The Project Gutenberg EBook of Tahiti. Zweiter Band., by Friedrich Gerstcker

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Tahiti. Zweiter Band.
       Roman aus der Sdsee

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: July 20, 2009 [EBook #29464]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ZWEITER BAND. ***




Produced by richyfourtytwo, Bernd Meyer and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net









                                TAHITI.


                        _Roman aus der Sdsee_

                                  von

                        #Friedrich Gerstcker.#


                     Zweite unvernderte Auflage.

                            Zweiter Band.


    Der Verfasser behlt sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.


                              #Leipzig,#

                        _Hermann Costenoble._

                                 1857.






#Inhalt des zweiten Bandes.#

                                                                  Seite
  Cap.  1. Die Mdchen von Tahiti und die alten Bekannten             1
   "    2. Sadie und Ren                                            31
   "    3. Der Besuch -- Aumama                                      67
   "    4. Die Missionaire                                           90
   "    5. Die Knigin Pomare                                       121
   "    6. Ein Ball in Papetee                                      167
   "    7. Unterwegs                                                235
   "    8. Mtterchen Tot's Hotel                                   254




Capitel 1.

#Die Mdchen von Tahiti und die alten Bekannten.#


Das Gebet war aus, das laute feierliche Amen schwoll durch die Wipfel
der Palmen nach See zu, sich drauen mit der Brandung Rollen zu
mischen. Mit dem Amen aber schien es auch, als ob der Zauber gebrochen
wre, der den leichten frhlichen Sinn der Insulaner bis dahin so
merkwrdig und auergewhnlich fest im Zaum gehalten, und wie denn
auch der Eingeborne nie so recht tief den Ernst einer feierlichen
Stunde fhlt, sprang er im Nu zurck in sein alltglich Leben.

Hierher Mare, hierher und fort mit uns klang der frhliche Laut --
komm hinunter zum Guiavenbach; tief versteckt da in Busch und Laub
tanzen wir. Heute sehens die Mitonares nicht, denn groes Essen ist
immer wenn sie eine Zeitlang gebetet.

Aber die anderen schwatzen sagte Mare unschlssig zur Schwester
aufsehend, und nachher arme Mare; Vater Au-e hat mir so schon die
Hlle versprochen, und er schickte mich g'rad hinein, fnd er mich.

Bah -- bah -- bah lachte die Andere und schttelte mit dem Kopf --
da, hier und hier -- auf Mund und Herz zeigend -- das ist fromm, das
hat Religion und das ist genug -- _Alles_ andere aber ist frei, Mare;
und rasch nun Mdchen, denn wir versumen den Spa. -- Und wie ein
paar aufgescheuchte Rehe flohen die beiden, von vielen Anderen jetzt
gefolgt, erst seitwrts in den Orangenhain, um dann hinter den Grten
weg nicht dem Blick mancher Kirchgnger ausgesetzt zu sein, die
Aergerni nehmen und die Frhlichen verrathen knnten. -- Und wie das
klang und sang und summte und schwirrte unter den Bumen und Palmen --
frhliches Leben herrschte in den duftenden Schatten von Orange und
Guiava und der Klang der Flte mischte sich in lachende
Mdchenstimmen, die sich neckten und jagten auf dem Plan, die Predigt
nachfften und die Reden des heutigen Tages und dann wieder pltzlich
einfielen in die oft sehr grazisen aber noch fter fast
unanstndiger Stellungen ihrer Tnze ~Upepehe~, ~oris~ und ~mamua~.

Dort drben der breite, halboffene Platz vor dem lang-ovalen
Vogelkfig hnlichen Bambusgebude scheint der Mittelpunkt zu sein des
ganzen Viertels; hier wenigstens herrscht das regste ungebundenste
Leben, und die dunklen blumendurchflochtenen Locken, ja oft die glatt
geschorenen, aber mit bunten Krnzen fast bedeckten Kpfe der
eingebornen Mdchen mischen sich bunt und geschftig durch die
bnderflatternden Strohhte der Seeleute, an deren meisten die breite
schwarze Seide mit goldenen Buchstaben den Namen ihres Schiffes trug,
und sie als Leute von einem Kriegsschiff bekundete, htte das nicht
schon auerdem der breite weie Hemdkragen mit dem schmalen blauen
Streifen darum gethan.

Hallo Georg, das ist ein Hauptplatz hier fr einen Geh zu Ufer Tag,
rief da ein alter, wettergebrunter Seemann einem jungen Burschen zu,
der Eines der Mdchen mit seinem linken Arm umschlungen und eine
halbgeleerte Flasche in der rechten Hand hielt, und das Mdchen
lachend zwingen wollte zu trinken -- ntz deine Zeit mein Junge, wer
wei wie bald uns wieder so wohl wird.

Wettermdchen das! rief aber der junge Bursch, sie ist wie
Quecksilber unter den Hnden, man kann sie nicht festhalten -- wirst
Du trinken?

~Aita, aita~! schrie aber die trotzige Schne, und wehrte ihn
entschlossen ab; pfui ber das Gift, das Ihr in Euch hinein schttet,
bis Ihr wie das Vieh daliegt und die stieren Augen nicht mehr
schlieen knnt -- fort mit dem Zeug! und ihm die Flasche aus der
Hand reiend, schleuderte sie dieselbe, ehe er's hindern konnte, mit
keckem Wurf weit ab von sich in ein Dickicht von jungen
Brodfruchtbumen und Bananen.

Den Teufel, Mdchen! schrie der Matrose, der von den letzten Worten
des braunen Kindes keine Sylbe verstanden hatte und jetzt berrascht
seiner Flasche nachwollte, der Stoff ist theuer hier in Papetee und
nicht einmal so leicht zu bekommen.

Hahahaha lachte aber die Dirne und hielt ihn fest -- hol sie wenn
Du kannst, hol sie.

Halt ihn, halt ihn, lachten Andere und sprangen hinzu, sich der
Beute zu bemchtigen und den auslaufenden Brandy zu retten, aber zu
spt, und fluchend hoben sie die leere Flasche gegen das Licht.

~Damn it~! schrie der Eine, der sie erbeutet hatte, und der zuerst
die traurige Entdeckung machte -- auch nicht ein Tropfen brig
geblieben! und als ob er nicht einmal seinen eigenen Augen bei einer
so wichtigen Sache traue, hob er die leere Flasche dennoch an die
Lippen, den Zug zu prfen, schleuderte sie dann aber mit einem
richtigen Kernfluch so hart er konnte gegen den nchsten
Brodfruchtbaum, da sie in Scherben schmetternd umherspritzte. Das
aber sollte ihm bel bekommen.

~Tam you~, schrie da eine alte, wohlbeleibte Insulanerin, die ein
brennend rothes Stck Kattun um die Hften und ein anderes um die
Schultern trug und schon lange genug mit Matrosen verkehrt haben
mochte, ihren Lieblingsausruf oder Fluch zu verstehen -- ~tam you~,
Ihr schmutzigen Weien -- weil _Ihr_ zehnfache Haut unter den Fen
tragt, werft Ihr das Glas umher, da es wie Dorn und Muschelbruch in
unsere Sohlen schneidet -- ~tam you~, sag' ich noch einmal, und der
Tag sei verflucht, der Euch zuerst an diese Kste brachte!

Die Alte blieb aber hierbei nicht ununtersttzt, denn von allen Seiten
kamen die Mdchen herbei, schimpften und schmhten in ihrer Sprache
und begannen dabei die gefhrlichen Glasscherben, die ihnen schon
manche bse Wunde geschnitten, vom Boden aufzusuchen. Vergebens riefen
sie die Matrosen zurck und fgten sich endlich, da Bitten wie
Drohungen nutzlos blieben, lachend dem Unvermeidlichen, selber der
muntern, lebendigen Schaar zu helfen und beizustehn und das Uebel so
viel wie mglich zu heben -- all die drohenden Spitzen nmlich
aufzusuchen oder zu entfernen, und kein Blatt blieb dabei ungewandt,
unter dem sich noch htte die tckische Spitze bergen knnen.

Hurrah, meine Jungen! wer von Euch hat sein Prisengeld da im Laub
verloren? -- halbpart wenn ich's finde, schrie in diesem Augenblick
eine rauhe Stimme zwischen das Lachen und Toben der munteren Schaar
hinein, und Einer der Seeleute richtete sich rasch empor, zu sehen wer
der Neuangekommene sei, und ob nicht vielleicht ein alter Bekannter
und Schiffskamerad hier zwischen ihnen auftauche.

Hallo Kamerad, brummte aber der, als er ein vllig fremdes Gesicht
vor sich sah, das ihm jedoch trotzdem ganz freundlich entgegennickte,
und dessen Eigenthmer sich so bequem und ohne weitere Einladung zu
ihnen in's Gras warf, als ob er zu ihrem Volke gehrte -- ~where do
you hail from~?[A]

Der Sprecher war der Bootsmann der ~Jeanne d'Arc~, der drauen in
der Bai vor ihrem Anker ritt und dessen Mannschaft heute Feiertag
bekommen hatte, der groen Volksversammlung wegen. Er schien sich auch
hier gewissermaen als eine Art Obrigkeit zu betrachten zwischen den
brigen Matrosen, und berdie rechtfertigte das ganze Aeuere des
Neuangekommenen, unseres alten Bekannten Jim des Iren, allerdings eine
solche Frage, denn dem alten Matrosen berkam es, ihm gegenber, fast
unwillkrlich, als ob er es mit keinem rechten Seemann zu thun habe,
und gleichwohl lie doch auch wieder das Einzelne seines Anzugs nichts
erkennen, was einen solchen Verdacht rechtfertigen mochte. Die blaue
Jacke wie die weileinene Hose hatte den richtigen Schnitt, der mit
Wachsleinwand berzogene Strohhut sa ihm hinten auf dem krausen Haar
und ein paar breite Streifen schwarzseiden Band fielen ihm nach
richtiger Art vorn ber das linke Auge nieder und doch lag ein gewisses
Etwas in dem ganzen Betragen des Fremden, das den alten Burschen, der
sich manch langes, langes Jahr auf der See und aller Lnder Schiffe
herumgeschlagen, wie eine Art Instinkt berkam, er htte hier keinen
geborenen Seemann vor sich, und der Bursche segele am Ende gar unter
falscher Flagge.

Der wirkliche Matrose -- nicht der, der die See einmal zeitweilig zu
seinem Beruf whlt, ein paar Reisen macht vielleicht, und dann wieder
Jahre lang am festen Lande bleibt -- hat auch etwas in seinem ganzen
Wesen, das unmglich ist sich anzueignen, wenn es eben nicht natrlich
aus dem ganzen System unsers Krpers herauskommt und mit ihm eins
bildet. Die Hauptsache hierbei ist der fast schlenkernde und doch auch
wieder feste und elastische Gang von der steten Bewegung des Schiffes
her, der er natrlich fortwhrend begegnen mu, und die ihn dann auch
zwingt, die Beine etwas weiter, wenn auch fast unmerklich, aus
einander zu setzen, als das auf dem festen Lande nthig wre; die Arme
hngen dabei, wie durch ihr eigenes Gewicht gezogen, grad am Krper
nieder, ohne ihn aber, weder rechts noch links in drei Zoll zu
berhren, und die halboffene harte Hand sieht gerade so aus, als ob
sie jeden Augenblick an Segel oder Tau zufassen wolle. Der Landmann
kann alles Andere nachahmen, dieses Tragen des Krpers wird ihm nie
gelingen, und nur eine jahrelange Uebung ist im Stande, ihn
zuzurichten, oder, wie die Matrosen sagen, ihn ~ship shape~ zu
machen.

Nun Sirrah! rief der Irlnder endlich lachend, nachdem er den
forschenden Blick des Bootsmanns, wenn auch nicht ohne ein leichtes
kaum erkennbares Errthen, eine ganze Weile ertragen hatte, -- Ihr
werdet mich nun wohl kennen wenn Ihr mich wiederseht; -- wie gefall
ich Euch?

Ganz und gar nicht, Kamerad, sagte der aber trocken, und whrend er
sein Primchen Kautabak im Munde aus einer Backe in die andere
wechselte, ganz und gar nicht, wenn Du die Wahrheit hren willst.

Hahaha, lachte aber der Ire, ohne sich im mindesten darber
beleidigt zu fhlen, verdamme mich wenn das nicht ehrlich von der
Leber weggesprochen ist; leid thut mir's nur bei der Sache, da ich
das nmliche -- nicht von Euch auch sagen kann.

Dann werd' ich mein Mglichstes thun, das fr mich so unglckliche
Vorurtheil bei Euch zu zerstren, antwortete der Seemann ruhig.

Donnerwetter Ihr seid grob! rief aber der Ire, der nun einmal
entschlossen schien jetzt Nichts bel zu nehmen, obgleich der ganze
krftige Bau seines Krpers wie ein ziemlich entschlossener Zug um den
Mund, wohl glauben lie da er sonst eben eine wirkliche Beleidigung
nicht so leicht einstecken wrde, aber das schadet Nichts, Kamerad,
wir werden schon noch nher mit einander bekannt werden und ich bin
wie der Wein -- ich gewinne durchs Liegen. Und nun Ihr da, Ihr
Mdchen, wandte er sich zu diesen in ihrer eigenen Sprache, lat das
verdammte Suchen sein und kommt her -- morgen wird sichs schon finden
was ihr verloren habt -- beim Auskehren vielleicht -- und wo ist
Amiomio heute? hol der Henker die kleine Wetterhexe, sie geht immer
fort und kommt niemals wieder.

~Naha-hio~! riefen da einige der Mdchen, die sich auf den Anruf
umgedreht, erstaunt und untereinander aus -- ~O-fa-na-ga~ wieder
hier? -- und wo hat Dich Oro's Zorn so lange umhergetrieben?

~O-fa-na-ga~ spottete ihnen aber der Ire nach, bei Jsus, meine
Herzchen, Ihr habt den Namen noch immer nicht aussprechen lernen und
bersetzt meiner Mutter Sohn auf eine merkwrdige Weise ins
Tahitische. Was wrde ~ould father O'Flannagan~ sagen, wenn sie ihn so
zu Tische gerufen htten -- ha, meine ~namataruas~, Ihr beiden
unzertrennlichen Sterne, seid Ihr auch hier? und wo ist ~ipo Anono~,
mein schlankes Mdchen von Bola-Bola, die tollste in Eurer tollen
Schaar?

~Anono~ ist fromm geworden lachte eines der Mdchen, die er
~namataruas~ nach einem Zwillingsgestirn jener Zone genannt -- sie
lacht nicht mehr und trgt keine Blumen mehr im Haar und hinter den
Ohren.

Hahahaha lachte der Ire, ~Anono~ fromm geworden das ist gut, das
ist vortrefflich, das ist -- hahahaha -- das ist beim Teufel zum
Todtschieen komisch!

Der Bootsmann -- eine schlanke, krftige, ja selbst edle Gestalt, mit
cht franzsischen Zgen, krausem dunkelen Barte und dunkelen Augen,
jeder Zoll ein Seemann, der englischen Sprache brigens vollkommen
mchtig, hatte den Begrungen des Fremden mit den Mdchen und Frauen
des Platzes, die er alle kannte und bei Namen nannte, schweigend und
etwas erstaunt mit zugesehen, aber weiter kein Wort hineingeredet und
schien nur etwas ungeduldig und mit untergeschlagenen Armen das Ende
dieser Erkennungsscene zu erwarten. Er trug, trotz dem warmen Wetter,
seine blautuchene dicht mit kleinen blanken Knpfen besetzte Jacke,
mit weien Strmpfen und sauber gewichsten Schuhen und schneereinen
segeltuchenen selbstgemachten weiten Hosen, die nur dicht ber den
Hften fest anschlossen und auflagen; das weie Hemd hielt ein
schwarzseidenes Halstuch mit einem Seemannsknoten locker zusammen, und
der leichte feine Panama Strohhut sa ihm fest und trotzig mehr nach
vorn in der Stirn, als ihn sonst Matrosen gewhnlich zu tragen
pflegen.

Endlich mochte ihm aber die Zeit doch zu lang whren und er unterbrach
die weiteren freundschaftlichen Erkundigungen des Fremden mit einem
nicht eben da einstimmenden:

~I say stranger~! -- Ihr scheint frher schon einmal auf
Korallenboden geankert zu haben -- Euerer Physionomie verdankt Ihr die
Vertraulichkeit doch nicht.

Der Geschmack ist verschieden, Kamerad! lachte der Ire dagegen, und
Einer liebt Bier, der Andere Milchsuppe; aber Ihr habt Recht, ich bin
hier zu Hause, und wenn ich auch nicht gerade hier wohne, fhrt mich
meine Strae oft genug vorbei -- was Wunder da, da ich Nachbars
Tchter kenne.

Ei so lat Euer In-ge-le-se-Schwatzen doch nun endlich einmal! rief
da eines der Mdchen, zwischen die beiden Mnner springend und des
Iren Arm ergreifend -- Her zu mir ~O-fa-na-ga~ -- und dreh deine
Taschen um, denn Du hast doch den Boden hier nicht wieder betreten,
ohne deiner Mare Schmuck und Ringe mitgebracht zu haben; wo ist der
Ring von ~per~, den Du mir so lange versprochen?

Mare! rief der Ire erstaunt sie betrachtend -- _das_ ist Mare? was
zum Wetter ist denn mit Dir vorgegangen Mdchen, ich kenne Dich ja gar
nicht mehr, wo sind deine Locken?

Die hat der Mitonare abgeschnitten, sagte die Schne, halb beschmt,
halb unzufrieden.

Der Mitonare -- und was zum Henker hat der Mitonare in deinen Haaren
zu suchen, Sirrah?

Sie sollte fromm werden und keine tollen Streiche mehr treiben,
lachte Ate-Ate, ihr das Kinn emporhebend und zum Lichte drehend.

Unsinn! rief aber das Mdchen, -- das ist blos oben, ~O-fa-na-ga~
-- kehr Dich nicht daran -- wo ist der Ring? her damit!

Und mir auch -- mir auch! riefen Andere, auf ihn eindrngend, mir
hat er Ohrgehnge versprochen -- und mir bunte Federn aus dem Osten --
und mir Kattun zu einem neuen Kleid!

Zurck Mdchen, zurck! rief aber der Ire lachend, der sich nur mit
Mhe der auf ihn Einstrmenden erwehren konnte -- Ihr hattet recht,
Kamerad, die Physionomie thuts bei den Dirnen hier allerdings nicht
allein, und sie reien Einem -- Wettermdchen Ihr, wollt Ihr Ruhe
geben -- die Lumpen vom Leibe; wrden sich auch verdammt wenig
Gewissen daraus machen, einen armen Teufel von Matrosen gleich bei
seinem ersten Ansprung an Land rein auszuplndern und nachher allein
sitzen zu lassen und auszulachen. Die braune Haut versteht sich so gut
darauf wie die weie.

Von welchem Schiff seid Ihr, Kamerad? frug jetzt der Bootsmann, Ihr
segelt wohl unter eigener Flagge?

Der Ire lchelte leise vor sich hin, schttelte aber mit dem Kopf und
erwiederte schmunzelnd:

Diemal habt Ihr vorbeigeschossen, so schmeichelhaft die Anspielung
auch sein mochte; alt England fr immer, ich mchte keine anderen
Farben an meiner Gaffel wehen haben, -- selbst nicht die rothe;
setzte er mit einem halb spttischen, halb verschmitzten Seitenblick
auf den Bootsmann hinzu -- Um Euch brigens zu beruhigen kann ich Euch
sagen da ich Harpunier an Bord des Englischen Wallfischfngers, der
~Kitty Clover~ bin, die hier zu ihrer Erholung in Papetee liegt, und
auch da wohl noch eine Weile zu ihrer Erholung liegen bleiben wird,
wenn ihr die sehr verehrte Franzsische Regierung nichts in den Weg zu
legen fr nthig findet und den Aufenthalt noch lnger gestattet.

Der Bootsmann unterdrckte nur mit Mhe einen Fluch auf die ironische
Anspielung da seine Corvette, die frher den Insulanern imponirt,
gegenwrtig, durch die ihr berlegenen Englnder im Schach gehalten,
Nichts mehr zu sagen und zu befehlen hatte, aber er besann sich eines
Besseren und die Lippen nur zusammenpressend sagte er finster:

Ihr thtet wohl Euch mit der Franzsischen Regierung auf gutem Fu zu
halten -- die guten Leute in Papetee wissen heute noch gar nicht was
fr Farben _morgen_ Mode sein knnten.

Jedenfalls die schwarze, schmunzelte der Ire, sich die Hnde
reibend -- jedenfalls die schwarze. Jetzt bestimmen die Missionaire
die Moden und das sind liebe, liebe Menschen; haben uns Matrosen auch
so gern, als ob wir ihre Brder wren -- was wir ja doch auch
eigentlich sind. Es klingt ordentlich erbaulich Bruder Jim oder
Bruder O'Flannagan.

Da sie uns nicht grn sind kann ich ihnen nicht verdenken, brummte
der Bootsmann, sie haben alle Ursache dazu, denn unsere beiden
Interessen laufen einander gerade schnurstracks entgegen. Also Ihr
gehrt zu dem schmutzigen Wallfischfnger da drauen -- habt Ihr
Fische bekommen?

Ja Mister.

Und welchen Port seid Ihr zuletzt angelaufen?

Genirt's Euch, wenn Ihr's _nicht_ wit? frug der Ire spttisch.

Geht zum Teufel! brummte der Franzose zwischen den Zhnen durch --
rgerlich sich mit dem Burschen so weit eingelassen zu haben und
wandte ihm den Rcken.

Rrrrrrrrrr! drhnte in diesem Augenblick ein rascher Wirbel so dicht
vor ihren Ohren, da sich der Bootsmann berrascht danach umsah;
lachende Mdchengesichter schauten ihm aber entgegen, wohin er
blickte, und Eine von diesen hatte eine richtige franzsische Trommel
umgehngt, und schlug darauf jetzt mit fertiger Hand den Takt ihres
Inseltanzes.

Alle Wetter, Ate-Ate! rief der vorgebliche Harpunier des ~Kitty
Clover~, und suchte das Mdchen zu fassen, das aber rasch zur Seite
sprang und ihn mit den Trommelschlgeln abwehrte -- Du bist ja wohl
gar gut franzsisch geworden, Mdchen, und dienst gegen deine frheren
Geliebten -- ein eigenthmliches Mittel sich an den Treulosen zu
rchen!

Zurck ~O-fa-na-ga~, zurck! rief aber diese -- ich will die Zahl
der Falschen nicht vermehren, und es wre schon jetzt Wahnsinn gegen
sie in den Kampf zu ziehen -- sie sind wie die Guiaven im Wald, und
drcken alles Andere zu Boden -- zurck weier Mann! -- Aber lasse das
Schwatzen hier, wir wollen tanzen, und Ihr strt uns nur mit Euerem
Zungen klappernden Volk. Da ~A-da~! wie sie den Bootsmann der ~Jeanne
d'Arc~ nach seinem nicht auszusprechenden Schiffe nannte -- da stell
Dich her, und nun pa auf, wir wollen den Tanz versuchen den Du uns
gelehrt und sieh ob wir's knnen. Und zurckspringend begann sie mit
ziemlicher Genauigkeit ~Lord Howe's hornpipe~, den allbekannten
Matrosentanz auf der Trommel zu schlagen, inde sie die Melodie dazu
mit klarer, ja glockenreiner Stimme sang, und die Mdchen flogen
herbei zum Tanz. _Den_ Klngen konnten aber auch die Matrosen nicht
widerstehen, und gegen sie antanzend stampften sie nach den raschen
Takten den Rasen und schwenkten und warfen die Hte in jubelnder Lust.

Aber die Europer ermden bald; so schattig der Brodfruchtbaum auch
seine breitfingerigen Bltter und ber ihm die Palme ihre Krone
streckt -- die Luft ist zu hei fr solche Lust, und keuchend warfen
sie sich auf den Boden nieder, inde sie die eingeborenen Mdchen
lachend umsprangen und mit Blumen und Bananenschaalen warfen.

Aber lauter und wilder tnt die Trommel, in deren Schlagen Ate-Ate
Eine der Eingeborenen abgelt und zu der sich noch eine zweite
gefunden hat; der Takt wechselt, lachende Mnner und Mdchenstimmen
fallen ein in jubelndem Chor, und die erhitzten Tnzerinnen haben
schon Hut und Schultertuch abgestreift der wogenden Brust und
brennenden Stirn Luft und Khlung zu geben. Dicht geschaart drngen
die Zuschauer herbei aus der Nachbarschaft, und hochgeschrzte
halbnackte Mdchen werfen sich immer aufs Neue hinein in den wilden
Reigen. Hei wie sie fliegen herber und hinber in toller Lust, mit
Armen und Knieen einfallend in den wthenden Takt, schneller und
schneller, mit funkelnden Augen und wogender Brust, wieder und wieder,
auf und ab vor der Trommel und dem Jauchzen der bewundernden Schaar,
bis sie erschpft zusammenbrechen, und andere -- wildere ihren Platz
ausfllen auf dem zerstampften mihandelten Rasen.

Bunt sind die Tnzer, bunter aber fast die Zuschauer die sie jetzt
umstehn, und die sich, durch den Ton des Instruments gelockt,
eingefunden haben. Neben dem noch bis an die Zhne tttowirten alten
Indianer, der mit grimmer Lust und leuchtenden Augen schon in seinem
Geist die alte Zeit wieder aufleben sieht mit ihren Festen und Tnzen
-- die schne frhliche Zeit, ehe die schwarzgekleideten Mnner mit
den finstern Gesichtern kamen und ihren sonnigen Boden betraten, steht
die wrdige Matrone, der jetzt Blume und Blthe im Haar schon ein
Gruel und dem Herrn mifllig dnkt, und sieht mit Seufzen und oft
und oft zum Himmel geschlagenen Blick, das Entsetzliche wieder vor
ihren Augen geschehen, dem folgend ihre Priester Pestilenz und Krieg
und die Racheblitze ihres Gottes prophezeiht. Aber sie _sieht_ doch
den Tanz, sie steht und zgert, und whrend sie seufzt und sthnt,
taucht die Erinnerung in ihr auf, an frhere Zeit, wo sie selber im
wilden Sprung die Reihen der Mdchen gefhrt, die Frhlichste unter
den Frhlichen, bei denselben entsetzlichen Klngen, -- wo sie mit
fliegender Brust und funkelndem Auge die Tapa von Schultern und
Hfte, die Blumen aus den flatternden Locken ri, den Tnzer damit zu
werfen und -- Jehovah stehe ihr bei, sie faltet erschrocken die Hnde
und flieht den Platz, denn unter dem bunten wehenden Kattun zuckt' es
und zittert' es ihr in den Knieen und Fen, und der Teufel war stark,
und lockte sie zu dem Entsetzlichen.

Mitten hinein aber zwischen die Reihen und Gruppen der auen Stehenden
drngen jetzt wieder lachend und schwatzend und mit den Tnzerinnen
scherzend Franzsische Seeleute und Marinesoldaten, ihren Arm um die
nchste geschlungen, und den Takt des Tanzes mit Gesang oder
stampfendem Fu untersttzend, und im Taumel von Lust und Freude
treibt sich die sorglose Schaar hier mitten zwischen dem Volk umher,
inde die Mndungen seiner Kanonen schon auf die armen Bambushtten
gerichtet liegen und ein Zufall den blutigen Kampf entznden kann.

Aber was kmmerts die jungen Burschen; _der_ Tag ist noch der ihre, im
duftenden Wald, die wilde reizende Mdchenschaar an ihrer Seite, was
sorgen sie da um den nchsten. -- Und wenn _jetzt_, in diesem
Augenblick die Alarmtrommel tnte? -- So unmglich ist das nicht, denn
der Bootsmann horchte einmal schon rasch und erschrocken auf -- aber
bah, es ist die neue Aufforderung zum Wiederbeginnen der Lust, und
toller und rasender als je werfen sich die Unermdlichen hinein in den
Tanz.

Der Bootsmann oder ~contrematre~ der ~Jeanne d'Arc~ und Jim der Ire
hatten sich zurckgezogen vom Tanz und der Franzose stand allein, an
den Stamm eines Brodfruchtbaums gelehnt und schaute mit verschrnkten
Armen dem wilden Spiele zu.

Jim war in seiner Nhe und eben im Begriff auf ihn zuzugehen, aufs
Neue ein Gesprch mit ihm anzuknpfen, als er sich am Arme gezupft
fhlte und rasch umschauend einen fremden Matrosen bemerkte, der ihm
vorsichtig winkte ihm zu folgen, und dann langsam, und scheinbar
absichtslos einem kleinen Guiavendickicht zuschlenderte, das hier den
nicht weit von da vorbeistrmenden Bach begrenzte. Jim schaute sich
vorsichtig um, ob er von keiner Seite beobachtet wrde, blieb wohl
noch eine Viertelstunde ruhig und regungslos in seiner Stellung, dem
Tanze zuschauend, und folgte dann, die Hnde in den Taschen und mit
den ihm nchsten Mdchen lachend und scherzend, dem Vorangegangenen.
Etwa zwanzig Schritt im Dickicht hrte er einen leisen Pfiff,
antwortete ebenso vorsichtig und befand sich wenige Minuten spter dem
fremden Seemann gegenber, der ihn ohne weiteres am Arm nahm und noch
tiefer in den Wald von Mape und Lichtnubumen und Guiaven
hineinfhrte.

Alle Wetter Kamerad, sagte endlich Jim stehen bleibend und seinen
schweigsamen Fhrer betrachtend, was zum Henker schleppt Ihr mich
denn hier in den dicksten Busch, wo man sich die Augen in den Zacken
ausrennen kann. Was wollt Ihr von mir und wer seid Ihr selber?

Wer ich bin, Dick Mulligan sagte aber der Andere, kann Dir ziemlich
egal sein, wenn nur -- 

Dick Mulligan wiederholte Jim und so sehr er sich auch Mhe gab
seine Bewegung zu verbergen, war es doch leicht zu sehn, wie er ber
den Namen erschrak, wen zum Teufel nennt Ihr Dick Mulligan?

Pst Dick, nicht so laut, sagte aber der Andere vorsichtig, Du
brauchst Dich nicht zu geniren, wir Beide kennen einander, denn so
hab' ich mich doch Gott straf mich nicht verndert, da Du nicht unter
der, vielleicht ein Bischen braun gewordenen Haut deinen alten
Gefhrten Jack herausfinden solltest.

Jack, bei Allem was da schwimmt! rief Jim, aber Mensch wo kommst Du
her, und in _die_ Jacke; Matrose an Bord eines _franzsischen_
Kriegsschiffs --

Das wre eine langweilige Geschichte, Dir das Alles
auseinanderzusetzen, genug da ich da bin und vielleicht Dir zum
Glck, entgegnete aber der Andere -- Mensch Du hast Dich nicht im
Geringsten verndert, siehst noch aus wie vor fnf Jahren und lufst
hier so unbekmmert und gottvergngt mit dem Bart und den Haaren in
der Welt herum, als ob Du nicht den Strick um den Hals trgst, und
jeden Augenblick gefat und vor Gericht geschleppt werden knntest --
und wer Dich einmal gesehen, vergit Dich im ganzen Leben nicht
wieder.

La die alte Geschichte, knurrte aber der Ire -- kein Mensch hier
hat eine Ahnung davon als wir Beide -- weshalb das Aufheben!

Kein Mensch, so? -- sagte Jack, und weit Du, wer auf der ~Jeanne
d'Arc~ drben zweiter Lieutenant ist?

Wie soll ich's wissen, erwiederte Jim unruhig, Du kannst Dir denken
da ich mit den Offizieren irgend einer Majestt so wenig wie mglich
in Berhrung komme -- wer wird's sein?

Niemand Anderes als derselbe junge Bursch, der uns damals, in der
Pomatu Gruppe unsern schon sicher geglaubten Fang, den kleinen
Perlencutter abjagte und Dich dabei erwischte. Du entkamst ihm nachher
noch, aber er hat Dich doch beinah acht Tage festgehabt und kennt Dich
genau, ich habe ihn wenigstens die Geschichte selber zweimal an Bord
erzhlen hren und er schwrt darauf da er Dich hngen sehn will,
wenn er Dir jemals im Leben wieder begegnet.

Unsinn, was kann er mir thun, brummte aber Jim (denn wir wollen den
Namen beibehalten), wir wurden eben von unserer Beute vertrieben,
aber das war doch auch weiter kein Beweis gegen mich.

Sie haben die beiden Leichen in dem Pandanusdickicht gefunden, sagte
Jack leise.

Den Teufel, knirschte Jim zwischen den Zhnen durch -- das wre
allerdings fatal -- aber er hat keine Zeugen.

Mehr wie er braucht, entgegnete Jack -- drei von den Jungen die uns
damals den Spa verdarben, sind auf der ~Jeanne d'Arc~ -- und Du
kannst Dir denken wie mir zwischen dem Gesindel zu Muthe sein mu --
ein Glck da sie keine Ahnung haben wie nahe wir schon einmal mit
einander in Geschftsverbindung gestanden haben.

Aber wie zum Henker bist Du auf das Franzsische Kriegsschiff
gekommen? frug Jim nochmals erstaunt und vielleicht selbst
mitrauisch.

Lieber Gott, lachte Jack achselzuckend, wie man bald das bald das
einmal in der Welt versucht, ehrlich durchzukommen. -- Ich machte in
Marseille, an Bord eines Dampfers eine Speculation in silbernen
Lffeln -- 

Pfui! sagte Jim.

Pfui? wiederholte Jack beleidigt -- das ist mir nun einmal
angeboren, da ich nicht mig gehen kann; doch um kurz zu sein
entstand da ein Miverstndni dem ich, als der Schwchere zum Opfer
fiel. Sie steckten mich erst ein und schickten mich dann, zu meiner
weiteren Ausbildung auf ein Kriegsschiff.

Und jetzt?

Und jetzt? -- bin ich an Bord und sehe mich nach einer passenden
Gelegenheit um meine Situation zu verbessern.

Warum desertirst Du nicht? frug ihn Jim.

Das ist eine bse Sache, sagte Jack kopfschttelnd, das kann gut,
aber auch schlecht gehen -- ja wenns hier einmal zum Ausbruch kme,
lie ich mir's gefallen; jetzt wird aber Alles ausgeliefert was sich
fremd am Ufer blicken lt. Du aber kannst mir am Ende dazu helfen.

_Ich_ Dir? -- wie mir's jetzt scheint habe ich alle Hnde voll zu
thun meine eigene Haut in Sicherheit zu bringen -- ist unser alter
Bekannter an Land?

Gewi, und stbert hier gerade in der Nachbarschaft herum, ich habe
Dich deshalb abgerufen da Du ihm nicht etwa in die Hnde lufst -- 

Nur meinethalben? frug Jim den Gefhrten mit einem etwas
zweifelhaften Blick.

_Nur_ deinethalben? -- nein sagte der aufrichtige Jack -- ich sehe
nicht ein warum ich das Kind nicht beim rechten Namen nennen soll; mir
war es selber nicht ganz einerlei, die alte Geschichte wieder
aufgewrmt zu sehn, noch dazu da ich ein unfreiwilliger Zeuge des
Ganzen htte sein mssen. Aber wirklich Jim, wie ich da erst von
unserem Bootsmann gehrt habe, der sich gerade nicht in Dich scheint
verliebt zu haben, gehrst Du zu dem Wallfischfnger, der unten in der
Bai liegt -- sind die Leute an Bord gut?

Jim zgerte einen Augenblick mit der Antwort und schielte seitwrts
nach seinem frhern Kameraden hinber.

Du berlegst ob ich Dir da nicht etwa im Wege wre? sagte dieser
lachend.

Nein, nein, erwiederte der Ire rasch und vielleicht etwas beschmt
seine Gedanken so schnell errathen und ausgesprochen zu sehn -- ich
wute nur nicht gleich was Du damit meintest -- ja, der Capitain ist
gut genug -- Mac Rally, Du mut ihn ja noch von frher her kennen.

Mac Rally, Mac Rally? -- nein, unter dem Namen nicht; wie hie er
sonst -- Du kannst mir trauen alter Junge, setzte er lachend hinzu,
als er sah das Jim mit der Antwort zgerte -- mir liegt _Alles_
daran sicher vom Bord der Franzosen zu kommen und wenn ich selbst -- 

Aber warum schwimmst Du nicht zu dem Englnder hinber, der nhme
Dich mit Vergngen auf, sagte Jim.

Weil ich dafr meine _sehr_ guten Grnde habe, brummte Jack
verdrielich; ich fhle eine gerade so groe Abneigung gegen
englische Offiziere wie Du, und -- habe vielleicht eben so viel
Ursache -- also Mac Rally -- 

Erinnerst Du Dich noch auf Bill Kooney? frug Jim.

Jack pfiff leise vor sich hin und lachte verschmitzt.

Bill Kooney, sagte er dann nach einer kurzen Pause -- Bill Kooney
-- aber wie zum Teufel ist der zu dem Wallfischfnger gekommen?

Das ist eine naive Frage, sagte Jim, aber mein Junge, wenn dem so
ist da der Gesell -- wie heit er doch gleich dein Lieutenant?

Bertrand.

Da also der ~Monsieur~ hier herumschwimmt, da ist's fr mich Zeit
aus dem Cours zu gehn -- bis ich ihm vielleicht einmal richtig hinein
kommen kann; ich mu so an Bord.

Aber wo treffen wir uns wieder? ich mchte vorher genau wissen wann
Ihr segelt und Bill Kooney doch auch gern einmal sehn, mit ihm meinen
Plan zu bereden.

Ich gehre gar nicht mehr an Bord, sagte Jim -- da ich Harpunier
wre hab' ich deinem neugierigen Bootsmann nur aufgebunden.

Du gehrst nicht mehr an Bord? frug Jack erstaunt -- den Teufel
auch, da hast Du wohl dein Geschftsbreau jetzt an Land?

Zu Zeiten, sagte Jim ausweichend.

Und gehn die Geschfte gut? -- na hab' keine Angst, setzte er aber
rasch hinzu, als er sah da den neugefundenen Kameraden die Frage
etwas in Verlegenheit zu setzen schien, wenigstens nicht gleich und
unbedingt von ihm beantwortet wurde -- ich komme Dir dabei nicht in's
Gehege, bleibe aber, aufrichtig gesagt auch lieber einmal eine
Zeitlang auf festem Grund und Boden und in der angenehmen Gesellschaft
hier, mich von den berstandenen Strapatzen erst ein wenig auszuruhn.
Donnerwetter, man lebt doch nur einmal auf der Welt, und wozu sich in
einem fort schinden und placken, wie ein Hund!

Ich wei gerade nicht ob es Dir hier gefallen wrde, sagte Jim.

Da la meine Sorge sein, lachte der Matrose, wenn ich nur erst
glcklich aufgehoben wre, eine Desertion in meinen Verhltnissen ist
nur zu verdammt gefhrlich, denn _kriegten_ sie mich wieder, mcht'
ich in jeder anderen, nur nicht in meiner eigenen Haut stecken. Ich
knnte Dir vielleicht hier auch in Manchem von Nutzen sein.

Das bezweifle ich nicht im Mindesten, entgegnete Jim ruhig, aber
berleg's Dir wohl; wird eine groe Belohnung auf den Einfang gesetzt,
so ist keinem von den Indianischen Schuften zu trauen. Am besten wr's
doch wohl Du sprchst einmal mit Mac Rally.

Hm -- ja -- vielleicht -- nun ich werde ja sehen, sagte Jack wie
berlegend sich das Kinn streichend und dabei verstohlen auf Jim
hinber schauend. -- Und wenn man Dich einmal hier am Ufer finden
wollte, wo bist Du da am besten zu erfragen?

Kennst Du einen Platz hier auf der Insel, den sie Mtterchen Tot's
Hotel nennen?

Nein -- ich bin noch nie funfzig Schritt vom Strand fortgewesen.

Du wirst ihn erfragen knnen -- jeder Matrose kennt ihn.

Wohnst Du dort?

Nein, aber es ist der einzige Platz, den ich regelmig besuche.

Gut, werd' ihn mir merken, und nun ~good bye~, Dick, unser Bootsmann
knnte mich sonst vermissen.

Nenne mich nur nicht _Dick_, warf der Ire ein, der Name war mir
unbehaglich, und ich mchte nicht gern immer wieder an jene
unglckselige Zeit erinnert werden.

Hast Du Gewissensbisse? lachte Jack.

Bah Gewissensbisse -- Unsinn -- aber keine Lust eine Raanocke zu
zieren, alter vergessener Geschichten wegen.

Gut, gut; also Du, Jim, wenn Dir das sicherer klingt, knntest Dich
unter der Zeit doch immer einmal nach einem Quartier oder
Schlupfwinkel fr mich umsehen -- wenn's auch nur fr den Nothfall
wre; je weiter im Inneren, desto lieber ist mir's. So gute Nacht und
-- hab gut Acht auf deinen Hals! -- Und leise vor sich hinlachend
verlie er den Freund und ging zurck, wo er die Trommeln der
Insulaner noch hren konnte, die unermdlich neue und frische Tnzer
herbeilockte.

Hm, sagte Jim leise und nachdenkend vor sich hin, als der alte
Kamerad aus frheren Tagen in den Bschen verschwunden war, und seine
Schritte weiter und weiter im drren Laub verklangen -- schn Dank fr
die Warnung; ich wei aber eben noch nicht, ob mir mein Hals in
_Deiner_ Gesellschaft sicher oder unsicher ist, mein alter Bursche,
und fataler Weise ist der Versuch gerade so gefhrlich. Nun,
jedenfalls bin ich auf meiner Huth und vor Dir ziemlich sicher da Du
nicht selber aus der Schule schwatzest; Vielleicht kommt mir aber der
franzsische Grnschnabel einmal gelegentlich unter die Finger und
dann knnen wir ja unsere Rechnungen mitsammen ausgleichen. Jetzt
brigens, so lange es noch Tag ist, werde ich _nicht_ an Bord
zurckgehn, sondern meine Geschfte hier am Land besorgen; ich traue
den Insulanern nur nicht viel zu; sie sind zu gleichgltig bei Allem
was sie nicht unmittelbar in die Hhe schttelt, und mten sich sehr
gendert haben, wenn sie berhaupt noch einmal zu einem entscheidenden
Schlag zu bringen wren -- sei der nun hingerichtet, wohin er wolle.
-- Hm -- ist mir aber auch wieder ungemein lieb erfahren zu haben da
der Gesell in einer franzsischen Uniform steckt und hier herumluft
-- werde doch zusehn da _er mir_ zuerst vorgestellt wird, und nicht
ich _ihm_. -- Und mit einem vorsichtigen Blick umher, denn Jack's
Warnung hatte seine Wirkung keineswegs verfehlt, schlug er sich, mit
der Gegend in der er sich hier befand vollkommen gut bekannt,
seitwrts in das Dickicht, die Stadt auf einem anderen Pfade zu
erreichen und verschwand bald darauf in den dichten, hinter ihm sich
wieder schlieenden Guiavenbschen.

Funoten:

[A] Ein Schiffsausdruck wo kommt Ihr her -- von woher seid Ihr
gesegelt?




Capitel 2.

#Sadie und Ren.#


Ah -- die Brust hebt sich ordentlich frei, wie wir dem wilden wsten
Treiben von Ha und Snde, Leichtsinn und roher Sinnlichkeit den
Rcken kehren, dem Wald, dem unentweihten Walde zuzustreben. Noch
haben wir aber nicht all die bunten wilden Gruppen hinter uns, die
zerstreut bei all den verschiedenen Htten, in all den kleinen Hainen
ihre Orgien feiern. Horch, von da drben herber lauter und munterer
Trommelschlag unter den Palmen vor -- lachende Mnner und
Mdchenstimmen und jubelnder Chor; und von _dort_? tnt der scharfe
Klang einer kleinen, in den Zweigen eines Orangenbaumes aufgehangenen
Glocke, und der monotone Sang frommer Hymnen in Tahitischer Sprache,
von den Ehrwrdigen Mnnern selbst an einem Wochentag gesungen, weil
heute die Inseln ja dem rechten, dem allein selig machenden
Protestantischen Glauben gerettet wurden.

Dahinein aber kreischt der laute frhliche Sang halbtrunkener
Matrosen, die am Strand nieder neuen Vergngungen zuziehen. Hier eine
Frauengestalt in wehdurchschauerter Angst niedergeworfen vor dem
zrnenden Gott, den Blick angstvoll nach oben gerichtet, als ob sie
frchte da der rchende Strahl den Zornesworten folgen msse, die der
weie fromme Mann eben niedergedonnert hatte von dem einfach hlzernen
Kanzelstand, auf die Hupter der kleinen auserwhlten Schaar -- dort
ein wildes braunes halbnacktes Mdchen, den Arm leichtfertig um die
Schulter eines franzsischen Soldaten gelegt, der mit ihr plaudert und
kot, whrend sie den lachenden Blick frei und ruhig zu dem blauen
freundlichen Himmel emporhebt, und dabei mit halbem Ohr vielleicht den
fernen wohlbekannten Glockentnen lauscht.

Widersprche wohin das Auge fllt, und nur die Natur selber ist sich
treu geblieben in dem tollen wilden Gewirr -- nur die Natur allein,
die Gottes Gre und Gte predigt in jeder Zeit, und ihre Gaben
liebend ausstreut ber die Kinder des Allmchtigen, gleichviel
welcher _Sekte_ sie angehren, welchen Namen die Lippe flstert, wenn
das Herz, in stiller Anbetung versunken, emporstaunt zu seinen
Wundern, und gleichgltig dabei, ob sie ihre Stirnen nach Westen oder
Osten zum Gebet neigen -- beten sie doch _Alle_ zu _Ihm_.

So, je weiter wir das wirre tolle Treiben Papetee's hinter uns lassen,
verschwimmen die Dissonnancen von Hymne und Trommel in dem gewaltigen
Donner der ewigen Brandung, und dem leisen flsternden Rauschen der
Bltter und Palmenkronen, und dort drauen, weit drauen am
wunderschnen Strand, wohinaus kaum der donnernde Schall des
Geschtzes drang, das den Aufgang und Niedergang der Sonne kndete,
hatte Ren seine Htte gebaut. Ein wohl nicht groes aber doch
gerumiges Haus, dicht in den Schatten von Frucht- und Blthenbumen
hineingeschmiegt, diente ihm mit seiner kleinen Familie, wie dem alten
ehrwrdigen Mr. Osborne, von dem sie sich nicht htten trennen mgen,
zum Aufenthalt; ja wurde ihm zur Heimath, und selbst Sadie fhlte sich
hier wieder wohl und glcklich, so heimisch so freundlich war der
kleine liebe Platz -- so lieb fast wie Atiu -- nur da ihm die
Erinnerungen fehlten.

-- _Nur da ihm die Erinnerungen fehlten_ -- es ist ein kleines,
unbedeutendes Wort; die Erinnerung, und sie umfat doch, wenn wir
erst einmal wirklich ins Leben traten, Alles fast, was das Herz je
theuer gehalten und lieb, und dessen Klngen es mit freudigem Klopfen,
o wie gern doch, lauscht. Was anderes giebt unserer Heimath jenen
unendlichen Reiz, der uns nicht weilen lt im fremden Land und uns
zurckzieht mit festen, kaum zerreibaren Banden? -- was anderes
zaubert uns mit einem Schlag alle die lieben, nie vergessenen, aber
wohl so oft und hei ersehnten Bilder wieder herauf, die unserem Leben
damals Licht und Farbe, unserem Blut die Wrme, unserer Brust die
heitere Ruhe gaben? Verleih einem Platz diese Erinnerungen, und la es
dann die rmlichste drftigste Htte in einer Wildni sein, und jede
Sttze ist uns theuer die noch den morschen Bau zusammenhlt. Wir
kennen da jeden Baum, jeden Stein und an jedes, das noch so
unbedeutendste, an den schmalen Pfad der hinausfhrt zu dem stillen,
Linden umlaubten Friedhof, an das Gartenpfrtchen, an den Apfelbaum
neben der Thr, an die Steinbank oder den murmelnden Bach, oder den
moosbewachsenen Eimer des Brunnens, selbst an die lieben Sterne die
nur _so_, wie alte liebe Bekannte ber _der_ Htte standen, knpft
sich eine Liebe, eine selige Erinnerung, und je lter wir dabei
werden, je weiter uns das Schicksal und je lnger es uns
fortgetrieben aus dem Heiligthum, desto theurern Platz wahrt es sich
in unserm Herzen.

Und _ohne_ diese Erinnerungen? ja die Welt ist schn, und berall
grndet der unstete Mensch seinen Heerd, berall deckt Gottes
unendliche Gte den Boden fr ihn mit Speise und Trank, und das
Geschlecht treibt und gedeiht -- aber es treibt und gedeiht auch nur
eben, und wie in der Fremde beginnt es seine Htte zu bauen, wie in
der Fremde siedelt es sich an und -- denkt zurck an frhere
glcklichere Zeiten, liebere Pltze -- an die Stelle wo seine Wiege
gestanden.

Aber Sadie und Ren _waren_ glcklich -- ber ihnen wlbten, wie auf
Atiu wehende Cocospalmen ihre Hupter und schttelten den Thau nieder
auf die duftenden Blthen der Orangen, die ihren Fu umwuchsen; vor
ihnen aus breiteten sich die Corallendurchzogenen Binnenwasser der
Riffe, klar und silberrein wie an der Schwesterinsel, und Abends
ruderte der junge Mann das Canoe hinaus, und vor ihm sa dann die
glckliche Mutter mit dem Kind am Herzen, dem Liebesblick seines Auges
in unendlicher Seligkeit begegnend; -- es waren das so frohe, so
glckliche Stunden.

Oh da sie schwinden mssen, da Alles nur auf Erden eine Spanne Zeit
umfat, und whrend uns die Sonne frhlich scheint, da da schon
dstre Wolkenschleier unterm Horizonte lagern mssen, die langsam aber
sicher hher steigen. Es giebt kein ungetrbtes Glck auf dieser Welt,
es kann's nicht geben, denn das Bewutsein schon, wie nah der Wechsel
unserm Leben liegt, wie oft an einer Faser nur das Alles hngt, was
uns in diesem Augenblick entzckt, wirft einen trben Schein selbst
auf die frohste Stunde, und das, was uns gerade im Unglck strkt, was
den Blick vertrauend, hoffend dem Lichte zukehrt, wie trb und traurig
uns auch im Herzen sei, und wie die Verzweiflung an ihm nagt und
zehrt, die Gewiheit irgend des einstigen Wechsels solcher
Leidenszeit, die klopft dann ebenfalls als Mahner an des Glckes Thor,
mit leisem Finger, aber still und unverdrossen fort.

Nicht bei Ren; er war ein Kind im Glck und nahm das Alles mit so
frohem leichten Herzen an, wie Kinder Spielzeug nehmen, lachen und
springen damit und nicht d'ran denken da es zerbrechen kann, sich
nicht d'rum kmmern. Nach langer schwerer Zeit, wo er viel dulden
mute und ertragen, erschien das Alles hier ihm wie gehrig, wie
gerechter Lohn nur fr Bestandenes; Sorge hatte er nie gekannt, der
Augenblick war ihm des Lebens Trieb gewesen, dem er folgte, dem
Augenblick gehrte er auch an, und wie er ebenso im Unglck wenig nur
gehofft, sich stets vom Schicksal ausersehn gedacht und kecken
trotzigen Muthes darin gerade Freude fand ihm zu begegnen, es zu
berwinden, so dachte er auch im Glck nicht oft hinaus wie's einst
wohl werden solle, wenn der Tod vielleicht hier oder da die Sttzen
wegri, oder and'res Leid mit kalter starrer Hand eingreifen knne in
sein junges Glck. Er lebte, liebte, das war ihm genug.

Nicht so Sadie; auf jener stillen Insel still herangewachsen, hatte
sie kaum von einem hheren Lebensziel gewut; der Schwestern sorglose
Freuden sorglos theilend, war ihr auch nie ein anderer Gedanke
gekommen, hatte sie nie einen andern Fall fr mglich gehalten, als
mit der Palme am Strand zu blhen, zu gedeihen und unter ihrem
Schatten einst in leichter Erde, leicht und hoffend einem neuen,
besseren Leben entgegen zu trumen. Da kam Ren -- mit ihm erschlo
sich eine neue Welt fr sie, mit ihm gewann sie etwas was sie nie
geahnt -- ein _geistiges_ Leben, neben ihrer Palmenwelt, und Alles das
was ihr die Brust von da mit solcher Seligkeit erfllte, fand in dem
einem Herzen nur Ursprung und Ziel -- und wenn das eine Herz ihr
wieder schwand dann -- nein, sie dachte den Gedanken nie aus, und wenn
er aufsteigen wollte in ihr, floh sie vor sich selbst, und das Gefhl
gewann erst wirklich festen Grund in ihr, bekam erst Farbe und
Gestalt, als ihr ein anderer Schmerz durchs Leben zog -- das erste
schwere herbe Leid der jungen Brust.

Der alte ehrwrdige Mr. Osborne, ein Missionair im wahren Sinn des
Worts, der Gottes Liebe voll und wahr im Herzen trug, und Tausenden
schon damit Trost gebracht, fand gerade da, wo er Achtung und
Anerkennung htte fordern drfen, mit seinem treuen ehrlichen Herzen,
kalten drren Grund, und wenn nicht offenen Kampf, weit Schlimmeres --
heimlicher Bosheit Pfeil, der oft weit tdtlicher trifft als Blei und
Stahl. Herber und hinber geschickt auf der Insel, wo er kaum des
einen Stammes Herzen sich gewonnen, und wohlthtigen Einflu auf sie
auszuben begann, gekrnkt und angefeindet, gergert und betrbt,
erkrankte er endlich, und ehe Ren sowohl wie Sadie sich auf den
schmerzlichen Verlust der ihnen drohte, vorbereiten konnten, ja ehe
selbst nur die Befrchtung solcher Gefahr in ihnen aufgestiegen war,
machte ein Nervenschlag seinem Leben ein sanftes und nur zu rasches
Ende.

Der Schmerz traf tief in ihr junges, bis dahin ungetrbtes Glck, und
Sadie besonders hatte viel, unendlich viel durch ihn verloren. Auch
Ren schmerzte der Verlust des alten wackern Mannes, der ihm ein
zweiter Vater geworden, und ja auch eigentlich viel mit seinetwegen
ertragen und geduldet.

Viele Monate vergingen denn auch, ehe sich Beide von dem Verlust
erholen, an die Trennung von ihm gewhnen konnten, und selbst dann
noch wollte das Gefhl der Leere nicht ganz weichen -- es fehlte ihnen
ein Theil ihrer selbst, und der Alles lindernden Zeit mute es
vorbehalten bleiben sie vollstndig dafr zu trsten.

