The Project Gutenberg EBook of Am Glck vorbei, by Clara Sudermann

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Title: Am Glck vorbei

Author: Clara Sudermann

Release Date: January 5, 2008 [EBook #24174]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AM GLCK VORBEI ***




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Am Glck vorbei

Roman
von
Clara Sudermann

[Illustration]

Peter J. Oestergaard Verlag
Berlin-Schneberg

Alle Rechte
einschlielich bersetzung,
Dramatisierung und
Verfilmung
vorbehalten


Erschienen in der
Wiener Mode
unter dem Titel
Die Siegerin


Copyright
1920 by
Dr. P. Langenscheidt,
Berlin

Druck von Hallberg & Bchting (Inh.: L. A. Klepzig), Leipzig.




Der Oberfrster Hagedorn war von einer mehrtgigen Inspektionsfahrt
durch Wlder, die er aueramtlich verwaltete, heimgekommen und hatte es
sich in seinem Zimmer, dem eigentlichen Wohnzimmer der Familie bequem
gemacht.

ber dem groen Rundtisch mit seiner grauen Marmorplatte brannte die
Hngelampe, der altmodische Messing-Teekessel summte, und der Kaffee,
den Frulein Perl, des Hauses getreue Hterin, zu brhen begonnen hatte,
duftete. Die Windste, die gegen die Holzlden drhnten, der Regen, der
klatschend auf die Fensterbleche fiel, und das Brausen der Waldbume
jenseits des Weges machten es drinnen noch behaglicher. Der Oberfrster,
seine Tochter Maggie und Frulein Perl tranken ihren Kaffee in vollem
Verstndnis dieser Wohlgeborgenheit und strten nur hier und da durch
ein Wort die gemtliche Stille.

Der Oberfrster lag mde und breit in seinem Grovaterstuhl. Sein
verwittertes Gesicht mit den kleinen grauen Luchsaugen war eitel
Behagen, und der Teckel Max, der sich auf seinem Scho zusammengerollt
hatte, machte sich die gute Laune seines Herrn zunutze. Er wurde
freundschaftlich geknufft und gestreichelt.

Sein Zwillingsbruder Moritz hatte es nicht so gut. Maggie, in einem
niedrigen Schaukelstuhl lehnend, hob ihn an den Fen auf, zauste ihn an
den Ohren, kte ihn auf die Schnauze, kniff ihn in den Schwanz, wie es
ihr in dem faulenzenden Schweigen gerade einfiel.

Komm mal her, Gretel! rief dann der Vater hinber. Heut' spendier ich
mir eine von den Festzigarren und dir eine Zigarette, na?

Maggie sprang auf. Sie war mittelgro, voll und geschmeidig, hatte ein
warmgetntes, klares Gesicht mit groen, grauen Augen und eine Flle
dunkel aschblonden Haares.

Der Vater sah sie wohlgefllig an und nickte mehrmals in Gedanken.

Maggie lachte hell.

Wen hast du denn wieder fr mich aufgestbert, Papa? fragte sie
bermtig. Wie ist er denn? Klug -- dumm, hbsch -- hlich? Natrlich
reich, -- aber wo?

Der Oberfrster machte ein verdrieliches Gesicht und sah nach Frulein
Perl, die schon ihr Strickzeug vorgenommen hatte.

Aber Maggie! Wie kannst du nur ... sagte diese wie auf Stichwort.

Maggie hantierte mit kurzen und energischen Bewegungen am Pfeifentisch
herum, brachte die Zigarre, steckte sie an, nahm sich eine Zigarette und
rckte mit ihrem Schemel zu dem Vater.

Du weit ja schon lange, da ich dir ber den Kopf gewachsen bin,
Papachen! sagte sie. Also keine Feindschaft, und erzhle ... Warum
machen wir uns heute einen Feiertag mit Rauchorgien und unserem
liebenswrdigsten Gesicht, warum mustern wir unsere hliche Zweite, als
ob sie die schne lteste wre, -- warum?

Na, mein Dchting, das war man so ... Aber was Nettes ist mir wirklich
passiert. Also in Graventhin treffe ich wen? Ausgerechnet den
Seckersdorf.

Ah ... Die beiden Frauen riefen es erstaunt. Dann fragten sie gespannt
durcheinander: Also wirklich, Seckersdorf? Wollte der hierbleiben,
wollte er Tromitten selbst bernehmen? Wie sah er in Zivil aus? War er
noch ebenso still und ungeschickt? Merkte man ihm seinen knftigen
Reichtum an? Hatte er Gertrud erwhnt?

Still! Still! Still ... rief der Oberfrster in das Gefrage. Er ist
ein netter anstndiger Kerl, scheint was gelernt zu haben. Ob er
hierbleibt, ist noch unbestimmt. Jedenfalls will er aufforsten lassen
und hat mich gebeten, die Geschichte zu machen. Das wirft was ab. Und
brauchen knnen wir ja so einen Extrazuschu immer!

Maggie sah nachdenklich in die Lampe. Wenn sie so still sa, nahm ihr
Gesicht einen Ausdruck kluger, kalter Hrte an, der zu den weichen,
rosigen, an das Flmische erinnernden Formen einen aufflligen Gegensatz
bildete.

Er kommt also wohl her? fragte sie. Das htte einer ahnen sollen,
damals, als ihr so emprt auf ihn und die arme Gertrud wart. Was fr ein
grliches Pech haben doch die Leutchen gehabt! Wenn man denkt, da er
ein halbes Jahr nach Gertruds Hochzeit der Erbe eines steinreichen
Mannes wurde.

Werden soll, Maggie! verbesserte Frulein Perl. Mit der Trude ging's
doch nicht. Er hatte ja nicht einmal die Zulage. Und ...

Ich nicht die Kaution! fiel der Oberfrster kurz ein. Und der
Laukischker wollt' das Kind durchaus haben. Das war denn doch eine
andere Partie, als so 'n Infanterieleutnant, wenn schlielich auch der
Onkel vielleicht das Notwendigste hergegeben htte.

So? fragte Maggie aufhorchend. Ich denke, es hie damals, der Onkel
wre auf nichts eingegangen, als du ihm die Vorschlge machtest.

Ach! Der Oberfrster zuckte mit den schiefen, grauen Brauen, ein
Zeichen, da ihm nicht behaglich war. Was weit du! Du warst ja noch
ein halbes Kind! Die Gertrud hat's verstndig aufgefat und braucht's
nicht zu bereuen. Der Kurowski ist gerade nicht mein Schwarm, aber das
Kind hat's doch wie eine Frstin.

Die beiden Frauen sahen sich schweigend an.

Oder findet ihr etwa nicht? rief der Oberfrster heftig.

Ruhig, Papachen! sagte Maggie und legte ihre weiche Hand auf seine
knochige. Wenn nicht, wir knnen's nicht ndern. Aber alles in allem,
der Seckersdorf wr' mir schon lieber als Schwager, besonders jetzt, wo
er so reich ist.

Der Oberfrster lachte.

Wenn du nur ein bichen Grips hast, Mdel, und nicht blo immer die
groe Schnauze ... mach du dich doch dran. Zeit ist's. Vierundzwanzig
ist eine ganz schne Zahl fr ein Mdchen.

Recht hast du, stimmte ihm Maggie nachdenklich zu. Wollen uns die
Sache mal berlegen. Wenn er kommt, spiel' ich ihm die zweite Auflage
Gertrud vor. Was mir an Schnheit fehlt, geb' ich an Sanftmut zu, und
die Geschichte wird sich schon machen.

Der Oberfrster sah sie mitrauisch und unzufrieden an.

Du bleibst ja doch sitzen, mit all deiner Klugheit, sagte er. Mit der
Gertrud war es anders. Da kam dieser und jener. brigens ist der
Seckersdorf in Waldlack mit Kurowskis zusammen gewesen. Er erzhlte das
so nebenbei, sagte, die Trude sieht elend aus. Wenn ich mich blo besser
mit dem Kerl, dem Kurowski stellen knnte! Man ist ja wie abgeschnitten
von dem Kind. Jeder Fremde wei mehr.

Er streichelte sorgenvoll das dicke Wellenhaar seiner Zweiten.

Das wird schon alles besser werden, Papa, trstete das Mdchen.
Wollen uns darber jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Erzhle lieber, wie
war's sonst in Graventhin? Wieder groartiges Diner? Und schlecht
serviert?

Der Oberfrster erzhlte von den Erlebnissen der drei Tage. Er bestellte
Gre, meldete Nachbarbesuche an und berichtete ein bichen Klatsch. In
Waldlack war wieder gejeut worden, zwanzig Mark der Point. Der Althfer
hielt sich immer noch, hatte neulich wieder ein groes Sektfrhstck
gegeben. Wie war's nur mglich, da die Leute da noch frhlich
mitzechten? Maggie warf ein, das wre das Klgste, was sie tun knnten,
sie wnschte nur, es kme noch zu einem einzigen Ball da, vor dem
Zusammenbruch, denn so nett wre es nirgends.

Und so ging das Gesprch weiter. Der Regen strmte heftiger, der Wind
heulte. Frulein Perl strickte, Hagedorn und seine Tochter rauchten und
spielten mit den Hunden.

Da knirschte drauen auf dem Kiesweg ein Wagen. Die beiden Teckel hoben
die Kpfe. Der Oberfrster sprang auf.

Kinder ... Besuch! Bei diesem Wetter! Und ich in Pantoffeln. Empfangt
ihr!

Aber ehe er noch das Zimmer verlassen konnte, zugleich mit dem Mdchen,
das die Tr ffnete, drngten sich zwei blondkpfige Jungen herein,
strmten auf ihn los und hngten sich an ihn.

Gropapa! Gropapa! Da sind wir. Tante Maggie ... Perlchen!

Der Oberfrster hob einen nach dem andern verdutzt in die Hhe.

Wo kommt ihr denn her, Jungens, und allein?

Sie konnten die Antwort schuldig bleiben und die winselnden Teckel
begren, denn ihre Mutter, Gertrud von Kurowski, kam langsam herein.

Gertrud ... Du? Das ist ja himmlisch! Trude ... in diesem Wetter!

Die beiden Schwestern lagen einander in den Armen. Die ltere prete
ihren Kopf fest gegen den Hals der jngeren. Dann kte sie den Vater
und Frulein Perl.

Alle drei standen um sie und sahen sie erwartungsvoll an. Sie kam selten
nach Hause, seit ihr Vater und ihr Mann einen groen Streit gehabt
hatten und einander nicht mehr besuchten. Monatelang war sie nicht da
gewesen. Jetzt stand sie still und mit gesenktem Kopfe da.

Sie war sehr schlank, einen halben Kopf grer als die Schwester. Aus
einem sehr regelmigen schnen Gesichte sahen graue, sanfte Augen
schchtern und traurig um sich. Der Kopf trug einen dicken Knoten
schimmernden, weiblonden Haares. Ein Hauch der scheuen Vornehmheit, die
sich in die Formen uerster Einfachheit zu hllen liebt, ging von ihr
aus. Ihr dunkelblaues Tuchkleid schlo knapp an den schlanken, schnen
Krper und knisterte, wenn sie sich bewegte.

Wie bla du bist, Gertrud! Ist etwas geschehen?

Sie nickte. Bringt die Kinder fort, ja? Ich habe euch viel zu sagen.

Frulein Perl fhrte die Jungen in das Ezimmer.

Der Oberfrster war rot geworden. Seine Blicke suchten unruhig die
Tochter.

Hoffentlich kommst du mir nicht ...

Gertrud machte eine kleine Bewegung mit der Hand, und er war still,
musterte sie aber mit mitrauisch finsteren Augen. Maggie nahm ihre
herabhngende Hand und kte sie.

Ja, Papa! sagte Gertrud. Du mut mich mit den Kindern schon bei dir
behalten. Kurt hat mich fortgejagt. Er hat das schon oft getan, aber
diesmal hab' ich ihn beim Wort genommen. Ich kann nicht mehr bei ihm
bleiben.

So ... du kannst nicht mehr bei ihm bleiben? Und weshalb denn nicht?
Hat wohl eine von deinen horrenden Schneiderrechnungen nicht gleich
bezahlen wollen? Oder kein Fuhrwerk gegeben, oder so eine hnliche Untat
begangen? Nein, mein Kind, ich bin dem Kurowski wei Gott nicht grn.
Aber da meine Tochter ihm so einfach von Haus und Hof luft, sagt: Ich
kann nicht bei ihm bleiben ... das gibt's bei mir nicht!

Er lief hin und her. Was war denn los? polterte er endlich und blieb
vor ihr stehen.

Sie weinte.

Heul' nicht ... erzhl'! sagte er ungeduldig.

Da nahm Maggie sie in die Arme.

Wenn unsere Trude so ankommt wie jetzt, dann mu was Groes passiert
sein. Qule sie nicht, Papa. Meine arme, arme Trude! Sie streichelte
das zarte Gesicht und setzte die Schwester in den Lehnstuhl. Sieh sie
doch an. Ist das denn menschenmglich? Bist du krank? Was hat er dir
getan, Liebling? Nein, sag' nichts, das bekommen wir schon allmhlich
heraus, lehne dich an und weine -- weine, das wird dir gut
tun.

Die junge Frau legte gehorsam den Kopf an die Lehne und machte die
langbewimperten Augen zu. Ein leises schauerndes Zucken hob ihre
Schultern.

Lat mich hierbleiben ... lat mich hierbleiben. Papa, ich bin doch
deine lteste ... du hast mich doch lieb ... la mich hierbleiben!

Der Oberfrster schlrfte herum. Dann waren alle still. Der Wind heulte
wie vorhin, die Lampe summte, und im Nebenzimmer jauchzten die Knaben
und klfften die Hunde.

Was hat er dir getan? fragte der Vater und legte seine groe Hand auf
das kleine weiblonde Kpfchen der Tochter. Die richtete sich auf und
schmiegte sich in seinen Arm.

Von Tag zu Tag ist es schlimmer geworden. Ich habe geduldig
stillgehalten. Zuletzt dachte ich auch, ich wre so schlecht, so hlich
und so untauglich, wie er immer sagt, und da wr' nun nichts mehr zu
ndern. Ich habe fast kein Wort mehr sprechen knnen, aber fortgelaufen
wre ich doch nicht. Ich wei ja ... die Kinder ... und der Skandal!
Aber gestern abend hat er mir vorgeworfen, da ich ihn schamlos betrogen
habe und ihn von neuem betrgen wollte. Da hab' ich mir's ber Nacht
berlegt, habe die Kinder genommen und bin nach der Station, nach Winge
gegangen.

Drei Stunden! In diesem Wetter! fluchte der Oberfrster.

Die Jungen sind abgehrtet und gut zu Fu. Dann, in Friesstein, fand
ich Fuhrwerk hierher.

Maggie sah finster und tiefatmend auf die Schwester. Der Oberfrster
schttelte sich. Er konnte nicht lange unbehagliche Dinge tragen. Er
schob sie einfach von sich.

Wir sprechen morgen mehr darber! sagte er. Die Sache werd' ich
wieder einrenken. Dir soll dein gutes Recht werden, darauf verla dich.
Vorlufig nehm' ich an, da du deinen alten Vater auf ein paar Tage ...

Gertrud richtete sich angstvoll auf. Maggie setzte sich zu ihr auf die
Seitenlehne des Sessels und legte den Arm um ihre Schultern.

... ein paar Tage, sag' ich, fuhr der Alte fort, besuchst, wie
sich's gehrt. Und dann werden wir weiter sehen. Wei er, da du hier
bist?

Ich habe einen Brief zurckgelassen.

Na, da haben wir also zu erwarten, da er mit Trara hier anrckt und
dich und die Jungens zurckholt.

Glaub' das nicht, sagte Gertrud. Er wird froh sein, da er allein
bleibt ... Vorlufig ... bis ...

Donnerwetter! murrte der Oberfrster.

Maggie sprhte vor Emprung ber den Widerstand des Vaters.

Na, sagte der dann einlenkend, wir werden sehen. Reg' dich jetzt
nicht auf. Und nun ... Jungens, herein!

       *       *       *       *       *

Die Knaben, an die Frulein Perl gromtterliche Ansprche machte, lagen
in den ehemaligen Kinderbettchen von Mutter und Tante und konnten vor
Jubel und Aufregung nicht einschlafen.

Gertrud und Maggie, die nach gequltem, unpersnlichem Gesprche sich
nun endlich zur Ruhe begeben wollten, kamen noch einmal zu ihnen. Die
Mutter kte sie leidenschaftlich und fing bitterlich an zu weinen.
Maggie zog sie fort.

Nicht doch, Trude, Alte! Auf Kindergesichter sollen keine Trnen
fallen. Komm, wir sind ja jetzt fr uns, da kannst du dich hbsch
ausklagen.

Sie traten in die gerumige Balkonstube, die sie schon vor Jahren
gemeinsam bewohnt hatten. Gertruds altes Bett war in derselben Ecke, in
der es frher gestanden hatte, fr sie hergerichtet.

Etwas erstaunt sah die junge Frau sich um und hrte auf zu weinen.

Du, was hast du mit unserer hbschen Stube gemacht? fragte sie.

Den Plunder hinausgeworfen, sagte Maggie vergngt. Die Kattungardinen
und Mullvorhnge, die Makartstrue, na alles. Nur die Puffs hier, dein
glnzender Einfall, die hchst eigenhndig gepolsterten Bierfchen, die
sind noch da, folgen aber auch, sobald ich was Besseres habe. Dafr ist
dieser famose alte Schrank zugekommen, da der Stuhl, echt Empire, und an
deinem Bette der Gobelin. Hbsch, was?

Nein, sagte Gertrud energisch. Frher war's ein hbsches, luftiges
Nestchen mit all dem unschuldigen Mdchenausputz; jetzt kommt es mir wie
eine leere Trdelbude vor. Wo ist der Toilettentisch?

Alles weg. Als ich -- wann war's doch? -- Februar oder Mrz zuletzt bei
euch war und deine neue, wundervolle Schlafzimmereinrichtung sah -- sie
ist einfach herrlich, wie berhaupt alles in Laukischken, ich wei gar
nicht, wie du es hier aushalten wirst -- ja, also, wie ich da nach Hause
kam und hier den Firlefanz vorfand, hab' ich vor Wut geweint, und alles
Billige und Unechte abgerissen.

Gertrud sah sie aus groen Augen an.

Neidisch, Maggie? fragte sie. Lieber Gott!

Neidisch auf dich, Trude? Nein. Aber, da man so was haben kann, und
da ich es nicht habe, das rgert mich. Und bis ich so weit bin, will
ich lieber kahl und einfach hausen.

Gertrud schttelte den Kopf.

Du, sagte Maggie lebhaft, unterschtze das nicht, was du so leicht
aufgeben willst. Es hngt mehr daran, als man glaubt. Sieh mal, ich
wette, du vermissest schon deine Jungfer, kannst dir die Taille nicht
aufmachen, die Stiefel nicht ausziehen und wei Gott, was noch alles.

Ich werde das alles ganz leicht wieder lernen, sagte Gertrud bittend.
Und heute hilfst du mir ja doch ein bichen, nicht wahr?

Maggie umarmte sie strmisch und stand ihr mit zitternden Hnden bei.
Als sie das prachtvolle Haar lste, das weischimmernd ber die
Stuhllehne fiel, legte sie das Gesicht hinein und fing an zu weinen.

Und Gertrud drehte sich um und weinte krampfhaft mit. Und dann setzten
sie sich auf eines der schmalen Mdchenbetten und hielten sich
umschlungen, nannten sich mit den alten Kinderstuben-Kosenamen und
sagten, nun wre es wie frher.

Dann fuhr Maggie auf. Der Schuft, der Schuft! Was hat er aus dir
gemacht? Wo ist deine goldige, himmlische Schnheit hin? Du hast ja
Falten ... da ... und da ... und grau und mager bist du geworden ... und
doch erst achtundzwanzig Jahre!

Gertrud lchelte traurig. Das ist ja sein rger auch bestndig, da ich
so hlich werde, sagte sie. Mir ist's gleichgltig; das heit, nein
-- Sie weinte wieder bitterlich.

Ach, du bist ja doch noch immer die Schnste von allen, trstete
Maggie. Und dir fehlt ja nichts als ein bichen Glck, meine arme, arme
Trude. Was machen wir nur? Sprich dich aus, wenn du magst, mein liebes
Herz.

Doch Gertrud konnte nicht gut von sich reden. Wenn sie ihren Mann
verklagt hatte, schwchte sie die Anklage gleich ab. Sie erschrak, wenn
sie ein hartes Wort aussprach, und suchte nach einem milderen Ausdruck,
wenn sie etwas gar zu schroff genannt hatte.

Aber in diesen rhrend abgebrochenen Stzen lag ihre ganze Geschichte.

Maggie sah dabei frmlich den Schwager mit seinem spttischen
Lebemannsgesicht, hrte seine grausamen Worte, gegen die das arme, zarte
Weib da wehrlos war. Sie zitterte mit der hilflosen Schwester unter den
seidenen Decken, wenn sie im Geiste ihn sich vorstellte, wie er hei und
angetrunken in das Schlafzimmer trat, und sie schrie auf, als Gertrud
etwas von Gewalt murmelte.

Geschlagen? ... Dich?

Nein. Aber wenn ich nicht immer still gewesen wre ...

Trude, weshalb bist du nicht lngst fortgelaufen?

Sie schwieg. Sie zog frierend die Spitzen ihres Pudermantels fester um
die Schultern und sah mit ihren groen, traurigen Augen so hilflos um
sich, da Maggies Herz vor Trauer und Emprung schwoll.

Komm zu Bett, sagte sie. Du bist kalt. Ich bleibe bei dir sitzen und
nehme deine Hand, mein armes Kind. Weit du, wie du frher tatst, wenn
ich Spukgeschichten gelesen hatte und nicht einschlafen konnte. Komm ...
komm.

Und sie zog die Schwester aus und brachte sie mit mtterlicher Sorgfalt
zu Bette.

Gertrud lie sich alles gefallen und sagte, das tte gut. Wenn sie nur
bleiben drfte! Bei Maggie wre ihr wohl, da htte sie keine Angst.

Maggie dehnte den prachtvollen, ppig schlanken Leib. Es sollte auch
mal einer wagen, dir zu nahe zu kommen. Fr dich setze ich alles ein,
was ich brig behalte, wenn ich fr mich gesorgt habe.

Gertrud richtete sich auf und sah sie fragend an. Warum sagst du so
was?

Weil es wahr ist, Trude. Ich kann nun mal nicht anders. Ich mu immer
zuerst an mich denken, und was fr mich am bequemsten und besten wre.
Aber dann kommst du, Liebling. Du bist das einzige, was ich ganz
liebhabe. Von Kindheit an. Vielleicht, weil du so anders bist. So
zerbrechlich und so schn und gut.

Ach, Maggie, ich bin nichts, als zuviel auf der Welt, weinte die junge
Frau.

Maggie lschte die Lampe und setzte sich zu ihr.

Nun wollen wir mal vernnftig reden, Kind! sagte sie. Sei still,
erzhle mir nur, wie das denn nun so mit einem Male zum Klappen gekommen
ist.

Aus dem Schluchzen und den unverstndlichen Worten klang ein Name voll
heraus: Seckersdorf.

Maggie fuhr zusammen. Hast du ihn noch immer lieb? fragte sie leise.

Gott bewahre! Nein, nein, nein! sagte Gertrud heftig. Aber wir trafen
neulich in Waldlack zusammen. Ich hatte keine Ahnung, da er hier ist.
Und wir saen bei Tisch zusammen.

Und da hat er dir den Hof gemacht?

Ach, nein. Wir haben uns nur angesehen. Aber, Maggie, das Herz wurde
mir ganz schwer. Die lieben, stillen, blauen Augen. So vorwurfsvoll und
traurig.

Und was sagte er?

Wir haben nur wenig gesprochen, aber Kurt behauptete nachher, ich htte
mich lcherlich gemacht, und jeder Mensch htte sehen knnen, da ich
mich betragen habe, wie eine ... eine ... Ich habe ihn ja vielleicht
auch liebevoll angesehen. Aber wahrhaftig nicht absichtlich. Ich mchte
lieber tot sein, als das tun.

Und Kurt machte dir zu Hause eine Szene?

Oh, er war malos. Ich kann all die Beschimpfungen gar nicht
wiederholen. Und er jagte mich fort. Ach, Maggie, du hast ja keine
Ahnung, wie furchtbar es ist, verheiratet zu sein.

Doch, doch! sagte Maggie. Ich kann dir sagen, wenn man nicht alt
wrde, oder sehr reich wre und leben knnte, wie man wollte, ich wre
die Letzte, die ans Heiraten dchte. brigens mit deinem liebenswrdigen
Manne mcht' ich doch noch besser fertig werden als du, mein armes Kind.
Hast du dir das denn auch stillschweigend gefallen lassen?

Nein! sagte Gertrud. Es war zu viel. Ich hatte auch etwas mehr Mut.
Weit du, es ist ja Unsinn und auch unrecht; aber ich hatte nicht so
grliche Angst, weil ich wei, da 'er' wieder da ist. Und wie die
Qulereien nun fortgingen, da ...

Ein langes Schweigen entstand. Maggie ergnzte sich alles, was die
Schwester stockend verschwieg. Sie dachte auch an die Zeit zurck, in
der Gertrud hier Nacht fr Nacht geweint und ihr auf ihre kecken Fragen
zugegeben hatte, da sie sich vor ihrem Brutigam frchte, da sie am
liebsten vor der Hochzeit sterben mchte.

Ihr, mit ihren sechzehn Jahren, war das beraus interessant vorgekommen,
aber schlielich selbstverstndlich. Die unglckliche Liebe zu dem
blonden Leutnant Seckersdorf, von der im Hause viel die Rede war, hatte
die schne Schwester mit ganz besonderem Glanze umkleidet. Da dann
nichts daraus wurde, da der reiche, verwhnte, vornehme Laukischker
Kurowski kam und Gertrud ihn unter tausend Trnen nahm, das hatte ihrem
Backfischverstand sehr gut gefallen, und wenn sie spter dann die
Schwester gesehen, von Luxus umgeben, dann war das eben alles ein Stck
des Romans gewesen, den sie sich zurechtgebaut hatte, in dem die schne,
weihaarige Gertrud und ihr brnetter, kraftvoller Mann allen Wnschen
jungmdchenhafter Romantik entsprachen.

Wie lange machte sie sich nun schon keine Illusionen mehr ber die
wirkliche Lage der Dinge! Wie lange wute sie, da Gertrud tief
unglcklich, da ihr Leben ein verfehltes war, da man eine Snde
begangen, als man sie in diese Ehe mit dem rden Kurowski hineingeredet
hatte.

Aber wie war dieses Hineinreden mglich gewesen? Sie selbst, das wute
sie, wrde nicht einen Augenblick zwischen dem reichen Kurowski und dem
damals armen Leutnant Seckersdorf geschwankt haben; denn ber alles
Gernhaben hinaus wrde sie immer zu allererst nach einer Stellung
streben. Aber Gertrud, die ehrliche, weiche, liebebedrftige Gertrud,
die niemals rechnete, wie hatte die sich durch ueren Glanz bestechen
lassen knnen?

Trude, weshalb hast du ihn nur genommen? Du hattest Seckersdorf doch
lieb! fragte sie nach dem langen Schweigen.

Gertrud legte den Kopf auf ihren Scho. Ach liebes Kind, das kam alles
so schnell. Und Hans selbst gab mich auf. Da wollte ich ihm zeigen ...
Aber das sind alte, alte Geschichten. Wir armen Frauen lernen die
Wirklichkeit ja erst kennen, wenn wir heiraten.

Maggie schttelte den Kopf und streichelte die Haare der Schwester. Sie
kannte die Wirklichkeit, auch ohne viel erlebt zu haben, sie wute, sie
htte sich mit dem allen sicherlich anders abgefunden.

Sage mal, Gertrud, die Frage scho ihr durch den Kopf, wute
eigentlich Kurt von der Sache mit Seckersdorf?

Natrlich. Schon ehe wir uns verlobten. Ich glaube brigens, da alle
Welt es wute. Und dann, in den ersten Tagen nach unserer Hochzeit,
dachte ich, ich wre es ihm schuldig, alles, alles zu beichten, jede
Begegnung, jedes Wort, das ich je mit Hans ... mit Seckersdorf
gesprochen hatte.

O weh, o weh! sagte Maggie. Das htt' ich schon nie getan. Was wird
der sich daraus zurechtgemacht haben?

Ach, nein, sagte Gertrud. Er wei ja, da ich aufrichtig bin.

So? Und der Auftritt von neulich? Sag' mir, liebes Herz, sag' mir
einmal alles, was du ihm erzhlt hast, ich meine, was du zu erzhlen
hattest. Ich mchte dir gern helfen, aber dann mu ich auch wissen, wie
das mit Seckersdorf kam, -- wie ihr auseinandergingt.

Da erfuhr sie denn die unschuldig harmlose Liebesgeschichte, die sich
vor acht Jahren zwischen Hans Seckersdorf und Gertrud Hagedorn
abgespielt hatte, so harmlos, da sie banal gewesen wre, ohne Gertrud
als Heldin.

Maggie sah sie deutlich vor sich, in der ersten leuchtenden
Jugendschnheit, die sie von der englischen Mutter geerbt hatte.
Vollendet in den regelmig zarten Formen, von einem Farbenzauber, der
fast berirdisch schien, und dazu das ppige, weiblonde Haar, das
seinesgleichen in der Welt nicht fand.

Der Welt! Maggie mute lcheln. Die ganze kleine Welt ihrer Umgebung
irrte einen Augenblick an ihren Gedanken vorber. Gutsbesitzer,
Leutnants, wieder Gutsbesitzer, alt -- jung, zum Verwechseln gleich. Was
kmmerte sie das jetzt?

Aber in Gertruds Erzhlung wurde der ganze Zauber der Mdchenzeit
lebendig. Tanzgesellschaften, Picknicks, Theaterspiel, Blickewechsel und
leise Hndedrcke. Hier und da ein kleines Miverstndnis, sehr ernst
geweinte Trnen, Vershnung in einer Kotillontour. Und Glckseligkeit
und Hoffnung das immer wiederkehrende Leitmotiv dieses Idylls.

In Waldlack, wo sie sich eben jetzt getroffen, hatten sie sich damals
versprochen. Er hatte mit seinem Onkel unterhandeln wollen, demselben,
der ihn jetzt, nach dem Tode seiner beiden Shne adoptiert und mit
Reichtum berschttet hatte; sie dagegen hatte ihn gebeten, erst mit
ihrem Vater zu sprechen. Das war geschehen, und Maggie kannte das Ende
aller Verhandlungen -- das Ende ihres Glckes.

In der Zeit gerade war Kurowski von Kurland gekommen und hatte
Laukischken gekauft.

Du weit ja, wie er von Anfang an war! sagte Gertrud seufzend.
berall hat er gesagt, er msse mich bekommen, und Hans mute still
dazu sein. Wir wollten damals warten. Ach, Maggie, wir haben ja niemals
viel zusammen gesprochen, leider. Aber wenn wir uns einmal ansahen, dann
wuten wir, sagte jeder dem andern: 'Ich hab' dich lieb fr ewig!' So
ber den ganzen Tisch weg, oder durch den Saal. Deshalb dachte ich mir
auch gar nichts, wenn ich mit Kurt zusammen sa, und hrte kaum auf
seine bertriebenen Schmeicheleien. Und als Hans mir dann einmal eine
kurze Andeutung machte, zog ich mich auch gleich zurck. Aber es war
schon zu spt. Kurt hielt um mich an. Das weit du ja alles, wie ich
'nein' sagte, und Papa und die Perl auer sich waren und qulten und
qulten! Und dann kam Hans an dem schrecklichen Sonntag, im Helm, weit
du noch? seinen Abschiedsbesuch machen, so ganz aus heiterem Himmel, und
bat mich um eine Unterredung. Wir gingen in Papas Stube. Ich hatte ja
keine Ahnung, da er mit dem schon vorher alles abgeredet hatte, ich
dachte, er wollte mich in die Arme nehmen, ein einziges Mal, und ich
breitete ihm schon meine entgegen. Da schttelte er den Kopf und sagte:
'Gertrud, ich habe Sie um diese Unterredung gebeten, um Ihnen Ihr Wort
zurckzugeben, Sie von jeder Verpflichtung zu lsen, wenn je eine
bestand.' Ich war wie versteinert. 'Weshalb, weshalb, was habe ich denn
getan?' Er sagte: 'Sie? Nein. Sie nichts und ich nichts. Aber die
Verhltnisse. Es geht nicht! Solange ich lebe, werde ich an Sie denken.
Leben Sie wohl!' Nicht einmal die Hand gab er mir, und lief hinaus. Und
ihr alle kamt herein! Weit du's noch?

