freunde dort drben hatte, bernommen, die Gelder wie
die wollenen Unterrcke und Strmpfe fr die Heidenkinder an ihre
Adressen zu befrdern. Die Unterrcke und Strmpfe kamen an, das Geld
nicht --

Aber da htten ja die Postscheine augenblicklich ergeben mssen, wo das
Geld abhandengekommen, rief der Commerzienrath erstaunt aus.

Wahrhaftig, Sie haben Recht, sagte der Doctor, daran habe ich noch
gar nicht gedacht, sehen Sie, das war ein sehr guter Gedanke, das mu
ich mir berlegen. Aber hren Sie weiter. Commerzienrath Schler nimmt
vor einigen Jahren ein armes junges Mdchen, eine Waise, deren Vater und
Mutter auf eine schaudererregende Art in dem Brande ihres Hauses
umkamen, bei sich auf, lt sie unterrichten und zieht sie zu seiner
Wirthschafterin heran. Das Mdchen heit Susanna. Die Tochter des
Bankiers, sein Mndel, die einige Zimmer in der Etage des
Commerzienraths bewohnt, krnkelt indessen seit einiger Zeit und wird
von demselben Doctor, der die Tochter des Generalsuperintendenten in das
Bad geschickt hat, behandelt. Ihre Krankheit ist eigener Art,
nervenlhmend, mit heftigem Drcken des Herzens und Magens.

Das kenne ich, rief der Commerzienrath lebhaft, das ist der Anfang
der Hypertrophie.

Der Doctor, der sich an seinem Tische gegen ihn mit dem Stuhle gewendet
hatte, sah berrascht zu ihm auf, ber das Papier weg und sagte ruhig:

Ich mu Sie ernsthaft bitten alle derartigen Unterbrechungen zu
vermeiden, ich sehe mich sonst genthigt das Lesen aufzugeben. Der
Commerzienrath berlegte sich eben, ob das berhaupt eine Drohung sei,
als jener in den Schriften suchend, die verlorene Stelle wiederzufinden
fortfuhr: Ihre Brust ist beengt, ihr Athem erschwert, hufiger Schwei
auf der Stirn, Uebelkeiten und Kopfschmerzen --

Ich gebe Ihnen mein Wort, da -- fuhr der Commerzienrath unwillig
heraus, bi aber seine Worte kurz ab und schluckte den brigen Satz
hinunter, als er dem finsterzrnenden Blick des Lesenden begegnete.

Merkwrdig, sagte dieser, ohne sich weiter stren zu lassen, da
diese Zustnde sich oft auf einige Zeit besserten, ja fast vollkommen
hoben, nur um nach einiger Zeit mit um soviel grerer Strke
wiederzukehren, bis sie ihnen endlich erlag. Das Testament kam jetzt zur
Vollstreckung, nach dem -- solchen Fall vorausbestimmt, da die einzige
Erbin vor ihrer erlangten Mndigkeit sterben sollte -- ziemlich
bedeutende Summen an Wohlthtigkeitsanstalten und fromme Stiftungen
bergingen, fr den Rest aber, mit einem Capital von etwa 100,000
Thalern, der Commerzienrath Schler zum Erben eingesetzt war.

Sie hat Gift bekommen! rief der andere Commerzienrath, in seinem Bette
die Hnde vor Entsetzen zusammenschlagend.

Commerzienrath Schler war jetzt mehr noch als je ein reicher Mann,
las der Doctor lchelnd weiter, betrauerte allerdings den Tod der
jungen Erbin ein volles Jahr durch schwarze Kleidung und einen breiten
Flor um den Hut, setzte sich aber ungesumt in den Besitz des
bedeutenden Vermgens und lebte herrlich und in Freuden.

Noch existirte ein armer, aber naher Verwandter des Bankiers, und zwar
der Stiefsohn seiner Schwester, der aber, jung und leichtsinnig, dem
alten reichen Herrn nie recht gefallen hatte. Karl, so hie er, war ein
herzensguter braver Bursche, selten bei Kasse, es ist wahr, aber stets
leichten Herzens und frhlichen Sinnes, bis er einst in des Onkels
Hause, dem er eine Visite machte, dessen Tochter sah -- kennenlernte und
-- mit dem Todespfeile im Herzen die Schwelle wieder verlie.

Nun bestand eine Sage in der Familie, da vor alten Zeiten eine
Gromutter dieses jungen Mannes in Indien verheiratet gewesen, spter
gestorben sei und ein rasendes Vermgen hinterlassen habe, das aber ein
malayischer Regent, wegen eines flschlich in Besitz genommenen
Landstrichs, anfechten wollte, und sich ein District in jener Gegend
auch schon deshalb emprt haben sollte. Eines Morgens tritt pltzlich
ein sonnengebrunter Mann, der Aehnlichkeit mit einem Matrosen hat, in
Karl's Thr, fragt ihn, ob er Karl Neumann heie, der Enkel einer in
Indien verstorbenen Frau, Namens Katharina Neumann sei und seine
Erbschaft von dort, etwa sieben Millionen spanische Thaler, richtig
empfangen habe.

Sieben Millionen Thaler! flsterte der Commerzienrath in halblautem
Erstaunen vor sich hin.

Karl schrak zusammen, fuhr der Doctor fort, als ob er ein Verbrechen
begangen habe und dabei entdeckt worden wre; seine Wangen verlie das
Blut, seine Glieder zitterten und er mute sich an einem Stuhle halten,
um nicht umzusinken.

Sieben Millionen Thaler, sthnte er, sieben Millionen Thaler -- von
Indien?

Sie haben nichts empfangen? rief der Seemann rasch und erstaunt, wre
es mglich, da jener indische Rajah Sie darum betrogen htte, hm, dann
wehe ihm! Allah's Zorn und meine Rache sollen ihn treffen, und flhe er
zu den Stufen seines Tempels, zu dem Heiligthum des ewigen Sarges, ich
wrde ihn erreichen.

Wer sind Sie? fragte ihn Karl, da Sie solchen Antheil an meinem
Schicksal nehmen, und glauben Sie, da Sie mir zu der Erbschaft oder
wenigstens zu einem Theile derselben wiederverhelfen knnten?

Glaub' ich! wiederholte der Seemann indignirt, ich wei gewi, da,
wre das Geld in der That noch nicht abgesandt, es Ihnen werden mu, und
wenn der erste Rajah selber die gierigen Hnde schon darbergebreitet.
Wir hatten in Indien die Adresse eines Mannes aufbekommen, an den die
Summe abgeschickt werden sollte, der indische Frst schwor in meine Hand
sie richtig zu befrdern.

Und wie hie der Mann, dem man fr mich ein solches Capital anvertrauen
wollte? rief Karl, von einer frchterlichen Ahnung ergriffen --

Commerzienrath Schler, sagte der Seemann, und Karl brach bewutlos
neben seinem Stuhle zusammen. Wie lange er so gelegen, wute er nicht;
als er wieder zu sich kam, fhlte er wie ihm Jemand kaltes Wasser in
sein Gesicht go, und er sthnte: "Wo bin ich?" Der indische Seemann war
noch bei ihm und suchte ihn ins Leben zurckzurufen, und Karl mute ihm
jetzt, sobald er sich nur soweit erholt, wieder sprechen zu knnen,
erzhlen, welche Befrchtungen er habe, und da er fast berzeugt sei,
wie der Commerzienrath das Geld unterschlagen htte.

Aber ich bitte Sie um Gottes Willen, brach jetzt der arme gequlte
Mahlhuber, der immer noch nicht sah, da der entsetzliche Mensch zur
eigentlichen Sache kam, und es ebenfalls fr hchst unwahrscheinlich
fand, da ein deutscher Commerzienrath sieben Millionen Thaler
unterschlagen knne, das Schweigen. Er war fest entschlossen jetzt
ebenfalls ein Wort mit hineinzureden. Sie haben ganz Recht, dieser
Mensch mu ein wahres Scheusal sein, und wenn wir 7 Uhr Abends htten,
verehrter Herr, wrde ich nicht das mindeste Bedenken tragen, Ihnen mit
dem grten Interesse zuzuhren, denn der Fall ist in der That
auergewhnlich und mu, sobald er vor die Oeffentlichkeit kommt, ein
gewaltiges Aufsehen machen; aber thun Sie mir die Liebe -- ganz
abgesehen davon, da ich wirklich glaube, Sie haben den Commerzienrath
mit den sieben Millionen in einem falschen Verdacht -- und geben Sie mir
lieber die Umrisse des Ganzen, die einfachen nackten Thatsachen, und
lassen Sie besonders die Gesprche der Leute weg, denn ich bin sonst
wahrhaftig nicht im Stande ein unbefangenes Urtheil zu fllen. Mir ist
der Kopf schon jetzt -- ich kann Sie versichern -- so wirr und voll von
den vielen Namen und Begebenheiten, da ich anfange irre zu werden --
wie viel Uhr haben wir wol?

O es ist noch frh, sagte der Doctor, flchtig auf seine Uhr sehend,
ohne die Frage selber zu beantworten. Ich kann Ihnen brigens nicht
helfen, denn diese Einzelheiten, die eben das Ganze bilden, mssen Sie
kennenlernen, um im Stande zu sein, ein richtiges Urtheil zu fllen.
Uebrigens kommt gerade jetzt die Hauptsache, und ich bin fest berzeugt,
sobald wir die berhrt haben, werden Sie so gepackt und aufgeregt sein,
die ganze Nacht nicht mehr schlafen zu knnen.