Dieser Todesfall war aber auch fr Ren zum Trieb geworden, sich
irgend nach einer Thtigkeit umzuschauen, nach der auch, besonders
jetzt allein auf sich selbst angewiesen und in der lebendigeren
Ansiedlung mit neuen Bedrfnissen erwachsend, sein lebenskrftiger
Geist sich sehnte und drngte. Eine solche Beschftigung wurde ihm
aber auch zuletzt zur Nothwendigkeit, wenn er nicht untergehen sollte
in dem migen, dem Insulaner wohl zusagenden, dem gebildeten Europer
aber auf die Lnge der Zeit nicht gengenden Leben.

Kurz vor Mr. Osbornes Tode war ein Theil des Capitals, das Ren in
Frankreich stehen hatte, fr ihn auf Tahiti eingetroffen, und er
beschlo jetzt dasselbe in kaufmnnischen Speculationen anzulegen, und
sich auerdem mit dem Handel und Betrieb dieser Inseln bekannt zu
machen. Er bedurfte dessen allerdings nicht seine Lage zu verbessern
oder seine Existenz zu sichern, denn wenig gengte hier seinem
einfachen Leben, aber er wollte einen Antrieb haben, der ihn irgend
einem gestellten Ziel entgegen fhrte, und das zog ihn dann nicht
allein nicht von seinem huslichen Leben ab, sondern mute diesem
sogar einen noch hheren Reiz verleihen.

Seine kleine freundliche Wohnung lag vielleicht eine halbe Meile
unterhalb Papetee, dicht am Meeresstrand, von hohen Wi- und Mapebumen
umgeben, und die freie Aussicht nach dem reizenden Imeo hinber
gewhrend. Dort, schon mit mancher Europischen Bequemlichkeit
ausgestattet, hatte er sich sein Nest gebaut, und zog ihn auch ber
Tag dann und wann theils die Anknpfung seiner Geschfte, theils das
rege politische Treiben dieser lebendigen Zeit fr Tahiti, nach der
Stadt, so fand ihn der Abend doch stets mit raschen Schritten
heimwrts, in die Arme seines trauten Weibes eilend, und schmiegte
sich dann das liebe holde Kind, dem die Mutterwrde einen fast noch
hheren Reiz verliehen, kosend an seine Seite, dann segnete er wohl
oft, in der Flle seines Glcks, das Schiff, das ihn an diese
gastliche Kste gefhrt, und mehr noch den Entschlu Freiheit und
Leben daran gesetzt zu haben den Boden zu betreten, zu dem es ihn,
wie mit einer hheren inneren Stimme unaufhaltsam getrieben.

Wie es dabei oft jungen Leuten geht, denen das Schicksal, und wie
hufig ihnen zum Heil, in ihrer ersten Liebe, bei ihren ersten
ehrgeizigen Plnen, den schon zum Genu gehobenen Becher von den
Lippen reit, und die dann pltzlich ihre Rechnung mit der Welt
abgeschlossen, ihre Ansprche an das Leben und sein Glck vernichtet
glauben und gar nicht einsehen wollen, da ihnen die Welt erst jetzt
so voll und weit die Arme ffnet, fand er Alles, Alles gerade in dem
Augenblick erfllt, wo er sich schon an Abgrunds Rande whnte, und den
Schritt fr unvermeidlich, fr unabwendbar hielt, der ihn
zerschmettert in die Tiefe senden mute.

Und wenn er dann wieder im Anfang, von einem Extrem zum andern
berspringend, jeder Gefahr entrissen, mit jedem Wunsch erfllt, in
einem frmlichen Taumel von Wonne und Seligkeit der neu gefundenen
Rettungsbahn, die ihn nun durch blumige Auen fhrte, wie im Traume
folgte, verlor sich doch endlich dieses Gefhl, das ihn auch wirklich
sein Glck nur halb empfinden lie, und mit dem vollen Bewutsein
dessen was er sich hier, in dieser wunderherrlichen Welt gewonnen,
kehrte auch unendliche Ruhe und Seligkeit ein in sein Herz -- eine
Ruhe die sein Weib unsagbar glcklich machte und ihrer Brust letzte,
durch die anderen Protestantischen Geistlichen wachgerufenen Zweifel
und Befrchtungen beschwichtigte und widerlegte, da sich der unstete
Geist des jungen Mannes so leicht und vollstndig dem doch ganz neuen
ungewohnten, und gewissermaen abgeschlossenen Leben dieser Inseln
fgen werde.

Wie aber der Wirkungskreis ein weiterer war, den er hier fand, so
zeigte sich auch bald das Leben ein ganz anderes, als in dem stillen,
abgeschlossenen Atiu. Tahiti, und auf ihm Papetee schien der
Mittelpunkt des Handels und Verkehrs fr die sdlich vom Aequator
gelegenen Inselgruppen werden zu wollen, und gerade in letzter Zeit
hatten sich mehre Amerikanische wie Franzsische Familien hier
niedergelassen, die den gesellschaftlichen Verhltnissen dieses
kleinen Inselstaates einen neuen, bis dahin noch nicht gekannten
Aufschwung zu geben versprachen. Ren dessen liebenswrdiges Benehmen
ihm leicht die Herzen derer gewann, mit denen er in Berhrung kam,
trat bald darauf mit einem der Amerikaner sowohl wie den Franzosen in
Geschftsverbindung, und fand sich auf das Herzlichste bei ihnen
eingefhrt. Den Frauen besonders lag daran einen geselligen Verkehr
auf diesem abgelegenen Punkt zu erffnen und zu erhalten, und sie
hrten kaum da Ren verheirathet sei, als sie auch fest entschlossen
waren ihn aufzusuchen und mehr an sich und ihr Haus zu fesseln.

Ren, der recht wohl fhlte da er sich mit der strkeren Bevlkerung
der Insel, wenn sich besonders noch mehr Europer herber zogen, einem
mehr geselligen Leben nicht ganz wrde verschlieen knnen, ja
verschlieen mochte, hatte schon seit einiger Zeit angefangen Sadie
darauf vorzubereiten, und zum ersten Mal strte ihn hierin ihre
ungezwungene Tracht, die dem Klima wie der freien Bewegung des Krpers
doch so angemessen war. In den Kreisen in denen er sich aber in einem
mehr geselligen Leben bewegen mute, wre dieselbe jedenfalls, wenn
nicht geradezu ein Hinderni, doch oft ein Stein des Anstoes
geworden. Allerdings frchtete er im Anfang diesen Punkt bei Sadie zu
berhren -- es konnte sie krnken wenn sie glauben mchte sie gefiele
ihm weniger jetzt in dem bunten flatternden Tuch, als frher in der
ersten Liebe Zeit; aber Sadie war viel zu vernnftig nicht einzusehen,
wie sie mit dem Gatten in einen anderen Wirkungskreis getreten wre
und sich dem anzuschmiegen htte. Die liebe kleine Frau schttelte
wohl anfangs darber lchelnd den Kopf, aber die neuen Kleider standen
ihr vortrefflich, und mit dem, ihren Landsleuten eigenen Scharfblick
fgte sie sich so leicht nicht allein in die Tracht, sondern auch in
das ganze Neue und Fremde, das dieselbe mit sich brachte, als ob sie
von Kindheit an darin aufgezogen gewesen wre, und nicht erst htte
Alles abwerfen mssen was uns durch Gewohnheit und Sitte aus unserer
Jugend noch fast zur andern Natur geworden, und mit unserm inneren
Selbst verwachsen ist.

Strend allein griffen manchmal, wenn auch selten, die kirchlichen und
dadurch wieder politischen Verhltnisse der Inseln in das Leben der
Glcklichen ein, denen sich Ren selber am liebsten ganz entzogen
htte, wenn ihn eben die Geistlichen in Frieden gelassen. Die
Protestantischen Missionaire _hielten es aber fr ihre Pflicht_ (ein
entsetzliches Wort solcher Herren) die junge, im rechten Glauben
erzogene und unglcklicherweise in die Hnde eines Unglubigen
gerathene junge Frau, unaufhrlich vor dem Abgrund zu warnen an dem
sie stehe, und ihr alle die Schrecknisse vor zu halten die sie
erwarteten, wenn sie dem von ihrem Gatten betretenen Pfade folge. Auch
das Kind mute ja dem rechten Glauben erhalten werden, und so
bereitwillig sich Ren, um nur Ruhe von Auen und Frieden im Hause zu
haben, allen verlangten Ceremonien fgte, die fr unumgnglich nthig
gehalten wurden dem kleinen unschuldigen Erdenbrger eine einstige
Seligkeit zu sichern, so mute er doch zuletzt entschieden gegen
einen Theil dieser Menschen auftreten, die in seinem Haus anfingen wie
in einem Taubenschlag aus und ein zu fliegen, und auf dem besten Weg
waren der armen Frau den Kopf zu verdrehen, und sie melancholisch und
unglcklich zu machen.

Von den Geistlichen war nur Einer, mit dem er sich gewissermaen
befreundete, und zwar eigenthmlicher Weise gerade Einer der
eifrigsten und entschiedensten der ganzen Gesellschaft. Bruder Nelson
lebte und webte nur in seiner Mission und behandelte seinen Beruf mit
einer Aufopferung, die ihn stets zuletzt an sich denken lie, und
Belohnung nur wieder allein in dem Erfolg suchte und fand, den er dem
alleinigen Gott, seiner Meinung und Ueberzeugung nach, errang. Ruhig
und fest arbeitete er aber auch ohne Uebertreibung, ohne jenen
_blinden_ Eifer an der Besserung und Bekehrung seiner Mitmenschen, und
gehrte vor allen Dingen nicht zu jener tollen Schaar die mit dem
Wahlspruch ein Trpfchen _Glaube_ sei besser wie ein ganzes Meer voll
_Wissen_ das Volk nur fr ihre Worte und Formeln fanatisiren wollen,
und Sinn und Verstand dabei, mit einem verklrten Blick nach oben,
unter die Fe treten.

Ren unterhielt sich gern und oft mit ihm, selbst ber religise
Punkte und noch mehr und gewaltigern Stoff zur Unterhaltung, aber
auch zugleich dabei zu einer neuen Besorgni, die seinen Eifer ihr zu
begegnen nur noch mehr anstachelte, erhielt der ehrwrdige Mr. Nelson
in einem neuen Gast des Hauses, der anfangs nur selten kam, sich aber
bald dort wohler fhlte und hufiger da gesehen wurde als den brigen
Missionairen, die schon das Schlimmste frchteten, lieb sein mochte.

Es war dies Einer der Katholischen Priester, denen natrlich daran
gelegen sein mute vor allen Dingen unter ihren Landsleuten festen Fu
zu fassen, von denen aus sie ihre Lehre verbreiten und den Ketzern den
schon fast sicher geglaubten Sieg entreien konnten. Vater Conet hatte
den jungen Franzosen und Landsmann aufgesucht, und trotzdem da er von
diesem, der nicht mit Unrecht dadurch den religisen Kampf ber seine
eigene Schwelle zu ziehen frchtete, im Anfang etwas kalt empfangen
und aufgenommen wurde, sich so liebenswrdig betragen, und sich so
fern auch selbst von jedem Schein eines Bekehrungsversuches gehalten,
da Ren bald in ihm nur den lieben, ihm herzlich willkommenen
Landsmann sah. Selbst Bruder Nelson, der mit ihm einige Male da
zusammentraf und es zuletzt unmglich fand im Gesprch das was ihnen
beiden so nahe lag, die Religion ganz zu vermeiden, lernte ihn mit
jedem Tage mehr als einen durchaus gebildeten, anstndigen Mann
kennen, da er nicht allein Nichts mehr gegen seine Besuche des Hauses
einzuwenden hatte, sondern sie im Gegentheil anfing gern zu sehn und
absichtlich ein und dieselbe Stunde mit dem katholischen Priester
whlte, ihn dort zu treffen.

Unter den brigen Geistlichen hatte aber, nichtsdestoweniger da
Bruder Nelson das Haus besuchte, der berhaupt lange nicht als
entschieden und orthodox genug unter ihnen galt, mehr und mehr der
Verdacht Wurzel geschlagen, da der katholische Priester wirklich die
heimliche Absicht habe, die junge Frau schon aus den Armen der
rechtglubigen Kirche herauszureien und der seinigen zuzufhren, und
der Ehrwrdige Bruder Dennis, der fanatischeste unter den Fanatikern,
fhlte sich vor allen anderen dazu berufen, fr die junge Christin wie
ihr Kind als Kmpfer aufzutreten.

Mehrmals trafen sich hierauf die beiden Geistlichen, Bruder Dennis und
Conet in Ren's Wohnung, selbst whrend dessen Abwesenheit; Bruder
Conet fand aber bald welch ein anderer Geist diesen Mann beherrsche
wie den ehrwrdigen Nelson, und vermied sorgfltig auch nur die
mindeste Begegnung mit ihm auf geistlichen Gebiet unter dem, ihm
befreundeten Dach. Artig aber entschieden wie er den wieder und
wieder gebotenen Kampf zurck. Ren erfuhr das auch, und gewann ihn
dadurch um so lieber; vergebens bat er aber den frommen Mr. Dennis
dagegen, von solchen Versuchen bei ihm abzustehn, da erstens nicht
einmal die geringste Gefahr irgend eines Glaubenswechsels fr Sadie
vorhanden sei, ja die Frau sogar viel schwrmerischere Ideen bekam,
als ihm schon lieb war, und er auch nicht gern sein husliches Glck
dem Zwiespalt opfern wollte, der die ganze Nation zu verschlingen
drohte. Der fromme Geistliche hatte hhere Pflichten als gegen die
Menschen und ihr husliches Glck -- er hatte Pflichten gegen _Gott_
und denen mute er folgen, gleichviel wohinaus sein Weg ihn fhrte.
Der Allmchtige hatte ihn und seine Brder jenem glorreichen Beruf
erwhlt, Sein Wort, Seine Lehre, den Heiland der Welt und den Heiligen
Geist den Heiden dieser Seeen zu bringen und jubelnd in dem Gefhl --
jubelnd in der Seligkeit der Ueberbringer so froher Botschaft fr die
Verlorenen zu sein, schritt er vorwrts, das Kreuz in der gehobenen
Rechten. Wohl lauerte der Feind jetzt mit einem trgerischen Schatten
desselben Kreuzes die schon fast Geretteten von der richtigen Bahn
wieder abzulenken; schon streckte er die gierige Teufelsfaust aus, und
Gefahr drohte der kleinen Schaar der Rechtglubigen von _allen_
Seiten; aber fest und unerschrocken wandelten sie, die von Gott
Beauftragten, ihre Bahn. Ihr Loos war ein schweres, ihr Ausgang ein
zweifelhafter, aber sie zgerten nicht in dem begonnenen guten Werk,
und Gott, der die Herzen der Menschen sah und ihre innersten Thaten,
wrde sie einst richten, ob sie recht gehandelt htten vor Seinem
Angesicht.

Bruder Nelson fhlte und achtete den Grund, der den franzsischen
Priester bewog mit dem fanatischen Geistlichen keinen religisen Kampf
zu beginnen, was nur in offener Feindseligkeit enden konnte, ja diesen
Weg schon mehremal, selbst ohne Entgegnung, durch des frommen Mannes
Heftigkeit zu nehmen gedroht hatte. Er machte auch seinem Collegen
darber mehrmals freundliche Vorstellungen, die dieser aber nur heftig
erwiederte, und in Ren's Wohnung war es solcher Art schon mehrmals
zwischen den beiden befreundeten Geistlichen selbst, was der Katholik
stets vermieden hatte, zu, wenn nicht feindlichen, doch sehr lebhaften
und jedenfalls fr die Zuhrer unangenehmen Auftritten gekommen.

Ren htte sich Sorgen machen knnen, des aufsteigenden Wetters wegen,
aber sein leichter frhlicher Sinn lie das auch leicht an sich
vorbergehn, und zog's ihm auch manchmal die Stirne kraus, ein Blick
auf sein trautes Weib, glttete sie rasch wieder, und ein Lcheln
ihres Mundes trieb ihm wie frhlicher Sonnenschein durch's Herz.

Die ehrwrdigen Herren Nelson und Dennis hatten denn auch, nur wenige
Tage nach der Versammlung, wieder einmal in Ren's Wohnung eine sehr
ernste Debatte gehabt, in der der letztere, wie gewhnlich, Sieger
geblieben, das heit das letzte Wort behalten, und Sadie war zum
ersten Mal traurig geworden da Ren ber Beide lachte, und berhaupt
die Sache, die doch auch _seinen_ Gott betraf, so entsetzlich leicht
nehmen wollte. Die Geistlichen hatten lange das Haus verlassen, der,
schon vorher beschriebenen Versammlung beizuwohnen, und Ren und Sadie
saen jetzt, Hand in Hand, die junge Frau das wirklich sorgenschwere
Haupt an des Gatten Schulter gelehnt, vor ihrem Haus, whrend die
kleine Sadie in dem Schoo der Mutter lachte und strampelte, und des
Himmels Blau in ihren klaren groen Augen wiederspiegelte.

Und bist Du noch bs auf mich, Sadie? flsterte Ren nach einer
langen langen Pause, in der er seine Lippen an ihre Stirn gepret
gehalten.

_Bs_, auf _Dich_, Ren? sagte die Frau, und schttelte wehmthig
lchelnd mit dem Kopf -- ich glaube nicht da ich bs auf Dich werden
knnte. -- Das ist auch ein gar trauriges schmerzliches Wort; nur ein
wenig -- nur ein ganz klein wenig weh hast Du mir gethan -- aber es
gereut mich schon da ich Dir Vorwrfe darber gemacht. Du hattest es
sicher nicht so gemeint, wie ich thrichtes Kind es aufgenommen; --
ich mu Dir auch gestehen -- 

Und was, meine Sadie?

Schilt mich eine Thrin, sagte Sadie, ich hab' es verdient, aber --
mir war es immer als ob Du auf Seiten der fremden Priester stndest,
wie Du lachtest, und das, das gerade gab mir einen ordentlichen Stich
durch das Herz, und das -- das glaub' ich auch, war, was mir
eigentlich weh dabei gethan.

Das sollte es wahrlich nicht, Du treues Herz, sagte Ren gutmthig,
aber komisch ist es doch wahrlich manchmal, da Menschen, sonst ganz
vernnftige mit ihren fnf Sinnen begabte Menschen wie unser Freund
Dennis zum Beispiel, in mir unbegreiflicher Verblendung nicht allein
behaupten knnen, nein auch fest davon berzeugt sind, da nur sie
allein den schmalen dornenvollen Pfad gefunden haben und wandeln,
der direkt zu Gottes Seligkeit fhrt.

Und wenn sie recht htten?

Liebes Herz!

Nein Ren, nein! sagte Sadie rasch, sich fester an ihn schmiegend,
ich will nicht streiten mit Dir ber den Weg des Heils, aber Du mut
auch nachsichtig mit mir sein, denn _wenn_ ich mich ngstige und
sorge ist es ja doch nur Deines, des Kindes wegen.

Sieh nun, Sadie, sagte Ren nach einer kleinen Pause, in der er sie
fest in seinen Arm geschlossen, Ihr zrnt den fremden Priestern
meiner, oder vielmehr der Rmisch katholischen Religion, da sie den
Streit und Unfrieden auf Euere Insel gebracht htten, und zum Theil
hast Du recht; aber wre es mglich gewesen die katholische Religion
ganz fern von diesen Gruppen zu halten, wo mehr und mehr Fremde sich
ansiedelten, deren Religion allein doch kein Grund sein konnte sie
zurckzuweisen? ja hatten die Protestantischen Missionaire vor Gott
ein Recht _ihr_ Sektenthum allein als das wahre und richtige
hinzustellen?

Vor Gott und den Menschen, _ja_! sagte rasch und eifrig Sadie, denn
ihr Leben haben sie daran gesetzt diesen Inseln die wahre Religion zu
bringen, und wrden sie das gethan haben, wenn sie gerade ihre
Religion nicht fr die wahre, allein wahre hielten, ja wenn sie nicht
_fest berzeugt_ gewesen wren da sie es sei? -- Welchen bessern
Beweis konnten jene Mnner geben, als da sie Gut und Blut fr ihren
Glauben einsetzten?

_Gut_ und _Blut_, sagte Ren achselzuckend, das klingt wie viel
und ist wenig, dasselbe thut der gewhnlichste Matrose auf jeder Reise
-- wir wollen Alle leben. Aber wir haben darber schon gesprochen
meine Sadie, und gerathen da auf ein gefhrliches, viel viel lieber zu
vermeidendes Feld. Der _Einzelne_ kann mir auch lieb und werth sein,
ohne da ich gerade das Princip des Ganzen anerkenne, wie Du ja selber
auch den wrdigen Vater Conet seines achtungswerthen Betragens, wie
seiner gesellschaftlichen Tugenden wegen lieb gewonnen hast, whrend
Du doch sonst gewi in jeder Hinsicht seine Gegnerin bist.

Ich begreife das berhaupt nicht, sagte Sadie leise -- er ist auch
gar nicht wie ein katholischer Priester -- 

Weil Du Dir diese Klasse Menschen eben gedacht hast wie sie Dir von
Bruder Rowe und Consorten geschildert wurde. Bei vielen trifft deren
Bild, ich habe Nichts dagegen, aber nicht bei Allen, nicht bei der
Mehrzahl, und -- wir sollen nie von einem Menschen das Schlechteste
denken, Sadie. Doch guter Gott, wohin verirren wir uns? -- ist das ein
Gesprch fr Mann und Weib mit _dieser_ Welt um uns her, und dem
herzigen sen Wesen da zwischen uns, da Dich zupft und ruft und die
Mutter schon lange ablenken will von den dsteren Gedanken, die ihr
so nutzlos die Seele umlagern und -- so nutzlos hineingepflanzt sind
in den reinen treuen Boden? Wetter noch einmal Sadie, Bruder Dennis
ist mir ein lieber seelensguter Mann, ein Mann den ich achte und
verehre, weil ich fhle wie eben Alles bei ihm feste innige
Ueberzeugung ist, was er spricht -- selbst wenn er Unsinn -- nein mein
Lieb, ich meine es ja nicht so schlimm, er soll mir Dir nur nicht
solche Grillen und Gedanken in's Herz pressen, und zwingt er Dir noch
einmal die Thrne in's Auge, dann -- dann -- 

Und dann? frug Sadie, und unter Thrnen vor schaute ihr Blick
lchelnd zu ihm empor -- und dann?

Wettermdchen, Du machst mit mir doch was Du willst! rief Ren, sie
an sich ziehend und kssend -- ich verlange ja auch Nichts mehr auf
der weiten Gottes Welt, als da sie uns unsern Frieden lassen,
ungestrt und heilig, wie wir ihn -- 

Hahahahaha, klang in diesem Augenblick eine silberreine Stimme zu
ihnen herber, und als sie berrascht aufschauten, sprang eines der
eingeborenen Mdchen, das sie hier auf Tahiti kennen gelernt, und
trotz ihres wilden Wesens, in dem ein treues Herz verborgen lag, lieb
gewonnen, ber die niedere Umzunung, die den Nachbargarten von ihnen
trennte, und kam auf sie zu.

Es war ein junges Ding von siebzehn Jahren vielleicht, und ganz in die
dnne luftige Tracht jener Mdchen gekleidet, mit kurzem ~pareu~ oder
Lendentuch, und leichtem Kattun-Ueberwurf ber die Schultern, gerade
wie Ren Sadien zum ersten Mal gesehen. -- Aber die dunklen, mit
wohlriechendem Oel reich getrnkten Locken schmckte ein knstlich
geflochtener Kranz von rothen Blthen, mit den schneeigen Fasern der
Arrowroot durchwebt, und der Blick mit dem sie das junge Paar begrte
ruhte keck, ja fast hhnisch auf der liebenden Gruppe.

Aia war schn, schn wie die Palme ihrer Wlder, die lichtbronzene
Haut in ihrer Frbung eher eine Zierde zu nennen, und die Gestalt voll
und ppig, und doch schlank und elastisch; aber die weiche
schwrmerische Gluth fehlte ihr, die den Zgen ihrer Landsmnninnen
einen so eigenthmlichen Reiz verleiht, und auch das Mdchenhafte,
ohne die der Schmelz abgestreift ist von jeder weiblichen Schnheit.
Keck und zuversichtlich blitzte ihr Auge umher, den begegnenden Blick
ertragend und besiegend, und ein eigenes bitteres, fast verchtliches
Lcheln, das ihre Lippen dabei umspielte, diente nicht dazu dessen
Ausdruck zu mildern.

Joranna Sadie -- Joranna Ren, lachte sie, mit verschrnkten Armen
vor der Gruppe stehen bleibend und sie betrachtend -- Joranna Ihr
Beiden -- hahahaha -- sitzt Ihr nicht da, als ob Dir Ren erst vor kaum
einer Stunde seine tollen Liebeslgen in's Ohr geflstert, und Ihr nun
alle Beide die Ueberzeugung httet, Ihr knntet nicht leben ohne
einander? -- bah, bah, wie lange wird's noch dauern? -- Aber wundern
soll's mich doch, und htt' ich frher daran gedacht, Sadie, httest
Du mir auch von dem Pulver geben mssen, das Du ihm in die Cocosmilch
geschttet -- vielleicht lge mir jener falsche Wi-wi jetzt auch noch
vor, da ich die Schnste sei auf den weiten Inseln, und er sterben
msse, wenn ich ihn nicht mehr lieben wolle. Hahahahaha, s'ist
wahrhaftig zum toll werden wenn man an solche Zeit zurckdenkt, und
sich das Alles dann immer und immer wieder vor den eigenen Augen
erneuen sieht; ja und immer und immer wieder Thrinnen findet, denen
der Hochmuthsteufel tief genug im Herzen steckt sich allein fr
unverlabar zu halten. -- Aber Joranna; Ihr seid unverbesserlich, und
wenn er erst fort ist, Sadie, will ich Dich auslachen, wie Du es
verdienst.

Sie warf die Locken von den Schlfen zurck, und wollte nach dem
Strand hinunter eilen, als Ren's Entgegnung sie zurckhielt.

Du hast unrecht, Aia, rief er ihr nach, doppelt Unrecht, hier
gerade in beiden Nachbarhusern. Sieh Lefevre an und Aumama, lnger
noch als wir sind sie verheirathet mitsammen, haben zwei liebe Kinder
und denken gar nicht daran sich zu trennen.

Denken nicht daran sich zu trennen? rief Aia, die bei den ersten
Lauten schon stehen geblieben war, und den Kopf mit einem spttischen,
fast feindlichen Lcheln dem Redner zugewandt hatte -- denken nicht
daran sich zu trennen? ja Du hast recht -- wer wei ob _Du_ nicht noch
frher dein Canoe wieder aus den Riffen steuerst als er -- aber
Le-fe-ve hat sich schon blind gesehen in ein paar andere Augen.
Schttle nicht mit dem Kopf, Wi-wi wenn Du mir nicht widersprechen
kannst; rei ihm das Kleid auf und lege dein Ohr an sein Herz -- fr
wen schlgt's? -- bah -- so viel fr Euch! und sie schlug trotzig mit
der flachen Hand ihre Lende.

Aia -- komm her zu mir und setze Dich zu mir, sagte Sadie jetzt mit
leiser, bittender Stimme. Sei nicht so bs und rgerlich, wir haben
Dich lieb hier, und Du meinst es doch nicht so arg, wie Du es
sprichst.

Mein ich nicht? sagte das Mdchen noch immer halb trotzig und
abgewandt, aber doch schon mit viel leiserer, milderer Stimme, als die
sanften, bittenden Laute ihr Ohr trafen -- mein ich nicht? und woher
weit Du's, Sadie? -- ich hasse Euch Alle miteinander, und wohl, oh
entsetzlich wohl soll mir's thun, wenn Ihr Alle -- Alle so unglcklich
werdet -- so -- wie --  sie wandte rasch den Kopf ab von Sadie, aber
es war nur ein Moment --

Aia! rief Sadie, so bittend, so herzlich -- Aia stand zgernd, Trotz
und Zorn und Schaam hielten noch die Oberhand in ihrem Herzen, aber
nicht im Stand sich zu verstellen, gewann das bessere Gefhl, mit dem
einmal aufgerttelten Schmerz die Oberhand, und mit wenigen Schritten
an ihrer Seite, kauerte sie neben ihr nieder, barg das Antlitz an
ihrem Schoo und flsterte leise unter ausbrechenden Thrnen:

Du bist gut, Sadie, gut wie -- wie -- ich habe keinen Vergleich mehr,
denn unsere Gtter haben sie uns auch genommen und die ihrigen sind
falsch -- falsch wie sie selber. Aber ich bin viel zu schlecht fr
Dich, viel zu schlecht; Aia darf Dir nicht mehr in's Auge sehen -- und
doch hatten Deine Lippen noch nie einen Vorwurf fr sie.

Armes Mdchen, sagte die junge Frau leise und theilnehmend, und
suchte ihr Haupt zu sich aufzuheben, aber die Weinende wehrte sie ab,
und schlang den Arm nur fester um ihren Leib, sich ihre Stellung zu
wahren.

Ren hatte sie mitleidig eine Zeitlang betrachtet, dann legte er seine
Hand auf ihre Schulter und sagte leise:

Bleibe bei uns, Aia, gehe nicht wieder nach Papetee, sondern bleibe
bei Sadie. Wir haben Brodfrucht und Fisch fr Dich, und eine Matte
darauf zu schlafen, und Dein Kleid soll nicht schlechter sein, als Du
es bis jetzt getragen -- Sadie braucht eine Hlfe fuhr er freundlich
fort, als er sah wie diese den Kopf der vor ihr Knieenden streichelte,
und sie liebkosend an sich zog, und Du wirst recht, recht willkommen
sein, hier im Haus.

Ren hat recht, untersttzte die Bitte sein Weib, geh nicht wieder
nach Papetee -- deine Mutter ist todt und dein Vater weit auf den
Inseln zu Leewrts drben; meide die Stadt, die Dir nur Unheil bringt
und Fluch und Leid, und bleibe bei mir. Es wird Dich nicht gereuen und
Du wirst wieder froh und glcklich werden unter uns.

Und die Mi-to-na-res? sagte das Mdchen leise.

Werden die Reuige gern und liebend in ihren Schutz und Schirm nehmen
und ihr die Snden vergeben, wie Gott einst gndig auf uns
niederschauen mge, sagte Sadie rasch und freudig, denn in der Frage
schon lag eine Zusage ihrer Bitte. Aia lag noch lange an der Gespielin
Schoo und ihre Thrnen schienen rascher zu flieen, als eine laute
Mnnerstimme frhlichen Gru durch die Hecke blhender Akazien rief,
die den Garten von der Strae trennte.

Ah Lefevre, antwortete Ren, wie geht es Euch, Nachbar, und kommt
Ihr nicht herber?

Gleich, gleich, lautete die Antwort, und sie hrten wie der junge
Franzose drauen noch mit Jemanden sprach und ihm Auftrge gab.

Aber auch Aia hatte sich rasch und wie erschreckt emporgerichtet, und
die Locken aus der Stirn, die Thrnen aus dem Auge werfend wandte sie
sich, als ob sie den Platz fliehen wollte; Sadie aber ergriff rasch
ihre Hand und sagte leise und bittend:

Gehe nicht fort von hier, Aia, bleibe bei uns.

Nein nein, rief aber das Mdchen und Sadie konnte sehen welchen
Seelenkampf es ihr kostete die Bitte auszuschlagen, den stillen
Frieden ihrer Wohnung zu verschmhn und allein und freundlos in dem
_wilden_ Leben fortzustrmen, nein ich kann -- ich darf nicht bei Dir
bleiben -- ich verdiene es nicht -- ich bin bs und schlecht geworden,
und deines Gottes Fluch wrde mich von der Schwelle treiben, auf der
jetzt noch Dein Glck und Frieden weilt -- aber setzte sie wilder
hinzu, und ihr Auge blitzte in unheimlicher Gluth nach Ren hinber,
wenn sie Dich _Alle_ verlassen haben, und Du allein und freundlos in
der Welt stehst -- wie ich jetzt -- dann wird Aia an deiner Seite
sein, und Dir fr das freundliche Wort danken, das Du heute zu ihr
gesprochen. Dann wollen wir lachen und tanzen und _zusammen_ in's
Leben strmen, aber nicht mehr klagen und weinen. -- Den ~fa~ ber die
Thrnen -- sie waschen den Schaum von der Seele des Menschen, da man
hinunter sehen kann bis auf den Grund -- und der Fischer lacht doch
nur, der darber hinfhrt.

Du hast vielleicht Ursache Einem von uns zu zrnen, Aia, sagte aber
Ren, der wohl sah welchen schmerzlichen, ja peinlichen Eindruck die
Worte auf seiner Sadie Seele machten, und schmhst jetzt ungerecht
das ganze Geschlecht. Du wirst uns in spteren Jahren Abbitte thun.

Werd' ich -- ha? und Le-fe-ve auch, wie? -- lachte das Mdchen zornig
und deutete mit dem ausgestreckten Arm nach dem, eben den Garten
betretenden Franzosen.

Hallo Aia! rief ihr dieser zu, summt die wilde Hummel auch wieder
ihr Lied auf unserer Flur? -- ha, Du hast Thrnen im Auge Mdchen? --
geh, Du bist ein schwarzer Vogel und prophezeihst nur Unheil.

Es bedarf keines Propheten, sagte aber das Mdchen zrnend, indem
sie sich abwandte und das Schultertuch fester um sich zog -- Jeder
von uns kann leicht vorhersagen da die Sonne morgen frh wieder ber
die Berge kommt, wenn sie am Abend hinter Morea[B] in die See
gesunken. -- Fort mit Euch, Ihr habt se Worte auf der Zunge, und
Gift, tdtliches Gift im Herzen -- fort, Aia kennt Euch -- fort! --
und ohne Gru noch Blick zurckzuwerfen, schritt sie den schmalen Pfad
hinab, der nach dem unteren Pfrtchen fhrte und war bald in der
sogenannten ~broomroad~, dem gebahnten Weg nach Papetee, verschwunden.

Sadie sah ihr seufzend nach und auch Ren konnte sich eines
unheimlichen Gefhls nicht ganz erwehren.

Joranna Ren, -- ~ah bon jour Madame~, rief aber Lefevre der wohl
den peinlichen Eindruck zu verwischen wnschte, den die Worte des
wunderlichen Mdchens unverkennbar besonders auf Sadie gemacht, hat
Ihnen Aia den schnen Abend verderben wollen? -- es ist ein albernes
Ding, und darf _mir_ gar nicht mehr ber die Schwelle, denn Aumama
weint jedes Mal, wenn sie nur den Fu unter das Dach gesetzt.

Sie ist arm und unglcklich, sagte Sadie.

Ach -- sie verstellt sich, entgegnete mrrisch Lefevre -- und trgt
wahrscheinlich selber mit die grte Schuld ihres Leid's. Wir armen
Teufel sollen's dann immer allein verbrochen haben, nicht wahr Ren?
-- Doch, was ich gleich sagen wollte; gehen Sie mit nach Papetee? --
die ehrwrdigen Protestantischen Herren haben da wieder eine
Zusammenkunft, heut Nachmittag, und wie das Gercht geht beabsichtigen
sie den Beschlu ernster Maregeln, jeden Franzsischen Einflu, und
mit ihm vielleicht auch gleich wieder die Franzsischen Priester, die
ihnen ein Dorn im Auge sind, von sich abzuschtteln.

Die Missionaire -- sagte Ren rasch, fuhr aber gleich darauf
langsamer fort, sind wackere und brave, aber kurzsichtige Mnner, sie
glauben das Heft jetzt in Hnden zu haben und spielen so lange damit
bis es ihnen unter den Fingern wegschlpft -- sie sollten sich nicht
in die Politik mischen.

Was sagt Mr. Nelson dazu? frug Lefevre.

Er hlt die Ankunft der Katholiken auch fr ein Unglck fr die
Inseln, ist aber mit den Gewaltsmaregeln unzufrieden die man dagegen
ergreifen will; doch was kann der Einzelne gegen die ganze Schaar
ausrichten.

Und gehen Sie mit nach Papetee?

Was sollen wir dort? -- herbe Reden hren, die uns vielleicht rgern
und zu Gegenreden treiben? -- ich habe keine Freude an der Sache, und
sehe das Leid und Elend schon vor Augen das daraus entspringen wird
und mu.

Aber wir mgen vielleicht noch Manches mildern was geschehen knnte.
Mrenhout ist ein vernnftiger Mann, und wird nicht zu weit gehn.

Was kann Mrenhout _thun_? sagte Ren achselzuckend -- so wie die
Missionaire unter dem Schutz eines Englischen Kriegsschiffes stehn,
und so lange das im Hafen liegt, da sie sich sicher fhlen, haben sie
das Wort, und wir kennen sie doch dahin gut genug, zu wissen, wie sie
das gebrauchen. -- Aber ich gehe mit, wir haben dann wenigstens unsere
Pflicht gethan, und uns selber nichts vorzuwerfen. Ich komme bald
wieder zurck, Sadie, sagte er sich niederbeugend und ihre Stirn
kssend.

Bleibe nicht so gar lange aus heut', bat die junge Frau ihn, leise
flsternd, und die Kleine noch auf dem Knie haltend, die erst die
Aermchen um den von ihr Abschied nehmenden Vater geschlungen, sah sie
den Mnnern lange und schweigend nach.

Aber Aia's Worte hatten doch trbe und schmerzliche Gedanken in ihrer
Seele wach gerufen. Nicht fr das eigene Glck frchtete sie dabei; so
keck und leicht Ren auch immer in das Leben strmte, so treu war er
sich geblieben, was _sie_ betraf, von erster Stunde an wo er sie
gesehen, und das Kind, das er mit unendlicher Zrtlichkeit liebte,
schlang die Bande des Herzens ja noch fester um sie. Aber das wilde
Leben der Insel selber; die ihr feindlich dnkende Religion, die
weiter und weiter um sich zu greifen drohte, und viel, so entsetzlich
viel von dem verwarf, was ihr bis dahin der Seele Heiligstes gegolten;
der Unfrieden dabei zwischen den eigenen Lehrern, die Vorwrfe, die
von den Missionairen ihrem alten Vater o so ungerecht gemacht wurden,
der Rmischen Kirche mehr als mit seiner Stellung vertrglich zugethan
zu sein, wie er denn auch selbst das einzige Wesen das ihm nher
stand, einem Katholiken zur Frau gegeben; ja selbst Ren's
Gleichgltigkeit gegen einen Kampf, der doch die heiligsten Interessen
ihrer einstigen Seligkeit betraf, das Alles zog ihr in trben
ngstigenden Bildern an der Seele vorber. -- Und dabei hatte ja die
arme Aia recht mit so vielen Anderen; wohin sie dachte schrak sie vor
dem wilden Treiben zurck, das lockere Bande schlang um Europer und
Insulanerinnen, und sie loslie, wie es dem Augenblick gefiel. Ob das
Herz darber brach, oder die Verlassene in Schmerz und Trotz
Entschdigung, Vergessen suchte in wilder lasterhafter Lust; die Welle
des flchtigen Tages schlug ber ihr zusammen, und die nchste Sonne
hatte vergessen was sie gestern beschien in Lieb und Treue.

Mein schnes Atiu, seufzte sie da leise vor sich hin -- Du lieber,
lieber Platz an dem freundlichen Strand -- Deine Palmen so grn, Deine
Frchte so s -- Atiu. Und der alte kleine Mi-to-na-re da am Haus,
der so oft hier herberdenkt an seine kleine Pu-de-ni-a, die jetzt --
aber nein, nein, nein, Ren fhlt sich wohl hier und glcklich in der,
seine Thtigkeit fordernden Welt, und einst kommt denn doch wohl die
Zeit, wo er sich wieder zurcksehnt nach jenem stillen Ort unseres
ersten, seligsten Glcks -- nach Atiu. -- Und die Zeit _wird_ wieder
kommen, setzte sie nach einer kleinen Pause zuversichtlich hinzu,
noch hab' ich nicht fr immer Abschied genommen von all den
liebgewonnenen Stellen, von den guten Menschen -- ich wei nur nicht
ob ich mich so recht herzlich darauf freuen soll -- oder davor
frchten. Ach es ist ein recht recht bses Ding um das arme
Menschenherz!

FOOTNOTES:

[B] Die Indianer nennen die Insel Imeo meist Morea.




Capitel 3.

#Der Besuch -- Aumama.#


Sadie sa noch lange trumend da, und ihrem regen Geist tauchten bunte
und oft wunderliche Bilder auf, wie sie das Herz sich wohl ausmalt in
migen Stunden, sinnend und grbelnd ihre Farben schaut, und sich
vorspricht da sie leben und sind -- bis sie in Dunst zerflieen,
anderen, bunteren vielleicht, Raum zu geben. Aber die Kleine scheuchte
ihr bald die Wolken von der Stirn -- wenn es wirklich Wolken gewesen,
die ihrem sonst so heiteren Antlitz jenen ernsten Schatten gegeben --
und mit dem Kinde kosend und spielend kehrte das Lcheln auf ihre
Lippen zurck, und sie war bald wieder das heitere frohe Kind des
Waldes, dem Gott in seiner unendlichen Vaterhuld alle Wnsche
erfllt, alle Tage gesegnet hatte, und das sich nun auch des heiteren
Sonnenlichts freute, in Glck und Dankbarkeit.

Hat mir das bse arme Mdchen doch selber fast das Herz schwer
gemacht eine ganze Stunde lang, sagte sie lachend, und das Kind dabei
herzend, -- hat uns Steine in den klaren See geworfen, meine Sadie,
und das Wasser getrbt, bis an den Rand hinauf. Aber nun wollen wir
auch wieder lachen und singen und frhlich sein, bis Papa zurckkommt
und sich freut mit mir, an meinem kleinen lieben Tchterchen. Horch,
was ist das? -- hrst Du mein Kindchen, wie das trappelt und trappelt
da drauen? -- das ~buaa a fai tatatu~[C] klappert vorbei und Sadie --
aber was ist das? unterbrach sie sich rasch und fast erschreckt, als
nher und nher gekommenes Pferdegetrappel pltzlich an ihrer Pforte
hielt, und sie Stimmen vernahm -- Fremde hier drauen bei uns? -- Was
fr ein wildes reges Leben diese fremden Mnner doch auf unsere
stillen Inseln gebracht haben, setzte sie dann langsamer und
kopfschttelnd hinzu, und lrmend und lachend sprengen sie Wochentag
wie Sabbath die Straen entlang, sich nicht mehr um den heiligen Tag
ihres eigenen Gottes kmmernd, als ob das Glockengelute dem Oro oder
Taua glte. Auf Atiu war es doch stiller und friedlicher, und wenn wir
dort -- ha, ich glaube wahrhaftig die Leute wollen hier herein.

Die _mu_ der Ort sein, sagte jetzt pltzlich eine Frauenstimme
drauen auf der Strae, in Franzsischer Sprache, die Sadie hatte,
selbst in der kurzen Zeit, vollkommen gut und flieend von Ren
sprechen lernen -- wren Sie meinem Rath vorhin gefolgt, ~Monsieur
Belard~, so htten wir nicht ein paar Miles ins Blaue hinein zu
galoppiren brauchen -- steigen wir ab?

Jedenfalls, wenn es den Damen gefllig ist, erwiederte eine
Mnnerstimme, er kann kaum irgend wo anders wohnen.

Sadie die, ihr Kind auf dem Arm, auf einen kleinen Ausbau getreten
war, von dem aus sie, durch einen dichten Busch des Cap-Jasmins
verdeckt, die Strae vor der Thr gerade berschauen konnte, erkannte
drei Damen und zwei Herren, alle zu Pferde, die an der Pforte hielten,
jetzt abstiegen und den kleinen Hofraum, der zwischen der blhenden
Akazienhecke und dem Hause lag, betraten.

Die Fremden suchten jedenfalls Ren, und Auskunft zu geben trat sie
ihnen, das Kind nach dortiger Sitte auf ihrer linken Hfte reitend,
mit freundlichem Joranna entgegen.

Ah, da ist ein Mdchen, rief die eine Dame, die, das lange Reitkleid
emporhaltend, nahe am Hause stehen geblieben war, und sich nach irgend
einem lebenden Wesen, das ihr Rede zu stehen vermochte, schien
umgesehen zu haben, aber lieber Gott, Lucie, es ist eine Eingeborene,
und mit meinem Tahitisch sieht es noch windig aus -- ich kann noch
weiter Nichts als ~Joranna~ und ~aita~.

Ich spreche franzsisch, meine Damen, unterbrach sie die junge Frau,
leicht errthend und die Kleine, die sich ngstlich an sie klammerte,
der fremden Gesichter wegen, mit ein paar freundlichen Worten auf den
Boden niedersetzend.

Ah, Du sprichst in der That Franzsisch, Kind? sagte die andere
Dame, die von der ersten Lucie genannt war, erstaunt -- und noch dazu
mit vortrefflicher Aussprache; sehr schn, dann kannst Du uns auch
sagen ob Monsieur Ren Delavigne hier wohnt und Madame Delavigne zu
sprechen ist.

Sadie lchelte, denn sie fhlte recht gut wie sie die Fremden in ihrem
einfachen Gewand fr irgend ein Mdchen des Hauses hielten, und sagte
mit einer leisen Neigung des Kopfes, whrend aber ein hheres Roth
ihre Wangen und Schlfe bis auf den Nacken frbte und das liebe
Antlitz noch reizender machte:

Monsieur Delavigne wohnt hier allerdings, und Madame, oder Sadie
Delavigne -- 

Ah, dann ist die wohl seine Tochter? -- ein reizendes Kind!
unterbrach sie Madame Belard und kniete bei der Kleinen nieder.

Und Madame Delavigne? frug Mad. Brouard.

Bin ich selber, flsterte Sadie mehr als sie sprach.

Ah -- ~mon Dieu~ -- ~est il possible~? -- ~bless me~! waren die
ersten erstaunten Ausrufe der Damen und Herren, denn so unerwartet kam
ihnen die Entdeckung, da Ren eine Eingeborene zur Frau hielt,
selbst jeden schuldigen Anstand in diesen Ausrufungen zu vergessen,
und Sadie fhlte das mehr, als sie es verstand, denn das Blut drohte
ihr in diesem Augenblick die Adern der Schlfe zu zersprengen, und sie
bog sich zu dem Kind nieder ihre Verlegenheit -- wenigstens ihr
Errthen zu verbergen.

Die beiden Franzsinnen faten sich aber rasch wieder, und wohl
einsehend, welchen Versto gegen jede gute Sitte sie hier, allerdings
nur in der ersten Ueberraschung, gemacht, traten sie auf Sadie zu, und
begrten sie, ihr die Hnde entgegenstreckend, in fast herzlicher
Weise.

Ah, da hat uns Freund Delavigne eine Ueberraschung aufgespart, rief
die erste Sprecherin, Madame Belard, lachend -- wir haben natrlich
nicht vermuthen knnen, da er schon _so_ heimisch auf den Inseln
geworden wre. -- So sein Sie uns herzlich gegrt, Madame und
versichert dabei, da wir trotzdem keine Unbekannte in Ihnen
aufsuchten. Ihr Herr Gemahl hat uns schon so viel Liebes und Gutes von
Ihnen erzhlt -- nur Ihrer Abstammung erwhnte er nicht,
wahrscheinlich nur uns Ihre Liebenswrdigkeit so viel lebhafter
empfinden zu lassen.

Sadie athmete leichter auf; die freundlichen Worte, wenn sie ihren
Sinn auch nicht gleich vollkommen fate, thaten ihr wohl. Sie hatte
sich vor einem ersten Zusammenkommen mit jenen fremden Frauen, von
denen ihr Ren schon erzhlt, und in deren Haus sie einzufhren er
gewnscht hatte, schon lange gefrchtet; deren erstes Betragen hatte
dann ebenfalls nicht dazu gedient sie zu beruhigen, und um so
wohlthuender kam ihr jetzt die herzliche Anrede. Ihr einfach treues
Herz kannte auch weder Falsch noch Verstellung, und die Worte nehmend
wie sie ihr geboten wurden sagte sie, den Frauen beide Hnde
entgegenstreckend, und ihnen offen und freundlich dabei in's Auge
schauend:

Ren wird es recht recht leid thun da Sie ihn nicht hier gefunden
haben, aber sein Sie mir _herzlich_ willkommen und ruhen Sie sich ein
wenig aus bei mir, von Ihrem Ritt. Ich will die Kleine nur indessen
unter Aufsicht geben, und bin dann rasch wieder bei Ihnen.

Die Damen wollten erst hfliche Einreden machen, und sprachen von
stren und beunruhigen, Sadie fhrte sie aber lchelnd zu dem
freundlichen Sitz am Strand, und bat sie dort niederzusitzen, whrend
sie rasch mit dem Kind in das Haus eilte.

Ein reizendes Frauchen, sagte Monsieur Belard schmunzelnd, als sie
in der Thr verschwunden war, und die Damen einiges zusammen
flsterten; Delavigne hat wahrhaftig keinen schlechten Geschmack; und
spricht vortrefflich Franzsisch -- vortrefflich.

Mr. Delavigne htte uns aber doch auch wohl vorher einen Wink ber
seine Familienverhltnisse geben knnen, meinte Mrs. Noughton, eine
Amerikanerin, die bis jetzt noch kein Wort mit Sadie gesprochen hatte
-- er wrde dadurch beiden Theilen eine Verlegenheit erspart haben.

Lieber Gott, Verehrteste, vertheidigte diesen die lebendige Madame
Belard, die Verhltnisse auf den Inseln hier sind von den unsrigen so
sehr verschieden, da man schon wirklich bei Manchem ein Auge
zudrcken mu, und nicht gar so entsetzlich streng sein darf. Es
bestehen brigens auch wirkliche Verbindungen zwischen Europern und
Insulanerinnen, und Monsieur Delavigne hat nur von seiner _Frau_
gesprochen.

Liebe Kinder, was zerbrecht Ihr Euch darber den Kopf, fiel ihnen
hier der andere, ltere Herr, ein Monsieur Brouard und der Gemahl der
viel jngeren Lucie Brouard, in die Rede, wenn Ihr in Rom seid mt
Ihr leben wie die Rmer, sagt ein altes gutes Sprichwort. Madame
Delavigne ist ein reizendes junges Frauchen, und wohl im Stande einen
Mann zu fesseln.

Und auf wie lange? unterbrach ihn, mit einem fast boshaften Lcheln,
Madame Belard.

Auf wie lange, Madame? wiederholte mit einem etwas frivolen
Achselzucken der Gefragte -- ich bin kein Prophet oder Sterndeuter;
aber das sind Familienverhltnisse, und mancher Indianer htte
vielleicht eben so gut ein Recht dieselbe Frage an uns Europer zu
richten -- auf wie lange? ~mon Dieu~, wir sollten diesen wichtigen
Punkt berhaupt etwas genauer in unserem Trauungs-Ceremoniell
bercksichtigen; _auf wie lange_? -- wir mssen uns damit begngen zu
wissen, da wir _sind_, und eine Frage was wir einst _werden_,
geschieht wohl immer nur in's Blaue hinein.

Es ist aber doch nur eine Indianerin, bemerkte, mit einem
keineswegs zufrieden gestellten Blick, Mrs. Noughton, die aus den
Vereinigten Staaten von Nord-Amerika ein nicht leicht zu besiegendes
Vorurtheil gegen jede farbige Race, sie mochte einen Namen oder Stamm
haben welchen sie wollte, mitgebracht hatte, und sich immer des
Gedankens nicht erwehren konnte, da solche Leute am Ende gar
_schwarzes_ Blut in ihren Adern haben knnten, oder mit anderen Worten
in zweiter oder dritter Generation von _Negern_ abstammten, mit denen
natrlich jeder vertrauliche, selbst freundschaftliche Verkehr auer
Frage gewesen wre -- und htte ich das frher gewut, wrde ich ihr
wenigstens nicht zuerst meine Visite gemacht haben.

Sie mssen aber bedenken, Mrs. Noughton, sagte etwas eifrig Madame
Belard dagegen, da uns Monsieur Delavigne gar nicht zu sich
eingeladen, also auch keine Schuld hat an dem Besuch. Wir sind aus
freien Stcken hergekommen, und wenn ich auch gestehen mu da ein
derartiges Verhltni immer sein Unangenehmes, Strendes hat und uns
bei greren Gesellschaften vielleicht auch dann und wann in
Verlegenheit bringen knnte, so -- 

Attention meine Damen, unterbrach sie hier Mr. Brouard, mit etwas
gedmpfter Stimme, denn Sadie erschien in diesem Augenblick wieder auf
der Schwelle des Hauses, und hinter ihr ein Knabe, der einen groen
Prsentirteller mit Wein und Frchten trug.

So Mataoti, rief sie diesem in seiner Sprache zu, bediene die
Frauen und sei ein flinker Bursch, sich dann aber zu ihren Gsten
wendend fgte sie herzlich hinzu: aber Sie haben sich ja noch nicht
einmal gesetzt, in der ganzen langen Zeit -- bitte geben Sie mir Ihre
Hte und machen Sie es sich bequem, Ren drfen Sie doch nicht so bald
zurck erwarten, denn er und Monsieur Lefevre sind der politischen
Verhltnisse wegen nach Papetee gegangen, dort noch Manches vielleicht
mit ihren Freunden zu besprechen.

Hahaha, das ist vortrefflich! lachte Mr. Belard, und denen zu
entgehen sind wir gerade ausgeritten; es wird frmlich Comdie
gespielt heute in der Residenz, und da die Missionaire Hauptrollen
dabei haben, frchteten wir die Sache mchte doch am Ende zu
langweilig werden.

So essen und trinken Sie nur wenigstens, bat Sadie, die nicht ohne
Grund frchtete das Gesprch knnte sich hier auf religise Bahn
lenken und das unter jeder Bedingung zu vermeiden wnschte -- Ren
wrde sich herzlich freuen wenn er hrte, da es Ihnen bei uns
gefallen hat.

Die Damen zgerten noch unschlssig was zu thun -- sie schienen sich
eine vor der andern zu geniren; Sadie bewegte sich aber mit solcher
Leichtigkeit in dem, ihr doch fremden Kreis, und ihre Bitte kam so
frisch und unverstellt aus dem Herzen, da sie in ihrer Natrlichkeit
jede leere Hflichkeitsformel schon von vornherein unmglich machte,
und selbst Mrs. Noughton mute sich zuletzt gestehen, da diese
Insulanerin ein ungewhnlich liebenswrdiges Wesen sei, dem man wohl
gewogen sein knne -- wenn sie eben nicht die fatale broncefarbene
Haut gehabt htte.

