The Project Gutenberg EBook of Heimatlos, by Johanna Spyri

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Title: Heimatlos
       Geschichten fr Kinder und auch fr solche, welche die
       Kinder lieb haben, 1. Band

Author: Johanna Spyri

Release Date: March 8, 2007 [EBook #20780]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIMATLOS ***




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                             _Heimatlos._


                      Zwei Geschichten fr Kinder
                                  und
            auch fr solche, welche die Kinder lieb haben.


                                  Von
                            Johanna Spyri.


                          Siebzehnte Auflage.
                          _Mit vier Bildern._


                                Gotha.
                   _Friedrich Andreas Perthes_ A.-G.



                       Alle Rechte vorbehalten.



Inhalt.
                                          Seite

Am Silser- und am Gardasee                   1

Wie Wiselis Weg gefunden wird              129




Am Silser- und am Gardasee.


[Illustration: Frontispiz]

[Illustration: Das Bblein schaute mit den groen, dunklen Augen lange
hinaus dem Vater nach]




Erstes Kapitel.

Im stillen Hause.


Im Ober-Engadin, an der Strae gegen den Maloja hinauf, liegt ein
einsames Drfchen, das heit Sils. Da geht man von der Strae
querfeldein, und hinten, ganz nahe an den Bergen, liegt ein kleiner Ort,
der heit Sils-Maria. Da standen zwei Huschen einander gegenber, ein
wenig abseits im Felde. Die hatten beide uralte hlzerne Haustren und
ganz kleine Fenster tief in der Mauer drinnen. Beim einen Haus war ein
kleines Stck Garten, da wuchs Kraut und Kohl und es standen auch vier
Blumenstcke darin, die sahen aber mager aus und aufgeschossen wie das
Kraut. Beim anderen Huschen war gar nichts als ein kleiner Stall neben
der Tr; da krochen zwei Hhner aus und ein. Dies Huschen war noch
ziemlich kleiner als das andere, und die hlzerne Tr war schwarz vor
Alter.

Aus dieser Tr trat jeden Morgen um dieselbe Zeit ein groer Mann, der
mute sich bcken, um hinauszukommen. Der groe Mann hatte ganz
glnzend schwarze Haare und schwarze Augen, und unter der schn
geformten Nase fing gleich ein so dichter, schwarzer Bart an, da man
vom brigen Gesichte nichts mehr sah als die weien Zhne, die zwischen
den Barthaaren durchblitzten, wenn der Mann einmal sprach; aber er
sprach sehr wenig. Alle Leute in Sils kannten den Mann, aber niemand
nannte ihn bei einem Namen, er hie bei allen nur der Italiener. Er
ging regelmig den schmalen Weg querber gegen Sils hin und den Maloja
hinauf. Dort wurde viel an der Strae gebaut, und da hatte der Italiener
seine Arbeit. Ging er aber nicht den Weg hinauf, so ging er hinunter,
dem Bade St. Moritz zu; dort baute man Huser, und er fand auch seine
Arbeit. Da blieb er den Tag ber und kehrte erst am Abend wieder ins
Huschen zurck. Gewhnlich, wenn er am Morgen aus der Tr trat, stand
hinter ihm ein Bblein; das stellte sich auf die Trschwelle, wenn der
Vater drauen war, und schaute mit den groen, dunklen Augen lange
hinaus dem Vater nach, oder sonst wohin, man htte nicht sagen knnen,
wohin, denn es war, als ob die dunklen Augen ber alles wegschauten, was
vor ihnen lag, und auf etwas hin, das niemand sehen konnte.

Am Sonntagnachmittag, wenn die Sonne schien, dann traten die beiden auch
manchmal miteinander aus dem Huschen und gingen nebeneinander her die
Strae hinauf. Und wenn man sie so ansah, so sah man ganz dasselbe vor
sich in den zwei Gestalten, nur bei dem Bblein alles im kleinen, aber
es war ganz wie vom Vater abgeschnitten, bis auf den schwarzen Bart, den
hatte es nicht, sondern ein schmales, bleiches Gesichtchen war da zu
sehen, mit dem schngeformten Nschen in der Mitte, und um den Mund
herum lag etwas Trauriges, wie wenn er nicht lachen mchte. Das konnte
man beim Vater nicht sehen vor dem Bart.

Wenn nun die beiden so nebeneinander hergingen, dann sagte keiner ein
Wort zu dem anderen; meistens summte der Vater leise ein Lied, manchmal
auch lauter, und das Bblein hrte zu. Wenn es aber regnete am Sonntag,
dann sa der Vater daheim im Huschen auf der Bank am Fenster, und das
Bblein sa neben ihm, und sie sagten wieder nichts zueinander. Aber der
Vater zog eine Mundharmonika hervor und spielte eine Melodie nach der
anderen, und das Bblein hrte aufmerksam zu. Manchmal nahm er auch
einen Kamm oder ein Baumblatt und lockte Melodien daraus hervor, oder er
schnitt ein Stck Holz zurecht und pfiff darauf ein Lied. Es war, als
gbe es keinen Gegenstand, dem er nicht Musik entlocken knnte. Aber
einmal hatte er eine Geige mit nach Hause gebracht, die hatte das
Bblein so entzckt, da es sie nie wieder vergessen konnte. Der Vater
hatte viele Lieder und Melodien darauf gespielt und das Bblein
unverwandt zugeschaut, nicht nur zugehrt; und wie der Vater die Geige
weggelegt hatte, da hatte sie das Bblein leise genommen und probiert,
wie man die Melodien herausbringe. Und es mute es so gar schlecht nicht
gemacht haben, denn der Vater hatte gelchelt und gesagt: So komm! und
hatte seine groen Finger auf die kleinen gelegt mit der linken Hand,
und mit der rechten die Hand des Bbleins mitsamt dem Bogen in die
seinige genommen, und so hatten sie eine gute Zeitlang fortgegeigt
allerlei Melodien.

Die folgenden Tage, wenn der Vater fort war, hatte das Bblein fort und
fort probiert und gegeigt, bis es eine Melodie herausgebracht hatte;
aber da war auf einmal die Geige wieder verschwunden und kam nie wieder
zum Vorschein. Zuweilen, wenn sie so zusammensaen, fing der Vater auch
an zu singen, erst nur leise und dann immer deutlicher, wenn er einmal
daran war. Dann sang das Bblein auch mit, und wenn es die Worte nicht
recht mitsingen konnte, so sang es doch die Tne; denn der Vater sang
immer italienisch, und es verstand vieles, aber es war ihm nicht so
recht bekannt und gelufig zum Singen. Da aber war eine Melodie, die
konnte es besser als alle anderen, denn der Vater hatte sie
vielhundertmal gesungen.

Sie gehrte zu einem langen Lied, das fing so an:

    #Una sera
    In Peschiera --#

Es war eine ganz wehmtige Melodie, die einer zu der kurzweiligen
Romanze gemacht hatte, und sie gefiel dem Bblein besonders wohl, so da
es sie immer mit Freuden und ganz andchtig absang, und es tnte gut,
denn das Bblein hatte eine helle, glockenreine Stimme, die flo so
schn mit des Vaters krftigem Ba zusammen. Auch jedesmal, wenn dieses
Lied zu Ende gesungen war, klopfte der Vater den Kleinen freundlich auf
die Schulter und sagte: #Bene, _Encrico,_ va bene.# So nannte aber nur
der Vater den Knaben, bei allen anderen Leuten hie er nur Rico. Da
war auch noch eine Base, die mit in dem Huschen wohnte, die flickte und
kochte und alles in Ordnung hielt. Im Winter sa sie am Ofen und spann,
da mute Rico immer nachdenken, wie er seine Gnge einrichten knne,
denn sobald er die Tr aufmachte, sagte die Base: La doch einmal diese
Tr in Ruh', es wird ja ganz kalt in der Stube. Er war dann oft lange
allein mit der Base. Der Vater hatte in der Zeit irgendwo unten im Tale
Arbeit und blieb viele Wochen lang fort.




Zweites Kapitel.

In der Schule.


Rico war bald neun Jahre alt und hatte schon zwei Winter hindurch die
Schule besucht, denn im Sommer gab es da droben in den Bergen keine
Schule; da hatte der Lehrer seinen Acker zu bebauen und zu grasen und zu
hauen wie alle anderen Leute, zur Schule hatte dann niemand Zeit. Das
tat aber dem Rico nicht besonders leid, er wute sich schon zu
unterhalten. Wenn er sich am Morgen dort auf die Schwelle gestellt
hatte, so blieb er stehen, schaute hinaus mit trumenden Augen und
bewegte sich nicht, und so konnte er stundenlang stehen, wenn nicht
drben am anderen Huschen die Tre aufging und ein kleines Mdchen
herauskam und lachend zu ihm herberschaute; dann lief Rico schnell
hinber, und die Kinder hatten sich schon wieder viel zu sagen seit
gestern Abend, wo sie sich zuletzt gesehen hatten, ehe Stineli ins Haus
gerufen wurde. Stineli hie das Mdchen und war gerade so alt wie Rico;
sie hatten miteinander angefangen in die Schule zu gehen und waren in
derselben Klasse, und schon von jeher waren sie immer beieinander
gewesen, denn es war ja nur ein schmaler Weg zwischen ihren Wohnungen
und sie waren die allerbesten Freunde.

Rico hatte auch nur diese einzige Freundschaft, denn mit den Buben
ringsherum hatte er keine Freude, und wenn sie sich prgelten und auf
dem Boden herumwarfen und sich auf die Kpfe stellten, dann ging er
davon und schaute nicht einmal zurck. Wenn sie aber riefen: Jetzt
wollen wir einmal den Rico abprgeln, dann stand er still und stellte
sich geradeauf hin und machte gar nichts; aber er schaute sie mit den
dunkeln Augen so merkwrdig an, da ihn keiner packte.

Aber beim Stineli war's ihm wohl zumute. Es hatte ein lustiges
Stumpfnschen und darber zwei braune Augen, die lachten immerfort, und
um den Kopf hatte es zwei dicke, braune Zpfe gebunden, die sahen sehr
sauber aus, denn das Stineli war ein ordentliches Mdchen und wute sich
zu helfen; es war auch in einer guten Schule Tag fr Tag. Stineli war
wohl kaum neun Jahre alt, aber es war die lteste Tochter und mute der
Mutter berall helfen, und da war viel zu tun. Denn nach dem Stineli
kamen noch: das Trudi und der Sami und der Peterli, und das Urschli und
das Anne-Deteli und der Kunzli, und dann noch das Ungetaufte. Immerfort
rief man nach dem Stineli aus allen Ecken, und es war dabei so flink
geworden, da ihm alles aus der Hand lief wie von selbst. Den Kleinen
hatte es immer schon drei Strmpfe und zwei Schuhe angezogen und
festgebunden, eh' das Trudi dem einen, dem es helfen sollte, nur die
Beine dazu in die rechte Stellung gebracht hatte. Und wenn in der Stube
die kleinen Kinder und in der Kche die Mutter miteinander dem Stineli
riefen, dann rief der Vater noch aus dem Stall herber, er hatte dort
die Kappe verlegt oder die Peitsche war verknpft, und das Stineli mute
ihm helfen, denn es fand die Kappe immer gleich, sie war meistens auf
dem Futterkasten, und seine gelenkigen Finger brachten die
Peitschenschnur gleich auseinander. So war das Stineli immerfort im
Laufen und am Arbeiten, aber es war ganz lustig und munter dabei, und im
Winter war es froh ber die Schule, denn dann wanderte es dahin und
wieder heim mit dem Rico, und in der Pause gingen sie auch zusammen. Und
im Sommer war es wieder froh, da gab es schne Sonntagabende, da es
hinaus durfte; dann zog es aus mit dem Rico, der schon lange drben
unter der Tr gewartet hatte, und sie liefen Hand in Hand ber die groe
Wiese hin nach der bewaldeten Anhhe drben, die weit in den See
hinausgeht wie eine Insel. Dort oben saen sie unter den Tannen und
schauten in den grnen See hinunter und hatten einander so viel zu
erzhlen und zu fragen, und es war ihnen so wohl, da das Stineli sich
die ganze Woche und durch alles durch freute, denn es wurde immer wieder
Sonntag.

In dem Huschen aber war noch jemand, der dann und wann nach dem Stineli
rief, das war die alte Gromutter. Die rief aber nicht, damit es ihr
noch helfe, sondern sie hatte ihm etwa einen Blutzger zu geben, der ihr
in die Hand kam, oder sonst etwas, denn Stineli war ihr Liebling und sie
sah es mehr als sonst irgend jemand, wie viel das Stineli schon tun
mute fr sein Alter, mehr als die meisten Kinder. Darum gab sie ihm
gern etwas, da es auch wie andere Kinder am Jahrmarkt etwas kaufen
knne, etwa ein rotes Bndeli oder ein Nadelbchsli. Die Gromutter war
auch gegen Rico sehr gut und sah die Kinder gern beisammen und tat auch
manchmal etwas fr das Stineli, da es mit dem Rico noch ein wenig
drauen bleiben durfte.

An den Sommerabenden sa sie immer vor dem Huschen auf dem Holzstumpf,
der da lag; und oft standen Stineli und Rico bei ihr und sie erzhlte
ihnen etwas. Wenn dann die Betglocke zu luten anfing vom Trmchen, so
sagte sie: Jetzt mt ihr jedes ein Vaterunser beten, und das drft ihr
nie vergessen, da man am Abend sein Vaterunser beten mu; dazu lutet
die Betglocke.

Und seht, Kinder, sagte die Gromutter von Zeit zu Zeit einmal wieder,
ich habe schon lange gelebt und viel gesehen, und ich kenne nicht
einen, der nicht einmal in seinem Leben sein Vaterunser ntig gehabt
htte, aber manchen, der es mit Angst gesucht und nicht mehr gefunden
hat, wenn die Not da war. Dann standen Stineli und Rico ganz andchtig
da und jedes betete ein Vaterunser.

Jetzt war es Mai und eine kleine Zeit mute die Schule noch dauern,
lange konnte es nicht mehr sein, denn es grnte unter den Bumen und
groe Strecken waren ganz frei von Schnee. Rico stand schon unter der
Tr seit einer guten Weile und stellte diese Betrachtungen an. Dabei
schaute er immer wieder nach der Tr drben, ob sie noch nicht aufgehen
wollte. Jetzt ging sie auf und Stineli kam herausgesprungen.

Bist du schon lang dagestanden? Hast du wieder gestaunt, Rico? rief es
lachend. Siehst du, heut' ist es noch frh, wir knnen langsam gehen.

Jetzt nahmen sie einander bei der Hand und wanderten der Schule zu.

Denkst du immer noch an den See? fragte Stineli im Gehen.

Ja gewi߫, versicherte Rico mit ernstem Gesicht, und manchmal trumt
es mir auch davon und ich sehe so groe, rote Blumen daran und drben
die violetten Berge.

Ach, das gilt nicht, was es einem trumt, sagte Stineli lebhaft; es
hat mir auch einmal getrumt, der Peterli kletterte ganz allein auf die
allerhchste Tanne hinauf, und wie er auf dem obersten Zweiglein sa, da
war's nur noch ein Vogel, und er rief herunter: 'Stineli, zieh mir die
Strmpf' an.' Jetzt siehst du doch, da das nichts sein kann.

Rico mute stark nachdenken, wie das sei, denn sein Traum konnte doch
sein und war nur wie etwas, das ihm wieder in den Sinn kam. Aber jetzt
waren sie nahe beim Schulhaus angelangt und ein ganzer Trupp Kinder
lrmte von der anderen Seite daher. Sie traten alle miteinander ein, und
bald nachher kam auch der Lehrer. Der war ein alter Mann mit dnnen,
grauen Haaren, denn er war schon undenklich lang Lehrer gewesen, so da
ihm darber die Haare grau geworden und ausgefallen waren. Es ging nun
an ein strenges Buchstabieren und Syllabieren, dann kam das Einmaleins
an die Reihe und zuletzt kam der Gesang. Da holte der Lehrer seine alte
Geige hervor und stimmte sie, und nun ging es an und alle sangen aus
voller Kehle:

    Ihr Schflein hinunter
    Von sonniger Hh',

und der Lehrer geigte dazu.

Nun schaute aber der Rico so gespannt auf die Geige und des Lehrers
Finger, wie dieser die Saiten griff, da Rico darber ganz das Singen
verga und keinen Ton mehr von sich gab. Jetzt fiel mit einem Male die
ganze Sngerherde einen halben Ton hinunter, da wurde die Geige auch
unsicher und fiel nach, und die Snger fielen noch tiefer, und man kann
gar nicht wissen, wie tief hinunter alles miteinander gefallen wre, --
aber jetzt warf der Lehrer die Geige auf den Tisch und rief erzrnt:
Was ist das fr ein Gesang! Ihr unvernnftigen Schreier! Wenn ich doch
wissen knnte, wer mir so falsch singt und einen ganzen Gesang
verdirbt!

Da sagte ein kleiner Bube, der neben Rico sa: Ich wei schon, warum es
so gegangen ist; allemal geht es so, wenn der Rico aufhrt zu singen.

Dem Lehrer war es selbst nicht so ganz unbekannt, da die Geige am
sichersten ging, wenn Rico fest mitsang.

Rico, Rico, was mu ich hren, sagte er ernsthaft, zu diesem gewandt.
Du bist sonst ein ordentliches Bblein, aber Unachtsamkeit ist ein
groer Fehler, das hast du jetzt gesehen. Ein einziger unachtsamer
Schler kann einen ganzen Gesang verderben. Jetzt wollen wir noch einmal
anfangen, und da du aufpassest, Rico!

Nun setzte Rico mit fester, klarer Stimme ein, und die Geige folgte
nach, und alle Kinder sangen aus allen Krften mit, so da es ganz
herrlich anzuhren war bis zum Schlu. Da war der Lehrer sehr zufrieden
und rieb sich die Hnde und tat noch ein paar feste Striche auf der
Geige und sagte vergnglich: Es ist auch ein Instrument danach.




Drittes Kapitel.

Des alten Schullehrers Geige.


Vor der Tr hatten sich Stineli und Rico bald aus dem Rudel
herausgemacht und zogen zusammen ihren Weg.

Hast du vor lauter Staunen nicht mehr mitgesungen, Rico? fragte jetzt
Stineli. Ist dir etwa auf einmal der See in den Sinn gekommen?

Nein, etwas anderes, sagte Rico; ich wei jetzt, wie man spielt: 'Ihr
Schflein hinunter'. Wenn ich nur eine Geige htte!

Der Wunsch mute Rico schwer auf dem Herzen liegen, denn er kam mit
einem tiefen Seufzer heraus. Stineli war gleich ganz voller Teilnahme
und unternehmender Gedanken.

Wir wollen eine kaufen zusammen, rief es pltzlich in groer Freude
ber die Hilfe, die ihm in den Sinn gekommen war. Ich habe ganz viele
Blutzger von der Gromutter, etwa zwlf; wie viele hast du?

Gar keinen, sagte Rico traurig; der Vater hat mir ein paar gegeben,
ehe er fortging. Aber die Base hat gesagt, ich mache nur unntzes Zeug
damit, und hat sie genommen und ganz hoch hinauf in den Kasten gelegt;
man kann sie nicht mehr erlangen.

Aber Stineli lie sich nicht so bald entmutigen. Vielleicht haben wir
doch genug Geld, und die Gromutter gibt mir schon noch ein wenig,
sagte es trstend; weit du, Rico, eine Geige kostet nicht so viel; es
ist nur altes Holz und vier Saiten darber gespannt, das kostet nicht
viel. Du mut nur morgen den Lehrer fragen, was eine Geige kostet, und
nachher suchen wir eine.

So blieb es ausgemacht, und Stineli dachte, es wolle daheim tun, was es
nur knne, und ganz frh aufstehen und das Feuer anmachen, eh' nur die
Mutter auf sei; denn wenn es so immerfort etwas tat von frh bis spt,
steckte ihm gewhnlich die Gromutter einen Blutzger in den Sack.

Am folgenden Morgen, als die Schule aus war, ging Stineli allein hinaus
und an der Ecke vom Schulhaus stand es still hinter dem Holzhaufen und
wartete auf den Rico, der jetzt den Lehrer fragen sollte wegen der
Geige. Er kam lange nicht heraus, und Stineli guckte immer wieder mit
Ungeduld hinter dem Holze hervor, aber es waren nur die anderen Buben,
die noch da und dort herumstanden. Aber jetzt -- richtig, Rico kam um den
Holzhaufen herum. Da war er.

Was hat er gesagt, was kostet sie? rief Stineli mit angehaltenem Atem
vor Erwartung.

Ich habe nicht fragen mgen, antwortete Rico verzagt.

O, wie schade! sagte Stineli und stand ganz verblfft da, aber nicht
lange. Es ist gleich, Rico, sagte es wieder frhlich und nahm ihn bei
der Hand zum Heimgehen, du kannst nur morgen fragen. Ich habe auch
schon wieder einen Blutzger bekommen heute frh von der Gromutter, weil
ich schon auf war, als sie in die Kche kam.

Nun ging es aber am folgenden Tage wieder ganz gleich und am dritten
auch; Rico blieb immer eine halbe Stunde lang vor der Wohnstube des
Lehrers stehen und mochte nicht hineingehen und seine Frage tun. Da
dachte Stineli heimlich: Wenn er noch drei Tage lang nicht fragt, dann
frag' ich. Aber am vierten Tage, als Rico wieder nachdenklich und
zaghaft an der Tr stand, ging diese pltzlich auf, und der Lehrer trat
eilig heraus und stie so gewaltig gegen den Rico an, da das
federleichte Bblein ein gutes Stck rckwrts flog. In groem Erstaunen
und ziemlichem Unwillen stand der Lehrer da. Was ist das, Rico? fragte
er jetzt, als der Kleine wieder am Platze stand. Warum kommst du an
eine Tr und klopfest nicht an, wenn du da etwas zu verrichten hast;
wenn du aber nichts da zu verrichten hast, warum entfernst du dich
nicht? Solltest du mir aber etwas zu berichten haben, so kannst du's
gleich hier sagen. Was wolltest du?

Was kostet eine Geige? strzte Rico vor lauter Angst in voller Hast
heraus.

Des Lehrers mibilligendes Erstaunen wuchs sichtlich. Rico, was mu ich
von dir denken? fragte er mit gestrenger Miene; kommst du extra an die
Tr deines Lehrers, um unntze Fragen an ihn zu tun? oder hast du eine
Absicht? Was hast du damit sagen wollen?

Ich habe nichts sagen wollen, entgegnete Rico schchtern, nur fragen,
was eine Geige kostet.

Du hast mich nicht verstanden, Rico; pa jetzt auf, was ich dir sage:
ein Mensch spricht etwas aus und denkt sich dabei einen Zweck; oder er
denkt sich nichts dabei, das sind unntze Worte. Nun pa auf, Rico: hast
du soeben diese Frage getan aus gar keinem Grunde, oder aus Neugierde,
oder hat dich jemand geschickt, der gern eine Geige anschaffen wollte?

Ich wollte gern eine kaufen, sagte Rico ein wenig herzhafter; aber er
erschrak sehr, als der Lehrer mit einem Male in hellem Zorn ihn anfuhr:
Was? Was sagst du da? So ein -- verlorenes, unvernnftiges, welsches
Bblein, wie du eins bist, eine Geige kaufen? Weit du denn, was eine
Geige ist? Weit du, wie alt ich war und was ich gelernt hatte, eh' ich
eine Geige anschaffen konnte? Lehrer war ich, fertiger Lehrer,
zweiundzwanzig Jahre alt und stand in meinem Beruf! Und dann so ein
Bblein, wie du eins bist! Und jetzt will ich dir sagen, was eine Geige
kostet, so kannst du deinen Unverstand bemessen. Sechs harte Gulden habe
ich bezahlt dafr; kannst du dir die Summe vergegenwrtigen? Wir wollen
sie gleich einmal in Blutzger auflsen: Enthlt ein Gulden 100 Blutzger,
so enthalten sechs Gulden 6 x 100 gleich? -- gleich? -- Nun Rico, du bist
sonst keiner von den Ungeschickten, -- gleich?

Gleich 600 Blutzger, ergnzte Rico leise, denn der Schrecken versagte
ihm die Stimme, nun er die Summe berschaute und Stinelis zwlf Blutzger
damit verglich.

Und dann, Bblein, fuhr der Lehrer im Zuge weiter fort, was meinst
du? Meinst du, es nimmt einer eine Geige nur in die Hand und spielt? Da
mu einer anders dran, bis er so weit ist. Komm gleich einmal da herein
-- und der Lehrer machte die Tr auf und nahm die Geige von der Wand --;
da, nimm sie einmal in den Arm und den Bogen in die Hand; so, Bblein,
und wenn du mir nun #c d e f# herausbringst, so geb' ich dir gleich
einen halben Gulden. Rico hatte wirklich die Geige im Arm; seine Augen
leuchteten auf wie Feuer. #c d e f# -- spielte er fest und vllig
korrekt. Du Erzblitzbub, rief der Lehrer vor Bewunderung aus, woher
kannst du das? Wer hat dich's gelehrt? Wie kannst du die Tne
finden?

[Illustration: Jetzt spielte Rico mit aller Sicherheit und
freudestrahlenden Augen]

Ich kann noch etwas, wenn ich's spielen darf, sagte Rico und schaute
mit Verlangen auf das Instrument in seinem Arm.

Spiel's! bedeutete der Lehrer. Jetzt spielte Rico mit aller Sicherheit
und freudestrahlenden Augen:

    Ihr Schflein hinunter
    Von sonniger Hh',
    Der Tag ging schon unter,
    Fr heute ade!

Der Lehrer hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen und die Brille
aufgesetzt. Er schaute mit ernster Prfung jetzt auf Ricos Finger, dann
auf seine funkelnden Augen, dann wieder auf die Finger. Rico hatte
fertig gespielt.

Komm hier zu mir her, Rico!

Der Lehrer rckte seinen Stuhl ins Licht, und Rico mute sich gerade vor
ihm aufstellen. So, nun mu ich ein Wort mit dir reden. Dein Vater ist
ein Welscher, Rico, und siehst du, dort unten gehen allerhand Dinge, von
denen wir hier in den Bergen nichts wissen. Nun sieh mir in die Augen
und sag mir aufrichtig und der Wahrheit gem: Wie bist du dazu
gekommen, diese Melodie ohne Fehler auf meiner Geige zu spielen?

Rico schaute den Lehrer mit ganz ehrlichen Augen an und sagte: Ich habe
sie Euch abgelernt in der Singschule, wo wir sie so viel singen.

Diese Worte gaben der Sache eine ganz andere Wendung. Der Lehrer stand
auf und ging einige Male hin und her. So war er selbst der Urheber
dieser wunderbaren Erscheinung; da waren also keine Schwarzknste dabei
im Spiel. Mit vershntem Gemte zog er jetzt seinen Beutel hervor: Da
ist ein halber Gulden, Rico, er gehrt dir mit Recht. Nun fahr so fort
und sei recht aufmerksam auf das Geigenspiel, solange du zur Schule
gehst, so kannst du's zu etwas bringen, und in zwlf bis vierzehn Jahren
wird die Zeit da sein, da du auch eine Geige anschaffen kannst. Jetzt
kannst du gehen.

Rico warf noch einen Blick auf die Geige, dann ging er mit der
allertiefsten Betrbnis im Herzen.

Stineli kam hinter dem Holzsto hervorgerannt: Diesmal bist du aber
lang geblieben, hast du gefragt?

Es ist alles verloren, sagte Rico, und seine Augenbrauen kamen vor
Leid so nah zusammen, da _ein_ dicker, schwarzer Strich war ber die
Augen hin. Eine Geige kostet sechshundert Blutzger, und in vierzehn
Jahren kann ich eine kaufen, wenn schon lange alles tot ist; wer wollte
noch am Leben sein in vierzehn Jahren. Da, das kannst du haben, ich
will's nicht. Damit drckte er den halben Gulden in Stinelis Hand.

Sechshundert Blutzger! wiederholte Stineli voller Entsetzen. Aber
woher hast du das viele Geld hier?

Rico erzhlte nun alles, wie es gegangen war bei dem Lehrer, und endete
wieder mit dem Worte des grten Leides: Jetzt ist alles verloren.

Stineli wollte ihm wenigstens seinen halben Gulden aufdringen als einen
ganz kleinen Trost; aber er war ganz ergrimmt ber den unschuldigen
halben Gulden und wollte ihn nicht ansehen.

Da sagte Stineli: So will ich ihn zu meinen Blutzgern tun und dann
wollen wir das Geld alles miteinander teilen und alles gehrt uns
zusammen.

Diesmal war auch Stineli sehr niedergeschlagen; als es aber mit Rico um
die Ecke kam, wo es ins Feld hineinging, lag der schmale Fuweg so schn
trocken in der Sonne bis zur Haustr hin, und dort flimmerte das
Pltzchen davor auch ganz wei und trocken, und Stineli rief:

Sieh, sieh, nun wird's Sommer, Rico, und wir knnen wieder in den Wald
hinauf; dann freut's dich auch wieder. Wollen wir schon am Sonntag
gehen?

Es freut mich gar nichts mehr, sagte Rico; aber wenn du gehen willst,
so will ich schon mitkommen.

An der Tr wurde es noch ganz ausgemacht, am Sonntag wollten sie
hinbergehen auf die Waldhhe, und dem Stineli kam schon wieder die
Freude obenauf. Es tat auch noch die Woche durch, was es nur vermochte,
und es gab viel zu tun; der Peterli und der Sami und das Urschli hatten
die Rteln, und im Stall war eine Gei krank, der mute man fter heies
Wasser bringen, und Stineli mute da- und dorthin laufen und berall
Hand anlegen, sobald es nur aus der Schule kam, und am Samstag den
ganzen Tag lang, bis spt am Abend, da mute es noch den Stalleimer
fegen. Da sagte aber auch der Vater am Abend: Das Stineli ist ein
handliches.




Viertes Kapitel.

Der ferne, schne See ohne Namen.


Als am Sonntagmorgen Stineli die Augen aufmachte, hatte es eine groe
Freude im Herzen und wute zuerst gar nicht warum, bis es sich besann,
da es Sonntag war und die Gromutter noch am Abend spt gesagt hatte:
Morgen mut du Sonntag haben, den ganzen Nachmittag; er gehrt dir!

Als das Mittagessen vorbei war und Stineli alle Teller weggetragen und
den Tisch abgewaschen hatte, rief der Peterli: Komm zu mir, Stineli,
und die zwei anderen im Bett schrieen: Nein, zu mir! Und der Vater
sagte: Das Stineli mu nach der Gei sehen.

Aber nun ging die Gromutter in die Kche hinaus und winkte dem Stineli
nach. Geh du jetzt in Frieden, sagte sie, der Gei und den Kindern
will ich schon nachgehen, und wenn's Betglocke lutet, kommt ordentlich
heim. Die Gromutter wute schon, da ihrer zwei waren.

Jetzt scho Stineli davon wie ein Vogel, dem man die Kfigtr aufgemacht
hat, und drben stand Rico, der hatte lange schon gewartet. Nun zogen
sie aus ber die Wiese hin, der Waldhhe zu. Die Sonne schien an allen
Bergen und der Himmel lag blau darber. Auf der Schattenseite muten sie
noch ein wenig im Schnee gehen bis hinauf, aber da kam die Sonne von
vorn und flimmerte ber den See, und da waren schne, trockene Pltzchen
am Abhang, steil ber dem Wasser. Da saen die Kinder hin; es pfiff ein
scharfer Wind ber die Hhe und sauste ihnen um die Ohren. Stineli war
lauter Freude und Genu. Ein Mal ber das andere rief es aus:

Sieh, sieh, Rico, die Sonne, wie schn! Jetzt wird's Sommer; sieh, wie
es glitzert auf dem See. Es kann gar keinen schneren See geben, als der
ist, sagte es jetzt zuversichtlich.

Ja, ja, Stineli, du solltest nur einmal den See sehen, den ich meine!
und Rico schaute so verloren ber den See hin, als finge, was er ansehen
wollte, erst dort an, wo man nichts mehr sah.

Siehst du, dort stehen nicht so schwarze Tannen mit Nadeln, da sind so
glnzende, grne Bltter und groe, rote Blumen, und die Berge stehen
nicht so hoch und schwarz und so nah, nur weit drben liegen sie ganz
violett, und am Himmel und auf dem See ist alles golden und so still und
warm; da tut der Wind nicht so und die Fe hat man nicht so voll
Schnee, dann kann man immer so am sonnigen Boden sitzen und zuschauen.

Stineli war bald hingerissen; es sah schon die roten Blumen und den
goldenen See vor sich, das mute doch so schn sein.

Vielleicht kannst du wieder einmal dahin gehen an den See und alles
wieder sehen; weit du den Weg?

Man geht auf den Maloja. Dort bin ich schon mit dem Vater gewesen: da
hat er mir die Strae gezeigt, die geht den ganzen Weg hinunter, immer
so hin und her, und weit unten ist der See, aber noch so weit, da man
fast nicht hinkommen kann.

Ach, das ist ganz leicht, meinte Stineli, du mtest nur immer weiter
gehen, so kmst du sicher zuletzt dahin.

Aber der Vater hat mir noch etwas gesagt; siehst du, Stineli: wenn man
auf dem Wege ist und in ein Wirtshaus hineingeht und it und schlft da,
so mu man immer bezahlen, da mu man wieder Geld haben.

O, Geld haben wir jetzt so viel, rief Stineli triumphierend. Aber Rico
triumphierte nicht mit.

Das ist gerade so viel wie nichts, das wei ich noch von der Geige
her, sagte er traurig.

So bleib du lieber daheim, Rico; sieh, es ist doch daheim so schn.

Eine Weile lang sa Rico nachdenklich da, seinen Kopf auf den Ellbogen
gesttzt, und seine Augenbrauen kamen wieder ganz zusammen. Jetzt kehrte
er sich wieder zu Stineli, das unterdessen von dem weichen, grnen Moos
ausrupfte und ein Bettlein machte, zwei Kissen und eine Decke, die
wollte es dem kranken Urschli bringen. Du sagst, ich soll nur daheim
bleiben, Stineli, sagte er mit gefalteter Stirne; aber siehst du, mir
ist es gerade so, wie wenn ich nicht wte, wo ich daheim bin.

Ach, was sagst du, rief Stineli und warf vor Erstaunen eine ganze Hand
voll Moos weg. Hier bist du daheim, natrlich. Da ist man immer daheim,
wo man seinen Vater und seine Mutter --; hier hielt es pltzlich inne:
Rico hatte ja gar keine Mutter, und der Vater war schon so lang wieder
fort, und die Base? -- Stineli kam der Base nie zu nah, sie hatte ihm nie
ein gutes Wort gegeben; es wute gar nicht mehr, was sagen. Aber Stineli
konnte in einem so unsicheren Zustande nicht lange bleiben. Rico hatte
wieder zu staunen angefangen; auf einmal fate es ihn am Arm und rief:

Nun mchte ich doch etwas wissen, wie heit der See, wo es so schn
ist?

Rico besann sich. Ich wei es nicht, sagte er, selbst verwundert
darber.

Da schlug Stineli vor, sie wollten jemand fragen, wie er heien knne;
denn wenn Rico doch einmal viel Geld htte und gehen knnte, so mte er
ja den Weg erfragen und einen Namen wissen. Nun fingen sie an zu
beraten, wen man fragen knnte; den Lehrer oder die Gromutter. Da fiel
es Rico ein, der Vater werde es am besten wissen; den wollte er fragen,
sobald er heimkomme.

Unterdessen war die Zeit vergangen und auf einmal hrten die Kinder ganz
in der Ferne ein leises Luten. Sie kannten den Ton, es war die
Betglocke. Sie sprangen gleich beide vom Boden auf und rannten
miteinander Hand in Hand durch Gestrpp und Schnee die Halde hinunter
und ber die Wiese hin, und es hatte noch nicht lange verlutet, so
standen sie schon an der Tr, wo die Gromutter nach ihnen aussah.

Stineli mute nun gleich ins Haus hinein, und die Gromutter sagte nur
schnell: Geh du auch gleich hinein, Rico, und bleib nicht mehr stehen
vor der Tr.

Das hatte die Gromutter noch nie zu ihm gesagt, obschon er es immer
tat, denn es gelstete ihm nie, in das Haus hineinzugehen, und er stand
immer erst eine Zeitlang vor der Haustr, ehe er's tat. Er gehorchte
aber der Gromutter aufs Wort und ging gleich hinein.




Fnftes Kapitel.

Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen.


Die Base war nicht in der Stube, so ging er wieder hinaus und machte die
Kchentr auf. Da stand sie; aber ehe er nur eintreten konnte, hob sie
den Finger in die Hh' und machte: Bst! Bst! Mach nicht alle Tren auf
und zu und einen Lrm, als kmen ihrer vier. Geh in die Stube hinein und
halte dich still. Der Vater liegt oben in der Kammer; sie haben ihn auf
einem Wagen gebracht, er ist krank.

Rico ging hinein und setzte sich auf die Bank an der Wand und bewegte
sich nicht. So sa er eine gute halbe Stunde lang; die Base fuhr noch
immer in der Kche herum. Da dachte Rico, er wolle ganz leise in die
Kammer hineinschauen, vielleicht wollte der Vater auch etwas zu Abend
essen, es war schon lange Zeit dazu.

Er schlich hinter dem Ofen die kleine Treppe hinauf und kroch in die
Kammer hinein. Nach einiger Zeit kam er wieder und ging gleich in die
Kche hinaus und bis nahe zur Base heran. Dann sagte er leise: Base,
kommt!

Diese wollte ihn eben tchtig anfahren, als ihre Blicke auf sein Gesicht
fielen: es war vllig ohne Farbe, Wangen und Lippen wei wie ein Tuch,
und aus den Augen schaute er so schwarz, da ihn die Base fast
frchtete.

Was hast du? fragte sie hastig und folgte ihm unwillkrlich.

Er ging leise das Treppchen hinauf und in die Kammer hinein. Da lag der
Vater mit starren Augen auf seinem Bett; er war tot.

Ach, du mein Gott, schrie die Base und lief mit Lrm zur Tr hinaus,
die auf der anderen Seite auf den Gang fhrte, die Treppe hinunter und
gleich hinber in die Stube hinein und rief, der Nachbar und die
Gromutter sollten herberkommen, und von da lief sie zum Lehrer und zum
Gemeindevorsteher.

So kam eins ums andere und trat in die stille Kammer hinein, bis sie
voll von Menschen war, denn einer hrte drauen vom anderen, was
geschehen sei. Und mitten in dem Gewimmel und den vielen klaghaften
Worten von all' den Nachbarn stand Rico an dem Bette, lautlos und
unbeweglich, und schaute den Vater an. -- Die ganze Woche durch kamen
tglich noch Leute ins Haus, die den Vater ansehen und von der Base
hren wollten, wie alles zugegangen sei, so da es Rico ein Mal ber das
andere erzhlen hrte: Sein Vater hatte drunten im St. Gallischen an
einer Eisenbahn Arbeit gehabt. Beim Steinsprengen hatte er eine tiefe
Wunde in den Kopf bekommen, und da er nun doch nicht mehr arbeiten
konnte, wollte er heimgehen, um sich zu pflegen, bis es besser wrde.
Aber die lange Reise, teils zu Fu, teils auf offenen Fuhrwagen, hatte
er nicht ertragen knnen, war am Sonntag gegen Abend daheim angelangt
und hatte sich auf sein Bett gelegt, um nicht wieder aufzustehen; ohne
da ihn jemand gesehen hatte, war er verschieden; denn Rico hatte ihn
schon starr ausgestreckt auf dem Bette gefunden. Am Sonntag darauf wurde
der Mann begraben. Rico war der einzige Leidtragende, der dem Sarge
folgte, einige gute Nachbarn hatten sich noch angeschlossen; so ging
der Zug hinber nach Sils. Dort hrte Rico, wie der Herr Pfarrer in der
Kirche laut ablas: Der Verstorbene hie Enrico Trevillo und war
gebrtig aus Peschiera am Gardasee.

Da war es Rico, als hrte er etwas, das er ganz gut gewut, aber gar
nicht mehr hatte zusammenfinden knnen. Immer hatte er auch den See vor
sich gesehen, wenn er mit dem Vater gesungen hatte:

    #Una sera
    In Peschiera.#

Aber er hatte nicht gewut, warum. Leise mute er die Namen wiederholen,
eine Menge alter Lieder stiegen damit vor seinen Augen auf.

Als er allein zurckgewandert kam, sah er die Gromutter auf dem
Holzstumpf sitzen und neben ihr das Stineli. Sie winkte ihn zu sich.
Dann steckte sie ihm ein Stck Birnbrot in die Tasche, wie sie vorher
dem Stineli getan hatte, und sagte, nun sollten sie spazieren gehen, an
dem Tage msse Rico nicht allein sein. Da wanderten die Kinder zusammen
in den hellen Abend hinaus. Die Gromutter blieb auf ihrem Holze sitzen
und schaute mitleidig dem schwarzen Bblein nach, bis sie nichts mehr
von den Kindern sehen konnte. Dann sagte sie leise fr sich:

    Doch was Er tut und lt geschehn,
    Das nimmt ein gutes End'!




Sechstes Kapitel.

Ricos Mutter.


ber den Weg von Sils her kam an einem Stab der Lehrer gegangen. Er
hatte an dem Begrbnis teilgenommen. Er hustete und keuchte, und als er
nun bei der Gromutter angekommen war und einen Guten Abend geboten
hatte, setzte er hinzu: Wenn es Euch recht ist, Nachbarin, so sitze ich
einen Augenblick neben Euch, denn ich habe es stark in dem Hals und auf
der Brust; aber was kann unsereins sagen mit bald siebzig Jahren, wenn
man solche begrbt, wie den heute. Er war noch nicht fnfunddreiig und
ein Mann wie ein Baum.

Der Lehrer hatte sich neben die Gromutter niedergesetzt.

Es gibt mir auch zu denken, sagte diese, da ich, eine Alte,
Fnfundsiebzigjhrige, brig bleibe und da und dort ein Junges fort mu,
von dem man denkt, es wre noch ntig gewesen.

Die Alten werden auch noch zu etwas gut sein. Wo wre sonst ein
Beispiel fr die Jungen? bemerkte der Lehrer. Aber was meint Ihr,
Nachbarin, was soll nun aus dem Bblein werden da drben?

Ja, was soll aus dem Bblein werden? wiederholte die Gromutter; ich
frage auch so, und wenn ich nur auf die Menschen sehen wollte, so wte
ich keine Antwort. Aber es ist noch ein Vater im Himmel, der die
verlassenen Kinder sieht. Er wird auch einen Weg fr das Bblein
finden.

Sagt mir einmal, Nachbarin: wie ging es zu, da der Italiener die
Tochter von Eurer Nachbarin da drben zur Frau bekam? Man wei doch nie,
woher solche fremde Menschen kommen und was mit ihnen ist.

Es ging eben, wie es geht, Nachbar. Ihr wit ja, meine alte Bekannte,
die Frau Anne-Dete, hatte alle ihre Kinder verloren und auch den Mann,
und lebte allein drben im Huschen mit dem Marie-Seppli, das ein
lustiges Tchterlein war. Es mgen jetzt elf oder zwlf Jahre sein, da
kam der Trevillo zuerst hierher. Er hatte Arbeit oben am Maloja und kam
etwa hier herunter mit den Burschen, und kaum hatten das Marie-Seppli
und er einander gesehen, so wurden sie einig, sie wollten einander
haben. Und das mu man dem Trevillo nachsagen, er war nicht nur ein
schner Bursche, der jedem gefallen konnte, sondern auch ein anstndiger
und rechtschaffener Mensch, die Anne-Dete hatte selber ihre Freude an
ihm. Sie htte nun freilich gern gewollt, die beiden blieben bei ihr im
Huschen, und der Trevillo htte es gern getan, er konnte es gut mit der
Mutter, und dem Marie-Seppli tat er, was es nur wollte. Er war aber
manchmal mit ihm nach dem Maloja hinaufspaziert und hatte die Strae
hinuntergeschaut, die man so sieht, wie sie weit ins Tal hinabgeht, und
er hatte ihr erzhlt, wie es unten sei, wo er daheim war. Da hatte sich
das Marie-Seppli in den Kopf gesetzt, es wolle dort hinunter, und es
half alles nichts, wie auch die Mutter anhielt und jammerte, sie knnten
nicht leben da unten. Da sagte aber der Trevillo, deswegen msse sie
nicht Angst haben, er habe ein Gtlein und ein Huschen unten; er sei
nur lieber ein wenig in die Welt hinausgezogen. -- Jetzt hatte er das
Marie-Seppli gewonnen, und nach der Hochzeit wollte es auf der Stelle
den Berg hinunter. Es schrieb dann etwa der Mutter, da es ihm gut gehe
und der Trevillo der beste Mann sei.

Aber nach etwa fnf oder sechs Jahren trat eines Tages der Trevillo
drben in der Stube ein bei der Anne-Dete und hatte ein Bblein an der
Hand und sagte: 'Da, Mutter, das ist noch das einzige, was ich vom
Marie-Seppli habe; es liegt begraben dort unten mit seinen anderen
kleinen Kindern. Der war sein erstes und sein liebstes.'

So hat sie's mir erzhlt. Dann sei er auf die Bank niedergesessen, wo
er zuerst das Marie-Seppli gesehen hatte, und habe gesagt: da wolle er
bleiben mit seinem Bblein, wenn's der Mutter recht sei; denn dort unten
habe er's nicht mehr ausgehalten.

Das war Freud' und Leid miteinander fr die Anne-Dete. Der kleine Rico
war etwas zu vier Jahren und war ein zahmes, nachdenkliches Bblein,
ohne Lrm und Unart, es war ihre letzte Freude, ein Jahr nachher starb
sie schon, und man riet dem Trevillo, die Base der Anne-Dete zu sich zu
nehmen fr den Haushalt und das Kind.

So, so, machte der Lehrer, als die Gromutter schwieg; das habe ich
alles nicht so gewut. Es kann nun sein, da sich etwa Verwandte von dem
Trevillo zeigen mit der Zeit, und man kann sie anhalten, etwas fr den
Knaben zu tun.

Verwandte, seufzte die Gromutter, die Base ist auch eine Verwandte,
von ihr bekommt er wenig gute Worte im Jahr.

Der Lehrer stand mhsam auf von seinem Sitz. Mit mir geht's bergab,
Nachbarin, sagte er kopfschttelnd; ich wei nicht, wo meine Krfte
hingekommen sind.

Die Gromutter ermunterte ihn und sagte: er sei ja noch ein junger Mann
im Vergleich zu ihr. Sie mute sich aber doch verwundern, wie langsam er
davonging.




Siebentes Kapitel.

Ein kostbares Vermchtnis und ein kostbares Vaterunser.


Es kamen nun viele schne Sommertage, und wo die Gromutter nur konnte,
richtete sie es ein, da das Stineli einen freien Augenblick bekam; aber
es gab immer mehr zu tun in dem Hause. Rico stand manche Stunde auf
seiner Schwelle und staunte und sah nach der Tr drben, ob das Stineli
komme.

Gegen den September, wenn die Leute oft noch vor den Husern saen, um
sich der letzten warmen Abende zu freuen, da sa auch der Lehrer noch
etwa vor seiner Tr; aber er sah ganz abgemagert aus und keuchte immer
mehr, und eines Morgens, als er aufstehen wollte, hatte er die Kraft
nicht mehr und fiel wieder auf sein Kissen zurck. Da lag er denn ganz
still und fing an, allerlei zu bedenken, und wie es kommen wrde, wenn
er sterben mte. Er hatte keine Kinder, und seine Frau war schon lange
gestorben, nur eine alte Magd war noch bei ihm im Hause. Er mute
hauptschlich nachdenken, wohin alle die Sachen kmen, die ihm
angehrten, wenn er nicht mehr da wre, und da seine Geige ihm gerade
gegenber an der Wand hing, so sagte er zu sich: Die mte ich auch
dalassen. Und der Tag kam ihm in den Sinn, da der Rico hier vor ihm
gestanden und gegeigt hatte, und er htte sie dem Bblein fast eher
gegnnt als einem fernen Vetter, der vom Geigen gar nichts verstand. So
dachte er bei sich, wenn er sie um ein billiges geben wrde, so knnte
sie der Rico vielleicht erstehen; der Vater hatte ihm doch wohl ein
kleines hinterlassen. Da fiel ihm aber ein, da, wenn er die Geige
verlassen msse, er das Geld auch nicht mehr brauchen knne. Aber er
konnte doch ein Instrument, fr das er sechs harte Gulden auf den Tisch
gelegt hatte, nicht nur so weggeben. So dachte er immer schrfer darber
nach, wie es zu machen wre, da er die Geige nicht so fr nichts
hergeben mte, da sie ihm doch irgend etwas eintrge; aber immer
zuletzt kam ihm wieder klar vor Augen, da dorthin, wohin er die Geige
nicht mitnehmen konnte, er auch nichts anderes fortzubringen imstande
war, und da all sein Gut da zurckbleiben wrde.

Das Fieber nahm unterdessen mehr und mehr berhand bei ihm, und gegen
Abend und die ganze Nacht durch lag er in einem groen Kampf von vielen
Gedanken, und es stiegen alte Dinge vor seinen Augen auf, die er schon
lange vergessen hatte, und verfolgten ihn, so da er am Morgen ganz
erschpft dalag und nur noch einen Gedanken hatte: er wollte gern etwas
Gutes tun, gleich auf der Stelle ein gutes Werk verrichten.

Er klopfte mit dem Stock an die Wand, bis die alte Magd hereinkam, und
diese schickte er zur Gromutter hinaus, sie solle zu ihm kommen, aber
bald.