Das wre mir aber nicht lieb, sthnte der Commerzienrath vor sich hin,
die ganze vorige Nacht Hunde aus der Thr geworfen, und heute Nacht
ber ein Menschenleben zu Gericht sitzen, da man sich spter vielleicht
die schrecklichsten Vorwrfe macht, jahrelang eine blutige Gestalt vor
Augen sieht und hinter jeder Thr, unter jeder Bettstelle, besonders
aber unter der eigenen, irgendeine entsetzliche Gestalt vermuthet. Das
bischen Seelenruhe ist dann auch noch zum Teufel. -- Guter allmchtiger
Gott! und ein Commerzienrath dieser nichtswrdige bigote Heuchler -- es
ist eine Schmach fr den sonst so ehrenwerthen Stand. Man mte wirklich
bei der hohen Staatsregierung darauf antragen, da ihm der Titel und
Rang, sobald sein Verbrechen nur erst einmal constatirt worden, wieder
abgenommen wrde, da er aller dieser Ehrenrechte verlustig gehe. -- Ein
wahres Scheusal von einem Commerzienrath.

Der Doctor hatte indessen wieder einmal getrunken, und das Manuscript
aufnehmend, begann er von neuem:

Jetzt mu ich noch erwhnen, da das Haus, in welchem Karl wohnte,
dicht an das des Commerzienraths Schler stie und mit diesem auch in
der That einen durch eine dnne Backsteinwand getrennten Keller hatte.
Karl war nicht reich, aber er liebte es doch in seinem eigenen Keller
sein eigenes Bier einzulegen, und er fhlte sich jetzt so schwach, da
er einer Strkung, welcher Art sie auch sei, bedurfte. Er ging hinunter,
das Bier heraufzuschaffen, und hrte unten, als er die Thr langsam
aufgeschlossen hatte, ein dumpfes Graben und Stoen nebenan, als ob die
Erde aufgeworfen wrde. In dem Augenblick achtete er aber nicht darauf,
nahm einige Flaschen Bier unter den Arm und stieg wieder nach oben.

Dem Seemann schlo er nun sein ganzes Herz auf, gestand ihm, da er arm
aber ehrlich sei, und bat ihn um seinen Rath, wie es mglich gemacht
werden knnte, dem gierigen Vormund das wahrscheinlich unterschlagene
Capital zu entreien.

Nicht um des Geldes wegen, rief der junge Mann, und ein edles Feuer
blitzte aus seinen Augen, nicht des schnden Mammons wegen sehne ich
mich nach dem Besitze; was ich brauche, verdiene ich mir durch meine
Feder, und frei und unabhngig stehe ich in der Welt, aber -- weh mir --
ich liebe hoffnungslos, und die Geliebte ist des falschen Onkels
Mndel.

Aber die ist ja schon todt! rief der Commerzienrath voller Erstaunen,
ich bin ja schon fest davon berzeugt gewesen, da sie der
nichtswrdige Mensch vergiftet hat.

Ja -- Sie haben Recht, sagte der Doctor, aber hier lasse ich den
Leser einen vermutheten Scheintod ahnen -- ich spanne ihn gewissermaen
auf die Folter und glaube gerade, da mir diese Wendung vortrefflich
gelungen ist. Jetzt warten Sie -- jetzt verschwindet das Mdchen, das er
zu sich ins Haus genommen hat, und dadurch, da Karl in seinem Keller
das Graben und Erdewerfen gehrt hatte, habe ich den Commerzienrath
vollstndig in meiner Gewalt -- ich kann ihn entweder durch eine
Haussuchung berfhren und entdeckt werden, oder vorher, durch den
Seemann vielleicht, der sich dafr einen Theil der sieben Millionen
sichert, warnen und nach Amerika flchten lassen.

Ich werde noch verrckt! sthnte der Commerzienrath, mit beiden Hnden
seine eigene Stirn fassend und pressend. Ist denn die Mndel wirklich
todt oder lebt sie noch?

Ich sage Ihnen ja, ich kann das noch machen wie ich will, erwiderte
ihm der Doctor freundlich, und auch hierber wollte ich mir Ihre
Ansicht erbitten, ob Sie nicht auch glauben, da man durch einen
glcklichen Scheintod das Interesse des Lesers weit gewaltiger anspannen
knnte.

Der Commerzienrath fuhr mit beiden Beinen zugleich aus dem Bette.

Haben Sie mir da Thatsachen vorgelesen? rief er dabei, oder mich zum
Narren gehabt mit einer wahnsinnigen, erdichteten Geschichte, Herr?

Zum Narren gehabt? Wahnsinnige Geschichte? Mein Herr, das ist oder wird
vielmehr eine Novelle, wenn ich im Stande bin sie so durchzufhren, wie
sie angelegt ist, die ihres Gleichen in der Literatur sucht, und nur um
Ihre Meinung darber zu hren und mir in der Entwickelung vielleicht
durch einen einfach praktischen Rath an die Hand zu gehen, habe ich sie
Ihnen vorgelesen.

Herr Doctor! rief jetzt der Commerzienrath, mit den Fen wieder
zurck unter die Decke fahrend, als ob er drauen auf heies Eisen
getreten wre, und mit beiden Hnden zugleich seine weie Nachtmtze
fest und entschlossen ber die Ohren ziehend, wenn ich Ihnen das jetzt
sagte, was ich von Ihnen denke, knnten Sie mich bei jedem Criminalamt
auf die furchtbarste Verbalinjurie verklagen. Soviel will und mu ich
Ihnen aber bemerken, da ich ein kranker Mensch bin, der vorige ganze
Nacht kein Auge zugethan und Ihnen aus bergroer, wie ich nun einsehe,
alberner Gutmthigkeit sein eigenes Zimmer mit eingerumt hat, um jetzt,
unter der Vorspiegelung, wichtige Thatsachen erzhlt zu bekommen, mit
einer faden confusen Novelle mishandelt zu werden. Ich verlange jetzt
ernsthaft von Ihnen, da Sie mich in Ruhe lassen und endlich Ihr Licht
auslschen, ich bin sonst nicht im Stande einzuschlafen und -- und
wnsche Ihnen eine angenehme Ruhe.

Damit fiel er wie todtgeschlagen auf sein Kopfkissen zurck, schlo die
Augen und machte ein Gesicht, als ob er Arsenik genommen htte und nun
bereit wre zu sterben.

Fade Novelle? rief der Doctor Wickendorf, an seiner empfindlichsten
Stelle gefat. Mein Herr, ich habe Ihnen mehr Beurtheilungskraft
zugetraut, als Sie wirklich zu besitzen scheinen, und kann nur bedauern,
meine Zeit damit verschwendet zu haben, Sie um eine Meinung darber zu
ersuchen. Schlafen Sie wohl!

Der Mann war aufgesprungen und ging, zu des Commerzienraths stillem
Grimme, ohne das Licht auszulschen, mit raschen Schritten und mit
festverschlungenen Armen im Zimmer auf und ab, dann und wann einen
zrnenden Blick nach der Stelle hinberwerfend, wo sein duldender
Schlafkamerad, uerlich ein Bild des stillen Friedens, mit der ber die
Ohren gezogenen Nachtmtze auf dem Rcken lag, innerlich aber den
unruhigen Gesellen mit dem brennenden Lichte dahin wnschend, wo der
Pfeffer wchst. In einer Art von verzweifelter Resignation schien der
Commerzienrath entschlossen, auch das Schlimmste ber sich ergehen zu
lassen, ohne weiter dagegen anzumurren.

Das geschieht dir recht, Hieronymus, murmelte er dabei unhrbar vor
sich hin, das geschieht dir ganz recht, und es freut mich ordentlich,
da es so gekommen ist. Du in deinen Jahren httest gescheiter sein
knnen und sollen, als dich von einem Narren von Doctor in die Welt
hineinschicken zu lassen. War es doch die Dorothee; die kannte mich
besser, als ich mich selber kannte, und die Unbequemlichkeit, das Elend
dieser Nchte, die Aufregung und der Aerger am Tage, das Alles habe ich
verdient, reichlich verdient mit meinem Leichtsinn. Nur die Leber -- das
rasende Wachsen der Leber jetzt seit den letzten zwei Tagen, das ist
mein Tod, das habe ich nicht verdient, und ich sterbe als Mrtyrer fr
die Bequemlichkeit der Wallfahrer, unter Dach und Fach zu schlafen.
Wallfahrer, fuhr er fort, seinen Grimm in eine neue Bahn lenkend, das
nennen nun die Leute wallfahrten; kehren Abends ein, gehen zu Bier und
essen, spielen und schlafen und verdrngen andere kranke Reisende aus
ihrer gewohnten Ruhe und Bequemlichkeit -- Wallfahrer -- und der
unglckliche Mensch luft noch immer wie besessen im Zimmer herum und
lscht das Licht nicht aus. Wenn ein Gerichtshof fr moralische
Verbrechen existirte, verklagte ich ihn auf kaltbltig berlegten,
vorstzlichen Mord -- der Mensch will mich todt machen.

