The Project Gutenberg EBook of Die Ruberbande, by Leonhard Frank

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Title: Die Ruberbande

Author: Leonhard Frank

Release Date: October 19, 2009 [EBook #30281]
[Last updated: September 12, 2014]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RUBERBANDE ***




Produced by Jens Sadowski





                         16. bis 20. Tausend




                            Leonhard Frank
                           Die Ruberbande
                                Roman


                                 1922
                      Im Insel-Verlag zu Leipzig

              Copyright 1914 by Insel-Verlag in Leipzig

                         Lisa Ertel gewidmet




Erstes Kapitel


Pltzlich rollten die Fuhrwerke unhrbar auf dem holprigen Pflaster, die
Brger gestikulierten, ihre Lippen bewegten sich -- man hrte keinen
Laut; Luft und Huser zitterten, denn die dreiig Kirchturmglocken von
Wrzburg luteten drhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst. Und
aus allen heraus tnte gewaltig und weittragend die groe Glocke des
Domes, behauptete sich bis zuletzt und verklang.

Die Unterhaltungen der Brger und die Tritte einer Abteilung verstaubter
Infanteristen, die ber die alte Brcke marschierten, wurden wieder
hrbar.

ber der Stadt lag Abendsonnenschein.

Ein roter Wolkenballen hing ber der grauen Festung auf dem Gipfel, und
im steil abfallenden kniglichen Weinberg blitzten die Kopftcher der
Winzerinnen -- die Weinernte hatte begonnen.

Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch.

Ein paar Knaben, die lachend und schreiend Nachlauferles spielten, um
die zwlf mchtigen Brckenheiligen aus Sandstein herum, vom heiligen
Kilian zu Totnan, und von da zu Pipinus, standen erschrocken still und
versteckten sich hinter Sankt Colonatus, denn Herr Mager, der
Volksschullehrer und Tyrann vieler Generationen Knaben, schritt ber die
Brcke.

Bei jedem Schritt schob er die rechte Schulter vor und stie mit
Vehemenz seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing,
aufs Pflaster. Erzrnt sah er sich um, seine kleinen Apfelbckchen
spannten sich. Er hatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betreten
davon. Ihr morgiger Sonntag war verhngt von der Schulstunde des
Montags.

Der Lehrer war gefrchtet.

Seine Technik im Strafen war aufs feinste ausgebildet. Keiner traf so
sicher wie er mit dem Rohrstock die Fingerspitzen, immer genau dieselbe
Stelle, da die Fingerspitzen schwollen und blau anliefen. Unverhofft
mit dem Rohrstock auf den Handrcken zu schlagen, liebte er. Und zbelte
er einen Jungen, so fate er die feinsten Hrchen an der Schlfe.
Bentigte er einen neuen Rohrstock, dann mute der Junge, welcher Prgel
zu bekommen hatte, selbst eine Anzahl Stcke zur Auswahl beim Kaufmann
holen. Herr Mager untersuchte lange und sorgfltig, beroch die Stcke,
hieb sie durch die Luft und horchte auf das Pfeifen, whlte den dnnsten
und zhesten, prparierte ihn erst, indem er das Ende spaltete, und der
gewollte Erfolg war, da der Stock beim Schlagen Blutblasen in die
Fingerspitzen zwickte.

Die Furcht der Knaben umgab Herrn Mager wie eine Wolke, sein Leben lang.
Und es kam vor, da vierzigjhrige Mnner, frhere Schler von ihm,
erschrocken zur Seite wichen, wenn sie ihn des Weges kommen sahen.

Am letzten Tage, wenn er seine Schler aus der Volksschule entlassen
mute, gab er ihnen die Angst mit auf den Lebensweg: Wir sind noch
nicht fertig miteinander, sprach er und lchelte. In der
Fortbildungsschule habe ich euch wieder, und wer von euch zu den
>Neunern< einrckt, den bekomme ich noch einmal als Rekrut. Denn auch da
unterrichte ich. Und dann erst war die Klasse entlassen.

Herr Mager blieb auf der Brcke stehen und sah auf die beleuchtete Uhr
vom Spitle, einer kleinen Kirche im Mainviertel, deren Vorderfront
gegen den Brckenberg steht.

Nach zwei Jahre langen Verhandlungen und vielem Streit war von den
Wrzburger Stadtvtern der Jahresetat von zwanzig Mark fr die
Nachtbeleuchtung der Uhr bewilligt worden.

Heute zum ersten Male leuchtete das Ziffernblatt. Sogar schon am Tage,
denn die Sonne war noch nicht unter.

Herr Mager freute sich. Er hatte fr Beleuchtung gestimmt. Er war fr
den Fortschritt.

Ein Fischer mit violett angelaufener Stlpnase und rotem
Schnurrbart, der erst bei den Mundwinkeln begann und zwei buschigen
Eichhornschwnzchen glich, stand vor dem Spitle und ein alter
Polizeiwachtmeister mit kurzen Sbelbeinen.

A richtje Uhr mu beleucht sei! Das sag i! rief der Fischer und
schnitt mit einer Handbewegung jede Erwiderung ab. Was ntzt uns denn a
ubeleuchte Uhr! Bei der Nacht sin alle Menschen schwarz . . . Jau, so a
Gaudi, zw Jahre brauche sie dazu. Er steckte die Hnde in seine
gestrickte, blaue Wolljacke, wandte sich weg und sah, die Unterlippe
grimmig vorgeschoben, den Brckenberg hinauf.

Auf die Kirche zu kam mhsam atmend ein gromchtiger Pfarrer, dessen
ausgeprgte Rckenverlngerung sich stark hin und her bewegte, denn er
hatte Plattfe. Ein kleines Mdchen sprang zu ihm hin: Gelobt sei
Jesus Christus, knickste und gab ihm die Hand.

In Ewigkeit. Amen. Der Pfarrer schlug das Kreuz und hielt Herrn Mager
seine Horndose hin. Herr Mager nahm eine Prise, tat, als schnupfe er,
und lie den Tabak in seine Tasche fallen.

Gestern nacht ham mir die Sakramentslumpe an dreipfndige Hecht aus
mein neue Sandschiff g'stohle, mitsamt'n Blechkaste, rief der rote
Fischer. Wenn i so 'n Malefizhamml erwisch, dem dreh i . . . rrracks!
die Gurgl um. Er hielt dem Wachtmeister die Faust unter die Nase. Die
Adern an seinem Halse schwollen.

Das silberne Klingeln der Ministranten tnte aus der Kirche. Herr Mager
beugte das Knie und hob erbleichend die Arme, taumelte gegen die
Kirchenmauer: ein durchgegangenes Pferd war auf ihn zu galoppiert, stieg
vor ihm in die Hhe und raste den Brckenberg hinauf.

Der Wachtmeister ri die Waffe heraus und rannte, den Sbel hocherhoben,
dem Pferde in groem Abstand ber die Brcke nach.

Eine graue Dogge mit heraushngender Zunge berholte ihn und sprang
freudig bellend am Pferde empor, das hinter einem hochbeladenen Heuwagen
stehen geblieben war und Heu herauszupfte. Dogge und Pferd gehrten
einem Besitzer.

Brger umringten den erhitzten Polizeiwachtmeister. Der Heuwagenkutscher
trat auch hinzu, ttschelte dem durchgegangenen Pferde den Hals. Es hob
den Schwanz -- die Brger traten zurck. Und wieder zusammen.

Die Dogge umraste den Heuwagen und die Brger, die das heufressende
Pferd umstanden und ihre Pfeifen stopften. Man unterhielt sich weiter.

Drei Brckenheilige entfernt stand ein Knabe, das Gesicht zum Himmel
gerichtet, lie eine Leberwurst in den Mund gleiten und zog die leere
Haut langsam wieder heraus in die Hhe.

Ein kleiner Student, die grne Mtze im Nacken, schritt mit winzigen
Schrittchen sehr schnell an ihm vorbei und blickte streng aufwrts zur
Festung, deren viele Fenster glhten, vom letzten Sonnenschein
getroffen, als mten unvermittelt die Flammen heraus in den abendlichen
Himmel schlagen.

Erschrocken, als habe er unverhofft Sgemehl anstatt Wurstflle in den
Mund bekommen, standen die Kinnbacken des Knaben still. Voller Grauen
starrte er auf seine zweite Leberwurst, trat hinter den heiligen Kilian
und steckte den Finger in den Mund. Befriedigt blickte er auf den
Mageninhalt.

Die ber seinem Zeigefinger hngende zweite Leberwurst wie eine
gefhrliche Giftschlange vor sich hertragend, ging er langsam weiter,
den Knaben entgegen, die vor Herrn Mager geflchtet waren.

Winnetou, da kommt der Duckmuser mit einer Leberwurst, sagte einer
der Knaben, und sein Mund blieb offen, rund und schwarz wie ein
Mauseloch.

Wo denn, Rote Wolke? Wo denn?

Dort, beim heiligen Kilian.

Lat ihn, der bildet sich sonst noch ein, wir verkehrten mit ihm.

Wenn er doch eine Wurst hat.

Wer gibt mir was fr die Wurst? fragte der Duckmuser zaghaft.

Nachdenklich blickten die Knaben auf die Leberwurst ber dem
Zeigefinger. Winnetou bot nach langem Besinnen einen Pfennig, zog aber
die Hand, mitrauisch geworden, sofort wieder zurck, als er die Wurst
wirklich so billig bekommen sollte. Gelt, es ist etwas nit richtig mit
der Wurst?

Sie ist ganz frisch, vom Metzger Fritz. Die andere hab ich schon
gegessen.

Sag erst: Auf Ehr und Seligkeit; sonst glaub ich's nit.

Auf Ehr und Seligkeit, die Wurst ist frisch.

Winnetou, jetzt kannst sie kaufen, riet man ihm.

Winnetou kaufte die Leberwurst, richtete das Gesicht zum Himmel und
wollte sie in den Mund gleiten lassen.

Halt! Fasttag! schrie der Duckmuser und lachte. Fasttag ist heute.
Sonst htte ich meine Wurst selber gegessen.

Bestrzt streckte Winnetou die Wurst zurck.

Aber der Duckmuser nahm sie nicht.

Eine Wurst hast du doch schon gegessen? Dann hast du eine Todsnde
begangen, sagte Winnetou langsam, in tiefem Entsetzen.

Winnetous Familie war streng katholisch. In seinem uralten Vaterhause
brannten die ewigen Lichtchen Tag und Nacht vor den Betpulten.

Gegessen hab ich sie, aber wenn du willst, kann ich dir zeigen, wo sie
jetzt ist. Beim heiligen Kilian liegt sie.

Betroffen blickte Winnetou den Duckmuser an, hing die Leberwurst
resolut ber die groe Zehe des heiligen Kilian. Und strzte sich auf
seinen Gegner.

Der Brgerkreis ffnete sich. Der Polizeiwachtmeister fhrte das Pferd
heraus und sprang energisch von ihm weg zum Knabenknuel.

Die Dogge holte die Wurst vom heiligen Kilian herunter. Das Pferd sah
sich um, stieg mit dem Hinterteil in die Hhe und galoppierte, von der
Dogge umrast, in mutwilligen Sprngen ber die Brcke heim.

Die Knaben waren geflchtet. Der Polizeiwachtmeister stand pltzlich in
einer schwarzen Rauchwolke und schimpfte hustend zum Dampfschlepper
hinunter, es sei verboten, bei der Brcke Rauch abzulassen.

Der Schlepper glitt mit gekapptem Schlot langsam durch den Brckenbogen.
Der Wachtmeister stie seinen Sbel in die Scheide und sah sich barsch
um. Die Brcke war leer.

                   *       *       *       *       *

In der Werkstatt des Mechanikers Tritt drckten sich die Lehrjungen
ngstlich herum und sahen auf die Uhr. Der Geselle war schon lange
fortgegangen, die Werkstatt war peinlich sauber aufgerumt, die drei
kleinen Drehbnke blinkten, auf dem Fuboden htte man essen knnen.

Aber der Meister war noch immer nicht gekommen, um die Erlaubnis zum
Fortgehen zu geben.

Oldshatterhand, der jngste der Lehrlinge, stand Wache, um die anderen
benachrichtigen zu knnen, wenn der Meister ankam. Interessiert holte er
aus der Tasche seines Mechanikerkittels eine kleine Feile und feilte an
seinen schwarzen Fingerngeln herum. Dann suchte er weiter in der
Tasche, zog einen Klumpen lige Putzwolle heraus, aus der sich eine
Pflaume und ein rundes Handspiegelchen schlten. Die Pflaume steckte er
in den Mund; das Spiegelchen rieb er heftig am Schenkel sauber und
reflektierte damit die Sonne einer Kchin ins Gesicht, die im vierten
Stock aus dem Fenster sah.

Erschrocken strzte er von der Schmiede in die Werkstatt. Der Meister,
ein Mann mit gepflegtem rotem Spitzbart und kalten, grnlichen Augen,
schritt durch den Hof, mit seiner dreizehnjhrigen Tochter am Arm.

Der lteste Lehrling rieb heftiger an einem Stck Werkzeug, das er schon
seit einer Stunde rieb, immer wieder mit l einstrich und rieb, und sah
manchmal von unten herauf nach dem Meister, der jetzt an einer der
Drehbnke lehnte und in der Zeitung las. Es war sehr still, man hrte
nur das Reiben.

Der Meister sah langsam auf und starr auf den Reibenden, der den Kopf
senkte. Die anderen Lehrbuben standen atemlos in den Ecken.

Oldshatterhand verrckte die schon geradeliegenden funkelnden Zangen,
Hmmer und Pinzetten auf der Werkbank um Millimeter.

Der Meister schritt auf ihn zu und sah, den Mund schiefgezogen, auf ihn
hinunter.

Gebannt lieen Oldshatterhands Hnde ab vom Werkzeug.

Was soll denn das!

Ich le . . . leg das We . . . Werkzeug gr . . . gr . . . grad.

Ist das eine Arbeit? . . . Stotterndes Kamel! Der Meister hatte seinen
Blick in Oldshatterhands vergrerte Augen eingehackt. Was bist du?

Oldshatterhand wurde blutrot.

Was bist du!

Ein st . . . stotterndes Ka . . . Ka . . . Kamel.

Was reibst du denn! Schafskopf! schrie unvermittelt der Meister den
ltesten Lehrjungen an und bi auf seine Unterlippe. Geht doch zum
Teufel! . . . Eselsbande!

Das Mdchen schmiegte sich an ihren Vater an und lchelte hhnisch. Die
Jungen entfernten sich lautlos.

Oldshatterhand ging durch die Kaiserstrae. Vor einer Feinbckerei blieb
er stehen, sah die Kuchen an und schlo manchmal die Augen, um besser
riechen zu knnen; denn von unten aus dem Keller, wo der Backofen war,
stieg durch das eiserne Gitter der warme, se Kuchenduft.

Oldshatterhand hatte es schlecht getroffen im Leben. Sein Vater war ein
armer Mann. Und vom Schultyrannen Mager war Oldshatterhand zum Tyrannen
Tritt geraten.

Nach einem letzten lsternen Blick auf die Kuchen machte er sich auf den
Heimweg.

Vor ihm ging langsam ein Fremder und betrachtete die alten Huschen. Er
hatte einen Gummimantel an. Oldshatterhand blickte auf ihn, ging
unauffllig um ihn herum, und immer wenn der Fremde stehen blieb, blieb
auch Oldshatterhand stehen, sah auf das Huschen, auf den Fremden
zurck. Seine Wnsche glitten aus der verhaten Gegenwart in die
Zukunft. Seine Sehnsucht lie ihn zum Fremden werden.

Bitte schn, wo ist die Domstrae? fragte der Fremde einen Brger und
ging in der angezeigten Richtung fort.

Auf den Zehenspitzen balancierend, bewegte Oldshatterhand den Oberkrper
hin und her, um den Fremden so lange wie mglich sehen zu knnen.

Ein Mann mit einem Fensterflgel auf der Schulter kam auf ihn zu.

Sie . . . Sie!

Der Mann blieb stehen.

K . . . knnen Sie mir nicht sagen, wo die Domstrae ist? . . . Ich
bin fre . . . fre . . . fremd in Wrzburg.

Verblfft sah der Mann Oldshatterhand an. Du bist doch der Sohn vom
Schreiner Vierkant . . . Du Lausbub! Dir geb ich . . . Er hob die Hand.
Oldshatterhand wich zurck und sah zwischen Lachen und Weinen dem Manne
nach.

Beim Julius-Echter-Denkmal holte er seine Mutter ein, eine kleine, dicke
Frau mit nachdenklichem Gesicht, worin die klugen, guten Augen ber Last
und Sorgen und Auswegen nachsannen. Unvermittelt konnten die Furchen der
Sorge in ihrem Gesicht sich in Linien der Gte verwandeln.

Sie schleppte einen groen Henkelkorb, dessen Deckel klaffte, so da die
Kleider, die der Korb barg, zu sehen waren. Sechs Mark waren diesmal
drauf. Und siebenundzwanzig Pfennig Zinsen hat er mir abgenommen . . .
Fnf Mark mu ich dem Vater geben, fr Vesper- und Ausgehgeld, bleiben
mir von seinem Lohn drei Mark fr die ganze Woche. Und damit soll ich
Essen fr vier Kinder und einen Mann auf den Tisch stellen . . . Die
Hausmiete ist auch schon fllig. Wenn ich nur einmal nimmer leben tt.

Oldshatterhand schwieg eine Weile und fragte dann, was es heute abend
gbe.

Fr'n Vater hab ich a Tuble, sagte die Mutter und stellte ihren Korb
ab. Er it's doch so gern . . . Ja no, er mu ja die ganze Woche hart
arbeiten . . . Und wir, wir trinken halt unsern Kaffee. Trgst mir e
bile helf? . . . Siehst, das ist fr dich. Sie holte aus dem Korb ein
Stckchen Kuchen und legte Oldshatterhand die Hand auf die Schulter. Ihr
Gesicht wurde tiefrot, sie lachte, da ihre Schultern schtterten, und
konnte sich gar nicht beruhigen, weil sie ihren Sohn mit Kuchen
berrascht hatte.

Mutter und Sohn faten den Henkel: der Korb schwebte zwischen den beiden
nahe dem Boden die Domstrae hinunter und ber die alte Brcke.

Mutter, schau mal die Wolke an ber der Festung. Sie sieht aus wie
Rom.

Die Mutter lachte in sich hinein. Was bist du fr einer . . . Wie
Rooom!

                   *       *       *       *       *

Es war elf Uhr nachts.

Der vierzehnjhrige Buchbinderlehrling und Hauptmann der Ruberbande,
Sohn der vermgenden Gastwirtswitwe Benommen, stand nackt in seiner
Dachkammer am offenen Fenster und hielt in jeder Faust ein Bgeleisen.
An einem Strick, der um seine Lenden gebunden war, hing vorne ein
handgroes, zinnoberrotes Tchlein. Sein weier Krper war vom Mondlicht
getroffen. Hinten in der Kammer war tiefschwarze Nacht.

Von der Bierkneipe unten im Hause, die der ltere Bruder des Hauptmanns
betrieb, klang der Gesang der Soldaten herauf:

   Ich wollte sie verfhren,
   Dazu hat sie kein Mut.

Der Hauptmann, genannt der bleiche Kapitn, fing an zu ben: er reckte
den Brustkasten heraus, sog ihn voll mit Luft und zog die ausgebreiteten
Arme mit den Bgeleisen kraftvoll zum Krper, schnellte sie auseinander,
zog sie an, und so fort. Dabei blickte er, den Kopf zurckgezogen, da
sich ein sprliches Doppelkinn bildete, die Unterlippe vorgeschoben,
hinunter auf das Spiel seiner Armmuskeln.

Unten wurde, von Mdchenlachen begleitet, die Wirtschaftstr zugeknallt,
und eine Wolke Bierdunst schlug in des Hauptmanns Kammer.

Ein Schakalruf ertnte in die Nachtstille. U . . . u! klang es dster,
U . . . u!

Der bleiche Kapitn horchte, fuhr in Hose und Rock und schlich, die
Schnrstiefel in der Hand, strmpfig die Treppe hinunter.

Vor dem Hause, unter der Gaslaterne, stand ein Junge, elegant auf sein
dnnes Spazierstckchen gesttzt, das sich fast zum Halbkreis bog: der
Schreiberlehrling des Rechtsanwalts Karfunkelstein.

Die zwei Knaben schlichen dicht an den altersschiefen Huschen eine enge
Gasse aufwrts, die bis an den Fu des dunklen Schloberges fhrte. Auf
dem steilen Bergrasen standen mchtige, alte Linden, durch die sich ein
Sandweg hinauf zur Festung zog. Achtzehnhundertsechsundsechzig war die
Festung von den Preuen genommen und geschleift worden. Seitdem lag eine
Kompagnie Trainsoldaten im Schlo, und am uersten Rand des Berges, bei
einem Auslughuschen, stand eine alte Kanone, die abgefeuert wurde, um
Brger und Feuerwehr zu alarmieren, wenn unten in der Stadt Wrzburg ein
Brand ausbrach.

Die Knaben standen im schwarzen Schatten, den die Linden warfen. Es war
vollkommen still. Der Schreiber sah sich ngstlich um. Horch . . .
hrst du nichts?

Da herauf kommt kein Mensch um diese Zeit, sagte der bleiche Kapitn,
sah sich auch um und zog die Schuhe an.

Es ist eigentlich gar nicht unheimlich . . . Wenn man nur keine Angst
hat.

Das ist schon wahr . . . Schau, in der Elefantenga gibt's Gummiabstz.
Das Paar nur zehn Pfennig. Da hab ich mir fnfzehn Paar kauft.
Sitzlings streckte der bleiche Kapitn das Bein zum Schreiber in die
Hhe. Die andern vierzehn Paar hat mei Mutter glei' wieder
zurckgetragen und hat g'sagt, die brauchet ich nit . . . Ich trau mich
gar nimmer an dem G'schft vorbei. Als ob man in seinem Leben nit
fnfzehn Paar Gummiabstzli aufbrauchen knnt. Es ist wirklich ganz
unglaublich.

Das htt ich mir nit g'fall la.

Gott, was willst denn mach. Er stlpte die dicken Negerlippen mrrisch
nach auen. No, lang dauert's ja nimmer. Die wenn wt, was wir vorham
. . . Heiliger Gott!

Mei Vater hat heut zu mir g'sagt, wenn ich noch einmal mit
Oldshatterhand und mit dir und den andern verkehre, knnte ich was
erleben . . . Grn und blau wollt er mir ihn schlagen. Er wei aber ganz
genau, da ich mir das nit g'fall la.

Ja no.

Das eine wei ich, sprach der Schreiber hochdeutsch, so saudumm wrde
ich nicht sein, wenn ich Vater wre.

Gott, die ham ja keine Ahnung. Aber Augen werden die noch machen. Der
bleiche Kapitn erhob sich und trat prfend von einem Fue auf den
andern. Es ist wahrhaftig so, wie wenn man berhaupt keine Schuh
anhtt. Ich versteh absolut nit, warum mei Mutter mir die andern
vierzehn Paar wieder zurckgetragen hat.

So sind sie halt. Da kannst wirklich nix mach. Gehn wir jetzt.

Ja, aber leis.

Sie stiegen den Schloberg hinauf, bis vor das eisenbeschlagene,
wuchtige Bohlentor, durch das man in die Festung gelangt. Um diese Zeit
war das Tor geschlossen.

Gebckt schlichen sie auf dem Bergrcken nach links, bis an den Rand
vor, von wo aus man tief unten die Stadt liegen sieht, hoben wie auf
Kommando die Arme, schttelten die Fuste, riefen: Weh dir! zur Stadt
hinunter und sprangen in den Festungsgraben.

Von allen Seiten kamen jetzt kleine, dunkle Gestalten den Schloberg
heraufgeschlichen, bis an den Rand vor, riefen: Weh dir! und sprangen,
den bequemen Weg verachtend, die hohe Mauer hinunter in den
Festungsgraben.

Die Ruberbande, eine Schar vierzehnjhriger Lehrjungen, war versammelt.

Es war eine wunderbar klare Mondnacht im Herbst.

Oben stand dunkel das Schlo. Tief unten lagen die alte Brcke, die
Huser und krummen Gassen von Wrzburg. Die dreiig Kirchtrme bebten im
Mondlicht. Der Main, der die Stadt in zwei Teile trennt, glnzte. Jeder
Stern stand klar und scharf am grnlichen Himmel. Die ganze alte Stadt
war aus purem Silber.

Die Ruber saen im Kreis im Festungsgraben und rauchten ernst die
Friedenspfeife: ein langes Stck Schilf, derart viel im Graben wuchs.

Knapp vorbei am Ruberkreis, der noch im Mondlicht sa, fiel der
tiefschwarze Schlagschatten, den die Schlomauer warf.

Ein Vogel erwachte und flatterte im Brombeerbusch. Die Ruber saen
reglos und starrten auf das Lagerfeuer, das in ihrer Mitte flackerte.

Oben auf dem Feuer brannte und rauchte ein gerahmter Straminhaussegen,
auf dem Bet' und arbeit', so hilft Gott allzeit gestickt war. Die
Worte rollten sich zusammen, und Gott und Arbeit gingen in Flammen auf.
Winnetou hatte den Haussegen daheim gestohlen.

Er verschluckte den tzenden Speichel, den auszuspucken als Schande
galt, und sprach: In Sdamerika sind die Indianer klein, falsch und
furchtsam.

Sdamerika! sagte verchtlich der bleiche Kapitn.

Und arbeiten sogar fr die Weien. Ich habe nachgesehen.

Das neue groe Sandschiff vom roten Fischer ist nur mit einem Tau
festgemacht, unterm Brckenbogen. Im Frhjahr, wenn das Hochwasser
kommt, mten wir halt mit seinem Schiff hier abfahren. Nur ein paar
Tage den Main hinunter, in den Rhein, dann ein Stck den Rhein hinunter
und dann zu Fu nach Hamburg. Da knnen wir ganz gut in vierzehn Tagen
sein! rief die Rote Wolke, ein Waisenjunge, der bei seiner alten Tante
die Grtnerei erlernte. Er vertrug sich schlecht mit der Tante; denn er
deklamierte, nachdem er einmal bei einer Vereinstheatervorstellung
mitgewirkt hatte, den ganzen Tag, whrend er Kartoffeln hackte oder
Leichenkrnze band. Am ewigen Meer . . . da knnen wir in vierzehn
Tagen sein. Sein Mund stand offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch.

Und dann? fragte der Schreiber und zog lchelnd die Augenbrauen in die
Hhe.

Dann! Was heit das -- dann? rief der bleiche Kapitn. Dann machen
wir eben ein Segelschiff los und segeln ganz ruhig ber den groen
Teich.

Segelschiff los? Und die Matrosen, die darauf schlafen, und die Wachen?
He? Vielleicht steht sogar der Kapitn selbst die ganze Nacht am Steuer
und blickt hinaus aufs Meer, damit sein Schiff nicht gekapert wird.
Diese Sachen hab ich schon oft genug gelesen.

Winnetou hielt seine Hand in die Flammen und blickte, die Zhne
zusammengebissen, ber die Ruber weg. Langsam zog er die geschwrzte
Hand zurck.

Das werden wir schon sehen. Wir sind zwlf Mnner, rief verchtlich
der Hauptmann. Oder weit du nicht, Schreiber, was ein Enterhaken ist?
Das -- mein Lieber, das geht im Handumdrehen.

Winnetou hielt die schmerzende Hand senkrecht. Die Hauptsache ist, da
sich in einer einzigen Nacht in allen Urwldern und Prrien des wilden
Westens bei absolut allen Indianerstmmen die Schreckensbotschaft
verbreitet, aber wie ein Lauffeuer, da wir angekommen sind . . . Auf
unsere ersten Taten kommt's an. Die mssen gewaltig sein und furchtbar.

Die Weiber werden natrlich verschont, schlo der bleiche Kapitn und
stlpte die Negerlippen nach auen.

Immer werden die Weiber verschont. Unsere Kontoristin darf auch immer
eine halbe Stunde frher fortgehn, sagte der Schreiber. Gestern hab
ich zum erstenmal Diktat schreiben drfen. Das macht gewhnlich nur
unser Bureauvorsteher.

Gott, Diktaaat . . . Beim Lumpenhndler Ei gibt's kolossale alte
Revolver. Die knnen wir drben gut brauchen.

Meinst, da man davon ein paar aushngen kann?

Ich glaub, das wird schwer gehn. Aber wen man damit trifft, der is
total tot.

Winnetou nahm ein glhendes Holzstckchen in die Hand, prete sie zur
Faust -- und zhlte leise fr sich bis neun, schleuderte das
schwarzgewordene Holz ins Feuer zurck und erzhlte geqult: Ins
Zuchthaus kme ich noch, hat der Kaplan vorige Woche zu meiner Mutter
gesagt . . . Weil ich in der Religionsstund ein bichen von der
Schultinte fr mein Fllfederhalter mitgenommen hab. Jetzt sperren sie
mich daheim jeden Tag drei Stunden in die Holzlage . . . Ich! . . .
Ich! Er sprang auf, drckte die Fuste an die Wangen, Zorn und Scham
wechselten auf seinem Gesicht. Ich halt's nimmer aus!

Ins Zuchthaus? . . . Das wr doch ganz fein, wenn wir ins Zuchthaus
kmen, sagte der Schreiber erstaunt.

Verwirrt sah Winnetou den Schreiber an, lie sich langsam nieder und
blieb reglos hocken.

Nun ja . . . warum denn nicht. Der Schreiber sah fragend im Kreise
herum.

Niemand antwortete. Die Ruber sahen ins flackernde Feuer.
Oldshatterhand sah auf die fernen Berge, die im Mondlicht schwammen.
Eine Sternschnuppe fiel in den Weltenraum. Oldshatterhand wanderte einem
Gedanken nach, ber alle Lnder, drckte den Oberkrper einige Male
angestrengt vor und zurck und begann stark stotternd: Die Erde ka
. . . ka . . . kann ja gar keine Ku . . . Kugel sein, denn wenn man
immer weiter geht, mte man herunterfallen, oder mit dem Ko . . . Kopf
nach unten stehen und in die Lu . . . Lu . . . Luft hinunterstrzen
. . . Da habt ihr's, unten ist doch keine Lu . . . Luft, nur oben. Und
er deutete hinauf, wo Stern an Stern am tiefblauen Himmel stand. Der
Lehrer Ma . . . Mager versteht nichts. Oder wenigstens nicht viel. Die
Erde ist keine Ku . . . Kugel. Sie ist flach. Nur viele Bu . . . Buckel
hat sie.

Natrlich, und wenn man noch so weit geht, nach Ruland, nach China,
immer ist der Himmel oben, sagte der Schreiber und zuckte mit den
Schultern.

Da! rief Oldshatterhand und stand schnell auf. Die Ruber blickten
empor zu ihm. Denkt euch halt eine Ke . . . eine Ke . . . eine Ke
. . . Kegelkugel -- wenn darauf ein ga . . . ganz kleiner Mensch, nur so
gro wie der Dumling, nach einer Richtung immer, immer weiterluft, mu
er doch zu . . . mu er doch zu . . . zuletzt herunterfallen. Aaalso
kann die Erde auch keine Ku . . . Kugel sein. Das ist doch ganz klar. Ma
. . . ma . . . meint ihr nit?

Das wei man halt nit recht.

Wieder lsten sich Sternschnuppen an mehreren Himmelsstellen und
schwebten langsam und lautlos zu den im Mondlicht bebenden Bergen
nieder. Vom funkelnden Nachthimmel gehalten, hing der Erdball, und als
einzige Bewohner schien der Ruberkreis auf seiner stillsten und letzten
Hhe zu sitzen.

Ungeduldig hob Winnetou den feinen Knabenkopf, in dem die groen Augen
schwarz wie heier Asphalt glnzten. Ach, Unsinn ist alles, was der
Mager da von einer Kugel faselt . . . Wenn wir aber Wrzburg
einschern, fuhr er heftig fort, ehe wir von hier abfahren, und du
meinst, dann mten wir das Herz der Stadt anznden, so wre das der
Vierrhrenbrunnen, denn der ist in der Mitte. Aber der brennt doch nit.

Und das Petroooleum? Ha! Wenn nur drben auch alles so glatt ginge. Da
werden einfach hundert Fsser Petroleum ins Brunnenbassin gefllt -- ich
sitze nebenan im Hirschen, tue, wie wenn ich Kaffee trnke, und brenne
die Zndschnur an. Es ist eine dunkle Nacht, und ehe du dich versiehst,
schlgt eine kirchturmhohe Flamme in den Himmel hinauf . . . Die erfat
gleich das Rathaus und den Platz, und, o Gott, bis die da droben ihre
Kannle abfeuern, brennt die ganze Stadt . . . derweil wir schon lngst
in unserm Schiff den Main hinunterfahren. Ha! schlo der bleiche
Kapitn und spreizte die knochigen Finger, seine hellen Perlmutteraugen
glnzten, da mte halt mein Bruder in Amerika dabei sein. Dann ginge
sicher alles glatt.

Das erste, was wir drben tun, ist, da wir deinen Bruder aufsuchen.

No, allemal.

Der bleiche Kapitn hatte einen Bruder, der vor ein paar Jahren als
Ingenieur nach Amerika gegangen war. Der einzige Mensch, dem sich der
bleiche Kapitn nicht ganz ebenbrtig fhlte, und auf den er bei jeder
Gelegenheit hinwies, als auf ein nicht erreichbares Ziel.

Ehe der Amerikaner abgereist war, hatte er am Bahnhof zum bleichen
Kapitn gesagt: Ich komme wieder, dann reie ich die alte Brcke ab und
baue dafr eine hundert Meter hohe Hngebrcke hin, aus
Eisenkonstruktion. Da werden die Wrzburgerli Maul und Augen aufreien.

Alle Ruber hatten die gleiche Vorstellung von dem Amerikaner -- sie
sahen ihn, weit, weit von hier, khn und wortkarg gewaltige Taten
vollbringen; sie sahen ihn am reienden Mississippi stehen, nur mit
einer Zeichenrolle in der Hand: er blickt auf die Zeichnung und streckt
den Finger aus -- da strzen seine siebentausend Leute sich auf
Eisenschienen und Trger, und alsbald steht ein gigantischer
Brckenbogen im Mississippi.

Wortkarg besteigt der Amerikaner den Mustang und reitet durch die
Wildnis zurck zu seinem Blockhaus.

Die Schule geht in Flammen auf, sagte der Schreiber und hob die Arme.
Und Lehrer Mager verbrennt zu nichts. Hi!

Nein, Schreiber, ber den wird endlich einmal Gericht gehalten. Der
wird ganz einfach gefesselt und in den Festungsgraben geschleppt. Da
wird er ausgezogen und an einen Baumstamm gebunden . . . An den wilden
Birnbaum dort. Dann wird er gemartert, sieben Stunden lang. berhaupt
die ganze Brandnacht durch. Aber . . . wir lassen ihn am Leben. Wir
hetzen ihn lieber nackt durch die brennende Stadt.

Letzthin bin ich mit Sa . . . Seidel zum Lehrer gegangen, um die korri
. . . um die korri . . . korrigierten Schulhefte abzuholen. Seidel hat
einen A . . . A . . . Apfel kriegt, ich eine Ohrfeige, waaa . . . weil
so viel Fehler in mein Aufsatz waren. Und die Hefte hab ich auch nit
helf tr . . . tr . . . trag drf.

Warum gehst du auch mit dem Seidel zum Mager. Der ist doch sein
Liebling. G'schieht dir ganz recht.

Ich wollt halt auch einmal die He . . . die He . . . Hefte trag . . .
Dann wei ich aber noch einen, de . . . de . . . der gemartert werden
mu. Meee . . . Meee . . . Mechaniker Tr . . . Tr . . . Tr . . . Tritt!
schrie Oldshatterhand wtend.

Und die anstndigen Leute, es gibt ja sowieso nur ein paar in
Wrzburg, sagte sinnend der bleiche Kapitn, die werden vorher durch
Briefe aufgefordert, ihre Kostbarkeiten zusammenzuraffen und mit Weib
und Kind aus der Stadt zu fliehen . . . Alles was recht ist.

Zum Beispiel dem Rat Hberlein schreiben wir vorher einen Brief. Der
hat mich gestern abend sein Garten gieen lassen.

Am Silbersee mssen wir unser Blockhaus bauen. Der liegt inmitten von
Prrien und Urwldern, sagte die Rote Wolke und deutete weit hinaus.

Einmal kann ich ja meiner Schwester z . . . zwei Pa . . . Pa . . .
Papageienflgel schicken? Fr ihren H . . . Hut, sagte Oldshatterhand.
Gr . . . grne vielleicht.

Wenn sie nicht umgekommen ist in der Brandnacht.

Die, die . . . mu einen Brief bekommen! rief Oldshatterhand
erschrocken und gab die Friedenspfeife weiter.

Wer von uns seine Familie schonen will, kann ja einen Brief schreiben,
ich tu's nit, sagte der bleiche Kapitn, tat die drei vorgeschriebenen
Zge aus der Friedenspfeife und sagte monoton in tiefem Ba:
Falkenauge, reichte das qualmende Schilfrohr seinem Nachbarn, stand
auf und bte mit einem Sandowmuskelspanner.

Falkenauge blickte mit dem einen Auge aufs glimmende Schilfrohr, whrend
das andere gespenstisch und interesselos nach rechts blickte. Es war ein
Glasauge.

Eine Kirchturmuhr begann zu schlagen, eine entfernte geiferte dnn und
schnell dazwischen, andere mit tiefen Tnen setzten ein; der
Zusammenklang whrte eine Weile. Da hub die Domuhr voll und dunkel an zu
schlagen: tm . . . tm . . . tm . . . zwlf Schlge in die tiefe
Nachtstille.

Nach den Sta . . . tatata . . . tuten m . . . ssen wir jetzt den
heutigen Ra . . . Raubzug beginnen. Oldshatterhand haaa . . . t ge
. . . sp . . . sprochen.

Der Schreiber unterdrckte das Lachen. Winnetou gab ihm einen
Rippensto. Oldshatterhand errtete und heftete seine wutfunkelnden
Augen auf den Schreiber.

Da erschien auf dem Bergrcken pltzlich eine groe, dunkle Gestalt, die
sich lautlos reckte und schnell wieder zusammenduckte, als ein Ruber
den Kopf hob.

Mit Gott denn! rief der bleiche Kapitn.

Die Ruber sprangen auf und tanzten, schwerfllig von einem Fue auf den
anderen hpfend, im Kreis um das Lagerfeuer herum und sangen gedmpft
und monoton dazu:

   Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,
   Nang kang killewi, nang kang killewi,
   Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,
   Nang kang killewi wau.

Der bleiche Kapitn reckte die Hand in den Nachthimmel -- die Ruber
standen in ihrer momentanen Stellung still. Die Hand des bleichen
Kapitns sank, und die Ruber strzten, den bequemen Weg, der aus dem
Graben fhrte, verachtend, zur Mauer, krabbelten hinauf, schlichen vor
bis zum Bergrand und riefen: Weh dir! zur Stadt hinunter.

Die Gestalt war hinter einem Baumstamm verschwunden.

Die Knaben standen jetzt auf einem Felsenvorsprung, der,
gebschbewachsen und zerklftet, dreiig Meter senkrecht in die Tiefe
fiel, bis in den Hof einer Malzfabrik, in deren haushohen Schlot die
Ruber oben hineinsehen konnten.

Ein Diebabhalter, fcherartig auseinanderstehende, altersmorsche Latten,
die aus dem Felsenabhang hinaus in die Luft ragten, versperrte den Weg
in die kniglichen Weinberge.

Der bleiche Kapitn rutschte auf dem Bauche ein Stck den Felsenabhang
hinunter, erfate die Latten, schwang ein paarmal wie ein
Kirchenglockenschwengel ber der Tiefe hin und her -- und stand in den
kniglichen Weinbergen.

Die anderen folgten und waren nach einer Weile alle glcklich drben,
auer Oldshatterhand, der zitternd am Felsenabhang klebte, denn seine
freie Hand reichte nicht bis zum Diebabhalter. Er wagte nicht, sich zu
rhren.

Der bleiche Kapitn beugte sich, auf dem Bauche liegend und von den
anderen gehalten, ber den Felsenabhang hinaus, streckte Oldshatterhand
die Hand hinber und ri ihn frei durch die Luft zu sich.

Der Diebabhalter brach und strzte in die Tiefe.

Der Schreiber grinste: Hohaho! Oldshatterhand.

Still! rief der bleiche Kapitn und sah zrnend im Kreise herum.

Falkenauges glserner Ersatz funkelte im Mondlicht.

Oben lag die mondbeschienene Festung. Vom Fue der Festung weg, bis zu
den ersten Huschen der Stadt, fiel der knigliche Weinberg steil ab,
aus dessen Trauben der berhmte Leistenwein gekeltert und in Bocksbeutel
abgezogen wird.

Jeder hat sich unter seinen Weinstock zu setzen und so viel zu fressen,
wie er kann, befahl der bleiche Kapitn. Und dann erst steckt jeder so
viel Trauben ein, wie mglich, fr unsere Vorratskammer.

Die Ruber schwrmten aus und whlten jeder seinen Weinstock.

Der Mond stand jetzt voll am Himmel ber der schlafenden Stadt. Die
Domuhr schlug eins.

Es raschelte im Weinberg. Kleine, dunkle Gestalten krochen herum.
Oldshatterhand hockte in Kniebeuge und horchte, atemlos vor Angst. Ohne
hinzusehen, griff er seitwrts in den Weinstock und steckte eine Beere
in den Mund. Da glaubte er, die anderen seien schon fort, rutschte
erschrocken den steilen Weinberg hinab und prallte gegen Winnetou. Wenn
jetzt jemand kommt!

Winnetou richtete sich hoch auf und sah zur alten Brcke hinunter, auf
der einzelne, verkrzte, zusammengedrckte Menschen traumhaft taumelten,
und sagte laut: Wenn jetzt einer kommt, dann bleibe ich so stehen, da
er mich sieht.

Duck dich doch, flsterte Oldshatterhand entsetzt.

Da ihr mir fei tchtig Trauben einsteckt, erklang die Stimme des
bleichen Kapitns laut von seitwrts.

Oldshatterhand war zusammengefahren und ri empfindungslos, ohne noch an
etwas zu denken, hastig Trauben vom Stock und stopfte sie in die
Taschen.

Winnetou stieg den Weinberg hinauf und verschwand im Schatten der
Festungsmauer.

Mit dem Messer mut du abschneiden, schimpfte der bleiche Kapitn
Oldshatterhand, sonst werden sie ja ganz verdrckt.

Mit zitternden Hnden suchte Oldshatterhand nach seinem Messer.

Pltzlich stie er einen gellenden Schrei aus -- ber ihm stieg eine
klare hohe Stichflamme aus dem Weinberg in den Nachthimmel. Entsetzt
blickten die Ruber zur Flamme hin. Der bleiche Kapitn kroch auf sie
zu, und die Ruber hrten ihn sagen: Herrgott, was ist denn das fr
eine Dummheit! Sollen wir vielleicht alle miteinander erwischt werden.
Das sieht man doch von der Stadt drunten.

Die Ruber waren hinzugelaufen. Die Flamme beleuchtete Winnetous
Gesicht. Und wenn sie's sehen! Sie sollen's ja sehen! schrie er und
trat in Raserei den brennenden Weinstock nieder.

Die Wildheit Winnetous hatte die Ruber stumm gemacht. Seine Lippen
zuckten. Die Trnen schaukelten an seinen Wimpern.

Also, machen wir lieber, da wir fortkommen . . . Wenn ihr alle genug
habt, sagte der bleiche Kapitn. Die Domuhr schlug dunkel zwei. Wie
ein Mensch so was tun kann, nur damit er erwischt wird, das versteh ich
wahrhaftig nit.

Vollbepackt schlichen die Ruber aus dem Weinberg und gelangten, jetzt
auf einem ganz ungefhrlichen Weg, den sie herwrts verachtet hatten,
zurck in den Festungsgraben. Voran der bleiche Kapitn mit einem
Waschkorb voll Trauben, den er schon am Tage vorher leer in den Weinberg
geschmuggelt hatte.

Pst! Da war gerad jemand gestanden, flsterte Falkenauge.

Wo? . . . Wo denn!

Jetzt is er weg.

Ach, der sieht die ganze Zeit mit sein eine Aug Sachen, die gar nit da
sind, sagte der Schreiber.

Da drckte Falkenauge sein Glasauge heraus, hielt es dem Schreiber hin
und rief frohlockend: Mach das einmal nach!

rgerlich sah der Schreiber zur Seite.

Falkenauge setzte seinen Ersatz wieder ein und blickte im Kreise herum.

Die Ruber hoben einen Steinquader aus der Mauer des Festungsgrabens --
ein groes, schwarzes Loch wurde sichtbar. Der Anfang eines
unterirdischen Ganges.

Der bleiche Kapitn zndete eine Pechfackel an, die im Gange lag, und
ging voran. Fledermuse klebten an der Decke, flatterten auf, prallten
gegen die Ruber, und huschten ins Freie.

