The Project Gutenberg EBook of Cannes und Genua, by Walther Rathenau

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Title: Cannes und Genua
       Vier Reden zum Reparationsproblem

Author: Walther Rathenau

Release Date: March 29, 2007 [EBook #20937]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CANNES UND GENUA ***




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                            Walther Rathenau


                            CANNES UND GENUA

                             VIER REDEN ZUM
                           REPARATIONSPROBLEM

                            MIT EINEM ANHANG


                                  1922

                      S. Fischer / Verlag / Berlin



                        Erste bis fnfte Auflage



                        Das letzte schriftliche Wort des Ministers
                        Rathenau an mich, das ich in der Aktenmappe im
                        Auto des Ermordeten fand und das als Stichwort
                        fr eine Anweisung an mich dienen sollte,
                        lautete: Der Weg der Vernunft.


Eine wunderbare Fgung lie meinen hochverehrten Minister und
unvergelichen lieben Freund am Tage vor seiner schndlichen Ermordung
die letzte Hand an die Herausgabe der vorliegenden vier groen Reden
legen. Sie werden in dieser Zusammenstellung als eine Erinnerung und
Mahnung der Mit- und Nachwelt noch einmal deutlich vor Augen fhren, wie
der Verewigte mit der ganzen Kraft und Tiefe seines ungewhnlichen
Intellekts bemht gewesen ist, die Welt auf den Weg der Vernunft
zurckzufhren. Sie werden insbesondere fr alle Zeit unvergessen
machen, wie tief er die Not seines ber alles geliebten deutschen Volkes
empfunden hat und wie rckhaltlos er -- unbeschadet aller ehrlichen
Ausgleichsabsichten fr das zermrbte Europa -- seinen Empfindungen ber
die in der Weltgeschichte bisher unerhrte Knechtung eines so groen
Volkes Ausdruck verliehen hat.

Um gerade unter diesem Gesichtspunkt wohl verstandenen nationalen
Empfindens das Wirken Rathenaus erneut zu kennzeichnen und festzuhalten
und in der Absicht, die von ihm als Auenminister ffentlich gehaltenen
groen Ansprachen bei dieser Gelegenheit vollzhlig zu bringen, sind
nachtrglich in einem besonderen Anhang seine drei letzten Reden
angefgt, die nach Genua eine weitere Periode seiner Ttigkeit
einleiteten.

DR. H. F. SIMON

Vortragender Legationsrat
im Auswrtigen Amt und
Oberstleutnant a. D.




INHALT

Rede vor dem Obersten Rat der Alliierten in Cannes vom
    12. Januar 1922                                        9

Rede vor dem Hauptausschu des Reichstages vom
    7. Mrz 1922                                          19

Reichstagsrede vom 29. Mrz 1922                          31

Rede vor der Vollversammlung der Genueser Konferenz
    vom 19. Mai 1922                                      48

Anhang                                                    53

Rede, gehalten am 9. Juni 1922 in Stuttgart, vor einem
    geladenen Kreis aller Parteien                        55

Rede, gehalten am 13. Juni 1922 in Berlin, in der
    Deutschen Gesellschaft von 1914                       66

Rede vor dem Reichstage am 21. Juni 1922                  69




REDE VOR DEM
OBERSTEN RAT DER ALLIIERTEN
IN CANNES VOM 12. JANUAR 1922


Namens der Deutschen Regierung danke ich Ihnen, da Sie uns Gelegenheit
gegeben haben, vor Ihnen zu erscheinen. Wir erkennen an, dass diese
Konferenz neben ihren allgemeinen weltgeschichtlichen Aufgaben es sich
zur Aufgabe gestellt hat, zu prfen, wie die deutschen Leistungen mit
der deutschen Leistungsfhigkeit in Einklang zu bringen sind. Die
Deutsche Delegation wird ernsthaft bemht sein, alle gewnschten
Ausknfte rckhaltlos und wahrheitsgetreu zu geben. Sie ist darber
hinaus bereit, in dem von ihr geforderten Mass an den Aufgaben, die sich
diese Konferenz gestellt hat, mitzuarbeiten. Auch der Franzsischen
Regierung danke ich fr die freundliche Aufnahme in dieser Stadt, in der
wir ihre Gste sind. Ich nehme an, dass es ntzlich sein wird, wenn ich,
um zeitraubende Verdolmetschung zu ersparen, mich in den weiteren
Ausfhrungen anderer Sprachen als der deutschen bediene, ohne dass damit
fr uns ein Prjudiz fr den Gebrauch irgendeiner Sprache geschaffen
werden darf.

Es sind uns eine Reihe von Fragen gestellt worden. Die Fragen beziehen
sich einmal auf den Umfang der von Deutschland zu bewirkenden Sach- und
Geldleistungen, die mglich wren, ohne Deutschland zu verkrppeln.
Sie beziehen sich weiter auf Massnahmen hinsichtlich der deutschen
Finanzen, sie beziehen sich ausserdem auf die Sicherheiten, die von
Deutschland fr die Erfllung dieser Massnahmen gegeben werden knnen,
und endlich auf die Teilnahme Deutschlands an dem Wiederaufbau Europas.

Deutschland ist entschlossen, mit seinen Leistungen bis zu den Grenzen
seiner Leistungsfhigkeit zu gehen. Deutschland ist immer ein Land der
Ordnung gewesen. Deutschland ist aber durch einen verlorenen Krieg,
durch schwere Verluste und durch eine Revolution hindurchgegangen. Die
anormalen Zustnde seiner Lebensbedingungen und seiner Finanzen, die die
Folge dieser Ereignisse sind, empfindet Deutschland selbst am schwersten
und wnscht sie zu beseitigen. Es wnscht nicht, den Weltmarkt durch
Unterbietungen zu zerrtten.

Die beiden Aufgaben, ussere Leistung und innere finanzielle Sanierung,
vor die Deutschland dadurch gestellt ist, widersprechen einander. Um ein
Beispiel zu gebrauchen, mchte ich an die Lage eines Schiffskonstrukteurs
erinnern, der gleichzeitig fr hchste Kraftleistung und geringsten
Kohlenverbrauch seines Schiffes sorgen soll.

Es ist daher schwer zu sagen, die und die Zahlung stellt eine
ausreichende und ertrgliche Leistung dar. Es muss aber eine Summe
gefunden werden, deren Schwere ertrglich ist und die zugleich der
wirtschaftlichen Lage der empfangsberechtigten Nationen entgegenkommt.

Wir wissen, dass in Ihrem Kreise Ziffern fr 1922 genannt worden sind:
500 Millionen fr die Leistungen in bar und 1450 Millionen fr die
Sachleistungen einschliesslich der usseren Besatzungskosten. Ich will
diese Ziffern als Basis meiner Berechnungen whlen. Sollte eine um 220
Millionen hhere Summe genannt werden, so wird das Problem noch weiter
erschwert und gefhrdet.

Ich komme nun zur Lage der deutschen Zahlungen. Deutschland ist ein Land
der Lohnarbeit. Es empfngt Rohstoffe, verarbeitet sie und verkauft die
verarbeiteten Erzeugnisse. Die Deutschland nach dem Kriege verbleibenden
eigenen Rohstoffe sind mit Ausnahme der Kohle unerheblich. Das Kali, von
dem so viel die Rede ist, ist nicht so sehr bedeutend. Dazu kommen sehr
kleine Mengen von Kupfer und Zink. Von allem anderen, was Deutschland
braucht zur Behausung, zur Kleidung, zur Nahrung, muss es das meiste im
Auslande kaufen.

Deutschland hat daher fr alles, was es kauft, in bar zu bezahlen. Es
kann nur zahlen durch seine Handarbeit. Es ist deshalb notwendig, dass
Deutschland eine aktive Handels- und Zahlungsbilanz hat. Unsere
Zahlungsbilanz aber ist vorbelastet mit einem Einfuhrbedarf von 2
Milliarden Lebensmitteln und 2 Milliarden Rohstoffen, und zwar ohne
verarbeitete Fabrikate und ohne Luxusartikel, die nicht sehr erheblich
sind und die es zum grossen Teil nicht aus freiem Entschluss, sondern
zur Aufrechterhaltung nachbarlicher Handelsbeziehungen erwirbt.

Ausserdem sind im Gegensatz gegen die frhere Lage, in der uns aus
Auslandsinvestitionen 1 Milliarden jhrliche Ertrgnisse zuflossen,
jetzt  Milliarden Goldmark jhrlich an das in Deutschland Kapital
besitzende Ausland zu zahlen.

Die Passivseite der Zahlungsbilanz betrgt also etwa 5 Milliarden
Goldmark, denen eine Ausfuhr von nur 3 bis 4 Milliarden gegenbersteht.
Es besteht somit eine Passivitt der Zahlungsbilanz im Saldo 2
Milliarden schon vor Zahlung irgendwelcher Reparation.

(Auf Befragen Lloyd Georges:) Es ist ganz richtig, dass infolge des
Standes des Weltindexes auf 1,5 die deutsche Ausfuhr jetzt 14 bis 15
Milliarden Goldmark betragen msste, wenn sie dem Vorkriegsstande
entsprche. Sie hat sich also auf etwa ein Viertel vermindert.

Um das Defizit der Zahlungsbilanz zu decken, bestehen nur drei
Mglichkeiten:

    Verkauf der Substanz des Landes,
    grosse auswrtige Anleihen oder
    Verkauf der Landeswhrung.

Den Ausverkauf von Landessubstanz konnten wir leider nicht hindern. Er
ist in grossem Umfange vor sich gegangen. Grundstcke, Unternehmungen,
Aktien, Obligationen, selbst Hausrat sind vom Auslande unter dem Werte
erworben worden.

Die Durchfhrung einer auswrtigen Anleihe haben wir versucht. Sie war
unmglich, da nach Meinung der City die Deutschland auferlegten Lasten
zu schwer waren.

Unter diesen Umstnden war es unmglich, den Verkauf von Umlaufsmitteln
zu vermeiden, obwohl unser Geld hierdurch ein Gegenstand der
internationalen Spekulation wurde.

Der Prozess des Ausverkaufs des deutschen Geldes hat sich zunchst ohne
panikartige Folgen bis Mitte 1921 fortgesetzt. Er wurde nicht durch
Deutschland ermutigt, sondern durch das Ausland eingeleitet, das mit
Recht den inneren Wert der Mark hher einschtzte als den Auslandskurs.
Aber Mitte 1921 ereignete sich etwas, was vorauszusehen war: der Streik
der Kufer der Mark. In dem Augenblick, wo man sah, dass wir gezwungen
waren, in kurzer Frist eine Goldmilliarde zu beschaffen, mithin 30
Papiermilliarden zu verkaufen, steckten die Markkufer die Hnde in die
Tasche und warteten. So trat der Marksturz ein, und der Dollarkurs stieg
von 55 bis zeitweise auf 300.

Man hat bei uns und im Auslande gesagt, dieser Marksturz sei nur die
Folge der Inflation und des Gebrauchs der Notenpresse in Deutschland.
Das ist ein Irrtum. Sonst htte dieser Sturz nicht so pltzlich und in
ganz kurzer Zeit eintreten knnen. Auch hat der Kurs sich sobald sich
wieder etwas Blau am Himmel zeigte, erheblich gebessert. Das Blau am
Himmel waren die Nachrichten ber die ersten Besprechungen zwischen der
britischen und franzsischen Regierung ber eine Regelung unserer
Verbindlichkeiten fr 1922.

Jetzt komme ich zu einem usserst wichtigen Punkt. Solange die Whrung
eines Staates auf dem internationalen Markt aus dem Gleichgewicht
gekommen ist, ist es unmglich, irgend ein Budget auf bestimmte Zeit mit
Sicherheit in Ordnung zu bringen. Denn jeder neue Sturz des Kurses hat
eine Erhhung der Ausgaben fr Gehlter, Lhne und Rohstoffe zur Folge.
Ein Staatsbudget aber setzt sich nur aus diesen drei Posten zusammen.

In diesem Augenblick ist unser Budget fr 1922 in Ordnung. Es enthlt
sogar gewisse Ueberschsse, dabei ist aber von den Reparationen
abgesehen. Jeder neue Marksturz, jede neue innere Preiserhhung aber
wird dieses Budget gefhrden.

Wird damit gerechnet, dass die Reparationslasten ertrglich werden, dann
kann die Mark steigen und das Mass der Staatsausgaben in Papiermark
sinken. Auf der anderen Seite wird die Konkurrenz der deutschen Ware
umso gefhrlicher, je mehr die Mark sinkt.

Was gibt es nun fr Mittel der Gesundung? Wie kann man je zu einer
Wiederherstellung der deutschen Valuta gelangen?

Als Abhilfsmittel knnte man zunchst an eine Reduktion des Verbrauchs
denken. Diese ist aber kaum erreichbar, da die Mittelklassen und die
Arbeiter weit unter dem Stande der Vorkriegszeit leben. Es kann sich
also nur um die Hebung der Produktion und um die Vermehrung der Ausfuhr
handeln. Eine derartige Vermehrung ist aber schwer, weil sich andere
Vlker gegen die Vermehrung der deutschen Einfuhr wehren. Es bleibt das
Mittel, die landwirtschaftliche Produktion zu heben, aber das erfordert
Zeit bei den infolge des Krieges verschlechterten Bedingungen.

Ich will jetzt im einzelnen von den Lasten sprechen, die auf Deutschland
ruhen. Fr 1922 betrgt das Budget 85 Milliarden ausschliesslich
Reparationen und sonstigen Friedensvertragsleistungen. Um diese Last zu
balanzieren, war es ntig, die Steuerlasten zu verdoppeln.

Ich will hier nicht ber die sehr wichtige Frage der vergleichenden
Steuerbelastung sprechen. Wir haben Unterlagen vorbereitet und stellen
sie zur Verfgung. Ich stelle unter Beweis, dass der Deutsche fernerhin
eine schwerere Brde trgt als der Bewohner irgend eines anderen Landes,
insbesondere der Englnder oder der Franzose. Um den Staatshaushalt zu
konsolidieren, wird es sich zunchst darum handeln, die Reichsbetriebe
zu balanzieren, Eisenbahnen, Post, Telegraphen. Die Massnahmen sind
ergriffen, um im Jahre 1922 diese Reichsbetriebe ins Gleichgewicht zu
bringen. Ferner handelt es sich um die Beseitigung der Subsidien, die
bisher zur Verbilligung der Lebensmittel und aus sozialen Grnden
gegeben werden mussten. Ich trete in die Einzelheiten nicht ein.
Massnahmen sind ergriffen, die dazu fhren sollen, diese Subsidien
allmhlich abzubauen.

Eine dritte Frage wegen des deutschen Budgets betrifft die Frage des
Kohlenpreises. Der Kohlenpreis nhert sich sehr rasch dem
Weltmarktpreis. Sobald der Preis des Dollars sich weiter ermssigt,
berschreiten die deutschen Kohlenpreise den Weltmarktpreis und zwar zu
verschiedenen Zeitpunkten, da die Preisverhltnisse der einzelnen Sorten
verschieden sind.

Bisher habe ich stets nur von einem Budget ohne Reparationen und ohne
die inneren Kosten des Friedensvertrages gesprochen. Wenn ich von den
bereits erwhnten 500 Millionen fr 1922 ausgehe, wenn ich ferner
ausgehe von Sachleistungen von 1450 Millionen Goldmark und dann noch die
inneren Kosten des Friedensvertrages nehme, so komme ich zu folgenden
Ziffern:

 500 Millionen Gmk. zum Kurse von 50 = 25 Milld. Ppmk.
1450    "       "                    = 72,5 "     "
Friedensvertragsausgaben             = 38   "     "
                                   -------------------
                                      135,5 "     "

Diese Summen kmen also zustzlich zu dem Budget von 1922 mit seinen 83
Milliarden Papiermark. Das Budget wrde also etwa 150 Prozent neue
Belastung erfahren und sich damit auf 218,5 Milliarden Papiermark
belaufen. Um die Bilanz herzustellen, gibt es nur zwei Mittel:

    eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Steuern
    oder eine Riesenanleihe.

Es wre unmglich, da das Land schwerer als seine Nachbarn belastet ist,
die Steuern nochmals zu verdoppeln. Es bleibt also die Frage einer sehr
grossen Anleihe. Ich glaube, dass man eine derartige Anleihe nicht im
Auslande wird machen knnen. Die City von London hat sich schon
geweigert, einen sehr viel kleineren Betrag fr die Januar- und
Februarzahlungen durch eine Anleihe zu finanzieren. Die Frage einer
inneren Anleihe wird sehr ernsthaft errtert werden. Aber in der
gegenwrtigen Situation wird es kaum mglich sein, die notwendigen
Reizmittel zu finden, um eine Anleihe auch nur annhernd des
erforderlichen Umfanges unterzubringen.

Ich lege Wert darauf, einen Vorwurf zu entkrften, der immer wieder
auftaucht und der dahin geht, Deutschland sei doch dasselbe Land, es
habe jetzt noch 60 Millionen Einwohner, darunter eine grosse
landwirtschaftliche und industrielle Bevlkerung und reichliche
Arbeitsmittel. Es habe keine Arbeitslosigkeit. Weshalb knne dieses
ttige und angeblich reiche Land keinerlei Zahlungen leisten?
Demgegenber sage ich, wir haben keine Ersparnisse. Lassen Sie mich
einen Augenblick die Frage der Ersparnisse, der national savings,
prfen.

Wenn ich das Deutschland von jetzt und frher vergleiche, so fehlen uns
zunchst die Reserven, die wir aus den Anlagen im Ausland hatten. Vor
dem Kriege waren wir aus diesen Quellen mit 1,5 Milliarden aktiv, jetzt
sind wir mit  Milliarden passiv. Der zweite Faktor ist der Verlust an
Gebiet und Bevlkerung. Gegenber der Zeit vor dem Kriege haben wir
daran mehr als 10 Prozent verloren.

Der dritte Faktor ist der bereits erluterte Rckgang der Ausfuhr. Die
Ausfuhr hat sich von 10 Milliarden Goldmark auf 3,5 oder unter
Bercksichtigung des Weltindexes auf 2,5 Milliarden vermindert. Die
Gewinne daraus sind deshalb ebenfalls entsprechend zurckgegangen. Ein
vierter Faktor: Wir verloren einen grossen Teil unserer Rohstoffe, die
wir jetzt einfhren und mit Goldmark oder Ausfuhr bezahlen mssen.

Der fnfte Faktor ist der, dass sich die landwirtschaftliche Bevlkerung
mehr vermindert hat als die Gesamtbevlkerung, und dass gerade
landwirtschaftliche Ueberschussgebiete verloren sind.

Auch der sechste Faktor ist sehr betrchtlich. Es handelt sich um die
Ermssigung der Dienste und ihres Ertrages, die Deutschland durch
Schiffahrt, Aussenhandel und Bankverkehr im Ausland leistete.

Auf Grund dieser Faktoren, wenn sie sich auch z. T. berdecken, besteht
meiner Schtzung nach anstelle eines Ueberschusses, einer nationalen
Ersparnis von 6 Milliarden Goldmark vor dem Kriege jetzt ein Defizit von
1 bis 2 Milliarden Goldmark jhrlich. So zehrt das Land sich allmhlich
auf; es lebt von seiner eigenen Substanz. Es hat weder die Mittel fr
Erneuerungen noch fr die wirtschaftliche Ausstattung seines
Bevlkerungszuwachses.

Es wird auch die Frage Deutschland gegenber aufgeworfen, und der Herr
Vorsitzende hat sie mit Recht in Errterung gestellt: Was tut Ihr mit
Euren Waren? Wenn Ihr sie nicht ausfhrt, so speichert Ihr sie auf und
investiert sie und schafft grosse neue innere Reichtmer. Es erscheint
sehr paradox, dass ein Land trotz Fehlens von Ersparnissen Waren
aufstapeln, bauen und investieren sollte. Ich bitte daher, von der Lage
der Arbeitsstundenzahl und ihrer Verwendung in Deutschland sprechen zu
drfen. Ich komme damit auch auf die Frage, was Deutschland mit seinen
Arbeitslosen macht, und auf den Verlust an Arbeitsstunden unter der
gegenwrtigen Situation.

1. Die Einknfte aus Kapitalanlagen im Auslande wurden frher bezahlt in
Waren, die somit einen fortlaufenden Tribut an Gtern bedeuteten, der in
breitem Strom uns zufloss. Schon um diese Gter, vor allem Rohstoffe, zu
erhalten, die wir frher als laufenden Ertrag erhielten, mssen wir jetzt
arbeiten und Arbeitsstunden aufwenden. Dieser Arbeitsstundenaufwand
lsst sich auf 3,75 Milliarden jhrlich schtzen.

2. Aus dem Verlust an Gebieten ergibt sich ein Verlust an Ersparnissen,
der sich in einem Mehraufwand von einer Milliarde Arbeitsstunden
ausdrckt.

3. Man schtzt die Tatsache, dass fr die Rohstoffe, die wir einst in
unseren Grenzen hatten und die wir jetzt mit der Ausfuhr oder mit
Arbeitsstunden bezahlen mssen, und den dadurch herbeigefhrten Aufwand
von Arbeitsstunden auf 0,83 Milliarden.

4. Aus der ungnstigeren landwirtschaftlichen Flchengestaltung und der
Verschlechterung des Dngemittelbezuges ergibt sich ein weiterer
Mehraufwand von 1,82 Milliarden Arbeitsstunden.

5. Der Gegenwert der verlorenen Dienstleistungen (Schiffahrt,
Aussenhandel und Auslandsbankverkehr) drfte 1,66 Milliarden
Arbeitsstunden betragen.

Der gesamte Mehraufwand an Arbeitsstunden, wie er durch die gegebenen
Verhltnisse erfordert wird, betrgt danach 9 bis 9,28 Milliarden.

