The Project Gutenberg EBook of Heilige Zeiten, by Ludwig Speidel

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Title: Heilige Zeiten
       Weihnachtsbltter

Author: Ludwig Speidel

Release Date: February 17, 2009 [EBook #28100]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                            Heilige Zeiten

                          _Weihnachtsbltter_

                                  von

                            Ludwig Speidel


                                 1911
                          Bei Meyer & Jessen
                               _Berlin_


                            Neuntes Tausend




Vorbemerkung


Die folgenden Aufstze sind alle aus der erhhten Familienstimmung des
groen Kindertages entstanden, alle fr Weihnachten geschrieben
worden. Nicht gerade in kirchlichem Geiste. Aus gut katholischem Hause,
war Ludwig Speidel fr die eigene Person in keiner der anerkannten
Konfessionen unterzubringen. Der offizielle Gottesglaube hielt sich
nicht lange in seiner jugendlichen Seele, und der Himmel, wie er gleich
im ersten Aufsatz erklrt, hatte sich ihm frhzeitig zu einem
unendlichen Spielraum natrlicher Krfte erweitert. Man wird also in
diesen Heiligen Zeiten manchen unheiligen Gedanken zu lesen bekommen,
schlielich aber doch den Eindruck davontragen, da dieses Bchlein ganz
durchweht ist von einem tief religisen Gefhl, das nur an ein
bestimmtes Glaubensbekenntnis sich schlechterdings nicht binden lt.
Wir gewinnen hier Einblick in die Schtze eines echt frommen Gemtes.
Meister Ludwig war kein Mann der flssigen Rede, keiner von jenen, die
ihr schnes Herz selbstgefllig auf der flachen Hand tragen. Was ihn am
mchtigsten bewegte, davon schwieg er am beharrlichsten, als frchtete
er, seine Empfindung knnte durch das ausgesprochene Wort entweiht
werden. Hin und wieder blo -- und dies eben waren seine heiligen
Zeiten -- bermannte ihn der Drang, seinen Lieben mitzuteilen, was sie
ihm galten. Auch dann sagte er es ihnen nicht ins Gesicht, auch dann
bertrug er sein Persnlichstes ins Allgemeine, schrieb ber die Frauen
berhaupt, ber die Kinder im weitesten Umkreis, so innig freilich und
mit so tief heraufgeholten Herzenstnen, da man wohl merkte, wie hier
die Liebe zu der eigenen Frau, zu den eigenen Kindern zwischen den
Zeilen mitklang. Dieser persnliche Einschlag verlieh solchen
Aufzeichnungen ihren wundersamen Reiz, ihre anheimelnde Wrme, ihren
auerordentlichen Erfolg. Ein Weihnachtsblttchen von Ludwig Speidel!
Mancher Wiener drfte sich erinnern, wie man sich einst alljhrlich auf
dieses Christgeschenk freute, mit welcher Andacht man Satz um Satz die
seltene Gabe verkostete, und wir sind berzeugt, die jngeren Leser von
heute werden jene lteren nicht Lgen strafen.

_Wien_, im November 1910.

                                          _Der Herausgeber._




Inhalt


Zu Weihnachten                               1

Einsame Spatzen                             12

Alte Mdchen                                17

Frauenalter                                 23

's Rickele von Munterkingen                 29

Die Kunst, arm zu werden                    43

Zwei Kinder                                 49

Ohne Mutter                                 58

Mutter und Kinder                           64

Aus der Kinderwelt                          70

Aus der Kinderstube                         79

Mrchenhaftes                               87

Spiegelbilder                               94

Das Ammergauer Krippenspiel                101

Das Heimatsgefhl der Brder Grimm         114




Zu Weihnachten


Ich habe viele Weihnachtsbume gesehen in meinem Leben, aber keiner
gefiel mir so gut und gefllt mir mit jedem Jahre besser, als der Baum,
den ich meinen Kindern aufrichte. Gewi waren es selige Tage, da man mit
seinem kleinen kindlichen Herzen noch an Wunder und Zeichen glaubte, wo
im Advent noch Engel an die Fenster pochten und in der Stube, durch
welche sie geflogen, Tannenzapfen und Stcke von Rauschgold
zurcklieen, bis endlich das Knblein von Bethlehem als Heiland der
kleinen Kinder sich persnlich ins Haus bemhte, um mit freigebiger Hand
die Flle seiner Gaben auszubreiten. Freilich hielt solche arglose
Glubigkeit, zumal in Lndern mit Schulzwang, nicht lange vor. Der
Schulmeister ist der geborene Feind jeder Romantik und sein ABC die
schwarze Kunst, welche Himmel und Hlle zwingt. Wie tief mute der
unbeschrnkte Kredit, den man der alten Firma Gott Vater, Sohn und
Heiliger Geist geschenkt, erschttert werden, wenn eines schnen
Weihnachtsabends ein freches Schuljungen-Auge an dem ledernen Hanswurst
den Preiszettel mit dem Stempel: Simon Mayer und Sohn entdeckte und
entzifferte? Wer lesen kann, ist schon halb des Teufels, und vollends
wer schreibt, der gehrt ihm mit Haut und Haar. Und doch wandelt uns die
Aufklrung nicht vllig um, denn whrend sie uns die unklaren
Vorstellungen zerstrt, rhrt sie kaum an die dunklen Empfindungen, aus
welchen jene Vorstellungen hervorgegangen. Sie nimmt den Zahn und lt
die Wurzeln stehen. So kann es denn auch geschehen, da sonst nchterne
Mnner, die bereits das Schwabenalter berschritten haben und dem
kirchlichen Weihrauch grndlich abhold sind, durch den Duftfaden einer
ausgelschten Wachskerze oder den Geruch eines angebrannten Tannenwedels
in eine Strmung des Empfindens hineingezogen werden, die sich von dem
Ergusse religiser Gefhle nicht allzu weit entfernt. Und solche
Gefhlsweise begleitet uns in die Fremde und erwacht hier um die
Weihnachtszeit mit doppelter Lebendigkeit. Der Weihnachtsbaum der Fremde
findet uns als ein sehnsuchtsvolles, dummes Kind. Kein trbseligeres
Los, als in fremder Stadt die Gassen einsam durchwandeln und ohne
gemtliche Beziehung mit ansehen zu mssen, wie in den Fenstern ein Baum
nach dem andern aufleuchtet und wieder finster wird, als ob uns das
alles nichts anginge. Daher segnen wir die guten Menschen, die den
Junggesellen an ihrer Weihnachtsfreude teilnehmen lassen, ihm auf
Augenblicke eine Familie vortuschen. Wohl wird ihm die Tuschung
fhlbar werden, und seine Gedanken werden, die Illusion der Gegenwart
berspringend, zurckschweifen in die Kindheit und das Elternhaus; er
gedenkt vielleicht einer geliebten toten Mutter, eines alternden Vaters,
der Geschwister, die Liebe oder anderes Schicksal nach allen Winden
zerstreut hat. Anders als frher treffen sein Auge die funkelnden
Lichter des grnen Lustbaumes; sie brechen sich in dunkleren Farben
nach innen, der Ernst des Lebens, seine wechselnden Geschicke tauchen am
Horizont der Seele auf. Er ist nicht mehr Kind, und er hat noch keine
Kinder. Erst wenn er das geliebte Weib heimgefhrt, wenn sie ihm Pfnder
der Liebe geschenkt, dann blht ihm eine zweite Jugend zu, und er wird
wieder mit vollem Verstndnis vor dem Weihnachtsbaum stehen. Die Welt
ist ihm freilich mittlerweile klar geworden. Der Himmel hat sich ihm zu
einem unendlichen Spielraum natrlicher Krfte erweitert, aber lchelnd
und nicht ohne Rhrung sieht er die religisen Vorstellungen als
Spielzeug in den Hnden seiner Kleinen. Den Weihnachtsbaum durch die
Augen dieser kleinen Weltbrger zu betrachten, ist das seligste
Vergngen, und darum gefllt mir von allen Weihnachtsbumen gerade der
Baum am besten, den ich meinen Kindern aufrichte.

Ja, Weihnachten ist der groe Kindertag des Jahres, und es ziemt sich
wohl eine Betrachtung darber, was uns diese kleinen Geschpfe sind. Ich
mchte Frauen darber befragen, denn sie stehen den Kindern um so viel
nher als wir, da wir doch immer ein wenig uns hnlich ausnehmen, wie
der gute Joseph, der die Gruppe der heiligen Familie bilden hilft. Aber
vielleicht stehen die Frauen den Kindern allzu nahe, sind in einem
gewissen Sinne selbst zu viel Kinder, als da sie ber ihre eigene Sache
beredsam werden knnten. Der Mann nimmt sich auch hier wie anderwrts
das Wort heraus. Nun sprudeln dem Manne zwei lebendige Quellen der
Verjngung: die Frauen und die Kinder, zu welchen ich als dritte noch
die Tiere, als die ewig minderjhrigen Geschwister des Menschen, zhlen
mchte. Die Frauen zu preisen, zu wiederholen, da sie die geborene
Liebe und Anmut, da sie Heldinnen sind im Ertragen von Leiden und in
der selbstlosen Hingabe und Aufopferung, wre ein eitles Beginnen, da
der Preis der Frauen durch alle Zeiten und Zungen klingt und die Poeten
heute wie gestern nicht mde werden, die bezauberndste Erscheinung der
Natur in zarten Worten und Weisen zu feiern. Das Kind aber sitzt wie ein
neuer Schmuck und Reiz der Weiblichkeit auf dem Schoe der Mutter, und
selten nimmt es der Dichter von diesem seligen Ruhesitz auf, um es in
die Arme zu schlieen und es zu herzen und zu kssen. Und doch, welche
Macht bt solch kleines Gewchs ber uns aus, wie greift es ein in den
Gang unseres Lebens! Es ist die hochmtigste Tuschung, wenn wir uns
erhaben dnken ber diese zapplige, vielbegehrliche Brut, denn wenn wir
es genau berschlagen, sind wir in den meisten Fllen die Kinder unserer
Kinder, wenn nicht noch schlimmer, ihre Narren. Wir glauben Kinder zu
machen und werden von ihnen gemacht, wir glauben Kinder zu erziehen und
werden von ihnen erzogen. Und dies letztere zwar in einem ganz guten
Sinne. In unsere knstlichen Verhltnisse hinein wird uns pltzlich ein
so kleiner Naturbursche geboren. Wie nackt, wie ungezogen, wie
unschicklich nach unserem verfeinerten Begriffe ist solch ein
Persnchen, wie eigensinnig, wie despotisch macht es seine Wnsche
geltend! Von der Brust der Mutter nimmt es Besitz wie von einem ewigen
Menschenrechte und erfllt die Luft mit einem Geschrei, als ob auer ihm
kein Mensch auf der Welt wre. Aber eben dieses unwidersprechliche
Gebahren macht uns dieses kleine Ding lieb und wert; es tritt uns als
eine Natur entgegen, als ein gebieterischer Wille, dessen Vernunft wir
einsehen. Wie sich in diesem anfangs blinden Willen die Geisteskrfte
regen, wie das Auge sehend wird, das Ohr hrend, und wie der Wunsch nach
und nach das Wort findet, das ist mit jedem neugeborenen Kinde ein neues
Wunder und fr den liebend beobachtenden Menschen ein Schauspiel, dessen
Reize sich niemals erschpfen. Diese geschlossen und sicher vordringende
Natur des Kindes und diese liebevolle Versenkung in sein Wesen machen
die Tatsache begreiflich, da nach dem Urteile der Eltern jedes Kind das
schnste und gescheiteste ist. Auch der gemeine Mann sprt aus dem Kinde
die aus einer ungeschulten, unzerstreuten Natur entspringende Genialitt
heraus, und den Nchternsten macht sein kleines Mdchen, das nach dem
Monde greift, auf Augenblicke zum Poeten. Die Kinder machen und erhalten
uns jung, und selbst der Kummer und die Sorgen, die sie uns bereiten,
idealisieren unser Leben.

Wenn wir daher Weihnachtsbume aufputzen und sie mit Lichtern
bestecken, so tragen wir unseren kleinen Erziehern in gewissem Sinne den
Zoll unseres Dankes ab. Ich mchte heute in viele Fenster hineinsehen
und den Wetteifer des Glckes auf den Gesichtern der Kleinen und Groen
lesen; den lrmenden Drang in kindervollen Stuben mchte ich belauschen,
wie die stillere Seligkeit von Eltern, die nur ein einziges Kind -- ein
zitterndes Glck -- ihr eigen nennen. An kranke Kinder darf ich gar
nicht denken zur Weihnachtszeit, noch weniger mag ich mir vorstellen,
da der Tod irgendwo angeklopft und ein junges Seelchen flgge gemacht
hat. Ich kann keinen Trost bringen, wo ich ihn selbst entbehren mte.
Aber eurer mchte ich gedenken, ihr gedrckten Wesen, die ihr den hellen
Schein der Kerzen scheut und euch in einen Winkel des Zimmers drckt.
Was ist es denn, das euch Kmmernis bereitet? Da du auf dem linken Bein
ein wenig hinkst, du guter Junge, la dich's nicht anfechten; deine
Beine sind gerade genug, um deine Pflicht zu tun. Und du, mit deinen
blonden Zpfen, du verstndiges Gesicht, grme dich nicht allzusehr, da
dir die eine Schulter verschoben ist; du hast Humor und zugreifendes
Geschick, du wirst geraden Schultern zum Trotz einst als guter Geist des
Haushaltes walten. Ihr werdet zutraulicher, ihr Bresthaften, und kommt
alle nach und nach aus dem Winkel hervor. Seht, ich habe nichts, euch zu
trsten, als guten Willen und gute Worte. Sind wir im allgemeinen
Ebenbilder Gottes, so zeigt sich in euch der verstauchte, der verrenkte
Gott. Er ertrgt es, und ihr solltet es nicht ertragen knnen? Wollt
ihr aber wissen, welche kstlichen Geheimnisse ihr in euren bresthaften
Gliedmaen berget, so will ich euch ein Mrchen erzhlen, welches so
wahr ist wie das groe Mrchen von der Weltschpfung und Weltregierung,
und vielleicht wahrer, weil es sich einfach als Mrchen gibt. Zwar nicht
ich selbst, so sehr ich es wollte, habe dieses Mrchen erfunden, sondern
ein anderer deutscher Mann, der im jngsten groen Vlkerkampfe vor
Paris gelegen und in den Muestunden, die ihm seine harte Arbeit lie,
ein Bndchen Trumereien an franzsischen Kaminen fr Weib und Kinder
zusammengeschrieben hat. Ein junger Doktor der Weltweisheit aus Schwaben
hat dieses kleine Buch meinen Kindern im vorigen Sommer als Gastgeschenk
zurckgelassen. 's ischt a schn's Bchle, sagte er in seiner
traulichen Mundart, fr das ich begeischtert bin, und fr das ich von
jedem rechtschaffenen Menschen Begeischterung fordere. Ich lie es mir
von meinen Kindern vorlesen, und so ist mir das Buch, in welchem neben
dem sinnigen Menschen ein arger Schalk steckt, recht ans Herz gewachsen.
Ich versprach also meiner lieben Gemeinde von bresthaften Kindern, ein
Mrchen daraus mitzuteilen, mu jedoch frher von ihr Abschied nehmen,
denn wer wollte mich noch lesen, wenn der Dichter gesprochen hat? Auch
frchte ich einen Regen und trbe Augen und mag nicht gern dabei sein,
wenn Menschen gerhrt sind. Das schne Mrchen heit also und lautet:


Das kleine bucklige Mdchen.

Es war einmal eine Frau, die hatte ein einziges Tchterchen, das war
sehr klein und bla und wohl etwas anders wie andere Kinder. Denn wenn
die Frau mit ihm ausging, blieben oft die Leute stehen, sahen dem Kinde
nach und raunten sich etwas zu. Wenn dann das kleine Mdchen seine
Mutter fragte, weshalb die Leute es so sonderbar anshen, entgegnete die
Mutter jedesmal: Weil du ein so wunderhbsches neues Kleidchen anhast.
Darauf gab sich die Kleine zufrieden. Kamen sie jedoch nach Hause
zurck, so nahm die Mutter ihr Tchterchen auf die Arme, kte es wieder
und immer wieder und sagte: Du lieber, ser Herzensengel, was soll aus
dir werden, wenn ich einmal tot bin? Kein Mensch wei es, was du fr ein
lieber Engel bist, nicht einmal dein Vater!

Nach einiger Zeit wurde die Mutter pltzlich krank, und am neunten Tage
starb sie. Da warf sich der Vater des kleinen Mdchens verzweifelt auf
das Totenbett und wollte sich mit seiner Frau begraben lassen. Seine
Freunde jedoch redeten ihm zu und trsteten ihn; da lie er es, und nach
einem Jahre nahm er sich eine andere Frau, schner, jnger und reicher
als die erste, aber so gut war sie lange nicht.

Und das kleine Mdchen hatte die ganze Zeit, seit seine Mutter gestorben
war, jeden Tag von frh bis abends in der Stube auf dem Fensterbrett
gesessen; denn es fand sich niemand, der mit ihm ausgehen wollte. Es
war noch blsser geworden, und gewachsen war es in dem letzten Jahre gar
nicht.

Als nun die neue Mutter ins Haus kam, dachte es: Jetzt wirst du wieder
spazieren gehen, vor die Stadt, im lustigen Sonnenschein auf den
hbschen Wegen, an denen die schnen Strucher und Blumen stehen, und wo
die vielen geputzten Menschen sind. Denn es wohnte in einem kleinen,
engen Gchen, in welches die Sonne nur selten hineinschien; und wenn
man auf dem Fensterbrett sa, sah man nur ein Stckchen blauen Himmels,
so gro wie ein Taschentuch. Die neue Mutter ging auch jeden Tag aus,
vormittags und nachmittags. Dazu zog sie jedesmal ein wunderschnes
buntes Kleid an, viel schner als die alte Mutter je eins besessen
hatte. Doch das kleine Mdchen nahm sie nie mit sich.

Da fate sich das letztere endlich ein Herz, und eines Tages bat es sie
recht instndig, sie mchte es doch mitnehmen. Allein die neue Mutter
schlug es ihr rund ab, indem sie sagte: Du bist wohl nicht recht
gescheit! Was sollen wohl die Leute denken, wenn ich mich mit dir sehen
lasse? Du bist ja ganz bucklig. Bucklige Kinder gehen nie spazieren, die
bleiben immer zu Hause.

Darauf wurde das kleine Mdchen ganz still, und sobald die neue Mutter
das Haus verlassen, stellte es sich auf einen Stuhl und besah sich im
Spiegel; und wirklich, es war bucklig, sehr bucklig! Da setzte es sich
wieder auf sein Fensterbrett und sah hinab auf die Strae, und dachte
an seine gute alte Mutter, die es doch jeden Tag mitgenommen hatte. Dann
dachte es wieder an seinen Buckel:

Was nur da drin ist? sagte es zu sich selbst, es mu doch etwas in so
einem Buckel drin sein.

Und der Sommer verging, und als der Winter kam, war das kleine Mdchen
noch blsser und so schwach geworden, da es sich gar nicht mehr auf das
Fensterbrett setzen konnte, sondern stets im Bett liegen mute. Und als
die Schneeglckchen ihre ersten grnen Spitzchen aus der Erde
hervorstreckten, kam eines Nachts die alte gute Mutter zu ihm und
erzhlte ihm, wie golden und herrlich es im Himmel ausshe.

Am andern Morgen war das kleine Mdchen tot.

Weine nicht, Mann! sagte die neue Mutter; es ist fr das arme Kind so
am besten! Und der Mann erwiderte kein Wort, sondern nickte stumm mit
dem Kopfe.

Als nun das kleine Mdchen begraben war, kam ein Engel mit groen,
weien Schwanenflgeln vom Himmel herabgeflogen, setzte sich neben das
Grab und klopfte daran, als wenn es eine Tr wre. Alsbald kam das
kleine Mdchen aus dem Grabe hervor, und der Engel erzhlte ihm, er sei
gekommen, um es zu seiner Mutter in den Himmel zu holen. Da fragte das
kleine Mdchen schchtern, ob denn bucklige Kinder auch in den Himmel
kmen. Es knne sich das gar nicht vorstellen, weil es doch im Himmel so
schn und vornehm wre.

Jedoch der Engel erwiderte: Du gutes, liebes Kind, du bist ja gar
nicht mehr bucklig! und berhrte ihm den Rcken mit seiner weien Hand.
Da fiel der alte garstige Buckel ab wie eine groe hohle Schale. Und was
war darin?

Zwei herrliche, weie Engelflgel! Die spannte es aus, als wenn es schon
immer fliegen gekonnt htte, und flog mit dem Engel durch den blitzenden
Sonnenschein in den blauen Himmel hinauf. Auf dem hchsten Platze im
Himmel aber sa seine gute alte Mutter und breitete ihm die Arme
entgegen. Der flog es gerade auf den Scho.

  (Am 25. Dezember 1872)




Einsame Spatzen


Es gibt einen grauen Vogel mit scharfen Augen und spitzem Schnabel, der
in der Naturgeschichte des Volkes der einsame Spatz genannt wird, und
der trotz seines angriffigen Wesens eine Flle von Gesang und Wohllaut
in sich birgt. Er hat es gerne, wenn er gereizt wird, ja gerade der
Herausforderung gegenber, der er sich mit Vergngen stellt, schlgt er
seine tapfersten Tne und kecksten Weisen an. Will man ihn aber besser
und ganz kennen lernen, so mu man sich in einen Hinterhalt stellen, ihn
belauschen. Ferner Lrm, zumal das wunderlich zusammengesetzte
Weltgerusch, in welchem hinter dem Wagengerassel alle Freuden und
Leiden der Kreatur nachhallen, regt ihn an, macht ihn mitteilsam. Dann
zieht er wundersame Klangfden aus seiner Kehle, mit den Umfang seiner
Stimme, ergeht sich, alle Strkegrade des Tones versuchend, im Flstern,
im Anschwellen, im Schmettern, und indem er sich in seinem eigenen
Gesange berauscht, scheint er mit sich selbst zu wetteifern. Die Welt,
von der ihn sein Kfig trennt, blht in seinen Liedern auf.

Der graue Vogel, den wir an die Wand gemalt, treibt auch in der
menschlichen Gesellschaft sein Wesen. Wir brauchen ihn nicht zu nennen,
es nennt ihn sofort jeder selbst: der Junggeselle, der Hagestolz. Wir
meinen natrlich nicht die Junggesellen, die, nur sich selbst kennend,
zu Egoisten versteinert sind, noch jene Hagestolzen, die, als wahre
Familienverderber, sich in ein fremdes Nest setzen und sich an einem
Feuer wrmen, das ein anderer angezndet hat. Die Junggesellen, die wir
meinen, sind vielmehr jene redlichen Leute, welche, durch Migeschick
oder Ungeschick vereinsamt, die Bestimmung des Menschen nur einseitig
haben erfllen knnen und diese Halbheit zeitlebens als einen Mangel
fhlen. Um es kurz zu sagen: ihrem Leben fehlt das Weib, das Kind, mgen
sie es nun eingestehen oder in unbewachten Augenblicken nur sich selbst
bekennen. Kein Wunder daher, da die groen allgemeinen Familienfeste,
die der Jahreslauf mit sich bringt, fr sie die schlimmsten Tage sind.
Besonders zu Weihnachten, wenn der grne Wald ins Haus wchst und die
groen Kinderaugen noch heller leuchten, als die Wachskerzen auf den
herabnickenden Tannenzweigen, wird diesen verlassenen Menschen weh ums
Gemt, und sie fhlen es strker als je, da sie bei solchen
Gelegenheiten, wo selbst auf die Dienstmagd ein Strahl des allgemeinen
Glckes fllt, so recht vor der Tr stehen. Und niemand mge es
versuchen, einen Junggesellen an einem solchen Tage zu trsten. Der
echte Junggeselle will nicht getrstet sein, er will, einmal
unglcklich, auch den Genu seines Unglcks haben. Wenn er merkt, da
der Weihnachtsbaum angezndet wird -- die Helligkeit beit ihm in die
Augen -- schleicht er die Gassen entlang und verschwindet in einem Hause,
von dessen Tor herab ein Tannenzweig die Vorbergehenden grt. Es ist
eine Weinstube.