Der Commerzienrath schien ihm aber Unrecht gethan zu haben, oder war
Doctor Wickendorf selber mde geworden? er trat pltzlich zum Tische,
legte seine Papiere zusammen und schlo sie wieder in seinen Reisesack,
fing an sich zu entkleiden und stieg dann, das brennende Licht neben
sich auf einem kleinen Tische ungelscht stehen lassend, ins Bett.

Er wird es schon ausmachen, trstete sich der Commerzienrath, der
versteckt nach ihm hinberblinzte, er wird doch nicht mehr im Bette
lesen wollen? -- Das ist feuergefhrlich. Doctor Wickendorf las aber
weder, noch machte er das Licht aus; htte aber der Commerzienrath das
von ihm abgewandte boshaft lchelnde Gesteht des Schriftstellers sehen
knnen, er wrde gezittert haben.

Eine ganze Weile hielt es der arme gepeinigte Mahlhuber unverdrossen
aus; er genirte sich den Doctor zu belstigen und anzureden -- er mute
ja das Licht doch zuletzt einmal auslschen; dieser schien jedoch an
nichts weniger zu denken, und der Commerzienrath drehte sich endlich mit
einem gewaltsam gefaten Entschlusse nach ihm um, hustete erst einmal
und sagte dann:

Herr Doctor --.

Ja.

Sie schlafen doch noch nicht?

Nein.

Drfte ich Sie bitten das Licht auszulschen? Ich bin nicht im Stande
vorher einzuschlafen, und es ist auch feuergefhrlich.

Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Mahlhuber, erwiderte ihm sein
Schlafkamerad freundlich, ich sehe mich Ihnen gegenber zu der
Erklrung gezwungen, Sie nicht mehr zu beunruhigen als irgend nthig ist
-- ich habe das Licht absichtlich brennen lassen.

Aber weshalb, um Gottes Willen?

Das will ich Ihnen sagen, seufzte der Doctor, solange bei Vollmond
ein Licht Nachts in meinem Zimmer brennt liege ich ruhig -- sobald ich
es auslsche, nachtwandle ich.

Herr du mein Gott! sthnte der Commerzienrath, das hat mir noch
gefehlt.

Wnschen Sie es, fuhr der entsetzliche Mensch ruhig fort, so lsche
ich das Licht augenblicklich aus, aber ich bitte Sie dann ernstlich mich
zu halten, falls ich aus dem Fenster klettern wollte. Wir logiren
allerdings in der ersten Etage, aber es sind Steine unten.

Aber mein Herr, sagte der Commerzienrath auer sich, das nehmen Sie
mir nicht bel, mit einem solchen Leiden behaftet, sollten Sie auch
allein in einem Zimmer und womglich mit vergitterten Fenstern
schlafen --.

Ich hatte auch den Wirth nur aus Rcksicht fr Sie gebeten, Sie
anderswo einzuquartieren, sagte der Doctor vollkommen ruhig, also
wnschen Sie, da ich das Licht auslschen soll?

Um Gottes Willen, nein! rief der Commerzienrath.

Dann wnsche ich Ihnen eine recht angenehme Ruhe, sagte Doctor
Wickendorf, drehte sich herum und war in der nchsten Minute auch schon
fest und sanft eingeschlafen.




12.

+Sind Sie Herr Mahlhuber?+


Der Commerzienrath Mahlhuber verbrachte eine furchtbare Nacht; solange
das Licht brannte, warf und qulte er sich mit Gedanken ber seine
Leber, und als das Licht niederbrannte und verlschte und einen
nichtswrdigen Qualm und Gestank im Zimmer verbreitete, peinigte ihn die
Angst ber das gedrohte Nachtwandeln des entsetzlichen langhaarigen
Menschen, bis er endlich mit Tagesanbruch erst in einen unruhigen
fieberhaften Schlaf verfiel.

Als er am andern Morgen durch den Hausknecht geweckt wurde -- der
nachtwandelnde Doctor schlief noch --, konnte er kaum seine Glieder
rhren; seine erste Frage war nach dem telegraphirten Gepck, und der
Hausknecht bekam 30 Kreuzer, als er ihm die freudige Mittheilung machte,
da es unten in der Gaststube stehe.

Gidelsbach -- das war sein Ziel, dem er zuzustreben hatte, Gidelsbach --
was kmmerte ihn die andere Welt? -- dort lag seine Heimat, dort lag fr
ihn Gesundheit und Ruhe, und Dorothee hatte ganz Recht gehabt, er war
ein Thor gewesen, auch nur einen Fu herauszusetzen aus dem Weichbilde
der Stadt.

Rasch war er angekleidet, den Zug wenigstens heute Morgen nicht zu
versumen und gezwungen zu sein noch lnger in diesem schrecklichen
Neste liegen zu bleiben. Den Morgenzug hatte er aber schon versumt,
denn er kam um 5 Uhr vorber, der nchste Personenzug dagegen erst
Mittag um 2 Uhr, und so lange Zeit blieb ihm jetzt, sich von den
Strapazen der letzten Nacht auszuruhen. Der Aufenthalt in dem mit
Menschen vollgedrngten Gasthofe, die heute in noch weit grern Massen
angestrmt kamen als gestern, war brigens so unangenehm, da er
beschlo, die ihm noch brige Zeit lieber zu einem Spaziergang zu
verwenden. In seinem Zimmer lag noch der entsetzliche Doctor, und mit
dem wollte er unter keiner Bedingung weiter etwas zu thun haben.

Die Umgegend von Lichtenfels hatte mit den zwei Gulden, die er Strafe
bezahlt, indessen noch zu viel der trben Erinnerungen fr ihn, und er
beschlo deshalb das Thal hinunter und nach der nchsten kaum
Dreiviertelstunden entfernten Eisenbahnstation zu marschiren, dort ein
Glas Bier zu trinken und dann wieder, sich vllig Zeit nehmend, langsam
zurckzugehen. Sein Gepck lie er inde vor allen Dingen an den Bahnhof
stellen, wo er es der Aufsicht des Gendarmen empfahl, nahm dann seinen
Regenschirm, richtete seine Uhr nach der Bahnhofsuhr in Lichtenfels,
schrieb sich die genaue Abfahrt des erwarteten Zugs in sein Taschenbuch
(fest entschlossen eine volle Stunde vorher an Ort und Stelle zu sein)
und wanderte langsam am Hange des Berges hinab, das reizende Mainthal
hinunter.

Das Wetter war wundervoll, und nur die Strae etwas hei und staubig.
Der Commerzienrath dachte aber gar nicht daran sie zu verlassen; er
wollte sich nicht wieder pfnden lassen, und erreichte eben, den breiten
sonnenheien Weg langsam entlangschlendernd, die kleine
Eisenbahnrestauration in Staffelstein, als eine Extrapost mit zwei
jungen elegant gekleideten Leuten anhielt und die Reisenden ausstiegen.
Der Commerzienrath betrat hinter ihnen das Gastzimmer und hrte nur
noch, da die Eisenbahnleute ihre Witze ber die Post machten, die, wie
der Postillon erzhlte, von Bamberg kam.

Die haben es auch nicht erwarten knnen, bis der Zug ankam, lachte der
Eine, oder frchten sich am Ende gar vor dem Puffen --.

Na Gott sei Dank, in so einem alten Klapperkasten vier Stunden zu
sitzen, sagte der Andere, wo sie es heute Mittag in drei Viertel
htten abmachen knnen. 's gibt doch berall verrckte Kerle.

Der Commerzienrath, der des warmen Wetters wegen ein ganz unscheinbar
graues Sommerrckchen, selbst ohne den Orden, trug, das er zufllig in
seinem Reisesack gehabt, glich mit seinem baumwollenen Regenschirm (er
hatte sich in den Kopf gesetzt, da seidene Regenschirme nicht gesund
wren), wie der grauen Schirmmtze eher einem gemthlichen Kaufmann aus
irgendeinem kleinen Stdtchen, als einem kniglichen Commerzienrath.
Sein bescheidenes hfliches Wesen trug noch mehr dazu bei, Fremde in
diesem Glauben zu bestrken, und die beiden Reisenden, die nach leisem
Flstern zusammen ihn eine Weile aufmerksam betrachtet hatten, schienen
sich auch in der That ber ihn zu unterhalten.

Wie aber der Mann, welcher Hafer gestohlen hatte, spter, sobald er zwei
Menschen heimlich miteinander flstern sah, immer einen Dritten an sie
abschickte zu horchen, ob sie nicht von Hafer sprchen, so war es dem
Commerzienrath mit der ihm von dem Gendarmen unterschobenen Nichte
zumuthe. Er hatte ein bses Gewissen und dachte auch schon daran sein
Bier rasch auszutrinken und die beiden Fremden sich selber zu
berlassen, als der eine Reisende auf ihn zukam und freundlich zu ihm
sagte:

Drfte ich wol fragen, ob Sie hier in der Gegend ansssig und bekannt
sind?

Nicht besonders -- guten Morgen, meine Herren, sagte der
Commerzienrath, etwas verlegen seine Mtze ziehend, ich bin selber erst
kurze Zeit hier und komme von Lichtenfels herunter.

Von Lichtenfels, so? fragte der Andere rasch, dorthin wollen wir
gerade, also dort sind sie bekannt?

Nur sehr wenig.

Waren Sie gestern dort?