Viele Seitengnge fhrten vom Hauptgang weg. ber jeden Seitengang hatte
der bleiche Kapitn ein Tfelchen unter Glas angebracht und mit
Druckschrift darauf geschrieben, wohin der Gang fhrte. Auf einem
Tfelchen war zu lesen:

Mrdergang! Fhrt unter die ganze Stadt durch, in den Hinrichtungshof
des Justizgebudes. Vorsicht!

Auf einem anderen Tfelchen stand:

Gang der lebendig eingemauerten Nonnen. Fhrt eine Stunde weit ins
Nonnenkloster Himmelspforten.

Auf dem dritten Tfelchen:

Gang des Mittelalters. Fhrt hinunter bis in die Mitte des Flusses, zur
Wasserfalle, die von Ratten wimmelt. In diesen Gang hat im vierzehnten
Jahrhundert der Bischof von Wrzburg falsche Priester gestoen, die in
die Wasserfalle gerieten, bis zum Nabel im Wasser standen und lebendigen
Leibes von den Ratten aufgefressen wurden. Es wird gebeten, diesen Gang
nur bei Lebensgefahr zu betreten.

Der Hauptmann.

Die Ruber tasteten sich den Hauptgang vor, bis zu einem weien
Mullvorhang, den Oldshatterhand seiner Mutter vom Waschseil gestohlen
hatte. Das einzige, was er hatte beisteuern knnen. Der bleiche Kapitn
zog den Vorhang zur Seite und lie seine Leute eintreten, in einen
quadratischen Raum, in dem, von den Rubern aus den Felsen
herausgehauen, Steinbnke waren.

Das war das Zimmer.

Die Rote Wolke zndete die Petroleumlampe an, welche von der niederen
Decke herunterhing, und schimpfte: Die ist wieder nicht geputzt
worden.

Die groen und reifgelben Trauben wurden sorgsam auf die Holzregale
gelegt, die an den Mauern angebracht waren, und auf denen schon
vielerlei Vorrat aufgestapelt lag: Zigarren in jeder Form und Qualitt,
von den Rubern den verschiedenen Vtern gestohlen, lagen, mit
Zigaretten untermischt, in einer Handschuhschachtel beisammen. Daneben
lagen: ein groer, gerucherter Schwartenmagen, pfel, Birnen und Eier,
in Reihen geordnet, ein Sto Stearinkerzen, zwlf Paar von den Rubern
eigenhndig genhte Sandalen aus dickem Rindleder, welches Falkenauge in
dem Ledergeschft, wo er zum Kaufmann ausgebildet werden sollte,
mitgenommen hatte. Er trug sich mit dem Gedanken, von den ersten zwlf
Bffeln, die er im wilden Westen erlegen wrde, die Hute an seinen Chef
zu senden, zum Ersatz.

Die Sandalen waren neu und wurden niemals getragen, aber tglich mit
Schweinefett eingerieben, auf da sie nicht knarrten, wenn man in der
Prrie die Rothaut beschliche.

Ein leeres Bierfa stand in der Ecke und ein volles darauf, vom bleichen
Kapitn aus dem Keller seines Bruders mitgenommen. Die Bierglser,
sorgfltig gesplt, mit blitzenden Zinndeckeln, hingen darber auf einem
Zapfenbrett. Der schwarze Erdboden war festgestampft und mit zertrennten
Kartoffelscken belegt. Besen und Schaufel und zwlf Vogelstutzen hingen
an der Mauer.

Es herrschte musterhafte Ordnung im Zimmer.

Auf einem groen Bchergestell standen, Rcken an Rcken, alle Ruber-,
Indianer- und Seegeschichten, die es berhaupt gibt: Der Bayrische
Hiesl oder Der Herr der bhmischen Wlder, Gesamtausgabe in
zweihundertunddreizehn gelben Heftchen  zehn Pfennige, mit einem
Pechdraht verschnrt. Ruberhauptmann Rinaldini, in ebenfalls
zweihundertunddreizehn Heftchen  zehn Pfennige. Um sieben Millionen
oder Der Schurke von Zanzibar. Das Gespensterschiff von Hauff. Und alle
Indianergeschichten, die der Herr Buchbinder Mnnlein, der Meister des
bleichen Kapitns, in seinem Laden fhrte, standen wohlgeordnet im
gepret vollen Bcherregal.

Auf einem kleinen Eckbrett lag fr sich allein ein dnnes
Reclambndchen: Die Ruber. Drama in fnf Aufzgen von Friedrich von
Schiller. Das Hausbuch der Bande.

Ein alter, groer Revolver lag unter einer Glasvitrine, die frher das
Kruzifix im Schlafzimmer der Witwe Benommen vor Staub geschtzt hatte.

Ein mit Totenkpfen verziertes Plakat hing an der Wand. Heimlicher
Versammlungsort der Ruberbande von Wrzburg stand darauf.

Die Ruber saen und lagen auf den Bnken.

Rechnungsfhrer, bitte die neuen Einknfte zu registrieren, sagte der
bleiche Kapitn und stlpte die Lippen nach auen.

Der Schreiber schlo ein Schrnkchen auf und nahm Tinte und Feder und
ein Bchlein heraus.

Oldshatterhand kicherte. Er freute sich immer, wenn der Rechnungsfhrer
an seine Schande erinnert wurde, ein Schreiber zu sein. Was dieser
jedoch mit grimmigem, etwas leidvollem Humor ertrug. Was bin ich? Ein
Schreiber bin ich, ein Schrieb, sagte er, ein Federfuchser, hohaho!
Und dabei errtete er stets tief.

Wieviel soll ich registrieren, Hauptmann? fragte er und sah auf die
Trauben.

Nun . . . sagen wir viereinhalb Zentner.

Viereinhalb Zentner Weintrauben aus den kniglichen Weinbergen.
Jahrgang achtzehnhundertneunundneunzig, notierte der Schreiber. Und
deutete auf eine farbige Eidechse aus der Nymphenburger
Porzellanmanufaktur. Und diese Eidechse? . . . Gekauft?

Mitgenommen, gab der bleiche Kapitn an. Schreib auf: ein Kunstwerk,
in Form einer Eidechse.

Und das da, Hauptmann?

. . . Wer hat da gelacht! brllte erzrnt der bleiche Kapitn. . . .
Wenn noch einmal einer lacht, so wird er ausgeschlossen . . . Da wird
ganz einfach ballotiert, mit schwarzen und weien Kugeln. Und dann ist
er drauen. Dann kann er sehen, wo er hinkommt. Glaubt ihr vielleicht,
wir sind zum Spa da! . . . Schreib auf: Ein weier Stallhase, lebend,
gekauft beim Jud Meyerheim, um fnfunddreiig Pfennige.

Der Stallhase sa auf dem Bcherregal und schnupperte mit der Oberlippe.

Gelacht hatte die Kriechende Schlange. Der macht uns ja alles voll,
sagte er, fuhr aber schnell fort: Morgen ist ein Schnellufer auf dem
Sanderrasen. Er luft im Trikot.

Da wird hingegangen, erwiderte der Hauptmann, wenn ihr wollt, setzte
er, noch erbost, hinzu. Morgen mache ich einen Kfig fr >Das heilige
Tier<. So heit von heute an der Stallhase.

Oldshatterhand schritt zum Tisch, der in der Mitte stand, stellte eine
Rattenfalle darauf und ging, ohne gesprochen zu haben, zurck an seinen
Platz.

Der bleiche Kapitn wandte den Kopf nach ihm hin: . . . Gekauft?

. . . Eigentlich geschenkt bekommen, vom Schmied Gottlieb.

Der Schreiber notierte die Rattenfalle und den dreipfndigen Hecht, den
die Rote Wolke mitsamt dem Blechkasten aus dem neuen Sandschiff des
roten Fischers geholt hatte, und schlo das Bchlein wieder in den
Schrank.

Der groe Fisch schnalzte heftig im Kasten.

Der bleiche Kapitn schlug mit einem Holzklpfel den Hahn ins Bierfa.
Das donnerte im unterirdischen Gang, wie wenn Felsen gesprengt wrden.
Er schenkte die zwlf Glser voll, zndete zwlf Kerzen an, stellte sie
auf die Regale und verlschte die Petroleumlampe.

Die Ruber saen um den Tisch herum, tranken und rauchten.

O Felli, sagte Winnetou. Das hie: Ich bitte ums Wort.

Sprich, erwiderte der bleiche Kapitn.

Wrzburg steht in Flammen . . . brennt nieder und ist dem Erdboden
gleichgemacht. Alle Einwohner sind umgekommen. Alle! Auf uns, die einzig
berlebenden, fllt natrlich der Verdacht. Darum sage ich: wir mssen
ungeheure Vorrte aufstapeln im Zimmer, um uns vier Wochen lang hier
verbergen zu knnen. Bis die Regierung glaubt, wir seien mitverbrannt.
Nicht der geringste Verdacht fllt auf uns, denn es wei ja niemand, da
wir noch leben . . . Dann schicken wir unsere Kundschafter aus und
erfahren alles, was in der zerstrten Stadt vorgeht . . . Und wenn wir
uns dann, als Bauernweiber verkleidet, aus dem Staub gemacht haben, sind
wir verschollen auf ewig.

Die Ruber saen vor Begeisterung erstarrt. Winnetou schwieg und lehnte
sich zurck. Die Kerzenflammen standen unbeweglich. Die bleichen
Gesichter hingen wie kleine, dunstige Monde im Zigarrendampf.

Wir mssen nur immer fest zusammenhalten! rief Oldshatterhand erregt.
Oh, im wilden Westen . . . Ihr werdet's schon sehen . . . Wenn einer
von uns in Wrzburg bleiben will . . ., um vielleicht eine Frau zu
heiraten, dann soll er's lieber gleich sagen.

Der bleiche Kapitn drckte Oldshatterhand mit einem Blick in die Ecke:
Wie du glauben kannst, da einer von uns so ein dreckiger Feigling ist,
das versteh ich ganz einfach nit.

Pltzlich sprang wie aus dem Hinterhalt der Knig der Luft in die Mitte
und rief: Ich, der Knig der Luft, lese jetzt vor: das
hundertundsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Grfin oder Der
Mord im Walde<. Da sind wir's letztemal stehen geblieben. Der Knig der
Luft war Lehrling in einer Drahtgitterfabrik, sehr ehrgeizig und ein
scharfer Rivale des bleichen Kapitns; er sprang von immer hheren
Mauern herunter, um seinen Ruhm zu steigern und eines Tages die
Hauptmannschaft an sich zu reien. Er war dnnlippig, braunhutig und
hatte ein Indianerprofil.

Wollen wir nicht lieber das Ruberlied singen? fragte Oldshatterhand.

Da knpfte der Knig der Luft energisch den untersten Knopf seines
Rckchens zu, reckte das gelbe Heftchen zur Decke und rief: Die bleiche
Grfin!

Ruberlied! brllten die anderen.

Also, also Ruber --, also Ruber -- Ruberlied! rief schnell und sich
berstrzend der Knig der Luft und stand im Ausfall, die Faust geballt.
Der Rockknopf sprang ab, sein Hals scho wagerecht vor, und das Gesicht
stand senkrecht. Er mahlte mit den Zhnen und prete die Lippen schief
zusammen. Seine tiefe Stirnfalte entstand. So hub er an zu singen, und
die Ruber hrten zu.

   Stehlen, morden, huren, balgen,
   Heit bei uns nur die Zeit zerstreun.
   Morgen hangen wir am Galgen,
   Drum lat uns heute lustig sein.
   Stehlen, morden, huren, balgen. Ha!

Falkenauge sang, das natrliche Auge weit aufgerissen, whrend das
glserne tot und interesselos in die Ecke blickte. Der bleiche Kapitn
sang gewaltsam in tiefem Ba und sehr falsch. Und die Lippen der
Kriechenden Schlange waren beim Singen mit Speichelblschen dicht
besetzt. Die Rote Wolke stellte die Fuspitze nach rckwrts und agierte
pathetisch. Jeder der Ruber sang eine Strophe. Zuletzt kam
Oldshatterhand, der sich sehr frei fhlte, denn beim Singen stotterte er
nicht. Um ber seine Kleinheit wegzutuschen, balancierte er auf den
Zehenspitzen. Er sang mit feiner Mdchenstimme.

Das Bierfa war leer. Die Kriechende Schlange lag mde zusammengerollt
in der Ecke, und der Kopf des schlafenden Oldshatterhand lehnte gegen
die Schulter der Roten Wolke.

O Felli, sagte mde Winnetou.

Sprich.

Es ist Zeit, Hauptmann.

Auf morgen denn, sagte leise der bleiche Kapitn, und sein Kopf sank
auf die Brust.

Die Ruber erhoben sich mhsam, verlschten die Kerzen, zndeten die
Pechfackel an und stellten ghnend ihre Rockkragen auf.

Das Wasser im Fischkasten gluckste.

Da schlug der betrunkene Schreiber auf den Tisch, da der weie Hase,
aus dem Schlafe geschreckt, vom Regal sprang und ngstlich im Zimmer
herumhpfte. Mit einem Ruck ri er sich den Halskragen auf, den rosa
Schlips herunter und brllte noch einmal seine Strophe:

   Das Wehgeheul geschlagener Vter,
   Der bangen Mtter Klaggezeter,
   Das Winseln der verlanen Braut
   Ist Schmaus fr meine Trommelhaut.

Die Ruber hatten das Zimmer verlassen, den Verschlustein wieder
sorgfltig eingefgt und standen auf dem Bergrcken beisammen.

Der erste Morgenschein lag ber der Landschaft. Das Gras war tauna. Auf
einem Busch sa eine Amsel und pfiff, und ein Eichhrnchen hing still an
einem Lindenstamm, mit einer Haselnu im Maul, blickte auf die Knaben
und huschte in einer Spirale um den Stamm herum und hinauf ins
raschelnde Laub.

Die Stadt im Tale war in dicken Nebel eingepackt; nur die dreiig
Kirchtrme stachen durch den Nebel und schwarz in den morgenklaren
Himmel hinein. Im Osten hinter der Stadt stand eine zartrosa Wolkenwand.

Da liegt ein Hobel, sagte Falkenauge erschrocken, hob ihn auf, beugte
ihn ganz nahe, roch daran und zeigte ihn still und vielsagend der
Ruberrunde.

An der Stelle sind wir heut abend die Mauer hinuntergesprungen; da war
der Hobel noch nit dort gelegen.

Wie kommt er berhaupt daher.

Ein schner Hobel ist es ja.

Was ham wir davon! riefen ein paar gleichzeitig.

Wenn uns jemand ausspioniert hat -- no, dann geht's uns krumm.

Der Schreck war den frierenden Rubern in die Glieder gefahren. Die
bernchtigen Augen waren fragend und gespannt aufeinander gerichtet.

Dann sind wir verloren! rief die Rote Wolke pathetisch.

Der bleiche Kapitn schob den Hobel kaltbltig zwischen Rock und Weste.
Was heit denn das . . . verloooren!

Die Rote Wolke stellte die Fuspitze rckwrts und hob die Hand. Es
wird heien: Im Herbst des Jahres achtzehnhundertneunundneunzig stattete
die gefrchtete Ruberbande von Wrzburg den kniglichen Weinbergen
ihren Besuch ab . . . In dunkler Nacht.

Bldsinn! Uns erwischen sie nit so schnell. Jetzt gehn wir einmal
heim, riet der bleiche Kapitn. Den Hobel nehm ich mit, fr unsre
Vorratskammer.

Auseinanderstrahlend schlichen die Ruber auf allen Wegen den Schloberg
hinunter.

Oldshatterhand konnte ungesehen in die Kche schlpfen, wo er auf einem
alten Kanapee seine Schlafsttte hatte. Gespannt beobachtete er seine um
zwei Jahre ltere Schwester, ein skrofulses Nhmdchen, die auch in der
Kche schlief. Unruhig trumend warf sie sich im Bett hin und her; ihre
blulichen Lippen bewegten sich, und die schmale Hand hing bis zum Boden
hinunter.

Oldshatterhand legte eine etwas verdrckte Traube fr die Schwester auf
den Stuhl, schlich zum Kchenschrank, trank Milch aus dem irdenen Topf
und go Wasser nach, genau so viel, wie er Milch getrunken hatte. Die
Augen auf die Schlafende gerichtet, entkleidete er sich ganz leise und
lie sich mit grter Vorsicht langsam aufs knarrende Kanapee nieder.

Der Knig der Luft traf seinen Vater, einen alten Handlungsreisenden mit
faserigem, grauem Bart, dabei an, wie er seine Sachen ordnete. Der Alte
sah sich um nach seinem Sohn und fuhr still fort, seine Warenproben ins
Kfferchen zu packen. Er war ein verhrmter Mann.

Der Schreiber hatte, bevor er daheim fortgegangen war, die
Wohnungsglocke festgebunden, um nicht gehrt zu werden. Wohlgemut
tnzelte er durch seine Gasse, fuchtelte mit dem Stckchen in der Luft
umher und sang leise: Das Wehgeheul geschlagner Vter, hohaho! Der
bangen Mtter Klaggezeter, ffnete die Wohnungstr -- da lutete die
Glocke durchs Haus. Herr Widerschein, ein Schuster, hatte sie
losgebunden und wartete auf seinen Sohn, mit dem Knieriemen in der Hand.
Wortlos nahm er den Schreiber in Empfang und legte ihn ber.

Das dnne Stckchen lag daneben, und der Schreiber ruderte mit Armen und
Beinen.

Winnetou ging, ohne sich in acht zu nehmen, zu Hause durch den
hallenden, dunklen Gang. Vor dem roten ewigen Lichtchen unter der in der
Mauer eingelassenen Mutter Gottes blieb er stehen, den Arm an die Mauer
gelegt, den Kopf auf die Hand. So stand er lange und dachte an gar
nichts. Pltzlich empfand er den Zwang, das ewige Licht zu verlschen,
so da tiefstes Dunkel um ihn her wurde. Langsam trat er in sein Zimmer.

Der bleiche Kapitn hatte die Treppe verschmht und war am Blitzableiter
hinaufgekrabbelt und durchs Fenster in seine Kammer gestiegen.

Die Sonne war aufgegangen und traf die Krone des Kastanienbaums im
Wirtschaftsgarten.

Nackt stand der bleiche Kapitn am Fenster, band erst das rote Tchlein
vor und bte noch eine Weile ernst und sachlich mit den zwei Bgeleisen.

                   *       *       *       *       *

Am Sonntagnachmittag schritt der rote Fischer in seiner schulheftblauen
Wolljacke, Kopf und Unterlippe grimmig vorgeschoben, energisch auf die
Altrenommierte Weinstube zu den drei Kronen los. Gleich darauf klang
sein Schimpfen bis auf die Strae heraus.

Geputzte Weiblein mit groen Gesangbchern und Rosenkrnzen, einzeln,
paarweise und in Reihen, gingen in der Richtung nach der Burkarter
Kirche. Die Sonne schien. Glocken luteten.

Oldshatterhand sa in der Schlogasse vor dem einstckigen Huschen des
Schusters Widerschein auf einem Handwagen, lie die Beine baumeln und
blickte hinauf zu den ganz mit Geranienstcken verstellten kleinen
Fenstern. Manchmal pfiff er vorsichtig, kaum hrbar, den Bandenpfiff:
Nieder mit der Tyrannei, und machte leise: Pst, worauf die rot- und
weigefleckte Katze, die zwischen den Blumenstcken in der Sonne hockte,
den Kopf drehte und die Augen auf Oldshatterhand heftete.

Sonst blieb alles unverndert.

Die Familie Widerschein sa beim Kaffee. Di di di di quiridi,
trillerte der Kanarienvogel.

Pst, machte Oldshatterhand.

Die Hand des Schreibers erschien, senkrecht gestellt, zwischen den
Blumenstcken, drehte sich verneinend einige Male im Handgelenk und
winkte dann heftig weg, die Gasse hinunter. Der Schreiber hatte keinen
Ausgang heute.

Auf den Zehenspitzen verlie Oldshatterhand die Schlogasse, begab sich
zur Bande, die vor dem Friseurldchen des Herrn Adam Rein versammelt
war, und erstattete Bericht.

Der bleiche Kapitn besprach sich eben mit seinen Leuten, ob er es wagen
solle, sich rasieren zu lassen. Wenn er gegen die Sonne stand, flimmerte
ein zarter Flaum goldig auf seiner Oberlippe.

Entschlossen trat er ein.

Haarschneiden -- Herr Benommen?

Nein . . . Heute nur rasieren.

Wie die Zeit vergeht! Ihren Vater rasierte ich dreiig Jahre lang, und
noch Ihren Grovater. Und jetzt sind Sie auch schon so weit. Ja, man
wird alt, sagte Herr Rein und lie lchelnd das Messer ber die sanfte
Haut des Hauptmanns gleiten.

Strahlend kam der bleiche Kapitn zurck und fragte seine Leute
unwirsch, ob er gut rasiert sei und ob ihn denn der Rein nicht
geschnitten habe.

Der Vater Oldshatterhands schritt vorber, im peinlich sauber
gebrsteten Sonntagsanzug und mit glnzend gewichsten Stiefeln. Die
Ruber grten verlegen. Herr Vierkant legte seinen Zeigefinger an den
Hutrand und lchelte. Sonntags war Herr Vierkant immer in bester Laune.
Ein feines Stubchen von seinem rmel schnellend, schritt er weiter.

Die Bande eilte hinaus zum Sanderrasen.

Ein schneidender Pfiff ertnte: Nieder mit der Tyrannei, und heftiges
Keuchen. Sein dnnes Stckchen ber dem Haupte schwingend, kam der
Schreiber nachgerast.

Beim Pferdemetzger Rcken blieben sie stehen. Auf das Ladenschild war
der dampfsprhende Kopf eines Rennpferdes gemalt.

Der Duckmuser stand vor dem Laden, bi in sein Stck Pferdewurst und
betrachtete dabei die Wrste im Schaufenster.

Der Knig der Luft wieherte wie ein Pferd und schlug aus. Der Duckmuser
hrte auf zu kauen.

Herrgott, wie man Pferdemetzger werden kann, sagte der Schreiber.
Begreift ihr das? Sein ganzes Leben lang von allen Menschen so
verachtet sein. Ich sag euch, das ist fast so, wie mit den Juden, die
kleine Christenkinder schlachten und das Blut in die Mazze verbacken.

Der Jud Meierheim soll's getan haben.

Schwindel! Das wei ich ganz genau, da das berhaupt niemals ein Jud
getan hat . . . du Rindvieh!

I . . . i hahaha! wieherte der Knig der Luft.

Der Duckmuser legte seine Wurst auf den Mauervorsprung.

Ein Pfeeerdemetzger . . . was soll man jetzt dazu sagen, rief der
Schreiber und erschrak, denn er hatte Herrn Metzgermeister Rcken
bemerkt, dessen mchtiger Oberkrper in den kleinen Fensterausschnitt
ber dem Laden gepret war. Auf die kolossalen Unterarme gesttzt,
blinzelte Herr Rcken ber die Bande weg in den Himmel und lie das
Grauen der Ruber auf sich wirken.

Ohaho! Pferdewurst? Ich fresse so viel ihr wollt. Jawohl! sagte
berzeugend der Schreiber.

Zgernd griff der Duckmuser wieder nach seiner Wurst.

Der Sanderrasenplatz war von alten Bumen umstanden. Wenn nicht Soldaten
darauf exerzierten, legten die Brgersfrauen die Wsche zum Bleichen
auf. Diesen Sonntag produzierte sich ein Schnellufer auf dem Rasen.

Um den Platz herum zog sich ein schwarzer Saum erwartungsvoller Menschen
-- ein weies Kleid hier und da, der Farbfleck einer Bluse.

In der Mitte auf einem Stuhle stand ein Mann in rotem Trikot, einen Fu
rckwrts gestellt. Mit groer Geste rief er: Drei Mark demjenigen aus
dem hochverehrlichen Publikum, der eine Stunde mit mir luft, ohne da
ich ihn berhole. Er hatte kurze Beine mit gewaltig hervortretenden
Schenkelmuskeln und einen aufwrts gebrsteten, schwarzen Schnurrbart.

Eine kleine, drre Frau, mit verhrmtem Gesicht, stand neben dem Stuhl.
Sie war des Schnellufers Mutter und hielt einen zerknllten Zinnteller
in der Hand.

Der bleiche Kapitn sah seine Leute an.

Hohaho! Das machst du, Hauptmann.

Dem bleichen Kapitn bebten die Lippen, und ein verlorenes Lcheln
zuckte ber sein Gesicht.

Da trat er in den Raum.

Und scho gleich hundert Meter vor, whrend der Schnellufer hinter ihm
hertrabte mit zur Brust hochgenommenen Armen, da sich die Ellbogen vor-
und zurckbewegten, gleichmig, wie die Kolben einer Dampfmaschine.

Nach einer Weile war der Hauptmann, mit mchtigen Sprngen
vornberstrzend, schon fast eine Runde voraus, angetrieben durch die
begeisterten Draufrufe seiner Bande.

Der Malefizhundsknoche verdient sich wahrhafti die drei Mark! rief der
rote Fischer.

Eine Welle der Erregung lief am Menschensaum entlang.

Die Mutter des Schnellufers hielt unterdessen den Zuschauern ihren
Zinnteller gleichgltig hin und ging gleichgltig weiter, mit stumpfen
Augen, wenn man nicht gab.

Der Hauptmann keuchte, etwas langsamer geworden, an seinen Leuten
vorber, winkte ihren Draufrufen ab, sah sich nach seinem Rivalen um.
Und war weg.

Der Abstand verringerte sich merklich, der Hauptmann wurde immer
langsamer; der Schnellufer, stets im gleichen Tempo, holte auf und
berholte, unter knallendem Gelchter des Publikums und besessenem
Draufgebrll der Bande, den bleichen Kapitn, der nach einer weiteren
Runde vollkommen erschpft aufgab.

Geruschlos verlieen die Ruber den Kampfplatz.

Der Mann im roten Trikot lief weiter in der Sonne am schwarzen
Menschensaum entlang.

Dem bleichen Kapitn rollten die Schweitropfen am Gesicht hinunter.
Ohne Atem stie er hervor: Der Schnellufer hat beschummelt! Einen
kleineren Kreis hat er gemacht! Wie wr denn sonst das mglich.

Da gehn wir ganz einfach zurck und machen Krach.

Ach, la ihn. Ich pfeif ja auf seine drei Mark.

Aber eine halbe Stunde hast du's doch ausgehalten, sagte der
Schreiber, mit der Uhr in der Hand.

No wart nur, bis er wieder einmal luft.

Ich schlag vor, da wir jetzt zum Bcker Schlauch gehen. Da gibt's
warmen Ksekuchen. Es ist genau vier Uhr, seht. Da kommt er grad aus dem
Backofen raus.

Ich hab kein Geld, sagte Oldshatterhand.

Aber ich! rief der Schreiber. Siebzig Pfennig. Weil ich heut frh fr
mein Vater Schuh fortgetrage hab, und da hab ich siebzig Pfennig mehr
fr die Reparatur verlangt.

Wenn das dein Vater erfhrt . . . mei Lieber.

Er erfhrt's aber nit. O Gott, das mach ich schon seit Jahr und Tag so.
Die Kundschaft frgt mein Vater nit, weil sie's jetzt schon gewhnt ist,
da bei mein Vater die Reparaturen so teuer sind.

Der Bckermeister und Weinwirt Schlauch war ein frommer Mann, fett und
bleich.

Die Ruber blieben auf der Strae vor der Bckereiauslage stehen. Der
Schreiber kaufte fr sich und die andern sieben Stck Ksekuchen, welche
Herr Schlauch durch das Verkaufsfensterchen den Rubern hinausreichte.
Oldshatterhand lie sich auf sein Stck noch Zucker nachstreuen.

Da spuckte der Schreiber einen Bissen wieder aus, sah die Ruber an und
sagte: Der Kuchen schmeckt nach Petroleum . . . Herr Schlauch, der
Kuchen schmeckt ja nach Petroleum.

Alle reichten unter Protest die halbgegessenen Stcke durchs Fenster
Herrn Schlauch wieder hinein, der sich ngstlich nach seinen
weintrinkenden Gsten umsah und entsetzt den Kuchen beroch. Petroleum?
. . . Ja, was wr denn das.

Versuchen Sie ihn nur selber.

Wo schmeckt denn der Ksekuchen nach Petroleum, sagte Herr Schlauch
erstaunt, weiter mit der Zunge prfend.

Tatschlich, er schmeckt danach, das merkt man doch gleich! sagte der
bleiche Kapitn berzeugend und verzog das Gesicht. Wahrscheinlich ist
die Petroleumkanne daneben gestanden.

Wa wa wa wa wa! schrie der Bcker aufgeregt. Das gibt's nit! Und
schob die angebissenen Stcke auf dem Tische herum.

Also wenn ich Ihnen sag, er schmeckt nach Petroleum . . . Sie mssen
uns neuen Kuchen geben. Wir ham doch bezahlt . . . Schneiden Sie halt
einmal den andern Platz an.

Zitternd reichte der Bcker noch einmal sieben Stcke zum Fensterchen
hinaus.

Oldshatterhand lie sich wieder Zucker nachstreuen. Die Ruber bissen in
den Kuchen . . . Wahrhaftig! der schmeckt auch nach Petroleum, sagte
der Schreiber nach einer Weile.

Der Bcker wurde dunkelrot.

Ich schmeck nix, sagte der Knig der Luft mit vollem Munde und
schluckte hastig.

Du bist halt ein Rindvieh, flsterte der Schreiber . . . Also, Herr
Schlauch, das gibt's doch nit, da Ksekuchen nach Petroleum schmecken
darf . . . da mssen Sie uns doch recht geben.

Sie reichten auch diese halbgegessenen Stcke zum Fenster hinein. Der
Bcker beroch sie, legte sie hier- und dorthin, trmte sie aufeinander
und sagte endlich zu seiner Frau: Da, versuch du einmal den Kuchen.

Jag die Lausbube weg . . . Der Kuchen schmeckt doch nit nach
Petroleum.

Der Bcker knallte das Verkaufsfensterchen zu.

Machen Sie auf! Der Schreiber schlug an die Scheibe . . . Da gehn wir
ganz einfach in den Laden.

Ich nit. Mein Vater sitzt drin, sagte Oldshatterhand bedauernd und
verschwand.

Die Ruber schoben sich drngend durch die Tr, in den Laden hinein.

Wir wollen ja auch nicht so sein, aber wenn man doch bezahlt, begann
der Schreiber. Jesus, wenn sowas bekannt wird!

Die Wirtin hatte den Atem verloren, blickte, unnatrlich reglos, das
dichte Rubergrppchen an, whrend ihr Mann sich zum Regal umwandte, die
Rnder der unangeschnittenen, groen Kuchen ratlos beroch und dabei
heimlich seine still genieenden Gste beobachtete.

Heiliger Gott, wenn das die Leut erfahre tten, sagte der Schreiber
sehr laut in die Richtung, wo die Gste saen.

Der bleiche Kapitn drngte sich vor. Genau betrachtet, mssen Sie uns
unser Geld zurckgeben, natrlich.

Und whrend Wirtin und Wirt erlst und eilig nach der Kasse griffen,
verglich der Kapitn: Wenn mei Mutter in ihrer Wirtschaft stinkenden
Schwartenmagen verkauft, mu sie'n a zurcknehm. So was ist doch ganz
klar. Ich versteh Sie wirklich nit.

Also und, also da hinten hockt er, flsterte pltzlich der Knig der
Luft, der Herrn Lehrer Mager entdeckt hatte. Also und, ich geh.

Winnetou war mit Oldshatterhand gegangen.

Vor einigen Wochen hatte Oldshatterhand einen Zwetschgenkern in die Erde
gelegt, auf da ein Bumchen daraus werde. Er und Winnetou muten lange
suchen, bis sie die Stelle wiederfanden. Endlich sah Oldshatterhand ein
streichholzgroes, zartes Stengelchen, an dem drei herzfrmige Blttchen
waren, und rief: Das ist mein junger Zwetschgenbaum!

Sie knieten nieder. Um sie herum lagen zerbrochene Tpfe, zerknllte,
nicht mehr brauchbare Blecheimer, Flaschen, Gipsbrocken, stinkende
Gemseabflle. Es war der Schuttablagerungsplatz vor der Stadt.
Oldshatterhands Lieblingsaufenthalt. Ein mit grnem Schlamm berzogenes
Altwasser, in dem es Feuersalamander gab, war auch da, von
Haselnustruchern umstanden.

Oldshatterhand drckte das Stengelchen mit dem Zeigefinger vorsichtig
zur Seite und lie es zurckschnellen. Es hat schon ziemlich viel
Kraft.

Sie setzten sich, die Beine auseinandergespreizt und die Fusohlen
gegeneinander gestemmt, so da das Stengelchen in der Mitte war.

Wie lange braucht's, bis was dranhngt, sagte Winnetou bedauernd und
drckte das Stengelchen auch zur Seite.

Oldshatterhand sah es schon als Baum: Alles, was er trgt, gehrt mir
und dir. Er wchst schnell, hier ist der Boden gut.

Es braucht auch viel Sonne und Regen.

Oldshatterhand sah zum bewlkten Himmel empor und wieder auf das
Stengelchen; er empfand einen Druck ber dem Herzen, weil er so klein
bei dem kleinen Pflnzchen sa und die Zeit ihm unberwindbar schien;
seine Sehnsucht machte einen Sprung, und er sagte: Wenn ich dann einmal
zurckkehre, als . . . wenn ich dann einmal als ein Fremder zurckkehre
. . . in einem Gummimantel, dann ist es schon ein groer Baum geworden,
der gesttzt werden mu.

Wir knnten's eigentlich jetzt schon sttzen, meinst nit? fragte
Winnetou und nahm ein Streichholz aus der Schachtel. Sie steckten das
Streichholz zum Stengelchen in die Erde und banden es daran fest. Aber
der Druck wich nicht aus Oldshatterhands Brust. Auch Winnetou sah
nachdenklich drein. Beide dachten jetzt nicht an das Pflnzchen, sondern
in die Zukunft. Das Pflnzchen blieb klein zurck.

Winnetou ri sich zuerst los und sah wieder auf das Pflnzchen. Wollen
wir? . . . Was meinst du? . . . Das dngt, sagte er und war auf einmal
frhlich. Oldshatterhand sah Winnetou erst entsetzt an.

Wirklich, das dngt, beschwichtigte Winnetou.

Du glaubst, man kann das tun? . . . Schaden kann's ihm eigentlich nit,
sagte Oldshatterhand gedankenvoll, und ein Lcheln entstand in seinem
Gesicht.

Sie standen auf. Die zwei Strahlen kreuzten sich; sie traten zurck, und
die Strahlen trafen das erzitternde Pflnzchen.

Dann gingen sie zur Salamanderpftze. Darauf schwamm ein breites,
verfaulendes Brett. Andere Holzstcke bentzten sie zum Abstoen und
fuhren mit dem Brett auf dem Wasser herum, bis die Nacht hereinbrach,
worauf sie erhitzt nach Hause eilten.




Zweites Kapitel


Das war pltzlich gekommen. Gleichalterige vierzehnjhrige Lehrjungen
hatten aus der Kneipe der Witwe Benommen heraus ber die Ruberbande
gelacht, die geschlossen vorbeigegangen war. Der Schreiber machte den
Vorschlag, auch in die Kneipe zu gehen, was bis jetzt fr verchtlich
und der Ruber unwrdig gegolten hatte, jedoch einem schon lange
zurckgedrngten Wunsche entgegengekommen war. Seitdem hatten die Ruber
viele Stunden in den Kneipen verbracht, und es galt fr eine Ehre,
betrunken zu sein. Des Schreibers Ansehen wuchs, denn er war mit ganzer
Seele dabei und immer betrunken. Die Zusammenknfte im Zimmer wurden
zum Entsetzen Oldshatterhands nicht mehr ganz regelmig eingehalten.

Die Ruber lagen auf dem Schlobergrasen in der Sonne und warteten auf
den bleichen Kapitn. Winnetou kaute nachdenklich Gras.

Der bleiche Kapitn stieg langsam den Schloberg hinauf; er hatte ein
schmutziges Karl May-Buch ohne Einbanddecke in der Hand. Eine Weile
blickte er schweigend und gespannt auf die Ruber hinunter. Was glaubt
ihr, da passiert ist? Das htt ich niemals gedacht . . . Winnetou ist
erschossen worden.

Oh, halt doch's Maul!

Da hockt er ja, sagte der Schreiber lachend und deutete auf Winnetou.

Ich meine doch den wirklichen Winnetou in den Karl May-Bchern, rief
der bleiche Kapitn wtend.

Winnetou ist tot? fragte Winnetou leise. Das ist nicht mglich. Wie
soll denn das passiert sein.

No, ein paar hundert . . . ich glaub so an fnfhundert Siouxindianer
gegen Winnetou allein! Er ist halt berrascht worden, in einer Hhle,
die nur einen Ausgang hatte . . . Von sechzig bis siebzig Pfeilen ist er
tdlich getroffen worden, weil die Feigling nur immerzu in die Hhle
geschossen ham. Hinein hat sich ja keiner getraut.

Ja, aber wo war denn Oldshatterhand derweil? . . . Wie konnt er denn in
so einem Augenblick nit da sein? fragte Winnetou erregt.

Oldshatterhands Augen und die aller anderen Ruber waren auf den
bleichen Kapitn geheftet.

Das ist's ja! Der war grad gefangen. Er hat aber schon sowas geahnt und
hat sich befreit vom Marterpfahl . . . Und dann hat er eine ganz
unglaubliche Leistung vollbracht, sag ich euch . . . Tag und Nacht ist
er in einem fort geritten . . . Er ist berhaupt schon nimmer geritten,
sondern geflogen auf seinem >Rih<. Und ist halt doch grad um ein paar
Augenblick zu spt kommen. In Oldshatterhands eigenen Armen ist Winnetou
ein paar Minuten danach gestorben . . . Die letzten Worte Winnetous mt
ihr les' . . . Ich mag ja gar nix sag . . . Und dann heit's: Hundertmal
hast du mir das Leben gerettet, mein roter Bruder Winnetou, und jetzt
mu ich zu spt kommen . . . Oldshatterhand hat sogar geweint.

Die Ruber saen stumm, mit glnzenden Augen, die den wilden Westen
sahen, die Hhle, in der Winnetou verschieden war.

Oldshatterhand sah eine endlose Reihe wildbemalter Siouxindianer durch
die sonnenfunkelnde Prrie galoppieren -- aber am uersten Ende, da, wo
Prrie und Himmel sich berhrten, stand die Ruberbande, ein kleiner,
schwarzer Punkt -- schubereit.

Da kann man jetzt nix mehr mach, sagte der bleiche Kapitn und reckte
sich auf. Aber frchterliche Rache hat er geschworen.

Leih mir das Buch bis morgen, bat Winnetou.

Das geht auf kein Fall. Ich hab's selber noch nit ausgelesen, wehrte
der bleiche Kapitn ab.

Morgen frh geb ich dir's wieder zurck.

Morgen frh mu ich's ja schon abliefern, sonst mu ich vier Pfennig
mehr Leihgebhr bezahl . . . Hchstens mt du's gleich les . . . Wir
gehn jetzt in die Weinwirtschaft >Zum Lochfischer<. Kommst halt nach,
wennst's ausgelesen hast.

Winnetou griff nach dem Buch.

Die Ruber stiegen den Schloberg hinunter. Die Sonne war untergegangen.

Der Schreiber trug unter jedem Arm einen hohen Rhrenstiefel, die Herr
Widerschein vorgeschuht hatte. Bei dem Hause des sbelbeinigen
Polizeiwachtmeisters blieb er stehen. Ich mu erst die Stiefel vom
Wachtmeister nauf trag. Wartet halt auf mich. Ich bin gleich wieder da
. . . Geh mit, sagte er zum Knig der Luft.

Hn!

Der frit dich doch nit.

Also hopp! Also wenn du meinst.

Glaubst du, da von den Siouxfeiglingen noch ein paar brig sind, bis
wir nberkommen? fragte der Knig der Luft auf der Treppe.

Der Schreiber schubste die Rhrenstiefel hher zur Achselhhle. Das ist
fraglich . . . Mein Lieber, wenn Oldshatterhand einmal blutige Rache
geschworen hat, dann wird sicher hchstens einer von den Sioux
brigbleiben . . . Du weit ja, wie das bei Karl May immer war.

. . . Verlangst du mehr fr die Stiefel?

Sei doch still.

Der Wachtmeister ffnete selbst die Tr. Er hatte sich's bequem gemacht.
Sein Uniformrock hing ber dem Stuhle, die meterlange Pfeife lehnte in
der Kanapee-Ecke. Der blaue Tabakrauch stieg vom Mundstck weich in die
Hhe zum sbelschwingenden Trken zu Pferd, der goldgerahmt ber dem
Kanapee hing.

Gr Gott, Herr Wachtmeister. Mein Vater hat gesagt, drei Mark neunzig
kosten die Stiefel.

Der Knig der Luft war bei der Tr stehen geblieben und schnalzte nervs
mit den Daumen.

Schon fertig? Der Wachtmeister trat aus dem Pantoffel, stieg in die
lange Rhre hinein und zog und zerrte an den Stulpen. Sein Gesicht lief
blaurot an. Dabei prete er hervor: Drei . . . Mark . . . neunzig?

Ja, soviel kosten sie, hat mein Vater gesagt. Der Knig der Luft
blickte starr vor sich hin.

Der Wachtmeister ging, am einen Fu den Pantoffel, am andern den
Rhrenstiefel, im Zimmer auf und ab und blickte prfend zur Decke,
schlenkerte das bestiefelte Bein, beugte sich hinab, drckte mit dem
Daumen auf das Oberleder. Die sind wieder fest beisammen . . . Richt
einen schnen Gru aus an deinen Vater, sagte er und zog den
Geldbeutel.

Jetzt mu ich erst die drei Mark vierzig heimtrag, sagte der Schreiber
auf der Treppe. Die fnfzig Pfennig mehr schaden dem nix . . . Er is ja
Junggesell. Der hat sogar Geld auf der Sparkasse.

Warum hast denn nit noch zwanzig Pfennig mehr verlangt.

Was glaubst denn, da wr er drauf komme.

Httst halt sag soll, dei Vater htt dir aufgetragen, die F vom
Wachtmeister seien zu gro . . . da brauchet man mehr Leder.

Ich hab doch heut schon vier Paar Stiefel fortgetragen . . . Im ganzen
hab ich eine Mark siebzig dran verdient.

Hn!

Eine Mark siebzig.

Eigentlich ein ganz schner Verdienst.

Geb halt das Geld erst spter dein Vater, drngte der bleiche Kapitn
vor dem Hause. . . . Du mut von vorne anfangen, dann siehst du selber,
da eine Rettung absolut nit mglich war, sagte er zu Winnetou, der
stehend las. Also, jetzt gehen wir zum >Lochfischer< . . . Komm aber,
wennst's ausgelesen hast! rief er Winnetou nach, der Ja, ja, sicher!
rief und weiterlesend langsam in der Richtung seiner Wohnung ging.

Vor seiner Haustr schob Winnetou das Buch zwischen Hemd und Brust und
wollte in sein Zimmer schleichen.

Die Mutter ffnete die Tr der guten Stube und rief streng: Da komm mal
her! Sie war eine hagere Frau mit dunklen Augen. Ein silberner Christus
baumelte an ihrer Brust.

Der junge Kaplan, mit gesundroten Flecken unter den hervorstehenden
Backenknochen, sa, wie immer in seiner freien Zeit, auf dem Kanapee
neben der blassen, schnen Schwester Winnetous. Kaffee, Kuchen, Likr
standen auf dem Tisch.

Wo hast du das Buch! rief die Mutter. Winnetou blickte verwirrt auf
die Heiligenbilder, die an allen Wnden hingen.

Weit du nicht, was man zu tun hat, wenn man eintritt!

Winnetou ging zum Weihwasserkessel bei der Tr, tauchte die Finger ein
und schlug das Kreuz.

Nun?

Zgernd ging er zum Kaplan und gab ihm die Hand. Gelobt sei Jesus
Christus.

In Ewigkeit, Amen . . . Was ist es denn fr ein Buch? fragte der
Kaplan und nippte vom Likr.

. . . Wirst du dem Herrn Kaplan Antwort geben! . . . Hochwrden
verzeihen. Sie tastete Winnetou ab und zog das Buch hervor.

Der Kaplan bltterte im Buch und las vor: Oldshatterhands Eisenfaust
hatte die Rothaut getroffen. Ohne einen Laut von sich zu geben, sank der
rote Mann tot zu Boden.

Winnetous blasse Schwester sah still vor sich hin.

Solche Lektre darf man Kindern nicht in die Hnde geben, Frau
Steinbrecher . . . Denken Sie an die entwendete Schultinte.

Frau Steinbrecher wurde blutrot. Von wem hast du das Buch!

Vom bleichen . . . von Oskar Benommen.

Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes auf die gehkelte
Decke, welche ber die polierte Kommode gebreitet war. Morgen gehe ich
mit dem Buch zu Frau Benommen . . . Vorwrts!

