The Project Gutenberg EBook of Ferien vom Ich by Paul Keller



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Title: Ferien vom Ich

Author: Paul Keller

Release Date: May 23, 2009 [Ebook #28938]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN VOM ICH***





                       Paul Keller / Ferien vom Ich





                             _PAUL KELLER_

                             Ferien vom Ich

                                _ROMAN_


                       Deutsche Buch-Gemeinschaft
                                 _GMBH_

                                 _BERLIN_





                  Einbandentwurf von Hanne Maria Rudert





    Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, der Verfilmung, der
  Dramatisierung, des Nachdrucks und der Wiedergabe durch den Rundfunk,
                               vorbehalten

                            _Copyright 1915_
           _by Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn / Breslau I_
                           _Printed in Germany_





                            INHALTSVERZEICHNIS


     Nach meiner Heimkehr                 5
     Die feindlichen Stdte              12
     Das Modebad                         28
     Auf dem Weihnachtsberg              33
     Luise                               58
     Samariterdienste                    69
     In den Tagen des Werdens            77
     Das Kind                            88
     Vorarbeiten                         95
     Die "Neustdter Umschau"           104
     Joachim                            116
     Weihnachten                        131
     Fgung                             136
     Bauernanwerbung                    142
     Der Journalist                     161
     Die ersten Kurgste                181
     Sommerabend                        197
     Lorelei                            220
     Die "krummbeinige Medizin"         227
     In der Genovevenklause             233
     Die Schlacht bei Waltersburg       241
     Herbst                             248
     Von der weiblichen Putzsucht       271
       und Herrn Pieseckes Leiden
     Abschiedsabend                     281
     Gerichtliches                      288
     Aufklrungen                       302
     Vom Bruder und seiner Frau         320
     Freund Stefenson                   343
     Der Fuchs und die Sibylle          355
     Advent                             367
     Hochzeit und Ende                  375






                           NACH MEINER HEIMKEHR


Der alte Johannisbrunnen rauscht wieder vor meinem Fenster. Hoch ragt das
Bild des Tufers; aus der ehernen Schale, die seine erhobene Hand hlt,
pltschert das Wasser hinab ins steinerne Becken. In alter Zeit soll ein
heidnisches Heer an diesem Brunnen vorbergezogen sein; die Recken haben
den rauhen Nacken gebeugt und sind hier getauft worden. Am nchsten Tage
fielen alle in der Schlacht. Ihre Leichname blieben liegen unter den
dunklen Bumen der Waldschlucht, da die Krieger heimtckisch erschlagen
wurden; aber am Abend, als die Sonne rot am Himmel brannte, kamen weie
Schemen zum Stadttore herein, die hatten Krnze um die Stirnen und
lchelten wie Kinder. Als sie am Brunnen vorbeizogen, lie der heilige
Baptista die eherne Taufschale fallen und faltete die Hnde; denn diese
reinen Seelen brauchten kein Wasser der Gnade mehr. Die Gekrnzten zogen
langsam zum Stadttore hinaus, den Weihnachtsberg hinauf, und als sie auf
der goldglnzenden Hhe standen, winkten sie noch einmal herab ins Tal und
zogen dann fort, weit ber die rote Sonne hinaus, und der Heilige am
Brunnenplatz schaute ihnen nach. Erst als es Nacht war, bckte er sich
nach der verlorenen Taufschale, und nun hlt er sie wieder in erhobener
Hand seit vielen Jahrhunderten.

Das ist eine der vielen Sagen und Legenden von Waltersburg. Die
Waltersburger haben ganz eigene Geschichten. Sie borgen nicht von fremden
Gauen und Stdten; ihr romantisches Tal war immer so reich, da sie
Fremdes nicht ntig hatten.

Der Johannisbrunnen! In seinem Becken lie ich als Kind meine Schifflein
schwimmen. Sie schwammen nach Amerika, nach Jerusalem oder gar bis ins
Riesengebirge. Mein Bruder Joachim, der mit auf dem Brunnenrande sa,
lchelte oft verchtlich ber diese Reiserouten. Er war drei Jahre lter
als ich und schon Gymnasiast. Da verachtete er meine
Abcschtzen-Geographie. Mit Schifflein spielte er nicht mehr; er liebte
nur wissenschaftliche Unterhaltung. So warf er Fische aus Blech, die ein
eisernes Maul hatten, ins Wasser und angelte mit einem Magneten nach
ihnen. Er hatte ein Senkblei, und wenn seine Fische nicht bissen, sagte
er: es lge am Wetter oder ich stnde mit meinem infam weien
Spitzenkragen zu nahe am Wasser und verscheuchte die Fische.

Unterdes fuhren meine Schiffe nach Jerusalem oder ins Riesengebirge, und
oben auf dem grnen Balkon am Brunnenplatz sa unsere Mutter bei ihrer
Handarbeit und schaute manchmal zu uns herunter.

Wie kommt es doch, da Menschen von einem solchen Brunnenrand fortziehen
knnen, da er ihnen nicht lieber und grer ist als alle Ksten des
Ozeans?

Mein Bruder und ich sind fortgezogen, und die gute Frau auf dem grnen
Balkon ist allein geblieben. Als Studenten kamen wir noch regelmig zu
den Ferien. Joachim aber war kaum mit seinen Studien fertig, als er seine
Ehe schlo mit jenem unselig schnen Mdchen, dem die Schnheit zum Fluche
gegeben war. Nach einem Jahre wurde das Kind geboren, und nach nur wieder
einem halben Jahre war ich dabei, als die Frau vor Gericht die Aussage
machte, sie habe sich selbst mit einem Revolver in die Brust geschossen,
weil ihr Mann sie nach einem furchtbaren Streit verlassen habe.

Nur meine Mutter und ich wuten, da sie log. Der Flchtige aber kam nicht
heim, auch dann nicht, als es uns endlich gelang, ihm mitzuteilen, da er
auer gerichtlicher Verfolgung sei.

Er floh nicht vor dem Gefngnis; er floh vor dem Grauen, das ihm sein
junges Weib bereitet hatte und das auch die Rettung, die ihm ihre Aussage
brachte, nicht tilgen konnte.

Der Bruder verscholl in weiter Fremde, und die Mutter lehnte am
Balkonfenster und hrte auf das Pltschern des Johannisbrunnens. Sie
trumte von fernen Ufern, an denen ihr Herzenssohn weilen wrde, von
Gestaden, zu denen es keine andere Verbindung gab als die sehnschtig hin
und her gehenden Gedanken.

Als nun auch ich mein medizinisches Staatsexamen beendet hatte, sagte ich
zur Mutter, ich wolle bei ihr in der Heimat bleiben und ihr Trost sein.
Sie sah mich still an und schwieg, und es zuckte ein wenig um ihren Mund.
Da bat ich sie, zu reden und mir ihren tiefsten Wunsch zu sagen, und sie
sprach mit Worten, die sie sich aus dem Herzen ri:

"Geh fort ... in die Welt ... suche Joachim ... bringe ihn wieder!"

So bin ich fortgezogen, um meinen Bruder zu suchen. Und weil ich nicht
Geld genug hatte, jahrelang um die Erde zu reisen, wurde ich Schiffsarzt,
jetzt bei dieser, dann bei jener Gesellschaft, und kam fast in alle groen
Hfen der Welt.

Ich fand ihn erst im fnften Jahre meiner Wanderfahrt und wre bei
flchtiger Begegnung wohl an dem vernderten harten Mann mit dem fremden
Namen vorbeigegangen; aber ich traf ihn an Bord zwischen Rio und
Montevideo, da das Schiff tagelang nicht anhlt, und wurde meiner Sache
gewi, als der Fremdling sich pltzlich scheu verbarg und weder an Bord
noch bei den Mahlzeiten mehr sichtbar wurde. Da suchte ich ihn in seiner
Kajte auf. Er ffnete auf mein Klopfen und bebte zusammen, als er mich
sah. Ich drngte ihn ohne weiteres in die Kajte und schlo die Tr.

"Ich will nur ein wenig mit dir reden, Joachim", sagte ich und wunderte
mich ber meine ruhige Stimme; "du wirst es mir nicht abschlagen knnen,
da ich an die fnf Jahre hinter dir her bin. Und da ich auf dein Leben
und deine Entschlsse keinen Einflu habe, wei ich von vornherein. Also
versteck dich nicht!"

"Was willst du?" fragte er mhsam heraus.

"Ich will nicht viel. Ich will dich nur bitten, du mchtest von Zeit zu
Zeit, so alle Jahre einmal um Weihnachten, an die Mutter schreiben."

Da fiel er auf sein Bett und weinte rasend. Ich trat an das kleine runde
Kajtenfenster, an das die Wellen klatschten, und schaute hinaus auf die
rollende See.

                                    *

Vorgestern bin ich nun heimgekommen nach Waltersburg zu meinem und seinem
silbernen Mtterchen. Ich mu schon "silbernes Mtterchen" sagen; denn
nicht nur die Haare sind silbern, auch das Gesichtchen, auch die schmalen
Hnde. Alles ist kostbar, edel und wei an ihr.

Sie fragte mich nur das eine: "Ist er gesund?"

Ich sagte ihr, was ich wute, auch da er ein braver Mensch geblieben sei,
woran wir beide niemals gezweifelt hatten. Dann, da er in einer
geachteten Stellung und wohl ein reicher Mann sei oder es doch werde.
Darauf hrte sie kaum, sondern schlug die Hndchen zusammen und jammerte:

"Warum? Warum?"

Das war die schwere Frage, ber deren richtige Beantwortung ich mir auf
der Heimreise den Kopf zerbrochen hatte. Ganze Abhandlungen hatte ich in
meinem Hirn ausgearbeitet, schlagende psychologische Begrndungen fr eine
Mutter, die fragt: Warum gibt mein Sohn keine Nachricht? Warum kommt er
nicht zurck? Warum lt er mich in dieser furchtbaren Einsamkeit und
Qual?

Da sagte ich ihr nur die wichtigsten Stze, die Joachim gesprochen:

"Ich hab wohl hundertmal geschrieben und tausendmal schreiben wollen. Aber
ich hab keinen Brief abgeschickt. Ich hatte eine schreckliche Angst, dann
schreibt ihr wieder, und dann halte ich's nicht aus in der Fremde, dann
mu ich zurck in diese verfluchte Heimat."

Sie war ein wenig betubt ber diese Worte; aber dann glomm eine Hoffnung
auf in ihren Augen, und sie sagte:

"Aber jetzt wird er schreiben?"

"Ja, jetzt wird er schreiben; das ist das einzige, was ich nach meinem
langen Suchen erreicht habe."

"Ich danke dir, lieber Fritz", sagte sie und drckte mir schchtern die
Hand.

                                    *

Nun bin ich beinahe eine Woche zu Hause und fange an, mich glcklich zu
fhlen und zu freuen. Ich glaube, zu den Freuden, die schwer zu tragen
sind, gehrt die Heimkehr aus fremden Landen. Und nicht blo mir in meinem
besonderen Falle wird es so gehen, nein, allen, die lange drauen waren
und wieder nach Hause kommen. Es ist viel Scheu, viel Bangigkeit in der
Seele, die Quellen der Lust und des Schmerzes flieen zusammen wie in
einen tiefen Bronnen, aus dem erst langsam, wenn sich der zitternde
Spiegel beruhigt hat, das Himmelsgesicht des Glcks auftauchen kann. Es
gibt wohl keinen Heimkehrenden, der laut lachte, tanzte oder sprnge. Ich
habe in fremden Lndern viele robuste Burschen gesehen, die in ihre Heimat
zurckkamen, und es war ganz gleich, welcher Farbe oder Rasse sie waren -
sie waren schchtern und verlegen, gingen alle ein wenig mit
zusammengezogenen Schultern, sprachen seltsam leise und traten nicht fest
auf, als ob sie der Heimaterde nicht weh tun wollten. Sie muten sich alle
in der Heimat erst wieder heimfinden. Es ist auch ganz natrlich: der
Star, der aus dem Sden an den heimischen Kasten kommt, pfeift auch nicht
am ersten Tage. Er schttelt in der entwhnten Luft erst sein Gefieder
zurecht.

                                    *

Die Mutter steht immer am Fenster und schaut nach dem Brieftrger aus.
Aber der Brief, auf den sie wartet, kommt nicht. Er knnte lngst da sein.
Ich telegraphierte schon zweimal heimlich nach Rio. Es kam aber keine
Antwort.

Und die Mutter steht und wartet. Ich versuchte es mit der alten Ausrede,
ein Brief knne verlorengehen, zumal auf so langem Wege. Aber die Mutter
schttelte den Kopf und sagte:

"Einen solchen Brief wrde Gott behten."





                          DIE FEINDLICHEN STDTE


Ich mu versuchen, wieder lustiger zu sein. Herrgott, ich bin doch ein
junger Mensch, ich habe meine Aufgaben, und meine Kraft darf nicht in
sehnschtigem Suchen, am Trotz des Bruders zerschellen. Also will ich
heute gar nichts von ihm aufschreiben, sondern einmal die nrrische
Geschichte von der Feindschaft der Waltersburger und der Neustdter zu
erzhlen beginnen.

Waltersburg ist eine in einem wunderschnen Talkessel gelegene Stadt von
2967 Einwohnern. Solches besagte die letzte Zhlung. Der Personenstand
wies im letzten Jahrhundert immer ziemlich dieselbe Hhe auf; auf runde
3000 kam er nie hinauf. Da machte unser Brgermeister, Herr Wilhelm
Bunkert, eine bedeutsame Stiftung: der dreitausendste Einwohner, der
Waltersburg Anno 1904 geschenkt wrde, solle eine goldene Uhr bekommen,
Herrenuhr oder Damenuhr, je nachdem es ein mnnliches oder ein weibliches
Wesen betrfe, und diese Ehrengabe wolle er, der Brgermeister, aus
eigenen Mitteln bestreiten. Die Sache stand im Stadtblatt und wurde viel
bewundert. Im nchsten Jahre kamen viele Kinder zur Welt; die Zhlung
wurde nicht blo vom Magistrat, sondern auch von der Brgerschaft sehr
eifrig betrieben, und da die Einwohnerschaft auf 2998 stieg, entstand in
der zweiten Hlfte des Dezember zwischen der Frau Schneidermeister Lembke
und der Frau Schuhmachermeister Abelt eine bittere Feindschaft, da beide
hofften, noch vor Ablauf des Jahres eines Kindleins zu genesen. Am
30. Dezember gebar Frau Lembke eine Tochter. Ihr Mann, anstatt sich des
blhenden Tchterchens zu freuen, ging in die Schenke und betrank sich vor
rger, wie er sein Lebtag sich nicht betrunken hatte. Dem Ehepaar Abelt
aber klopfte das Herz. Am Silvesternachmittag gebar die Frau einen Sohn,
und der entzckte Vater strzte nach dem Rathause und schrie: "Der
dreitausendste Einwohner! Der dreitausendste Einwohner!" Im Vorzimmer des
Brgermeisters aber begegnete dem Siegestrunkenen eine schwarze Gestalt.
Es war die Frau des Webers Michalke, die soeben den Tod ihres Mannes
angemeldet hatte. Da waren es wieder nur 2999. Der arme Schuster torkelte
gegen die Wand, und dumpf hallten die Silvesterglocken in die Nacht ber
diese so wenig vom Glck begnstigte Stadt.

Der Brgermeister hielt sein Angebot auch fr das kommende Jahr aufrecht,
und einige werdende Mtter wiegten sich in goldenen Hoffnungen. Aber der
Tod hielt reichere Ernte als sonst, auch zog der Barbier mit seiner
siebenkpfigen Familie nach Neustadt, und nun hielt der geizige erste
Ratsmann, Bckermeister Schiebulke, es fr den richtigen Zeitpunkt, sich
als einen Gnner der Stadt zu bezeigen und auch seinerseits fr den
dreitausendsten Einwohner eine Prmie auszusetzen, und zwar ein neues
Fahrrad, je nachdem ein Herren- oder Damenrad. Die Sache kam ins
Stadtblatt, und die Brger lachten. Ob Schiebulke vielleicht meine, ein
neugeborenes Kind knne radeln, wurde der Stifter befragt. Ob die andern
vielleicht meinten, ein neugeborenes Kind knne von einer Uhr die Zeit
ablesen, gab Schiebulke giftig zurck. Da setzte der Wirt vom "Goldenen
Lwen", der ein reicher Mann und ein wenig ruhmschtig ist, einen
erschrecklich hohen Trumpf auf:

"Goldene Uhr und Fahrrad", sagte er, "sind gute Dinge. Nur leider die
Kinder wachsen langsam, und solche Dinge veralten schnell. Was allein
nicht veraltet, ist das Geld. Ich will meiner Vaterstadt meine Liebe
beweisen und lege 5000 Mark in die stdtische Sparkasse fr den
dreitausendsten Brger, den Waltersburg in diesem Jahre erhlt." So
lautete die Stiftung, die im Stadtblatt publiziert wurde und ungeheure
Aufregung hervorrief.

Und da kam das Unerwartete, wie in solchen Fllen berhaupt meist etwas
Unerwartetes geschieht.

Die Einwohnerschaft von Waltersburg hatte die Hhe von 2993 erreicht, als
der vor kurzem nach Neustadt bersiedelte Barbier Arthur Heilmann mit
seiner Frau und seinen fnf Kindern sich wieder in Waltersburg ansiedelte
und glckstrahlend die goldene Uhr, das Fahrrad und die fnftausend Mark
fr sich in Anspruch nahm, da mit seinem Zuzug die Zahl dreitausend
erreicht war. In Waltersburg brach eine Revolte aus. Man wollte den
frechen Barbier samt Weib und Kindern lynchen. Man schrie, das sei Betrug,
das glte nicht, das sei ja ganz anders gemeint gewesen. Der Barbier, der
zuvor bei einem Rechtsanwalt in Neustadt gewesen war, bewahrte seine Ruhe,
und Amtsrichter Knopf, der angesehenste Jurist in Waltersburg, erklrte im
Magistratskollegium, am Stammtisch und wo immer man es hren wollte, unter
Hinweis auf verschiedene Gesetzesparagraphen: es handle sich hier um eine
ffentliche Auslobung, deren Inhalt durch den Barbier Heilmann erfllt sei
und dem daher unzweifelhaft die drei ausgesetzten Prmien zufielen.

Aller Ingrimm der Welt htte an der Tatsache nichts gendert: Heilmann
bekam die Preise.

O unglckliches Waltersburg! In der Stadt war dumpfe Trauer, Zorn und Ha,
und alle Mnner gelobten, bei diesem Barbier sich nie den Bart schaben
oder die Haare schneiden zu lassen.

Darauf rechnete aber der abgefeimte Schaumschlger gar nicht, sondern er
zog schon nach Ablauf eines Vierteljahres wieder nach Neustadt zurck und
nahm die Preise mit.

Waltersburg zhlte nach diesem Abzug 2993 Bewohner. Die Auslobungen wurden
nicht erneuert. Das ist nun einer der Flle, aus denen das feindselige
Verhltnis zwischen Waltersburg und dem benachbarten Neustadt schon
einigermaen erhellt.

                                    *

Die Zeit meiner Abwesenheit hat an dem feindlichen Verhalten der beiden
Stdte Waltersburg und Neustadt nichts gendert. Und doch ist Neustadt
eine Tochterstadt von Waltersburg, die beiden Orte sind in der Luftlinie
kaum drei Kilometer voneinander entfernt und nur durch den mig hohen
Weihnachtsberg getrennt. Nicht nur, da die beiderseitigen
Gemeindekollegien miteinander in Hader liegen und sich die zwei
Stadtblttchen stndig befehden, der Ha gegen die Nachbarstadt bringt
auch noch heute die Kpfe der Waltersburger Stammtischphilister in
Gluthitze und bertrgt sich sogar auf die Frauen und Kinder.

Bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hat sich Waltersburg
eines geradezu paradiesischen Friedens erfreut. Die Hussiten sind an ihm
vorbeigezogen, die Horden des Dreiigjhrigen Krieges haben vergessen, die
Stadt auszuplndern, so da Waltersburg mit seinen damals 2000 Bewohnern
nach dem Westflischen Frieden eine der volkreichsten Stdte Deutschlands
war, ein Umstand, ber den in der Stadtchronik des weiten und breiten
geredet wird; von den Fritzeschen Regimentern hat nur eines einmal drei
Tage lang in Waltersburg Station gemacht, was den Stoff fr ein weiteres
Viertel der Chronik bildet, und auch die Siegerscharen Napoleons haben
keine besondere "_gloire_" darin erblickt, die Stadtmauern von Waltersburg
zu berennen. So war das weie Lamm in grnem Felde ein sehr angebrachtes
Wappentier fr die friedfertige Stadt, und es gehrte schon die ganze
boshafte Niedertracht der Neustdter dazu, zu behaupten, weiland der
geistvolle Hohenstaufe Friedrich II. htte den Waltersburgern das Lamm fr
ihr Stadtwappen nur darum verliehen, weil er ihre ureigentmliche und
unausrottbare Schafkpfigkeit wohl erkannt habe.

Solch grobe Beleidigung strafen die Waltersburger mit eiskalter
Verachtung; dagegen erhitzen sie sich noch heute sofort, wenn die Rede
einmal auf den Bahnbau kommt.

Als nach dem siebziger Kriege sich in Deutschland die Eisenbahnen mehrten
wie nach einem fruchtbaren Regen im Garten die Wrmer, hatte die Regierung
dem Rat angeboten, eine neue Hauptstrecke ber Waltersburg zu fhren, ja
die Stadt zu einem Eisenbahnknotenpunkt zu machen. Dieses Anerbieten hatte
die Brgerschaft in die allerschwerste Sorge gestrzt. Sie sandten zum
Kaiser nach Berlin eine Deputation mit der Bitte, der Landesvater mge das
schwere Unheil, das den Frieden und die Ruhe der treuen Stadt Waltersburg
bedrohe, allergndigst abwenden. Die Deputation wurde zwar nicht
empfangen, brachte aber in aller Stille ein krftiges Wort mit heim, das
ein Geheimer Rat im Eisenbahnministerium gesprochen hatte, und das nicht
viel schmeichelhafter klang als die Neustdter Auslegung des Waltersburger
Wappentieres.

Die Hauptsache war: die Bahn kam nicht nach Waltersburg. Sie wurde
jenseits des Weihnachtsberges, etwa sechs Kilometer von der Stadt
entfernt, vorbeigefhrt. Daselbst wurde auch ein groer Bahnhof angelegt,
da sich in der Tat die Notwendigkeit herausgestellt hatte, an diesem Orte
einen Kreuzungspunkt zu errichten, und die Station fhrte, da sie doch
benannt werden mute, den Namen "Waltersburg-Neustadt".

Die Waltersburger lachten. Sie hatten jetzt eine Eisenbahnstation, aber
diese Station konnte ihnen nichts anhaben. Spter hat ein Dichter in der
"Neustdter Umschau" ein Poem verffentlicht, in dem es hie:

  _"Die Waltersburger, die sind gar pfiffige Leut,_
  _Sie sind nicht nur pfiffig, sie sind grundgescheut,_
  _Sie haben eine Bahn, die woanders 'rum geht,_
  _Sie ham einen Geldschrank, der im Nachbarhaus steht;_
  _Sie fttern der Hasen und Rehe wohl viel,_
  _Doch treiben sie alle dem Nachbar vors Ziel;_
  _Sie sperr'n ihren Flu, da kein Fisch hineinschwimmt_
  _Und zuviel von dem sehr guten Wasser wegnimmt;_
  _Und wr' mal ein Mderle gerne gekt,_
  _Da wartet's, bis auswrts ein Kirmestanz ist."_

Fr dieses Gedicht hat sein Verfasser von den Neustdtern viel Lob und von
den Waltersburgern gelegentlich recht ordentliche Prgel geerntet.

Neustadt verdankte seine Grndung einem trutzigen Brger von Waltersburg,
dem Baumeister August Bunkert, der als einziger in der ganzen Stadt
Waltersburg Tag und Nacht geredet hatte, die so gnstige Gelegenheit,
einen groen Bahnhof an die Stadt zu bekommen, nicht zu verpassen. Als er
mit seinen Ideen nicht durchdrang, im Gegenteil viel Anfeindung erfuhr,
die bis zu persnlichen Feindschaften ausartete, und sich insonderheit mit
seinem einzigen Bruder, Wilhelm Bunkert, der jetzt Brgermeister von
Waltersburg ist und damals zu der Berliner Deputation gehrte, in bitterem
Hader entzweite, zog der Baurat aus dem Hause seiner Vter aus und baute
jenseits des Berges dicht neben den neuen Bahnhof ein groes Hotel, dem er
den Namen "Zur guten Hoffnung" gab. Die "gute Hoffnung" erwies sich
zunchst als schlecht; denn da das Hotel auf bloem Felde stand, alle
Eisenbahnpassagiere aber fanden, da sie in der menschenleeren Wald- und
Wiesengegend nichts zu suchen htten und darum immer schleunigst
weiterfuhren, stand das Hotel Jahr und Tag leer, die wenigen Bahnbeamten
abgerechnet, die am Abend ihr Schpplein tranken, und an August Bunkert
kroch langsam die Pleite heran. Die Waltersburger meinten, da der
neuerungsschtige Trotzkopf dieses Schicksal wohl verdient habe, aber zu
ihrer Ehre mu gesagt werden, da Bunkert vielen leid tat und da man dem
verlorenen Sohne gern verziehen und ihm auf die eine oder andere Art
wieder auf die Beine geholfen htte, wenn es dem Ausreier nur eingefallen
wre, zurckzukommen, seinen Irrtum einzugestehen und die vorsichtige Art
der Waltersburger zu loben, die er ehedem so heftig angegriffen hatte.
August Bunkert aber dachte nicht daran, den Reuigen zu spielen, und auf
einen Brief seines brgermeisterlichen Bruders, worin dieser fragte, ob er
denn auch den Rest seines schnen vterlichen Erbes noch vollends
verschleudern wolle, gab er keine Antwort. Da wurde er seinem Schicksal
berlassen. Dieses Schicksal gestaltete sich gnstig. Die groe
Bahnhofswirtschaft, die August Bunkert bertragen wurde, hielt ihn
zunchst ber Wasser, und endlich gelang ihm der groe Schlag. Er brachte
eine Gesellschaft von bedeutenden Geldleuten der Grostadt zusammen und
kaufte als deren Funktionr oder Generaldirektor, wie er sich lieber
nannte, alles Waltersburger Gelnde auf, das jenseits des Weihnachtsberges
gelegen war. Die Waltersburger schlugen die Hnde ber den Kpfen
zusammen. Hundert Taler ber den ortsblichen Preis hinaus gab Bunkert fr
jeden Morgen Feld-, Wald- oder Wiesenland, und die Besitzer beeilten sich,
ihre entlegenen Lndereien unter so glnzenden Bedingungen loszuwerden.
Innerhalb von eineinhalb Jahren besa kein Waltersburger mehr jenseits des
Berges auch nur einen Halm.

Die ganz Gewissenhaften aber schttelten die Kpfe und sagten: Dieser
Bunkert lockt seinen Auftraggebern das Geld aus der Tasche; er ist ein
Hochstapler, und man sollte doch sehr berlegen, ob man den unangebrachten
Preis annehmen drfe, den die neuen Besitzer aus dem Wald- und Wiesenland
nie und nimmer herauswirtschaften knnten. Doch auch diese ganz
Gewissenhaften beruhigten sich und nahmen das Geld.

O du gromchtige Verwundernis! In dem prachtvollen Hochwald, den August
Bunkert erworben, an den grnen Wiesen, am Fluufer, den Weihnachtsberg
hinauf, entstand ein schmuckes Landhaus nach dem anderen,
Einfamilienhuser, Sommerwohnungen, Baderume, ein Kurhaus, eine
"Wandelhalle" bauten sich auf, ein Basar fr Lebensmittel, ein anderer fr
"Bekleidungs- und Gebrauchsgegenstnde" wurde errichtet, Hunderte und aber
Hunderte von Arbeitern waren das ganze Jahr beschftigt. Und alle Huser
baute der Baumeister August Bunkert und wurde ein schwerreicher Mann.

Noch staunten die Waltersburger, noch lachten einige spttisch und
verchtlich, aber manch einer schwieg schon nachdenklich und dachte bei
sich: Was tut sich? Da erschien in den groen hauptstdtischen Blttern
ein Inserat: "Waltersburg-Neustadt, entzckend am Sdabhange des 450 Meter
hohen Weihnachtsberges gelegen, mitten in prachtvollem Hochwald, in grnes
Wiesen- und Fluland gebettet, ein Paradies der Gesundheit und des
Naturgenusses, bei vorlufig nur fnf Mark pro Quadratmeter Bauland
(Anzahlung von 3000 Mark an) fr alle, die sich ein Eigenheim grnden
wollen, eine nie wiederkehrende Gelegenheit. Nur fnfviertel Stunden von
der Hauptstadt entfernt. Groer Eisenbahnknotenpunkt. Haltestelle aller
Schnellzge. Tglich zwlfmal Verbindung mit der Hauptstadt. Anfragen an
Generaldirektor Baumeister August Bunkert in Neustadt erbeten."

Die Proklamation des Deutschen Reiches kann seinerzeit in Berlin keinen so
groen Eindruck gemacht haben wie dieses Inserat in Waltersburg. Die Leute
lachten, wimmerten, fuchtelten mit den Armen und waren voll neidischer
Beklommenheit. Am Abend sa ein ganzer Stammtisch im "Goldenen Lwen" mit
der Kreide vor der Schiefertafel und wollte ausrechnen, wieviel ein Morgen
Land koste, wenn das Quadratmeter auf fnf Mark komme. Niemand kriegte es
heraus, und alle schimpften auf die neumodische Rechnungsart. Selbst den
Amtsrichter Knopf verlie seine akademische Bildung; er knurrte, er habe
ja nicht Mathematik studiert, und solche Aufgaben knne berhaupt immer
nur ein Volksschullehrer herauskriegen. Also schickte man nach dem Lehrer
Herder, und der erklrte:

"Ein Morgen altes Ma ist ungefhr ein Viertel Hektar. Ein Hektar hat
10 000 Quadratmeter; ein Viertel Hektar ist also 2500 Quadratmeter gro.
Kostet ein Quadratmeter fnf Mark, so kostet ein Morgen 2500 mal soviel,
also 12 500 Mark."

Als der Lehrer Herder dieses Resultat nannte, schlugen die zehn Mnner,
die noch mit am Tische saen, heftig mit den Fusten auf den Tisch, und
zwar alle wie auf Kommando mit einem Hieb. Man schrie den Lehrer an, er
msse sich tuschen. Der aber sa mit der Wrde eines Mannes, der von der
Unverletzlichkeit und Beweiskraft der Zahl berzeugt ist. Sein ganzes
Wesen sagte: meine Rechnung stimmt.

Da wurde zunchst eine groe Stille. Dann sagte einer: "Wenn das wahr ist,
sind die Kerle groe Gauner; 1000 Mark haben sie fr den Morgen gegeben,
12 000 Mark verlangen sie."

Schweigen. Nach fnf Minuten griff Amtsrichter Knopf die letztgenannten
Ziffern auf und sagte:

"Sie arbeiten mit elf Prozent."

"Elf Prozent gibt ja das Gesetz nicht zu", bemerkte der
Erbscholtiseibesitzer Hirsemann mit einem Blick auf den Amtsrichter.

Der schttelte den Kopf, was in diesem Falle "ja" und "nein" heien
konnte. Da ergriff der Lehrer Herder wieder das Wort und sagte:

"Entschuldigen die Herren, wenn man mit 1000 Mark kauft und mit 12 000
Mark verkauft, so sind das nicht elf Prozent, sondern elfhundert Prozent
Gewinn."

Sie starrten ihn alle an wie leblos. Nur Bckermeister Schiebulke, der
gerade trank, verschluckte sich. Der Amtsrichter geriet ins Grbeln. Seine
Seele wanderte zurck bis etwa in die Tertianerzeit, und dann sagte er:

"Ja, natrlich, es sind nicht elf, sondern 1100 Prozent."

Da hoben sich die Fuste, um auf den Tisch zu donnern, aber diese
berraschung war zu gro und schwer; die Hnde sanken still herab ...

Was die allergrte Hauptsache war: Neustadt, das den Namen Waltersburg
zum groen Ingrimm der Mutterstadt nach und nach ganz abgestreift hatte,
war auf dem besten Wege, ein aufblhender Badeort zu werden. Zwei
"Quellen" waren entdeckt worden, von denen die eine "Kaisersprudel", die
andere "Felsensprudel" hie, und die beide nach dem Gutachten eines
sachverstndigen Professors aus der Hauptstadt "hervorragend radioaktiv"
waren. Die Neustdter feierten Siegesfeste, whrend die Waltersburger vier
Wochen lang brauchten, ehe sie das Wort "radioaktiv" richtig aussprechen
konnten, und natrlich auch dann noch nicht wuten, was das sei.

Humbug sei es, meinte der Amtsgerichtsrat, und wenn man dieser Auslegung
auch viel Beifall zollte, so verschafften sich doch einige Waltersburger
heimlich je drei Flaschen von den neuen Sprudeln, und abends wurde im
"Lwen" statt der sonst so beliebten Weinprobe eine Wasserprobe
abgehalten. Der Pfropfen der ersten Flasche flog mit einem Knall gegen die
Decke.

"Wie - wie bei Champagner", stammelte Herr Hirsemann.

"Bldsinn", knurrte der Amtsgerichtsrat; "das is Kohlensure; die is dem
Wasser eingepumpt; alles knstlich, nichts natrlich; ich kenn doch die
Wasserpftzen drben - Betrug is es, glatter Betrug!" So wartete man, bis
sich die Kohlensure verflchtet hatte, dann trank der Bcker und sagte:

"'s schmeckt 'n bissel salzig."

"Weil Sie heut abend wieder Salzhering gegessen haben", grollte der
Richter.

"Salzig kann man nicht sagen", meinte der Getreidekaufmann Schneider,
"sondern so mehr suerlich!"

"Ja, weil Sie von gestern noch 'ne saure Schnauze haben", zrnte Herr
Knopf.

Unter solchen Umstnden htte der Lwenwirt, der auch mit probierte, mit
seiner uerung, das Wasser scheine ihm aber stark nach Schwefel zu
schmecken, zurckhalten sollen; denn der schlecht gelaunte Richter fuhr
ihn an: "Mensch, wenn Sie tagaus, tagein nischt anderes rauchen als Ihre
eigenen Zigarren, mu Ihnen natrlich alles nach Schwefel schmecken."
Darauf einigte man sich endlich: dieses Wasser schmecke wie jedes andere
gewhnliche Brunnenwasser und sei keinen Pfifferling wert.

Ganz kurze Zeit darauf gab es in Waltersburg eine neue Aufregung. Die
Neustdter hatten sich fr ihr Bad einen Propagandachef engagiert.

"Propagandachef!" - Dieses Wort war in Waltersburg seit Erschaffung der
Welt noch nicht einmal ausgesprochen worden. Die Neustdter aber wuten
nicht blo, da es so etwas gbe, sie engagierten es sogar. Und der
Propagandachef war ein Jude. Als das bekannt wurde, sagte der Bcker
abends im "Lwen":

"Die Kerle in Neustadt verlieren den letzten Rest von Schamgefhl."

Aber da widersprach der Amtsgerichtsrat, hauptschlich deswegen, weil er
immer widersprach:

"Jude hin, Jude her! Es is 'n alter Witz, da in den ganzen Antisemitismus
nich eher 'n richtiger Schwung kommen wird, ehe ihn nicht die Juden selbst
machen. Wenn die Neustdter ihre faule Sache deichseln wollen, muten sie
'n Juden nehmen, 'n Christ ist viel zu dmlich dazu."

Der Bcker stand auf und ging. Wenn freigeistige Reden gehalten wurden,
verlie er das Lokal.

Nach etwa sechs Wochen erschien der erste Prospekt von dem Bade Neustadt.
Es war ein entzckend ausgestattetes Heftchen von Kunstdruckpapier, mit
reizenden bunten und Lichtdruckbildern ausgestattet, und das Werkchen
pries Neustadt in so berckender Form, da eigentlich jeder Mensch zu
bemitleiden war, der nicht augenblicklich seine Koffer packte und nach
Neustadt abreiste ...

                                    *

Die feindlichen Stdte! Vielleicht, da mir der lustige Hader die Zeit
verkrzt. Von Zeit zu Zeit will ich etwas von ihm im Tagebuch
vermerken ... Joachim hat an die Mutter ein Telegramm gerichtet. "Ich kann
nicht mehr schweigen; ich gre dich und Fritz. Aber schreibt mir keine
Briefe, telegraphiert nur, ob ihr gesund seid."

Mit diesem Telegramm sa die Mutter am Tisch, als ich heute abend nach
Hause kam. Sie sprach nicht, sondern bergab mir nur wortlos die Depesche;
aber sie sah mich stolz und verklrt an, als wollte sie sagen: "Sieh,
solch einen guten Sohn habe ich!" "Ich freue mich ber Joachim", sagte ich
und lie sie allein. Von meinem Zimmer sah ich nach dem Johannisbrunnen
hinunter, dessen Wasser einfrmig rann.

Die Seele des fernen Bruders war immer noch krank. Er vertrug keine
Nachricht aus der Heimat. Heimat war ihm in Hlle gewandeltes Paradies. Es
gab einmal ein Weib, das er mehr liebte als alles, die Mutter mit
einbegriffen; es war einmal ein Freund, der ihm nher stand als der
Bruder, und es war eine schne Stadt, die ihm lieber war als der
Geburtsort; das war Heidelberg.

In Heidelberg hat ihn die Frau mit dem Freunde betrogen.

Darber kommt nun der Mann, der zwischen Rio und Montevideo hin und her
fhrt, nicht mehr hinweg.





                               DAS MODEBAD


Dieser 5. April war ein sehr merkwrdiger Tag. Ich war drben in Neustadt
und besah mir den neuen Badeort; denn ich war mir immer noch nicht ganz im
klaren, ob ich Badearzt in Neustadt werden oder lieber die Praxis des
alten Sanittsrats in Waltersburg bernehmen solle. Der Alte will sich zur
Ruhe setzen. Um die Wahrheit zu sagen, er sitzt eigentlich schon sein
ganzes Leben lang zur Ruhe. Den Waltersburgern fllt es niemals ein, krank
zu werden. Der alte Pfarrer hier, der etwas derber Art ist, sagt: "Wenn
einer nicht gerade unverschuldet verunglckt, ist es eine Schweinerei,
krank zu werden. Denn wenn einer vernnftig lebt, wird er eben nicht
krank, ebenso wie keiner ins Zuchthaus kommt, der nicht was ausfrit." So
erschien dem Pfarrer der Sanittsrat immer hchst berflssig, wie
andererseits dem Sanittsrat, der ein Freigeist ist, der Pfarrer
berflssig erscheint. Persnlich aber vertragen sie sich recht gut,
spielen auch manchmal Karten miteinander, was ihrer lebenslangen
gegenseitigen Abneigung keinen Eintrag tut. Der Dritte im Bunde ist der
Amtsrichter, den Pfarrer und Sanittsrat beide fr berflssig halten;
denn auer dem Schneider Hampel wird in Waltersburg niemals jemand
eingesperrt, und bei Hampel kommen in mageren Jahren auch hchstens drei
Wochen heraus. Der Amtsrichter und der Schneider Hampel stehen auf dem
"Grfu", und der Sanittsrat behauptet, da der Richter seinem einzigen
"Kunden" immer zu Neujahr gratuliere. Es ist also fr einen, der keine
Sinekure sucht, nicht verlockend, Arzt oder Richter in Waltersburg zu
werden. Im Herzen wre es mir aber immer noch lieber, mich in Waltersburg
niederzulassen, als nach Neustadt zu gehen, dessen Wunderquellen ich nicht
traue, und mich also dort gewissermaen mitschuldig zu machen, den Leuten
das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Heute war ich drben in Neustadt. Whrend der fnf Jahre meiner
Abwesenheit ist der Ort um das Doppelte gewachsen. Er ist mit
amerikanischer Rapiditt emporgeschossen. Ich sah die Marmortempel ber
den "Sprudeln", die "Promenade" mit ihren unendlich gepflegten, unendlich
bunten und unendlich langweiligen Blumenanlagen, die Kapelle, die das
"Polnische Lied", den "Einzug der Gste in die Wartburg", das
"Frhlingslied" von Mendelssohn, den neuesten Wiener Walzer und ein
unendlich albernes Potpourri spielte, das von allen Darbietungen dem
Publikum am besten zu gefallen schien, sah auch, wie der erste Geiger und
der Fltist an der Rampe des "Musikpavillons" wie berall mit den
vorbeiflanierenden Mgdelein liebugelten; ich sah auf den Estraden leerer
Restaurants Kellner lauern, die wie Brutigame gekleidet waren oder wie
Leichenbitter, fnfunddreiig Gerichte auf ihrer Speisekarte, von denen
sicherlich nicht eines halb so gut schmeckte wie das, was Mutters alte
Kchin bereitet; ich sah eine "Wandelhalle" mit Schaulden, in denen die
schnen und ach so "preiswerten" Broschen prangen, die man den
Dienstmdchen als "Mitbringe" schenkt und deren Goldglanz mindestens
anhlt, bis das Mdchen am nchsten Quartal abzieht, sah schreiend bunte
Glser mit der Aufschrift "Zum Andenken" oder "_Souvenir de Neustadt_",
Holzarbeiten, vom geschnitzten Hirsch bis zu dem Kinderspielzeug, wo zwei
Bren auf einem Ambo pinken oder ein Affe am Reck turnt, und noch viele
Kunstgegenstnde, bis ich zum Theater gelangte, wo ein Zettel verkndete,
da ein vielversprechender Dichter (alle vielversprechenden Dichter
debtieren in Badetheatern) sein Erstlingswerk "Geheimnisse von Neustadt"
zur Auffhrung bringe und Herr Georgio Calzolaio (zu deutsch: Georg
Schuster), der vielbeliebte erste Liebhaber der Bhne, die Hauptrolle
kreieren werde, auch an diesem Abend sein Benefiz habe. Darauf ging ich in
ein Caf und trank zwei Kognaks. Ein Zeitungsjunge erschien und schrie mir
das neueste Berliner Mittagsblatt ins Ohr; ein Herr am Nebentisch, der
schon immerfort nervs hin und her zappelte, knurrte den Kellner an, wie
lange er zum Donnerwetter noch auf die telephonische Verbindung mit
Breslau warten solle; ein Herr an einem anderen Tisch erzhlte mit
unertrglicher Weitschweifigkeit seinem Nachbar alle Erscheinungen seiner
Krankheit, wofr sich dieser so interessierte, da er whrend der Zeit des
Zuhrens das ganze Mittagsblatt durchschmkerte; drben an der Wand
stritten zwei rote Kpfe laut ber Nietzsche; eine vorbergehende Mutter
machte ihrer bleichschtigen Tochter Vorwrfe, da sie ihren Brunnen statt
um fnf erst um fnfeinhalb Uhr getrunken habe, was natrlich furchtbar
schaden knne; Gents und noch viel mehr Pseudogents tnzelten vorber, und
in der Kapelle drben blies der Waldhornist zum Herz- und Steinerweichen:
"Das Meer erglnzte weit hinaus im lichten Abendscheine".

"Auch Sie, Frulein Trude", hrte ich einen vorbeiwandelnden Primaner zu
seiner sechzehnjhrigen Begleiterin sagen, "haben mein Herz vergiftet,
zwar nicht durch Ihre Trnen, wohl aber durch Ihr Lachen."

"Aber Herr Lempert", sagte sie, und sie waren vorbei ... Ich bekam Heimweh
nach Waltersburg und ging. Drauen auf den Promenadengngen das gewohnte
Publikum; die galizische Jdin mit etwas schmierigen Spitzen am
Halsausschnitt und den groen Brillanten in den Ohren; der Herr in dem
hocheleganten weien Flanellanzug, der 23 Mark gekostet hat; der
"Knstler", dessen Kraft wie bei Samson in der Flle der Locken sitzt und
der sich vor dem Spiegel die wirkungsvollen Gerhart Hauptmannschen
Mundwinkel eingebt hat; das knurrende Eheoberhaupt, das wo anders
hinstrebt, weil man auf dem Kurplatz nicht rauchen darf (warum, wei weder
er noch sonst jemand; denn der Platz ist weit, und der Himmel ist hoch);
die flirtende Strohwitwe; der melancholisch und langsam schreitende
Einsame, der keinen Anschlu findet; das laute Mdchen, das immer zehn
Verehrer um sich hat und nie einen Mann kriegt; die Geschftsfreunde, die
auch hier ber ihre Alltagssorgen nicht hinauskommen; fachsimpelnde
Oberlehrer und lebenslustige Backfische, dazwischen die "Patienten", die
gewissenhaft aus geschliffenen Glsern das Neustdter Wunderwasser
schlrfen, als knnte es in vier Wochen gutmachen, was in vielen, vielen
Jahren krank ward.

Ich war im klaren: Ich wollte nicht Badearzt werden. So wollte ich nach
Hause und whlte als Heimweg den Pfad ber den Weihnachtsberg, der als
Grenzscheide zwischen Waltersburg und Neustadt liegt.





                          AUF DEM WEIHNACHTSBERG


Auf dem Weihnachtsberg steht ein altehrwrdiges Gasthaus. Es sieht aus wie
eine Burg, hat auch einen grauen verwitterten Turm, eine Zugbrcke,
Butzenscheiben und was so dazu gehrt. Das echteste von dem ganzen
romantischen Nest war der Wirt, der Eberhard hie, weil er einen langen
Bart hatte, oder der sich einen langen Bart hatte wachsen lassen, weil er
Eberhard hie. Die Waltersburger besuchten ihn an allen regenfreien
Sonntagnachmittagen, und er lebte auf seiner luftigen Hhe so gute Tage,
da ihm der Humor niemals ausging. Dieser Eberhard war fr die
Waltersburger Kinder der Knecht Ruprecht. Jeden Weihnachtsabend lugten sie
ngstlich, sehnschtig und neugierig nach dem Gipfel des Weihnachtsberges
hinauf, und wenn endlich die blaue Winternacht ihren Duftschleier um den
Gipfel hllte, flammte da oben ein mchtiges Bergfeuer zum Himmel, und
eine Trompete blies langsam und feierlich herab ins Tal: "Vom Himmel hoch,
da komm ich her."

"Er kommt, er kommt!" stieen da die Kinder heraus, und die kleinsten
zitterten in seliger Angst. Vom Berge herab aber kam mit silbernem Gelut
der Knecht Ruprecht gefahren. Er thronte auf einem mit Tannenreis
prachtvoll verzierten Schlitten, und andere Schlitten folgten ihm, die
wurden von seinen Knechten gelenkt und waren mit Hunderten von Paketen und
Paketchen beladen. Vom Stadttor an bildeten alle Kinder Spalier, die
reichen wie die armen, die groen wie die kleinen. Die Eltern, Tanten und
Gromtter standen hinter ihnen, und wenn der Knecht Ruprecht ankam,
winkten die Kinder mit den Hnden, die Vter nahmen die Mtzen ab, und die
Tanten und Gromtter machten tiefe, ehrfrchtige Knickse. Der Knecht
Ruprecht aber sa da auf seinem tannenbekrnzten Thron wie ein Knig und
nickte nach rechts und nickte nach links, winkte mit der rechten Hand und
winkte mit der linken Hand, verteilte seine Gaben an die Armen und
Reichen, an die Gerechten und Ungerechten.

Nach der Feier bestieg der Knecht Ruprecht seinen Schlitten. Die
Fackeltrger, die Ehrenjungfrauen und alles Volk begleitete ihn bis ans
Tor. Mit lustigem Klingeling fuhren die Schlitten den Weihnachtsberg
hinauf, und die Leute kehrten heim, alle im Herzen froh und reich.

Das war der Weihnachtsberg bis vor acht Jahren. Da kamen die Neustdter
und kauften Herrn Eberhard, der damals gerade ein wenig in Sorgen war,
sein Gasthaus fr einen guten Preis ab. Die Neustdter machten aus der
alten edlen Burgherberge ein "Etablissement mit Burgruine, Aussichtsturm
und im brigem allem Komfort". Es wurden hlzerne Veranden mit groen
Fenstern an das alte Mauerwerk geklebt, der ganze schablonenhafte de
Hotelbetrieb eingerichtet, und die Badezeitung faselte vom Fortschritt der
modernen Zeit.

Da schweres, reines Altgold in dnnes Flitterblech gewalzt wurde,
empfanden am meisten die Waltersburger Kinder, die am Weihnachtsabend
vergebens aussphten nach dem leuchtenden Hhenfeuer und der sen,
verheiungsvollen Melodie: "Vom Himmel hoch, da komm ich her."

In Gedanken an alte, schne Zeit stieg ich den Weihnachtsberg hinauf. So
sentimental war ich aber nicht, um dem neuen "Etablissement" auszuweichen;
dazu war ich denn doch zu weit in der Welt herumgekommen und hatte zu viel
Schifflein scheitern sehen, um so eine Unglcksstelle feig zu umsegeln.
Ich kehrte in dem "Etablissement" ein. In der groen Glasveranda waren
drei Kellner und ein Gast anwesend.

Dieser einzige Gast sa am Fenster und guckte nicht auf, als ich zur Tr
hereintrat. Daraus erkannte ich, da er kein Deutscher war. Im brigen
gengte mir ein Blick zu meiner Orientierung. Ich erkenne den
Nordamerikaner so leicht unter allen Nationen heraus wie den Star unter
den bunten Finken.

Soll ich hier das Bild wiederholen, das deutsche Karikaturisten malen,
wenn es gilt, einen "Uncle Sam" zu zeichnen? Das kurzgeschorene Haar, den
glattrasierten, rasiermesserdnnen Mund, die etwas schlottrige Figur mit
den langen Beinen und fuchtelnden mageren Armen, die Stummelpfeife, den
karierten Anzug und diesen anderen Kram? Nein! Ich ging zweimal durch die
Stube, stellte fest, da achtzehn Tische unbesetzt und einer besetzt war,
und setzte mich dann an den besetzten, dem Gaste gegenber, ohne ihn zu
gren. Der andere blickte auch jetzt nicht auf. Er sah gelangweilt ins
Tal. Ich beachtete ihn auch nicht.

Der Kellner kam, und ich machte meine Bestellung. Darauf war es ganz
still.

Endlich blickte der Mann mir gegenber auf und sagte, indem er nach
Neustadt hinunterwies:

"Das ist ein sehr albernes Nest da unten!"

Er sprach englisch; aber ich entgegnete deutsch:

"So kann man schon sagen. Es gefllt mir auch nicht."

"Aber bei uns in Amerika werden Sie auch dumme Badeorte gefunden haben."

"Woraus schlieen Sie, da ich in Amerika war?"

"Ich denke es mir."

"So, so!"

Darauf schwiegen wir. Erst nach einem Weilchen nahm "Uncle Sam" das
Gesprch wieder auf:

"Sie halten nichts von unseren modernen Kurorten?"

"'Nichts' kann ich nicht sagen. Es gibt zehn gute Kurorte und neunzig
unntze. Das sage ich."

"Und wie denken Sie sich einen ganz guten Kurort?"

Ich zuckte die Achseln.

"Ich habe mir manchmal ein Bild ausgemalt, wenn ich als Schiffsarzt die
ntige Mue zu solchen Trumen hatte."

"Sie sind Schiffsarzt?"

"Ich war es."

Ich fand es nun angemessen, mich vorzustellen. Darauf wippte auch er ein
wenig vom Stuhle auf und sagte:

"Mister Stefenson. l und Naphtha. Neuyork, Milwaukee, St. Louis und
Trinidad. Nun, wie ist das mit Ihrem Kurort?"

"Es ist gar nichts. Es ist ein Traum, eine verrckte Idee!"

"Verrckte Idee ist schn. Deutschland ist ein gutes Land, aber es leidet
einen sehr groen Mangel an verrckten Ideen. Es ist zu brav, es macht
zuviel nach. Den deutschen Unternehmungen fehlt die berraschende Pointe.
Der Amerikanismus ist besser."

"Das sagen Sie so!"

"Es ist so."

Ich war verstimmt und schwieg.

"Nun?" fragte er ungeduldig.

"Mister Stefenson, wenn ich Ihnen meine Idee entwickeln wollte, wrden wir
viel Zeit brauchen; am Schlu wrden Sie mich doch nicht verstehen. So was
liegt Ihnen nicht."

"Wir haben Zeit, ich werde Sie verstehen, und es liegt mir", gab er zur
Antwort.

Da kam ich in Laune und sagte:

"Ich will es Ihnen in ganz kurzen Linien umreien. Ich will mal annehmen,
meine Heilanstalt bestnde schon und Mister Stefenson kme zu mir als
Kurgast."

"Das ist gut! Das ist instruktiv!" rief er. "Wie heit Ihr Sanatorium?"

"Ferien vom Ich."

"Wie?"

"Ferien vom Ich."

"Das ist kein guter Name. Dabei kann man sich nichts denken. Das zieht
nicht."

"Mister Stefenson, wenn Sie mir schon von vornherein widersprechen, werde
ich Ihnen kein Wort ber meine Heilanstalt sagen. Da Sie den Namen nicht
ohne weiteres begreifen, ist doch eben das Neue und Gute."

"_Well_; ich sage nichts mehr. Ich hre."

"Also: Irgendwo auf der Welt, sagen wir auf dem Ostabhang dieses
Weihnachtsberges bei Waltersburg, liegt die Heilanstalt 'Ferien vom Ich'.
Auch Mister Stefenson, der schon in vielen Kuranstalten und nie ganz
zufrieden gewesen war, hat von der Anstalt gehrt und hauptschlich darum,
weil es etwas Neues war, beschlossen, sie aufzusuchen. Er reist nach
Waltersburg. Mister Stefenson kommt mit sieben Koffern und zwei Dienern
an."

Mein Gegenber nickt.

"Stimmt. Sie sind ein Gedankenleser."

"Der Ankmmling findet in der Nhe von Waltersburg ein Gelnde von Wald,
Hgeln, Grten, ganz von einer hohen Mauer umschlossen, ber die kein
Mensch hinwegsehen kann. Er merkt gleich: ah, an dieser Mauer ist die Welt
alle, hier ist eine Welt fr sich. Die Mauer hat nur ein einziges Tor.
'Ferien vom Ich' steht darber. Mister Stefenson, der mit drei Wagen
ankommt, zieht die Schelle an der Pforte. Eine tiefe Glocke schlgt einmal
an. Da kommt von drinnen her ein Diener, der ffnet das Tor. Er ist nicht
in der weltblichen Tracht, er trgt Pluderhosen, Sandalen an den Fen,
eine weite, am Hals ausgeschnittene Bluse und ist barhuptig. Vor
Stefenson macht er keine Verneigung, sondern sagt: 'Lieber Freund, Sie
sind wohl wenig unterrichtet, sonst kmen Sie nicht mit solch unntigem
Kram hier an. Seien Sie so gut, lassen Sie Ihre Diener und Ihr Gepck
unten in Waltersburg oder sonstwo auf der Welt Unterkunft suchen und
kommen Sie ganz allein, wie Sie hier stehen, mit mir.'

Mister Stefenson rgert sich nicht wenig ber diese Ansprache des
dienstbaren Geistes, aber er will hinter den 'Trick' kommen, deshalb winkt
er seinem Gefolge ab und geht in das groe Ferienheim des Lebens. Die
Pforte fllt hinter ihm zu. Sein Begleiter fhrt ihn eine Lindenallee
bergan. Rechts und links sind Wiesen und einige bebaute Ackerstcke. Am
Ende der Allee steht ein von Efeu umsponnenes Haus, so klein wie eine
Einsiedlerhtte. Das Huschen hat nur ein einziges Zimmer, aber das ist
bequem hergerichtet, hat ein gutes Bett, einen Schreibtisch, schlichte,
aber geschmackvolle Mbel und gute Bilder an den Wnden. In dieses Zimmer
fhrt der Torwart den Mister Stefenson und sagt: 'Hier bleiben Sie, lieber
Freund, zwei Tage und zwei Nchte. Lesen Sie die wenigen Bltter, die auf
dem Schreibtisch liegen, gut durch und schreiben Sie Ihre eigene Lebens-
und Leidensgeschichte auf, schreiben Sie auf, was Ihnen an sich selbst
nicht gefllt und warum Sie hierhergekommen sind. Nach zwei Tagen wird der
Arzt zu Ihnen kommen, wird lesen, was Sie geschrieben haben, und wird den
ganzen guten Mannes- und Freundeswillen haben, Ihnen zu dienen und zu
helfen. Das Essen wird Ihnen inzwischen durch mich gebracht werden. Finden
Sie sich mit den Blttern, die auf dem Schreibtisch liegen, nicht ab,
knnen Sie nicht den Willen aufbringen, Ferien vom Leben zu machen, so
hngt hier am Nagel an der Tr ein Schlssel, der die Pforte unten an der
Allee aufsperrt. Lassen Sie den Schlssel von innen stecken und schlagen
Sie die Pforte von auen zu. Zu bezahlen haben Sie fr das, was Sie
inzwischen genossen, nichts; wir freuen uns, da Sie einmal dagewesen
sind.'

So sagt der Torwart, und dann lt er den verwunderten Herrn Stefenson
allein.

Der setzt sich, noch im Reisemantel, an den Tisch und beginnt zu lesen.
Ich kann hier nicht den ganzen Inhalt dieser Bltter aufsagen, sondern nur
einige wenige Stze hervorheben. 'Betrachte dein Leben mit allem, was es
gebracht hat: Arbeiten, Erholungen, Genssen, Snden, als eine
Anstrengung, die dich mde gemacht hat und deine Krfte zermrben wird.
Mache dich los von diesen Anstrengungen, spanne aus, mache Ferien. Lse
dich zunchst los von dem Gtzen, dem du alle Tage opferst, von deinem von
dir so zrtlich geliebten Ich. Entkleide diesen Gtzen allen Tandes, den
du ihm mit groen Entbehrungen verschafft hast, seines wohlklingenden
Namens, seiner Genusucht, seiner Herrschsucht ber Geld und andere
Machtmittel.'"

Hier unterbrach mich mein Zuhrer.

"Bitte, sagen Sie das nicht mit so phrasenhaften, abstrakten Worten; sagen
Sie es einfacher und instruktiver!"

"Schn! Nehmen wir also an, da jener Herr Stefenson die zwei Tage und
zwei Nchte in dem Einsiedlerhuslein ausgehalten hat, ohne fortzulaufen.
Nach zwei Tagen kommt der Arzt. Herr Stefenson wird ihm entgegenrennen und
ohne jede Einleitung sagen: 'Ich habe Ihre Bltter gelesen und mu Ihnen
sagen, Herr Doktor, da mir die Sache zum Teil sehr abenteuerlich, zum
Teil sehr langweilig vorkommt. Warum soll ich zum Beispiel hier in dem
Ferienheim nicht mehr Stefenson heien, sondern einen anderen Namen
haben?'

'Setzen Sie sich', wird der Arzt antworten und Herrn Stefenson auf die
Bank neben der Haustr drcken.

'Holen Sie Ihre Lebensbeschreibung.'

Herr Stefenson gehorcht, und der Doktor beginnt zu lesen, was Herr
Stefenson in den Tagen einsamer Einkehr in sich selbst ber sein Leben
niedergeschrieben hat. 'Ich werde die Bltter mitnehmen', sagt der Doktor,
'und sie zu Haus noch einmal lesen, dann bekommen Sie Ihr Manuskript
zurck und knnen es selbst vernichten.' 'Das ist so hnlich wie bei
Lahmann', sagt Stefenson. 'Ja', nickte der Doktor, 'ich habe vieles von
Lahmann, der wieder vieles von Prienitz und anderen hat. Wenn einer
hochkommen will, mu er immer auf die Schultern anderer steigen.'

Der Arzt unterhlt sich nun lange mit Mister Stefenson und erklrt ihm
auch, warum er im Ferienheim des Lebens seinen Namen ablegen soll. 'Sie
sind hier nicht Mister Stefenson, Sie sind irgendein Mensch, der - sagen
wir - John heit; dieser John hat mit Herrn Stefenson gar nichts zu tun.
Herr Stefenson ist irgendwo in Neuyork, Milwaukee oder auf Trinidad,
zermartert sich dort sein Hirn um neue Gewinne, wird gelobhudelt,
befeindet, belogen, betrogen - arbeitet und amsiert sich halb zu Tode,
hat mancherlei Schwchen, die sein Leben und vor allen Dingen seine Freude
am Leben verkrzen, kurz, ist trotz seiner Millionen ein armer, gehetzter
Mensch, whrend dieser John hier keinen liebedienernden Tro, keinen
vorteilsschtigen Freund, aber auch keinen Feind hat, froh und sicher
unter seinesgleichen lebt und, wenn er mit einem Genossen im Garten
arbeitet, nicht wei, ob dieser Mann drauen in der Welt ein Frst oder
Minister oder ein kleiner Beamter ist. Sehen Sie, John, das ist ein ganz
kstlicher Humor, den wir hier betreiben. Wenn die Leute ihren Namen
abgelegt haben und auch alle die gleiche Tracht haben, kennt man den
Groen vom Kleinen nicht mehr heraus. Der Geist verrt sie nicht. Da der
Patient whrend der Dauer der Kur seinen Namen ablegt, ist fr den Erfolg
fr uns eine groe Hauptsache. Der Name ist meist die strkste Kette, die
mit der Last und Lust des Alltags verbindet, sie mu in Ferientagen gelst
werden. Und wre der Name auch ein Schmuck, wie ja der Name eines guten
Kaufmanns gewi ein kostbarer, schwer erworbener Schmuck ist - wer richtig
ruhen will, legt allen Schmuck ab. Weniger wichtig ist das Ablegen der
gewohnten Tracht, aber doch wichtig genug, bei uns zur Bedingung gemacht
zu werden. Und fr uns hat es noch das eine Gute: Es hlt uns alle
albernen Pfauen des Lebens vom Halse, vor allen Dingen eitles Weibervolk;
wer zu uns kommt und bei uns bleibt, der meint es ernst mit sich selbst.
Im brigen hoffe ich, da Ihnen unsere bequeme, gesunde Tracht gefallen
wird; auch unsere Damen sind sehr zufrieden mit ihr.

Wovon Sie weiterhin erlst werden mssen, ist das Geld. Sie haben whrend
Ihres ganzen hiesigen Aufenthalts mit Geld nichts zu tun. Was Sie bei sich
tragen, geben Sie an der Kasse ab, es wird Ihnen verwahrt und verzinst bis
zu Ihrem Austritt, abzglich des Betrages fr Ihren Kuraufenthalt. John,
der Feriengast, besitzt nicht einen Pfennig. Er braucht auch keinen
Pfennig, und er ist schon nach kurzer Zeit glcklich, nicht den ganzen Tag
ber sich Hnde entgegenstrecken zu sehen, auf die er Geld legen soll, wie
es Herrn Stefenson geschieht, bei dem die Bewegung nach der Brieftasche
schon automatisch geworden ist. John hat nur eine Tasche frs Taschentuch
- Geld hat er nicht, Schlssel, Messer, Taschentoilette, Fllfederhalter,
Notizbuch, Brieftasche, Taschenapotheke und aller andere Ballast wird ber
Bord geworfen.

Auch die Uhr!

Es geht John gar nichts an, wie spt es ist, es ist gnzlich ohne
Interesse fr ihn, ob es dreizehn Uhr siebzehn oder vierzehn Uhr
sechsundzwanzig ist, er braucht nicht zu hetzen, sich nicht zu ngstigen,
er hat Zeit, er kommt immer zurecht. Nur die Mahlzeiten darf er nicht
versumen; aber zu ihnen ruft eine Glocke. Oh, Mister Stefenson, Sie
werden sehen, wie wohltuend das ist, wenn man nicht am Tage sechzigmal
nach der Uhr sehen mu! Die Uhr, die ber dem Herzen schlgt, schlgt
schneller als das Herz, als wollte sie wie ein Schrittmacher zu immer
grerer Eile anspornen - und der Weg fhrt doch ans Ende des Lebens.
Warum sollen wir es so eilig haben, dorthin zu gelangen? Der Schrittmacher
wird bei uns auer Ttigkeit gesetzt.

Da nun John mit Mister Stefenson rein gar nichts zu tun hat, geht es ihn
auch rein gar nichts an, was diesen amerikanischen Grokaufmann von
Weltereignissen aufregt und interessiert. Es geht John nichts an, ob
Stefensons Kurse fallen, was in den Parlamenten gekohlt wird oder was im
'Vlkerbund' fr Schindluder getrieben wird, ja es geht ihn nicht einmal
das mindeste an, wer Weltmeister im Boxkampf geworden ist - kurz, John
liest keine Zeitungen. Auf dem Fragebogen, den Sie, Herr Stefenson,
auszufllen hatten, steht: 'Wie lange lesen Sie durchschnittlich tglich
ber der Zeitung, wie lange also im Jahre?' Sie haben den tglichen
Zeitverbrauch auf dreiviertel Stunden, den jhrlichen also auf 274 Stunden
berechnet. Wenn man den Tag mit neun Arbeitsstunden annimmt, verwenden Sie
aufs Zeitunglesen dreiig Tage, also einen ganzen Arbeitsmonat des Jahres.
Und dann kam auf dem Fragebogen die Aufforderung: 'Schreiben Sie kurz
nieder, was Sie von Ihrer Zeitungslektre aus dem vorigen und aus dem
vorvorigen Jahre noch wissen!' Was Sie vom vorigen Jahre noch wissen,
steht auf fnf kleinen Blttern, und Sie geben es ehrlich an, da es Ihnen
schwere Mhe verursacht hat, diese fnf Bltter zu fllen. Vom vorvorigen
Jahre wuten Sie fast nichts mehr, nur ein paar ganz groe Ereignisse
standen noch im Gedchtnis. Nun ist ja sicher, da durch das Zeitunglesen
viel latenter, nur im Augenblick nicht bereiter Besitz erworben wird. Aber
Sie selbst mssen sich fragen, ob dieser Besitz die Aufwendung eines
ganzen Arbeitsmonats des Jahres wert ist. Das Zeitkonomische geht uns
brigens hier nur in zweiter Linie an. Die Hauptsache ist uns: John darf
sich nicht das Frhstck verderben lassen, weil Herr Stefenson in
ebendemselben Augenblick aus der Zeitung einen giftigen rger ber einen
Deputierten saugen wrde, der nach seiner Meinung eine idiotische Rede
gehalten hat; John betrinkt sich nicht am Abend aus Freude darber, da
einer Konkurrenz von Mister Stefenson die Butter vom Brote gefallen ist;
John disputiert nicht eine Stunde lang darber, ob das Bndnis zwischen
den Staaten Soundso zustande kommen wird oder nicht; kurz: John verzichtet
auf die Peitschenhiebe des Zeitungsstils. Er sagt sich so: Fr Herrn
Stefenson aus Amerika mgen die nervenanstrengenden Dinge, die tglich in
der Zeitung stehen, wichtig, ja unerllich sein; denn Herr Stefenson
steht in der harten Schule des Lebens und kann sich um sein Pensum nicht
drcken; aber ich - o ich, John, ich habe Ferien, und die ganze Schule des
Lebens geht mich rein gar nichts an.

Es kommt noch eins hinzu - John erzieht sich. Herr Stefenson meint, ohne
ihn ginge es nicht. Auch wenn er reist, auch wenn er in einem Bad ist,
behlt er die Hauptfden seiner geschftlichen Angelegenheiten immer in
der Hand. Er lt sich ellenlange Berichte schicken, er liest Zeitungen,
er kabelt, er regt sich auf, freut sich, wettert und ist eigentlich auch
auf Reisen immerfort zu Hause, immer im Joch. John pfeift sich eins. John
sagt: Wenn Herr Stefenson tot wre, ginge es auch; folglich geht es auch,
wenn Herr Stefenson verreist ist. Vielleicht geht es sogar besser, als
wenn er zu Haus ist. Nur nicht zu eitel sein! Frisches Blut tut manchmal
gut, und vielleicht kann John Herrn Stefenson zu guter Letzt an der Hand
nehmen und sagen: Sei froh, da du mal ausgeschieden warst, du hast
inzwischen glnzende Geschfte gemacht, so wie ein Spieler meist gewinnt,
wenn er einem Vertreter auf einige Minuten seine Karten berlt.

Im Ferienheim gibt es tglich einen Anschlag, auf dem in wenig Zeilen die
Hauptereignisse des Tages mitgeteilt werden. Wer daraus schliet, da er
ber einen Punkt unbedingt weitere Auskunft haben msse, der geht in die
Kanzlei, dort liegen dreiig Zeitungen. Kann sich der Betreffende bald
beruhigen, dann ist es gut; wenn das nicht der Fall ist, verlt er die
Ferien und geht in die Lebensschule zurck. Bis jetzt sind nur drei
Prozent unserer Feriengste nach der Kanzlei gekommen, um Zeitungen zu
lesen; die allermeisten lesen nicht einmal die Anschlge. Sie sind zu
ernst; sie sind wie auf einem fremden Stern; die Erdenereignisse gehen sie
auf einige Zeit gar nichts an.

Und so wie mit den Zeitungen, ist es mit der Privatkorrespondenz. Sehen
Sie sich an, Herr Stefenson, wie es die Leute in den modernen Kurorten
treiben. Eine der allergrten Hauptpersonen ist der Brieftrger. Man kann
sein Erscheinen nicht erwarten. Vor jeder Ausgabe der Post zwanzig Minuten
Nervenvibrieren, innere Unruhe, gespannte Erwartung. Und der Erfolg? Ein
paar freuen sich; aber Herrn Mayer hat seine Frau geschrieben, da sich
der Hausmeister ruppig benommen habe, und Herr Mayer ist auf Stunden in
menschenfresserischer Laune; das Tchterchen von Frau Ludwig ist vom Tisch
gepurzelt, und die Mutter telegraphiert, man solle gleich den Arzt
befragen, was ohnehin natrlich schon geschehen ist; Baron Erwin zieht die
Stirn in Falten, weil seine Isolde nicht geschrieben hat; der
Schriftsteller Niessen kriegt ein Romanmanuskript zurck und bricht fast
in Trnen aus ber die Idiotie der betreffenden Redaktion; im Herzen der
blonden Else steckt eine Ansichtskarte ihres Referendars ein verzehrendes
Feuer der Sehnsucht an; der Geheime Oberregierungsrat bekommt das
Schreiben eines 'Freundes', das ihm suggeriert, seine Stellung sei
erschttert, und der Frau von Puttbus schreibt die Schneiderin ab. - Die
rzte knnen sicher rechnen, da das, was sie in einer Woche aufbauen,
manchmal der Brieftrger in zehn Minuten einreien kann.

Und deshalb wnscht das Ferienheim sehnlichst den Brieftrger zum Kuckuck,
weil er die Ferienruhe strt, weil in seiner schwarzen Tasche meist nichts
anderes steckt, als ermdende Aufgaben aus der Schule des Lebens. Deshalb
bitten wir unsere Feriengste: Sagt euren Verwandten, gerade, weil wir uns
lieb haben, wollen wir uns einmal auf einige Zeit trennen. Schreibt nur im
Notfall an mich; alles Kleine lat weg, erzhlt es mir, wenn ich
heimkomme. Es wird mir dann lieb sein; es wird sein, als ob wir uns neu
gegeben wren. Bedenkt, da mir von der Leitung des Ferienheims, wenn ich
in zwei Wochen mehr als einen Brief erhalte, nahegelegt werden wird, das
Heim zu verlassen. Ich kann nicht Ferien machen, ich kann nicht
ausspannen, wenn mir die papierene Last immer am Fu sitzt.

Das ist eine scheinbar harte Maregel des Ferienheims, die viele gehindert
hat, zu uns zu kommen, alle zu Sentimentalen; aber wir haben die Anordnung
als richtig erkannt und halten an ihr fest. Wer einen groen Teil seines
Erholungsaufenthaltes an ein Postbro binden will, soll anderswo hingehen.

Das ist, wenn ich so sagen darf, die negative Seite unseres
Heilverfahrens, das, was wir ausscheiden: Namen, Rang, Titel, moderne
Bekleidung, das Geld, die Uhr, die Zeitung, das unntze Briefschreiben
oder, wenn Sie es krasser sagen wollen, Verwandtschafts- und
Bekanntschaftsfesseln.

Sie merken schon, Mister John, da ich an alte Klosterideale angeknpft
habe. Nur, da es sich eben nicht wie beim Kloster um die
Lebenseinrichtung berhaupt, sondern nur um eine Ferienpause des Lebens
handelt, und da wir nicht aus religisen, sondern aus sanitren
Beweggrnden handeln. Zur Seelsorge sind wir weder befhigt noch berufen.
Aber - um auch diesen wichtigen Punkt zu berhren - wir empfehlen allen
denen, die noch eine religise Anschauung haben, aus reinster
Menschenfreundlichkeit, auf Grund dieser Anschauung einen recht tiefen
Herzensfrieden mit ihrem Herrgott zu machen; das ist die allergrte
seelische und darum auch die allergrte krperliche Wohltat. Ein Arzt,
der gehetzten Menschen Erquickung bieten wollte und diesen Punkt auer
acht liee, wre ein Stmper. Deshalb wird all unseren Feriengsten
Gelegenheit geboten sein, Gott zu dienen, wie sie es bedrfen. Da wir uns
dabei jeder Einmischung in dieses ureigenste Gebiet des Menschen
enthalten, ist ganz selbstverstndlich.

Die rztliche Behandlung wird natrlich fr jeden Feriengast individuell
sein; fr Schwerkranke ist das Ferienheim kaum, mehr fr die Mden, fr
die, die das Leben in seiner Hast und Hohlheit nicht mehr freut, fr die,
die gern noch einmal mit frischen Krften von vorn anfangen mchten.

Fr die Alkoholkranken, die Morphium- und Opiumschtigen hat man jetzt
drauen Entziehungskuren, die groen Segen bewirken; wir wollen hier allen
denen Entziehungskuren gewhren, die auf irgendeine Weise vom Leben
vergiftet sind. Ganz generell werden alle erlst von allem Eitlen und
Hohlen ihres bisherigen Daseins, von der drckenden Last ffentlichen und
privaten Lebens, von unntzen Bedrfnissen; individuell sollen sie erlst
werden von ihren Krankheiten, Lebenssnden und Lebensschwchen, von
unfruchtbarer Sorge, Angst und Reue, sollen Kraft im Frieden und die
kostbare Fhigkeit zur Freude wiedergewinnen.