Alles, Alles! sagte Maggie. Man, oder gut deutsch gesagt, Papa,
erzhlte uns, da Seckersdorf sich habe versetzen lassen, um sich zu
rangieren und eine gute Partie zu machen. Ich glaube, er nannte auch
einen Namen. Und es wunderte sich keiner darber. Ich wei noch, da
Kurowski bei seinem nchsten Besuche sehr nett von ihm sprach. Na ...
und so weiter. Wir wissen ja, wie alles andere dann kam. Und da ein
halbes Jahr spter Seckersdorf ... Reg' dich nicht auf, Liebling!

Nein, nein, sagte Gertrud. Das ist ja alles lang berwunden, mu es
ja sein. Ich habe auch die Kinder und bin eine alte Frau geworden. Und,
Maggie, wenn ich's mir berlege, es ist ja Wahnsinn! Ich will mich von
Kurt trennen, und ich klage dir von Seckersdorf vor. Ich verstehe mich
selbst nicht.

Ich habe das alles ja von dir herausgelockt, trstete Maggie. Weit
du was? Wir wollen jetzt gar nichts mehr reden, wir wollen versuchen zu
schlafen. Und morgen berlegen wir alles.

Sie kte die Schwester und ging zu Bett.

Es war nun still im Zimmer. Aber drauen brauste es in den Buchen, wie
ferne Meeresbrandung.

Trude! sagte Maggie pltzlich.

Ja?

Trude, du mut von Kurt geschieden werden und mit Seckersdorf wieder
zusammenkommen.

Um Gottes willen! rief Gertrud entsetzt.

Ich lege mir eben alles zurecht. Du bleibst ganz aus dem Spiel. Du
darfst ihn nicht sehen und nicht sprechen ... Ich mach's. Gott sei Dank,
etwas Vernnftiges zu tun! Trude, Darling, du sollst doch noch glcklich
werden.

Maggie, sagte Gertrud leise, du meinst es gewi sehr gut. Aber ich
bitte dich, sprich so etwas nicht wieder aus. Ich will mich rein halten,
auch in Gedanken. Mache mir das nicht schwer!

Still! rief Maggie. Ich sage dir ja, ich nehme alles auf mich. Du
bleibst natrlich unsere weie Lilie und blhst uns wieder auf und ...
Gute Nacht, liebes Kind!

       *       *       *       *       *

Am Morgen hatte das Wetter sich ausgetobt. ber die bunten Laubbume
strichen gelbe Sonnenbahnen. Grauweie Wolken ballten und jagten sich
hoch oben, und klar, tiefblau leuchtete der Himmel dahinter vor. Weit
ins Land hinein wogte das grne Waldmeer. Herbe Duftwellen schwangen
sich von ihm durch die Luft.

Gertrud sah froh hinunter.

Der alte, geliebte Blick ins Grne und der Harzgeruch. Man fhlt
ordentlich, da man hier gesund werden mu.

Oder krank vor Langeweile, wenn man gesund ist, meinte Maggie. Nun
komm, unten gibt es Neuigkeiten. Einen Eilbrief von Laukischken.

Gertruds Gesicht nahm die gewohnte, schwermtig hilflose Frbung an.
Mein Gott! Mein Gott!

In der Estube sa der Oberfrster mit sorgenvollem, verrgertem Gesicht
am Kaffeetisch. Er streckte den Tchtern einen Brief entgegen. Lest ...
Lies vor, Maggie.

Maggie nahm ihn achselzuckend und mit geringschtzigem Lachen.
Natrlich soll sie zurck. Aber hab' keine Angst, Trude, wir geben euch
nicht heraus.

Lies doch!

Gertrud sah nach den kleinen, frauenhaft zierlichen Schriftzgen.

Maggie las:

    Mein verehrter Herr Schwiegervater!

    Wenn wir in der letzten Zeit auch nicht besonders gut Freund gewesen
    sind, so will ich unseren Mangel an bereinstimmung doch nicht meine
    Frau entgelten lassen. Es ist mir lieb, da sie mit den Jungens
    einen Unterschlupf bei Ihnen sucht, fr die paar Monate, in denen
    sich's bei der verzrtelten Gesundheit der kleinen Person schlecht
    in Laukischken hausen lt. Sie wissen doch, da wir den Schwamm in
    den Schlafzimmern entdeckt haben, und da ich besorgt bin, meine
    Familie den Winter ber da zu lassen. Da nun Gertrud durchaus nicht
    nach Berlin will, und ich fr meine Person fr kurze Zeit dorthin zu
    reisen gedenke, bin ich ganz einverstanden, wenn sie -- mit Ihrer
    Erlaubnis natrlich -- den Winter in den alten, kleinen und stillen
    Verhltnissen zubringen will. Sobald ich eine nderung in diesem
    vorlufigen Plane wnsche, melde ich mich. Ihnen, mein verehrter
    Herr Schwiegervater, vertraue ich fr diese -- sagen wir -- drei
    Monate die Ehre meines Hauses an. Auf gut deutsch: Passen Sie
    freundlichst auf, da Frau Gertrud von Kurowski frei bleibt von
    jedem Schein klatschhafter Nachrede. Ich danke Ihnen im voraus
    dafr, ksse meiner liebenswrdigen Schwgerin die Hand, gre die
    Jungen und Gertrud herzlich und bin bis auf weiteres

                        Ihr sehr ergebener
                                 Kurt von Kurowski.

    =P. S.= Fr die kleinen Bedrfnisse meiner Frau und der Kinder lege
    ich 3000 M. bei, da ich nicht wei, ob Gertrud gengend versehen
    ist. Fr etwaige grere Ausgaben inliegenden Blanko-Scheck.

Soll man sich da rgern oder lachen? sagte Maggie, den Brief auf den
Tisch werfend.

Man soll die Dinge nehmen, wie sie liegen, sagte der Oberfrster kurz,
und stand auf. Du bist vorlufig unser lieber Gast, Gertrud. Richte
dich ein, wie's dir pat.

Auch Gertrud war aufgestanden und ging erregt im Zimmer umher.

Da habt ihr ihn, wie er ist! rief sie nervs. Immer Katze und Maus
spielen, ernsthafte Dinge geringschtzig und leichtfertig behandeln ...
hhnisch, liebenswrdig, nie zu fassen ... Ich bin sieben Jahre seine
Frau gewesen und wei heute noch nicht, was er will ... Oh, Papa, Papa.
Du denkst doch nicht daran, mich zu ihm zurckzuschicken?

Der Oberfrster sah mrrisch nach der Seite. Vorlufig bist du da, und
dann werden wir weiter sehen, sagte er. Die Lesart, die er wnscht,
kann man ja den Leuten beibringen. Ob sie freilich daran glauben werden?
... Na, ich kann heute den Anfang damit machen ... Ich mu nach
Vokellen. Habe zugleich -- aber davon wollt ihr jetzt wohl nichts hren.
Richtet euch ein, Kinder, ich komme erst spt wieder.

Er kte Gertrud in verlegener Zrtlichkeit und schttelte Maggie die
Hand.

Du, Papa! sagte Maggie. Fr alle Flle mut du noch wissen, da
Kurowskis sich wegen Seckersdorf erzrnt haben. Aus deiner Verabredung
mit ihm kann nun wohl nichts werden?

Was Kuckuck? fuhr der Alte auf. Was ist das fr Unsinn? Da kenne ich
doch meine Gertrud! Und meinem Schwiegersohn zu Gefallen? Nein, davon
ist keine Rede. La sich die Gertrud in acht nehmen. Und hier ins Haus
braucht er ja nicht zu kommen.

Gertrud zog die Brauen zusammen.

Wenn er aber doch kommt? fragte Maggie.

Das wird nicht geschehen! Und nun sage ich euch, der Teufel soll den
holen, der sich in meine Arbeitssachen mischt. Da hat man einmal ein
Geschft, das sich lohnt, und nun wollen sie es einem verderben! Damit
kommt mir nicht ... Ich bin kein Millionr, und Geschft ist Geschft.
Lcherlich! Einen Wald aufforsten, knappe drei Meilen von hier und ...
na, ich will euch lieber gleich sagen, da ich der Sache wegen
fahre. Der Vokeller schreibt, der Seckersdorf kommt auch, wegen
Waldgrenzgeschichten -- da hab' ich nur den halben Weg -- und hernach
machen wir ein Partiechen.

Papa, wenn's dir nur nicht leid tut, warnte Maggie. Du weit doch,
mit Kurt ist nicht zu spaen.

Mit mir auch nicht, sagte der Oberfrster kurz und ging hinaus.

Eine Viertelstunde spter fuhr er im Einspnner davon.

Die beiden Frauen sahen ihm in schweigender Erregung nach.

An Papa hast du also keinen Halt! sagte Maggie mit heller Entrstung
im Tone.

Maggie! bat Gertrud flehend. Sag' nichts gegen Papa, das tte mir zu
weh. Wir wissen ja, wie er in Geldangelegenheiten ist, und ndern
knnen wir doch nichts.

Htte nur Kurt die dreitausend Mark nicht geschickt, grbelte Maggie
finster. Das ist eine niedertrchtige Schlauheit, wie berhaupt der
ganze Brief.

Er wei die Menschen schon zu nehmen. Pa auf, wenn er's will, mu ich
zurck. Aber ich sehe aus seinem Briefe noch gar nicht, was er
beabsichtigt. Weit du das?

Nein, Maggie wute es auch nicht. Aber es reizte sie, seine Absichten
herauszufinden und sie zu vereiteln. Von neuem nahm sie sich vor, der
Schwester, die den Hrten und Widerwrtigkeiten des Lebens so wehrlos
gegenberstand, ein versptetes Glck zu schaffen. Und sie trstete sie,
liebevoll und innig, wie sie nur zu ihr sprechen konnte, und war
zufrieden, als ein verschchtertes Lcheln das einst von Frohsinn und
Glcksgewiheit strahlende, jetzt so stille Gesicht Gertruds aufhellte.

Die beiden Schwestern hatten von klein auf sich sehr innig gestanden,
trotz des Altersunterschiedes. Gertrud, die ltere, das Prinzechen,
schn wie der Tag und von aller Welt auf Hnden getragen, hatte die
weniger hbsche, damals noch scheue Schwester mit fast mtterlicher
Zrtlichkeit gehtet und gepflegt, und sich immer bemht, sie in den
Vordergrund zu schieben.

Ihre Mutter, eine Englnderin, aus verarmtem, vornehmem Hause, ihrerzeit
Gesellschafterin in einer dem Oberfrster befreundeten Familie, war
gestorben, als die Mdchen zehn und sechs Jahre alt waren. Beide
gedachten noch heute mit abgttischer Verehrung der lachenden jungen
Mutter, deren Abbild Gertrud geworden war.

Nun, das Lachen war Gertrud mit der Zeit vergangen, whrend Maggie, die
frher finstere, schweigsame, jetzt oft von Lustigkeit bersprudelte;
freilich nicht von der sonnigen, harmlosen Frhlichkeit, mit der Gertrud
sich in jedes Herz hineingeschmeichelt, sondern von einer absichtlichen,
die herrische Naturen sich angewhnen knnen, weil sie sie als Rstzeug
brauchen.

Mit ihrem Wesen hatte sich auch das Verhltnis der beiden Schwestern
zueinander gendert. Gertrud, das ehemalige Glckskind, warmherzig,
arglos, unbewut von ihrer Macht durchdrungen, jetzt in den rohen Hnden
ihres Mannes schlaff und haltlos geworden, suchte Schutz bei Maggie.
Diese, seit Gertruds Heirat sich selbst berlassen, hatte sich mit ihrer
innerlichen Klte und Klugheit von ihrer Umgebung lngst frei gemacht
und beherrschte durch Gleichgltigkeit und Berechnung unter der Maske
der Liebenswrdigkeit alles.

Unbekmmert um Gegenwart und Zukunft, die sie sich sicherlich nach
Geschmack zusammenschmieden wollte, hatte sie sich in ihrer ueren
Erscheinung zu einer Schnheit entfaltet, die eigentlich Kraft und
blhende Gesundheit auf der Hhe ihrer Entwicklung war.

Mancher von den Gutsbesitzern des Kreises, hier und da ein junger
Forstassessor oder sonst jemand aus der Gesellschaft bemhte sich
ernsthaft um sie, aber mit groem Takt ging sie jeder entscheidenden
Frage aus dem Wege und wute sich ihre Verehrer als Freunde zu erhalten.
Sie wollte nichts verpuffen, wie sie bei sich sagte. Ihre ganze Kraft
sollte daran gewendet werden, sich die Stellung zu verschaffen, die ihr
nach ihren Bedrfnissen vorschwebte. Bot sich die Gelegenheit dazu nicht
bald, so mute sie solche suchen. Es war nun Zeit. -- So hatte sie
gestern noch gedacht, als der Vater von Seckersdorf sprach. Heute war
das anders. Nun kam sie vorlufig wieder nicht in Betracht. Nun erst das
arme, blasse Weib.

Es ist doch gut fr uns andere, dachte sie, da solche Menschen, wie
Gertrud, existieren. Daran, da man sie so liebhaben kann, zeigt man
sich selbst, da man im Grunde auch ganz gutherzig ist. Und zugleich
sieht man, wie man es nicht machen mu, wenn man selbst vorwrts kommen
will.

War es denn eigentlich glaublich, da Gertrud mit all ihrer Schnheit
und Anmut und Herzensgte den so empfnglichen Kurowski nicht hatte
fesseln knnen? Das wre gleich so eine Partie, so eine Aufgabe fr sie,
Maggie, gewesen.

Aber sie wollte ja einmal gar nicht an sich denken -- nun gar in so
unmglichen Vorstellungen. Dann htte ihr ja auch der Gedanke an
Seckersdorf kommen knnen, -- den sie doch gerade fr Gertrud erkmpfen
wollte.

Der ist leicht auszuschalten, weil er dir nicht gefllt, sagte eine
leise innere Stimme. Blond, still und zurckhaltend, ist nicht dein
Geschmack.

Nun stampfte sie leise mit dem Fu und ging geradenwegs zu Gertrud, um
sie herzhaft und zrtlich zu kssen.

Du glaubst, da ich dich liebhabe? fragte sie leidenschaftlich. Du
hltst etwas von mir? Ich bin die einzige, zu der du volles Vertrauen
hast?

Aber, Maggie, zu wem sollte ich es sonst in meiner furchtbaren Lage?
... Du bist mein einziger Halt ... Die Kinder sind noch so klein.

Ja, die Kinder, die Kinder! nderte Maggie schnell das Gesprch.
Aber wir haben mit der ganzen Einrichtung so viel zu bereden. Komm,
Liebling, wenn du noch weit, was Zimmereinrichten und Kche und
Speisekammer bedeuten ... brigens, wenn nicht, so lernst du es eben
wieder. Du hast dich viel zu sehr verwhnt, mein vornehmes Frauchen!

Gertrud lchelte und ging bereitwillig mit ihr zu Frulein Perl, die dem
Namen nach in der Wirtschaft bestimmte, whrend in der Tat Maggie lngst
den groen, lndlichen Haushalt fhrte.

Man besprach die Einteilung der freien Zimmer oben, die Beaufsichtigung
der Kinder und die kleinen huslichen Tagesfragen, an denen Gertrud nun
wieder teilnehmen sollte.

Sie tat es mit fieberhaftem Eifer. Sie war zrtlich und ttig besorgt um
die Kinder, sie ordnete in den fr sie und die Knaben bestimmten beiden
Stuben hier und da. Es kam nicht viel dabei heraus, aber sie war
beschftigt. Sie brachte sich ber diese unruhvollen Stunden hinweg, in
denen ihr Herz bang und ngstlich schlug, in denen der Gedanke: Was
wird nun werden? sie zermarterte, in denen auch die leise
durchhuschende Ahnung: Es kommt etwas Gutes -- vielleicht das Glck!
ihr zur Pein wurde.

Nach einer langen, schweigsamen Wanderung durch den herbstatmenden Wald,
der heute in klarem, fast winterlichem Sonnengold die Reste seiner
briggebliebenen Sommerreize friedlich und entsagend ausstreute, in
dessen traumhafter Stille ein paar schrille Vogellaute, das Rascheln der
verwelkten Bltter, die aufjubelnden Kinderstimmen die einzigen
Lebenszeichen waren, kamen dann die Schwestern mde, Arm in Arm heim.
Beide ganz Liebe freinander, und doch die eine im Gefhle der Gebenden,
die andere als Empfangende.

Wie gut es ist, bei Maggie und daheim zu sein! dachte Gertrud und:
Wie hbsch es ist, fr ein liebes Menschenkind Plne zu machen und sich
so wundervoll dabei zu benehmen! dachte Maggie.

Diese Nacht schliefen beide gut. Der nchste Morgen fand Gertrud ein
wenig widerstandsfhiger, ruhiger und selbstbewuter.

       *       *       *       *       *

Bald nach dem Frhstck nahm der Oberfrster seine jngste Tochter unter
den Arm und forderte sie auf, nach den neuen Schlgen mitzugehen. Das
war seine Gewohnheit so, wenn er etwas auf dem Herzen hatte, oder in
irgendeiner geschftlichen Angelegenheit mit sich nicht ganz im reinen
war. Maggie mit ihrem durchdringenden Verstand traf gewhnlich das, was
er als alter Praktikus sich herausspintisiert hatte, und dann war er
zufrieden.

In ihrem ungestmen und dabei selten befriedigten Drange, in Dinge
einzugreifen, die ber ihre gewhnlichen Tagesarbeiten hinausragten,
hatte sie stets Freude an solchen Gngen. Sie fhlte sich dann noch am
meisten als Tochter ihres Vaters, den sie sonst in Gedanken oft als den
alten Herrn anredete und von dem sie im Grunde nicht recht begriff,
da die Natur ihn und sie in solch nahen Zusammenhang hineingezwungen
hatte.

Er seinerseits war viel zu klug, als da er diesen Mangel an
Herzensneigung nicht htte durchschauen sollen, aber er machte sich
nicht viel daraus. Im tiefsten Innern war er sogar berzeugt, da sich
in seinem eigenen Empfinden dieselbe Leere vorfand. Darum kamen sie aber
nicht weniger gut miteinander aus. Sie waren eben beide Menschen mit
wenig Herzensbedrfnissen, und was es an Familiensinn in ihnen gab,
hatten sie auf Gertrud geschttet, die so viel Liebe brauchen konnte und
alles, was man ihr gab, so dankbar zu erwidern verstand.

Um Gertrud wrde es sich natrlich heute handeln. Und ganz Feuer und
Flamme fr ihren Plan, machte Maggie sich fr den langen Weg mit dem
Vater bereit. Er durfte selbstverstndlich nichts von allem ahnen und
sollte doch das Hauptwerkzeug sein. Sie strahlte frmlich, als sie sich
von der Schwester verabschiedete.

Du bist eigentlich eine Schnheit geworden, Maggie, sagte Gertrud und
kte das rosenrote Gesicht, in dem die grauen Augen feurig und bewut
leuchteten. Ich kenne niemand, der etwas so Bestrickendes hat, wie du.
Wenn du dich nur zur Geltung bringen knntest. Aber hier ...

Kommt schon noch, sei ohne Sorge, antwortete Maggie und lief lachend
hinunter.

Auch der Alte sah ihr mit einem Anflug von Stolz entgegen, wie sie, ganz
federnde Spannung und Kraft, zu ihm trat.

Bist doch ein strammer Kerl, sagte er anerkennend. Wenn dich so einer
she!

Vielleicht verliert einer von den Holzschlgern sein Herz an mich --
oder der neue Revierfrster. Scheint ein ganz ansehnlicher Mensch zu
sein, spottete Maggie.

Ist alles vorgekommen, Kind, bemerkte der Alte. Und wenn ein Mdel
sich berhaupt erst in solche verfluchte Geschichten und Albernheiten
einlt, braucht es nicht gerade ein Leutnant zu sein, der ihr in den
Weg kommt.

Weit du, Papa, sagte Maggie, nun ernsthaft auf ihr Ziel losgehend,
da ich dich in Verdacht habe, du hast damals die ganze Geschichte
zwischen Gertrud und Seckersdorf auseinandergebracht?

Du, darber zerbrich dir heute nun den Kopf nicht mehr, meinte der
Oberfrster. Die Sache ist verjhrt. Hilf lieber der Gertrud auf den
richtigen Weg und bestrke sie nicht noch in ihrer Aufsssigkeit gegen
Kurowski. Was soll denn sonst blo werden?

Maggie wute es wohl, aber nachdenklich schob sie die gelbroten
Buchenbltter mit der Fuspitze vor sich auf. Ja, schlielich kann man
doch die Gertrud nicht mihandeln lassen! sagte sie. Wenn _die_ klagt,
mu es schon arg sein. Und man wei ja auch, was fr ein Leben der liebe
Kurt fhrt. Ich wundere mich nur, da man das vor der Heirat gar nicht
geahnt hat.

Ach, das war schon bekannt. Ich dachte nur, eine Frau, wie unsere
Gertrud, die wird ihn schon ans Haus gewhnen.

Ja, nur da das Experiment miglckt ist, sagte Maggie. Und nun sitzt
die Gertrud elend und verbraucht mit ihren zwei Jungen da.

Eine gewisse Emprung, halb die der beleidigten Schwester, halb die des
fr sich selber frchtenden Weibes, nahm ihr fast den Atem. Sie zerbrach
einen trockenen Ast, den sie von einem Eckerngebsch abgerissen hatte
und warf die Stcke erregt fort.

Der Oberfrster bi sich auf die Lippen und senkte den Kopf.

Er ist ja ein Windhund in Frauenzimmergeschichten, sagte er, aber
sonst ein anstndiger Kerl. Und dann die Kinder ... Die Gertrud
verwhnt er sonst wie eine Prinze. Und der Skandal bei so 'ner
Scheidungsgeschichte! Es geht nicht ... sag' selbst, es geht nicht ...

Er sah unsicher zu Maggie hin. In seinen Wimpern glitzerte etwas.

Das hatte seine Tochter noch nie an ihm gesehen. Es gab ihr ihre ganze
Kaltbltigkeit wieder. Nein, das sollte ihr nicht passieren. Wenn sie
etwas fr Gertrud tat, durfte keine Gemtsduselei und keine berflssige
Erregung mit unterlaufen. Kalt und klug wollte sie alles lenken, zu
ihrem Ziele, der Vereinigung Gertruds und Seckersdorfs.

Ja, Papa, schlimm ist es, sagte sie beistimmend, das seh' ich schon
ein ... aber was tun?

Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander.

Der Bestand wechselte. Statt der buntgefrbten Laubbume strebten nun
alte, moosbehangene Tannen auf. Klar und golden strich die Sonne durch
das dunkle Grn, und Goldflecke blhten auf dem brunlichen Waldboden
auf.

Schnes Stck! sagte der Alte. Der Endzipfel gehrt schon zu
Tromitten.

Was war denn nun mit Seckersdorf gestern? fragte Maggie.

Ja, erwiderte der Oberfrster zgernd, mir fiel schon unterwegs ein,
da man am Ende den Kurowski doch nicht vor den Kopf stoen kann. Ich
habe noch nicht zugesagt ... berbrdung vorgeschtzt, mir Bedenkzeit
ausgebeten. Allerdings verliere ich meine drei bis viertausend Mark, --
Heiratsgeld, Mdel ... Wenn man nur wte ... Sag' mal, was ist denn nun
eigentlich bei Kurowskis los gewesen?

Maggie erzhlte.

Der Oberfrster schttelte den Kopf und fluchte.

Wenn der Kurt aber noch so hinter ihr her ist, sagte er schlielich,
da seine Frau nicht ansehen soll, wen sie will, mu es mit der
Gleichgltigkeit und schlechten Behandlung doch nicht so schlimm sein.
Vielleicht spukt der Gertrud auch wirklich der Seckersdorf im Kopf herum
... dann freilich ...

Maggie widersprach eifrig. Die Gertrud wre viel zu sehr herunter, als
da sie an solche Dinge dchte. Aber zu vornehm und harmlos wre sie
auch, und knnte sich nicht vorstellen, da man sogar ihren Blicken
allerlei Bedeutung unterlegte. Man mte also dafr sorgen, da sie nie
mit Seckersdorf zusammentrfe, denn wer wei, ob nicht der Kurowski
gerade nach Berlin gegangen wre und Gertrud allein hier gelassen htte,
um ihr eine Falle zu stellen? Dann wrde er sie auf bequeme Weise los,
und die Kinder gehrten ihm.

Alle Wetter! Der Oberfrster blieb stehen und sah seine Jngste
verdutzt an. Das war eine Idee. Und zuzutrauen war's dem Kerl, dem
Kurowski, schon. Natrlich! Da ihm das selbst auch nicht eingefallen
war! Gott sei Dank, da er Gertrud heute nicht mitgenommen hatte. Und
weit du warum, Mdel? Ich habe mich mit dem Seckersdorf bei den
Eichenschlgen verabredet und dachte nun so, wenn du zwanglos mit ihm
... Na, und so weiter.

Maggie erschrak, da sie bla wurde. So unvorbereitet, so ganz ohne sich
zurechtgelegt zu haben, wie sie die Geschichte eigentlich einleiten
sollte ... Aber sie hob gleich wieder den Kopf und sah mit ihren
strahlenden Falkenaugen vorwrts.

Um so besser. Das Glck war mit ihr. Vielleicht machte sich wirklich
alles so noch natrlicher. Da sie den Vater so oft meilenweit
begleitete, war vor der Welt die Absichtlichkeit eines Zusammentreffens
ausgeschlossen. Sie wollte nun auch nicht weiter grbeln und dem Zufall
berlassen, auf welche Weise sie sich mit Seckersdorf verstndigen
konnte.

Jetzt, whrend sie rstig weitergingen, besprachen sie alles auf Gertrud
Bezgliche.

Dem Vater hatte sie nur gesagt, da es ihr ganz lieb wre, den
Seckersdorf so bald zu treffen, und dann das Gesprch selbst wieder auf
Gertrud gebracht. Es war ja an so vieles zu denken, sie hatten sich
gegenseitig auch das Herz ber das Aussehen und das mde, schlaffe Wesen
der armen Frau auszuschtten, auf Kurowski zu schelten, seinen
schillernden, unzuverlssigen Charakter zu zergliedern und schlielich
immer wieder zu der Frage zurckzukehren: Die arme Gertrud, -- was wird
das nur werden?

Dabei gingen sie rstig zu und kamen endlich auch zu der Lichtung, an
deren Rand ein Dutzend alte Eichen hingerichtet wurden, wie Maggie
sagte.

Die Leute grten, der Aufseher trat heran. Und von drben, der
entgegengesetzten Seite her, wo er sein Pferd gefhrt hatte, kam Hans
Seckersdorf herber. Maggie erkannte ihn auf den ersten Blick.

Nun stand ihr doch das Herz still.

Also dieses Mannes Schicksal wollte sie lenken. Sie hatte Zeit, ihn zu
mustern, whrend er ber die Wiese kam, dem Vater entgegen, der mit
lautem Gru auf ihn zuschritt.

Er war sehr gro, schlanker, als sie ihn in der Uniform in Erinnerung
hatte; er trug den verhltnismig kleinen Kopf hoch, war etwas steif in
den Bewegungen. Das Gesicht, regelmig wie eine Marsmaske, mit
aschblondem Schnurrbart, darunter ein weiches Kinn. Das Ganze beherrscht
von ein paar blauen Augen unter breiten Lidern, eigentmlich still und
fest blickend, -- alles in allem ein Mann, an dem man nicht so leicht
vorbergehen konnte.

Nun machte auch Maggie ein paar Schritte vorwrts. Leuchtend in den
Farben, Jugendfrische und Kraft atmend, trat sie ihm entgegen, streckte
unbefangen die Hand aus und rief dem alten Bekannten, ihrem allerersten
Tnzer, ein frohes Willkommen entgegen.

Papa sagte mir, da wir Sie hier treffen wrden, und ich habe mich
recht gefreut.

Er drckte ihr die Hand und sprach von freudiger berraschung; dabei
musterte er sie aber halb suchend, halb verlegen.

Maggie dachte an Gertrud und was sie nun sagen sollte. Las er ihr das an
den Augen ab? Er sah sie wirklich ganz eigentmlich an, -- bittend und
forschend und unruhig zugleich. Oder bildete sie sich das alles ein?
Fast schien es so.

Der Oberfrster nahm das Wort, und Seckersdorf wandte sich sehr rasch
nach ihm um. Eben wurden die ersten Schnitte an einem Riesenbaum
vorgenommen; der Oberfrster gab einige Anweisungen. Seckersdorf sah und
hrte mit intensiver Aufmerksamkeit zu.

Ich lerne, sagte er mit entschuldigendem Seitenblick auf Maggie.

In diesem Augenblick trat der Aufseher mit einer Berechnung an den
Oberfrster heran.

Natrlich! sagte der Oberfrster nach kurzer Prfung. Entschuldigen
Sie, bitte, einen Augenblick, lieber Seckersdorf.

Er trat hinber zu den Leuten, und Maggie stand nun allein neben
Seckersdorf, mit klopfendem Herzen und verstohlen sphendem Blick. Ja,
hinter seinem regungslosen Gesicht arbeitete es, die Augen verrieten's,
-- also vorwrts!

Aber schn war sie, diese Aufregung, die von ihm zu ihr hinberstrmte,
dieses Fragen ohne Worte, dieses Vortasten, das von einem zum anderen
zitterte. Maggie htte noch minutenlang so stehen mgen, in dieser
klaren, herben Luft dasselbe atmend, was dieser Mann da empfand.

Und doch gab sie sich einen Ruck. Sie mute anfangen.

Herr von Seckersdorf! sagte sie stockend.

Er horchte auf. Verzeihung! Wenn Sie leise sprechen, hat Ihre Stimme --

hnlichkeit mit der meiner Schwester! fiel sie rasch ein. Ja, es ist
leider die einzige.

Er machte eine hfliche Bewegung und sah sie unruhig an.

Wie er erregt ist! dachte sie. Ja, ehrlich gesagt, es ist mir wegen
Gertrud lieb, da ich Sie sprechen kann, sagte sie hastig, nach dem
Oberfrster hinbersehend.

Er erschrak und folgte zerstreut ihrem Blicke. Wegen Frau von
Kurowski? Sie nickte.

Gertrud ist von ihrem Manne fortgegangen, sagte sie schnell, noch
immer wie ngstlich nach dem Vater blickend, weil sie Ihretwegen in
rohester Weise von ihm verdchtigt worden ist.

Um Gottes willen -- meinetwegen? Er machte eine hastige Bewegung, als
ob er ihren Arm ergreifen wollte.

Sie mssen das wissen, sagte sie, leise und schnell, weil Papa von
einer geschftlichen Beziehung zu Ihnen sprach. Sie htten uns
wahrscheinlich besucht, und da Gertrud mit den Kindern bei uns ist,
unterbleibt das wohl. Ich glaube, es ist besser, Sie treffen meine arme
Schwester berhaupt nicht wieder.

Sie meinen, ich soll abreisen? ... Natrlich ... sofort ... wenn es
sein mu ... Seine Lippen zuckten unter dem Schnurrbart. Sie ist rde
behandelt worden? fragte er zgernd.

Maggie nickte wieder. Sie will nicht wieder nach Laukischken zurck ...
aber Papa wird sie zwingen ... berreden, wie ...

Wie damals, sagten ihre Blicke. Aber sie sprach es nicht aus.

Er wurde rot und sah vor sich in den Wald, mit Augen, aus denen eine
schmerzliche Erinnerung zu sprechen schien.

Maggie las eine ganze, lange Rede von seinen stummen Lippen.