Winnetou sah seine Mutter entsetzt an.

Wird's bald!

Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade ein Lineal aus
Eichenholz und reichte es der Mutter. Scham verdunkelte Winnetou den
Blick; das Blut war ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand
vorstreckte.

Jetzt komm! rief die Mutter nach der Zchtigung und fhrte ihn am Arm
hinaus, hinauf in sein Zimmer. Ihr Gesicht war wei, die Augen schwarz
geworden. Pltzlich schlug sie Winnetou ins Gesicht und verlie wortlos
das Zimmer. Die Tr verschlo sie.

Der Kaplan spielte mit den weien Fingern von Winnetous Schwester, die
zart errtend ihm die Hand berlie.

Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likr.

Winnetou sa auf dem Bett, seine Scham hatte sich zu Entsetzen
gesteigert. Zugleich empfand er so heftigen Abscheu gegen die Mutter,
da er abwehrend die Hnde ausstreckte. Die nicht abgewischten Trnen
trockneten. Die Gesichtshaut spannte.

Winnetou schlief ein und trumte sofort, da der Kaplan in fliegender
Soutane hinter ihm her durch den Klostergarten strze, die langen Hnde
nach ihm ausgestreckt. Die Mutter stand erhht und deutete: Dort
. . . dort.

Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die Mutter war
eingetreten. Sie stellte den Teller mit Wurstbrot auf den Tisch und
verlie, ohne gesprochen zu haben, das Zimmer wieder.

Winnetou hrte, wie sie zuschlo, und richtete sich automatisch auf. Er
hatte die Empfindungsfhigkeit vollkommen eingebt, die erst allmhlich
sich wieder einstellte, in Form von Schwindelgefhl und Verlorenheit.
Ohne etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich
gerichtet, der Christus am Kreuz vorstellte. Der Christus hatte
altersgelbe Flecken und Streifen; er war beim letzten Umzug oben auf dem
Wagen gelegen und eingeregnet worden.

Flchtig dachte Winnetou daran, da die beim Lochfischer versammelten
Ruber auf ihn warteten, und blieb reglos hocken.

Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom Bett, trat ans Fenster und
sah, da der Kaplan Arm in Arm mit der Schwester im Garten spazieren
ging.

Er wartete, bis das Paar zwischen den Bschen verschwunden war, stieg
aufs Fenstersims und kletterte am Weinstock hinunter, der die ganze
Sdwand des Hauses bedeckte.

Die Ruber hatten sich beim Lochfischer um einen langen Tisch
herumgesetzt.

Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen gro und so niedrig, da
der rote Fischer, der eben eintrat, mit seinem Haupthaar das
pfeildurchstoene rote Stuckherz der Mutter Gottes an der Decke
streifte.

Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin, die auf dem Schoe
ihren alten Schnauz und ber ihm die gefalteten Hnde liegen hatte.

Am dritten Tische sa Herr Spenglermeister Hieronymus Griebe und a
bedchtig eine Portion gebackene kleine Fische, deren Kpfchen er immer
seinem Sohne, dem Duckmuser, auf den Teller legte.

Die Ruber sahen mit unverhohlener Verachtung auf den gleichaltrigen
Duckmuser, einen groen, krftigen, immer hungrigen Burschen, blond,
mit Pickeln im Gesicht, der tglich in die Kirche lief, fleiig ins
Geschft, mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte.
Er wagte nicht, die Ruber anzusehen, die er frchtete und hate, weil
sie ihm den Namen Duckmuser gegeben hatten.

Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich drei Fischkpfchen
auf einmal, die sofort in des Duckmusers Mund verschwanden.

Die von allen Mitgliedern der Ruberbande aus gehriger Entfernung
verehrte blonde Kellnerin mit den sanften Augen stellte freundlich die
frischgefllten Weinglser auf den Tisch und sagte singend: Nooo, seid
ihr auch wieder einmal da.

Die Ruber lchelten befangen.

Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee schwimmt voll
verreckte Fisch. Heiliger Kilian! I wenn wt, wer mir's Wasser so
versaut.

Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer zu und zuckte
verchtlich mit dem Kopf einmal zur Seite: No, wo wird's herkumme, d'r
Michl lt halt 'n ganze Drk vo seiner Frberei ins Wasser lff. Er
drckte mit den Hnden seinen schweren Krper in die Hhe und trat zu
den Rubern. Was wird's sei, d'r Drk vo d'r Frberei is.

No, da soll aber doch wee d'r Teufl was alles neischlag! Lt der
Hammel sei Farbso wied'r ins Wasser lff? Wied'r?

Jau, winkte der Wirt ab, die alte G'schicht . . . Gr Gott, meine
Herrn. Die Hnde auf die Stuhllehne gesttzt, sah er lchelnd auf die
Ruber hinunter. Verchtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf
seitwrts zum Fischer hin: Die alte G'schicht! . . . No, Herr Vierkant,
wo is denn der Vater. Der hat sich a scho lang nimmer bei mir seh lass.

Oldshatterhand schttelte verlegen den Kopf. Ich wei nit, wo er is.

Ein guter Tropfen, sagte der bleiche Kapitn, zwang sich, gleichgltig
zu trinken, und stlpte die nassen Lippen nach auen.

Der Wirt lchelte. No, Herr Widerschein. Er legte dem Schreiber die
Hand auf die Schulter.

Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu tun hat, sagte der
Schreiber sehr schnell.

So, so . . . No, lasse Sie sich's nur schmeck, mitnander . . . Gretl!
'n Herrn Widerschein sei Glas is leer, sagte der Wirt und ging nach
hinten zu seinem Schanktisch.

Die verlegenen Ruber wagten nicht, einander anzusehen. Beim
>Lochfischer< mssen wir Stammgst werden, sagte der bleiche Kapitn.
Alle stimmen freudig zu. Pltzlich verstummt, blickten sie zur Tr. Ein
eleganter Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er schlug die
Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den Fischer, gegen Herrn
Hieronymus Griebe, gegen den Rubertisch und fragte: Hren Sie mal,
kann man hier Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?

Der rote Fischer wandte sich schwerfllig um, sah den Berliner an,
deutete auf einen Stuhl: No, da setze Sie sich nur erst amal, Fisch
kriege Sie dann scho, soviel Sie brauche, und wandte sich zurck zum
Tisch.

Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners. Die hab ich ihm
erst heut frh gebracht. Sohle und Abstz aufrichten, flsterte er.
Der Herr kommt jedes Jahr einmal nach Wrzburg, und da lt er sei
Schuh bei mein Vater mach.

Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die Hnde in den
Hften, und betrachtete das rote Herz der Mutter Gottes an der Decke,
sah sich erstaunt um, rief dem Wirt erfreut zu: Enormjemtlich! und
las laut den gerahmten Spruch an der Wand:

   Ob ich morgen leben werde,
   Wei ich freilich nicht,
   Da ich aber, wenn ich lebe,
   Trinken werde, das ist ganz gewi.

Der Wirt lchelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf die Nasenspitze und
begann an einem roten Strumpf zu stricken.

Der Wirt stellte Wein auf den Tisch fr den Berliner, der sich zwischen
den Fischer und die dicke Wirtin setzte und einen Karpfen bestellte.
Isterfrisch?

He?

Ist der Fisch frisch?

No, wenn Sie 'n so frisch in Bauch nei kriege, wie er is, bekommt er
Ihne schlecht, sagte der Wirt und hielt dem Berliner einen zappelnden
Karpfen unter die Nase.

Was glaubt denn deer, sagte der Schreiber laut.

Bei euch in Berlin scheine die Fisch fr gewhnli zu stinke, meinte
der Fischer.

Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht tadellos da.
Grter Seifenverbrauch usw.

No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir wisse nit, was Sfe is?
Sfe knne Sie bei uns in jedn Kolonialwareldele kff.

Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein noch sehr junger Mann,
der erst krzlich von seinem verstorbenen Vater die Glaserei geerbt
hatte, und setzte sich an den Tisch dazu. Der Schnauz klffte ihn wtend
an. Was hat denn der Verrecker, rief Johann Jakob Streberle und
lachte, wobei zs-zs-Laute ertnten und Speichel zwischen seinen
glnzenden Zahnreihen durchspritzte, denn er hielt sie beim Lachen
geschlossen. Da, schau sie an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin
wir sch derhem gebliebe. Nit amal 's Geld htte mir g'habt. Besuffe sin
sie a no.

Der Wirt trommelte nervs auf der Tischplatte.

No, was mi angeht, antwortete der Fischer, i hab's grad so gemacht
. . . Lat sie doch sauf. Ihr Alter wird ne scho 'n Arsch aushaue,
wenn's nti is. -- I glaub als, dir hockt er halt wieder, Streberle,
weil's mit der Brautschau Wasser war.

No, allemal! rief der Schreiber.

O Gott, Brautschau! Mdli, Mdli mit Geld krieg i, so viel i will,
sagte der Glasermeister speichelspritzend.

Die Ruber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen waren gertet: der
Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt. Oldshatterhand klimperte leise
auf der Gitarre. Doch! Jetzt singen wir, flsterte er. Hopp!

Gretl, _noch_ ein Ma߫, sagte der Schreiber. Sein Gesicht glhte.

Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer, sang das blonde Mdchen.

Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die alten Deutschen, immer
noch eins. Bringen Sie den Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung,
sagte der Berliner.

O Gott, Mdli, Mdli mit Geld, so viel i will!

Einfach weil's Wasser war mit der Brautschau, sagte pltzlich der
Schreiber, stand schaukelnd auf und sang, die Melodie von In einem
khlen Grunde unterlegend, immer nur den Namen des unbeliebten
Glasermeisters:

   Johann Ja--a--kob Streeeberle,
   Johann Stre--e--berlee -- -- --

die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen betrunken. Der
Fischer verschluckte sich vor Lachen. Johann Jakob Streberle spritzte,
gezwungen lachend, Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen
durch und blickte wtend zu den Rubern hin.

No, jetz is aber genug, sagte der Wirt und lchelte vergngt.

Das Mdchen brachte den Rubern den Wein des Berliners. Oldshatterhand
beugte sich auf die Tischplatte, zischte verhalten: Also hopp! . . .
Los! Und fing mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher
Mdchenstimme: Nieder mit der Tyrannei! Worauf die anderen sofort
einsetzten, da der Berliner seine Gabel fallen lie:

   Hoch leb die Anarchie!
   Es lebe der Achtstundentag,
   Die Ruh, die Republik!

Johann Jakob Streberle schttelte mibilligend den Kopf. Bezahle Sie
doch dene Lausbube nit a no Wein, sonst mache sie nur Dummheite . . .
Die ham sowieso scho genug auf'n Kerbholz . . . Ja, ja, wartet nur,
Brschli, schlo er geheimnisvoll.

Was wolle denn Sie von uns, rief der Schreiber.

Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon no sehn.

Was der will . . . Sie knnen uns gar nix anhab.

Da umklammerte der bleiche Kapitn den Arm des Schreibers. Pst! Sei
still! flsterte er und duckte das Gesicht auf die Tischplatte. Wit
ihr, was auf dem Hobel steht?

Auf was fr'n Hobel?

Aha! Hat's euch scho? rief Johann Jakob Streberle, weil alle Ruber
das Gesicht horchend auf die Tischplatte duckten.

No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf'n Schloberg g'funde ham. J. J.
St. steht darauf, flsterte der bleiche Kapitn. Der Hobel gehrt dem
Streberle; der Kerl hat uns sicher nachg'schnffelt.

Die Oberkrper der Ruber richteten sich auf. Alle blickten zum
Glasermeister hin.

Gelt, ihr wit scho, da nit alles sauber is. I will aber gar nix
g'sagt hab.

Sie wisse nix . . . gar nix, sagte der Schreiber.

Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hlt er vielleicht sei Maul,
flsterte der bleiche Kapitn.

Der Glasermeister schnellte in die Hhe. Sooo . . . _ihr_ habt mein
Hobel! Mein Hobel habt ihr a no! Er sprang an den Rubertisch.

Wolle Sie was von uns! Der Schreiber war in die Hhe gefahren. Der
Schnauz klffte. Alle Ruber standen.

Da trat Winnetou ein.

Der bleiche Kapitn klrte Winnetou hastig auf.

Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein . . . Wissen Sie,
was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion sind Sie, sagte Winnetou laut
und setzte sich.

Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang dazwischen. Ruh jetzt!
. . . Macht euer Sach wo anders aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute
in Ruh.

Ihr Gauner! Er versuchte den Wirt zur Seite zu drngen. Hoheitsvoll
sah der Wirt den Glasermeister an. Setzen Sie sich auf Ihren Platz
. . . Dort ist Ihr Platz! sprach er hochdeutsch.

No ja, aber hat's denn scho so was gebe. Jetzt sagen Sie selber . . .
Wir Mnner -- -- --

Aber der Wirt lie sich auf nichts ein.

Auch die Ruber setzten sich.

Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus, hielt es gegen das
Licht und reichte es seinem Sohn, der das leere Glas eine Weile
senkrecht zwischen die zur Decke gerichteten Lippen hielt und energisch
sog. Herr Griebe zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verlie mit
ihm eilig die Weinstube.

I wer mir mei Gst vertreib lasse.

No, jetzt sage Sie selber.

Streberle, i will gar nix wiss.

Groartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister Widerschein,
fragte der Berliner den Fischer.

Das is 'n Widerschein seiner.

Ich lasse mir nmlich immer meine Schuhe von Herrn Widerschein
reparieren . . . Bedeutend billiger als in Berlin.

Ja, Berliiiiiiin!

Ist aber hier in Wrzburg auch nicht mehr so billig wie frher . . .
Vier Mark fr Sohlen und Abstze erhhen. Der Berliner nahm sein Glas
in die Hand.

Was? . . . Erhhen?

Flecke auf die Abstze.

Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zw Mark und dreiig
Pfennig fr Sohle und Abstz. Seit zwanzig Jahr.

Der Schreiber horchte gespannt.

Aber hrn Sie mal! Der Berliner stellte das Glas zurck, ohne
getrunken zu haben. Da mu ich doch morgen gleich einmal zum Meister
gehen . . . Gleiche Preise fr alle! Das ist mein leitendes Prinzip
. . . Ich bin Reisender.

Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt, kann Fisch
hab.

Hrn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater, ich kme morgen zu
ihm . . . Es ist ja nur eine prinzipielle Sache bei mir.

Die Ruber blickten vom Berliner zum Schreiber, der nervs auf dem
Stuhle herumrutschte. Es kann sei, da mei Vater morgen gar nit daheim
is. Weil er Schuh nach Hchberg trgt.

Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle Arbeit -- reelle
Preise. Daher der Aufschwung. Das ist auch meine Weltanschauung.

Ja no, das Solide is no alleweil das beste.

I geh jetzt a bile ins Eckertsgrtle zum Kegeln, sagte Johann Jakob
Streberle und erhob sich.

'n Streberle drfen wir heut nimmer aus die Auge lass. Wir msse doch
rauskrieg, was er vor hat, sagte der bleiche Kapitn, als der
Glasermeister gegangen war.

Solide -- reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung zur Folge, seit
dem Kriege siebzig/einundsiebzig.

Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor Paris . . . Wir sind
in einem Dorf gelege -- --

Hr'n Sie mal! unterbrach der Berliner: Die Preuen -- -- -- -- --

                   *       *       *       *       *

Auf der Strae sahen die Ruber in einer Schmiede Feuer auf der Esse
lodern. Der geschwrzte Schmiedegesell, der unverhofft eine dringende
Reparatur hatte ausfhren mssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in
den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene Schreiber lallte: Mir
ist jetzt alles gleich, trat auf den Schmied zu, starrte ihm in die
Augen und rief streng: Wissen Sie nicht, da es verboten ist, am
heiligen Sonntag zu arbeiten!

Gehst weg! Knirps! Sonst fngst eine, rief erbost der Schmied.

Hau mal her!

Der Schmied hieb ihm eine krftige Ohrfeige herunter.

Hau no mal her!!

Er hieb ihm wieder eine herunter.

Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!

Der Schmied gab dem Schreiber noch eine frchterliche Maulschelle und
ging in seine Werkstatt zurck.

Die Ruber gingen die Strae vor bis zum Spitle. Alle waren etwas
angetrunken, bis auf Winnetou, der einige Schritte seitwrts
nachdenklich nebenher ging.

Die Ruber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen ihre
Taschenuhren und verglichen die Zeit. Es war gegen zehn Uhr.

Ich hab's euch ja g'sagt, es war ein Mann dagestanden. Ich hab'n genau
g'sehn. Falkenauge drehte sich aufgeregt im Kreis der Ruber herum und
deutete zur Festung.

Hast halt auch amal was g'sehn, sagte der ernchterte Schreiber.

Ja, also los! Wir mssen jetzt ins Eckertsgrtle! rief der bleiche
Kapitn. Ich werde dem Streberle sagen: wenn Sie's Maul halte, kriege
Sie Ihren Hobel wieder. Denn das wr ja . . . wenn der uns anzeiget
. . . ich wei ja gar nit, was da wr.

Mit jedem Schritt, den die Ruber den Brckenberg hinaufgingen, wuchsen
die Sandsteinheiligen der Brcke und die Kirchtrme hher in den
Sternenhimmel, bis zuletzt die ganze Stadt vor ihnen lag.

Wollen wir nicht lieber ins >Zimmer<, fragte Oldshatterhand. Wir
znden die zwlf Kerzen an, das ist doch schner.

Hohaho! rief der Schreiber. Oldshatterhand hat Angst, in die
Wirtschaft zu gehen.

Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern zu tun?

Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?

Kerzen? -- Kerzen haben was mit Indianern zu tun.

Also der spinnt! Der Knig der Luft, der beim Fortgehen in der Kche
den Knochen einer Kalbshaxe mitgenommen hatte, kletterte am heiligen
Kilian hinauf und gab ihm den Knochen in die Faust, in der frher einmal
ein Kreuz gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht ekstatisch
himmelwrts gerichtet, der heilige Kilian die Kalbshaxe in der Faust,
und neben ihm streckte der heilige Totnan, den Versucher abwehrend,
erhaben die Hnde gegen den Knochen aus.

Der Knig der Luft kletterte wieder herunter, bis auf das
Brckengelnder, und fing an, mit groer Vorsicht darauf zu laufen; die
Ruber folgten seinem Beispiel: mit den Armen balancierend, liefen sie,
eine lange, dunkle Reihe, langsam auf dem schmalen Steingelnder ber
die ganze Brcke, warfen die Arme wildschreiend in die Hhe und sprangen
wieder auf das Pflaster.

Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich um zur Festung.
Pltzlich schwang auch er sich auf das Gelnder, schlo die Augen -- und
rannte los, im Galopp. Die Brger standen entsetzt, atemlos; die Ruber
geduckt, sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand wrde in
die Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu geben, bis Oldshatterhand
bei ihnen angelangt war und herunter in Sicherheit sprang.

Die Ruber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand vom Tode zurck zu
ihnen gekommen wre; und in Oldshatterhands Innern drohte auch jetzt
noch, da die Gefahr schon berstanden war, das Unbekannte, das ihn schon
fter gezwungen hatte, Lebensgefahr aufzusuchen.

Die Wirkung dieser Tat auf die Ruber war eine von Schauern begleitete
Ergriffenheit.

Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer Mitte.

Die Ruber waren von den anderen Knaben gefrchtet und verkehrten seit
Jahren nicht mit ihnen. Sie waren eine kompakte Masse, mit der Streit
anzufangen ein Knabe sich hten mute. Die Furcht spielte sogar ein
wenig, zu einer Art rgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen
hinber, die manchen gefhrlichen Streich der Bande erfahren oder
mitangesehen hatten. Ihr Ansehen machte die Ruber frech und lie sie
gefhrlicher erscheinen, als sie waren. Das galt nur fr die
Einheimischen. Deshalb hatten die Ruber auch aus reinem
Nichtbegreifenknnen unttig zugesehen, wie der neuzugereiste Schmied
den Schreiber verprgelt hatte, als wre dieser nur ein halbwchsiger,
frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefrchteten Vereinigung.

Erst jetzt bemerkten die Ruber, da Winnetou zurckgeblieben war, und
warteten beim Vierrhrenbrunnen auf ihn.

Winnetou stand reglos auf der Brcke hinter einem Heiligen und starrte
zum Flu hinunter; im flieenden Wasser sah er die gute Stube, die
Mutter, wie sie ihn vor dem Kaplan prgelte, und empfand haerfllt den
Drang, sich hinunter in die gute Stube im Wasser und auf den Kaplan zu
strzen. Er prete die Fuste an die Schlfen, sein Oberkrper beugte
sich bers Gelnder, die Fe verloren den Boden. Schon schwebend,
drckte er sich mit den Knien im letzten Augenblick wieder zurck und
schaukelte mit einem gellenden Schrei gegen den Heiligen. Langsam ging
er den Rubern nach.

Der bleiche Kapitn erinnerte daran, da man erst zum Stadttheater gehen
und die Rote Wolke abholen msse, der als Statist mitwirkte in Wilhelm
Tell, und schlo rgerlich: Wenn man amal sei Leut braucht, dann mu
man sie erst in der ganzen Stadt zammtromml.

Die Ruber standen vor dem Bhnenausgang, blickten auf die erregt
Gestikulierenden und auf die vor Erregung stillen jungen Leute, die aus
dem Hauptausgang strmten, und, stumm geworden, auf das elegante Paar,
das in die einzige Droschke stieg.

Im dunklen Bhnenausgang erschien die Rote Wolke und blieb
zurckweichend stehen. Und frei erklr ich alle meine Knechte! rief er
und breitete die Arme aus. . . . Vorhang. Sein Mund blieb offen, rund
und schwarz.

Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns verrat. Alle
redeten auf ihn ein.

Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie's treiben!

Was ist ohne Beispiel?

Wie sie's treiben!

Jetzt halt doch's Maul!

Theater! Theater! . . . Diese Pracht!

Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige, was uns retten
kann.

Im Volk mitgemacht . . . Fnfundzwanzig Pfennig hab ich kriegt . . .
Aufruhr! Mut! Freiheit!

Ach, lat ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle. Wir mssen
nur zusammenhalten.

Wir halten zusammen! rief die Rote Wolke begeistert.

Die Knaben waren sehr erregt und zu allem mglichen bereit, als sie in
dem vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten, dem Eckertsgrtle,
anlangten, was gleich dadurch zum Ausdruck kam, da der bleiche Kapitn
fr alle zusammen eine Liesl Bier bestellte, einen hohen Krug, der
zwei Liter fat, und aus dem nur mit Hilfe _einer_ Hand zu trinken die
Ehre verlangte.

Johann Jakob Streberle beobachtete die Ruber verrgert und lchelte
manchmal schadenfroh, whrend er mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem
er sagte, er solle die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst
kein Spiel zustande kme.

Mit aller Energie die Erregung zurckdrngend, die bei Beginn des
Preiskegelns die Ruber erfat hatte, griffen sie gleichgltig immer
nach der schwersten und grten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor
jedem Schub dem bleichen Kapitn, der Roten Wolke, der Kriechenden
Schlange zuflsterte: Ich mu einen Preis holen. Einen mu ich holen.
Vielleicht den ersten! Er hatte seine letzten zwanzig Pfennige
eingesetzt.

Der andere kommt! rief der Glasermeister der Kriechenden Schlange zu.

Das brauche Sie doch blo zu sagen.

Ich hab's ja g'sagt.

Der Knig der Luft lie sich beim Schieben in tiefe Kniebeuge nieder,
rief: Weg da! Weg da! Weg da! auch wenn ihm niemand im Wege stand,
mahlte mit den Zhnen, schockte die Kugel nervs in den Hnden herum,
schleuderte sie hinaus -- und scho in die Hhe auf die Zehenspitzen.
Die tiefe Stirnfalte war da. Mit schiefgezogenem Mund rief er jedesmal:
Die Dreckbahn fllt nach links ab, wenn er nichts getroffen hatte.

Der bleiche Kapitn holte die groe Kugel mit _einer_ Hand aus dem
Kasten, hstelte gegen den Glasermeister hin in tiefem Ba und jagte die
Kugel hinaus. Johann Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln,
zielte genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen
glnzenden, geschlossenen Zahnreihen durch.

Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen und der
Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand die Rattenfalle geschenkt hatte,
waren von der innigen, begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen
fhrenden Hingabe der Ruber an das Spiel schon nervs geworden. Sie
schimpften, wenn Falkenauge immer wieder das Anschubbrett absuchte, ein
Sandkrnchen davon aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf den
Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger gespreizt, in
hchster Spannung jede Drehung der Kugel mitzumachen schien, wobei sein
weitaufgerissenes Auge der Kugel nachstarrte, whrend sein Glasauge
interesselos und tot irgendeinen Mitspieler ansah.

Die Ruber prschten sich immer nher an die ersten Preise heran; die
Begeisterung wuchs, und die gerteten Gesichter zuckten in dem von
Hitze, Bierdunst und Zigarrenrauch erfllten Raum umher. Die
Angelegenheit mit Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb
vergessen. Nur der besorgte bleiche Kapitn nicht, der auf den
Glasermeister zutrat und schon den Mund ffnete, um zu sagen, da er den
Hobel auszuliefern gedenke.

Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann Jakob Streberle, den
Soldaten und vom Schmied Gottlieb fr ungltig, dagegen von den Rubern
unter emprten Ausrufen einstimmig fr gltig erklrt wurde.

Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig Pfennige, rief dem
Schmied erregt zu: Sie lgen ganz einfach. Das wissen Sie ganz genau.
Sie Lgenbeutel!

Und whrend Johann Jakob Streberle durch einen wohlgezielten Schub mit
einer nur faustgroen Kugel sich den ersten Preis sicherte und damit das
Spiel beendete, griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann,
vollbltig und herzkrank, sehr gutmtig, immer betrunken und ein
ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand -- die
Ruberbande strzte auf den Schmied, und die Soldaten auf die Ruber.
Der Wirt und sein Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im
Menschenknuel.

Keuchen, erhobene Makrge, Schreie -- Scherben. Der Schreiber wankte.
Falkenauge griff sich ins Gesicht -- und griff ins Loch; durch einen
Faustschlag, zum Glck nicht auf sein natrliches Auge, war sein
glsernes Auge herausgesprungen und kollerte ein Stck die Kegelbahn
hinaus.

Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend auf ihn ein. Die
Bande flchtete. Oldshatterhand, mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom
Schmied Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbume des
Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich durch die Tr huschen,
hinaus zu seinen wartenden Kameraden.

Winnetou war whrend der ganzen Prgelei teilnahmslos auf dem Stuhle
sitzen geblieben. Und als er die verblfften Blicke der
Zurckgebliebenen auf sich gerichtet sah, erhob er sich langsam und ging
hinaus zu den Rubern.

Sie gingen ein Stck die Strae hinunter. Der Schutzmann trat aus dem
Garten und ging in der entgegengesetzten Richtung fort, worauf sich die
Ruber wieder vor der Gartentr einfanden.

Da stellte es sich heraus, da das erst krzlich um sieben Mark
gekaufte, kleine, grne Plschhtchen des bleichen Kapitns auf dem
Kampfplatze geblieben war. Das allgemeine stumme Bedauern um das
Plschhtchen verwandelte sich in stummes Staunen, als der Schreiber
sich erbot, hineinzugehen und das Htchen zu holen.

Bring auch mein Auge mit, bat Falkenauge.

Still und gtig, mit unbeweglich hngenden Armen, ging der Schreiber
langsam durch den Garten, hinein in die Kegelbahn -- und wurde
schrecklich zugerichtet. Nur auf das Plschhtchen erpicht, hatte er
danach gegriffen, ohne sich zu wehren die furchtbaren Prgel
entgegengenommen, und war ergeben und zerschlagen zurckgegangen,
traurig an der Bande vorbei und die Strae hinauf zur neuen Brcke,
whrend die andern noch in den Garten hineinschimpften und ihre
gewonnenen Preise verlangten.

Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht, und die Ruber
verschwanden.

Auf der Brcke sa der Schreiber auf dem Pflaster, mit dem Rcken gegen
das Gelnder gelehnt und den Kopf auf die Brust gesenkt. Speichel lief
aus dem Munde heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das
zerknllte Vorhemd. Das kleine, grne Plschhtchen lag neben ihm; des
Schreibers Hand ruhte darauf.

Und unser Preis ham wir auch nit, sagte der bleiche Kapitn.

Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. Nur fnfzig Pfennig bern
Preis . . . Deshalb braucht doch des Klatschmaul nit zu mein Vater
laufe. Ich kann's ihm ja zurckgeb, wenn er's will.

Httst dei Maul nit so gewetzt, rief der Knig der Luft Oldshatterhand
zu, dann htten wir jetzt unser Preis.

Wenn doch der Schub gltig war, du Damian!

Darauf kommt's ganz allein an, sagte der Schreiber mit dunkler Stimme,
stand mhsam auf und spuckte blutigen Speichel hinunter in den Main.
Der Schub war gltig.

Und das ist die Hauptsache! rief der bleiche Kapitn. Das wr noch
schner, wenn wir uns von diesen Kommibrotfressern was g'fall lieeten.
Wenn doch der Schub gltig war.

Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und sagte unheilvoll:
Der Trainsoldat war's.

Nachdem der bleiche Kapitn vergebens versucht hatte, seinen Leuten das
Passieren des Kasernenhofes zu ermglichen, indem er den Wachtposten
kalt und gemessen fragte: Heute hat doch Leutnant von Platen
Kasernendienst? und der zufllig nicht dumme Soldat die schon in den
Kasernenhof eingedrungenen Ruber wieder zurckgetrieben hatte,
erreichten sie, nun zu einem groen Umweg gezwungen, mit dem
Glockenschlage zwei, die Kneipe der Witwe Benommen.

   Horch, wer zieht so still und leise
   Den Tugelaflu hinauf, den Tugelaflu hinauf.
   Ach, es sind die armen Briten,
   Die so manchen Sto erlitten.
   Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf.
   Pltzlich bleibt die Truppe stehen,
   Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da.
   Seht sie kmpfen, seht sie streiten,
   Durch des Feindes Mitte reiten
   Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!

klang das Burenlied, von Sandschpfern und Fischern gesungen, aus der
Kneipe.

Leih mir zwlf Pfennig, bat Oldshatterhand den bleichen Kapitn.

Ich hab ja selber nimmer genug. Er lieh ihm aber sogar vierzehn
Pfennige und sagte: Die zwei gibst Trinkgeld.

In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die Strae lag, denn
fnf Stufen fhrten hinunter, stand ein langer Tisch, um den herum die
Gste saen. Unter kreuzweise bereinander genagelten groen Fahnen in
den Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die Gipsbsten des
Prsidenten Tom Krger und des Generals Botha; die ganze Stube war mit
Fhnchen in den Burenfarben geschmckt, und jeder Gast hatte ein
Exemplar des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der Wirt, hatte
drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied. Gesungen im
Burenlager der Restauration Benommen. Auf diese Weise hielt er die
Begeisterung der Mainviertler fr die Buren wach und machte whrend des
ganzen Krieges ein gutes Geschft.

Die Ruber, von den Gsten dieser Wirtschaft wie immer mit Respekt
empfangen, setzten sich um den runden Tisch herum, neben der Schenke.

In stummer Hochachtung blickten die Gste auf das blutige Vorhemd des
Schreibers, der beide Ellbogen auf den Tisch sttzte und, seine Freude
ber das verdiente Aufsehen zurckdrngend, dster vor sich hin sah.
Falkenauge sa neben ihm. Die leere Augenhhle war vom Faustschlag blau
unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschrnkchen ber ihm an der
Wand spielte, viele Tne auslassend:

   Sah' ein Knab ein Rslein stehn -- -- --

Des bleichen Kapitns Bruder, Benommen der Wirt, ein untersetzter Mann,
mit fast ganz geschlossenen, eitrigen, roten Augenlidern und
Goldblttchen in den Ohren, stand, Bauch und Unterlippe verchtlich
vorgeschoben, neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte
jede Bewegung der auffallend schnen Kellnerin, eines jungen Mdchens
mit gesundbleichem Gesicht und braunen Augen, whrend die Witwe
Benommen, klein und zh, unzhlbare Falten und Fltchen im ledergelben
Gesicht, die drren Hnde vor dem Leib gefaltet hielt und verbissen die
Leidenschaft ihres Sohnes fr seine Kellnerin beobachtete. Noch hatte
sie das Regiment nicht aus den Hnden gegeben. Der Sohn hatte die
altbewhrte Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Da er sie in
eigene Fhrung bekam, hing davon ab, ob er die Kellnerin aufgab, deren
Kndigung die Alte schon durchgesetzt hatte.

Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben, bediente die
schne Kellnerin einen Gast, der seinen Arm um ihre Taille legte. Sie
entwand sich ihm weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen
gegen den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und mit dem Finger
zur Tre wies: In meiner Wirtschaft wird nicht mit der Kellnerin
poussiert! Merk dir das!

Der bleiche Kapitn sa zurckgelehnt und beobachtete diesen Vorgang mit
bertrieben gleichgltiger Miene.

Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der Kellnerin zu: Gehen
Sie doch gleich in die Fischerga, wo Sie hingehren.

Aus dem weien Gesicht der Kellnerin verschwand das Lachen. Sie gab dem
Gast auf dessen Mark heraus und nahm die zwei Pfennige Trinkgeld
entgegen, wobei ein unwillkrliches Danklcheln wieder ihr Gesicht
verschnte.

Im Mainviertel, gegenber einer sehr hohen alten Gartenmauer, klebten
drei niedere Huschen aneinander, ber deren Haustren metergroe,
schwarze Nummern gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz kleine,
altersschiefe, graue Huschen mit bemoosten Dchern. Trat man aber ein
-- da war alles rosa. Und starkes Parfm und Frauenlachen schlug einem
entgegen. Das war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der
Stadt Wrzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz pltzlich waren die
ahnungslosen Brger mit dieser hygienischen Neueinrichtung beschenkt
worden, worauf ein hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln
herunter entbrannt war und die Bewohner der vorderen Fischergasse sich
emprt gegen die Schande gewehrt und von den Stadtvtern einen anderen
Namen fr ihre Gasse verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker
Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstltchen ebenso
pltzlich wieder, wie sie gekommen waren. Und danach standen die
Huschen leer, denn es fand sich kein Mensch, der sie htte bewohnen
mgen. Nach jedem Vierteljahr wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis
zuletzt alle drei Huschen zusammen fr sechshundert Mark angeboten
wurden. Aber nicht einmal geschenkt wollte sie jemand haben.

Doch das kam erst spter. Zurzeit waren sie noch von rosa Ampeln
beleuchtet, und der Inhaber der drei Huschen sa bei den fr die Buren
begeisterten Sandschpfern und Fischern in der Kneipe der Witwe
Benommen.

Der bleiche Kapitn blies den Schaum vom Bier, trank und sog den Schaum
von der Oberlippe wie ein schnurrbrtiger Alter. Gott, daran kann ja
gar kein Zweifel sein, da die Buren den Krieg gewinnen.

Wo das Recht ist, ist der Sieg, sagte die Rote Wolke und hob die Hand.

Der Schreiber sagte ernst: Ex! trank sein Glas leer und reichte es
gleichgltig der Kellnerin, die ein Lcheln ber das sachliche Gebaren
der Ruber nicht unterdrcken konnte.

Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an der Kellnerin zu
uern, stand beim Wirt und legte ihm die Hand auf die Schulter.

In meiner Wirtschaft gibt's das einfach nit, sagte unwirsch der Wirt
und schnitt ein Stck Schwartenmagen ab.

Ja, in _deiner_ Wirtschaft, sagte die Witwe Benommen hmisch. Was
willst du denn, wenn sich das schlampige Menschle doch von jed'n
rumschmier lt.

Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft nit. Aber kurz
und klein schlag ich dir alles, wennst jetzt nit Ruh gibst.

Wtend blickte die Alte auf die Kellnerin und rhrte sich nicht.

Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh tut dir besser. Ich
kann mich ja nit rhr in der Schenk.

Die Witwe Benommen zog sich, die Tr zuknallend, in die dunkle Kche
zurck, von wo aus sie durch das Fensterchen die weiteren Vorgnge in
ihrer Wirtschaft beobachtete.

Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber ri die Augen auf. Das ist er!
Alle Ruber wandten sich nach dem Soldaten um, welcher der Kellnerin die
Hand reichte. Der war's, flsterte der Schreiber und deutete auf sein
blutiges Vorhemd.

Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein schlanker,
berelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt: Stellen Sie mal ein
kleines Fchen Bier fr meine Freunde auf den Tisch. Ja. Er hielt sich
zu den vorurteilslosen Fischern und Sandschpfern und kam ihnen, auch
aus wirklicher Begeisterung fr ihre rauhen bayerischen Sitten,
entgegen, indem er zu Lackschuhen und tadellos elegantem Anzug keinen
Hemdkragen trug.

Der Wirt brachte das Bierfa und zapfte es an. Der zarte Sachse brstete
unausgesetzt mit einem goldenen Brstchen intensiv an seinem gepflegten,
weichen, langen, aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das
Strkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig brstend, zog er den Bart
wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform ffnete und die blitzenden
Brillanthemdknpfe sichtbar wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den
Tisch und rief: Das wre ja noch schner. Nur immer feste ran. Gsuffa!
Ja. Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen, reckte den Makrug
zur Decke, trank. Und brstete sofort wieder intensiv am aschblonden,
schmalen Bart entlang.

Die Freundschaft der Ruber hatte er bis jetzt vergebens gesucht. Er war
ihnen zu zart, zu elegant, und seiner Begeisterung fr bayerische Sitten
trauten sie nicht. Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf
sie ausben.

Die abgearbeiteten Sandschpfer und Fischer jedoch konnten ihre
Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen nicht versagen, da er auch
sonst sich liebenswrdig zu ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der
andere verlegen zu den verchtlich blickenden Rubern hin, deren
Wohlwollen die Gste dieser Kneipe sich auch nicht zu verscherzen
wnschten.

Lone! bring uns auch drei Liesl Bier! rief der Schreiber pltzlich der
Kellnerin zu.

Kannst sie denn bezahl? fragte erstaunt der bleiche Kapitn.

Das Geld fr die Schuh vom Wachtmeister hab ich jetzt sowieso scho
angerissen.

Mein Lieber, was machst denn da jetzt?

Ich geh halt heim . . . und halt's aus. Da kann man jetzt nix mehr mach
. . . Wenn nur wenigstens den Berliner der Teufel holet.

Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke neben ihrem Sohn.

Die Blicke der Ruber waren auf den Trainsoldaten geheftet, und als er
die Hand der schnen Kellnerin streichelte, stlpte der bleiche Kapitn
drohend die Lippen nach auen, whrend sein Bruder, mit einem stummen
Wutblick auf das Mdchen, eine Biermarke auf den Schanktisch schmi, und
die Witwe Benommen hmisch das Gesicht verzog.

Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk in Gang. Es
rasselte im Schrnkchen, knackte ein paarmal und begann, aus
Altersschwche manche Worte unterschlagend, zu spielen:

   Ein Knabe hatte ein Mdchen lieb.
   Sie flohen heimlich von Hause fort,
   Es wut's weder Vater noch Mutter.

Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als sen sie in
einem Symphoniekonzert. Die Kellnerin stand wider die Mauer gelehnt und
blickte in unbegreiflicher Rhrung zum Spielwerk hin, das nach heiserem
Rasseln fortfuhr:

   Sie sind gewandert hin und her,
   Sie haben gehabt weder Glck noch Stern,
   Sie sind verdorben, gestorben.

In der Kche is no e bile Brate von Mittag. Magst du's nit? Und trink
e Glsle Wein dazu. Das tut dir doch gut, sagte der Wirt zu seiner
Mutter.

Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte: Das war von
Heinrich Heine, ja. Diese Tne greifen mir ans Herze . . . Meine Mutter
hat's auch immer gesungen, als ich noch 'n kleener Junge war.

Der kann leicht sei Maul vollnehm, sagte der Schreiber und beugte sich
zu den Rubern. Wenn man eine Million verdient im Jahr.

So viel wird's aber vielleicht nit sein. berhaupt, wie ist denn das
eigentlich, dahinten in der Fischerga?

So genau wei man das nit . . . Das ist halt die Fischerga.

Am Fenster sa allein ein Kohlenfhrer und weinte. Manchmal wischte er
sich mit dem Handrcken bers Gesicht, das ganz von Ru und Trnen
verschmiert war.

Da trat sein Bruder, ein Sandschpfer mit nur fingerbreiter Stirne und
bse blickenden Augen, in die Wirtsstube und hob die Hnde: Daa bist
du? Dei Frau heult sich daheim die Augen aus.

Der Kohlenfhrer schluchzte auf und rief heulend immerzu: Mei eigener
Bruder! Mei eigener Bruder!

Es is nit wahr, sagte der Eingetretene. Also, wenn i dir sag. I bin
doch dei Bruder.

Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat's mir ja selber ei'g'stande.
Gestern die ganze Nacht warst du bei ihr! brllte der Kohlenfhrer
pltzlich laut.

Der Sandschpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen, erschrocken
auf seinen Bruder: Also, wenn i dir sag! Frag sie selber. I wer doch
nit mit mein eigene Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwgerin.
Also . . . also sowas tt i doch nit. Das glaubst du doch nit von mir
. . . Mit der eigene Schwgerin.

Der Kohlenfhrer hob den Kopf. Du sagst, es is nit wahr?

Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i dir sag! . . . Mir
trinke a Ma Bier mitnander, schlo beruhigend der Sandschpfer. Lone!
a Ma Bier fr mich und mein Bruder.

Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und die erleichterten Brder
sangen krftig mit:

   Ihrem todeskhnen Ringen kann man nicht das Lob entziehen,
   Denn sie fechten toll und khn -- -- --

Die Alte war schlafen gegangen.

Setze Sie sich und esse Sie was, sagte der Wirt zu seiner Kellnerin
und lchelte.

Der Trainsoldat schnallte seinen Sbel um und ging fort.

Jetzt! rief der bleiche Kapitn.

Die Ruber legten eilig das Geld auf den Tisch und strmten zur
Wirtsstube hinaus. Der Schreiber, mde und bleich, als Letzter.

Vor dem Spitle stand der Soldat, summte: Als die Rmer frech
geworden, und stie dazu mit seinem langen Sbel den Takt aufs
Pflaster.

Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der Brcke standen dunkel
gegen den Himmel.

Der bleiche Kapitn wnschte, da seine Leute zurckblieben, ging allein
auf den Soldaten zu und sagte: Sie sind doch der . . . von der
Kegelbahn! He? . . . Zu fnft ber einen einzelnen herfallen, das knnt
ihr . . . He?

Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Sbels.

La nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im Guten. Und
pltzlich zuckte die Hand des bleichen Kapitns nach dem Griff; er ri
den Sbel aus der Scheide und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit
hocherhobenem Sbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den dunklen
Schloberg. So schnell war das gegangen, da die Bande, ehe der Soldat
das Geschehene begriffen hatte, schon weg war.

Ohne seinen Sbel mute er heim in die Kaserne.

Noch in derselben Nacht gingen die Ruber durch den unterirdischen Gang
ins Zimmer und brachten den Sbel zu ihren anderen Waffen, wo er
seitdem verblieben ist.

Dieser Streich htte von meinem Bruder in Amerika sein knnen, sagte
der bleiche Kapitn.

Sie stiegen den Schloberg hinunter und blieben bei der letzten Linde
stehen, wo ihre Wege sich trennten.

Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden Winnetou stand frierend
und grnbleich Oldshatterhand. Was hat das alles, was wir heut gemacht
ham, eigentlich fr einen Wert, sagte er, und rief, pltzlich zornig,
weil er den Widerstand der Ruber fhlte: Fr uns hat das gar keinen
Wert! sag ich . . . Fr uns nit!

No und der Sbel?

Ich geh jetzt heim, sagte der Schreiber. Es is einfacher, wenn ich
gleich heim geh.

Der Trupp setzte sich zgernd in Bewegung und verschwand in der
Schlogasse.

Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben. Langsam stieg er den
Schloberg wieder hinauf, ging unter Grauenschauern durch den
sammetschwarzen unterirdischen Gang ins Zimmer und zndete eine Kerze
an.

Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah den Kaplan und die
Schwester auf dem Kanapee, die Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog
die Lippen zu einem schadenfrohen Lcheln bei der Vorstellung, wie
ungeheuer die Mutter erschrecken wrde, wenn sie ihn erschossen ins Haus
gebracht bekme. Er sah, wie die Mutter jammernd ber seine Leiche fiel,
und sagte pltzlich haerfllt: So, da hast du's jetzt. Geschieht dir
ganz recht. Ganz recht. Schleichend nherte er sich der Glasvitrine und
blickte auf den alten Revolver, der durch die Brechungen des runden
Glases verdreifacht unter der Vitrine lag.

Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt und rostig, vor ihm.

Mit zitternden Fingern prfte er, ob der Revolver geladen war, setzte
die Mndung auf die Mitte seiner Brust, wo der Druck sa, und hatte,
kurz bevor er abdrckte, das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in
seiner Brust und verursache ihm diesen Druck, so da er mitten durch die
Mutter schieen wrde. Hopp! schrie er gellend und drckte ab. Es
knackte. Winnetou strzte zu Boden und ri die verlschende Kerze mit.
Der alte Revolver hatte versagt. Schwei brach rapid aus. Unter
strmenden Trnen und ungeheurem Wohlgefhl am ganzen Krper wich die
Spannung; der Krper bumte und wand sich; der Mund bi in den Boden.