Wenn ich von einer arbeitenden Bevlkerung von 21 Millionen ausgehe und
pro Kopf 2400 Arbeitsstunden im Jahre rechne, so betrgt der Gesamtwert
der von Deutschland aufgewandten Arbeitsstunden nicht mehr als 50
Milliarden. Hiervon sind mehr als 9 also fr Arbeit aufgewandt, die wir
vor dem Kriege nicht aufzuwenden brauchten, d. h. fast 1/5 der gesamten
Arbeitsstunden. Wenn ich diese Summen mit der Zahl der mnnlichen
arbeitenden Bevlkerung in Beziehung setze, so ergibt sich bei uns eine
versteckte Arbeitslosigkeit von nahezu 4 Millionen Menschen, d. h. 4
Millionen Menschen mssen Arbeit leisten, die frher nicht notwendig
war. Wenn also bei anderen Nationen eine Arbeitslosigkeit erscheint, die
bei uns nicht sichtbar ist, so mchte ich im Gegensatz dazu von einer
unsichtbaren Arbeitslosigkeit sprechen, die darin besteht, dass 4
Millionen Menschen Arbeit leisten mssen, die frher nicht ntig war und
die das Arbeitsergebnis gegen frher nicht verbessert. Und zwar alles
dies vor irgendeiner Zahlung von Reparationen. Von einer Aufspeicherung
von Reichtmern kann mithin nicht die Rede sein.

Ich bitte nunmehr etwas sagen zu drfen ber die von Deutschland
erwarteten reinen Goldleistungen. Es mag sein, dass meine bisherigen
Ausfhrungen negativ klangen. Wo der Optimismus der Berechnung versagt,
wird Energie und Entschlossenheit zu Hilfe kommen mssen, aber auch hier
sind Grenzen gegeben.

Ich knpfe wieder an die 500 Millionen an, von denen ich schon
gesprochen habe. Die reinen Goldlasten fr Deutschland werden aber in
jedem Falle viel hher sein als dieser Betrag. Es handelt sich zunchst
daneben um den Gegenwert des clearing mit 360-400 Millionen Goldmark.
Dann aber handelt es sich um die in Gold zu beschaffende Bezahlung fr
die Rohstoffe, deren wir zur Herstellung unserer Sachleistungen
bedrfen. Denn mit Ausnahme der Kohlenlieferungen, fr die fremder Bezug
von Hilfsmaterialien nicht allzu schwer ins Gewicht fllt und die ich
daher ausser Ansatz lasse, mssen wir fr alle anderen Sachlieferungen
etwa 25 Prozent des Wertes an Rohstoffen aus dem Auslande beziehen. So
komme ich zu weiteren 250 Millionen Goldmark. Wir wrden also fr 1922
auf eine Goldleistung von mehr als 1 Milliarde Goldmark kommen, wenn es
sich scheinbar nur um eine Goldzahlung von 500 Millionen handelt. Wenn
es notwendig erscheint, eine so gewaltige Summe von Deutschland zu
verlangen, so sollte man die Frage der Ermssigung des clearing und der
inneren Besatzungskosten eingehend prfen.

In jedem Falle aber ist Deutschland durchaus bereit, auf den Weg der
Stabilisierung des Budgets zu treten, der ihm vorgeschlagen ist.

Die Erhebung der Zlle auf Goldbasis soll erfolgen.

Die Frage der Verkehrstarife wird 1922 geregelt werden, um das Defizit
dieser Wirtschaftszweige auszugleichen.

Der Abbau der Subsidien ist in die Wege geleitet.

Die Kohlenfrage ist schwieriger, weil die Preise sich dem
Weltmarktpreise immer mehr nhern.

Was die innere Anleihe anbelangt, so wird sie in ernsteste Erwgung
gezogen werden.

Die Frage der Kapitalflucht wrde hier viel Zeit wegnehmen. Ich bitte
deshalb, sie heute zurckstellen zu drfen, zumal ihre Regelung nur
unter Mitwirkung aller Auslandsbanken mglich sein wrde.

Was die Garantien anlangt, so gibt es meines Erachtens Mittel, um der
Reichsbank eine grssere Autonomie zu geben. Die Reichsbank ist jetzt
dem Reichskanzler unterstellt, der aber im Laufe von 50 Jahren nur
einmal von seinem Eingriffsrecht Gebrauch gemacht hat. Eine
weitergehende Verstndigung ist mglich. Es wre aber sehr gefhrlich,
wenn man anstelle der Verantwortung die Ueberwachung setzte. Das wrde
das freie Verantwortungsgefhl erschttern und als Przedenzfall die
Zentralnotenbanken aller Staaten schdigen.

Man hat uns endlich gefragt, ob wir mitarbeiten wollen am Wiederaufbau
Europas. Deutschland wrdigt die hohe Wichtigkeit dieser Aufgabe und
ihren Zusammenhang mit der Lage der Weltwirtschaft. Es ist zwar nicht
in der Lage, dem Kapitalmarkt der Welt Mittel im Ausmasse reicherer
Staaten zur Verfgung zu stellen, immerhin unter den beabsichtigten
Bedingungen ist Deutschland in der Lage, den ihm zugedachten Teil zu
bernehmen. Deutschland ist um so mehr geeignet, am Wiederaufbau
teilzunehmen, als es mit den technischen und wirtschaftlichen
Bedingungen und Gepflogenheiten des Ostens vertraut ist. Der Weg, auf
den man sich begeben will, erscheint mir richtig. Ein internationales
Syndikat, und zwar ein Privatsyndikat. Deutschland glaubt, dass man die
Frage des Wiederaufbaus beginnen sollte mit der Wiederherstellung des
Verkehrs und der Verkehrsmittel. Man muss sodann an die Quellen der
Produktion vordringen und vor allem die bestehenden Unternehmungen
wieder neu beleben. Deutschland glaubt, dass es an der Entwicklung des
Ostens und der Mitte Europas um so mehr Anteil zu nehmen berechtigt ist
wegen seiner Haltung der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung
gerade dieses stlichen Europas gegenber. In dem Augenblick, als
Deutschland fast am Ende seiner Krfte war nach Krieg, Niederbruch,
Revolution hat Deutschland doch der staatlichen und sozialen
Desorganisation widerstanden. Htte diese Desorganisation in Deutschland
triumphiert, so wre sie eine entscheidende Gefahr fr die ganze Welt
geworden. Deshalb glaubt Deutschland, sich nicht nur nach Krften der
Wiederherstellung zerstrter Gebiete des Westens, sondern auch mit
Rcksicht auf seine geographische Lage und Kenntnis nachbarlicher
Verhltnisse der Wiederherstellung von Ost- und Zentral-Europa widmen zu
sollen, und somit an der Aufgabe teilzunehmen, die die Grossmchte sich
im Einvernehmen mit diesen Gebieten gestellt haben.




REDE VOR DEM
HAUPTAUSSCHUSS DES REICHSTAGES
VOM 7. MRZ 1922


Im Mittelpunkt unserer gesamten Aussenpolitik steht nach wie vor das
Problem der Reparationen. In dem Augenblick, als im Frhjahr letzten
Jahres das Ultimatum von Deutschland unterzeichnet wurde und dadurch das
Reparationsproblem in sein gegenwrtig aktuelles Stadium trat, waren
drei Auffassungen in Deutschland gegenber diesem Problem erkennbar.

Die eine Auffassung ging dahin, es msse Festigkeit gezeigt und
Widerstand geleistet, es msse, komme, was da wolle, die Leistung der
Reparationen berhaupt abgelehnt werden. Ich glaube nicht, dass diese
Anschauung eine verbreitete war, sie ist aber in der Oeffentlichkeit zum
Ausdruck gekommen. Niemand hat den Versuch gemacht, darzulegen, mit
welchen Mitteln eine solche Politik gefhrt werden knne, und zu welchen
Ergebnissen sie fhren wrde. Dieses Ergebnis wre lediglich die
Katastrophe gewesen, die Versenkung Deutschlands in ein Chaos
auswrtiger Verwirrungen.

Die zweite Auffassung, die uns entgegentrat, fand Widerklang in diesem
hohen Hause. Es war die Auffassung, dass man zwar bis zu einem
bestimmten Masse sich dem Reparationsproblem nhern drfe, dass aber die
erste Aufgabe der Reichsregierung darin bestehen msse, wie man sich
ausdrckte, mit aller Offenheit zu erklren, die Leistungen seien
vollkommen unerfllbar und es habe berhaupt keinen Zweck, sie in
irgendwelchem bedeutenderen Ausmasse in Erwgung zu ziehen. Diese
Politik wurde bezeichnet als die Politik der Offenheit, und es wurde der
Regierung der schwere Vorwurf gemacht, dass sie angeblich diese
Offenheit nicht aufbrchte. Diese Auffassung war unpsychologisch, denn
der andere hrte aus dem Wir knnen nicht nur das Wir wollen nicht
heraus.

Die dritte Auffassung des Versuches der Erfllung war die Auffassung der
Reichsregierung, und sie ist im Laufe dieses Jahres in erheblichem Masse
gefrdert worden. Die Reichsregierung ging davon aus, dass eine
Verpflichtung fr das Reich geschaffen sei durch die Unterschrift seiner
massgebenden Stellen. Sie ging davon aus, dass unter allen Umstnden der
Versuch gemacht werden msse, den ehemaligen Gegnern zu zeigen, dass
Deutschland bereit sei, bis an die Grenze seiner Leistungsfhigkeit zu
gehen. Ich glaube, dass diese Auffassung die psychologisch richtige war.
Sie rechnete mit der Mentalitt der ehemals gegnerischen Lnder und ging
davon aus, dass ber kurz oder lang eine Erkenntnis des wirklichen
Sachverhalts eintreten wrde durch eigene Einsicht der brigen Nationen.

Ich bedaure, dass ein Wort, das ich bei Einleitung dieser sogenannten
Erfllungspolitik gesprochen habe, erheblichen Missverstndnissen
begegnet ist. Man hat aus Ausfhrungen, die ich im Reichstag tat,
geschlossen, ich wre der Meinung, Deutschland knne bis zu jedem
beliebigen Masse seine Erfllung treiben; es wre lediglich eine Frage,
wie weit man es fr wnschenswert hielte, das Volk in Not geraten zu
lassen. Ich wrde eine solche Auffassung, wenn sie in meinen Worten
erkennbar wre, auf das tiefste bedauern. Was ich gesagt habe, war aber
so ziemlich das Entgegengesetzte. Ich habe fr die Mglichkeit der
Erfllung die strkste Grenze gezogen, die man berhaupt ziehen kann,
nmlich die sittliche. Ich habe erklrt, dass das Mass der Erfllung
gegeben sei durch die Frage, wie weit man ein Volk in Not geraten lassen
drfe. Dieses drfe unterstreiche ich, denn darin war die sittliche
Verpflichtung enthalten, nur bis zu dem Punkte zu gehen, den der
Staatsmann verantworten kann. Diesem Grundsatz ist die Regierung treu
geblieben. Es hat sich im Laufe des Jahres dann auch gezeigt, dass die
Fragestellung Mglichkeit oder Unmglichkeit der Erfllung berhaupt
nicht diejenige geworden ist, die die Mentalitt der brigen Lnder
ausschliesslich beschftigt hat. In kurzer Zeit hat sich ergeben, dass
eine weitere Frage hervortrat, nmlich die: wie weit eine
Reparationsleistung Deutschlands berhaupt fr die brigen Vlker
ertrglich sei, denn die volkswirtschaftliche Verknpfung der Lnder
fhrte dazu, zu erkennen, dass die Zwangsarbeit eines Landes, auf den
Weltmarkt gebracht, nur dazu fhren kann, den gesamten Markt der Erde
zu zerrtten, und damit, wenn auch auf einer Seite Zahlungen erlangt
werden, Nachteile fr andere Lnder zu schaffen, die so erheblich sind,
dass sie z. B. in England allein zu einer Arbeitslosigkeit von 2
Millionen Menschen fhrten. Psychologisch also hat sich das Vorgehen der
Regierung als richtig erwiesen. Es war vermieden worden, eine fruchtlose
Diskussion auf den Grad einer theoretischen Mglichkeit zu beschrnken.
Es war die Mglichkeit dadurch geschaffen, lediglich die Tatsachen
sprechen zu lassen; und die Sprache der Tatsachen ist so stark gewesen,
dass heute fast in allen Lndern bereinstimmend die Auffassung
herrscht, dass das Reparationsproblem von neuem studiert werden muss. Es
ist kein Tag vergangen, an dem das Studium des Reparationsproblems in
der Welt geruht htte. In energischer Weise ist die englische Auffassung
fr erneute Prfung eingetreten, die Reparationskommission hat sich der
Frage angenommen, und gerade in diesem Momente schweben die
Verhandlungen darber, auf welches Mass die Reparationen fr das Jahr
1922 begrenzt werden sollen.

Mit dieser allgemeinen Auffassung der Regierung im Zusammenhang stand
die praktische Politik, die sie im Laufe des Jahres verfolgt, und deren
erste Etappe nach Wiesbaden fhrte.

Die Aufgabe von Wiesbaden war eine doppelte. Es handelte sich zunchst
darum, berhaupt die Mglichkeit zu finden, wie erhebliche Zahlungen von
einem Lande an ein anderes geleistet werden knnten; denn es war
evident, dass es nicht mglich war, Goldleistungen von Deutschland ins
Ausland zu fhren, soweit nicht eine erhebliche Aktivitt der
Handelsbilanz vorhanden gewesen wre, und diese war nicht vorhanden. Es
handelte sich also darum, Modalitten zu finden, um berhaupt dem
Reparationsproblem eine Unterlage der Durchfhrbarkeit zu geben. Der
Begriff der Sachleistungen trat in den Vordergrund. Es wurde versucht,
zunchst mit Frankreich ein Abkommen der Sachleistungen zu schliessen
und dieses Abkommen so einzurichten, dass der Strom an Gtern, der zu
erwarten stand, in erster Linie dem Wiederaufbaugebiet zugefhrt wrde.

Daneben aber lag die zweite politische Aufgabe mit grsserer
Wichtigkeit. Die Anknpfung der Reparationsbeziehungen zur brigen Welt
war berhaupt nur denkbar, wenn zunchst diejenigen Gebiete
bercksichtigt wurden, die am schwersten unter den Zerstrungen des
Krieges gelitten hatten. Es ist eine europische Notwendigkeit, dass die
zerstrten Gebiete Frankreichs wieder aufgebaut werden. Solange sie als
Wsteneien zwischen Deutschland und Frankreich liegen, bleiben sie ein
Symbol der Spaltung zwischen den Vlkern. Immer wieder wird den
Bewohnern dieser Gebiete Bitterkeit ins Gemt gefhrt, und die Lnder
der Erde sehen in den zerstrten Gebieten das Wahrzeichen eines noch
nicht wiederhergestellten Friedens. Ich halte es fr dringend ntig,
dass der Wiederaufbau der zerstrten franzsischen Gebiete sobald als
mglich erfolgt, und ich glaube, dass das Zentralproblem der ganzen
Reparationen darin liegt, dass Deutschland sein mglichstes tut, um
diese Gebiete wiederherzustellen.

Die beiden Aufgaben wurden in Wiesbaden gestellt und gelst. Es wurde
ein Abkommen zwischen Deutschland und Frankreich hergestellt, das auch
auf andere Staaten seine Anwendung finden konnte. Leider ist das
Ergebnis von Wiesbaden zwar nicht, wie es wnschenswert gewesen wre,
ein Friedenswerk nach aussen und innen gewesen. Nach aussen mehr als
nach innen. Im Innern entfaltete sich eine heftige Agitation und
Kontroverse gerade gegen die Sachleistungen. Mit wechselnden Argumenten
ging man vor. Man behauptete, dass das Wiesbadener Abkommen das deutsche
Volk zugrunde richtete, man behauptete, wir htten damit Frankreich eine
Option auf unsere Konjunktur gegeben. Man behauptete, wir wren weit
ber unsere Verpflichtungen von Versailles hinausgegangen. Jede dieser
Behauptungen wurde widerlegt, aber sie wuchsen nach wie die Kpfe der
Hydra, und es wurde offenkundig, dass es weniger die wirtschaftlichen
als die politischen Bestrebungen waren, die die grosse Agitation gegen
Wiesbaden hervorriefen. Das wurde deutlich in dem Augenblick, als man
behauptete, das Wiesbadener Abkommen htte eine so schwere Spaltung
zwischen Deutschland und England hervorgerufen, dass nunmehr England
endgltig sich von jedem Interesse Deutschland gegenber losgesagt habe.
Dass dies nicht der Fall war, wurde mir von englischer Seite besttigt;
Englnder hoher Stellung erklrten mir, dass sie in dem Wiesbadener
Abkommen unseren ersten politischen Schritt zur Verwirklichung des
Reparationsproblems erblickten. Sie gingen so weit, zu sagen, dass ohne
das Abkommen von Wiesbaden diejenigen weiteren Entwicklungen nicht
mglich gewesen wren, die uns im Verlauf der Zeit nach Cannes fhrten.

Die Konferenz in Cannes ist, meine Herren, wie Sie wissen, nicht bis zu
ihrem letzten Ende gefhrt worden. Sie wurde vorzeitig abgebrochen,
durch innerpolitische franzsische Verhltnisse, durch die
Amtsniederlegung des franzsischen Ministerprsidenten. Wir knnen nicht
sagen, dass Cannes eine endgltige Regelung im Sinne einer gesamten
Ordnung der Zukunft uns gegeben htte. Wir knnen aber auch nicht sagen,
dass das Ergebnis von Cannes ein negatives gewesen sei. Es ist mglich
geworden, durch die Verhandlungen, die dort und zuvor in London
stattgefunden haben, ein Abkommen zu prliminieren, wenigstens fr das
Jahr 1922, das heute noch nicht ganz geregelt ist, aber das vermutlich
in den nchsten Wochen seine Regelung finden wird. Es ist mglich
geworden, in Cannes, den Vertretern der frher uns gegnerischen Nationen
die gesamte deutsche Situation darzulegen, und zwar in grsserer
Ausfhrlichkeit und Klarheit, als wir es vermocht htten, wenn wir
lediglich uns auf den negativen Standpunkt der Ablehnung jedes
Erfllungsversuches gestellt htten. Es ist ferner in Cannes dazu
gekommen, dass eine Konferenz aller Nationen fr Genua in Aussicht
genommen wurde, die nach wechselnden Schicksalen nun doch wahrscheinlich
im April stattfinden soll. Auf der einen Seite ist der Reflex in der
deutschen Oeffentlichkeit der gewesen, als Cannes beendet war, dass von
Genua sehr wenig zu erwarten sei, dass die Ergebnisse vllig
unbefriedigende seien, dass die Regierung dort nicht nur keinen Erfolg,
sondern eigentlich, genau betrachtet, eine schwere Niederlage erlitten
habe. Im merkwrdigen Kontrast dazu stand es, dass gerade von denselben
Stellen, die in Genua eine vollkommene Gleichgltigkeit erblickten, in
dem Augenblick, als die Boulogner Beschlsse stattfanden, erklrt wurde,
dass nun die letzte Hoffnung geschwunden sei, die wir in Deutschland
htten aufleuchten sehen. In einem der beiden Flle mssen die Kritiker
sich geirrt haben, entweder war in Cannes doch etwas erreicht worden
oder der Verlust, der angeblich in Boulogne erlitten worden sein soll,
konnte kein so beraus schwerer sein.

Ich glaube, dass tatschlich ein doppelter Irrtum vorlag. Auf der einen
Seite wurde die Genueser Konferenz unterschtzt in dem Augenblick, als
sie auftrat, auf der anderen Seite wurden die Boulogner Beschlsse
berschtzt in dem Augenblick, als sie zur Wirklichkeit wurden.
Diejenigen, die der Entwicklung nher standen, haben niemals daran
gezweifelt, dass Genua nicht die Stelle sein konnte, an der von einem
Gremium aus mehr als 40 Nationen, von denen ein grosser Teil weder
Unterzeichner von Versailles noch Kriegsbeteiligte waren, dass von
diesen Nationen Beschlsse nicht gefasst werden konnten ber die
Versailler Grundlagen oder ber die Grundlagen der Reparationen.
Boulogne hat die Besttigung dafr erbracht, dass das Reparationsproblem
und der Versailler Vertrag diesem Gremium zur Beschlussfassung nicht
unterliegen kann. Eine Ueberschtzung von Genua kann indessen darin
liegen, dass man erwartet, es knne von dort aus sofort eine neue
Regelung der europischen Verhltnisse ausgehen. Ich halte es fr
bedenklich, zu glauben, dass eine Gemeinschaft von 40 Nationen mit
Vertretern, deren Zahl in die Hunderte geht, eine aktive Politik fhren
kann, die mit einem Schlage uns in eine neue politische
Weltkonstellation fhrt, den Vertrag abndert und die Reparationen auf
ein normales Mass zurckfhrt. Wohl aber wird die Mglichkeit vorhanden
sein, dass in Genua die allgemeinen Ursachen der Welterkrankung errtert
werden, und dass die Nationen gemeinschaftlich nach solchen Wegen
suchen, die zu einer Gesundung des ganzen Kontinents fhrten. Genua wird
voraussichtlich das erste Glied einer Serie von Konferenzen sein, die
vermutlich dieses und das nchste Jahr in Anspruch nehmen werden. Einen
anderen Weg als den Weg der Konferenzen gibt es unter den heutigen
Verhltnissen leider nicht. Begegnung der Staatsmnner findet statt auf
Seiten der Entente; dort ist die Mglichkeit der Aussprache
kontinuierlich gegeben. Fr uns aber, die wir nicht in gleichem Masse in
Verbindung stehen mit unseren Nachbarvlkern, ist eine Konferenz schon
deswegen von Wichtigkeit, weil sie uns die Mglichkeit mndlicher
Aussprache, persnlichen Kontaktes gibt, der unter allen Umstnden
vorzuziehen ist dem Wege der Noten und der diplomatischen Verhandlungen.