Wir scheiden aus dem Ferienheim die blichen Vergngungen aus. Sie finden
bei uns keine Rennen, Reunions, Tombolas, Frh-, Mittags- und
Abendkonzerte, keine Spielsle, Taubenschieen, Theater- und
Varietvorstellungen, keine prunkhaften Umzge und italienischen Nchte -
denn das alles ist nichts als anstrengende hohe Schule des Lebens und
betrgt alle die, die mit neuen Krften nach Hause kommen wollen. Wir
suchen die Freude. Das ist die Freude an gesunder Beschftigung in
frischer Luft. Sie, lieber John, werden wahrscheinlich einige Gartenbeete
umgraben mssen, auch werden Sie sich gelegentlich am Fllen eines Baumes
oder am Holzsgen beteiligen mssen; es kann aber auch sein, da Sie mal
einen Hecht angeln oder ein paar Krbe pfel pflcken mssen. Da Sie, wie
Ihre Niederschrift ausweist, seit zwanzig Jahren kein schngeistiges Buch
gelesen haben, werden Sie um das Quantum von drei Romanen, einem Epos und
einem Bndchen Lyrik nicht herumkommen. Whrend wir bei sogenannten
Leseratten Entziehungskuren machen, mu bei Ihnen in diesem Falle eine Art
Zwangsernhrung einsetzen.

Die krperliche Kost wird ganz Ihrem Befinden angemessen und natrlich gut
und schmackhaft sein. Alle Woche zweimal werden Sie sich das Abendbrot
selbst bereiten. Wie Sie das anstellen, ist Ihrer Phantasie berlassen. Im
groen Kchen- und Vorratshause finden Sie alle Rohmaterialien. Wir haben
gegenwrtig einen Feriengast, der drauen in der Welt eine Schar von
Dienern hat. Auch er mu sich das Abendbrot zweimal in der Woche selbst
bereiten. Anfangs wute er nichts anderes, als da er sich Brotstullen
schnitt, die entsetzlich dick und krumm gerieten, die Stullen mit Butter
beklebte und starke Wurstscheiben mit der Pelle darauf legte. Das nchste
Mal hatte er schon erluchst, wie man Kartoffeln an einem kleinen
Feldfeuerchen kocht, und hatte sich dazu einen Hering verschafft. Dann
ergnzte er seine Mahlzeit, indem er Radieschen aus der Erde zupfte, Nsse
und Frchte von den Bumen holte, und am vierten Abend, den er sich selbst
bereitete, lud er einen Freund und eine Freundin ein, war sehr stolz auf
sein Mahl und a mit Genugtuung und Appetit. Das sind Kleinigkeiten, die
vielleicht wie Spielerei aussehen, aber doch einen Sinn haben. So werden
Sie sich z. B., wenn ein khler Tag ist, das Feuer in Ihrem Ofen selbst
anznden und unterhalten mssen. Hobelspne und Reisig knnen Sie sich
leicht holen, das Holz mssen Sie selber hacken. Sie werden sehen, Mister
John, wie warm und goldig solch ein selbstentzndetes Feuer brennt, viel
wohliger, als wenn es ein Diener angefacht htte. Ein volles Dutzend Mal
werden Sie die Kacheln abfhlen, wie sie nach und nach warm werden, mit
einer heimlichen, stillen Freude im Herzen. Und wenn am Abend Sie ein paar
andere Feriengste besuchen, Leute, von denen Sie nicht wissen, wie sie
eigentlich heien, wer und woher sie sind, von denen nichts anderes
bekannt ist, als da es eben auch ernsthafte Menschen sind, die sich zu
einer Ferienpause des Lebens aufgerafft haben - wie schn wird es sein,
mit ihnen zu plaudern oder sich etwas zu erzhlen und selbst auf das Feuer
zu achten.

Gute Kammermusik werden Sie manchmal zu hren bekommen; doch nicht oft und
nicht viel. Aber zur Laute wird fter gesungen werden, und manchmal wird
irgendwo ein Blserchor stehen, und es wird sein, als ob Soldaten in der
Ferne marschierten, oder ein Waldhorn wird ins Tal schallen wie in alten,
romantischen Tagen.

Sport drfen Sie treiben: Reit- und Schwimmsport, Turnen im Luftbad,
Tennis- und Kegelspielen. Auch Karten spielen drfen Sie, aber ohne Geld;
denn John hat keinen Pfennig in der Tasche, und wollte er sich mit seinen
Gegnern verabreden, ein Kieselsteinchen bedeute zehn Mark und eine Eichel
zwanzig, und wrde alles hinterher in bare Mnze sauber umgerechnet, so
wrde es wohl doch herauskommen, und das Spielernest wrde energisch
ausgenommen werden.

Tabak und Alkohol, worum Sie sich in Ihrem Selbstbericht zu bangen
scheinen, ganz nach rztlichem Befund. Wenn Sie mich nun fragen, wie lange
ein solcher Ferienaufenthalt whrt, so mu ich Ihnen sagen, da die
krzeste Frist sechs Wochen betrgt, da es aber sehr viel gnstiger ist,
wenn die Ferienpause drei Monate oder noch lnger dauert. Die ersten
vierzehn Tage werden Sie ja doch innerlich gegen vieles revoltieren,
vielleicht am Heimweh leiden nach der eben abgelegten alten Haut. Sie
mssen erst heimisch werden, mssen das groe Ferienglck erst ganz
fhlen, mssen die unaussprechlich se Freude empfinden, wie Sie gesnder
und frhlicher werden, dann erst kommt das Heil.

Aber wenn Sie dann in die groe, schwere Schule zurckgehen, werden Sie
mehr neue Krfte, einen greren Mut zum Leben mitnehmen, als wenn Sie
unterdes Mineralwasser getrunken, Reunions besucht und hundert Zeitungen
gelesen htten. Mit einem Wort: Sie werden an die Ferien denken wie ein
Kind an die freie Spielwiese denkt, wenn es wieder in der Etagenwohnung
der Grostadt hinter seinen Aufgabenbchern sitzt.'

Mit diesen Worten endete der Arzt, der mit seinem neuen Patienten vor der
Tr des Einsiedlerhuschens sa, seine Belehrung, und damit ende auch ich,
Mister Stefenson, den Aufschlu ber das Ferienheim des Lebens, das nur in
meiner Phantasie lebt und wohl auch immer nur dort leben wird."

                                    *

Ich schwieg, und der Mann, der mir gegenber am Gasthaustisch sa, schwieg
auch. Er hatte die ganze Zeit, whrend der ich sprach, mit halb
abgewandtem Kopfe dagesessen und hinunter nach Neustadt gesehen. Endlich
stand Stefenson auf, nickte kurz mit dem Kopf, sagte: "Danke sehr! Guten
Abend!", nahm seinen Hut und ging aus der Stube, nachdem er den Kellner
bezahlt hatte. Ich lie ihn gehen.

                                    *

Am nchsten Tage lie sich Mister Stefenson bei mir in Waltersburg melden.

"Guten Morgen", sagte er; "ich mu Ihnen sagen, da mir das gar nicht
pat, da ich John heien soll."

"Wieso - wieso?" fragte ich verwundert.

"Ja, das hat mich verdrossen. Ein Kerl namens John hat mich nmlich mal
furchtbar gergert. Er hat die Frau geheiratet, die ich heiraten wollte.
Ich mag nicht John heien. Ich habe mir ein Adrebuch geben lassen und
nach einem einfachen, aber nicht zu hufigen Namen gesucht. Ich will
Zuschke heien."

"Sie wollen Zuschke heien? Warum - wieso - wo wollen Sie Zuschke heien?"

"In Ihrem Sanatorium natrlich - in Ihrem Ferienheim -"

"Aber, Mister Stefenson, es existiert doch nicht, es ist doch ein
Phantasiegebilde - eine Utopie -"

Da sah er mich fest an.

"Es wird existieren; denn wir werden es zusammen begrnden."

Ich schlug die Hnde zusammen.

                                    *

Der seltsame Mann hat mich verlassen. Geschftsmig, trocken, sogar ein
wenig mrrisch hat er mir auseinandergesetzt, wie er sich die
Verwirklichung der Idee meines Ferienheims denke. Als ich ihm abriet, das
viele Geld, vor dessen Summe ich erschrak, zu wagen, da vielleicht unsere
Zeit, auch das Volk hierzulande nicht geeignet sei fr romantische
Sonderbarkeiten, wurde er zornig und sagte:

"Wer eine Idee hat, soll an sie glauben, oder er soll gar nicht von ihr
sprechen."

Er nahm mich in den Bann der groen Khnheit und Sicherheit seiner Seele,
und ich willigte endlich ein. Zuletzt sagte Stefenson:

"Einen Kontrakt wollen wir nicht machen. Ich gebe das Geld, Sie geben die
Idee und Ihre Kraft. Erzielt unser Unternehmen einen Gewinn, so werden wir
ihn gerechterweise teilen; wenn nicht, dann sind Sie ein schlechter Arzt,
und ich bin ein schlechter Geschftsmann gewesen. Wir werden uns dann ohne
gegenseitige Hochachtung, aber auch ohne feindselige Gesten voneinander
trennen."

Dann ging er. Ich sa an meinem Tisch, starrte die Platte an, lachte mal
auf, trommelte mit den Hnden, lief durchs Zimmer, legte mich aufs Sofa,
rauchte Zigaretten und tat endlich was Vernnftiges - ich ging an die
frische Luft.

So mag einem Feldherrn zumute sein, der zur Fhrung einer Kriegsarmee
berufen wird, oder einem Dichter, dessen groes Stck ber die Bhne gehen
soll, oder einer jungen Mutter, die ihr erstes Kindlein geboren hat. Mit
einemmal das verwirklicht zu sehen, was bisher nur ein schner Traum war,
mit einemmal vor die grte und liebste Aufgabe des Lebens gestellt sein -
wo wre ein berauschenderes Glck?

Mein trautes Waltersburg! Wie warm liegt der Sonnenschein ber deinen
schrgen Dchern und alten Giebeln, wie schn singen die Spatzen am
Johannisbrunnen, wie freundlich und gesund schauen die Kinder aus!

Warte nur, mein altes Waltersburg, fr dich kommt, wie fr das
Dornrschen, ein selig Erwachen. Ich, dein Sohn, bin dein Ritter. Ich will
dich kssen mit einem heien, so lebenspendenden Ku, da alle Starrheit
von dir fllt und du mitten in wonnigem Leben stehst!

Ich bin nicht August Bunkert; ich will dich, deutsche Maid, nicht zu einer
weltmodisch aufgetakelten, kokottenhaften Dame machen - der Trumerglanz
soll in deinen Augen bleiben, der weie Schimmer auf deiner Stirn, das
schne, stille Lcheln um deinen Mund, und du sollst doch in allen Landen
berhmt werden als eine Wohltterin der Menschen.

Ja, das will ich, das verspreche ich, das verspreche ich dir! Das, was
wertvoll in mir ist, habe ich ja von dir, du meine teure Heimat! Drauen
in der Welt, drben in Neustadt, kann ich nicht wirken. Ein Zuschauer nur,
stehe ich vor der bunten Bhne, und weil ich so lange und so oft
zuschaute, tuscht mich keine Kulisse mehr; ich wei, hinter den bemalten
Wnden liegt unordentlich Germpel und geht rauhe Zugluft durch schlecht
schlieende Tren. Langsam wanderte ich zum Eulentore hinaus. Es geht da
keine Chaussee; eine alte Landstrae fhrt ins Grne. Am Hasenhgel setze
ich mich auf einen Stein. Mir gegenber lag der Ostabhang des
Weihnachtsberges. ber den Flu ging der Blick auf ein Hochplateau von
Wiese, Feld und Wald und stieg dann den Berg hinan. Das wre der rechte
Ort fr mein Ferienheim.

Nur in Waltersburg kann ich den rechten Ort fr mein Ferienheim finden, in
dieser freundlichen, nrrischen, gesunden Stadt!

Wie Moses schaute ich in mein Gelobtes Land.





                                  LUISE


Es ist ein Brief angekommen, der mir die berschumende Freude des Tages
genommen hat. Die Pflegeeltern der Tochter Joachims haben geschrieben. Bei
dem Scheidungsproze wurde die kleine Luise dem Bruder zugesprochen. Da er
aber weltflchtig wurde, geschah dem Kinde das, was vielen solchen
berzhligen armen Wrmern geschieht - es kam "in Pflege". Ein
"kinderloses, aber sehr kinderliebes, in durchaus geordneten Verhltnissen
lebendes Ehepaar in Berlin sucht Kind von besserer Abkunft gegen einmalige
Erziehungsbeihilfe als eigen anzunehmen".

Ich wute, was fr Tragdien sich hinter solchen Inseraten verbergen, wie
oft sie der Deckmantel elendester Gaunerei, schamlosester Ausnutzung sind.
Und damals war es das erstemal, da ich meine Mutter nicht verstand. Sie
weigerte sich auf das entschiedenste, das Kind zu sich zu nehmen und zu
erziehen, und da ich immer wieder in sie drang und die Unschuld des Kindes
nicht verderben, seinen kleinen Leib nicht frieren und darben lassen
wollte in der Fremde, wurde die Mutter hart wie Eisen und sagte, ich
entehre sie mit meinen Vorstellungen und Bitten. Sie war zu tief gekrnkt
in ihrer Frauenseele, sie hate das Weib, das dieses Unheil angerichtet,
zu bitter, litt zu furchtbar unter dem Verlust des Lieblingssohnes, als
da ihre sonst so gute, freundliche Art auch diesmal den rechten Weg htte
finden knnen. Ja, sie sagte mir, da sie die Bitte vom Vergeben aus ihrem
"Vaterunser" gestrichen habe. Der Bruder war geflchtet, ich mute hinter
ihm herziehen, ein abenteuerliches Leben beginnen, um ihn zu suchen und
ihn schlielich nach fnf Jahren zu finden und zu einer ganz kurzen
Aussprache zu bewegen. Ich konnte mich damals um die kleine Luise nicht
weiter kmmern, ich wute nur, da eine entfernte Verwandte das Mdchen zu
dem "kinderlieben" Ehepaar nach Berlin gebracht, die geforderten
fnfzehntausend Mark "Erziehungsbeihilfe" als einmalige Abfindung bezahlt
und berichtet hatte, es scheine sich um auerordentlich honette und
christliche Leute zu handeln.

Als ich Joachim in der Schiffskajte gegenber sa, indes drauen die
schwere See rollte, glaubte ich, der Augenblick sei so gewaltig, da er an
die tiefsten Tiefen des Mnnerherzens rhren, da er eine der
festverschlossenen Tren ffnen, und da die Frage daraus hervortreten
werde: "Lebt das Kind noch?" Joachim stellte die Frage nicht, und als ich
nach Hause kam und nach etwa zehn Tagen es wagte, die Mutter zu fragen, ob
die kleine Luise am Leben sei, wandte sie sich ab und sagte hart: "Das
wei ich nicht!"

Da fiel mir auf, da die Mutter und Joachim sich sehr hnlich seien. Ich
bin mehr nach dem Vater geschlagen. Der ist ein weicher Mann gewesen. Und
ich selbst bin wohl auch als Mann viel zu weich, stoe mir berall leicht
das Herz wund und werde wahrscheinlich einmal viel leichter unter die
Rder kommen, als es Joachim passieren knnte.

Nun haben die Pflegeeltern der kleinen Luise an Mutter einen Brief
geschrieben. Sie hat ihn aber nicht geffnet, wie sie zehn oder mehr
andere Briefe, die von derselben Stelle schon gekommen sind, auch nicht
geffnet, sondern ungelesen verbrannt hat. Diesen letzten Brief habe ich
an mich genommen und ihn soeben gelesen.

Mir graut. Schlechtes, fettfleckiges Papier, in elender Rechtschreibung
und noch elenderem Stil die Enthllung niederster Schakalinstinkte,
Geldgier, Erpressungsversuche, Frechheiten. Was sich wohl sogenannte
feinere Leute einbildeten - sie setzten Kinder in die Welt, kmmerten sich
aber nicht um sie, sondern lieen sie anderen Leuten zur Last. Ob sich die
feine Gesellschaft je klar geworden sei, was es heie, ein Kind
aufzuziehen? Zehntausend durchwachte Nchte und bei Tag keine ruhige
Stunde. Ob das mit solchem Lumpengeld wie fnfzehntausend Mark bezahlt
sei? Sie, die Pflegeeltern, seien brave, sehr christliche Leute, wie das
ganze Stadtviertel bezeugen knnte, und niemand etwas schuldig, aber die
anderen, die zehn Briefe nicht beantworten, was seien die? Das bichen
Geld, das bezahlt worden sei, sei lngst weg. Das htten allein Doktor und
Apotheke verzehrt; denn wer wei, was die Luise von ihren Eltern alles fr
Krankheiten geerbt habe. Wenn sie, die Pflegeeltern, nicht so kinderliebe
Menschen wren, lge das Kind lngst auf der Strae oder im Grabe. Sie
mten ihr Letztes zusetzen, um das Mdchen zu erhalten. Aber nun habe das
ein Ende. Sie wrden den ganzen Skandal in die Zeitung bringen und sich
auch an das Vormundschaftsgericht in Waltersburg wenden. Im brigen seien
sie bereit, gegen Zahlung von weiteren zehntausend Mark das Mdchen in
Pflege zu behalten, obwohl Luise ein Kind sei, das nur rger bereite.

Solches und noch rgeres enthielt der Brief. Ich trug ihn zur Mutter.

"Lies den Brief!" sagte ich.

Sie schttelte zornig den Kopf.

"Du mut ihn lesen, Mutter", sagte ich todernst und in hartem Befehlston.

Sie starrte mich an und wurde bla.

Ich legte den Brief auf den Tisch und verlie das Zimmer.

Nach einer Stunde suchte ich die Mutter wieder auf.

Sie lag auf dem Sofa und zuckte wie in Krmpfen.

"Liebe, gute Mutter", sagte ich und streichelte ihren frhgebleichten
Scheitel.

"ndere es, Fritz", sagte sie mhsam, "ndere es; tue, was du willst, aber
ndere es - es ist entsetzlich!"

Schmerz und Grauen schttelten sie.

Ich kte ihr die Hand und sagte: "Ich fahre mit dem nchsten Zuge nach
Berlin."

                                    *

Der Zug rollte sein einfrmiges Lied durch die ebene Landschaft. Es regnet
fein, glitzernde Trpfchen zittern an den Fensterscheiben und rinnen
schlielich in schmalen Bchlein herab. Keiner meiner Fahrtgenossen
spricht ein Wort. Mir ist das recht lieb. Ich bin in einer trostlosen
Stimmung.

Ferien vom Ich! Ein Erlsungswort fr gequlte Menschen, eine
Zufluchtssttte fr mde Herzen, eine friedliche Insel im brandenden
Ozean, und ich der Lotse, der halb zerschellte Schiffe nach dem Hafen
geleitet. Bitterer Spott ber mich selbst quillt mir im Herzen auf. Wenn
nun einer meiner Kurgste mich einmal befragt: Wie bist du eigentlich dazu
gekommen, solch ein Prophet des Friedens zu sein, wer lieh dir den Talar?
Bist du selber so ein harmonischer Mensch, hast du gesiegt ber die Unrast
der Zeit und die Kmpfe deines eigenen Herzens? Hast du zunchst alle
diejenigen, die dir durch verwandtschaftliche Bande nahestehen, so in den
Frieden gerettet, da du nun ausgehen kannst, um fremdem Volk zu helfen?

Oh, seht ihn nur an, den Propheten, den Friedensapostel! Seht nur, wie er
im Eisenbahnwagen sitzt und endlich versuchen will, ein Kind, das ihm
durch die Bande des Blutes ganz nahesteht, vor vlliger Verwahrlosung zu
retten; fragt ihn nur nach seiner Mutter, die in Trnen zu Hause sitzt,
fragt ihn nach dem einzigen Bruder, der in Gram und Ha verschollen ist -
fragt ihn nach alldem und wundert euch dann, da dieser Mann einer groen
Gemeinde freiwillig seine Bauhilfe anbieten will, whrend ihm der Regen
und der Wind durch die Lcher seiner eigenen Giebel dringen. Wie ein
Geistlicher ist er, der gegen die Snde predigt und selbst ein arger
Snder ist, wie ein Richter, der einen Verbrecher straft und den selber
eine geheime Schuld drckt, wie ein Arzt, der andere dem Tode entreien
will und der selber dem Tode geweiht ist!

                                    *

Berlin N. Eine der Proletarierstraen, von denen jede einzelne mehr
Einwohner hat als ganz Waltersburg. Fnfstckige Huser. Im Erdgescho
Geschfte mit billigen Waren, in jedem zweiten oder dritten Hause eine
"Restauration", in deren Fenster Wrste hngen und Schnapsflaschen stehen.
Auf den Brgersteigen und dem Fahrdamm ein Gewhl schreiender, blasser
Kinder. Schlecht genhrte Frauen, dicke Bierkutscher, schmale
Schreiberlein, modisch, aber windig gekleidete junge Mdchen, schwatzende
Weiber, mit Lastkarren daherkeuchende Mnner, hie und da ein Faulenzer,
der zum Fenster herausliegt, die Arme auf ein Kissen sttzt und den
Stumpfsinn in Reinkultur zeigt, Kter von unbestimmbarer Rasse, wie
wahnwitzig schellende Straenbahnen, Autos, Droschken, Lastwagen, Radler,
dicke, stauberfllte Luft, an jeder Straenecke ein brbeiiger Schutzmann
- Berlin N.

Das war das "Milieu", in dem meine Nichte Luise bisher aufgewachsen war.
Ich ging vom Stettiner Bahnhof aus auf die Suche nach ihrer Wohnung. An
einer Straenecke bot mir ein Kind Schnrbnder zum Kaufe an. Ein kleines,
blasses Mdchen war es. Ich sah sie an und trat einen Schritt zurck. "Wie
heit du denn?"

Das Kind erschrak und sagte ngstlich: "Luise!"

"Wie heit du noch? Wie ist dein anderer Name?"

Noch ein verngstigter Blick, und das Mdchen rannte, so schnell es nur
konnte, davon. Ich fhlte es wie Lhmung in meinen Gliedern, aber ich
eilte dem Kinde nach. Bei einer Tornische holte ich es ein und fate es am
Arm.

"Frchte dich nicht, Luise. Ich tue dir nichts."

Das Mdchen brach in Trnen aus.

"Sperren Sie mich nicht ein!"

"Warum soll ich dich denn einsperren?"

"Weil ich - weil ich - die Schuhbnder - Sie sind ein Geheimer ..."

Das Kind weinte noch lauter.

"Hallo! Seht nur da! Was hat denn der mit dem Mdel? Warum weint denn det
Mdel? Haut ihn! Das is so eener! Wird er gleich das Kind in Ruh' lassen!"

Ich war im Nu von einer Rotte Menschen umstellt. Einige Rowdies nahmen
eine drohende Haltung an, Mnner murrten, ein Weib kreischte mich an:

"Pfui ber so 'nen Spitzel - 'n armes Mchen, wat sich 'n paar Jroschen
verdient, feste zu nehmen ..."

"Is ja jar keen Jeheimer, is ja 'n solcher! Haut ihn!"

Die kleine Luise entschlpfte mir, ein Schutzmann kam breit wie ein
Hilfskreuzer auf die Gruppe zugesegelt, die alsbald um ihn und mich einen
mehrfachen Belagerungsring schlo.

"Was ist los?" fragte der Gesetzeshter.

"Er hat 'n kleines Jhr belstigt - er hat 'n Kind jemihandelt - er hat
ihr blutig jeschlagen - er hat jesagt, er is 'n Jeheimer, aber er is 'n
Lump."

Der Schutzmann stand wie ein Fels.

"Wer sind Sie?"

Ich zog eine Legitimationskarte heraus.

"Was ist geschehen, Herr Doktor?" fragte der Schutzmann, nachdem er die
Karte gelesen.

"Doktor - 'n Doktor is er - amputieren will er ihr - Versuchskarnickel
braucht er, det Schwein ..."

"Ruhe!" donnerte der Schutzmann. "Was ist geschehen?"

"Ich will es gern sagen", antwortete ich, "aber nicht vor diesen Leuten,
die die Sache nichts angeht."

Ein wstes Geschrei antwortete mir; immer mehr Volk sammelte sich an.

"Kommen Sie in Ihrem eigenen Interesse mit mir", riet der Sicherheitsmann.

"Jawohl!" sagte ich, und wir durchbrachen die Kette.

Niemand konnte mich schtzen, da ich ein paar Pffe und Ste erhielt.
Ein Trupp johlte hinter uns her, wurde aber durch ein Pferd, das auf der
Strae gefallen, in seinem Interesse abgelenkt, und ich war mit dem
Schutzmann allein. Wir traten in einen Hauseingang, und ich gab ihm eine
kurze Aufklrung. Als er den Namen der Pflegeeltern Luises gehrt hatte,
sagte der Schutzmann:

"Der Mann is 'n Tagedieb und die Frau 'ne Schlampe. Da sehen Sie man, da
Sie det Wurm da abkriejen."

Ich dankte ihm, und wir trennten uns. Einen Augenblick berlegte ich noch,
ob ich zuvor einen Rechtsanwalt zu Rate ziehen solle, aber dann ging ich
direkt nach Luises Wohnung. Ein Hinterhaus von vielen Stockwerken. Auf dem
Hofe spielten Kinder im Staub der Stubendecken, die geklopft wurden. Die
Treppe war dunkel und schmutzig. Im dritten Stockwerk las ich den Namen
von Luises Pflegeeltern. Ich lutete zweimal, dann kam ein zaghafter
Kindertritt, die Tr wurde geffnet, ein entsetzter Schrei, die Tr flog
wieder zu. Ich lutete abermals. Ein groer, starker Mann erschien. Er
trug einen Christusbart, ziemlich lange Haare und stak in einem schwarzen,
wenig sauberen Rock. Spter erfuhr ich, da der Mann "Prediger" bei
irgendeiner neuen Sekte war.

Er wollte mich erst mit einer hochmtigen Miene mustern, aber pltzlich
wurde sein Gesicht scheinheilig freundlich, und mit lglatter Stimme sagte
er:

"Ah, Herr Oberkommissar, ich hab schon gehrt - wei schon - der Herr
Polizeiinspektor haben meine Pflegetochter beim Handel erwischt - aber ich
kann bei meiner Ehre versichern - Herr Inspektor ich bin unschuldig - ich
verbiete dem Mdel aufs strengste - haben es ja auch gottlob nicht ntig -
aber sehen Sie, Herr Inspektor, so'n hergelaufenes Kind von schlechter
Abkunft, das man so aus purem Mitleid (ich bin Oberprediger bei der
Gemeinde der Jnger von Kapernaum), das man so aus christlicher
Barmherzigkeit aufzieht und das doch nicht gert, weil der Feind sein
Unkraut unter den Weizen st, das stiehlt sich nun 'n Jroschen, kauft sich
Schuhbnder oder Streichhlzer oder was wei ich und verkauft sie, um zu
naschen - natrlich nur, um zu naschen ..."

Das Geschwafele erstarb an meiner wortlosen Ruhe.

"Was wnschen der Herr Inspektor - ich wrde den Herrn Inspektor gern in
die Wohnung bitten, aber meine Frau ist zufllig heute noch nicht mit dem
Aufrumen fertig ..."

Da sprach ich endlich.

"Sie irren - ich bin kein Polizeimann - ich bin der Onkel der kleinen
Luise."

"Sie sind - Sie sind - ach so - ach so - der sind Sie ..."

Er brach in ein meckeriges Lachen aus.

"Ich will Sie zur Rechenschaft ziehen, Sie schlechter Kerl!" rief ich
auer mir.

"Sie wollen mich - was wollen Sie?"

Sein Gesicht vernderte sich. Eine zynische Frechheit machte sich auf
seinen Zgen breit.

"Was wollen Sie!" brllte er. "So 'n Balg - so 'n unsauberer Balg - und
Sie wollen noch - ah, wenn Sie mir was zu sagen haben, schreiben Sie es
mir; ich bin fr Sie nicht zu sprechen - verstehen Sie - fr Sie nicht zu
sprechen; denn ich bin ein anstndiger Mensch!"

Die Tr fiel ins Schlo. Ich blieb allein stehen; ich frchtete, nun wrde
die kleine Luise drin zu schreien anfangen.

Aber es blieb still. Nur eine Tr krachte noch zu.

Da eilte ich die schmutzige Stiege hinab.





                             SAMARITERDIENSTE


So lebte das einzige Kind meines Bruders! In einer Umgebung von Schmutz,
Heuchelei, Armseligkeit, Roheit. Ein Glck, da dem Weltverbesserer doch
noch das Kehren vor der eigenen Tr einfiel, ehe er an die groe Mission
ging, anderen zu helfen.

Fast in jeder Familie gibt es einen, auf den sich die anderen ganz
besonders verlassen, zu dem sie in ihren Kmmernissen und Nten kommen,
dem sie es berlassen, zu ordnen, was sie selbst schlecht gemacht haben,
der Geld borgen mu, wenn die andern nichts haben, der immer schieben,
immer untersttzen, immer aushelfen mu. Den Starken als Sttze der
Schwachen kann man ihn nennen, wenn man es ideal ausdrcken will; sonst
kann man auch kurz sagen: der Lastesel. Nachgerade kam es mir vor, als ob
ich in unserer Familie diesen Ehrenposten bekleidete.

Ich kann nicht behaupten, da ich mit Freundlichkeit an meinen Bruder
dachte, als ich durch den Staub des Hofes nach der Strae zurckflchtete.
Was an diesem Kinde geschah, war jahrelange Snde. Auch an die Mutter
dachte ich nicht ohne Bitterkeit. Sie war in diesem Augenblick nicht mein
silbernes Mtterchen, sie war eine reine, aber selbstgerechte Frau, die
nicht stark genug war, der Schuld mit Herzenstapferkeit ins Auge zu sehen
und auf dem Schlachtfeld der Snde Samariterdienste zu tun, sondern eine,
die sich ngstlich in ihrer wohlumhteten Sauberkeit hielt, mehr bekmmert
um sich selbst als um das, was drauen zugrunde ging. Jawohl, ich hatte
nicht Lust, das alles so hinzunehmen, ich wollte meine Meinung sagen. Was
sollte ich denn tun, ich einzelnstehender Mann? Es wrde schwer genug
halten, das Kind loszubekommen. Der ekle Kerl von Pflegevater war zum
gesetzlichen Vormund und Pfleger bestellt, die Erziehungsrechte waren an
ihn abgetreten. Um ihm das Kind in Gte gewissermaen abzukaufen, dazu
fehlte mir das Geld. Mit gesetzlichen Mitteln aber so einem abgefeimten
Schuft an den Leib zu gehen, wrde schwer genug sein. Das Nchste war,
einen Anwalt zu befragen.

                                    *

In meinem Hotel suchte ich das Lesezimmer auf, setzte mich in eine Ecke
und grbelte. Ich mochte wohl schon lange so gesessen haben, da tippte
mich jemand auf die Schulter.

"Sie sollten mal Ferien vom Ich machen, Sie haben es ntig!"

Es war Mister Stefenson, der also zu mir sprach. Ich war ganz erstaunt,
ihn so pltzlich hier in Berlin zu sehen.

"Ferien vom Ich sollten Sie machen!" wiederholte er.

"Von wem erfuhren Sie denn, da ich hier bin? Von meiner Mutter?"

"Von wem anders sollte ich es wissen? Sie sind in Familienangelegenheiten
hier - wegen einer kleinen Nichte - wollen sie in eine andere Pension
bringen - ja, lieber Doktor, das gefllt mir nicht!"

"Was gefllt Ihnen nicht?"

"Da Sie Ihre Zeit mit solchem Familienkrimskram vergeuden."

"Erlauben Sie, das ist doch wohl meine Sache."

"Ihre Sache und meine Sache. Sie haben jetzt keine Zeit fr solche Dinge.
Es pat nicht in unser Programm. Sie haben selber gesagt, zu unserem
Ferienheim gehre vor allen Dingen die Erlsung von drckenden familiren
Fesseln. Ist das keine Fessel, die Sie am Fu schleppen? Jetzt, wo wir in
der allerschwersten Gedankenarbeit stehen mten, fahren Sie einem kleinen
Mdel nach. Was liegt der Welt an dem kleinen Mdel? An Ihrem Ferienheim
soll ihr etwas liegen."

"Ich glaube, Herr Stefenson, so eng sind wir denn doch noch nicht
miteinander verbunden, da Sie in dieser Weise mit mir reden drfen."

"Ich darf", sagte er phlegmatisch. "Ich habe in Ihnen so etwas wie einen
Propheten gesehen - die Propheten gehen aber in die Wste, ehe sie
ffentlich auftreten, nicht nach Berlin - die Apostel verlassen Weib und
Kind - der Soldat, der in den Krieg zieht, darf nicht rckwrts schauen,
er sagt: Was schert mich Weib, was schert mich Kind? Der Familiensimpel
bleibt immer ein mittelmiger Kerl."

Ich erhob mich und wollte ihm grob kommen. Aber ich setzte mich wieder,
sah auf einen Augenblick in seine ehrlichen, quellklaren Augen und sagte
dann: "Sie haben vielleicht in manchem recht, Mister Stefenson, aber im
ganzen sind Sie doch im Unrecht. Wenn ein Soldat in den Kampf ziehen soll
und am Fu eine Beule hat, wird er danach trachten, da ihm erst ein Arzt
die Beule ffnet und die Wunde subert und verbindet, ehe er marschiert.
Sonst bleibt er eben am Wege liegen. So geht es mir auch. Ich mu mir erst
diese Angelegenheit mit meiner kleinen Nichte vom Halse schaffen, ehe ich
an unsere Aufgabe gehen kann."

"Gut, so schaffen Sie sich die Angelegenheit vom Halse - morgen vormittag
zwischen neun und elf. Um elfeinhalb knnen wir dann unsere Beratung
haben."

"So rasch geht das nicht."

"Wie lange kann es denn dauern?"

"Wohl einige Wochen oder auch Monate."

Herr Stefenson lchelte sanftmtig.

"Das ist sehr schn! Ja, dann sind Sie wohl so freundlich, mich nach
einigen Monaten gelegentlich wissen zu lassen, mit wem Sie schlielich Ihr
Sanatorium begrndet haben. Ich bin gar nicht abgeneigt, mir dann einen
Prospekt schicken zu lassen. Fr jetzt, guten Abend!"

Er verlie mich. Ich sah ihm nach, als er aus dem Zimmer ging, und wute,
da es aus war mit meinem Lebenstraume. Ich sa ganz still, und ich wei
jetzt nicht mehr, was ich damals alles dachte. Ich wute in jener Stunde
nur, es war aus, um eines kleinen Mdchens willen, das ich kaum auf zwei
Minuten lang gesehen hatte - aus! Dieser Mann, der vor zwei Tagen so viel
Geld auf eine Idee von mir setzen wollte, hielt mich nun fr einen
Schwachkopf. Aber auf so elende Weise durften wir uns nicht trennen. Rasch
warf ich einige Zeilen auf eine Karte, ich msse Herrn Stefenson noch
einmal sprechen, nicht um ihn umzustimmen, daran dchte ich nicht, sondern
um nicht ganz ungerechtfertigt zu scheiden. Ich schickte Stefenson durch
einen Kellner die Karte, und er kam auch bald persnlich.

"Mister Stefenson - es ist nichts Geschftliches mehr, nur etwas rein
Menschliches. Es ist darum, da wir uns jetzt ohne gegenseitige
Hochachtung, aber doch auch ohne beleidigende Gesten trennen wollen, wie
Sie selbst einmal gesagt haben. Haben Sie noch zehn Minuten Zeit fr
mich?"

Er nickte, und ich erzhlte ihm ohne alle Umschweife die Tragdie Joachims
und seines Kindes, und wie ich das Mdchen heute drauen auf der
Ackerstrae getroffen hatte. Mir wurde das Herz warm beim Erzhlen, aber
Stefenson blieb ganz gleichgltig. Zuletzt sagte er:

"Es ist eine traurige Geschichte, die Sie da erzhlt haben, aber sie kommt
alle Tage vor. Es ist gar nichts Neues. Ich habe die Geschichte auch
erlebt. Aber etwas Interessantes ist dabei: Sind Sie wirklich fnf Jahre
lang hinter Ihrem Bruder her gewesen?"

"Ja, ich fand ihn nicht eher."

"Hm! - Sagen Sie, wollen wir den Abend noch zusammenbleiben? Ich mchte
den "Sommernachtstraum" in der deutschen Auffhrung ansehen. Kommen Sie
mit? Sie haben es doch wohl nicht so eilig nach Hause?"

Ich wute, da ich bei diesem Manne verspielt hatte, aber ich nahm die
Einladung an. Er sagte, er habe nun noch Geschfte, wir wrden uns im
Theater treffen. Damit hndigte er mir eine Theaterkarte ein und verlie
mich. -

Mendelssohns Ouvertre zum "Sommernachtstraum" huschte und zwitscherte an
mir vorber, Shakespeares unsterbliches Werk reinster Frhlichkeit tat
sich in glnzender Darstellung vor mir auf, aber ich sa wie ein
Geistesabwesender auf meinem Platze. Der Stuhl neben mir war leer
geblieben. Stefenson war nicht erschienen. Der Mrchenwald, durch den die
Elfen huschten, blaute vor meinen Augen; aber ich dachte an den Wald an
dem Abhang des Waltersburger Weihnachtsberges.

Pyramus und Thisbe trieben ihren grotesken Spa. Da drhnte von meiner
Logentr her tiefes Gelchter. Stefenson stand dort. Er beachtete mich
nicht, er schaute nur vergngt nach der Bhne und lachte so laut, da er
die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog.

Die nchste Pause kam. Da setzte sich Stefenson neben mich und sagte zur
Entschuldigung seines spten Kommens:

"Manche Geschfte wickeln sich in Berlin sehr langsam ab."

Nach dem Theater fuhren wir nach einem Restaurant. Nachdem wir gegessen
hatten, sagte Stefenson ganz unvermittelt:

"Die Luise habe ich flottgemacht. Zuviel Schwierigkeiten habe ich mit dem
alten Gauner nicht gehabt. Der Hauswirt war gerade bei ihm und drngte um
die Miete; da machte es der Kerl um dreihundert Mark. Er gab alles
schriftlich, was ich wnschte. Mit Anwlten ist das nichts. Das ist teuer
und umstndlich. Mit dreihundert Mark war alles in zwanzig Minuten
gemacht, und ich hatte das Kind. Dann war ich um eine Pflegeschwester aus.
Das hat lnger gedauert. Das hat unsinnig lange gedauert. Die ganze schne
Eselsszene habe ich im Theater verpat. Die Pflegeschwester ist nun mit
der Luise in unserem Hotel. Nummer 187 wohnen sie. Bald fahren sie nach
einem Erziehungsinstitut in Thringen. Es ist mir empfohlen worden. Da
wird ja wohl die Luise krperlich und seelisch zurechtgestutzt werden."

Ich schlug wieder einmal die Hnde zusammen.

"Guter Herr Stefenson, das haben Sie getan?"

"Ich bitte, exaltieren Sie sich nicht! Eine Zeitlang wird die Luise in dem
Institut bleiben, und dann kann sie zu uns in das Ferienheim kommen - so
als eine Art - als eine Art Einweihungsengel."

Mich wrgte es in der Kehle.

"Sie wollen das Heim doch mit mir grnden?"

"Ja", sagte er ganz ruhig, "ich will. Es hat mir was an Ihrer Geschichte
gefallen. Natrlich nicht das Sentimentale, aber da sie fnf Jahre lang
die Jagd machten, das zeugt doch von einer gewissen Ausdauer. Und Ausdauer
ist zu gebrauchen."

                                    *

Ich bin wieder im stillen Waltersburg. Berlin N liegt hinter mir wie ein
wster Traum. Welch Gegensatz! Die kleine Luise ist gut untergebracht.

Stefenson hat mir gestern schriftlich mitgeteilt, da er mich fr keinen
Philosophen halte, auch nicht fr das, was man einen lebensklugen Menschen
nenne, und was ich als Arzt tauge, knne er nicht beurteilen. Er halte
mich fr einen Dichter. Meine ganze Idee sei weniger rztliches Problem
als vielmehr eine Dichtung. Aber Dichtung sei besser als Problem. Dichtung
ist etwas Gezeugtes, Probleme sind etwas Konstruiertes, Dichtung ist
Lebewesen, Problem ist Mechanik. Und so solle ich nur jetzt meine Dichtung
ganz ausgestalten und ihm vertrauensvoll bergeben. Was ausfhrbar sei,
werde ausgefhrt werden, das andere werde als blauer Dampf in die Hhe
ziehen und auch als Wlklein am Himmel noch schn sein.





                         IN DEN TAGEN DES WERDENS


Beschaulichen und nachdenksamen Charakters ist Herr Stefenson nicht. Es
geht alles so verblffend schnell bei ihm, da er, wenn ein anderer noch
bei den ersten Erwgungen und Bedenken stnde, schon am Ende ist. Freilich
kommt dazu, da er Glck hat. Das Gelnde am Ostabhang des
Weihnachtsberges steht zum Verkauf. Es gehrt einem Manne, der, wie Hans
im Glck, stndig seinen Besitz vertauschte. Dieses Gut hat er gegen
groe, sehr ertragreiche Steinbrche umgetauscht, die Steinbrche gegen
eine Fabrik, die noch besser war, und so ist es langsam bergab gegangen,
und Herr Stefenson mit seinem groen Geldbeutel hat wenig Schwierigkeiten
gefunden. Achtundvierzig Stunden haben die Verhandlungen gedauert, dann
war das Gut, das mit Wiese und Wald 2500 Hektar gro ist, von Stefenson
gekauft. Um einen Preis, bei dessen Nennung einem frheren Schiffsarzt die
Gnsehaut ankommt.

"Nun ist das Gelnde da, nun mu die Gemeinde errichtet werden", sagte
Stefenson sehr einfach. "In einem Jahre mssen smtliche Huser stehen."

"In einem Jahre?"

"Ja! Die Deutschen brauchen, wenn sie einen Dom bauen wollen, vierhundert
Jahre, der Amerikaner braucht, wenn er eine Stadt baut, sechs Monate."

"Es ist dann aber auch danach."

"Ob es danach ist oder nicht, ist gleich", erwiderte Stefenson verdrossen.
"Jedenfalls habe ich fr die ganze Chose nicht mehr Zeit. Ich mu nach
Neuyork, nach Milwaukee, nach Trinidad. Sehen Sie sich das Gelnde an und
machen Sie Ihren Plan. Ich werde auch einen Plan machen. Ich brauche drei
Tage Zeit dazu."

"Ich wrde drei Jahre dazu brauchen, aber um Ihretwillen werde ich in
sechs Wochen mit meinem Plane fertig sein."

Er wandte sich finster ab. Drei Tage lang lief er auf dem erworbenen
Gelnde umher, zeichnete, machte Notizen und ging mir aus dem Wege. Am
vierten Tage teilte er mir auf einer Postkarte mit, er habe einen kleinen
Abstecher nach Sizilien unternommen. Ich war froh darber und ging nun
daran, mein Ferienheim im Plane zu entwerfen.

Das Gelnde kannte ich genau. Die meisten meiner Bubenstreiche hatten in
jenem Walde gespielt; auf jenen Wiesenrainen war ich als Student
tausendmal gegangen. Eines war zu vermeiden - alle Gleichfrmigkeit. Eine
Villa neben die andere zu bauen, ein Logierhaus wie das andere, alles in
zimperlich geordneten Grten, wo man kaum einen Fu hineinzusetzen wagt
wie in die gute Stube einer peinlichen, eitlen Hausfrau, das sollte uns
gewi nicht einfallen, ganz abgesehen von Basaren, Hotels, Restaurants,
Pltzen und Straen grostdtischer Art.

Im Mittelpunkt der Ferienheimat soll das Rathaus liegen. Es soll ein
groer, gerumiger Bau altdeutschen Stils sein. Der Brgermeister wird
darin wohnen; denn einen solchen wird uns wohl das Gesetz auferlegen; aber
auch die Sprechzimmer der rzte sollen im Rathaus untergebracht sein,
ebenso die Verwaltungsrume, die Kasse, die Nachtwchterstuben. Auch einen
groen ehrwrdigen Saal soll das Rathaus haben, in dem die Feriengste
manchmal zu einer Feierstunde nationaler, knstlerischer oder geselliger
Art geladen werden. In diesem Rathaus wird auch das "verbotene Zimmer" mit
den Zeitungen sein. Ein Posten wird davor Wache halten und nur diejenigen
einlassen, die eine Karte vorzeigen, und eine solche Karte wird jedem
whrend der Dauer des Ferienaufenthaltes nur zweimal gewhrt werden.

Das Rathaus wird am Lindenplatz liegen, dort, wo die groe Linde mitten
auf der Wiese steht. So oft auch die Dichter vom Platz unter der Linde und
vom Tanz mit dem schnen Kinde und dem Traum im Abendwinde gesungen haben,
mir ist die alte Weise nicht zu abgeleiert, ich will das frhliche Glck
vergangener Tage neu erstehen lassen.

Am Lindenplatz, dem Rathaus gegenber, soll die Lindenherberge liegen,
unser grtes Gasthaus. Das Modell mu man in schnen deutschen Stdten
suchen, etwa in Rothenburg, Goslar, Wernigerode oder Hildesheim, und dann
ist es fr unsere Zwecke auszugestalten. Eine Bauernschenke denke ich mir,
ein Herrenstbchen, einen Poetenwinkel mit Butzenscheiben, wo Lieder zur
Laute gesungen werden. fter als einmal in der Woche darf sich niemand in
einer der drei Stuben sehen lassen; denn dreimal in der Woche ins Gasthaus
zu gehen, ist frwahr genug fr einen Kurgast. Es darf sich auch keiner
einbilden, da er etwa nur Bauer oder ein Herr oder nur Snger zur Klampfe
sei - er mu alles sein wollen und sein knnen, und wenn er dreimal in der
Woche "ausgehen" will, dann mu er eben jedesmal in eine andere Abteilung,
und das Braunbier, das in der Bauernschenke ein biederer Wirt mit seiner
Gattin ausschenkt, mu ihm ebenso munden wie der Wein, den ein schnes
Mdchen im Poetenwinkel kredenzt.

Ein Kaffeehaus werden wir auch haben; denn sonst bekmen wir keinen
sterreichischen Kurgast. In diesem Kaffeehaus wird alles zu haben sein,
was ein Wiener Kaffeehaus auszeichnet, von der drangvollen Flle bis zum
Zigarettendampf, nur keine Zeitungen.

Vielleicht wird mir mancher ob meiner groen Toleranz gegen Tabak und
selbst gegen Alkohol zrnen, aber ich sorge dafr, da alles im Lot
bleibt.

Da in den Wirtschaftsrumen umsonst nichts geschenkt wird, da aber auch
keiner der Gste einen Pfennig Geld in der Tasche hat, sind alle gentigt,
ihre Zeche recht schn und breit an die schwarze Tafel ankreiden zu
lassen, und das gibt nicht nur eine gute Selbstkontrolle, sondern
garantiert auch eine gewisse ffentliche Aufsicht. Alle aber, denen der
rztliche Befund solche Gensse verbietet, knnen sich unten am Flu in
der Fischerklause, dem zweiten Gasthaus, bei alkoholfreiem Getrnk des
Lebens freuen, und es stehen auch verschiedene Selter- und Milchhuslein
im Gelnde, alle bedient von dazu verordneten Damen aus der
Kurgesellschaft. Denn das ist eine wesentliche Seite meines
Gesundungsheims, da alle Kurgste, soweit es ihr Zustand erlaubt und
wnschenswert erscheinen lt, arbeiten mssen. Aus faulem Nichtstun spro
noch in den allerseltensten Fllen ein Heil. Nein, es werden alle
Mitglieder unserer Gemeinde ttig sein, und dadurch werden sich auch die
Kosten vermindern, zu denen der einzelne beizutragen hat. Da ein guter
Bestand gebten Personals immer dasein mu, ist selbstverstndlich. Aber
wenn ich z. B. fr den Poetenwinkel drei Kellnerinnen brauche, wird eine,
die aufsichtfhrende und bestimmende, eine Berufskellnerin, die zwei
Helferinnen werden Damen aus der Kurgesellschaft sein, und es wird mich
gar nicht beirren, einer jungen Grfin solchen Schankdienst auf eine Woche
aufzuerlegen. Wem es nicht pat, der geht! Wir werden alle unsere Gste
mit Liebe und Hochachtung behandeln, aber keinen umdienern und keinen
anzulocken oder zu halten suchen. Wir werden mit dem Phlegma der Starken
allen Widerstnden begegnen.

Jeder Kurgast wird sich wchentlich mindestens einmal dem Arzt vorstellen
und neben sonstiger Kurverordnung die Arbeit vorgeschrieben erhalten, die
er in nchster Woche zu leisten hat. Die Verwaltung wird dem
rztekollegium rechtzeitig etwa mitteilen: Wir brauchen fr nchste Woche
fnfundvierzig landwirtschaftliche Arbeiter und Arbeiterinnen, sechzehn
Forstarbeiter, neun Grtnergehilfen, vier Angler, zwei Jger, neun
Obstpflcker, vierzehn Erbsenleser, sechzehn Mann fr Wegebesserung,
sieben Viehhter, ein Streichquartett, vierzehn Kellnerinnen und
Milchverschleierinnen, sechs Kegelaufsetzer, zehn Hilfskutscher, zwlf
Wschebleicherinnen, drei Nachtwchter, acht Frauen zum Spielen mit
Kindern von vier Jahren aufwrts, _ad libitum_ Knstler und Artisten,
Dichter, Rezitatoren, Musiker, Snger, Schnellmaler, Turner,
Zauberknstler und hnliches, 168 Kchengehilfen fr je drei Stunden
tglich, zwanzig Mann fr Haushlterarbeiten (vier Stunden), fnf Boten
(Radler), einen Mann fr die Festrede am Sonntag, dazu einen gemischten
Festchorus von beliebiger Strke, zwei Laternenanznder, zehn Frauen oder
Mnner fr die Vorbereitung des nchsten Waldfestes, zehn
Hilfsbrieftrger, zwanzig Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen fr die
Anlegung und Bepflanzung des neuen Philosophenplatzes, sechs Damen, die
das Khemelken und Ksebereiten erlernen wollen, einen Vorsitzenden und
vier Beisitzer (zwei mnnliche und zwei weibliche) fr unser privates
Friedensgericht.

Solches etwa wird die Kurverwaltung beantragen. Was davon in Erfllung
geht, hngt natrlich nicht von den Bedrfnissen der Kurverwaltung,
sondern von dem Befund des rztekollegiums ab, und der schnste Erfolg
wird es sein, wenn alle Aufgaben durch freiwillige Meldung der Feriengste
gedeckt werden. Da die Arbeit immer nur im Rahmen der eigentlichen Kur,
immer nur stundenweise geleistet werden darf, ist selbstverstndlich. Das
Ferienheim ist ein Arbeitshaus idealster Art, es macht die Arbeit zur Lust
und Quelle der Genesung und wrgt den alten Drachen ab, dessen Pestatem
die Welt vergiftet: da krperliche Arbeit das Mal der Minderwertigkeit
trage. Das Ferienheim wird das Gegenteil lehren und beweisen, indem es
gerade durch krperliche Ttigkeit gesunde, glckliche Menschen schafft.
So wird alle Verwaltungs- und Broarbeit als viel zu anstrengend unseren
Gsten niemals zugemutet werden. Aber mit den Muskeln arbeiten, ttig
sein, sichtbare Werte mit seinen zehn Fingern schaffen sollen alle, und
selbst den Faulenzern und Drohnen des Lebens, die vielleicht nur durch die
Romantik des Heims, durch die Neugier angelockt werden, soll, wenn sie
guten Willens sind, ein besseres Bild der Menschenfreude ins Herz geprgt
werden.

Hinter dem Rathause, von ihm durch einen kleinen Schlag schner Tannen
getrennt, beginnt die Bderstrae. Es werden da in gesonderten Husern die
Wannen- und Schwimmbder, die elektrischen und die Dampfbder
eingerichtet; an sie reihen sich in dichtem Kiefernwald die Luft- und
Sonnenbder und die Planschwiesen.

Parallel mit der Bderstrae geht der "Stille Weg". Es stehen da
freundliche Huslein fr solche Gste, die einer greren rztlichen
Beaufsichtigung und vermehrter Pflege bedrfen, die ihnen von
Berufspflegerinnen zuteil wird. Alle anderen Gste wohnen "drauen". Es
wird nicht zuviel auf Plverlein und bermiges Wassergepansch, auch
nicht arg viel auf Hantelturnen und Massage gegeben werden, sondern auf
tchtige krperliche Arbeit und frohen Sinn. Daher werden die meisten
Kurgste in Bauernwirtschaften wohnen. Wenn wir von diesem Riesengelnde
nur zwei Dritteile zur Feldbebauung anwenden, knnen wir sechzig groe
Bauernwirtschaften zu je hundert Morgen Land einrichten; auf jeder
Besitzung knnen vier Pferde, dreiig Stck Rindvieh, Hhner, Gnse,
Enten, Tauben, Kaninchen, Hunde, Katzen, Bienen sein, und alle diese Tiere
sollen von den Feriengsten gepflegt werden, immer unter Leitung
sachverstndiger Personen. Denn der Herr und Knig des ganzen Hofes wird
der Bauer sein. Mge es uns gelingen, tchtige Bauern zu finden, die nicht
nur den Pflug zu fhren wissen, sondern die kernige Menschen sind voll
Biederkeit und froher Laune, derber Herzlichkeit und aufrechten Sinnes.
Wer nicht anderweitig abkommandiert ist, arbeitet auf dem Hofe, wo er
wohnt, nach Anweisung des Bauern oder der Buerin, immer nur pflichtmig
zwei bis vier Stunden am Tage. Wer etwas darber tun will und darf, soll
es tun.

Oh, wie werden die Leute am "Stillen Weg", die ihr Zustand vom Glck der
Arbeit ausschliet, sich sehnen, "hinaus"zuziehen in die gesunde, frische,
befreiende Ttigkeit; wie glcklich werden sie sein, wenn ihnen der Arzt
eines Tages sagt: Mein Lieber, du bist nun so weit, als schwacher
Hilfskmpe mitzutun, darfst auf einen Bauernhof, darfst zunchst mal die
Tauben fttern, den Hhnerstall nach Eiern absuchen und den Hund prgeln,
wenn er eine Wurst gestohlen hat, und wenn auch das zu schwer ist,
aufpassen, ob in den Nistksten Sperlinge oder Stare wohnen.

                                    *

An die Bauernhfe knpfe ich meine grte Hoffnung. Ich mchte die in
glitzernde, entnervende Ferne Gewanderten zum Erdduft und zur Einfachheit
wenigstens in Ferienwochen heimfhren. Es soll und es mu gelingen. Alle,
die einmal Ferien vom Ich machen, die als neue, als ganz andere Menschen,
losgelst von allem, was sie drckte und knickte, auf einige selige Wochen
zum Ausgangspunkte, zum Mutterscho unseres Kulturlebens zurckkehrten,
zum Bauern-, Hirten- und Fischerleben - sie mssen mit gesnderem Herzblut
in ihr Leben zurckkehren, sie mssen mehr gewinnen als durch
Mineralwasser und Bderzerstreuung.

Die Hirten, Fischer und Jger vergesse ich neben den Bauern nicht. Wenn da
einer kommt, der vor dem Revolver stand, weil er berreizt war, der soll
oben an der Ginsterheide die Khe hten. Den ganzen Tag wird er aufmerksam
sein mssen, da die Bullen sich nicht bekmpfen und da glcksduselige
Muttertiere mit ihren mutwilligen Klbern nicht den nahen Klee
zerstampfen, und abends wird der Mann einsam vor einem wohlig
ausgestatteten Hirtenhuslein sitzen, die wiederkuenden Tiere werden um
ihn sein, und die Sterne werden ber ihm wandern und ewige Worte zu ihm
reden; es wird aus Verlassenheit und Gram ganz mhlich Ruhe und Frieden
werden, und in den Menschenha wird sich die Sehnsucht einschleichen:
"Nchsten Sonnabend, wenn ich Urlaub habe, gehe ich in die Lindenherberge
und sehe lustigen Menschen zu!"

Oh, wie ich nach guten Bauern, so werde ich nach guten rzten suchen
mssen. Nicht ihr rztliches Wissen ist fr mich in der Hauptsache
magebend. Ob sie gute Psychologen, ob sie tiefe Menschenfreunde sind,
danach werde ich fragen. Die Jger - ach, die Jger, wird es wohl heien,
sind sowieso gesund. Die zu uns kommen, sind es nicht. Nur die
Stubenhocker werde ich auf die Prsche schicken und nur die Zappeligen und
Unruhigen auf den Rehbock mit dem bestimmten Gehei, einen zu erlegen. Wie
sie da ruhig sitzen werden, heute drei, morgen fnf Stunden lang. Immer
vergebens. Und die Mcken werden stechen, und der Tau wird fallen. Und sie
werden nicht schimpfen drfen, wie sie es sonst tun.

So auch mit den Fischern. Die Aufgeregten werden so lange angeln, bis sie
befriedigende Beute bringen. Wessen Aufmerksamkeit wochenlang auf eine
Federspule gerichtet gewesen ist, der hat sich ausgeruht und singt abends
im Poetenwinkel sein Lied als einer der Andchtigsten der Lebensfreude.

Bauernhuser, Fischerhtten, Jger- und Hirtenhuslein, das werden in der
Hauptsache die Wohnsttten meines Ferienheims sein. Das ist eigentlich
mein ganzes Programm. Ich kann es keiner hochmgenden Kommission
einreichen, aber eben darum hoffe ich, da es gut ist. Im brigen bekenne
ich frei, da ich mich auf Architektenkunststcke nicht verstehe.

Ich habe trotzdem auf einer groen Karte unser ganzes Gelnde
aufgezeichnet und berall vermerkt, wo ein Bauernhof stehen soll, auch die
Grenzen seines Bezirks bestimmt; ich habe die Hirtenhuslein, die
Milchstuben, die Fischerbuden angegeben, und zwischen all dem Hin und Her
fhren Stege und Landstraen, alle krumm und winkelig, aber angemessen
dem, was an Hebung und Senkung des Terrains und was an Baumschlgen,
Hecken, Bchlein, Wald und Wiesenland da ist. Eine Umwallung werden wir
kaum brauchen, das Plateau hebt sich gen Waltersburg natrlich ab, nur an
der einen Stelle, wo das Gelnde nach der Stadt eben bergeht, wollen wir
eine Mauer und eine Pforte errichten. Neben der Pforte soll unser
"Zeughaus" stehen. Dort wird der Ankmmling, der sich entschlossen hat,
unsere Ferien zu ben, in seiner Zivilkleidung hineingehen, Kleider, Uhr,
Geld, alles, was er bei sich trgt, auch seinen Namen, ablegen, als neuer
Mensch, neugekleideter Feriengast ein neues Leben beginnen.

Das ist mein Plan. Ich wei nicht, ob er so ausgefhrt werden kann, ich
wei nur, da er so ausgefhrt werden sollte.





                                 DAS KIND


Mitten in der Arbeit taucht viel fter, als mir lieb ist, das Bild der
kleinen Luise vor mir auf. Am Morgen nach dem Theaterabend, als ich das
Kind im Hotel fand, war es ganz verngstigt, zitterte und weinte. Auf alle
Fragen sagte es immer nur: "Ich will heim!" Zu den Schindern ins Elend
wollte es zurck, weil es dort zu Hause war. Vor Stefenson und mir
frchtete sich die Kleine, und auch vor der fremden Schwester scheute sie
sich. Ich wollte sie streicheln, aber sie wich mir aus und duckte sich.
Das arme Ding hat wohl in seinem Leben schon viel Prgel bekommen. Ich
sagte freundlich zu ihr:

"Luise, frchte dich doch nicht. Sieh mal, ich meine es gut mit dir, ich
bin ja mit dir verwandt; ich bin dein Onkel."

Sie sah scheu an dem fremden Manne empor, der ihr wohl zu vornehm
erschien, um mit ihr verwandt zu sein. Ob sie einen Vater oder eine Mutter
oder eine Gromutter habe, wie andere Kinder, danach fragte sie nicht. Es
war auch besser; denn ich htte ihr sagen mssen: "Nein, das hast du alles
nicht; du hast nur einen Onkel." Whrend ich mir noch vergeblich Mhe gab,
ein klein wenig das Zutrauen von Luise zu gewinnen, erschien Stefenson mit
einem Diener, der ein groes Paket schleppte. Das Paket legte der
Amerikaner vor dem Kinde auf den Tisch und sagte:

"So, da habe ich dir ein bichen Spielkram gekauft!" Es war eine kleine
Weihnachtsausstellung von allerhand Spielzeug: Puppen, eine kleine Wiege,
Hampelmnner, Kreisel, Schachteln mit geschnitzten Tieren, Baukasten und
viele Kleinigkeiten. Sogar eine Knallpistole war dabei. Dem Kinde entfuhr
ein kleiner Schrei seligen Erschreckens, es erhob die Hndchen, tastete
schchtern nach einer Puppe, zuckte aber zurck. Da fuhr sie Stefenson an:
"Nun, du kleine Gans, so greif doch zu! Das ist alles dein. Das mut du
nehmen. Damit mut du spielen, sonst setzt es was ab!"

Auf diesen rauhen Ton war Luise offenbar gut eingerichtet. Sie fing
gehorsam an zu spielen. Nach fnf Minuten kam ein leises Lachen, das
Gesichtchen erhellte sich, und ich sah noch deutlicher als gestern beim
ersten schreckhaften Begegnen in Joachims Zge, sah in Joachims Augen. Ich
erinnere mich nicht, je ein kleines Mdchen gesehen zu haben, das so
auffallend dem Bilde ihres Vaters glich, wie Luise meinem Bruder hnlich
ist. Wir hatten vielerlei in Berlin zu tun und blieben acht Tage dort. Am
fnften Tage kam Stefenson in mein Zimmer und sagte:

"Jetzt hat mich das Balg gefragt, wenn Sie ihr Onkel wren, ob ich
vielleicht ihr Vater sei? Nu nee, du kleine Gans, das fllt mir gar nicht
ein, dein Vater zu sein. Na, sie heulte gleich, und da hab ich denn
gesagt, ich bin ihr Stiefvater. Damit war sie ganz zufrieden."

Ich wute schon, da Luise in groer Liebe und Dankbarkeit an Stefenson
hing. Seine rauhe, kurze Art schreckte sie nicht, und seine Frsorge tat
ihr wohl.

So war der Abschied nach acht Tagen, als Luise nach Thringen fahren und
wir nach Waltersburg zurckkehren muten, schmerzlich fr das Kind. Nur
der Abschied von Stefenson, nicht der von mir, obwohl sich Luise
inzwischen auch zu mir ganz freundlich gestellt hatte.

Als wir im Eisenbahnwagen saen, sagte Stefenson: "Die Gefhlsduselei mit
dem Kinde hrt nun auf. Dazu haben wir keine Zeit."

Ich nickte ihm zu und schwieg. Als ich nach Hause kam, trat mir die Mutter
mit fragenden Augen entgegen.

"Ich habe das Kind in saubere Verhltnisse gebracht", sagte ich ihr und
ging in mein Zimmer. Die Mutter fragte nicht mehr, und ich erzhlte
nichts. Wir fhlten beide, wie sich eine eiskalte Wand zwischen uns
aufrichtete. Nach drei Tagen sagte die Mutter, Joachim habe geschrieben,
es gehe ihm gut. Mir war dabei, als ob sie von einem fremden Menschen
erzhlte, dessen Schicksal mich nichts angehe.

                                    *

Die Zeichnungen, der Aufbau meines groen Ferienheims nahmen mich fortan
ganz in Anspruch. Ich kann sagen, es waren reine Glckstage, Tage voll
Fruchtbarkeit, Hoffnung, Kraftgefhl. Und doch stahl sich Luises Bild bei
Tag und Nacht in meine Seele. So sagte ich mir eines Morgens, an drei
verlorenen Arbeitstagen lge nicht viel, Stefenson se sicher weit unten
in Palermo oder Syrakus, und sehr bald nach diesen Erwgungen sa ich in
einem Schnellzuge nach Thringen.

Ich hatte die Freude, da mir Luise vertrauensvoll und dankbar
entgegenkam, und da sie sich schchtern an mich schmiegte, als ich sie
auf die Stirn kte.

Die wrdige Vorsteherin des Pensionats sagte, es sei ja wohl noch zu kurze
Zeit, als da das Kind sich schon in ihm vllig fremde Kultur ganz htte
fgen knnen; aber Luise zeige so gute krperliche und geistige Anlagen,
da sie hoffe, das Kind wrde mir recht bald Freude bereiten. Die Anstalt
lag an der Promenade der hbschen thringischen Stadt. Als ich das Haus
verlie, sa gegenber dem Eingang auf einer Ruhebank Mister Stefenson. Es
blieb mir gar keine Zeit, mich gro zu erstaunen, sondern er trat mir
gleich entgegen und sagte mrrisch:

"Ich finde das sehr merkwrdig von Ihnen, da Sie auch jetzt noch Zeit zu
solchen Exkursionen haben." "Ach, Mister Stefenson", entgegnete ich
heiter, "ich dachte, Sie wren Ihrerseits noch auf Ihrer Exkursion nach
Sizilien."

"Sticheln Sie nicht", entgegnete er finster; "ich bin nicht nach Sizilien
gefahren zum Amsement oder um einem kleinen Gnschen nachzureisen,
sondern um in aller Ruhe die Plne fr unser Ferienheim machen zu knnen.
Wenn ich nun Pech gehabt habe mit den drei Plnen, die ich gemacht habe,
weil ich den ersten in Palermo zerrissen, den zweiten in Modena verbrannt
und den dritten in Luzern berhaupt nicht erst angefangen habe, so hatte
ich doch gehofft, Sie wrden inzwischen Gewissen genug haben, zu Hause zu
bleiben und zu arbeiten."

"Hab ich auch, Mister Stefenson! Mein Plan ist fertig."

"Ah - das ist gut. Wieviel kostet er? Wie balanciert er?"

"Was er kostet, wie er balanciert, wei ich nicht. Das ist nicht meine
Sache. Ich bin kein Kaufmann. Wofr sind Sie da?"

"Frs Geldgeben!"

Er schttelte melancholisch den Kopf.

"Ihr Plan ist unrentabel", sagte er dster.

"Mister Stefenson, ich will Ihnen einen alten deutschen Witz erzhlen. Ein
Schlchter kam in eine kleine Wirtschaft, um eine Kuh zu kaufen. Der Bauer
fhrte ihn nach dem Stalle. Sie kamen in einen ganz dunklen Raum. Da sagte
der Schlchter: 'Aber Mensch, wie kann ich Ihnen fr ein so elendes Tier
so viel Geld geben, wie Sie verlangen?' - 'Sachte', sagte der Bauer, 'das
hier ist nur der Rbenraum, die Kuh steht erst hinter der nchsten Tr.'"

"Was gehen mich Ihre verdammten deutschen Witze an?" grollte Stefenson.

"Fahren wir erst nach Hause", entgegnete ich. "Und vorher knnen Sie ja
mal die kleine Luise besuchen. Sie macht sich heraus."

"Das fllt mir nicht ein", sagte Stefenson kalt. "Ich hasse diese deutsche
Sentimentalitt."

So fuhren wir nach Hause. Ich bergab Stefenson meine Zeichnungen und
schriftlichen Ausfhrungen. Er nahm sie mit nach Neustadt, wo er immer
noch in einem Hotel wohnte. Nach fnf Tagen suchte ich ihn zu sprechen. Es
hie, Mister Stefenson sei verreist. Eine Viertelstunde etwa dachte ich
darber nach, wohin Stefenson wohl sein knne. Dann telegraphierte ich an
die Vorsteherin des Instituts in Thringen:

"Ist Mister Stefenson noch dort?"

Am Abend kam die Antwort:

"Stefenson war hier, ist aber eben zurckgereist."

Darauf machte ich mir das Vergngen, zum Neustdter Bahnhof zu gehen und
den Zug zu belauern, von dem ich vermutete, da er Herrn Stefenson
mitfhren wrde. Ich hatte den Zeitpunkt ganz richtig aus dem Kursbuch
festgestellt.

Als Stefenson die Bahnsperre passierte, trat ich ihm pltzlich entgegen,
und er war nicht weniger erschrocken als ich, da ich ihn pltzlich auf der
Promenadenbank in Thringen traf.

"Guten Abend, Mister Stefenson", sagte ich, "wie geht es der kleinen
Luise?"

"Wieso - wieso - Luise - was geht mich das Gnschen an?" versuchte er sich
herauszulgen.

Ich blickte ihn freundlich an und sagte:

"Die Frau Vorsteherin, die ich telegraphisch anfragte, sagte mir, da Sie
dort waren."

Da hustete er.

"Wissen Sie was", sagte er zornig, "es ist nicht schn, da Sie mir
nachspionieren. Was geht mich das Gnschen an? Aber da Sie schon mal so
ein Spion sind, will ich Ihnen sagen, ich kann fr diese Schwche nichts.
Meine Mutter war eine Deutsche."





                               VORARBEITEN


Es ist ein halbes Jahr her, seit ich die letzte Eintragung in mein
Tagebuch machte. Im Mai war es, als Stefenson erschnoben hatte, da ich
ein Tagebuch fhre und darin manches ber den Ausbau unseres Ferienheims,
aber auch ber seine eigene Person niedergeschrieben habe. Seit der Zeit
qulte er mich, ihm das Tagebuch einmal zur Lektre zu berlassen. Er war
neugierig wie ein Backfisch, und es ntzten mich alle Versuche nichts, ihm
klarzumachen, da es - gelinde gesagt - sehr indiskret sei, Einblick in
ein fremdes Tagebuch zu verlangen. Es dauerte so lange, bis er die
Aufzeichnungen in Hnden hatte. Dieser Mensch ist ein ganz wunderliches
Gemisch von Kindlichkeit und halsstarriger Energie.

Nach drei Tagen gab mir Stefenson das Tagebuch zurck und sagte, indem er
ein sauerses Lcheln zwischen seinen dnnen Lippen zerquetschte: "Sie
haben mich sehr schlecht charakterisiert."

"Dieses Urteil sah ich voraus, Mister Stefenson; die Fortsetzung des
Tagebuches werden Sie auch nicht zu sehen bekommen."

Er machte eine Handbewegung, die bedeuten sollte, daran liege ihm auch
nichts, und ging wieder nach seinem "Bro". Dieses besteht aus einer
Holzbude, in der ein langer roher Tisch, einige Brettsthle, ein
Kleiderhaken und der Telephonapparat die ganze Ausrstung bilden. Der
Tisch ist mit Papieren aller Art bedeckt. Hier liegen die kostbaren Plne
unserer Ferienhuser, sind Aktenste, stehen Modelle. In einem Nebenraume
klappern ein paar Schreibmaschinen. Stefenson sagte mir einmal,
Schreibmaschinenklappern und Telephongeschelle sei ihm die schnste Musik.

In dem Bro sind unsere Beratungen. Dorthin mssen Architekten,
Maurermeister, Lieferanten aller Art, Verwaltungsbeamte, Stellungsuchende
zum Vortrag kommen. Anfangs hatte Stefenson die Absicht, mich von den
Hauptkonferenzen mit den Bauleuten auszuschlieen oder mir doch eine rein
zuhrende Rolle zuzuweisen. Als ich ihm aber energisch sagte, er scheine
vorzuhaben, ein schleudriges Klein-Chicago zu errichten, das sich ganz gut
fr Engros-Schweineschlchterei, aber nicht fr mein romantisches
Ferienheim eignen mge, wurde er immer stiller und lie mich nach und nach
mit den Architekten selbstndig wirken. Nur das Tempo der Arbeit bestimmte
er, und das stand immer auf Volldampf. Der Mann arbeitet selbst von
morgens fnf Uhr bis nachts um elf, ohne irgendwelche Ermdung zu zeigen.
Stefenson leitet seine Verhandlungen meisterhaft; keine Kleinigkeit
entgeht ihm. Sobald ein Thema angeschlagen ist, wird es Schritt fr
Schritt erledigt. Kein Abweichen vom Wege ist erlaubt. Das
Dazwischenwerfen einer aufblitzenden, abseits liegenden Idee ist streng
verpnt, kein unfruchtbares Durcheinandergerede gestattet, sondern
planmige, geordnete Arbeit wird geleistet, Fr und Wider werden kurz
beleuchtet, Nebenschlichkeiten unter den Tisch fallen gelassen, der
Beschlu knapp und fast immer schriftlich gefat; dann wird aber auch im
Verlauf der weiteren Verhandlungen auf den erledigten Punkt nie wieder
zurckgegriffen. So wute man am Schlu solcher Verhandlungen immer: das
stand zur Beratung, das ist beschlossen, so und so, dann und dann mu es
ausgefhrt werden. Stefensons Gehirn hat eine wohlgeordnete Registratur,
und etwas schwrmerisch angelegte Leute wie ich, denen leicht die Gedanken
durcheinander purzeln, knnen viel von solchem Manne lernen. Nur darf
Stefenson meine romantische und philanthropische Idee nicht aus dem Auge
lassen, und das tut er auch nicht. Stefenson und ich sind in vielen Dingen
die reinsten Antipoden; aber ich schtze es als Glck, mit einem so klaren
Kopf zusammen zu arbeiten, wenn ich auch manchmal einen wilden Zorn ber
seine Kaltschnuzigkeit habe. So ist der Mann. Wir vertragen uns und haben
Hndel miteinander - je nachdem. Ich glaube, ich werde gut fahren, wenn
ich mit Stefenson gleichen Kurs halte. Es gibt kaum ein greres Unglck
auf der Welt, als sich mit dummen oder schwachen Menschen zu verbinden,
und kaum einen greren Vorteil, als einen klugen Freund.

                                    *

Als unsere Idee bekannt wurde, war die Physiognomie der Waltersburger
ungefhr die eines Kalbes, das zum ersten Male donnern hrt. Die Leute
wunderten sich rasend. Sie steckten die Kpfe zusammen, redeten viel auf
den Bierbnken und kamen doch, da sie immer nur Gerchtsbrocken sammeln
konnten, zu keinem klaren Bilde.

Den Ausschlag soll der Amtsrichter gegeben haben, der sich dahin geuert
hat: es scheine sich um eine Art Verrcktenanstalt im groen zu handeln;
den ntigen Spleen scheine ich von der Weltreise mit heimgebracht zu
haben, und was etwa fehle, habe Mister Stefenson aus seinem reichen Vorrat
an Tollheit ergnzt.

Gnstig war uns von Anfang an die Stimmung der Waltersburger gar nicht. Zu
dem neidischen und verrgerten Gefhl, das einem unerwarteten Werk vom
lieben Publikum immer gespendet wird, gesellte sich ein ganz besonderer
Verdru. Stefenson hatte erklrt, da er eine ganz neue Gemeinde begrnden
werde mit einem eigenen Brgermeister und einer Verwaltung, die alles im
Umkreise Bekannte in den tiefsten Schatten stellen werde.

Darber waren die Waltersburger wtend. Nachdem ihnen schon die Neustdter
untreu geworden und der Mutterstadt gewaltig ber den Kopf gewachsen
waren, sollte sich hier auf ehemaligem Waltersburger Grund und Boden
abermals ein neues Gemeinwesen auftun, das den Bestand Waltersburgs
verkrzte und die eigene Stadt in immer kmmerlichere Unberhmtheit
drngte. Waltersburg war wie eine Mutter von mittelmigen Anlagen, die
sich rgert, wenn ihre Tchter in der Gesellschaft Glck haben.