Der verstimmte Weltflchtling setzt sich in eine Ecke, von welcher aus
er den Schanktisch berblickt. Die Stube ist leer und erscheint noch
leerer, weil sie hell erleuchtet ist. Die Wanduhr pendelt scharf und
bestimmt, wie das Gewissen der Zeit; nur manchmal scheint sie in
Gedanken anzuhalten, aber dem weiter ausgeholten Pendelschlage folgt ein
beschleunigter, und das Gleichgewicht ist wieder hergestellt. Der Ofen
wrmt den einsamen Gast wohltuend an. Eine Flasche Wein! Nachdenklich
leert er das erste Glas, das zweite rascher. Der Schanktisch fesselt
seinen Blick, wo zu oberst die blanken Weinkhler glnzen, die einen in
geradlinigen Lichtern, die anderen mit der ganzen Flche; das Auge
gleitet zu einigen geschliffenen Kristallglsern herab, die das Licht
buntfarbig und so unruhig brechen, als htten sie etwas mitzuteilen. Ein
Glas und wieder ein Glas! Whrend der stille Zecher den Schanktisch
nicht aus dem Auge lt, ohne indessen den Glanz der funkelnden
Geschirre mehr wahrzunehmen, vernimmt er das ferne Rollen eines Wagens,
welches sein Ohr fr das stets in der Luft webende Gerusch, das man
Weltgerusch nennen kann, erschliet. Er horcht tiefer und tiefer hinein
in dieses Gerusch, er will es in seinen einzelnen Bestandteilen
erraten, erkennen. Nach und nach scheinen sich Tne loszulsen aus
diesem Chaos, ein Ton, zwei Tne, drei -- ein zusammengestimmter
Dreiklang von wohlbekannten Stimmen. Der erste Ton kommt aus einem
lebendigen Munde; er klingt so warm, so tief, so zum Herzen sprechend,
und siehe, da erscheint sie ja selbst, die Mutter, wie er sie in seinen
jungen Jahren gekannt. Sie nimmt ihn bei der Hand, hebt ihn auf den Arm,
kt ihn. Dann trgt sie ihn zu einem kleinen Bette, worin ein kleines
rosiges Mdchen liegt und lacht. Es ist seine Schwester, der zweite Ton,
den er gehrt. Nun umfngt ihn eine Atmosphre, wie er sie lange nicht
empfunden: eine gemtliche Wrmestrahlung, eine humanisierte Luft -- die
Atmosphre der Familie. Er steht vor dem Weihnachtsbaum; er holt rote
Ostereier unter dem Bette hervor; er betrachtet die Birkenrute ber dem
Spiegel mit geheimem Respekt. Er hrt den Vater abwechselnd freundlich
und strenge reden -- er sieht ihn nicht, denn der Vater ist jung
gestorben. Dann die schnen Stunden und Tage mit seiner Schwester: diese
rckhaltlose Mitteilung, diese unschuldige Zrtlichkeit, diese Liebe
ohne Nebengedanken -- ja, denkt sich der stille Zecher, der wieder ein
Glas leert, wen der Himmel liebt, dem gibt er eine Schwester ... Und die
dritte Stimme, die hchste des Dreiklangs? Der einsame Gast blickt
sinnend in sein Weinglas. Wie Weihrauchduft steigt es auf, und er glaubt
in der Kirche zu sein. Eine Trauung wird vollzogen; aber das Mdchen, an
dessen reizender Gestalt sein Auge hngt, reicht einem fremden Manne die
Hand. Dieses Ja aus geliebtem Munde, wie hat es geschmerzt, wie schmerzt
es noch! Ein Wort zur unrechten Zeit, wie das meinige, das sie mir
entfremdet! Und wieder leerte er ein Glas, seufzte und fuhr mit der Hand
ber die Stirne. Der schne Dreiklang begann abzuklingen, herab vom
hchsten Tone an, und nur der Grundton, der von der Mutter kam, hielt
lnger an, bis er sich in das allgemein summende Gerusch auflste, das
von dem Rollen eines vorberfahrenden Wagens verschlungen wurde. Wieder
glnzten die Weinkhler ber dem Schanktische, und die Kristallglser
fingen das Licht auf und brachen es in bunten Strahlen. Auf der Wanduhr,
die geruschvoll ausholte, schlug es 1 Uhr.

Durch einsame Gassen schlich der stille Zecher nach Hause. In seiner
Stube angekommen, stellte er das Licht vor einen groen Kfig, in
welchem ein grauer Vogel, ein einsamer Spatz sa. Er reizte ihn mit den
Fingern, und das muntere Tier flog mit hellem Pfiff auf ihn los. Armer
Kerl! rief er dem Vogel zu, wo hast du dein Weibchen? Und statt aller
Antwort fing der Spatz so schn zu singen an, da der Frager wie gebannt
stand und horchte. Du hast recht, gutes Tier, wer nicht lieben darf,
mu singen. Und habe ich heute nicht auch auf meine Weise gesungen,
innerlich, wenn auch tonlos? Und berdies, ich habe es doch viel besser
als du, abgesehen von den vielen darbenden Mdchenherzen, denen doch die
Liebe alles sein sollte. Ich bin ein Mann, und dem Manne gehrt die
ganze Welt.

  (Am 25. Dezember 1883)




Alte Mdchen


Wie gewhnlich, wenn die Weihnachtszeit herannaht, habe ich wieder die
Nase voll Tannenduft, und diese von der Kindheit her vererbte angenehme
Gewohnheit, die ich noch jetzt in jedem Sinne grn nennen mchte, stimmt
mich mitteilsam, soweit ein von Natur so kurz angebundener Mensch auf
solche freigebige Bezeichnung Anspruch machen darf. Doch schme sich des
Kindes in ihm, wer da will -- wir wollen nicht die Philister sein, die
altklug von der Hhe ihrer Weisheit herabschauen, wenn unseren Kindern
der Wald ins Haus wchst und in jedem Tannenwedel das Harz sich rhrt
und das warme Gemach mit Wohlgeruch erfllt. Das ist der wahre Duft der
Seligkeit, die Atmosphre des Kinderhimmels. Das riecht nach Glck und
bringt es auch, erschiene es nun in Gestalt von funkelnden Diamanten
oder vergoldeten Walnssen. Ich hre es wieder in den Wnden rieseln,
als ob tausend geschftige Geister ihr Wesen trieben; die Trklinke
knackt leise, ohne da jemand in die Stube tritt, und ein Rascheln und
Flstern geht durch das Haus, welches man nicht allein dem geschttelten
Rauschgold zuschreiben mchte. Die Familiengeister gehen um, zumal der
hundertfltig sich teilende Geist der Mutter, der jedes Bedrfnis kennt
und wahrt, vom aufgezogenen Saume des zu langen Unterrckchens bis zum
Seelenheile des kleinen Naturheiden, der ihrem Schoe entsprossen.
Zwischendurch, wenn eine ferne Tr aufgeht, erschallt frisches
Kindergelchter, oder ein zrtlich fortgescholtenes neugieriges Gesicht
guckt in das Zimmer herein. Aber die heranwachsenden Mdchen sind schon
vom Geiste der Mutter beseelt, denn whrend die Gute selbst, jeden
Wunsch bedenkend, den Familienbaum rstet, putzen sie fr arme Kinder
eine kleine Tanne, auf deren Spitze sie ein nacktes Knblein setzen,
welches sehr gesund aussieht, und von dem in kindlichen Kreisen die Sage
geht, da es die Welt erlst habe. Und die Sage hat recht. Kinder,
kleine wie groe -- wenn sie gro geworden, heit man sie Genies --
erlsen die Welt noch tglich, und am heutigen Kindertage, ihr Kleinen,
ist unsere Seligkeit nur ein Abglanz der eurigen. Die kleinen Heilande
blicken uns aus ihren groen Kinderaugen erstaunt an; sie kennen die
arge Welt noch nicht und spielen lchelnd mit einer Passionsblume.

Wenn ich aber bei den Kindern dankbar zu Gast sitze und mich an ihrer
Seligkeit sonne, so mu ich jedesmal der Stiefkinder des Glckes
gedenken, denen der Himmel nur graue Tage und de Nchte beschert. Ich
will nicht von den Armen reden, denn was ist arm und reich? Wir sind nie
reich genug, um den hohen Flug unserer Wnsche zu erreichen, und selten
so arm, da wir nicht tglich einen Sonnenstrahl der Freude einfangen
knnten. Ich will von wahrhaft armen Wesen sprechen, die so oft, wenn
alles sich freut, traurig beiseite stehen, traurig und unbeachtet, wenn
nicht gar verachtet. Diese Aschenbrdel der brgerlichen Gesellschaft,
am Weihnachtstage, als dem Feste der Kinder, doppelte Aschenbrdel, sind
-- das Wort will kaum aus der Feder -- die alten Mdchen. Alte Mdchen!
Mdchen und alt! Es besteht ein solcher Widerspruch zwischen diesen
beiden Wrtern, da sie selbst erstaunt sind, so hart nebeneinander zu
stehen. _Mdchen_ -- ein Geschpf voll Verheiung, eine blhende
Anweisung auf Leben, Genu und Glck! Und _alt_ -- der Abgrund alles
Unwnschenswerten!

So grausam aber diese Bezeichnung auch sein mag, sie ist nicht grausamer
als das Geschick der damit Bezeichneten. Ein altes Mdchen sein, heit
ein Schicksal tragen, an welchem eigene Verschuldung nur in den
seltensten Fllen einen bedeutenden Anteil hat. Man ist meistens ein
altes Mdchen, wie man ein Genie ist: ohne Verdienst oder Schuld, nur
mit dem schneidenden Unterschied, da dem Genie, weil es das
selbstverstndlich Gttliche ist, alles als Verdienst, dem alten Mdchen
aber, weil es ein schicksalsvolles Unglck trgt, alles als Schuld
angerechnet wird. Es gibt im strengsten Sinne notwendigerweise alte
Mdchen: Natur und gesellschaftliche Verhltnisse wollen es so; was aber
notwendig ist, gerade das an mir verspottet und verlacht zu sehen, ist
das unbarmherzigste und unertrglichste. Ein altes Mdchen fordert, wenn
nicht Mitleid, doch Mitgefhl heraus.

Schon in frhen Zeiten hat die Frage der alten Mdchen die Geister
beschftigt. Mit seiner heiteren Anschaulichkeit schildert der Vater
der Geschichte eine babylonische Sitte, die es mit unserem Gegenstande
zu tun hat. In jedem Dorfe, erzhlt Herodot, wird alle Jahre einmal
also getan: Wenn die Mdchen mannbar geworden, so muten sie alle
zusammengebracht und auf einen Haufen gefhrt werden. Ringsumher stand
die Schar der Mnner. Sodann hie der Ausrufer eine nach der andern
aufstehen und versteigerte sie. Zuerst die allerschnste; dann, sobald
diese um vieles Geld erstanden war, rief er eine andere aus, welche
nchst dieser die schnste war, aber alle mit dem Beding, da sie
geehelicht wrden. Was nun die Reichen unter den Babyloniern waren, die
da heiraten wollten, die berboten einander, um die Schnste zu
bekommen; was aber gemeine Leute waren, denen es nicht um Schnheit zu
tun war, die bekamen die hlichen Mdchen und noch Geld dazu. Denn wenn
der Ausrufer alle schnen Mdchen verkauft hatte, so mute die
Hlichste aufstehen, und nun rief er diese aus, bis sie dem
Mindestfordernden zugeschlagen wurde. Das Geld aber kam ein von den
schnen Mdchen, und auf diese Art brachten die schnen die hlichen an
den Mann... So weit Herodot. Dieser babylonischen Methode, eine
soziale Frage zu lsen, hngt doch, vom brigen Bedenklichen abgesehen,
ein groer Fehler an: sie legt einen schwankenden Mastab zugrunde. Denn
was ist hlich? Es gibt immer noch eine Hlichere, also keine
unbedingt Hliche. Hlich sein, ist noch kein Hindernis, reizend zu
sein, und wie oft -- es gehrt zu den Geheimnissen der Liebe -- werden
die schnsten Mnner von hlichen Frauen beseligt. Hliche Mdchen,
die ihre schne Seele nicht an den Mann gebracht haben, sind die
Minderzahl unter den alten Mdchen.

Man wird aus allen mglichen Grnden ein altes Mdchen, aber zumeist,
weil die Natur die Geschlechter ungleich verteilt hat und weil die
Verhltnisse der brgerlichen Gesellschaft nicht danach angetan sind,
das gesamte Liebeskapital der Mdchen fruchtbringend anzulegen. So sind
die meisten alten Mdchen reine Opfer. Alle die verschiedensten
menschlichen Motive spielen zwischendurch. Das alte Mdchen ist oft
aller Romantik voll. Sie hat einen Roman gehabt, einen erlebten oder
einen ertrumten. Er ist ihr gestorben, er hat sie fr eine andere
verlassen, oder er hat ihr stilles Werben nicht bemerkt. Sie hat ihr
Glck vielleicht versumt, es unbedacht ausgeschlagen, oder es ist nie
so nahe an sie herangetreten, da sie es mit der Hand erreichen konnte.
Sie sieht sich von der hchsten Aufgabe der Frauen ausgeschlossen, und
der Kummer darber geht ihr zeitlebens nach, wenn sie nicht zufllig
eine Amazone oder eine Heilige ist. Manche nennen sie glcklich, denn
wenn sie die Freude nicht habe, so fehle ihr dafr auch das Leid. Da
sie aber auch die Freude des Leids nicht hat, das vergessen die meisten.
Glck im hchsten Sinne zu gewhren, ist ihr benommen. Frauen knnen so
beglcken, da in ihnen selbst, sogar unter Kummer und Sorgen, eine
Flle des Glcks wohnen mu. Oder ist nur diese berschwengliche
Fhigkeit, beglcken zu knnen, ihr wahres Glck? Ein unberhrter Schatz
von Liebe ruht oft in dem Herzen alter Mdchen und geht ungentzt mit
ihnen zu Grabe. Ihre verfehlte Bestimmung knnen sie nicht vergessen,
selbst wenn sie ihr Leid ins Kloster tragen. Die Nonne noch spielt mit
der Liebe, mit der Ehe. Da ihr das Nchste nicht erreichbar gewesen,
streckt sie die Arme nach dem Fernsten aus; aber nur, um es ihren
Brutigam zu nennen. Schner sieht man alte Mdchen in irdischer
Ttigkeit walten, indem sie, wenn auch innerlich verblutend und ihre
Trnen verschluckend, zu Schutzgenien ihrer jngeren Geschwister, ihrer
Familie oder gar fremder Kinder werden. Wrden sie hassen, so htten sie
ihr Los verdient.

Ich sehe etwas Heiliges in guten alten Mdchen, wie berhaupt im
Unglck, wo ber der eigenen Verschuldung, falls sie vorhanden, eine
hhere Macht entscheidend gewaltet hat. Man wird mich wohl am Ende als
den Pindar der alten Jungfern verlachen. Sei es drum! Tausende mgen
mich verspotten, wenn ich am heutigen Freudentage nur einem jener Wesen,
die zu den Opfern der Gesellschaft gehren, mit einem einzigen Worte
wohlgetan habe.

  (Am 25. Dezember 1876)




Frauenalter


So weit ich die Frauen kenne, ist es der sehnlichste ihrer Wnsche,
gleich den olympischen Gttern in ewig blhender Jugend zu leben, und
die schwerste ihrer Kmmernisse, einem reizlosen Alter anheimzufallen.
Der Kampf, den eine Frau gegen das auf sie eindringende Alter besteht,
ist in keinem Heldengedicht verzeichnet, obwohl er hartnckiger und
erbitterter sein kann als irgendein anderer Kampf; er hat seine
wechselnden Erfolge, sein Hin- und Widerschwanken, seine Ausflle und
Ratschlge, und schlielich, da das Alter doch unbesiegbar scheint,
seine stumme, gramvolle Niederlage. Nichts gleicht an schmerzlicher
Kraft den stillen Trnen, den erwrgten Seufzern, dem innerlichen
Verbluten einer stolzen Frau, deren welker Hand das Zepter entfllt, mit
dem sie ber die Herzen zu gebieten lange gewohnt war. Solches Schicksal
scheint bitterer zu sein als der Tod, denn es verlangt von dem Menschen,
da er sich selbst berlebe. Wenn sich die Frauen gegen das Alter
struben, so haben sie ihre guten Grnde. Der Abschied von der Jugend,
zuletzt von dem Schein der Jugend, den auf die Wange festzubannen alle
Spezereien Arabiens nicht mehr vermgend sind, verurteilt sie in den
Augen der Welt zu einer geradezu beschmenden Rolle; lange gelebt zu
haben, wird ihnen als eine Art Verbrechen ausgelegt, und zwei Worte, die
man vor Frauen nie aussprechen sollte, die Worte: alt und hlich,
werden ihnen mehr oder minder deutlich zu verkosten gegeben, ja die
Reigenfhrer solcher Unart sind zumeist alte Mnner. Welcher Undank in
dieser schnden Auffassung des Frauenalters liegt, braucht man wohl kaum
zu sagen. Fr wen werden sie denn alt, als fr uns und unsere Kinder?
Was erschpft ihre Jugend, als die groherzige Freigebigkeit, mit
welcher sie Freuden gewhren und Schmerzen bernehmen? Wie oft sind die
frhzeitigen Falten in ihrem Gesicht nichts anderes als die Furchen des
Kummers, den ihnen die Ihrigen bereitet, als das Rinnsal der Trnen, die
sie um uns geweint haben? Wir vernichten sie und verachten sie -- eine
Barbarei, deren nicht einmal der vom Himmel vergessene Mann fhig sein
sollte, welcher junge Frauenliebe nur flchtig genossen und nicht ihre
mit den Jahren wachsende Kraft und Innigkeit an sich erprobt hat. Was
man einmal recht von Herzen geliebt, das, sollte man meinen, knnte
nicht altern, und die lter werdenden Augen mten es immer jung
erblicken. Ihr blht! mte man zu den weien Haaren sagen, und zu der
Falte um den Mund: Du lchelst! und das ist keine Lge, sondern nur
das Wunder der Liebe. Dieses Wunder hufiger zu machen, liegt zu einem
guten Teil in der Hand der Frauen, und wenn ich zuerst die Mnner
angeklagt habe, so mgen es auch die Frauen dulden, wenn ich sie -- nicht
etwa gleichfalls anklage, sondern nur ein klein wenig ins Gebet nehme.
Da mchte ich nun sagen, da viele Frauen die Kunst nicht verstehen,
mit dem Alter sich auf einen freundschaftlichen Fu zu setzen, da sie
bald zu alt sind fr ihre Jahre, bald zu jugendlich (nicht etwa zu jung)
fr ihr Alter. Ferne sei es von mir, den Schulmeister zu spielen, wozu
mir die Natur jede Anlage versagt hat, und den Schulmeister vollends
gegenber den Frauen, die einen Pedanten hchstens heiraten, aber nie
von ihm lernen; ich will nur einige Meinungen mitteilen, die sich um das
angeschlagene Thema drehen -- Meinungen, die ebenso schlicht als
unmageblich sind. Es ist heute Weihnachtsabend, das Fest der Kinder und
jungen Leute, und wenn ich von meinem Papier aufsehe, erblicke ich, in
Glser gestellt, schlanke Barbarazweige, welche die grnen Augen ffnen,
und die rhrende Jerichorose, die, gestern noch drr und kahl, im Wasser
aufquillt und ihre Dolden fllt. Ich kann heute an nichts Altes glauben,
am wenigsten an das Alter der Frauen.

Als die natrlichen Verwalterinnen der Schnheit und der Anmut glauben
die meisten Frauen ihrer Aufgabe nicht mehr gewachsen zu sein, sobald
die Jugend von ihnen gewichen ist, und sie lassen sich entweder fallen
oder bilden sich eine knstliche Jugend an. Beides ist falsch und
entstellt die Frauen. Was nicht einmal in der Dichtung und Kunst gltig
ist, wo jedes Alter seine ihm eigentmliche Schnheit entfaltet, wie
kann das Geltung haben auf dem der Sinnlichkeit doch mehr entfremdeten
sittlichen Gebiete? Auch im Wohlwollen und in der Gte kann Schnheit
und Anmut liegen, und man spricht nicht umsonst von einer sittlichen
Grazie. Es ist mein Lieblingswort, da jedes Alter seine Jugend habe und
da es nur darauf ankomme, sich aus der einen Jugend in die andere
hinberzuretten. Ein reifes Mdchen wird eine junge Mutter, und sie kann
jung bleiben bis hinauf zur Gromutter und Urgromutter. Das
Entscheidende liegt nur immer darin, da man die Gesinnung seines Alters
habe (#l'esprit de son ge#). Man mu sich gegen die anrckenden Jahre
weder trotzig stemmen, noch ihnen feige weichen; wer sich ihnen
widersetzt, den schleppen sie bei den Haaren mit sich; wer ihnen aber
freundlich entgegengeht, den fhren sie freundlich an der Hand. Das
schlimmste aber ist und den Mnnern gegenber das allerunklugste, wenn
eine Frau vor dem Alter sofort die Waffen streckt; das macht am
ltesten, denn die Frau, die sich gegen ihren Feind verzweifelt wehrt,
wird wenigstens fr kurze Zeit, freilich mit einem um so heftigeren
Rckschlag, die Schnheit der Energie besitzen. In vielen Fllen ist es
die Angst vor dem Alter, welches die Frauen altern macht; sie verzehrt
das Kapital der gegenwrtigen Kraft und macht leichtsinnig Anlehen bei
einer spteren Altersstufe. Die Jugend in das Alter hineinzuziehen oder
das Alter vorwegzunehmen, kleidet eine Frau gleich bel. Gefallend kann,
ja mu sie immer sein; Gefallsucht aber macht das Alter lter. Die Kunst
der Einfachheit sollte sich mit der greren Reife immer mehr
vervollkommnen. Keine Koketterie haben, ist auch eine, und vielleicht
die feinste. Damit kann sich ein Zug von Mdchenhaftigkeit verbinden,
eine bei aller Erfahrung erhaltene Unschuld und Frische der Seele, die
ich schon bei siebzigjhrigen Frauen angetroffen und bewundert habe. Da
das Alter schlechter macht, knnte man gewissen Erscheinungen gegenber
wohl glauben; aber man kann mit derselben Berechtigung wohl sagen, da
es besser mache. Das Wahre an der Sache wird aber wohl sein, da das
Alter weder schlechter noch besser macht, sondern einfach alle
Geheimnisse des Charakters aus dem Menschen heraustreibt. Die Aufgabe
der Frau wird es sein, solche hervorschieende Spitzen des Charakters an
sich und anderen umzubiegen. Um sich aber unter allen Umstnden jung zu
erhalten, pflege sie bei sich eine Liebe, ein Interesse, welches sie fr
die Welt nicht absterben lt. Ein Weib ohne Liebe gibt sich selbst auf,
denn ob sie jnger oder lter sei, die Liebe ist das groe Geschft
ihres Lebens. Auch hheren geistigen Interessen, die doch das Salz der
Seele sind, bleibe sie nicht fremd, und was in Literatur, Kunst und im
groen Weltleben sich regt, trete immerhin an sie heran. Die Feder
bentze sie nur zum Briefschreiben, worin die Frauen Meister sind; denn
literarische Hervorbringungen sind mit einer Verletzung der weiblichen
Schamhaftigkeit verknpft, welche kaum durch die groe Bedeutung des
Hervorgebrachten entschuldigt wird. Eine gute und anmutige Frau, welche
nicht dichtet, steht mir hher als eine dichtende Frau, denn sie ist
selber ein Gedicht.

Das sind nur einige Schlagworte zur Kunst, jung zu bleiben; aber ich
werfe sie getrosten Mutes aus, da sie als gesunder Samen in den Herzen
der Frauen wuchern mgen. Ich kann nicht weiterschreiben, denn ich hre
das Rauschen des Tannenbaumes, und der ahnungsvolle Duft der Wachskerzen
zieht mich vom Schreibtisch. Das ist ja das schne Fest der Jugend und
der Alten, die jung geblieben sind.