Leidet sie sehr ... sehr? fragte er nach einer Pause. Ist sie sehr
verndert in diesen acht Jahren?

Sie ist vllig niedergebrochen, sagte Maggie mit Betonung.

Nicht doch, nicht doch! murmelte er. Wei sie, da wir, ich meine Sie
und ich, heute hier -- Wie er nach einem augenblicklichen Zusammenhang
zwischen sich und ihr suchte! Wahrhaftig, er ist ihr noch gut, dachte
Maggie.

Gott bewahre, sagte sie. Man mu ihr doch alles fernhalten, was sie
beunruhigen ... ich meine, sie soll nicht ... Sie stockte, wurde rot
und sah nach der Seite.

Und Sie glauben, es ist besser, wenn ich gleich gehe? fragte er
dringend. Kann ich denn sonst nichts, gar nichts fr sie tun?

Sie zuckte die Achseln und machte eine Bewegung nach dem Oberfrster,
der eben zurckkam.

Papa darf nichts davon wissen! sagte sie verlegen.

Er sah sie dankbar an.

Sie lieben Gertrud -- er erschrak und verbesserte sich -- Ihre Frau
Schwester sehr?

Mehr als alles auf der Welt, sagte sie aufrichtig. Und fr ihr Glck
brchte ich jedes Opfer.

In berstrmender Herzlichkeit nahm er ihre Hand.

Wollen Sie ... drfen Sie ihr sagen ...

Was?

Da stand der Oberfrster vor ihnen und schmunzelte vergngt.

Freundschaft geschlossen? fragte er.

Alte erneuert, antwortete Maggie.

Ja, damals waren Sie noch ein ganz kleines Frulein, das nicht immer
mitgenommen wurde.

Und jetzt tanze ich schon regulr sieben Winter.

Werden wir Sonntag ber acht Tage in Waldlack zusammen sein? fragte
er, unruhig ihre Augen suchend.

Papa, du hast ja verheimlicht, da am Sonntag die Waldlacker
Gesellschaft ist, wandte sich Maggie an den Vater. Natrlich also, und
ich freue mich darauf. Meine Schwester, als Strohwitwe, bleibt
wahrscheinlich den ganzen Winter zu Hause, aber ich komme, wo es etwas
zum Tanzen gibt.

Und immer viel zu viel, lachte der Oberfrster. Aber wenn Sie sich
nun den Schlag einmal genau ansehen wollen, lieber Seckersdorf, dann
bitte ... Du kannst hier einen Augenblick ausruhen, Kind. Wir haben ja
noch einen weiten Rckweg.

Maggie setzte sich auf einen Stein, whrend die Herren zu den Arbeitern
gingen.

Das Herz war ihr weit und sie fhlte sich beunruhigt. Also, so was gab
es wirklich? Da war ein Mann, schn und jung, vornehm, mit glnzenden
Aussichten, und der sah seine Liebste wieder nach acht Jahren fast --
und obwohl Gertrud nicht mehr so schn war, einem anderen gehrt hatte,
Mutter und so ganz anders geworden war, bebte er heute, wenn er ihren
Namen nannte. Und sie ... Kurowski war auch ein stattlicher Mann,
vielleicht noch interessanter als dieser -- aber nein --, dieser
Seckersdorf hatte doch in seiner stillen beherrschten Manier etwas ganz
auergewhnlich Anziehendes.

So wanderten ihre unruhigen Gedanken hin und her, und zuweilen, wenn sie
seine schlank-krftige Gestalt in dem knappen Reitanzug zwischen den
Bumen auftauchen sah, berraschte sie sich auf einem kleinen Anflug von
Neid.

Warum traf sie nie so einen, der ihr seine schne mnnliche Erscheinung,
seine vornehme Seele und -- nicht zu vergessen -- seine Reichtmer bot?
Warum trat in ihr Leben kein Mann wie dieser, der so treu blicken, so
fest die Hand drcken konnte? Gott, vielleicht war das alles ein
bichen langweilig; vielleicht, wenn man sich berhaupt auf so etwas
einlie, hatte Kurowski mit seinem Wechselsystem Recht. Und brigens,
was grbelte sie ber das alles? Sie hatte einfach zu tun, was sie sich
einmal vorgenommen, und sie war auf gutem Wege. Gertrud konnte sich
wirklich freuen.

Dann kamen die Herren. Seckersdorf verabschiedete sich, erinnerte an das
Souper in Waldlack, das sie ihm versprochen, drckte ihr bedeutungsvoll
die Hand und ritt nach der entgegengesetzten Richtung fort.

Famos, wie er reitet, sagte Maggie, ihm nachsehend.

berhaupt ein Prachtmensch, stimmte der Oberfrster bei. Glaubst du,
da er mir das von damals nachtrgt? Keine Spur! Und was meinst du,
Dchting, die Gertrud ist dem doch nicht mehr gefhrlich. Er blinzelte
schlau mit den Augen.

Das kannst du gar nicht wissen, erwiderte Maggie ernsthaft.

Einsilbig, Luftschlsser bauend und zerstrend, gingen sie heim durch
den starkduftenden Wald.

       *       *       *       *       *

Inzwischen war Gertruds Jungfer mit der befohlenen Garderobe
eingetroffen und hatte Gre von dem gndigen Herrn berbracht, der in
den nchsten Tagen, vor der Reise, noch einmal herberkommen wrde.
Gertrud war heftig erschrocken, sah aber bald aus einem Briefe ihres
Mannes, der ihr fast gleichzeitig durch die Post zugestellt wurde, da
alles der Jungfer Aufgetragene zu der Spiegelfechterei gehrte, die er
auszuben beliebte.

Wie er ihr ganz kurz mitteilte, hatte er alle huslichen Angelegenheiten
so weit geordnet, da man sie whrend seiner Abwesenheit mit gar nichts
behelligen wrde. Er befahl ihr dagegen einen Besuch in Laukischken nach
dem Ersten jeden Monats, wobei sie sich den Anschein zu geben htte, da
sie nach dem Rechten she. Sonst htte er ihr nichts zu sagen, als da
er Nachricht ber die Jungen erwarte, sobald er seine Adresse
telegraphiert haben wrde. Alles weitere sollte sich nach seiner
Rckkehr finden.

Gertrud weinte viel ber diesen Brief. Die groe Unsicherheit ihrem Mann
gegenber, die alles in ihr zerstrte, woraus sie sich noch einen
Lebensinhalt htte schaffen knnen, nahm wieder ganz Besitz von ihr.

Sie wute nicht einmal zu entscheiden, ob sie die Jungfer behalten oder
wegschicken sollte. Wenn nur Maggie wieder zu Hause wre! Sie lief vom
Fenster zur Veranda und hinauf in Maggies Stube, von der aus sie den Weg
bersehen konnte. Aber die Erwartete kam nicht, und ihr wurde immer
banger. Sie rief nach den Kindern, die waren ihr aber zu laut und muten
wieder hinaus; sie ging zu Frulein Perl, die in der Kche beschftigt
war, und fragte sie um Rat wegen der Jungfer. Frulein Perl meinte, eine
Hilfe knnte man jetzt gut im Hause brauchen, aber sie mte auch
wirklich eine sein. Darber sprach man nun hin und her, bis Frulein
Perl ungeduldig wurde.

Weit du, Kindchen, ich habe zu tun, berleg dir's doch, es hat ja
keine Eile. Bis zum Abendzug mu die Person ja doch hierbleiben. La sie
nur gleich die Sachen der Jungen einrumen.

Ja, natrlich. Sie gab den Auftrag und ging dann wieder auf die
Veranda, um zu warten und zu grbeln.

Mit einem Angstschauer dachte sie an den Brief, den sie eben erhalten
hatte, dachte an ihren Mann, der sie durch seine berlegene Art in immer
grere Hilflosigkeit hineintrieb. Sie konnte sich mit ihrem weichen
zrtlichen Wesen nur entfalten, wo man ihr Liebe bot. Vor harten,
ironischen oder zweifelhaften Worten und Berhrungen schreckte sie
zusammen, sah sich angstvoll nach jemand um, der sie schtzen knnte,
und verstummte schlielich ganz.

Das war eine Schwche, eine Verzrtelung, aber sie konnte nicht anders.
In der ersten Zeit ihrer Ehe hatte ihr Mann sie auch darin bestrkt, sie
seine Taube genannt und ihre zurckhaltende Scheu mit heien
Liebkosungen zu besiegen versucht. Das war ihm nie gelungen. Aber
gegeben, gehorsam und ohne Ma, hatte sie ihm alles, was er wollte; denn
sie fhlte sich im Unrecht gegen ihn, weil sie es nicht freudigen
Herzens tat, und weil hier und da ein schmerzlicher sehnender Gedanke zu
dem anderen flog, an den sie doch nicht mehr denken durfte.

Wie von einem unvergelichen Toten hatte sie zuletzt in den vielen
unausgefllten Stunden ihres Tages von ihm getrumt. Aber nun war er
pltzlich wieder da, hatte ihr mit einem Blick wie frher gesagt: Ich
hab' dich noch lieb!

Und da verschwanden mit einem Male alle trbsinnigen Grbeleien; der
Himmel schien ihr so klar und hoch, als mte sie hinauf, und ein Gefhl
von Sicherheit kam ber sie, als wenn sie nun stark und mutvoll der
Zukunft entgegengehen wrde. Und das alles nur, weil er wieder da war.

Aber was willst du von ihm? fragte dann wieder mahnend das Gewissen.
Du tust Unrecht. Das ist Snde, das ist gefhrlich ... Du brichst die
Ehe in Gedanken.

Die Kinder liefen vorber und schrien ihr zrtliche Worte zu. Da nahm
sie sich zusammen und sagte sich: Ich will nicht, ich darf nicht an ihn
denken! Aber ein aufregendes Erwartungsgefhl zitterte doch in ihr,
wich dem einer groen Angst und rang sich wieder durch, so da sie
zuletzt nicht mehr aus und ein wute und mit klopfendem Herzen in den
Garten eilte und zwischen den Taxushecken hin und her lief.

In dieser Stimmung traf Maggie sie bei ihrer Rckkehr und erzhlte von
der Begegnung mit Seckersdorf. Die paar Worte, die sie mit ihm ber
Gertrud gesprochen hatte, nahmen in ihrem Bericht eine feurige Frbung
an und weckten Glcksschauer in der verschchterten Seele der armen
Frau.

Aber sie wehrte sich dagegen. Sprich nicht mehr davon, ich fleh' dich
an ... aus Mitleid sprich nicht mehr davon ... Es darf ja nicht sein!

Doch Maggie wurde immer erregter in ihren Worten. Die ganze fremdartige
Bewegung, die sie selbst am Vormittag empfunden hatte, sprach sie sich
vom Herzen, und zuletzt, als Gertrud sich hei und bebend aus ihrem
Arme lste, rief sie ihr heftig zu: Wenn ich du wre, und solch ein
Mann htte mich lieb, und ich ihn, dann liefe ich zu ihm und sagte:
'Nimm mich ... gleich ... la uns nicht eine Sekunde von dem
grenzenlosen Glck verlieren, das wir fr einander bereit haben.'

Gertrud sah sie gro, mit leuchtenden Augen an. Sie wute, das war
Mdchengeschwtz, in Wirklichkeit wrde das ganz anders kommen; und
dennoch, ihr Herz schlug wild, und ein unbezhmbarer, sehnschtiger
Wunsch nach dem Einziggeliebten brach sich Bahn.

Ach, wenn ich heute mit gewesen wre und htte ... Nein, nein, Maggie,
du fhrst mich in Versuchung ... und ich habe Angst ... ich werde
schlecht ... Mu er sich selbst nicht sagen, da es schlecht ist? Ich
bin eine verheiratete Frau ... Und meine Jungen ... ach, meine Jungen!

Sie weinte heftig. Aber Maggie fhlte, da Gertruds Widerstand schon
nachgelassen hatte.

Damit war sie fr jetzt zufrieden. Die arme Gertrud mute ja erst
allmhlich wieder zur Selbstndigkeit und Glcksfhigkeit erzogen
werden.

Bei Tisch, als der Oberfrster Maggie mit Seckersdorf neckte --
absichtlich, um Gertrud dabei zu beobachten, wie Maggie wohl merkte --,
wechselten die Schwestern einen Blick des Einverstndnisses, und
Gertrud lchelte ein wenig.

So begann denn der Plan Gestalt anzunehmen, und alles ging langsam
vorwrts.

Maggie sprach unausgesetzt von Seckersdorf und seiner Liebe zu Gertrud,
als von etwas Selbstverstndlichem. Sie dachte nicht ganz so, wie sie
sprach, sie glaubte jedoch mit der empfnglicheren Phantasie der
Schwester rechnen zu mssen, und redete sich dann allmhlich in immer
grere Wrme hinein. Oft wurde sie mde, wenn Gertrud immer dasselbe
sagte: Ich bin eine verheiratete Frau und darf an keinen anderen
denken. Aber sie lie doch nicht nach und war zum erstenmal zufrieden,
als eines Tages sich zu den blichen Worten der Zusatz einstellte: Bis
da ich frei bin.

Sie kmpfte so ehrlich, die arme Gertrud. Sie schwankte und glaubte sich
fest, sie beschftigte sich, so gut sie konnte, im Hause und mit den
Kindern. Aber wenn es ihr mhsam gelungen war, die gefhrlichen Gedanken
zu verbannen, stand Maggie da und sagte: Gertrud, wenn er dich so
she, oder: Was mchtest du sagen, wenn er die Tre aufmachte und die
Arme ausbreitete? oder hnliche Torheiten mehr, die dann immer eine
berleitung auf das verbotene Thema abgaben.

Allmhlich wurde da Gertruds Widerstand immer schwcher. uerlich und
auch vor sich selbst. Sie fing an, die vergangenen Ehejahre zu vergessen
und sich, wie in jener kurzen Zeit ihres Mdchenlebens, von dem sen,
bangen, aufregenden Gefhl beherrschen zu lassen, das in den Gedanken
ausklang: Er liebt dich noch immer!

Sie blhte von Tag zu Tag dabei auf. Die ngstliche Spannung, durch die
bestndige Furcht erzeugt, etwas nicht recht zu machen, wich aus ihrem
Gesicht, und es gab Augenblicke, in denen die stille, harmonische
Heiterkeit, die frher einen guten Teil ihrer Schnheit ausgemacht
hatte, ihr ganzes Wesen wieder durchleuchtete.

Maggie sah es mit Stolz und fhlte sich gehoben und glcklich.

Gertrud warf sich ihr nun ganz in die Arme. Was noch an Bedenken in ihr
geherrscht hatte, verschwand, und sie gab sich der Schwester mit dem
ganzen vollen Vertrauen ihres reinen, guten, trichten Herzens. Maggie
wunderte sich oft und rgerte sich auch manchmal ber sie.

Ja, wenn Gertrud so war, so unpraktisch ehrlich, so gut, so weltunklug
und unberhrt von allem Niedrigen, das sich doch nun einmal nicht aus
dem Leben fortleugnen lie, dann war es begreiflich, da Kurowski in
seiner zynischen Gewissenlosigkeit sich unbehaglich mit Gertrud fhlen
mute.

Ob brigens Seckersdorf, der einen durchaus zielbewuten, lebensklugen
Eindruck machte, Verstndnis fr diese trumerisch unweltliche Art
Gertruds besa? Ob diese Liebe nicht im Grunde doch Einbildung von ihm
war, nur weil er Gertrud nicht bekommen hatte?

Wenn sie so diesen Gedanken folgte, sie weiter ausspann, erschrak sie
zuletzt. Denn das Ende war jedesmal, da sie sich sagte: Eigentlich
wre jeder der beiden Mnner, Kurowski wie Seckersdorf, gerade der Mann
fr mich, und nun hlt Gertrud alle beide. Dafr hab' ich sie aber auch
lieb und will sie glcklich machen, beruhigte sie sich dann.
Sonst ...

brigens khlte sich ihre groe Liebe fr Gertrud ein wenig ab. Es lag
schlielich doch in Gertruds Art etwas Beschrnktheit. Warum hatte sie
sich ihr Leben auf dem prachtvollen Laukischken nicht eingerichtet, im
Winter in Berlin, Paris oder Rom? Wenn nicht mit, dann ohne ihren Mann?
Sie hatte schlielich doch nicht darauf rechnen knnen, da Seckersdorf
ihr nach acht Jahren mit Hundetreue wieder begegnen wrde.

Diese ganze Empfindsamkeit war eigentlich Bldsinn. Aber da sie nun
einmal die Leitung in dieser Komdie bernommen hatte, sollte auch nach
ihrem Willen gespielt werden.

Darber kam nun der Sonntag heran, an dem in Waldlack getanzt werden
sollte. Gertrud blieb natrlich zu Hause, htte aber die Schwester gern
so glnzend als mglich herausgeputzt. Maggie wollte nicht. Sie mochte
nicht anders erscheinen, als ihren Verhltnissen entsprach. Und als sie
dann in ihrem einfachen blablauen Kleidchen herunterkam, nur ein paar
frische Rosen von Frulein Perls selbstgezogenem Rosenbusch an der
Brust, gab Gertrud ihr Recht. Frischer und lieblicher htte sie in dem
kostbarsten Staat nicht aussehen knnen, meinte sie, und alt und jung
mte sich in sie verlieben.

Und wenn Seckersdorf das tte? fragte Maggie lachend, aber mit einer
kleinen, innerlichen Bitterkeit.

Gertrud lchelte dazu und sagte: Der ist ja nicht mehr frei, -- aber
alle anderen.

Diese Zuversicht! Doch Gertrud hatte sicherlich recht. Mit diesem und
hnlichen Gedanken beschftigte sich Maggie auf dem Wege nach Waldlack,
den sie, gut eingehllt, im Halbwagen mit dem Vater zurcklegte.

       *       *       *       *       *

Die Waldlacker Tanzgesellschaft war immer die Einleitung der
Wintervergngungen des Kreises. Alt und jung freute sich darauf; denn
das Waldlacker Haus hatte den ausgedehntesten Umgang, konnte eine Menge
Logierbesuch beherbergen und darum auch Gste von weit her bei sich
sehen.

Die Waldlacker waren auerdem reich, fhrten den Haushalt in groem Stil
und sorgten dafr, da die Saisonneuerungen, die in Berlin fr notwendig
erklrt worden waren, in ihrem Kreise eingefhrt wurden.

Der Gedanke daran fuhr Maggie durch den Kopf, als der Wagen vor der
Terrasse hielt. Ach, fr mich gibt's heute ja nur Seckersdorf! dachte
sie aber gleich, halb gespannt, halb widerwillig weiter.

Nun die mit Lufern belegte und berdachte Terrassentreppe -- ein Luxus,
den sich sonst niemand gestattete -- hinauf, in den kleinen Gartensaal,
der, mit Orangen und Palmen geschmckt und farbig erleuchtet, festlich
anmutete. Zu beiden Seiten die Garderoben, in denen die ersten
Begrungen und das Instandsetzen der Toiletten eine ausgedehnte Zeit in
Anspruch nahmen.

Maggie hatte immer darauf gehalten, sich mit den Frauen und Mdchen der
Umgegend gut zu stellen; und sie war zufrieden, als man von allen Seiten
auf sie zukam, ihr Zrtlichkeiten sagte, Komplimente ber ihr Aussehen
machte, als der Nachwuchs des Jahres sie enthusiastisch und respektvoll
begrte und die anderen jungen Mdchen in aller Eile Geschichten zu
erzhlen und vielerlei zu fragen hatten, -- die besonders vertrauten
auch nach Gertrud Kurowski, die man gehofft hatte hier anzutreffen.

Maggie antwortete unbefangen in der Lesart ihres Schwagers darauf und
ging auf alles andere heiter ein. Sie freute sich furchtbar aufs
Tanzen, lie sich von den jungen Herren erzhlen, die da waren, tauschte
Vermutungen aus, mit wem die oder die den Kotillon tanzen wrde, von wem
wohl die Marie Rder das groe Bukett haben knnte, mit dem sie so
geheimnisvoll tat, und gab dann schlielich zum besten, da sie den
vermutlichen Lwen des Abends, Seckersdorf, schon einmal getroffen und
ihn sehr nett gefunden htte.

Da schwirrten denn die Fragen durcheinander. Ob er noch tanzte, ob er
gut ausshe, ob er bleiben wollte, ob er unverlobt wre ...

Maggie gab Auskunft, so gut sie konnte, und meinte, wenn's dazu kme,
wollte sie ihn ordentlich ins Gebet nehmen. Dann warf sie noch einen
kurzen Blick in den Spiegel, stellte mit Befriedigung fest, da sie
entschieden am besten von allen aussah, und trat siegesfroh in den
Gartensaal, wo der Vater sie erwartete.

Sie fuhr ein klein wenig zusammen. Neben ihm stand Seckersdorf.

Er war doch eine prachtvolle Erscheinung, selbst in dem hlichen
Frackanzug. Der Typus des ritterlichen Mannes, ehrenfeste Kraft in jedem
Zuge.

Er kam ihr entgegen, und nachdem sie einander und den alten Herrn von
Schweitzer begrt hatten, der sich dem Vater anschlo, gingen sie
zusammen durch den Saal weiter. Beide befangen und schweigend, bis er
den Anfang machte und stockend fragte: Gndiges Frulein haben den
Rckweg neulich ohne Anstrengung gemacht?

Nun lachte Maggie. Natrlich! Aber, bitte, sagen Sie doch lieber einmal
ehrlich, was Sie eben dachten.

Ehrlich? Er sah ihr aufrichtig ins Gesicht.

Gewi. Zwischen uns ist Ehrlichkeit doch die erste Bedingung.

Er nickte und sagte etwas verlegen: Ich dachte, wie ich eines Abends
vor neun Jahren mit ein paar Kameraden hier stand, -- und aus der
Damengarderobe trat Ihre Schwester heraus, wie Sie heute.

Ich besinne mich zufllig auf den Abend auch, antwortete Maggie
nachdenklich. Ich war so neidisch auf Gertrud und bewunderte sie so.
Sie trug ein weies Kleid mit Silber durchwebt.

Ja, ja! besttigte er. Damals war hier alles mit Tannen hergerichtet
und eine Art knstliches Mondlicht geschaffen. Keiner von uns hatte Ihr
Frulein -- Ihre Frau Schwester noch gesehen. Und wie sie da allein
herauskam und sich nach dem Herrn Vater umsah ... Wir standen alle ganz
starr ... So etwas Schnes hatte man berhaupt noch nie erblickt.

In Maggie erhob sich etwas wie der Neid von damals.

Sie waren an der Tre des Empfangszimmers.

Darf ich mir den Kotillon sichern? bat Seckersdorf.

Maggie bejahte freundlich, und begrte die Wirte, die ihr besonders
gewogen waren.

Frau von Bork, eine groe, schlanke, tadellos angezogene Dame, mit ein
klein wenig aus der Jugend briggebliebenem Hoftick, fand noch Zeit, ihr
zu sagen, da sie ihr Seckersdorf als Tischherr zugedacht hatte.

Maggie verschwieg, da sie auch den Kotillon mit ihm tanzen wrde. Wenn
es sich nicht um Gertrud handelte, dachte sie, am Arme des Hausherrn in
den Tanzsaal gehend, welche Gelegenheit fr mich selbst!

Herr von Bork reichte ihr die Tanzkarte, die sofort von Hand zu Hand
wanderte, nachdem Seckersdorf seinen Namen eingezeichnet hatte. Als
Maggie dann den lteren Damen, die noch gruppenweise im Saale
umherstanden, guten Abend sagte und sich hier und da mit einigen
ballfiebernden jungen Mdchen unterhielt, immer von wohlwollenden,
bewundernden Blicken empfangen, war sie schon sicher, da sie an diesem
Abend wieder die Gefeiertste sein wrde.

Das freute sie wegen Seckersdorf.

Als die Musik mit der blichen Polonse einsetzte, kam es wie ein Rausch
ber sie.

Im Vollgefhl ihrer Jugendschnheit und Macht wuchs sie frmlich, und
dem Rittmeister von Parchemb, auch einer von Gertruds Jugendverehrern,
der sie zum Rundgang fhrte, htte sie entgegenjubeln mgen.

Es war doch wunderbar schn, jung zu sein, ein Leben vor sich, die Zgel
fest in der Hand. Vorwrts in alle die Freuden hinein!

Sie sprhte von Ausgelassenheit und Scherzen. Ihr Kavalier, ein schon
etwas schwerflliger Herr gegen Ende der Dreiig, konnte ihr nicht gut
folgen, freute sich aber an dem Feuerwerk, das so munter auf ihn
niederprasselte, und ersetzte durch bewundernde Blicke, was ihm an
schlagfertigen Entgegnungen fehlte. Den Kameraden konnte er hinterher
nicht genug von dem schneidigen Mdel erzhlen, und so drngte man sich
um Maggie mit Bitten um Extratouren und mit Scherzworten, die im
Vorbergehen hingeworfen und lachend erwidert wurden. Es machte bald den
Eindruck, als ob sie die einzige Dame wre, die man fr beachtenswert
hielt. Die zuschauenden Mtter begannen die Kpfe zusammenzustecken, die
tanzenden Tchter, die von ihren Herren minutenlang ohne Unterhaltung
gelassen wurden, weil man bestndig zu der Ecke hinbersah, in der
Maggie Hagedorn mit dem jungen Prittwitz, einer der besten Partien des
Abends, lachte, machten unzufriedene Gesichter, kurz, Maggie fing an,
ihre bisher mit so viel Opfern gehaltene gute Stellung am heutigen Abend
bei den Damen zu verlieren.

Sie merkte das wohl, aber es lag ihr heute nichts daran. Sie wollte sich
amsieren, froh sein, ausgezeichnet werden. Sie wollte zeigen, da man
nicht schn zu sein brauchte wie Gertrud, um doch alle Welt an sich zu
fesseln. Aber wem wollte sie es denn zeigen?

In einem Anfluge von Schuldbewutsein atmete sie beklommen auf und sah
gedankenvoll zu Seckersdorf hinber. Er hatte nur Extratouren mit ihr
wie mit allen Damen getanzt und sich ihr weiter nicht genhert. Aber sie
fhlte, da er sie beobachtete, und ihr war, als ob sie sich vor ihm
allein als gefeierte Ballknigin zur Schau stellte.

Und endlich kam das Souper. Maggie war mde geworden von dem vielen
Tanzen und Schwatzen und lehnte sich fest auf den Arm Seckersdorfs. Er
fhrte sie zu einem Platz der hufeisenfrmig gedeckten Tafel, an dem sie
neben dem Gourmet Beckers sa, whrend sich ihm zur Seite ein neu
verlobtes Brautpaar befand, und die Gegenbersitzenden ihnen durch einen
hohen Tafelaufsatz verdeckt waren. Hatte er diesen abgelegenen Platz so
ausgesucht, oder war es ein Zufall? Sie sah fragend zu ihm auf. Er
verstand.

Ich bin der Attentter, Frulein Hagedorn, sagte er. Werden Sie nicht
bereuen, da Sie mir das Souper gegeben haben?

Was glauben Sie denn? fragte sie geradezu. Ich habe doch immerzu
daran gedacht, da wir uns jetzt aussprechen wrden. Ich sah es ja auch
Ihnen an, wie Sie darauf warteten.

Ja, er htte mit Spannung gewartet, alle die Tage, und er wre glcklich
gewesen, wenn er sie htte sprechen knnen. Sie htte ihn durch ihre
Andeutungen neulich in groe Unruhe versetzt. Er wte nicht, wie es
durch ihn zu einem so schweren Miverstndnis htte kommen knnen. Der
Gedanke peinigte ihn furchtbar und er bte Frulein Maggie instndig,
ihm alles zu sagen.

Maggie lehnte sich in ihren Stuhl zurck und sah ihn von unten herauf
ernst an.

Herr von Seckersdorf ... Vertrauen gegen Vertrauen. Lieben Sie meine
Schwester Gertrud noch?

Seckersdorf fuhr zusammen. Frulein Maggie!

Ja, fuhr sie fort. Das ist die Generalfrage. ber die mssen wir uns
einigen, wenn ich mit Ihnen ehrlich und ohne Rckhalt sprechen soll.
Also ja ... oder nein?

Seckersdorf sah sie mibilligend, fast hochmtig an. Er war bla
geworden.

Frulein Maggie, meine Lebensanschauungen verbieten mir, die Frau eines
anderen --

Das heit also: nein! sagte Maggie kalt. Gut, sprechen wir nicht
weiter ber die Angelegenheit. Oder doch ... weil Sie in Unruhe sind,
Herr von Seckersdorf. Machen Sie sich keine Vorwrfe deshalb. Mein
Schwager hat Gertrud nur brutal behandelt, weil er behauptet, da _sie_
Ihnen Avancen gemacht htte.

Gott! Seckersdorf hob den Kopf hoch und sah in wortlosem Ingrimm vor
sich hin.

Maggie erschrak. So stark war der Ausdruck dieses unterdrckten Zorns,
da seine Wellen in ihr nachbebten, und zugleich ein leises Bangen sie
ergriff, ob sie nicht Geister gerufen habe, die sie nicht mehr wrde
bndigen knnen.

Ich bitte Sie jetzt dringend, mir den ganzen Vorgang zu erzhlen,
soweit Sie unterrichtet sind, sagte er leise, und seine Augen hingen
mit strengem Blick an ihrem Gesichte.

Sie wiederholte die kecke Frage von vorhin nicht mehr und erzhlte. Ohne
mit den Wimpern zu zucken, trug sie stark auf.

Seckersdorf glhte und bi die Zhne zusammen. Ich werde Ihren Herrn
Vater bitten, mir Gelegenheit zu einer Unterredung mit Frau von Kurowski
zu geben.

Nun war Maggie wieder ganz der Situation gewachsen.

Wo denken Sie hin? Soll Gertruds Namen denn wirklich in einen Skandal
gezogen werden? Was meinen Sie wohl, wie Kurowski triumphieren wrde,
wenn Sie mit meiner Schwester zusammentrfen? Er hat schon in einem
unverschmten Brief an Papa verfngliche Andeutungen gemacht, doch ohne
Ihren Namen zu nennen. brigens knnen wir aus allem, was er sonst sagt,
nicht klar darber werden, ob er berhaupt je auf eine Scheidung
eingehen wird.

Ihre Frau Schwester will sich scheiden lassen? fragte Seckersdorf tief
atmend.

Sie will, die arme Gertrud ... Aber sie ist ja so mrbe geworden, und
wenn Papa sich auf Kurowskis Seite stellt, sie zwingt --

Das kann er nicht. Der eigene Vater! Wie sollte er?

Es wre doch nicht das erstemal. Gertrud ist sehr weich.

Ein traurig zrtliches Lcheln, rhrend in diesem kraftvoll ernsten
Gesichte, umzog Seckersdorfs Lippen.

Wie er sie liebt! dachte Maggie, jetzt mit Bewutsein neidisch.

Sehen Sie, sagte sie weiter, schlielich ist es Papa ja auch nicht zu
verdenken, von seinem Standpunkte aus. Gertrud war gut versorgt,
glnzend sogar -- sie ist jetzt achtundzwanzig Jahre alt -- und die
Kinder ...

Ja, die Kinder!

Seckersdorf fuhr sich mit der Hand gegen die Stirn.

Sie wrde sie ihm lassen mssen! sagte er.

Maggie zuckte die Achseln.

Und sie ist fest entschlossen? fragte er. Sie ist _sehr_ unglcklich?

Maggie nickte nur. Sie htte jetzt gut eine leise Andeutung ber
Gertruds Liebe zu ihm machen knnen, aber mit einem Male wollte sie
nicht.

Seckersdorf drehte sich scharf zu ihr herum.

Das Abendessen -- einfach mit vier Gngen, Maggie hatte alle gekostet,
trotz ihrer Erregung -- nahm seinen Fortgang. Trinksprche wurden
ausgebracht, man ging zu den Wirten, kehrte wieder auf die Pltze
zurck, die Unterhaltung wurde lauter, Necken und Flirten lebhafter.