Wer also der Auffassung ist, dass von Genua eine neue Aera des
Geschehens ausgehen wird, der, frchte ich, wird eine Enttuschung
erleben. Ich habe den Eindruck, dass in wirtschaftlichen Kreisen trotz
aller Enttuschung ber Boulogne ein solcher Optimismus besteht, und ich
wrde nicht wnschen, dass er sich befestigt. Wer aber der Meinung ist,
dass von dem gegenwrtigen schwerkranken Zustand des gesamten
europischen und Weltwirtschaftskrpers ein Weg gefunden werden muss zu
einer Gesundung, und wer der Meinung ist, dass dieser Weg nur durch
gemeinschaftliche Aussprachen erreicht werden kann, dass dieser Weg zwar
lang, aber unter allen Umstnden beschreitbar ist, der wird, glaube ich,
in Genua dasjenige finden, was er sucht.

Was die Entwicklung der Reparationen selbst betrifft, so wird ihr
Gremium voraussichtlich bis auf weiteres die Reparationskommission
bleiben, und hinter der Reparationskommission diejenigen Mchte, die in
erster Linie die Empfangsberechtigten sind. Ich glaube, dass die
Entwicklung des Reparationsproblems folgenden Gang nehmen wird: man wird
fr das Jahr 1922, auch wohl fr das Jahr 1923 zu Lsungen zu kommen
suchen, die zunchst nur provisorische Lsungen sein werden. Sie knnen
nur provisorisch sein, denn auf der einen Seite ist ein gewaltiges
Geldbedrfnis bei den empfangsberechtigten Staaten, auf der anderen
Seite ist die Zahlungskraft Deutschlands, insbesondere in Barmitteln,
eine begrenzte. Die Erkenntnis ist wohl heute so ziemlich in der ganzen
Welt verbreitet, dass ein Volk dem andern nur dauernd zahlen kann aus
dem Ueberschuss seiner Zahlungs- und Handelsbilanz. Unsere
Zahlungsbilanz ist schwer passiv, unsere Handelsbilanz ist in den
letzten Monaten um eine Kleinigkeit aktiv geworden. Zahlungsmittel in
bar sind somit nur in beschrnktem Masse aufzubringen. Es kann daher fr
1922 und 1923 wahrscheinlich nur ein Provisorium gefunden werden, das
auch nicht entfernt den Wnschen extremistischer Gegenseiter entspricht,
die im Anfang des vorigen Jahres noch die ffentliche Meinung
beherrschten. Wir sehen heute einen erkennbaren Massstab fr
Barleistungen in der Tatsache, dass, sobald diese Leistungen eine
bestimmte Menge berschreiten, die Wechselkurse gegenber Deutschland
ins Schwanken, in lebhafte Bewegung kommen. Die Dekadenzahlung von 31
Millionen, die als Vorprovisorium fr die ersten Monate dieses Jahres
uns zugemutet worden ist, von der ich in Cannes den Beteiligten gesagt
habe, dass sie nur auf wenige Wochen beschrnkt sein drfe, hat bereits
den Wechselkurs gegen Deutschland in starkem Masse zu unseren Ungunsten
beeinflusst. Man darf sagen, dass die deutsche Leistungsfhigkeit in
Barzahlung direkt ihr Mass findet in der Bewertung des Dollars an der
Berliner Brse. Ich habe die Mitglieder der Reparationskommission, die
sich vor einiger Zeit in Berlin aufhielten, darauf aufmerksam gemacht,
wie unbedingt ntig es sei, schon jetzt, gleichviel ob die Regelung fr
das Jahr 1922 sich noch etwas hinzieht, die Dekadenzahlungen zu
verringern, um den Dollarkurs nicht weiter in Bewegung zu setzen. Denn
was es bedeutet, wenn die deutsche Whrung ihren scharfen Rckgang
fortsetzt, das wissen wir alle. Wir wissen, dass damit das Budget ins
Wanken kommt, dass alle Lasten sich erhhen, dass alle Lohn- und
Gehaltsbemessungen von neuem in Frage gestellt werden, dass die ganze
Kette der Bewertungen im Lande sich in Bewegung setzt. Es ist mglich,
dass an den letzten Dollarbewegungen bis zu einem gewissen Grade
Spekulation beteiligt war. Wir drfen nicht vergessen, dass grosse
Mengen deutschen Geldes im Besitz des Auslandes sind, und die Gefahr ist
gross, dass, wenn eine starke Bewegung in unseren Valuten stattfindet,
das Ausland erhebliche Betrge seiner Markbestnde auf den Markt bringt.
Ich hoffe nicht, dass gleiches spekulativ von deutscher Seite geschieht.
Denn wenn man sich vorstellt, dass von deutscher Seite spekulative Kufe
in fremden Devisen stattfnden, so wre es das traurigste Phnomen, das
man sich denken kann. Wir mssen im Auge behalten, dass jeder Deutsche,
der spekulativ fremde Valuten kauft, auf nichts anderes als das Unglck
unseres Landes spekuliert. Diese Kenntnis sollte sich soweit nur
irgendmglich verbreiten. Ich hoffe, dass Deutsche an der spekulativen
Bewegung unserer Whrung nicht beteiligt sind.

Wenn wir also fr das Jahr 1922 und vielleicht auch fr das Jahr 1923
nur zu provisorischen Regelungen kommen, so muss dafr gesorgt werden,
dass einmal die endgltige Regelung eintritt. Und sie kann nur dann
eintreten, wenn der grosse Kreis der wechselseitigen Verschuldung in
Europa sich lockert. Denn wir drfen nicht vergessen, dass das
Reparationsproblem nur ein Teilproblem innerhalb des allgemeinen
Weltverschuldungskreises bedeutet. Die Weltverschuldung umfasst Europa
und Amerika gemeinschaftlich. Die europischen Staaten fast smtlich
schulden direkt oder indirekt an Amerika, sie schulden ausserdem
untereinander. Die meisten sind Glubiger und Schuldner zugleich;
diejenigen, die ausschliesslich Schuldner sind, sind wir. Schwerlich wird
sich das Reparationsproblem aus dem allgemeinen Weltverschuldungsproblem
herauslsen lassen. Dieses Weltverschuldungsproblem wird aber Gegenstand
der Errterungen in der Politik aller Lnder whrend der nchsten Jahre
sein mssen. Gelingt es, dieses Problem -- und es wird nur gelingen unter
dem Hinzutritt von Amerika -- einer ertrglichen Lsung zuzufhren, so
ist damit auch die Lsung der deutschen Reparation ermglicht.

In diesem Falle muss nmlich der Versuch gemacht werden, mit Hilfe aller
europischen und aussereuropischen Kapitalstaaten eine grosse Anleihe
zu Lasten Deutschlands aufzunehmen, sie den Empfangsberechtigten zu
bergeben und damit das Reparationsproblem endgltig zu beseitigen. Ob
unter den heutigen Verhltnissen Kapitalaufnahmen seitens Deutschlands
in erheblichem Masse mglich sind, ist zu bezweifeln, denn der
Versailler Vertrag steht der Kreditgewhrung an Deutschland entgegen.
Darber hat sich niemand deutlicher ausgesprochen als der Leiter der
Bank von England. In dem gleichen Masse, wie die Erkenntnis des
Gesamtverschuldungsproblems in den Mittelpunkt des ffentlichen und des
Weltinteresses tritt, wird man den Versuch machen mssen, der
Kreditwrdigkeit Deutschlands zu helfen und dadurch eine Finanzoperation
zu ermglichen, die von ausserordentlich grossem Umfange sein kann und
sein muss, um das grosse Problem zu lsen. Schon aus dem Grunde mchte
ich wnschen, dass das Reparationsproblem seine Beendigung durch eine
grosse Weltanleihe fnde, weil ich der Meinung bin, dass der Zustand auf
die Dauer schwer aufrechtzuerhalten ist, dass ein Volk Zahlungen direkt
an einen oder mehrere seiner Nachbarn leistet. Die Anonymisierung der
Schuld wird die Schuld erleichtern und wird sie dauernd tragbarer
machen. Die Schuld an Nachbarn nimmt die Form eines Tributes an, und ein
solcher Tribut ist nicht diejenige Form, unter der sich der Weltfrieden
am besten konsolidiert.

Ich habe von den Aussichten Genuas gesprochen und darauf hingewiesen,
dass auf der einen Seite vielleicht eine Enttuschung fr diejenigen
entsteht, die von Genua die endgltige Regelung der Reparationsfrage
erhoffen, dass aber auf der anderen Seite doch fr uns die Erwartung
besteht, dass Genua einen Markstein in der allgemeinen Entwicklung zum
Weltfrieden darstellen wird. In hohem Masse wird das Ergebnis von Genua
davon abhngen, welche Stellung Amerika entschlossen ist, zu dem
Reparationsproblem, zum Friedensproblem berhaupt einzunehmen.

Amerikas Macht ist durch den Krieg gewaltiger gewachsen als die
irgendeines anderen Landes. Der Eingriff Amerikas in das Schicksal der
Welt ist keinem anderen Eingriff zu vergleichen, der seit Jahrhunderten
in das Leben der Vlker stattgefunden hat. Durch sein Eintreten in den
Krieg hat Amerika den Krieg entschieden, durch sein Eintreten in den
Friedenskongress hat Amerika den Frieden entschieden und durch seinen
Eintritt in die Weltprobleme der Verschuldung und der Sanierung wird
Amerika in der Lage sein, die Weltentwicklung in wirtschaftlicher und
friedenbringender Richtung zu entscheiden.

Vielfach hat man bei uns die Vorstellung, Amerika sei ein Land, das
lediglich seinen grossen materiellen Aufgaben lebt, von der Natur
begnstigt und in grossartiger Isolation. Ich glaube, dass wenig Lnder
so entschieden durch Erwgungen ideeller Art zu bewegen sind wie
Amerika. Ich glaube, dass die Motive, die Amerika zum Krieg und zur
Friedensschliessung getrieben haben, nicht so sehr auf materiellen
Wnschen beruhten, wie auf der Ueberzeugung einer Verantwortung, und ich
glaube deshalb, dass Amerika sich nicht derjenigen Verantwortung
entziehen wird, die ihm durch sein entscheidendes Eingreifen in die
europischen Schicksale erwachsen ist. Ich weiss, dass in Amerika eine
starke Tendenz besteht, die dahin gerichtet ist, zu sagen, Europa ist
weit entfernt, mit den Hndeln dieses alten Kontinents wollen wir nichts
zu tun haben. Es ist durchaus verstndlich, wenn eine solche Auffassung
gehegt wird. Aber ich glaube, in Amerika werden Gegenkrfte wach und
stark sein, die die Auffassung vertreten, Europa darf nicht zugrunde
gehen, die Quellen der ltesten und strksten Zivilisation drfen nicht
erschttert werden. Es darf nicht vergessen werden, dass derjenige, der
den Krieg bestimmt hat und den Frieden bestimmt hat, nun auch fr das
Wohlergehen derjenigen Vlker, deren Schicksal bestimmt wurde, eine
Verantwortung trgt. Ich glaube auch, dass diejenige Auffassung in
Amerika, die sagt, wir sind materiell am Geschick Europas so gut wie
uninteressiert, nicht das Richtige trifft.

Ich habe von Amerika her Stimmen vernommen, die behaupteten, der ganze
Aussenhandel Amerikas nach Europa bedeute ausserordentlich wenig, er
bedeute, sagten die einen 4 Prozent, die anderen 7 Prozent der
amerikanischen Produktion. Ich glaube, dass diese Zahl in Amerika sehr
ernstlich der Nachprfung bedarf und dass sie auch eine Nachprfung
finden wird. Wre tatschlich die Produktion Amerikas 15 mal grsser
gewesen als seine Weltausfuhr, so wre diese Produktion so gewaltig,
dass sie sich mit der Arbeiterzahl, ber die Amerika verfgt, nicht
entfernt htte leisten lassen. Der Anteil der Ausfuhr an amerikanischer
Produktion ist tatschlich erheblich grsser, und Amerika wird auch in
materiellem Sinne erkennen, dass es wnschenswert ist, einen so starken
Konsumenten, wie es Europa ist, gesund zu erhalten. Es besteht somit die
Hoffnung, dass auf amerikanischer Seite ideelle und materielle Momente
zusammenwirken werden, um die gewaltige Kraft dieses Landes den
europischen Schicksalen wieder zuzuwenden, die von ihr abhngen.
Gleichviel, ob Amerika sich entschliesst, sich an Genua zu beteiligen
oder nicht, glaube und hoffe ich, dass Europa nicht ganz allein auf sich
selbst in der Regelung seiner beraus schwierigen Verschuldungsverhltnisse
und in der Ordnung, in der Wiederherstellung seiner tief erkrankten
wirtschaftlichen Gliederung angewiesen sein wird.

Wenn wir in einigen Wochen nach Genua gehen werden, so werden wir es
nach eingehender Vorbereitung aller derjenigen Probleme tun, die
Deutschland beherrschen, und vor allem derjenigen, die auf das Schicksal
Europas einen wirtschaftlichen Einfluss ausben. Ich glaube, dass es uns
mglich sein wird, dort einen Boden zu finden, der fr die Errterung
wirtschaftlicher Grundfragen vorbereitet ist, und hoffe, dass die
Anbahnung eines knftigen wirklichen Friedenszustandes gelingt. Wir
leben freilich nicht mehr im Kriege, aber wir leben noch immer weit
entfernt vom wirklichen Frieden. Noch immer leben die Vlker in
dauernder, sich verstrkender wirtschaftlicher Abschliessung, noch immer
leidet Deutschland unter einseitiger Behandlung, noch immer leben wir
unter der Regie von Noten, die unser politisches Leben erschweren und
beunruhigen, noch immer ist im Osten schlesisches Land besetzt und im
Westen die Stdte, die unter dem Namen von Sanktionen okkupiert worden
sind. Das ist noch nicht der wahre Friede der Welt, das ist noch nicht
der wahre Friede Deutschlands! Ich habe die Hoffnung und den Glauben,
dass dieser wahre Frieden der Welt herannaht. Die Aufgabe unserer
Politik ist, mit allen Mitteln daran zu arbeiten, dem Frieden nher zu
kommen, Vertrauen im Kreise der Vlker zu erwerben und zu erhalten, aber
auch gleichzeitig unsere Rechte zu wahren. In diesem Sinne gedenken wir
die Fahrt nach Genua anzutreten, in diesem Sinne hoffen wir, dass Genua
einen Markstein auf dem Wege zu wirklicher Befriedung der Erde bilden
wird!




REICHSTAGSREDE
VOM
29. MRZ 1922


Als ich vor nunmehr zwei Monaten im Auswrtigen Ausschuss des
Reichstages ber Cannes berichtete, habe ich ausgesprochen, es knnten
Nachtfrste kommen und die junge Saat des Friedens schdigen. Das Klima
Europas schien mir damals noch nicht gengend erwrmt, um hoffen zu
drfen, dass ein Vorfrhling des Friedens eintreten werde.

In Cannes war manches erreicht. Die Goldzahlung von fnf Milliarden, die
das Ultimatum uns auferlegte und die zum Teil bestanden in festen
Leistungen, zum andern Teil in den Abgaben des Index, zum dritten Teil
in den Goldleistungen fr Besatzungskosten, war auf 720 Millionen
verringert worden. Es war den deutschen Vertretern Gelegenheit gegeben
worden, unsere wirtschaftliche Lage unumwunden der Entente darzulegen,
und es ist seitdem noch nicht eine autoritative Stimme aufgetreten, die
unsere Ausfhrungen widerlegt.

Des ferneren war zum ersten Male eine Weltkonferenz in Aussicht
genommen, an der Deutschland als gleichberechtigter Faktor teilnehmen
sollte.

Die Konferenz in Cannes fand kein natrliches Ende. Durch den Sturz des
franzsischen Ministerprsidenten Briand war die Situation von Grund aus
gendert. Die endgltige Entscheidung, die von der Konferenz erwartet
wurde, ging auf die Reparationskommission ber.

Uns wurde anheimgestellt, der Reparationskommission ein Anerbieten zu
machen. Fr diese Offerte waren die Grundlinien vorgezeichnet; sie waren
vereinbart zwischen England und Frankreich, und es war uns davon
Kenntnis gegeben, dass das Moratorium, das wir verlangten, uns gewhrt
werden wrde, wenn wir die Bedingungen annhmen, die man uns vorschlug.
Das Moratorium mussten wir haben; denn die Goldzahlungen des Januar und
Februar waren nicht zu leisten. So wurde die Offerte so eingereicht, wie
sie vereinbart war.

Bis zur endgltigen Entscheidung aber wurde von der
Reparationskommission uns eine Dekadenzahlung im Betrage von 31
Millionen fr alle zehn Tage auferlegt. Schon in Cannes habe ich die
Reparationskommission darauf aufmerksam gemacht, dass eine solche
Dekadenzahlung von Deutschland nur fr ganz kurze Zeit geleistet werden
knne, wenn nicht die Gefahr entstehen sollte, dass die deutsche Valuta
aufs schwerste zerrttet wrde. Ich bin auf diese Aeusserungen der
Reparationskommission gegenber zurckgekommen; ich habe mehrmals
mndlich und schriftlich darauf hingewiesen, dass die Zeit sich allzu
sehr verlngerte, dass die Zahlungen der Dekaden dieselbe Wirkung haben
mssten, die ich in Cannes vorausgesagt htte. Tatschlich ist auch die
Zerrttung unserer Valuta eingetreten: der Aufstieg des Dollars von 160
bis auf ber 300.

Die Verhandlungen mit der Reparationskommission zogen sich in die Lnge,
nicht Verhandlungen zwischen uns und ihr, sondern Verhandlungen, die sie
selbst mit dem franzsischen Ministerprsidenten zu fhren hatte, dem
sie ihr Mandat zunchst in die Hnde gelegt hatte und von dem sie es
zurckerhielt.

Whrend dieser Zeit haben wir, dem Wunsche der Reparationskommission
entsprechend, mit denjenigen Delegierten verhandelt, die uns gesandt
wurden, nmlich in erster Linie mit Herrn Bemelmans, in der Absicht, die
Sachleistungen fr uns und auch fr diejenigen Lnder, die
anspruchsberechtigt waren, durchfhrbar zu machen, nmlich fr England,
Belgien, Italien und Serbien. Ein Abkommen wurde prliminiert. Kurze
Zeit darauf erschien unangemeldet der franzsische Delegierte Herr
Gillet, abermals mit Zustimmung der Reparationskommission, um den
Versuch zu machen, auch hinsichtlich der franzsischen Sachleistungen
neue Modalitten mit uns zu verabreden, die dann gleichfalls in
Vorbesprechungen geklrt wurden. Von unserer Seite also wurde nichts
versumt whrend der langen Periode, innerhalb deren die
Reparationskommission mit ihrer Entscheidung zgerte. Wie Sie wissen,
ist diese Entscheidung erfolgt am 21. Mrz und sie hat Deutschland auf
das schwerste enttuscht. Sie hat nicht nur uns enttuscht, sondern
einen jeden in der Welt, der eine Hoffnung auf wirklichen Frieden und
eine mgliche Regelung des Reparationsverhltnisses hegte.

Um die Entwicklung dieser Wochen zu verstehen -- zwei Monate vergingen
whrend dieser Verhandlungen -- mssen wir uns klar machen, welche
bedeutende Wandlung im politischen Weltgeschehen eingetreten war. In
Frankreich hatte ein Staatsmann die Zgel ergriffen von grosser
Erfahrung in internationalen Verhltnissen und von rckhaltsloser
Willenskraft. Poincar nahm den Kampf gegen England auf, und Boulogne
hat uns gezeigt, dass dieser Kampf nicht ganz erfolglos gewesen ist.
Wenn auch in Boulogne neue Beschlsse nicht gefasst wurden, wenn auch
nur das besttigt wurde, was ursprnglich schon auf der Einladungskarte
fr Genua gestanden hatte, so war doch diese Wiederholung eine
Bekrftigung desjenigen Willens, der uns verhindern sollte, die Frage
der Reparationen in Genua zur Sprache zu bringen, diejenige Beschrnkung
der Konferenz aufzuerlegen, die ihr eigentlich das Herz ausbrach. Von
einer starken parlamentarischen Mehrheit getragen, begann Poincar seine
Politik, und sie hat sich in kurzer Zeit auf allen Schaupltzen der Politik
ausgewirkt, nicht nur England gegenber, sondern auch im nheren Osten, wo
die Zahl der Bndnisse, Verstndigungen und Militrkonventionen fast von
Tag zu Tag wuchs, nicht nur in Kleinasien, wo die franzsisch-trkische
Politik vordrang gegenber der englisch-griechischen. Die Auswirkung
erstreckte sich auch auf uns, und zwar zeigte sie sich zunchst in einem
Hagel von Noten, die seitens der interalliierten Militrkommissionen auf
uns herniederprasselten. Ich habe zhlen lassen, dass wir etwa im Laufe
von zwei Monaten 100 Noten von diesen Kommissionen zur Beantwortung
bekamen. Sie knnen sich denken, dass es nahezu einer Lahmlegung der
Behrden gleichkommt, wenn sie gezwungen sind, tglich und nchtlich an
der Beantwortung dieser Schriftstcke zu arbeiten. Von dem letzten Herrn
Redner ist auf die sehr unerfreulichen Entwicklungen hingewiesen worden,
die die Abgrenzung am Weichselgebiet in der letzten Zeit erfahren hat.
Wir haben nicht unterlassen, nicht nur die Botschafterkonferenz, sondern
alle Mchte einzeln darauf hinzuweisen, dass hier ein schweres Unrecht
im Zuge ist, und es ist wenigstens erreicht worden, dass die
Botschafterkonferenz zunchst ihre Entscheidung zurckgestellt hat.