  (Am 25. Dezember 1875)




's Rickele von Munterkingen

Ein philologisches Idyll


#Dr.# Conrad Schwlble, ein schwbischer Privatgelehrter, der von der
Theologie hergekommen -- denn damals war jeder gebildete Wrttemberger
Theologe oder Theologe wenigstens gewesen -- hatte von einer Stuttgarter
Verlagsbuchhandlung die Aufgabe bernommen, den Text von Schillers
Werken zu subern, in sorgsamer Abwgung des Wertes der verschiedenen
Lesarten eine sogenannte kritische Ausgabe herzustellen. Zu diesem
Behufe hatte er in dem benachbarten Cannstatt eine kleine, stille
Wohnung gemietet, die nahe unter dem Dache lag und nur mit einem schrg
angebrachten Guckfenster auf den vorberflieenden Neckar hinaussah.
berdies hatte er sich sein Bschen Friederike, kurzweg 's Rickele
genannt, aus ihrem gemeinsamen Geburtsorte Munterkingen als Gehilfin
verschrieben, ein blhendes Mdchen von achtzehn Jahren, ganz in der
heimatlichen Mundart gro geworden, aber mit einem ausgesprochenen Sinn
fr das Hhere und Edlere, wie es in den Bchern zu finden ist. Da sie,
frhzeitig verwaist, von jung auf das bittere Brot der Fremde
geschmeckt, folgte sie freudig dem Rufe des verwandten Mannes. Als sie
bei dem gelehrten Vetter einzog, brachte sie die volle lndliche
Atmosphre mit sich, und sie selbst sah so dorfgeschichtlich aus, da
Schwlble sie mit einigem Befremden willkommen hie. Die
hinaufgestrichenen Haare krnte ein steiles, spitzes Hubchen, von
welchem lange breite Bnder, schwarz und an den Rndern ausgezackt, ber
den ganzen Rcken bis an die Gangadern herabflossen, den anmutigen Busen
hielt ein verschnrtes Mieder mit weien Spitzen, und der Rock war so
kurz bemessen, da er die Knchel sehen lie. Jeder andere, als
Schwlble, wre von dieser freundlichen Mdchenerscheinung gerhrt
gewesen; da er sich aber selbst aus buerlichen Verhltnissen
herausgearbeitet, wollte er an das Kafferntum, wie er sich studentisch
ausdrckte, nicht gern erinnert sein. Als er daher sein Bschen zu ihrem
knftigen Berufe, der darin bestand, ihm bei der Herstellung kritischer
Texte behilflich zu sein, vorbereitete, legte er ihr den Wunsch nahe,
sie in stdtischer Tracht um sich zu sehen, die sich nicht nur fr
Cannstatt, sondern auch fr Schiller besser schicke. Du mut auch die
Toilette deiner hheren Aufgabe tragen! rief der Philolog aus, um den
Ehrgeiz des Mdchens zu stacheln. Wie nun das andere Geschlecht die
Vernderung und die Maskerade liebt, war Friederike nicht besonders
schwer zu bewegen, ihre bisherige Hlle abzustreifen und moderne
Kleidung anzulegen, in die sie -- von einer gewissen steifen Grazie
abgesehen -- rascher, als man htte glauben sollen, hineinwuchs; doch in
bezug auf das, was er ihre knftige Aufgabe nannte, stie er auf einigen
Widerstand von ihrer Seite. Ihre literarische Kunde beschrnkte sich
auf Bibel, Gesangbuch und auf die Gedichte und Schauspiele Schillers,
die sie jahrelang mit steigender Begeisterung gelesen hatte, wenn sie,
in fremdem Dienste, unartige oder kranke Kinder auf ihren Armen
beruhigte oder einschlferte. Nun konnte sie mit ihrem Enthusiasmus, der
ins Groe und Ganze ging, die scheinbar kleinlichen Bemhungen ihres
Vetters nicht vereinigen, die darauf hinausliefen, jedes einzelne Wort
Schillers, das je geschrieben oder gedruckt worden, aufs Korn zu nehmen
und auf seine Richtigkeit zu prfen. Schreibfehler, Druckfehler -- welche
Kleinigkeit einem Genie gegenber, das uns ja gerade ber alle Grenzen
des Verstandes hinausreit! Schon einmal sei man bestrebt gewesen, ihr
den Schiller zu verleiden. Sie habe sich aus seinen Dichtungen ein
persnliches Bild von ihm gemacht, so schn, so glnzend, wie das keines
andern Mannes. Nun habe ihr eines Tages der Barbier von Munterkingen,
als er einem ihrer Pfleglinge Blutegel setzte, mit einer gewissen
boshaften Beflissenheit mitgeteilt, da Schiller ein langer,
unbeholfener Mensch mit schlottrigen Knien gewesen, da er rotes Haar,
Sommersprossen, entzndliche Augen gehabt und da er leidenschaftlich
Tabak geschnupft habe. Himmel und Erde, habe ich ausgerufen, das ist
nicht wahr, und hab' es auch nie wahr sein lassen. _Meinen_ Schiller
trgt der italienische Figurenmann auf dem Kopfe herum, _mein_ Schiller
steht auf dem Alten Schloplatze in Stuttgart, gar net davon zu reden,
wie fescht er steht in meinem Innerschten. Ich brauch' keinen Schiller
fr Bartputzer und Knochenhauer!... So konnte Friederike, als die echte
Landsmnnin des jugendlichen Schiller, zum Verdrusse und Schrecken ihres
Vetters blitzen und wettern. Man kann sich denken, wie sie sich als arme
Snderin und verdammte Seele fhlte, wenn Schwlble aus einem
Manuskripte oder einer ersten Ausgabe Schillers vorlas und sie, ihm
gegenber in einer andern Ausgabe nachlesend, von allen Unterschieden
der Interpunktion und Schreibung Rechenschaft geben mute. Sie hie
dieses Geschft zum grten rger ihres Vetters die Purpurgewnder
Schillers auftrennen. Was Ypsilon oder I, konnte sie dann erzrnt
ausrufen, was Strichpunkt oder Doppelpunkt -- der Dichter bleibt der
Dichter, und ein verdchtiges Wort -- verschrieben oder verdruckt -- macht
uns selbst zum Dichter! Wenn ich einmal verheiratet bin, schaffe ich mir
einen Reutlinger Nachdruck Schillers an, und ich freue mich schon im
voraus, wie ich mich an diesem saftigen Unkraut erholen werde...
Solchen leidenschaftlichen Ausbrchen gegenber, denen er freilich, ganz
im Hintergrunde seines Wesens, eine gewisse Berechtigung nicht
absprechen konnte, lie sich Schwlble mit Salbung ber die Wrde des
Textkritikers aus, und gerne bezeichnete er mit den Worten des grten
deutschen Meisters dieser Wissenschaft und Kunst als die Aufgabe der
philologischen Kritik: den Schriftsteller selbst sich so hnlich als
mglich zu machen. Dergleichen Worte glitten an dem Bschen spurlos ab,
der er ins Gesicht sagte, da sie keinen Wahrheitssinn habe. Das lie
sie einfach auf sich beruhen, doch brachten es Zeit und Gewohnheit mit
sich, da sie sich mit ihrer Beschftigung ausshnte und sie mit nicht
mehr Aufwand von Gedanken betrieb, als Nhen und Stricken. Auch sprach
sie von beendigten Bnden als von fertig gestrickten Strmpfen.

So waren sie vom frhesten Frhling an bis in den Sommer hinein fleiig
gesessen und hatten Schillers Gedichte und Dramen smtlich ins Reine
gebracht. Nun nahmen sie die Prosa-Schriften in Angriff. Es war an einem
heien Juli-Nachmittag, als sie Schillers Abhandlung: Von den
notwendigen Grenzen des Schnen, besonders im Vortrage philosophischer
Wahrheiten, zu lesen begannen. Auf dem Tische von Friederike, die dem
Guckfenster gegenbersa, stand eine Schssel saurer Milch, und daneben
hatte sie sich, wenn etwa Durst und Hunger mahnten, dnne Schnitten von
Hausbrot zum Eintunken zurechtgelegt. Schwlble seinerseits machte sich
mit einer mchtigen Tabakspfeife, einem sogenannten System, zu schaffen:
langes Weichselrohr, Porzellankopf mit ausgeschweiftem Wassersack,
beweglicher Schlauch und unendlicher Mundspitz. Er hatte sie mit gelbem
Knaster gestopft und paffte jedesmal, so oft er ein Komma fehlen lie
oder einen Schlupunkt markierte; wenn eine Stelle lngeres Nachdenken
in Anspruch nahm, lie er den Rauch langsam durch die Nase streichen. So
begann Schwlble mit breitem Behagen zu lesen, und das Bschen
unterbrach ihn, wo die beiden Lesarten nicht stimmten. Darauf schrieb
er, um die echte Lesart in den Text aufzunehmen und die unrichtige oder
verdchtige in die Anmerkungen zu verweisen. Kaum aber hatten sie ihre
Arbeit aufgenommen, als vom Neckar herauf laute Stimmen erschollen, die
im Chorus das Lied sangen: Und der Reutelinger Wein ist ein guter,
guter Wein, denselben wollen wir trinken und eineweg lustig sein!
Friederike, die den Blick sofort durch das Guckfenster schieen lie,
gewahrte unten ein Schiff voll Tbinger Studenten, von denen einer auf
das Vorderteil des Fahrzeuges gesprungen war und die Mtze gegen ihr
Fenster schwenkte. Sie wurde rot und schlug die Augen nieder. Schwlble
aber, dem bei dem Gesange der alte Student ins Blut geschossen war,
schaute vom Buche auf und murmelte vor sich hin: Eineweg lustig sein!
Dann las er weiter und weiter, ohne zu bemerken, da die Bemerkungen des
Bschens immer seltener wurden und zuletzt ganz aufhrten. Er kam zu der
Stelle der Schillerschen Abhandlung: Bei dem wissenschaftlichen
Vortrage werden die Sinne ganz und gar abgewiesen, bei dem schnen
werden sie ins Interesse gezogen. Was wird die Folge davon sein? Man
verschlingt eine solche Schrift, eine solche Unterhaltung mit Anteil,
aber wird man um Resultate gefragt, so ist man kaum imstande,
Rechenschaft davon zu geben. Und sehr natrlich! denn die Begriffe
dringen zu ganzen Massen in die Seele, und der Verstand erkennt nur, wo
er unterscheidet; das Gemt verhlt sich whrend der Lektre viel mehr
leidend als ttig, und der Geist besitzt nichts, als was er tut... Und
Schwlble wiederholte mit Nachdruck: Als was er tut, indem er von
Friederike eine Gegenuerung erwartete. Bsle, fragte er sie endlich,
hast du in deinem Text _tut_ oder _tat_? Da keine Antwort erfolgte und
er nach ihr schaute, sah er sie zu seinem Schrecken eingenickt und die
vollen Schlummerrosen auf ihren Wangen blhen.

Du schlfst? rief Schwlble scharf aus, indem er das Mdchen beim Arme
ergriff. Und als sie, sich ermunternd, ihre treuherzigen braunen Augen
weit aufschlug, wiederholte er mit dem Ausdrucke tiefsten Unglckes: Du
schlfst! Hierauf, als sich ihm in seiner philologischen Angst das Bild
seines Stuttgarter Auftraggebers pltzlich stellte, fate er seinen
Schmerz in die Worte zusammen: O Rickele, was wird der Herr von Cotta
sagen!

An der Ruhe der anmutigen Snderin entzndete sich Schwlbles Zorn, und
in der Aufregung seines Gemtes trat der volle Schwabe auf seine Lippen.
Noi, noi, brach er los, indem er vom Stuhle aufsprang und die Stube
mit starken Schritten ma, noi, d' Weibsbilder hent koi
wisseschaftlichs G'wisse! Was wit ihr, mit euren Zpfen und
verhimmelten Augen, wie es einem Philologen zumut ist! Mir geht ein
unterdrckter Doppelpunkt, ein unterschlagenes Ausrufungszeichen im
Wachen und Traume nach, wie einem Mrder das Gespenst eines
Erschlagenen. Ein Buchstabe zu viel oder zu wenig versalzt mir die
Suppe, vergllt mir den Wein. Fr solche Gemtsleiden habt ihr kein
Verstndnis, kein Gefhl!

In ihrer Verlegenheit hatte Friederike eine Brotschnitte in die Milch
getaucht und a sie langsam ab. Schwlbles Donnerwetter ging nach einer
Weile in einem warmen Regen nieder. Er setzte sich wieder zu Friederike,
und indem er seine Hand auf die ihrige legte, fragte er sie mit
freundlicher Stimme: Sag, Bsle, wo hast du denn hingedacht? Und sie
erzhlte ihm hierauf, da ihr bei seinem Lesen nach und nach die Sinne
vergangen seien; da sie an einem murmelnden Bache zu sitzen meinte, der
manchmal aufrauschte und manchmal schwieg, und wie sie im Halbschlummer
einen warmen Hauch in ihrem Gesichte fhlte, und wie dann, als sie die
Augen ffnete, ein Mann von ihr gegangen und, schn wie eine
berirdische Erscheinung, mit leuchtendem Haupte in der Abenddmmerung
verschwunden sei. Schwlble lachte auf und meinte, der Engel habe wohl
ausgesehen wie ein Tbinger Stiftler in den Ferien: schwarz und wei
gewrfelte weite Beinkleider mit hngenden Quasten und eine bunte Mtze
auf dem Kopfe. Ein forscher Himmelsbrger! Er wird wohl aus
Munterkingen gebrtig sein und Fritz geheien haben. Friederike, die
leicht errtete, sagte nicht nein, und da der Bann einmal gebrochen und
der Name ihres lieben Munterkinger Kameraden, der sie erst noch vorhin
vom Neckar heraufgegrt hatte, genannt war, rckte sie mit einer Bitte
heraus, die ihr schon lange auf dem Herzen gelegen. Du, Vetter, sagte
sie, sei nicht bs; aber der Staudenmayer Fritz hat mir einen Spruch in
mein Stammbuch geschrieben, den ich nicht lesen kann. Er sieht so dumm
aus, er mu griechisch oder gar hebrisch sein. Sie reichte dem Vetter
das aufgeschlagene Buch, worin geschrieben stand:

                                _Munterkingen_, 1. Mai 1846.

  [Greek: ... nyni de menei pistis, elpis, agap,
  ta tria tauta; meizn de touton h agap.]

        _Friedrich Staudenmayer_,
            #Cand. theol.#

Schwlble las mit Wohlgefallen an dem Klang der Worte: #Nyni de menei
pistis, elpis, agape, ta tria tauta; meizon de tuton he agape.# Diesen
Spruch, Bsle, mut du dir, deines Leichtsinns wegen, ein wenig
verdienen. Sprich mir nach und bersetze mit mir! Also: #Nyni# nun, #de#
aber -- oh, knnt' ich dir die Bedeutung der Wrtchen #men--de#
auseinandersetzen, die im Griechischen so schmuck und beziehungsreich
sind, wie eure Ohrgehnge und Schrzenbnder. Doch weiter im Text! Also:
#pischtis# -- sprich nur herzhaft #_pisch_tis# aus, obgleich die
gezierten Norddeutschen #pistis# sagen. Was meinst du: wenn die alten
Griechen die Wahl gehabt zwischen Berlin und Stuttgart, htten sie nicht
Stuttgart vorgezogen, schon um der frhlichen Lage und des lieblichen
Weines willen? Neckerwein, Schleckerwein! #Pischtis#, #elpis#, #agape#,
Glaube, Hoffnung, Liebe; #ta# die, #tria# drei, #tauta# diese, zu
deutsch: diese drei. #Meizon de#, das grere aber, oder sagen wir
gleich: das grte aber-- Halt, fiel ihm hier Friederike ins Wort,
halt, ich hab's! Das Grte aber ist die Liebe. Das ist Paulisch'
erster Brief an die Korinther, Kapitel dreizehn. Und dann begann sie
feierlich die ewigen Worte zu sagen: Wenn ich mit Menschen- und
Engelzungen redete, und htte der Liebe nicht, so wre ich ein tnendes
Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen knnte, fiel
der Philolog ein, und wte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis, und
htte allen Glauben, also, da ich Berge versetzte, und htte der Liebe
nicht, so wre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gbe,
und liee meinen Leib brennen, und htte der Liebe nicht, so wre es mir
nichts ntze. Die Liebe ist langmtig und freundlich, setzte wieder
Friederike ein, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht
Mutwillen, sie blhet sich nicht. Sie stellt sich nicht ungebrdig, sie
suchet nicht das Ihre, sie lt sich nicht erbittern, sie trachtet nicht
nach Schaden. Sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, fuhr der
Vetter krftig fort, sie freuet sich aber der Wahrheit; sie vertrgt
alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. Den
Schluvers aber lie sich Friederike nicht nehmen: Nun aber bleibet
Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die greste
unter ihnen!... Die beiden guten Menschen hatten sich ganz warm
gesprochen und lieen ruhig und selig ihre hohe Stimmung ausklingen. Es
war so ruhig in der Stube, da man den leisen Pulsschlag der Stille zu
vernehmen meinte. Endlich brach Schwlble das Schweigen, indem er, wie
fr niemanden gesprochen, vor sich hinsagte: Das ist ein Evangelium
ber dem Evangelium. Wenn auch smtliche Kirchtrme stumm geworden, so
werden diese Worte noch immer die Welt erschttern und beglcken. Streut
sie unter die Menge, und Religion wird euch entgegenwachsen.

Indessen ging in der Stube des Gelehrten die gewohnte Beschftigung
ihren ruhigen Gang, nur Friederike war trauriger gestimmt, als
gewhnlich, weil der Fritz aus Munterkingen, der sich doch vor etlichen
Tagen so frhlich gemeldet, nicht zum Vorschein kommen wollte. Sie hing
trben Gedanken nach, und als sie mit dem Vetter Schillers Briefe ber
die sthetische Erziehung des Menschen kritisch suberte, sagte sie
sich, bei einer entstehenden Pause, ganz innerlich das melancholische
Liedchen vor:

    's ischt no net lang,
    Da g'regnet hat,
    Die Bumle trpflet no;
    I han amal a Schtzle ghat,
    I wollt, i htt' es no --

und siehe, das Liedchen wirkte wie eine Zauberformel. Es klopft, und
Fritz Staudenmayer steht, ganz schwarz gekleidet, vor ihnen und ldt
die Freunde zu seiner ersten Predigt ein, die er als Vikar in
Munterkingen hlt. #Dr.# Conrad Schwlble, der als Theologe das in
Schwaben bliche Trauerspiel im Gemte gehabt und als Geistlicher seine
Erfahrungen gemacht hatte, ging nicht gern in die Kirche und versprach
dem jngeren Freunde, das Bschen zu schicken, an dem ihm, wie er
glaube, ohnehin mehr liege, als an ihm. Fritz und Friederike sahen
einander errtend an. Schwlble hielt Wort, und Friederike sa in der
Kirche, als Fritz zum ersten Male predigte. Er predigte ber den Text:
Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe; aber die Liebe ist die
greste unter ihnen. Ihr klangen die Ohren, und der junge Geistliche
wute mit seiner Beredsamkeit alles Menschliche in ihrem Gemte dermaen
aufzuregen, da sie vor Glck weinte. Nach der Predigt schlich sie
seitwrts an den Bach, um mit ihrem vollen Herzen allein zu sein. Fritz
ging ihr nach. Er traf sie an ihrem Lieblingspltzchen, wo das Murmeln
des Wassers sie diesmal an ihren lesenden Vetter erinnerte, der ihr leid
tat, weil er die Gehilfin vermite. Fritz sah ernst aus und sprach
heiter, und in ihr, die ebenso ernst gestimmt war, brach wider ihr
Gefhl der Mutwillen aus, und sie warf dem geliebten Manne die rasch
erschnappten griechischen Brocken hin: #Nyni de menei pischtis.# --
Was, du kannst Griechisch? rief er erstaunt aus. -- O nein, Fritz, ich
bin blo der Papagei meines Vetters; aber wenn du es willst, so lerne
ich Griechisch. -- Geh, Rickele, du bischt mehr wert, als der beschte
griechische Klassiker...! So legte der Scherz den Ernst nahe, und
Fritz fragte das erglhende Mdchen zum ersten Male, ob sie ihm fr das
Leben angehren wolle. Sie kmpfte mit sich selbst und brachte nur
schwer die Worte hervor: Fritz, ich mu dir etwas sagen, das ich dir
bis jetzt verheimlicht habe. Ich habe ... im Schlaf ... im Traum ... ein
Mannsbild ... gekt. Nein, er hat mich gekt ... aber ... ich habe
rasch nachgekt. Ich habe treulos an dir gehandelt. -- Aber so besinne
dich ein wenig, Rickele. War es nicht hier am Bach? -- Ja! -- Vor
einem Jahre, zur Sommerszeit? -- Ja! -- In der Abenddmmerung? --
Ja! -- O du liebes Kind, da bin ich der Snder. Ich bin dir damals
nachgeschlichen, habe dir halb schalkhaft, halb schchtern einen Ku
geraubt und bin dann als ein glcklicher Betrger davongegangen. --
Gottlob! rief Friederike erleichtert aus. Da hat doch wieder einmal
der Vetter recht gehabt: Der Engel ist ein Tbinger Stiftler gewesen.
Und an den jungen Mann sich wendend, fragte sie zrtlich: Du, Fritzle,
hascht me au a bissele lieb? -- O viel und ewig, rief Fritz, indem er
das Mdchen umarmte.

Mit Schiller ging es ziemlich rasch zur Neige. Sie lasen und suberten
noch zusammen den Aufstand der Niederlande und den Dreiigjhrigen
Krieg; dann, whrend an der kritischen Ausgabe gedruckt wurde, arbeitete
Friederike an der durch Schiller bezahlten Aussteuer. Als sie ihren
ersten Knaben zum ersten Male ins Freie trug, kam auf der Post ein
groes Paket an. Als es die Frau ffnete, fiel ein starker Band heraus,
auf welchem zu lesen war: Schillers smtliche Werke. Historisch-kritische
Ausgabe, besorgt von #Dr.# Conrad Schwlble -- und Friederike
Staudenmayer hatte der schalkhafte Vetter mit Bleistift dazu
geschrieben. Die junge Mutter sah lchelnd zu ihrem Knaben auf.

  (Am 24. Dezember 1882)




Die Kunst, arm zu werden


Als mein alter Kanarienvogel kurz vor Weihnachten wieder zu singen
begann, dachte ich bei mir selbst: Das mu doch eine frhliche Zeit
sein, wenn selbst dieser betagte Herr, kaum einer grndlichen Mauser
entgangen, sich ein neues goldenes Gefieder wachsen lt und in die
Stube hineinschmettert, da einem die vier Wnde fast zu eng werden. Und
als ich ihm vollends ein duftiges Tannenreis in den Kfig steckte, da
sang er immer heftiger, wobei er auf der hlzernen Sprosse langsam
tanzte und seinen blagelben Flederwisch wie trillernd bewegte. Nach
diesem Vogel zu schlieen, sieht es in der Welt unendlich heiter aus.
Freilich, er hat seinen Hanfsamen, sein frisches Wasser, sein Stckchen
Zucker, und somit seine glckseligen Feiertage; aber fr uns Menschen,
wenigstens fr die Mehrheit, ist er kein Verknder gegenwrtigen
Glckes, hchstens ein Prophet der Zukunft. Denn wenn man den Leuten
durch das Fenster schaut -- nicht aus schnder Neugier, sondern aus
Teilnahme -- wird man leicht gewahr, da die Weihnachtsfreude nicht aus
dem Vollen schpft. Es fehlen ste an den Tannenbumen, und die
vorhandenen sind nicht so schwer behngt wie sonst; die Wachslichter
scheinen nicht so lustig wie ehemals zu flimmern, und ihr Qualm legt
sich wie beengend und bengstigend auf die Brust. Hinter dem Lcheln der
Erwachsenen lauert die Sorge, und selbst die Kinder streifen mit
scheuem Blick die Gaben des Festes, um fragend in die Augen der Alten zu
schauen. Braucht man erst noch zu sagen, woher diese bngliche Stimmung
kommt? Man kennt die alte Sage, wie das Gold sich in Kohle verwandelt.
Die Sage ist zur Wirklichkeit geworden, daher der Kummer. In feuerfestem
Verschlu sind die meisten Werte ber Nacht verkohlt und verbrannt, und
als man morgens ffnete, fand sich nur noch ein Huflein Staub vor, der
vor dem ersten Hauch in die Lfte flog. Seit jenem Augenblick hngt es
wie eine Aschenwolke ber diesem Lande, und in diesem trben,
aussichtslosen Dunstkreis will das Volk fast verzagen. Mit verschrnkten
Armen steht die Staatsweisheit da und scheint ber dieses Trauerspiel zu
lcheln; sie gibt sich die Miene eines unschuldigen Kindleins und
verlt ihre bequeme Stellung nur, um mit ausgestrecktem Finger auf die
Schuldigen zu deuten. Man spricht von einzelnen schuldigen Huptern,
wenn die beredsame Predigerin Not laut um Hilfe ruft! Man weist eine
ber den Dilettantismus hinausgehende ausgiebige Staatshilfe als ein
sozialistisches Mittel zurck, whrend doch Handel und Wandel des ganzen
Volkes daniederliegt! Was ist denn der Staat, wenn nicht die
Gemeinsamkeit des Volkes? Und wenn der Staat dem notleidenden Volke
beispringt, wem hilft er denn als sich selbst?... Ich berlasse die
praktische Beantwortung dieser Fragen der Zukunft, indem ich zur
Linderung der Not oder doch wenigstens zur Milderung der
pessimistischen Anschauungen ein Hilfsmittel mehr moralischer als
politischer Art empfehlen mchte. Dieses Hilfsmittel ist die Kunst, arm
zu werden.

Arm sein ist keine Kunst: man ist es eben, wie man blond ist oder braun;
aber arm werden, oder vielmehr rmer werden, sich mit einer Art Genu
von der Hhe des Wohlstandes herabgleiten lassen, indem man das Werk der
Notwendigkeit in einen freien Entschlu verwandelt -- das ist eine Kunst,
welche nur die wenigsten verstehen. Ich habe es als ein Mittel gegen die
Seekrankheit erprobt, die Bewegungen des Schiffes mitzumachen, als ob es
die eigenen wren. So auch bei einem empfindlichen Glckswechsel; man
mu sich nicht gegen den Rhythmus einer solchen Vernderung stemmen,
sondern ihm willig folgen. Um dieses zu knnen, dazu gehrt freilich
einiges, aber nicht gar zu viel: man mu das Talent besitzen, die Dinge
mehr auf ihren inneren Wert als auf ihren Preis anzusehen. Wer die Welt
mit so hellen Augen betrachtet, wird erfahren, da er bei vielen, ja bei
den meisten Einkufen noch Geld brig behlt. Man kann kleines Kapital
innerlich potenzieren, es fruchtbarer machen, indem man billigen Sachen
einen Affektionswert beilegt. Dazu braucht man einige Phantasie des
Herzens und jenen idealisierenden Blick, der nicht etwa bertreibt,
sondern nur durch die Schale den Kern sieht. Wenn ich meine Seele in das
geringste Ding hineinlege, so kann ich seinen Wert hundert- und
tausendfach steigern. Das ist das Geheimnis der Liebe. Ich habe Wlder
und Felder von unabsehbarer Ausdehnung verloren, aber mein Hausgrtchen
ist mir geblieben mit seinem Lindenbaum und seinen Rosenhecken und
seinen Salatbeeten; ich bersehe es leichter, ich kann es lieben, weil
ich es umfassen kann. Ja, ich habe mein Hausgrtchen verloren, aber was
hindert mich daran, den beglckten kleinen Grogrundbesitzer zu spielen,
wenn ich die Blumen vor meinem Fenster begiee? Ein verschwundenes Glck
lt immer ein anderes nach, vielleicht kleiner als das vorige, aber nur
klein und lieb wie die Kinder, und diese Perspektive des verkleinerten,
aber nicht verminderten Glckes ist unendlich.