Gestern -- ja allerdings, erwiderte Herr Mahlhuber, und ein eigenes
dumpfes Gefhl nahender Gefahr beschlich ihn, wenn er sich auch selber
noch keinen richtigen Grund dafr anzugeben wute -- gestern war ich
dort.

Und unten am Bahnhofe, wie der Morgenzug von Hof kam?

Ja -- zufllig, sagte Herr Mahlhuber, die beiden Mnner, einen nach
dem andern erstaunt und doch auch wieder scheu betrachtend.

Ist da nicht, machte pltzlich der Aeltere der Brder seinen letzten
Zweifeln ein rasches Ende, eine junge, sehr hbsche und elegant aber
einfach gekleidete Dame mit einem alten hlichen, etwas krummgehenden
Herrn ausgestiegen, der sich fr den Regierungsrath Redmeier, in
Lichtenfels aber fr einen Commerzienrath Mahlhuber ausgegeben hat? Wie
ich brigens aus ziemlich guter Quelle wei, ist er keins von Beidem,
sondern ein Schwindler, der auf unbegreifliche Weise das junge Mdchen
bethrt haben mu, und sich jetzt sogar fr ihren Onkel ausgibt, weniger
Verdacht zu erregen. Die beiden Personen mssen Ihnen aufgefallen sein,
und Sie werden uns einen groen Gefallen erweisen, wenn Sie uns auf die
richtige Spur bringen wollten.

Die Bombe war geplatzt. Das muten jedenfalls die beiden Brder der
jungen Dame sein, und was fr derbe, handfeste, wildaussehende Bursche
waren es! Wie eilig hatten sie es dabei; nicht einmal Zeit auf den
Mittagszug zu warten, Gott bewahre, mssen Extrapost nehmen, nur um eine
Stunde frher an Ort und Stelle zu sein. Maria und Joseph! das hatte
noch gefehlt, und fr seine Gutmthigkeit konnte ihm da eine schne
Suppe eingebrockt werden. Und wie grob -- hlicher, krummgehender Herr
-- aber Gott sei Dank, das war jedenfalls eine malitise Verdchtigung
des Telegraphen, die ihm jetzt vortrefflich zustatten kam und die er fr
sich benutzen konnte.

Nun, erinnern Sie sich nicht? fragte der Erste wieder, die Dame trug,
wenn ich nicht irre, ein seidenes ungebleichtes Kleid und einen
Strohhut.

Ja, ganz recht, sagte der Commerzienrath, dem keine weitere Zeit
gegeben wurde sich die Sache zu berlegen, ich glaube ich erinnere mich
an ein solches Paar -- ein junges, sehr hbsches Mdchen und ein alter
wrdiger Herr --

Wrdiger Esel! rief der Zweite wthend aus, der alte Hallunke sollte
an sein Grab denken, anstatt solche Streiche in seinen Jahren zu machen;
aber die Familie ist jetzt entehrt, und will das Mdchen denn einmal so
wahnsinnig sein, gut, dann mag sie ihn meinetwegen nehmen, aber in
unserer Gegenwart mu die Hochzeit sein, und in Stcke rei ich den
Schuft, wenn er nur mit dem Zucken einer Wimper dagegen anstrubt.

Aber, meine Herren, warf der Commerzienrath jetzt verlegen ein,
wissen Sie denn auch, da der ltliche Herr mit der jungen Dame
wirklich durchgegangen ist? -- Knnen nicht am Ende Umstnde -- ein
eigentmliches Zusammentreffen --

Hallo! rief der Eine von ihnen pltzlich, indem er den Commerzienrath
mit weitaufgerissenen Augen ansah, heien Sie am Ende Mahlhuber?

Ich? -- Nein! rief der Commerzienrath, ehe er noch wute, was er
gesagt hatte, und nur im Instinct der Selbsterhaltung Namen, Titel,
Orden, kurz Alles verleugnend, hehehe! sehe ich aus -- sehe ich aus wie
ein Commerzienrath?

Nein, lachte der Andere ber die naive Frage, das thun Sie allerdings
nicht, und mein Bruder machte nur Spa, aber solch ein sonderbares
Zusammentreffen von Umstnden, wie Sie es nennen, kann auch nicht
stattgefunden haben, denn ein alter Herr, wahrscheinlich derselbe, ist
vor einiger Zeit mit ihr mehrmals gesehen worden. Pest und Gift ber den
Burschen, mir tritt die Galle ins Blut, wenn ich nur an ihn denke, und
Gnade ihm Gott, wenn er mir unter die Hnde kommt. Erst will ich mein
Mthchen an ihm khlen, nachher mag er sich entschuldigen. Und was ist
aus den Beiden geworden? In Lichtenfels mu man das doch erfahren
knnen.

Allerdings, erwiderte ihm der Commerzienrath, dem der kalte
Angstschwei auf die Stirn trat, wenn Sie -- wenn Sie nur gleich auf
dem Bahnhofe den Packmeister oder in der Krone den Wirth fragen wollten,
in der Krone, glaub' ich, haben sie logirt. Er wute gar nicht mehr was
er sprach.

Der Jngste der Beiden stampfte den Fu auf den Boden, da die Glser
auf dem Tische zusammenklirrten.

Haben Sie logirt? fragte der Aeltere aufmerksam werdend.

Ja --, sagte der Commerzienrath und fhlte dabei wie er durch seine
Lge in ein ganzes Netz von Verwickelungen immer weiter hineingerieth,
in dem er rettungslos hngen blieb, wenn er nicht rasch Anstalt machte
das Ganze mit Einem Schlage zu zerhauen. Zeit zum Ueberlegen blieb ihm
aber gar nicht, und nur in einer Art Instinct stammelte er, ja, haben
sie logirt, aber -- die -- die Dame ist fort!

Wohin? riefen Beide zu gleicher Zeit.

Der Commerzienrath Mahlhuber hatte in seinem ganzen Leben noch nicht so
rasch gedacht wie in diesem Augenblick. Sobald die beiden entsetzlichen
Menschen nach Lichtenfels kamen, wo ihn fast jedes Kind am Bahnhofe
kannte, und der Gendarm sich fr seinen speciellen Freund hielt, war er
verloren. Dort erkundigten sie sich natrlich zuerst -- dem
Polizeibeamten gegenber hatte er das Mdchen fr seine Nichte
ausgegeben, wenigstens stillschweigend geduldet, da sie ihn Onkel
nannte, und sein smmtliches Gepck stand dort aufgeschichtet; er konnte
ihnen gar nicht entgehen. Dorthin durften sie also nicht, und nur einen
einzigen Ableiter gab es jetzt fr ihn, wenigstens ein paar Stunden Zeit
zu gewinnen.

Blitzschnell schossen ihm die Gedanken durch den Kopf, und in der
Verzweiflung, im Trieb der Selbsterhaltung das letzte Mittel ergreifend,
rief er rasch und entschlossen aus:

Nach Koburg -- die beiden Leute sind etwa vor einer Stunde --
vielleicht kaum solange und in demselben Augenblick, als ich
hierherging, in einem verdeckten Wagen nach Koburg gefahren. Ich wei,
da sie sich noch bei dem Packmeister nach dem besten Wirthshause
erkundigten und von diesem, wenn ich nicht irre, in den "Bren" gewiesen
wurden.

Der Commerzienrath log wie ein Leichenstein.

Und das wissen Sie gewi? rief der Jngere der Beiden.

Das wei ich gewi -- sie wollten in Koburg Mittag machen und dann nach
Sonneberg fahren.

In der dortigen Gegend mu der alte Schuft auch zu Hause sein, rief
der Aeltere rasch, und er war dabei.

Der Commerzienrath bi sich auf die Lippen, schien aber fest
entschlossen in diesem Augenblick nichts belzunehmen, und sagte:

Den ltlichen Herrn habe ich nicht selber gesehen, aber ein Koffer war
hinten aufgeschnallt.

Dann haben wir sie! rief der Jngere jubelnd, und in die Thr
springend schrie er dem Postillon zu, sich rasch bereitzuhalten und sie
augenblicklich nach Koburg zu fahren.

Nach Koburg? rief dieser erstaunt, ber Lichtenfels?

Dem Commerzienrath stockte das Blut, der Aeltere machte seiner Angst
aber ein schnelles Ende.

Gott bewahre! rief er, wir schneiden ber Banz ein ganz Stck Weg ab
und knnen in zwei Stunden in Koburg sein. Komm Heinrich, trink dein
Bier aus, wir haben keinen Augenblick mehr zu verlieren -- apropos, wie
ist Ihr Name, mein Herr?

Mein Name? rief der Commerzienrath, an den diese Frage gerichtet war,
bestrzt, Mller -- Kaufmann Mller.

So nehmen Sie unsern herzlichsten Dank -- Sie haben uns einen sehr
groen Dienst erwiesen. Alles in Ordnung, Postillon?

Alles, sagte dieser, sein Glas auf einen Zug leerend und einem
Mittelding zwischen Kellner und Packknecht zurckreichend.

Also nach Koburg! rief der Jngere, seinem Bruder voran in den Wagen
springend, und einige Secunden spter rasselte dieser auf der nach Banz
fhrenden Strae unter dem lustigen Hrnerklang des Postillons dahin.
Der Commerzienrath aber blieb wie in den Boden gewurzelt zurck und
starrte dem Wagen nach, soweit er ihn mit den Blicken verfolgen konnte.