Etwas Tragisches liegt darin, dass die gegenwrtig strkste
Militrmacht der Welt, dass Frankreich in seinem ganzen Tun und Handeln
bestimmt wird durch die Besorgnis vor einem deutschen Angriff, vor einem
Angriff eines vollkommen entwaffneten Landes, das kaum so viel Soldaten
aufbringt, um seine innere Ruhe zu erhalten. Es ist in hohem Masse
bedauerlich, dass durch diesen Gedanken Frankreichs jede Behandlung
europischer Probleme eine politische Seite erhlt.

Gerade auf einem derjenigen Gebiete, mit denen sich die Noten der
letzten Zeit besonders intensiv beschftigen, trat diese politische
Tendenz in bedauerlicher Weise hervor. Ich spreche von denjenigen Noten,
die sich auf unsere Schutzpolizei beziehen. Es ist durchaus
verstndlich, wenn in einem geordneten, mit starker Militrmacht
versehenen Lande, wenn in einem Lande mit ungeschwchter Staatsautoritt
ein Gendarmeriesystem vertreten wird, das auf rein munizipaler,
rtlicher Organisation beruht. Fr Deutschland ist eine solche Regelung
nicht tunlich. Wir leben in einer Zeit des Uebergangs, der schwersten
Zerrttung unserer wirtschaftlichen Verhltnisse. Wir leben in einer
Zeit, in der schwer gebndigt unter der Oberflche die Mchte der Unruhe
sich bewegen. Wir leben in einem Lande mit geschwchter Staatsgewalt,
und wir sind deshalb darauf angewiesen, fr Ruhe im Lande zu sorgen. Das
ist nur dann mglich, wenn eine wirksame Polizeigewalt im Lande
existiert.

Unter solchen Auspizien der usseren und der Gesamtpolitik ist die Note
der Reparationskommission erwachsen. Die Kritik an der Note hat gestern
der Herr Reichskanzler gebt, und ich habe dieser Kritik nicht ein Wort
hinzuzufgen. Um aber die Voraussetzungen und Tendenzen klarer zu
verstehen, auf die sich die Note grndet, ist es erforderlich, dass wir
uns in einen fremden Vorstellungskreis zu versetzen suchen und einige
Irrtmer dieses Vorstellungskreises beleuchten.

Der erste Irrtum, mit dem wir uns befassen mssen, ist die bertriebene
Vorstellung des Auslandes von dem Begriff der Inflation und ihren
Wirkungen. Immer wieder tritt uns die Vorstellung entgegen, dass, wenn
unser Geldwert zerrttet ist, das nur auf den Notendruck zurckgefhrt
werden kann. Das Rezept dagegen, das uns gegeben wird, ist: Stoppt eure
Notenpresse, bringt euer Budget in Einklang, und das Unglck ist
behoben! Ein schwerwiegender volkswirtschaftlicher Irrtum! Fr ein Land
mit aktiver Zahlungsbilanz ist die Gesundung des Geldes dadurch mglich,
dass man deflationistische Politik betreibt, die Balance des Haushalts
herstellt und die Notenpresse stoppt. Anders liegt es aber fr ein Land
mit passiver Zahlungsbilanz. Ich fordere jeden Kenner des
Wirtschaftslebens auf, mir einen Weg zu nennen, auf dem einem Land mit
passiver Zahlungsbilanz ermglicht wird, dauernd Goldzahlungen zu
leisten ohne Hilfe fremder Anleihen und dabei seine Valuta intakt zu
halten. Niemals ist der Versuch gemacht worden, ein solches Rezept zu
geben, und es kann nicht gegeben werden. Denn ein Land, das Gold nicht
produziert, kann Gold nicht zahlen, es sei denn, dass es dieses Gold
durch Ausfuhrberschsse kauft oder dass ihm das Gold geliehen wird.

Der Kreislauf unserer Valutazerrttung ist der folgende: passive
Zahlungsbilanz, infolgedessen die Notwendigkeit, unsere Zahlungsmittel
im Auslande zu verkaufen oder auszubieten; dadurch Entwertung der
ausgebotenen Ware, der verkauften Zahlungsmittel; dadurch Schdigung des
Geldwertes im Auslande, Schdigung der Valuta. Weitere Folge: Ansteigen
aller Preise im Inlande, Ansteigen aller Materialkosten und aller
Personalkosten. Weitere Folge: das Klaffen des Budgets; denn ein Budget
besteht aus keinen anderen Ausgaben als aus sachlichen und persnlichen,
und wenn diese beiden ohne Gegenwert steigen, so ist jedes Budget, und
mag es vorher noch so sehr im Einklang gewesen sein, zerrttet.

Wer den Beweis fr die Richtigkeit dieser Anschauung noch braucht, der
sei darauf hingewiesen, wie sich tatschlich unser Geldwert im Ausland
whrend einer Zeit vollkommen stabilen Weiterganges der Inflation bewegt
hat. Wir haben bei diesem stabilen Gang im Herbst letzten Jahres einen
Dollarkurs von 300 erlebt, er hatte sich im Dezember auf etwa 160
ermssigt, er ist abermals gestiegen auf 350, und alles das stand nicht
im Zusammenhange weder mit dem Druck der Notenpresse noch mit dem
Fortgang der Inflation.

Einen zweiten Irrtum der auslndischen Auffassung von unserer
Zahlungsfhigkeit habe ich zu erwhnen. Er betrifft die Frage unserer
Steuerbelastung. Wir haben der Reparationskommission und der Konferenz
in Cannes das Material bergeben, das den Nachweis erbrachte, dass
Deutschland heute schwerer mit Steuern belastet ist als andere Lnder.
Von keiner Seite ist der Versuch gemacht worden, unsere Rechnungen zu
entkrften. Anerkannt wurde, dass die Kalkulationen beraus schwierige
sind, dass es ernster theoretischer Auseinandersetzungen bedarf und
nicht mechanischer Vergleiche von Zahlen, die auf Dollars bersetzt
werden. Aber der Versuch einer Widerlegung ist nicht gemacht worden. Das
einfachste Beispiel kann ja nicht widerlegt werden. Wenn in Deutschland
das Einkommen der hchsten Staatsbeamten 300 oder 500 Dollars betrgt,
so kann dieser Staatsbeamte keinesfalls mehr als 300 oder 500 Dollars
Steuern zahlen. Das schliesst aber keineswegs aus, dass ein
Staatsbeamter eines anderen Landes, der 3000 oder 5000 Dollars verdient,
sehr wohl mehr Steuern zahlen kann, als die ganzen Einnahmen des
deutschen Staatsbeamten betragen.

Ein dritter Irrtum, der bereits von Herrn Abgeordneten Stresemann
erwhnt wurde, ist der, dass man uns vorhlt: eure Wirtschaft ist voll
beschftigt, ihr habt keine Arbeitslosen, bei euch raucht jeder
Schornstein, bei euch laufen alle Maschinen mit Volldampf; wo bleibt nun
das Produkt dieser Arbeit? Dieses Produkt muss doch vorhanden sein, es
muss dazu dienen, die deutsche Vermgenssubstanz anzureichern, und
dieses Produkt muss fr Reparationen fassbar sein. Die Antwort auf diese
Frage habe ich in Cannes gegeben, und ich werde es hier noch einmal mit
grsserer Deutlichkeit tun.

Die Reparationen, die wir im letzten Jahre gezahlt haben, beliefen sich
auf anderthalb Milliarden Goldmark. Diese anderthalb Milliarden Goldmark
bedeuten nicht mehr und nicht weniger als die Jahresarbeit von einer
Million deutschen Arbeitern. Wir haben, wie Sie wissen, durch den
Niedergang unserer Landwirtschaft eine erhebliche Einfuhr von
Lebensmitteln ntig. Diese Einfuhr belief sich im letzten Jahre auf 2
Milliarden Goldmark, und sie bedeutet abermals die Arbeitskraft eines
ganzen Jahres von einer Million Deutschen. Unseren Auslandsbesitz haben
wir verloren, die Guthaben und Investitionen, den Ueberseebesitz. Die
Einnahmen aus diesen Besitztmern betragen weit ber eine Milliarde
Gold, und diese Einnahmen verwandelten sich in einen Zustrom von
Rohstoffen und von Waren, fr die wir Gegenwerte nicht zu leisten
brauchten. Wenn wir heute diese Rohstoffe und Gter uns durch Kauf
beschaffen mssen, so haben wir dafr Arbeit zu leisten, und es ist
abermals die Arbeit von einer Million Deutschen erforderlich, um den
Gegenwert zu bezahlen. Wir kommen also zu der Rechnung, dass drei
Millionen Deutsche gegenwrtig Jahr fr Jahr zu arbeiten haben, um
denjenigen Stand einigermassen wiederherzustellen, der uns vor dem
Kriege ohne diese Arbeit beschieden war. Es wird also gleichsam von drei
Millionen Menschen die Arbeit kompensationslos verzehrt; das bedeutet
freilich einen Zustand von starker Beschftigung des Landes, aber nicht
von produktiver Beschftigung.

Einen vierten Irrtum hat Herr Stresemann erwhnt, auf den ich mit
wenigen Worten ergnzend eingehen mchte. Es wird uns vom Auslande
entgegengehalten: eure Industrie ist blhend; eure Gesellschaften zahlen
hohe Dividenden; sie emittieren neues Kapital; sie schaffen also grosse
neue innere Werte. Auch dieser Schluss ist falsch. Denn wenn wir das
Beispiel einer Gesellschaft von 100 Millionen Aktienkapital nehmen und
annehmen, dass diese Gesellschaft selbst 20 Prozent Dividende zahlt, so
hat sie auf die Goldwerte ihres Aktienkapitals nicht mehr als  Prozent
gezahlt. Es bleibt dabei aber unbercksichtigt, dass sie mindestens, um
ihren Stand an Maschinen und Einrichtungen aufrechtzuerhalten, eine
jhrliche Rcklage in Gold machen msste, die, auf Papier umgerechnet,
ein Vielfaches des Aktienkapitals ausmacht. Wenn also eine solche
Gesellschaft selbst 20 Prozent Dividende zahlt, so fehlen ihr jedes Jahr
vielleicht 200, vielleicht 300, vielleicht 500 Prozent ihres
Aktienkapitals an den notwendigsten Rckstellungen.

Ich habe die volkswirtschaftlichen Trugschlsse erwhnt, die eine
Erklrung fr die Atmosphre bilden, innerhalb deren die Reparationsnote
entstanden ist. Ich darf aber nicht an den erheblichen gefhrlichen
Irrtmern vorbergehen, die sich in der politischen Mentalitt des
Auslandes abspielen. Ich nenne von diesen Irrtmern nur zwei. Der eine
lautet: Deutschland hat nichts gezahlt und will nichts zahlen. Der
andere lautet: Deutschland hat nicht entwaffnet und will nicht
entwaffnen.

Meine Herren! Ich mchte Ihnen zwei Aufstellungen verlesen, die ich
gemacht habe, um diese Fragen zu beantworten. Zunchst: Deutschland hat
nichts gezahlt und will nichts zahlen. Es ist schwer, genaue
Schtzungen aufzustellen fr alle diejenigen Leistungen, die Deutschland
in der Vergangenheit seit Beendigung des Krieges hingegeben hat. Aber
wenn auch die Schtzungen vielleicht nicht auf die letzten Dezimalen
genau zu sein brauchen, so geben sie doch ein deutliches und
unwiderlegliches globales Bild von der Gesamtheit der deutschen
Leistung.

Ich erwhne folgende Posten: Das deutsche liquidierte Eigentum im Auslande
hat einen Wert von 11,7 Milliarden, die bergebene Flotte hat einen Wert
von 5,7 Milliarden, das Reichseigentum in den abgetretenen Gebieten
beluft sich auf 6,5 Milliarden Mark, bergebenes Eisenbahn- und
Verkehrsmaterial beluft sich auf 2 Milliarden Goldmark (Zuruf rechts:
alles Goldmark?) -- alles Goldmark! -- Rcklassgter nicht militrischen
Charakters 5,8 Milliarden Goldmark, der Verlust der deutschen Ansprche
an seine Kriegsverbndeten beluft sich auf 7 Milliarden Goldmark. Der
Wert der Saargruben wird von uns auf 1,1 Milliarden Goldmark beziffert.
Die Kohlenlieferungen, die wir gettigt haben, zum Weltmarktpreis
gerechnet, belaufen sich auf 1,3 Milliarden Goldmark. Barzahlungen fr
Reparationen sind bekanntlich 1,3 Milliarden Goldmark gewesen. Eine
Reihe von kleineren Posten -- kleiner, obwohl sie in die Milliarden
laufen -- bergehe ich, sie betragen im ganzen 3,2 Milliarden Mark. Wir
kommen somit zu einer Gesamtsumme der deutschen Leistungen seit
Kriegsende von 45,6 Milliarden Goldmark. -- Hierbei ist der Wert der
Kolonien und der reine Wirtschaftswert der abgetretenen oberschlesischen
und westpreussischen Gebiete nicht in Ansatz gebracht. Fgt man den nach
mittleren Schtzungen hinzu, so erhht sich diese Summe auf weit ber
100 Milliarden Goldmark.

Das habe ich dem Auslande zu sagen, das durch eine starke Propaganda
heute noch immer die Meinung zu hren bekommt, Deutschland habe nichts
gezahlt und Deutschland wolle nichts zahlen. Es ist die strkste
Zahlungsleistung von Deutschland ausgegangen, die jemals von einem Volke
der Erde an andere Vlker geleistet worden ist.

Die andere Behauptung lautet: Deutschland habe nicht entwaffnet und
wolle nicht entwaffnen. Auch hier werde ich Ihnen eine Reihe von Zahlen
geben und bitte dabei zu bedenken, dass sich in diesen Zahlen nicht die
ganze Entwaffnung Deutschlands ausdrckt, dass sie nicht die gewaltige
Heeresreduktion umfassen und dass sie den Verlust unserer Festungen
nicht enthalten. Es sind unter anderem abgeliefert worden an Gewehren
und Karabinern 5,8 Millionen, an Maschinengewehren 102 000, an
Minenwerfern und Granatwerfern 28 000, an Geschtzen und Rohren 53 000,
an scharfen Artilleriegeschossen und Minen 31 Millionen, an scharfen
Hand-, Gewehr- und Wurfgranaten 14 Millionen, an Zndern 56 Millionen,
an Handwaffenmunition 390 Millionen und an Pulver 31 900 000 Kilo.
Demgegenber ist die Behauptung eine vermessene, dass Deutschland zur
Abrstung nichts getan habe. Die deutsche Abrstung ist eine Leistung
von unerhrter Grsse, und es ist nicht wahr, wenn man behauptet, dass
einige Waffenfunde, die in Deutschland gemacht worden sind, an diesem
Bilde irgend etwas Wesentliches ndern. Noch in 100 Jahren wird man
vermutlich irgendwo in deutschem Boden vergrabene Waffen finden, gerade
so gut wie man heute noch rmische Mnzen oder longobardische Schwerter
im Boden findet. Eine 100 prozentige Leistung auf dem Gebiet einer
grossen Aktion gibt es nicht, und wenn hier Bruchteile eines Prozentes
zurckgeblieben sein mgen, so ist kein Grund dafr, diese Tatsachen in
Form von Entdeckungen aufzubauschen. Kein denkender Mensch in der Welt
kann annehmen, dass Deutschland mit dem, was ihm an Waffen oder an
Kriegern verblieben ist, einen Krieg fhren kann. Jeder Mensch, der
heute vertraut ist mit dem technischen Wesen eines Krieges, weiss, dass
ein neuzeitlicher Krieg nicht zu fhren ist mit Resten von Waffen, dass
er berhaupt nicht zu fhren ist mit vorhandenem Material, sondern dass
er nur gefhrt werden kann durch Umstellungen der gesamten
Industrialitt eines Landes. Diese Umstellung aber ist in Deutschland
nicht mglich, und somit sind alle Bemhungen vergeblich, die darauf
hinauslaufen, etwa den Beweis deutscher Wehrkraft dadurch zu bringen,
dass noch ein halbes oder ein viertel Prozent der deutschen Waffen nicht
abgeliefert sein mge.

Damit will ich den verborgenen Waffen aber nicht das Wort reden. Ich
halte es fr tief bedauerlich, dass das Reich in Gefahr gebracht worden
ist durch solche Personen, die Waffen versteckt haben mit irgendwelchen
unklaren und verworrenen Absichten, ohne sich deutlich zu machen, dass
wir dadurch von neuem den Beschwerden von Kommissionen und schweren
politischen Verwirrungen ausgesetzt werden. Die Reichsregierung wird und
muss alles tun, um diejenigen Verpflichtungen, die sie bernommen hat,
durchzufhren, und es soll ihr dabei niemand in den Arm fallen.

Die Abrstung Deutschlands bezeichne ich als eine vollkommene, und ich
bezeichne sie um so mehr als eine vollkommene, als sie stattgefunden hat
in einem Europa, das von Waffen starrt. Die beabsichtigte Abrstung der
Welt, wozu hat sie gefhrt? Sie hat dazu gefhrt, dass gegenwrtig in
Europa nicht 3,7 Millionen Soldaten unter Waffen stehen, wie vor dem
Kriege, sondern 4,7 Millionen. In dieser waffenstarrenden Welt kann man
von einem bewaffneten und kriegsbereiten Deutschland nicht sprechen,
wenn man ehrlich die Verhltnisse betrachtet.

Aber, meine Damen und Herren, es ist doch einmal ntig auszusprechen:
wenn Deutschland diese gewaltigen Leistungen gettigt hat, die
Leistungen seiner Zahlungen auf der einen Seite, die Leistungen seiner
Entwaffnung auf der anderen Seite, unter welchen physischen und
moralischen Verhltnissen Deutschland diese beiden grossen Taten
vollbracht hat. Halb verhungert ging das Land aus dem schwersten aller
Kriege hervor; aber nicht nur aus dem Kriege, sondern aus einer
Blockade, die sich noch nahezu ein Jahr ber Kriegsende hinaus
verlngert hatte. In diesem Zustande durchschritt das Volk eine
Revolution und eine Reihe von wirtschaftlichen Krisen, die heute noch
nicht beendet ist. Eine Geldentwertung trat ein, die, wie es Herr
Stresemann mit beweglichen Worten ausgefhrt hat, den Mittelstand
zerbrach, die eine Umschichtung der Stnde herbeigefhrt hat, wie sie
bedauerlicher nicht gedacht werden kann, die Elend und Entbehrungen in
alle Schichten des Volkes und fast in jede Familie gebracht hat. Die
Intelligenz des Landes, unsere kulturellen Werte sind in schwerster
Gefahr und Bedrngnis. Der Kanzler hat geschildert, wie es kaum mehr
mglich ist, die notwendigsten Institute der gesundheitlichen Pflege zu
erhalten. Die Wissenschaft ist in Gefahr. Tausende haben ihre Studien
unterbrechen mssen, haben sich anderen Berufen zugewandt. Der
Berufswechsel in Deutschland, die Verarmung der geistigen Schichten hat
die kulturelle Kraft unserer Bevlkerung um Jahre zurckgeworfen.

Gleichzeitig aber hat auf dem Lande, das die Leistungen vollbrachte, von
denen ich sprach, die Leistungen der Zahlung und der Abrstung, ein
Druck gelastet, der bis zum heutigen Tage nicht behoben ist, der schwere
Druck des Gemtempfindens, der Schmerz um verlorene Heimat, der Druck
der Okkupationsheere im Osten und Westen, der Druck der Sanktionen, die
uns drei Stdte im Frieden entrissen haben, der Druck der Kommissionen,
die im Lande herumreisen und in alle unsere Verhltnisse eingreifen.
Dieser schwere Druck hat auf dem Volke gelastet neben dem
wirtschaftlichen und neben dem sozialen, whrend es diejenigen
Leistungen vollbrachte, die ich erwhnt habe. Ich glaube nicht, dass es
ungerecht ist, zu fragen, ob je ein Volk in geschichtlichen Zeiten im
Frieden einer hrteren Probe unterworfen worden ist. Wie aber hat sich
Deutschland den Verhltnissen gegenber selbst verhalten? In dieser Zeit
der schwersten Not, der schwersten Sorge, der strksten moralischen und
physischen Anspannung ist Deutschland dasjenige Land gewesen, das
Europas Zivilisation erhalten hat; denn htte Deutschland in dieser Zeit
den Willen zur Ordnung und Disziplin sinken lassen, htte sich
Deutschland in dieser Zeit in Umsturz gleiten lassen, so wre fr die
europische Zivilisation eine Rettung nicht mehr erwachsen. Wir
verlangen fr das, was wir geleistet haben, von aussen keine Anerkennung
und keinen Dank; aber wir drfen erwarten und verlangen, dass sich die
Welt endlich entschliesst, die deutschen Verhltnisse so zu sehen, wie
sie sind. Es ist ntig, dass in die fremden Lnder diejenigen Stimmen
hineindringen -- und deshalb darf ich auch die meine erheben --, die
behaupten und beweisen, dass die Leistungen Deutschlands die Achtung der
Welt verdienen.

Da, wo unser schwerstes Unglck liegt, entspringen aber, wie ich glaube,
auch die Quellen unserer Hoffnung, die leider heute noch sprlich
fliessen. Denn, sind diese Dinge wahr, die ich ausgesprochen habe, und
sie sind es, so haben sie die Unaufhaltsamkeit der Wahrheit. Die
Wahrheit ist ein Strom, der sich nicht in Flaschen versiegeln lsst. Es
ist zweifellos, dass man die Wahrheit lange Zeit unterdrcken kann; aber
schliesslich macht sie ihren Weg um die Erde, und wenn die Wahrheit den
Weg um die Erde antritt, dann ist auch fr uns der Augenblick des
Friedens gekommen, den wir ersehnen.