Maggie fhlte einen dumpfen Zorn in sich. Warum hatte sie sich
eigentlich auf die ganze Geschichte eingelassen? Wenn die beiden sich so
sehr liebten, sollten sie auch allein zusammenkommen. Nun war sie von
dem allgemeinen Vergngen ausgeschlossen und ... Nein -- sie
vergegenwrtigte sich das liebe, bleiche Gesicht Gertruds, mit dem
weinenden Mund und den zrtlichen Augen --, jetzt war sie doch wieder
mit Eifer bei der Sache. Was wrde dieser groe, starke, ungeschickte
Junge nun sagen? Sie sah ihn fragend an.

Da fhlte sie ihre Hand gefat. Unter dem Tisch, mit einem festen Druck.
Ein heier Schauer berlief sie.

Frulein Maggie! sagte Seckersdorf. Ich will Ihnen jetzt sagen ...
auf ihre Frage von vorhin ... Also damals, damals war mir ein Stck
Leben weg, als die Sache mit Gertrud so auseinanderging, und ich noch
den Gromtigen spielen mute. Und als sie sich verheiratete, -- ja, was
soll ich sagen -- leicht war's nicht. Aber das Schlimmste kam noch. Sie
wissen vielleicht, meine beiden Vettern starben kurz nacheinander, ihr
Vater, mein Onkel, rief mich zu sich nach Sachsen und adoptierte mich,
und da bin ich mit einem Male in gute Verhltnisse gekommen. Und um die
lumpige Kaution hatte ich _sie_ aufgeben mssen. Das war mehr als hart.

Maggie nickte teilnehmend und sah mit schweigender Aufforderung in sein
bewegtes Gesicht.

Es gab dann ja viel zu tun! sagte er weiter. Landwirtschaft zu lernen
und die Uniform zu vergessen. Das ging. Nur in Frauengesellschaft, da
hab' ich im Anfang manchmal die Zhne zusammenbeien mssen. Wenn ich so
dachte ... das liebe, weiblonde Kpfchen, das siehst du nie mehr
darunter ...

Es qulte ihn heute noch in der Erinnerung.

Maggie fhlte ihr Herz seltsam gepret.

Aber, gndiges Frulein, er sprach immer in demselben schlichten,
stillen Ton, die Gewohnheit und so das ganze Dasein, das hilft einem
zuletzt ber manches weg. Man wird auch lter. Man denkt schlielich an
all das mit ein bichen Rhrung und Wehmut und sagt sich ... es wr' so
schn gewesen ... aber es ging nun doch mal nicht. So wre es auch
geblieben ... wenn ich Gertrud als glckliche Frau wiedergesehen htte.
Aber als ich da neulich hier guten Tag sage, und komme zu den Damen --
dem Kurowski hatt' ich schon die Hand gedrckt -- und da find' ich sie
so bla, elend und so vergrmt ... Und wir sehn uns an ... und ... Ja,
Frulein Maggie, nach dem, was Sie mir heute erzhlen, wie's mit ihr
steht, braucht sie gar nichts weiter zu reden ... Aber Sie ... Wollen
Sie ihr von mir sagen ... da ich ihr ... da ich ... mit Leib und Seele
... und wenn sie mich braucht ... und wenn sie frei ist ...?

Er hielt inne und sah sich erschrocken um. Man hatte eben ans Glas
geschlagen. Eine neue Rede wurde gehalten.

Maggie war durch seine abgebrochenen Worte in eine seltsame Stimmung
gesponnen. Ein leises Verstehen tauchte in ihr auf, fr ein Glck, das
auer jeder Berechnung steht, das von irgendwo als ein warmer Strahl
herkommt und jede sorgfltige berlegung, alles Kalte, alles Unehrliche
vielleicht wegsplt. Eigentmlich mu es sein -- eigentmlich --
dachte sie. Und pltzlich durchbrauste eine heie Zrtlichkeit sie ...
fr Gertrud ... fr Seckersdorf.

Aber sie nahm sich zusammen. Um Gotteswillen, nicht den Kopf verlieren,
nicht sentimental werden, sich schlielich regelrecht in diesen blonden
Toggenburg verlieben! Welch ein Unsinn! Nein, es blieb dabei, wie sie
sich's vorgenommen. Zwei Menschen auf dieser Welt wrden glcklich, und
sie suchte sich anderswo ihr Teil. Aber interessant wre es gewesen,
diese merkwrdige Erscheinung, diese sogenannte Treue zu ergrnden, --
ein klein wenig zu erschttern vielleicht ...

Ob ihr das gelingen wrde? Mit einem kleinen Stachel in der Seele
wiederholte sie: Aber das weiblonde Kpfchen, das siehst du nie mehr
darunter. Das war ordentlich aufregend. Ein Schauer berlief sie. Wie,
wenn sie's doch versuchte? Und dann gromtig verzichtete und wieder zu
Gertruds Gunsten einlenkte, sobald sie sah, da es zu glcken anfing?

Die Rede war zu Ende. Die beiden merkten es am Zusammenklingen der
Glser.

Ich werde zu Hause sondieren und Ihre Bestellung ausrichten, sagte
sie, whrend sie mit ihm anstie.

Ich werde es Ihnen nie vergessen, erwiderte er einfach.

Sie sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an.

Wissen Sie was, -- nun wollen wir lustig sein. Wir haben auch noch den
langen Kotillon zusammen ... Wie wr's, wenn wir tten ... als ...

Als was? fragte er freundlich, aber mit seinen Gedanken weit ab.

Nichts ... nichts ... Sehen Sie, man beobachtet uns ... Hier dieses
Vielliebchen ... =j'y pense=.

Er nahm die Mandel. Und wenn ich gewinne, bat er, bekomme ich einmal
ein Briefchen mit Nachrichten, wie?

Nein, nein! sagte sie. Unter einem Stelldichein tue ich's nicht. Ich
schreibe Ihnen eine Zeile, wenn ich wieder einmal mit Papa mitgehe ...
Gertrud bleibt ganz aus dem Spiel. Das ist abgemacht, nicht?

Er nickte ein paarmal.

Man stand auf. Maggie reichte ihm die Hand. Das Souper gehrte Gertrud,
der Kotillon ist fr mich, dachte sie dabei. Aber sie besann sich
anders. Da sie an Neckereien und kleinen, neidischen Bemerkungen sah,
da man ihr die ausschlieliche Unterhaltung mit Seckersdorf verdachte,
berredete sie den Vater, vor dem Kotillon aufzubrechen. Sie verlor
dabei nicht. Die Herren verwnschten die morgige Holzversteigerung, die
den Vorwand zum frhen Aufbruch gab, und berhuften sie im voraus mit
Blumen und Geschenken.

uerlich vollbefriedigt, lachend und strahlend ging sie am Arme ihres
Vaters hinaus. Aber ihr war zumute, als ob pltzlich etwas nicht ganz
klar in ihrem Leben sei.

Der Vater strich ihr einmal, als sie lngst im Wagen saen, zrtlich
ber das Gesicht. Da dachte sie, sie mte weinen. Und aufgeregt, mit
Trnen kmpfend, sa sie in ihrer Ecke, whrend Hagedorn einschlief, und
sah mit starren Augen nach den funkelnden Sternen, die den kalten
Herbsthimmel zitternd bersten.

       *       *       *       *       *

Zgernd, den Kopf von der Fahrt her noch voll bser Gedanken, trat
Maggie in Gertruds Schlafzimmer.

Es war durch die Geschicklichkeit der Jungfer den Bedrfnissen der
jungen Frau einigermaen entsprechend hergerichtet worden. Was es an
Polstern und Teppichen irgend Entbehrliches im Hause gab, fllte das
weichliche Nestchen, und Maggie hatte selbst geholfen, es zu schmcken
und ihre helle Freude an dem kleinen Raum gehabt, in dem sie oft bis
spt in die Nacht zusammen saen und plauderten.

Heute rgerte sie sich, rgerte sich gleich beim Hineinsehen ber das
rote Lmpchen, das hinter seinem Schirm hervor ein zartes Licht ber das
duftige Zimmer warf. Gertrud frchtete sich im Dunkeln, wie ein Kind,
und wie ein Kind schlief sie auch jetzt. So fest, da sie bei Maggies
Hineinkommen nicht aufwachte. Und wute doch, da heute ber ihre
Zukunft beraten worden war!

Maggie schttelte den Kopf. Ob es nicht Torheit war, einen Mann wie
Seckersdorf mit diesem unselbstndigen Kinde zusammenzuketten? Ob sie
die richtige Genossin fr einen kraftsprhenden Gatten war, --
zerbrechlich, halb verblht, weltfremd und verzrtelt?

Sie bi die Zhne zusammen und trat hastig an das Bett.

Da erwachte Gertrud. Mit groen, noch trumenden Augen sah sie in die
Hhe und richtete sich dann mit einem Ruck auf. Ihre Backen waren vom
Schlafen hei, und die schimmernden Haarstrhnen fielen ihr tief ins
Gesicht. Sie war in dem Spitzengewirr, das sie umgab, unter der roten
Seidendecke, aus der sie sich wickelte, in dem Veilchenduft, den sie
ausstrmte, so unglaublich reizend, da Maggie wider Willen sie in die
Arme nahm und dachte: Nein, du sollst ihn doch haben.

In ihrem Ballstaat auf dem Bettrande sitzend und die Schwester
umschlungen haltend, erzhlte sie ihr, wie Hans Seckersdorf von ihr
gesprochen hatte, und da er ihr gut wre, wie damals, als er ihr weies
Kpfchen zum ersten Male unter den Tannen des Waldlacker Gartenhauses
sah. Und wenn sie frei wre ...

Gertruds Gesicht wurde still und ernst.

Ich wute es ja! sagte sie und legte sich fest an Maggie. Dann seufzte
sie glcklich. Und das war alles.

Nun? fragte Maggie.

Ich danke dir, liebes Herz ... Du bist gut und lieb gewesen.

Das mein' ich nicht, erwiderte Maggie ungeduldig. Ich wundere mich,
da du nicht rasend, wahnsinnig vor Freude bist. Wenn du dir das alles
berlegst, mut du dir doch sagen, da es ein unerhrtes Glck fr dich
ist, wie die Verhltnisse jetzt liegen ...

Weit du, Maggie, ein unerhrtes Glck wre es gewesen, wenn wir damals
zusammengekommen wren. Jetzt ... ich wei nicht, Kind ... Ich bin ja
gewi stolz, da er mich noch lieb hat ... wahrhaftig ...

Du hast auch allen Grund dazu, sagte Maggie heftig. Bedenke, da er
dich aus der Hand eines anderen nimmt, da du nicht mehr jung bist
und ...

Ach, Maggie, wenn _er_ elend und hlich und alt wre, htt' ich ihn doch
auch nicht weniger lieb. Das ist's nicht ... Aber ... nein, ich wei
nicht, wie ich das so sagen soll ... glaub' mir, so zum Jubeln ist das
alles nicht.

Maggie brauste auf. Hr' mal, Gertrud, komme mir jetzt nicht noch etwa
mit moralischen Bedenken. Es scheint, da das ein Vergngen ist, mit dem
du dir die ganze Sache noch etwas pikanter machst, aber ich hasse all
solche Halbheiten, solch bewuten oder unbewuten Selbstbetrug. Mir
komme nicht damit. Entweder du willst dich von Kurowski scheiden lassen
und Seckersdorf heiraten ... oder du findest dich in die alten
Laukischker Verhltnisse und gibst Seckersdorf frei.

Gertrud sah ihre Schwester starr vor Schreck an. Noch nie hatte diese so
harte und bittere Worte zu ihr gesprochen.

Was bedeutete das? Maggie, warum machst du mir da so hliche Vorwrfe?
Du weit doch, da ich nicht so unehrlich bin, wie du sagst ... Sieh
mal, wr' ich auf das alles nicht eingegangen, httest du kein Recht,
mir solche bsen Sachen zuzumuten ... Wir werden also nie mehr darber
sprechen ... Mgen die Dinge ihren Lauf gehen.

Jetzt, wo du weit, wie Seckersdorf denkt, kannst du das ja auch mit
Ruhe abwarten, stie Maggie hervor und lief in dem kleinen Zimmer
herum.

Du, da Hans mir gut ist, wute ich in dem Augenblick, als wir uns
wiedersahen. An spter hast _du_ gedacht. Nun bitt' ich dich, tue es nie
wieder ... Komm her, Maggie! Diese kam zgernd. Du bist ja ganz wild
und aufsssig! Komm, sei gut ... was ist nur in dich gefahren? Ich danke
dir schn, ich danke dir, da du so fr mich sorgen wolltest, danke dir
tausendmal fr alles, was du ihm von mir gesagt hast ... Maggie, was
ist dir?

Maggie wute es selbst nicht.

Ich glaube rger, Enttuschung, da du nicht so froh warst, wie ich
gedacht hatte, sagte sie finster. Vielleicht bin ich auch neidisch,
weil ihr so -- oder weil ich ... Gertrud, ich bitte dich, sag' mir auf
Ehre und Gewissen, ist diese Liebe wirklich keine Einbildung, die man
abschtteln kann, wenn sie einem zu viel wird? Ich kenne mich nicht mehr
aus. Ich habe Furcht ... Sag' mir, ist es ganz unmglich, da du ihn je
vergit? Hast du immer an ihn gedacht? Und wenn dein Mann gut gegen dich
gewesen wre?

Gertrud sah sie klglich an. Frag' nicht so. Ich wei, ich bin eine
pflichtvergessene Frau. Aber, Maggie, vielleicht hab' ich darum alles
ber mich ergehen lassen, was Kurt mir antat, weil ich immer und immer
an _ihn_ gedacht habe, und sogar als die Kinder kamen ... und wenn ...

Sie warf sich in die Kissen und bedeckte das Gesicht mit den Hnden.

Gute Nacht! sagte Maggie kurz und lief hinaus.

       *       *       *       *       *

Von nun an begann fr Gertrud ein anderes Leben. Sie fing an, ernstlich
ber die Scheidung nachzudenken und wute in ihrer Unerfahrenheit nicht,
wie sie ins Werk zu setzen wre. Ihren Vater wagte sie nicht zu fragen,
Maggie konnte sicherlich auch nichts wissen, und Frulein Perl, mit der
sie einmal gesprchsweise und wie unbeteiligt das Thema berhrte, sagte
ihr so viel Entsetzliches und Skandalses darber und erzhlte so
abschreckende Geschichten, die sie an Bekannten -- Gottlob nur wenigen
-- erlebt hatte, da Gertrud seit der Zeit nur bebend daran denken
konnte, unter hnlichen Verhltnissen sich der ffentlichkeit
preiszugeben. Aber trotz aller Bangigkeit schwoll doch ein Glcksgefhl
in ihr hoch, das sich in erwachender Energie und Lebensfreude uerte.
Sie beschftigte sich im Hause, sie las und musizierte, und vor allem,
sie war viel mit den Kindern, die sie sonst von jeher dem Kinderfrulein
berlassen hatte. Und die kleinen lebhaften und liebenswrdigen
Geschpfe vergalten ihr das mit leidenschaftlicher Zrtlichkeit und
erschlossen ihr eine neue Welt voller unschuldiger Heiterkeit, in die
sie sich hineinschmiegte, in der sie sich geborgen fhlte, in die auch
die qulenden Gedanken an die Zukunft keinen Einla fanden.

Mit Maggie wollte sich die frhere innige Vertrautheit nicht wieder
einstellen. Gertrud grbelte viel ber das sonderbare Wesen der
Schwester, machte hier und da einen schchternen Annherungsversuch und
zog sich wieder zurck, wenn Maggie sie kurz oder gar hhnisch abwies.
Zuletzt dachte sie, Maggie htte ihr zwar das Opfer gebracht, mit
Seckersdorf zu sprechen, aber schlielich erkannt, wie unwrdig und
schlecht das im Grunde doch wre, und verachtete sie nun. Maggie hatte
ja auch tausendmal recht, und sie machte sich selbst ja auch Vorwrfe
genug; aber zugleich dachte sie mit brennender Sehnsucht daran,
Seckersdorf einmal nur zu sehen, einmal von ihm zu hren, da er ihr gut
sei, da er warten wolle, bis ... Doch dieses bis ... fing nun an, sie
furchtbar zu qulen. Wer riet ihr? Wer half ihr? Wenn sie nicht mehr
daran denken wollte, holte sie sich ihren ltesten, einen schnen,
klugen, siebenjhrigen Jungen und lie sich die Angst von ihm
fortschwatzen, oder sie lief mit beiden in den Wald und spielte mit
ihnen im Garten, ganz Eifer und ganz Zrtlichkeit. Und so verliefen die
Tage in Hangen und Bangen und doch friedlich und schn.

Maggie ging unterdessen schweigend und mit ihrem hrtesten Gesicht
herum.

Was das Mdel mit einemal fr Mucken hat? wunderte sich der
Oberfrster oft ber seine Jngste.

Er sprach hufig von dem Waldlacker Abend, und da Maggie an Gertruds
altem Verehrer eine gewaltige Eroberung gemacht habe. Es wre geradezu
auffallend gewesen; und er knnte gar nicht begreifen, da jener danach
noch keinen Besuch gemacht htte.

Wenn er sich nur nicht deinetwegen scheut, Kind! uerte er
gelegentlich eines Morgens, Gertrud mivergngt ansehend.

Ich glaube nicht, Papa, sagte sie verlegen.

Bldsinn wr's auch! ... Und wenn das mit der Maggie was wrde, knnte
der Kurowski doch zufrieden sein, und du gingst wieder ruhig nach
Laukischken zurck.

Gertrud erschrak furchtbar. So also hatte Maggie das angefangen? Arme,
gute Maggie! Sie stellte sich selbst blo, sie gefhrdete ihren
Mdchenruf, vielleicht gar ihre Zukunft. Das ging ja gar nicht, das ging
ja nicht!

Sie suchte Maggie auf und schmiegte sich an sie. Liebes, liebes Kind!
sagte sie. Mir ist in meiner selbstschtigen Verblendung ja gar nicht
eingefallen, wie sehr ich dir schade. Um Gottes willen ... Papa
erwartet ja eine Bewerbung Seckersdorfs und glaubt, da ich allein im
Wege bin?

Maggie machte sich los und sah schweigend zum Fenster hinaus.

Der Wald lag im Schnee ... Weicher grauer Duft schlo die Ferne ab;
alles rckte nah, schmerzhaft nah.

Maggie, was ist's? fragte Gertrud ngstlich.

Dumm und verdreht ist das alles! sagte sie. Ich bin in einer
Mausefalle. Aus dir ist nicht klug zu werden. Du bandelst mit
Seckersdorf an, man mu an einen furchtbaren Ernst bei euch beiden
glauben, -- und dann hast du dich mit den Kindern, als ob du gar nicht
daran dchtest, sie aufzugeben, und er lt nichts mehr von sich hren.
Und ... und ... Papa hat recht ... Mir entgeht vielleicht die beste
Chance meines Lebens ...

Da war's heraus. Es hatte ihr fast das Herz abgedrckt. Tagaus, tagein
hatte sie sich damit abgeqult und zuletzt gar nicht mehr versucht, ihre
Wnsche zu beherrschen. Sie malte sich immer nur aus, wie alles anders
sein wrde, wenn sie, ungehemmt durch diese unbequeme Jugenderinnerung
der beiden, mit Seckersdorf htte verkehren knnen, und so kam sie eines
Tages schlielich dazu, sich zu sagen: Versuche was du vermagst!
Gertrud hat ihr Teil. Sie hat verspielt und mu eben zufrieden sein.
Und dann bleiben ihr ja die Kinder!

Sie machte sich auch die Schwierigkeiten klar, die sie zu berwinden
haben wrde, wenn sie wirklich fr sich ernst machen wollte. Dabei
geriet sie in ein Phantasieren ber Liebe und Treue, ber
Zusammengehrigkeit zweier Menschen, ber die stille Festigkeit und den
Blick Seckersdorfs, wenn er an Gertrud dachte und an tausend Dinge, die
damit zusammenhingen und die bisher fr sie nicht auf der Welt gewesen
waren. Das machte sie zornig und krank, das weckte den Wunsch in ihr,
derbe, harte Worte zu hren oder zu sagen, vor allem aber den, diese
Gertrud, die ganz ruhig zusehen wollte, wie man ihr ein unerhrtes Glck
aufbaute, die schon unertrglich siegesgewi lchelte, diese Gertrud,
die ihr mit einem Male so fremd geworden war, zu krnken, zu verletzen,
mitten ins Herz zu treffen.

War ihr das nun gelungen?

Gertrud stand ganz bla da und sah sie erschreckt und mitleidig an.

Arme Maggie! sagte sie. Das ist ja ein furchtbares Unglck.

Was? fragte Maggie kurz.

Da du ... ihn nun auch liebst ... Ach, warum habe ich auch daran
nicht gedacht! Mein Gott, mein Gott ... was wird das nun?

Da lachte Maggie kalt.

Mit solch bldsinnigen Phantastereien, wie Liebe, verschon' mich!
sagte sie. Ich nhme ebenso gerne Kurowski oder jeden anderen, der mir
das bietet, was ich beanspruche.

Gertrud nahm ihre Hnde und wollte sie an sich ziehen. Sie ri sich los.

Durch meine berspannte Zrtlichkeit fr dich, an der du Schuld bist,
du ... mit dem 'weiblonden Kpfchen', lachte sie hhnisch, bin ich in
diese ganze schiefe Lage geraten. She ich dich nicht jammern und
hinschwinden, wahrhaftig, ich wrde mich nicht einen Augenblick
besinnen ...

Ach, Maggie, sagte Gertrud sanft, Ich kenn' dich ja besser. Ich
verstehe dich auch ... glaube mir, ich kann ganz mit dir empfinden. Ich
hab' ihn ja selbst so lieb!

Maggie machte eine ungeduldige Bewegung und trat an das Fenster.

Gertrud stand wieder hinter ihr.

Nein, Maggie, wir wollen solch einen Ton zwischen uns doch nicht
aufkommen lassen. Wir beide mssen zusammenhalten, wie auch alles wird.
Glaubst du denn, ich werde mich von dir so einfach zurckweisen lassen,
wenn du so elend bist, da du schlecht sein willst?

Damit fngst du mich nicht, sagte Maggie kurz.

Nun wurde es Gertrud doch zuviel. Das will ich auch gar nicht, sagte
sie ungeduldig. Aber ich will tun, was ich kann, um dir diese Torheit
aus dem Kopf zu reden. Wenn du dich in Hans verliebt hast, so ist das
sehr schlimm; denn du wirst keine Erwiderung finden.

Maggie fuhr auf. Nicht? Nun, das wollen wir doch sehen! Wetten? Mit
zuckenden Lippen streckte sie die Hand aus.

Maggie, bist du denn mit einem Male ganz von Sinnen? fragte Gertrud,
starr vor Schreck. Ich begreife dich einfach nicht. Vor ein paar Tagen
kommst du ganz aufgeregt ber Seckersdorfs Treue zu mir und redest
eifrig auf mich ein ...

Und jetzt hab' ich mir die Sache berlegt, unterbrach Maggie sie voll
Trotz, und will ihn selbst heiraten.

Maggie, vergit du denn, da er acht Jahre ...?

Nein, nein, nein, es ist ja genug davon die Rede, erwiderte Maggie
zornig. Aber trotzdem werde ich ihn mir erobern -- verstehst du?

Gertrud drckte ratlos ihre Hnde zusammen.

Maggie, wenn er dich lieb htte, ich schwre dir, ich wrde dir das
groe Glck gnnen. Aber ... ich wei --

Maggie ri das Fenster auf und atmete tief die khle, klare Luft ein,
die mit einem ganzen Strom von Frische ins Zimmer drang.

Gertrud frstelte und trat zurck.

Siehst du! hhnte Maggie. Nicht einmal einen Luftzug kannst du
vertragen. Du bist ein verzrteltes Ding. Geistig ist das ebenso. Dich
mit den Verhltnissen in Einklang bringen, kannst du nicht ... Und
kmpfen kannst du nicht ... Aber _ich_ kann ... und ich will ... Ich sage
dir jetzt also frei heraus, ich werde mir Mhe geben, Seckersdorf dir
abwendig zu machen, ich werde ihn zu sprechen versuchen, wo ich kann,
ich werde alles tun, um ihm zu gefallen, und alles, damit ich seine Frau
werde.

Gertrud sah sie bla und traurig an. Tu's! antwortete sie leise. In
dem einen hast du recht, da ich vielleicht nicht gut genug fr ihn bin
... Und kmpfen um seine Liebe -- nein, das kann ich nicht! Ich kann nur
warten. Aber das tue ich auch in festem Vertrauen auf ihn ... Nachdem du
mir seine Worte ausgerichtet hast ...

Warte du lieber nicht, Trude, sagte Maggie weicher. La uns beide
ehrlich kmpfen. Schreib' ihm, triff ihn, zeig' ihm da du ihm gut bist,
-- und ich will dennoch versuchen, ihn zu bekommen.

Qule uns nicht weiter mit solchen Gedanken, bat Gertrud. Du weit ja
gar nicht, was du sprichst. Sei vernnftig und gut.

... und la mir Seckersdorf! spottete Maggie. Nein, ich will nicht.
Und sobald ich Gelegenheit habe, werde ich fr mich ttig sein. ber
Lebensauffassungen kann ich mit dir nicht streiten. Aber ich wei sehr
wohl, was ich sage, was ich will. Und wir werden ja sehen, wer zuletzt
lacht.

Gertrud wollte etwas erwidern, aber sie bekam kein Wort ber die Lippen.
Da stand Maggie, ihre geliebte Schwester, hochrot, und sah sie bse und
kalt an.

Sie kam sich mit einem Male wieder so schwach, so unbedeutend und
berflssig vor, als ob ihr Mann da vor ihr stnde und hhnisch zu ihr
herbersprche. Aber dann atmete sie auf. Gott sei Dank, Hans
Seckersdorf war ja da -- und hatte sie lieb.

Wenn du das alles ernst meinst, Maggie, wird's mit unserer Freundschaft
wohl aus sein! sagte sie mutig. Tue, was du willst. Schn ist's
nicht, was du vorhast, und -- ich glaube, vergeblich. Sie ging nach
der Tr. Da fiel ihr noch etwas ein. Und ich verbiete dir, Maggie, mit
Hans ber mich zu sprechen! setzte sie hinzu und ging hinaus.

Dann aber verlor sie ihre Fassung. Alle traurigen und bitteren Gedanken,
die aus ihrer falschen Lage sich emporrangen, schwankten in ihr
durcheinander. Und durch all das Schmerzliche, das sie in ihnen
durchkostete, drngte sich noch bengstigend, verwirrend die Frage: Mu
ich wirklich etwas tun, um mir Hans zu erringen, und was soll ich nur
anfangen? Ihr wurde bange, wenn sie an Maggies Frische, ihre Klugheit
und Anmut dachte. Aber selbst einen ersten Schritt tun, um Hans zu
bestimmen? Nein, dreistes Entgegenkommen war in ihrem Falle Verbrechen.
Sie konnte nur harren, ob er sie liebte, wie sie es glaubte. Gefhl und
Sitte verlangten es. Und Gertrud gehorchte.

In all ihr Grbeln, Verzagen und Hoffen traf unerwartet ein Brief ihres
Mannes. Ironisch freundlich, wie man mit Kindern zu sprechen pflegt, in
dem Ton, den er ihr gegenber brauchte, wenn er gut gelaunt war,
forderte er sie auf, nach Nizza zu kommen, mit den Kindern und
Bedienung. Es wre dort schn, und er htte sich's vorgenommen, ihr
endlich ihre Launen abzugewhnen.

Da wute sie, zum ersten Male fast im Leben, was sie zu tun hatte. Sie
sprach mit niemand ber den Brief und beantwortete ihn auf der Stelle.
Khl und ruhig setzte sie ihrem Manne auseinander, da und warum sie
eine Trennung wnschte, und sagte ihm, da sie nach seinem Benehmen
gegen sie bestimmt annhme, er wrde ihr nichts in den Weg legen. Nach
Nizza kme sie selbstverstndlich nicht. Ob sie bei ihrem Vater bliebe,
wte sie auch noch nicht, wrde es ihm aber in nchster Zeit mitteilen
knnen.

Damit war der Kampf eingeleitet.

In dem Gefhl, sich von den Ihren durch diesen selbstndigen und von
ihnen sicher nicht gebilligten Schritt innerlich geschieden zu haben,
zog sich Gertrud nun tglich mehr von ihnen zurck. Es wurde ihr leicht,
da der Oberfrster viel unterwegs war und Maggie ihr selbst aus dem Wege
ging. Es war ihr nun ganz klar, da die Schwester nicht in einer bsen,
sonderbaren Laune zu ihr gesprochen hatte, sondern da sie imstande sein
wrde, ernstlich als ihre Feindin zu handeln.

Und so sah sie ihre Stellung im Vaterhause unhaltbar werden, fhlte, da
man sie, die einst so geliebte und verwhnte Tochter, nicht mehr gern
dort sah, und begriff, da sie ber kurz oder lang mit ihren Kindern
einen anderen Platz wrde suchen mssen.

Natrlich zitterte sie vor dem entscheidenden Schritt, ngstigte sie
sich vor den unsicheren Verhltnissen, denen sie, im Besitz so geringer
Mittel, entgegenging. Aber es schien ihr doch alles nicht mehr so
unmglich, auch ohne die Hilfe des Vaters. Durfte sie doch hoffen,
jenseits des alten Lebens die starke Hand zu finden, die nie wieder sie
lassen wollte.

       *       *       *       *       *

Maggie wurde inzwischen immer fester in ihrem Entschlu. Oft fragte sie
sich: Bin ich denn eigentlich verliebt in Seckersdorf? und zuckte
ebenso oft die Achseln ber diese Frage.

Er gefiel ihr -- natrlich. Er war eine mnnlich kraftvolle Erscheinung
und brachte, trotz seiner einfachen Art, einen Hauch der groen Welt mit
sich. Er wurde einmal sehr reich. Sein Onkel, der ihn bereits
rechtsgltig adoptiert hatte, besa auer Romitten mit seinen vier
Vorwerken noch groe Gter in Sachsen, von deren Ertragsfhigkeit man
Wunder erzhlte; er war Kammerherr und hatte verwandtschaftliche
Beziehungen in den hchsten Kreisen, die natrlich dem Adoptivsohn auch
zugute kamen. Welche Aussichten also fr sie, die einfach brgerliche
Oberfrsterstochter aus Ostpreuen! Eine Chance, von der sie sich nie
hatte trumen lassen.

Da Gertrud ihr ernstlich im Wege stand, unterschtzte sie durchaus
nicht. Aber sie sagte sich: Wenn einmal ein Mensch heutzutage, wo so
viel vom Willen und Sichdurchsetzen geredet und so wenig gehandelt wird,
wirklich ernsthaft, unbedenklich und energisch auf sein Ziel losgeht,
mu er es erreichen. Im Grunde war ja alles ringsum schwchlich, bequem
oder sentimental. Wer das geschickt zu benutzen verstand, mute
gewinnen.

Sie machte sich ganze Szenen mit Seckersdorf zurecht. Sie lie ihn so
oder so sprechen und erwiderte, wie sie es mute, wenn sie Gertrud in
den Schatten und sich selbst in den Vordergrund bringen wollte. Sie
berlegte sich alles bis aufs kleinste, was sie zu tun und zu lassen
hatte, um Seckersdorf aus seiner alten Neigung fr Gertrud in eine neue
Leidenschaft fr sie selbst hinberzulocken. Aber zunchst mute sie ihn
treffen, und sie machte schon Plne, das in die Wege zu leiten, als das
Glck ihr zu Hilfe kam.

Der Oberfrster hatte nach lngerem berlegen die offizielle Verwaltung
der Romitter Forsten abgelehnt, dagegen fr die Aufforstung der
verwahrlosten Schlge einen ehemaligen tchtigen Revierfrster
empfohlen, der durch ein Disziplinarvergehen brotlos geworden war, seine
Sache aber sehr gut verstand. Dem konnte er ab und zu Anweisungen geben
und bei Gelegenheit selbst freundschaftlich nach dem Rechten sehen.

Soweit das Wetter es zugelassen hatte, war nun geschlagen und gerodet
worden und alles im besten Zuge. Da erkrankte der Verwalter und die
gedungenen Taglhner standen, ohne Ahnung, was weiter tun, da.
Seckersdorf schickte einen reitenden Boten und bat um Rat. Das Wetter
war klar, ein weicher Wind deutete auf noch lnger anhaltende Milde, und
die Arbeitszeit mute wahrgenommen werden.