Schwindlig vor Erschpfung stand Winnetou im dunklen Zimmer und atmete
keuchend mit offenem Munde den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und
schlief augenblicklich ein.




Drittes Kapitel


Sptherbstwinde rissen die letzten Bltter von den Schloberglinden und
Dachziegel von den Husern, wovon einer dem Spenglermeister Herrn
Hieronymus Griebe auf die Schulter fiel, so da er ein paar Wochen lang
seinen Arm nicht heben konnte.

Die kniglichen Weinberge lagen zerzaust und bereift. Wagen, mit
dickbauchigen Fssern beladen, schwankten durch die Gassen, standen vor
den Weinstuben; schwarze Schluche liefen davon weg in die Keller, und
die geschmckten Pferde stampften und pusteten die Streu aus den
vorgehngten Futterksten, von Spatzen frech umhpft. Die ganze
Stadt roch scharf nach Most. Der seitdem berhmt gewordene
Achtzehnhundertneunundneunziger war heimgebracht worden. Angetrunkene
torkelten durch die Gassen; des Fischers violette Stlpnase war
schwrzlich angelaufen.

Alles war heiter und zufrieden; aber die Ruber, vollzhlig versammelt,
saen auf der Anklagebank.

Der Glasermeister Johann Jakob Streberle hatte wegen des Raubzuges in
die kniglichen Weinberge Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet.

Fragte ihn jemand, weshalb er das getan habe, dann strubte sich sein
inzwischen gewachsenes blondes Schnurrbrtchen, und speichelspritzend
lachte er: Dene Frchtli ham mir's amal besorgt.

Erschwerter Raub an kniglichem Gut, lautete des Staatsanwalts
Klagestellung. Er hatte sich persnlich davon berzeugt, da es sehr
erschwert, ja lebensgefhrlich war, um den Diebabhalter herum in die
kniglichen Weinberge zu gelangen.

Die Gerichtsstube war niedrig. Die Richter saen breit hinter der
Barriere, daneben sa der Staatsanwalt, ihm gegenber der Verteidiger,
Rechtsanwalt Karfunkelstein -- des Schreibers Chef --, alle in schwarzen
Talaren. Neben Herrn Karfunkelstein, auf der langen Bank, saen die
Ruber, in ihren Sonntagsanzgen. Hinter ihnen, dicht gedrngt, die
Zuschauer; darunter die erregten Vter ihrer Shne. Ganz im
Vordergrunde, die drren Hnde vor dem Bauch gefaltet, mit mden
Augenlidern, den Kopf leidend schulterwrts geneigt, sa die Witwe
Benommen und blickte trbe auf den bleichen Kapitn. Und neben ihr, die
Mundwinkel verbittert zurckgezogen, da sich kleine Apfelbckchen
bildeten, sa kerzengerade Herr Lehrer Mager.

Der Richter, ein groer Mann mit braunem Reiterschnurrbart und gerteter
starker Nase, blickte schon eine Weile unverwandt mit seinen guten Augen
streng von einem Ruber zum andern. Oskar Benommen, du sollst ja der
Anfhrer von dem netten Geschichtchen gewesen sein. Erzhle uns jetzt,
wie war die Sache.

Die Witwe Benommen scho in die Hhe. Der da, der kleine Vierkant, Herr
Richter, der ist der Verfhrer von meinem Sohn. So klein er ist, so
frech und verdorben ist er . . . der Teufel.

Der Schnurrbart des gromchtigen Richters zuckte. Und whrend
Oldshatterhand, bleich geworden, auf der Bank herumrutschte, brllte der
Richter: Das Maul gehalten! Und du, infamer Halunke, stehe jetzt auf
und rede.

Der bleiche Kapitn stlpte die Lippen nach auen. Das war alles. Es war
still.

Den Kopf reien wir dir nicht herunter, lenkte der Richter ein.

Da spreizte der bleiche Kapitn die langen, knochigen Finger an den
senkrecht hngenden Armen und sagte, nicht im Ba, sondern mit seiner
natrlichen, sehr hohen Stimme und sehr schnell: Ja also, wir war'n
halt droben in unserm Festungsgraben um unser Lagerfeuer herumgesessen
und da hat's zwlf Uhr geschlagen und da sind wir in den Weinberg und
ham unsere Trauben gegessen . . . und ham uns auch ein paar mitgenommen,
und spter sind wir heimgegangen.

Unser Lagerfeuer! Unser Festungsgraben! Unser Weinberg! Unser! Unser!
Unser! . . . Nun, und wo sind denn die paar Trauben hingekommen? die ihr
noch mitgenommen habt.

Ja die . . . also die . . . die ham wir auch gegessen.

Im Zuschauerraum war es ganz still.

Michael Vierkant! Wo sind die Trauben hingekommen?

Oldshatterhand lie sich von der fr ihn zu hohen Bank heruntergleiten
und ging ganz langsam bis knapp vor das Richterpult.

Der bleiche Kapitn warf einen flehenden Blick auf ihn, den
Oldshatterhand aber nicht bemerkte. Er sah, die Hand dargereicht, zum
Richter in die Hhe, sagte fein und leise: Zuletzt waren keine Trauben
mehr da, und schrak furchtbar zusammen, als der Richter brllte:
Kleiner Schuft! weit du nicht, da die Trauben unserem Prinzregenten
gehren! Und da der Prinzregent in Wrzburg geboren ist! Und ihr Gauner
stehlt ihm seine Trauben! . . . So ein winziger Frosch, stiehlst dem
Knig seine Trauben.

Der Richter hatte Oldshatterhand am wehesten Punkt getroffen. Die Lippen
zitterten ihm. Erregt stie er hervor: Ich wachse noch!

Es gelang dem Richter, ernst zu bleiben. Setze dich. Und merke dir das,
wenn du den Prinzregenten kennen wrdest, dann wrdest du seinen
Weinberg in Ruhe lassen.

Ich kenn unseren Prinzregenten. Weil ich ihm einmal einen Blumenstrau
gegeben hab. Damals, wie die neue Brcke eingeweiht worden ist. Ich hab
ja sogar meinen Hut dabei verloren, so ein Gedrng war.

Und meinst deshalb, du kannst ihm seine Trauben stehlen? . . . Jetzt
hrt mich einmal an. Wenn ihr nicht gesteht, wo ihr die Trauben
versteckt habt, sperre ich euch ein, bis ihr alt und grau seid . . .
Hans Lux! Wo sind die Trauben hingekommen.

Die tiefe Falte war da. Der Hals scho wagerecht vor; der Knig der Luft
mahlte mit den Zhnen und schnalzte nervs mit den Daumen, wobei seine
Fuste fest an die Schenkel angepret blieben.

Was habt ihr dann gemacht? Ihr seid aus dem Weinberg zurckgestiegen,
und . . .?

Und ham sie gegessen, flchtete der Knig der Luft eilig ber die
Traubenaffre weg und fuhr fort: Also, aber also und, dann wollte ich
das hundertsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Grfin oder Der
Mord im Walde< vorlesen. Aber also . . . also und . . . also aber,
Oldshatterhand wollte, da wir das Ruberlied singen.

Was ist das? Oldshatterhand?

No, Michl, also Michl Vierkant.

Und was fr ein Ruberlied wolltet ihr denn singen?

Also no! also natrlich, >Stehlen, morden, huren, balgen, heit fr uns
nur die Zeit zerstreun, morgen hngen wir am Galgen< -- -- --

Aha. Darum lat uns heute lustig sein. Wie?

Ja. Von Friedrich von Schiller.

Nun, und dann?

Hn?

Was habt ihr dann gemacht?

Dann haben wir registriert.

Wie?

Also registriert! Halt! Also nein. Schon vorher ham wir registriert.

Was habt ihr registriert?

. . . Also halt so. Also und alles.

Zum Teufel, also was denn!

Also halt einen Stallhasen.

Einen Stallhasen? Ein Kaninchen?

. . . Gekauft! lebendig.

Und was war weiter?

Hell war's!

Malefizhalunk! Was hast du dann weiter gemacht?

Sonst nichts. Heim zu meiner Gromutter bin ich gange.

Und hast du wenigstens eine Tracht Prgel bekommen?

Die tiefe Falte verschwand. Der Kopf richtete sich auf. Der Knig der
Luft hatte gelchelt. Nein, also und, sie hat mich ja nit g'hrt. Also
weil sie taub is.

Was?

Taub.

Georg Bang!

Der Knig der Luft setzte sich und flsterte erregt der Roten Wolke zu:
Also das glaubt er nit, da sie taub is. Der Roten Wolke Mund stand
emprt offen.

Georg Bang!

Falkenauge schnellte in die Hhe, wie er es von der Schule her gewhnt
war. Sein neues Glasauge glnzte in reinstem Wei und Kobaltblau,
whrend sein natrliches graubraun war.

Nein. Hans Widerschein, komm einmal du erst her.

Der Schreiber, der schon bei vielen Gerichtsverhandlungen fr Herrn
Karfunkelstein ttig gewesen war, schritt frei zum Richterpult.

Herr Mager, bei Ihnen waren ja alle diese Knaben in der Volksschule.
Vielleicht knnen Sie uns eine Handhabe geben, wie etwas aus ihnen
herauszubringen ist.

Herr Mager stand wie ein Spazierstock. Vorerst mu ich bemerken, Herr
Amtsrichter, da ich diese Buben auch jetzt noch abends in der
Fortbildungsschule habe, und sie auch als Rekruten wiederbekomme. Und
dann: es war mir nie mglich, mit ihnen fertig zu werden, ohne sie
empfindlich zu strafen. Mit der ganzen Hrte, die mir zustand! Drittens
habe ich manchem von diesen schon in der Volksschule prophezeit, da er
einmal im Zuchthaus enden werde. Viertens, diese zwlf Schler steckten
immer zusammen. Ein Beweis dafr ist, da sich von diesen Zwlfen
niemals einer gemeldet hat, niemals! wenn ich rief: Wer meldet sich?

Wie meinen Sie das, Herr Mager?

Herr Amtsrichter, wenn ein Knabe eine exemplarische Zchtigung verdient
hat, rufe ich: Wer meldet sich? Es melden sich dann immer welche
freiwillig, die ihren Mitschler whrend der Zchtigung auf dem Stuhle
festhalten.

Nun . . . ich danke, Herr Mager, sagte der Richter und erholte sich
langsam von seinem Staunen.

Der Richter frug weiter, einmal den, unverhofft einen anderen, brllte
und war jovial. Es half ihm alles nichts. Die Ruber hatten dem bleichen
Kapitn vor der Verhandlung einen langen Eid schwren mssen, das
Zimmer nicht zu verraten, von dessen Existenz kein anderer Knabe, kein
Mensch in Wrzburg wute.

Oldshatterhand hatte vor Jahren einmal in Der tote Mann im Keller oder
Verfolgt ber alle Lnder und Meere von verborgenen Falltren gelesen,
daraufhin die Festungsmauern abgeklopft und war furchtbar erschrocken,
als eine Stelle hohl geklungen hatte. Er und der bleiche Kapitn hatten
so lange gebohrt, gekratzt, gelockert, bis ihnen der Verschlustein des
unterirdischen Ganges zu Fen gefallen war.

Andreas Steinbrecher, komme du einmal her zu mir und denke an deine
Mutter. Sie ist eine ehrenwerte Frau.

Jede Verantwortung ablehnend, blickte Frau Steinbrecher kalt auf
Winnetou, ihren Sohn.

Bekenne aufrichtig, wo sind die Trauben hingekommen?

Ich nehme keine Trauben mehr, sagte Winnetou. Und es klang wie ein
Schwur.

Resigniert sagte der Richter zu seinen Beisitzern: Ich denke, wir
knnen dem Herrn Staatsanwalt das Schluwort geben . . . Theobald
Kletterer! Er sah noch einmal in seine Aktenmappe und fragte mild und
freundlich:

Du bist eine Doppelwaise?

Ja!

Du wirst mich doch nicht belgen.

Nein!

Nun, so erzhle du mir, erzhle, wie war die Sache?

Der Mund der Roten Wolke stand offen, rund und schwarz wie ein
Mauseloch, worin die Zahnstummeln standen, dunkelbraun wie
Schokoladepyramidchen. Er stellte eine Fuspitze rckwrts, reckte sich
auf und hob die Hand. Das Lagerfeuer flackerte. Der Mooond beleuchtete
die alte Stadt.

Wo sind die Trauben hingekommen?

Der Hunger war gro zu jener Zeit. Und keine Beere blieb brig.

Der Richter klappte sein Lineal aufs Pult und machte eine abschlieende
Handbewegung zum Staatsanwalt hin. Setzt euch. Auch du, Hans
Widerschein.

Jawohl, Herr Amtsrichter, sagte der enttuschte Schreiber, der stehen
geblieben war, weil er auch gerne etwas gesprochen htte. Zgernd ging
er zurck auf seinen Platz.

Der Staatsanwalt beantragte nach ein paar formell einleitenden Worten,
die Ruber freizusprechen und sie der Schule zur Bestrafung zu
berweisen.

Die Witwe Benommen hatte, als der Staatsanwalt angefangen hatte zu
sprechen, ihren faltigen Totenkopf aufgestellt, als er fertig war, ihn
wieder sanft schulterwrts geneigt und sah jetzt trbe auf den bleichen
Kapitn, wie wenn er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden wre.

Da erhob sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein, ein kleiner
Mann. Bei dem Anfangswort jeden Satzes heftig mit dem Zeigefinger vor
sich auf den Boden stechend, als ob dort alles abzulesen wre, und ohne
jemals den Blick von dieser Stelle zu erheben, hub er an zu reden, eine
lange Rede: Hoher Gerichtshof! Gehen Sie mit mir die ganze Strafsache
durch. Von Anfang bis zu Ende. Darum bitte ich Sie. Dann kann es
nimmermehr geschehen, ja es darf und es wird nicht eintreten, da Sie zu
einer harten Verurteilung der Angeklagten kommen.

Der Richter sah verblfft auf Herrn Karfunkelstein, welcher fortfuhr:
Sehen Sie die Angeklagten an. Jung sind sie. Sehr jung. Knaben sind
sie. Kinder sind sie. Ganz von vorne wollen wir anfangen. Jeden
Angeklagten fr sich ansehen. Nehmen wir den ersten.

Der Richter warf hilflos grimmige Blicke im Gerichtszimmer umher, sah
zur Decke, schnupfte wtend und klopfte mit dem senkrecht gestellten
Bleistift den Radetzkymarsch auf das Pult.

Sehen wir uns unparteiisch das Alter des Hans Lux an.

Und whrend der Knig der Luft den Oberkrper senkrecht hielt, den
langen Hals wagrecht, mit den Zhnen mahlte und mit dunkelglhenden
Augen auf seinen Verteidiger starrte, rief dieser, mit sich
berschlagender Stimme: Bnde! spricht das schon allein. Bnde! . . .
Sehen wir seine Gromutter an. Taub ist die arme alte Frau. Ziehen wir
nun eine Parallele zwischen dem Hans Lux und dem Oskar Benommen, und
erwgen, da des ersteren Gromutter taub, Witwe hingegen des letzteren
Mutter ist . . .

Der Verteidiger sprach weiter, ber jeden Angeklagten fr sich, wog sie
gegeneinander ab, sprach ber Hunger, Not und Elend, berhrte, wie er
eindringlich bemerkte, den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der
Kinderkrankheiten auf die Angeklagten nur flchtig, um bei der
Vererbungstheorie eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem
auerordentlichen Einflu der Blutarmut auf die Angeklagten, und langte
nach einer Stunde bei der Hauptsttze seiner Verteidigung an, der
Schundliteratur.

Whrend Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung ihre
Taschenuhren zogen und ngstliche Naturen unter den Zuschauern
befrchteten, die Richter wrden ihren Zorn ber den seiner
verantwortungsvollen Mission bewuten Verteidiger an den Jungen
auslassen und sie zu einer frchterlichen Strafe verurteilen, war Herr
Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr des Justizirrtums an
sich angekommen. Und erst nachdem er mit einer dringenden Mahnung zu
vterlicher Gte und Einsicht geschlossen und die Richter gebeten hatte,
durch ein mglichst mildes Urteil mchtige Felsblcke aus dem weiteren
Lebensweg der Angeklagten zu wlzen, konnten die Richter ins
Beratungszimmer gehen, nach fnf Sekunden zurckkehren und die Ruber
freisprechen, um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen. Worauf
tiefe Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer schwirrten,
whrend Herr Karfunkelstein strahlend die Hnde seiner Klienten
schttelte, die mit Freude und Stolz acht Tage abgesessen htten, nun
aber in stummer Verzweiflung saen, denn am nchsten Tage war
Schulstunde.

                   *       *       *       *       *

Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung Prgel
bekommen und sa gegen neun Uhr abends in der Wirtschaft Zur schnen
Mainaussicht auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und
wieder blickte er auf die blonde Wirtstochter, die etwas verchtlich
lchelnd auf ihn zurcksah.

Trag dem Vater ein Hrnchen hin, zu sein Kaffee, sagte sie zu ihrem
Bruder, der Kriechenden Schlange.

Der soll sich's selber hol, erwiderte die Kriechende Schlange und
lachte zu Oldshatterhand hinber.

Der bleiche Kapitn, die Rote Wolke und der Schreiber gingen auf der
Kaimauer entlang, schwenkten, ohne sich erst zu verstndigen, pltzlich
nach links ab und kletterten an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die
den Garten der Schnen Mainaussicht umschlo, traten in die Wirtsstube
und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand aufs Kanapee.

Aus dem Nebensaal erklangen die Tne der Ziehharmonika. Auf zur
Quadrille! rief eine nasale Mnnerstimme, und zu gleicher Zeit
verschwand die zimmerbreite, auf Rollen laufende Schiebetre in der
Wand. Man sah durch eine lange Gasse Tanzprchen durch, an deren Anfang
ein groer Mann im Gehrock stand, dessen hakennasiges Gesicht einem
gelben Papagei glich. Mit eleganten Verbeugungen nahm er von den Herren
die zehn Pfennige Tanzgeld entgegen, whrend die Wirtstochter, ein
blutarmes, bleiches Mdchen mit eingefallener Brust, im Saal herumging
und eine Stearinkerze zerschnitt, zur Glttung des Bodens.

Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder und Tanzlehrer,
schwindschtig und hie Gipfelmann, hob die Hand. Die Ziehharmonika
wurde auseinandergezogen und unter rhythmischem Hndeklatschen des Herrn
Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten Figuren der Quadrille, von
drei im groen Saale glcklich verteilten Gasflammen sprlich
beleuchtet. Junge Sandschpfer, Handwerker, Soldaten und die Mdchen
verbeugten sich ernst und tief und legten beim Rundtanz die Wangen
aneinander.

Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lchelnden Zwerg, breiter
als hoch, sa frstelnd zusammengekauert die Frau des Tanzlehrers, die
sehr der Witwe Benommen glich. Sie lste immer wieder ihre in die rmel
geschobenen Hnde und griff lchelnd zum Schnapsglschen, wobei sie
jedesmal schrill rief: Ja, des mu i hab! Mei Schnpsle mu i hab. Nur
e Glsle, um dann ihre Hnde sofort wieder frstelnd in die rmel zu
schieben. Sie war auch schwindschtig und immer etwas angetrunken. Tanz
doch e bile, sagte sie lustig zu ihrem hohlwangigen Sohn, der mit
offenem Munde mhsam atmend bei ihr sa, manchmal tief aus der Brust
heraus in sein zinnoberrotes Taschentuch hustete, auf dem man das Blut
nicht sah, und sich dann zurcklehnte, wei wie Mehl, mit blauen Lippen.

Ein paar Tage spter, an einem Mittwoch, starb er.

Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion, ist Holzauktion, spielte
der Zwerg in schnellem Mazurkatakt.

Die brustkranke Wirtstochter trat auf den Sohn des Tanzlehrers zu und
lchelte. Spiel e bile langsamer, sagte sie bittend zum Zwerg, der
sich verbindlich verneigte, wir wolle a tanz, und zog lachend den
Kranken vom Stuhl empor. Langsam, ganz vorsichtig, tanzten sie Walzer,
angestoen und berholt von einem krftigen, kurzbeinigen Fischer, der
mit seinem Mdchen mazurkastampfend im Saal herumraste und dem Zwerg
fortwhrend zuschrie: Spiel schneller! Spiel schneller!

Die Mutter der Kriechenden Schlange, die mchtige, geschminkte Wirtin
mit zarter, heftpflasterrosa Haut und vom Korsett in die Hhe gehaltenem
berquellendem Busen, fragte freundlich lchelnd die vier Ruber:
Tanzen Sie nicht, meine Herren? und warf, ohne Antwort abzuwarten,
einen bsen Blick auf ihren kleinen Mann, der einen fettigen Fes auf dem
Kopfe hatte, ber seine Kaffeetasse gebeugt sa, ein Hrnchen eintauchte
und es so lange weichen lie, da ihm dann der Kaffee zu den Mundwinkeln
heraus, am Schnurrbart herunter und zurck in die Tasse lief.

Schmst dich nit, alte Sau! rief die Wirtin ihrem Manne zu, und der
Kriechenden Schlange: Nehm ihm die Tasse weg und trag sie in die Kch.

Die Kriechende Schlange sah seine Mutter frech und unbekmmert an, blieb
am Schanktisch lehnen und sagte hhnisch: Was geht's mich an. La 'n
rumpantsch.

Tanzen Sie doch auch, meine Herren, animierte die Wirtin. Ihr Mund
wurde klein vor Freundlichkeit.

Der bleiche Kapitn stlpte verchtlich die Lippen nach auen. Wir wern
da im Kreis rumhpfe.

Die Kriechende Schlange platzte mit dem Lachen heraus.

Gehst weg! Bankert! schrie die Mutter ihm zu.

Da bleib ich, sagte die Kriechende Schlange ruhig und lmmelte sich
auf den Schanktisch.

Die Wirtstochter, jetzt mit rosig berhauchten Wangen, kam
hereingelaufen zu ihrem Vater und stand, die Ellbogen auf den Tisch
gesttzt und die Hnde um das eirunde Gesicht gelegt. Schau, er kommt
ja wieder. Der Frau Benommen ihr Caro war auch einmal vierzehn Tage
verschwunden. Sie hat's in die Zeitung setz la, und da hat ihn ein
Bauer aus Versbach zurckgebracht. An einem Klberstrick. Nur sei Hals
war e bile vom Strick gernft.

I hab scho e Tinktrle kauft, da wenn er vielleicht die Krtze hat,
oder sowas. Und schau . . . den neue Kamm. Der Wirt zog einen groen
Hundekamm aus seiner Brusttasche, wobei er vorsichtig zu seiner Frau
hinsah.

Steck 'n ein. Sie braucht 'n ja nit zu sehn.

Zsssssss, ertnte es von drauen. Johann Jakob Streberle trat ein und
der zarte Sachse, der ein junges Mdchen, das sich verschmt am
Trpfosten wand, hereinzog. Sie trug noch kurze Rcke, eine blaue
Seidenschleife im offenen, rtlichen Haar, und ihr geschwungener Mund
war tiefrot. Ihr Vater war Viehhndler gewesen, hatte sein Vermgen
verloren, sich auf dem Schloberg an eine alte Linde gehngt und sein
Kind als mittellose Waise zurckgelassen, worauf der Inhaber der
hygienischen Anstltchen sich ihrer angenommen hatte.

Die Ruber blickten verhalten auf Johann Jakob Streberle, dessen
lachender Mund sich schlo, als er die vier still und eng beieinander
auf dem Kanapee sitzen sah.

Dreihundertsiebenundsechzig Fenster mitsamt die Rahmen, die ganze
Glaserarbeit vom neue Krankenhaus is mir zug'schlage worn, weil i's
Fenster um zw Mark billiger mach als alle andern, rief er, steckte die
Hnde in die Hosentaschen und streckte den Bauch vor. Das mu mer halt
versteh.

Wtendes Schimpfen nherte sich; der rote Fischer erschien unter der
Tr, in das Fell eines Bernhardinerhundes gehllt, dessen prparierten
Kopf mit grnen Glasaugen und aufgerissenem Maul er sich bers Haupt
gestlpt hatte.

Die mchtige Wirtin, die eben ein Zuckerpltzchen in den Mund steckte,
sah hmisch lchelnd auf ihren kleinen Mann, der interessiert zum
Fischer trat, das Fell streichelte und pltzlich unter der Brune seines
Gesichtes erbleichte, denn er hatte seinen eigenen Hund an der Zeichnung
erkannt. Die Wirtin hatte den Hund schlachten lassen, um zu der
gewnschten Bettvorlage zu kommen. Der Fischer lachte breit.

Hast mein Hund umgebracht? stotterte der Wirt, mein Sultan.

Die Wirtin sah den Fischer an. Die beiden hatten ein offen
eingestandenes Verhltnis miteinander; auch der rasch alt gewordene Wirt
wute es, konnte aber nichts dagegen ausrichten.

Pltzlich ri der kleine Mann das Hundefell an sich und rannte
aufheulend hinaus. Der Fischer sah ihm verblfft nach, wandte sich um
und rief erstaunt: Was denn? Die Wirtin klappte befriedigt ein Messer
auf den Schanktisch.

Johann Jakob Streberle sah in den Tanzsaal, wo die erhitzten Paare
umherwandelten und sich mit Taschentchern Wind machten. Er trat ein
paar Schritte auf die Wirtstochter zu, die lchelnd an ihm vorbei im
Saal herumging und wieder eine Stearinkerze zerschnitt. Der Boden
glnzte schon.

Das schne, kleine Waisenmdchen sa neben dem Sachsen und nippte von
einem grnen Likr, worauf jedesmal ihre Zungenspitze erschien und die
Lippen entlang leckte. Fragend sah sie zu ihrem Beschtzer auf, der
seinen aschblonden Bart wagerecht nach vorne zog und dabei lchelnd auf
das Mdchen hinunterblickte.

An einem Tisch sa allein ein Gymnasiast mit vielen Pickeln im Gesicht,
aus dem die starke Nase fast wagerecht vorscho, und sah verlangend in
den Tanzsaal hinein. Immer, wenn er wieder seine goldene Uhr hervorzog,
wurden die Ruber still und blickten lstern auf die Uhr.

Die zweite Schwester der Kriechenden Schlange, ein vierzehnjhriges
Mdchen, schon mit dem Ansatz zu einem weichen Busen, Sommersprossen auf
der zarten Haut, ging quer durch die Wirtsstube und zur Tr hinaus.

Die Kriechende Schlange trat zu den Rubern und flsterte: Geht mit
naus . . . Wir machen was mit meiner Schwester.

Ich geh nit mit, sagte Oldshatterhand sofort. Der bleiche Kapitn und
die Rote Wolke sahen verstndnislos drein.

Also, ich geh mit, sagte der Schreiber, zwngte sich zwischen Tisch
und Kanapee durch und ging mit der Kriechenden Schlange hinaus in den
Garten.

Was machen denn die mit seiner Schwester? fragte der bleiche Kapitn
Oldshatterhand.

Die . . . die machen was.

Was denn! . . . Das ist ganz einfach eine Geheimniskrmerei!

Ich wei ja selber nit . . . aber machen tun sie was.

Der freie Mensch steh Red und Antwort.

Das wird wieder ein schner Bldsinn sei, schlo der bleiche Kapitn
das Gesprch ab.

Das Mdchen stand im nchtlichen Wirtschaftsgarten klein unterm
Kastanienbaum, der bis in den Sternenhimmel reichte.

Als die zwei Knaben auf sie zutraten, kicherte sie und senkte den Kopf.

Erst ich, sagte die Kriechende Schlange zum Schreiber. Pa du auf
derweil, ob niemand kommt.

Das Mdchen lief voraus in den dunklen Holzschuppen, in dem Hacken,
Schaufeln und anderes Handwerkszeug herumstand.

Der Schreiber ging zwischen Kastanienbaum und Schuppen sphend auf und
ab.

Als nach einer Weile die Kriechende Schlange allein zurckkam, flsterte
er: Geh du jetzt nei zu ihr . . . Geh doch nei! Er schob ihn vom Stamm
weg. Ich pa ja auf derweil . . . Oh, du hast Angst, flsterte er und
deutete, den Oberkrper abgebeugt, hhnisch auf den Schreiber, der
langsam auf den Schuppen zuging und in ihm verschwand.

Die Kriechende Schlange schlich zum Schuppen, sphte horchend hinein.
Und prete sich die Schenkel vor lautlosem Lachen.

Speichel lief dem Schreiber von den Mundwinkeln hinunter, als er aus dem
Schuppen trat; sein Haar war verwhlt.

Der kann ja nix, sagte das Mdchen und lief davon.

Den Oberkrper abgebeugt, deutete die Kriechende Schlange auf den
Schreiber: Oooooo!

Was willst denn! rief der Schreiber erzrnt.

Weil ich's g'sehn hab . . . Weit was, wenn ihr amal alle im >Zimmer<
seid, bring ich mei Schwester mit.

Bring halt die andere auch mit.

. . . Die eine langt . . . Die langt fr uns alle.

Als die Knaben die Schritte eines Gastes hrten, gingen sie in die
Wirtsstube zurck, wo der Schreiber sich wieder aufs Kanapee setzte.

Oldshatterhand, dessen Mund gerade ber die Tischplatte reichte, zog
einen langen Dolch, den zu tragen verboten war, aus der Hintertasche und
schnitt die Spitze einer groen Zigarre ab. Leih mir zwlf Pfennig,
bat er den bleichen Kapitn. Ich hab nix mehr und mcht noch a Glas
Bier trink.

Du bist mir noch vierzehn Pfennig vons letztemal schuldig. Ich hab
selber nix.

Leise ging der Gymnasiast zur Tr hinaus und kam, vom sbelbeinigen
Wachtmeister begleitet, gleich wieder zurck. Dieser ist's.

Komm mal da her zu mir.

Der bleich gewordene Oldshatterhand -- er hatte beim Eintritt des
Wachtmeisters sein Dolchmesser schnell zwischen Kanapeesitz und Lehne
gesteckt -- lie geringschtzig die Lippen hngen und fragte angstbleich
und frech: Was wollen Sie denn von mir?

Gehst raus! Malefizlausbub!

Der Wachtmeister befhlte Oldshatterhands Taschen von auen. Wo hast's
denn?

Ich wei ja gar nit, was Sie wollen.

Einen ganz langen Dolch hat er, rief der Gymnasiast.

Jetzt leerst glei dei Tasche aus.

Da, greifen Sie nur selber nei.

Von Zuschauern umringt -- alle Tanzschler waren ins Wirtszimmer
gekommen -- zog der Wachtmeister, whrend der bleiche Kapitn, vom
Schreiber gedeckt, den Dolch immer tiefer ins Kanapee stie, unter
grter Stille aus der Hosentasche Oldshatterhands eine lange, geknickte
Hahnenfeder, drei Zigarrenstummel, ein aufspringendes Blechkstchen, in
dem Angelwrmer sich ringelten, einen Himbeerapfel, eine Handvoll alte
Briefmarken, ein Fltchen und eine Meerschaumspitze, mit einem
Segelschiff darauf, in welcher der Wachtmeister, als er durchsah, eine
farbige Alpenlandschaft mit weidenden Khen erblickte. Ein zartrosa
Wrmchen schlngelte sich aus dem schwarzen Loch der Meerschaumspitze
heraus und um den Zeigefinger des Wachtmeisters herum, der die Spitze
erschrocken von sich schleuderte, so da sie zerbrach.

Habt ihr's Messer g'sehe?

Ach, er hat ja kein Messer, sagte die Wirtin begtigend.

Und wenn er scho ens hat, rief der Fischer. Jau, so a Gaudi.

Aber Johann Jakob Streberle deutete auf Oldshatterhand: I hab's g'sehe!
Also mu a da sei.

Ratlos griff der Wachtmeister Oldshatterhand auch noch in die
Westentasche und zog siebzehn Pfennige heraus. Das hab ich zammg'spart,
weil ich meiner Mutter eine Kchenlampe kauf will, zu ihrn Geburtstag!
rief Oldshatterhand und blickte in furchtbarster Verlegenheit den
bleichen Kapitn an.

Was verlangst denn dann von mir Geld, wenn du selber hast!

Du glaubst's nit . . . Kannst ja selber mei Mutter frag, ob sie die
Kchenlampe nit braucht.

Nachdem der Wachtmeister noch unter Tisch und Kanapee gekrochen war,
ging er, der zerbrochenen Meerschaumspitze wegen, schnell weg.

. . . Es ist wirklich so, wie ich g'sagt hab.

Das hst gleich sag mss . . . Heimlichs Geld! . . . Ich tt mich
schm.

Aber du mach dich dnn jetzt, zischte Oldshatterhand wtend.

Der Gymnasiast hatte sein schwarzes Schildmtzchen schon gepackt und
schlich zur Tr hinaus.

Die Ruber machten sich sofort an die Verfolgung.

Jedoch der Gymnasiast hatte einen Vorsprung, Angst und lange Beine.

Am Wachtmeister vorbei jagten die Ruber der fliehenden, dunklen Gestalt
nach, ber die alte Brcke, durch krumme Gassen, aber stets im selben
Abstand. Der Gymnasiast schien zu fliegen. In der Bttnersgasse prallte
er wider seine Haustr, da er in die Knie sank, sprang die Treppe
hinauf und streckte den Rubern aus dem erleuchteten Fenster des ersten
Stockes schon die Zunge lang heraus, als sie unten vor dem Hause erst
ankamen.

Der Himbeerapfel schwirrte durch die Luft und schien dem Gymnasiasten
direkt in den Mund geflogen zu sein; denn noch einen Augenblick war der
Apfel auf dem Gesicht zu sehen und die in malosem Schrecken
aufgerissenen Augen. Der Kopf verschwand, die Ruber hrten einen
dumpfen Fall und das Klirren von zerbrechendem Glas. Dann war es still.

Ein paar Stunden spter kletterten die Ruber, da das Haustor schon
versperrt, aber im Wirtschaftszimmer der Schnen Mainaussicht noch
Licht war, an der Mauer hinauf, schlichen durch den dunklen Garten und
sahen, als sie durchs Fenster sphten, den Fischer mit der Wirtin
zusammen auf dem Kanapee. Oldshatterhand schrak entsetzt zurck und
flsterte voller Grauen: Fort! Fort! Ich geh fort.

Pltzlich schlpfte die Kriechende Schlange unterm Kanapee vor und
deutete boshaft auf die beiden.

Seine Mutter und ihr Liebhaber fuhren wst schimpfend in die Hhe. Die
Kriechende Schlange strzte in die Kche, die Ruber durch den Garten
davon.

Am Morgen zogen ein paar Sandschpfer den kleinen Wirt tot aus dem Main.
Das nasse Hundefell hielten die Hnde des Toten fest umklammert.

                   *       *       *       *       *

Aus dem Schulsaale nebenan klang schon das singende, monotone Lesen der
ganzen Klasse, aber ber den siebzig regungslos sitzenden Schlern des
Herrn Mager hing noch drckende Stille.

Herr Mager sa hinter dem Katheder und schlte sich einen Borsdorfer
Apfel, teilte ihn in Schnitzchen, kernte sie sorgfltig aus und a sie
zusammen mit einer mrben Kaisersemmel langsam auf, was er vor Beginn
jeder Schulstunde tat.

Der bleiche Kapitn, Falkenauge, Oldshatterhand und der Duckmuser saen
in der ersten Bank; in der letzten Bank saen der Knig der Luft, die
Rote Wolke und der Schreiber. Die andern Mitglieder der Ruberbande
waren unter den brigen Schlern verstreut.

Winnetou lag fiebernd zu Hause im Bett.

Vom hellen Gaslicht beleuchtet, glnzten die von der Seife
aufgeriebenen, roten Gesichter der Lehrjungen, und die noch nassen Haare
standen spitz und steif in die Hhe, so da die Kpfe einer in Reihen
geordneten Igelschar glichen.

Herr Mager hielt streng auf Reinlichkeit.

Eine tiefe Mnnerstimme erklang nebenan, dann eine Knabenstimme, und es
schien, als wrden die Worte im Keller gesprochen.

Herr Mager rieb sein Taschenmesser trocken, hielt die Klinge gegen das
Licht, rieb noch eine Weile, und erhob sich pltzlich, strich wie in
Gedanken mit der Hand im Kreis ber seinen rundgestutzten, rtlichen
Vollbart zur polierten Glatze und zurck zum Bart, wo die Hand haften
blieb, und lchelte. Herr Mager lchelte die Schler der ersten Bank an.

Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hnde zu reiben. Er rieb
jetzt, wie immer, wenn er vergngt war, mit dem Zeigefinger das
erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrckens, sah auf die
Uhr und schritt zur Schultafel. Der berhmte Maler Albrecht Drer hatte
einen Widersacher, welcher behauptete, der grere Knstler zu sein,
sagte Herr Mager, legte die Hand in die Hfte und sah, immer noch
lchelnd, die Ruberbank an. Die zwei Maler einigten sich dahin, da
jeder eine Zeichnung machen solle, und wessen Arbeit die bessere sei,
der solle in Zukunft als der Grte gelten . . . Der eine zeichnete Tag
und Nacht, ein halbes Jahr lang, und brachte seine auf das sorgfltigste
ausgefhrte Arbeit vor das Preisgericht. Als Albrecht Drer eintrat,
ohne eine Zeichenrolle zu haben, fragten die Preisrichter rgerlich, wo
denn seine Arbeit sei. Da schlug Albrecht Drer seinen weiten Mantel
zurck, zeichnete mit einem feingespitzten Bleistift in einem Zug einen
groen Kreis auf einen Karton und machte einen Punkt in die Mitte. Alles
aus freier Hand. Als die Preisrichter aber nachmaen, stimmte der Kreis
wie mit dem Zirkel gezogen . . . Von da an galt Albrecht Drer als der
grte Knstler, schlo Herr Mager, versuchte, mit der Kreide einen
Kreis auf die Schultafel zu ziehen und stie energisch einen Punkt
hinein. Wie ich noch so jung war wie ihr, da konnte ich das noch viel
besser, sagte er, weil der Kreis etwas bucklig ausgefallen war. Das
sollt ihr bis zur nchsten Schulstunde ben . . . Katekemo!!!

Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte.

Da stand Falkenauge auf. Herr Lehrer, ich mu einmal hinaus.

Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prgel _warten_, das lieen seine
Nerven nicht zu.

Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war er augenblicklich von
der Kaimauer hinunter in den mit Treibeis gehenden Main gesprungen, um
einen Sugling zu retten, den das Kindermdchen mitsamt dem Wickelkissen
ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er dem mit den
Eisschollen fluabwrts schaukelnden Wickelkissen nachgeschwommen, hatte
es erfat und es glcklich an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer
Schlacht mit fnf Gymnasiasten ausgeschlagen worden, die er allein
herausgefordert hatte. Jedoch das von Herrn Mager ersonnene Raffinement
-- die sicheren Prgel hinauszuschieben, war fr Falkenauges Mut zu
viel.

Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten Schler, der aber nach
einer Weile allein zurckkam und staunend sagte: Herr Lehrer, er ist
nicht mehr da.

Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bckchen zurck. Michael Vierkant!
Raus!

Oldshatterhand legte sich ber den Stuhl. Seidel prete ihm den Kopf
nach unten, und Oldshatterhand schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock
des Herrn Mager.

Fr die andern Ruber existierte unterdessen nur die eine bange Frage:
wer kommt nach Oldshatterhand daran?

Einer nach dem anderen wurde bergelegt. Und bei jedem sagte Herr Mager
atemlos: So! Heute diese sechs, das nchste Mal wieder sechs, bis die
vierundzwanzig voll sind. Tut mir leid, da ich nicht zwlf auf einmal
geben darf.

Die Augen der Mitschler standen weit offen und glnzten. Das kleine
Gesicht des Herrn Mager war jetzt schon weinrot.

Seidel konnte den sich wtend wehrenden Schreiber nicht allein bndigen.
Wer meldet sich? rief Herr Mager.

Vier sprangen zum Stuhl. Der Duckmuser war zusammengezuckt, jedoch
sitzen geblieben.

Speichel lief dem Schreiber zum Munde heraus. Wie in hchstem Entzcken
brllte er in allen Tonlagen: Ah! Ah! Ah! Ah! und schleuderte die
Beine derart umher, da Herr Mager sich mit dem Rohrstock auf den
Handrcken traf. Voller Wut schrie er: Michael Vierkant! Raus! Halte
ihn!

Oldshatterhand rhrte sich nicht.

Herr Mager strzte sich auf ihn und stie ihn bis zum Stuhl. Halte
ihn!

Er rhrte sich nicht. Pltzlich sagte er leise: Herr Lehrer . . . ich
halte ihn nicht. Und selbst seine Lippen waren wei geworden.

Verblfft stierte Herr Mager Oldshatterhand an und hieb ihm pltzlich
mit dem Rohrstock quer ber das Gesicht, immerzu. Nicht die Hand hob
Oldshatterhand zur Abwehr. Nebel vor den Augen, brach er zusammen, stand
gleich wieder auf und ging ganz langsam zurck zur Bank. Auf seinem
Gesicht schwollen die blutunterlaufenen Striemen.

Hans Lux! Raus!

Die tiefe Falte war da. Sein Hals scho wagerecht vor. Die vier Helfer
standen bereit. Der Knig der Luft fate den Stuhl bei der Lehne, rckte
ihn umstndlich zurecht, visierte, legte sich darber, rutschte eine
Weile hin und her, bis er in die richtige Lage gekommen war, und nahm
die Prgel entgegen.

Die nach ihm ausgestreckten Arme der vier Helfer waren herabgesunken.

Man schleicht von hinten an einen Kameraden heran, stellt ihm die
gespreizten Finger auf den Kopf, da sich die Ngel schmerzhaft in die
Kopfhaut eindrcken, ruft: P, Krhenfu! und streckte die Zunge lang
heraus, wenn er zusammenzuckt. Ein hnliches Gefhl hatte Oldshatterhand
auf dem Heimweg von der Schule. Wie wenn eine dunkle, gespreizte Hand
sein Herz umkrallte. P, Krhenfu߫, flsterte er, schauerte zusammen
und hatte einen suerlichen Geschmack auf der Zunge, als ob er Blut
speie. Jetzt mssen wir fort. In den wilden Westen. Anznden! Die ganze
Stadt! Hoo! Fort, fort! Und pltzlich lachte er ein irrsinniges Lachen.
Hi! hihiha!

Die Ruber hatten ihm nicht geantwortet. Der Duckmuser ging ein paar
Schritte seitwrts nebenher und sah staunend ununterbrochen auf
Oldshatterhand.

Sie waren bis zur alten Brcke gekommen. Oldshatterhand ging ein Stck
hinter den anderen und sann darber nach, weshalb seine Freunde ihm
nicht geantwortet hatten. Vielleicht, weil gerade ein Liebespaar
vorbeigegangen war? Umschlungen -- dachte er. Hatte das Gefhl, als
tropfe in seinem Innern immerzu Blut, unaufhaltsam, und bekam Angst.

Dicker Nebel hatte die Stadt genommen, so da kein Brckenheiliger, kein
Licht zu sehen war. Pltzlich bekam Oldshatterhand einen knallenden
Schlag ins Gesicht, da er Feuerflchen aufblitzen sah, und hrte eine
Stimme rufen: Rechts gehen! Er sah, nur einen Augenblick, eine Uniform
und eine goldene Unteroffizierslitze; und sofort wieder nur noch Nebel.

Falkenauge sa auf einem Eckstein vor dem Spitle, die Ellbogen auf
die Knie, den Kopf in die Hnde gesttzt, und blickte in wehmtigem Neid
trbe auf die ankommenden Ruber, welche die erste Portion Prgel hinter
sich hatten.

Falkenauge wagte nicht, nach Hause, nicht ins Geschft zu gehen; einige
Nchte schlief er in einem Kehrichtwagen, der unbenutzt unterm
Brckenbogen stand, bis der sbelbeinige Wachtmeister ihn fand und Herrn
Mager zufhrte.




Viertes Kapitel


Die Bierkeller waren mit Maineis gefllt worden; jetzt blhte der
Holunder und der Flieder im Festungsgraben, und die Hgel rund um
Wrzburg herum waren wei von der Obstbaumblte, so da nur wenig
saftiggrne Stellen sichtbar blieben.

Die Ruber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis auf die Rekrutenzeit
aus der Fortbildungsschule entlassen worden. Alle konnten jetzt mit
einiger Berechtigung bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen,
auer Oldshatterhand, der seit seinem zwlften Jahre keinen Finger breit
gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah und seinen Kameraden nur bis
zur Brust reichte.

Das war ein groer Schmerz fr ihn, der ihn reizbar und streitschtig
machte; unvermittelt konnte er, allen voran, die Ruber zu gefhrlichen
Unternehmungen mitreien, um dann pltzlich, von einer Minute zur
anderen, ohne erkennbaren Grund bedrckt zu werden, was immer viele Tage
lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche Kleinigkeiten
schmerzlich verletzt fhlte und malose Zornausbrche bekam.