Ich kehre zur Reparationsnote zurck. Ihre Beantwortung hat der Kanzler
gestern deutlich umschrieben. Er hat ausgesprochen, dass die Tr der
Verhandlungen nicht geschlossen ist; denn dieser Verhandlungen bedrfen
wir schon deswegen, um zurckzukommen auf diejenigen Goldleistungen, die
von der Reparationskommission in Aussicht genommen worden sind. Wir
haben die Absicht, der Reparationskommission zu sagen, dass unter den
heutigen Verhltnissen der Geldentwertung wir einen anderen Zahlungsplan
fr 1922 erwarten. Richtlinien fr die Verhandlungen mit der
Reparationskommission aber bleiben die beiden vom Kanzler
ausgesprochenen: ein Neubau unseres Steuerkompromisses ist nicht mglich
und ebensowenig mglich ist ein Eingriff in unsere Staats- und
Finanzhoheit.

Herr Stresemann hat die Mahnung ausgesprochen, an die ich mich zu halten
beabsichtige, nicht auf diejenigen Punkte zurckzugreifen, die in der
Vergangenheit die Auffassungen innerhalb dieses Hauses getrennt haben.
Es sind gestern schwere Vorwrfe gegen die vergangene Politik des
Kabinetts erhoben worden. Ich gehe darauf nicht ein, weil auch ich den
Wunsch habe, dass wir gemeinschaftlich an der Zukunft und nicht getrennt
an der Vergangenheit arbeiten. Aber eins mchte ich nicht ungesagt
lassen: Ich glaube, dass das Kabinett es fr sich beanspruchen darf,
dass es ihm mglich gewesen ist, im Jahre der strksten Gefahr die
Einheit und Unversehrtheit des Reichs zu erhalten, und ich behaupte,
dass mit keiner anderen Politik die Unversehrtheit und Einheit des
Reiches gewahrt worden wre.

Die Politik, die wir zu fhren beabsichtigen, ist die Politik des
Friedens. Wir fhren sie in der freien Ueberzeugung und in dem Glauben
an unsere gute und gerechte Sache.

Wir wollen die Erfllung, soweit sie im Rahmen der Mglichkeit liegt,
nicht als Selbstzweck, sondern als Weg zum Frieden. Wir wollen den
Wiederaufbau der zerstrten Gebiete als Weg zum Frieden, und wir wollen
nach Krften beitragen zur Entbrdung und zum Wiederaufbau der Welt.

Freilich, vom wahren Frieden sind wir noch weit entfernt. Noch immer
herrscht ein tiefes Misstrauen zwischen den Vlkern, gesteigert oftmals
bis zur Feindseligkeit des Wortes und der Handlung. An Stelle
gemeinschaftlicher Arbeit verkettet den Erdkreis ein Ring
gemeinschaftlicher Verschuldung. Europa starrt von Waffen, und es findet
sich nicht der Staatsmann und nicht die Nation, die sich zum befreienden
Gedanken und zur befreienden Tat aufrafft. Nach dreijhrigem Frieden ist
unser eigenes Land noch immer friedlos, zum Teil militrisch besetzt,
zum Teil militrisch kontrolliert.

Kann nun Genua dieser friedlosen Welt den ersehnten Frieden bringen? --
Amerika hat die Beteiligung an Genua abgelehnt mit der Begrndung, Genua
sei eine politische Konferenz; Hauptfragen der wirtschaftlichen Probleme
werden in Genua nicht behandelt, und somit bleiben wir fern. In Boulogne
ist nochmals bekrftigt worden, dass die Probleme der Reparation, der
Grundlagen des Versailler Friedens, nicht der Beschlussfassung
unterliegen sollen. Dennoch hat der Kanzler gestern in seiner Rede die
hoffnungsvollere Seite von Genua erwhnt. Ich stimme seinen Ausfhrungen
bei und will das von ihm selbst beschrnkte Mass von Hoffnungen nicht
herunterstimmen. Dennoch werden wir unsere Stellung zu Genua erneut zu
prfen haben. Wir mssen erwgen, mit welchen Gedanken, aber auch mit
welchen Gefhlen wir uns einer Konferenz nhern, auf der das Schicksal
und der Aufbau einer Welt behandelt werden soll, aber nicht der unseren,
nicht unser Aufbau und nicht unser Schicksal. Lsst sich eine Brcke
finden, -- gut! Lsst sie sich nicht finden, so wird Genua das Schicksal
von vielen anderen Konferenzen teilen.

In diesem Zusammenhang ein Wort in Anknpfung an die Ausfhrungen des
Herrn Stresemann ber Russland. Zweifellos wird Genua fr Russland
manches Wesentliche bringen, und ich will nicht einen Augenblick die
Auffassung der Kabinettsregierung unausgesprochen lassen, die dahin
geht, dass wir nach Ausmass unserer Krfte uns aufrichtig bemhen
werden, am Wiederaufbau Russlands mitzuwirken. Dabei ist der Weg von
Syndikaten nicht der entscheidende, Syndikate knnen ntzlich sein, und
von solchen Syndikaten sollten wir uns nicht ausschliessen. Dagegen wird
das Wesentliche unserer Aufbauarbeit zwischen uns und Russland selbst zu
besprechen sein. Solche Besprechungen haben stattgefunden und finden
weiter statt, und ich werde sie mit allen Mitteln frdern. Es ist kein
Gedanke daran, dass Deutschland etwa die Absicht htte, Russland
gegenber die Rolle des kapitallsternen Kolonisten zu spielen. Ich
freue mich ganz besonders, dass von seiten des Herrn Stresemann und
seiner Freunde heute eine solche Stellung Russland gegenber gewnscht
wird, denn ich erinnere mich an eine Periode, in der ich mit meiner
Auffassung ber die Notwendigkeit, Russland zu Hilfe zu kommen, bei
dieser Seite keine Gegenliebe gefunden habe.

Soll, meine Herren, aus dem Chaos der Welt ein Ausweg gefunden werden,
so ist es ntig, den Rahmen weiter zu spannen, als es durch die Note der
Reparationskommission geschehen ist. Es ist schlechterdings nicht
mglich, dass eine niedergebrochene Welt aufgerichtet werde lediglich
durch die Arbeit eines einzigen Landes, auch wenn dieses Land noch so
gutwillig an diesem Aufbau mitzuwirken gewillt ist. Alle Nationen der
Erde, nicht nur die ehemaligen Kmpfer, mssen erkennen, dass sie
smtlich am Aufbau der Welt in gleichem Masse interessiert sind. Sie
mssen erkennen, dass sie einander wechselseitig bedrfen als
Produzenten und als Kufer, sie mssen erkennen, dass sie alle die
gleichen Rohstoffe dieser Erde ntig haben. Sie mssen sich vereinigen
zu einer Sanierungsaktion der Welt, von der sich niemand ausschliessen
darf, der aus den Vorrten der Welt schpft. Deutschland aber bedarf, um
im Kreise der Vlker die ihm gestellte Aufgabe des Aufbaus zu erfllen,
einer Atempause, die nur durch ussere Anleihen beschafft werden kann.
Um aber sein Verhltnis zu seinen Glubigern zu regeln, und zwar zu
regeln in loyaler und ehrlicher Weise, muss Deutschland das Recht haben,
sich mit seinen Glubigern an einen Tisch zu setzen. Das bedeutet keine
Uebergehung der Reparationskommission, die immer noch gengend Aufgaben
zu erfllen haben wird. Es kann aber dem Schuldner nicht verwehrt werden
und ist ihm zu keiner Zeit verwehrt worden, sich mit seinen Glubigern
zusammenzusetzen und mit ihnen diejenigen Mittel zu beraten, wie
wechselseitig das Verhltnis geregelt werden kann, nicht nur auf dem
Gebiet des Geldes, sondern auf allen Gebieten, die Glubiger und
Schuldner gemeinschaftlich berhren.

Ich kann es verstehen, dass man sich formal auf den Standpunkt gestellt
hat, das deutsche Reparationsverhltnis kann in Genua nicht verhandelt
werden, weil dort 40 Nationen vertreten sind, die, nur zum Teil an
Reparationsfragen beteiligt, nicht beschliessen knnen, wie
Deutschlands Verhltnis zu seinen Glubigern sich gestalten soll. Ich
sage, ich kann es formal verstehen; sachlich htte ich eine andere
Lsung gewnscht. Aber wenn man sich auf diesen Standpunkt stellt, dass
Genua fr diese Kernfrage der gesamten Weltwirtschaft unzustndig ist,
so ist es umsomehr notwendig, dass eine Regelung zwischen Deutschland
und seinen Glubigern durch gemeinschaftliche Verhandlungen gefunden
wird. Es ist gestern in der Debatte Erwhnung Amerikas geschehen. Ich
halte es fr falsch, auf ein einzelnes Land, sei es das strkste und
edelste der Welt, alle Hoffnung zu setzen. Es entspricht der Gewohnheit
verzweifelter Schuldner, alle Hoffnung an einen einzigen Anker zu
hngen. In der Regel werden solche Hoffnungen getuscht. Ich kenne sehr
wohl die Abneigung Amerikas, sich auf die wirtschaftlichen Verhltnisse
Europas einzulassen. In erster Linie ist es eine schwere
Europamdigkeit, die Amerika befallen hat nach den Erfahrungen des
Krieges und nach den Erfahrungen des beginnenden Friedens. Wer das Tun
und Treiben in Europa mit unbeteiligten Augen berblickt, dem liegt es
freilich nahe -- und man kann es ihm nicht verdenken --, wenn er die Augen
abwendet.

Ein anderes Motiv Amerikas, sich nicht einzumischen, besteht darin, dass
die Auffassung in volkswirtschaftlichen amerikanischen Kreisen herrscht,
die amerikanische Ausfuhr bedeute nur einen kleinen Bruchteil, man
spricht von 7 Prozent, der amerikanischen Produktion. Diese Zahl hlt
der Nachprfung nicht stand, und ich glaube, dass man in kurzer Zeit in
Amerika erkennen wird, dass der Prozentsatz der Ausfuhr im Verhltnis
zur Produktion ein ganz bedeutend grsserer ist. Ich schtze das
Verhltnis der Ausfuhr zur amerikanischen Fertigproduktion auf
mindestens 20 bis 25 Prozent. Auf eine solche Ausfuhr aber wird Amerika
auf die Dauer nicht leicht verzichten.

Plausibel fr die amerikanische Nichteinmischung ist aber noch ein
dritter Grund. Amerika sagt: warum sollen wir unser Geld Europa zur
Verfgung stellen, einem Kontinent, der es nur fr seine Rstungszwecke
verbraucht? Das ist ein Einwand, den man verstehen kann. Aber ich
glaube, Amerika wird empfinden, dass man einem Ertrinkenden keine
Bedingungen stellt. Es ist nicht mglich, zu warten, bis der Geist des
Friedens in Europa durchgedrungen ist, um Europa zu helfen.

Am 1. April wird der knftige amerikanische Botschafter Houghton sich zu
Schiff begeben, um nach Deutschland zu kommen und hier seinen Posten zu
bernehmen. Ich rufe ihm ein Willkommen entgegen und hoffe, dass seine
Mission in Deutschland fr beide Lnder fruchtbringend sein wird. Wir
selbst haben einen der strksten Leiter unseres Wirtschaftslebens,
Geheimrat Wiedfeldt, bestimmt, uns in Washington zu vertreten. Ich
glaube, dass diese Wahl von Amerika gut aufgenommen werden wird. Denn
Amerika wnschte sich einen starken Mann der Wirtschaft, und ich hoffe,
dass Herr Wiedfeldt drben ein gesegnetes Feld seiner Ttigkeit finden
wird. Noch nie hat eine Nation so unentrinnbar das Schicksal eines
Kontinents in der Hand gehalten wie Amerika im gegenwrtigen Augenblick.
Eine gewaltige Verantwortung ist mit dieser Machtstellung verbunden, zu
der diejenige des Krieges hinzutritt, den Amerika entschieden hat, und
des Friedens, den es gleichfalls bestimmte. Wir drfen hoffen, dass
Amerika, das wir nicht lediglich als ein Land materieller Interessen
ansehen drfen, sondern von dem wir anerkennen mssen, dass es ein Land
mit starken moralischen Impulsen ist, sich einer Beratung, die sich mit
der endgltigen Regelung der deutschen Schuldverhltnisse befasst, nicht
entziehen wird.

Der Osten Europas ist niedergebrochen; das unglcklichste aller Lnder,
Oesterreich, dem wir heute die herzlichste brderliche Teilnahme
entgegenbringen, ist diesem Niederbruch leider gefolgt. Deutschland
ringt mit allen seinen Krften um seine Existenz, es ringt mit den
Krften seines Willens und seiner Arbeit und kmpft gegen seinen
Niederbruch an. Der Niederbruch Deutschlands aber ist der Niederbruch
Europas. Deutschland verlangt von niemand in der Welt Mitleid, aber
Deutschland verlangt die Einsicht der Nationen in die Einheit und in die
Verflochtenheit der Weltinteressen. Deutschland verlangt von den
Nationen der Welt die Mglichkeit der Aufstellung eines Arbeitsplanes
und die Mglichkeit einer Mitwirkung zu gemeinsamem Wiederaufbau. Eine
solche Mitwirkung aber lsst sich nicht durch Diktate erzwingen, sie
lsst sich nur durch ein freiwilliges, ehrliches, gutgewolltes
Zusammenarbeiten der Nationen erreichen, von denen es keine gibt, die
heute nicht der Hilfe bedrfte.

Wir aber, die wir gemeinsam mit Ihnen und in Ihrem Auftrag die
Verantwortung fr die Politik des Reichs tragen, wir kmpfen fr
dreierlei. Wir kmpfen fr die Existenz des Volkes, wir kmpfen fr die
Unversehrtheit und Einheit des Reichs, wir kmpfen fr den Frieden und
fr den Aufbau. Dieses Ziel ist uns allen gemeinsam. Es gibt nicht eine
Seele in diesem Hause, die sich davon ausschliesst. Deshalb lassen Sie
uns auch dieses Ziel in Einigkeit verfolgen!




REDE
VOR DER VOLLVERSAMMLUNG
DER GENUESER KONFERENZ
VOM 19. MAI 1922


Der Abschluss der provisorischen Arbeiten der Konferenz gestattet uns
einen Ueberblick ber die welthistorischen Leistungen der Konferenz, die
erst in den kommenden Jahren mehr und mehr hervortreten werden und fr
die Europa der Genueser Konferenz Dank schuldet. Es wre ein
unberechtigter Optimismus, zu hoffen, dass durch den Abschluss dieser
Arbeiten die Weltkrise sofort eine merkliche Linderung erfhrt. Eine
solche Besserung der allgemeinen Weltlage wird erst dann eintreten, wenn
eine Reihe von Prinzipien erfllt sind, die in den Beratungen der
Kommission mit immer wachsender Deutlichkeit hervortraten, wenn sie
vielleicht auch nicht ihren vollen Ausdruck in den niedergelegten
Leitstzen gefunden haben.

Indem ich mich an die der Konferenz gezogenen Grenzen auf das strikteste
halten werde, will ich versuchen, die vier grossen und unausgesprochenen
Wahrheiten darzulegen, die mir aus den Beratungen hervorzugehen scheinen
und die, wie ich glaube, unbedingte Voraussetzungen fr eine Gesundung
der Weltwirtschaft bilden. Die erste dieser Wahrheiten lautet: Die
gesamte Verschuldung der Lnder ist zu gross im Verhltnis zu ihrer
Produktionskraft.

Alle hauptschlichen Wirtschaftslnder sind in einen Verschuldungskreis
hineingezogen, der die meisten gleichzeitig zu Glubigern und Schuldnern
macht. Durch ihre Eigenschaft als Glubiger wissen die Staaten nicht,
wieviel sie von ihrem Guthaben erhalten werden, in ihrer Eigenschaft als
Schuldner wissen sie nicht, wieviel sie zahlen knnen und mssen.

Ueberhaupt kann kein Staat einen wirklichen Haushalt aufstellen, kein
Staat kann es wagen, sich in grosse umfangreiche Neueinrichtungen
einzulassen, die seine Wirtschaft verbessern und die dem Geldmarkt neue
Nahrung geben. Kein Staat kann auf eine gesicherte Stabilisierung seiner
Zahlungsbilanz und damit auf seine Wechselkurse vertrauen, mit Ausnahme
jenes einen grossen Reiches, das niemandem schuldet und Glubiger aller
ist, nmlich Amerika, ohne dessen Beteiligung der Wiederaufbau Europas
unmglich wird. Vor allem aber knnen den berschuldeten Lndern neue
Mittel, deren sie bedrfen, nicht zugefhrt werden, denn die
Ueberschuldung liegt vor aller Augen zutage, und so wenig ein freier
Glubiger bereit sein kann, Devisen zur Verfgung zu stellen, so wenig
darf ein berlasteter Schuldner es wagen, sie anzunehmen.

Auch in frheren Zeiten waren die Staaten untereinander verschuldet,
aber diese Schuld stand in einem Verhltnis zur Produktionskraft und
entsprach berdies werbenden Anlagen. Die heutige Verschuldung beluft
sich auf mehr, als die Staaten in Jahrzehnten ersparen und abzahlen
knnen. Sie ist somit eine finanzielle Realitt. Eine wirtschaftliche
Realitt aber ist ihnen so fern, als sie den Produktionsprozess der Welt
hemmt.

Es bleibt somit nur derjenige Weg brig, der von einzelnen
Wirtschaftsobjekten stets beschritten wurde, wenn ihre Verschuldung die
Produktionskraft berstieg, nmlich der Weg der Sanierung und des
Schuldabbaues.

Die zweite der ausgesprochenen Genueser Wahrheiten scheint mir zu liegen
in dem Satz, dass kein Glubiger seine Schuldner am Bezahlen der
Schulden hindern sollte. Wenn ein einzelnes Individuum einem anderen
Geld schuldet, so kann verlangt werden, da zur Auszahlung eine
vereinbarte Mnze verwendet wird, und es ist Sache des Schuldners,
solche Mnzen sich zu verschaffen, wie sie am Markte in jeglichem
Umfange stets erhltlich sind. Ein Land kann einem anderen auf die Dauer
seine Schulden nur in Gold bezahlen und, wenn es Gold nicht produziert
oder nicht in grsserem Umfange besitzt, in Gtern.

Eine Zahlung in Gtern aber ist dann nur mglich, wenn der Glubiger sie
gestattet. Verbietet er sie, so tritt Zahlungsunfhigkeit ein, und
erschwert er sie durch Zlle oder durch andere hindernde Massnahmen, so
wird der Betrag der Schuld willkrlich vermehrt; denn wenn um so viel
mehr Waren geliefert werden, als erforderlich ist, um die auferlegten
Lasten zu bezahlen, dann wird das Zahlungsmittel entwertet und somit die
Schuldsumme erhht.

Es sollte somit jedes Land, das Zahlungen zu empfangen wnscht, seinen
Schuldnern solche Erleichterungen der Einfuhr gewhren, die es ihm
ermglichen, den verschuldeten Betrag ohne unwillkrliche Erhhung zu
leisten.

Die dritte der Wahrheiten ist vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck
gekommen und ausgesprochen in dem Satz, dass die Weltwirtschaft erst
dann wieder hergestellt werden kann, wenn ein imponderabiler Wert wieder
gewonnen ist, nmlich das wechselseitige Vertrauen. Dieses Vertrauen
kann aber nur wiederkehren, wenn die Welt im wahren Frieden lebt.

Der heutige Zustand der Welt ist nicht Frieden, sondern ein Zustand, der
dem Kriege hnlich ist, jedenfalls ist es kein vollkommener Friede.
Leider ist in den einzelnen Lndern die ffentliche Meinung noch nicht
demobilisiert. Die Ueberreste der Kriegspropaganda zirkulieren noch
immer und belasten die Atmosphre. Jeder, der seine Mittel und seine
Arbeit einem Lande anvertraut, hat daher mit der Gefahr zu rechnen, dass
dieses Land binnen kurzem durch Verhltnisse hherer Gewalt, die nicht
in Naturereignissen, sondern in politischen Ereignissen liegen,
gefhrdet und verwandelt werden kann. Vor allem ist die Erkenntnis nicht
gesichert, dass ein Schuldner, zumal wenn er verarmt ist, der Schonung
bedarf, und dass er unfhig wird, zu leisten, wenn ihn die Mchte seiner
Mglichkeiten, namentlich seines Kredits, berauben. Dass dies
tatschlich die Imponderabilien sind, die den ehemals so grossen
Austausch des Produktions- und Konsumptionsverkehrs hemmen, geht aus der
Tatsache hervor, dass die Produktionsmittel der Welt nahezu vollkommen
erhalten sind. Selbst wenn man alle tief bedauerlichen Zerstrungen des
Krieges und vor allem der Nachkriegszeit in Rechnung zieht, darf man
annehmen, dass im gesamten Produktions- und Verkehrsapparat selbst mehr
als 90 Prozent erhalten sind. Die gewaltigen und tief beklagenswerten
Zerstrungen innerhalb des russischen Reiches greifen in den Welthandel
nur mit etwa 3 Prozent ein.

Trotz der grossen Menschenverluste des Krieges sind aber die
menschlichen Produktionskrfte fast vollstndig erhalten, denn sie
haben sich in starkem Umfange ergnzt. Wenn somit die Geldmaschinerie
nicht arbeitet, obgleich sowohl ihre Substanz wie ihre Triebkrfte fast
vollstndig erhalten sind, wenn auf der einen Seite Millionen von Hnden
feiern, auf der anderen Seite Millionen von Menschen hungern, wenn auf
der einen Seite unzhlige Gtermengen unverkuflich sich aufstapeln, auf
der anderen Seite an den gleichen Gtern der schwerste Mangel besteht,
so liegt das daran, dass die wechselseitige Verschuldung als
psychologisches Moment wirkt. Als weitere psychologische Momente sind
der mangelnde Friedenszustand und das mangelnde Weltvertrauen
bestimmend.