Wie wr's, Maggie? fragte der Oberfrster, dem noch am Frhstckstisch
der Romitter Brief berbracht wurde. Hltst du mit? Ich mchte am
liebsten heute hin; aber wir marschieren hin und zurck stramm unsere
zwanzig Kilometer!

Natrlich, Papa, wie immer, sagte Maggie und streifte Gertrud, die
bla und aufgeregt ihr gegenber sa, mit einem triumphierenden Blick.

Der Oberfrster lchelte verschmitzt und streichelte aufstehend Gertruds
Haar. Ja, das ist eine fesche Margell, die Maggie, -- so was konntest
du nie.

Nein, antwortete Gertrud, und ihr Blick wurde dunkel, das konnte ich
nie.

Mit groen, bittenden, fordernden Augen sah sie Maggie an. Aber die
achtete nicht darauf. Gertrud htte aufschreien mgen: Nehmt mich mit!
Eine heie Angst prete ihr Herz zusammen.

Wir wollen doch sofort den Boten abfertigen, Papa, sagte Maggie,
damit wir Seckersdorf rechtzeitig an Ort und Stelle finden. Ich werde
selbst ein paar Worte schreiben.

Du, Mdel, verhau' dich nicht! warnte der Vater erstaunt. Briefe
schreiben ...

Ich tu's ja in deinem Namen, Papa, widersprach Maggie, setzte sich an
das alte Zylinderbureau und warf ein paar Zeilen auf einen dort
liegenden Briefbogen.

Gertrud sah mit brennenden Augen zu.

Als sie gingen, nickte Maggie ihr nur ganz flchtig zu, und der Vater
reichte ihr kaum die Hand. Wie war das vor drei Wochen anders gewesen,
und wie hatte es so kommen knnen?

Angstvoll und gedemtigt sah sie den beiden nach, wie sie in den Waldweg
einbogen. Maggies klare, laute Stimme schallte deutlich zu ihr herber,
und sie glaubte den geliebten Namen zu verstehen.

Ich will nicht daran denken! nahm sie sich vor und trocknete sich die
feuchte Stirn. Wenn sie wte, wie sie mich qult! Und ntzen wird es
ihr doch nichts. Er ist Schneren und Besseren in der Welt begegnet, die
langen acht Jahre hindurch, und ist mir doch gut geblieben.

Damit trstete sie sich und ging an ihre tglichen Beschftigungen.

Der Oberfrster und Maggie kamen unterdessen tchtig vorwrts.

Es war ein Vergngen, so zu wandern. Der November schien sich in einen
Frhlingsmonat verwandelt zu haben. Ein weicher blulicher Duft
umschmiegte die Baumwipfel, die Sonne warf hier und da einen warmen,
rtlichen Schein durch das graue Gewlk, Haubenlerchen trieben sich in
den Wagengleisen zwitschernd umher, und in der Luft tummelten sich
Krhen in dichten Scharen.

Der Oberfrster pfiff den Dessauer Marsch. Er war gut gelaunt.

Und nun sag' mal, Maggie, fing er nach einem lngeren Schweigen an,
was machen wir mit der Gertrud?

Ja, Papa, erwiderte Maggie zgernd, ich wollte lngst mit dir darber
reden. Ich sprech es nicht gern aus, aber es ist doch wohl besser, ich
tu's ... Die Gertrud hat sich den Seckersdorf in den Kopf gesetzt.

Hagedorn machte groe Augen. Da soll doch der Teufel ... I da soll
doch --

Ja, und weit du, Papa, ich bin mit Schuld daran, fuhr Maggie schnell
fort. Sie tat mir so furchtbar leid, und Seckersdorf schien sich auch
fr sie zu interessieren. Da hab' ich selbst ihr zugeredet, und nun ...

Der Oberfrster fuhr emprt auf. Zum Teufel, da seid ihr ja beide ...
Weit du, da das dumm und niedertrchtig ist, was du getan hast?

Maggie stand unter dem Eindruck, als hole sie sich durch ihre
Offenherzigkeit zum Vater Freisprechung fr ihr Benehmen gegen Gertrud.

Ja, Papa, du wirst schon recht haben ... Aber jetzt, jetzt ist das
alles anders geworden --

Jetzt willst du den Seckersdorf selbst haben! Lge nicht ... Nun seid
ihr beide hinter ihm her! Ohrfeigen knnte ich dich. Die Gertrud wird
sofort nach Laukischken geschickt, und an Kurowski werd' ich schreiben
... Da soll mir doch einer ... das soll in meinem Hause passieren ...
meine Tchter ...

Papa, ereifere dich nicht, sagte Maggie kalt, damit nderst du doch
nichts.

Oho ... die Geschichte ist mir jetzt ganz klar, rief der Oberfrster
und lief wtend weiter. Du bist ja eine Gerissene ... Du hast dich mit
dem Seckersdorf so =pani braci= gestellt, ihn sozusagen mit der Gertrud
gekdert.

Nein, Papa, das ist mir erst seit der Waldlacker Gesellschaft
eingefallen, da ich mir selbst doch eigentlich die Nchste bin.

Und sie setzte ihm auseinander, wie alles gekommen war. Wie sie zuerst
durch Gertruds Zrtlichkeit fr ihre Kinder stutzig geworden sei, wie
sie allmhlich dann auch an die anderen Schwierigkeiten bei einer
Scheidung gedacht habe, und wie wenig Gertrud dem allem gewachsen sei;
und schlielich wren dann auch ihre vierundzwanzig Jahre und ihre
eigene Zukunft in Betracht gekommen. Kurz, sie sagte alles, wie es sich
in der Tat verhielt; nur die unehrlichen Seiten der ganzen Sache, die
berging sie mglichst, und von ihrer Schuld gegen die Schwester sprach
sie berhaupt nicht.

Der Oberfrster war fassungslos. Er hatte den Gedanken an eine Trennung
Gertruds und Kurowskis, seit im Hause nicht mehr die Rede davon war,
ganz von sich geschoben. Die Leutchen hatten sich eben gezankt, das kam
vor, die Gertrud war einmal energisch aufgetreten, das konnte ihr, dem
Manne gegenber, nur ntzen, und die Sache wrde sich schon einrenken,
sobald der Kurowski erst nach Hause kam. Manchmal war's ihm ja durch den
Kopf gegangen, da Gertruds wegen mglicherweise die Partie zwischen
Maggie und Seckersdorf nicht zustande kommen knnte; da Gertrud aber an
Seckersdorf festhielt, hatte er nicht geahnt.

Er berhufte Maggie mit Vorwrfen. Er fand es schamlos, da sie unter
solchen Verhltnissen sich Hoffnungen machte. Sie htte abzuwarten, ob
Seckersdorf kommen wrde, wenn Gertrud abgereist wre. Und da das auf
der Stelle geschhe, sollte seine erste Sorge sein.

Maggie lie den Vater sich ruhig ausschelten und setzte ihm dann
auseinander, was sie sich berlegt hatte.

Kurowski mute wiederkommen, aber der Weg zu Gertrud sollte ihm nicht
allzu leicht gemacht werden. Er wrde ja ohnedies einer Scheidung
abgeneigt sein, der Jungen wegen, an denen er hing, und auch weil
Gertrud die bequemste Frau fr ihn war.

Der Oberfrster brauste wieder auf, da er sich auf derartige
Hinterhltigkeiten gar nicht einliee. Frau wre Frau und bliebe es; er
dulde keinen Skandal und wolle der Gertrud das klarmachen, sobald er sie
she.

Tu' das nicht, Papa, sagte Maggie, sonst verfhrst du die ganze
Sache. Wenn Gertrud und Seckersdorf sich trotzdem einigen, ist alles
umsonst, was wir unternehmen. Es kommt darauf an, ihr wie ihm jede
Aussicht abzuschneiden. Und deshalb bin ich heute mitgekommen, -- nicht
meinetwegen.

Der Oberfrster sah sie gro an und wute in seinem Staunen ber ihre
khle Berechnung nichts zu sagen.

Sieh, Papa, fuhr Maggie fort. Ich bin eigentlich viel zu aufrichtig.
Schlielich kann ich ja nicht wissen, ob's mir mit Seckersdorf
glckt ...

Sprich nicht so frech! fuhr der Oberfrster auf.

Maggie sah ihn fest an. Bitte, warum nicht aussprechen, was man
empfindet? Htte Gertrud damals den Mut der Offenheit gehabt, wre sie
nicht in ihr Unglck gerannt.

Der Oberfrster wute nicht, was er mit seiner Tochter anfangen sollte.
Im Grunde hatte sie recht, und die beste Lsung wre es, wenn ihr Plan
ihr gelnge und sie sich Seckersdorf gewann; aber da sie ihn in die
Intrige verwickelte, ihn gewissermaen zum Mitschuldigen gegen Gertrud
machte, obgleich diese ihm ja genug Kopfschmerzen verursachte, das
emprte ihn, und die Bewunderung fr das kaltbltige, zielbewute
Vorgehen Maggies hinderte nicht, da er sie fr ein herzloses,
unleidliches Geschpf ansah. Also mochte sie ihre eigenen Wege gehen,
ihn aber aus dem Spiele lassen.

Kein Wort will ich weiter hren -- kein Wort! schalt er. Und heute
kommst du zum letzten Male mit und triffst auf diese Art den Seckersdorf
berhaupt nicht mehr. Ich bin ein ehrlicher Mann, freue mich, wenn ich
meine Tchter gut versorgt wei; aber so mit List einen Menschen
einfangen, der fr die eigene Schwester schwrmt, pfui! Und die Gertrud
-- eine verheiratete Frau! Das kommt eben davon, da ihr ohne Mutter
aufgewachsen seid.

Maggie lie ihn weiter reden und dachte sich ihren Teil. Sie wute, wenn
er sich die erste notwendige Emprung vom Herzen gesprochen htte, wrde
er sich die Sache berlegen und schlielich sehr froh sein, wenn
zunchst die Kurowskische Eheangelegenheit eingerenkt wre.

Seckersdorf fanden sie mit einem kleinen Jagdwagen am Treffpunkt vor.
Sein ehrliches Gesicht strahlte, als er Maggie sah. Sie aber hatte eine
widrige Empfindung, fast wie Abneigung, als sie ihm die Hand gab und
dabei dachte: Diese Freude gilt der Erwartung, von Gertrud zu hren.

Es schien nun wirklich, als ob ihr Vater sie an einer Aussprache mit
Seckersdorf hindern wollte Er bemchtigte sich seiner ausschlielich,
gab ihm Anweisungen, als sollte jener selbst die Aufsicht bernehmen,
und was das Schlimmste war, Seckersdorf hrte mit vollster
Aufmerksamkeit zu, fragte, lie sich belehren und sprach selbst so
anhaltend zu den Leuten, da sie schlielich eine ungeduldige Bemerkung
ber seinen Eifer machte.

Er wandte sich um. Entschuldigen Sie mich, bat er. Ich bin Landmann
mit Leib und Seele und kann in Sachsen verwerten, was ich hier lerne.
Wir haben auf Isenburg ganz hnliche Forstverhltnisse.

Sie gehen wieder zurck? fragte sie, froh, ein Gesprch anknpfen zu
knnen.

Wahrscheinlich.

Der Oberfrster rief ihn, ehe er etwas hinzufgen konnte, von neuem an.
Er hatte an einem der wenigen geschlagenen Stmme ein fremdes
Forstzeichen bemerkt und fragte nach dessen Bedeutung.

Seckersdorf wute sie nicht. Der Oberfrster sprach Vermutungen darber
aus, warnte vor Holzdieben, die in der Gegend ein freches Wesen trieben;
und darber ereiferten sich beide Mnner so, da Maggie niedergeschlagen
hinter ihnen herging und ihren heutigen Versuch als verfehlt zu
betrachten begann.

Dabei steigerte sich aber der Wunsch, sich zur Geltung zu bringen,
zugleich mit dem Abneigungsgefhl gegen Seckersdorf, der ihr diese
Absicht so erschwerte. Und als ihr Vater ihr einmal, aus dem Gesprch
heraus, an dem sie nicht teilnehmen konnte, einen listig triumphierenden
Blick zuwarf, kochte eine jhe Wut gegen ihn, Seckersdorf und Gertrud in
ihr auf. Aber dann wurde sie wieder ganz kalt. Nun gerade! sagte sie
sich, und wartete zornig und geduldig zugleich.

Und ihre Stunde kam.

Das Wetter nderte sich pltzlich. Der Wind schien die schweren Wolken,
die massig und unbeweglich ber dem Wald gestanden hatten, mit einemal
niederzudrcken. Sie fielen als dichter, fast tropfender Nebel nieder,
der sich jeden Augenblick mehr zusammenzog und in krzester Zeit ein
tchtiger Landregen werden mute.

Der Oberfrster, der sich auf seine Wetterkunde viel einbildete, war
auer sich. Zwei Tage noch htte sich das Wetter halten mssen, und nun
ffte es ihn auf solche Weise. Wenn ich allein wre, wollte ich
brigens nicht viel davon reden, sagte er schlielich. Aber das kommt
davon, wenn man ein schwacher Vater ist.

Maggie lachte. Mir macht doch das bichen Regen nichts, und mein
Lodenkleid ist auch daran gewhnt.

Aber meine Herrschaften, mein Wagen ist ja da ... Ich fahre Sie
natrlich nach Hause! sagte Seckersdorf, halb verlegen, halb froh.

Er wechselte mit Maggie einen Blick.

Sie sah ihn erstaunt und vorwurfsvoll an; denn es war wider ihre Abrede,
da er in das Haus des Vaters kam. Er schien ihr jedoch zu antworten:
Aber das ist ja =force majeure=, siehst du das denn nicht ein?

Der Oberfrster verstand beide. Nein, lieber Freund, das nehm' ich
nicht an, sagte er. Fnf Meilen in einer Tour ist zu viel fr Ihre
Gule!

Seckersdorf stutzte. In einer Fahrt? Das war ja eine offenbare Ablehnung
seines Aufenthaltes im Hause, jedes Verkehrs mit ihm. Er verbeugte sich
also und machte ein hflich leeres Gesicht, aus dem doch die mhsam
bezwungene Enttuschung hervorguckte.

Der groe Junge! dachte Maggie rgerlich.

Ich will Ihnen aber einen anderen Vorschlag machen, Nachbar, fuhr der
Alte fort, durch das sekundenlange Schweigen in seinem Vorsatz bestrkt.
Zu Ihnen haben wir knappe zehn Kilometer. Nehmen Sie mich und mein
Mdel einfach mit nach Romitten, geben uns einen Teller Suppe, und
schicken uns mit den Kutschierpferden oder den Schimmeln nach Hause.
Einverstanden?

Mit tausend Freuden, rief Seckersdorf erleichtert aufatmend. Wenn
Sie, und vor allem das gndige Frulein, in meinem Junggesellenhaushalt
vorliebnehmen?

Auch Maggie empfand diese Lsung als eine glckliche und freute sich
auf das Abenteuer; denn etwas hnliches wre es doch. Whrend sie
einstiegen, sagte sie ihm halblaut: Papa hatte recht, Sie durften nicht
mit! Dann nahm sie mit dem Vater auf dem Vordersitz Platz, whrend er
vom Kutschersitz her die Zgel fhrte.

Man fuhr schweigend aus dem Wald heraus, ber die langweilige, von
Ebereschen eingefate Chaussee. Der Regen zog sich wie in Wellen ber
die Felder zu beiden Seiten, der Wind war still geworden, und kein
lebendes Wesen zeigte sich.

Der Oberfrster hatte sich frierend in seinen grauen Regenrock
gewickelt. Maggie sa gerade und steif auf ihrem Platz, auch schweigend.
Nur einmal erkundigte sie sich nach den Grenzen von Romitten, und als
sie erreicht waren, kam eine Art Polykratesgefhl ber sie. Das alles
ist mir untertnig. Und besonders amsierte sie, da der, dem in
Wirklichkeit Feld und Flur einmal gehren sollten, gar nicht ahnte, da
sie in Gedanken mit ihm teilte, da sie mit dem festen Willen in sein
knftiges Besitztum einfuhr: Hier werde ich in kurzem wohnen, wenn ich
es nicht vorziehe, die 'Welt' zu sehen.

Wie ein Rausch kam es ber sie. Ein wilder, energischer Siegerwille
brauste durch ihre Gedanken und gab ihrer Erscheinung einen starken,
neuen Reiz.

Als sie vom Wagen sprang, ehe noch Seckersdorf ihr helfen konnte,
groen, forschenden Blickes das graue Haus musterte, mit einem Lachen,
aus dem ein verhaltenes Jauchzen klang, die Kappe ihrer Jacke vom Kopfe
schob und von der Schwelle der Tr, die man bei dem hastigen und
lautlosen Vorfahren noch nicht geffnet hatte, den beiden Herren ein
bermtiges Willkommen! zurief, da fuhr Seckersdorf zurck vor der
prachtvollen, kraftatmenden Erscheinung des Mdchens, das ihm mit der
ganzen ursprnglichen Frische der Jugend und Hoffnung entgegenlachte.

Dann verlief alles regelrecht und programmig. Diener und Hausmdchen
versorgten sie tadellos. Maggie wurde aus der groen Treppenhalle, in
der eine Bank aus altertmlichem Holzrat mit einem riesigen Brenfell
davor, alte verrostete Krasse und Waffen und eine Menge vertrockneter
Erntekronen ihr ins Auge fielen, in ein altvterisch behagliches,
molliges Zimmerchen gefhrt, in dem alles darauf hindeutete, da es zum
ausschlielichen Gebrauch fr Damen bestimmt war.

Es ist noch von frher her so, bemerkte das junge adrette
Dienstmdchen, und der gndige Herr hat es wieder in Ordnung schaffen
lassen, damit, wenn Damen kommen, die ihren Platz haben.

Maggie nickte. Sie htte fr ihr Leben gern gefragt, welche Damen den
Junggesellen Seckersdorf besuchten, aber das widersprach ihren
Lebensgewohnheiten doch so sehr, da sie schwieg und mit dem Mdchen nun
in der herablassend freundlichen, sicheren Weise verkehrte, die den
Leuten so sehr an ihr imponierte.

Frisch frisiert und zurechtgemacht, ging sie unter der Fhrung des
Mdchens in das Ezimmer. Von der Halle aus gelangte man unmittelbar
hinein. Es fllte einen ganzen Anbau, hatte hohe Holztfelung und
ehrwrdigen, unbequemen, aber vornehmen Hausrat; man sah ihm an, da er
von Generationen benutzt worden war. Fremdartiges, uraltes Tafelgeschirr
bedeckte auch den kleinen, am Mittelfenster hergerichteten Etisch; es
stand auf gelblich weiem, feinsten Damast, dessen tiefe Bruchfalten
zeigten, da es lange im Wscheschrank geruht hatte. Die altertmlichen
Glser mit dicken Fen trugen eine Krone und zwei verschnrkelte
Buchstaben.

Maggie sah das alles mit fast gierigen Blicken. Romitten war ein
ehemaliges Majorat, das schon vor dem Aussterben der letzten
schwachsinnigen Erben von dem jetzigen Besitzer, dem Onkel Seckersdorfs
verwaltet, dann von ihm bernommen war und zu einem neuen Erbgut fr
seinen jngsten Sohn eingerichtet werden sollte.

So erzhlte Seckersdorf, nachdem er zu Maggie getreten war. Der
Oberfrster fehlte noch; er wechselte auf seine Zureden die Kleider.
Seckersdorf unterbrach sich, da man das Diner anzurichten begann, und
trat mit Maggie in eine Fensternische, anscheinend um ihr drauen auf
dem groen, gelben Rasenrondel etwas zu zeigen.

Wie steht's? fragte er hastig. Was habe ich zu erwarten? Schnell ...
ich bitte Sie ...

Maggie sah zu Boden. Jetzt war der Augenblick da, in dem sie Gertruds
Schicksal und ihr eigenes in ihrer Hand hielt. Bangigkeit und ein
prickelndes Wohlgefhl zugleich durchschauerten sie, aber schwanken tat
sie nicht.

Sie sah Seckersdorf mit einem bedauernden Blick an, der sich zu einem
Ausdruck innigen Mitleids vertiefte.

Ich wei nicht recht, sagte sie suchend, Herr von Seckersdorf, ich
mte da viel sagen. Im Grunde glaube ich ja doch, da Gertrud an Sie
denkt. Ich glaube es nur! Aber ich habe schlielich nicht so viel
Verstndnis fr das Verantwortlichkeitsgefhl einer Mutter.

Was heit das, Frulein Maggie? fragte Seckersdorf bestrzt. Haben
Sie Ihrer Schwester gesagt, was ich in Vokellen ...

Maggie nickte. Wrtlich, Herr von Seckersdorf.

Und?

Sie war einen Augenblick froh und sagte: 'Das wute ich ja!' Und dann
ist sie still geworden und hat diese bertriebene -- ich meine, sie hat
ihre Kinder von da ab mit ganz ausschlielicher Zrtlichkeit behandelt.
Und als ich -- ich dachte doch, man mte ihr ein bichen helfen -- sie
ist so ngstlich und im besten Sinne des Wortes frmlich, und ich wollte
Ihnen auch gern Nachricht geben ...

Kurz und gut? sagte Seckersdorf erregt.

Ja, sie ist sehr bse auf mich geworden und hat mir verboten, je mit
Ihnen ber sie zu sprechen.

Ihnen verboten? wiederholte Seckersdorf ratlos. Ernsthaft verboten?
Aber Sie selbst sagten mir doch ...

Er sah Maggie beinahe so hilflos an, wie Gertrud es oft tat. In diesem
Augenblicke empfand sie fr ihn etwas von der Zrtlichkeit, die sie der
Schwester entzogen hatte.

Ihr wortloses Mitgefhl tat ihm wohl. Er nahm ihre herabhngende Hand
und hielt sie fest.

Sie sind gut, Frulein Maggie! sagte er leise. Aber, bitte, sagen Sie
mir, was heit das? Sagen Sie es offen. Das ist doch sonderbar. Gertrud
hat ja mit mir kein Wort darber gesprochen, Sie meinten jedoch ... Und
ich sah es ihr ja auch an ...

Denken Sie um Gottes willen nicht schlimmer von der armen Gertrud, bat
Maggie weich. Sehen Sie, sieben Jahre verheiratet und meiner Meinung
nach unglcklich --

Natrlich! sagte Seckersdorf mit berzeugung. Alle Welt wei, wie
schamlos Ihr Schwager ... Verzeihung ...

Maggie machte eine abwehrende Bewegung.

Ja wohl! Aber doch bin ich nicht sicher, ob Kurowski nicht trotzdem
eine groe Zuneigung fr Gertrud hat. Die Kinder liebt er sicherlich. Es
werden jetzt auch Briefe zwischen ihnen gewechselt, obgleich Gertrud
Papa und mir gesagt hatte ... Nein, ich will nicht weiter sprechen. Es
klingt beinahe so, als ob ich Gertrud anklage, da sie, wie sie sagt,
eine anstndige Frau bleiben will.

Da richtete Seckersdorf sich auf, und sein Gesicht berschattete sich
mit einem hochmtigen Zuge des Befremdens.

Hat sie das gesagt? fragte er kurz. Hab' ich sie etwa ... Aber das
kann ja nicht sein. Frulein Maggie, erinnern Sie sich unseres ersten
Zusammentreffens?

Sie nickte eifrig. Schelten Sie mich, ich war voreilig in meiner --
das Wort ging doch nicht ganz glatt ber ihre Lippen -- meiner Liebe zu
Gertrud. Ich sag' Ihnen ja auch, innerlich hat sich sicher bei ihr
nichts gendert. Aber vergessen Sie nicht, sie war nie sehr mutig, und
jetzt ist sie acht Jahre lter und elend und Mutter und --

Ein zrtlich mitleidiges Lcheln lste seine Lippen, die er vorhin fest
aufeinandergepret hatte.

Und Sklavin eines rohen Mannes gewesen, fuhr Maggie fort, und warf
einen hastigen Blick auf Seckersdorf, der ein nervses Zucken bei ihren
Worten nicht bemeistern konnte.

Nun nickte er ein paarmal sorgenvoll mit dem Kopf.

Es mag ja Wahnsinn sein, nach acht Jahren anknpfen zu wollen, eine
zerrissene Sache, sagte er fast schchtern. Es ist wahr, Frulein
Maggie, aber ... aber ich hab' sie jetzt fast noch lieber als damals.
Ich mchte sie wieder schn und froh haben, und ich dachte, wie Sie
damals so sprachen, das sollte mir auch wieder gelingen. Wenn sie frei
sein wrde ... Doch Gott soll mich bewahren, sie zu bereden oder zu
verleiten, wenn sie es fr Snde hlt. Recht hat sie ja auch, rein und
gut wie sie ist. Nein, ich bin nicht sentimental oder berspannt. Was
nicht geht, das geht nicht. Ich hatte mich ja auch schon damit
abgefunden ... Blo ...

Er legte die groe, weie Hand bers Gesicht, als wollte er es in diesem
Augenblicke nicht sehen lassen.

Maggie war mit einem Male gar nicht wohl zumute. Wie ein Stich durchfuhr
sie der Gedanke: Was tust du da? Und gleich hinterher: Was willst du
selbst mit diesem groen Kinde, das so ganz erfllt von der anderen
ist?

Es fehlte nicht viel und sie htte eingelenkt. Aber da kam der
Oberfrster hinein, und man setzte sich zum Essen.

Seckersdorf machte liebenswrdig und ohne etwas von seiner Erregung zu
verraten, den Wirt Nur seine Augen hatten einen zerstreuten, bekmmerten
Blick und suchten fragend und vorwurfsvoll Maggie, wenn sie eine heitere
Bemerkung machte, sich mit dem Vater herumstritt und ihn mit allen
mglichen Dingen neckte.

Ich will dich zerstreuen, dir ber diese Stunde hinweghelfen, sagten
ihm dann ihre mit einem Male dunkel werdenden Blicke, und er antwortete
darauf mit einem schwachen Lcheln. Sie wiederum fhlte, da ihr
Mitleid ihm gut tat, und spielte ihre Rolle mit Befriedigung weiter.

Das Essen war mig, die Weine gut. Man hielt sich also ans Trinken, die
Herren natrlich, und dank Maggies Munterkeit -- sie ist immer so,
bemerkte der Oberfrster -- schien die kleine Tafelrunde bald in
frhlichster Stimmung. Auch Seckersdorf lachte viel. In einer groen
Steigerung seines Wesens, die ihm selbst fremd war, wurde er fast
redselig.

Ich hab's nicht gedacht, da ich noch so sein kann, gestand er
ehrlich. Aber, gndiges Frulein verstehen es, einen vergngt zu
machen. Ich habe das schon damals bei den Waldlackern gemerkt.

Das findet Gertrud auch immer, sagte sie, wie in Gedanken, und fuhr
dann leicht zusammen, heimlich berlegend. Ob er nun nicht vergleicht?

Bei dem Namen, der ihm alles wieder in das Gedchtnis rief, machte er
zwar ein trbseliges Gesicht, aber Maggie triumphierte doch.

Ihre Frau Schwester ist nicht so heiter? fragte er hflich.

Gott bewahre, sagte der Oberfrster an ihrer Stelle mit mehr Betonung
als ntig gewesen wre. Die war immer nur zum Ansehen und zum
Htscheln. Na ... ihr Mann setzt das ja fort. Denken Sie, tausend Mark
Taschengeld gibt er ihr monatlich; das will was heien fr unsere, das
heit meine Verhltnisse, wo unsereins sich schindet und plagt, um die
paar Tausend das ganze Jahr zu verdienen und davon Haushalt und alles
brige zu bestreiten!

Von da aus kam die Rede auf dienstliche Verhltnisse, auf Beamtentum und
Grundbesitz, und was der Wechsel des Gesprchs damit in Verbindung
brachte.

Maggie sah dabei nicht mit dem blichen interessierten Blick hflicher
Damen von einem zum andern, hier und da eine zustimmende Bewegung
machend, sondern sie redete eifrig mit. Sie grbelte nie viel, aber ihre
unbefangene Beobachtungsgabe, ihre sichere Art, passende Worte fr ihre
Gedanken zu finden, lieen sie viel weltkluger scheinen, als sie war,
und da sie zuweilen einen echt weiblichen, sachlichen Schnitzer mit
unterlaufen lie, kam sie bei den Mnnern trotzdem nie in den Verdacht
einer verpnten Gelehrsamkeit.

Seckersdorf sah sie zuletzt voll verehrender Bewunderung an.

Was bist du fr ein Mdel? bersetzte Maggie sich seine Blicke. Gut,
klug und temperamentvoll.

Man verplauderte sich beim Kaffee. Es wurde schon dmmrig, als der
Oberfrster an den Aufbruch dachte.

Schade, meinte Maggie. Ich htte so gern das interessante alte Haus
gesehen. Da gibt's sicherlich Schtze ber Schtze.

Viel altes Germpel, sagte Seckersdorf. Aber falls Sie sich dafr
interessieren, wrde es mir eine groe Ehre sein, wenn mir vielleicht
ein andermal ...

Maggie wollte freudig darauf eingehen, aber nach kurzem Zgern
schttelte sie doch den Kopf.

Vielleicht, wenn meine Schwester wieder in Laukischken ist, erwiderte
sie, den Vater fragend ansehend. Wir lassen sie nicht gerne viel
allein, und sie will ohne ihren Mann nirgends hingehen. Beide Mnner
wurden ernst, und der Abschied gestaltete sich khler, als er nach den
behaglichen Stunden wohl htte sein mssen.

Die Herren besprachen vor dem Abfahren noch flchtig einiges
Geschftliche, Maggie machte es sich in dem Familienhalbwagen bequem,
und dann ging's fort.

Empfehlen Sie mich angelegentlich Frau von Kurowski, sagte Seckersdorf
zum Schlu sehr steif.

       *       *       *       *       *

Gertrud hatte den Vormittag vertrumt. Es waren kaum bewute Grbeleien,
denen sie sich hingab: Vergangenheit und Zukunft zogen in hastigen,
unklaren Bildern an ihr vorber.

Trnen stiegen ihr in die Augen und versiegten wieder schnell, sobald
sie auf die Jungen sah, die vor dem Fenster trotz des fein sprhenden
Regens herumspielten.

Ihr war eigentmlich zumute. Sie wute ganz genau, da sie Seckersdorf
liebte, wie sie ihren Mann verabscheute, da sie Maggie frchtete, ja
beinahe verachtete; aber hinter all diesen starken und bewuten Gedanken
regte sich mit vorahnendem Kltegefhl einer, der an Pflicht und
Verantwortlichkeit, an Sichselbstverlieren, an Ausharrenmssen mahnte,
und alte Bibelsprche, ehemals gedankenlos gelernt und hergesagt,
bekrftigten ihn jetzt. Doch der Sieg blieb ihm nicht. In die
Selbstvorwrfe und Vorschriften rief Hans Seckersdorfs nie vergessene
Stimme hinein: Gertrud, komme zu mir!, und dann schlo sie die Augen
und trumte sich trotz allem mit sem Schauer an seine Brust und klagte
ihm alles und sagte: Denk' du fr mich und sorge, da ich das Rechte
tue. Hilf mir, hilf mir, du Einziger, Liebster!

Aus diesem Empfinden rttelte sie sich wieder auf und sagte sich voller
Gram, da sie, auch wenn das hei Ersehnte sich ihr erfllen sollte,
nicht mehr imstande sein wrde, zu vergessen und neu zu erleben. Wie
Herbstschauer berflog es sie. Und dann durchbrach von neuem alles eine
unvernnftige Sehnsucht, jetzt in diesem Augenblick mit ihm durch den
Wald zu gehen, an ihn geschmiegt und von ihm geschtzt vor dem grauen
Regenwetter. Oder auch nur neben ihm, wie Maggie es sicherlich jetzt
tat.