Befehlen Sie noch ein Glas Bier, Herr Mller?

Mahlhuber sah sich ganz verblfft um, als ihm einfiel, da er ja selber
den Namen angegeben, und er wurde dunkelroth im Gesicht. Rasch dankend
drehte er sich von dem Kellner ab, zahlte fr das Getrunkene und schritt
dann selber, aber nicht mehr in so gemthlichem Schritte, als er
hierhergekommen, nach Lichtenfels zurck.




13.

+Die Flucht.+


Um 2 Uhr kam der Zug, bis dahin hatte er fast noch drei Stunden Zeit,
und jetzt erst fiel ihm die ganze Gre der Gefahr ein, der er sich
eigentlich muthwillig ausgesetzt. Muthwillig gewi, denn was htte ihm
denn geschehen knnen, wenn er den jungen Leuten erklrte, er sei der
Mahlhuber und so und so die Sache? War er nicht vollkommen unschuldig,
und wrden hundert andere ltliche Herren an seiner Stelle nicht
Ebendasselbe gethan und einem jungen hbschen Mdchen, das sie darum
ansprach, aus der Verlegenheit geholfen haben? Aber wenn ihn nun die
Hitzkpfe nicht gehrt, ihm nicht geglaubt htten, wer konnte ihn denn
in der Geschwindigkeit vor ihren Mishandlungen schtzen? -- Die Polizei?
-- Ja, mit der Polizei ist das eine eigene Sache; fr den Betheiligten
kommt sie in solchen Fllen immer ein kleinwenig zu spt, und straft
allerdings nachher, wenn sie den Uebelthter wirklich erreicht,
bekmmert sich aber sonst meist nur sehr wenig um den Betheiligten
selber, der in ihren Augen nur als +corpus delicti+ einen Werth hat.
Wegen des gegebenen und bertretenen Gesetzes wird bestraft, nicht wegen
des Schadens, den der passive Theil gelitten hat, der kann gehen, wohin
es ihm beliebt. Und durfte er sich berhaupt gro auf die Polizei
berufen? Hatte er nicht sogar -- er als kniglicher Commerzienrath, mit
dem Ludwigskreuz im Knopfloch -- dem Gendarmen, dem officiellen Diener
des Gerichts gegenber eine wissentliche Unwahrheit untersttzt und
behauptet, wo er in seiner Stellung dreifach verpflichtet gewesen wre,
das Gesetz eher zu untersttzen als zu hintergehen?

Er seufzte tief auf, und der schne Spaziergang, von dem er sich einige
Erholung fr seine mishandelte Leber versprach, war ihm solcherart bs
und bitter vergllt worden. -- Und wenn die beiden unseligen, in den
April geschickten Burschen die Schwester nicht in Koburg fanden und auf
den unglcklichen Gedanken kmen, augenblicklich wieder nach Lichtenfels
umzukehren? -- Die Pferde liefen wie der helle Teufel, und fr ein gutes
Trinkgeld jagt so ein leichtsinniger Bursche von Postillon die besten
Thiere aus seinem Stalle todt. Das wre eine schne Geschichte geworden,
wenn ihn die beiden Mnner jetzt noch, gerade vor der Abfahrt, erwischt
htten.

Der arme geplagte Commerzienrath lief mehr als er ging, den heien
Sonnenstrahlen zum Trotz, gen Lichtenfels, als ob er durch seine eigene
Eile die Abfahrt des Bahnzugs htte beschleunigen knnen. Der Schwei
rann dabei in groen Tropfen von der Stirn nieder, und die Leber mute
-- dem Gefhl in der Magengegend nach -- durch den bereilten
Spaziergang wenigstens wieder um einen halben Zoll gewachsen sein; wie
sollte das enden!

Athemlos und zum Tode erschpft erreichte er endlich Lichtenfels und
verlebte hier noch anderthalb qualvolle Stunden, ehe von Staffelstein
das Zeichen heraufkam, da der so heiersehnte Zug nahe. Sein Billet
hatte er indessen durch einen der Packleute lsen und sein Gepck bis
Burgkunstadt aufgeben lassen, dadurch war er doch vielleicht im Stande
die Verfolger irrezufhren, besonders wenn er in Burgkunstadt einen
falschen Namen auf der Post angab. Heiliger Gott! wie viel Lgen hatte
schon die einzige Unwahrheit nachgezogen, und in was fr ein
entsetzliches Gewebe von Falschheiten war er, der schlichte einfache
Mann aus der Provinzialstadt, durch seinen bsen Stern gejagt,
hineingerathen! Mute er nicht zuletzt die Achtung vor sich selbst
verlieren; nicht errthen, wenn er das mit solcher Seligkeit erhaltene
Ludwigskreuz wieder an seinen Rock knpfte! Es war zum Verzweifeln!

Sein Blick streifte indessen unruhig von dem Bahngleis, das von
Staffelstein herauffhrte, nach der lichtenfelser Chausse hinber,
deren weier Streifen scharf gegen den dunkeln Hintergrund des Waldes
abstach -- und dort kam ein Wagen herunter, die Pferde liefen was sie
laufen konnten, und in dem Wagen -- wenn die beiden Menschen darin
saen, war er verloren.

Gehen Sie da vom Gleis herunter, mein bester Herr Commerzienrath,
sagte der Gendarm, ihm freundlich auf die Achsel klopfend, und sein Herz
schlug ihm fast hrbar in der Brust, als er die Uniform erkannte, da
hinten knnen Sie schon den Dampf vom herankommenden Zuge erkennen.

Ich -- ich bin Ihnen sehr dankbar, stammelte der Commerzienrath,
nicht wahr, der Zug hlt sich nur sehr kurze Zeit auf?

Fnf Minuten etwa --

Fnf Minuten -- der Wagen mute indessen Lichtenfels erreicht haben.

Das Gepck von Ihrem Frulein Nichte ist wol auch schon besorgt? sagte
der Gendarm wieder.

Von meiner Nichte? sthnte der Gepeinigte.

Ach, wird wol Alles in Ordnung sein, beruhigte ihn der Schrecken der
Vagabunden, ich sah wie sie es vorhin dem Packmeister bergab.

Der Commerzienrath wre vor Schrecken beinahe in die Knie gesunken und
durfte jetzt nicht einmal, dem Manne gegenber, das geringste Erstaunen
ber die Nachricht bezeigen. Seine Nichte, das unglckselige
Frauenzimmer, war wieder hier, fuhr mit ihm wahrscheinlich wieder in
einem Zuge und mute ja jeden Unbefangenen selbst in dem Verdacht
bestrken, da sie Beide nach einem gemeinschaftlichen Plane handelten.
Und dazu der Wagen; das hatte noch gefehlt. Ein mglicher Ausweg zur
Rettung blieb ihm aber noch; Zeit genug sein Billet umzutauschen hatte
er, und in den Wagen erster Classe saen gewhnlich, wie er schon frher
bemerkt hatte, immer nur sehr wenig Personen. Dort konnte er sich dann
in eine Ecke drcken und, von Niemand gesehen, bis zu seiner Station
sitzen bleiben. Den Entschlu auch sofort zur Ausfhrung bringend,
zahlte er was er noch auf ein Billet erster Classe zu zahlen hatte, und
traf eben wieder zur rechten Zeit vor dem Bahnhofgebude ein, den Zug
heranbrausen und halten zu sehen, whrend zu gleicher Zeit hinter der
Restauration das schmetternde Horn eines Postillons erklang.

Vor den Augen flirrte und flimmerte es ihm; ohne aber den Kopf auch nur
nach Irgendjemand noch umzudrehen, zog er seinen Mantel fest um sich
her, griff Reisesack, Schirm und Stock auf und wandte sich an den ersten
Conducteur, der vom Wagen sprang, seinen Platz erster Classe angewiesen
zu bekommen.

Bis wohin?

Burgkunstadt.

Steigen Sie nur hier ein, rief der Mann sehr artig, hier ist Platz
genug.

Empfehle mich Ihnen, Herr Commerzienrath, sagte der Gendarm, und im
nchsten Augenblick sa der gequlte Mahlhuber, Todesangst im Herzen,
fest in einer Ecke des vollkommen leeren Coup gedrckt und zhlte unter
Zittern und Zagen die Secunden bis zur Abfahrt.

Drauen vor dem Coup wurden jetzt Stimmen laut.

Machen Sie rasch, meine Herrschaften, drngte der Conducteur, die
Zeit ist schon abgelaufen und wir sind berdies sieben Minuten zu spt.

Hier in dem Coup sitzen der Herr Commerzienrath, sagte zugleich die
zuvorkommende Stimme des Gendarm -- und Mahlhuber's Blut stockte -- sein
Puls hrte auf zu schlagen --

Die Thr wurde in diesem Augenblick aufgerissen und ein junger Mann sah
hinein; ein scharfer Pfiff der Locomotive lie ihm aber keine Wahl
weiter, und er sprang rasch die eisernen Tritte hinauf, drehte sich in
der Thr um, um einen Reisesack in Empfang zu nehmen, und half dann
einer Dame nach. Die Thr wurde zugeworfen. Ihre Billets, meine
Herrschaften, sagte der Conducteur, und der Zug setzte sich langsam in
Bewegung.