Wenn man sich nun fragt, ob es denn wirklich kein Mittel gibt, die
erschlafften Krfte des Weltaustausches neu zu beleben, die Maschinerie
der Weltproduktion von neuem in Bewegung zu setzen, so ergibt sich die
vierte der unausgesprochenen Thesen, nmlich die, dass nicht durch
irgend einen oder zwei Kufer, sondern durch das Zusammenwirken aller in
den konomischen und Weltproblemen neue Bewegung zugefhrt werden kann.

Wie sollte auch nach einem Zerstrungswerk sondergleichen die Welt
geheilt werden, wenn nicht smtliche Lnder der Erde sich dazu
entschliessen, gemeinschaftlich Abhilfe zu bringen. Durch ein
universelles Opfer der Welt und der leidenden Menschheit kann nur eine
leidende Welt geheilt werden. Niemals ist ein Wiederaufbau anders
gelungen als durch Aufwendung gewaltsamer neuer Mittel. Solche Mittel
werden nicht aufgebracht werden, solange ein jedes Glied der
Weltwirtschaft mit wenigen Ausnahmen berschuldet ist. Das erste Opfer
wird somit in dem allgemeinen Abbau des Verschuldungskreises zu suchen
sein. Das weitere Opfer besteht in der gemeinsamen Aufbringung grosser
neuer Mittel fr den Wiederaufbau, sei es auf dem Wege allgemeiner und
wechselseitiger Kredite, sei es auf anderen Wegen, deren Errterung zu
weit fhren wrde. Dass die Genueser Konferenz zur Errterung dieser
Fragen gefhrt hat, ist eine Tatsache, die in der Geschichte Europas
unvergessen bleiben wird.

Ein weiteres historisches Ergebnis der Konferenz erblickt die deutsche
Delegation in der Annherung des grossen, schwerbedrngten russischen
Volkes an den Kreis der besten Nationen. Durch manche Aussprachen hat
Deutschland sich bemht, zu einer Annherung der beiderseitigen
Gesichtspunkte beizutragen. Deutschland hofft, durch die Fortsetzung der
beiderseitigen Besprechungen das Werk des Friedens zwischen Ost und West
zu frdern.

Fr den Schutz, den Italien diesem Werk des allgemeinen Friedens gewhrt
hat, schuldet die Welt dieser hochherzigen Nation und ihren Fhrern den
tiefsten Dank. Die Geschichte Italiens ist lter als die der meisten
europischen Nationen. Auf diesem Boden sind mehr als einmal grosse
Weltbewegungen entstanden. Abermals und hoffentlich nicht vergebens
haben die Vlker der Erde ihre Augen und Herzen zu Italien erhoben in
der tiefen Empfindung, der Petrarca den unsterblichen Ausdruck verliehen
hat: Io v gridando Pace, Pace, Pace!




ANHANG




REDE, GEHALTEN AM 9. JUNI 1922
IN STUTTGART, VOR EINEM
GELADENEN KREIS
ALLER PARTEIEN


Der Herr Reichskanzler hat mit seinen beredten Worten den Kreis eines
Jahres vor Ihnen entrollt. Er hat seine Ausfhrungen begonnen mit der
Schilderung der Lage, in der sich unser Volk an den Tagen der Ultimaten
des letzten Jahres befand. Uns allen ist in Erinnerung die Hrte der
Worte, die damals gesprochen wurden, der unbelehrbare wirtschaftliche
Aberglaube, der aus diesen Worten sprach. Wir alle haben uns damals
gefragt, wie ist es mglich, von einem Volk zu verlangen, dass es 132
Milliarden als Kriegsentschdigung hingibt, mehr als die Hlfte seines
ganzen Vermgens, eine Zahlungsleistung in Gold, das dieses Land nicht
besitzt? Ist es mglich, dass jemals Vernunft ber den Erdball kommt und
den Irrsinn dieser Gedanken zerstrt? Wie lange wird es dauern, werden
Jahre oder Jahrzehnte vergehen bis zu dem Augenblick, wo die Erde
einsieht, dass es unmglich ist, diese Forderungen zu erfllen, auch
wenn Deutschland noch so gutwillig sich der Konvention der Historie
fgt, die besagt, dass der Besiegte zahlt. Nur schrittweise konnte die
Vernunft ihren Weg nehmen; kein Weg ist so lang, als der Weg der
Vernunft und der Weg der Wahrheit. Diesen Weg eines Jahres -- denn ein
Jahr hat es gedauert, bis die Welt vor einer vernderten Einsicht
stand --, diesen Weg eines Jahres lassen Sie uns in kurzen Abschnitten in
Eile noch einmal durchlaufen. Der erste aberglubische Gedanke im
Augenblick der Unterzeichnung jenes unglcklichen Ultimatums, der
Gedanke der ehemaligen Gegner war: Zahlungen knnen in beliebiger Hhe
von einem Land in Gold geleistet werden, das kein Gold erzeugt, und das
kein Gold besitzt. Es bedurfte der Arbeit von Monaten, die von
Verhandlung zu Verhandlung geschritten ist, -- der Name der Stadt
Wiesbaden ist mit diesen Verhandlungen verknpft, -- um zu erkennen,
dass, wenn Leistungen erheblichen Umfanges von einem Land an ein anderes
bewirkt werden sollen, nicht Gold das Zahlungsmittel sein kann, sondern
nur das Gut, die Ware. Der belehrende Charakter dieser Verhandlungen war
von Bedeutung. Noch heute sind die Vertrge, die damals unterzeichnet
wurden, nicht ratifiziert. Bis heute haben sie keine Wirkung gehabt auf
wirtschaftlichem Gebiet, aber ihre Wirkung auf dem Gebiet
wirtschaftlicher Einsicht war von hohem Wert. Ein Volk kann, wenn es
sein muss, fr ein anderes, fr einen Kontinent arbeiten, aber es kann
nicht mit dem alchimistischen Zaubermittel des Steins der Weisen Gold
aus Nichts schaffen.

Die Erkenntnis ging weiter. Im Herbst, als ich aus dem
Wiederaufbauministerium ausgeschieden war, benutzte ich die Zeit der
Freiheit, um nach England zu gehen, dort die Stimmung zu erkunden und,
soweit es dem einzelnen mglich ist, dieser Stimmung Aufklrungen
zuzufhren, die wnschenswert erschienen. Damals war in England eine
Auffassung im Aufdmmern, die einen Fortschritt wirtschaftlicher
Erkenntnis bedeutete. Man hatte begriffen, dass, wenn ein Land im
Uebermass unter Zwang, unter erschwerten Bedingungen Arbeit leistet fr
einen Kontinent, eine Arbeit, die man kaum zu hart mit dem Ausdruck der
Gefngnisarbeit bezeichnen knnte, dass dadurch nicht allein dieses Volk
geschdigt wird, sondern mit ihm die Gemeinschaft der wirtschaftenden
Vlker der Erde. Diese Erkenntnis stieg auf in demjenigen Lande, das
zuerst und zumeist vom Schaden betroffen war, nmlich in England. Man
bemerkte, dass die Zerrttung der Mrkte dasjenige Land am schwersten
schdigen musste, das als Kaufmann, als Handwerker, als Fabrikant dieser
Mrkte bedurfte, um seinen Beitrag zum Wirtschaftsleben der Welt zu
leisten. So entstand die Einsicht, dass nicht ein einziges Land imstande
sein wrde, die Krankheit eines geschlagenen Kontinents zu heilen,
sondern dass eine wirtschaftliche Verflochtenheit bestand, eine
unlsbare Einheit, und dass jedes Glied, das aus dieser Einheit
ausfllt, sei es Ruland als Konsument, sei es Deutschland als
Produzent, dass jedes fehlende Glied die Weltgemeinschaft schdigt. Bei
den Fhrern der englischen Politik befestigte sich der Gedanke, eine
wirtschaftliche Weltkonferenz zusammenzuberufen.

Die Beschlussfassung ber die Berufung war Sache des Obersten Rats der
Alliierten. Er versammelte sich in Cannes, und dort war es zum ersten
Male den deutschen Vertretern mglich, unsere Gesamtlage vor dem
Areopag der Welt zu entwickeln. In Cannes wurde es deutlich, dass das
deutsche Problem die europische Wirtschaftslage beherrschte, und neben
diesem deutschen Problem, in fernere Zukunft weisend, trat das russische
Problem hervor. Kaum hatte man endgltig beschlossen, die
Wirtschaftskonferenz einzuberufen, da brach die Konferenz von Cannes ab,
denn ein Regierungswechsel hatte sich in Frankreich vollzogen, die
Regierung Briands wurde durch die Regierung Poincar abgelst.
Monatelang zweifelte man, ob es der auftretenden Opposition gelingen
wrde, den Gedanken der Weltkonferenz zu zerstren oder zur
Unkenntlichkeit umzugestalten. Schliesslich kam sie zustande, doch unter
Erschwernissen. Denn es hatten Besprechungen stattgefunden in Boulogne,
und in diesen Besprechungen war von England dem franzsischen Wunsch
stattgegeben worden, dass die Konferenz, die einberufen war zur Heilung
des Leidens des Kontinents, dass diese Konferenz ber eins nicht
sprechen durfte: nmlich ber das Wesen und die Ursache dieses Leidens.
Es durfte nicht gesprochen werden ber die Kernfrage, die deutsche
Frage, die Reparationsfrage. Der Herr Reichskanzler hat es Ihnen
dargelegt: strassauf, strassab in Genua war dennoch alles erfllt von
dieser Frage. So kam es denn, dass neben der ungelsten russischen
Frage, die einer Sachverstndigenkonferenz vorbehalten werden musste,
doch eine Reihe von Erkenntnissen sich klrte, die freilich in den
Kommissionssitzungen nur andeutungsweise besprochen werden durften. Doch
gab es eine Schlusitzung, und in dieser konnte es den deutschen
Delegierten nicht verwehrt werden, die Kernprobleme ans Licht zu stellen
und die Nationen zu fragen: ja oder nein. Soweit eine Konferenz, ein
berfllter Saal, ein Welttheater, eine Antwort auf solche Fragen geben
darf, wurde sie gegeben. So lauteten etwa unsere Fragen: Kann ein
Kontinent gesunden, wenn jede Nation der andern tief verschuldet ist?
Kann eine Nation sich regen, wenn sie gleichzeitig berlasteter
Glubiger und hoffnungsloser Schuldner ist? Kann eine Kette von
Glubigern und Schuldnern ein wirtschaftliches Dasein fhren, wenn am
einen Ende der Kette ein grosses Reich, Amerika, steht, das niemandem
schuldet, und am anderen Ende unser armes Land, das von niemandem etwas
zu fordern hat? Die Antwort ist: Ein solcher Kreis der Weltverschuldung
muss zerschnitten werden. Und in diesem Kreis der Weltverschuldung ist
das deutsche Reparationsproblem nur ein Spezialfall der Verschuldung von
Volk zu Volk. Des weiteren konnte nicht geleugnet werden, dass dem
Schuldner, der zahlen soll, die Zahlung nicht unmglich gemacht werden
darf. Da Zahlung nur in Waren geleistet werden kann, so ist diejenige
Politik widersinnig, die der Ware des Schuldnerlandes den Eingang ins
Glubigerland verschliesst, es ist widersinnig, gleichzeitig die Mauer
des Antidumping, des Prohibitivzolls, zu erhhen, und gleichzeitig zu
verlangen, dass die zu entrichtende Ware diese Dmme berschwemmen soll.
Auch diese Erkenntnisse tauchten in Genua auf: dass ein Wiederaufbau der
Welt, wenn man ihn ernst ins Auge fasst, wenn der Begriff nicht zum
Gemeinplatz zerfliessen soll, dass ein solcher Wiederaufbau nur mglich
ist durch Opfer. Dass er nicht mglich ist durch das Opfer des einen
oder des anderen Volkes, sondern dass smtliche Vlker beitragen mssen.
So wie smtliche Vlker sich durch diesen furchtbaren Krieg in Schuld
begeben haben, so mssen smtliche Vlker der Erde gemeinsam Opfer
bringen, um die Folgen dieses Krieges zu mildern. Deshalb war es ntig,
auszusprechen: nicht ein einzelnes Volk kann Europa heilen, sondern die
Vlker mssen zusammentreten und gemeinschaftlich wirken, sie mssen
sich nicht damit begngen, die Abbrdung dieser Weltschuld vorzunehmen,
sie mssen dafr sorgen, dass neue Mittel beschafft werden. Denn zu
jedem Aufbau gehren Mittel. Man kann nicht bauen aus Luft und Wolken.
Wer baut, braucht Materialien und muss diese Materialien in Werten
beschaffen. Werte aber freiwillig darbieten, heisst Opfer bringen.

Neben diesen wirtschaftlichen Problemen war die Atmosphre Genuas
erfllt von den Problemen Russlands. Die Wiederverbindung des Ostens und
Westens ist eine der grossen Aufgaben der knftigen europischen
Politik. Es ist ntig, dass ein Kontinent wie Russland, ein Land von
solchem Umfang, solcher Menschenzahl, solchen ungehobenen Schtzen
wieder erschlossen wird. Es ist ntig, dass es dem wirtschaftlichen
Komplex des Westens wieder angegliedert wird. Den Mchten der Entente
ist das bisher nicht gelungen. Die Arbeit ist verschoben auf den Haag,
und wir werden im Haag nicht teilnehmen. Wir drngen uns nicht dazu, an
einer Arbeit teilzunehmen, die andere fr sich leisten und in anderer
Art. Wir haben unserseits einen eigenen Weg beschritten, den Weg des
reinen, freien, vergebenden Friedens. Wir haben diesen Weg beschritten
zum Zwecke des Aufbaues einer neuen Zukunft mit einem Lande, das ebenso
schwere Schicksalsschlge erlitten hat, wie wir. Ob mit oder ohne eigene
Schuld, lasse ich dahingestellt. Mit einem solchen Land kann man nicht
abrechnen, wie mit einem schlechten Schuldner. Man kann und soll mit ihm
zusammenwirken in dem Augenblick, wo seine Not am grssten ist. Man hat
uns den Vorwurf gemacht, wir htten Rapallo im unrichtigen Moment
abgeschlossen. Ja gewiss, wenn an einer Tatsache nicht zu mkeln ist, so
bleibt wenigstens die Kritik: An sich gut, aber es htte nicht am
Montag, sondern es htte am Dienstag oder Mittwoch sein sollen. Wir
mussten den Vertrag abschliessen in dem Augenblick, wo wir erkannten,
dass die Westmchte unseren berechtigten Wnschen nicht gerecht wurden,
wo anderseits die vertraglichen Bestimmungen fr uns sich fgten und
anderseits der Wunsch der Gegenpartei nach Verstndigung lebendig wurde.
Wir rechnen nicht in der Politik mit Dankbarkeit. Frhere Politik, die
sich vielfach auf Dankbarkeit gegrndet hat, ist stets enttuscht
worden. Aber mit Realitten und Tatsachen der Vergangenheit zu rechnen,
ist kein Fehler, und es ist eine Realitt, wenn eine Verbindung
abgeschlossen wird von Vlkern, die sich die Hnde reichen, um in
Frieden und Freundschaft zu leben.

Im Haag werden wir nicht beteiligt sein. Denn wir haben unsere
Verhltnisse zum Osten geregelt. Wir werden die Arbeit der brigen mit
aufrichtigem Wohlwollen verfolgen. Wir werden die Ttigkeit, die wir
schon in Genua ausgebt haben, weiterhin ausben, die Ttigkeit der
Vermittlung, aber nur dann, wenn es gewnscht wird. Denn wir drngen uns
niemand auf. In Genua hat man es gewnscht, und wir sind diesem Wunsch
gefolgt. Wird es im Haag nicht gewnscht, so bleiben wir abseits. Wir
wnschen von Herzen, dass die Staaten mit gutem Erfolg vom Haag
heimkehren. Wir neiden niemand eine Verbindung. Wir wollen keine
Monopole, kein Alleinrecht. Wir wollen nichts weiter, als dass die
Verbindung zwischen Osten und Westen wiederhergestellt wird. Wir wollen,
dass die Verbindung so hergestellt wird, dass auch wir dem stlichen
Volk die Hand reichen. Wenn ich von diesem Handreichen spreche, so
meine ich freilich nicht, dass wir uns einem Gedankenkreis verschreiben,
der nicht der unsere ist. Russland lebt unter einem Wirtschaftssystem,
das sich von dem unseren unterscheidet. Wir haben dieses
Wirtschaftssystem nicht zu kritisieren. Vielleicht wird Russland es
allmhlich umgestalten. Wir glauben, dass es heute in voller
Umgestaltung begriffen ist. Wir haben unseren Frieden geschlossen nicht
mit einem System, sondern mit einem Volk, und wir haben ihn geschlossen
durch die Menschen, die in diesem Augenblick dieses Volk vertreten.
Welche Wirtschaft sie betreiben, bekmmert uns nicht. Wir werden ihnen,
soweit wir knnen, und soweit sie es wnschen, wirtschaftlich zur Seite
stehen, mit wirtschaftlicher Initiative, mit Erfahrung und Kenntnis des
Landes, mit den organisatorischen Fhigkeiten des deutschen
Wirtschaftsmanns, mit den Einsichten des deutschen Gelehrten. Wir werden
uns ihnen weder verschliessen, noch aufdrngen, sondern wir werden sie
nach ihrer Fasson selig werden lassen. Wir hoffen aufrichtig, dass sie
sich zu einem Wirtschaftssystem fgen, das sich mit dem europischen
Wirtschaftssystem ergnzt. Wir selbst nehmen darauf einen Einfluss
nicht.

Das ist die Etappe von Genua. Die Etappe vom Haag liegt in der Zukunft.
Nun noch ein Wort von derjenigen Etappe, die sich in diesem Augenblick
abspielt: Die Etappe Paris. Die reifende Einsicht des Jahres 1921 haben
wir berblickt. Es ist die Einsicht, die unter Politikern entstand. Zum
erstenmal treten nunmehr in Paris Wirtschaftsmnner zusammen, Bankiers
aus den europischen und amerikanischen Staaten, und beraten ber Dinge
materieller Ordnung. Diese Dinge sind auf der einen Seite die
Kreditwrdigkeit unseres Landes, auf der anderen Seite die
Durchfhrbarkeit von Vertrgen, auf der dritten Seite die Mglichkeit
der Unterbringung von Anleihen. Eine Spannung hlt die Welt in Atem:
Welche Entscheidung wird getroffen werden? Ich glaube nicht, dass diese
Entscheidung das Wesentliche ist. Mag es eine grosse oder eine kleine,
oder mag es gar keine Anleihe sein. Gleichviel! Der Schritt, den dieses
Komitee getan hat, kann nicht rckgngig gemacht werden. Dieser Schritt
aber ist der bedeutendste in der wirtschaftlichen Einsicht der Welt seit
1 Jahren, denn er fhrt zu der Tatsache: Dasjenige, was im Londoner
Ultimatum festgesetzt ist, ist undurchfhrbar, und damit ist der Kreis
der Erkenntnis geschlossen. Damit hat das Experiment dieser
schwierigsten aller europischen Fragen, dieses gefahrvollste und
tragischste Experiment seinen intellektuellen Abschluss gefunden. Auf
die Frage des Ultimatums von 1921 erfolgt die Antwort der Kommission von
1922. Die Frage lautet: Sind 132 Milliarden von Deutschland erhltlich?
und die Antwort lautet: Nein. Ob nun diese Antwort sich besiegelt durch
das praktische Mittel der oder jener Massnahme, der oder jener Anleihe
scheint mir nicht entscheidend. In wenigen Tagen werden wir wissen, ob
nun das praktische Resultat sich anschliesst dem Resultat der
Erkenntnis. Das Resultat der Erkenntnis aber ist das entscheidende.