Die Frauen hatten sich denn auch bald um den runden, mit einem
reinlichen Tuch bedeckten Tisch gesetzt, Monsieur Belard wurde hinaus
nach den Pferden geschickt, zu sehen ob diese ruhig stnden und
Mataoti von jetzt beordert bei ihnen zu bleiben, und wenige Minuten
spter sa die Gesellschaft ganz traulich beisammen, und Madame Belard
und Brouard hatten -- sie wuten gar nicht wie sie dazu gekommen, der
kleinen Insulanerin, die mit ihrem reinen Franzsisch die Eingeborene
vollkommen vergessen machte, so viel vorzuplaudern und zu erzhlen,
als ob sie sich schon seit langen Monaten gekannt, und nicht eben erst
heute, vor Minuten fast, zusammengekommen wren. Die Mnner blieben
darin natrlich nicht zurck, besonders Mr. Brouard, der seinen Sitz
neben Sadie genommen, thaute ordentlich auf, und war von einer
Aufmerksamkeit gegen die kleine Insulanerin, da er seine Nachbarin
zur Linken, Mrs. Noughton, total darber vernachlssigte, die denn
auch der ganzen Unterhaltung -- der Franzsischen Sprache ohnedie nur
oberflchlich mchtig -- mehr beobachtend als theilnehmend, und
ziemlich kalt und ernsthaft folgte.

Eine volle Stunde hatten sie so gesessen und geplaudert, und Frchte
gegessen und Franzsischen Claret dazu getrunken, und Mataoti war
drauen bei den Pferden schon ganz ungeduldig geworden, als Madame
Brouard, die zuletzt ebenfalls stiller und einsylbiger wurde, und die
Unterhaltung ihrer Freundin und den Herren fast allein berlie,
endlich zum Aufbruch mahnte. Monsieur Brouard wollte noch gar nicht
fort, so vortrefflich hatte er sich amsirt, und die Damen begannen
jetzt Abschied zu nehmen von ihrer neuen Bekanntschaft.

Sadie sagte ihnen mit einfachen Worten wie es sie freue da es ihnen
bei ihr gefallen htte, und wie glcklich es Ren machen wrde, wenn
er hre da sie hier gewesen und gegessen und getrunken htten -- wir
knnen recht gute Nachbarschaft halten, hier auf Tahiti, setzte sie
hinzu, und mit freundlichem Hndedruck und Joranna, von Madame Belard
und Brouard ebenfalls eingeladen sie wieder zu besuchen, verlie die
kleine Gesellschaft den Garten, bestieg drauen die scharrenden
tanzenden Pferde wieder, und galoppirte wenige Minuten spter mit
klappernden Hufen die Strae entlang nach Papetee nieder.

Sadie! flsterte da eine leise Stimme, als der Schall der Hufe auf
der harten Strae noch nicht verklungen war, und die junge Frau, die
noch lauschend stand, und in tiefem Nachdenken den mehr und mehr
verschwimmenden Tnen zu horchen schien, wandte sich rasch, und fast
wie erschreckt dem Rufe zu, der von der Nachbarhecke kam.

Aumama? -- und warum kommst Du nicht herber?

Ist die Luft rein? frug eine klare, lachende Stimme.

Meinst Du die Fremden? -- sie sind fort; aber ich glaubte Du wrest
mit Lefevre nach Papetee gegangen?

Die junge Frau an der Hecke schttelte mit dem Kopf und sagte lachend:

Ich wollte erst, wie aber Ren mitging blieb ich daheim; denen
schlieen sich dann mehr und mehr Mnner an und -- das Treiben in
ihrer Gesellschaft gefllt mir nicht; auch mit der Sprache kann ich
nicht so gut fertig werden wie Du. Aber ich komme hinber --  und ein
kleines Pfrtchen ffnend, das zwischen einer blhenden und Frucht
tragenden Orangenhecke hindurchfhrte, trat Aumama, Sadiens
freundliche Nachbarin, in den Garten und kte sie, ihren Arm um sie
schlagend auf die Lippen.

Sie war in die einfache indianische Tracht gekleidet, mit dem langen
losen, bis auf die Knchel niederfallenden Oberrock, der nur vorn am
Handgelenk zugeknpft wird, ohne Schuh und Strmpfe, den Kopf mit
einem leichten Panama Mnnerstrohhut bedeckt, unter dem nur ein paar
groe tiefdunkelrothe Blthen der ~rosa sinensis~ hervorschauten, und
von dem vollen, mit wohlriechendem Oel getrnkten rabenschwarzen
Lockenhaar fast wieder versteckt wurden.

Ihre Gestalt war schlank und ppig, aber mit dem, den dortigen
Insulanern eigenen Bau breiter Schultern, auch die sonst kleinen und
zierlichen Fe nach _unseren_ Begriffen von Schnheit ein wenig zu
sehr einwrts gebogen; die Form des Gesichts jedoch dabei voll und
edel und die Augen mit einem eigenen Feuer unter den feingeschnittenen
Brauen hervorglhend. Aumama war berhaupt der vollkommene Typus eines
Tahitischen Weibes, dem trotz den lebendigen Augen selbst das sinnlich
Weiche in den Zgen nicht fehlte, und als die beiden jungen Frauen so
freundlich umschlungen, und von den wehenden Palmen berragt und
beschattet, zwischen den Blthenbschen standen, htte man sich kaum
etwas Lieblicheres denken knnen auf der Welt.

Du hast vornehmen Besuch gehabt, sagte Aumama endlich lchelnd,
nachdem die erste Begrung vorber war.

Ja, erwiederte Sadie, leicht errthend, und zwar unerwarteten; aber
warum kamst Du nicht herber?

Aumama schttelte, etwas ernsteren Ausdruck in den Zgen mit dem Kopf.

Nein, sagte sie, ich passe nicht zu den Leuten -- wir berhaupt
nicht -- und sie nicht zu uns -- es ist besser wir bleiben aus
einander.

Aber Du nrrisches Kind, rief Sadie, hast Du Dich denn nicht, so
wie ich gerade, mit Einem von ihnen fr das ganze Leben verbunden, und
willst Du denn auch von ihm sagen, da Ihr nicht zu einander pat?

Aumama seufzte tief auf, und wandte das Kpfchen leicht zur Seite; sie
war jetzt recht ernst geworden, und der ganze frhere Frohsinn schien
verschwunden.

Ich _hoffe_ da wir zu einander passen -- fr das ganze Leben; sagte
sie endlich leise, es wre wenigstens _recht_ traurig, wenn wir es je
anders finden sollten. Aber setzte sie rascher, und wieder in den
leichteren Ton bergehend hinzu, in unseren Familien ist das auch
etwas anderes; mit dem Mann den wir lieben, stehn wir in einem Rang;
er versteht _uns_, wir verstehen _ihn_ und in unserem Vaterland
schmiegt er sich leichter unseren Sitten an, oder lehrt uns allmhlich
die seinen, beider Eigenthmlichkeiten in einander verschmelzend. Mit
den Gesellschaften jedoch ist das etwas anderes, besonders mit fremden
_Frauen_, und glaube mir, Sadie -- ich habe darin Erfahrung. Die
Weien fgte sie leiser hinzu, halten uns fr einen untergeordneten
Stamm, weil wir frher zu Gtzen gebetet haben vielleicht -- 

Aber das haben sie auch gethan, ihre Vorvter wenigstens, unterbrach
sie Sadie rasch, Vater Osborne hat mir das selbst erzhlt.

Haben sie? sagte Aumama erstaunt, das ist das erste Mal, da _ich_
davon hre; aber auch vielleicht noch weil wir nicht so klug sind wie
sie, und so geschickt im Lesen und Schreiben. Auch unsere dunkle
Hautfarbe kommt ihnen nicht so schn vor -- den Frauen wenigstens, und
_Eifersucht_ mag oft gleichfalls, und gar nicht selten, die Ursache
sein, da sie uns zurcksetzen und -- krnken. Ausnahmen mag es dabei
unter uns geben; so glaub' ich, Sadie, da _Du_ Dich vielleicht wohl
unter ihnen fhlen wirst, weil ich einsehe, da Du uns eingeborenen
und wild aufgewachsenen Mdchen in vielen vielen Stcken berlegen und
den weien Frauen _fast_ gleichstehend bist; aber fr mich pat es
nicht -- mir schnrt es die Brust zusammen, wenn ich bei ihnen bin,
und die kalten vornehmen Blicke sehen mu, die sie auf mich werfen,
als ob es blos eine Gnade von ihnen wre, da sie mich zwischen sich
dulden. Da ist es mir weit weit wohler bei meinen Kindern am
freundlichen Strand, im Rauschen meiner Bume, und vor mir die weite,
herrliche See -- ich halte es auch fr gar kein Glck fr uns, etwa
setzte sie langsam und wie in recht ernstem Sinnen hinzu, da die
weien Frauen in den letzten Monaten zu uns gekommen sind. Das Leben
auf Tahiti ist seitdem ein anderes geworden, und ich selbst fhle mich
nicht so wohl mehr in der neuen Umgebung -- habe mich auch selber
vielleicht gendert, oder -- Andere haben.

Aia hat Dich traurig und ernst gemacht, sagte Sadie, freundlich ihre
Hand ergreifend, sie war auch hier bei mir, und ich -- 

Aia! unterbrach sie rasch und heftig Aumama, aber mit weicherer
Stimme fuhr sie fort, Aia ist ein armes, armes Mdchen und sie kann
mich nicht bse machen, aber -- und ihre Augen funkelten in einem
eigenen wilden, fast unheimlichen Feuer -- nicht ertrg ich es auch
wie sie, und was sie ertragen hat. Bei jenem weien Gott, der Oro's
Bilder zertrmmerte und unsere Tempel niederbrach, bei jenen Tempeln
selbst --  Aumama schwieg, aber die Hand noch, wie zum Schwur
emporgereckt, die Locken, von denen der Strohhut abgefallen war, wild
ihre Stirn umflatternd, das Auge glhend in einem eigenen Licht, stand
sie wohl eine halbe Minute schweigend da, selber ein Bild der
zrnenden Gottheit ihres Landes. Da, wie unwillig mit sich selber,
schttelte sie pltzlich den Kopf, strich sich die Locken aus der
Stirn und sagte, jeden unmuthigen Gedanken gewaltsam bannend. Ich bin
ein Kind, Sadie, ein launisches Kind, und seit einigen Wochen komme
ich mir selber manchmal wie umgetauscht vor, so tolle Trume und
Bilder zwing' ich mir ordentlich selbst herauf, mich zu qulen und --
rgern auch. -- Aber fort fort mit ihnen, frhlich wollen wir sein und
uns des Lebens freuen, denn der Himmel lacht noch rein und blau ber
uns und die Gtter, die in frheren Zeiten den Tisch unserer Vter mit
ihren Speisen deckten, haben uns auch jetzt noch ihre Gaben nicht
entzogen.

Aumama, sagte da Sadie, mehr herzlich als vorwurfsvoll, Du sprichst
noch immer von den _Gttern_, und bist doch lange, lange schon eine
Christin, ja wie ich hoffen will eine gute Christin geworden. Sndige
nicht, denn der Gott der Gnade ist auch ein Gott der Rache und der
Strafe, und Vater Osborne wrde es unendlich weh gethan haben, wenn er
Dich htte je so reden hren.

Und nicht um Alles in der Welt htte ich _ihn_ krnken mgen, rief
Aumama rasch, er war der Einzige auch, der mich an Gott gehalten, der
Einzige, der mich die Mglichkeit eines solchen Wesens ahnen und
begreifen lie, an das uns ja sonst die Uneinigkeit und der Ha der
anderen Priester zwingen mute zu verzweifeln. Er war ein guter Mann
und die Feranis hatten ihn auch lieb, trotzdem da er auf andere Weise
zu seinem Gott betete, als sie es thun; aber -- Sadie -- fuhr sie
langsam und wie zgernd fort, bist Du dennoch so -- so fest berzeugt
-- da er recht hatte?

Aumama? rief Sadie erschreckt, und sah staunend die Freundin an.

Hast Du von dem alten Mann gehrt? sagte aber diese mit leiser
Stimme sich zu ihr berbeugend, und den Blick fragend auf sie
geheftet, der drben auf Bola Bola lebt, lange lange Jahre schon, und
der so wunderliche Sachen von dem Gott der Christen erzhlt?

Von dem Gott der _Christen_? -- ist er denn nicht selbst ein
Christ?

Nein, sagte Aumama rasch -- nein -- er selber hat es versichert --
er ist von dem Stamm die den Christengott gekreuzigt haben, und soll
behaupten Jener sei gar nicht der Messias gewesen.

Das waren die Juden, rief Sadie berrascht, aber ich wute gar
nicht, da von jenem Stamm noch Leute lebten?

Viele, viele sollen noch davon in dem fernen Lande der Weien sein
und der alte Mann behauptet jener Gekreuzigte sei nicht Gottes Sohn
gewesen, und habe nicht die rechte Lehre gebracht, denn die Christen
unter einander wten es nicht einmal und stritten und kmpften
deshalb gegen einander, und htten schon viele viele Tausend unter
sich erschlagen, zu beweisen wer recht und den rechten Gott und
Erlser habe.

Und wenn der Mann nun nicht die Wahrheit sagt?

Nicht die Wahrheit? -- es soll ein alter alter Mann sein, und graue
Haare und grauen Bart haben; und streiten sie sich hier nicht etwa
auch um ihren Gott? -- Wer _hat_ recht? und wie jener Mann von Bola
Bola sagt giebt es in seinem Vaterland unter den Christen noch viele
andere Sekten, die alle einander hassen und gegen einander predigen.
Ist das ihre Religion des Friedens?

Aumama, Du sprichst entsetzlich, sagte Sadie schaudernd, wer um des
Himmels Willen hat Dein Herz mit solchem Trug erfllt?

Trug? wiederholte die Indianerin, und ihr Blick haftete fest auf
Sadie -- gebe Gott da es Trug wre und Lge, aber wer giebt uns
_Wahrheit_?

Gott selber, sagte da Sadie mit jenem kindlichen Vertrauen, das in
dem Schpfer wirklich seinen Vater sieht, und in reiner,
ungeheuchelter Frmmigkeit am Throne des Hchsten sein Gebet, seinen
Dank niederlegt -- Gott selber, Aumama; er hat uns die Wahrheit in
das Herz gelegt, und seine Boten schon vor langen Jahren gesandt, sie
uns hier zu lehren. Bete, bete mit voller Inbrunst und das Herz wird
Dir aufgehen, wenn Du Dich zu Gott wendest.

Aber Le-fe-ve betet gar nicht, warf das Mdchen wieder ein, dem
Gedanken folgend da die Europer selber, in verschiedene Religionen
getrennt, kein Vertrauen auf den Gott htten, den sie den Inseln
gebracht -- er ist ein guter Mann, aber er lacht, wenn man ihn an
seine Pflicht als Christ will mahnen; thut das Ren nicht auch?

Nein, rief Sadie schnell, aber doch nicht im Stand eine gewisse
Verlegenheit zu verbergen -- er lacht mich niemals aus.

Aber er betet auch nicht.

Gott wird ihn schon erleuchten, sagte die junge Frau, und barg ihre
Stirn einen Augenblick in den Hnden, ach es ist wahr, fuhr sie dann
leiser fort, und hat mir schon manche bittere Stunde, manche
schlaflose Nacht gemacht, wie wenig _er_ an seinen Gott denkt, und wie
viel gerade Gott fr ihn doch eigentlich gethan.

Und Mr. Osborne? hat er Dir nie an's Herz gelegt ihn deiner Kirche
zuzufhren? -- mir ist das oft und oft zur Pflicht gemacht, aber --
wie bald hab' ich _den_ Versuch aufgegeben.

Ren geht seinen eigenen Weg, seufzte Sadie, und Vater Osborne sah
das wohl und fhlte es, aber er hat mir nie ein Wort davon gesagt, ja
er warnte mich sogar vor religisen Streitigkeiten mit dem Gatten. Auf
Atiu war auch Alles gut, aber hier in Tahiti, wo die Priester selber
einander feindlich gegenber stehen, und seit Vater Osbornes Tod hat
sich Ren ganz von jeder Andacht abgewandt.

Weit Du wie Du jetzt aussiehst, Sadie? rief da Aumama pltzlich,
den Ton wechselnd, und der Freundin Hand ergreifend.

Sadie schaute berrascht empor, Aumama aber fuhr lchelnd fort --
scheuche die trben Gedanken fort von der Stirn, sie passen nicht fr
uns. Was kmmern uns die Streitigkeiten jener Priester, noch ist die
Banane so s, die Cocosnu so saftig als je und der Himmel lacht blau
und heiter auf uns nieder und unser schnes Land. Sieh da kommt deine
Sadie, unterbrach sie sich pltzlich als das Kind, von einem jungen
vierzehnjhrigen Mdchen getragen, in der Thr erschien -- her zu mir
Herz, her zu mir mein ses Kind, und Du sollst mir helfen der Mama
Zge wieder aufzuheitern. Und nun sollen auch Scha-lie und Ro-sy
herber und mit Dir spielen, mein Herz, und froh und munter wollen wir
sein, und tanzen und springen.

Die Kleine aufgreifend, die ihr schon von Weitem lachend die Aermchen
entgegenstreckte, sprang sie mit ihr, wieder ganz das frhliche
ausgelassene Kind dieser Inseln, singend und trllernd am Strand
umher, und rief die eigenen Kinder herber mit ihr zu spielen und zu
tollen. Und selbst Sadie, wenn auch nicht im Stande so rasch die
qulenden Gedanken abzuschtteln vom Herzen, verga doch ebenfalls
bald bei dem Lachen und Jauchzen der Kleinen Alles, was sie noch
vorher mit Angst vielleicht und Sorge erfllte, und das Herz ging ihr
wieder auf voll Lust und Glck in dem einen reinen und seligen Gefhl
der Mutter Lust.

FOOTNOTES:

[C] Das Schwein das Menschen trgt wie die Insulaner zuerst das
Pferd nannten, fr das sie keinen Namen hatten.




Capitel 4.

#Die Missionaire.#


Ueber die See brauste es daher, wild und strmisch in furchtbar
entsetzlicher Wuth; an den Riffen schumte und kochte die Brandung in
milchweiem Gischt, und warf ihre Wogen selbst in die sonst stillen
Binnenwasser, weiter und weiter wallend, bis zu dem weien
Corallensand des Strandes und den freigesphlten Wurzeln der
Cocospalmen, die ihre Wipfel ber dem Meere schaukelten und jetzt, wie
entsetzt ber die Entweihung, die weiten, armartigen Bltter
emporwarfen und sich zurckbogen vor der anstrmenden B. Hei wie der
Sturmvogel so scharf und gellend pfeift wenn er ber die aufgewhlte
See streicht, und seine langen elastischen Flgelspitzen auf die
glatte Woge pret, von der die Windsbraut schon den schumenden Kamm
geraubt und als Perlen hinausgestreut hat weit weit ber das Meer; hei
wie die Brandung da kracht und tobt, und sich bumt und reckt und mit
den weien Armen hinberlangt ber den Korallendamm, und doch wieder
und immer wieder zurckgeworfen wird von dem gewaltigen Bollwerk, das
Jahrtausende gebaut. Und der Sturm, der machtlos seine Kraft brechen
sieht an diesem Damm, und seine Wellen, die er sich aufgerttelt hat,
nicht hinber bringen kann, so viel er auch hebt und drngt, und die
Schulter stemmt gegen die gewaltigen, wirft sich endlich selbst mit
dem flatternden Bart an das grne Land, und die Palmen fassend in
tollem Spiel biegt und schaukelt er sie, wie er das Spiel sonst
vielleicht mit Halm oder Blthe getrieben, im weit und straff
gespannten Bogen nieder, nieder bis ihre Kronen das Laubdach berhren
das sie sttzt und hemmt und mit wildem eifrigen Rascheln die
auszweigenden Arme fest fest zusammenstreckt und sich hlt und
gegenseitig hilft gegen den wilden ungestmen Feind.

Gewaltig und furchtbar ist ein Sturm auf offener See, wo er die Wogen
aufwhlt und grbt, und die bergwichtigen Massen wie spielend und in
entsetzlicher Schnelle vor sich her jagt; aber frei und ungehindert
rast er dort sich aus, keine Grenze hemmt ihn und selbst das schwanke
Schiff das er trifft auf seiner Bahn wirft er herum, taucht es und
schleudert es empor, reit und splittert was er daran gerade fassen
und halten kann und -- jagt vorber, mde solch unwrdigen Spiels.
Anders aber und grauenhaft furchtbarer ist er dort wo die bergige
Kste den Anprall hemmt, und dem Rasenden die Stirn bietet in
krftigem Trotz.

Nicht nur den neuen Grimm hat der Wthende da auszulassen an der
starren hartnckigen Wand, die sich ihm eisern entgegenstellt, nein
auch alte Unbill zu rchen, seit Jahrhunderten her, und seit manchem
furchtbaren Strau, bei dem er sich wieder und wieder vergebens in die
Schluchten whlte und bohrte, und die Grundfesten seines Feindes zu
untergraben suchte. Von der See fhrt er die Wogen heran zum
gemeinsamen Kampf, und sich selber wirft er wild und toll gegen die
Brustwehr von Baum und Gebsch, das sich ihm zh und unverdrossen
entgegenlegt; was hilft es ihm da er die starren hartnckigen Stmme
fat und bricht und die schweren Kronen zu Boden schmettert, oder als
Widder braucht, gegen andere anzustrmen -- die elastische Palme biegt
und legt sich der Uebermacht, folgt aber dem Feind auf dem Fu bei
jedem Zollbreit Weichen, und schttelt ihm die Federkronen zornig in's
Angesicht. Wild heult und braust sie da auf, die tobende tolle
Windsbraut; bis hoch in die Lfte hinauf pfeift es und zieht's und
drhnt's, und wieder und wieder prasselt's an gegen Halde und Hang,
wieder und wieder reit es und bricht und schmettert und sthnt, ein
Opfer suchend in unsagbarem Grimm, bis die Kraft auf's Neue erschpft
ist wie seit Jahrhunderten, und der Orkan jetzt weichend, seine Wuth
mit neuer Hoffnung beschwichtigen mu fr den nchsten Tanz, sich
dennoch immer auf's Neue getuscht zu sehn. Grollend und innerlich
ghrend und kochend zieht er sich dann zurck, weit weit ber die See,
in der Ferne drhnt es und braust es noch, wie schwer athmend aus der
Tiefe auf -- blulich schwarz liegt die See, einzelne Sturzwellen in
sich selbst zusammenbrechend und weie weite Flchen, frmliche Thler
bildend von milchigem Schaum, der zischend zerfliet, neu
aufquellender Woge zum Mantel zu dienen mit dem sie sich schmckt und
tanzt und ihn abwirft, der Schwester zu. Hu, wie das hohl geht da
unten und braust und murmelt -- aber die Sturmmve zieht jetzt mit
klappendem Flgelschlag, nicht mehr regungslos kreisend, ber das
stillere Wasser, das im wilden Unmuth noch nicht einmal den Strahl der
vorbrechenden Sonne wiedergeben mag, und faden matten Bleiglanz ber
seine Flche deckt.

Auf dem Land aber, dem natrlichen Feind des Orkans, der ihm so starr
die Faust entgegenstreckt, wie die Fluth ihm jeder Zeit willige Hlfe
bietet und mit ihm tobt und rast, entfaltet der siegende Sonnenschein
schon wieder sein Panier, whrend die grollende See noch gegen die
Riffe pocht, und jeder niedergeschleuderte Tropfen wird zur Perle, die
blitzend und jubelnd im Lichte funkelt. Noch erzrnt, aber doch schon
wieder den warmen Strahl auf den Wangen fhlend, schtteln die Bume
ihr Laub, und rauschen und rascheln, Blatt und Zweiglein wieder in die
alte Form zu bringen, aus der sie der ungestme Strenfried
herausgerissen, und der warme Duft der aus den Thlern steigt wird zum
Nebelschleier, den sich der Berg wie Silberfden durch die Krone
flicht, und dem das sinkende Tagsgestirn noch seinen schnsten
herrlichsten Farbenschmelz verleiht.

Es war zur Zeit solcher Strme, die sich besonders im Herbst und
Frhjahr zeigen unter dieser Breite, und der Orkan brauste noch in all
seiner furchtbaren Kraft ber die Wasser, und schien die Riffe hinein
drngen zu wollen gegen das Land, solche berghohe Wogen thrmte er
auf, und schleuderte sie von Westen herbei, der Passat Strmung gerad
in die Zhne. Nur der fluthende Regen hatte nachgelassen und der Wind
fegte nur noch das Firmament rein, von widerspenstischen Wolken und
Schwaden, die wieder und wieder, jetzt aber machtlos und zu spt, zum
neuen Kampfe herbei wollten.

In der Hauptstrae von Papetee, auf dem breiten Strand der die erste
Huser- und Gartenreihe vom Meere trennte, und von den lebenslustigen
Tahitiern besonders Abends zum Sammelplatz benutzt wurde, blieben
jetzt Einzelne stehen und schauten auf das Meer hinaus, denen bald
Andere folgten; die Thren der nchsten Huser wurden geffnet, die
Eigenthmer standen darin mit Telescopen und um diese wogte und prete
bald das Volk in mchtiger Schaar, bald die Glser, bald das weite
Meer betrachtend, und dem Wort der Ausschauenden wie einem Orakel
lauschend.

Der Gegenstand aber um den es sich hier handelte war ein Schiff -- ein
groes Schiff das von Point Venus aus schon vor einer halben Stunde
etwa und noch im vollen Sturm, der Knigin gemeldet worden, wo es,
weit drauen in Sicht, versucht hatte beizulegen und von den Inseln
abzukommen, der Wind war aber zu heftig gewesen solches Maneuver zu
gestatten. Die Fregatte -- denn da jenes fremde Segel ein groes
Kriegsschiff sei unterlag schon gar keinem Zweifel mehr -- mute vor
dem Wind abfallen, und kam jetzt unter dicht gereeftem Vormars- und
Vorstengenstagsegel um die Spitze herum jedenfalls bestimmt nach
Papetee einzulaufen, was aber jetzt, bei dem gewaltigen Seegang und
der schmalen Einfahrt durch die schumenden Riffe nicht mglich war,
und nur bemht nun, so wenig Fortgang als mglich zu machen um erst
einmal von den nchsten Riffen frei, wieder aufzubrassen und das
Beruhigen der Wasser abwartend, gegen den Wind anzukreuzen.

Es war eine Fregatte, aber von welchem Land? Diese Frage beschftigte
jetzt Alle in ngstlicher Spannung, und wie die meisten der
Eingeborenen gerade jetzt, nach ihrer vorhergegangenen Demonstration
das Erscheinen des ihnen nur zu gut bekannten ~Du Petit Thouars~ mit
seinem Fahrzeug frchteten, so ngstlich waren sie, sich zu frh der
freudigen Hoffnung hinzugeben da es noch ein Englisches Kriegsschiff
sein knne, ihre erstrebte Unabhngigkeit zu besttigen.

Die Meinungen ber das Aussehen des Schiffes waren dabei getheilt,
whrend es Einzelne der Europer nach dem Bau der Masten, denn von den
Segeln war gar Nichts zu erkennen, fr einen Franzosen hielten,
behaupteten Andere den Amerikanischen Zuschnitt daran zu erkennen und
nur ein kleiner Theil beharrte auf seinem Ausspruch England sei nicht
zu verkennen und die Englische Flagge wrde sich zeigen, so bald die
Fregatte den Eingang passire.

Selbst die gerade in Papetee anwesenden, und gerade heute zu einer
vertraulichen Sitzung berufenen Missionaire standen auf der Verandah
des, in Papetee ansssigen Bruder Dennis versammelt, und blickten mit
etwas ngstlicher Spannung der Entfaltung der Flagge entgegen, die
besonders auf ihre Wirksamkeit einen entschiedenen Einflu ausben
mute.

Noch vor dem Sturm hatte ihre Sitzung begonnen, und whrend die
Windsbraut heulend an den Pfosten des Hauses rttelte, die Palmen wie
Weidenruthen niederbog, und die reifen Frchte von den Bumen ri, den
Boden zu streuen mit Orange und Brodfrucht, die saftigen Stiele der
Banane umknickte und duftige Blthen weit und hoch hinaus in die Berge
fhrte, lagen die schwarz gekleideten Mnner in dem langen luftigen
Gebude auf den Knieen; und mischten ihre Hymnen und Snge mit dem
Gebrll des Orkans, ein Preislied dem Herrn der Strke und
Barmherzigkeit.

Es waren die Brder Rowe, Dennis und Nelson, Mc. Kean, Smith und
Brower, zusammengekommen zu vertraulicher Berathung in so schwerer
Zeit, und die eigentlichen Vertreter auch, wenigstens die wichtigsten,
die sich gegenwrtig in der Sdsee befanden, der Evangelischen Lehre
nicht mehr nur Bahn zu brechen unter den Heiden, obgleich auch jetzt
noch ganze Gruppen von Inseln ihren Gttern treu geblieben waren und
den neuen Glauben mistrauisch von sich wiesen, sondern sich zu wahren
und schtzen gegen den Katholicismus, der ihren Futapfen gefolgt war
und die Flgel jetzt ausbreitete, ihr eigenes Licht zu verdunkeln.

Bruder Dennis war unter diesen, und besonders in seinem Charakter als
Missionair, jedenfalls der bedeutenste, und wenn auch nicht einer der
ltesten, doch jedenfalls der eifrigsten Lehrer der Inseln, wo es nur
galt dem einen heiligen Ziel entgegenzustreben, den Heiland zu
verknden und seiner Wunden Blut zu predigen in der Wste. Er auch war
Einer der Wenigen, die mit Hintansetzung jedes Gedankens an sich
selbst in die Fremde zogen, die Bibel im Arm, das gehobene Kreuz, ja
das Schwert in der rechten, wenn gereizt seinen Schatz zu
vertheidigen, und rcksichtslos weiter schreitend dabei, welchen
Glauben, welche Familienverhltnisse er unter die Fe trat, wenn er
nur die Seelen der Verdammten rettete, und ihnen das Heil kndete, das
ihnen Gott geboten, und das den Weg um die ganze Erde genommen, zu
ihnen zu gelangen.

Eigennutz, Ehrgeiz war ihm fremd, keine Familienbande fesselten ihn,
nicht Freundschaft, nicht Liebe hatten sein Herz auch nur fr eine
Stunde dem einen hohen Zweck seines Lebens abwendig machen knnen, und
er hielt den Tag fr verloren, an dem er nicht wenigstens einen,
seinem Verderben entgegengehenden Snder wach gerttelt, und ihm den
Abgrund gezeigt an dem er wandele, oder geduldet und gelitten hatte in
der Verbreitung jenes Glaubens, der ihm Licht und Seligkeit und Luft
und Liebe war.

Von schmchtigem aber nicht schwchlichem Krperbau, zh bis zum
uersten und an Entbehrungen und Strapatzen gewohnt, die er eher
aufsuchte als vermied, hatte er schon den grten Theil der Inseln
durchstreift, den feindlichsten Stmmen dort mit christlicher
Demuth, wie er's nannte, getrotzt, und ihren Hohen Priestern in den
Bart die Machtlosigkeit und Nichtigkeit ihrer Gtzen verkndet. Die
Indianer achten den Muthigen, wo sie ihn auch finden, und muthig
wahrlich mute der sein, der allein und unbewaffnet in einem
feindlichen Gebiet wahrhaft tollkhn das angriff, was der Gegner am
theuersten hielt, und wofr er sein Leben eingesetzt htte es zu
bewahren; ja unter den Opferkeulen selbst hatte ihn schon dieser
starre fanatische Trotz gerettet, und ihm die Achtung seiner
bisherigen Feinde, ja oft den spteren Sieg ber sie, gesichert.

Hier nun schon den Sieg in Hnden, lt es sich denken, mit welchem
Schmerz und Zorn der Diener des Herren _fremde_ Priester eindringen
sah in sein Heiligthum, und den Bau untergraben, an dem seine Kirche
schon Jahrzehende gebaut, und der ein Tempel Zions zu werden versprach
in Pracht und Herrlichkeit. Mit zagender Hoffnung wohl, aber auch mit
Furcht und Mitrauen sah er deshalb dem Entfalten jener Flagge
entgegen, die ihnen entweder die frohe Hlfe vom Mutterlande brachte,
nach der sie sogar schon einen der Ihrigen, den ehrwrdigen Mr.
Pritchard, zugleich Consul Ihrer Britannischen Majestt abgesandt
hatten, oder neue Schwierigkeiten und Verlegenheiten bereiten konnte,
den gierigen Forderungen Franzsischer Capitaine gegenber.

Die Brder Rowe und Nelson in ihrem so verschiedenartigen Charakter
kennen wir schon.

Zwei Andere, Mc. Kean und Brower waren einfache Leute, Menschen, die
ihre Lebenszeit in der Bibel gegraben, das edle Metall mit dem tauben
Gestein mhsam und unverdrossen heraufgeschafft, ohne im Stande zu
sein es zu schmelzen und zu scheiden, und es nun Bergehoch um sich
aufgeschichtet hatten, eine treffliche Wehr wenigstens, nach Jedem zu
schleudern, der ihnen nahe kommen und ihre Stellung ihnen streitig
machen oder bekritisiren wollte.

Bruder Smith zeigte sich als eine von diesen ganz verschiedene
Persnlichkeit; klein und geschmeidig hatte er sich dem Missionswesen
gewidmet, wie er sich irgend einem andern Stand oder Geschft gewidmet
haben wrde. Von Enthusiasmus war bei ihm keine Rede, von Schwrmerei
noch weniger. Er betrachtete das ganze innere Sein der Mission auf
eine cht irdische und praktische Art als ein _Geschft_, das ihm
durch die Missionsgesellschaft vom lieben Gott bertragen worden, und
auf diesem entlegenen Winkel schien er nun vollkommen bereit alle
solche Pflichten, die ihm vorgeschriebener Weise oblagen, auch
getreulich zu erfllen, vorausgesetzt jedoch, da ihm dann der liebe
Gott, neben anderen Kleinigkeiten, auch noch die Bitte des tglichen
Brodes mit seinen verschiedenen Variationen erflle. Ein
ausgezeichneter Geschftsmann auerdem, war eine seiner
Hauptbeschftigungen die, von England zur Untersttzung der Mission
eingegangenen Waaren, die natrlich einen greren Werth hatten als
Geld selber, gegen Roh-Produkte oder Fabrikate der Indianer, soweit
sie deren herstellten, ja gegen Arbeitskraft selbst und geleistete
Dienste anzubringen, und einen besseren Mann hierzu htte sich die
Gesellschaft nicht whlen knnen. Schicklicher wre es jedenfalls
gewesen hierzu einen besonderen Mann engagirt zu haben, der dann
weiter Nichts mit dem geistlichen Theil des Geschfts htte zu thun
haben drfen; das Lehrergeschft leidet, wo der Lehrer zu gleicher
Zeit neben seinen geistigen Ausgaben seine weltlichen Einnahmen
berechnen mu. Bruder Smith wute aber Beides auf so geschickte Art zu
vereinigen, und die Waare mit solcher Salbung, die Lehre mit solcher
berechnenden Klugheit auszugeben, da die Insulaner zuletzt nicht
selten beides Empfangene gar nicht mehr von einander zu unterscheiden
vermochten und in Zweifel waren, fr was von den beiden Sachen sie ihr
Cocosnul und ihre Perlen und Muschelschalen eigentlich zu Markt
gebracht, und ob sie ein gutes oder schlechtes Geschft dabei gemacht.

Bruder Smith hatte auch lange nicht das Schroffe, Abstoende des
finsteren Rowe, ja selbst des schwrmerischen Dennis. Bei dem Gebet
stand besonders der Letztere wie ein zrnender Geist, bereit Gottes
Zorn auf Jeden niederzudonnern, der anders dachte oder sprach als er,
whrend Bruder Smith mit ruhiger Ueberlegung die praktische Seite des
Christlichen Glaubens nicht allein nicht versumte, sondern sogar nach
auen drehte. Der Eine gewann, der Zweite erhielt die Heiden dem
Christenthum.

Brower und Mc. Kean waren ein Mittelding der Beiden, mehr an der Form
wie dem Sinne des Ganzen hngend; Smith wand sich zwischen Allen
durch. Mit einem anerkennungswerthen Scharfblick der Charaktere,
zwischen denen er sich befand, war er Schwrmer oder Enthusiast, Mann
der Form oder des einfachen Glaubens, der in dem Glauben gerade den
Formen blindlings folgt, aber diese nur eben vom Glauben abhngig
macht, nicht diesen ihnen unterwirft. Nie jedoch verlor er den Nutzen
irgend einer Stunde aus dem Auge und unermdlich im Sammeln fr seinen
heiligen Zweck, wuchsen ihm die Bedrfnisse aus dem Boden, und wurden
zu Bumen, die ihre Frchte im reichen vollen Maa auf ihn zurck und
nieder schttelten.

Auch er war der gedrohten Oberherrschaft Frankreichs in innerster
Seele abgeneigt, aber nicht ganz allein mit jener geistigen
Ueberzeugung, mit der Bruder Dennis den Untergang der Gerechten vorher
kndete, wenn sie sich durch die Irrlehren verfhren lieen vom
rechten Pfade abzuweichen, sondern mehr fast im merkantilischen
Interesse. Die Franzosen hatten nmlich unter dem Schutz ihrer Kanonen
angefangen, eine Quantitt der verschiedensten, bis jetzt von ihm mit
Vortheil abgesetzten Waaren, auf die Insel geworfen, deren Preise _er_
frher allein bestimmen konnte, whrend sich ihm jetzt dadurch eine in
der That nicht unbedeutende Concurrenz erffnete. Bunt und ordinr
gedruckte Kattune, fr die er bis jetzt mit Leichtigkeit einen halben
Dollar per Yard erhalten, verschleuderten leichtsinnig junge Franzosen
um die Hlfte, und das Volk htte von einem _Heiden_ gekauft, wenn es
die Waare billiger bekommen, wie viel mehr nicht von den neuen
Christen. Die Eindringlinge bezahlten auerdem fr die Produkte der
Indianer weit mehr, als sie vernnftiger Weise htten zahlen sollen,
wenn sie sich nicht den Markt fr sptere Zeiten verderben wollten. Es
war keine Ordnung in der Sache, und der Kaufmann ging mit dem Christen
Hand in Hand, der Evangelischen Kirche den Sieg zu erflehen ber die
Baalspriester wie sie gewhnlich von den Kanzeln genannt wurden.

Doch zurck zu unserem Schiff, das die Aufmerksamkeit der am Strand
Stehenden auf das Peinlichste spannte, und immer noch mit den kahlen
Masten gesonnen schien vorbei zu streichen, ohne auch nur einmal die
Farbe seiner Flagge zu zeigen.

Segne meine Seele! rief ein dicht am Strand stehender Neger, der
frher einmal von einem Wallfischfnger auf irgend einer Insel
entsprungen war und seinen Weg nach Tahiti gefunden hatte, wo er jetzt
bei den Eingeborenen, theils seiner auerordentlich glnzenden
schwarzen Farbe, theils seiner Wohlbeleibtheit wegen als eine Art
Autoritt in Seemnnischen Fllen galt -- segne meine Seele, wenn
ich nicht glaube der Bursche will einlaufen. Wenn er das bei _der_ See
versucht kann er sich darauf verlassen da er heute in ~Davys locker~
(Seeausdruck fr Unterwelt) zu Nacht speist, denn kein Dampfschiff
knnte sich frei von den Leeriffen halten.

Und was fr ein Segel glaubst Du da es ist, Pompey? frug ihn Tati,
der Huptling, der unfern von ihm stand und das Fahrzeug mit finsterem
Blick betrachtet hatte.

Englisch, ~by God~ Massa, rief der Neger rasch, der den Huptling
kannte -- englisch, jeder Zoll von ihr[D] -- und ein Dorn
wahrscheinlich in Massa Gumbo's[E] Augen da drben, der jetzt zwischen
zwei Feuer kommt, wenn er den Schwarz-Rcken einheizen und Land
pachten will von Knigin Pomare, haw, haw, haw. Nun sollte noch ein
Franzmann dazu kommen, dann giebt's Spa; aber dies Kind ging in die
Berge, Massa, denn wenn sie hier mit den eisernen Bllen an zu spielen
fingen, wrd' es Manchem zu warm in seinem Rocke werden.

Die ~Reine blanche~ ist's, lautete aber eine andere Meinung, die
bald wie ein Lauffeuer durch die Menschenmasse lief, denn der
gefrchtete Admiral ~Du Petit Thouars~ war schon lange wieder im Hafen
erwartet worden, und trotz den zuversichtlichen Behauptungen der
Missionaire da England ihnen jedenfalls Schutz und Hlfe senden
werde, gegen den Rmischen Feind, traute man doch den Kanonen des
Letzteren nicht, der die Stadt jetzt schon zwei Mal mit seinen
eisernen Flanken bedroht und sie gezwungen hatte, seine Bedingungen
anzunehmen.

Der Franzsische Consul hatte gegen die letzte Verhandlung protestirt
und war zornig fortgegangen; welchen Bericht wrde er dem
Franzsischen Admiral machen? -- und die Knigin mute es dann wieder
entgelten, wie schon frher.

Da -- dort geht die Flagge vom Talbot! rief da Pompey pltzlich --
und da die Privatsignale -- er wird den Andern vorm Einlaufen warnen
wollen.

Dort kommt was Buntes an Bord drauen! schrie ein Eingeborener, der
trotz dem noch heftigen Wehen und Schaukeln des Baumes auf eine Palme
geklettert war, einen bessern Ueberblick zu gewinnen -- gleich wird's
heraus sein!

Da kommt die Flagge -- alt England fr immer! jubelte ein junger
Bursch, ein Seecadet des Talbot der auf Urlaub an Land gewesen war,
wie der Sturm begonnen -- dort weht der ~Union Jack~ und Monsiehr
Crapo hat sich zu frh gefreut wenn er glaubte es kme ein Landsmann.

Englische Flagge -- Englische Fregatte! schrie und wogte es aber
auch jetzt am Land durcheinander, die Missionaire auf der Verandah
drckten einander die Hand, und ein groer Theil der Insulaner jubelte
allerdings dem fremden Schiffe entgegen, Manche aber auch von Tati's
Anhang schauten gar zornig drein, und sahen die Parthei schon wieder
Sieger, die ihnen bis dahin immer strend und hemmend im Weg
gestanden.

Die beiden Englischen Kriegsschiffe hatten indessen rasch
verschiedene, nur ihnen bekannte Signale gewechselt, und die fremde
Fregatte hielt noch fortwhrend auf die Mndung des Hafens zu, als ob
sie die Einfahrt, trotz Wind, Wogen und Coralle, erzwingen wolle; wenn
aber auch der wirkliche Sturm nachgelassen hatte, wehte der Westwind
doch noch viel zu stark das Einlaufen in den Hafen, wren selbst die
furchtbaren Brandungswellen nicht gewesen, wagen zu drfen und die
Fregatte, die auch vielleicht nur diese Stellung angenommen ihre
Signale ordentlich und deutlich auswehen zu lassen, fiel wieder vor
dem Winde ab, brate ihre Marssegel vierkant und flog, fast vor Top
und Takel nur, aus dem Bereich der gefhrlichen Klippen, drauen
vielleicht wieder beizudrehen und das Rckwechseln des Windes in den
gewhnlichen Passat, der gar nicht lange mehr ausbleiben konnte,
abzuwarten.

So lange die Signale noch dauerten, hatten sich die Eingeborenen
ziemlich ruhig gehalten; nur einige der der Knigin und den
Missionairen ergebenen Huptlinge, besonders Aonui und Potowai waren
hinauf in das Haus gegangen, wo sie die frommen Mnner versammelt
sahen, deren Meinung ber das Englische Kriegsschiff, das jedenfalls
einzukommen beabsichtigte, zu hren. Die Missionaire hatten nur eine
Stimme darber; sie hofften da es ihnen gnstig lautende Nachrichten
von England bringen wrde, ja da vielleicht Bruder Pritchard selber
an Bord sei, die Rechte der Insulaner zu besttigen und mit der
gesandten Macht zu beschtzen.

Das war genug, wie ein Lauffeuer zog sich die frohe Botschaft durch
die einzeln am Strand zerstreuten Gruppen: Das Kriegsschiff ist fr
uns gekommen; die Franzosen haben Nichts mehr auf den Inseln zu
befehlen -- der Vertrag den sie abgeschlossen haben, und der nur dahin
berechnet war uns zu ihren Sclaven zu machen und das Gtzenthum wieder
einzufhren, ist vernichtet und keine Flagge soll hier mehr wehen als
die Tahitische und Englische!

Aonui war der Wildeste zwischen ihnen.

Brder, der Tag der Vergeltung ist erschienen! schrie er, auf einen
Haufen dort aufgefahrenen und zum Ausarbeiten von Canoes bestimmten
Holzes springend, von dem aus er die unter ihm Stehenden leicht
bersehen konnte, die Beretanis kommen -- die uns die Bibel gebracht
haben, bringen uns jetzt auch Kanonen unsere Bibel zu vertheidigen --
die Beretanis sind gut -- wir wollen Nichts weiter -- wir haben die
Bibel und die Feranis knnen gehen, wir halten sie nicht -- wir wollen
ihnen Freude wnschen -- aber nicht hier, irgend wo anders. -- Wir
haben die Feranis lieb -- sehr lieb -- es sind auch unsere Brder --
aber nicht so Brder wie die Beretanis; andere Art. Die Beretanis
haben uns die Bibel gebracht, die Feranis wollen sie wieder nehmen. --
Feranis haben viel Platz wo anders -- wir wollen ihnen Freude
wnschen.

Das etwa war der Sinn der Rede, die der Huptling, die einzelnen Stze
immer auf's Neue wiederholend, seinen Landsleuten vorschrie, denn der
um ihn wogende Tumult dauerte indessen fort und er konnte ihn mit
seiner Stimme nicht beschwichtigen, er mute ihn selbst bertnen;
aber den Sinn verstanden sie doch, den ungefhren Sinn des Ganzen
wenigstens, und von Mund zu Mund lief der Ruf: Fort mit den Feranis,
fort mit der Flagge, wieder an Bord mit den Priestern die uns die
neuen Gtzen auf die Berge gestellt haben, den alten zum Trotz, und
uns unseren Glauben nehmen wollen und unser Land und die Bibel. Wir
haben die Bibel wir verlangen nicht mehr!

Bin nur neugierig sagte Pompey, der Neger, zu einem zufllig neben
ihm stehenden Seemann, unserm alten Bekannten, dem Iren Jim -- was
sie heute wieder fr Dummheiten anrichten werden, Mister -- seht nur
einmal wie die schwarz gekleideten Gentlemen da hinten so eifrig gegen
einander die Hnde und Arme werfen, und streiten -- sie hacken Alle
auf den Einen ein mit den weien Haaren, der wird wohl der einzige
Vernnftige unter ihnen sein.

Und wie so, mein Bursche? frug Jim O'Flannagan der mit den Augen der
Richtung gefolgt war, die ihm der Neger angab, und den Blick jetzt
forschend auf den allerdings sehr heftig mit einander gesticulirenden
Missionairen weilen lie -- es geht ja Alles so hbsch und trefflich
wie es nur gehen kann.

Hbsch und trefflich? -- hm, ja, -- Manchem gefllt's so, sagte der
Neger und betrachtete sich den Fremden etwas genauer, ohne da Jim
etwa darauf geachtet htte -- aber hallo Mister, setzte er
pltzlich hinzu, haben wir nicht einander schon einmal da drben bei
Mtterchen Tot getroffen? Der Ire lachte.

Ich bin berall zu finden wo es gute Gesellschaft giebt, sagte er
mit einem etwas zweideutigen Blick auf seinen schwarzen Gefhrten,
aber Freund, habt Ihr eine Idee wo die Geschichte hier hinaus will?
-- wie mir scheint wollen die guten Leute alle Franzosen ohne weitere
Sumni aufpacken, und an Bord der ~Jeanne d'Arc~ schicken?

Toll genug wren sie dazu, brummte der Schwarze, und das hier wr'
auch nicht der erste derartige dumme Streich, den sie machten; wenn's
Jemand gut mit ihnen meinte, sollt' er's verhindern.

Wen geht's denn 'was an? lachte der Ire, dafr haben sie auch ihre
Seelsorger ihnen den richtigen Weg zu zeigen -- hallo, kennt Ihr die
Beiden da, die scheinen's eilig zu haben.

Das sind die beiden ersten Huptlinge der Insel, Tati und Utami,
sagte der Neger schnell, wenn die ihren Weg htten, wt' ich _wen_
sie vor allen Dingen auf das erste beste Schiff packten und nach
Leewrts schickten.

Kann mir's denken, sagte der Ire trocken, 's kommt nur darauf an
jetzt, wer zuerst ein Schiff frei hat, Englnder oder Franzose, und
dem lieben Gott bleibt jetzt die Wahl vollkommen offen, wen er hier
behalten will, Katholiken oder Protestanten.

Wenn sie den Feranis hier was zu Leid thun, schiet ihnen der
Franzose den ganzen Bettel zusammen -- und ich habe da drben auch ein
kleines Huschen stehn, meinte der Neger.

Wenn's hinter dem Berge lge knnt' er aber anfangen wann er wollte?
frug Jim, mit einem Seitenblick auf den Neger, den dieser mit einem
breiten Grinsen, das zwei Reihen prachtvoller Zhne aufdeckte,
beantwortete.

Die Aufmerksamkeit der Beiden wurde aber bald fr das Haus in Anspruch
genommen, in dem sich die Missionaire befanden, denn dorthin drngte
das Volk und schien von diesen eine bestimmte Leitung ihres Unmuths,
dem sie selber eigentlich noch nicht recht Ausdruck zu geben wuten,
zu verlangen.

Nieder mit der Flagge der Feranis! tnte der Schrei -- fort mit den
Priestern -- England hat seine Schiffe zu uns geschickt uns zu
beschtzen, wir wollen nichts weiter mit den Wi-Wis zu thun haben --
fort mit ihnen -- fort!

Das thut kein Gut, sagte da, in der Sprache der Insel, ein schlanker
Mann mit starkem Backen- und Schnurrbart, der an dem Iren und Neger
mit den, schon vorher von ihnen bemerkten Huptlingen rasch
vorbeischritt -- das thut wahrlich kein gut, und sie werden sich die
Folgen ihres thrichten Handelns spter selber zuzuschreiben haben.

Die Missionaire treiben's zum Aeuersten in ihrem stolzen Wahn,
sagte Tati.

Und ihre kurzsichtige Politik wird ihnen das geistliche wie ihrer
armen Knigin das weltliche Regiment rauben, sagte der erste
Sprecher; die einzige Rettung die dem Lande noch blieb, war eine
vernnftige Migung, die Missionair wie Franzose zugleich im Zaum
gehalten htte.

Sagt das den Priestern, Consul Mrenhout, und sie zucken die Achseln
und bedauern bei der Sache nichts thun zu knnen, da sie sich _nie_ in
die Politik dieses Landes mischten.

Heuchler! zischte der Consul zwischen den Zhnen durch und schritt
jetzt, die Huptlinge verlassend, rasch der Verandah zu, an deren
Treppe er eben den beiden Missionairen Dennis und Rowe begegnete, die,
von Nelson und Smith gefolgt, gerade niederstiegen. Als Mr. Rowe den
Franzsischen Consul auf sich zukommen sah, blieb er stehen und sagte,
noch ein paar Stufen hher als dieser, mit unendlicher Milde und
Freundlichkeit auf ihn niederblickend:

Und was fhrt unseren sehr ehrenwerthen Freund in solcher Aufregung
zu uns?

Mr. Rowe, erwiederte aber der Consul, ohne auf Ton oder Bemerkung
der Frage einzugehen, und rasch die Stufen, selbst an dem Geistlichen
vorbei, hinaufsteigend -- ich mchte ein paar Worte mit Ihnen und den
brigen Herren sprechen; aber augenblicklich sprechen -- setzte er
rasch und ungeduldig hinzu, als er sah wie die geistlichen Herren noch
unschlssig zgerten. Es gilt auch jetzt nicht die Privat-Interessen
eines Protestantischen oder Katholischen Priesters, fuhr er gereizt
und heftig fort, es gilt die Interessen, das Wohl dieses Landes,
dessen Entscheidung Sie nun einmal -- mit welchem Rechte soll hier
unerrtert bleiben -- in die Hand genommen. Ihnen allein ist es jetzt
berlassen Alles noch friedlich zu Ende zu fhren, oder auch einen
Krieg heraufzubeschwren, der die traurigsten furchtbarsten Folgen
haben mte.

Die Missionaire blieben erst stehn und drehten dann mit dem
aufgeregten und gereizten Mann um, blieben aber oben auf der Verandah,
wo sich die brigen bald um Mr. Rowe und den Franzsischen Consul
sammelten, und der Erstere sagte freundlich:

Sie scheinen sich in der Person zu irren, verehrter Herr; wir Alle
sind Mnner des Friedens, denen es wahrlich nicht einfallen wird
muthwillig, wie Sie meinen, einen Krieg heraufzubeschwren. Greift das
Volk zu den Waffen, ein ihm unertrglich werdendes Joch abzuschtteln,
oder selbst erst der Gefahr auszuweichen, seinen Nacken darunter
gebeugt zu bekommen, was knnen _wir_, einzelne und unbewaffnete
Mnner dafr oder dawider thun? ja _drften_ wir das Volk
zurckhalten, selbst _wenn_ wir knnten, wo wir es auf der einen Seite
von einer Religion bedroht sehen, die unserer schwachen Meinung nach
zu ihrem jetzigen und spteren Verderben fhren mte, whrend wir es
in Hnden haben, sie wenigstens auf ein einstiges Heil vorzubereiten.

Der Consul schritt rasch und rgerlich auf der Verandah auf und ab,
erwiederte aber kein Wort -- er fhlte da ihm bei der ersten Sylbe die
er laut sprche, die Galle berlaufen _msse_, und wollte jetzt in
diesem, vielleicht fr sptere Zeiten hchst wichtigen Augenblick
Alles vermeiden, was ihm spter vielleicht als Uebereilung oder Hitze
htte knnen zur Last gelegt werden.

Und weigern Sie sich wirklich? sagte er endlich nach einer lngeren
Pause, und in der That erst, als der Ehrwrdige Mr. Rowe schon wieder
Miene machte die Verandah zu verlassen -- das blinde, mit allen
Europischen Verhltnissen unbekannte Volk von einem bereilten
Schritt, wie das Niederreien der Franzsischen Flagge zurckzuhalten?
-- bedenken Sie nicht, da sich dieselben traurigen Scenen der
Franzsischen Fregatte in Monaten vielleicht schon wiederholen, und
Sie selbst dann in die milichste Lage der Welt bringen knnen?