14.

+Wieder unterwegs.+


Als der Commerzienrath den Damenhut sah, athmete er freier auf -- er war
gerettet -- der Zug im Gange und an eine Verfolgung der beiden wthenden
jungen Leute fr jetzt nicht mehr zu denken. Das Einzige blieb ihm noch
zu thun, sich in Burgkunstadt mit sowenig Aufsehen als mglich vom
Bahnhofe zu entfernen, sptere Verfolgung vielleicht irrezuleiten, und
da er dort gar nicht bekannt war, mute es ihm auch leicht sein, einen
falschen Namen fr den seinigen in das Register eintragen zu lassen.
Nach einem Pa fragte ihn auf der ganzen Strecke Niemand.

Die beiden jungen Leute, die mit ihm in einem Coup saen, hatten
indessen rasch und heimlich miteinander geflstert und die Dame
besonders mehrmals den Kopf nach ihm umgedreht. Der Commerzienrath war
aber, nach den letzten bittern Erfahrungen, fest entschlossen, sich mit
Niemandem mehr hier drauen, wer es auch immer sei, in ein Gesprch
einzulassen, man konnte nie wissen, was dahintersteckte, und mit Frauen
besonders hatte er gerade genug in den paar Tagen erlebt.

Wenn ich mich nicht ganz irre, redete da pltzlich die junge Dame den
trotz der warmen Witterung in seinen Mantel zurckgezogenen
Commerzienrath an, so habe ich schon gestern das Vergngen gehabt, mit
Ihnen in einem Coup zu fahren, mein Herr, und bin Ihnen zu so groem
Danke verpflichtet worden.

Mir? sagte der Commerzienrath und sah seine Nachbarin gro und
erschrocken an, mir zu Dank verpflichtet -- bei Allem was da lebt!
fuhr aber pltzlich von seinem Sitze empor, da ist meine Nichte!

Mein bester Herr, ich kann Ihnen gar nicht sagen, welch groen Dienst
Sie uns gestern durch Ihre freundliche Onkelschaft geleistet haben,
nahm jetzt der junge Mann fr die tieferrthete Dame das Wort, meine
arme Marie, die sich einer verhaten Verbindung, zu der sie ihr
Stiefvater zwingen wollte, aus Liebe zu mir durch die Flucht entzog,
wre, ehe ich von ihrer Ankunft benachrichtigt sein konnte, fast
verrathen und dann jedenfalls wieder zurckgeliefert worden. Das ist
jetzt nicht mehr zu frchten, und wir sind eben auf dem Wege, uns ihrem
Vater selber vorzustellen, der sich wohl oder bel ber das einmal
Geschehene wird trsten mssen.

Na ich gratulire Ihnen, sagte der Commerzienrath mit sehr zweideutigem
Tone. Wenn Sie brigens den beiden jungen Burschen, den Brdern der
Dame, wenn ich nicht irre, die ich heute von Staffelstein aus nach
Koburg geschickt habe, um sie nur loszuwerden, in die Hnde fallen, so
will ich auch meinem Gott danken, wenn ich nicht in der Nhe bin.

Meine Brder nach Koburg geschickt? rief die junge Dame,
hochaufhorchend, und der Commerzienrath mute jetzt erzhlen, wie das
gekommen und welche Angst er selber dabei als Mitschuldiger
ausgestanden. Die beiden jungen Leute hrten ihm im Anfange ganz
ernsthaft zu; ber das liebe rosige Gesicht der jungen Frau blitzte und
zuckte es aber indessen wie zitterndes Sonnenlicht auf einem
leichtbewegten Bache, ihre groen braunen Augen funkelten in einem kaum
noch zu bezwingenden Humor, und als der Commerzienrath endlich zu der
Stelle kam, wo ihn die Brder gefragt, ob er vielleicht der ltliche
Herr selber sei, konnte sie sich nicht lnger halten und lachte
geradeheraus. Da das so klar und silberhell klang und das kleine
Gesichtchen gar so lieb und gutmthig, ja mitleidig und theilnehmend
dabei aussah, konnte den Commerzienrath nicht beruhigen, und seinen
ganzen Ingrimm ber erlittene Unbill und schmhliche Behandlung
zusammenraffend, sagte er mit seinem zornigsten Ausdruck in Wort und
Blick, aber doch mit seiner nie zu verleugnenden Hflichkeit:

Mein sehr verehrtes Frulein, Sie haben jetzt sehr gut lachen, wenn
aber Ihre Leber --

Mein lieber bester Herr, unterbrach ihn bittend und schmeichelnd die
junge Dame, seien Sie recht bs auf mich, ich hab' es nur zu reichlich
meiner Undankbarkeit wegen verdient, aber verzeihen Sie mir dann auch,
und seien Sie versichert, da ich wie Oskar nie im Leben die
Verbindlichkeit vergessen werden, die wir Ihnen schulden.

Bitte, bitte, sagte der Commerzienrath abwehrend und durch die
herzlichen Worte schon vollkommen beruhigt, aber -- Sie erlauben mir
die Frage, wie knnen Sie es jetzt wagen, nach dem gestern Vorgefallenen
heute schon nach Hause zurckzukehren? Ihr Herr Vater wird unter so
bewandten Umstnden unter keiner Bedingung in eine Verbindung mit dem
jungen Herrn da einwilligen.

Wir sind verbunden, sagte dieser freundlich, whrend das junge
Weibchen tief errthete, und alle Vter der Welt werden diese
Verbindung nicht wieder lsen knnen.

In der Geschwindigkeit? rief der Commerzienrath erstaunt aus.

Meiner Frau Onkel, und zwar der Bruder ihres Vaters, der stets gegen
die Verbindung mit jenem faden Menschen gewesen, ist selber Geistlicher
und hat uns, da er unsere Liebe kannte, gestern Abend miteinander, nach
den Gesetzen unserer Kirche, wenn auch ohne die nthigen Aufgebote
getraut.

Nun das freut mich in der That, sagte der Commerzienrath, dem sich
damit, auch der Brder wegen, ein Stein von der Seele wlzte, das ist
Alles recht hbsch und gut, aber ich mchte doch die letzten 24 Stunden,
die ich deshalb ausgestanden, nicht wieder mit durchmachen -- und wenn
ich sechs Heirathen stiften knnte.

O das thut mir ja recht leid, sagte die kleine junge Frau erschreckt,
die Hnde faltend und mit einem so mitleidigen Blicke zu dem alten Herrn
aufsehend, da diesem ganz weh und weich ums Herz wurde.

O bitte, bekmmern Sie sich deshalb nicht, sagte der Commerzienrath,
es war recht gern geschehen --.

Wenn ich je im Stande sein sollte, Ihre Freundlichkeit wenigstens in
etwas wiedergutzumachen, rief auch jetzt der junge Mann, so verfgen
Sie ganz ber mich, hier ist meine Karte, drfte ich nun auch wol um
Ihren Namen bitten?

Um meinen Namen? sagte der Commerzienrath rasch und mistrauisch zu ihm
aufsehend, nein, bitte um Verzeihung, Sie sind sehr freundlich, aber
mein Name hat mich in den letzten Tagen so genirt und in Verwickelungen
gebracht, da ich ihn, wenn das mglicherweise anging, ganz abschaffen
wrde, wie aber die Sachen stehen, so zurckhaltend von jetzt an damit
sein werde, als es eben mglich ist.

Aber ich bitte Sie um Gottes Willen --

Nennen Sie mich in Gedanken Mller, sagte der Commerzienrath, ich
habe mich heute schon einmal so geheien, und der Name war mir recht
ntzlich.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir thut, da Sie um
Mariens wegen soviel Unannehmlichkeiten gehabt zu haben scheinen, aber
das mag Ihnen doch einige Beruhigung gewhren, zwei Glckliche dadurch
gemacht zu haben.

Wenn ich damit meine Leber nur wieder kleiner machen knnte, sagte der
Commerzienrath; doch ich glaube wir kommen an die Station, der Zug
pfeift; nun ich wnsche Ihnen eine recht glckliche Reise und recht
guten Empfang zu Hause --.

Wir danken Ihnen recht herzlich.

Ist mir aber sehr angenehm, da ich nicht mit mu߫, setzte der
Commerzienrath hinzu.

Und Sie wollen uns Ihre Adresse wirklich nicht sagen? fragte Marie.

Den Namen werden Sie jedenfalls, wie mir jetzt einfllt, durch Ihre
Herren Brder erfahren, die ihn leider sehr genau kennen, seufzte der
Commerzienrath, meine Adresse erlauben Sie mir aber zu verschweigen.
Ich will froh sein, wenn ich in -- wenn zu Hause bei mir Niemand von
meinen Abenteuern hrt. Wrden Sie mich bis dorthin verfolgen, wre ich
in 14 Tagen todt.

Station Burgkunstadt -- drei Minuten Aufenthalt, sagte in diesem
Augenblick der Conducteur, die Thr ffnend. Sie steigen ja wol hier
aus, mein Herr?

Ja wol -- knnen Sie mir nicht sagen, wann die Post abgeht? rief der
Commerzienrath, seine Habseligkeiten aufgreifend.

Wird wol gleich abfahren, lautete die willkommene Nachricht, hier
steht schon der Postwagen.

Ach, ich danke Ihnen sehr; also ich empfehle mich Ihnen nochmals.