Ueberblicken wir den Lauf dieses Jahres, vergegenwrtigen wir uns, wie
auf die grosse Frage des Ultimatums immer klarer und deutlicher die
negative Antwort emporwchst, so drfen wir auf der anderen Seite die
Kritik unseres Landes nicht unbercksichtigt lassen. Man ist nicht milde
umgegangen mit unserer Politik dieses Jahres; der Herr Reichskanzler
kann manches davon erzhlen, und jeder einzelne von uns. Wir sind einer
jeden Kritik zugnglich, die uns sagt, nicht so msst ihr es machen,
sondern anders. Aber niemand wird dem Staatsmann helfen und dem Lande
ntzen durch eine Kritik, die lediglich sagt, ganz anders httet ihr es
machen mssen, aber wie, das bleibt unser Geheimnis. Hufig ist uns
gesagt worden: Politik des Widerstandes! Der bedeutendste und
erfolgreichste Staatsmann Europas hat uns auf unsere Frage eine Antwort
gegeben, als wir ihm sagten: Wir haben es in diesem Jahr erleben mssen,
dass eine furchtbare Teuerungswelle ber unser Land hereingebrochen ist,
wir haben es erleben mssen, dass der Mittelstand die schwersten Leiden
zu erdulden hat, wir haben es erleben mssen, dass die fremden
Zahlungsmittel auf das Vielfache ihres Werts gestiegen sind. Es ist uns
manchmal der Zweifel gekommen, ob wir unter diesen Umstnden nicht
htten sagen sollen: Widerstand, es koste, was es wolle. Ich will die
Worte nicht zitieren, die wir gehrt haben, aber aufs Tiefste ist unsere
Ueberzeugung besiegelt worden, dass die Politik, die wir trieben, die
einzige gewesen ist, die es ermglicht hat, whrend dieses schwersten
Jahres des neuen Friedens die Einheit des Reiches zu erhalten. Keine
andere Politik kann uns genannt werden, die das Gleiche ermglicht
htte: Erhaltung der Einheit und des Bestandes. Die Bestrebungen, die
uns bedrohten und bedrohen, beziehen sich nicht nur auf die Zerreissung
des Landes, sie beziehen sich auch auf seine weitere Schmlerung,
nachdem dieses Land durch den unglcklichsten aller Vertrge schon so
viel von seinem Boden und seinen Menschen verloren hat. Unser Land
ungeschmlert zu erhalten, unser Land und Volk als Einheit zu erhalten,
ist das Ziel, das wir erkmpfen. Wenn gesagt worden ist, das kleinere
Uebel gegenber gewissen Wirtschaftsgefhrdungen sei die Neubesetzung
von rheinischem Land durch fremde Truppen, so sagen wir: Nein, der
Meinung sind wir nicht. Deutsches Land soll nicht hergegeben werden, die
deutsche Einheit soll nicht gefhrdet werden. Der Kanzler hat es Ihnen
gesagt und ich mchte es wiederholen: Wehe uns, wenn wir die
Vergangenheit unseres Volkes vergessen, wehe uns, wenn wir seine grosse
Geschichte vergessen und das, was seine grosse Geschichte uns
hinterlassen hat. Das bedeutet nicht, dass wir jedes einzelne billigen,
was im Laufe der Generationen geschehen und geworden ist, aber es
bedeutet, dass wir an dem grossen Vermchtnis festhalten, das das
Endergebnis der modernen deutschen Geschichte bildet: die Vereinigung
Deutschlands in seinen Stmmen. Dieser Einheit werden wir nachleben und
ihr haben wir zu dienen. Vergessen wir nicht, was von vielen einzelnen
und manchmal von Parteien vergessen wird, die zu glauben meinen, wir
htten den Krieg gewonnen. Nein, leider nicht. Diesen Krieg, den
grssten aller Kriege, haben wir verloren. Vergessen wir nicht, was das
bedeutet, und vergessen wir nicht aus unserer grossen Geschichte, was es
bedeutet hat, wenn in frheren Zeiten Kriege verloren wurden, die nicht
den zehnten Teil so schwer, so hart und gefahrvoll waren, als dieser
Weltkrieg. Vergessen wir nicht, vor welchen Gefahren wir gestanden haben
und vor welchen Gefahren wir stehen. Und wenn einmal in hundert Jahren
die Geschichte dieser Epoche geschrieben werden wird, dann wird man mit
Sorgfalt fragen: Wo wurden die ersten Fden angeknpft, wie war es
mglich in einer Welt, die vergiftet war von Hass, auf einem Planeten,
der zum Himmel flammte in gegenseitiger Rachsucht, wie war es mglich in
dieser Welt der Zerstrung und der Zwietracht, die ersten Fden zu
fgen? Die Antwort wird sein: Das deutsche Volk hat sie gefgt durch
seine Geduld, durch seine Tatkraft, durch seinen positiven Willen, durch
seinen Idealismus, durch seinen Opfersinn. Das wird das Urteil der
Weltgeschichte ber diese Epoche sein, die wir durchleben. Mag die
Kritik des Tages uns verlstern: wir glauben aus tiefster Ueberzeugung,
dass es keinen anderen Weg gibt, als den, den wir beschritten haben, um
die deutsche Einheit in die Zukunft zu retten und fr alle Zeit zu
stabilisieren. Dass wir daneben nicht passiv gewesen sind whrend der
ganzen Dauer dieses Jahres, haben wir Ihnen dargelegt. Zweifellos ist
es, dass, wenn ein Volk leben soll, es nicht leben kann lediglich in
einer einzigen Eigenschaft, in der Eigenschaft als Schuldner. Es muss
sich wieder bewegen, es muss neue Krfte sammeln, es muss seiner
Wirtschaft neue Anknpfungen bieten, es muss den Geist auf neue Probleme
lenken. Deswegen glaube ich, dass unsere Politik darin nicht versagt
hat, wenn sie den Versuch gemacht hat, wieder zu einer Aktivitt zu
kommen.

Hiermit verlasse ich das Gebiet der praktischen Politik. Die praktische
Politik dieses Jahres haben wir durchlaufen. Sie war nicht verloren. Der
Krieg war zu schwer und die Zeit von drei Jahren ist sub specie
saeculorum zu kurz, um ein neues Reich an die Stelle des verlorenen
alten zu setzen. Aber wenn wir einheitlich bleiben, wenn wir die
Gegenstze, die uns trennen, zurckstellen in dem Augenblick, wo die
grossen Idealfragen unseres Landes zur Sprache kommen, -- denn was trennt
uns? Interessen und Konventionen trennen uns, und ber Interessen kann
man hinweg und ber Konventionen soll man hinweg, soweit man nicht
Krfte und Ideale aus ihnen schpfen kann -- wenn wir ber den groen
Fragen, die uns einen, die Fragen vergessen, die uns trennen, so werden
wir imstande zu einer einheitlichen Aussenpolitik sein. Gestatten Sie es
einem rein praktischen Politiker, gestatten Sie es demjenigen, dem die
Aufgabe obliegt, gerade in diesem Augenblick das Werk der Vertrge, das
Werk der Beziehungen zu pflegen, gestatten Sie in diesem Augenblick das
Wort auszusprechen: Nicht Verhandlungen machen uns gesund und nicht
Vertrge, sondern die Gesundheit eines Volkes kommt nur aus seinem
inneren Leben, aus dem Leben seiner Seele und seines Geistes. Dieses
Leben ist gefhrdet, aber es ist nicht zu Tode getroffen. Es gibt
vieles, was unser seelisch-geistiges Leben schdigt -- ich brauche nur
an das zu erinnern, was wir in unseren grossen Stdten und an anderen
Stellen im Lande sehen --, aber unser seelisch-geistiges Leben ist in
seinen Tiefen gesund. Noch immer lebt dieser Wille zur Arbeit, zur
Disziplin, zur Organisation, zur Forschung, noch immer lebt der Wille
zur Hingebung und zum Opfer, zur Betrachtung der Erscheinung im grossen
Bogen der Synthese und Zusammenfassung; noch immer sind die grossen
Krfte des Geistes und Herzens ungebrochen und unberhrt. Unserer Jugend
haben wir diese Krfte zu bergeben, sie ist die Trgerin und Pflegerin
dieser Krfte, und wir wollen hoffen, dass sie diese grsste und
schwerste Verantwortung der Gegenwart erfllt. Manches wird sie in
diesem Fall abzustreifen haben, denn nicht aus dem Kampfe des Tages
erwachsen diese Krfte; diese Krfte erwachsen aus der Versenkung und
Vertiefung. Deswegen lassen wir unsere Jugend nicht untergehen in den
Kmpfen des Tages, weisen wir sie hin auf die grossen Ideale der
Vergangenheit und fhren wir sie zu den Idealen der Zukunft.

Ich glaube, da ein solcher Hinweis auf das Gebiet des Geistes in Ihrem
Lande verstanden werden muss. Wenn wir aus dem Norden zu Ihnen kommen,
wenn wir diese bekrnzte Stadt erblicken, so geht uns das Herz auf. Der
grsste aller grossen schwbischen Snger hat das unsterbliche Wort
gedichtet: O heilig Herz der Vlker, o Vaterland! Dieses heilige Herz
fhlt man nirgends strker pochen als in Ihrem beseeligenden und schnen
sddeutschen Gau. Als ich heute nachmittag auf der Suche nach dem, was
ich einer erlauchten Versammlung wrde sagen drfen, durch die Wlder
fuhr, die grngolden Ihre Stadt umsumen, da habe ich es in der Tiefe
des Herzens empfunden: diese ehrwrdigen Buchen werden von ihren Hgeln
noch einmal herniederblicken auf eine freie glckliche Stadt. Und als
ich dann zu jenem Gipfel kam, der von einem kleinen Schlsschen gekrnt
ist, das Solitude heisst, wo ein unendlicher Fernblick ber das Land
nach Norden sich auftut und das Auge versinkt in der blauen Ferne, da
habe ich, wie lange nicht, das Gefhl erlebt: von dieser Stelle aus wird
man nicht nur in eins der schnsten, nein, auch in eins der
glcklichsten Lnder blicken, in einer Zukunft, die unsere Nachfahren
erleben werden. Wir aber, die wir vom Norden kommen, aus Staub und
Nebel, von harter Arbeit und schwerer Verantwortung, uns ist es ein
Dank und eine Freude, wenn wir an diesem heissen Busen Ihres Landes fr
Tage oder fr Stunden Gesundheit, Freude und Hoffnung trinken knnen.
Deswegen gewhren Sie uns diese Gastfreundschaft, so oft wir zu Ihnen
kommen, und kommen Sie zu uns, um das Band zwischen Nord und Sd zu
flechten, zu unauflslicher und ewiger Dauer.




REDE, GEHALTEN AM 13. JUNI 1922
IN BERLIN, IN DER
DEUTSCHEN GESELLSCHAFT VON 1914


Der Anla, der uns heute zusammenfhrt, ist das unmittelbar
bevorstehende Erscheinen der ersten sechs Bnde aus den diplomatischen
Akten des Auswrtigen Amtes. Die Wichtigkeit dieses Ereignisses liegt
fr jedermann klar zutage.

Ueber den wissenschaftlichen Wert der ganzen Publikation werden berufene
Gelehrte zu urteilen haben. Es handelt sich jedoch bei dem Werke, dessen
erster Abschnitt jetzt abgeschlossen vorliegt, nicht nur um eine Arbeit
im Dienste der Wissenschaft, nicht nur um einen unschtzbar wertvollen
Beitrag zur Kenntnis der europischen Geschichte der letzten Jahrzehnte,
sondern es handelt sich zugleich um eine ethische Tat des deutschen
Volkes, ber deren Inhalt ich einiges sagen mchte.

Wie kam die Aktensammlung zustande? Die Vorgeschichte lsst sich mit
wenigen Worten berichten: Vor ungefhr zwei Jahren fasste die deutsche
Regierung den Beschluss, das gesamte Material ber die deutsche Politik
vor dem Weltkriege der Oeffentlichkeit zu unterbreiten. Sie wurde dabei
von dem Gedanken geleitet, dass von unserer Seite alles bekannt gegeben
werden sollte, was zur Aufklrung ber die Entstehung der grossen
Katastrophe von 1914 dienen kann. Die ngstlich berwachten Schranken
des diplomatischen Geheimnisses sollten umgestossen, die verschwiegenen
Siegel sorgfltig verborgengehaltener Dokumente gebrochen, und
rckhaltlos sollten die in den Archiven des Auswrtigen Amtes ruhenden
Akten ans Licht des Tages gezogen werden. Der Entschluss wurde zur
Wirklichkeit. Drei Gelehrte, deren einwandfreie Sachlichkeit als
zweifellos dasteht, wurden mit der Lsung der grossen Aufgabe betraut,
und heute legen sie uns den verheissungsvollen Anfang ihrer mhevollen
Ttigkeit vor, fr die Deutschland ihnen tiefen Dank schuldet.

Die kurze Vorgeschichte, die ich hier skizziert habe, zeigt, dass ber
dem ganzen Werke eigentlich als Motto die Worte stehen sollten: Im
Dienste der Wahrheit. Denn das ist in der Tat das Leitmotiv, das ihm
zugrunde liegt. Das deutsche Volk will an seinem Teile die ganze
Wahrheit ber die Genesis des Weltkrieges enthllen. Es erscheint ihm
dies nicht nur fr das eigene Gewissen und aus einem wohlverstandenen
Nationalgefhl heraus notwendig, sondern auch fr die ganze Menschheit.
Wir wissen alle, dass seit dem Weltkrieg die dunklen Mchte des Hasses,
der Verdchtigung, des Misstrauens, der Anklage und der Beschuldigung
die internationale Atmosphre vergiften. Wir Deutsche haben es ganz
besonders stark erfahren mssen, dass diese dunklen Mchte in das
Getriebe der Politik bestimmend eingegriffen haben und ihre bsen
Wirkungen, die uns im Weltkrieg in furchtbarer Deutlichkeit vor Augen
traten, auf diese Weise zu verewigen drohen. Das gerade ist es, was im
Namen der Menschheit verhtet werden muss.

Man spricht heute -- und mit vollem Recht -- berall von der grundlegenden
Bedeutung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus von Europa. Hand in Hand
damit muss aber eine vielleicht noch schwerere und sicher nicht minder
wichtige Aufgabe gelst werden, die ich den geistigen Wiederaufbau
Europas nennen mchte. Und sie besteht in der allmhlichen Ueberwindung
eben jener Mchte des Hasses, der Verdchtigung, des Misstrauens, der
Anklage und der Beschuldigung, die ich oben erwhnt habe. Das Bestreben
der Besten muss darin bestehen, dass wir in Europa wieder reine Luft
atmen knnen, eine Luft, die befreit ist von jener dumpfen Schwle, die
seit dem Kriege und auch mehrere Jahre vorher schon geherrscht hat.

Es ist klar, da dieses Ziel nur erreicht werden kann, wenn jeder
rcksichtslos mit sich selbst ins Gericht geht, um dadurch einen Beitrag
zu der gewaltigen Aufgabe des geistigen Wiederaufbaus zu leisten.

Das deutsche Volk, das durch das Diktat von Versailles auf die
Anklagebank gezwungen wurde, hat mit dem Werke, das nun zu erscheinen
beginnt, den Anfang gemacht. Es hat es verschmht, seine Geheimnisse zu
verstecken und hat seinen restlosen Willen zur Wahrheit bekundet.

Die ersten sechs Bnde bilden ein Ganzes fr sich. Sie behandeln die
Zeit von 1870 bis 1890, also jene Epoche, whrend deren die Leitung der
politischen Geschicke des deutschen Volkes in der Hand des ersten
Reichskanzlers, Frst Otto von Bismarck, lag. Damals stand Deutschland
auf der Hhe der Macht, und wir sehen aus den verffentlichten Akten,
dass es diese Macht niemals missbraucht hat, um den Frieden in Europa zu
gefhrden, sondern dass es sie im Gegenteil dazu verwandte, um ihn
berall, wo es mglich erschien, zu erhalten. Das ganze Bndnissystem
Bismarcks war auf diesem Grundgedanken aufgebaut und bietet, unter
diesem Gesichtspunkt betrachtet, das Bild eines einheitlichen
Kunstwerkes. Das ist eine Feststellung, die jeder objektive Leser machen
wird, und wir knnen uns im Hinblick auf sie nur wnschen, dass die
Wahrheit, der wir als Tribut entrichten, was uns zur Verfgung steht,
sich unaufhaltsam Bahn bricht und allmhlich alle Hindernisse beseitigt,
die sich ihr heute noch in den Weg stellen.

Der Weg der Wahrheit ist lang. Er ist um so lnger, als ein Mangel an
europischem Interesse die Fragen, die uns Lebensfragen sind, als
gelst, das Urteil der Geschichte als gesprochen anzusehen sich gewhnt
hat. Ein Urteil kann nur gesprochen werden von einem vollgltigen
Tribunal. Unser Suchen und Werben um Wahrheit aber wird nicht ruhen, bis
im Namen der Geschichte ein befugtes Tribunal seinen Spruch gefllt hat.





REDE
VOR DEM REICHSTAGE
AM 21. JUNI 1922


Die Interpellation Stresemann[1] habe ich die Ehre wie folgt zu
beantworten:

Unter dem Ausdruck Neutralisierung kann man zwei rechtlich vllig
verschiedene Begriffe verstehen. Soweit darunter zu verstehen ist das
Verbot fr Deutschland, innerhalb der Rheinlande stndig oder zeitweise
militrische Streitkrfte zu unterhalten oder zu sammeln oder daselbst
Befestigungen beizubehalten oder anzulegen, so hat die dahingehende
Forderung bereits in den Art. 42 und 43 des Vertrages von Versailles
ihre Verwirklichung gefunden.

Sollte unter der Neutralisierung der Rheinlande die Schaffung eines
neutralen Pufferstaates verstanden werden, so ist dem entgegenzuhalten,
dass die Rheinlande auch nach dem Vertrage von Versailles ein
integrierender Bestandteil des Deutschen Reiches und des preussischen
Staates geblieben sind. Der Vertrag von Versailles enthlt in der langen
Reihe seiner Artikel nicht eine Bestimmung, auf die sich irgendeine
Signatarmacht dieses Vertrags bei Erhebung einer dahingehenden Forderung
sttzen knnte. Eine solche Forderung knnte also nur unter
Vertragsbruch verwirklicht werden. Bisher ist noch von keiner Seite ein
Ansinnen dieser Art an die deutsche Regierung herangetreten. Auch sonst
liegen der deutschen Regierung, abgesehen von unbeglaubigten
Zeitungsmitteilungen, keine Nachrichten vor, die auf eine derartige
Absicht schliessen lassen knnten.

Namens der Reichsregierung habe ich die Erklrung abzugeben, dass sie
niemals fr irgendwelche Zugestndnisse, und mgen sie noch so gross
sein, dafr zu haben ist, das Rheinland, das whrend der Besatzungszeit
so oft seinen unerschtterlichen Willen zum Festhalten am angestammten
Vaterland bewiesen hat, preiszugeben oder seinen Bestand schdigen zu
lassen.


Die Interpellation Lauscher[2] bezglich der Eisenbahnen habe ich die
Ehre, wie folgt zu beantworten:

Am 25. Mai hat die Botschafterkonferenz eine von dem franzsischen
Ministerprsidenten unterzeichnete Note an die deutsche Regierung
gerichtet, in der sie die sofortige Einstellung einer Reihe im Gang
befindlicher Bahnbauten sowie die allmhliche Beseitigung gewisser
Eisenbahnanlagen im linksrheinischen Gebiet verlangt. Sie sttzt diese
Forderungen auf Art. 43 des Vertrages von Versailles, der die
Beibehaltung aller materiellen Vorkehrungen fr eine Mobilmachung in
jenen Gebieten untersagt. Die Botschafterkonferenz vertritt den
Standpunkt, dass die Bahnlinien, deren Einstellung sie fordert,
strategische Linien und die Anlagen, deren Zerstrung sie verlangt,
militrische Anlagen seien. Sie hat es fr ntig gehalten, mit
besonderem Nachdruck zu betonen, dass alle in ihr enthaltenen
Entscheidungen auf Grund eingehender Untersuchungen so getroffen seien,
dass die wirtschaftliche Leistungsfhigkeit des rheinischen
Eisenbahnnetzes durch sie in keiner Weise vermindert wird. Die
Botschafterkonferenz stellt ferner mit Genugtuung fest, dass die
Einstellung der im Gang befindlichen Arbeiten es Deutschland erlauben
werde, die dafr ausgeworfenen bedeutenden Ausgaben zu ersparen und
damit seine finanzielle Lage zu verbessern.

So lebhaft die deutsche Regierung jede Gelegenheit begrsst, die
Finanzen Deutschlands zu heben, so vermag sie doch die Genugtuung der
Botschafterkonferenz ber die ihr gebotene Mglichkeit nicht zu teilen.

Denn einmal bergeht die Botschafterkonferenz mit Stillschweigen, dass
ber den Ersparnissen, die sich aus der Einstellung der im Gang
befindlichen Arbeiten ergeben, Hunderte von Millionen an Ausgaben
stehen, die fr die geforderten Zerstrungsmassnahmen vllig unproduktiv
aufgewendet werden mssen.

Zweitens trifft die Annahme der Note, dass es sich bei den
einzustellenden Arbeiten und den zu beseitigenden Anlagen
ausschliesslich um militrische, fr die deutsche Wirtschaft
gleichgltige Einrichtungen handele, in keiner Weise zu.

Die deutsche Regierung weiss, dass der Vertrag von Versailles ihr
verbietet, im besetzten Gebiet irgendwelche stndigen Vorkehrungen zu
unterhalten, die dem Zweck der Mobilmachung zu dienen bestimmt sind. Sie
beabsichtigt nicht, sich dieser Verpflichtung zu entziehen und sie wird
die vorhandenen Anlagen, soweit sie wirklich militrischer Natur sind,
pflichtgemss zerstren lassen, soweit dieses Verlangen allen
konomischen Erwgungen zum Trotz aufrechterhalten werden sollte. Dass
sie nicht daran denkt, neue Anlagen dieser Art zu schaffen oder
begonnene fortzufhren, ist angesichts der deutschen Finanzlage und der
ganzen politischen Situation eine einfache Selbstverstndlichkeit.

Dagegen ist die deutsche Regierung weder nach dem Buchstaben noch nach
dem Sinne des Versailler Vertrages verpflichtet, Einrichtungen, die fr
die gesunde wirtschaftliche Entwicklung des Rheinlandes zweckmssig und
notwendig sind, nur deshalb zu zerstren oder unausgefhrt zu lassen,
weil die Botschafterkonferenz glaubt, dass sie eine etwaige Mobilmachung
erleichtern.

Der Art. 43 richtet sich gegen die Vorbereitung eines Krieges. Er gibt
den alliierten Regierungen kein Recht, strend und zerstrend in eine
auf verstndigen Grundstzen aufgebaute Verkehrspolitik einzugreifen.
Soweit das durch die Forderungen der Botschafterkonferenz geschieht,
wird die deutsche Regierung diese Forderungen mit allem Nachdruck
bekmpfen. Sie wird den alliierten Regierungen den Beweis liefern, dass
die verlangten Massnahmen den betroffenen Gebieten schwere
wirtschaftliche Nachteile zufgen, dass sie die Entwicklung nicht nur
des Verkehrs, sondern zahlreicher fr Deutschland lebenswichtiger
Wirtschaftszweige hindern und so die wirtschaftliche Leistungsfhigkeit
Deutschlands keineswegs erhhen, sondern stark beeintrchtigen wrden.
Von ganz besonderem Einfluss auf die Entschliessung der aliierten
Regierungen sollte es sein, dass einzelne der beanstandeten Anlagen
gerade dazu dienen sollen, die schnelle und pnktliche Ablieferung der
Reparationskohle zu erleichtern.

Die Prfung der einzelnen Forderungen der Note, die von den deutschen
Behrden mit der grssten Sorgfalt vorgenommen wird, ist noch nicht
abgeschlossen. Schon jetzt lsst sich aber mit Gewissheit sagen, dass
die Entschliessung der Botschafterkonferenz, soweit sie sich mit den
Linien Mrs--Geldern, Osterath--Dernau und Ehrang--Koblenz befasst,
berwiegend von unrichtigen Voraussetzungen ausgeht.

