The Project Gutenberg EBook of Warum wir sterben, by Alexander Lipschtz

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Title: Warum wir sterben

Author: Alexander Lipschtz

Release Date: February 15, 2008 [EBook #24618]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WARUM WIR STERBEN ***




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    Anmerkung zur Transkription:

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  Warum wir sterben

  Von

  Dr. Alexander Lipschtz

  Zrich

     Also sprach Zarathustra:
     Wichtig nehmen alle das Sterben: Aber noch ist der Tod kein
     Fest. Noch erlernten die Menschen nicht, wie man die
     schnsten Feste weiht.

  Mit 36 Abbildungen im Text

  [Illustration: Signet]

  _Stuttgart_

  Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde

  Geschftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung

  1914




  Inhaltsverzeichnis.


                                                   Seite
      Vorwort                                          5

   1. Gevatter Tod und Bazillen                        7

   2. Der Tod und die Wissenschaft                    15

   3. Leben und Tod                                   18

   4. Tod und Unsterblichkeit                         24

   5. Der sterbende Zellenstaat                       30

   6. Das Altenteil der Zellen im Zellenstaat         34

   7. Wie wir sterben                                 41

   8. Lebensgeschichte eines Pantoffeltierchens       52

   9. Jugend und Alter der Nervenzellen               64

  10. Der Tod der Eintagsfliege                       75

  11. Kopulation und Befruchtung                      80

  12. Die Unvollkommenheit des Stoffwechsels          85




  Alle Rechte, besonders das bersetzungsrecht, vorbehalten.

  +Copyright 1914 by Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.+




Ich habe das Problem des Todes in den Zusammenhngen, wie ich es in diesen
Blttern bringe, zum ersten Mal vor etwa zwei Jahren in dem Feuilleton
einer Tageszeitung behandelt. Eine hnliche wissenschaftliche Behandlung
hat das Todesproblem in ausgezeichneter Weise durch _Doflein_ erfahren.
Meine Darstellung knpft an das an, was unsere groen Meister des
biologisch-medizinischen Denkens, wie _Nothnagel_, _Ribbert_ und _Verworn_,
an Bausteinen und an allgemeinen Gesichtspunkten fr eine Errterung des
Todesproblems zusammengetragen haben, und ich habe versucht, diese
Gesichtspunkte _zellularphysiologisch_ weiter auszugestalten durch
Bercksichtigung der zahlreichen zellularpathologischen Arbeiten des
russischen Forschers _Mhlmann_. Das Tatsachenmaterial, ber das diese
beiden Forscher berichtet haben, ist fr eine wissenschaftliche Behandlung
des Todesproblems von einschneidender Bedeutung, wenn auch _Mhlmann_ in
seinen kritischen Studien ber den Tod zu Schlssen gelangt ist, die ich
keinesfalls unterschreiben will. Ich habe in meine Errterung auch den
Begriff der Unvollkommenheit des Stoffwechsels eingefhrt, den _Jickeli_
fr die Behandlung biologischer Fragen-- wenn auch in anderen
Zusammenhngen und in nicht ganz glcklicher Weise-- als erster zu
verwerten bemht war. Den ganzen Komplex der wichtigen Partialprobleme des
Todes, die _Friedenthal_ und _Rubner_ in ihren Arbeiten behandelt haben,
habe ich unbercksichtigt lassen mssen, da sonst meine Darstellung zu sehr
angewachsen wre. Wer eingehender ber das Problem des Todes orientiert
sein will, sei auf meine _Allgemeine Physiologie des Todes_ verwiesen,
die im Verlag von _Vieweg u. Sohn_ erscheinen wird. In diesem Buch wird der
Leser auch all die Originalarbeiten genannt finden, die meinen Ausfhrungen
ber den Tod zugrundeliegen.--

Noch einige Worte ber die _Sprache_, in der ich meine Darstellung
geschrieben habe. Ich habe mich nicht bemht, meine Umgangssprache, in der
ich mich sonst ber biologische Dinge auszusprechen pflege, in die
spanischen Stiefel der modernen Schreibsprache hineinzuzwngen. Ich habe
vielmehr so geschrieben, wie ich spreche. Es ist mir nicht klar, warum die
Schriftsprache anders sein soll als die mndliche Sprache, gewissermaen
ein Sonntagsdeutsch. Das Schriftdeutsch ist heute wahrhaftig genau so ein
Sonntagsdeutsch wie unsere Festkleidung ein pompser Sonntagsstaat ist. Wie
im Sonntagsstaat so fhle ich mich auch beengt im Sonntagsdeutsch. Und ich
will darum nicht anders schreiben als in meinem Werktagsdeutsch. Man kann
seine Feste feiern auch ohne die spanischen Stiefel des guten Tones.--

Den Herren, die mich bei der Ausfhrung dieser Arbeit untersttzt haben,
sei es durch bersendung von Separatabdrcken, sei es durch
Literaturhinweise und berlassung von Bchern, sage ich auch an dieser
Stelle meinen herzlichsten Dank. Zu besonderem Danke bin ich der Bibliothek
des Zoologischen Instituts unserer Universitt verpflichtet. Ebenso Herrn
Dr. _M. Mhlmann_ fr die freundliche berlassung einiger
Originalzeichnungen. Ich mchte schlielich nicht versumen, auch Herrn Dr.
_J. Strohl_, Privatdozent der Zoologie in Zrich, meinen besten Dank fr
manchen erteilten Ratschlag auszusprechen.

_Zrich_, im Mai 1914.

                                               #Alex. Lipschtz.#




1. Gevatter Tod und Bazillen.


Erzhlen will ich zunchst von Gevatter Tod und _Bazillen_.

Es hat mancher heute eine eigene Krankheit, die Bazillenfurcht heit. Es
nagt in ihm nicht der Tuberkelbazillus in der Lunge oder in den Knochen,
nicht Eitererreger sind in seinem Blut. Wer von Bazillenfurcht befallen
ist, krankt an Bazillen, die nicht in seinem Krper, sondern auer ihm
sind. Man hat so viel von Bazillen gehrt, so einseitig gehrt, nur gehrt
und nicht durchdacht, da man sie stets und berall-- und soweit ja mit
gutem Recht-- wittert und in heller Angst herumluft, sie, die
allgegenwrtigen und bsen, die unsichtbar sind wie Beelzebub und
Astharote, spielten einem den Streich. Man krankt an der _Furcht_ vor
Bazillen.

Und der Hohepriester derer, die an Bazillenfurcht kranken, ist Herr
Professor _Metschnikoff_ in Paris, ein wirklich Groer in der modernen
Naturwissenschaft... Da mssen wir schon eine Pause machen, um
Metschnikoff bei seinem Morgenfrhstck zuzuschauen, ber das ihn einmal
ein Zeitungsmann ausgefragt hat.

Unsereiner nimmt ahnungslos Messer, Gabel und Lffel in die Hand, so wie
sie auf dem Tische daliegen. Ohne zu wissen, da uns dabei direkte
Lebensgefahr droht-- von wegen der allgegenwrtigen Bazillen natrlich.
Metschnikoff ist da viel vorsichtiger. Und offenherzig genug, um zuzugeben,
da er Messer, Gabel und Lffel vor dem Gebrauch an einer Flamme ausbrennt,
um alle Keime abzutten. Unsereiner beit ahnungslos in seine Stulle und in
seinen Weck, oder wie das Brtchen sonst heien mag, ohne zu wissen, da
auf der goldbraunen Kruste des Brtchens gefhrliche Mikroben sitzen.
Metschnikoff aber rstet zunchst das Brot, um den Bazillen den Garaus zu
machen: denn er kennt ihre Schliche und Wege und geht ihnen nicht in die
Falle. Unsereiner it Erdbeeren, ungebrht und vielleicht sogar
ungewaschen. Metschnikoff versagt sich den Genu von Erdbeeren ganz--
immer von wegen der Bazillen. Aber eine Banane will schlielich auch ein
Metschnikoff essen. Hier sehen Sie, hat Metschnikoff so ungefhr dem
Zeitungsmann gesagt, ein paar Bananen, die ich mir gekauft habe, um sie
nach Hause mitzunehmen. Weil diese Frucht mit einer dicken Schale bedeckt
ist, glauben viele, da die Bananen keine Bazillen haben. Weit gefehlt! Es
sind doch welche drin, und in meinem Hause werden darum die Bananen immer
erst gebrht, bevor sie gegessen werden. Ich tauche sie etwa eine Minute
lang in kochendes Wasser, und die Frucht verliert dabei nichts von ihrem
Wohlgeschmack...

Ist ja alles so weit sehr schn: aber die _Zeit_, die einer da zu seinem
Morgenfrhstck braucht! Die kann sich wahrhaftig doch nicht jedermann
leisten.

_Aber was tut nicht einer, der dem #Tode# entrinnen will!_

Denn mit dem Tod und den Bazillen ist es nach Metschnikoff folgendermaen
bestellt.

Wir sind alle von Bazillen bevlkert, von Millionen und Abermillionen
Bazillen, die in unserem Darme wohnen. Namentlich in dem unteren Teile des
Darmrohres, im Dickdarm, sind die Bakterien[1] wohl zu Hause. Wie ungeheuer
viele es sein mgen: wenn man bedenkt, da wir insgesamt an die sieben
Meter Darm, und davon etwa anderthalb Meter Dickdarm herumtragen (Abb.1)!
Wollten wir die Bakterien zhlen, die blo in einem allerkleinsten
Krmelchen unseres Darminhaltes drin sind, wir kmen schon in die Millionen
hinein. ber hunderttausend Milliarden Bazillen-- also eine Million mal
Million und dann noch mal hundert-- werden es nach allerlei Berechnungen
wohl schon sein, die wir in unserm Darm insgesamt beherbergen. Ein ganzes
Drittel von dem, was wir aus dem Darm an einem Tage entleeren, sind lauter
Bazillen!

    [1] Bazillen und Bakterien gebrauchen wir in unserer
    Darstellung in ein und derselben Bedeutung.

    [Illustration: Abb.1. Schema des Verdauungsrohres. 1 Gaumen,
    2 Mundspalte, 3 Zunge, 4 Schlund, 5 Kehldeckel, 6 Luftrhre,
    7 Speiserhre, 8 Mageneingang, 9 Magen, 10 Magenausgang, 11
    Zwlffingerdarm, mit dem der Dnndarm beginnt, 12
    Dnndarmschlingen, 13 bergang des Dnndarms in den
    Blinddarm, 14 Blinddarm, mit dem der Dickdarm beginnt, 15
    Wurmfortsatz, 16, 17, 18 Dickdarm, 19, 20 Enddarm. Nach
    Rauber.]

Und Metschnikoff hat sich gesagt, da es diese Bazillenbevlkerung ist, die
uns ein frhes Grab grbt. Die Bakterien scheiden, wie alle andere
lebendige Substanz, Stoffwechselprodukte aus, Schlacken des Lebens, wenn
man will. Diese Stoffwechselprodukte gelangen aus dem Darm ins Blut. Zum
Teil werden diese Stoffe, die in greren Mengen zweifellos Gifte fr die
Zellen unseres Krpers sind, von manchen arbeitsfreudigen Zellen des
Zellenstaates, z.B. von den Zellen der Leber, abgefangen, zu ungiftigen
Stoffen verarbeitet und durch die Nieren nach auen abgeschieden. Die Leber
hat eine Schutzaufgabe in unserem Krper, Polizeifunktion, wenn man so
will. Das sind Tatsachen, die jedermann kennt. Metschnikoff nun ist der
Meinung, da es mit dem Unschdlichmachen der Gifte, die von den
Darmbakterien ins Blut gelangen, doch nicht so auf das allerbeste bestellt
ist, wie man glauben mchte. Denn man mu bedenken, da die Stoffe, die von
den Bakterien des Dickdarms abgegeben werden, tatschlich sehr starke Gifte
sind. Sie gehren in die Gruppe des Karbols hinein, das jedermann als
todbringendes Gift kennt. Man kann diese Gifte in den Ausscheidungen des
Darms sowohl als der Nieren-- hier in verndertem Zustande-- finden. Und
da erscheint es auf den ersten Blick gar nicht so ohne, da --wie
Metschnikoff es will-- die giftigen Stoffwechselprodukte der Darmbakterien
daran schuld sind, da wir frh alt werden und frh sterben.

Nun, einen direkten Beweis in diesen Dingen fhren, das kann man natrlich
nicht. Denn man mte ja dann seinen Versuch so einrichten, da man zushe,
wie lange einer lebte, der keine Bakterien im Darm htte. Wir Menschen und
ebenso alle Tiere haben aber stets ihr Bakterienvolk im Darm. Und dann: ein
bichen langwierig wre es schlielich doch, so zuzusehen, wie lange einer
lebte, ob 100, 200 oder gar noch mehr Jahre. Unserer hastenden Zeit ginge
dieses lange Zusehen nicht nach Geschmack... Metschnikoff blieb also
nichts anderes brig, als einen Umweg in seiner Beweisfhrung zu gehen. Er
hat sich gesagt, da, wenn seine Theorie richtig ist, dann diejenigen
Tiere, die mehr Bakterien im Leibe haben, weniger lang leben mten als
jene, die nicht so viel Bakterien in ihrem Krper beherbergen, d.h. die
einen krzeren Dickdarm haben. Wer unter den Tieren einen kurzen Dickdarm
hat, der mu nach Metschnikoff lnger leben.

Metschnikoff hat nun die Lebensdauer der Tiere mit ihrer Darmlnge
verglichen, und es hat sich dabei tatschlich herausgestellt, da
diejenigen Arten, die durch einen kurzen Dickdarm ausgezeichnet sind, wie
z.B. viele Vgel, eine sehr lange Lebensdauer haben, whrend z.B. die
Sugetiere, die einen viel lngeren Dickdarm haben, viel frher sterben. So
weist Metschnikoff auf die Tatsache hin, da z.B. Schwne, Gnse, Raben
und manche Raubvgel ber 50Jahre, Papageien und Kakadus sogar ber
80Jahre leben knnen. Dagegen sterben Hunde, Katzen, Pferde und andere
Sugetiere stets in einem viel jngeren Alter: ihre Lebensdauer betrgt in
der Regel nicht mehr als 15Jahre, und ein Alter von 30Jahren gehrt bei
ihnen zu den seltensten Ausnahmen. Um ein sehr augenflliges Beispiel zu
whlen: der Kanarienvogel hat eine Lebensdauer von etwa 20Jahren, die etwa
gleich groe Maus lebt hchstens 6Jahre. Mit der Lnge des Dickdarms nimmt
nun selbstverstndlich die Menge der giftspendenden Bakterien zu, die das
Tier in sich beherbergt. Und da war fr Metschnikoff der Schlu gegeben,
da es eben die Gifte der Darmbakterien sind, die die krzere Lebensdauer
der Tiere verschulden.

Nachdem Metschnikoff sich die Sache so zurecht gelegt hatte, da die
Bakterien am frhen Altern und Sterben von Tier und Mensch schuld seien,
hat er sich gesagt, da es doch heute eigentlich ein groes _Unglck_ mit
dem Altern und mit dem Sterben sei. Das Altern von heute sei wie eine
Krankheit: unser Krper wird ganz allmhlich von den Darmbakterien
vergiftet. Und wenn das Sterben und das Altern eine Krankheit ist, dann ist
es ja die schlimmste Krankheit, die es gibt. Die Tuberkelbazillen und die
Bazillen, die andere Krankheiten machen, tten die Menschen, die das
Unglck hatten, sich mit diesen Krankheitserregern anzustecken. Die
Darmbakterien aber hat jedermann in sich, _alle_ Menschen sind mit ihnen
behaftet, und die Menschen, die den Krankheiten sonst entronnen sind, gehen
an der Vergiftung durch Darmbakterien zugrunde: sie werden frh alt und
mssen frh sterben.

Das ist in Metschnikoffs Theorie des Pudels Kern: Wenn das Altern heute so
etwas wie eine Bakterienkrankheit ist, dann ist klar, da man dieses Altern
und Sterben mit denselben Mitteln bekmpfen mu, wie jede andere Krankheit
auch. Und es bot sich da fr Metschnikoff das allbekannte Beispiel mit dem
Alkohol. Wir wissen, da das Alkoholgift unsern Krper schdigt, wenn er
Tag fr Tag genossen wird, da auf dem Alkoholgenu eine ganze Reihe von
Krankheiten beruhen, an denen die Menschen nach langem Siechtum zugrunde
gehen. Wir bekmpfen dieses Siechtum, indem wir das Gift, den Alkohol, zu
meiden suchen. Also: auch das Gift des frhzeitigen Alters, die Gifte der
Darmbakterien, mssen von unserem Krper ferngehalten werden, damit die
Menschen lnger leben und eines natrlichen Todes sterben knnten. Das war
fr Metschnikoff ein ganzes Programm: den Bakterien beikommen, die in
unserem Dickdarm nisten.

Aber wie? Das war die groe Frage.

Metschnikoff hatte da zunchst einen ganz radikalen Einfall. Es ist nmlich
eine Tatsache, da wir in unserem sieben Meter langen Darm ein Organ haben,
das fr uns Menschen gut anders eingerichtet sein knnte, als es in
Wirklichkeit ist. Der Darm ist viel, viel lnger als wir ihn wirklich
brauchen. Der Dickdarm ist fr uns sogar vllig nutzlos. Man kann einem
Menschen den grten Teil des Dickdarms herausschneiden, ohne seine
Gesundheit zu beeintrchtigen. Man hat bei manchen Patienten solche
Operationen schon vornehmen mssen. Die Patienten, die an schweren
Darmkrankheiten litten, und diese Operation durchmachen muten, wurden
vollstndig gesund. Fr den Pflanzenfresser ist der Dickdarm wohl von
Nutzen, denn der Pflanzenfresser braucht einen langen Darm: seine Nahrung
ist schwer verdaulich und mu lngere Zeit im Darm verweilen, und bei der
Verdauung der Nahrung helfen hier sogar die Darmbakterien mit. Aber fr uns
Menschen ist der Dickdarm nicht nur nutzlos, sondern direkt schdlich. Denn
ein Teil des Dickdarms, der Wurmfortsatz des Blinddarms, neigt beim
Menschen sehr zu Erkrankungen, und jedermann wei, wie gefhrlich die
Blinddarmentzndung ist, wenn man sie vernachlssigt, und da schon manch
blhendes Menschenleben an einer vernachlssigten Blinddarmentzndung
zugrunde gegangen ist. Und was nicht alles noch an andern Krankheiten
hufig genug den Dickdarm befllt!

Aber noch mehr! Nicht nur der Dickdarm ist zu lang oder gar nutzlos fr
uns: auch der Dnndarm ist zu lang geraten. Die rzte sind schon hufig
genug in die Lage gekommen, einem Patienten kleinere oder grere Stcke
aus dem Dnndarm herauszuschneiden, und auch solchen Patienten geht es nach
der Operation gut. Vor einigen Jahren hat der Amerikaner _Underhill_
gezeigt, da man Hunden einen sehr betrchtlichen Teil des Dnndarms
entfernen kann, ohne die Tiere in ihrer Gesundheit zu beeintrchtigen. So
schnitt Underhill seinen Hunden zunchst 2/5 ihres Dnndarms heraus. Die
Hunde blieben am Leben, verdauten wie immer ihre Nahrung und nahmen
unverdrossen an Gewicht zu. Erst wenn 2/3 des Darms den Versuchstieren
weggenommen waren, ging es den Tieren schlecht: mit dem letzten Drittel
ihres Dnndarmes konnten sie wohl doch nicht mehr so viel verdauen, als
ntig war, und sie nahmen jetzt an Gewicht ab. Nun braucht ja das, was
Underhill fr den vorwiegend fleischfressenden Hund nachgewiesen hat, nicht
gerade in genau demselben Mae fr den Menschen zu gelten, da wir ja neben
Fleisch auch pflanzliche Nahrung zu uns nehmen, deren Verdauung schwieriger
ist und einen lngeren Darm verlangt. Aber wahrscheinlich ist es doch, da
wir einen zu langen Darm haben und ein gut Teil davon zu unserem Nutz und
Frommen wohl einben knnten.

Also war der radikale Einfall von Metschnikoff der, da man den Menschen
den Dickdarm herausschneiden solle, um ihnen damit ein langes Leben zu
schenken.

Aber der Gedanke war doch zu radikal, um zu Ende gedacht zu werden. Auch
seinen eigenen Dickdarm, geschweige denn einen Teil seines Dnndarms, hat
Metschnikoff nicht fr seine Idee als Opfer auf den Altar der Menschheit
legen wollen. Er hat diesen radikalen Weg zur Lebensverlngerung fr eine
ferne Zukunft vorbehalten und ist fr heute einen Kompromi eingegangen.

Wer's ihm da angetan hatte? Sehr einfach: zunchst blo ein Topf saurer
Milch. Oder nein, es sind eigentlich wiederum Bazillen, die da im Spiele
waren. Aber dieses Mal Bazillen, die _wohlttig_ sind: die Bakterien der
sauren Milch, die nach Metschnikoff mit gar artigen Eigenschaften
ausgezeichnet sind. Die Sache verhlt sich hier folgendermaen. Das
Sauerwerden der Milch beruht darauf, da die sog. Milchsurebakterien, die
sich schon innerhalb 24Stunden in der Milch zu ganz gewaltigen Mengen
vermehren, den Milchzucker vergren. Aus dem Milchzucker entsteht dabei
eine Sure, die man Milchsure nennt. Die macht die Milch sauer und macht
sie dick, denn in der angesuerten Milch ballt sich das Kasein, der
Eiweistoff der Milch zusammen, das Eiwei der Milch gerinnt dabei genau
so, wie das Hhnereiwei beim Kochen gerinnt. Worauf es Metschnikoff aber
ankam, das ist der Umstand, da die Sure ein Mittel ist gegen
Bakterienfulnis. Die Bakterien, die eine Fulnis von abgestorbener
lebendiger Substanz hervorrufen, knnen ihre Wirkung nicht tun, wenn es
rings um sie sauer ist. So verhindert z.B. der saure Magensaft, der sich
auf die genossenen Speisen im Magen ergiet, die Fulnis der Speisen. Hier
im sauren Magensaft knnen die fulniserregenden Bakterien nicht gut
aufkommen und sie knnen hier ihre Geschfte nicht betreiben. Erst im Darm,
wo die Verdauungssfte nicht mehr sauer, sondern alkalisch sind, d.h. wo
die Bakterien in einer stark verdnnten Lauge schwimmen, da beginnt die
Fulnis der Nahrung oder der Nahrungsreste. Das ist namentlich im Dickdarm
der Fall, und von hier gelangen all die schdlichen Stoffe der Fulnis in
den Kreislauf des Blutes, in den Zellenstaat hinein. Gut, hat sich
Metschnikoff gesagt, machen wir den Bakterien im Darm das Leben sauer!
Trinken wir saure Milch! Wir bevlkern dann unsern Magen und unsern Darm
mit Milchsurebakterien und ekeln einfach die Fulnisbakterien heraus!

    [Illustration: Abb.2. Pantoffeltierchen. Sehr stark
    vergrert. +mf+ Mundfeld, +m+ Mund, +sch+ Schlund, +na+
    Nahrungsballen, +ps+ pulsierendes Blschen (Vakuole) +ma+
    Grokern, +mi+ Kleinkern. Rings um den Protoplasmaleib herum
    sieht man die Wimperhrchen, mit denen die Zelle im Wasser
    schlgt und sich fortbewegt. Aus Stridde.]

Das war Metschnikoffs Losung im Kampfe gegen Gevatter Tod: nicht mit Lanze
und Speer zog er aus in den Kampf, sondern mit einem Tro von Bazillen
gegen Bazillen.

Wer an Bazillenfurcht krankt, schttelt unglubig den Kopf. Mit Unrecht.
Denn soweit es sich um die gesundheitsschdliche Wirkung starker
Fulnisvorgnge im Darm handelt und um die Mglichkeit, diese Fulnis durch
eine Milchdit zu bekmpfen, hatte sich Metschnikoff ja an Tatsachen
gehalten. Hier kann man Meister Metschnikoff nichts anhaben, hier hat er
recht. Die Frage ist aber die, ob die Darmbakterien, die die Fulnisstoffe
im Dickdarm produzieren, wirklich die bsen Geister sind, die uns _ins
frhe Grab_ bringen. Doch Metschnikoff hat sich mit dieser Frage nicht
weiter abgeben wollen und er ist von nun an nur _einem_ Ziele nachgegangen:
den Kampf von Bazillen gegen Bazillen im Darm mglichst zuungunsten
derjenigen Bakterien zu gestalten, die seiner Meinung nach uns das frhe
Grab graben. +Corriger la fortune!+

Was da Metschnikoff nicht alles ersonnen und versucht hat, denkt sich
unsereiner gar nicht aus. Zu den Bulgaren war er in die Lehre gegangen und
er hat ihnen ihre saure Milch, den Yoghurt, abgeguckt. Ja, die Bulgaren
waren ein fetter Braten fr Metschnikoffs Theorie von der Bedeutung der
sauren Milch im Kampfe gegen Gevatter Tod. In keinem andern Lande gibt es
nmlich so viel alte Leute wie in Bulgarien. Da laufen die Menschen von
ber hundert Jahren zu tausenden herum. Aha, hat sich Metschnikoff gesagt,
das ist alles von wegen der sauren Milch, von wegen des Yoghurts, den die
Bulgaren trinken. Das wre nun ein Elixier, noch viel wirksamer als die
gewhnliche dicke Milch. Also trinket, ihr Kinder des Todes, dicke Milch
oder Yoghurt und ihr werdet alt werden wie Methusalem! Euern langen Darm
braucht ihr nicht herzugeben, das sei euern Urenkeln berlassen. Vielleicht
werdet ihr sogar noch Augenzeugen davon sein...

Wer wird nun aber immer wieder und wieder dicke Milch trinken wollen!
Mancher tuts wohl sein Leben lang, aber nach jedermanns Geschmack ist das
doch nicht. Nun, habt ihr nach dicker Milch kein Begehr, euch ist
trotzdem geholfen. Denn Metschnikoff kommt euch dann mit einem Elffel
voll Bakterien der sauren Milch, die ihr in konzentrierter Form essen
knnt, genau so, wie wenn einer Hefe e. Die Hefe ist nichts anderes als
ein Ballen von vielen Millionen kleiner Lebewesen, der Hefezellen. Und
wenn man Hefe zu den Speisen, z.B. zum Brot fgt, warum nicht auch
Laktobazillin, die Bakterien der sauren Milch, die ihr sogar in
Pastillenform in der Apotheke kaufen knnt. Fr billiges Geld habt ihr
euch langes Leben erkauft, tragt euer Glck in der Tasche. Und all das
von wegen der Bakterien, die ihr im Kampfe gegen die bsen, todbringenden
Bakteriengeister in euerm Dickdarm wohl gebrauchen knnt.

Metschnikoff ist bei den Bakterien der sauren Milch und des Joghurts nicht
stehen geblieben. Wie ein groer Feldherr mit seinen Soldaten gegen die
feindlichen Heerscharen, so rckt Metschnikoff immer aufs neue mit allerlei
treuen Bakterien gegen die verrterischen Dickdarmbakterien vor. Er sammelt
seine Scharen, verfgt, disloziert... Er hat Bakterienarten ausfindig
gemacht, die noch viel wirksamer sind im Kampfe gegen die Bakterien des
Dickdarms als die Bakterien der sauren Milch und des Joghurts. Und es ist
gar nicht abzusehen, wie weit Metschnikoff es im Verein mit seinen getreuen
Bakterien noch bringen wird: denn im Zeichen der Bakterien leben wir
heute...