Recht glckliche Reise! riefen die beiden jungen Gatten ihrem
gepreten Onkel nach, und der Commerzienrath sah sich im nchsten
Augenblick wieder mit einem Gefhl groer Genugthuung neben dem
Postwagen stehen, der ihn zurck zu seiner Dorothee, zu seiner
huslichen Bequemlichkeit, zu Ruhe und Frieden bringen sollte. Sich um
den Zug auch nicht im mindesten weiter bekmmernd, gab er einem der mit
Nummern versehenen, also vereideten Diener seinen Gepckschein mit dem
Auftrag, seine Koffer in das dicht dabei befindliche Postgebude zu
tragen und wiegen zu lassen, und er selber begab sich ebenfalls rasch
dorthin, sein Fahrbillet direct nach Gidelsbach zu lsen. Die beiden
Brder brauchte er, der empfangenen Nachricht nach, Gott sei Dank nicht
mehr zu frchten, und er dachte gar nicht daran, noch in einem dritten
Wirthshause die entsetzlichen Scenen der beiden letzten Nchte zu
wiederholen -- er hatte von denen genug.

Sein Billet war gelst, sein Gepck besorgt und schon zum Eilwagen
geschafft, der dicht an das Postcoup des Zuges anfuhr, die dort fr das
Binnenland bestimmten Briefe und Packete in Empfang zu nehmen.

Der wurde heute brigens etwas lnger als gewhnlich in Burgkunstadt
aufgehalten, da mehre Gterkarren hier gelassen, andere wieder angehngt
werden muten, und die Post war dadurch zur Abfahrt fast ebenso frh
fertig als der Zug. Der Commerzienrath stand eben vor der geffneten
Thr, in die er schon Reisesack und Schirm hineingeschoben, whrend eine
Dame mit ein paar Hutschachteln in der Hand ebenfalls zu ihm trat, als
pltzlich eine tiefe Stimme aus einem der geffneten Fenster des Coup
zweiter Classe herausschrie:

Herr Commerzienrath Mahlhuber! Herr Commerzienrath Mahlhuber!

Der Gerufene drehte sich, wie von einer Natter gestochen, nach der
Stimme um und erkannte zu seinem Entsetzen den schweigsamen Mann aus der
Post von Gidelsbach, der, ihm freundlich und ganz zutraulich winkend,
mit dem halben Leibe aus dem Coupfenster lehnte.

Nun wie geht's? rief er dabei mit einem breiten Grinsen ber das ganze
Gesicht und mit der Hand herbergrend, schon zurck nach Gidelsbach?
-- Haben doch Ihre Pistolen wieder geladen? -- Wnsche Ihnen recht
glckliche Reise!

Der Commerzienrath drehte sich halb nach dem frechen Menschen um und
warf ihm einen verchtlichen Blick zu, als in demselben Augenblick die
Locomotive einen scharfen grellen Pfiff that. Herr Mahlhuber aber, von
seiner bisherigen Eisenbahnfahrt immer noch in der steten Angst
zurckgelassen zu werden, verga ganz, da er gar nicht mehr zu dem Zuge
gehre und wollte in rcksichtloser Hast in den vor ihm geffneten
Postwagen fahren.

Nun, Herr Jesus, um Gottes Willen, was haben Sie denn nur? Sie rennen
Einen ja ganz ber den Haufen! rief die Dame, gegen die er in seiner
Angst angeprallt war.

Bitte tausend mal um Entschuldigung! rief der Commerzienrath, whrend
von dem sich jetzt in Bewegung setzenden Bahnzug ein hhnisches Lachen
zu ihm herbertnte, die Locomotive pfiff --

Na die Post geht Ihnen deshalb doch nicht durch, lieber Mann,
erwiderte die Dame, sich mit einigen leisegemurmelten, eben nicht
freundlichen Worten ihren Hut wieder in Faon drckend, ist mir so
etwas schon in meinem Leben vorgekommen?

Zerknirscht, doch ohne ein Wort weiter zu erwidern, nahm der arme
abgehetzte, mishandelte Commerzienrath nach der Dame in der
gegenberbefindlichen Ecke Platz; jetzt aber fest entschlossen, was auch
geschehen mge, dem boshaften Geschick keinen weitern Halt an sich zu
geben. Schweigend legte er sich zurck, zog sich die Mtze tief in die
Stirn und schlo die Augen. Er sprach nicht, er hrte nichts, was zu ihm
gesprochen wurde, er beklagte sich nicht ber Zug noch Hitze, kmmerte
sich weder um die schne Gegend noch um die alte Nachbarin, und trug mit
einer wirklich rhrenden Resignation die neuen Leiden der nchtlichen
Postfahrt, die seinem matten Krper kaum eine flchtige Stunde Schlaf
gestattete.

In Otzleben besonders rhrte er sich nicht von seinem Platze, und nur
einen verstohlenen Blick warf er aus dem heraufgezogenen Fenster, sich
bei dem Anblick des alten Postgebudes die Scenen der vorvorigen Nacht
noch einmal ins Gedchtni zurckzurufen und seinem Gott zu danken, da
sie eben einer vergangenen Nacht angehrten.

Es war Abend -- die Mamsell stand in der Hausthr, die Arme mit den
aufgestreiften Aermeln in die Seite gestemmt, das groe Schlsselbund
vorn an der Schrze, und nebenan aus dem Stalle fhrte der halbe
Hausknecht die frischen Pferde herzu, mrrisch dabei mit den
Schlepppantoffeln ber das Hofpflaster schlurrend. Welch stilles Bild
des Friedens -- und dort hinten? --

Satanskrte, murmelte der Commerzienrath zwischen den Zhnen durch,
als er den kleinen siebzehn mal hinausgeworfenen Pudel gerade wieder,
wie er ihn verlassen hatte, in der Thr sitzen und sich kratzen sah,
weiter fehlte mir nichts, als heute Nacht noch ein solches Quartier im
grnen Zimmer.

Die Dame, der einzige Mitpassagier im Wagen, die den Commerzienrath
schon mehrmals unterwegs angeredet und nach Dem und Jenem gefragt, aber
nie eine Antwort bekommen hatte, schien endlich zu der Ueberzeugung
gekommen zu sein, da er entweder stocktaub wre oder doch wenigstens
sehr schwer hre. Das herauszubekommen, denn das schweigsame
Imwagensitzen war ihr entsetzlich -- bog sie sich pltzlich soweit sie
konnte zu dem Commerzienrath ber und schrie ihm ins Ohr:

Wie heit der Ort hier?

Herr du meine Gte, sagte der Commerzienrath zusammenfahrend, haben
Sie mich erschreckt.

Das hrt er doch, brummte die Dame befriedigt vor sich hin; nun?
schrie sie dann wieder, wissen Sie nicht wie der Platz heit?

Otzleben, soweit ich mich entsinne, sagte ihr Nachbar, also gepret.

Freundliches Drfchen hier, wie? schrie die Dame wieder; aber
Mahlhuber ging nicht in die Falle. Er dachte an die zerschossene
Hutschachtel, an die Ueberschuhe, an die Nichte. -- Das Alles waren die
Folgen eines leichtsinnig angeknpften Gesprchs gewesen.

Freundliches Drfchen hier, schrie seine Nachbarin noch einmal, sich
doch wenigstens gehrt zu machen; der Commerzienrath aber warf noch
einen Blick hinaus auf seine Freundin, die Mamsell mit den langen Locken
und aufgestreiften Aermeln, auf den komischen Hausknecht und den Pudel,
zog dann den Mantel um sich her, drckte sich fest in seine Ecke und
verweigerte hartnckig selbst seine Zustimmung zu dem ganz
unverfnglichen Lobe von Otzleben.

Ist das ein tauber Esel, brummte die Dame halblaut, aber vollkommen
verstndlich zwischen den Zhnen durch; wird man auch noch mit so einem
langweiligen Peter von Reisegesellschafter geplagt, du meine Gte! und
ihren groen Reisekober neben sich zurechtrckend, stemmte sie die
beiden Fe auf den gegenberbefindlichen Sitz, faltete die Hnde im
Schoose und schlo ebenfalls die Augen.




15.

+Die Heimkehr.+


Eine Station nach der andern passirten sie derart, ohne auch nur ein
Wort weiter miteinander zu wechseln, aber auch ohne das mindeste
Auergewhnliche oder Strende in ihrer Fahrt. An Schlaf war natrlich
fr den des Fahrens ungewhnten Commerzienrath nicht zu denken, und
seine Leber mute seiner Meinung nach blaue Flecke bekommen haben, so
stie sie fortwhrend, worauf er htte schwren wollen, gegen Magen und
Rippenwnde an. Aber mit jeder Meile, die sie zurcklegten, kamen sie
auch seiner Heimat, seiner Huslichkeit, dem gemthlichen
Schlafrockleben wieder nher; jeder Sto des Wagens half ihm ber einen
Stein fort, der noch zwischen ihm und Gidelsbach lag, und er ertrug das
Schwerste mit einem Lcheln im Herzen.