Und noch ein groes Leid drckte Oldshatterhand. Brachte er den wilden
Westen zur Sprache, dann sagten die Ruber: Ja. Bald. Wart doch.

Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es keiner dem anderen
offen ein. Wie mit einer Kugel spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht,
parodierten sie schon leise, und waren bereit, beim ersten Anla den
ganzen wilden Westen unter Gelchter abrollen zu lassen.

Und da Oldshatterhand immer wieder drngte: Jetzt mssen wir fort, die
Prrie steht hoch, vielleicht sind blutige Kmpfe ausgebrochen, das
Kriegsbeil ist ausgegraben, man braucht uns drben, was sollen wir noch
hier, bekam er von den verrgerten Rubern zu hren: er solle doch
einstweilen vorausgehen, wenn's ihm so pressiere, sie kmen schon nach.
So da Oldshatterhand mit Sehnsucht im Herzen geqult stillschwieg und
teilnahmslos und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche
die Ruberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloberg gab. Kurz vorher
war ein Zirkus in Wrzburg gewesen.

Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern saen auch einige
Mdchen auf dem Rasen. Und das war der Anfang vom Verfall der
Ruberbande: sie liebten es neuerdings, Publikum um sich zu haben.

Und der Erfolg war gro. Hoch an einem Lindenast war ein Trapez
angebracht. Der Knig der Luft, in enganliegenden Unterhosen und
giftgrnem Trikotleibchen, ganz einem Zirkusknstler hnlich, sa auf
dem Trapez und mahlte mit den Zhnen.

Hinter den Linden, im Gest, hing die untersinkende Sonnenscheibe, und
die Gestalten der Ruber warfen lange Schatten auf den abendgrnen
Schlobergrasen.

Der bleiche Kapitn stand abseits, die Lippen verchtlich nach auen
gestlpt, und sah zu, wie der Knig der Luft in gewaltigem Bogen in den
Himmel sauste, das Trapez loslie und, einen wilden Schrei ausstoend,
sich hoch in der Luft berschlug -- und auf den Beinen stand.

Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft, sagte der bleiche Kapitn
zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa Kleid seiner Schwester
anhatte. Aber ein Mdchen mit zwei braunen Zpfen sagte: Der kann
direkt zum Zirkus gehen. Worauf der Schreiber sofort die gefhrlichsten
Sprnge machte und Purzelbume schlug: vor dem Mdchen mit den braunen
Zpfen.

Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen, stemmte der bleiche
Kapitn einen schweren Steinquader hoch, was ihm keiner nachmachen
konnte. Als jedoch der Knig der Luft aus gewaltiger Hhe frei
hinaussprang, das schwingende Trapez haschte, khn wieder fahren lie,
um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte, und unter einem
einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstrzte auf den Rasen und
sthnend seine Fufesseln hielt -- da schien die knftige
Hauptmannschaft ihm sicher zu sein, denn der Knig der Luft hatte das
Bein gebrochen.

In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn herum.

Der Duckmuser schlich vorber; er wagte nicht aufzusehen.

Die Sonne war unter. Die Leuchtkferchen glhten aus der Dmmerung. Der
Rasen roch.

Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn, von einem breiten,
tiefen Graben umgeben und einer Balkenbarriere. Im lockeren Sand der
Reitbahn stand ein drres Soldatenpferd und wieherte.

Der bleiche Kapitn fate einen verzweifelten Entschlu: ohne vorher
etwas davon zu sagen, sprang er mit einem fnf Meter langen Satz ber
den Graben und die Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das
wtend ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und Beinen
anklammernd, in der Bahn herum.

Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt.

Der bleiche Kapitn hing, unfreiwillig auf den Hals gebeugt, wie ein
Indianer auf dem Gaul.

Da brllten die Ruber wie besessen: Halt! Halt! Ein Feldwebel!

Der Feldwebel, zornrot, strzte mit erhobener Reitpeitsche dem
scheuenden Pferde nach; der Hauptmann flog in groem Bogen herunter in
den Sand, strmte, vom Feldwebel verfolgt, heraus aus der Reitbahn, und
mit Zuschauern und Mdchen den Schloberg und die Felsengasse hinunter.

Des bleichen Kapitns Ruhm und Hauptmannschaft war wieder gesichert.
Keuchend rief er: Wenn das mein Bruder in Amerika miterlebt htte.

Der Knig der Luft sa allein, sthnend unter der Linde.

Oldshatterhand stieg den Schloberg wieder hinauf und setzte sich auf
den Sockel des Bildwerks: Christus hing am Kreuz in kaum noch
erkennbaren Krperformen, so oft war er im Laufe der Jahrhunderte mit
lfarbe angestrichen und mit Blutstropfen geschmckt worden. Auf dem
Bildwerk stand:

   An diesem Ort is Alois Wrz
   Mit sein Heuwage umg'strzt.
   War glei tot, mitsamt die Ro.
   War ein frummer Mann,
   Drum is er auf der Stell
   In sein Heuwage in Himmel nei g'fahrn,
   Was mer vo seine Ro nit sag kann.

ber der Stadt hing Rauch und Dunst. Es war schon fast dunkel. Eine
Kirchenglocke lutete. Oldshatterhand war bedrckt; er spannte alle
Muskeln an und hielt den Atem zurck, bis die Luft pfa! aus seinem
Munde fuhr. Es wurde ihm aber nicht leichter davon.

Aus dem Dunkel zwischen den Linden schimmerte Wsche hervor, die zum
Trocknen aufgehngt war, blhte sich auf zu groen, weien
Menschenbuchen. Oldshatterhand sphte angestrengt hin und frchtete
sich, blieb aber sitzen auf dem Sockel und horchte auf den unerklrbaren
Ton, der jetzt aus der Luft ber der Stadt kam. Ein schauriges Sthnen,
wie wenn das Leiden aller Tiere und Menschen in ihm klnge.

Hinter einer Bodenerhebung erschien der Kopf des Duckmusers, der zu
Oldshatterhand hinblickte und vorsichtig, unhrbar auf ihn zukroch.

Langsam nherte sich der Duckmuser, hatte erst Minuten spter die nur
zehn Schritt weite Entfernung hinter sich gebracht, und setzte sich
unbemerkt auf den Sockel neben Oldshatterhand.

Es war jetzt ganz dunkel geworden.

Eine Weile sa der Duckmuser reglos und hielt den Atem an, um sich
nicht zu verraten. Pltzlich sagte er: Wa . . . weil . . .

Oh . . . O Gott! schrie Oldshatterhand auf und fiel vom Sockel
herunter, zwang sich aber sofort zur Gleichgltigkeit, als er den
Duckmuser erkannte, und drngte seine Verwunderung darber zurck, da
dieser es gewagt hatte, sich neben ihn zu setzen; der verachtete
Duckmuser, mit dem die Ruber seit Jahren kein Wort gesprochen hatten.

Mi . . . mich hat was ge . . . gestochen, dr . . . drum bin ich
erschrocken, stotterte Oldshatterhand geringschtzig.

Wa . . . weil ich auch zs . . . zs . . . zu den Indi . . . Indianern
will, hab ich das A . . . das Anschleichen gebt an den Fa . . . Fa
. . . Feind, beendete der Duckmuser seinen Satz.

-- -- -- -- Duuuu? zs . . . zu den Indianern? Oldshatterhand war
furchtbar verwundert und emprt. Und als er sah, wie der Duckmuser den
Kopf vorstreckte, blutrot wurde und drckte, um reden zu knnen, dachte
Oldshatterhand voller Scham: ich darf nicht stottern, ich darf nicht
stottern, jetzt darf ich nicht stottern, und setzte leicht
auszusprechende Worte vor: O also nein, da mut du aushalten knnen, da
. . . da man dir vergiftete Hlzchen in den Ba . . . Bauch steckt, und
die werden angezndet. O ja also nein, ich halt das aus. F . . .
fnfzig brennende Hlzchen im Bauch. Und wenn ich ge . . . geblendet
wer, da . . . das macht mir gar nichts aus.

Z . . . Z . . . Z . . . Zndhlzchen meinst du?

O ja, und ich fresse Giftschlangen wie Ku . . . Kuchen.

We . . . wenn man den Fa . . . Feind so beschleichen ka . . . kann,
. . . da . . . daaaas ist die Hauptsache; dann br . . . dann br . . .
brauche ich ihm nur noch ein Messer ins Herz zs . . . zs . . . zu
stoen.

P! Ist das ritterlich?

Ich bin Mi . . . Mi . . . Mi . . . Ministrant. Und frs A . . .
Abendluten kr . . . krieg ich mooonatlich f . . . fnfundsiebzig Pf
. . . Pfennig.

Oldshatterhand wurde wtend. Er hatte sich, ebenso wie die Kriechende
Schlange und die Rote Wolke, auch ums Luten beworben, der
fnfundsiebzig Pfennige wegen. Man hatte ihn aber nicht brauchen knnen,
weil er zu klein war. Ha! Ich wer doch dene Pf . . . Pfaffe nit luten.
Ist das vielleicht mnnlich? Aber wenn du zu den Indianern willst, mut
du mi . . . mindestens eine halbe Stunde lang unter Wasser schwimmen
knnen, aber mit o . . . offenen Augen, wenn oben ein Ka . . . Kanoe mit
Indianern vorbeifhrt.

F . . . ffff . . . . . . . . fnfundsiebzig Pfennig mooonatlich krieg
ich.

Da trat der Spenglermeister, Herr Hieronymus Griebe, aus dem Dunkel, und
seine Hand, die eben das Kreuz schlagen wollte vor dem frommen Bildwerk,
blieb erschrocken abwehrend ausgestreckt, als er die zwei Gestalten auf
dem Sockel sitzen sah.

Der Duckmuser schnellte in die Hhe.

Wortlos nahm Herr Hieronymus Griebe seinen ihn fast um einen Kopf
berragenden Sohn bei der Hand und fhrte ihn weg von Oldshatterhand,
der sitzen blieb und den beiden verchtlich nachsah, bis das Dunkel sie
genommen hatte.

                   *       *       *       *       *

Die schne Schwester Winnetous hatte ein Kind bekommen. Die ganze Stadt
wute, da der Kaplan der Vater war.

Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste Pfarre in der Umgebung
Wrzburgs, und das Mdchen wurde seine Haushlterin. Vor dieser Tatsache
verstummte das Gerede.

Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt; eine
Lungenentzndung war dazugekommen. Sie lag im Sterben.

Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben ihrem Bett. Winnetou
setzte sich und sah steif geradeaus.

Schritte nherten sich. Der gromchtige Geistliche im Ornat, der
Kirchendiener und die Ministranten traten ins Zimmer. Winnetou stand
auf.

Der Duckmuser reichte das Weihrauchfa und sah sich wichtig nach
Winnetou um.

Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der Geistliche und die
Ministranten knieten nieder am Bett und beteten. Da kniete auch Winnetou
nieder.

Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen von hinten
unter die Arme und half ihm wieder auf die Beine.

Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich in den Sessel,
wie vorher.

Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur Sterbenden hin, sah
das weie Gesicht an, das von einer plissierten, gestrkten Krause
umrahmt war, und beugte sich pltzlich mit einem Ruck staunend vor: es
schien ihm, als sei die Mutter um viele Jahre jnger geworden. Die
Falten der Strenge waren vollkommen weg. Anstatt ihrer sah Winnetou
stilles, glubiges Glck im Gesicht der Mutter, das schmal und sanft
geworden war. Eine nie empfundene Weichheit ergriff ihn und die
Sehnsucht, da es immer so bleiben mge. Da sprang ihm die Angst in die
Brust -- die Mutter werde, wenn sie die Augen aufschlage, wieder streng
auf den Sessel deuten. Er lie den Blick nicht von ihr, klagte ohne
Worte unglcklich in sich hinein, weil er diese sicher nie mehr
wiederkehrenden sanften Minuten der Mutter auch in Angst vor ihr
verbringe, und lie sich pltzlich aufschluchzend ber sie fallen, denn
die Sterbende hatte die Augen geffnet und ihm in ungeheurer Gte
langsam bers Haar gestrichen.

Mit rauhen Tnen tief aus der Brust heraus weinte Winnetou, sein Krper
zuckte, ein kaum ertrgliches Glck entstand in ihm; da begann er zum
Weinen leise zu singen, und hatte das bestimmte Gefhl, da wenn er
aufhre, leise zu singen, er nicht mehr weinen knne, und dann nicht
mehr glcklich sein wrde.

Whrend Winnetou den durch die lebenslange Lieblosigkeit seiner Mutter
verursachten Druck aus sich herausweinte, fhlte er, wie die Sterbende
ihm half, durch ununterbrochenes sanftes Streicheln, das allmhlich
schwcher wurde, bis die Hand kraftlos aufs Bett fiel. Der Bauch der
Sterbenden bumte sich hoch auf und schleuderte Winnetou ans Fuende des
Bettes.

Trnenberstrmt blickte Winnetou auf die Mutter, ging hinaus und
meldete der Kchin unter schluckendem Lachen und Weinen, da die Mutter
tot sei.

Entsetzt starrte die Kchin Winnetou an, weil er glcklich lchelte, und
rannte ins Sterbezimmer.

Winnetou trat aus dem Hause und ging schnell und ohne Ziel stadtwrts.

Neben ihm humpelte mhsam eine kleine, dicke Alte mit Krckstcken auf
die Haltestelle der Trambahn zu, wandte sich um nach dem schnell sich
nhernden Wagen, den Krckstock verzweifelt schttelnd, und schrie
immerzu:

Ich komm nimmer hin! Heilige Maria! ich komm nimmer zurecht.

Winnetou sah die Alte an -- zur Elektrischen zurck, und stellte sich
zwischen die Schienen.

Der Fhrer lutete.

Winnetou tat als hrte er nicht, und ging, um den Fhrer zum
Langsamfahren zu zwingen, ganz gemchlich im Geleise, auf die
Haltestelle zu. Die Alte humpelte, sich beeilend, weiter.

Der wtende Fhrer lutete ununterbrochen. Die entsetzten Fahrgste
stieen Warnrufe aus. In voller Fahrt kam der Wagen angerast. Winnetou
wandte den Kopf, erbleichte und ging langsam im Geleise weiter. Im
letzten Augenblicke zog der Fhrer die Bremsen, da die Schienen
rauchten, und Winnetou sprang seitwrts.

Zitternd vor Schreck und Emprung, stieg der Fhrer aus dem Wagen, um
nachzusehen, ob Winnetou verletzt war.

Die Alte hatte den Wagen erreicht und stieg ein.

Fhrer und Fahrgste schimpften Winnetou nach, der, den Mund verzogen,
als sei ihm schweres Unrecht geschehen, zurcksah.

Ein weihaariger Alter, der im Stocke des Eckhauses mit der Tabakspfeife
am Fenster sa, stand mhsam auf und schttelte wtend die Faust
hinunter zu Winnetou, der in die Seitengasse einbog.

Der Schreiber und der bleiche Kapitn kamen ihm entgegen. Geh mit, wir
schieen, sagte der Hauptmann, zog seinen Rockflgel zur Seite und
zeigte Winnetou einen neuen Zimmerstutzen. Wir gehn zu Falkenauge und
schieen in seiner Kammer . . . Geh mit.

. . . Ich geh nimmer mit . . . Ich geh wo anders hin, sagte Winnetou
und ging auch gleich weg, in der Richtung zur Kirche.

Verdutzt blickten sie ihm nach.

Das Hochamt hatte schon begonnen. Winnetou schlug das Kreuz und setzte
sich. Und als er die lateinischen Worte des Priesters und das ferne
Klingeln der Ministranten im mchtigen Kirchenschiff hrte, stellten
sich die Glcksschauer des Aufgelstseins, die er im Sterbezimmer der
Mutter empfunden hatte, wieder ein.

Mdigkeit befiel ihn; er schlief ein.

Der brausende Orgelklang weckte ihn auf. Da fhlte Winnetou
unvermittelt, da Frmmigkeit und Gottesglaube sich mit seinen
Ruberidealen nicht deckten.

Still trat er aus dem Portal und blieb an der Grundmauer der Kirche
lehnen, als er den Schreiber und den Hauptmann, die ihm nachspioniert
hatten, langsam die Strae hinunter sich entfernen sah.

Winnetou blickte den kleiner und kleiner werdenden Rubern nach, bis sie
zu Punkten wurden und endlich nicht mehr zu sehen waren, und trat wieder
in die Kirche ein.

Die zwei Ruber klopften an die Zimmertr von Falkenauges Mutter, und
als niemand antwortete, stiegen sie hinauf in die drftig mblierte
Dachkammer Falkenauges, der noch im Geschft war.

Auf dem Nachtkstchen neben dem Bett stand ein Glas voll klaren Wassers,
worin ein Glasauge lag. An der Wand hing eine Tabakspfeife unter dem
heiligen Joseph. In einem engen Kfig sprang ein Eichhrnchen aufs
Stbchen und herunter, ruhelos und unaufhrlich. Falkenauge hatte es auf
den Schloberglinden gefangen.

Dem Fenster gegenber war eine blinde Hausmauer, auf der ein Spatz sa.

Der bleiche Kapitn zielte lange und drckte endlich ab. Der Spatz blieb
sitzen und pickte sich wie vorher ins aufgepluderte Gefieder.

Und als sie beratschlagten, ob der Spatz getroffen sei, stieg er in die
blaue Luft.

Die Kugel macht einen Bogen, weil die Entfernung zu gro ist . . . Wie
wr denn das sonst mglich, sagte der bleiche Kapitn und sah sich nach
einem nheren Ziel um. Halt einmal die Karte, sagte er und nahm das
Herza von Falkenauges Kartenspiel.

Und wenn du mir den Finger wegschiet?

Ich wer doch no das Krtle treffe.

Der Schreiber stellte sich seitwrts vom Fenster, streckte den Arm aus,
hielt die Karte an der uersten Spitze. Ziel lieber ein bichen mehr
rechts . . . Es is mir lieber, du triffst nix, als da du mei Hand
triffst.

Der bleiche Kapitn zielte lange und genau in die Mitte der Karte und
durchlcherte sie.

Der Schreiber atmete wieder. Jetzt halt du die Karte.

Der bleiche Kapitn hielt die Karte nicht spitzig, sondern umrahmte sie
mit seiner Hand und stlpte die Lippen nach auen. Schie.

Der Schreiber erschrak, spannte alle Muskeln an, zielte kurz und
durchlcherte die Karte. Verchtlich lie der bleiche Kapitn sie
fallen. Ich la mir das Glas runterschie, vom Kopf . . . Das wr mir
auch noch was, sagte der Hauptmann und stellte das Glas, worin das Auge
lag, sich auf den Scheitel. Das Blut verlie sichtbar sein Gesicht.

-- -- -- Das Glas zersprang; das Auge kollerte unters Bett. Der
Schreiber kroch ihm nach und holte es hervor.

. . . Ich halt das Aug mit zwei Fingern, rief er in heller
Begeisterung.

Das kannst du ruhig riskier.

. . . Haaargott . . . Getroffen! Das Auge war durchs Fenster
hinausgeflogen.

Das is doch ganz klar. Der bleiche Kapitn zuckte die Schultern.

Jetzt erst bemerkte der Schreiber, da sein Fingernagel fort war, und
das Blut ihm einen schmalen Reif ums Handgelenk gezogen hatte.

Zeig amal . . . Der wird scho wieder nachwachse . . . vielleicht. A
schns Armreifle.

Ein guter Schu war's doch, sagte der Schreiber und hielt, das Gesicht
schmerzverzerrt, die Hand hoch. Aber das Aug ist futsch.

Da kam der Vernichtungstrieb ber die Ruber. Sie schossen durch den
Fuboden, zerschossen den gemalten Engel an der Decke, die
Tapetenblumen, durchlcherten den heiligen Joseph. Der Schreiber zielte
auf den Wasserkrug; das Wasser platschte auf den Boden und rann unter
der Tr hinaus. Sie schossen blindlings, wohin immer sie trafen; das
Fenster zerschellte; das Federbett hatte unzhlige kleine Brandlcher.
Das Eichhrnchen raste im engen Kfig herum, hockte manchmal
muschenstill, die klugen Augen ngstlich auf die Ruber gerichtet, und
raste weiter. Die Kammer stand voll Pulverdampf. Die Ruber glhten. Sie
zerrten die Bettstcke heraus und schmissen sie in die Wasserlache am
Boden, lehnten die Matratze ans Fenster, rissen den Tisch um, das
Bettgestell auseinander und schlichen die Treppe hinunter, aus dem
Hause.

Gegen acht Uhr abends standen sie vor dem Spitle.

Falkenauge kam von zuhause, und als er sie erblickte, steckte er die
Hnde in die Rocktaschen und schlenderte vorber.

Sie lachten ihm nach. Falkenauge wandte sich um, lchelte geringschtzig
und verlegen und ging weiter. Von dem Tage an verkehrte er nicht mehr
mit den Rubern.

Herrgott, das schnste Ziel ham wir ganz vergessen.

Welches denn? fragte der bleiche Kapitn.

Das Eichhrnchen.

Sie schlugen den Weg nach Drrbach ein, wohin sie seit einiger Zeit
jeden Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch von einer Stunde eilten, und
mehr federweien Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von
den zwei Wirtstchtern bedient und von den erzrnten, eiferschtigen
Bauernburschen belauert wurden. Das endigte oft mit einer Prgelei,
wodurch die zwei Ruber sich veranlat fhlten, in der nchsten Nacht
wieder im Dorfwirtshaus zu sitzen.

Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport; er angelte Tag
und Nacht. Der Knig der Luft lag im Juliusspital, wegen seines
gebrochenen Beines. Die Rote Wolke las klassische Dramen und liebte ein
junges, schnes Lehrerstchterchen. Einige grndeten einen Rauchklub,
mit hektographierten Statuten, und hielten jeden Sonnabend groes
Wettrauchen ab, in der Kneipe der Witwe Benommen. Der Schreiber legte
Wert auf elegante Kleidung und pflegte sein Schnurrbrtchen. Er war der
einzige, der schon eines hatte. Als Herr Rein den Schreiber das erstemal
rasierte, mit Respekt und voller Hochachtung, denn des Schreibers Vater
war ein Mann mit starkem Bartwuchs, und es war zu hoffen, da auch der
Sohn eine gute Kundschaft werden wrde, sagte er: Herr Widerschein,
blicken Sie in den Spiegel, da sehen Sie sich widerscheinen. Vor
vierzig Jahren hatte Herr Rein dasselbe zu des Schreibers Vater gesagt,
als der noch ein Jngling gewesen war. Und er hatte den Witz nicht
vergessen.

Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den alten Schiegrben
der Festung, schmolz es im Zimmer zusammen, um, ehe er fortginge,
Bleikugeln daraus zu gieen, fr den wilden Westen. Jeden Abend sa er
im Zimmer und las Indianergeschichten. Eine Landkarte von Amerika hing
jetzt darinnen, auf der die Gegenden, Seen, Prrien und Urwlder, die er
als Westmann aufsuchen wollte, mit Blaustift unterstrichen waren.

Selten hrte er die nahenden Schritte eines Rubers im unterirdischen
Gange. An vielen Abenden zeichnete er stundenlang das Heilige Tier ab.
Mit der Zeit bekam er berhaupt keinen Besuch mehr im Zimmer.

Durch die allmhlich schrfer hervorgetretenen Charakterzge und
Interessen der einzelnen Mitglieder hatte die Ruberbande sich
aufgelst.

Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten einen Teil der Bande
zum letzten Male zu einem gemeinsamen Unternehmen.

Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt und die
Huschen bis zum ersten Stock hinauf mit Buchenlaub beschlagen. Die
Brger waren festlich gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken
luteten. Weigekleidete kleine Mdchen, die an rosa, grnen, blauen
Nackenbndern Blumenkrbchen trugen, geputzte Frauen, Mnner in langen
Gehrcken und mit sehr hohen Zylindern strmten in der Richtung zur
Kirche, um sich dem Zug der Walleute anzureihen.

Beim Weinwirt und Bckermeister Schlauch war die erste Station. Die
Bckereiauslage war in einen Altar mit Betpult, Kruzifix und brennenden
Kerzen umgewandelt und mit Laub geschmckt worden, mit Blumen in
himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube.

Vor vielen Huschen, an denen die Walleute vorbeiziehen sollten, waren
solche Altre hergerichtet.

Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die, welche den
Rauchklub gegrndet hatten, standen vor dem Spitle beisammen, in
ihren Sonntagsanzgen.

Das werdet ihr gleich spannen, da er mitwallt. Ich selber hab Winnetou
mit einer Kerze in die Kirche gehen sehen, sagte der bleiche Kapitn.

Auf der Festung puffte ein weies Wlkchen in die blaue Luft -- ein
Kanonenschu donnerte rollend zur geschmckten Stadt hinunter: der Zug
der Walleute nherte sich, von der Burkarter Kirche kommend.

Der rote Fischer, Herr Mager, Glasermeister Johann Jakob Streberle,
Schuster Widerschein, Benommen der Wirt, Herr Hieronymus Griebe, alle in
Gehrcken und mit Zylindern, brennende Kerzen in den Hnden, schritten
im langsamen Wallfahrtsgang durch die Menschen zu beiden Seiten der
Strae und sangen aus dicken Gesangbchern heraus; zusammen mit den
Kindern, die dnn, mit den Mnchen, die tief sangen, und mit den alten
Weibern, deren Stimmen sich berschlugen, begleitet von der heftig und
getragen blasenden Blechmusikkapelle.

Voran schritt ein alter Mann, der ein hohes Kreuz trug, an dem der
silberne Christus hing. Hinter ihm kam der kleine, dicke Bischof im
Ornat, vor dem Gesicht die Monstranz, vor der alle Menschen das Kreuz
schlugen und niederknieten, nachdem die meisten erst ihr Sacktuch auf
die Erde gebreitet hatten.

Der Vorbeter, ein hinkender Flickschneider, dessen linkes Bein zu kurz
war, schwenkte sich auf seinem normalen Beine herum zu den Walleuten und
rief langgezogen: Lob und Dank sei ohne End! Und whrend das Gemurmel
der Nachbetenden erklang, schwang er sich wieder herum und hinkte weiter
voran, sprang pltzlich mit einem Satz auf Oldshatterhand los,
Sakramentslausbub! schlug ihm das Strohhtchen vom Kopfe, hinkte
wieder in die Reihe und fuhr fort, vorzubeten: Dem allerheiligsten
Sakrament.

Oldshatterhand hatte den Hut nicht abgenommen vor dem Bischof unter dem
Himmel. Der Himmel wurde an vier Stangen vom Duckmuser, von Winnetou
und noch zwei Jnglingen getragen.

Oldshatterhands Wange glhte von dem Schlag; die Ruber waren verblfft.
Aber da war nichts zu machen.

Da is er! rief der bleiche Kapitn und deutete auf Winnetou, der den
Kopf senkte, als er bei den Rubern vorberging.

Der Schreiber schttelte den Kopf: Herrgott, wer htt das vom Winnetou
gedacht.

Verstummt sahen die Ruber ihm nach.

Die Walleute zogen vorber, und aus Glockenluten, Blechmusik und
Bllerschssen stachen die Altweiberstimmen heraus und hinauf in den
sonnigen Himmel: O Maria hilf!

Der Vorbeter war ein reicher Mann und besa ein groes Haus mit vielen
Fensterscheiben, denn der fromme Schneider war hauptschlich Pfarrdiener
und eifriger Kirchgnger und hatte sich fr das Kleiderflicken Gesellen
angestellt; sein Geschft blhte.

Am Abend schimpfte der rote Fischer in den Drei Kronen: Ke enzigs
Pfund Fisch verkff ich's ganze Jahr, wenn i nit mitwall! Seine
Halsadern schwollen.

>Und welcher gute Brger wrde mir seine Schuhe zum Besohlen geben, wenn
ich nicht ein frommer, gottgeflliger Schuster wre<, dachte sich Herr
Widerschein und reichte sein leeres Glas der Kellnerin. Er war ein
stiller, arbeitsamer Mann und hatte sechs Kinder zu ernhren.

Bevor es dunkelte, kehrten die Frauen, genau die Breite ihrer Huser
einhaltend, das zertretene Schilf weg, gossen Kringel mit der Giekanne
und kehrten sauber nach. Hier war gekehrt -- dort lag noch ein genaues
Quadrat Schilf. Aber um neun Uhr waren die Gassen blitzblank. So wollten
es die Wrzburger Stadtvter.

Die Ruber, jeder mit einem faustgroen Stein in der Tasche,
schlenderten gleichgltig am Wachtmeister vor dem Spitle vorbei und
bogen in die Felsengasse ein, welche von der vielfenstrigen Vorderfront
des Hauses vom frommen Flickschneider abgeschlossen war.

Der bleiche Kapitn verteilte die Fenster sorgfltig an seine Leute,
beschwor sie, genau zu zielen, kommandierte leise und hob die Hand --
die Fensterscheiben klirrten.

Die Ruber flchteten durch die dunklen Gassen.

Der Oberkrper des Schneiders scho, wie der Teufel im Hans
Kasperl-Theater, aus dem Fenster.

Da unten war alles still.

Diese eingeschlagenen Fensterscheiben waren fr die Ruber der Abschlu
ihrer ersten Jugend.

In der folgenden Woche sprachen alle Einwohner des Mainviertels von ein
und derselben Sache: Herrn Glasermeister Johann Jakob Streberle war ein
Unglck passiert. Alle dreihundertsiebenundsechzig Fenster fr das neue
Krankenhaus hatte er um einen Zentimeter zu schmal gemacht; die Fenster
waren unbrauchbar; er mute eine hohe Konventionalstrafe bezahlen und
machte Bankerott.

Ein paar Wochen lief er traurig in Wrzburg herum, lachte nicht mehr;
als Gehilfe Arbeit zu nehmen, lie sein Meisterstolz nicht zu, und eines
Tages war er verschwunden.

                   *       *       *       *       *

Der bleiche Kapitn, der Schreiber und Oldshatterhand standen am Flu
beisammen. Falkenauge kam geschritten, energisch.

Quer ber seinen Rcken hatte er etwas hngen in einem braunen
Segeltuchfutteral. Es sah aus wie ein Gewehr.

Wo warst du?

Auf der Jagd! rief Falkenauge, schwang sein Fischnetz und schritt
weiter.

Also, wenn ich dir sag, man kann's jeden Tag fnf-, sechsmal tun, so
oft's berhaupt geht. Es schadet einem gar nichts; man bleibt genau so
stark und gesund wie man war, sagte der Schreiber zum bleichen Kapitn
und schlo: Ich htt ja selber nit geglaubt, da es sowas gibt auf der
Welt. Das is ja ganz kolossal.

Der Schreiber hatte rotumrnderte Augen und eingefallene, graue Wangen.

Wie is denn das? . . . Wie tut man's denn? fragte Oldshatterhand.

Fr dich is das nichts, sagte der Schreiber und lchelte dem bleichen
Kapitn zu. Da bist du vielleicht noch zu klein dazu. Morgen kann ich
dir's ja amal zeig.

Die drei gingen weiter, am Fluufer hin, hinunter zur Sandinsel, und
saen dann beisammen an einem kleinen See, der von berhngenden
Weidenbschen umsumt war.

Es war ein warmer Abend; Bachstelzen hpften lautlos und grazis am
Seeufer hin und Raben flatterten immer wieder auf und flogen aa aa
schreiend ber das Weidenland.

Die rosa Abendwolken wurden von der Dmmerung genommen und am tiefblauen
Himmel traten die Sterne hervor.

Jetzt sagt halt amal, wann gehn wir denn eigentlich fort? fragte
Oldshatterhand leise und wand sich einen Weidenzweig schmerzhaft ums
Handgelenk.

Auf, nach Amerika! rief lachend der Schreiber. Hohaho!
Oldshatterhand!

Der bleiche Kapitn grinste.

Nun sagen wir nchste Woche, sprach der Schreiber ernst.

Jawohl. Nchste Woche. Jawohl.

Also! Also ja! rief Oldshatterhand freudig. Oder gehen wir doch
lieber jetzt gleich fort! Immerzu da nunter, den Sandweg, bis nach
Frankfurt. Dann kommen wir an den Rhein und nach Hamburg . . . da sind
Schiffe. Er drehte den Weidenzweig an seinem Handgelenk fester zu.
Meerschiffe -- -- --

Der bleiche Kapitn bltterte im Katalog einer Schirmfabrik. Weit du
was . . . es gibt berhaupt keine Indianer mehr.

Nein, nicht eine einzige Rothaut gibt's mehr.

He? Millionen gibt's! He! was wren denn sonst die, von denen in unsern
Bchern steht? He?

No ja, ein paar gibt's ja noch, gab der bleiche Kapitn zu. Aber ich
hab neulich in der Zeitung gelese, da die andern alle schon ausgerottet
sind.

Oldshatterhand, Oldshatterhand, ein wenig klein bist du fr Amerika.

Aber ich hab Mut! . . . Und darauf kommt's ganz allein an.

Nun, dann hopp! Auf, in den wilden Westen!

Da schnellte Oldshatterhand in die Hhe. Ihr geht also nit mit! Ihr
Feigling . . . habt die ganze Jahr her nur geloge?

Ich will dir einmal was sagen, jetzt hab ich drei Jahr Lehrzeit
ausgehalten, gestern hab ich mein erste Lohn kriegt, fnfzehn Mark, und
das krieg ich jetzt jede Woche . . . Wr ich da nicht ein Rindvieh, wenn
ich jetzt fortlaufen tt?

No allemal, sagte der Schreiber. Ich krieg jetzt auch vierzig Mark im
Monat. Dreiig mu ich meiner Mutter geb; aber zehn Mark darf ich
behalt. Das is doch jetzt alles ganz anders, schlo er nachdenklich.

Von mein nchste Wochenlohn kauf ich mir den Nadelschirm. Der bleiche
Kapitn zeigte den Schirm im Katalog. Acht Mark kost er. Hast scho amal
sowas g'hrt? . . . Acht Mark fr'n Schirm! Er lachte krachend und
konnte sich lange nicht beruhigen. Er is aber auch so dnn wie ein
Federhalter, und der Stoff is fast von Seide.

Es war jetzt tiefe Nacht geworden.

Oldshatterhand wandte sich um und ging, ohne Adieu zu sagen, langsam
fort. Und nach einer Weile rollten ihm die Trnen an den Wangen
hinunter.

Ein Flo glitt lautlos an ihm vorbei, den Main abwrts. Vorne sa der
Fler und spielte leise die Ziehharmonika. Irgendwo in der Ferne sang
ein Mdchen.

                   *       *       *       *       *

Schlofallenfeuer!! rief Meister Tritt Oldshatterhand zu, der bis ins
Herz hinein erbebte.

Schleudere einen Bindfaden in die Hhe und klettere daran hinauf in den
Himmel -- htte das Herr Tritt gerufen, Oldshatterhand wre mit weniger
Bangen an die Arbeit gegangen.

Noch niemals war eine Schlofalle von Herrn Tritt geschmiedet worden
ohne Angst und Beben des Lehrjungen, der dazu helfen mute, und ohne die
starren Blicke der grnlichen Augen des Meisters, denen kurze, heftige
Schlge ins Gesicht folgten. Jedoch nicht die Ohrfeigen waren das Arge,
sondern der Zeitraum zwischen Blick und Schlag, von dem man nicht wute,
wann er kam, und dem auszuweichen unmglich war, denn der grne Blick
hielt fest.

Die elektrischen Trschlsser des Herrn Tritt waren berhmt in Wrzburg.
Und das kam von den Schlofallen, die Herr Tritt stets selbst aus dem
allerbesten Stahl im klarsten Feuer herausschmiedete, eigenhndig mit
nur neuen Feilen zuarbeitete, schmirgelte, wog, schliff, um sie in das
neue elektrische Trschlo des Herrn Metzgermeister Rcken oder des
Herrn Trompeter Wohlleben einzupassen.

Wegen seiner elektrischen Trschlsser hatte Herr Tritt schon einige
Male bankerott gemacht, weil er an einem ein Vierteljahr arbeitete, und
der Preis ein solcher war, da er es in einer Woche htte anfertigen
mssen. Jedoch, als htte der liebe Gott selbst seine Freude an den
mimosenhaften Schlofallen, fiel der Tod der jeweiligen Ehefrau des
Herrn Tritt immer mit einem Bankerott zusammen, so da Herr Tritt seine
Kunstwerke weiterhin schaffen konnte, indem er immer wieder eine Frau
mit Vermgen erkor, was ihm nicht schwer fiel, denn er war ein schner
Mann und zweiter Dampfspritzenfhrer bei der freiwilligen Feuerwehr.

Oldshatterhand kehrte die alte Asche von der Esse, blies die Stubchen
aus den Ecken, holte die frischen Kohlen einzeln aus dem Kasten, whlte
sorgfltig harzfreies Tannenholz aus und schrte ein klares Feuer an.
Erschrocken griff er in die Flammen und holte einen Strohhalm heraus,
der das Feuer schmutzig htte machen knnen, rckte den Handhammer fr
den Meister zurecht, die Feuerzangen, den Vorschlaghammer fr sich,
fummelte mit seinem rmel den Ambos, bis er glnzte, und wartete.

Unversehens aber blickte er auf die andere Seite des Lebens hinber,
lange; sein Mund stand offen. Da ri er sich zusammen, flog in die
Werkstatt -- und stellte sich dem Meister: Ich will fort von Ihnen!
. . . Ich halt's nimmer aus.

Zuerst kam der erstarrte Blick. Dann der kurze, knallende Schlag ins
Gesicht. Dann stie Herr Tritt seinen Lehrjungen hinaus auf das
Pflaster. Die andern Lehrjungen standen atemlos, und der Gehilfe bog
sich vor Lachen, da sein Kopf auf die Werkbank schlug und ihm die
Brille von der Nase fiel.

Der Meister arbeitete weiter; er war eben dabei, an einer der blitzenden
Drehbnke eine kleine Eisenschraube fr das elektrische Trschlo zu
drehen, wobei der lteste Lehrjunge helfen mute, indem er mit dem Fue
die Drehbank trat, unter verhaltenem Atem, denn er mute sein ganzes
Gefhl, seine ganze Seele ins Treten legen, als spiele er Piano.

Der Meister nahm den Handstichel weg vom Bolzen und starrte in die Augen
des Lehrjungen, der, vom Blick des Meisters festgehalten, mit zitterndem
Fue weitertrat, bis der Schlag kam. Der Meister wandte sich wieder
seiner Arbeit zu. Der Eisenspan schlngelte sich am Stichel in die Hhe.

Und nachdem das Eisenschrubchen fertig war, wich die Spannung vom
schweinassen Lehrjungen, als habe er vor einem Prfungskollegium ein
Klavierstck glcklich zu Ende gespielt, whrend der Meister, als habe
er es komponiert, ausgefllt und aufrecht zum Feuer schritt, um die
Schlofalle zu schmieden.

Oldshatterhand eilte sofort hinauf auf den Schloberg und durch den
unterirdischen Gang ins Zimmer. Hastig, als habe er keine Zeit zu
verlieren, nahm er den alten Revolver unter der Glasvitrine zu sich,
zndete knieend ein Heftchenbndel an: Die bleiche Grfin oder Der Mord
im Walde und damit die ganze Bibliothek.

Er sah noch, wie die Flammen an den Bchern emporleckten und hinauf zur
Decke schlugen. Der Qualm trieb ihn ins Freie.

Lautlos pufften blaue Rauchwolken aus dem Gang.

Da hrte er ein aufrhrerisches Krachen -- eine mchtige Rauch- und
Staubwolke scho aus dem Gang heraus und zum Himmel hinauf.

Der unterirdische Gang war eingestrzt und das Zimmer verschttet auf
immer. Atemlos stand Oldshatterhand im Festungsgraben.

Von dieser Stunde an war er aus Wrzburg verschwunden.

In der Stadt ging das Gercht, in dem eine Stunde weit vom Zimmer
entfernten Nonnenkloster Himmelspforten sei in der Zelle der Oberin
hinter dem Schrank Rauch aufgestiegen.




Fnftes Kapitel


Oldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt auf der Landstrae
hin.

Im Tale lag Wrzburg. Er sah zurck. Nicht um die verhate Stadt noch
einmal zu sehen, die im grauen Dunst lag, denn ein feiner, gerader Regen
ging nieder; er wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach
links wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm, einem
Vogel nach, mit leerem Blick, ohne etwas dabei zu denken und zu wollen.

Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den Straengraben, ging
weiter, leer im Herzen, empfindungslos, bis auf den Druck in der Mitte
unter dem Brustbein.

-- -- -- Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein sitzen -- und
blieb erbebend stehen: vorher war der Stein leer gewesen, und jetzt sa
ein Mensch darauf.

War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten? Aus dem Erdboden
gekommen? In der Luft heran oder -- -- -- aus der Zukunft zurck in die
Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt?

Nie hatte er so einen Menschen gesehen.

Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher jetzt, schlank
werdend, aufstand und zu Oldshatterhand trat, der sich khl berhrt
fhlte, wie von einem Gespenst.

Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreiig Jahre alt, hatte einen
dnnlippigen Mund im scharfen Gesicht und an den Schlfen unter den
braunen Haaren schon graue.

Wollen wir ein Stck zusammen gehen?

Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher Richtung?

Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen -- dann gehe ich wieder vorwrts
. . . Sie wollen in die nchste groe Stadt wandern, Arbeit suchen und
Geld verdienen, schlo der Fremde mehr sagend als fragend. Und
Oldshatterhand schwebte pltzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte
geglaubt, da er jedem Menschen mitteilen knne, was er vorhabe, und nun
konnte er es gleich dem Ersten nicht sagen.

Wirr vor Verlegenheit, rief er: Ich heie Michael Vierkant! Und sein
zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf die Landstrae.

Lchelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte, ob er es ein wenig
ansehen drfe, las den ersten Satz auf der Decke: Tom machte sich auf
in den wilden Westen und war fest entschlossen, so vielen Weien wie
mglich das Lebenslicht auszublasen, und gab es Oldshatterhand zurck.

Hi! hihiha! lachte Oldshatterhand wieder das kurze, irrsinnige Lachen
wie damals auf dem Heimwege von der Schule. Das ist vielleicht alles
dumm und nicht wahr, was da drin steht.

Da sagte der Fremde nachdenklich: Ja, Sehnsucht ist -- weil Qual ist
. . . Vor vielen Jahren ging ich wie du, diese selbe Strae, bis zu dem
Berg, der meiner Jugend den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein
ersehntes, wunderbares Land ertrumen lie. Da sah ich hinunter in ein
blaues Tal, aus dem der Lrm der Arbeit klang -- und stieg hinunter.

Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Hhe und der Fremde zrtlich
und gerhrt auf Oldshatterhand hinunter.

Da er nun pltzlich nicht mehr nach dem wilden Westen wollte, erfllte
Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen, dem ein Ausruhen folgte.
Entlastet schritt er neben dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem
Vertrauen zu ihm. Ich will auch arbeiten, sagte er ganz still. Ich
bin nicht so schwach, wie ich aussehe.

Nein . . . Sie sind nicht schwach, sagte der Fremde, mit einem
unbegreiflichen Lcheln.

Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag pltzlich die Sonne auf der
Landstrae, die jetzt aus Mattgold war, und die Apfelbaumreihen legten
ein bewegtes Schattenmuster darauf.

Zwei Hasen setzten vor den beiden ber den tiefen Graben und flohen, die
Ohren zurckgelegt, hintereinander her, gestreckt die schnurgerade,
endlose Strae hinaus.

Was arbeiten denn Sie jetzt? fragte Oldshatterhand ruhig und vertraut,
denn er hatte die Empfindung, mit seinem lteren Ich zu reden.

Ich . . . denke darber nach, warum eine junge Blte vom Baume fallen
mu, bevor sie zur Frucht wird, whrend neben ihr eine andere
ungehindert zur Frucht reifen darf . . . Darber denke ich nach,
unaufhrlich. Das ist meine Arbeit. -- Jetzt mu ich wieder
vorwrtsgehen -- -- --

Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft, auf die beiden
zu, und stieg vor ihnen hinauf in den Himmel.

Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands geschlagen
und ihn gekt.

Dann eilte er unhrbar quer ber Feld, wurde immer kleiner und kleiner,
und Oldshatterhand blickte ihm nach bis der Fremde unversehens
verschwunden war, als wre er zu Luft geworden.

Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwrts inmitten von Kornfeldern
ein groes Gehft liegen, und einen Herrn in Rhrenstiefeln auf sich
zukommen. Der hatte eine goldene Brille mit funkelnden Glsern auf der
spitzen Nase und ein doppellufiges Jagdgewehr am Riemen an der Schulter
hngen.

Hast du Zeit? Wohin willst du denn?

Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.

Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen und dein Essen. Du
mut dafr in meinem Keller eine Woche lang Kartoffeln sortieren.

Ja! sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann.