2. Der Tod und die Wissenschaft.


Kein Arzt bezweifelt, da die Stoffe der Darmfulnis, die in den
Blutkreislauf gelangen, der Gesundheit schdlich sind. Zweifellos knnen
manche krankhafte Zustnde, manche Erkrankungen der inneren Organe und wohl
namentlich die leichteren Strungen des Nervensystems auf einer
berschwemmung unseres Zellenstaates mit den Stoffwechselprodukten der
Darmbakterien beruhen. Wer kennt nicht den Kopfschmerz, der sich mit
Sicherheit dann einstellt, wenn einmal der Dickdarm nicht recht arbeiten
will? Und es ist heute sicher, da der Genu von dicker Milch ein Mittel
ist, seinen Krper gesund zu erhalten, weil eben, wie wir im vorigen
Kapitel erfahren haben, die Bakterien der sauren Milch und die Milchsure
uns eine Waffe sind im Kampfe gegen die Darmbakterien.

Nun hat sich natrlich in der kurzen Spanne Zeit, seit der die Welt von der
dicken Milch als von einem eigentlichen Lebensverlngerungsmittel etwas
wei, nicht feststellen lassen, ob Metschnikoff die saure Milch in ihrer
Bedeutung als eines Lebenselixiers nicht doch zu hoch eingeschtzt hat. Es
ist wohl mglich, da die dicke Milch uns schlielich doch nicht das Alter
von weiland Methusalem garantiert.

Aber nehmen wir an, die dicke Milch wre wirklich ein
Lebensverlngerungsmittel +Ia+, wie es Metschnikoff will, und die
Darmbakterien wren die bsen Geister, die uns ins frhe Grab bringen.
_Wre damit fr die Wissenschaft das Problem des Todes gelst?_

Mit nichten! Auch Metschnikoff selber will ja mit Hilfe seiner dicken
Milch das Altern und den Tod der Menschen nur _hinausschieben_. Und
wenn die dicke Milch auch wirklich das Lebensverlngerungsmittel wre,
das Metschnikoff in ihr sieht, wir knnten dann _dieses_
Lebensverlngerungsmittel doch nicht anders werten als tausend andere
auch.

Schaut um euch, wie ihr lebt! In engen Husern zusammengepfercht, die
aussehen wie Zwingburgen. Zwingburgen der frischen Luft sind eure
Wohnsttten. Ihr baut Bollwerke gegen Luft, Sonne und Licht. Ihr vergiftet
euch mit Alkohol, schwcht euern Leib durch Arbeit ber alles Ma,
miachtet verbriefte Rechte der Frucht im Leibe und des Nachwuchses, der
nach Lebensbejahung lechzt. Und kommen Stdtebauer zu euch, die
Gartenstdte planieren und die Sttte der Arbeit als einen geweihten Tempel
erstehen lassen wollen, kommen Apostel zu euch, die euch die Rechte eurer
Kinder predigen, was habt ihr dann fr all das brig?...

Doch gut. Es wird eine Zeit kommen, wo ihr Augen haben werdet fr den
Stdtebauer und Ohren fr den Apostel. Und stellt euch vor: auch
Metschnikoffs Wort-- das von der sauren Milch--war auf fruchtbaren Boden
gefallen. Oder gar die ferne Zukunft ist schon gekommen, wo ihr dickdarmlos
lustwandelt in Sonne und Licht in den Gefilden des Menschenglcks, und wo
euch die Arbeit geworden ist ein kurzweilig Spiel. Nicht siebzig Jahre
mehr, nein hundertundzwanzig und schlielich gar das Alter von Methusalem
verzeichnet jetzt die Reichsstatistik als das Durchschnittsalter der
Menschen.

Und trotz alledem: _es wre auch dann noch so gut wie heute das Problem des
Todes fr die Wissenschaft da_. Auch dickdarmlos in den sonnigen Gefilden
des Glcks wrden wir nicht ewig leben: wir wrden doch altern und sterben.
Man trge schlielich doch eine sterbliche Hlle, eine Leiche zu Grabe. Aus
_Altersschwche_, wie man zu sagen pflegt, wrden wir sterben.

Es hat sehr, sehr lange gedauert, bis die Menschen dahin gekommen sind,
sich die Frage nach einem Tod aus Altersschwche zu stellen. Machen wir
einen Spaziergang zu den Indianern in Zentralbrasilien, zu den Bakairi, und
erzhlen wir ihnen, da jedermann sterben msse. Die Bakairi lachen uns
grndlich aus. Genau so wrde es uns ergehen, wenn wir zu den viel hher
stehenden Melanesiern und Polynesiern damit kommen wollten, da jedermann
sterben msse. Die Erfahrung des Wilden reicht nicht so weit, wie die des
Kulturmenschen. Er wei nur von den Dingen, die sich innerhalb der kleinen
Horde abgespielt haben, der er angehrt, womglich auch nur von den
Begebenheiten, deren Augenzeuge er und seine wenigen Zeitgenossen waren.
Und er selbst hat durchaus nicht alle Leute seiner Horde, durchaus nicht
jedermann sterben gesehen. Nur den einen oder den andern aus seiner eigenen
Horde oder aus den kleinen Horden, mit denen er in Berhrung gekommen ist,
hat er sterben gesehen. Auch kann er sich keine Rechenschaft darber
abgeben, wie viele Leute gestorben sind, denn er kann nur bis 10, selten
bis 20 zhlen. In seinem Erfahrungskreis ist also der Tod eine seltene
Erscheinung, durchaus nicht etwas, was alltglich vorkommt. Zudem ereilt
der Tod einen sehr selten auf dem Lager in der Horde, die meisten Genossen
sterben im Kampfe mit dem Feind oder erliegen Verletzungen, die sie sich
auf der Jagd oder auf einem lngeren Marsch zugezogen haben. Fr den
primitiven Menschen ist aber auch die Krankheit, die einen befllt, ein
bser Geist, der teuflischerweise von einem Besitz ergriffen hat. Und so
wird auch der Tod des Greises, der schon an und fr sich eine ungewhnliche
Erscheinung im Leben der wilden Horde ist, im Sinne des Geisterglaubens der
Wilden folgerichtig als ein bser Streich eines feindseligen Geistes
gedeutet.

Auch in unserem Denken ber den Tod spukt noch der Geisterglaube, wenn wir
vermeinen, mit Hilfe irgendeines Elixiers Gevatter Tod von uns ganz
abzuhalten. _Die Wissenschaft aber, frei von allem Geisterglauben, kennt
heute das Problem des Todes aus Altersschwche, das Problem des Alters und
des Todes, der unerbittlich kommt._ Trotz saurer Milch und aller herrlichen
Dinge der Welt, trotz Licht und Sonne und Glck. Das ist ein viel weiter
greifendes Problem in der Biologie, in der Lehre vom Leben, als jener Tod,
den wir mit dicker Milch und tausend andern Mitteln glauben bekmpfen zu
knnen.




3. Leben und Tod.


Eine _Leiche_ wird zu Grabe getragen. Die reglose Leiche ist uns das Abbild
des _Todes_. Und wenn wir die groe Frage aufwerfen, ob alle lebendige
Substanz einmal aus Altersschwche sterben mu, so stellen wir damit die
Frage, ob alle lebendigen Zellen, in welcher Form wir sie auch vor uns
htten-- als einzelliges Lebewesen oder als pflanzlichen oder tierischen
Zellenstaat--, im normalen Kreislauf ihres Lebens zu einer Leiche werden.

Doch vorerst: was ist eine Leiche? Lebendige Substanz, Zellsubstanz, die
aufgehrt hat zu _leben_.

Aber was ist Leben? Wir knnen vom Sterben, von der Entstehung der Leiche
nicht sprechen, bevor wir uns nicht darber klar geworden sind, was Leben
ist.

Wir sind heutzutage ber die Zeit hinaus, wo man auf die Frage, was Leben
ist, damit zu antworten pflegte, da man die Meinungen von so und so viel
Gelehrten darber aufzhlte, Meinungen, die in der Regel einander
widersprachen. Wir wissen heute, da Leben nichts anderes ist, als eine
Summe sehr verwickelter chemischer Vorgnge, die sich im Rahmen einer Zelle
abspielen. Im Mittelpunkt dieser Vorgnge stehen die Eiweistoffe, so
benannt, weil der Chemiker sie dem Wei des Hhnereies sehr hnlich
gefunden hat. Alles Leben besteht nun darin, da die Eiweistoffe der
Zellen bestimmte chemische Vernderungen erfahren, verbrennen. Aber die
Zelle geht dabei nicht zugrunde: denn in das kleine chemische Laboratorium
der Zelle werden immer wieder Stoffe von auen aufgenommen, die zu
lebendiger Zellsubstanz verarbeitet werden. So findet ein stndiger
Stoffwechsel in der Zelle statt: Stoffe, die zur lebendigen Substanz der
Zelle gehren, werden verbrannt, und die Verbrennungsprodukte, die
Stoffwechselprodukte der Zelle werden aus dieser ausgeschieden; und neue
Stoffe werden von auen aufgenommen, um als Ersatz fr den verbrannten
Anteil der lebendigen Zellsubstanz zu dienen. _Alles_ Leben beruht auf
diesem Stoffwechsel der lebendigen Substanz, und alle Lehre vom Leben ist
nichts anderes als die Lehre vom Stoffwechsel der Zellen. Das Leben
erforschen, heit, den Stoffwechsel erkennen, der sich in der Zelle
abspielt. Auf den chemischen Vorgngen, die man als Stoffwechsel der
lebendigen Substanz zusammenfat, beruhen alle Erscheinungen, die man
Leben nennt: Bewegung, Ernhrung, Fortpflanzung, Empfindung und Denken.
Mit Bezug darauf, wie aus dem Stoffwechsel der lebendigen Substanz die
Lebensuerungen folgen, stehen die Dinge viel einfacher, als mancher
glaubt. Folgendes Beispiel soll uns da aushelfen. In der Dampfmaschine
verbrennen Stoffe, die wir auch sonst, wo's uns gerade pat, verbrennen
knnen. Aber in der Dampfmaschine geht die Verbrennung dieser Stoffe so vor
sich, da die brennenden Stoffe bestimmte Arbeit leisten. Mit dem Brennen
der Stoffe in der Dampfmaschine ist die Arbeit dieser _gegeben_, sie ist
da, es steckt hinter der Arbeit der Dampfmaschine _nichts_ anderes dahinter
als das Brennen von Stoffen in ihr. Ebenso steckt hinter den
Lebensuerungen der lebendigen Substanz, und mgen diese Lebensuerungen
noch so kompliziert und auf den ersten Blick ganz unerklrlich sein, nichts
anderes dahinter als ein Stoffverbrauch und Stoffersatz, nichts anderes als
der Stoffwechsel der Zellen. Mit diesem Stoffwechsel sind alle
Lebensuerungen schon gegeben, man kann sie mit demselben Recht als
Stoffwechselvorgnge und als Lebensuerungen ansprechen: die stofflichen
Vorgnge, die sich z.B. im Muskel abspielen, sind Bewegung des Muskels,
die Stoffwechselvorgnge, die sich in den Zellen unseres Gehirnes
abspielen, sind Denken.

Wenn alles Leben nichts anderes ist, als der Stoffwechsel der lebendigen
Substanz, so bedeutet der Tod der Zelle, das Erlschen des Lebens in ihr,
da der Stoffwechsel der Zelle aufgehrt hat. Und eine Leiche ist eine
Zelle, die nicht mehr den Stoffwechsel hat, den wir Leben nennen.

Aber damit ist doch noch nicht alles ber die Leiche gesagt. Und da wollen
wir von einem Versuch erzhlen, der uns einen Einblick gewhrt in noch
andere Dinge, die man ber Tod und Leiche wissen mu.

Wir holen uns aus einem Aquarium einige Pantoffeltierchen, die
mikroskopisch kleine einzellige Lebewesen sind (Abb.2, S.13), heraus,
indem wir einen Tropfen Wasser aus dem Aquarium schpfen. Den Tropfen mit
den Pantoffeltierchen bringen wir auf ein Glasplttchen in einer geeigneten
Vorrichtung unter das Mikroskop. Dann richten wir es so ein, da Alkohol an
unserem Tropfen vorbeistreicht (Abb.3). Die Pantoffeltierchen, die bisher
in lebhafter Bewegung begriffen und pfeilschnell im Tropfen hin und her
geschwirrt waren, sehen wir schon nach wenigen Minuten ihre Bewegungen
einstellen. Und bald liegen sie regungslos an Ort und Stelle. Sie sind
gelhmt. Aber nicht tot: denn lassen wir wieder frische Luft an den
Pantoffeltierchen vorbeistreichen, so haben sie sich bald erholt und sind
so munter wie je zuvor.

    [Illustration: Abb.3. #Versuchsanordnung zum Studium der
    Einzelligen.# Unter dem Mikroskop die Glaskammer, die oben
    durch ein dnnes Deckglas abgeschlossen ist. Am Deckglas ein
    hngender Tropfen, in welchem sich die zu untersuchenden
    Zellen befinden. Nach links ist die Glaskammer mit einer
    Einrichtung verbunden, die es gestattet, verschiedene Gase
    durch die Glaskammer zu pressen: das gewnschte Gas, z.B.
    Luft, Sauerstoff oder Stickstoff, tritt aus einem
    Glasbehlter in der Richtung des links angebrachten Pfeiles
    in die Glaskammer ein und tritt in der Richtung des auf der
    rechten Seite der Abbildung angebrachten Pfeiles durch eine
    Wasserflasche wieder aus. Zwischen dem Gasbehlter und der
    Glaskammer mit den zu untersuchenden Tieren ist eine
    Vorrichtung aus Glas eingeschaltet, die es ermglicht, nach
    Belieben Alkoholdmpfe dem Gas beizumischen. ffnet man den
    Hahn +a+, so kann das Gas aus dem Gasbehlter in die Glaskammer
    unter dem Mikroskop strmen: und zwar durch +c+ oder durch +b+, +K+
    und +b1+. Schlieen wir die Hhne +b+ und +b1+ ab, so gelangt das
    Gas (z.B. Luft oder Sauerstoff) durch +c+ in die Glaskammer
    unter dem Mikroskop. Schlieen wir aber +c+, so mu das Gas
    durch +b+, +K+ und +b1+ strmen. In +K+, das ein kleines Glasklbchen
    ist, knnen wir nach ffnung des oben im Klbchen steckenden
    Gummistopfens, einen kleinen Wattebausch hineinbringen, den
    wir vorher mit Alkohol getrnkt haben: es werden sich also
    jetzt dem durch die Glaskammer unter dem Mikroskop strmenden
    Gase Alkoholdmpfe beimischen. Wollen wir nach einiger Zeit
    unseren Versuchstieren wieder frisches Gas zufhren, so
    brauchen wir nur +b+ und +b1+ zu schlieen und +c+ zu ffnen. Nach
    Ishikawa und Verworn. Schematisiert.]

Wir hatten die Tiere mit Alkohol vergiftet. Und es ist uns
selbstverstndlich, da die Vergiftung unserer Pantoffeltierchen nur darin
bestehen konnte, da ihr Stoffwechsel gestrt, geschdigt war. Der uere
Ausdruck dieser Schdigung des Stoffwechsels ist die Lhmung der Zelle. Da
aber diese Lhmung, wie wir gesehen haben, rckgngig gemacht werden
konnte, so mssen wir voraussetzen, da der Stoffwechsel der Zellen bei der
Alkoholvergiftung wohl beeintrchtigt, wohl geschdigt war, da er aber
nicht ganz aufgehrt hatte. Und tatschlich wissen wir aus Versuchen, die
_Heaton_, ein junger Englnder, in _Verworns_ Laboratorium vor einigen
Jahren ausgefhrt hat, da bei der Alkoholvergiftung der Stoffwechsel der
lebendigen Substanz, auch wenn sie gelhmt ist, keinesfalls ganz
stillsteht: der Stoffwechsel ist nur verndert, aus seinen normalen Bahnen
gelenkt. Das ist es, was die Narkose, von der wir hier erzhlt haben, vom
Tode unterscheidet: da in dem ersten Falle der Schaden wieder gut gemacht
werden kann, im zweiten Falle aber nicht.

Mit dieser Betrachtung gewinnen wir die Mglichkeit, uns schrfer das
herauszuarbeiten, was eine Leiche ist: _eine Zelle ist zu einer Leiche
geworden, wenn ihr Stoffwechsel unwiderruflich stillgestanden, irreparabel
erloschen ist_, wie Verworn sich ausgedrckt hat... Dann ist die Uhr des
Lebens abgelaufen...

Es scheint nun auf den ersten Blick sehr leicht zu entscheiden, ob z.B.
ein Pantoffeltierchen, das wir unter dem Mikroskop vor uns haben, lebendig
ist oder tot, zu entscheiden, ob die Zelle eine Leiche ist. In Wahrheit ist
das gar nicht so leicht. Gewi, wenn wir eben erst mit der Zufuhr von
Alkohol zum Wassertropfen begonnen haben, und unsere Pantoffeltierchen eben
erst in den Zustand der Narkose verfallen sind, so wissen wir aus
Erfahrung, da unsere Zellen sich wieder erholen und alle normalen
Lebensuerungen aufweisen werden, sobald wir den Alkohol durch frische
Luft aus dem Wassertropfen verdrngt haben werden. Aber wenn wir den
Versuch zu lange ausdehnen, wenn die Pantoffeltierchen zu lange unter der
Einwirkung des Alkohols gewesen sind, so gelingt es trotz Zufuhr von
frischer Luft nicht mehr, sie aus dem Zustande der Lhmung zu erwecken. Sie
sind tot, sie sind zu Leichen geworden. Und hier entsteht die Frage, in
welch einem Moment die Zelle gestorben ist, wann sie aufgehrt hatte zu
leben und zu einer Leiche geworden ist. Mit andern Worten-- die Frage, _wo
die Grenze liegt zwischen Leben und Tod_.

Wollten wir diese Frage beantworten, wir wrden in arge Verlegenheit
geraten. Aus dem einfachen Grunde, weil, wie die Erfahrung uns lehrt, es
eine scharfe Grenze zwischen Leben und Tod nicht gibt.

Auch hier wieder tun wir gut, den kniffligen Fragen mit einem Versuch an
freilebenden Zellen nachzugehen. Und da hren wir am besten _Verworn_ zu,
der all diese Dinge an verschiedenen Einzelligen genau verfolgt hat. Wenn
wir von einem einzelligen Lebewesen, z.B. einem Pantoffeltierchen oder
einer Ambe, durch eine geeignete Operation ein Stck abtrennen, so da das
abgeschnittene Teilstck der Zelle nichts vom Kern mitbekommt, so wird der
zurckbleibende kernhaltige Teil der Zelle unverdrossen weiter leben. Ganz
anders der kernlose Teil: er geht innerhalb krzerer oder lngerer Zeit
unfehlbar zugrunde. Aber das geschieht ganz allmhlich-- und ber die
Geschichte des Todes, des allmhlichen Sterbens eines kernlosen Teilstckes
einer Zelle wollen wir uns von Verworn an einem Einzeller, Orbitolites
genannt, der an der Sinaikste im Roten Meer lebt und bis nahezu ein
Zentimeter gro werden kann, berichten lassen. Aus den Poren ihrer
Kalkschale streckt die Orbitolites-Zelle kernlose Protoplasmafden,
Scheinfchen heraus (Abb.4), mit deren Hilfe die Zelle sich bewegt und
Nahrung fngt. Schneidet man nun solche kernlose Protoplasmafden von einem
Orbitolites ab, so ballen sie sich zunchst etwa zu einer Kugel zusammen
(Abb.5). Spter streckt die Protoplasmakugel selber Scheinfchen aus
(Abb.6), als ob die Protoplasmakugel ein ganzer Orbitolites wre, und mit
den Scheinfchen wird sogar Nahrung gefangen. Aber unser neugebackener
Orbitolites +en miniature+ kann die Nahrung nicht verdauen. Es fehlt ihm
eben das, was mit zu dem regelrechten Stoffwechsel einer Zelle gehrt--
der Kern. So kommt es, da die Protoplasmakugel wohl noch stundenlang sich
bewegen kann, sich dabei aber doch unaufhaltsam dem Tode nhert. Die
Scheinfchen, die die Protoplasmakugel ausstreckt, werden klumpig (Abb.7)
und zerfallen (Abb.8). Schlielich ist unsere ganze Protoplasmakugel zu
einem lockeren Haufen kleinster unbeweglicher Klmpchen und Krnchen
zerfallen. Sie ist tot... In eigener poetischer Weise hat Verworn dieses
allmhliche Sterben der lebendigen Substanz an einem abgetrennten kernlosen
Stck des Pantoffeltierchens beschrieben: Das kernlose Teilstck verhlt
sich... zunchst vollkommen normal. Die Wimpern sind in derselben Weise
ttig wie bei diesem Krperteil, wenn er noch im intakten Zusammenhange mit
dem brigen Zellkrper ist. Allmhlich wird der Wimperschlag langsamer und
einzelne Wimpern beginnen unregelmig zu schlagen. Es treten bei ihnen
Pausen ein zwischen den einzelnen Schlgen... Dann beginnt das Protoplasma
an einer Stelle zu zerfallen... und lst sich in eine schleimig-krnige
Masse auf. Dieser krnige Zerfall schreitet weiter und weiter vorwrts,
befllt eine Wimper nach der andern und bringt sie fr immer zum
Stillstand. So kann man in diesen interessanten Fllen unter dem Mikroskop
direkt sehen, wie der Tod ber die Zelle hinkriecht. Teilchen nach Teilchen
ergreifend und mitten aus einer rastlosen Bewegung heraus zur ewigen Ruhe
zwingend. Der Proze kann sich ber Tage erstrecken, aber in andern Fllen
verluft er akut und eilt in wenigen Stunden ber die Zelle dahin, wie der
Funke ber die Zndschnur, nur zerfallende Massen hinter sich lassend...

    [Illustration: Abb.4. Orbitolites. Einzelliges Lebewesen,
    das im roten Meer lebt. Aus der mit Poren versehenen
    Kalkschale, die die Zelle umgibt, sieht man die Scheinfchen
    herausragen. Schwach vergrert. Nach Verworn.]

    [Illustration: Abb.5. Die abgeschnittene Protoplasmamasse
    hat sich zusammengeballt. (Stark vergrert.)]

    [Illustration: Abb.6. Die abgeschnittene Protoplasmamasse
    streckt Scheinfchen aus.]

    [Illustration: Abb.7. Die ausgestreckten Scheinfchen werden
    klumpig.]

    [Illustration: Abb.8. Die ausgestreckten Scheinfchen sind
    zerfallen. Abb. 5, 6, 7 und 8 nach Verworn.]

Was aber fr uns in all diesen Versuchen wichtig ist: da hier vor unsern
Augen der Tod sich ganz allmhlich aus dem Leben entwickelt. Nicht mit
einem Schlage ist hier die Leiche entstanden, sondern sie ist hier
_geworden_ im Verlauf einer langen Kette von Vernderungen, die sich in der
lebendigen Substanz der Zelle, im Stoffwechsel der Zelle abgespielt haben,
weil der Stoffwechsel durch den knstlichen Eingriff (die Lostrennung des
Protoplasmas vom Kern) gestrt, in andere Bahnen gelenkt worden war. Wir
sehen, da _eine scharfe Grenze zwischen Leben und Tod nicht vorhanden ist:
der Tod entwickelt sich aus dem Leben_ (Verworn).




4. Tod und Unsterblichkeit.


Nun wissen wir, was eine Leiche ist: eine Zelle, deren Stoffwechsel
irreparabel gestrt und schlielich unwiderruflich erloschen ist.

Aber wir haben bisher nur die Leichen von Zellen gesehen, die wir _gettet_
hatten. Stirbt die Zelle auch eines _natrlichen_ Todes? Wir haben uns ja
noch gar nicht darber Rechenschaft abgegeben, ob es bei den Zellen einen
natrlichen Tod gibt, _einen Tod, der zum Leben der Zelle gehrt_.

Wenn wir diese Frage beantworten wollen, mssen wir den Lebensweg einer
Zelle verfolgen, den Lebensweg eines freilebenden einzelligen Lebewesens.

Die einzelligen Lebewesen pflanzen sich durch Teilung fort. Eine Ambe
z.B., ein Protoplasmaklmpchen mit einem Kern darin, hat sich schlecht und
recht durchs Leben gefressen, ist ausgewachsen und teilt sich nun einfach
in zwei Teile auf. Man hat den Vorgang der Teilung bei der Ambe und den
vielen andern einzelligen Lebewesen sehr genau studiert, aber all das
Viele, was man dabei gefunden hat, interessiert uns an dieser Stelle nicht.
Wir wollen hier nur die Tatsache festhalten, da im Lebenslauf des
einzelligen Lebewesens einmal die groe Stunde kommt, wo in der Zelle,
nachdem sie herangewachsen ist, der Kern allerlei Vernderungen zeigt, die
schlielich darauf hinausgehen, da der Kern sich in zwei Teile teilt und
gleichzeitig der ganze Protoplasmaleib der Zelle sich in die Lnge zu
strecken beginnt. Dann bekommt die Zelle eine Einschnrung in der Mitte,
gleichsam als ob der Protoplasmaleib mit einer Schlinge zusammengeschnrt
wrde. Jederseits von der Einschnrung sehen wir eine der beiden
Kernhlften liegen-- und da hat jedermann schon den Eindruck, da da zwei
Amben aus der einen entstanden sind. Nur noch durch eine schmale
Verbindungsbrcke hngen sie miteinander zusammen. Schlielich reit die
schmale Brcke ein und zwei kleine Amben gehen jede ihren eigenen Weg
(Abb.9). Alles in allem hat der Vorgang der Teilung wenige Minuten oder
auch Stunden und sogar Tage gedauert-- das ist bei den verschiedenen
Einzelligen nicht gleich. Aus der Mutterzelle sind zwei Tochterzellen
entstanden-- zwei jngere Amben, die ganz der Mutter gleichen, nur
kleiner sind als diese. Dann wachsen die Tochterzellen heran und jede von
ihnen teilt sich wiederum in zwei Teile, in zwei Tochteramben. Und das
geht so fort-- ins Unendliche...

    [Illustration: Abb.9. Ambe in Teilung. Im Protoplasmaleib
    der Ambe sieht man den dunkleren Kern und das pulsierende
    Blschen (Vakuole). Man sieht die Scheinfchen der Ambe. 1,
    2, 3, 4, 5 und 6 verschiedene Stadien der Teilung. Erklrung
    siehe im Text. Nach F.E. Schultze.]

Wirklich ins Unendliche? Wir werden bald sehen, wie wichtig diese Frage fr
uns ist.