Eitel waren die Waltersburger immer. In der Pfarrkirche ist ein Altarbild,
das angeblich von Tintoretto stammt. Ein begterter Graf, der ehemals hier
residierte, soll es von einer Pilgerfahrt mitgebracht haben. Die Echtheit
des Bildes ist zweifelhaft, nur nicht fr die Waltersburger, die das
Gemlde zu den Meisterwerken Tintorettos rechnen. (Tintoretto, "das
Frberchen", hat bekanntlich neben ausgezeichneten Stcken viel
Mittelmiges, ja Schleudriges geleistet.) Als ein groes neues
Reisehandbuch erschien, waren die Waltersburger neugierig, ob ihr
Tintoretto zwei Sterne oder nur einen haben werde. Die Enttuschung war
gro; denn ganz Waltersburg mitsamt seinem Tintoretto wurde in dem
Handbuche berhaupt nicht erwhnt. Der Schrei der Emprung, den damals der
gebildete Teil der Stadt ausstie, hat noch heute ein Echo in vielen
Herzen.

Fr uns kam bald ein Umschwung. Stefenson berief eine Versammlung nach dem
Saale des grten Waltersburger Hotels, den "Drei Raben". Er lud zu dieser
"freien Zusammenkunft, in der er Aufschlsse ber seine Neugrndung geben
werde", nicht nur den Magistrat und alle Honoratioren mit ihren Damen,
sondern auch je einen Schuster, Schneider, Bcker, wie alle anderen
Handwerkszweige mit ihren Frauen. "Es mu wie bei der Arche Noahs sein",
sagte er gut gelaunt, "von jeder Art ein Prchen." Der Erfolg war schwach.
Einzelne zwar priesen Herrn Stefenson wegen seiner gerechten
unparteiischen Art, aber andere rmpften auerordentlich stark die Nasen,
und als die Versammlung begann, zeigte es sich, da fast gar keine Frauen
da waren. Die Frau Provisor und die Frau Kanzleirat hatten entrstet
erklrt, man knne sich doch nicht mit Krethi und Plethi zusammensetzen,
und fast alle anderen "Damen der Gesellschaft" hatten sich dieser
Auffassung angeschlossen. Die Weiber der Handwerksleute aber hatten sich
"geniert", zu kommen. Aber auch die Mnner waren nur in schwacher Anzahl
erschienen. Der Magistrat lie sich durch einen Beisitzer vertreten. Am
meisten freute es mich, da der Lehrer Herder da war. Er wurde auch zum
Leiter der Versammlung gewhlt. Stefenson hielt eine Rede. Er spricht die
deutsche Sprache ohne jeden fremden Akzent. Denn nicht nur seine Mutter
ist eine Deutsche gewesen; ich habe unterdes herausgekriegt, da
Stefensons Vater zwar ein Stockamerikaner von reinster Monroedoktrin war,
da aber sein Grovater bis zu seinem dreiigsten Lebensjahre in Hamburg
gelebt hat und bis dahin Georg Stefan hie. Stefenson hat rein deutsches
Blut in sich.

Der "Mister" sprach. Er sagte, ber die Idee seiner geplanten Kuranstalt
wolle er nicht reden; diese sei ein so unerhrtes, geniales Problem (dabei
trat er mich grob auf den Fu!), da er es im Rahmen einer so kurzen
Aussprache nicht erlutern knne. Waltersburg habe zwar keine hervorragend
gnstige Lage und werde von vielen anderen Orten auch durch den Reiz der
Umgebung wesentlich bertroffen (Gebrumm in der Versammlung), aber sein
Freund und rztlicher Beirat sei ja, wie alle wten, ein Waltersburger
Kind, und so habe er dem Freund zuliebe dieses Gelnde fr die Ausfhrung
seiner Idee gewhlt. Er gehre zu den Leuten, die sich eher das eigene
Hemd ausziehen, als da sie zugeben, da der Freund friere. (Frau
Postschaffner Hempel verlie entrstet das Lokal.) "Kommen Sie gut nach
Hause, Frauchen!" ruft ihr Stefenson nach. (Abermaliges Gebrumm.
Postschaffner Hempel erhebt sich, sagt in halblauter Entrstung: "Das ist
ja kolossal!" und stampft seiner Ehehlfte nach.) "Also", fhrt Stefenson
ruhig fort, "was mir eine Hauptsache zu sein scheint: ich beabsichtige
nicht, eine neue politische Gemeinde zu grnden; ich werde meine Siedelung
unter den amtlichen Schutz des Magistrats von Waltersburg stellen."
(Freudige Verblffung. Der Beisitzer horcht auf und trommelt erregt mit
den Fingern auf den Tisch.) "Ja", geht Stefensons Rede weiter, "wir werden
unserem Sanatorium, das seinesgleichen in der Welt nicht hat, den Namen
'Kuranstalt Waltersburg: Ferien vom Ich' geben, und der Schnickschnack vom
sogenannten modernen Badeort, wie es Neustadt ist, wird in Dunst
zerstieben vor der glorreichen Waltersburger Neugrndung. (Der Beisitzer
springt auf, beurlaubt sich bei dem Vorsitzenden auf wenige Minuten und
strmt aus dem Saal.) Mitbrger von Waltersburg! Damen und Herren! (Von
den Damen ist nur noch die phlegmatische Grtnersfrau Bchel anwesend.) Es
macht mich glcklich, da Sie in solcher Anzahl erschienen sind. Etwas
Erfreuliches kann ich Ihnen mitteilen. Ich erwarte, da binnen zwei Jahren
unsere Kuranstalt etwa zwei Dritteile Ihrer gesamten Gemeindesteuern
tragen wird, so da Ihre bisherigen hundertzwanzig Prozent auf vierzig
Prozent herabsinken werden. (Erschrecktes Aufatmen, dann lautes Bravo.
Bckermeister Schiebulke und Klempner Geldermann strzen im
Geschwindschritt von Siegesboten auf die Strae.) Ja, aber, meine sehr
teuren Mitbrger, auch Opfer werde ich von Ihnen verlangen mssen.
(Kunstpause des Redners. Bedrcktes Schweigen der Zuhrer.) Wir haben
nicht Zeit, der Verwirklichung unserer Idee sehr viel Zeit zu widmen; wir
mssen die Aufgabe im Sturm nehmen. Binnen Jahresfrist mu alles fix und
fertig sein. Sie werden begreifen, da dafr ein Heer von Architekten,
Bauleitern, Maurern, Zimmerleuten, Tapezierern, Tpfern, Tischlern,
Glasern, Klempnern, Schmieden, Schlossern, Stubenmalern, Grtnern und
Hilfsarbeitern aller Art ntig sein wird, nicht zu rechnen die Legion
derer, die diese Schar versorgt mit Nahrungsmitteln, mit Kleidern,
Schuhen, Mtzen und Wsche. Ja, liebe Waltersburger Mitbrger, Ihre ganze
prchtige Kaufmannschaft, alle Ihre Handwerkerkreise mu ich mobil machen,
um meiner Aufgabe gerecht zu werden, alle werden ihren Betrieb
verzehnfachen mssen ..."

Der Redner hielt inne; denn die Zuhrerschaft keuchte zu laut. Die
Erregung stieg aufs hchste. Da kam die von Stefenson ganz leichthin
gesagte, aber bis ins Mark treffende Schlubemerkung: "Ich mchte mit
Waltersburger Brgern Abkommen treffen. Was das Finanzielle anbelangt, so
wird nichts auf Ziel entnommen, sondern alles immer sofort bar bezahlt
werden."

Da war es aus. Alles erhob sich; selbst die dicke Grtnersfrau wappelte
sich empor und wischte sich den Schwei von der Stirn.

Ein Handwerker stieg auf einen Stuhl.

"Das ist gut!" rief er; "das ist famos! Herr Stefenson lebe hoch!"

"Hoch!" schrien die paar Mnnlein, die noch da waren. Im selben Augenblick
strzte der Beisitzer in den Saal.

"Der Herr Brgermeister", keuchte er, "der Herr Brgermeister, der bis
jetzt leider verhindert war, kommt selbst."

Stefenson nickte ihm lchelnd zu. Da wurde es lebhaft auf der Treppe,
Mnner und Frauen aller Gesellschaftsschichten fllten den Saal. Eine
halbe Stunde lang stand Stefenson steif und still, und als alle da waren,
auch der Brgermeister, sagte er:

"Ich habe dem, was ich vor Ihnen, sehr geehrte Herrschaften, ber meine
Neugrndung heute ausgefhrt habe, nun nichts mehr hinzuzufgen."

Worauf sich der Leiter der Versammlung, Lehrer Herder, erhob und in einer
glnzenden Erfassung der Situation sagte:

"Ich schliee die Sitzung!"





                         DIE "NEUSTDTER UMSCHAU"


In Neustadt erscheint ein Blttchen, die "Neustdter Umschau". Es kommt
wchentlich zweimal heraus in einem Umfang, da eine einzige Nummer
gengt, ein Butterbrot gut zu verpacken. Als der Verleger einen neuen
Redakteur suchte, versprach er einen Monatsgehalt von sechzig Mark. Es
meldeten sich drei Doktoren, sechs Referendare, zwanzig Studenten, sieben
ehemalige Lehrer, ein "sehr gebildeter" Schlossermeister, davongejagte
Seminaristen, freie Schriftsteller und ein paar schwankende Gestalten. Der
Verleger whlte von der ganzen Rotte den Unfhigsten, einen
herabgekommenen, versoffenen Kerl, der aber _Doctor juris_ war, was in der
"Umschau" mit Fettdruck angezeigt wurde. Dieser Mensch macht die "Umschau"
in der Art, da er in seiner nchternen Tagesstunde, die vormittags nach
seinem jeweiligen Aufstehen liegt, im Lesesaal des Neustdter Kurhauses
den Stoff fr die nchste Nummer aus grostdtischen Zeitungen abschreibt.
Einen lokalen Teil hat die "Umschau" kaum; jedenfalls war er stets uerst
jmmerlich. Desto mehr fiel es auf, als das Blatt auf einmal recht flotte,
wenn auch dreist geschriebene Artikel gegen unser Waltersburger Ferienheim
brachte.

Der erste Artikel beschftigte sich mit mir. Es wurde darin ausgefhrt,
da ich nach meiner Promovierung (die, wie man erfahre, nicht ohne gewisse
Schwierigkeiten vor sich gegangen sei) eiligst das Vaterland verlassen
habe, um auf allen Meeren und unter allen Breitengraden der leidenden
Menschheit meine rztliche Kunst angedeihen zu lassen. Das einzige Leiden,
mit dem ich zu tun gehabt htte, wre die Seekrankheit gewesen, und da
sich gegen diese bekanntlich berhaupt nichts tun lasse, so sei ich ja
sicher ganz am Platze gewesen. Mein Geist habe so ungeheuer viel Zeit zum
Ausruhen gehabt, da ich (wahrscheinlich unter dem verheerenden Einflu
der Tropensonne) auf die Idee meiner Anstalt "Ferien vom Ich" gekommen
sei. Neustadt solle jubeln und mir eine Dankadresse schicken, mir auch
sonst alle mgliche Frderung angedeihen lassen; denn das moderne Weltbad
spare sich durch meine Anstalt ein Hanswursttheater, und es wre nur zu
bedauern, wenn sich die Neugrndung nicht bis zum nchsten Fasching
hielte. In dem jederzeit reichhaltigen Vergngungsprogramm von Neustadt
wrde es sich jedenfalls ganz gut ausnehmen, wenn es um die Faschingszeit
hiee: Morgen Besichtigung der Waltersburger Kuranstalt "Ferien vom Ich".
ngstliche seien versichert, da ein Ausbruch von Irrsinn nicht zu
befrchten ist, da sich dieser in der Waltersburger Anstalt nur ganz
harmlos und kindlich uere.

                                    *

Das war der Begrungsartikel, der meiner Grndung von dem
freundnachbarlichen Neustadt zuteil wurde. Stefenson brachte ihn mir
persnlich. Er beobachtete mich, als ich ihn las.

"Niedlich!" sagte ich; "ich htte das den Kerlen gar nicht zugetraut."

"Na, sehen Sie", atmete Stefenson auf, "es freut mich, da Sie nicht
entrstet sind oder diesen braven Zeilenschinder etwa gar verklagen
wollen. Der Artikel ist wirklich nett."

Eine der nchsten Nummern der "Umschau" beschftigte sich mit Mister
Stefenson. Es hie darin, nach authentischen Ausknften aus Amerika sei
Mister Stefenson, der bekanntlich das Waltersburger
Kuranstalts-Unternehmen finanziere, einer der merkwrdigsten
Geschftsleute aus dem Lande der unbegrenzten Mglichkeiten. Seine
geschftliche Laufbahn habe Stefenson als Kchenboy in einem Hotel vierten
Grades begonnen. Als aber der einzige silberne Lffel, ber den jenes
Hotel verfgte, eines Tages verschwand und ganz zufllig in der
Pappschachtel, die des jungen Stefenson Kleiderschrank darstellte,
aufgefunden wurde, wohin er auf eine Herrn Stefenson auch jetzt noch ganz
unerklrliche Art gekommen wre, sei der vielversprechende junge Mann nach
Texas ausgewandert. Aber auch dort sei er vom Unglck verfolgt worden.
Denn obwohl der Strick, an den die Bewohner einer Farm den Jngling wegen
angeblichen Pferdediebstahls hingen, ri und also gewissermaen ein
Zeichen vom Himmel fr die Unschuld des Gerichteten vorlag, htten die
barbarischen Urwaldsgesellen den Gast aus dem Norden so frchterlich
geprgelt, da Stefenson zwei knstliche Rippen als Andenken an jenes
Abenteuer behalten habe. Das weitere Leben des Mannes, den die
Waltersburger im Begriff stnden, zu ihrem Ehrenbrger zu machen, sei
ebenfalls recht bewegt und reich an Zwischenfllen gewesen. Stefenson sei
einmal als Kutscher bei einem groen Petroleumtransport engagiert gewesen.
Dieser Transport sei von Indianern berfallen, die ganze Begleitmannschaft
tot- und smtliche Petroleumfsser entzweigeschlagen worden. Nur Stefenson
sei am Leben geblieben, da er so vorsichtig war, bei der herannahenden
Gefahr als erster zu fliehen. Es habe sich nun so gefgt, da Stefenson am
nchsten Tage zwei abenteuernde, reiche, aber recht dumme Kerls in einer
benachbarten Stadt getroffen und diese vertraulich auf ein Gelnde
aufmerksam gemacht habe, wo ohne Zweifel starke Petroleumquellen vorhanden
seien. Diese beiden Burschen habe Stefenson, nachdem er die Spuren des
berfalls grndlich beseitigt hatte, auf das Gelnde gefhrt, allwo noch
ein penetranter Petroleumgeruch war, und die beiden Gimpelchen htten sich
bereit erklrt, an Stefenson zunchst mal fnfhundert Pfund zu zahlen,
damit er alles Ntige fr die Erschlieung der Quellen in die Wege leite.
Als sich aber Stefenson die Sache weiter bei sich selbst berlegt habe,
htte er sich gesagt, wenn er ehrlich sein wolle, msse er an der
Ergiebigkeit des Unternehmens zweifeln, er wolle also seinen Geldgebern
lieber weitere unntige Kosten ersparen und, ohne sich erst durch "Good
bye" und andere Abschiedsfrmlichkeiten aufzuhalten, sofort nach Chikago
verschwinden.

Die fnfhundert Pfund (das seien nach deutschem Gelde zehntausend Mark),
die Stefenson mitgenommen habe, htten die Basis fr seine weiteren
geschftlichen Unternehmungen gebildet, fr Unternehmungen, die nicht
weniger originell als die Petroleumgeschichte gewesen seien. So sei
Stefenson nach und nach zu einem gewissen Vermgen gekommen. Da aber die
engherzigen amerikanischen Richter fters an Herrn Stefensons
Geschftsusancen Ansto genommen und es dem sonst ganz anspruchslosen
Manne trotz der geradezu luxurisen Ausstattung der amerikanischen
Gefngnisse in diesen gar nicht gefallen habe, so sei er auf den Einfall
gekommen, sein Wirkungsfeld vorbergehend mal nach Deutschland zu
verlegen, und seine Wahl sei auf Waltersburg gefallen, die Stadt, die das
weie Lamm im grnen Felde in ihrem Wappen fhre.

Als ich diesen Artikel gelesen hatte, geriet ich in groe Aufregung.
Stefenson verstand mich nicht.

"Es ist wahr", sagte er; "der Artikel knnte farbenreicher gehalten sein,
die Geschehnisse sind etwas nchtern gegeben, aber, mein Lieber, der
heutige Geschmack verpnt das Allzukrasse. Ich finde den Artikel
ausgezeichnet, viel, viel besser als den, der neulich ber Sie in dieser
Zeitung stand."

"Stefenson!" schrie ich ihn an; "sehen Sie denn nicht ein, da uns dieser
Zeilenschmierer, dieser Sffling unmglich macht? Jetzt bleibt nicht
anderes mehr brig, jetzt mssen Sie den Mann verklagen."

"Ja, glauben Sie, da ich toll bin?" entgegnete Stefenson. Ich erzhlte
ihm, was schon der Artikel ber mich fr allerhand Unheil angerichtet
habe. Nicht blo, da sich meine Mutter fast die Augen aus dem Kopfe
geweint habe, ich htte gehrt, wie die Leute hinter mir zischelten.
"Stefenson, unseren guten Ruf mssen wir behalten, sonst sind wir
ruiniert."

"Guten Ruf?" verwunderte er sich. "Wie kann man seinen guten Ruf behalten,
wenn man Geschfte macht? Das ist doch unmglich. Er wird einem doch
selbstverstndlich kaputt gemacht. Wenigstens uerlich - in der
gegnerischen Presse - das ist ja unausbleiblich. Darber regt man sich
doch nicht auf!"

Ein Brllen tnte von der Strae herauf.

"Der Pferdedieb! - Der Lffelstehler! - Der Petroleumstnker! Raus, raus!"

Stefenson lugte durch die Gardine.

"Sechs oder sieben junge Burschen. Sie benehmen sich ganz weltstdtisch.
Petroleumstnker ist bei der Krze der Zeit schon ein ganz gut geprgter
Zuruf!"

"Stefenson, es geht nicht - Sie werden sehen, es geht bei uns nicht. Sie
sind hier nicht in Amerika. Die ganze Stadt wird uns boykottieren."

"Desto besser."

"Die Geschftsleute werden nicht mehr liefern."

"Gegen bar werden sie bestimmt liefern."

"Nein, unser ganzes Unternehmen wird scheitern, wenn Sie den infamen
Artikel nicht Zeile fr Zeile in ffentlichem Gerichtsverfahren als Lge
brandmarken."

"Das soll mir gewi nicht einfallen", lachte er.

Es war in meiner Wohnung am Johannisplatz, wo diese Unterredung stattfand.
Das Lrmen auf der Strae wurde indes lauter, die demonstrierende Schar
wurde grer. Da verlie mich Stefenson. Den Kopf mit seinem grauen
Zylinderhut bedeckt, schritt er seelenruhig durch die Menge. Diese schwieg
betroffen und gab eine Gasse frei, dann lrmten die Leute hinter Stefenson
her. Ich war so verbittert, da ich wohl eine Stunde lang planlos vor der
Stadt am Bache hin und her ging, ehe ich Stefensons Bro aufsuchte.

"Wissen Sie, was unser erster Architekt gemacht hat?" fragte er gleich bei
meinem Eintritt. "Seinen Kontrakt mit mir hat er gelst. Der Esel! Mir hat
er einen groen Gefallen getan; denn ich wei einen tchtigeren und
billigeren Mann, als er ist, und bin froh, da ich ihn loswurde. Glck mu
man haben!" Er rieb sich die Hnde.

"Mister Stefenson", sagte ich ernst; "wir werden wohl unsere Kontrakte
alle lsen mssen. Denn obwohl ich natrlich von dem Schundartikel eines
verkommenen Subjekts nicht ein Wort glaube, so sehe ich doch ganz klar,
da unsere Situation hier unhaltbar wird, wenn Sie sich nicht von dem
Schmutz, der auf Sie geworfen wurde, reinigen. Wir vermgen nicht ohne die
Achtung unserer Mitbrger zu bestehen. Wir werden unmglich!"

Stefenson ging mit groen Schritten auf und ab. Er kaute an seiner
pechschwarzen Zigarre. Ganz milde sagte er dann:

"Ja, sehen Sie, lieber Freund, Ihr Volk in Ehren - meine Mutter war ja
auch 'ne Deutsche ..."

"Und Ihr Grovater vterlicherseits war Georg Stefan aus Hamburg", wollte
ich dazwischenwerfen, verschluckte es aber.

"Ja, also die Deutschen", fuhr Stefenson fort, "bilden sich was ein auf
den Humor, den sie haben, und den andere, z. B. die romanischen Vlker,
gar nicht haben. Schn - ich gebe zu, Sie haben Dichter, die
ausgezeichneten Humor haben, und auch deutsche Geisteszivilisten sind
vielfach mit einer betrchtlichen Dosis von Humor begabt. Aber das ist
alles so - entschuldigen Sie - so sparsam, so auf Kleinbetrieb, auf
Hausbedarf berechnet. Der Humor, der ins Groe geht, der fehlt Ihren
Leuten. Himmel, ist das nicht grandioser Humor, wenn ein anstndiger Mann
sein Geld und seine Zeit auf eine groe, aber sehr wackelige Sache setzt,
und es kommt so 'n Preffchen und klfft was von Pferdedieb und
Petroleumstnker? Das nenne ich Humor. Das liest sich doch nett. Da hat
doch der Abonnent was von seinem Blatt. An die Geschichte glauben? Wenn
der Leser nur ein bichen Hirnschmalz hat, fllt's ihm nicht ein, ein Wort
zu glauben. Aber er tut so, als ob er's glaubte, er mimt mit in der
Maskerade und amsiert sich dabei kniglich. Und der, dem der Feldzug
gilt, wird ein bekannter, ein berhmter, ein reicher Mann. So sind alle
zufrieden: die Zeitung, die den Schwindel aufgebracht hat, die Leser, die
eine amsante Frhstckslektre gehabt haben, und der Mann, der
angegriffen worden ist und seinen Profit hat. Ich sage Ihnen, in Amerika
ist es leichter, zehn Verbrechen wirklich zu begehen als eines zu
erfinden, das originell genug ist, einem Manne der ffentlichkeit
angehangen zu werden. Und auch in Amerika lebt trotzdem jeder nur auf dem
Grunde des Vertrauens seiner Mitbrger. Aber der Humor, Mensch, der Humor
darf nicht fehlen!"

"Wir in Deutschland haben einen anderen Humor", sagte ich und war froh,
da es so ist.

Da kam einer unserer Baufhrer und meldete kleinlaut, da wahrscheinlich
fast alle unsere Arbeiter kndigen wrden. Als er gegangen war, sa
Stefenson gesenkten Hauptes am Tisch.

"Werden Sie nun begreifen", fragte ich, "da Sie die gerichtliche Klage
anstrengen _mssen_, da es absolut Zwang fr uns ist?"

"Ich kann die Leute nicht verklagen", sagte Stefenson schwermtig.

"Sie knnen nicht?" fragte ich betroffen. "Warum knnen Sie nicht?"

"Weil ich den Artikel ber Sie und ber mich selbst geschrieben habe."

Ich sprang auf. Stefenson winkte sacht mit der Hand.

"Ja, sehen Sie, das ist so gekommen: Ich dachte, wenn ich die Artikel in
das Neustdter Blatt lanciere, gibt es Aufsehen in der Gegend. Und es ist
billig. Mit hundert Mark war der Redakteur zufrieden, mit dreihundert der
Verleger, so da sie mir die Erlaubnis gaben, mich und meine Sache in
ihrem Blatte recht krftig zu beschimpfen. Na, ich wollte die Geschichte
so durch zwei, drei Wochen fortsetzen, dann wollte ich das Waltersburger
Stadtblatt ebenfalls gewinnen und darin Artikel gegen die Neustdter
"Umschau" loslassen. Das sollte so hbsch hinber und herber gehen, bis
zuerst die Provinz- und dann die hauptstdtische Presse davon Notiz nahm
und im bunten Teil Auszge brchte, etwa unter der berschrift: 'Der Sturm
im Wasserglase' oder 'Krieg der Zaunknige' oder 'Ein Mordsskandal in
Dingsda' oder so hnlich. Da htte nun das groe Publikum auf einmal etwas
von uns gehrt, htte die bittere Pille unserer Idee in der Verzuckerung
sensationellen Humors geschluckt, und berall htte man von uns und
unserer originellen Kuranstalt gesprochen, und wir wren durchgewesen.
Diese ganze schne Propagandaidee htte mich etwa lumpige tausend Mark
gekostet, und nun fllt sie durch die Humorlosigkeit dieser Leute
zusammen."

Ich kam aus der Verblffung zuerst nicht heraus. Dann aber begriff ich,
was zu tun sei.

Es stellte sich heraus, da Stefenson nach seiner Art mit dem schmierigen
Zeitungsleiter von Neustadt alles schriftlich vereinbart hatte, da also
Beleg- und Beweismaterial da war. Das freute mich, und ich entwarf in Eile
einen kurzen Artikel fr unser "Waltersburger Tageblatt". Er lautete:

"Einen frchterlichen Reinfall haben die Neustdter erlebt. Ihre
weitverbreitete 'Umschau' hat ihren sieben Lesern (bitte! sieben ist kein
Druckfehler) Schauermren ber die Unternehmer der in Waltersburg zu
begrndenden groen Kuranstalt aufgebunden, Geschichten von geradezu
grotesker Dummheit. Whrend das gebildete Waltersburger Publikum diese
klatschfetten Zeitungsenten als solche natrlich sofort erkannt hat,
sollen sie gewissen Neustdter Kreisen ber die Maen gemundet haben. Denn
der Ha gegen das aufblhende Waltersburg ist zu gro, als da nicht auch
die eselhafteste Lge, wenn sie nur gegen die Nachbargemeinde gerichtet
ist, in Neustadt Glauben fnde. Wie schwer der Reinfall ist, mge
folgender Aufschlu bekunden: Mister Stefenson hat der von ihm
hochgeachteten Gemeinde Waltersburg, der vielgeschmhten Stadt 'mit dem
weien Lamm als Wappentier', eine Genugtuung geben wollen, indem er die
Neustdter Bevlkerung durch ihre eigene Zeitung aufsitzen lie. Mister
Stefenson hat - wie vorliegende Dokumente beweisen - die beiden
aufsehenerregenden Artikel, die natrlich von A bis Z erfunden sind,
nmlich selbst geschrieben und gegen Zahlung von hundert Mark an den Herrn
Redakteur und Zahlung von dreihundert Mark an den Verleger in der
'Neustdter Umschau' verffentlicht. So viel war ihm der Spa wert. Die
Neustdter aber mgen nun die Zoologie nach einem fr sie passenden
Wappentier geflligst selbst durchforschen."

Als Stefenson dieses kleine Manuskript gelesen hatte, drckte er mir die
Hand.

"Ich danke Ihnen", sagte er anerkennend; "Sie sind gar nicht so
unamerikanisch."

                                    *

Und ich bin doch ganz und gar unamerikanisch. Ich kann nicht einmal sagen,
da ich ein reines Glck im Herzen fhlte, als ich unser Ferienheim so
fabelhaft schnell wachsen sah. Die Riesenscharen von Arbeitern bedrckten
mich oft, und wenn ich sie abends in ihren groen Baracken lachen und
lrmen hrte, dachte ich daran, wie schn es war, als noch die stillen
Raine durch grne Felder liefen. berall Ziegelfuhren, aufgerissene Wege,
Kalk, Staub, Steine, Unordnung. Ich fhlte mich auf diesen Baupltzen
auerordentlich unbehaglich, und wenn ein schner Baum zum Opfer fallen
mu, bereitet es mir Schmerz, als ob einem unschuldigen Freund ein groes
Unrecht geschhe.

Fr den Architektenberuf bin ich verloren. Ich sehe nach dem Plane ein
Haus immer ganz anders, als es vor mir steht, wenn es fertig ist. Ich
glaube, ich sehe alles zu schn; es kann in Wirklichkeit nicht so werden,
wie ich es trume. Ich sehe einen Bauplatz wie ein unordentliches Zimmer.
Erst, wenn "aufgerumt" sein wird, wird es hoffentlich anfangen, mir zu
gefallen.

Die meisten Baulichkeiten sind unter Dach. Das Herbstwetter war heiter. Im
Winter wird mit unverminderter Kraft an dem Innenausbau weitergeschafft
werden.





                                 JOACHIM


Anfang des Monats bekam ich folgende Depesche: "Treffe drei Uhr fnfzig
nachmittags Bahnhof Neustadt ein. Bruder Joachim." Das Telegramm war
frhmorgens in Berlin aufgegeben.

Erst langsam begriff ich, da da etwas Wunderliches geschah, da mein
verschollener Bruder pltzlich heimkehrte. Da quoll es mir hei durchs
Herz, und ich wollte zur Mutter gehen und ihr das Wunder erzhlen. Aber
ich ging zuerst zu Stefenson. Er las das Telegramm und sagte gleichgltig:

"Na also, da holen Sie nur Ihren Bruder von der Bahn ab."

"Ich wei nicht, wie ich's mit der Mutter machen soll."

"Der Mutter wrde ich vorlufig nichts sagen. Sie wissen ja noch nicht,
warum Ihr Bruder heimkommt. Also sprechen Sie erst mit ihm."

Diesem Rate folgte ich. Schon kurz nach drei Uhr war ich auf dem Bahnhof.
Ich verbrachte qualvolle Minuten des Wartens. Als aber der Zug einlief,
war ich ganz ruhig. Ich sah Joachim an einem Fenster stehen und winkte ihm
zu. Als er ausgestiegen war, sagte ich:

"Willkommen, Joachim; ich freue mich, da du gekommen bist."

Sein Gesicht war bleich, und die Hand, die er mir gab, war feucht.

"Wei es die Mutter?"

"Nein. Ich wollte erst mit dir sprechen."

"Das ist gut. Ich kann wohl am besten hier in einem Hotel unterkommen. Ich
heie Harton, verstehst du, Doktor Harton aus Baltimore."

Er sprach mit einem Gepcktrger; dann fuhren wir nach einem Hotel.

Unterwegs fragte ich ihn:

"Bist du gesund?"

"Ja - oder auch nein - ach Gott, ich wei es selbst nicht."

Ich wollte Joachim erst Zeit lassen, sich zu waschen und ein wenig
auszuruhen, aber er ntigte mich bald mit auf sein Zimmer. Auf seinem
Reisekoffer sa er, den Mantel noch um die Schultern, und sprach mit
gepreter, etwas stoender Stimme:

"Da bin ich nun doch hierhergekommen. Ich htte es nie fr mglich
gehalten. Aber als wir anfingen Briefe zu wechseln, verlor ich meine
Sicherheit - das Heimweh - das qulende Heimweh ..."

Ich trat ans Fenster und sah auf die Strae.

"Fritz!"

Ich wandte mich ihm wieder zu.

"Fritz, warum habt ihr eigentlich dieses Attentat - nun ja, ich mu schon
Attentat sagen, es hat mich ja ganz wehrlos gemacht - warum habt ihr
eigentlich diese Geschichte mit dem Tagebuch gemacht?"

"Was fr eine Geschichte mit dem Tagebuch?"

"Nun, da du mir durch diesen Mister Stefenson, der ja wohl mit dir
geschftlich verbunden ist, dein Tagebuch ber Waltersburg hast schicken
lassen."

"Ich dir mein - hast du denn mein Tagebuch geschickt erhalten?"

"Ja, natrlich. Nicht das Original, aber eine Maschinenabschrift."

"Oh, dieser Mensch - dieser Stefenson!"

"Weit du gar nichts darum?"

"Nichts! Gar nichts! Stefenson hat sich zwar mal meine kleinen
Aufzeichnungen entliehen; aber ich habe geglaubt, das geschehe nur aus
purer Neugier. Nun hat er eine Abschrift machen lassen und sie dir
geschickt."

"Ja. Ich bekam die Bltter im Juli. Ein Vierteljahr lang habe ich es
ausgehalten, sie ungelesen in einer Schublade zu verwahren; ich habe sie
manchmal verbrennen wollen, aber nicht den Mut dazu aufgebracht, und habe
sie endlich doch gelesen, tglich wieder gelesen, bis meine Kraft alle
war, so da ich notdrftig meine Angelegenheiten ordnete, und - und nun
eben da bin."

"Das haben meine wenigen Aufzeichnungen zuwege gebracht?" fragte ich
verwundert.

"Ja, du weit nicht, was das heit, keine Heimat mehr zu haben. Die
anderen Auswanderer finden ja doch mehr oder weniger alle eine neue
Heimat, neue Freunde, neue Kreise, in denen sie sich wohlfhlen. Ich habe
nichts von alledem gesucht und bin ganz losgelst von aller Wurzelerde
gewesen. Da ertrug ich dein Tagebuch nicht, nicht die Schilderungen von
dem alten Nest Waltersburg, nicht die Berichte ber die Mutter, selbst die
Geschichten ber das Spieertum in der Heimat haben eine - nun ja, ich
gestehe es - eine rasende Sehnsucht nach Hause in mir angefacht. Und dann
auch das - auch das - aber lassen wir das!"

Er hatte sagen wollen, das von dem Kinde, und brachte es nun nicht ber
die Lippen. Vielleicht war das Kind die Hauptsache gewesen. Aber ich sah,
in wie schwerer Erregung der Mann schon war, und htete mich, dieses
ernsteste Thema nun zur Sprache zu bringen.

Joachim stand auf, ging ein paarmal schweigend durch die Stube, ri dann
pltzlich den Mantel von den Schultern, warf ihn auf das Bett, dehnte sich
mit hochemporgestreckten Armen und sagte tief aufatmend:

"Ach Gott, ich bin doch froh, da ich hier bin."

Wir reichten uns stumm die Hnde.

Dann sagte ich:

"Nun, Joachim, wollen wir uns aber freuen und als Mnner beraten, was zu
tun ist."

Er sah mich von der Seite an.

"Du weit wohl natrlich auch nicht, da mich Mister Stefenson als zweiten
Arzt fr dein Sanatorium berufen hat?"

"Hat er das?"

"Ja, allerdings nur unter der Bedingung, da mir deine Idee von den Ferien
vom Ich eingeht. Und sie geht mir ein, mein Junge; sie ist vernnftig und
fruchtbar; ich gratuliere dir dazu!"

Eine rote Welle schlug mir ins Gesicht.

"Schnen Dank, Joachim. Du weit, wie sehr ich dich immer mir fr
berlegen gehalten habe."

Er winkte, schwermtig den Kopf schttelnd, ab. Dann setzte er sich mir
gegenber und ergriff wieder meine Hand.

"Sieh mal, Junge, da du mich nun fnf Jahre lang gesucht hast - das - nun
ja, es gibt eben Schulden, die sich nicht bezahlen lassen. Was nun aus mir
wird, wei ich nicht. Ich will allen Starrsinn ablegen; ich will mich mal
ganz wieder von den Wellen der Heimat treiben lassen, ich will auch gutem
Rat zugnglich sein. Aber ich mchte nicht erkannt werden; ich mchte
nicht, da all der Schwatz und Klatsch - ach, la uns die heilige Stunde
nicht durch schmutzige Erinnerung verderben. Wenn es mglich wre, da ich
als Doktor Harton aus Baltimore vor den Leuten glte, she ich mir gern
auf einige Zeit das Leben in der Heimat an. Da kam mir der Vorschlag
dieses kuriosen Mister Stefenson, als Arzt in eure Anstalt einzutreten,
ganz gelegen. Jeder legt dort seinen Namen ab, jeder lebt unerkannt seinen
Tag, jeder ist fern von dem glcksfeindlichen Schwarm, der einem aus der
Vergangenheit nachdringt, kurz, lieber Fritz, ich mchte der erste sein,
der in deiner Zufluchtssttte Ferien macht von seinem Ich."

Beide Hnde streckte ich dem Bruder entgegen. Wie ein offenbares Zeichen
himmlischen Segens fr meine Grndung stand der langvermite Bruder vor
mir als erster und willkommenster Gast meines Ferienheims. Wie konnte sich
ein Glck herrlicher fgen! In dem berstrmenden Gefhl des Augenblicks
sagte ich:

"Joachim, du hast diese Stunde eine heilige genannt. Zrne mir nicht, wenn
ich dich nun noch bitte: sprich auch ein einziges gutes Wort von der
kleinen Luise."

Da wurde sein Gesicht finster.

"Ich kann noch nicht - la mir Zeit!"

Und ich schwieg. Es wurde still in der Stube. Der Abend dunkelte durch die
Fenster. Allmhlich aber kam die Unterhaltung wieder auf. Wir entwarfen
Plne fr die nchste Zukunft.

                                    *

Als wir nach mehreren Stunden nach dem Speisesaal des Hotels kamen, sa
dort Mister Stefenson. Ich ging sofort auf ihn zu und sagte:

"Mister Stefenson, das ist sicher: Sie sind einer der grten Prachtkerle
der Welt. Da ist er - mein Bruder Joachim - den Sie heimgezaubert haben."

Stefenson antwortete mir nicht, schttelte aber dem Bruder herzlich die
Hand.

"Das ist schn, da Sie gekommen sind. Hergezaubert habe ich Sie zwar
nicht; denn ein Mann wie Sie lt sich nicht herzaubern. Aber da Sie
gekommen sind und uns bei unserem Bau helfen wollen, ist ein Glck; denn
Ihr Bruder hat zwar Phantasie und auch sonst brauchbare Eigenschaften,
aber im ganzen ist er ein Schwrmer."

"Danke, Mister Stefenson!"

"O bitte!"

Wir setzten uns zusammen. Stefenson kam sofort aufs Geschftliche.

"Sehen Sie, Doktor Harton, den ganzen Bau, wo wir die elektrischen Bder,
berhaupt alle klinischen und medizinischen Einrichtungen unterbringen
wollen, habe ich trotz des Widerspruchs meines geehrten Kompagnons bis
jetzt nur in den Auenumrissen fertiggestellt; die endgltige innere
Einrichtung sollte bleiben, bis Sie kmen; denn Sie haben in solchen
Dingen groe Erfahrung, da Sie sich schon zweimal organisatorisch sehr
bewhrt haben."

"Woher wissen Sie das?"

"Na, ich habe mich doch selbstverstndlich in mehreren guten
Auskunftsbros ber Sie erkundigt. Wenn Sie nichts getaugt htten, htte
ich mich doch auch nicht um Sie bemht. Aber wir brauchen Sie! Deshalb
schickte ich Ihnen das Tagebuch."

Verrgert fuhr ich den Krmer an:

"Sie haben also wieder nur ans Geschftliche gedacht?"

"Na selbstverstndlich, Sie verwundertes Unschuldslamm! Woran soll man
denken als ans Geschftliche, wenn man ein nicht gar zu schlechter
Kaufmann ist?"

Joachim lchelte; mir aber strzte wieder einmal ein glsernes Tempelchen
ein, in das ich meinen Gtzen Stefenson gesetzt hatte.

Stefenson nahm nun meinen Bruder ganz in Anspruch. Er fragte ber tausend
Dinge aus Amerika. Ich schwieg. Vielleicht war es ganz gut, da der durch
die Heimkehr uerst aufgeregte Bruder zunchst durch die trostlos
nchternen Schwadronaden dieses Kaufmanns Stefenson abgelenkt wurde.

Wir hatten schon Abendbrot gegessen, als sich Stefenson verabschiedete. Er
erzhlte, er habe einen kleinen Neffen. Der Vater sei tot, die Mutter an
einen gefhllosen Mann wieder verheiratet, der dem sechsjhrigen Knaben
ein Stiefvater sei. Der Junge sei jetzt bei entfernten Verwandten in
Hamburg. Er wolle den Knaben, der Georg heie, mal probeweise zu sich
nehmen; vielleicht, da etwas aus ihm wrde. Die Grndung einer so neuen
Gemeinde mit allem ihrem Drum und Dran msse ja auf einen Jungen einen
tiefen Eindruck machen und ihm frs ganze Leben einige sthlerne
Gerstschienen in die Seele spannen. Nun wolle er also mit dem Nachtzug
reisen, und er htte es gern, wenn ich ihn zum Bahnhof begleitete, da er
wegen der Vertretung manches Geschftliche mit mir noch zu erledigen habe,
womit er den Bruder nicht langweilen wolle. Als wir auf der Strae waren,
sagte Stefenson: "Nun will ich Ihnen was anvertrauen, damit Sie mir nicht
hinterher wieder aus dem Huschen fallen und alles verderben. Also, mein
kleiner Neffe, der Georg, ist nmlich gar kein Junge, sondern ein Mdchen
- er ist die kleine Luise."

"Stefenson, Sie sind toll!"

"Nein. Ich bin vernnftig. Die kleine Luise mu Ferien von ihrem Ich
machen. Als Mdel ist es ihr hundsmiserabel gegangen, ausgenommen die
letzten dreiviertel Jahr, wo sie in dem Institut war, aber auch dort mehr
Strenge als Liebe, mehr Dressur als Erziehung genossen hat. Heraus soll
sie aus ihrer Haut, ein Junge werden, Courage kriegen, dieses Ducken
abgewhnen, wenn eine Hand nach ihr fat; nein, sich selbst 'rumhauen mit
Buben und Straenbsewichten und immer bei mir sein und da eine gerechte
Behandlung haben."

Ich ging neben dem sonderbaren Manne her, der so Seltsames und Groes an
meinem Leben getan hatte, und versuchte nur, ihn wenigstens zum
Aufschieben seiner Idee zu bewegen. Er schlug es rund ab.

Keine Gewalt der Erde, sagte er, werde ihn hindern, das Kind, das es in
dem Thringer Institut viel zu schlecht habe, von dort zu entfernen und es
in der Tracht eines Knaben erst mal zur Lebensfreude und zum Bewutsein
seiner Kraft und seines eigenen Wertes zu erziehen.

Ich wute, da Mister Stefenson in die kleine Luise vernarrter war, als je
ein Vater oder Grovater in ein Kind war. Allmonatlich war er unter
irgendeinem Vorwand einmal nach Thringen verschwunden; das Mdchen hatte
sich an den Mann, den sie als ihren liebevollsten Freund erkannte,
jedenfalls dankbar angeschlossen, und dem alten Seehund, den
wahrscheinlich nie eine zrtliche Hand gestreichelt hatte, tat diese
Kindesliebe so wohl, da er diesmal auf allen kaufmnnischen Vorteil
verga und wie ein verliebter Narr handelte.

Mochte er es tun!

Stefenson reiste ab.

         -------------------------------------------------------

Wie hatte er gesagt? Keine Gewalt der Erde wird mich hindern, das Kind
zunchst mal in der Tracht eines Knaben zu erziehen.

Drei Tage nach Stefensons Abreise bekam ich einen Brief von ihm.






"Mein Lieber! Die Idee, Luise als Knaben zu kleiden, habe ich aufgegeben.
Denn sie will nicht. Sie heult, da sie ein Junge werden soll. Auch die
Haare mag sie nicht abgeschnitten kriegen. Da ist nichts zu machen; Luise
bleibt ein Mdel. Hier lasse ich sie aber nicht; sie hat es viel zu
schlecht. Ich will mal sehen, da ich das Kind zunchst in Neustadt
unterbringen kann. Ich wei da eine gute Familie, die mir den Gefallen
gegen Entschdigung tun wird. Und ich kann dann die Erziehung tglich
beaufsichtigen. Diskretion Ehrensache, namentlich gegen Ihren Bruder, der
mir fr die Erziehung des nur auerordentlich geschickt zu behandelnden
Kindes nicht geeignet erscheint. Wir kommen Montag mit irgendeinem Zug. Am
Bahnhof zu erwarten brauchen Sie uns nicht.

                                                               Stefenson."






                                    *

Am nchsten Tage sollte ich Joachim zum Heimweg abholen und hatte
versprochen, vorher die Mutter zu unterrichten.

Wir saen beim Frhstck zusammen; ich versuchte ein paar Anlufe, brachte
aber die Botschaft nicht heraus. Die Mutter verwunderte sich sehr. Dann
machte ich einen Spaziergang durch die Stadt. Als ich zurckkam, stand die
Mutter am Fenster und schaute wie so oft dem Sprudeln des Johannisbrunnens
zu. Die ersten Schneeflocken flogen durch die Luft und hllten den Platz
in traulichen weien Schimmer; aber die Sehnsucht dieser Frau ging wieder
in die Weite, und sie sah nichts von der silbernen Pracht um sich her.

Auch ich war jahrelang in der Fremde. Doch ich war berzeugt, die Mutter
hatte kaum einmal an mich gedacht, wenn sie an Joachim siebenmal dachte.
Ich ging an ihrer Tr vorbei nach meinem Zimmer. Da sa ich, bis es hohe
Zeit war, nach Neustadt aufzubrechen, um zur verabredeten Stunde dort zu
sein. Endlich sagte ich mir, da ich ein Geselle von kindischer Eifersucht
sei, und ging in das Zimmer der Mutter.

"Ich habe dir etwas mitzuteilen, Mutter; erschrick nicht!" sagte ich, und
die nervse Frau erschrak natrlich aufs schwerste.

"Es handelt sich um Joachim!"

"Um Gottes willen - ist ihm etwas passiert - ist er in Not - willst du zu
ihm fahren?"

Ich mute lcheln. Zu ihm fahren! - Da ich damit mein Lebenswerk
aufgegeben htte, daran dachte die Mutter nicht.

"Es ist nichts Schlimmes, Mutter; es ist etwas Gutes, was ich dir von
Joachim zu sagen habe."

"Sage es mir, Fritz, will er - will er nach Hause kommen?"

"Ja, er kommt schon heute."

Da stie sie einen Schrei aus, dann weinte sie laut, schlug in die
Hndchen, rannte durchs Zimmer und sprach laute Dankesworte zu Gott, der
ihr das grte Glck beschieden habe, das es fr sie gebe. Als sie etwas
ruhiger wurde, fragte sie:

"Und er ist ganz von selbst gekommen, oder hast du ihm noch einmal
geschrieben, da er kommen soll?"

Ich schttelte den Kopf.

"Ganz von selbst gekommen", sagte sie selig; "der treue Sohn!"

In trockenem Tone entgegnete ich:

"Mutter, es wird lange dauern, ehe ich mit Joachim eintreffe, den ich in
Neustadt abhole. Erst in der Dmmerung kommen wir. Inzwischen rege dich
nicht allzusehr auf und vergi nicht, deinen Baldriantee zu trinken."

Das nahm sie ungndig auf.

"Baldriantee - wie kannst du jetzt von so etwas reden. Ich werde natrlich
mit nach Neustadt fahren."

"Nein, Mutter; Joachim wird nur unter der Bedingung hier leben, da er von
den Leuten nicht erkannt wird. Deshalb wird er als Arzt in meine
Kuranstalt eintreten."

"Und nicht bei mir wohnen?"

"Nein, er wird im Ferienheim wohnen."

"O - o du nimmst ihn mir?"

"Ich nehme ihn dir nicht -", entgegnete ich unwillig; "mache mit Joachim
selbst ab, wie ihr es halten wollt; ich werde mich da nicht einmischen."

Ich ging verdrossen meines Weges. Aber drauen im Winterwalde wurde mein
Herz wieder warm; ich war glcklich. Immer, wenn ich mich glcklich fhle,
habe ich Lust, etwas Gutes zu tun. Heute fiel mir nichts anderes ein, als
da ich bald eine Anzahl von Futterpltzen und Nistksten fr die Vgel in
meinem Ferienheim anbringen wrde, auch auf die Gefahr hin, als Gste
lauter Sperlinge zu mir zu ziehen.

Die Mutter! - Nun wrde sie wohl das Haus von unterst zuoberst kehren und
alle Leckerbissen bereiten, die sie auftreiben konnte. Wahrscheinlich
wrde sie meine beiden gerumigen Zimmer fr Joachim einrichten und mich
nach der Giebelstube umquartieren. Ich war schon wieder eiferschtig und
voll hlichen Mitrauens, und es fiel mir ein, da es besser wre, sich
auf Mutter und Bruder zu besinnen, wenn man was Gutes tun will, als auf
die Spatzen ...

Es lag dichter Nebel auf der Chaussee, als ich mit Joachim heimging. Nicht
einmal die Kuppe des Weihnachtsberges war zu erkennen. Die Heimat hatte
ihr Haupt verhllt wie eine schmollende Frau. Und Joachim ging stumm und
betreten neben mir her, fast wie ein Snder. Er war auch ein solcher; denn
er hatte sein Herz verhrtet, und alle Herzensverhrtung ist Snde.

  "Ein Wanderbursch mit dem Stab in der Hand
  Kommt wieder heim aus fremdem Land.
  Sein Haar ist bestaubt, sein Antlitz verbrannt,
  Von wem wird der Bursch wohl zuerst erkannt?"

Es war ganz, wie es Vogl in seinem alten, hbschen Gedichte schildert: die
Leute kannten Joachim nicht mehr. Er war schon in seinen letzten
Studentenjahren selten zu Hause gewesen, als verheirateter Mann fast gar
nicht, und dann kamen die Auslandsjahre, da sein Kopfhaar dnn und sein
Bart dicht wurde und die Zeit die groe Retouche an seinem Gesicht vollzog
- er war ein anderer geworden.

In sieben Jahren soll sich der Krper des Menschen ganz erneuern. So
wanderte jetzt kein Atom dessen mehr nach der Heimat zurck, was vor
sieben Jahren auszog. Htte Joachim keine Seele gehabt, so wre wirklich
ein ganz fremder, ein ganz anderer Mensch nach Hause gekommen. Dem Bcker
Schiebulke begegneten wir. Er war Joachims Angelkamerad gewesen. Jetzt
fhlte er sich geehrt, da ich ihn auf der Strae anhielt, und eilte gewi
alsbald ins nchste Gasthaus mit der Kunde, da ein Dr. Harton aus Neuyork
angekommen sei als zweiter Arzt fr das Ferienheim, und es mten doch
schon massenhaft Kurgste angemeldet sein, wenn man schon einen zweiten
Arzt brauche.

Auch der alte Sanittsrat lief uns in den Weg. Er war zwar nicht gut auf
mich zu sprechen, aber er ging doch nicht an uns vorbei und begrte den
"Herrn Kollegen von drben", den ich ihm vorstellte.

Auch die Frau Provisor, von der erzhlt wurde, sie htte, als sich Joachim
verlobte, mit negativem Erfolg zwei Schachteln schwedische Streichhlzer
abgelutscht, um ihr gebrochenes Herz zum Schweigen zu bringen, sah den
ehemals Heibegehrten jetzt nur neugierig an und ging vorber.

So nherten wir uns dem Johannisplatz. Joachims Schritte wurden kleiner
und langsamer, sein Stock stampfte hart auf das Pflaster. Irgendwo stand
wohl jetzt der Mond; denn der Nebel ber dem Johannisplatz war
durchsichtig und silberhell.

"Der alte Brunnen!" sagte Joachim leise; "es ist merkwrdig, da meine
Gedanken meist um den alten Brunnen gingen, wenn ich an die Heimat
dachte."

Nun nherten wir uns dem Vaterhause und standen am Brunnenrand; da blickte
wirklich wie in alten Kindertagen die Mutter auf uns herab.

Joachim sttzte sich auf das Gemuer, und weie Tropfen aus der Schale
Baptistas besprengten seine Hand wie mit einem Weihwasser, ehe er in das
Heiligtum seines Vaterhauses eintrat.

Ich stieg mit ihm die Treppe hinauf und ffnete nach leisem Klopfen die
Tr zur Mutter.

Ich sah noch, wie beide mit leisem Aufschluchzen die Arme ausbreiteten,
schlo die Tr und blieb drauen.





                               WEIHNACHTEN


Stefenson ist an dem von ihm angegebenen Tage nach Hause gekommen. Auf
meine Frage nach der kleinen Luise entgegnete er grob, ich solle mich
nicht in seine Privatangelegenheiten mischen; htte ich mich frher nicht
um das Kind gekmmert, wo es das Mdel ntig gehabt htte, so sei meine
Anteilnahme jetzt vllig berflssig. Das gleiche knne er auch nur mit
Bezug auf meinen Bruder sagen; er htte sich jetzt schon Vorwrfe ber
dessen Berufung gemacht. Da knnten blo Schwierigkeiten entstehen.

"Mister Stefenson", sagte ich, "Sie benehmen sich wie ein Drache, der die
verwunschene Jungfrau behtet."

"Drache hin, Drache her; ich geb' sie nicht heraus", knurrte er.

"Das sollen Sie ja gar nicht; wir berlassen Ihnen ja das Kind."

"Wirklich?"

"Wirklich!"

"Na, dann ist es gut!"

         -------------------------------------------------------

Stefenson hat die Waltersburger zu einem Festabend im groen Theatersaal
des neuen Rathauses berufen (der Name Rathaus ist beibehalten worden,
obwohl wir keinen eigenen Brgermeister haben werden). Dieser Theatersaal
ist Hals ber Kopf fertiggestellt worden. Er knnte schner sein. Aber er
ist gerumig, und die Akustik ist gut. Auch ist eine hbsche
Liebhaberbhne da. Sonst sieht es im Rathaus noch sehr wild aus, und es
gehrte viel Tannenreisig dazu, um die unfertigen Wnde, Kalkkbel und
Schutthaufen zu maskieren, die in der Nhe des Treppenhauses einen
unschnen Anblick bieten.

Der Lehrer Herder hat ein Melodram geschaffen. Der Mann dichtet,
komponiert und malt. ber braven Dilettantismus geht es bei Herder
nirgends hinaus, aber er schafft fr den Hausbedarf brauchbare, gefllige
Schelchen.

Die Einladung ist wieder an alle Volkskreise ergangen nach dem Noahrezept:
"Von jeder Art zwei Prchen." Dazu sind alle Kinder geladen, die zum
groen Teil bei dem Melodram mitspielen. Die Tatsache, da die Kleinen auf
Stefensons Kosten die Gewnder geliefert erhielten, die zu ihren Rollen
gehren, hat dem Spender vollends die Sympathie der Stadt verschafft.

Der Festsaal war denn auch bengstigend voll - zugleich fr Joachim die
groe Probe, ob er erkannt werden wrde oder nicht.

Er wurde nicht erkannt. Die Leute betrachteten ihn mit der Neugier, die
dem berseeischen Arzt galt, von dessen Ankunft sie alsbald mit der
glubigen deutschen Auslnderverehrung gesagt hatten, nun msse es
wirklich eine gute Kuranstalt werden, da sogar ein amerikanischer Arzt
mittue. Von der Zeit an schienen den Waltersburgern die Neustdter
geschlagen; denn Neustadt hatte nur deutsche rzte.

Ich besuchte diese harmlose Weihnachtsfeier mit erregtem Herzen. Einige
Tage vor dem Festabend war mir Herder begegnet und hatte mir mitgeteilt,
da nun in seinem Melodram sogar die eigene Nichte von Herrn Stefenson
eine Hauptrolle bernehmen und ein kleines Liedchen singen wrde. Ich
verbarg mhsam meinen Schrecken.

Herder erzhlte weiter:

"Ich habe mit der Kleinen - die Leute sagen, es sei die Tochter des
amerikanischen Petroleumknigs - eine Probe gemacht. Sie hat eine
allerliebste Stimme, aber sie erscheint etwas schchtern."

Ich verabschiedete mich und ging sofort zu Mister Stefenson.

"Es ist unerhrt ..."

Er wute augenblicklich, was ich meinte.

"Gar nichts ist unerhrt", unterbrach er mich rauh. "Die Nichte von Mister
Stefenson kann auftreten und singen, wo sie will. Sie mu auftreten, sie
mu ihre Schchternheit berwinden. He, Sie scheinen mir ein schner
Psychologe zu sein, wenn Sie solche Momente auer acht lassen wollen."

Was hatte es fr Zweck, sich mit diesem Manne zu zanken? Nun mute eben
durchgehalten werden ...

Die Mutter sa mit Joachim, mir und Stefenson in einer Seitenloge, nahe an
der Bhne. Ich sah und hrte kaum etwas von dem Melodram, von dem Gewimmel
von Zwergen, Kobolden, Nuknackern, Pfefferkuchenmnnlein, Tiergestalten,
Besenbinderbuben und all den Mannschaften, die zum blichen
Weihnachtsstck gehren; ich wartete mit Herzklopfen auf den
Weihnachtsengel, als dessen Darstellerin Mi Stefenson aus Chikago auf dem
riesigen roten Theaterzettel angegeben war. Nun war nur noch das letzte
"Bild" brig, nun mute Luise auftreten und damit die Entscheidung kommen.

Der Vorhang hob sich. - Eine Bethlehemsgrotte. Die heilige Mutter mit
ihrem Kind, Joseph, die Hirten, die drei Knige; rings in Anbetung
versunken knieten Zwerge, Besenbinder, Pfefferkuchenmnnlein. Es war alles
in halber Nacht, nur von einem mattroten Schein erhellt.

Da erschien pltzlich ein Licht ber der Grotte, ein wunderschnes
Engelein trat in den hellen Schein und sang mit zittrigem Silberstimmchen:

    "Vom Himmel hoch, da komm ich her
    Und bring euch allen frohe Mr:
    Geboren ist in Davids Stadt
    Er, der des Lebens Flle hat."

Die Mutter sa wie starr. Einmal tastete ihre Hand nach der meinen und
drckte sie in kurzem, heftigem Erschrecken. Dann war sie regungslos. Die
ganze Gemeinde sa in Andacht.

Joachim war ganz gleichmtig. Als der Vorhang gefallen war, sagte er:

"Mister Stefenson, Ihre Nichte ist ein reizendes Kind!"

         -------------------------------------------------------

Die Mutter wollte sofort nach Hause. Ich begleitete sie. Wir gingen stumm
in dem Menschenstrom. Erst als wir daheim angelangt waren und die Lampe
angezndet hatten, sah mich die Mutter voller Angst an.

"Fritz - das Kind - dieses Kind ..."

Ich sah ihr ernst in die Augen und schwieg.

"Fritz - sage mir - ist es - ist es? ..."

"Ja. Es ist Luise."

Da sank sie auf das Sofa und verbarg den Kopf. Ich trat zu ihr. Nicht ohne
Bitterkeit sagte ich:

"Mutter, du brauchst dich nicht zu ngstigen, das Kind wird dir nie
Ungelegenheiten machen; es ist in Mister Stefensons Pflege gut
aufgehoben."

So wollte ich gehen. Aber ich brachte es doch nicht fertig. Ich blieb am
Tische sitzen. Nach langer Zeit, in der nichts zu hren war als das leise
Singen der Lampe und der Schlag unserer Standuhr, sttzte die Mutter den
Kopf auf den Tisch und sagte mde:

"Das Kind ist Joachim hnlicher, als er sich jetzt selbst ist!"

Nach einem Weilchen meinte sie:

"Es wird wohl keine Mglichkeit geben, da ich das Kind zu mir nehme?"

"Nein, Mutter, es gibt keine solche Mglichkeit mehr!" Damit ging ich nach
meinem Zimmer.





                               FGUNG ...!


Joachim wohnt jetzt in der Lindenherberge, wo schon einige Zimmer
fertiggestellt sind und auch der Kchenbetrieb schon im Gange ist. Im
Rathaus gegenber haust Stefenson. Er hat seine Arbeitsttigkeit noch
vermehrt und, wie er mir sagte, keine Zeit mehr, Luises willen tglich
nach Neustadt zu fahren und sich um das "Gnschen" zu kmmern. So wolle er
das Mdel lieber zu sich nehmen. Das sei ihm zwar sehr strend, aber was
wolle er machen? Er htte auch gefunden, da die Pflegeeltern in Neustadt
die Sache mit Luise nicht recht verstnden. Ich grunzte. Sonst sagte ich
nichts ...

Die weitere Ausgestaltung unserer Riesenanstalt schritt mit grter
Schnelligkeit vor sich. Da sagte Mister Stefenson eines Tages zu mir:

"Und nun, mein Lieber, ist es die allerhchste Zeit, da wir an die
Bauernrequirierung gehen. Zehn Hfe sind fast fertig, das Vieh ist rasch
zu beschaffen, ebenso die Haus- und Ackergerte, aber das Bauernvolk, das
uns einpat, das will gesucht sein. Ich hatte anfangs an Agenten gedacht,
aber das ist nichts; die gehen blo auf ihre Provision aus und schicken
uns Schinder und Plunder auf den Hals. Haben Sie also die Freundlichkeit,
sich in einen Vieh- oder Getreidehndler oder, wenn Ihnen das besser
liegt, in einen Gtermakler zu verwandeln und mich morgen auf der
Bauernsuche zu begleiten."

Nun, diese Aufgabe pate mir, zumal ich Stefenson bereit fand, unser Glck
zunchst in Schlesien zu probieren. Ich bestimmte die Ausrstung.
Schaftstiefel, englische Lederhosen, eine Joppe aus grauem Tuch mit
Hirschhornknpfen und grner Tascheneinfassung, ein Vorhemd ohne Schlips,
ein seidenes Tchlein um den Hals, eine Lodenmtze, das war meine
Ausrstung. Solcher Kleidung bringen die Bauern Zutrauen entgegen, da
vermuten sie keine verkniffenen Stdter, keine "Juden oder
Winkeladvokaten", die sie bers Ohr hauen wollen.

Es wre alles gut gewesen, wenn nicht Stefenson am nchsten Morgen, als
die Reise losgehen sollte, die kleine Luise mitgebracht htte.

Ich schlug Skandal. Was er sich einbilde, ein so kleines Kind auf so lange
Reise mitzuschleppen? Ob er denn nicht bedchte, da uns das Mdel nur
stren und aufhalten wrde? Es war alles umsonst; Luise fuhr mit.

"Pappa hat mehr zu sagen als der Onkel", sagte die Kleine mit einem Anflug
von schnippischem Ton.

"Sie macht sich heraus; sie fngt an, Courage zu kriegen", sagte der
"Pappa" anerkennend.

         -------------------------------------------------------

Auf einer greren Station stiegen wir whrend des Zugaufenthaltes aus, um
dem Kinde Orangen zu kaufen. Noch als wir am Stande des Obsthndlers
waren, nherte sich uns eiligen Schrittes eine Frau. Sie starrte erst mich
an, dann das Kind, fate es blitzschnell an der Hand, ri es an sich und
kte es wie rasend.

Das Mdel schrie erschrocken auf, Stefenson sagte betroffen: "Aber Madame,
was tun Sie?", und ich wand der Frau das Kind aus den Armen. Neugierige
Leute eilten herbei; es gab gewaltiges Aufsehen.

"Zurck in den Wagen!" rief ich Stefenson zu, der mir verwirrt folgte.
Bald saen wir im Abteil, und die Tr flog zu.

Drauen schrie eine gellende Stimme:

"Es ist mein Kind - es ist mein Kind - lat mich zu meinem Kinde! Luise!
Luise!"

Die Leute hielten die Frau, die sich verzweifelt wehrte, an den Armen
fest; der aufsichtfhrende Beamte eilte an unser Abteil und begehrte
Auskunft. Ich stieg aus, stellte mich vor und sprach einige aufklrende
Stze. Zuletzt sagte ich:

"Herr Vorsteher, fragen Sie die Frau, ob sie gesetzlichen Anspruch auf
dieses Kind habe!"

Er entfernte sich, ging zu der Frau, wies alle Leute beiseite und sprach
leise auf sie ein. Sie stand tiefgesenkten Hauptes mit herabhngenden
Armen, heftig schluchzend vor ihm. Nun tat er wohl die Frage: "Haben Sie
einen gesetzlichen Anspruch auf jenes Mdchen?"

Da schttelte sie den Kopf. Ein Blick voll Wehes traf noch unser
Wagenfenster, dann verlie die Frau den Bahnhof.

"Wer war die bse Frau?" fragte Luise verngstigt.

"Eine Verrckte", sagte Stefenson rauh.

"Wird sie nie wieder zu mir kommen?"

"Nein, nie wieder!"

Wie lange doch der Aufenthalt noch whrte! Die Leute spazierten drauen
und gafften neugierig nach unserem Fenster. Ich zog den Vorhang vor.
Endlich setzte sich der Zug langsam wieder in Bewegung. Aber kaum hatte er
den Bahnhof verlassen und fuhr noch nicht mit voller Geschwindigkeit, da
gab es einen gewaltigen Ruck und Sto, und der Zug stand.

Ich ri das Fenster auf. Von der Lokomotive sprang der Heizer ab,
Schaffner eilten den Bahnsteig entlang - ein Schaffner kam zurck und gab
uns Auskunft ...

ber das Feld rannte jene Frau ...

Das Weib hatte sich dicht hinter dem Bahnhof auf die Schienen geworfen,
und der Lokomotivfhrer hatte den Zug noch rechtzeitig zum Stehen
gebracht.

Luise war auf die Sitzbank geklettert und schaute durchs Fenster.

"Da rennt sie - da rennt die bse Frau!" rief das Kind.

"La das verrckte Weib!" knirschte Stefenson.

Wir fuhren weiter. Grauer Nebel zog ber die Fluren, frierende Vgel saen
auf den Telegraphendrhten, alles, was drauen war, fror, die Bume und
die Berge, die Tiere und die Menschen.

Die eine irrte nun allein mit dem aufgeschreckten Weh verschmhter
Mutterliebe im Herzen durch die kalte Flur, das Kind hatte sich vor ihr
entsetzt, und selbst der Tod hatte sie verschmht.

Stefenson sa finster in seiner Ecke.

Das Kind begann wieder zu sprechen.

"Alle verrckten Menschen sind sehr bse."

Da brummte sie Stefenson an:

"Das kann man nicht sagen, du Gnschen! Manche Menschen knnen nicht mal
richtig dafr, da sie verrckt sind."

"Wieso nicht?"

"Das verstehst du nicht. Das versteht selbst unter den groen Menschen von
Tausenden kaum einer richtig."

"Du hast aber gesagt, sie ist verrckt, und du hast es bse gesagt",
verharrte das Kind.

"Dann habe ich eben eine Dummheit gesagt. Denn ich kenne die Frau nicht
und kann daher auch nicht wissen, ob sie verrckt oder bse ist."

"Bse ist sie", wiederholte Luise; "denn sie hat mich sehr gequetscht und
mich auch in die Wange gebissen. Sie soll nicht wiederkommen."

Grau rann der Regen ber das Wagenfenster.

All unsere frohe Laune war dahin. Schwache, gedrckte Menschen, saen wir
da im Zuge, der uns schnell davonfhrte und eine groe Strecke zwischen
uns und die Snderin legte, die uns gestrt hatte in unserer
Behaglichkeit, und die wir daher nicht rasch und rauh genug abschtteln
konnten.

Der gttliche Freund Mariens von Magdala fiel mir ein. Wie htte er wohl
gehandelt in meinem Falle? Htte er die Arme beiseitegestoen, sich einen
Beamten kommen lassen und sich hinter "gesetzliches Recht" verschanzt?
Wre er dann weitergefahren, fast hinweg ber den zuckenden Leib, und
htte er der Fliehenden nachgeschaut vom sicheren Fenster aus, mit
hochmtigem Abscheu in der Seele? Oder wre ihr der Meister nachgegangen,
htte sie an der Hand genommen und ihr, wenn sie guten Willens war, ein
Zweiglein vom verlorenen Mutterkranz wieder versprochen, ihr ein klein
wenig goldene Kindesliebe fr die Zukunft verheien?

Ferien vom Ich!

Ich werde mich vor allen Dingen erlsen mssen von allem kalten Hochmut
des Herzens und allem auch noch so "gesetzmigen" Zurckstoen der
Schwachen und Schuldigen ...





                             BAUERNANWERBUNG


In S. mieteten wir einen Wagen und ein Pferd und machten ein paar
ergebnislose Besuche auf den umliegenden Drfern. Wie die Werber fr eine
Freiwilligenlegion kamen wir uns vor. Auf der Landstrae trafen wir aber
eines Tages ein Buerlein, das in einem groen bunten Taschentuch
allerhand Waren eingepackt trug, die es wohl auf dem Markte erstanden
hatte.

Ich schaute den Bauern prfend an. Er hatte ein offenes, nicht unkluges
Gesicht. Und der Mann ging zu Fu und trug sein kleines Paket. Das war
einer fr uns. An die reichen schlesischen Bauern konnten wir uns nicht
wenden, die htten uns ausgelacht mit unserem Pachtangebote. Kleine
Landwirte muten es sein, die auf ihrer engen Scholle ein kmmerliches
Leben fhrten und froh waren, in eine gute Pachtung zu kommen.

Stefenson hielt das Pferd an.

"Wollen Sie mitfahren?"

"Nee!" antwortete der Bauer.

"Warum denn nicht?"

Das Buerlein wies auf unseren lahmen Mietsgaul.

"Der Schimmel zieht mich nich; ich wieg' 'n Zentner!"

"Sie haben wohl schnere Pferde?"

"Nee, ich hab blo drei Zugkhe. Aber su schnell wie der Schimmel traben
se ooch."

"Hren Sie mal, Gevatter", sagte ich, "Sie foppen uns. Das Pferd hat viel
Geld gekostet."

Er meckerte.

"Na, da mut ihr schne tumme Kerle sein."

Lachend ging er neben unserem Wagen her, und wir fragten ihn ein wenig
ber die Gegend aus. Bald kam ein Straengasthaus, und ich lud den Bauern
ein, mit uns einzukehren und ein Glas mit uns zu trinken.

"Nu", sagte er, "das kann ich schon. Aber ich sag's Ihn' gleich ehrlich:
zu holen is bei mir nischt. Wrfeln tu ich nich, und billig zu verkoofen
hab ich ooch nischt! Keene Kuh, kee Schwein, kee Getreide und ooch keene
alten Schrnke und zinnernen Teller."

"Warum vermuten Sie denn, da wir Ihnen was abschachern wollen?"

"Ja, da mt man doch euch Stadtjuden nich kenn'. Umsunst gebt ihr doch
eenem fremden Bauer keen Schnaps zum besten."

"Da haben Sie ganz recht", sagte Stefenson; "wir wollen etwas von Ihnen.
Wir wollen _alles_ von Ihnen: Ihre Wirtschaft, Ihre Khe, Schweine und
Hhner und sogar Sie selber und Ihre Frau und Ihre Kinder."

Der Bauer brach in helles Gelchter aus.

"Hatt' ich mir's doch gleich gedacht, da Sie der Menschenfresser sind."

"Also den nehmen wir bestimmt!" sagte Stefenson zu mir, wie wenn eine Ware
zum Verkauf stnde.

"Mich nehmen Sie?" vergngte sich der Bauer. "Sie sein ja der ulkigste
Kerle von der Welt."

Stefenson zog die Stirne kraus. Drinnen setzte er sich dem Buerlein an
dem rohen Tisch der Schankstube gegenber, nahm ein Notizbuch heraus und
sagte:

"Wie heien Sie?"

"Ich? - Mit'm Familiennam' su wie mei Vater und mit'm Vornamen wie
Napoleon."

"Mensch, wie heien Sie! Ich mu das wissen. Es handelt sich um eine
Angelegenheit, die fr Sie wichtiger ist als fr uns. Sie werden schon
alles erfahren. Also, wie heien Sie?"

"Wie heien _Sie_ denn?" fragte der Bauer zurck. Stefenson wurde
ungeduldig.

"Wenn Sie es denn wissen mssen - ich bin Mister Stefenson aus Amerika,
ein sehr reicher Mann."

"Da knn' Se lachen! Deswegen haben Se wahrscheinlich ooch so'n scheenes
Pferd."

"Dummer Kerl!" sagte Stefenson verdrossen und stand auf.

Der Bauer lachte.

"Nu hat a sich erst richtig vorgestellt, und nu steht er auf."

Es war Zeit, da ich mich ins Mittel legte. Der Mann mute wissen, um was
es sich handelte, sonst war mit ihm nicht zu reden. Freilich war es nicht
leicht, so einer naiven Haut die Idee von den Ferien vom Ich klarzumachen.
Ich versuchte das auf folgende Weise:

"He, lieber Freund, haben Sie schon irgendmal einen Stdter kennengelernt,
der richtig arbeitet?"

"Nee. Die Stdter sein olles faule Luder. Se knn' Heringe oder Leinwand
oder Pillen verkoofen oder in a Stuben sitzen und kritzeln, aber arbeiten
knn' se nicht. Se schlafen ja olle bis um sieben."

"Da haben Sie recht. Und glauben Sie, da so ein Leben, wie es die Stdter
fhren, gesund ist?"

"Miserablig ungesund is es! Se sehn ju olle aus wie Quargschnitten, und
Krfte ham se nich die Spur. Se verfauln reeneweg."

"Bravo! Was Arbeit ist und was Gesundheit ist, wei nur der Bauer. Nun
wissen Sie aber, es gibt Badeorte, Kuranstalten."

"Jawohl. Da gehn die allerfaulsten Ludersch hin; die Kranken pflegen sich
lieber zu Hause."

"Schn. Sie sind ein heller Kopf. Sie begreifen mich vollstndig. Wenn man
nun aber einen Kurort machte, wo keine feinen Villen und Hotels sind,
nein, wo lauter Bauernhfe wren und wo die Stdter, die eine Kur machen
wollen, mal auf dem Hofe oder auf dem Felde feste zugreifen und arbeiten
mten, das wrde doch den Schlingeln gesund sein - nicht wahr?"

"Gesund schon! Aber das faule Kroppzeug wird sich schn hten und
arbeiten. Wenn se aufs Dorf komm'n, saufen se einem blo die gute Milch
weg und fressen die scheensten Birn' von a Bumen. Sonst tun se nischt."

"Doch, doch, Herr Nachbar! Es wird schon Leute geben, die das Leben in der
Stadt mal satt haben und durch die Arbeit auf dem Felde gesnder werden
wollen. Das ist eine gute Idee, die hat ein Doktor ausgeknobelt."

"Die Doktors verstehn alle nischt, die Schfer sind klger."

"Das mag wohl sein; aber der Doktor, der das ausgeknobelt hat, der
versteht schon seine Sache. Sehn Sie, kurz heraus: es soll eine Kuranstalt
gemacht werden, die hat vierzig Bauernhfe, und auf allen Hfen sollen die
Kurgste arbeiten. Und der Mann, der jene Anstalt grndet, ist eben jener
Herr dort."

"Der? - Vierzig Bauernhfe? - Se sind wohl nicht recht bei sich?"

"Doch - doch - ich werd' Sie doch nicht belgen."

"Wie heit er? Mister? Mister - Ausmister!"

Er lachte ber seinen Witz.

"Mister bedeutet 'Herr'. Weil er eben ein Amerikaner ist."

Da erhob sich der Bauer. Er rief Stefenson an, der an einem anderen Tisch
der kleinen Luise eine Schinkenstulle zerteilte.

"Sie, Herr Mister, komm'n Se mal her! Zeigen Se mal Ihr Portemonnaie!"