In der Nacht bekamen sie noch mehr Passagiere in den Wagen; ein dicker
Herr mit einem entsetzlichen Schnupfen stieg etwa um Mitternacht ein,
als sie in einem kleinen Stdtchen mit frchterlichem Pflaster und einem
heisern Nachtwchter umspannten, und gegen Morgen kam noch ein junger
Bursch mit einer grnlackirten riesig groen Botanisirtrommel in den
Wagen und erzhlte den Passagieren, da er zum ersten male eine Fureise
gemacht habe und jetzt wieder zurck zu seinen Aeltern gehe. Er hie
Karl Becker, wie er aussagte, war 14 Jahre alt, in der Schule in Tertia,
und hatte bei der letzten Prfung die beste Censur bekommen. An dem
Commerzienrath prallte das aber Alles ab, und die Dame begann dann mit
dem dicken verschnupften Herrn eine Unterhaltung ber Kinder und
Butterpreise. Dieser wandte sich auch einmal im Laufe des Gesprchs an
Mahlhuber. Der ist stocktaub, entschuldigte ihn aber die Dame, und man
lie ihn ungestrt gewhren.

Dort lag Gidelsbach -- die Biegung der Strae enthllte es pltzlich
ihren Blicken -- jetzt fuhren sie ber die Robrcke, jetzt am
Chaussehause vorber -- da drben lag der Sommergarten, weiter links
nach vorn die Windmhle, und von dem leisen Luftzuge getragen, klangen
die melodischen Schlge der alten Thurmuhr, die die Mittagsstunde
kndete, zu ihnen herber.

Dem Commerzienrath traten die Thrnen in die Augen, es war ihm als ob er
zehn Jahre lang entfernt gewesen wre, und den Bauern, die aus der Stadt
kamen, den zurckkehrenden Holzfuhrleuten nickte er zu und freute sich
wie ein Kind ber das frhliche Schmettern der Lerchen, ber das
Schnattern der Gnse und das Klffen der Hunde, die neben dem Postwagen
hersprangen.

Jetzt rasselten sie durch das steingewlbte alte Stadtthor auf das
Pflaster der Stadt, wo er jede Firma kannte, und wie er sich aus dem
Wagen bog, die lieben befreundeten Pltze wiederzubegren, war das
erste bekannte Gesicht, das ihm begegnete, das des Doctor Mittelweile,
der ihn anstarrte, als ob er einen Geist gesehen htte.

Commerzienrath, sind Sie des Teufels? rief er in Schreck und Staunen,
mitten auf der Strae stehen bleibend; der Commerzienrath erwiderte aber
kein Wort, nickte dem Manne nicht einmal zu, und die Post rasselte
weiter, ihrem Bestimmungsort zu.

An dem Postgebude angelangt und von den Postbedienten auf das
freundlichste begrt, stieg er aus, ohne sich auch nur mit Wort und
Blick um die brigen Passagiere zu bekmmern, gab Einem der Leute den
Auftrag, sein Gepck augenblicklich in die eigene Wohnung zu schaffen,
und schritt dann, so leicht als ob er flge, die schmale Gasse entlang,
die zu seiner Heimat fhrte.

Dorothee hatte heute natrlich gerade den Vetter zu Tische, und als der
Commerzienrath ohne anzuklopfen in sein Zimmer trat, schrie sie blos:
Alle guten Geister loben Gott den Herrn! und lie einen Teller mit
Suppe fallen.

Guten Tag, Dorothee! sagte der Commerzienrath, ohne von dem Vetter
weiter Notiz zu nehmen, ist mein Zimmer in Ordnung?

Jesus meine Zuversicht, schrie die alte Haushlterin, die Frage nicht
einmal hrend, der Herr Commerzienrath sind schon wieder da?

Ist mein Zimmer in Ordnung, Dorothee?

Ja wol, ja wol, bester Herr, aber was um Gottes Willen ist denn
vorgefallen?

Der Commerzienrath hatte sich schon abgewandt, um in sein Schlafzimmer
zu treten, drehte sich aber in der Thr noch einmal um und sagte
freundlich:

Ich bin wieder da, Dorothee, und ich bleibe auch hier und gehe nicht
wieder fort, und wenn der Mosje, der Doctor Mittelweile, kommt --

In dem Augenblick klopfte es an die Thr, und ehe nur Jemand Herein
oder Nicht herein rufen konnte, ging diese auf und der Doctor selber
stand auf der Schwelle.

Aber nun sagen Sie mir um Gottes Willen, Commerzienrath --

Guten Morgen, Doctor, erwiderte der Commerzienrath, immer noch dabei
seine Mtze auf, seinen Reisesack an der Hand und Rock und Regenschirm
unter dem Arme.

Was in aller Welt treibt Sie denn in zwei Tagen schon wieder zurck?
rief dieser, ich glaubte Sie wohlbehalten jetzt in Mnchen. -- Was ist
Ihnen denn passirt?

Ich will Ihnen etwas sagen, Doctor, erwiderte der Commerzienrath mit
einer finstern dumpfen Entschlossenheit in der Stimme, und Ihnen auch,
Dorothee -- hat der Vetter schon gegessen?

Ja wol, Herr Commerzienrath, ich danke Ihnen recht schn, rief dieser
und wand sich, froh so abzukommen, wie ein Ohrwurm zur Thr hinaus. Der
Commerzienrath sah ihm nach, bis er diese hinter sich ins Schlo
gedrckt, und fuhr dann ruhig, aber mit vollkommen entschlossener Stimme
fort:

Gerade ehe Sie eintraten, Doctor, habe ich es der Dorothee gesagt, ich
bin wieder da, und was mehr ist, ich gehe auch nicht wieder fort.
Weshalb ich so rasch zurckgekommen bin, geht Niemandem etwas an, es
braucht mich auch Niemand darum zu fragen, denn ich bin alt genug zu
wissen, was mir gut und ntzlich ist und was nicht. Sie haben mich doch
alle Beide verstanden?

Ja wol, bester Herr Commerzienrath, aber --

Gut, dann bitte ich, da jetzt die Thren hier zugeschlossen werden und
Niemand vor morgen frh hereingelassen wird.

Aber Sie mssen doch erst essen, Herr Commerzienrath, rief Dorothee in
Schreck und Angst.

Wenn ich hungerig bin, werde ich's schon sagen, erwiderte dieser,
haben Sie sonst noch etwas zu bemerken?

Nein, Herr Commerzienrath, aber --

Schn -- dann wnsche ich Ihnen und mir eine angenehme Ruh, sagte Herr
Mahlhuber und verschwand im nchsten Augenblick hinter der Kammerthr,
die er abschlo und dann den Nachtriegel vorschob.

Er ist bergeschnappt! sagte der Doctor achselzuckend, indem er seinen
Hut wiederaufsetzte und sich umdrehte, das Zimmer zu verlassen.

Dann sind Sie daran schuld! rief Dorothee, die Arme in die Seite
stemmend, denn Sie allein haben dem armen alten unglcklichen Manne so
zugesetzt, bis er in aller Verzweiflung seine Heimat verlassen mute und
hinaus in die Welt ging.

Die Dorothee ist auch bergeschnappt! sagte der Doctor, und verlie
langsam und kopfschttelnd das Haus.

Und der Commerzienrath? -- Lieber Leser, Morgens um 8 Uhr sitzt ein ganz
behbiger und fr sein Alter noch ziemlich rstiger Mann an dem offenen
Fenster seiner Wohnstube, trinkt seinen Kaffee und liest mit groem
Wohlbehagen aus der vor ihm aufgeschlagenen Zeitung die Berichte ber
das Ausland. Der Mann ist der Commerzienrath Mahlhuber in Gidelsbach
und befindet sich ganz auerordentlich wohl.

       *       *       *       *       *
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Druckfehler

die sechsundfunfzigjhrige Haushlterin
  _"funf" ungendert_
erbot und verpflichtete, ein Pistol
  _Originaltext: "Ein"_
das sie ausbreitete
  _Originaltext: "aufbreitete"_
von ungehobelten Brettern
  _Originaltext: "Bretern"_
den dienstbaren Geist ... lie er ihm das Gepck ... tragen
  _Text ungendert (d.h. "lie" gehrt mit "den dienstbaren Geist",
  nicht mit "ihm")_
die ihm gerade entgegen- die Strae herunterkam
  _d.h. "ihm entgegenkam, die Strae herunterkam"_
sein Puls hrte auf zu schlagen --
  _Originaltext: "schlagen,"_

den schon so schmuzigen Wegen
ich trage bei schmuzigem Wetter immer Lederschuhe
  _"schmuzig" ungendert_
da er sie zu fodern hatte
angehalten und aufgefodert wurde
in die jedenfalls unbillige Foderung
das Sie von Beiden fodern knnen
  _"foder(n)" ungendert_


Anfhrungszeichen

wenn es losginge....
  _ fehlt_
und der Commerzienrath, der sich eben
  _Original hat und der..._
wre ich dir und nicht diesem verdammten Doctor gefolgt
  _ fehlt_
bester Herr Commerzienrath, Sie drfen es nicht belnehmen --
  _Original hat Sie drfen..._
von einer frchterlichen Ahnung ergriffen
  _Original hat ...ergriffen_
wie der Commerzienrath das Geld unterschlagen htte.
  _Original hat ...htte_
Na die Post geht Ihnen deshalb doch nicht durch, lieber Mann,
  _ fehlt_





End of the Project Gutenberg EBook of Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer, by 
Friedrich Gerstcker

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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works, and the medium on which they may be stored, may contain
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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