Es ist zunchst nicht abzusehen, was schlielich der Teilung bei den
Einzelligen einen Riegel vorschieben sollte. Warum sollte pltzlich,
nachdem die Zelle sich fortlaufend vielmals geteilt, ein Moment eintreten,
wo sie sich nicht mehr teilen knnte? Aber doch schien es auf Grund
verschiedener Beobachtungen lange Zeit, da die Teilungsfhigkeit der
Einzelligen nicht unbegrenzt sei, da nach einer bestimmten Anzahl von
Teilungen die Teilungsfhigkeit der Einzelligen sich erschpfte. Man hatte
gefunden, da nach einer bestimmten Anzahl von Generationen die Einzelligen
aufhrten, sich zu teilen und zugrunde gingen, starben. Wir wollen von
allen diesen Dingen spter sprechen, wenn wir der ganzen Lebensgeschichte
eines Pantoffeltierchens zuhren werden. Hier interessiert uns aus dieser
Geschichte nur das eine oder das andere, was wir uns von einem fleiigen
Amerikaner erzhlen lassen wollen, der in den letzten Jahren den kleinen
Pantoffeltierchen eine ganze Menge von ihrem Leben und Weben abgeguckt hat.

_Woodruff_, der besagte Amerikaner, hat nmlich mit aller Sicherheit
festgestellt, da die Teilungsfhigkeit der Einzelligen wirklich unbegrenzt
ist. Woodruff fing sich aus einem Aquarium ein wildes Pantoffeltierchen
heraus. Das Pantoffeltierchen hielt er in einigen Tropfen Wasser, das er
zuvor mit Heu und Gras ausgekocht hatte. Das Pantoffeltierchen ist ja ein
Aufgutierchen, ein Infusor, das sich in einem Heuaufgu zu Hause fhlt,
weil es in ihm all das an Nahrungsmitteln findet, was ihm sonst die freie
Natur in Sumpf und Tmpel zu bieten wei. Die paar Tropfen Wasser kamen in
ein Aquarium, das nichts anderes war als eine Aushhlung in einer
Glasplatte und einige Tropfen Wasser zu fassen vermochte. Woodruff war um
das Wohlergehen seines Pantoffeltierchens uerst besorgt, und er lie es
nicht in den paar Tropfen Aufguwasser versauern. Nachdem nmlich das wilde
Pantoffeltierchen sich geteilt hatte (Abb.10)-- das geschieht bei einem
Pantoffeltierchen ungefhr alle Tage einmal-- brachte Woodruff eines der
beiden Tochtertiere in frisch bereitetes Aquariumwasser. Sobald sich im
Laufe des nchsten Tages der erste Nachkomme des wilden Pantoffeltierchens
seinerseits auch geteilt hatte, wurde eines seiner beiden Tochtertiere
wiederum in frisch bereitetes Aquariumwasser verbracht usf. Jede Teilung
wurde notiert, und Woodruff konnte somit ganz genau wissen, zu welcher
Generation ein Pantoffeltierchen gehrte, das er in seinem tropfengroen
Aquarium gerade vor sich hatte. So ein Zuchtversuch hat natrlich sehr
viele Mhe gemacht. Aber die Mhe wurde reichlich belohnt durch all das
viele, was das Pantoffeltierchen dabei von seinem Knnen gezeigt hat. Denn
Woodruff ist es gelungen, seinen Zuchtversuch bis zur 3029.Generation
fortzufhren! Fnf Jahre hat es gedauert, bis aus dem wilden
Pantoffeltierchen der Ururur...3029.Urenkel entstanden war, den Woodruff
als das Ergebnis seiner vielen Mhe schlielich der Wissenschaft
prsentieren konnte. Und, was wichtig ist, dieser Ururur-Enkel war genau so
frisch und gesund, wie sein wilder Ururur-Ahne.

    [Illustration: Abb.10. Pantoffeltierchen in Teilung. +m+ Mund,
    +ps+ pulsierende Blschen, +ma+ Grokern, +mi+ Kleinkern. Aus
    Stridde.]

Von dem wilden Pantoffeltierchen-Ahnherrn stammte in 3029.Generation
dieses Pantoffeltierchen ab. Aber dieser Sprling eines so uralten
Pantoffeltierchen-Geschlechts, dessen Urahne als ein wilder Raubritter doch
wohl etwas zu bedeuten hatte, besa keine... Ahnengalerie, keine Galerie
der _Toten_ seines Geschlechts. Woher auch? Aus dem wilden
Pantoffeltierchen waren zwei Tochterzellen entstanden, aus jeder der beiden
Tochterzellen wiederum zwei, aus jeder der so entstandenen vier
Tochterzellen der zweiten Generation wiederum zwei Pantoffeltierchen, aus
jeder der acht Pantoffeltierchen der dritten Generation waren wieder zwei
Tochterzellen entstanden usf. bis zur 3029.Generation. Oder gar bis ins
Unendliche--denn vielleicht prsentiert uns Woodruff nach einiger Zeit
die 5000.Generation des wilden Pantoffeltierchen-Ahnherrn. _Es hatte sich
das Pantoffeltierchen bis ins 3029.Geschlecht fortgepflanzt, ohne da es
eine Leiche gegeben hatte, und wir drfen mit gutem Recht annehmen, da die
Einzelligen sich bis ins Unendliche fortpflanzen knnen, ohne da eine
Leiche entsteht._

Die Leiche ist uns das Abbild des Todes. Und wenn bei den Einzelligen
normalerweise keine Leichen vorkommen, so ist damit gesagt, da _es einen
natrlichen Tod bei den Einzelligen nicht gibt_. Was da bei den Einzelligen
stirbt, das ist das Opfer eines Unglcks, von dem ein Pantoffeltierchen
betroffen wird, das ist das Opfer ungnstiger Lebensumstnde. Sind die
Umstnde gnstig, so gibt es einen Tod im Reiche der Einzelligen nicht.

brigens: _wer_ sollte normalerweise bei den Einzelligen sterben? Wer von
den beiden vllig gleichen Tochterzellen? Der Elter, die Mutter sollte
zuerst sterben-- nicht wahr? Aber wer knnte sagen, welche der beiden
Zellen Mutter und welche Tochter ist? Stellen wir uns eine Ambe mit
Selbstbewutsein vor, sagt der jetzt achtzigjhrige Altmeister der
Zoologie _Weismann_, der als einer der ersten das groe Problem des
natrlichen Todes wissenschaftlich behandelt hat, sehr launig, so wrde
sie bei ihrer Teilung denken: >ich schnre eine Tochter von mir ab<, und
ich zweifle nicht, da jede Hlfte die andere fr die Tochter und sich
selbst fr das ursprngliche Individuum (fr die Mutter) ansehen wrde.
Der Elter, die Mutterzelle, die neben den Tochterzellen vorhanden wre,
mte zunchst sterben: hier aber geht die ganze Mutterzelle in den
Tochterzellen auf...

                 *       *       *       *       *

Da haben wir Lebewesen vor uns, die nicht unbedingt zu sterben brauchen.
Gehrt somit der Tod nicht zum Leben?

Sofern wir unter Tod die Bildung einer Leiche verstehen, sind die
Einzelligen-- wenn ihnen die ueren Umstnde gnstig sind--unsterblich.
Denn im Verlauf des Entwicklungsganges dieser Zellen erfhrt ihr
Stoffwechsel, wie die Versuche von Woodruff uns mit aller Sicherheit
gezeigt haben, unter gnstigen ueren Umstnden niemals eine Strung, die
zur Entstehung einer Leiche, d.h. zum Untergang der Zelle fhren mte.
Und da jede einzelne Zelle schon all das darbietet, was Leben ist, da die
Zelle die allgemeine Form der lebendigen Substanz ist, so drfen wir jetzt
sagen, da _der Tod in dem oben gefaten Sinne der Leichenbildung nicht
unbedingt zum Leben gehrt. Der Tod aus Altersschwche, wie er bei Mensch
und Tier vorkommt, ist nur ein Spezialfall: die lebendige Substanz
schlechtweg ist unsterblich._

Aber man mu sich hten, diese Schlufolgerung zu mideuten, wenn man nicht
in arge Widersprche hineingeraten will. Fat man nmlich die
Unsterblichkeit der lebendigen Substanz in einem weitern Sinne auf, im
Sinne einer _unvernderten_ Fortexistenz der Zelle-- und das ist ja die
gelufige Auffassung der Unsterblichkeit--, so kommt man in Widerspruch
mit allen unsern wissenschaftlichen Vorstellungen vom _Leben_. Leben ist
_Vernderung_, und lebendige Substanz kann nicht sein ohne Vernderung.
Alles Leben beruht auf dem Stoffwechsel der Zelle, auf bestimmten
chemischen Wandlungen, auf Zerfall und Wiederaufbau der lebendigen
Substanz: ein _unverndertes_ Sein der Zelle ist ein _Unding_. Leben ohne
Vernderung ist ein Widerspruch in sich selbst: denn Leben ohne Vernderung
wrde Stillstand des Lebens bedeuten. Ja, man kann so weit gehen und auch
den Zerfall der lebendigen Substanz, wie er normalerweise _andauernd_ im
Stoffwechsel vor sich geht, als ein Sterben auffassen und man kann dann
mit Verworn sagen, da ohne Sterben kein Leben vorhanden ist, da alles
Leben ein Sterben ist, +une destruction organique+, eine organische
Zerstrung, wie der groe Meister der Biologie _Claude Bernard_ einst
gesagt hat.

Die beiden Tochterzellen eines Pantoffeltierchens bestehen in Wahrheit gar
nicht aus derselben lebendigen Substanz, aus der ihre Mutterzelle aufgebaut
war, als sie als Tochterzelle einst ihr selbstndiges Dasein begonnen
hatte. Denn im Verlaufe ihres individuellen Lebens-- von dem Augenblick
ab, in dem sie sich als Tochterzelle abgeschnrt hatte, bis zu dem
Augenblick, wo sie sich selbst wieder in zwei Tochterzellen aufgeteilt
hat--, haben andauernd Vernderungen in ihrer lebendigen Substanz
stattgefunden und kein Teilchen der Zelle war davon verschont geblieben.
_So existiert die lebendige Substanz der Mutterzelle nicht unverndert in
den Tochterzellen fort und es gibt keine Unsterblichkeit im Sinne einer
unvernderten Fortdauer der lebendigen Substanz._

Um den Mideutungen aus dem Wege zu gehen, die mit der Tatsache verknpft
werden knnen, da die Einzelligen unsterblich sind, mssen wir also
streng festhalten, was wir unter Unsterblichkeit verstehen. Unsterblichkeit
bedeutet fr uns nur, da im normalen Entwicklungsgang einer Zelle keine
Leiche entsteht. Die lebendige Substanz ist unsterblich nur soweit, als man
unter Tod die Bildung einer Leiche versteht, einer Zelle, deren
Stoffwechsel unwiderruflich erloschen ist.




5. Der sterbende Zellenstaat.


Eine Leiche war uns eine Zelle, deren Stoffwechsel unwiderruflich erloschen
ist. Solange nur von _einzelligen_ Lebewesen die Rede war, haben wir uns
gut an diese Vorstellung einer Leiche halten knnen. Wenn wir nun aber auf
den Tod der _vielzelligen_ Lebewesen zu sprechen kommen-- wie entsteht
hier die Leiche?

Das vielzellige Tier ist ein Zellenstaat, und in diesem Zellenstaat gehen
stets wieder und wieder Zellen zugrunde, die zum Teil vom Krper
abgestoen, abgeworfen werden. In allen Klassen des Tier- und
Pflanzenreiches ist das der Fall. Die obersten Schichten unserer Haut z.B.
sind abgestorbene verhornte Zellen, die mit der Zeit von unserer Haut
losgelst und abgestoen werden, whrend an ihre Stelle von unten her
jngere Zellen vorrcken, und das Schicksal dieser Jungen ist ebenso
besiegelt wie das ihrer Vorgnger (Abb.11 u.12). Auch unsere Haare und
unsere Ngel sind zum groen Teil tote Zellen der Haut. Ebenso die Federn
der Vgel. Und wenn die Vgel mausern, so werfen sie schon recht
betrchtliche Mengen von toter Zellsubstanz ab, sie werfen Zelleichen ab.
So tun es auch zahlreiche Gliederfler bei der Hutung. Dieses Sterben
einzelner Zellen im Zellverband beginnt schon sehr frhzeitig, indem z.B.
schon die Haut des Tieres im Mutterleibe eine Hornschicht und ein Haarkleid
besitzt. Und schon im Mutterleibe werden abgestorbene Zellen der
Hornschicht und der Haare abgestoen. Auch von den Schleimhuten des Mundes
und des Darmes werden andauernd Zellen, und sogar intakte Zellen, aus dem
Zellverbande gelockert, um dann dem Tode zu verfallen. Unsere roten
Blutkrperchen, die roten Blutzellen, die im Laufe ihrer Entwicklung den
Zellkern einben und als kernlose Scheiben willenlos vom Blutstrom
getragen werden, leben blo vierzehn Tage, um dann zu zerfallen und als
altes Eisen--hier im buchstblichen Sinne des Wortes-- im Haushalt des
Zellenstaates Verwendung zu finden. Rote Blutkrperchen, die um vierzehn
Tage jnger sind, treten aus dem Knochenmarke, das die Bildungssttte der
roten Blutzellen in unserem Krper ist, an die Stelle ihrer toten
Vorgnger. Auch in den Drsen gehen stndig Zellen zugrunde. Die
Geschlechtsdrsen des Mnnchens geben periodisch Millionen von
lebensfrischen Zellen ab, die winzig kleinen Samenzellen, die alle dem
Untergange, dem Tode geweiht sind. Nur einigen wenigen dieser Millionen und
Abermillionen von Zellen ist es beschieden, am Leben zu bleiben und in den
Kindern fortzuleben. Auch beim Weibe findet periodisch eine Abstoung von
lebendigen Zellen statt, die dem Tode verfallen. Und bei den hheren Tieren
ist die Geburt des Kindes damit verknpft, da ein Teil des mtterlichen
Organismus, der Mutterkuchen, sich vom Krper loslst und mit all seinen
Zellen stirbt.

    [Illustration: Abb.11. Senkrechter Schnitt durch die Haut.
    Oben die Hornhaut (+O+), unten die Lederhaut aus Bindegewebe.
    In der Lederhaut und der Hornhaut der Ausfhrungsgang einer
    Schweidrse (+S+) und Blutgefe (+B+). +P+ die in die Oberhaut
    hineinragenden Papillen der Lederhaut. +Z+ die Schicht der
    Zellen, die spter verhornen und die Hornschicht bilden. Die
    einzelnen Zellen sind bei schwacher Vergrerung nicht
    sichtbar. +DS+ bergangsschicht zwischen der Bildungsschicht
    der verhornenden Zellen und der eigentlichen Hornhaut.
    Schwach vergrert. Nach Sigmund.]

    [Illustration: Abb.12. Ein Schnitt durch die Haut, strker
    vergrert. Man sieht in der Bildungsschicht der spter
    verhornenden Zellen die einzelnen Zellen liegen, die sich
    spter bis zur Unkenntlichkeit (in der Hornschicht)
    verndern. Bezeichnungen wie in Abb.11. Nach Sthr.]

Wie bei den Tieren, so ist es auch bei den Pflanzen. Im Pflanzenkrper
stirbt immer wieder und wieder ein Teil der Zellen, um als
Bildungsmaterial fr den Aufbau der vielzelligen Pflanze zu dienen. Da sind
die verholzten Zellen, aus denen die vielgestaltigen Elemente der Leitung
in der Pflanze aufgebaut sind, wo von den Zellen schlielich nur verholzte
Wnde zurckgeblieben sind, und auch diese durchlchert und durchbrochen.
Das Protoplasma dieser Zellen ist ganz geschwunden. Da sind die toten
Zellen der Rinde, der Oberhaut der Bltter. Millionen von Zellen des
Pflanzenkrpers gehen ferner whrend des Laubfalls zugrunde, und ihre
vielen, vielen Leichen bestimmen das Bild unserer herbstlichen Landschaft.
Millionen lebendiger Zellen der Pflanze werden der Liebe geopfert, wenn der
Pollen der Blte vom Winde erfat und in die Weite getragen wird-- nur
einige wenige Pollenkrner der, ach, so vielen gelangen auf die Narbe der
weiblichen Blte. Und auch die lebensfrischen und duftsprhenden Zellen der
bunten Bltenpracht verfallen dem Tod.

Das Gespenst des Todes geht in uns und um uns...

Die toten Zellen der vielzelligen Pflanzen und Tiere-- sie sind jede fr
sich eine Leiche, sie sind Zelleichen. Aber es wird doch niemandem
einfallen zu behaupten, ein vielzelliger Organismus sei gestorben, weil ein
Teil der Zellen, aus denen er besteht, abgestorben ist. Das wre eine ganz
unsinnige Behauptung. Denn diese toten Zellen gehren ja zum Teil mit zum
Zellenstaat von Pflanze und Tier, ohne diese toten Zellen knnen Pflanze
und Tier nicht leben. Die einzelnen Zelleichen schlechtweg machen also den
Zellenstaat noch nicht zu einer Leiche. Aber doch, wie wir gleich sehen
werden, es ist der Tod der _Zellen_, was den Zellenstaat zur Leiche macht.

Wenn der vielzellige Organismus aufhrt zu leben, so wird sein Stoffwechsel
stillgestanden sein. Nun ist das Leben des vielzelligen Organismus nichts
anderes als das Leben, das Zusammenleben der Zellen, aus denen er aufgebaut
ist. Der Stoffwechsel des vielzelligen Organismus beruht auf dem
Stoffwechsel seiner Zellen. Und da ist es uns klar, da _Zellen_ gestorben
sein mssen, wenn einmal der Zellenstaat zu leben aufhrt. Aber wir wissen
ja schon, da nicht der Tod einer jeden Zellgruppe im Zellenstaat diesen
zur Leiche macht. _Bestimmte Zellgruppen_ vielmehr mssen gestorben sein,
wenn der groe Zellenstaat zu einer Leiche werden soll. Ja, noch mehr:
schon wenn bestimmte Zellen im Zellenstaat nicht mehr so recht auf ihrem
Posten sind, ohne tot zu sein, auch dann schon kann der Zellenstaat
zugrunde gehen. Das mu aber noch nher erklrt werden.

Wir verstehen es wohl, da dem Leben eines vielzelligen Tieres noch kein
Ziel gesetzt ist, wenn das Tier z.B. Arme und Beine eingebt hat. Aber
stellen wir uns vor, wir haben einem Versuchstier, z.B. einem Frosch, das
Herz herausgeschnitten. Innerhalb eines krzeren oder lngeren Zeitraumes
wird unser Versuchstier sterben. Die Zellen seines Gehirnes, seiner
Muskeln, seiner Leber usw. werden nach Entfernung des Herzens keinen
Sauerstoff mehr bekommen und sie werden ersticken. Ihr Stoffwechsel wird
erlschen, die Zellen werden Leichen sein. Und schlielich wird ein
Zeitpunkt kommen, wo smtliche Zellen des Zellenstaates, der der Frosch
ist, tot sein werden. Wir sagen, jetzt ist das Versuchstier tot, jetzt ist
es eine Leiche. Oder wir haben einem Versuchstier, z.B. einem Kaninchen,
beide Nieren herausgeschnitten. Die Schlacken, die Abfallsprodukte des
Stoffwechsels werden nun nicht aus dem Krper herausgeschafft werden
knnen, sie werden sich in dem Blute und in den Zellen des Tieres anhufen:
und die Zellen werden sterben-- die einen frher, die andern spter, bis
schlielich alle Zellen des Zellenstaates tot sein werden. Oder in
Krankheiten, wo bestimmte Zellen und Organe in ihrer Ttigkeit erlahmen,
z.B. bei Erkrankungen des Herzens. Das Herz tut seine Arbeit nicht mehr
wie sonst, weil die Herzmuskelzellen erkrankt und geschwcht sind. Die
Zellen des ganzen Zellenstaates werden dabei in Mitleidenschaft gezogen,
sie bekommen zu wenig Nhrstoffe, vor allem zu wenig Sauerstoff, und die
Stoffwechselprodukte werden aus den Zellen nicht grndlich genug
herausgewaschen. Schlielich hrt die geregelte Arbeit des Herzens ganz
auf, und es beginnt ein schnelles Sterben aller Zellen des Zellenstaates.
Oder die Nieren sind erkrankt, sie tun ihre Arbeit nicht mehr so recht,
ohne da die ttigen Drsenzellen der Niere ganz ihre Arbeit eingestellt
htten, ohne da sie tot wren. Und alle Zellen des Krpers werden unter
der schlechten Arbeit der Nierenzellen zu leiden haben, und es wird die
Stunde kommen, wo die Zellen des Herzens oder die Zellen des Gehirnes
versagen werden. Sie werden sterben-- und es beginnt das groe Sterben der
Zellen im Zellenstaat.

Genau so ist es bei der Pflanze. Bt die Pflanze ihre Wurzeln ein, so
werden nach krzerer oder lngerer Zeit alle lebendigen Zellen des
pflanzlichen Zellenstaates sterben. Die Pflanze wird tot sein. Oder wir
schneiden mit Hilfe eines scharfen Instruments aus dem Stamm einer Pflanze
dicht oberhalb der Wurzel ein auch nur ganz kleines Stck des Holzteiles
heraus: nun wird die Zuleitung der Nhrstoffe zu den Zellen der Pflanze ins
Stocken geraten--genau so, wie wenn wir einem Versuchstier das Herz
herausgeschnitten haben. Die Zellen der Pflanze werden abzusterben
beginnen, bis schlielich alle Zellen des groen Zellenstaates der Pflanze
tot sein werden. Jetzt wird die Pflanze eine Leiche sein.

_Alles in allem: der vielzellige Organismus stirbt, wenn bestimmte Zellen
im Zellenstaat in ihrer gewohnten Ttigkeit versagen und damit den normalen
Ablauf des Stoffwechsels in allen anderen Zellen des Zellenstaates stren._
Aber nicht alle Zellen des Zellenstaates sterben zu gleicher Zeit. Wie der
Tod ber das sterbende kernlose Teilstck einer Zelle hinkriecht, um mit
Verworn zu sprechen, so kriecht er auch ber die einzelnen Zellen des
Zellenstaates ganz allmhlich hin. Gleichgltig, was den Tod des
vielzelligen Organismus unmittelbar bedingt hat: _stets sterben die einen
Zellen frher, die andern spter, bis schlielich der ganze Zellenstaat
eine Leiche ist_...

Und wenn wir wissen wollen, _warum_ wir sterben? Warum wir alt werden und
schlielich eine Leiche sind? Welch einen Weg mssen wir gehen, wenn wir
hier Antwort haben wollen?

_Wir mssen vor allen Dingen die Vernderungen studieren, die die Zellen
des vielzelligen Organismus im Laufe des Lebens erfahren, im Laufe des
Lebens, das sich zum Tode entwickelt._




6. Das Altenteil der Zellen im Zellenstaat.


Wir haben der Wilden gedacht, die es gar nicht begreifen wollen, da jeder
Mensch sterben msse. Der Naturmensch betrachtet den Tod als ein Unglck,
bei dem unbedingt ein bser Geist im Spiele war: dem bsen Geist waren
nicht all die Artigkeiten erwiesen, die man den feindseligen Geistern schon
schuldet, wenn man ungeschoren bleiben und sich nicht allerlei peinlichen
Zufllen aussetzen will. Wenn jemand stirbt, dann hat stets ein
feindseliger Geist sein schndliches Handwerk getan.

Sieht man sich die modernen Statistiken an, die uns ber das Sterben der
Menschen berichten, so mchte man beinahe dem Naturmenschen darin Recht
geben, da es einen natrlichen Tod, einen Tod aus Altersschwche gar
nicht gibt, und da es beim Sterben der Menschen stets mit unrechten
Dingen, wo Geister im Spiele sind, zugeht. In Deutschland sterben jhrlich
ber eine Million Menschen, und von diesen sterben an Altersschwche nur
ber hunderttausend, nicht mehr als z.B. allein an Tuberkulose sterben.
Und dann kommt noch hinzu, da von den hunderttausend Menschen, die ber
sechzig Jahre alt geworden und angeblich an Altersschwche verstorben sind,
in Wirklichkeit nur die wenigsten an Altersschwche zugrunde gegangen sind.
Da einer wirklich an Altersschwche und nicht an einer Krankheit gestorben
ist, die seinen gealterten, widerstandslosen Krper befallen hat, darber
kann man ja mit Sicherheit nur dann etwas aussagen, wenn man die Organe des
Verstorbenen einer sehr eingehenden mikroskopischen Untersuchung
unterworfen hat. Das geschieht nur in den seltensten Fllen, dann, wenn der
Greis in einer ffentlichen Krankenanstalt gestorben ist, und auch dann
nicht immer. Bei der mikroskopischen Untersuchung der Organe des
verstorbenen Greises wird sich herausstellen, ob der anscheinend an
Altersschwche Verstorbene nicht doch krankhafte Vernderungen in seinen
Organen und Zellen hat. Wo diese fachmnnische Untersuchung der Leiche
nicht vorgenommen worden ist, lt es sich niemals ausschlieen, da es
sich um einen Tod aus Krankheit gehandelt hat. Dieser Verdacht ist um so
eher gerechtfertigt, als gerade im hohen Alter die Menschen sehr hufig
leichtern Krankheiten erliegen, die ein Jngerer ohne weiteres berstanden
htte, ohne auch nur den Eindruck eines Schwerkranken auf seine Umgebung
gemacht zu haben. Dabei ist in Betracht zu ziehen, da ziemlich ein Drittel
aller Verstorbenen berhaupt nicht vor dem Tode rztlich behandelt wird.
Und der Arzt, der in solchen Fllen die Todesursache zu beglaubigen hat,
wird bei einem ber sechzig Jahre alten Menschen natrlich nichts anderes
als Todesursache angeben knnen, als Altersschwche,-- was ja insofern
auch richtig ist, als die Altersschwche jedenfalls an dem Tode des alten
Menschen mit schuld war. Aber eine wissenschaftlich genaue Aussage darber,
da der alte Mensch wirklich aus Altersschwche und nicht an einer
Krankheit gestorben ist, ist die Beglaubigung des Arztes nicht. Wie schon
erwhnt, nur die eingehende Leichenschau mit Hilfe von Messer und Mikroskop
erlaubt uns eine Aussage darber, ob jemand an Altersschwche und nicht an
Krankheit gestorben ist.

So werden wir es verstehen, da der berhmte Arzt _Nothnagel_ zur
berzeugung gelangen konnte, da fast alle Menschen durch uere Gewalt
oder Krankheit dahingerafft werden... und da die allerwenigsten Menschen
eines natrlichen Todes sterben, vielleicht kaum einer unter
Hunderttausend.

Und nun das andererseits.

Untersucht man die Organe von alten Leuten, gleichgltig, ob sie aus
Altersschwche oder an irgendeiner Krankheit gestorben sind, so findet man
in ihnen stets Vernderungen ganz charakteristischer Art. Von diesen
Vernderungen werden wir weiter unten noch erzhlen. Es ist klar, da
Vernderungen, die man bei _allen_ alten Leuten antrifft, als
Altersvernderungen aufgefat werden mssen. Und der Arzt kann in der Regel
sagen, da wenn ein Greis auch nicht an Altersschwche gestorben ist, doch
die allen Greisen gemeinsamen Altersvernderungen den Boden abgegeben haben
fr die Entwicklung und fr die schlimme Wendung der Krankheit, die ein
Jngerer wohl berwunden htte. _Da heute so wenig Menschen aus
Altersschwche sterben, liegt nicht daran, da es einen Tod aus
Altersschwche nicht gibt, sondern lediglich daran, da der gealterte
Organismus sehr leicht verschiedenen Krankheiten erliegt, die fr jngere
Leute nicht tdlich sind. Der Greis, der an irgendeiner Krankheit stirbt,
stirbt gleichzeitig immer auch aus Altersschwche._

                 *       *       *       *       *

Jetzt wollen wir davon erzhlen, wie sich die alternden Zellen im
Zellenstaat verndern.