Ich zwinkerte Stefenson zu, den Wunsch zu erfllen. Stefenson warf
schweigend seine dicke Brieftasche auf den Tisch.

"Bitte!" sagte er phlegmatisch.

Der Bauer rhrte sich nicht.

"Na, nu kucken Sie mal nach, was drin ist!" ermunterte ich ihn.

"Ich werd' mich schn hten; nachher sagen Se, es fehlt was!"

Mitrauisch wie ein alter Fuchs vor der Falle, so sa der Bauer vor der
Brieftasche. Da schlug ich die Tasche auf und entnahm ihr blaue und braune
Schtze. Der Bauer schaute wie in ein Wunderland von Reichtum. Aber er
rckte beiseite.

"Wenn Se su reiche Herr'n sind, warum setzen Se sich da zu mir armen
Schlucker? Zum Ausstoppen bin ich mir viel zu schade."

Ich gab die Brieftasche an Stefenson zurck und redete dem neuen Freunde
gut zu. Ich erklrte ihm genau, was wir mit ihm vorhtten, wie er als
Pchter auf einen unserer Hfe ziehen solle, wie wir ihm die gnstigsten
Bedingungen einrumen und ihm seine eigene Wirtschaft zu gutem Preise
abkaufen wrden, falls er sie nicht anderweit gnstig los wrde. Wie ein
Knig solle er auf seinem Gute hausen. Die Kurgste sollten unter seiner
Leitung arbeiten und sich an seiner guten Laune erfreuen. Ich kriegte
heraus, da der Bauer Emil Barthel hie, noch nicht ganz fnfzig Jahre alt
war, ein gesundes Eheweib, namens Susanne, sowie zwei krftige Shne und
zwei Tchter besa, da von den vier Kindern aber drei auswrts in Dienst
standen, da er sie auf seiner kleinen Wirtschaft nicht beschftigen und
ernhren konnte.

"Na, sehen Sie, Barthel, es wre doch schn, wenn Sie alle Ihre Kinder bei
sich haben und ganz fr sich arbeiten knnten. Da wre doch auch was
zurckzulegen."

Er sa nachdenklich da.

"Stoppen Se mich wirklich nich aus?"

"Ich denke nicht daran."

"Wie kommen Se denn gerade auf mich?"

"Na, wir haben Sie eben getroffen, und Sie gefallen uns."

"Dabei bin ich doch dem Herrn Mister grob gekommen."

"Das schadet nichts. Den Kurgsten werden Sie auch manchmal grob kommen
mssen. Das gehrt zur Kur."

"Sind Sie auch so eener, der dort Bauer wird?"

"Nein, ich bin der Doktor, der alles ausgetiftelt hat."

"'n Doktor sind Se? So sehn Se aber nich aus!"

"Hm! Nun, so ein Doktor wie die andern bin ich auch nicht. Mehr so 'n
halber Schfer."

"Oh, das wr nich schlecht! Aber ich glaub's nich; ich kann's nich
glauben!"

Ich zog einen Umschlag mit Photographien aus der Tasche.

"Jetzt werd' ich Ihnen mal Bilder von unseren Hfen zeigen. Da - das ist
ein Wohnhaus."

"Das? - Das is ja 'n Schlo!"

"Ja, wir haben schne Wohnhuser. Sie sollen ja mit Ihrer Familie nicht
allein in dem Hause wohnen; es sollen ja auch noch zwanzig Kurgste drin
Platz haben."

"Dunnerwetter!"

"Und das ist die groe Wohnstube, und so sieht der Kuhstall aus und so die
Scheuer."

Er atmete schwer.

"Wie gro ist denn die Wirtschaft?"

"Hundert Morgen."

Da verdsterte sich seine Stirn.

"Warum halten Sie mich denn zum Affen? So 'ne groe Sache kann ich doch
nich pachten; da gehrt doch Geld dazu."

"Gar kein Geld! Nur, da Sie fleiig sind und alles gut in Ordnung halten.
Wir werden ebenso auf unsere Rechnung kommen wie Sie; denn, sehen Sie, die
cker rentieren sich doch, und was die Wirtschaft nicht bringt, bringen
die Kurgste."

"Nu ja, die werd'n ja berall behumpst."

Der Mann betrachtete mich wie einen Zauberer, der Mrchendinge vor ihm
ausbreitete. Zuletzt erklrte er sich bereit, mit uns nach seinem Dorfe zu
fahren und mit seiner Susanne Rcksprache zu nehmen.

Unterwegs sprach ich noch viel auf Emil Barthel ein. Er antwortete fast
nicht mehr. Vor seiner kleinen Wirtschaft hielten wir. Das Wohnhaus hatte
nur ein Erdgescho mit hohem Dach; Stall und Scheuer waren klein, aber es
war ein Blumengrtlein vor dem Hause und alles sauber und freundlich. Ein
behbiges Weib in blauer Schrze trat vor die Tr, als Barthel vom Wagen
kletterte:

"Nee, Emil", sagte sie, "da haste nu sugar Fuhrgelegenheit gehabt und
kummst su spt! Dabei sull a de Medizin frs kranke Mdel hol'n."

"Mutter", meinte Emil, "wenn du mit sulchen Kerlen fhrst, bleibste
kleben. Sieh dir blu den Schimmel an; der hat zwee eingeleimte Hulzbeene.
Aber 's sind amerikanische Millionre, die haben vierzig Pauergter und
lauter Schlsser."

Susanne lachte gutmtig.

"A hat een' sitzen", meinte sie. "Na, kumm ock rein!"

"Frau Barthel", rief ich ihr zu, "Ihr Mann wird Ihnen viel zu erzhlen
haben. Glauben Sie nur, es ist kein Spa, es ist Ernst. Wir fahren jetzt
ins Gasthaus, und in etwa zwei Stunden werden wir mal zu Ihnen kommen. Wir
mssen mit Ihnen ein ernstes Wort reden, und es wird Sie nicht reuen."

Die Frau schttelte verwundert den Kopf; ihr Gatte Emil aber tippte erst
ihr, dann sich an den Kopf, nahm sie am Arme und zog sie ins Haus.

         -------------------------------------------------------

Im Dorfgasthause wurde uns ein schlichtes, aber schmackhaftes Mittagsmahl
bereitet, und nach einiger Zeit brachen wir auf zu einem Besuch bei Emil
Barthel.

"Nee, komm'n Se wirklich?" fragte er; "ich hatte gedacht, 's wr alles
blo Ulk."

Die Stube war niedrig, aber sauber, und ber den Tisch war ein groes
buntes Tuch gebreitet. Emil Barthel bewirtete uns. Er bot uns in einer
Papiertte Zigarren an, von denen ich vermutete, da sie aus dem
Dorfkramladen zu fnf Pfennig das Stck gekauft seien. Mit Schadenfreude
sah ich zu, wie Stefenson, der von frh bis in die Nacht eine Havanna nach
der andern schmauchte, sich mit Todesverachtung an dieses Rauchzeug
heranmachte.

"Nun, mein lieber Barthel, mchte ich zunchst etwas feststellen: es
handelt sich in unserer Angelegenheit weder um einen Spa, zu dem wir uns
wahrhaftig nicht so viel Zeit nehmen wrden, noch um einen Betrug."

"Also ist es tatschlich wahr?" sagte Barthel und trommelte auf den Tisch.
Sein Gesicht wurde ernst, und er holte aus zu einer Rede:

"Sehn Sie, meine Herr'n, wenn Se nu wirklich so was Komisches vorhaben -
man kann ja nie wissen, was den Stadtleuten einfllt - nu, so mu ich
Ihn'n ehrlich sagen: das Ding gefllt mir nich. Denn warum! Die Stadtleute
werd'n nich kommen. Die sind viel zu faul. Wenn se ins Bad machen woll'n -
woll'n se sich amsieren. Da woll'n se doch nich Khe melken und ackern.
Meine Herr'n, Se haben keene Ahnung, was das fr schwere Arbeit is. Vor
solcher Arbeit haben sich die Stadtleute immer gedrckt. Aber gesetzt den
Fall, se kmen doch - da wr's noch viel schlechter. Denn warum? Die
Stadtleute verstehen nischt. Denken Se, da die mir auf dem Hofe was
helfen knnten? Die gragelten mir doch blo im Wege 'rum. Die quatschten
und quasselten doch blo."

"Die fielen einem ja in die Puttermilch!" lachte Frau Susanne.

"Die tten ja alles blo mit Glachandschuh'n machen woll'n", ergnzte der
Mann.

"Donner!" schrie da Stefenson jhzornig und hieb die Faust auf den Tisch,
da aus seiner Fnfpfennigdampfrolle ein Feuerwerk stiebte, "nun ist's
aber genug. Wer nicht will, will nicht! Haben Sie das Risiko zu tragen?
Mssen Sie sich unsere Kpfe zerbrechen, ob unsere Grndung eine Pleite
ist oder nicht? Haben Sie nicht blo zu gewinnen? Das allerbeste ist ..."

"Das allerbeste is, Se gehn wieder!" sagte Barthel seelenruhig. Und nun
wren wirklich all unsere Beziehungen zu dem Hause Barthel abgebrochen
worden, wenn es nicht im selben Augenblick an die Tr geklopft htte und
zwei Damen ber die Schwelle getreten wren. Eine kleine zartgliedrige
Braune und eine groe Blondine, beide mit feinen Gesichtern, so gut man
das in dem Dmmerlichte der niederen Bauernstube feststellen konnte. Die
Kleinere sagte, da sie von der Erkrankung des Barthelschen Kindes gehrt
habe und mal nachfragen wolle; sie sehe aber, da gerade Besuch da sei,
und wolle nicht stren.

Ach, erwiderte die Frau, von Strung sei keine Rede; denn das seien zwei
ganz fremde Herren, mit denen sie weiter nichts Ernsthaftes zu besprechen
htten und die auch gleich gingen. Trotzdem fhlte sich die gute Mutter
Barthel bemigt, uns die kleine Sprecherin vorzustellen. "Das ist nmlich
unsere Lehrerin, Frulein Annelies von Grill."

Anneliese von Grill! Ein prfender Blick in die groen braunen Augen, und
ich hatte die Identitt mit dem kleinen Majorstchterlein festgestellt,
das manchmal in Waltersburg zu Besuch gewesen war und das ich - da ich
acht Jahre lter war - immer etwas onkelhaft begnnert hatte. Nun stand
ich ihr lachend gegenber und fragte sie, ob sie nicht mehr wisse, wer ich
sei. Da erkannte sie auch mich, und es gab ein frhliches Wiedersehen und
groe Verwunderung ber die Umstnde, unter denen es geschah. Ihre
Lebensgeschichte war kurz: der Vater frh gestorben, die Mutter auf eine
kleine Pension angewiesen und knapp imstande, aus ihr eine Lehrerin zu
machen, die nun vertretungsweise in diesem Dorfe angestellt war.

Auf einmal fragte die sehr wohllautende Altstimme der Blondine:

"Das ist doch nicht etwa der Doktor von dem Waltersburger Sanatorium
Ferien vom Ich?"

"Allerdings, meine Gndigste, dieser Doktor bin ich."

Das Mdchen brach in klingendes, lautes Gelchter aus.

"Also, das sag ich Ihnen, wenn mir die Wahl gelassen worden wre, wen ich
sehen wolle, Sie oder den Kaiser von Hinterindien in all seiner Pracht und
Herrlichkeit - ich htte mich fr Sie entschieden."

"Ich freue mich, da ich Ihnen so interessant bin", sagte ich.

"Oh, interessant ist gar kein Ausdruck. Wir stehen Kopf ber Sie! Jetzt
fehlte blo noch, da jener Herr dort der Mister Stefenson aus Amerika
wre."

"Das ist er!" mischte sich Emil Barthel ein, "es ist der Herr Mister aus
Amerika."

Stefenson verneigte sich phlegmatisch.

"Also, Herrschaften, dann mssen Sie schon erlauben, da wir uns etwas
zusammensetzen und diese kostbare Begegnung genieen."

Dieses Mdchen hatte einen burschikosen Ton an sich, und ich bat Anneliese
von Grill, uns zunchst mal mit ihr bekannt zu machen. Die Blonde stellte
sich aber selbst vor.

"Ich bin eine nach meiner eigenen Meinung auerordentlich begabte
Opernsngerin ohne Engagement, gegenwrtig zu Besuch bei meiner Freundin
Anneliese, um in der paradiesischen Einsamkeit dieses winterlichen Dorfes
Ferien vom Ich zu machen. Mit Knstlernamen bin ich Irmingard Schwarzeneck
genannt, brgerlich hre ich auf den Namen Eva Bunkert und bin die Tochter
des Baumeisters August Bunkert in Neustadt."

Wir sahen der Tochter unseres grimmigsten Konkurrenten aus der feindlichen
Nachbarstadt verdutzt in das strahlende Gesicht, und das Mdchen brach
wieder in frhliches Lachen aus.

"Es scheint, da wir Sie sehr belustigen, mein gndiges Frulein."

"Auerordentlich! Ist es nicht immer lustig, wenn Waltersburg und Neustadt
aufeinanderplatzen?"

Wir nahmen Platz und saen alle um den runden Bauerntisch. Emil Barthel
sagte:

"Siehste Mutter, du hast gesagt, es sind Schwinler, und ich hab gesagt,
hchstwahrscheinlich, aber man kann ja nich wissen, und da hab ich wieder
mal recht gehabt."

"Und nun, Herrschaften", rief Frulein Bunkert, "es mag so indiskret sein,
wie es wolle, ich mu wissen, was Sie hier bei Vater und Mutter Barthel zu
tun haben; ich sterbe sonst vor Neugier."

Und Stefenson - ach, Stefenson betrachtete das Mdchen mit unverhohlenem
Wohlgefallen. Er sagte mir hinterher, sie sei "sein Typ". Gro, schlank,
blond, bermtig. Da gehe er halt auch mal aus sich 'raus.

Er ging sehr aus sich heraus. Diese Eva Bunkert war eine Eva in des Wortes
wahrster Bedeutung, mit allen Knsten, Listen und Teufeleien des
Weibervolks ausgestattet. Sie machte die tollsten Anstrme auf den
biederen Stefenson. Damals, sagte sie, als er die Neustdter mit den
Zeitungsartikeln hineingelegt habe, habe sie auf die Gefahr hin, in ihrer
Vaterstadt gelyncht zu werden, gesagt: dieser Mann sei zum Kssen. (Bei
diesen Worten schlug Stefenson die Augen nieder und zog seinen dnnen Mund
gewaltig in die Breite.) Da er, Stefenson, in einer so den
Spieergegend, wie Waltersburg und Neustadt, einen so grandiosen Ulk wie
dieses Ferienheim inszeniere, sei vielleicht der beste Witz der
Weltgeschichte. Sie denke sich unser Heim als eine immerwhrende
Maskerade, als einen Bauernball ohne Ende, als einen Fasching _ad
infinitum_.

Und diese schweren Beleidigungen unserer groen erhabenen Idee lie
Stefenson ber sich ergehen, zuckte kaum manchmal die Schultern, und er
lchelte ... der Verrter.

"Meine Gndige", warf ich dazwischen, "Sie drften ber unser Ferienheim
denn doch nicht genug informiert sein. Wir meinen es ernst."

"Ja, gerade, da Sie es ernst meinen, ist ja das Gute", erwiderte sie.
"Ein Witz, der nicht ernst gemeint ist, ist gar kein Witz."

"Das ist eine sehr kluge Sentenz", stimmte der verrterische Stefenson
bei. Ich war emprt. So ein Mann, der pfiffiger war als der Pfiffigste,
blieb an der Leimrute eines blonden Zopfes sofort kleben. Als der Herrgott
das Weib erschuf, hat sich der Teufel sicher gefreut.

Aber neben mir die kleine braune Anneliese gefiel mir doch sehr gut. Sie
war freundlich, es lag viel Gte auf ihrem Gesicht, und es blinkerte auch
in ihren groen Augen das schne Lichtlein harmlosen Schalks. Whrend
Stefenson und Eva Bunkert eine lrmende, von vielem Gelchter
unterbrochene Unterhaltung fhrten, sprach ich leise mit Anneliese von
ihrem und meinem Leben, und es kam ein stilles Behagen ber mich in der
schlichten Bauernstube.

"Sie meinen es wohl gut mit diesem Ehepaare Barthel?" fragte ich.

"Es sind sehr ehrliche und auch ganz lustige Leute."

"Glauben Sie, da es recht wre, wenn wir sie fr uns gewinnen?"

"Ich werde ihnen gut zureden, da sie Ihr Angebot annehmen. Es wird gewi
beide Teile nicht reuen."

"Ich danke Ihnen!"

"Also, hren Sie, Herr Mister Barthel", lachte unterdes Eva Bunkert; "wenn
Sie das Angebot von Mister Stefenson abweisen wollten, wren Sie, mit
Respekt gesagt, ein Riesenochse. So ein Glck schneit Ihnen nie wieder ins
Haus."

Emil Barthel zuckte verlegen die Schultern.

"Ich mcht ja; aber die Mutter sagt ..."

"Gar nischt sagt sie", fuhr Frau Barthel dazwischen, "aber er - er hat die
Herren, ehe die Fruleins kamen, direkt 'rausschmeien wollen."

Emil Barthel schwur, da das nie in seiner Absicht gelegen habe, und es
gab einen ehelichen Streit.

Mitten in den Auseinandersetzungen erschien ein altes Weib.

"Jees, jees", jammerte es, "die Emma hat su viel Hitze und klagt immer
mehr ber a Hals."

Emma war die zwlfjhrige Tochter Barthels. Ich erfuhr, da das Kind ber
Halsschmerzen geklagt habe, und der Schfer, ein heilkundiger Mann,
Hoffmannstropfen, Heringslauge und Speckpflaster verordnet hatte. Die
Hoffmannstropfen hatte Barthel heute aus der Stadt geholt.

"Ich bitte Sie, sehen Sie mal nach dem Kinde", bat mich Anneliese, "es
sind bereits drei Diphtherieflle im Dorfe vorgekommen, und einen Arzt
haben wir hier nicht."

So ging ich mit ihr und den Barthelleuten nach einem Oberstblein, wo das
Kind in hohem Fieber lag.

Diphtherie! Keine Zeit mehr zu verlieren. Ich gab ein paar vorlufige
Verhaltungsmaregeln und schrieb einige Worte an einen Kollegen im
nchsten Orte, da ich die Behandlung ja nicht selbst bernehmen konnte.
Ein Radler fuhr mit der Botschaft los. Das Mdel ist dann auch gerettet
worden, und Barthel hat nachtrglich drei Mark Strafe zahlen mssen, weil
er dem Schfer, der die Heringslauge und das Speckpflaster verordnete,
einige Ohrfeigen als Honorar ausgezahlt hat.

Als wir damals nach der Barthelschen Wohnstube zurckkehrten, fanden wir
Stefenson und die schne Eva in angeregtester Unterhaltung. Fr das
erkrankte Kind hatte sie einige bedauernde Worte, dann lachte sie schon
wieder.

Eva hatte mit Stefenson verabredet, da sie mit Anneliese gleich nach der
Erffnung unserer Kuranstalt im Mai als Feriengast bei uns einziehen
wollte. Annelieses vertretungsweise Schulmeisterei, sagte sie, gehe blo
bis ersten April, und da sie selbst kein Engagement an einer Oper kriege,
sei vorlufig sicher, also knnten sie beide kommen.

"Und Ihr Vater?" fragte ich.

"Ach, mein Vater darf natrlich davon nichts wissen, der ist ja wtend auf
Sie. Dem schicke ich durch Mittelspersonen Briefe von irgendwoher, da er
meint, ich sei wer wei wo. Und bei Ihnen werde ich die Grnzeugfrau
Emilie Knautschke sein."

Ich beschlo, dieses Mdchen, das in die ernste Mnnerfreundschaft
zwischen Stefenson und mir einen so lauten Lachton mischte und unsere
groe Idee zur Hanswurstiade herabstimmte, unschdlich zu machen.

Wie ich das tun sollte, wute ich nicht.

Aber ich hatte Glck. Die Tr ffnete sich, und ein dnnes Stimmchen
zirpte herein:

"Pappa, wie lange bleibst du denn? Ich mu immerfort allein in dem dummen
Gasthaus sitzen."

Luise war es, die wir im Wirtshaus zurckgelassen hatten.

Stefenson sprang auf und eilte nach der Tr.

"Kindchen, auf dich hatt' ich ja ganz vergessen. Aber geh hier hinaus! In
diesem Haus ist Diphtherie."

Er schob Luise besorgt auf die Strae. Eva Bunkerts Gesicht wurde etwas
ernster.

"Ach, Herr Stefenson ist verheiratet?"

Ich war so boshaft, zweimal mit dem Kopf zu nicken.

Da rusperte sich Eva Bunkert und sagte, es sei wohl jetzt Zeit, nach
Hause zu gehen.

Ich hielt sie nicht auf. Es kam zum allgemeinen Aufbruch. Drauen auf der
Strae schmiegte sich die kleine Luise dicht und zrtlich an Stefenson an
und schmollte mit ihrem "lieben Pappa", der sie im Stiche gelassen hatte.

Und Stefenson, ob er auch nach Eva Bunkert hinschielte, trat nicht zu ihr
und sagte vor den Ohren des Kindes: "Ich bin nicht ihr Vater!"

Nein, er hielt stand dem Vaternamen gegenber, den er sich selbst gegeben
hatte. Er verleugnete das Kind nicht. Da hatte ich ihn wieder gern.

Als wir allein waren, sagte Stefenson:

"Das htte nun alles so gut in unser Programm gepat, und nun ist nichts
zum Abschlu gekommen."

Ich erwiderte:

"Diese Eva Bunkert ist eine ganz gute Erscheinung; aber ich frchte, sie
wrde unserer Sache schaden."

"Schaden?" fuhr er auf. "Ntzen! Glauben Sie mit Sentimentalitt, alten
Rckstndigkeiten und mit Duckmusertum noch was auszurichten? Glauben
Sie, da ein schnes Gesicht, eine gute Figur, ein beweglicher Geist des
Deibels sind? Oh, ich sage Ihnen, wenn wir die moderne Welt und ihre
Schdlichkeiten besiegen wollen, mssen wir verflucht modern sein. Mit
noch so ehrwrdigen Armbrustpfeilen geht keiner mehr an gegen die
Schnellfeuergeschtze der neuen Zeit."

Wir blieben noch einen Tag in diesem Dorfe und trafen die Mdchen wieder.
Beide waren gleichmig freundlich. Stefenson widmete sich ganz der
schnen Eva und sprach mit mir oder Anneliese kaum ein Wort.





                              DER JOURNALIST


Nun ist's ein Jahr her, seit die Verwirklichung meiner Idee von dem groen
Ferienheim keimte und wuchs. Jetzt nhert sie sich der Reife. Anfang
Februar gab es eine Sensation. Stefenson reiste nach Amerika zurck. Da
hhnten die Neustdter, dem sei wohl im letzten Augenblick doch angst und
bange geworden vor seiner bergenialen Neugrndung, und nun kme der
Zusammenbruch. Ich blieb ganz ruhig; denn ich wute, da alles gut
vorgesorgt war und Stefenson nur nach Hause fuhr, um seine dortigen
dringendsten Geschfte in Ordnung zu bringen.

Die kleine Luise wollte der Amerikaner mit auf die Reise nehmen. Erst nach
den ernstesten Vorhaltungen, die beinahe in Feindseligkeiten ausarteten,
lie er das Kind zu Hause. Aber Neid und Zorn war in seinem Herzen, und
zwar nicht nur wegen des Kindes.

"Ich bin begierig, wie Sie sich gegen Frulein Eva Bunkert benehmen
werden, wenn sie nun kommen wird, um unser Heim zu beschauen. Ich frchte,
Sie werden den rechten Ton nicht treffen."

Ich lchelte.

"Frchten Sie, da ich zu abweisend oder zu entgegenkommend sein knnte?
Eva Bunkert ist ein sehr schnes Mdchen."

"Ich bitte Sie", sprach er herb, "da Sie sich mit Frulein Bunkert weder
in der einen noch in der anderen Art zuviel beschftigen, sondern mir
diese ausgezeichnete Akquisition fr unsere Kuranstalt persnlich
berlassen."

"Ich berlasse Ihnen diese Akquisition", sagte ich gromtig und
feierlich. Darauf knurrte er, vor Mitte Mai knne er keinesfalls zurck
sein.

Als ich ihn zum Zuge begleitete, wnschte ich aufrichtig, er mge bald
zurckkommen ...

         -------------------------------------------------------

Vor drei Tagen ist nun unser Freund Emil Barthel mit seiner Susanne und
seinen Kindern bei uns eingezogen. Er hat den Forellenhof dicht unten am
Bach bernommen. Des Staunens seiner Leute war gar kein Ende. Sie gingen
bedrckt durch die groen, neuen, so behaglich ausgestatteten Rume wie
Fremde, die ein merkwrdiges prchtiges Haus betrachten. Aber sie werden
in diese Rume hineinwachsen. Der Bauer hat uns schon wesentliche Dienste
erwiesen. Er bezeichnete uns Kameraden und Bekannte, die sich als Pchter
unserer Hfe eignen wrden, und ob wir auch kaum den dritten Teil davon
gebrauchen konnten, so gaben uns die ausgewhlten Leute wieder die
Adressen neuer Kandidaten, so da unsere zwanzig Hfe besiedelt sind. Der
andere Teil des Gelndes wird von den alten frheren Dominialgebuden aus
bewirtschaftet.

Es geht alles schnell, ruhig und sicher, wo ein zielbewuter Wille und wo
- Geld da ist.

Manche unserer Hfe haben herkmmliche poetische Namen, wie Forellenhof,
Erlenhof, Grundhof, Hof am Hange, Berghof, Sonnenhof, aber es gibt auch
eine Waldschlzerei, eine Heimwehfluh, eine Steinmhle, eine
Genovevenklause, eine groe und eine kleine Einsiedelei, ein Haus "ber
den sieben Bergen", ein "_Old Nigger home_" (nach Stefensons Wunsch), eine
Heideheimat, eine Juxherberge, eine Meierei zum gelben Kakadu, ein
Knusperhuschen, eine Kassubenhtte, ein Zigeunerlager und eine
Ruberhhle.

Mit Romantik ist nicht gespart. Tradition fehlt ja leider allen diesen
Dingen, aber sie wird sich bald finden; wir haben pfiffiges Bauernvolk
ausgewhlt, und das dichtet in seiner krftigen Seele so viel zusammen,
da sich alsbald allerhand Geschichtlein um unsere Siedelungen spinnen
werden, schneller als der Efeu wchst, den wir an mancher Wand
einpflanzten, oder als das Moos wuchert, das wir auf schrge Dcher
legten.

Das grte Glck ist die Freude am gelungenen Werk, ein Abglanz des
erschtternden Titanenjubels, der Gottes Brust durchloht hat, als er im
Glanz von Millionen Sonnen die Schpfung vor sich sah.

Auch ich bin nie so glcklich gewesen wie in dieser Zeit der Grndung
unseres Heims, nie so selig, glubig und am Leben hngend, nicht einmal in
der Kinderzeit, die doch alle Tage Schpferjubel bringt, und sei die
Veranlassung auch nur eine gelungene kleine Schanze im Bach oder die zum
erstenmal geglckte Schleife des Schuhbandes.

         -------------------------------------------------------

Die Mdchen sind gekommen. Gestern. Sie kamen am Vormittag und wollten
schon mit dem ersten Abendzuge wieder abreisen trotz der Einladung, ein
paar Tage dazubleiben und bei Frau Susanne im Forellenhof zu wohnen.

Eva Bunkert war zurckhaltender als bei unserer ersten Begegnung. Sie
konnte es sich zwar nicht versagen, nach Betrachtung des Baches, der an
Barthels Hof vorbeifliet, zu behaupten, in diesem Gewsser lebe keine
einzige Forelle, weshalb der daranliegende Hof wahrscheinlich
"Forellenhof" heie, aber es sei ja bekannt, da Namen fast immer
tuschen, wie zum Beispiel krperlich etwas zurckgebliebene Mnnlein mit
Vorliebe Siegfried hieen oder oft keifende Xanthippen mit den holden
Namen Mariechen oder Trautchen begabt seien.

Nach dieser Abschweifung ins Schnippische wurde das Mdchen ernster. Sie
betrachtete den groen Forellenhof von innen und auen und sagte mit einem
Seufzer:

"Es ist schn hier. Ich glaube, man kann in einem solch einfachen Hofe
glcklicher sein als in einem prunkenden Hotel. Wenn ich es einrichten
kann, werde ich wirklich einmal hier Ferien vom Ich machen."

"Ich mchte es wohl auch", sagte die kleine Anneliese, "aber fr mich ist
so etwas viel zu teuer."

"Du, meine Liebe", lachte Eva Bunkert, "du mtest ganz andere Ferien vom
Ich haben - Weltstadtleben, Theater, Blle, Autofahrten - man mu das
haben, was einem fehlt."

"Mir wrde nichts fehlen in solchem Frieden", sagte die kleine Braune.

Ich ging mit den Mdchen durch unser Gelnde, fhrte sie nach dem Rathaus,
nach der Lindenherberge, den "Stillen Weg" hinab ber die Genovevenklause,
und als ich nach der Waldschlzerei weiter wollte, passierten wir das
Zeughaus und das groe Eingangstor. Dort gab es eine Auseinandersetzung
zwischen einem fremden Herrn und dem Trschlieer. Der Herr, der im
Reiseanzug war und eine kleine Handtasche trug, verlangte in ungestmer
Weise mich zu sprechen, whrend der Diener entgegnete, der Herr Doktor sei
aufs dringendste und unabkmmlichste beschftigt, und unsere Anstalt wrde
berhaupt erst am ersten Mai erffnet. Der Fremde lie sich nicht
abweisen, und als er mich erblickte, rief er:

"Ich mchte wetten, da jener Herr der Doktor ist!" Damit schob er den
Diener beiseite und kam auf mich zu.

"Gestatten Sie, mein Herr, eine kurze Viertelstunde?"

"Sie sehen, ich habe Besuch!"

"Jawohl - es tut mir auch leid, Sie stren zu mssen, aber ich habe nur
eine Viertelstunde Zeit. Wenn ich mich vorstellen darf: George Brown,
Mitarbeiter der 'Staatsbrgerzeitung' in Neuyork. Ihr Geschftsfreund
Mister Stefenson hat mich persnlich gebeten, Sie zu besuchen und Ihnen
dieses Schreiben zu berreichen."

Er bergab mir einen Brief, den ich mit Erlaubnis der Damen ffnete und
stellenweise vorlas:






                                                   "Neuyork, den 25. Mrz.
      Mein Lieber!

Sie wollen nie recht zugeben, da ich Sie genau kenne, aber mein Sprsinn
ist, was Sie anlangt, so gro, da ich hier viel tausend Meilen von Ihnen
prophezeie, ohne besorgt zu sein, einen Irrtum zu begehen: Wenn Sie diesen
Brief durch Mister Brown erhalten werden, werden Sie gerade mit den Damen
Eva Bunkert und Annelies von Grill einen sehr vergngten Spaziergang durch
unser Heim machen. Ich beglckwnsche Sie dazu und bitte, mich den
Herrschaften zu empfehlen.

Was Mister Brown anlangt, so empfehle ich Ihnen, diesen Herrn recht
rcksichtsvoll zu behandeln, ihm nicht etwa zu sagen, Sie htten gerade
Besuch und daher keine Zeit fr ihn. Denn Mister Brown ist einer der
einflureichsten Journalisten in den Staaten, und wir werden den Zuzug aus
Amerika fr unsere nach deutschen Normalbegriffen immerhin etwas
merkwrdige Anstalt recht ntig haben.

Gren Sie Luise von ihrem Pappa, der sich sehr nach seinem Gnschen
sehnt, aber noch nicht wei, wann er zurckkehren kann.

                                                               Stefenson."






Ich schaute verwundert auf Brown, den berbringer dieser seltsamen
Epistel. Brown war ein Fnfziger, der Kotelettbart und der Schnurrbart
sowie die gescheitelten Haare waren stark angegraut, der Anzug etwas
geschniegelt modern, die Wangen, wie mir schien, wohl ein wenig
geschminkt. Irgend etwas an dem Mann kam mir bekannt vor, auch in seiner
heiser klingenden Stimme. Vielleicht war ich ihm mal drben begegnet. Ich
fragte ihn, ob er auf dem letzten groen Pressekongre in Baltimore, den
ich besucht hatte, gewesen sei, und er erwiderte, da er daselbst eine
Rede gehalten htte. Daher die matte Erinnerung.

Die Mdchen verwunderten sich nicht weniger ber die seltsame Prophezeiung
in dem Stefensonschen Briefe als ich. Ich sagte, ich knne mir das
berraschende Eintreffen einer solchen Voraussage nur dadurch erklren,
da Stefenson vermutet habe, die Damen befnden sich fr lngere Zeit in
unserem Heim, ich mache mir wahrscheinlich fters das Vergngen, sie
auszufhren, und es knne sich wohl so fgen, da uns Mister Brown
zusammen antrfe. Daraufhin weissage ein Mann wie Stefenson eben
darauflos. Treffe es nicht ein, schade es nicht, treffe es aber infolge
seines Glckes ein, sei es ein guter Bluff.

Brown schttelte den Kopf.

"Mister Stefenson ist kein Bluffer, er wei immer, was er sagt."

"Sie kennen Mister Stefenson persnlich?" fragte Eva Bunkert mit
unverhohlenem Interesse.

"Mein gndiges Frulein", erwiderte Brown, "ich kenne alles, was man in
Neuyork und den Staaten kennen mu."

"Und Mister Stefenson gehrt zu dem, was man in Amerika kennen mu?"

"Ja, er gehrt dazu."

Der Journalist schlo sich unserem Rundgang an. Meist verhielt er sich
schweigend, sprach ber das, was er sah, weder Lob noch Tadel aus, bat
nur, sich von Zeit zu Zeit eine Notiz machen zu drfen, und stellte
auerordentlich sachverstndige Fragen, Fragen, die ich, sobald sie sich
in technische Einzelheiten verliefen, oft gar nicht beantworten konnte.
Das _Nigger-Home_ gefiel dem Amerikaner. Es war dster in der niederen
Stube; wir zndeten ein paar matt brennende Petroleumlampen, die an den
Wnden hingen, an, um die Illusion zu verbessern.

"Nun mte jemand einen Niggersang anstimmen", sagte Brown.

Da stand auch schon Eva Bunkert, an die Wand gelehnt, schrnkte die Arme
ber der Brust und begann mit wohllautender Stimme zu singen:

  _"Way down upon Swaney ribber_
  _Far far away ..._
  _There's, where my heart is turning ebber,_
  _There's, where the old folks stay ..."_

Sie sang dieses schwermtigste aller Heimatlieder mit tiefer innerer
Bewegung, und Mister Brown summte mit nselndem Tone die Begleitung dazu,
so wie es die Neger tun, wenn fern der Heimat einer der Ihrigen an der
Wand lehnt und das innerste Weh der weltverschlagenen, geknechteten Seele
im Liede ausstrmen lt. Dann summen sie alle mit, die Krper werden
regungslos, und die groen, heien Augen starren ins gelbe Licht der
matten Lampen ...

Wir gingen weiter und kamen an den Hof am Hange. Dort steht eine groe
Buche, um die eine Bank luft. Von hier aus kann man unsere ganze
Siedelung berschauen. Warmes Frhlingslicht spielte durch laue Luft, die
Zweige trugen alle die kurzen, grnen Kinderkleidchen erster Jugend, die
Vgel waren heimgekommen und bten in abgerissenen Trillern und Lufen das
groe Lebens- und Liebeslied des Maien ein. Da wurde mir das Herz weit.
Unsere Siedelung war schn, keine langweilige Linie in ihr, kein
Steinkolo, keine Erinnerung an geschniegeltes, des Geputztsein, sondern
Heimatlichkeit, Wrme, Frieden.

"Wenn man das sieht", sagte die kleine Anneliese, "meint man, hier werden
immer nur gute Menschen wohnen knnen. Es ist alles rein und gut;
schlechten Leuten wrde hier das Herz springen."

Ich war ihr dankbar und sagte:

"Aber es soll doch eine Zufluchtsttte werden fr solche, die nicht
glcklich sind, auch wenn sie durch eigene Schuld unglcklich geworden
sind."

"Ich finde", sagte Eva Bunkert, "in dem Ganzen ist ungeheuer viel
Kindliches."

"Das ist ein hohes Lob, mein Frulein, was Sie da sprechen", meinte Mister
Brown; "Genialitt ist nie etwas anderes als das Ursprngliche, das
Kindhafte. Sie glauben gar nicht, wie kindlich unsere guten amerikanischen
Humoristen sind. Ganz im Ernst! Sehen Sie deren Tier- und Kinderbilder an,
es ist alles geschaut mit den abgeklrten Augen des ernsten Mannes und
alles gefhlt mit dem Herzen des kleinen Buben."

"Stefenson ist ein Genie", sagte Eva Bunkert warm.

"Das will ich nicht sagen", entgegnete Brown, "er ist nur das Werkzeug;
der Schpfer der ganzen Idee ist, wenn ich recht unterrichtet bin, der
Herr Doktor, der mit uns auf dieser Bank sitzt."

Ich wehrte das Lob ab, und Eva Bunkert sagte:

"Wohl, der Doktor hatte die Idee, hatte den Traum in der Seele, aber
Stefenson hatte den Mut, den Traum in Wirklichkeit zu verwandeln. Ich
mchte sagen, der Doktor hat ein schnes Motiv in die Welt gesungen, und
Stefenson hat ein herrliches Lied daraus geschaffen."

"Sie sprechen sehr gut und lieb von meinem Landsmann", sagte Mister Brown
gerhrt.

"Oh", rief Eva Bunkert, "ich schwrme fr Stefenson. Es hat mir noch nie
ein Mann solchen Eindruck gemacht wie er, obwohl er der Konkurrent meines
Vaters ist. Erst recht deshalb! Ich mag die Leute nicht leiden, die sich
nur fr die Freunde und Gnner ihrer eigenen Sippschaft begeistern
knnen."

Da wurde auch die kleine Braune munter.

"Ja", seufzte sie, "es ist schade, da Mister Stefenson verheiratet ist!
Er wre der erste, der bei der stolzen Eva Bunkert wirklich Glck htte!"

"Du Plappermaul!" zrnte Eva, reckte aber den Kopf hoch. "Nun, ich leugne
es nicht: der Mann gefllt mir. Weil er eben ein so ganzer Mann ist. Vom
Heiratenwollen aber ist gar keine Rede."

"Er wre keine schlechte Partie", meinte ich.

"Eben deshalb!" sagte Eva trotzig. "Ich will mal keine gute Partie, ich
will einen Mann heiraten!"

"Ich wute gar nicht, da Stefenson verheiratet ist", warf Mister Brown
ein.

"Wie? Und Sie wollen ihn so genau kennen?"

"Oh - ich als anstndiger Journalist kmmere mich um das, was Stefenson
fr das Land und die Welt bedeutet, nicht um seine Privatverhltnisse. Ich
habe nie gehrt, da Stefenson verheiratet sei. Es ist mir auch ganz
gleichgltig."

"Der Herr Doktor hat es uns gesagt", erwiderte das Mdchen.

Da grunzte Mister Brown so tief und absonderlich, da ich erschrocken
aufschaute und ihn ansah. Und ich blickte - in Stefensons Augen. So klar,
in so deutlichem Zorn blitzten diese Augen mich an, wie ich sie von
hundert Gelegenheiten her kannte, wenn dem jhzornigen Manne die Galle
berlief, was oft genug geschah.

Ein wster Verdacht erwachte in mir. Dieser Mister Brown war gar kein
amerikanischer Journalist, es war Stefenson selbst, der uns in einer
vorzglichen Maske getuscht hatte. Noch einmal blickte ich ihn an; ich
sah wieder in ein fremdes Gesicht. Aber ich wurde den Verdacht nicht mehr
los. Jedenfalls, alter Freund, so dachte ich, bist du es wirklich, so
entlarve ich dich; bilde dir nicht ein, mit einem bichen
Detektivschlauheit deutsche Gimpel zu fangen.

Ich fing an, auf Stefenson zu schimpfen.

"Der Mann mag seine Vorzge haben", sagte ich, "aber wo viel Licht ist,
ist auch viel Schatten. So ist Stefenson - ich sage das ruhig, obwohl er
mein Freund ist - ungeheuer eitel!"

"Das ist kein Schade", fiel Eva ein; "viele groe Mnner sind eitel: viele
Staatsmnner, viele Geistliche, alle Dichter - selbst solche, denen man es
gar nicht zutraute, wie Kriegsleute, Flieger, Polizisten, sind eitel. Was
heit berhaupt eitel sein? Wer umzirkelt den Begriff? Auf sich halten,
auch in kleinen uerlichkeiten nicht verpowern, ist eine gesunde
Eitelkeit. Eine andere kann Mister Stefenson gar nicht haben."

Da lachte Mister Brown.

"Oh!" sagte er, "was das anlangt, so ist Stefenson so eitel, da er, wenn
er sich im Rasierspiegel sieht, erst immer seinem schnen Bild eine kleine
Verneigung macht, ehe er sich einseift."

"Ich denke, Sie kmmern sich nicht um Herrn Stefensons Privatleben", rief
Eva verrgert.

"Gewi nicht", sagte der Journalist, "aber manches fliegt einem halt so
zu. Wenn es Spa macht: ich kenne noch ganz andere Schwchen Ihres
Geschftsfreundes."

"Danke!" wehrte Eva ab, "es macht gar keinen Spa!"

Ich dankte auch. Wenn dieser Mann wirklich Stefenson war, so war es das
Dmmste, auf Stefenson zu schimpfen; denn er wrde dann noch weit heftiger
auf sich selbst schimpfen. Das mute ich doch von seinen Artikeln her
wissen. Auf solche Weise konnte ich dem alten Fuchs den Bart sicher nicht
scheren.

Da kam mir eine Bemerkung von Anneliese zu Hilfe.

"Damals hatte doch Herr Stefenson seine Tochter mit sich. Hie sie nicht
Luise?"

Ich jubelte innerlich, und die Schlechtigkeit, einem Menschen aus einer
seiner edlen Eigenschaften heraus eine Falle zu stellen, kam mir gar nicht
zum Bewutsein. Ja, ich beging eine neue Schlechtigkeit, ich schwindelte.
So stark war das Verlangen, diesen Journalisten, wenn er wirklich
Stefenson war, als Stefenson zu entlarven.

"Allerdings", entgegnete ich meiner Nachbarin, "Stefensons Tochter heit
Luise. Das Kind hngt sehr am Vater und er an ihr. Er wollte sie durchaus
mit auf die Reise nehmen, aber das gaben wir anderen nicht zu. Und es war
auch sehr gut; denn das Kind ist nicht wohl."

"Wieso nicht wohl?" fragte Mister Brown, und das in einer solch
erschreckten Weise, da ich jetzt meiner Sache vllig sicher war.

"Ah, so - so ...", entgegnete ich gleichmtig, "bei Kindern findet sich
leicht mal etwas; das ist nicht so tragisch zu nehmen."

"Ich finde", sagte Mister Brown scharf, "wenn ein Mann, wie Stefenson, ein
einziges Kind hat, ist es Pflicht, ihm sofort telegraphisch Mitteilung zu
machen, wenn dieses Kind ernstlich erkrankt."

"Von ernstlicher Erkrankung habe ich nicht gesprochen", entgegnete ich
ruhig, und diese Bemerkung war auch sehr angebracht; denn im selben
Augenblick strmte die kleine Luise mit zwei Bauernbengeln unter groem
Hallo aus dem nahen Walde. Das Mdel hat sich bei uns inzwischen vllig
eingerichtet, und von Schchternheit ist gar keine Rede mehr. Jetzt kam
sie auf mich zugestrmt.

"Ach, Onkel - ich wute gar nicht, da du hier oben bist. Wir spielen
gerade Haschen."

Anneliese liebkoste das Kind, und Eva Bunkert kniff es in die Wangen, da
es quiekte. Aufmerksam betrachtete Eva die Zge Luisens.

"Von ihrem Vater hat sie gar nichts", sagte sie, "sie mu ganz nach der
Mutter sein."

"Im Gegenteil", entgegnete ich, "das Kind ist das ganze Abbild des
Vaters."

"Dann habe ich auf ihn vergessen", sagte Eva mit fast trauriger Stimme.

Mister Brown atmete schwer. Ein so schwefelgelb giftiger Blick scho um
den Buchenstamm herum auf mich zu, da ich meiner Sache immer gewisser
wurde. Und was hatte dieser Journalist gesagt? Er habe es sehr eilig, nur
eine Viertelstunde Zeit zum Besuch. Jetzt war er schon ber zwei Stunden
da, und es wurde Abend. Wahrscheinlich wrde dieser "Mister Brown"
pltzlich entdecken, da er Zeit habe, einen ganzen Monat bei uns zu
verweilen. Nun wandte er sich Luise zu. Aber es kam nicht so, wie ich
dachte. Mister Brown legte ohne jede wrmere Gefhlsbewegung dem Kinde die
Hand auf den Kopf und sagte mit der blichen Kinderfreundlichkeit:

"Luise, ich kenne deinen Papa. Ich fahre wieder zu ihm, ich werde ihm von
dir erzhlen. Bist du sehr krank gewesen?"

"Pappa soll bald wiederkommen", antwortete die Kleine.

"Ja, ja! Aber ich frage, ob du sehr krank gewesen bist?"

"Wieso? Ich bin nie krank!"

"Aber hast wohl mssen im Bettchen liegen oder im Zimmer bleiben?"

"Nein, ich bin alle Tage drauen herumgerannt; ich war gar nicht eine
einzige Stunde krank."

"Hm!"

Mister Brown grunzte voll Behagens, und ich fhlte mich in der Rolle des
blamierten Europers nicht recht wohl. So mahnte ich zum Aufbruch. Die
Mdchen schlenderten mit dem Kinde voraus, und ich folgte mit Mister Brown
in einiger Entfernung. Jetzt wollte ich dem Fuchs an den Kragen.

"Ich finde eine merkwrdige hnlichkeit zwischen Ihnen, Mister Brown, und
meinem Freunde Stefenson. Sie haben dieselben Augen, dieselbe Nase,
dasselbe Kinn und dieselbe Sprache, ja sogar dieselbe Art, sich zu
ruspern. Ist das nicht merkwrdig?"

"Sehr merkwrdig!" entgegnete Brown. "Ein Schnorrer drben hat mir mal
gesagt, ich she Kaiser Wilhelm hnlich. Dem habe ich es noch halb und
halb geglaubt und ihm fnf Prozent dessen geschenkt, um was er mich
anpumpen wollte, aber eine hnlichkeit zwischen mir und Stefenson hat noch
niemand herausgefunden. Ich bin Ihnen brigens fr die gute Absicht, mir
etwas Angenehmes sagen zu wollen, sehr verbunden."

Er schaute mich an, und ich blickte in ein stockfremdes Gesicht. Auch
glaubte ich trotz des Abenddmmerns genau feststellen zu knnen, da
dieser Bart nicht angeklebt, da diese Haare keine Percke seien. So wurde
ich an meiner Entdeckung irre, und da ich einen zweiten Hineinfall nicht
erleben wollte, sagte ich: "Gott, man kann sich tuschen!" Da blieb er
stehen, sah mich an und sagte:

"Sie haben mich wohl gar fr Stefenson selbst gehalten, der Ihnen in einer
Ferienmaske was vormimt? Dem alten Knaben wre ein solcher Streich
zuzumuten, he?"

"Aber nein - aber nein! So hnlich sind Sie ihm nun doch nicht."

"Nun, mglich ist alles auf der Welt. Hauptschlich bei Ferien vom Ich!"
sagte Brown vergngt.

Und er lachte. Es war ein fremdes Lachen.

Unterwegs begegnete uns ein Telegraphenbote. Er berreichte mir ein
Kabeltelegramm, das aus Milwaukee kam und lautete:

"Verbindung mit X-Bankverein gelst; weitere Zahlungen durch Dresdner
Bank. Stefenson."

Die Verhandlungen, von dem Bankverein, mit dem wir bis jetzt gearbeitet
hatten, zur Dresdner Bank berzugehen, schwebten schon einige Zeit, und
dieses Telegramm belehrte mich nun, da Stefenson in Milwaukee und nicht
in Waltersburg war. Meine Phantasie hatte mir wieder einmal einen Streich
gespielt ...

Whrend ich den Telegraphenboten abfertigte und das Telegramm las, war
Mister Brown den Mdchen nachgegangen, hatte die kleine Luise an den
Hnden gefat und tanzte mit ihr "Ringel-Ringel-Reihen". Die lange
Schlottergestalt nahm sich dabei merkwrdig genug aus, das Kind jauchzte,
kam fast auer Atem, schlug zum Schlu entzckt in die Hndchen und sagte:

"Er tanzt genau so schn wie Pappa!"

"Alle Amerikaner tanzen so schn, mein Muschen", sagte Brown und kte
das Kind auf die Stirn. Dann zog er die Uhr und sagte:

"Der Zug, mit dem ich zurckfahren wollte, ist ja nun lngst fort. Sie
waren so liebenswrdig, mich sehr lange dazubehalten. Den nchsten Zug
aber darf ich nicht versumen. Ich mu morgen in Berlin und bermorgen in
Hamburg sein. Mein diesmaliges europisches Gastspiel ist aus."

"Sie haben nur den kleinsten Teil unserer Siedelung gesehen, Mister
Brown."

"Oh - ich habe genug gesehen. Den Geist - den Kern! Ich bitte Sie, mir
Ihren ausfhrlichen Prospekt mitzugeben. Daraus werde ich mich
informieren, und Sie werden sehen, da ich am treffendsten das kritisieren
werde, was ich nicht gesehen habe."

Am Rathausplatz trennte er sich von uns. Ein Angestellter geleitete ihn
zur Pforte, wo sein Wagen hielt. Eva Bunkert sah ihm lange nach.

"Es ist merkwrdig", sagte sie; "er hat mich ungeheuer an Stefenson
erinnert."

"O nein", meinte die kleine harmlose Anneliese, "Mister Stefenson ist doch
ganz anders, viel jnger und auch viel hbscher."

"Trotzdem! Was meinen Sie, Doktor?"

Ich zuckte die Achseln.

"Die Amerikaner haben alle dieselbe Art, sich zu geben."

"Das trifft es nicht", sagte Eva nachdenklich. Und auch ich geriet wieder
ins Grbeln.

"Ich glaube, es ist immer etwas unheimlich, wenn man nicht wei, mit wem
man spricht. Aber das wird ja in Ihrem Heim immer so sein, die Leute
werden nie wissen, mit wem sie sprechen. Werden sie da nicht vorsichtig,
ngstlich, unsicher werden?"

"Gewi nicht. Gesetzt den Fall, dieser Mister Brown sei der verkappte
Mister Stefenson gewesen, wie es ja tatschlich den Anschein hatte ..."

"Um Gottes willen, Sie glauben das doch nicht etwa?" rief Eva erschreckt.
"Und ich htte dann so - so - von Stefenson gesprochen ..."

"Aber nein! Stefenson ist in Milwaukee. Hier ist ein Telegramm, das er
heute frh dort an mich aufgab."

"Gott sei Dank!"

"Ich wollte nur unsere Idee des Unerkanntseins in unserem Ferienheim
verteidigen. Sehen Sie, wenn Mister Brown der maskierte Stefenson gewesen
wre, wre die Partie unehrlich gewesen. Wir htten ihn nicht erkannt,
wohl aber er uns. In unserem Heim wird das ganz anders sein. Keiner wird
den andern kennen. Da wird keine Befangenheit, keine ngstlichkeit,
sondern ein Mut zur Offenherzigkeit sein, der unerhrt ist in der Welt.
Die Menschen werden Wahrheiten hren, die sie niemals vernhmen, wenn sie
ihren Namen und Stand sagten, sie werden aber auch ihre Meinung sagen
drfen in einer Weise, die niemals mglich wre, wenn sie ihre wirkliche
Persnlichkeit dafr einsetzen mten."

"Ach ja", seufzte Eva Bunkert, "die grbsten und rcksichtslosesten
Rezensenten sind die anonymen oder pseudonymen."

"Der Friede dieses Ortes wird alle Schrfe mildern, wird aus der
Rcksichtslosigkeit wohltuende Offenheit, aus tzender Grobheit klare
Wahrheit werden lassen."

"Sie meinen es gut mit den Menschen", sagte gerhrt die kleine Anneliese
und sah mich mit ihren groen, braunen Augen dankbar an.

Ich aber - ich wei nicht warum - schaute nach der schnen Blonden hin.
Ich glaube, ich erwartete eine neue Bemerkung von ihr. Aber sie schwieg.

Die Mdchen blieben im Forellenhofe.

Ich habe vor Monatsfrist im Rathaus Quartier bezogen. Lange schaute ich
auf den Lindenplatz hinab. Der Mondschein spielte um den alten Baum. Ich
dachte an vielerlei, viel an Eva Bunkert, aber noch mehr grbelte ich ber
der Frage: War er's? War er's nicht?

Am bernchsten Morgen erhielt ich zwei Briefe, die ganz dieselbe
Handschrift aufwiesen. Der eine Brief war von Stefenson und kam aus
Milwaukee; er enthielt allerhand geschftliche Weisungen sowie die
Mitteilung, da er, Stefenson, wahrscheinlich erst im Sommer nach Europa
zurckkehren knne. Der andere Brief war von Mister Brown, trug den
Poststempel Hamburg und meldete, da der Journalist im Begriff stehe, nach
Amerika zurckzukehren, sich noch einmal fr die freundliche Aufnahme
bedanke und inzwischen unseren Prospekt mit Interesse gelesen habe.

Ich verglich die beiden Briefe wieder und wieder. Die Schriftzeichen
glichen sich auerordentlich. Htte man je einen der groen geschwungenen
Buchstaben aus den Briefen ausgeschnitten, man htte eine Kongruenz
feststellen knnen.

Da sagte ich, der Erfinder der Idee von den Ferien vom Ich, zu mir selbst:

"Ach, es ist doch gut, wenn man wei, mit wem man es zu tun hat!"





                           DIE ERSTEN KURGSTE


Am 1. Mai ist unsere Heilanstalt erffnet worden. Die Feier war schlicht.
Lehrer Herder hatte es sich nicht nehmen lassen, wieder ein Melodram zu
dichten, zu komponieren und zu inszenieren. Das Publikum bestand aus
Waltersburgern, unseren Bauern, deren Dienstleuten, unserem Personal und
fnfzehn Kurgsten. Von diesen fnfzehn Kurgsten genieen zehn Freikur,
und von diesen zehn sind sieben Schauspieler ohne Sommerengagement.
Stefenson sandte ein lngeres Glckwunschtelegramm aus St. Louis.

Fnfzehn Kurgste! Das war ein magerer Anfang nach der starken Reklame,
die wir gemacht hatten. Ich telegraphierte das klgliche Ergebnis nach
Amerika und erhielt von Stefenson die Antwort: "Hatte ich mir gedacht!"

Wir beschlossen, die Leute nicht einzeln ber die Hfe zu verstreuen,
sondern einen Teil in den Forellenhof, einen anderen in die Waldschlzerei
zu geben. Die Schauspieler aber schwrmten nicht fr Feld- und Waldarbeit;
sie wnschten mehr dekorative Posten. Fnf von den sieben wollten
Nachtwchter sein, einer bot sich als Hilfsbrieftrger an, wobei seine
Ttigkeit gleich Null gewesen wre, und einer sagte mit mildem
Augenaufschlag, er knne sich nur als Krankenpfleger glcklich fhlen. Wir
hatten aber keine Kranken.

Da stellte der Bauer Emil Barthel vom Forellenhof neben dem Groknecht,
den er bereits hatte, dem "langen Ignaz", noch einen zweiten Knecht ein
und sagte zu mir: "Ich hab es Ihn'n gesagt, Herr Doktor, de Stadtleute
sein olle faule Luder. Mit den is nischt anzufangen."

"Geduld, Barthel, Geduld!"

Der Anfang war wirklich klglich. Zwar sang Egin Harold, der als
Nachtwchter bestellt worden (und der in seinem Privatberuf Opernsnger
war), das

  "Hrt, ihr Herr'n, und lat euch sagen,
  Die Uhr hat eben zehn geschlagen!"

mit tremolierender Empfindsamkeit; aber um Mitternacht sang er noch viel
empfindsamer vor dem Hofe des Sonnenbauern, der eine hbsche blonde Magd
hatte: "Gute Nacht, du mein herziges Kindl", um 1 Uhr droben am Hange:
"Ihr lichten Sterne habt gebracht so manchem Herzen schon hienieden ...";
um 2 Uhr: "Steh ich in finstrer Mitternacht", und von 3 Uhr an:
"Morgenlicht leuchtend im rosigen Schein ..."

Die benachbarten Hofhunde wurden ob dieser Gesnge so tief ergriffen, da
sie alle mitsangen, und alsbald lag auf dem Rathaus eine Beschwerde ber
den Nachtwchter wegen nchtlicher Ruhestrung. Als nun Egin Harold von
dem unmusikalischen Sonnenhofbauern noch gar angedroht bekam, er werde den
Hofhund loslassen, wenn der Wchter sein Gesinge vor dem Kammerfenster der
Magd nicht einstelle, quittierte der beleidigte Knstler seinen Posten und
bergab die Abzeichen seiner Wrde an seinen Berufsgenossen, den Bassisten
Hagen Korrundt, wobei er mit einiger Abnderung des Lohengrintextes sang:

  "Den Spie, dies Horn, den Pelz will ich dir geben.
  Das Horn soll in Gefahr dir Hilfe schenken,
  Der Spie im wilden Kampf dir Mut verleiht,
  Doch in dem Pelze sollst du mein gedenken,
  Der jetzt auch dich aus Schmach und Not befreit."

Die "Schmach und Not", aus der Hagen Korrundt befreit wurde, bestand
darin, da er, der ein starker Mann war, ein paar Stunden am Tag dem
Waldschlzer hatte helfen mssen, Bume zu fllen. Jetzt war er als
Nachtwchter vom Tagesdienst befreit. Abends um zehn Uhr bestieg Hagen
einen groen Granitblock, den er den "Fafnerstein" getauft hatte, stand
malerisch dort oben in seinem wilden Zottelpelz mit seinem langen Spiee
und seinem funkelnden Horn, sang mit drhnendem Ba die Stunde, kletterte
dann vom Fafnerstein wieder herab und ging schlafen.

Die Kur bekam Herrn Hagen Korrundt sehr gut. Er erzhlte mir in der
Sprechstunde, da er frher an einem chronischen Hungergefhl, das
wahrscheinlich auf nervser Grundlage beruhte, gelitten habe. Seit er aber
bei uns sei, sei er aller Beschwerden ledig. Als ich daraufhin der Kchin
in der Waldschlzerei ein Lob erteilte, sagte das Weiblein nur zwei Worte:

"Er frit!" -

Es ist ein Schauspieler da, der mit seinem wirklichen Namen Eduard
Ksenapf heit. Als Knstler nennt er sich Guido Janello, bei uns aber, da
er doch nicht erkannt sein darf, Knut Waterstream.

Dieser Knut Waterstream ist dnner als ein Regengerinnsel. Ich schickte
ihn zur Arbeit in die Grtnerei. Einiges erzhlte mir der Grtner, einiges
beobachtete ich selbst, wie Knut arbeitete. Er sollte drres Laub
zusammenrechen und flsterte den braunen Blttern zu:

  "So wie ein Blatt vom Wipfel fllt,
  So geht ein Leben aus der Welt,
  Die Vgel singen weiter!"

Sttzte sich auf den Rechenstiel und stand eine Viertelstunde lang in
melancholischer Betrachtung ber die Verwelkbarkeit des Laubes und anderer
irdischer Dinge. Darauf bergab er dem Grtner den Rechen und sagte:

"Tun _Sie_ dieses Totengrbergeschft; ich vermag es nicht!"

Ein andermal sollte Knut ein Beet ausjten. Er ging siebenmal mit dsterem
Antlitz um das Beet herum, spreizte dann alle zehn Finger ber dies neue
verruchte Arbeitsfeld und deklamierte:

  "Giftiges Kraut, geset mitten unter den Weizen,
  O du teuflische Saat, wie bist du vom Feinde gestreut!
  Satanas hat sich dein Korn in hllischen Scheuern gestapelt,
  Hat mit beklaueten Fingern diese Aussaat verrichtet,
  Da du nun wucherst und wchst; dem gldenen Weizen zum Schaden,
  Da du die Sonne ihm stiehlst, den nchtlichen Tau der Gestirne.
  Weiche, du teuflische Brut, verkrieche dich tief in den Boden,
  Krieche zur Hlle zurck, zum Satan, von dem du gekommen,
  Nie mehr soll dich erblicken mein schwer beleidigtes Auge,
  Einzig soll es sich freuen am goldenen Schimmer des Weizens!"

Daraufhin hat der Grtner Herrn Knut Waterstream belehrt, da das, was er
als Weizen anspreche, in Wirklichkeit junger Kopfsalat sei und da sich
gegen das Unkraut mit Beschwrungen nichts ausrichten lasse. Man msse das
Zeug Stck fr Stck mit der Wurzel aus der Erde herausziehen; anders gehe
es nicht.

"Lieber Freund", hat da Knut Waterstream mit melancholischer Stimme
erwidert, "wir verstehen uns nicht!"

Dann ist er gesenkten Hauptes nach Hause gegangen.

                                    *

Es soll der Snger mit dem Knig gehen. Snger hatten wir von Anfang an
genug; am 10. Mai kam der Knig an. Ein wirklicher Knig war es zwar
nicht, aber immerhin der Bruder eines regierenden Frsten, eine Hoheit. Um
diese Zeit versandte unser Propagandachef, Herr Levisohn, folgende Notiz
an dreihundert Zeitungen:

"Der Andrang nach der Kuranstalt 'Ferien vom Ich' zu Waltersburg, der
besten und originellsten Heilsttte der Welt, ist enorm. Die ermdete
Intelligenz flchtet in unseren Frieden; die heimatlosen Kinder der Welt
kommen auf ein Weilchen zurck ins grnbelaubte Mutterhaus der Natur.
Knstler von Weltruf, Mitglieder europischer Regentenhuser sind bei uns
eingekehrt. Wie romantisch, wenn ein Heldentenor, der vergtterte Liebling
allen Volkes, bei uns als schlichter Nachtwachtmann mit funkelndem Speer
und silbernem Horn durch die im Sternenschein liegenden Gassen schreitet,
die Stunden singend, wie es in alten Tagen geschah, oder wenn er einer
heimlich geliebten schlummernden Dame sein Troubadourlied singt; wie
rhrend, wenn ein gefeierter Schauspieler voll Lust und mit nie ermdender
Emsigkeit seine Grtnerarbeit verrichtet; wie ergreifend, wenn der
Allerhchstgeborene Herr, dessen Wink das ganze Land gehorcht, auf dessen
Stimmungen die Welt achtet, im demtigen Bauernkleide, von niemand
erkannt, seiner lndlichen Ttigkeit nachgeht! Wahrlich, die Kuranstalt
'Ferien vom Ich' ist ein Triumph der Menschheit, ist der Sieg ber das
Unglck, ist ein Paradies auf Erden!"

Als ich diesen Ergu in den Zeitungen las, wute ich: auch unser Levisohn
war ein Dichter. Einer von blhender Phantasie.

Hoheit kam zu mir und fragte:

"Sagen Sie mal, Doktor, ist denn unter den paar Mnnchen, die hier bei
Ihnen 'rumkrauchen, etwa der Knig von England oder von Italien drunter?"

"Gewi nicht, Hoheit."

"Ja, wer ist denn da mit dem Allerhchstgeborenen Herrn gemeint, auf
dessen Stimmungen die Welt achtet?"

"Ew. Hoheit selbst."

Hoheit prusteten los und kriegten einen Hustenanfall. Nachher sagten
Hoheit:

"Verfluchter Kerl, der Levisohn; er macht was aus einem!" -

Der Erfolg der Levisohnschen Reklamenotiz war riesenhaft. Es wurden
achtzigtausend Prospekte von uns eingefordert, und es meldeten sich ber
dreitausend Kurgste an. Ob der nachtwchternde Heldentenor oder der
ackerbauende Frst die grere Anziehung ausbte, war nicht zu
entscheiden. Flugs erschien in Hunderten von Zeitungen folgende Notiz:

"Kuranstalt 'Ferien vom Ich', Waltersburg. In einer Woche 83 000 Menschen,
die an die Pforten unseres Heims anklopften!!! Auf absehbare Zeit knnen
wir trotz unserer riesigen Anlagen neue Gste nicht aufnehmen, da jeder
unserer Feriengste ganz individuell behandelt werden mu. Vornotierungen
aber zulssig."

Diese hochmtige Krze tat noch grere Wunder. Unser Bro konnte die
Berge von Zuschriften nicht im geringsten mehr bewltigen. Ich
telegraphierte unsere fabelhaften Erfolge nach Amerika. Und wieder traf
die Antwort ein: "Hatte ich mir gedacht!"

                                    *

Hoheit ist ein recht liebenswrdiger Kurgast. Hoheit ist berhaupt einer,
der seiner zu groen Nachsicht gegen sich selbst die Erschlaffung seiner
Nerven verdankt. Wir rzte drcken das hflich aus: Er hat zu konzentriert
gelebt. Es ist schn, da wir unsere fachmnnischen Ausdrucksformen haben;
denn es wrde sich stilistisch nicht gut ausnehmen, wenn man sagte: Hoheit
ist vielleicht eine ganz gute Haut, aber ein bichen Schweinekerl und
Liederjan!

Also, Hoheit haben zu konzentriert gelebt und sind vielleicht nur zu uns
gekommen, weil sie hier ein Feld fr originelle Extravaganzen wittert.
Rares wittert. Alles andere liegt hinter diesem Mann, schwere
Familienratsbeschlsse, unfreiwillige Reise um die Erde, zeitweilige
Verwendung in den Kolonien, Ausshnung mit dem Familienchef, abermaliges
Fallen in Ungnade, morganatische Ehe, Scheidung, Schulden,
Zeitungsskandale und was so zum Bilde des tollen Prinzen gehrt.

Drei Tage hat Hoheit in der Besinnungseinsiedelei zugebracht und mir einen
Lebensbericht eingereicht, ber dem mir die Haare zu Berge gestanden
haben, obwohl ich als Arzt und Weltumsegler ja gerade nicht unerfahren und
prde bin. Am Schlu stand: er habe sich eigentlich erschieen wollen,
aber er knne ja noch mal diese "neue Chose" probieren, ob ihm noch ein
bichen Geschmack am Leben beizubringen sei. Das Leben komme ihm so eklig
und wertlos vor wie ein alter schmutziger Kupferdreier, fr den man keine
Zwiebel mehr zu kaufen kriegt. Er gebe sich ganz in meine Hand, wolle alle
Arbeit tun und bitte, mit ihm recht rauh zu verfahren; es sei ihm immer am
wohlsten gewesen, wenn ihm gelegentlich mal sein hoher Bruder, Landesherr
und Familienoberhaupt, ein paar Ohrfeigen angeboten habe. Dann habe er auf
Sekunden das Gefhl gehabt, da er und sein Leben noch ernst genommen
werden knnen. Heien wolle er Max Piesecke. -

"Also, lieber Piesecke", sagte ich in der Sprechstunde zu ihm; "da Sie
ein groer Lumpenkerl sind, wissen Sie und brauche ich Ihnen nicht erst zu
sagen. Hchstwahrscheinlich lt sich mit Ihnen nichts mehr anfangen.
Erschieen werden Sie sich nicht, dazu fehlt Ihnen die Courage. Aber
miserabel zugrunde gehen werden Sie! Es wird weh tun, Piesecke; Sie werden
die Wnde auskratzen, ehe Sie hin sind! Aber, Piesecke, sehen Sie - ich
glaube, ungefllig sind Sie nicht. Sie haben auch noch Sinn fr Humor.
Nun, Piesecke, es wre doch ein kolossaler Witz, wenn aus Ihnen noch mal
ein brauchbarer Kerl wrde! He? Sie mssen selbst darber lachen! Und fr
mich wre es gut - wegen Ihrer Familie. Also versuchen wir's halt.
Gelingt's, freue ich mich; gelingt's nicht, schmeie ich Sie 'raus!"

"Wahrscheinlich werden Sie mich 'rausschmeien!" sagte Piesecke
nachdenklich.

"Sie sind ein schlechter Pessimist, Piesecke! Sehen Sie, wenn Sie ein
bichen Philosophie im Leibe htten, mten sie wissen: es gibt keinen
grimmigeren Spa, als ein Pessimist zu sein und ber den Pessimismus zu
lachen!"

"Wie? Bitte, schreiben Sie mir den Satz auf!"

"Gern!"

Ich schrieb den Satz auf einen Zettel, bergab ihn Piesecke und sagte:

"Stecken Sie sich dieses Wertpapier in Ihre Jackentasche und verlieren Sie
es nicht! Und nun werde ich Ihnen noch etwas sagen, Piesecke! Sie werden
hchstwahrscheinlich nach acht Tagen bei uns ausreien wollen. Sie sind
gar nicht imstande, bei uns zu bleiben und das Gesundungsleben
durchzufhren. Dazu fehlt Ihnen die Willenskraft. Und um nicht
unntzerweise acht Tage lang meine Zeit mit Ihnen zu vergeuden, werden wir
einen notariell aufgenommenen Kontrakt machen. Er wird kurz sein und
lauten:

Falls ich nicht ein Jahr lang im Waltersburger Kurheim 'Ferien vom Ich'
aushalte oder mich den Anordnungen des dirigierenden Arztes nicht fge,
zahle ich eine Million Mark Reugeld."

"Was?" schrie Max Piesecke. "Wenn ich so etwas tue und mein Bruder erfhrt
es, schlgt er mich tot!"

"Schn! Dann habe ich nicht mehr ntig, Sie zu kurieren."

Piesecke sank in sich zusammen.

"Ich bin immer Erpressern in die Hnde gefallen", jammerte er.

"Morgen nachmittag 4 Uhr wird der Notar hier sein", entgegnete ich ruhig;
"Sie werden dann entweder das von mir aufgesetzte Abkommen unterzeichnen
oder Ihrer Wege gehen."

"Ferien vom Ich!" sthnte Piesecke; "ich habe gar keinen Willen mehr."

Am nchsten Tage, um 4,35 Uhr, unterschrieb vor dem Notar, meinem
Vertrauten, Max Piesecke das von mir gewnschte Abkommen mit seinem
hochfrstlichen Namen.

"Nun passen Sie mal auf, Piesecke", sagte ich, "jetzt wird noch was aus
Ihnen!"

         -------------------------------------------------------

All unsere Hfe sind mit Kurgsten besetzt. Wir haben so viel Anmeldungen,
da wir die Wahl htten, wen wir aufnehmen wollen, aber wir gehen der
Reihenfolge der Anmeldungen nach. Ich habe von frh bis spt Arbeit,
obwohl unser rztekollegium immer grer wird. Es lastet zuviel
Geschftliches auf mir. Das drckt auf die Seele; denn ich bin kein
Kaufmann. Was tut mir doch dieser Stefenson an, da er gerade jetzt, wo er
hier am ntigsten wre, in Amerika sitzenbleibt? Soviel ich auch schon an
ihn schrieb und telegraphierte, er kommt nicht zurck. Immer die gleiche
Antwort: "Ich bin hier noch unabkmmlich."

Unser Direktor - ein frherer Offizier - ist zum Glck ein tchtiger Mann.
Es ist Schwung in seinen Gedanken, er hat Initiative und Sprsinn. Wie ein
guter Jagdhund ist er, er hat's in der Nase, wenn er ber das weite
Gelnde unseres Arbeitsfeldes schnuppert, wo irgendwo in einer geheimen
Furche ein verborgener Erfolg aufzustbern ist. Er ist aus dem Holz, aus
dem die guten Feldherren, Diplomaten, Kaufleute geschnitzt sind. Die
leitet alle ein unfabarer Instinkt, eine Art sechster Sinn, den andere
Leute nicht haben.

Der Direktor heit von Brsen und wird wegen seines wrdevollen Auftretens
von den Kurgsten "der Herr Prsident", von den Angestellten aber "der
Direks" genannt. Oft habe ich bei seinen Manahmen das Gefhl: genau so
wrde Stefenson gehandelt haben. Brsen ist auch von Stefenson angestellt
worden. Mein Geschftsfreund hat den Offizier a. D. mal irgendwo
kennengelernt, sich mit ihm etwa zwei Stunden unterhalten, dabei - wie er
schrieb - gefunden, "da sich dieser Mann zwei verschiedene Dinge auf
einmal vorstellen knne, was nur sehr wenig Menschen vermchten", da er
ferner "zu klug sei, um die Alltagsklugheit zu haben", da er nicht in den
Doppelsohlenstiefeln ngstlicher Vorsicht einherstampfe, in denen man von
hundert Schnellflern berholt werde, und da er von guter, zher
Geistesmuskulatur sei. So hat sich Stefenson die Adresse dieses Herrn
gemerkt und ihn fr uns nun an den Tag gezogen.

Es ist ein Glck, da dieser Direktor da ist. Was tte ich ohne ihn? Einen
Entscheid fllt er fast nie sofort. Er will, wenn es sich um wichtigere
Angelegenheiten handelt, immer einen Tag oder doch einige Stunden
Bedenkzeit. Dann steht aber auch seine Meinung felsenfest. Und er
entscheidet immer so, wie ich annehmen mchte, da Stefenson entschieden
haben wrde, auch manchmal in Dingen, die viel Geld kosten, so waghalsig,
so wurstig, so ohne Skrupel, wie es eben nur ein reicher Mann kann, der so
fest steht, da er wei: ich kann nicht fallen, komme, was wolle. Ein
paarmal sah ich den Direktor scheu von der Seite an. War er etwa gar ...

Das war krasser Unfug. Dieser kleine Schwarzbart mit dem runden Buchlein
war bestimmt nicht der groe, hagere Stefenson. Auch in dem Journalisten
Brown htte ich nichts anderes vermuten sollen als eben den Mister Brown.

Ich mu mich wahrhaftig erst in die Ausfhrung meiner eigenen Idee von der
Unpersnlichkeit meiner Kurgste gewhnen. Es wird mir schwer, in dem
Nachtwchter Korrundt nicht den Opernsnger zu sehen, ja, es wird mir
sogar schwer, unsere verbummelte Hoheit mit Piesecke anzureden. Dabei ist
doch der Mann wirklich mehr Piesecke als Hoheit. Ich bekmmere mich
absichtlich nicht um die Personalien der Kurgste, die ich nicht selbst
behandle, sehe keine unserer Geheimlisten ein, soweit ich es nicht als
leitender Arzt tun mu. So begegne ich Menschen auf unseren Wegen, sehe
Leute in unseren Grten und auf unseren Feldern arbeiten, von denen ich
nicht wei, wer sie sind, woher sie kommen, wohin sie gehen, von denen mir
nur bekannt ist, da sie aus einer drckenden Enge entflohen sind in das
Reich unserer grnen Gesundheit.