Die Gromutter trat auch bald nachher in seine Stube, und eh' sie nur
recht fragen konnte, wie es ihm gehe, sagte er: Seid so gut und nehmt
dort die Geige herunter und bringt sie dem Waisenbblein; ich will sie
ihm schenken, er soll Sorg' dazu haben.

Die Gromutter mute sich aufs hchste verwundern und einmal ber das
andere ausrufen: Was wird der Rico machen! Was wird der Rico sagen!

Dann bemerkte sie, da der Lehrer ein wenig unruhig wurde, so, wie wenn
die Sache Eile htte. So verlie sie ihn bald und eilte nun, so sehr sie
konnte, mit ihrem Geschenk unter dem Arm bers Feld, denn sie konnte
selbst kaum erwarten, da der Rico sein Glck erfahre.

Der stand unter der Haustr; auf den Wink der Gromutter kam er ihr
entgegengelaufen.

Da, Rico, sagte sie und hielt ihm die Geige hin, die schickt dir der
Lehrer zum Geschenk, sie ist dein.

Rico stand da wie im Traume, aber es war so; die Gromutter streckte ihm
wirklich die Geige entgegen.

Nimm sie, Rico, sie ist dein, wiederholte sie.

Zitternd vor Freude und innerer Aufregung ergriff Rico jetzt seine
Geige, nahm sie in den Arm und schaute sie unverwandt an, so, als knne
sie ihm wieder wegkommen, wenn er einmal weggehen wrde.

Du sollst auch Sorg' dazu haben, ergnzte die Gromutter ihren
Auftrag; sie mute aber ein wenig lachen, es kam ihr nicht vor, da die
Ermahnung ntig sei. Und Rico, denk auch an den Lehrer und vergi nie,
was er an dir getan hat; er ist sehr krank.

Nun trat die Gromutter in ihr Haus ein, und Rico eilte mit seinem
Schatz in seine Kammer hinauf, dort war er immer ganz allein.

Da sa er hin und strich und geigte fort und fort und verga Essen und
Trinken und alle Zeit. Erst als es schon fast dunkeln wollte, stand er
auf und ging die Treppe hinunter. Die Base kam aus der Kche und sagte:
Du kannst denn morgen wieder essen, heut' hast du dich aufgefhrt, da
dir nichts gehrt.

Rico empfand keinen Hunger, obschon er seit dem frhen Morgen nichts
gegessen hatte; so hatte er auch jetzt nicht ans Essen gedacht und ging
ganz getrost ins andere Haus hinber und gleich in die Kche hinein, er
suchte die Gromutter. Stineli stand am Herd und machte das Feuer an.
Wie es des Rico ansichtig wurde, mute es ganz laut aufjauchzen, denn
schon den ganzen Tag durch, seit die Gromutter erzhlt hatte, was
begegnet war, hatte ihm der Boden unter den Fen gebrannt, da es nicht
hinaus konnte, um seine Freude beim Rico auszulassen; aber es durfte
keinen Augenblick fort. Nun war es aber auch wie auer sich und rief
einmal ums andere: Jetzt hast du sie! Jetzt hast du sie!

Auf den Lrm kam die Gromutter aus der Stube, und Rico ging gleich zu
ihr heran und sagte: Gromutter, kann ich gehen und dem Lehrer danken,
wenn er schon krank ist?

Die Gromutter besann sich ein wenig, denn der Lehrer hatte schon am
Morgen recht schwer krank ausgesehen; dann sagte sie: Wart ein wenig,
Rico, ich will mit dir gehen, und ging, die saubere Schrze anzuziehen.
Dann wanderten sie miteinander dem Schulhaus zu. Die Gromutter trat
zuerst ein; dann kam ihr Rico leise nach, die Geige im Arm, denn diese
hatte er noch keinen Augenblick weggelegt, seit sie ihm gehrte.

Der Lehrer lag sehr ermattet da; Rico trat an das Bett heran und schaute
dabei auf seine Geige, und er konnte fast nichts sagen, aber seine Augen
funkelten so, da der Lehrer ihn wohl verstanden hatte; er warf einen
frohen Blick auf den Knaben und nickte mit dem Kopfe. Dann winkte er die
Gromutter zu sich heran. Rico trat auf die Seite und der Lehrer sagte
mit schwacher Stimme: Gromutter, es wre mir recht, wenn Ihr mir ein
Vaterunser beten wolltet; es wird mir so bang.

Jetzt hrte man die Betglocke herberluten; Rico faltete schnell seine
Hnde, und die Gromutter faltete die ihrigen und betete ihr Vaterunser.
Dann wurde es ganz still in der Stube. Die Gromutter beugte sich ein
wenig und drckte dem alten Nachbar die Augen zu, denn er war
verschieden. Dann nahm sie den Rico an der Hand und ging leise hinaus
mit ihm.




Achtes Kapitel.

Am Silser See.


Das Stineli kam gar nicht mehr ins Gleichgewicht vor Freude die ganze
Woche durch; aber es kam ihm auch vor, als habe diese Woche zehn Tage
mehr als jede andere, denn es wollte gar nicht Sonntag werden.

Als er aber doch endlich kam und eine goldene Sonne ber die Herbsthhen
leuchtete, und es mit dem Rico oben unter den Tannen ankam, und der
glitzernde See vor ihnen lag, da kam eine solche Freude ber das
Stineli, da es rings im Moos herumhpfen und jauchzen mute; und dann
setzte es sich auf den uersten Rand am Abhang, da es alles sehen
konnte, die sonnigen Hhen und den See und weit hinber den blauen
Himmel.

Nun rief es: Komm, Rico, da wollen wir singen, lang, lang!

Da setzte sich der Rico neben das Stineli hin und machte seine Geige
zurecht, denn die war mitgekommen.

Nun fing er an und die Kinder sangen:

    Ihr Schflein hinunter
    Von sonniger Hh' --

alle Verse durch, aber Stineli hatte noch lange nicht genug.

Wir wollen immer weiter singen, sagte es und sang weiter:

    Ihr Schflein hinber
    Auf die lustige Hh',
    Die Sonne steht drber
    Und der Wind geht am See.

Und nun sang der Rico den Vers auch mit und freute sich und sagte:

Sing noch weiter!

Das Stineli war ganz begeistert vor Freude und schaute auf und ab und
sang wieder:

    Und die Schflein, und die Schflein,
    Und der Himmel, so blau,
    Und rot' und weie Blumen
    Auf der grasgrnen Au'.

Und Rico geigte und sang mit und sagte:

Sing noch weiter!

Da schaute das Stineli den Rico lachend an und sang:

    Und ein Bub' ist so traurig,
    Und ein Mdle das lacht,
    Und ein See ist wie der andre
    Von Wasser gemacht.

Und Rico lachte auch und sang und sagte:

Sing noch weiter!

Da fing das Stineli noch einmal an und sang hintereinander; und Rico
geigte immerfort dazu, und es sang:

    Und die Schflein, und die Schflein,
    Die springen herum,
    Und sind alleweil frhlich,
    Und wissen auch nicht warum.

    Und ein Bub' und ein Mdle,
    Die sitzen am See,
    Und tt er nichts denken,
    So tt's ihm nicht weh.

Und nun fingen sie wieder von vorne an und sangen ihr Lied
hintereinander durch und hatten ein groes Wohlgefallen daran, und wenn
sie es fertig gesungen hatten, so fingen sie noch einmal an und dann
noch einmal und sangen das Lied wohl zehnmal durch, und je mehr sie es
sangen, desto besser gefiel es ihnen.

Rico spielte dann noch einige Melodien, die er vom Vater her wute, aber
nach einer Weile kamen sie wieder auf ihr Lied zurck und fingen aufs
neue zu singen an.

Aber mittendrin hrte Stineli auf und rief: Jetzt kommt es mir in den
Sinn, wie du an den See hinunter kannst und doch kein Geld brauchst.

Rico hielt pltzlich inne und schaute erwartungsvoll auf das Stineli.

Siehst du, fuhr es eifrig fort, jetzt hast du eine Geige und kannst
ein Lied. Da mut du bei jedem Wirtshaus unter die Stubentr gehen und
das Lied singen und geigen; dann geben dir die Leute etwas zu essen und
lassen dich schlafen da, denn sie sehen dann, da du nicht ein Bettler
bist. So kannst du gehen bis an den See, und im Heimweg kannst du es
wieder so machen.

Rico wurde ganz nachdenklich, aber Stineli lie ihm keine Zeit zum
Staunen, es wollte gleich noch einmal singen.

Vor lauter Gesang hrten sie auch gar nichts von der Betglocke, und erst
als es zu dunkeln anfing, merkten sie, da es Zeit war, heimzugehen, und
schon von fern sahen sie die Gromutter, wie sie ngstlich umherschaute.

Aber diesmal war Stineli zu sehr im Feuer, um von einer Besorgnis
gedmpft zu werden. Es rannte auf die Gromutter zu und rief: Du kannst
nicht glauben, Gromutter, wie gut der Rico geigen kann, und wir haben
jetzt ein eigenes Lied, nur fr uns. Wir wollen dir's gleich singen.

Und eh' die Gromutter nur ein Wort sagen konnte, sangen sie schon mit
heller Stimme zu der Geige ihr ganzes Lied durch, und die Gromutter
hrte die frischen Stimmen gerne. Sie war auf das Holz niedergesessen,
und wie die Kinder nun zu Ende waren, sagte sie: Komm, Rico, jetzt mut
du mir auch noch ein Lied spielen und wir wollen es miteinander singen.
Kannst du das Lied: 'Ich singe dir mit Herz und Mund'?

Rico hatte es vielleicht auch schon gehrt, aber er wute es nicht mehr
recht und meinte, erst msse es die Gromutter einmal singen; dann wolle
er leise nachgeigen, nachher knne er's dann schon.

Jetzt werd' ich noch Vorsinger mit meiner Zitterstimme, sagte die
Gromutter, aber sie sang ganz vergngt einen Vers durch, und wenn die
Stimme ein wenig zitterte, so war sie doch ganz richtig und Rico konnte
ihr gut die Melodie abnehmen, er hatte sie auch vorher schon gehrt.

Nun fingen sie an, und vor jedem Vers sagte die Gromutter den Kindern
die Worte vor, und so sangen sie frhlich alle miteinander:

    Ich singe dir mit Herz und Mund,
    Herr, meines Herzens Lust.
    Ich sing' und mach' auf Erden kund,
    Was mir von dir bewut.

    Ich wei, da du der Brunn'n der Gnad'
    Und ew'ge Quelle bist,
    Daraus uns allen frh und spat
    Viel Heil und Gutes fliet. --

    Was krnkst du dich in deinem Sinn?
    Und grmst dich Tag und Nacht?
    Nimm deine Sorg' und wirf sie hin
    Auf den, der dich gemacht.

    Er hat noch niemals was versehn,
    In seinem Regiment,
    Nein, was er tut und lt geschehn,
    Das nimmt ein gutes End'.

    Ei nun, so la ihn ferner tun
    Und red' ihm nicht darein,
    So wirst du hier im Frieden ruhn
    Und ewig frhlich sein.

So, sagte die Gromutter zufrieden, das war ein rechter Abendsegen,
jetzt knnt ihr in Frieden zur Ruhe gehen, Kinder.




Neuntes Kapitel.

Ein rtselhaftes Ereignis.


Als Rico in das Huschen eintrat, spter als sonst, denn ber dem Gesang
war wohl noch eine halbe Stunde vergangen, scho ihm die Base entgegen.

Fngst du jetzt so an? rief sie. Das Essen stand eine Stunde lang auf
dem Tisch, jetzt ist's fort. Geh nur gleich in deine Kammer, und wenn du
ein ganzer Vagabund und Lump wirst, so bin ich nicht schuld; ich wollte
lieber ich wei nicht was tun, als einen Buben hten, wie du einer
bist.

Rico hatte nie ein einziges Wrtlein geantwortet, wenn die Base ihn
schmhte; aber an dem Abend schaute er sie an und sagte: Ich kann Euch
schon aus dem Wege gehen, Base.

Sie schob den Riegel an der Haustr vor, da es klatschte, dann fuhr sie
in die Stube hinein und schlug die Tr hinter sich zu. Rico ging in
seine dunkle Kammer hinauf. --

Am folgenden Tage, als drben die ganze groe Haushaltung, Eltern,
Gromutter und alle Kinder beim Abendessen saen, kam die Base
herbergelaufen und rief in die Stube hinein: ob sie etwas vom Rico
wten; sie wisse nicht, wo er sei.

Der wird schon kommen, wenn's ans Abendessen geht, antwortete der
Vater geruhlich.

Nun kam aber die Base ganz in die Stube hinein, denn sie hatte gedacht,
sie knne den Buben nur herausrufen, er werde wohl da sein. Nun
erzhlte sie, er sei schon zum Morgenessen nicht gekommen und zum
Mittagessen nicht, und im Bett sei er auch nicht gewesen, das sei noch
wie gestern Abend, und sie glaubte fast, der sei schon am frhesten
Morgen vor Tag auf seine Lumpereien ausgegangen, denn der Riegel sei
schon inwendig von der Haustr weggeschoben gewesen, als sie auftun
wollte; sie habe aber zuerst gemeint, sie habe vor rger vergessen, ihn
zu stoen, denn es wisse kein Mensch, was sie fr rger habe.

Dem hat's etwas gegeben, sagte der Vater unentwegt. Er wird etwa in
eine Spalte hineingefallen sein am Berg oben; das gibt es manchmal mit
so schmalen Buben, die berall herumklettern. Ihr httet es ein wenig
frher sagen sollen, fuhr er langsam fort, man wird ihn etwa suchen
mssen, und des Nachts sieht man nichts.

Jetzt fuhr die Base los und machte einen furchtbaren Lrm. Sie habe wohl
gedacht, man werde ihr noch Vorwrfe machen wollen; so gehe es immer,
wenn man schon jahrelang so viel ertragen und dazu geschwiegen habe.

Es glaubt es kein Mensch -- rief sie aus und sagte damit eine groe
Wahrheit --, was fr ein heimtckischer, hinterlistiger, verstockter
Bube der ist, und wie er mir das Leben schwer gemacht hat seit vier
Jahren; ein Vagabund wird er, ein Landstreicher und schdlicher Lump!

Die Gromutter hatte schon lange zu essen aufgehrt. Sie war vom Tisch
aufgestanden und vor die Base hingetreten, die immer noch lrmte.

Hrt auf, Nachbarin, hrt auf, hatte die Gromutter zweimal gesagt,
bevor die andere nachgab. Ich kenne den Rico auch; seit man das Bblein
seiner Gromutter brachte, habe ich es immer gekannt. Wenn ich aber an
Eurer Stelle wre, so wrde ich kein Wrtlein mehr sagen, aber ein wenig
nachsinnen, ob das Bblein, dem ein Unglck begegnet sein kann und das
vielleicht schon da droben steht vor dem lieben Gott, ob es da niemanden
anzuklagen hat, der in seiner Verlassenheit noch schweres Unrecht an ihm
getan hat mit bsen Worten.

Der Base war es schon ein paarmal aufgestiegen, wie Rico sie am Abend
angeschaut und gesagt hatte: Ich kann Euch schon aus dem Wege gehen.
Sie hatte auch so furchtbar gelrmt, um diese Gedanken zu bertnen. Sie
durfte die Gromutter nicht ansehen und sagte, sie msse gehen,
vielleicht sei der Rico doch nun heimgekommen, was sie jetzt gern genug
gesehen htte.

Von dem Tage an sagte die Base nie mehr ein Wort gegen den Rico vor der
Gromutter, aber auch sonst nicht mehr viele. Sie glaubte, wie alle
anderen Leute auch, er sei tot, und war froh, da niemand wute, was er
am letzten Abend zu ihr gesagt hatte.

Am Morgen nach der Nachricht ging Stinelis Vater in die Tenne hinaus und
suchte eine Stange; er hatte gesagt, er wolle ein paar Nachbarn rufen,
man msse doch den Buben suchen, etwa gegen den Gletscher hinein und
oben bei den Rfenen.

Stineli war ihm nachgeschlichen, und der Vater sagte: Es ist recht,
komm, hilf mir suchen, du kannst besser in die Winkel hinein als ich.

Erst als eine hohe Bohnenstange gefunden war, sagte es: Aber, Vater,
wenn der Rico vielleicht der Strae nach gegangen wre, dann knnte er
doch in nichts hineingefallen sein?

Freilich kann er, entgegnete der Vater. Solch' unvernnftige Buben
kommen vom Wege ab und in die Rfenen hinein, sie wissen gar nicht wie;
und der war sonst ein wenig ein Verstaunter.

Da der Rico dies war, wute Stineli besser als irgend jemand, und von
dem Augenblick an kam eine groe Angst in sein Herz und wuchs mit jedem
Tage, so da es vor Qual und Unruhe nicht mehr essen und nicht mehr
schlafen konnte und alle Arbeit tat, als wre es nicht dabei.

Der Rico wurde nicht gefunden; kein Mensch hatte etwas von ihm gesehen.
Man suchte ihn nicht mehr, und bald fanden die Leute einen Trost und
sagten: Es ist dem Waisenbblein wohl geschehen, es war doch verlassen
und hatte niemand mehr.




Zehntes Kapitel.

Ein wenig Licht.


Aber Stineli wurde stiller und magerer von Tag zu Tag. Die kleinen
Kinder schrieen: Das Stineli will nichts erzhlen und lacht nicht
mehr. Die Mutter sagte zum Vater: Siehst du's denn nicht? Es ist ja
nicht mehr das gleiche. Und der Vater sagte: Es kommt vom Wachsen, man
mu ihm ein wenig Geimilch geben am Morgen im Stall.

Aber als drei Wochen so vergangen waren, da nahm die Gromutter eines
Abends das Stineli in ihre Kammer hinauf und sagte: Sieh, Stineli, ich
kann es wohl begreifen, da du den Rico nicht vergessen kannst; aber du
mut doch denken, da der liebe Gott ihn weggenommen hat, und wenn es so
sein mute, so war es gut fr den Rico, das werden wir dann einmal
sehen.

Da fing das Stineli so zu weinen an, wie es die Gromutter nie an ihm
erlebt hatte, und es schluchzte berlaut: Der liebe Gott hat es ja
nicht getan, ich habe es getan, Gromutter; darum mu ich fast sterben
vor Angst, denn ich habe den Rico aufgestiftet, an den See hinabzugehen,
und nun ist er in die Rfenen hineingefallen und ist tot, und es hat ihm
noch so weh getan, und ich bin an allem schuld. Und Stineli weinte und
schluchzte zum Erbarmen.

Der Gromutter war wie eine schwere Last vom Herzen gefallen; sie hatte
den Rico verloren gegeben und heimlich hatte sie der qulende Gedanke
verfolgt, das arme Bblein sei der bsen Behandlung entlaufen und liege
vielleicht drben im Wasser, oder sei im Wald zugrunde gegangen. Jetzt
stieg auf einmal eine neue Hoffnung in ihr auf.

Sie beruhigte das Stineli so weit, da es ihr die ganze Geschichte von
dem See erzhlen konnte, von der sie gar nichts wute: wie der Rico
immer von dem See gesprochen und es ihn dahin gezogen hatte und wie
Stineli den Weg auffand. Es war ganz sicher, da Rico sich dahin auf den
Weg gemacht hatte; aber des Vaters Worte von den Rfenen hatten das
Stineli ganz um alle Hoffnung gebracht.

Die Gromutter nahm das Kind bei der Hand und zog es zu sich heran.
Komm, Stineli, sagte sie liebreich, ich mu dir nun etwas erklren.
Weit du, wie's in dem alten Liede heit, das wir noch mit dem Rico
gesungen haben am letzten Abend?

    'Denn was er tut und lt geschehn,
    Das nimmt ein gutes End'.'

Siehst du, wenn nun auch der liebe Gott es nicht selbst getan hat, so
wie wenn er den Rico gleich in seinem Bette htte sterben lassen, so war
doch die Sache in seiner Hand, als du etwas Verkehrtes tatest, denn
einem solchen kleinen Stineli wre er schon noch Meister geworden. Und
da du etwas recht Verkehrtes getan hast, wirst du jetzt fr dein Lebtag
wissen, und was da herauskommen kann, wenn Kinder in die Welt
hinauslaufen und Sachen unternehmen wollen, die sie gar nicht kennen,
und niemandem ein Wort davon sagen, keinen Eltern und keiner Gromutter,
die es gut mit ihnen meinen. Aber nun hat das der liebe Gott so
geschehen lassen, und nun drfen wir bestimmt hoffen, da alles noch ein
gutes Ende nehmen kann.

Jetzt denk daran, Stineli, und vergi nie mehr, was du da erfahren
hast. Weil es dir aber recht von Herzen leid ist, so darfst du jetzt
auch gehen und den lieben Gott bitten, da er doch noch etwas Gutes
mache aus dem verkehrten Zeug, das ihr da angestellt habt, du und der
Rico. Dann darfst du auch wieder frhlich sein, Stineli, und ich bin es
mit dir, denn ich glaube zuversichtlich, da der Rico noch am Leben ist,
und da ihn der liebe Gott nicht verlt.

Von dem Tage an wurde Stineli wieder munter, und wenn ihm auch der Rico
auf jedem Schritt mangelte, so hatte es doch keine Angst und keine
Vorwrfe mehr im Herzen, und Tag fr Tag schaute es nach der Strae
hinber, ob nicht etwa der Rico dort vom Maloja herunterkomme. So ging
die Zeit dahin, aber vom Rico hrte man nichts mehr.




Elftes Kapitel.

Eine lange Reise.


Rico hatte sich an jenem Sonntagabend in seiner dunkeln Kammer auf
seinen Stuhl gesetzt. Da wollte er bleiben, bis die Base zu Bett
gegangen war.

Nachdem Stineli die Entdeckung gemacht hatte, wie die Reise nach dem See
auszufhren wre, kam Rico die Sache so leicht vor, da er sich nur noch
besinnen wollte, wann er am besten gehen knne, denn er hatte ein Gefhl
davon, die Base wrde ihn vielleicht zurckhalten, wenn er schon wute,
da er ihr nicht stark mangeln wrde.

Als sie dann beim Heimkommen so auf ihn losschalt, dachte er: So will
ich gleich auf der Stelle gehen, sobald sie im Bette ist.

Als er nun so im Dunkeln auf seinem Stuhl sa, dachte er nach, wie
angenehm es sein werde, wenn er nun viele Tage lang die Base nie mehr
werde schelten hren, und welche groe Bschel von den roten Blumen er
dem Stineli mitbringen wolle, wenn er zurckkomme. Und dann sah er die
sonnigen Ufer und die violetten Berge vor sich und war entschlafen.

Er war aber nicht in einer sehr bequemen Lage, denn die Geige hatte er
nicht aus der Hand gelegt; so erwachte er wieder nach einiger Zeit, es
war aber noch ganz dunkel. Nun kam ihm aber gleich alles klar in den
Sinn. Er war noch in seinem Sonntagswmschen, das war gut; seine Kappe
hatte er noch von gestern her auf dem Kopf, die Geige nahm er unter den
Arm, und so ging er leise die Treppe hinunter, schob den Riegel weg und
zog in die khle Morgenluft hinaus.

ber den Bergen fing es schon leise an zu tagen und in Sils krhten die
Hhne. Er ging tchtig drauf los, damit er von den Husern weg und auf
die groe Strae komme. Nun war er da und wanderte vergngt weiter, denn
da war ihm alles so wohl bekannt, er war oft mit dem Vater da
hinaufgegangen. Wie lang es aber ging, bis man auf den Maloja kam, wute
er nicht mehr so recht, und es kam ihm lange vor, als er schon mehr als
zwei gute Stunden immerfort gewandert war.

Aber nun kam nach und nach der helle Tag, und als er nach noch einer
guten Stunde auf dem Platze vor dem Wirtshaus oben am Maloja angekommen
war, da, wo er oft mit dem Vater die Strae hinuntergeschaut hatte, da
lag ein sonniger Morgen ber den Bergen und die Tannenwipfel waren alle
wie von Gold. Rico setzte sich an den Rand der Strae nieder, er war
schon recht mde, und nun merkte er auch, da er nichts mehr gegessen
hatte seit dem vorhergehenden Mittag. Aber er war nicht verzagt, denn
nun ging es bergab und nachher konnte unversehens der See kommen. Wie er
so dasa, kam der groe Postwagen herangerasselt; den hatte er schon oft
gesehen, wenn er bei Sils vorbeifuhr, und immer dabei gedacht, das
hchste Glck auf Erden geniee ein Kutscher, der immerfort mit einer
Peitsche auf einem Bock sitzen und fnf Rosse regieren knne. Nun sah
er einmal den Glcklichen in der Nhe, denn der Postwagen hielt still,
und Rico verwandte nun kein Auge von dem merkwrdigen Manne, der von
seinem hohen Sitz herunterkam, ins Wirtshaus eintrat und mit mehreren
ungeheuren Stcken Schwarzbrot, ber welchen ein gewaltig groer Brocken
Kse lag, wieder aus dem Hause trat.

Nun zog der Kutscher ein festes Messer hervor und zerstckte sein Brot,
und einem Pferd nach dem anderen steckte er einen guten Bissen ins Maul.
Zwischenein kam er selbst an die Reihe, auf sein Stck Brot kam aber
immer ein markiges Stck Kse. Wie sie nun alle zusammen so vergnglich
aen, schaute der Kutscher ein wenig um sich, und mit einem Male rief
er: He, kleiner Musikant, willst du auch mithalten? Komm her!

Erst seit Rico das Essen vor sich gesehen, hatte er gemerkt, wie sehr er
Hunger hatte. Er folgte gern der Einladung und trat zu dem Kutscher
heran. Der schnitt ihm ein ganz erstaunlich groes Stck Kse ab und
legte dieses auf ein noch viel dickeres Stck Brot, so da Rico kaum
wute, wie er die Dinge bewltigen konnte.

Er mute seine Geige ein wenig auf den Boden legen. Der Kutscher schaute
wohlgefllig zu, wie Rico in sein Frhstck bi, und whrend er selbst
sein Geschft fortsetzte, sagte er:

Du bist noch ein kleiner Geiger, kannst du auch etwas?

Ja, zwei Lieder, und dann noch das vom Vater, antwortete Rico.

So, und wo willst du denn hin auf deinen zwei kleinen Beinen? fuhr der
Kutscher fort.

Nach Peschiera am Gardasee, war Ricos ernsthafte Antwort.

Jetzt entfuhr dem Kutscher ein so krftiges Gelchter, da der Rico ganz
erstaunt zu ihm aufschauen mute.

Du bist ein guter Fuhrwerker, du, lachte der Kutscher noch einmal;
weit du denn nicht, wie weit das ist, und da ein schmales
Musikntlein, wie du eins bist, sich beide Fe mitsamt den Sohlen
durchlaufen wrde, bevor es noch einen Tropfen Wasser vom Gardasee
gesehen htte? Wer schickt dich denn dort hinunter?

Ich gehe selber aus mir, sagte Rico.

Ein solcher ist mir noch nicht vorgekommen, lachte der Kutscher
gutmtig. Wo bist du daheim, Musikant?

Ich wei es nicht recht, vielleicht am Gardasee, erwiderte Rico vllig
ernsthaft.

Ist das eine Antwort! Jetzt schaute der Kutscher den Knaben vor sich
genau an. Wie ein verlaufenes Bettelbblein sah der Rico nicht aus. Der
schwarze Lockenkopf ber dem Sonntagswmschen sah ganz stattlich aus,
und das feine Gesichtchen mit den ernsthaften Augen trug einen edlen
Stempel und man schaute es gern noch einmal an, wenn man es gesehen
hatte.

Dem Kutscher mochte es auch so gehen, er schaute den Rico fest an und
dann noch einmal erst recht, dann sagte er freundlich: Du trgst deinen
Pa auf dem Gesicht mit, Bblein, und es ist kein schlechter, wenn du
schon nicht weit, wo du daheim bist. Was gibst du mir nun, wenn ich
dich neben mich auf den Bock nehme und dich weit hinunterbringe?

Rico staunte, als wre es fast nicht mglich, da der Mann diese Worte
wirklich ausgesprochen habe. Auf dem hohen Postwagen ins Tal hinunter
gefahren, ein solches Glck htte er nie fr sich mglich gehalten. Aber
was konnte er dem Kutscher geben?

Ich habe gar nichts als eine Geige, und die kann ich Euch nicht geben,
sagte der Rico traurig nach einigem Besinnen.

Ja, mit dem Kasten wte ich auch nichts anzufangen, lachte der
Kutscher. Komm, nun sitzen wir auf, -- und du kannst mir ein wenig Musik
machen.

Rico traute seinen Ohren nicht; aber wahrhaftig! der Kutscher schob ihn
ber die Rder auf den hohen Sitz hinauf und kletterte nach. Die
Reisenden waren wieder eingestiegen, der Wagen wurde zugeschlagen und
nun ging's die Strae hinunter, die bekannte Strae, die Rico so oft
sich von oben her angeschaut und verlangt hatte, da hinunter zu kommen.
Nun war die Erfllung da und in welcher Weise! Hoch oben zwischen Himmel
und Erde flog der Rico dahin und konnte immer noch fast nicht glauben,
da er es selber sei.

Den Kutscher wunderte es nun doch ein wenig, wem denn das Bblein neben
ihm gehren knnte.

Sag mir einmal, du kleine, fahrende Habe, wo ist denn dein Vater?
fragte er nach einem festen Peitschenknall.

Der ist tot, antwortete Rico.

So, und wo ist deine Mutter?

Die ist tot.

So, und dann hat man noch etwa einen Grovater und eine Gromutter, wo
sind diese?

Die sind tot.

So, so, aber etwa einen Bruder oder eine Schwester hast du ja sicher;
wo sind die hingekommen?

Sie sind tot, war Ricos fortwhrende traurige Antwort.

Da nun der Kutscher sah, da da alles tot war, lie er die
Verwandtschaft in Ruhe und fragte nur: Wie hie dein Vater?

Enrico Trevillo von Peschiera am Gardasee, erwiderte Rico.

Nun legte der Mann sich die Dinge ein wenig zurecht und dachte bei sich:
das ist ein verschlepptes Bblein von da unten herauf, und es ist gut,
da es wieder an seinen Ort kommt. Damit lie er die Sache liegen.

Als nun nach der ersten steil abwrts gehenden Strecke der Bergstrae
der Weg etwas ebener wurde, sagte der Kutscher: So, Musikant, nun spiel
einmal ein lustiges Liedlein auf.

Da nahm Rico die Geige vor und war so wohlgemut da oben auf seinem
Thron, unter dem blauen Himmel hinfahrend, da er mit der hellsten
Stimme anfing und krftig darauflos sang:

    Ihr Schflein hinunter von sonniger Hh'.

Nun saen zuoberst auf dem Postwagen drei Studenten, die machten eine
Ferienreise, und wie nun das Lied weiterging und Rico mit aller Lust und
Frhlichkeit Stinelis Verse sang, da gab es auf einmal oben auf dem
Wagen ein lautes Hallo und Gelchter und die Studenten riefen: Halt,
Geiger, fang noch einmal an, wir singen auch mit.

Da fing Rico wieder an, und nun fielen die Studenten ein und sangen mit
aller Macht:

    Und die Schflein, und die Schflein --

und dazwischen lachten sie so ungeheuer, da man nichts mehr hrte von
Ricos Geige, und dann sangen sie wieder und einer sang zwischenein ganz
allein:

    Und tt' er nichts denken,
    So tt' ihm nichts weh!

Dann fielen die anderen wieder ein und sangen, so laut sie konnten:

    Und die Schflein, und die Schflein --

und so ging es eine ganze Weile lang fort, und wenn Rico einmal etwas
innehielt, so riefen sie: Weiter, Geiger, nicht aufhren! und warfen
ihm kleine Geldstcke zu, immer wieder, da er einen ganzen Haufen in
der Kappe hatte.

Drinnen im Wagen machten die Reisenden alle Fenster auf und steckten die
Kpfe heraus, um den frohen Gesang zu hren. Dann fing Rico von neuem
an, und die Studenten brachen von neuem los und teilten das Lied in Soli
und Chre. Da sang die Solostimme ganz feierlich:

    Und ein See ist wie ein andrer
    Von Wasser gemacht --

und dann wieder:

    Und tt' er nichts denken,
    So tt' ihm nichts weh --

und dazwischen fiel der Chor ein, und sie sangen mit aller Kraft:

    Und die Schflein, und die Schflein --

und nachher wollten sie sich wieder totlachen und konnten eine ganze
Weile nicht fortfahren vor Gelchter.

Aber nun hielt auf einmal der Kutscher still, denn es mute ein Halt
gemacht und ein Mittagessen eingenommen werden. Als er den Rico
hinunterschwang, hielt er ihm sorgfltig seine Kappe fest, denn da war
all das Geld drin, und Rico hatte genug zu tun, seine Geige zu halten.

Der Kutscher war ganz vergngt, als er die Kappe in Ricos Hand abgab und
sagte: So ist's recht, nun kannst du auch Mittag haben.

Die Studenten sprangen hinunter, einer nach dem anderen, und alle
wollten nun den Geiger sehen, denn sie hatten ihn nicht recht sehen
knnen von ihrem Sitze aus, und als sie nun das schmchtige Mnnlein
sahen, da ging die Verwunderung und die Heiterkeit erst recht wieder an;
sie htten der guten Stimme nach einen greren Menschen erwartet, nun
war der Spa doppelt gro. Sie nahmen das Bblein in ihre Mitte und
zogen mit Gesang ins Wirtshaus ein. Da mute denn an dem schngedeckten
Tisch der Rico zwischen zwei der Herren sitzen und sie sagten, er sei
nun ihr Gast, und legten ihm alle drei miteinander jeder ein Stck auf
den Teller, denn keiner wollte ihm weniger geben, und ein solches
Mittagessen hatte Rico in seinem ganzen Leben noch nie eingenommen.

Und von wem hast du dein schnes Lied, Geigerlein? fragte nun einer
von den dreien.

Vom Stineli, es hat es selbst gemacht, antwortete Rico ernsthaft.

Die drei sahen sich an und brachen in ein neues, schallendes Lachen aus.

Das ist schn vom Stineli, rief der eine, nun wollen wir es gleich
hoch leben lassen.

Rico mute auch anstoen und tat es ganz frhlich auf Stinelis
Gesundheit.

Nun war die Zeit um, und als man wieder zum Wagen herantrat, kam ein
dicker Mann auf Rico zu, der hatte einen so gewaltigen Stock in der
Hand, da man denken mute, er habe einen jungen Baum ausgerissen. Er
war in einen festen, gelb-braunen Stoff gekleidet von oben bis unten.

Komm her, Kleiner, sagte er, du hast so schn gesungen. Ich habe dich
gehrt hier drinnen im Wagen, und ich habe es auch mit den Schafen zu
tun wie du; siehst du, ich bin ein Schafhndler, und weil du so schn
von den Schafen singen kannst, mut du von mir auch etwas haben. Damit
legte er ein schnes Stck Silbergeld in Ricos Hand, denn die Kappe war
indessen geleert und alles in die Tasche gesteckt worden.

Dann stieg der Mann in den Wagen an seinen Platz und Rico wurde vom
Kutscher wie eine Feder hinaufgehoben; dann ging's wieder davon.

Wenn der Wagen nicht zu rasch fuhr, wollten die Studenten immer gleich
Musik haben, und Rico spielte alle Melodien, deren er sich nur erinnern
konnte vom Vater her, und zuletzt spielte er noch: Ich singe dir mit
Herz und Mund.

An dieser Melodie muten die Studenten ganz sanft entschlafen sein, denn
es war alles still geworden, und nun schwieg die Geige auch, und der
Abendwind kam milde herangeweht, und leise stiegen die Sternlein auf am
Himmel eins nach dem anderen, bis sie strahlten ringsum, wo Rico hinsah.
Und er dachte an Stineli und die Gromutter, was sie nun tun, und es
fiel ihm ein, da um diese Zeit die Betglocke lutete und die beiden
ihr Vaterunser beteten. Das wollte er auch tun; es war dann so, wie wenn
er bei ihnen wre, und Rico faltete die Hnde und betete unter dem
leuchtenden Sternenhimmel andchtig sein Vaterunser.




Zwlftes Kapitel.

Es geht noch weiter.


Rico war auch entschlafen. Er erwachte daran, da ihn der Kutscher
packte, um ihn herunterzunehmen. Nun stieg alles aus und herunter, und
die drei Studenten kamen noch auf den Rico zu und schttelten ihm die
Hand und wnschten ihm viel Glck auf seine Reise. Und einer rief: Gr
uns auch freundlich das Stineli!

Dann verschwanden sie in einer Strae und Rico hrte, wie sie noch
einmal anstimmten: Und die Schflein, und die Schflein.

Nun stand Rico da in der dunkeln Nacht und hatte gar keinen Begriff, wo
er war, und auch nicht, was er tun sollte. Da fiel ihm ein, da er nicht
einmal dem Kutscher gedankt hatte, der ihn doch so weit hatte mitfahren
lassen, und er wollte es gleich noch tun.

Aber der Kutscher war mitsamt den Pferden verschwunden, und es war
dunkel ringsum: nur drben hing eine Laterne, auf diese ging Rico zu.
Sie hing an der Stalltr, wo die Pferde eben hineingefhrt wurden.
Daneben stand der Mann mit dem dicken Stock, er schien auf den Kutscher
zu warten. Rico stellte sich auch hin und wartete desgleichen.

Der Schafhndler mute ihn in der Dunkelheit nicht gleich erkannt haben;
auf einmal sagte er erstaunt: Was, bist du auch noch da, Kleiner, wo
mut du denn deine Nacht zubringen?

Ich wei nicht, wo, antwortete Rico.

Das wre der Tausend! um elf Uhr in der Nacht ein solches bichen von
einem Buben wie du, und im fremden Lande --

Der Schafhndler mute seine Worte vllig herausblasen, denn in der
Erregung kam er nicht gut zu Atem; er endigte aber seinen Satz nicht,
denn der Kutscher kam aus dem Stalle, und Rico lief gleich auf ihn zu
und sagte: Ich habe Euch noch danken wollen, da Ihr mich mitgenommen
habt.

Das ist gerade gut, da du noch kommst, jetzt htte ich dich ber den
Rossen vergessen und wollte dich doch da einem Bekannten bergeben. Eben
wollte ich Euch fragen, guter Freund, fuhr er, zum Schafhndler
gewandt, fort, ob Ihr nicht das Bblein mitnehmen wrdet, weil Ihr doch
ins Bergamaskische hinabgeht. Es mu an den Gardasee hinunter,
irgendwohin; es ist so eins von denen, die so hin und her -- Ihr versteht
mich schon.

Dem Schafhndler kamen allerhand Geschichten von gestohlenen und
verlorenen Kindern vor Augen, er schaute Rico im Schein der Laterne
mitleidsvoll an und sagte halblaut zum Kutscher: Er sieht auch so aus,
als ob es nicht sein rechtes Futteral wre, in dem er steckt. Er wird
wohl in ein Herrenmntelchen hineingehren. Ich nehme ihn mit.

Nachdem er noch einen Schafhandel mit dem Kutscher besprochen, nahmen
die beiden Abschied voneinander, und der Schafhndler winkte Rico, da
er mit ihm kommen solle.

Nach einer kurzen Wanderung trat der Mann in ein Haus und unmittelbar in
eine groe Wirtsstube ein, wo er sich mit Rico in einer Ecke niederlie.

Nun wollen wir einmal deine Barschaft ansehen, sagte er zu Rico, da
wir wissen, was sie erleiden mag. Wohin mut du unten am See?

Nach Peschiera am Gardasee, war Ricos unvernderliche Antwort. Er zog
nun seine Geldstcke alle hervor, ein artiges Huflein kleiner Mnzen
und oben darauf das grere Silberstck.

Hast du nur das eine gute Stck? fragte der Hndler.

Ja, nur das, von Euch hab' ich's, entgegnete Rico.

Das gefiel dem Mann, da er allein ein groes Stck gegeben hatte und
da es der Junge gut wute; er bekam Lust, ihm gleich noch etwas zu
geben. Als nun gerade das Essen vor sie hingestellt wurde, nickte der
behbige Mann seinem kleinen Nachbar zu und sagte: Das bezahl' ich und
das Nachtlager auch; so kommst du morgen aus mit deinem Vermgen.

Rico war so mde von all dem Singen und Geigen und Fahren den ganzen
Tag, da er kaum mehr essen konnte, und in der groen Kammer, wo er
zusammen mit seinem Beschtzer die Nacht zuzubringen hatte, war er kaum
in sein Bett gestiegen, als er sofort in einen tiefen Schlaf sank.

Am frhen Morgen wurde Rico von einer krftigen Hand aus seinem festen
Schlaf aufgerttelt. Er sprang eilends aus seinem Bett; sein Begleiter
stand schon reisefertig da mit dem Stock in der Hand.

Es whrte aber gar nicht lang, so stand auch Rico zur Abreise bereit,
die Geige im Arm. Erst traten die beiden in die Wirtsstube ein und Ricos
Begleiter rief nach Kaffee. Dann ermunterte er den Jungen, er solle nur
recht viel davon zu sich nehmen, denn nun komme eine lange Fahrt und
eine solche, die Appetit mache.

Als das Geschft zur Zufriedenheit abgetan war, zogen die Reisenden aus,
und nach einer Strecke Wegs kamen sie um eine Ecke herum, und -- wie
mute Rico da die Augen auftun -- auf einmal sah er einen groen,
flimmernden See vor sich, und ganz erregt sagte er: Jetzt kommt der
Gardasee.

Noch lange nicht, Brschlein; jetzt sind wir am Comersee, erklrte
sein Schutzherr. Nun stiegen sie in ein Schiff und fuhren viele Stunden
lang dahin. Und Rico schaute bald nach den sonnigen Ufern, bald in die
blauen Wellen, und es wehte ihn heimatlich an. -- Jetzt legte er mit
einem Male sein Silberstck auf den Tisch.

Was, was, hast du schon zuviel Geld, fragte der Schafhndler, der, mit
beiden Armen auf seinen Stock gesttzt, erstaunt dem Unternehmen zusah.

Heute mu ich bezahlen, sagte Rico, Ihr habt's gesagt.

Du gibst doch acht, wenn man dir etwas sagt, das ist etwas Gutes; aber
sein Geld legt man nicht nur so auf den Tisch, gib mir's einmal her.

Damit stand er auf und ging, sich nach der Bezahlung umzusehen. Als er
aber seinen dicken Lederbeutel hervorzog, der ganz voll solcher
Silberstcke war, denn er war auf einer Handelsreise begriffen, da
konnte er's nicht bers Herz bringen, des Bbleins einziges Stck
herzugeben, und er brachte es wieder zurck samt der Karte und sagte:

Da, du kannst's morgen noch besser brauchen; jetzt bist du noch bei mir
und wer wei, wie es dir nachher geht. Wenn du einmal da unten ankommst
und ich nicht mehr bei dir bin, findest du dann auch ein Haus, wo du
hinein mut?

Nein, ich wei kein Haus, antwortete Rico. Der Mann hatte ein groes
heimliches Erstaunen zu bewltigen, denn des Bbleins Geschichte kam ihm
sehr geheimnisvoll vor. Er lie aber nichts merken und fragte auch nicht
weiter; er dachte, da komme er doch nicht ins klare; der Kutscher msse
ihm dann einmal Aufschlu geben, der wisse wohl mehr von allem, als das
Bblein selbst. Mit diesem hatte er groes Mitleid, denn es mute nun
bald noch seinen Schutz verlieren.

Als das Schiff stillstand, nahm der Mann Rico an die Hand und sagte: So
verlier' ich dich nicht und du kommst besser nach, denn jetzt heit's
gut marschieren; die warten nicht.

Rico hatte zu tun, den guten Schritten nachzukommen. Er schaute weder
rechts noch links und auf einmal stand er vor einer langen Reihe ganz
sonderbarer Rollwagen. Da stieg er auf einem Treppchen hinein, dem
Begleiter nach, und nun fuhr Rico zum ersten Male in seinem Leben auf
einer Eisenbahn. Nachdem man so eine Stunde lang gefahren war, stand der
Schafhndler auf und sagte: Jetzt kommt's an mich, da sind wir in
Bergamo, und du bleibst ruhig sitzen, bis dich einer herausholt, denn
ich habe alles eingerichtet, dann steigst du aus und bist da.

Bin ich dann in Peschiera am Gardasee? fragte Rico. Das besttigte
sein Beschtzer. Nun bedankte sich Rico recht schn, denn er hatte wohl
verstanden, wie viele Guttaten ihm dieser Mann erwiesen hatte, und so
schieden sie und es tat jedem leid, da er vom anderen wegkam.

Rico sa nun ganz still in seiner Ecke und hatte Zeit zum Staunen, denn
es bekmmerte sich kein Mensch mehr um ihn. So mochte er wohl gegen drei
Stunden unbeweglich dagesessen haben, als der Zug wieder einmal anhielt,
wie schon mehrere Male.

Jetzt trat ein Wagenfhrer herein, nahm den Rico beim Arm und zog ihn in
Eile aus dem Wagen und die Treppe hinunter. Dann deutete er die Anhhe
hinab und sagte: Peschiera, und im Nu war er wieder im Wagen droben
und verschwunden, der Zug sauste weiter.




Dreizehntes Kapitel.

Am fernen, schnen See.


Rico entfernte sich einige Schritte von dem Gebude, wo der Zug
angehalten hatte, und schaute um sich, dieses weie Haus, der kahle
Platz davor, der schnurgerade Weg in der Ferne, alles kam ihm so fremd
vor, das hatte er in seinem Leben nie gesehen und er dachte bei sich:
Ich bin nicht am rechten Ort. Er ging traurig weiter, den Weg hinab,
zwischen den Bumen durch; nun machte der Weg eine Wendung, und Rico
stand da wie im Traum und rhrte sich nicht mehr. Vor ihm lag funkelnd
im hellen Sonnenschein der himmelblaue See mit den warmen, stillen
Ufern, und drben kamen die Berge gegeneinander, in der Mitte lag die
sonnige Bucht, und die freundlichen Huser daran schimmerten herber.
Das kannte Rico, das hatte er gesehen, da hatte er gestanden, gerade da,
diese Bume kannte er; wo war das Huschen? Da mute es stehen, ganz
nah; es war nicht da.

Aber da unten war die alte Strae, o, die kannte er so gut, und dort
schimmerten die groen, roten Blumen aus den grnen Blttern; da mute
auch eine schmale, steinerne Brcke sein, dort ber den Ausflu vom See,
dort war er so oft hinbergegangen; man konnte sie nicht sehen.

Pltzlich rannte Rico, von brennendem Verlangen getrieben, hinauf auf
die Strae und hinber, da war die kleine Brcke -- er wute alles --, da
war er darbergegangen und jemand hielt ihn an der Hand -- die Mutter.
Mit einem Male kam das Gesicht der Mutter ganz klar vor seine Augen, wie
er es nie mehr gesehen hatte, viele Jahre; da hatte sie neben ihm
gestanden und ihn angeschaut mit den liebevollen Augen, und den Rico
bernahm es, wie noch nie in seinem Leben.

Neben der kleinen Brcke warf er sich auf den Boden und weinte und
schluchzte laut: O, Mutter, wo bist du? Wo bin ich daheim, Mutter?

So lag er lange Zeit und mute sein groes Leid ausweinen, und es war,
als wollte sein Herz zerspringen und als sei es ein Ausbruch von allem
Weh, das ihn bisher stumm und starr gemacht, wo es ihn getroffen hatte.

Als sich Rico vom Boden erhob, war die Sonne schon weit unten und ein
goldener Abendschein lag auf dem See. Nun wurden die Berge violett, und
ein rosiger Duft lag rings ber den Ufern. So hatte Rico seinen See im
Sinne gehabt und im Traum gesehen, und noch viel schner war alles, nun
er es wieder mit seinen Augen sah. Rico dachte in einem fort, wie er so
dasa und schaute und nicht genug schauen konnte: Wenn ich doch das
alles dem Stineli zeigen knnte!

Nun war die Sonne untergegangen und das Licht erlosch ringsumher. Rico
stand auf und schritt der Strae zu, wo er die roten Blumen gesehen. Von
der Strae ging ein schmaler Weg dahin. Da standen sie, ein Busch am
anderen, es war aber wie ein Garten anzusehen; es war freilich nur ein
ganz offener Zaun darum herum, und im Garten waren Blumen und Bume und
Weinranken, alles durch- und ineinander zu sehen.

Da droben am Ende stand ein schmuckes Haus mit offener Tr, und im
Garten ging ein junger Bursche hin und her und schnitt da und dort groe
goldgelbe Trauben von den Reben und pfiff wohlgemut ein Lied dazu.

Rico schaute die Blumen an und dachte: Wenn Stineli diese sehen
knnte! und stand lange unbeweglich am Zaun.

Jetzt erblickte ihn der Bursche und rief ihm zu: Komm herein, Geiger,
und spiel ein schnes Liedchen, wenn du eins kannst.

Das rief ihm der Knabe italienisch zu, und dem Rico war es ganz
sonderbar dabei; er verstand, was er hrte, aber er htte nicht so
sprechen knnen. Er trat in den Garten ein, und der Bursche wollte mit
ihm reden; wie er aber sah, da Rico nicht antworten konnte, deutete er
auf die offene Tr und machte dem Rico verstndlich, da er dort spielen
solle.

Rico nherte sich der Tr, sie fhrte gleich in ein Zimmer hinein. Da
stand ein Bettchen darin und daneben sa eine Frau und machte etwas aus
roten Schnren. Rico stellte sich vor die Schwelle und fing an sein Lied
zu spielen und zu singen:

    Ihr Schflein hinunter.

Als er fertig war, erhob sich aus dem kleinen Bett ein bleicher Kopf von
einem Knaben, der rief heraus:

Spiel noch einmal!