Ein gebcktes Mtterchen ist uns das Abbild des Alters. Ein gerunzeltes,
zahnloses Mtterchen. Das Fettgewebe, das die Haut einst prall erhalten,
ist geschwunden, und in Falten legt sich die Haut. Die bindegewebigen
Bnder, die die Knochen der Wirbelsule fest aneinander gebunden hatten,
haben ihre Elastizitt eingebt wie ein viel gebrauchtes Gummiband. Und
die Wirbelsule gibt dem Druck des Oberkrpers nach, der Oberkrper sinkt
nach vorne. (Abb.13). In den Kiefern schwindet der Teil, in dem einmal die
Zhne gesessen, und die Zhne fallen aus (Abb.14 u.15).

    [Illustration: Abb.13. Krmmung der Wirbelsule im Alter. +A+
    Wirbelsule einer Frau von 35 Jahren. +B+ eines Mannes von 83
    Jahren. Aus Ewald.]

    [Illustration: Abb.14. Unterkiefer eines erwachsenen
    Menschen. Nach Toldt.]

    [Illustration: Abb.15. Unterkiefer eines alten Menschen.
    Nach Ribbert.]

Denken und Handeln des alternden Menschen haben sich auch verndert. Man
denkt und handelt langsamer, trger. Man humpelt, wenn das Alter gekommen,
auch im Denken, genau so wie man mhsam mit Krcken sich fortbewegt, ber
Pflaster und Stiege geht.

Sehen wir uns die inneren Organe eines alten Menschen an, so finden wir,
da sie _kleiner_ sind als bei einem jngeren Menschen. Man kann direkt von
einem _Schwund_ der Organe im Alter sprechen. Wir haben schon des uerlich
sichtbaren Schwundes vom Unterkiefer gedacht. Auch die Knochen sonst
erleiden einen richtigen Schwund, die Schdelknochen (Abb.16) und alle
andern auch. Die Knochen werden dnner, und die Verdnnung der Knochen geht
so weit, da sie brchig werden. Jedermann wei, da alte Leute leicht
Knochenbrche erleiden, namentlich an bestimmten Knochen, z.B. am
Schenkelhals. Und wie die Knochen, so erfahren auch alle andern Organe im
Alter einen Schwund: die Leber, die um die Hlfte verkleinert sein kann,
die Nieren, das Herz usw. _Besonders auffallend aber ist der Schwund, den
das Gehirn bei alten Leuten erfhrt._ Die Windungen des Gehirnes, die aus
Nervenzellen bestehen, sind schmler geworden, weit klaffen die Furchen
zwischen den Windungen. Aber nicht nur kleiner, auch hrter sind die Organe
im Alter geworden. Derb und zhe fhlt sie der Arzt in der Hand, wenn er
die Leichenschau bt.

    [Illustration: Abb.16. Schdeldach eines alten Menschen.
    Rechts und links an den Scheitelknochen sieht man sehr
    deutlich den _Knochenschwund_: es sind hier flache Gruben im
    Knochen entstanden. Nach Ziegler.]

Da haben wir eine ganze Menge darber erfahren, wie die Organe im Alter
verndert werden. Aber all das knnen wir erst verstehen, wenn wir das
Mikroskop zu Hilfe nehmen, die Organe alter Leute mikroskopisch
untersuchen. Sehen wir uns z.B. ein Stckchen Niere von einem Menschen an,
der aus Altersschwche gestorben ist (Abb.17). Da sind an einer Stelle
noch gut erhaltene Nierenzellen zu sehen, die ein Nierenkanlchen bilden,
wie es sich fr eine normale Niere nicht besser gehrte. Aber wir finden
auch Nierenkanlchen, die ganz zusammengefallen sind, wo sogar die Lichtung
der Kanlchen geschwunden ist. Die Zellen dieser Kanlchen sind
verkleinert, atrophisch, wie man sagt. Diese Zellen haben einen
Altersschwund erfahren. Genau so ist es mit den Zellen der Leber, der
Drsen, des Gehirnes und der Organe sonst. Weil die _Zellen_ der Organe
klein, atrophisch geworden sind, sind eben bei dem alten Menschen die
Organe kleiner als in jngeren Jahren. _Es findet also im Alter eine
Atrophie der Zellen statt, ein Schwund der lebendigen Zellsubstanz. Der
Schwund der lebendigen Substanz der Zellen kennzeichnet alle Organe des
gealterten Krpers._

    [Illustration: Abb.17. Horizontalschnitte durch
    Nierenkanlchen aus der Niere eines alten Menschen. +a+ mit
    noch gut erhaltenen Zellen; man sieht hier deutlich die
    Lichtung des Nierenkanlchens. +b+ und +c+ mit atrophischen
    Zellen: die Kanlchen sind zusammengefallen, eine Lichtung
    ist nicht mehr vorhanden. Stark vergrert. Nach Ziegler.
    Etwas schematisiert.]

Auch hrter und derber, haben wir gesagt, werden die Organe im Alter. Schon
uerlich kann man das an dem harten Puls eines alten Menschen beobachten.
Was hat das zu bedeuten? Die mikroskopische Untersuchung der Organe von
alten Menschen zeigt uns, da sich in ihnen sehr reichliche Mengen von
Bindegewebe finden. Das Bindegewebe ist natrlich auch in lebensfrischen
Organen, in Nieren, Leber usw. stets vorhanden. Es bildet gewissermaen die
weichen Daunen, in denen die Zellen der Organe gebettet liegen. Das
Bindegewebe nun kommt im Alter zu ppiger Entwicklung. Das wre noch nicht
so schlimm. Aber das Bindegewebe wird im Alter sehr hart, faserig und es
ist nicht mehr so elastisch wie frher einmal. Sehr auffllig ist die
Verhrtung des Bindegewebes, das die Blutrhren umhllt, und das, was wir
als harten Puls bei allen Leuten fhlen, das ist das verhrtete Bindegewebe
um die Blutrhren herum. Und wie die Zellen der Niere, der Leber, des
Gehirns und aller andern Organe im Alter nicht mehr so recht ihre gewohnte
Arbeit tun knnen, weil sie einen Altersschwund erfahren haben, so auch das
Bindegewebe. Es versagt im Dienst: es ist den Zellen und Organen nicht mehr
das weiche und elastische Bett und gibt ihnen nicht mehr wie ehedem ihren
Halt. Wir sehen das namentlich an der Krmmung der Wirbelsule im Alter.
Verhngnisvoll ist dieses Versagen des Bindegewebes bei den Blutgefen.
Die Verteilung des Blutes im Krper kann nmlich nur dann regelrecht
vonstatten gehen, wenn die Blutrhren gut elastisch sind. Die elastischen
Rhren gehren mit zum Pumpapparat des Blutkreislaufes, sie arbeiten bei
der Verteilung des Blutes im Krper dem Herzen in die Hand. Ein Pumpwerk
nmlich, das eine Flssigkeit durch _starre_ Rhren treibt, gibt einen
unterbrochenen Strom, einen Strom in einzelnen Sten. Dagegen treibt
dasselbe Pumpwerk die Flssigkeit durch _elastische_ Rhren nicht in
Sten, sondern fortlaufend, ununterbrochen. Die elastischen Blutrhren
haben somit einen sehr wichtigen Anteil bei der Verteilung des Blutes im
Krper: sie sorgen dafr, da das Blut _dauernd_ zu Organen und Zellen
fliet. Wren sie starr, so kme das Blut an die Zellen nur in einzelnen
Sten heran, alle Sekunde, mit jedem Herzschlag einmal. Nun haben aber im
Alter die Blutrhren an Elastizitt eingebt, wenn das Bindegewebe, in dem
sie gebettet sind, hrter geworden ist. Die Zufuhr des Blutes zu den Zellen
im Krper wird beeintrchtigt. Der Stoffwechsel der Zellen wird geschdigt.
Und es kommt noch hinzu, da die Blutpumpe selber, die Zellen des Herzens,
einen Altersschwund erfahren. Auch das Herz wird im Alter kleiner und kann
dann nicht mehr so krftige Arbeit leisten wie in jungen Tagen. All das
trgt dazu bei, da die Atrophie der lebendigen Substanz aller Zellen im
Krper noch beschleunigt wird.

Der Altersschwund der Zellen im Zellenstaat bedeutet, da nunmehr weniger
lebendige Substanz im Organismus enthalten ist--die Zellen sind kleiner
geworden und es wird jetzt im Krper weniger lebendige Substanz im
Stoffwechsel verbrannt. Das ist uns selbstverstndlich: im alternden
Organismus brennt das Feuer des Lebens-- ganz wrtlich zu verstehen--
nicht mehr wie einst im Mai, es brennt nicht mehr in lodernder Glut wie
frher, wie in der Jugend des Menschen. Man hat gefunden, da der
Stoffwechsel bei Greisen und Greisinnen eine Abnahme erfhrt. So sind die
Verbrennungsvorgnge bei Leuten im Alter von etwa 68 bis 86 Jahren um rund
20% geringer als bei Leuten, die im mittleren Lebensalter stehen.

Alles in allem: _es ist das Altenteil der Zellen im Zellenstaat, da sie
atrophisch werden, da sie einen Altersschwund erfahren, wobei der
Stoffwechsel der Zellen eine bedeutende Abnahme erfhrt_.




7. Wie wir sterben.


Nun wissen wir, was das Altenteil der Zellen im Zellenstaat ist.

Aber was gewinnen wir fr das Verstndnis des natrlichen Todes, das wir
suchen, wenn wir nun wissen, da die Zellen im Zellenstaat einen
Altersschwund erfahren? Wir waren im fnften Kapitel dahin gelangt, da der
vielzellige Organismus stirbt, _wenn bestimmte Zellen, die fr den normalen
Ablauf des Stoffwechsels im Zellenstaat von Bedeutung sind, in ihrer
Ttigkeit versagen_. Weisen uns nun die Vernderungen der Zellen im
alternden Zellenstaat, die wir festgestellt haben, darauf hin, welche
Zellen im Krper am ehesten versagen und das Sterben des Zellenstaates
einleiten? Nein. Wir haben blo gesehen, da _smtliche_ Zellen des
Zellenstaates einen Altersschwund erleiden. Wir wollen aber doch wissen,
warum mehr oder weniger pltzlich der Zeitpunkt kommt, wo ein schnelles
Hinsterben aller Zellen des Zellenstaates beginnt. Darber sagt uns das,
was wir ber den Altersschwund der Zellen im Zellenstaat und ber die
Abnahme ihres Stoffwechsels erfahren haben, noch nichts aus. Wollen wir
hier Aufschlu gewinnen, so mssen wir einen anderen Weg einschlagen. Wir
drfen uns dann nicht darauf beschrnken, blo die Organe von Leuten, die
an Altersschwche verstorben sind, zu untersuchen. Wir mssen hier zusehen,
_wie man stirbt_.

Um uns das Suchen zu erleichtern, wollen wir zunchst zusehen, wie man an
einer _Krankheit_ stirbt, wie der Tod durch Krankheit zustandekommt.

Wer wollte sich aber im freudigen Jubel des Lebens in die Zahlen versenken,
welche statistische mter und Krankenhuser ermittelt haben und aus denen
herauszulesen ist, woran und wie die Menschen sterben! Und mancher von
denen, die diese Zeilen zu Gesicht bekommen, nimmt's mir gar bel, da ich
nun dran gehen will, all die trben Bilder des Todes hervorzuzaubern. Es
mag ja dahingehen, da man vom Sterben eines Pantoffeltierchens spricht und
wohl auch vom Tode des Menschen aus Altersschwche. Aber vom Tod aus
Krankheit, vom Tode, der uns der kalte Schrecken ist! Und da mchte ich
_Nothnagel_ zu Worte kommen lassen, der kurz vor seinem eigenen Tode in
einem Vortrag eine lichtvolle Darstellung vom Sterben gegeben hat: Es ist
ein Wagnis, wenn ich es unternehme, nicht, wie sonst blich, holde Gebilde
der Kunst und Dichtung oder ergreifende Darstellungen aus dem Menschenleben
und der Geschichte oder hoheitgeschmckte lichte Fragen der Wissenschaft,
sondern ein so nachtgeborenes Problem, wie das Sterben ist, vor Ihr
geistiges Auge zu fhren. Den Mut dazu gibt mir die Erwgung, da der
elementaren Gewalt dieses Problems kein Denkender sich entziehen kann.
Handelt es sich doch um eine unentrinnbare Frage, die jeden, ohne Ausnahme,
persnlichst angeht. Wir mgen sie gleichgltig oder leichtsinnig, mutig
oder ergeben, angstvoll oder gar freudig, mit der Ruhe des Philosophen oder
der Wibegierde des Forschers aufnehmen, aber erinnert werden wir auf
diesem oder auf jenem Wege doch irgend einmal an sie. Dem ernsten Menschen
aber geziemt es, einem Vorgange, der alles Lebendige der Vernichtung
zufhrt, eine eindringliche und vertiefte Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Und so nehmen wir uns denn den Mut, auch ber den Tod durch Krankheit zu
sprechen...

Wenn wir uns die Todesstatistiken ansehen, so finden wir in ihnen sehr
zahlreiche Todesursachen verzeichnet. Das offizielle Verzeichnis der
Todesursachen, das die obersten Medizinalbehrden in den einzelnen
deutschen Bundesstaaten den rzten zur Anwendung empfohlen haben, enthlt
ber 175 verschiedene Nummern. Und schon das kurze Verzeichnis, das das
kaiserliche Gesundheitsamt fr die Todesstatistik benutzt, zhlt 23
Todesursachen auf. Da sterben die Menschen an Infektionskrankheiten, wie
Tuberkulose, Typhus, Scharlach, Diphtherie, Masern, Rose, Lungenentzndung
und Influenza, an Pocken, Ruhr, Genickstarre, an Keuchhusten usw. Die
andern erliegen Verdauungskrankheiten, Krankheiten des Herzens, der Lungen,
der Nieren, der Leber, des Nervensystems. Und andere wieder sterben an
Krebs, fallen als Opfer auf dem Schlachtfeld der Arbeit in Fabrik oder
Bergwerk, werden das Opfer eines Unfalls, eines Mordes, sterben an Gift.
Und was der Schrecken noch mehr!

So ergibt sich zunchst eine ganz auerordentliche Mannigfaltigkeit von
Todesursachen. Bei nherem Zusehen erweist es sich jedoch, da das
Sterben der Menschen viel einheitlicher gestaltet ist. Nehmen wir z.B. den
Fall, da ein Mensch an Lungenentzndung gestorben ist. Auf den ersten
Blick scheint kein Zweifel vorhanden, da eine Erkrankung der Lungen den
Tod unseres Patienten verschuldet hat. Die erkrankten Lungen knnen die
Atmung nicht mehr so gut besorgen. Die Zellen des Krpers bekommen nun
nicht genug Sauerstoff zugefhrt, und die Kohlensure wird aus ihnen nicht
prompt genug herausgeschwemmt. Vor allem wird das die Nervenzellen treffen,
die gegenber Sauerstoffmangel auerordentlich empfindlich sind. Die Sinne
des Kranken umnebeln sich, und schlielich wird unser Patient bewutlos.
Aber noch steht die Atmung nicht ganz still und das Herz tut noch seine
Arbeit. Doch auch das Herz beginnt schlielich zu erlahmen. Denn die
Herzmuskelzellen knnen nur dann tchtig Arbeit leisten, wenn sie genug
Sauerstoff mit dem Blute zugefhrt bekommen und wenn sie nicht mit
Stoffwechselprodukten berladen bleiben. Normalerweise bringen besondere
Blutgefe den Herzmuskelzellen das allerfrischeste Blut im Krper. Nun, wo
die Atmung mangelhaft geworden ist, wo die Lungen nicht mehr genug
Sauerstoff ins Blut hineinbringen, wird natrlich auch die Sauerstoffzufuhr
zu den Herzmuskelzellen mangelhaft--die Schlagfolge des Herzens beginnt
unregelmig zu werden und schlielich steht das Herz still, obgleich die
Atmung unseres Patienten noch nicht ganz aufgehrt hatte. Fr das Herz aber
war die mangelhafte Sauerstoffzufuhr so ungengend, da es seine Arbeit
nicht mehr tun konnte. Unser Patient ist tot. Wir sagen, er sei an
Lungenentzndung gestorben. Das ist insofern richtig, als die
Lungenentzndung ihn krank gemacht hatte. Aber von allen Organen hat doch
das _Herz_ zuerst versagt, und der Stillstand des _Herzens_ hat das Sterben
der Zellen im Zellenstaat eingeleitet.

Ein anderes Beispiel. Ein Kind ist an Diphtherie erkrankt. Die Entzndung
des Kehlkopfes ruft Atemnot hervor. Das Kind erstickt, wenn der Arzt
nicht rechtzeitig dazukommt, um den rettenden Luftrhrenschnitt
auszufhren: der Stillstand des Herzens, der bei Sauerstoffmangel eintritt,
auch wenn die Atmung noch einigermaen anhlt, hat das Schicksal des Kindes
besiegelt. Und noch mehr: es kommt vor, da ein diphtheriekrankes Kind
stirbt, bevor es noch berhaupt zu Atemnot gekommen war. Das Herz war
stillgestanden. Die Stoffe, welche die Diphtheriebazillen ins Blut
ausscheiden, haben das Herz vergiftet. Auch bei Typhus, Influenza,
Scharlach und andern Infektionskrankheiten sieht man infolge der
Bakteriengiftwirkung in gleicher Weise das _Herz_ erlahmen, whrend die
Vernderungen in den andern Organen bei allen diesen Krankheiten so
verschieden sind.

Ein Patient geht an einer Erkrankung der Niere zugrunde. Sein Krper ist
mit Stoffen berschwemmt, die normalerweise in den Stoffhaushalt seines
Organismus nicht hineingehren. Der Kranke liegt bewutlos da. Aber solange
das Herz noch arbeitet, ist noch nicht alle Hoffnung geschwunden. Doch die
Stoffe, die aus den kranken Nieren in das Blut gelangen, wirken auch auf
das Herz, und das Herz ist im Laufe der Zeit, wo die Nieren krank sind,
geschwcht worden. Schlielich versagt das Herz, das Herz steht still. Der
Kranke stirbt. Das Herz hat sein Machtwort gesprochen.

Der Arzt kennt diese Tatsachen, und das erste, worber er sich bei einem
Patienten zu vergewissern sucht, den man seiner Kunst anvertraut hat, ist
der Zustand des Herzens. Je krftiger, je widerstandsfhiger das Herz,
desto geringer die Todesgefahr.

So knnen wir mit Nothnagel sagen: Der Mensch stirbt fast immer vom Herzen
aus. So lange dieses in der Brust sich zusammenzieht, und sei es noch so
schwach, noch so mhsam, so lange lebt der Mensch-- der letzte Herzschlag,
und erst dann ist alles unwiederbringlich zu Ende.

Die Frage, _wie_ man stirbt, hatte fr uns Interesse, weil wir wissen
wollten, welche Zellen im Zellenstaat zuerst versagen und das Sterben aller
Zellen im Zellenstaat einleiten. Da ist es nach dem, was wir eben erfahren,
wohl plausibel, da die Herzmuskelzellen die Knder des Todes im
Zellenstaat sind. Wo das Herz stillsteht, da sind die Zellen des ganzen
Zellenstaates ohne Sauerstoff-- da hat der Zellenstaat ausgelebt. Das ist
uns klar.

Gut, das Herz steht still, und die Zellen im Zellenstaat beginnen zu
sterben. _Aber die Herzmuskelzellen sind noch nicht tot, wenn das Herz zu
schlagen aufhrt._ Da dem so ist, haben in schner Weise Versuche gezeigt,
die vor mehr als zehn Jahren der russische Physiologe _Kuljabko_ ausgefhrt
hat. Kuljabko hat nmlich den erfolgreichen Versuch gemacht, _das Herz
eines toten Menschen wieder zu beleben_. Auf den ersten Blick direkt
Zauberei. Im Laboratorium aber hat sich die Zauberei in folgender Weise
abgespielt. Kuljabko lie sich aus einem Kinderkrankenhause in Petersburg
nach der Leichenschau von Kindern, die an verschiedenen Krankheiten
gestorben waren, die Herzen in sein Laboratorium bringen. Hier band er ein
Glasrhrchen ins Herz und pumpte mit Hilfe eines automatischen
Pumpapparates eine geeignet zusammengesetzte Salzlsung durchs Herz. Die
Salzlsung hatte er vorher auf Krpertemperatur erwrmt und gut mit
Sauerstoff durchlftet. Launig ist es dabei zu hren, wie es Kuljabko beim
ersten Versuch ergangen war. Nachdem er nmlich das Herz etwa eine
Viertelstunde mit der Salzlsung durchsplt hatte, war das Herz noch so
leblos wie zuvor. Kuljabko wollte den Versuch eben abbrechen, weil er sich
dachte, die Sache sei nun abgemacht, mit der Wiederbelebung eines Herzens
aus der Brust des toten Menschen ginge es nicht. Da wurde er zufllig ins
Nebenzimmer gerufen und lie seinen Pumpapparat mit dem Herzen einstweilen
noch stehen. Als er nach fnf Minuten zu seinem Pumpapparat zurckgekehrt
war-- da schlug das Herz! Das Herz des toten Kindes hatte wieder zu
schlagen angefangen, nachdem es kaum eine halbe Stunde mit warmer und
sauerstoffhaltiger Salzlsung durchsplt worden war-- beinahe
vierundzwanzig Stunden nach dem Tode des Kindes. Kuljabko hat zehn solcher
Versuche ausgefhrt an den Herzen von Kindern, die an Lungenentzndung,
Diphtherie, Genickstarre und Darmkrankheiten gestorben waren. In drei
Fllen gelang die Wiederbelebung nicht, whrend sieben andere Versuche von
Erfolg gekrnt waren. Gewhnlich begannen nur einzelne Teile, nicht das
ganze Herz wieder zu schlagen. Aber in einem Falle war die Wiederbelebung
des Herzens vollstndig gelungen: das Herz schlug regelrecht, genau so gut
wie das Herz im lebendigen Krper. Siebzig bis achtzig Mal in der Sekunde
schlug das Herz, und so ging es mehr als eine Stunde lang. Dann wurde der
Herzschlag schwcher, und als am nchsten Tage der Versuch mit diesem
Herzen wiederholt wurde, da war es fr immer tot. Kuljabko hat seine
Wiederbelebungsversuche auch an Kaninchenherzen ausgefhrt und es gelang
ihm, das Herz eines Kaninchens wieder zu beleben, das schon vor sieben
Tagen verstorben war! Im Mittelalter wren Kuljabko als einem Hexenmeister
reinsten Wassers Scheiterhaufen und Folterkammer sicher gewesen, wie ein
bekannter Physiologe einmal gescherzt hat. Heutzutage ist es ihm besser
ergangen.

Nun kann es sich aber in den Versuchen von Kuljabko nicht um eine
Wiederbelebung von _toten_ Zellen handeln. Eine Zelleiche kann nicht zum
Leben erweckt werden: was zum Leben erweckt werden kann, ist noch nicht
tot! In den Versuchen von Kuljabko war somit nur das allmhliche Sterben
der Herzmuskelzellen, der Tod in seinem Hinkriechen ber die
Herzmuskelzellen aufgehalten, und der Tod war hier durch die Kunst des
Physiologen ein gut Stck Weges zurckgeworfen.

Was wir aus den Versuchen von Kuljabko also lernen, das ist: da die
Herzmuskelzellen noch gar nicht tot zu sein brauchen, wenn das Herz
stillsteht. An dieser Tatsache kann nach den Versuchen von Kuljabko nicht
mehr gezweifelt werden. Aber warum steht denn das Herz still, wenn die
Herzmuskelzellen noch nicht tot sind? Nun, die Herzmuskelzellen sind durch
die Krankheit geschdigt: giftige Stoffe, die im Blute des Patienten
kreisen, haben sie getroffen, oder Sauerstoffmangel, wie z.B. bei der
Lungenentzndung, hat sich eingestellt, und die Herzmuskelzellen, die fr
ihre rastlose Arbeit der ununterbrochenen und reichlichen Sauerstoffzufuhr
so sehr bedrfen, knnen jetzt ihre Arbeit nicht mehr so tun, wie es sich
normalerweise gehrt. Ein regelrechtes Zusammenarbeiten der
Herzmuskelzellen, auf dem der Herzschlag beruht, ist jetzt nicht mehr
mglich und das Herz steht still. Nun fhren wir aber, wie in den Versuchen
von Kuljabko, den Herzmuskelzellen genug Sauerstoff zu und splen aus ihnen
die Schlacken heraus, die sich in jeder schlechtatmenden Zelle zu einem
Berge anhufen. Auch die Gifte, mit denen die Herzmuskelzellen in der
Krankheit berschwemmt worden sind, werden dabei mit entfernt. Die
Herzmuskelzellen arbeiten jetzt wieder besser und der Herzschlag kommt
wieder zustande.

Kuljabkos Versuche haben uns gezeigt, da ein Herzstillstand und damit das
schnelle Hinsterben aller Zellen im Zellenstaat schon eintreten kann, wenn
die Herzmuskelzellen noch nicht tot sind, sondern nur erst eine Strung in
ihrem Stoffwechsel durch Sauerstoffmangel oder durch Gifte erfahren haben.
Aber wir kennen auch Flle, wo die Herzmuskelzellen vollkommen gesund sind,
und doch das Herz pltzlich seinen Dienst versagt und stillsteht. Das kommt
zuweilen nach heftigen Gemtsbewegungen vor, nach einem heftigen Schlag auf
den Kopf, nach starken Erschtterungen, denen der Krper ausgesetzt war.
Fr den Arzt ist hier der Zusammenhang zwischen der Schdigung des Gehirns
und dem Herzstillstand ohne weiteres klar. Vom Gehirn geht nmlich ein Nerv
seinen weiten Weg zum Herzen herunter-- Wandernerv nennen ihn die rzte.
So hat das Gehirn die Herrschaft auch ber das Herz. Das Gehirn tut bei
der Herzarbeit mit, unter seinem strengen Regiment tun all die vielen
Herzmuskelzellen ihre gewohnte Arbeit. Und wenn es einmal eine Strung gibt
in denjenigen Nervenzellen des Gehirnes--sie sind im verlngerten Mark,
in dem Verbindungsstck zwischen Gehirn und Rckenmark gelegen--, die der
Herzarbeit vorstehen, dann kann die ganze geregelte Herzarbeit mit einem
Male in die Brche gehen. Ein ber alle Maen heftiger Impuls vom Gehirn,
dessen Zellen durch eine starke Gemtsbewegung oder durch einen schweren
Schlag sehr stark erregt worden sind, geht durch den Wandernerv zu den
Herzmuskelzellen-- und das hat sie aus Rand und Band gebracht. Die
einzelnen Herzmuskelzellen aber knnen dabei ganz wohlauf sein: nur ihr
_Zusammenarbeiten_ geht dabei verloren. Namentlich machen sich solche
Strungen, die vom Gehirn ausgehen, dann geltend, wenn auch die
Herzmuskelzellen irgendwie geschdigt sind, z.B. bei allerlei
Herzkrankheiten. Darum ist es so wichtig, da ein Herzkranker keinen
heftigen gemtlichen Erregungen-- gleich, ob groer Freude oder groer
Trauer-- ausgesetzt wird: sein Herz kann unter Umstnden stillstehen, die
fr ein gesundes Herz belanglos sind.