Der Ehrwrdige Mr. Rowe warf den Kopf stolz empor, und sagte mit
vielleicht absichtlich sehr lauter Stimme:

Weder Ihre Ueberredung Herr Consul, noch Ihre _Drohungen_ knnen uns
zu einem Schritt bewegen, den wir fr unvertrglich mit unserem Amte
halten. Nicht die Politik, sondern die Religion dieses Landes brachte
uns an diese Kste, und Frankreich hatte vielleicht einmal die Absicht
den Protestantismus, da es ihm nicht durch die Lehre seiner Priester
gelang, mit Feuer und Schwert auszurotten; aber die Zeit ist Gott sei
Dank vorbei. Der Englische Consul ist, wie Sie wissen schon vor
lngerer Zeit nach Grobritannien gegangen, dort den Schutz unserer
Confession, die Erhaltung unserer schwer erworbenen und verdienten
Rechte zu sichern, und Sie sehen da drauen in See in jenem
hellblinkenden Segel die Antwort unserer Nation. ~Monsieur Du Petit
Thouars~ wird sich einen andern Wirkungskreis fr seine Heldenthaten
suchen mssen, denn nicht mehr blos mit wehrlosen Indianern und ihren
friedlichen Lehrern und Frsten hat er es von jetzt an hier zu thun.

Mrenhout bi sich auf die Lippen, blieb einen Augenblick, wie noch
etwas berdenkend, stehen, und wollte dann, ohne weiteres Wort, die
Treppe wieder niedersteigen, als der alte ehrwrdige Mr. Nelson seinen
Arm ergriff und freundlich sagte:

Gehen Sie noch nicht, Consul Mrenhout; ein gutes Werk darf nicht so
leicht aufgegeben werden, und ich halte die Absicht dafr, in der Sie
hergekommen.

Mr. Nelson spricht als ob dieses sogenannte gute Werk in unseren
Hnden lge, sagte Mr. Rowe gereizt.

Und das ist wahr! rief aber der alte Mann in edlem Eifer erglhend,
und die Hand ausstreckend gegen die unten tobende Schaar. Sndlich
wre es von uns behaupten zu wollen, da wir die Macht _nicht_ haben
das Volk zum Guten zu leiten und in den Schranken der Migung zu
halten; ebenso wie es, in der jetzt berdie gereizten Stimmung, einem
leichtsinnigen unglckseligen Schritt entgegen zu treiben. Wir als die
Lehrer des Volkes _drfen_ nicht entscheiden ob Englische ob
Franzsische Flagge das Recht habe hier zu wehen -- unser Ziel ist,
die Eingeborenen zu Christen, nicht zu Englndern oder Franzosen zu
machen, und ihren Huptlingen, von unseren Consuln aber nicht von
unseren Kanzeln untersttzt, bleibt es dann berlassen, sich die
Unabhngigkeit ihres Landes zu wahren.

Es giebt Verhltnisse, fiel ihm hier Bruder Rowe in's Wort, der den
aufsteigenden Grimm nicht lnger bemeistern konnte, bei denen ein
solches Zaudern in der guten Sache, das die Eingeborenen ihrem bsen
Geschick und den Grueln des Pabstthums berliee, _Verrath_ genannt
werden knnte.

Wir haben den fremden Priestern vorgeworfen entgegnete Nelson ruhig,
da sie uns geschimpft und unsere Religion geschmht haben; machen
wir es besser, wenn wir von Grueln des Pabstthums reden? Ich bedauere
das Eindringen jener fremden Lehre, die unsere Beichtkinder irre
machen, und Zweifel bei ihnen erwecken mu, aber ich mchte sie nicht
mit dem Schwert bekmpft, mchte das Schwert nicht in unserer eigenen
Mitte geschliffen sehen.

Da Bruder Nelson die neue Lehre nicht mit dem Schwert bekmpft sehen
mchte, hat er allerdings schon bewiesen, sagte Mr. Rowe.

In dem was ich gethan, steh' ich vor meinem Gott gerechtfertigt,
erwiederte Nelson, ohne ein Zeichen von Bitterkeit, der Menschen
Urtheil mu ich mich unterwerfen.

Wehe ber Israel! seufzte da der ehrwrdige Mr. Brower und
schttelte trauernd mit dem Kopf, das ist die kalte Gluth, die fremde
Herzen erwrmen will, und nicht einmal im Stande ist, das eigene Feuer
hell und lohend anzufachen. Wehe ber die Sumigen, die da zgern und
die Stunden zhlen zum Tag, und nicht wirken wollen so lang es noch
Nacht ist; wehe ber die Zaghaften am Tage des Gerichts, und wie
Gottes Donner noch mahnend an der Erde Vesten rttelt, wird er ihnen
ein Zornesruf in den Ohren sein!

Mr. Mrenhout der das Gesprch, oder vielmehr den Streit der
Geistlichen mit kaum zu zhmender Ungeduld bis jetzt angehrt, und
sich gewaltsam hatte zurckhalten mssen, seinem Unwillen nicht Luft
zu machen, dabei aber noch immer hoffte eine vernnftigere Ueberlegung
doch Raum gewinnen zu sehen, mute nach den letzten Worten des
fanatischen Priesters jeden solchen Glauben schwinden lassen, und nur
noch einen letzten Versuch zu machen sagte er mit gezwungener Ruhe,
der man aber das Gewaltsame wohl anmerken konnte:

Und so weigern Sie sich denn, meine Herren, den Frieden mit
Frankreich aufrecht zu erhalten? -- weigern sich dem Volk das
Gefhrliche, ja das Wahnsinnige solcher Handlung vorzustellen?

Weigern, Herr Consul, unterbrach ihn Rowe entrstet, wir haben
Nichts mit der Politik dieses Landes zu thun -- mit jedem derartigen
Antrag mu ich Sie an die Knigin selber weisen.

Mrenhout wollte noch etwas erwiedern -- er ffnete schon den Mund und
that einen Schritt auf den Missionair zu, der sich dem gereizten Blick
des Mannes mitrauisch aber doch muthig entgegenstellte; dann aber,
wie sich eines Besseren besinnend, drehte er sich scharf auf seinem
Absatz herum, blieb einen Moment, den vorn ausdehnenden Platz mit den
Blicken berfliegend stehen, winkte nach einer Stelle hinber, wo Tati
und Utami mit dem jetzt zu ihnen gekommenen Paofai standen, und
schritt dann, whrend sich ihm die drei Huptlinge anschlossen, rasch
und heftig mit ihnen gesticulirend, am Strand hinauf.

FOOTNOTES:

[D] Die Englnder und Amerikaner nennen alle Arten von Fahrzeugen
_weiblich_ und wie der Matrose behauptet aus einem allerdings nicht
gerade schmeichelhaften Grund fr das schne Geschlecht: weil die
Takelage, Segel etc. mehr koste als alles Uebrige.

[E] Gumbo's, der Spottname der Franzosen in Louisiana, nach einem dort
bereiteten Lieblingsgericht derselben.




Capitel 5.

#Die Knigin Pomare.#


Der Sturm hatte nachgelassen, aber noch schleuderte der West den
Wellenschaum gegen das Leeufer[F] der Insel, und die schweren
Palmenwipfel, die den Palast Aimatas, der vierten der Pomaren,
umgaben, schwankten herber und hinber und schttelten die schweren
Tropfen aus der Fruchtgeschmckten Krone.

_Der Palast der Pomaren_ -- ein Zauber lag sonst auf dem Heiligthum,
das ein frohes gutmthiges und deshalb auch leichtglubiges Volk mit
allem ausgeschmckt, was seine Phantasie nur Groes und Erhabenes zu
erfinden vermochte.

Was lag daran ob nur Bambusstbe das leichte Dach von Pandanusblttern
sttzten, nur feingeflochtene Matten und selbstgewebte Tapa den
inneren Raum zierten und verhingen -- was lag daran ob die Huptlinge
aus einfachen Calebassen ihren Brodfruchtpoe verzehrten und den Saft
der Cocosnu dazu tranken, sie waren die von Oro beschtzten Frsten,
und der Grund schon heilig, den ihr Fu betrat.

Und jetzt? -- Der Verkehr mit den Europern hatte die alten einfachen
Sitten der Insulaner verdrngt -- die Missionaire, anstatt sich ihrem
einfachen Leben anzupassen, lenkten die Gier dieser sonst so
anspruchslosen bescheidenen Wesen auf die fremden Sachen die sie in
Masse mitgebracht; der Schutz der Knige selber ward durch Geschenke
-- tolles Zeug das nur bunt drein schaute und zu weiter Nichts diente
als den Platz ungemthlich, unheimlich zu machen auf dem es stand --
zu erhalten gesucht, und wie sich die Frsten mehr den Fremden
hingaben, deren eigenthmliche Geschenke sie gewannen, wie sie von
ihrer Hhe niederstiegen und ihre Gtter selbst zuletzt gegen
Glasperlen und andere bunte Sachen eintauschten, einen anderen _Gott_
anzuerkennen, den ihnen jene schwarzen finsteren Mnner brachten, da
war die knigliche Macht dahin, wenn auch der uerliche Prunk noch
blieb, ja fr den Augenblick, wie das letzte Aufflackern einer Lampe,
vielleicht noch auf kurze Zeit erhht und verstrkt wurde.

Was die Knigliche Majestt auf den Sandwichs Inseln, wo
Republikanische Missionaire zuerst Gottes Wort hinberbrachten, erhob,
da nmlich die Glieder der Kniglichen Familie, besonders die
Frauen[G] der Christlichen Religion anhingen, und sie mit dieser Macht
auch das Volk dahin brachten sich zuletzt, wenigstens uerlich, dem
neuen Cultus zu unterwerfen, das hatte auf den Gesellschaftsinseln, wo
die Priester einer Monarchie zuerst mit dem Kreuz und der Bibel
landeten, die entgegengesetzte Wirkung in dem starren Trotz den die
Pomaren, in ihren Herzen wenigstens, von je der Christlichen Religion
entgegensetzten, bis in spteren Jahren, und auch eigentlich erst
durch Krankheit geknickt und in der Hoffnung mit Hlfe der Weien die
Zgel seiner Regierung wieder fester in die Hand nehmen zu knnen, der
zweite Pomare zur christlichen Religion bertrat, sonst aber seine
Sitten, und sehr wahrscheinlich auch im Inneren seinen alten Glauben,
ziemlich beibehielt.

Die Frsten, die man bis dahin fr bernatrliche Wesen gehalten,
wurden _Menschen_, die Gtter, die bis dahin die Schicksale der Vlker
regiert und die Hand gehalten hatten ber Land und See, wurden zu
Stcken Cocosholz, -- der Glaube, die Furcht, ja das Schlimmste von
Allem, die _Liebe_ des Volkes war ein Wahn, ein schner Traum gewesen,
und da eben das Volk dann zu Extremen bersprang, lt sich denken.

Das schlichte Bambushaus, zu dem der Tahitier sonst als dem
Herrschersitz seiner Knige mit scheuer Ehrfurcht aber auch mit Liebe
aufgeblickt, war verschwunden, und an dessen Statt stand ein
Europisches Gebude mit Schindeln gedeckt, mit Verandah und Treppe,
mit Thren und Glasfenstern da, die Wnde dicht und der khlen
Seebrise undurchdringlich, das Dach fremd und unnatrlich in die
schlanken Palmen hineinstarrend -- das Innere dabei wild und
geschmacklos mit bunt und toll durch einander geworfenen Geschenken
verschiedener Schiffe und Lnder ausgeschmckt oder eher verstellt,
mit Porcellan und Glas, mit Bronze und Messing, versilberten
Leuchtern, vergoldetem Schmuck, mit Servicen und Geschirren, so
geschmacklos als verwirrt geordnet oder besser gesagt aus dem Weg
gestellt.

Die natrliche Majestt des Ganzen war gewichen und eine gezwungen
geknstelte jetzt nicht mehr im Stande selbst in den Augen des
Eingeborenen zu imponiren. Die Ehrfurcht deshalb, die er dem
schlichten Bambus und der einfachen Tapa gezollt, und die sich selbst
auf die Pandanus-Matte erstreckte die der Fu berhrte, weigerte er
dem kostbaren Teppich und all jenen tausend und tausend
Kostbarkeiten, die er staunend anstarrte, an denen er aber kalt, ja
nicht selten mit einem Lcheln auf den Lippen, vorberging. Er kannte
die Quelle aus der es flo, Pomare ging nicht mehr mit Oro Hand in
Hand und vor dem _neuen Gott_, wie ihnen die fremden Lehrer oft und
oft gesagt, _waren ja alle Menschen gleich_ -- das Bischen Staat dabei
hatten die Fremden mitgebracht, als Geschenke festen Fu auf den
Inseln zu fassen, es war Nichts darunter, vor dem man htte Ehrfurcht
haben knnen.

Und rcksichtslos wie der Menschen Hand an dem Hermelin der Majestt
gerissen, und nach der Krone schon die Faust ausgestreckt, die Aimatas
Stirn umzog, so hatte der Sturm in seiner tobenden Lust auch seinen
Muth an dem geweihten Platz gekhlt und hineingegriffen in das
Heiligthum.

Wo eine Anzahl dichter herrlicher Palmen auf etwas offener Stelle
wachsend, frher das Bambushaus der Knigin berschattet, und einander
dabei zugleich Schutz und Schirm bieten konnten gegen die tollen
Windgeister, die zu Zeiten ber die Berge rasten, da hatten die
meisten dieser stattlichen Bume, dem greren Gebude Raum zu geben,
weggeschlagen werden mssen, und die einzelnen, zurckgebliebenen,
waren nicht mehr im Stande dem wilden West zu trotzen, wenn er den
rasenden Ansprung nahm gegen sie, die wehenden Bltter ihrer Krone
fate und die Wipfel niederbog, scharf und gewaltig, bis fast zum
Boden hin. Hei wie sie da oft zurckschnellten, in Grimm und Unmuth,
dem tobenden Sturm gerad' in die Zhne, und die wehende Krone
schttelnd in zornigem Trotz; vergebens -- wieder und wieder sauste
die Windsbraut heran, fate die mchtigen Bume und drckte sie in
ihrem tollen Spiel zur Erde nieder bis sie die herrlichste geknickt
und mit schwerem Fall zu Boden geschmettert, weit und zerstrend
hinein in Banane und Brodfruchtgarten. Und dann, wie ein unartig Kind,
das sein Spielzeug zerbrochen und bei dem Fall schon die Strafe
frchtet, brauste der Sturm und tobte dahin, ber die mchtigen
Waldeswipfel, da sein Rauschen und Donnern weit hinein drang in
Berges Schlucht und Hang; aber am Boden lag die Palme zerknickt und
todt, der starre aufgespaltene Stamm kahl und vorwurfsvoll zum Himmel
deutend, und der Wipfel selbst ein traurig Bild zertrmmerter,
kniglicher Kraft -- so viel sprechender hier, an der Schwelle der
Pomaren.

Und wie der Sturm schwieg, wogte und drngte drauen das Volk in
wilderem unaufhaltsamerem Schwarm, zum ersten Mal wieder eine Macht
fhlend, die ihm bis jetzt genommen, zum ersten Mal wieder von denen
aufgefordert _selbststndig_ zu handeln, die bis jetzt mit ngstlicher
Sorgfalt jeden ihrer Schritte berwacht, und die Bibel drohend
entgegengehalten jedem freieren, kraftbewuten Wort.

Das Volk _sprach_, und der Palast lag _verdet_; die Thren standen
offen, oder schlugen im Zug hin und wieder, die im Inneren
angebrachten Europischen Vorhnge und Gardinen flatterten und wehten
unordentlich aus, und die ~Enanas~ Pomares, die dienstthuenden
Hoffrulein der Frstin selber hatten sich in Furcht und Neugierde
theils mit hinaus an den Strand gedrngt, das fremde Schiff und das
erregte Volk zu sehen, theils standen sie mit flatternden Locken und
Gewndern ber die Verandah zerstreut, ihrer Pflichten nicht weiter
achtend, sich ihre Hoffnungen und Befrchtungen mitzutheilen.

Pomare war in ihrem Gemach allein und die Knigin stand, an ein
Fenster gelehnt, die linke Hand auf eine geffnete Bibel, die neben
ihr auf einem kleinen Tischchen lag, die Stirn sinnend in die rechte
Hand gesttzt, regungslos und schaute in tiefem Brten hinaus ber die
zerschttelten Baumwipfel, die ihre Zweige noch nicht wieder
zurechtgefunden aus dem kaum vorbergebrausten Sturm, und wie
ngstlich die weiten grnen Arme ineinander rankten, einem noch immer
mitrauisch befrchteten neuen Anprall zu begegnen.

Es war eine schlanke edle Gestalt, mit nicht gerade schnen aber doch
wohlthuenden Zgen, und besonders feurigem lebendigem Auge, dessen
Brauen sich nur jetzt, in Sinnen und Unmuth vielleicht, fester und
hrter zusammengezogen wie es sich sonst mit den voll und freundlich
geschnittenen Lippen vertrug. Sie ging ganz in die Landestracht
gekleidet, nur da kostbarere Stoffe ihre Gestalt umschlossen, -- der
~pareu~ war von feinem gelb und roth gestreiften und mit kleinen
Silberblumen durchzogenem Gewebe, und der obere, erst nach der
Bekanntschaft mit den Europern angenommene weite und vorn bis zum
Grtel offene Rock, der nur am Handgelenk durch zwei Perlmutterknpfe
zusammengehalten wurde, war von schwerer blarother Seide, um die
Hften durch eine goldene emaillirte Spange zusammengehalten. Die
Haare trug sie in natrlichen Locken, durch die aber, vielleicht ein
wenig kokett auf die Krone anspielend, ein schmaler goldener Reif
gezogen war, vortrefflich gegen die rabenschwarze Flle der Locken
abstechend, die ihre Stirn umspielten. An den Fingern blitzten zwei
etwas starke, goldene Ringe, der den Eingeborenen berhaupt liebste
und ehrenvollste Schmuck; ihre Fe aber waren nackt.

Viele Minuten lang blieb sie in der beschriebenen Stellung, starr und
regungslos und nur manchmal war es, als ob sie ungeduldig hinaushorche
nach dem dumpf selbst bis zu ihr herberwogenden Lrm, inde die
Finger der linken Hand bewutlos in dem heiligen Buche bltterten.

Sie kommen, Pomare, sie kommen, rief da pltzlich Eines der Mdchen,
den Kopf eben nur zur Thr hereinsteckend und dann wieder, gerad so
rasch verschwindend.

~Aramai~, ~Eina~! rief aber die Knigin, sich zornig nach der Thr
herumdrehend, in der jetzt, etwas beschmt, das junge schne Mdchen
wieder erschien und schchtern stehen blieb -- ist das jetzt Sitte
hier bei mir geworden, da Ihr drauen herumlauft, Ihr Tollen, und
eben zu mir hereinstrmt und mir Euere Botschaft unter das Dach ruft,
als ob ich herbergeweht wre von den Inseln zu windwrts? -- wer
kommt? ~waihine~ und wo sind Deine Gefhrtinnen?

Tati, der Huptling, Pomare, mit dem weien bsen Ferani, sagte das
Mdchen etwas ngstlich -- und noch viele viele andere Tanatas.

Und die Enanas?

Stehen drauen und sehen hinaus.

Was will Tati von _mir_? frug die Knigin finster, mehr mit sich
selbst redend als zu dem Mdchen gewandt.

Bse Ferani ist bei Mitonares gewesen, sagte da das Mdchen leise
und schnell -- hat sich gezankt mit Mitonares und kommt jetzt zornig
und bs zu Pomare.

Ein verchtliches Lcheln zuckte um Pomares Lippen, da die Enana den
Ferani frchtete, aber die Botschaft selber beunruhigte sie doch. Der
Franzsische Consul verkehrte nie mit den Protestantischen
Geistlichen, die ihn, wie er recht gut wute, haten und verabscheuten
-- was hatte er dort zu thun, wenn nicht jene etwas gegen ihn, gegen
seine Nation unternommen, und warum wute _sie_ noch Nichts davon?

Die Mitonares haben das Englische Schiff gesehen und glauben sich nun
Herren dieses Landes, murmelte sie leise vor sich hin -- aber noch
nicht -- noch nicht -- und das Alles sagt die Bibel, Alles, Alles was
sie wollen.

Lautes Sprechen auf der Verandah drang von dort herein, und die
Enanas, die bis jetzt drauen herum gestanden, schlichen leise in's
Zimmer, whrend Eine von ihnen die Ankunft des Ferani ~Me-re-hu~ mit
Tati dem Huptling meldete. Noch ehe aber Pomare nur die Erlaubni
seiner Einfhrung geben konnte, wurde die Thr wieder, mehr
aufgerissen als geffnet, und der Consul betrat rasch von Tati langsam
und wie scheu gefolgt, das Gemach.

Habt Ihr die Sitte verlernt, Consul Me-re-hu! rief ihm aber Pomare
gereizt entgegen, noch ehe er den Mund ffnen konnte zu seiner
Vertheidigung, da Ihr zu einer Frau -- da Ihr zu Pomaren in das
Haus dringt, als ob Ihr daheim wret in Eurer eigenen Htte? -- noch
haben Euere Kriegsschiffe meinen armen Thron nicht umgeworfen, und
Euere Soldaten mein Volk erschlagen, oder Euere Priester es bethrt --
geht fort von hier, Ihr seid ein unruhiger bser Mann -- und was will
Tati von seiner Knigin, da er mit dem Fremden ber ihre Schwelle
bricht, wie ein Dieb bei Nacht?

Nicht meinetwegen komme ich, kommt Tati hier zu Dir, Pomare!
unterbrach sie hier Mrenhout, ohne Tati Zeit zu geben, sich selber zu
vertheidigen -- Deinet-, Deines Reiches wegen sind wir hier, das
Deine tollen Priester im Begriff sind zu verderben.

Consul Me-re-hu! rief Pomare entrstet.

Ja Pomare! fuhr aber der Franzose in zornigem Eifer fort, und
wiederholen mu ich's Dir, da Deine Priester in diesem Augenblick
selbst daran arbeiten den Bruch unheilbar zu machen, den sie zwischen
diesem Land und Frankreich reien. Auf die Bibel gesttzt, der sie in
blindem Eifer, nicht rechts nicht links sehend, anhngen, predigen und
schreien sie da sie dieser folgen, whrend es im Grund nur ihre
eigene starrkpfige Meinung ist, der sie das Banner vorantragen.
Gottes Zorn wollen sie dabei in ihrer Macht haben, whrend in ihrem
eigenen Lager Unfriede, Streit und Feindschaft, Neid und Habsucht
herrschen.

Und seid Ihr nur hier hergekommen meine Prediger und Gottes Wort zu
lstern, Consul? frug die Knigin kalt.

Hierher gekommen Dich zu _bitten_ ihren Uebermuth zu steuern! rief
Mrenhout, Dich zu _warnen_ ihrem Einflu, der der Franzsischen
Nation ein durchaus feindlicher ist, gerade jetzt, wo sie in
kurzsichtigem Triumph den Sieg in Hnden zu haben glauben, nicht zu
viel Raum zu geben.

Warnen, wiederholte Pomare verchtlich, und drehte dem Consul halb
den Rcken -- und was sagt Tati? hat der erste Huptling Tahitis dem
Fremden das Wort berlassen? fuhr sie aber rascher fort als sie
diesen mit verschrnkten Armen und finsterem Blick still zur Seite
stehen sah.

So lang er das rechte spricht, warum nicht? sagte der Huptling
ernst -- es ist dasselbe um das ich Pomare bitten wollte -- er hat es
Dir kund gethan.

Und was _wollt_ Ihr von mir? rief die Knigin, jetzt wirklich
beunruhigt durch das ernste Aussehen der Mnner, was ist geschehen,
was haben die Mi-to-na-res gethan?

Die Mi-to-na-res thun nie etwas, sagte der Consul, aber jetzt weit
ruhiger als vorher, sie stecken sich nur hinter die Masse, reizen mit
ihren Reden das Volk auf, und sind dann unschuldig wie die Kinder,
wenn der Saame aufgeht, den sie erst selbst gepflanzt.

Die Knigin machte eine ungeduldige Bewegung und Tati, der wohl sah
da der Consul, in seinem Zorn ber die Missionaire gar nicht zum
Hauptpunkt kam, fiel da ein:

Sie sind unklug genug das Volk dazu zu treiben, da es die
Franzsische Flagge niederreit.

Und welches Recht hat sie, hier zu wehen? frug Pomare rasch.

Dem mit Dir selbst geschlossenen Vertrage nach! rief der Consul.

Tati bi sich auf die Lippen und entgegnete nur trocken:

Das Recht des Strkeren, ich wei von keinem anderen.

Von keinem anderen? frug der Consul erstaunt, und drehte sich rasch
nach dem Huptling um -- habt Ihr nicht selber mit den Vertrag
unterschrieben, der ihm es sichert?

Eben weil Ihr die Strkeren seid habt Ihr das Recht, sagte der
Huptling finster, denn der Vertrag war in anderem Sinne, als Ihr ihn
auszubeuten wnscht, und wret Ihr ein kleines Reich wie wir, wrde
die Frage gar nicht sein um ja und nein, die Kriegskeule mchte dann
entscheiden welches Landes Flagge in der Brise flattern drfte. So
aber, und weil mir ahnt _was_ Ihr begehrt, nicht etwa weil ich ein
Freund des Knigs der Feranis bin, komme ich hierher und verlange von
Dir, Pomare, das Volk zurckzuhalten, da es nicht muthwillig wieder
fremden Schiffen die willkommene Gelegenheit bietet die Hand nach
diesem Reiche auszustrecken. Die Priester tanzen um ihr Heiligthum und
sehen in die Flamme -- bis sie eben nichts weiter sehen und fr alles
Andere, was auer ihnen vorgeht, blind sind; was kmmert sie Pomare
oder Tahiti, wenn sie Leute finden die in ihrem groen Buch lesen und
ihnen Frchte und Cocosl bringen. Kaufleute von dem Lande der Feranis
sind gekommen und sie haben Nichts gesagt -- Priester kommen jetzt von
dort, und sie schreien da Gott das Land mit Feuer und Schwefel
ausrotten wrde; warum? weil die anderen Priester auch Ferkel haben
wollen zum Backen, und Brodfrucht zum Rsten -- weil sie auch _Worte_
eintauschen wollen gegen Krbe voll Frchte und Hhner und Schweine.

Aber wie kann ich's hindern? sagte Pomare unschlssig -- Ihr wilden
Mnner selber habt mich in ihre Hnde gegeben, mit Euerem Zorn und
Ehrgeiz, und ich _will_ mich dem Ferani nicht beugen.

Und wer sagt da Du es sollst? rief Tati schnell -- aber eben so
wenig der Flagge der Beretanier.

Die frommen Mnner knden das Wort Gottes, nicht Beretaniens,
entgegnete Pomare.

Ei beim Donner, la sie das denen sagen die es glauben! trotzte der
Huptling -- ihr eigener Bauch ist ihr Gott, und die Bibel halten sie
vor, ihn zu verstecken. Waren die Huptlinge in alten Zeiten den
Gttern oder den Priestern unterthan? und wre der neue Gott so wenig
mchtig, da wir vor seinen Dienern nur allein die Furcht und
Ehrfurcht haben sollten?

Die Knigin wollte reden, aber das Wort gebrach ihr in dem Augenblick,
dem zu erwiedern, und der Huptling fuhr mit ruhiger, ja fast bewegter
Stimme fort:

Ich wei da sie alle Deine guten Eigenschaften, aber auch all Deine
Schwchen in das Feld gerufen haben, ihnen zu dienen; Dein gutes Herz
gewann Dich ihrem Gott, Dein Stolz, das Erbtheil Deines Stammes
untersttzte sie in dem Kampf mit Deinen Feinden. -- Sieh mich nicht
so an, Pomare, ich gehrte nie dazu, und wenn auch das Blut meiner
Vter, der alten und rechtmigen Frsten dieser Inseln in meinen
Adern rollt, und mich Deinem _Stamm_ gegenberstellte, hab ich Dich
selber stets geachtet und -- verehrt; aber weh, tief im Herzen weh thut
es mir den Huptlingsstab aus unserer Faust gerissen zu sehen, nicht
eine andere wrdige Hand zu schmcken, sondern einer Schaar Fremder
zum Stock zu dienen, mit dem sie ihre Heerde zusammentreiben. Mit Zorn
und Schmerz fllt mich der Gedanke jene finsteren Priester in unserem
schnen Lande herrschen zu sehen, weil wir selber nicht einmal den
Muth hatten, uns nur einander die Hand zu reichen.

Aber ihre Religion ist die des Friedens, sagte Pomare.

Und ihre Worte, ihre Lehre die des Kriegs! rief der Huptling mit
wieder zusammengezogenen Brauen -- was auch stehen sie zwischen uns,
wer gab ihnen das Recht zu entscheiden und zu richten in diesem Land?
-- die Bibel? -- wir haben sie jetzt selber, nicht _ihr_ Verdienst ist
es _da_ sie hier hergekommen, wenn sie selber berhaupt Wahrheit ist,
denn die Priester beweisen aus ihr, da sie Gott selbst gesandt. So
nimm die Zgel wieder in die Hand, Pomare, whle die, so es gut und
redlich mit dem Lande meinen, die aber auch an dieser Kste geboren
sind, zu seinen Richtern, und hier mein Wort, meine Hand, da Tati nie
ein Korn von Eifersucht mehr in seinem Herzen nhren und Dir treu und
ehrlich zur Seite stehen wird mit besten Krften.

Sag es ihm zu, Pomare, er meint es gut mit Dir, besttigte hier der
Franzose des Huptlings Worte, die Knigin aber, die schon halb
unschlssig gestanden, und den Blick, wie im inneren Kampf an den
Boden geheftet hielt, sah pltzlich zu dem Fremden auf und sagte
finster:

Dein Rath, Me-re-hu, hat noch nie diesem Lande gut gethan; Du
sprichst nicht mit Tati, indem Du fr ihn sprichst.

Ich verstehe Euere Wortspiele nicht, sagte der Consul unwillig, den
die Zurckweisung der Indianerin verdrossen -- aber ich wei da es
Tati gut mit Dir meint, und da ich selber in diesem Augenblick
weniger im Interesse Frankreichs als dem Deinigen spreche -- willst Du
Nichts wissen davon, so thue meinetwegen was Du nicht lassen kannst,
schreib Dir dann aber auch selber die Folgen zu.

Ich habe bei dem was ich je beschlo noch nie die Folgen gefrchtet,
sagte Pomare ruhig -- aber was wollt Ihr da ich thue, was ich
verhindern soll? -- Ihr sprecht Beide wild auf mich ein und macht mich
irre, anstatt mich aufzuklren.

Verhindern sollst Du, rief der Consul da, da Deine Leute, in
Deinem Namen die Flagge Frankreichs niederreien und die Deinige dafr
wehen lassen.

Und wessen Flagge hat das meiste Recht dazu? frug Pomare, dem
Franzsischen Consul fest in's Auge sehend.

Das meiste Recht die Deine, allerdings, fiel aber hier Tati ein, ehe
Mrenhout etwas darauf erwiedern konnte, aber nicht die meiste
Gewalt, Pomare, und nicht muthwillig sollst Du Dir einen Feind
schaffen, wo Du Dir keinen Freund dafr gewinnst, Dir beizustehen.

Habt Ihr das Englische Schiff gesehen? frug Pomare rasch und mit
triumphirendem Lcheln -- habt Ihr gesehen, wie es hier einlaufen
wollte und nur durch den Westwind und die Brandung daran verhindert
wurde? -- wit Ihr was es bringt?

Nein, so wenig wie die Mitonares, sagte Tati unwirsch, die
Schwarzrcke behaupten freilich es brchte mit seinen Kanonen Frieden
fr diese Inseln, aber ihre Kpfe reichen auch nicht hher als die
unseren, und sie knnen nicht sehen was im Bauch des Schiffes liegt,
ob Frieden, ob Krieg, oder wahrscheinlicher noch volle
Gleichgltigkeit wie wir es treiben hier auf den Inseln. Was wissen
die Capitaine solcher Schiffe von der Politik unseres oder ihres
Landes, wenn sie nicht ganz besonders abgeschickt werden? so wenig wie
unsere Fischercanoes wissen, was Pomare denkt oder thut.

Aber wenn die Mitonares nun doch recht htten? sagte Pomare, mit
einem halb triumphirenden Seitenblick auf den Franzsischen Consul.

Du zgerst hier mit solchen Vermuthungen, rief aber dieser jetzt
ungeduldig, bis drauen _geschehen_ ist, was wir hier verhindern
wollen; hrst Du den Lrm, das Toben Deiner frommen christlichen
Unterthanen? -- wenn die franzsischen Kugeln hier herberschmettern,
wirst Du zu spt bereuen unsere Bitten nicht erhrt zu haben.

Nennt Ihr das bitten, wenn Ihr mit Kanonen droht? rief unwillig
Pomare.

Und weisest Du uns ab? frug Tati leise.

Nein Tati, nein, sagte Pomare schnell, sich zu ihm wendend und seine
Hand ergreifend, gehe Du nicht fort im Unmuth von hier, denn ich
fhle wie schwer es _Dir_ geworden zu mir zu kommen. Ach wenn wir
selber unter einander einig wren, wenn nicht Neid, Ha und Eifersucht
uns entzweite, wir knnten ein festes Reich bilden, selbst gegen den
strksten Feind. Unsere Berge sind hoch, unsere Schluchten steil, und
da unsere jungen Leute kmpfen knnen haben sie in frheren
Schlachten bewiesen; aber wie die Religion unsere Familien entzweite,
und den Bruder gegen den Bruder in den Kampf rief, so hat ein
Miverstndni jetzt vielleicht auch die Stmme selber einander
entfremdet, und Pomare wird nimmer die Hand zurckstoen, die sich ihr
_freundlich_ entgegenstreckt -- nur der Drohung kann ich nicht
weichen, vielleicht _weil_ ich eine Frau bin, und mache Du mir denn
Vorschlge, wie wir am Besten einig und friedlich zusammen stehen,
ohne aber auch dem Ferani einen Rang zu gnnen der ihm nicht gebhrt,
den ich nicht von ihm gefordert habe -- unser _Beschtzer_ zu sein.

Der da oben im Himmel wohnt, wie auch sein Name sein mag, sagte Tati
ernst, wei da ich dem Ferani nicht seiner selbst wegen die Hand
geboten, die stolzen Mitonares trieben mich dazu; aber willst Du mit
Deinem Volk Hand in Hand gehen, so la jetzt kein eigenmchtig tolles
Handeln den Fremden beleidigen, bis wir uns friedlich mit ihm
verstanden. Was unsere Eifersucht hier gefehlt, kann jetzt noch die
Eifersucht der beiden fremden Nationen, der Beretanis und Feranis,
wieder ausgleichen, wir haben beider Gierde gleich zu frchten.

Die Beretanis haben uns noch nie gedroht, sagte Pomare.

Ich will nicht urtheilen ber sie -- ich kenne sie nicht, sagte der
Huptling finster, aber je mchtiger sie sind, desto mehr entfernt
haben wir uns von ihnen zu halten -- der Hai theilt keine Beute mit
dem Delphin.

Ich habe nicht befohlen der Fremden Flagge niederzureien, sagte
Pomare nach kurzem Sinnen -- sprich mit den Mitonares, Tati, sie
werden es nicht dulden.

Die Mitonares, sagte der Huptling hhnisch, und zu ihnen schickst
Du mich, Dein Reich zu regieren, vielleicht bei ihnen anzufragen, was
sie fr gut finden zu thun, ob Pomare herrschen soll oder ein Priester
auf Tahiti? eher mge die Zunge hier verdorren.

Wilder tobender Lrm und lautes Jauchzen scholl in diesem Augenblick
zu ihnen herein, und ein Lufer der Knigin, der oben ber Papetee
postirt gewesen, den Lauf des fremden Schiffes zu bewachen, kam,
unterwegs schon die frohe Nachricht verbreitend, jetzt zurck, Pomaren
zu melden da das fremde Kriegsschiff, von den Riffen frei, gewendet
habe, und nun Segel setze den Hafen, so wie der Westwind nachlasse, zu
erreichen. Zugleich aber wurden auch drauen Stimmen laut und der
ehrwrdige Mr. Rowe, von dem Bruder Brower gefolgt, ffnete, ohne
vorher eine Meldung fr nthig zu halten, rasch die Thr, auf deren
Schwelle er jedoch berrascht stehen blieb als er die beiden, seinen
Interessen so feindlichen Mnner hier erblickte.

Pomare mag der freudigen Botschaft verzeihen, sagte rasch gefat und
mit einem freundlich demthigen Ausdruck in den Zgen, trotzdem aber
auch mit einem rasch vorbergehenden, aber doch scharfen und etwas
boshaften Seitenblick auf den Consul Frankreichs, der ehrwrdige Mr.
Rowe, indem er nach den vorn hinausfhrenden und jetzt verhangenen
Fenstern zeigte, da drauen wogt und drngt ein frhliches,
glckliches Volk, ein Volk dem heute sein bedrngter Glaube
wiedergegeben.

Was giebts, was ist es? frug die Knigin schnell.

Einzelne wollen auf dem Englischen Kriegsschiff das wieder gewendet
hat und hier her zu steht, fiel Bruder Brower in die Rede, neben der
Englischen die Tahitische Flagge erkannt haben.

Der Knigin Augen glnzten in befriedigter Eitelkeit, und ihr Blick
flog rasch von Tati auf den Consul Frankreichs hinber, der aber nur
den Missionair scharf beobachtete und aus dessen Zgen die Wahrheit
oder versteckte List herauszulesen suchte -- es war ihm
unwahrscheinlich da ein Englisches Kriegsschiff, noch Meilen weit vom
Hafen entfernt, die Landesflagge eines so kleinen Inselstaates neben
der eigenen Flagge hissen sollte, -- und was dann war der Zweck einer
solchen _Erfindung_?

_Einzelne_? wiederholte er fragend, das Wort scharf betont, und
darber erheben die Kanakas drauen einen solchen Lrm, da _Einzelne_
irgend ein Privatsignal des Kriegsschiffes fr die Tahitische Flagge
genommen haben?

Das Volk begrt den Freund und Beschtzer seines Glaubens,
erwiederte der Geistliche, halb abgewendet von dem Consul, dem
eigentlich die Erwiederung galt -- es wei sich jetzt frei von jeder
Angst und Besorgni, und hat keinen Feind weiter zu frchten.

Gott schtze es vor seinen _Freunden_! sagte Mrenhout finster.

Wir knnen gehen, Me-re-hu! sagte Tati, der indessen an die
verhangenen Fenster getreten war, und den Vorhang zurckgeschoben
hatte, whrend er nach auen deutete, da seht.

Alle wandten sich dorthin, wo am Strand ein bunter Zug von Mnnern und
Mdchen, hie und da mit englischen Matrosen gemischt, niederwogte,
voran dem Zuge aber sprang ein halbnackter Bursche, jubelnd und
jauchzend die zerrissene Franzsische Flagge tragend, die er um den
Kopf schwenkte und mit wilden Gesticulationen, denen das
Beifallsgetobe der Menge nicht fehlte, eine ihrer gewhnlichen Hymnen,
die natrlich zu Volksmelodieen geworden waren, sang, und sich nur
dazu seine eigenen Worte extemporirte.

Ich glaube fast da die Leute Herrn Mrenhout suchen, sagte der
ehrwrdige Bruder Rowe mit einem nichts weniger als ehrwrdigen
Lcheln, ihm die Reste seines Reiches zuzustellen.

Alles Blut das dieser Handlung folgt komme ber Sie und Ihre
Genossen! rief aber der Consul mit zornblitzenden Augen, und verlie
rasch das Gemach.

Tati zgerte noch, er sah nach der Knigin hinber, aber Pomare hielt,
in Schaam und Unmuth, den Blick an den Boden geheftet, und sah nicht
zu ihm auf: da seufzte der Huptling tief tief auf, und verlie, ohne
den Priester auch nur eines Blickes zu wrdigen, langsam das Haus. Der
Prediger aber faltete die Hnde, und die Augen zur Decke erhebend
begann er, ohne die Gegenwart Pomares weiter zu beachten, mit lauter
und brnstiger Stimme ein Dankgebet, des Inhalts, da Gott die
Gtzenbilder nun zerstret htte mit mchtiger Hand, den Feind
ausgetrieben, der seinen Namen verleugnet, und Hlfe gesandt habe
seinem Volke in der Noth, es zu erlsen von der Gefahr und frei und
glcklich zu machen in Seinem Glauben.

Pomare unterbrach ihn mit keiner Sylbe, und whrend sich die mit den
Missionairen hereingekommenen Enanas leise und geruschlos der Thr
zuschoben und durch dieselbe verschwanden, den lrmenden Zug drauen
mit anzusehen, der ihnen interessanter war, als das Gebet des
finsteren Mannes, stand Pomare still und regungslos und nur ihr Blick
hob sich endlich langsam und scheu zu dem Antlitz des fanatischen
trotzigen Priesters, der hier Demuth gegen Gott heuchelte, dessen
eigene Gebote der Liebe und des Friedens er eben mit Fen getreten.

Wer gab den Befehl, die fremde Flagge niederzureien? sagte sie
endlich mit leiser, vor innerer Bewegung zitternder Stimme, als der
Betende schwieg und die Blicke nur noch wie in Verzckung an der Decke
haften lie.

Der Herr, antwortete der Geistliche mit vertrauungsvoller Stimme,
ohne den Blick zu der Fragenden niederzusenken -- Deine Feinde sind
geworfen, Pomare, denn der Herr ist mit Dir!

Pomare bi sich auf die Lippen, sie rang mit sich dem Priester
gegenber als Knigin aufzutreten, den Fremden fhlen zu lassen da er
mit der Frstin dieses Landes sprche, in deren Zimmer er sich
gedrngt und deren Reich er nicht der Bibel, nein sich selber und
seinen Genossen unterworfen hatte; aber die alte Scheu vor dem
Uebernatrlichen, als dessen Vertreter sie die finsteren Fremden sah,
war auch selbst jetzt zu stark, und sich abwendend sagte sie nur mit
zitternder, tief erregter Stimme:

Gott gebe es; aber ich frchte Ihr habt nicht gut gethan. Mein Volk
ist entzweit, mein Reich bedroht, und was bin ich selber schon, wenn
erst fremde Kriegsschiffe sich um die Oberherrschaft dieser Insel
streiten? -- Nein, nein, rief sie rasch, als der Geistliche schon die
Hand zu neuer Rede hob, sprich mir nicht jetzt wieder all Deine schon
so oft gehrten Klagen und Drohungen -- sage mir jetzt nicht die
Verse Deines Buchs, das Du bis auf den letzten Buchstaben auswendig
kannst; ich begreife Dich doch nicht und mein Herz ist jetzt recht
voll und schwer -- ich frchte mir ist heute ein groes Leid
geschehen, und httest Du mich mit Tati vershnen lassen, es wre
besser fr Tahiti gewesen. Geh jetzt, da drauen seh' ich Deine Brder
-- ich glaube sie wollen zu mir, aber ich will sie jetzt nicht
sprechen, die Zeit mu entscheiden ob Ihr bs gethan habt oder bel,
aber mir ist recht traurig zu Sinn. -- Geh' jetzt, sag' ich, rief sie
entschiedener, als der geistliche Herr sich noch immer nicht abweisen
lassen wollte, und ihr Fu stampfte zornig den Boden -- das Blut der
Pomaren gewann die Oberhand.

So mge Dich der Herr erleuchten, sagte der fromme Mann, mge Dir
seinen Frieden geben und Seine Sanftmuth und Dich erkennen lassen was
er an Dir gethan in Seiner Liebe und Herrlichkeit -- Amen. Und mit
gefalteten Hnden und vorwrts geneigtem Haupt verlie er langsam das
Gemach. Pomare aber schlo die Thr, sttzte die Stirn in ihren Arm
und weinte bitterlich.

       *       *       *       *       *

Drauen indessen hatte ein wilderes Spiel stattgefunden, als selbst
Mrenhout vermuthet; von den Missionairen war nmlich der ehrwrdige
Bruder Smith mit nach der ber Papetee ausstreckenden Landzunge
gegangen, dort die Bewegungen des fremden Kriegsschiffes rascher und
deutlicher bersehen zu knnen. Mit einem guten Glas bewaffnet
erkannte er denn auch bald da das Schiff pltzlich wieder beidrehte
und trotz des noch hohen Seegangs, und nur erst einmal von den Klippen
frei, wieder Segel auf Segel setzte, nicht einen Fubreit mehr
aufzugeben, als es gezwungen war. Jedenfalls schien es nach Papetee
bestimmt, dem es auch wieder zuhielt, und neben der noch wehenden
Flagge stiegen jetzt mehre Signale auf, von denen eines allerdings der
Tahitischen Flagge glich, auf die Entfernung hier aber kaum genau
bestimmt werden konnte.

Die Missionaire sind von je her nicht ihrer nautischen Kenntnisse
wegen berhmt gewesen, wie sie denn auch, um das Kap der guten
Hoffnung die Inseln erreichend, den Tag nicht zhlten den sie auf dem
180sten Grad von Greenwich aus gen Osten segelnd, gewannen, und den
Insulanern den Sonnabend fr den Sabbath brachten, wodurch spter eine
heillose Confusion entstand. Ob nun Bruder Smith auch hier die
Tahitische Flagge wirklich zu erkennen glaubte, oder ob er seine
sonstigen Absichten dabei hatte den ihn umstehenden Insulanern eine,
wie er sich wohl denken konnte, freudige Nachricht mitzutheilen, kurz
von ihm zuerst ging das Gercht aus, das Englische Kriegsschiff das
wieder auf den Hafen zu halte, zeige die Tahitischen Farben, und das
gengte natrlich, dem jauchzenden Volk die frohe Kunde zu bringen da
die Schiffe der Beretanier ihnen beistehen wrden gegen den jetzt
gebrochenen Uebermuth der Wi-Wis -- wie sie nun wieder trotzig und
lachend genannt wurden.

Von Mund zu Mund lief die Mhr, und wie das mit allen derartigen
Gerchten ist, wurde bald bertrieben in's Unmgliche. Nicht mehr blos
ihre Flagge, ihre Religion zu schtzen gegen die Uebergriffe der
Papisten, nein auch frhere Unbilden sollte sie rchen. Die Wi-Wis
muten jetzt das Geld wieder herausgeben, da sie erpret, und Pomare
bekam von den Beretanis, als Schadenersatz, das Franzsische
Kriegsschiff, die ~Jeanne d'Arc~ geschenkt, die gerade im Hafen vor
Anker lag. Wie Kinder lachten und schwatzten die Insulaner
durcheinander, trumten sich ihre Lieblingsbilder herauf, am hellen
Tag und bauten sich Schlsser so bunt und farbenreich in die Luft, da
sie die Zukunft darber vergaen und Vergangenheit und, berhaupt nur
gewohnt den Augenblick zu benutzen, dem nach auch handelten.

Whrend ein Theil anfing eine alte Tahitische Hymne nach dem Takte
eines weit lteren Englischen Liedes ~old hundred~ abzusingen,
sprang eine andere Gruppe, in ihrer Herzensfreude selbst die Gefahr
nicht achtend von den Missionairen dabei berrascht zu werden, zu
ihrem Nationaltanz an, und der Klang der Trommel mischte sich mit dem
frommen Lied der Singenden in wunderlicher, eigenthmlicher Weise.

Anders aber und wilder gestaltete sich die Versammlung am unteren
Theil von Papetee; etwa zweihundert Schritt von da entfernt, wo die
Franzsische Flagge, vor dem Hause des Consul Mrenhout, zwischen
einer kleinen Gruppe hochstmmiger Cocospalmen und ber ein Dickicht
dunkelgrner Brodfruchtbume auswehte, hatten sich Einzelne der
Missionaire, unter ihnen Dennis und Brower, gesammelt, und sprachen
auf dem offenen Platz in lautem Gebet ihren Jubel aus ber den Sieg
der Bibel gegen das Pabstthum. Viele der angesehensten Huptlinge
standen in ihrer Nhe, unter ihnen Aonui und Teraitane, wie der noch
immer halb wilde und trotzige Fanue, und wenn Einzelne auch gern in
ihren Jubel mit einstimmten, fra es Andere wieder am Herzen _da_
eben fremde Schiffe bei ihnen den Ausschlag geben sollten, und nicht
mit Unrecht sahen sie die Priester als die gerade an, die fremden
Einflu herbeigezogen hatten ihre Privatangelegenheiten zu regeln,
ihre Gesetze zu bestimmen, und mit einem Wort, ihr Land zu regieren.

Auf's Neue! rief da der ehrwrdige Bruder Dennis in seinem glhenden
Eifer fr das Wohl seiner Kirche, auf's Neue hat der Herr der
Heerschaaren seine Hand ausgestreckt ber die Hupter der Glubigen,
und er wird die zum zweiten Mal in diesen Bergen aufgerichteten Gtzen
zu Boden schleudern, wie er sie das erste Mal seine Macht und
Allgewalt hat fhlen lassen. _Noch_ weht da drben die dreifarbige
Fahne der Papisten, noch flattern die feindlichen Farben in der
scharfen Brise, aber wie der strmische West in kurzen Stunden dem
stillen herrschenden Passat weichen wird und mu, so wird auch jenes
Schiff da, dessen weie Segel unserer gastlichen Kste jetzt
entgegenblhen, unser Land von dem Schimpf reinigen, einer anderen
Macht zu gehorchen als der Bibel, einer andern Gewalt unterthan zu
sein, als dem Lamm Gottes und dessen unendlicher Huld.

Wenn denn das Wehen jener Flagge Euch so entsetzlich hrmt, rief da
Fanue, der jetzt bis dicht hinan zu dem Betenden getreten war und mit
untergeschlagenen Armen und fest auf einander gebissenen Zhnen den
Gesticulationen des frommen begeisterten Redners zugeschaut hatte,
ei zum Wetter, warum fat Ihr sie nicht und werft sie zu Boden?

Das ist _unsere_ Pflicht! rief aber da, dazwischentretend, der den
Missionairen ganz ergebene Aonui -- nur eine Pflicht der Dankbarkeit
war es, an die uns die Rede des wrdigen Mannes mahnt, England nicht
durch das stolze Wehen jener Flagge lnger beschimpft zu sehen.

England? rief Fanue laut und trotzig, den Huptling mit zrnendem
Staunen betrachtend.

Ja England! wiederholte aber dieser, unbekmmert um den Zorn seines
Landsmannes, England, das uns zu Menschen gemacht, das unsere Seelen
ewiger Qual entri, und uns die _Bibel_ sandte, die heilige Schrift,
das Buch Gottes, Freunde, das Wort von Seinem eigenen Mund diktirt.
Wir haben _Alles_ damit erlangt was wir brauchen, und in uns selber
zurckgezogen, kann die feindliche Macht unsere Krper tdten, aber
unsere Seelen sind unsterblich, und liegen auer ihrem Bereich.
Deshalb aber schon wre es schlecht, wre es undankbar von uns, das
Land, was uns so reich, so glorreich beschenkt, auf unserem Grund und
Boden, vor unserer Thre beleidigt zu sehen, und im Vertrauen auf
Jehovas Schutz bin ich bereit, die stolze Flagge, die ber Baals
Gtzendienste weht in den Staub zu werfen.

Halt Aonui! fiel ihm hier, seinen Arm ergreifend, der schon dem
Worte die That wollte folgen lassen, der bedchtigere Teraitane in die
Rede, das wre voreilig und -- unvorsichtig gehandelt. Ich schtze
den Freund, wenn er abwesend ist und sich nicht selber schtzen kann,
weshalb jetzt? -- England hat seinen Vertreter hier -- eine eigene
Flagge und zwei groe Schiffe, und wenn es sich beleidigt glaubt, mag
es selbst die fremde Flagge niederwerfen.

Und seine eigene dafr aufpflanzen, nicht wahr? rief rasch Fanue.

Die Englische Flagge ist noch stets eine Flagge der Liebe und des
Friedens gewesen, fiel hier freundlich, den Streit der Insulaner zu
beschwichtigen, der ruhigere Missionair Brower in die Rede.

Aber die ist Tahitischer Grund und Boden, zrnte Fanue, was wrde
die Knigin der Beretanis sagen, wenn wir hinberkommen wollten in ihr
Land, und Pomares Flagge aufpflanzen, auf ihren Wllen? -- Sie wrde
sagen: was wollen die fremden Mnner hier in _meinem_ Land? schickt
sie fort denn ich habe selber eine Flagge.

England hat uns die Bibel gebracht, sagte aber auch Potowai, ein
anderer Huptling, der hinzutrat, und wenn ich je ein anderes Land
als ber uns stehend anerkennen werde, so kann und soll das immer nur
England sein.

Aber Brder, liebe Brder, rief da Dennis in frommer Begeisterung,
wohin verirren wir uns? -- und glaubt Ihr da wir, Euere Lehrer, etwas
anderes wollen knnen als Euer Wohl? -- Handelt es sich denn hier
darum, der Englischen Flagge Euch unterthan zu machen, oder Euere
eigene von Schmach und Knechtschaft zu retten? -- wollen wir Euch denn
England unterwerfen, und nicht vielmehr Euch frei machen, im Geist und
in der Wahrheit, und keinen Zwang dulden, weder auf Euerer Seele, noch
auf Eueren Krpern, als den, den Euch Gottes Liebe selber auferlegt,
denn mein Joch ist leicht, sagt der Herr. Mit der Einfhrung aber
der fremden Baalsdiener, mit ihren Rauchpfannen und ihrem
Bilderdienst, der sich nicht halten konnte hier auf den Inseln,
zwischen den frommen Bewohnern, die ihren Gott erst einmal erkannt,
ist jene feindliche Flagge aufgerichtet, und nur erst wieder mit ihrer
Wegnahme knnen wir, Euere Lehrer, je wieder hoffen Eueren Geist all
jenen feindlichen Eindrcken fern zu halten, der sich jetzt in so
gewaltiger Kraft geltend macht.

Nun dann werft sie selber nieder! brummte Fanue trotzig -- weshalb
uns dazu brauchen wollen?

Das ist kein Amt der Diener Gottes! sagte da Bruder Brower schnell
-- wir haben es stets vermieden uns in die politischen Verhltnisse
dieses Reiches einzumischen, und werden jetzt nicht -- 

Das _lgst_ Du stolzer Priester, schrie ihm aber da der Huptling
entgegen, mit glhenden Augen den trotzig emporfahrenden Missionair
messend, whrend seine Freunde auf einer, die dem Geistlichen
anhngenden Eingeborenen auf der anderen Seite dazwischen traten,
Frieden zu halten unter den beiden Streitenden.

Der beleidigte Missionair wollte im Anfang, und vielleicht auch mit
gereizter Rede etwas darauf erwiedern, Dennis aber ergriff seinen Arm
und flsterte ihm leise einige Worte zu, und selbst wohl das
Unschickliche heftiger Worte einsehend, sagte er gleich darauf ruhig
und mit milder Stimme:

Herr vergieb ihm, denn er wei nicht was er thut!