Der Sekretr, der unsere Statistik macht, sagte mir, da neunzig Prozent
unserer Kurgste aus Grostdten kommen. Ich glaube das gern. Die
Grostadt ist keine gute Mutter. Dazu sind ihre Arme und Hnde zu steinern
hart, ist ihre Sprache zu laut und liebeleer, sind ihre Sinne zu
flunkerig, sind ihre Wnsche ohne Heimlichkeitssinn zu sehr auf den
Engrosramsch der Gensse gerichtet, ist ihr Aufputz zu sehr abgespart den
wahren Bedrfnissen ihrer Kinder. Von den Palastrumen ihrer Verwaltung
aus regiert diese Stiefmutter Grostadt ihre Familie, die zum grten Teil
in dumpfen Winkeln hockt und in engen Kammern schlft; in ihren glnzenden
Parkanlagen drfen barfige Jungen und zerlumpte Mdchen spazierengehen.
Wie die niedertrchtigste Amme, die ihren unruhigen Zgling mit Schnaps
betubt, errichtet sie in all ihren Vorstdten Destille neben Destille.
Und wenn die Kinder gar zuviel darben und zu murren beginnen, schenkt
ihnen diese "Mutter" Grostadt einige Bonbons "ffentlicher Frsorge" oder
billiger Lustbarkeit, Bonbons, die nicht satt, stark und gesund machen
knnen, sondern nur den Magen ansuern und die Zhne des Willens und
Charakters verderben.

Wann endlich wird die Menschheit des trgerischen Schimmers mde sein, in
Scharen ausziehen aus dem ungesunden Hause der Stiefmutter Grostadt und
im groen Ferien machen von diesem jammervollen Ich?

         -------------------------------------------------------

Heut ist ein Unglck passiert. Annelies von Grill und Eva Bunkert wollten
als Kurgste zu uns kommen und beim Forellenbauer wohnen. Der Bauer hatte
seinen Spazierwagen nach dem Bahnhof geschickt zur Abholung. Sein Knecht,
der lange Ignaz, spielte den Kutscher. Aber auch Piesecke fuhr mit. Hoheit
will sich in die Geheimnisse der Kunst einweihen lassen, ein Bauerngefhrt
auf einem etwas holperigen Feldweg mit Geschick zu leiten. Auf dem
Rckwege ist dann das Unheil geschehen. Piesecke hat kutschiert und gerade
dort, wo der Weg eine steile Bschung hat, umgeworfen. Die Damen sind den
Abhang hinuntergekugelt, die beiden Kutscher desgleichen, und die scheu
gewordenen Pferde haben den umgekippten Wagen hinter sich hergeschleift
und greulich zugerichtet.

Von den vier abgepurzelten Personen hat sich der Knecht Ignaz zuerst
erhoben. Er hat sich erst die Glieder zurechtgeschlenkert, dann die
Wahlstatt berschaut und darauf zunchst mal dem unglcklichen Piesecke
ein paar ungeheure Ohrfeigen versetzt. Darauf ist Ignaz den Pferden
nachgerannt, hat sie zum Stehen gebracht, sich berzeugt, da mit dem
Wagen nicht weiterzufahren sei, und ist dann zu den Damen zurckgekehrt.
Annelies ist auer dem Schreck nichts passiert, die schne Eva hat sich
einen Fu verstaucht. Ignaz hat die holde Blonde auf seinen krftigen
Buckel laden und nach Hause tragen wollen, doch das hat sie abgelehnt.
Piesecke hat nichts zu sagen gewut als: "Pardon, pardon, es ist mir
dieses alles sehr fatal."

Schlielich hat Eva dem Knechte befohlen, ein Pferd auszuspannen, sie
hinaufzuheben, und ist so halb lachend, halb weinend bei uns eingeritten.

Am selben Tage noch kam Hoheit zu mir, um wegen der erhaltenen Ohrfeigen
Beschwerde zu fhren. Er sei - so sagte er - immerhin ein Kurgast, und
Ignaz sei ein gemieteter Knecht. Er msse gegen solche Behandlung Protest
einlegen.

Ich aber sagte: "Piesecke, ich habe so viel Wichtiges zu tun, da ich mich
wirklich nicht darum kmmern kann, wenn sich mal zwei unserer Kutscher
prgeln."

Darauf erhellte sich Pieseckes Gesicht, und er sagte: "Jawohl, ich sehe es
ein! Wenn ich mich krperlich werde gekrftigt haben, werde ich ihm die
Ohrfeigen zurckgeben."

"Das mssen Sie", erwiderte ich; "das gebe ich Ihnen auf; das werde ich
Ihnen direkt in die Kurverordnung schreiben, lieber Piesecke!"





                               SOMMERABEND


Die Arbeit war getan; ich war frei. Eigentlich wollte ich ja hinauf zum
Hirtenhaus, aber ehe ich mich's versah, schlenderte ich doch wieder zum
Forellenbauer hinab. Ich redete mir ein, ich msse mich um mein Sorgenkind
Piesecke bekmmern, und so nebenbei knne ich ja nach Eva fragen, deren
kranker Fu allerdings von einem Kollegen behandelt wird. Das Mdchen sa
vor der Haustr auf der grngestrichenen Bank und putzte Gemse. Sie heit
hier einfach "Hanne". Einen Familiennamen fhrt sie nicht, ebensowenig wie
Anneliese, die sich in "Brbel" umgetauft hat.

Am Hoftor blieb ich stehen. Ein liebliches Bild! Abendsonne bestrahlte das
schne Mdchen, eine weie Taube sa auf der Rckenlehne der Bank, ein
goldgefiederter Hahn blinzelte mit seinen uglein zu dem Mdchen empor,
wartend, ob fr ihn etwas abfalle. Dann kam der groe Zottelhund, wedelte
mit seinem buschigen Schwanz den Hahn gutmtig, aber bestimmt zur Seite,
nahm dessen Platz ein und sa in stummer Bewunderung vor der schnen Frau.

Und noch ein anderer schaute verliebt zu dem Mdchen hin, das war
Piesecke, der an der Stalltr lehnte und eine Sense in der Hand hielt. Oh,
den armen Piesecke scheint es ganz arg erwischt zu haben. Er verdrehte die
Augen und seufzte einmal so laut, da man es ber den Hof hinweg hrte.
Ich rgerte mich ber den Menschen.

Gleich wurde mir eine Genugtuung. Eine derbe Faust kam aus der Stalltr
heraus, gab dem trumenden Piesecke einen Sto in den Rcken, da er samt
seiner Sense in den Hof taumelte, und eine rauhe Stimme rief:

"Schlaf nicht, du Dskopp! Mach, da du aufs Kleefeld kommst!"

Die schne Hanne blickte auf und lachte, Piesecke geriet in Wut, fuchtelte
mit seiner Sense ein wenig vor der inzwischen geschlossenen Stalltr herum
und ging dann niedergeschlagen ber den Hof. Am Tor traf er mich.

"Das ist eine Gemeinheit", sagte er und hatte Trnen in den Augen.

"Piesecke", trstete ich ihn, "ich bin Zeuge dessen gewesen, was jetzt
vorfiel. Das ist gegen jede Ordnung, ist gegen den Sinn unseres
Ferienheims. Der Knecht Ignaz hat sich gegen einen Kurgast solche
Frechheiten nicht herauszunehmen. Ich werde energisch mit dem Bauern
reden. Oder soll ich Sie auf einem anderen Hofe unterbringen?"

"Um Gottes willen nicht", rief Piesecke erschrocken; "ich - ich - da
hielte ich's ja gar nicht aus auf einem anderen Hofe ... ich - ich hab
mich ja schon so - so - an den Grobian gewhnt."

Und er ging gesenkten Hauptes mit seiner Sense davon.

Ich begrte eben die blonde "Hanne", da trat auch schon der Bauer Barthel
aus der Haustr. Das war mir nicht lieb, und so sagte ich ein bichen
unwirsch:

"Barthel, das geht aber nicht, da Sie Knechte mieten, die unsere Kurgste
verprgeln. Denken Sie mal, wenn das in der ffentlichkeit bekannt wrde!
Da kme niemand mehr zu uns. Den langen Ignaz mssen Sie entlassen."

"Ich kann nich, Herr Dukter", erwiderte Barthel achselzuckend. "Ma kriegt
so schwer 'n gutten Knecht. Kurgste kriegt ma zehnmal leichter wie 'n
Knecht. Und a Ignaz, den kenn ich vu Jugend uff, das is a ganzer Kerle.
Der schofft's! Wos sull ich machen, jetzt, wu die Ernte kummt? Ich kann
doch nich die Ernte mit 'm Piesecke machen! Se sullten mal zusehn, Herr
Dukter, wenn der Piesecke Gras haut. Blu die Spitzen schneid't a ab, de
Sense fuchtelt immer in der Luft 'rum. Oder sie bleibt in eem
Maulwurfhaufen stecken. Es ist jmmerlich!"

"Wie lange wird denn Herr Piesecke hierbleiben?" fragte Hanne.

"Das drfte ich eigentlich nicht sagen", erwiderte ich, "aber ich glaube
ein ganzes Jahr!"

"Um Gott's willen!" sthnte Barthel. "A Jahr lang! Da hat mir der Kerl 'n
ganzen Hof ruiniert. Was soll ooch so'n Sargfabrikant von der
Bauernwirtschaft verstehen."

"Wieso - Sargfabrikant?"

Barthel lchelte berlegen.

"Eener vom Grundhofe kennt ihn. Piesecke is Sargfabrikant in Hannover und
heet eegentlich Robert Ebbing. Ich hab das vom Sargfabrikanten gleich
geglaubt; denn 'n sehr traurigen Eindruck macht a doch. Aber ich hab mir
gesagt, a mu doch da was von der Tischlerei verstehn. Da sollt a mir
vorgestern 'ne Kiste zunageln. Das htten Se sehn mssen! Olle Ngel krumm
oder in die Luft gekloppt. Das wee ich: in een Sarg, den der Piesecke
gemacht hat, leg ich mich amal nich! Eh da die Snger mit 'Es ist bestimmt
in Gottes Rat' fertig wren, brch der Boden und ich lg drauen!"

"Also, das alles glaub ich nicht", warf die blonde Hanne lachend ein;
"Piesecke stammt aus einer besseren Familie; das merkt man ihm schon an."

Ich zuckte die Achseln.

"Es darf hier ein jeder vermuten, was er will."

"Meinetwegen mag er sein, was er Lust hat", sagte Barthel brummig;
"Hauptsache, ich wr ihn los."

"Geduld, Barthel, Geduld!"

"Geduld braucht ma mchtig viel mit den Stdtern. Also fnfundzwanzig
Stck Kurgste hab ich jetzt. Auer mit der kleen'n Brbel hab ich mit
allen Schererei. Na, ich brumm nicht etwa, Herr Dukter; fr die rgerei
mit a Stdtern bin ich ja da und hab ich mein feines Auskumm'. Ich sag
blo: rger machen se alle."

"Aber doch nicht ich!" rief Hanne.

"Sie ooch", sagte Barthel melancholisch; "meine Alte is uff Sie
eiferschtig."

"Barthel!"

Dem Mdchen blieb der hbsche Mund offenstehen.

"Ja, ja, ich hab ihr zwar gutt zugeredt und gesagt: Alte Schraube, es pat
sich nich, da du uff deine alten Tage eiferschtig wirst. Aber se sagt,
es pat sich nich, da ich su oft mit Ihn'n plaudere, und ich tt Augen
machen."

"Was tten Sie machen?"

"Augen! Nu ja, ich kann doch nich als Blindekuh vor Ihn'n stehn!"

Das Mdchen machte ein erheuchelt ernstes Gesicht.

"Also, Barthel, diese Augen lasse ich nicht auf mir sitzen. Ich werde Ihre
Frau Gemahlin zur Rechenschaft ziehen."

"Um Gottes willen nich! Wenn das 'rumkummt, schrei'n ja die Leute Feuer!"

Da trat Frau Susanne Barthel aus der Haustr.

"Hatt' ich mir's nich geducht? Steht a nich schon wieder?" sagte sie.

"Ja, Frau Barthel", rief Eva, "und er macht Augen auf mich!"

"Nich wahr, Frulein Hanne, Sie haben ooch Ihren Spa an dem alten Esel?"

Das Weiblein fing an zu lachen, da ihr die Augen trnten.

"Also, wenn der Augen macht", schluchzte sie unter Lachen, "da kommt keen
gestoch'nes Kalb dagegen auf."

"Weib", schrie Barthel erbost; "du bist eiferschtig. Du hast keen'n Grund
dazu!"

"Nee, nee", schlenkerte die dicke Susanne prustend mit den Hnden; "du
kannst um de ganze Welt 'rum Augen machen, 's fllt keener druff 'rein!"

Und sie ging vergngt ins Haus zurck. Barthel stopfte ob des
vernichtenden Urteils ber seine mnnliche Anziehungskraft die Hnde in
die Hosentaschen und sagte:

"Das is eene Gemeinheit! Immer lacht se, schon wie se noch meine Braut
war, lacht se mich immer aus."

"Seien Sie doch froh, Barthel, da Sie eine so lustige Frau haben."

"Nee, nee, Herr Dukter, olles mit Respekt gesagt, aber das verstehen Se
nich! Sie sind nicht verheirat't. Sehn Se, wenn a Weib schimpft, oder wenn
se flennt, oder wenn se mit Tellern schmeit, oder wenn sie furtlooft,
knn'n Se sich immer noch Ihren Kopp ufsetzen; aber wenn se lacht, sind Se
geliefert."

Nach dieser Bemerkung hob der Philosoph aus dem Volke den Kopf und lachte
selber. Und ich benutzte die Gelegenheit und bat Barthel, mir seine
Meinung ber seine Kurgste mitzuteilen. Sowenig ich mich sonst um den
Stand der von mir persnlich nicht behandelten Kurgste kmmere - wer auf
dem Forellenhof lebt, wei ich. Ach, ich wollte es mir ja immer noch nicht
zugestehn, aber ich glaube oft, da ich selbst "Augen" auf die schne Eva
Bunkert mache, die hier "Hanne" heit. Und wenn ich ehrlich sein will, ist
das auch der Grund, warum ich gerade die Besucherliste des Forellenhofes
kenne. Jetzt sagte ich gutgelaunt:

"Also, Barthel, schieen Sie mal los mit Ihrem rger ber unsere
Kurgste."

Ich hatte mich inzwischen zu Hanne auf die Bank gesetzt, Barthel hockte
auf einem umgekehrten Kartoffelkorbe uns gegenber. Er machte sein
philosophisches Gesicht und sagte:

"rger kann man's eigentlich nich nennen, man mu mehr sagen, keen
richtigen Respekt nich. Also, vom Piesecke will ich nich reden, der rgert
mich wirklich. Das is 'n Huhn! Wahrscheinlich hat a zuviel Srge gemacht,
zuviel Geld eingenummen, und da is es halt su geworden. Aber zum Beispiel
der Lempert. Also, in dessen Kurverordnung, die er mir als 'm Hausherrn
doch abgeben mu, steht: Aufstehn halb sechs. Um halb sechs geht der Ignaz
wecken. Lempert brummt nich amal. Um dreiviertel weckt Ignaz wieder.
Lempert schreit: a sull die Schnauze halten! Um sechse geh ich selber und
hau an die Tr. Lempert schmeit seine Stiefel dagegen und schreit, ich
sull mich zum Teufel scheren. Um viertel sieben trommeln wir beide so an
die Tr, da 's ganze Haus wackelt, 's rhrt sich nischt. Um halb sieben
droh'n wir, die Tr einzuhauen. Da kummt Lempert hinter uns die Treppe
'rauf und fragt seelenvergngt, warum wir eigentlich vor seiner Tr so
eenen Skandal machen; a wr doch schon lange munter. Is der Kerl heimlich
uffgestanden und hat die Tr von auen verschlossen. Nchsten Tag dieselbe
Chose. Um halb sechs Ignaz (Lempert brummt), um dreiviertel sechs Ignaz
(Schnauze halten!), um sechs ich (er schmeit mit Stiefeln). 'Jetzt,
Ignaz', sag ich, 'is Schlu, jetzt steht er heimlich uff.' Um neune is 'n
Bote vom Rathaus bei mir, warum der Lempert nich zur Kur gekommen sei?
Schlft der Vagabund noch! Da soll ma sich nich rgern!"

Lempert war ein Rechtsanwalt aus Leipzig.

"Fahren Sie fort, Barthel. Schildern Sie mir noch einige Ihrer Kurgste."

"Also, da ist der Emmerich, der komponiert mir 'n ganzen Hof voll. Auf'm
neubehobelten Kartoffelwagen hat a 'n ganzes Brett vollkomponiert, er
komponiert die Hausflurwnde voll, er komponiert ans Butterfa, er
komponiert auf die Tischtcher, er hat sogar (entschuldigen, Frulein
Hanne!) auf den Klosettdeckel einen Rundgesang komponiert. So ein
verrcktes Huhn is das! Ich hab'n gefragt, ob er Kapellmeister oder Kantor
war, da hat er gesagt: Nee, er wr Gesanglehrer in eener
Taubstummenanstalt. Von sein'n Schlern liee er seine Kompositionen
auffhren. Das nennte sich primitive Kunst. Und gerade so 'n Schmierfinke
wie der Emmerich is der Maler Methusalem. Das is erst eine Nummer! Der
behauptet, er wre 998 Jahre alt. In zwei Jahren zu Pfingsten feiert a
seinen tausendsten Geburtstag. Da will er uns alle einladen. Den nchsten
Tag tt er dann sterben, da knnten wir gleich zum Begrbnis dableiben.
Die Sache htte sich so zugetragen, da er vor etwa tausend Jahren 'n
mchtiger Knig gewesen wr; aber er htt' 'n Verbrechen begangen, und da
htt' 'n een sehr krftiger Fluch getroffen, und da htt' er gleich nach
seinem Tode sich immer wieder aus 'm Grabe 'rausbuddeln und in anderer
Gestalt 'n neues Leben beginnen mssen, und es sei immer sehr bergab
gegangen mit sein'n diversen Leben, bis er zuletzt htte als deutscher
Maler auf die Welt gemut. Da sei das Ma seiner Bue voll geworden, und
er drft jetzt definitiv sterben. Also - was hat dieser Methusalem
gemacht? Ich hab ein neues Schaff gekauft. 's erstemal kommt's in
Gebrauch. Schneeweies Buchenholz. Da schttet meine Frau Rben in das
Schaff, pfeift 'm Methusalem und sagt: 'Methusalem, stampfen Se mal die
Rben hbsch klein!' Was macht er? Er beguckt sich das schne weie
Schaff, dreht's um, schttet die Rben aufs Pflaster und malt auf 'n
auswendigen Boden vom Schaff meine Alte. Die is nu immer wieder
hergelaufen gekommen, hat gelacht und geschimpft auf den Methusalem, und
er hat sie immer angeguckt und drauflos gestrichelt. Da is se ausgerckt
und er 's Schaff sich ber'n Kopf gestlpt und immer hinter der Susanne
her. Und wo er sie erwischte, schnell ihr ins Gesicht geguckt und 'n paar
Striche gemacht. Und dann ging die Jagd von neuem an. Das nennt sich nu
landwirtschaftlicher Betrieb bei uns!"

"Hat denn der Methusalem die Zeichnung fertiggestellt?"

"Freilich! Fnf Tage lang is a mit sein'm Schaff auf 'm Kopp hinter der
Susanne wie wahnsinnig hergewest. Se is ganz auer Atem gekommen und hat
gesagt, a mt wirklich 'n sehr schwerer Verbrecher sein. Aber das Bild is
nu fertig. Ich sag Ihn'n, su 'ne alte Eule haben Se Ihrer Lebtage noch
nicht gesehen."

"Kann man das Bild nicht mal sehn? Sie haben dieses Schaff hoffentlich
nicht wieder als Schaff benutzt?"

"Nee! Meine Alte hat das Bild abscheuern woll'n, aber da haben alle
Kurgste Lrm gemacht."

"Die Zeichnung ist kstlich!" warf Eva ein.

"Wo ist denn das Schaff?"

"Oben in seiner Stube hat's der Methusalem eingeschlossen. Aber ich hab ja
'n zweiten Schlssel."

"Holen Sie's mal!"

"Wenn mich die Susanne erwischt, kommt sie gleich mit der Schmierseife und
der Scheuerbrste hinter mir hergesaust."

"Holen Sie es. Wir stehen Posten."

Ich wute, da dieser Methusalem ein bekannter ausgezeichneter
Karikaturist war. Als Barthel mit dem Schaff ankam und ich die Zeichnung
sah, war ich entzckt. Ich sah ein Meisterwerk! Diese ganze pfiffige,
durchtriebene, lachlustige, dicke Susanne lebte, atmete, schimpfte,
lachte, kommandierte, pfiff auf der Zeichnung.

"Es ist herrlich", rief ich; "es ist zum Kssen schn!"

"Weib!" schrie da Barthel begeistert, "Weib, komm 'raus, der Doktor will
dir 'n Ku geben."

Susanne kam heraus, sah das Schaff, kreischte, versuchte einen wilden
Angriff auf ihr Bildnis und erstarrte, als ich ihr sagte, wenn Herr
Stefenson die Zeichnung she, wrde er wahrscheinlich ein- oder
zweitausend Mark dafr zahlen.

Die erblate Susanne rief:

"Ich kann doch keene so scheuliche alte Schachtel sein wie die da!"

"Das ist keine scheuliche alte Schachtel", sagte Eva freundlich; "das ist
eine sehr liebe, lustige Muttel!"

"Siehste, Alte", hhnte Barthel, "wenn du um die ganze Welt reistest, 's
knnte dich keen Maler schner uffmalen, als du eben bist. Aber ich bin
nich eiferschtig, wenn ooch der Methusalem fnf Tage hinter dir hergerast
is wie verrckt."

Mit dieser rachschtigen Bemerkung schlug Barthel seine Gattin aus dem
Felde.

"Holdrioho hoho!" jodelte einer drauen vor dem Tore.

"Um Himmels willen", rief Barthel, "das is der Methusalem. Wenn der sprt,
da ich in seiner Stube gewest bin! Der tausendjhrige Kerl hat Krfte wie
'n Br."

Und Barthel nahm das Schaff auf den Kopf und verschwand eilends im Hause.

Eva-Hanne sagte:

"Ich hab immer gern in meinem Leben gelacht, aber so viel wie in den drei
Wochen, da ich hier bin, noch nie."

"Lachen ist gesund."

"Ganz gewi. Ich sehe, wie alle um mich her tglich gesnder und heiterer
werden. Heiter kann man es zwar nicht nennen, mehr ausgelassen."

"Ja, sehen Sie, Eva, die Ausgelassenheit ist nur ein ansteigender Talweg
zu dem Berge der Gesundheit und des Glckes, die Heiterkeit ist der
letzte, klare Gipfel. Zu ihm gelangen wir spt, erst, wenn wir lange und
mhevoll gestiegen sind, erst, wenn es still und einsam um uns geworden
ist, erst, wenn unsere Augen weithin sehen knnen, ber alle Tiefen, die
unter uns, und alle Hhen, die ber uns waren."

"Sind Sie selbst schon auf der Hhe?"

"Ich gewi nicht. Ich bin nichts als ein Wegzeiger, der im Tale steht, die
Hand ausstreckt und sagt: Da geht es hinauf!"

"Vielleicht ist's gut so", meinte Eva nachdenklich; "wenn Sie selbst schon
oben stnden, knnten Sie nichts anderes als winken. Und da wrde sich
mancher sagen: was will der winkende Mann auf dem steilen Gipfel; er ist
wohl in Not und frchtet sich allein dort oben?"

"Ich finde, Frulein Eva, da wir uns gut verstehn!"

Ich sah ihr hei in die Augen. Ihr Blick begegnete mir freundlich, aber
khl. Dann senkte sie das Haupt und sah vor sich hin. Der lange Ignaz
schlurfte vorbei. Er brummte einen Gru und rckte kaum am Hut.

"Ein unfreundlicher Mensch", sagte ich, nur um etwas zu reden. "Wenn er
nur nicht mal Unheil anrichtet!"

"Der Bauer braucht ihn. Aber er ist mir auch manchmal unheimlich."

"Holdrioho hoho!" jodelte es nun dicht vor dem Tore. Ein starker Kerl
erschien, der brachte eine dicke Weibsperson auf einem Schiebkarren
gefahren.

"Das ist Methusalem", belehrte mich Eva; "er bringt die dicke Cenzi vom
Felde heim."

Cenzi war - wie ich wute - die Gattin eines Berliner Bankiers. In ihrem
Dirndlkostm sah sie ein wenig schnurrig aus. Methusalem fuhr seine holde
Last bis in die Mitte des Hofes, kommandierte "Alles aussteigen!" und
kippte den Schubkarren um. Cenzi quiekte, berkugelte sich zweimal, kam
dann jauchzend auf uns zu in einer merkwrdigen Gangart, die etwa so
aussah, wie wenn eine Ente den Trippelschritt einer Taube versucht, und
sagte:

"Denken Sie, der schlechte Mensch; auf dem Schubkarren fhrt er mich, aber
zeichnen mag er mich nicht!" Methusalem schnitt ein Gesicht hinter ihr,
das deutlich ausdrckte: "Lohnt nicht den Faboden!" Dann sagte er: "Ich
bin kein Zeichner; ich bin ein Feldarbeiter. Und das Schubkarrenfahren ist
wichtiger fr Sie, Cenzi, als das Geportrtiertwerden. Sie haben drei
Heukappen auf einen Platz zusammengetragen und waren daher mit Recht so
erschpft, da Sie per Achse nach Hause gebracht werden muten."

"Er ist ber so viele Steine hinweggefahren", klagte Cenzi; "ich bin
buchstblich wie gerdert."

"Das wird besser werden, Cenzi", trstete Methusalem, "wenn unser Vater
Barthel erst einen Schubkarren mit Federung und Gummirad angeschafft hat.
Es ist ein Skandal, da er noch keinen solchen besitzt. Er ist ein
rckstndiger Landwirt."

"Oh, Sie Sptter!" fltete Cenzi; "aber passen Sie auf, morgen habe ich
wieder drei Pfund abgenommen. Denken Sie, Herr Doktor, neun Pfund habe ich
bei Ihnen in zwei Wochen abgenommen, und das ohne jede Medizin."

Sie setzte sich zu mir und wollte mich in den Zauber eines Gesprchs ber
ihren Gesundheitszustand verwickeln; ich aber sagte, sie mge das alles
ihrem Arzt in der Sprechstunde mitteilen. Da war sie denn auch zufrieden.

Ein Hilfsbrieftrger erschien. Er bergab Eva einen Brief. Den Brief hatte
die Reichspost mit der richtigen Adresse im Rathaus abgegeben. Dort war
der Brief in einen neuen Umschlag gesteckt und mit "Hanne - Forellenhof"
adressiert worden. So hatte ihn der Hilfsbrieftrger berbracht. Er blieb
nach dieser Amtshandlung wartend stehen.

"Nanu, Brieftrger", sagte Methusalem, "Sie warten wohl auf 'n Trinkgeld?
Sie wissen doch, da wir alle in diesen gesegneten Landen nicht 'n roten
Heller in der Tasche haben."

"Eine Zigarre mcht ich gern", sagte der Brieftrger.

"Gibt's nicht", schimpfte Barthel aus der Haustr heraus. "Drei Stck sull
a blo am Tage roochen, und die kriegt a ooch tglich geliefert. Nu is a
extra Brieftrger geworden, da a in a Hfen um Tabak rumschnorr'n kann."

Der Brieftrger (er war im Zivilleben Fabrikbesitzer im westflischen
Industriebezirk) machte einen niedergeschlagenen Eindruck.

"Drei Stck so leichte Zigarrchen ist ja nichts fr einen, der ein starker
Raucher gewesen ist", sagte er.

"Die drei Dingerchen hole ich mir frh um sieben ab und verrauch sie alle
drei nach dem Frhstck. Und dann habe ich den ganzen Tag nichts."

"Trsten Sie sich", sagte Barthel grob, "vielleicht werden Sie ooch noch
gescheidt um 'n Kopp!"

Nur die dicke Cenzi war mitleidig. Sie hatte sich eben eine Zigarette
angesteckt und sagte:

"Brieftrger, ich krieg blo zwei Stck am Tag. Aber Sie drfen einmal
dran ziehen."

Sie steckte dem Brieftrger ihre Zigarette in den Mund, und der sog sich
gierig daran fest, blies den Rauch durch die Nase, sog so fest, da er
binnen Sekunden die ganze Zigarette aufgefressen htte, wenn Cenzi sie ihm
nicht entrissen htte.

"Den la ich nie wieder ziehen!" sagte sie emprt.

Eva hielt ihren Brief in der Hand. Sie war ein wenig unruhig geworden.

"Er ist von meinem Vater", sagte sie leise zu mir.

"Begleiten Sie mich bis zum Tor!"

"Also", fuhr sie fort, whrend wir langsam gingen und sie sich auf mich
sttzte, "hat er meinen Aufenthaltsort erfahren. Ich mag den Brief jetzt
nicht lesen. Ich wei, da er nichts Erfreuliches enthlt, und ich will
mir den schnen Abend nicht verderben."

So war der alte Streit zwischen Waltersburg und Neustadt in einer ganz
neuen Form wieder ausgebrochen. Die Tochter des Konkurrenten war bei uns
zur Kur, und der Vater protestierte. Anders konnte es nicht sein.

"Es wre sehr, sehr schade, wenn Sie unser Heim verlassen mten", sagte
ich und fhlte, da eine heie Angst in mir aufstieg.

Sie sah finster zu Boden.

Dann ri sie den Brief auf.

"Ich will nicht feig sein!"

Sie las - las - staunte. Dann reichte sie mir den Brief.

"Oh! Das htte ich nicht gedacht! Lesen Sie!"

"Liebes Kind! Es ist ja nicht nett von Dir, da Du hinter meinem Rcken
ins Lager unseres sogenannten Feindes bergegangen bist. Aber die Sache
kann sich noch gut zurechtschieben. Die Neustdter, deren ganzer Sache ich
auf die Beine geholfen habe, machen mir schon seit langem das Leben sauer
und mchten mich nach und nach brig machen. Nun erhielt ich gestern von
Mister Stefenson aus Amerika einen Brief, in dem er mich anfragt, ob ich
geneigt sei, den Bau der noch fehlenden zwanzig Hfe in der Waltersburger
Kuranstalt zu bernehmen und auch fernerhin die baulichen Unternehmungen
dort zu leiten. In diesem Falle mge ich mit der Waltersburger Direktion,
die verstndigt sei, in Verbindung treten. Ich bin nach Lage der
Verhltnisse gar nicht abgeneigt, der Sache nherzutreten, und freue mich
jetzt, da Du bereits Dein Interesse fr das jedenfalls sehr
aussichtsreiche Waltersburger Unternehmen bekundet hast. In den nchsten
Tagen werden wir uns sehen."

Ich gab Eva den Brief zurck.

"Sie werden nicht glauben, da ich eine Ahnung von diesen geschftlichen
Dingen gehabt habe", sagte sie ngstlich.

"Gewi nicht; ich habe selbst auch davon nichts gewut."

Ihre Stirn war finster.

"Es ist schwer fr mich, das zu sagen - aber Sie sollen mich nicht falsch
beurteilen; es gefllt mir nicht von meinem Vater, da er von den
Neustdtern zu den Waltersburgern bergeht. Er htte drben Stange halten
mssen - jetzt erst recht!"

"Braves, liebes Mdel!" dachte ich; doch ich sagte, um sie zu beruhigen:

"Sie sind ja auch zu uns gekommen!"

"Das ist etwas anderes. Ich bin nicht Eva Bunkert, ich bin Hanne vom
Forellenhof. Ich schade den Neustdtern nichts. Aber mein Vater - der
Grnder von allem! Wenn der bertritt!"

"Frulein Eva, Ihr Vater ist wohl lngst da drben nicht mehr ganz mit dem
Herzen dabei. Seine ursprnglichen Waldheime sind dem den Hotelbetrieb
gewichen. Ich glaube, er mag darunter gelitten haben. Kaltherziger
Geschftskonzern spricht allein in Neustadt. Wenn sich nun Ihrem Vater ein
Feld neuer Ttigkeit bietet, das ihn mehr befriedigt, ist es recht von
ihm, wenn er zusagt."

"Sie sind ein lieber Mensch", sagte sie dankbar, und meine Augen flammten
auf, und auf einen Augenblick war es mir, als flge meine Seele einem
seligen Lande zu. Das Herz stockte, der Atem setzte auf Sekunden aus, ein
seliger Taumel fate mich ...

Drauen an der Tr erhob sich ein Singen:

    "Abend wird es wieder;
    ber Wald und Feld
    Suselt Frieden nieder,
    Und es ruht die Welt."

Das alte Abendlied wurde von vierstimmigem Chor gesungen. Da ffnete der
lange Ignaz das Tor. Er hatte in der Nische gelehnt, und ich hatte ihn
vorher gar nicht gesehen. Vielleicht hatte er alles gehrt, was wir
gesprochen hatten. Jetzt blickte er mich mit finsterem Gesicht an. Aber
ich beachtete ihn gar nicht. Ich sah auf die Snger, die durchs Tor zogen.
Sensen und Rechen trugen sie ber die Schultern, alle mit Feldblumen
geschmckt, voran schritt Emmerich, der Chormeister, mit einem mit
Kornblumen geschmckten Taktstock:

    "Nur der Bach ergieet
    Sich am Felsen dort,
    Und er braust und flieet
    Immer, immerfort.

    So in deinem Streben
    Bist, mein Herz, auch du,
    Gott nur kann dir geben
    Wahre Abendruh!"

Als letzte in der Reihe kamen die kleine Luise und eine Frau, die das Kind
an der Hand fhrte. Diese Frau war wohl noch jung; sie war von hoher,
schner Figur. Das Gesicht konnte ich nicht sehen, weil das bunte
Kopftuch, das sie trug, weit vorgeschoben war. Luise, die jetzt sehr
hufig auf dem Forellenhofe war, schmiegte sich dicht an ihre Begleiterin.

"Wie heit die Frau, mit der Luise geht?" fragte ich Eva.

"Sie nennt sich Magdalena, ist sehr still und bleibt fast immer fr sich
allein. Aber das Kind hngt an ihr."

Behutsam zog ich mein Notizbuch. Dort hatte ich die Kurgste des
Forellenhofes verzeichnet.

"Magdalena ..., geschiedene Frau Kaufmann Agnes Blassing aus Aachen,
behandelnder Arzt Dr. Michael", stand dort verzeichnet.

Das Abendlied verklang; die Leute zerstreuten sich an der Brunnenrhre
oder am Bach; die meisten aber zogen doch vor, ihre Abendtoilette auf dem
Zimmer zu besorgen.

Drauen auf der Strae knarrte noch ein Wagen. Trotzdem schlo der lange
Ignaz das Tor. Das war eine neue Heimtcke von ihm; denn vor dem Tor stand
Piesecke mit einem Fuder Klee und wute nicht, wie er es anstellen solle,
die Zgel der Pferde, von denen eines sehr unruhig war, nicht loszulassen
und doch an das Tor zu klopfen.

So schrie er: "Es ist zu! Es ist zu! Bitte, machen Sie geflligst auf!"
und es klang wie ein jammernder Hilferuf. Die Leute, die noch im Hofe
waren, lachten, und niemand dachte daran, Piesecke in seiner Not
beizustehen. Da eilte die kleine braune Anneliese ber den Hof und
versuchte das schwere Tor zu ffnen. Ich half ihr dabei, und ich sah zum
erstenmal, wie reizend dieses Mdchen war. Wie eine se, junge, rote
Rose! Ihre Sternenaugen grten mich wieder so freundlich, und ich
glaubte, zu ihrem Herzen wrde ich den Weg wohl leichter finden als zum
Herzen dieser stolzen Eva. Und sah doch wieder zu dieser Eva hin.

Nun sollte zur Abendmahlzeit gerufen werden. In anderen Hfen geschah das
durch eine Glocke. Hier im Forellenhof trat Emmerich mit seiner Leibgarde
auf. Vier Mann, zwei mit Becken, einer mit einer Trommel, einer mit einer
Pauke. Dieser Tischruf war so gewaltig, da die Leute drunten in
Waltersburg wuten, wann im Forellenhof gegessen wurde. Damit aber auch
der lyrische Teil dieser Emmerichschen Kunstleistung nicht fehle, wurde
ein Kanon gesungen, den Emmerich gedichtet und komponiert hatte:

  "Lobt den Herrn, hat's zu bedeuten,
  Wenn zur Ruh die Glocken luten,
  Doch dabei nicht zu vergessen,
  Kommt zum Essen! Kommt! Kommt!"

Die vier Snger sangen diesen Kanon mit tiefem Gefhl. Bald sammelten sich
die Abendgste an der groen Tafel im Garten. Emil Barthel sa an der
Spitze und prsidierte. Es gab Bratkartoffeln, Milch, Weikse, Butter und
Brot, grnen Salat, frische Kirschen und Haselnsse. Dieses Abend-"Menu"
habe ich glatt von Lahmann im "Weien Hirsch" bernommen, weil es kein
besseres gibt.

Piesecke behauptete, wenn er Milch, Kirschen, grnen Kopfsalat und
Weikse zusammen e, bekme er auch zusammen die Ruhr, den Typhus und
die Cholera. Er war deshalb mit noch einem anderen Kurgast an einen
Extratisch gesetzt und bekam besondere Kost. Nach vierzehn Tagen, als
Piesecke sah, da die Gste am "Normaltisch" sich sehr wohl fhlten, wurde
er seiner Einsamkeit berdrssig und verlangte zu den anderen.

Ich a an diesem Abend mit im Forellenhof, und ich hatte groe Freude, zu
sehen, wie herrlich es den Leuten schmeckte. Auch die Tischgesprche, die
gefhrt wurden, gefielen mir. Weit weg war alles gespreizte, verlogene
Getue, weit weg aller Phrasenklngel, alles sthetisierende Jongleurtum,
alle pseudophilosophische Geistreichelei, jede auch noch so versteckte
Prahlerei mit wirklichen oder vermeintlichen Werten aus dem frheren
Leben.

Der dicke Franzel erzhlte dem drren Heinrich (einem Zoologen aus
Mnchen), da er drei Maulwrfe erlegt habe, worauf Heinrich entrstet
erklrte, das sei eine ungeheure Dummheit, da der Maulwurf als
Insektenvertilger und nachweislicher Nichtpflanzenfresser niemals ein
Wrzelchen der Wiese, dagegen aber tglich so viel schdliche Engerlinge
verspeise, wie er selbst schwer sei. Vater Barthel, zum Schiedsrichter
angerufen, entschied: "Den Bchern nach ist der Maulwurf sehr ntzlich,
aber dem Bauernverstande nach schlagen wir ihn tot. Von wegen seiner
Haufen!" Heinrich zuckte die Schultern und sagte, es werde wohl auch in
diesen finsteren Aberglauben noch einmal Licht kommen. Vom Ausroden zweier
Weiden erzhlte einer, vom Pflanzen von Sellerie ein Mdchen, von der
Aussaat von Winterrettich und Wirsing eine andere. Die meisten sprachen
von der lustigen Heuernte, von dem rotblhenden Kleefeld oder von dem
Wiesenwsserlein, ber das eine neue schmale Brcke mit einem birkenen
Gelnder gelegt worden war. Buerliche Themen, manchmal mehr altklug
behandelt, wie Kinder schwtzen, als wirklich erfahren, wie Vater Barthel
war, der aber sehr wohlwollend alles anhrte. Weil es an St. Barnabas
geregnet habe, erklrte ein Rheinlnder, wrden die Trauben dieses Jahr
von selbst ins Fa schwimmen, und wie das Wetter am Johannistag sei, so
wrde es bis Michaeli sein, behauptete ein anderer. Ich sah mir die Leute
an, die so sprachen. Sie gehrten alle zu den gebildeten Schichten der
Bevlkerung. Wrden sie je in ihrem eigenen Leben solche Unterhaltung
fhren, so wren sie Sonderlinge, als komische Kuze, vielleicht als
albern gebrandmarkt. Hier wren sie lcherlich, wenn sie von hoher
Politik, von gesellschaftlichen Ereignissen und Beziehungen, von
knstlerischen oder philosophischen Streitfragen zu reden begnnen.

Diese Leute haben wirklich alle Ferien vom Ich gemacht. Und ich sehe, da
ich meine Idee nicht bis in die Einzelheiten selber auszudenken brauche;
hier dichten alle mit an dem groen Sturmlied, das wir gegen den Jammer
unseres modernen Lebens anstimmen wollen; hier hilft jeder bauen an der
Brcke, die ber den Strudel der Zeit zu dem stillen Eiland des Friedens
fhrt, hier sttzt einer den andern. Betrachtet den Soldaten, der schwer
beladen sein junges Leben in tglich vielstndigem mhseligem Marsch gegen
die Feuerschlnde der Feinde schleppt - er wrde auf seiner furchtbaren
Reise erlahmen, liegenbleiben, verzweifeln nach der dritten oder vierten
Stunde, wenn er allein wre. Aber der Rhythmus der Masse hlt seine
Glieder im Gang; am klingenden Bewutsein der Gegenwart von tausend
anderen hlt er sich aufrecht.

So ist es hier auch. Nimm den einzelnen Kulturmenschen, setze ihn in eine
Bauernstube, heie ihn leben und arbeiten, wie es ein Bauer tut, und das
Heimweh packt ihn am achten Tage und treibt ihn davon. Mit Hunderten, ja
mit Tausenden seinesgleichen aber ist er glcklich, legt er alle Tage
Strecken auf dem Wege der Gesundheit zurck, deren er sonst nie fhig
wre, kommt er trotz aller Anfeindung durch sein bequemes, verzrteltes,
tyrannisches Ich zum Siege.





                                 LORELEI


Mein Bruder Joachim guckte ber den Gartenzaun. Und als sich die
Gesellschaft auflste zum Abendspaziergang, fgte es sich leicht, da Eva
und Annelies, Joachim und ich uns zusammenschlossen. Im Poetenwinkel der
Lindenherberge standen die Fenster offen, da sangen zwei junge Mnner zur
Laute:

    "Rosenbusch holderblh,
    Wenn i mei Mdle g'sieh -"

Wir blieben stehen und hrten zu. Die Snger reichten zwei volle Glser
zum Fenster heraus, und unsere Mdchen nippten daran und lachten.

Annelies hatte meinem Bruder zugetrunken, und es war mir schon
aufgefallen, wie seine sonst so ernsten Augen aufleuchteten. Dann, als der
frhliche Singsang berging in "Drau' ist alles so prchtig, und es ist
mir so wohl", bemerkte ich, da Joachim heimlich nach Annelieses Hand
fate, die ihm das Mdchen traumverloren berlie.

Eva stand ans Fenster gelehnt. Der Duft der Wiese schlug mir schwer in die
Sinne. Glhwrmchen funkelten durchs Gras. Droben im einsamen Hirtenhaus
blies auf seinem Waldhorn der freiwillig Verbannte, dessen Liebesleiden
ich kenne, Eichendorffs traurige Weise:

    "Sie hat einen andern genommen,
    Ich war drauen in Schlacht und Sieg,
    Nun ist alles anders gekommen,
    Ich wollt', es wr' wieder Krieg!"

ber die Wiese gingen zwei langsam dahin. Die Frau vom Forellenhof, die
sich Magdalena nannte, und die kleine Luise. Das Kind erkannte mich und
eilte auf mich zu. Die Frau blieb abgewandt stehen. Da rief die Kleine:

"Magdalena, Magdalena, kommen Sie doch her! Hier wird so schn gesungen!"

Die Frau schttelte den Kopf, wandte sich aber doch langsam um. Und ob es
auch schon dmmrig war, der Abend hatte mich scharf sehend gemacht; ich
sah, da das Weib, das dort einsam auf der Wiese stand, Joachims erste
Frau, Luises Mutter, war.

Der Bruder aber sah sie nicht, und seine Augen waren gehalten, und er
erkannte auch sein Kind noch immer nicht. Langsam tastete wieder seine
weltmde und doch immer noch glcksuchende Rechte nach der kleinen
Anneliese keuscher Hand.

"Magdalena, kommen Sie hierher!" rief das Kind abermals und dringend.

Die aber schttelte den Kopf und ging davon.

Das Kind schmiegte sich an mich; vom Berge her klang noch immer die
Melodie des Eichendorffliedes, und ich sah den Bruder an und hrte aus dem
Klange des Hornes die Worte:

    "Ich aber war weit schon gegangen,
    Jetzt sieht sie mich nimmermehr."

         -------------------------------------------------------

Die Nacht war schwler als der Abend. Es war, als ob von irgendwoher heie
Gewitterluft ber unsere Hupter getragen wrde. Ich sa wach am Fenster.
Als ich heimgekommen war, hatte ich einen Brief von Stefenson gefunden. Er
machte mir Mitteilung, da er an den Baumeister Bunkert geschrieben habe
und ihm die Leitung unserer ferneren baulichen Unternehmungen bertragen
wolle. Dann kam der inhaltsschwere Satz des Briefes: "Ich verhehle Ihnen
nicht, lieber Freund, da meine tiefe Neigung fr Frulein Eva Bunkert,
deren ich mir inzwischen ganz klar geworden bin, mich zu dem Angebot an
ihren Vater geleitet hat. Dieser Neigung werden Sie - dessen versichert
mich Ihre ehrliche Freundschaft - immer Rechnung tragen."

Wie schwl die Nacht war, wie unruhevoll die Seele, schmerzlicher Wnsche,
heier Angst, tiefer Niedergeschlagenheit voll, da das schne Traumbild
von Liebe und Glck von drohendem Wetterleuchten berstrahlt an meinem
Himmel stand.

Da bumte sich der Wille im jungen Herzen auf, und ich sagte mir: Oho,
mein Freund, wie kommst du dazu, mir den Verzicht auf meine junge Liebe zu
befehlen? Steht dieses Recht in unserem Kontrakt? Ist Liebe ein Schacher,
in dem du mich berbieten kannst? Bist du mein Herr und ich dein Sklave,
dem du befehlen kannst: La ab von jenem Mdchen, das ich fr mich will!
Oder, wenn du es auf die Freundschaft hinausspielen willst: wo war je in
der Welt Freundschaft strker als Liebe, wo wre sie im Kampfe mit ihr
nicht unterlegen?

Komm nur zurck, alter Geschftemacher, und kmpfe um die Braut! Wenn du
zu lange ausbleibst, wirst du sie als die Meine finden und sie mir gewi
nicht mehr entreien.

So wollte ich das Recht auf mein Lebensglck wahren. Aber neben dem Willen
sa der Zweifel. Ich wute, da Evas Herz viel mehr zu Stefenson neigte
als zu mir. Ich war wohl fr das Glck der Liebe nicht bestimmt. Niemals
im Leben hatte es mir ernsthaft gewinkt. Vielleicht war ich zu scheu, zu
vertrumt meinen Lebenspfad gegangen. Auch die kleine Anneliese, die
junge, rote Rose, hatte ich bersehen.

Nun streckte der Bruder die Hand nach ihr, und auf der Wiese stand des
Bruders Weib und sah mit verlorenen Augen nach ihm hin.

Auch da fhlte ich ein bses Wetter aufsteigen.

         -------------------------------------------------------

Das ist doch ein kostbares Geschenk, das der Herrgott seinen Erdenkindern
machte: die Arbeit. Hast du ein Leid im Herzen, das nicht heilen will, das
dir den Tag grau frbt und deine Nchte qualvoll macht, geh zur Arbeit, zu
der herben, tchtigen Frau, sie wird dich mit so klaren Augen anschauen,
mit so morgenheller Stimme zu dir sprechen, da du das Haupt hochheben und
tief atmend einen frischen Luftstrom des Lebens einsaugen wirst; bist du
einem Irrlicht nachgegangen und auf sumpfigem Pfad von Schlingpflanzen
tiefer Verzagtheit umschlungen worden, rufe die Arbeit, die tchtige Frau,
sie wird dich mit derber Hand herausziehen aus deiner Bedrngnis und dich
wieder auf eine feste Strae stellen; hast du Gter verloren, welcher Art
es immer sei, wende dich an die Arbeit, die reiche Frau, die leere Taschen
und leere Herzen immer neu zu fllen vermag; sind dir alle
Unterhalterinnen des Lebens berdrssig geworden, la die Arbeit an deinem
Tisch sitzen bis zum letzten Tage deiner Kraft!

Denn sie ist deine beste Freundin; sie schtzt deine Gesundheit, sie
strkt deine Muskeln; sie wrzt dir das Mahl und salzt es, da es nicht
faule; sie spricht dir alle Tage aufmunternde Worte ber deinen Wert ins
Ohr und htet dich doch vor bermut durch kleine oder groe Mierfolge;
sie gibt dir fr deine Feste das rechte Lachen mit, sie schenkt dir zu
deinem Becher den rechten Durst und schliet dir alle Abende mit leisem
Finger die Lider!

         -------------------------------------------------------

So bin ich durch die Arbeit ber meine Zweifel und Leiden hinweggekommen,
so sind meine Eigenwnsche still geworden und wie kleine Heimatbchlein
hineingerieselt in den groen Strom des Willens zum Dienst der
Allgemeinheit.

Von dem lasse ich mich tragen. Manchmal gluckst noch ein silbernes
Stimmlein alter Sehnsucht auf; aber es verklingt, und ich freue mich der
starken Alltagswelle, die mein Schiff trgt.

Von den Patienten, die zu mir kommen und ihre Lebensberichte vor mir
ausbreiten, haben die meisten an der Liebe gelitten. Mnner wie Frauen.
Denn nicht immer sitzt auf dem Felsen am Flu die Lorelei und in dem
scheiternden Kahn unten der Mann; oft schwimmt die Lore unten, und der
Mann sitzt oben, wenn er sich auch nicht sein "golden Haar" kmmt, sondern
vielleicht nur einen schwarzen Bart streicht. Die Tragik ist immer die
gleiche: der Kahn kippt um. Steht man dann als Leibes- und Seelenarzt am
Ufer und wirft seinen Rettungsring aus, so ist das ein aufregendes, aber
schnes Geschft, und ich denke, nach und nach wird sich bei mir die
Aufregung in eine milde Seelenheiterkeit umwandeln. Habe ich so ein
pudelnasses Menschenkind, das im romantischen Rheinstrom der Liebe
verunglckte, ans Land gezogen, so lasse ich es erst ein wenig zu Atem
kommen, und dann forsche ich es langsam aus, ob die (oder der), so auf dem
Felsen gedudelt hat, nicht auch mancherlei Schwchen haben mge, und wird
die Frage ein wenig zhneklappernd bejaht, so frage ich langsam weiter,
bis sich ergibt, da die (oder der), so auf dem Felsen gedudelt hat,
eigentlich minderwertig, hingegen der (oder die), so in dem Kahn umkippte,
wesentlich wertvoller sei, weshalb die ganze Unglcksfahrt eine Torheit
gewesen, nach welcher man klger geworden und gottlob ans feste Land und
in trockene Kleider gekommen sei.

In den meisten Fllen hilft meine Methode; sie fhrt durch das Trlein:
"Er ist es nicht wert, da ich mich opfere", in den Garten der Gesundung.

Einige Flle sind hoffnungslos oder doch so schwerer Art, da immer nur
auf die Zeit gerechnet werden kann, die ihren langen Geduldfaden spinnt.
Die stehen dann wie verloren und verzrnt in dem lustigen Ferienheim vom
Ich, werden zuerst auf einsame Posten geschickt, wo ihnen kein lauter Ton
wehe tut, aber wo eine kleine feste Pflicht sie aufrecht hlt, und
steigen, wenn die Lebenssehnsucht wieder erwacht, Stufe um Stufe ins Tal
zurck.





                        DIE "KRUMMBEINIGE MEDIZIN"


Meine Kurmittel sind nicht ganz gewhnlicher Art. Es gibt rzte, die den
Sitz alles bels im Magen suchen; andere begeistern sich fr die Leber;
wieder andere schwren auf warme Fe; ganz alte, bequeme Knaben geben
immer zum Schwitzen ein oder verordnen Laxiermittel; wieder andere sagen,
auer mit Chinin, Digitalis und Quecksilber sei berhaupt nichts
anzufangen; diese werden von den Wasserdoktoren "Giftmischer" genannt, und
alle werden von den Homopathen verachtet. Ich misch mich da nicht ein;
ich sage: ihr habt alle recht, und der, der am wenigsten tut, tut am
meisten.

Meine Kuranstalt Ferien vom Ich ist etwas Neues, und es sind auch meine
Kurverordnungen teilweise sehr neu. So habe ich in der kurzen Zeit meiner
hiesigen Praxis meinen Patienten in einundfnfzig Fllen die Anschaffung
eines Dackels verordnet. Der Dackelhund als Heilmittel ist in der
medizinischen Wissenschaft gewilich ein Novum, aber er ist gleicherzeit -
das khne Bild ist in Tagebuchaufzeichnungen erlaubt - nichts anderes als
ein Ei des Kolumbus. Ich habe selbst seit Jahren einen Dackelhund (in
Amerika drben nennen sie ihn _german __dog_), er heit "Spezi", weil er
mir in der Tat ein Spezialfreund geworden ist, und ich kenne die
gesundheitsfrdernden und erziehlichen Werte seiner Gegenwart zu gut, als
da ich in meiner Nchstenliebe nicht auch anderen das Glck eines solchen
Besitzes gnnen sollte. Eine wissenschaftliche Arbeit schreibe ich ja hier
nicht; nur eine Tagebuchplauderei. Aber ich will eine erweiterte Abschrift
dieses Kapitels meinen Kollegen geben, die ein wenig die Nase ber den
"Chef" rmpfen, der so viele "krummbeinige Medizin" verordnet, da neulich
sechsundzwanzig Dackel auf dem Lindenplatze eine Art Generalversammlung
abhielten und greulichen Unfug verbten. (Dr. Fristen hat mir damals
gekndigt mit der Begrndung, da er ein ernst zu nehmender Arzt sei, und
ich habe ihn ohne Trauer ziehen lassen. Hol der Fuchs alle Spieer, die
nur ihr Schuleinmaleins ableiern knnen!)

Einen Dackel verordne ich zunchst demjenigen, bei dem ich als Pfahlwurzel
seiner Leiden zu groe Eigenliebe erkenne. Die gewhnt ihm der Hund
alsbald grndlich ab. Kein noch so eingefleischter Nietzschianer behauptet
auf die Dauer seinem Dackel gegenber die "Herrchen"-Natur.

Das "Herrchen" ist der Dackel; da kann einer dagegen tun, was er will; es
nutzt alles nichts. Zum Beispiel: Der Philosoph, in schwere Gedanken
versunken, strebt auf seinem Abendspaziergang gen Westen. Der begleitende
Dackel - einen Igel erschnuppernd - biegt gen Sden ab. Der Philosoph wird
sich anfangs um den klffenden Kter ganz und gar nicht kmmern; aber dann
wird er pfeifen - einmal, zweimal, dreimal leise - dann laut, immer lauter
rufen, drohen, die Fuste ballen, toben, aus seiner schweren Gedankenbahn
geschleudert werden, umkehren, gen Sden wallen und Betrachtungen darber
anstellen, ob nun ein Dachshund oder ein Igel das widerborstigere Tier
sei. Der notgedrungene Gleitflug aus der luftarmen Hhe eisigen Denkens
ist durch einen Dackel ertrotzt.

Gut so - in den Ferien vom Ich!

Oder ein Misanthrop. Sitzt der da in dem ganzen Katzenjammer seines
elenden Weltschmerzes, und sein Dachshund setzt sich ihm gegenber mit der
ungeheuerlichen Leidensmiene seiner durchtriebenen Viehvisage: die Stirn
in hundert Runzeln, die Ohren hngend, den Schwanz melancholisch
eingeklemmt, die Augen verdreht und die Stimme leise jaulend, wimmernd,
sthnend, so wird der Misanthrop dieses Jammerbild nicht lange ertragen,
mit dem Vieh auf die Strae flchten und sich nicht schlecht wundern, da
der scheinheilige Jmmerling pltzlich wie ein Berserker der Lebenslust
umherrast. Etwas abfrben wird es schon. Das nchste Mal, wenn er und der
Dachs so trbselig einander gegenbersitzen, wird sich der Misanthrop
selbst nicht recht trauen und auf die Strae gehen.

Der alten Jungfer, die sich ihr Leben lang nach einem Manne gesehnt und
keinen bekommen hat, verordne ich einen Dackel. Dann hat sie endlich den
ersehnten Tyrannen, den sie pflegen und fttern kann.

Die kleinliche, ordnungswtige Hausfrau, die ihrem Mann wegen eines
Zigarrenstubchens eine Szene machte und Kinder und Dienstboten teufelte,
bis sie zu uns abgeschoben wurde, bekommt einen Dackel und erhlt als
Antwort auf ihre entrstete Klage, da ihr das "entsetzliche Vieh" die
Hausschuhe verschleppe und in eine gute gestickte Decke ein Loch
geknabbert habe, die Antwort, die Welt sei weit, der Himmel sei hoch, die
Hausschuhe und gestickten Decken seien im Universum von nur
nebenschlicher Bedeutung, und ohne Dackel knne sie nicht gesund werden.

Die ganz unheilbar musikalische Donna Eleonora, von der mir ihr Hausarzt
im verschlossenen Briefe mitteilte, sie brchte ihre Nachbarschaft durch
ihr ewiges Klavierspielen zur Verzweiflung, erhielt ein Klavier und einen
Dachshund verordnet.

Das Klavier hat sie aufgegeben; der Dackel hat es so verbellt und
verheult, da ihr die Drahtkommode zur Unmglichkeit wurde.

Allen den sehr nervsen Herren, die zu mir kommen und von denen ich wei,
da sie trotz ihrer krankhaften Gereiztheit drauen in der Welt als
Richter oder Examinatoren auf arme Opferlmmer losgelassen werden,
verordne ich einen Dackel und bitte sie, sich seiner knftighin auch vor
ihren Amtshandlungen zu bedienen. Ich denke dabei an die Wirkung milde
ableitender Mittel. Einer, der einen Hund gestreichelt hat, kann keinen
Menschen ohne uerste Not zu Boden schlagen, auch wenn seine Nerven noch
so ruiniert sind.

Ferien vom Ich!

Das ist so die fieberstillende Wirkung der "krummbeinigen Medizin". Aber
der Dachs wirkt auch strkend und aufbauend.

Einer, der an keine Treue auf der Welt mehr glaubte, bekam einen
Dachshund. Nach acht Tagen sagte er mir, der Dackel sei, wie alle
Kreaturen, ein "untreues Luder". Er gehe ihm stets durch die Lappen, immer
seinem tierischen Instinkt nach, geradeso, wie es die Menschen tten! Vier
Wochen darauf war der Mann bekehrt. Er sagte mir:

"Bis ich am Hang am Berge bin, ist der Dackel in alle Winde. Aber wenn ich
zwei Stunden dort oben gesessen habe, kommt der Hund zu mir mit
schmutzigen Pfoten und lehmiger Schnauze. Und es ist mir, als ob er
treuherzig sagte: Liebes Herrchen, es gibt zwar noch tausend Mauselcher,
in die ich schnuppern mchte, aber es ist doch am schnsten bei dir! Das
ist immerhin eine gewisse Treue!"

Endlich verordne ich einen Dackel allen denen, die ein gespreiztes,
hoffrtiges Gebaren haben, denen, die "sich tun", wie die Leute sagen. Es
sind ihrer sehr viele. Wer "tut sich" heutzutage nicht? Der Dichterling,
der reiche Kaufmann, der Herr Beamte, das ganze Weibsvolk. Bindet ihnen
nur einen Dackel ans Bein, der sie an den Hosen oder am Humpelrock zerrt,
gleich ist ihre Hoheit dahin.

Man kann nicht geziert, nicht unnatrlich tun und sein, wenn man mit einem
Dackel geht. Das rustikale Viehzeug verdirbt allen aufgeblasenen Stil,
zerrt einen widerwillig in die Natrlichkeit zurck.

Gewi, der Dackel ist ein stobiger Philister, ein tppischer Biedermeier,
ein Kleinbrger, aber auch ein Nihilist gegen alle Gespreiztheit, ein
genialer Sptter.

Ich wte nicht, warum ich ihn nicht als ein Heilmittel gegen mancherlei
Gebrechen unserer Zeit in unseren Kurplan einsetzen sollte!





                          IN DER GENOVEVENKLAUSE


Die Genovevenklause ist frei geworden. Den Sommer ber wohnte eine Witwe
mit ihrem Shnchen darin. Eine vornehme Dame, die nach dem Untergang ihres
Eheglcks aus ihrer bunten Gesellschaft in die Einsamkeit der Klause
flchtete. Das Huslein ist halb in den Berg hineingebaut, ein Kreuz ist
ber dem Felsen, der Bach fliet vorbei, ein zahmes Reh grast vor seiner
Tr. Es vertritt die Hirschkuh der Legende. Dort bei der Genovevenklause
ist meist tiefe Stille; nur ein schmaler Fuweg fhrt zu ihr hin, und es
ist dort recht einsam. Nur die Heimwehfluh mit dem Hirtenhaus ist ebenso
still.

Nun ist die Frau fortgezogen. Sie mute in die Welt zurck und hatte
Trnen in den Augen, als sie Abschied nahm.

"Wenn das Grab meines Gatten hier wre, mchte ich nie mehr ausziehen aus
der lieben Klause", sagte sie.

"Sie mssen es wegen Ihres Sohnes", entgegnete ich ihr; "Sie drfen keinen
Schmerzensreich, keinen Parsival aus ihm machen; Sie mssen ihn
vorbereiten fr das Leben."

"Mir graut vor dem Leben", sagte Frau Herzeleide und zog davon! ...

Heute war ich in der Direktion. Der Direktor war nicht anwesend, und ich
mute ein wenig warten. Da kam sie zur Tr herein - Magdalena vom
Forellenhof -, die Frau meines Bruders Joachim. Als sie mich sah, erschrak
sie und strebte zur Tr wieder hinaus. Ich hielt sie zurck.

"Was wnschen Sie, Magdalena? Der Herr Direktor wird gleich hier sein.
Warten Sie nur einige Minuten!"

Sie war uerst verwirrt.

"Ich wollte - ich mchte - ich wollte nur anfragen, ob es vielleicht
mglich sei, da ich in die Genovevenklause ziehen knnte, da sie frei
geworden ist."

"Gefllt es Ihnen nicht mehr auf dem Forellenhof?"

Sie wich aus.

"Ich mchte sehr gern in tiefere Einsamkeit."

"Ist Ihr Arzt damit einverstanden?"

"Ja."

Irgendein Angestellter kam und meldete, der Direktor sei zur Bahn
gefahren.

"Nun, dann warten wir jetzt vergebens auf ihn, Magdalena. Wenn es Ihnen
recht ist, gehen wir zusammen nach der Klause und sehen, wie es dort
steht. Ich werde schon dafr sorgen, da Sie die Klause bekommen."

"Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Doktor, aber ich mchte Ihnen
meinetwegen den Weg nicht zumuten."

"Nicht der Rede wert; ich gehe jetzt sowieso spazieren. Kommen Sie!"

Ich merkte, wie ungern sie mir folgte. Ihr Gesicht war sehr bla, und ihre
Lippen zuckten. Das ehemals so prachtvolle rotblonde Haar war schwarz
gefrbt; das vernderte sie am meisten. Aber auch der frher so rosige
Teint war verloren; die Haut schimmerte bla und feucht; die Kinderaugen,
die so bermtig blitzen und lachen konnten, hatten wohl ihre wunderbare
Schnheit noch, aber sie blickten mde und traurig.

Whrend wir so gingen, sprach ich ber harmlose Dinge, ber die Ernte,
ber Vater Barthel. Sie gab kurze Antworten, blieb immer einen Schritt
hinter mir und vermied es, mir ins Gesicht zu schauen. Als wir an den
schmalen Pfad kamen, atmete sie ersichtlich auf. Jetzt konnten wir nicht
mehr nebeneinander gehen. Sie bestand darauf, da ich voranschritt.

So kamen wir zur Klause. Hoch ragte das Bild des Erlsers, und ich dachte
an jenen kalten Wintertag, da ich grausam zu dieser Frau gewesen war und
mir nachher der milde Freund Mariens von Magdala einfiel. Heute wollte ich
nicht grausam sein. Diese Frau war so mde, so geschlagen; sie brauchte
keine Strafe mehr.

"Magdalena", sagte ich, "ich habe gehrt, da Sie gern mit unserer kleinen
Luise gespielt haben. Das Kind ist viel auf dem Forellenhof. Wird es Ihnen
hier nicht fehlen?"

Sie seufzte schwer.

"Ja, es wird mir fehlen. Aber auf dem Forellenhof nimmt es jetzt meist das
junge Frulein, die Brbel, und mir hat Luise versprochen, da sie mich
alle Tage besuchen will. Sie spielt gern mit dem Reh."

"Und Sie haben dem Kinde auch viele Geschichten erzhlt?"

"Ja, sie hrt gerne Mrchen."

"Haben Sie auch mit ihr gelesen, geschrieben und gerechnet?"

"Ja, ich tue das sehr gern."

"Hm."

Ich machte eine Pause.

Dann sagte ich:

"Das Kind ist ja bald hier, bald dort, und es soll sich auch weiterhin
austoben. Aber als stndiges Unterkommen htte ich fr die Kleine gern ein
stilles Heim. Wenn es Ihnen recht ist, Magdalena, gebe ich Luise zu Ihnen
in Pflege."

Da schrie sie kurz und jh auf.

"Herr Doktor, wenn Sie das tun, erweisen Sie mir eine groe Gnade!"

Ich sah ihr in die flammenden Augen und sagte: "Ich werde es tun."

Nun fate sie mich an den Hnden; ihr ganzer Krper bebte.

"Eine Gnade!" wiederholte sie. "Ich bin so verlassen, und ich habe das
Kind so lieb!"

Sie lie mich los, legte einen Arm ber die Augen, trat ein wenig zurck
und stand so ein Weilchen still da. Pltzlich begann sie bitterlich zu
weinen.

"Was ist Ihnen, Magdalena?"

"Es geht nicht; es geht nicht!" schluchzte sie; "wenn Sie - wenn Sie
wten, wer ich bin, wrden Sie mir das Kind nicht bergeben. Ich bin eine
- eine schlechte Frau!"

Ich ging zu der Unglcklichen, legte einen Arm um ihre Schultern und sagte
erschttert:

"Du bekommst das Kind doch, obwohl ich wei, wer du bist!"

Sie prallte zurck.

"Sie wissen - wer ich ..."

"Ja, Kthe, ich hab dich erkannt!"

Da warf sie die Arme in die Luft, stie einen Schrei aus und verschwand um
den Felsen in den Wald.

Ich eilte ihr nach und holte sie mit Mhe ein.

"Wenn Joachim mich erkennt, schlgt er mich tot!" wimmerte sie.

"Er erkennt dich nicht. Niemand kennt dich auer mir. Und ich werde dich
schtzen!"

Sie mute sich an mir festhalten, als ich sie zur Klause zurckfhrte.
Dort setzte ich sie auf die Bank vor der Haustr und streichelte ihren
Scheitel.

"Jetzt sind Sie wieder Magdalena, und ich bin wieder der Herr Doktor. Wir
kennen uns nicht. Das, was jetzt hier geschah, ist nicht gewesen! Morgen
frh bringe ich das Kind. Beruhigen Sie sich, Magdalena, frchten Sie
nichts, ngstigen Sie sich nicht. Das Kind darf sich ja nicht wundern. Es
soll ja eine heitere, zufriedene Pflegerin haben. Auf Wiedersehen!"

Ich lie sie allein.

         -------------------------------------------------------

Meine Mutter hat sich um Luise wenig mehr gekmmert. Sie hat wohl sicher
Tag und Nacht an das Kind gedacht, aber nicht nach ihm gefragt. Sie hat
keine Freude an dem Mdchen, sie liebt es nicht; sein Dasein aber regt sie
auf, lt sie leiden.

Die Mutter kommt kaum alle zwei oder drei Wochen einmal zu mir heraus. Ich
glaube nicht, da sie an meiner Schpfung viel Freude hat. Sie ist von
stockkonservativer Natur; alles Neue erscheint ihr verdchtig.

Ein- oder zweimal hat die Mutter aber doch Luise flchtig wiedergesehen.
Sie ist dann in schwere Aufregung geraten. Und eines Septembertags, kurz
nachdem das Kind in der Genovevenklause untergebracht worden war, sagte
die Mutter zu mir:

"Ich qule mich mit dem Gedanken, ob es nicht unrecht ist, Joachim die
Anwesenheit seines Kindes zu verheimlichen."

"Qule dich nicht, Mutter! Joachim hat bis jetzt dem Kinde seine
Anwesenheit auch verheimlicht, ja das Kind nicht einmal wissen lassen, da
er berhaupt existiert."

"Du sprichst immer recht lieblos von deinem Bruder!"

"Ich spreche so, wie ich nach seinem Verhalten sprechen mu!"

Sie wandte sich beiseite, und ihre feine Gestalt zitterte in Zorn und
Trotz.

"Ich werde Joachim aufklren!" sagte sie bestimmt.

"Das wirst du nicht tun, liebe Mutter! Du wirst mit mir warten, bis
Joachim menschlich wieder so weit ist, sich von ferne wenigstens seiner
Vaterpflicht zu erinnern und sich einmal zu erkundigen, was aus seiner
Tochter geworden ist. La ihn! Er macht jetzt Ferien von seinem vllig
verfehlten Ichleben."

"Er ist schuldlos an seinem Unglck!"

"Nein! Er ist nicht ohne Schuld."

"Fritz!"

"Er ist nicht ohne Schuld gegen sich selbst; denn er hat sich durch seinen
malosen Ha viel tiefer ins Unglck gebracht, als ein kluger Mensch, der
sich beherrschen kann, ntig hatte, und er hat sich gegen sein Kind
schbig benommen."

"Das ist unerhrt, was du zu behaupten wagst. Nun werde ich Joachim
bestimmt aufklren."

"Tue es nicht, Mutter, ich rate dir gut. Joachim wird jetzt noch nicht mit
dem Kinde zusammenleben wollen."

"Nun, so mte man eben das Mdchen vorlufig noch nach einer guten
Pension bringen."

"Das wrde nicht geschehen; sondern wenn eine Trennung ntig wre, wrde
Luise hierbleiben, und Joachim wrde von mir entlassen werden."

"Entlassen?"

"Ja, es hat sich so gefgt, da Joachim gegenwrtig mein Angestellter ist.
Er hat einen sehr kurzfristigen Vertrag."

"Du bist malos hochmtig und lieblos!"

"Ich handle so, wie es mir mein Herz und meine Vernunft vorschreiben."

"Berufe dich nicht auf dein Herz", sagte sie, "du hast keines!"

Und sie ging.

Ich habe in den folgenden Tagen seelisch gelitten. Nicht nur der Mutter
wegen, die ich liebe und mit der ich mich so wenig verstehe, sondern auch,
weil ich rundum Leute sehe, die sich von der Last ihres Alltagslebens
befreit in Ferienruhe des Daseins erfreuen und ich selbst mittendrin stehe
im Ichleben, im Familienjammer.

Und da dmmerte mir, da es gut sei, wenn ich selbst der Liebe fernbliebe,
da ich in freiem, ungestrtem Zlibat meiner groen Idee am besten dienen
knne, Herz und Sinne zwar leer von manchem Glck bleiben wrden, aber Arm
und Fu frei von jeder auch noch so goldenen Kette, frei zum
Vorwrtsschreiten und Handeln.

Zur Mutter ging ich nach drei Tagen. Ich sprach freundlich zu ihr und
sagte ihr, da ich ihre Natur und ihr Handeln ja begriffe und verstnde.
Sie schttelte zwar das schne Kpfchen, aber sie lie sich von mir
kssen, und ich stieg frhlich den Berg wieder hinan. Ich kann nicht lange
traurig sein; mein Herz wendet sich ab vom Kummer, wie eine Pflanze sich
abwendet vom sonnenleeren Nordhimmel.





                       DIE SCHLACHT BEI WALTERSBURG


Jeder deutsche Kurort hat seine "Sensation der Saison", so wie jedes
Affentheater seine "grte Attraktion der Gegenwart" hat. Auch unser
Ferienheim hatte seine Sensation.

Anton, der lteste Sohn des Waldschulzen, will Pauline, die lteste
Tochter des Forellenbauern, heiraten, und es hat sich darum eine heie
Schlacht entsponnen.

Die Sache hat eine romantische Vorgeschichte gehabt. Das jungfruliche
Herz Paulinens pendelte. Es pendelte zwischen unserem Schulzensohne und
einem jungen Gastwirt aus Neustadt hin und her, und so gerieten die beiden
Kavaliere in die bliche Rivalenwut und vergerbten sich bei guter
Gelegenheit die beiderseitigen Felle. Bis dahin wre alles in Ordnung
gewesen; aber nun mischte sich Piesecke ein und brachte romantischen
Schwung in die Geschichte. Piesecke war eines Sommertags in Neustadt
gewesen und hatte sein Rlein in der kleinen Ausspannung des dortigen
Paulinenverehrers untergestellt. Von ungefhr hatte er dann von der
Sommerlaube im Grtchen aus das Gesprch zweier Neustdter Burschen
belauscht, die sich verschworen, mit ihrem Freund, dem Gastwirt, und noch
zwei anderen am nchsten Mittwoch gen Waltersburg zu ziehen, und falls sie
in der Dmmerung am Gartenzaun des Forellenbauern den Schulzensohn im
traulichen Gesprch mit Pauline erwischten, diesen greulich zu verbleuen,
auch sonst an umherschweifendem Burschenvolk des verhaten Waltersburg ihr
Mtchen zu khlen.

Als Piesecke solches hrte, kam sein frstliches Blut in Wallung.
(Piesecke stammt aus einer Heldenfamilie. Sein Urgrovater hatte als
General in fnf Treffen gegen Napoleon I. nicht gesiegt!) Whrend er nun
gen Waltersburg heimfuhr, entwarf Piesecke einen Feldzugsplan, wie dem
Anschlag der Neustdter siegreich zu begegnen und die Ehre Waltersburgs zu
retten sei. Er warb zunchst ein Heer. In dasselbe traten mit groer
Begeisterung auer dem Schulzensohn der Komponist Emmerich sowie der Maler
Methusalem vom Forellenhof, auch der Snger Hagen Korrundt, der immer noch
bei uns nachtwchterte, und die gegenwrtigen Insassen unserer
Ruberhhle. Diese letzteren waren vier fragwrdige Gestalten, die sich
Schinderhannes, Karaseck, Jaromir und Moor nannten, ein faules,
unordentliches Leben fhrten und nun froh waren, da sie einmal etwas
Rechtes zu tun bekamen. Acht Mann und er, Piesecke, als Anfhrer gegen
fnf Neustdter - mit dieser betrchtlichen bermacht, hauptschlich aber
durch seine berlegene Strategie, hoffte der Nachkomme des
Napoleonbekmpfers den Sieg zu erringen.