Was sie wohl sprchen? Wie Maggie es anfinge, sie zu verdrngen? Eine
trostlose Eifersucht machte sie elend. Abenteuerliche Entschlsse
sprangen in ihr auf, wie sie ihm schreiben, mit ihm zusammentreffen, was
sie ihm sagen wrde ... Sie verflatterten, kaum entstanden. Neue
Ratlosigkeit fing an sie zu martern, die Stunden vergingen, es wurde
Mittag und niemand kam heim. Sie a schlielich mit Frulein Perl und
den Kindern und fing wieder ein schchternes Gesprch ber unglckliche
Ehen an, ber Frauen, die sich allein ihr Brot verdienten, und so
allerlei, was ihr durch den Kopf ging.

Dann kam die Mittagspost. Sie brachte ihr die Antwort ihres Mannes aus
Nizza. Zitternd schlo sie sich damit in ihr Zimmer ein, als ob Kurt
Kurowski seinen Worten auf dem Fue folgte, und lange konnte sie sich
vor Angst nicht entschlieen, den Umschlag zu ffnen. Es waren kaum zwei
Seiten. Ihr Herz stand fast still, als sie sie las.

             Mein liebes Kind!

    Es wird Zeit, da ich heimkomme, um mit Dir ein deutliches Wort zu
    reden. Vorlufig so viel: Ich will durchaus nicht zurcknehmen, was
    ich Dir oft gesagt habe, nmlich da Du mir als Frau und Gefhrtin
    nicht gengst. An ein Auseinanderlaufen, weil Dir Deine alte
    Liebschaft wieder den Kopf verdreht hat, ist aber nicht zu denken.
    Skandal gibt's bei den Kurowskis nicht, und die Jungen werden's
    nicht erleben, da ihr Vater und ihre Mutter vor die Gerichte
    kommen. Verstanden? Sollte es dem Seckersdorf eingefallen sein, in
    meiner Abwesenheit bei Dir herumzuscharwenzeln, so werde ich ihn mir
    kaufen. Und Du nimm Dich in acht und schreib mir nicht noch einmal
    so unsinniges Zeug. Herzukommen brauchst Du nun nicht, ich werde
    mich mit der Heimkehr beeilen und Dir den Herrn und Meister zeigen,
    wenn Du etwa nicht Order parieren solltest. Im brigen keine
    Feindschaft und keine Gefhlsduselei.
                                                       Kurt.

Gertrud warf sich schluchzend ber ihr Bett. Sie fhlte sich wieder ganz
unter der Zuchtrute der vergangenen sieben Jahre. Alle Sonnenstrahlen,
die sie schchtern in weiter Ferne aufblitzen gesehen hatte,
verschwanden, und das trostlose Laukischker Elend breitete wieder seine
grauen Flgel um sie.

Was tue ich nur, was tue ich nur? fragte sie sich immerzu. Wer hilft
mir? Wo soll ich hin? ... Hans! Hans!

In ihrer Not und Verlassenheit konnte Gertrud gar keinen Gedanken
fassen; und zum ersten Male packte sie eine entsetzliche Angst, da Hans
Seckersdorf vielleicht doch nicht kommen wrde, ohne da sie ihn rief.
Und da rang sie sich zuletzt den Entschlu ab, ihm ein Wort zu
schreiben.

Wie eine Verworfene kam sie sich dabei vor. Aber sie wute sich keinen
anderen Rat, und sie frchtete sich vor ihrem Mann noch mehr, als vor
dieser Zudringlichkeit gegen Seckersdorf.

Er hat mich ja lieb, und er kommt gewi gleich, dachte sie. Und sie
schrieb unter strmenden Trnen in ihrer hbschen, korrekten
Schulmdchenhandschrift:

    Lieber Freund, ich bin in groer Herzensangst. Und da Maggie mir
    gesagt hat, da Sie mir noch die alte Freundschaft bewahrt haben,
    bitte ich Sie, mir zu helfen. Denken Sie nicht schlecht von mir, ich
    bin so verlassen, und Sie sind der einzige, an den ich mich wenden
    kann. Mit vielen Gren Ihre Gertrud Kurowski.

Diese Zeilen legte sie in einen Umschlag und schrieb die Adresse darauf.
Ein Eilbote sollte es nach Romitten besorgen. Und dann wre alles gut,
er wrde kommen und ihr sagen, was sie tun mte.

Sie ruhte aus in dem Gedanken, -- aber ihre Kinder anzusehen wagte sie
nicht mehr.

Mit einer kleinen Handarbeit, an der sie flchtig herumstichelte, setzte
sie sich an das Fenster der Wohnstube, von dem aus sie den Weg bersehen
konnte. Erst wenn der Vater und Maggie zurck waren, sollte ihr Bote,
der lteste Junge des Kutschers, nach Romitten gehen. Ihr war
eingefallen, da der Vater und Maggie ihn auf ihrem Heimweg durch den
Wald treffen und anhalten mchten. Sie sagte dem Stubenmdchen also
Bescheid, lie sich auch den Jungen kommen, um ihm ihre Weisungen
einzuschrfen. Es handelt sich um eine Geschftssache, erklrte sie
verlegen dem Mdchen und dem Burschen, und fand das sehr berlegt von
sich. Aber zugleich dachte sie voll Widerwillen: Solche kleinen
Winkelzge werde ich nun wohl fters machen mssen ...

Endlich kamen die Erwarteten zurck. Maggie sprach sehr viel, erzhlte
ausfhrlich alles uere ihres Zusammentreffens mit Seckersdorf,
beschrieb Romitten und ihren Aufenthalt dort, gesucht heiter und sich
hauptschlich an Frulein Perl wendend. Gertrud, doppelt erregt wie sie
war, lie doch uerlich ruhig alles ber sich ergehen. Denn der Vater
beobachtete sie, whrend Maggie erzhlte. An dieser selbst glaubte sie
hier und da ein spttisches Lcheln wahrzunehmen.

Wie qualvoll war das alles! Sie floh in Gedanken weit fort aus diesem
einst so geliebten Hause. Gott sei Dank, ihr Brief war nun unterwegs,
und morgen vielleicht wute sie, wohin und was tun.

Whrend des Hin- und Hersprechens trat das Stubenmdchen ein und
wartete, bis man sie bemerken wrde.

Gertrud sah teilnahmslos an ihr vorbei; in demselben Moment nahm sie
aber wahr, da Lina mit fragendem Blick an ihr hing. Sie fuhr zusammen.

Was gibt's? fragte der Oberfrster und sah sich um.

Das Mdchen kam nher.

Ich wollte nur fragen, ob der Romitter Kutscher nun nicht gleich den
Brief mitnehmen kann, -- oder soll doch der Fritz gehen? sagte sie halb
zu Gertrud gewandt.

Die wurde totenbla. Sie winkte dem Mdchen, hinauszugehen. Der
Oberfrster stand auf.

Welchen Brief? fragte er unwirsch.

Von der gndigen Frau, sagte das Mdchen schchtern.

Der Oberfrster kniff die Augen zusammen.

berhaupt nicht mehr ntig. Wir kommen ja von Romitten. Bring' den
Brief her!

Eine groe Stille entstand.

Gertrud sagte sich immerzu: Ich mu protestieren, ich mu meinen Brief
abschicken. Aber ihre Lippen zitterten und brachten kein Wort vor.

Der Oberfrster stand von ihr abgekehrt und wartete auf das Zurckkommen
des Mdchens. Maggie sah mit gespannter Neugier in Gertruds Gesicht, und
Frulein Perl begriff berhaupt nichts. Hast du denn nach Romitten
geschrieben, Herzchen? fragte sie ahnungslos.

Gertrud schwieg.

Lina trat mit dem Brief in der Hand ein. Der Oberfrster nahm ihn ihr ab
und winkte ihr hinaus.

Er sah den schmalen gelblichen Umschlag lange an, dann zerri er den
Brief, ohne ihn zu ffnen, und warf ihn in den Papierkorb.

Pfui! sagte er, sich vor Gertrud aufpflanzend. So etwas tut meine
Tochter! Was wolltest du von ihm? Heraus damit! Was soll er? Was willst
du von ihm ... Schmst du dich nicht?

Ja, Gertrud schmte sich, als htte sie ein unshnbares Verbrechen
begangen. Sie wute vor Entsetzen gar nicht mehr, wo sie war. Sie fhlte
sich ganz zerbrochen und dachte nur. Fort, fort! Oder lieber noch
sterben!

Sagen konnte sie nichts.

Der Oberfrster wurde dunkelrot.

Wirst du reden? schrie er.

Da trat Maggie zur Schwester.

Qule sie doch nicht unntz, Papa, sagte sie. Schlielich kann sie
doch tun und lassen, was sie will.

Nicht in meinem Hause, rief der Oberfrster erregt, nicht in meinem
Hause. Soll ich mich auf meine alten Tage durch euch verflixte
Frauenzimmer um meine Reputation bringen lassen? ... Die eine luft
hinter dem Menschen her, da es ein Skandal ist, die andere schreibt ihm
Liebesbriefchen. Und ich, der Vater, sehe gefllig zu und halt's Maul zu
dem ganzen Treiben, nicht wahr?

Es ist kein Liebesbrief, Papa, sagte Gertrud heiser. Du erlaubst
wohl, da ich mich entferne. Ich werde ... berhaupt bald fortgehn ...

Sie taumelte hinaus.

Der Oberfrster lief erregt im Zimmer umher. Wenn blo der Kurowski
wieder da wre.

Maggie war tief erregt. So ganz leicht schien es doch nicht, zu einem
Ziel zu gelangen, dem sich Hindernisse solcher Art entgegenstellten.

Sie lief in ihr Zimmer hinauf und weinte. ber Gertrud, ber sich, ber
das ganze Leben.

Zum ersten Male seit der Vokeller Gesellschaft vermite sie Gertrud. Sie
htte zu ihr hineinstrzen mgen und sich ausschreien. Vielleicht auch
lachen ber die ganze verfahrene Geschichte und einfach sagen: Trude,
sei gut ... du sollst ihn wieder haben.

Und doch, nein -- das wrde sie nicht. Was fiel ihr denn berhaupt ein?
Wollte sie nun auch anfangen sentimental zu werden?

Gute und bse Gedanken berstrzten sich in ihr und versetzten sie in
einen Zustand fiebernder Unruhe. Einmal war es, als ob die ganze
Berechnung, auf die sie ihr knftiges Leben grnden wollte, eine falsche
sei, als ob sie verlieren wrde, auch wenn sie's erreichte, Frau von
Seckersdorf zu werden. Und eine fremdartige Angst packte sie. Aber dann
verspottete sie sich selbst und verhrtete sich in ihren Grbeleien ber
Energie und die Berechtigung, ohne moralische oder sonstige Bedenken ihr
Schicksal selbst zu schmieden. Zuletzt, wenn sie sich die ganze
Situation berlegte, war diese Ungeschicklichkeit Gertruds ein rechter
Segen fr sie. Gertrud hatte einmal geschrieben, sie wrde es vielleicht
auch wieder tun, sie war also nicht ein wehrloses Opfer. Sie fhrte ihre
Sache und kmpfte, wie sie, Maggie, selbst. Und der Schwester Position
war die gnstigere. Es hie also sich zusammennehmen, anstatt zu
trumen. Und nun, einmal in der Wirklichkeit, dachte sie an ihren
natrlichen Bundesgenossen, ihren Schwager.

Ohne den Inhalt seiner letzten Briefe an Gertrud zu kennen, war sie doch
berzeugt, da er sich schon aus uerlichen Grnden zu einer Scheidung
nicht entschlieen wrde. Sie selbst erwog diese auch noch einmal und
redete sich die Ansicht ein, da es zweckmiger und vernnftiger wre,
wenn die Ehe nicht getrennt wrde. Sie hatte sich nur durch Gertruds
klgliche Flucht und Heimkehr zu einer falschen Auffassung verleiten
lassen ... Man htte Gertrud ernsthaft zureden sollen, energischer gegen
ihren Tyrannen aufzutreten, ntigenfalls ihr dabei helfen mssen,
anstatt --

Mitten in diesem Gedankengang sprang sie rgerlich aus dem Winkel auf,
in dem sie sich zusammengekauert hatte.

Wozu in aller Welt spielte sie sich selbst diese Komdie vor? Etwas tun
mute sie. Schreiben wollte sie an Kurowski. Er sollte nach Hause
kommen. Gertrud wre im Begriff ihnen fortzulaufen, und dann wre der
Skandal fertig.

Hei von allem Denken setzte sie sich an den Schreibtisch, als man sie
abrief. Nachbarbesuch war gekommen, die Auklapper Normanns, ein lustiges
altes Ehepaar, dem man besonders nahestand. Maggie atmete erleichtert
auf. Der Brief, der unangenehm und schwer abzufassen war, mute also
noch aufgeschoben werden.

Sie wusch sich rasch und lief hinunter, die Gste zu begren.

Wie Menschen aus einer andern Welt erschienen sie ihr heute. Und doch
saen sie behaglich und herzlich wie sonst in den gewohnten Ecken,
tranken Grog wie sonst um diese Zeit, schwatzten gemtlich und neckten
Maggie wie sonst.

Der alte Herr, dick geworden, mit ein paar sorgfltig hinaufgekmmten,
schwarzen Haarstrhnen, ein freundlich ironisches Lcheln um den breiten
Mund, war ehemals der Schwerenter des Kreises gewesen. Seine Frau, lieb
und sanft, hatte viel leiden und sich viel grmen mssen. Heute nannten
sie sich Papa und Mama, sahen beide friedlich und fertig aus, und
hatten gegenseitige kleine Aufmerksamkeiten fr einander, um sich das
Leben leicht zu machen.

Das war wohl der bliche Ausklang aller traurigen und frohen
Ehemelodieen.

Maggies Gedanken flogen um zwanzig Jahre vorauf zu Gertrud und Kurowski
und dann zu sich selbst und Seckersdorf. Ihr wurde ganz schlecht dabei,
und sie fhlte wieder die alte, rasende Sehnsucht in sich aufsteigen,
auszuschpfen, zu genieen, solange sie noch jung und ihre Nerven noch
dafr empfnglich waren.

Die Freunde fanden den Oberfrster verstimmt und Maggie still. Man fing
an, sie zu necken, der Name Seckersdorfs fiel, und da die Auklapper alte
Freunde waren, machten sie auch eine Anspielung auf Gertrud und die
Erbschaft, die Maggie da anzutreten scheine.

Herrgott! rief der Oberfrster dazwischen. Wo bleibt denn eigentlich
die Gertrud? Vor euch braucht sie sich doch nicht zu verkriechen? Sieh
mal nach, Maggie.

Maggie ging zgernd hinaus. Lina behauptete, die gndige Frau zu
derselben Zeit wie das Frulein benachrichtigt zu haben.

Maggie ging also hinauf.

Als Gertrud auf ihr Klopfen nicht antwortete, machte sie die Tr leise
auf.

Die rotverschleierte Lampe brannte auf dem Tisch, auf dem Gertruds
Schreibsachen lagen. Sie selbst sa am Fenster.

Maggie trat zu ihr. Sie war zum Ausgehen angekleidet, hatte sich aber in
eine weie Decke gewickelt und sah zum Fenster hinaus.

Der Mond schien gelb durch die graugrnen Wolken, die in Streifen und
Fetzen ber den Himmel zogen. Gertrud sah in dem unheimlichen Licht fahl
und starr aus. Sie wandte sich gar nicht um.

Maggies Herz zog sich zusammen.

Was willst du tun? Wo willst du hin? fragte sie zitternd.

Fort, sagte Gertrud, ohne sie anzusehen.

Wohin?

Gertrud zuckte die Achseln. Du, ich wollte weg, sagte sie, aber mich
friert so.

Es ist, als ob sie den Verstand verloren htte, dachte Maggie
entsetzt.

Komm doch vom Fenster fort, sagte sie beherrscht. Es zieht so.

Gertrud stand auf. Ja, sagte sie, das ist wahr.

Maggie befreite sie von der Decke, zog ihr den Mantel aus und nahm ihr
den Hut ab. Sie lie es sich gefallen.

Maggie htte sie gern in die Arme genommen, aber sie wagte es nicht und
frchtete sich auch. Sie ging nach der Glocke.

Was willst du? fragte Gertrud lebhafter, in Angst.

Aber, Kind, heut' ist es schon zu spt, heut' kannst du nicht mehr
fort. Du hast auch Fieber, ja, du hast Fieber, und ich will nach der
Jungfer ...

Gertrud hielt sie fest.

Ich habe einen Wagen gehrt, sagte sie bang. Ist mein Mann etwa da?

Nein, nein, -- wie sollte er? sagte Maggie bebend. Wie kommst du
darauf?

Mir fiel ein, er knnte mit seinem Brief zugleich abgefahren sein --,
sie schob ihr den Brief zu, der auf dem Tisch lag.

Maggie nahm ihn an sich.

Die Auklapper waren es, sagte sie. Sie wollen dich gern sehen. Aber
du wirst nicht knnen, nicht? Du mut zu Bett, ja?

Gertrud antwortete nicht und starrte schweigend in die Lampe. Maggie
klingelte.

Die gndige Frau ist nicht wohl, helfen Sie ihr, bedeutete sie die
eintretende Jungfer.

Das geht wieder vorbei, flsterte die ihr zu. Das war ebenso, als die
gndige Frau mit den Junkern fortging.

Maggie war beruhigt. Gott sei Dank, das also wenigstens war nicht ihre
Schuld. Aber ihre ganze Selbstherrlichkeit schrumpfte doch zusammen bei
dem Anblick des gebrochenen Weibes, dem die letzte Hoffnung genommen
war.

Ehe sie die Gste von dem Unwohlsein Gertruds unterrichtete, berflog
sie den Brief Kurowskis.

Auf den hin also hatte die arme Gertrud sich entschlossen, an
Seckersdorf zu schreiben. Lieber Gott, es war doch ein Elend!

Aber schlielich ... fielen die Karten nicht von selbst? Sie brauchte
gar nicht mehr hinterlistig zu handeln, es machte sich alles von allein.
Sie hat es ja gewut, da Kurowski sich auf nichts einlassen wrde.
Gertrud hatte eben verspielt.

Sie sprach nach dem Aufbruch der Auklapper nur flchtig mit dem Vater.

Man wird doch an Kurt drahten mssen, meinte der. Wei Gott, ob sie
uns nicht ernstlich krank wird, und dann wird er uns hinterher Vorwrfe
machen. Besorge du das.

Maggie nahm die Feder in die Hand, aber dann schttelte sie den Kopf.

Nein, setze du das Telegramm auf, sagte sie zgernd. Ich schreibe
unterdessen nach Friedland an den Doktor.

Der Oberfrster berlegte, die Brauen schief ziehend, eine Weile, dann
fate er das Telegramm ab, in dem er seinen Schwiegersohn wegen
pltzlicher Erkrankung Gertruds heimrief.

Gertrud wurde aber gar nicht krank. Sie stand am nchsten Morgen auf und
setzte sich ans Fenster, wie gestern. In ihr war eine groe, stumpfe
Ruhe. Lhmend hatte es sich auf ihr Denken gelegt. Das bichen
Lebensenergie, das vor kurzem in ihr erwacht war, berspann sich mit
einer ihr bisher unbekannten Gefhllosigkeit, und um sie herum wogte es
in gleichmigem, brandungsartigen Rauschen, als wollte es sie
einwiegen.

Ich habe zuviel aushalten mssen, dachte sie ab und zu, und dies ist
wohl der Rckschlag.

Nur den Weg, von dem gestern das Romitter Fuhrwerk gekommen war, behielt
sie unbewut immer im Auge. Wenn ein Wagen aus dieser Richtung
vorbeifuhr, richtete sie sich auf und sah ihm nach, um sich dann wieder
seufzend in ihren Lehnstuhl zurckzukauern und weiterzudmmern.

So verging der Vormittag. Der Arzt kam. Sie antwortete auf alle seine
Fragen ganz vernnftig, erklrte sehr mde zu sein und niemand sehen zu
wollen.

Doktor Hahn, der sie von klein auf kannte und liebhatte, sprach von
starker Blutarmut und schwerer Nervenberreizung und erkundigte sich
nach etwaigen Gemtsbewegungen.

Der Oberfrster, der innerlich seiner Gewohnheit nach jede
Verantwortlichkeit von sich abwies, schimpfte auf Kurowski und
verschonte auch Maggie mit Vorwrfen nicht. Der Arzt schttelte den
Kopf, gab Schlafmittel, empfahl uerste Ruhe und versprach
wiederzukommen.

Maggie ging bla und finster herum. Sie dachte, wenn man Seckersdorf
benachrichtigte und zu Gertrud fhrte, wrde diese sicherlich gesund
sein. Statt seiner kam jetzt Kurt. Was wrde nun geschehen?

Gertrud wrde einfach zugrunde gehen. Durch ihre, der Schwester Schuld.
War sie stark genug, das zu tragen? Ihre Gedanken irrten zu den
Herrschern, die ber Leben und Tod von Verurteilten zu entscheiden
haben, und sie schauerte zusammen. Sie hatte Momente, in denen sie sich
ebenso gebrochen fhlte, wie Gertrud da oben. Sie litt unter dem Zuviel
an Energie, wie jene an dem Mangel, und keine von ihnen fand irgendwo
einen Halt; auch die fromme Gertrud nicht, die nach Kindergewohnheit
doch noch morgens und abends betete.

In einem Augenblick besonders starker Gewissensangst, in dem sie ihre
ganze Heiratsidee verwnschte, setzte sie sich an den Schreibtisch und
schrieb ein paar Zeilen nach Romitten, in denen sie den Freund bat,
Gertruds wegen herberzukommen. Dann nahm sie das Kursbuch in die Hand
und rechnete aus, wann Kurt eintreffen knne. Darber versumte sie, den
Brief abzuschicken. Aber dennoch war ihr, als knnte sie nun Gertrud
leichter in die Augen sehen, und sie ging hinein.

Gertrud sa wie vorhin da, mit groen, stillen Augen auf den Fahrweg
blickend.

Sie war berirdisch schn, ganz ohne verhrmten oder verngstigten
Ausdruck in dem reinen Gesicht.

Wie eine Tote, dachte Maggie und trat zitternd nher.

Trude!

Was willst du?

Maggie kauerte sich auf die weien Felle an Gertruds Stuhl.

Trude, ich hab' an Seckersdorf geschrieben. Soll er kommen?

Gertrud hob den Kopf, der dadurch in einen Sonnenstreifen geriet und
selbst zu leuchten schien.

Warum? fragte sie. Um ihm Gelegenheit zu einer neuen Zusammenkunft
mit dir zu geben? Geh, Maggie. Ich will euch alle nicht sehen.

Maggie sprang trotzig auf und ging weg. Also Seckersdorf brauchte nicht
herzukommen. Ihr konnte es recht sein. Sie hatte in einer Anwandlung von
Sentimentalitt mehr tun wollen, als klug war. Denn abgesehen von sich
selbst, wie htte man wohl Kurowski gegenbertreten sollen?

Und mit Kurowski war nicht umzuspringen wie mit dem Vater oder gar dem
gutmtigen Seckersdorf.

Aus Kurts Brief an Gertrud, den sie noch bei sich trug, sprach
wahrhaftig der Herr und Meister, den er ihr zeigen wollte. Eigentlich
war ein solcher Mann doch viel interessanter als einer, der in der
groen schnen Welt umherzieht und in allem Genieen durch die
Erinnerung an ein weiblondes Kpfchen gestrt wird!

Bitterkeit, Unzufriedenheit und Bangen um Gertrud erfllten sie ganz.
Dazu war auch das ganze Hauswesen verstrt. Die Kinder spielten in dem
entfernten Eckzimmer, der Vater hatte sich in Tabaksrauchwolken
versteckt, und mit Frulein Perl war gar nicht zu reden. Die weinte um
Gertrud, ihren Liebling, den sie nicht eine Viertelstunde ungestrt
lie; und wenn sie wieder hinausgeschickt worden war, verkndete sie im
ganzen Hause, es wrde sicherlich bei Gertrud ein Typhus ausbrechen.
Welch ein Unterschied gegen gestern! Und was war denn eigentlich viel
geschehen seitdem?

Nachmittags kam eine Depesche von Kurowski, die seine Ankunft fr den
bernchsten Mittag anmeldete und sich Nachricht ber Gertruds Befinden
auf den Berliner Bahnhof Friedrichstrae ausbat.

Wenn Gertrud das hrt, rafft sie sich auf und luft fort, elend wie sie
ist, meinte Maggie. Das Beste wre schon, wir berlassen alles
Kurowski.

Der Oberfrster war sehr einverstanden damit. Und so blieb denn, da man
selbst Frulein Perl nicht traute, die Nachricht zwischen Vater und
Tochter. Aber ihnen beiden war bse zumute, und merkwrdigerweise
glaubte jeder sich von dem andern angeklagt und verurteilt. Wenn Maggie
den Vater voll und finster ansah, las der von ihrem Gesicht eine lange
Rede herunter: Du alter Herr, Vater einer solchen Tochter, der Tochter
der Frau, die dir einmal lieber war als die ganze Welt, die eine Flle
von Lebensglck und Glut ber dich rauhen Mann ausstrmte, -- statt ihr
Kind nun in der groen Not ans Herz zu nehmen und es zu schtzen,
treibst du es zu dem Wstling zurck, der seine Umarmungen zwischen ihr
und dem Abschaume ihres Geschlechtes teilt ... vor dem sie in Todesangst
zittert ...

Und auch Maggie wand sich frmlich unter den Anklagen, die sie selbst
aus den Blicken des Vaters las und von seinem Standpunkt aus sich selbst
machte, bis sie schlielich einmal von dem gewohnten Platz ihm gegenber
aufstand und sagte: Weit du, Papa, wir beide sollten uns nun schon
lieber nicht so kriegsbereit ansehen. Wir wollen ja gewi das Beste,
aber die Verhltnisse sind eben strker als wir.

Dieser Gemeinplatz leuchtete dem Alten ein, und er war gerade im
Begriff, beruhigt eine kleine Wanderung zu unternehmen, als sich die Tr
ffnete und Gertrud eintrat. Ein Gespenst htte die beiden nicht so
erschrecken knnen, als die schne, ernste Frau, die in ihrem langen
weien Schlafrock pltzlich vor ihnen stand.

Um Gottes willen, Gertrud! stotterte der Vater. Wird dir das nicht
schaden? Weshalb rufst du uns nicht?

Mir ist ganz wohl, Papa, sagte Gertrud, aber ihre leise Stimme klang
rauh. Ich sah den Depeschenboten vorhin ber den Weg kommen. Hat Kurt
telegraphiert?

Bewahre, log der Oberfrster. Ich soll morgen nach Brasnicken zum
Essen. Ganz pltzliche Sache. Aber willst du dich nicht setzen? Maggie,
sorge fr das Kind.

Maggie kam nher. Sie bewunderte den Vater und war gespannt, wie er sich
herausreden wrde, wenn Gertrud die Depesche sehen wollte.

Aber daran dachte die gar nicht. Mit ihren klaren Augen sah sie den
Vater dankbar an und nickte beruhigt.

Ich geh' nun wieder hinauf. Schickt mir die Kinder, ja? sagte sie.

In diesem Augenblick fhlte Maggie ein berfluten alles Guten in sich.
Sie sprang auf Gertrud zu und streckte ihr die Hand entgegen. Es wollte
aus ihr hervorsprudeln: Glaub' uns doch nicht, wir betrgen dich ja.
Aber ich will nun nicht mehr -- komm -- komm ...

Ein guter Blick von Gertrud, und sie htte das alles gesagt und die
Schwester in ihren Schutz genommen. Aber Gertrud sah an ihr vorbei und
nahm die gebotene Hand nicht.

Da packte sie ebenso schnell Zorn und Verachtung gegen so viel Hochmut
und Einfalt, die sie doch eben noch Reinheit und Stolz genannt hatte,
und sie sah Gertrud so bse an, da diese zusammenschauerte.

Ich geh' schon, murmelte sie und eilte nach der Tr.

Der Vater wollte sie zurckhalten, aber sie achtete nicht darauf.

Sie hatte sich aus dem schweren Nervenanfall, der sie in die trostlose
Willenlosigkeit versetzt hatte, ein wenig aufgerafft, so weit, da sie
sich sagte: Ich mu fort von hier, ehe Kurt kommt. Und da ich nun nach
dem, was ich von Hans und Maggie erfahren, wei, da keiner mir helfen
wird, mu ich allein sorgen.

Geld hatte sie vorlufig ja genug, an das Spter brauchte sie noch
nicht zu denken. Nur fort von hier, wo man sie verachtete, verriet und
aus dem Wege wnschte.

Sie rief die Jungfer und ordnete das Packen an.

Aber gndige Frau knnen doch so elend nicht nach Hause, warf die
bescheiden ein. Und die Mamsell mu doch da auch erst alles besorgen.

La, la, sagte Gertrud gepeinigt und hielt sich die Hnde vor die
Ohren. Pack nur fr alle Flle!

Aber gndige Frau sehen so furchtbar mde aus ... Und die Unruhe hier
mit dem Packen, meinte die Jungfer und sah mit ihren guten Hundeaugen
besorgt ihre geliebte Herrin an.

Ja, das ist wahr, antwortete Gertrud, wie immer nachgebend. Unruhe
mcht' ich im Zimmer jetzt nicht haben. Packe dann wenigstens, was
drauen ist. Ich bin wirklich sehr mde. Hilf mir!

Und er kommt ja noch nicht, dachte sie ruhiger. Sonst ginge Papa morgen
nicht fort. Und anmelden tut er sich bestimmt, wegen des Fuhrwerks ...
Oder sollte er von Laukischken aus ...?

Sie kam nicht weiter in ihren Gedanken. Die Schlafpulver, die sie
bekommen hatte, fingen an zu wirken, und so schlummerte sie ein und
verga fr viele Stunden ihre ganze bittere Not.

       *       *       *       *       *

Das Wetter hatte sich pltzlich gendert. Die Wolken waren verflogen,
der Himmel weit und bla, die Sonne matt und khl. Ein scharfer Wind
schien ihre gelben Strahlen auseinanderzujagen, ehe sie unten ankamen.
Der Weg war trocken, in den Wagengleisen hatte sich Eis angesetzt, und
an der Windseite der Fichtenstmme am Waldrand glitzerte es und rann
widerwillig sich lsend in schimmernden Tropfen herab.

In solchem Wetter, dem unerwnschtesten fr Landtouren, kam Herr von
Kurowski nach zweistndiger Fahrt auf den eisglatten Wegen in der
Oberfrsterei an.

Er war ein groer, zur Korpulenz neigender Mann. Jede seiner raschen
Bewegungen ein Ausdruck hchster Lebensenergie und Selbstzufriedenheit,
jedes Zurckwerfen des Kopfes ein Zeichen unermessensten Hochmutes, das
Antlitz mit breiten Backenknochen, einem sehr gepflegten dunklen
Vollbart, starker Nase und kleinen, sehr scharfen Augen, ein
Rassegesicht. Intelligent und raubtierartig.

Ungeduldig sprang er von dem ungefederten Wagen, auf dem er hergefahren
war, die Treppe hinauf dem Oberfrster entgegen, mit dem er jahrelang
kein Wort gewechselt hatte.

Nun, wie steht's? fragte er in seinem harten, kurlndischen Dialekt.

Besser, besser, -- aber sie erwartet Sie nicht. Sie war zu elend, wir
durften ihr nichts von Ihrer Ankunft sagen.

Kurowski schob ihn mit einer Handbewegung fast zur Seite.

Die Jungen? Ah ...!

Maggie trat ihm entgegen.

Er begrte sie, kte feurig ihre Hand, und, als sie gro und wie in
Gedanken zu ihm aufsah, auch ihren Mund.

Maggie erschrak vor ihm. Er sah ihr in die unsicher blickenden Augen und
lief dann den Jungen entgegen, die mit lautem Jubelgeheul auf ihn
zustrmten.

Er herzte sie, sagte ihnen ein paar derbzrtliche Worte und schob sie
zur Seite.

Wo ist sie denn? fragte er. Wollen Sie mich zu ihr fhren, Maggie?

Maggie scho das Blut siedendhei durch den Krper. Seien Sie sehr gut
mit ihr, bat sie stockend -- sie ...

Ihr Schwager sah sie aus zusammengekniffenen Augen, halb verwundert,
halb ironisch an. Maggies Trotz bumte sich auf unter diesem Blick.

Gehen Sie nur allein zu ihr, sagte sie kurz, und bernehmen Sie die
Verantwortung.