Eben diese Ruhe aber reizte den alten greisen Huptling, und Aonui und
Potowai, die ihn zu besnftigen suchten, von sich werfend, rief er
laut und trotzig:

Rolle nur Deine Augen, und wirf Dich in den Staub vor Deinem Gott;
mache das Volk dabei glauben da Du vom Geist erleuchtet, und Dein
Mund ein Orakel seines Willens sei -- spiele Dein Spiel, wie es Dich
freut, aber wolle nicht _Mnner_ kirren mit falschem Trug. Dein Gott
hat gedonnert und geblitzt, wie es _unsere_ Gtter thaten vor ihm,
aber er schleuderte seine Donnerkeile zwischen die ~feis~ in den
Bergen, und die Du seine Feinde nennst, blieben unberhrt -- sollen
_wir_ unser Blut daran setzen, wo er selber seine Waffen nur im
Scherze braucht? -- _wenn_ wir die Streitaxt aufgreifen, die begraben
sein mte fr immer, wenigstens zwischen _Euch_, wre Euere ganze
Religion nicht eine Lge, so geschieht es fr unser _Land_, nicht fr
Eueren Glauben, und Gottes Zorn, ich mag ber dem weder die Flagge
Beretanis noch der Feranis wehen sehen! Ihr aber -- sich jetzt zu
seinen Landsleuten wendend, von denen Einige im stummen Entsetzen und
mit emporgehobenen Hnden standen, zrnte er laut -- ruft mich, wenn
Ihr mich braucht, nur nicht zum Singen und Beten, sondern wenn es
gilt, das Vaterland wieder rein zu fegen, von Allem was fremd und
feindlich ist, und Fanue ist Euer Mann; aber hierher taugt er
_nicht_! und mit den Worten, den Tapamantel fester um sich ziehend,
verlie er rasch und zornigen Schrittes den Trupp.

Ein wilder Geist, ein unbndiger Geist, den der Herr erleuchten, und
auf ihn das Licht Seiner Gnade recht bald ausgieen mge, sagte
Brower mit einem frommen Blick nach oben, ich will recht warm und
brnstig fr ihn beten.

So Dich Dein Auge rgert, rei es aus! zrnte aber Dennis, mit dem
linken Arm die Bibel, die er damit hielt, fester an sich ziehend, die
Rechte dorthin gestreckt, wo der zornige Indianer eben verschwunden
war, und die Zurckgebliebenen noch standen ihm nachzuschauen, und
wie der drre Feigenbaum aus dem Boden gehoben, und in's Feuer
geworfen werden mu, so sollen die Glieder dieser Kirche gerichtet
werden, die abtrnnig und drr am Stamm stehen.

Und glaubt Ihr, Brder, da wir Anderen eben so denken wie Fanue?
schrie Aonui jetzt in wilder Begeisterung -- glaubt Ihr, da _wir_
nicht sterben knnten fr den Glauben, fr den Jesus Christus vor uns
gestorben ist? -- Jene Flagge da weht feindlich auf uns herber,
feindlich auf die Bibel, die wir als Gottes Wort erkennen, und an
_uns_ ist es, nicht an den Beretanis, das zu entfernen, das uns
strend hier in den Weg tritt. Wer nicht mit mir ist, der ist wider
mich! sagt Christus -- Aonui frchtet keinen Gegner, so lange er fr
den Herrn streitet. So wer die Bibel liebt, der folge mir! und mit
den zuletzt wild gejubelten Worten durchbrach er die Menge, die ihm
willig Raum gab, und sich ihm auch zum groen Theil anschlo, und
eilte raschen Schrittes dem Hause des Franzsischen Consuls zu, in
dessen Garten, auf einer dort aufgerichteten Stange die dreifarbige
Fahne lustig in der scharfen Brise flatterte und schlug.

Der Consul war nicht im Haus, aber zwei Mnner hatten kurz vorher den
Platz von einer anderen Seite betreten, Mr. Mrenhout aufzusuchen --
Ren Delavigne und der Huptling Paofai, und standen noch an der
verschlossenen Thr unweit des Flaggenstocks, als sie den
herantosenden Lrm der Masse hrten.

Hallo Paofai, sagte Ren zu dem Huptling, der Specktakel kommt
nher, und es sollte mich am Ende gar nicht wundern, wenn sie unserem
Freund Mrenhout einen, vielleicht nichts weniger als
freundschaftlichen Besuch abstatten wollten.

Sie sind zu Allem fhig, sagte der Huptling verchtlich; ihre
Bibel tragen sie voraus, wie wir Oro frher in die Schlacht trugen,
und dann rennen sie blind und toll hinterdrein, und singen und beten
und treiben, wer wei was sonst noch fr Unsinn -- wenn Tahiti nicht
mein Vaterland wre, ich setzte mich noch heute in mein Canoe, und
lie mich nach leewrts treiben soweit es dem Wind gefiele -- bin es
fast mde hier das Spielwerk bald der Missionaire, bald der Franzosen
oder Englnder zu sein.

Sie kommen wahrhaftig hierher zu! rief Ren jetzt, der die Worte
seines Gefhrten wenig beachtet und nur dem rasch nher kommenden Lrm
gelauscht hatte; was _knnen_ sie wollen?

Alles was toll und unklug ist, sagte Paofai achselzuckend -- sie
werden das Haus strmen wollen und die Flagge niederreien.

Die Franzsische Flagge? rief Ren, mit rasch aufblitzendem Zorn,
das sollen sie beim Teufel lassen, so lange _ich's_ hindern kann.

Wirst's eben nicht lange hindern knnen, Freund, lachte der
Insulaner -- aber -- gern leid' ich's auch nicht.

Nieder mit der Flagge! nieder mit den drei Farben! tobte jetzt der
Haufen heran, sie gehrt auch mit zu den Gtzenbildern und mu
fallen!

Das wird Ernst, rief Ren, herbei Paofai! und ohne weiter
abzuwarten ob ihm der Huptling folge, warf er sich mit dem ihm
eigenen tollkhnen Muth allein und unbewaffnet dem jetzt gegen den
Flaggenstock anstrmenden Haufen entgegen. Paofai zgerte dabei noch
einen Augenblick -- er sah das Hoffnungslose einer Vertheidigung,
solcher Uebermacht gegenber, und wenn er auch mit zu der Parthei
seiner Landsleute gehrte, von der ein Theil jenen Vertrag mit den
Franzosen unterschrieben, betrachtete er die Feranis eben nur als
Mittel zum Zweck, seinen eigenen Rang wieder auf den Inseln zu
erlangen, den er durch die Macht der Pomaren theilweis verloren, und
nicht etwa dem Fremden Rechte einzurumen, die seinem Stolz gerad'
entgegenliefen. Das edle Gefhl aber, das noch in seiner Brust
schlummerte, trieb ihn auch, dem Einzelnen gegen die Masse
beizustehen, und langsamer zwar, als ihm der junge Franzose
vorangegangen, und dabei lachend mit dem Kopf schttelnd, als ob er
wisse da er jetzt einen unberlegten Streich begehe, folgte er dem
Fremden zur Fahnenstange, wo er eben zeitig genug ankam Zeuge zu sein
wie Ren, ohne ein Wort weiter zu verlieren, den voranstrmenden Aonui
aufgriff und mit solcher Kraft gegen den ihm nchst Folgenden warf,
das Beide zurcktaumelten, und die Bibel des frommen Huptlings Hand
entfiel.

Zurck! donnerte des jungen Mannes Stimme zu gleicher Zeit -- das
hier ist fremdes Eigenthum, und keinem von Euch ist das Recht gegeben
es anzutasten!

Nieder mit dem Wi-Wi! schrieen dagegen von hinten vor Andere,
whrend sich Aonui, der hier keineswegs Widerstand zu finden
erwartet, erschreckt vom Boden aufraffte, und seinem Gegner in's Auge
sah. Er hatte gar nicht daran gedacht mit irgend einem Menschen hier
in Berhrung kommen zu knnen, und nur durch fanatischen Eifer dahin
getrieben eine Holzstange umzuwerfen, und ein Stck Zeug
herunterzuholen, wute er noch gar nicht, ob er seinen eigenen Leib in
eine vielleicht thrichte Gefahr dabei bringen solle oder nicht. -- Wo
kam der Wi-Wi auf einmal her?

Aber auch Paofai trat jetzt hinzu, und die Nchsten mit dem Arm
langsam von der Stange zurckschiebend, sagte er mit seiner weichen
melodischen und zugleich so klangvollen Stimme:

Wit Ihr was Ihr thun wollt, Ihr Mnner von Tahiti? -- Ihr wollt eine
Nation beleidigen, mit der Ihr in diesem Augenblick auf
freundschaftlichem Fue steht; Ihr wollt Euch einen Feind machen, der
mit seinen eisernen Kugeln Euere Htten und Palmen und Brodfruchtbume
niederwerfen und Euch verderben kann. Seid Ihr von einem bsen Geist
besessen da Ihr so tobt?

Er hat meine Bibel niedergeworfen! rief in diesem Augenblick Aonui
mit zornfunkelnden Augen, erst jetzt das Entsetzliche bemerkend --
der Wi-Wi hat die Bibel in den Schmutz geworfen.

Nieder mit dem Wi-Wi, nieder mit der Flagge! schrie und brllte da
die Schaar wild durcheinander -- sie haben die Bibel geschndet --
nieder mit den Feranis und ihren Gtzen -- wir wollen keinen Vertrag,
wir wollen keine Freundschaft mit ihnen!

Auch gut, brummte Ren vor sich hin, und ein Stck Holz aufgreifend
das dort zufllig lag, schlug er den Ersten der Hand an das Seil legen
wollte die Flagge niederzuziehen, ohne weiter einen Ruf zu thun, damit
zu Boden. Andere aber drngten nach und obgleich er, ohne Rcksicht
auf sich selbst zu nehmen, blind und wild um sich herschlug, fand er
sich doch bald von der Masse berwltigt, zu Boden geworfen, und aus
dem Weg geschleppt, whrend Paofai selber, der sonst so geachtete und
gefrchtete Huptling, kaum glimpflicher behandelt wurde.

Fort mit Dir Paofai! schrie eine Stimme aus der Menge, und Hnde
streckten sich drohend nach ihm aus -- Du bist ein Freund der Wi-Wis
-- Du bist auch Einer von denen die uns an sie verrathen wollen -- fort
mit Dir. Dein Platz wre neben der Bibel und nicht neben dem Hause von
Me-re-hu, dem Feinde Tahitis -- fort mit Dir!

Aonui -- _Du_ haftest mir fr die Sicherheit dieser Flagge! rief da
Paofai, den Arm des Huptlings ergreifend, als er fhlte wie er
ebenfalls durch den andrngenden Schwarm unwiderstehlich zurckgepret
wurde und dem Volk den Platz rumen mute -- von Dir wird sie
Frankreich wieder fordern.

Frankreich soll zu Grase gehen, brummte da eine Stimme in breitem
Irisch, dicht neben dem Huptling, und die Flaggenlinie fassend zog
unser alter Bekannter, Jim, die wehende Flagge unter dem Jubelruf und
Jauchzen der Masse, von denen gleich zehn hinzusprangen ihm zu helfen,
nieder, und im Triumph wurde die erbeutete jetzt durch die Stadt
getragen.

Kaum senkte sich die Flagge, als ein Boot von der ~Jeanne d'Arc~
abstie, an Land ruderte, die Ursache zu erfahren, und dort drohte die
Corvette wrde die Stadt beschieen, wenn die Flagge nicht
augenblicklich wieder gehit und mit der blichen Ehrensalve von
Tahitischer Seite begrt werde. Der Capitain des Talbot aber, dem die
Drohung hinterbracht wurde, erklrte, in dem Augenblick wo der erste
Schu aus dem Franzsischen Kriegsschiff auf die Stadt fiel,
seinerseits sein Feuer auf die Corvette zu erffnen, und der Jubel
Papetees bei dieser Erklrung berstieg alle Grenzen.

Die Missionaire sagten gleich, whrend der Talbot zum Gefecht
trommelte, und Alles an Deck klar machte, Kirche an, die Indianer
tanzten, ein kleiner Theil ausgenommen, dem diese Wendung der Dinge
nicht behagte, und die Prophezeihungen der Missionaire, was Englands
Beistand betraf, schienen allerdings Wahrheit werden zu wollen; Pomare
stand nicht mehr allein, eine arme verlassene Frau, und die
Geistlichen selber, als die jedenfalls indirekte, ja vielleicht sogar
direkte Ursache dieser so zeitgemen Hlfe, stiegen bei dem Volk, das
sich dem Mchtigen am liebsten unterwirft, bedeutend an Achtung.

Die angeborene Gutmthigkeit der Insulaner lie sie aber auch ihren
Sieg nicht weiter treiben, und Ren wie Paofai blieben, nur erst aus
dem Weg geschafft, vollkommen unbelstigt. Am anderen Morgen jedoch,
mit dem wieder eingetroffenen Passatwind lief, unter dem Donner der
Tahitischen, etwas mittelmigen Geschtzstcke, und den
Begrungsschssen des Talbot, die Englische Fregatte der Vindictive
ein, und der Jubel erreichte hier seinen hchsten Grad, als die
freudige Botschaft von Mund zu Mund lief, der erwartete Geistliche
Pi-ri-ta-ti (Pritchard) sei wieder mit zurckgekehrt, der ja nur
deshalb nach England gegangen war, der Knigin der Beretanis ihren
Streit mit den Feranis vorzulegen und Hlfe von dort zu bringen. Und
hatte er das nicht jetzt gethan?

Mit einem wahren Triumphgeschrei wurde er empfangen, und unter dem
Jauchzen und Jubeln, ja unter den Segensrufen Tausender an Land
gefhrt, so da der Ehrwrdige Mann dadurch wirklich in nicht geringe
Verlegenheit gerieth. Weder er noch das Kriegsschiff brachte nmlich
direkt ausgesprochene Hlfe von England, sondern nur, als Geschenk,
einen Wagen fr die Knigin Pomare, und Zeug zu einer rothen Uniform
fr ihren Gemahl, den jetzt eine Zeitlang auf Imeo gewesenen jungen
Huptling.

Graf Aberdeen hatte sich damit begngt dem jungen Staat seine
freundlichen Gesinnungen zu bekunden, und die Huptlinge erschraken
allerdings als ihnen die endlich begreiflich gemacht wurde. Pomare
schlo sich einen ganzen Tag in ihr Haus ein, denn eine neue
Besitzergreifung Tahitis durch die Franzosen war nun allerdings nicht
unmglich, und ihre Sicherheit ihnen keineswegs gewhrleistet worden.
Was aber kmmerte das das Volk, die frhlichen, gutmthigen Kinder
dieser Inseln? Fr den Augenblick waren sie jeder weiteren
Unannehmlichkeit berhoben, fr den Augenblick lagen die Englischen
Kriegsschiffe drohend und ihnen Schutz gewhrend in ihrer Bai, und
ihre Knigin konnte in dem wunderlichsten Ding spatzieren fahren, das
ihre khnste Phantasie sich je gedacht -- das Uebrige brachte die Zeit
-- weshalb sich vorher grmen? und die Predigten ihrer Geistlichen
bestrkten sie bald in der frohen Hoffnung da kein Franzose es je
wieder wagen wrde ihre Rechte anzutasten, ihre Religion ihnen zu
nehmen, oder sie mit seinen Kanonen zu zwingen seinem Willen Folge zu
leisten; was wollten sie mehr.

FOOTNOTES:

[F] Das westliche Ufer dieser Inseln wird stets das Leeufer genannt,
da der Wind, mit nur seltenen Ausnahmen, immer von Osten kommt.

[G] Missionair Bingham spricht mit besonderer Ehrfurcht von dem
wrdigen ~Matriarchen Kaahumanu~, der Gattin Kamehamea des Ersten --
eine Frau von beinah dreihundert Pfund Gewicht.




Capitel 6.

#Ein Ball in Papetee.#


Es lt sich denken, in welche Aufregung die kleine Colonie durch die
erst beschriebenen Vorflle gebracht wurde, denn whrend die
Insulaner, viel zu sehr dem Frieden geneigt, bei weitem in der
Majoritt den Englndern zuhielten, und eine neue Religion wie ein
neues Regiment schon deshalb frchteten, als es wieder auf's Neue eine
Umwlzung in ihren kaum regulirten Sitten und Gebruchen hervorrufen
mute, bestand der grte Theil der in Papetee selber angesiedelten
Fremden aus Franzosen, und deren heies Blut revoltirte in Feuer und
Flamme gegen einen Zwang, der ihnen pltzlich aufgelegt werden sollte,
und um so drckender war, da sie die Hoffnung nicht einen Augenblick
aufgaben, durch das nchst einkommende Kriegsschiff -- und die von den
Insulanern so gefrchtete ~Reine blanche~ kreuzte in diesen Gewssern
-- das ganze, durch die Missionaire jetzt nur knstlich aufgebaute
System wieder umgeworfen zu sehen.

Es versteht sich brigens von selbst, da whrend dieser Zeit der von
~Du Petit Thouars~ allerdings nicht ganz auf rechtlichem Wege
hergestellte und von den Huptlingen gezeichnete Vertrag, zu dessen
Unterschrift man selbst Pomare zwang, nicht allein nicht mehr
beachtet, sondern vollstndig anullirt wurde. Frei und offen predigten
die Protestanten gegen das Pabstthum und die beabsichtigte Occupation
der Franzosen, und die Rmischen Priester, die ihre Kapelle auf einem
kleinen reizenden Hgel in Mativaibai errichtet hatten, konnten sich
in dieser Zeit nur auf einen sehr kleinen Kreis ihnen ergebener oder
doch wenigstens nicht feindlich gesinnter Insulaner verlassen. Im
Allgemeinen frchteten die Indianer den Platz, der in seinen
Ceremonieen etwas Geheimnivolles fr sie hatte, und ihnen von ihren
Geistlichen in solchen Farben geschildert war, da sie sich scheuten
ihn nach Dunkelwerden zu passiren. Ja sie wrden ihn zerstrt und jene
Priester wieder gewaltsam von dort vertrieben haben, htten nicht Mr.
Nelson vorzglich wie auch die Brder Smith, Brower und Mc. Kean ihr
Mglichstes gethan sie von einem so unberlegten und bsen Schritt
zurckzuhalten, zu dem sie der Feuereifer des frommen Dennis, wie der
unersttliche Ehrgeiz Rowes unaufhaltsam trieben.

Der Franzsische Theil der Bewohner hielt sich indessen vollkommen
ruhig, und wenn auch Consul Mrenhout, in dem Gefhl seiner
beleidigten Wrde, im Anfang Ren antreiben wollte der
Gewaltthtigkeit wegen Klage auf Schadenersatz einzureichen, die er,
bei Vertheidigung der Franzsischen Flagge gelitten, weigerte sich
dieser auf das Bestimmteste dagegen.

Ich bin von den Indianern freundlich aufgenommen, sagte er, und
wre der Letzte einer einfachen Schlgerei wegen, bei der ich eben so
viel, vielleicht mehr, ausgetheilt habe als bekommen, neuen Grund zu
Streitigkeiten und Ursache zu spteren Forderungen meiner Landsleute
zu geben. Ich htte gescheuter sein sollen als mich in Sachen zu
mengen die mich Nichts angehen.

Die Franzosen in Papetee waren damit nicht ganz einverstanden -- sie
wollten vor allen Dingen wieder neue Haltpunkte fr unter Englischem
Einflu ausgebten Uebergriffe, und auch die Eingeborenen schienen
mitrauisch gegen den Fremden geworden zu sein, den sie, als den
Gatten einer ihrer eingeborenen Mdchen, und in dem frheren Hause
des alten Mr. Osborne wohnend, schon gewissermaen als einen der
ihrigen, gar nicht mehr als einen Wi-Wi betrachtet hatten, und der
doch jetzt feindlich und gewaltthtig gegen sie aufgetreten war. Das
so sehr freundliche Verhltni, in dem er bis dahin mit ihnen
gestanden, schien jedenfalls gelockert, wenn auch nicht ganz gelst.

Ren hatte aber viel zu guten und leichten Muth, sich etwas derartiges
gro zu Herzen zu nehmen; wie er auf der einen Seite fest gegen seine
Landsleute blieb, und sich auf der anderen nichts Bses gegen die
Insulaner bewut war, verkehrte er nach wie vor mit beiden Theilen,
und wute sie beide wieder fr sich zu gewinnen. Solche kleine
Neckereien und Miverstndnisse dienten aber keineswegs dazu, ihn
manches Andere was ihm strend in den Weg trat, bersehen zu lassen,
und nur die Heimath, seine Sadie, sein kleines herziges Mdchen
konnten ihm manchmal ganz jenen frohen fast wilden Uebermuth
wiedergeben, mit dem er sich einem drckenden Verhltni damals
entzogen, und einem neuen Leben frmlich in die Arme geworfen hatte.

Nichts destoweniger blieb das gesellschaftliche Leben der Inseln unter
den verschiedenen und so wenigen Franzosen, ein hchst
freundschaftliches; eigene Interessen, ja eigene Gefahr verband die
Leute auch schon fester mit einander, als es irgend etwas anderes im
Stande gewesen wre zu thun, und das leichte franzsische Blut schwamm
berhaupt oben auf.

Besonders viel trug hierzu die Belardsche Familie bei, die sich
wirklich unendliche und anerkennenswerthe Mhe gab in Papetee einen
freundschaftlichen Ton zu erhalten, ja eigentlich erst zu schaffen, wo
schon die Mischung der verschiedenen Racen etwas derartiges unendlich
schwierig machte. Die Europer hatten meistens all ihre alten
Gewohnheiten, aber auch ihre Vorurtheile herbergebracht in eine ganz
neue Welt, in die weder die einen, noch die anderen passen wollten,
und konnten nur durch unermdliche Ausdauer Einzelner, die sich der
letzteren wenigstens entledigt hatten, dazu gebracht werden sich
gemeinschaftlich zu amsiren -- man wollte weiter Nichts von ihnen.

Ein wirkliches Hinderni aber fr grere Gesellschaften blieb der
Mangel an Europischen oder vielmehr weien Damen, von denen sich nur
sehr wenige auf der Insel befanden, und zu einem wirklich
gesellschaftlichen Leben doch unumgnglich nthig, ja unentbehrlich
waren. Mit den eingeborenen und mit Europern fast durchschnittlich
nur oberflchlich getrauten Frauen konnte man auch in solcher Art
nicht gut verkehren; die Indianerinnen waren hbsch und lebendig, auch
gutmthig und liebenswrdig, paten aber nirgends weniger hin als in
Gesellschaft gebildeter _Frauen_, whrend mit der Protestantischen
Bevlkerung, die in dieser Hinsicht fast nur aus den Familien der
Missionaire bestand, ein nherer Verkehr ganz auer Frage blieb.
Selbst den feindlichen Stand abgerechnet, den diese beiden Theile der
Gesellschaft gegenwrtig einnahmen, htten sie sich nie in dieser
Beziehung vereinigen knnen, da die strengen orthodoxen Geistlichen
jede Art von Spiel und Tanz schon als eine Snde des Fleisches gegen
den Geist ansahen, nur in ihrer zurckgezogen ernst gehaltenen
Lebensart den Pfad zum Himmel zu finden glaubten, und von den, darin
viel zuversichtlicheren Franzosen hufig verspottet, aber gewi nie
aufgesucht wurden.

Nun lag diesen aber auch daran den Eingeborenen sowohl, wie vorzglich
den Missionairen zu beweisen, da sie keineswegs durch die im
Englischen Interesse geschehenen Schritte eingeschchtert, sondern im
Gegentheil noch voll frischen Muthes wren, und noch mochten kaum
vierzehn Tage nach den vorherbeschriebenen Vorfllen vergangen sein,
als Mrs. Belard, von ihren Landsleuten dabei untersttzt, fest darauf
bestand, allen politischen wie gesellschaftlichen Hindernissen zum
Trotz, einen _Ball_ zu geben, und allerdings blieb ihr dabei Nichts
brig, als sich ber das, wogegen sie sich lange gestrubt,
wegzusetzen und eingeborene Frauen, von denen man sich ja die
geachtetsten aussuchen konnte, wirklich mit dazu zu ziehen; wenn auch
der Ball dadurch einen etwas wilden Charakter bekam.

Aber die Missionaire traten ihnen selbst hierbei strend in den Weg,
denn diese hatten zu groen Einflu auf den wirklich anstndigen Theil
der weiblichen Bevlkerung Tahitis, auf die Frauen und Tchter der
ersten Huptlinge, denen der Tanz als etwas rein sndliches, von ihren
finsteren Lehrern streng verboten und mit strengeren Strafen, wo sie
im Stande waren die in Kraft treten zu lassen, belegt war. Selbst
Sadie frchtete nicht allein den Unwillen der Geistlichen zu erregen,
sondern ihr religiser Sinn, vielleicht mit einer Art Scheu vor den
fremden Menschen verbunden, hielt sie zurck selbst von dem Gedanken
an solche Vergngungen.

Ren wollte sich aber daran nicht binden, doch erst als Sadie sah und
fhlte, da sie ihm mit einer lngeren Weigerung weh thun, ja
vielleicht auch Unfrieden im Hause anstiften wrde, fgte sie sich
endlich seinem Wunsch; aber das Herz schlug ihr dabei, als sie ihm
ihre Einwilligung gab, und es war, als ob sie eine unrechte Handlung
begehen solle. Aengstlich suchte sie dabei nach Entschuldigungen fr
ihre Zusage, und ihr gutes Herz lie sie deren bald genug finden. Ren
war ja doch nun einmal Europer und er mute gewi gern bei seinen
Landsleuten sein -- wute Sadie doch selber wie glcklich es sie
machte, manchmal einen Bewohner von Atiu bei sich zu sehen, und das
lag doch nur solch kleine kleine Strecke von Tahiti entfernt, und die
Feranis wohnten so entsetzlich weit, sollte sie da die Ursache sein,
die ihn zurckhielt?

Bei Brouards war sie deshalb auch schon, und bei Belards einmal mit
Ren gewesen; nur noch nicht bei Mrs. Noughton, der Amerikanerin,
deren kalt abstoendes Benehmen ihrem ganzen Wesen weh that; auch Ren
fhlte kein Bedrfni die Leute aufzusuchen, wenn ihn nicht gerade
eine Geschftssache in ihr Haus fhrte.

Trotz allen ihnen in den Weg gelegten Hindernissen wuten Belards
jedoch jede Schwierigkeit zu berwinden -- die Franzosen wollten
tanzen, und es bedurfte strkerer Sachen als der Predigt eines
Missionairs, sie daran zu verhindern. Mr. Belard gab deshalb einen
Ball, und alle Franzosen Papetees wie die Officiere der noch im Hafen
liegenden ~Jeanne d'Arc~ waren eingeladen.

Sadie frchtete sich vor dem Abend, sie wute selbst nicht warum,
aber sie durfte sich nicht weigern zu gehen, denn erstlich hatte
selbst Mr. Nelson seine Einwilligung gegeben, da sie wenigstens Theil
an der Gesellschaft nehmen drfe, und dann war sogar Lefevre mit
Aumama eingeladen -- Monsieur Belard _mute_ Damen zum Tanzen haben --
sie konnte sich da nicht ausschlieen, _durfte_ Ren nicht so krnken.

Der Vorbereitungen bedurfte es dabei nicht viele -- ihre Tracht, wenn
auch nach Europischem Schnitt, war so schlicht und einfach wie nur
mglich, und frische Blumen im Haar schmckten das liebreizende
Antlitz der jungen Frau schner als es Diamanten und Perlen vermocht
htten -- vielleicht wute sie das auch.

Monsieur Belard wohnte in einem reizenden kleinen Gartenhaus in der
~Broomroad~, der nchsten Querstrae vom Strand ab, tief versteckt
zwischen breitblttrigen Brodfrucht und Papayas, von Palmen das Dach
berrauscht, und den Vorhof dicht bepflanzt mit Orangen und Bananen,
des Schattens wegen. Das Haus selber war leicht und luftig gebaut,
hatte aber doch schon Glasfenster und grne Jalousieen, mit breiter
hoher Verandah und einen ziemlich groen bequemen Saal, der zu dem
heutigen Feste mit Blumen und Palmzweigen ganz einfach, aber hchst
geschmackvoll decorirt war. Wunderlich stachen dagegen freilich
einzelne Stcken aus einer civilisirten Welt ab, die ihren Weg nach
der Sdsee gefunden, und zu den einfach hlzernen Wnden und der
tropischen Vegetation nicht so recht passen wollten. Auch die Meublen
waren zusammengewrfelt, wie Glck und Zufall einzelne Stcke nach
diesem entlegenen Theil der Welt herbergefhrt, oder auch schon des
Tischlers Hand in neuerer Zeit sie aus einheimischem Holze gefertigt
hatte. So stand auf einer gelbgebeitzten Kommode eine Alabasteruhr
zwischen Manila Perlmuttermuscheln und blank polirten Zhnen der
Spermacetifische -- einen kleinen Mahagoni-Eckschrank schmckten ein
paar allerliebste franzsische Porcellanvasen voll duftender
Orangenblthen, und lngs der einen Wand standen zwei vortrefflich
gepolsterte und mit Damast berzogene Sophas, mit denen wieder ein
schmaler und langer, von Tannenholz aufgeschlagener Tisch nicht
harmoniren wollte, der die eine Ecke fllte, aber mit den kostbarsten
Produkten dieses an Frchten erfllten Landes bedeckt war.

Doch wunderlicher und bunter als die Gerthschaften war die
Gesellschaft selbst gemischt.

Der wirklich gebildete Kreis von Bekannten reichte nmlich zu einem
solchen Fest nicht aus, die Linie mute weiter gezogen werden und in
so engen Raum beschrnkt auf der kleinen Insel, war man nicht einmal
im Stande noch unter den Wenigen die sich hier befanden, auszuscheiden
-- es mten denn _sehr_ triftige Grnde dazu vorgelegen haben. Alles
deshalb, was nur einigermaen auf Bildung Anspruch machte und aus dem
Mutterland oder berhaupt der civilisirten Welt stammte, die
protestantische Geistlichkeit ausgenommen, _war_ eingeladen, und die
kleine Villa versammelte in den eigenthmlichsten Trachten dabei, ein
so wunderlich gemischtes Vlkchen wie sich wohl noch je, seit Papetee
stand, auf einem so kleinen Raum zusammengefunden hatte.

Als Ren mit Sadie den Saal betrat, wo sie Mad. Belard in ihrer
lebendigen aber doch herzlichen Weise empfing, waren eben die
Officiere der ~Jeanne d'Arc~ eingetroffen. Das Vorstellen ging rasch
und ungezwungen genug vorber; Ren hatte schon einige von diesen
vorher kennen gelernt und wurde auf das freundlichste von ihnen
begrt.

Madame Brouard war noch nicht erschienen, und da Mad. Belard
anderweitig und in der That berall in Anspruch genommen wurde, und
Ren viel mit den Officieren zu sprechen hatte, blieb Sadie allein,
und sah sich eben etwas verlegen nach irgend einem Bekannten um, nicht
so ganz verlassen in dem fremden Zimmer zu stehen, als Mr. und Mrs.
Noughton den Saal betraten, und nach der blichen Einfhrung an Sadie
vorber gehen wollten.

Mrs. Noughton wandte den Kopf nach der andern Seite und sah Sadie
nicht, und die arme kleine Frau stand einen Augenblick schchtern und
unschlssig da, ob sie die, stets etwas kalt gegen sie gewesene Fremde
anreden solle oder nicht; aber Ren ging gerade mit zweien der
Officiere den Saal hinunter und lie sie da _ganz_ allein.

Madame Noughton, sagte sie leise, und berhrte mit ihrer
Fingerspitze den Arm der jetzt dicht an ihr Vorbeigehenden.

Mrs. Noughton drehte langsam den Kopf nach ihr um und sah sie an.

Ich freue mich Sie auch hier zu treffen, sagte Sadie.

Mrs. Noughton neigte hflich das Haupt gegen sie, Mr. Noughton machte
eine etwas steife Verbeugung, und die beiden Gatten gingen, ohne
weiter ein Wort mit ihr zu wechseln, vorbei, dem andern Ende des
Saales zu.

Sadie stand wie in den Boden gewurzelt, und das Herz schlug ihr
ngstlich und verlassen in der Brust.

Sie haben Dich gar nicht erkannt in den fremden Kleidern, murmelte
sie endlich leise und halb lchelnd vor sich hin -- sie haben
geglaubt es wre Jemand ganz Anderes, Fremdes -- oder --  das Blut
stieg ihr in vollem Strome in die Schlfe und von da zum Herzen
zurck, und sie htte in diesem Augenblick Gott wei was darum gegeben
zu Hause, bei ihrer kleinen Sadie sein und die fremde kalte
Gesellschaft verlassen zu knnen. Aber das ging nicht, und als sie
sich, wieder etwas mehr gefat, nun im Saale umschaute, sah sie wie
Mr. und Mrs. Noughton ganz allein und steif auf zwei Sthlen saen und
Jedes starr vor sich niedersahen. In diesem Augenblick begann das in
dem Nebenzimmer aufgestellte und von der ~Jeanne d'Arc~ mit
herbergebrachte Musikcorps seine frhlichen Weisen zu spielen; mehr
und mehr Gste traten zugleich in den Saal, unter ihnen mehre bekannte
Gesichter -- eine Hand legte sich ihr pltzlich auf die Schulter -- es
war Aumama, die ihr lachend in's Auge schaute, und der trbe Schatten
der sich eben angefangen ber Sadies Seele zu legen, wich dem ersten
freundlichen Eindruck der ihr entgegen trat.

Was sitzen die Beiden da drben so ganz allein und steif? flsterte
dabei Aumama, die bemerkt hatte da Sadie nach ihnen hinberschaute.
Segne mich, wie still und ehrbar sie sind, als ob sie in der Kirche
wren -- Mr. Aue knnte nicht steifer sitzen.

Sadie lchelte, aber sie wandte den Kopf ab von der Gruppe -- es war
ihr als ob sich die beiden Leute nur so steif und abgeschlossen dort
hinten hingesetzt htten, nicht mit ihr zu sprechen -- und was hatte
sie ihnen gethan? -- Und Aumama, Du bist auch hierhergekommen zu den
Fremden? sagte sie endlich leise -- ich glaubte Du fhltest Dich
nicht wohl zwischen ihnen? --

Nein, das thu' ich auch nicht, erwiederte rasch und flsternd die
junge Frau -- ich habe zu Hause geweint und gezankt -- ich wollte
fort bleiben, aber Lefevre --  sie wandte den Kopf ab und schwieg, und
setzte endlich langsam hinzu -- es ging nicht anders.

Ich wre auch lieber daheim geblieben, sagte Sadie treuherzig.

Und ich wei nicht, fuhr Aumama, auf sich selber niedersehend fort,
mir ist meine Tracht bis jetzt noch nie aufgefallen, ja im Gegentheil
hab' ich das lange weite Oberkleid oft weit eher fr berflssig
gehalten, nur heute --  und sie schaute halb verlegen umher -- komme
ich mir hier so sonderbar so fremd selber und unbedeutend vor, als ob
ich nicht hergehre zwischen die geputzten Leute -- sie mit allem um
sich hergehangen was nur die fremden Kaufleute in ihren Lden haben,
ich barfu und nicht einmal ihre Sprache redend. Ob ihnen denn auch
wohl so zu Muth gewesen ist, als sie zuerst unser Land betreten? Bei
Dir ist es wohl anders -- Du hast Dich schon ganz ihrer Tracht
angepat.

Wohl ist mir's auch nicht darin, sagte Sadie kopfschttelnd, aber
ich fhle da es nun einmal nicht anders geht; vielleicht fgst Du
Dich auch hinein.

Nein, erwiederte Aumama rasch -- nie im Leben; je mehr ich mit den
Fremden in Berhrung komme, desto mehr fhl' ich da wir nicht fr
einander gemacht sind. Sie sind stolz dabei, und worauf? -- sie tragen
Schuhe, weil sie nicht mit ihren unbehlflichen dnnen Sohlen unsere
Korallen betreten knnen -- ich hab' es neulich gesehen, wie sich die
Frauen badeten und nicht einen Schritt auf dem scharfen Boden zu thun
vermochten. Also deshalb stecken sie die Fe in solche Hlsen, und
soll ich dann mich schmen da ich sie nicht trage, weil ich da eben
gehen kann, wo sie es nicht im Stande sind?

Und doch thust Du es, sagte Sadie lchelnd.

Weil wir eben Thrinnen sind, und das Fremde hher achten wie unsere
eigenen heimischen Sitten. -- Aber sieh was fr goldblitzende Kleider
die Feranis von dem Schiff drauen tragen, unterbrach sie sich jetzt
selber, als ihr die blitzenden Uniformen der Officiere des
Kriegsschiffs in's Auge fielen. Und das sind doch nun auch Christen,
Sadie, und gute Menschen vielleicht und tragen so bunten Staat, und
uns verbieten die Mitonares jeden Schmuck.

Wir wissen auch nicht ob es nicht sndhaft ist so eitel Gold und Putz
zu tragen, sagte leise Sadie -- wenigstens nicht wenn wir zu Gottes
Altar gehn -- die Mnner dort beten vielleicht nie, da knnen sie dann
freilich tragen was sie wollen. Aber sie drehen wieder hierher um, und
dort kommt auch Mad. Belard -- sie ist die freundlichste von allen
fremden Frauen.

Das Gesprch der beiden Frauen wurde hier unterbrochen, und in der
That betraten auch jetzt rasch nach einander mehre andere Gste den
Saal, von denen Einige, ebenfalls mit eingeborenen Frauen, die beiden
Freundinnen herzlich begrten, und jedes weitere Gesprch zwischen
ihnen unterbrachen.

Und was fr bunte Gesellschaft war da versammelt.

Die Officiere der Corvette erschienen natrlich in ihrer Uniform, und
Mr. Noughton, Mr. Belard und Brouard wie Ren und einige Andere waren
in schwarzem Frack, wie berhaupt in dem Europischen Ballcostm
gekommen. Das besonders kam brigens den inlndischen Frauen und
Mdchen wunderlich vor, und sobald es nur heimlicher Weise geschehen
konnte, kicherten und flsterten sie nicht wenig darber.

Ein groer Theil der anderen Gste ging jedoch in die leichte und
bequeme Tracht gekleidet, die das Klima eigentlich bedingt und
fordert; helle Sommerstoffe, weit und luftig gearbeitet und den
Gliedern vor allen Dingen Freiheit der Bewegung lassend. Strenge
Etikette konnte berhaupt an einem Ort nicht stattfinden, wo diese
schon zwei Dritttheile des schnen Geschlechts unrettbar
ausgeschlossen htte, und mehr als zwei Dritttheile gehrten der
eingeborenen Race an, die nur zum Theil hatte bewogen werden knnen
Schuhe und Strmpfe anzuziehen, sonst aber nur ber dem ~pareu~ das
weite loose Obergewand, und darunter die nackten Fe trug.

Aumama bildete den Typus dieser, aus den schnsten Mdchen jenes
wunderschnen Stammes ausgewhlten Schaar. Der Pareu den sie trug
bestand aus einem halbseidenen mattgrnen mit tiefrothen Fden
durchzogenen und gemusterten Stoff, in der That nur ein einfaches
Stck Zeug, das um die Lenden geschlagen und an der linken Seite
eingesteckt wurde; ber dieses aber trug sie das, erst durch die
Europer und wahrscheinlich durch die Missionaire eingefhrte
Obergewand, das vorn offen, und mit langen Aermeln an den Handgelenken
geknpft, bis etwas ber die Knie herunterfiel, und aus feinem
franzsischem Stoff bestand, der durch einen rothseidenen dnnen
Chinesischen Shawl im Grtel zusammengehalten wurde, und die Formen
des Krpers mehr verrieth als verhllte. Durch das schwarze lockige
und seidenweiche, mit wohlriechendem Cocosnul getrnkte Haar wand
sich ihr, von Orangenblthen durchflochten, das Gewebe eines reizenden
grnen und rothen Schlinggewchses, und die goldenen Ohrringe waren
fast von den darber niederhngenden Knospen des ~cape Jasmin~
berdeckt. Aumama, die Behende, wie sie in der bilderreichen Sprache
ihres Landes hie, war eine der schnsten Frauen der Insel, und wie
bei den meisten ihres Alters, stand ihr die etwas dunklere Hautfarbe
nur zu ihrem Vortheil, whrend die groen lichtklaren und doch so
tiefschwarzen Augen Diamanten gleich, rein und feurig ber den von
zartem Roth angehauchten, lichtbronzenen Wangen glhten.

Mehrere andere Indianerinnen waren hnlich wie Aumama gekleidet,
wenigstens mit demselben Schnitt des Gewandes und hnlichen Stoffen,
die Capitaine von Wallfischfngern in letzterer Zeit auf Speculation,
theils von Frankreich, Deutschland oder England mitgebracht. Zwei der
Frauen nur hatten sich so weit civilisirt, Strmpfe und Schuhe zu
tragen; aber die neue Tracht sa ihnen nicht bequem, sie scharrten
beim Gehen fortwhrend mit den Fen; sie waren noch nicht gewohnt
diese hoch genug zu heben die Sohlen auch frei vom Boden zu bringen,
und die Strumpfbnder mochten sie auch wohl drcken, denn wie sie sich
nur unbemerkt glaubten, faten sie da hinunter den, solchen Zwanges
ungewohnten Blutgefen Luft zu geben.

Sadie vielleicht allein von allen brigen eingeborenen Mdchen schien
sich in die fremde Tracht vollkommen gut gefunden zu haben, und
bewegte sich mit solcher Leichtigkeit darin, als ob sie von Jugend auf
daran gewhnt gewesen wre. Nichts desto weniger ging sie fast so
einfach gekleidet als ihre frheren Gespielinnen, in einem schlichten
Oberkleid von ungebleichter Seide, die rothe Schrpe ebenso geknpft
wie Aumama, nur anders den Schnitt des Kleides selbst, das bis auf die
Knchel hinunterging und die niedlichen in weien Strmpfen und feinen
dnnen Lederschuhen steckenden Fe eben sichtbar werden lie. In den
Haaren trug sie einen zierlich geflochtenen Kranz von Mandelblthen,
und um den Hals eine einfache Schnur rother Korallen.

Von den Officieren der ~Jeanne d'Arc~ waren bis jetzt nur der Capitain
mit dem ersten Lieutenant und einigen Seecadetten anwesend; der zweite
Lieutenant, den Geschfte lnger an Bord hielten, wie mehre andere
Marine-Officiere wurden aber auch noch erwartet, und Ren ging eben
mit dem Capitain der Corvette, mit dem er schon vor einiger Zeit
bekannt und gewissermaen befreundet geworden, im Saal auf und ab, als
Monsieur Bertrand, der Name des Seconde-Lieutenants erschien und
augenblicklich auf den Capitain zuging, ihm irgend eine Meldung zu
machen. Ren trat ein paar Schritte abseits, den Rapport, der
vielleicht geheim war, nicht zu berhren, aber sein Auge haftete
unwillkrlich auf dem jungen Mann, dessen Zge ihm so bekannt
vorkamen, und dessen er sich doch, trotz alle dem nicht deutlicher
erinnern konnte.

In diesem Augenblick drehten sich die Officiere nach ihm um, und der
Capitain war eben im Begriff die jungen Leute einander vorzustellen,
als Beide auch fast zu gleicher Zeit, Delavigne, Bertrand riefen
und einander fest umschlangen und kten.

Schulkameraden waren es aus frhster Jugendzeit, und es lt sich
denken, mit welchem Jubel sie Beide hier, fast bei den Antipoden, die
Erinnerung an die Heimath, an das Vaterland, nach so vieljhriger
Abwesenheit begrten.

Wir mgen uns losgerissen haben von Allem was uns einst lieb und
theuer gewesen, zerrissen mag das Band sein, das uns an die
verlassene Kste, wo unsere Wiege gestanden, fesselte; gleichgltig
hren wir wohl von fremden Menschen darber sprechen, hren selbst
ungerhrt den Ort nennen der unserer Kinderspiele Zeuge war, Zeuge der
heranwachsenden Kraft. Im Herzen zittert's und zuckt's dann vielleicht
nur ein wenig; lang verklungene Saiten wurden berhrt, und sie
_wollten_ rauschen in der alten Weise, als sich noch eben zeitig genug
die Hand des Menschen stark und krftig darauf legte, und sie
verstummen machte mit dem festen Willen. Unsere Nerven mgen von Eisen
sein, und das Unglaubliche ertragen, aber la ein Bild selber
auftauchen aus jener Zeit, la uns die Zge wieder vor uns sehen, mit
denen wir Freud und Leid getheilt, denen wir unsere Lust und Seligkeit
entgegenjubelten, denen wir den ersten Schmerz klagten und uns
ausweinten an seiner Brust, und die Hlle springt, die unsere Brust
umschlo, die erstarrte Thrne schmilzt und das Heimweh rttelt zum
ersten Mal an den Stben unserer Herzenskammer, und streckt die
scharfe entsetzliche Kralle aus nach dem Heiligthum, das wir von da an
wahren mssen wie unseren Augapfel, wenn sie nicht Halt gewinnen soll
daran, zu unserem Leid.

Die beiden jungen Leute schienen auch in der That Alles um sich her
vergessen zu haben, in dem einen seligen Gefhl des Wiederfindens,
nach so langer, langer Zeit, htte sie nicht des Capitains Stimme
wieder zu sich selbst und dem Bewutsein des Platzes gebracht, an dem
sie sich befanden.

Hallo, lachte dieser, wie mir scheint mag ich da die Introduction
sparen, denn die Herren sind jedenfalls genauer mit einander bekannt,
wie ich vermuthen durfte.

Das in der That, sagte Bertrand, der sich berhaupt auch zuerst von
den Beiden wieder sammelte, indem er des Freundes Hand ergriff und
fest in der seinen hielt -- nicht hoffen konnt' ich, hier an der
fremden Kste einen so alten lieben Jugendgefhrten, ja Spielkameraden
aus der Knabenzeit zu treffen, und die Ueberraschung ist um so grer,
je grer die Freude ist.

~Eh bien~, Bertrand, dann unterhalten sie auch Ihren Freund ein
wenig, sagte der Capitain, aber vergessen Sie nicht um 11 Uhr --
bekommen Sie vorher Nachricht wenn er etwa noch bis dahin eingefangen
sein sollte?

Ich erwarte den Fhrer der Patrouille selber hier, sobald er
zurckkehrt.

Um so viel besser -- aber da drben sehe ich ein paar Damen
eintreten, denen ich guten Abend sagen mu -- ich werde Sie nachher
bitten mir das Nhere dieses freudigen Wiedersehens mitzutheilen --
und mit einer leichten und freundlichen Verbeugung verlie er die
jungen Leute, die jetzt Arm in Arm, kaum noch ihrer Umgebung bewut,
an eines der Fenster traten, dort erst dem ersten glcklichen Gefhl
des Wiedersehens auch Worte zu leihen.

Und so halt ich Dich denn wieder, Ren, nach so langer Trennung, Dich
den Flchtigen eigentlich, der uns unter den Augen fort entschwand,
und keinem Freundesruf achten wollte der ihn zurckhalten sollte mit
seinem wilden ungestmen Sinn. Und wo hast Du Dich nun so lange
herumgetrieben? Mensch Du bist braun geworden wie ein Indianer.

Ich wei nicht wo ich da anfangen soll zu erzhlen, sagte Ren, dem
Blick in herzlicher Liebe begegnend, den jener fest auf ihn geheftet
hielt, und wahrlich, ich hatte es schon fast aufgegeben je im Leben
einen Freund von ber dem Wasser drben wieder zu finden in der
fremden Welt. Die Zeit die ich hier verlebt, dnkt mich in diesem
Augenblick so entsetzlich lang, und ist mir doch auch wieder so rasch
so unglaublich rasch verflogen. Oh Bertrand, Du mut mir viel, viel
von daheim erzhlen; wie Ihr dort gelebt, wie Ihr -- oder nein --
nein, auch lieber nicht; die Heimath liegt hinter mir, auf nimmer
Wiedersehn, und es ist vielleicht besser ich lse die Schlsser nicht
muthwillig, die mir das alte Bilderbuch meiner Jugend so freundlich
und fest verschlossen halten. Ich bin fertig mit _Frankreich_; aber
von _Dir_ mcht ich hren, wie es Dir geht, was Du treibst, was Du
_hoffst_, denn nach der Hoffnung eines Menschen beurtheilt sich der
Mensch selber meist am besten und leichtesten.

Und weshalb auf nimmer Wiedersehn? sagte Bertrand erstaunt, unsere
Schiffe haben sich jetzt die Bahn gebrochen nach diesem fernen Punkt,
und wenige Monden knnen uns wieder in der Schallweite unserer alten
Kirchenglocken landen. Es mag ein Paradies sein das uns hier umgiebt,
kann es uns aber je der Heimath Reiz ersetzen? Du bist unstt, ein
Flchtling auf fremdem Boden so lange Du Dich gewaltsam fern von ihm
hltst, und wie das Vaterhaus dem wegemden Wanderer als theures Ziel
den langen schweren Pfad wohl vorgeschwebt, so ffnet Dir die Heimath
die Arme, und grt Dich, ja hlt Dich, mit all ihrem unendlichen
Zauber, sobald Du nur erst einmal wieder das schne Land betreten.
Sieh ich bin Seemann, Ren, und das _Meer_ sollte meine Heimath sein;
ich wei auch ich gehre eigentlich nicht auf's feste Land, und die
Zeit die ich dort zubringe, ist meiner Pflicht meist abgestohlen, und
dennoch hngt das Herz mit allen Fasern an jenem Fleck der mir das
Leben gab, und wenn ich auch, doch einmal drauen, vernnftig genug
bin solchen Gedanken keinen Raum zu gnnen, ist es, als ob mir das
Herz aus der Brust herausspringen wolle, sobald wir den Bug unseres
Schiffes einmal heimwrts kehren. Ich habe das im Anfang fr eine
Krankheit gehalten und unseren Doktor gefragt, und der hat mir eine
Masse unsinniges Zeug dagegen verschrieben, aber es half Nichts; das
Uebel sa tief im Herzen und war im Nu gehoben sobald ich an Land
sprang.

Und doch hab' ich recht, Bertrand, sagte Ren, der mit einem leisen,
fast wehmthigen Lcheln den Worten des Freundes gelauscht hatte. So
lange Du noch frei und unstt in der Welt umherstreifst zeigt der
Compa Deines Herzens dem einen heiligen Magnet, dem Vaterlande zu,
mag Dir dort Leid geblht haben, oder Lust, aber -- es giebt einen
Fall, wo der Mensch selbst die Heimath vergessen kann und -- glcklich
sein.

Nie, nie! rief Bertrand rasch.

Ich bin verheirathet! sagte Ren leise.

_Du?_ -- verheirathet? sagte der Freund erstaunt -- und mit wem? --
wo? -- wann?

Zuerst zeig ich Dir meine kleine Frau, lchelte Ren, ich brauche
vielleicht nur des einen Beweises, Dich zu berzeugen da Du Unrecht
hast; dann erzhle ich Dir meinen -- Lebenslauf kann ich wohl kaum
sagen, eher meine Abenteuer, denn das Schicksal hat mich im tollen
Spiel einem entzogen mich muthwillig einem anderen in die Arme zu
werfen, bis mein schwanker Kahn den Hafen fand, der ihm Glck und Ruhe
brachte, und den verla ich nicht wieder. Ich kenne die Strme die
drauen toben und bin es mde geworden ihnen wieder und wieder die
Stirn zu bieten.

Und Deine Frau? frug Bertrand, warum will sie nicht mit Dir
zurck?

Die Trompeten schmetterten in diesem Augenblick den Beginn des Tanzes,
und Ren schaute umher nach Sadie. Schon wirbelten die Paare vorber
und die junge Frau stand an der anderen Seite des Saales, noch neben
Aumama, an ihrer Seite aber jetzt Monsieur Brouard, seinen rechten
Arm, von dem sie sich leise zu befreien suchte, um ihre Taille gelegt,
und augenscheinlich bemht sie zum Tanz zu nthigen, den sie ihm
weigerte.

Wie ein Stich zuckte es durch Ren's Herz -- er wute selbst nicht
weshalb, und das Blut scho ihm in die Schlfe; Bertrand aber, der
seinem Blick gefolgt war, schaute berrascht, und wie von einem
pltzlichen Gedanken erfat, zu ihm auf.

Und Deine Frau? wiederholte er leise.

Siehst Du sie nicht da drben, wie sie sich ziert, lachte Ren
jetzt, die Hand auf des Freundes Achsel legend.

Die Insulanerin? rief der Officier fast wie erschreckt, und so laut,
da die ihm nchsten Paare nach ihm umschauten, und selbst Sadie
ngstlich nach Ren herber blickte.

Die Missionaire stecken ihr noch etwas in den Fen, fuhr Ren, wie
entschuldigend gegen den Freund gewendet fort, aber -- gefllt sie
Dir nicht?

Es ist ein liebes, holdes Kind, sagte der junge Mann, pltzlich ganz
still und ernst werdend -- so hold und schn wie der sonnige Himmel
ihres Heimathslandes.

Und weshalb seufzest Du da so schwer? lachte Ren.

Aber weshalb befreist Du sie nicht von dem alten Gecken, der sie da
qult und peinigt? sagte Bertrand rasch -- sie hat ihm schon zehnmal
den Tanz abgeschlagen, und er lt immer nicht nach -- er wrde sich
das bei einer _weien_ Dame nicht unterstehen.

Du hast recht, sagte Ren schnell, und that einen Schritt nach vorn,
setzte aber pltzlich langsamer und lchelnd hinzu: es ist Einer
meiner Freunde und kennt Sadie, wie den etwas puritanischen Geist,
der sie manchmal noch von unsern Sitten und Gebruchen als etwas,
ihrer eigenen Religion widerstrebendem, zurckschrecken lt. Doch
komm Bertrand, wir drfen uns der Gesellschaft nicht so lange
entziehen, Madame Belard da drben -- ha wer ist jene junge Dame die
dort mit Deinem Capitain jetzt tanzt? -- ich habe sie noch nicht auf
Tahiti gesehen.

Sie kommt von der Sdseite der Insel, wie ich heute gehrt,
erwiederte Bertrand, wo sie in der Familie eines dort angesiedelten
Franzosen gelebt. -- Aber Deine _Frau_ winkt Dir da drben.

Monsieur Brouard wird zudringlich, wie mir scheint, entgegnete Ren
mit einem halb spttischen Lcheln die Unterlippe beiend -- komm mit
mir Bertrand, und ich zeige Dir mein Weib, und den Arm des Freundes
fassend, ging er mit ihm, die Tnzer vermeidend, zu der anderen Seite
des Saales hinber, wo ihm Sadie, sich jetzt ernstlich von dem alten
Herrn losmachend, rasch entgegen kam.

Ihre kleine Frau ist entsetzlich sprde, rief ihm hier Monsieur
Brouard mit einem etwas verlegenen Lcheln entgegen -- sie will unter
keiner Bedingung mit mir den ersten Walzer tanzen.