Rico spielte eine andere Melodie.

Spiel noch einmal, tnte es wieder.

So ging es hintereinander fnf- bis sechsmal und immer wieder ertnte
aus dem Bett: Spiel noch einmal!

Nun wute Rico nichts mehr; er nahm seine Geige herunter und wollte
fortgehen. Da fing der Kleine an zu schreien: Bleib da, spiel wieder,
spiel noch einmal! Und die Frau war aufgestanden und kam zu Rico her.
Sie gab ihm etwas in die Hand, und Rico wute erst nicht, was sie
wollte; aber es kam ihm wieder in den Sinn, da Stineli gesagt hatte:
wenn er an einer Tr geige, so gben ihm die Leute etwas. Dann fragte
die Frau freundlich, woher er komme und wohin er gehe? Rico konnte nicht
antworten. Sie fragte, ob er mit seinen Eltern da sei? da nickte er
Nein; ob er allein sei? er nickte Ja; wohin er jetzt gehen wolle so am
Abend? Rico schttelte unsicher den Kopf. Da kam die Frau ein Mitleid an
mit dem kleinen Fremden und sie rief den Burschen herbei und befahl ihm,
er solle mit dem Knaben nach dem Wirtshaus zur Goldenen Sonne gehen,
da verstehe der Wirt vielleicht die Sprache des kleinen Musikanten, denn
er sei lange fort gewesen. Dem solle er sagen, er solle den Knaben ber
Nacht behalten auf ihre Rechnung und ihn auch morgen auf den rechten Weg
stellen, wohin er msse, er sei ja noch so jung -- nur ein paar Jahre
lter als der meinige, setzte sie mitleidsvoll hinzu --, und er solle
ihm auch etwas zu essen geben.

Der Kleine aus dem Bett schrie wieder: Er mu noch einmal spielen, und
lie nicht ab, bis die Mutter sagte: Er kommt ja morgen wieder, jetzt
mu er aber schlafen und du auch.

Der Bursche ging nun dem Rico voran, und dieser wute nun wohl, wohin er
komme, er hatte die Worte der Frau verstanden.

Es war gute zehn Minuten bis zum Stdtchen hin. Da mitten in einem
Gchen trat der Bursche in ein Haus und unmittelbar in eine groe
Wirtsstube ein, die war dick voller Tabaksrauch und eine Menge Mnner
saen an den Tischen herum.

Der Bursche richtete seinen Auftrag aus, und der Wirt sagte: Es ist
gut, und die Wirtin kam auch gleich herbei und beide sahen sich den
Rico von oben bis unten an. Wie aber die Gste, die am nchsten Tische
saen, die Geige sahen, riefen gleich mehrere von ihnen: Da gibt's
Musik, und einer rief: Spiel auf, Kleiner, gleich, lustig! Und sie
riefen alle so durcheinander, da der Wirt kaum fragen konnte, was der
Rico fr eine Sprache rede und woher er komme. Rico antwortete nun in
seiner Sprache, da er ber den Maloja heruntergekommen sei, und da er
alles verstehe, was sie hier sagen, aber nicht so reden knne. Der Wirt
verstand ihn und sagte, er sei auch schon da droben gewesen und sie
wollten noch miteinander reden, aber jetzt solle er etwas geigen, denn
die Gste riefen noch immerfort, sie wollten Musik haben.

Da fing Rico gehorsam an zu spielen, und zwar wie immer mit seinem
Liede, und sang dazu. Aber von den Gsten verstand keiner ein Wort von
dem Gesang, und die Melodie kam den Zuhrern wohl ein wenig einfach vor.
Die einen fingen an zu schwatzen und zu lrmen, die anderen riefen, sie
wollten etwas anderes, einen Tanz oder etwas Schnes.

Rico sang unentwegt sein Lied zu Ende, denn wenn er es einmal angefangen
hatte, dann sang er es durch. Wie er nun fertig war, besann er sich:
einen Tanz konnte er nicht spielen, er kannte keinen; das Lied von der
Gromutter ging noch langsamer, und sie konnten wieder nichts verstehen;
jetzt kam ihm in den Sinn und er stimmte an:

    #Una sera
    In Peschiera --#

Kaum waren die ersten melodischen Tne dieses Liedes erklungen, so
entstand eine vllige Stille, und mit einem Male ertnten von da und
dort und von allen Tischen her die Stimmen, und es wurde ein Chor, so
schn wie Rico nie einen gehrt hatte, da er ganz in Begeisterung kam
und immer feuriger spielte, und die Mnner alle sangen immer eifriger,
und war ein Vers zu Ende, so fing Rico gleich mit festem Zuge den neuen
an, denn er wute noch wohl von dem Vater her, wo es aufhrte. Und wie
nun der Schlu kam, da brach aber nach dem schnen Gesang ein solcher
Lrm los, wie Rico noch keinen gehrt hatte. Alle die Menschen riefen
und schrieen durcheinander und schlugen vor Freuden die Fuste auf den
Tisch, und dann kamen sie alle mit ihren Glsern auf den Rico los, und
aus jedem sollte er trinken, und zwei schttelten ihm die Hnde und
einer die Schultern, und alle miteinander schrieen ihn an und machten
vor lauter Freudenspektakel dem Rico angst und bange, da er immer
blsser wurde. Er hatte aber ihr eigenes Peschiera-Lied gespielt, das
nur ihnen gehrte und das nie ein Fremder lernen konnte, und er hatte es
fest und rein gespielt, als wre er einer von Peschiera; das konnten die
lebhaft empfindenden Peschierianer gar nicht genug aussprechen und sich
freuen ber den Wundergeiger und Brderschaft mit ihm trinken.

Nun aber kam die Wirtin dazwischen mit einem Teller voll Reis und einem
groen Stck Huhn oben darauf; sie winkte dem Rico und sagte es den
Leuten, sie sollten ihn in Ruh' lassen, er msse nun essen, er sei ja
kreidewei vor Anstrengung. Dann stellte sie seinen Teller auf einen
kleinen Tisch in der Ecke und setzte sich zu ihm und ermunterte ihn,
brav zu essen, das knne einem so mageren Brschchen nur gut tun.

Rico fand auch sein Nachtessen vortrefflich, denn seit dem Kaffee am
frhen Morgen hatte er keinen Bissen mehr gesehen, und zu dem Fasten
hatte er so viel erlebt heute!

Sobald er auch seinen Teller leer hatte, fielen ihm die Augen zu vor
Mdigkeit. Der Wirt war auch an den Tisch getreten und lobte den Rico
fr sein Spiel und fragte ihn, wem er angehre und wohin er wolle. Rico
sagte, indem er seine Augen mit Mhe offen hielt, er gehre niemandem,
und er wolle nirgendshin.

Da ermunterte ihn der Wirt freundlich, er solle nur ohne Kummer schlafen
gehen, morgen knne er dann die Frau Menotti wieder besuchen, die ihn
hierher geschickt habe; die sei eine gar gute Frau und knne ihn
vielleicht als Knechtlein gebrauchen, wenn er nicht wisse, wohin.

Aber die Wirtin ri den Mann immer noch am rmel, so als ob er nicht
sagen sollte, was er sagte; er redete aber doch fertig, denn er begriff
nicht, was sie wollte.

Nun fingen die Mnner an den Tischen wieder zu lrmen an, sie wollten
noch einmal ihr Lied gespielt haben. Da rief aber die Wirtin: Nein,
nein, am Sonntag dann wieder; er fllt ja um vor Mdigkeit. Damit nahm
sie den Rico an der Hand und fhrte ihn hinauf in eine groe Kammer, da
hing das Rogeschirr an der Wand, und in der einen Ecke war Korn
aufgeschttet, und in der anderen stand sein Bett. In wenigen Minuten
lag Rico darin und schlief tief und fest.

Spter, als in dem Hause alles still geworden war, da sa der Wirt noch
an dem Tischchen, wo Rico gesessen, und die Frau stand vor ihm -- denn
sie war noch am Aufrumen -- und sagte mit Eifer: Den mut du der Frau
Menotti nicht wieder zuschicken; ein solches Brschchen kann ich gerade
gebrauchen zu allerhand Geschften, und hast du denn nicht bemerkt, wie
er geigen kann? Sie wurden ja alle wie wild davon. Gib acht, das gibt
einen Geiger ab, wie keiner ist von unseren dreien, und Tnze spielen
lernt der schon, dann hast du ihn fr nichts an allen Tanztagen und
kannst ihn noch ausleihen. Den mut du gar nicht mehr aus der Hand
lassen, er sieht manierlich aus und gefllt mir; den behalten wir.

Es ist mir auch recht, sagte der Wirt und sah ein, da seine Frau
etwas Vorteilhaftes ausgedacht hatte.




Vierzehntes Kapitel.

Neue Freundschaft und die alte nicht vergessen.


Am Morgen darauf stand die Wirtin unter der Haustr und hielt ihre
Umschau ber das Wetter und was sich etwa ber Nacht ereignet habe. Da
kam der Bursche der Frau Menotti dahergegangen; der war zugleich Herr
und Knecht auf dem schnen, fruchtreichen Gute der Frau, denn er
verstand die Garten- und Feldarbeit und regierte und besorgte alles
selbst und hatte es gut. Darum pfiff er auch fortwhrend.

Als er nun vor der Wirtin stand, stellte er das Pfeifen ein wenig ein
und sagte: wenn der junge Musikant von gestern Abend noch nicht weiter
sei, so solle er zur Frau Menotti herberkommen, das Bblein wolle ihn
noch einmal geigen hren.

Ja, ja, wenn es der Frau Menotti nur nicht zu stark pressiert, sagte
die Wirtin, indem sie beide Arme in die Seite stemmte, zum Zeichen, da
sie nicht in der Eile sei. Vorderhand liegt der Musikant oben in seinem
guten Bett und schlft noch tapfer, und ich gnne ihm seinen Schlaf. Der
Frau Menotti knnt Ihr sagen, ich wolle ihn einmal vorbeischicken, denn
er gehe nicht weiter, sondern ich habe ihn auf- und angenommen fr gut;
denn er ist ein verlassenes Waisenkind, das nicht wute, wohin, und nun
ist er wohl versorgt, setzte sie mit Nachdruck hinzu.

Der Bursche ging mit seinem Auftrag.

Die Wirtin lie den Rico ganz fertig schlafen, denn sie war eine
gutmtige Frau, nur dachte sie zuerst an den eigenen Profit und dann
nachher an den der anderen. Als Rico endlich von selbst erwachte, hatte
er alle Mdigkeit ausgeschlafen und kam ganz frisch die Treppe herunter.
Da winkte ihm die Wirtin in die Kche hinein und stellte ein groes
Becken voll Kaffee vor ihn auf den Tisch und legte einen schnen, gelben
Maiskuchen daneben. Dann sagte sie:

So kannst du's alle Tage haben, wenn du willst, und am Mittag und Abend
noch viel besser, denn da kocht man fr die Gste und da bleibt immer
etwas brig. Dann kannst du fr mich auslaufen und daneben geigen,
wenn's ntig ist, und kannst bei uns daheim sein, und hast deine eigene
Kammer und mut nicht mehr in der Welt herumziehen. Jetzt kannst du nur
sagen, ob du willst.

Da antwortete Rico zufrieden: Ja, ich will, denn so viel konnte er
ganz gut in der Wirtin Sprache sagen.

Nun ging sie gleich mit ihm durch das ganze Haus und durch die Scheune
und den Stall und in den Krautgarten und zum Hhnerhof, und von all den
Pltzen aus erklrte sie ihm die Umgebung und die Richtung, wo es zum
Krmer ging und zum Schuhmacher und noch zu mehreren anderen wichtigen
Leuten. Rico gab genau acht, und um ihn zu prfen, schickte die Wirtin
ihn gleich an drei oder vier Orte, allerhand Sachen zu holen, wie l,
Seife und Faden und einen geflickten Stiefel, denn sie hatte bemerkt,
da Rico einzelne Worte ganz gut sagen konnte.

Rico besorgte alles richtig, das gefiel der Wirtin wohl und gegen Abend
sagte sie: Nun kannst du mit der Geige zur Frau Menotti gehen und dort
bleiben, bis es Nacht wird.

Darber freute sich Rico sehr, denn da kam er an dem See vorbei und
nachher zu den schnen Blumen.

Am See angekommen, lief er nach der kleinen Brcke und sa ein wenig
nieder, denn da lag wieder alle die Schnheit vor ihm, das Wasser und
die Berge im goldenen Duft, und er konnte fast nicht mehr weg.

Aber er tat es doch, denn er wute, da er nun tun mute, was ihn die
Wirtin hie, weil er dafr bei ihr wohnen durfte.

Als er in den Garten trat, hrte ihn schon das Bblein -- denn die Tr
stand immer offen -- und es rief: Komm und spiel wieder!

Die Frau Menotti kam heraus und gab dem Rico freundlich die Hand und zog
ihn in das Zimmer hinein. Es war eine groe Stube, und man sah durch die
breite Tr schn in den Garten und auf die Blumen hinaus. Das kleine
Bett des kranken Bbleins stand gerade der Tr gegenber und daneben
standen nur Tische und Sthle und schne Kasten im Zimmer, aber kein
Bett mehr, denn des Nachts wurde das kleine Bett ins Nebenzimmer
gebracht, wo auch dasjenige der Mutter stand; und am Morgen trug man das
Bettchen mit dem Insassen wieder in die schne, frohe Stube hinaus, wo
jeden Morgen die Sonne einen glnzenden Streifen ber den ganzen
Fuboden hinwarf und das Herz des Bbleins frhlich machte. Neben dem
Bettchen standen zwei kleine Krcken, und von Zeit zu Zeit nahm die
Mutter den Kleinen aus seinem Bett und leitete ihn auf den Krcken ein
paarmal die Stube auf und nieder, denn er konnte weder gehen noch
stehen; seine Beinchen waren vllig lahm, er hatte sie nie gebrauchen
knnen.

Als Rico in die Tr trat, schnellte sich das Bblein empor an einer
langen Schnur, die von der Decke bis auf sein Bett herunterhing, denn es
konnte nicht aus eigener Kraft aufsitzen. Rico trat herzu und schaute
das Bblein schweigend an. Es hatte ganz dnne rmchen und kleine magere
Finger und ein so kleines Gesicht, wie Rico nie an einem Buben gesehen
hatte, und aus dem Gesichtchen heraus schauten zwei groe Augen den Rico
ganz durchdringend an, denn das Bblein, das wenig Neues vor Augen sah
und nach viel neuen und nie gesehenen Dingen drstete, schaute alles
ganz scharf an, das auf seinen einsamen Weg kam.

Wie heiest du? fragte das Bblein jetzt.

Rico, war die Antwort.

Und ich Silvio. Wie alt bist du? fragte es weiter.

Bald elf Jahre alt.

Und ich auch bald, sagte das Bblein.

Ach, Silvio, was du sagst, fiel die Mutter ein; noch nicht vllig
vier bist du, so schnell geht's nicht.

Spiel wieder! sagte nun der kleine Silvio.

Die Mutter setzte sich an ihren Platz neben dem Bettchen, und Rico
stellte sich etwas weiter unten hin und fing an zu geigen. Silvio
konnte es nicht genug bekommen; sobald der Rico ein Stck fertig hatte,
so ertnte sein: Spiel wieder!

So hatte Rico alle seine Stcke wohl sechsmal durchgespielt; da ging die
Mutter weg und kam wieder mit einem Teller voll von den goldgelben
Trauben und sagte, nun msse Rico ausruhen und sich auf den Stuhl setzen
an das Bett und Trauben essen mit dem Silvio.

Dann ging sie ein wenig in den Garten hinaus und sah ihren Sachen nach
und war froh darber, denn sie konnte fast gar nie von dem Bette des
Kleinen weggehen, er litt es nicht und schrie dann immer jmmerlich; so
war es eine rechte Wohltat fr die Frau, da sie einmal hinausgehen
konnte.

Unterdessen verstanden sich die beiden drinnen vortrefflich, denn auf
Silvios Fragen konnte Rico ganz gut antworten; auch konnte er sich
leicht verstndlich machen, wo er etwa nicht gleich das rechte Wort
wute, und die Unterhaltung war dem Silvio sehr kurzweilig. Die Mutter
konnte auch die Blumenbeete und die Weinreben und die schnen
Feigenbume im Acker und ringsum alles ansehen, ohne da der Silvio ein
einziges Mal gerufen htte.

Aber als sie nun hereinkam und es bald zu dmmern anfing und Rico
aufstand, um fortzugehen, da schlug der Silvio einen groen Lrm an und
hielt den Rico fest am Wmschen mit beiden Hnden und wollte ihn nicht
loslassen, wenn er nicht gleich verspreche, er komme morgen wieder und
alle Tage. Aber die Frau Menotti war eine vorsichtige Frau; sie hatte
den Bericht der Wirtin auch ziemlich verstanden und beschwichtigte nun
den Silvio und versprach ihm, gleich in den ersten Tagen zu der Wirtin
zu gehen und mit ihr zu sprechen, denn der Rico knne nichts
versprechen so von sich aus, er msse folgen.

Endlich lie der Kleine das Wmschen los und gab Rico die Hand, und
dieser ging ungern aus der Stube weg. Er wre lieber dageblieben, wo es
so still war und alles so gut aussah und Silvio und die Mutter so
freundlich mit ihm waren. --

Es vergingen wenige Tage, da trat eines Abends die Frau Menotti ganz
aufgeputzt in die Goldene Sonne ein, und die Wirtin lief ihr entgegen
und fhrte sie in den oberen Saal hinauf. Da fragte denn Frau Menotti
ganz hflich, ob es der Frau Wirtin nicht ungelegen wre, ihr fr ein
paar Abende der Woche den Rico zu berlassen; er unterhalte ihr das
kranke Bblein so gut und sie wollte gern erkenntlich sein dafr in
jeder gewnschten Weise.

Es schmeichelte der Wirtin, da die wohlangesehene Frau Menotti sie so
um einen Dienst zu bitten kam, und es wurde gleich festgesetzt, da Rico
an jedem freien Abend kommen wrde, und Frau Menotti bernahm dagegen,
fr Ricos Bekleidung zu sorgen, so da die Wirtin beraus befriedigt war
mit der Einrichtung; denn nun hatte sie keinen Heller fr den Knaben
auszugeben und den reinen Gewinn von ihm. So schieden die Frauen beide
in der grten Zufriedenheit voneinander. --

So vergingen fr Rico die Tage. In kurzer Zeit sprach er so gelufig
italienisch, als htte er es immer gekonnt. Und einmal hatte er es auch
gekonnt; so fiel ihm eins nach dem anderen ohne Mhe wieder ein, und er
hatte ein gutes Ohr und sprach wie ein vlliger Italiener, so da sich
alle Leute darber verwundern muten. Die Wirtin konnte ihn so gut
brauchen, wie sie nicht einmal erwartet hatte, denn seine Geschfte
machte er so sauber und ordentlich, wie sie selbst manches nicht machen
konnte, denn sie hatte die Geduld nicht, und wenn etwas mute
aufgerstet werden zu einem Fest, etwa zu einer Hochzeit, so mute es
Rico tun, denn er wute, was schn war, und konnte es machen. Wenn er
seine Auftrge ausrichten mute, so war er wieder da, ehe die Wirtin nur
denken konnte, er sei am Ort angekommen, denn er brauchte keine Zeit zur
Unterhaltung. Wenn jemand ihn ausfragen wollte, so kehrte er sich auf
der Stelle um und ging davon. Das gefiel der Wirtin besonders, als sie
es bemerkte, und es flte ihr einen solchen Respekt ein vor dem Jungen,
da sie ihn selbst nicht ausfragte, und so kam es, da eigentlich
niemand wute, wie er nach Peschiera gekommen war; aber es hatte sich
eine Geschichte verbreitet, die nahm jedermann an, da er als ein
verlassenes Waisenkind da droben in den Bergen schlecht gehalten und bs
behandelt worden, da sei er entlaufen und habe viele Gefahren bestanden
auf der langen Reise und sei endlich hier angekommen, wo die Leute nicht
so roh seien wie in den Bergen, und hier sei er gern. Und wenn die
Wirtin die Geschichte erzhlte, so ermangelte sie nicht, hinzuzusetzen:
er verdiene es auch, da es ihm so gut gegangen sei und er den Schutz
unter ihrem Dache gefunden habe.

Als der erste Tanzsonntag kam, da versammelten sich in der Goldenen
Sonne so erstaunlich viele Leute, da man gar nicht wute, wo sie alle
untergebracht werden knnten, denn jeder wollte den kleinen fremden
Musikanten sehen und hren, und diejenigen, die ihn schon gehrt hatten
am ersten Abend, kamen zuallererst und wollten mit ihrem Lied beginnen.

Die Wirtin lief hin und her im Feuer der Arbeit und glnzte, als wre
sie selbst zur Goldenen Sonne geworden, und wenn sie auf ihren Mann
traf, so sagte sie jedesmal siegreich: Hab' ich's nicht gesagt?

Rico hrte erst einen Tanz an von den drei Geigern, die gekommen waren,
und die Melodien fielen ihm so ins Ohr und in die Finger, da er gleich
nachher mitspielen konnte, und nun wute er den Tanz fr immer. So kam
es, da er am spten Abend, als man aufhrte zu tanzen, alle Tnze
mitspielen konnte, die berhaupt gespielt wurden, denn jeden hatte man
zu fteren Malen durchgenommen.

Am Ende mute auch noch das Peschiera-Lied gesungen werden, von Rico
begleitet, und war schon den ganzen Abend ein Lrm gewesen, so kamen nun
die Gemter erst noch recht ins Feuer und es ging zu, da Rico ein
paarmal dachte: jetzt fahren sie aufeinander und schlagen sich alle tot.
Aber es war alles in Freundschaft gemeint. Und ihm selbst wurde eine so
ohrenzerreiende Anerkennung gespendet, da er nur immer dachte: wenn's
doch bald fertig wre, denn nichts war dem Rico so tief zuwider, wie ein
groer Lrm.

Am Abend sagte die Wirtin zu ihrem Manne: Hast's gesehen? Schon das
nchste Mal brauchen wir nur noch zwei Geiger.

Und der Mann war sehr zufrieden und sagte: Man mu dem Buben etwas
geben.

Zwei Tage nachher war Tanz droben in Desenzano, und Rico wurde auch mit
den Geigern hingeschickt; jetzt konnte man ihn schon ausleihen. Es war
da derselbe Lrm und Spektakel, und wenn auch das Peschiera-Lied nicht
mute gesungen werden, so ging es nun ber anderen Dingen ganz gleich
laut zu, und Rico dachte von Anfang bis zu Ende: Wenn's nur fertig
wre!

Er brachte eine ganze Tasche voll Geld heim; das lie er alles ungezhlt
auf den Tisch hinausrollen, als er zurckkam, denn es gehrte der
Wirtin, und sie lobte ihn und stellte ein schnes Stck Apfelkuchen vor
ihn hin. Am Sonntag nachher war schon wieder Tanz drben in Riva, und
diesmal freute sich Rico, denn Riva war jener Ort drben ber dem See,
wo dieser von Peschiera aus anzusehen war wie eine sonnige Bucht, um die
herum die freundlichen weien Huser lagen und herberschimmerten.

Da fuhren die Musikanten zusammen am Nachmittag ber den goldenen See im
offenen Kahn unter dem blauen Himmel hin, und Rico dachte: Wenn ich so
mit dem Stineli hinberfahren knnte! Wie mte es staunen ber den See,
an den es nicht glauben wollte!

Aber drben ging derselbe Lrm los und Rico wnschte wieder
fortzukommen, denn von drben herber Riva anzusehen im stillen
Abendschein, war so viel schner, als hier mittendrin im Tumult zu
sitzen.

Wenn aber keine Tanztage waren, da konnte Rico jeden Abend zu dem
kleinen Silvio gehen und lange da bleiben, denn die Wirtin wollte sich
der Frau Menotti dienstbar erzeigen. Da ging Rico gern hin, das war
seine Freude. Kam er am See vorbei, so ging er gegen die schmale
Steinbrcke hin und setzte sich eine Weile auf den Boden; denn dies war
der einzige Ort, wo er das Gefhl hatte, er sei vielleicht daheim. Da
kam ihm am allerlebendigsten alles vor die Augen, wie es war, da er noch
daheim war. Denn was er vor sich sah, hatte er damals so gesehen, und
hier sah er auch am deutlichsten die Mutter vor sich. Dort hatte sie am
See gestanden und etwas ausgewaschen, und von Zeit zu Zeit sah sie ihn
an und sagte ihm liebevolle Worte, und er sa auf demselben Pltzchen,
wo er jetzt sa. Das alles wute er so genau. Da ging er immer mit Zwang
weg, aber er wute, da Silvio nach ihm lauschte. Wenn er dann durch den
Garten kam, so wurde es ihm auch wieder wohl und er trat gern in das
stille, saubere Haus. Frau Menotti war in einer Weise freundlich mit
ihm, wie sonst niemand, das fhlte er wohl; sie hatte ein groes Mitleid
mit dem verlassenen Waislein, wie sie ihn nannte, sie hatte die
Geschichte auch gehrt von seinem Entfliehen. Sie fragte den Rico nie
etwas von seinem Leben in den Bergen, denn sie dachte, es wecke ihm nur
traurige Erinnerungen. Sie fhlte auch, da der Rico nicht die Pflege
hatte, die ein Bblein von seinem Alter und von so stiller Art bedurft
htte; aber sie konnte nichts machen, als ihn bei sich haben, soviel es
anging. Sie legte ihm aber manchmal die Hand auf den Kopf und sagte
mitleidig: Du armes Waislein!

Dem kleinen Silvio wurde der Rico tglich unentbehrlicher; schon am
Morgen fing er an zu jammern und nach dem Rico zu begehren, und wenn
seine Schmerzen da waren, so schrie er noch mehr und wollte sich nicht
mehr beruhigen, wenn der Rico nicht kommen konnte. Denn seit der Rico so
flieend sprechen konnte, hatte Silvio eine neue unversiegende Quelle
der Kurzweil bei ihm gefunden; das war sein Erzhlen.

Rico hatte angefangen, dem Silvio vom Stineli zu erzhlen, und da ihm
selbst dabei so wohl wurde und sein ganzes Herz aufging, so wurde er
dabei so lebendig und so unterhaltend, da er nicht mehr zu kennen war.
Er wute hundert Geschichten zu erzhlen, wie das Stineli einmal den
Sami gerade noch am Bein erwischte, als er ins Wasserloch fallen wollte,
und nun immerzu aus aller Kraft am Bein ziehen und dazu oben hinaus
schreien mute, whrend der Sami unten durch schrie, bis der Vater ganz
langsam herbeikam, denn er nahm immer an, Kinder schrieen von Natur und
ohne Not. -- Und wie es dem Peterli Figuren ausschnitt und dem Urschli
Hausgert machte aus allen Stoffen, von Holz und Moos und Grashalmen.
Und wie alle Kinder nach dem Stineli schrieen, wenn sie krank waren,
weil sie dann vergaen, was ihnen weh tat, wenn es sie verkurzweilte.
Und dann erzhlte Rico, wie er mit dem Stineli auszog, und wie es dann
schn war, und seine Augen leuchteten dann so zndend und der ganze Rico
wurde so erstaunlich belebt, da der kleine Silvio ganz ins Feuer kam
und immer mehr hren wollte. Und wenn Rico einmal stille hielt, so rief
er gleich: Erzhl wieder vom Stineli! Eines Abends aber kam Silvio in
die alleruerste Aufregung, als Rico fortgehen wollte und dazu sagte,
morgen und am Sonntag drfe er nicht kommen.

Silvio schrie nach der Mutter, als wre das Haus in Flammen und er lge
mitten drin, und als sie im hchsten Schrecken aus dem Garten
hereingestrzt kam, rief er immer zu: Der Rico darf nie mehr ins
Wirtshaus, er mu dableiben. Er mu immer da sein. Du mut dableiben,
Rico, du mut, du mut!

Da sagte Rico: Ich wollte schon, aber ich mu doch gehen.

Die Frau Menotti war in groer Verlegenheit; sie wute wohl, was der
Rico den Wirtsleuten wert war, und da sie ihn nicht bekme, unter
keiner Bedingung. So beschwichtigte sie den Silvio, wie sie nur konnte,
und den Rico zog sie an sich und sagte voller Mitleid: Ach du armes
Waislein!

Da schrie Silvio in seinem Zorn: Was ist ein Waislein? Ich will auch
ein Waislein sein!

Nun kam auch die Frau Menotti in Aufruhr und rief: Ach Silvio, willst
du dich noch versndigen? Sieh, ein Waislein ist ein armes Kind, da
keinen Vater und keine Mutter hat und gar nirgends auf der Welt daheim
ist.

Rico hatte seine dunkeln Augen auf die Frau geheftet, sie sahen immer
schwrzer aus, sie bemerkte es aber nicht. Sie hatte gar nicht mehr an
den Rico gedacht, als sie Silvio in der Aufregung die Erklrung gab.
Rico schlich leise zur Tr hinaus und fort. Frau Menotti dachte, er sei
so leise fortgegangen, damit der Kleine nicht noch einmal aufgebracht
werde, und es war ihr recht. Sie setzte sich nun an das Bettchen und
sagte: Hr, Silvio, ich will dir's erklren und dann mut du diesen
Lrm nicht mehr machen. Siehst du, die Buben kann man einander nicht nur
so wegnehmen, denn wenn ich der Wirtin nun den Rico nehmen wollte, so
knnte sie kommen und mir den Silvio nehmen. Dann knntest du den Garten
und die Blumen nie mehr sehen und mtest allein in der Kammer schlafen,
wo das Rogeschirr hngt und wo der Rico so ungern hineingeht; er hat
dir's ja schon manchmal erzhlt. Was wolltest du dann machen?

Wieder heimgehen, sagte der Kleine entschlossen. Er blieb aber nunmehr
still und legte sich aufs Ohr.

Rico ging durch den Garten und ber die Strae weg hinab an den See. Da
setzte er sich auf sein Pltzchen nieder und legte seinen Kopf in beide
Hnde und sagte in trostlosem Ton: Jetzt wei ich's, Mutter; auf der
ganzen Welt bin ich nirgends daheim, gar nirgends!

Und so sa er bis in die Nacht hinein in seiner groen Traurigkeit und
wre am liebsten nicht mehr aufgestanden, aber in seine Kammer mute er
endlich doch wieder zurckkehren.




Fnfzehntes Kapitel.

Silvio wnscht mit Nachdruck.


In dem kleinen Silvio arbeitete aber die Aufregung weiter, und als er
nun wute, da der Rico zwei Tage hintereinander keinen Augenblick
kommen wrde, fing er schon am frhen Morgen an mit Grimm auszurufen:
Nun kommt der Rico nicht! Nun kommt der Rico nicht! und fuhr mit
kleinen Zwischenpausen so fort bis zum Abend, und am folgenden Tag fing
er wieder an beizeiten. Am dritten Tage aber hatte ihn diese Ttigkeit
so ausgetrocknet, da er war wie ein Huflein Stroh, das ein kleiner
Funke gleich in helle Flammen bringen kann.

Rico erschien am Abend noch ganz angewidert von dem Tanzlrm, bei dem er
gewesen war. Seit er nun wute, da er nirgends daheim war, hatte der
Gedanke an das Stineli eine neue Gewalt bekommen, und er sagte bei sich:
Da ist nur das Stineli auf der ganzen Welt, zu dem ich gehre und das
sich um mich bekmmert. Und es kam ein groes Heimweh nach dem Stineli
ber ihn. Er sa auch kaum an Silvios Bett, so sagte er: Siehst du,
Silvio, nur einzig beim Stineli ist es einem wohl und sonst gar
nirgends. Kaum waren diese Worte ausgesprochen, so schnellte sich der
Kleine augenblicklich in die Hhe und rief mit aller Kraft: Mutter, ich
will das Stineli haben. Das Stineli mu kommen; einzig nur beim Stineli
ist es einem wohl und sonst gar nirgends!

Die Mutter war herzugetreten, und da sie oft Ricos Erzhlungen vom
Stineli und seinen kleinen Geschwistern mit vieler Befriedigung zugehrt
hatte, wute sie schon, von wem die Rede war, und sagte: Ja, ja, mir
wr' es schon recht, ich knnte ein Stineli schon brauchen fr dich und
mich; wenn ich nur eins htte!

Aber auf diese unbestimmte Auslassung ging Silvio gar nicht ein, denn er
war vllig Feuer und Flamme fr seine Sache.

Jetzt kannst du gleich eins haben, rief er weiter; der Rico wei, wo
es ist, er mu es holen; ich will das Stineli haben alle Tage und
immerfort; morgen mu es der Rico holen, er wei, wo es ist.

Wie nun die Mutter sah, da der Kleine sich alles ausdachte und ganzen
Ernst aus der Sache machen wollte, fing sie an, ihn auf alle Weise
abzumahnen und auf andere Gedanken zu bringen, denn sie hatte mehrmals
erzhlen hren, was fr unglaubliche Gefahren der Rico auf seiner Reise
zu bestehen hatte, und wie es das grte Wunder sei, da er lebendig
habe bis nach Peschiera herunterkommen knnen, und was fr ein
schreckhaft wildes Volk dort oben in den Bergen lebe. So wute sie ja,
da kein Mensch so ein Mdchen herunterholen wrde, am wenigsten ein
zartes Brschlein wie Rico; er konnte ja ganz elend zugrunde gehen,
wenn er so etwas beginnen wrde, und dann htte sie die Verantwortung
auf sich. Das wollte sie nicht auch noch, sie hatte schon genug.

Sie stellte dem Silvio die ganze Unmglichkeit der Sache vor und sprach
ihm von vielen schreckhaften Ereignissen und bsen Menschen, die den
Rico verfolgen und umbringen knnten. Aber diesmal half alles nichts.
Der kleine Silvio mute sich die Sache in den Kopf gesetzt haben, wie
noch nichts in seinem Leben; denn was die Mutter auch vorbrachte und wie
sehr sie in Eifer geriet vor Besorgnis, sobald sie innehielt, sagte
Silvio: Der Rico mu es holen, er wei, wo es ist.

Da sagte die Mutter: Und wenn er's auch wei, meinst du denn, der Rico
wolle so in die Gefahr und ins Gottversuchen hinauslaufen, wenn er es
haben kann wie hier und gar zu keinen bsen Menschen mehr gehen mu?

Da sah Silvio den Rico an und sagte: Du willst schon gehen und das
Stineli holen, Rico, oder nicht?

Ja, ich will, antwortete Rico fest.

Ach, ihr barmherzigen Heiligen, was soll das werden, jetzt wird mir der
Rico auch noch unvernnftig! rief die Mutter ganz erschrocken. So wei
man sich ja gar nicht mehr zu helfen. Nimm die Geige, Rico, und spiel
und sing etwas, ich mu in den Garten, und damit lief Frau Menotti
eilends unter die Feigenbume hinaus, denn sie nahm an, der Silvio
vergesse am schnellsten seinen Einfall wieder, wenn er nicht mehr an ihr
zwingen knne.

Aber die beiden guten Freunde drinnen spielten nicht und sangen nicht,
sondern brachten sich gegenseitig ganz ins Fieber mit allerhand
Vorstellungen, wie das Stineli geholt werden msse und wie es dann
nachher zugehen werde, wenn es da sei. Rico verga gnzlich,
fortzugehen, obschon es dunkel geworden war, denn die Frau Menotti kam
absichtlich noch nicht herein, sie hoffte, der Silvio entschlafe dann
vorher. Endlich trat sie aber doch ein und Rico ging gleich, aber mit
Silvio hatte sie noch einen schweren Stand. Er wollte durchaus nicht die
Augen zumachen, bis die Mutter versprechen wrde, der Rico msse das
Stineli holen; das konnte sie aber nicht versprechen, und so kam Silvio
zu keiner Ruhe, bis die Mutter sagte: Sei nun zufrieden, ber Nacht
kommt dann alles in Ordnung. Denn sie dachte, ber Nacht vergesse er
sein Begehren, wie schon viele, und es komme ihm etwas Neues in den
Sinn.

Da wurde Silvio still und schlief ein. Aber die Mutter hatte sich
verrechnet. Noch war sie am Morgen kaum recht erwacht, so rief Silvio
aus seinem Bettchen herauf: Ist alles in Ordnung, Mutter?

Als sie dies unmglich bejahen konnte, ging ein solcher Sturm los, wie
sie desgleichen an dem Bblein noch nie erlebt hatte, und den ganzen Tag
ging das Unwetter fort bis zum spten Abend, und am Morgen darauf fing
Silvio gerade so wieder an, wie er am Abend aufgehrt hatte.

Eine solche Beharrlichkeit auf demselben Begehren hatte Silvio noch nie
an den Tag gelegt. Wenn er schrie und lrmte, konnte sie's noch
ertragen; aber wenn nun die Stunden der groen Schmerzen kamen, da
wimmerte Silvio fortwhrend in der klglichsten Weise: Nur beim Stineli
ist es einem wohl und sonst gar nirgends!

Das schnitt der Mutter ins Herz und war ihr wie ein Vorwurf, so als
wollte sie nicht tun, was ihm wohlmachen knnte; aber wie htte sie auch
nur daran denken knnen, sie hatte ja den Rico selbst auf Silvios
Frage: Weit du auch den rechten Weg zum Stineli? antworten hren:
Nein, ich wei keinen Weg, aber ich finde ihn dann schon.

Von Tag zu Tag hoffte sie, durch einen glcklichen Umstand komme dem
Silvio eine neue Forderung in den Sinn, denn so war es sonst immer
gewesen; sie konnte darauf rechnen: hatte er etwas begehrt, wenn ihm
wohl war, so verwarf er es sicher, sobald seine Schmerzen kamen. Aber
diesmal war es anders, und es hatte seinen guten Grund. Ricos
Erzhlungen und Aussprche ber das Stineli hatten in dem empfindlichen
Gemte des kranken Silvio die feste berzeugung hervorgebracht, da ihm
nie mehr etwas weh tun wrde, wenn das Stineli bei ihm wre. So
gebrdete sich Silvio jammervoller von Tag zu Tag, und seine Mutter
wute nicht, wo sie Rat und Beistand finden knnte.




Sechzehntes Kapitel.

Ein Rat zur Freude fr viele.


In diesem Zustande der Unruhe war es fr die Frau Menotti ein rechter
Trost, als sie einmal wieder nach langer Zeit den wohlmeinenden alten
Herrn Pfarrer im langen schwarzen Rock durch den Garten kommen sah, der
von Zeit zu Zeit den kleinen Kranken besuchte. Sie sprang auf von ihrem
Stuhl und rief erfreut: Sieh, Silvio, da kommt der gute Herr Pfarrer!
und ging ihm entgegen. Silvio aber in seinem Groll ber alle Dinge
rief, so laut er konnte, der Mutter nach: Ich wollte lieber, das
Stineli kme!

Dann kroch er aber eilends unter die Decke, damit der Herr Pfarrer nicht
wissen knne, woher die Stimme kam. Die Mutter war sehr erschrocken und
bat im Eintreten den Herrn Pfarrer, er solle doch den Empfang nicht bel
nehmen, er sei auch nicht so ernst gemeint. Silvio rhrte sich nicht, er
sagte nur ganz heimlich unter der Decke: Doch, es ist mir sicher
ernst.

Der Herr Pfarrer mute geahnt haben, woher die Stimme kam; er trat
gleich an das Bett heran, und obwohl er kein Haar von Silvio sah, sagte
er: Gott gr' dich, mein Sohn, wie steht es mit der Gesundheit, und
warum verkriechst du dich in unterirdische Hhlen wie ein kleiner Dachs?
Komm hervor und erklre mir: was verstehst du unter einem Stineli?

Nun kroch Silvio hervor, denn er hatte Respekt vor dem Herrn Pfarrer, da
er nun so nah war. Er streckte schnell seine kleine magere Hand zum
Grue aus und sagte: Dem Rico sein Stineli.

Nun mute die Mutter erklrend dazwischentreten, denn der Herr Pfarrer
schttelte verwundert den Kopf, indem er sich an Silvios Bett
niedersetzte. Sie erzhlte ihm nun die ganze Sache mit dem Stineli, und
wie der kleine Silvio sich in den Kopf gesetzt habe, es werde ihm nie
mehr wohl, wenn das Stineli nicht zu ihm komme, und wie der Rico nun
auch unvernnftig geworden sei und meine, er knne das Mdchen holen,
whrend er keinen Weg und Steg wisse und es ja so weit weg oben in den
Bergen wohne, wo niemand zukomme, und man gar nicht wissen knne, was
fr ein erschreckliches Volk da sei. Denn man knne sich denken, wie es
da zugehen msse, wenn ein zartes Bblein, wie der Rico, lieber den
grten Gefahren entgegenlaufe und sie bestehe, als unter solchen Leuten
zu bleiben. Wenn alles anders wre, fgte Frau Menotti hinzu, so wre
ihr kein Geld zu viel, so ein Mdchen kommen zu lassen, um dem Silvio
das Verlangen zu stillen und jemand fr ihn zu haben, denn manchmal
werde es ihr fast zu viel mit allem, was sie zu tragen habe, und sie
meine, sie knne nicht mehr fortkommen. Und der Rico, der sonst recht
vernnftig rede, meine, kein Mensch knne ihr so gut in allem beistehen,
wie dieses Stineli. Er msse es gut kennen, und wenn es so sei, wie er
es beschreibe, so knnte es auch noch eine Rettung sein fr so ein
Mdchen, wenn es von da droben wegkomme; aber da wte sie ja von keinem
Menschen, der ihr einen solchen Dienst tun wrde.

Der Herr Pfarrer hatte ganz ernsthaft zugehrt und kein Wort gesagt, bis
die Frau Menotti fertig war. Er htte auch nicht gut dazwischenkommen
knnen mit Worten, denn sie hatte ihr Herz lange nicht ausgeschttet und
es war ihr so voll geworden, da Frau Menotti bei dem groen Andrang der
Worte fast um den Atem gekommen war.

Als nun alles still war, nahm der Herr Pfarrer erst ganz ruhig noch eine
Prise zu der vorhergehenden; dann sagte er gelassen:

Hm, hm, Frau Menotti, ich glaube fast, Ihr habt von den Leuten da
droben eine Meinung, die fast erschrecklich ist; es gibt doch auch noch
Christen da, und seit man so allerhand Mittel erfunden hat, um weiter zu
kommen, wird es auch noch mglich sein, da einer ohne Gefahr dort
hinaufkommt. Das wird man etwa in Erfahrung bringen knnen, man mu sich
besinnen.

Hier mute der Herr Pfarrer sich erst wieder ein wenig strken aus
seiner Dose, dann fgte er bei: Es gibt allerlei Hndler, die von da
oben herunter nach Bergamo kommen, Schafhndler und Rohndler, die
mssen die Wege wissen. Man kann sich erkundigen und dann mu man sich
bestimmen; es wird etwa ein Mittel gefunden werden. Wenn Euch viel dran
liegt, Frau Menotti, so will ich mich etwa umsehen; ich komme alle Jahre
ein- oder zweimal nach Bergamo, so knnte ich die Sache ein wenig in die
Hand nehmen.

Frau Menotti war von solcher Dankbarkeit, da sie gar nicht wute, wie
sie diese dem Herrn Pfarrer ausdrcken sollte. Mit einem Male waren ihr
alle die schweren Gedanken abgenommen, die sie so viele Tage und Nchte
lang verfolgt hatten, und in die sie sich immer mehr verwickelt hatte,
je mehr sie sich damit abgab, so da sie keinen Ausweg mehr vor sich
gesehen hatte. Nun hatte der Herr Pfarrer die ganze Last auf sich
genommen, und sie konnte den Silvio von nun an auf ihn verweisen.

Silvio hatte das ganze Gesprch ber mit seinen grauen Augen den Herrn
Pfarrer fast durchbohrt vor Spannung. Als dieser nun aufstand und dem
Kleinen die Hand zum Abschied bot, patschte Silvio die seinige ganz
gewaltig hinein, so als wollte er sagen: diesmal gilt's mir! Der Herr
Pfarrer versprach, Bericht zu geben, sobald er seine Erkundigungen
eingezogen htte und wte, ob die Sache ausfhrbar wre, oder ob Silvio
von seinem Begehren abstehen msse.

Nun vergingen die Wochen eine nach der anderen, aber der Silvio hielt
sich gut. Er hatte eine bestimmte Hoffnung vor Augen, und dazu war der
Rico auf einmal so unterhaltend und lebendig geworden, wie noch nie. In
den war es gefahren wie ein zndender Freudenfunke, als er den Ausspruch
des Herrn Pfarrers vernommen hatte, und seither war ein neues Leben in
ihm. Er wute dem Silvio mehr zu erzhlen als je, und nahm er seine
Geige zur Hand, so kamen so herzerquickende Tne und Weisen daraus
hervor, da die Frau Menotti gar nicht mehr aus dem Zimmer weg mochte
und sich nicht genug verwundern konnte, woher der Rico das alles nahm.

Rico hatte auch nur in dieser Stube rechte Freude an seiner Geige; in
dem weiten, hohen Raum tnte es so schn und da war es so still und
luftig, da war kein Tabaksqualm und kein Menschentumult, und er mute
nicht bei den Tnzen bleiben, sondern konnte spielen, was ihn freute.
Mit jedem Tage kam auch Rico lieber in das Haus, und oft, wenn er
eintrat, dachte er: so ist es wohl einem zumute, der heimkommt. Aber er
war ja doch nicht daheim, er durfte nur fr ein paar Stunden kommen und
mute immer wieder gehen.

In der letzten Zeit war aber etwas in den Rico gefahren, das die Wirtin
manchmal in groe Verwunderung setzte. Wenn sie etwa das schmutzige,
zerbrochene Abfallbecken vor ihn hinstellte und sagte: Da, Rico, bring
es den Hhnern! -- so stellte er sich etwas auf die Seite und legte die
Hnde auf den Rcken, zum Zeichen, da er das Becken nicht berhren
mge, und sagte ruhig: Ich wollte lieber, das tte jemand anders!

Und wenn sie die alten Schuhe hervorbrachte und Rico in die Hand geben
wollte, da er sie zum Schuhflicker hintrage, so tat Rico wieder
desgleichen und sagte: Ich wollte lieber, es ginge ein anderer.

Die Wirtin aber war eine kluge Frau und hatte ihre Augen im Kopfe, um
damit zu sehen, was vorging, und so war es ihr nicht entgangen, wie Rico
sich seit einiger Zeit verndert hatte und wie er aussah. Frau Menotti
hatte ihn immer gut gekleidet, seit sie die Verpflichtung dazu
bernommen hatte; da aber dem Rico alles gut stand und er immer mehr
aussah wie ein Herrenshnchen, so hatte die Frau Menotti ihre Freude
daran und kleidete ihn in gute Stoffe, und Rico ging sorgsam und
ordentlich damit um, denn er mochte gern, was schn anzusehen war, und
Schmutz und Unordnung war ihm zuwider wie der Lrm. Das sah die Wirtin
alles an, und dazu war ihr wohlbewut, wie der Rico ganz so, wie er das
erste Mal getan, immer noch wenn er von den Tanzbelustigungen aus der
Umgegend zurckkehrte, seine Tasche vor ihr ausleerte und das Geld
hinrollen lie, ohne eine Miene zu machen, als ob er nur etwas davon
begehrte.

Er brachte auch immer mehr, denn er war nicht nur Tanzgeiger, wie die
anderen; man wollte auch immer noch seine Lieder hren nach dem Tanzen
und allerhand Melodien, die er wute. So war der Wirtin daran gelegen,
den Rico willig zu erhalten, und sie lie ihn in Ruhe mit den Hhnern
und den alten Schuhen und begehrte diese Dienste nicht mehr von ihm.

ber all' diesen Ereignissen waren an die drei Jahre dahingegangen, seit
der Rico der Peschiera erschienen war. Er war nun ein vierzehnjhriger
aufgeschossener Junge geworden, und wer ihn ansah, der hatte sein
Wohlgefallen an ihm.

Wieder leuchteten die goldenen Herbsttage ber den Gardasee und der
blaue Himmel lag auf der stillen Flut. Im Garten hingen die Trauben
golden an den Ranken und die roten Oleanderblumen funkelten im lichten
Sonnenschein. In Silvios Stube war es ganz still; denn die Mutter war
drauen, um Trauben und Feigen zum Abend hereinzuholen. Silvio lauschte
auf Ricos Tritt, denn es war die Zeit, da er gewhnlich kam. Jetzt ging
das Pfrtchen auf am Zaun; Silvio scho auf. Ein langer schwarzer Rock
kam hereingewandert, es war der Herr Pfarrer. Diesmal kroch Silvio nicht
ins Loch; er streckte seine Hand, so weit er konnte, dem Herrn Pfarrer
entgegen, lange eh' dieser nur halbwegs im Garten angekommen war. Der
Empfang gefiel ihm aber; er trat gleich in die Stube ein und an Silvios
Bett hin, obschon er die Mutter hinten im Garten sah, und sagte: So
ist's recht, mein Sohn, und wie steht es mit der Gesundheit? -- Gut,
entgegnete Silvio schnell. Er schaute in hchster Spannung den Herrn
Pfarrer an und fragte dann halblaut: Wann kann der Rico gehen?

Der Herr Pfarrer setzte sich an dem Bett nieder und sagte mit
feierlichem Ton: Morgen um fnf Uhr wird der Rico reisen, mein
Shnchen.

Frau Menotti war eben eingetreten, und nun ging es an ein Fragen und
Verwundern von ihrer Seite, da der Herr Pfarrer Mhe hatte, sie zu
beschwichtigen, damit er ungestrt seinen Bericht auseinanderlegen
knnte. Es gelang ihm endlich, und Silvio hielt seine Augen auf ihn
geheftet wie ein kleiner Sperber, als nun die Erzhlung kam.