Der langen Rede kurzer Sinn aber ist folgender: _Wie mannigfaltig auch die
Krankheiten sind, die uns treffen, wir sterben alle so, da das Herz
infolge von Vernderungen in den Herzmuskelzellen oder infolge von
Strungen in den Nervenzellen, die der Herzarbeit vorstehen, seinen Dienst
im Zellenstaat versagt. Herzmuskelzellen und Nervenzellen brauchen dabei
noch nicht tot zu sein: schon allerlei Schdigungen, die ihr Stoffwechsel
erfhrt und die eine geregelte Arbeit der Herzmuskelzellen unmglich
machen, knnen einen Stillstand des Herzens veranlassen. Und ist der
Stillstand des Herzens da, so beginnen alle Zellen des Zellenstaates, eine
Zellgruppe nach der andern, zu sterben._

Zu allererst sterben im Zellenstaat die Nervenzellen, die gegen
Sauerstoffmangel sehr empfindlich sind. Andere Zellgruppen knnen noch
recht lange am Leben bleiben. Da die Herzmuskelzellen viele Stunden lang
nach dem Eintritt des Herzstillstandes, viele Stunden, nachdem der Krper
schon eine reglose Leiche geworden, noch am Leben sind, davon haben wir
schon gehrt. Es ist auch bekannt, da die einzelnen Muskeln des Skeletts
und andere Zellgruppen in unserem Krper noch viele Stunden nach dem
Eintritt des Herzstillstandes und nach dem Tode der Nervenzellen am Leben
bleiben. Erst nach Ablauf mehrerer Tage ist der letzte Funken des Lebens im
groen Zellenstaat erloschen...

_So nimmt Gevatter Tod Besitz von uns, wenn er durch Krankheiten, die seine
Spher und Hscher sind, sein Kommen uns kndet._

                 *       *       *       *       *

Nach vielem hin und her im Suchen und Forschen sind wir dahin gekommen, da
wir nun wissen, wie der Tod nach Krankheit ber den Zellenstaat hinkriecht.
Aber was wir eigentlich herausbekommen wollten, war doch etwas anderes: wie
_der Tod aus Altersschwche_ von uns Besitz ergreift, wie wir aus
Altersschwche sterben. _Das_ wollten wir wissen. Vom Tod durch Krankheit
haben wir nur gesprochen, weil wir uns das Suchen leichter machen wollten.
Und wirklich, das Suchen ist uns jetzt leicht gemacht: Unsere
Aufmerksamkeit ist nun von vornherein auf zwei Zellgruppen im Zellenstaat
gerichtet, die wir fest ins Auge fassen mssen-- auf die
_Herzmuskelzellen_ und auf die _Nervenzellen_. Diese Zellgruppen hatten wir
erkannt als die Knder des Todes im _kranken_ Zellenstaat. Vielleicht sind
sie es auch im _alternden_ Zellenstaat. Sehen wir zu.

Wir haben schon frher erfahren, da alle Organe im alternden Zellenstaat
kleiner werden, und da dieses Kleinerwerden der Organe auf einem
Altersschwund der Zellen beruht. Was die Zellen im Alter leisten, ist nicht
mehr das, was in jngern Jahren ihre Arbeit war. Wir haben gehrt, da der
Stoffwechsel der Zellen im alternden Zellenstaat eine ganz bedeutende
Abnahme erfhrt. Und da knnen wir uns wohl denken, da die herabgesetzte
Leistungsfhigkeit der Herzmuskelzellen schlielich zu einem Stillstand des
Herzens fhrt: das Zusammenarbeiten der Herzmuskelzellen klappt nicht mehr
und das Herz versagt. Um so mehr, als die Blutrhren, durch die das Herz
das Blut zu treiben hat, nicht mehr so elastisch sind wie frher und dem
schwachen, gealterten Herzen sogar noch _mehr_ Arbeit zumuten als in jungen
Tagen.

Und was noch hinzukommt: auch das _Gehirn_ hat einen Altersschwund
erfahren. Ja, wie _Ribbert_, dem wir eine geistvolle Studie ber den Tod
verdanken, darauf hingewiesen hat, unterliegt es gar keinem Zweifel, da
_beim Sterben aus Altersschwche die Vernderungen und Strungen im Gehirn
und damit auch in denjenigen Nervenzellen, die der Atmung und der
Herzarbeit vorstehen, noch mehr in die Wagschale fallen, als die
Vernderungen in den Herzmuskelzellen selber_.

Das Herz tut seinen Dienst bis ins hohe Alter hinein-- rastlos und
unermdlich, wenn es auch nicht mehr so auf dem Posten ist wie einst im
Mai. Dagegen machen sich im Denken des alternden Menschen stets
Vernderungen geltend, die darauf hindeuten, da die Strungen in den
Nervenzellen sehr betrchtlich sind. Das reife Alter ist uns gekennzeichnet
durch die groe Erfahrung und die viele Kritik im Denken, die uns in allen
Fragen des Lebens zugutekommt. Im Greisenalter aber versagt der Mensch in
diesen beiden Dingen. Das Gedchtnis des Greises lt nach, neuen Dingen
wird er unzugnglich, gleichgltig ist er gegen die Umgebung. Und er wird
unlogisch, einseitig, egoistisch, wie man zu sagen pflegt,--es kommt
die Zeit, wo nicht nur die Jugend, sondern auch der reife Mann in Konflikt
gert mit dem Greis. Mitrauisch, launenhaft ist der Greis: weil alles, was
die Jugend erfllt, nicht mehr ist fr den Greis, weil er nicht mithalten
kann mit der Jugend. Alles in allem: die Intelligenz des Greises lt nach,
lt _allmhlich_ nach, gleichsam, als ob er leise schmollend, weil er
nicht mehr mitkann, hinter den anderen zurckbliebe, ber die er sich
frher erhaben gednkt, erhaben gewesen, weil er ihnen frher mit groer
Erfahrung voraus war. Dem, was uns die alltgliche Beobachtung ber die
Intelligenz der Greise lehrt, entsprechen vollkommen die Vernderungen, die
man bei einer Untersuchung der Gehirne von Leuten findet, die in sehr hohem
Alter gestorben sind. Man kann sagen, da in keinem andern Organ die
Altersvernderungen so weitgehend, so eingreifend sind, wie im Gehirn. Die
Altersvernderungen im Gehirn, die man mit bloem Auge sehen kann, haben
wir schon frher erwhnt, und wir werden in einem spteren Kapitel noch die
mikroskopisch sichtbaren Vernderungen kennen lernen, die die Nervenzellen
im gealterten Zellenstaat aufweisen.

Die Abnahme der geistigen Fhigkeiten, die fr das Greisenalter
charakteristisch ist, kann nun natrlich nicht daran schuld sein, da mehr
oder weniger pltzlich ein Zeitpunkt kommt, wo das schnelle Sterben der
Zellen im Zellenstaat beginnt. Bei manchen von Geburt mibildeten Menschen,
wie z.B. bei den sogenannten Mikrokephalen, d.h. den Kleinkpfen, ist die
Grohirnrinde von vornherein so mangelhaft entwickelt, da im Seelenleben
dieser Menschen all das fehlt, was uns im groen Ganzen einen Menschen
Mensch sein lt. Und trotzdem knnen solche Menschen ein hohes Alter
erreichen. Anderseits knnen Tiere, denen man das ganze Grohirn
wegschneidet, trotz der sehr weitgehenden Strungen in ihrem ganzen
Verhalten doch noch recht lange, sogar jahrelang leben. Aber der Tod droht
von anderswo im Gehirn. Und da mssen wir zunchst von einem Tierversuch
erzhlen. _Wird nmlich jener Teil des Gehirnes verletzt, in dem die
Nervenzellen gelegen sind, die der Atmung vorstehen, so tritt sofort der
Tod des Tieres ein._ Wenn man z.B. einem jungen Hunde oder einem Kaninchen
den Kopf stark nach vorne neigt und ihm dann mit einem hohlen
Metallrhrchen, dessen unterer Rand scharf geschliffen ist, in den Nacken
sticht, tief und sicher genug, um das verlngerte Mark zu treffen, so steht
die Atmung des Tieres momentan still. Kein Muskel von all denen, die bei
den Atembewegungen mittun, regt sich mehr, das Tier ist momentan ohne alle
Qual tot, ohne da es auch nur die geringste Bewegung gemacht hat. Wie war
das mglich? Einfach so, da wir mit dem hohlen Metallrhrchen eine Gruppe
von Nervenzellen im verlngerten Mark, die den Atembewegungen vorstehen und
sie regulieren, aus dem verlngerten Mark direkt herausgeschnitten haben.
Der Franzose _Flourens_, der in den vierziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts alle diese Dinge fleiig studiert und die berzeugung der
Gelehrten von der groen Bedeutung dieser Gruppe von Nervenzellen fr das
Zustandekommen der geregelten Atembewegungen endgltig gefestigt hat, hat
diese Zellgruppe schlecht und recht den Lebensknoten genannt.

Nun mssen wir festhalten, da natrlich nicht nur diejenigen Nervenzellen
einen Altersschwund erfahren werden, die das Denken vermitteln. Auch
diejenigen Nervenzellen, die der _Atmung_ vorstehen und die Atembewegungen
regulieren, werden im Alter arg mitgenommen sein. Und wenn die Strungen
in dem fein abgestuften Mechanismus des Zusammenarbeitens dieser
Nervenzellen weit genug fortgeschritten sind, dann geht dieser Mechanismus
in die Brche. Dann steht die Atmung pltzlich still und man ist tot. Man
hat ausgehaucht-- im wahrsten Sinne des Wortes.

Und auch noch das ist mglich: da einmal die Nervenzellen versagen, die
die _Herzarbeit_ regulieren. Das alte Herz klappt dann zusammen.
Wiederum-- man hat ausgelebt.

_So kommen wir nach all den vielen Dingen, die wir vom Sterben aus
Altersschwche erfahren haben, dahin, da die Knder des Todes hier die
Nervenzellen sind. Strungen in dem Mechanismus der Arbeit der Nervenzellen
sind es, die das schnelle Sterben der gealterten Zellen im Zellenstaat
einleiten._

Aber wir drfen doch nicht sagen, der Tod aus Altersschwche trete ein,
weil bestimmte Zellen des Gehirnes einen Altersschwund erfahren haben. Das
_allein_ wre falsch. Die Vernderungen, die die alternden Nervenzellen
erfahren haben, sind nur ein Teil von all den Altersvernderungen, die sich
im ganzen Zellenstaat abgespielt haben: alle andern Zellen im Zellenstaat
sind auch gealtert. Und alle Zellen im Zellenstaat sind aufeinander
angewiesen. Wenn z.B. die Nervenzellen, auf deren Mitarbeit die
Herzmuskelzellen angewiesen sind, ihre Dienste nicht mehr tun, wie einst im
Mai, dann zahlen sie dem Herzmuskel nur mit gleicher Mnze heim. Denn die
Nervenzellen sind, namentlich dann, wenn es schon just vor dem Ende war,
vom alten Herzen aus arg mitgenommen worden, weil sie nun nicht mehr soviel
Blut zugefhrt bekommen konnten, wie es frher der Fall gewesen. Das rcht
sich nun am Herzen-- und so geht das hin und her im alternden Zellenstaat.
Und auch alle andern Zellen im Zellenstaat tun nur mangelhaft ihre Arbeit.
Die Leber und die Nieren, die fr das Herausschaffen der Schlacken im
Krper zu sorgen haben, sind im Rckstand, die Drsen, die allerlei Stoffe
ans Blut abzugeben haben, lassen auf sich warten. Und schlielich ist die
Stunde da, wo die Nervenzellen, die der Atmung und dem Herzen vorstehen,
versagen, und dann beginnt das schnelle Hinsterben der Zellen im
Zellenstaat.

_Es ist also mit dem Sterben aus Altersschwche so bestellt, da im Verlauf
der vielen Strungen in den Zellen alle Zellen im Zellenstaat einander die
Grube graben-- und fallen alle selbst herein._

Nun wissen wir, wie der Tod aus Altersschwche kommt. Aber _warum_ er
kommt? Darauf hinaus wollten wir ja: zu wissen, _warum wir alt werden und
sterben_.

Aber alles warum in der Wissenschaft ist stets nur ein anderes wie:
wenn wir wissen wollen, warum wir sterben, mssen wir einfach
herauszubekommen suchen, wie die Altersvernderungen in den Zellen des
Zellenstaates zustandekommen, die zum Tode des Zellenstaates fhren, wie
die Zellen im alternden Zellenstaat atrophisch werden. Wir wissen aber, da
alles Leben der Zellen in letzter Linie auf dem Stoffwechsel der Zellen
beruht. _So mssen wir denn versuchen, die Altersvernderungen der Zellen
im Zellenstaat auf eine Strung im Stoffwechsel der Zellen des vielzelligen
Organismus zurckzufhren, auf eine Strung, die im Verlaufe des Lebens der
Zellen im Zellverband entsteht._ Und weil wir erfahren haben, da die
Nervenzellen allen andern Zellen des Zellverbandes voraus sind mit dem
Versagen im Dienst, so werden wir die _Nervenzellen_ vor allem fest ins
Auge fassen, um an ihnen herauszubekommen, wie im Laufe des Lebens des
Zellenstaats die Zellen alt werden und den Zellenstaat zugrunde richten.

Um das aber herauszubekommen, mssen wir vorerst noch der Lebensgeschichte
eines Pantoffeltierchens mit aller Aufmerksamkeit zuhren. Die also soll
nun erzhlt werden.




8. Lebensgeschichte eines Pantoffeltierchens.


Wir haben uns ber das Leben eines Pantoffeltierchens schon frher einmal
eine ganze Menge von einem amerikanischen Forscher erzhlen lassen.[2] Und
was dabei fr uns namentlich in Betracht kam, war die Tatsache, da das
Pantoffeltierchen unter gnstigen ueren Umstnden unsterblich ist.
Unsterblich in dem Sinne, da es in der Lebensgeschichte eines
Pantoffeltierchens, wenn kein Unglck es trifft, auch in der
3000.Generation noch nicht zur Entstehung einer Leiche kommt. Die
Mutterzelle teilt sich in zwei Tochterzellen auf, die sich, wenn der
Zeitpunkt gekommen, wieder in zwei Tochterzellen teilen, und so fort.

    [2] Vgl. Kapitel 4.

Obgleich man die Art und Weise, wie sich die einzelligen Lebewesen
fortpflanzen, schon seit langer Zeit kannte, ist ihre Unsterblichkeit doch
erst in jngster Zeit durch die Untersuchungen von _Woodruff_ nachgewiesen
worden. _Weismann_ vertrat allerdings schon vor mehr als dreiig Jahren mit
aller Entschiedenheit die Meinung, da die Einzelligen unsterblich sind.
Aber es waren im Laufe der Jahre allerlei merkwrdige Dinge aus dem Leben
der Einzelligen bekannt geworden, die eine gegenteilige Meinung aufkommen
lassen muten. Die Meinung, da es auch bei den Einzelligen einen Tod aus
Altersschwche gibt. Von diesen merkwrdigen Dingen hat in groen
Zusammenhngen der Franzose _Maupas_ zu erzhlen gewut.

Maupas hat in seinen Muestunden, die ihm sein Beruf als Bibliothekar nur
hin und wieder lie, fleiige Untersuchungen ber das Leben der Einzelligen
ausgefhrt und er hat sich damit ein dauerndes Denkmal in der Biologie
gesetzt. Er hat im Laufe der Jahre die Lebensgeschichte von zwanzig
verschiedenen Arten von Einzelligen studiert, die Lebensgeschichte des
Pantoffeltierchens und seiner Verwandten, der bewimperten
Infusionstierchen, wie der wissenschaftliche Ausdruck lautet. Und eben
dabei hatte er die Dinge gefunden, die der Auffassung von Weismann ber die
Unsterblichkeit der Einzelligen zu widersprechen schienen. Maupas
beobachtete die sich folgenden Teilungen bei Infusorien, und er fand, da
die Teilungsfhigkeit bei Einzelligen nicht unbegrenzt sei. Nach einer
bestimmten Anzahl von Teilungen sah er bei allen Arten, die er in seinen
Versuchen zchtete, Vernderungen in den Tieren auftreten, die er als
_Alterserscheinungen_ deutete. Nach 100, 200 oder 300Teilungen, je
nachdem, wollten die Infusionstierchen in den Aquarien, in denen sie
gehalten wurden, sich nicht mehr so schnell teilen wie frher: es dauerte
nunmehr lnger, bis eine Mutterzelle so weit war, sich in zwei
Tochterzellen aufzuteilen. Und obgleich den Tieren im Aquarium reichlich
Nahrung zur Verfgung stand, wollten sie nichts mehr essen. Sah man sich
die Tiere zu diesem Zeitpunkt genauer mit dem Mikroskop an, so konnte man
zunchst bemerken, da sie an Gre abgenommen hatten (Abb.18): die Lnge
der Tiere ging z.B. von 0,160Millimeter fortschreitend auf 0,135, 0,110,
0,090, 0,070, 0,045 und 0,040Millimeter herunter. Ihr Krper war
durchsichtig geworden, und schlielich hatten die Tiere einen Teil ihrer
Wimperhrchen eingebt; auch der Kern zeigte weitgehende Vernderungen.
Jedoch konnten sich die Tiere auch in diesem Zustande noch teilen, aber,
wie schon erwhnt, der Zeitraum zwischen den einzelnen Teilungen war nun
verlngert. Schlielich, wenn die Tiere schon sehr klein und die
Vernderungen in ihrem Krper schon sehr auffallend geworden waren und sie
schon zahlreiche Wimpern verloren hatten, hrten sie ganz auf sich zu
teilen und starben. Sie wurden zu Leichen. So altert und stirbt das
Infusor aus Altersschwche, sagt Maupas, und er kommt zum Schlu, da die
Einzelligen keine Ausnahme machen von der allgemeinen Regel, die fr alle
lebendige Substanz gilt. Nach Maupas gehrt somit der Tod unbedingt zum
Leben und alles Leben mndet nach ihm in den Tod. Es gibt nach Maupas keine
Unsterblichkeit der lebendigen Substanz.

    [Illustration: Abb.18. Die Konturen von Infusorien
    verschiedener Generationen. Man sieht die Grenabnahme der
    Zelle. Nach Maupas. Schematisiert.]

Spter haben auch noch andere Forscher dieselben Beobachtungen an
Einzelligen gemacht wie Maupas. Sehr bekannt sind die Untersuchungen
geworden, die vor dreizehn Jahren der amerikanische Zoologe _Calkins_
ausgefhrt hat. Wie schon Maupas hat auch Calkins gefunden, da im Verlauf
der aufeinanderfolgenden Teilungen des Pantoffeltierchens, etwa nach der
90. bis 170.Generation, ein Zustand eintritt, wo die Tiere an Gre
abnehmen und sich nicht mehr so schnell teilen wie vorher, bis sie
schlielich ihre Teilungsfhigkeit ganz einben. Calkins-- wie brigens
auch schon Maupas-- hatte auch unregelmige Teilungen beobachtet,
unvollstndig geteilte Mutterzellen, gewissermaen Mibildungen, die
entstehen, wenn die begonnene Teilung der Mutterzelle nicht mehr zu ihrem
normalen Abschlu kommt.

Jetzt mssen wir noch von einer anderen Beobachtung erzhlen, die Maupas
gemacht hatte. Wenn zwei Tiere zu einem Zeitpunkt, wo die
Altersvernderungen noch nicht bemerkbar waren, miteinander verschmolzen,
kopulierten, um nach einiger Zeit wieder auseinander zu gehen, so wurden
sie verjngt, sie wurden vom Altern verschont. Die Kopulation der
Infusorien ist von zahlreichen Forschern studiert worden. Zwei Tiere legen
sich aneinander (Abb.19), verschmelzen gewissermaen fr kurze Zeit, wobei
ein teilweiser Zerfall der Kernsubstanzen beider Tiere und ein Austausch
von Kernsubstanz zwischen ihnen stattfindet. Dann gehen die Tiere wieder
auseinander. Die zahlreichen Einzelheiten der Kopulation interessieren uns
hier nicht. Calkins hat gefunden, da nicht nur die Kopulation die Tiere
den schlimmen Zustand berwinden lt, sondern auch noch allerlei einfache
Reizmittel, wie Vernderungen in der Zusammensetzung der Nhrflssigkeit,
Temperatursteigerungen und Schtteln. Calkins sagt, die Infusorien
verfallen im Laufe der Teilungen nach so und so viel Generationen in einen
_Depressionszustand_, und diesen Zustand berwinden sie eben, wenn ihnen
die Kopulation oder allerlei Reizmittel zugutekommen.

    [Illustration: Abb.19. Kopulation von Pantoffeltierchen. Man
    sieht im Protoplasma den Grokern und den Kleinkern liegen.
    Nach einer Photographie von Prof. H. Joseph, aus Kammerer,
    Bestimmung und Vererbung des Geschlechts.]

Ob wir nun die Vernderungen, die der Organismus der Einzelligen im Laufe
der Zeit erfhrt, mit Maupas als Altersvernderungen oder mit Calkins als
Depressionszustnde bezeichnen, das bleibt sich gleich. Tatsache ist, da
die einzelligen Lebewesen nach einer bestimmten Anzahl von Generationen
Vernderungen erfahren knnen, die, wenn sie nicht durch Kopulation oder
verschiedene Reizmittel behoben werden, unweigerlich zum Tode der Tiere
fhren. _Die Einzelligen sind also unter gewissen Umstnden sterblich wie
die lebendige Substanz der vielzelligen Tiere._ Wie tiefgreifend die
Vernderungen sind, die der Stoffwechsel der Zelle im Depressionszustand
erfhrt, haben uns die Untersuchungen von _Richard Hertwig_ an einem
Strahlentierchen gezeigt (Abb.20, 21 u.22). Ja, so stirbt das Einzellige,
das wir frher einmal als unsterblich gefeiert!

    [Illustration: Abb.20. Beginnende Depression: die Kernmasse
    ist vermehrt, die Scheinfchen sind alle noch normal.]

    [Illustration: Abb.21. Weiter fortgeschrittenes Stadium der
    Depression: es hat sich ein Riesenkern gebildet, die
    Scheinfchen sind wirr angeordnet und nur sprlich
    vorhanden.]

    [Illustration: Abb.22. Dasselbe Tier wie Abb.21, einen Tag
    spter: der Riesenkern ist ausgestoen, es sind nur noch
    einige wenige Scheinfchen vorhanden. Abbildungen 20, 21,
    22. Depression des Strahlentierchens. Nach Richard Hertwig.]

                 *       *       *       *       *

Da sind wir in einen Sumpf von Widersprchen hineingeraten, und der Leser
meint vielleicht, ich sei dran schuld, da wir in diese widerspruchsvolle
Lage hineingekommen sind. Da irrt er aber sehr: denn die _Tatsachen_ sind
es, die daran schuld sind.

Wir mssen versuchen, aus diesem Sumpf der Widersprche herauszukommen.
Wohlan-- wir werden eine ganze Menge dabei lernen.

Auf Grund der Untersuchungen von Woodruff waren wir frher zur Ansicht
gelangt, da die Einzelligen unsterblich sind. Die Beobachtungen von
Maupas, Calkins und Richard Hertwig haben uns anscheinend das Gegenteil
gezeigt,-- da auch die Einzelligen alt werden und sterben. Wenn wir nun
diesen Widerspruch lsen wollen, mssen wir zunchst der Frage nachgehen,
ob nicht vielleicht die Versuchsbedingungen bei Woodruff auf der einen
Seite und bei Maupas, Calkins und Richard Hertwig auf der andern Seite
verschieden gewesen sind. Das ist tatschlich der Fall gewesen. Woodruff
hat, wie wir schon frher erfahren haben,[3] die Tochterzellen nach jeder
Teilung in frische Nhrlsung gebracht. So ist es ihm denn gelungen, mehr
als 3000Generationen von Pantoffeltierchen im Laufe von fnf Jahren zu
zchten, ohne da seine Versuchstiere in einen Depressionszustand verfallen
wren oder Altersvernderungen zeigten. Anders aber in den Versuchen von
Maupas, Calkins und Richard Hertwig. Hier verblieben die Tiere ber mehrere
Tage hinaus in derselben Nhrlsung. Was hat aber dieser Unterschied in den
Versuchsbedingungen zu bedeuten? Auf den ersten Blick mag es dem Laien
scheinen, da das doch eigentlich gar nichts zu sagen habe. Aber, wie wir
heute wissen, hat das fr den Betrieb des Stoffwechsels der
Pantoffeltierchen in der Nhrlsung _sehr_ viel zu bedeuten. In die
Nhrlsung gelangen die Stoffwechselprodukte hinein, die im Stoffwechsel
der in ihr lebenden Pantoffeltierchen gebildet werden, die Schlacken, die
im Leben einer jeden Zelle entstehen. Diese Schlacken mssen aus den Zellen
herausgeschafft werden, wenn die Zellen nicht geschdigt werden sollen.
Genau so, wie die Asche aus der Dampfmaschine entfernt werden mu, wenn der
ganze komplizierte Apparat der Dampfmaschine nicht bald in die Brche gehen
soll. Wenn aber die Stoffwechselprodukte der Zellen sich im Laufe einiger
Zeit in der Nhrlsung anhufen, so wird es dadurch den Zellen schwer
gemacht, sich ihrer Stoffwechselprodukte zu entledigen. Denn je mehr
Schlacken in der Nhrlsung schon enthalten sind, desto schwieriger geht
die Ausscheidung der Schlacken aus den Zellen vor sich. Worauf diese
Schwierigkeit beruht, das ist eine Frage fr sich. Hier ist fr uns nur
wichtig festzuhalten, da eine Anhufung von Stoffwechselprodukten in der
Nhrlsung eine Anhufung von Schlacken auch in den Zellen bedingen mu.
Die Anhufung von Stoffwechselprodukten aber strt den Ablauf des
Stoffwechsels der Zelle, strt den Ablauf des Lebens und bringt die Tiere
um.

    [3] Vgl. S. 26.

Wenn diese Betrachtungen richtig sind, dann wre der Widerspruch, der uns
beunruhigte, gelst und die Unsterblichkeit der Einzelligen gerettet. _Das,
was Maupas, Calkins und Richard Hertwig an Altersvernderungen oder an
Depressionszustnden bei den Einzelligen beobachtet haben, wre dann kein
Altern und kein Zustand, wie er in den Lauf der Dinge im Leben der
Einzelligen unbedingt hineingehrte, sondern eine krankhafte Strung wie
tausend andere auch, die die Zelle tten knnen._

Da mssen wir schon genau zusehen, ob all das, was man an
Altersvernderungen oder an Depressionszustnden bei den Einzelligen
beobachtet hat, wirklich auf eine Anhufung von Stoffwechselprodukten und
auf eine dadurch bedingte Schdigung der Zellen zurckgefhrt werden
knnte.