Der moralische Zug unserer Zeit bewegt sich freilich nicht in der
Richtung dieser Bescheidenheit und Selbstbescheidung. Das letzte
Jahrzehnt hat eine verderbliche Krankheit ausgebrtet, welche die
Gemter auszudorren und jede sittliche Kraft zu lhmen drohte. Es ist
die krankhafte Neigung, um jeden Preis Millionr werden zu wollen. Das
Vergngen beginnt erst bei der zweiten Million, konnte man wie oft
sagen hren, whrend doch nach vielfacher Erfahrung die zweite Million
die geborene Feindin der ersten ist. Aber man mute nicht nur eine
Million, man mute Millionen haben, um auch die Sprlinge des
Millionrs zu Millionren machen zu knnen. Die Kinder so reich wie
mglich in die Welt zu entlassen, das war fast der einzige
Erziehungsgrundsatz. Als ich nach der bekannten Krisis mit einer Dame
sprach, deren Vermgen einige Einbue erlitten, zeigte sie sich um ihrer
Kinder willen ganz aufgelst und untrstlich. Wo ich gehe und stehe,
sagte sie, im Wachen und Schlafe ist es mir, als hrte ich meine kleine
Marie bitterlich weinen! Die arme Marie, sie wird sich schlimmstenfalls
nur mit einer halben Million behelfen mssen! Aber so tief steckte die
Millionrkrankheit den Leuten in den Gliedern, da es sie unglcklich
machte, ihre Nachkommen nicht als Millionre durch die Zukunft schreiten
zu sehen. Fr den Unsegen der Million hatten sie keine Augen. Wie sie zu
blindem Genu trieb, alle Dinge dieser Welt nach dem Preiskurant
taxierte, die Familienbande lockerte, davon wollte man nichts sehen; die
grten Verwstungen geschahen auf dem Felde der Liebe. Was allgemein
begafft und bewundert wurde, eine Schauspielerin, eine Sngerin, eine
Tnzerin, das mute der Mann mit der gespickten Tasche sein eigen
nennen. Nach den Reizen, die alle Welt kennt, stand sein Sinn; von dem
Glck, ein Weib, einen Schatz zu besitzen, dessen Reize mein und nur
mein heiliges Geheimnis sind, hatte er keine Ahnung. Und doch, wenn man
den goldigen Schmetterling etwas nher betrachtete, besa er denn in den
meisten Fllen das leibliche und geistige Vermgen, um auch nur ein
weibliches Wesen in seiner natrlichen und gemtlichen Tiefe und Flle
von Grund aus zu erkennen?

Da solche widerliche Erscheinungen vermindert worden, kann man als
einen Segen der Krisis preisen. Die Kunst, arm zu werden, ist an den
soeben geschilderten Leuten verloren. Ich denke mir als Zglinge dieser
Kunst ernstere, feinfhligere, bessere Naturen, welche begreifen, da im
Reichtum etwas wie eine Schuld liegt, und da der Verlust des
berflssigen eine Shne fr das noch Erhaltene bildet. Man mu sich auf
kleineren und reineren Fu einrichten und den verlorenen ueren Glanz
durch Herzensklugheit und einige Kunstgriffe des Gemts zu ersetzen
suchen. Und dann bleibt ja noch die Arbeit, dieses heroische Mittel, die
Sorge zu vergessen und sie in ihren Wurzeln zu zerstren. Und soll
Eigentum durchaus Diebstahl sein, so wollen wir es mehren durch redliche
Arbeit und dabei uns denken: Ehrlich stiehlt am lngsten...

Whrend ich aber so weise rede, hebt mein Kanarienvogel wieder zu singen
an. Er lt sich sein Recht nicht nehmen, frhlich zu sein, und wie er
die Lichter auf dem Weihnachtsbaum aufblitzen sieht, meint er, es werde
Tag, und jubiliert wie eine Lerche. Am Ende hat dieser gute dumme Vogel
doch recht. Wir sollen, das Notwendige mit Anmut tragend, uns freuen an
diesem Festabend der kleinen und groen Kinder; wir sollen uns, schon um
der lieben Frauen willen, zusammennehmen und die Sorge auf morgen
vertagen. Es ist ja nicht der letzte Weihnachtsabend auf dieser Welt.
Auch wir erleben bald wieder einen, wo wir singen und jubeln werden.

  (Am 25. Dezember 1874)




Zwei Kinder


Schau, Franzel, sagte die kleine Marie zu ihrem noch kleineren
Brderchen, indem sie ihn am Fenster emporhob, bis er auf dem Sims
stehen konnte, schau, da drben fliegt das Christkind, lt einen
Tannenzweig und ein Blttchen Gold fallen, und wo es fliegt, da wird es
licht. Und die beiden Kleinen sahen, warm aneinandergeschmiegt, in den
schneefeuchten Abend hinaus, wo die Laternen trb und schlfrig
brannten, whrend am Rande des Himmels eine dstere Rte hing, die
bestndig zitterte und bald flammender aufscho, bald wieder auf sich
selbst zurckkehrte. Die Kinder weideten ihre Neugier an dem schnen
Schauspiele, zwitscherten vergngt wie die Vgel und brachen hin und
wieder, wenn eine Funkengarbe in die Hhe prasselte, in ein helles
Freudengeschrei aus. Aber wenn das Christkind so lange da drben
bleibt, sagte nach einer geraumen Weile der Knabe, so kann es am Ende
gar nicht zu uns kommen. -- O du dummer Franz, erwiderte das Mdchen
mit berlegenheit, das Christkind hat ja Flgel, und kaum hast du's
gedacht, so ist es auch schon da. Endlich taten den beiden Geschwistern
die Augen weh vom vielen Schauen; Marie hob den Bruder, der am Fenster
mit seinen Hnden wie eine Klette hing, vom Sims herab, und sie kehrten
wieder zum Tische zurck, auf dem sie, im freundlichen Scheine einer
Hngelampe, ihr Spielzeug ausgebreitet hatten. Zwei Tage zuvor war St.
Nikolaus gewesen, der sich in Deutschland auf die Bauerndrfer
zurckgezogen, in Wien aber nie ohne Bescherung vorbergeht. Franz hatte
seinem Nikolo mit der goldenen Bischofsmtze und einem dem seinigen
hnlichen Flachshaar schon ein Bein ausgerissen, um nachzusehen, wie es
denn um das Fuwerk von so einem Heiligen stehe; seine braune Schwester
dagegen -- feurig und treu, wie es die Brnetten zu sein pflegen --
behandelte ihren pelzverbrmten Krampus, den sie schon morgens im Bette,
da er wie vom Himmel gefallen neben ihr lag, mit einem zrtlichen du
schiecher Kerl! begrt hatte, mit all der Hochachtung, die ein zwar
hlicher, aber in allen Stcken tchtiger Mann allezeit verdient. Als
sie so saen und ihre beiden Mannsbilder eiferschtig miteinander
verglichen, fate ein derber Windsto das Haus, da es bebte, und jagte
das Ofenfeuer mit Flamme und nachqualmendem Rauche in die Stube. Die
Kinder fuhren auf, und da das Feuer im Ofen zu summen und zu brummen
anfing, was bekanntlich einen Familienverdru bedeutet, so lief die
kluge Marie nach der Salzbchse und streute eine Handvoll Salz auf die
Glut, die sich unter ihrem Zuspruche: Nicht schelten, nicht zanken!
langsam beruhigte. Franz stand mit gespreizten Beinen und die Hnde auf
dem Rcken, wie er es oft von seinem Vater gesehen, dabei und sagte mit
einem Tone, der so tief war, als er ihn aus seiner kleinen Brust
heraufholen konnte: Du dummes Feuer!

Vom Spiel ermdet, bat Franz, indem er halbschlfrig in das Licht
blinzelte, sein Schwesterchen, ihm eine Geschichte vorzulesen, da er
wohl wute, da ihm dann der Schlaf ganz gelingen wrde. Marie begann zu
lesen: Vorzeiten war ein Knig und eine Knigin, die sprachen jeden
Tag: 'Ach, wenn wir doch ein Kind htten!' und kriegten immer keins...
Kaum hatte Marie diesen Satz gelesen, als eine so blendende Helle zum
Fenster hereinkam, da die Amsel, die in einer Ecke im Kfig
schlummerte, aufwachte und stark zu schlagen begann. Die Katze, die gute
Troll, kam vom Ofen hervor und ghnte. Franz aber rief: Das Christkind!
Das Christ... Sein Ruf wurde durch einen gellen Schrei der Schwester
erstickt, die zum Fenster gelaufen und von dem Anblicke und dem Lrm der
Strae bis in die Fe hinab erschrocken war. Sie hielt sich krampfhaft
am Fensterbrette, starrte einen Augenblick wie versteinert hinaus, wo
sich auf der Gasse die Leute drngten, fieberhaft dahinrollende Wagen
rasselten, gellende Signale erschollen und, wie immer, wo sich Haufen
sammeln, ein schriller Pfiff dem andern antwortete; dort aber, wo ihr
noch vor kurzem eine frhliche Abendrte aufgegangen war, sah sie die
Balken und Sparren eines mchtigen Dachstuhles brennen. Es brennt,
Franzel! rief sie aus, als der Bruder sich in seiner Angst an ihren
Rock gehngt. Und ach! fuhr sie fort, indem ihre Stimme zum Weinen
herabsank, wo wird die Mutter jetzt sein? Nach dem Vater fragte sie
nicht, denn den Vater dachte sie sich immer zusammen mit der Mutter.
Sie sind ja ins Theater gegangen, sagte Franz, und im Theater ist es
ja so schn. Aber auch ihm schon ging es, als wollte das Weinen kommen,
bitter durch die Nase, und als die Schwester, durch das Wort Theater
aufgeschreckt, mit einem raschen Gedanken nach der Gegend des Brandes
schaute, ergriff sie eine namenlose Angst, und sie brach mit dem kleinen
Bruder, der an ihr hinaufschaute, in ein heftiges Weinen aus.

Jetzt erst merkten sie, da sie allein waren. Sie riefen nach der Magd --
sie war nicht zugegen; sie versuchten sich an der Haustr -- sie war
geschlossen; es half nichts, da sie gegen die Tr schlugen -- niemand
hrte sie. Da ffnete Marie ein Fenster und rief die Vorbergehenden um
Hilfe an. Endlich befreite sie ein fremder Mann, der die Tr eingedrckt
hatte und, da er Geschfte hatte, rasch wieder von dannen ging. Die
Kinder waren frei, und ihr erster Gedanke war, ihre Mutter zu suchen. Da
gingen diese zwei armen Wiener Kinder barhuptig hinaus auf die Strae.
Es fiel ein regnichter Schnee, der rasch auf der Erde zerging und einen
nakalten Schauer aufsteigen lie, der bis ins Mark drang. Die
Geschwister, fest Hand in Hand, schoben sich durch die drngenden Haufen
und gelangten, von der allgemeinen Strmung mitgenommen, in die Nhe der
Brandsttte. Am Schottenring, wo die hohen Huser wie im Feuer
vergoldet standen, fragte die kleine Marie, die als echtes Stadtkind im
allgemeinen Lrm und Gedrnge den Mut wiedergefunden hatte, einen Mann,
dessen Seitengewehr ihr Achtung einflte, ob er ihre Mutter nicht
gesehen htte. Sie sei drinnen im Theater, sagte das Kind, er mge sie
herausholen und ihr sagen, da die Marie und der Franz da seien. Allein
der Mann mit dem achtungswrdigen Seitengewehr lie die Kleinen hart an,
indem er meinte, es brenne da nur ein Haus und Menschen seien nicht
darin. Als die Kleinen von einer hohen Obrigkeit so schnde abgefertigt
wurden, nherte sich ihnen ein ltlicher Mann und eine ltliche Frau,
und nachdem sie sich erkundigt, auf welchem Stadtgrunde die Kinder
daheim seien, nahm der Mann das Mdchen, die Frau den Knaben bei der
Hand und fhrten sie aus dem Gedrnge in ihre Strae und Wohnung zurck.
Die Haustr war noch offen, und whrend der Mann Erkundigungen ber die
Eltern einzog, brachte die Frau die beiden Kinder, die vor Frost
zitterten und fieberten, zu Bett. Ein Arzt wurde geholt, die Kinder
schliefen ein. Die beiden Fremden, zwei Wiener Brgersleute voll
Rechtschaffenheit und Gte, wachten bei den Kleinen. Es war eine lange,
bange Nacht. Niemand kam nach Hause, auch nicht die Magd. Nach einer
unbegreiflichen Sicherheit schwirrten unheilvolle Gerchte durch die
Luft, und bald wurden Tatsachen bekannt, die Trauer, Angst und Schrecken
durch die Stadt trugen. Zuletzt kein Zweifel mehr, da hundert
Menschen, ja Hunderte von Menschen im Ringtheater ihr Flammengrab
gefunden.

Da die Kinder ernstlich krank wurden, richteten sich Herr und Frau Huber
-- so hieen die guten Leute -- in der Wohnung ein. Wie sie nun zusammen
am Bette der Kranken saen, so erinnerten sie sich, wie sie auch einst
einen Buben und ein Mdchen gehabt, die ihnen aber jung gestorben, und
bei aller Empfindung fr das Unglck ihrer Schutzbefohlenen tat es doch
ihren alten Herzen wohl, da sie wieder Kinder hatten; denn da sie von
diesen Waisen nicht mehr verlassen wrden, war vom ersten Augenblicke an
eine nicht anders zu denkende Sache. Sie saen am Bette, lachten und
weinten, kten bald die Kinder, bald einander selbst, und so wurden sie
ihre eigentlichen Kinder. Als Marie und Franz sich wieder erholten,
teilte ihnen Frau Huber mit, da ihre Eltern auf einer Reise begriffen
wren, und da die Kinder, bis zur Zurckkunft von Vater und Mutter, zu
ihren Pflegeeltern bersiedeln mten. Marie machte groe Augen, und
indem sie nach der Tr sah, weinte sie still vor sich hin. Sie drckte
der guten Frau die Hand. Und du, Franzel, sprach die Frau zu dem
Knaben, bin ich nicht deine Mutter? -- Du meine Mutter, antwortete
er, du hast ja graue Haare und Falten im Gesichte, und meine Mutter
hatte braune Haare und rote Backen. Die gute Frau lchelte und kte
den Knaben, der es sich gefallen lie.

In der neuen Wohnung war Franz bald zu Hause. Altes Spielzeug, welches
Frau Huber noch von ihren Kindern her aufgehoben hatte und immer um die
Weihnachtszeit zur Erinnerung hervorholte, nahm seine ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch. Zu jung, um ein gutes Gedchtnis zu haben,
lebte er ganz in der Gegenwart. Mit Vorliebe bestieg und tummelte er das
Steckenpferd, und da die Kindertrompete den Ton verloren hatte, so
schrie er ihn in sie hinein, und mit Begeisterung blies er das Wiener
Feuersignal, wie er es in jener schaurigen Dezembernacht gehrt hatte.
Marie dagegen, lter, gescheiter und schon des Lesens kundig, ward immer
stiller und nachdenksamer. Eines Abends war ihr von der brennenden Kerze
ein Funke auf den Rcken der Hand gefallen; sie lie ihn ruhig und ohne
einen Augenblick zu zucken auf der Haut verglimmen und sann nach ber
den Schmerz, den es verursachte, und dachte an ihre Mutter, die nicht
zurckkehren wollte. Das Mdchen krnkelte innerlich; ein Licht konnte
sie erschrecken, das Prasseln eines Zndhlzchens konnte ihr Angst
einflen. Endlich machte sie ein Traum ruhiger und heiterer. Sie war in
einem festlich erleuchteten, groen Raume, in welchem viele Menschen
saen. Pltzlich war der Raum von Flammen erfllt, da man vor Helle
nicht mehr sah, und ebenso pltzlich trat einen Augenblick nachher eine
so tiefe Finsternis ein, da das Feuer aus den Augen zu fahren schien.
Marie fhlte sich von einer oft stockenden Menschenstrmung fort- und
abwrts, dann wieder aufwrts getragen. Als sie dann einen engen,
finstern Gang entlang ging -- und die Finsternis wurde dick, wie zum
Greifen -- hrte sie etwas, das das Ohr vor Entsetzen kaum zu fassen
vermochte: ein Sthnen und Wimmern, als ob Tausende hingewrgt wrden.
Sie ging langsam weiter, wie wenn Blei in ihren Gliedern wre, denn es
bi wie unendlicher Rauch in die Augen, und die Luft war schwer und
suerlich und trieb den Atem in die Brust zurck. Am Ende des Ganges
schlug ihr himmelhohe Feuerlohe entgegen, und als sie, sich versengt
fhlend und am ganzen Leibe glhend, eben sich zurckwenden wollte,
hrte sie eine Stimme, die ser klang, als keine auf der Welt. Sie rief
sie mit Namen: Marie! Marie! Und Marie eilte durch die Flammen, sah
vom Feuer umgeben die Mutter, strzte sich in ihre ausgebreiteten Arme,
und als das Kind in den Mutterarmen lag, fchelten die Flammen ihr
Khlung zu, und nichts brannte, als der se Mutterku auf dem Munde des
armen und seligen Kindes...

Von dieser Stunde an ward Marie ruhiger und gelassener. Sie fing an,
sich an ihre guten Pflegeeltern inniger anzuschlieen, und der
leichtherzige Franz fand an ihr wieder seine Spielkameradin. Als die
guten Leute den Christbaum anzndeten und der Franz vor Wonne jauchzte,
stand auch Marie mit freundlichem Anteil dabei. Sinnend und sinnig sah
sie zu, wie die Lichter am Baume mit den grnen Nadeln spielten und
spitzige Flmmchen in die Luft bliesen. Sie weinte nicht, aber die
Augen wurden ihr feucht.

Die braven Wiener Brgersleute herzten und kten die Kleinen, und indem
sie in heiem Gebete zum Himmel flehten, er mge knftighin ihre
geliebte Vaterstadt nicht mehr mit Feuer heimsuchen, priesen sie die
Vorsehung, die es verstanden, mitten aus dem Unheile heraus fr ihre
alten darbenden Herzen ein unerwartetes Glck zu schaffen.

  (Am 25. Dezember 1881)




Ohne Mutter


Als ich heuer den ersten Schnee fallen sah und sommerlich gekleidete,
leicht beschuhte Kinder erblickte, die bla und bekmmert ber die
Strae wateten, summte mir unaufhrlich die Erinnerung an ein rhrendes
Ereignis durch den Sinn, das in meiner Knabenzeit groes Aufsehen erregt
hatte, um, wie das selbst bei den wichtigsten Dingen zu geschehen
pflegt, rasch wieder vergessen zu werden. Es war die Geschichte eines
Zwillingspaares, eines Knaben und eines Mdchens, die zur Winterszeit
auszogen, eine Mutter zu suchen, und nach einigen Tagen im Walde
erfroren aufgefunden wurden. Ich habe die beiden Geschwister wohl
gekannt, die braune Mali, die so schwere dunkle Zpfe auf dem Rcken
trug, und den blonden Conrad mit den schlichten Haaren und den
treuherzigen blauen Augen. Ich bin oft mit ihnen in die Erdbeeren
gegangen, habe mit ihnen Schmetterlinge gejagt, und im Winter haben wir
einander mit Schneeballen geneckt und sind dem edlen Sport des
Schlittenfahrens mit Leidenschaft obgelegen. Da sie hbsch und artig
waren, obgleich von rmlichem Ansehen, hatte sie jedermann gerne. Die
Mutter war bei der Geburt der Zwillinge gestorben, und der Vater -- ein
Taglhner, der zumeist von Holzspalten lebte -- war ein rauher Mann, der
im Verdru ber seine blen Umstnde, und dadurch sie immer
verschlimmernd, der Flasche mehr als billig zusprach. Als eines Morgens
der Vater tot im Bette gefunden wurde, ward es den Kindern recht
unheimlich zumute. Frstelnd in der ungeheizten Stube, saen sie an dem
Tische, auf dem sonst die Wassersuppe als Frhstck gestanden, und
ratschlagten in ihrem kindlichen Sinne, was nun anzufangen sei. Oft
hatten sie schon die Leute sagen hren: Ja, Kinder, wenn ihr eine Mutter
httet! Und die braune Mali -- wie ja die Mdchen stets klger sind, als
die Knaben -- hatte einmal eine Nachbarin gefragt: was das denn sei, eine
Mutter? Die Nachbarin antwortete dem neugierigen Mdchen: eine Mutter
sei eine Frau, welche die Kinder hte wie ihren eigenen Augapfel; man
knne nie frieren, sondern habe immer warm, wenn man eine Mutter
besitze. Dieses Wort der Nachbarin trug das sinnige Mdchen mit sich
herum, und als sie mit ihrem Brderchen frierend am leeren Tische sa,
fiel es ihr ganz warm auf die Seele, und sie fing an: Weit du was,
Conrad? Der Vater ist tot, und niemand kmmert sich mehr um uns, als die
bse alte Hanne. Wir wollen miteinander fortgehen und uns eine Mutter
suchen. Es gibt ja so viele Mtter auf der Welt, es wird wohl auch eine
fr uns darunter sein. Conrad hatte nichts einzuwenden gegen diesen
Vorschlag, und so machten sich Bruder und Schwester in leichten
Kleidchen auf, Conrad ohne viel Vorbereitung, Mali aber erst, nachdem
sie ein Stck Brot in die Tasche gesteckt und einen an Schnren
befestigten baumwollenen Muff umgehngt hatte. So gingen die beiden
Kinder Hand in Hand zum Tore hinaus, erst der Strae nach, dann auf
Fusteigen durch Felder und Wiesen dem Walde zu. Sie waren von
Bauersleuten gesehen und auch wohl angeredet worden; als einer sie
verwundert fragte, wie es denn komme, da sie bei diesem Schnee und
dieser Klte ber Feld gingen, antworteten sie ganz gelassen, da sie
eine Mutter suchten. Der Mann sah ihnen eine Weile kopfschttelnd nach,
dann verschwanden sie hinter Bumen; allein der allgegenwrtige
Mrchengeist des Volkes hat sie begleitet bis zu ihrem letzten Worte und
bis zu ihrem letzten Atemzuge. Als sie in den Wald hineinkamen und die
Tannen im Winterschmucke glitzern und blitzen sahen, meinten sie, hier
sei es ja schon Weihnachten und ganz so schn wie bei den vornehmen
Leuten. Sie konnten sich nicht satt sehen an dieser Pracht und
Herrlichkeit; sie gingen von Baum zu Baum, schttelten wohl auch an
einer schlanken Fichte und lachten, wenn ihnen der nasse Staub in die
Augen fiel. Als sie ihre Lust gebt hatten, gingen sie wieder frba,
nur Mali hielt zuweilen an und rief in den Wald hinein: Mutter!
Mutter! -- aber blo ihre eigene Stimme kam ihr zurck, oder ein
geschreckter Specht flog auf, und unter ihm stob der Schnee vom Aste.
Als die beiden Kinder weit auf der Hhe an eine Wegscheide kamen und
schon der Abendschein die Baumgipfel vergoldete, fhlten sie sich mde
und setzten sich unter eine Tanne. Mali nahm das Brot aus der Tasche und
ftterte damit den Bruder, der willig den Mund aufsperrte. Ein Frost
berkam sie, und Mali steckte die Hnde Conrads in ihren Muff. Sie
konnten sich des Schlafes, der schwer auf sie fiel, nicht erwehren, und
sie schlummerten Hand in Hand und Wange an Wange ein. An einem pltzlich
aufstrahlenden Wrmegefhle wurde Mali wach; sie weckte ihren Bruder und
sagte zu ihm: Conrad, mir ist so leicht und warm, das mu die Mutter
sein! -- Ja, antwortete Conrad, das ist die Mutter! Und sich enger
aneinanderschmiegend, entschlummerten sie lchelnd und wachten nicht
wieder auf. Unser aller Mutter, die Erde, in deren scheinbar harten
Entschlieungen wir die Liebe nur ahnen knnen, hatte die armen
Zwillinge mitleidig in ihre Arme genommen.