Der Herr Pfarrer kam eben von Bergamo her, wo er zwei Tage zugebracht
hatte. Da hatte er mit Hilfe seiner Freunde einen Rohndler ermittelt,
der kam schon seit 30 Jahren jeden Herbst nach Bergamo und kannte alle
Wege und Gegenden von da bis noch weit ber die Berge hinaus, wo Rico
hin mute. Er wute auch, wie man in die Berge hinaufkommen konnte, ohne
nur auszusteigen und zu schlafen unterwegs. Den Weg machte er selbst und
wollte den Rico mitnehmen, wenn er am Morgen mit dem ersten Zuge in
Bergamo ankomme. Der Mann kannte auch alle Kutscher und Kondukteure und
wollte fr die Rckkehr den Jungen und seine Begleiterin den Leuten
bergeben und anempfehlen, so da sie sicher reisen wrden.

So fand der Herr Pfarrer, man knne nun den Rico in Frieden ziehen
lassen, und gab seinen Segen zu der Reise.

Als er aber schon am Gartenzaun stand, kehrte die Frau Menotti, die ihn
begleitet hatte, noch einmal um und fragte voller Besorgnis: Ach, Herr
Pfarrer, wird auch sicher keine Lebensgefahr dabei sein, oder da der
Rico auf den verirrlichen Wegen sich verlieren knnte und dann in den
wilden Bergen umherirren mte?

Der Herr Pfarrer beruhigte die Frau nochmals, und nun ging sie zurck
und bedachte, was nun alles fr den Rico zu tun sei. Dieser trat eben in
den Garten ein, und das Freudengeschrei, welches ihm Silvio nun
entgegensandte, war so erstaunlich, da Rico in drei Sprngen an dem
Bett war, um zu sehen, was sich da ereignet habe.

Was hast du? was hast du? fragte Rico immerzu, und Silvio rief in
einem fort: Ich will's sagen! Ich will's sagen! vor lauter Angst, die
Mutter komme ihm zuvor. Diese lie aber nun die Buben mit ihrer Freude
allein und ging ihrem Geschfte nach, denn das war nun das Wichtigste.
Sie holte einen Reisesack hervor und stopfte unten hinein ein ungeheures
Stck geruchertes Fleisch und einen halben Laib Brot und ein groes
Paket gedrrter Pflaumen und Feigen und eine Flasche Wein, gut in ein
Tuch gewickelt, und dann kamen die Kleider, zwei Hemden, ein Paar
Strmpfe und ein Paar Schuhe und Taschentcher, und bei alledem war der
Frau nicht anders zumute, als reiste Rico nach dem fernsten Weltteil,
und sie merkte nun erst recht, wie lieb ihr der Rico war, so da sie
ohne ihn fast nicht mehr sein konnte.

Sie mute auch zwischen dem Packen immer wieder niedersitzen und denken:
Wenn es nur auch kein Unglck gibt!

Nun kam sie herunter mit dem Sack und ermahnte den Rico, jetzt gleich
hinzugehen und der Wirtin alles gut zu erklren und sie zu bitten, da
sie ihn auch gehen lasse und nichts dagegen habe, und den Sack knne er
gleich auf die Bahn bringen.

Rico war zum hchsten erstaunt ber sein Gepck; er tat aber folgsam,
wie ihm geheien wurde, und ging dann zur Wirtin. Er erzhlte dieser,
da er in die Berge hinauf msse und das Stineli herunterholen, und es
komme vom Herrn Pfarrer her, da er gleich morgen um fnf Uhr fort
msse. Das flte der Wirtin schon ein wenig Respekt ein, da der Herr
Pfarrer mit der Sache zu tun habe. Sie wollte aber wissen, wer das
Stineli sei und was es im Sinn habe; sie dachte gleich, das knnte etwas
fr sie sein. Sie brachte aber nur in Erfahrung, da das Stineli ein
Mdchen sei, das Stineli heie, und da es zur Frau Menotti komme. Da
lie sie die Sache gehen, denn der Frau Menotti wollte sie nichts in den
Weg legen; sie war zufrieden genug, da diese den Rico ihr so ruhig
berlassen hatte. Sie nahm auch an, das Stineli sei natrlich Ricos
Schwester, er sage es nur nicht, wie er berhaupt nie etwas von seinen
Familienverhltnissen gesagt hatte.

So erzhlte sie auch noch denselben Abend allen Gsten, die ins Haus
kamen, der Rico hole morgen seine Schwester herunter, denn er habe
erfahren, wie gut man es hier unten haben knne.

Nun wollte sie aber auch zeigen, wie sie es mit dem Rico meinte. Sie
holte einen groen Korb vom Estrich herunter und steckte ihn ganz voller
Wrste und Kse und Eier und Brotschnitten mit fingerdicker Butter
dazwischen und sagte:

Auf der Reise mut du keinen Hunger haben, und das brige kannst du
schon dort oben brauchen; da wirst du nicht zu viel finden, und im
Heimweg mut du auch noch etwas haben. Denn du kommst doch wieder, Rico,
sicher?

Sicher, sagte Rico, in acht Tagen bin ich wieder da.

Nun trug Rico noch seine Geige zur Frau Menotti, denn die htte er sonst
niemandem anvertraut, und nun nahm er Abschied fr acht Tage, denn nach
Verflu dieser Zeit konnte er wohl wieder da sein, wenn alles gut ging.




Siebzehntes Kapitel.

ber die Berge zurck.


Am Morgen lang vor fnf Uhr stand Rico fertig auf der Station und konnte
kaum erwarten, da es vorwrts ging. Nun sa er im Wagen wie vor drei
Jahren, aber nicht mehr so furchtsam in die Ecke gedrckt, mit der
Geige in der Hand; jetzt brauchte er eine ganze Bank, denn neben ihm
lagen Sack und Korb, die nahmen einen guten Platz ein. In Bergamo traf
er richtig mit dem Rohndler zusammen und nun reisten sie ungestrt
weiter, noch ein gutes Stck in demselben Wagen, dann ber den See. Dann
stiegen sie aus und wanderten gegen ein Wirtshaus hin, da standen schon
die Pferde angespannt an dem groen Postwagen. Da erinnerte sich Rico
deutlich, wie er hier gestanden in der Nacht, ganz allein, nachdem die
Studenten dorthinber gegangen waren, und drben sah er die Stalltr, wo
er die Laterne hangen gesehen und dann den Schafhndler wiedergefunden
hatte. Es war schon Abend und bald bestieg man den Postwagen und fuhr
den Bergen zu. Diesmal sa Rico mit seinem Begleiter im Wagen, und kaum
hatte er sich auch recht in seine Ecke gesetzt, als ihm die Augen
zufielen, denn vor Aufregung hatte er die vorhergehende Nacht keine
Stunde geschlafen. Nun holte er es nach; ohne nur einmal zu erwachen,
schlief Rico fort, bis die Sonne hoch am Himmel stand und der Wagen ganz
langsam fuhr, und als er seinen Kopf aus dem Fenster steckte, erblickte
Rico zu seiner unbeschreiblichen Verwunderung, da der Wagen die
Zickzackstrae hinauffuhr, die auf den Maloja fhrt und die er so wohl
kannte.

Aus dem Fenster konnte er nicht viel sehen, nur von Zeit zu Zeit eine
Wendung der Strae; aber jetzt htte er so gern alles gesehen ringsum.
Nun hielt der Wagen still, man war auf der Hhe angekommen. Da stand das
Wirtshaus, da am Wege hatte er sich hingesetzt und mit dem Kutscher
gesprochen. Alle Reisenden stiegen einen Augenblick aus, den Pferden
wurde ein Futter gegeben. Rico stieg auch aus dem Wagen; er ging zum
Kutscher hin und fragte ganz demtig: Darf ich mit Euch auf dem Bock
fahren bis nach Sils?

Steig auf, sagte der Kutscher.

Und nun stieg alles wieder ein und auf und im lustigen Trab ging es
abwrts und die ebene Strae dahin. Jetzt kam der See. Dort lag die
waldige Halbinsel, und dort -- das waren die weien Huser von Sils, und
drben lag Sils-Maria. Das Kirchlein schimmerte in der Morgensonne, und
dort gegen den Berg hin sah er die beiden Huschen.

Jetzt fing Ricos Herz stark zu klopfen an. Wo konnte Stineli sein? Nur
noch wenige Schritte, und der Postwagen hielt an in Sils.

Stineli hatte seit Ricos Verschwinden viele harte Tage erlebt. Die
Kinder wurden grer, und es gab immer mehr Arbeit und das meiste fiel
auf Stineli; denn es war das lteste von den Kindern und neben den Alten
war es doch das Jngste; so hie es bald: Das Stineli kann dies tun, es
ist ja alt genug, und dann gleich nachher: Das kann Stineli
verrichten, denn es ist noch jung. Die Freude konnte es mit niemandem
mehr recht teilen, seit der Rico fort war, wenn es noch einen Augenblick
Zeit dazu gehabt htte.

Vor dem Jahre war dann die gute Gromutter gestorben, und von da an gab
es fr Stineli auch keine freien Augenblicke mehr; denn vom Morgen bis
am Abend war da so viel Arbeit zu tun, da man nie fertig wurde, sondern
nur immer mittendrin war.

Aber Stineli hatte seinen guten Mut nie verloren, obschon es um die
Gromutter stark hatte weinen mssen und jetzt noch jeden Tag ein
paarmal dachte: ohne die Gromutter und den Rico sei es nicht mehr so
schn auf der Welt, wie es einmal gewesen war. An einem sonnigen
Samstagmorgen kam es mit einem groen Bndel Stroh auf dem Kopfe hinter
der Scheune hervor; es wollte schne Strohwische machen zum Fegen am
Abend. Die Sonne schien schn auf den trockenen Weg gegen Sils hin und
es stand still und schaute hinber. Da kam ein Bursche des Weges, den es
nicht kannte, das war kein Silser, das sah es sogleich. Und wie er nher
kam, stand er still und schaute das Stineli an, und es schaute ihn auch
an und war verwundert; aber mit einem Male warf es sein Strohbndel weit
weg und sprang auf den Stillstehenden zu und rief: O Rico, bist du noch
am Leben? Bist du wieder da? Aber du bist gro, Rico! Zuerst habe ich
dich gar nicht mehr erkannt; aber wie ich dir ins Gesicht sah, da habe
ich dich gleich erkannt; es hat ja kein Mensch sonst so ein Gesicht wie
du!

Und Stineli stand ganz glhend rot vor Freude vor dem Rico, und der Rico
stand kreidewei vor innerer Erregung und konnte zuerst gar nichts sagen
und schaute nur das Stineli an. Dann sagte er: Du bist auch so gro,
Stineli, aber sonst bist du noch wie vorher. Je nher ich dem Hause kam,
je mehr wurde es mir angst, du seiest vielleicht anders geworden.

O Rico, da du wieder da bist! jubelte das Stineli, o wenn das die
Gromutter wte! Aber du mut hereinkommen, Rico, die werden sich alle
verwundern! Stineli lief voraus und machte die Tr auf, und Rico ging
hinein. Die Kinder versteckten sich sogleich immer eins hinter das
andere, und die Mutter stand auf und grte den Rico fremd und fragte,
was ihm gefllig sei. Weder sie, noch eins der Kinder hatte ihn mehr
erkannt. Jetzt traten auch Trudi und Sami in die Stube und grten im
Vorbeigehen.

Kennt ihr ihn denn alle nicht? brach nun das Stineli aus; es ist ja
der Rico!

Jetzt ging das Verwundern von allen Seiten an, und man war gerade noch
daran, als der Vater eintrat zum Essen.

Rico ging ihm entgegen und bot ihm die Hand. Der Vater nahm sie und
schaute den Jungen an.

Ist's etwa einer von den Verwandten? sagte er dann, denn er kannte
diese nie so genau, wenn sie etwa kamen.

Jetzt kennt ihn der Vater auch nicht, sagte Stineli ein wenig emprt.
Es ist ja der Rico, Vater!

So, so, das ist recht, bemerkte der Vater und schaute ihn nun noch
einmal an, von oben bis unten, dann fgte er bei: Du darfst dich sehen
lassen, hast du etwas von einer Hantierung gelernt? Komm, sitz zu mit
uns, da kannst du's erzhlen, wie es mit dir gegangen ist.

Rico setzte sich nicht gleich, er schaute immer wieder nach der Tr;
endlich fragte er zgernd: Wo ist die Gromutter? Der Vater sagte, sie
liege drben in Sils, nicht weit vom alten Lehrer weg. Rico hatte wohl
mit der Frage gezgert, weil er die Antwort frchtete, da er die
Gromutter nirgends sah. Er setzte sich nun zu Tisch mit den anderen,
aber erst war er ganz still und essen konnte er auch nicht; er hatte die
Gromutter so lieb gehabt.

Aber nun wollte der Vater etwas erzhlen hren, wo der Rico hingekommen
sei an jenem Tage, da sie nach ihm in der Rfe herumstocherten, und was
er in der Fremde erlebt habe. Da erzhlte denn Rico alles, wie es ihm
ergangen war, und kam so bald auf die Frau Menotti und den Silvio zu
sprechen und erklrte nun deutlich, warum er hierher gekommen sei, und
da er mit dem Stineli nach Peschiera zurckkehren wolle, sobald es dem
Vater und der Mutter recht sei. Das Stineli machte die Augen ganz weit
auf whrend Ricos Erzhlung, es hatte ja von allem noch gar kein Wort
gehrt. Wie ein Freudenfeuer leuchtete es auf in seinem Herzen: mit dem
Rico an seinen schnen See hinuntergehen und wieder alle Tage mit ihm
zusammensein bei der guten Frau und dem kranken Silvio, der so nach ihm
begehrte.

Erst schwieg der Vater eine Zeitlang, denn er berstrzte nie ein Ding,
dann sagte er: Es ist recht, wenn eins unter die Fremden kommt, es
lernt etwas; aber das Stineli kann nicht gehen, von dem ist keine Rede.
Es ist ntig daheim; es kann ein anderes gehen, etwa das Trudi.

Ja ja, so ist's besser, sagte die Mutter; ohne das Stineli kann ich
es nicht machen. Da hob das Trudi seinen Kopf vom Teller auf und sagte:
So ist es mir auch recht, es ist doch nur immer ein Kindergeschrei bei
uns.

Das Stineli sagte kein einziges Wort; es sah nur ganz gespannt den Rico
an, ob er nichts mehr sagen werde, weil der Vater so bestimmt abgesagt
hatte, und ob er nun das Trudi mitnehmen wolle. Aber der Rico sah den
Vater unerschrocken an und sagte:

Ja, so geht es nicht. Der kranke Silvio will przis das Stineli haben
und kein anderes, und er wei schon, was er will; er wrde nur das
Trudi wieder heimschicken, dann htte es den Weg vergebens gemacht. Und
dann hat mir die Frau Menotti auch noch gesagt: wenn das Stineli mit dem
Silvio gut auskomme, so knne es alle Monate seine fnf Gulden
heimschicken, wenn man es so begehre; und da der Silvio und das Stineli
gut zusammen fertig werden, wei ich im voraus so gut, wie wenn ich es
gerade vor mir she.

Der Vater stellte seinen Teller beiseite und setzte die Kappe auf. Er
war fertig mit Essen, und zum strengen Nachdenken hatte er gern die
Kappe auf dem Kopf; es war so, wie wenn sie ihm die Gedanken besser
zusammenhielte.

Jetzt berdachte er im stillen, wie er sich abmhen mute, bis er nur
einen einzigen baren Gulden in die Hand bekam, und dann sagte er zu
sich: Fnf Gulden jeden Monat bar in die Hand, ohne auch nur einen
Finger aufzuheben! Dann schob er die Kappe auf die eine Seite und dann
auf die andere, dann sagte er: Es kann gehen; es wird ein anderes auch
etwas tun knnen im Haus.

Stinelis Augen leuchteten. Die Mutter sah aber ein wenig seufzend alle
die kleinen Kpfe und Teller, denn wer sollte das alles subern helfen?
Und das Trudi gab dem Peterli einen Ellbogensto und sagte: Sitz einmal
still!, obschon er diesmal vllig ruhig seine Bohnen a.

Der Vater hatte aber noch einmal an seiner Kappe gerutscht, es war ihm
noch etwas in den Sinn gekommen. Das Stineli ist aber noch nicht
konfirmiert, sagte er; es wird, denk' ich wohl, noch konfirmiert sein
mssen.

Ich werde erst in zwei Jahren konfirmiert, Vater, sagte Stineli
eifrig; so kann ich ganz gut jetzt fr zwei Jahre fortgehen, und dann
kann ich ja wieder heimkommen.

Das war ein guter Ausweg, nun waren auf einmal alle zufrieden. Der Vater
und die Mutter dachten: wenn alles krumm gehe ohne das Stineli, so sei
es doch nur fr eine Zeit, die werde auch umgehen, und nachher sei es
wieder da, und das Trudi dachte: Sobald es wieder da ist, gehe ich, und
dann knnen sie sehen, wann ich wiederkomme. Aber der Rico und das
Stineli sahen einander an, und die helle Freude lachte ihnen aus den
Augen.

Da der Vater die Sache nun als abgemacht ansah, stand er vom Tische auf
und sagte: Sie knnen dann morgen gehen, so wei man, woran man ist.

Aber die Mutter schlug einen groen Jammer auf und sagte, so schnell
werde es ja nicht sein mssen, und jammerte immerfort, bis der Vater
sagte: So knnen sie am Montag gehen, denn weiter hinaus wollte er es
nicht verschieben, weil er dachte, es tne nun so fort, bis das Weggehen
vorbei sei.

Fr Stineli gab es nun Arbeit; das begriff der Rico wohl und er machte
sich an den Sami und sagte ihm, er wolle sehen, ob es in Sils-Maria noch
sei wie frher; und dann sollte er noch einen Sack und einen Korb von
Sils herberholen, da knnte ihm der Sami tragen helfen. So zogen sie
aus. Zuerst stand Rico vor seinem ehemaligen Huschen still und schaute
die alte Haustre an und den Hhnerstall; es war noch alles ganz gleich.
Er fragte den Sami, wer drin wohne, ob die Base noch ganz allein sei.
Aber die Base war schon lange fortgezogen, hinauf nach Silvaplana, und
kein Mensch sah sie mehr, denn in Sils-Maria zeigte sie sich nie mehr.

In dem Huschen wohnten Leute, von denen Rico nichts wute. berall, wo
er mit Sami hinkam, vor den alten bekannten Husern und aus den Scheunen
starrten ihn die Leute fremd an, kein einziger kannte ihn mehr. Wie sie
am Abend nach Sils hinbergingen, da schwenkte Rico gegen den Kirchhof
ein; er wollte auf das Grab der Gromutter gehen, aber Sami wute nicht
recht, wo es war.

Mit Sack und Korb beladen, kehrten die beiden, als es dunkelte, zum
Hause zurck. Da stand Stineli noch am Brunnen und fegte den Stalleimer
zum letzten Male, und als nun der Rico neben ihm stand, sagte es
strahlend vor Freuden und Fegeifer: Ich kann es noch fast nicht
glauben, Rico!

Aber ich, sagte dieser so sicher, da ihn das Stineli erstaunt ansehen
mute. Aber weit du, Stineli, fgte er hinzu, du hast es auch nicht
so lange ausdenken knnen wie ich.

Aber Stineli mute sich noch ein paarmal wundern, da der Rico so
bestimmt etwas sagen konnte; das hatte es frher nicht an ihm gekannt.

Dem Rico hatte man ein Bett zurecht gemacht, oben in der Dachkammer; da
schleppte er seine Sachen hinauf, denn erst morgen wollte er alles
auspacken. Wie nun am folgenden Tage, am hellen, schnen Sonntag, alle
um den Tisch saen, da kam Rico und schttete gerade vor das Urschli und
den Peterli hin einen solchen Haufen von Pflaumen und Feigen, wie sie in
ihrem ganzen Leben noch keinen gesehen hatten, und Feigen hatten sie
auch noch gar nie gegessen; und seine Masse Wrste und Fleisch und Eier
stellte er mitten auf den Tisch. Und nachdem das groe Erstaunen darber
ein wenig nachgelassen hatte, ging eine Schmauserei an, wie sie da noch
nicht stattgefunden hatte, und bis zum spten Abend knupperten die
Kinder im hchsten Vergngen an den sen Feigen herum.




Achtzehntes Kapitel.

Zwei frohe Reisende.


Am Montag mute die Reise erst am Abend vor sich gehen, das hatte der
Rohndler dem Rico deutlich alles gesagt, so da dieser nun perfekt
seinen Weg wute. Nachdem nun der Abschied genommen war, wanderten Rico
und Stineli gegen Sils hin, und am Huschen stand die Mutter und alle
die kleinen Kinder um sie herum und schauten ihnen nach. Der Sami ging
neben ihnen her und trug den Sack auf dem Kopfe, und den Korb trug Rico
auf der einen und Stineli auf der anderen Seite. Stinelis Kleider hatten
gerade beide angefllt.

Bei der Kirche in Sils sagte Stineli: Wenn uns die Gromutter noch
sehen knnte! Wir wollen ihr doch noch Lebewohl sagen, nicht, Rico? Er
wollte gern und sagte Stineli, da er schon dagewesen wre und sie nicht
gefunden htte; aber Stineli wute schon, wo die Gromutter lag.

Als der Postwagen heranfuhr und stillehielt, rief der Kutscher herunter:
Sind die zwei da, die an den Gardasee hinunter mssen? Ich habe schon
gestern nachgefragt!

Der Rohndler hatte sie gut empfohlen, und nun rief der Kutscher: Hier
herauf, die anderen haben gefroren, der Wagen ist voll, ihr seid jung.

Damit half er ihnen auf den Sitz hinter dem Bock, oben auf dem Wagen,
und nahm eine dicke Rodecke hervor, die deckte und stopfte er um die
beiden, da sie ganz eingewickelt dasaen, und nun ging's vorwrts.

Zum ersten Male, seit sie sich wiedergesehen hatten, saen nun Rico und
Stineli allein beieinander und konnten sich ungestrt erzhlen von
allem, was sie in den ganzen drei Jahren erlebt hatten. Das taten sie
nun auch recht nach Herzenslust von Anfang an, und unter dem funkelnden
Sternenhimmel fuhren sie dahin und hatten keinen Schlaf die ganze Nacht
vor lauter Genu und Vergngen. Am Morgen kamen sie auf den See, und
gerade um dieselbe Stunde, wie Rico in Peschiera angekommen war, so
langten auch sie an und kamen den Weg hinunter, dem See zu. Aber Rico
wollte nicht, da das Stineli den See sehe, bis es an seinem Pltzchen
angekommen war. So fhrte er es nun zwischen den Bumen durch, bis sie
auf einmal bei der kleinen Brcke herauskamen ins Freie.

Da lag der See in der Abendsonne, und Rico und Stineli saen an der
niederen Halde hin und schauten hinber. So wie ihn Rico geschildert
hatte, so war er, aber noch viel schner, denn solche Farben hatte
Stineli noch nie gesehen. Es schaute hin und her nach den violetten
Bergen und auf die goldene Flut und rief endlich voller Entzcken: Er
ist noch schner als der Silsersee.

Rico hatte ihn aber auch noch nie so schn gesehen als jetzt, da er mit
dem Stineli dran sa.

Im stillen hatte Rico noch eine Freude; -- wie konnte er den Silvio und
seine Mutter berraschen! Kein Mensch hatte gedacht, da er so bald
zurcksein knnte. Bevor acht Tage um waren, erwartete sie niemand, und
nun saen sie schon da am See. Bis die Sonne unter war, blieben sie an
der Halde sitzen. Rico mute dem Stineli zeigen, wo die Mutter stand,
wenn sie wusch am See und er dasa und auf sie wartete, und er mute
erzhlen, wie sie miteinander ber die schmale Brcke kamen und sie ihn
an der Hand hielt.

Aber wo seid ihr dann hingegangen? fragte Stineli. Hast du nie das
Haus gefunden, wo ihr hineingegangen seid?

Rico verneinte es. Wenn ich da hinaufgehe, vom See gegen die
Schienenbahn hinauf, dann ist's auf einmal, als sei ich da mit der
Mutter gestanden und habe auf einem Tritt gesessen und vor uns die roten
Blumen gesehen; aber es ist nichts mehr da, und den Weg hinauf kenne ich
nicht, den habe ich nie gesehen.

Endlich standen sie auf und gingen dem Garten zu; Rico trug den Sack und
Stineli den Korb. Wie sie in den Garten eintraten, mute Stineli
berlaut ausrufen: O wie schn, o die schnen Blumen!

Das hatte den Silvio aufgeschnellt wie eine Feder. Er schrie aus
Leibeskrften: Der Rico kommt mit dem Stineli!

Die Mutter glaubte, das Fieber habe ihn gepackt; sie warf ihre Sachen
dahinten im Kasten, wo sie herumkramte, alle bereinander und kam
herbeigelaufen.

In dem Augenblick aber trat der lebendige Rico unter die Tr, und vor
Schrecken und Freude htte es die gute Frau fast umgeworfen, denn bis
auf diesen Augenblick hatte sie heimlich immerfort die schwersten
Befrchtungen ausgestanden, das Unternehmen knnte dem Rico doch ans
Leben gehen.

Hinter dem Rico kam ein Mdchen hervor mit einem so freundlichen
Gesicht, da es der Frau Menotti sogleich das Herz gewann, denn sie war
eine Frau von schnellen Eindrcken. Erst mute sie aber dem Rico beide
Hnde fast abschtteln vor Freude, und whrenddessen ging Stineli
schnell an das Bettchen heran und begrte den Silvio, und es legte
seinen Arm um des Bbleins schmale Schultern und lachte ihm ganz
freundlich ins Gesicht, so, als htten sie sich schon lang gekannt und
gern gehabt, und der Silvio packte es gleich um den Hals und zog es ganz
auf sein Gesicht herunter. Dann legte das Stineli dem Silvio ein
Geschenk aufs Bett, das es in die nchste Tasche gesteckt hatte, um es
gleich bei der Hand zu haben. Es war ein Kunstwerk, das der Peterli von
jeher allen anderen Freuden vorgezogen hatte: ein Tannzapfen, dem in
jede kleine ffnung zwischen den harten Schuppen ein dnner Draht
eingesteckt war. Oben auf dem Draht war je ein komisches Figrchen von
Pantoffelholz festgemacht. Alle diese Figrchen zappelten aber so lustig
gegeneinander und verbeugten sich und hatten von Rtel und Kohle so
feurig bemalte Gesichter, da der Silvio nicht mehr aus dem Lachen kam.

Unterdessen hatte die Mutter von Rico das Notwendigste vernommen, da er
sicher und glcklich wieder da sei, und sie kehrte sich nun zum Stineli
und begrte es mit aller Herzlichkeit, und Stineli sagte mehr mit
seinen freundlichen Augen als mit seinem Munde, denn es konnte gar nicht
italienisch und mute sich mit seinen romanischen Worten helfen, wie es
konnte. Aber es war nicht von schwerer Gemtsart und fand sich gleich
zurecht, und wo es das Wort nicht fand, da beschrieb es die Sache gleich
mit den Fingern und allerhand Zeichen, was dem Silvio unbeschreiblich
kurzweilig vorkam, denn es war wie ein Spiel, wo es immer etwas zu
erraten gab.

Nun ging die Frau Menotti an den Kasten, wo alles bereit lag, was man
zum Essen brauchte, Teller und Tischtuch und das kalte Huhn und die
Frchte und der Wein. Sowie Stineli das bemerkte, lief es augenblicklich
der Frau Menotti nach und trug herzu und deckte den Tisch und war so
erstaunlich flink, da der Frau Menotti gar nichts mehr brig blieb zu
tun, als nur verwundert zuzusehen; und bevor sie nur Zeit hatte zu
denken, was nun folge, hatte schon der Silvio alles auf seinem Brett,
verschnitten und vorgelegt ganz ordentlich, wie es sein mute, und die
rasche Bedienung gefiel dem Silvio.

Da setzte sich Frau Menotti hin und sagte: So habe ich es lange nicht
gehabt, aber jetzt komm und sitz auch, Stineli, und i mit uns.

Nun aen alle frhlich und saen beisammen, so als htten sie immer
zueinander gehrt und mten auch immer so zusammenbleiben. Dann fing
der Rico an von der Reise zu berichten, und derweilen stand Stineli auf
und rumte leise alles wieder weg in den Kasten hinein, denn es wute
nun schon, wo jedes Ding seinen Platz hatte. Dann setzte es sich ganz
nahe an Silvios Bett und machte Figuren mit seinen gelenkigen Fingern,
so da davon der Schatten auf die Wand fiel, und alle Augenblicke lachte
der Silvio hell auf und rief aus: Ein Hase! Ein Tier mit Hrnern! Eine
Spinne mit langen Beinen!

So verflo der erste Abend so schnell und vergnglich, da keines
begreifen konnte, wo die Zeit hingekommen war, als es nun zehn Uhr
schlug. Rico stand auf vom Tisch, denn er wute, da er nun gehen mute;
es war aber eine schwarze Wolke ber sein Gesicht gekommen. Er sagte
kurz: Gute Nacht! und ging hinaus. Aber das Stineli lief ihm nach und
im Garten nahm es ihn bei der Hand und sagte: Nun darfst du nicht
traurig werden, Rico; es ist so schn hier, ich kann dir gar nicht
sagen, wie es mir gefllt und wie froh ich bin, und das habe ich alles
dir zu danken. Und morgen kommst du wieder und alle Tage; freut es dich
nicht, Rico?

Ja, sagte er und schaute das Stineli ganz schwarz an, und alle
Abende, wenn's am schnsten ist, mu ich fort und weg und gehre zu
niemandem.

Ach, so mut du nicht denken, Rico, ermunterte ihn Stineli; nun haben
wir doch immer zueinander gehrt und ich habe mich drei Jahre lang immer
darauf gefreut, wenn wir wieder einmal zusammenkommen werden, und wenn
es daheim manchmal so zuging, da ich lieber nicht mehr htte dabei sein
wollen, dann dachte ich immer: Wenn ich nur einmal wieder mit dem Rico
sein knnte, so wollte ich alles gern tun. Und nun ist alles so
gekommen, da ich gar keine grere Freude wte, und jetzt willst du
dich gar nicht mit mir freuen, Rico?

Doch, ich will, sagte Rico und schaute das Stineli heller an. Er
gehrte doch zu jemand, Stinelis Worte hatten ihn wieder ins
Gleichgewicht gebracht. Sie gaben einander noch einmal die Hand, dann
ging der Rico zum Garten hinaus!

Als Stineli in die Stube zurckkam und nach der Mutter Anweisung dem
Silvio Gute Nacht sagen wollte, da ging ein neuer Kampf an; er wollte
es durchaus nicht von sich weglassen und rief ein Mal ums andere: Das
Stineli mu bei mir bleiben und immer an meinem Bette sitzen, es sagt
lustige Worte und lacht mit den Augen.

Da half nun keine Ermahnung, bis zuletzt die Mutter sagte: So halt du
jetzt das Stineli fest die ganze Nacht, da es nicht schlafen kann, dann
ist es morgen krank wie du und kann nicht aufstehen und du siehst es
nicht mehr fr lange Zeit.

Da lie Silvio endlich Stinelis Arm los, den er fest umklammert hatte,
und sagte:

Geh, schlaf, Stineli; aber komm frh am Morgen wieder!

Das versprach Stineli; und nun zeigte Frau Menotti ihm ein sauberes
Kmmerlein, das auf den Garten hinausschaute, von wo ein lieblicher
Blumenduft durch das offene Fenster heraufstieg. --

Mit jedem Tage wurde das Stineli nun dem kleinen Silvio unentbehrlicher;
wenn es nur zur Tr hinausging, so sah er das fr ein Unglck an. Dafr
war er aber auch ordentlich und gut, wenn es bei ihm war, und tat alles,
was es ihn hie, und plagte seine Mutter gar nicht mehr. Es war auch,
als ob das nervse Bblein wirklich seit Stinelis Ankunft seine groen
Schmerzen verloren habe, denn noch hatte er nie gejammert, seit es an
seinem Bette sa, und doch war nun schon mancher Tag hingegangen seit
jenem ersten Abend, da es erschienen war.

Stineli hatte aber auch eine unerschpfliche Fundgrube von
Unterhaltungen, und alles, was es nur in die Hand nahm, und was es tat
und sagte, wurde zur anmutigsten Kurzweil fr den Silvio, denn das
Stineli hatte sich von ganz klein auf nach den kleinen Kindern richten
mssen und immerfort darauf bedacht sein, sie zufrieden zu erhalten mit
Worten und Hnden und Blicken und auf jegliche Weise mit jeder Bewegung.

So war Stineli unbewut in seinem Sein und ganzen Wesen schon die
allerangenehmste Unterhaltung, die es fr ein kleines, empfindliches, an
sein Bettchen gefesseltes Bblein nur geben konnte. Das gelehrige
Stineli hatte auch bald dem Silvio alle seine Worte abgelauscht und
schwatzte ganz unverzagt mit Silvio drauf los, und wo es die Worte noch
verkehrte, da hatte der Silvio einen Hauptspa daran, und die Sache war
fr ihn wie ein absichtlich erfundenes Vergngen.

Die Mutter konnte nie den Rico in den Garten treten sehen, ohne da sie
ihm entgegenlief, denn jetzt durfte sie laufen, wohin sie nur wollte und
wann es ihr gefiel, und sie mute ihn noch ein wenig auf die Seite
nehmen, um ihm zu sagen, welchen Schatz er ihr ins Haus gebracht habe,
wie glcklich und froh der kleine Silvio sei, wie in seinem ganzen armen
Leben noch nie, und wie sie nur gar nicht begreife, da es ein solches
Mdchen geben knne: mit dem Silvio sei es ganz kindlich und gerade so,
als habe es selbst die grte Freude an den Dingen, die dem Bblein
Kurzweil machten; mit ihr knne es so vernnftig reden und habe eine
Erfahrung in der Arbeit und im Einrichten, wie kaum eine Frau; und seit
sie dieses Stineli im Hause habe, gehe alles wie von selbst und sie habe
alle Tage Sonntag. Kurz, Frau Menotti konnte gar nicht genug Worte
finden, um das Stineli in allen seinen Eigenschaften zu bewundern und zu
loben, und der Rico hrte ihr gern zu.

Wenn sie dann alle drinnen beisammensaen und immer eins das andere
freundlicher ansah, so als wollte keines mehr gern vom anderen
weggehen, dann htte man denken mssen, das seien die glcklichsten
Menschen weit umher, denen nichts mehr mangele. Aber mit jedem Abend
wurde die Wolke auf Ricos Gesicht ein wenig dunkler und schwrzer,
sobald es zehn Uhr schlug, und wenn es auch Frau Menotti in ihrer frohen
Stimmung nicht merkte, so sah es doch das Stineli ganz gut und heimlich
bekmmerte es sich und dachte: Es ist, wie wenn ein Gewitter kommen
wollte!




Neunzehntes Kapitel.

Wolken am schnen Gardasee.


Es kam ein schner Herbstsonntag, und drben in Riva sollte am Abend
Tanz sein und Rico hinberfahren, um zu spielen. So konnte er den Tag
nicht mit Stineli und den anderen zubringen; das war schon mehrmals
verhandelt worden die Woche durch, denn es war ein Ereignis fr alle,
wenn Rico nicht kam, und Stineli suchte alles mgliche hervor, um der
Sache noch eine gute Seite abzugewinnen: Du fhrst dann im Sonnenschein
ber den See und kommst unter dem Sternenhimmel wieder zurck, und wir
denken die ganze Zeit an dich, hatte es ihm gesagt, als er zuerst
anzeigte, da ein Tanzsonntag folge.

Rico kam am Samstagabend mit seiner Geige, denn Stinelis grte Freude
war sein Spiel. Rico spielte schne Weisen, eine nach der anderen, aber
sie waren alle traurig, und es war auch, als machten sie ihn wieder
traurig, denn er schaute auf seine Geige mit einer Dsterkeit, als tue
sie ihm das grte Leid an.

Auf einmal steckte er seinen Bogen weg, lang noch ehe es zehn geschlagen
hatte, und sagte: Ich will gehen.

Frau Menotti wollte ihn festhalten, sie begriff nicht, was ihm einfiel.
Stineli hatte ihn immer angesehen, whrend er spielte; jetzt sagte es
nur: Ich gehe noch ein paar Schritte mit dir.

Nein! rief Silvio, geh nicht fort, bleib da, Stineli!

Ja, ja, Stineli, sagte Rico, bleib du nur da und la mich gehen!

Dabei sah er Stineli gerade so an wie damals, als er vom Lehrer weg dem
Holzsto zu kam und sagte: Es ist alles verloren!

Stineli ging zu Silvios Bett und sagte leise: Sei brav, Silvio; morgen
erzhl' ich dir die allerlustigste Geschichte vom Peterli, aber mach
jetzt keinen Lrm.

Silvio hielt sich wirklich still, und Stineli ging dem Rico nach. Als
sie am Gartenzaun standen, kehrte Rico sich um und deutete auf die
erleuchtete Stube, die so wohnlich aussah vom Garten her, und sagte:

Geh wieder, Stineli; dort gehrst du hinein und bist daheim dort, und
ich gehre auf die Strae, ich bin nur ein Heimatloser, und so wird es
immer sein; darum la mich nur gehen!

Nein, nein, so lass' ich dich nicht gehen; Rico, wo gehst du jetzt
hin?

An den See, sagte Rico und ging der Brcke zu. Stineli ging mit. Als
sie an der Halde standen, hrten sie unten die leisen Wellen flstern
und lauschten eine Weile. Dann sagte Rico:

Siehst du, Stineli, wenn du nicht da wrst, so ginge ich gleich fort,
weit fort, aber ich wte auch nicht wohin. Ich mu doch immer ein
Heimatloser sein und mein ganzes Leben lang so in Wirtshusern geigen,
wo sie lrmen, wie wenn sie von Sinnen wren, und in einer Kammer
schlafen, wo ich lieber nicht mehr hineinginge; und du gehrst nun zu
ihnen in das schne Haus, und ich gehre nirgends hin. Und siehst du,
wenn ich da hinabsehe, so denke ich: htte mich doch die Mutter hier
hineingeworfen, ehe sie sterben mute, so wre ich kein Heimatloser
geworden.

Stineli hatte mit Kummer im Herzen dem Rico zugehrt; aber wie er diese
letzten Worte sagte, da bekam es einen groen Schrecken und rief aus: O
Rico, so etwas darfst du gar nicht sagen. Du hast gewi lange dein
Unser-Vater nicht mehr gebetet, darum sind dir diese bsen Gedanken
gekommen.

Nein, ich habe es nicht mehr gebetet, ich kann es nicht mehr.

Das war dem Stineli ein erschreckliches Wort.

O, wenn das die Gromutter wte, Rico, rief es jammernd aus, sie
mte noch einen rechten Kummer fr dich ausstehen. Weit du, wie sie
gesagt hat: 'Wer sein Unser-Vater vergit, dem geht es schlecht!' O
komm, Rico, du mut es wieder lernen, ich will dich's gleich lehren. Du
kannst es bald wieder.

Und Stineli fing an und sagte mit warmer Teilnahme seines Herzens
zweimal hintereinander dem Rico das Unser-Vater vor. Wie es nun so tief
beteiligt den Worten folgte, so bemerkte Stineli, da da gerade fr den
Rico viel Trostreiches darin vorkam, und wie es zu Ende war, sagte es:

Siehst du, Rico, weil doch dem lieben Gott das ganze Reich gehrt, so
kann er dir schon noch eine Heimat finden, und ihm gehrt auch alle
Kraft, da er sie dir geben kann.

Jetzt kannst du sehen, Stineli, entgegnete Rico, wenn der liebe Gott
eine Heimat in seinem Reich fr mich htte und auch die Kraft hat, da
er mir sie geben knnte, so _will_ er nicht.

Ja, aber du mut auch etwas bedenken, fuhr Stineli fort, der liebe
Gott kann auch bei sich selbst sagen: 'Wenn der Rico etwas von mir will,
so kann er auch einmal beten und kann mir's sagen.'

Dagegen wute Rico nichts mehr einzuwenden. Er schwieg eine kleine
Weile, dann sagte er:

Sag noch einmal das Unser-Vater, ich will's wieder lernen.

Stineli sagte es noch einmal, dann konnte es der Rico wieder und hatte
sich's recht eingeprgt. Nun gingen sie friedlich heim, jedes auf seine
Seite, und Rico mute noch immer an das Reich und die Kraft denken.

An dem Abend aber, wie er in seiner stillen Kammer war, betete er von
Herzen demtig, denn er fhlte, da er im Unrecht war, zu denken, der
liebe Gott sollte ihm geben, was ihm mangelte, und er hatte ihn ja gar
nie darum gebeten.

Stineli trat gedankenvoll in den Garten ein. Es erwog bei sich selbst,
ob es ber alles mit der Frau Menotti reden wollte; vielleicht knnte
sie fr den Rico eine andere Beschftigung finden, als dies Geigen zum
Tanz in den Wirtshusern, das ihm so zuwider war. Aber der Gedanke, die
Frau Menotti mit seinen Angelegenheiten zu beschftigen, verging ihm,
als es in die Stube eingetreten war. Silvio lag glhendrot auf seinem
Kissen und atmete heftig und ungleich, und am Bette sa die Mutter und
weinte ganz klglich. Silvio hatte einmal wieder einen seiner Anflle
und groe Schmerzen gehabt, und ein wenig Zorn, da das Stineli fort
war, mochte das Fieber noch vermehrt haben. Die Mutter war so
niedergeschlagen, wie Stineli sie noch nie gesehen hatte. Als sie sich
endlich ein wenig ermuntern konnte, sagte sie:

Komm, Stineli, setz dich da neben mich, ich mchte dir etwas sagen.
Sieh, es liegt mir etwas so schwer auf dem Herzen, da ich manchmal
meine, ich knne es fast nicht mehr tragen. Du bist freilich jung, aber
du bist ein vernnftiges Mdchen und hast schon viel gesehen, und ich
meine, es wrde mir schon leichter werden, wenn ich mit dir darber
reden knnte. Du siehst ja, wie es mit dem Silvio ist, mit meinem
einzigen Shnlein. Nun habe ich aber nicht nur das Leid seiner
Krankheit, die ja nie heilen kann, sondern ich mu oft bei mir selbst
sagen: es ist vielleicht eine Strafe von Gott, weil wir unrechtes Gut
behalten haben und genieen, wenn wir es schon nicht an uns ziehen und
behalten wollten. Ich will dir's aber von Anfang an erzhlen.

Als wir uns verheirateten, der Menotti und ich -- er hatte mich von Riva
herbergeholt, wo mein Vater noch ist --, da hatte Menotti hier einen
guten Freund, der wollte eben fort, weil ihm das Land verleidet war,
denn er hatte seine Frau verloren. Er hatte ein Huschen und einen
groen Acker und Feld, nicht besonders gutes Land, aber eine groe
Strecke. Da wollte er, da mein Mann alles bernehme, und sagte, das
Land trage ja nicht so viel, er solle es ihm in Ordnung halten und das
Haus dazu, bis er wiederkomme in ein paar Jahren. So machten es die
Freunde aus, und sie hielten viel voneinander und machten nichts aus
wegen Zinsen. Mein Mann sagte: 'Du mut deine Sache recht haben, wenn du
wiederkommst', denn er wollte alles gut verwerten und verstand sich auf
den Landbau, und sein Freund wute es wohl und berlie ihm alles. Aber
gleich ein Jahr darauf wurde die Eisenbahn gebaut, das Huschen mute
weg mit dem Garten, und der Acker wurde gebraucht, der Schienenweg geht
darber. So lste mein Mann viel mehr Geld, als jenes wert war, und
kaufte hier weiter unten gutes Land und den Garten und baute das Haus,
alles aus dem Geld, und das Land trug mehr als das Doppelte ein hier
unten, so da wir die reichsten Ernten hatten. Ich sagte aber manchmal
zu meinem Mann: 'Es gehrt uns doch nicht, und wir leben im berflu aus
dem Gut eines anderen; wenn wir nur wten, wo er wre!' Aber mein Mann
beruhigte mich und sagte: 'Ich halte ihm alles in Ordnung, und wenn er
kommt, ist alles sein, und vom Gewinn, den ich beiseite gelegt, mu er
auch seinen Teil haben.'

Dann bekamen wir den Silvio, und wie ich entdeckte, da das Bblein
elend war, da mute ich mehr und mehr zu meinem Mann sagen: 'Wir leben
von unrechtem Gut, es ist eine Strafe ber uns.' Und manchmal war es mir
so schwer, da ich fast lieber arm gewesen wre und ohne Obdach. Aber
mein Mann trstete mich wieder und sagte: 'Du wirst sehen, wie er mit
mir zufrieden sein wird, wenn er kommt.' Aber er kam nie. Da starb mein
Mann schon vor vier Jahren; ach, was habe ich seitdem ausgestanden und
mu immer denken: wie kann ich nur dem unrechten Gut abkommen ohne
Unrecht, denn ich sollte es doch in guter Ordnung halten, bis der Freund
wiederkommt, und dann denk' ich wieder: wenn er nun irgendwo im Elend
wre und ich lebe unterdessen so gut aus dem Seinigen und wei nichts
von ihm.

Stineli hatte ein groes Mitleid mit der Frau Menotti, denn es konnte
sich so gut denken, wie es der Frau zumute war, die sich ein Unrecht
vorwarf, das sie nicht ndern konnte. Und es trstete die Frau Menotti
und sagte ihr: wenn man ein Unrecht gar nicht wolle und es so gern gut
machen mchte, dann drfe man recht zuversichtlich den lieben Gott
bitten, da er helfe, denn er knne schon etwas Gutes machen aus dem,
was wir verkehrt gemacht haben, und er wolle es auch tun, wenn es uns um
das Verkehrte recht leid sei. Das wisse es alles von der Gromutter her,
denn es habe sich auch einmal nicht mehr zu helfen gewut und eine groe
Angst ausgestanden.

Dann erzhlte Stineli von dem See, den Rico immer im Sinn gehabt, und
wie es schuld an seinem Fortlaufen gewesen sei und gefrchtet habe, er
sei ums Leben gekommen. Und es sagte, es sei ihm dann auch ganz wohl
geworden, wie es so gebetet und alles dem lieben Gott berlassen habe,
und Frau Menotti msse es nun auch so machen, dann werde es ihr ganz
leicht werden ums Herz, denn sie knne dann immer frhlich denken:
Jetzt hat der liebe Gott die Sache bernommen. Die Frau Menotti wurde
ganz fromm gestimmt von Stinelis Worten und sagte, sie wolle nun in
Frieden zur Ruhe gehen, es habe ihr recht wohl gemacht mit seiner
Zuversicht.




Zwanzigstes Kapitel.

In der Heimat.


Als der goldene Sonntagmorgen ber den Garten mit den roten Blumen
leuchtete, trat Frau Menotti heraus und setzte sich auf die Rasenbank am
Zaun. Sie schaute ringsum und hatte ihre eigenen Gedanken dabei. Hier
die Oleanderblumen und die Lorbeerhecke dahinter, dort die vollen
Feigenbume und die goldenen Weinranken dazwischen, -- da sagte sie leise
fr sich: Gott wei, ich wre froh, wenn mir das Unrecht vom Gewissen
genommen wrde; aber so schn, wie es hier ist, wrde ich's nirgends
mehr finden.

Jetzt trat der Rico in den Garten; er mute ja heut' Nachmittag fort,
und so den ganzen Tag, ohne einmal zu kommen, konnte er's nicht gut
aushalten. Als er gerade nach der Stube gehen wollte, rief ihn Frau
Menotti und sagte:

Setz dich einen Augenblick hier zu mir; wer wei, wie lange wir hier
noch nebeneinander sitzen werden!

Rico erschrak.

Warum denn, Frau Menotti, Ihr geht doch nicht fort?

Nun mute Frau Menotti ablenken, ihre Geschichte konnte sie nicht
erzhlen. Es kam ihr in den Sinn, was Stineli ihr gestern Abend vom Rico
gesagt hatte; sie war aber so von ihrer eigenen Sache erfllt gewesen,
da sie es nicht recht verstanden hatte. Jetzt fing es an, sie ein wenig
zu wundern, da es ihr wieder in den Sinn kam.

Sag einmal, Rico, fing sie an, warst du denn frher schon einmal da,
da du den See wiedersehen wolltest, wie mir gestern das Stineli erzhlt
hat?

Ja, wie ich klein war, sagte Rico, dann kam ich fort.

Wie kamst du denn hierher, als du klein warst?

Hier kam ich auf die Welt.

Was, hier? Was war denn dein Vater, da er aus den Bergen hier
herunterkam?

Er war nicht aus den Bergen, nur die Mutter!

Was du sagst, Rico. Dein Vater war doch nicht von hier?

Doch, er war von hier.

Das hast du alles nicht erzhlt, das ist ja so merkwrdig! Du hast doch
keinen Namen von hier; wie hie denn dein Vater?

Wie ich hie er: Enrico Trevillo.

Frau Menotti fuhr von der Bank auf, als treffe sie ein Anfall.

Was sagst du da, Rico, rief sie, was hast du gerade jetzt gesagt?

Meines Vaters Namen, sagte Rico ruhig.

Frau Menotti hatte nicht mehr zugehrt, sie war an die Tr gelaufen.

Stineli, gib mir ein Halstuch, rief sie hinein. Ich mu zum Herrn
Pfarrer auf der Stelle, mir zittern alle Glieder.

Stineli brachte erstaunt ein Halstuch.

Komm ein paar Schritte mit mir, Rico, sagte Frau Menotti im Weggehen;
ich mu dich noch etwas fragen.