Sadie sah bittend zu dem Gatten auf, und Ren, ihren Arm lchelnd in
den seinen ziehend, sagte mit einer leichten etwas kalten Verbeugung
zu Herrn Brouard:

Ich habe Sie bis jetzt fr unwiderstehlich gehalten, Monsieur,
verzeihen Sie dem noch rohen Geschmack der Insulanerin, die selbst
Ihren _unausgesetzten_ Bemhungen gegenber ihr Recht zu wahren
suchte. Ich hatte schon den ersten Tanz vorher engagirt.

Ah, dann bitte ich tausendmal um Vergebung, sagte der Kaufmann, sich
verlegen, aber auch jedenfalls pikirt ber die etwas kurze Abfertigung
zurckziehend, whrend Ren, ohne sich weiter um Herrn Brouard zu
kmmern, Sadiens Hand ergriff und sie mit herzlichen Worten dem
Jugendfreund als sein liebes, braves Weib, als seine Sadie jetzt
vorstellte.

Euch Beiden erzhl' ich nachher von einander, setzte er dann lachend
hinzu, und nun Sadie, darfst Du es mir nicht machen, wie Brouard --
nicht wahr ich bekomme keinen Korb, wenn ich Dich jetzt um den Walzer
bitte?

Aber Ren sagte, leise sich zu ihm biegend, und hoch errthend die
junge Frau, was wird Mr. Nelson, was Mr. Dennis sagen, wenn sie
erfahren da ich hier _getanzt_ -- ich thue doch wohl nicht recht
damit, und mchte Dir aber auch noch viel weniger weh thun, mit einer
Weigerung.

Thorheit, Sadie, haben wir nicht zusammen die Tnze meines Vaterlands
vor Mr. Osbornes Augen getanzt auf Atiu? frug Ren, mit einem leisen
Vorwurf in dem Klang der Stimme.

Auf Atiu, wiederholte Sadie leise und das Wort rief liebe liebe
Bilder wach in ihrer Seele -- auf Atiu!

Der alte Mann hatte seine Freude daran, wenn wir frhlich waren.

Aber Mr. Dennis, sagte Sadie schchtern.

Ren zog die Brauen zusammen und sah einen Augenblick finster vor sich
nieder; aber Sadie legte ihre Hand auf seinen Arm und schaute ihm mit
ihrem bittenden herzlichen Blick ins Auge. Er sah auf zu ihr, sah das
halbe Lcheln in ihren Zgen, und rasch seinen Arm um sie schlingend,
flog er mit ihr den frher oft und gern gebten Tanz dahin in den
Reihen der frhlichen schwingenden Paare.

Sadie tanzte mit unendlicher Grazie und Leichtigkeit, aber ihr Herz
war nicht bei dem Fest; in ihrer Brust wogte und stach es mit
vorwurfsvoller Stimme und qulte das arme unschuldsvolle Herz mit
trben, ngstlichen Bildern. Du sndigst jetzt sagte sie sich leise
und immer und immer wieder vor, und des ehrwrdigen Bruder Dennis
Stimme klang dabei fortwhrend in ihrem Ohr -- Du hast Dich dem
wilden sndhaften Tanz ergeben, und der bse Feind greift schon nach
dem Arm, wo ihm der Finger kaum geboten in Lust und Leichtsinn.

An was denkst Du Sadie? flsterte ihr Ren zu, wie er mit ihr
wirbelnd und sie fest in seinem Arm dahin flog, whrend die
eingeborenen Frauen besonders, Sadiens leichtem Tanze bewundernd mit
den Augen folgten.

Sadie schttelte leicht und errthend mit dem Kopf, und zwang sich
frhlich zu sein, aber die mahnende Stimme in ihr wurde strker und
strker, und wie schwindelnd lehnte sie sich endlich an Rens Schulter
und bat ihn sie zu einem Stuhl zu fhren.

Du kannst das rasche Drehen noch nicht vertragen, lachte der junge
Mann, sie dort hin geleitend wo Bertrand mit untergeschlagenen Armen
stand und keinen Blick bis jetzt verwandt hatte von dem Paar -- nur
erst ein paar Tnze aber Dich munter im Kreis gedreht, und der
Schwindel verliert sich schon von selber. Es ist eine Art Seekrankheit
die wohl die meisten Menschen berstehen mssen.

Ah Monsieur Delavigne -- hierher, wenn ich bitten darf, fr einen
Moment nur, rief in diesem Augenblick die frhliche Stimme der Mad.
Belard, die ihm freundlich und dringend winkte zu ihr hin zu kommen.
Sadie deshalb dem Freunde bergebend, folgte er dem Ruf.

Monsieur, rief ihm aber die lebendige kleine Frau schon von weitem
entgegen, ich habe Ihnen eine sehr angenehme Nachricht mitzutheilen;
dort drben, und ich werde indessen die Sorge fr Ihre kleine Frau
bernehmen, ist eine junge Dame die den Augenblick nicht erwarten kann
Ihre Bekanntschaft zu machen, und sich schon nach allen Ihren
Verhltnissen auf das Genaueste und Peinlichste erkundigt hat. Soviel
rath' ich Ihnen, wahren Sie Ihr Herz.

Sie sind zu gtig, Madame, lachte Ren, wenn dem wirklich so ist,
scheint die Sache in der That gefhrlich zu werden.

Spotten Sie nicht vor der Zeit, warnte Madame Belard -- Sie
bekommen es mit keinem gewhnlichen Mdchen zu thun, und werden einem
Paar Augen Stand halten mssen, denen schon strkere Herzen erlegen
sind als ein junger leichtsinniger Franzose wahrscheinlich in seiner
Brust mit herum trgt.

Und die Dame?

Warten Sie, dort drben spricht sie noch mit Madame Choupin, der
Stiefmutter von Brouards Frau, der mchte ich nicht gerne in die Hnde
laufen.

Die junge Dame dort? rief Ren rasch, ah ich habe sie schon vorher
bemerkt: sie kommt von Papara, wenn ich nicht irre.

Das Alles wird sie Ihnen gleich selber mittheilen, Monsieur; aber
aufrichtig gesagt, setzte sie schelmisch hinzu, bin ich selber
neugierig welch Interesse sie in so auffallender Weise an Ihnen nehmen
kann. Sie _mssen_ ihr doch fremd sein.

Sympathie, lachte Ren, lieb ist mir's aber dabei da gerade ein so
reizendes Wesen sich fr mich interessirt.

Sie mte denn im Auftrag von Madame Choupin -- sagte Mad. Belard,
Rens Arm ergreifend und mit einer komischen Mischung von Besorgni
und Schadenfreude zu ihm aufschauend.

Um der heiligen Jungfrau Willen, Madame, sagte aber Ren rasch und
mit komischer Angst, schon der Gedanke ist grausam -- oder -- gnnen
Sie mir mein Glck nicht?

_Gnnen_? was wollen Sie damit sagen, Monsieur, -- oder woher wissen
Sie berhaupt da Ihnen ein Glck bevorsteht? eitles Mnnervolk; Ihr
Herren der Schpfung werdet aber hier auf den Inseln viel zu sehr
verwhnt, und htte ich frher gewut was ich jetzt wei, nie im Leben
wrde ich meine Einwilligung zu einem Umzug nach Tahiti gegeben
haben.

Da kommt Mad. Choupin, sagte Ren leise, und Madame Belard erschrak
und wandte sich rasch ab, den Platz zu verlassen, als sie das boshafte
Lcheln auf Rens Lippen bemerkte, und sich nun umdrehend sah wie Mad.
Choupin die andere Richtung eingeschlagen, und die junge Dame im
Gesprch mit Mad. Brouard zurckgelassen hatte. Madame Belard drohte
ihm lchelnd mit dem Finger und sagte leise:

Wenn Sie jenen alten Drachen nher kennten, wrden Sie mir vollkommen
recht geben, und ihn frchten wie ich, aber -- die Luft ist rein, so
kommen Sie, denn ich mu mich auch noch um meine anderen Gste
bekmmern, und habe nicht Zeit hier Stundenlang mit Ihnen zu
plaudern. -- Und seine Hand ergreifend fhrte sie ihn der Stelle zu,
wo die junge Fremde mit Madame Brouard, anscheinend in tiefem
Gesprche stand, behielt aber kaum Zeit fr die ersten Worte,
Monsieur Delavigne, Mademoiselle Susanne Lewis, als die Instrumente
auf's Neue begannen und sich die Paare zur Franaise anstellten.

Desto besser, unter dem Tanz werden Sie noch schneller mit einander
bekannt, rief die kleine muntere Frau, von dem Paar zurcktretend;
dort aber kommt auch _mein_ Tnzer, ~Monsieur le capitain~, und ich
mu Sie fr jetzt Ihrem Schicksal berlassen; doch -- unsere
Verabredung Monsieur, um die Auflsung dieses Rthsels wnsch' ich
nicht zu kommen. Und ohne weiter den beiden jungen Leuten eine
Antwort zu gestatten, trat sie mit dem ihr jetzt den Arm reichenden
Capitain zum Tanze an, und Delavigne konnte ebenfalls nichts anderes
thun, als der schnen Fremden den Arm bieten, den sie auch mit einer
freundlichen Verneigung und einem eigenen schelmischen Lcheln dabei,
annahm.

Die ersten Minuten gingen so mit der Anordnung des Tanzes vorber,
ohne da er im Stand gewesen wre ein Wort weiter mit seiner schnen
Unbekannten zu wechseln, die erste Gelegenheit aber die sich ihm bot
ergreifend, sagte er leise:

Madame Belard hatte mich durch einige freundliche, aber jedenfalls
nur in Neckerei und Spott hingeworfene Worte ermuthigt zu glauben, da
Sie, mein Frulein, _wnschten_ mich kennen zu lernen; da ich aber gar
nicht wei womit ich solch ein Glck verdient htte -- 

Sie wissen noch nicht ob das ein Glck fr Sie werden wird,
Monsieur, lachte aber die Schne schelmisch, und Ren sah wirklich
etwas berrascht zu ihr auf, denn die nmlichen Worte hatte Madame
Belard kurz vor ihr gebraucht, und konnten die beiden Damen mit
einander im Einverstndni sein? -- aber weshalb? --

Es ist jedenfalls schon ein Glck in diese schnen Augen schauen zu
drfen, sagte er jedoch, sich rasch sammelnd -- und Bses kann da
wahrlich nicht geschehen.

Haben Sie ein gutes Gewissen? frug die junge Dame.

Ren lachte -- Ja und nein, wenn Sie wollen; nicht schwerer zu
tragen, wie wir Sterblichen berhaupt und durchschnittlich, und auch
nicht leicht genug um zu befrchten, da mir das Herz davonflge ber
Nacht.

Sie sind ein weggelaufener Matrose, sagte die junge Dame jetzt
lachend und sah neckend zu ihm auf. Ren errthete; da aber seine
Geschichte, wie er diese Inseln betreten, auf Tahiti gar kein
Geheimni war, sagte er ruhig:

Hat man schon versucht, mich Ihnen von der schlimmsten Seite
vorzufhren?

Ob _man_ versucht hat? lachte die Schne, Sie mgen selber
urtheilen. Uebrigens bin ich bei der Sache nher interessirt, als Sie
vielleicht glauben -- Sie sind mein Gefangener.

Auf Gnade und Ungnade, lachte Ren, gern in den leichten Ton des
wirklich wunderschnen Mdchens eingehend, dessen Reize erst jetzt wie
es schien, nach und nach seinem Auge sichtbar wurden. Aber tausend
solche Gefangene haben Sie wohl schon solcher Art gemacht, und werden
uns deshalb auch wohl auf unser Ehrenwort entlassen mssen, Ihrem
Triumphwagen scheinbar frei zu folgen.

Auf Ehrenwort? -- geben Sie kein leichtsinniges Versprechen, ehe Sie
wissen _wem_?

Wem? sagte Ren erstaunt, aber ihr Gesprch wurde hier durch den
Tanz unterbrochen, der die Paare vor rief und trennte, und es bot sich
von jetzt an keine Gelegenheit wieder auch nur ein Wort weiter zu
wechseln, bis die Franaise beendet war. Ren nahm jetzt seiner
Tnzerin Arm, und sie den Saal niederfhrend sagte er fragend:

Und nun, mein Frulein, lsen Sie mir das Rthsel -- Sie tragen eine
Maske, legen die Hand daran sie zu lften, und ziehen sie neckisch
wieder zurck. Ihr Spiegel sagt Ihnen schon, da der Allmchtige Ihnen
einen gewaltigen Zauber in's Auge gelegt ber uns arme Sterbliche;
mibrauchen Sie die Macht nicht die Ihnen also gegeben -- Sie bedrfen
dessen nicht.

Ein Wallfischfnger ist doch wahrlich nicht der Ort Schmeicheleien zu
lernen, lachte die Schne laut auf, und dennoch scheint es fast als
ob Sie selbst dort einen wesentlichen Theil Ihrer Zeit dazu benutzt
htten, nicht auer Uebung zu kommen. Oder haben Sie das Alles schon
wieder hier auf den Inseln profitirt?

Mein Frulein, bat der junge Mann.

Sie haben recht, sagte die junge Dame da pltzlich ernster werdend,
es wird Zeit da wir unsere beiderseitigen Stellungen einnehmen, die
uns gebhren; also nochmals Monsieur, Sie sind mein Gefangener, Ren
Delavigne!

Von Herzen gern.

Halt -- nicht fr mich etwa, Monsieur, sondern fr meinen Vater,
_Jonathan Lewis_, Capitain des dreimastigen Wallfischfngers ~the
_Delaware_,~ gut gekupfertes Schiff erster Klasse A, und derzeit -- 

Mi Lewis? -- aber wie ist das mglich? unterbrach sie Ren in
vollem, unbegrenzten Erstaunen.

Derzeit fuhr aber das schne muthwillige Mdchen ernsthaft fort,
wahrscheinlich und mit Gottes Hlfe schon zu Hause, in Bedford, von
seinem Kreuzzug heimgekehrt.

Aber Sie, eine Franzsin, des alten durch und durch Jankee Capitains
Tochter? rief Ren, immer noch unglubig.

Weigern Sie sich mir zu gehorchen, weil mir der schriftliche
Verhaftsbefehl gebricht? frug Mi Susanne.

Sie sind grausam, Mi.

Nun denn, so will ich Ihnen mit zwei Worten das scheinbar
unerklrliche Rthsel lsen. Erstlich bin ich keine Franzsin, sondern
im New-York Staat in Nord-Amerika geboren, frh aber meiner Mutter
durch den Tod beraubt schickte mich der Vater -- wie Sie mir bezeugen
werden, ein etwas rauher Seemann -- nach Louisiana hinunter, wo seine
Schwester an einen franzsischen Pflanzer verheirathet war. Ist Ihnen
das nun klar?

Ja, aber _jetzt_?

Aber _jetzt_? ah, wie ich _hierher_ gerade komme? lachte die
Jungfrau -- Sie verlangen also in der That meine Legitimation? Ist
das auch etwas ungalant, will ich es doch den auerordentlichen
Umstnden zu Gute halten. Schwchlich von Gesundheit, und von den
Smpfen Louisianas mit wirklicher Gefahr fr mein Leben bedroht,
schien es, als ob mir der rauhe Nord dafr keine Linderung bieten
sollte, denn dort hinauf zurckgekehrt, verschlimmerte sich mein Uebel
eher, als da es sich gehoben htte. Die Aerzte dort verordneten mir
daher eine Luftvernderung nach irgend einem milderen aber auch
gesunden tropischen Klima, und mein Vater, damals gerade im Begriff
ein Schiff zum Wallfischfang auszursten, sandte mich mit einem
Jugendfreund von sich voraus nach Tahiti, mich hier dann spter zu
besuchen und vielleicht wieder abzuholen.

Und war der Delaware hier?

Nicht wahr _das_ interessirt Sie? lachte Susanne.

Der Delaware interessirt mich allerdings, lchelte Ren, und Sie
werden mir den Grund nicht streitig machen.

Nicht ich, Monsieur -- Sie haben volle Ursache, aber ich gebe Ihnen
auch mein Wort, da sich der Delaware damals fr _Sie_ interessirte,
fuhr Susanne fort, denn mein Vater landete gerade auf Tahiti, als Sie
von ihm entsprungen waren, und eilte deshalb wieder besonders von hier
fort den entsprungenen Matrosen, wie er mir erzhlte, auf jener
Insel wieder abzuholen. Wer mir damals gesagt htte da _ich_ so
glcklich sein sollte ihn wieder einzufangen.

Warum waren Sie nicht frher an Bord, sagte Ren, ich wre nie
davongelaufen.

Trau' Jemand Euch Mnnern, rief Susanne abwehrend -- kaum auf
festem Land, und mit keiner Sylbe mehr all jener heiligen Bande
gedenkend die den Flchtigen jedenfalls noch im alten Vaterland
fesselten, hat er nichts Eiligeres zu thun als dem Beispiel seiner
Landsleute zu folgen, und sich ein armes Mdchen zu beschwatzen, das
ihm die Dauer seines Aufenthaltes hier die Zeit vertreibt.

Sie thun mir Unrecht, Mademoiselle.

Oh? -- Ihnen sind die gemachten Contrakte wohl stets heilig?

Ren bi sich auf die Lippen und sagte nach kleiner Pause:

Also tadeln sie mich, da ich mich dem Leben an Bord eines
Wallfischfngers, dem ich nicht anders htte fr Jahre vielleicht
entgehen knnen, durch die Flucht entzogen habe.

Nein, sagte Susanne lachend, und das groe schwarze seelenvolle Auge
zu ihm aufhebend begegnete sie einen Moment seinem Blick, und glitt
dann wie musternd und mit kaum unterdrcktem Muthwillen an seinem
Anzug nieder -- ich begreife nur nicht, fuhr sie dabei fort, wie
Sie je den unglckseligen Gedanken gefat haben konnten _an Bord_ zu
gehen. Hahaha, wenn ich Sie jetzt so vor mir sehe, und Sie dann mir
als gewhnlicher Matrose, in all dem Schmutz und entsetzlichen Leben
eines ~Whalers~ unter dem wsten rohen Volk denke -- die
Glachandschuh trugen Sie damals noch nicht, wie? -- und auch wohl
nicht den Frack? -- Und wenn Sie nun damals wieder eingefangen wren?
aber die Einzelheiten mssen Sie mir nchstens einmal erzhlen,
versprechen Sie mir das?

Mit Vergngen.

Und _aufrichtig_?

Wie meinem Beichtvater.

Hm, ich wei nicht ob ich mich _damit_ gerade begngen mchte -- doch
wir werden ja sehen. Und Ihre -- _Frau_?

Steht dort drben mit jenem Franzsischen Officier -- darf ich Sie zu
ihr fhren?

Ich danke, sagte die junge Dame mit etwas kalter Hflichkeit -- ich
komme aus Louisiana -- und Sie drfen mir nicht verargen, da ich
gerade kein gnstiges Vorurtheil habe fr -- braune Haut.

Ren sah erstaunt, ja beleidigt zu ihr auf, und Susanne begegnete fest
dem Blick, der in seiner innersten Seele zu wurzeln schien, dort die
geheimsten Gedanken errathen zu wollen.

Es war ein wunderschnes Mdchen wie sie da vor ihm stand; die volle
ppige Gestalt doch so zart und schlank in dem elastischen Reiz der
Jugend; das edle Antlitz mit jenem weichen Zauber blhender Frische
bergossen, der unsere Sinne auf den ersten Blick gefangen nimmt; die
Augen voll Gluth und Feuer, und doch wieder eines so sanften Ausdrucks
fhig da sie den ernsten Schatten Lgen straften, wenn er streng und
zrnend daraus hervorblitzen wollte, aber einen Himmel ffnend wenn
ihr Glanz in milder Ruhe strahlte.

Ren schaute in diese Sterne voll Gluth und Leben, bis er fast verga
weshalb er zu ihr aufgeblickt, und wie bittere Worte die sen vollen
Lippen erst gesprochen; denn wie ein leises Lcheln ber die ernsten
Zge glitt, war es wie spielendes Sonnenlicht auf der murmelnden
Quelle im Waldesdunkel, mit tausend blitzenden funkelnden Lichtern
tief hinableuchtend bis auf den reinen Grund.

Sie sind beleidigt, sagte sie endlich leise -- Sie htten lieber
gehabt, da ich eine Unwahrheit gesagt, der Gegenwart zu schmeicheln.

Sie bringen ein Vorurtheil mit aus einer fernen Welt, erwiederte
Ren, und doch verzeih' ich Ihnen gern; Sie kennen Sadie noch nicht.

_Sadie_ -- ein schner, klangvoller Name -- ich wollte ich hiee
Sadie, sagte Susanne -- wir in Nord-Amerika whlen unsere Namen fast
nur aus der Bibel.

Ah, schon wieder einen alten Bekannten getroffen? unterbrach in
diesem Augenblick die Stimme des Capitains der ~Jeanne d'Arc~, das
Gesprch, und zwar gerade zu einer Zeit wo Susanna, mit feiner Hand
eben wieder eingelenkt hatte in ein milderes Gleis. Sie haben Glck,
Monsieur Delavigne -- aber fr jetzt mchte ich die Dame wenigstens um
den mir versprochenen Tanz bitten.

Mi Lewis nahm, mit einer leisen dankenden Neigung des Kopfes seinen
Arm, und Ren freundlich zunickend sagte sie:

Ich mu sie nachher noch einmal sprechen -- werden Sie kommen?

Ren verbeugte sich, aber Sadiens Bild stand in diesem Augenblick vor
seiner Seele, und er erwiederte das Lcheln nicht.

Als er zurckschritt, sein Weib aufzusuchen, war Sadie eben mit
Bertrand, der mit der Hand nach ihm hinbergrte, zum Tanze
angetreten, und an dem nchsten Fenster bleibend, lehnte er dort mit
untergeschlagenen Armen, dem Tanze, an dem er diemal keinen Theil
nehmen wollte, zuzuschauen. Im Anfang schwammen ihm aber die Gruppen
vor den Augen, ohne da er im Stande gewesen wre ein einziges Bild
aufzufassen und zu halten. Vor seiner inneren Seele zog wieder und
wieder die schne Fremde -- zogen die kalten Worte, die sie
gesprochen, vorber, und ein eigenes Weh, ein Gefhl dem er nicht
Worte, nicht Ausdruck zu geben vermochte, zuckte ihm durch das Herz.
Weshalb hatte sie ihn aufgesucht, weshalb sich ihm so freundlich
zugewandt; um ihn nur wieder zurckzustoen? -- war das Ganze eine
gewhnliche Koketterie gewesen, ihn nur die _Macht_ fhlen zu lassen,
die sie ber Mnnerherzen auszuben gewohnt sei, und ihm dann lachend
die Kluft zu zeigen die zwischen ihnen liege? Bah --  um seine Lippen
zuckte ein verchtliches Lcheln, als ihm der Gedanke aufstieg da sie
sich _ihn_ zum Spiel ihrer Laune ersehen haben knnte -- und was sonst
war ihr Zweck? Thrichtes Mdchen, murmelte er leise vor sich hin,
Deine Schnheit vermag wohl das Auge zu blenden fr kurze Zeit, aber
den Mangel an Herz kann sie nicht ersetzen; geh und suche Dir ein
anderes Spiel, bei mir hast Du Deine Zeit verloren.

Und wieder wechselten die Bilder in Zauberschnelle vor seinem inneren
Auge -- die liebliche Gestalt in dem prchtigen Ballstaat -- die
vorberschwirrenden Paare, deren einzelne Umrisse er schon nicht mehr
sah; dazu die Musik, alte bekannte, lange lange nicht mehr gehrte
Tne aus der Heimath -- Weisen nach denen er selbst in schnerer Zeit
-- heiliger Gott _die_ Erinnerung -- -- Er barg die Augen mit der
linken Hand, aber nur wilder und unermdlicher strmten die Gedanken
auf ihn ein, und nicht mehr entgehen konnte er den unabweisbaren.

Mehre Minuten mute er so gestanden haben, als eine leichte Hand
seinen Arm berhrte, und fast erschreckt blickte er empor.

Bist Du krank? sagte eine leise, liebe Stimme, und Sadies treue
seelenvolle Augen schauten bang und sorgend zu ihm empor; aber er
bedurfte Secunden sich zu sammeln, sich zurckzurufen aus den Scenen
in denen er jetzt -- zum ersten Mal wieder nach langen Jahren --
geweilt, und die er bis dahin mit fester Willenskraft
zurckgeschleudert hatte wohin sie gehrten -- in die Vergangenheit.
Heute zum ersten Mal wieder, geweckt durch den Jugendgespielen
vielleicht -- vielleicht durch jenes schne, kalte Bild, das ihn anzog
und abstie zugleich in wunderbarer Kraft, waren sie in altem Grimm
und Schmerz erwacht, und es bedurfte wahrlich eines anderen, kaum
minder starken Zaubers ihre Gewalt zu brechen, oder doch zu mildern.

Sadie -- wie ein Sonnenstrahl der Wolken Nacht durchbricht, und Licht
und Leben ber die noch vor wenig Augenblicken nur mit Nebelschatten
gedeckten Fluren wirft, so tauchte pltzlich das holde Bild in all
seiner Milde und Lieblichkeit vor ihm auf, und Harfentnen gleich, die
mit den weichen vollen quellenden Tnen nicht mehr allein durch das
Ohr, nein durch alle Poren unseres Krpers in die Seele dringen und
die Nerven nachklingen machen ihre Harmonie, in dem Vibriren ihrer
feinsten Fasern, so sah er nicht allein das holde Kind in all seiner
Lieblichkeit vor sich stehen, nein so fhlte er auch das Wohlthuende
ihrer Nhe, das den bsen Geist zurckdrngte der ihn beschlich, und
leise ihre Hand ergreifend, die in der seinen zitterte flsterte er
das Zauberwort, das sich ihm selber retten sollte -- Sadie!

Du bist krank, Ren, sagte aber die junge Frau, ihn zum Fenster
drehend -- Du siehst bleich und angegriffen aus -- la uns zu Hause
gehen -- setzte sie dann rasch und leiser hinzu -- Dir wird wohler
dort, viel wohler, und -- mir auch.

Mir fehlt Nichts, Du holdes Kind, erwiederte Ren lchelnd -- ein
eigenes Gefhl trieb ihn seine jetzige Bewegung wie deren Ursache vor
dem Weibe zu verbergen, aber es lag etwas Gezwungenes in den Worten,
und das Auge der Liebe tuschte es nicht. Ren fhlte das auch wohl,
und jeden weiteren Verdacht zu beschwichtigen, vielleicht weiteren
Fragen zu entgehen, die er frchtete, setzte er mit lauter frhlicher
Stimme hinzu: nein Kind, mir ist sogar heut' Abend recht froh und
leicht zu Sinn, und ich will noch recht viel tanzen. Verschmhte
Freude kehrt nimmermehr zurck und es wr' Snde sie von der Thr zu
weisen.

Ich wei nicht von wem Sie sprechen, sagte in diesem Augenblick eine
lachende Stimme an seiner Seite, und die muntere Madame Belard trat
zu ihnen hinan -- aber nicht mehr wie schuldige Artigkeit wr' es,
sollt ich denken, die Wirthin, wenigstens zu einem einzigen Tanz zu
engagiren, da sie nicht den _ganzen_ Abend auch nur zusehen mu, wie
sich ihre Gste amsiren.

Ren htte in diesem Augenblick keine erwnschtere Entschuldigung
finden knnen, einer ihm jedenfalls peinlichen Besorgni, ja mehr
noch, weiteren Fragen auszuweichen, und Sadie freundlich zunickend,
bot er der Frau Belard den Arm. Diese aber, die ihm noch scherzend den
Text las ber seine fr sie keineswegs schmeichelhafte Unhflichkeit,
bat er jetzt mit all jenem liebenswrdigen Leichtsinn, der ihm so gut
stand vielleicht weil er ihm so ganz natrlich war, um Verzeihung, des
begangenen Fehlers wegen, den er schon wieder gut machen wolle, wenn
sie nur eben freundlich genug sein wrde ihm Gelegenheit dazu zu
gnnen.

Hallo Sadie, sagte in diesem Augenblick Aumama, die an ihre Seite
trat, Du machst ja ein merkwrdig ernstes Gesicht -- bist Du schon
mde?

Sadie schttelte lchelnd mit dem Kopf.

So leicht nicht, Aumama, sagte sie leise, ihren Arm um der Freundin
Schulter legend, und mir gefllt das Tanzen wundergut, wenn ich nur
wte setzte sie wieder ernster werdend und leiser hinzu -- ob wir
auch recht thun mit solcher Lust, und vielleicht nicht gar eine Snde
begehen, von der wir uns selber vorlgen, da das Ganze ja doch nur
eine unschuldige Freude sei.

Und was ist's sonst? lachte Aumama, nimm mir den Tanz, und ich geb'
Dir mein Leben in den Kauf. -- Nur die Gesellschaft -- und die Art
hier _wie_ sie's treiben gefllt mir nicht. -- Das Umfassen hemmt die
freie frhliche Bewegung der Glieder, das Drehen treibt mich
schwindlich, da sich die Stube mit mir im Kreise wirbelt. Auch die
Wnde, der Boden hier machen mich irr und unbehaglich; mir wird als ob
ich drauen im Canoe in offener See triebe und die Wellen mich auf und
nieder wrfen. Nein, gieb mir den freien offenen Plan, die blhenden
Zweige und blinkenden Sterne ber uns, die lustige Trommel zum
Einschlag in Tritt und Sprung, und ich bin Dein mit Leib und Seele,
wie Du mich willst. Hei wie die Tapa im Winde flattert und die Locke
Dir um die Schlfe jagt, wie das Blut da durch die Adern schiet, und
zu flssigem Feuer wird, eh' es zum Herzen zurckkehrt. Bah, hier der
Tanz ist kalt -- kalt wie das Land aus dem er kommt, und es kann mir
das Herz nicht erwrmen, ob sie auch blasen und Specktakel machen mit
ihren wunderlichen Instrumenten, aus Leibeskrften. Nicht einmal eine
Trommel haben sie dabei, und das nennen sie Musik.

Du bist ein wunderliches Mdchen, lchelte Sadie -- fremde Vlker
haben doch auch fremde Sitten.

Eben deshalb sollen sie uns die unseren lassen, trotzte Aumama --
aber, was ich Dich fragen wollte, setzte sie ernster hinzu -- wer
ist das weie Mdchen das mit Ren so lange tanzte, und so viel mit
ihm zu sprechen hatte?

Ich wei es nicht, sagte Sadie -- eine Fremde, glaub' ich, die von
Papara oder dessen Nachbarschaft kommt, und wohl hier wohnen bleiben
wird; -- warum?

Mir gefiele das nicht, wr' ich wie Du, sagte die Freundin mit dem
Kopfe schttelnd -- sie hat ein glattes listiges Gesicht und ihr
Blick -- ich konnte ihre Sprache nicht verstehen, aber das ist oft
nicht nthig wenn die Augen so deutlich reden wie die Lippen.

Und was haben die Dir gesagt? frug Sadie.

Nichts was mich freute, antwortete Aumama, aber auch Nichts was ich
wieder erzhlen mchte; man soll keinem Menschen etwas Uebles
nachreden, noch dazu auf den bloen Verdacht hin.

Du bist rgerlich auf die fremden Frauen, sagte Sadie lchelnd,
weil Du nicht mit ihnen umgehen kannst wie wir es gewohnt sind unter
einander; es ist wohl mglich da Du ihnen dabei unrecht thust. Aber
Ren hat seitdem gar nicht wieder mit ihr gesprochen.

Aber auch mit Niemand Anderem, sagte Aumama schnell -- er stand da
am Fenster und sttzte den Kopf in die Hand, bis Du zu ihm kamst.

Sadie schwieg und sah sinnend vor sich nieder; ihr Blick haftete aber
nicht lange am Boden, sondern suchte den Gatten, in dem wilden Gewirr
des Tanzes, dem sich Ren wieder mit vollem Eifer hingegeben. Aber
die, nach der ihr Blick dann umherschweifte, fand sie nicht; Mi Lewis
hatte den Saal verlassen und Ren lachte und plauderte noch immer mit
seiner lebendigen Tnzerin, der Frau Belard.

Doch neue Gste kamen zum Tanz, in dem jetzt gerade eine kurze Pause
eintrat, den Tnzern Gelegenheit zu geben sich an den hie und da
angebrachten und mit Frchten, Kuchen und Wein bedeckten Tafeln zu
erfrischen, und kaum schwieg die Musik, als Manche der wilden Mdchen,
froh eines lstigen Zwanges enthoben zu sein, in die Mitte des Saales
sprangen und sich dort bald von einem groen Theil der Mnner umgeben
fanden.

Kommt! rief Eine der frhlichen Schaar, sich jetzt wenig an die
geputzten Fremden kehrend, deren unbekannte Weisen und monotones
Drehen im Ring herum sie schon lange gergert und ermdet hatte,

  Komm! denn der scharfe Ton
  Hat mich gelangweilt schon,
    Komm!
    Zuckt mir's durch Fu und Knie,
    Zuckt mir's im Herzen hie!
    Komm!

Frieden, Wahine -- gieb Ruhe -- fort mit Dir, Mdchen! riefen
einzelne lachende Stimmen dazwischen -- hier ist kein Platz fr Euere
wilden Tnze, wo fremde Frauen sind -- auseinander mit Euch!

Fort? riefen aber Andere dazwischen, denen der wilde bekannte Laut
die Pulse schon rascher klopfen machte --

  Fort? la sie schwatzen da,
  Herzchen wir kommen ja,
    Fort --
    Rasch nur die Trommel her,
    Stehn wir nicht mig mehr.
    Fort!

und den Takt auf den Lenden schlagend mit ihren flachen Hnden, und
singend und lachend begann die muntere Schaar, trotz dem Einspringen
einzelner Mnner, die vielleicht nicht mit Unrecht frchteten da der
Tanz in dem Uebermuth des jubelnden Schwarmes ausarten knnte, den
wilden ~Upepehe~, den Lieblingstanz ihres Stammes.

Die neuangekommenen Gste, zwei Marine-Officiere der ~Jeanne d'Arc~,
mischten sich gleich lachend unter die jubelnden Dirnen, die sie fast
Alle kannten, und Mad. Belard beschwor jetzt Ren, seinen Einflu
aufzubieten das zgellose Volk wieder zur Ordnung zurckzubringen, was
aber mit nicht wenig Schwierigkeiten verbunden war. In der Mitte
gestrt, stoben sie nach allen Seiten hinaus, jede auf eigene Hand den
begonnenen Tanz auszufhren, und es wurde auch in der That erst dann
mglich sie wieder zu vollkommener Ordnung zu bringen, als die
Trompeten, auf Rens Zeichen, von Neuem zu einem Tanze einsetzten und
dadurch die Mdchen, die denen entgegen nicht ihren eigenen Takt
beibehalten konnten, zwangen aufzuhren.

Als die Musik nun aber, nicht wieder durch eine neue Pause neue
Strung zu verursachen, in dem begonnenen Stcke blieb, sahen sich die
letztgekommenen Officiere ebenfalls nach Tnzerinnen um. Von weien
Damen schien aber nur noch Mrs. Noughton brig geblieben zu sein, die
trotz allen Aufforderungen auch noch nicht einen Schritt heut' Abend
getanzt, sondern wacker an der Seite ihres eben so langweiligen
Gatten auf dem einen Canape ausgehalten hatte. Madame Belard war mit
Monsieur Brouard angetreten, Madame Brouard mit dem Capitain, und
Frulein Susanne blieb verschwunden. Mrs. Noughton weigerte sich aber
auch diemal mit einer steifen Verbeugung an dem Tanze Theil zu nehmen
und Einer der neugekommenen Officiere schaute eben, leicht getrstet,
im Saal umher, sich unter den anwesenden Insulanerinnen Eine
herauszusuchen, mit der er mglicher Weise im Walzer fortkme, als er
Sadie bemerkte, deren Europische Tracht ihm gerade nicht besonders
auffiel. Rasch auf sie zu tretend, legte er seinen Arm um ihre Taille
und sagte:

Komm Wahine, dann wollen wir einmal versuchen wie wir herum kommen,
und halt das Kpfchen steif, da Du mir nicht schwindlich wirst; ich
drehe Dich schon.

Ren hatte sich mit Bertrand wieder zusammengefunden, und schritt eben
langsam der Stelle zu wo Sadie stand, als er sah wie sie sich in dem
Arm des Fremden strubte und sich ihm zu entwinden suchte; der junge
Officier aber, schon seit Monden langem Aufenthalt auf den Inseln
gewohnt mit den Frauen Tahitis umzugehen, glaubte nur hier eine etwas
sprder als gewhnliche Schne gefunden zu haben, und rief lachend:

Zum Teufel, mein Mdchen, stemme Dich nur nicht, ich thue Dir
Nichts; Sadie aber war so erschreckt, da sie nicht vermochte einen
Laut ber die Lippen zu bringen und sich von dem starken Manne schon
emporgehoben fhlte, als Ren mit einem Sprung an ihrer Seite war, und
seine Hand mit einem Eisengriff in des Soldaten Schulter heftend, mit
vor Zorn bebender und kaum hrbarer Stimme sagte:

Zurck da, Monsieur -- das ist mein Weib.

Sollst sie behalten, Kamerad, lachte der junge, etwas rohe
Marine-Officier, aber ein Tnzchen mu sie erst mit mir machen, davon
hilft ihr kein Gott.

Lassen Sie mich los, Monsieur! rief auch in diesem Augenblick Sadie,
die durch Rens Gegenwart ermuthigt, ihre Sprache wieder gewann, und
der Officier, durch das flssige Franzsisch der Insulanerin
berrascht, lie kaum in seinem Griff um ihre Taille nach, als er sich
auch schon von dem, kaum seiner Sinne mehr mchtigen Ren gefat und
mehre Schritte zurckgeschleudert fand.

Teufel! schrie er, und die Hand fuhr fast unwillkhrlich nach dem
leeren Degenkoppel, Bertrand sprang aber dazwischen, und der Officier
auch, sich rasch besinnend wo er sich befand, und da er hier das Fest
nicht stren durfte, bi nur die Zhne auf einander und winkte dem,
trotzig zu ihm hinberschauenden Ren ihm zu folgen. Aber andere Augen
hatten ebenfalls den Wink gesehen und verstanden, und ehe Ren im
Stande war sich von Sadie frei zu machen, und dem stillen aber wohl
begriffenen, ja erwarteten Ruf zu folgen, fhlte er eine Hand auf
seiner Schulter, und der Capitain der ~Jeanne d'Arc~, der gerade
zufllig mit seiner Tnzerin dort stehen geblieben, und Zeuge des
ganzen blitzesschnell in einandergreifenden Vorfalls gewesen war, bat
ihn, nur wenige Minuten auf seiner Stelle zu bleiben, bis er ihm
Antwort bringe von drauen. Dann ohne weiteres dem Officier folgend,
erreichte er diesen gerade an der Thr, fate seinen Arm und fhrte
ihn mit sich hinaus.

In dem Saal war indessen fr den Augenblick Todtenstille eingetreten;
die Musici, vor denen der Streit stattgefunden, hatten auch fast wie
verabredet, aufgehrt zu blasen so wie die Tnzer stockten. Auch die
brigen Gste, wenn auch nur wenige von ihnen die Ursache des so
pltzlich aufgetauchten Streites kannten, sahen da er schon zu weit
gegangen war, anders als mit Blut wieder geshnt zu werden, und
standen in jener peinlichen Erwartung, dem Ausgang des Ganzen
entgegenzusehen, die wir uns wohl stets bei irgend einer nahenden
Gefahr, mag sie uns oder einen Andern bedrohen, beschleichen fhlen.
Nur die eingeborenen Mdchen, denen nicht entgangen war da Einer der
Betheiligten den Saal verlassen hatte, glaubten damit natrlich Alles
beigelegt, und zuerst die feierliche und so pltzliche Stille um sich
her einen Augenblick erstaunt beobachtend, gewann das leichte Element
bei ihnen doch nur zu bald wieder die Oberhand.

Hierher Waihines! rief pltzlich die lachende Stimme Nahuihuas,
der Schwester Aumamas, mit der Lefevre schon fast den ganzen Abend
getanzt --

  Schnell!
  Schnell wie der gier'ge Hai
  Schneidet die Fluth entzwei,
  Schnell --

Ruhe Wahine! flsterte es rasch um sie her, und das Mdchen schwieg
erschreckt, mitten in ihrem Gesang, als sie die ernsten finstern
Gesichter all' erblickte, die sich rasch und bestrzt auf sie
richteten.

Madame Belard wute aber wie dieser bse Geist zu bannen sei, und dem
Orchester ein Zeichen gebend, da jetzt rasch wieder in den
unterbrochenen Tanz einfiel, ergriff sie den Arm Rens und den halb
Widerstrebenden mit sich fortziehend, flsterte sie leise und
dringend:

Ei, Sie ungezogener Mensch, den eine Dame zum Tanz frmlich mit
Gewalt _zwingen_ mu. Sie haben mir meinen Tnzer fortgejagt, und sind
jetzt auch verpflichtet dessen Stelle zu bernehmen. Ueberdie fhlen
Sie denn nicht da Alles auf Sie achtet? setzte sie leiser hinzu.
Machen Sie wieder gut was Sie verdorben haben, und zeigen Sie den
Leuten da Sie gar nicht daran denken Skandal anzufangen!

Ren fhlte mehr wie er verstand, da sie recht hatte; einen Blick
nach Sadie zurckwerfend, die er jetzt in Bertrands Schutz sah, kam
ihm auch die Erinnerung an das Vergangene, und sich zu seiner
liebenswrdigen Tnzerin niederbiegend bat er leise:

Vergebung, theuerste Frau, Vergebung fr den fatalen Auftritt den
ihnen hier meine Hitze bereitet, aber -- 

Ich wei Alles, beruhigte ihn Madame Belard, ein Miverstndni nur
-- ruhig Monsieur, Sie sollen mir nicht wieder hitzig werden und
aufbrausen, so lange _ich_ jetzt in Ihrem Schutze bin -- ein
Miverstndni war die ganze Ursache, der junge Officier, der Sie gar
nicht kannte, kann nicht die Absicht gehabt haben Sie oder Sadie
wissentlich beleidigen zu wollen, und wrde vielleicht eben so leicht
daran denken sich einen Finger abzuschneiden, als Streit zu suchen
hier bei mir.

Aber er hat -- 

Ich wei ja Alles, unterbrach ihn wieder Madame Belard, in
gutmthiger Ungeduld mit dem Kopf schttelnd, als sie zum Ausruhen
abgetreten waren und Nichts als eingeborene Frauen um sich sahen, die
nicht verstanden was sie sprachen. Er hat Ihre Frau nach _unseren_
Begriffen von dem was sich schickt und gehrt, beleidigt, und wre das
auf einem Europischen Ball vorgefallen, so knnte nichts anderes als
Degen oder Pistol den Streit entscheiden; hab' ich recht?

_Wre_ das? wiederholte Ren erstaunt -- und ist das nicht hier, bei
_meiner_ Frau genau dasselbe?

Nein, nein und abermals nein! sagte aber Madame Belard ungeduldig;
nach Insulanischen Begriffen von Ehre und Schicklichkeit -- 

Aber meine Frau ist -- 

Eine Insulanerin, Sie mgen's drehen und wenden wie Sie wollen; und
wenn sie eine Ausnahme macht von den brigen, von denen sie allerdings
wie Tag und Nacht verschieden ist, so liegt der doch nicht auf der
_Haut_ zu Tage, und das junge frhliche Stck von einem Officier, das
in seinem Uebermuth, von den Schiffsbanden auf einen Abend frei zu
sein, nur hier herein springt, sich, wie es keine weie Tnzerin
bekommen kann, nach dem schnsten Indianischen Gesicht umschaut und
da aus Versehen gerad' auf _Ihre_ Frau trifft, htte eben so gut
vermuthen knnen einen Neger in weier Haut zu finden, als eine
Indianerin, die sich so ganz ihrer eigenen Sitten entschlagen, und
Europischen Gebruchen mit ihrer Sprache und Haltung zugewandt hat.

Aber ihre ganze Kleidung mute ihm das schon von vorn herein
verrathen.

Als ob Ihr Mnner berhaupt je shet womit sich eine arme Frau
herausgeputzt hat, diesen Herren der Schpfung zu gefallen, spottete
die junge Frau halb im Scherz halb im Ernst; entweder Ihr mustert
ganz genau und auf das peinlichste, immer dabei Eueren schlechten
Geschmack bewhrend, oder Ihr wit nicht einmal ob wir Seide oder
Cattun getragen, wenn wir Stunden lang in Euerer Gesellschaft gewesen
sind -- Gott ist der Mensch grob, seufzte sie dann nach einer kleinen
Pause, als Ren schwieg und vor sich nieder schaute, mit komischem
Ernst; handgreiflich leg' ich's ihm in den Weg, und nicht eine kleine
unbedeutende Schmeichelei sagt er mir dafr.

Liebe Madame Belard, bat Ren.

Ich bin schon wieder gut, lachte die kleine Frau, aber Ren,
setzte sie ernster, und einen Blick umherwerfend ob sie Niemand
berhre, hinzu -- seien Sie auch vernnftig, setzen Sie sich ber
eine kleine Vernachlssigung Ihres sonst so lieben Weibchens eher
einmal hinweg, als Sie es nthig htten wenn sie -- eben von --
unserer Farbe wre. Der Fremde kann nun einmal unsere
Privatverhltnisse nicht so leicht durchschauen, und wird der
_farbigen Eingeborenen_ nie eine solche Achtung und Aufmerksamkeit
zollen, als ob sie ihm ebenbrtig wre.

Und ist sie das nicht? rief Ren erstaunt, und Madame Belard bi
sich auf die Lippen; sie zgerte augenscheinlich mit einer Antwort,
die sie sich scheute gerade auszusprechen.

Lieber Ren, sagte sie endlich nach einer kleinen Pause mit
wirklicher Herzlichkeit im Ton, wie sie bis jetzt noch nie zu ihm
gesprochen, Sadie ist ein liebes herziges Kind, eine Frau die man
lieber gewinnt mit jedem Tag, und ihre ganze Seele liegt in ihrem
Blick, aber -- 

Aber? Madame Belard?

Sie haben sich mit ihr die Rckkehr in die Heimath abgeschlossen,
setzte die kleine Frau endlich entschlossen hinzu -- Sie haben sich
auf Ihre Bambushtte und den Meeresstrand beschrnkt, und -- ich wei
nicht ob Sie daran gut gethan haben.

Und pat Sadie nicht in jede Gesellschaft?

Ja -- aber die Gesellschaft pat nicht fr sie; lautete die rasche
Antwort; wenn sie von der Gesellschaft als das aufgenommen wrde was
sie wirklich ist, in all' ihrer Anmuth und holden Weiblichkeit, keine
andere Frau knnte hher stehen, aber wir leben nun einmal in einer
Welt von Vorurtheilen, und -- knnen nicht durch die Wand mit dem
Kopf.

Aber ich will von der Welt Nichts mehr -- mir gengt das Glck das
ich besitze -- sie sollen mir das nur unverkmmert lassen.

Madame Belard schttelte mit dem Kopf und sagte ernst:

Sie kennen sich selber nicht, Delavigne, und sind hier in
Verhltnisse gekommen, die Sie noch nicht bersehen knnen; gebe Gott
da ich unrecht habe, aber Sie passen so wenig zu dem thatenlosen
Leben dieser Inseln wie -- ich, und ich will auch meinem Gott danken,
wenn Monsieur Belard einmal ebenso denken lernt und die Segel wieder
heimwrts setzt.

Und was sollte mich hindern ebenfalls nach Hause zurckzukehren?
frug Ren, doch sein Auge suchte dabei den Boden als er sprach, und
nur als Madame Belard gar nicht antwortete sah er auf, und vor ihm
stand, mit einem eigenen Lcheln auf den zarten Lippen, _Susanne_;
aber ohne ihn anzureden schttelte sie nur leise und wie mibilligend
mit dem Kopf und schritt langsam der Stelle zu, auf welcher sich Herr
und Madame Brouard eben zum Fortgehen anschickten. Ihm blieb jedoch
keine Zeit weiter, denn durch die Tnzer schritt der Capitain der
~Jeanne d'Arc~, und mit einer entschuldigenden Verbeugung gegen Madame
Belard Ren's Arm ergreifend, fhrte er ihn mit hinaus in's Freie, wo
die khle Seeluft seine heie Stirn fchelte, und die Sterne gar
freundlich und traut auf sie herniederschienen.

Mr. Delavigne, begann er hier, freundlich des jungen Mannes Hand
fassend und drckend, es ist zwischen Ihnen und einem meiner
Officiere ein mir hchst fataler, ja schmerzlicher Fall vorgekommen.

Ich stehe dem Herrn mit Vergngen jeden Augenblick zu seiner
Genugthuung bereit, erwiederte Ren ruhig.

Ich wei das, ich wei das, beseitigte es der Capitain -- aber die
Sache ist, da Sie Beide recht und Beide unrecht haben.

Ich verstehe Sie nicht, sagte Ren.

Ich will mich deutlicher erklren, fuhr der Capitain fort; Sie sind
selber zu gut mit den hiesigen Verhltnissen bekannt, als da ich
nthig htte Ihnen den Standpunkt anzugeben, auf dem die Indianischen
Mdchen den Europern gegenber stehen; Sie mssen den geringen
moralischen Zwang kennen, den sich beide Theile hier auferlegen, und
Monsieur Rodolphe konnte keine Ahnung haben, da Eine von Tausenden
eine solche Ausnahme ihres Geschlechts hier machte.

Er ist vollkommen gerechtfertigt Genugthuung zu verlangen,
erwiederte Ren, dem es weh that das Geschlecht der Indianer so
herabgewrdigt zu sehen; doppelt weh vielleicht weil er fhlte wie
viel Wahrheit das Gesagte enthalte.

Tollkpfiges Geschlecht, murmelte der Capitain, den Kopf rgerlich
herber und hinber werfend, aber Ihr sollt Euch nicht schieen,
Mann, Ihr sollt Euch mit einander vertragen, und einsehen da Euch
Gott Euere gesunden Glieder gegeben hat, sie zur Ehre Eueres
Vaterlandes einzusetzen, wenn's Noth thut, aber nicht da in die
Schanze zu schlagen, wo es nur eines offenen Wortes zwischen beiden
Theilen bedarf, sich zu berzeugen da Beide unrecht hatten.

Monsieur Rodolphe wird schwerlich, nach dem Vorhergegangenen, das
erste Wort zum Frieden bieten, sagte Ren vor sich hin.

So thun _Sie_ es, Delavigne, rief der Capitain.

Ich? -- nie -- zischte Ren zwischen den zusammengebissenen Zhnen
durch -- er hat mein Weib beleidigt und jeder Andere htte wie ich
gehandelt. Aber trotzdem will ich die Hand zur Vershnung reichen,
setzte er finster hinzu, wenn Monsieur Rodolphe mit mir zu Madame
Delavigne geht, und die Dame dort, der begangenen Rohheit wegen, um
Entschuldigung bittet. Sie wissen selber Capitain, da nach unseren
Begriffen von Ehre keine weitere Wahl mir oder ihm bleibt.

Aber Delavigne, das wrde bei -- das wrde bei -- das wrde in Europa
nthig sein, aber hier -- 

Und sind unsere Gesetze der Ehre hier anderer Art? frug Ren ihm
scharf dabei in's Auge schauend.

Capitain Sinclair bi sich auf die Lippen -- er konnte Nichts darauf
erwiedern wenn er Ren nicht krnken und einen zarten, hchst
schwierigen Punkt berhren wollte; aber er wute auch da sich
Rodolphe gerade wieder _seinen_ Begriffen von Ehre nach, einer
Insulanerin gegenber, deren Ehen mit den Weien als viel zu leicht
und zu wenig bindend angenommen wurden, nie dazu verstehen wrde.

Es blieb da weiter keine Wahl, und tief aufseufzend und rgerlich sich
abdrehend sagte der Capitain, der gern das Aeuerste vermieden htte,
aber die Unmglichkeit auch einsah:

So macht was Ihr wollt; schiet Euch beide ein paar Kugeln durch die
Jacken -- so sind ein paar Tollkpfe weniger auf der Welt -- aber ich
will mit der ganzen Sache Nichts weiter zu thun haben -- Nichts davon
wissen -- die Folgen ber Euch!

Er kehrte raschen Schrittes in das Haus zurck, von der anderen Seite
aber nherte sich dem jungen Mann ein Marineofficier und sagte
hflich:

Monsieur Delavigne, wenn ich recht bin?

So ist mein Name.

Sie wissen, was -- 

Ich stehe Ihnen mit Vergngen zu Diensten.

An wen wnschen Sie da ich mich wende?

Lieutenant Bertrand wird so freundlich sein -- 

Ah -- besten Dank, Monsieur, und guten Abend.

Mit hflichem Gru trennten sich die beiden Mnner, und Ren folgte
dem vorangegangenen Capitain, Bertrand in Kenntni zu setzen und um
seinen Beistand zu bitten, und seine Frau nach Hause abzuholen. Der
Abend war ihm verleidet worden gegen weitere Lust und Freude.
Unbemerkt, wenigstens unbeachtet hatte er dabei gehofft den Saal
wieder betreten zu knnen, Madame Belard schien ihn aber schon in
Angst und Sorge erwartet zu haben, und seinen Arm ergreifend fhrte
sie ihn den Saal entlang.

Was haben Sie gethan? flsterte sie dabei, Sie wilder Mann; und die
arme Frau sitzt da drin und weint und sorgt und grmt sich, und wei
-- ahnt noch nicht einmal das Schlimmste.

Wo ist Sadie? frug Ren leise, sich im ganzen Saal vergebens nach
ihr umschauend.

Auf meinem eigenen Zimmer -- ich fhre Sie dorthin.

Nur einen Augenblick, Madame, bat Ren, ich habe nur einem Herrn da
drben zwei Worte zu sagen; entschuldigen Sie mich nur einen Moment,
ich bin gleich wieder bei Ihnen.

Und so soll es doch zum Aeuersten getrieben werden? flsterte
erbleichend Madame Belard.

Ren zuckte die Achseln -- aber Bertrand, ebenfalls im Begriff den
Saal zu verlassen, stand nur wenige Schritte von ihm entfernt --
wenige Worte leise geflstert, gengten -- sie drckten einander die
Hand, und Ren eilte rasch zu seiner ihn ngstlich erwartenden
Fhrerin zurck.

Was Ihr fr entsetzliche Mnner seid, sagte sie dabei, als sie den
Saal verlassen hatten und die Treppe hinaufstiegen, der hher
gelegenen Wohnung zu -- mit kaltem Blut verabreden sie da einander zu
morden oder zu verstmmeln, und machen sich wei dabei da es nthig,
unumgnglich nthig wre. Guter Gott wie wird das jetzt enden. -- Aber
da gehen Sie hinein, und gehen Sie zu Haus mit ihr, so rasch Sie
knnen -- sie sehnt sich zu ihrem Kind, und ich mchte mich selber
hinsetzen und weinen, wenn ich daran denke wie das arme se Wesen,
das hier Kummer und Sorge trgt unverschuldet, von mir eingeladen war
sich zu amsiren, und jetzt zu Hause geht, das Herz voll zum
Ueberlaufen von Wehmuth und Leid. Sie drfen mit ihr hier auf Papetee
nicht mehr unter weie Mnner gehen, Ren, oder Sie knnen der armen
Frau noch selber das Grab hier graben auf der fremden Insel.