Kurowski blieb im Hausflur stehen.

Was machen Sie denn fr Umstnde, Schwgerin? Selbstverstndlich will
ich mit meiner Frau allein reden. Zeigen Sie mir nur den Weg. Sie knnen
ja nachkommen.

Er lief die Treppe hinauf, sie folgte langsam.

Gertrud selbst, durch die harten Tritte erschreckt, ffnete die Tr.
Entsetzt, mit ausgestreckten Hnden blieb sie stehen und fand keine
Worte.

Na, sieh' mal, -- Kurowski fate sie an den Schultern und zog sie ins
Zimmer -- la dich mal anschauen ... Schn wie der Tag steht sie mir
da, und der Alte depeschiert, als ob's Matthi am Letzten wre.

Gertrud machte sich los und zuckte in einem Nervenschauer.

_Sie_ haben dich gerufen? fragte sie unglubig.

Aber natrlich. Ich wre sonst erst Ende der Woche gekommen. Und nun
sag' mal, Kind, was ...?

Nichts, nichts ... nichts, sagte Gertrud hastig, und ihr weies
Gesicht fing an zu glhen. Ich bin gesund, ich werde mitkommen, wenn du
willst, Kurt. Gleich -- gleich ... Ich will bei dir auch nicht bleiben,
aber zunchst komme ich mit. La mich nicht eine Stunde lnger hier.

Kurowski sah nach Maggie, die mit gesenktem Kopf in der Tr stand.

So, so, sagte Kurowski. Ihr habt euch gezankt ... Und recht krftig,
scheint mir. Also bitte, Maggie, was ist los? Schnell!

Er trat auf Maggie zu. Gertrud zog ihn zurck.

Kurt, eine ehrliche Antwort bekommst du von ihr nicht. Und vom Vater
auch nicht. Ich bitte dich noch einmal, frage nicht und nimm mich gleich
mit. Gleich. Die hier sind froh, wenn wir weg sind.

Kurowski fate seine Frau unter das Kinn, bog ihren Kopf zurck und sah
ihr nachdenklich in das erregte Gesicht.

Bleib oben, Kind, sagte er dann freundlich. Ich werde alles
besorgen.

Mit leisem Pfeifen ging er die Treppe langsam hinunter. Maggie folgte
ihm. Sie wollte doch den Vater nicht allein mit diesem Manne lassen, der
seine brutale, unberechenbare Rcksichtslosigkeit nur fr den Augenblick
unter ironischer Freundlichkeit versteckte.

Natrlich wrde er Gertruds kopflose bereilung ausnutzen. Es war ja
auch gut so. Doch nun, da sie den Schwager wiedergesehen hatte, fhlte
sie mit Bangigkeit, was sie Gertrud angetan hatte, und da es jetzt fr
immer zu spt wre, es gutzumachen.

Ihre Bahn war frei. Aber sie hatte Gertrud zugrunde gerichtet.

Verzagt trat sie hinter Kurowski in die Stube des Vaters, auf einen
groen, geruschvollen Auftritt gefat.

Aber Kurowski sah sie nur beide belustigt an und begann ein ganz
gleichgltiges Gesprch ber die Schnheiten der Riviera.

Der Oberfrster lie es eine Weile ber sich ergehen, dann brauste er
auf.

Herr, wollen Sie mich zum Narren halten? Was ist also mit meiner
Tochter?

Ach so, sagte Kurowski und streckte ihm beide Hnde entgegen. Nun,
Sie haben mir ja einen hbschen Dienst erwiesen. Sie haben sie so
schlecht behandelt, da sie sich schleunigst in meine Arme strzt,
nachdem sie mir brieflich kurz und bndig erklrt hatte, da sie sich
scheiden lassen will ... Schnen Dank also, alter Herr ... brigens
werde ich natrlich dahinterkommen, wer es gewagt hat, meine Frau zu dem
Entschlu der Scheidung aufzuhetzen ...

Maggie sprang auf. Ich ... ich, rief sie voller Emprung. Ich hab'
sie beredet ... ich habe Seckersdorf ... Sie hielt erschrocken inne und
konnte seinen funkelnden Blick nicht mehr aushalten ...

Kurowski sah sie in drohendem Erstaunen an.

Und trotzdem ruft ihr mich eiligst her? fragte er.

Ja, ich dulde so etwas nicht, schrie der Oberfrster. Eine
verheiratete Frau! Aber ebensowenig la ich mir einen Zwang auferlegen.
Maggie und ich verkehren, mit wem wir wollen ... Und es schlielich mit
dem Seckersdorf verderben ...

Papa, unterbrach Maggie ihn, hochrot vor Scham und Zorn.

Er schwieg. Kurowski sah von ihm zu Maggie. Er fing an den Zusammenhang
zu ahnen und lchelte hhnisch.

Nun, ich werde meine dumme kleine Frau einmal scharf ins Gebet nehmen.

Sie werden sie nicht qulen, rief Maggie heiser.

Kurowski lachte. Sie soll Brautmutter spielen, wenn Sie Hochzeit mit
Seckersdorf machen ... brigens, Glck haben Sie mit Ihren Mdels,
Papa.

Er konnte das alles ja nur aufs Geratewohl sagen, doch Maggies
totenblasses Gesicht und ihre zornfunkelnden Augen enthllten ihm die
ganze Wahrheit.

Also noch einmal, sagte er weiter zu den schweigend Dastehenden. Mag
nun vorgefallen sein, was da will, euch beiden bin ich dankbar. Ich
hatte mich doch etwas vergaloppiert, der Gertrud gegenber, und so
gleicht sich das nun aus, und ich hab' meinen kleinen Spa obendrein.

Ich werde in jedem Fall Gertrud schtzen, sagte der Oberfrster mit
starker Betonung. Und dachte in diesem Augenblick auch, da er das tun
wrde.

Sicher, sicher, hhnte sein Schwiegersohn. Aber fr heute bitte ich
um die Familienkutsche nach dem Bahnhof. Und schnen Dank fr die
Gastfreundschaft ... Gertrud wird doch fahren knnen?

Ich glaube, sagte Maggie tonlos. Der Oberfrster ging selbst hinaus,
um die ntigen Anordnungen zu treffen. Er frchtete Gertrud ins Gesicht
zu sehen und dachte doch mit einem Gefhl banger Erleichterung, da nun
ja alles gut wre.

Eine Stunde spter sa Gertrud wohlverpackt mit ihrem Manne und den
Kindern in dem alten Verdeckwagen. Der willenskrftige Mann, die schne
Frau, die er sorgsam sttzte, die lebhaften, zrtlichen Knaben, das
alles gab das Bild eines vollendet glcklichen Familienlebens. Und doch
war Gertrud die Beute einer hoffnungslosen Verzweiflung. Mit weinenden
Augen sah sie an der Biegung des Weges noch einmal auf das alte Haus
zurck, in dem sie gehofft hatte eine Zuflucht zu finden. Jetzt erst war
sie ganz einsam und schutzlos geworden. Enttuscht in den noch einmal
erwachten Glckshoffnungen, verraten vom Vater und Schwester, sollte sie
das doppelt zerbrochene Leben weiterfhren, vereint mit dem Mann, vor
dem sie hatte fliehen mssen ...

Dabei fiel ihr in all dem trostlosen Jammer, in dem auch ihre Kinder ihr
vollkommen gleichgltig waren, ein Merkwrdiges auf: Sie hatte mit
einmal keine Angst mehr vor ihrem Mann.

Seit diesem Abschiedstage, an dem Maggie brigens voller Reue und
Sehnsucht hinter der verlorenen Schwester herweinte und dem khler
denkenden Vater heftige Vorwrfe machte, da er jene so ruhig dem
Scheusal Kurowski berlassen habe, ging in der Oberfrsterei alles
seinen frheren Gang. Aber das alte Behagen schien aus dem Hause
gewichen. Leben und Poesie waren mit Gertrud und den Kindern
fortgezogen, und eine unertrgliche Nchternheit breitete sich berall
aus. Und doch konnte das nur Einbildung sein. Man hatte jahrelang so
wie jetzt gelebt und nichts vermit. Die Entfernung von Gertrud war die
gleiche, und dennoch, wie anders schien alles!

Der Oberfrster hatte in diesen Tagen viel mit Versteigerungen und
Terminen zu tun und kam immer mde und verrgert heim. Nachbarbesuche
blieben aus, der schlechten Wege halber. Und so waren die beiden Frauen
nachdenklich und schweigsam viel fr sich. Das konnte nicht so bleiben,
sagte sich Maggie eines schnen Morgens. Es war nun genug gegrbelt und
getrauert, und hohe Zeit, auf ihren alten Plan, um den sie sich mit so
vielem belastet hatte, ernsthaft zurckzukommen. Und von da an ging
alles wie am Schnrchen.

Sie teilte Seckersdorf mit, da Gertrud wieder in Laukischken wre und
bat ihn, schleunigst herberzukommen. Der Vater war natrlich an dem
bestimmten Tage nicht zu Hause, und Frulein Perl hatte mit der
Festschlchterei zu tun. So konnte Maggie unbeachtet dem armen Freunde
ihr volles Herz ausschtten und ihn zu trsten versuchen.

Das war eine merkwrdige Szene. Hans Seckersdorf trug es mit mnnlicher
Fassung. Er hatte mit stiller Trauer den ihm pltzlich wieder so nah
gerckten Jugendtraum verflattern gesehen. Ihm war immer weh zumute,
wenn ihm der Name Gertruds durch den Kopf schwirrte, und er lebte mit
dem Bewutsein, da er sich auf hchstes Lebensglck keine Hoffnung mehr
zu machen habe. Das war nun einmal so und nicht zu ndern. Wenn Gertrud
gewollt htte, wre es wohl mglich gewesen, alle Schwierigkeiten zu
besiegen, und er htte sie auf seinen Hnden dafr durchs Leben
getragen. Aber er konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen, da sie die
einmal bernommene Pflicht heilig hielt, und er mute sie noch mehr
verehren darum.

Das alles und mehr sagte er Maggie in schlichten Worten, aus denen die
tiefste Empfindung und reinste Ehrlichkeit leuchtete. Und sie, -- sie
sah mit den rotgeweinten Augen scheu nach dem Papierkorb, aus dem sie
Gertruds zerrissenen Brief an ihn hervorgeholt und zusammengesetzt
hatte. Der kleine Zettel war ihr dumm und kindisch vorgekommen. Jetzt
bei Seckersdorfs Worten klang ihr die rhrend unbeholfene Bitte, die er
enthalten: Helfen Sie mir doch, schrill durch die Seele. Heie Trnen
flossen ihr ber das Gesicht. Seckersdorf sah sie aus seinem trben
Sinnen heraus voller Verwirrung an.

Frulein Maggie ... Sie weinen? Er stockte.

Sie schluchzte weiter. Ach, sehen Sie, da Gertrud sich solch ein
Glck durch ihre Furchtsamkeit verscherzt hat, da auch Sie darunter
leiden mssen ... Und dann die ganze Trennung von ihr ... Es war
unbegreiflich, furchtbar ... Sie warf sich dem entsetzlichen Menschen
geradezu in die Arme ...

Und sie erzhlte alles, wie jemand, der die inneren Vorgnge nicht
kannte, die ueren auffassen mute. Danach war freilich die arme
Gertrud ein schwchliches Kind, ohne echtes Empfinden, Wachs in der Hand
dessen, der sie am besten zu kneten verstand. Sie nahm ihr nicht viel
von ihrer Art, aber gerade das Wesentlichste berging sie, die
unendliche Herzensgte, die strahlende Reinheit ihres Wesens und die
scheue Vornehmheit, die sich vor jedem Antasten ihrer innersten Gedanken
zurckzog, und betonte ausschlielich die groe ngstlichkeit, das
Unselbstndige, Schwankende, das ihr eigen war und gewi -- wie Maggie
hervorhob -- einen groen Reiz an Gertrud bildete, nur da das alles
nicht standhielt, sobald das praktische Leben in Frage kam.

Sie, Maggie, htte ja, robust und tatkrftig wie sie war, gern geholfen,
wenigstens anfangs, als Gertrud noch zugnglich war. Dann weinte Maggie
wieder und war gar nicht zu beruhigen, und Hans Seckersdorf konnte trotz
allen Forschens nicht herausbekommen, warum es zwischen ihnen allen zu
einem Bruch hatte kommen mssen.

Desto mehr erfuhr er ber Maggies Ansichten und wie sie gehandelt htte,
wenn sie Gertrud gewesen wre. Da das, abgesehen von allem anderen, sehr
schmeichelhaft fr ihn war, zeigte er lebhaften Anteil an allem, was sie
sagte. Er wehrte ihr Lob ab, er nahm Gertrud fast leidenschaftlich in
Schutz, aber zugleich mute ihn doch der Gedanke beschftigen, wie schn
es gewesen wre, wenn die Frau, die er nun einmal lieb hatte, in
gleicher Weise fr ihre Liebe eingetreten wre.

In den nchsten Tagen trafen sie auf einem groen Diner in Auklappen
zusammen. Sie saen weit voneinander und konnten sich auch zufllig im
Laufe des Abends nicht allein sprechen. Maggie merkte wohl, wie ihn das
beunruhigte, wie zerstreut er mit seiner Tischdame sprach, wie seine
Blicke sie suchten, und welch ein liebes, leises Lcheln ber sein
ernstes Gesicht flog, wenn ihre Blicke sich trafen.

In solchen Augenblicken schlug Maggies Herz in einer strmischen
Zrtlichkeit fr ihn, und sie dachte: Gott sei Dank, ich bin ihm
wirklich gut. Aber trotzdem hatte sie doch Selbstbeherrschung genug,
ihm an diesem Abend vorsichtig aus dem Wege zu gehen.

Darauf kam er, wie sie richtig berechnet hatte, am nchsten Tage zu
Pferde, einer Forstangelegenheit wegen, blieb zum Kaffee und ritt erst
abends wieder fort.

Das nchstemal kam er ohne Vorwand, und von da ab fter und fter.

Da wurde in des Oberfrsters und Frulein Perls Gegenwart natrlich nur
wenig von Gertrud gesprochen. Da konnte sie wieder die alte, frohe
Maggie sein, nur ein klein wenig gedmpfter, und mit einem warmen,
kameradschaftlichen Ton fr ihn, der dem schlichten, weichen Manne
unendlich wohltat. Und dann regte das temperamentvolle Leben, das
kraftsprhende Sichausgeben, die unbndige Lebenslust in ihr
Seckersdorf, der still und mde geworden war, ersichtlich an.

Wei Gott, wie es kommt, Frulein Maggie, sagte er einmal, auch wenn
man sehr ernsthafte, traurige Dinge mit Ihnen bespricht ... Man vershnt
sich ordentlich mit ihnen, findet es gut, da man sie erlebt hat ...

Was fr ernsthafte Dinge besprecht ihr denn, wenn man fragen darf?
fragte der Oberfrster darauf, mit einem Versuch, sie zu necken.

Da sahen sich die beiden gro an und schwiegen befangen.

Alles in allem war das Leben in dieser Zeit schn. Mit dem Gedanken an
Gertrud war Maggie bald fertig geworden. Einmal hatte diese einen
khlen, bllich zufriedenen Brief geschrieben, nach dem es ihr gut zu
gehen schien, und dann wurde auch alles widrige Grbeln bertubt durch
den groen Reiz, diese Tage der Spannung auszukosten. Immer das Ziel vor
Augen, halb Komdie spielend, halb ehrlich, immer in der Beklommenheit
junger heibltiger Menschen bei hufigem Alleinsein, immer in der
Erwartung der Entscheidung und doch instinktiv sie hinauszgernd.

Es verging schlielich kein Tag mehr, an dem man sich nicht sah, und von
Gertrud wurde immer weniger gesprochen. Vergessen hatte er sie noch
nicht; Maggie kannte den wehmtig scheuen Blick lngst, der in Gedanken
an sie sein Gesicht belebte, aber auch der kam seltener.

Einmal liefen sie in den Garten hinaus, eine Vogelspur festzustellen.
Seine schmalen Gnge waren unter dem Schnee scharf gefroren. Maggie
glitt aus, Seckersdorf sttzte sie, und sie lag eine Sekunde fest an ihn
gelehnt.

Er prete sie heftig an sich, dann lie er sie schnell los, sah sie mit
malosem Erstaunen an und schttelte den Kopf. Sie waren beide verlegen
und konnten auch spter im Zimmer in kein rechtes Gesprch mehr kommen.

Solche kleine Zwischenflle wiederholten sich, ohne da es zu einer
Aussprache kam. Der Oberfrster fing an, verstimmt zu werden, wenn
Seckersdorf erschien, auch Maggie wurde zuweilen die Zeit etwas lang.
Aber sie blieb vorsichtig, und zog sich eher zurck, als da sie ihm in
seiner Unbeholfenheit einen Schritt entgegengekommen wre.

Darber kam das Weihnachtsfest nher. Seckersdorf sollte dazu nach
Sachsen zurck, und dann wollte er mit seinem Onkel beraten, ob er dort
oder hier in Ostpreuen seinen dauernden Wohnsitz nehmen wrde.

Eines Nachmittags, der Oberfrster war hinausgegangen, und man hrte
sein Schelten von dem Hof her, erzhlte Seckersdorf Maggie davon,
whrend er im Zimmer umherging. Sie sa mit einer Bescherungsarbeit am
Fenster. Bei seinen Worten kam ihr zum erstenmal seit ihrer
Bekanntschaft eine furchtbare Angst, da sie sich am Ende verrechnet
haben knnte. Wenn er so unbefangen von seinem Fortgehen sprach, wenn
ihn nichts fesselte ... Sie wurde totenbla vor Erregung und Bangigkeit.

Was ist Ihnen, Maggie? fragte er herzlich, Sie sehen nicht gut aus.

Sie schttelte mit einem traurigen Lcheln den Kopf. Also Sie gehen
bestimmt? fragte sie beklommen und legte ihre Arbeit fort.

Er trat zu ihr in die Fensternische. Sie sahen sich einen Augenblick an,
fragend, warm, schwer atmend.

Sie sprang hastig auf und streifte ihn dabei. Er zuckte zusammen.

Maggie? sagte er unsicher.

Was?

Kann das sein?

Was? fragte sie noch einmal leise.

Ist das mglich, da wir -- uns gut sind?

Ich glaube, sagte sie mit hellem Aufjauchzen.

Da griff er nach ihr; sie warf sich an seine Brust, und sie kten sich,
wie Verdrstende, die sich endlich, endlich satt trinken.

So wurde Maggie Hagedorn Hans Seckersdorfs Braut.

       *       *       *       *       *

Fr Gertrud hatten sich die Tage in Laukischken nach der letzten
furchtbaren Zeit zu Hause ertrglich gestaltet.

Als sie an dem ersten Abend, durch die Vorsorge ihres Mannes, das ganze
raffiniert luxurise Wohnhaus erleuchtet und warm vorfand, berkam sie
zunchst ein Gefhl von rein krperlichem Wohlbehagen.

Sie wunderte sich, da das nach solchen Erlebnissen und im Kampf mit
solchen Entschlssen mglich sein konnte, aber es war so. Ihr Mann,
teils aus Berechnung, teils aus Launenhaftigkeit, lie sie in Ruhe,
nachdem er einmal den Versuch gemacht hatte, sie ber die Einzelheiten
ihres Zerwrfnisses mit den Ihren auszufragen.

Ich mchte nicht darber sprechen, hatte sie khl erwidert, und
schlielich gar, als er in seiner alten Art herrisch und spottend sie
doch dazu hatte zwingen wollen, gesagt, da sie sich nicht mehr als
seine Frau betrachte, und aufrecht halte, was sie ihm geschrieben hatte.

Er hatte ihre Worte ins Lcherliche gezogen, sie aber dann ein paar Tage
ganz unbehelligt gelassen.

Und als sie uerlich gleichmtig und khl, bei aller innerlichen
Zerbrochenheit, Morgen und Abend vergehen lie, ohne sich ihm gegenber
zu ndern, hatte er, dem ein solcher Zustand unertrglich schien, eine
groe Aussprache herbeigefhrt.

Er hatte ihr die Folgen einer Scheidung klargemacht, bei der eine Frau
immer den Krzeren zog.

Dann hatte Kurowski ernsthaft mit ihr gesprochen, wie noch nie im Leben.
Er hatte ihr gesagt, da er prinzipiell in eine Trennung einwilligen
wrde, ihr dann aber den Vorschlag gemacht, der Kinder wegen noch einmal
zu versuchen, mit ihm zusammen zu leben, wie es sich fr zwei
praktische, nchterne Leute, die nach auen hin Verpflichtungen haben,
geziemte. Er wollte ihr vor der Welt keine Veranlassung mehr geben, sich
zu beklagen, von ihr nichts verlangen, als was sie ihm gutwillig gbe,
und sich nur die Freiheit seiner Wege vorbehalten.

Die klare und eindringliche Art seiner Auseinandersetzungen war eine
Wohltat fr Gertrud gewesen und hatte im Augenblick alles, was sie
fhlte, zurckgedrngt gegen das, was so verstandesmig an sie
herantrat.

Ohne viel zu berlegen, hatte sie eingewilligt, diesen Versuch zu
machen, und die Unterredung in einer Haltung zu Ende gefhrt, durch die
ihrem Mann unwillkrlich Respekt abgentigt worden war.

Und danach atmete sie auf und fing zum erstenmal an, sich als Hausfrau
zu fhlen.

Sie mochte nicht immerzu ber die Bosheit grbeln, die man ihr angetan
hatte, ber die Schande, in die sie bald gesunken wre, -- sie wollte
schaffen, ihre Pflicht tun. Und sobald sie diese Absicht zeigte,
meldeten sich von allen Seiten die Leute bei ihr, die bisher nach dem
knappen Befehl des Herrn auf eigene Verantwortung geschafft hatten.

Aber sie war so unwissend. Sie konnte fast nie Bescheid geben. Sie mute
sich mhsam durch Nachdenken und Beobachten herausklauben, was anderen
durch Gewohnheit und bung selbstverstndlich ist.

Manchmal fragte sie sich selbst erstaunt, wie das mglich gewesen sei,
so lange in diesem Hause zu leben und es so wenig zu kennen. Da war
allerdings eine alte Mamsell ber dem Ganzen ttig gewesen, die
Vertraute des ganzen weiblichen Dienstpersonals, soweit es dem gndigen
Herrn zusagte.

Diese Person, deren Anwesenheit in ihrem Hause ein Vorwurf fr sie
gewesen war, hatte sie nicht mehr vorgefunden, als sie wiederkam, ein
stillschweigendes Zugestndnis ihres Mannes, mit dem sie jetzt
einverstanden war, da sie dadurch zum selbstndigen Disponieren
gezwungen wurde.

Ihr anfnglich fester Entschlu, sich doch von ihrem Manne zu trennen,
verblate mit der zunehmenden Ttigkeit. Nicht nur aus Bequemlichkeit
oder Gleichgltigkeit gegen das uere Leben, oder weil sie ihrem Gatten
etwa freundlicher gesonnen gewesen wre; vielmehr ging ihr in dieser
Zeit, in der sie zum erstenmal sich bemhte, ihren Pflichten gerecht zu
werden, wie es das Leben von jedem ausnahmslos fordert, ein Schimmer der
Erkenntnis auf, da es weniger auf Glck oder Unglck ankommt, sondern
darauf, den Platz, den einem das Schicksal nun mal angewiesen hat, mit
Ehren auszufllen.

Ihr Mann war viel auswrts und kmmerte sich anscheinend auch im Hause
nicht viel um sie; die neue Erzieherin erwies sich als ein
liebenswrdiges, gescheites Mdchen, mit der sie gern ab und zu
plauderte. Gesellschaften besuchte sie unter dem Vorwande ihrer
Krnklichkeit nicht; und so ging das Leben in ebenmigem Gleise weiter,
ohne Widerwrtigkeiten, aber in grauer Eintnigkeit. Von Hause hatte sie
nur einen Brief durch Frulein Perl erhalten, der blo vom
Alleruerlichsten sprach, von Seckersdorf war zufllig bei den paar
Nachbarbesuchen nicht die Rede gewesen, und so hrte sie nichts mehr von
allem, was sie in den letzten Wochen so bitter geqult und mit so
widersprechenden Glcksgefhlen erfllt hatte. Das war sehr gut, sehr
gut, sagte sie sich abends und morgens.

Da kam kurz vor Weihnachten ein Brief ihres Vaters an seine lieben
Kinder.

Kurowski, im Begriffe, mit den Jungen auszufahren, las ihn im Stehen und
lachte hell auf.

Da, rief er zu Gertrud herber, die mit klopfendem Herzen darauf
wartete, den Inhalt zu erfahren.

Maggie hat sich mit Seckersdorf verlobt. Der Alte ist natrlich
hllisch ... Na, was ist das?

Gertrud sah ihn halb abwesend an. Sie schien erstarrt zu sein.

Kurowski sprang zu ihr. Nimm dich zusammen, zrnte er. Was soll das
heien?

Gertrud richtete sich auf. Heie Trnen liefen ihr bers Gesicht.

Weinen, -- hier vor meinen Augen weinen!, schrie Kurowski emprt. Das
ist allerdings stark.

Kurt, sagte Gertrud leise, tu', was du willst. Du weit es ja, da
ich ihn lieb gehabt habe. Und Maggie nimmt ihn nur aus Berechnung. Der
zornige Ausdruck in Kurowskis Gesicht ging in einen hhnischen ber.

So, sagte er, seinen Bart streichend. Nun, wir reisen jedenfalls hin,
um zu gratulieren.

Gertrud sah ihn mit gequlten Augen an. Nein, sagte sie.

So entschlossen? Nun, ich sage: Ja!

Kurt, besteh' nicht darauf, ich tue es nicht.

Als sie sich so zu ihm neigte, schn wie der Tag, mit einem fremden,
entschlossenen Zug im Gesicht, packte ihn pltzlich eine rasende
Eifersucht. Er fate sie an den Schultern.

Was ist vorgefallen zwischen dir und jenem Hund? Gesteh! Du hast dich
mit ihm getroffen, ich bin betrogen!

Fast an der gleichen Stelle, vor ihrer Flucht, hatte Gertrud denselben
Vorwurf wie einen Faustschlag empfunden und geschwiegen. Heute, wo sie
sich nicht so rein fhlte wie damals, verteidigte sie sich. Sie gab ihr
Wort, da sie Seckersdorf nie gesehen htte.

Und Kurowski glaubte ihr. Er empfand wohl auch, da er an diese Dinge
besser nicht mehr rhrte, und nahm von einem Gratulationsbesuche
Abstand.

Unter der Bedingung, da wir sofort, meinetwegen nach Berlin, abreisen
und in sechs Wochen zu ihrer Hochzeit zurckkommen, sagte er.

Gertrud atmete erleichtert auf. Wenn sie ihnen nur jetzt nicht
heuchlerisch die Hand drcken mute!

Zur Hochzeit gehen wir also bestimmt hin, wiederholte ihr Mann
finster, damit den Leuten endlich mal der Mund gestopft wird. Du weit,
ich lasse nicht mit mir spaen. Und der Seckersdorf soll sich nichts
mehr einzubilden haben, wie damals -- verstanden?

Gertrud schauderte zusammen. Verla dich drauf, sagte sie tonlos und
lief hastig aus dem Zimmer.

Sie wute nicht, was am bittersten weh tat, Groll, Verachtung,
Gedemtigtsein, oder das zum uersten gesteigerte Bewutsein des
Verlustes.

Lieber Gott, betete sie wimmernd, gib mir einen groen Stolz, einen
unbndigen Stolz, oder la mich sterben.

       *       *       *       *       *

Maggie war nun zufrieden. Die alltglichen kleinen Aufregungen der
Brautzeit, die teils gutgemeinten, teils neidischen Glckwunschbesuche
der Nachbarn und Freunde, die Beratungen ber die nchsterforderlichen
Einrichtungen, das alles nahm ihre Zeit und ihre Gedanken so sehr in
Anspruch, da sie sich nicht mehr weiter in Grbeleien vertiefte.

Sie hatte auch schon genug damit zu tun, sie ihrem Brutigam
fernzuhalten, und oft, wenn er neben ihr sa, ihre Hand schlaff in der
seinen haltend und ihr ruhig und freundlich in die Augen sehend, empfand
sie einen Stich in dem Gedanken: wre er ebenso gelassen zrtlich, wenn
_sie_ hier neben ihm se? Und in der Erinnerung sah sie seine Blicke fest
und hei werden, so oft sie damals, als sie noch Gertruds Verbndete
war, von ihr gesprochen hatte.

Das tat sie brigens jetzt auch. Kurowskis waren ja gerade im Begriff
gewesen, eine versptete Hochzeitsreise zu machen -- wie Maggie deren
Fahrt nach Berlin zu nennen pflegte --, als ihre Verlobungsnachricht in
Laukischken eingetroffen war, und so hatten sie sich nicht mehr gesehen.
Aber Gertrud schrieb zuweilen von Berlin aus an Frulein Perl, und da
war viel von Hofbllen, von Auszeichnungen der Majestten, viel von
Kurt die Rede, und den Schlu machten immer freundliche Gre fr
den Vater und das Brautpaar.

Darber gab es dann natrlich zu reden, und Maggie war auch berzeugt,
da es zweckmig wre, den Namen der Schwester unbefangen und oft zu
nennen. Seckersdorf gewhnte sich daran und zeigte keine so merkbare
Bewegung mehr, wie im Anfang.

Ob er ihr, seiner Braut, nun aber wirklich gut geworden war? Natrlich!
Er war sogar verliebt, er behandelte sie als gleichberechtigten
Kameraden, aber ... es war doch gut, da sie im Grunde auch nicht alles
gab, was sie hier und da einmal hei in sich aufbrausen fhlte ... Nicht
fr ihn, fr niemand, den sie kannte; sie suchte in Gedanken, aber es
war wirklich niemand da. Und so kte sie wieder, wie Hans Seckersdorf
sie kte, und dachte oft dabei an die groe Flamme, die einmal in ihm
gebrannt hatte, und ob die fr immer ausgelscht sei ...

Mit Gertrud und ihrem Schicksal beschftigte sie sich nicht viel. Sie
wollte deren glnzende uere Erlebnisse, von denen sie hrte, als
Tatsachen nehmen und nicht ber der Schwester Seelenzustand grbeln. Sie
machte es diesmal ebenso wie ihr Vater, und der war ja sein Lebtag bei
dieser Art, die Dinge anzuschauen, gut fortgekommen.

Vor einem Zusammentreffen an ihrer Hochzeit, das Kurowskis angekndigt
hatten, war ihr nicht sehr bange, weil sie eigentlich nicht daran
glaubte. Auch Hans hatte sie einmal nach langem Zgern gefragt, ob die
Laukischker wohl im Ernst daran dchten.

Selbstverstndlich, hatte sie zwar gesagt, aber sie war innerlich doch
davon berzeugt, da Gertrud es nicht ber sich gewinnen wrde, zu
Seckersdorfs Hochzeit zu kommen.

Darber rckte der Februar und der Hochzeitstag heran. Reise- und
bersiedlungsplne brachten immer mehr Unruhe in das tgliche Leben. Die
Ausstattung war besorgt, Erwgungen ber die Art der Festlichkeiten
kamen an die Reihe. Maggie nahm das nicht leicht.

Sie berlegte, wie sich alles fr sie am vorteilhaftesten machte, und
ordnete danach an. In jeder Weise war sie darauf bedacht, ihre uere
Erscheinung zu glnzender Geltung zu bringen, und ihre Hochzeitstoilette
bereitete ihr ein paar schlaflose Nchte.

Zuweilen berkam sie ein Ekel vor all diesen Oberflchlichkeiten, die
jetzt ihr Leben ausfllten; aber sie berwand ihn und redete sich
schlielich immer wieder das groe Ziel ein, das sie in kurzer Zeit
nun erreicht haben wrde.

Wenn Gertrud doch nicht kme! Vor einer blassen, vergrmten Gertrud
htte sie sich ihr Leben lang frchten mssen. In ihrer Phantasie
natrlich, denn Hans, sobald sie seine Frau wre, wrde an keine andere
mehr denken, dessen war sie sicher.