                   *       *       *       *       *

Die Transmissionen im groen Arbeitssaal der Dresdener Fahrradfabrik
schnurrten und sangen, die breiten Treibriemen klatschten -- klipp klapp
klipp --, Hmmer klopften, Drehbnke und Bohrmaschinen rasselten und
surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand zusammen
in Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro, denn er hatte, ehe er von
Frankfurt nach Dresden gefahren war, Carmen gehrt, und seitdem, wo er
ging und stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher war er
in der Oper gewesen.

Er versuchte, Nun danket alle Gott unterzulegen, oder Wem Gott will
rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt, aber beugte er
sich auch nur einen Augenblick aufmerksamer ber seine Arbeit, so
spielte der Fabriksaal wieder Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!
Den ganzen Tag Auf, in den Kampf!

Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch -- und in die Hhe
jagender und, als reichte der Atem nicht mehr, in malosem, wildem
Schmerz jh abbrechender Pfiff heulte durch den Fabriksaal.

Hmmer und Feilen polterten auf die Werkbnke. Schweigeschwrzte Mnner
richteten sich auf. Die Treibriemen sangen leiser, klatschten langsamer,
verklangen und hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man
pltzlich aus einem wilden, geruschvollen Traum erwacht: die
Vesperpause war gekommen.

Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster neben einem
schlottrigen Mann mit tief eingefallenen Wangen und grnen Schatten
unter den Augen, der jetzt an der Werkbank sa, seine Butterbrote
suberlich in Streifen schnitt und sie bedchtig in den Mund schob,
wobei er ihn weit aufri, um die langen Butterbrotstreifen ohne
anzustoen auf einmal unterzubringen.

Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu und dann vergngt
zu einem Honigglas vor sich auf dem Fenstersims, in dem sich ein langer,
in vielen Falten gelegter weier Bandwurm befand, und sagte: Jetzt esse
ich meine Bemmchen alleine.

Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte keinen Bissen
hinunter.

Da heulte wieder der in Wut und Qual jh endende Pfiff den Arbeitern
durch die Gehirne. Wie Lebewesen begannen die Maschinen zu laufen; die
noch kauenden Arbeiter reckten sich ghnend und griffen langsam zu
Hmmern und Feilen. Oldshatterhand klang wieder Auf, in den Kampf! ins
Ohr.

Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkndete und von einer anderen
Dampfpfeife abgegeben wurde, klang ganz anders, klang wie der
langgezogene Fltenton eines Singvogels und endete abgebrochen
schluchzend.

Die zwlfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor ins Freie, mit
Mienen der Erleichterung und Freude, denn es war Sonnabend und Zahltag.

Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang. Daumen und
Zeigefinger spielten mit dem verdienten Geld in der Westentasche. Er
umkreiste wieder seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus
Wrzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen hatte. Die Sehnsucht
-- _Etwas_ zu werden. Er wollte _Etwas_ werden. Nicht gerade Minister
oder Brgermeister; aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen
einbringen mute. Doktor, sagte er sich, knne er kaum werden, denn er
brauche nur an seine Schuljahre zurckzudenken; an Herrn Mager, um zu
wissen, da er dazu viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken
nachhing, da er etwas werden msse, flackerten die Demtigungen seiner
Jugend ihm aus den Augen, dann war er oft stundenlang niedergedrckt,
aber manches Mal fhlte er sich auch angespornt. Es msse etwas sein,
was eine demtigende, untergeordnete Stellung ausschlo.

Einige Tage vorher war er auf der Strae bei einem Geometer stehen
geblieben und hatte zugesehen, wie der Mann ohne viel Worte seine
Arbeiter mit Stangen und Bandma hantieren lie. Da hatte Oldshatterhand
in einem Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner, am Mississippi
stehen sehen, mit ihm den Geometer verglichen, und hatte einige Tage
lang berlegt, ob er nicht Geometer werden knne. In einen Taumel der
Begeisterung hatte ihn der Jos im Frankfurter Opernhaus versetzt, und
der Gedanke, ein Knstler zu werden, hatte ihn seitdem nicht mehr
verlassen. Nicht gerade Schauspieler oder Snger; irgendein Knstler --
hier msse fr ihn die Mglichkeit sein, _Etwas_ zu werden.

Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten Menschen begegnete, der
ruhig seines Weges ging und dessen Gesicht von Demtigungen nicht
gezeichnet war, folgte er ihm, dachte sich glhend in ihn hinein, bis er
selbst zu dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie
klettern lie. In Frankfurt am Main, wo er auch eine Zeitlang Liftjunge
gewesen war, in einem Hotel in der Fahrgasse, hatte keiner der Gste aus
den sehnschtigen Augen des Liftjungen herausgelesen, da dieser im
Geiste -- als Fremder mit dem Fremden im Lift in die Hhe stieg.

Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah zurck in den
unerreichbar weit entfernten, verwilderten Garten, in dem seine
Jugendtrume und seine Sehnsucht weiterlebten, umschlossen von einer
grauen, trlosen Mauer, die sich ihm nur ffnen konnte, wenn er _Etwas_
geworden war.

Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jngling, dessen Gesicht
unbeweglich, wachsbleich und unter den trben Augen schwarzviolett war.
Das Hemd stand vorne offen und bot den grausig abgemagerten Krper dar,
die schweifeuchten Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig, als
frchte er auseinanderzufallen, ging der Jngling langsam am Bretterzaun
der Glasfabrik hin, in der er beschftigt war.

Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestrzten Oldshatterhand.

Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf die grauenhaften
Gestalten, die teilnahmslos und stier am Zaun entlangschlichen. Kinder,
Alte, Mdchen, steif, aus Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende
Reihe, auf ein paar Stunden von den glhenden Kesseln der Glasfabrik
entlassen.

Ja, was denn! Ja, was denn! Darf denn das sein? flsterte er, ging
fassungslos weiter, begann pltzlich zu rennen.

Da tat sich eine weie Wunderstrae auf, asphaltiert, von grter
Sauberkeit. Lauter gleichhohe Huser, wei, mit flachen Dchern. Breit
wie ein Traum war die Strae.

Immer wenn Hufschlag ertnte, wandte Oldshatterhand sich um, weil er
Reiter vermutete, aber immer hing an den ausgreifenden Pferden auch eine
Equipage daran, die lautlos auf dem glasglatten Asphalt rollte, die
linealgerade, endlose Strae hinaus. Querstraen, wunderschn, breit und
lang, durchschnitten seine Strae.

Er bog in eine Seitengasse ein, und noch einmal in eine zweite. Die war
eng, feucht; Obst- und Gemseabflle, Zeitungsfetzen und Lumpen lagen,
und halbnackte, schmutzige Kinder hockten auf dem Pflaster umher, und es
roch nach Abort.

In dieser Gasse wohnte Oldshatterhand.

Er stieg hinauf, bis unters Dach. Die Tochter seiner Hausfrau ffnete
ihm und lief schnell ins Wohnzimmer zurck. Sie hatte ein
orientalisch-weiches, gelbes Gesicht und fast nichts an. Kommen Sie
doch nher, Herr Vierkant.

Links neben ihr, auf der gewesenen Nhmaschine, lag ein Haufen duftender
Tabak, rechts -- ein Berg Zigarettenhlsen. Siebenhundert Stck mu ich
heute noch fertigkriegen, sagte sie, flink mit Stopfholz und Schere
hantierend. Hier, diese ist nicht ganz gelungen . . . diese und diese
auch nicht.

Er nahm die Zigaretten entgegen und versah sich dabei in des
Mdchens sehr volle Schultern und Brste, denn das Hemd war ihr
heruntergeglitten. Ihr groer Mund blieb geffnet.

Der Brutigam des Mdchens, ein elegant gekleideter Maurer ohne
Hemdkragen, mit roten Bartstoppeln, trat ein, sah auf seine halbnackte
Braut, auf Oldshatterhand und stand, mit dem Blick fensterwrts. Er war
rgerlich.

Das Mdchen arbeitete emsig weiter. Wie viel?

Fnfzig Mark. Nchste Woche sechzig, sagte er mrrisch.

Ein Freudenschimmer lief ber ihr Gesicht. Davon kannst du dreiig
zurcklegen . . . Wenn der Verdienst so weitergeht, knnen wir
Weihnachten heiraten.

Oldshatterhand ging in seine Kammer. Die war schmal wie ein Gang. Vier
Betten, hintereinander, standen darin und sonst nichts. In einem schlief
ein Viehtreiber -- sein fettiger Ziegenhainer lehnte in der Ecke --, im
andern der Brutigam, im dritten der vierzigjhrige verbldete Sohn des
Hauses, der nur lallen konnte und manchmal Wutanflle bekam, wobei er
sich nackt auszog und mit einem Kchenmesser auf seine Mutter losging.
Er sa auf dem Bett und verzehrte sein Abendbrot, eine armlange rohe
Gurke mit Salz.

Beim Fenster schlief Oldshatterhand, heute zum ersten Male, denn frh
hatte er sich erst eingemietet.

Gegen Morgen trumte er: eine Schar Muse husche unaufhrlich an seinem
Krper entlang, um ihn herum. Er wachte auf, fhlte vielfiges
Gekrabbel, griff unter die Bettdecke und griff ein flaches Tierchen, das
ihm jedoch, ber seinen Handrcken rennend, gleich wieder entwischte.

Das Bettlaken war mit vielen kleinen Blutflecken punktiert: zerdrckte
Wanzen.

Er rief die Wirtin und kndigte. Im Bett sind Wanzen.

Ach nee.

Unheimlich viel.

Die beien Ihnen doch nich.

Sie haben mich gebissen.

Aber die fressen Ihnen doch nich.

Fressen?

Tun se nich. Da ist der Kaffee.

Erst komm ich! rief der Viehtreiber.

Und dann ich! der Brutigam. So war's ausgemacht.

Oldshatterhand wartete, bis die beiden die einzige Kaffeeschale benutzt
hatten und er daran kam. Also, ich ziehe aus, wegen der Wanzen.

Wanzen! schrie die Wirtin. Und Viehtreiber und Brutigam erhoben sich
drohend.

Und . . . die Kaffeetasse hat keinen Henkel mehr, stotterte der
ratlose Oldshatterhand.

Da zog der Idiot das Hemd aus; sein Augenwei wurde blutrot. Das Messer
unter den Nabel an den haarigen Bauch gehalten, mit der Spitze nach
vorne, berannte er seine Mutter, die, mit einem rtselhaften Blick auf
ihren Sohn, aus der Kammer sich in Sicherheit brachte.

Viehtreiber und Brutigam lachten und schmissen den nackten Idioten auf
des Viehtreibers Bett, wo er hocken blieb und den Brocken Brot, den er
im Bett fand, in den Mund steckte.

Oldshatterhand stand schon bei der Flurtr, mit seinem
Segeltuchkfferchen in der Hand, und rgerte sich, weil er fr die ganze
Woche vorausbezahlt hatte, eine Mark fnfzig Pfennige, und nichts
zurckbekam. Da trat die Braut im Hemd aus dem Dunkel und drckte den
mageren Oldshatterhand in ihren weichen Krper hinein. Schreibe mir, wo
du wohnst.

Die Kammertr wurde vom Brutigam geffnet. Das Mdchen huschte ins
Wohnzimmer.

                   *       *       *       *       *

Schon um sechs Uhr war der groe Tanzsaal taghell erleuchtet und dicht
besetzt: von Kchinnen und Ladenmdchen in hellen Sommerkleidern, von
Handwerkern, eleganten Kommis; und die Unteroffiziere, gro, schlank, in
knapp sitzenden Uniformen mit goldglitzernden Litzen und an die Wangen
angepreten Schnurrbrten waren von Leutnants kaum zu unterscheiden,
wenn sie mit vornehmer Verbeugung die Hacken zusammennahmen und, den Arm
ausgestreckt, den Kopf im Nacken, mit ihren Damen im Schleifwalzer
dahinglitten.

Vergoldete Stuckamoretten und posaunenblasende Schleiernymphen schwebten
plastisch an der Decke, aus den Wnden heraus und aus allen Winkeln und
Nischen hervor.

Die Blasmusik schmetterte zum Tanze an und brach ab.

Die Herren engagierten und stellten sich in die Reihe.

Oldshatterhand ri sich zusammen und schritt auf eine sehr kleine, runde
Kchin in rosa Mullkleid los, die brig geblieben war, stand wie ein
Stock, nur den Kopf geneigt, und sagte: Wenn ich bitten darf.

Sie seufzte vor Freude tief auf. Ihr dickes, sommersprossiges Gesicht
war lackrot. Staketenzaunsteif stand ihr Korsett; darin lag weich der
kolossale Busen, weit hinten sa der Kopf, und mitten auf dem Scheitel
klebte, in Form eines spitzen Kinderkreisels zusammengedreht das
Haarzpfchen.

Die Blasmusik setzte ein, und ein groer, prchtiger Unteroffizier mit
glnzenden Lackstiefeln schwebte goldglitzernd mit seiner schnen Dame
als Erster quer durch den Saal.

Seit einem halben Jahr, solange er in Dresden war, tanzte Oldshatterhand
mit aller Leidenschaft jeden Sonntag, wenn das Geld reichte, bis in den
frhen Morgen hinein. Seine Wangen waren fahl und seine blauen Augen
ungewhnlich gro geworden. Oft schmerzte ihn die Brust; er wuchs rapid,
was eine gnstige Vernderung seiner Sprechorgane zur Folge zu haben
schien, denn er stotterte nicht mehr.

Am Arm geleitete er seine Dame zum Tisch zurck und stand steif.
Gestatten Sie vielleicht, da ich mich zu Ihnen setze? . . . Ich wrde
mich sehr freuen.

Sie wischte sich mit dem Handrcken die trben Schweiperlen von der
Stirne. Bitte, wenn's Ihnen so grlich freuen tut.

Darf ich Ihnen mein Taschentuch anbieten, mein Frulein?

Von ihr zusammengeknuelt, verschwand Oldshatterhands Taschentuch
vollkommen in der Riesenhand; sie wischte sich bers Gesicht, ber den
Mund weg, da die Unterlippe weit mit hinuntergezogen wurde und die
breite, feuchte, zartrosa Flche des Lippeninnern sichtbar wurde, und
fragte zwinkernd, ob er immer so galant sei.

Er verbeugte sich stumm. Oldshatterhand hatte ein hellgelbes Rckchen
an, dessen rmel ihm viel zu kurz waren und dem er auch sonst stark
entwachsen war. Seine braunen Haare ber der hohen Stirne standen zu
Berge. Die langen, feingliedrigen Finger unter dem Tisch ineinander
verkrampft, fragte er: Wrden Sie mir erlauben, da ich Sie nach Hause
begleite, mein Frulein? Und tief erschrocken setzte er hinzu: Sie
drfen nicht denken . . . ich wollte Sie nicht beleidigen.

Sie hielt Oldshatterhands Taschentuch vor den Mund und lugte darber
hinaus auf ihn. Heute geht's nicht. Ich schlafe ja heute nacht im
Zimmer meiner Gndigen. Sie ist eben nicht ganz gesund . . . Heute
nicht. So ist es eben.

Er starrte die Kchin an und lachte Hi! hihiha! pltzlich sein
irrsinniges Lachen.

Auf zur Damenwahl! rief der Tanzordner. Und die Kchin verneigte sich
vor Oldshatterhand.

Tags darauf, es war noch ein Feiertag, blieb Oldshatterhand auf dem Wege
zum Tanzsaal vor dem Museum stehen. Ein Diener in Livree stand da. Wagen
hielten vor dem Hause, Fremde stiegen aus und gingen hinein.

Oldshatterhand ging auch hinein. Und auf den Zehenspitzen staunend durch
die khlen Sle.

Nach kurzer Zeit mute er sich erschpft auf eine Polsterbank setzen.
Erregt dachte er an seine Zeichnung, die er im Zimmer nach dem
Heiligen Tier gemacht hatte, und verglich sie mit den Kunstwerken an
den Wnden. Wirre Gedanken und Vorstellungen zogen durch sein heies
Gehirn, bis er, aus Angst, jemand habe ihm seine Gedanken vom Gesicht
abgelesen, zusammenschrak. Mit gleichgltiger Miene sah er sich
vorsichtig um.

Von nun an eilte er tglich nach Feierabend ins Museum und konnte gerade
noch zwanzig Minuten lang die Bilder ansehen.

Er sparte jeden Pfennig und sammelte sein Geld in einem Zugbeutel, den
er Tag und Nacht auf der Brust bei sich trug. Als er genug zu haben
glaubte, ging er nicht mehr auf die Arbeit, nur noch ins Museum und sah
stundenlang den Malern zu, wie sie kopierten. Sie kannten ihn schon und
lchelten, wenn er kam.

Immer, wenn er eintrat, betrachtete er zuerst eine kleine Landschaft,
und wieder, ehe er das Museum verlie. Es war eine hgelige Landschaft
mit Felderstreifen, grn und braun; ein paar blhende Apfelbume
dazwischen und darber ein Gewitterhimmel, durch den die Sonne brach. Er
liebte diese Landschaft; sie erinnerte ihn an die unterfrnkischen
Hgel.

Um fnfzig Pfennige kaufte er sich einen Farbkasten mit Pinsel, und
malte von seinem Dachfenster aus die Ansicht von Dresden.

Darber verging ihm der Winter.

                   *       *       *       *       *

Es war ein so heier Sommer, da selbst ganz alte Wrzburger
Brgersleute, die das Wasser jahrelang gerne entbehrt hatten, sich
entschlossen, ein Bad im Main zu nehmen. Und die Kinder pltscherten den
ganzen Tag ber im Wasser herum.

Der bleiche Kapitn ging von seiner Buchbinderwerkstatt nach Hause zum
Mittagessen. Das kleine, grne Plschhtchen verwegen auf einem Ohr, da
die andere blonde Kopfhlfte freiblieb, eilte er, die Lippen mrrisch
nach auen gestlpt, mit langen Schritten dicht an den Husern entlang,
da sein rmel die Mauern streifte, und schien mit den Fingerspitzen,
mit denen er bei jedem Schritt die Hausmauern berhrte, den Weg hinter
sich zu schieben.

Hastig a er sein Mittagbrot, sprang hinauf in seine Dachkammer und bte
alle seine neu angeschafften Hanteln durch.

Von drei Pfund an aufwrts, bis zu einer zweihundertachtzigpfndigen
Scheibenhantel, lagen in der Kammer des bleichen Kapitns in Reihen
geordnet die Gewichte, da sich die Balken bogen und die Decke unter der
Kammer einzustrzen drohte.

Der bleiche Kapitn hatte ein Buch gelesen: Wie werde ich Athlet.

Und von dem Tage an war er von Grund auf verndert, rauchte nicht mehr,
trank nicht mehr, redete nur noch das Ntigste -- er stemmte. Die Folge
davon war ein schwerer Konflikt mit seinem Bruder, Benommen dem Wirt,
der dunkel ahnte, da er die Ruber als Kundschaft verlieren wrde, wenn
es ihnen einfiele, auch Athleten zu werden.

Der bleiche Kapitn hob die Hanteln wieder auf das Gestell, denn die
Mittagstunde war vorber. Tief aufatmend, spannte er einen Zentimeter um
seinen Brustkasten herum, notierte das Ma, kontrollierte den Muskel des
Oberarms und konnte mit Freude feststellen, da der Muskel seit einer
Woche um eineinhalb Millimeter strker geworden war. Nachdem er noch
Unterarm- und Schenkelmuskel gemessen hatte, eilte er, ohne den Blick zu
erheben, dicht an den Husern entlang, seiner Arbeitssttte zu.

Auf der Domstrae traf er den Schreiber dabei an, wie er tief das
Mdchen mit den braunen Zpfen grte.

Der Schreiber ging gebeugt und hatte kreisrunde Flecken auf den
eingefallenen Wangen.

Das, was du damals gesagt hast, was man jeden Tag tun drfe, so oft man
nur wolle . . ., das ist das Gefhrlichste, was es berhaupt gibt auf
der Welt, sagte der bleiche Kapitn. Und was gar die Mdli anbelangt,
mein Lieber, da sag ich dir: wenn du e Mdle nur ansiehst, dann kannst
schon nimmer stemm -- so schwcht dich das. Gr Gott. Das war des
bleichen Kapitns letzter lngerer Satz auf Jahre hinaus.

Die Ruber kamen gar nicht mehr zusammen.

Die Rote Wolke sang den ganzen Tag Nach der Heimat mcht ich wieder,
nach dem teuren Heimatort, denn er war Mitglied des Jnglingvereins
Frischer Bursch geworden, der auch Theatervorstellungen gab. Das
Stiftungsfest des Vereins stand nahe bevor, das Einweihungslied war
wochenlang geprobt worden, und die Rote Wolke sang den ersten Tenor. Der
Knig der Luft war eifriger Turner und trug sich mit der Idee, zusammen
mit einigen jungen Anhngern, die Hanteln jonglieren und auf den Hnden
laufen konnten, eine Varietvorstellung zu geben, in einem Dorfe bei
Wrzburg. Falkenauge war aktives Mitglied der Angelgesellschaft
Walfisch geworden.

Jeder ging seine eigenen Wege. Gro jedoch war die Bewunderung der
Ruber, als sie vernahmen, da der bleiche Kapitn einen Preis errungen
hatte beim Vereinsstemmen des Athletenklubs Muskel, dessen Mitglied er
war.

                   *       *       *       *       *

Die kleine, dicke Frau Vierkant stand seit einer Stunde in der
Wrzburger Bahnhofshalle und sah hinunter in den Perrondurchgang. Hin
und wieder wischte sie sich ber die Augen, und ein Lcheln des Glckes
entstand in ihrem verhrmten Gesicht.

Als der Zug einlief, verschwand das Lcheln; in hchster Spannung der
Erwartung und des Zweifels blickte sie hinunter in den Durchgang, durch
den jetzt die angekommenen Reisenden eilten. Darunter ein schlanker
junger Mann in hochmodernem, blauen Anzug und mit einer schwarz-wei
gestreiften Krawatte, die sich weit heraus wlbte; sein dnnes
Spazierstckchen mit blitzender Zinnkrcke hielt er unterm Arm, denn er
zog eben braune Glachandschuhe ber.

Mit einer Verbeugung nahm er seinen steifen Hut ab vor Frau Vierkant,
streckte ihr die Hand hin und lchelte.

Sie reichte ihm zgernd die ihre. Und warf pltzlich die Arme ber den
Kopf.

Jetzt erst hatte sie ihren Sohn Oldshatterhand erkannt; er war um mehr
als einen Kopf grer geworden.

Einen Gummimantel hast du dir gekauft? fragte die Mutter erstaunt.




Sechstes Kapitel


Alle Ruber waren zu Ehren des heimgekehrten Oldshatterhand in der
Dachkammer des bleichen Kapitns versammelt.

Winnetou fehlte.

Die, welche den Rauchklub gegrndet hatten, muten ihre Pfeifen vor das
Fenster legen, denn der bleiche Kapitn sagte: Rauch ist Gift . . . fr
einen Athleten.

Die Ruber saen auf dem Bett. In der Ecke lehnte elegant
Oldshatterhand. Wie werde ich Athlet lag aufgeschlagen auf dem Tisch.

Hast feine Mdli kenne gelernt, berall wo du warst, fragte der fahle
Schreiber.

Oldshatterhand wippte sich los von der Wand. In Frankfurt . . . Da
gibt's eine Gasse. Die Rosengasse. Die ist so eng, da man nebeneinander
gar nicht durchgehen kann. Die Huser sind ganz grau . . . und dunkel
und unheimlich . . . Aber vor den Haustren, so auf den Stufen, sitzen
Mdchen, die Arme um die Knie geschlagen . . . seht, so sitzen sie, in
rosaseidenen, in violetten Hngekleidern und manche in ganz roter Seide
. . . Und wenn du durch die Gasse gehst, sehen sie dich an, lcheln sie
dich an, rufen sie dich . . . und so halt.

Bist neigange mit so'n Mdle?

Hi! hihiha!

Dann is aus mit der Kraft, sagte still der bleiche Kapitn. Das kann
man an dir merk.

Ich mach ja gar nix mit Mdli.

Wie . . . du's machst, is ganz gleich. Wenn du berhaupt nur an sowas
denkst, is dei Kraft scho beim Teufl. Der bleiche Kapitn griff dem
Schreiber an den Oberarm. Zieh mal dei Rckle aus. Schob dem Schreiber
noch den Hemdrmel zur Schulter, befhlte das dnne rmchen und lie es
verchtlich sinken. Oh, macht nur so weiter.

Gestern hab ich 'n Hecht gefange, sagte Falkenauge. Von anderthalb
Pfund.

Kriegst vielleicht davo Kraft?

He?

Kraft! sag ich. Kraft is die Hauptsach auf der Welt! Jetzt will ich
euch amal was zeig. Schaut amal alle zum Fenster naus.

So, jetzt.

Einem weien Riesenfrosch gleich, hockte der bleiche Kapitn nackt ber
seine Scheibenhantel zusammengekauert. Die Ruber hrten, wie er den
Brustkasten voll Luft sog. Da schnellte der Krper in die Strecke: die
zentnerschwere Hantel berhrte die Kammerdecke. Der Kopf lag tief im
Nacken. Eine Jnglingsstatue aus Silber, stand reglos der bleiche
Kapitn, vom kalten Mondlicht getroffen. Das handgroe, zinnoberrote
Tchlein war vorgebunden.

Die Hantel knallte auf den Fuboden zurck. Ein dumpfes Krachen tnte
von unten herauf: die Decke der Wirtsstube war auf die Kpfe der Gste
gefallen.

Die Ruber umringten ihren Hauptmann und befhlten staunend seinen
Krper. Der war hart wie Elfenbein.

Das Kreischen der Witwe Benommen nherte sich; sie ri die Tr auf und
prallte zurck vor ihrem nackten Sohn. Mrrisch stlpte er seine
Unterlippe hin. Die Tr knallte ins Schlo.

Der bleiche Kapitn rckte das zinnoberrote Tchlein, das sich
verschoben hatte, wieder in die Mitte und sagte hochdeutsch: Jetzt
mache ich euch einen Vorschlag. Wir grnden einen Athletenklub . . . auf
intelligenter Basis.

Was ist das? Basis?

. . . Basis ist schon richtig, sagte der bleiche Kapitn und legte die
Faust auf Wie werde ich Athlet. Den Namen hab ich schon. Wir nennen
uns >Klub fr intelligente Leibeszucht<. Jeden Abend kommen wir in
meiner Kammer zusammen und stemmen . . . natrlich nackt. Das ist von
wegen der Transpiration . . . Und das eine mcht ich euch noch sag:
htet euch vor den Weibern und . . . vor dem andern, nun ja, ihr wit
schon, was ich mein'.

Aber ich hab ja Singprobe abends, rief die Rote Wolke.

Kriegst amend davo Kraft?

Kraft . . . Nein. berhaupt, was soll das heien: >Nach der Heimat
mcht ich wieder<. Wenn ich mir's genau berleg . . . ich war ja noch
gar nie aus Wrzburg drauen.

Gott, die mache sich ja lcherlich mit ihrem bldsinnigen Geplrr. Aber
wenn ich Muskel hab, da wei ich doch, was ich hab, sagte der bleiche
Kapitn und griff zum Zentimeter, nahm die Mae von den Brustksten und
den Arm- und Schenkelmuskeln der begeisterten Ruber, die sich hastig
entkleideten, und registrierte alles genau in sein Bchlein.

Der Klub fr intelligente Leibeszucht war gegrndet.

Jetzt trinken wir ein paar Glas Bier unten bei dein Bruder.

Verchtlich lchelnd blickte der bleiche Kapitn den Schreiber an. Wenn
du ein Athlet werden willst, darfst du keinen Alkohol trinken. Hchstens
manchmal, aber nur einen Schluck. Rohes Hackfleisch mit Ei, oder
Beefsteak mut fre, soviel du kannst.

Die Ruber gingen hinunter in die Wirtsstube und saen wieder auf dem
alten Lederkanapee am runden Tisch neben der Schenke. Jeder hatte einen
Teller rohes Fleisch, mit Ei vermengt, vor sich.

Verstimmt blickte Benommen der Wirt nach den Milchglsern auf dem
Athletentisch.

Die schne Kellnerin war immer noch da. Ihr Leib trat stark vor. Voller
Freude sah sie auf die wiedervereinigten Ruber.

Das Gepolter in der Kegelbahn endete pltzlich. Ein schwarzhaariger
Bursche schlich mit nach innen gerichteten Fuspitzen lautlos durch die
Wirtsstube. Sein abgemagertes Gesicht war fleckig und ockergelb, und
seine dunklen Augen glhten fiebrig. Erst krzlich war er aus Hamburg,
dem Ziel aller Wrzburger Knaben, krank zurckgekehrt. Er setzte sich
ans Fenster zu einem hellugigen, blonden Jngling.

Der Kranke begleitete mit der Gitarre und sang die zweite Stimme, kaum
hrbar und hohl aus dem Halse heraus, der andere die erste Stimme, rein
und voller Hingabe. Es wurde ganz still in der Stube.

Auf, Matrosen ohe! sangen die beiden.

Auf die wogende See.

Oo . . . heee! sang der Zurckgekehrte dunkel und dster . . .

   Schwarze Gedanken sie wanken und fliehn,
   Geschwind, wie der Sturm und Wind.

                   *       *       *       *       *

An einem schnen Sommernachmittag stieg Oldshatterhand mit seiner
Schwester und deren Freundin, Lenchen Leisegang, die vielen hundert
Staffeln hinauf zum Wrzburger Kppele, an der Leidensgeschichte
Christi vorbei, welche, von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung, in
vierzehn Stationen plastisch dargestellt, Sinnbild und Ausklang der
frommen, gotischen Stadt Wrzburg im Tale ist.

Brger, Bauern aus der Umgegend, alte Weiber, Rosenkrnze in die drren
Hnde verschlungen, knieten auf den Stufen und bewegten die Lippen im
Gebet. Viele Kranke waren darunter, Katarrhalische, Schwindschtige,
welche Gesundheit erbeteten. Und kleine Kinder, die den Herrgott um
Vergebung ihrer Snden baten.

Frh um drei Uhr hatten sie das erste Vaterunser auf der untersten Stufe
gebetet, waren knieend auf die zweite Stufe geklettert, auch diese
abbetend, und weiter, Stufe fr Stufe, bis zur ersten Station, wo drei
Vaterunser gebetet werden muten. Immer auf den Knien rutschend, beteten
sie Stufe um Stufe, Station nach Station hinter sich, bis gegen Abend
das ersehnte Ziel, der Gipfel, wo Christus am hohen Kreuze hngt,
endlich erreicht war und sie ohnmachtnahe am Kreuzesfu zusammensanken.

Jedoch die frommen Mnche waren barmherzige Samariter, hatten eine
Hausapotheke und halfen den Bern wieder auf die Beine, damit sie dem
Hochamt in der kleinen Kuppelkirche doch noch beiwohnen konnten. Und man
sah nur verklrte Gesichter, denn die Ber wuten, da fr den langen,
bitterschweren Betgang auf den Knien durch Staub und Hitze der liebe
Gott im Himmel ihre Bitte um Hilfe erfllen werde.

Die beiden Geschwister und das Mdchen stiegen an den betenden Glubigen
vorbei, bis zum Marienfu. Das Mdchen probierte ihren Fu in die
Hhlung, von der es hie, da die heilige Maria hier einen Augenblick
gerastet habe, worauf ihr Fu in den harten Stein wie in Butter
eingesunken sei.

Die Schwester wies auf ein knieendes, uraltes Bauernweiblein, das sich
vorsichtig umsah und, eine Stufe unterschlagend, gleich auf die nchste
Stufe rutschte.

Die drei verhielten sich reglos und beobachteten, da die Buerin den
Vaterunserdiebstahl vor der siebenten Station -- ein nackter, muskulser
Landsknecht mit Speer und Schamtuch pret dem verschimpfierten Jesus die
Dornenkrone aufs Haupt -- unter grter Vorsicht wieder beging.

Lenchen Leisegang lchelte Oldshatterhand zu. Sie war vgelchenzart,
aschblond und hatte ihr schnes, hellgelbes Sonntagskleid an.

>Ich mchte einmal ganz allein mit ihr auf einer Bank im Abendgarten
sitzen<, dachte Oldshatterhand.

Unter Glockenluten kamen sie auf dem Kppele an. Rund um die Kirche
herum klebten die Verkaufsbuden, wo Kerzen zu haben waren, nicht dicker
und lnger als ein Kinderfinger, bis zu Kerzen, so dick wie ein
Mnnerschenkel und zwei Meter hoch. Diese waren mit blutenden
Muttergottesherzen aus Papier geschmckt. Wer Geld genug hatte, konnte
eine solche Prchtige erhandeln und sie der Kirche opfern.

Es gab alle Sorten Rosenkrnze, Limonade, Spieldosen,
Weihrauchpyramidchen, Wachsstcke, Nrnberger Lebkuchen, Christusse,
Amulette, heilige Josephsringe aus Zinn fr zehn Pfennige. Auch ein
Schnpschen war zu haben.

Ein Knabe deutete hinunter ins blaue Tal, durch das der sonnengoldene
Main zog. Langbrtige Mnche mit klappenden Sandalen schritten durch die
verstaubte Menge.

Aus der gedrngt vollen Kirche tnte das silberne Klingeln der
Ministranten. Alle Menschen fielen auf die Knie; das Gebetsgemurmel
erklang.

Die Kerzenweiber schlugen das Kreuz mit der einen Hand, mit der linken
nahmen sie den Kaufpreis entgegen und stritten sich verzweifelt mit den
Bauern herum, welche die billigen Kerzen nicht kaufen wollten, fr die
teueren, dafr aber wahrscheinlich auch mehr Gottessegen eintragenden
prchtigen Riesenkerzen nur den halben Preis boten, stundenlang
feilschten, um sie dann befriedigt der heiligen Mutter darzubringen.

Die zwei Mdchen und Oldshatterhand standen vor einer Bude, wo an
Schnren kleine Arme hingen, Beine, Herzen, Ohren, Hnde -- aus Wachs,
die man kaufen und seinem Schutzheiligen opfern mute, damit das kranke
Bein, das Ohr, das Herz gesund werde.

Soll ich mir ein Wachsrmchen kaufen? fragte die Schwester. Sie hatte
einen vom Knochenfra steif gebliebenen Arm. Es knnte ja nix schad.
Vielleicht hilft's.

Ich glaub nit, da es was hilft, meinte Oldshatterhand.

Da trat die Menge, Gelobt sei Jesus Christus murmelnd, zur Seite:
neben einem hohen Mnch kam Winnetou geschritten in der weien
Ministrantenstola, das qualmende Weihrauchfa schwingend.

Erfreut wollte Oldshatterhand ihn anrufen, und schwieg betroffen, denn
Winnetou senkte den Kopf und ging vorber.

Die Mnche auf dem Kppele hatten einen Bernhardinerhund. Der lief jeden
Tag ohne Begleiter die vielen hundert Stufen hinunter und noch eine
halbe Stunde weit durchs Maintal zum Weinwirt und Bckermeister
Schlauch, der erst krzlich eine Mutter Gottes aus Gips gestiftet hatte,
und holte einen Sack voll Morgensemmeln fr die Mnche. Man erzhlte
sich, der Hund habe schon sieben Menschen das Leben gerettet. Es war ein
groes, schnes Tier, dem ein Auge fehlte.

Der Wunsch, Wrter und Pfleger dieses von den Mnchen geliebten und
verehrten Tieres zu werden, war nur der uerliche Anla fr Winnetou
gewesen, sich den Mnchen zu nhern, nachdem die unverhoffte Gte der
Mutter in ihrer Sterbestunde ihn gottesfrchtig gemacht hatte. Von der
Mystik des Klosters angezogen und gefesselt, hatte er spterhin auch
manche Nacht bei den stillen Mnchen verbracht. Oft durfte er jetzt
schon den krnkelnden Bruder Anastasius vertreten, in der khlen Zelle
hinter dem Barmherzigkeitsfenster sitzen und den armen Kindern aus der
Stadt das durch ein Vaterunser erbetete Stck Klosteranisbrot reichen.
Die Kinder kannten ihn schon, denn Winnetou schnitt tief in den Brotlaib
hinein. Auch machte er sich nichts wissen, wenn sie am selben Tage zwei-
oder gar dreimal kamen. Und war ein Lutherischer unter den Bittenden,
der das katholische Vaterunser nur so ein bichen mitbrummen konnte,
dann lie er auch das gelten.

Winnetous dunkle Augen im edlen Jnglingsgesicht waren von tiefer Brune
umschattet. Auf der Oberlippe hatte er vereinzeltstehende, lange,
schwarze Haare. Seit einiger Zeit lebte er ganz bei den Mnchen. Einen
Beruf hatte er nicht.

Die drei verlieen den Kirchplatz und schritten durch einen Hohlweg, an
Weinbergen vorbei.

Die Schwester hatte sich doch ein Wachsrmchen gekauft und es am
Opferaltar aufgehngt. Vielleicht wrde sich die Wunde an ihrem steifen
Arm wenigstens schlieen, meinte sie.

Die Wunde war wieder aufgebrochen vor einigen Jahren, als Herr Mager,
der damals Lehrer der Mdchenklasse gewesen war, der Schwester mit dem
Rohrstock sechs heftige Schlge auf die Hand gegeben hatte, obwohl er
von dem kranken Arm unterrichtet gewesen war.

Man hatte ihm daraufhin die Mdchenklasse genommen und seinem nie
ruhenden Rohrstock die Knabenklasse ausgeliefert. Aber die Wunde am Arm
der Schwester war seither offen geblieben, obgleich die Frau Vierkant
auf den Rat einer weisen Alten hin, ein Knochenstckchen, das bei der
ntig gewordenen Operation aus dem Ellbogengelenk herausgeschnitten
werden mute, einem Straenhund zu fressen gegeben hatte.

Wird der Hund nur krank von dem Knochen, dann schliet sich wenigstens
die Wunde, hatte die weise Frau gesagt; stirbt er aber an dem Knochen,
dann wird der steife Arm wieder beweglich, wie jeder andere.

Der Hund hatte das schlechte Knchlein gefressen, war aber ganz gesund
geblieben.

Versonnen schritt die Schwester weiter.

Neben Lenchen Leisegang, die sich an einem Stacheldrahtzaun ein Loch in
ihr Sonntagskleid gerissen hatte und bekmmert dreinsah.

Das knnen Sie wieder schn zustopfen, trstete Oldshatterhand. Und
nach einer Weile: Man mu eine Fureise machen . . . um die ganze Welt,
und alle Stacheldrahtzune, die es berhaupt gibt, zerstren. Eine Zange
mitnehmen, die Drhte durchzwicken und die Zune auf die Seite schaffen
. . ., da sich kein Mensch mehr einen Triangel ins Kleid reien kann.
Stacheldrahtzune sind doch hundsgemein und hinterlistig!

Ein Bauer ging vorbei mit einem quiekenden Ferkel im Arm. Seine Buerin
stolperte betend hinter ihm drein. Ein paar barfige Jungen, auf der
Flucht vor dem Feldhter, rannten die Buerin fast um. Ein ganz Kleiner
warf die gestohlenen pfel weg, zog einen Dorn aus der Fusohle und
hinkte heulend weiter.

Auf der Berghhe erschien der Feldhter und sein kleiner, weier
Spitzhund. Haben Sie gesehen, wo die verdammten Lausbuben naus sind?

Da hinaus! zeigte Oldshatterhand in die falsche Richtung.

Sie stiegen wieder stadtwrts, durch die Annaschlucht hinunter, einer
noch vor wenigen Jahren verwildert gewesenen Felsenbergschlucht, durch
die eine starke Quelle ins Tal hinabgestrzt war. Der Wrzburger
Verschnerungsverein hatte nach langem Ringen mit der strrischen Natur
aus dem Ganzen ein Idyll geschaffen: kleine trbe Seechen mit zwei
Dutzend Goldfischchen bevlkert; Brckchen aus krummen Birkensten, noch
mit der weien Rinde, berspannten die gezhmte Quelle;
Birkenholz-Aussichtshuschen, Birkenholz-Aussichtsbnke, Wegweiser,
Gedenk-, Erinnerungs- und viele Warnungstafeln aus Birkenholz
verschnten die Landschaft.

Sie saen auf einer Birkenholzbank, auf der zu lesen war: Gestiftet von
Herrn Kilian Nikodemus Anastasius Pimpf, Stadtpfarrer in Wrzburg.

Ihr pat gut zueinander, sagte die Schwester zur Freundin, die
verwirrt aufstand und vorausging.

Es is halt e dummes Mdle. Sieht sie einer nur an auf der Stra, dann
mcht sie glei durchs Pflaster in Erdbode neifahr . . . Und du . . . du
bist auch ein dummer Kerl. Die ganze Zeit, solang du fort warst von
Wrzburg, ham wir jed'n Tag von dir gesprochen. Und noch ehe sie dich
gesehen hat, war sie schon so verliebt in dich . . . Aber so verliebt!
Wenn du jetzt nit so dumm wrst . . .

Ich bin ja gar nit so dumm . . . Hi! hihiha!

Da sah Oldshatterhand eine mchtige, blutrote Wolke, auf der ein
silberner Engel stand, und sagte es der Schwester. Auch da die Wolke
mit dem stillstehenden Engel jetzt fortschwebe.

Im Tannenwald im Tale stand Lenchen Leisegang hell vor einem
Haselnustrauch. Der Wald roch stark, und die Stmme, von der Abendsonne
beschienen, leuchteten rot.

Henkeln Sie ein bei mir, sagte Oldshatterhand und verbeugte sich.

Sie tat es, mit einem prfenden Blick auf die Schwester. . . . Da! Und
stie ihm ihren Feldblumenstrau in die Hand.

So gingen sie nach Hause.

                   *       *       *       *       *

Greif amal her! brachte der Knig der Luft vor Kraftanstrengung gerade
noch heraus und lie Falkenauge seinen Oberarmmuskel befhlen. Wie is
er?

. . . Kolossal hart! Und meiner? Falkenauge stand im Ausfall. Der
Knig der Luft griff ihm an den Oberarmmuskel und sah dabei prfend in
den Himmel. Also, wie Felsen! Also und wahrhaftig! Also aber gehen
wir.

Sie schlenderten durch die vordere Fischergasse. Im Garten Zur schnen
Mainaussicht standen flsternde Weiber und stillgewordene Kinder um
einen aufgebahrten Sarg herum.

Die zwei drngten sich durch und wurden auch still.

Bltenwei lag die blonde Wirtstochter im Sarg. Nur ihr Mund war rot und
lchelte hold, wie wenn sie im Traum eine Kerze zerschnitte, um fr die
Tanzenden den Boden zu gltten.

Die Abendsonne warf rosigen Schein ber sie, und die Vgel pfiffen im
Kastanienbaum, unter dem das Fell des Bernhardinerhundes ausgebreitet
war. Es hatte groe enthaarte Stellen.

Die Kriechende Schlange sa auf dem Baume, im Laub versteckt, und zielte
mit einer stacheligen Kastanie einer Alten auf den Scheitel, traf aber
seiner toten Schwester ins Gesicht, so da drei Blutstrpfchen auf der
Wange der Toten hervortraten. Speichelblschen zwischen den Lippen,
beobachtete er, wie es um den Sarg herum ganz still wurde.

Der rote Fischer ging grimmig an den Weibern vorbei in die Wirtsstube.
Der blonde Sachse und das kleine, schne Waisenmdchen saen schon
drinnen und tranken grnen Likr.

Diese drei waren seit langer Zeit die einzigen Gste, denn die Schne
Mainaussicht war in Verruf geraten: der Pfarrer hatte von der Kanzel
herunter seine Pfarrkinder gewarnt vor dieser Wirtschaft.

Der Fischer vernachlssigte den Fischfang; Tag und Nacht sa er bei der
Wirtin. Niemand kaufte Fische von ihm -- er hatte vergessen, am
Grndonnerstag mitzuwallen.

Die Wirtin stand hinter dem Schanktisch und drckte ein Zuckerpltzchen
in ihr verquollenes Gesicht, in dem der Mund gar nicht mehr zu sehen
war.

Da stehn sie um Sarg rum wie die Maulaffe! Jag sie doch zum Teufl!
schimpfte der Fischer und hob die Arme. Heilige Maria und Joseph! so a
Gaudi. Wer tot is, den beit ke Floh mehr. Grad komm i vom Pfarrer; er
hat g'sagt: ich will mir das Ganze noch einmal vom kirchlichen
Standpunkt aus berlegen . . . Will der damische Hundsknoche dem tote
Mdle ke christlichs Begrbnis geb. No, i hab 'n mei Meinung
mitgeteilt.

Aber wunderschn liegt sie im Sarge. Das greift mir direkt an das
Herze, sagte der Sachse.

Jau, Herze!

Die Wirtin lief hinaus zum Sarg und versuchte noch einmal, die Hnde der
Toten zu falten. Die Hnde waren aber schon steif.

Die Kriechende Schlange kletterte schnell und ungesehen vom Baum
herunter, schlich in die Wirtsstube, hinter den Schanktisch, und stahl
aus der Geldschublade eine Handvoll Nickelstcke.