Und damit, ohne weiter eine Antwort von ihm abzuwarten, ffnete sie
die Thr ihres Zimmers, lie Ren eintreten und kehrte dann selbst zu
ihren Gsten zurck, dort keinen Verdacht zu erwecken da irgend etwas
Auerordentliches vorgefallen sei, was den Frohsinn htte stren
drfen.




Capitel 7.

#Unterwegs.#


Ren betrat rasch das kleine sonst so freundliche jetzt aber nur von
einer einzigen dster brennenden Lampe kaum erleuchtete Gemach -- eine
eigene Angst, ber die er sich eigentlich keine Rechenschaft zu geben
wute, prete ihm das Herz zusammen, und nur zum Theil beruhigte es
ihn, als ihm Sadie entgegen kam und beide Hnde fr ihn ausstreckte.
Er zog sie leise an sich, und sie schmiegte ihr Kpfchen fest, fest an
seine Schulter, ohne ein einziges Wort zu sagen, ohne einen Laut
auszustoen.

Arme Sadie, flsterte er leise, und kte sie auf die heie glhende
Stirn -- fester drckte sie sich an ihn, aber sie athmete kaum, und
Ren fhlte wie sie in seinem Arm zitterte.

Wir wollen zu Hause gehen, mein ses Lieb, sagte er flsternd zu
ihr niedergebeugt, und sie nickte heftig an seiner Brust, aber ohne zu
reden -- das Herz war ihr so voll -- so voll und so weh. Schweigend
nahm er seinen Hut, den Madame Belard schon fr ihn zurechtgestellt,
und seinen Arm um ihre Schulter legend, sie zu sttzen zugleich und zu
fhren, verlie er mit ihr das erleuchtete, Luft und Leben athmende
Haus, durch eine Hinterthr das Freie suchend, da vorn, den hellen
Fenstern gegenber, hundert von Eingeborenen standen und lagen, den
Tnen der Instrumente, den wunderlichen Melodien lauschend, bis hie
und da eine Aehnlichkeit im Takt durch die Glieder Einzelner zuckte,
und sie zum Tanz antrieb aus freier Hand, mitten auf der Strae
drauen.

Durch den Garten, unter den thauigen Bananen und Orangen schritten sie
hin, langsam und schweigend den schmalen Pfad entlang, auf den der
Mond nur mhsam durch Palmenkrone und Brodfruchtwipfel einzelne seiner
Strahlen konnte niederwerfen. Eine schmale Pforte fhrte auf die
uere Strae, und dieser folgend erreichten sie bald den dsteren
Palmenhain, der vom Fu der Hgel ab bis dicht an den Strand reichte
und von dessen Wellen selbst seine Wurzeln besphlen lie.

Du solltest Dich freuen an unseren Sitten und Vergngungen, sagte
endlich Ren leise, als sie schon lange schweigend neben einander
hingeschritten und Ren nur ngstlich bemht gewesen war, die dicht an
ihn angeschmiegte Gestalt des jungen Weibes vor allen Unebenheiten des
Weges zu bewahren. Du solltest tanzen und frhlich sein, und hast nur
Schmerz dort gefunden und Herzeleid.

Sadie wollte sprechen; Ren fhlte wie sie sich von seinem Herzen halb
emporrichtete, aber es war auch als ob ihr die Kraft oder das Wort
dazu fehle.

Bist Du mir bse, Sadie? sagte Ren endlich nach langer Pause, und
suchte dabei ihr Antlitz zu sich emporzuheben.

Nein Ren, flsterte die Frau leise und schttelte langsam den Kopf
-- nein, nicht bse -- aber -- aber eine Bitte htte ich an Dich.

Und nenne sie mein Herz.

Du warst so glcklich in Atiu -- fuhr Sadie nach kurzem Zgern fort,
-- kein Schmerz, kein Weh drohte unseren Frieden zu stren. Dort --
waren keine weien Mnner und Frauen weiter, fuhr sie mehr Muth
gewinnend, aber doch immer noch schchtern fort, dort warst Du Einer
der Unseren geworden, Alle hatten Dich lieb, und ich selbst -- war ein
Kind des Bodens und fand dort meine Heimath. Hier sind wir fremd, und
der Charakter des Landes ist, durch _Deine_ Landsleute, wie auch
durch die Englnder ein anderer geworden. Die weien Menschen dnken
sich besser in ihrer Farbe, fuhr sie wieder leiser fort, als wir,
denen die Sonne dunklere Haut gegeben. Sage mir Nichts dagegen, Ren,
ich _wei_ es, und so weh es mir thut, ich wollte es gern ertragen um
_Deinetwillen_ -- wenn ich nicht eben _Deinet_willen Dich bitten mte
wieder mit mir fort von hier zu ziehen.

Meinetwillen, Sadie? sagte Ren, aber es war ihm nicht Ernst mit der
Frage und Sadie wute es.

Wenn Du es nicht selber _fhlst_, Ren, sagte sie traurig, mit
Worten kann ich es Dir nicht beschreiben; ich kann Dich auch nur
versichern da ich die Ueberzeugung habe wie wir Beide recht, recht
unglcklich werden wrden, wenn wir hier blieben.

Aber mein Geschft, sagte Ren.

Trgt nicht die Cocospalme Milch im Ueberflu, bat Sadie, sich
fester an ihn schmiegend, hngt nicht die Brodfrucht voll und reif am
Zweig, und die Orange bietet Dir die Frucht, indem sie ihre duftenden
Blthen auf Dich niederschttelt; hast Du nicht mich -- Dein Kind? --
liegt nicht der Frieden Gottes auf jenem stillen kleinen Inselreich,
das Seine Huld mit Allem ausgestattet was lieb und schn und gut und
fruchtbar ist? Sieh Ren, setzte sie lauter, fester hinzu, ich habe
Alles gethan was Du von mir verlangt; ich habe mir Deine Sitten
angeeignet, so weit es in meiner Macht stand, ich trage Euere
Kleidung, ich spreche Euere Sprache, ich habe mein Herz Dir gegeben,
Dir, nur Dir allein -- und meinem Kind. Nur -- nur die Farbe konnt'
ich nicht ndern, die Gott meiner Haut gegeben -- ich bin ein Kind
dieser Inseln, und als solches hast Du mich lieben gelernt, und zu
Deinem Weib genommen. Aber meine Schwestern hier auf Tahiti sind
anderer Art -- nicht mit so treuer Sorgfalt erzogen wie ich, leben sie
meist wst und wild in den Tag hinein -- und Deine Landsleute tragen
viel die Schuld. Du hast heute erfahren in welcher Achtung die
Insulanerin bei ihnen steht -- willst Du noch lnger Zeuge sein wie
sie mich krnken und niederdrcken? -- und doch hast Du nicht den
zehnten Theil von dem gesehen was mir wie Messer in die Seele schnitt,
nicht die kalten verchtlichen Blicke einzelner Frauen -- nicht die
leichtfertigen Worte gehrt, die mir, heimlich oft, oft ohne Furcht
und Scheu in die Ohren geflstert wurden, und das Blut in die Wangen
jagten. _Ich_ gehre nicht unter jene Menschen, ich passe auch nicht
fr sie, sie nicht fr mich, und willst Du hier bleiben auf Tahiti,
magst Du Dich nicht trennen von dem jetzt vielleicht lieb gewonnenen
Leben, so la mich daheim bei meinem Kind, Ren, dorthin gehr' ich,
den Platz fll' ich aus, und unsere Htte mag Dir selber eine Heimath
werden -- aber Atiu wird es uns doch nie ersetzen. -- O zgest Du
zurck, Ren.

Ren erwiederte Nichts; schweigend schritten sie neben einander hin,
und tolle Bilder zuckten ihm durch Sinn und Hirn, denen er nicht Form,
nicht Deutung zu geben vermochte. Das geschftige, wenn nicht
gesellige Leben Papetees war ihm schon theilweis zum Bedrfni
geworden, dem er nicht gern entsagen, das er sich aber noch weit
weniger gestehen mochte, und doch auch wieder fhlte er in
unbestimmter Ahnung die Gefahr, die seiner huslichen Glckseligkeit
hier drohen knne. Er sah sich in Kampf und Streit mit Europern, von
den Indianern angefeindet seiner Religion und Abstammung, von den
Europern verachtet seiner Heirath wegen, und durch das Alles, wie ein
blendender neckischer Strahl, zuckte das weie, wunderschne Antlitz
des fremden Mdchens, das kalt und hhnisch auf ihn niedersah und
seiner Angst und Qual da unten nur zu spotten schien. _Jetzt_ gerade
sollte er Papetee verlassen, wo sie hier erschienen war, da sie wohl
gar nachher sich rhmte, er sei vor ihr geflohen? -- bah -- was war
sie ihm? -- ihre Schnheit konnte ihn nicht locken, Sadie war schner
-- und ihr Geist? -- ihr fehlte die milde Weiblichkeit die der
Geliebten jenen unendlichen Reiz verlieh. -- Und ihre Farbe -- blindes
thrichtes Menschenvolk, den Werth eines Herzens nach der Schaale oder
Farbe zu schtzen, und die se Frucht gar deshalb zu verachten, weil
sie von der Sonne etwas mehr gebrunt. Und doch war gerade das jetzt
dem jungen ehrgeizigen Mann ein bitteres schmerzliches Gefhl, _da_
sie mit jenem kalten Lcheln auf ihn niedersehen _konnte_; der Gedanke
wurde ihm zur Qual, und ein Seufzer hob seine Brust. Es war zum
_ersten_ Mal der Wunsch da die Geliebte seiner Farbe wre, und Sadie
hrte und verstand den Seufzer, denn sie senkte das Kpfchen und
schritt lautlos neben ihm hin.

So erreichten sie den stillen freundlichen Platz der ihre Heimath war,
das matte gedmpfte Licht das aus dem einen verhangenen Fenster quoll,
beleuchtete den Schlaf ihres Kindes, die Palme die ihren breiten
Wipfel darber hing, rauschte leise und feierlich, und es war als ob
sie dem Schlaf des Lieblings lausche und ihm bunte freundliche Trume
zuflstere ber sein kleines Bett.

Fast unwillkrlich blieben die beiden Gatten stehen, und wie ihr Blick
auf dem friedlichen Dache ruhte, das ihnen das Theuerste umschlo, als
Ren der tausend glcklichen, seligen Stunden gedachte, die er schon
dort mit seinem trauten Weib verlebt, und nun auch die frhere Zeit
-- die erste Zeit seiner Liebe, seiner Hoffnungen, des errungenen, so
schwer errungenen Glcks in vollen lebendigen Farben emporstieg vor
seinem inneren Geist, wie er damals den Augenblick gesegnet in dem er
dieses Paradies zuerst betrat, da berkam ihn ein recht weiches,
reuiges Gefhl, und sein Weib, sein treues braves Weib fest an sich
ziehend, prete er seine Lippen an ihre glhende Stirn, und das
Liebeswort Sadie erstarb in dem langen, heien Ku.

Komm, flsterte sie endlich, und entzog sich leise seiner Umarmung
-- komm! und seine Hand ergreifend, fhrte sie den Gatten an das
Bett des Kindes.

Oh wie so s der kleine Liebling ruhte; die Lampe, von einem breiten
Bananenblatt verdeckt, warf nur den matten grnen Schein ber den
schlummernden Engel hin; die langen seidenen Wimpern lagen voll und
dicht auf den von Schlaf gertheten blhenden Wangen, und ein liebes
herziges Lcheln spielte um die fein und zart geschnittenen Lippen.
Engel flstern mit dem Kind, wenn es im Schlafe lchelt, und das
Mutterherz sieht des Schutzgeistes Fittiche ausgebreitet ber dem
Liebling.

Komm lieber Leser, komm -- siehst Du die Gruppe dort, das Herz des
Weibes an des Mannes Brust, Mutter- und Vaterliebe dem Schlaf der
Unschuld lauschend und Gottes Segen niederflehend auf das Haupt des
schlummernden Kindes? -- Und darber die rauschende Palme, das Bild
des Friedens? um sie her aber den stillen rauschenden Wald, und der
Sterne blitzende Schaar die Zeugen des erneuten Bundes? -- komm,
leise, leise da Du es mir nicht strst, das freundliche Bild. --
Wohin? -- nach dem Strand fhr' ich Dich -- hrst Du die Brandung
rauschen ber die Riffe hin? -- sie donnert ihre alte ewige Weise
unverdrossen fort, aber doch heimlicher, ruhiger heut' Nacht, als ob
sie selber sich scheue den heiligen Frieden zu stren, der auf der
wunderschnen Insel ruht, und wie des Mondes Scheibe dort oben ber
den Gebirgshang herbersteigt und sein Licht ber die See giet,
blitzt ihm die Brandungswelle im weiten silbernen Streif den Strahl
zurck. Komm, dort unten liegt mein Canoe, und jenes freundliche Licht
leuchtet uns auf unserer Bahn. So, steig nur ein und frchte sein
Schwanken nicht, der Luvbaum schtzt es vollkommen vor jedem
Umschlagen, jeder weiteren Gefahr, und durch die Corallenriffe hin
steuere ich Dich in dem scharfgebauten Kahn ber das Mond beleuchtete
Wasser anderen, wenn auch nicht so friedlichen Scenen zu.

Klares Wasser unter uns -- tief, tief liegt es dort unten in
purpurner Finsterni߫ und lichte glhende Punkte ziehen und blitzen
durch die geheimnivolle, dem Menschenauge noch unerschlossene Welt.
Dort unten baut der Korallenbaum nach rechts und links hinber seine
Wlle und Dmme, gegen die Jahrtausende die wilde Brandung schlgt,
und im Innern dort hat er sich sein stilles Haus gebaut und sein
cristallenes Dach gewlbt, und jetzt bei Nacht entzndet er die grnen
Lichter alle, und wie ein Feeendom blitzt es und strahlt's zu Dir
hinauf.

Die Sterne, wenn sie alt werden und sterben, fallen sie in's Meer,
sagt Dir der Indianer, und dort feiern sie ihre Wiedergeburt und
tanzen und werden wieder jung -- aber glaub's ihm nicht; tief unten
in dem Corallenwald, dessen eng und dicht verschlungene Zweige
neidisch das ihnen anvertraute Geheimni wahren wollen, tanzt das
frhliche Nixenvolk, das eigene Haar von blitzendem Licht
durchflochten, den frohen Reigen, huscht unter den Bumen hin, herber
und hinber, und fhrt hinauf und hinunter oft wie ein zndender
leuchtender Strahl. Und der trumende Fischer oben, der in seinem
Canoe liegt und staunend niederschaut in die ihm fremde wunderbare
Welt, sieht die Lichter und folgt ihrem Zucken und Schieen mit den
Augen, und glaubt auch manchmal da er unter, neben sich -- doch nein,
htt' er die Geister wirklich je belauscht, er wrde nie zum Strande
wiederkehren; nur an der Schwelle darf er stehen, wie die Natur uns
Alle auf der Schwelle lt, und keinen Blick erlaubt in ihr geheimes
wunderbares Wirken.

Weiter -- schau nicht zu lang hinab, Dich schwindelt; und siehst Du
den lichten Streif da drben, der schon zweimal herber und
hinberscho, und dort zu Hause scheint, wo der Corallenhang die
weiten Arme aufwrts wirft -- das ist ein Hai, der unserem Kahne
lauernd folgt -- ein Wchter seinen Gebietern da unten.

Sieh, am Bug kruselt und zischt die Fluth und aus dem silberglhenden
Schaum blitzt sie Diamanten gleich funkelnde knisternde Lichter aus
ber das ruhige Wasser, auf dem sie eine Weile rasten und dann
zerflieen. Mehr und mehr schwindet das Ufer zurck, und wir sehen den
Schatten der Palme nicht mehr in der klaren Fluth, wie sie den Wipfel
weit weit hinberreicht sich zu spiegeln, und Morgens die Thautropfen
niederzuwerfen in ihr eigenes Bild. Der Berg mit seinen gewaltigen
Umrissen tritt massenhaft hervor, und links von uns donnert und
schumt die Brandung und springt hher empor, und rollt lauter und
heftiger, als ob sie sich unserem Nahen widersetzen und uns
zurckscheuchen wolle aus ihrer Nhe.

Dicht an der Corallenbank hin gleiten wir -- so dicht, da wir mit dem
Ruder die hochaufzackenden starren Zweige berhren und Seeigel und
Stachelei in ihren schimmernden strahligen Betten im matten
Phosphorschein knnen liegen sehen -- schrfer kruselt das Wasser am
Bug und einen Gluthstreifen zieht hinter dem Canoe die aufgerhrte
Welle. Weiter -- von dsterer Nacht gedeckt, auf dem der Mond wie ein
Silberschleier liegt, und nur den eigenen Strahl zurckzublitzen
scheint, dehnt sich das waldbewachsene Ufer aus an unserer Rechten,
mit seinen dunklen Orangen- und Guiavenschatten, seinen
fcherbltterigen Pandanus und wehenden Palmen.

Weiter -- die aufgescheuchte Mve, die im raschen Kreisschwung ber
die Fluth streicht stt nieder nach dem dunklen Schatten des Canoes,
flattert zurck, kehrt wieder, und abschweifend in weitem gewaltigen
Bogen verschwindet sie in dem dmmernden Zwitterlicht, und nur der
scharfe Schrei tnt noch aus dunkler Ferne zu uns her, die Bahn
verrathend der sie jetzt folgt.

Sieh wie dster das Vorgebirge sich da hinauslagert in See, einem
riesigen Ungeheuer gleich das vom Gebirge niedergestiegen und sich
hier hineingeworfen in die klare Fluth, die heien Flanken zu khlen
und den lechzenden Schlund -- und das Brausen des Wassers -- ist es
doch fast als ob das schwere Athmen des Kolosses herbertne in langen
gewaltigen Pausen.

Daran hin gleitet der Kahn; so dicht -- durch die Palmen am Ufer
kannst Du das sdliche Kreuz erkennen, wie es sich um des Sdpols Axe
dreht -- und dort drben die Lichter? dort liegt die Grenze unserer
Poesie -- die Compalichter sind's der im Hafen ankernden Schiffe, und
in den offenen Luken liegen eherne Feuerschlnde, wie schlafend jetzt
im Bau, jeden Augenblick aber bereit die eisernen Todesboten
hinberzusenden an diese stillen Ufer.

Unter jenem stolzen Schiff fahren wir hin -- der Talbot ist's -- und
der Mann dort, der das Kinn auf den Arm gesttzt, trumend nach uns
herberschaut der wachthabende Matrose, der schon lange das nahende
Boot beobachtet hat, und heimlich den Kopf schttelt was die stillen
Ruderer hier drauen in der Bai thun so spt in der Nacht. Wie stolz
und symmetrisch die Masten, mit ihrem spinnewebartigen Gewirr von
Tauen und Stagen scharf und klar abzeichnen gegen das hellere
Firmament, und wie leicht und elastisch der stattliche Bau auf dem
Wasser ruht, der Mve gleich die schlummernd die weiche Woge gesucht,
sich in Schlaf zu schaukeln durch die stille Nacht.

Und da drben? -- der schlanke wespenartige Bau kndet ein anderes
Kriegsschiff, die ~Jeanne d'Arc~, bedroht wie es fast scheint von dem
Talbot hier und dem Vindictive da drben, jenem gewaltigen Kolo, der
die Mndungen seiner Kanonen auch hier herber gerichtet hlt; aber
die Zhne gerade so weisend wie der strkere Feind und mit
entschlossenem Trotz liegt die Corvette still und ruhig in so
gefhrlicher Nachbarschaft, und mit der Morgensonne grt nicht
rascher der erste Strahl die stolzen Flaggen Albions, als ihre drei
Farben lustig im Winde flattern.

Welch ein eigenes wunderliches Bild in der Fluth da unten, wie die
Schatten der dunklen Raaen herber und hinberziehen, und die Sterne
ihr Bild daneben suchen in dem unheimlich dsteren Wasserspiegel.

Horch auf dem Kriegsschiff tnen die Schlge einer Glocke, sechs
Glasen schlgts, es ist elf Uhr, und kaum hat die Glocke der
Ankerwinde, vorn auf dem Vorcastle des Vindictive dem Compaschlag
geantwortet, als in rascher Reihenfolge, die ~Jeanne d'Arc~ mit dem
Talbot zu gleicher Zeit, und nach ihnen alle Schiffe in der Bai die
Stunde schlagen. Alles ist wieder still und ruhig wie vorher, so
lautlos liegt die Nacht auf dem kaum athmenden Meer, da man den
Schritt der einzelnen Wache auf dem nchsten Deck des franzsischen
Kriegsschiffs deutlich hrt, und das leichte Summen einer heimischen
Melodie tnt leise, mit dem regelmigen Gang, zum Takt ber das
Wasser. Da beginnt noch ein Schiff die versumte Zeit langsam
nachzuschlagen -- die franzsische Schildwacht lacht, und zhlt, mit
Singen einhaltend, die schlfrigen rauhen Schlge einer gesprungenen
Glocke.

Von dort her kommen sie, von dem Wallfischfnger der gerade in unserer
Bahn liegt, und der Mann der die Wacht hatte schlief so sanft in Lee
vom Boot und trumte so s, als das Schlagen der Glocken wieder und
immer wieder zu ihm herbertnte. Eins, zwei, drei, vier, fnf, sechs
-- erst fein und dann tief -- er zhlte sie von _allen_ Schiffen, und
als wieder Alles still und ruhig geworden, und er in seinem Halbschlaf
lange gewartet hatte da die klappernden Tne seines eigenen faulen
Schiffes, der einst so rstigen ~Kitty Clover~, wie immer den Nachtrab
aufbringen sollte, da erst fiel es ihm ein da er selber heute das Amt
habe die alte lebensmde Glocke sprechen zu machen, und mit einem
leise gemurmelten Fluch suchte er sich zusammen, stand auf und den
Klppel anziehend da er im Miton sechsmal gegen die geborstene Seite
drhnte, brummte er bei jedem traurigen Schlag:

Verdamme Dich -- altes -- geborstenes -- klapperndes -- schnarrendes
-- Lrmeisen Du! S'ist ein Skandal fr die ganze Nachbarschaft,
setzte er dann knurrend hinzu, als er den Lagerplatz wieder suchte
unter dem Boot, den Mondstrahlen wenigstens aus dem Weg zu gehen, und
nicht aufzuwachen am andern Morgen mit geschwollener Physionomie.

Der Mond fllt jetzt voll und licht gegen die Flanke des schmutzigen,
von Rauch und Theer geschwrzten, thranigen Fahrzeugs der ~_Kitty
Clover_~ -- die Segel die gestern zum Trocknen gelst worden, hngen
halbaufgegeit, die breiten Theerstreifen der Reefer zeigend[H] an den
Raaen; die kurzen Masten mit dem breiten Sitz fr den Ausguck darauf,
die Boote aufgezogen und mit Cocosblattmatten dicht bedeckt, die heie
Sonne ber Tag davon abzuhalten, das zerfetzte Kupfer am Bug, das
Zeichen einer langen Reise, Alles kndet das Geschft des
Wallfischfngers, und doch liegt er hier trge und faul, mitten fast
in der guten Jahreszeit, zu ruhen und trumen, statt im Norden oben
den Fischen aufzulauern und seinen Rumpf zu fllen.

Dicht unter seinen Krahnen gleiten wir hin, und freier dehnt sich die
Bai hier vor uns aus. -- Siehst Du da drben die kleine Palmen
bewachsene Insel, links der Einfahrt zu? -- ~Motuuta~ ist's, der
Knigssitz der Pomaren, der stille Zeuge ihrer frheren Macht und
huslichen Glckseligkeit. -- Vorbei; so ist die Zeit der Pomaren,
vorbei; ihre Macht ist zum Spott geworden zwischen Englndern und
Franzosen; zum Spiel, um das beide Nationen vielleicht mit
Kanonenkugeln wrfeln, oder es auch dem einen Gegner, als nicht der
Mhe werth des Streits, freiwillig berlassen.

Weiter -- aus den dunklen Schiffen heraus, deren dstere Rumpfe lange
Schatten werfen, und das weiche Mondlicht um sich her einzusaugen
scheinen, gleiten wir vor. Funken sprhend ordentlich in der
elektrischen Fluth, schieen wir dahin, das leichte Ruder den
scharfgebauten Kahn fast ber die Welle hebend die ihn trgt. Da
drben liegt der Strand -- weit und silbern dehnt sich der
mondbeschienene Muschelkies und blitzt und funkelt, und die Woge
quillt auf dagegen und saugt und breitet darber hin, zurckweichend
nur den funkelnden Schaum ihm lassend, der in Atome auseinanderfliet.

Erreicht haben wir jetzt das lange niedere, palmenbewachsene Land, den
rechten Arm der Bai, die ihn schtzend vorhlt gegen den Passat, und
kleine hochgebaute Gerste laufen ein Stck hier in See hinaus, von
dem sandigen Strand ab, Seebooten auch bei niederem Wasserstand die
Anfahrt zu gestatten.

Aber was braucht das Canoe solcher Hlfe, das schattige Ufer zu
erreichen? -- risch hin, mehr ber wie durch das Wasser schiet's auf
der klaren Fluth, und das Ruder das es vorwrts treibt, hebt es und
zwingt es, selbst ber Coralle und Sandbank fort, dem weien
Muschelkies entgegen. Bambusstbe sind hier berall dem Grund
eingestoen, ein Zeichen fr Fischer und Boote von tieferem Wasser;
mitten zwischen ihnen durch springt das Canoe, und wie die aufgebogene
Spitze in vier Zoll Wasser den Sand berhrt, hebt sich das schlanke
Boot und sitzt fest. -- Nur hinaus, ob uns das warme salzige Na den
Fu auch netzt, am Cocosbasttau ziehen wir den Kahn hoch hinauf auf's
trockene Land, da ihn die rckkehrende Fluth nicht hebt und
fortfhrt, und durch der Grten schattiges Grn, durch die der
Mondenstrahl nicht einmal zur Erde dringt, fhre ich Dich einen
Schleichweg hinauf zu heimlichem Platz.

Reich' mir die Hand hier, denn der Pfad ist schmal, und dort gleich
hinter der Bananen letzte Reihe, denen der Brodfruchtbaum noch
Schatten giebt, beginnt das Dickicht der Guiaven, und ber dem Pfad
reichen die niederen Bsche sich die Zweige traulich herber und
schlingen die Arme fest in einander, tiefer und tiefer niederdrckend
in den Weg, bis des Menschen Hand, mit scharfem Stahl bewehrt, wieder
eine neue Bahn abzwingt den zudringlichen. Weiter -- halte Dich fest an
mich und hebe den Fu, denn alte niedergebrochene Cocosnsse und
Hlsen decken den Boden und -- was Du zertratst, und was unter Deinem
Fue wich? -- reife Guiaven sind's, die den Boden hier decken, kehre
Dich nicht an sie, ber und neben Dir wachsen mehr, und jetzt --
siehst Du das Licht dort durch die Zweige blitzen? hrst Du die
gellenden Tne keifender Menschenstimmen? -- wir sind am Ziel und ich
fhre Dich jetzt ein bei _Mtterchen Tot_.

FOOTNOTES:

[H] Die Wallfischfnger, um Nachts nicht zu viel Fortgang mit ihren
Schiffen zu machen, und Fischen vielleicht vorbeizulaufen, reefen
meist Abends ihre Segel, und da die Leute den Tag ber Thran auskochen
und voll Fett sind, so machen sie auch Fettflecke in die Segel, auf
denen sie zum Einbinden liegen.




Capitel 8.

#Mtterchen Tot's Hotel.#


Tief in den Guiaven versteckt, und etwa nur vier-oder fnfhundert
Schritte von den uersten Husern von Papetee entfernt, lag eine der
gewhnlichen lang-ovalen niederen Bambushtten dieser Inseln, mit
Pandanusblttern gedeckt, und wenig mehr anderem Hausgerth, als ein
paar eisernen Kesseln und einem Dutzend oder mehr niederer, halb
ausgehhlter Schemel, die den Eingeborenen ber Tag zum Sitz, und ber
Nacht zum Kopfkissen dienen.

Die Wnde waren brigens, statt dem Luftzug freien Raum zu gnnen wie
in den gewhnlichen Indianischen Husern, mit dnnen Bastmatten fast
berall verhangen, und der Wrme wegen konnte das nicht gut geschehen
sein, denn gerade dieser Platz htte einer frischen Zugluft eher
bedurft, wo das Guiavendickicht wie eine Mauer fast den engen, darin
ausgehauenen Hof und Hausraum umschlo; aber der Besitzerin dieses
Platzes lag mehr daran ungestrt und von neugierigen unberufenen Augen
nicht belstigt zu sein, als frische Luft zu haben -- obgleich sie
deren Wohlthat wohl auch zu schtzen verstand.

Die Wnde, wenn man das mit Bast berhangene Gatterwerk berhaupt so
nennen darf, waren auch weiter durch Nichts belstigt was etwa einen
besonderen Reichthum der Inwohner htte anzeigen knnen; an der einen
Seite hingen nur ein paar alte Kattun-Ueberwrfe, abgenutzt und
geschwrzt durch die Jahre sowohl wie auch vielleicht den Rauch der
Htte, neben diesen aber und unter einer langen Reihe ausgeschliffener
Cocosnuschalen, die die Stelle von Trinkbechern versahen, paradierte
ein alter, einst wei gewesener, aber jetzt in jede mgliche, wie
unmgliche Form hineingedrckter Filzhut, der in besseren Tagen
vielleicht einmal den pomadisirten Kopf eines Dandy im lustigen alten
England geziert, jetzt aber verdammt war, seine Tage in
Cocosnulqualm und Guiavenholzrauch in einer Tahitischen Htte zu
vertrumen.

So kahl brigens die Wnde dreinschauten, so toll und wild stand alles
mgliche Geschirr und Gerth in den Ecken herum. Kalebassen, die auf
diesen Inseln den Bewohnern gewhnlich zu Kommoden, Koffern,
Hutschachteln, Arbeitskrben, Speisekammern, Toiletten und Gott wei
was sonst noch dienten, waren in Masse vorhanden, und hie und da eine
ber die andere geschichtet; dabei lehnte, zwischen ein paar Besen,
einer Harpune und einem Ruder, eine alte rostige Flinte mit
Feuerschlo, und darber, aber so versteckt hinter den Matten, da es
nur von einzelnen Theilen der Htte aus gesehen werden konnte, war ein
schmales kleines Bret befestigt, auf dem ein paar Bcher, und oben auf
eine dickleibige abgegriffene Bibel lagen.

Interessanter und mannichfaltiger erwiesen sich aber jedenfalls die
Bewohner wie gegenwrtigen Insassen dieses abgelegenen Platzes, den
viele der Indianer sogar in aberglubischer Furcht mieden, weil sie
Mtterchen Tot, wie die Eigenthmerin von den Matrosen gewhnlich
nur schlichtweg genannt wurde, in dem Besitz bernatrlicher Krfte
glaubten, und allerdings rechtfertigte ihr Ansehen eine solche
Vermuthung, wenn berhaupt auf irgend ein menschliches Wesen
anzuwenden, vollkommen.

Mtterchen Tot war ein Charakter, und Niemand betrat ihr Heiligthum
zum ersten Mal, ohne eine gewisse Scheu und Ehrfurcht zu empfinden,
die selbst den Rohsten beschlich -- aber ihr ehrwrdiges Aussehen trug
wahrlich nicht die Schuld dabei.

Mtterchen Tot war brigens -- ehe ich den Leser mit ihrem
_uerlichen_ Menschen, dem Anzug, bekannt mache -- in Europa und zwar
in dem Reiche ihrer Grobritannischen Majestt vor langen, langen
Jahren geboren, Niemand aber konnte mehr an ihrem Dialekt erkennen ob
in dem bevorzugten England selber, dem ~bonnie~ Schottland oder der
grnen Insel, wie Irland von seinen poetischen Kindern genannt wird.
Sie mischte Alles durcheinander und ihre Sprache hatte dabei, durch
den langen Aufenthalt auf den Inseln, fast eben so viel Worte von
diesen angenommen, da, wer nicht Tahitisch oder wenigstens eine der
Polynesischen Sprachen verstand, den Schlssel zu all' den
wunderlichen Ausdrcken zu haben, kaum im Stande gewesen wre Sinn
oder Verstand in ihre Rede zu bringen. Die Indianer und Fremden kamen
noch am leichtesten darber hin, die ersteren glaubten sie sprche
Englisch, die anderen hielten es fr Indianisch.

In ihrer Jugend nun aus ihrem Vaterland, wie die bse Welt behaupten
wollte, nach Sydney deportirt, war sie von dort auf einem Englischen
Wallfischfnger entwichen, oder eigentlich von dem Capitain
desselben, den ihre Reize bestrickt haben mochten (denn Leute die
Jahrelang drauen in See herumfahren sind nicht immer whlerisch)
entfhrt worden. Der Capitain riskirte damals Zuchthaus, aber was
riskirt die Liebe _nicht_, und setzte spter die junge Dame, als er
heimwrts fuhr und in solcher Begleitung doch nicht in einen
Englischen Hafen wieder einzulaufen wnschte, auf den Sandwichs-Inseln
ab, dort ihr Fortkommen, was ihr auch vollkommen gelang, weiter zu
suchen.

Mtterchen Tot's Memoiren wrden jedenfalls hchst interessante Daten
liefern, knnte sie nur eben veranlat werden nher auf sie einzugehn;
sie sprach aber nie ber ihre Vergangenheit, und das einzige
Individuum, das vielleicht noch darber, wenigstens ber einen Theil
derselben, Auskunft htte geben knnen, und auf das ich gleich nachher
zurckkommen werde, durfte nicht.

Soviel ist gewi, in der Gruppe der Sandwichs-Inseln hatte sie sich
lange Zeit aufgehalten, und bald auf Oahu bald auf Hawai, gehaust, war
dann mit einem Sandelholzfahrzeug nach den Freundlichen und
Navigators-Inseln gegangen, und hatte dort zuerst angefangen eine
kleine Wirthschaft zu grnden, in der sie besonders Matrosen
beherbergte, und ihnen berauschende Getrnke verkaufte, um die sie,
wie um manches Andere, bei ihr wrfeln konnten. Von dort streifte sie
nach Neu-Seeland hinber, wo sie wieder lange Jahre blieb, sich aber
von hier eine Sttze ihres Alters, wie sie einen kleinen einugigen
Irischen Schuhflicker nannte, der von jetzt ab bei ihr blieb,
mitbrachte.

In Neu-Seeland hatten sie die Missionaire vertrieben und auf ein
Schiff gepackt, das sie Beide in der Samoagruppe landete, und hier
bewogen die Missionaire ebenfalls wieder einen Capitain das, ihnen
keineswegs freundlich gesinnte Wesen an Bord zu nehmen und diemal,
aus ihrem Bereich ganz und gar hinaus, den Gambiers-Inseln zuzufhren,
wo sich die Katholiken schon seit lngeren Jahren festgesetzt hatten.
Ein Typhoon aber, der das Schiff fate und entmastete, strandete es an
Raivavai, und Mtterchen Tot fand wieder mit ihrem getreuen Begleiter
den Weg nach Tahiti, das ihr, als Mittelpunkt aller Europer fast in
der Sdsee, die besten Geschfte und durch den Zwiespalt der
Protestantischen Missionaire mit den Katholiken, auch jedenfalls eher
eine sichere Ruhesttte wie irgend eine andere Insel versprach, wo nur
eine oder die andere Sekte allein gehaust, und dann auch geherrscht
htte.

Dem kleinen Irischen Schuster war das Alles gleichgltig; auch er
hatte brigens eine Vergangenheit, die in Sydney ihren
Culminationspunkt, den Felsen gefunden, zu dem hingetrieben das
Bchlein seines Lebens wild und toll genug gesprudelt hatte, bis es
mit dem gewaltigen Sturz in die Tiefe, die ersten Convulsionen nur
einmal vorber, wieder seine vllige Ruhe, wenn auch nicht Klarheit
erlangt hatte.

Murphy -- er wute selber nicht ob er je noch einen anderen Namen
gehabt -- war ebenfalls Einer jener wahren Patrioten die ~had left
their country for their country's good~ (zum Besten der Heimath, die
Heimath gemieden). _Wie_ er damals seine Freiheit wieder erlangt blieb
sein Geheimni, soviel aber ist gewi, da er in dieser Zeit gerade
aufhrte ein Katholik zu sein, und das Studium der Bibel mit einem
Eifer begann, der ihm die Bewunderung der Protestantischen
Geistlichen, in deren Wirkungskreis er kam, htte sichern mssen,
htten diese nur eben zu ihm gelangen knnen, Zeuge seiner wirklich
angestrengten Thtigkeit zu sein. Wunderbarer Weise benahm er sich
aber bei diesem Studium fortwhrend als ob er irgend ein entsetzliches
Verbrechen beginge, und in steter Furcht und Todesangst lebe dabei
ertappt zu werden. Witterte er einen Geistlichen in seiner Nhe (und
die frommen Mnner machten sich manchmal die Freude ihn und seine
Gefhrtin aufzusuchen, obgleich sie Beide lieber gehen als kommen
sahen, denn sie verzehrten nicht allein Nichts, sondern suchten nur
umher, Grund zur Anklage zu finden) so konnte Mtterchen Tot nicht
rascher bei der Hand sein eine vereinzelte Branntweinflasche zu
verbergen, die sich vielleicht in zu unerlaubter Nhe bei einem
Eingeborenen befand, als Murphy auch mit seiner Bibel in die nchste
Kalebasse hineinfuhr, und Alles darber deckte, was ihm gerade unter
die Hnde kam. Wenn er dabei die ganze Woche nicht an Arbeit gedacht,
fate er jetzt gewi den ersten besten Schuh auf, der ihm unter die
Hnde kam, und fing an daran herum zu schneiden und zu stechen und zu
nhen, als ob sein Leben an seiner Eile hinge.

Mtterchen Tot behandelte ihn dabei auf das Herabwrdigenste, und kein
Schimpfwort gab es auf Englisch, Irisch, Glisch oder Schottisch, wie
in irgend einer der bekannten Polynesischen Sprachen und Dialekte, das
sie nicht schon an ihm abgestumpft, kein Gerth in ihrem ganzen Haus,
das sie nicht schon, bei irgend einer feierlichen oder unfeierlichen
Gelegenheit, nach seinem Kopf geschleudert htte. Vor allen andern
aber war es die heilige Schrift selber auf die sie es in ihrem
schlimmsten und gefhrlichsten Zorn abgesehen, und die sie dann im
Fall eines Streites mit ihrem hchst sanftmthigen _Gatten_ (wenn ich
diesen ungerechtfertigten Namen berhaupt gebrauchen darf) hufig aus
der Hand ri und an den Kopf warf. Ja sie hatte schon mehrmals gedroht
das ganze heilige Buch bei der nchsten passenden Gelegenheit -- und
die Gelegenheit war eigentlich immer passend -- zu verbrennen;
wunderbarer Weise hielt sie aber immer eine eigene Scheu, die sie sich
aber nie selber eingestehen mochte, und jedenfalls mehr in einer
aberglubischen Furcht wie irgend einem religisen Sinn wurzelte,
davon ab ihre Drohung auszufhren, whrend Murphy, der ihr doch nicht
so recht trauen mochte, seinerseits Alles that ihr das Buch, wenn er
ja einmal die Htte verlie, aus den Augen zu bringen, und Kalebassen
und Ecken unaufhrlich damit wechselte. Nur bei vollkommenem
Waffenstillstand lag es, wenn nicht gebraucht, auf dem kleinen
Bcherbret auf einem Haufen verschiedener Trakttchen von Migkeits-
und Bibelverbreitungsvereinen in Tahitischer Sprache, und Murphy hatte
seinen Sitz so gestellt, da er das Buch fortwhrend dabei im Auge
behielt.

Ich sagte vorhin da Mtterchen Tots Aeueres gerade nicht dazu dienen
konnte besondere Ehrfurcht einzuflen, und allerdings war sie, was
ihre uere Erscheinung betraf, nichts weniger als eitel. Zwischen 50
und 70 Jahren, denn wunderbarer Weise hielten Schmutz und Runzeln
ihre Zge mit einem solchen Schleier berzogen, da man sie bald dem
einen, bald dem andern nher glaubte, hatte sie einen gewhnlichen
~pareu~ von einst grellrothem aber jetzt verblichenen Kattun, mit
breiten hochgelben Streifen, um die Hften geschlagen, und am Tag trug
sie ein dem hnliches Obergewand, das ihre drre Gestalt in weiten
Falten umhing; Abends aber, wenn die khle Seebrise ber die Kste
strich, obgleich sie die, von den Guiaven frmlich eingeschlossene
Htte doch nicht erreichen konnte, wurde es dem ein heies Klima
gewhnten Mtterchen zu khl, und sie zog einen alten erbsgelben
schmutzigen Mnner-Oberrock, der frher einmal lange Haare gehabt
haben mochte, ber ihr Kattunkleid, und knpfte die zwei Knpfe, die
ihm noch geblieben, fest zu bis unter den Hals. Der Rock ging ihr
dabei bis tief ber die Knie nieder, und da seine Taschen ebenfalls
tief saen, in deren einer sie den einzigen Genu aufbewahrte, den sie
sich auer dem Brandy gnnte, ihre Schnupftabaksdose, so hatte sie nur
mit dieser Unannehmlichkeit zu kmpfen, da sie so tief nach der ihr
unter den Hnden fortweichenden Tasche niedertauchen mute, und sich
gewhnlich endlich gezwungen sah, ihre andere Hand auch noch mit zu
Hlfe zu nehmen, das scheue Taschenfutter zurckzuhalten.

Den Hals trug sie blos, und auf dem Kopf einen alten Strohhut, wie er
in ihrer Jugend wahrscheinlich einmal das Ziel ihrer Wnsche gewesen
-- das Alter hatte sich daran festgeklammert, und unter den breiten,
wunderlich geformten und mit ein paar knstlichen, aber selbst in der
Kunst verblichenen und zerdrckten Blumen geschmckten Seitenwnden
desselben hingen die grauen langen Haare wirr hervor.

Der Hut diente ihr gegen Sonnenbrand und Zugluft, am Tag wie Abends,
bis sie ihr Mattenlager in einem Winkel der Htte suchte, ber das sie
jedoch ein weites und gut in Stand gehaltenes Mosquitonetz gespannt
lie; der Rock jedoch war unstreitig nicht ihr Eigenthum, oder wenn
doch, jedenfalls nur getheiltes, und Murphy, der wahrscheinlich
frhere Besitzer schien seine Ansprche daran keineswegs aufgegeben zu
haben. Abends oder in Zeit der Khle, bei Regenwetter oder sonstigen
Witterungsfllen, wo berhaupt das Tragen eines solchen Rocks unter
dieser Breite eine Entschuldigung fand, und nur den geringsten Grad
von Befriedigung gewhren konnte, hatte sich freilich Mtterchen Tot
darin eingeknpft, und wollte Murphy dem Rechte des Besitzes nicht
ganz entsagen, so mute er den Sonnenschein benutzen -- und das that
er auch. -- Jeden Tag wenigstens einmal, machte er den verzweifelten
Versuch in den Rock einzufahren, und darin auszuhalten, und blieb
darin zum Erstaunen aller, etwa in der Zeit eintreffenden Gste, bis
ihm das Wasser am ganzen Krper herunter lief, und er das nutzlose
Kleidungsstck von den Schultern ri, aufpackte, zusammenrollte und
versuchte in eine Kalebasse zu zwingen, was er nach einer Weile
ebenfalls wieder aufgab, und sich dann seufzend an seine Bibel setzte
-- und der Rock blieb in der Ecke so lange liegen bis es Abends khl
wurde und ihn Mtterchen Tot wieder brauchte.

Auerdem trug Murphy ein paar sehr abgenutzte Sommerhosen, von irgend
einem farblosen dnnen Stoff, ein baumwollenes Hemd, eine
gelbgestreifte Weste, statt der fehlenden Knpfe an den betreffenden
Stellen mit Bast zugebunden, und eine durch den Jahrelangen Gebrauch
schon total schwarz gebrannte Thonpfeife, die aber gewissermaen mit
zu seinem Anzug gehrte, und ohne die er eben so leicht erschienen
wre, wie ohne die Hosen oder die Weste. Nur der alte Filzhut schien
zum Staat an der Bambuswand zu hngen, und obgleich er ihn regelmig
abwischte, den Staub davon zu entfernen, erinnerte sich noch Niemand
ihn je darunter gesehen zu haben. Bei Murphy waren die Kleidungsstcke
alle in der Mitte, an Kopf und Beinen ging er barfu.

Murphy war Schuhmacher, aber natrlich nur fr Europer, denen er
altes Schuhwerk ausbesserte oder, wenn sie ihm das Leder dazu
lieferten, auch Neues fertigte, und wenn die Missionaire ihn und seine
Begleiterin schon gewi lange, des unerlaubten Verkaufs spirituoser
Getrnke wegen, weiter geschickt, es wenigstens nicht so unter ihren
Augen geduldet htten, so erwies sich der kleine einugige Irlnder
doch auch wieder so ntzlich, ja manchmal sogar unentbehrlich in
_dieser_ Hinsicht, da sie das andere Auge zudrckten und ihn lieber
duldeten als sich in den Fall gesetzt sehen wollten ihre Kundschaft
einem dort krzlich hingezogenen _katholischen_ Schuhmacher
zuzuwenden. Murphy fhlte auch eine gewisse Verehrung fr diese
Mnner, die ihm, weniger vielleicht durch ihr sonstiges Wesen und ihre
Predigten, als durch ihre fabelhafte Kenntni der Bibel imponirten,
und bediente sie stets auf das prompteste. Da aber geschah es -- wie
berhaupt bei vielen anderen Gelegenheiten -- wo er mit Mtterchen Tot
auf das bsartigste zusammenkam, denn wenn sie irgend etwas hate auf
der Welt, so war es, ihren eigenen Worten nach, ein schwarzrckiger
Missionair. Oeffentlich durfte sie aber freilich Nichts gegen sie
unternehmen, als hchstens schimpfen wenn sie sich unter ihren
Freunden befand, aber heimlich lie sie auch dafr keine Gelegenheit
verstreichen ihnen irgend einen Schabernak zu spielen, und die
zerbrochenen Brandyflaschen welche die frommen Mnner nicht selten
Morgens in ihrem Garten fanden, waren Kleinigkeit gegen die scharfen
Zwecken die sie ihnen sicher irgendwo in die Sohlen trieb, wenn Murphy
nur die Augen von einem fertigen Schuh verwandte. Nur der alleinige
Mangel an Concurrenz war im Stande gewesen, dem kleinen Iren die
Kundschaft bis jetzt zu erhalten.

Mtterchen Tot's Hauptgeschft war eigentlich der _verbotene_
Brandyverkauf an die Indianer, den sie, trotz Consuln und
Missionairen, trotz Spioniren und Wachen der Kirchenvorstnde in
vollem ununterbrochenen Gang zu halten wute, und dabei eine Menge
Geld verdiente, von dem kein Mensch wute wohin es kam, und dessen
Versteck aufzufinden selbst Murphys Scharfsinn bis jetzt entgangen
war. Von den Indianern bekam sie nur theilweise baar Geld, das jene
von den Europern fr Produkte gelst, aber sie nahm auch alles
Andere, Cocosnsse und Frchte, se Kartoffeln, Hhner, Ferkel,
Matten, Tapa, Cocosl, Perlmutterschaalen, Perlen; was ihr gebracht
wurde, es war einerlei, und sie wute es wieder zu den hchsten
Preisen an die Schiffe, von denen sie ihre Spirituosen bezog,
abzusetzen. Auch zu dem Schmuggeln derselben hatte sie wieder ihre
besonderen Leute, groentheils unter den Europern, und diese gerade
waren wiederum mit ihre beste Kundschaft. Doch wir finden noch eine
hbsche Gesellschaft in Mtterchen Tot's Hotel, wie die Bambushtte
von ihren Gsten sowohl wie ganz Papetee genannt wurde, versammelt,
und die alte Dame selber in bester Laune, denn gerade heute war ihr
wieder ein guter Wurf gelungen, und eine ganze Parthie neu
eingefhrten Rum und Brandys glcklich in ihrem Versteck geborgen
worden, was sie auch wohl mit der klug benutzten politischen Aufregung
zu danken hatte, die beide Partheien zu viel beschftigte ihre
Aufmerksamkeit so vollkommen dem sonst scharf genug bewachten Strande
zuzuwenden.

In der Mitte des Hauses stand auf einem leichten Bambusgestell eine
ziemlich tiefe kleine eiserne Pfanne in der, aus dem flssigen
Cocosnul heraus, ein riesiger Docht flammte; auf dem nackten Boden
aber umher waren verschiedene kleine Feuer angemacht und mit faulem
Holz oder feuchtem Laub beworfen, nur um Qualm zu erzeugen und die
Abends ziemlich lstigen Mosquitos fern zu halten. In diesem Rauch,
und bei dem ungewissen Licht des flackernden Dochts saen, oder
kauerten vielmehr auf den niederen Sesseln, zehn oder zwlf Mnner,
Weie und Indianer, mit drei oder vier Indianischen Mdchen zwischen
sich, in buntem Gemisch zusammen, whrend im Kreis zwischen ihnen eine
noch halb volle Flasche herumging, aus der sich Jeder, wenn er Bedarf
fhlte, die vor ihm stehende Cocosschale fllte und die Flasche dann
weiter schickte. Mrs. Tot sa unfern davon, wieder in Murphys weien
Rock eingeknpft, auf einem ordentlichen Rohrstuhl, der sie den ganzen
Kreis bequem berschauen lie, und Murphy selber lehnte in seinem
gewhnlichen Winkel, wo er ein besonderes Licht in einer
Cocosnuschale brennen hatte, drckte den Kopf an die Wand und schlief
-- in wiefern das Schlaf genannt werden konnte, wenn sich Jemand mit
geschlossenen Augen, nur blindlings, aber ununterbrochen, der auf ihn
einstrmenden Mosquitos zu erwehren suchte.

Die Unterhaltung war indessen lebendig genug gefhrt worden, hatte
aber meist gleichgltigen Gegenstnden gegolten, in die die Mdchen
hinein lachten und tollten, den Mnnern die Flasche wegnahmen und sie
versteckten, und sogar Murphy in seiner Ecke mit einer Feder unter der
Nase kitzelten, was ihn zwang entsetzliche Gesichter zu schneiden und
mit den Hnden, zu ihrem unbeschreiblichen Ergtzen, rasch und heftig
nach dem angegriffenen Theil zu fahren. Sie blieben dabei immer zu
windwrts von ihm, wie sie's in ihrer Sprache nannten, d. h. an
seiner blinden Seite, an der sie am wenigsten eine rasche Entdeckung
zu frchten hatten, und trieben es so arg mit ihm, bis er zuletzt,
ohne jedoch seine listigen wie boshaften Qulerinnen zu entdecken,
munter wurde, sich die Augen (selbst das blinde dieser Operation
unterwerfend) ausrieb, und mit einem halblaut gemurmelten Fluch auf
die Mosquitos seine Lampe wieder ein wenig auffrischte, da sie heller
brannte.

Und Ihr, O'Flannagan, mein Juwel, mischte sich jetzt die Alte
hinein, die auf dem Stuhl zusammengekauert, die Fe halb
heraufgezogen und die zusammengeschlagenen Arme gegen die Knie
gelehnt, dem Gesprch theils behaglich zugehrt, theils das Kreisen
der Flasche beobachtet, auch wohl einmal aufmerksam ber den Lrm
hinbergehorcht hatte, ob sie drauen kein verdchtiges Gerusch
vernehme -- Ihr wollt jetzt wieder eine Zeitlang auf der sen Insel
bleiben? -- segne Euere Augen Kind, Ihr httet zu keiner gelegneren
Zeit herber kommen knnen, im ganzen gebenedeiten Kalenderjahr --
lat mir jetzt den Narren da drben zufrieden, Ihr Dirnen, oder ich
hetze ihn ber Euch, g'rad wenn er aufwacht -- Wespenzeug.

Hallo Mutter Tot ist heute Abend bser Laune, rief Eine der Mdchen
trotzig -- sollen wohl ruhig hier sitzen im qualmigen Nest -- ehrbar
wie in der Predigt? Kommt Waihines, drauen im Freien ist's besser,
lat sich die Schildkrte am Feuer ruchern. Und lachend, die Melodie
ihres Tanzes trllernd, zu dem sie mit den Fen den Takt schlug,
sprang sie, von den brigen begleitet, denen der grte Theil der
Matrosen ebenfalls, theils fluchend theils lachend folgte, hinaus in's
Freie.

Das glaub' ich, Mtterchen; brummte inde unser alter Bekannter vom
Strande, ohne sich weiter um den Lrm der Fortspringenden zu kehren,
natrlich, um gleich wieder die paar kaum verdienten Schillinge, und
wer wei was sonst noch, zu riskiren, Dir Deinen Wintervorrath an
Bergthau einzulegen?

Bah, Mann, es war keine Kunst den Branntwein an Land zu schaffen,
brummte aber die Alte kopfschttelnd, und das Geld diemal mit Snden
verdient -- kein Mensch schaute danach, und ich htte ihn selber
wollen im Canoe an Land und hier herauf bringen, wenn der Narr von
einem Schuster da in der Ecke nur fr irgend was anderes noch, als
auseinandergegangenes Leder zu flicken, gut wre.

Murphy, der munter genug geworden war die letzten Worte wie ihre
schmerzhafte Anspielung zu verstehen, knurrte nur etwas in den Bart,
erwiederte aber Nichts, und fing sich an seine Pfeife zu stopfen, mit
der er von da an langsam aber sicher der Nhe der Flasche zu
arbeitete, vor allen Dingen einmal in Armes Lnge von ihr zu kommen,
und das Weitere dann seinem guten Glck zu berlassen, denn die Alte
gnnte ihm keinen Tropfen ihres Getrnks, da sie als ihre
Privatspeculation betrachtete, wenn er nicht eben so gut wie jeder
Andere dafr bezahlte.

Haha Mtterchen, lachte aber sein Landsmann, ohne sich die Mhe zu
nehmen nach dem bezeichneten Individuum umzuschauen -- nun die Arbeit
gethan ist wollt Ihr sie herunter setzen, ich sage Euch aber da Ihr
Euch bald die Zeit wieder herbeiwnschen werdet wo sie Euch aufpassen
bis unter Euer Mosquitonetz, denn wenn die Franzosen hier doch noch
die Ueberhand kriegen, wird der Branntwein so billig wie der
Limonensaft, und der Kanaka kann ihn am Strand trinken, im offenen
Tageslicht.