In der Ruberhhle hat Piesecke seinen Plan entwickelt. Die Schlacht
sollte nicht am Gartenzaune stattfinden; denn erstens berlasse ein guter
Feldherr die Wahl des Schlachtfeldes nie seinem Gegner, sondern bestimme
selbst, wo er sich schlagen wolle, und zweitens knnte am Gartenzaun Vater
Barthel oder Frau Susanne dazukommen, und dann gbe es ein Malheur. Anton
sollte vielmehr im Abendscheine mit seiner Braut weiter den Wiesenweg gen
Waltersburg hinabwandeln bis zweihundert Schritt hinter die nchste
Waldecke und daselbst dicht am Bach abwarten, bis er von den lauernden
Neustdtern angefallen wrde. Alsbald wrde er ihm mit noch sechs Mann zu
Hilfe eilen, die berraschten Neustdter wrden - die bermacht erkennend
und bedrckt durch ihr schlechtes Gewissen - die Flucht hinab gen
Waltersburg ergreifen wollen, aber da wrden Moor und Schinderhannes, die
weiter unten in den Hinterhalt gelegt wrden, hervorbrechen, den
Neustdtern den Weg verlegen und - die ganze Rasselbande sei gefangen. Er
wolle ein fr die Neustdter sehr demtigendes Dokument aufsetzen, das die
Gefangenen unterzeichnen und in dem sie ihre vllige Niederlage zugeben
mten, und dieses Dokument solle in der Ruberhhle unter Glas und Rahmen
aufbewahrt werden als ein Zeichen, da der langjhrige Kampf zwischen
Waltersburg und Neustadt mit dem endgltigen Sieg der Waltersburger
geendet habe. Dem unbequemen Mitbewerber um Pauline aber werde man zu
einem unfreiwilligen Bad im Bach verhelfen, wodurch alle wrmeren Gefhle,
die die Jungfrau etwa in ihrem Herzen noch fr den Gastwirt hegen sollte,
abgekhlt werden wrden; denn er, Piesecke, wisse aus seinem eigenen
bewegten Leben aus vielen Fllen, da nichts so sicher die Liebe des
Weibes erttet, als wenn der Geliebte vor ihr lcherlich wird.

Whrend dieser Ausfhrungen hatte Emmerich bereits auf dem Tisch einen
Siegesmarsch komponiert und Methusalem auf der einen weigetnchten Wand
die Umrisse zu einem Triptychon groen Umfangs entworfen. Die Seitenteile
des Bildes sollten die "Tcke" und der "Kampf" heien, das Mittelstck
aber "Der Sieg".

Die "Tcke" wrde Anton und Pauline im Dmmerlicht dahinwandelnd und von
den Neustdter Unholden belauert zeigen, der "Kampf" eine besonders
dramatische Szene aus der Waldschlacht darstellen und das Mittelstck den
Sieg Waltersburgs in groer Apotheose feiern. Das Mittelstck war schon
etwas ausgefhrt. Im Hintergrund der Forellenhof, auf einem Ro Piesecke
als Triumphator voranreitend, ihm folgend Anton und Pauline mit Krnzen im
Haar; als nchstes Paar die Vertreter der Knste, Emmerich mit der Harfe
und Methusalem selbst mit einem Farbentopf und Pinsel, zuletzt die
brenhutigen Kriegsgenossen.

Und nun mute die ganze Kriegsgenossenschaft stundenlang stillsitzen, da
der Maler sie zeichnete. Emmerich benutzte die Zeit, ihnen seinen
Siegesmarsch, zu dem er rasch eine Textunterlage geschaffen hatte,
einzuben.

"So", sagte nach einer Stunde Methusalem, "der Sieg ist ganz und die Tcke
teilweise gesichert; fehlt blo der Kampf."

"Der wird gigantisch!" rief Piesecke.

Die Sache verlief nicht ganz programmig. Zwar gingen die Neustdter
wirklich in die Falle und berfielen Anton zweihundert Meter jenseits der
Waldecke, aber die Kerle rissen nicht - wie vorausgesehen - durch die
bermacht erschreckt und ihr bses Gewissen beunruhigt aus, sondern
blieben da, und da sie sehr handfeste Burschen waren, verhieben sie die
Waltersburger jmmerlich. Das kam aber daher, da sich die in Anrechnung
gebrachte bermacht Waltersburgs alsbald in eine faktische Minoritt
verwandelte; denn der Feldherr Piesecke wurde gleich bei Beginn der
Schlacht dadurch kampfunfhig gemacht, da ihn ein riesenhafter Neustdter
Bruknecht in die Hhe hob und in den Bach warf; Methusalem konnte sich an
dem Ringen auch nicht beteiligen, da er etwas abseits stehen und die Szene
mit dem Bleistift in rasender Geschwindigkeit in seinem Skizzenbuch
verewigen mute, und der Musiker Emmerich fhlte sich dazu berufen,
ebenfalls abseits zu stehen und den Mut seiner Kameraden durch Absingung
seiner Siegeshymne anzufeuern. So kmpften nur der Snger Hagen Korrundt,
der Brutigam Anton und die Raubgesellen Karaseck und Jaromir, die aber -
da sie in ihrem Privatberuf Wiener Gigerls waren - gegen die rohe Gewalt
der Neustdter Raufer nicht aufkamen. Es gab frchterliche Prgel, und der
Maler Methusalem rettete Waltersburgs Ruhm nur dadurch, da er
nachtrglich seine Schlachtskizze umkehrte, wodurch alle, die unten lagen,
nach oben kamen, und umgekehrt. Moor und Schinderhannes, die hundert Meter
weiter unten im Hinterhalt lagen, um den Neustdtern den Rckzug
abzuschneiden, hrten den Skandal, lugten um die Baumstmme, kamen aber
nicht zu Hilfe, da sie doch eben im Hinterhalt zu liegen hatten.

Wer wei, wie schrecklich diese Schlacht bei Waltersburg noch ausgelaufen
wre, wenn nicht eine starke auswrtige Macht sich eingemischt htte.
Durch den Wald erscholl pltzlich eine scharfe Stimme:

"Pauline! Pauline!"

Pauline hatte bis jetzt an einer Birke gelehnt und zu einem Vierteil mit
Entsetzen, zu drei Vierteilen aber mit Stolz zugesehen, welch grauses
Mnnerwerk da fr sie und um sie getan wurde. Als sie nun aber die rufende
Stimme hrte, schrie sie:

"Um Himmels willen, die Mutter! Macht, da ihr fortkommt!"

Drauf rissen erst die beiden Brutigame aus, und mit ihnen verlor sich
rasch ihr Anhang. Pauline eilte nach Hause zu und bekam von ihrer
energischen Mama ein paar Ohrfeigen, weil sie sich "herumgetrieben" habe;
alles Mannesvolk aber flchtete gen Waltersburg.

Und da hat es sich begeben, da der Neustdter Gastwirt, der den Rckzug
der anderen deckte, als er sich auer Frau Susannes Ruf- und Sehweite
fhlte, doch noch in die Hnde der Waltersburger fiel. Sechs Mann haben
ihn gefangengenommen und ihn nochmals verprgeln wollen. Aber Methusalem
hat gesagt:

"Pst! Man darf sich an einem geschlagenen tapferen Feinde nicht
versndigen! Man soll ihn vielmehr ehren. Deshalb werde ich dem Feinde
jetzt mit der schnen grnen Farbe, die ich in diesem Flschchen habe,
einen Lorbeerzweig auf die Stirn malen."

Der Gastwirt hat mit Hnden und Fen geschlagen, aber sechs Kerle haben
ihn gehalten, und Methusalem hat ihm einen Lorbeerzweig auf die Stirn
gemalt. Mit lfarbe!

Der Gastwirt hat sich in Neustadt nicht mehr sehen lassen knnen und nach
drei Tagen Selbstmordgedanken gehabt. Da hat ihm Methusalem ein Mittel
geschickt, durch das er die unerwnschte Ehrung abwaschen konnte.

Aus dem Triptychon ist nichts geworden. Nur eine schne Bleistiftskizze
von Methusalem, auf der alle Waltersburger oben liegen, ist unseren
Sammlungen einverleibt und zeugt von der Schlacht auf unseren Gemarkungen,
die sich gegen den Erbfeind Neustadt abgespielt hat.

Piesecke hat an jenem Abend grollend am Bachrand gesessen, triefend vor
Nsse, und alle Schwachheit und Feigheit der Kmpfenden sowie die
Niedertracht der nicht in den Kampf eingreifenden Teile seines Heeres mit
einem einzigen, aus seinem hochfrstlichen Mund hervorzischenden Wort
charakterisiert:

"Plebs!"





                                  HERBST


Das erste Halbjahr, da das Ferienheim in Betrieb ist, geht zu Ende. Wenn
ich es berschaue, erfllt mein Herz rechte Befriedigung. Nicht nur der
ueren Erfolge wegen. Unser Unternehmen steht glnzend da. Wir haben
lange nicht alle aufnehmen knnen, die zu uns kommen wollten. Die Ernte
auf den Feldern und in den Grten war gut, unsere Bauern sind zufrieden,
und unsere Kassen und Kasten sind gefllt. Vieles, ja das meiste, verdankt
dieser uere Erfolg der glnzenden Organisation, die Stefenson dem Ganzen
gegeben hat und die er von Amerika aus geleitet und weiter ausgebaut hat,
wenn auch der Sonderling noch immer nicht nach Europa zurckgekehrt ist.

Was mich als Arzt und Mensch am meisten freut, ist der Umstand, da kaum
einer unserer Kurgste ohne groen gesundheitlichen Gewinn von uns
fortgezogen ist. Das besttigt meine eigene Erfahrung, das besttigen
meine Kollegen, das sagen vor allem unsere Kurgste selbst, die schweren
Herzens Abschied nehmen, wenn ihre Zeit abgelaufen ist. Wenn sie nach dem
Rathaus kommen, ihre Uhr, ihr Geld zurckerhalten, liegen diese Dinge kalt
und fremd in ihren Hnden, und wenn sie im "Zeughaus" ihre eigenen Kleider
wieder anlegen und, ohne noch einmal umkehren zu drfen, durch die groe
Hinterpforte auf die Strae gelassen werden, wo der Wagen wartet, stehen
die meisten befangen da wie ngstliches Volk, das zum ersten Male in die
Welt zieht. So sicher, geborgen und heimisch haben sie sich in ihren
Ferien vom Ich gefhlt.

Sie schreiben alle freundliche Briefe des Dankes und guten Erinnerns und
sagen, da sie drauen unsere Anstalt preisen, und wenn sie dem oft
gehrten Einwand begegnen, es sei wohl doch eine etwas kindliche,
theatralische Sache, so beklagten sie alle diejenigen, die nicht wten,
wie herzstrkend und verjngend die Rckkehr zu kindlicher Schlichtheit
sei und wie sie gerade vom Theatralischen erlse, von der bsen, so
raffiniert eingebten und so schwer zu spielenden, immer aber im tiefsten
Grunde erfolglosen Theaterei unseres Lebens ...

Auch diejenigen, die organisch leidend waren, haben durch gewissenhafte
rztliche Kunst sowie durch die Gemtsruhe und Herzensheiterkeit, die sie
umfing, die besten Erfolge gehabt.

Der Sommer war gut; es mag Herbst werden. Die Frhlichkeit stirbt deswegen
nicht aus.

Diese groen Kinder der Welt fhlen hier alle die tiefe Schnheit des
Herbstes, von dem sie frher nichts wuten, als da mit seiner Ankunft
"Neuanschaffungen" ntig seien, die Gasrechnungen hher wurden und die
Theater- und Konzertsaison beginne.

         -------------------------------------------------------

Nach Andeutungen und Schilderungen eines unserer Kurgste will ich
schildern, wie ein Herbstmorgen im Ferienheim verluft.

Der Herbstwind hat gesungen die ganze Nacht. Und wie er an den Fenstern
rttelt und welkes Laub und drre Zweige an die Scheiben warf, hat sich
das Menschlein fest in die Decke gehllt und mit groen Augen ins Dunkle
gestarrt. Langsam ist seine Phantasie an Bord eines schwarzen
Wolkenschiffes gegangen, das durch das kalte Meer des Himmels fuhr zu
einem unbekannten Ziele. Ein schwarzer Mann stand am Steuer des Schiffes;
mde, schweigende Seelen lehnten oder saen an seinen Bordwnden. Lautlos
glitt das Schiff. Nur der Sturm sang seine Melodie, und wilde Gnse
schrien ihr Sehnsuchtslied in den Wind. Sie folgten dem Schiff wie groe
Mwen, und ihr weies Gefieder zuckte gespenstisch durch die Nacht. Unter
dem Wolkenschiff war der groe Ozean der Luft. Menschenhuser lagen wie
Muscheln auf dem Meeresgrund, die Wlder standen wie seltsames wirres
Gewchs wilder Schlingpflanzen, manchmal ragte ein Berg auf wie eine
Insel, um die das Wolkenschiff herumschwimmen mute. Von der Insel glimmte
das Licht einer Berghtte her wie der Schimmer einer Lampe aus einsamem
Strandhaus. Ein Felsen ragte auf wie eine Klippe, an der ein
unvorsichtiges Schiff zerschellen kann. Das Luftmeer rollte, grollte,
stampfte, es schleuderte die schwarze Flotte der Nacht hin und her. Die
wilde Fahrt war voll Grausen, aber auch voll Schnheit. Immerzu, immerzu
ging es vorwrts. Da drang ein Luten aus der Tiefe. Irgendein Vineta lag
drunten auf dem Grund, da gingen die Glocken. Nun wurde ein lichter
Schimmer am Horizont sichtbar. Dort lagen die weien Berge des Morgens.
Und im Morgenlande lag die Heimat.

Da fielen dem Trumer die Augen zu - er stieg herab von dem dunklen Schiff
-, stieg ans lichte Land und war zu Hause. Weib und Kind waren bei ihm,
und die guten Freunde kamen und schttelten ihm die Hnde.

Er erzhlte ihnen, wo er gewesen sei.

Da klopfte es an die Tr.

"Gottfried, stehen Sie auf, es ist halb sieben Uhr!"

Gottfried rieb sich die Augen und besann sich. Richtig, er war nicht auf
einem Wolkenschiffe, er war auch nicht zu Hause, er war Kurgast im
Ferienheim, richtiger gesagt Bauernknecht auf dem Forellenhofe.

Sechseinhalb! Es war noch ganz dunkel in der Stube. Und kalt war es. Ein
feiner Regen spritzte ans Fenster. Jetzt wre es wohlig, noch eine oder
zwei Stunden zu schlafen. Ach, blo noch ein paar Minuten! Sacht beginnt
"Gottfried" wieder einzuschlafen. Aber in dem Augenblick, da sich das
Bewutsein vom letzten Faden lsen will, schrickt er auf und springt mit
beiden Beinen aus dem Bett. Er wird sich doch nicht von dem Barthel - dem
Bauern - einen Meldezettel an den Arzt schreiben lassen wie ein
Schuljunge, der was "pexiert" hat, von seinem Lehrer. Dieser Barthel ist
ein ganz netter Kerl, aber er "klemmt" einen sofort, falls man ber die
Hausordnung hinweggeht. Und es ist so bld, sich dann beim Doktor
entschuldigen zu mssen. Unglaublich, wie leicht ein Mensch in die alten
Pennlerngste zurcksinken kann. Also aufstehen! Beim Anziehen hlt man
sich hier nicht lange auf, es ist zu kalt in der Bude. Auch das
Waschwasser ist kalt. Warmes mte extra verordnet werden. Und man schmt
sich hier unglaublich, wenn man so etwas wie verfeinerte Bedrfnisse
erkennen lassen will. Es pat nicht zu einem, wenn man Gottfried Stumpe
heit. Eigentlich war's doch schn im Traume, so pltzlich zu Hause zu
sein. Wie sie alle zrtlich und besorgt waren und nach den Augen schauten,
ob da ein Wunsch abzulesen sei. Hier war das anders, hier hie es nicht
wnschen, sondern gehorchen. Ein Wunder war's ja nicht, wenn man manchmal
ein bichen Heimweh hatte, zumal man fast gar nichts von Hause erfuhr.
Gestern war eine Postkarte gekommen, nach sechs Wochen die erste
Nachricht. "Lieber Mann! Bei uns sind alle wohl, und es ist alles in guter
Ordnung. Wir denken Deiner in Liebe und haben nur den einen Wunsch, da Du
Dich vllig erholst. Mit treuen Gren Dein Weib und Deine Kinder." Das
war alles. Es war ja eigentlich genug, es war ganz nach dem Herzen der
Kurdirektion; aber Details fehlten gnzlich. Ob nun Fritzchen im
Griechischen auf das volle "Gengend" gekommen war, ob Lenchen whrend der
Ferien zum Grovater reiste, ob der Kollege Neumann sich wirklich den
Adlerorden erschlichen hatte, wer Stadtverordnetenvorsteher geworden war,
wie die Elektrizittsaktien standen - ah, kein Wort! Das ging ihn
wahrscheinlich nichts an, ihn, den Knecht Gottfried Stumpe. Auf die
gewohnte Anrede "Herr Amtsgerichtsrat" hatte er beinahe vllig vergessen.
Sie war ihm wie ein Klang aus sagenhafter Zeit. Er war einfach Gottfried.

"Gottfried", hatte gestern die dicke Susanne gesagt, "helfen Se mir mal
meine Brille suchen; ich hab mir se verlegt und mu die Butterrechnung
schreiben."

So wurde man sogar zu persnlichen Dienstleistungen herangezogen. "Man",
der Herr Amtsgerichtsrat! Wie oft berhaupt dieses Weib, die Susanne, die
Brille verlegt, ist unglaublich. Methusalem hat ihr jetzt eine Art
Soldatengurt gestiftet, daran hngt wie eine kleine Sbelscheide das
Brillenfutteral. Da soll sie ihre Augenwaffe immer bei sich haben. Aber
sie trgt das Koppel nicht, sie hat es dem Methusalem um die Ohren
schlagen wollen.

Dieser Methusalem ist ein ganz netter Kerl; nur, er erlaubt sich zuviel
Frechheiten. Ihn, den Amtsgerichtsrat, hat er gezeichnet. Aber nur von
hinten. Er sagt, er htte einen interessanten Rcken.

Das Waschwasser ist abscheulich kalt. Und der Spiegel ist klein. Von
ordentlichem Frisieren ist keine Rede. Den Nackenscheitel hat er lngst
aufgegeben.

Richtig, jetzt kommt noch das Schandvieh, der vom Doktor verordnete
Dackel, verbeit sich in die herabhngenden Hosentrger und zieht und
zerrt daran. "Man" macht eine Bewegung, wie Pferde, die nach hinten
ausschlagen wollen, verliert dabei seinen Pantoffel und bemerkt, da der
Dackel die Hosentrger jhlings loslt, sich auf den Pantoffel strzt und
mit ihm unter dem Bett verschwindet. Mag er. Mag er ihn zerfressen! Der
Pantoffel gehrt der Kurverwaltung. Und der Dackel ist ihm oktroyiert.
Einfach oktroyiert! Er hat Hunde nie leiden mgen. Schon gar nicht als
Schlafkumpane. Er hat sie immer als wandelnde Flohfabriken verabscheut.
Methusalem hat neulich einen "wissenschaftlichen" Vortrag im Rathaussaal
gehalten und vorher durch ffentlichen Anschlag angekndigt. Das Thema
lautete: "Kann der Mensch (_homo sapiens_) von dem Hunde (_canis
familiaris_) einen Floh (_pulex irretans_) erhalten?" Er - Amtsgerichtsrat
_Dr._ - nein, Gottfried Stumpe, hat den Bldsinn nicht mitmachen wollen.
Zuletzt hat er gerade an dem Vortragsabend rein gar nichts vorgehabt und -
um die Zeit totzuschlagen - hingehen wollen. Aber da hat es geheien: Der
Saal sei berfllt, die Polizei lasse niemand mehr zu. Tags darauf hat am
Rathaus eine "Rezension" des Methusalemschen Vortrags ausgehangen. Isidor
Karfunkelstein vom Grundhof hat sie geschrieben. Natrlich Blech! Am
Schlu hat es da geheien: "So wies der Vortragende in seiner lichtvollen,
hinreienden Art aufs berzeugendste nach, da Hunde- und Menschenfloh
zwei ganz verschiedene Spezien sind, da es einem Hundefloh niemals
einfalle, die schn behaarten Jagdgrnde seiner tierischen Pfrnde
freiwillig zu verlassen, um auf dem glatten Parkett der Menschenhaut
unglcklich zu debutieren; da dem Hundefloh das tierische Blut viel
besser munde als das menschliche; da ein bei einem Menschen gefundener
Hundefloh eine auerordentliche Ausnahme, einen armen Verirrten darstelle,
der hllisch an Heimweh leide, kurz, da wohl ein Dackel von einem
Menschen einen Floh bekommen knne, aber nicht umgekehrt. Eine Resolution,
die darauf hinausging: die Mitglieder der Versammlung als Angehrige der
Kulturwelt seien fest entschlossen, den alten Aberglauben, da ein _pulex
irretans_ vom _canis familiaris_ freiwillig zum _homo sapiens_ bergehe,
auszurotten, wurde mit berwltigender Mehrheit angenommen. Die
ohnmchtige geringe Opposition wurde ausgelacht."

Das war also ein "wissenschaftlicher Vortrag" in diesen Ferien vom Ich.

Verrckt! Aber alles Volk lief hin, Herren und Damen! Rauften um die
Pltze!

Nun hat das Beest, der Dackel, den Pantoffel wirklich zerfetzt. Er guckt -
mit elenden Plschberresten in der Schnauze - hchst durchtrieben unter
dem Bett hervor, und seine weit aufgerissenen Augen fragten: Gibt es nun
Keile oder nicht?

Er schlgt ihn nicht. Mag Vater Barthel neue Pantoffeln besorgen.

Er regt sich nicht auf. Dazu ist er nicht da. Frher wrde er gekollert
haben. Jetzt nicht mehr. Er ist Gottfried Stumpe, dem solche Kleinigkeiten
sehr egal sind.

Der Dackel versteckt inzwischen die Zeichen seiner Schandtat weit unter
dem Bett, dann kommt er nher, macht ein uerst treuherziges Gesicht,
wedelt mit dem Schwanze und bietet das Bild unverdchtigster
Harmlosigkeit. Gottfried sieht ihn an, beschliet, die abscheuliche
Heuchelei zu bersehen und sagt einfach und gelassen:

"Du bist ein Schweinekerl!"

Der Dackel blinzelt nach dem Fue, auf dem sein "Herrchen" in bloen
Socken steht, nimmt den "Schweinekerl" als etwas ganz Selbstverstndliches
hin und springt dann zrtlich an dem von ihm liebreich geneckten Manne in
die Hhe. Und der schabt ihm freundlich den Nacken, dort, wo das Fell so
lose sitzt wie ein viel zu weiter Anzug.

"Gottfried, mhren Sie nicht wieder so lange beim Anziehen! Sie erklten
sich!"

Das war Vater Barthel. "Mhren" hatte er gesagt. Der Mann war nicht
satisfaktionsfhig. Wenn ihm frher mal einer "Mhren Sie nicht so lange"
gesagt htte! Zum Beispiel, als er in Sachen Pimpel _contra_ Karsubke
wegen eines Objektes von drei Mark und fnfzig Pfennig neun Termine
ansetzte, von dem der letzte drei Stunden dauerte!

Tja - Ferien vom Ich!

Der Treppenflur ist durch den gelbroten Schein von Petroleumlampen
erleuchtet. Petroleum ist ein Licht, das aus der Erde gequollen ist. Darum
ist es wahrscheinlich so warm. Leute, die um eine Petroleumlampe sitzen,
sehen alle aus wie Bergvolk, das im Innern der Erde haust -
halbbeleuchtete Hhlengesichter, die sich an den dunkel bleibenden Wnden
doch hell abheben. Alles im Zauberschein stillen, trauten Zusammenhockens,
ein Wissen und Bekennen: drauen ist Nacht. Alles andere grellere Licht
lgt den Tag vor.

Im Hausflur unten sagt die hbsche Magd Emilie: "Hoppla!", weil Herr
Gottfried an ihre Milchkanne stt. Und dann tritt er in die groe
Bauernstube. Da umfngt ihn das ganze groe Behagen des zu frh Erwachten,
der in eine warme Stube tritt. Alle Glieder dehnen sich in Wohligkeit. Um
den Tisch sitzen schon die Genossen und Genossinnen. Viele trinken Kakao,
andere lffeln Milchsuppe. Er suppt. Susanne mu ihm den hbschen,
wahrhaft knstlerisch geformten Napf zweimal fllen. Die
Frhstcksunterhaltung ist sprlich und nchtern wie berall. Zu Hause
wrde er jetzt Kaffee trinken und die Zeitung dazu lesen. Das bichen
Koffein wrde ihm wahrscheinlich nichts schaden; aber da er die Zeitung
wieder mal auf den Tisch hauen oder zerknllt an die Wand schmeien wrde
- das wre schlimmer. Hier gibt's keine Zeitung. Es geht auch so. Sollten
Amerika und Japan inzwischen Krieg bekommen haben, ist's ihm vllig egal,
wer dabei zugrunde geht, gleichgltiger als der vom Dackel zernagte
Latschen.

Der Regen spritzt noch immer an die Scheiben. Ein "Sauwetter" wrde er zu
Hause sagen, die Gummischuhe anziehen, den Mantelkragen hochschlagen und
auf dem schnellsten Wege zur Straenbahn trachten, um zum Gericht zu
fahren.

Hier - Gottfried Stumpe - oh weh! Gestern war das Wetter nicht viel
besser, und er hat Dnger fahren mssen. Die Arbeit verteilt Vater
Barthel. Gottfried glaubt, der Bauer habe etwas gegen ihn. Jedenfalls -
das steht fest - dieser Methusalem wird immer bevorzugt. Ist's schn und
warm, da er auf dem Kartoffelfelde Allotria mit dem Weibsvolk treiben
kann, geht er hinaus; regnet es und blst der Wind, wird er zu huslichen
Arbeiten verwandt. Alles Protektion auf der Welt! Herr Amtsgerichtsrat Dr.
- nein, Gottfried Stumpe, htte nie gedacht, es ntig zu haben, sich um
das besondere Wohlwollen eines Bauern Barthel oder einer Frau Susanne
bemhen zu mssen. Er verschmht auch alle Liebedienerei, um sich
Vergnstigungen zu verschaffen. Dieser Methusalem - er ist ja sonst ein
netter Kerl - ist schon fnf Monate hier, aber eigentlich ein Kriecher;
denn er soll Frau Susanne auf einem Schaffboden in einer fabelhaft
geschmeichelten Weise portrtiert haben, da er, trotz gelegentlicher
Anrempelung, lieb Kind im Hause ist und bleibt. Denn Susannes Bild hngt
jetzt in einer Mnchener Ausstellung; das schmeichelt natrlich solch
alter Schachtel gewaltig.

Die dicke Lene drben am Nachbartisch - Gottfried mte sich furchtbar
tuschen, wenn er in ihr nicht die Gattin des Juweliers Rosenbaum erkannt
htte - sagt eben Vater Barthel eine plumpe Schmeichelei ber seine
Uhrkette, die ein klobiges Ding ist und vielleicht einen Taler gekostet
hat. Aber Barthel, der ein geriebener Patron ist, merkt den Braten und
sagt:

"Ja, ja, Lene, meine Uhrkette is zwar sehr schn; aber Rben abkloppen
mssen Sie heute trotzdem."

"Es ist so furchtbar kalt!" sthnt die Dicke.

"Lene", belehrte sie Vater Barthel wohlwollend; "es is kalt, das is wahr.
Aber Sie sind hier, um dnner zu werden, und Klte zieht die Krper
zusammen."

Smtliche Frhstcksleute grinsen. Auch Gottfried freut sich. Gestern, als
er Dnger fahren mute, hat er sich blo damit getrstet, da es die
Arbeiter auf dem Rbenstande noch schlimmer hatten als er. Die Rben aus
dem nakalten, manschigen Acker zu nehmen, sie aneinander zu "klopfen",
damit berflssige Erde abfllt, und sie fr den Wagen zu sammeln, ist an
solchen Regentagen keine schne Arbeit und nichts weniger als Manikure.
Die Finger werden blaurot. Nur Pulswrmer helfen etwas. Scheulich. Er -
Gottfried - freut sich auf seine Dngerfuhre. Da pendelt er so langsam
neben seinen beiden nachdenklichen Rlein einher, und der Ammoniakgeruch,
den seine Ladung ausstrmt, strt ihn nicht. Der soll sogar ausgezeichnet
gesund fr die Lungen sein.

"Methusalem, Sie werden heute Holz hacken!" hrt er Vater Barthel weiter
reden.

Richtig! Es regnete - folglich blieb Methusalem im Trockenen.

Gottfried hate in diesem Augenblick den Methusalem, wie er zu Hause den
Kollegen gehat hatte, der den Adlerorden erschleichen wollte. Solche
Leute verstehen es eben, immer "nach oben" zu schielen.

"Oben" - das waren hier Vater Barthel und Frau Susanne.

Barthel tat so, als ob er unparteiisch sei.

"Das sage ich Ihnen aber, Methusalem, gravieren Sie mir heute wieder ein
Bild auf die Axt, haben Sie das letztemal Holz gehackt!"

Methusalem gelobte, keine Barthelsche Holzaxt mehr zu verunzieren, sondern
fleiig Holz zu hacken. In diesem Augenblick trat der Brieftrger in die
Stube. Er hatte eine riesige Tasche umgehngt, und in dieser Tasche
steckte ein einziger Brief.

"Herrn Methusalem auf dem Forellenhof."

Methusalem ffnete den Brief, las und sank mit einem Seufzer wie
ohnmchtig auf die Ofenbank. Die Weiber quiekten, am lautesten Susanne.
Barthel hob den auf den Fuboden gefallenen Brief auf und las ihn ohne
weiteres vor:






        "Sehr geehrter Herr!

Ihre von der gesamten Fachkritik glnzend beurteilte Zeichnung 'Buerin
auf dem Schaffboden' ist heute fr den Preis von fnftausend Mark verkauft
worden.

                                                 Die Ausstellungsleitung."






Groe allgemeine Verwundernis.

Frau Susanne wurde knallrot. Dann hielt sie sich die Leinwandschrze vors
Gesicht. Barthel aber klopfte sie auf die Schulter und sagte:

"Mutter, schm dich nich! Was kannst du dafr, da du so 'ne interessante
Frau bist!"

Methusalem erholte sich, stand auf und bot ein Bild des Jammers.

"Kinder", sprach er mit zerknirschter Stimme, "ihr alle kennt mich und
werdet daher Mitleid mit mir haben. Neunhundertachtundneunzigeinhalbes
Jahr bin ich alt; eineinhalb Jahr habe ich blo noch zu leben. Und nun
werd' ich pltzlich ein Krsus. Da ich in der kurzen Spanne Zeit meines
irdischen Wallens nicht die Riesensumme von fnftausend Mark ausgeben
kann, werdet ihr einsehen. Und doch mu sie mangels jeglicher Leibeserben
weggeschafft werden. Ihr knnt glauben, da dieser Fall mein Gemt hart
bedrckt. Doch werden wir Mittel und Wege finden, hier so lange Feste zu
feiern, bis ich von dem Alp des Geldes erlst bin."

Gegen diese Auffassung hielt nun Barthel eine zornsprhende Rede ber
Sparsamkeit, Migkeit und Unvernunft. Manche stimmten ihm zu, andere
widersprachen ihm, es gab ein erhebliches Durcheinander. Inzwischen ging
Frau Susanne immerfort mit roten Wangen und schmig flimmernden Augen hin
und her.

"Denken Sie doch, Frau Susanne - fnftausend Mark - in Mnchen auf der
Ausstellung! Fr Ihr Bild!"

"Ruhe!" kommandierte Barthel. "Wir mssen wieder an ernste Dinge denken.
Ekkehard, Sie nehmen einen Schubkarren, fahr'n 'runter nach Waltersburg
zum Kaufmann Scholz und hol'n das Fchen Heringe ab, das ich bestellt
hab. Lassen Sie sich's aber recht festbinden, da es nicht 'runterkugelt!"

"Jawohl!"

"Thusnelda, Emilie-Karlotti, Strunzel und Eva helfen beim Buttermachen."

Vierstimmiger piepsiger Frauenchor:

"Jawohl!"

"Knusperhase, Friedrich Schiller, Li-hung-tschang, Mussolini und Fuhrmann
Henschel werden ppel pflcken. Brbel und die Lustige Witwe werden die
ppel nach der ppelkammer tragen."

Septett: "Jawohl!"

"Der Alte Dessauer hat Jagdurlaub bis zum Abendbrot; das Veilchen im
Winkel wird helfen, die Heringe einmarinieren, die Ekkehard bringt;
Piesecke kommt zwei Stunden lang an die Jauchenpumpe; Andreas Hofer,
Moritz Arndt, Fitzlibutzli, der Knecht Elieser, Ali-Baba und Jeremias
Gotthelf gehen zum Ackern aufs Feld. Lene und Joachim Hans von Ziethen
helfen beim Rbenabkloppen. Fehlt noch jemand?"

Herr Amtsgerichtsrat Dr. - nein Gottfried Stumpe, erhob sich.

"Ich!"

"Ach so - Sie, Gottfried! Nu, Sie helfen auch beim Rbenabkloppen."

Gottfried erblate. Zu widersprechen wagte er nicht. Er hrte nur noch mit
beiendem Ingrimm, da Barthel den Methusalem aus Anla seines Briefes
einen Tag beurlauben wollte. Methusalem aber wies die Ehre zurck.

"Nimmermehr!" rief er pathetisch, "denn sehen Sie, Vater Barthel, eine
ungeheure Lebenslust, ein Kraftberschu durchstrmt pltzlich meinen fast
tausendjhrigen Leib. Ich komme mir vor wie ein Fnfunddreiiger. Wo soll
ich hin mit der Freud? Austoben mu ich mich. Und das kann ich nur, wenn
ich Holz hacke. Ich will keinen Urlaub, ich hacke Holz!"

Punkt ein Viertel nach sieben Uhr erklrte Barthel das Frhstck fr
aufgehoben. Nun gingen alle ihre Wege, die meisten hinauf nach den
Badehusern, um ihre "Anwendungen" zu machen. Auch Gottfried Stumpe
schritt hinaus in den fein sprhenden Regen. Er war sehr schlechter Laune.
Auf seinem Kurzettel stand heute ein zehn Minuten langes Bedampfen des
Magens (er litt an Magennerven), dann ein Brstbad mit nachfolgendem
khlen Abgu. Was so die Nervsen bekommen! Frher war er auch massiert
worden und hatte im Gymnastiksaale turnen mssen. Jetzt fiel das weg.
Wahrscheinlich war er schon zu gesund zu solch anstndiger Behandlung.
Jetzt mute er einfach arbeiten. Rben abkloppen. Mit Mgden und alten
Weibern zusammen. Scheulich!

Es war ein reines Wunder, wie man sich das als Kulturmensch gefallen lie.
Da man nicht einfach sagte: Rutscht mir den Buckel lang; ich reise ab!
Solche Schweinerei, wie Rben, die im Dreck liegen, abzukloppen, mache ich
nicht mit! Man reiste aber nicht ab. Man wute, da sich die Kurverwaltung
aus einer Abreise rein gar nichts machte, weil schon immer Hunderte darauf
warteten, neu eingereiht zu werden. Alle Widerstandskraft verliert man bei
dem Gedanken: sie brauchen dich nicht, du aber brauchst sie. Denn es war
nicht zu leugnen, da man hier absolut von Grund auf gesnder wurde.

Also bis acht Uhr war er mit seinen Anwendungen fertig; dann mute er sich
nach der khlen Abgieung eine halbe Stunde lang warm laufen; dann durfte
er eine halbe Stunde lang in irgendeinem bequemen Lehnstuhl des Kurhauses
verpusten.

Dann aber mute er unwiderruflich aufs Feld.

Rben abkloppen! Wenn nur inzwischen der elende Sprhregen aufhrte. Ein
einziger Trost war, da bei solchem Wetter das pfelpflcken vom nassen
Baum auch kein Heidenspa war.

Wie kmen sonst gerade Friedrich Schiller, Mussolini und Fuhrmann Henschel
dazu, da sie ...

Neid und Migunst plagten ihn immer noch etwas; auch war er noch reichlich
oft schlechter Laune. Das kam wahrscheinlich vom Magen. Aber es war doch
schon zehnmal besser mit ihm als zu Hause. Wie hatte er da oft getobt und
gekollert, mit dem Gerichtsdiener, mit den Angeklagten, mit den Zeugen, ja
mit Weib und Kind. Die Fliege an der Wand rgerte ihn, das Klopfen des
Regens ans Fenster regte ihn auf. Jetzt - wer diesen Dackel und diesen
Vater Barthel vertrug, ohne tobschtig zu werden, mute schon sehr gesund
sein.

Bei seinem Spaziergange traf Gottfried seinen Freund Emanuel Geibel vom
Sonnenhof. Das war der Mann, mit dem er sich am besten verstand, mit dem
er wirklich befreundet war. Sie hatten sich eines Tages beim Pilzesuchen
an einem Waldrande getroffen, jeder mit einem Krbchen und einem Messer
bewaffnet, hatten einander gegenbergestanden und gelacht. Dann hatten sie
sich einander vorbestellt: "Emanuel Geibel vom Sonnenhof - Gottfried
Stumpe vom Forellenhof. Freut mich! Freut mich!" Und am sonnigen Waldrande
gesessen und geschwatzt. Allmhlich aber waren sie in zivilisiertes
Gesprch gekommen, auf Hygiene im allgemeinen, auf Volkswirtschaftliches,
auf hohe, schlielich auf ganz hohe Politik, dann noch hher hinauf auf
die Kunst, haben sogar einen etwas torkeligen Aufstieg in metaphysische
Gebiete versucht, sich in die Firnenzonen der Philosophie und Religion
verklettert und sind dann mit einem waghalsigen Sprung auf die letzte
Gipfelhhe der Menschheit gesetzt - auf den im Blauschnee glitzernden,
aller gewhnlichen Sterblichkeit ewig unerreichbaren Gaurisankar der
heiligen Jurisprudenz.

Da ist dem Amtsgerichtsrat etwas schwindelig geworden. Emanuel Geibel
entpuppte sich als ein hervorragender Jurist, als eiskalter
Verstandesmensch, als einer, der nicht nur ber den Hanswurst, den
jetzigen Justizminister, spottete, der mit seinem geistigen Zwergenma die
Riesenschleppe des Ministertalars gar zu possierlich schleifte, sondern
der auch an die Dogmen der anerkanntesten juristischen Gren mit geradezu
souverner berlegenheit die Sonde legte. Wie er allein ber Liszt
urteilte. Dem Amtsgerichtsrat war klar, da der Mann, der sich unter dem
Namen Emanuel Geibel versteckte, eine eminente Gre der
Rechtswissenschaft war, hoffentlich der knftige Minister. Dann wrde
vieles an den unhaltbaren verrotteten Zustnden der heutigen Rechtspflege
gebessert werden. So beschlo der Amtsrichter dreierlei: erstens lieber
gar keine, als eine dumme Bemerkung zu machen, sondern zumeist den andern
reden zu lassen und ihm zuzustimmen; zweitens ganz leise durchschimmern zu
lassen, da er durch ein ungerechtes Schicksal, vielmehr durch widrige
Gegenstrmungen ins Dunkle gestellt worden sei und gewissermaen auch
etwas mit der Jurisprudenz zu tun habe; drittens privatim sich als
Gottfried Stumpe treuherzig die Sympathie Emanuel Geibels zu erwerben. Das
alles ist gelungen. Eines Tages hat Geibel sogar mit ihm Brderschaft
gemacht. Denn Emanuel hatte bei allem messerscharfen Verstand ein
poetisches Gemt, und der Mann, der eben noch Worte gesprochen hatte, von
denen jedes mit Schwefelsure getrnkt war, konnte pltzlich
traumversunken stehenbleiben und seufzen:

   "Oh, darum ist der Lenz so schn
   Mit Duft und Strahl und Lied,
   Weil singend ber Tal und Hh'n
   So bald er weiterzieht."

Oder, weil ihm eben einfiel, da gar nicht Frhlingszeit sei:

    "Herbstlich sonnige Tage,
    Mir beschieden zur Lust,
    Euch mit leiserem Schlage
    Grt die atmende Brust.
    Oh, wie waltet die Stunde
    Nun in seliger Ruh;
    Jede schmerzende Wunde
    Schlieet leise sich zu."

Der eiskalt schlieende Jurist hatte sich ganz in die sen, goldenen
Melodien Geibelscher Lyrik eingesponnen. Und darum wohl hatte er des
Dichters Namen fr seine Ferien vom Ich gewhlt. Die Gegenstze berhrten
sich auch hier.

Diesem Emanuel Geibel begegnete nun Gottfried Stumpe, als er sich an jenem
feuchtkalten Herbstmorgen nach der Abgieung "trocken lief". Die Begegnung
war nicht ganz zufllig. Gottfried wute, da Emanuel abreiste. Er habe
nur sechs Wochen Urlaub, hatte Geibel ihm gesagt, er knne nicht lnger
abkommen. Natrlich, es gab eben im Justizdienst unersetzliche Krfte.

Wortkarg stiegen die beiden Freunde miteinander zum "Zeughaus" hinunter.

"Nun gehe ich da hinein", sagte Emanuel traurig, "und komme nicht mehr
durch diese Tr in unser liebes Heim zurck, sondern trete auf der anderen
Seite in meinem Weltanzug auf die Strae hinaus, die ins kalte Leben
zurckfhrt. Ach, mein Freund, mir ist sehr schwer ums Herz. Ich wollte,
wir wren jetzt oben im Walde und suchten Pilze. Ich hab dich gern
gehabt."

Gottfried Stumpe wandte sich zur Seite. Emanuels Seele aber wurde wieder
vom Geiste seines Meisters umfangen, und er sagte mit leisem Beben:

   "Wenn sich zwei Herzen scheiden,
   Die sich dereinst geliebt,
   Das ist ein groes Leiden,
   Wie's gr'res nimmer gibt;

   Es klingt das Wort so traurig gar:
   Fahr wohl, fahr wohl auf immerdar!
   Wenn sich zwei Herzen scheiden,
   Die sich dereinst geliebt."

Wohl verwunderte sich Gottfried ber diese groe Zartheit, aber sie packte
ihn, und die Augen wurden ihm feucht.

Der Freund ging hinein ins Zeughaus. Auf der anderen Seite wrde er nun
hinaus auf die Strae treten, die aus diesen friedlichen Ferien
zurckfhrt in die harte Schule des Lebens. Gottfried ging um das Zeughaus
herum und gelangte durch ein Seitenpfrtlein ebenfalls hinaus auf die
Strae. Er wollte den Freund noch einmal sehen. Mochte er zu spt auf
Barthels Feld kommen, es war ihm einerlei.

Nach einer Viertelstunde kam Emanuel. Fast htte ihn Gottfried in dem
nchternen Reiseanzug nicht erkannt.

"Ah, da bist du noch!"

"Ja, ich wollte dich noch einmal sehen."

"Das ist lieb von dir!"

Emanuel zog die Uhr - eine einfache silberne Taschenuhr.

"Ganz fremd mutet mich das Ding an. Es ist so grausam pedantisch. Es zhlt
Minuten und Sekunden. Drinnen in der Heimat ist es besser, da drfen einem
nur eine Glocke oder der Groknecht oder Mond und Sterne sagen, wie spt
es ist. Und dann das Geld, das bedrckt mich am meisten. Was soll ich mit
den paar Krten tun? Mir eine Burg des Glcks davon bauen? Lieber Gott!"

"Du wirst noch hoch hinauf kommen!" trstete ihn Gottfried.

"Nein!" sagte Emanuel bitter. "Da drinnen, da ist es ja geboten, ber das
eigene Ich zu schweigen. Aber hier drauen auf der Landstrae will ich
mich dir gegenber nicht verbergen. Ich hab Pech gehabt. Htt' gern
studiert. Aber wie ich in der Unterprima war, starb der Vater. Da mute
ich abgehen von der Schule. Wurde ein Subalternbeamter. Ich bin Sekretr
am Amtsgericht zu H."

"Emanuel!"

Gottfried rang die Hnde ineinander. Ein Subalternbeamter! Dieser
Ministerstrzer! Dieser Liszt-Kritiker! Dieser gewaltige Umstrzler von
oben! Ein Sub - sein Duzbruder! Wenn das sein akademischer Stammtisch
wte!

"Emanuel!"

Gottfried stand so verdattert da, da in die weichen Zge Emanuel Geibels
wieder die essigsaure Schrfe trat, die aber doch nur zu den resignierten
Worten fhrte:

"Gottfried! Sie waren da drinnen Gottfried und ich Emanuel - wer wir
drauen sind, braucht uns nicht mehr zu kmmern, braucht Sie nicht zu
genieren."

"Ich bin Amtsgerichtsrat Dr. Stein", sagte Gottfried noch ganz benommen.

"Dann erlaube ich mir, dem Herrn Amtsgerichtsrat eine weitere erfolgreiche
Kur zu wnschen", sagte Emanuel hflich, verneigte sich, ergriff seine
kleine Handtasche und wollte gehen.

Da aber hatte ihn Gottfried am Arm.

"Nein, lieber Emanuel, wir bleiben Freunde - auch drauen -, verstehst du?
Von dem bldsinnigen Kastengeist bin ich im Ferienheim befreit worden."

Emanuel setzte die Handtasche auf die Strae.

"Ich danke dir!" sagte er schlicht, aber in tiefer Freude.

Sie schieden voneinander. Der Amtsgerichtsrat ging mit beklommenem Herzen,
das jeder hat, der von einem Freunde Abschied nahm, nach dem Rbenfelde.
Da waren die Leute fleiig an der Arbeit. Nur Joachim Hans von Ziethen,
der auch zum Rben "abkloppen" kommandiert war, sprang in khnen
Husarensprngen ber ein lustig brennendes Feldfeuerchen hinweg, um sich
warm zu machen, in Wirklichkeit aber - wie der Amtsgerichtsrat mit
neidischem Grimm bei sich feststellte -, um sich von der Arbeit zu
drcken.

Zehn Minuten spter sprang er mit ber das Feuer, bis von ferne die
Gestalt Barthels auftauchte.

Da begaben sich die beiden Drckeberger schleunigst an die Arbeit.





         VON DER WEIBLICHEN PUTZSUCHT UND HERRN PIESECKES LEIDEN


Gestern vormittag traf ich die kleine Luise, die sich eben von einem
Haufen spielender Kinder trennte.

"Willst du schon aufhren zu spielen, Luise? Die Sonne scheint doch so
schn."

"Ich will zu meiner Mamma."

"Zu deiner Mamma?"

"Ja, nach Hause!"

"Sagst du zu Magdalena jetzt Mamma?"

"Ja. Alle Kinder haben eine Mamma. Ich will auch eine haben. Meine Mamma
soll Magdalena sein."

"Hast du deine Mamma lieb?"

"Lieber wie dich!"

Das klang nicht frech, nur tief berzeugt.

"So. Hm. Lieber wie mich! Das glaube ich gern. Ihr spielt wohl schn
zusammen?"

"Nein, wir schneidern. Wir machen ein Kleid fr mich. Aber es pat immer
nicht richtig, weil Mamma das Schneidern nicht gelernt hat, und da will
uns jetzt die Selma kein neues Zeug mehr geben."

Selma ist die Beherrscherin unserer weiblichen Schneiderei, eine etwas
schwierige Alte. Das Mdchen ging neben mir her. Mit groer Munterkeit
sagte sie:

"Wenn Pappa Stefenson da wre, wrde er die Selma mchtig ausschimpfen,
weil sie sagt, es ist zu teuer, wenn man fr ein Kinderkleid vierzig Mark
verbuttert und nichts zustande kriegt. Ach, es wird doch so schn! Wir
nhen alle Tage neue Schleifen dran."

"Ich werde mit der Selma sprechen."

"Ja? Wirst du wirklich? Frchtest du dich nicht? Dann sage ihr, wir mssen
ein Meter schottische Seide haben und unten ein bichen Pelzbesatz. Ich
hab mir's so ausgedacht: oben an dem Kleid will ich einen Matrosenkragen,
in der Mitte will ich schottische Seide und unten Pelzbesatz. Das wird
sehr fein!"

"Ja, das glaube ich. Will das deine Mamma auch so?"

"Mamma will so, wie ich will."

Das war das Mdel, das vor einem Jahr in der Berliner Ackerstrae
Schnrbnder verkaufte! Die Erinnerung an diese elende Vergangenheit ist
in ihr vllig erloschen. Gut so! Und auch ihre Kleiderwnsche verstand
ich. Die Kinder hupfen bei uns alle in einer gesunden, einfachen Tracht
umher. Aber ein Mdchen hatte geprahlt, es htte zu Hause ein
Matrosenkleid, ein anderes hatte sich mit einem Kleide mit schottischer
Seide grogetan, ein drittes sogar von Pelzbesatz gefabelt. So war in
Luise der Wunsch entstanden, alle diese Herrlichkeit in einem einzigen
Kleid zu vereinigen. Die Weibermode setzt ber die hchsten Mauern, die
man um ein Ferienheim ziehen kann. Dagegen lt sich nichts tun. Auch
unsere weibliche Ferienkleidung wird mit tausend Spitzfindigkeiten
"modernisiert" und "stilisiert". Was man allein mit einer heimlich
angebrachten Sicherheitsnadel alles "raffen" kann, wieviel "Schick" man
durch solch einfache Mittel in die vorgeschriebene Gewandung bringen kann,
grenzt ans Wunderbare. Wenn in meinem Ferienheim berhaupt mal ein
Aufstand entstehen sollte, wird es eine Frauenrevolution sein. Anfangs
wollte ich fr alle weiblichen Feriengste ein und dieselbe Tracht. Aber
selbst Selma, die, eine Aszetin an Einfachheit und an Grobheit, einem
preuischen Kammerunteroffizier, der Helme und Stiefel "anprobiert", weit
berlegen ist, kam mir schlielich mit dem Vorschlag, vier verschiedene
"Modelle" mten eingefhrt werden, eines fr die Dicken, eines fr die
Dnnen, eines fr die Langen, eines fr die Kleinen. Damit habe ich mich
einverstanden erklrt; inzwischen ist bereits noch durchgesetzt worden,
da die Blonden blaue, die Schwarzen rote Blusen bekommen.

Fr die khlen Abende werden farbige Umschlagtcher geliefert. Oh, wie
gro sind die Wunder der Schpfung! Manche unserer Damen drapieren das
Tuch vom Grtel abwrts um den Kleiderrock, die meisten tragen das Tuch
rechts oder links ber die Schulter malerisch geworfen, andere machen sich
eine "ungarische Schrze" daraus, wieder andere eine Muff; Turbane um den
Kopf werden ebenso geschickt aus dem Tuch hergestellt wie schlichte
Nonnenschleier; einige tragen das zusammengelegte Tuch nur ber dem Arm,
und einige wenige greifen auf den ursprnglichen Zweck zurck, die
schlagen das Tuch um die Schultern.

Dr. Michael hat die Putzsucht der Frauen fr eine unheilbare Krankheit
erklrt. Ich bin nicht seiner Meinung. Diese Putzsucht ist keine
Krankheit, sondern eine Naturnotwendigkeit; das Weib mu sich putzen, so
wie sich das Ktzchen beschlecken mu.

         -------------------------------------------------------

Neulich kam Piesecke zu mir, auerhalb der Sprechstunde. Er war noch
erregter, als er sonst oft ist, und sprach zunchst eine Menge wirres Zeug
durcheinander, aus dem hervorgehen sollte, da er der unglcklichste
Mensch der Welt sei. Ich unterbrach ihn.

"Piesecke, ich glaube jedes Wort, was Sie sagen, aber sprechen Sie
langsamer! Sprechen Sie recht gelassen! Sagen Sie mir ohne alle
Umschweife, was los ist."

Er rang die Hnde ineinander und jammerte:

"Ach Gott, ich liebe sie, ich liebe sie!"

"Wen? Mich?"

"Ach, doch nicht Sie, sondern sie!"

"Also Hanne vom Forellenhof."

"Woher wissen Sie ...?"

"Ich wei es. Sie haben sich oft genug auffllig benommen."

"Und wissen Sie auch, da sie fortzieht?"

"Ja, morgen nachmittag. Sie hat ein gutes Engagement an ein Stadttheater
bekommen."

"Ich ertrag es nicht; oh, ich ertrag es nicht. Sehen Sie, Herr Doktor, Sie
knnen machen mit mir, was Sie wollen, Sie knnen der beste Arzt der Welt
sein, Sie knnen hundert Sanatorien fr mich bauen, wenn mich dieses
Mdchen verlt, bin ich verloren."

"Gruselig!"

"Was sagten Sie?"

"Gruselig!"

"Herr Doktor, spotten Sie nicht! Diesen Verlust ertrage ich wirklich
nicht; er bedeutet mein Ende."

"Dann wird in Ihrer Landeszeitung ein schner Nekrolog ber Sie
erscheinen."

Er war emprt.

"Sie haben kein Herz fr mich. Aber es ist gut, da Sie von unserer
Landeszeitung gesprochen haben. Schlielich bin ich doch ein Prinz!"

"Hier nicht! Hier sind Sie Piesecke."

"Das wei ich; aber ich vergesse nicht, was ich drauen bin. O nein! Sehen
Sie, und das habe ich ihr gesagt."

"Was? Wem?"

"Der Hanne habe ich gesagt, da ich ein Prinz bin."

"Sie sind wohl verrckt geworden, Piesecke. Auf solche Indiskretionen
steht die Strafe der Entlassung aus unserer Anstalt."

"Schimpfen Sie nicht, Herr Doktor; ich bin heute schon genug ausgeschimpft
worden."

"Was hat denn Frulein Hanne zu Ihrer Quasselei gesagt?"

"Ausgelacht hat sie mich. Sie hlt mich fr einen Sargfabrikanten aus
Hannover. Stellen Sie sich vor, Herr Doktor, ausgerechnet fr einen
Sargfabrikanten hlt sie mich."

"Das Geschft eines Sargfabrikanten ist ein sehr ehrbares."

"Ach Gott, nun sind Sie auch noch gegen mich. Und ich hatte meine ganze
Hoffnung auf Sie gesetzt. Sie sollten ja Frulein Hanne sagen, da ich
wirklich ein Prinz bin und da sie ein Engagement an unserer Hofoper
annehmen soll."

"Was htten denn Sie davon, wenn Frulein Hanne in Ihrer Residenzstadt
snge und Sie inzwischen hier bei uns Dnger fahren mten?"

"Ich hatte gehofft, Sie wrden mich fr ein paar Wintermonate beurlauben."

"Daran denke ich nicht im Traume. Bis zum Mai bleiben Sie laut unserer
Abmachung hier. Das entspricht auch ganz den Intentionen Ihres Herrn
Bruders, des regierenden Frsten."

Piesecke sa gebrochen vor mir.

"Mit mir ist's alle", sagte er tonlos.

"Mit Ihnen war es alle, mein Lieber, als Sie zu uns kamen. Inzwischen
haben Sie sich aber bei uns einen ganz netten Fonds neuer Lebenskraft
gesammelt."

Er schttelte trostlos den Kopf.

"Wohl bin ich gesundheitlich vorwrts gekommen; aber das ntzt mir alles
nichts mehr - ich mu sterben. Es gibt Dinge, die ein Mensch nicht
verwinden kann."

Ich stand auf.

"Entschuldigen Sie, Piesecke, aber das Mittagessen wartet auf mich. Ich
hab Hunger. Wenn Sie also aus dem Leben scheiden wollen, gehaben Sie sich
wohl! Es freut mich, Sie mal kennengelernt zu haben. Mahlzeit!"

Da fate ihn der Zorn.

"O nein, Herr Doktor, so entkommen Sie mir nicht! So mit einfach
'Mahlzeit', wenn es um mein Leben geht! Ich bin nicht mehr der willenlose
Mensch, der ich im Mai war. Ich wehre mich meiner Haut. Und da mu ich
Ihnen sagen, da Ihr Sanatorium eine Mrdergrube ist."

"I, der Dauz!"

"Jawohl, Dauz! Ich werde Sie schon bedauzen! Wissen Sie, wer der neue
Kurgast auf dem Forellenhof ist, der sich Fritz Steiner nennt?"

"Nein!"

"Ein Geheimpolizist aus meiner Vaterstadt ist er. Ich habe ihn
wiedererkannt; denn ich hatte frher mal mit ihm zu tun. Nun habe ich
gedacht, er sei hergeschickt, um mich zu berwachen. Denn er hat mich
frher schon mal berwacht. Aber nein, wie ich ihn gestellt habe, hat er
mir gesagt, da er auf den langen Ignaz auf dem Forellenhof abzielt. Er
wird den Beweis erbringen, da Ignaz ein langgesuchter Raubmrder ist, ein
frherer Fleischergeselle."

Ich setzte mich wieder.

"Also, Piesecke, ist das wahr?"

"Habe ich Sie je belogen, Herr Doktor?"

"Nein, Piesecke, belogen haben Sie mich nie. Aber tuscht sich auch Herr
Steiner nicht?"

"Das wei ich nicht. Er wartet noch etwas vom Gericht ab - ich glaube,
Fingerabdrcke oder so etwas - und dann will er zur Verhaftung schreiten."

Mir wurde unbehaglich.

"Haben Sie auch eine Auseinandersetzung mit dem langen Ignaz gehabt?"

"Jawohl. Er will mich umbringen."

"Bitte, erzhlen Sie!"

"Er hat mich schon immer verfolgt und gemihandelt; er ist ein sehr roher
Kerl. Wie ich nun Frulein Hanne das gesagt hab, da - nun, da ich eben
doch ein Prinz bin, glaubte ich, ich sei mit ihr und mit Vater Barthel
allein in der groen Stube. Auf einmal kommt der lange Ignaz hinter dem
Ofen hervor, hat grngelbe Augen und packt mich an der Kehle. Ich habe
mich gewehrt; aber wenn Vater Barthel und Frulein Eva mir nicht geholfen
htten, htte mich der Kerl erwrgt. Wir haben dann den Mordgesellen zur
Tr hinausgeworfen, aber er hat gedroht, er werde mich schon erwischen."

"Hm. Also, lieber Piesecke, ich gebe Ihnen gern zu, da mir dieser Knecht
Ignaz auch in hohem Grade unheimlich und widerlich ist. Ist er ein Schuft,
der sich in mein ehrliches, sauberes Heim eingeschlichen hat, dann werde
ich der erste sein, ihn den Behrden ausliefern zu helfen. Aber auch wenn
er nicht der von den Gerichten Gesuchte ist, wird der brutale Mensch
entfernt werden. Das verspreche ich Ihnen." Piesecke sank schon wieder in
sich zusammen.

"Ach, selbst dieser Raubgesell ist in die blonde Eva verliebt. Und ich
soll sie verlieren! Mag mich doch der Ignaz umbringen. Dann ist es
wenigstens alle mit mir. Ich habe niemand, niemand, der mich gern hat,
nicht einmal einen guten Freund!"

Da tat er mir leid.

"Piesecke", sagte ich, "das drfen Sie nicht sagen. Sie haben einen guten
Freund. Und das bin ich. Ich will Ihnen das dadurch beweisen, da ich
Ihnen etwas sage, was noch niemand von mir gehrt hat. Auch ich, Piesecke,
habe die schne Eva sehr liebgehabt und mir nichts sehnlicher gewnscht,
als da sie meine Frau werde."

Er starrte mich an.

"Auch Sie, Herr Doktor? Und warum haben Sie die Eva nicht genommen?"

"Weil sie mich nicht will."

"Sie nicht will?" wiederholte er verwundert. "Sie will nicht mal Sie, und
da soll sie mich wollen?"

Es lag eine rhrende Demut in dem Ton, in dem er das sagte.

"Sehen Sie, Piesecke, wenn man jemand wirklich liebhat, darf man nicht an
sich selbst denken, soll man nur denken: Werde du glcklich! Es ist etwas
Groes und Schnes um das Verzichten! Wir werden es zusammen tragen. Es
gibt Frauen, die das Glck oder vielmehr das Unglck haben, da alle
Mnner sich in sie verlieben, und gerade das Leben solcher Frauen bleibt
oftmals ganz leer. Wir wollen unserer Eva wnschen, da sie glcklich
wird, und wir zwei wollen zusammenhalten."

Seine leichtsinnigen und doch so grundgutmtigen Augen schauten mich
feucht an.

"Ich glaube, da Sie es gut mit mir meinen, Herr Doktor!"

"Ich habe Sie gern, Piesecke", sagte ich und legte ihm fest die Hand auf
die Schulter.





                              ABSCHIEDSABEND


Am Abend ging ich nach dem Forellenhofe. Die schne "Hanne" nahm Abschied
von uns. Von Mai an war das Mdchen bei uns, und jetzt, da es gehen
wollte, war mir's, als schwnden Sommer und Sonne dahin, und es knne nun
nichts mehr geben als graue Tage. Ich litt wie Piesecke; ich jammerte nur
nicht so. Aber auch vielen anderen Leuten ging Evas Abschied nahe; ich
hrte, da die dicke Susanne schon tagelang mit rot verquollenen Augen
herumlaufe.

Wenn der November kam, wrden sich wahrscheinlich unsere Kurgste an Zahl
vermindern; dann wollte ich auch mal ausspannen, wollte fr ein paar
Wochen Ferien machen. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, da ich dann
wahrscheinlich nach einer groen Stadt reisen wrde, nach Berlin oder
Wien. Ich bin nun schon so lange in dieser Einfachheit und in diesem
ruhigen Frieden, da ich mich wahrhaftig manchmal sehne, in einer
elektrischen Straenbahn zu fahren, ein gutes Theater zu besuchen, mal in
einem vornehmen Restaurant zu speisen. Es kann gar nicht anders sein: wenn
der Doktor aus dem Friedensidyll einmal Ferien vom Ich machen will, mu er
in Glanz und Lrm hinein. _Variatio delectat._ Ich nehme es unseren Bauern
nicht bel, da sie sich zuweilen Sonntags nach Neustadt
hinberschleichen, um dort ins Kino zu gehen, und die hmischen
Bemerkungen der "Neustdter Umschau" ber diesen Fall beweisen nur, da
das Blatt keine Ahnung von dem Abwechselungsbedrfnis des Menschen hat.
Wer immer im Lrm sitzt, wird stumpf, wer immer in der Stille ist, auch;
nur die wechselnde Welle trgt des Menschen Schiff.

Da mich neben diesen Erwgungen auch der Gedanke leitete, ich knne meine
Ferienreise vorteilhaft ber die Stadt verlegen, wo Eva diesen Winter
singen wrde, wollte ich mir kaum zugestehen. Denn ich hatte doch ein Ende
gemacht mit meiner Liebe; ich wute doch recht gut, da ich nicht eher ein
idealer Leiter dieses Ferienheims sein wrde, als ich nicht selbst von
allen persnlichen Banden und Sorgen befreit war, da ich immer noch
selbst zu sehr in der alten Haut steckte ...

Die groe Stube im Forellenhof war dicht besetzt mit Menschen. Viel alte
Freunde kamen, um sich von Eva zu verabschieden. Ein paar Krnze von
Astern hingen an den Wnden, die letzten Rosen des Gartens blhten auf dem
Tisch. Wenn ein Kurgast von uns Abschied nimmt, erhlt er als Andenken ein
Album berreicht, in dem einige gute Bilder nach Radierungen,
Heliogravren, Aquarellen und Zeichnungen von unserem Heim enthalten sind,
auerdem aber eine Anzahl Photographien, auf denen der betreffende Gast in
irgendeiner Situation, die er miterlebt hat, verewigt ist. Denn
photographiert wird bei uns viel. Bei der Arbeit, vor dem Bauernhaus, beim
Feldfeuerchen, bei irgendeinem Ulk, beim Waldfest, beim Kirchgang, bei
tausend anderen Gelegenheiten wird von unseren Kurgsten photographiert.
Und jeder, der auf einem Bilde freiwillig oder unfreiwillig mit
aufgenommen ist, bekommt einen Abzug in sein Album geklebt.

Eva bekam ein Album in vier Bnden. Sie war sehr lange bei uns, und es
hatten gar zu viele Amateure nachgesucht, wenigstens eine ihrer Aufnahmen
in Evas Album zu bringen. Methusalem hatte einige reizende
Bleistiftskizzen beigesteuert. Die letzte war ein Stimmungsbild von der
Landstrae, die unten am Zeughaus vorbeifhrt, zeigte einen im Abendschein
entschwindenden Wagen und hatte die Unterschrift:

"Die Sonne geht unter."

Auch du, mein Sohn Brutus? - Es fiel mir auf, wie lustig Methusalem sein
wollte, wie zerstreut er war, wie gemacht heute sein Lachen klang. -

Eva sa im Scheine der groen Hngelampe und durchbltterte das Album. Sie
sagte nicht viel, aber mit einem Male rannen groe Trnen ber ihre
Wangen. Dann wischte sie sich energisch das Gesicht ab und sagte:

"Nein, ich darf mich wohl nicht allzusehr unterkriegen lassen. Aber diese
Bcher sind herrlich. Sie werden mein liebstes Besitztum sein. Alle, alle
sind drin - nur einer fehlt. Ignaz, warum sind Sie nicht auf einem
einzigen Bilde? Mir ist das aufgefallen."

Ignaz, der am Ofen lehnte, wandte sich weg und drckte die Wange gegen die
Kacheln des Ofens. "So ein ekliger Kerl, wie ich, ist nicht fr Bilder",
sagte er mit seiner knurrenden Stimme. Aber es klang wie ein Schluchzen
darin.

"Es tut mir leid, Ignaz", sagte Eva freundlich; "Sie waren gut und treu zu
mir!"

Da ging der Knecht stumm zur Tr hinaus. Ich sah, wie der Kurgast
"Steiner", von dem ich nun wute, da er ein Detektiv war, dem langen
Ignaz mit einem messerscharfen Blick nachschaute.

Barthel hatte zu Ehren des Abends ein Fchen Moselwein angezapft und
hielt eine Rede:

"Meine Damens und Herr'n! Der heutige Abend is nich so wie sonst, sondern
anders. Es is ein ernster Abend, weil Frul'n Hanne fortzieht, und deshalb
hab ich Sie zu einem Glschen Wein eingeladen, und ich wnsche, da er
Ihnen allen recht wohl bekommen mge. Wir sind alle sehr traurig; denn wir
verlieren Frul'n Hanne sehr, sehr ungern."

Der Redner wurde unterbrochen. Frau Susanne weinte und prustete so heftig,
da sie sich zur Tr hinaus retten mute. Auch Barthel fuhr mit der Hand
nach den Augenwinkeln.

"Sehen Sie, meine Herr'n, meiner Alten geht es auch nahe. Eine Zeitlang -
ich kann das wohl jetzt ruhig sagen - is sie wegen Frul'n Hanne und mir
eiferschtig gewesen. Aber es war blo blinder Lrm; ich wei doch, was
ich mir schuldig bin!"

Wieder eine Unterbrechung. Zwei Herren und eine Dame hielten sich das
Taschentuch vor den Mund.

"Sehen Sie, meine Damens und Herr'n, mit einem Hausvater, wie ich, ist das
ein reines Elend, obwohl es mir gut geht. Denn sehen Sie, die Leute, die
hierherkommen, verstehen alle rein gar nichts, und die meisten sind sehr
faul und haben das Arbeiten nich gelernt. Ich mu sie erst alle mhsam
zurechtstutzen. Und wenn man dann mal so 'ne Perle bekommt wie die Hanne,
die so famos Butter machen kann, und sie zieht wieder fort, dann ..."

Mit Barthels Fassung war es aus. Er weinte in sein rot geblmtes
Taschentuch und konnte schlielich nur noch sagen:

"Nun trinken wir halt auf Frul'n Hannes ihre Gesundheit!"

Das Mdchen war sehr bewegt. Es wurden noch einige kurze Ansprachen von
Gsten gehalten, die Hanne feierten und in denen auch Vater Barthel
unmig viel Weihrauch gestreut wurde, und schlielich mute Hanne singen.
Sie war ruhiger geworden, stimmte ihre Laute und sang mit ihrer zarten,
lieblichen Stimme das Lied, das aller Abschiedslieder Krone ist und
bleiben wird:

    "Morgen mu ich fort von hier
    Und mu Abschied nehmen -"

Whrend des Liedes ffnete sich leise die Tr. Der lange Ignaz schlich
sich herein, lehnte den Kopf an die Wand und prete die Hnde an die weie
Mauer.

Die Lampe flackerte; die Sptherbstrosen blhten auf dem Tisch.

Als Eva das Lied beendet hatte, strzte pltzlich einer vor, warf sich dem
Mdchen zu Fen und rief:

"Gehen Sie nicht fort - gehen Sie nicht fort, Frulein Hanne; ich mu
sonst sterben!"

Es war Piesecke. Und da sah ich auch schon, wie sich der lange Ignaz
umdrehte, wie ein wilder, giftiger Blick ber Piesecke und das erschreckte
Mdchen hinfuhr, und im nchsten Augenblick hatte Ignaz den zarten
Piesecke erfat, schleuderte ihn sich wie einen Sack ber die Schulter und
verschwand mit ihm durch die Tr.

"Da kein Unglck geschieht!" rief ich und eilte nach. In aufgeschreckter
Unordnung drngte alles nach dem Hofe. Dort hatte der starke Ignaz den
zappelnden Piesecke bereits mit gewaltiger Wucht auf den groen
Dngerhaufen geworfen. Es war dem so schmhlich Behandelten weiter kein
krperliches Unheil zugestoen; aber ich war doch so erzrnt ob der neuen
Gewalttat des Knechtes und der Strung unserer schnen Stimmung, da ich
sagte:

"Ignaz, Sie gehen jetzt schlafen! Und morgen frh werden Sie Ihr Bndel
schnren. Dafr werde ich sorgen!"

Er wandte sich trotzig zur Seite. Ich ging aufgeregt nach der Stube zurck
und traf daselbst den Detektiv Steiner, der allein zurckgeblieben war und
ein Blttchen Papier, auf dem Fingerabdrcke zu sehen waren, sorgsam mit
den schwachen Spuren verglich, die des Knechtes Ignaz Arbeitsfuste an der
weien Mauer hinterlassen hatten. Ohne auf mich zu achten, ging der Beamte
in den Hausflur hinaus, in den eben der lange Ignaz eingetreten war, trat
auf den Knecht zu und sagte:

"Josef Wiczorek, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes!"

Die Umstehenden starrten den Sprecher an.

"Was wollen Sie, Herr Steiner?" fragte der Bauer Barthel erschrocken.

"Ich heie nicht Steiner, ich bin Geheimpolizist und habe meine
Legitimation in der Tasche. Ich bitte, da mir Gelegenheit gegeben wird,
den verhafteten Josef Wiczorek, der sich hier unter dem Namen Ignaz Scholz
aufgehalten hat, sofort nach dem Amtsgerichtsgefngnis in Waltersburg zu
transportieren."

Josef Wiczoreks Augen verglasten sich. Ein kurzes Grunzen - und pltzlich
schlug er mit beiden Fusten um sich, machte sich Platz und verschwand
blitzschnell im dunklen Hofe.

"Haltet ihn!" rief der Polizeimann; "er ist ein lange gesuchter
Raubmrder!"

Wir schrien alle, wir rannten. Ich stie mit Barthel zusammen und machte
meinem Grimme Luft.

"Barthel, das haben wir Ihnen zu verdanken, Sie haben den mir lngst
unheimlichen Gesellen gehalten; Sie haben behauptet, Sie kennten ihn von
Jugend auf als ehrlichen Kerl. Nun kommt diese Schande ber uns."

"Herr Doktor, lieber Herr Doktor, verzeihen Sie mir", wimmerte Barthel,
"ich konnte nicht anders!" Er verlor sich von meiner Seite ins Dunkel.





                              GERICHTLICHES


Wie wenn ein Marder in einen Taubenschlag eingebrochen ist, so war es.
Alles flatterte wirr durcheinander in Aufregung und Angst. Alle Hfe
ffneten sich, von Mund zu Mund flog die Kunde, auf dem Forellenhof sei
ein Raubmrder ertappt worden, aber entwichen. Der lange Ignaz! Die Weiber
kreischten und schauten neugierig aus Fenstern und Tren, die Mnner
wagten sich mit Stcken bewaffnet fnfzig Meter vors Haus, ihre Frauen
jammerten von der Haustr aus ber diese Tollkhnheit und riefen die
Mnner zurck - es war abscheulich! Der Lw' ist los, und alles verliert
den Verstand. Nur einige Mutige strmten hinaus, den Unhold zu fangen,
taten sich zu Gruppen zusammen, bewaffneten sich in der Eile, so gut sie
konnten.

Ich schttelte in der nebligen Abendluft erst meine Gedanken zurecht,
sagte mir, da die Verfolgung bei dieser Rabenfinsternis ganz aussichtslos
sei, und ging nach der Direktion, um den Direktor zu sprechen. Er war
nicht zu finden. Dafr traf ich den Geheimpolizisten an. Er stand am
Telephon. Nach Waltersburg telephonierte er, nach dem Neustdter Bahnhof,
nach zehn anderen Stationen im Umkreis, nach der Provinzialhauptstadt.
Immer dasselbe: "Im Ferienheim Waltersburg hat sich unter dem falschen
Namen Ignaz Scholz, genannt der lange Ignaz, der Raubmrder
Fleischergeselle Josef Wiczorek aufgehalten. Ist soeben nach erfolgter
Verhaftung entwichen."

Darauf folgte genaue Beschreibung und Aufforderung zur abermaligen
Verhaftung.

Ich sa ganz zerschlagen auf dem Schreibtischstuhl unseres Direktors, der
immer noch nicht aufzufinden war, und hrte zu, wie "Herr Steiner"
telephonierte. Er schnarrte mit seiner scharfen Polizeistimme die Schande
meines lieben Ferienheims in alle Winde. Endlich war er fertig. Er wandte
sich an mich.

"Herr Doktor, Sie sind der verantwortliche Leiter dieses Sanatoriums?"

"Nur vom rztlichen Standpunkt aus verantwortlich."

"Und wer trgt die Verantwortung fr die gesetzliche Ordnung?"

"Mister Stefenson und in seiner Vertretung Direktor von Brning."

"Wo ist der Direktor?"

"Ich wei es nicht."

"Wo ist Mister Stefenson?"

"In Amerika."

Der Polizeimann notierte alles in seinem Buch.

"Was ist Ihnen von diesem angeblichen Knecht Ignaz Scholz bekannt, Herr
Doktor?"

Ich sagte ihm, da mir dieser Knecht Ignaz allerdings persnlich stark
unsympathisch gewesen sei, da ich aber - auer einigen Grobheiten oder
auch Roheiten, die er begangen - keine Veranlassung gehabt habe, den
Menschen fr einen Verbrecher zu halten, zumal mir der Bauer Barthel, dem
ich vertraue, erklrt habe, er kenne Ignaz von Jugend auf als ehrlichen
Menschen.