Aber Gertrud kam.

Einen Tag vor dem Polterabend traf, mit einem kostbaren Schmuck von
Kurowskis, ihre Zusage fr den nchsten Tag ein.

Seckersdorf nahm die Nachricht anscheinend gleichgltig auf; Maggie,
aufgeregt und in Anspruch genommen, legte im Augenblick nun auch nicht
so viel Gewicht darauf, wie die ganze Zeit vorher, und der Oberfrster
war von Herzen froh, denn mit diesem Kommen waren die fatalen Ereignisse
des letzten Winters und jede Spannung zwischen Kurowskis und ihm
fortgewischt.

Und nun war der Tag da. Das ganze Haus hatte ein anderes Aussehen. Alles
war gerumt, um Platz fr die Gste zu schaffen, die in groer Menge
erwartet wurden, und smtliche Zimmer und Durchgnge mit Tannenbumen,
-zweigen und Girlanden geschmckt. Gertrud hatte es sich bei ihrer
Hochzeit schon so gewnscht, um zum letztenmal ihren Wald um sich zu
haben. Maggie war nicht so sentimental; sie hatte denselben Schmuck
gewhlt, weil er am leichtesten herstellbar, wirkungsvoll und leicht zu
beschaffen war. Sie kommandierte auch heute noch herum, traf nderungen,
beschftigte die Leute, und nahm Frulein Perl alles aus der Hand. Sie
fhlte sich recht als Siegerin.

Als aber am Nachmittag das Laukischker Fuhrwerk ankam, stand ihr das
Herz doch still. Sehr bla trat sie den Aussteigenden entgegen und wagte
im ersten Augenblick nicht, der Schwester ins Gesicht zu sehen. Der
Schwager begrte sie laut, whrend Gertrud in khlem Herabneigen das
Gesicht leicht an sie legte, ohne sie zu kssen.

Das hie: Ich habe nicht vergessen.

Trotzig sah sie nun auf -- und fuhr fast zurck. Gertrud leuchtete ihr
in einer Schnheit entgegen, die sie noch nie an einer Frau wahrgenommen
hatte.

Auch der Vater und Frulein Perl machten ihre staunenden Bemerkungen
darber.

Gertrud sagte nichts, aber Maggie bemerkte mit Bangen einen neuen
selbstbewuten, ja triumphierenden Zug in dem regelmig stolzen
Gesicht, das sie sich in Gedanken bla und gramzerstrt vorgestellt
hatte.

Ja, die wei sich jetzt zur Geltung zu bringen, die schchterne,
bescheidene Gertrud, bemerkte ihr Mann. Nicht wiederzuerkennen, sag'
ich euch, seit sie ein bichen Weltluft geschmeckt hat. Aber das war
auch 'ne feine Sache, dieses Berlin, nicht wahr, Kleine?

Gertrud nickte freundlich, ohne recht auf das zu hren, was Kurowski
sagte. Mit hochmtig nachdenklichem Blick musterte sie ihre frhere
Welt, in der sie so viel gelitten hatte.

Ihr Mann und Maggie sprachen noch eine Weile, whrend man in Eile und
Ungemtlichkeit Kaffee trank und der Oberfrster und Frulein Perl ber
eine Weinfrage verhandelten. Gertrud wollte sich nicht angreifen vor dem
Abend und erkundigte sich nach ihrem Zimmer. Es war das alte. Wann der
Brutigam denn kme, und wann die Geschichte eigentlich beginnen sollte,
fragte Kurowski. Maggie gab Auskunft. Seckersdorf wrde wie die anderen
Gste um halb acht erwartet. Jetzt war's vier Uhr. Gertrud stand auf und
meinte, Maggie sollte sich auch noch zurckziehen; sie sprach in
gleichgltig freundlichem Ton und schien nicht zu ahnen, wie fassungslos
Maggie gerade darber war.

Sie mu diese Maske fallen lassen, dachte diese zuletzt. Ich werde
sie zu einer Aussprache zwingen, mag es ausfallen, wie es will.

Sie begleitete Gertrud hinauf in das frher von ihr bewohnte Zimmer, das
jetzt fr diese und ihren Mann hergerichtet war. Sie blieb vor ihr
stehen und musterte sie mit herausforderndem Blick.

Aber Gertrud sagte nur: Danke, -- wenn es dir recht ist, mchte ich
allein bleiben. Ich fange um halb sechs an, Toilette zu machen; soll
meine Jungfer dir spter helfen?

Und damit trat Gertrud zu einem der Betten, von dem ihr Kleid, eine
weisilberne Wolke, Brokat- und Spitzengewebe, glitzernd und duftig
herabfiel.

Mit Trnen des Zornes und der Scham ging Maggie hinaus, und das Herz
schnrte sich ihr zusammen.

Das silberdurchwebte Ballkleidchen fiel ihr ein, in dem Gertrud zu jener
ersten Vokeller Gesellschaft gefahren war, lachend und zrtlich gegen
sie.

Sie will mich ausstechen, dachte sie pltzlich voll Schreck. Sie hat
absichtlich ein hnliches Kleid gewhlt, wie das von damals, und sie ist
so viel schner als zu jener Zeit ... Aber sie wird herablassend
gleichgltig gegen Hans sein, beruhigte sie sich dann. Sie wird ihm
die groe Dame zeigen, und das wird ihn sicherlich nicht reizen.

So durchgrbelte sie voll Unruhe die letzten einsamen Stunden ihres
Mdchenlebens und dachte inzwischen immer: Gott sei Dank, morgen ist
alles vorbei. Dann habe ich nichts mehr zu frchten und fange mein neues
Leben an.

Gertrud war fertig. Sie stand wie eine Knigin in ihrer glnzenden
Toilette da, aus der sie wie eine stolze, wunderschne Blume leuchtend
und rein herausblhte. Das kleine Kpfchen auf dem schlanken Hals trug
seine weischimmernde Haarpracht wie eine Krone, ihre Augen, dunkler und
fester im Blick geworden, strahlten aus dem feinen, zartgefrbten
Gesicht.

Ihr Mann, der nun zum Ankleiden heraufkam, betrachtete sie mit
Kennerblicken und sagte lachend:

Du, wenn es fr einen Ehemann nicht moralischer Ruin wre, sich in
seine Frau zu verlieben, heute wei ich beinah' nicht ...

Er kte sie leicht auf die zierliche nackte Schulter.

Sie stand ganz still und sah nachdenklich an ihm vorbei.

Nun, so stumm und steif? Woran denken wir?

Gertrud wurde rot. Ich rgere mich ber die Art, wie du sprichst,
sagte sie.

Freue dich lieber darber, nach unserem siebenjhrigen Krieg, meinte
er phlegmatisch und streckte den Arm nach ihr aus.

Gertrud wich zurck. Nicht doch! Ich geh' hinab. Beeile dich auch, es
ist gleich sieben Uhr.

Vorsichtig ging sie die Treppe hinunter und in die bereits hell
erleuchteten Zimmer, die sie geradeso schon einmal gesehen hatte.

Alles war still und leer, die Leute drauen beschftigt. Ab und zu drang
ein Glserklirren oder ein unterdrcktes Durcheinandersprechen aus den
hinteren Rumen herein. Sonst knisterten nur die Wachskerzen in dem
Tannengrn, und die Hngelampen und Kronleuchter summten.

Es war ein eigenes Gefhl, da so einsam hin und her zu gehen. Fast wie
ein Traum. Allerlei Erinnerungen an Jugend und Weihnachten, harmlos und
feierlich, tauchten in ihr auf. Andere drngten sich nach, hier ein Ton,
hier ein Bild aus einer lang vergangenen Zeit, und allmhlich sprote,
ber alles hinauswachsend, alles untereinander verbindend, ein herbes
Wehgefhl in Gertruds wirren Grbeleien auf. Sie frstelte, und doch
schlug ihr Herz schnell und ihre Hnde brannten. Gott sei Dank, sagte
sie dabei zu sich selbst, da mir das alles nichts mehr macht. Gott sei
Dank, da sie mir gleichgltig ist, und da ich ihm freundlich und khl
die Hand reichen kann. Herrgott, ich danke dir, da du mich hast stolz
werden lassen. Was finge ich heute an ohne meinen Stolz? Sie berhrte
den Wagen, der vorfuhr, berhrte das ffnen der Tr.

Als sie aufsah, stand sie vor Hans Seckersdorf. Ihrer beider Blicke
sogen sich ineinander.

Langsam trat sie zu ihm. Er hob die Arme, er breitete sie aus, und mit
leisem Schrei warf sie sich hinein.

Sie sagten nichts, sie kten sich nicht, aber sie hielten sich fest,
fest wie zusammengeschmiedet, und ihre Herzen schlugen gegeneinander.

Und alles blieb still und leer.

Trude, stammelte er endlich. Trude!

Sie rhrte sich nicht.

Noch einen Augenblick, dann ri er sich los. Der kalte Schwei stand ihm
auf der Stirn.

Barmherzigkeit, Trude ... ist das denn wahr? Sind wir wahnsinnig?

Sie legte den Kopf wieder an seine Schulter. Und er deckte seine groe
Hand darauf.

Trude, Einziggeliebtes ... Trude ... Ein Windsto schlug an das
Fenster. Da raffte sie sich auf.

Komm, sagte sie heiser.

Er streichelte ihr Haar. Groe Trnen standen in seinen Augen.

Erbarm' dich doch ... Trude ...

So komm doch. Mein Pelz ist in der Garderobe. La deinen Schlitten
vorfahren und komm schnell, sagte sie noch einmal hastig.

Aber Kind, wohin, um Gottes willen ... wohin? rief er
verzweiflungsvoll.

Gleichviel -- leben -- sterben ... nur zusammen bleiben.

Nicht qulen, nicht qulen, bat er mit erstickter Stimme. Kind,
geliebtes, wir mssen uns in die Trennung finden ... Aber warum, Trude,
warum hast du das getan?

Sie sah ihn mit dunklen Augen an.

Trennung? sagte sie. Nein, das geht nicht. Ich darf dich nur ansehen,
und ich wei, das geht nicht. Wir verlieren Zeit ... schnell, fort ...

Er prete die Hnde zusammen, er flsterte abgebrochene Liebesworte,
starrte sie wie besinnungslos an. Aber er blieb stehen.

Warum kamst du nicht frher? sthnte er. Wie sollen wir nun leben?
Trude, warum hast du mir das getan?

Maggie -- stammelte Gertrud. Aber das war eine so alte, lange
Geschichte.

Ich bin wahnsinnig gewesen, sagte sie hastig. Zuerst -- dann hab' ich
wieder an Stolz, an elenden Stolz gedacht und Grundstze, und ich wei
nicht was alles. Aber jetzt wei ich ... das alles war Schein. Das
einzig Wirkliche im ganzen Leben ist, da ich dich liebe, grenzenlos,
unsagbar ... Ich flehe dich an, nimm mich! Ich frage nach nichts mehr in
der ganzen Welt, Kindern, Vater, wenn du nur ...

Und whrend sie atemlos, fremd ihrem sonstigen Wesen diese Worte
hervorsprudelte, hing sie sich an seinen Hals, glhend, zitternd, mit
sprhenden Augen.

Komm doch, flsterte sie.

Die Schauer, unter denen ihr Leib erbebte, durchrieselten auch ihn.

Er schwankte. Er murmelte etwas von Versuchung, whrend seine Lippen die
des geliebten Weibes suchten.

Sie hob den Kopf und sah ihn an.

Versuchung ... ja ... ich hab' so lange dagegen gekmpft, gegen die
Versuchung; und ein Blick in dein Gesicht sagt mir heut wie vor Jahren,
wie zwecklos -- Du ... halt mich fest ... halt jetzt mich fest ...

Ihre Stimme versagte.

Er lste sich sanft von ihr und sah sie mit berstrmenden Augen an.

Weil ich dich lieber habe als mein Leben, Gertrud, fleh' ich dich an:
Komm zu dir! Trude, es geht doch nicht ... es geht nicht mehr ...

Sie wurde schneewei und warf sich in einen Lehnstuhl.

Du willst mich nicht? fragte sie. Todesschreck verzerrte ihr Gesicht.
Du liebst also doch Maggie?

Maggie! sagte Seckersdorf tonlos und prete beide Fuste an den Kopf.
Es schttelte ihn wie ein Fieberschauer, von seinen bebenden Lippen rang
sich kaum hrbar ein Wort: Lebe wohl ...

Gertrud, leb' wohl, sagte er dann fester. Wir zwei, wir sind am Glck
vorbeigegangen. Und diese Snde rcht sich nun an uns. Wir mssen es
tragen. Tapfer sein, Kind, tapfer ...

Wie eine eiskalte Welle drhnten die Worte ihr ins Ohr. Sie wollte
schreien, aber sie konnte nicht, sie wollte ihn an sich reien, aber die
Arme versagten. Sie zitterte. Dann machte sie die Augen weit auf; sie
sah voller Scheu in das blasse angstvolle Gesicht Hans Seckersdorfs, und
sah hinter ihm, im Nebenzimmer, Maggie, geisterhaft bla, auftauchen und
verschwinden.

Sie griff nach der Stirn.

Um Gottes willen. Sie sprang auf, sphte hinein. Niemand. Ich mu
getrumt haben, stie sie hervor. Wenn ich etwas gesagt habe ... und
ich wei, ich habe ... vergessen Sie's, ich bitte Sie ... vergessen ...
Sie winkte mit der Hand und ging hastig hinaus.

Der Abend mit den blichen Auffhrungen, dem darauf folgenden Souper und
Tanz verlief programmig. Das Brautpaar machte in liebenswrdigster
Weise und nicht gar so sehr ineinander versunken, wie es sonst zu sein
pflegt, die Honneurs, und alle Gste fhlten voller Befriedigung, da
sie ein harmonisches Familienfest mitfeiern halfen.

Auch da man die Kurowskis, ber deren Haushalt in letzter Zeit viel
geredet worden war, in so gutem Einvernehmen sah, erhhte das Behagen
aller, die Gertrud von frher her kannten und sie jetzt, den Gerchten
nach, beklagt hatten.

Man staunte ihre mrchenhafte Schnheit, die manche berirdisch, manche
aber auch fieberhaft nannten, an, und man fand es sehr begreiflich, da
Kurowski wenig von ihrer Seite wich. Nur, da er sie begleitete, als sie
sich bald nach dem Souper zurckzog, und auch nicht wieder zum Vorschein
kam, fiel hier und da auf, wurde schlielich aber in dem angeregten und
frohen Treiben nicht weiter errtert.

Am nchsten Morgen wurden Seckersdorf und Maggie getraut. Beim
Hochzeitsmahl hielt Kurowski eine launige Rede, in der er dem jungen
Gatten dasselbe Glck wnschte, wie er es an der Seite der ltesten
Tochter des Hauses gefunden habe.

       *       *       *       *       *

Der Oberfrster Hagedorn feierte seinen fnfundsiebzigsten Geburtstag.
Da es der letzte war, den er im Amt verleben wollte, hatte er den Wunsch
ausgesprochen, seine Kinder noch einmal zusammen bei sich zu sehen.

In den sieben Jahren, die seit Maggies Hochzeit vergangen waren, hatte
er mit Kurowskis in stetem, wenn auch flchtigem Verkehr gestanden,
Seckersdorfs dagegen auf Neusenburg, ihrem schsischen Gut, nur zweimal
besucht. Aber das war fr ihn auch gengend gewesen, da seiner Meinung
nach alles in bester Ordnung seinen Gang ging, bis auf die
Kinderlosigkeit Maggies, die ihn um so mehr krnkte, als bei Kurowskis
noch zwei kleine Mdchen eingekehrt waren.

Da die beiden Schwestern sich nie sahen, obwohl doch ber die alten
Geschichten lngst Gras gewachsen und Gertrud eine vernnftige, tchtige
Frau geworden war, hatte ihn anfnglich nicht viel gekmmert. Nun aber,
da der Abschied aus dem Heimathaus nher rckte und hier und da auch die
Ahnung des bald kommenden groen Abschieds einen weicheren Ton in seinem
alten, harten Herzen anschlug, begann er sich darber Gedanken zu
machen.

Sie sollten sich unter seinen Augen, hier, wo sie zusammen
herangewachsen und flgge geworden waren, aussprechen und ihm durch
Zusammenhalten und Eintracht einen ruhigen und frohen Lebensabend
verschaffen.

Gertrud sowohl als Maggie waren darauf eingegangen, als er sich von
ihnen eine Zusammenkunft zu seinem Geburtstage gewnscht hatte, und so
stand er denn nun heute in der Mittagsstunde auf der Veranda und sphte
mit seinen noch immer scharfen kleinen Augen den Weg hinunter, den
Seckersdorfs, die er von Romitten her erwartete, kommen muten.

Frulein Perl, eisgrau und gebckt, stand neben ihm und schwatzte ber
Dinge aus vergangenen Zeiten, als unsere Mdchen noch zu Hause waren.
Der Oberfrster nickte, und kaute mit den braunen Zahnstmpfen an den
schmalen Lippen.

Die Sonne brannte. Heie Luftwellen strichen mit schwlem Atem durch das
rote Weinlaubgest hinauf, im Garten hoben buntfarbige Georginen ihre
leuchtenden Kpfe, und die groen gelben =Gloire de Dijon=-Rosen fllten
ihn mit starkem Duft. Aber hin und wieder erhob sich ein leiser khler
Wind und trug einen herben Modergeruch in die lieblichen Sommerdfte.
Dann sahen sich die beiden Alten mivergngt und leise schauernd an, und
Frulein Perl sagte: Ja, der Herbst kommt doch schon.

Wo nur Seckersdorfs blieben? beunruhigte sich der Oberfrster. Kurowskis
kamen erst eine Stunde nach dem Zuge, -- aber Maggie war doch seit
gestern in Romitten ...

Ja, wenn die wirklich ganz da bleiben mchten und das verwnschte
Neusenburg aufgeben, auf dem sie doch Unglck ber Unglck gehabt htten
-- zu guter Letzt noch den groen Brand --, dann wre fr sie beiden
Alten auch gesorgt. Dann brauchten sie keine enge Stadtwohnung in dem
Nest, dem Friedland. Und der Seckersdorf wre ein Kerl, mit dem sich's
leben liee, wenn er auch ein bichen zu viel kneipte.

Frulein Perl nickte sorgenvoll. Ja, aber die Maggie, die doch so
selbstndig ...

Die wre lngst nicht so hinter allem her, wie die Gertrud, meinte der
Alte.

Frulein Perl sprang auf. Eine Staubwolke erhob sich an der Biegung des
Weges. Einige Minuten spter hielt der Jagdwagen vor der Veranda. Noch
derselbe, von dem Maggie einmal auf jener Fahrt nach Romitten
triumphierend und siegesgewi heruntergesprungen war. Das tat sie heute
nicht. Ihr Mann hob sie herunter, und langsam, den Staubschleier im
Gehen in die Hhe schlagend, stieg sie hinauf und umarmte die beiden
alten Leute.

Sie war sehr verndert. Mager geworden und dadurch grer scheinend.
ber ihren unverwstlichen Farben lag es wie ein gelblicher Ton, die
groen Augen sahen sphend und unruhig, und ein unzufriedener Zug hatte
aus dem lachenden Mund einen kummervollen gemacht. In ihrer Kleidung war
sie schick bis zum uersten, aber nicht ganz die Linie der Vornehmheit
einhaltend.

Ach, mein Maggiechen, schluchzte das alte Frulein, sie musternd, --
sieben Jahre, sieben Jahre -- und so -- und dein Haar ist ja so rot ...
und ...

Ja, ja, Perlchen, und wir sind alle nicht jnger geworden ... Sieh dir
den an ... Sie schob ihren Mann vor.

Seckersdorf beugte sich ber Frulein Perls runzlige Hand und kte sie.

Er war sehr gealtert. Seine stattliche Schlankheit war zu einem
schlaffen Embonpoint geworden, das Gesicht etwas gedunsen, und die
Augenlider hingen schwer ber den leicht gerteten blablauen Augen.

Kommt -- kommt, sagte der Oberfrster. Ihr seid alle Kinder gegen
euren alten fnfundsiebzigjhrigen Vater ... Er murmelte gerhrt etwas
Unverstndliches, und ging ihnen in das alte Wohnzimmer voran, in dem
noch jeder Stuhl wie vor sieben Jahren stand.

Maggie fing pltzlich an zu weinen. Seckersdorf wollte mit seiner dicken
Hand ber ihre Schulter streichen, aber er sah ins andere Zimmer und
griff ins Leere.

Und Gertrud? fragte Maggie.

Der Oberfrster sah nach der Uhr.

Werden gleich da sein.

Wie sieht sie aus? Wie leben sie denn eigentlich? Der Auklapper
erzhlte gestern auf dem Bahnhof, da sie so fromm geworden ist.

Der Oberfrster und Frulein Perl erzhlten durcheinander.

Sie war immer noch die Schnste; alle hatten das gesagt, neulich, als
das groe Provinzfest beim Oberprsidenten gewesen war, und die Kaiserin
hatte sich lange mit ihr unterhalten ... Und Kurowski, na, der war nach
wie vor ein toller Heiland, aber er hatte einen Heidenrespekt vor seiner
Frau. Wahrscheinlich von damals her, wo sie ihm endlich den Standpunkt
klargemacht hatte. Und dann war sie ja auch so mit der Zeit tchtig
geworden, wie keine andere im ganzen Kreise, und das sah Kurowski wohl
ein. Ein bichen viel gesungen und gebetet wurde ja in Laukischken, aber
natrlich im Dorf, und das schadete keinem; denn die Laukischker Leute
wren wohl die besten in der ganzen polnischen Gegend da.

Bei uns zu Hause war das auch so, bemerkte Seckersdorf in Gedanken.
Meine Mutter hielt sehr darauf, da die Leute kirchlich waren. Und
eigentlich gehrt sich das auch --

Maggie lachte hell auf. Und erschrocken hielt er pltzlich inne.

Ein Wagen fuhr vor. Ein beklommenes Schweigen entstand. Dann gingen die
beiden Alten hinaus. Seckersdorfs traten ans Fenster.

Maggie verschlang die Aussteigenden fast mit den Augen, whrend
Seckersdorf rot und kurz atmend zur Tr ging.

Kurowski schien ziemlich derselbe. Etwas grau und fahl geworden, aber
ebenso energisch in den Bewegungen, ebenso selbstbewut, und ebenso
berlegen ironisch. Aber Gertrud! Etwas voller, aber immer noch schlank,
eine reife, blhende Frau und doch mdchenhaft anmutig, vornehm und
liebreizend, eine andere, als vor sieben Jahren, aber eine bessere, eine
hhere.

Maggie empfand das beim ersten Blick. Das Herz prete sich ihr zusammen.
Zugleich durchfuhr es sie wie ein Stich. Die Worte ihres Mannes an
jenem Abend kamen ihr ins Gedchtnis: Das liebe, weiblonde Kpfchen --
das siehst du nie mehr darunter ...

Und nun trat Gertrud ein. Mit einfacher Herzlichkeit, aber ohne Rhrung
ging sie ihrer Schwester entgegen. Ihre klaren Augen und ihre
ausgestreckte Hand sagten mehr als Worte.

Maggie war ganz bla geworden.

Vor keinem Menschen auf der Welt, Gertrud, wird es mir so schwer --
begann sie, die Anwesenheit der anderen vergessend, leise mit zitternder
Stimme.

Gertrud zog sie an sich.

Da brach Maggie in ein fassungsloses Schluchzen aus.

Maggie ... Kind ... sagte Gertrud und streichelte das rotgefrbte
Haar, das wirr den Kopf umbauschte.

Maggie machte sich los und strich sich mit bebenden Hnden ber das
heie Gesicht.

Ich bin nervs geworden, sagte sie mit ihrer etwas heiser klingenden
Stimme und einem unsicheren Versuch, zu lachen. Und du? La dich
anschauen ...

Gertrud runzelte ein wenig die Stirn, aber sie sah nach Seckersdorf und
lchelte.

Wir haben uns noch gar nicht begrt, sagte sie, ihm die Hand gebend.

Ehrfurchtsvoll, tief sich verbeugend, kte er ihr die Hand.

Gertrud trat schweigend zurck.

Na, wenn denn alles so weit in Ordnung wre, sagte der Oberfrster
erleichtert, knnten wir ja wohl auch zu Tische gehen, nicht wahr?

Das war ein merkwrdiges Mittagessen.

Man sprach viel, auch ber wichtige Dinge, wie die bersiedlung der
Seckersdorfs nach Romitten, die schon beschlossene Sache war. Auf
Maggies Wunsch! sagte ihr Mann, da sie sich in die schsischen
Verhltnisse nie htte einleben knnen. Weil man sie bestndig ihre
brgerliche Geburt htte empfinden lassen, meinte Maggie mit bsem
Stirnrunzeln -- die Damen wenigstens. Man errterte auch, ob der
Oberfrster und Frulein Perl mit hinberziehen sollten. Seckersdorfs
wnschten es, und die beiden Alten strubten sich nur noch der Form
wegen. Und so ging das Gesprch lebhaft und doch ohne eigentliche Wrme
weiter.

Whrend ber die Zukunft geredet wurde, lag doch jeder im Bann der
Vergangenheit, und ber dem Plnemachen ma sich einer am andern.

Schlielich verstummte das Gesprch.

Und Sie, gndige Frau? begann da Seckersdorf stockend, gegen Gertrud
gewendet, das erstemal, da er sie direkt anredete.

Ach was, -- gndige Frau, unterbrach ihn der Oberfrster ... wenn ich
auch zu alt bin, um mit aller Welt Brderschaft zu machen, unter euch
Jungen ist solche Steifheit doch die reine Unnatur. Ihr knnt euch ruhig
'du' nennen.

Einen Augenblick schwieg alles. Gertrud und Maggies Augen trafen sich
mit ernstem, fragendem Blick, Seckersdorfs Gesicht zeigte einen
entschiedenen Protest, nur Kurowski lachte sichtlich amsiert auf und
sagte:

Papachen, Sie sind unternehmend ... aber ... einverstanden. Und den
Blick voll funkelnden Hohnes hob er sein Glas gegen Seckersdorf.

ber Gertruds schnes, ernstes Gesicht flog ein leises Zittern.

Ich glaube doch, wir lassen uns Zeit damit, sagte sie. Wir unter uns
wissen ja, da wir sehr viele Mhe haben werden, uns miteinander
einzuleben, nicht wahr? Wir haben alle den guten Willen, sicherlich ...
aber ...

Meine Frau will also einfach nicht, fiel Kurowski ihr etwas lrmend
ins Wort. Was sagen Sie zu ihr, Schwager? Und Sie, Maggie? Wir werden
uns also die Sache berlegen, und in einiger Zeit wieder bei Euer Gnaden
anfragen.

Seine halb spttischen Worte begleitete ein zufriedener Blick. Gertrud
bemerkte ihn nicht, ebensowenig wie den dankbaren und bewundernden
Seckersdorfs und den erschreckten und erstaunten ihrer Schwester. Sie
sah still zu Boden.

Die Gertrud ist jetzt immer so, sagte der Oberfrster mit dem
klagenden Ton alter Leute, denen etwas nicht nach Wunsch geht. Wei
Gott, wie das ber sie gekommen ist. Frher --

Ja, setzen Sie ihr nur den Kopf zurecht, Papa, mir regiert sie manchmal
auch ein bichen viel, meinte Kurowski. Gertrud sah ihn befremdet an,
aber er lachte.

Das heit, wenn man ein Bummelante ist, wie ich, hat es schon seine
guten Seiten, im Hause eine zu wissen, die die Augen offen hlt ... was,
Seckersdorf? Sie scheinen mir auch gerade nicht solider geworden als
Ehemann. Und Frau Maggie ...

Ich habe gar keine Neigung zum Wachtmeister, sagte die schnell. Ich
bin berhaupt weder Hausfrau noch Mutter ... Ja, Gertrud! Die Jungen
hast du also im Korps? Und deine beiden Mdchen, die kenn' ich ja noch
nicht. Wie alt ist jetzt die kleinste?

Gertrud gab Auskunft und lchelte ganz unbefangen, als ihr Mann
erklrte, es gehre eigentlich zu den notwendigen Requisiten des Lebens,
immer ein dreijhriges Gr um sich zu haben.

Und dann stand man auf. Der Oberfrster mute ruhen. Der Wein war ihm
etwas zu Kopf gestiegen. Er war gerhrt, umarmte seine Tchter mehrmals,
und nannte Gertrud mit dem Namen seiner verstorbenen Frau Ellinor.

Frulein Perl geleitete ihn. Kurowski nahm Seckersdorf unter den Arm und
forderte ihn zur Zigarre und einem kleinen Rundgang auf.

Die Schwestern blieben allein, in demselben Zimmer, in dem Gertrud an
jenem Herbstabend bitterlich klagend an Maggies Brust gelegen,
demselben, in dem sie sich Seckersdorf in die Arme geworfen hatte.

Jetzt, in Maggies Gegenwart, flackerte die lang berwundene Bitterkeit
mit einer mden kleinen Flamme wieder in ihr auf, und als Maggie mit
halb ersticktem Schrei ausrief: Trude ... Trude ... was ist aus dem
Leben geworden?, antwortete sie unwillkrlich: Die Strafe fr das, was
wir verfehlt haben. Aber dann besann sie sich gleich und trat zu der
Schwester, die mit brennenden Augen zum Fenster hinausstarrte.

Eigentlich ist das ja Unsinn, sagte sie mit der alten, lieben Stimme,
und drckte den Kopf Maggies an ihre Brust. Man kommt schon wieder in
die Hhe, auch wenn man etwas versehen hat, sobald man nur entschlossen
ist, alles zu tun, was die Pflicht von einem fordert. Leicht ist das
nicht, aber ich hab' es vermocht. Und du, Maggie?

Nein, nein, nein, sagte Maggie heftig. Man kommt nicht mehr in die
Hhe, wenn man -- Gertrud, ich hab' dich nutzlos betrogen, bin selbst am
Glck vorbeigetaumelt. Er hat dich nie vergessen -- und ich -- Lieber
Gott, ich bin mutlos zu allem anderen geworden, weil ich nicht einmal
_das_ in ihm habe berwinden knnen.

Und du liebst ihn? fragte Gertrud zgernd.

Maggie schttelte den Kopf.

Ich liebe ihn nicht. Ich habe niemand lieb, wenn ich es auch manchmal
mchte und oft geradezu danach suche. Aber dann, Gertrud, kommt die
schreckliche Klte in mir, und hinter allem lauert diese grliche
Frage: Wozu?

Sie schwiegen beide eine Weile.

Komm, Maggie, sagte Gertrud dann. Wir wollen hinaus, es ist so
bedrckt hier. Komm in den Buchengang.

Und sie gingen hinaus. Es war ein holdseliger Frhherbsttag. Warme,
bluliche Dnste hoben sich von den Fichten und verschwebten duftend.
Die Stoppelfelder, die durch den Waldeinschnitt sahen, lagen ausgedient
und ruhend in funkelnden gelben Streifen und Ecken da. Von den
abgemhten Wiesen zog ein herber Feldkrutergeruch aus, und aus den
Waldwegen quoll ein prickelnder, herbstlicher Atem.

Solch schner Herbst, sagte Gertrud in Gedanken.

Maggie blieb stehen und umfate mit beiden Hnden den Arm ihrer
Schwester.

Fr dich, Trude, -- fr dich, sagte sie beklommen. Und ihre Augen
wurden na.

       *       *       *       *       *

Anmerkungen zur Transkription:

Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _Unterstrichen_ und
fremdsprachiger Text in Antiqua mit =Gleichheitszeichen= markiert.

Folgende Druckfehler im Original wurden korrigiert:

lehne dich an und weine
    'Lehne' im Original

Folgende Zeilen waren im Original vertauscht, richtig 3-2-1-4:
   1 das sich lohnt, und nun wollen sie es einem
   2 Arbeitssachen mischt. Da hat man einmal ein Geschft,
   3 euch, der Teufel soll den holen, der sich in meine
   4 verderben! Damit kommt mir nicht ... Ich bin

es stand auf gelblich weiem,
    'geblich' im Original





End of the Project Gutenberg EBook of Am Glck vorbei, by Clara Sudermann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AM GLCK VORBEI ***

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