Wenn die Wi-Wis nur der Henker holen wollte, knurrte die Alte, die
heimlich diese Besorgni schon lange theilte, aber die Englischen
Eisenseiten halten ihnen den Daumen auf's Auge, und ich werde ja den
Tag noch erleben, wo wir sie hinaustreiben sehen aus der Bai, wie eine
Schaar rudiger Hunde.

Puh, lachte Einer der schon halb angetrunkenen Indianer, indem er
von seinem Sitz hinunterrutschte, und sich, den Schemel unter den Kopf
schiebend, lang ausstreckte und dehnte zwischen die Trinker -- puh,
die Beretanis nehmen den Mund voll -- sie sind lauter Worte und kein
Brandy -- morgen frh kein Schiecanoe mehr im Hafen.

Unsinn, Du Saufaus, schimpfte aber die Alte, einen mrrischen Blick
nach ihm hinberwerfend, was weit _Du_ von den Schiecanoes, da Du
Deine Zunge mit hineinhngst wenn vernnftige Leute reden.

Was ich von den Schiecanoes wei? lallte aber der Insulaner -- bin
d'ran vorbeigefahren heut Abend -- Toatiti ist nicht blind.

Der Bursche hat am Ende nicht so ganz Unrecht, meinte O'Flannagan
kopfschttelnd -- der ehrwrdige Mr. Pritchard mu gar nicht so
vortreffliche Nachrichten mitgebracht haben, sonst htten seine
Kameraden hier, schon einen ganz anderen Lrm geschlagen, und
besttigt sich jetzt das, da die Englnder segeln, dann haben wir
auch in acht Tagen die Franzosen wieder ber dem Hals. Ich wei nur
jetzt nicht recht was man sich wnschen soll.

Da sie Beide der Teufel hole! knurrte die Alte mrrisch in ihrem
wunderlichen Dialekt, Einer ist so sehr darauf versessen einer armen
alten Frau das Bischen Lebensunterhalt zu entziehen, wie der Andere,
und wo die Einen Alles verbieten, erlauben die Andern Alles -- sie
geben sich ordentlich die grte Mhe die Inseln nur so schnell wie
mglich zu ruiniren. Aber hab' ich die Wahl, will ich doch noch lieber
die Franzosen als Herren wissen, denn Handel treiben die Missionaire
auch, und wer von ihnen ungeschoren bleiben will, mu ihnen dann ihre
Kattune und Bibeln abkaufen fr gutes Cocosnul und
Perlmutterschaale; anstatt solch Eigenthum hier ansssigen Leuten zu
gnnen, klappert's in ihren eigenen Geldscken weiter.

Oh lat Euer nichtsnutziges Indianisches Gewsch, und redet da es
ein anderer ordentlicher Mensch auch verstehen kann, rief aber hier
Einer der Englischen Matrosen, der Zimmermann der ~Kitty Clover~
dazwischen, der mit der grten Aufmerksamkeit Mtterchen Tots Rede
gefolgt war, und um's Leben nicht herausbekommen konnte was sie
eigentlich gesprochen -- wer ist todt und wo brennt's?

Lat's gut sein, Mtterchen, beschwichtigte diese O'Flannagan, des
Englnders Einrede jedoch soweit beachtend, da er in seiner
Muttersprache die Unterhaltung weiter fhrte, durch ihr Verbot des
Brandy wiegen sie das Alles wieder auf, und Ihr bleibt noch immer in
ihrer Schuld. -- Wie viel rechnet Ihr etwa, da Ihr jhrlich an
heimlichem Grogverkauf verdient?

Zhlt einer armen Wittwe die Bissen die sie in den Mund steckt,
heh? fuhr ihn aber die Alte an -- da ich zu leben habe an
Brodfrucht und Cocoswasser ist's eben genug, gnnt Ihr mir das etwa
auch nicht? -- Ihr verdient in einer Nacht mehr durch mich, wie ich
durch Euch das ganze Jahr.

Haha Mtterchen, lachte aber der Ire -- Ihr lernt das Prahlen wohl
von den Franzosen, und dabei riskirt Ihr ohnedie auch nicht Euere
Haut, und sitzt wohl und sicher hier in Euerem behaglichen Haus,
whrend sie unsereinem, wenn sie ihn faten, vielleicht kurzen Proce
machten, statt aller Weitlufigkeit.

Bah, was riskirt _Ihr_, brummte die Alte verchtlich -- da sie
Euch einstecken fr ein paar Wochen, oder von der Insel verweisen dann
schifft Ihr Euch in Papetee ein, und steigt in Papara wieder an Land
-- es ist ordentlich erstaunlich, da Ihr es unter den Umstnden
wirklich wagt, einmal nach Dunkelwerden noch eine halbe Stunde fr
funfzig schwere silberne Dollar zu arbeiten.

Ihr redet wie Ihr's versteht, brummte Jim finster in den Bart --
und ich habe auch gerade keine besondere Lust Euch das Ganze hier
weitlufig aus einander zu setzen; soviel aber kann ich Euch
versichern, ich wollte lieber zehntausendmal mit Eueren glattrasirten
Methodisten zusammenrennen, wie mit den gromuligen Burschen, den
Franzosen, und -- habe dazu meine ganz absonderlichen Grnde, die eben
Niemand weiter etwas angehen, wie mich selber. Wenn das brigens wahr
wird, was Taotiti da vermuthet, und die Englnder hier wieder klar
Fahrwasser machen, in das die Franzmnner nachher mit fliegenden
Fahnen einziehen, dann wei meiner Mutter Sohn was er zu thun hat, und
jede andere Insel ist dann fr mich bequemer wie Tahiti -- Ihr knnt
mir vielleicht eine Empfehlung nach Neu-Seeland mitgeben Mtterchen,
wie?

Murphy verzog bei diesen Worten das Gesicht zu einem breiten Grinsen,
Mtterchen Tot wurde aber bse, und begann eben mit einer vollen
Ladung Schimpfwrter gegen den heimlichen, aber desto boshafteren
Angriff des Iren, als drauen ein leises Pfeifen gehrt wurde, und
Mrs. Tot sowohl, wie Jim alles Andere in dem einen Gefhl grter
Wachsamkeit vergaen.

Hallo was ist das, sagte Jim, stand auf von seinem Sitz, und zog
sich langsam nach einem entlegeneren Theil der Htte hin, whrend
Toatiti die gerade vor ihm stehende Flasche zustpselte, und unter
sich schob, von wo sie Murphy, der jetzt recht gut den passendsten
Zeitpunkt wute, eben so rasch wieder entfernte, und damit auf seinen
Platz zurckglitt -- da kommt Jemand.

Das war To-to's Zeichen, flsterte die Alte, vorsichtig die Hand vor
die Flamme haltend, darber hinwegschauen und den gleich erkennen zu
knnen der ihre Htte noch zu dieser spten Stunde betreten wrde --
Toatiti, wahr' Deine Flasche.

Wahr meine Flasche? knurrte der Indianer, auf dem Platz herumfhlend
wo er sie verborgen -- das haben Andere gethan -- Oro's Zorn ber
sie.

In diesem Augenblick ffnete sich aber die niedere Bambusthr, und von
dem auf Wacht drauen postirten Insulaner dicht gefolgt, betrat, den
Hut tief in die Augen gedrckt, ein Matrose den inneren Raum, blieb in
der Thre stehen, sich erst zu orientiren in was fr Gesellschaft er
eigentlich kam, und schritt dann, wie mit einem Blick um sich her
vollkommen zufriedengestellt, zur Flamme. Hier warf er den Hut ab,
setzte sich auf einen der leeren Schemel nieder, und fing an seine
Thonpfeife so ruhig zu stopfen, als ob er von klein auf hierher gehrt
htte, und gar nicht beabsichtigte je wieder einen so angenehmen Platz
zu verlassen.

Niemand in der Htte war brigens mit grerem Erstaunen diesen
Bewegungen des Besuchs -- der fr ihn kein fremder schien -- gefolgt,
als Mr. O'Flannagan, der in dem spten Wanderer mit einer keineswegs
freudigen Ueberraschung seinen frheren alten Spiegesellen, Jack, von
der ~Jeanne d'Arc~, erkannte, und sich dabei recht gut bewut war, da
er ihn halb und halb selber eingeladen, an Land zu kommen.

Well Jim, begann dieser wrdige Mann, nachdem er sich die Pfeife
angebrannt, whrend die Anderen ihm schweigend, und durch seine
Kaltbltigkeit wirklich berrascht, zuschauten -- wie geht's heut'
Abend, was stehst Du denn dahinten in der Ecke? -- habt Ihr Nichts zu
trinken hier?

Hol mich dieser und Jener brummte aber Jim, der jetzt langsam
vorkam, und seinen alten Platz wieder einnahm, wenn das nicht Jack
ist von der ~Jeanne~, nun mein Junge, hast Du den Platz hier wirklich
aufgefunden, und wo willst Du hin?

Freundlicher Empfang das, bei Jingo, lachte Jack -- hallo Mate da
drben, wenn Du mit der Flasche fertig bist, lang' sie mir einmal
herber.

Die Anrede galt Murphy, der sich in diesem Augenblick unbeobachtet
genug geglaubt, einen heimlichen Angriff auf die erbeutete Flasche
wagen zu drfen, und jetzt erschreckt absetzte und eine fast
unwillkrliche Bewegung machte das ~corpus delicti~ rasch wieder, und
bis zu geeigneterer Zeit zu verbergen, Toatiti war aber indessen auch
aufmerksam geworden, und in die Hh springend und mit dem Rufe:
Hallo, weier Mann -- hat meine Flasche, holte er sich sein
Eigenthum wieder, mit dem er jedoch die gefhrliche Nachbarschaft des
neugekommenen Fremden ebenfalls mied, und sich seinen Platz am anderen
Ende der Htte suchte. Jim reichte Jack indessen eine andere Flasche
hinber.

Und wer seid _Ihr_, wenn man fragen darf, mein feiner Herr? sagte
aber jetzt Mtterchen Tot, mit noch immer etwas vorsichtig gedmpfter
Stimme, als ob sie nicht recht traue da nicht vielleicht noch eine
andere Gesellschaft drauen an der Htte stehen knne -- Ihr kommt
hier gerade so breitbeinig herein, als ob Ihr mit zum Haus gehrtet,
und mt doch wissen da ich, den streng gehaltenen Gesetzen der Insel
nach, keinen Fremden ber Nacht bei mir beherbergen darf, selbst wenn
ich ihn kenne, was bei Euch aber nicht einmal der Fall ist.

Wer ich bin? -- hm, Jim da drben wird Euch das am besten erzhlen
knnen, wenn er sonst Lust dazu hat, lachte der Matrose, zum ersten
Mal wieder absetzend mit der Flasche, und sich das Na aus dem Bart
streichend.

Aber wo kommst Du noch her so spt in der Nacht, frug jetzt Jim
selber, und wie in der Welt hast Du den schmalen Pfad durch die
Guiaven verfolgen knnen?

Verdammt wenig hab' ich berhaupt von einem Pfad gesprt, lachte der
Seemann, nein Kamerad, einen nichtswrdigen Kreuzzug habe ich durch
das niedertrchtige Buschwerk hier gemacht nach allen Strichen und
Himmelsgegenden zu, und bin auf und ab lavirt, bis ich mich eben
bereit machte die Nacht unter Gottes freiem Himmel zuzubringen, als
ich noch zum guten Glck Euer freundliches Licht durch die Bsche
schimmern sah, und nun vor dem Wind Cours halten konnte, bis ich das
leise Pfeifen des Burschen da hrte, der mich noch immer so verstrt
und mitrauisch ansieht, als ob ich ihm alle Augenblicke wieder davon
laufen wolle. Hab' keine Angst, mein Junge, der Brandy ist
vortrefflich, und hier sucht mich doch kein Teufel, wenigstens nicht
bis es Tag wird, und man sich nicht mehr in den stachlichen
Orangengebschen die Fetzen vom Leib, ja die Haut von den Knochen
reit.

Du bist desertirt? frug O'Flannagan rasch.

Desertirt? schrie die Alte, von ihrem Sitz aufspringend -- und
halt' ich ein Versteck hier, fr entlaufene Matrosen? was wollt Ihr da
hier? -- weshalb seid Ihr _hier_hergekommen?

Pst, pst Alte, suchte sie Jack aber wieder zu beruhigen, und die
Flasche vorher noch einmal gegen das Licht haltend, that er einen
zweiten Zug, der eben nicht viel fr einen dritten brig lie -- nur
nicht solchen Lrm einer Kleinigkeit wegen; das haben bessere Mnner
vor mir gethan -- Wetter noch einmal, der Brandy ist famos, und ich
wollte die Flasche hier htte eine Schwester.

Aber sie haben Dich noch nicht vermit? sagte Jim, ihn ber das
Licht aufmerksam betrachtend, denn ich will doch nicht hoffen da Du
eben, von den Sprhunden gehetzt, hier nur so zu Bau gekrochen bist.

Der Vergleich knnte passen, schmunzelte Jack, wie mit sich selber
zufrieden; erst mit Dunkelwerden haben sie meine Spur in den Guiaven
verloren, und ich kann's ihnen nicht bel nehmen, denn ich wute
selber nicht mehr wo ich war -- wie sollten sie's.

Da haben wir's! rief aber die Alte in Zorn und Grimm mit der rechten
Faust in ihre linke offene Hand schlagend; wegen dem fortgelaufenen
Lump soll ich mir hier das Dach ber dem Kopf niederreien und mich
wieder hinaus in alle Welt jagen lassen? weiter fehlte mir Nichts --
hinaus mit Dir mein Bursche, hinaus so schnell Du gekommen bist, oder
ich lasse Dich binden und knebeln und selber wieder auf Dein Schiff
zurckliefern, wohin Du gehrst, und das Du im Leben nicht httest
verlassen sollen.

Herrliche Gastfreundschaft hier auf der Insel, lachte Jack, ohne
aber auch nur die mindeste Bewegung zu machen, als ob er dem Befehl
Folge leisten wolle -- patriarchalische Freundschaft das, hol' mich
der Bse -- sie sagen's Einem doch erst ganz hflich, ehe sie Einen
wieder hinauswerfen. Nun Jim, wie ist's? -- willst Du mich nicht
lieber wieder an Bord zurckschicken lassen? -- Du weit, _ich_ knnte
nachher gar keine Geschichte erzhlen, Gott bewahre, nicht die
mindeste.

Unsinn, knurrte der Ire, es wre mir verdammt egal was Du, einmal
erst wieder an Bord, erzhlen oder erfinden knntest -- na, ich wei
schon was Du sagen willst; die Alte hat aber in einer Hinsicht recht,
_hier_ kannst Du nicht bleiben, und _ich_ auch nicht, wenn sie Dich
wirklich bis an die Guiaven verfolgt haben, denn dann stbern sie
auch, von ein oder dem andern _frommen_ Indianer gefhrt, die dabei
ein gutes Werk zu thun glauben, diese Htte noch vor Tagesanbruch auf,
und knnten uns dabei im besten Schlaf erwischen.

Hol sie der Teufel! rief Jack finster -- sie mgen thun was sie
nicht lassen knnen, aber meiner Mutter Sohn geht heute Nacht nicht
wieder allein in die Guiaven hinaus, und wenn ich die ganze
Mannschaft der ~Jeanne d'Arc~ hinter mir wte. -- Wenn Ihr mich aus
dem Weg haben wollt, versteckt mich hier irgendwo, ich bin mde wie
ein gehetzter Wolf und will schlafen; kommen die Monsieurs nachher
wirklich noch hierher, was ich aber doch stark bezweifeln mchte, so
kann sie die alte wrdige Dame da, mit dem allerliebsten Hut auf und
dem gewi hchst modernen Anzug, leicht genug auf eine falsche Fhrte
bringen -- so, jetzt wit Ihr das Kurze und Lange davon.

Mtterchen Tot, der vielleicht in ihrer ganzen jahrzehnte langen
Praxis ein solches Beispiel von keckem Trotz, _ihr_ gegenber noch
nicht vorgekommen war, stand im ersten Augenblick wirklich starr vor
Ueberraschung -- jedenfalls sprachlos, dann aber war sie eben im
Begriff wie Gottes Zorn ber den Unverschmten hereinzubrechen, der
ihr hier in ihrer eigenen Htte zu trotzen, ja sie zu verhhnen wagte,
als Jim dazwischen trat, und sie zurckhaltend den Arm des Matrosen
fate und diesen bei Seite zog.

Was _will_ der Mensch hier? kreischte jetzt aber das gereizte Weib
mit lauter, gellender Stimme, ziemlich unbekmmert wie es schien, wie
viel Specktakel sie mache -- was thut er hier, was sucht er bei mir,
da er -- 

Halt Mtterchen, rief aber Jim rasch und heftig sie unterbrechend,
und den Arm drohend gegen sie aufgehoben -- halt, oder Du schreist
Dich selber um den Hals -- der hier ist ein alter Kamerad von mir, und
ich werde ihn nicht in der Patsche sitzen lassen.

Aber hier in meinem Hause -- 

Ruhig Mtterchen -- hier im Haus soll und kann er auch nicht bleiben
-- Du brauchst Dir deshalb keine Sorge zu machen; und Du, Jack,
wandte sich Jim jetzt gegen diesen, der ziemlich geduldig das Ende der
Unterhaltung zu erwarten schien -- Du stehst hier auf gefhrlicherem
Boden als Du wahrscheinlich vermuthest, und je eher Du aus dem Schein
dieses Lichts kommst, desto besser fr Dich -- vielleicht fr uns alle
Beide.

Aber wie zum Teufel _kann_ ich fort? rief der Matrose rgerlich,
das Dickicht drauen ist ordentlich zugewachsen, und mit dem Licht
schon in Sicht, habe ich meinen Weg noch gewi eine halbe Stunde
frmlich durcharbeiten mssen, nur den Platz hier zu erreichen.

Du sollst auch nicht allein gehen, unterbrach ihn Jim, denn wir
mssen Dich eine ganze Strecke weit inland bringen, wenn Du es nicht
lieber vorziehst in der Nhe vom Strand zu bleiben und mit erster
Gelegenheit in einem Canoe nach irgend einer anderen Insel
berzusetzen.

Nein nein -- danke, sagte Jack nach kurzem Ueberlegen -- drauen in
See ist langsames und unsicheres Fortkommen, und der Henker traue den
verschiedenen Fregatten die jetzt im Ein- oder Auslaufen sind; sie
knnten Einem jeden Augenblick ber den Hals kommen, und -- neugierig
sind sie alle. Nein, ich will's jedenfalls erst einmal eine kurze Zeit
hier in den Bergen versuchen -- auf Salzwasser komme ich noch immer
zeitig genug.

Gut, dann soll Dich Toatiti in die Berge bringen, sagte Jim nach
einigem Nachdenken, und zwar in Tahitischer Sprache, mehr zu dem
Indianer selber, als zu Jack gewandt.

Toatiti wird sich hten, knurrte aber dieser, seine Stellung
beibehaltend und sich nur etwas mehr auf die Seite hinberdrehend,
Toatiti liegt hier ausgezeichnet und ist sehr durstig.

Schwamm! zischte der Ire zwischen den zusammengebissenen Zhnen
durch, aber er wute auch da mit den Insulanern, wenn sie einmal
keine Lust hatten, Nichts zu machen war, weder in Gutem noch Bsen,
und deshalb den anderen jungen Burschen zu sich winkend, flsterte er
ihm etwas in's Ohr -- irgend ein Versprechen, seine Faulheit zu
beschwren, und mute ihm dabei so dringend zugeredet haben, da er
wirklich seine Tapa fester um sich her zog, die Haare aus dem Gesicht
schttelte und sich bereit zeigte den Weien aus dem Weg zu fhren.

Der Insulaner der Sdsee ist eigentlich nicht faul -- wir haben
wenigstens kein Recht fr ihn, dem die Natur Alles gegeben was er
braucht, wenn er nur die Hand danach ausstreckt, eine eben solche
Thtigkeit zu verlangen, wie sie unser ganzes Klima, unser Boden,
unser bervlkerter Staat schon zur Bedingung unserer Existenz
gemacht, und uns also auch damit jedes Verdienst genommen hat, sie uns
angeeignet zu haben -- wir knnen einmal nicht ohne sie leben, und
deshalb auch nicht mit ihr prahlen. Es wrde ebenso wenig Einem
unserer reichen Leute, unserer Rentiers und Capitalisten einfallen
Holz zu hacken oder Straen zu bauen mit Schaufel und Spitzhacke --
wir brauchen es nicht sagen sie achselzuckend, dafr haben wir
unsere Leute. Dasselbe sagt der Insulaner -- ich brauche es nicht,
oder wenn er's nicht sagt liegt es in jeder Muskel seines Gesichts, in
jedem Nerv seines Krpers. Der Brodfruchtbaum ernhrt ihn, und tausend
andere Fruchtbume schtteln ihm selber das luxuriseste Mahl auf den
Boden nieder; nur die Kleidung wurde frher von den Frauen und Mdchen
aus der Rinde gewisser Bume herausgeschlagen, und dieser einzig
nthigen Beschftigung widmete wenigstens der weibliche Theil der
Bevlkerung einige Zeit; aber selbst das ist jetzt, sehr zum Schaden
der Insulaner, durch die erst von den Missionairen und spter von
anderen Europern eingefhrten Cattune unnthig gemacht und
aufgehoben, und die Missionaire selber verkauften ihnen die
Europischen Stoffe, die ihnen durch ihre bunten Farben gefielen, um
einen Tauschartikel zu haben, fr den sie ihren eigenen
Lebensunterhalt, wie anderes was sie zur Bequemlichkeit ihrer Existenz
gebrauchten, bekommen konnten. Den Frauen wurde damit die letzte
ntzliche Beschftigung genommen, und Bibellesen, das ihnen dafr
Ersatz geben sollte, konnte sie natrlich nur so lange fesseln, als es
eben den Reiz der Neuheit fr sie hatte. Was kmmerten sie die Sagen
eines Volks von dem sie nicht einmal einen Begriff hatten wo und wann
es existirt, und jetzt gerade, wo das Glauben an die Wunder ihrer
eigenen Gtter durch die fremden Mnner erschttert, ja ber den
Haufen geworfen worden, sollten sie da gleich glubig und
vertrauungsvoll zu noch viel wunderbareren Sachen aufschauen? --

Ach was -- die Sonne reifte ihre Frchte noch wie je -- im Schatten
ihrer wundervollen Wlder ruhte sich's so khl wie sonst, und der
Zukunft _trumte_ es sich viel eher, wenigstens viel leichter
entgegen, als da sie die Hand htten an den Pflug legen sollen, wie
es die Missionaire fortwhrend von ihnen verlangten. Wer etwas von
ihnen haben wollte mute es gut bezahlen -- dann thaten sie es
vielleicht; aber gezwungen wollten sie noch immer nicht dazu werden.

Und wo fhrt er mich hin? sagte Jack mit einem leisen Anflug von
Mitrauen als er sah, wie sich der Indianer fertig machte ihn zu
begleiten, hab ich weit zu gehen?

Zu einem Haus in den Bergen, erwiederte Jim, ihm die Worte leise
zuflsternd -- selbst Mtterchen Tot braucht den Ort nicht zu wissen,
obgleich sie Keinen verrathen wrde, von dem sie nicht selber gleichen
Liebesdienst frchten mte -- der Platz liegt kaum eine halbe Meile
von hier entfernt, aber sicher versteckt, und ist wenigstens nicht,
wie der hier, als heimlicher Schlupfwinkel entlaufener Matrosen in
ganz Papetee, ja auf der ganzen Insel, berchtigt -- bist Du fertig?

Brauch' ich etwa andere Vorbereitungen, lachte Jack, als meine
Jacke wieder zuzuknpfen? -- aber die Flasche hier nehme ich mit, es
ist immer noch ein Tropfen darin, und der Nebel liegt dicht auf den
Bergen. Und nun ade, Mtterchen, und vergelt' Dir Gott die
freundliche Bewirthung -- bis _ich's_ vielleicht einmal im Stande bin.
Und Du, Kamerad? wandte er sich pltzlich noch gegen den Mann von der
~Kitty Clover~, der die ganze Zeit, seit Jack die Htte betreten,
keine Sylbe gesprochen, und den fremden Gesellen nur manchmal, wenn
das unbemerkt geschehen konnte, unter seinem Hutrand vor beobachtet
hatte, hast Du nicht vielleicht Lust einen Abendspatziergang
mitzumachen? -- s'ist verdammt langweilige Arbeit so allein mit einer
Rothhaut drauen in den Bschen herumzukriechen.

Danke, brummte aber der Matrose ohne aufzusehen -- befinde mich
g'rade hier wohl wo ich bin.

Auch gut, brummte der Andere finster -- besser keine Gesellschaft
wie schlechte, und mit einem kurzen Gru nach Jim hinber, winkte er
seinem Fhrer und verlie rasch und mrrisch das Haus.

Nicht ein Wort wurde gesprochen, als sich die leichte Bambusthr
wieder hinter den Beiden schlo, und die Zurckbleibenden horchten
viele Minuten lang lautlos und aufmerksam den, bald in der Ferne
verhallenden Schritten. Der Mann von der ~Kitty Clover~, Bob mit
Namen, brach zuerst das Schweigen wieder, und sich mit finster
zusammengezogenen Brauen den Hut aus der Stirn rckend brummte er,
mehr mit sich selbst als zu den Anderen redend, und die letzten Worte
des wunderlichen Burschen wiederholend, der hier so pltzlich zwischen
ihnen aufgetaucht und verschwunden war:

Besser keine Gesellschaft wie schlechte? -- Wetter Kamerad, Du
wrdest weit in der Welt herumsuchen mssen, wenn Du schlechtere
finden wolltest wie Dein eigenes ses Ich.

Kennt Ihr ihn? frug Jim rasch, sich zugleich nach dem Sprecher
umdrehend.

Vielleicht nicht so gut wie Ihr, lachte dieser trocken, aber immer
doch gut genug froh zu sein, da ihm _mein_ Gesicht nicht gerade alte
Scenen in's Gedchtni zurckrief. Wir waren vor gar nicht so langen
Jahren Schiffskameraden, ja Vortopgste zusammen, und er wurde
gepeitscht und spter in Ketten an Land geschafft, weil er das M. und
D. nicht von einander zu unterscheiden wute.

Das M. und D.? sagte Jim erstaunt.

Nun das Mein und Dein, lachte der Wallfischfnger, aber noch
schlimmere Sachen wurden ihm zur Last gelegt, und ein halbes Wunder
nur rettete ihn damals von der Raanocke -- verdient hatte er sie schon
zehnmal.

Aufgepat! flsterte da die Stimme der Alten rasch und vorsichtig
dazwischen -- aufgepat, drauen sind wieder Schritte die da nicht
hingehren -- und der faule Gauch von einem Schuster kauert da
wahrhaftig wieder hinter seiner dickleibigen Bibel und schmiert die
Seiten voll Cocosl -- hinaus mit Dir, Menschenkind, wohin Du gehrst,
und da doch der Bse mit Dir und dem Buch davonflge.

Murphy schien allerdings vollstndig ausgeschlafen zu haben, und hatte
sich, da ihm die Flasche wieder abhanden gekommen, seinen
allnchtlichen Trster, die Bibel, vom Gesims geholt, ber der er bei
dem matten Licht der unsteten Flamme brtete. Mtterchen Tot's
Zornrede strte ihn nun allerdings etwas in dieser lblichen
Beschftigung, aber theils rgerlich gemacht durch den Verlust des
Brandy, theils durch die unermdlichen Angriffe der Mosquiten, derer
er sich heute Abend kaum erwehren konnte, war ein sonst an ihm kaum
denkbarer Geist, der Geist des Widerspruchs, in ihn gefahren, und
mrrisch ber das Buch und das Licht wegsehend rief er mit seiner
feinen, jetzt rgerlich erregten Stimme:

Ach zum Henker, ich habe drauen Nichts zu suchen, und wenn man Einen
wie einen Menschen behandelte, knnte man auch wie ein Mensch
existiren. La die aufpassen die sich vor was zu frchten haben;
Murphy hat ein gutes Gewissen und sitzt hier lange gut.

Nun _das_ hat mir noch gefehlt! schrie Mtterchen Tot, von ihrem
Sitz empor und auf den Rebellen zufahrend, der nur eben Zeit genug
behielt das Gestell mit der Lampe zwischen sich und die Megre zu
bringen. Mtterchen Tot schien aber seine Taktik schon zu kennen, und
mit einem Griff ihrer langen Arme um die Flamme herumgreifend
erwischte sie das Buch, hob es mit beiden Armen auf und schleuderte es
blitzesschnell und mit einem ingrimmigen Fluch nach dem Kopf des
kleinen Schusters, der nur durch rasches Untertauchen dem nicht
unbetrchtlichen Gewicht des Bandes entgehen konnte. _Da_, schrie
sie dabei, kirschroth vor Wuth -- da Du Lump, da nimm das und
studier's, und nun hinaus mit Dir, oder so wahr da oben der Mond am
Himmel steht, ich giee Dir das heie Cocosl ber den Leib, und brhe
Dich wie ein unreines Schwein das Du bist -- Du -- Du Lederstecher
Du.

Zum Teufel noch einmal, Mtterchen, rief aber Jim jetzt dazwischen,
der sich indessen ebenfalls zum Fortgehen bereit gemacht, und seine
Jacke zugeknpft, seinen Hut aufgesetzt hatte -- lat den Lrm hier,
Ihr macht ja einen Skandal, da die Hunde am Strand an zu bellen
fangen. Mir wird's unheimlich hier drin, und ich suche mir lieber ein
stilleres Quartier. Komm Kamerad, ich will Dich noch in gute
Gesellschaft bringen, heut' Abend, und morgen frh dann -- Teufel!
unterbrach er sich aber rasch und erschreckt, denn drauen rasselten
pltzlich, wie auf ein gegebenes Kommando, eine Anzahl Gewehrkolben
auf den Boden, dicht an dem Eingang der Htte nieder, und die Stimme
eines Befehlenden in Franzsischer Sprache wurde laut:

Zwei von Euch um das Haus herum, ob es noch einen anderen Eingang
hat, und Ihr hier bleibt an der Thr; was mit Gewalt hindurch will den
stot Ihr nieder -- Feuer auf jeden Flchtling.

Alle Wetter, brummte Bob, jetzt ebenfalls aufspringend, und seine
Segeltuch-Hosen nach Art der Seeleute in die Hhe zerrend -- Jack ist
ihnen zur rechten Zeit aus den Klauen gerutscht.

Es blieb ihm keine Zeit zu weiteren Bemerkungen, denn die Thr wurde
in diesem Augenblick aufgerissen, und sich bckend trat ein
Franzsischer See-Officier ein, dem eine Anzahl Marinesoldaten mit
aufgepflanztem Bajonett folgten, und somit ein Verlassen der Htte,
die keine Fenster hatte, unmglich machte.

Der Officier, dessen Blick den inneren Raum, soweit das nmlich das
ungewisse Licht der Cocosflamme erlaubte, berflog, haftete zuerst auf
Murphy selber der, sich wenig um die Patrouille oder Haussuchung
kmmernd, an die er durch eine lange Reihe von Jahren auch wohl schon
gewhnt sein mochte, nur rasch und bestrzt seine Bibel aufgegriffen
hatte, und mit dem dicken Buch jetzt gar nicht schnell genug in seine
Hlfskalebasse hineinfahren konnte.

Hallo Sir -- was habt _Ihr_ da so Kostbares zu verstecken he? rief
er in Englischer Sprache, und ging langsam auf den kleinen Mann zu,
der fast instinktartig das erst halb hineingezwngte Buch bei Seite
und in den Schatten drckte, und nach einem angefangenen Schuh griff,
als ob er mitten in der Nacht seine mit Dunkelwerden aufgegebene
Arbeit wieder beginnen wolle.

Und seid Ihr hierhergekommen, Sirrah, unsere Taschen zu visitiren?
knurrte aber unwirsch der kleine Ire, der schon einen tckischen
Seitenblick nach der ihm verhaten Uniform warf, und seinen ganzen
trotzkpfigen Muth oder eher Widerspruchsgeist zurckbekommen hatte,
als er fand da der nchtliche Besuch _nur_ Soldaten und keine
Missionaire waren, wenn's _mir_ Vergngen macht, kann ich meine
Kalebassen und Taschen so voll stopfen wie und mit was ich will -- was
geht's Euch an?

Langsam mein Bursche, langsam, lachte der Officier, unser alter
Bekannter Bertrand, durch die mrrische Antwort keineswegs bse
gemacht -- wenn ich nachher neugierig werden sollte, wirst Du mir's
doch noch zeigen mssen, jetzt aber vor allen Dingen wollen wir Deine
Wohnung einmal etwas genauer besehen, ob wir nicht einen alten Freund
und Schiffskameraden darin entdecken knnen, der sich wahrscheinlich
von Bord verlaufen hat, und in der dunklen Nacht nicht wieder dorthin
zurckfinden kann. Die Guiaven stehen gar zu dicht um Euer Haus -- Ihr
solltet sie ein wenig lichten.

Wie ich merke stehen sie doch noch immer nicht dicht genug; brummte
Murphy halblaut vor sich hin, Mtterchen Tot nahm aber fr ihn die
Unterhaltung auf, und mit ihrer schrillen Stimme kreischte sie dem
Officier entgegen:

_Deine_ Wohnung, _Deine_ Wohnung? wessen Wohnung habt Ihr hier anders
als _meine_? und glaubt Ihr da der schmutzige Schuster da eine
Wohnung fr sich selber hat? -- Ist das auch eine Manier einer armen
alleinstehenden Frau bei Nacht und Nebel in's Haus zu fallen, und sie
zu erschrecken, da sie den Tod davon haben knnte? was wollt Ihr? wer
seid Ihr? wen sucht Ihr? nun, habt Ihr die Sprache verloren da Ihr
dasteht wie von Gott verlassen?

Alle Wetter, lachte Bertrand, der sich erst jetzt von seinem Staunen
ber die wunderbare, vor ihm aufsteigende und von der Flamme
phantastisch genug beschienene Gestalt erholen konnte -- das ist
eine _Dame_; bei Allem was da schwimmt, ich hatte keine Ahnung da
sich das schne Geschlecht auch in solch alte Ueberrcke zurckziehen
knnte.

Ach was _schne Geschlecht -- Dame_, knurrte die Megre, was wollt
Ihr, wen sucht Ihr? und ein Bischen rasch, denn es ist Schlafenszeit,
und ich mchte meine Ruhe haben wie ich's verlangen kann.

Der Officier hrte schon kaum mehr auf sie, sondern nher zum Licht
tretend, und seine Augen mit der linken ausgestreckten Hand dagegen
schtzend suchte er vor allen Dingen herauszubekommen, ob auer den,
neben der Lampe sitzenden Individuen noch Andere vielleicht in der
Htte befindlich, oder gar versteckt wren, einer eben nur
oberflchlichen Untersuchung auf bequeme Art auszuweichen.

Jim hatte erst wirklich, und wie er das erste Niederstoen der
Gewehrkolben hrte, eine Bewegung gemacht, als ob er sich in den
hinteren und dunkleren Theil der Htte zurckziehen wolle, als aber
sein scharfes Ohr auch dort drauen Schritte hrte, blieb er ruhig
stehen und lie sich dann sogar, als eben der Officier die Htte
betrat, wieder auf seinen alten Platz nieder, wo er, den Kopf in die
Hnde gesttzt, und den breitrndigen Wachstuchhut nur etwas tiefer in
die Augen gezogen, ruhig sitzen blieb, und das Ganze mit vollkommen
gutem Gewissen schien abwarten zu wollen. Nur der mitrauische und
finstere Blick, den er heimlich, unter dem Schatten seiner Hutkrempe
vor, nach dem Officier hinberscho, wie die fest zusammengebissenen
Zhne htten knnen ahnen lassen, da doch nicht Alles mit ihm so gut
und richtig sei, und er vielleicht gegenwrtig lieber den von
Mosquitos am meisten heimgesuchten Guiavensumpf, als gerade diesen
behaglichen Platz auf dem er sich befand, inne haben mchte.

Was oder wen ich suche, Madame? wiederholte Bertrand langsam und
fast wie mit sich selber redend -- hm, Jack scheint sich richtig aus
dem Staub gemacht oder doch einen sichereren Platz aufgefunden zu
haben. Ihr, da, zwei von Euch wandte er sich dann in franzsischer
Sprache an die Soldaten, sucht einmal an der Wand hin, ob Ihr nicht
irgendwo noch Jemand entdeckt, und wenn so, bringt ihn her zum Licht;
vielleicht knnen mir indessen diese beiden Burschen, die da so
schweigsam sitzen, etwas nhere Auskunft ber den Gesuchten geben.
Heda Gentlemen, wandte er sich jetzt an die beiden Leute, von denen
Bob nicht als Matrose zu verkennen war, whrend selbst Jim einen
ziemlich seemnnischen Anstrich hatte, und hier auf Tahiti, wo man
kaum Leute anderen Berufs vermuthen konnte, recht gut fr zu
Salzwasser gehrig gelten konnte -- ich suche einen entsprungenen
Mann von der ~Jeanne d'Arc~, der auf den Namen Jack hrt, und sonst
ein so durchtriebener nichtsnutziger Schuft ist, wie nur je Einer
Schuhleder zertreten oder das Deck eines Schiffes gewaschen hat. Kann
mich Einer von Euch auf die Spur bringen?

Spur bringen? brummte aber Bob dagegen -- wenn's auf See wre, aber
hier an Land bin ich immer froh wenn ich das Ufer selber wiederfinde,
mich nicht zwischen den verdammten Bumen zu verlaufen -- da mt Ihr
Euch schon einen Anderen suchen.

Aber hast Du den Burschen nicht irgendwo gesichtet, Kamerad? frug
der Officier wieder, der aus dem ganzen Wesen der Alten etwas
Aehnliches fast vermuthen wollte. Er heit Jack.

So heien wir ziemlich Alle, knurrte der Seemann -- wenn man Eines
Namen nicht wei auf Englischen Schiffen, nennt man ihn Jack -- jeder
Matrose ist eigentlich ein geborener Jack, und kriegt den anderen
Namen, wie das Frauensvolk bei der Heirath, mit dem ersten
Salzwasser-Grog ohne Zucker und Rum, den sie ihm ber den Schdel
gieen.

Bertrand hatte, whrend Bob sprach, zuerst Jim oberflchlich
betrachtet, und sich dann wieder in der Htte umgesehen, in seiner
Erinnerung wurden aber andere Bilder wach, und wieder und wieder
kehrte sein Blick zu den halbbeschatteten Zgen des Mannes zurck, der
am Feuer mit zusammengezogenen Brauen sa und jetzt anfing in seiner
Tasche nach Tabak zu suchen, sich eine Pfeife zu stopfen.

Hallo Kamerad, sagte er endlich, als die beiden Soldaten
zurckgekommen waren und gemeldet hatten da sich Niemand weiter in
der Htte befinde, wo haben wir Beide denn schon einmal unser
Fahrwasser gekreuzt? -- Du bist ein Englnder?

Wenigstens nicht weit davon, brummte Jim, sich noch mehr in seine
Pfeife vertiefend, und jetzt halb vom Lichte abgewandt -- habe aber
nicht die Ehre -- Menschen gleichen sich wie Bltter und Eier --
tragen Alle die Nase mitten im Gesichte.

Bertrand barg einen Augenblick die Augen in der Hand, wie um durch
keine ueren Eindrcke sein Gedchtni zu beirren -- ein
thatenreiches Leben flog ihm in wirren Bildern vor dem inneren Geist
vorber; aber zu viel der Scenen, zu viel der Gestalten wechselten und
schwammen da durcheinander, als ihm so rasch zu gestatten da er sich
den einen, verlangten herausgriffe aus der Masse, und nur den Kopf
schttelnd, schritt er mit verschrnkten Armen ein paar Mal auf und ab
in der Htte, ohne, wie es schien, auf die Inwohner viel zu achten,
ja fast vergessend, weshalb er eigentlich hierhergekommen.

Jim war dabei diese hchst unnthige Aufmerksamkeit, die der Officier,
den er selber recht gut wiedererkannte, auf ihn wandte, nichts weniger
als angenehm, und er fing an sich eben nicht mehr so sicher auf seinem
Platz zu fhlen. Er stand langsam auf und zog sich dem Hintergrund der
Htte zu.

Bertrand stampfte ungeduldig mit dem Fu.

Wei der Teufel, murmelte er dabei leise vor sich hin, wo mir die
Galgenphysionomie schon einmal vorgekommen, aber nichts Unbedeutendes
war's das ist sicher -- nun vielleicht fllt's mir wieder ein -- ha
--  sagte er, emporsehend, als er den Seemann nicht mehr auf seinem
Sitz erblickte -- ah, der Herr schlft wohl hier, und will sich sein
Lager zurechtmachen? -- habt Ihr Erlaubni an Lande zu bleiben, und
auf welches Schiff gehrt Ihr?

Ich gehre auf gar kein's, entgegnete Jim finster aus dem Halbdunkel
der Htte vor -- die Insel hier ist meine Heimath, und ich werde
d'rauf schlafen knnen, denk' ich.

Und Du, mein Bursche, auf welches Schiff gehrst Du? wandte er sich
jetzt zu Bob -- oder rechnest Du Dich etwa auch zu den Eingeborenen,
mit Deiner Furcht vor den Bumen?

Verdamm es, nein, brummte der Seemann, ich gehre zur ~Kitty
Clover~.

Dem Wallfischfnger?

Ja.

Und weshalb bist Du da nicht an Bord, Sirrah? frug der Officier
scharf -- die ~Kitty Clover~ steht berhaupt in dem Verdacht andere
Ladung als Thran an Bord zu fhren, und wenn ich nicht irre haben die
Missionaire schon Klage eingereicht, da Ihr den ganzen Ort mit Brandy
berschwemmt.

Die Missionaire knnen zu Grase gehen, erwiederte Bob gleichgltig,
die schwatzen viel wenn der Tag lang ist. Was brigens die ~Kitty
Clover~ thut geht _mich_ nichts an -- die ~Kitty Clover~ ist ein ganz
selbststndiges Frauenzimmer.

Bertrand lachte. Doch apropos, rief er pltzlich, sich zu Murphy
wendend, der noch immer auf seinem niederen Schemel sa, und den in
der Eile aufgegriffenen Schuh wie mitrauisch betrachtete, was war's
denn was der Bursche da vorhin versteckte? seh doch einmal Einer von
Euch nach -- in der Kalebasse da drben mu es sein, vielleicht da
uns das auf Jacks Spur bringt.

Und was habt Ihr Euch um anderer Leute Kalebassen zu bekmmern? rief
aber die Frau jetzt, zum ersten Mal des Schusters Parthei ergreifend,
der nur mit finster trotzigem Blick vor sein Eigenthum trat, und
nicht bel Willens schien es zum Aeuersten zu vertheidigen -- hab
ich Euch nicht gesagt da ich Nichts von Euerem ganzen Gesindel wei,
und mir noch weniger daraus mache, und berhaupt wnsche die
gottvergessenen Wi-Wis in meinem ganzen Leben nicht gesehen zu haben?
-- ist das jetzt Zeit, mitten in der Nacht bei einer armen alten Frau
einzubrechen, das Unterste zu oberst zu kehren, und unschuldige Leute
mit geladenen Gewehren und Bajonetten zu erschrecken? Fort mit Euch
wohin Ihr selber gehrt, was wollt Ihr von uns? -- was steht Ihr noch
da?

Komm hier Mtterchen, lachte aber der eine Soldat, ein riesiger
Bursche, sie und Murphy zu gleicher Zeit aber sanft bei Seite
schiebend, whrend der Andere, unter Murphys Armen fort, die fragliche
Kalebasse mit dem Bajonnet anspiete und nach vorn zog, wo das
allerdings hchst unverdchtige Buch zu Lichte rollte.

Eine Bibel, lachte der Officier, und weshalb versteckst Du die vor
_mir_? -- hab' keine Furcht mein frommer Bursche, ich wre der Letzte
der Dich in Deiner Andacht strte -- lat sie los.

Gottes Fluch ber Euch! schrie aber jetzt die Alte, durch das ruhige
Verhalten der Leute nur noch mehr in Wuth gebracht. Pest und Gift in
Euere Knochen, und faulende Krankheit, da Ihr eine arme Frau
mihandelt und drckt in ihrem eigenen Haus! und zufllig vielleicht,
oder auch mit Absicht das heie Cocosl ber die Eindringlinge
auszuschtten, stie sie zu gleicher Zeit das hohe und leichte
Bambusgestell, auf dem Murphys Cocosschale mit dem darin brennenden
Docht stand, um, und die Soldaten konnten auch wirklich eben nur unter
laut ausgestoenen Flchen zur Seite springen, dem drohenden Oel, das
sich jetzt entzndete, zu entgehen. Auf dem Boden aber schlug es in
heller Flamme empor, den Platz mit seinem Lichte bergieend.

Alle Wetter Madonna, rief Bertrand, der lachend zurcksprang, Du
wirst Dir selber das Haus ber dem Kopf anznden, und da hinten -- 
sein Blick fiel in diesem Moment auf das, ihm fast unwillkrlich
zugewandte Antlitz des Iren, der sich berrascht nach der hellen
Flamme umschaute, und wie ein zndender Blitz sprang zu gleicher Zeit
die Erinnerung an jene Nacht in ihm auf, die Jack schon frher gegen
Jim erwhnt, seinem Gedchtni mit Zauberschnelle das Wo und Wie jener
Zge in die Seele rufend.

~Sapristi~, schrie er, den Degen mit dem Wort aus der Scheide
reiend und gegen den Iren anspringend -- hab' ich Dich, Kamerad --
ergieb Dich Schuft! hierher Ihr Leute!

Verdammt! knirrschte Jim zwischen den Zhnen durch, aber noch habt
Ihr mich nicht! und einen Sessel der dort stand aufgreifend, und dem
Franzosen vor die Fe schleudernd, da dieser auf die Seite springen
mute nicht darber zu fallen, warf er sich, ehe die Soldaten
herbeieilen oder selbst Bertrand ihn erreichen konnte, mit aller
Gewalt gegen einen der Bambusstbe an, der, jedenfalls schon zu einem
heimlichen Ausgang, einer Art Nothrhre benutzt, seinem Gewicht
nachgab und sich nach auen bog. Der Krper des Flchtigen war im Nu
dahinter verschwunden, und als der Officier vorspringend mit seinem
Degen einen Sto nach dem Entsprungenen fhrte, traf der
zurckschnellende Bambus die Klinge, und brach sie in der Mitte, wie
Glas entzwei.

Feuer! beim Teufel -- Feuer! schrie Bertrand, wthend gemacht, und
dem Knacken der Hhne folgte mit Blitzesschnelle eine Salve, mit wenig
mehr Erfolg aber wohl, als den Bambus an einigen Stellen zu
zersplittern und die Htte mit Pulverrauch zu fllen.

Der einzige Ruhige whrend der ganzen wilden Scene schien Bob, der
regungslos auf seinem Platz sitzen geblieben war, und nur nach dem
Verschwinden Jims und der rasch gefeuerten Salven wie spttisch mit
dem Kopf schttelte. Hm, mchte wissen was da im Winde ist --
verteufelter Kerl, wie fix er durch die Wand war, murmelte er vor
sich hin; sein Hals kann auch seinen Beinen dankbar sein, mein' ich,
denn auf einen bloen Deserteur wird doch nicht gleich geschossen --
hab's mir aber etwa gedacht, da der Bursche wohl was erzhlen knnte
-- wenn er nur wollte.

Ein paar Soldaten wollten jetzt rasch zur Thr hinaus, dem Flchtigen
nachzusetzen, Bertrand rief sie aber zurck.

Lat ihn heute, in dem Unterholz ist er schon lange in Sicherheit,
sagte er seine Klinge vom Boden aufhebend und den Sprung, mit einem
leise gemurmelten Fluch wieder zusammenpassend -- wart' aber
Canaille; also hier nach Tahiti her hast Du Dich gefunden? -- nun
hoffentlich war das nicht das letzte Mal da wir einander begegnet
sind, und das nchste Mal _kenn'_ ich Dich, darauf kannst Du Dich
verlassen. Und Du Mtterchen, wandte er sich pltzlich an die alte
Frau, die knurrend und keifend neben dem qualmenden brennenden Oele
stand, und giftige Blicke bald nach der Ursache dieser Ueberstrzung
ihres Hausstandes, bald nach dem unglcklichen Schuster hinber warf,
an dem sie nur noch nicht recht wute, wie sie einen Halt bekommen
sollte, ihren Grimm auszulassen -- Du kannst mir vielleicht sagen wie
der Bursche, der da eben durch Deine Wand sprang, heit, was er treibt
und wo er wohnt.

Mtterchen Tot war aber keineswegs in der Laune irgend eine Auskunft
zu geben, und ihren vollen Grimm gegen den Frager kehrend, berhufte
sie ihn mit einer wahren Fluth von Schimpfreden und Zornesworten, da
er verlange sie solle alles Gesindel kennen, das sich auf der Insel
herumtriebe, und die Wohnung von Leuten angeben die zu ihr in's Haus
kmen einen Dollar zu verzehren, wovon sie leben msse in ihren alten
Tagen.

Bob wollte ebenfalls von Nichts wissen, und Bertrand sah wohl ein da
er hier nur seine, jetzt weit kostbarere Zeit vergeuden wrde, aus den
hier Anwesenden durch Drohungen oder Bitten etwas herauszulocken.
Vielleicht aber vermochte ihm ihr Eigennutz, dieser gewaltige Hebel
der Menschheit mehr zu ntzen, und sich an die Alte wendend da der
Matrose wohl schwerlich einen Kameraden verrathen wrde, sagte er
ruhig:

Frieden Mtterchen, eben weil Ihr eine arme verlassene Wittwe seid,
red' ich zu Euerem Besten, und wollt Ihr einen Haufen Geld mit einem
Schlag verdienen, so habt Ihr weiter Nichts zu thun als Ja zu sagen.

Haufen Geld, mumpelte die Alte mrrisch, aber auf einmal merkwrdig
besnftigt, in ihrem zahnlosen Mund -- Haufen Geld, ja mit der Zunge,
da versprecht Ihr Wi-Wis das Blaue vom Himmel herunter -- Haufen Geld
-- wie soll eine arme verlassene Wittwe einen Haufen Geld verdienen in
dieser schweren, drckenden Zeit? -- fort mit Euch, ich kenne Euch
schon von alten Zeiten her.

Schon gut, Madonna, also Du weit nicht wo jener Bursche, der da eben
durch die Bambuswand sprang, und mit der Gelegenheit dieses Hauses
_auerordentlich_ vertraut scheint, sich ber Tag aufhlt, und wo er
wohnt?

Nein -- Nichts, brummte die Alte mrrisch.

Weit auch nicht wie er heit?

Die Alte zgerte und sah halb unschlssig Bob an, der aber sog ruhig
an seiner Pfeife und schaute still und heimlich lchelnd vor sich
nieder -- sie schttelte trotzig mit dem Kopf.

Gut, sagte Bertrand, sich die Lippen beiend, vielleicht fllt
Dir's spter ein; frischt sich aber Dein Gedchtni, so kannst Du 500
Frank -- verstehst Du? -- 500 Frank verdienen, wenn Du mir
Gelegenheit giebst des Schuftes habhaft zu werden.

Fnfhundert Frank? sagte die Alte unglubig.

Auf der Stelle ausgezahlt, sobald wir den Burschen in unsere Gewalt
bekommen -- und selbst fr den Anderen sollst Du zweihundert haben,
wenn Du uns zu seiner Ergreifung behlflich bist.

Bob hob jetzt zum ersten Mal den Blick vom Boden auf, und sah die Alte
lauernd an -- Mtterchen Tot schien aber in der That in tiefem
Nachdenken verloren ber den Vorschlag, und es bedurfte einiger
Minuten, ehe sie die Versuchung von sich abschtteln konnte -- wenn
sie sich nicht etwa gar vor den Zeugen genirte.

Ich will Nichts mit der Sache zu thun haben, brummte sie
kopfschttelnd -- hat O'Flannagan sich -- 

O'Flannagan? frug Bertrand rasch.

Ach zum Teufel! rief die Alte, jetzt selber rgerlich werdend --
lauert Einem nicht das Wort von den Lippen, eh' es gesprochen ist --
was wei ich wie Einer heit der bei mir aus und ein geht, und sich so
oder so nennen kann -- wen kmmerts. Es ist Nachtschlafenszeit, und
ich will meine Ruhe haben in meinem eigenen Haus -- versteht Ihr
das?

Ich versteh' Euch, Mtterchen, lachte aber Bertrand -- danke
brigens fr den Wink, und -- verget die 500 Frank nicht. -- Doch
jetzt: Achtung. Ihr Leute rechts umkehrt und vorwrts marsch! und den
Soldaten voran schreitend, die ihm durch die niedere Thr mit
gebckten Kpfen folgten, verlie er rasch das Haus, und bald verklang
der letzte Schritt der bewaffneten Mnner in der Ferne.

Bob war aufgestanden und lauschte dem weiter und weiter
verschwimmenden Gerusch der ihm genug verhaten Franzosen. Dann sich
den Hosengrtel nach Seemannsart in die Hhe rckend und den Hut etwas
weiter aus dem Gesicht schiebend, drckte er beide Hnde neben den
Hften in den Bund und drehte sich ab, ohne weiteres Wort oder Gru
das Haus zu verlassen.

Die Alte sah ihm finster und schweigend nach, ohne ihn aufzuhalten, in
der Thr aber blieb er pltzlich noch einmal stehen, drehte sich um,
nahm mit der linken Hand die Pfeife aus dem Munde, und sagte:

_Mein_ Name ist Bob Candy, und sich dann auf dem Absatz
herumschwingend, verschwand er durch die noch offene Thr.

Mtterchen Tot aber lschte die Lichter aus, ohne auf Murphy oder den
jetzt wieder zum Feuer niedergekauerten Indianer irgend eine
Rcksicht zu nehmen, und drckte sich mrrisch und knurrend auf ihr
Lager in der Ecke nieder. Sie hatte den Kopf voll, und selbst der
kleine Schuster konnte sich heut Abend unbelstigt auf sein Lager
werfen, den Mosquitos ein paar Stunden Schlaf abzuringen.




[Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wrter ist im
Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden ebook wurden lediglich
offensichtliche Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert.

Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden
folgendermaen ersetzt:

Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: ~Antiquatext~ Fettdruck:
#fetter Text# ]






End of Project Gutenberg's Tahiti. Zweiter Band., by Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ZWEITER BAND. ***

***** This file should be named 29464-8.txt or 29464-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/2/9/4/6/29464/

Produced by richyfourtytwo, Bernd Meyer and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