"Dieser sogenannte Ignaz hie laut Anmeldung Scholz?"

"Jawohl, Ignaz Scholz."

"Hm! Wenn einer schon Scholz heit! Jeder Scholz verkrmelt sich unter der
Masse der Scholze wie ein Krnlein im Sand des Meeres. Ich mchte Sie
bitten, Herr Doktor, mich vorlufig nicht zu verlassen."

"Das soll doch nicht heien ..."

"Das soll nur heien, da ich Ihrer in jedem Augenblick bedrfen knnte."

Der Ton, den der Polizist anschlug, verletzte mich, aber ich fhlte mich
ganz wehrlos, als der Mann seine amtlichen Vollmachten vor mir
ausbreitete.

"Ich mchte nur bemerken, Herr Doktor, da ein Kurort wie der Ihrige, wo
niemand unter seinem wahren Namen auftreten darf, ein geradezu groartiger
Schlupfwinkel fr verfolgte Verbrecher ist."

Was sollte ich erwidern? Da in jedem Kurort, in Zoppot, Ostende, Abbazia
sich jeder Mensch ohne Legitimation unter irgendeinem Namen niederlassen
knne? Ich unterlie es.

"Kommen Sie!"

Das war Befehlston. Ich blieb sitzen. Der Gewaltige wollte wohl eben ein
strenges Wort sagen, da wurde die Tr aufgerissen, und Piesecke trat ein.
Flugs stand der "Geheime" stramm und schlug die Hacken zusammen. Piesecke
sah schlimm aus. Er hatte ein verschwollenes Auge, und sein Anzug war
schmutzig und zerrissen. Trotzdem nahm er dem Polizeimann gegenber eine
echte Herrenhaltung an und sprach in einem so vllig vernderten Ton, da
ich seine Stimme nicht wiedererkannte:

"Mann, wie kommen Sie dazu, den Knecht im Forellenhof zu verhaften?"

"Melde Euer Hoheit untertnigst, der Knecht Ignaz ist identisch mit dem
Fleischergesellen Josef Wiczorek, der am 17. Februar dieses Jahres seinen
Meister ermordet und beraubt hat."

"Woher wissen Sie das?"

"Die Verdachtsgrnde huften sich: das Signalement des Steckbriefes
stimmt, eine Prfung der Fingerabdrcke gab die Gewiheit."

Piesecke sah den Mann durchdringend an.

"Ich kenne Sie! Als Kriminalbeamter haben Sie nicht allzuviel getaugt; da
sind Sie dazu auserlesen worden, Spherdienste am Hofe zu leisten. Auch
jetzt sind Sie hierhergekommen, um mich zu beobachten. Ich habe Sie
gestellt; Sie sagten mir, Sie seien nur des Knechtes wegen da. Aber das
ist Schwindel. Sie sind meinetwegen da. Ja oder nein? Diese Geschichte mit
dem Knecht ist nur Ausrede."

"Ich darf Euer Hoheit darber keine Auskunft erteilen."

Piesecke lachte verchtlich.

"Unser Hausminister hat patente Leute. Am dritten Tage, als Sie da waren,
habe ich Sie erkannt trotz Ihres falschen Namens und Ihrer Maske. Also
berichten Sie nach Hause, es sei mir vllig egal, ob Sie hier seien oder
nicht; falls Sie mir zu lstig fielen, so knnte ich mich vergessen und
Ihnen gelegentlich die Peitsche um die Ohren knallen."

Der Polizeimann wurde dunkelrot.

"Haben Sie verstanden, was Sie dem Minister berichten sollen?"

"Zu Befehl, Hoheit!"

"Wenn Sie nun dazu ausersehen sind, mich zu belauern, wie kommen Sie dazu,
hier eine auerhalb Ihrer Bestimmungen liegende polizeiliche Handlung, wie
die Verhaftung dieses Knechtes, vorzunehmen?"

"Ich berichtete meinen Verdacht an den Ersten Staatsanwalt und erhielt die
ntigen Vollmachten."

"Dagegen lt sich wohl nichts tun?"

Diese Frage war an mich gerichtet.

"Nein - nichts!"

"Wie urteilen Sie ber diesen Fall, Herr Doktor?"

"Es ist ein Unglck fr unsere junge Anstalt. Aber es liegt uns natrlich
fern, der Festnahme eines Verbrechers irgendwelche Hindernisse zu
bereiten."

"Selbstverstndlich! Ich begreife nur den Bauern Barthel nicht. Er ist
doch ein ehrlicher Mann, und er hat doch versichert, den langen Ignaz von
Jugend auf zu kennen. Haben Sie dafr eine Erklrung, Herr Doktor?"

"Nein! Ich bin um so bestrzter, als Barthel mir nach der Verhaftung eben
sagte: ich mge ihm nicht zrnen, er habe nicht anders gekonnt. Ich sage
das ganz offen vor Ihnen, Herr Kommissar, damit Sie sehen, da von hier
aus nichts verschleiert wird."

Der Kommissar verneigte sich.

"Hoheit" prete die Lippen aufeinander.

"Hm! Ich will nicht wnschen, da dem guten Barthel da eine Tragik
erwachse, da dieser sogenannte Ignaz vielleicht ein Freund oder gar ein
naher Verwandter von ihm ist, den er in seiner Gutmtigkeit versteckt hat.
Und Sie, Kommissar, Sie brauchen mir das von vorhin nicht bermig
belzunehmen. Schreiben Sie also dem Minister: Se. Hoheit ist bei besserer
Gesundheit und hat daher einen Aufpasser nicht mehr ntig. Jetzt will ich
Sie nicht mehr aufhalten. Wohin wollen Sie zunchst?"

"Nach dem Forellenhof zurck, den Bauer Barthel zu vernehmen oder
eventuell ebenfalls zu verhaften."

"Schn, wir werden Sie begleiten, wenn Ihnen das zulssig erscheint."

"Ich bitte untertnigst um die Begleitung, Hoheit."

Der Kommissar ffnete die Tr, stand stramm, und "Hoheit" ging in lssig
vornehmer Haltung an ihm vorbei.

Ein kleiner Anla von drauen aus der alten Welt, und durch die
Bauernjacke schimmerte der hochgeborene Herr. Ich aber als Arzt freute
mich trotz meiner gedrckten Stimmung, als ich sah, da durch seine
Gesundung langsam aus dem Piesecke wieder ein Prinz wurde, ja, ich htte
das Wort "Piesecke" jetzt nicht zu sagen, nicht einmal zu denken gewagt.

Im Forellenhof war schwerste Bestrzung. Die dicke Susanne lag kurz und
krampfhaft weinend in einem Korbstuhl; die Frauen bemhten sich um sie.
Barthel war nicht zu Hause. Auf dem Tisch standen noch die Rosen, an den
Wnden hingen die Asternkrnze.

"Welch ein entsetzlicher Abschlu!" klagte Eva.

Ich betrachtete die Fingerabdrcke an der Wand. Sie waren deutlich. Der
lange Ignaz hatte, ehe er sich an die Wand lehnte, das Kohlenfeuer
besorgt. Der Kommissar trat zu mir und dem Prinzen und sagte:

"Es tut mir leid; aber ich mu zurck zur Direktion und von den Behrden
telephonisch auch die Verhaftung des der Begnstigung dringend
verdchtigen und verschwundenen Bauern Barthel fordern."

Der Prinz kniff den Mund zusammen. Dann sagte er:

"Tun Sie das! Wenn ich mich auch hier getuscht habe, glaube ich an nichts
mehr auf der Welt. Dann soll alles zum Deibel gehen!"

Er schaute mich mit halbem Blick an. Da sagte ich:

"Ich werde morgen frh mit Einverstndnis unseres bevollmchtigten
Direktors den von Ew. Hoheit unterzeichneten, bis Mai verpflichtenden
Revers vernichten, und Ew. Hoheit steht ohne alle Weiterungen frei, die
Anstalt zu verlassen."

Er antwortete nicht. Ich dachte daran, da er durch seinen Kniefall vor
der schnen Hanne, durch eine ganz direktionslose Tat, den Anla zu all
diesen Scherereien geschaffen hatte. Und er dachte wahrscheinlich selbst
daran; denn er sagte:

"Ich wei, da ich noch lange nicht geheilt bin; aber ich kann wohl
berhaupt keine Heilung finden. Weil ich keine Treue finde!"

Ich wandte mich ab, trat zum Tisch und zerpflckte gedankenlos eine Rose.

Da tat sich die Tr auf. Barthel erschien. Verstrt. Als er den Kommissar
sah, wollte er zurck, aber der Polizist war bereits an seiner Seite.
Susanne begann zu schreien, und ich war froh, als sie und alle Frauen das
Zimmer verlassen muten.

Als wir allein waren, wurde Barthel verhaftet. Er sank ganz gebrochen auf
die Bank am Ofen.

"Die Schande! Die Schande! Ach, htt' ich es nicht getan!"

Der Kommissar schritt zum sofortigen Verhr.

"Barthel, Sie haben behauptet, den Knecht Ignaz von Jugend auf zu kennen.
Ist das wahr?"

Barthel rhrte sich nicht.

"Heit dieser Knecht in Wahrheit Ignaz Scholz?"

In Barthels Gesicht kam ein verstockter Ausdruck. Er schwieg.

"Wollen Sie mir nicht Rede stehen, Barthel?"

Keine Antwort.

"Sie machen sich unglcklich. Warum antworten Sie nicht?"

"Ich kann nicht!"

Nun wandte ich mich an Barthel.

"Lieber Barthel, denken Sie nicht ein ganz klein wenig an den guten Ruf
unserer Kuranstalt? Habe ich es nicht immer gut mit Ihnen gemeint? Warum
bereiten Sie mir diese schwere Ungelegenheit?"

Da begann er zu weinen.

"Ich kann es nicht mehr ndern. Verzeihen Sie mir ...!"

Ein Knecht wurde aufgefordert, ein Pferd vor einen Wagen zu schirren.
Darauf fuhr der Kommissar mit Barthel nach dem Waltersburger
Amtsgerichtsgefngnis. Frau Susanne lag in Schreikrmpfen, auch die
anderen Frauen weinten laut. Ich verlie den Forellenhof. In allen Stuben
unserer Ferienanstalt brannte Licht. Ich wute, in den meisten errterte
man die sofortige Abreise. Ich ging nach der Direktion. Der Direktor war
noch immer nicht aufzufinden. So setzte ich mich in seinen
Schreibtischstuhl und starrte ohne eigentlich klare Gedanken ins Licht der
Lampe. Drauen kehrten kleine Trupps von Verfolgern zurck. Sie hatten von
dem Flchtling nichts entdeckt, wie zu erwarten gewesen war. Kurz nach
zehn Uhr lutete das Telephon. Verbindung von Neustadt.

"Der polizeilich gesuchte Josef Wiczorek, _alias_ Ignaz Scholz, ist
soeben, als er in einen Wagen vierter Klasse des neun Uhr siebenundvierzig
Minuten hier abgehenden Personenzuges steigen wollte, verhaftet
worden ..."

Ich sandte nach dem Prinzen, bestellte einen Wagen, und wir fuhren nach
Neustadt. Auf der Polizei wurde uns weiter keine Auskunft erteilt, als da
Wiczorek eingesperrt sei und wir alles Weitere abzuwarten htten.

Wir blieben in Neustadt ber Nacht. Am nchsten Morgen stand in der
"Neustdter Umschau" ein Artikel mit der zentimetergro gedruckten
berschrift "Kuranstalt Waltersburg ein Hehlernest???"

Mit der ganzen Niedertrchtigkeit, deren der vertrottelte Redakteur dieses
Blttchens fhig war, hetzte er gegen unsere Anstalt. Alle
Spieerinstinkte, alle Philisterbedenken, alles Kopfschtteln
beschrnkter, phantasieloser Kpfe wurde gegen die Grundidee unserer
Kuranstalt wieder lebendig; die Schimpferei begann wieder, der alte
lendenlahme Spott humpelte neu auf den Plan. Der Artikel endete
schlielich mit einer schamlosen Denunziation:

"Das Gesetz, das bei uns in Neustadt heilig gehalten wird, verbietet uns,
zu behaupten, da sich die 'Kuranstalt Waltersburg Ferien vom Ich' infolge
ihrer mehr als eigentmlichen Einrichtungen, wie Verbot, den eigenen Namen
zu fhren, die eigene Kleidung zu tragen usw., zu einem Zufluchtsort
lichtscheuen Gesindels auswchst. Immerhin wird der aufsehenerregende
Fall, da sich ein Raubmrder auf einem der besuchtesten 'Hfe' des
'Ferienheims' mit Wissen des Bauern monatelang verstecken und daselbst
allerhand Roheiten ausben konnte, zu schwersten Bedenken Anla geben,
denen sich auch die Behrden nicht werden verschlieen knnen."

Ich sah unser Heim aufs schwerste bedroht, sah eine frchterliche Waffe in
der Hand unserer Feinde. Eben wollte ich den Fall an Stefenson kabeln, da
wurden wir zur Polizei beschieden. Es handelte sich, wie uns erffnet
wurde, um eine Konfrontation mit dem gestern Verhafteten, der pltzlich
behaupte, weder der gesuchte Raubmrder Josef Wiczorek noch der Knecht
Ignaz Scholz zu sein.

Da mich der Polizeibeamte persnlich kannte, hatte ich nicht notwendig,
mich zu legitimieren, wurde aber aufgefordert, Herrn Pieseckes
Persnlichkeit festzustellen, und zwar nach seinem wahren Namen und Stand,
nicht nach dem Pseudonym, das er bei uns fhrte. So sagte ich: "Se. Hoheit
Prinz Ernst Friedrich von ..."

"Ist das - ist das Ihr Ernst, Herr Doktor?" fragte der Beamte nicht ohne
Bewegung.

"Nicht nur sein Ernst, sondern sogar sein Ernst Friedrich", sagte Piesecke
hohnvoll und hielt dem Beamten seinen Siegelring hin. "Kennen Sie dieses
Wappen?"

Der Beamte sah auf das Wappen mit der Krone, stand auf und verneigte sich
tief.

Da erschienen zwei Gerichtsdiener mit dem Verhafteten.

         -------------------------------------------------------

Ich fate mir an den Kopf: ich glaubte eine Wahnvorstellung zu haben. Der
da eintrat, war - Mister Stefenson.

"Stefenson", rief ich, "Stefenson, wie kommen Sie ..."

"Melde gehorsamst, Herr Rat", sagte der eine der Gerichtsdiener, "der
Gefangene hat eine Percke und den Bart abgenommen, hat sich gewaschen und
sieht jetzt auf einmal ganz anders aus als gestern abend."

"Wer ist dieser Mann?" fragte der Beamte mit einem Blick auf mich.

"Es ist Mister Stefenson, mein Kompagnon, der Begrnder unseres
Ferienheims", brachte ich heraus.

Ich mute mich setzen.

"Und wer behaupten Sie selbst zu sein, Verhafteter?"

"Ich behaupte dasselbe wie der Herr Doktor", sagte dieser gelassen;
"allerdings mit einer kleinen Einschrnkung. Ich war und gelte noch als
Mister John Stefenson, Kaufmann aus Neuyork, Chikago, Trinidad; aber ich
habe mich unterdessen auf meine rein deutsche Abstammung besonnen und
heie mit Genehmigung der hohen deutschen Behrden seit etwa vierzehn
Tagen Johannes Stefan - Stefan, wie meine hanseatischen Vorfahren seit
etwa vierhundert Jahren geheien haben."

Der Beamte fing an, an den Fingern abzuzhlen:

"Josef Wiczorek - Ignaz Scholz - John Stefenson - Johannes Stefan - und
hier Prinz Ernst Friedrich - ich mchte die Herren ernsthaft darauf
aufmerksam machen, da das Gericht von Neustadt keine Waltersburger
Spielerei, sondern eine staatliche Behrde ist, die nicht mit sich spaen
lt."

Der Beamte hatte ja ganz recht. Ich beteuerte ihm nochmals, da ich in dem
Manne, wenn er auch wirklich mit dem gestern verhafteten angeblichen Josef
Wiczorek, _alias_ Ignaz Scholz, identisch sei, zweifelsfrei meinen
Kompagnon John Stefenson wiedererkenne.

"Und Sie wollen in der ganzen Zeit, da sich dieser Mann bei Ihnen
aufhielt, keine Ahnung gehabt haben, wer er eigentlich ist?"

"Ich habe in der Tat von Stefensons Anwesenheit in Waltersburg nicht das
mindeste gewut, sondern whrend all der Monate mit Stefenson nach Amerika
telegraphisch und brieflich verhandelt."

"Sie kennen doch aber die Schrift Ihres Kompagnons?" fragte der Beamte
weiter. "Waren die amerikanischen Briefe in dieser Schrift geschrieben?"

"Jawohl!"

"Wie ist das mglich?" wurde der Verhaftete gefragt.

Der zuckte die Achseln und sagte verbindlich:

"Das ist Geschftsgeheimnis!"

"Wir werden der Sache auf den Grund gehen", entgegnete der Beamte ernst,
"und Ihnen zeigen, da hier kein Ort fr Maskeraden ist."

Da wurde zum Glck "Herr Steiner", unser Geheimpolizist, gemeldet. Der
Kommissar verneigte sich tief vor Piesecke und darauf mit etwa zehn
Prozent dieser Verneigung vor uns anderen insgesamt und sagte:

"Herr Rat, es ist mir soeben auf meine gestrige Meldung von der
zustndigen Staatsanwaltschaft der telegraphische Bescheid zugegangen, da
der gesuchte Wiczorek vorgestern in Braunschweig verhaftet worden, da
seine Identitt festgestellt ist und auch bereits ein Gestndnis vorliegt.
Ich bitte also, den Knecht Ignaz Scholz aus der Haft zu entlassen, da sich
der Verdacht, der zu seiner Verhaftung fhrte, als unbegrndet erwiesen
hat."

Stefenson lchelte freundlich. Der Richter machte ein enttuschtes
Gesicht.

Es gab noch allerlei Formelkram zu erledigen, dann wurden wir alle,
Stefenson eingeschlossen, entlassen.





                               AUFKLRUNGEN


Auf der Strae trat der Kommissar an den Prinzen heran und sagte:

"Ich bitte Ew. Hoheit untertnigst um Verzeihung wegen der Behelligung."

Hoheit legte dem Manne huldvoll die Hand auf die Schulter.

"Mein Lieber, ich hab gar nischt gegen Sie. Aber tun Sie mir 'nen
Gefallen: reisen Sie ab. Sie sind hier brig. Lenken Sie mal die
Aufmerksamkeit des Ministers auf den Prinzen Emanuel. Der scheint mir ein
lockeres Huhn und der Beaufsichtigung sehr bedrftig zu sein. Er ist
gegenwrtig in Syrakus. Sie haben keine Ahnung, Mann, wie schn es in
Syrakus ist. Da machen Sie sich mal ntzlich! Glckliche Reise und viel
Vergngen!"

Der Kommissar reiste ab ...

Mich ging das alles kaum etwas an. Ich dachte nur an Stefenson. Er war
zunchst nach seiner Zelle zurckgegangen und hatte uns durch einen
Gerichtsdiener sagen lassen, wir mchten im "Hotel Bristol" auf ihn
warten. Nach einer reichlichen Stunde kam er. In mir war inzwischen das
Gefhlsbarometer hinaufgeschnellt und heruntergestrzt, vom Glutwetter der
Bewunderung bis zum Regensturm der Wut - hin und her, her und hin. Ich
konnte diesem unberechenbaren Manne gegenber niemals zu ruhiger
Beurteilung kommen. Schlielich beschlo ich, ihm offene Feindschaft
anzusagen.

Als er kam und sein Glas Sherry bestellt hatte, sagte er so ruhig, als ob
er eine eben abgebrochene Unterhaltung wieder aufnehme:

"Dieser Redakteur von der 'Neustdter Umschau' ist ein schwerflliger
Kopf. Nicht mal richtig stenographisch aufnehmen kann der Pinsel. In
meinem Artikel von gestern abend waren mehrere Dummheiten."

"Ah - Sie haben den Artikel ber Ihre Verhaftung in der Umschau selbst
geschrieben?"

"Na, selbstverstndlich. Der Trunkenbold kann's doch nicht. Als ich so
unerwartet verhaftet werden sollte, bin ich zunchst nach der Redaktion
des feindlichen Blattes gegangen, hab dort einen Artikel diktiert (und
natrlich auch bezahlt) und bin dann nach dem Bahnhof hinaus und hab mich
da festnehmen lassen. Der Artikel ber die Verhaftung war eher fertig als
die Verhaftung selbst. Das ist man doch in solchem Fall seinem Unternehmen
schuldig."

Das Barometer stieg wieder. Aber es lag noch eine schwere Depression ber
mir, und ich sagte:

"Ich glaube nicht gerade begriffsstutzig zu sein; aber Ihre Art, sich zu
geben und zu handeln, ist so beraus merkwrdig, da ich nicht mehr
mitkann, sondern Ihnen aufs ernsthafteste erklren mu ..."

"Ein Extrablatt!"

Ein Bote strmte ins Zimmer.

"Bitte, lesen Sie!" sagte Stefenson ruhig.

Die "Neustdter Umschau" vertrieb ein Extrablatt. Es war ungefhr ein
halbes Quadratmeter gro und enthielt in Fettdruck die Nachricht:

"_Ehrenerklrung._

Die 'Neustdter Umschau', immer bemht, ohne nach rechts oder links zu
schauen, lediglich der Wahrheit die Ehre zu geben, erklrt: Die gestrige
Verhaftung des Waltersburger Knechts ist zu Unrecht erfolgt. Der als
'Raubmrder Wiczorek' von einem bereifrigen Beamten (dessen amtliche
Maregelung bevorsteht!!) hier auf dem Bahnhof verhaftete Mann war kein
anderer als der geniale Grnder der Kuranstalt 'Ferien vom Ich' selbst,
Herr John Stefenson - oder, wie er in Begeisterung fr sein angestammtes
reines Deutschtum sich jetzt mit Bewilligung unserer Behrden nennt, Herr
Stefan! Dieser Multimillionr, dessen Einflu in Amerika unbegrenzt ist,
hat in der demtigen Gestalt eines Bauernknechts (nicht als Kurgast) den
ganzen Sommer ber in Waltersburg gelebt, alle Lasten, Mhen und
Zurcksetzungen des von ihm gewhlten geringen Standes getragen, um
unerkannt die Probe auf sein gigantisches Exempel zu machen, um als
Fremdling, selbst von seinem nchsten Freunde unerkannt, von unten her
sein Werk zu prfen. Diese Prfung ist so glcklich ausgefallen, da
Stefan mit Freuden in die irrtmlich verhngte Haft ging. Den Neustdter
Behrden zollt er fr ihre Gewissenhaftigkeit alle verdiente Anerkennung.
Heute morgen neuneinhalb Uhr stellte sich bei den Behrden der
unbegrndete Verdacht heraus. Der wahre Josef Wiczorek sitzt - laut
amtlicher Depesche - in Braunschweig in Untersuchung; der bei uns
Verhaftete wurde nicht nur von dem leitenden Arzt von Waltersburg, sondern
auch von Sr. Hoheit dem Prinzen Ernst Friedrich von ... als Herr Stefenson
identifiziert. Die 'Neustdter Umschau', deren Devise 'Ehre und Wahrheit'
ist, scheut sich nicht - _errare humanum est_ - ihren gestrigen Artikel
Wort fr Wort zurckzunehmen."

"Diesen Artikel haben Sie wohl auch diktiert?" fragte der Prinz.

Stefenson nickte.

"Ja, direkt dem Setzer. Ich hab noch die Korrektur gelesen, ehe ich
hierherkam."

"Sie sind ein smarter Kerl!" sagte Hoheit voll Anerkennung. "Nu sagen Sie
mir blo, was haben Sie gegen mich gehabt? Warum haben Sie mich immer so
miserabel behandelt? Noch gestern haben Sie mich auf den Mist geworfen,
direkt auf den Mist. Ist das anstndig?"

Stefenson zuckte die Schultern. Dann sagte er mit aufrichtiger Wrme:

"Sehen Sie mal, lieber Piesecke - ich mchte Sie der Einfachheit halber
noch mal so nennen -, ich hab gar nichts gegen Sie gehabt! Im Gegenteil!
Sie haben mir besser gefallen und mehr imponiert als die meisten anderen.
Nur, da Sie so hinter meiner Braut her waren, das konnte ich mir nicht
gefallen lassen."

"Hinter Ihrer Braut?"

"Ja, also sagen wir: hinter der Forellenhof-Hanne! Mit der werde ich mich
heute oder morgen verloben."

Piesecke prustete los und sagte lachend:

"Also Ignaz oder Stefan oder Wiczorek oder Stefenson oder wie Sie sonst
heien mgen - mir ist ja das ganz egal -, da werden Sie kein Glck haben!
Die Hanne mag keinen; nicht mal den Herrn Doktor da hat sie gemocht."

"Also haben Sie doch -?" fragte Stefenson mit einem Blick auf mich.

"Gar nichts habe ich", sagte ich zornig. "Gar nichts! Im brigen mchte
ich um einige kurze Aufschlsse bitten, von denen es abhngen wird, ob ich
noch lnger an diesem Tisch sitzenbleibe oder nicht."

"Oho - oho! Also, was ist aufzuschlieen?"

"Waren Sie der Journalist Brown, der im Mai zu uns kam?"

"Ja, natrlich war ich der! Aber Sie htten mich doch damals beinahe
erkannt. Deshalb habe ich ja meine Maske gendert und bin als Knecht Ignaz
wiedergekommen."

"Wie kamen Sie damals dazu, mir den seltsamen Brief zu geben?"

"Na, den hatte ich doch selbst geschrieben, in der Annahme, Sie mit den
beiden Mdchen zu treffen. Wre meine Voraussetzung nicht zugetroffen, so
htte ich eben den Brief in der Tasche behalten. Das war doch nur Bluff."

"Wie konnten Sie aber in der ganzen Zeit Briefe aus Amerika an mich
schreiben, da Sie doch bei uns waren?"

"Es gibt Kabel, lieber Freund, durch die man anordnen kann, was zu
schreiben ist."

"Und Ihre Handschrift? Ich bekam fast alle Briefe handschriftlich, nur
wenige in Maschinenschrift."

"Ja, da habe ich in einem meiner Bros einen Spezialisten, der meine
Handschrift so tuschend nachmachen kann, da ich selbst nicht zu
unterscheiden vermag, was von mir oder von ihm geschrieben ist. Ein
goldehrlicher Mann, einem anderen drfte man die Ausbung der uerst
gefhrlichen Kunst nicht gestatten. Na, sehen Sie, es gibt fr einen
Grokaufmann wie mich tglich mindestens zwei Dutzend Anlsse, wo er
handschriftlich schreiben mu: an Verwandte und gute Freunde, wo
Maschinenschrift zu kalt wirkt; an Geschftsgenossen, mit denen man intime
Dinge verhandeln will, die kein Angestellter wissen darf; an alle Leute,
die etwas darauf geben, wenn ein vielbeschftigter Mann sich die Mhe und
Zeit nimmt, einen handschriftlichen Brief zu senden; schlielich an alle
offenen und verkappten Autographenjger - fr sie alle ist Mister Jenkins
da, und er machte seine Sache fr zweitausend Dollar im Jahre geschickt
und reell. Er hat auch in Ihrem Falle sehr brav gearbeitet."

"Groartig! Groartig!" klatschte der Prinz in die Hnde. Mein Barometer
aber fiel auf Sturm. "Ihr Verhltnis zu Bauer Barthel", sagte ich kalt,
"brauchen Sie mir nun nicht mehr zu erklren. Er hat gewut, wer Sie
waren, deshalb hielt er Sie, deshalb log er, er kenne Sie von Jugend auf;
deshalb hat er Sie sogar gestern nicht verraten."

"Stimmt! Aber das drfen Sie dem Barthel nicht belnehmen. Wir haben ein
schriftliches Abkommen, laut dessen er fnfhundert Mark an mich htte
zahlen mssen, falls er mich je verraten htte. Denken Sie mal -
fnfhundert Mark! Es ist klar, da sich da Barthel lieber einsperren
lt."

"Hat sonst noch jemand auf dem Forellenhof Sie gekannt?"

"Nein. Auch Susanne nicht."

"Das ist mir lieb. Aber der Direktor Brning hat Sie gekannt und sich
wahrscheinlich stets heimlich mit Ihnen besprochen. Deshalb erschienen mir
alle seine Anordnungen immer so von Ihrem Geiste diktiert."

"Auch das ist richtig. Ich war nur der lange Ignaz, aber in Wirklichkeit
leitete ich die ganze Anstalt durch den Direktor. Wir hatten alle Tage
eine kleine Konferenz. Ich war immer von allem unterrichtet. Auer Barthel
und dem Direktor hat aber niemand gewut, wer ich war, nicht mal die
kleine Luise, und das ist mir schwer geworden."

Seine Augen schimmerten warm bei dem Gedenken des Kindes, und das Wort,
das ich ber seine Abgefeimtheit sprechen wollte, unterblieb. So sagte ich
nur khl und gemessen:

"Wollen Sie mir sagen, Herr Stefenson, warum Sie diese ganze Komdie mit
uns gespielt haben?"

"Komdie?" verwunderte er sich; "wieso Komdie? Darf in den Ferien vom Ich
nicht jeder auftreten, wie er will? Ist das nicht Ihre eigene Idee? Und
was meinen Sie, was ich selbst von dieser Idee, die mir gefiel und fr die
ich viel Geld gewagt habe, gehabt htte, wenn ich als Mister Stefenson
dageblieben wre? Der Direktor wre ich gewesen, einen langweiligen
Verwaltungsposten htte ich gehabt, nichts von dem Zauber trauten
Geborgenseins, den unsere Anstalt spendet, htte ich genieen knnen.
Nein, am eigenen Leibe wollte ich ausprobieren, wie es tut, wenn man
Ferien macht vom Ich. Deshalb wurde ich Bauernknecht. Ich habe mich
wohlgefhlt als 'langer Ignaz', ich habe beobachtet, erlauscht, geprft
von unten her, was an unserer Sache ist, ob sie absurd, phantastisch,
unfruchtbar, oder ob sie im Kern echt und gut ist, und ich hatte das Glck
zu sehen, da wir auf dem richtigen Wege sind. Nicht nur die gute
geschftliche Bilanz, die ich erwartet hatte, hat mich belehrt, da ich
mich unserer Grndung freuen darf, sondern das, was ich sah und hrte, als
ich unerkannt mitten unter den Feriengsten war."

"Sie haben auch mich prfen wollen?" sagte ich.

"Ja, auch Sie! Ganz natrlich. Ich werde wieder nach Amerika zurck
mssen, weil leider meine Ferien aus sind, und ich will wissen, wem ich
das Werk hier, ich kann sagen den Liebling unter all meinen
Unternehmungen, den einzigen Ausflug ins Romantische, den ich je gemacht
habe, hinterlasse. Ich kann ruhig scheiden. Ich werde jetzt wirklich
hinbergehen. Weil ich mu! Weil mich die Pflicht ruft. Ich wei, das Heim
ist in guten Hnden. Und eines, lieber Freund, vergesse ich Ihnen mein
Lebtag nicht. Es gab einen Sommerabend, an dem Sie die Hnde ausstreckten
nach der schnen Hanne. An diesem Abend fanden Sie meinen Brief, in dem
ich Ihnen sagte, da ich Frulein Eva Bunkert, die Forellenhof-Hanne, als
meine Braut betrachte. Und seit diesem Abend sind Sie dem Mdchen aus dem
Wege gegangen. Sehen Sie, das habe ich auch nur als Knecht Ignaz erfahren
knnen, da ich an Ihnen so einen treuen Freund habe. Das allein lohnt ein
halbes Jahr Bauernarbeit."

Er sprach mit groer, ehrlicher Wrme. Ich aber sagte: "Sie tuschen sich.
Ich htte das Mdel zu gewinnen gesucht; aber ich wute, da sie immer nur
an Sie dachte, da Ihnen ihr Herz gehrt."

"Ist das mglich? Ist das mglich? Frulein Hanne will wirklich ..."

Der Prinz sank in sich zusammen. Er war pltzlich wieder vollstndig
Piesecke.

         -------------------------------------------------------

Es ist noch viel geredet worden; ich wei nicht mehr, was alles.
Schlielich habe ich Stefenson recht geben mssen, da er sich unerkannt
unter unser kurioses Vlklein mischte. Was sollte er sich nicht
berzeugen, wie seine Grndung wirkte? Ich berwand meinen Unmut, so gut
ich konnte, aber ein Stachel blieb, da Barthel und der Direktor mehr
gewut hatten als ich. Eine Freundschaft zwischen Stefenson und mir wollte
ich nicht mehr gelten lassen.

Piesecke schlich sich ins Heim zurck, ohne uns. Er wollte weiterhin
Piesecke sein, und vergebens zerbrachen sich unsere Kurgste die Kpfe,
wer der in der "Neustdter Umschau" genannte Prinz sein mge. Der
"Verdacht" blieb schlielich auf einem Referendar sitzen, der im Grundhof
wohnte und sich die Rolle des heimlichen Herzogs wohlgefallen lie. Dieser
Referendar lehnte alle grobe Arbeit von nun an ab. Die Damen waren
entzckt ber seine hocharistokratischen Hnde. Sie rhmten die edle
Zurckhaltung in Ton und Gebrde, die Gte, die nie zur Vertraulichkeit
wird, sondern immer Gte bleibt, die Sprache, die trotz ihres leise
verschleierten Timbers und ihrer entgegenkommenden Art doch unabweisbare
Befehle gibt, die Augen, die so wissend, so durch den Hhenblick von
Jugend auf geschrft zu blicken wuten; sie rhmten selbst kleine
Nonchalancen, die sich eben nur der unter dem Kronenhimmel Geborene
gestattet. Dieser Mann lachte und lchelte nicht; er zuckte nur mit den
Mundwinkeln. Er sagte nicht "nein" zu irgendeinem Verlangen, sondern
dieses Verlangen erstarb von selbst vor einem einzigen Faltenwlkchen, das
sich auf der Stirn des Hohen bildete; er konnte aber auch durch ein
einziges freundliches Lidersenken gewhren, "ja" sagen, wie kein anderer
Mensch "ja" zu sagen vermag.

Keine Erziehung fhrt zu solcher Haltung. Kein Emporkmmling kann sie
erlernen. Rasse! Vererbung von Herreninstinkten durch Jahrhunderte! Das
ist's! Und der heimliche Herzog ging in schlichter, leutseliger Wrde
durch das Gewimmel aller derer, die ihm tglich in den Weg zu laufen
wuten. Er empfing keine Besuche - er erteilte Audienzen; er plauderte
nicht - er hielt Cercle.

Mir machte alles dies so viel Spa, da ich den Direktor ersuchte, dem
heimlichen Herzog noch auf weitere zwei Wochen die wesentlich
erleichterten Zahlungsbedingungen zu gewhren; denn der Referendar hatte
bisher nur gelegentlich geringe Remunerationen genossen, und sein Vater,
der ein biederer Sattlermeister war, hatte auch nicht viel Geld brig.

Das alles hatte mit ihrem Artikel die "Neustdter Umschau" getan. An
Piesecke dachte kein Mensch ...

Barthel, der Heimtcker, war inzwischen auch aus der Haft entlassen
worden. Er lie sich bei mir melden, aber es wurde ihm gesagt, ich sei
nicht zu sprechen. Da kam er nach einer Stunde mit seiner Susanne wieder.

"Herr Doktor", sagte Susanne mit kirschrotem Kopf, "da er ein Lump ist,
wei ich. Unsern guten Herrn Doktor so zu beschwindeln wegen lumpiger
tausend Taler, die er jetzt von Ignaz, der ja Stefenson gewesen ist,
Schweigegeld kriegt. Was soll uns das Geld? Was geht uns Herr Stefenson
an? Wir halten uns an unseren guten Herrn Doktor. Aber was das schlimmste
ist, mich hat er auch beschwindelt mit dem langen Ignaz. So ein Lump! Sein
eigenes Weib belgt er. Ich hab ihm nie getraut, nie im Leben! Nicht ber
den Weg! Aber jetzt la ich mich scheiden; er hat gesessen, und mit einem
Zuchthusler hat eine anstndige Frau nichts zu tun."

Was blieb mir brig, als fr den in erbrmlichem Zustand dastehenden
Barthel Partei zu ergreifen und der emprten Susanne gut und mild
zuzureden? Sie wollte aber auf keinen Zuspruch hren. Sie blieb dabei, sie
msse sich scheiden lassen, da er "gesessen" habe. Schlielich weinte sie.

"Und was er fr ein Liedrian ist, Herr Doktor!" schluchzte die brave Frau.
"Fr die tausend Taler, die er jetzt von Stefenson kriegt, will er sich
eine Dreschmaschine kaufen, wo ich ihm doch sage, da er das Geld lieber
in die Sparkasse tragen soll." Da erkannte ich, da das Barthelsche
Eheglck noch nicht hoffnungslos verloren war, und ich entlie die beiden,
indem ich sie meines Wohlwollens versicherte.

         -------------------------------------------------------

Ich sa allein in meiner Klause. Ich war in einer Stimmung, die ich nicht
kannte. Wie war das, was ich in den letzten vierundzwanzig Stunden erlebte
- war das traurig, war es komisch, war es erbrmlich? Sollte ich lachen,
sollte ich zrnen?

Sollte mir das Herz weh tun, weil die blonde Hanne fortzog?

Sollte ich grollen, weil Stefenson dem Direktor und einem Bauern mehr
Vertrauen geschenkt hatte als mir, den er seinen Freund nannte?

Sollte ich mich rgern ber den Barthel, weil er profitschtig gewesen
war?

Es blieb ganz still in mir. Wahrscheinlich waren das alles ganz gute,
liebe Leute. Nur das Leben schttelte die Menschen durcheinander, wie ein
Kind die Steinchen schttelt, die es in ein Scklein gesammelt hat. Wenn
es eine Reibung gibt, was schadet es? Ein Krmlein alter, weicher
Heimaterde brckelt ab, und der Stein schimmert durch, hart und
widerstandslustig. Dem Stein aber kann keine Reibung mehr schaden, kann
ihn nur gltten.

Alte, weiche Heimaterde, wie du mich umsponnen hattest! Jedes
Kferwrmlein konnte an dir zehren! Ich mchte dich ja halten, denn du
bist gut und weich, aber das Leben schttelt zu hart. Doch ich bin
getrost, ein gut Teil Krmlein werden mir bleiben, darauf will ich mich
heimlich betten, und die glatte Flche wird nur nach auen sein ... Als am
nchsten Morgen die blonde Hanne in mein Zimmer trat, pochte mein Herz
nicht rascher, als kme eine Patientin. Wohl war das Mdchen blasser, als
ich es je gesehen.

"Sie kommen sich verabschieden, Eva?"

"Ja. In zwei Stunden fhrt drben in Neustadt mein Zug ab."

Wir schwiegen beide. Pltzlich begann Eva laut und heftig zu weinen. Ich
htte hingehen mgen, um ber ihre Stirn zu streichen; aber ich tat es
nicht.

"Eva, Sie wissen, da Stefenson hier ist - da er die ganze Zeit hier
war?"

Sie nickte.

"Er hat wohl mit Ihnen gesprochen?"

Da stand sie auf. Trnenlos, zornig sagte sie:

"Ja, er hat mit mir gesprochen. Er war so dreist, mich um meine Hand zu
bitten. Ein halbes Jahr lang hat er neben mir gewohnt, ohne da ich ihn
kannte, hat mich beobachtet, belauert, geprft, ob ich wohl - der hohen
Ehre wrdig sei, seine Gattin zu werden, ob ich nicht am Ende ein
kokettes, leichtfertiges Weib sei, das heut dem, morgen jenem zulchelt;
er hat diese Prfung angestellt, weil ich beim Theater bin, weil ich keine
der unter hermetischem Verschlu stehenden Misses von Neuyork bin, die
heimlich oft liederlich genug sind; er hat mich, ohne da ich es wute,
geprft, und ist nun so gndig, mir zu sagen: du hast deine Prfung
bestanden. Aber ich - ich werfe ihm sein Diplom vor die Fe! Was ist denn
die Liebe? Liebe ist doch blindes Vertrauen. Welcher Mann hat denn eine
Garantie? Das Mdchen, der Vater, die Mutter, alle Muhmen und Vettern
knnen ihn belgen, wenn sie wollen, er ist machtlos dagegen. Der Mann mu
das Mdchen sehen, er mu wie von einer himmlischen Erleuchtung gefhrt
sagen: Du bist rein, ich lege meine Ehre und mein Glck in deine Hnde.
Sonst ..."

Sie sank weinend auf den Stuhl zurck.

Hochauf loderte der glimmende Funke meiner Liebe wieder zu diesem schnen
Mdchen, als ich so sein ehrliches weibliches Empfinden sah. In
pltzlicher Mdigkeit sttzte ich den Kopf in die Hnde.

Ich zwang die Welle in meinem Herzen. Es wurde ganz still in mir. Eine
unheimliche, aber groe Stille. Wie in der Wste. Nur von ferne hrte ich
die Trnen rinnen, wie Wasser einer fremden Oase. Ich htte lange so mit
dem aufgesttzten Haupt sitzen mgen. Wieviel Zeit verging, wei ich
nicht. Da hrte ich Evas Stimme.

"Haben Sie keinen guten Rat fr mich, lieber Freund?"

"Lieber Freund!" Unter allen Gestirnen, die an unserem Himmel flimmern,
ist dieses Wort wohl eines der hellsten. Aber wenn es ein Weib sagt, das
man liebt, bekommt dieser Stern ein berweies Licht, ist wie ein Schimmer
aus einer Welt, die in Eisesklte untergeht.

"Warum sagen Sie nichts? Wissen Sie nicht einmal als Arzt etwas zu sagen?"

Da erhob ich mich.

"Wohl, liebe Eva! Ich glaube, ich kann Ihnen die Sache richtig
auseinandersetzen."

Ich war ber mich selbst verwundert. Wie ein trockener, etwas pedantischer
Magister sprach ich:

"Sehen Sie, Eva, Sie stecken zu tief in der Romantik! Sie denken sich den
Freiersmann so wie Lohengrin, der als Fremdling ans Ufer steigt, die
Holde, die von aller Welt gechtet wird, an der Hand nimmt und sagt: Frei
aller Schuld ist Elsa von Brabant. Und drei Minuten spter: Elsa, ich
liebe dich! Unser Stefenson ist nicht von dieser Schwanenritterart, er
fhrt auf dem Passagierdampfer, ist hausbacken, nchtern, verfhrt
vorsichtig."

"Verstellen Sie sich doch nicht, lieber Freund! Das ist doch nicht Ihre
Art, so zu sprechen!"

"Doch, doch! Es ist ganz meine Art, so zu sprechen! Eva, ich will Ihnen
ehrlich folgendes sagen: Stefenson hat nicht nur Sie prfen wollen,
sondern auch mich, auch unsere ganze Anstalt. Er schtzt wahrscheinlich
drei Dinge: Erstens das Geld, das er fr ein Unternehmen anlegt (und das
ist ihm als Kaufmann durchaus nicht belzunehmen), zweitens seine
Geschftsfreunde, unter denen er keine unfhigen Gesellen haben will (auch
das ist ohne weiteres zu billigen), und drittens die Liebe oder die Ehe,
in welcher Richtung er durchaus klar sehen will. Die Beurteilung dieses
dritten Punktes wage ich nicht, da ich von Liebe nichts verstehe."

In diesem Augenblick wurde die Tr geffnet. Stefenson erschien.

"Ich bitte um Entschuldigung", sagte er, "und versichere, da ich an der
Tr nicht gehorcht habe. Ich entlasse Dienstmdchen ob solch schmhlicher
Schwche. Aber der Herr Doktor hat so deutlich gepredigt, da jedermann,
der den anstoenden Korridor entlang ging, Wort fr Wort verstehen mute.
Darf ich mir zu der Sache das Wort erlauben?"

"Bitte!"

"Erstens mal das Geld. Schn! Ich schtze es! Ich halte es fr einen sehr
guten Freund. Fr einen, der nicht nur die Stube ausmbliert und das Essen
schafft, sondern auch fr einen, der einem eine vernnftige Krperpflege
gnnt, der die Theater und Museen aufschliet, einen in der Welt
herumfhrt, der gestattet, sich gegen rmere Mitmenschen anstndig zu
benehmen, der den Doktor ruft, wenn man krank ist, und der einem
schlielich ein Denkmal setzt, wenn sich kein Mensch um den Grabhgel
bekmmert, ja, fr den einzigen Freund, der einem, wenn man zum Beispiel
in der Wut eine Gewalttat begangen hat und ins Zuchthaus oder sonst ins
Elend gekommen ist, hinterher wieder die Hand reicht und zu einem
ordentlichen Leben zurckverhilft. Ein gutes Bankdepot ist wirklich ein
auerordentlich reeller Freund. Nur dumme Kerle und verrgerte arme
Schlucker knnen es leugnen.

Zweitens: Geschftsfreunde drfen noch eher in migen Grenzen unreell als
dumm, rckstndig, faul oder sonstwie borniert sein.

Drittens: Jeder Mensch, der ein Pferd kauft, das er bermorgen
weiterverkaufen oder schlachten lassen kann, berlegt es nach zwanzig
Rcksichten. Einer, der eine Frau nimmt, die er zeit seines Lebens auf dem
Halse behlt, und der weniger vorsichtig verfhrt, ist ein Dummian."

Stefenson brachte diese Stze ohne alle Gemtsbewegung vor, wie einer, der
unwiderlegbare Behauptungen aufstellt.

Die blonde Eva hatte ihn bisher nicht angesehen.

Jetzt stand sie auf, blickte ihm voll in die Augen und sagte khl:

"Alles, was Sie da sagen, ist nach Ihrer Meinung klug und richtig. Aber
ich - ich mag das nicht! Ich mag das alles ganz und gar nicht!"

Sie verlie das Zimmer. Wir riefen ihr beide nach.

Sie gab keine Antwort mehr.

Stefenson ging langsam durch das Zimmer, zndete sich eine Zigarre an und
sagte nach einer Weile:

"Das ist daneben gegangen!"

"Ja, ganz daneben!"

"Sie freuen sich wohl?"

"Ach, ich kann nicht sagen, da ich verrgert bin."

"Das kann ich mir denken!"

Darauf zndete auch ich mir eine Zigarre an, und wir setzten uns gegenber
und rauchten dicke Wolken.

"Was war denn eigentlich los?" fragte Stefenson.

"Nun", sagte ich, "Sie sind ein Mann, und sie ist ein Weib."





                        VOM BRUDER UND SEINER FRAU


Mit Eva Bunkert verlie uns auch die kleine Anneliese. Am Abschiedsabend
hatte sie sich nicht beteiligt. Es hie, "Brbel" sei nicht wohl und habe
sich zeitig zur Ruhe gelegt. Wie mein Bruder mit dem Mdchen stand, wute
ich nicht. Joachim war verschlossener als je. Am Abend des Tages aber, da
die Mdchen abgereist waren, kam er zu mir.

Ganz unvermittelt sagte er: "Fritz, ich mchte fort. Morgen oder
bermorgen."

"Fort? Wohin?"

"Wieder hinber."

"Nach Amerika?"

"Ja."

Ich sah ihn schweigend an.

Da sagte er:

"Du hast wohl bemerkt, da ich eine Neigung fr Frulein Anneliese hatte.
Ich hoffte, es knnte mir ein neues Glck in der Heimat erblhen. Diese
Hoffnung hat mich betrogen - wie alle anderen."

"Ist es aus zwischen euch?"

"Ja. Das Mdchen hing an mir, und es war alles verabredet fr baldige
Hochzeit. Da hielt ich mich gestern fr verpflichtet, ihr mein Leben zu
schildern. Droben am Hange sind wir gewesen. Da habe ich ihr das Schwere
gesagt. Sie hat sehr geweint und sich schwer von mir losgerissen; aber sie
bleibt dabei, da sie den geschiedenen Mann einer noch lebenden Frau nicht
heiraten drfe. Du weit wohl warum?"

"Ja. Ihre katholische Religion verbietet Anneliese solche Ehe."

Er fing an zu toben, an den Ketten zu zerren - ich lie ihn reden und
toben.

Zuletzt sagte er:

"Und ich wei nicht einmal, ob dieses - dieses Weib noch lebt."

Ich blieb still.

"Weit du etwas von ihr? Weit du, ob sie noch lebt?"

"Sie lebt."

Er sthnte. Ich merkte, wie sehnschtig er auf den Tod seiner Frau gehofft
hatte.

"Und - das Kind, wo ist es?"

"Es ist bei seiner Mutter."

"Das habt ihr zugegeben? So gewissenlos seid ihr gewesen?"

"Das Kind ist wohl aufgehoben bei ihr."

Er lachte rauh und ergo eine Flut schwerster Schimpfworte ber seine
Frau. Wieder lie ich ihn reden und toben. Zuletzt stie er hervor:

"Wo hlt sich das Scheusal auf?"

"Deine Frau? Das sage ich dir nicht."

"Das _mut_ du mir sagen!"

"Nein, Joachim, ich sage es dir nicht!"

Er ballte die Fuste und trat mit dem Fu auf. Dann lie er die Arme
schlaff hngen und sagte in feindseligem Ton:

"Gut! Was ich wissen will, werde ich auch ohne dich erfahren."

Ohne Gru verlie er mich. Ich trat ans Fenster und sah ihn unten ber die
Wiese gehen. Das war der Mann, dem ich fnf Jahre lang um die ganze Welt
nachgereist war. Weil er der Sohn meiner Mutter war. Nun wrde ich eine
solche Familienaufgabe nicht mehr bernehmen. Ich ffnete nicht einmal das
Fenster, um ihm nachzurufen.

Ich setzte mich an den Schreibtisch und begann zu arbeiten. Es ging
schwer. Ich war von der Aufregung der letzten Nacht und des Tages ganz
benommen. Es fiel mir ein, Joachim werde nun wohl zur Mutter gehen. Aber
die wute ja auch nichts von Katharina, die bei uns Magdalena hie, hatte
keine Ahnung von ihrer Anwesenheit hier im Heim. Es wurde spt. Ich wollte
nur noch meine letzte Zigarre ausrauchen, dann schlafen gehen. Wie
gleichmtig mich der Abschied des Bruders lie! Freilich, die Mutter wrde
wieder sehr mit mir zrnen. Aber ich konnte das nicht ndern. Ich war
aller Familiensimpelei mde geworden.

Wie ich noch so still dasa, hrte ich auf einmal jemand den Korridor
entlang eilen.

Die Tr wurde aufgerissen.

Magdalena stand vor mir.

Mit wirrem Haar, in unordentlicher Kleidung. Entsetzt. Verstrt.

"Helfen Sie - helfen Sie - sie haben mir das Kind genommen."

"Was? Was sagst du, Kthe?"

"Das Kind haben sie mir genommen - Luise - o Gott!"

"Wer hat es genommen?"

"Er - Joachim - er ist mit einem fremden Mann gekommen - sie haben das
Kind fortgeschleppt - meine Luise - meine Luise!"

Ich wollte die zitternde Frau auf einen Stuhl ntigen.

"Nein, kommen Sie bald - sie haben mich ja in die Kammer eingeschlossen
gehabt - eine Stunde ist es wohl schon her, da sie mit dem Kinde fort
sind - ich habe die Kammertr nicht aufgekriegt - kommen Sie schnell -
schnell!"

Die Frau schluchzte und zuckte in namenlosem Schmerz. Ich sah alles wie
durch einen Schleier. Wie kam Joachim nach der Genovevenklause? Wer hatte
ihm den Weg gewiesen?

Pltzlich wurde mir alles klar. Ich war unvorsichtig gewesen, Joachim zu
verraten, da Luise bei ihrer Mutter sei, und da unsere Mutter wute, wo
das Kind war, fanden sie auch die Frau.

Oh, ich Tor! Ich sah, da Kthe am Halse rote Striemen hatte.

"Hat er dir etwas getan, Kthe? Hat er dich etwa gar geschlagen?"

"Ich wei es nicht. Aber das Kind ist fort, das Kind ist fort!"

Sie hatte wohl mit dem Manne gerungen, und er hatte sie mit irgendeinem
Helfershelfer in die Kammer gesperrt und das Kind entfhrt. Der brutale
Kerl! Ein wtender Ha gegen ihn schlug in mir auf.

"Erbarmen Sie sich, Herr Doktor, helfen Sie mir!"

"Nenn mich nicht Herr Doktor, Kthe, nenne mich Fritz! Wir sind Verwandte.
Ich werde dir helfen, so gut ich irgend kann."

Demtig und furchtsam wie ein geprgelter Hund stand sie vor mir.

Ich zog mir den Mantel an.

"Ich bitte dich, Kthe, geh nach Hause. Du kannst nichts tun. Ich werde
mich sofort auf die Suche machen."

"Ich kann nicht nach Hause gehen; ich mu Luise suchen -"

Mit irrsinnig flimmernden Augen sah sie mich an.

"Du kannst nichts tun, Kthe. Ich werde sofort hinab zu meiner Mutter
gehen, dort werde ich wahrscheinlich Joachim treffen und mit ihm
abrechnen."

"Ich will mit. Ich frchte mich nicht, wenn sie mich auch schlagen."

"Du mut mir jetzt gehorchen, Kthe! Sonst verdirbst du alles; sonst kann
ich dir nicht helfen!"

Da senkte sie stumm den Kopf.

Wir eilten auf einem Nebenpfade gen Waltersburg hin. Als der Weg nach der
Genovevenklause abbog, gebot ich der Frau, nach Hause zu gehen und zu
warten, bis ich ihr Nachricht brchte. Sie schlich davon. Aber als ich den
Berg hinabeilte, merkte ich, da mir von ferne ein Schatten folgte.

Das Haus der Mutter war hell erleuchtet. Die Haustr stand offen. Ich
eilte nach dem ersten Stock, nach dem Zimmer der Mutter, und trat ein,
ohne anzuklopfen. Mitten in der Stube stand Joachim; er war allein. In
offener Feindseligkeit blickten wir uns an.

"Wo ist das Kind? Wo ist Luise?"

"Nicht hier."

"Wo ist die Mutter?"

"Auch nicht hier."

"Willst du mir sagen, wo beide sind?"

"Nein! Aber ich will dir sagen, da ich das Mdchen der Obhut des
Frauenzimmers, dem du es bergeben, entrissen und in eigene Erziehung
genommen habe. Morgen frh geht die Reise los. Ich nehme das Kind mit. Das
ist mein Recht. Das Kind gehrt mir."

Ich konnte vor Zorn kaum sprechen.

"Ah - und es ist wohl auch dein Recht, in eines unserer Huser
einzubrechen und ein wehrloses Weib seiner Freiheit zu berauben?"

"Das tat ich nur, um sie zu hindern, hinter uns herzuschreien und Skandal
zu erregen. Um allen Skandal zu vermeiden, bringt Mutter das Kind schon
jetzt nach auswrts."

"Oh, wie bist du rcksichtsvoll! Du willst keinen Skandal. Du vergissest
nur das eine: da es ein groer Skandal ist, wenn man sich benimmt wie ein
Bandit!"

"Hte dich nur!"

"Ich frchte mich nicht vor deiner Brutalitt. Ich kann dich - wenn es mir
beliebt - wegen der Schandtat eines Einbruchs in eines unserer
verschlossenen Huser jeden Augenblick einsperren lassen. Ich werde es
hchstwahrscheinlich auch tun und mich um keinerlei Skandal kmmern."

"Du nimmst in sehr merkwrdiger Weise Partei fr jenes Weib."

"Ja, sie steht trotz ihres Fehltritts gerechtfertigter, ich will ruhig
sagen, viel anstndiger vor meinen Augen als du!"

"Das bitte ich mir zu beweisen", sagte er heiser vor Wut. Er setzte sich
auf eine Tischkante; ich lehnte an einem Schrank ihm gegenber.

"Ich erinnere dich daran, Joachim, da das schne Mdchen, das Katharina
hie, damals zwar deine blinde, wahnsinnige Leidenschaft erregt, aber da
sie dich niemals geliebt hat, da sie so ehrlich war, es dir zu sagen."

"Hr auf damit!"

"Nein, da liegt die Wurzel zu allem Unheil, das kam. Als du von dem
Mdchen abgewiesen warst, tatest du das, was du immer tatest, wenn du
einen Wunsch durchaus durchsetzen wolltest, du hingst dich an die
Kleiderrockfalten der Mutter."

Er sprang herunter vom Tisch und trat drohend vor mich.

"Benimm dich immerhin auch in dieser Stunde noch mit einigem Anstand,
Joachim! Du hast mir so viel von meinem Leben genommen, fnf volle
blhende Jahre, da ich ein Recht habe, dich als meinen Schuldner zu
betrachten und endlich mit dir abzurechnen."

Er wich zurck, lachte verchtlich und trat ans Fenster.

"Ich habe dich nicht aufgefordert, mir zu folgen."

"Nein, aber die Mutter hat es getan, die dich von Kind auf zu einem
jmmerlichen Egoisten erzogen hat."

"Sag noch ein Wort gegen die Mutter, und ich halte mich nicht lnger!"

"Du sprichst wie ein Raufbold, Joachim, und ich schme mich fr dich. Wie
ich innerlich zur Mutter stehe, geht daraus hervor, da ich auf ihren
stillen Wunsch hin, dich wiederzuhaben, meine Jugend opferte. Aber nicht
davon wollte ich sprechen, sondern von deinem Verhltnis zu Katharina. Das
Mdchen sagte dir damals, da seine Liebe einem anderen gehre, deinem
Freunde ..."

"Hr auf - ich ertrage das nicht!"

"Ich wei, trotz deiner Brutalitt anderen gegenber bist du, was die
eigene werte Person anlangt, sehr feinfhlig; nicht einmal eine
wahrheitsgeme Aussprache ertrgst du. Aber ich erspare sie dir nicht.
Ich halte dir den Spiegel vor, damit du weit, wenn du von hier
fortziehst, da es jemand auf der Welt gibt, der keine Spur von Mitleid,
ja nicht einmal von Achtung mehr fr dich hat, und das ist dein Bruder,
der dich unter allen Menschen auf der Welt am besten kennt."

Er erwiderte nichts mehr; er starrte mich nur an. Ich setzte kaltbltig
die Abrechnung fort.

"Du wandtest dich damals an die Mutter, und die Mutter setzte bei den
Eltern des Mdchens alle Hebel fr dich ein. Die Leute hatten sechs
Tchter. Eine von ihnen versorgt zu sehen, war ihr sehnlichster Wunsch. Du
warst approbierter Arzt, der andere, dein Freund, ein vermgens- und
aussichtsloser Kandidat. Da wurde dem Mdel Tag und Nacht zugesetzt, bis
sie dich nahm. Das war in diesem Falle die Grundlage fr die schwere
Ja-Frage am Altar nach dem 'freien, ungezwungenen, selbst ungentigten
Willen'."

Joachim war in einen Sofawinkel gesunken. Mir war das Herz so kalt und
leicht wie einem Staatsanwalt, der auf "schuldig" pldiert.

"Whrend du die Flitterwochen hieltest, ging dein Freund beinahe zugrunde.
Nach einem Jahre hie es, er habe sich beruhigt. Er kam zu euch. Die alte
Sehnsucht trieb ihn. Und da geschah Katharinas Unglck. Du warst natrlich
in deiner Ehre sehr tief verletzt. Ich sah das ein. Erst jetzt begreife
ich, da in jener Ehe deine Gattenehre nicht von Gottes, sondern von
Mutters und Geldsacks Gnaden war. Das Weib hat gefehlt, ohne Zweifel.
Zweimal. Nicht nur, als sie dir die Ehe brach, sondern schon, als sie die
Ehe mit dir einging. Aber du und die Mutter - und wir alle, die wir
schrend oder doch stillschweigend mitgewirkt haben, sind wir Gerechte?
Leute, die Steine aufheben drfen? Oder Phariser, die verdienen, die
Geiel des Messias ins Gesicht zu bekommen?

Katharina hat ihre Schuld gebt. Nicht durch deinen rohen Revolverschu,
nicht dadurch, wie sie dich vor Gericht reinwusch, indem sie aussagte, sie
habe sich die Wunde selbst zugefgt. Nein, mit aber tausend Trnen. Erst
jetzt wei ich, wie ihr Mutterherz gehungert hat, wie sie durch all die
Jahre nach dem Kinde gesucht hat. Dieses Weib hat vielleicht an einem Tag
und in einer Nacht mehr gelitten und heier zum Himmel gerufen als du in
der ganzen Zeit. Jetzt auf einmal erscheinst du wieder in der ganzen
Pracht und Herrlichkeit deines gesetzmigen Richtertums und beginnst
deine Brutalitten aufs neue. Und deshalb, sage ich, ist deine Frau ein
hundertmal anstndigerer Mensch, als du bist!"

Er stand auf, zuckte ein wenig mit den Armen durch die Luft, als ob er
reden wolle, setzte sich aber wieder. Ich behielt ihn scharf im Blick und
fuhr fort:

"Das ist die Abrechnung, die deine Frau betrifft. Da kommst du immer noch
gut dabei weg, weil nicht nur dein eigenes, sondern auch das andere Konto
belastet ist. Nun komme ich auf dein Verhltnis zu deinem Kinde zu
sprechen. Und da - nichts fr ungut, lieber Bruder - hast du dich glattweg
benommen wie ein Lump. Das Tier bekmmert sich um sein Junges, trgt ihm
die besten Bissen zu, sorgt fr seine Sicherheit. Du hast fr deine eigene
Sicherheit gesorgt, die besten Bissen selbst gegessen, dem Kinde nicht
einen Pfennig, nicht ein armseliges Spielzeug, nicht ein Wort oder einen
Blick gegnnt. Der verkommenste Proletarier, der von zehn Mark, die er
verdient, neun versuft und eine Mark seiner Familie gibt, ist ein
besserer Vater, als du bist, denn du hast auch die zehnte Mark fr dich
genommen."

"Die Mutter ...", chzte Joachim.

"Ja, die Mutter hat die sogenannten Erziehungsgelder gezahlt. Nebenbei
gesagt, nicht nur von deinem, auch von meinem Erbteil. Ich wundere mich,
da ich so etwas sagen kann; aber alle Sentimentalitt ist mir
wahrscheinlich abhanden gekommen. Wir alle haben gefehlt, auch ich! Ich
htte dir nicht nachlaufen, ich htte mich lieber um das Kind kmmern
sollen. Aber ich war ein unerfahrener, wehleidiger Geselle. Ich bin erst
jetzt, da ich ein groes Werk angefangen habe, dazu gekommen, die Dinge,
die um mich her sind, klar und leidenschaftslos zu sehen und zu
beurteilen. Wenn ich nun, Joachim, alles zusammenfasse, so bist du weder
deiner Frau noch deinem Kinde gegenber im Recht. Du hast dich bis jetzt
unbarmherzig zurckgehalten und bist pltzlich brutal hervorgetreten, als
deine neue Liebe scheiterte, als dich das von dir herbeigefhrte Band, das
Priesterhand schlang, hinderte, nach deinem Wohlgefallen jetzt ein neues
zu schlingen. Was dich jetzt leitet, ist nicht Moral, sondern ist Wut, ist
enttuschte Selbstsucht! Du kannst die Lage deines bis heute verleugneten
Kindes nicht bessern; denn einen unfhigeren Erzieher, als du bist, kann
es nicht geben!"

Joachim erhob sich.

"Meinst du, da ich mir diese Grobheiten gefallen lasse?"

"Es sind nicht Grobheiten, es sind Wahrheiten, Joachim."

"Willst du jetzt dieses Zimmer und dieses Haus verlassen?"

"Nein, ich werde warten, bis die Mutter kommt."

"So werde ich gehen; ich verschmhe es, weiter mit dir zusammen zu sein."

"Ganz in meinem Sinne. Ich verbiete dir aber, unser Ferienheim noch einmal
zu betreten. Auerdem ist es nach deinem brutalen Verhalten
selbstverstndlich, da du als Arzt von uns entlassen bist."

Er antwortete nicht mehr; er nahm Mantel und Hut und tappte die Treppe
hinab. Ich konnte mir zunchst ber das, was ich gesprochen hatte, keine
klare Rechenschaft geben.

Ich hatte nur ein Gefhl der Erleichterung, hatte mir einmal das Herz
abrumen gekonnt.

Jetzt fiel unten die Haustr zu. Ich sah Joachim vom Fenster aus, obwohl
eine mondscheinlose Nacht und die Straenbeleuchtung sehr kmmerlich war.
Joachim ging auf den Johannisbrunnen zu. Mit einem Male lste sich dort
ein Schatten los. Ich erschrak. Katharina! Sie hielt den Bruder jedenfalls
fr meine Person. Ich sah, wie die beiden aufeinander zugingen,
aufeinander einsprachen, wie das Weib entsetzt die Arme hoch hielt, sich
dann vor dem Bruder auf die Knie warf, wie er sie emporri. Sie klammerte
sich fest an seinen Arm; er versuchte sich loszulsen; sie rangen
miteinander.

Ich ri das Fenster auf.

"Katharina", rief ich hinunter, "sei vernnftig!"

Sie hrte nicht, lie nicht los, schlielich rang sie weiter mit ihm, und
ich hrte sie um das Kind bitten. Sie standen dicht am Brunnenrand. Da gab
Joachim dem Weibe einen gewaltigen Sto, sie taumelte zurck und fiel ber
den niederen Brunnenrand ins Wasser.

Joachim blieb still stehen, wohl im Schreck, zwei, drei Sekunden lang;
dann beugte er sich ber das Becken.

Da sprang das Weib aus dem Wasser heraus und rannte davon.

Ich hatte all diesen sich schnell abspielenden Vorgngen sprachlos
zugesehen, dann war ich mit einigen Stzen unten auf dem Markte. Joachim
stand noch am alten Fleck.

"Ah", lachte er, "du hast zugesehen - da wirst du wohl jetzt behaupten,
ich htte das Weib ertrnken wollen."

"Das werde ich nicht behaupten. Du hast sie nur zurckgestoen, und sie
ist unglcklich gefallen."

"Na also! Ich lasse mich auf der Strae nicht anfallen, verstehst du? Eure
Komdien verfangen nicht bei mir!"

"Joachim, wir mssen ihr nach, wir mssen sie suchen."

"Suchen? Ich denke nicht daran. Was geht sie mich an?"

"Joachim, sie mu vllig durchnt sein, es ist eine kalte Nacht; sie ist
halb irrsinnig vor Aufregung wegen des Kindes. Es kann ein Unglck
passieren!"

Er antwortete nicht, wandte sich um und ging nach Mutters Haus zurck. Ich
sah ihm nach, hrte, wie er von innen den Haustrschlssel umdrehte. Dann
eilte ich die Strae hinunter, in der ich Katharina hatte verschwinden
sehen.

Ich rannte durch die ganze Stadt, auch teilweise hinaus auf die
Landstraen. Es verging wohl eine Stunde und mehr Zeit; ich fand nichts.
Es hatte angefangen zu regnen, und es blies ein rauher Wind. Endlich sah
ich ein, da ich allein nichts ausrichten knne. Ich eilte hinauf nach
unserem Heim, berzeugte mich, wie ich schon angenommen hatte, da die
Genovevenklause leer sei, weckte dann Stefenson, Barthel, Piesecke und
noch einige andere verlliche Leute, und wir gingen nach verschiedenen
Richtungen auf die Suche.

Morgens drei Uhr kehrte ich todmde nach Hause zurck. Die anderen waren
auch noch nicht lange da. Niemand hatte eine Spur von Katharina
entdeckt ...

Noch ehe aber der spte Morgen graute, wurde die unglckliche Frau
gebracht. Ein Waltersburger Bauer, der zeitig nach Neustadt fahren wollte,
hatte am Chausseerand ein bewutloses Weib gefunden und an ihrer Kleidung
erkannt, da sie zu uns gehrte. Er hatte die vllig durchnte Frau auf
das Stroh seines Wgelchens gebettet und sie mit einer Pferdedecke
zugedeckt.

Ich lie die Bewutlose nach einem unserer Krankenzimmer am "Stillen Weg"
schaffen und Dr. Michael rufen. Ihn verstndigte ich ber das
Vorgefallene, und wir begannen sofort unsere rztlichen Manahmen. Wir
verhehlten uns beide nicht, da wir vor einer sehr ernsten Aufgabe
standen. Smtliche Mnner, die um das traurige Vorkommnis wuten, auch der
Bauer, gelobten Stillschweigen.

Ich blieb fast den ganzen Vormittag bei der Kranken. Gegen zehn Uhr schlug
sie die Augen auf. Sie lchelte mich an, ohne da sie bei klarer Besinnung
war, und sagte:

"Der heilige Johannes hat mich getauft; nun bin ich rein von Snden!"

Die Augen fielen wieder zu, ffneten sich aber bald aufs neue.

"Ich habe Luise gefunden. Als ich ganz mde war und auf die Strae fiel,
ist sie zu mir gekommen."

Dann wieder tiefe Bewutlosigkeit.

Gegen Mittag lie sich meine Mutter bei mir melden. Sie war sehr bla und
rang die Hndchen ineinander.

"Um Gottes willen, wie konnte das geschehen?"

Ich sah sie streng an.

"Es konnte geschehen, weil ihr so unbarmherzig waret, dieser Frau ihr Kind
zu entreien. Sag mir das eine, Mutter, hast du darum gewut, da Joachim
in die Klause eindringen wollte?"

"Nein, ich habe ihm blo gesagt, wo das Kind ist, und dann nichts
erfahren, bis er Luise brachte."

"Das ist mir lieb. Und wo ist Luise jetzt?"

"Ich - ich habe sie nach Neustadt gebracht zu einer Freundin von mir. Wir
wollten keinen Skandal in Waltersburg oder bei dir hier oben. Joachim
wollte auch bald am Morgen fort."

Ich dachte daran, wie sicher der mtterliche Instinkt die unglckliche
Katharina geleitet hatte. Auf dem Wege nach Neustadt war sie
zusammengebrochen.

"Was wird nun werden?" fragte die Mutter. "Wie steht es?"

"Es steht sehr schlecht. Du kannst deinem Sohne Joachim sagen oder
schreiben, da sein sehnlichster Wunsch, diese Frau mge sterben,
wahrscheinlich in Erfllung gehen wird. Er mag sich einstweilen freuen."

Die Mutter weinte.

"Fritz, du mut nicht so von ihm denken. Er hat doch auch viel gelitten.
Gestern hat er unrecht gehandelt. Er ist dann die ganze Nacht wach
geblieben, und ich glaube, wenn die Frau jetzt stirbt, wird es sein
Gewissen sehr bedrcken. Er ist ja deswegen auch noch nicht abgereist."

Ich lachte.

"Hab keine Sorge, Mutter, Joachims Gewissen ist recht robust."

"Ihr werdet euch nie verstehen."

"Nein. Niemals! Mit solch einem Kerl niemals!" Sie sa noch ein Weilchen
da. Ich fand kein gutes Wort fr Joachim, auch nicht fr sie, fragte auch
nicht, was die beiden wohl nun mit Luise vorhtten, und so ging sie ...

Unsere Patientin war schwer krank, und eine heftig einsetzende
Lungenentzndung nahm uns bei der schlechten Beschaffenheit des Herzens
fast alle Hoffnung.

Am zweiten Tage abends wurde von Waltersburg aus wieder nach Katharinas
Befinden gefragt. Ich schrieb auf einem Zettel:

"Joachim mag sich noch etwas gedulden; es ist bald aus."

Am selben Abend hrte ich drauen vor den Fenstern ein helles
Kinderlachen. Da sah ich Luise drauen. Stefenson hatte das Mdel um den
Hals gefat und fhrte sie die Strae herauf.

Ich ging hinaus. Das Kind strzte auf mich zu.

"Onkel, lieber Onkel", rief es selig; "denke dir, Pappa ist wieder da."

Stefenson strahlte ber das ganze Gesicht. Er flsterte mir zu:

"Es ist nicht so gegangen, wie ich wollte. Ich hatte mir einen genialen
Plan zurechtgelegt, dem Kerl das Mdel zu nehmen; da gab er es leider
freiwillig her."

Das Kind klammerte sich an mich.

"Onkel, lieber Onkel, la doch nicht mehr den bsen Mann zu mir kommen.
Ich hab so schreckliche Angst vor ihm!"

Ich sagte ihr nicht, da der "bse Mann" ihr Vater sei. Es gibt
Hunderttausende von Kindern, fr die der eigene Vater der "bse Mann" ist.
Die mnnlichen Schweine fressen zuweilen den eigenen Nachwuchs auf; ich
schtze menschliche Vter, die ihrer Kinder Jugendglck vergiften, noch um
einige Grade niedriger ein als die selbstschtigen Borstentiere. Denn im
Schweinekoben ist der Schmerz kurz, bei lieblosen Menschenerziehern dehnt
er sich Jahr fr Jahr.

"Kommt der bse Mann wieder?"

"Nein, Luise, er kommt nicht mehr!"

"Dann mut du der Magdalena sagen, da wir nicht mehr in der
Genovevenklause wohnen wollen; wir wollen lieber wieder in den Forellenhof
ziehen."

"Hast du Magdalena lieb, Luise?"

"Ja, ich will wieder zu ihr. Wo ist sie?"

"Sie ist jetzt krank; aber vielleicht wird sie wieder gesund."

"Sie wird doch nicht sterben?" fragte das Kind weinerlich.

"Nein, Herzchen", sagte ich mit unsicherer Stimme. Langsam gingen
Stefenson und ich mit dem Kinde den "Stillen Weg" entlang ...

Keinem unter allen Sndern hat Christus so streng die Verdammnis angedroht
wie den Unbarmherzigen. Was er fr sie hat, ist die "ewige Finsternis, wo
Heulen und Zhneknirschen ist". Diese Hllenstrafe trifft die
Unbarmherzigen schon auf dieser Welt. Denn Unbarmherzigkeit ist
Finsternis, und Ha heult und knirscht mit den Zhnen und ist verbannt von
allem Frieden und allem Glck.

In diesem Lichte sah ich meinen Bruder. Und als ich wieder einmal bei der
rchelnden, fiebernden Frau war, als ich ihre heien Hnde sich die Wand
hinaufkrallen sah, ihren qualvollen Husten hrte, schickte ich auf neue
Anfrage aus Waltersburg einen Zettel an Joachim:

"Du bist als Amerikafahrer mit indianischen Gebruchen vertraut. Freue
dich, deine Frau hngt am Marterpfahl!"

Daraufhin lie er sich bei mir melden, aber ich empfing ihn nicht ...

In ihren Fiebertrumen schrie die Frau immer wieder:

"Taufe mich, heiliger Johannes, taufe mich!"

Und sie jammerte nach dem Kinde.

Als sie das erstemal bei klarem Bewutsein war, als sich der Fieberblick
in Angst und Todestraurigkeit verlor, wute sie nichts zu sagen als:
"Luise ist fort!"

Da sah ich sie lchelnd an.