Das gleiche gilt fr eine grosse Anzahl der brigen Punkte der Note, was
sich zum Teil vielleicht daraus erklrt, dass den Verfassern die
Entwicklung, die die Wirtschaft des Rheinlandes seit Beendigung des
Krieges genommen hat, noch nicht bekannt geworden ist.

Die deutsche Regierung zweifelt nicht daran, dass die Aufklrung, die
sie den alliierten Regierungen in aller Offenheit und Ehrlichkeit bieten
wird, zu einer Aufgabe der jetzt erhobenen unberechtigten Forderungen
fhren wird. Die ohnehin so schwer unter dem Drucke der Besatzung
leidende rheinische Bevlkerung mag gewiss sein, dass kein Mittel
unversucht bleiben wird, um ihr neue grundlose Schdigungen zu ersparen.


Die dritte Interpellation[3] erlaube ich mir wie folgt zu beantworten:

Ueberblickt man die Versailler Regelung fr das Saarbecken, so drngt
sich am strksten ihre Kompliziertheit auf. Man vergegenwrtige sich nur
folgendes: Das Land ist deutsch, die Bewohner sind Deutsche, die
Verwaltung liegt in der Hand des Vlkerbundes, die Gruben sind Eigentum
des franzsischen Staates und das Zollsystem ist das franzsische. Das
ergibt ein so vielfaches Durchschneiden und Ueberschneiden der
Kompetenzen, dass es in der Praxis zu kaum mehr lsbaren Schwierigkeiten
fhrt.

Auf die Frage, was das Saargebiet seiner juristischen Natur nach ist,
drften die Juristen die Antwort schuldig bleiben. Die Geschichte hat
ein so seltsames Gebilde noch nicht gesehen. Dies hat begreiflicherweise
eine grosse Belastung der beteiligten Behrden -- und zwar nicht nur
unserer -- zur Folge, und im letzten Grunde ist der Leidtragende dabei
immer die Bevlkerung.

Politisch springt vor allem die Entrechtung der Bevlkerung in die
Augen. Gewisse, nicht immer gengend klar gefasste Bestimmungen
gewhrleisten ihr zwar einige selbstverstndliche Grundrechte, von denen
bezeichnenderweise das Recht des freien Abzuges am deutlichsten
ausgestaltet ist.

Von der Mitbestimmung an ihrem Geschick ist sie aber so gut wie
ausgeschlossen. In dem Fnfmnnerkollegium, das sie regiert, befindet
sich nur einer aus ihrer Mitte, und auch auf die Ernennung dieses einen
hat sie keinen Einfluss.

Die Regierungskommission hat Befugnisse, die weit ber das hinausgehen,
was im Zeitalter des aufgeklrten Absolutismus die Regel war. Gewiss ist
sie dem Vlkerbund verantwortlich. Ob aber diese Verantwortlichkeit
denselben praktischen Wert hat wie eine Verantwortlichkeit gegenber
einer Volksvertretung, msste erst noch bewiesen werden. Die Betrauung
des Vlkerbundes mit dieser absolutistischen Mission ist berhaupt fr
jeden, der einen wahren Vlkerbund errichtet zu sehen wnscht, tief
bedauerlich. Die Idee des Vlkerbundes wird dadurch entwrdigt.

Es ist kein Trost, dass dieses Regime auf 15 Jahre beschrnkt sein soll.
Denn 15 Jahre sind eine lange Zeit, und an ihrem Ende steht die
Volksabstimmung. Nichts ist selbstverstndlicher, als dass diese
Abstimmung whrend der 15 Jahre die Interessen der Bevlkerung
berragend beherrscht. Wir alle wissen ferner aus den Beispielen anderer
deutscher Grenzgebiete, besonders Oberschlesiens, was eine
Abstimmungszeit fr die Bevlkerung bedeutet. Im Saargebiet soll diese
Zeit 15 Jahre dauern, und wenn auch dort die Verhltnisse insofern
gnstig liegen, als der Bevlkerung fremdsprachige Elemente fehlen, so
bedeutet es doch fr sie ein beraus hartes Los und eine schwere Probe,
15 Jahre lang unter der Ungewissheit ihres endgltigen nationalen
Geschickes leben zu mssen.

Ich wende mich zu der Frage, wie sich das geschilderte System bisher
bewhrt hat.

Das Wirtschaftsleben des Landes bietet kein erfreuliches Bild. Hier
wirken verschiedene Umstnde zusammen: die knstliche Trennung der
Kohlenwirtschaft von dem brigen Wirtschaftsleben, die neue Zollinie und
endlich die Einfhrung des Franken. Das Mass, in dem der Frank im
Saarbecken umluft, ist nach Ansicht der Regierung vertragswidrig, denn
der Vertrag rumt der franzsischen Mnze nur die Stellung eines
zugelassenen Umlaufgeldes neben der Mark ein. Die Regierungskommission
hat ihr aber bei Post und Eisenbahn die Eigenschaft als Whrungsgeld
unter Ausschaltung der Mark verliehen und spter trotz dringenden
Abratens aller Sachverstndigen ihren Umlauf noch erweitert.
Wirtschaftlich widerspricht diese Abnderung der Whrungsverhltnisse
der Grundstruktur des Wirtschaftslebens. Das Land hat nun einmal seinen
natrlichen Absatzmarkt in Deutschland und kann dafr anderswo,
namentlich in Frankreich, um so weniger ausreichenden Ersatz finden, als
seine Hauptindustrie, die Eisenindustrie, im Westen als unliebsamer
Konkurrent empfunden und bekmpft wird. Wenn also die Industrie des
Saarbeckens auf den deutschen Markt angewiesen ist und daher vorwiegend
Markeinnahmen hat, so muss sie notwendigerweise in schwere Bedrngnis
geraten, sobald sie bei sinkendem Markkurse ihre Hauptausgaben -- nmlich
Lhne, Kohlen, Erze, Frachten -- in Franken leisten muss. Die Tatsachen
haben dies reichlich bewiesen. Das Land hat schon verschiedene schwere
Krisen durchgemacht, die noch schrfer verlaufen wren, wenn nicht
grosse industrielle Werke von ihren Niederlassungen im brigen
Deutschland einen Ausgleich htten schaffen knnen. Erfreulicherweise
haben auch verschiedene deutsche Wirtschaftsorganisationen der
schwierigen Lage des Saarbeckens volles Verstndnis entgegengebracht. In
diesem Zusammenhang kann ich auch erwhnen, dass die Reichsregierung im
Einverstndnis mit Preussen und Bayern die Belieferung des Saargebiets
mit Waren zu deutschen Inlandspreisen und mit deutschen Lebensmitteln
sich angelegen sein lsst. Es sind hierbei allerdings betrchtliche
Schwierigkeiten zu berwinden, und es knnte ein Zeitpunkt kommen, in
dem wir gegen unseren Willen diese Massnahmen aufheben mssten. Doch
hoffen wir, dass wir nicht vor diese Zwangslage gestellt sein werden.
Alles in allem trgt das Wirtschaftsleben des Saarbeckens eine
spezifische Unstabilitt als hervorstechendstes Merkmal an sich.

Wenn ich endlich zu der politischen Entwicklung bergehen darf, so muss
ich zu meinem Bedauern hier feststellen, dass die Regierung des
Saarbeckens von der den Vlkerbund vertretenden Kommission nicht in der
Weise gefhrt wird, wie es erwartet werden drfte. Bekanntlich soll der
Vlkerbund die Regierung des Saarbeckens als Treuhnder fhren. Eine
solche treuhnderische Verwaltung darf nicht einen der beiden an dem
endgltigen Besitz des Landes interessierten Staaten bevorzugen. Leider
ist dies aber der Fall. Dass heute noch franzsische Truppen in
betrchtlicher Zahl sich im Lande befinden, ist eine nicht
abzustreitende Vertragswidrigkeit; denn nach dem Vertrag soll nicht
Frankreich, sondern die Regierungskommission fr Aufrechterhaltung von
Ruhe und Ordnung sorgen, und nur durch eine rtliche Gendarmerie. Diese
Gendarmerie ist zwar errichtet worden, jedoch nur in bescheidenem
Umfange, angeblich wegen Geldmangels. Neben ihr steht aber noch eine
franzsische Gendarmerie. Wie deren Existenz gerechtfertigt werden kann,
ist mir unerfindlich. Denn der Vertrag sagt mit der denkbar grssten
Klarheit, dass nur eine rtliche Gendarmerie eingerichtet werden soll.
Uebrigens liegen Nachrichten vor, dass die franzsische Gendarmerie die
Aufgabe hat, unter anderem ber die Notabeln und gewisse andere
Persnlichkeiten Listen zu fhren, vertrauliche Beobachtungen in
politischen Angelegenheiten anzustellen, die politische Gesinnung der
Beamten zu berwachen und die Berichte der Zivilbehrden unauffllig zu
kontrollieren.

Auch die Errichtung der franzsischen Kriegsgerichte, die sogar durch
eine besondere Verordnung erfolgt ist, widerspricht dem Vertrag, da
dieser keine anderen Gerichte beibehalten wissen will als die frher
bestehenden und ein neu zu errichtendes Obergericht.

Mit Recht hebt ferner die Interpellation die Vertragswidrigkeit der im
Herbst 1920 anlsslich der Arbeitseinstellung der Beamtenschaft
erfolgten Massenausweisungen hervor. Diese entbehrten jeder
Rechtsgrundlage und warfen die Bevlkerung zurck in die trbsten Zeiten
der Herrschaft des Waffenstillstandsabkommens. Nach lngerer Zeit sind
allerdings diese Ausweisungen rckgngig gemacht worden.

Die Regierungskommission hat ferner die Wahrnehmung der
Auslandsinteressen der Bewohner der franzsischen Regierung bertragen.
In formaler Hinsicht kann hiergegen kaum etwas eingewendet werden, da
eine besondere Bestimmung des Vertrages der Regierungskommission freie
Hand gibt. Es liegt jedoch auf der Hand, wie widersinnig es ist, dass
deutsche Staatsangehrige im Auslande von Frankreich vertreten werden.
Ausserdem ergeben sich hieraus allerlei praktische Schwierigkeiten. Die
Regierungskommission hat uns sogar zugemutet, die Wahrnehmung der
Interessen der deutschen Saarbewohner in Deutschland selbst durch
Frankreich anzuerkennen. In diesem Punkt hat jedoch die Reichsregierung
mit aller Entschiedenheit widersprochen, da das Saargebiet dem brigen
Deutschland gegenber nicht Ausland ist. Wenn brigens die Bewohner des
Saargebiets ein Anliegen an deutsche Behrden haben, so wissen sie schon
selbst den Weg zu ihnen zu finden und denken am allerwenigsten an eine
Vermittlung durch franzsische Vertreter.

Eine Frage von besonderer Wichtigkeit ist die Schaffung des seltsamen
Begriffes Saareinwohner. Whrend der Versailler Vertrag den Bewohnern
des Saargebiets ihre bisherige Staatsangehrigkeit belassen hat, was
nicht anders als dahin verstanden werden kann, dass auch die mit der
Staatsangehrigkeit verbundenen Rechte ihnen gewahrt bleiben sollen, hat
die Regierungskommission durch Schaffung des Begriffes Saareinwohner
und durch Uebertragung aller politischen Rechte auf diesen Begriff der
Staatsangehrigkeit der Bewohner tatschlich so gut wie jeden Inhalt
genommen und mit dem neuen Begriff zwar nicht dem Worte nach, wohl aber
der Sache nach eine Art besonderer saarlndischer Staatsangehrigkeit
geschaffen. Nach Ansicht der Reichsregierung ist hiermit eine der
Grundlagen der vertraglichen Regelung ber das Saargebiet umgestossen.

In hnlicher Richtung liegt eine Anzahl von Massnahmen der
Regierungskommission, die das Ziel verfolgen, das Saargebiet dem
brigen Deutschland gegenber als Ausland erscheinen zu lassen, obwohl
doch unmglich bestritten werden kann, dass das Saargebiet nach wie vor
einen Teil des Reiches bildet. Es mag zwar im einzelnen schwierig sein,
bei der besonderen Verwaltungsorganisation fr das Saarbecken aus diesem
Grundsatz heraus immer zu praktisch brauchbaren Ergebnissen zu gelangen.
Wenn aber die Regierungskommission dieser Schwierigkeiten dadurch Herr
zu werden sucht, dass sie kurzerhand erklrt, alles Gebiet ausserhalb
des Saargebiets sei als Ausland zu betrachten, so ndert sie den Vertrag
wiederum in einer seiner Grundlagen ab.

Auch auf dem Gebiete des Schulwesens sind Vertragswidrigkeiten
festzustellen. Dem franzsischen Staat hat die Regierungskommission auf
diesem Gebiet Rechte eingerumt, die weit ber das vertraglich
vorgesehene Mass hinausgehen. Auch die Einfhrung des franzsischen
Sprachunterrichts in den Volksschulen und allerlei, zum Teil als
Experimentieren zu bezeichnende recht wesentliche Reformen auf dem
Gebiet des Schulwesens stehen nicht im Einklang mit dem Vertrage; denn
dieser sieht in absoluter Form die Beibehaltung des bisherigen
Schulsystems vor, und ich glaube, dass dies eine der wenigen
Bestimmungen ist, die innere Berechtigung hat, da gerade auf dem Gebiete
des Schulwesens einer landesfremden Regierung schwerlich die Fhigkeit
zugesprochen werden kann, das Schulwesen eines Landes auf eine seiner
Eigenart gerecht werdende neue Grundlage zu setzen.

Die Reichsregierung hat wegen all dieser und hnlicher Massnahmen der
Regierungskommission wiederholt beim Vlkerbund Einspruch eingelegt.
Bisher ist keinem Einspruch Folge gegeben worden. Der Vlkerbund begngt
sich in der Regel damit, den Standpunkt der Regierungskommission fr
gerechtfertigt zu erklren. Zu ihrem Bedauern kann sich die
Reichsregierung dem Eindruck nicht verschliessen, dass ihre
Einspruchnoten beim Vlkerbund nicht die gebhrende Beachtung finden.
Die gemachten Erfahrungen werden die Reichsregierung natrlich nicht
hindern, sich mit ihren Beschwerden weiterhin an den Vlkerbund zu
wenden. Sie gibt die Hoffnung nicht auf, dass der Vlkerbund
schliesslich doch die Ueberzeugung gewinnt, dass die Verwaltung des
Saargebiets nicht in einem Geiste gefhrt wird, wie es gerade von einer
Vlkerbundskommission erwartet werden kann.

Zu dieser Erwartung berechtigen die Reichsregierung namentlich auch die
Schritte, die die Bevlkerung des Saargebiets selbst unternommen hat.
Wiederholt hat sie in ausserordentlich eindrucksvollen Denkschriften und
durch die Entsendung von Delegationen an den Vlkerbund versucht, dessen
Aufmerksamkeit mehr als bisher auf die Mistnde im Saarbecken zu
lenken, und ich glaube sagen zu knnen, dass die Schritte nicht ganz
erfolglos geblieben sind.

Inzwischen hat auch die Oeffentlichkeit ausserhalb Deutschlands dem
Saarbecken mehr und mehr Interesse entgegengebracht, und in einer ganzen
Anzahl von auslndischen Zeitungen hat sich eine ziemlich scharfe Kritik
der Methoden der Vlkerbundsregierung erhoben.

Das Verhltnis der Bevlkerung des Saarbeckens zu der
Regierungskommission hat sich berraschend schnell festgelegt. Es ist
das typische Bild einer Fremdherrschaft! Die Bevlkerung sah der
Regierungskommission zwar nicht mit grossen Hoffnungen, aber doch
unvoreingenommen entgegen und musste sehr bald Enttuschung ber
Enttuschung erleben. Mit verschwindenden Ausnahmen wurden die leitenden
Posten der Verwaltung mit Franzosen besetzt. Die franzsischen Truppen
blieben, desgleichen die franzsische Gendarmerie und die franzsischen
Kriegsgerichte. Franzsische Einrichtungen wurden da und dort
eingefhrt. Eine Anzahl alteingesessener Bewohner wurde ausgewiesen. Der
Franken brachte wirtschaftliche und soziale Schwierigkeiten. Der
franzsische Unterricht fr die Volksschulen wurde dekretiert. Den
Beamten wurde die Frankenbesoldung wider ihren Willen aufgezwungen.
Endlich wurden beinahe in allen wichtigen Fragen die Gutachten der
Kreis- und Bezirkstage bei der Abnderung von Gesetzen nicht
bercksichtigt. All dies schuf begreiflicherweise eine Atmosphre der
Mistimmung, die schliesslich die Kreis- und Bezirkstage veranlasste,
die Begutachtung von Verordnungsentwrfen vollkommen abzulehnen.

So stehen sich jetzt Regierung und Bevlkerung des Saargebiets ohne
Vertrauen gegenber, ein Zustand, der unzweifelhaft als usserst
ungesund anzusprechen ist. Dieser Zustand ist aber die leicht
erklrliche Folge der Regierung eines Landes durch eine landfremde
Kommission.

Am 16. Juni 1919 haben unsere einstigen Gegner uns erklrt, sie htten
volles Vertrauen, dass die Einwohner des Saargebietes keinen Grund haben
wrden, die neue Verwaltung als eine ihnen ferner stehende zu
betrachten, als es die von Berlin und Mnchen gewesen seien. Wenn irgend
etwas durch die Tatsachen widerlegt worden ist, dann ist es dieser Satz!
Gewiss: die Regierungskommission sitzt im Saargebiet selbst; in
Wirklichkeit aber steht sie der Bevlkerung ferner, als wenn sie in
einem anderen Erdteil ihren Sitz aufgeschlagen htte. Allein die
Verschiedenheit der Sprache bildet eine unberbrckbare Kluft.

Das Bild, das ich Ihnen in Vorstehendem vom Saarbecken entrollen durfte,
ist kein erfreuliches. Als Deutsche aber knnen wir mit Stolz auf die
Tatsache hinweisen, dass die Bevlkerung des Saargebietes in den
schweren Jahren der Fremdherrschaft, von denen erst wenige
vorbergegangen sind, sich um so fester zusammengeschlossen hat, um das
zu wahren, was sie als ihr hchstes Gut betrachtet: ihr Deutschtum!
Immer und immer wieder erhlt die Reichsregierung und die
Oeffentlichkeit aus dem Saarbecken Beweise bester deutscher Gesinnung.
Ich stehe daher nicht an, zu erklren, dass die Deutschen an der Saar
dem ganzen deutschen Volk Vorbild und Muster sind! Das deutsche Volk und
die Reichsregierung wissen schon heute, was sie an der Bevlkerung des
Saargebiets haben. Ihr muss ihr bestes Wollen und Knnen gelten in der
Hoffnung auf den Tag, an dem auch usserlich die Wiedervereinigung
vollzogen wird.


Funoten:

[Funote 1: Die _Interpellation #STRESEMANN# und Genossen_ ersuchte die
Reichsregierung um Aufklrung ber Gerchte, die besagen, da auf Grund
einer Verstndigung zwischen England und Frankreich die Besatzung in den
Rheinlanden zurckgezogen, dafr aber als Sicherheit gegen einen Angriff
des vollkommen wehrlosen Deutschlands die Rheinlande neutralisiert
werden sollen, das heit den Rheinlanden soll die Autonomie, angeblich
im Rahmen des Deutschen Reichs, aber unter franzsischer Oberaufsicht
und franzsischem militrischen Schutz verliehen werden. Es sollte
also dem besetzten Gebiet das Schicksal des unglcklichen Saargebiets
bereitet werden.]

[Funote 2: Die _Interpellation #LAUSCHER# und Genossen_ fordert von
der Reichsregierung Erklrungen ber die am 30. Mai bergebene Note der
Botschafterkonferenz der alliierten Staaten, die unter Berufung auf
Artikel 43 des Vertrags von Versailles die Einstellung bzw. Zerstrung
einer ganzen Reihe wirtschaftlich bedeutsamer Eisenbahnbauten innerhalb
des zurzeit von den Alliierten besetzten rheinischen Gebiets verlangt.]

[Funote 3: Die _Interpellation #MARX# und Genossen_ wnscht Aufklrung
ber die Stellung der Reichsregierung zu der Ttigkeit der vom
Vlkerbundsrat eingesetzten Regierungskommission im Saargebiet, die dem
Versailler Vertrage, den Grundstzen der Gerechtigkeit und der
Demokratie -- und dem Wesen des Vlkerbunds widerspreche.]




DIE WERKE VON WALTHER RATHENAU


Zur Kritik der Zeit
20. Auflage

Zur Mechanik des Geistes
11. Auflage

Deutschlands Rohstoffversorgung
39. Auflage

Probleme der Friedenswirtschaft
25. Auflage

Von kommenden Dingen
69. Auflage

Streitschrift vom Glauben
14. Auflage

Vom Aktienwesen
23. Auflage

Die neue Wirtschaft
54. Auflage

Zeitliches
25. Auflage

An Deutschlands Jugend
20. Auflage

Nach der Flut
15. Auflage

Der Kaiser
54. Auflage

Der neue Staat
18. Auflage

Kritik der dreifachen Revolution -- Apologie
14. Auflage

Die neue Gesellschaft
16. Auflage

Was wird werden?
14. Auflage

Demokratische Entwicklung
8. Auflage



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1922 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Die
Inhaltsbersicht des Anhangs wurde in das Hauptinhaltsverzeichnis am
Anfang des Buches integriert. Kleinere Inkonsistenzen in der
Schreibweise wurden prinzipiell beibehalten.]


[Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from the first print
edition published in 1922 by S. Fischer. The additional table of content
of the appendix has been integrated into the main contents section at
the beginning of the book. Minor inconsistencies in the original
spelling have been maintained.]





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1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
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LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
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1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
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written explanation to the person you received the work from.  If you
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1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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     http://www.gutenberg.org

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