Ausgedehnte Versuche ber die Art und Weise, wie die Nhrlsung die
Pantoffeltierchen zu beeinflussen vermag, wenn die Stoffwechselprodukte
sich in ihr anhufen, darber, wie die Stoffwechselprodukte, wenn sie nicht
regelrecht aus dem Krper ausgeschieden werden, die Einzelligen schdigen,
verdanken wir wiederum _Woodruff_. Wir werden spter noch sehen, wie diese
Versuche von Woodruff die Lehre vom Tode des vielzelligen Organismus in
ganz hervorragender Weise gefrdert haben. Zunchst aber wollen wir die
nackten Tatsachen kennen lernen, die Woodruff hier festgestellt hat.

Der grundlegende Versuch, mit dem Woodruff gewissermaen schon alle seine
weitern Versuche vorweggenommen hatte, bestand in folgendem. Die zwei
Tochterzellen eines Pantoffeltierchens, das schon der 1021.Ur... Urenkel
eines wilden Pantoffeltierchens war, wurden jede unter verschiedenen
Bedingungen weitergezchtet. Whrend die Tochterzellen der einen Stammzelle
nach jeder neuen Teilung in frische Nhrlsung gebracht wurden, blieben die
Tochterzellen der andern Stammzelle jeweils mehrere Generationen hindurch,
mehrere Tage lang, in ein und derselben Nhrlsung, genau so wie das in den
Versuchen von Calkins der Fall war.

Schon bald nachdem die beiden Stamm-Tochterzellen in verschiedene
Lebensbedingungen gekommen waren, war die Teilungsgeschwindigkeit bei
demjenigen Stamm, bei welchem die Nhrlsung nicht so hufig frisch
gewechselt wurde, geringer geworden. Ganz augenfllig wurde der Unterschied
im Verhalten der beiden Stmme einige Monate spter, wo die
Teilungsgeschwindigkeit bei dem zweiten Stamm mehr und mehr zu sinken
begann. Die Pantoffeltierchen teilten sich jetzt nur etwa alle zwei Tage
einmal. Bald hrten die Tiere des zweiten Stammes ganz auf sich zu teilen
und starben, whrend die Tiere des ersten Stammes noch genau so munter
waren wie vor vier Monaten, als der Versuch begonnen hatte. Im ersten Stamm
hatte es im Laufe der 107Tage, die der Versuch whrte, 179Generationen
gegeben, im zweiten Stamm blo 138Generationen.

Dieser Versuch von Woodruff sagt uns eine ganze Menge. Ein wildes
Pantoffeltierchen hatte sich fortlaufend 1021mal geteilt, hatte
1021Generationen erzeugt, solange die Tochterzellen nach jeder neuen
Teilung in frische Nhrlsung gebracht wurden. Und die Nachkommen dieses
1021.Ur... Urenkels waren noch 179Generationen lang so munter wie je
zuvor. Hatte man es aber unterlassen, die Tiere nach jeder Teilung in
frische Nhrlsung zu bringen, so nahm die Teilungsgeschwindigkeit
allmhlich ab: statt 179Generationen wurden in demselben Zeitraum 138
erzeugt und die Tiere gingen schlielich zugrunde. _Warum?_ Aus
Altersschwche htte Maupas gesagt. Weil sie in einem
Depressionszustand waren, der in die Lebensgeschichte eines jeden
Pantoffeltierchens normalerweise hineingehrt, htte Calkins behauptet.
Woodruffs Doppelversuch sagt uns aber, da diejenigen Pantoffeltierchen,
die im Laufe der Generationen an Teilungsfhigkeit einbten und
schlielich starben, einfach geschdigt worden waren dadurch, da man es
unterlassen hatte, die Tiere nach jeder Teilung in frische Nhrlsung zu
bringen. Was Maupas und Calkins an Altersschwche und Depression bei
Einzelligen beobachtet haben, war also wirklich nichts anderes als eine
Schdigung der Tiere durch die Nhrlsung, in der ihre Versuchstiere ber
mehrere Generationen hinaus verbleiben muten. _Es brauchen also die
Pantoffeltierchen gar nicht unbedingt zu altern und die Depression gehrt
gar nicht unbedingt in die Lebensgeschichte eines Pantoffeltierchens
hinein._

Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, da die Pantoffeltierchen _auch in
der freien Natur_ Schdigungen unterliegen, wie in den Versuchen von Maupas
und Calkins und da es dabei zu Depressionszustnden bei ihnen kommen mu,
wie sie Maupas und Calkins bei ihren Versuchstieren beobachtet haben. Aber
dadurch wird nichts an der Tatsache gendert, da, wie die Versuche von
Woodruff uns gezeigt haben, dieses Altern und diese Depression _nicht
unbedingt_ in den Lebenslauf des Pantoffeltierchens hineingehren und da
das Pantoffeltierchen, wenn es von allerlei Schdigungen frei bleibt,
wirklich unsterblich ist.

Da es in einer Nhrlsung, in der die Versuchstiere einige Zeit drin
bleiben, von Bakterien wimmelt, die den Pantoffeltierchen als Nahrung
dienen, so kann die Schdigung der Pantoffeltierchen in der Nhrlsung
nicht auf einem Nahrungsmangel beruhen, worauf wir brigens schon bei der
Beschreibung der Versuche von Maupas hingewiesen haben. Es bleibt nur eine
Annahme brig: _da die Pantoffeltierchen in einer solchen Nhrlsung
geschdigt werden durch Stoffe, die sie selber in die Nhrlsung
hineinbringen, durch Stoffwechselprodukte oder durch Schlacken, die in
ihrem Stoffwechsel entstehen_.

Woodruff hat durch zahlreiche weitere Versuche diese Annahme gesttzt. Er
hielt seine Pantoffeltierchen in verschieden groen Tropfen-Aquarien, die
zwei, fnf, zwanzig und vierzig Tropfen Nhrlsung fassen konnten, und es
zeigte sich, da die Teilungsgeschwindigkeit seiner Versuchstiere um so
grer war, je mehr Tropfen Nhrlsung ihr Aquarium enthielt. Diese
Versuche sagen uns, da die Teilungsgeschwindigkeit um so grer ist, je
leichter es fr die Pantoffeltierchen ist, sich ihrer Schlacken zu
entledigen: es ist eben fr die Pantoffeltierchen um so leichter ihre
Schlacken nach auen abzugeben, je grer die Flssigkeitsmenge ist, von
der sie umsplt werden und in der sich die Abfallstoffe verteilen knnen.

Wir mssen an dieser Stelle auch eines etwas lteren Versuches von _Ptter_
gedenken, in dem eine noch strkere Anhufung von Schlacken im
Aquarium-Wasser erzielt wurde. Ptter brachte eine grere Anzahl von
Pantoffeltierchen in einem kleinen Tropfen Wasser unter das Mikroskop.
Obgleich die Tiere genug Sauerstoff bekamen-- denn Ptter lie den
Wassertropfen an der Luft stehen-- wurden die vielen Pantoffeltierchen,
die in dem Wassertropfen beisammen waren, schon im Verlauf weniger Stunden
soweit geschdigt, da sie aufhrten, mit den Wimpern zu schlagen und
schlielich stillstanden. Genau so, wie wenn man die Tiere z.B. mit
Alkohol vergiftet. Brachte Ptter normale Tiere in den Tropfen mit den
geschdigten Tieren hinein, so wurden die frischen Tiere schon innerhalb
eines viel krzern Zeitraums geschdigt. bertrug Ptter die geschdigten
Tiere aus ihrem Wassertropfen in frisches Wasser, so erholten sich die
Pantoffeltierchen wieder-- vorausgesetzt natrlich, da ihre Schdigung
noch nicht zu weit gegangen war.

Dieser Versuch von Ptter sttzt in ausgezeichneter Weise die Annahme, da
die Altersvernderungen und die Depressionszustnde, wie sie Maupas,
Calkins und Richard Hertwig im Gegensatz zu den Befunden von Woodruff bei
den Einzelligen festgestellt haben, auf einer Schdigung der Tiere durch
Stoffwechselprodukte beruhen, die sich in der Nhrlsung anhufen, wenn man
die Tiere mehr oder weniger lange Zeit in ein und derselben Nhrlsung
belt. Denn in dem Versuch von Ptter, wo die Tiere innerhalb weniger
Stunden oder eines noch krzeren Zeitraumes geschdigt wurden, kann es sich
doch nur um eine Wirkung von Stoffwechselprodukten handeln. Von einem
Nahrungsmangel kann innerhalb eines so kurzen Zeitraumes unmglich die Rede
sein. Auch sterben Pantoffeltierchen aus Hunger unter anderen Erscheinungen
ab. Und auerdem erholten sich ja die Tiere in frischem Wasser wieder.

Woodruff hat schlielich Versuche verffentlicht, die uns mit unleugbarer
Sicherheit sagen, da die schdigende Wirkung eines Aufenthaltes in nicht
frischen Nhrlsungen ausschlielich auf einer berhufung der Nhrlsung
mit Stoffen beruht, die aus dem Stoffwechsel der Zellen stammen. Woodruff
hat sich nmlich gefragt, ob die Stoffwechselprodukte, die von den
verschiedenen Verwandten des Pantoffeltierchens ausgeschieden werden,
schdigend auch auf unser Pantoffeltierchen wirken. Er hielt die eine
Tochterzelle des Pantoffeltierchens, das den wissenschaftlichen Namen
+Paramaecium aurelia+ trgt, in frischer Nhrlsung, die andere
Tochterzelle in einer Nhrlsung, die von Schlacken erfllt war, die von
+Paramaecium caudatum+ stammten. Die beiden Pantoffeltierchen-Arten sind
einander sehr hnlich, sie sind miteinander sehr nahe verwandt. Woodruff
fand, da die Schlacken von +Paramaecium aurelia+ auf +Paramaecium
caudatum+ genau so wirken, wie die Schlacken von +Paramaecium aurelia+
selber. In der mit Schlacken von +Paramaecium caudatum+ erfllten
Nhrlsung sank die Teilungsgeschwindigkeit von +Paramaecium aurelia+
sofort ab, bis schlielich die Tiere in dieser Nhrlsung zugrunde gingen.
Nun benutzte aber Woodruff fr weitere Versuche eine Nhrlsung, in der ein
entfernterer Verwandter des Pantoffeltierchens, die sogenannte
+Pleurotricha+ gehalten worden war. Und siehe da! _In der Nhrlsung, die
mit den Stoffwechselprodukten von +Pleurotricha+ erfllt war, gediehen die
Pantoffeltierchen vllig normal._ Nun machte Woodruff folgenden
Kreuzversuch. Er zchtete die Tochterzellen von +Pleurotricha+: die eine
Tochterzelle in frischer Nhrlsung, die andere in einer Nhrlsung, die
mit den Stoffwechselabfllen von Pantoffeltierchen erfllt war. _In der
Nhrlsung, die mit den Stoffwechselprodukten von Pantoffeltierchen erfllt
war, gediehen die +Pleurotricha+-Tiere vllig normal._ Diese Versuche sagen
uns, da die schdigende Wirkung einer Nhrlsung, in der Pantoffeltierchen
lange verbleiben, einzig und allein darauf beruhen kann, da sich Stoffe in
der Nhrlsung anhufen, _die die Tiere in ihrem Stoffwechsel #selber#
produzieren_.

_Nach alledem ist uns klar, da das Altern oder die Depression, die die
Pantoffeltierchen nach einer Reihe von Generationen erleiden, auf einer
Schdigung durch Stoffwechselprodukte beruhen, die von den Tieren selber
erzeugt werden._

                 *       *       *       *       *

Unsere Betrachtungen fhren uns also dahin, da die eigentmlichen
Vernderungen, die Maupas, Calkins, Richard Hertwig und andere
Forscher an den Einzelligen nach einer Anzahl von Teilungen oder
Generationen beobachtet haben, nicht Altersvernderungen sind, wie
sie in die Lebensgeschichte einer Zelle unbedingt hineingehren,
sondern da sie auf einer Schdigung beruhen, die durch eine Anhufung
von Stoffwechselprodukten in der Zelle hervorgerufen werden.

Man knnte nun meinen, da somit die Untersuchungen von Maupas, Calkins und
Richard Hertwig in gar keiner Beziehung zum groen Problem des natrlichen
Todes stnden, und da wir vielleicht besser getan htten, den Leser, der
auf eine Antwort ber den _natrlichen_ Tod, ber den Tod aus
Altersschwche wartet, mit all diesen Dingen zu verschonen. Aber die Sache
liegt eben so, da alle diese Untersuchungen fr das Problem des
natrlichen Todes von einschneidender Bedeutung sind.

Wenn wir sagen sollen, was die Vernderungen sind, die Maupas und Calkins
als Altersvernderungen oder Depression an ihren Tieren beobachtet
haben, so ist es, ganz allgemein, _ein allmhlich zunehmender Zellschwund_,
der sich im Laufe der Generationen bemerkbar macht. Man werfe nur einen
Blick auf Maupas' Zahlen und auf die Abbildungen, die uns die Grenabnahme
der Einzelligen im Laufe der Generationen in den Versuchen von Maupas zum
Ausdruck bringen.[4] Auch Calkins und andere Forscher haben gefunden, da
die Depression der Einzelligen durch eine Grenabnahme der Zelle
gekennzeichnet ist. Sobald die Grenabnahme weit genug fortgeschritten
ist, tritt der Zeitpunkt ein, wo die Zelle stirbt. Die Tatsache, da die
Zellen nach einer Reihe von Generationen an Gre abnehmen, mssen wir in
dem Sinne auffassen, da im Stoffwechsel der Zellen eine Strung
eingetreten war, die es ihnen dauernd unmglich gemacht hat, genug an
Stoffen von auen aufzunehmen, um den Stoffverbrauch, der im Stoffwechsel
geschieht, zu decken. Wir wissen aus unsern Betrachtungen, da diese
Strung im Stoffwechsel der Einzelligen auf einer berladung ihres Krpers
mit Stoffwechselprodukten beruht.

    [4] Vgl. Seite 53.

Auf der anderen Seite wissen wir aus frheren Errterungen, da die
Vernderungen, die die Zellen des alternden Zellenstaates erfahren, eine
Atrophie, ein richtiger Zellschwund sind. Und wir hatten es als unsere
Aufgabe bezeichnet, diese Altersatrophie der Zellen im Zellenstaat in
letzter Linie auf eine Strung in ihrem Stoffwechsel zurckzufhren, die
im Laufe des Lebens der Zellen im Zellenstaat sich immer mehr und mehr
bemerkbar macht. Nach den vorhergegangenen Feststellungen mssen wir uns
nun fragen, _ob nicht auch die Altersatrophie der Zellen im Zellenstaat auf
einer berladung der Zellen mit Stoffwechselprodukten beruhen knnte_. Wir
haben hier einen Zellverband vor uns, in dem viele Zellen zusammenleben.
Vielleicht liegt nun hier die Sache so, da die Zellen im Zellverband nicht
so recht die Mglichkeit haben, die Schlacken ihres Stoffwechsels nach
auen abzugeben-- genau so wie die Pantoffeltierchen in den Versuchen von
Maupas und Calkins. Gelingt es uns, den Nachweis zu fhren, da im Laufe
des Lebens in den Zellen des Zellenstaates eine Anhufung von Schlacken
stattfindet, die wegen des Zusammenlebens der Zellen im Zellverband nicht
schnell genug aus den Zellen herausgeschafft werden knnen, so sind wir im
Problem des natrlichen Todes der vielzelligen Tiere ein gut Stck vorwrts
gekommen: wir htten dann eine Strung im Stoffwechsel der Zellen im
Zellenstaat aufgedeckt, die die Altersatrophie der Zellen hervorruft und
schlielich die Zellen und damit den ganzen Zellenstaat zugrunde richtet.

Sehen wir also zu, ob dieser Nachweis mglich ist. Suchen werden wir vor
allem in den _Nervenzellen_: denn wir wissen schon, da die Nervenzellen
allen andern Zellen im Zellenstaat im Altwerden vorausgehen.




9. Jugend und Alter der Nervenzellen.


Die Nervenzellen wollen wir besonders ins Auge fassen, weil wir uns
berzeugt haben, da die Altersvernderungen, die das Gehirn erfhrt, sehr
betrchtlich sind, und weil sich uns ergeben hat, da das Versagen
bestimmter Teile des Gehirnes das schnelle Hinsterben der andern gealterten
Zellen des Zellenstaates einleitet.

Eine ganze Anzahl von Forschern hat sich mit der Frage befat, worin die
Vernderungen bestehen, die die Nervenzellen im Alter erfahren. Da sie im
hohen Alter an Gre abnehmen, wissen wir schon. Aber noch eine andere
Vernderung hat man an den gealterten Nervenzellen beobachtet, und diese
interessiert uns hier ganz besonders.

Es ist das groe Verdienst von _Mhlmann_, einem russischen Forscher,
unsere Erkenntnis ber die Altersvernderungen der Nervenzellen in beinahe
zwanzigjhriger mhseliger Forscherarbeit gefrdert zu haben. Man hatte
gefunden, da in den Nervenzellen alter Leute kleine, fettglnzende
Krnchen und dunkle Stubchen oder Pigment vorkommen, und man nahm zunchst
an, da das Vorkommen von Fettkrnchen und Pigment in den Nervenzellen mit
irgendwelchen Krankheiten der alten Leute zusammenhngen msse. Hier haben
nun die Untersuchungen von Mhlmann eingegriffen. Er beschrnkte sich nicht
darauf, die Nervenzellen blo alter Leute auf ihren Gehalt an den
fraglichen Fett- und Pigment-Krnchen zu untersuchen. Er untersuchte auch
die Nervenzellen von Menschen, die schon in jugendlichem Alter gestorben
waren. So hat er im Laufe der Zeit die Nervenzellen von Leuten untersucht,
die im Alter von 1, 2, 3, 8, 15, 18, 19, 24, 26, 29, 38, 48, 53, 60, 70, 83
und 90Jahren gestorben waren, und es hat sich dabei folgendes
herausgestellt.

Wenn man die Nervenzellen von Kindern mit dem Mikroskop untersucht, so
findet man in manchen Zellen kleine glnzende Krnchen, die ber den ganzen
Zelleib verstreut sind. Betupft man das Stckchen Rckenmark oder Gehirn,
das man auf einem Glasplttchen unter dem Mikroskop liegen hat, mit einem
Tropfen der sogenannten Osmiumsure, so werden die glnzenden Krnchen
schwarz (Abb.23). Osmiumsure hat die Fhigkeit, fettartige Stoffe zu
schwrzen. Wir mssen darum annehmen, da diese Krnchen aus Fett bestehen.
Betupfen wir nun ein Stckchen Gehirn oder Rckenmark mit Alkohol oder
ther, so verschwinden die glnzenden Krnchen: Alkohol und ther haben die
Fhigkeit, Fett aufzulsen. Folglich ist unsere Vermutung, da die
glnzenden Krnchen in den Nervenzellen aus einem fetthnlichen Stoff
bestehen, besttigt. Wie uns die Abbildung zeigt, sind die Krnchen bei
jugendlichen Personen nicht in allen Zellen enthalten, und in den einen ist
ihre Zahl grer, in den andern geringer. Aber wenn man ein Stckchen
Rckenmark oder Gehirn mit dem Mikroskop untersucht, so findet man in der
einen oder anderen Zelle doch solche Krnchen in den Nervenzellen, auch
wenn es sich um die Leichen von Kindern handelt, die kaum ein Jahr alt
geworden sind.

    [Illustration: Abb.23. Nervenzellen aus dem Rckenmark eines
    im Alter von 3 Jahren verstorbenen Knaben. Die mit
    Osmiumsure schwarz gefrbten Krnchen sind ber die ganze
    Zelle verstreut. Manche Zellen sind von Krnchen ganz frei.
    (In manchen Zellen hat der Schnitt den Zellkern nicht
    mitgetroffen).]

Untersucht man die Nervenzellen von ltern Personen, z.B. im Alter von 16
und 19 Jahren (Abb.24 u.25), so findet man, da hier die Krnchen schon
in grerer Anzahl in den Zellen vorhanden sind. Sie liegen hier viel
dichter in den Zellen, und die Zahl der Zellen, in denen die Krnchen
vorkommen, ist grer als bei kleinen Kindern. Auerdem kann der
Untersucher feststellen, da die Krnchen, auch wenn man sie nicht erst mit
Osmiumsure frbt, schon an und fr sich ein dunkleres Aussehen haben, die
Krnchen sind dunkelbraun bis schwarz geworden, und man mu sie jetzt als
Pigment bezeichnen.

    [Illustration: Abb.24. Nervenzellen eines 16jhrigen
    Mannes.]

    [Illustration: Abb.25. Nervenzellen einer 19jhrigen Frau.]

Im hheren Alter liegen die nunmehr ganz dunklen Pigmentkrnchen in dichten
Haufen beisammen, wie uns die Abb.26 zeigt, die uns eine Nervenzelle einer
80jhrigen Frau vor Augen fhrt. Man kann hier die einzelnen
Pigmentkrnchen gar nicht mehr zhlen, so gro ist die Zahl der dicht
beisammen liegenden Krnchen. Manchmal nehmen bei alten Leuten die
Pigmentkrnchen beinahe die ganze Zelle ein, so da nur ein schmaler Saum
von Protoplasma in der Zelle von ihnen frei bleibt (Abb.27).

    [Illustration: Abb.26. Nervenzelle aus dem Rckenmark einer
    80jhrigen Frau.]

    [Illustration: Abb.27. Nervenzelle einer 80jhrigen Frau.
    Schematisiert.]

Wie bei Menschen, so sieht man auch bei Tieren mit zunehmendem Alter die
Fett- und Pigmentkrnchen sich in den Nervenzellen hufen. Mhlmann hat die
Nervenzellen vom Meerschweinchen, von der Kuh, der Maus, dem Papagei u.a.
auf ihren Gehalt an Fett- und Pigmentkrnchen untersucht. Stets waren sie
vorhanden, wie uns die Abb.28 u.29 fr die Kuh und fr die Maus zeigen.
Sehr schn ist der Unterschied zwischen der jugendlichen und gealterten
Nervenzelle auf den Abb.30 u.31 zu sehen: die Fettkrnchen fehlen bei dem
neugeborenen Meerschweinchen, whrend sie bei dem 21/2 Jahre alten
Meerschweinchen in betrchtlicher Zahl vorhanden sind. Ebenso beim jngern
und ltern Papagei (Abb.32 u.33). Zuweilen findet man die Pigmentkrnchen
auch in dem Kern der Zelle liegen (Abb.28).

    [Illustration: Abb.28. Nervenzelle aus dem Rckenmark einer
    zweijhrigen Kuh.]

    [Illustration: Abb.29. Nervenzelle aus dem Rckenmark einer
    zweijhrigen Maus. Stark schematisiert.]

    [Illustration: Abb.30. Nervenzelle eines 1 Monat alten
    Meerschweinchens.]

    [Illustration: Abb.31. Nervenzelle eines 21/2 Jahre alten
    Meerschweinchens.]

    [Illustration: Abb.32. Nervenzelle eines etwa 12 Jahre alten
    Papageis. Stark schematisiert.]

    [Illustration: Abb.33. Nervenzelle eines alten Papageis.
    Schematisiert. Abbildungen 23 bis 33 nach Mhlmann.]

In manchen Gebieten des Nervensystems hufen sich die Fettkrnchen, die
allmhlich zu dunklen Pigmentkrnchen geworden sind, frher an als in
andern, z.B. in manchen Zellgruppen, die bei der Regulierung der
Herzmuskelarbeit und der Arbeit der Atemmuskeln mittun.

Fassen wir zusammen, was uns die Untersuchungen von Mhlmann gelehrt haben,
so lt sich sagen, da _in den Nervenzellen schon in der frhen Jugend
Fettkrnchen auftreten, die mit dem Alter an Menge mehr und mehr zunehmen,
bis sie schlielich beinahe die ganze Zelle erfllen_.

_Pigmentkrnchen hat man auch in den gealterten Zellen aller anderen Organe
nachgewiesen._ Besonders auffallend ist die Ablagerung eines brunlichen
Pigmentes in den Herzmuskelzellen.

Was hat diese Einlagerung von Pigment in den Zellen zu bedeuten? Diese
Frage zu beantworten, ist nicht leicht. Nur _Vermutungen_ knnen wir
darber anstellen.

Man kennt die Tatsache, da im Stoffwechsel mancher Formen der lebendigen
Substanz, z.B. bei Bakterien und bei manchen Wirbellosen, Stoffe
entstehen, die in die chemische Gruppe der Fettsuren hineingehren. Unter
gewissen Umstnden, wie bei Krankheiten, entstehen auch im Stoffwechsel des
Menschen Fettsuren, z.B. bei der Zuckerkrankheit. Fettsuren nun
vereinigen sich mit Glyzerin zu Fett. Gibt man einem Tier grere Mengen
von Fettsuren ein, so findet man nach einigen Stunden in der Lymphe des
Tieres zahlreiche Fettkgelchen. Das sagt uns, da die Zellen des
tierischen Organismus die Fhigkeit besitzen, Glyzerin herzustellen, das
sich dann mit den Fettsuren zu Fett vereinigt. Man knnte sich daraufhin
vorstellen, da die fettglnzenden Krnchen, die man in den Zellen des
Organismus von der frhesten Jugend an sich bilden sieht und die, wie wir
uns oben berzeugt haben, jedenfalls Trpfchen eines fetthnlichen Stoffes
sind, in folgender Weise entstehen. In den Zellen unseres Krpers werden im
Stoffwechsel vielleicht auch schon normalerweise Fettsuren gebildet, die
aber im weiteren Verlauf der stofflichen Umsetzungen in den Zellen aus
diesen herausgeschafft werden, indem sie zu Kohlensure und Wasser, den
Endprodukten des Stoffwechsels, verbrannt werden. Nun nehmen wir an, da es
mit der Abfuhr der Stoffwechselprodukte aus den Zellen des Zellenstaates
gar nicht so gut bestellt ist, wie es sein sollte. Dann werden
Stoffwechselprodukte in den Zellen liegen bleiben, obgleich sie hier nicht
mehr hineingehren. Die Umsetzungen in den Zellen werden eine Einbue
erleiden und die Weiterverarbeitung der Fettsuren wird nicht gut genug
vonstatten gehen knnen. Es wird ein Rest von Fettsuren in den Zellen
zurckbleiben. Die Fettsuren werden zu einer fetthnlichen Substanz
verarbeitet werden-- das Glyzerin, das die Zellen dazu ntig haben, knnen
sie ja selber herstellen. Wenn dieser Gedankengang richtig ist, dann drfen
wir die fettglnzenden Krnchen oder die Pigmentkrnchen, in die sich die
fettglnzenden Krnchen in den Nervenzellen im Laufe der Zeit umwandeln,
als Stoffwechselprodukte auffassen, die sich in den Zellen sammeln, weil
die Abfuhr der Stoffwechselprodukte aus den Zellen im Zellenstaat nicht
ergiebig genug vonstatten geht.

Doch wir drfen nicht vergessen, da alle diese Einzelheiten ganz und gar
nur Vermutungen sind. Der wirkliche Sachverhalt kann auch anders sein, die
Pigmentkrnchen knnen in den Zellen auch auf eine andere Weise entstanden
sein. Wie dem aber auch sei: _wir kommen um die Tatsache nicht herum, da
in den Zellen unseres Krpers, vornehmlich in den Nervenzellen und in den
Herzmuskelzellen-- aber auch in allen andern Zellen sonst--,
Pigmentkrnchen, aus fetthnlichen Stoffen entstanden, sich hufen und da
diese Krnchen wahrscheinlich Stoffwechselprodukte der Zellen oder
Schlacken des Stoffwechsels schlechtweg sind_.