Zweimal noch mute Rico sagen, wie sein Vater hie, und zum dritten Male
fragte Frau Menotti ihn noch an der Tr des Pfarrers, ob er auch sicher
sei. Dann trat sie in das Haus ein. Rico kehrte zurck und war
verwundert ber den Zustand der Frau Menotti.

Rico hatte seine Geige mitgebracht, er wute, da es dem Stineli
jedesmal Freude machte, wenn sie mitkam. Als er nun damit in der Stube
anlangte, traf er den Silvio und das Stineli in der besten Stimmung;
denn Stineli hatte seinem Versprechen gem die Geschichte vom Peterli
erzhlt und damit sich und den Silvio in die grte Heiterkeit versetzt.
Als dieser nun die Geige erblickte, rief er gleich: Nun wollen wir
singen, mit dem Stineli wollen wir die Schflein singen. Stineli hatte
sein Lied nie mehr gehrt, seit es entstanden war; denn Rico spielte
jetzt viele schne Weisen, und es hatte lange niemand mehr an das Lied
gedacht. Da aber der kleine Silvio das deutsche Lied singen wollte,
berraschte es sehr, denn es wute nicht, wie viele hundert Male Rico es
ihm vorgesungen hatte in den drei Jahren. Stineli hatte die grte
Freude, da es das alte Lied wieder einmal mit Rico singen sollte, und
nun ging's an, und richtig: Silvio sang aus allen Krften mit, und ohne
da er ein einziges Wort verstand, hatte er sie alle dem Tone nach
behalten durch das viele Anhren. Aber diesmal war das Lachen am
Stineli; denn Silvio sprach seine Worte meistens so ganz verwunderlich
aus, da es vor Lachen gar nicht singen konnte, und wie nun der Silvio
das Stineli so mit dem ganzen Gesicht lachen sah, da fing auch er an,
und dann sang er noch vernehmlicher und lauter, da das Stineli noch
mehr lachen mute, und dazu geigte der Rico mit aller Kraft sein:
Schflein hinunter.

So tnte schon von weitem das singende Gelchter der Frau Menotti
entgegen, als sie sich ihrem Garten nherte, und sie konnte nicht recht
fassen, wie das so sein konnte in dieser ereignisvollen Stunde. Eilends
kam sie durch den Garten und trat in die Stube ein; sie mute sich
gleich auf dem ersten Stuhle niederlassen, denn der Schrecken und die
Freude und das Laufen und die Erwartung aller kommenden Dinge hatten sie
berwltigt, und sie mute erst zu sich kommen. Die Snger waren
verstummt und schauten verwundert auf die Mutter. Jetzt hatte sie sich
gesammelt.

Rico, sagte sie, feierlicher als sonst, Rico, sieh um dich! Dieses
Haus, dieser Garten, das Feld, alles, was du hier sehen und nicht sehen
kannst von oben bis unten, das gehrt alles dir; du bist der Besitzer,
es ist dein vterliches Erbgut. Da ist deine Heimat; dein Name steht im
Taufbuch, du bist der Sohn von Enrico Trevillo, und der war meines
Mannes nchster Freund.

Stineli hatte bei den ersten zwei Worten schon alles begriffen und
unaussprechliche Freude berstrahlte sein Gesicht. Rico sa wie
versteinert auf seinem Stuhl und gab keinen Laut von sich. Aber der
Silvio, groe Kurzweil ahnend, brach in Jubel aus und rief:

O jetzt gehrt auf einmal das Haus dem Rico! Wo mu er schlafen?

Mu? Mu? Silvio! sagte die Mutter. In allen Stuben kann er sein, wo
er will; er kann uns alle drei heut' noch da hinausstellen, wenn er
will, und ganz mutterseelenallein im Hause bleiben.

Dann ging ich lieber auch zu euch hinaus, sagte Rico.

Ach, du guter Rico! rief Frau Menotti aus; wenn du uns da drinnen
haben willst, wie bleiben wir so gern! Siehst du, ich habe mir schon im
Heimweg ein wenig ausgedacht, wie wir es machen knnten. Ich knnte dir
das halbe Haus abnehmen und so mit dem Garten und dem Land; so gehrte
die eine Hlfte von allem dir und die andere dem Silvio.

Dann geb' ich meine Hlfte dem Stineli, rief Silvio.

Und ich die meine auch, sagte Rico.

Oho, nun gehrt alles dem Stineli! frohlockte der Kleine aus seinem
Bett heraus, der Garten und das Haus und alles, was drin ist, die
Sthle und die Tische und ich und der Rico und seine Geige. Jetzt wollen
wir wieder singen!

Aber so abgemacht, wie der Silvio die Sache auffate, kam sie dem Rico
nicht vor. Er hatte unterdessen ber die Worte der Frau Menotti
nachgedacht und fragte nun zaghaft:

Aber wie knnte das sein, da das Haus von Silvios Vater mein wre,
darum, da mein Vater sein Freund war?

Da fiel es der Frau Menotti erst ein, da ja der Rico von dem ganzen
Hergang der Sache noch nichts wute, und sie fing gleich an und erzhlte
die ganze Geschichte von vorn an und noch viel weitlufiger, als sie am
Abend vorher alles dem Stineli erzhlt hatte. Und wie sie zu Ende war,
da hatten die drei alles vllig begriffen, und bei allen dreien ging ein
unbeschreiblicher Jubel los, denn da war gar kein Hindernis mehr, da
Rico auf der Stelle in sein Haus einziehe und es nie wieder verlasse.

Mitten aus dem Jubel heraus aber sagte Rico:

Weil doch alles so ist, Frau Menotti, so mu ja nun gar nichts anders
werden in dem Hause; ich komme nun auch und bin daheim hier, und wir
bleiben so zusammen, und Ihr seid unsere Mutter.

O Rico, da du es bist, da du es bist! Wie hat doch der liebe Gott das
alles so schn herausgefhrt! Da ich es alles dir zu bergeben habe und
doch dableiben kann mit dem besten Gewissen. Ich will dir auch eine
Mutter sein, Rico, sieh, du bist mir ja auch lange schon lieb wie ein
eigenes Kind. Jetzt mut du mich auch Mutter nennen, und das Stineli
auch, und wir sind die glcklichste Haushaltung in ganz Peschiera.

Jetzt mssen wir unser Lied fertig singen, rief der Silvio, dem es so
ums Singen und Jauchzen war, da er einen Ausweg haben mute, und Rico
und Stineli begannen noch einmal den Gesang in der grten Frhlichkeit,
denn es war ihnen nicht minder wohl ums Herz. Als sie aber damit fertig
waren, sagte Stineli:

Nun mchte ich noch ein Lied mit dir singen, Rico; weit du, was fr
eines?

Ja, ich wei es, antwortete Rico, und ich will auch gern mithalten;
wir wollen gleich beim Vers der Gromutter anfangen, und er stimmte an
und sang so schn und tief heraus, wie er noch gar nie gesungen hatte,
und Stineli sang mit seinem ganzen Herzen dazu:

    Er hat noch niemals was versehn
    In seinem Regiment,
    Und was er tut und lt geschehn,
    Das nimmt ein gutes End'.

    Ei nun, so la ihn ferner tun
    Und red ihm nicht darein,
    So wirst du hier im Frieden ruhn
    Und ewig frhlich sein.

Aber nach Riva ging der Rico nicht an dem Tage. Die Mutter Menotti hatte
ihm geraten, gleich hinzugehen und der Wirtin seine vernderten
Verhltnisse mitzuteilen, einen Geiger nach Riva zu beordern und gleich
heute noch in sein Haus einzuziehen. Dieser Vorschlag gefiel dem Rico,
und er eilte gleich fort. Die Wirtin hrte ihm mit der grten
Verwunderung zu, als er ihr seine Mitteilungen machte; als er fertig
war, rief sie ihren Mann herbei und bezeugte eine laute Freude und
wnschte dem Rico allen Segen in sein Haus, und es kam ihr recht von
Herzen. Sie verlor ihn ungern, aber sie hatte schon seit einiger Zeit
den Verdacht gehegt, die Wirtin zu den Drei Kronen fahnde auf den Rico
und mache ihn ihr noch abspenstig; das htte sie nicht ertragen. Nun war
der gefrchteten Tat der Riegel gestoen, und da der Rico ein Gutsherr
geworden war, mochte sie ihm gnnen, denn sie hatte ihn immer wohl
gemocht. Und der Mann hatte seine besondere Freude an der Sache, denn er
hatte den Vater gekannt und konnte gar nicht begreifen, da es ihm nie
in den Sinn gekommen war, wie ihm der Rico aufs Haar gleich sehe. So
nahm Rico einen freundlichen Abschied aus dem Hause, und als ihm die
Wirtin unter der Tr noch einmal die Hand gab, empfahl sie sich noch
fr alle Flle, wenn er etwa mit der Zeit einmal einen Anla von seinem
Haus aus zu geben htte. Noch an demselben Abend wute ganz Peschiera
die ganze Geschichte des Rico, wie sie sich zugetragen hatte, und dann
noch viel dazu, und jedermann mochte dem Rico sein Glck gnnen, und
einer sagte zum anderen: Er pat gerade als Herr auf sein Gtlein, als
wre er eigens dazu geschaffen worden.

Die Mutter Menotti aber wute nicht, wie sie es dem neuen Besitzer gut
genug machen wollte in seinem Hause. Sie rstete das groe Zimmer auf
mit den zwei Fenstern ber den Garten und auf den See hinab; von der
Wand schauten schne weie Marmorfigrchen herunter, auf den Tisch kam
ein duftender Blumenstrau, und das ganze Zimmer sah so sauber und
festlich aus, da der Rico unter der Tr stehen blieb vor Erstaunen, wie
er jetzt, vom Stineli gefhrt, heraufkam, wo die Mutter Menotti ihn
empfangen wollte. Als diese ihn aber bei der Hand nahm und zum Fenster
fhrte, wo er auf den flimmernden See hinunter und bis zu den violetten
Bergen hinbersah, da stieg dem Rico so vieles auf im Herzen, da es ihm
vor Freude und Dank bervoll wurde und er nur leise sagen konnte:

O wie schn! nun darf ich daheim sein!

In der wohnlichen Stube mit den offenen Tren auf den Blumengarten wurde
von dem Abend an, da Rico sein Haus bezogen hatte, von den vier
Bewohnern desselben ein Tag nach dem anderen in solcher Frhlichkeit und
ungetrbtem Glcke verlebt, da keines von allen bemerkte, wie rasch die
Zeit dahinging.

Am Tage ging der Rico seinem pfeifenden Burschen nach zu den
Feigenbumen und auf den Acker hinaus ins Maiskorn, denn das mute er
nun alles behandeln lernen. Dann dachte der Bursche bei sich selbst:
Ich kann freilich mehr als mein Meister, und der Hochmut stieg ihm ein
wenig in den Kopf gegen den Rico; aber am Abend klangen aus der
erleuchteten Stube so schne und herzgewinnende Weisen in den Garten
hinaus, da der Bursche sich an die Hecke lehnte und stundenlang
lauschte, denn Musik ging ihm ber alles. Dann sagte er zu sich: Mein
Meister kann doch mehr als ich, und bekam einen groen Respekt vor ihm.




Einundzwanzigstes Kapitel.

Sonnenschein am Gardasee.


So waren zwei Jahre dahingeflogen, immer ein Tag genureicher als der
andere. Da wute Stineli, da nun die Zeit seiner Abreise gekommen war,
und es mute stark mit sich kmpfen, da es nicht den Mut verlor, denn
fortgehen und vielleicht nie wiederkommen, das war der schwerste
Gedanke, der noch je auf sein Herz gefallen war. Auch der Rico wute,
was nun sein sollte, und er sagte manchen Tag lang nur noch die
notwendigsten Worte. Da wurde es der Mutter Menotti ganz unheimlich
zumute und sie forschte der unbekannten Ursache nach, denn sie hatte
schon lange vergessen, da das Stineli sollte konfirmiert werden. Als
nun diese Besorgnis herauskam, sagte die Mutter Menotti beruhigend: Man
kann schon noch ein Jahr warten, und so lebten alle in Freuden ein
Jahr weiter.

Aber im dritten Jahr kam Bericht von Bergamo, es sei da einer angekommen
aus den Bergen herunter, der habe Befehl, das Stineli mit nach Hause zu
nehmen. Nun mute es sein; der kleine Silvio gebrdete sich wie ein
Besessener, aber es half nichts, gegen das Schicksal konnte er nicht
aufkommen. Die Mutter Menotti sagte die letzten drei Tage hintereinander
nur immerzu: Komm nur auch wieder, Stineli; versprich dem Vater, was er
will, wenn er dich nur wieder gehen lt.

Der Rico sagte gar nichts mehr. So reiste das Stineli ab, und von dem
Tage an lag es ber dem Hause wie eine graue, schwere Wolke, wenn
drauen die Sonne noch so schn schien. So blieb es vom November an bis
zum Osterfest, da alle Leute sich freuten; aber in dem Hause blieb es
ganz still. Und als das Fest vorber war und drauen im Garten alles
blhte und duftete, viel schner als je, da sa eines Abends Rico neben
dem Silvio und spielte die allertraurigste Melodie, die er kannte, und
machte den kleinen Silvio ganz tiefsinnig; aber mit einem Male ertnte
aus dem Garten eine Stimme dazwischen: Rico, Rico, hast du keinen
frhlicheren Empfang fr mich?

Der Silvio schrie auf wie auer sich. Rico warf die Geige auf das Bett
und sprang hinaus. Die Mutter strzte mit Schrecken herbei. Da erschien
auf der Schwelle mit dem Rico das Stineli. Und wie seine Augen wieder in
die Stube hereinlachten -- da war der langverlorene Sonnenschein
zurckgekehrt, und es gab ein Wiedersehen von solcher Freude, wie sich
keins von allen hatte vorstellen knnen in der Trennung. Da saen sie
wieder am Tisch bei Silvios Bett und es ging an ein Fragen und Erzhlen
und Berichten und wieder an ein Frohlocken ber das Ende der schweren
Trennungszeit; und es war ein solcher Festabend, da man htte denken
knnen, diesen vier Menschen knne gar nichts mehr mangeln zu einem
fertigen Glck. Aber dem Rico mute es ganz anders sein. Mitten in der
Frhlichkeit fing er auf einmal zu staunen an, wie vorzeiten; doch
whrte es nicht so lange wie damals, er mute ziemlich bald einen
befriedigenden Endpunkt gefunden haben, denn pltzlich war das Staunen
vorbei, und mit der grten Bestimmtheit sprach er die Worte aus:

Das Stineli mu auf der Stelle meine Frau werden, sonst kommt es uns
noch einmal fort, wir halten es nicht aus.

Der Silvio geriet sogleich in die uerste Begeisterung fr dieses
Unternehmen, und es whrte gar nicht lange, so waren alle einig darber,
da es so sein msse und gar nicht anders sein knnte. --

Am schnsten Maitage, der je ber Peschiera geleuchtet hatte, bewegte
sich ein langer Festzug von der Kirche her der Goldenen Sonne
entgegen. Voran kam der hochgewachsene Rico stattlich dahergeschritten,
an seiner Seite das frohugige Stineli mit einem frischen
Blumenkrnzlein auf dem Kopf; dann kam in weichgepolstertem Wgelchen,
von zwei frhlichen Peschierabuben gezogen, der kleine Silvio,
freudeglnzend wie ein Triumphator, darauf folgte die Mutter Menotti,
ganz gerhrt und ergriffen in ihrem rauschenden Hochzeitsstaat, nach ihr
der Bursche mit einem Blumenstrau, der ihm die ganze Brust bedeckte;
und nun wogte ganz Peschiera daher in der allerlautesten Teilnahme; denn
das schne Paar wollten alle sehen und mit feiern. Es war wie ein
allgemeines Familienfest der Leute von Peschiera, nun der verlorene und
wiedergekehrte Peschierianer daranging, sein festes Haus zu grnden in
seiner Heimat.

Die Siegesfreude der Wirtin zur Goldenen Sonne, als sie den Zug vor
ihrem Hause ankommen sah, ist nicht zu beschreiben! Wo auch je nachher
von irgendeiner Hochzeit, hoch oder niedrig, die Rede war, da sagte sie
mit berlegenheit:

Das ist alles gar nichts gegen Ricos Hochzeit in der 'Goldenen Sonne'!

In dem Hause am Blumengarten ging der Sonnenschein nicht mehr verloren;
aber Stineli sorgte auch dafr, da das Unser-Vater nie wieder vergessen
wurde, und jeden Sonntagabend ertnte das Lied der Gromutter im hellen
Chor den Garten hinaus.




Wie Wiselis Weg gefunden wird.


[Illustration: Auf dem Schlittweg]




Erstes Kapitel.

Auf dem Schlittweg.


Drauen vor der Stadt Bern liegt ein Drflein an einer Halde. Ich kann
hier nicht wohl sagen, wie es heit, aber ich will es ein wenig
beschreiben; wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. Oben auf
der Anhhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, voll schner
Blumen von allen Arten; das gehrt dem Oberst Ritter und heit Auf der
Halde. Von da geht es hinunter; dann steht auf einem kleinen, ebenen
Platze die Kirche und daneben das Pfarrhaus, -- dort hat die Frau des
Obersten als Pfarrerstochter ihre frhliche Kindheit verlebt. Etwas
weiter unten hin kommt das Schulhaus und noch einige Huser beisammen,
und dann links am Wege noch ein Huschen ganz allein; davor liegt auch
ein Grtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein paar
Resedastckchen, daneben aber mit Zichorien und Spinat bepflanzt und mit
einer niederen Hecke von Johannisbeerstruchern umgeben. Alles ist da
immer in bester Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg
wieder bergab die ganze, lange Halde hinunter bis auf die groe Strae,
die der Aare entlang geht ins Land hinaus.

Diese ganze, lange Halde bildete zur Winterszeit den herrlichsten
Schlittweg, der weit und breit zu finden war; wohl zehn Minuten lang
konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen; denn
war man vom Hause des Obersten an bei diesem ersten, steilen Absatz
einmal recht in den Zug gekommen, so gingen die Schlitten vorwrts ohne
Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestrae. Diese unvergleichliche
Schlittenbahn machte denn auch das Lebensglck einer groen Schar von
Kindern aus, die alle, sobald nur die alte Schulstubentr sich ffnete,
sich herausstrzten, ihre Schlitten vom Haufen rissen, den sie im Vorhof
bildeten, und mit Windeseile dem Schlittweg zurannten, wo die Stunden
verflogen, man wute nicht wie, denn unten am Berge war man immer im
Augenblick, und beim Heraufsteigen dachte man so eifrig ans nchste
Hinunterfahren, da es unmerklich schnell getan war. So brach immer zum
groen Schrecken der Kinder die Nacht herein, lang ehe sie erwartet war,
denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen muten. Da folgte
dann gewhnlich noch ein ziemlich strmisches Ende, denn da wollte man
schnell noch einmal fahren und dann noch einmal und dann nur noch ein
einziges Mal, und so mute dann alles noch in grter Eile zugehen, das
Aufsitzen und das Abfahren und wieder die Rckkehr den Berg hinauf. Da
war auch ein Gesetz errichtet worden, da keiner sollte hinunterfahren,
whrend die anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle
abfahren und miteinander alle zurckkehren, damit kein Gedrnge und
Schlittenverwickelungen entstehen knnten. Manchmal aber gab es doch
allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen drangvollen
Schlufahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa noch zu kurz kommen
wollte. So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Klte die
Schlittenbahn laut knisterte unter den Fen der Kinder und der Schnee
nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, da man htte darauf
fahren knnen wie auf einer festen Strae. Die Kinder aber waren alle
glhend rot und hei dazu, denn eben waren sie im angestrengten Lauf den
ganzen Berg heraufgeeilt, ihre Schlitten nachziehend und sie nun stracks
umwendend und sich darauf strzend, denn es hatte Eile; drben stand
schon hell der Mond am Himmel und die Betglocke hatte auch schon
gelutet. Die Buben hatten aber alle gerufen: Noch einmal! Noch
einmal! Und die Mdchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es
eine Verwirrung und einen groen Lrm: drei Buben wollten durchaus auf
demselben Platze mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte auch nur
einen Zoll zurckweichen und spter abfahren. So drckten sie einander
auf die Seite hin, und der breite Chppi wurde von den beiden anderen so
gegen den Rand des Weges hin gestoen, da er ganz in den Schnee
hineinsank mit seinem schweren Kelerschlitten und fhlte, da er unter
ihm stecken blieb. Eine groe Wut ergriff ihn beim Gedanken, da die
anderen nun abfahren mchten; er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf
ein kleines, schmales Mdchen, das neben ihm im Schnee stand; es war
ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schrze gewickelt, um wrmer
zu haben, aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen dnnen
Krperchen. Das schien dem Chppi ein passender Gegenstand zu sein,
seine Wut daran auszulassen.

Kannst du einem nicht aus dem Wege gehen, du lumpiges Ding du? du
brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen Schlitten.
Wart nur, ich will dir schon aus dem Wege helfen. Damit stie der
Chppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kinde eine
Schneewolke entgegenzuwerfen. Es floh zurck, so da es bis an die Kniee
in den Schnee hineinsank, und sagte schchtern: Ich wollte nur
zusehen! Der Chppi stie eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee
hinein, als ihn von hinten eine so erschtternde Ohrfeige traf, da er
fast vom Schlitten herunterfuhr. Wart du! rief er auer sich vor
Erbitterung, denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte,
und mit geballter Faust kehrte er sich um, seinen Feind zu treffen. Da
stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zurechtgestellt
zum Abfahren, und schaute nun ganz ruhig auf den Chppi nieder und
sagte: Probier's! Es war Chppis Klassengenosse, der elfjhrige Otto
Ritter, der fter mit dem Chppi kleine Verschiedenheiten auszugleichen
hatte. Otto war ein schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so
breit wie der Chppi; aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren,
da Otto eine merkwrdige Gewandtheit in Hnden und Fen besa, gegen
welche der Chppi sich nicht zu helfen wute. Er schlug nicht zu, aber
die geballte Faust hielt er immer in die Hhe und wuterfllt rief er:
La du mich gehen, ich habe nichts mit dir zu tun! -- Aber ich mit
dir, entgegnete Otto kriegerisch. Was brauchst du das Wiseli
dorthinein zu jagen und ihm noch Schnee anzuwerfen; ich habe dich wohl
gesehen, du Feigling, der ein Kleines verfolgt, das sich nicht wehren
kann. Damit kehrte er verchtlich dem Chppi den Rcken und wandte sich
dem Schneefelde zu, wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte.
Komm heraus aus dem Schnee, Wiseli, sagte Otto beschtzend. Siehst
du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen Schlitten und
hast nur zusehen mssen? Da, nimm den meinen und fahr einmal hinunter,
schnell, siehst du, da fahren sie schon. Das bleiche, schchterne
Wiseli wute gar nicht, wie ihm geschah; zwei-, dreimal hatte es
zugeschaut, wie eines nach dem anderen auf seinem Schlitten sa, und
gedacht: Wenn ich nur ein einziges Mal ganz hinten aufsitzen drfte,
wo schon drei auf einem Schlitten saen. Nun sollte es allein
hinunterfahren drfen und dazu auf dem allerschnsten Schlitten mit dem
Lwenkopf vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht war
und hoch mit Eisen beschlagen. Vor lauter Glck stand Wiseli ganz
unschlssig da und schaute nach dem Chppi, ob er es nicht vielleicht zu
prgeln gedenke zur Strafe fr sein Glck. Aber der sa jetzt ganz
abgekhlt da, so als wre gar nichts geschehen, und Otto stand so
schutzverheiend daneben, da ihm der Mut kam, sein Glck zu erfassen;
es setzte sich wirklich auf den schnen Schlitten, und da nun Otto
mahnte: Mach, mach, Wiseli, fahr ab, so gehorchte es, und hinunter
ging's, wie vom Winde getragen. In der krzesten Zeit hrte Otto die
ganze Gesellschaft wieder herankeuchen, und er rief entgegen: Wiseli,
bleib unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu;
nachher mssen wir gehen. Das glckliche Wiseli setzte sich noch einmal
hin und geno noch einmal die langersehnte Freude. Dann brachte es
seinen Schlitten und dankte ganz schchtern seinem Wohltter, mehr mit
den freudestrahlenden Augen, als mit Worten, dann rannte es eilig davon.
Otto fhlte sich sehr befriedigt. Wo ist das Miezi? rief er in die
sich zerstreuende Gesellschaft hinein. Da ist es, ertnte eine
frhliche Kinderstimme, und aus dem Knuel heraus trat ein rundes,
rotbackiges kleines Mdchen, das der Bruder Otto als krftiger
Schutzmann bei der Hand fate und nun mit ihm dem vterlichen Hause
zueilte, denn es war heute spt geworden; die erlaubte Zeit des
Schlittens war ziemlich lange berschritten.




Zweites Kapitel.

Daheim, wo's gut ist.


Als Otto und seine Schwester durch die lange, steinerne Hausflur
hereinstrmten, trat die alte Trine aus einer Tr und hielt ihr Licht in
die Hhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. So, endlich!
sagte sie, halb zankend, halb wohlgefllig. Die Mutter hat schon lange
nachgefragt, aber da war kein Bein zu sehen, und acht Uhr hat's
geschlagen vor wei kein Mensch wie langer Zeit. Die alte Trine war
schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter der beiden Kinder zur
Welt kam; so hatte sie groe Rechte im Hause und fhlte sich durchaus
als Glied desselben, eigentlich als Haupt, denn an Alter und Erfahrung
war sie die erste. Die alte Trine war durchaus vernarrt in beide Kinder
ihrer Herrschaft und sehr stolz auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften;
das lie sie aber nicht merken, sondern sprach immer im Tone halber
Entrstung von ihnen, denn das fand sie heilsam zu ihrer Erziehung.
Schuhe aus, Pantoffeln an! rief sie jetzt, Ordnung gebietend; der
Befehl wurde aber gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort
kniete sie vor Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte,
und zog ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand
unterdessen mitten in der Stube still und rhrte sich nicht, was sonst
nicht ihre Art war, so da die alte Trine whrend ihrer Arbeit ein
paarmal hinberschielte. Jetzt war Otto gerstet, und Miezchen sollte
auf dem Sessel sitzen; aber es stand noch auf demselben Platze und
rhrte sich nicht. Nu, nu, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann
trocknen die Schuhe von selbst, sagte die Trine, auf ihren Knieen
harrend. Bst! bst! Trine, ich habe etwas gehrt; wer ist in der groen
Stube? fragte Miezchen und hob den Zeigefinger etwas drohend in die
Hhe. Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht
hinein. Jetzt wag's und sitz nieder, mahnte Trine. Aber anstatt zu
sitzen, machte Miezchen einen Sprung und rief: Jetzt hab' ich's wieder
gehrt, so lacht der Onkel Max. -- Was? schrie Otto und war mit einem
Satz bei der Tr. -- Wart! wart! schrie Miezchen nach und wollte gleich
mit zur Tr hinaus; aber jetzt wurde es abgefat und auf den Stuhl
gesetzt, die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den
zappelnden Fchen. Indessen gelang die Arbeit, und nun strzte Miezchen
zur Tr hinaus und hinber in die groe Stube hinein und direkt auf den
Onkel Max los, der richtig dort im Lehnstuhl sa. Da war nun ein groer
Freudenlrm und ein Gren und ein Willkommenrufen in allen Tnen, und
in das Gelrm der Kinder stimmte der Onkel Max wacker mit ein, und es
whrte geraume Zeit, bis sich der Tumult etwas gelegt hatte und die
Festfreude einen ruhigen Charakter annahm. Denn ein Fest fr die Kinder
war die Erscheinung des Onkels jedesmal und aus triftigen Grnden. Der
Onkel Max war ihr besonderer Freund; er war fast immer auf Reisen und
kam nur alle paar Jahre einmal zum Besuch; dann gab er sich aber mit den
Kindern ab, als gehrten sie ihm selber an, und was er fr wunderbar
herrliche Sachen in allen Taschen fr sie brachte, das war gar mit
nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig und zauberhaft.
Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in allen Winkeln der Erde
umher und aus jedem brachte er etwas Eigentmliches mit.

Endlich sa die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum und die
dampfende Schssel brachte noch vllige Besnftigung in die aufgeregten
Gemter, denn von der Schlittbahn wurde immer ein richtiger Appetit
mitgebracht. So, sagte der Papa, ber den Tisch hinberblickend, wo an
der Seite der Mutter das Tchterchen fleiig arbeitete, so, so, heut'
hat also das Miezchen keine Hand fr seinen Papa, noch hab' ich keinen
Gru bekommen, und jetzt ist keine Zeit mehr dazu.

Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und sagte:
Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Flei getan und jetzt will ich
gleich --, und damit stie sie mit groer Anstrengung den Sessel zurck;
aber der Papa rief: Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestrung. Da gib die
Hand ber den Tisch hin, das brige wollen wir nachher bestellen; so
ist's recht, Miezchen. -- Wie hat man eigentlich das Kind getauft,
Marie? Ich war zwar auch dabei, aber ich habe keine Ahnung davon,
welcher Name in der Kirche ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?
sagte der Onkel lachend. Wirklich warst du dabei, Max, entgegnete
seine Schwester, da du des Kindes Pate bist. Es erhielt damals den
Namen Marie; sein Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den
Namen noch recht unntz vervielfltigt. -- O nein, Mama, wirklich nicht
unntz, rief Otto ernsthaft herber. Siehst du, Onkel, das geht nach
ganz bestimmten Regeln. Wenn dies kleine nichtige Wesen ordentlich und
sanftmtig ist, dann nenn' ich es Miezchen; das geschieht aber selten,
und im gewhnlichen Leben nenn' ich es daher Miezi. Wird es aber bs,
dann sieht es ganz aus wie ein kleiner Katzenreuel und mu Miez genannt
werden, der Miez.

Ja, ja, Otto, tnte es nun zurck, und wenn du bs wirst, dann siehst
du ganz aus wie ein -- wie ein -- Wie ein Mann, ergnzte Otto, und da
dem Miezchen eben kein Vergleich zu Gebote stand, so arbeitete es jetzt
um so emsiger an seinem Brei herum. Der Onkel lachte laut auf. Das
Miezchen behlt recht, rief er; seinen Geschften obliegen ist besser,
als auf Schmhungen antworten. Aber, Kinder, setzte er nach einer
Weile hinzu, nun bin ich mehr als ein Jahr nicht hier gewesen und ihr
habt mir noch gar nichts erzhlt; was habt ihr denn alles erlebt
unterdessen? Die neuesten Ereignisse erfllten zunchst den Sinn der
Kinder: so wurde gleich mit groer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die
eben erlebte Geschichte erzhlt, wie der Chppi das Wiseli behandelt,
wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte und endlich
doch noch zu zwei Fahrten kam. So ist's recht, Otto, sagte der Papa;
du mut deinem Namen Ehre machen, fr die Wehrlosen und Verfolgten mut
du immer ein Ritter sein. Wer ist das Wiseli? -- Du kannst das Kind
und seine Mutter kaum kennen, sagte die Mama, zu ihrem Manne gewandt;
aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter recht gut. Du kannst dich doch
noch auf den mageren Leineweber besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er
hatte ein einziges Kind mit groen braunen Augen, das oft bei uns im
Pfarrhaus war und so schn singen konnte; kommt dir da die Erinnerung
daran wieder?

Bevor aber die weiteren Erinnerungen zur Verhandlung kamen, steckte die
alte Trine ihren Kopf zur Tr herein und rief: Der Schreiner Andres
mchte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er nicht strt.
Diese harmlosen Worte bewirkten eine wahre Verheerung in der
Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierlffel, mit dem sie soeben dem
Onkel entgegenkommen wollte, beiseite, sagte eilig: Um Entschuldigung,
ihr Herren! und ging davon. Otto sprang so strmisch auf, da er seinen
Stuhl hintenhinaus warf und dann selbst darber strzte, als er
fortgaloppieren wollte. Das Miezchen hatte hnliche Taten vor, aber der
Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr gesehen und hielt es nun
mit beiden Armen fest. Aber es zappelte jmmerlich und schrie: La los,
Onkel, la los. Im Ernst, ich mu gehen.

Wohin denn, Miezchen?

Zum Schreiner Andres. La schnell los! Hilf, Papa, hilf!

Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lass' ich
dich los.

Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der
Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt la los. Nun strmte auch das
Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max schlug
ein helles Gelchter auf und rief: Wer ist denn der Schreiner Andres,
um den deine ganze Familie sich zu reien scheint?

Das mut du besser wissen als ich, entgegnete der Oberst; es wird
wohl ein Jugendfreund von dir sein, und das Fieber der Verehrung wird
auch dich noch ergreifen, es mu in eurer Familie sein, bei uns hat es
die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel sagen, da der Schreiner
Andres vllig der Grundstein meines Hauses ist, auf dem alles feststeht
und entschieden auseinandergehen wrde, sollte dem Hause dieser Halt
entkommen. Der Schreiner Andres ist hier Rat, Trost, Heil und Hilfe
in der Bedrngnis. Strebt meine Frau nach einem Hausgert, von dem
sie gar nicht wei, wie es aussehen soll, noch wozu man es braucht,
-- der Schreiner Andres erfindet es und schafft es zur Stelle. Bricht
Feuers- oder Wassersnot in der Kche oder im Waschhaus los, -- der
Schreiner Andres greift in die Elemente und bringt das Feuer ins Stocken
und das Wasser in Flu. Macht mein Sohn einen recht dummen Streich, --
der Schreiner Andres dreht ihn wieder zurecht. Schmeit meine Tochter
das smtliche Hausgerte entzwei, -- der Schreiner Andres leimt es wieder
zusammen. So ist der Schreiner Andres recht eigentlich die sttzende
Sule meines Hauses, und wenn diese zusammenbrechen wrde, so gingen wir
alle in Trmmer.

Die Mutter war unterdessen wieder eingetreten, und wohl zu ihrem Besten
schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres so eingehend.
Onkel Max lachte, da es schallte.

Lacht ihr nur! Lacht ihr nur! sagte die Mutter. Ich wei schon, was
ich an dem Schreiner Andres habe.

Und ich auch, bemerkte der Vater mit spttischem Lcheln.

Und ich auch! behauptete das Miezchen herzhaft, das wieder auf seinem
Platze sa.

Und ich auch! brummte der Otto, dem der Knchel noch sauste von seinem
Sturz ber den Stuhl hin.

So, nun sind wir alle einer Meinung, bemerkte die Mutter, nun knnen
die Kinder in Frieden zu Bette gehen. Auf diese Anzeige hin drohte dem
Frieden gleich eine Strung; aber es half nichts, die alte Trine stand
schon vor der Tr und wachte, da die Hausordnung nicht berschritten
werde. Die Kinder muten abtreten, und gleich nachher verschwand die
Mutter auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne da
die Mutter zum Nachtgebet noch an ihre Betten gekommen war.

Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den Herren
zurck und setzte sich nun so recht zum Bleiben hin.

Endlich, sagte da der Oberst hoch aufatmend, als habe er die Feinde
hinter sich. Siehst du, Max, erst gehrt meine Frau dem Schreiner
Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch etwas brig
bleibt.

Und siehst du, Max, sagte die Mutter lachend, wenn mein Mann noch so
arg hhnt: er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so gern wie wir
alle; gestehe es nur ein, Mann! Eben hat mir Andres auch fr dich noch
einen Auftrag bergeben, er hat seine jhrliche Summe gebracht und
bittet um deinen Beistand.

Das ist wahr, sagte der Oberst; einen ordentlicheren, fleiigeren,
zuverlssigeren Mann kenne ich nicht. Dem wrde ich Weib und Kind und
Hab' und Gut und alles anvertrauen wie keinem anderen; das ist der
ehrlichste, wackerste Mann in unserer ganzen Gemeinde und noch weit
darber hinaus.

Jetzt siehst du, Max, sagte die Frau lachend; ich konnte doch nicht
mehr sagen. Ihr Bruder lachte mit ber den Eifer, in den der Oberst
unversehens gefallen war. Dann entgegnete er: Nun habt ihr mir alle so
viel von eurem Wundermann vorerzhlt, da ich wirklich wissen mchte,
woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht
gesehen hier?

Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max, entgegnete seine Schwester;
du mut dich durchaus noch des Andres erinnern, mit dem wir zur Schule
gingen. Weit du denn nicht mehr, wie zwei Brder zusammen in derselben
Klasse mit dir waren? Der ltere war damals schon ein rechter
Taugenichts; er war gar nicht dumm, aber tat nichts und blieb darum
stecken und kam dann mit dem viel jngeren Bruder in eine Klasse
zusammen, in welcher du auch warst. Du mut dich gewi erinnern, er hie
Jrg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er bewarf uns, wo er
konnte, mit irgend etwas, mit unreifen pfeln und Birnen und dann mit
Schneeballen, und rief uns berall nach: 'Aristokratenbrut!'

O der, der, rief Onkel Max lachend, ja, nun wei ich auf einmal
alles. Richtig, 'Aristokratenbrut' rief er uns bestndig nach; ich
mchte nur wissen, wie ihm das Wort in den Sinn kam. Er war ein
widerwrtiger Kerl; ich wei. Da sah ich ihn einmal einen viel kleineren
Jungen ganz unbarmherzig durchprgeln; dem half ich aber, dafr rief er
mir wohl zwlfmal nach: 'Aristokratenbrut!' Ach, nun wei ich auch auf
einmal, wer der andere war; das war der magere, kleine Andres, sein
Bruder, das ist gewi euer Andres, und dann ist das auch der Andres mit
den Veilchen, nicht wahr, Marie? O, jetzt versteh' ich schon die dicke
Freundschaft, lachte Onkel Max auf's neue auf. -- Was Veilchen, das mu
ich wissen, fiel der Oberst ein. -- O, die Geschichte ist mir auf
einmal vor Augen, als wre sie gestern geschehen, sagte der Onkel ganz
angeregt von seinen Erinnerungen; die mu ich dir erzhlen, Otto. Du
weit vielleicht durch deine Frau, da wir hier im Dorfe in jenen
glcklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, der
fand, da alle Mngel und Gebrechen der Schulkinder aus ihnen heraus- und
alle Fhigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprgelt werden
knnten. So war er gentigt, sehr viel zu prgeln, um den einen oder
andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf einmal. Einmal
nun war ihm der magere Andres unter die Hand gekommen; dem schlug er nun
so krftig seine wohlgemeinte Ermahnung auf den Rcken, da der Andres
laut aufschrie. In diesem Augenblick stand meine kleine Schwester, die
krzlich in die Schule eingetreten war und sich noch nicht so recht in
die daselbst herrschenden Gebruche eingelebt hatte, pltzlich auf von
ihrem Sitze auf der ersten Bank und schritt eilig der Tr zu. Einen
Augenblick hielt der Schullehrer inne mit seiner Arbeit und rief ihr
nach: 'Wo lufst du hin?' Marie kehrte sich um; die hellen Trnen liefen
ihr ber die Backen herunter und sie sagte ganz aufrichtig: 'Ich will
heimgehen und es dem Papa sagen.' 'Wart, ich will dir', rief jetzt der
Schullehrer in groer berraschung und strzte vom Andres weg auf die
kleine Marie los; die prgelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm
und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin; dann sagte er noch
einmal: 'Wart, ich will dir!' Damit war aber alles abgetan; auch der
Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen friedlichen
Ausgang. Aber die Trnen, die meine Schwester fr den Andres vergossen,
und ihr Einschreiten gegen den Tyrannenstock wurden nicht vergessen. Von
dem Tag an lag jeden Morgen ein Bschel Veilchen auf ihrem Platz und
durchduftete den ganzen Schulraum, und nachher kam noch ein anmutigerer
Duft von dem Platz her, denn da lagen groe Erdbeerstrue mit den
prchtigsten dunkelroten Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren,
und so ging es das ganze Jahr durch immerfort; wie sich dann aber die
Freundschaft zu dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun
angelangt ist, das mu meine Schwester wissen und uns mitteilen. -- Der
Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Trnen und der Veilchen
und forderte seine Frau auf, weiter zu erzhlen. Sie sagte mit Lachen:
Erdbeeren und Veilchen blhen deiner Ansicht nach das ganze Jahr durch,
Max; das ist aber nicht ganz so. Hingegen wurde der gute Andres wirklich
das ganze Jahr durch nicht mde, mir irgend etwas Erfreuliches aus Feld
und Wald aufzufinden und an meinen Platz zu legen, solange wir
miteinander zur Schule gingen. Er trat dann lange vor mir aus und kam in
die Lehre zu einem Schreiner nach der Stadt; er kam dann immer fter
nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus den Augen, und als mein Mann
dies Gut kaufte und wir uns eben verheiratet hatten, handelte es sich
darum, da Andres sich etwas ankaufen und sich selbstndig niederlassen
wollte; er hatte seine Eltern verloren und stand ganz allein, aber als
ein tchtiger Arbeiter da. Er hatte seine Augen auf das Huschen mit dem
sauberen kleinen Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es
aber nicht ankaufen, da der Verkufer sogleich bares Geld haben und
Andres erst solches durch seine Arbeit gewinnen mute. Aber wir kannten
ihn und seine Arbeit. Mein Mann kaufte das Gtchen an fr ihn, und er
hat es keinen Augenblick zu bereuen gehabt. -- Nein, wahrhaftig nicht,
fiel hier der Oberst ein; der brave Andres hat lngst sein Gut
vollstndig abgezahlt und seither bringt er mir jedes Jahr um diese Zeit
eine ganz hbsche Summe, den Gewinn seiner Jahresarbeit; die lege ich
ihm gut an und habe meine Freude an dem Gedeihen des wackeren Menschen.
Er ist jetzt schon ein ganz wohlhabender Mann, und nun nimmt sein
Besitztum jhrlich sehr zu, er kann sein Huschen noch zu einem groen
Haus machen, der brave Andres; es ist nur schade, da er wie ein
Einsiedler lebt und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genieen
kann. -- Hat er denn keine Frau und Familie, und wo ist der bitterbse
Jrg schlielich hingekommen? fragte Onkel Max weiter. -- Nein, er hat
gar niemanden, antwortete die Schwester, er lebt vllig allein,
wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, traurige Geschichte
erlebt, die ich mit angesehen habe, und die ihm gewi alle Lust benommen
hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder Jrg hat erst hier einige Jahre
herumvagabondiert, hat nie gearbeitet, sondern gehofft, durch
furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, die keine Lumpe waren wie er,
endlich doch noch sein Glck zu machen, und als ihm dies nicht gelang,
auch der gute Andres ihm endlich nicht mehr aus seinen Schulden und
allem Bsen heraushelfen konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er
verschwunden, wohin, hat man nie recht gewut; jedermann war froh, da
er nur fort war. -- Was war denn die traurige Geschichte, Marie?
fragte der Bruder; die mu ich auch noch wissen. Und ich auch, sagte
der Oberst und zndete zu der Erzhlung vergnglich eine neue Zigarre
an.

Aber Mann, bemerkte die Frau Oberst, dir habe ich dieses Erlebnis
wohl schon sechsmal erzhlt. -- So? entgegnete ruhig der Oberst; es
gefllt mir, wie es scheint. -- So fang an! ermunterte der Onkel. --
Du mut dich noch jenes Kindes erinnern knnen, Max, begann seine
Schwester, von dem ich heut' abend schon einmal gesprochen habe, das
ganz in unserer Nhe wohnte. Es gehrte dem bleichen, mageren Leineweber
an, den wir immerfort sein Weberschifflein hin- und herwerfen hrten,
wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und nett aus und
hatte groe, lustig glnzende Augen und so schne braune Haare. Es hie
Aloise. -- In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt, warf Onkel
Max ein. -- O, ich wei schon warum, fuhr seine Schwester fort, wir
nannten sie auch nie so, besonders du nicht; Wisi nannten wir sie, zum
Schrecken unserer seligen Mama. Weit du denn nicht mehr, wie oft du
selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten mit Mama und
es so leise tnte: 'Man mu das Wisi holen, sonst geht's nicht?' --
Jetzt stieg die Erinnerung mit einem Male in Onkel Maxens Gedchtnis
auf; er lachte hell heraus und rief: O, das ist's, das Wisi, ja gewi,
das Wisi kenn' ich wohl, ich seh' es deutlich vor Augen mit dem lustigen
Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauf los sang. Ich
mochte es gern, das Wisi; es war auch nett anzusehen. Das ist ja wahr:
die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, wenn ich 'Wisi'
sagte; ich habe aber nie gewut, wie das Wisi eigentlich hie.

Freilich hast du, bemerkte die Schwester, denn jedesmal sagte die
Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schnen Namen Aloise ein Wisi zu
machen. -- Das habe ich wohl jedesmal berhrt, meinte Onkel Max;
aber wo ist denn das Wisi hingekommen?

Du weit, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir sind
miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur sechsten, da
kann ich mich denn ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre durch der
Andres als treuster Freund und Beschtzer dem Wisi zur Seite stand in
Freud' und Leid, und es konnte den Freund gut brauchen. Meistens, wenn
es zur Schule kam und die Tafel mit Rechnungen bedeckt bringen sollte,
wie wir anderen auch, da stand nicht eine Zahl darauf; es legte sie aber
mit dem lustigsten Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden
Augenblick stand alles darauf, was darauf stehen sollte, denn der Andres
hatte schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt.
fter geschah's auch, da Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen
eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte im
Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschttelt, und wenn dann
Gericht ber diese Untaten gehalten wurde, dann blieb regelmig alles
auf dem Andres sitzen; nicht da er von jemand angeklagt wurde, sondern
er selbst sagte gleich halblaut: er meine, er habe die Scheibe
zerdrckt, und er glaube auch, er habe einmal an dem Pflaumenbaum
gerttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder wuten immer ganz gut,
wie es war; aber wir lieen es so gehen, wir waren so gewhnt daran, da
es so sei, und dann hatten wir alle das lustige Wisi so gern, da wir's
ihm immer gnnten, wenn es ungestraft davonkam. Und pfel und Birnen und
Nsse hatte Wisi immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres,
denn was er nur hatte und erlangen konnte, das steckte er alles dem Wisi
in den Schulsack. Ich dachte manchmal darber nach, wie es denn auch so
sein knne, da der ganz stille Andres gerade das allerlustigste und
aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe, und dann sann
ich darber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres besonders
gern habe. Es war wohl immer freundlich mit ihm, aber so war es auch mit
den anderen, und als ich einmal ernstlich unsere Mama darber fragte,
wie das wohl sei, da schttelte sie ein wenig den Kopf und sagte: 'Ich
frchte, ich frchte, diese artige Aloise ist ein wenig leichtsinnig und
kann noch in eine schwere Schule kommen.' Diese Worte gaben mir viel zu
denken und kamen mir immer wieder in den Sinn. Als wir dann zusammen in
den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelmig am Sonntagabend
zu uns herber und wir sangen Chorle zusammen am Klavier; daran hatte
es damals sehr groe Freude, es konnte alle die schnen Lieder auswendig
und sang sie mit so heller Stimme; wir hatten auch recht unsere Freude
an den Abenden, Mama und ich, und auch darber, da Wisi so gern in den
Unterricht ging und ihn wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein groes
Mdchen geworden und sah recht gut aus; seine lustigen Augen hatte es
noch, und wenn es auch nie so krftig aussah, wie die Bauernmdchen im
Dorf, so hatte es doch eine so blhende Farbe damals und war netter als
sie alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er kam
aber immer ber den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu uns ins
Pfarrhaus, einen Besuch zu machen, und am liebsten sprach er dann immer
mit mir von den vergangenen Tagen der Schule, und dann kamen wir immer
bald auf das Wisi zu sprechen; das kam so im Zusammenhang, und
schlielich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging ganz das
Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und whrend alle Welt
lngst das Wisi nie anders als so genannt hatte, nannte er es
unwandelbar das 'Wiseli', und das kam dann so ganz eigen zrtlich
heraus. Da kam denn auch ein Sonntag -- wir waren noch nicht achtzehn
Jahre alt, Wisi und ich --, als es gegen Abend bei uns eintrat und ganz
rosig aussah, und wie wir nun zusammensaen -- Mama war auch mit uns --,
da sagte denn Wisi, es sei gekommen, uns mitzuteilen, da es sich mit
dem jungen Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im
Dorfe wohnte, und da sie gleich heiraten knnten, da er eine gute
Anstellung habe unten in der Fabrik, und so htten sie denn schon alles
festgesetzt, da sie gleich in zwlf Tagen zusammenkommen knnten. Ich
war so erstaunt, und so traurig kam mir die Sache vor, da ich kein Wort
sagen konnte; eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz
bekmmert aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte
ihm vor, wie leichtsinnig es sei, da es sich so schnell mit dem
Fabrikarbeiter eingelassen habe, es kenne ihn ja kaum, und da sei doch
ein anderer, der ihm jahrelang nachgegangen sei und ihm gezeigt habe,
wie lieb es ihm sei, und zuletzt fragte sie es dringend, ob denn nicht
alles noch rckgngig gemacht werden, oder doch eine gute Zeit lang
hinausgeschoben werden und es noch bei seinem Vater bleiben knnte, es
sei ja noch so jung. Da fing es denn zu weinen an und sagte, es habe ja
ganz bestimmt sein Wort gegeben, und alles sei eingerichtet auf die
Zeit, und dem Vater sei's recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber
das arme Wisi weinte immer rger; da nahm sie es denn bei der Hand und
zog es zum Klavier hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir
zusammen sangen, und sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: 'Trockne
nun deine Trnen, wir wollen noch einmal zusammen singen'; dann schlug
sie uns das Lied auf und wir sangen zusammen:

    'Befiehl du deine Wege,
    Und was dein Herze krnkt,
    Der allertreusten Pflege
    Des, der den Himmel lenkt.