Die Wirtin verjagte den Spatz, der immer wieder vom Kastanienbaum
herunter auf das Hundefell plumpste und, mit ein paar Haaren im
Schnabel, auf den Baum zurckflog, wo er sich sein Nest baute. Sie griff
ins Fell, hatte die Hand voll Haare, schttelte den Kopf und ging zurck
in die Wirtsstube, whrend die tuschelnden Weiber die Kpfe
zusammensteckten und auf die Tote deuteten, die jetzt zerfallen aussah
im kalten Licht, denn die Sonne war untergesunken.

Sie war heut scho dreimal bei unserm Herrn Pfarrer, sagte eine Alte,
aber er kommt nit. Die Alte flsterte der anderen noch etwas ins Ohr.

Da nherten sich scharrende Schritte und rasselnder Atem. Der
gromchtige Pfarrer im Ornat kam die Treppe herauf, mit den
Ministranten und dem hinkenden Flickschneider.

Der Duckmuser reichte das wolkende Weihrauchfa. Der Pfarrer schwang es
ber die Tote. Vor der Pforte der Hlle bewahre ihre Seele. Dominus
vobiscum. Et cum spiritu tuo.

Die Weiber waren auf die Knie gesunken.

Unter der Wirtschaftstr stand der rote Fischer, die Mtze vor der
Brust.

                   *       *       *       *       *

Mit seinem Malgert und einem angefangenen Bild eilte Oldshatterhand am
Mainufer entlang, bis zu dem Weidenbusch am kleinen See, wo er damals
zum Schreiber und zum bleichen Kapitn gesagt hatte: >Ihr geht also nit
mit! Ihr Feigling, habt die ganze Jahr her nur geloge?<

Die Sonne stand hoch berm Wald, der die Weinberge umsumt. Der Flu
glitt breit dahin. Es roch nach Wiese, Wasser und Weide, im ganzen Tal
war kein Mensch, und der kleine See lag klar und blau, wie ein Auge der
Erde.

Oldshatterhands Blick flog vom Weidenbusch zum Bild; er hatte kein
Blttchen vergessen. Malte mit Sorgfalt und Begeisterung den goldigen
Rcken einer Hummel fertig, die gekrmmt an einem Zweige hing.

Aber nur mit groer Angst wagte er an der sitzenden Gestalt etwas zu
verndern, die er unter den Busch gemalt hatte -- ein Mdchen, zum Baden
bereit, dem das blonde Haar aufgelst in den Scho fiel.

Hoch am Himmel ber dem Flu zog ein Fischreiher gemessen seine Kreise,
sauste unvermittelt mit ein paar Flgelschlgen davon; schnell hat ihn
die blaue Ferne genommen.

Als Oldshatterhand nach einer kurzen Weile aufs neue den Blick erhob,
hing der Reiher schon wieder still, aus Gold, am blauen Himmel ber dem
Flusse.

Hi! hihiha! lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen und
malte in gotischer Druckschrift den Namen des blonden Mdchens unter das
fertige Bild: Helene, in ewiger Verehrung, bermalte das Wort
Verehrung wieder und schrieb anstatt dessen, In ewiger Liebe.

Oo . . . ha h . . . ! klang es langgezogen vom Flu her. H
. . . ! warf das Echo zurck: drei barfige Schiffszieher mit nackten
Oberkrpern, hintereinander gespannt und schrg gegen den Boden
gestemmt, kamen am Ufer herauf. Auf dem uersten Ende des Lastschiffes,
das sich wie von selbst den Flu langsam aufwrts bewegte, stand ein
kleiner, weier Spitz und bellte. Das klang aus der Ferne wie das Quaken
eines Frosches.

Abends um acht Uhr stand Oldshatterhand in der Eichhornstrae und
wartete auf Lenchen Leisegang. Wie jeden Tag seit zwei Monaten.

Ein warmer Regen ging nieder und schlug Mnnchen in den Lachen, in denen
sich das Licht der Laternen brach.

Gegenber, unter einem beleuchteten Muttergottesbildwerk, stand ein
dicker Infanterieoffizier, der auf die sehr schne, vollbusige Schwester
des Glasermeisters Johann Jakob Streberle wartete. Sie war auch Nherin
und im selben Geschft wie Lenchen Leisegang.

Oldshatterhand hatte seinen Gummimantel an.

Er ging auf und ab und freute sich. Das Bild hielt er unter dem Mantel
versteckt.

Pltzlich, wie wenn jemand da! sagt und die Gesellschaft aufhorcht,
wurde es still -- der Regen hatte geendet.

Lenchen Leisegang erschien unter der Haustr, blickte mrrisch in den
Himmel, lchelnd auf Oldshatterhand und stieg auf den Zehenspitzen durch
die Regenlachen ber die Strae.

Eine Abteilung Soldaten kam marschiert. Augen rechts! brllte der
Sergeant. Die Gemeinen hieben in die Regenlachen ein, da der Dreck hoch
aufspritzte und der eifrig abwinkende Offizier ngstlich seinen Mantel
zusammennahm, whrend das schne Frulein Streberle mit wiegender
Hftbewegung auf ihn zuschritt.

Wo die Anlagen beginnen und die Laternen enden, verbeugte sich
Oldshatterhand und sagte: Bitte, henkeln Sie ein bei mir.

Jetzt sowas, erwiderte sie und tat es.

Da gab er ihr das Bild. Sein Herz klopfte rasend. Es ist nichts
Besonderes. Nichts. Ich hab's halt so gemalt, sagte er gleichgltig.

In eeewiger Liebe! rief sie, laut lachend vor Verlegenheit. In
eeewiger Liebe.

Vor der Haustr hielten sie sich bei den Hnden und blickten zu Boden.

Wre es mglich, da Sie mir einen Ku geben?

Jetzt sowas, sagte sie und trat ins Haus.

Er ging ganz langsam weg.

Auf Wiedersehn! rief sie und warf ihm eine Kuhand nach.

Er lief die dunkle Strae hinunter. Da zwang ihn ein unbekanntes Gefhl,
stehen zu bleiben: er sah den weien Krper des Mdchens, und der
Wunsch, der bis jetzt nur in Trumen ihn bedrngt hatte, diesen kleinen
Krper mit der Hand zu liebkosen, stieg zum ersten Male bewut in ihm
auf. Pltzlich verlor er die Empfindungsfhigkeit so vollkommen, wie
wenn sein Krper blutleer geworden wre, sah gleichzeitig die Hurengasse
von Frankfurt. Und brllte: Gemein! Ich bin gemein!

Im Zimmer bei der Frau Vierkant sa die kolossale Braut des
Schlossergesellen Faulbank steif auf dem Kanapee, als Oldshatterhand
eintrat.

Drauen sangen Wind und Regen. Die Frau Vierkant mahlte Kaffee.
Oldshatterhand begann an dem Bildnis zu arbeiten, welches er, als sein
Hochzeitsgeschenk, von der Braut anfertigte.

Frau Vierkant, ich sag Ihne, ich hab eine solche Angst davor. Ich hab's
ihm schon g'sagt . . . ich tu's nit. Nie! Lieber heirat ich nit.

No, jetzt so dumm. Die Frau Vierkant lachte. Jetzt geht ihr acht Jahr
mitnander. Dumms Mdle.

Ich tu's nit. Nie! Nie! Die Braut ri die Augen auf. Mu denn das
sein?

Sie mssen stillsitzen, sagte Oldshatterhand und punktierte mit der
nadelscharfen Bleistiftspitze die unzhligen schwarzen Poren auf sein
Blatt, mit peinlichster Genauigkeit. Bis die Braut, neugierig, was
Oldshatterhand da steche, sich ber die Zeichnung beugte und rgerlich
rief: Jetzt so ein frecher Kerl! Das la ich mir fei nit g'fall.

Ich mu doch alles zeichnen, was da is, verteidigte sich
Oldshatterhand, und schattierte aufs sorgfltigste den groen Pickel am
linken Augenlid der Braut fertig, trank schnell seine Kaffeetasse leer
und eilte zur bungsstunde in den Klub fr intelligente Leibeszucht.

Sein Gehirn hatte gar nicht aufgenommen, vor was die Schlosserbraut sich
so sehr frchtete. Nur die Worte hatte er gehrt, aber vor Grauen,
diesen Gefhlen gegenber, den Worten ihren Sinn nicht gegeben. Viele
Monate lang litt er unter dem Glauben, gemein zu sein.

Die Ruber waren schon in der Kammer des bleichen Kapitns versammelt.
Alle waren nackt, und jeder hatte ein handgroes, zinnoberrotes Tchlein
vorgebunden.

Eine Nachtigall schlug im Kastanienbaum. Der Schreiber warf einen
Dachziegel nach ihr. Sie strte bei der Arbeit.

Einer lag auf dem Bauche und drckte so den Krper auf und ab; der
andere tat dasselbe rcklings. Der Knig der Luft kreiste zwei kleine
Hanteln und mahlte mit den Zhnen. Die Rote Wolke stand auf den Hnden,
die Fuspitzen bei der Kammerdecke; das Blut lief ihm in den Kopf, er
atmete schwer. Der bleiche Kapitn, mit der Uhr in der Hand,
kontrollierte die Zeit.

Der Schreiber sthnte.

Still! rief der bleiche Kapitn wtend.

Die Nachtigall schlug wieder im Kastanienbaum.

Schweigend bten die Ruber weiter. Alle waren mager und begeistert, und
alle stellten sich mglichst immer so, da die Hinterteile nicht zu
sehen waren, denn die waren nicht mit roten Tchlein verhngt.

Der bleiche Kapitn sprach nur das Allernotwendigste. Ja, nein, und gr
Gott. Seine Wangen waren schmal und seine Brust war kolossal breit
geworden. Er sah gefhrlich aus, wenn er, die Arme athletenhaft im Bogen
haltend, die Unterlippe vorgeschoben, ganz nahe an den Husern
hinstrich, das grne Plschhtchen verwegen auf dem Ohr.

Hanna! Hanna! rief eine Mnnerstimme im Wirtschaftsgarten, Bier!
Bier! und sogleich ertnte das keifende Schimpfen der Witwe Benommen
mit der schnen Kellnerin.

Der bleiche Kapitn kontrollierte die Mae der Ruber und notierte alles
ins Bchlein.

Es stellte sich heraus, da des Schreibers Oberarm um drei Millimeter an
Umfang zugenommen hatte.

Am andern Morgen ging der Schreiber, voller Verachtung gegen Eleganz und
Mdchen, die Arme athletenhaft vom Krper weghaltend, den Hut auf einem
Ohr, ohne Halskragen ins Bureau.

Herr Widerschein . . . das geht nicht, sagte Herr Karfunkelstein, Sie
sind doch kein Stromer. So laufen die Tagediebe herum, die Strizzi, die
Vierrhrenbrunnensteher . . . Herr Widerschein, einmal habe ich Sie
herausgerissen durch meine Verteidigung. Wenn Sie wieder in eine Patsche
kommen, gelingt es mir vielleicht nicht noch einmal . . . Einen Kragen
mssen Sie anhaben im Bureau.

Da erschien der Schreiber wieder mit einem Halskragen, den er jedoch,
wenn er das Bureau verlie, in die Tasche steckte, um, den Hut verwegen
auf dem Ohr, die Arme athletenhaft vom Krper weghaltend, den Heimweg
anzutreten.

                   *       *       *       *       *

Oldshatterhand stand im Schatten des heiligen Totnan auf der alten
Brcke und malte das sonnige Bild vor sich -- das alte Rathaus und die
Domstrae mit dem Dom, der sie abschliet.

Schon eine Weile sah ihm ein feingekleideter Herr mit am Kinn
ausrasiertem, langem, weiem Bart bei der Arbeit zu. Er hatte ein
Monokel vor dem Auge.

Wollen Sie mir das Bildchen abgeben? fragte der Fremde freundlich.

Oldshatterhand zitterten die Knie. Schwindlig vor Scham, beugte er sich
ber seine Arbeit und brachte kein Wort hervor.

Ich mchte das Bildchen gerne haben, zum Andenken an Wrzburg.

Ich geb's Ihnen!

Und wieviel soll das Bildchen kosten?

Kosten? -- -- --

Ein Bierwagen polterte whrend der langen Pause vorber; der Kutscher
beugte sich vor, um das Bild sehen zu knnen.

Vielleicht . . . eine Mark?

Der alte Herr lchelte, nahm aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte
und ein Scheckformular und fllte es aus. Nehmen Sie das. Und malen Sie
fest weiter. Das schne Bildchen senden Sie mir ins Hotel Kronprinz,
bitte.

Vorsichtig sah Oldshatterhand sich um, ob niemand den Bilderhandel
beobachtet hatte, und blickte dann dem Fremden nach, solange er ihn
sehen konnte.

Als man ihm in der Bankfiliale drei Zwanzigmarkstcke gab, sah er wie
ein Irrsinniger den Beamten an und konnte kein Glied rhren.

Sofort ging er in ein Papiergeschft. Packen Sie dieses Kunstwerk
vorsichtig ein und bringen Sie es ins Hotel Kronprinz. Sie wissen doch
-- das vornehme Hotel am Residenzplatz. Dort geben Sie es ab, fr
Freiherrn von Habenberg. Mit einer Empfehlung von Michael Vierkant
. . . Das bin ich. Sie mssen sehr vorsichtig sein, das Kunstwerk hat
einen Wert von sechzig Mark.

Geblendet von seinem Glck stand er auf der Strae. Die Vorstellungen
seines knftigen Knstlerruhmes jagten, bergipfelten einander, bis ins
Ungemessene.

Mit einer Zigarrenschachtel unterm Arm stieg er den Schloberg hinauf
und begann in den alten Schiegrben der Festung nach Blei zu graben, um
gleich noch etwas dazu zu verdienen: die Idee, Geld zusammenzuraffen, um
Knstler werden zu knnen, hatte in Oldshatterhand feste Form gewonnen.

Das Bleigraben war verboten, obgleich nur sehr wenig da zu finden war,
denn vor vielleicht fnfzig Jahren war das letztemal hier geschossen
worden, und viele Generationen Knaben hatten sich seither am Blei
bereichert.

Er hatte aber doch schon ein paar Pfund plattgedrckte Flintenkugeln
gefunden, als pltzlich ein Infanterieoffizier hinter einem
Brombeerbusch hervortrat. Was machen Sie da!

Ich . . . grabe Angelwrmer. Er hielt dem Offizier einen langen Wurm
zur Ansicht hin. Der Offizier legte grend die Hand an die Mtze und
ging weiter.

Er selbst hatte vor zwanzig Jahren als Gymnasiast in den Schiegrben
Blei gesucht und es verkauft beim Lumpenhndler Ei, der auch
Oldshatterhands Abnehmer war und elf Pfennige fr das Pfund gab, einen
Pfennig mehr als alle anderen Hndler, und nie fragte, woher das Blei
kam.

Herr Lumpenhndler Ei war ein vorurteilsloser Mann und reich. Und sein
Sohn war Korpsstudent bei der feudalsten Wrzburger Verbindung.

Am selben Abend sagte Lenchen Leisegang, als sie in den dunklen Anlagen
Oldshatterhands Arm genommen hatte: Mein Vater soll einen Hilfsdiener
bekommen, weil er schon alt ist und nicht mehr alles allein tun kann
. . . Wenn Sie wollen, bitte ich ihn, er mge Sie nehmen. Herr
Leisegang war seit fnfundzwanzig Jahren Klinikdiener im Wrzburger
Juliusspital.

Oldshatterhand war sehr verlegen, sagte aber zu.

. . . Sechzig Mark monatlich bekommen Sie und viele Trinkgelder.

Entrstet zog er seinen Arm aus dem ihren. Ich nehme keine
Trinkgelder!

Da fhlte er ihre Lippen auf den seinen und sah ihr betroffen nach, wie
sie durch die dunkle Anlage davonsprang.

                   *       *       *       *       *

Oldshatterhand stand im Laboratorium der Klinik neben einem
quittengelben Japaner. Die Japanerinnen sind aber nicht schn. Gefallen
Ihnen die deutschen Mdchen nicht auch unheimlich viel besser?

Die Lippen des Japaners ffneten sich zu einem lautlosen Lcheln, so
weit, da seine festen Zahnreihen, zwischen denen stets eine Zigarette
hing, und noch die zartrosa Zahnfleischbogen sichtbar wurden. Mir
gefallen die japanischen Mdchen viel besser, sagte er und go aus
einem Mezylinder Urin durch die Filter.

Seit einem Jahre untersuchte der Japaner geruschlos und mit grter
Geduld die Urine des ganzen Spitals, rauchte unzhlige Zigaretten dabei
und wurde von dem berhmten Kliniker, Geheimrat von Leube, sehr
geschtzt. Oldshatterhand schleppte fr ihn bereitwilligst die
Untersuchungsstoffe zusammen. Es gibt aber doch kein einziges blondes
Mdchen in Japan. Und deshalb verstehe ich nicht -- -- --. Warum sind
die Japaner eigentlich alle so kohlschwarz?

Weil schon die Suglinge jede Woche rasiert werden. Der ganze Kopf. Das
macht schwarze Haare. Der ist am schnsten, der ganz schwarz ist.

Neben dem Japaner arbeitete ein Trke mit aufgeschwemmtem Gesicht.
Oldshatterhand sah ihm eine Weile zu. In der Trkei kann einer hundert
Frauen haben?

Der Trke lchelte.

Und Treue gibt's in der Trkei berhaupt nicht?

Treue? fragte der Trke und stie einen Ballon voll Alkohol um. Er
brachte nie etwas zustande, begann viel und beendete nichts. Aber
Geheimrat von Leube liebte es, da Auslnder in seinem Laboratorium
arbeiteten.

Oldshatterhand wischte den verschtteten Alkohol auf. Wenn aber jede
Frau zehn Kinder bekommt, dann ist so ein Trke Vater von tausend
Kindern? . . . Tausend Kinder in einer Familie?

Der Trke lachte, da seine Hngewangen zuckten. Deshalb haben auch
fast alle Trken nur eine Frau. Nur wer ganz viel Geld hat, kann auch
mehr Frauen haben . . . Die Frauen sind kostbar und haben es gut bei uns
. . . Nicht so wie die deutschen Frauen.

Herr Leisegang schritt durch das Laboratorium und blickte streng umher.
Herr Leisegang war klein und hatte ein Holzbein, so da man ihn schon
von weitem kommen hrte.

Die Doktoren schielten ngstlich nach ihm hin und beugten sich
interessiert ber ihre Arbeiten. Oldshatterhand splte eifrig
Reagenzglser.

Herr Leisegang war der Tyrann des ganzen Spitals. Der Herr Geheimrat
htte lieber seine Assistenzrzte weggeschickt, als seinen treuen und
geschickten Diener entlassen.

Oldshatterhand wurde es ungemtlich zumute bei dem Gedanken, Herr
Leisegang knne erfahren, wer seine Tochter tglich nach Hause
begleitete, denn es war im ganzen Spital bekannt, da Herr Leisegang
sich entschlossen hatte, sein Lenchen mit einem Assistenzarzt zu
verheiraten. Da dieser dann Geheimrat werden wrde, dafr wollte Herr
Leisegang schon sorgen.

Oldshatterhand mute eine Kiste, die aus Ruland angekommen war, fr
Herrn Leisegang ffnen. Eine groe Kiste, vielfach verschnrt und
versiegelt. Obenauf lag Holzwolle, dann kam Heu, dann ein
Leinwandbndel, in dem, dick von Watte umpolstert, ein kleines
Flschchen lag. -- Eine russische Frstin hatte ihren Urin an den
berhmten Kliniker zur Untersuchung gesandt.

Weg mit dem Mist! Her mit dem Stoff! rief Herr Leisegang. Da will ich
doch aber gleich einmal sehen! . . . Von einer Frstin? Er roch in das
Flschchen, hielt es gegen das Licht und go eine Probe vom Inhalt ins
Reagenzglas. -- -- -- Eiwei hat die Frstin nicht. Er nahm noch eine
Probe in ein zweites Reagenzglas. -- -- -- Jetzt sowas! . . . Belstigt
das Weibsbild unsern Herrn Geheimrat . . . Zucker hat sie auch nicht.
Glaubt, weil sie eine Frstin ist. Da mu ich aber doch gleich dem Herrn
Geheimrat das Resultat mitteilen. Erbost stelzte Herr Leisegang aus dem
Laboratorium.

Der Herr Geheimrat schien anderer Meinung gewesen zu sein: eine Woche
spter traf die Frstin in Wrzburg ein, mit groem Gefolge. Sie war
siebenundachtzig Jahre alt und mute getragen werden.

Oldshatterhand bemhte sich um den weien Foxterrier, der in einen engen
Kfig eingesperrt war. Man hatte ihn mit Veitstanzgift geimpft. Seit
Wochen drehte er sich im Kreis, schnell und unaufhrlich. Ein
irrsinniger, weier Kreis.

Der Trke wollte eine Blutarbeit beginnen. Oldshatterhand ging ins
Schlachthaus, um frisches Schweine- und Ochsenblut zu holen.

Die Schweineschlachthalle war nicht gro. Oldshatterhand stand neben dem
Kessel, in dem das siedende Wasser dampfte.

Eine Partie Schweine wurde ber die Schwelle hereingetrieben; sie
tappten ngstlich grunzend, die Schnauze suchend am Boden. Die bei den
Trpfosten stehenden Metzgerburschen lieen die schon erhobenen
Holzklpfel auf die Schweinestirnen niedersausen; es krachte, wie wenn
ein Hund Knochen zerbeit. Erstaunt anklagendes, aus voller Kraft
kommendes Schreien durchschnitt Oldshatterhands Gehr, und ebbte
klglich ab. Die Tiere taumelten, fielen, und noch lebenzuckend, von
zwei Metzgerburschen geschwungen, platschten sie in den Kessel, hinein
in das siedende Wasser. Nur so, noch auf der Schwelle vom Leben zum
Tode, lassen sich die harten Schweineborsten leicht abschaben.

Die Leichen heraus aus dem Kessel, ein leise zischender Schnitt durch
die ganze Gurgel, und das dampfende Blut sprudelte in den Mezylinder,
den der bebende Oldshatterhand bereit hielt. So wollte es der Trke.
Frisches Blut.

Als Oldshatterhand sich bewegte, schien es ihm, als habe er Schuhe aus
Blei an den Fen. Ziehend ging er hinaus und hinber: in die
Ochsenschlachthalle. Gro, hoch, aus Eisenkonstruktion.

Schlachtstand an Schlachtstand. Blutdampf erfllte die Halle. Schreien,
Fluchen, Rindergebrll, hastende Metzger, welche Hute, Gedrme, tote
Klber schleppten.

Ich mchte frisches Ochsenblut, sagte Oldshatterhand zu einem jungen
Metzgerburschen, und sah ihm noch fragend und fremd ins blutverschmierte
Gesicht, als er die Kriechende Schlange schon erkannt hatte. . . . Bist
du jetzt Metzger?

Nein, Bffeljger! brllte die kraftstrotzende Kriechende Schlange und
hieb sein Messer in einen Ochsenschenkel.

Verwirrt sah sich Oldshatterhand in der dampfenden Schlachthalle um,
blde auf die Kriechende Schlange zurck.

Was schaust denn wie die Kuh wenn's donnert!

. . . Blut soll ich holen.

Kannst 'n Fa voll hab!

Die Kriechende Schlange und drei Metzgerburschen, Blutkrperchen in den
verschwitzten Gesichtern, die Hemdrmel bis zu den Schultern
aufgekrempelt, fesselten flink wie Teufel den Ochsen.

Die Schuvorrichtung ber die Stirn geschnallt, ein leichter Schlag
darauf mit dem Hammer, ein schwacher Laut, wie wenn ein Stein ins Wasser
klatscht -- der Ochse stand -- schneller als ein Gedanke brach er
zusammen. Die Kugel war ihm durchs Hirn gejagt, hinein in den Krper,
durch das Herz.

Die Knie auf den Kopf, das Messer bis zum Heft in den Hals, ein
Rischnitt, und das Blut brach dick wie ein junger Baumstamm aus,
berschwemmte den Schlachtstand, flo durch die Rinnen ab in den Kanal,
durch den Kanal in den Main, wo Angler neben Angler steht und die Fische
aus dem blutgefrbten Wasser schnellen.

Einer schnitt die Gelenke durch, ein anderer zog die Haut ab, die
Kriechende Schlange schlitzte den Bauch auf, ri die dampfenden Gedrme
heraus und stie sie mit dem Fu zur Seite.

Eisenhaken in die Vorderstumpfe, zu viert hoben sie fluchend den Ochsen.
Da hing er, violette Adern ber dem blutrnstigen Fleisch, die Augen
verglast, den blauen Schlachtstempel auf dem Schenkel, in der Reihe
neben den anderen. Drei Minuten hatte das Ganze gedauert.

Oldshatterhand sah erbittert die Kriechende Schlange an, der einem Kalb
einen Tritt in die Weichen gab, da es im Blut ausglitschte und in die
Knie sank. Er wollte etwas rufen, schwieg aber betroffen und blickte auf
den zierlich-kleinen Herrn mit khlbleichem Gesicht und glnzend
schwarzem Spitzbart. Der Herr hatte einen schwarzen Anzug an, tadellos
weie Wsche und trug eine goldene Brille auf der leicht gebogenen Nase.
Der Schchter. In der Hand das meterlange, blitzende Messer, flach,
breit, ohne Spitze, blickte er still auf die Metzgerburschen, die einen
wild aufbrllenden Ochsen fesselten, der am Boden lag.

Fertig?

Ruhig kniete er zum Kopf, den die Kriechende Schlange messergerecht
gedreht hielt, das Maul und die angespannte Gurgel nach oben, legte das
Messer an -- ohne noch zu schneiden --, da klaffte der Hals; das Messer
war bis zum Nacken durchgedrungen, das Blut berschwemmte den
Schlachtstand.

Der Ochse stampfte, schleuderte die drei auf ihm knienden Metzger hin
und her, stie unbeschreibliche Sthntne aus, wobei immer neues Blut
ausbrach, zuckte, zitterte, wohl fnf Minuten lang, und verrchelte.

Die Kriechende Schlange stach ihm die Augen aus; ein Zittern lief durch
den ganzen Krper; der Ochse hob noch einmal schief den Kopf, und lie
ihn verendend sinken. Die Metzger brllten vor Lachen, weil die
Kriechende Schlange die Ochsenaugen an die Wand schmetterte, da sie
kleben blieben und von der Wand herunter auf die Metzger stierten.

Wa . . . wa . . . warum qu . . . qult ihr denn den Ochsen so? fragte
Oldshatterhand, vor Grauen wieder stotternd.

'n Ochsen? . . . qulen? Du spinnst ja, sagte die Kriechende
Schlange lachend. Und dann, das ist doch das jdische Gesetz.

Aber warum hast du denn die A . . . Augen rausgestochen . . . die A
. . . Augen dort an der Wand . . . an der Wand . . . Er hat . . . hat ja
noch gelebt.

A . . . A . . . A . . . Augen! rief die Kriechende Schlange lachend,
warf sich die blutrnstige Ochsenhaut ber die Schulter und lie
Oldshatterhand stehen. Die Metzger schlugen sich auf die Schenkel vor
Vergngen.

Der zierliche Schchter war schon zum nchsten Ochsen gegangen, der fr
ihn bereit lag.

Ein kleines, wei gekleidetes Mdchen, mit einem Lmmchen aus Holz im
Arm, trippelte zwischen den hastenden Metzgerburschen durch zu seinem
Vater, dem Schchter. Der strich ihm bers Haar, kte sein Kind, drehte
es um und schob es weg.

Oldshatterhand drckte sich zur Seite; schwankende Ochsen mit
angststierenden, wissenden Augen wurden hereingefhrt, hereingezogen,
brllten dumpfklagend -- nicht laut --, die schumenden Muler in die
Hhe gereckt.

Hinein in den Schlachtstand, gefesselt -- drei Minuten spter hingen sie
ausgenommen, abgehutet, die Stmpfe von sich streckend, die blauen
Zungen blkend, in der Reihe neben den anderen.

Oldshatterhand floh durch den Blutdampf hinaus -- da schien die Sonne.
Die Spatzen flatterten und schrien.

Er blieb stehen. Und dachte zurck -- wie oft er am Schlachthaus
vorbeigegangen war, Tiergebrll gehrt hatte, Metzgerwagen voll blutiger
Schweine herausfahren und Ochsen hineinbringen gesehen hatte. Groe
Schafherden, zusammengedrngt. Man geht vorber.

Er begann zu rennen, durch die verschneiten Anlagen, blieb stehen, den
unbeschreiblichen Ton des Verrchelns im Ohr, und schmetterte pltzlich
die Blutglser in den Schnee. Gierig fra der Schnee das Blut. Es sah
aus, als wre hier ein Mensch ermordet worden.

Die Hnde in den Rocktaschen, die Schultern hochgezogen, ging er zurck
ins Laboratorium. Ich bringe kein Blut.

Ich mu aber Blut haben.

H! Ich bringe kein Blut, wiederholte er hmisch, und brllte noch
einmal, voller Wut Gesicht an Gesicht zum Trken tretend: Kein Blut!
wandte sich stracks um und ging weg. Durch den trichterfrmigen Hrsaal;
da stand Herr Leisegang und drehte die Kurbel des Sauerstoffapparates,
whrend ein Kranker, in der blau-wei gestreiften Spitalskleidung, den
Schlauch in den Mund hielt und mchtig ein- und ausatmete.

Jessas! Jessas! Jessas! rief Herr Leisegang und nahm den Schlauch
selbst in den Mund. Wie kann man sich so viechdumm anstellen. Jetzt
drehen Sie einmal.

In der Ecke standen die Frauen von der Hautkrankenabteilung fr das
Kolleg des Herrn Doktor Edelmut bereit und lachten.

Ihr lacht? Ihr habt's ntig! Jetzt sowas! rief Herr Leisegang, und der
glatzkpfige Herr Doktor Edelmut blickte emprt zu den Mdchen hin.

Oldshatterhand war erschrocken stehen geblieben. Unter den an Schminke
gewhnten, jetzt entschminkten, fleckigen und mit Geschwren besetzten
Gesichtern sah er das des kleinen, schnen Waisenmdchens, dessen sich
der Inhaber der drei Huschen angenommen hatte. Ihr feingeschwungener
Mund war auch jetzt tiefrot. Die Lippen bildeten eine lasterhafte,
wissende Mundlinie.

Seit sechs Wochen war das Kind Tag und Nacht mit den hautkranken Frauen
zusammen auf der Abteilung. Sie blickte Oldshatterhand ungeniert
lchelnd in die Augen. Er drckte sich an den Frauen vorbei, hinaus auf
den Gang.

Da standen drei Prfungskandidaten in Gehrcken, mit weien Binden, und
flsterten miteinander, wie in einem Sterbezimmer.

Herr Vierkant, ist der Geheimrat guter Laune? stotterte ein Groer,
Dicker. Hat er heute schon gelacht?

Die drei Studenten umringten Oldshatterhand, der pltzlich mit seltsamem
Pathos rief: Er hat gelacht! . . . Aber wir sind gemein! Ich sage, wir
alle sind gemein! Alle! Er hat gelacht.

Die Studenten sahen entsetzt auf ihn. Selbst seine Lippen waren erblat.

Er hat gelacht? flsterte betroffen der Dicke.

Da ri Herr Leisegang die Tr auf: Meine Herren! der Herr Geheimrat
erwartet Sie, und hinkte energisch voran.

Unaufgefordert ging Oldshatterhand am nchsten Tage ins Schlachthaus,
hielt den Mezylinder unter das noch zuckende Tier und brachte das Blut
dem Trken. Der reichte ihm eine Mark.

Ich nehme kein Geld dafr!

Als Oldshatterhand am Abend das Haus des bleichen Kapitns betrat, stand
die Wirtschaftstr offen; er sah die hochschwangere, schne Kellnerin,
wei wie ihre Schrze an der Wand lehnen und sah, wie der Wirt, die
kranken Augen wtend aufgerissen, das Bierfa vom Schenktisch weg auf
den Tisch in der Mitte der Wirtsstube schleuderte, da die Platte
zersplitterte und das Bier im Bogen zur Decke scho. Die Witwe Benommen
stand reglos, die Lippen eingekniffen, die drren Hnde vor dem Bauch
gefaltet, in der Schenke. Der bleiche Kapitn stand in der Ecke, beide
Hnde in den Hften. Gste waren keine in der Stube.

                   *       *       *       *       *

An einem Abend im Mai gingen die Ruber am Mainufer entlang, auf die
Sandinsel zu, wo die Weiden um die kleinen Seen stehen.

Pltzlich stockte die erregte Unterhaltung. Zwischen den Weiden hervor
kamen Mdchen, paarweise hintereinander wandelnd. Sie waren mit Rosen
und Nelken geschmckt. Still geworden, zog der Zug der Mdchen am Zuge
der Jnglinge vorber und verschwand in den Weiden. Und gleich darauf
ertnte aus dem Dunkel das helle Mdchengelchter. Die Ruber standen
und horchten. Und ohne da einer dazu aufforderte, kehrten sie
geschlossen um und standen einige Minuten spter am Eingang der
Fischergasse, wo die Ampeln rosigen Schein auf das Pflaster
herauswarfen.

Wollen wir einmal durchgehen, durch die Fischergasse? fragte
Falkenauge endlich zgernd, weil die Ruber immer noch schweigend
standen, eng zusammengedrngt, und in die Gasse hineinsahen.

Ich geh nit mit durch, sagte die Rote Wolke sofort und trat ein paar
Schritte zurck.

Verlegen lchelnd sahen sie auf den Schreiber, der die Brust vorstreckte
und sagte: Ich geh allein durch, wenn ihr keine Schneid habt.

Die Linke in die Hfte gestemmt, mit der Rechten sein dnnes Stckchen
im Kreise herumwirbelnd, ging der Schreiber mit gleichgltigem Gesicht
sehr schnell durch die Gasse.

Die Ruber sahen ihm entgegen, als er stckchenwirbelnd wieder durch die
Gasse zu ihnen zurckkehrte. Das wr mir aber auch noch was, sagte er
heiser, und redete so lange, bis sich alle, zu einem dunklen Grppchen
zusammengedrngt, durch die Gasse schoben, an den rosabeleuchteten
Huschen vorbei, aus denen kein Laut kam.

Sie gingen zur bungsstunde zum bleichen Kapitn, der nicht dabei
gewesen war.

In der Nacht lehnte Oldshatterhand allein an der Mauer, gegenber den
drei Huschen, und starrte intensiv horchend auf die rosa
Fensterausschnitte, prete die Hand aufs Herz. Und trat ein.

Eine dunkle Alte ffnete ihm die Zimmertr. Zuerst sah er nur den
Nickelglanz des Bfetts, und dann, durch den Zigarettendampf hindurch,
drei Frauen in hellen Hngekleidern vom Kanapee aufstehen. Sie redeten
noch weiter miteinander. Oldshatterhand hrte nichts; er sah Farben vor
seinen Augen kreisen, abwechselnd giftgrn und dunkelrot. Die Frauen
prsentierten sich und sahen verlegen einander an, weil Oldshatterhand
sich nicht rhrte und nicht sprach.

Die lteste, deren mchtiger Busen in einen vielfarbig glitzernden
Schuppenpanzer eingezwngt war, bewegte sich wie eine Mannequin vor
Oldshatterhand und schnalzte dazu mit den Fingern.

Eine Rtlichblonde mit aufgeworfenem Schmollmund, die auf dem Kanapee
sitzen geblieben war, fing Oldshatterhands rettungsuchenden Blick auf,
erhob sich und fragte lchelnd: Willst du mich? Kleiner, zog ihn, als
er nicht antwortete, zur Tr hinaus und fhrte ihn in den ersten Stock
hinauf.

In ein ganz kleines Zimmerchen, in dem sich nichts als ein geffnetes
weies Bett und eine Ottomane mit einer trkischen Decke befand. Die
rosa Ampel an der niederen Decke erleuchtete das Zimmerchen schwach.

Das Mdchen lie das Hngekleid fallen, und stand nackt vor
Oldshatterhand. Gleichgltig ordnete sie mit beiden Hnden etwas an
ihren Haaren. Oldshatterhand sah auf die Haare in ihren Armhhlen. Sein
ganzer Krper zitterte vor Schwche und bergroer Angsterregung.

Komm, gib das Geld. Wieviel gibst du mir? . . . Fnf Mark?

Er gab ihr das Geldstck.

Sie legte sich auf die Ottomane, stellte ein Bein auf und winkte ihn zu
sich.

Langsam ging er zu ihr hin, sah auf sie hinunter.

Und als sie ihn angriff, mute sie lachen. Greife halt her . . . Komm,
greif her. Sie nahm seine Hand und zog sie zu ihrem Krper . . . mute
noch fter lachen, ttschelte ihm die Wange und sagte endlich: Da mut
du halt wieder fortgehen. Hast halt zu viel getrunken.




Siebentes Kapitel


Benommen, der Amerikaner, war zurckgekommen. Ohne seine Familie vorher
benachrichtigt zu haben.

Vorgebeugt sa er auf dem Stuhl vor der Witwe Benommen und lie die
langen, drren Arme und Hnde zwischen seinen Beinen baumeln.

Als seine Mutter ihn fragte, warum er nicht vorher geschrieben habe,
sagte er apathisch: Ich hatte keine Briefmarke. Und rief pltzlich in
unbegreiflicher Begeisterung: Was denkst du! Das ist anders, da drauen
in der Welt!

Ganz abgerissen sa er vor der Mutter. Der Kohlenstaub lag noch auf
seinem armseligen Anzug. Er hatte die Heimreise im Hochsommer als
Hilfsheizer im Schiffsbauch mitgemacht. Und das schien ihn vollends
zerstrt zu haben. Blickte er einen an, wobei er die Kaumuskeln bewegte
und die dnnen Lippen zusammenprete, dann konnte man die Entbehrungen
seines langjhrigen Aufenthaltes in Amerika von seinem vllig
zerfallenen Gesicht deutlich ablesen.

Nie hatte er in seinem Fach als Ingenieur Stellung finden knnen. Als
Schiffsauslader, Gelegenheitsarbeiter, Zeitungsverkufer und zuletzt als
Bckergehilfe hatte er sich durchgeschlagen.

Die Blicke des ganzen Mainviertels waren auf die Familie Benommen
gerichtet zu dieser Zeit.

Und die Familie Benommen war ehrgeizig.

Benommen der Wirt, dessen vom Vater ererbter Ehrgeiz es war, grospurig
hinter dem Schanktisch zu stehen, Unterlippe und Bauch verchtlich
vorgeschoben, und so und nicht anders sein Bier auszuschenken, fhlte
sich schwer getroffen, da in seiner Familie etwas passiert war, das
diese selbstbewute Art, Bier zu schenken, nicht mehr ganz berechtigt
erscheinen lassen konnte.

Und die Witwe Benommen, eine vermgende, gefrchtete und ob ihrer
strengen Prinzipien hochgeachtete Brgersfrau, empfand dadurch, da ihr
Sohn, der Stolz der Familie Benommen, zerrttet und abgerissen wie ein
Landstreicher in die Heimat zurckgekehrt war, ihr altes Geschft, ihren
toten Mann und ihre grauen Haare besudelt.

Aber wie einen Schu mitten in seinen Charakter hinein empfand der
bleiche Kapitn die beschmende Rckkehr des Amerikaners. Eine Woche vor
dem Erscheinen des Amerikaners war er abends unbemerkt hinter einem
Weidenbusch gestanden. Die Ruber saen am kleinen See. Der Zug der
Mdchen zog vorber. Die Schne mit den braunen Zpfen warf einen
Rosenstrau mitten in den Ruberkreis hinein, die Ruber sprangen auf
und den fliehenden Mdchen nach. Allen voran der Schreiber. Und nach
einer Weile sah der bleiche Kapitn Mdchen und Jnglinge vereinigt im
Dunkel der Weiden verschwinden. Ein paar Stunden spter saen die Ruber
in der Kneipe der Witwe Benommen und waren schon betrunken, als der
bleiche Kapitn eintrat und wie ein Pfosten stand. Ihr habt keinen
Charakter! stie er hervor.

Nun, und du? lachte der total betrunkene Schreiber mutig.

. . . Ich? Ich hab Charakter! . . . Ich allein von euch allen hab
Charakter! Und damit ging er, schlo die Tr leise und mit Kraft, und
lehnte von dem Tage an alle Annherungsversuche der Ruber schroff ab.
Eilte, wie in den letzten zwei Jahren, nahe an den Husern entlang,
sprach mit keinem Menschen und stemmte wie ein Besessener.

Der bleiche Kapitn hatte bedingungslos an den Amerikaner geglaubt und
war deshalb noch schroffer gegen ihn, als Mutter und Bruder.

So etwas kann vorkommen, urteilen die wenigen Loyalen, nicht jeder hat
Glck in Amerika.

Jau, so a Gaudi! Die Alte soll ihm a Paar neue Schuh kff und 'n Anzug
ame la, dann is die G'schicht erledigt! schrie der rote Fischer.

In jeder Familie knne so etwas vorkommen, aber nicht in der Familie
Benommen, urteilten die Mutter und die zwei Brder.

So war der Amerikaner seitens seiner Familie von Hrte, Klte und
schweigender Verachtung umgeben.

Die Ruber jedoch fhlten sich unbewut durch das Unglck des
Amerikaners rehabilitiert. -- Ihr Jugendsehnsuchtland hatte sich
schlecht benommen, war entlarvt, da nicht einmal der groe Amerikaner zu
seinem Rechte gekommen war. Ein guter, breiter, fester Boden wuchs den
Rubern unter die Fe.

Bald war der Amerikaner neu gekleidet und fiel in der ersten Zeit
niemand besonders auf. Doch spterhin wurde sein Benehmen immer
seltsamer, was aber anfangs nur die Familie Benommen bemerkte, denn der
Amerikaner durfte wenig ausgehen.

Gegenber dem Hause der Witwe Benommen stand das Jahrhunderte alte,
einstckige Huschen des Spenglermeisters Hieronymus Griebe. Der
Amerikaner stand am Fenster und sah darauf hinunter, vom Frhkaffee bis
Mittagluten, ohne sich zu rhren, und sagte, als seine Mutter die
Suppenschssel auf den Tisch stellte, er wolle das alte Huschen
wegreien und einen sechzig Stock hohen Wolkenkratzer dafr hinbauen.
Daran werde er etwas ber fnf Millionen verdienen; das habe er heute
morgen ausgerechnet. Worauf die Witwe Benommen in verchtlicher Wut
stillschweigend die Suppenteller fllte. Der Ingenieur aber begann
sofort, die Plne zu zeichnen.

Erst als er gegen Abend mit Pickel und Schaufel an der Mauer des
Spenglerhuschens den Erdboden aufri, um, wie er sagte, zu untersuchen,
ob der Grund felsig genug sei fr einen Wolkenkratzer, wogegen sich Herr
Hieronymus Griebe zwar betroffen, aber auch energisch wehrte, erfuhren
die Mainviertler von des Amerikaners sonderbarem Wesen.

Er war bartlos und mager. Sa er mit dem bleichen Kapitn zusammen in
einer Wirtschaft, dann verhielt er sich meistens ganz still, aber seine
Augen schienen etwas Grauenvolles zu sehen, und manchmal rief er ganz
unerwartet, und verchtlich lchelnd: Ha! Hinaus in die Welt! mitten
in die Unterhaltung hinein, worauf der bleiche Kapitn augenblicklich
aufstand und mit dem Ingenieur die Wirtschaft verlie. Und es schien den
Zurckbleibenden, da er den Amerikaner berhaupt nur deshalb mitbringe,
um zu demonstrieren, da gar nichts Aufflliges an ihm sei.

Der bleiche Kapitn litt an seinem Stolze. Streng befahl er seinem
Bruder, nichts zu reden, wenn er ihn mitnehme, und berhaupt keine
verrckten Sachen zu machen, sonst knne er ihn einmal kennen lernen.
Was aber ohne jeden Erfolg blieb -- der Amerikaner benahm sich immer
aufflliger. Die Wut des ehrgeizigen Kapitns steigerte sich, und nur
seine grenzenlose Verachtung hielt ihn noch ab, den Amerikaner zu
schlagen.

Betroffen stand Oldshatterhand still, als er in der Nacht den Amerikaner
am dunklen Fluufer sah. Der Ingenieur hielt eine lange Papierrolle im
Arm, sa in tiefer Kniebeuge und machte so, beidfig abspringend, genau
abgemessene Sprnge nach links, nach rechts und vorwrts, am Ufer
entlang.

Oldshatterhand qulte der Gedanke: gegen das, was den Amerikaner zwingt,
diese grausigen Sprnge zu machen, ist man so machtlos wie gegen das
Erdbeben. Und pltzlich hatte er die Vision eines Bebens -- die Erde
spaltete sich, ri dunkle Riesenmuler auf, die kleinen Menschen muten
Sprnge machen, aber die Muler mehrten sich, wurden breiter und zwangen
die Fliehenden, immer tollere Rettungssprnge zu machen. Und weil das so
komisch aussah, lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen.
In sich hineinkichernd, trat er zum Amerikaner.