Wie diese zwei Kinder, so suchen viele Menschen ihre Mutter, sei es nun,
da sie erfahren haben, was eine Mutter ist, sei es, da sie eine Mutter
nie besessen. Die Sehnsucht nach dem nur Geahnten ist so stark, wie die
Sehnsucht nach dem verlorenen Besitze. Wer keine Mutter hat, der geht
doch nur betteln und lebt vom Almosen der Liebe. Denn es gibt nichts
Kstlicheres als Mutterliebe, und ihre Macht und ihr Segen sind
unerschpflich. Wie arbeitet und bildet die Mutter an dem zappelnden und
schreienden Geschpf, das in den Windeln liegt -- selbst bedrfnislos und
fr alle Bedrfnisse des Kindes sorgend. Gro wie die Natur, deren
Priesterin sie ist, kennt sie keinen Wertunterschied der Dinge, und wo
sie liebt, wandelt sich ihr selbst der Kot zu lauterem Golde. Was ihre
Hand berhrt, veredelt sie. Sie vermittelt das edelste Besitztum,
welches ein Volk kennt: die Sprache wird uns mit der Milch eingeflt,
mit Kssen eingeschmeichelt. Wir sagen: unsere _Mutter_sprache, um den
traulichsten Reiz unserer Sprache zu bezeichnen und unsere tiefste und
herzlichste Freude an ihr zu bezeugen. Wir hren durch unsere Sprache
hindurch die Kinderstimme der Mutter, den naiven Laut der Liebe. Die
Kinderstube ist eine sprachliche Werkstatt, wo die Kosenamen und
Verkleinerungsformen geschaffen werden, und wie ohne Zweifel bedeutende
Mnner gewisse Wortformen erfunden haben, so haben auch bedeutende
Frauen und Mtter bei der Formenschpfung und bei der Bestimmung des
Geschlechtes der Wrter ihre Hand mit im Spiele gehabt. Wenn nicht
Liebende den Dual, der mit einem Worte zwei Wesen bezeichnet, erfunden
haben, so hat es gewi die Mutter getan, die sich nicht getrennt denken
konnte von ihrem Kinde. Ja, so wenig trennt sie sich von ihrem Kinde,
da dem Verbrecher nichts mehr bleibt als die Mutter, wenn die brigen
Menschen sich von ihm abwenden: ber alle Gruel hinweg waltet noch die
Mutterliebe als ein unzerstrbares sittliches Naturgesetz. Es gehrt zu
den groen Zgen unseres Zeitalters, da die Enterbten der Menschheit
(#proles sine matre creata#) nach der Mutter suchen, die ihnen mild und
liebend entgegenkommt.

Wenn es mglich ist, da der Mensch aus dem Tode zurckkehrt, so kann es
vor allen anderen die Mutter. Im deutschen Mrchen besucht die tote
Knigin jede Nacht ihr Kind. Sie nahm das Kind aus der Wiege, legte es
in ihren Arm und gab ihm zu trinken. Dann schttelte sie ihm sein
Kichen, legte es wieder hinein und deckte es mit dem Deckbettchen zu.
Und steht nicht geschrieben in dem Buche der Bcher: Man hret eine
klagende Stimme und bitteres Weinen auf der Hhe vor Bethlehem, wo
Jacobs Weib begraben liegt: Rahel weinet ber ihre Kinder und will sich
nicht trsten lassen ber ihre Kinder, denn es ist aus mit ihnen -- und
ach, wann knnte Rahel bitterlicher weinen als heutzutage?

Die Mtter sind berall zugegen, und mten sie das Grabgewlbe
durchbrechen. Ihre Seele, ihr sorgendes Gemt umschwebt uns allerwrts.
Und wenn es in einem mutterlosen Hause um den Weihnachtsbaum lichter und
wrmer wird -- haltet es nur fr sicher, das rhrt von einer heiligen
Gegenwart her: es ist der Atem und es sind die Augen der verstorbenen
Mutter.

  (1884)




Mutter und Kinder


Wenn der Mann des Gesprches mit Mnnern satt ist, so rettet er sich zu
den Frauen, hat er sich aber auch mit den Frauen ausgesprochen, dann
geht er, als zu einer letzten Zuflucht, unter die Kinder. Was der Mann,
aus der khlen, verdnnten Luft des Denkens herabsteigend, sucht, wonach
er sich herzlich sehnt, das ist der warme Atem der Natur, der ihm
nirgends voller und wrziger entgegenquillt als aus dem Munde des
Kindes. Wie will er aber den Frauen entgehen? Sie sind berall, und wo
ein Kind ist, da sind sie erst recht. Das Kind schreit nach der Mutter,
wie in der Wirklichkeit, so auch dem Sinne nach. Das Kind hat in ihr
gewohnt, es hat mit ihr geatmet, gegessen und getrunken; als es fr die
anderen noch gar nicht da war, hat ihm schon die Sorge der Mutter
gegolten. Sie sind nicht voneinander zu trennen, und wenn das Leben sie
trennt, wenn eines von beiden allein bleibt, gibt es ein Leid, dem kaum
ein anderes gleicht. Es ist das strkste Heimweh, das es gibt. Daher
sind Mutter und Kind eines der ltesten Bilder, das die Menschen kennen,
das sie nicht erfunden, sondern nur gefunden haben. Der Schein des
berirdischen haftet nur nebenschlich an ihm oder ist aus dem an sich
heiligen natrlichen Verhltnisse erst geholt worden. Das Bild bedarf
keiner Verklrung, es verklrt sich selbst. Wie rhrend ist eine junge
Mutter, die selbst noch ein halbes Kind ist, und die trotz Entzckungen
und Schmerzen an ihre Mutterschaft noch nicht recht glauben kann und sie
mit einer Mischung von Scham und Stolz trgt. Wie fest und schwer aber,
eine nicht wegzuleugnende Wirklichkeit, sitzt das Kind auf ihrem Schoe,
und der kleine Bengel (sie selbst sagt Engel) langt ihr dreist nach dem
Busen, den er ohne weiteres als sein natrliches Besitztum in Anspruch
nimmt. Sie kt das Kind, das sie gestillt, und mit ihm kt sie den
geliebten Mann, ja sich selbst, denn es hat ihren Mund und schaut sie
aus ihren eigenen Augen an. Alle Seligkeit, die sie kennt, sitzt auf
ihrem Schoe, ruht an ihrer Brust, schlummert in ihren Armen. Die
gereiftere Mutter geniet ihr Glck ruhiger, stolzer, nachdenksamer,
wenn auch nicht weniger tief; sie kennt die Welt und ihre Sorgen. Und
wieder ein reizendes Bild gewhrt die Gromutter, welche die Kinder
ihrer Kinder um sich versammelt. Sie scheint voll lieblicher
Erinnerungen zu sein, wenn ihre Enkel zu ihr kommen, und wenn sie die
Kleinen streichelt, wenn sie selbst ihr schn tun, ihr schmeicheln, sie
kssen, ist sie berglcklich und lchelt aus allen ihren Falten. Die
Kinder ahnen in ihr selbst das Kind und spielen mit ihr wie mit einem
lteren Kinde.

Die Kinderstube ist eine groe Sache. In ihr kriecht und trippelt, lrmt
und tobt die Weltgeschichte in kleinem Mastabe, sie ist eine
Pflanzsttte mchtiger Dinge. Eines der wichtigsten Stcke in der
Kindererziehung ist offenbar, dem Kinde, unbeschadet aller geistigen
Entwicklung, seine ursprngliche Kindlichkeit zu bewahren. Das Kind im
Menschen ist das Genie, unbefangen in seinen Anschauungen, naiv in
seinem Egoismus, und so die Wurzel alles bedeutenden Schaffens. In
diesem Sinne ist das Kind der Dichter, der Knstler, der Erfinder, der
Gesetzgeber, weil es den Schleier des Vorurteils zerreit und einen
unbefangenen Blick in die Dinge selbst tut. Diese Kindlichkeit dem Kinde
zu wahren, sie namentlich gegen den Schulmeister zu schtzen, ist die
Mutter am geeignetsten. Sie ist ja -- selbst in der Stimme -- ein groes
Kind, ein Genie an Takt und Klugheit und, solange sie unverdorben ist,
nicht geneigt, den ihr von der Natur angewiesenen Berufskreis zu
berschreiten. Schon durch ihr bloes Dasein, ihre natrliche
Beschaffenheit bt sie die strksten Wirkungen aus. Neidlos teilt sie
dem Kinde ihre Genialitt mit, stolz darauf, im Sohne fortzuleben. Sie
will, in ihrer reinsten Art, weder Dichter noch Gelehrter sein, und ein
Wort Latein oder Griechisch erschiene ihr als ein Flecken auf ihrer
geistigen Toilette. Gesprch und Brief, also unmittelbare uerung von
Person zu Person, sind das Feld ihrer geistigen Meisterschaft. Frau von
Svigns Briefe wird man noch immer mit Vergngen lesen, wenn lngst
alle Welt die wenig schmeichelhafte Meinung des groen Napoleon ber die
Schriften der Frau von Stal teilen wird. brigens kann man kaum
ermessen, was die Frauen durch die Erfindung des Spinnens, Webens,
Strickens, Knpfens fr die Entwicklung der Kultur getan haben. Die
ganze Oberflche des Lebens und der Kunst zeigt die Spuren ihrer
erfindsamen und sinnigen Hand. Auch die Schpfung der Sprache fhrt zu
den mitteilsamen Frauen und in die Kinderstube hinein. Wer hat in der
Sprache den zwischen Einzahl und Mehrzahl schwebenden Dual erfunden, die
schne alte Form, wo Zwei sprechen und doch nur Eines -- sind es
verliebte Paare oder ist es die Mutter mit ihrem Kinde gewesen? Die
Grammatik als eine Erfindung der Liebe wre gewi eine Erleichterung des
Lernens fr Mdchenschulen.

Was die Kinder ihrer Mutter verdanken, erfhrt das Kind erst, wenn es
selbst Mutter wird -- der Mann also gar nie oder nur ahnungsweise und
lckenhaft. Die Opferfhigkeit der Mutter ist unbegrenzt. Das Leben,
sonst das hchste Besitztum des Menschen, achtet sie, sobald das Wohl
ihres Kindes ins Spiel kommt, keiner Nadel wert. Die Sage von dem Vogel
Pelikan, der sich die Brust aufreit, um seine hungernden Jungen zu
tzen, scheint eigens fr die Mutter erfunden zu sein. Beispiele liefert
jeder Tag. Allein nicht eigentlich das uerste, sondern das tagtgliche
Opfer, die Sorgfalt und Liebe, die kein Ende hat, nimmt unsere
Bewunderung in Anspruch. Wer betrachtet nicht manchmal mit einem mehr
als flchtigen Blicke die kleinen Kinder, die zur Schule gehen oder aus
der Schule kommen? Man sucht gern hinter jedem Kinde seine Mutter, weil
es die Mutter nicht verleugnen kann. Es trgt seine Mutter mit sich
herum. Kinder aus wohlhabender oder reicher Familie gewhren weniger
Interesse als arme Kinder. Arme Kinder sind rechte Mutterkinder, die
Hand der Mutter ist sichtbar an ihnen. Kopf und Fu der armen Wiener
Schulkinder sind meistens auf das sauberste gepflegt. An den Kleidern,
so drftig sie sein mgen, sieht man den guten Willen, die Liebe der
Mutter. Sie hat sie selbst verfertigt. Fr ihr Kind wird sie alles:
Putzmacherin, Mdchen- und Knabenschneiderin, ja selbst Schusterin, wenn
eine neugierige Kinderzehe durch das Schuhleder brechen will. Aus den
abgelegten Beinkleidern des Vaters macht sie Wams und Hosen fr den
Knaben, aus ihren abgelegten Fhnchen Anzge fr das Mdchen. Und
rhrend ist es, zu sehen, wie die Mutterhand noch mit der Not spielt und
ihr gleichsam ein Lcheln entlockt. Den Kragen des armseligen
Mntelchens besetzt sie mit einem dunkleren Stoff, da man Pelz zu sehen
meint, und am Busen fehlt nicht die Schleife und im Haar nicht das bunte
Band. Diese frhliche Armut ist das Werk guter Mtter.

Freilich reicht in rmeren Kreisen der gute Wille auch der besten Mtter
nicht aus, wenn ihre Kinder aus Mangel an Nahrung, guter Luft und freier
Bewegung dahinkrnkeln. Die rzte kennen ja das Hauptleiden der armen
Kinder, das in Wien wie in jeder groen Stadt daheim ist: die Blutarmut
mit allen ihren bedenklichen Folgen. Staat und brgerliche Gesellschaft,
wie sie gegenwrtig bestehen, knnen in dieser Sache nur wenig tun; man
ist angewiesen auf die Mildttigkeit der einzelnen, die allerdings viel
vermgen, wenn sie sich aneinander anschlieen. Vor geraumer Zeit haben
Louise Meiner und Engelbert Keler einen Wiener Ferien-Kolonien-Verein
fr Kinder ins Leben gerufen. Groherzige Wiener Frauen, wie die
gegenwrtige Vize-Prsidentin des Vereins, Frau Marie Schnecker,
geborene Bsendorfer, haben sich an die Spitze des schnen Unternehmens
gestellt und bisher die schnsten Erfolge gewonnen. Nun handelt es sich
darum, in einer Vorstadt von Wien ein Kinderheim zu schaffen, den
leidenden Kleinen ein Haus mit einem groen Garten aufzuschlieen. Wird
Wien sich spotten lassen, wenn man an es herantritt mit der Bitte um
milde Beitrge? Wer mchte nicht bitten fr leidende Kinder, und wer
mchte es ber sich bringen, ihnen eine Gabe zu versagen? Es gilt ja,
fr die Gesundheit und Tchtigkeit der nchsten Generation zu sorgen.

Wer glckliche Mutter ist, und wer des Glckes entbehrt, Mutter zu sein
-- beider Gedanken sind ja doch nur bei den Kindern. Es ist der Wunsch
trefflicher Mtter, da es fremden Kindern so gut ergehen mge, wie
ihren eigenen, und nicht minder der Wunsch kinderloser Frauen, da es
fremde Kinder so gut haben mchten, als ob es ihre eigenen wren. In der
Mildttigkeit drckt sich dieser schne Gedanke praktisch aus.

  (Am 24. Dezember 1893)




Aus der Kinderwelt


Wieder ist der Wald in der Stube, und der Geruch des Tannenbaumes, von
dem wir doch alle wissen, da er nichts weiter ist, als flchtiges Harz,
schmeckt uns wie berirdisches Labsal. Es ist die Freude der Kinder, die
uns die Sinne so verklrt, die uns das sonst Gleichgltige zum
Bedeutsamen erhht, denn wir sehen heute mit ihren hellen Augen, riechen
mit ihren neugierigen kleinen Nasen. Wir Alten werden selbst wieder
grn, und unsere grauen Haare sind nur miverstandene Blten, und unsere
Falten hat die Sorge nur fr ein glckseliges Lcheln gegraben. Wie auch
das Leben sonst mit uns spielen mag, heute drfen wir ein Glck
genieen, wenn auch nur ein Glck, welches eine Kinderhand umspannt. Der
Anblick der glcklichen Kleinen stillt unser unruhiges Begehren, lt
uns auf einen Augenblick unser fieberhaftes Streben und Haschen nach
allem Mglichen und Unmglichen vergessen. Wie das Kind seine Ideale
erreicht, sehen wir vor uns. Sein Ideal ist ein saftiger Apfel, eine
schimmernde Nu, und wenn es hochgeht, ein bunter Hansel oder eine
aufgedonnerte Gretel. Die Sorge -- auch fr uns einst eine groe Sorge --
nmlich ob der Hans und die Grete einander bekommen, ficht das
Kindergemt noch nicht an. Das Kind schaut sich nicht um nach der
Quelle, es lt sich im behaglichen Gefhl des Daseins und der Gegenwart
ruhig dahintreiben, als ob das immer so gewesen wre und immer so sein
mte. Das Paradies in diesem Paradiese ist ihm aber Weihnachten, wo an
den Zweigen des Tannenbaumes -- keines Baumes der Erkenntnis, sondern der
Unschuld -- die Erfllung seiner khnsten Wnsche hngt. Jede brennende
Kerze beleuchtet eine Freude, ist selbst eine Freude. Die Mutter spart
daher nicht mit Lichtern (hat sich doch die Biene fr uns bemht!), und
ich sehe eine Frau, die zuletzt noch zwei Kerzen fr entflogene Seelen
aufsteckt, die eine fr den Vater, der den Kindern fehlt, die andere fr
das Kind, das ihr der Himmel aufbewahrt. Die Kleinen schauen sie
verwundert an, wie sie weint, und sie gedenkt des Glckes, das sie
genossen, sieht das Glck, das ihr geblieben, und ber ihre von Trnen
genetzten Wangen gleitet ein dankbares Lcheln. Weihnachten, das Fest
der Kinder, die ein Genie fr das Glck und eine groe Gabe des
Beglckens haben, nimmt auch dem Schmerz seine uerste Bitterkeit.

Die Kinder -- sie sind in der Tat das grte Thema der Welt. Man wird mit
ihnen nicht fertig, weder im Leben, noch im Denken und Dichten. Indem
ich daran dachte, ihnen zu Weihnachten an diesem Orte ein Geschenk zu
machen, sah ich mein Unvermgen sofort deutlich ein. Wre ich ein
Rothschild, ich wrde ihnen ein Bergwerk von Lebkuchen verschreiben;
wre ich ein Dichter, ich wrde ihnen ein Mrchen erzhlen. Aber eines
wenigstens kann ich tun im Interesse der Kleinen, ich kann den Vtern
und Mttern einen bei uns nicht viel gelesenen Dichter verraten, der
von den Kindern in der schnsten und wrdigsten Weise spricht. Der
Dichter ist zwar ein Franzose und hat in Herzenssachen das Vorurteil
wider sich; aber schlagt es nur auf, sein Buch, das von den Kindern
handelt, und ihr werdet sehen, da Gemt und Sinnigkeit nicht
ausschlielich ein Gut der germanischen Vlker ist. Der Dichter ist kein
anderer als Victor Hugo, und das Buch, das ich meine, ist betitelt: Die
Kunst, Grovater zu sein (#L'art d'tre grandpre#). Es ist im
vorigen Sommer erschienen und hat mir zur Winterszeit Haus und Herz
gewrmt, und ich denke, es ist eine gute Tat, diesem Buche den Weg in
die deutsche Familie zu vermitteln. Ohne Umschweif gesagt: es ist ein
reizendes und zugleich ein groartiges Buch, reizend durch das zarte
Eingehen in das Kinderleben und groartig durch die Gesinnung, in
welcher es geschrieben oder vielmehr gedichtet ist. Denn es sind
Gedichte, die den mannigfaltigsten Ton anschlagen, von der nselnden
Kindertrompete bis zu den tragischen Donnern der Weltgeschichte. Von
Victor Hugo kann man lernen, da man in der Kinderstube nicht notwendig
versimpeln mu, da man kein Philister zu sein braucht, um an den
kleinsten Familienereignissen innigen Anteil zu nehmen. Ein Mann, dem
kein Gedanke zu hoch schwebt, da er ihn nicht im Fluge einholte, dem,
wenn seine Leidenschaft erregt wird, kein Denken und Empfinden zu khn
ist, er kann stundenlang an der Wiege seiner Enkelin, eines kleinen
Geschpfes von zehn Monaten, weilen, um den Duft ihrer Unschuld
einzuatmen, um ihre Bewegungen und Trume mit liebevollem Auge zu
berwachen. Er liebt die Wiegen, diese Nester aus Seide und aus
Spitzen; ihn, den Genius, zieht das Genie des Kindes an; ihr Lallen,
ihr Stammeln, ihr Zwitschern -- wie er es nennt -- deutet er als tiefe
Offenbarungen der Natur. Es ist rhrend, zu sehen, wie dieser Mann, ein
Revolutionr als Dichter und als Politiker, mit dieser unendlich kleinen
Enkelin spielt, wie sie ihm wichtig wird ber alles, wie er vor dieser
winzigen Probe der Gttlichkeit im Geiste kniet. Er, der die Sprache oft
schleudert, wie ein Titan die Felsblcke, findet dann die schlichtesten
Laute, ja, ihm kommen Worte von einer Einfalt in den Mund, die man
diesem wiehernden Phrasenhengst -- denn auch in der Phrase ist er
zuweilen gro -- nicht im mindesten zutrauen wrde. Die schlafende
Jeanne ist ein Thema, das Victor Hugo nicht mde wird, immer wieder
aufs neue abzuwandeln. Jeanne schlft. Sie lt, der arme verbannte
Engel, ihre Seele sich im Unendlichen ergehen; so flieht der Sperling in
die Kirschenhecke. Bevor sie an dem bittern Kelch des Lebens nippt,
versucht sie noch einmal mit dem Himmel anzuknpfen. Heiliger Friede!
Ihre Haare, ihr Atem, ihre blhende Haut, ihre unverstndlichen
Gebrden, ihre Ruhe, wie ist das alles auserlesen! Der alte Grovater,
ein glcklicher Sklave, ein erobertes Land (#pays conquis#), betrachtet
sie. Dieses Geschpf ist hienieden das geringste und das hchste. Um
ihren Mund spielt ein keusches, rtselhaftes Lcheln; wie schn sie ist!
Sie hat Fettfalten (wir sagen hierzulande Schnuzen) am Halse; sie
duftet wie eine Blume. Eine Puppe liegt neben ihr, und das Kind drckt
sie zuweilen an das Herz ... Oh, weckt sie nicht! Das schlummert wie
eine Rose. Jeanne denkt und fgt sich im Schlafe etwas Himmlischeres als
den Himmel zusammen. Von Lilie zu Lilie, von Traum zu Traum sammelt sich
der Honig, und die Seele des Kindes arbeitet in den Trumen, wie die
Biene in den Blumen ... Victor Hugo verfgt ber eine Masse kleiner
Zge, die ebenso glcklich beobachtet als poetisch sind. Er lt der
einschlafenden Jeanne seinen Finger, der ihre ganze Hand fllt; ihre
kleinen Arme sind kaum noch Arme, sondern Flgel; da sie erwacht,
erschliet sie das Augenlid, streckt sie einen lieblichen Arm aus,
bewegt erst -- wie reizend gesehen und einfach gesagt! -- den einen Fu,
dann den andern und fngt so himmlisch zu lallen und zu zwitschern an,
da sich aus der Hhe Kpfe herniederneigen, um sie zu hren. Die Mutter
aber sucht nach dem zrtlichsten Ausdrucke fr ihre Liebe und sagt zu
dem Kinde: Bist du wach, du Ungeheuer?

Victor Hugo ist der zrtlichste, der hingebendste Grovater, und nie
haben Enkel eine solche Liebe erfahren, wie George und Jeanne, die
verwaisten Kinder seines lteren Sohnes. Er ist ein Parteignger seiner
Enkel, der Kinder berhaupt. In dieser Rolle ist er der Schrecken der
vernnftigen Leute, da er durch unberechenbar weitgehendes Mitgefhl
ihr Erziehungssystem ber den Haufen zu werfen droht. Er ist hier
Revolutionr wie berall, Revolutionr aus berquellender Seelengte. Er
macht sich zum Mitschuldigen der kleinen Naschmuler, indem er
Sigkeiten, die fr den Nachtisch bestimmt sind, den Enkeln ausliefert
und zu dieser Leckerei arme Kinder von der Strae einladet. Ist ein Kind
wegen irgendeines Verbrechens auf trockenes Brot gesetzt, so gesellt er
sich zu ihm und spielt ihm den Topf mit eingemachten Frchten in die
Hnde. Die groen Leute klagen ihm: so knne man das Regiment nicht
aufrechterhalten, wenn er alle gesetzlichen Schranken niederwerfe. Er
sei ein gemeinschdlicher Mensch, ein Ungeheuer aus Liebe. Halb gibt er
es zu, halb wieder nicht. Ein Kind um eines Apfels willen zchtigen?
Nein! Nimm deine Rechte mehr in acht, o Bauer, als deine Apfelbume, und
wirf kein Ja in die Urne, wo ein Nein deine verfluchte Pflicht und
Schuldigkeit wre. Hier springt er als kinderliebender Sophist und
Verchter des Bonapartismus in die Politik ber. Und aus der Politik
kehrt er wieder zurck zu den Kindern. Er sitzt wieder an Jeannes Wiege.
Seine Kmpfe gegen Thron und Kanzel strmen ihm in der Erinnerung durch
die Seele; mit gerechtem Selbstgefhl gedenkt er seiner Reime, die wie
Taten gewirkt. In diesen Kmpfen sei er vierzig Jahre hindurch stolz,
unbezwungen, siegreich gewesen; und nun -- mit einem Blick auf Jeanne --
habe ihn ein Kind besiegt, ein kleines Kind. Hier ist er biegsam,
schwach, ein Held im Gehorchen und Erdulden. Kinderliebe ist ihm
Religion. Er hat da merkwrdige Worte: Die Shne unserer Shne tun es
uns an; ein Kind kann mich dumm machen, und ich habe deren zwei: George
und Jeanne; das eine ist mein Fhrer, das andere mein Licht. Aber diese
zwei machen ihn zum Freunde aller Kinder. In dem herrlichen Gedichte:
Die unbefleckte Empfngnis, das aus dem zartesten Geplauder zu einem
mchtigen Zorneston anschwillt, entwirft Victor Hugo das folgende
kstliche Bild: berall Kinder. Wir sind im Tuileriengarten. Mehrere
George, mehrere Johannen, mehrere Marien: der eine trinkt an der Brust,
der andere schlft. Im Baum eine Nachtigall. Ein Mdchen versucht seine
Zhne an einem Apfel. Die ganze heilige Morgenfrhe der Menschheit. Man
schwtzt, man lacht; man plaudert mit seiner Puppe, die viel Geist
entwickelt; man it Kuchen und springt ber die Schnur. Man verlangt von
mir einen Sou fr einen Armen, ich gewhre einen Frank: Danke,
Grovater, und man kehrt zum Spiele zurck. Und man klettert, man tanzt,
man singt. Oh, blauer Himmel! -- Du bist das Pferd. Gut. Du ziehst am
Wagen, und ich bin der Kutscher. Hist, hott, halt! Spielen wir
Pltzewechseln: Schneider, leih' mir dein' Scher'! Nein, Blindekuh ...
Das alles ist reizend, sage ich. Und ihr sagt: Das ist abscheulich, das
ist die Snde!... Und nun von Seite des Dichters welches Donnerwetter
ber jenes Dogma! Man mu das lesen, aber (aus Grnden) nicht hier,
sondern im Buche selbst. Und die starken Worte, die er hier gegen die
Kirche und einen falsch verstandenen Himmel schleudert, schlieen das
tiefste religise Gefhl nicht aus. Es macht sich am schnsten Luft in
dem Gedichte: Die armen Kinder. Man solle fein suberlich fahren mit
diesen kleinen Wesen, den Kindern; es sei etwas Groes an ihnen, sie
schlieen Gott ein. Sie sind seine Gabe, in ihr Lcheln lege er seine
Weisheit, in ihren Ku seine Vergebung. Das Glck sei ihr angeborenes
Recht: Wenn sie hungern, weint das Paradies; wenn sie frieren, zittert
der Himmel. Oh, welch ein Grollen des Donners in den Himmelsrumen, wenn
Gott, der uns die Kinder mit Flgeln gesendet, sie in Lumpen gehllt
wiederfindet!