    Der Wolken, Luft und Winden
    Gibt Wege, Lauf und Bahn,
    Der wird auch Wege finden,
    Da dein Fu gehen kann.'

Wisi ging dann wieder ziemlich getrstet von uns, die Mutter hatte ihm
noch einige freundliche Worte gesagt; aber mich hatte die Sache recht
traurig gemacht, ich hatte ein ganz bestimmtes Gefhl, da das arme Wisi
seine frohen Tage nun hinter sich hatte, und dann dauerte mich der
Andres unsglich; was wrde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein
Wort, aber ein paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war
noch stiller geworden als vorher, ich habe auch seither nie mehr sein
still-frhliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft haben
konnte.

Der arme Kerl! rief Onkel Max aus; hat er denn keine andere Frau
genommen? -- Ach nein, Max, entgegnete seine Schwester ein wenig
strafend, wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen, er ist ja
die Treue selbst. -- Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester,
erwiderte der Bruder begtigend; ich konnte doch nicht voraussehen, da
dein vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an
sich trgt. Aber das Wisi, erzhl weiter von dem, ich hoffe wirklich,
das lustige Wisi ist nicht unglcklich geworden, es wrde mich arg
dauern. -- Ich merke schon, Max, sagte die Schwester, da du heimlich
es mit dem Wisi hltst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres, dem
es doch fast das Herz abgedrckt hat, da das Wisi fr ihn verloren
war. -- Doch, doch, versicherte der Onkel, ich habe ja alle Teilnahme
fr den Ehrenmann; aber weiter, wie ging's mit dem Wisi, es hat doch
seine lustigen Augen nicht verweint? -- Doch, ich glaube manchmal
wohl, fuhr die Schwester fort; ich habe es nicht mehr oft gesehen, es
hatte gleich viel zu tun; ich glaube, der Mann war nicht eben bse, aber
er hatte etwas Rohes, er konnte so grob und unfreundlich sein, auch mit
seinen kleinen Kindern schon; Wisi hatte gewi wenig Freude mehr. Er
hatte mehrere nette Kinder, aber sie waren alle sehr zart, es verlor sie
wieder eins nach dem anderen; fnf hatte es begraben mssen, nur ein
einziges ist ihm geblieben, ein feines, zartes Geschpfchen, ein kleines
Wiseli, es ist nicht viel grer als unser Miezchen und ist doch gut
drei Jahre lter. Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten,
da man deutlich sehen konnte, was kommen wrde, und nun ist es auch da,
eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin; ich frchte, es ist gar
keine Hoffnung mehr. -- Nein, rief Onkel Max ganz erschrocken aus,
das kann doch nicht sein, ist's wirklich so? Kann man da nichts machen,
Marie? Wir wollen doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen.
-- Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen, sagte die Schwester traurig;
da war berhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war fr all' die Arbeit und
Anstrengung viel zu zart. -- Und was macht nun der Mann? fragte Onkel
Max. -- Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi
auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde ihm in
der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, da man ihn halbtot
nach Hause brachte; er wurde dann ganz elend, arbeiten konnte er gar
nichts mehr; er mu kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein. Wisi
hatte ihn nun noch zu verpflegen zu allem anderen, er starb dann
ungefhr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt Wisi allein mit
dem Kinde. -- Und so blieb denn von allem gar nichts mehr brig, als
ein kleines Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird's
doch nicht kommen mssen; das Wisi kann noch gesund werden und alles
noch kommen, wie es htte sein sollen von Anfang an. -- Nein, nein,
dazu ist es zu spt, entgegnete die Schwester sehr bestimmt; das arme
Wisi hat seinen Leichtsinn schwer ben mssen. Aber auch hier ist es
spt geworden, -- und fast erschrocken stand sie auf, denn ber dem
Gesprch war die Mitternachtsstunde vorbergegangen, und seit einiger
Zeit schon war der Oberst ganz stille geworden, er hatte sich in seinen
Lehnstuhl zurckgelegt und war fest eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar
keinen Schlaf, denn mit der Erzhlung von dem armen Wisi waren ihm alle
Jugenderinnerungen so lebendig aufgestiegen, da er noch eine Menge von
Dingen und Persnlichkeiten besprechen wollte; aber seine Schwester war
unerbittlich, sie hielt die Lichter in der Hand und drngte zum
Aufbruch. So half denn nichts; um aber nicht allein die unwillkommene
Strung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem so gewaltigen
Ruck an seinem Stuhl, da der Oberst mit einem Schrecken emporscho, als
sei eine feindliche Bombe auf ihn gefahren. Aber sein Schwager klopfte
ihm friedlich auf die Schulter und sagte: Es war nur eine leise Mahnung
von seiten deiner Frau, da wir uns zurckziehen mchten. Der Rckzug
wurde dann vollzogen, und bald stand das Haus auf der Hhe ganz still im
Mondschein da, und unten am Berg stand eins, da sollte es auch bald
stille werden; jetzt brannte noch ein schwaches Lmpchen drinnen und
warf seinen matten Schimmer durch das schmale Schubfenster in die
monderhellte Nacht hinaus.




Drittes Kapitel.

Auch noch daheim.


Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten ihrem Hause zugingen,
rannte das kleine Wiseli aus allen Krften den Berg hinunter, denn es
wute, da es lnger fortgeblieben war, als die Mutter erwartete, und
das tat es sonst nicht. Aber heute war sein Glck so gro gewesen, da
es einen Augenblick das Heimgehen vergessen hatte; jetzt lief es um so
mehr drauf zu und wre fast in einen Mann hineingerannt, der eben aus
der Tr des Huschens trat, als es hineinstrmen wollte; er ging ihm
aber ganz leise aus dem Wege, und das Wiseli sprang vorwrts in die
Stube hinein und auf die Mutter zu, die auf einem kleinen Stuhl am
Fenster sa und zu Wiselis Erstaunen noch kein Licht angezndet hatte.
Mutter, bist du bse, da ich so lang nicht komme? rief es, indem es
sie mit beiden Armen um den Hals fate. Nein, nein, Wiseli, antwortete
sie freundlich; aber ich bin froh, da du da bist. Jetzt fing das
Wiseli der Mutter von seinem groen Erlebnis zu erzhlen an, wie gut der
Otto mit ihm gewesen, und wie es zweimal mit dem allerschnsten
Schlitten hatte den Berg hinunterfahren knnen. Wie es dann mit seiner
Erzhlung fertig war und die Mutter noch so still dasa, fiel ihm erst
ein, da sie das sonst nicht tat, und es fragte verwundert: Aber warum
hast du noch kein Licht, Mutter?

Ich bin so mde heut' abend, Wiseli, antwortete sie; ich konnte nicht
aufstehen und Licht machen. Hol das Lmpchen herein und bring mir einen
Schluck Wasser mit, ich habe so groen Durst. Wiseli lief in die Kche
und kam bald zurck, in der einen Hand das Licht und in der anderen eine
Flasche, darinnen ein roter Saft schimmerte, so hell und einladend, da
die durstende Kranke erfreut ausrief: Was bringst du mir Schnes,
Wiseli? -- Ich wei nicht, sagte das Kind, es stand auf dem
Kchentisch, sieh, wie es funkelt. Die Mutter nahm die Flasche in die
Hand und roch daran. O, sagte sie, begierig wieder riechend, es ist
wie frische Himbeeren aus dem Wald, gib mir schnell ein wenig Wasser
dazu, Wiseli. Das Kind go von dem roten Saft in ein Glas und fllte es
mit Wasser, und mit durstigen Zgen trank die Mutter den erquickenden
Beerensaft hinunter. O, wie das erfrischt! sagte sie und bergab das
leere Glas dem Kinde. Stell es weg, Wiseli, aber nicht weit; mir ist,
ich knnte alles austrinken, so durstig bin ich. Wer hat mir denn diese
groe Erquickung gebracht? Gewi die Trine, es kommt von der Frau
Oberst. -- War denn die Trine bei dir in der Stube, Mutter? fragte das
Kind. -- Die Mutter verneinte dies. -- Dann ist es nicht die Trine, das
wei ich, sagte das Wiseli bestimmt; sie geht jedesmal in die Stube,
wenn sie etwas bringt. Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er
dies nicht mitgebracht? -- Ach was, Wiseli, fiel die Mutter ganz
lebhaft ein; was sagst du denn, der Schreiner Andres war nie bei mir,
was kommt dir in den Sinn? -- Er war sicher, sicher, ganz bestimmt hier
drinnen, beteuerte Wiseli; gerade wie ich hereinkam, trat er so
schnell aus der Tr, da ich fast an ihn heranrannte: hast du denn
nichts gehrt? Die Mutter war eine Zeitlang ganz stille, dann sagte
sie: Ich habe schon gehrt, da jemand leise die Kchentr aufmachte;
erst meinte ich, du seist's, und -- es ist wahr, erst nachher hrte ich
dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, da es der Schreiner Andres
war, der zu unserer Tr herauskam? Wiseli war seiner Sache so sicher
und konnte so genau der Mutter sagen, wie der Rock und die Kappe vom
Schreiner Andres aussahen und wie er erschrocken war, als es so mit
einem Male an ihn heranrannte, da die Mutter auch davon berzeugt
wurde; sie sagte wie fr sich: Dann war es der Andres, er hat es
ausgedacht, was mir so gut tun knnte. -- Jetzt kommt mir auch etwas in
den Sinn, Mutter, rief auf einmal das Wiseli ganz erregt aus, jetzt
wei ich gewi, wer einmal den groen Topf Honig in die Kche gestellt
hat, von dem du so gern aest, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen;
weit du, Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir
etwas Gekochtes brachte, und sie sagte, sie wisse von allem dem gar
nichts. Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Kche
gestellt.

[Illustration: Es hielt ihre Hand fest in der seinigen]

Das glaube ich auch, sagte die Mutter und wischte sich die Augen. --
Es ist ja nichts Trauriges, sagte Wiseli ein wenig erschrocken, als
sie die Mutter immer wieder die Augen wischen sah.

Du mut ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es ihm
einmal, ich lass' ihm danken fr alles Gute; er hat es so gut mit mir
gemeint. Komm, sitz ein wenig zu mir heran, fuhr sie leise fort; gib
mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag mir das Verslein,
was ich dich gelehrt habe.

Wiseli holte noch einmal Wasser und go von dem frischen Saft hinein,
und die Mutter trank noch einmal begierig davon; dann legte sie mde
ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und winkte das Wiseli zu
sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu hart, holte ein Kissen aus
ihrem Bett herbei und legte es sorgfltig unter den Kopf; dann setzte es
sich dicht neben sie auf den Schemel und hielt ihre Hand fest in der
seinigen, und wie sie gewnscht hatte, sagte es nun andchtig sein
Verslein her:

    Befiehl du deine Wege,
    Und was dein Herze krnkt,
    Der allertreusten Pflege
    Des, der den Himmel lenkt.

    Der Wolken, Luft und Winden
    Gibt Wege, Lauf und Bahn,
    Der wird auch Wege finden,
    Da dein Fu gehen kann.

Als Wiseli zu Ende war, sah es, da die Mutter am Entschlafen war, sie
sagte nur noch mit leisem Ton: Denk daran, Wiseli! Und wenn du einmal
keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird, dann denk in
deinem Herzen:

    'Er wird auch Wege finden,
    Da dein Fu gehen kann.'

Nun legte die Mutter sich mde hin und entschlief, und Wiseli wollte sie
nicht wecken. Es legte sich muschenstille an sie heran, und bald
schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte Lampe in dem
stillen Stbchen fort, immer matter, bis sie von selbst erlosch und das
Huschen dunkel dastand auf dem hellen Mondscheinplatz.

Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen
ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stbchen herein, wie
sie immer tat im Vorbeimarsch. Da sah sie, wie Wiselis Mutter auf dem
Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte. Das kam ihr so
sonderbar vor, sie mute nachsehen, was da geschehen sei. Sie machte ein
wenig die Tr auf und sagte: Was hast du, Wiseli; ist die Mutter
krnker? Wiseli schluchzte zum Erbarmen und sthnte hervor: Ich wei
nicht, was die Mutter hat.

Das arme Kind ahnte wohl, was mit der Mutter war, aber es konnte ja
nicht begreifen, da es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, aber sie
war entschlafen fr das ganze Erdenleben, sie hrte nicht mehr, wie ihr
Wiseli sie rief. Die Nachbarin trat zu dem Kissen am Fenster und schaute
die schlafende Frau an; dann trat sie erschrocken zurck und sagte: Geh
schnell, Wiseli, lauf und hol deinen Vetter-Gtti, er soll auf der
Stelle herkommen, du hast ja sonst niemand, und es mu jemand zu der
Sache sehen; lauf recht, ich will warten, bis du wiederkommst. Das Kind
lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen, sein Herz war
so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr, da Wiseli auf
einmal mitten auf dem Wege sich hinsetzen und laut weinen mute, denn
jetzt wurde es ihm immer deutlicher in seinem Herzen, da die Mutter
nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und lief weiter,
aber zu weinen konnte es nicht mehr aufhren, denn in seinem Herzen
wurde der Jammer immer grer. Am Buchenrain, wohl eine Viertelstunde
von der Kirche weg, stand das Haus von dem Vetter-Gtti, wo Wiseli jetzt
eben ankam und weinend unter die Tr trat. Die Base stand in der Kche
und fragte kurz: Was ist mit dir? Wiseli sagte halblaut zwischen dem
Schluchzen durch, die Nachbarin habe es geschickt, da der Vetter-Gtti
schnell komme zur Mutter. Die Base sah das Kind an, sie mochte denken,
es sei mit der Mutter schlimm, denn weniger barsch, als sie sonst
redete, sagte sie: Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist
jetzt nicht da. Da kehrte Wiseli wieder um und kam schneller zurck,
als es vorwrts gekommen war, denn es ging ja noch zur Mutter. Die
Nachbarin stand vor der Tr, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es
war ihr nicht heimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich
ganz nahe zur Mutter, so wie es die Nacht durch neben ihr gesessen
hatte; da sa es ganz still und weinte und von Zeit zu Zeit sagte es
halblaut: Mutter! Sie gab keine Antwort mehr. Da sagte Wiseli, sich zu
ihr hinbeugend: Gelt, Mutter, du hrst mich wohl, wenn du jetzt schon
im Himmel bist, und ich dich nicht mehr hren kann. So sa das Wiseli
noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als schon die Mittagszeit
vorber war. Da trat der Vetter-Gtti in das Stbchen, schaute sich ein
wenig darin um und rief dann die Nachbarin herein. Ihr mt die Frau
hier zurecht machen, Ihr wit schon, wie ich meine, sagte er, so da
alles fertig ist zum Wegholen. Dann nehmt den Schlssel zu Euch, da da
nichts wegkommt. Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: Wo sind
deine Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein
Bndelchen, dann gehen wir. -- Wohin gehen wir denn? fragte Wiseli
zaghaft. -- Heim gehen wir, war die Antwort; an den Buchenrain, da
kannst du bei uns sein, du hast niemand mehr auf der Welt, als deinen
Vetter-Gtti. Das Wiseli befiel ein lhmender Schrecken, -- nach dem
Buchenrain sollte es gehen und da daheim sein. Es hatte von jeher eine
groe Furcht vor der Base gehabt und jedesmal eine Zeitlang vor der Tr
gewartet, wenn es dem Vetter-Gtti etwas hatte berichten mssen, aus
lauter Angst, die Base fahre es an. Dann war der lteste Sohn im Hause,
der gewaltttige Chppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die
warfen allen Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein.

Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. Du mut dich
nicht frchten, Kleines, sagte der Vetter-Gtti freundlich; es sind
wohl mehr Leute bei uns im Hause als da, aber das ist desto lustiger fr
dich. Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und knpfte
je zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander; dann band es sein Tchlein um
den Kopf und stand fertig da.

So, sagte der Vetter, nun gehen wir, und schritt der Tr zu. Auf
einmal schluchzte Wiseli laut auf: Dann mu ja die Mutter ganz allein
sein.

Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie fest.

Der Vetter-Gtti stand ein wenig verblfft da; er wute nicht recht, wie
er dem Kinde erklren sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es das
nicht von selbst begriff, denn Erklren war nicht seine Sache, das hatte
er nie probiert; er sagte also: Komm jetzt, komm! Ein Kleines, wie du
eins bist, mu folgen; komm und mach nur kein Geschrei, das hilft gar
nichts. Wiseli wrgte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem
Vetter-Gtti durch die Tr nach. Nur einmal sah es noch zurck und sagte
ganz leise: Behte Gott, Mutter! Dann wanderte es mit seinem
Bndelchen am Arm aus dem kleinen Hause, wo es daheim gewesen war. Eben
als die beiden miteinander querfeldein gingen, kam von oben herunter die
Trine gegangen, einen gedeckten Korb am Arm tragend. Noch stand die
Nachbarin unter der Tr und schaute dem Vetter-Gtti und dem Kinde nach.
Die Trine trat auf sie zu und sagte: Heute bring' ich der kranken Frau
was Rechtes, aber ein wenig spt, wir haben den Herrn Onkel zum Besuch,
da wird es immer spt. -- Und wenn Ihr auch am Morgen frh gekommen
wret, so wret Ihr zu spt gekommen heut', sie ist in der Nacht
gestorben. -- Es wird doch nicht sein, rief die Trine erschrocken aus;
ach du mein Trost, was wird meine Frau sagen. Damit kehrte die Trine
um und lief stracks ihren Weg zurck.

Die Nachbarin trat in das stille Stblein ein und machte Wiselis Mutter
so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bettlein liegen mute.




Viertes Kapitel.

Beim Vetter-Gtti.


Als das Wiseli hinter dem Vetter-Gtti drein in das Haus hereintrat am
Buchenrain, da kamen die drei Buben aus der Scheune hergestrzt, liefen
hinter der Ankommenden her in die Stube herein und stellten sich mitten
drin auf, und alle drei sperrten die Augen auf an das Wiseli hinan, das
ganz schchtern dastand. Aus der Kche kam die Base herein und schaute
das Wiseli ebenfalls an, wie wenn sie es noch nie gesehen htte.

Der Vetter-Gtti setzte sich hinter den Tisch und sagte: Ich meine, man
knnte etwas nehmen; das Kleine hat, denk' ich, heut' noch wenig gehabt.
Komm, sitz ab, sagte er, zu Wiseli gewandt, das immer noch auf
demselben Platze stand, sein Bndelchen in der Hand. Es gehorchte. Jetzt
holte die Base Most und Kse und legte das groe Schwarzbrot auf den
Tisch. Der Vetter-Gtti schnitt ein tchtiges Stck ab und legte einen
Brocken Kse darauf, dann schob er es vor das Kind hin: Da, i,
Kleines, wirst wohl Hunger haben.

Nein, ich danke, sagte Wiseli leise; es htte keinen Brosamen
herunterschlucken knnen, denn Leid und Angst und Weh schnrten es so
zusammen bis an den Hals hinauf, da es kaum atmen konnte. Die Buben
standen immer da und starrten es an. Mut dich nicht frchten, sagte
der Vetter-Gtti ermunternd, i nur zu. Aber das Wiseli sa
unbeweglich und berhrte sein Brot nicht. Die Base war bis jetzt auch
geblieben und hatte das Kind angeschaut von oben bis unten, mit beiden
Armen in die Seite gestemmt. Wenn's dir nicht recht ist, so kannst du's
nur bleiben lassen, sagte sie nun, kehrte sich um und ging wieder in
die Kche.

Als der Vetter-Gtti sich genugsam erfrischt hatte, stand er auf und
sagte: Nimm's in die Tasche, nachher kommt's dir schon, da du essen
magst, mut dich nur nicht frchten. Damit ging auch er in die Kche
hinaus. Wiseli wollte gehorchen und die beiden Stcke in die Tasche
stecken, aber diese war viel zu klein, es legte wieder alles auf den
Tisch.

Ich will dir schon helfen, sagte Chppi, schnappte die Stcke vom
Tisch weg und wollte sie zu dem offenen Mund fhren, sie fuhren aber in
die Luft hinauf, denn der Hans hatte von unten herauf Chppis Hand einen
tchtigen Puff gegeben, damit ihr die Beute entfalle und er sie
erwische; in dem Augenblick aber huschte der Rudi schnell auf den Boden
und haschte den Fang weg. Jetzt strzten die beiden Greren auf ihn,
und einer fiel ber den anderen hinaus, und nun ging es an ein Schlagen
und Raufen und Lrmen und Heulen, da es dem Wiseli angst und bange
wurde. Jetzt machte der Vater die Kchentr wieder auf und rief in die
Stube hinein: Was ist das? Da riefen die drei Buben am Boden alle
durcheinander, und es tnte immer wieder: Das Wiseli wollte nicht,
das Wiseli hatte keinen und weil das Wiseli keins wollte. Da rief
der Vater noch lauter: Wenn das nicht aufhrt da drinnen, so will ich
mit dem Lederriemen kommen! Dann schlug er die Tr wieder zu. Das da
drinnen hrte aber noch nicht auf, sondern sowie die Tr zu war, ging's
erst recht los, denn der Hans hatte erfunden, da das wirksamste Mittel,
den Feind zu erschrecken, sei, ihm in die Haare zu fahren, was die
anderen sogleich auch begriffen, und so standen sie nun alle drei jeder
mit beiden Hnden an den Haaren eines anderen reiend und dazu ein
frchterliches Geschrei ausstoend. In der Kche sa die Base auf einem
Schemel und schlte Kartoffeln. Als ihr Mann die Stubentr wieder
zugemacht hatte, sagte sie: Was hast du mit dem Kind im Sinn? Warum
hast du es gleich mit heimgenommen?

Es wird, denk' ich, bei jemandem sein mssen; ich bin der Vetter-Gtti,
und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst es ja schon
brauchen; so etwas wie du dort machst, kann es dann machen. So kannst du
etwas Besonderes tun. Du sagst ja immer, die Buben geben dir mehr zu
tun, als eben recht.

Ja wegen dessen, warf die Base hin, das wird eine schne Hilfe sein.
Du kannst ja hren, wie es zugeht drinnen in der ersten Viertelstunde
schon, da es da ist.

Das habe ich schon manchmal gehrt, lang eh' das Kleine da war; es hat,
denk' ich, nicht viel damit zu tun, sagte der Vetter ruhig.

So, entgegnete die Base eifrig, hast du denn nicht gehrt, da sie
alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?

Sie werden etwas rufen mssen, das war nie anders, meinte der Vetter.
Diesem Kleinen wirst du, denk' ich, wohl noch Meister werden, es ist
kein bsartiges, das habe ich schon gemerkt, es kann auch folgen,
besser als die Buben. Das war der Base fast zu viel. Ich meine, es war
nicht ntig, da man es jetzt schon gegen die Buben aufstifte, sagte
sie, die Hute immer schneller von den Kartoffeln abreiend, und dann
mchte ich nur das wissen, wo das Kind schlafen soll.

Der Vetter schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und her, dann
sagte er geruhlich: Man kann nicht alles an einem Tag machen. Es wird
wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben, denk' ich, und das wird
es wieder bekommen. Morgen will ich dann zum Pfarrer gehen; heut' kann
es auf der Ofenbank schlafen, da ist's ja warm. Dann kann man einen
Verschlag machen, wo es in unsere Kammer hineingeht; da kann man sein
Bett hineinschieben.

Ich habe mein Lebtag nie gehrt, da man zuerst das Kind bringt und
dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehrt, warf die Base hin,
und dann mcht' ich auch wissen, wer das bezahlen mu, wenn man noch
bauen soll, um des Kindes willen.

Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so mu sie auch etwas an
den Unterhalt geben, erklrte der Vetter; ich nehme es dann noch immer
billiger an, als ein anderer es tun wrde; es ist ihm auch am wohlsten
bei uns.

Mit dieser berzeugung ging der Vetter in den Stall hinaus und rief noch
zurck, der Chppi solle ihm nachkommen. Es war schwierig fr die Base,
sich Gehr zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie den Auftrag
ausrichten wollte. Da standen noch die drei im hitzigsten Gefecht, vom
lautesten Kriegsgeschrei begleitet. Es nimmt mich nur wunder, da du
dem so zusiehst und kein Wort zum Frieden sagst, warf die Base dem
Wiseli hin, das sich scheu an die Wand drckte und sich kaum rhren
durfte. Nun wurde der Chppi in den Stall geschickt, und die beiden
anderen liefen ihm nach. Kannst du stricken? fragte dann die Base das
Wiseli; es sagte schchtern: ja, Strmpfe knne es stricken. So nimm
die, sagte die Base und nahm aus dem Schrank einen groen braunen
Strumpf heraus mit einem Garn fast so dick wie Wiselis Finger. Du bist
am Fu, gib acht, da er nicht zu kurz wird, er ist fr den
Vetter-Gtti. Nun ging sie wieder in die Kche, und Wiseli setzte sich
auf die Ofenbank und mute den langen Strumpf auf seinem Scho
zusammenhalten, der war so schwer, da er ihm ganz die Hnde
herunterzog, wenn er hing, so da es die Nadeln nicht fhren konnte. Es
hatte aber kaum recht angefangen an seiner Arbeit, als die Base wieder
hereinkam. Du kannst jetzt herauskommen in die Kche, sagte sie; du
kannst sehen, wie ich alles mache, so kannst du mir an die Hand gehen
nach und nach. Wiseli gehorchte und sah drauen der Base zu, so viel es
konnte; aber immer schossen ihm wieder die Trnen in die Augen, und dann
sah es nichts mehr, denn es mute denken, wie es war, wenn es so der
Mutter nachlief in die Kche, und wie sie mit ihm redete und es immer
wieder streichelte, und es an ihr hing. Es fhlte aber wohl, da es
nicht herausweinen drfe, und schluckte und schluckte, da es fast
meinte, es werde erwrgt. Die Base sagte ein paarmal: Gib acht! so
weit du's nachher. Sie lie es dann aber stehen und fuhr in der Kche
herum. So ging es eine gute Zeit lang, dann hrte man ein ganz
erschreckliches Gestampfe auf dem Hausgang, und die Base sagte: Mach
schnell die Tr auf, sie kommen; denn der Lrm kam vom Vetter und den
Buben her, die drauen den Schnee von den Schuhen stampften. Wiseli
machte die Tr nach der Stube auf und die Base hob eine groe Pfanne vom
Feuer und fuhr eilends damit in die Stube hinein, wo sie den ganzen
Haufen geschwelter Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch ausschttete.
Dann lief sie zurck und brachte ein groes Becken voll saurer Milch
herein und sagte: Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so
knnen sie zusitzen. Wiseli zog schnell die Schublade aus, da lagen
fnf Lffel und fnf Messer, die legte es hin, und nun war der
Abendtisch fertig. Der Vetter und die Buben waren hereingekommen und
saen gleich fest auf den Bnken am Tisch den Fenstern entlang. Unten am
Tisch stand ein Stuhl; darauf hin wies nun der Vetter-Gtti und sagte:
Es kann, denk' ich, dort sitzen, oder nicht?

Freilich, sagte die Base, die auch einen Stuhl fr sich bereit hatte
auf der Seite gegen die Kche zu, sie sa aber nur eine Sekunde darauf
still, dann lief sie wieder in die Kche und kam zurck und sa
geschwind wieder zu einem Lffel voll Milch nieder; dann lief sie von
neuem. Es wute niemand, warum das so sein mute, denn das Kochen war ja
ganz zu Ende; aber es war immer so, und wenn der Vetter einmal sagte:
Sitz doch und i einmal, so kam sie erst recht in die Eile und sagte,
sie habe nicht Zeit, so lang zu sitzen, und der Sache drauen werde wohl
jemand nachsehen mssen. Als sie jetzt zum zweiten Male hereingeschossen
kam und eilig eine Kartoffel schlte, fiel ihr Wiselis Unttigkeit auf,
das neben ihr sa, die Hnde in den Scho gelegt. Warum issest du
nicht? fuhr sie es an. Es hat keinen Lffel, sagte Rudi, der auf der
anderen Seite neben ihm sa und schon lange den Grund herausgefunden
hatte, warum jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange
noch etwas da ist. Ja so, sagte die Base; wem wre es aber auch in
den Sinn gekommen, da man auf einmal sechs Lffel haben mu, man
brauchte ja immer nur fnf, und ein Messer wird auch sein mssen. Warum
kannst du aber auch nichts sagen? du wirst wohl wissen, da man zum
Essen einen Lffel braucht. Diese Worte waren an das Wiseli gerichtet.

Es schaute die Base scheu an und sagte leise: Es ist gleich, ich
brauche keinen, ich habe keinen Hunger. -- Warum nicht? fragte die
Base; bist du anders gewhnt? Ich habe nicht im Sinn, zu ndern. -- Es
ist, denk' ich, besser, man lasse das Kleine zuerst ein wenig gehen, man
mu es nicht zu frchten machen, sagte der Vetter-Gtti
beschwichtigend; es kommt schon besser. Nun lie man das Wiseli in
Ruh', die anderen setzten ihre Ttigkeit noch eine gute Zeit lang fort.
Das Kind sa unbeweglich dabei, bis endlich der Vater aufstand, noch
einmal die Pelzkappe vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte,
denn der Fleck sei krank geworden, da mute er noch einmal hinaus. Der
Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden mit den
Hnden in das leere Milchbecken heruntergewischt, dann die Schiefertafel
abgewaschen, und wie die Base damit zu Ende war, sagte sie, zu Wiseli
gewandt: Du hast gesehen, wie ich's mache, das kannst du von nun an
tun. Jetzt setzte sich der Chppi wieder fest hinter den Tisch; er
hatte seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten,
seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst
starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen
Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasa, denn es
konnte keine Masche sehen in seinem Winkel, und zum Tisch zu sitzen, auf
dem die trbe llampe stand, wagte es nicht.

Du wirst auch etwas tun knnen, rief auf einmal Chppi erbost zu ihm
hinber, du bist nicht das Geschickteste in der Schule. Wiseli wute
nicht, was sagen, es war ja gar nicht in der Schule gewesen heute, und
es wute nicht, was zu tun war, es war ja berhaupt ganz aus aller
Ordnung und Fassung. Wenn ich rechnen mu, so mut du auch, oder dann
tu' ich's auch nicht, rief der Chppi wieder. Wiseli hielt sich
muschenstill. So, dann ist's recht, fuhr Chppi lrmend fort, so tu'
ich keinen Strich mehr an der Arbeit. Damit warf er seinen Griffel weg.
So, so, dann tu' ich auch nichts, rief der Hans aus und steckte ganz
erleichtert sein Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das Lernen war
ihm das Bitterste, das er kannte. -- Ich will es schon dem Lehrer sagen,
wer an allem schuld ist, fing Chppi wieder an, du kannst dann nur
sehen, wie es dir geht. So htte Chppi wohl noch eine Zeitlang seinem
bsen Wesen Luft gemacht, wenn nicht der Vater schon aus dem Stall
zurckgekommen wre. Er trug zwei groe, leere Futterscke auf der
Achsel herein und kam damit auf den Tisch zugeschritten. Mach Platz,
sagte er zu Chppi, der beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt hielt und
den Kopf darauf. Dann breitete er die Scke aus, faltete sie zusammen,
noch einmal und noch einmal; dann ging er nach der Ofenbank und legte
das Paket darauf hin. So, sagte er befriedigt, das ist gut! Und wo
hast dein Bndelchen, Kleines? Wiseli holte es aus einer Ecke hervor,
wo es bis jetzt gelegen hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der
Vetter-Gtti das Bndelchen am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank
hin drckte, da es nicht so ganz kugelrund bleibe.

So, da kannst du schlafen, sagte er nun, zu Wiseli sich umkehrend;
frieren mut du nicht, der Ofen ist hei, und auf das Bndelchen kannst
du den Kopf legen, so liegst du wie im Bett. Und mit euch dreien ist's
auch Zeit ins Bett, hurtig! Damit nahm er die llampe vom Tisch und
ging der Kche zu, die drei Buben stampften hinter ihm her. Bei der Tr
kehrte er sich noch einmal um und sagte: So schlaf wohl. Mut nicht
mehr nachsinnen heut', denn es kommt dann schon besser. Dann ging er
hinaus. Nun kam die Base noch einmal herein mit einem llmpchen in der
Hand und beschaute sich das Lager. Kannst du liegen da? fragte sie.
Du hast es ja warm hier am Ofen, manches hat kein Bett und mu dazu
erst noch frieren; es kann dir auch noch so gehen, sei du nur froh, da
du einstweilen unter einem guten Dach bist. Gute Nacht! -- Gute Nacht!
sagte Wiseli leise zurck; die Base hatte es aber jedenfalls nicht
gehrt, denn sie war schon halb drauen, als sie gute Nacht wnschte,
und hatte die Tr gleich hinter sich zugemacht. Jetzt sa Wiseli da in
der dunkeln Stube, alles war auf einmal ganz still ringsum, es hrte
keinen Ton mehr. Der Mond schien ein wenig durch das eine Fenster
herein, so da Wiseli wieder erkennen konnte, wo die Ofenbank war,
darauf es schlafen sollte. Es ging nun gleich dahin und setzte sich auf
sein Lager. Zum ersten Male heute, seit es die Mutter verlassen hatte,
war es nun allein und konnte sich besinnen, was mit ihm war. Die ganze
Zeit bis jetzt war es in einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte
ihm Angst und Furcht eingeflt, was es gesehen und gehrt hatte, seit
es von der Mutter weg war, und noch hatte es gar nicht weiter gedacht,
nur von einem Augenblick auf den anderen sich gefrchtet. Nun sa es da,
zum ersten Male in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar und
deutlich kam ihm nun der Gedanke, da es sie gar nie mehr sehen werde,
da es gar nie mehr mit ihr reden und sie hren knnte. Jetzt kam auf
einmal ein solches Gefhl der Verlassenheit ber das Wiseli, da es ihm
gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und verloren auf der Welt,
und gar kein Mensch kmmere sich mehr um es, und so msse es nun ganz
allein und im Dunkeln bleiben und umkommen. Und ber das Wiseli kam ein
solches Elend, da es den Kopf auf sein Bndelchen drckte und ganz
bitterlich zu weinen anfing und trostlos einmal ber das andere sagte:
Mutter, kannst du mich nicht hren? Mutter, hrst du mich nicht? Aber
die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen schlimm
gehe und er leiden msse, dann sei er froh, da er zum lieben Gott im
Himmel schreien knne, der hre ihn immer an und wolle ihm gern helfen,
wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhren wollen oder helfen knnen. Das
kam dem Wiseli in den Sinn, und auf einmal sa es wieder auf und
schluchzte laut: Ach, lieber Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist
mir so angst, und die Mutter hrt mich nicht mehr! Und so betete es
zwei- oder dreimal, und dann wurde es ein wenig stiller und ruhiger; es
gab ihm einen Trost ins Herz, nun es fhlte, da doch der liebe Gott im
Himmel noch da sei, zu dem es eben gerufen hatte, so war es doch nicht
ganz, ganz allein. Jetzt stiegen ihm auch die Worte auf, die ihm die
Mutter ganz zuletzt noch gesagt hatte: Wenn du einmal keinen Weg mehr
vor dir siehst und es dir ganz schwer wird -- so war es jetzt schon
gekommen, und doch hatte es noch nicht gewut, wie das kommen konnte,
als die Mutter so sagte --, dann, hatte sie gesagt, solle es daran
denken, wie es heie in seinem Liede:

    Er wird auch Wege finden,
    Da dein Fu gehen kann.

Jetzt verstand auch Wiseli mit einem Male, was die Worte bedeuteten, die
es vorher nur so hingesagt hatte, denn es war noch nie in der Angst
gewesen. Aber jetzt war es ja geradeso, da es gar keinen Weg mehr vor
sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus, denn vor ihm stand gar
nichts mehr als ein groer Schrecken vor jedem Augenblick in des
Vetter-Gttis Haus. Es kam aber jetzt ein rechter Trost in sein Herz,
wie es wieder und wieder so sagte:

    Er wird auch Wege finden,
    Da dein Fu gehen kann.

So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben Gott im
Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man sonst von gar niemandem
mehr gehrt wird; gar nie bis jetzt hatte es gewut, wie wohl das tun
kann. Es faltete jetzt ganz still seine Hnde und fing sein Lied von
vorn an, denn es wollte so gern noch etwas mehr vor dem lieben Gott
sagen und zu ihm hinauf beten; es sagte auch jedes Wort mit seinem
ganzen Herzen, wie nie vorher:

    Befiehl du deine Wege,
    Und was dein Herze krnkt,
    Der allertreusten Pflege
    Des, der den Himmel lenkt.

    Der Wolken, Luft und Winden
    Gibt Wege, Lauf und Bahn,
    Der wird auch Wege finden,
    Da dein Fu gehen kann.

Es war eine beruhigende Zuversicht in des Kindes Herz gefallen; nachdem
es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt hatte, legte es
seinen Kopf wieder auf das Bndelchen und schlief augenblicklich ein.

Jetzt trumte es dem Wiseli, es sehe einen schnen, weien Weg vor sich,
ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging zwischen lauter
roten Nelken und Rosen durch, und war so lockend anzusehn, da man
gleich htte darauf hpfen und springen mgen. Und neben dem Wiseli
stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei der Hand, wie immer, und
dabei zeigte sie auf den Weg hin und sagte: Sieh, Wiseli, das ist dein
Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt:

    'Er wird auch Wege finden,
    Da dein Fu gehen kann'?

Und das Wiseli war sehr glcklich in seinem Traume, und auf seinem
Bndelchen schlief es so gut, als lge es in einem weichen Bette.




Fnftes Kapitel.

Wie es weiter geht und Sommer wird.


Als die alte Trine mit dem Bericht auf die Halde zurckkam, da Wiselis
Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Vetter-Gtti geholt
worden sei, entstand ein groer Aufruhr im Hause. Die Mutter konnte sich
des Klagens und Jammerns nicht erwehren darber, da sie den Besuch bei
der Kranken nicht mehr gemacht hatte, den sie zu machen sich schon seit
einigen Tagen bestimmt vorgenommen; aber sie hatte keine Ahnung gehabt,
da das Ende der armen Frau so nahe sein konnte; sie war sehr betrbt
und ergriffen.

Derweilen lief Otto mit ungeheuren Schritten der Aufregung das Zimmer
auf und nieder und rief zornentbrannt einmal ums andere aus: Es ist
eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber wenn er ihm
etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine Rippen zhlen, wie
manche davon noch ganz ist!

Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du? unterbrach
die Mutter den eifernden Sohn.

Vom Chppi, erwiderte er; was kann er dem Wiseli alles tun, wenn es
mit ihm zusammenwohnen mu! Das ist eine Ungerechtigkeit! Aber er soll
es nur probieren --. Hier wurde Otto wieder unterbrochen, indem ein
wiederholtes, heftiges Stampfen seine Stimme bertnte.

Was machst du fr ein hirnerschtterndes Gerumpel, du Miez hinter dem
Ofen! rief er aus, indem er seine Aufregung nun nach dieser Seite
wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und stampfte noch einmal mit
groer Gewalt auf den Boden, denn es war bemht, seine Fe wieder in
die vllig nassen Stiefel hineinzuzwingen, welche ihm die alte Trine vor
kurzer Zeit mit der grten Mhe ausgezogen hatte. Die Arbeit war sehr
schwierig, und feuerrot von Anstrengung keuchte Miezchen hervor: Du
kannst sehen, da ich so tun mu; kein Mensch kann in diese Stiefel
hineinkommen ohne Stampfen.

Und warum mssen denn die Stiefel wieder an die Fe, da ich sie gerade
eben weggenommen habe, damit sie nicht mehr dran seien? mchte ich
wissen, sagte die Trine, die noch im Zimmer stand.

Ich gehe nach dem Buchenraine und hole auf der Stelle das Wiseli zu
uns, es kann mein Bett haben, erklrte das Miezchen entschlossen.
Ebenso entschlossen kam jetzt die alte Trine auf das Miezchen
zugeschritten, hob es in die Hhe, setzte es fest auf einen Stuhl und
zog mit einem Ruck den halb angezwngten Stiefel wieder weg, fand aber
doch fr gut, das zappelnde Kind zu beschwichtigen, indem sie zustimmend
sagte: Schon recht! Schon recht! Aber ich will's schon fr dich
besorgen, du brauchst nicht zwei Paar Strmpfe und zwei Paar Schuhe
dafr durchzumachen. Dein Bett kannst du schon geben, du kannst dann nur
in die Rumpelkammer hinaufziehen zum Schlafen, da ist Platz genug. Aber
das Miezchen hatte ganz andere Gedanken. Es hatte aufgefunden, da es
sich pltzlich von einem groen und tglich wiederkehrenden Ungemach
befreien knne, und hatte fest im Sinne, es zu tun. Jeden Abend nmlich,
gerade wenn Miezchen im besten Zuge der Unterhaltung war, erscholl auf
einmal der Befehl, aufzupacken und ins Bett zu gehen. Hierauf erfolgten
jedesmal groe innere, hufig auch uere Kmpfe, die waren peinlich und
dazu noch nutzlos. Wenn es nun sein Bett an das Wiseli verschenkt hatte,
so war mit einem Male allem abgeholfen, denn da war keins mehr
vorhanden, und Miezchen konnte fr immer aufbleiben. Diese Aussicht
beglckte das Miezchen so sehr, da alle seine Gedanken darauf
gerichtet waren und es erst gar nicht bemerkte, wie die schlaue Trine
nur darauf bedacht war, ohne Kampf der nassen Stiefel habhaft zu werden,
ihr aber gar nicht einfiel, das Wiseli zu holen. Als sie nun befriedigt
mit ihren Stiefeln davonging und Miezchen die Tuschung entdeckte, fing
es einen so mrderlichen Lrm an, da Otto sich beide Ohren zuhalten und
die Mutter ernstlich einschreiten mute. Sie versprach dann dem
Miezchen, die Sache mit dem Papa besprechen zu wollen, sobald er erst
wieder zu Hause sein wrde, denn er war an dem Morgen dieses Tages mit
Onkel Max abgereist, um einen lange verabredeten Besuch bei einem alten
Freund zu machen. So wurde denn endlich die Ruhe und der Friede im Hause
wiederhergestellt. Erst nach vier Tagen kamen die Herren von ihrem
Ausfluge zurck, und die Mutter hielt Wort: das erste, was sie mit dem
Vater besprach noch am Abend seiner Ankunft, war Wiselis Verwaistsein
und sein neues Unterkommen, und es wurde gleich beschlossen, der Vater
sollte am folgenden Tag hingehen, um sich mit dem Herrn Pfarrer zu
beraten, was etwa fr Wiseli getan werden knnte. Dies wurde denn
ausgefhrt, und der Oberst brachte die Nachricht, da am vergangenen
Sonntag, zwei Tage vorher, der Gemeindevorstand die Sache schon geordnet
hatte, wie sie nun bleiben wrde. Wiseli sollte ein Unterkommen haben,
und da seine Mutter nichts hinterlassen hatte, mute die Gemeinde fr
das Kind sorgen, bis es selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der
Vetter-Gtti sich gleich angeboten, das Kind um ein weniges bei sich zu
behalten, da er einen Akt der Wohlttigkeit an ihm auszuben gedachte.
Er war als ein rechtschaffener Mensch bekannt, und da seine Forderung so
billig war, wurde ihm von dem Vorstand das Kind sehr bereitwillig
zuerkannt, und so war es denn fest und unabnderlich, da Wiselis neue
Heimat das Haus des Vetter-Gtti geworden war.

Es ist eigentlich gut so, sagte der Oberst zu seiner Frau; das Kind
ist wohlversorgt da; was htte man auch mit ihm machen wollen, es ist ja
noch viel zu klein, um irgendwo angestellt zu werden, und alle
elternlosen Kinder kannst du doch nicht ins Haus nehmen, du mtest denn
ein Waisenhaus grnden. Seine Frau war ein wenig bestrzt ber die
Nachricht, da schon alles festgesetzt sei; sie hatte gehofft, es wrde
sich noch ein anderes Unterkommen fr das Kind finden, denn das zarte
Wiseli in dem Hause zu wissen, wo es viel Roheit hren und fhlen mute,
tat ihr sehr leid; doch htte auch sie keinen bestimmten Rat gewut, und
nun war auch weiter nichts mehr zu tun, als die Sache anzunehmen und
sich etwa nach dem Kinde umzusehen. Als am Morgen darauf Otto und
Miezchen hrten, wie es mit Wiseli stehe, da brach freilich noch einmal
ein Sturm los; Otto erklrte Wiselis Versorgung fr die Versorgung eines
Daniel in der Lwengrube und probierte dabei seine Faust auf dem Tisch,
offenbar mit dem heimlichen Wunsch, sie so auf Chppis Rcken wirken zu
lassen. Das Miezchen lrmte und heulte ein wenig, teils aus Mitleid fr
Wiseli, teils aus Teilnahme fr sich selbst und seine vereitelten
Hoffnungen auf ein glckliches Entrinnen aus der tglichen Betthaft.
Aber auch diese Aufregung ging vorber wie jede andere, und die Tage
gingen wieder ihren gewohnten Gang.

Unterdessen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig eingelebt in dem
Hause des Vetter-Gtti. Sein Bett war angekommen, es schlief nicht mehr
auf der Ofenbank, sondern, wie der Vetter gesagt hatte, in einem
Verschlag in dem schmalen Gang zwischen der Kammer des Vetters und der
Base und derjenigen der Buben. In dem Verschlag hatte gerade sein Bett
Platz und eine kleine Kiste, worin seine Kleider lagen und auf welche es
steigen mute, um in sein Bett zu kommen, denn da war sonst gar kein
Raum mehr. Sich zu waschen am Morgen, mute es an den Brunnen gehen, und
wenn es etwa gar kalt war, so sagte die Base, das knne es bleiben
lassen und sich dann an einem anderen Tag waschen, wenn es wrmer sei.
Aber daran war Wiseli nicht gewhnt; seine Mutter hatte es gelehrt, sich
recht sauber zu halten, und Wiseli wollte lieber frieren, als so
aussehen, wie es die Mutter ungern sehen wrde. Freilich daheim war es
anders gewesen, wenn es am Morgen bei der Mutter in der Stube sich hatte
fertig machen knnen, und sie dabei immer so freundliche Worte zu ihm
geredet hatte und dann den Kaffee auf den Tisch stellte und sie beide
nebeneinander saen, und es frhlich seine Brocken a, ehe es zur Schule
mute. Das war jetzt ganz anders, und alles war so anders, sein ganzes
Leben vom Morgen bis am Abend so anders, da oft, oft beim Erinnern an
die Mutter und an die Tage, die es bei ihr gehabt, dem Wiseli das Wasser
in die Augen scho, und es ihm so das Herz zusammenschnrte, da es
meinte, es knne nicht mehr weiter. Aber es wehrte sich tapfer, denn der
Vetter-Gtti hatte es ungern, wenn es weinte oder traurig war, und die
Base schmlte dann mehr als je, sie konnte es gar nicht leiden. Am
liebsten war Wiseli der Augenblick, da es von allen weg allein in seinen
Verschlag steigen und so recht an die Mutter denken und sein Lied sagen
konnte. Da kam ein groer Trost in sein Herz. Es dachte dann an seinen
schnen Traum und war ganz sicher, da der liebe Gott ihm einen Weg
suche, so wie ihn die Mutter gezeigt hatte. Wenn ihm dann auch etwa in
den Sinn kam, wie viele Menschen es auf der Welt gibt, fr die der liebe
Gott zu sorgen und Wege bereit zu machen hat, und ihm dann etwa der
Zweifel aufstieg, ob er es vielleicht vergesse ber all' den vielen,
dann kam ihm gleich der gute Trost ins Herz, da ja die Mutter droben im
Himmel sei und gewi den lieben Gott daran erinnere, da er auch seinen
Weg nicht vergesse. Das machte das Wiseli dann ganz zuversichtlich und
froh, und es wurde nie mehr so unglcklich, wie am ersten Abend auf der
Ofenbank, sondern jeden Abend schlief es mit der ganz frohen Zuversicht
im Herzen ein:

    Er wird auch Wege finden,
    Da dein Fu gehen kann.

So verging der Winter und der sonnige Frhling kam. Die Bume wurden
grn und alle Wiesen standen voller Schlsselblumen und weier Anemonen,
und im Wald rief lustig der Kuckuck, und schne, warme Lfte zogen durch
das Land und machten alle Herzen frhlich, so da jeder wieder gern
leben mochte.