Und jetzt gedenken wir all der Dinge, die wir uns aus der Lebensgeschichte
eines Pantoffeltierchens haben erzhlen lassen. Wir waren dahin gekommen,
da das sonst unsterbliche Pantoffeltierchen altert und stirbt, wenn sich
Schlacken in seinem Zelleib ansammeln. Das Pantoffeltierchen verfllt dabei
einer Atrophie, die mit der Altersatrophie im Zellenstaat verglichen werden
kann. Nun ist uns die Tatsache vertraut geworden, da auch in den Zellen
des Zellenstaates sich im Laufe des Lebens ganz allmhlich Schlacken
ansammeln. Was ist da durchsichtiger, als da die Altersatrophie der Zellen
im Zellenstaat in derselben Weise zustandekommt wie die Depression und die
Atrophie des Pantoffeltierchens? Die Schlacken, die sich mehr und mehr in
der Zelle hufen, stren den Stoffwechsel der Zellen, die Zellen nehmen
allmhlich an Masse ab, sie werden atrophisch-- bis sie schlielich
zusammenbrechen, genau so wie das Pantoffeltierchen und seine Verwandten in
den Versuchen von Maupas und Calkins.

Wir werden also dahin gefhrt, _da die im Leben entstehenden
Stoffwechselprodukte wahrscheinlich nicht sorgfltig genug aus den Zellen,
die im Zellverband beisammenleben, herausgeschafft werden knnen, da sie
sich mehr und mehr in den Zellen hufen, den Stoffwechsel der Zellen stren
und eine Atrophie der Zellen hervorrufen. Und sobald die Anhufung der
Schlacken in den Nervenzellen und damit die Atrophie der Nervenzellen weit
genug fortgeschritten ist, sind diese Zellen nicht mehr auf ihrem Posten,
sie versagen im Dienst. Wir ben die geistige Frische ein, wir werden alt.
Es kommt schlielich der Zeitpunkt, wo auch diejenigen Nervenzellen
versagen, die Atmung und Herzttigkeit regulieren. Die alten
Herzmuskelzellen und auch alle andern Zellen im Krper sind gleichfalls
nicht mehr so recht auf ihrem Posten. Atmung und Herzschlag stehen still--
das Sterben der Zellen im Zellenstaat beginnt._

Aber wieso kommt es, da die Stoffwechselprodukte der Zellen des
Zellenstaates nicht so sorgfltig herausgeschafft werden, wie aus dem
Zelleib des Pantoffeltierchens? Da mssen wir daran denken, da so ein
Pantoffeltierchen eine _freilebende_ Zelle ist, die von allen Seiten vom
Wasser, in dem es lebt, umsplt wird. Unter solchen Umstnden geht es mit
der Ausscheidung der Stoffwechselprodukte sehr leicht. Bei den Zellen aber
im Zellenstaat mute die Sache schwieriger werden. Allerdings, auch die
Zellen im Zellenstaat leben im Wasser, in flieendem Wasser, denn wir
nehmen alle Tage ein paar Liter Wasser auf und erneuern so im Laufe von
lngstens drei Wochen alles Wasser unseres Krpers. Aber die Zellen im
Zellenstaat sind mit Bezug auf das Wasser, das sie umsplt, doch schlechter
bestellt als das freilebende Pantoffeltierchen. Nur die wenigsten Zellen im
Zellenstaat werden von den Krperflssigkeiten, vom Blut und von der
Lymphe, unmittelbar umsplt. Die meisten Zellen im Zellenstaat, die in
groen Haufen beisammenliegen, knnen mit dem Blut und der Lymphe nur durch
Vermittlung benachbarter Zellen verkehren, die dem Blute nher sind oder
direkt von diesem umsplt werden. Da ist es leicht begreiflich, da die
Abfuhr der Schlacken im Zellenstaat nicht so sorgfltig vonstatten gehen
kann wie beim Pantoffeltierchen, das sich frei im Wasser tummelt. Und die
Zellen des Zellenstaates sind in derselben Lage wie ein Pantoffeltierchen,
dem man nicht hufig genug das Wasser wechselt. Und sie gehen zugrunde,
weil sie mit den Schlacken des Stoffwechsels berladen werden.

Dann kommt noch hinzu, da das weiche bindegewebige Daunenbett der
Blutgefe im Laufe der Zeit hart geworden ist: das alt gewordene
Bindegewebe macht die Blutgefe starr und strt die prompte Zufuhr von
Blut zu den Zellen im Krper.

Und so ergibt sich uns der Schlu: #Im Zusammenleben der Zellen im
Zellverband liegen die Bedingungen fr den Tod des vielzelligen Organismus,
fr den natrlichen Tod aus Altersschwche, der sich mit eiserner
Notwendigkeit aus dem Leben der Zellen im Zellenstaat entwickelt.
Die Schlacken des brennenden Lebensfeuers der Zellen im Zellenstaat
bringen das Leben allmhlich zum Stillstand. Der Zellenstaat bringt sich
selber um.#

Mit Bezug auf die Bedeutung, die die Nervenzellen fr das Zustandekommen
des Todes haben sollen, ist ein Einwand mglich. _Ribbert_ selbst hat
diesen Einwand in ansprechender Weise diskutiert.

Man knnte nmlich behaupten, da die Atrophie der Nervenzellen doch nicht
immer daran schuld sein knne, da nunmehr das Sterben des Zellenstaates
beginnt. Sehr viele Menschen sterben bei vlliger geistiger Frische,
trotzdem sie ein Alter erreichen, das ber das Durchschnittsalter der
Menschen weit hinausgeht. Man denke an den Historiker Mommsen, der 86 Jahre
alt war, als er starb, und an den Physiker Bunsen, der sogar erst mit 88
Jahren starb. Beide waren bis zuletzt bei vlliger geistiger Frische. Der
berhmte Physiologe Eduard Pflger, der ein Alter von 81 Jahren erreichte
und vor wenigen Jahren in Bonn starb, hielt bis zu den letzten Tagen seines
Lebens nicht nur die Vorlesung ab, sondern arbeitete in angestrengter Weise
auch noch im Laboratorium an schwierigen wissenschaftlichen Untersuchungen,
mit denen er auch literarisch im Mittelpunkte hochwichtiger physiologischer
Streitfragen stand. Und dann war er zu Ende des Semesters wenige Tage krank
und war tot.

Wie reimt sich das damit zusammen, da ein Versagen der Nervenzellen den
Tod unseres Zellenstaates einleitet?

Die Sache liegt hier vielleicht so: Die Arbeit des Gehirnes beruht auf
einem Zusammenarbeiten vieler Nervenzellen, und jede Zellgruppe kann dabei
fr sich im Dienst versagen. Whrend z.B. die Nervenzellen, die der Atmung
und dem Blutkreislauf vorstehen, noch rstig arbeiten, knnen die
Nervenzellen, die das Denken besorgen, schon mehr oder weniger atrophisch
sein. Das ist im Alter ja auch die groe Regel. Es kann nun aber auch der
Fall eintreten, da die Nervenzellen, die der Atmung und dem Blutkreislauf
vorstehen, eher versagen, als die Zellen, deren Arbeit Denken ist! Dann
wird der Greis bei vlliger geistiger Frische sterben. Die
Altersvernderungen in den Nervenzellen, die das Denken besorgen, werden
bei solchen Menschen, die andauernd geistig ttig sind, sich weniger
schnell bemerkbar machen. Die fortgesetzte bung der Nervenzellen, die mit
besserer Blutzufuhr und besserer Ernhrung verbunden ist, wird dadurch
auch eine lebhaftere Durchsplung des Protoplasmas und eine leichtere
Abfuhr der Stoffwechselprodukte herbeifhren, sagt Ribbert. Die
Nervenzellen aber, die fr die Regelung der Herzttigkeit und der Atmung in
Betracht kommen, werden bei diesen Menschen in demselben Tempo der Atrophie
und dem Tode entgegenschreiten, wie bei allen anderen Menschen, die aus
Altersschwche sterben. Und dann wird pltzlich der Tag gekommen sein, wo
den silberweien Greis, den wir alle wegen seiner geistigen Frische
bewundert, der Sensenmann ereilt hat.

Diese Auffassung ist wohl plausibel. Das sieht ein jeder ein. Wir wissen,
da z.B. ein Muskel mit Bezug auf seine Ernhrung viel besser davonkommt,
wenn er Arbeit leistet, als wenn er keine Arbeit tut. Voraussetzung ist
natrlich, da er nicht beranstrengt wird, da ihm gengend Zeit zur
Erholung gelassen wird. Aber es ist doch zunchst blo eine Vermutung, da
es so auch mit den Nervenzellen ist, da die andauernde geistige Ttigkeit
die Nervenzellen, die Denkarbeit leisten, vor einer allzuschnellen
berladung mit den todbringenden Stoffwechselabfllen verschont.

_Mhlmann_ hat nun vor einigen Jahren Untersuchungen ausgefhrt, die diese
Vermutung vielleicht zu sttzen vermgen. Er hat die Pigmentmenge in den
Nervenzellen des Rckenmarks, die die Muskeln des rechten und linken Armes
regieren, bestimmt. Er fertigte sich mikroskopische Schnitte von der
Arm-Anschwellung des Rckenmarkes (Abb.34) an und zhlte in einer ganzen
Serie von Schnitten die Nervenzellen aus, wobei er sich die Zahl der
Nervenzellen, die stark pigmenthaltig waren, besonders notierte. Die
Zhlungen von Mhlmann haben ergeben, da die Zahl der Nervenzellen, die
stark pigmenthaltig waren, auf der rechten Seite geringer war als auf der
linken. So waren nach Mhlmann bei 18Personen im Alter von 18 bis
46Jahren auf der linken Seite 77,2Prozent aller Zellen stark
pigmenthaltig, auf der rechten Seite nur 74,8Prozent. Die Personen, deren
Nervenzellen Mhlmann auf ihren Pigmentgehalt untersucht hat, waren
rechtshndig und sie hatten somit mit dem rechten Arm im Laufe ihres Lebens
mehr Arbeit geleistet als mit dem linken. Mhlmann ist der Meinung, da
seine Untersuchungen dafr sprechen, da die mehr arbeitenden Nervenzellen
weniger Pigment enthalten, d.h. weniger Stoffwechselprodukte anhufen, als
diejenigen Zellen, die weniger gearbeitet haben. Ohne weitere
Untersuchungen ist es nicht mglich, zu entscheiden, ob Mhlmann hier
wirklich recht hat: der Unterschied von rechts und links ist in den
Zhlungen von Mhlmann doch zu gering. Wollte man aber die Ergebnisse der
Mhlmannschen Untersuchungen auf die Nervenzellen des Gehirnes, die die
Denkarbeit leisten, bertragen, so wre hier der Sachverhalt so: Bei
manchen Leuten, bei denjenigen, die als geistig hochstehende Menschen
andauernd geistig ttig sind, werden bestimmte Nervenzellen des Gehirns
mehr Arbeit leisten als bei andern Leuten, die nicht in einem solchen Mae
geistig arbeiten. Bei den ersten werden die Denkzellen weniger Pigment
anhufen als bei den zweiten. Und darum werden die geistig arbeitenden
Menschen ihre geistige Frische lnger erhalten knnen als die andern.

    [Illustration: Abb.34. Rckenmark, aus dem Wirbelkanal
    herausprpariert. Von hinten. Man sieht bei +A+ die
    Armanschwellung, die Stelle, wo die vielen groen
    Nervenzellen liegen, welche die Muskeln des Armes regieren.
    Bei +B+ die Lendenanschwellung mit den Nervenzellen fr die
    Beinmuskeln. Nach Toldt.]

Aber auf jeden Fall darf man nicht glauben, da _jede_ vermehrte Arbeit
dahin fhren msse, da nun die Zellen, die diese Arbeiten leisten, mit
Bezug auf eine Durchsplung mit Blut besser gestellt sind als die Zellen,
die weniger Arbeit leisten. Nein, das ist nur innerhalb bestimmter Grenzen
mglich. Sobald wir den Zellen unserer Organe, sei es den Nervenzellen, die
Denkarbeit leisten, den Herzmuskelzellen, die das Blut durch die Blutgefe
treiben, den Muskeln, die mechanische Arbeit leisten, den Nierenzellen, den
Zellen der Lunge usw. eine zu groe Arbeit zumuten, der sie nicht gewachsen
sind, dann brechen sie unter der vermehrten Arbeit zusammen, wie die
Erfahrung tausendfltig lehrt. Fr alle Zellen unseres Krpers gibt es ein
zuwenig und ein zuviel an Arbeit, das ihnen ein frhes Grab grbt, und eine
bestimmte Arbeitsleistung, die ihnen am zutrglichsten ist und ihnen ein
langes und gesundes Leben sichert. Es ist das Optimum an Arbeit, wie der
wissenschaftliche Ausdruck fr diese Dinge lauten knnte. _Dieses Optimum
an Arbeit, die bestgrte Arbeitsmenge, ist das allein wirksame
Lebenselixier-- wenn man schon auf der Suche nach einem solchen ist--,
das die Wissenschaft uns zu bieten vermag._

Aber auch dieses Lebenselixier ist nicht so wirksam, da es alle Scharten
in den Nervenzellen auswetzen knnte, die das Alter in ihnen setzt. Auch
der geistig hochstehende und andauernd geistig arbeitende Mensch bt im
Alter an Geisteskraft ein. Aber gewhnlich schrauben wir unsere Erwartungen
gegenber einem Greis von 80 und 90Jahren nicht mehr so hoch und wir
schtzen darum seine Denkleistungen hher ein, als eigentlich berechtigt
wre. Das wirkliche Verhalten, sagt Ribbert, beurteilen wir richtiger,
wenn wir uns, wie wir es ja oft tun, so ausdrcken, da wir sagen, dieser
oder jener ist fr sein Alter noch merkwrdig frisch. Damit sagen wir
zugleich, da doch tatschlich schon eine Abnahme der geistigen Funktionen
bemerkbar ist. Sie laufen langsamer ab und werden einseitiger. Und diese
Verminderung der psychischen Ttigkeit fhren wir mit vollem Recht zunchst
auf die zu dieser Zeit allerdings noch nicht zu den hchsten Graden
fortgeschrittenen Vernderungen der Ganglienzellen zurck. Nimmt deren
Atrophie weiterhin immer mehr zu, so steigert sich die Abnahme der
psychischen Funktionen. Geordnetes Denken wird allmhlich unmglich, neue
Eindrcke werden nicht mehr verarbeitet, es stellt sich Gleichgltigkeit
gegen die Umgebung ein, das Gehirn vegetiert nur noch und seine Ttigkeit
erlischt allmhlich bis zum Eintritt des Todes.




10. Der Tod der Eintagsfliege.


Nach dem, was wir alles im vorigen Kapitel gehrt haben, steht eine neue
Frage vor uns: Warum sich die Schlacken in den _Nervenzellen_ eher
ansammeln als in allen andern Zellen des Zellenstaates und zu einem Berge
in ihnen anwachsen-- wie uns die Abbildungen 26, 27 u. 33 das gezeigt
haben--, so da die Nervenzellen frher als alle anderen Zellen des
Krpers im Dienst versagen.

Die Sache ist hier folgendermaen bestellt. Der Stoffwechsel der
Nervenzellen ist viel reger als der Stoffwechsel in den Zellen sonst. Ein
Gramm Hirnsubstanz verbraucht etwa dreimal so viel Sauerstoff als ein Gramm
anderer Krperzellen. So knnte es denn sein, da die Menge der Schlacken,
die im Stoffwechsel der Nervenzellen entstehen, grer ist als die der
andern Zellen im Zellenstaat, und da darum die Nervenzellen unter der Last
von Schlacken, die nicht sorgfltig genug aus ihnen herausgeschafft werden,
viel eher zusammenbrechen mssen als die andern Zellen.

Und noch eins kommt hinzu: Die Nervenzellen sind auch noch durch ihre groe
Empfindlichkeit gegenber den verschiedenen Strungen, die ihren
Stoffwechsel treffen, ausgezeichnet. Die Nervenzellen sind der +locus
minoris resistentiae+ in unserem Krper, wie Verworn einmal gesagt hat. So
wissen wir, da die Nervenzellen viel eher als die anderen Zellen des
Krpers der Wirkung von Giften unterliegen, wenn diese in den Krper
eingefhrt werden. Die Nervenzellen sind viel frher vergiftet als die
andern Zellen des Zellenstaats. Auch wissen wir, da die Nervenzellen bei
angestrengter Arbeit viel frher ermden als die andern Zellen. Alle unsere
Mdigkeit beruht zunchst auf einer Ermdung unseres Nervensystems, nicht
auf einer Ermdung unserer Muskeln. Da die Nervenzellen nach angestrengter
Arbeit viel eher mde sind als die Muskelzellen, heit aber nach dem
heutigen Stande unseres Wissens ber die Ermdung nichts anderes, als da
die Nervenzellen viel eher unter der Last von Stoffwechselprodukten
zusammenbrechen, die bei angestrengter Ttigkeit in grerer Menge als
sonst gebildet werden und nicht sorgfltig genug aus den Zellen
herausgeschafft werden knnen. Es hufen sich in ihnen Ermdungsstoffe
an, wie man sagt.

Schon aus ltern Versuchen von _Ranke_ und _Mosso_ wissen wir, da bei der
Arbeit der Muskeln Stoffwechselprodukte in ihnen gebildet werden, die, wenn
sie sich in den Muskeln anhufen, diese lhmen. _Verworn_ hat gezeigt, da
dasselbe auch fr die Zellen des Nervensystems gilt. Vergiftet man einen
Frosch mit Strychnin, so bekommt das Tier schwere Muskelkrmpfe. Nach
einiger Zeit werden die Krmpfe schwcher und nach ungefhr 20 bis
30Minuten wird das Tier unerregbar, es wird gelhmt. Aber die _Muskeln_
unseres Tiers sind noch gar nicht gelhmt: prfen wir die Erregbarkeit
eines jeden einzelnen Muskels, so berzeugen wir uns, da sie alle noch gut
erregbar sind. Nur das _Rckenmark_ ist gelhmt, das _Rckenmark_ hat zu
angestrengt gearbeitet. Nun sehen wir dem Versuch weiter zu. Verworn band
dem gelhmten Tier ein Glasrhrchen in die Aorta, in das groe Blutgef,
das vom Herzen abgeht, und verband das Glasrhrchen mit Hilfe eines dnnen
Gummischlauches mit einem Gef, das physiologische Kochsalzlsung[5]
enthielt. Die Kochsalzlsung strmt dann durch die Blutgefe unseres
Frosches. Auch wenn wir allen Sauerstoff aus der Kochsalzlsung durch
vorheriges Auskochen vertrieben haben, tut so eine Durchsplung mit
frischer Kochsalzlsung dem Tiere auerordentlich gut: der Frosch erholt
sich in wenigen Minuten und bleibt nun wieder fr einige Zeit erregbar. Er
beantwortet die Reize, z.B. das Berhren oder Kneifen der Haut, mit einer
Zuckung. Die Wirkung der Durchsplung mit der Salzlsung kann hier nur
darauf beruhen, da aus den gelhmten Zellen des Rckenmarks irgendwelche
Stoffe herausgewaschen worden sind, die an der Lhmung, an der Ermdung der
Nervenzellen schuld waren. Der Versuch sagt uns also, da bei angestrengter
Arbeit Stoffwechselprodukte oder Ermdungsstoffe sich in den Nervenzellen
anhufen, die die Zellen lhmen. Werden diese Schlacken aus den Zellen
herausgewaschen, so kehrt ihre Erregbarkeit wieder. Sie haben sich erholt.
_Hamburger_ hat vor einigen Jahren dasselbe auch fr die Flimmerzellen der
Rachenschleimhaut des Frosches nachgewiesen: auch hier hufen sich, wie
selbstverstndlich in jeder andern Zelle auch, Stoffwechselprodukte an, die
lhmend auf die Zellen wirken.

    [5] Eine physiologische Kochsalzlsung nennt man eine
    Lsung, die 7Gramm Kochsalz auf einen Liter destillierten
    Wassers enthlt. In einer solchen Salzlsung erhalten sich
    lebendige Zellen einige Zeit recht frisch, die Salzlsung
    ersetzt bis zu einem gewissen Grade (siehe im Text) das Blut.

Die Ermdungsstoffe sind Stoffwechselprodukte, wie sie auch in der Ruhe
gebildet werden-- nur werden sie bei angestrengter Arbeit in viel zu
groer Menge gebildet, um von dem Blute, auch wenn der Blutzuflu vermehrt
ist, aus den Zellen sorgfltig genug herausgewaschen zu werden. Wegen einer
berhufung mit den Ermdungsstoffen, mit den Schlacken des vermehrten
Stoffwechsels, werden also die Nervenzellen mde und ben an
Leistungsfhigkeit ein. Aber die Nervenzellen knnen bei angestrengter
Arbeit unter der Last der Ermdungsstoffe auch ganz zusammenbrechen: die
Ermdung kann so stark sein, da man infolge einer bermdung stirbt. In
diesem Falle ist der Sachverhalt beim Menschen genau so wie bei den
Pantoffeltierchen, die in dem Versuch von Ptter (vgl. S.61) in einem zu
kleinen Tropfen zusammengepfercht waren, so da sie infolge einer
berlastung mit Stoffwechselabfllen schlielich stillstanden, um sich
erst wieder zu erholen, wenn man ihnen durch bertragung in frisches Wasser
die Mglichkeit gab, den Rckstand an Schlacken wieder los zu werden. Gibt
man ihnen diese Mglichkeit nicht, dann sterben die Pantoffeltierchen
infolge der berlastung mit den Stoffwechselprodukten. Ebenso auch die
vielzelligen Tiere. Behindert man z.B. Hunde lngere Zeit am Schlafen, so
gehen sie nach einer oder zwei Wochen zugrunde. Und man findet in den
Nervenzellen solcher schlafloser Hunde Vernderungen, die darauf hinweisen,
da die Tiere infolge einer _bermdung_ der Nervenzellen gestorben sind.
Versuche, die _Piron_ und _Legendre_ in Paris vor ein paar Jahren
ausgefhrt haben, haben uns das gezeigt. Auch wir Menschen sterben, wenn
wir lange nicht geschlafen haben. Im alten China soll es eine Form der
Todesstrafe gegeben haben, die darin bestand, da man den zum Tode
verurteilten Verbrecher einige Zeit am Schlafen hinderte.

Aus diesen Tatsachen knnen wir fr ein Verstndnis des Todes eine ganze
Menge lernen. Mit vollem Recht drfen wir das Zugrundegehen der
Pantoffeltierchen im zu engen Wassertropfen beim Versuch von Ptter als ein
_schnelles_ Sterben auffassen, das sich nur _dem Grade nach_ vom langsamen
Sterben der Pantoffeltierchen in den Versuchen von Maupas und Calkins
unterscheidet, wo der Tod das Tier erst nach einer langen Reihe von
Generationen ereilt. Und genau so kann man nach unserer heutigen
wissenschaftlichen Erkenntnis ber das Sterben der vielzelligen Tiere den
natrlichen Tod des Menschen als ein langsames Sterben infolge einer
berladung der Zellen im Zellenstaat, vor allem der Nervenzellen, mit
Stoffwechselprodukten auffassen, _das sich nur dem Grade nach vom schnellen
Hinsterben infolge einer starken bermdung, z.B. bei andauerndem Wachen,
unterscheidet_.

                 *       *       *       *       *

Und jetzt mssen wir wichtiger Untersuchungen gedenken, die in jngster
Zeit _W. Harms_ in Marburg an einem kleinen Wurm aus dem Golf von Neapel
angestellt hat. Dieser einige Millimeter lange Wurm, +Hydroides pectinata+
mit Namen, besitzt, wie seine andern Wurmverwandten auch, ein Nervensystem,
das aus einigen grern Nervenknoten am Kopfende, dem sogenannten Gehirn,
und einem zarten Strickleiternervensystem besteht. Harms hatte sich zur
Aufgabe gestellt, den natrlichen Tod bei wirbellosen Tieren zu verfolgen,
und da bot sich dieser Wurm als geeignetes Material fr eine solche
Untersuchung dar, schon allein aus dem Grunde, weil er sehr anspruchslos
ist und durch uere Bedingungen nicht leicht geschdigt wird. So gedieh er
z.B. ganz munter sogar in den Abflubecken der Zoologischen Station in
Neapel. Und das Sterben, das Harms bei seinen Tieren verfolgt hat, knnen
wir ruhig als ein Sterben aus Altersschwche auffassen-- das winzige
Wrmchen wird ber ein Jahr alt.

Harms hat nun gefunden, da die ersten Vernderungen, die das Sterben des
Tieres einleiten, sich in den Nervenzellen abspielen, namentlich in
denjenigen Nervenzellen, die in dem Hirnknoten des Wurmes gelegen sind.
Zunchst erfahren diejenigen Zellen Vernderungen, von denen die Nerven zu
den Kiemen, d.h. zu den Atmungsorganen des Tieres, abgehen. Dann kommt die
Reihe an die Nervenzellen, die den Blutkreislauf und die Nierenarbeit
regulieren. Harms hat festgestellt, da diese Vernderungen sich in den
Nervenzellen schon bemerkbar machen, wenn das Tier noch am Leben ist und
nur die ersten Anzeichen des herannahenden Todes aufweist.

_So fhren uns die Beobachtungen von Harms die bedeutungsvolle Tatsache vor
Augen, da auch bei Wirbellosen das Sterben der Zellen im Zellenstaat
eingeleitet wird durch ein Versagen der Nervenzellen und vor allem
derjenigen Nervenzellen, die der Atmung und dem Blutkreislauf vorstehen._
Harms hat seine Untersuchungen an einem so groen Material
ausgefhrt--insgesamt hat er 560Tiere in Beobachtung gehabt--, da an
der Richtigkeit seiner Ergebnisse nicht gezweifelt werden kann. Und wir
drfen jetzt ganz allgemein sagen, da _der Tod der Zellen im Zellenstaat
seinen Ausgang nimmt von den Nervenzellen_.