Man sieht, kein Sozialismus, nur die reine menschliche Empfindung. Aber
seiner politischen Anschauung, seinem Widerwillen und Zorn gegen die
Widersacher seiner Meinung lt Victor Hugo berall die Zgel schieen.
Hufig in seinen Kinderliedern kommt der Politiker zur Erscheinung, und
am Schlusse des Buches stehen noch einige Gedichte, die er den Kindern
zu lesen empfiehlt, wenn sie einst erwachsen seien. So soll man aus der
Kinderstube kommen: ein ganzer Mann und ein ganzer Brger. Vaterland,
Freiheit -- die groen heiligen Klnge, die an jedes gute Herz mit
Zaubergewalt schlagen, lt Victor Hugo in diesen Versen mchtig
erklingen. Wir streiten nicht mit ihm ber seine poetische Behandlung
der Deutschen -- er ist Franzose; aber unsere Poeten knnten von ihm
lernen, wie man ein groer Dichter sein kann, ohne vor den Gewaltigen
dieser Welt den Rcken zu beugen, und da die zarteste Empfindung
stolze, trotzige Mnnlichkeit nicht auszuschlieen braucht. Haben sie
dies einmal begriffen und diese Einsicht in Gesinnung verwandelt, so
kann auch einmal unsern Weihnachtstisch ein Buch in deutscher Zunge
schmcken, das mit dem schnen Buche von Victor Hugo um den Preis der
Zartheit und Mnnlichkeit streitet.

  (Am 25. Dezember 1877)




Aus der Kinderstube

Geschrieben am Weihnachtsabend 1864


Oh, wre ich ein wenig allmchtig und unendlich, ich wollte mir ein
besonderes Weltkgelchen schaffen und es unter die mildeste Sonne
hngen, ein Weltchen, worauf ich nichts setzte, als lauter dergleichen
liebe Kinderlein, und die niedlichen Dinger lie ich gar nicht wachsen,
sondern ewig spielen. Den ganzen Weihnachtsabend summen mir diese
traulichen Worte durch den Sinn, die der treuherzige Walt in den
Flegeljahren spricht, und ich mute meinen grn gebundenen, in Gold
gepreten Jean Paul vom Bcherbrett holen, um mich des Wortlautes der
gemtvollen Stelle zu versichern. Die Feder will mir aber schier den
Dienst versagen, denn alle guten Geister der Weihnachtszeit rumoren
durch das Haus. Das ist ein Flstern und Kichern, ein leises Klopfen an
die Wnde, ein Huschen und Rascheln und Rauschen, da man fast an einen
Spuk glauben mchte; dazwischen tnen liebliche Kinderstimmen, von
freudiger Erwartung und kleiner Ungeduld geschwellt. Auch riecht es im
Hause wie harziger Waldesduft, und ein Rauchfaden von Wachskerzen zieht
sich ahnungsvoll durch die allzu rasch wieder geschlossene Tr. Geduld
ihr Kinder, wit ihr denn nicht, da alles Zgern nur den Sinn hat, euch
zu berraschen? Ihr seid ja die Knige dieses Festes, und nie sind
einem Machthaber der Welt treuere und mehr von Herzen gehende
Vasallendienste geleistet worden, als euch. Wenn ihr, liebliche
Tyrannen, die unumschrnkte Gewalt kennen wrdet, die ihr ber unsere
Gemter bt! Strkere Bande, als welche Kinder zwischen Menschen
knpfen, gibt es nicht auf dieser Erde. Man hat euch Unterpfnder der
Liebe genannt, und ihr seid's, denn wie oft, wenn der Rausch der
Leidenschaft verraucht ist und die Nchternheit ihr Grau in Grau zu
malen beginnt, zieht ihr wieder goldene Fden zwischen den einander
entfremdeten Herzen, ja wenn ihr hingestorben seid in frhem Alter,
schwebt ihr noch als einende Schutzengel ber Mann und Weib. Ihr seid
der nie versiegende Jungbrunnen der Liebe, in den man kein einziges Mal
ohne die krftigste Herzstrkung steigt. Die alte schne Legende vom
langen Christoph erzhlt von euch und uns, wie dieser baumstarke Heide
ausging in die Welt, um den mchtigsten Herrn zu suchen, und nachdem er
selbst den Teufel als zu schwach befunden, einem Kinde den Nacken
beugte. In dieser Geschichte sehen wir uns alle versinnbildet. Wem alle
Herrlichkeiten hienieden nichts anzuhaben vermochten, wen selbst das
Auserlesenste dieser Welt: ein schnes und gutes Weib nicht zu bndigen
wute -- vor einem Kinde, das ihn mit unschuldsvollen Augen anschaut, das
ihm die hilflosen Hndchen entgegenstreckt, wird er klein und demtig.
Solch ein schwaches Geschpf, das ein Windhauch umwirft, bndigt den
wildesten Mann, und wre ich ein Poet, ich wollte euch die Geschichte
von einem Vater erzhlen, der von seinem Kinde erzogen wird, und die
euch gewi rhren mte. Aber selbst hilflos wie ein Kind, schlummert
sie mir im Gemt, und ich kann sie, ob mich auch tausend Wehen plagen,
nicht entbinden. An solchen Tagen, wie der heutige ist, kann es einen
schmerzen, kein Dichter zu sein.

Und da ich nun nicht fliegen kann, gehe ich gut brgerlich zu Fue und
schaffe mir einen Stock, auf den ich mich sttze. Mir sind allerhand
Bilder durch die Hand gelaufen, die sich als Weihnachtsgeschenke
empfehlen. Da halte ich einen suberlich gearbeiteten Kupferstich fest,
der mich als ein Idyll der deutschen Familie aufs lieblichste anmutet.
Es ist das Bild: Nach der Taufe, von Ludwig Knaus. Wie ich die grauen
Schatten anblicke, werden sie warm und lebendig, und da blht das frher
geschaute Werk in heiteren Farben vor mir auf, gleich wie eine drre
Jerichorose, im Advent ins Wasser gestellt, um Weihnachten wieder
lebendigen Trieb in sich versprt.

Ein Fatschenkindlein, kaum vierzehn Tage alt, ist der Held dieses
liebenswrdigen Gemldes. Es wird nach Jahren einmal erfahren, da es
heute getauft worden, und wie hoch es bei dieser Gelegenheit
hergegangen. Wie es jetzt daliegt, in rot gernderten Flanell gebunden,
mit einer von blauen Seidenbndern besetzten Haube angetan, hat es keine
Ahnung, da es dem natrlichen Heidentum, welches wir alle mit auf die
Welt bringen, soeben abgesagt und Glied einer hheren Gemeinschaft
geworden, ja es wei ebenso wenig wie wir, die ihm neugierig ins Gesicht
gaffen, ob es ein Mgdlein ist oder ein Knabe. Die Wahrheit zu sagen:
Das Ding schaut herzlich dumm, und als ob es von einem scharfen
Lichtstrahl geblendet wre, in die Welt hinein, und gewi ist die ganze
unergrndliche Mutterliebe oder das eiferschtige Selbstgefhl des
Vaters vonnten, um diese Kinderzge, welche die Natur kaum aus dem
Groben herausgearbeitet, schn zu finden. Wie bedenklich ist die tief
eingesattelte Nase noch in Unordnung, wie unreif Mund und Stirne, und
wie notdrftig kann der innere Mensch zu den Augen, den lieblichen
Fenstern der Seele, herausschauen! Und doch ist es schon mehr als acht
Tage her, seit der mittelbare Urheber dem Neugeborenen den ersten Ku
(ein ausschlielich im Rausch der Vaterfreude geniebares Glck) auf den
Mund gedrckt. Dem jungen Geschpf kommt unsere kalte Welt bei jedem
Atemzuge noch untrstlich vor, denn es trumt noch von der schnen
Wrme, die es -- dem dunklen Gefhl mu es wie eine Ewigkeit vorkommen --
mtterlich umhllte. Aber siehe, fr das verlorene sonnenwarme Eden
winkt hinten in der Bauernstube als mchtiger Trster der grne
Kachelofen, und was mehr bedeutet als alle grnen Kachelfen der Welt --
Teilnahme und Liebe kommt dem Kinde von allen Seiten entgegen. Ja wir
frchten, dem armen Wurm droht mehr Liebe, als ihm gesund sein wird. Der
treffliche Pfarrer des Ortes, der seine gedeihlichen etliche und
sechzig Jahre mit behbiger Gelassenheit trgt, schaukelt, inmitten der
Stube sitzend, den jungen Weltbrger auf seinen Armen und ist in
liebevolles Anschauen des kleinen Meerwunders dermaen vertieft, da wir
ungeladenen Gste des Taufschmauses nicht einmal seine gemtvollen Augen
(denn gemtvoll mssen sie sein) erschauen knnen. Dem Pfarrer zur
Rechten steht ein altes Buerlein, dem die Augen vor lauter Wollust des
Schauens schier aus dem Kopfe fallen wollen, und zur Linken des
geistlichen Herrn beugt sich ein mit einer schwarzen Florhaube
aufgeputztes Mtterchen ber das Antlitz des Kindes, als wollte es sich
selbst (man kennt den Zauber) im Wasserspiegel eines Kbels sehen. Wir
hren das liebe Geschwtz der guten alten Leute: wie das Kind dem Vater
gleichsieht! meint die Alte -- nein, der Mutter! wirft das graue
Buerlein ein, und beide meinen das Gegenteil des Geschlechtes, nmlich
im Grunde jedes sich selbst. Mit nichten, sagt gelassen der geistliche
Herr, die Nase hat das Kind vom Vater, von der Mutter aber die Augen --
und Hochwrden bedenken nicht, da besagtes Kind fast noch keine Nase
und kaum etwas, das ein Christ Augen nennen wird, im Kopfe hat. Wie dem
auch sei, jene zwei alten Bauersleute sind die schlimmsten Feinde des
gefeierten Tuflings, sie sind seine Groeltern. Sie werden mit der Zeit
die Erziehungsmethode der Eltern kreuzen, dem Kind Zuckerwerk zustecken
und es verhtscheln, als gbe es keine Schwerkraft in der Welt, keine
Rippenste und Ohrfeigen. Ach, die Gebeine der guten Alten werden
lngst modern, und du, o Kindlein, seiest du nun ein Bub oder Mdchen,
wirst dann erfahren mssen, welch ein hartes und herbes Ding das sei,
was man Leben nennt. Wir gnnen dir deinen Kindheitshimmel, mgest du
nicht allzu jh auf die Erde fallen!

Doch hast du einen Schutzengel, einen holdseligeren kann man sich kaum
wnschen. Es ist die lieblich erblhende Jungfrau, rotes Hubchen auf
blondem Haare, die jenem alten Strobelkopf -- deinem Grovater -- ber die
Achsel schaut. Wie alle geistig gesunden Mdchen sich als knftige
Mtter denken oder trumen, so scheint auch diese buerliche Schnheit,
indem ihr Blick auf dem Tufling ruht, mit ahnungsvoller Seele ber
jenen rtselhaften Brunnen, aus welchem die Kinder geschpft werden, zu
schweben. Ein holdes Unschuldsgesicht, in welchem die Geheimnisse der
Liebe traumhaft aufdmmern. Sie ist die Schwester der Mutter und Pate
des Kindes. Ihr Schtzling wird viel Liebe bei ihr finden, doch nicht
bertrieben, denn Klugheit und Energie knnen ihre Zge nicht
verleugnen; nur steht zu befrchten, da sie zu rasch aus dem Haus
heiraten werde, denn jetzt schon laufen ihr die jungen Bursche des
Dorfes auf Tritt und Schritt nach...

Diese ganze Gruppe, deren Mittelpunkt das Wickelkind, nimmt die
rckwrtige Langseite der zum Taufschmaus hergerichteten Tafel ein. Auf
der Bank gegenber, den Rcken gegen unser Auge gekehrt, sitzt sehr
nachlssig (denn die Gouvernante weilt noch in Genf) ein junges Mdchen,
die Ellbogen auf den Tisch gestemmt und gleichgltig dreinschauend; der
wohlbeschlagene Schuh ist ihr vom rechten Fu gefallen, so da man
letzteren in seiner naturwchsigen Schnheit durch den eng anliegenden
Strumpf hindurch bewundern mag. Neben ihr, aus dem lang herabfallenden
Tischtuch, taucht ein schwarzer Rattenfnger auf, der vor lauter Haaren
kaum aus den Augen schauen kann; aber die weit heraushngende
scharlachrote Zunge predigt berzeugend genug die von Kaffeegeruch und
Kuchenduft aufgestachelte Gier nach Fra. Was dieses aufgeregte Tier
gern tun mchte, vollbringt in reichlichem Mae sein Tischnachbar, ein
junger, krftiger Bauernbursch, welcher, vllig unberhrt von der
feierlichen Gelegenheit, seinem Kaffee und dem stattlich aufgegangenen,
von Rosinen durchspickten Gugelhupf tchtig zusetzt. Nicht einmal die
neben ihm zur Tr hereintretenden neuen Gste vermgen ihn in seiner
eifrigen Arbeit zu stren.

Und Vater und Mutter? wird man fragen. In einem Lehnstuhle sitzt die
Wchnerin, eine liebliche schlanke Gestalt, und wendet kein Auge von
ihrem Jngstgeborenen. Ihr Gesicht erstrahlt im hchsten und
verfhrerischsten Glanze weiblicher Schnheit, der immer vorhanden, wo
ursprnglich edle, aber durch physische Leiden alterierte Zge von einer
innigen Gemtsfreude verklrt werden. Nur glauben wir, da diese an sich
so schne und erquickliche Frauengestalt durch einen Migriff in diese
Bauernhtte geraten sei; sie scheint mehr Bildung zu besitzen, als ihre
bescheidene Lage mit sich bringt: den Auerbach hat sie jedenfalls
gelesen und vielleicht auch den Schiller. Desto bauernhafter und fast in
unerlaubter Weise uninteressant ist der betreffende Vater. Von seinem
neuen Glcke scheint er fast nichts zu wissen, er beschftigt sich mit
einem lteren Tchterchen, das er in den Armen hlt, und welchem er
Backwerk in den Kaffee tunkt. Vater und Mutter, sowohl jedes fr sich
als in ihrem Gegensatze betrachtet, zerreien ein wenig die glckliche
Stimmung des brigen Bildes, und der die Stube erfllende Kaffeeduft,
welcher, gleich einem Atem der Behaglichkeit, aus den bunt geblmten
Geschirren raucht, hat viel Mhe, die Einheit der Stimmung wieder
herzustellen. Einiges zu diesem Behufe tut auch die in der Behausung
vorhandene Literatur, eine Bibel und ein Kalender -- Schriftwerk genug,
um den Bedrfnissen sowohl der Welt als der Ewigkeit zu gengen.

Wie aber htte ich Zeit und Raum, die aufdringliche alte Schwiegermutter
Kritik zu Wort kommen zu lassen? Hinter mir brennt schon der
Weihnachtsbaum, und wenn ich nicht rasch abbreche, strmen mir die
Kinder den Schreibtisch.

  (Am 28. Dezember 1864)




Mrchenhaftes

Friedrich Mitterwurzer


Man soll Mrchen nicht dichten wollen. Mrchen dichten sich selbst! So
dachte und sagte man zu einer Zeit, da in Sitte und Recht, in Mythus und
Dichtung die naturwchsige Entwicklung als Grundgesetz fr Menschen und
Dinge galt. Das hinderte aber die Leute keineswegs, neue Sitten
einzufhren, neue Gesetze zu machen, neue Glaubensstze zu prgen und
neue Mrchen zu erfinden. Das Leben ist aber strker als die Lehre. Was
neue Mrchen betrifft, so spielt uns der Zufall gerade zu dieser Kinder-
und Hausmrchenzeit ein zierlich gebundenes und gepretes Bndchen in
die Hand: Knig Drosselbart, ein Gedicht von E.Bgner (Wien, Carl
Gerolds Sohn). Die sinnige Behandlung, welche die Umwandlung der
hochmtigen Knigstochter aus ueren Umstnden mehr in das Gemt
hineinverlegt, verrt eine Damenhand, und die ungewhnliche
Sprachgewandtheit, die hier waltet, lt auf literarische
Blutsverwandtschaft schlieen. In dem Namen Bgner klingen fast
smtliche Konsonanten und der sie beherrschende Vokal des Namens eines
berhmten Wiener Historikers wieder, der einst mit jugendlich starker
Hand die Grundlinien der Geschichte sterreichs gezogen und in diesen
Jahren das alte historische Mrchen von dem edelgesinnten und
mihandelten Knigssohne Don Carlos zerstrt hat. Knig Philipp und
Knig Drosselbart! Unsere Tchter sorgen dafr, da die Mrchen nicht
aussterben ... Mrchen, die sich selbst gedichtet haben -- Volksmrchen --
und Mrchen, die gedichtet worden sind -- Kunstmrchen -- werden brigens
immer noch in gewisser Weise auseinandergehalten. Ob Friedrich
Mitterwurzer, als er die Wiener wiederholt zu seinen Mrchenvorlesungen
einlud, an diesen Unterschied gedacht hat, ist sehr zweifelhaft. Sein
genialer Kollege Bernhard Baumeister wies letzthin einen doktrinren
Schauspieler, der ihn durch gelehrte Dokumente von seiner eigenen
Knstlermeinung abbringen wollte, mit den Worten zurck: Gehen Sie nur
mit solchen Floskeln und Flausen! Ich bin ein alter Puppenspieler und
spiele einfach, was in meiner Rolle steht. So im besten Sinne
gedankenlos mag auch Mitterwurzer gehandelt haben, als er auf sein
Programm zweierlei Mrchen setzte: ein gedichtetes und ein gewachsenes.
Das gedichtete Mrchen Vom unsichtbaren Knigreich entnahm er Richard
Leanders Trumereien an franzsischen Kaminen, und das gewachsene Von
einem, der auszog, das Frchten zu lernen holte er sich aus der
Mrchensammlung der Brder Grimm. Mit dem Buche in der Hand stand
Mitterwurzer vor der Hrerschaft, aus der Knaben und Mdchen bis herab
zu einem Alter von vier Jahren ihre neugierigen Kpfe reckten. Er las,
wenn man das lesen nennen kann. Lesen, erzhlend lesen, war wohl der
Grundcharakter des Vortrages, aber ber dem Lesen entwickelte sich ein
lebendiges Spiel, das sich, begleitet von mehr andeutenden als
ausgefhrten Mienen und Gebrden, auf der ganzen Tonleiter der Sprache
hin und her bewegte. Man fand in ihm wieder den hochbegabten Knstler,
der uns die alten Figuren des Benedixschen Lustspiels wieder
nahegebracht, der die Gestalten von Ibsen und Sudermann beseelt, der uns
einen Knig Philipp vorgefhrt, welcher nicht Tyrann, sondern Mensch
war, und der berhaupt die halb eingeschlummerte Schaulust des
Burgtheater-Publikums wieder geweckt und befeuert hat. Er schlug bei
seinen Mrchenvorlesungen einen traulichen, treuherzigen Ton an, traf
die Stimmung jeder Situation und hob mit Vorliebe die dramatischen
Momente hervor. Ein ganz eigenes Talent entwickelte er in der
Landschaftsschilderung, die erst im modernen, im gedichteten Mrchen
ihre Stelle gefunden hat. Im Mrchen Vom unsichtbaren Knigreiche wird
ein Flutal geschildert, in das der Mond scheint: Wellen und Wald
rauschen und erzhlen seltsame Sachen. Durch gedehnte Worte erffnet uns
der Vorleser die Aussicht in das lange Tal; er lt im Worte die Musik
der Landschaft widerklingen, man sieht hrend die Natur. Die
Beschreibung schliet mit dem Satze: Es war ein wunderbares Tal! Da
nimmt sich Mitterwurzer das Wort wunderbar heraus. Er lt das schne
Wort musikalisch wirken, er lt es klingen, ohne da er singt. Aus dem
dunkleren u bricht das helle a wie ein Tag aus der Dmmerung. Wir
haben nie eine herrlichere Wortmusik gehrt.

In der Pause zwischen den beiden Mrchen dachten wir uns in unsere
Knabenzeit zurck. In unserem Hause war eine Magd, die rote Hanne, die
aus ihrem Geburtsort Wiesensteig im Filstale einen sprudelnden Reichtum
von Mrchen mitgebracht hatte. Ihr Gedchtnis war erstaunlich, und es
machte ihr Vergngen, aus der Flle ihrer Erinnerungen mitzuteilen. Sie
konnte sich wohl messen mit der berhmten hessischen Mrchenfrau der
Brder Grimm. An Winterabenden, wenn sie spinnend am Ofen sa, den
Flachs von dem Rocken zog und die gedrehte Spindel tanzen lie -- denn
damals spann man sich die Leinwand noch selbst, schickte das Garn zum
Weber, die Weben auf die Bleiche -- dann begann die Magd zu erzhlen und
tat es so lange, bis nicht sie, sondern wir Kinder erschpft waren. Dann
hrten wir die Spindel wohl noch in den Halbschlummer herein surren und
freuten uns schon auf den nchsten Abend. Die rote Hanne sprach nicht
ganz so, wie Mitterwurzer las. Ihre Erzhlung hatte mehr epischen Flu,
arbeitete das Gesprch und die dramatischen Momente nicht so stark
hervor. Mitterwurzers Methode hat aber auch ihren Vorteil, besonders dem
modernen Mrchen gegenber. Es ist, wie wenn ein Diamant aus seiner
Fassung springt und nun auch an den Stellen, die frher bedeckt waren,
zu funkeln beginnt. Das echte Volksmrchen, wie das Von einem, der
auszog, das Frchten zu lernen, wehrt sich vielleicht ein wenig gegen
diese Behandlung, weil die Erzhlung hier ohne subjektive Zutat ist. Ein
heiterer Ton geht durch dieses kstliche Mrchen, der gleich im Anfang
angeschlagen wird. Immer sagen sie: es gruselt mir, es gruselt mir! Mir
gruselts nicht. Das wird wohl eine Kunst sein, von der ich auch nichts
verstehe. Hinter dieser Heiterkeit scheint sich aber ein stolzes
Nationalgefhl zu bergen, das mit Bismarck sagen kann: Wir frchten uns
vor niemand! Ja, hinter diesen scherzenden Mrchen sehen wir die
Deutschen, wie sie kmpfend in die Weltgeschichte treten, kmpfend nicht
blo aus Not, sondern auch aus Lust am Kampfe, daher sie in Byzanz und
Rom Verfechter fremder Sachen sind und heute noch in ihren bunten
Wmsern, treu und schlagfertig, in den Vorhfen des Vatikans stehen.