Auch Wiselis Herz erfreuten die Blumen und der Sonnenschein, wenn es am
Morgen in die Schule ging und nachher wieder nach dem Buchenrain
zurckkehrte. Sonst blieb ihm keine Zeit, sich daran zu erfreuen, denn
es mute nun streng arbeiten: jeder Augenblick, der neben der Schule
brig blieb, mute zu irgendeiner Arbeit benutzt werden, und manchen
halben Tag der Woche mute es daheim bleiben und durfte gar nicht zur
Schule gehen, weil da viel Ntigeres zu tun war, wie der Vetter-Gtti
und hauptschlich die Base sagten. Die Frhlingsarbeiten hatten im Felde
begonnen und im Garten war allerhand zu tun, da mute es mithelfen, und
wenn die Base drauen war, mute es kochen und nachher das Geschirr
abwaschen, den Trog fr die Schweinchen zurecht machen und in die
Scheune hinbertragen. Neben alledem muten die Hemden und Hosen der
Buben geflickt werden, und noch so vieles war zu tun, da Wiseli nie
wute, wenn es fertig war. Den ganzen Tag durch hie es an allen Ecken,
wo es etwas zu tun gab: Das kann das Kind machen, es hat ja sonst
nichts zu tun, so da es dem Wiseli manchmal ganz schwindelig wurde,
weil es gar nicht wute, wo anfangen und wie fertig werden. Es wute
auch wohl, da, wenn es damit anfing, da es mit dem Kartoffelsamen nach
dem Acker rannte, wo der Vetter schaufelte und danach rief, die Base
sicher schmlen wrde, da es nicht zuvor in der Kche Feuer zum
Abendessen gemacht hatte, wie sie befohlen, und machte sie zuvor das
Feuer an, so zankte wieder der Chppi, da es nicht zuerst das Loch in
seinem Wamsrmel hatte flicken knnen, er hatte es ihm ja schon lang
gesagt, und jedes rief ihm zu: Warum machst du denn das nicht, du hast
ja sonst nichts zu tun! So war Wiseli ganz froh, wenn es in die Schule
gehen konnte, da hatte es doch eine Zeitlang Ruhe und wute, was es tun
mute, und dazu war es auch der Ort, wo es noch freundliche Worte bekam,
denn jedesmal, wenn die Zeit der Pause kam, oder beim Heraustreten aus
der Schule, kam der Otto zu Wiseli heran und war freundlich mit ihm und
brachte immer wieder eine Einladung von seiner Mutter, da es etwa am
Sonntagabend zu ihnen komme, sie wollten dann allerlei Spiele zusammen
machen. Das konnte nun Wiseli nie ausfhren, denn am Sonntag mute es
den Kaffee machen, und die Base erlaubte ihm nicht, fortzugehen an dem
einzigen Tag, da es ihr etwas helfen knne, wie sie sagte. Aber es tat
doch dem Wiseli sehr wohl, da Otto es immer wieder einlud, und nur
schon, da er freundliche Worte zu ihm redete, es hrte deren sonst von
niemand mehr. Noch einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule
ging; es mute jedesmal an dem sauberen Grtchen vom Schreiner Andres
vorbei; da schaute es so gern hinein und pate da an der niederen Hecke
immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den Schreiner Andres zu
sehen, denn es hatte ihm ja noch etwas von der Mutter auszurichten, das
hatte es gar nicht vergessen. Aber in das Haus hineinzugehen, dazu war
Wiseli zu schchtern, es kannte den Mann auch zu wenig, um einen solchen
Schritt zu tun, auch hatte es eine eigene Art von Scheu vor ihm, weil er
so still war und es nur immer, wo es ihn noch getroffen, ganz freundlich
angesehen, aber fast nie etwas, oder nur so ein flchtiges Wort zu ihm
gesagt hatte. Noch hatte Wiseli nie den Schreiner Andres erblicken
knnen, wie oft es auch an der Hecke stillgestanden und nach ihm
ausgeschaut hatte.

Mai und Juni waren vorbei und die langen Sommertage waren gekommen, da
es auf dem Felde immer mehr Arbeit gibt und alle Arbeit so hei macht.
Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom Vetter hinausgerufen wurde und
mit einem groen schweren Rechen das Heu zusammenbringen mute, oder mit
der breiten hlzernen Gabel wieder auseinanderwerfen, da es an der
Sonne trockne. Oft mute es so den ganzen Tag drauen helfen, und am
Abend war es dann so mde, da es seine Arme kaum mehr bewegen konnte.
Das htte es aber nicht geachtet, denn es dachte, das msse so sein;
aber wenn es dann etwa am Abend einen Augenblick still sa, dann rief
ihm der Chppi gleich zu: Du wirst so gut Rechnungen zu machen haben,
wie ich; du meinst, du mssest nichts tun, und in der Schule kannst du
ja nie etwas. Das tat dem Wiseli weh, denn es htte gern recht fleiig
alles gelernt und wre gern regelmig zur Schule gegangen, damit es
alles gut begreifen und erlernen knnte, wie viele andere, und es wute
recht wohl, da es fast berall zurck war. Es mute ja so oft
unterbrechen und hatte dann gar keinen Zusammenhang, wute auch gar
nicht, was die Aufgaben fr die Schule waren. Wenn es dann so ohne
Arbeit kam und dazu ungeschickt antwortete und vieles gar nicht wute,
schmte es sich so sehr und besonders, wenn der Lehrer ihm dann so vor
allen Kindern sagte: Das htte ich von dir nicht erwartet, Wiseli, du
warst immer am geschicktesten. Dann meinte es oft, es msse in den
Boden hineinkriechen vor Scham, und nachher weinte es auf dem ganzen
Heimweg. Aber dem Chppi durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht,
was machen, sonst schimpfte und lrmte er so lange, bis die Base
hereinkam und auf Chppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht seine
Nachlssigkeit vorwarf. Dann zerdrckte das Kind manchmal seine Trnen
und erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen den Lauf lassen, und
sie kamen dann auch recht hei und schwer, denn es war ihm so, als
htten der liebe Gott und die Mutter es ganz vergessen und kein Mensch
auf der Welt kmmere sich um sein Leben. In seinem Kummer konnte es oft
lange sein Trostlied nicht sagen; es kam aber zu keiner Ruhe und konnte
nie einschlafen, bis es die Worte wieder recht zusammengefunden und sie
mit Andacht hatte sagen knnen, wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht
recht im Herzen aufgehen wollte. So war das Wiseli auch entschlafen an
einem schnen Juliabend, und am Morgen darauf stand es zaghaft unten am
Tisch, als die Buben sich zur Schule rsteten; es wagte nicht, zu
fragen, ob es auch gehen drfe, denn die Base schien keine Zeit zu einer
Antwort brig zu haben und der Vetter war schon zur Tr hinausgegangen.

Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen nach durch das offene
Fenster, wo sie zwischen den hohen Wiesenblumen hinsprangen und ber
ihren Kpfen die weien Schmetterlinge in der Morgensonne umherflogen.
Die Base hatte eine groe Wsche vorbereitet, mute es wohl diese Woche
am Waschtrog zubringen? Richtig, sie rief schon nach ihm aus der Kche.
Jetzt rief auch der Vetter-Gtti seinen Namen; er stand am Brunnen und
sah es am Fenster. Mach, mach, Wiseli, es ist Zeit, die Buben sind ja
weit voraus. Das Heu ist drinnen, mach, da du in die Schule kommst!

Das lie sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz erfate es
seinen Schulsack und flog zur Tr hinaus.

Sag dem Lehrer, rief der Vetter nach, es gebe jetzt eine Zeitlang
keine Absenzen, er soll's nicht so genau nehmen, wir haben streng mit
dem Heu zu tun gehabt. Wiseli lief ganz glcklich davon; so mute es
denn nicht an den Waschtrog hin, es durfte die ganze Woche in die Schule
gehen. Wie war es so schn ringsum! Von allen Bumen pfiffen die Vgel,
und das Gras duftete, und in der Sonne leuchteten die roten Margeritli
und die gelben Glisserli. Wiseli konnte nicht stille stehen, es war
keine Zeit dazu, aber es fhlte wohl, wie schn es war, und lief voller
Freuden mittendurch.

An demselben Abend, als eben alle Kinder aus der dumpfen Schulstube in
den sonnigen Abendschein hinausstrmen wollten, rief der Lehrer
ernsthaften Angesichts in den Tumult hinein: Wer hat die Woche?

Der Otto, der Otto! rief die ganze Schar und strmte davon.

Otto, sagte der Lehrer in ernstem Ton, gestern ist hier nicht
aufgerumt worden. Einmal will ich dir verzeihen; aber la mich dies
nicht zum zweiten Male erfahren, sonst mte die Strafe folgen.

Otto schaute einen Augenblick auf all' die Nuschalen und Papierfetzen
und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen und sollten aufgelesen sein;
dann wandte er eilends den Kopf weg und lief ebenfalls zur Tr hinaus,
denn der Lehrer war auch schon durch seine Tr verschwunden. Drauen
stand Otto auf dem sonnigen Platz still und schaute in den goldenen
Abend hinaus und dachte: Jetzt knnte ich heimgehen, und dann kriegte
ich die Kappe voll Kirschen, und dann knnte ich auf dem Braunen ins
Feld hinausreiten, wenn der Knecht das Heu holt, und nun soll ich
drinnen auf dem Boden Papierfetzen zusammenlesen? -- und Otto wurde
durch seine Gedanken so aufgeregt, da er ganz grimmig vor sich hin
sagte: Ich wollte, es kme gerade jetzt der jngste Tag, und das
Schulhaus und alles miteinander flge in tausend Stcken in die Luft
hinauf! Es blieb aber ringsum still und ruhig und von dem alles
beendenden Erdbeben waren keine Anzeichen da. Da kehrte sich endlich
Otto wieder der Schultr zu mit einem furchtbaren Grimm auf seinem
Gesicht, denn er wute ja, in den sauren Apfel mute nun gebissen
werden, oder morgen folgte die erniedrigende Strafe des Festsitzens, die
wollte er nicht an sich kommen lassen. Er trat ein, aber beim ersten
Schritt blieb er verwundert stehen: vllig aufgerumt lag die Schulstube
vor ihm, kein Fetzchen und kein Stubchen nirgends mehr zu sehen; die
Fenster standen offen und lieblich strmte die Abendluft in die geputzte
Stube hinein. In dem Augenblick trat der Lehrer aus seiner Stube und
schaute verwundert um sich und auf den starrenden Otto. Dann ging er zu
diesem hin und sagte ermunternd: Du darfst wirklich dein Werk
anstaunen, das htte ich dir nicht zugetraut. Du bist ein guter Schler,
aber im Aufrumen hast du heute alle bertroffen, was sonst bei dir
nicht der Fall war. Damit ging der Lehrer fort, und als sich Otto noch
mit einem letzten Blick berzeugt hatte, da er die Wirklichkeit vor
sich sah, sprang er vor Freuden in zwei Stzen die Treppe hinunter und
ber den Platz weg, strmte die Halde hinauf, und erst als er der Mutter
das wunderbare Ereignis mitteilte, fing er an zu denken, wie es sich
wohl so begeben hatte.

Aus Versehen wird wohl keiner fr dich aufgerumt haben, sagte die
Mutter; hast du etwa einen guten Freund, der sich so edelmtig fr dich
aufopfert? Denk doch einmal nach, wie es sein knnte.

Ich wei es, sagte Miezchen entschieden, das eifrig zugehrt hatte.

Ja, wer denn? rief Otto, teils neugierig, teils unglubig.

Der Mauserhans, erklrte Miezchen mit voller berzeugung, weil du ihm
einen Apfel gegeben hast vor einem Jahr.

Ja, oder der Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen nicht genommen
habe vor ein paar Jahren. Das wre wohl ebenso wahrscheinlich, du Wunder
von einem Miez. Damit rannte Otto davon, denn jetzt war's die hchste
Zeit, wollte er den Ritt ins Heu nicht verlieren.

Unterdessen sprang das Wiseli mit vergngtem Herzen den Berg hinunter,
vorbei an des Schreiners Andres Grtchen, und tat noch ein paar Sprnge,
dann machte es aber pltzlich Kehrum und tat die letzten Sprnge wieder
zurck, denn es hatte im Vorbeilaufen so schne, rote Nelken offen
gesehen in dem Garten, die mute es noch einmal ansehen, wenn es schon
ein wenig spt war; es dachte: Den Buben komme ich doch nach, die
machen erst auf allen Wegen noch Kugelschieben. Die Nelken leuchteten
in der Abendsonne so schn und dufteten so herrlich ber die niedere
Hecke herber dem Wiseli zu, da es fast nicht mehr von der Stelle fort
konnte, so wohl gefiel es ihm da. Da trat auf einmal der Schreiner
Andres aus seiner Tr heraus in das Grtchen und kam gerade auf das
Wiseli zu. Er bot ihm die Hand ber die Hecke und sagte ganz freundlich:
Willst du eine Nelke, Wiseli?

Ja, gern, antwortete es, und dann sollte ich Euch auch noch etwas
ausrichten von der Mutter.

Von der Mutter? fragte der Schreiner Andres im hchsten Erstaunen und
lie die Nelken aus der Hand fallen, die er eben abgebrochen hatte.
Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie auf; dann sah es zu dem
Manne auf, der ganz still dastand, und sagte: Ja, noch zuallerletzt,
als die Mutter sonst nichts mehr mochte, hat sie von dem schnen Saft
getrunken, den Ihr in die Kche gestellt hattet, und er hat ihr so
wohlgetan, und dann hatte sie mir aufgetragen, ich soll Euch sagen, sie
danke Euch vielmal dafr und auch noch fr alles Gute, und sie sagte
noch: 'Er hat es gut mit mir gemeint.' Jetzt sah Wiseli, wie dem
Schreiner Andres groe Trnen ber die Wangen hinunterliefen; er wollte
etwas sagen, aber es kam nichts heraus. Dann drckte er dem Wiseli stark
die Hand, kehrte sich um und ging ins Haus hinein.

Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine Mutter
geweint, und es selbst hatte nur weinen drfen, wenn es niemand sah,
denn der Vetter wollte ja kein Geschrei, hatte er gesagt, und vor der
Base durfte es noch weniger weinen. Und nun war auf einmal jemand da,
dem kamen die Trnen, weil es etwas von der Mutter gesagt hatte. Dem
Wiseli wurde es so zumut', als wre der Schreiner Andres sein liebster
Freund auf der Welt, und es fate eine groe Liebe zu ihm. Jetzt rannte
es mit seinen Nelken davon und war wie der Blitz am Buchenrain
angelangt, und das war gut, denn eben sah es, wie die beiden Buben dem
Haus zuliefen, und es durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen.

An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, da es gar nicht
begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein knnen und gar keine
Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der liebe Gott
hatte es gewi nicht vergessen, das wollte es nicht mehr denken, heute
hatte er ihm ja so viel Freude geschickt, und beim Einschlafen sah
Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiners Andres vor sich mit den
Trnen drin.

Am folgenden Tage, es war nun Mittwoch, erlebte Otto vollstndig
dieselbe berraschende Tatsache, wie am Tage vorher, denn er hatte sich
nicht enthalten knnen, mit den anderen aus der Schulstube
hinauszurennen im ersten Augenblick der Befreiung und noch diesen und
jenen Sprung zu tun. Als er dann mit gedrcktem Gemte an seine Arbeit
gehen wollte und die Tr aufmachte -- siehe, da war schon alles getan und
die Stube in bester Ordnung. Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde
zu stacheln; auch hatte er einen so lebendigen Dank im Herzen fr den
unbekannten Wohltter, da es ihn drngte, den auszusprechen. Am
Donnerstag wollte er aufpassen, wie die Sache zugehe. Als nun die
Schulstunden zu Ende waren und alles forteilte, stand Otto einen
Augenblick nachdenklich an seinem Platz, er wute nicht recht, wo er am
besten dem Wohltter aufpassen konnte. Aber mit einem Male fate ihn
eine Schar rstiger Kerle, seine Klassengenossen, an allen Ecken an, und
die Stimmen riefen durcheinander: Komm heraus! Heraus mit dir! Wir
machen Ruber, du bist der Anfhrer. Otto wehrte sich ein wenig. Ich
habe ja die Woche, rief er. Ach was, scholl es zurck, wegen einer
Viertelstunde. Komm! Otto lie sich fortreien, in der Stille verlie
er sich schon ein wenig auf seinen unbekannten Freund, der ihn vor der
Strafe schtzen wrde; er fand es unbeschreiblich angenehm, ein solche
Frsorge im Rcken zu haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr als
eine Stunde, und Otto wre verloren gewesen. Er keuchte nach der
Schulstube, um sein Schicksal zu vernehmen, und stie dabei die Tr mit
solchem Gepolter auf, da der Lehrer augenblicklich aus seiner Stube ins
Lehrzimmer heraustrat. Was hast du gewollt, Otto? fragte der Lehrer.
Nur noch einmal nachsehen, stotterte Otto, ob auch sicher alles in
Ordnung sei.

Musterhaft, bemerkte der Lehrer. Dein Eifer ist lblich, aber die
Tren halb einzuschlagen dabei ist nicht notwendig. Otto ging sehr
wohlgemut von dannen. Am Freitag war er entschlossen, den Fleck nicht zu
rumen, bis er im klaren war, denn da kam fr ihn nur noch der
Samstagmorgen; da gab es freilich immer noch eine Hauptrumerei. Otto,
rief der Lehrer, als am Freitag die Glocke vier Uhr schlug, trag mir
schnell das Zettelchen zum Herrn Pfarrer, er gibt dir Schriften zurck;
in fnf Minuten bist du wieder da zum Aufrumen. Das war Otto nicht
ganz recht, aber er mute gehen, auch konnte er ja gleich wieder da
sein. In wenig Sprngen war er im Pfarrhaus. Der Herr Pfarrer hatte noch
jemandem Bescheid zu geben; die Frau Pfarrerin rief Otto in den Garten
hinaus, er mute ihr berichten, wie es der Mama gehe und dem Papa und
dem Miezchen und dem Onkel Max und den Verwandten in Deutschland, und
dann kam der Herr Pfarrer, und Otto mute erklren, wie er zu der
Kommission gekommen war, und was ihm der Lehrer sonst noch aufgetragen
habe. Endlich hatte dann Otto seine Papiere erhalten und pfeilschnell
war er drben, ri die Tr der Schulstube auf: -- alles in Ordnung, alles
still, kein menschliches Wesen zu sehen.

Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges Mal nach den
grausigen Fetzen bcken mssen, dachte Otto befriedigt; aber wer hat
das Schauerliche nur tun knnen, ohne da er mute? Das wollte er nun
um jeden Preis wissen.

Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu Ende. Otto lie alle
Kinder hinausgehen, und wie nun die Schulstube leer war, da ging er vor
die Tr hinaus, schlo sie zu und lehnte sich mit dem Rcken daran; so
mute er doch gewi sehen, ob da jemand hineingehen wolle, denn damit
wollte er lieber beginnen, als mit der schweren Arbeit. Er stand und
stand -- es kam niemand. Er hrte die Uhr halb zwlf schlagen -- es kam
niemand. Auf den Nachmittag stand aber ein Ausflug bevor, es sollte frh
Mittag gemacht werden heut', er sollte so schnell wie mglich zu Hause
sein. Er mute also hinein an die Arbeit, es grauste ihm. Er machte die
Tr auf -- da -- Otto starrte noch mehr als das erste Mal -- wahrhaftig es
war so, es war alles getan, schner als je. Dem Otto wurde es ganz
eigentmlich zumut', es schwebte ihm etwas wie eine Geistergeschichte
vor. Ganz leise, wie nie sonst, schlich er zur Tr hinaus. Gerade in
diesem Augenblick kam ebenso leise etwas aus des Lehrers Kche
herausgeschlichen, und auf einmal stand das Wiseli ganz nahe vor ihm;
beide fuhren zusammen vor Schrecken, und das Wiseli wurde ber und ber
rot, so, als htte es der Otto auf einem Unrecht erwischt. Jetzt ging
diesem ein Licht auf.

Sicher hast du das fr mich gemacht die ganze Woche lang, Wiseli, rief
er aus; das tut doch gewi sonst kein Mensch, wenn er nicht mu.

Es hat mich aber so gefreut, es zu tun, wie du gar nicht glaubst, gab
Wiseli zur Antwort.

Nein, nein, das mut du nicht sagen, Wiseli; so etwas zu tun, kann
keinen Menschen auf der Welt freuen, sagte Otto berzeugt.

Doch gewi, gewi߫, versicherte Wiseli, ich habe die ganze Zeit lang
mich immer auf den Abend gefreut, wenn ich es wieder tun durfte, und
whrend ich aufrumte, habe ich mich erst recht immerzu gefreut, weil
ich immer gedacht habe: jetzt kommt der Otto und findet alles fertig
und ist froh.

Aber wie kam es dir denn in den Sinn, da du das fr mich tun
wolltest? fragte Otto noch immer verwundert.

Ich wute schon, da du es nicht gern tust, und ich habe schon immer
gedacht, wenn ich nur auch einmal dem Otto etwas geben knnte, wie du
mir den Schlitten, weit noch? Aber ich hatte gar nie etwas.

Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen, was du fr mich
jetzt getan hast; das will ich dir auch nicht vergessen, Wiseli, und
Otto gab ihm ganz gerhrt die Hand. Wiselis Augen leuchteten vor Freude
wie lange nicht mehr. Aber nun wollte Otto noch wissen, wie es denn
wieder in die Stube hineingekommen sei, da er doch gewartet hatte, bis
alle Kinder drauen waren.

O ich bin gar nicht hinausgegangen, sagte Wiseli; ich verbarg mich
schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du gehest schon noch ein wenig
hinaus, wie jeden Tag vorher.

Aber wie konntest du immer hinaus, ohne da ich dich sah? wollte Otto
noch wissen.

Wenn du am Herumlaufen warst mit den anderen, konnte ich schon hinaus,
ich horchte schon auf, und gestern und heute, wie ich nicht sicher war,
ging ich durch des Lehrers Stube und fragte die Frau Lehrerin, ob sie
etwas zu verrichten habe, sie gibt mir manchmal einen Auftrag
auszurichten, und dann ging ich durch die Kche fort; gestern war ich
gerade hinter der Kchentr, als du in die Schulstube hineinranntest.

Jetzt wute Otto die ganze Geistergeschichte. Er bot dem Wiseli noch
einmal die Hand. Danke, Wiseli, sagte er herzlich; und dann lief eins
da hinaus, das andere dort hinaus, und beiden war es ganz wohl zumute.




Sechstes Kapitel.

Das Alte und auch etwas Neues.


Der Sommer war vergangen und auch die schnen Herbsttage waren wohl zu
Ende. Es wurde khl und nebelig am Abend, und in den feuchten Wiesen
fraen die Khe das letzte Gras ab, und hier und da flackerten auf den
Wiesen kleine Feuer auf, denn die Hirtenbuben brieten Kartoffeln da und
wrmten sich die Hnde.

An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus der Schule heimgerannt
und erklrte seiner Mutter, er msse nachsehen, was das Wiseli mache,
denn seit den Herbstferien war es noch gar nie in die Schule gekommen,
wohl acht Tage lang nicht. Otto steckte seine Vesperpfel zu sich und
eilte fort. Am Buchenrain angekommen, sah er den Rudi vor der Haustr am
Boden sitzen und von einem Haufen Birnen, die neben ihm lagen, eine nach
der anderen zerbeien.

Wo ist das Wiseli? fragte Otto.

Drauen, war die Antwort.

Wo drauen?

Auf der Wiese.

Auf welcher Wiese?

Ich wei nicht, und Rudi knackte weiter an seinen Birnen.

Du stirbst einmal nicht am Gescheitsein, bemerkte Otto und ging aufs
Geratewohl die groe Wiese hin, die sich vom Haus bis gegen den Wald
hinaufzog. Jetzt entdeckte er drei schwarze Punkte unter einem Birnbaum
und ging darauf zu. Richtig, da bckte sich Wiseli, um die Birnen
zusammenzulesen, dort sa der Chppi rittlings auf seinem Birnenkratten,
und zuhinterst lag der Hans rcklings ber den vollen Korb hin und
schaukelte sich so darauf, da der Korb jeden Augenblick umzustrzen
drohte. Chppi sah ihm zu und lachte bei jedem Rucke.

Als Wiseli den Otto herankommen sah, kam ein ganzer Sonnenschein auf
sein Gesicht. Guten Abend, Wiseli, rief er von weitem, warum bist du
so lange nicht in die Schule gekommen? Wiseli streckte ganz erfreut dem
Otto die Hand entgegen. Wir haben so viel zu tun, darum durfte ich
nicht kommen, sagte es; sieh nur, wieviel Birnen es gibt! Ich mu vom
Morgen bis zum Abend auflesen, soviel ich nur kann.

Du hast ja ganz nasse Schuhe und Strmpfe, bemerkte Otto; bah, hier
ist's nicht gemtlich, frierst du nicht, wenn du so na bist?

Es schaudert mich nur manchmal ein wenig, sonst ist es mir eher hei
vom Auflesen. In diesem Augenblick gab der Hans seinem Korb einen
solchen Ruck, da alles bereinander auf den Boden hinrollte; der Hans,
der Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen Richtungen hin.

Oh, oh! sagte Wiseli klglich, nun mu man die alle wieder
zusammenlesen.

Und die auch, rief Chppi und lachte heraus, als die Birne, die er
geworfen hatte, dem Wiseli an die Schlfe fuhr, da es ganz bleich wurde
und ihm vor Schmerz das Wasser in die Augen kam. Kaum hatte Otto das
gesehen, als er auf den Chppi losfuhr, ihn samt seinem Kratten umwarf
und ihn fest im Genick packte. Hr auf, ich mu ersticken, gurgelte
der Chppi; jetzt lachte er nicht mehr. -- Ich will machen, da du daran
denkst, da du es mit mir zu tun hast, wenn du so mit dem Wiseli
verfhrst, rief Otto zornglhend. Hast du genug? Willst du daran
denken? -- Ja, ja, la nur los! bat Chppi, mrbe gemacht. Nun lie
Otto los. Jetzt hast du's gesprt, sagte er; wenn du dem Wiseli noch
einmal etwas zuleide tust, so packe ich dich so, da du noch einen
Schrecken hast davon, wenn du siebzig Jahr alt bist. Leb wohl, Wiseli.
Damit kehrte sich Otto um und ging mit seinem Zorn nach Hause.

Hier suchte er gleich seine Mutter auf und schttete seine ganze
Emprung vor ihr aus, da das Wiseli eine solche Behandlung erdulden
msse. Er war auch ganz entschlossen, auf der Stelle zum Herrn Pfarrer
zu gehen und den Vetter-Gtti und seine ganze Familie anzuklagen, da
man ihnen das Wiseli entreie. Die Mutter hrte ruhig zu, bis Otto sich
ein wenig abgekhlt hatte, dann sagte sie:

Sieh, lieber Junge, das wrde gar nichts ntzen, das Kind wrde man dem
Vetter-Gtti nicht wegnehmen, nur ihn reizen, wenn er so etwas hrte. Er
meint es selbst nicht bse mit dem Kinde, und es ist kein gengender
Grund da, ihm Wiseli ganz wegzunehmen. Ich wei wohl, da das arme Kind
jetzt ein hartes Brot it, ich habe es auch gar nicht vergessen, ich
schaue immer danach aus, ob mir der liebe Gott nicht einen Weg auftue,
da dem Kinde in einer grndlichen Weise knnte geholfen werden; die
Sache liegt mir auch am Herzen, das kannst du glauben, Otto. Wenn du
unterdessen das Wiseli schtzen und den rohen Chppi ein wenig zhmen
kannst, ohne selbst dabei roh zu werden, so bin ich ganz damit
einverstanden.

Otto beruhigte sich am besten im Gedanken, da die Mutter doch auch
immerfort nach einem anderen Wege fr das Wiseli ausschaute. Er selber
dachte alle mglichen Rettungswege aus, aber alle fhrten in die Luft
hinauf und hatten keinen Boden, und er sah ein, da das Wiseli da nicht
darauf wandeln konnte, und als er dann zu Weihnachten seine Wnsche
aufschreiben durfte, da schrieb er ganz desperat mit ungeheuren
Buchstaben, so als mte man sie vom Himmel herunter lesen knnen, auf
sein Papier: Ich wnsche, da das Christkind das Wiseli befreie.

Nun war der kalte Januar wieder da und der Schlittweg war so prchtig
glatt und fest, da die Kinder gar nicht genug bekommen konnten, die
herrliche Bahn zu benutzen. Es kam auch eben eine helle Mondnacht nach
der anderen, und Otto hatte auf einmal den Einfall, am allerschnsten
mte das Schlittenfahren im Mondschein sein, die ganze Gesellschaft
sollte sich am Abend um sieben Uhr zusammenfinden und die
Mondscheinfahrten ausfhren, denn es war der Tag des Vollmonds, da mute
es prchtig werden. Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen und die
Schlittbahngenossen trennten sich gegen fnf Uhr wie gewhnlich, da die
Nacht einbrach, um sich um sieben Uhr wieder zusammenzufinden. Weniger
Anklang fand der Vorschlag bei Ottos Mutter, als er ihr mitgeteilt
wurde, und sie wurde gar nicht von der Begeisterung hingerissen, mit
welcher die Kinder beide auf einmal und in den lautesten Tnen ihr das
Wundervolle dieser Unternehmung schilderten. Sie stellte ihnen die
Klte des spten Abends vor, die Unsicherheit der Fahrten bei dem
ungewissen Licht und alle Gefahren, die besonders das Miezchen bedrohen
knnten. Aber die Einwendungen entflammten immer mehr den brennenden
Wunsch, und Miezchen flehte, als hinge seine einzige Lebensfreude an
dieser Schlittenfahrt; Otto versprach auch hoch und teuer, er wrde dem
Miezchen nichts geschehen lassen, sondern immer in seiner nchsten Nhe
bleiben. Endlich willigte die Mutter ein. Mit groem Jubel und
wohlverpackt zogen die Kinder ein paar Stunden nachher in die helle
Nacht hinaus. Es ging alles ganz nach Wunsch, die Schlittbahn war
unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der dunkeln Stellen, wo der
Mondschein nicht hinfiel, erhhte den Reiz der Unternehmung. Eine Menge
Kinder hatte sich eingefunden, alle waren in der frhlichsten Stimmung.
Otto lie sie alle vorausfahren, dann kam er und zuletzt mute das
Miezchen kommen, damit ihm keiner in den Rcken fahren konnte; so hatte
es Otto eingerichtet, er konnte dabei auch immer von Zeit zu Zeit mit
einem schnellen Blick gewahren, ob Miezchen richtig nachkomme. Als nun
alles so herrlich vonstatten ging, fiel einem der Buben ein, nun mte
einmal der ganze Zug anhngen, nmlich ein Schlitten an den anderen
gebunden werden und so herunterfahren, das mte im Mondenschein ein
ganz besonderes Juxstck abgeben. Unter groem Lrm und allgemeiner
Zustimmung ging man gleich ans Werk. Fr Miezchen fand Otto die Fahrt
doch ein wenig gefhrlich, denn manchmal gab es dabei einen groartigen
Umsturz smtlicher Schlitten und Menschen darauf; das konnte er fr das
kleine Wesen nicht riskieren. Er lie seinen Schlitten zuletzt anbinden,
der Miezchens aber wurde freigelassen. So fuhr es, wie immer, hinter
dem Bruder her, nur konnte er jetzt nicht, wie sonst, seinen Schlitten
langsamer fahren lassen, wenn Miezchen zurckblieb, denn er war in der
Gewalt des Zuges. Jetzt ging es los, und herrlich und ohne Anstand glitt
die lange, lange Kette die glatte Bahn hinunter.

Mit einem Mal hrte Otto ein ganz furchtbares Geschrei, und er kannte
die Stimme wohl, die es ausstie, es war Miezchens Stimme. Was war da
geschehen? Otto hatte keine Wahl, er mute die Lustpartie zu Ende
machen, wie gro auch sein Schrecken war. Aber kaum unten angelangt, ri
er sein Schlittenseil los und rannte den Berg hinan; alle anderen hinter
ihm drein, denn fast alle hatten das Geschrei vernommen und wollten auch
sehen, was los war. An der halben Hhe des Berges stand das Miezchen
neben seinem Schlitten und schrie aus allen seinen Krften und weinte
ganze Bche dazu. Atemlos strzte Otto nun herzu und rief: Was hast du?
Was hast du?

Er hat mich -- er hat mich -- er hat mich, schluchzte Miezchen und kam
nicht weiter vor innerem Aufruhr.

Was hat er? Wer denn? Wo? Wer? strzte Otto heraus.

Der Mann dort, der Mann, er hat mich -- er hat mich totschlagen wollen
und hat mir -- und hat mir -- furchtbare Worte nachgerufen.

So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei.

So sei doch nur still jetzt, hr' Miezchen, tu' doch nicht so, er hat
dich ja doch nicht totgeschlagen; hat er dich denn wirklich geschlagen?
fragte Otto ganz zahm und teilnehmend, denn er hatte Angst.

Nein, schluchzte Miezchen, neuerdings berwltigt; aber er wollte,
mit einem Stecken, -- so hat er ihn aufgestreckt und hat gesagt: 'Wart
du!' Und ganz furchtbare Worte hat er mir nachgerufen.

So hat er dir eigentlich gar nichts getan, sagte Otto und atmete
beruhigt auf.

Aber er hat ja -- er hat ja -- und ihr wart alle schon weit fort, und ich
war ganz allein, -- und vor Mitleid fr seinen Zustand und nachwirkendem
Schrecken brach Miezchen noch einmal in lautes Weinen aus.

Bscht! Bscht! beschwichtigte Otto; sei doch still jetzt, ich gehe nun
nicht mehr von dir weg, und der Mann kommt nicht mehr, und wenn du nun
gleich ganz still sein willst, so geb' ich dir den roten Zuckerhahn vom
Christbaum, weit du?

Das wirkte. Mit einem Male trocknete Miezchen seine Trnen weg und gab
keinen Laut mehr von sich, denn den groen, roten Zuckerhahn vom
Christbaum zu erlangen, war Miezchens allergrter Wunsch gewesen, er
war aber bei der Teilung auf Ottos Teil gefallen und Miezchen hatte den
Verlust nie verschmerzen knnen. Wie nun alles im Geleise war und die
Kinder den Berg hinanstiegen, wurde verhandelt, was es denn fr ein Mann
knne gewesen sein, der das Miezchen habe totschlagen wollen.

Ach was, totschlagen, rief Otto dazwischen; ich habe schon lange
gemerkt, was es war, wir haben ja im Herunterfahren den groen Mann mit
dem dicken Stock auch angetroffen, er mute unseren Schlitten ausweichen
in den Schnee hinein, das machte ihn bse, und wie er dann hintenan das
Miezi allein antraf, hat er es ein wenig erschreckt und seinen Zorn an
ihm ausgelassen.

Die Erklrung fand allgemeine Zustimmung, das war ja so natrlich, da
jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn gekommen; so ward auch
die Sache gleich vllig vergessen und lustig drauf los geschlittet.
Endlich aber mute auch dies Vergngen ein Ende nehmen, denn es hatte
lngst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da aufgebrochen werden sollte. Im
Heimweg schrfte der Otto dem Miezchen ein, zu Hause nichts zu erzhlen
von dem Vorfall, sonst knnte die Mutter Angst bekommen, und dann
drften sie gar nie mehr im Mondschein schlitten gehen: den Zuckerhahn
msse es gleich haben, aber noch daraufhin versprechen, nichts zu
erzhlen. Miezchen versprach hoch und teuer, kein Wort sagen zu wollen;
die Spuren seiner Trnen waren auch lngst vergangen und konnten nichts
mehr verraten.

Lngst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und der rote
Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Trume und erfllte sein Herz mit
einer so groen Freude, da es jauchzte im Schlaf. Da klopfte es unten
an die Haustr mit solcher Gewalt, da der Oberst und seine Frau vom
Tisch auffuhren, an dem sie eben in Gemtlichkeit gesessen und sich ber
ihre Kinder unterhalten hatten, und die alte Trine in strafendem Tone
oben zum Fenster hinausrief: Was ist das fr eine Manier!

Es ist ein groes Unglck begegnet, tnte es von unten herauf; der
Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den Schreiner Andres tot
gefunden.

Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau hatten genug
gehrt, denn auch die hatten sich dem offenen Fenster genhert.
Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und eilte dem Hause des
Schreiners zu. Als er in die Stube hineintrat, fand er schon eine Menge
Leute da; man hatte den Friedensrichter und Gemeindammann geholt, und
eine Schar Neugieriger und Teilnehmender war mit ihnen eingedrungen.
Andres lag am Boden im Blute und gab kein Lebenszeichen von sich; der
Oberst nherte sich.

Ist denn jemand nach dem Doktor gelaufen? fragte er, hier mu vor
allem der Doktor her.

Es war niemand dahin gegangen; da sei ja doch nichts mehr zu machen,
meinten die Leute.

Lauf, was du kannst, zum Doktor, befahl der Oberst einem Burschen, der
dastand; sag ihm, ich lass' ihn bitten, er soll auf der Stelle kommen.
Dann half er selbst den Andres vom Boden aufheben und in die Kammer
hinein auf sein Bett legen. Erst jetzt trat der Oberst an die
schwatzenden Leute heran, um zu hren, wie der Vorfall sich zugetragen
hatte, ob jemand etwas Nheres wisse. Der Mllerssohn trat vor und
erzhlte, er sei vor einer halben Stunde da vorbeigekommen, und da er
noch Licht gesehen in des Schreiners Stube, habe er im Vorbeiweg schnell
fragen wollen, ob seine Aussteuersachen auch zur Zeit fertig werden. Er
habe die Tr der Stube offen stehend, den Andres tot im Blut liegend am
Boden gefunden. Der Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend ein
Goldstck entgegengestreckt, wie er hereingetreten sei. Er habe dann
nach Leuten gerufen, da der Gemeindammann auf den Platz komme und wer
sonst noch dahin gehre.

Der Matten-Joggi, der so hie, weil er unten in der Matte wohnte, war
ein vllig trichter Mensch, der damit ernhrt wurde, da ihn die Bauern
in den geringen Geschften etwa mithelfen lieen, wo Steine und Sand
herumzutragen, Obst aufzulesen, oder im Winter Holzbndelchen zu machen
waren. Da er boshafte Taten ausgebt htte, hatte man bis jetzt nicht
gehrt. Der Mllerssohn hatte ihm gesagt, er solle da bleiben, bis auch
der Prsident noch da sein werde. So stand Joggi noch immer in einer
Ecke, hielt seine Faust fest zugeklemmt und lachte halblaut. Jetzt trat
der Doktor in die Stube und hinter ihm her auch noch der Prsident. Der
Gemeindevorstand stellte sich nun mitten in die Stube und beratschlagte.
Der Doktor ging direkt in die Kammer hinein und der Oberst folgte ihm
nach. Der Doktor untersuchte genau den unbeweglichen Krper.

Da haben wir's, rief er auf einmal aus, hier auf den Hinterkopf ist
Andres geschlagen worden, da ist eine groe Wunde.

Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?

Nein, nein, er atmet ganz leise, aber er ist bs dran.

Nun wollte der Doktor allerlei haben, Wasser und Schwmme und Weizeug
und noch vieles, und die Leute drauen liefen alle durcheinander und
suchten und rissen alles von der Wand und aus dem Kchenkasten und
brachten Haufen von Sachen in die Kammer hinein, aber nichts von dem,
was der Doktor brauchte.

Da mu eine Frau her, die Verstand hat und wei, was ein Kranker ist,
rief der Doktor ungeduldig. Alle schrieen durcheinander; aber wenn einer
eine wute, so rief ein anderer: Die kann nicht kommen.

Lauf einer auf die Halde, befahl der Oberst, meine Frau soll mir die
Trine herunterschicken! Es lief einer davon.

Deine Frau wird dir aber nicht danken, sagte der Doktor, denn ich
lasse die Pflegerin drei bis vier Tage und Nchte nicht von dem Bett
weg.

Sei nur unbesorgt, entgegnete der Oberst, fr den Andres gbe meine
Frau alles her, nicht nur die alte Trine.

Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller, als man htte
hoffen knnen, denn sie stand schon lange ganz parat mit einem groen
Korb am Arm, und die Frau Oberst stand neben ihr und lauschte, ob einer
gelaufen komme. Sie hatte nicht annehmen knnen, da der Andres wirklich
tot sei, und hatte alles ausgedacht, was man brauchen knnte, um ihm
wieder aufzuhelfen. So hatte sie Schwamm und Verbandzeug, Wein und l
und warme Flanelle in einen Korb gepackt, und Trine hatte nur zu rennen,
wie der Bote kam. Der Doktor war sehr zufrieden.

Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, da die ganze Bande zum
Haus hinauskommt! rief er und schlo die Tr zu, nachdem der Oberst
hinausgetreten war. Der Gemeinderat war noch am Beratschlagen; da aber
der Oberst erklrte, nun msse gleich alles zum Haus hinaus, so faten
die Mnner den Beschlu, fr einmal msse der Joggi eingesperrt werden,
dann wollte man weiter schreiten. Es muten also zwei Mnner den Joggi
in die Mitte nehmen, da er nicht fortlaufen knne, und ihn so nach dem
Armenhaus bringen und in eine Kammer einsperren. Der Joggi ging aber
ganz willig davon und lachte, und von Zeit zu Zeit guckte er vergngt in
seine Faust hinein.

Gleich am anderen Morgen eilte die Frau Oberst in voller Sorge nach dem
Huschen des Andres hinunter. Trine kam leise aus der Kammer heraus und
brachte die frohe Nachricht: Andres sei gegen Morgen schon ein wenig zum
Bewutsein gekommen. Schon sei auch der Doktor dagewesen und habe den
Kranken ber Erwarten gut getroffen; ihr aber habe er recht
eingeschrft, da sie keinen Menschen in die Kammer hineinlasse, Andres
drfe auch noch kein Wort reden, wenn er auch wollte, nicht; nur der
Doktor und die Wrterin sollen vor seine Augen kommen, erklrte die
Trine in groem Amtseifer. Damit war die Frau Oberst ganz einverstanden
und hchst erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten nach Hause zurck.

So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die Oberstin nach dem Hause
des Kranken, um genau Bericht zu bekommen und zu hren, ob etwas
mangele, das dann schnell herbeigeschafft werden mute. Otto und
Miezchen muten jeden Tag aufs neue besnftigt werden, da sie ihren
kranken Freund noch nicht besuchen durften, aber da war immer noch keine
Erlaubnis vom Doktor. Die Trine war noch durchaus unentbehrlich, wurde
auch tglich vom Doktor gelobt fr ihre sorgfltige Pflege. Nach Verflu
der acht Tage schlug der Doktor seinem Freunde, dem Oberst, vor, nun
einmal den Kranken zu besuchen, zu der Zeit, da er selbst dort sein
wrde, denn jetzt war der Augenblick gekommen, da Andres wieder reden
durfte, und der Doktor wollte ihn in Gegenwart des Obersten darber
befragen, was er selbst von dem unglcklichen Vorfall wisse. Andres
hatte groe Freude, dem Herrn Oberst die Hand drcken zu drfen, er
hatte ja schon lange bemerkt, woher ihm alles Gute und alle Sorgfalt fr
sein Wiederaufkommen kam. Dann besann er sich, so gut er konnte, um die
Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wute aber nur folgendes zu
sagen: Er hatte seine Summe beisammen, die er jhrlich dem Herrn Oberst
zur Verwahrung brachte; diese wollte er noch einmal berzhlen, um
seiner Sache sicher zu sein. Er hatte am spten Abend sich hingesetzt,
den Rcken gegen die Fenster und die Tr gekehrt. Mitten im Zhlen hrte
er jemand hereinkommen; eh' er aber aufgeschaut hatte, fiel ein
furchtbarer Schlag auf seinen Kopf; von da an wute er nichts mehr. --
Also hatte Andres eine Summe Geldes auf dem Tisch gehabt; davon war aber
gar nichts mehr gesehen worden, als das einzige Stck in Joggis Hand. Wo
knnte denn das andere Geld hingekommen sein, wenn wirklich Joggi der
beltter war? Als Andres vernahm, wie der Joggi gefunden worden und nun
eingesperrt sei, wurde er ganz unruhig.

Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi, sagte er; der tut
ja keinem Kinde etwas zuleide, der hat mich nicht geschlagen.

Andres hatte aber auch auf keinen anderen Menschen den leisesten
Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und kenne keinen Menschen, der
ihm so etwas htte antun wollen.

Es kann auch ein Fremder gewesen sein, bemerkte der Doktor, indem er
die niedrigen Fenster ansah; wenn Ihr da beim hellen Licht einen Haufen
Geld auf dem Tische liegen habt und zhlt, so kann das von auen jeder
sehen und Lust zum Teilen bekommen.

Es mu sein, sagte der Andres gelassen, ich habe nie an so etwas
gedacht, es war immer alles offen.

Es ist gut, da Ihr noch etwas im Trocknen habt, Andres, bemerkte der
Oberst. Lat's Euch nicht zu Herzen gehen; das beste ist, da Ihr
wieder gesund werdet.

Gewi, Herr Oberst, erwiderte Andres, ihm die Hand schttelnd, die er
zum Abschied hinhielt, ich habe nur zu danken; der liebe Gott hat mir
ja sonst schon viel mehr gegeben als ich brauche.

Die Herren verlieen den friedlichen Andres, und vor der Tr sagte der
Doktor: Dem ist wohler als dem anderen, der ihn zusammenschlagen
wollte.

Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte umhergeboten, die alle Buben in
der Schule beschftigte und in groe Teilnahme versetzte. Auch Otto
brachte sie nach Hause und mute sie jeden Tag ein paarmal wiederholen,
denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte sie ihm aufs neue einen
groen Eindruck. Als man den Joggi an dem Abend lachend ins Armenhaus
gebracht hatte, da war er aufgefordert worden, sein Goldstck abzugeben
an einen seiner Fhrer, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber
klemmte seine Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben.
Aber die beiden waren strker als er; sie rissen ihm mit Gewalt die
Faust auf, und der Friedensrichterssohn, der manchen Kratz von dem Joggi
erhalten hatte whrend der Arbeit, sagte, als er das Goldstck endlich
in Hnden hatte: So, jetzt wart nur, Joggi, du wirst schon deinen Lohn
bekommen. Wart nur, bis sie kommen; sie werden dir's dann schon zeigen.

Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien und zu jammern, denn
er glaubte, er werde gekpft, und seither a er nicht und trank nicht
und sthnte und jammerte fortwhrend, denn die Furcht und Angst vor dem
Kpfen verfolgte ihn bestndig. Schon zweimal war der Prsident und der
Gemeindammann bei ihm gewesen und hatten ihm gesagt, er solle nur alles
sagen, was er getan habe, er werde nicht gekpft. Er wute nichts zu
sagen, als er habe beim Andres ins Fenster geschaut, und der sei am
Boden gelegen; er sei zu ihm hineingegangen und habe ihn ein wenig
gestoen, da sei er tot gewesen. Da habe er etwas glnzen sehen in einer
Ecke und habe es geholt, und dann sei der Mllerssohn gekommen und dann
noch viele. Hatte der Joggi so viel gesagt, so fing er wieder zu sthnen
an und hrte nicht mehr auf.




Siebentes Kapitel.

Wie es dem Kranken und jemandem besser ging.


Seit dem Tage, da der Oberst den Andres besucht hatte, blieb seine Frau
auch nicht mehr drauen in der Stube, wenn sie kam, um nach dem Kranken
zu sehen. Tglich ging sie nun zu ihm hinein, setzte sich eine Weile
lang an sein Bett hin zu einer gemtlichen kleinen Unterhaltung und
freute sich jedesmal ber die Fortschritte der Genesung. Zweimal schon
waren auch Otto und Miezchen dagewesen und hatten ihrem Freunde allerlei
Strkungen zugetragen, und Andres sagte ganz gerhrt zu der Trine: wenn
selbst ein Knig krank wre, man knnte ihm nicht mehr Teilnahme zeigen.
Der Doktor war sehr zufrieden mit dem Verlaufe der Sache, und als er
eben einmal beim Herauskommen auf den hereintretenden Oberst traf, sagte
er zu ihm:

Es geht vortrefflich. Deine Frau kann nun ihre Trine wieder heimnehmen,
die hat gute Dienste geleistet. Nur sollte fr eine kleine Zeit noch
jemand da sein, oder etwa herkommen; der arme verlassene Kerl mu doch
essen und hat keine Frau und kein Kind und gar nichts. Vielleicht wei
deine Frau Rat.

Der Oberst richtete seinen Auftrag aus, und am folgenden Morgen setzte
seine Frau bei ihrem Besuch sich zurecht am Bette des Andres und sagte:

Jetzt mu ich etwas mit Euch reden, Andres; ist es Euch recht?

Gewi, gewi, mehr als recht, erwiderte er und sttzte seinen Kopf auf
den Ellbogen, um recht zuhren zu knnen.

Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen, weil es so ordentlich
geht, fing die Oberstin an.

Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir, fiel der Andres ein, ich wollte
sie jeden Tag heimschicken; ich wei ja wohl, wie sie Ihnen mangeln
mute.

Ich htte sie nicht hereingelassen, wenn sie Euch gefolgt htte, fuhr
die Frau Oberst fort; aber jetzt ist es anders, da der Doktor sie
entlt. Er sagte aber, was ich auch lngst dachte, jemand solltet Ihr
haben, wenigstens noch fr ein paar Wochen, der Euch das Essen bereitet
oder doch bei mir holt, und fr allerlei kleine Hilfsleistungen. Ich
habe nun gedacht, Andres, wenn Ihr fr diese Zeit das Wiseli zu Euch
nehmen wrdet.

Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen gehrt, als er von seinem
Ellbogen auf und in die Hhe scho.

Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht, rief er und wurde ganz
rot vor Anstrengung; so etwas knnen Sie nicht denken. Ich sollte hier
drinnen im Bett liegen, und drauen in der Kche sollte das schwache
Kindlein fr mich arbeiten! Ach um's Himmels willen, wie drfte ich noch
an seine Mutter unter dem Boden denken, wie wrde sie mich ansehen, wenn
sie so etwas wte. Nein, nein, Frau Oberst, meiner Lebtag nicht, lieber
nicht essen, lieber nicht mehr aufkommen, als so etwas tun.

Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig fertig reden lassen; jetzt, da er sich
auf sein Kissen zurcklegte, sagte sie beruhigend:

Es ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe, Andres; denkt jetzt
nur ruhig ein wenig nach. Ihr wit ja, wo das Wiseli versorgt ist. Meint
Ihr, es habe dort nichts zu tun, oder nur besonders leichte Arbeit?
Recht tchtig mu es dran und bekommt so wenig freundliche Worte dazu.
Wrdet Ihr ihm etwa auch keine geben? Wit Ihr, was Wiselis Mutter tun
wrde, wenn sie jetzt neben uns stnde? Mit Trnen wrde sie Euch
danken, wrdet Ihr das Kind jetzt in Euer Haus nehmen, wo es gute Tage
htte, das wei ich schon, und Ihr solltet sehen, wie gern es die
kleinen Dienstleistungen fr Euch tte.