"Nein, liebe Kthe, Luise ist hier. Du bist nur jetzt noch krank; du
bildest dir blo ein, da Luise fort ist."

"Ich - ich bilde es mir blo ein?"

Ein kleines, halb irres Lachen flog um ihren Mund.

"Ich bilde es mir blo ein!"

"Ja, liebe Kthe - du denkst das blo so ..."

"Ich denke es blo so? Wo ist denn Luise? Warum ist sie denn nicht bei
mir?"

"Sieh nur, Kthe, du bist krank; das Kind lrmt zu sehr. Du weit doch,
wie es lrmt."

"Es ist so schn, wenn es lrmt!"

Und sie lchelte lieb und seltsam und schlief ein.

         -------------------------------------------------------

Es ging auf die Krisis zu. Wie das so ist in solchen Fllen: das Befinden
schwankte; einmal ging es der Kranken etwas besser, ein anderes Mal wieder
war es ganz zum Verzweifeln. Immer der eine Satz: "Wenn das Herz aushlt,
dann ..."

Ja, wenn!

Am siebenten Tage lieen wir Luise zu der Kranken. Wir hatten Luise wohl
vorbereitet.

"Du darfst nicht schreien oder weinen oder lrmen. Du darfst nur ganz
leise auf den Zehen ans Bett gehen, der Magdalena die Hand kssen und
sagen: 'Mamma, ich hab dich lieb!'"

So hat es das Mdchen getan. Die Kranke lag mit verklrtem Gesicht, und in
ihren Augen war ein Strahlen, als ob ihr der Himmel offenstnde.

Als das Kind das Zimmer verlassen hatte, ging ein Frsteln ber den Krper
des Weibes:

"Es ist alles nicht wahr gewesen - ich hab das Furchtbare nur getrumt -
Luise ist wirklich da ...!"

         -------------------------------------------------------

Am zehnten Tage wuten wir, da Katharina am Leben bleiben wrde. Freilich
wrde sie nie mehr ganz gesunden. Das Herz war schon vor der Erkrankung
nicht in Ordnung gewesen und hatte nun schwer gelitten. Es wrde ein sehr
stilles Leben sein, was Katharina fortan fhren mte.

Am hellen Mittag trat mir auf dem "Stillen Weg" der Bruder entgegen. Er
gesellte sich zu mir, ohne da wir uns die Hnde reichten.

"Lebt sie noch? Ist die Krise vorbei?" fragte er mit offener Furcht in den
Augen.

"Ja, es ist berwunden!"

Da atmete er auf.

"Ich habe schwere Tage und Nchte hinter mir", sagte er etwas stockend;
"deine Worte lagen mir immer in den Ohren, und du hast es mir auch durch
deine Botschaften nicht leicht gemacht. Aber ich hatte es wohl verdient."

Ich antwortete nicht. Er fuhr fort:

"Ich werde nun abreisen. Ich bitte dich, Kthe zu einer Zeit, wo du es fr
angemessen halten wirst, einen Brief von mir zu bergeben. Er ist offen;
du sollst ihn vorher lesen. Der Brief enthlt nichts als einen kurzen
Abschied, und da wir jetzt, durch Land und Meer fr immer getrennt, ohne
Feindschaft aneinander denken wollen."

Ich wandte den Kopf zur Seite.

"Und Luise?"

"Luise werde ich ihr lassen."

Wir gingen schweigend nebeneinander hin. Dann sagte er:

"Da ich von dem Kinde ohne Abschied fortgehen mu, fllt mir sehr schwer.
Du wirst es nicht glauben; aber es ist wahr. Das Kind wrde sich frchten,
wenn es mich wiedershe. Ich bitte, da du dich weiter des Mdchens
annimmst. Mit einem Kapital werde ich es ausstatten. Willst du die Sache
bernehmen?"

"Ja."

"Ich danke dir!"

Wieder gingen wir ein Stckchen wortlos weiter.

"Ich knnte nun gehen, Fritz; aber das Schwerste habe ich noch zu sagen."

Ich sah ihn fragend an. Da brachte er heraus:

"Die Mutter will mit mir nach Amerika."

Ich blieb stehen.

"Du mut nicht glauben, Fritz, da ich Mutter dazu berredet habe. Sie hat
es von selbst gewollt."

"Ja, ich kann es mir denken."

Etwas unendlich Bitteres quoll mir durch die Seele.

"Wann wollt ihr denn fort?"

"Morgen. Die Mutter lt dich fragen, wann sie sich von dir verabschieden
kann. Willst du am Nachmittag zu ihr hinunterkommen?"

Ich mute erst ein paarmal Atem holen, dann sagte ich:

"Ja, ich werde kommen."

Joachim blieb stehen.

"So habe ich dir alles gesagt, Fritz. Nun kann ich mich von dir
verabschieden. Wenn du zu Mutter kommst, werde ich euch nicht stren,
werde ich schon fort sein."

Es wurde ihm schwer.

"Leb wohl, Fritz; hab keinen Groll mehr gegen mich. Ich danke dir fr
alles Gute - auch, da du mich fnf Jahre lang gesucht hast - auch, da du
neulich so mit mir gesprochen hast."

Die Stimme stockte ihm, und auch ich brachte es kaum heraus, als ich
sagte:

"Behte dich Gott, Joachim!"

Als er sich schon abgewandt und die ersten Schritte gemacht hatte,
erscholl jenseits eines kleinen Gebsches das selige Kinderlachen Luises.

Joachim wandte sich noch einmal um.

"Ist sie das?"

Ich nickte mit dem Kopf.

Da legte er die Hand ber die Augen und ging schwer und langsam den Berg
hinab.

Und noch einmal erscholl das Lachen des spielenden Kindes hinter ihm her.





                             FREUND STEFENSON


Nun war es vorbei. Ich stieg von Neustadt aus den Weihnachtsberg hinauf.
Der Zug, der meine Mutter in die weite Welt davongefhrt hatte, war lngst
nicht mehr zu sehen. Der Bruder war schon gestern bis zur
Provinzialhauptstadt vorangereist; ich hatte ihn nicht mehr getroffen.

Die Bitterkeit war aus meiner Seele gewichen und hatte einer stillen
Trauer Platz gemacht. Die letzten Stunden, die ich mit meiner Mutter
verlebt hatte, waren voll reinster Liebe gewesen, ohne Eifersucht, ohne
Neid, ohne Groll auf den Bruder, um dessentwillen sie mich und die alte
Heimat verlie. Joachim sollte nicht wieder einsam und verbittert durch
die Welt irren; die Mutter wollte nicht wieder Tag fr Tag sehnschtig am
Fenster stehen und auf das schwermtige Pltschern des Johannesbrunnens
lauschen.

Mich wute sie in Sicherheit, mit einer groen Aufgabe betraut, die mein
Herz ausfllen wrde. So ging sie mit dem anderen, dem Einsamen.

Es war weiblich, es war mtterlich; es konnte wohl nicht anders sein.

Aber wie ich auf die andere Seite des Weihnachtsberges kam und mein altes
Waltersburg liegen sah, den Marktplatz mit dem Brunnen und mein
verlassenes Vaterhaus, da setzte ich mich todmde an den Wegrand ins welke
Gras. Ich barg das Gesicht in den Hnden und sa lange so.

Als ich endlich aufblickte, sah ich mir gegenber auf dem anderen Wegrande
Stefenson sitzen. Ich war unwillig, da er sich so angeschlichen hatte,
aber er kam mir mit teilnehmendem Gesicht, ganz ohne seine sonstige
spttische Art, entgegen, so da mein rger verflog.

Stefenson setzte sich neben mich und legte mir die Hand aufs Knie:

"Sehen Sie, alter Junge, so was tut weh. Das begreife ich. Aber da mssen
Sie auch begreifen, da ich Sie nicht allein lassen kann, da ich mich um
Sie kmmern mu. Ich bitte Sie, da Sie mir einige Minuten zuhren. Sie
brauchen mir gar nicht zu sagen, was fr Gefhle Sie bewegen, aber ich
bitte Sie, mir zu erlauben, da ich als Ihr Freund zu diesen Gefhlen
Stellung nehme. Zunchst mal, ob Ihrer Mutter der Aufenthaltswechsel auch
bekommen wird. Daran denken Sie ja wohl an erster Stelle. Nun, ich meine,
sie ist von guter Natur; Rio ist ein ganz gesunder Wohnort; Ihr Bruder ist
Arzt, der sie stndig berwachen kann; auerdem ist er in der Lage, ihr
das Leben so angenehm wie mglich zu gestalten, dann, Ihre Mutter sieht
einmal die Welt. Nicht mehr mit der Aufnahmefhigkeit, der Spannkraft, dem
berschwang der Jugend, aber mit dem ganzen Hochgenu, mit dem ein reifer,
feiner Kopf die Schnheiten dieser alten Erde betrachten kann. Und gar Rio
de Janeiro! Dort hren die Tauben die Vgel singen, dort sehen die Blinden
die Blumen blhen; das wissen Sie ja selbst, Ihre Mutter wird leben wie im
Paradies. Aber das wird freilich alles nicht hindern, da sie das Heimweh
bekommen wird - nach dem alten Nest da unten - nach dem Hause am Brunnen -
auch nach Ihnen. Schtteln Sie nur nicht den Kopf, lieber Freund; eine
Mutter liebt immer am meisten das ihrer Kinder, das nicht bei ihr ist. Und
da denken Sie nur daran, da sie eines schnen Tages wieder dasein wird.
Inzwischen lassen Sie unten in dem Hause am Markt alles, wie es ist;
lassen Sie alle Tage die Mbel wischen, alle sechs Wochen frische Gardinen
aufstecken, im Winter die Stuben heizen, im Sommer die Polster einmotten,
auch Kupfer und Zinn in der Kche putzen und den Kanari gut im Futter
halten, damit Ihre Mutter alles in Ordnung findet, wenn sie wiederkommt."

"Stefenson", sagte ich dankbar, "Sie sind ein seelenguter Mensch."

Das verdro ihn. Er sagte zunchst gar nichts, spuckte dann mit groem
Geschick bis zum gegenberliegenden Wegrand und meinte endlich in gnzlich
verndertem Tone:

"Sie verstehen mich immer noch nicht. Das mssen Sie doch wissen, da so
'n alter Fuchs wie ich immer seine Hintergedanken hat, wenn er mal 'nen
Abstecher ins Gefhlsmige macht. Zum Beispiel jetzt habe ich gerade ein
wichtiges Geschft, bei dem Sie unbedingt mitwirken oder dem Sie
wenigstens zustimmen mssen, und da ist es mir natrlich verdrielich,
wenn Sie in verkaterter Stimmung sind."

"Und deswegen suchten Sie mich zu trsten?"

"Ja, nur deswegen!"

Ich lchelte. Er sah es und wurde erbost.

"Mensch, lachen Sie nicht! Was gehen mich denn Ihre
Familienangelegenheiten an? Glauben Sie, da ich mich bei meinen tausend
Geschftsfreunden darum kmmern kann, ob sie mal Krach mit einem Bruder
haben, ob mal ihre Mutter verreist, ob die Motten in ihre Mbel kommen
oder ihr Kanarienvogel verhungert? Htt' ich viel zu tun. Aber wenn zwei
Feldherren miteinander in den Krieg ziehen und der eine von ihnen
Zahnschmerzen hat, hat der andere dafr zu sorgen, da der Zahn gezogen
oder wenigstens plombiert wird. Sonst wird nichts aus ihrer Chose."

Ich lchelte nicht mehr, aber ich erwiderte auch nichts.

Da sagte Stefenson fast niedergeschlagen:

"Wenn Sie etwas Geschftssinn htten, htten Sie mich lngst gefragt, um
was fr ein Geschft es sich handelt."

"So sagen Sie es mir - bitte!"

Er war verstimmt.

"Nun, ich kann ja den Weihnachtsberg auch ohne Sie von den Neustdtern
zurckkaufen."

"Den Weihnachtsberg wollen Sie zurckkaufen?"

"Ich sagte es Ihnen eben. Wir mssen unser Heim bis zum Gipfel des Berges
ausdehnen, sonst spucken uns die Neustdter auf den Kopf."

"Sie werden den wichtigsten Aussichtspunkt nie hergeben."

"Trsten Sie sich. Wozu habe ich in der 'Neustdter Umschau' seit drei
Wochen Artikel gegen den Weihnachtsberg verffentlicht? Zum Beispiel, da
sein Besuch von Neustadt aus auerordentlich zu wnschen brig lasse, weil
der viel bequemer zu erreichende Ochsenkopf eine viel bessere Aussicht
bietet, da die Rentabilitt auerordentlich gering sei, die Pchter
nichts zu leisten vermchten und solchen Kram mehr. Die Neustdter sind
bereits mrbe. Denn sie sind wieder mal im Dalles. Nun habe ich vorgestern
einen Artikel gebracht, man solle den Weihnachtsberg, wenn sich eine gute
Gelegenheit bte, an irgendeine neutrale Person je eher je besser
verkaufen, damit er ja nicht mal in Waltersburger Hnde fiele, was die
Konkurrenz drben strken wrde."

"Was bezwecken Sie damit?"

"Da mein Vertrauensmann, der sich als Privater um den Kauf der
Weihnachtsbergkuppe bemht, die Sache billig bekommt. In vierzehn Tagen,
denke ich, knnen wir oben einziehen."

Wir waren inzwischen aufgestanden und stiegen langsam den Berg hinab.
Stefenson sprach immerfort von seinen Plnen und brachte es wirklich
zuwege, da meine Bangigkeit nachlie und ich ihm wenigstens mit halber
Aufmerksamkeit zuhrte. Er begleitete mich bis in mein Arbeitszimmer. Dort
sagte Stefenson:

"Nun gestehen Sie es sich mal selber, lieber Freund: die ganze Zeit, da
unser Heim besteht, haben Sie, der die Lehre von den Ferien vom Ich
erfunden und gepredigt hat, selbst mit Haut und Haaren mitten im dicksten
Ichleben gesteckt. Hauptschlich wegen Ihrer Familienangelegenheiten.
Jetzt erst, wo sich alles in Frieden lst, werden Sie Ihrer Idee ganz und
mit Freuden dienen knnen. Sie lehren selbst: in den Ferien vom Ich los
von der Familie! Deshalb habe ich auch von Anfang an gemeint, wenigstens
einer von uns beiden msse ganz ohne Familie sein."

"Und welcher von uns beiden soll das sein?"

"Sie!"

Fast htte ich ber den alten Egoisten lachen mssen.

"Sie wren aber doch viel geeigneter, Stefenson; denn Sie sind doch schon
ohne Familie."

"Sie vergessen, da ich eine Braut habe."

"Eva Bunkert? Ich meine, dieser Verlobtenstand ist einseitig."

Er lachte.

"Bah - wegen der Auskneiferei - wegen dieser Marotte? Ich habe an Eva
einen vernnftigen Brief geschrieben, habe ihr gesagt, ich wrde ihr gern
nachreisen, wenn es nicht zu dumm wre, und wenn ich Zeit dazu htte. Sie
solle ja nicht annehmen, da ich jetzt pltzlich an ihrem Theater als
Coiffeur, Portier, Kulissenschieber oder dergleichen auftauchen wrde, um
sie weiter zu beobachten. Das wrde abgeschmackt sein; denn ich mache
keinen Witz zweimal. Im brigen liebte ich sie unverndert weiter und
berliee ihr, zu bestimmen, wann unsere Hochzeit sein solle. Diesen Brief
habe ich vor acht Tagen geschrieben und noch keine Antwort. Das ist doch
ein sehr gnstiges Zeichen."

"Ich wrde dieses Zeichen anders auslegen."

"Nein. Sie grmt sich. Sie kann gar nicht schreiben. Wre ich ihr egal,
htte sie mir einen schnippischen, und wre sie ein oberflchliches Weib,
sofort einen freundlichen Verzeihungsbrief geschrieben. So ist sie ein
braves Mdel, das mich liebt, und schreibt gar nicht."

"Es kann schon so sein", sagte ich mde; "ich hoffe, da es Eva gut geht!"

"Nun, so ... so ... Vor fnf Tagen hat sie das erstemal auf der Oper
gesungen. Zwei Kritiker haben sie bestehen lassen; einer hat sie etwas
mitgenommen. Mit dem habe ich mich telephonisch verbinden lassen. Ich habe
den Mann aufgeklrt, um was es sich handelt - so in groen Zgen natrlich
-, und ihm gesagt, da er mir einen Riesengefallen tun wrde, wenn er
Frulein Eva Bunkert nach Strich und Faden verrisse und an der Oper
unmglich mache. Meine eventuelle Erkenntlichkeit fr ihn habe ich dem
Kritiker wirklich nur ganz diskret und delikat angedeutet. Trotzdem hat
mir der Grobian gesagt, es sei schade, da sich telephonisch keine
Ohrfeigen austeilen lieen; im brigen sei Frulein Bunkert ein
auerordentlich hoffnungsvolles Talent. Das habe ich davon. Nun wird sie
auch dieser Kerl loben. Ach, du lieber Gott, die deutschen
Zeitungsschreiber sind sehr verschiedener Art."

"Und Sie frchten gar nicht, da Eva Bunkert Ihnen verlorengehen knnte?"

"Nicht eine Minute. Sie hat gebissen. Ich halte sie fest. Wenn sie noch
ein wenig herumzappeln will, kann ich ihr den Spa ja gnnen."

So purzelte Stefensons draufgngerische, frische Art durch den bangsten
Tag meines Lebens. Und als ich am nchsten Morgen nach tiefem Schlaf
erwachte, fhlte ich mich gesund und munter, stark genug, dem Leben ins
Auge zu schauen und mit Lust und Freude an meinem schnen Werke weiter zu
schaffen.

         -------------------------------------------------------

Etwa drei Wochen spter besuchte mich Stefenson wieder in meinem
Arbeitszimmer. Auf dem Tische lag die neueste Nummer der "Neustdter
Umschau".

"Ich habe diesmal nichts drin", sagte Stefenson und wies auf die Zeitung.
Trotzdem schlug er sie auf. Und mit einem Male ri er die Augen auf, trat
ans Fenster.

"Haben Sie schon - haben Sie schon gelesen?" fragte er aufgeregt.

"Was denn? Was steht denn wieder in dem Schundblatt? Ich habe noch gar
nicht hineingeschaut."

"Da - da ..."

Er wies auf eine kleine Notiz. Ich las:

"Verlobung. Die Opernsngerin Eva Bunkert, Tochter unseres verflossenen
Baurats August Bunkert, hat sich mit dem Grafen Hanns von Simmern, Sohn
des herzoglichen Kammerherrn Grafen Eugen von Simmern, verlobt. - Eine
rasche Knstlerkarriere!"

"Da haben wir's", sagte ich. "Die Sache ist in der Tat sehr rasch
gegangen."

"Rasch gegangen! Ist das alles, was Sie zu dieser Schandtat zu sagen
wissen?" brllte Stefenson.

"Ja, was soll ich in meiner berraschung dazu sagen? Es tut mir natrlich
leid um Sie!"

"Leid! Ich brauche Ihnen nicht leid zu tun. Niemand brauche ich leid zu
tun. Ich verbitte mir das! Denn ich kann froh sein, da ich diese Gans los
bin. Ich bin auch ganz kolossal froh. Nach kaum vier Wochen ist dieses
flatterige Ding mit ihrer Lebenswahl fertig. Von einem zum andern. Immer
zu, immer zu! Was verliere ich dabei? Weil er ein Graf ist, weil sie sich
bei ihm in Taschentcher mit einer neunzackigen Krone die Nase schneuzen
kann, deshalb gibt sie mich auf. Einen Mann wie mich, der diese bankerotte
Bauratstochter gegen alle Vernunftgrnde geliebt hat und sie heiraten
wollte, gibt sie auf!"

Er sank in einen Stuhl. Sein Schmerz war malos. Aber ich blieb khl.

"Lieber Freund", sagte ich, "es ist sicher fr unsere Grndung ganz gut,
wenn Sie familienlos bleiben, wenn Sie Ihre Selbstndigkeit, den ruhigen,
klaren Blick ..."

"Halten Sie den Mund! Kommen Sie mir nicht mit solchem Bldsinn. Satt hab
ich's, satt. Meinetwegen mag die ganze Geschichte hier zum Teufel gehen.
Mir liegt an nichts mehr etwas, an gar nichts mehr!"

Er wand sich in dem Lehnstuhl, in dem er sa, wie in Krmpfen. Ich stellte
mich ans Fenster und zndete mir eine Zigarre an. Da knirschte er:

"Sprechen Sie wenigstens; sagen Sie etwas zu mir. Das kann ich doch wohl
verlangen."

"Sie lassen mich ja nicht zu Worte kommen, Stefenson. Und dann, ich wei
selbst nicht, was ich zu der Sache sagen soll."

"Jawohl, Sie machen sich eben nichts aus mir. Sonst knnten Sie sich jetzt
nicht so pomadig eine Zigarre anznden. Schner Freund! Glauben Sie denn,
da sie mit dem Grafen, diesem neunmal gehrnten Kerl, glcklich sein
wird?"

"Das kann ich nicht beurteilen."

"Das mssen Sie beurteilen knnen! Sie mssen wissen, da solche
sogenannten Mesalliancen nie zum Glck fhren, da dieses Weib im Hause
ihres grflichen Gatten als Eindringling entweder gar nicht zugelassen
oder _sub_ Luder behandelt werden wird, da der Mann ihrer berdrssig
sein wird, wenn ihre Schnheit verblht, da sie dann im Elend sitzen
wird."

"Das kann schon alles so kommen, es kann aber auch anders sein. Es kommt
ganz auf den Mann an. Prophezeien kann niemand, hchstens unsere alte
Wahrsagerin unten in Waltersburg."

"Wollen Sie mich verspotten? Sich ber mich lustig machen? Ist das Ihre
Freundschaft?" Er war wtend.

"Lieber Stefenson, Sie sind jetzt sehr aufgeregt. Was immer ich auch jetzt
sagen mchte, wrde Ihnen nicht gefallen. Warten wir also ab, bis Sie sich
etwas beruhigt haben, und da Sie dann ganz auf mich rechnen knnen,
wissen Sie ja doch!"

"Ich werde mich nie beruhigen", sagte er. "ber das komme ich nicht weg!"

Wohl zehn Minuten vergingen, whrend deren Stefenson im Zimmer auf und ab
schritt. Manchmal blieb er stehen, sprach leise mit sich selbst oder
fuchtelte mit seinen langen Armen durch die Luft. Endlich fragte er:

"Was ist das mit der Wahrsagerin in Waltersburg, die Sie erwhnten?"

"Ah, Stefenson, das war doch nur Scherz. Es wohnt da unten im alten
Zollhaus, kaum dreihundert Meter unter unserem Grundhof am Waltersburger
Weg, ein Weib, das schon uralt war, als ich noch in kurzen Hosen ging. Sie
nennt sich nach ihrem Beruf Sibylle. Wie sie eigentlich heit, wie alt sie
ist, wei kein Mensch. Fr fnfundzwanzig Pfennig prophezeit sie den
Brgern, Bauern und Kchinnen die Zukunft."

"Und stimmt es, was sie sagt?"

"Ja, das wei ich nicht. Ich hab mich um das alte Fernrohr in die Zukunft
nicht gekmmert. Als Jungen haben mal Joachim und ich fnfundzwanzig
Pfennig zusammengeschossen und uns weissagen lassen. Da hat sie gesagt,
wir wrden bald eine mchtige Tracht Prgel bekommen. Und das ist auch
eingetroffen. Es kam nmlich heraus, da wir die fnfundzwanzig Pfennig
zur Sibylle getragen hatten, und wir bekamen Prgel dafr."

Ich wute, da Stefenson aberglubisch war. Viele sonst sehr kluge
Menschen sind es. Stefenson fing an einem Freitag kein Geschft an, es
beunruhigte ihn, wenn eine Katze ber seinen Weg lief, und er hatte immer
ein altes Hufeisen auf seinem Schreibtische liegen. Er stammte ja auch aus
Amerika, wo der Aberglaube zu Hause ist. Jetzt fhlte er das Bedrfnis,
sich ein wenig zu rechtfertigen, und sagte:

"Es ist durchaus falsch, alle Hellseherei von vornherein als Unsinn zu
erklren. Es knnen da Naturkrfte wirken, die wir nicht kennen."

"Gewi - gewi!"

Er versank wieder in tiefe Traurigkeit.

"Vor vier Tagen habe ich ihr einen Brief geschrieben, habe sie gebeten,
sie mge doch von ihrem Groll ablassen. Wenn sie es schon nicht einsehen
wolle, da ein Mann, der sein ganzes Lebensschicksal an eine Frau ketten
wolle, zu deren grndlichster Prfung berechtigt sei, so solle sie halt
denken, da es mir doch auch Spa gemacht habe, mal in den Ferien vom Ich
eine unerkannte Rolle zu spielen, und da ich doch eigentlich als Knecht
Ignaz um sie gedient habe wie Jakob um die geliebte Rahel. Sehen Sie, von
diesem Brief glaubte ich, er sei eigentlich zu deutsch, zu sentimental.
Aber es war mir so ums Herz, und so schickte ich ihn ab. Der Brief wird
gerade zu ihrer Verlobung zurechtgekommen sein."

Es schttelte ihn vor Schmerz und Zorn.





                        DER FUCHS UND DIE SIBYLLE


Es war Abend, als ich am Grundhof vorbeischlich und mich an der Reihe
windbrchiger Weiden, die am alten Waltersburger Weg stehen, hinab zum
Hause der Sibylle schlngelte. Das kleine Anwesen sah schbig und
unordentlich aus. Die Tr stie einen grmlichen Quieker aus, als ich
eintrat. Der Hausflur war finster, aber in dem daranstoenden Zimmer,
dessen Fenster mit buntem Kattun verhngt waren, brannte eine kleine
Lampe. Die "Sibylle" erhob sich und kam mir entgegen. Mit krummem Rcken,
auf einen Stock gesttzt, hob sie ihr verrunzeltes Gesicht, das in dem
trben Lichte der kleinen Lampe ganz gespenstisch aussah, zu mir empor.

"Wird er kommen?" fragte sie.

"Ich wei es nicht. Aber ich hoffe es; denn ich habe es ihm krftig
eingeredet. Ich gehe einstweilen in die Nebenstube und passe auf. Halten
Sie sich genau an unsere Abmachungen."

"Jawohl!" nickte das Weib.

Ich mute eine Stunde lang warten und gab den Plan, den ich gefat hatte,
beinahe auf. Noch zweimal hatte Stefenson heute von der Wahrsagerin
angefangen, und ich hatte ihm einige sehr merkwrdige Flle erzhlt, in
denen die Voraussagungen der Sibylle in verblffender Weise eingetroffen
waren. Nun kam er doch nicht. Schon wollte ich meinen Lauscherposten
verlassen, da sah ich den alten Fuchs um die Wegkrmmung treten und
vorsichtig umhersphen.

"Er kommt!" sagte ich zu der Sibylle durch die Tr. "Nun machen Sie Ihre
Sache gut."

Fnf Minuten spter hrte ich nebenan Stefenson eintreten.

"Guten Abend", sagte er etwas verlegen. "Ich komme mal zu Ihnen. Sie
brauchen sich deswegen nicht etwa einzubilden, da ich auf Ihren Quatsch
etwas gebe; aber ich habe von Ihnen gehrt, und da will ich mal einen
Versuch machen - der Wissenschaft halber, verstehen Sie?"

Die Sibylle rhrte sich nicht. Sie sah greulich aus. Die Gestalt war in
ein geflicktes Umschlagetuch gehllt, vor Stirn und Augen hatte sie einen
grnen Lichtschirm, ber dem der graue Scheitel struppig herausragte. Das
alte Weib betrachtete ihre ausgebreiteten schmutzigen Karten und sagte
kein Wort.

"Nun?" mahnte Stefenson ungeduldig.

Keine Antwort.

"Ja, wollen Sie nun geflligst mit mir sprechen?" brauste der Amerikaner
auf.

"Scheren Sie sich hinaus!" krchzte die Alte.

"Wa-as?"

"Hinausscheren sollen Sie sich!" wiederholte der hliche Rabe.

"Das ist stark!" sagte Stefenson verblfft. "Nun bleibe ich natrlich
hier!"

Er schob sich den wackligen Stuhl, der an der Wand lehnte, zurecht und sah
mit stoischer Ruhe zu, wie das alte Weib ihre Karten mischte und legte,
ohne ihn auch nur im geringsten zu beachten. Ich vergngte mich an meinem
Guckloche kniglich.

Endlich stand Stefenson auf, legte auf die Tischkante eine Mnze und sagte
mit erzwungener Hflichkeit:

"Madame, ich mchte gern durch Ihre Kunst meine Zukunft erfahren."

"Warten Sie!" schnarrte der Rabe.

Und Stefenson wartete. Sibylle betrachtete indes unverwandt ihre Karten.
Endlich schien sie fertig zu sein. Sie warf einen Blick auf das Geldstck
und sagte: "Auf zwanzig Mark kann ich nicht herausgeben. Es kostet
fnfundzwanzig Pfennig."

"Behalten Sie nur das Goldstck", erwiderte Stefenson. Da schnipste sie
mit dem Finger die Mnze vom Tische hinab auf den Fuboden und kreischte
wtend:

"Fnfundzwanzig Pfennig kostet es!"

Stefenson kramte in einer Westentasche und legte fnfundzwanzig Pfennig
auf den Tisch.

"Stecken Sie das Goldstck ein!" befahl die Alte. Stefenson leuchtete mit
Streichhlzern gehorsam den Fuboden ab, bis er die Goldmnze fand, und
steckte sie ein. Darauf mischte Sibylle die Karten, lie Stefenson dreimal
abheben und sagte:

"Sie sind neunundvierzig Jahre alt!"

Stefenson lachte rgerlich.

"Neununddreiig bin ich."

"So sehen Sie nicht aus!"

Darauf wurden die Karten auf den Tisch gebreitet.

"Richtig - erst neununddreiig", sagte die Wahrsagerin.

"Am 14. April geboren."

"Das stimmt!" rief Stefenson verblfft.

"Es stimmt alles, was ich sage", knurrte die Alte.

"Sie haben weder Vater noch Mutter, Bruder noch Schwester. Sie sind nicht
aus diesem Lande, Sie sind ber das Wasser gekommen."

Stefenson setzte sich staunend auf den Stuhl.

"Sie sind sehr reich", fuhr die Alte fort, "und werden immer reicher
werden; aber Sie haben Unglck in der Liebe."

"Ja", murmelte Stefenson.

"Ihre Braut heiratet einen anderen."

"Ist das wahr?"

"Ja. Aber Sie sind selbst schuld; Sie haben Ihre Braut schlecht behandelt
und sie betrogen."

Stefenson sthnte leise. Die Alte fuhr fort:

"Wenn Sie sich mit dem neuen Brutigam Ihrer Braut duellieren, werden Sie
ihn tten."

"A-ah!"

"Ja, aber es wird Ihnen schlimm ergehen, weil er ein vornehmer Herr ist,
und das Mdchen wird doch einen anderen nehmen."

"Wird sie glcklich werden?" fragte Stefenson.

"Sie wird mit jedem Manne glcklich werden, den sie nimmt. Nur mit Ihnen
wre sie unglcklich geworden."

"Das ist nicht wahr!" rief Stefenson.

"Das ist ebenso wahr, als da Sie nach einem Jahre eine reiche
Amerikanerin heiraten werden."

"Schwindel!" rief Stefenson erbost. "Ich werde nie eine andere heiraten.
Sie schwafeln da einen ungeheuren Bldsinn zusammen!"

"Scheren Sie sich hinaus!" kreischte der Rabe wtend und klappte die
Karten zusammen.

"Ich bitte, da Sie weitersprechen", beruhigte sich Stefenson gewaltsam.

Die Alte aber erhob sich und humpelte der Nachbartr zu.

"Bleiben Sie da", rief Stefenson; "ich habe doch fnfundzwanzig Pfennig
bezahlt."

Sie gab keine Antwort, verschwand hinter der Tr und schob den Riegel vor.

In diesem Augenblick sprang ich im Nebenzimmer aus dem Fenster hinaus in
den Garten, ging ums Haus herum und trat durch den Flur in die
Vorderstube.

Als Stefenson und ich uns sahen, prallten wir voreinander zurck.

"Sie - Doktor?"

"Sie - Stefenson?"

Er lachte auerordentlich verlegen. Leise sagte er: "Aber wissen Sie - nur
der Wissenschaft halber ..."

"Ja - ich natrlich auch nur der Wissenschaft halber. Waren Sie schon
dran?"

"Ja. Und es hat merkwrdig gestimmt. Jetzt ist die Alte da hinein und hat
sich abgeriegelt. Aber ich warte, bis sie herauskommt; ich will noch mehr
erfahren."

"Wenn es Sie nicht strt, warte ich mit."

Ich sah, da ihm mein Erscheinen gar nicht recht war, aber ich setzte mich
auf den Tisch und lie die Beine herabbaumeln. Eine halbe Stunde verging;
es wurde langweilig. Ein paarmal hatte Stefenson an die Tr der anderen
Stube geklopft, aber keine Antwort erhalten. Endlich hrten wir drin ein
Gekrabbele.

"Sind Sie noch da?" krchzte die Sibylle.

"Jawohl!" antwortete Stefenson.

Ein Scharren kam von nebenan, dann sagte die Alte:

"Ich werde Ihnen fr Ihre fnfundzwanzig Pfennig jetzt noch zeigen, wie
Ihre knftige Frau aussieht, und dann scheren Sie sich endlich fort."

"Ich will nichts wissen von einer knftigen Frau, ich bleibe ledig!"
widersprach Stefenson. "Kommen Sie lieber heraus und geben Sie mir noch
auf einige Fragen Auskunft."

"Nein!" brummte der Rabe. "Sie werden nur noch Ihre knftige Frau sehen!"

Die Tr sprang auf, und in ihrer ffnung stand Eva Bunkert in ihrer ganzen
strahlenden Schnheit. Stefenson fate sich an den Kopf.

"Eva!"

"Ja, ich bin's!" sagte das Mdchen, blieb stehen und lachte.

"Wie ist das mglich? Wie ist das nur mglich?" Stefenson machte den
Eindruck verdattertster Hilflosigkeit. Da sprang ich vom Tisch herunter,
brach in Gelchter aus und schrie jubelnd:

"Wir haben einen alten, sehr alten Fuchs gefangen. Horrido!"

Eva hatte glhrote Wangen. Sie trat auf den wie angewurzelt dastehenden,
staunenden Stefenson zu, reichte ihm die Hand und sagte mit warmem Ton in
der Stimme:

"Mein Lieber, Sie werden mir wegen dieser Komdie nicht zrnen. Eine
kleine Strafe wenigstens hatten Sie fr Ihre Ignazmaskerade doch wohl
verdient."

"Ich verstehe nichts - nichts von allem", stammelte Stefenson. Da griff
ich ein.

"Also, lieber, alter Fuchs, ich will Ihnen alles kurz erklren, was jetzt
Ihr in eine Wolfsgrube gefallener Verstand doch nicht von selber findet!
Die Sibylle, die Sie befragt haben, war niemand anders als Frulein Eva
selbst."

"Oh - oh - und die wirkliche Sibylle?"

"Sitzt in der Dachkammer und hat uns gegen Geld und gute Worte ihr
Amtslokal mal vorbergehend berlassen. Ist das nicht gut?"

Er sagte nicht, da das "gut" sei. Ganz frmlich wandte er sich an Eva.

"Mein gndiges Frulein, es ist ja recht, recht liebenswrdig, da Sie mit
mir zu scherzen belieben; aber ich darf wohl einigermaen erstaunt sein,
da ich erst heute morgen in der Zeitung -"

Ich griff wieder ein.

"Die 'Neustdter Umschau' war die zweite Wolfsgrube, in die Sie glitten,
verehrter Fuchs, oder vielmehr die erste. Denn die Notiz habe ich
geschrieben, habe sie in die 'Umschau' lanciert, aber nicht etwa in die
ganze Auflage, sondern nur in die beiden Exemplare, die bei Ihnen und bei
mir abgegeben werden. Da ist eben fr diese zwei Nummern im Satzspiegel
eine kleine nderung gemacht worden."

"So ist wohl alles gar nicht wahr?"

"Nein, es ist nicht wahr", sagte Eva und wurde in dem Mae rter, als
Stefenson bleicher wurde. Ich frchtete mit einem Male, der Scherz knne
noch schief ausgehen, und sagte deshalb:

"Nanu, Stefenson, spielen Sie bitte nicht etwa die gekrnkte Unschuld. Da
wren Sie gerade der Rechte dazu. Was haben Sie uns genarrt! Mit der
Ignazgeschichte und mit Ihren Umschau-Artikeln, auch als Journalist Brown.
Ihr Sndenregister ist in dieser Hinsicht so gro, da unsere kleine List
eine uerst gelinde Strafe ist."

"Und - und der Graf Simmern - und der herzogliche Kammerherr?"

"Himmel, Stefenson, sind Sie heute schwer von Begriffen, diese Simmerns
existieren doch gar nicht."

"Ah - so ist das gewesen? Die Anzeige war geflscht, und die Wahrsagerin
waren Sie selbst. - Es - es ist ja sehr witzig! Gndiges Frulein, Sie
haben die alte Sibylle ausgezeichnet gemimt. Ich glaube, Sie sind eine
groe Schauspielerin."

Es war mir, als ob in Evas Augen eine geheime Angst trte. Ich sagte:

"Nun sehen Sie, ob ein Mister Stefenson in den Ferien vom Ich in die
Tracht eines Bauernknechtes kriecht oder ob eine Opernsngerin mal in das
Habit einer Wahrsagerin schlpft, bleibt sich ganz gleich. Das ist doch
selbstverstndlich."

Seine Augen irrten umher.

"Ich frchte, die wirkliche Sibylle wird sich in der Bodenkammer erklten.
Man sollte sie jetzt herunterrufen."

Die Stimmung wurde frostig. Ich sah, da Evas rote Wangen verblichen. In
diesem Augenblick humpelte die wirkliche Sibylle ins Zimmer. Sie lachte
albern und blinzelte verlangend mit den Augen.

"Na, Sibylle", sagte Stefenson, "Sie werden ja von den Herrschaften schon
bezahlt sein; da haben Sie auch von mir noch ein Trinkgeld."

Er legte ein Fnfzigpfennigstck auf den Tisch. Die Alte fauchte
unzufrieden; mir ging die Laune aus. "Gehen wir hinaus!" sagte ich. Ich
half Eva den Mantel umlegen und fhlte, wie das Mdchen erregt war.
Schweigend stiegen wir den Berg hinauf. Ich hatte einen mchtigen Groll
auf Stefenson. Er selber hnselte alle Welt, aber einen Scherz gegen seine
eigene hohe Person vertrug er nicht. Da hatte mir nun in all den Wochen
die schne Eva brieflich ihren Liebeskummer geklagt, ich hatte ihr langsam
den Zorn gegen Stefenson, den sie der Ignazmaskerade wegen hegte,
ausgeredet, sie hatte endlich den Brief mit der Stelle von Jakob, der um
Rahel dient, erhalten, war dadurch gerhrt, heimlich in Waltersburg
angekommen und hatte sich in der Wohnung ihres Vaters, unseres jetzigen
Baurats, versteckt. Liebesselig und voller Sehnsucht. Ich, der das Mdchen
selbst geliebt hatte, war mit mir fertig geworden, guter Laune zu sein und
ihr zu einem unschuldigen Racheplan gegen den Geliebten zu helfen. Nun
scheiterte alles am Hochmut dieses Hansnarren.

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Wir waren kurz vor dem Grundhof, da blieb Stefenson pltzlich stehen und
fing unbndig an zu lachen. Es war schon gar kein Lachen mehr, es war ein
Kollern.

"Also", sagte er, "nun haben sie den Fuchs gefangen, und da sie ihn in der
Falle haben, machen sie beleidigte Gesichter, weil der Gefangene knurrt,
was doch selbstverstndlich ist. Lieber Doktor, Freund und Menschenkenner,
bitte, gehen Sie mal freundlichst voran bis zur Lindenherberge und
erwarten Sie uns im Poetenwinkel. Wir kommen langsam nach."

Ich ging voran, und als die beiden anderen im Poetenwinkel eintrafen, sah
ich in ihnen ein glckliches Paar.

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Es war noch nicht spt, wir waren im Poetenwinkel allein, die Feriengste
noch alle beim Abendbrot. Als wir mit dem allerbesten Wein, den der
Herbergsvater besa, angestoen hatten, sagte Stefenson so ganz nebenher
zu mir:

"Da der Kerl von der 'Umschau' zwei Mark fr die Zeile der geflschten
Verlobungsnotiz von Ihnen genommen hat, war unverschmt. Eine Mark wre
auch genug gewesen."

"Woher wissen Sie den Preis?"

"Na, ich war doch drben in der Redaktion."

"In der Zeitung? Wann? Heute nachmittag?"

"Ja, natrlich! Ich witterte etwas und wollte wissen, woher die 'Umschau'
die groe Neuigkeit habe, und da kriegte ich mit Hilfe einiger
berredungskunst und einigen Papiergeldes den ganzen schnen Schwindel
heraus."

"Das ist infam!" rief ich.

"Er hat alles gewut", sagte fassungslos die schne Eva.

"Jawohl, alles!" schmunzelte Stefenson. "Dann, als ich von Neustadt
zurckkam, ging ich gleich wieder zu unserem Herrn Doktor, und als mir der
so ganz geschickt und ganz und gar unauffllig suggerierte, ich solle doch
durchaus mal zu der alten Sibylle gehen, da sagte ich mir: Hm, da ist was
dahinter! Da werden die Schlauberger mit dir wohl noch was vorhaben. Und
ich ging zu der alten Sibylle."

"Er hat mich sofort erkannt", klagte Eva. "So schlecht habe ich gespielt."

"Du hast herrlich gespielt!" rief Stefenson. "Du bist eine groe
Knstlerin. Die Sprache - zum Frchten; das uere - zum Schlechtwerden.
Zum Beispiel diese borstigen Warzen an Kinn und Hals. Ich habe nie eine
schrecklichere Theaterhexe gesehen."

"Es ist aus mit meiner Bhnenlaufbahn", sagte Eva. "Das ist die
furchtbarste Kritik, die ich bekommen konnte. Ich kann ihm nie, nie was
vormachen!"

"Nein", sagte Stefenson mit groer Befriedigung, "und weil ich jetzt wei,
da du mir nie etwas vormachen kannst, heirate ich dich. Ich heirate dich
mit groer innerer Ruhe und mit sehr groem Vergngen!"

Da uns aber auch diesmal der alte Fuchs bertlpelt hatte, rgerte mich
so, da mir der gute Wein nicht mehr schmeckte.





                                  ADVENT


Es ist nun still geworden bei uns. Stefenson ist nach Amerika hinber, um
in Eile seiner knftigen Frau ein Heim zu bereiten. Diesmal ist er
wirklich abgereist; ein Vertrauensmann von mir hat ihn in Hamburg an Bord
gehen sehen. Eva wohnt zwar bei ihrem Vater, hlt sich aber allermeist im
Forellenhof auf, der ihre zweite Heimat geworden ist. Der Bauer Barthel
hat seit dem Abenteuer seiner Verhaftung an Reputation etwas eingebt und
steht jetzt ganz unter dem Regiment der dicken Susanne; aber der alte
Friede ist wiedergekehrt.

Nur ein wenig still ist es. Methusalem und Emmerich, die lustigen
Burschen, haben auch lngst schweren Herzens von uns Abschied nehmen
mssen, um in ihr brgerliches Leben zurckzukehren, und Piesecke ist vom
Forellenhof fortgezogen. Er wohnt jetzt in der Waldschlzerei. Er sagte
mir, "er habe an Barthel und Susanne mit der Zeit ein Haar gefunden" und
wolle auch Eva aus dem Wege gehen. In Wirklichkeit hegt sein
leichtbewegliches Herz bereits eine neue Sehnsucht, und diese Sehnsucht
wohnt in der Waldschlzerei. Sie heit Agathe.

"Lieber Herr Doktor", sagte er dieser Tage zu mir, "wenn mich die kleine
Agathe will, dann mchte ich sie heiraten und mit ihr immer hier bei Ihnen
im Heim bleiben. Vielleicht kann ich mich mit etwas Kapital beteiligen und
eine kleine Stellung, so als Subdirektor oder hnlich, bekommen. Ich
mchte nicht wieder fort von hier; die groe Welt hat allen Reiz fr mich
verloren."

"Wir wollen abwarten und berlegen, lieber Piesecke."

"Ich soll immer abwarten, nie handeln", sagte er betrbt.

"Sie haben eben in Ihrem frheren Leben etwas zu viel gehandelt, lieber
Freund. Deshalb sind Sie ja jetzt in den Ferien."

Da fgte er sich. -

Mit dem schweizerischen Namen "Heimwehfluh" ist eines unserer kleinen
Anwesen benannt, das in einer Waldecke so abseits vom Wege liegt wie die
Genovevenklause. Auf der Heimwehfluh wohnt jetzt Kthe mit ihrem Kinde.
Die Frau ist bla und von zartester Gesundheit; aber ich habe nur mit Mhe
durchsetzen knnen, da sie eine Bedienerin annahm. Sie wollte mit Luise
ganz allein sein.

Das Mdchen ist viel ruhiger geworden. Wohl hindert es die Mutter nicht,
zu anderen Kindern zum Spielen zu laufen, ja sie drngt es oft dazu, aber
das Kind bleibt am liebsten daheim. Dort ist es in einem ewig sonnigen
Paradies der Mutterliebe. Die Mutter dichtet Geschichten um Geschichten,
die Mutter spielt so schn, wie niemand spielen kann, die Mutter macht
selbst das Lernen zur Lust.

Kthe und das Kind sind noch die einzigen Kameraden, die ich hier habe.
Sie stren mich nicht. Ich wei, da sie im Frieden sind und da sie mir,
wenn ich frage, wie es ihnen geht, immer nur die eine Antwort geben
werden: "Es geht uns gut!" Es ist schn, Menschen zu begegnen, die sagen,
da es ihnen gut gehe; es ist wie ein herzstrkender Blick auf ein
heiteres Gelnde, der sich bei einer so lieben Antwort auftut.

Im Forellenhof wird jetzt viel geschneidert, gestrickt, gebastelt. Eva
schafft an ihrer Ausstattung, und alles Weibsvolk ist ganz nrrisch, ihr
dabei zu helfen. Es ist sehr heimlich in der groen Bauernstube. Der Wind
zieht um die Giebel oder pfeift auf dem Schornstein wie auf einer groen
Flte, der Regen knistert am Fenster, das Feuer flackert im Herd, die alte
Uhr geht freundlich ihren Weg hin und her mit ihrem Schlenkerbein.
Manchmal erzhlt eine der Frauen eine Geschichte, manchmal rattert eine
Nhmaschine, manchmal spielt Vater Barthel auf der Ziehharmonika, oft
kommt einer von den "Mannsvlkern" in die Stube, schttelt sich wie ein
Pudel, wrmt sich am Ofen und sagt etwas Nettes oder etwas Dummes, ber
das gelacht werden kann. Was bei der Hausarbeit herauskommt, kann ich
nicht beurteilen. Eva wird eine sehr reiche Frau sein, aber vielleicht
sind ihr einmal diese mit recht verschiedenartigem Talent im Ferienheim
gestickten Monogramme und Schneidereien lieb und wert ...

Ich bekam eben einen Eilbrief von Methusalem aus Mnchen:






      "Lieber Doktor!

Unser Freund Stefenson (wo htte ich den Heimtcker in dem langen Ignaz
vermutet!) hat mich von Amerika aus mit der ehrenvollen Aufgabe betraut,
die ueren Feierlichkeiten seines Hochzeitsfestes in Regie zu nehmen.
Trotz meines hohen Alters will ich die Aufgabe bernehmen. (Notabene: Was
sagen Sie als Mediziner dazu, da ich mit neunhundertachtundneunzig und
dreiviertel Jahren noch einen Weisheitszahn kriege?) Also bernehmen! Die
bewilligten Mittel sind geners. Man knnte damit alle Einwohner eines
deutschen Herzogtums drei Tage lang freihalten. Ich werde mit einem
Bruchteil des Geldes auskommen, und das Fest wird dennoch glnzend sein.
Mein Freund Emmerich, bekanntlich Gesanglehrer an einer Taubstummenanstalt
und auch sonst ein berhmter Musiker, bernimmt den musikalischen Teil.
Das Fest soll am ersten Weihnachtsfeiertag im Rahmen eines groen
deutschen Weihnachts- und Weihespieles stattfinden. Es ist allerhchste
Zeit, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Erwarten Sie mich also schon
morgen; sagen Sie Frau Susanne, da ich vor Sehnsucht nach ihr brenne,
durch welch schne Redewendung sie erinnert sein soll, mein Zimmer gut zu
heizen, und bewegen Sie Freund Piesecke, in den intimeren Festausschu
einzutreten.

                                                  Ihr getreuer Methusalem.

Nachschrift! Ich habe heute aus Freude, so bald nach dem geliebten
Waltersburg zurckkehren zu knnen, bereits fnf Purzelbume in meinem
Bett geschlagen. Ich finde das zwar unpatriarchalisch, aber es mute sein!

                                                              Methusalem."






Frau Susanne strahlte, als ich ihr Methusalems baldige Ankunft
verkndigte, und rannte spornstreichs nach dem Kohlenkasten. Sie kann
ihren ltesten Sohn nicht lieber haben als diesen Maler, der sie doch
stndig rgert und ber den sie stndig schimpft.

Mit Piesecke dagegen hatte ich Schwierigkeiten.

"Ich lehne ab, dem Festausschu beizutreten", sagte er kalt, als ich ihm
Methusalems Brief vorgelesen hatte. "Denn erstens, dieser Stefenson, der
mich als Knecht Ignaz gemihandelt hat, verdient von mir keine
Geflligkeit, und diese Eva auch nicht. Was aber Methusalem und Emmerich
anbelangt, so habe ich mich einmal mit ihnen eingelassen und die
traurigsten Erfahrungen mit ihnen gemacht."

"Lieber Piesecke", sagte ich, "Sie werden sich das noch berlegen. Was
Stefenson anlangt, so sind Sie eine viel zu groe Natur, um nachtrgerisch
zu sein. Und mit Methusalem und Emmerich drfen Sie sich ruhig verbinden.
Ich gebe zu, da sich die beiden in der Waltersburger Schlacht feig und
schbig benommen haben. Whrend Sie kmpften, hat der eine gezeichnet, der
andere seine Hymne gesungen. In den Kampf eingegriffen haben sie beide
nicht, obwohl es ihre Pflicht war. Sie sind eben keine Helden. Ein Fest
aber ist keine Schlacht; da werden die zwei ihren Mann stellen. Im brigen
gebe ich Ihnen zu bedenken, da, falls Sie sich fernhielten, Frulein
Agathe aus der Waldschlzerei den schweren Verdacht schpfen knnte, Sie
htten Ihren Gram um die verlorene Eva immer noch nicht verwunden."

"Oh", rief da Piesecke, "den hab ich grndlich verwunden. Aber Sie haben
recht, der Verdacht lge nahe. Also mache ich mit!"

Schon am nchsten Morgen kehrten unter ungeheurem Hallo Methusalem und
Emmerich nach dem Ferienheim zurck. Eine Stunde spter fand die erste
"Geheime Sitzung des intimeren Festausschusses", bestehend aus Methusalem,
Emmerich und Piesecke, statt. Ich hatte bescheiden angefragt, ob ich eine
beratende Stimme im Ausschu haben drfte, dieses war aber abgelehnt
worden.

         -------------------------------------------------------

Was hatten wir fr einen schnen Heiligen Abend! Auch ber die Festtage
war unsere Anstalt mit Gsten gut besetzt, aber die Leute waren alle kurz
vor dem Christabend etwas stiller geworden. Ich merkte, wie viele an
Heimweh litten. Durch einen besonderen Anschlag war rechtzeitig
bekanntgegeben worden, da jeder Feriengast ein Paket nach Hause senden
und ein solches von Hause erbitten solle. In den letzten Tagen trafen
viele solche Liebesgaben bei uns ein. Sie wurden in der Direktion
aufgestapelt. Wie nun der Abend kam am 24. Dezember, dieser heilig-se
Abend, an dem alle Herzen anders gehen als sonst, ritt auf schneeweiem
Ro Knecht Ruprecht von Haus zu Haus. Hinter ihm fuhren in einem mit
Silber, Gold und Tannengrn geschmckten Schlitten vier Engelein, von
denen eines die kleine Luise war, dann kam ein Blserchor, zuletzt
stampften Zwerge und Waldgeister durch den Schnee, die schleppten alle
Pakete auf den Schultern und taten, als ob sie schwer daran zu tragen
htten.

Vor jedem Bauernhof wurde haltgemacht. In der groen Stube brannte der
Christbaum; Knecht Ruprecht trat ins Zimmer und sagte seinen
Weihnachtsgru, die Engelchen sangen ein Lied, der Blserchor blies vor
dem Hause einen Choral, und die Zwerge und Waldgeister schleppten Pakete
herbei - Gre aus der Heimat.

Da hat keinem von unseren Feriengsten die Weihnachtsstimmung gefehlt.

Auch ich hatte meine Weihnachtsfreude. Am Nachmittag erhielt ich ein
Kabeltelegramm von der Mutter aus Rio:

"Sehne mich nach dir. Gre von Joachim und mir an dich, Luise, Kthe und
die Heimat. Eure Mutter."

Frieden auf Erden! Ich ging nach der Heimwehfluh. Kthe sa am Fenster,
sphte nach dem Lichtschein der Fackeln, die den Schlitten begleiteten,
darin ihr Kind sa, und hrte auf die alten Weihnachtslieder, die aus dem
Tale klangen.

Ich gab ihr das Telegramm. Sie las es und wurde zum ersten Male wieder ein
wenig rot im Gesicht.

"Schenke es mir zu Weihnachten", bat sie.

"Ich habe es dir ja gebracht."

Ich blieb bei ihr, wollte Luises Rckkehr abwarten.

Da sagte sie im Laufe des Abends:

"Ich wei wohl, da es nicht mehr allzu lange mit mir dauern kann. Aber
sage mir, ob ich bers Jahr zu Weihnachten noch leben werde."

"Bestimmt, Kthe."

Da trat ein Lcheln auf ihre Zge.

"Das ist noch eine lange Zeit zum Glcklichsein!"





                            HOCHZEIT UND ENDE


Stefensons Hochzeit fand am spten Nachmittag des ersten Christfeiertages
in aller Stille in der Waltersburger Kirche statt. Nur Evas Vater und ich
waren als Trauzeugen gegenwrtig. Wir waren nicht ber den Marktplatz,
sondern auf einem Umweg nach der Kirche gefahren. So war das von
Methusalem angeordnet worden. Auf demselben Wege, den wir gekommen, muten
wir auch wieder nach Hause fahren. Ich merkte, da Stefenson verwundert
war. Die heilige Handlung in der Kirche hatte ihn gerhrt, und er hatte
wohl erwartet, da es von der Kirche direkt nach dem Marktplatz zu einer
stimmungsvollen groen Weihnachts- und Hochzeitsapotheose gehen wrde.

Wir fuhren aber nach dem Heim zurck, und zwar nach dem "Rathaus", und
wurden dort im groen Saal von zahlreichen Feriengsten erwartet. Das
Brautpaar wurde mit Heilrufen empfangen und zu seinen Ehrensitzen
geleitet. Ein schnes Mdchen mit roten Rosen im Haar berreichte den zwei
Glcklichen einen goldenen, mit Wein gefllten Pokal, das
Hochzeitsgeschenk des Heimes, und sprach dazu Verse, die ein im Heim
anwesender Dichter geschaffen hatte:

   "Alles Wnschen geht zur Ruh:
   Du bist ich, und ich bin du!
   All dein Schmerz und Leid ist mein,
   All mein Gut und Glck sind dein!
   Wo dein Fu geht, ist mein Ziel,
   Was zum Dienst dir, ist mein Spiel;
   Deine Blumen pflanze ich,
   Deine Tnze tanze ich;
   Ich will deinen Kummer klagen,
   Du sollst meine Krnze tragen;
   Ich kann nimmer mde sein,
   Ehe du nicht schlummerst ein;
   Ja, mein Gott grt mich von fern,
   Strahlt auf dich ein goldner Stern."

So sprach der Dichter in den Ferien vom Ich zu dem Brautpaar.

Schne Lieder wurden gesungen, die Musikmeister Emmerich eingebt hatte.
Ansprachen wurden gehalten von unserem Direktor, von je einem Vertreter
der Kurgste wie der Angestellten, schlielich sprach auch ich ein paar
Freundesworte.

Stefenson war bewegt, als er fr die Liebe, die er erfuhr, dankte, als er
sagte, er habe in diesem deutschen Tale den Frieden gefunden, den er
drben im Lande der rcksichtslosen Dollarjagd niemals gekannt hatte. Hier
habe er nach einem Leben voll Aufregung, berarbeit und gelegentlichen
wilden Genssen nicht nur Ferien, sondern Feierabend gemacht. Er wisse
jetzt, da er die Frau seines Herzens gefunden habe, da ein hheres Glck
ihm Gott nicht mehr geben knne, und so wolle er drben in Amerika seine
Beziehungen klug und vorsichtig zu lsen suchen und dann ganz nach
Deutschland ziehen, das ja doch seine wahre Heimat sei.

                                    *

"Und nun", kommandierte Methusalem, "groer Festkorso auf den
Weihnachtsberg."

Drauen war es stockdunkel; die Straenbeleuchtung war ausgeschaltet; aber
Fackeln und Laternen leuchteten phantastisch, und der Schnee schimmerte.
Wohl fnfzig Schlitten hielten da. Dem Zuge voran leuchtete eine riesige,
ballonartige Laterne, die an hohen Stangen getragen wurde. Auf der einen
Seite zeigte die Ballonhlle das liebliche Bild der "Hanne vom
Forellenhof", auf der anderen eine scheulich anzusehende, aber genial
gezeichnete Karikatur Stefensons. Ein Meisterstck Methusalems.

Vom Berg herab kam uns viel Volk entgegen; die Leute trugen Laternen mit
transparenten Bildern: Methusalem hatte sich selbst verewigt, als
tausendjhrigen Greis voller Gte und Abgeklrtheit, Emmerich war von
einem Mckenschwarm fliegender Noten, Violinschlssel, Kreuzen,
Auflsungszeichen und Fermaten umgeben, die dicke Susanne strahlte in
zinnoberrotem Licht und schimpfte frchterlich, als sie ihr Konterfei sah,
Barthel als gefesselter Verbrecher war zu sehen, Levisohn mit einer
riesigen Reklametrompete, Piesecke als Gott Mars in furchtbarer Rstung,
schlielich auch mein etwas ins Sentimentale karikierter Kopf, den ein
Kranz von heulenden, bellenden, hochnsigen, sich Flhe schabenden Dackeln
lieblich umrahmte. Lauter Meisterwerke des liebenswrdigen Greises und
Vergngungsleiters Methusalem.

Als wir der Weihnachtsburg nher kamen, erstrahlte sie in farbigen
Lichtern, Bllerschsse hallten ber Berg und Tal, und ein Chor blies vom
grauen Turme herab:

   "O du frhliche, o du selige,
   Gnadenbringende Weihnachtszeit."

Gleich hinterher aber:

   "Wenn Weihnachten ist,
   Wenn Weihnachten ist,
   Dann kommt zu uns der heil'ge Christ;
   Bringt jedem eine Muh,
   Bringt jedem eine Mh,
   Bringt jedem eine wunderschne Schnttertttt!"

Unter den Klngen dieser groen Hymne der Frhlichkeit zogen wir in die
Weihnachtsburg ein.

Der groe mit Tannenreis ausgeschmckte Saal der Weihnachtsburg fllte
sich mit Menschen; Brutigam und Braut waren zunchst nicht zu sehen. Nach
etwa einer halben Stunde aber erschienen beide auf einer kleinen Empore.
Sie hatten ihre hochzeitlichen Kleider abgetan und waren in phantastischen
Kostmen, er als Winterknig, sie als Knigin. Regie Methusalem!

Mit donnerstimmigem Heilruf wurde das Brautpaar begrt. Holdselig
lchelnd grte die Braut in den Saal; steif und ungelenk verneigte sich
Stefenson. Er fhlte sich als Winterknig sichtlich unbehaglich. Der Thron
stand auf einer amphitheatralisch ansteigenden Bhne. Ich selbst war als
"Kammerherr" neben Stefenson plaziert.

Scheinwerfer warfen auf uns wechselnde Lichter. Atemlos stand das
schlichte Bergvolk. Alle Mrchen- und Himmelstrume schienen vor ihm
erfllt. Feierliche Weisen erklangen, und dann sprach nicht der
Winterknig Stefenson, wie alle vermutet hatten, sondern Herr Methusalem
sprach, der die Tracht eines mittelalterlichen Notarius angelegt hatte. Er
entfaltete ein Pergament und verkndete: "Edles Gefolge des Knigs und der
Frau Knigin! Ich als Kanzellarius Seiner Majestt Knig Stefensons des
Ganzgroen und Hochdero majesttischer Gemahlin Hanne der Einzigen
verknde, damit es mnniglich erfahre, feierlich, ffentlich und
unwiderruflich folgendes:

Wir, Stefenson der Ganzgroe und Hchstmeine erlauchte Gemahlin Hanne,
wollen, da dieser glckliche Tag ein Andenken hinterlasse. Darum machen
wir fr Waltersburg eine Stiftung von hunderttausend Mark mit der
Bestimmung, da alljhrlich ein Drittel der Stiftungszinsen alten
bedrftigen Eheleuten, ein zweites Drittel den Waltersburger Schulkindern
zugute komme; das dritte und letzte Drittel aber ist zu
Hochzeitsgeschenken fr die in jedem Jahr Heiratenden bestimmt, von
welcher Stiftung sich keines, auch nicht das wohlhabendste Brautpaar
ausschlieen soll, auch wenn es nur ein Blumenstruchen annimmt; den
rmeren aber soll ein guter Happen fr den Nestbau gegeben werden."

Eine brausende Welle des Beifalls donnerte durch den Saal.

Ich sah verwundert auf Stefenson und flsterte ihm zu:

"Wissen Sie etwas von dieser Stiftung?"

"Kein Wort! Der Kerl verschenkt mein Vermgen."

Mir wurde doch etwas schwl. Oh, dieser Methusalem - dieser Regisseur!

Methusalem fuhr fort:

"Stefenson fragt nicht nach Ehre und Ruhm, nicht nach Beifall und Dank.
Nur Liebe und Vertrauen will er. Auf diesem goldenen Untergrunde will er
mit euch leben und schaffen fr das Gedeihen seiner Grndung, fr den Ruhm
Waltersburgs, fr das Heil der Menschheit. Nun wit ihr vielleicht alle,
da unter den vielen Geplagten, die in der harten Schule des Lebens mde
und krank geworden, hier in dieses schne Tal kommen, um Ferien zu machen,
einer daherhumpelte, von langer, langer Reise, auf der er Arbeit und Mhe
in ertrglichem Mae, Verkennung und Not in berflle, echtes Glck und
wahre Freude aber wenig fand. Dieses Mannes Leben war lang, er war
Methusalem. Hier in Waltersburg aber fand Methusalem Freude und Friede.
Methusalem ist der Leiter dieses Festes, Methusalem ist aller Weltweisheit
und Welterfahrung voll, darum soll auch die Stiftung, die Stefenson heute
macht, nicht Stefenson-Stiftung, sondern Methusalem-Stiftung heien."

Das Volk staunte.

"Auch das noch!" sagte Stefenson neben mir.

"Ja, es ist frech; auer den fnftausend Mark, die Methusalem neulich fr
Susannes Bild erhielt, hat er sicher nicht einen roten Heller. Und macht
eine Methusalem-Stiftung von hunderttausend Mark!"

Da erhob sich Stefenson zur Rede. Tiefe Stille.

"Meine lieben Waltersburger, von allem, was Methusalem an meiner Statt
hier gesagt hat, mu ich nur einem widersprechen, das betrifft die
Stiftung."

Bestrzung. Schweigen.

"Methusalem, mein bevollmchtigter Hochzeitskanzler, hat sich in einem
Irrtum befunden, den ich berichtige. Die Stiftungssumme betrgt nmlich
nicht einhunderttausend Mark, sondern dreihunderttausend Mark!"

Erst Stille. Dann knallartig losbrechender, rasender Tumult. Die Braut
stand auf, der Brutigam sprach auf sie ein, whrend die Leute lrmten;
die Augen der glckseligen Braut glnzten, sie schmiegte sich fest an den
Arm des starken Mannes. Methusalem stand mit eigentmlichem, fast
weinerlichem Lcheln daneben. Stefenson verschaffte sich wieder Gehr.

"Brger von Waltersburg! Nur die Stiftungssumme hatte ich zu berichtigen,
alles andere bleibt, wie es der weise Methusalem angeordnet hat, die
Verteilung der Zinsen wie auch der Name: Methusalem-Stiftung."

Da fing Methusalem, der durchtriebene Methusalem, der aussah, als sei er
fnfunddreiig Jahre, und doch nach seiner eigenen Angabe
neunhundertneunundneunzig war, an richtig zu heulen. Und zwar nicht so wie
ein tausendjhriger Mummelgreis, sondern wie ein Mann der Dreiiger
gelegentlich mal heult.

         -------------------------------------------------------

Nach meiner Mutter Haus hatte Methusalem, der Leiter des Festes, die
Koffer des Brautpaares schaffen lassen. Dort kleidete sich das Paar, als
sich der Trubel verlaufen hatte, zur Reise an. Dann fahren sie noch heute
mit dem Nachtzuge davon.

Wir waren in der Wohnstube der Mutter. Ein paar nahestehende Freunde waren
da.

Zum Abschied sagte Stefenson zu mir:

"Es gibt kein besseres Band, das Freundschaft bindet, als das gemeinsame
Schaffen an einem erfolgreichen Werke. So werden wir zwei immer gute
Freunde sein. Wir wollen 'du' zueinander sagen wie Brder!"

Ich schlug in die dargereichte Hand.

"Wann kommst du wieder?"

"Ich wei es noch nicht; ich wei nicht, wie und wann ich drben loskomme.
Aber loskommen werde ich. Was ich dann tue, kann ich noch nicht sagen.
Vielleicht tauchen eines Tages zwei Feriengste bei euch auf, irgendein
Herr Schulze mit Frau, und vielleicht kommen dir diese Gste bekannt vor.
Ich werde nie anders denn als Gast im Ferienheim einkehren; ich will diese
meine Lieblingsschpfung mir nicht zum Verwaltungsbezirke, nicht zum
Arbeitsgebiete werden lassen, sondern hier soll mir eine Ferienzuflucht,
eine glckliche Heimat fr immer bewahrt sein."

Eva hrte ihm zu und war ihm dankbar fr diese Worte. O ja, diese beiden
paten zu einer Ehe, der starke Mann und das schne, frhliche Weib.

"Du freilich, lieber Freund, du hast hier keine Ferien; du hast hier deine
Arbeitssttte. Und wenn du einmal ausspannen willst, dann kommst du zu
uns, dann fahren wir mit dir, der dann der Stille entronnen ist, dorthin,
wo die Welt laut und bunt ist. Dort machst du dann Ferien von deinem
stillen Ich, und wenn du nach Hause zurckkehrst, wird dir das alltgliche
Leben wieder schmackhaft sein."

"Ja, so wollen wir es halten!"

"Nun denn, so wren wir wohl fr diesmal hier fertig."

Stefenson zog ein Notizbuch heraus und bltterte darin. Sein Gesicht bekam
wieder die alte Geschftsmiene.

"Halt, da ist noch etwas zu erledigen. Ich habe mir mal als Knecht Ignaz
von dem Schuhmacher Rhricht die Stiefel besohlen lassen. Er hat auf die
Rechnung geschrieben: Sohlen und zwei Abstze zwei Mark und fnfundachtzig
Pfennig, hat aber nur einen Absatz zu machen gehabt. Ich habe ihm daher
fnfundzwanzig Pfennig abziehen wollen, und wir haben so lange gestritten,
bis ich inzwischen verhaftet wurde und dann alles das andere kam. So steht
der Posten noch offen. Ich bitte, erledige das, lieber Freund! Aber nicht
zwei Mark und fnfundachtzig Pfennig, sondern nur zwei Mark und sechzig
Pfennige, hrst du wohl? Ein Knecht kann nicht fnfundzwanzig Pfennig
umsonst hergeben. Vergi es nicht! Rhricht heit der Mann, Hintermarkt
15, drei Stiegen."

Ein vergngtes Lachen tnte aus der Ecke von meiner Mutter Sofa.

"Was lachen Sie denn, Piesecke?"

"Ja, Pardon, Herr Stefenson, aber erst dreihunderttausend Mark verschenken
und dann wegen fnfundzwanzig Pfennig - so in der Abschiedsstunde - das -
das ist - Pardon - merkwrdig!"

"Gar nicht merkwrdig, lieber Piesecke. Weil ich immer die Rechnungen auf
die Fnfundzwanzig-Pfennig-Bilanz geprft habe, kann ich mal gelegentlich
dreihunderttausend Mark verschenken."

"Sehr - sehr kaufmnnisch! Sehr lehrreich!"

"Jawohl! Aber nicht fr Sie! Fr Sie wre das zu unfrstlich."

Wenig fehlte, so wren auch in letzter Stunde die alten Gegner, der
rechnende Kaufmann und der leichtfertige Frstensohn, noch aneinander
geraten. Die dicke Susanne wlzte sich zwischen beide und lschte mit
einer Flut von Abschiedstrnen den entstehenden Brand.

         -------------------------------------------------------

Sie sind alle fort. In tiefer Stille liegt der Marktplatz. Ich ffne das
Fenster. Die Luft ist milder geworden. Am hocherhobenen Arm des heiligen
Baptista hngt ein glitzernder schwerer Eiszapfen wie ein Schwert. Am
Himmel stehen zwischen dem Gewlk ein paar freundliche Sterne. Im
Schneemantel schaut der Heilige herber zu mir. Suchen seine Augen die
kleine, feine Frau, die sonst so oft zu ihm hinbertrumte?

Sie ist in weiter Ferne, bei dem, den ihre Sehnsucht suchte in all den
alten Tagen. Das Haus ist leer. Ich sehe mich in der groen Stube um, und
es ist mir auf einmal bange zumute wie einem Kinde, das nach Hause
gekommen ist, wenn Vater und Mutter nicht da sind. So schliee ich das
Fenster. Unschlssig bleibe ich noch ein Weilchen stehen, dann ziehe ich
die Uhr auf, fhle noch einmal an den Ofen. Endlich lsche ich die Lampe
aus und tappe die Treppe hinab ...

Ich habe jetzt groe Ferien vom Ich. Mutter und Bruder sind fort, der
Freund mit der Frau fort, die ich geliebt habe, auch Methusalem und die
anderen lustigen Kuze verschwinden bald wieder. Ich stehe ganz frei und
ganz allein auf dem Marktplatz von Waltersburg. Schlielich ist der alte
Baptista jetzt noch mein einziger, stndiger Freund hierzulande.

Ob die anderen wiederkehren werden? Wer kann es wissen? Wie lange die
stille Frau auf der Heimwehfluh sich noch ihres Kindes freuen wird, ein,
zwei, drei Jahre ...? Ob dann, wenn sie Ferien macht fr immer, die kleine
Anneliese, die jetzt als Schullehrerin in einem verlassenen Gebirgsdorfe
lebt, doch noch Joachims Frau werden und bers Meer zu ihm ziehen wird?
Und ob dann die Mutter heimkehren wird in ihre schne alte Stube? Lauter
Fragen ohne Antwort. Das Leben bringt nichts so leichthin zum Abschlu wie
ein Theaterstck oder ein Buch; es ist nie am Ende, es beginnt immer von
neuem.

So gehe ich von diesem Marktplatze hinweg, steige den Berg hinauf zu
meinem Werk.

Eine kstliche Siedlung ist da entstanden auf leeren Halden, im den
Walde. Hundert Fenster blitzen in goldigem Lampenlicht, Singen und Lachen
kommt aus den Bauernhfen. Alle Leute, die mir begegnen, gren mich oder
rufen mir freundlich zu. Hier bin ich nicht allein. Bei meiner Arbeit bin
ich zu Hause.

In der Wste sah ich einmal einen Mann mit gefllten Wasserschluchen am
Brunnen der Oase stehen, als sich unsere halbverschmachtete Karawane
fieberglhend auf sie zuschleppte. Da dachte ich, es msse schn sein, mit
gefllten Wasserschluchen Verdurstenden entgegenzusehen. Ich will so sein
wie jener Mann. Alle, die zu mir kommen von der heien Strae des Alltags,
will ich laben aus dem khlen Brunnen, den ich grub.

Dann wird es mir so gut ergehen, da ich nichts anderes vom Leben mehr
verlangen will; denn es ist die grte Lust des Lebens, anderen die Last
des Lebens zu erleichtern.






                       BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


Das Inhaltsverzeichnis wurde von der letzten Seite an den Beginn versetzt.

Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. Einzelne Wrter in Antiqua
(bis auf den Titel "Dr." und rmische Zahlen) und gesperrte Wrter sind
durch Unterstrich ("_") gekennzeichnet.

Korrektur offensichtlicher Druckfehler:

      Seite 27: doppeltes "freue" entfernt.
      Seite 43: "Stefensohn" in "Stefenson" gendert.
      Seite 75: fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt (vor "Die Luise habe
      ich flottgemacht.").
      Seite 91: "mit" in "mir" gendert.
      Seite 97: "philantropische" in "philanthropische" gendert.
      Seite 101: fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt (nach "des Magistrats
      von Waltersburg stellen")
      Seite 103: doppeltes "und" entfernt (vor "in einer glnzenden
      Erfassung")
      Seite 118: fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt (vor "Das haben").
      Seite 128: "umqartieren" in "umquartieren" gendert.
      Seite 145: fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt (nach "bis um
      sieben.")
      Seite 164: "Xantippen" in "Xanthippen" gendert.
      Seite 170: "reckt" in "reckte" gendert.
      Seite 238: "Widersehen" in "Wiedersehen" gendert.
      Seite 243: "Rauberhhle" in "Ruberhhle" gendert.
      Seite 244: "Apothese" in "Apotheose" und "den" in "der" (nach
      "Vertreter") gendert.
      Seite 254: "berzeugenste" in "berzeugendste" gendert.
      Seite 261: "Hentschel" in "Henschel" gendert.
      Seite 309: fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt (vor "Wieso
      Komdie?")
      Seite 347: fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt (nach "strken
      wrde.")
      Seite 377: "Lewinsohn" in "Levisohn" gendert.

Nicht korrigiert wurden Varianten wie "Chicago"/"Chikago",
"debutieren"/"debtieren", "Annelies"/"Anneliese" oder "anderen"/"andern".





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN VOM ICH***



                                 CREDITS


May 23, 2009

            Project Gutenberg TEI edition 1
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The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please
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                                Section 5.


      General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.


Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
with any particular paper edition.

Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
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Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
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***FINIS***