Die deutschen Mrchen, die sich selbst gedichtet haben -- die
Volksmrchen -- sollen uraltes Nationalgut sein. Die Gestalten, die darin
auftreten, werden als heruntergekommene heidnische Gtter betrachtet,
die sich vor christlicher Verfolgung in die Mrchentracht versteckt
haben. Es gibt wohl welche unter den deutschen Mrchen, die dieser
Ansicht entsprechen, beispielsweise unser allerliebstes Dornrschen.
Wodan, der durch die Strahlengluten reitet, um die schlafende Sonne zu
wecken, Siegfried, der durch die wabernde Lohe dringt, um Brnhild zu
befreien, der junge Knigssohn, der durch die Hecken bricht, um
Dornrschen zu holen, sie sind wahrscheinlich eine und dieselbe Gestalt:
zuerst als Gott, dann als Held, zuletzt als Mrchenprinz. So kann nun
jeder deutsche Mann, der ein Weib erwirbt, als Gott, als Held, als
Mrchenprinz empfinden. Aber nur wenige von den deutschen Mrchen sind
so bequem auszulegen wie Dornrschen, und selbst die nationale
Ursprnglichkeit der deutschen Mrchen wird bedenklich, wenn man
dieselben Mrchen, wie die deutschen, unter verschiedenen
Himmelsstrichen und Vlkerschaften verbreitet findet. Man kann sagen,
das beweise nichts gegen die nationale Ursprnglichkeit der deutschen
Mrchen. Am Fue des Himalaya blht ein Gnseblmchen auf, in einem Tale
des Wienerwaldes ein anderes Gnseblmchen, die beide nichts voneinander
wissen. Oder nchterner ausgedrckt: hnliche Notlagen erzeugen hnliche
Gedanken und Erfindungen, hnliche Gemtslagen bringen hnliche
Dichtungen hervor. Allein die hnlichkeit hufte sich in dem Mae, da
man an Entlehnung denken mute, und ein deutscher Gelehrter (Theodor
Benfey) machte die merkwrdige Entdeckung, da der grte Teil unserer
abendlndischen Mrchen und Novellen in Indien erfunden ist, woher sie
uns auf verschiedenen Umwegen durch Mongolen, Islamiten und Juden
zugemittelt worden. So leben wir auch nach dieser Seite hin geistig von
den Erfindungen des Orients. Und das letzte: da Dichtungen sich selbst
dichten, ist in der Wissenschaft ein schon fast verschollenes Mrchen.
berall, wo etwas Bedeutendes geleistet wird, sei es in der Dichtung, in
der Wissenschaft, in der Technik, berall steckt ein einzelner Kopf
dahinter, den man freilich nicht immer sieht. Selbst die Sprache, in
ihrem Ursprunge das dunkelste Gebiet, ist gewi durch geniale Griffe
einzelner Menschen vorwrts gebracht worden, wobei die Frauen, in deren
Mund die Rede so leicht und geschmeidig wird, keineswegs auszuschlieen
sind. Als der Streit um die Verfasser der deutschen Volksepen im
Schwange war, hat Ludwig Uhland das in seiner Anmut so tiefe Wort
geschrieben: Die ganze Masse (des Volkes) ist noch, wie ein Zug von
Wandervgeln, in der poetischen Schwebung begriffen, und die einzelnen
fliegen abwechselnd an der Spitze.

Friedrich Mitterwurzer, der stets anregende Knstler, hat uns durch
seine Mrchenvorlesungen auf diese angenehmen Abwege gebracht, von denen
zurckkehrend wir ihn noch einmal dankbar begren.

  (Am 25. Dezember 1895)




Spiegelbilder


Es war an einem heiteren Sommermorgen, als eine Schar vorberziehender
Landleute, die eben im Begriffe standen, vor das Dorf zu gehen, um ihre
Weingrten zu bestellen, aus einem an der Strae liegenden Landhause
einen ungewhnlichen Lrm vernahmen, in welchem sie die stark
hervorgestoenen Rufe einer Mnnerstimme unterschieden, denen ein
klirrendes Gerusch, wie von auseinanderfliegenden Glasscherben
herrhrend, nachfolgte. Sie standen eine Weile betroffen stille, indem
sie gegen die Fenster des sonst so ruhigen Hauses emporblickten, und
zogen kopfschttelnd weiter, als der Lrm sich gelegt hatte. In dem
Hause, das rckwrts an einen ausgedehnten Obstgarten stie, wohnte
Hanns Geielreiter, ein bemittelter junger Gelehrter, der, von einem
tiefen Hange nach Erkenntnis der Dinge beseelt, die Wissenschaft zu
seiner eigenen Befriedigung pflegte. Vor kaum einem halben Jahre hatte
er seine Frau begraben, und mit ihm wohnten seine zwei Kinder und eine
Schwgerin, die ihm den Haushalt besorgte. An jenem Sommermorgen war es
in dieser kleinen Familie zu einem ungewhnlichen Auftritte gekommen.
Sie nahmen in dem Bcherzimmer, das zugleich als Speiseraum diente, das
Frhstck ein. Als Geielreiter sich mit schmeichelnden Worten zu seinem
jngeren Tchterchen wendete und von seiner dampfenden Tasse aufsah,
bemerkte er an dem Wandpfeiler gegenber einen groen venezianischen
Spiegel, welchen ihm die Schwgerin zu seinem heutigen Geburtstage
beschert hat, und aus welchem ihm in diesem Augenblicke sein eigenes
Bild mit scharfer Deutlichkeit entgegenwinkte. Kaum hatte er das
Spiegelbild erblickt, als ein grimmiger Schmerz seine Zge verzerrte; er
sprang rasch auf, und indem er den so freundlich gemeinten Einfall
seiner Schwgerin mit heftigen Worten verwnschte, trat er auf den
Spiegel zu und schlug ihn mit geballter Faust mitten entzwei. Der starke
Schlag auf den sprden Stoff hatte seine Zorngeister einigermaen
abgeleitet, obgleich er die verhundertfachte Spiegelung seines Bildes in
den herabklirrenden Glasscherben wie einen persnlichen Hohn empfand.
Die beiden Kinder waren in eine Ecke der Stube geflohen und lieen,
indem sie sich an den Hnden faten, ihren Trnen freien Lauf. Die
Schwgerin, erst von Schreck gelhmt, holte nun ein Waschbecken mit
Wasser herbei, in welches Geielreiter seine aus vielen kleinen Wunden
blutende Hand steckte. Er sah mit einem gewissen Vergngen das Blut aus
der Hand rinnen, denn er fhlte seine Brust wie durch einen Aderla
erleichtert. Eine dumpfe Schwle lag ber das Zimmer gebreitet; leise
weinten die Kinder fort, ein nicht ganz bewltigtes Schluchzen verriet
die innere Bewegung der armen Schwgerin, dazwischen hrte man das
gleichmtige Ticken der Schwarzwlderuhr und ihren die volle Stunde
ankndigenden Kuckucksruf. Die Erinnerung an die Zeit und den Tageslauf
fhrte die durch einen gewaltsamen Zwischenfall aufgeregten Geister in
das alltgliche Geleise nach und nach zurck. Geielreiter schwieg zwar
noch immer, als aber die sorgsame Schwgerin die Glassplitter aus seiner
Hand entfernte und einen Verband angelegt hatte, fhlte er sich doch zu
einigen entschuldigenden Worten gedrngt. Sie mge seine Heftigkeit
entschuldigen; aber sie wisse ja, da er sich selbst nicht leiden
knnte, da er sich zu entfliehen trachte und da es ihm bei dieser
Gesinnung unmglich eine Freude machen knne, sein Bild sich gegenber
zu sehen. Er hasse seine eigenen Zge, sie seien ihm aufs tiefste
widerwrtig; wenn er sich einmal zufllig selbst erblicke, sei ihm der
Tag und die Woche verdorben. Der Spiegel sei daher sein grter Feind
... Nach diesen Worten, die er nicht ohne Selbstberwindung und ein
gewisses Schamgefhl mehr hervorgestoen als gesprochen hatte, zog er
sich auf sein Studierzimmer zurck und lie sich trotz der dringenden
Bitten seiner Kinder, die wiederholt an seine Tr pochten, an diesem
Tage nicht mehr blicken.

Wie allen bertriebenen Empfindungen und Zustnden der Menschen, so lag
auch dem Selbsthasse und der Selbstqulerei unseres wunderlichen
Philosophen ein sehr menschliches Motiv zugrunde. Als er auf
Freiersfen ging, besuchte er das Haus einer Witwe, die zwei Tchter
hatte, von denen er eigentlich die jngere, seine jetzige Schwgerin,
liebte. Die ltere aber bentzte die Liebesstimmung des jungen Mannes,
wute sich ihm durch hundert Rcksichten und Geflligkeiten
anzuschmeicheln, und die jngere Tochter, welche nur in geringem Mae
die Gabe besa, ihren Gefhlen das rechte Wort zu leihen, lie er
beiseite liegen, obgleich er es als einen Schmerz empfand, ihr nicht
nherkommen zu knnen. Da nun vollends die Mutter, wie fast smtliche
Mtter, sich von der Pedanterie nicht losreien konnte, die Tchter nach
der Altersklasse zu verheiraten, kam eine Ehe zustande, die den
Absichten des jungen Gatten nicht eigentlich entsprach. Sobald er sich
besann, mute er sich aufrichtig bekennen, da, wenn er auch die ltere
heimfhrte, sein Herz doch eigentlich der jngeren gehrte. Doch
behauptete der einmal vorhandene Zustand seine gebieterischen Rechte.
Man fand sich bei der im Grunde guten Gemtsart der jungen Frau leidlich
zurecht, und als sich vollends der Kindersegen einstellte und die
zrtliche Mutter nacheinander zwei wohlgestaltete Mdchen in die Arme
des glcklichen Gatten legte, schien eine zufriedene Zukunft gesichert
zu sein. Leider fing die Frau zu krnkeln an. Eine Brustkrankheit, wie
sie sich bei zarten, schlanken Blondinen nicht selten einstellt, zehrte
die Frau, ohne da sie empfindlich zu leiden schien, langsam auf. Nicht
ohne Bewegung stand der junge Witwer an ihrem Grabe, denn die Gewohnheit
der Lebensgemeinschaft ist ein Band, das manchmal strker hlt, als die
heftigste Liebe. Mathilde war tot, und Leonie, die junge Schwgerin,
bernahm die Aufgabe, die Kinder zu pflegen und das Haus zu fhren.
Rasch verdunkelte sich dem Witwer das Bild seiner verstorbenen Frau,
weil sie ihn durch Gegenwart und ttiges Eingreifen nicht mehr an sich
selbst erinnern konnte und eine innigere Empfindung sie nie verbunden
hatte; dagegen machten sich die nie aufgegebenen, nur vertagten alten
Herzensrechte auf Leonie wieder geltend. Das mute er selbst in
Gegenwart seiner Kinder empfinden. Das jngere Tchterchen, schwarz, mit
feurigen Augen wie Leonie, war sein entschiedener Liebling, auf den er
alle seine Zrtlichkeit bertrug; die ltere dagegen, ihm an Zgen
hnlich, mit dem blonden Haare und den blauen Augen der Mutter,
betrachtete er mit einer gewissen Abneigung, die er nur schwer besiegen
konnte. Dann aber fate er die Kleine beim Kopfe, drckte ihr einen
heftigen Ku auf den Mund und leistete dem armen Kinde im stillen
Abbitte. Da er aber der geliebten Schwgerin gegenber sich im Innersten
gebunden fand und vergebens nach Worten rang, um ihr sein Empfinden
kundzutun, und ebenso sie selbst, eine verschlossene, schamhafte Natur,
sein Wesen, Tun und Lassen blo mit den Augen verfolgte und ihre Liebe
im brigen nur werkttig bekundete, zog sich der junge Gelehrte auf sich
selbst und seine Bcher zurck, wobei sich bei ihm jene Abneigung gegen
sich selbst ausbildete, die sich in der Zertrmmerung des Spiegels so
gewaltsam Luft gemacht hatte. Er schlo sich geistig jener
vielverbreiteten Zeitrichtung an, die sich mitten im Tatendrang unserer
Tage und recht im Gegensatz zu dem blichen frechen Vordringen der
eigenen lieben Persnlichkeit, in der Neigung gefllt, das eigene
Selbst herabzudrcken und es, als etwas fr sich Unbedeutendes und
Nichtssagendes, in dem allgemeinen Flu der Dinge aufzulsen. Er
huldigte dieser groen Eitelkeit einer sich selbst bespiegelnden
Selbstvernichtung. Leidenschaftlich verfolgte er das Bestreben, sein Ich
auszulschen, seine Persnlichkeit zu vertilgen. Mit unseren
abendlndischen Mitteln der Selbstzerstrung nicht zufrieden, rief er
die nun berall bereitwillig sprudelnden Hilfsquellen des indischen
Denkens zu seinem Dienste herbei. Die in ihrer Art grandiose
Vedantalehre, die, von der Angst der ewigen Wiedergeburt des Daseins
hervorgerufen, die lastende Schwere des Menschenlebens durch bloe
Selbsterkenntnis und Entzauberung des Weltrtsels vom Rcken schttelt,
schlug in seinem Denken mchtige Wellen. Er konnte sich hinuntertauchen
in dieses selige Nichts, das doch alles sein soll.

Allein der Genius der Menschheit lchelt ber dergleichen
Verstiegenheiten des Denkens und Wollens. Spielend lst er diesen
Krampf, und das holdselige Lcheln eines Mdchens hat schon manchen
Weltweisen, der das Weib fr die Verkrperung des Bsen hielt, zu
milderer Anschauung bekehrt. Hanns Geielreiter, der lndliche Philosoph
des Pessimismus, wurde gleichfalls auf diesen andern Weg gefhrt und aus
einem unglcklichen ein glcklicher Mann. Seine Schwgerin Leonie fand
die Mittel, ihm anzudeuten, da sie ihn liebe, und Hanns kam ihr auf
halbem Wege entgegen. Zu ihrem nchsten Geburtstage schenkte er ihr
einen Spiegel. Er selbst fand wieder Wohlgefallen an seinem Gesichte,
seit es einem lieben Mdchen gefiel, und dieser Spiegel trog nicht. Als
die Weihnachtszeit herannahte, huschten gute Geister durch das Haus. Am
Weihnachtsabend kam das Lieblingstchterchen Geielreiters mit roten
Backen aus dem Garten herauf und erzhlte ihrem Vater, indem sie ihm den
Schling eines Kirschenbaumes reichte: Sieh, Vater, ich habe einen
drren Zweig vom Baume gebrochen, und als ich ihn knickte, war er innen
grn... O, mein Kind! rief der glckliche Vater aus, ich danke dir
fr deine frohe Botschaft. Dann nahm er das Kind auf und herzte und
kte es; aber auch die blonde Schwester, das geschreckte Kind, umarmte
er mit berflieender Zrtlichkeit. Abends aber fhrte Leonie den
bekehrten Hanns in das von Glanz erfllte Bescherungszimmer. Sie hielt
ihm beim Eintreten die Hnde vor die Augen und lie ihn erst frei, als
sie vor einem groen venezianischen Spiegel standen. Die Lichter des
Weihnachtsbaumes brannten ihnen daraus entgegen, aber weit schner
berrascht war er, als er das geliebte Mdchen, Wange an Wange mit ihm,
aus dem Glas herausschauen sah. Die beiden Kinder kletterten an ihnen
empor und vollendeten mit ihren lieben Gesichtern das reizende
Spiegelbild. Ich bin so bel nicht, sagte Hanns lchelnd zu Leonie und
drckte ihr einen heien Ku auf den Mund. Der Kuckuck aber in der
Schwarzwlder Wanduhr rief eine glckliche Stunde.

  (Am 25. Dezember 1887)




Das Ammergauer Krippenspiel


Nie kann ich eine Tanne, die zu Weihnachten unsere Wohnungen ziert,
betrachten, ohne zurckzudenken, von wannen sie kommt, ohne ihr
gleichsam eine Wurzel zu leihen. Hinter dem Baume hre ich den Wald
rauschen, und der Harzgeruch, den die grnen Nadeln sehnschtig
ausstrmen, zieht den Sinn, der doch gerade an diesem Tage an Haus und
Herd haften mchte, trumerisch in die Ferne. Zuerst mu ich heuer dein
gedenken, du traulicher Wienerwald, der du mir zur heien Sommerszeit
gastlichen Schatten geboten hast, und dann denke ich weit und weiter,
von der Donau hinauf an die Isar, an deren Ufer bis in die Hundstage
hinein so heftige Schlachten geschlagen wurden. Kunstschlachten,
Dunstschlachten, auf den Brettern geliefert, nicht auf den Feldern,
Schlachten aber, die, bei dem Theatersinne der Deutschen, die Gemter
lebhaft erregten und schlielich eine Erbitterung hervorriefen, die noch
heute in verschiedenen Blttern und Blttchen nachzittert.
Glcklicherweise liegt auch hinter Mnchen Wald und Gebirge, und damals
wurde viel Wunders erzhlt von dem groen Krippenspiel, genannt
Passionsspiel, welches die lndliche Gemeinde von Oberammergau den
Sommer hindurch allwchentlich ins Werk zu setzen pflegte. Da der
Schauplatz einladend nahe lag und ein Heraustreten ans dem schwlen
Mnchener Dunstkreise, der sich durch wahrhaft rasende Abendgewitter
vergebens abzukhlen suchte, wnschenswert war, so stellte sich der
Gedanke von selbst ein, mit ein paar Freunden, dem allgemeinen Weltzug
folgend, nach Oberammergau zu wallfahrten. Kaum je habe ich die ragenden
Zwillingstrme der Mnchener Frauenkirche frhlicheren Sinnes hinter mir
gelassen, als da ich, das saure Vergngen des Gesamtgastspiels
unterbrechend, an einem dumpfen Julitage dem Hochgebirge zustrebte, um
nach so viel Kunst und Knstelei an dem dramatischen Naturspiel der
Ammergauer die mde Seele zu laben. Nach einer unerquicklichen
Eisenbahnfahrt kamen wir endlich in Murnau an, wo schon das Umsteigen
aus einem berfllten Waggon in ein offenes Gefhrt eine Wohltat war.
Aus dem Knuel der verschiedenartigsten Fahrgelegenheiten hatten wir uns
rasch losgewunden, ein freundliches Gasthaus bot im Vorberflug Speise
und Trank. Wir waren in unserem Wagen lauter gute Bekannte: ein sanfter
Wiener Kollege semitisch-madjarischer Abkunft mit seiner lebhaften
geistreichen Schwester; ein liebenswrdiger kniglich bayerischer
Hauptmann, der seine pflzische Mundart so eilfertig sprach, da die
eigene Zunge kaum nachkommen konnte, und neben dem Kutscher sa ein
junger Bruder Franziskaner, gleichsam ein Feldwebel im Reich der Gnade,
der sich durch Heiligenbildchen bei der Dame eingeschmeichelt hatte und
von seinem eigensinnigen Vorsatz, unsere Fahrgelegenheit mitzubenutzen,
nicht abzubringen gewesen. Trotz geistlichen Beistandes ging die Fahrt
ohne besonderen Unfall vonstatten. Das Fahrzeug trug uns sachte hinein
in das Hochgebirge, das immer gewaltiger aufstieg, bis wir uns selbst in
die Berge verloren. Scherzworte, die zwischen Bock und Wagen, wie
zwischen Himmel und Erde hin- und wiederflogen, wrzten und krzten die
Zeit. Der steile Ettaler Berg, der zu Fu erstiegen sein will, war bald
genommen, und gegen Abend rollten wir, die freundlichen Ufer der Amper
entlang, hinunter nach dem berhmten Bildschnitzer- und
Schauspielerdorfe, das wir von einem kosmopolitischen Vlkergewimmel
erfllt fanden. Es war der Abend vor dem Sonntagsspiele. An ein
Unterkommen, an Sitze fr die nchste Vorstellung war nicht zu denken.
Wir hatten einen redseligen Berliner in einer Hhnersteige einquartiert
gefunden, ein Englnder nchtigte in einem Grovaterstuhle, ein
geschmeidiger Junge aus New York schlief auf einer schmalen Kchenbank.
Zunchst suchten wir ein Obdach in der Nachbarschaft und sicherten uns
Einlakarten fr die Montagsvorstellung. Uns ward ein kstlicher freier
Sonntag, an dem wir zu Wagen und zu Fu durch das Ammergauer Tal
streiften, entzckt von der Schnheit der Landschaft, von der
erquickenden sonnigen Luft und von der erstaunlichen Frische des
Pflanzenwuchses. Als wir den Hollunderbusch und die Linde blhen sahen,
die in der Ebene unten lngst Frucht angesetzt hatten, war es uns so
wunderlich zumute, als ob wir in die frhere Jahreszeit zurckgingen,
und sofort dmmerte die tuschende Hoffnung auf, da es Mglichkeit und
Mittel geben knnte, die verschollenen Jugendtage noch einmal zu
erleben. Doch lie das krftige Gefhl der Gegenwart solche empfindsame
Gedanken nicht um sich greifen; wir schpften den Tag grndlich aus, und
erst um Mitternacht suchten wir das Lager auf, um der heiligen Frhe,
die uns das ungeduldig erwartete Krippenspiel bringen sollte,
entgegenzuschlummern.

Endlich saen wir dem Theater gegenber, das nach den Bergen hingestellt
ist: ein Holzbau, die Bauglieder farbig hervorgehoben, mit einem Bild im
Giebelfeld. Die Bhne selbst ist in drei Schaupltze geteilt: Der
mittlere grere Raum mit der Aussicht auf Jerusalem, links und rechts
eine schmlere Gasse mit den Husern des rmischen Landpflegers und des
Hohenpriesters turmhnlich flankiert. Schon fllt sich die Gasse rechts
mit allerlei Volk, das jauchzend quer durch den mittleren Raum zieht und
durch die Gasse links, whrend der Heiland, von Hosianna umtnt, auf dem
Esel reitet, auf die gerumige Vorbhne ausmndet. Der Aufzug gewhrt
das berzeugendste Bild einer groen Volksbewegung, die sich, durch die
sinnreiche Bhneneinrichtung, bald drngt, bald erweitert, bis sie sich
in voller Breite ergiet. Durch hufige und nur allzu hufige lebende
Bilder nach dem Alten Testamente, die fr das Christentum vorbildlich
sein sollen, unterbrochen, rckt die Handlung nur trge vorwrts. Man
gewinnt damit Zeit und Antrieb, das zweite Schauspiel, welches die
Naturszenerie und das Publikum gewhrt, nher zu betrachten. Tausende
von Zuschauern, ber deren Kpfe man hinblickt, sitzen hier mehr oder
weniger unter freiem Himmel, alle schaulustig und gespannt, aber doch
auch leiblichen Bedrfnissen unterworfen. Selbst nicht vor dem Bilde des
Hchsten und Heiligen schweigt, mit Homer zu reden, die Wut des
leidigen Magens. Mchtige Brottrmmer kommen zum Vorschein, schmchtige
Butterbemmchen verschwinden neben ungezhlten Knackwrsten und blhenden
Speckseiten. Man hrt Stpsel springen und das Glucksen sich
entleerender Flaschen. Dazwischen Sthnen und Schluchzen und das
prosaische Nachspiel des Weinens -- das Schneuzen. Man irrt aber, wenn
man meint, irgendeines dieser Dinge stre die Stimmung des Zuschauers.
Die Gre, die Mannhaftigkeit besitzt eine reinigende Kraft, wie ja auch
das Meer nie schmutzig erscheint. Dann ist es die Gegenwart der freien
Natur, die jeden kleinlichen Gedanken aus der Seele drngt. Ich sehe den
Himmel ber mir mit seiner ewigen Leuchte, eine vorberziehende Wolke
entldt sich unter Blitz und Donner; dann blinken uns von den Halden die
Wiesen entgegen, und weiter hinauf winkt der grne Wald. Hier
lustwandeln frhliche Dirnen, dort recht ein Bauer das Heu zusammen; man
hrt die Hhne krhen und das Girren der Tauben. Und hier zwischen
Zuschauerraum und Bhne fliegen die Schwalben und schreien die
Sperlinge. Die Natur lt sich nicht stren durch die Meinungen und
Veranstaltungen der Menschen; whrend dem Heiland die Ngel durch die
Hand getrieben werden, suchen zwei Schmetterlinge einander zu haschen.
Da mag man wohl lchelnd an das Wort des Apostels Paulus denken: Wir
wissen, da alle Kreatur sehnet sich mit uns und ngstet sich noch
immerdar -- was von manchen so ausgelegt wird, da auch die brige Natur
auer dem Menschen in das Erlsungswerk mit einbezogen sei. Die Natur
aber ist eine uralte Heidin und wird eine Heidin bleiben; erst mit dem
Menschen beginnt das Heilsbedrfnis. Da ist es nun eine wunderbare
Erscheinung, und gerade Ammergau legt diesen Gedanken nahe, wie das
Christentum, aus den hchsten Geistesquellen des Altertums entspringend,
bis zu dem gemeinen Mann herabflieen und noch den Weihkessel der Armen
und Elenden mit seinem Segen fllen konnte. Heraklits Oben und Unten,
die Trennung von Leib und Seele, die platonische Lehre vom Vater und
Sohne, von der Allgegenwart der Idee, die jdisch-griechische
Philosophie mit ihrer vermittelnden Ttigkeit, die universalistische
Tendenz des rmischen Geistes -- alle diese dialektischen Verstandes- und
Gemtsprozesse muten vorhergehen, bevor die Kirche ihr Brot backen und
ihren Wein schenken, bevor die Heilslehre Eingang finden konnte in die
Seele und in den Mund eines deutschen Bauern. Der Logos, das Wort ist
Fleisch geworden -- ein Gedanke, mit dem nur wenige von den Zeitgenossen
des Perikles einen Sinn htten verbinden knnen, er ist ein Gemeingut
unserer Landleute und wird von den Ammergauer Bildschnitzern vor aller
Welt dramatisch dargestellt.