Nach dieser Feststellung werden wir die Annahme machen mssen, da auch der
_frhe_ Tod mancher Wirbellosen-- manche Insekten, wie z.B. die
Eintagsfliege, sterben schon wenige Stunden nach dem Ausschlpfen aus der
Larve!-- bedingt wird durch eine berhufung der Nervenzellen mit
Stoffwechselprodukten. Allerdings: die Eintagsfliege und manche andere
Wirbellosen sterben so frhzeitig, da es uns auf den ersten Blick eine
widerspruchsvolle Behauptung dnkt, sie strben aus Altersschwche und da
es sich hier um eine Erscheinung handle, die dem Tod aus Altersschwche der
unvergleichlich lnger lebenden Wirbeltiere gleichzusetzen sei. Aber im
ersten Abschnitt dieses Kapitels waren wir dahin gelangt, da das Versagen
der Nervenzellen, die eine Altersatrophie erfahren haben, sich nur _dem
Grade nach_ von dem Zusammenbrechen bermdeter Nervenzellen unterscheidet.
In dem ersten Fall handelt es sich um einen in den Zellen liegenbleibenden
Rckstand an Schlacken, die den Stoffwechsel der Zellen ganz allmhlich
beeintrchtigen und zu einem Zellschwund fhren; in dem zweiten Fall
handelt es sich um eine so starke berhufung der Nervenzellen mit
Schlacken, da der Stoffwechsel schon innerhalb eines ganz kurzen
Zeitraumes eine weitgehende Strung erfhrt, wobei die Nervenzellen sehr
bald versagen und zusammenbrechen. Und der frhe Tod der Eintagsfliege hat
nichts Unverstndliches mehr fr uns: _auch die Eintagsfliege stirbt aus
Altersschwche_. Dort langsames Hinsiechen, hier schneller Tod der
Nervenzellen-- das ist der ganze Unterschied. _Ob die Eintagsfliege nur
wenige Stunden lebt, ob Insekten nur Tage und Wochen, manche Wrmer kurze
Monate, der Mensch mehrere Jahrzehnte, manche Vgel ber ein Jahrhundert
und manche Fische und Reptilien gar viele Jahrhunderte lang leben-- der
vielzellige Organismus des Tieres stirbt von den Nervenzellen aus, wobei
die Nervenzellen bei der einen Art frher, bei der andern spter unter der
Last der Stoffwechselprodukte, die sich in ihnen ansammeln und ihren
Stoffwechsel stren, zusammenbrechen. Der Mechanismus des natrlichen
Todes, des Todes aus Altersschwche ist bei den vielzelligen Tieren, die
ein Nervensystem haben, stets ein und derselbe._




11. Kopulation und Befruchtung.


Unerbittlich ringt der Tod die vielzelligen Tiere nieder...

Die befruchtete Eizelle, der Keim des werdenden vielzelligen Tieres hat
sich mehrfach geteilt, und aus der einen Keimzelle ist ein ganzer
Zellenstaat geworden, in dem jede einzelne Zelle ein Nachkomme der
Keimzelle ist. Die Zellen des Zellenstaats sterben schlielich alle-- mit
Ausnahme einer bestimmten Anzahl von Keimzellen, die in den Kindern
fortleben. Whrend bei den Einzelligen smtliche Nachkommen einer
Stammzelle, wie z.B. in den Versuchen von Woodruff, unsterblich sind, sich
weiter teilen, sind aus der Zahl der Nachkommen der Keimzelle eines
vielzelligen Tieres nur die Keimzellen unsterblich. Die Krperzellen leben
dagegen im groen Ganzen nur wenig lnger, als es fr die Brutpflege ntig
ist. Der Mohr hat seine Pflicht getan, der Mohr kann gehn...

Hier sind wir vor eine neue Frage gestellt. Das Zusammenleben der Zellen im
Zellverbande bringt es mit sich, da die Zellen der vielzelligen Tiere
sterben. Aber, wie gesagt, nicht alle Zellen des Zellenstaates sterben.
Denn die Keimzellen sind ja unsterblich: whrend der mtterliche Organismus
stirbt, leben die Nachkommen seiner Keimzellen in den Keimzellen der Kinder
und Kindeskinder fort. _Wieso kommt es nun, da bestimmte Zellen des
Zellenstaates unsterblich sind wie die unsterblichen Einzelligen?_ Hier
liegt die Sache wahrscheinlich so. Die Keimzellen werden im Zellverband
wohl genau so geschdigt wie die Zellen sonst und auch sie gehen zugrunde,
wenn der Zellverband stirbt-- mit Ausnahme derjenigen Keimzellen, die
_befruchtet_ wurden. Die mtterliche Eizelle und der vterliche Samenfaden
sind in genau derselben Lage wie das Pantoffeltierchen in den Versuchen von
Calkins, das in eine Depression verfllt und stirbt, weil es mit
Stoffwechselprodukten berladen ist, und das sein munteres Dasein wieder
beginnt, wenn ihm die Gelegenheit geboten wird, eine Vereinigung mit einem
andern Pantoffeltierchen einzugehen. _Die Befruchtung der Eizelle ist in
dieser Beziehung mit der Kopulation bei den Einzelligen identisch._ Wie die
Kopulation bei den Einzelligen das wieder gut machen kann, was die
berladung der Zellen mit Schlacken an ihnen verdorben hat, so auch die
Befruchtung. Auch hier vereinigen sich zwei Zellen, die Eizelle und die
Samenzelle, und in der Folge dieser Vereinigung gewinnt die Keimzelle die
Fhigkeit, sich zu teilen und Stammutter einer langen Reihe von
Zellgenerationen zu werden. Ihre Nachkommen sterben, weil sie im
Zellverband leben, mit Ausnahme wiederum jener Keimzellen, denen es
beschieden war, befruchtet zu werden usf. Wie gesagt: genau wie bei den
Pantoffeltierchen, wo die Nhrflssigkeit nicht hufig genug gewechselt
worden ist, jene Pantoffeltierchen, die Gelegenheit zur Kopulation bekamen,
besser davonkommen als die brigen.

Wie weit die bereinstimmung zwischen Kopulation und Befruchtung geht,
zeigen uns folgende Tatsachen. Wir haben schon einmal erwhnt, da Calkins
eine berwindung der Depression bei seinen Pantoffeltierchen nicht allein
dadurch bewerkstelligen konnte, da er ihnen Gelegenheit zur Kopulation
gab, sondern auch mit Hilfe verschiedener chemischer Reize, wie z.B. durch
Vernderungen in der Zusammensetzung der Nhrflssigkeit und mit Hilfe
mechanischer Reize, durch Schtteln des Aquariums. Der amerikanische
Physiologe _Jacques Loeb_ hat nun gezeigt, da man auch die Teilung, die
Entwicklung der _Eizelle_ zum Zellenstaat anregen kann, ohne da eine
Befruchtung stattgefunden hat. Loeb brachte Eier vom Seeigel in Seewasser,
dem kleine Mengen verschiedener chemische Stoffe wie Salze, Natronlauge
u.a., beigegeben waren. Die unbefruchteten Eier, die der Einwirkung dieser
Stoffe ausgesetzt waren, teilten sich und entwickelten sich zu
Seeigel-Larven. Die unbefruchtete Eizelle gewinnt unter dem Einflu von
Reizen die Lebensfhigkeit wieder-- genau so wie das Einzellige, das sich
in einem Depressionszustand befindet und keine Gelegenheit hat, eine
Kopulation einzugehen. _Wie fr die Kopulation, so kann auch fr die
Befruchtung irgendein Reiz eintreten._

Sehr interessant sind in dieser Beziehung auch manche Flle der in der
freien Natur vorkommenden Parthenogenese. Unter Parthenogenese, was so
viel heit wie Jungfernzeugung, versteht man die Entwicklung unbefruchteter
Eizellen, wie z.B. auch in den oben erwhnten Versuchen von Jacques Loeb.
Es ist jedem Naturforscher bekannt, da auch in der freien Natur die
Eizellen sich unter Umstnden unbefruchtet teilen und entwickeln knnen.
Allbekannt ist das Beispiel der Bienen. Hier entwickeln sich sowohl
befruchtete als unbefruchtete Eizellen. Die befruchteten Eier werden zu
Weibchen, die unbefruchteten zu Mnnchen, zu Drohnen. Wir mssen nun
annehmen, da die Entwicklung der unbefruchteten Eier bei der
Parthenogenese in der freien Natur-- genau so wie in den Versuchen von
Jacques Loeb-- durch allerlei Reize veranlat wird, die wir noch nicht
kennen. Dafr sprechen die Beobachtungen ber die Parthenogenese bei
manchen kleinen Wassertieren, z.B. bei den Rdertierchen und den
Wasserflhen. Hier entwickeln sich die Eier im Sommer, d.h. unter hherer
Temperatur, parthenogenetisch, ohne befruchtet zu werden. Dagegen knnen
die Wintereier sich nur dann entwickeln, wenn sie vorher befruchtet worden
sind. Es wirkt hier die Wrme in demselben Sinne auf die Eizelle ein wie
die Befruchtung. Wie wir schon mehrfach erwhnt haben, hat Calkins gezeigt,
da Temperatursteigerung wahrscheinlich imstande ist, den
Depressionszustand der Pantoffeltierchen zu beheben, ihnen
Teilungsfhigkeit und Lebensfhigkeit wiederzugeben, da bei den
Einzelligen Temperaturreize wohl in demselben Sinne wirksam sind wie die
Kopulation. Wir sehen, alles verdichtet sich dahin, da die Kopulation der
Einzelligen und die Befruchtung der Geschlechtszellen in mancherlei
Beziehung gleiche Dinge sind.

Die engen Beziehungen zwischen Kopulation und Befruchtung sind uns klar
geworden, nachdem wir erkannt hatten, da der Befruchtung im Leben der
Eizelle in mancherlei Beziehung dieselbe Bedeutung zukommt, wie die
Kopulation des Pantoffeltierchens, der Einzelligen: wie mit der Kopulation,
so wird auch mit der Befruchtung einem Untergang der Zelle vorgebeugt. Es
ist nun von groem Interesse, da die engen Beziehungen zwischen
Kopulation und Befruchtung auch schon allein durch das Studium der
Fortpflanzungsformen mancher Arten in wunderschner Weise aufgedeckt werden
knnen. Vergleichen wir z.B. die Fortpflanzungsverhltnisse nur innerhalb
der Gruppe der Braunalgen, so knnen wir hier eine ganz allmhliche
Herausentwicklung der Befruchtung, die auf einer Vereinigung uerlich
ungleicher Zellen-- der unbeweglichen Eizelle und der flinken
Samenzelle-- beruht, aus der Kopulation, die eine Vereinigung uerlich
gleicher Zellen ist, nachweisen.

Die Fortpflanzungszellen bei vielen Algen sind sogenannte Schwrmsporen,
sehr kleine Zellen, die mit einer oder mehreren Rudergeieln versehen sind.
Die Schwrmsporen entstehen durch Teilung aus einer Mutterzelle, die sich
statt in zwei in zahlreiche Zellen aufgeteilt hat (Abb.35+A+). Diese
Zellen sind natrlich viel kleiner als die Zellen sonst. Die ganze Schar
der kleinen Tochterzellen oder Schwrmsporen bleibt zunchst noch beisammen
innerhalb der Zellwnde der Mutterzelle, gleichsam in einem Blschen (+A+).
Dann platzt das Blschen eines schnen Tages auf (+B+), die kleinen Zellen
werden frei und schwrmen ins Wasser hinaus (+C+). Eben darum hat man sie
Schwrmsporen genannt. Nach einiger Zeit setzen sich die Schwrmsporen auf
einer Unterlage fest, wachsen heran, teilen sich und bilden schlielich
eine junge Zellkolonie, einen neuen Algenstock. Bei manchen Algen kommt es
vor, da zwei Schwrmsporen, die uerlich einander vllig gleichen, sich
miteinander vereinigen, und zu einer Zelle verschmelzen. So, wie das bei
der Kopulation der Einzelligen, wo die Zellen allerdings spter wieder
auseinander gehen, der Fall ist. Zunchst sind, wie gesagt, alle
Schwrmsporen noch einander gleich. Aber eine Braunalge hat da schon einen
Schritt zur Befruchtung gemacht: von den Schwrmsporen, die alle noch
gleich aussehen, setzen sich manche schon frhzeitig auf einer Unterlage
fest und werden von den andern beweglichen Schwrmsporen umschwrmt wie die
Eizelle von den Samenzellen (Abb.36,1), bis sich schlielich eine
freibewegliche Schwrmspore mit einer festsitzenden vereinigt hat, mit ihr
verschmolzen ist(5). Die festsitzende Schwrmspore ist das Urbild der
weiblichen Eizelle, die bewegliche Schwrmspore das Urbild der mnnlichen
Samenzelle. Bei einer andern Braunalge gibt es zweierlei Schwrmsporen, die
schon uerlich zu unterscheiden sind: groe und kleine Schwrmsporen. Die
groen setzen sich nach kurzem Schwrmen bald fest und werden von den
kleinen umschwrmt. Bei einer dritten Braunalge sind die groen
Schwrmsporen von vornherein unbeweglich. Sie sind hier schon richtige
unbewegliche Eizellen, und die kleinen freibeweglichen Schwrmsporen sind
richtige Samenzellen. So lassen sich schon innerhalb dieser einen Gruppe
von Algen die Beziehungen der geschlechtlichen Fortpflanzung zur Kopulation
in ziemlich lckenloser Weise aufzeigen.

    [Illustration: Abb.35. Schwrmsporenbildung bei der
    Braunalge +Cladostephus verticillatus+. +A+ Zellfaden, oben eine
    noch geschlossene Zelle mit zahlreichen Schwrmsporen. +B+
    Entleerung der Schwrmsporen. +A+ und +B+ ca. 230mal vergrert.
    +C+ eine einzelne Schwrmspore ca. 1600mal vergrert. (Nach
    Pringsheim, aus Straburger, Lehrbuch der Botanik.)]

    [Illustration: Abb.36. Verschmelzung von Schwrmsporen bei
    der Braunalge +Ectocarpus siliculosus+. Oben Weibliche
    Schwrmspore, von vielen mnnlichen Schwrmsporen umgeben.
    Unten allmhliche Verschmelzung einer weiblichen Schwrmspore
    mit einer mnnlichen. Vergrert. (Nach Berthold, aus
    Straburger.)]

Die Kopulation hatten wir kennen gelernt als einen Vorgang, der die
Depression und den Tod des Pantoffeltierchens behebt. Als ein solcher
Vorgang war uns schlielich auch die Befruchtung der Eizelle durch die
Samenzelle erschienen: _die Eizelle, als Zelle im Zellenstaat dem
unerbittlichen Tode geweiht, wird durch die Samenzelle zu jugendfrischem
Leben erweckt_.




12. Die Unvollkommenheit des Stoffwechsels.


Der Mechanismus des natrlichen Todes ist uns klar geworden: eine
allmhlich zunehmende Atrophie der Zellen im Zellenstaat, bedingt durch
eine Anhufung von Stoffwechselprodukten, die nicht rasch genug aus den
Zellen herausgeschafft werden und die den Stoffwechsel der Zellen stren,
bis schlielich bestimmte Zellen im Zellenstaat, an deren Mittun der
normale Ablauf des Lebens aller Zellen im Zellverband gebunden ist, im
Dienst versagen. Und es beginnt ein groes und schnelles Sterben der Zellen
des Zellverbandes.

_Das die Antwort auf die groe Frage: warum wir sterben..._

Es ist eine groe _Unvollkommenheit_ darin gegeben, da die Zellen, die im
Zellverband zusammenleben, nicht sorgfltig genug ihre Stoffwechselprodukte
nach auen abgeben knnen. Und wegen dieser Unvollkommenheit ihres
Stoffwechsels mssen die vielzelligen Tiere sterben. Das Zusammenleben der
Zellen im tierischen Zellenstaat htte vollkommener eingerichtet sein
knnen, und die vielzelligen Tiere brauchten dann vielleicht nicht zu
sterben. Behauptet man doch von manchen Baumpflanzen, sie seien
unsterblich. Jedenfalls kennt man Bume, die viele Jahrtausende alt
geworden sind. Vielleicht htte eine bessere Ausgestaltung des
Blutkreislaufes und der Atmung, die ein sorgfltigeres Herausschaffen der
Schlacken aus den Zellen des Zellverbandes ermglichte, uns unsterblich
gemacht. Was wir ber die Unsterblichkeit des Pantoffeltierchens erfahren
haben, legt uns diesen Satz in den Mund.

Und da hre ich schon ein wehmtig Klagen: warum wir nicht die
Unsterblichkeit haben, die einem winzigen Pantoffeltierchen gegeben ist!
Man fhlt sich benachteiligt gegenber einem Pantoffeltierchen.

Nun ist ja alles Wehklagen gegenber dem natrlichen Geschehen ein Unding.
Nur weil wir in Verblendung uns mit all unsern kleinen Wnschen und kleinen
Schmerzen in den Mittelpunkt der groen unendlichen Welt gesetzt haben,
glauben wir berechtigt zu sein, ber das natrliche Geschehen zu klagen, es
gewissermaen zur Verantwortung zu ziehen vor Zwecken, die wir selber
setzen. Aber auch wenn wir uns auf den Standpunkt stellen wollten--die
Geschmcke sind ja sehr verschieden--, da es uns Menschen zusteht, unser
Gutachten ber die Einrichtungen der Natur abzugeben, auch dann htten wir
keinen Anla darber zu klagen, wir wren gegenber den Einzelligen im
Nachteil, indem wir aus Unvollkommenheit unseres Stoffwechsels alt werden
und sterben mssen. Halten wir uns vor, was die Unsterblichkeit der
Einzelligen fr das Einzelwesen, fr jedes einzelne Pantoffeltierchen
bedeutet. Die Mutterzelle teilt sich in zwei Tochterzellen. Die Mutterzelle
geht in den zwei Tochterzellen ganz auf, _das individuelle Dasein der
Mutterzelle hrt auf_. Aber es hrt auf ohne Leichenbildung-- in diesem
Sinne nur sind die Einzelligen unsterblich. Und die sterblichen,
vielzelligen Tiere, wie ist es um sie bestellt, wenn die Eltern Nachkommen
das Leben schenken? Der mtterliche und der vterliche Zellenstaat geben
bei der Fortpflanzung nur einen kleinen Bruchteil von ihrem Krper her. Sie
gehen _nicht ganz_ in ihren Nachkommen auf und sie _berleben_ als
Individuen die Geburt ihrer Nachkommen. Also sind die vielzelligen
Organismen gegenber den Einzelligen nicht im Nachteil, sondern im Vorteil:
die vielzelligen Organismen haben vor den Einzelligen das voraus, da bei
ihnen die Geburt der Nachkommen nicht das Aufhren der individuellen
Existenz des elterlichen Organismus bedeutet. Gewi, es ist eine
Unvollkommenheit darin gegeben, da dieses berleben ein endliches ist,
da die Eltern nicht unendlich lange leben. Aber es ist anderseits doch ein
groes Geschenk der Natur, da der elterliche Organismus befhigt wird, die
Geburt der Nachkommen zu berleben...

Die Erkenntnis, da wir den unsterblichen Einzelligen doch in einem voraus
sind, in der Mglichkeit, die Geburt der Nachkommen zu berleben und damit
die junge Brut zu pflegen, mu es uns leichter machen, die Unvollkommenheit
unseres Stoffwechsels zu tragen, die uns den Tod bringt.

Aber doch: bedauerlich ist's, da man nicht unendlich lange leben kann. Wer
von uns htte nicht manchmal den Einfall gehabt, es wre doch halt so
schn, viel hundert Jahre zu leben-- aus _Neugierde_ blo, was da auf
Erden noch alles kommen werde und wie Menschen und Dinge mit allem drum und
dran so nach fnfhundert Jahren ausschauen drften. Was nicht alles in
diesen langen Jahren noch kommen mag: es gibt vielleicht keinen Trkenknig
mehr, ein Pipin regiert vielleicht wieder ber die Franken, und man schiet
nicht mehr mit Schiepulver, sondern pustet auf den Feind einfach giftige
Gase aus, die ein Chemiker-- was kann nicht alles ein Chemiker!--
erfunden hat. Wr's da nicht eine Lust, noch einige hundert Jahre zu leben?

Nun haben die Menschen in der Wissenschaft schon so viel erreicht, da
mancher wohl auf den Gedanken kommen mchte, man mte doch schlielich ein
Mittel finden, das wieder gut zu machen, was Mutter Natur an uns so
schlecht, so unvollkommen eingerichtet. Man mte doch ein Lebenselixier
finden knnen, das auf die Zellen unseres Krpers so wirkte, da sie wieder
jugendfrisch und verjngt dastnden. Im Grunde genommen ist ein solcher
Anspruch an die Wissenschaft wohl berechtigt-- wenn es auch schon sehr
schwer fallen drfte, dieses Mittel zu finden. Metschnikoffs saure Milch--
und auch die nach bulgarischer Art-- ist es jedenfalls nicht. Die saure
Milch soll ja auch nach Metschnikoff nur das wieder gut machen, was die
Darmbakterien in unserem Krper verderben. Die Unvollkommenheit des
Stoffwechsels, die auf dem schlecht eingerichteten Zusammenleben der Zellen
im Zellenstaat beruht, bleibt dabei bestehen und wir mssen doch sterben.

Einstweilen also haben wir das Lebenselixier noch nicht und wir sind in
bser Klemme. Den letzten Trkenknig erleben wir nicht.

In der Not ist guter Rat teuer. Und den will ich geben-- sogar umsonst.

Die wenigsten Menschen sterben heute aus Altersschwche, weil tausend
_Schdlichkeiten_ auf den Menschen einwirken. Die Menschen gehen heute zu
frh ins Grab, weil sie in schlechten Wohnungen hausen, schlecht essen und
abgehrmte Arbeitssklaven sind. Das sind schon Dinge von viel greifbarerer
Natur als die Darmbakterien und die Unvollkommenheiten des Stoffwechsel.
_Da_ gehet hin und greifet zu. Das ist mein guter Rat-- kurz gesagt, aber
lang getan.

_Folgte man aber diesem guten Rat: man lebte dahin seine siebenzig, achtzig
und hundert Jahr, heitern Gemtes, auf ein arbeitsfrohes Leben
zurckschauend, an den Jungen sich erfreuend, die man ins heitere Leben
gefhrt, und die Zeit wre dann da, wo die Menschen wohl erlernten, die
schnsten Feste zu weihen, wo ihnen wre der Tod ein Fest._




Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart

Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und damit
die Freude an der Natur und das Verstndnis ihrer Erscheinungen in den
weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten.-- Dieses Ziel glaubt die
Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher Literatur zu
erreichen mittels des

  #Kosmos#, Handweiser fr Naturfreunde
  Jhrlich 12 Hefte. Preis M 2.80;

ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfater, im guten
Sinne gemeinverstndlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es
erscheinen im Vereinsjahr 1914 (nderungen vorbehalten):

  #W. Boelsche, Wanderung der Tiere in der Urwelt.#
  Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h.W.

  #Dr. Kurt Floericke, Auslndische Fische.#
  Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h.W.

  #Dr. Alexander Lipschtz, Warum wir sterben.#
  Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h.W.

  #Arno Marx, Hochzucht.#
  Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h.W.

  #Oskar Nagel, Romantik der Chemie.#
  Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h.W.

Diese Verffentlichungen sind durch _alle Buchhandlungen_ zu beziehen;
daselbst werden Beitrittserklrungen (Jahresbeitrag nur M4.80) zum
#Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde# (auch nachtrglich noch fr die
Jahre 1904/13 unter den gleichen gnstigen Bedingungen), entgegengenommen.
(Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen Werke usw. siehe am
Schlusse dieses Werkes.)

Geschftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.





Naturwissenschaftliche Bildung ist die Forderung des Tages!


Zum Beitritt in den Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, laden wir

                         alle Naturfreunde

jeden Standes, sowie alle _Schulen, Volksbchereien, Vereine usw._ ein.--
Auer dem geringen

                   _Jahresbeitrag von nur M4.80_

(Beim Bezug durch den Buchhandel 20Pf. Bestellgeld, durch die Post Porto
besonders.)

= K5.80 h.W.= Frs6.40 erwachsen dem Mitglied #keinerlei#
Verpflichtungen, dagegen werden ihm folgende _groe Vorteile geboten_:

Die Mitglieder erhalten laut 5 als Gegenleistung fr ihren Jahresbeitrag
im Jahre 1914 #kostenlos#:

I. Die Monatsschrift Kosmos, Handweiser fr Naturfreunde. Reich
illustr. Mit mehreren Beiblttern (siehe S.3 des Prospektes). Preis
fr Nichtmitglieder M2.80.

II. Die ordentlichen Verffentlichungen.

Nichtmitglieder zahlen den Einzelpreis von M1.-- pro Band.

  Wilhelm Boelsche, Tierwanderungen in der Urwelt.
  Dr. Kurt Floericke, Meeresfische.
  Dr. Alexander Lipschtz, Warum wir sterben.
  Dr. Fritz Kahn, Die Milchstrae.
  Dr. Oskar Nagel, Die Romantik der Chemie.

nderungen vorbehalten. (Nheres wird im Kosmos-Handweiser bekanntgegeben.)

III. Vergnstigungen beim Bezuge von hervorragenden naturwissenschaftlichen
Werken (siehe Seite7 des Prospektes).

>>>> _Jede Buchhandlung_ nimmt Beitrittserklrungen entgegen und besorgt
die Zusendung. Gegebenenfalls wende man sich an die Geschftsstelle des
Kosmos in Stuttgart.

Jedermann kann jederzeit Mitglied werden.
Bereits Erschienenes wird nachgeliefert.




Satzung


 1. Die Gesellschaft Kosmos (eine freie Vereinigung der Naturfreunde auf
geschftlicher Grundlage) will in erster Linie die Kenntnis der
Naturwissenschaften und damit die Freude an der Natur und das Verstndnis
ihrer Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten.

 2. Dieses Ziel sucht die Gesellschaft zu erreichen: durch die Herausgabe
eines den Mitgliedern #kostenlos# zur Verfgung gestellten
naturwissenschaftlichen Handweisers (5); durch Herausgabe neuer, von
hervorragenden Autoren verfater, im guten Sinne gemeinverstndlicher Werke
naturwissenschaftlichen Inhalts, die sie ihren Mitgliedern #unentgeltlich#
oder zu #einem besonders billigen Preise# zugnglich macht, usw.

 3. Die Grnder der Gesellschaft bilden den geschftsfhrenden Ausschu,
den Vorstand usw.

 4. #Mitglied kann jeder werden#, der sich zu einem Jahresbeitrag von
M4.80 = K5.80h.W. = Frs6.40 (exkl. Porto) verpflichtet. Andere
Verpflichtungen und Rechte, als in dieser Satzung angegeben sind erwachsen
den Mitgliedern nicht. Der Eintritt kann #jederzeit# erfolgen; bereits
Erschienenes wird nachgeliefert. Der Austritt ist gegebenenfalls bis
1.Oktober des Jahres anzuzeigen, womit alle weiteren Ansprche an die
Gesellschaft erlschen.

 5. Siehe vorige Seite.

 6. Die Geschftsstelle befindet sich bei der #Franckh'schen
Verlagshandlung, Stuttgart#, Pfizerstrae5. Alle Zuschriften, Sendungen
und Zahlungen (vgl. 5) sind, soweit sie nicht durch eine Buchhandlung
Erledigung finden konnten, dahin zu richten.

                 *       *       *       *       *

Kosmos

Handweiser fr Naturfreunde

Erscheint jhrlich zwlfmal-- 2 bis 3 Bogen stark-- und enthlt:

#Originalaufstze# von allgemeinem Interesse aus smtlichen Gebieten der
Naturwissenschaften. Reich illustriert.

#Regelmig orientierende Berichte# ber Fortschritte und neue Forschungen
auf allen Gebieten der Naturwissenschaft.

#Auskunftsstelle-- Interessante kleine Mitteilungen.#

#Mitteilungen ber Naturbeobachtungen#, Vorschlge und Anfragen aus dem
Leserkreise.

#Bibliographische Notizen# ber bemerkenswerte neue Erscheinungen der
deutschen naturwissenschaftlichen Literatur.





End of Project Gutenberg's Warum wir sterben, by Alexander Lipschtz

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WARUM WIR STERBEN ***

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


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works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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