Jetzt mute dem Andres auf einmal alles anders vorkommen. Er wischte
sich die Augen; dann sagte er kleinlaut:

Ach, ach! Wie knnte ich aber zu dem Kinde kommen? Sie geben es gewi
nicht weg, und dann mte man ja doch auch wissen, ob es wollte.

Es ist jetzt schon gut, kmmert Euch nicht weiter, Andres, sagte die
Frau Oberst frhlich und stand von ihrem Sessel auf; ich will nun
selbst sehen, wie's geht, denn mir liegt die Sache nach allen Seiten hin
am Herzen.

Damit nahm sie Abschied von Andres; als sie aber schon unter der Tr
war, rief er ihr noch einmal ngstlich nach:

Aber nur, wenn es will, das Wiseli, nur, wenn es will; bitte, Frau
Oberst!

Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig erscheinen,
oder dann gar nicht, und verlie das Haus. Sie ging aber nicht den Berg
hinan, sondern hinunter, dem Buchenrain zu, denn sie wollte sogleich
versuchen, das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so gern haben wollte.

Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst gerade mit dem
Vetter-Gtti zusammen, wie er ins Haus hineintreten wollte. Er begrte
sie, ein wenig erstaunt ber den Besuch, und sie teilte ihm gleich beim
Eintreten in die Stube mit, warum sie gekommen sei, und wie sehr sie
hoffe, keinen Abschlag zu bekommen, denn es liege ihr viel daran, da
das Wiseli die Pflege zu Ende fhren knne, was es schon zu tun imstande
sei. Da die Base in der Kche die Unterhaltung hrte, kam sie auch
herein und war noch erstaunter als ihr Mann, den Besuch vorzufinden. Er
erklrte ihr, warum die Frau Oberst gekommen sei, und sie meinte gleich,
das sei schon nichts, von dem Kinde werde niemand eine besondere Hilfe
erwarten. Da sagte aber der Mann: was recht sei, msse man gelten
lassen; das Wiseli knne helfen, wo es sei, es sei anstellig bei allen
Geschften; er wrde das Kind nicht einmal gern fort lassen, es sei
folgsam und gelehrig. So fr vierzehn Tage wollte er nichts dawider
haben, da es den Andres ein wenig verpflege; bis dahin werde er wohl
wieder auf sein, da es heim knne, denn lnger knnte es dann nicht
fort sein, dann kommen schon so allerhand Geschfte, die ihm zukommen,
denn da msse man schon fr den Frhling rsten.

Ja, ja, setzte jetzt die Frau ein, es kommt mir nicht in den Sinn,
immer wieder von vorn mit ihm anzufangen; jetzt habe ich ihm alles mit
Mhe gezeigt, das kann es nun anwenden; der Andres soll nur selber eins
anziehen, wenn er eins braucht.

Ja, wegen vierzehn Tagen, sagte der Mann beschwichtigend, da wollen
wir auch nichts sagen, man mu einander etwas zu Gefallen tun.

Ich danke Euch fr den Dienst, sagte nun die Frau Oberst, indem sie
aufstand; der Andres wird Euch gewi auch recht dankbar sein. Kann ich
das Wiseli gleich mit mir nehmen?

Die Base murrte etwas, es werde nicht so stark pressieren; aber der Mann
fand es am besten so. Je schneller es gehe, je frher sei es wieder da,
meinte er; denn er stellte durchaus auf vierzehn Tage ab. Wiseli wurde
herbeigerufen, und der Vetter-Gtti sagte ihm, es solle schnell sein
Bndelchen Kleider zusammenmachen, weiter nichts. Wiseli gehorchte
sogleich; fragen durfte es nicht, warum. Seit es sein Bndelchen in das
Haus gebracht hatte, war nun gerade ein Jahr verflossen; es war nichts
Neues hinzugekommen, als sein schwarzes Rcklein, das hatte es an, es
war aber nun fertig getragen und hing wie ein Fetzchen an dem Kinde
herab, und Wiseli schaute ein wenig scheu die Frau Oberst an, als es nun
mit seinem leichten Bndelchen dastand. Sie verstand den schchternen
Blick und sagte:

Komm nur, Wiseli, wir gehen nicht weit, es geht schon so.

Dann nahm sie schnell Abschied von den Leuten, und als Wiseli dem
Vetter-Gtti die Hand gab, sagte er:

Du kommst bald wieder heim, es ist nicht zum Abschiednehmen.

Jetzt trippelte das Wiseli schweigend und sehr verwundert in seinem
Herzen hinter der Frau Oberst her, die rasch ber den beschneiten
Feldweg hinschritt, so, als befrchtete sie, man knnte sie samt dem
Wiseli wieder zurckholen. Als aber der Buchenrain gar nicht mehr zu
sehen war, da kehrte sie sich um und stand still.

Wiseli, sagte sie freundlich, kennst du den Schreiner Andres?

Ja freilich, antwortete Wiseli, und ein Lichtstrahl scho aus des
Kindes Augen, als es den Namen hrte. Die Frau Oberst war ein wenig
erstaunt.

Er ist krank, fuhr sie fort; willst du ihn ein wenig verpflegen und
fr ihn tun, was ntig ist, und etwa vierzehn Tage bei ihm bleiben?

Mehr als Wiselis schnelle und kurze Antwort: Ja, gern! sagte der Frau
Oberst sein Gesicht, das ganz von einer hohen Freudenrte bergossen
wurde. Die Oberstin sah das gern; doch mute sie sich verwundern, da
Wiseli eine so besondere Freude zeigte, denn sie wute nichts von seinem
Erlebnis mit dem Andres, aber das Wiseli hatte es nie vergessen. Sie
gingen nun wieder weiter. Aber nach einer Weile fgte die Frau Oberst
noch bei:

Du mut es dann dem Schreiner Andres sagen, da du so gern zu ihm
gekommen bist, Wiseli, er glaubt es sonst nicht; vergi es nicht.

Nein, nein, versicherte das Kind, ich denke schon daran.

Nun waren sie bei dem Hause angekommen. Hier fand die Frau Oberst fr
gut, das Wiseli seinen Weg allein machen zu lassen; denn nach allem, was
sie bemerkt hatte, mute es ihm nicht schwer werden, ihn zu finden. Sie
verabschiedete das Kind an der Ecke und sagte ihm, am Morgen werde sie
wieder herunterkommen und sehen, wie es ihm gehe in dem neuen Haushalt,
und wenn der Schreiner Andres etwas brauche, das nicht da sei, so solle
es zu ihr kommen. Wiseli schritt nun getrost durch das Grtchen und
machte die Haustr auf; es wute, da der Andres drinnen in der Kammer
liege hinter der Stube. So trat es leise in die Stube ein; da war
niemand drin, aber es war schn aufgerumt noch von der alten Trine her.
Es schaute alles gut an, wie es sein msse. An der Wand hinten in der
Stube stand schn geordnet und zu einem rechten Bett aufgerstet das
groe hlzerne Lager, das man die Kutsche nennt; der Vorhang war fast
zugezogen darber weg, aber Wiseli konnte doch sehen, wie schn und
sauber es aussah, und es wunderte sich, wer da schlafe. Jetzt klopfte es
leise an die Kammertr, und auf den Ruf des Andres trat es ein und blieb
ein wenig scheu an der Tr stehen. Andres richtete sich auf in seinem
Bett, zu sehen, wer da sei.

Ach, ach, sagte er, halb erfreut und halb erschrocken, bist du es,
Wiseli? Komm, gib mir die Hand. Wiseli gehorchte.

Bist du auch nicht ungern zu mir gekommen?

Nein, nein, antwortete Wiseli zuversichtlich. Aber der Schreiner
Andres war noch nicht beruhigt.

Ich meine nur, Wiseli, fuhr er wieder fort, du wrest vielleicht
lieber nicht gekommen; aber die Frau Oberst ist so gut, und du hast
ihr vielleicht einen Gefallen tun wollen.

[Illustration: So trat es leise in die Stube ein]

Nein, nein, versicherte Wiseli noch einmal, sie hat gar nicht gesagt,
da es ihr ein Gefallen sei; sie hat mich gefragt, ob ich gehen wolle,
und ich wre auf der ganzen Welt nirgends so gern hingegangen, wie zu
Euch.

Diese Worte muten den Andres ganz beruhigt haben; er fragte nichts
mehr, er legte seinen Kopf auf sein Kissen zurck und schaute stumm das
Wiseli an; dann mute er sich auf einmal umkehren und ein Mal ber das
andere seine Augen wischen.

Was mu ich jetzt tun? fragte Wiseli, als er sich immer noch nicht
umkehrte. Jetzt wandte er sich und sagte mit dem freundlichsten Tone:

Ich wei es gewi nicht, Wiseli; tu du nur, was du willst, wenn du nur
ein wenig bei mir bleiben willst.

Wiseli wute gar nicht, wie ihm geschah. Seit es seine Mutter zum
letzten Male gehrt, hatte niemand mehr so zu ihm geredet; es war
gerade, als spre es die Liebe seiner Mutter wieder in Andres' Worten
und Weise. Es mute mit beiden Hnden seine Hand nehmen, so wie es oft
die Mutter gefat hatte, und so stand es eine Weile an dem Bett, und es
war ihm so wohl, da es gar nichts sagen konnte, aber es dachte: Jetzt
wei es die Mutter auch und hat eine Freude.

Gerade so dachte der Andres mit stillem Glck in seinem Herzen: Jetzt
wei es die Mutter auch und hat eine Freude.

Dann sagte auf einmal das Wiseli:

Jetzt mu ich Euch gewi etwas kochen, es ist schon ber Mittag. Was
mu ich kochen?

Koch du nur, was du willst, sagte der Andres. Aber dem Wiseli war es
darum zu tun, dem Kranken die Sache recht zu machen, und es fragte so
lange hin und her, bis es gemerkt hatte, was er essen msse: eine gute
Suppe und ein Stck von dem Fleisch, das im Kasten war, und dann bestand
er darauf, das Wiseli msse noch einen Milchbrei fr sich kochen. Es
wute recht gut Bescheid in der Kche, denn es hatte wirklich etwas
gelernt bei der Base, wenn auch unter harten Worten; das konnte es doch
nun gut gebrauchen. So hatte es in kurzer Zeit alles bereit gemacht, und
der Kranke wnschte, da es ein Tischchen an sein Bett rcke und neben
ihm sitze zum Essen, da er es auch sehen knne und wisse, da es noch
da sei. Ein so vergngtes Mittagsmahl hatte Wiseli lange nicht genossen,
und auch der Schreiner Andres nicht. Als sie damit zu Ende waren, stand
das Kind auf; aber Andres sah das nicht gern und sagte:

Wohin willst du, Wiseli? Willst du nicht noch ein wenig dableiben, oder
wird es dir ein bichen langweilig bei mir?

Nein, gewi nicht, versicherte Wiseli; aber nach dem Essen mu man
immer aufwaschen und alles wieder sauber auf das Gestell hinaufrumen.

Ich wei schon, wie man's macht, gestand Andres; ich habe gedacht,
heute nur, so zum ersten Male, knntest du ja nur alles zusammenstellen
und dann etwa morgen einmal aufwaschen.

Wenn aber die Frau Oberst das she, so mte ich mich fast zu Tode
schmen, und Wiseli machte ein ganz ernsthaftes Gesicht zu seiner
Versicherung.

Ja ja, du hast recht, beschwichtigte nun Andres. Mach nur alles, wie
du meinst, und geradeso, wie es dir recht ist.

Nun ging das Wiseli an seine Arbeit und putzte und rumte und ordnete,
da alles glnzte in seiner Kche. Dann stand es einen Augenblick still
und schaute ringsum und sagte ganz befriedigt: So, nun kann die Frau
Oberst kommen. Dann kam es wieder in die Stube hinein und warf einen
frhlichen Blick auf das schne, groe Bett auf der Kutsche hinter dem
Vorhang, denn der Schreiner Andres hatte ihm gesagt, da msse es
schlafen, und der kleine Kasten in der Ecke gehre auch ihm, da knne es
alles hineinrumen, was ihm angehre. Es legte nun die Sachen aus seinem
Bndelchen alle ordentlich hinein, das war auch sehr bald getan, denn es
war wenig darin, und nun ging es und setzte sich voller Freuden wieder
an das Bett des Kranken, der schon lange nach der Tr geschaut hatte, ob
es noch nicht komme. Kaum war es wieder an dem Bett, so fragte es: Habt
Ihr auch einen Strumpf, an dem ich stricken kann?

Nein, nein, antwortete Andres, du hast ja jetzt gearbeitet, und wir
wollen nun ein wenig vergngt zusammen reden ber allerlei.

Aber Wiseli war gut geschult worden; zuerst in unvergelicher
Freundlichkeit von der Mutter, und dann von der Base mit Worten, die
auch nicht vergessen wurden, vor lauter Furcht, sie wieder zu hren. Es
sagte ganz berzeugt:

Ich darf nicht nur so dasitzen, weil es doch nicht Sonntag ist, aber
ich kann reden und an dem Strumpf stricken miteinander.

Das gefiel dem Andres nun auch wieder, und er ermunterte das Wiseli von
neuem, nur immer zu tun, was es meine, und einen Strumpf knne es auch
holen, wenn es wolle, er habe aber keinen. Nun holte Wiseli den
seinigen und setzte sich damit wieder an das Bett hin, und es hatte
recht gehabt, es konnte gut reden und stricken miteinander. Der
Schreiner Andres hatte aber auch gleich ein Gesprch angefangen, das dem
Wiseli das allerwillkommenste war. Er hatte gleich von der Mutter zu
reden begonnen, und Wiseli hatte so gern fortgefahren, denn noch nie und
mit keinem Menschen hatte es von seiner Mutter reden knnen, und es
dachte doch immer an sie und alles, was es mit ihr erlebt hatte, und nun
wollte der Schreiner Andres so gern von allem wissen, immer noch mehr,
und das Wiseli wurde immer wrmer und erzhlte fort und fort, als knne
es nicht mehr aufhren, und so hrte der Andres zu mit gespannter
Aufmerksamkeit, und gerade so, als wolle er am liebsten nicht mehr
aufhren zuzuhren.

In dieser Weise verging nun dem Wiseli ein Tag nach dem anderen. Fr
jeden geringsten Dienst, den es leistete, dankte ihm der Andres, als ob
es ihm die grte Wohltat erwiesen htte, und was es nur tat, gefiel dem
guten Mann, und er mute es loben dafr. Er wurde in wenig Tagen so
frisch und munter bei der Pflege, da er durchaus aufstehen wollte, und
der Doktor war ganz erstaunt, wie gut es mit ihm ging und wie frhlich
und wohlgemut auf einmal der Schreiner Andres aussah. Er sa nun den
ganzen Tag am Fenster, wo die Sonne hinkam, und schaute dem Wiseli nach
auf Schritt und Tritt, so als ob er es gar nie genug sehen knnte, wie
es einen Kasten aufmachte und dann wieder zu, und wie ihm unter den
Hnden alles so sauber und ordentlich wurde, wie er es vorher nie
gesehen hatte, oder doch meinte, es nie gesehen zu haben. Dem Wiseli
aber war es so wohl in dem stillen Huschen, da es nur liebevolle Worte
hrte, und unter den freundlichen Augen, die es immerfort begleiteten,
da es gar nicht daran denken durfte, wie bald die vierzehn Tage zu Ende
sein wrden und es wieder nach dem Buchenrain zurckkehren mute.




Achtes Kapitel.

Es geschieht etwas Unerwartetes.


In dem Hause auf der Halde wurde viel vom Schreiner Andres und dem
Wiseli gesprochen. Jeden Morgen ging die Frau Oberst nachzusehen, wie es
bei dem Kranken stehe, und jedesmal brachte sie wieder einen
erfreulicheren Bericht nach Hause. Das brachte alle zusammen in die
freudigste Stimmung, und Otto und Miezchen machten einen Plan, wie ein
groes Genesungsfest mte gefeiert werden in des Schreiners Andres
Stube, aber noch solange Wiseli da war; das sollte eine Hauptfreude und
fr Andres und Wiseli eine groe berraschung werden. Es mute aber noch
ein Fest gefeiert werden vorher, denn heute war des Vaters Geburtstag,
und schon am frhen Morgen hatten allerlei von Otto und Miezchen
erfundene Feierlichkeiten stattgefunden, doch der Hauptmoment des Tages
war jetzt gekommen, da es zur Mittagstafel ging. Ganz feierlich hatten
Otto und Miezchen sich schon hingesetzt in groer Erwartung aller der
Dinge, die da kommen sollten. Nun erschienen auch Vater und Mutter, und
das frohe Mahl nahm seinen Anfang. Nachdem das erste Gericht
vergnglich verzehrt worden war, erschien eine zugedeckte Schssel; das
war entschieden das Geburtstagsgericht. Der Deckel wurde aufgehoben, und
ein prchtiger Blumenkohl stand da, so frisch, als htte man ihn eben im
Garten geholt.

Das ist ja eine prchtige Blume, sagte der Vater, die mu man loben.
Aber eigentlich, fuhr er etwas enttuscht fort, suchte ich etwas
anderes unter dem Deckel, Artischocken suchte ich; kann man die nicht
auch finden irgendwo, wie Blumenkohl? Du weit, liebe Marie, ich schaue
an gedeckten Tischen nach keinem anderen Gerichte so aus, wie nach
Artischocken.

Mit einem Male schrie das Miezchen auf:

Eben! Eben! Geradeso hat er mir gerufen zweimal, furchtbar, und _so_
hat er den Stecken aufgehoben und _so_ -- und Miezchen fuhr ganz
aufgeregt mit ihren Armen in der Luft herum --, aber urpltzlich schwieg
sie und fuhr schnell herunter mit ihren Armen bis unter den Tisch und
war ganz blutrot geworden, und ihr gegenber sa Otto mit zornigen Augen
und scho flammende Blicke zu Miezchen hinber.

Was ist das fr eine seltsame Verherrlichung meines Geburtstages?
fragte der Vater mit Staunen. ber den Tisch hin schreit meine Tochter,
als wollte man sie umbringen, und unter dem Tisch durch versetzt mir
mein Sohn so entsetzliche Stiefelste, da ich blaue Flecken bekomme.
Ich mchte wissen, Otto, wo du diese angenehme Unterhaltung gelernt
hast.

Jetzt war die Reihe an Otto, feuerrot zu werden bis unter die Haare
hinauf. Er hatte dem Miezchen unter dem Tisch durch einige deutliche
Mahnungen geben wollen, da es schweigen solle, hatte aber den unrechten
Platz getroffen und mit seinem Stiefel des Vaters Bein in erstaunlicher
Weise bearbeitet. Das hatte Otto nun entdeckt; er durfte nicht mehr
aufschauen.

Nun Miezchen, fing der Vater wieder an, was ist denn aus deiner
Rubergeschichte geworden, du kamst ja gar nicht zu Ende. Also
'Artischocke' hat der furchtbare Mann dich genannt und den Stecken
erhoben und dann?

Dann, dann, stotterte Miezchen kleinlaut -- denn es hatte begriffen,
da es auf einmal alles verraten hatte, und da der Otto den Zuckerhahn
zurckfordern wrde --, dann hat er mich doch nicht totgeschlagen.

So, das war eine Artigkeit von ihm, lachte der Vater, und dann
weiter?

Dann weiter gar nichts mehr, wimmerte Miezchen.

So, so, die Geschichte nimmt also ein frhliches Ende. Der Stecken
bleibt in der Luft, und Miezchen geht als kleine Artischocke nach Hause.
Jetzt wollen wir gleich anstoen auf alle wohlgeratenen Artischocken und
auf des Schreiners Andres Gesundheit!

Damit hob der Vater sein Glas, und die Tischgesellschaft stimmte ein. Es
standen aber alle ein wenig still vom Tisch auf, denn in jedem waren
allerlei schwere Gedanken aufgestiegen, nur der Vater blieb
unangefochten, setzte sich zu seiner Zeitung und steckte eine Zigarre
an. Otto schlich ins andere Zimmer hinber, drckte sich in eine Ecke
und dachte darber nach, wie es sein werde, wenn alle anderen wieder im
Mondschein schlitten wrden und er nie mehr dabei sein drfte, denn er
wute, da die Mutter dies von nun an verbieten wrde. Miezchen kroch
ins Schlafzimmer hinein, kauerte sich neben dem Bett auf das Schemelchen
nieder, nahm den roten Zuckerhahn auf den Scho und war sehr traurig,
da es ihn zum letzten Male sehen sollte. Die Mutter blieb eine Zeitlang
stumm und sinnend am Fenster stehen und bewegte Gedanken in ihrem Herzen
hin und her, die sie immer mehr und aufregender beschftigen muten,
denn jetzt fing sie an, im Zimmer hin und her zu gehen, und pltzlich
verlie sie es und lief hierhin und dahin, nach dem Miezchen suchend.
Sie fand es endlich noch hinter seinem Bett auf dem Schemel sitzend, in
seine traurigen Betrachtungen versunken.

Miezchen, sagte die Mutter, jetzt erzhl mir recht, wo und wann ein
Mann dir drohte, und was er dir nachgerufen hat.

Miezchen erzhlte, was es wute, es kam aber nicht viel mehr heraus, als
es schon gesagt hatte. Nachgerufen hatte ihm der Mann das Wort, das der
Papa ber Tisch gesagt hatte, behauptete es. Die Mutter kehrte in das
Zimmer zurck, wo der Vater sa, ging gleich zu ihm heran und sagte in
erregtem Ton:

Ich mu es dir wirklich sagen, es kommt mir immer wahrscheinlicher
vor.

Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt seine Frau an.

Siehst du, fuhr diese fort, die Szene am Tisch hat mir mit einem Male
einen Gedanken erweckt, und je mehr ich ihn verfolge, je fester
gestaltet er sich vor meinen Augen.

Setz dich doch und teil mir ihn mit, sagte der Oberst, ganz neugierig
geworden. Seine Frau setzte sich neben ihn hin und fuhr fort:

Du hast Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich erschreckt
worden von dem Mann, von dem sie sprach, es war nicht Spa gewesen:
darum ist es klar, da er das Kind nicht 'Artischocke' genannt hat. Wird
er es nicht viel eher 'Aristokratin' oder 'Aristokratenbrut' genannt
haben? Du weit, wer uns vorzeiten diesen Titel nachrief, meinem Bruder
und mir. Diesen Augenblick habe ich von Miezchen gehrt, da der Vorfall
sich an dem Abend ereignet hatte, da die Kinder im Mondschein auf der
Schlittbahn waren. An demselben Abend noch wurde Andres halb erschlagen
gefunden. Seit Jahren war der unheimliche Jrg verschwunden, und im
ersten Augenblick, da man wieder Spuren von ihm hat, geschieht die
Gewaltttigkeit an seinem Bruder, dem kein anderer je etwas zuleide
getan hat, als er. Macht dir das nicht auch Gedanken?

Wahrhaftig, da knnte was dran sein, entgegnete der Oberst
nachdenklich; da mu ich sofort handeln.

Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten nachher fuhr
er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr der Oberst jeden
Tag einmal nach der Stadt, um zu hren, ob Berichte eingegangen seien.
Am vierten Tage, als er nach Hause kam am Abend und seine Frau noch an
Miezchens Bett verweilte, lie er sie schnell rufen, denn er hatte ihr
Wichtiges zu erzhlen. Sie setzten sich dann zusammen, und der Oberst
teilte seiner Frau mit, was er in der Stadt vernommen hatte. Auf seine
Aussagen hin hatte die Polizei sogleich heimlich nach dem Jrg gesucht,
und er war ohne groe Mhe gefunden worden, denn er war ganz sicher, da
kein Mensch ihn gesehen hatte, da er nur des Nachts in sein Dorf
gekommen und gleich wieder verschwunden war. So war er zunchst nur
nach der Stadt hinuntergegangen und hatte sich in den Wirtshusern
herumgetrieben. Als er nun festgenommen und verhrt wurde, leugnete er
zuerst alles; als er aber hrte, der Oberst Ritter habe schlagende
Beweise gegen ihn vorzubringen, da entfiel ihm der Mut, denn er dachte,
der Herr Oberst msse ihn gesehen haben, sonst wre es unmglich, da er
gerade auf ihn geraten htte, da er frisch aus neapolitanischen
Kriegsdiensten zurckgekommen war. Da ein einziges Wort, das er einem
kleinen Kinde angeworfen hatte, ihn hatte verraten knnen, davon hatte
er keine Ahnung. Er fing dann an, furchtbar auf den Obersten zu
schimpfen, und sagte, er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut
werde ihn noch ins Unglck bringen. Im weiteren Verhr gestand er dann,
er habe seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm entlehnen wollen. Als
er durch das erleuchtete Fenster ihn erblickte, wie er eben eine gute
Summe Geld vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den Andres
niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Tten habe er ihn nicht
gewollt, nur ein wenig bewutlos machen, damit er ihn nicht kenne. Der
grte Teil der Summe wurde noch bei ihm gefunden; diese wurde ihm
abgenommen und dann der Jrg in den Turm gesetzt.

Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure Aufregung im
ganzen Dorfe, denn eine solche Geschichte war noch gar nicht
vorgefallen, seit es stand. Besonders in der Schule kam alles aus der
Ordnung, so stark beteiligten sich alle Schler an der aufregenden
Begebenheit. Otto war einige Tage ganz auer Atem, da er bestndig
da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch ein nherer Umstand von der
Sache zu hren war. Am dritten Abend nach der Verbreitung der Nachricht
kam er aber so nach Hause gestrzt, da ihn die Mutter ermahnen mute,
erst einen Augenblick stillzusitzen, da er vor Atemlosigkeit kein Wort
hervorbrachte und doch durchaus wieder eine Neuigkeit erzhlen wollte.
Endlich konnte er sie in Worte bringen. Man hatte den Joggi, der bis
dahin eingesperrt geblieben war, herausholen wollen, aber der arme Tropf
hatte immerfort seine groe Furcht beibehalten, und nun glaubte er, man
hole ihn zum Kpfen ab, und sperrte sich ganz furchtbar, die Kammer zu
verlassen. Dann hatten zwei Mnner ihn mit aller Gewalt herausgeschleppt,
er hatte aber so geschrieen und getan, da alle Leute herbeiliefen, und
dann hatte er sich noch mehr gefrchtet, und auf einmal, nachdem er
herausgekommen, war er davongeschossen wie ein Pfeil und in die nchste
Scheune hinein in den hintersten Winkel des Stalles. Da hockte er ganz
zusammengeballt mit einem furchtbar erschrockenen Gesicht, und kein
Mensch konnte ihn von der Stelle bringen. Schon seit gestern hockte er
so ohne Bewegung, und der Bauer hatte gesagt, wenn er nicht bald
aufstehe, wolle er ihn mit der Heugabel fortbringen.

Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder, sagte die Mutter,
als Otto fertig erzhlt hatte. Der arme Joggi! Was mu er nun leiden in
seiner Angst, die ihm niemand wegnehmen kann, da er nicht versteht, was
man ihm erklren knnte, und der arme, gutmtige Joggi ist ja ganz
unschuldig. Ach, Kinder, httet ihr mir doch gleich das ganze Erlebnis
erzhlt, als ihr am Abend von der Schlittbahn kamt; euer Verheimlichen
hat recht Trauriges zur Folge gehabt. Knnten wir doch den armen
Menschen trsten und wieder frhlich machen.

Das Miezchen war ganz weich geworden. Ich will ihm den roten Zuckerhahn
geben, schluchzte es.

Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar etwas verchtlich:
Ja noch gar, einen Zuckerhahn einem erwachsenen Menschen geben! Behalt
du den nur fr dich. Aber dann bat er die Mutter, ihm und Miezchen zu
erlauben, dem Joggi etwas zu essen in den Stall zu bringen, er hatte gar
nichts gehabt, seit er dort kauerte, zwei ganze Tage lang.

Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sogleich ein Korb geholt und
Wurst und Brot und Kse hineingesteckt. Dann gingen die Kinder den Berg
hinunter, dem Stalle zu.

Mit einem ganz weien, erschreckten Gesicht kauerte der Joggi hinten im
Winkel und rhrte sich nicht. Die Kinder kamen ein wenig nher. Otto
zeigte dem Zusammengekrmmten den offenen Korb und sagte:

Komm hervor, Joggi, komm, das ist alles fr dich zum essen.

Joggi bewegte sich nicht.

Komm doch, Joggi, mahnte Otto weiter, siehst du, sonst kommt der
Bauer und sticht dich mit der Heugabel hervor.

Joggi stie einen erschreckten Ton aus und krmmte sich noch enger
zusammen in den Winkel hinein, wie in ein Loch.

Jetzt ging Miezchen vorwrts und kam ganz nahe an den Joggi heran, hielt
den Mund an sein Ohr und flsterte hinein: Komm du nur mit mir, Joggi,
sie drfen dich nicht kpfen, der Papa hilft dir schon, und siehst du,
das Christkindlein hat dir einen roten Zuckerhahn gebracht; und
Miezchen nahm ganz heimlich den Zuckerhahn aus seiner Tasche und steckte
ihn dem Joggi zu.

Diese heimlichen Trostesworte hatten eine wunderbar wirksame Kraft. Der
Joggi schaute das Miezchen an, ganz ohne Schrecken, dann schaute er auf
seinen roten Zuckerhahn, und dann fing er an zu lachen, was er seit
vielen Tagen nicht mehr getan hatte. Dann stand er auf, und nun ging
Otto voran aus dem Stall heraus, dann kam das Miezchen und ihm folgte
der Joggi auf dem Fu. Drauen aber, als Otto dem Joggi sagte: Das
kannst du mitnehmen, wir gehen nun heim und du auch, dort hinunter, --
da schttelte Joggi den Kopf und stellte sich hinter das Miezchen. So
gingen alle drei weiter, der Halde zu, voran der Otto, dann Miezchen,
dann der Joggi. Die Mutter sah den Zug herankommen, und ihr Herz wurde
ganz erleichtert, als sie sah, wie der Joggi hinter dem Miezchen
herschritt, den roten Zuckerhahn in der Hand hielt und immerfort
vergnglich lachte. So traten die drei ins Haus und in die Stube, und
hier holte das Miezchen geschftig einen Stuhl, nahm den Ekorb zur Hand
und winkte dem Joggi, da er komme. Als er dann am Tische sa, legte es
alles, was im Korb war, vor ihn hin und sagte beschtzend: I du jetzt
nur, Joggi, und i du nur alles auf und sei nun ganz frhlich. Da
lachte der Joggi und a die beiden groen Wrste und das ganze Brot und
das ungeheure Stck Kse ganz fertig und dann noch die Krumen. Den roten
Zuckerhahn hielt er die ganze Zeit ber fest mit seiner linken Hand und
schaute ihn an von Zeit zu Zeit und lachte unbeschreiblich vergnglich,
denn Wurst und Brot hatte er wohl auch schon bekommen, aber einen roten
Zuckerhahn hatte ihm in seinem ganzen Leben noch nie jemand geschenkt.
Endlich ging der Joggi die Halde hinunter. Voller Freuden schauten die
Mutter, Otto und Miezchen ihm nach: er hielt seinen Zuckerhahn bald in
der einen, bald in der anderen Hand, lachte immerzu und hatte seinen
Schrecken gnzlich vergessen. --

Seit drei Tagen hatte die Frau Oberst den Schreiner Andres nicht
besucht. Es hatte sich so vieles ereignet in diesen Tagen, da sie gar
nicht begriff, wie die Zeit dahingegangen war; doch konnte sie ja ruhig
sein, sie wute, da der Andres gut verpflegt und besorgt und dazu auf
dem besten Wege der Genesung war.

Ihr Mann hatte gleich am Morgen nach seiner Rckkehr aus der Stadt den
Andres besucht, um ihm die Entdeckung und die Festnahme seines Bruders
selbst mitzuteilen. Andres hatte ganz ruhig zugehrt und dann gesagt:
Er hat es so haben wollen; es wre doch besser gewesen, er htte mich
um ein wenig Geld gebeten, ich htte ihm ja schon gegeben; aber er hat
immer lieber geprgelt, als gute Worte gegeben.

Jetzt trat die Frau Oberst am sonnigen Wintermorgen aus ihrer Tr und
stieg frhlichen Herzens den Berg hinunter, denn sie beschftigte sich
in ihrem Innern mit einem Gedanken, der ihr wohlgefiel. Als sie die
Haustr aufmachte beim Schreiner Andres, kam Wiseli eben aus der Stube
heraus. Seine Augen waren ganz aufgeschwollen und hochrot vom Weinen. Es
gab der Frau Oberst nur flchtig die Hand und scho scheu in die Kche
hinein, um sich zu verbergen. So hatte die Frau Oberst das Wiseli noch
gar nie gesehen. Was konnte da begegnet sein? Sie trat in die Stube ein.
Da sa am sonnigen Fenster der Andres und sah aus, als sei ein noch nie
erlebtes Unheil ber ihn hereingebrochen.

Was ist denn hier geschehen? fragte die Frau Oberst und verga im
Schrecken, guten Tag zu sagen.

Ach, Frau Oberst, sthnte Andres, ich wollte, das Kind wre nie in
mein Haus gekommen!

Was, rief sie noch erschrockener aus, das Wiseli? Kann dieses Kind
Euch ein Leid angetan haben?

Ach, um's Himmels willen, nein, Frau Oberst, so meine ich's nicht,
entgegnete Andres in Aufregung; aber nun ist das Kind bei mir gewesen
und hat mir ein Leben gemacht in meinem Huschen, wie im Paradies, und
jetzt mu ich das Kind wieder hergeben, und alles wird viel der und
leerer um mich her sein, als vorher. Ich kann es nicht aushalten; Sie
knnen sich gar nicht denken, wie lieb mir das Kind ist; ich kann es
nicht aushalten, wenn sie mir's wegnehmen. Morgen mu es gehen, der
Vetter-Gtti hat schon zweimal den Buben geschickt; es msse nun zurck,
morgen msse es sein. Und dann ist noch etwas, das mir fast das Herz
zersprengt: seitdem der Vetter-Gtti geschickt hat, ist das Kind ganz
still geworden und weint heimlich; es will es nicht so zeigen, aber man
kann's wohl sehen, es macht ihm so schwer, zu gehen, und morgen mu es
sein. Ich bertreibe nicht, Frau Oberst, aber das kann ich sagen: alles,
was ich seit dreiig Jahren erspart und erarbeitet habe, gbe ich seinem
Vetter-Gtti, wenn er mir das Kind liee.

Die Frau Oberst hatte den aufgeregten Andres ganz fertig reden lassen;
jetzt sagte sie ruhig: Das wrde ich nicht tun an Eurer Stelle, ich
wrde es ganz anders machen.

Andres schaute sie fragend an.

Seht, Andres, so wrde ich es machen: ich wrde sagen: 'All' mein
wohlverdientes Gut will ich jemandem zurcklassen, der mir lieb ist. Ich
will das Wiseli an Kindes Statt annehmen, ich will sein Vater sein, und
es soll von Stund an als mein Kind in meinem Hause bleiben.' Wrde es
Euch nicht gefallen so, Andres?

Der Andres hatte lautlos zugehrt und seine Augen waren immer grer
geworden. Jetzt ergriff er vor Bewegung die Hand der Frau Oberst und
drckte sie gewaltig zusammen, dann keuchte er hervor:

Kann man das wirklich machen? Knnte ich das mit dem Wiseli tun, so da
ich sagen knnte: das Wiseli ist mein Kind, mein eigenes Kind, und
niemand hat mehr ein Recht an das Kind, und kein Mensch kann es mir mehr
nehmen?

Das knnt Ihr, Andres, versicherte die Frau Oberst, geradeso! Sobald
das Wiseli Euer Kind ist, hat kein Mensch mehr ein Recht auf das Kind,
Ihr seid der Vater. Und seht, Andres, weil ich mir gedacht hatte, Ihr
knntet den Wunsch haben, das Wiseli zu behalten, so habe ich meinen
Mann gebeten, heute nicht fortzugehen, im Fall Ihr etwa gern gleich nach
der Stadt in die Kanzlei fahren wrdet, da alles bald festgesetzt
werde, denn zu Fu knnt Ihr noch nicht gehen.

Andres wute gar nicht, was er tat vor Aufregung und Freude. Er lief
dahin und dorthin und suchte den Sonntagsrock; dann rief er ein Mal ums
andere: Ist es auch sicher wahr? Kann's auch sein? Dann stand er
wieder vor die Frau Oberst hin und fragte: Kann es jetzt sein, gleich
jetzt, heut' noch?

Gleich jetzt, versicherte sie; doch gab sie nun dem Schreiner Andres
die Hand zum Abschied, sie mute gehen und ihrem Manne mitteilen, da
Andres schon reisefertig sei.

Ihr solltet es dem Wiseli erst am Abend sagen, wenn alles gut
eingeleitet ist und Ihr wieder ruhig daheim seid, bemerkte die Frau
Oberst noch unter der Tr; meint Ihr nicht?

Ja, sicher, sicher, gab Andres zur Antwort; jetzt knnt' ich's fast
nicht sagen.

Als die Tr sich schlo, setzte sich Andres auf seinen Stuhl nieder und
zitterte an Hnden und Fen so sehr, da er meinte, er knne nie mehr
davon aufstehen, so war ihm die Freude und Aufregung in alle Glieder
gefahren. Es whrte aber kaum eine halbe Stunde, da kam schon des
Obersten Wagen angefahren und hielt still am Grtchen des Schreiners,
und zu Wiselis unbeschreiblichem Erstaunen stieg der Knecht von seinem
Sitz herunter, kam herein, und nach wenigen Minuten sah es, wie er
wieder herauskam, den Schreiner Andres mit beiden Armen festhielt und
ihm dann in den Wagen hinein half. Wiseli schaute dem Fuhrwerk nach, als
bewege sich etwas Unfaliches vor seinen Augen, denn der Schreiner
Andres hatte kein Wort mehr zu ihm sagen knnen, nicht einmal, da er
ausfahren werde. So wie er sich niedergesetzt hatte, war er sitzen
geblieben, bis der Knecht ihn herausholte, und das Wiseli hatte sich
immer noch verborgen gehalten. Jetzt ging es in die Stube hinein und sa
ans Fenster, wo sonst der Schreiner Andres sa, und konnte gar nichts
anderes mehr denken als nur immerzu: Heute ist der letzte Tag, und
morgen mu ich zum Vetter-Gtti. Als der Mittag herankam, ging Wiseli
in die Kche hinaus und machte zurecht, was der Andres essen sollte;
aber er kam nicht, und es wollte nichts berhren, bis er auch dabei
war. So ging es wieder hinein, und auf der Stelle stand der traurige
Gedanke wieder vor ihm und es mute ihm wieder nachhangen. Aber endlich
wurde es so mde davon, da sein Kopf ihm auf die Schulter fiel und es
fest einschlief; aber noch im Schlaf mute es immer sagen: Und morgen
mu ich zum Vetter-Gtti. Und Wiseli sah nicht, wie leise der helle
Abendschein in die Stube hineinfiel und einen schnen Tag verkndigte.

Wiseli scho auf, als jemand die Stubentr ffnete; es war der Schreiner
Andres. Das Glck leuchtete ihm aus den Augen wie heller Sonnenschein,
so hatte ihn Wiseli noch nie gesehen. Es schaute verwundert zu ihm auf.
Jetzt mute er auf seinen Stuhl sitzen und Atem holen vor Bewegung,
nicht vor Erschpfung; dann rief er mit triumphierender Stimme:

Es ist wahr, Wiseli, es ist alles wirklich wahr! Die Herren haben alle
'Ja' gesagt. Du gehrst mir, ich bin dein Vater, sag mir einmal
'Vater'!

Wiseli war ganz schneewei geworden; es stand da und starrte den Andres
an, aber es sagte kein Wort und bewegte sich nicht.

Ja so, ja so, fing Andres wieder an; du kannst es ja nicht begreifen,
es kommt mir alles durcheinander vor Freuden; jetzt will ich von vorn
anfangen. Siehst du, Wiseli, jetzt eben habe ich es in der Kanzlei
verschrieben: du bist jetzt mein Kind und ich bin dein Vater, und du
bleibst hier bei mir fr immer und gehst nie mehr zurck zum
Vetter-Gtti, hier bist du daheim, hier bei mir.

Jetzt hatte Wiseli alles begriffen. Auf einmal sprang es auf den Andres
zu und umfate ihn mit beiden Armen und rief: Vater! Vater! Der
Andres brachte kein Wort mehr hervor und das Wiseli auch nicht, denn es
kam ihm so viel zusammen im Herzen und in den Gedanken, da es ganz
berwltigt wurde. Aber mit einem Male war es, als ob ihm ein helles
Licht aufginge; es schaute den Andres mit leuchtenden Augen an und rief
frohlockend: O Vater, jetzt wei ich alles, wie es zugegangen ist und
wer dazu geholfen hat.

So, so, und wer denn, Wiseli? fragte er.

Die Mutter! war die rasche Antwort.

Die Mutter? wiederholte Andres, ein wenig erstaunt, wie meinst du
das, Wiseli? wie meinst du das?

Jetzt erzhlte das Kind, wie es die Mutter gesehen hatte, ganz deutlich,
wie sie es bei der Hand genommen und ihm einen sonnigen Weg gezeigt und
gesagt hatte: Sieh, Wiseli, das ist dein Weg. -- Und jetzt, Vater,
rief Wiseli immer eifriger fort, jetzt ist mir auf einmal in den Sinn
gekommen, wie der Weg war, gerade so, wie der drauen im Garten, wenn
die Sonne darauf scheint und die Nelken so rot glhen und auf der
anderen Seite die Rosen, und die Mutter hat ihn schon gekannt und hat
gewi das ganze Jahr am lieben Gott angehalten, da ich drfe auf den
Weg kommen, sie hat schon gewut, wie gut ich es bei dir haben wrde,
wie sonst nirgends auf der ganzen Welt. Das glaubst du jetzt auch,
Vater, da alles so gegangen ist, nicht wahr, seit du weit, da die
Mutter mir den Weg bei den Nelken gezeigt hat?

Der gute Andres konnte nichts sagen, die hellen Trnen liefen ihm die
Wangen hinunter; dabei aber lachte ihm eine solche Freude aus den nassen
Augen, da es dem Wiseli nicht bange wurde. Als er aber endlich etwas
sagen wollte, da hrte man nichts davon, denn in dem Augenblick wurde
mit einem ungeheuren Knall die Tr aufgeschlagen und herein sprang mit
einem Satz bis mitten in die Stube der Otto, dann machte er noch einen
groen Sprung ber einen Stuhl weg und rief: Juhe, wir haben's
gewonnen, und das Wiseli ist erlst! Hinter ihm strzte das Miezchen
hervor, rannte gleich auf seinen Freund los und sagte mit
bedeutungsvollem Winken gegen die Tr hin: Jetzt, Andres, wirst du
gleich sehen, was kommt zum Genesungsfest!, und eh' es noch fertig
gesprochen, arbeitete der Bckerjunge sich zur Tr herein mit einem so
ungeheuren Brett auf dem Kopf, da er in der Tr stecken blieb und nicht
damit weiterdringen konnte. Aber von hinten kam eine krftige Hand, die
hob und schob und sttzte das wankende Gebude, bis es glcklich in der
Stube angelangt und auf den Tisch gesetzt war, den es gnzlich bedeckte,
von oben bis unten. Denn Otto und Miezchen hatten ersonnen, aus ihren
Sparbchsen zum Genesungsfest den allergrten Rahmkuchen machen zu
lassen, den ein Mensch machen knnte. Da er nun zu klein geworden wre
als runder Kuchen, so hatte man ihn viereckig gemacht, so da er den
Ofen ausfllte von vorn bis hinten und nun den ganzen Tisch bedeckte.
Auf den Boden hin stellte nun die Trine, die hinter dem Bckerjungen
hilfreich hereingekommen war, ihren groen Korb nieder; da war ein
schner Braten darin und strkender Wein dazu, denn die Frau Oberst
hatte gesagt, heute habe der Andres gewi noch keinen Bissen gegessen,
und vielleicht noch dazu das Wiseli nicht, und so war es auch, und jetzt
merkte es auch das Wiseli auf einmal, als es alle die einladenden Sachen
vor sich sah. Nun setzte sich die ganze Gesellschaft zu Tisch, und man
konnte gar nicht absehen, wer von allen das frhlichste Gesicht am
Tische hatte. Vor allem mute der Riesenkuchen in der Mitte zerschnitten
und die Hlfte auf den Boden gelegt werden, da man Platz bekam, und nun
folgte ein Festessen von so frhlicher Art, da noch gar nie ein
frhlicheres stattgefunden hat, denn jedem, das an diesem Tisch sa, war
sein hchster Wunsch in Erfllung gegangen.

Wie es nun spt geworden war unter all der Freude und man endlich vom
Tisch aufstehen mute -- denn die Trine stand schon lange bereit zum
Abholen --, da sagte Andres: Heut' habt ihr das Fest bereitet, aber auf
den Sonntag will ich auch eins bereiten, dann kommt ihr wieder, und das
soll das Fest des Einstandes sein fr mein Tchterchen.

Nun schttelten sich alle die Hnde in der frohen Aussicht auf ein neues
herrliches Fest und auf die immerwhrende Befriedigung, das Wiseli beim
Schreiner Andres zu wissen. Unter der Tr aber gab Wiseli dem Otto noch
einmal die Hand und sagte:

Ich danke dir hunderttausendmal fr alles Gute, Otto. Der Chppi hat
mir auch nie mehr etwas an den Kopf geworfen, weil er nicht durfte; das
habe ich nur dir zu danken.

Und ich danke dir auch, Wiseli, entgegnete Otto; ich habe gar nie
mehr die Fetzen auflesen mssen in der Schule; das habe ich nur dir zu
danken.

Und ich auch, behauptete Miezchen, denn es wollte nicht weniger
erfreuliche Erfahrungen gemacht haben.

Als nun in dem Stbchen alles still geworden war und der Mondschein
leise durchs Fenster hereinkam, bei dem der Schreiner Andres abgesessen
war, whrend das Wiseli noch alles aufrumen wollte, da kam es zu ihm
heran und sagte, indem es seine Hnde faltete:

Vater, soll ich nicht den Liedervers der Mutter dir laut vorbeten? Ich
hab' ihn heut' Abend immer wieder leise fr mich sagen mssen, den will
ich gewi mein ganzes Leben lang nie vergessen.

Andres war sehr zufrieden, den Vers zu hren, und Wiseli schaute zu den
Sternen auf und sagte tief aus seinem Herzen heraus:

    Befiehl du deine Wege,
    Und was dein Herze krnkt,
    Der allertreu'sten Pflege
    Des, der den Himmel lenkt.

    Der Wolken, Luft und Winden
    Gibt Wege, Lauf und Bahn,
    Der wird auch Wege finden,
    Da dein Fu gehen kann.

       *       *       *       *       *

Von diesem Tage an war und blieb das allerglcklichste Haus im ganzen
Dorf und im ganzen Land das Huschen des Schreiners Andres mit dem
sonnigen Nelkengarten. -- Wo seither das Wiseli sich blicken lie, da
waren alle Leute so freundlich mit ihm, da es nur staunen mute. Denn
vorher hatten sie es nie beachtet, und der Vetter-Gtti und die Base
gingen nie am Haus vorbei, ohne schnell hereinzukommen und ihm die Hand
zu geben und zu sagen, es solle auch zu ihnen kommen.

ber diese Wendung war das Wiseli froh, denn es hatte immer einen
heimlichen Schrecken gehabt beim Gedanken, was der Vetter-Gtti zu allem
sagen werde. So war Wiseli von aller Angst befreit und ging frhlich
seinen Weg; im stillen aber dachte es oftmals: Der Otto und die
Seinigen waren gut mit mir, als es mir schlecht ging und ich gar niemand
mehr auf der Welt hatte; aber die anderen Leute sind erst freundlich mit
mir geworden, seit es mir gut geht und ich einen Vater habe; ich wei
ganz gut, wer es am besten mit mir meint.


Druck von Friedrich Andreas Perthes, Aktiengesellschaft, Gotha.



[Anmerkungen zur Transkription: Diese elektronische Buch wurde auf
Grundlage der ca. 1920 erschienenen siebzehnten Auflage erstellt; das
Buch bildet den ersten Band der Serie Geschichten fr Kinder und auch
fr solche, welche die Kinder lieb haben von Johanna Spyri. Die
nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller im elektronischem
Buch gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 025: sa da es Rico ein Mal ber das andere -> so da
S. 028: in den Korpf gesetzt -> Kopf
S. 070: schanten zwei groe Augen -> schauten
S. 073: [Punkt ergnzt] wollten mit ihrem Lied beginnen.
S. 152: [ffnendes Anfhrungszeichen ergnzt] Ach nein, Max
S. 165: [ffnendes Anfhrungszeichen ergnzt] und dann mchte ich
S. 199: kein Wort sagen zn wollen -> zu
S. 232: denn ich dem Augenblick -> in dem Augenblick

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersezt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the scans of a
seventeenth edition copy, published ca. 1920; the book forms the first
volume of the series Geschichten fr Kinder und auch fr solche, welche
die Kinder lieb haben by Johanna Spyri. The table below lists all
corrections applied to the original text.

p. 025: sa da es Rico ein Mal ber das andere -> so da
p. 028: in den Korpf gesetzt -> Kopf
p. 070: schanten zwei groe Augen -> schauten
p. 073: [added period] wollten mit ihrem Lied beginnen.
p. 152: [added opening quotes] Ach nein, Max
p. 165: [added quotes] Kartoffeln abreiend, und dann mchte ich
p. 199: kein Wort sagen zn wollen -> zu
p. 232: denn ich dem Augenblick -> in dem Augenblick

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End of the Project Gutenberg EBook of Heimatlos, by Johanna Spyri

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIMATLOS ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
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particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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