Das dramatische Evangelium der Oberammergauer, ihr Buch zum
Krippenspiel, trgt den Charakter der Aufklrungszeit, in der es
entstanden. Man hat in der jngsten Zeit nach der ltesten Gestalt des
Ammergauer Bhnenspieles geforscht und glaubt es in einem geistlichen
Spiele des Klosters St. Ulrich und Afra in Augsburg gefunden zu haben.
Die Sprache dieses Spieles weist in das fnfzehnte Jahrhundert zurck.
Das Gedicht springt auch nicht mehr aus der Quelle, sondern fhrt in
seinem Rinnsal das getrbte Wasser und Gerlle der Jahrhunderte mit
sich. Selten gewinnt es plastische Gestalt, nur wenn Maria auftritt,
wird es lebendiger und wrmer. Nun helfet mir mein Kind beklagen, ruft
Maria an dem Grabe des Heilands aus; ihr wisset ja, wie lieb sie sind!
(nmlich die Kinder.) Dieses einzige Wort wiegt das ganze Passionsspiel
des Augsburger Meistersingers Sebastian Wild auf, aus welchem die ltere
Fassung des Ammergauer Buches hervorgegangen. Hier weicht die Mutter
Gottes, wahrscheinlich unter dem Einflusse der Reformation, auffallend
zurck, und das Ganze ist eine handwerksmige Arbeit, die sich blind an
den Endreimen fortgreift. Das gegenwrtige Buch der Ammergauer ist, wie
gesagt, rationalistisch gefrbt und ohne volkstmliche Ader. Es fehlt
der trauliche Ton, und die logischen Gelenke der Sprache treten stark
hervor. Was brigens die Vollziehung des Urteils anbelangt, sagt
beispielsweise Kaiphas, so wird es wohl das Sicherste sein, wenn wir es
beim Landpfleger durchsetzen knnten, da _er_ ihn zum Tode brchte --
dann wren wir ohne alle Verantwortung. Oder Petrus, der aus dem Grabe
des Heilands kommt, sagt zu Johannes: Sieh selbst, wie ordentlich die
Leintcher zusammengelegt sind. Alles ist im Grabe so geordnet, wie wenn
jemand, der vom Schlafe aufsteht, seine Nachtkleider an den bestimmten
Ort legt. Doch bringt es selbst diese nchterne Bezeichnung der Dinge
manchmal zu ergreifender Wirkung, wie zum Beispiel, wenn Jesus, von
seiner Mutter Abschied nehmend, ausruft: Mutter! Mutter! Fr die
zrtliche Liebe und mtterliche Sorgfalt, die du mir in den
dreiunddreiig Jahren meines Lebens erwiesen hast, empfange den heien
Dank deines Sohnes. Freilich greift hier die unwiderstehlich packende
Situation ber das Wort hinber. Im ganzen bekundet das Buch einen guten
Sinn fr wirksame Situation.

Das Anregendste am Ammergauer Krippenspiel ist wohl der Schauplatz
selbst, das gerumige, sinnreich gegliederte Theater, welches den
Schauspieler nicht unvermittelt aus der Kulisse fallen lt und jene
Volksaufzge ermglicht, die an Wirkung weit hinausreichen ber das
Spiel der einzelnen. Ein hnliches Theater scheint dem malosen Grabbe
vorgeschwebt zu haben, wenn er in den Hundert Tagen etwa vorschreibt:
Zwei Schwadronen rcken vor. Das Volk, die Turba, wie es in den
Passionsmusiken heit, ist der groe Schauspieler von Ammergau, den
freilich die Meininger nicht zu frchten haben. ber die einzelnen und
hervorragenden unter den Schauspielern hat sich kein klares Urteil
festgestellt. Die Kritiker setzten sich gewhnlich in ein gemtliches
Verhltnis zu den Spielern, und so verloren sie ihre Unbefangenheit. Sie
haben mit Judas in dieselbe Schssel getaucht, mit dem Heiland einen
Schoppen getrunken und mit der Mutter Gottes unter einem Dache
geschlafen. Dieser schlichte Mensch, heit es dann, welch ein
Schauspieler! Nun ist es keine Frage, da, von den Frauen abgesehen, die
durchaus abscheulich spielten, manche der Mitspielenden Treffliches
leisteten. Allen voran steht der Darsteller des Christus. Er ist eine
schne mnnliche Erscheinung, unnachahmlich gewachsen, wie eine
Englnderin meinte, in allem Sichtbaren, was Gang, Stellung und Gebrde
betrifft, geradezu bewunderungswrdig. Man merkt wohl den Bildschnitzer
durch, und er hat sich, nach seiner eigenen uerung, an Fhrichs
Kreuzgang geschult. Wie er vor Pilatus erscheint, wie er am Kreuze
hngt, das ist eine wahre Augenweide. Leider liegen seine Augen zu
versteckt, und in seiner hohen Tenorlage spricht er mitten hindurch
zwischen dem Schulmeister und dem Geistlichen. Auerdem ist er grimmig
ernst; er hat nichts von der Ironie des Heilands, der doch, ganz Mensch
und ganz Gott, die hchste Ironie darstellt. In seiner allzu passiven
Haltung trgt er wesentlich bei zu der Verstimmung, die sich dem brutal
mihandelten Christus gegenber des Zuschauers bemchtigt. Fr den
Glubigen ist das Wasser auf die Mhle; wer aber dramatisch genieen
will, dem ist mit einem so absolut duldenden Helden nicht gedient. Alles
rein Menschliche in den Situationen, wie etwa die Szene auf dem lberge,
wird dann zum Genusse. Im ganzen leidet das Ammergauer Krippenspiel an
einem Hauptfehler: es ist nicht mehr Naivitt und noch nicht Kunst. In
dieser schwankenden Mitte wird der Zuschauer hin und her geschaukelt.

Andere, darunter selbst Schauspieler, urteilen milder. Vielleicht wird
es dem Leser angenehm sein, in diesem Zusammenhange das Urteil eines
groen Schauspielers zu hren. In einem Briefwechsel, in welchem es sich
um die Schauspielkunst handelte, schrieb mir Adolph Sonnenthal:

Also meine Ammergauer Eindrcke wnschen Sie zu wissen? Nun, ich hatte
deren, und zwar mchtige Eindrcke, die aber leider durch die oftmals in
die Lnge gezogene Handlung, durch das strende Spiel einzelner, wie des
Judas und der Magdalena, wieder paralysiert wurden; und dennoch brachte
mich der Darsteller des Christus immer wieder in die richtige Stimmung,
so da ich in der Hauptaktion, in der Kreuzigung, aufs tiefste ergriffen
war und beim Verlassen des Spieles nur den einen Gedanken hatte: ob
irgendein Schauspieler die Rolle so perfekt darstellen knnte. Sprechen
wrde er sie unbedingt besser, aber agieren? Ich glaube nicht. Die
Aktion des Abendmahles und der Tod knnten jedem groen Knstler von
Beruf zur Ehre gereichen. Die Hoheit und Milde, und ich mchte sagen die
Grazie, mit welcher dieser Mensch den Jngern die Fe wusch, hat mich
geradezu in Erstaunen gesetzt. Die Inkarnation des Leidens im Ausdrucke
und dabei die bermenschliche Duldermiene am Kreuze, die letzten
Momente, wenn ihm das Auge bricht und der Kopf schwer auf die Brust
sinkt und noch mit gebrochenem Auge seine Mutter sucht -- ich wte
keinen Schauspieler, der es besser machen knnte, und da dieser Mann
eben kein Schauspieler, sondern ein einfacher Mensch und Holzschnitzer
ist, das hat mir mehr als einen knstlerischen, das hat mir einen
weihevollen Eindruck gemacht. Diesen Eindruck empfing ich auch bei dem
Einzuge Christus in Jerusalem, bei der Kreuztragung, und wenn nur die
anderen Mitspielenden annhernd die natrliche Begabung Mayers htten,
dann wre der Eindruck ein allgemeiner. Man sprach zu viel davon, und
Sie erwarteten ein knstlerisches Ensemble. Das ist es nicht und soll es
meiner Ansicht nach auch nicht sein, wenn es wirklich eine religise
Wirkung hervorbringen soll. Es darf nur nicht geradezu strend sein, wie
Judas und Magdalena. Ich habe mir manches sogar noch naiver, noch
natrlicher gewnscht. Die knstlerischen Eingriffe der Mnchener
Knstler in den letzten Jahren haben dem Wesen der Sache offenbar
geschadet; man wird dadurch hin und wieder doch an das Theater erinnert,
und zwar an ein schlechtes Theater, und das ist vom Nachteil. Ihr
Eindruck ist brigens nicht vereinzelt; ich habe viele gesprochen, die
Ihre Empfindung ganz und gar teilen. Vor einigen Tagen war ich in
Knigswart bei der Frstin Metternich; whrend des Diners wird ber
Oberammergau gesprochen, und die Frstin erwartete einen Brief ihrer
Tochter, der Frstin Oettingen, die auch dem Passionsspiele beigewohnt
und die ihr versprach, darber zu schreiben, denn sie selbst war nicht
dort. Nach Tisch traf dieser Brief richtig ein, und die Frstin las ihn
uns vor. Im allgemeinen sprach sie nun Ihre Ansicht aus; aber eine
geistreiche Bemerkung machte sie ber Christus, die sehr bezeichnend
ist. Sie sagte: er spielte zu demtig, #comme s'il n'tait pas digne
d'tre Jsus!# Ich mute ihr widersprechen, denn gerade die Auffassung,
wenn hier von Auffassung die Rede sein kann, das rein Menschliche, hat
mich diesem Gottmenschen nher gebracht und -- lcheln Sie nicht, ich
habe an ihn geglaubt, allerdings nur bis zu dem Moment, wo er aus dem
Grabe auferstand. Hier wurde ich wieder zu sehr an die Komdie gemahnt.
Ich habe noch nichts ber die Einrichtung des Theaters gesagt, dies fand
ich geradezu sublim. Sie doch auch? Die Szene des Gerichts. Pontius auf
dem Balkon, unter demselben der gefesselte Christus, zur Rechten das
Volk, zur Linken die Priester, das war doch ein groartiger Eindruck.
Was liee sich auf solch einem Theater mit groen klassischen Stcken
machen -- etwa mit den Knigsdramen oder Gtz? Diese beiden
Seitenbhnen sind eine geniale Erfindung. Denken Sie sich die
Volksszene im Julius Csar, in der Mitte das Forum, das Volk zu beiden
Seiten, die ganze Tiefe der Bhne -- es mte hinreiend wirken. Der Chor
und die Musik, die mir anfangs gefielen, wirken auf die Lnge durch ihre
Monotonie etwas einschlfernd; doch hat mir wieder der Chorfhrer, wenn
Sie ihn noch im Gedchtnisse haben (und zwar der vom Zuschauer rechts),
auerordentlich gefallen. Wie edel sich der Mensch bewegte, wie
geschickt er immer auftrat und abging. Das ist nmlich sehr schwer, so
eine breite Bhne entlang ruhig und schn zu gehen. Wenn Sie nun alle
diese Einzelheiten summieren, so werden Sie es begreiflich finden, da
das Schauspiel nicht ohne Eindruck an mir vorbergehen konnte, und ich
bereue es nicht einen Augenblick, dort gewesen zu sein.

Nach einer solchen Autoritt in schauspielerischen Dingen kann man schon
schweigen. Ohnedies wird es allzu lebendig um mich her, und auf das
groe Krippenspiel folgt das kleine. Ein einziges Kind ist mchtiger als
ein ganzes Publikum. Eine kleine Hand fhrt mich zu dem flimmernden
Baume hin, in welchem ein ganzer Wald von Seligkeit rauscht.

  (Am 25. Dezember 1880)




Das Heimatsgefhl der Brder Grimm

Ein Weihnachtsblttchen


Die Brder Grimm, Jakob und Wilhelm, kennt die ganze deutsche Welt, von
den obersten Hhen geistiger Bildung durch das Frauengemach hindurch bis
herab in die Kinder- und Schulstube. Sie haben die Kinder- und
Hausmrchen gesammelt aus dem Munde des Volkes, ja nicht nur gesammelt,
sondern, indem sie mit dichterischem Sinne die epischen Gesetze dieser
Gattung durchfhlten und erkannten, haben sie uns die Mrchen weich,
warm und traulich an das Herz gelegt. Wer diese Mrchen in sich
aufgenommen, kann Deutsch, und auch das tiefe Gefhl, woraus smtliche
Werke der Brder Grimm hervorgegangen: das Heimatsgefhl, wird er aus
ihnen kennen gelernt haben. Die prchtigen Worte Vaterlandsliebe und
Patriotismus mchten wir, wenn wir von den Brdern Grimm sprechen, nicht
in Anwendung bringen, weil bei ihnen das Gefhl fr ihr Volk im Engen
und Engsten wurzelt, in dem kleinen Lande, dem sie angehren, in dem
heimatlichen Winkel, wo sie geboren, in der Stadt und Stube, da sie
gelebt haben. Selbst wenn sie sich zur hchsten Vaterlandsliebe
aufgeschwungen, kehren sie gern in ihre Furche zurck und vollenden da,
der Lerche gleich, den Lobgesang eines Liedes, das sie in der Hhe
geschmettert haben. Zumal an Jakob, dem strkeren, mutigeren,
vordringenderen der beiden Brder, fllt diese Sitte auf, und Wilhelm
lt sich nur durch den lteren, aber feurigeren Bruder zu krftigeren
Kundgebungen der Gesinnung mit fortreien. In Leben und Wissenschaft ist
Jakob die trotzigere und bahnbrechende Natur. Wo er den Pflug ansetzt,
drckt Jakob ihn tiefer ein, so da der Brodem der Erde hervorbricht und
sich die Schollen schwer und langsam, als wollten sie sich eine Weile
besinnen, zu beiden Seiten niederlegen. Ein Bahnbrecher, schaltet Jakob
mit Axt und Pflugschar, whrend Wilhelm mehr eine Grtnernatur ist, die
auf dem schon gerodeten Erdreiche ihre zierlichen Beete anlegt, sie
sorgsam wartet und still begiet. Jakob whlt neue Schpfungen aus dem
Boden hervor, eine Grammatik, die Mythologie, die Rechtsaltertmer,
Wilhelm lt gewissen alten Lieblingsautoren seine peinliche Pflege
angedeihen und schreibt, bedchtig suchend und das Gefundene geduldig
zusammenfgend, die Geschichte der Heldensage, die ihren Gegenstand
durch Zeugnisse und eigene Entwicklung von auen und innen beleuchtet.
Alle diese Arbeiten und Werke gehen aber aus dem tiefen Grunde des
Heimatsgefhls, aus der starken Empfindung hervor, da es fr den
Menschen nichts Anziehenderes und Wertvolleres gebe, als was schon die
Heimat an lebendigem Besitz und nachklingender berlieferung
entgegenbringe. Rhrend neben so eindringlichen wissenschaftlichen
Taten ist bei den Brdern Grimm der kindliche Ausdruck ihrer
Anhnglichkeit an die Heimat. So wenn Wilhelm, im Hinblick auf den
Aufenthalt seines Sohnes in Italien, in die Worte ausbricht: Ich knnte
auf die Lnge nicht an einem anderen Orte leben, so hnge ich an meinem
Vaterlande, oder wenn Jakob sich statt aller Herrlichkeit des Sdens
den blhenden Apfelbaum lobt und den Finken darauf.

Das Kleine gro empfinden ist eine Kunst Jakob Grimms. Er und sein
Bruder haben die Gabe des Dichterauges, das smtliche Dinge, sie mgen
noch so gewohnt und vergriffen sein, stets zum ersten Male sieht und
einen Strahl der Verwunderung und des Wiedererkennens darauf fallen
lt. Jakob Grimm sagt einmal: Alles, was der Mensch betrachtet, ist
wunderbar, Sprache, Wort und Laut. Diese Anschauung zieht sich in einem
breiten Bande durch seine deutsche Grammatik, die so vorteilhaft
abweicht von allem, was man bis dahin Grammatik genannt hat, da sie uns
alle zu Grammatikern macht. Sie lehrt nicht, sie schulmeistert nicht,
sie zeigt blo, wie die Dinge sind. Oft geht Grimm von unwillkrlichen
Jugendeindrcken aus, die nun wissenschaftlich reif geworden sind, wie
die sinnlichen Freuden an dem Lautdreiklang #a#, #i#, #u#, der mit
seinem Vokalgesang die ganze deutsche Sprache durchwaltet. Wenn wir
sagen: binde, band, gebunden, so ist das ein einzelner Fall, dem man in
der deutschen Sprache auf Schritt und Tritt begegnet. Jeder Knabe,
jedes Mdchen, das eine Volksschule besucht, wei heute, da ein
Zeitwort, welches mit diesem Klangschmuck und Wohllaut abgewandelt wird,
ein starkes Zeitwort heit, whrend das schwache Zeitwort dieser Zierden
entbehrt. Vor Grimm hie ganz verkehrt das schwache Zeitwort regelmig,
das starke aber, das doch uere Anhngsel verschmht und die
verschiedenen Zeiten durch einen mchtigen inneren Trieb aus sich selbst
erzeugt, unregelmig. Jakob Grimm hat hier den Schulmeistern ein Licht
aufgezndet, bei dem sie das sahen und erkannten, woran sie sich bisher
nur gestoen hatten. Manches andere noch hat Grimm in diesem bisher so
trockenen Buchstabenwesen entdeckt. Immer mchtiger drang er in seiner
Grammatik vor, stets, wie bei allen seinen Untersuchungen, von einem
starken Heimatsgefhl geleitet. Sein Volk wollte er erkennen in seiner
Sprache. Er zeigte, wie die deutsche Sprache den groen Gegensatz der
Geschlechter, der die Menschen scheidet und bindet, auch auf die brige
Schpfung durch ein eigentmliches Einbildungsvermgen ausdehnt; er
schttete die ganze deutsche Sprache auf, um die Vorstellungen und
sittlichen Richtungen des deutschen Geistes darzustellen, gleichsam
Vorelemente zu einer deutschen Psychologie und nationalen Ethik
herbeizufrdern. Er brachte dadurch auch Klarheit in die deutschen
Personennamen, in welchen sich das deutsche Wesen, als man die Bedeutung
des Wortes noch verstand oder durchfhlte, so mannigfaltig und deutlich
aussprach. Ein Name, den man einem Kinde beilegt, ist ein Wunsch oder
gar die Flle des Wunsches: ein Ideal. Grimm ist in diese Untersuchungen
ohne vorgefate Gedanken oder heimliche Tendenz hineingegangen. Wilhelm
Scherer ist gescheitert, und in einem schmerzlichen Bekenntnisse hat er
selbst eingestanden, gescheitert zu sein, als er gewissen
geschichtlichen Erscheinungen der deutschen Sprache ethische Beweggrnde
unterschob, Lautverschiebung und Lautnderung, anstatt sie mechanisch
aus dem Spiele der Sprechwerkzeuge zu erklren, vielmehr aus
Charaktereigenschaft des deutschen Geistes ableitete.

Jakob Grimm hing so fest an der Scholle, da er Kassel und sein
geliebtes Hessen nur ungern verlie, und so weit schien ihm die
Entfernung, da er zum Antritt seiner Professur an der Gttinger
Hochschule das Heimweh zum Redethema whlte. Nach altem Brauche mute er
die Rede lateinisch halten. Seltsam genug nimmt sich ein so
grunddeutsches Wort und eine so grunddeutsche Sache in der fremden
Kleidung aus. Wie umstndlich und nchtern ist die lateinische
Umschreibung des Wortes (#De desiderio patriae#), wie sonderbar, wenn
Grimm bei gehobenen Stellen sich der Redeweise rmischer Dichter
bedient. Nostalgia gbe ganz den Sinn des deutschen Heimweh, allein es
ist ein sptes Wort, das wie eine bersetzung klingt. Zwar die Sache
haben die Griechen gekannt -- Zeugnis dafr die Odyssee, das ewige Lied
des Heimwehs, Zeugnis dafr aus geschichtlicher Zeit die rckkehrenden,
das Meer erblickenden Landsknechte des Xenophon, denen Laute entfahren,
die man als deutsch ansprechen knnte, wenn sie fr deutsche
Eichenherzen nicht zu sehr ins Weiche gingen. Grimms lateinische Rede
ber das Heimweh kann uns an das Walthari-Lied erinnern, das trotz der
Abfassung in rmischen Versen rechte Funken deutschen Heldentumes wirft.
In rmischer Zunge eifert Grimm gegen den Mibrauch der lateinischen
Sprache, und einmal, als er das Lateinische wert, teuer sein, das an
Gewicht und Geld erinnert, von der Heimat gebraucht, glaubt man schon,
ihm wrde das herzliche Wort lieb haben von den Lippen springen. Ihm
brigens Heimweh zu erwecken, trugen die unerquicklichen politischen
Zustnde in Hannover bei. Der Knig hatte die Verfassung aufgehoben,
Grimm hatte auf die Verfassung geschworen. Er hielt seinen Schwur, wurde
entlassen, und als er mit seinem Bruder nach Kassel zurckkehrte, pate
jeden Tag ein Polizeimann vor ihrer Wohnung, als ob sie gemeine
Spitzbuben wren. In der Schrift ber seine Entlassung fragte er mit dem
Siegfried im Nibelungenliede: Wohin sind die Eide gekommen? Von da an
ist den Gebrdern Grimm die Politik, obgleich sie keine Politiker waren,
nachgegangen. Jakob ist im Frankfurter Parlament gesessen, er hat tapfer
teilgenommen an der schleswig-holsteinischen Frage. Das Heimatsgefhl
steigert sich zur vaterlndischen Gesinnung. Jakob schreibt an einen
dnischen Gelehrten: Ich trume von einem groen Verein zwischen
Deutschen und Skandinaven ... Ich schtze zwar keines der brigen
mitlebenden Vlker gering, mchte aber doch nicht die Eigentmlichkeit
meines Volkes und der uns urverwandten preisgeben gegenber einem
unserer ganzen Art fremden und von uns abweichenden. Der gemeine Russe
ist krftig und praktisch, voll Verstand und Begabung, allein hheren
Zielen der menschlichen Entwicklung strebt er nicht eben zu; alle
Beamten sind in hohem Grade verderbt und bestechlich, die vornehmen
Stnde durch frhreife Treibhauskultur im voraus fast zugrunde
gerichtet. Wer mchte wnschen, da diesem mit breiter plumper Gewalt in
der Weltgeschichte wie fast kein anderes auftretenden Volke noch ein
grerer Spielraum zuteil werde ... Diese Russen sind natrliche Feinde
alles dessen, was Deutschland da oder anderwrts stark machen wrde.
Aber ich begreife dein dnisches Gefhl, das Russen den Deutschen
vorzge... Jakob Grimm, der in einem geeinigten und freien Deutschland
die Gewhr fr den Frieden und die Wohlfahrt Europas erblickt, hat das
neue Deutschland, nach dem er sich so sehr gesehnt, nicht mehr erlebt.
Aber einen merkwrdigen Blick in die Zukunft hat er getan, als er im
Jahre 1844 in Italien reiste. Er schreibt in seinen Reiseerinnerungen:
Das heutige Italien fhlt sich in Schmach und Erniedrigung liegen; ich
las es auf dem Antlitz blhender, schuldloser Jnglinge. Was auch
kommender Zeiten Scho in sich berge, die Macht, deren Flamme wir noch
aufflackern sehen, wird nicht ewig ber ihm lasten, und wenn Friede und
Heil des ganzen Weltteiles auf Deutschlands Strke und Freiheit beruhen,
so mu sogar diese durch eine in dem Knoten der Politik noch nicht
abzusehende, aber dennoch mgliche Wiederherstellung Italiens bedingt
erscheinen.

Wie weit und scharf Jakob Grimm ber den lebendigen Zaun seiner
Heimatsliebe spht, ist aus den angefhrten Worten zu ersehen. In diesen
Stcken bleibt Wilhelm hinter dem Bruder zurck; aber Jakob zieht ihn
nach, und Wilhelm geht geistweise mit. Sind sie doch im Leben und in der
Wissenschaft immer miteinander gegangen und haben sich nie verlassen.
Sie waren einander treu, wie sie ihrem Volke treu waren -- treu wie Gras.
Man mchte fast vermuten, da sich einmal, wenn ihre Bcher verschollen
sind, die Volksphantasie dieser beiden rhrenden und groen Gestalten
bemchtigen werde. Wir knnen uns denken, da man auf der Bank vor dem
Hause sich einmal erzhlt:


_Die Brder Grimm._

Ein deutsches Kinder- und Hausmrchen.

Es wird etwa beginnen: Es waren einmal zwei Brder, der eine hie
Jakob, der jngere Wilhelm. Was aber wird das Mrchen von ihnen
erzhlen? Die Geschichte vom Dornrschen, nur da die schlafende
Knigstochter das deutsche Volk mit der versunkenen Heimlichkeit seiner
Sprache und Sitte sein wird, und die beiden Knaben, Jakob voran,
Wilhelm hintendrein, brechen durch die Dornenhecke und erlsen durch
ihren Ku das schlafende schne Kind. Dann werden in den Zuhrern alle
guten Geister des Heimatsgefhls aufwachen, und sie werden die beiden
Knaben, die das Wunder vollbracht haben, preisen und segnen.

  (Am 25. Dezember 1891)




  Gedruckt in der Buchdruckerei von Herros & Ziemsen, G.m.b.H.
  in Wittenberg. Titel und Einband zeichnete Lucian Bernhard, Berlin



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1911 bei Meyer & Jessen erschienenen Ausgabe (neuntes
Tausend) erstellt; es bildet den dritten Band von Ludwig Speidels
Schriften.

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs an den Anfang gestellt.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersetzt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from an edition
published in 1911 by Meyer & Jessen (ninth thousand), forming the third
volume of Ludwig Speidel's works.

The table of contents has been moved from the back of the book to the
front.

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]







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electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
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TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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