Der blieb in Kniebeuge hocken. Sie mssen erst einmal hinaus in die
Welt . . . La Plata! Brasilien! Ha! . . . Wohin ich jetzt bald gehe.
berall hin. Brasilien! . . . Ihnen will ich's zeigen, kommen Sie.

Hi! hihiha!

Der Amerikaner packte Oldshatterhand am Arm, zog ihn unter eine Laterne
und rollte das groe Papier auf.

Darauf war eine gigantische Brcke gezeichnet. Eisenkonstruktion: Eine
riesenhafte nackte Frau lag rcklings darunter und ihre
auseinandergespreizten aufgestellten mchtigen Beine bildeten die
Pfeiler. Nackte, dicke Weiber, in lasterhaften Stellungen, strzten von
oben herab; andere wurden von einem ber die Brcke jagenden
Eisenbahnzug zermalmt.

Dort! schrie wild der Amerikaner und deutete auf die alte Mainbrcke
mit den zwlf schwarzragenden Sandsteinheiligen, die reie ich weg!
. . . Herunter mit den Heiligen! _Meine_ Brcke baue ich hin! Morgen
fange ich an. Der grte Brckenbauer der Welt bin _ich_! Weit du das?

Ja! Ja! heulte Oldshatterhand auf und die Trnen brachen ihm aus den
Augen. Hi! hihiha! lachte Oldshatterhand, und der Amerikaner brllte
vor Begeisterung. Da wehrte Oldshatterhand wimmernd ab, griff ins Leere
und strzte bewutlos zusammen.

Der Amerikaner setzte sich neben ihn auf den Erdboden, das Kinn auf die
Knie gesttzt. Du pat nicht hinaus in die Welt. Du nicht . . . Du pat
nicht hinaus in die Welt, sagte er und lchelte immerzu.

Noch am selbigen Abend traf der sbelbeinige Polizeiwachtmeister den
Amerikaner dabei an, wie er keuchend am Fue des Brckenbogens mit den
Hnden die Erde herauswhlte. Schimpfend packte er den Amerikaner am
Rockkragen, und mit gezogenem Sbel fhrte er den sich wtend Wehrenden
zur Wache.

Am andern Tage brachte Benommen der Wirt den Amerikaner in die
Kreisirrenanstalt, und zwar in die erste Klasse, wo jeder Tag zwanzig
Mark kostete. So hatte es die Witwe Benommen gewollt und auch
durchgesetzt, obgleich der Wirt sich energisch gegen die erste Klasse
gewehrt und seiner Mutter schlagend vorgerechnet hatte, da, wenn der
Kranke nur noch neun Jahre lebe, das gesamte Vermgen der Familie
Benommen beim Teufel sei. Mein Heiner soll's gut haben, hatte die
Mutter geantwortet.

Der Amerikaner starb vier Wochen nach seiner Einlieferung in die
Irrenanstalt.

Von dem Tage an, da der Amerikaner in die Irrenanstalt gebracht worden
war, hatte sich der bleiche Kapitn in einer fr die Ruber ganz
unbegreiflichen Weise verndert. Unvermittelt war er leichtlebig und
liebenswrdig geworden. Und die Ruber fhlten sich befreit, wie nach
Schlu der Schulstunde.

Oldshatterhand, der Schreiber und die Rote Wolke begegneten dem bleichen
Kapitn auf dem Schloberg, und wunderten sich und wurden verlegen, denn
diesmal ging der Hauptmann nicht vorber, sondern trat auf sie zu,
streckte ihnen freundlich die Hand hin und lchelte heiter. Nun, was
macht ihr? . . . Prachtvolles Wetter heute. Herrgott dividomini, aber
eine Hitz! Ich mein', ich mt ein Fa Bier allein aussaufen. Er lachte
schallend.

Der Schreiber errtete vor Staunen, aber die Freude, da der bleiche
Kapitn berhaupt wieder mit ihm sprach, ergriff ihn so sehr, da er im
reinsten Hochdeutsch sprach: Eine ungeheure Hitze. Da hast du recht,
Oskar.

Herrgott, wie ich mich fhl, einen Baum knnt ich ausrei. Er haschte
einen Lindenast, schwang sich hinauf, und schttelte voller Freude die
alte Linde.

Sie gingen gleich Bier trinken. Der bleiche Kapitn bezahlte einen Liter
nach dem andern und setzte seinen Stolz darein, den Krug mit einem Zug
immer bis zur Hlfte zu leeren. Wei der Teufel, so eine Hitz! rief er
und sog den Schaum von der Oberlippe, wie ein schnurrbrtiger Alter.

Trinkst du jetzt wieder? fragte der Schreiber.

Gott, natrlich. Warum denn nit?

Die Rote Wolke stellte die Fuspitze zurck, hob die Hand -- aber das
Shakespearesche Trinkzitat fiel ihm nicht ein. Sein Mund blieb
begeistert offen stehen.

Der bleiche Kapitn war ganz verndert. Nie mehr eilte er barsch an den
Husern entlang, sondern schritt in der Mitte der Strae, schwenkte sein
Plschhtchen, wenn er einem Bekannten begegnete, unterhielt sich gerne,
lachte krachend und benahm sich ganz wie jeder andere junge, frhliche
Mensch, der keine Sorgen hat und einen gesunden Krper. Deshalb stemmte
er jedoch nicht weniger eifrig als vorher. Er lie auch spterhin die
Krge auf seine Rechnung fllen und tat, wie wenn er lange und viel
trinke, trank aber nur einen kleinen Schluck, hieb den Krug auf den
Tisch zurck und brllte: Sauft!

Doch nur anfangs war seine Lustigkeit so bertrieben. Spterhin fand er
feine bergnge und war pltzlich kein Mensch mehr, dessen barsche
Verschlossenheit und sonderbares Wesen jemand auf den Gedanken htte
bringen knnen -- der bleiche Kapitn sei ebenso nicht ganz richtig im
Kopf wie Benommen der Amerikaner.

Bald verschwand seine Angst, da man auch ihn fr irrsinnig halten
knne, vollkommen; die Anflle von krampfhafter Lustigkeit blieben ganz
aus. Verschlossen und sonderbar gab sich der bleiche Kapitn auch nicht
mehr. Er war ein nicht zu stiller und nicht zu ausgelassener junger Mann
geworden, mit kleinen Sorgen, wie sie jeder andere Mensch in seinem
Alter und seinen Verhltnissen hat, und fhlte sich wohl, wie nie vorher
in seinem Leben.

Der bleiche Kapitn verschwand in der Masse, unterschied sich durch
nichts mehr von ihr.

In dieser Zeit -- er war zwanzig Jahre alt geworden -- begann er die
kleine, dicke Tochter des Weinwirts und Bckermeisters Schlauch zu
umkreisen. Sie hatte ein rundes Vollmondgesicht, mehlwei, und
Negerlippen, wie der bleiche Kapitn.

Frulein Schlauch sa hinter dem Auslagefenster und verkaufte Brotlaibe,
lchelte, wenn er vorbeiging, und er lchelte zurck. Das war der
Anfang.

Und die Witwe Benommen sah ruhig zu. Sie hatte die Vermgensverhltnisse
der Familie Schlauch studiert und war befriedigt. Vor ein paar Jahren
hatte Herr Schlauch sein altes Huschen wegreien lassen und an dessen
Stelle ein neues Backsteinhaus gebaut, das leider nur drei Meter breit,
dafr aber vier Stock hoch war, so da es, zwischen den zwei niederen,
aber wuchtigen Patrizierhusern in die Hhe schieend, ganz gut fr ein
zierliches Wolkenkratzerchen gelten konnte. Erst krzlich hatte Herr
Schlauch der Kirche drei mnnerschenkeldicke Prachtkerzen gestiftet.
Sein Geschft ging ausgezeichnet. Alles das und noch mehr wute die
Witwe Benommen und war befriedigt.

Ganz unverwundet war Benommen der Wirt an der Schande vorbeigeglitten,
die der Amerikaner ber die Familie gebracht hatte, und das kam von der
ersten Klasse. Nach wie vor durfte er ruhig, Bauch und Unterlippe
verchtlich vorgeschoben, sein Bier ausschenken, denn wenn es ihm
passend erschien, konnte er von der ersten Klasse sprechen, wo jeder Tag
zwanzig Mark kostet.

Die Witwe Benommen schien infolge des Unglcks weicher und menschlicher
geworden zu sein; sie lchelte der schnen Kellnerin hin und wieder
freundlich zu, was zwar noch recht selten vorkam, jedoch mit Freude und
Dankbarkeit entgegengenommen wurde, um so mehr, als die Kellnerin einen
Sohn geboren hatte. Der Enkel hatte die verchtlich nach auen
gestlpten Benommenschen Lippen.

Die Sache stand jetzt so, da der Wirt seiner schnen Kellnerin manchmal
die Hand auf die Schulter legte, in Gegenwart der Mutter, und
aufmunternd sagte: No, Hanna, wie geht's Ihne denn? Esse Sie doch was.
So da der schandebringende Amerikaner alles in allem eigentlich gnstig
und entladend auf die ganze Familie gewirkt hatte.

Durch ein neues Ereignis geriet die traurige Begebenheit schnell in den
Hintergrund. Zum fassungslosen Schrecken des Vorstandes vom Verein
Christlicher Junger Mnner und zum Staunen der Ruber war eines Tages
der Duckmuser aus Wrzburg verschwunden.

Jahrelang wute niemand, wo er war.

                   *       *       *       *       *

Herr Leisegang hatte sein Holzbein abgeschnallt und es neben sich auf
den Stuhl gelegt. Seine Frau stellte eine groe Schssel voll Sauerkraut
vor ihn hin, das mit schon zurechtgeschnittenen Schweinefleischbissen
garniert war.

Das Fleisch ist natrlich wieder zu fett, sagte Herr Leisegang, nahm
sein Holzbein in beide Hnde und klopfte damit wtend auf den Tisch. Bis
seine Frau hereinkam. Wo ist meine Desinfektionsvase!

Frau Leisegang drehte die Augen verzweifelt zur Zimmerdecke und brachte
eine Blumenvase aus grnem Kristallglas. Herr Leisegang schnellte das
Asbestdeckelchen herunter und tauchte Messer und Gabel in die
desinfizierende Flssigkeit. Dann erst begann er zu essen.

Im Haushalt des Herrn Leisegang wurde alles desinfiziert. Auch die
Geldstcke.

Frau Leisegang setzte sich wieder in die Kche und arbeitete an einer
Lumpendecke. Sie arbeitete schon ein paar Jahre daran, denn die Decke
mute sehr gro werden, um das zweischlfrige Ehebett im Schlafzimmer
schmcken zu knnen, und es fehlte immer an Fleckchen, weil man warten
mute, bis neue Abflle gesammelt waren. Herr Leisegang hatte sich so
eine vielfarbige Decke gewnscht.

Seine Frau nhte schon eine halbe Stunde, ohne gestrt zu werden, worauf
sie endlich verwundert hinein zu ihrem Mann ging. Der sa in seinem
Lehnsessel wie vorher und sah geradeaus, sonderbar friedlich, so da
auch Frau Leisegang froh lchelte, weil es so schn still in der Stube
war. Aber pltzlich stie sie einen sich berschlagenden Kehlton aus.
Herr Leisegang war tot. Die Sauerkrautschssel war noch warm, jedoch
leer.

Frau Leisegang stand vor ihrem Mann und sann darber nach, weshalb er
so friedlich aussehe. So zufrieden, wie sie ihn in ihrer
siebenunddreiigjhrigen Ehe niemals gesehen hatte. Sein Holzbein hatte
Herr Leisegang quer vor sich auf den Tisch gelegt.

Ein neuer Diener kam in die Klinik und der brauchte keine Hilfe.

                   *       *       *       *       *

Oldshatterhand war jetzt viel mit der Roten Wolke zusammen, nachdem er
vergebens versucht hatte, die Freundschaft mit Winnetou zu erneuern, der
tglich zu den Mnchen aufs Kppele ging.

Er half der Roten Wolke Rben stecken, Salat pflanzen und zeichnete in
der Vesperpause Blumen ab, whrend die Rote Wolke Rollen studierte.
Schauspielkunst ist eine gttliche Kunst. Was tten die groen Dichter
Schiller und Goethe mit ihren Tragdien, wenn's keine Schauspieler
gbe. Das wiederholte die Rote Wolke tglich.

An einem Abend hatte er wieder in Wilhelm Tell im Stadttheater
statiert, die ganze Nacht den Wilhelm Tell studiert. Frh um fnf Uhr
stand er auf dem Kartoffelacker, von der eben aufgehenden Sonne
beschienen. Durch diese hohle Gasse mu er kommen, rief er und wies
mit der Hacke die tiefe Ackerfurche entlang, an deren anderem Ende seine
alte Tante kniete, schwitzend mit den Hnden grub und den Kopf
schttelte ber ihren Neffen, der begeistert die Furche entlang rief:
Es fhrt kein anderer Weg nach Knacht. Hier vollend' ich's, die
Gelegenheit ist gnstig.

Und nach einem Spaziergang mit der schnen Lehrerstochter, seiner
Liebsten, schrieb die Rote Wolke an den berhmten Schauspieler Konrad
Drauer in Mnchen und fragte an, ob er ihn besuchen und ihm etwas
vorspielen drfe.

Am Abend des selbigen Tages sa der rote Fischer auf der Kaimauer, mit
den Beinen wasserwrts, den Kopf in beide Hnde gesttzt, und sah
traurig hinunter in den Flu.

Als Oldshatterhand ihn fragte, ob er das Schiff ein bichen nehmen
drfe, nickte der Fischer nur, ohne aufzusehen. Und als Oldshatterhand
auf der Ruderbank sa, rief der Fischer pltzlich: Brauch' i denn no'n
Schelch! . . . I brauch ken'n Schelch mehr . . . Hng'n nachher drbe am
Stadtufer a.

. . . Warum denn am Stadtufer?

Weil i 'n dann rberfahr mu . . . Auf die Weis' komm i wenigstens
wieder amal in mein Schelch.

Die Rote Wolke und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- fluabwrts.
Die Lehrerstochter hatte ein sanftgerundetes, pfirsichfarbenes Gesicht.
Sie trug einen schwankenden Florentinerhut und sah lieblich und naiv
aus.

Der Schreiber und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- fluaufwrts.
Das Mdchen mit den braunen Zpfen sah ngstlich und verwirrt drein. Der
Schreiber hatte ein erhitztes Gesicht. Sie kamen von der dunklen
Sandinsel, wo die Weiden stehen.

Beim roten Fischer trafen die zwei Paare zusammen.

Ich rudere euch ein wenig herum, sagte Oldshatterhand, der im
schaukelnden Schelch sa.

Sie stiegen ein. Und Oldshatterhand ruderte in die Mitte des Flusses.
Der rote Fischer hatte den Kopf nicht erhoben.

Der Schelch war schmal und sehr lang. Der Schreiber und seine Liebste
befanden sich halbliegend an dem einen uersten geschnbelten Ende, das
zweite Liebespaar lag eng beieinander am entgegengesetzten.
Oldshatterhand sa genau in der Mitte und ruderte langsam.

Es war dunkel geworden. Hier und dort leuchteten kleine Laternchen an
den ruhenden Schiffen; das Singen der Kinder, die am Ufer spielten,
klang herber; ein Fischer lie langsam und lautlos sein Netz ins Wasser
sinken.

Kunst ist heilig, sagte die Rote Wolke gedmpft.

Oldshatterhand horchte auf die melodische Stimme des Mdchens. Wir
werden Romeo und Julia zusammen spielen, sagte sie und sah der Roten
Wolke sanft in die Augen.

Julia! erwiderte die Rote Wolke verhaltend.

Und du bist Romeo.

Da ist doch nix dabei, flsterte der Schreiber heftig. Ich wei nit,
warum du so eine Furcht davor hast.

Das Mdchen rckte ngstlich weg vom Schreiber. Oldshatterhand sah ihr
erschrockenes, weies Gesicht aus der Dunkelheit schimmern und dachte an
Lenchen Leisegang.

Ach, wie schn wre es, immer so weiter zu fahren . . . immerzu, hrte
Oldshatterhand hinter sich das Mdchen flstern.

Mit der Geliebten dahinzugleiten. Ooooooo!

Und sah vor sich den Schreiber heftiger die Liebste bedrngen, die
hastig sich ihm entzog, da das Schiff gefhrlich zu schaukeln begann.

Da wir heiraten, will sie . . . Ich soll heiraten, sagte
Oldshatterhand leise vor sich hin und lie in Gedanken an Lenchen
Leisegang die Ruder los. Ich will doch . . . ich mu doch erst etwas
werden. Vielleicht berhmt.

Der Schelch trieb langsam fluabwrts. Ein Fisch schnellte aus dem
Wasser und fiel zurck.

Hinter sich hrte er die Rote Wolke sagen: Die Kunst. Die Kunst . . .
Tempel.

Das drfen alle wissen, sieh, ich liebe dich, sagte das
Lehrerstchterchen.

Rudre ans Ufer! schrie der Schreiber wtend. Das Mdchen sa von ihm
abgerckt steif auf dem Querbrettchen.

Oldshatterhand ruderte zum Stadtufer hinber und machte den Schelch
fest.

Sie stiegen aus. Der Schreiber wirbelte sein dnnes Stckchen im Kreise
herum; das Mdchen ging mit gesenktem Kopfe einige Schritte seitwrts
neben ihm her.

Auf der grnen Wiese hab ich sie gefragt, ob sie sich auch liee!
schrie ein Bursche den zwei Liebespaaren zu. Er sa auf der Wasserschale
des Vierrhrenbrunnens, zusammen mit noch einem halben Dutzend Burschen,
die der Arbeit aus dem Wege gingen und der Schrecken und Auswuchs der
Stadt waren. Die Wrzburger Strizzi, von denen jeder sein im Griffe
festes, langes Messer in der Hintertasche trug. Sie lebten
beschftigungslos in den Tag und in die Jahre hinein, stahlen, wo sie
ohne Anstrengung konnten, und lieen keinen Menschen am Brunnen
vorbergehen, ohne eine Bemerkung zu machen. Verlorene Existenzen, die
alle schon gesessen hatten.

La sie doch, sagte Oldshatterhand schnell und zog den Schreiber weg,
der wtend stehen geblieben war, weil ihm einer der Burschen nachrief:
Hast dei Menschle znfti zammg'haut! Die weiteren Bemerkungen gingen
unter im Gelchter. Alle pfiffen durch die Finger. Der Schutzmann trat
von einem Bein auf das andere und ab in eine Seitengasse.

Ich mu jetzt jemand abhol, sagte Oldshatterhand auf der Brcke und
sah bedrckt auf die Liebespaare, die nun beide eintrchtig vor ihm
gingen.

Und als Oldshatterhand sich auf dem Wege zu Lenchen Leisegang befand,
blieb er pltzlich stehen, wandte sich um und ging langsam nach Hause.

Beim Vierrhrenbrunnen trat die Kriechende Schlange auf ihn zu. Weil
ich im Schlachthaus A . . . A . . . A . . . Auge g'sagt hab, brauchst no
lang nit zornig zu sein.

Du darfst mir nachmachen, soviel du willst, sagte Oldshatterhand und
lchelte ruhig die Kriechende Schlange an. Nach einer Pause fuhr er
nachdenklich fort: Ich glaube, es geht halt nicht anders, als da es
auch solche Menschen gibt, wie du einer bist . . . Verstehst du das?

. . . Nein, das versteh ich nit.

. . . Ich glaub, du bist ganz unschuldig dran . . . kannst nix dafr.
Verstehst du?

Ich wei nit, was du da redst.

Ja, es ist sicher so, sagte Oldshatterhand nachdenklich und ging.

Die Kriechende Schlange zog eine Dose hervor.

La mi amal schnupf! rief einer der Vierrhrenbrunnensteher.

Wer ist denn das? fragte ein anderer.

Metzger ist er . . . Da geh doch her.

Die Kriechende Schlange setzte sich zu den Burschen auf die
Brunnenschale und hielt die Tabaksdose herum.

Und Oldshatterhand dachte darber nach, weshalb er whrend des kurzen
Gesprches mit der Kriechenden Schlange das Gefhl gehabt hatte, nicht
er spreche, sondern der rtselhafte Fremde, der ihn auf der Hhe bei
Wrzburg gekt hatte.

                   *       *       *       *       *

Wenn man von Aschaffenburg, Mathias Grnewalds, des grten deutschen
Malers Geburtsstadt, den Main aufwrts wandert, zweigt die Strae scharf
vom Flu ab und fhrt in den dunklen Spessart hinein. Stundenlang
wandert man durch den Eichenwald, hat auf einer Hhe das unabsehbare
gewellte Waldmeer vor sich liegen, sieht stille Waldtler, von
Forellenbchen durchzogen, und es begegnet einem stundenlang kein
Mensch. Ein Hirsch tritt auf die Waldlichtung heraus, hebt das Geweih
und bricht weg, sobald er den Wanderer erblickt. Rehe sen auf den
Abhngen. Amseln singen. Spechte hmmern. Groe dunkle Kle bewegen
sich am Waldboden, vom aufgewhlten, dunklen Waldboden kaum zu
unterscheiden -- pltzlich bricht das Wildsaurudel krachend durch das
Gebsch davon, da die Erde zittert; und einen Atemzug lang schweigen
alle Vgel. Eine Amsel beginnt wieder zu pfeifen, und sie scheint das
einzige Lebewesen zu sein, so gro kann unvermittelt die Stille dieses
Hochwaldes sein.

In dieser Einsamkeit, abseits der Strae, steht ein zerfallendes, graues
Haus. Tren und Fensterscheiben fehlen, lange Grser spielen auf dem
Dache.

Die wenigen Bewohner des Spessarts erzhlen noch heute von einem Wirt,
dem vor langen Jahren das Haus gehrt hatte -- er habe die Reisenden,
die bei ihm einkehrten, ermordet und beraubt und sei dafr in Wrzburg
am Letzten Hieb gehngt worden.

In diesem Hause wohnten einen ganzen Sommer lang der Kunstmaler
Franziskus Grnwiesler und sein Freund Oldshatterhand.

Dieses Haus gehrt niemand, hatte Franziskus Grnwieslers weibrtiger
Onkel gesagt, welcher Brgermeister des nchsten, drei Wegestunden vom
grauen Haus entfernt liegenden Spessartdorfes war. Und es wagt sich
auch keiner in die Nhe.

Franziskus Grnwiesler malte den ganzen Tag. Er war ein zufriedener,
bedrfnisloser Mensch. Er half Oldshatterhand ber Stimmungsstrze weg,
von denen dieser oft und pltzlich heimgesucht wurde, gab ihm
unaufdringlich maltechnische Ratschlge und teilte mit Oldshatterhand
das Wenige, das er selbst besa.

Oldshatterhand arbeitete den ganzen Sommer lang sehr wenig; die
technischen Schwierigkeiten hinderten ihn immer wieder, das zu schaffen,
was er ersehnte. Das Resultat waren Tage der Verzweiflung nach Minuten
bergroer Begeisterung.

Er las viel in der Romantikerbibliothek, die Grnwiesler gehrte, und
oft ging er in aller Frhe zum Gnsehirten, der die Gnse von allen
Ortschaften des Spessarts htete, schon sechzig Jahre lang. Eine Herde
von tausend Gnsen und mehr. Einmal im Jahre trieb der Hirt die Gnse
heim, wenn sie fett waren. Dann bekam er junge, magere mit in den Wald.
Der Hirt war ein achtzigjhriger, bartloser Zwerg mit einem gewaltigen
Buckel. Mittags teilte er sein Essen mit Oldshatterhand, Schwarzbrot und
gerucherten Speck; die tausend Gnse steckten die Kpfe nach rckwrts
ins Gefieder und schliefen, und der Zwerg begann, selbsterfundene
Geschichten zu erzhlen, ber die Oldshatterhand oft lachen mute, da
es von Stamm zu Stamm krachte und die Gnse hier und dort blitzschnell
die Kpfe hoben, ein wenig schnatterten und weiterschliefen.

Ein Mdchen war eines Tages ins graue Haus gekommen und hatte um
Unterkunft gebeten fr die Nacht. Sie sagte nicht, woher sie kam und
wohin sie wolle. Es fragte sie auch niemand. Sie blieb.

Franziskus Grnwiesler grundierte seine Malleinwand selbst. Er hatte
einen groen Vorrat Rohleinwand liegen. Das Mdchen hatte nichts
anzuziehen. Das ist die weichste, sagte Grnwiesler und schleuderte
eine Rolle Leinwand auf, die wie Seide glnzte.

Abends hatte sie das schnell geschneiderte Kleid aus Rohleinwand schon
an.

Grnwiesler trug sich mit der Idee, Blumen auf das Kleid zu malen.
Blaue Herbstzeitlosen wrden sich vielleicht ganz gut machen, sagte er
zu Oldshatterhand und zeigte auf die blauen Glockenblumen, die schon
hier und dort zwischen den abgefallenen Blttern hervorsahen. Und eine
einzige groe Lilie, vorne herauf.

Oldshatterhand sah das Mdchen am Waldsee liegen, im Moos. Und schlich
nach einer Weile wieder fort, denn ihr Rohleinwandkleid hing ber einem
Eichenast.

Den ganzen Tag lag das Mdchen nackt am Waldsee. Sie arbeitete gar
nichts. Sie ruhte nur. Es schien, als mte sie viele Jahre lang
ausruhen, von den vergangenen Jahren. Nur ihr eigenes Zimmer hielt sie
sauber. Fr die beiden im Haus tat sie nichts.

Ihr schenkt ja auch niemand etwas, sagte Oldshatterhand zu
Grnwiesler. Das Haus gehrt ja niemand . . . Nicht einmal Tren
hat's.

Vom Wald trat man ins Haus und auf der anderen Seite wieder hinaus in
den Wald. Und sa man auf dem flachen, dickbemoosten Dache, auf dem die
langen Grser spielten und sogar drei Maulwurfshgel schwollen, dann
schien es, als se man auf dem Waldboden, so war das Haus mit dem Wald
verwachsen.

Wie wr's, wenn ich ihr Zimmer mit kleinen Engeln ausmalen wrde, sie
bleibt ja doch auf immer da, sagte Grnwiesler vor dem Schlafengehen.

Wenn sie's erlaubt, erwiderte Oldshatterhand; er hatte einen eleganten
Schaukelstuhl gezimmert und ihn ihr ins Zimmer gestellt, whrend sie am
Waldsee gelegen war. Und der Zwerg brachte ihr ein Sckchen voll
Bucheckern. Die schmeckten nach Nu und Olive.

Das Mdchen hatte feste, schmale Hften. Ihr Kleid hatte sie noch einmal
umgendert, den Halsausschnitt rund und den Rock sehr eng gemacht. So
sah Oldshatterhand sie zum Waldsee gehen und wre gerne mit ihr
gegangen, blieb aber zgernd stehen und ging zum Hirten.

Grnwiesler sa schon seit dem frhen Morgen malend im Waldtal. An ihm
vorbei pltscherte ein Bach in vielen Windungen durch die Wiese.

Der Landbrieftrger trat aus dem Walde heraus und zu Grnwiesler,
verglich, auf seinen Knotenstock gesttzt, eine Weile Bild und Motiv und
reichte Grnwiesler einen Brief. Von wem mag jetzt der sein, fragte
der Brieftrger. Da ist ja gleich was drauf gemalt.

Grnwiesler errtete -- er selbst war aufs Kuvert gezeichnet, vor
Oldshatterhand auf den Knien liegend, mit anbetender Gebrde.

No, von wem is jetzt der Brief?

Von meinem Freund Immermann.

Der is gewi auch so ein Maler?

Da Grnwiesler nicht antwortete, sagte der Brieftrger: No, dann gr
Ihne Gott, und ging.

Versteht sich doch von selbst -- angenehm sei es ihm gerade nicht, da
Grnwiesler mit Oldshatterhand verkehre, der ein ungebildeter, ja, fr
Grnwiesler, direkt gefhrlicher Mensch sei -- schrieb Immermann. Ob
Grnwiesler denn wirklich so naiv sei und glaube, da dieser
Emporkmmling ihn nicht ganz einfach nur ausntze. Das Brschchen knne
man nicht nur so mir nichts dir nichts nehmen, wie es sich gebe.
Nebenbei wisse man ja auch, aus was fr einer Familie Oldshatterhand
komme. Auf keinen Fall natrlich dulde er, da in seinem Kreise
Oldshatterhand verkehre. Und als Freund knne er von Grnwiesler so viel
Einsicht verlangen. Nicht, da mir besonders viel daran liegt, schlo
der Brief, im Gegenteil, aber immerhin wundert es mich, da du mit
diesem Vierkant den Sommer im Spessart verbracht hast, anstatt mit mir.
Wenn dir an meinem Kreise noch etwas gelegen ist, dann komme. Ich male
Studien auf dem Schleehof bei Wrzburg.

Grnwiesler schob die Lippen nachdenklich vor, steckte den Brief in die
Brusttasche, packte sein Malgert zusammen und trat sofort den Heimweg
an.

Im Hause gingen sie einige Stunden lang aneinander vorbei.

Wie ist das? fragte Oldshatterhand endlich und stellte sein
angefangenes Bild auf die Staffelei.

Die Perspektive stimmt nicht, wie gewhnlich bei dir.

Dann erklr mir's doch, woran's liegt.

Ja, stimmt eben nicht . . . Wenn du von oben siehst, verkrzen sich die
Linien. Das bringst du halt noch nicht heraus.

Du kannst nichts erklren! schrie Oldshatterhand erregt. Erklr doch!
Erklr doch!

Schnell eingeschchtert, trat Grnwiesler wieder vor das Bild.

Oldshatterhand schttelte zornig die Hnde gegen sein Bild hin. Zeig
mir doch! Herrgott, kannst du mir denn nicht zeigen, wieso das falsch
ist!

Grnwiesler wollte mit der Zeichenkohle das Bild korrigieren.

La! Hineinarbeiten sollst du doch nicht! Zeigen! Zeigen!

Ich hab dir's doch schon so oft gezeigt, das mit der Perspektive,
sagte Grnwiesler ngstlich und stotterte verwirrt: Es gibt auch noch
eine Luftperspektive und eine Farbenperspektive . . . Ich zeig dir's
schon.

Ach was! Aber wie . . . Aber wie du mir's zeigst! . . . Da es kein
Mensch verstehen kann. Du bist . . . du bist wirklich saudumm!

Ganz unvermittelt schlug Grnwieslers Gutmtigkeit in rachschtige Wut
ber, die an Irresein grenzte; er verlor den Atem, ein dnner,
pfeifender Ton entfloh seinem Munde; aber wie schon oft in diesem
Sommer, wenn Oldshatterhand machtlos den technischen Schwierigkeiten
gegenbergestanden und ber alles Ma hinaus ungerecht geworden war,
drehte die Wut Grnwieslers sich nach innen, und in Angst vor seinem
aufbrausenden Schler sagte er stockend: Qul mich nicht . . . Warum
qulst du mich. Es braucht halt alles seine Zeit. Nur ein gefhrliches
Flimmern war in seinen Augen zurckgeblieben, wie Irre es haben, die
jahrelang sich kujonieren lassen und eines Tages in einem
Rachsuchtsanfall den Wrter erdrosseln.

Das Mdchen ging vorber und in ihr Zimmer.

Oldshatterhand wurde sofort ruhig. Ich packe es schon noch, sagte er
und lchelte Grnwiesler an. Fr mich ist nichts zu schwer . . . Soll
ich Tee eingieen?

Oh, das wr lieb von dir, sagte Grnwiesler erleichtert, sah vor sich
hin, in die Ecke, auf Oldshatterhand. . . . Du, ich hab einen Brief
bekommen von Immermann.

Was schreibt denn der? fragte Oldshatterhand mit gemachter
Gleichgltigkeit und setzte die Teekanne wieder ab, ohne eingegossen zu
haben.

. . . Nichts Besonderes . . . Den Tee hast du fein gemacht . . . Ich
geh brigens diese Woche noch zu ihm.

Dein Bild ist doch nicht fertig . . . Und berhaupt.

Nein, sagte Grnwiesler und schob die Lippen schief lchelnd vor,
wodurch beim rechten Mundwinkel ein kleines, schwarzes Lchlein
entstand, als ob die Oberlippe zu breit wre. Aber ich mu ihn wieder
einmal sehen . . . Er ist ein sehr bedeutender Mensch.

Pf! machte Oldshatterhand verchtlich. . . . Zeig mir einmal den
Brief.

Den Brief? . . . Ich hab ihn zerrissen . . . Weit, in den Bach hab ich
ihn geworfen.

Du hast den Brief noch! fuhr Oldshatterhand auf. . . . Immermann hat
wieder schlecht ber mich geschrieben.

Nei . . . n, sagte Grnwiesler langgezogen, wie wenn er das Mitrauen
Oldshatterhands bedauerte.

Sei nur still! . . . Ich wei schon.

. . . Ich will dir einmal was sagen: Immermann spricht ber niemand
etwas Schlechtes . . . Nur was wahr ist, sagt er . . . oder was er denkt
. . . So ist Immermann nicht.

Du lgst! Ich seh dir's an.

Wiesooooo? erwiderte er traurig singend.

Du lgst einfach!

Da blickte Grnwiesler Oldshatterhand fest in die Augen. Wenn du's
wissen willst . . . Immermann hat sogar nur Gutes ber dich geschrieben
. . . Schenk mir noch einen Tee ein! rief er kameradschaftlich. Den
hast du fein gemacht.

Oldshatterhand schob die Teekanne Grnwiesler hin. Ich kenn den
Immermann schon . . . Der will unter uns der Erste sein . . . Der
Hauptmann . . . Eiferschtig ist er auf mich, weil du nicht mit ihm bist
und ich nicht nach seiner Pfeife tanze . . . Aber dem werd ich's noch
zeigen, wer mehr ist. Ich werde der Grte von allen!

Also, jetzt sind wir wieder gut miteinander, sagte Grnwiesler
frhlich und streckte Oldshatterhand die Rechte hin. Singen wir jetzt
ein Lied?

Sie sangen zweistimmig. Und am Schlu sagte Grnwiesler: Zu dem Lied
malt Immermann eine Bilderserie. Zu jeder Strophe ein Bild. Die werden
sicher wunderbar . . . So ein Tee ist halt doch was Feines. Er sah
Oldshatterhand in die Augen.

Als sie schon am Boden auf den Matratzen lagen, dachte Oldshatterhand in
steigender Begeisterung seinen zuknftigen Ruhm herbei. Was Immermann
malt, das ist nichts. Man mu gro werden. Wie . . . Grnewald! Sonst
hat's keinen Sinn.

Mnja, sagte Grnwiesler im Halbschlaf.

Du glaubst's nicht? Ich werde alles haben, rief er frohlockend. Alle
werden zu mir kommen. Und als er die tiefen Atemzge des Schlafenden
hrte, dachte er allein weiter.

                   *       *       *       *       *

Franziskus Grnwiesler und Oldshatterhand waren von frh bis nacht durch
den Spessart gewandert und noch einen ganzen Tag lang, in der Richtung
nach Wrzburg.

Sie standen auf einer Hhe und sahen zurck. Grnwiesler kniff die Augen
zusammen und deckte mit der Hand den Vordergrund weg. Seine Nase rollte
sich aufwrts und bekam Runzeln, vor saugendem Sehen.

Der Main zog seinen weiten Bogen um den Spessart herum und teilte ihm
Drfer und Burgruinen zu; die untersinkende, schwungradgroe Sonne
berhrte die Baumkronen und verwandelte den herbstlichen Laubwald in ein
schweres Goldgebilde, worin die Tannenschlge gleich fernen
Frhlingshoffnungen ruhten.

Wie ein tiefdurchlebtes Jahr lag der Wald vor den beiden, und darber
die Atmosphre spielte wunderbar in zarten Farben.

Komm, gehn wir, sagte Grnwiesler, streckte frhlich die Brust heraus
und wandte sich zur entgegengesetzten Richtung, wo die sonnenlose
Landschaft in tiefer, blauer Abendstille lag.

Als sei ihm, durch die Augen hinein, in seinem Leben schon viel zu viel
in die Seele gekommen, sah Oldshatterhand geqult zur Seite und hatte
den Wunsch, niederzusitzen und zu warten bis alle schwere, unerklrliche
Traurigkeit in ihm sich lse. Eine steile Falte, von der Nasenwurzel bis
zum Haaransatz, bildete sich auf seiner Stirne. Wenn ich jetzt rasend
zornig sein knnte. Grnwiesler sah erschrocken auf. Ich knnte ja
hinterher abbitten . . . Ich mchte wissen, woher berhaupt die Trnen
kommen. Sie sind pltzlich da, rollen herunter, und immer neue rollen
nach . . . Fnf Jahre lang hab ich nicht geweint. Er sah Grnwiesler
an, der seinen Kopf schulterwrts geneigt hielt und auf Oldshatterhand
blickte, wie ein Kanarienvogel auf das Salatblatt.

Wo sind die Trnen, die ich nicht geweint hab? Das ist doch
unbegreiflich. Irgendwo mssen doch die vielen nicht geweinten Trnen
sein . . . Vielleicht verdunkeln sie alles in einem . . . Ach! atmete
er tief aus und lachte pltzlich, lang und laut, in groer Befreiung.

Froh geworden, schritt er neben Grnwiesler auf der weien Landstrae
hin, an deren ferner Biegung das zinnoberrote Dach eines neuen
Bauernhuschens in der Sonne glhte.

Als sie bei dem kleinen Neubau angekommen waren, der ganz anders aussah,
als beide ihn sich aus der Ferne vorgestellt hatten, sagte
Oldshatterhand: Jetzt ist das Mdchen ganz allein im Haus. Und was
wird sie im Winter machen, dachte er, wenn Schnee liegt und wenn's kalt
ist. Es ist ja kein Ofen im Haus.

Nein, sagte Grnwiesler nachdenklich, Tren hat das Haus nicht.

                   *       *       *       *       *

Auf der Hhe von Wrzburg liegt ein groer Gutshof. Der rothaarige
Kunstmaler Christinus Immermann, Sohn des verstorbenen Husermaklers
Frchtegott Immermann, sa neben dem Misthaufen, streute Brotkrumen
unter die Hhner und zeichnete sie in den verschiedensten Stellungen ab.
Die meisten Brocken schnappte der Hahn weg, der herrisch zwischen seine
Hhner fuhr und, wenn ein Huhn ihm zuvorgekommen war, sich hoheitsvoll
aufrichtete, als ob er diesen Brocken gar nicht gewollt htte. Ein
junges, rabenschwarzes Fohlen, nicht hher als ein groer Hund, wlzte
sich in der Sonne am Boden, streckte die dnnen Beine in den Himmel,
stand pltzlich und rannte mit komischen Sprngen zum Hoftor hinaus,
durch das der junge, jockeihnliche Gutsherr hereinkam, begleitet von
einem kleinen Herrn in Rhrenstiefeln und Jagdjoppe.

Herr Tierarzt Amrhein, stellte der Gutsbesitzer vor. Und das ist mein
lieber Freund Immermann.

Immermann legte dem Gutsbesitzer die Hand auf die Schulter. Das Fohlen
kam hereingerast, stoppte, stieg in die Hhe, drehte sich auf den
Hinterbeinen und tollte wieder hinaus. Die groe, ppige Hausmagd mit
verklebten Augen schttete aus einem Eimer Wasser in groem Bogen auf
den Dngerhaufen, sah schchtern den Maler an, der die Lippen verzog und
tat, wie wenn er die Magd nicht she. Zgernd ging sie zurck ins Haus.
Sie war schwanger.

Lassen Sie den Eber heraus! rief der Gutsbesitzer ihr nach. Bringen
Sie reines, warmes Wasser. Und der Knecht soll kommen.

Oldshatterhand und Grnwiesler kamen in den Hof zu Immermann.
Grnwiesler sah den Maler mit dem bittenden Kanarienvogelblick an und
errtete unaufhrlich. Oldshatterhand rgerte sich ber den
geringschtzigen Gesichtsausdruck von Immermann.

Wie geht's mit deiner Gesundheit? fragte Grnwiesler ngstlich.

Wie es einem Herzkranken gehen kann.

Immermann hatte bluliche Lippen. Grnwiesler sah betrbt drein.
Oldshatterhand war wtend, weil er glaubte, Immermann prahle nur mit
seiner Herzkrankheit.

Der Maler schttelte Grnwiesler die Hand.

Oldshatterhand hielt die seine auch hin. Immermann sah ihn an, zuckte
die Schultern und reichte ihm nur den Zeigefinger, den Oldshatterhand,
berrumpelt und verwirrt, schttelte, worauf Immermann die Lippen
verzog.

Mit dem Gefhl des Ausgeschlossenseins sah Oldshatterhand den Maler
hilflos an, und als der Maler sich gleichgltig von ihm weg Grnwiesler
zudrehte, dachte Oldshatterhand, ich htte kaltlchelnd sagen sollen --
einer ist mir zu wenig, geben Sie mir die anderen vier Finger auch dazu.
Oldshatterhand legte die Hand in die Hfte und lchelte ironisch: Einen
Finger? Wer wird so geizig sein! -- Viele schlagfertige Erwiderungen
fielen ihm ein; er hatte ganz vergessen, da es jetzt zu spt war, und
als er sich dessen bewut wurde, sa der Ha in seinen Augen. Immermann
hatte Oldshatterhand die Gedanken vom Gesicht abgelesen und quittierte
mit ironischem Lippenverziehen.

Meinen Brief hast du bekommen? . . . Wirklich, es freut mich, da du da
bist, sagte er und drehte Oldshatterhand ostentativ den Rcken zu.
Grnwiesler sah beglckt auf. Sie sprachen ber eine Hhnerstudie, ohne
sich um Oldshatterhand zu kmmern, der grulos fortgehen wollte und sich
hate, weil er stehen blieb.

Die blonde Gutsherrin erschien am Parterrefenster und sah interessiert
auf die Gruppe, die um den Eber herumstand. Knecht und Magd hielten ihn
fest; der kleine Arzt besah ein blitzendes Messerchen.

Der Eber stie einen langanhaltenden, schneidenden Ton aus. Der Arzt
stand auf, lachte und warf etwas Blutiges auf den Misthaufen, das der
Jagdhund beroch, aber nicht fra. Alle Hhner strzten darauf los,
bildeten, auf- und bereinandersteigend, einen flatternden Kreis und
verlieen interesselos den Dngerhaufen wieder.

Die Gutsherrin sah, langsam errtend, Immermann an, der die Lippen
verzog, wie vorher bei der Dienstmagd. Der jetzt beruhigt grunzende Eber
wurde in den Stall geschoben.

Der Gutsbesitzer trat zu Immermann, der ihm die Hand auf die Schulter
legte. Die blonde Frau trat vorsichtig leise vom Fenster zurck und sah
dabei auf Immermann. Sie hatte schwarze Augenbrauen ber den blauen
Augen.

In einem Monat knnen wir ihn schlachten, das heit, ein _Er_ ist das
ja jetzt eigentlich nicht mehr. Bis dahin ist sein Fleisch ebar. Sie
sind eingeladen, sagte der Gutsbesitzer zu Immermann.

Die Magd eilte vorbei und sah verlegen auf Immermann. Die Gutsherrin
trat wieder vor ans Fenster und fragte ihren Mann: Nun? ist der
Tierarzt denn noch nicht da?

Ach, das ist ja schon lange vorber.

Immermann verzog die Lippen.

Der Gutshof lag nah am Tannenwald. Die zwei Maler und Oldshatterhand
gingen am Saum entlang. Oldshatterhand war bedrckt. Warum bin ich
ungerecht, da er doch wirklich herzkrank ist, sagte er zu sich. Ich bin
gemein.

Grnwiesler erzhlte begeistert von dem Mdchen, das ins Spessarthaus
gekommen war.

Eine Tippelschickse! sagte Immermann kurz. Grnwiesler schwieg
betroffen.

Und Oldshatterhand hatte das Empfinden, als htte man ihm ins Herz
gezwickt. Gleich darauf aber fhlte er sich sehr erleichtert. Er prahlt
vielleicht doch nur mit seiner Herzkrankheit, dachte er, und wunderte
sich, da er nicht mehr bedrckt war, obwohl Immermann weiter schlecht
von dem Mdchen sprach.

Diese Weiber haben keine Ausweispapiere.

Ausweispapiere! Man braucht keine! sagte Oldshatterhand laut.

Und wenn du dir etwas geholt httest bei der Schickse? Was dann? sagte
Immermann zu Grnwiesler, als ob Oldshatterhand gar nicht da wre.

Oldshatterhand wurde wtend, wollte das Mdchen verteidigen und brachte
kein Wort hervor.

Immermann verzog die Lippen. Da habe ich es schon etwas ungefhrlicher.
Die eine ist schwanger, und die Gutsherrin -- -- -- gefllt sie dir? Er
lchelte Grnwiesler breit an. Ich habe brigens wieder ein
Mrchengedicht geschrieben . . . Weit du, ich glaube, ich bin
Romantiker.

Sie sind ein gemeiner Dreckkerl! schrie Oldshatterhand pltzlich. . .
. Und mit Ihrer Herzkrankheit scheinen Sie doch nur zu prahlen.
Flammend wandte er sich um und schlug allein den Weg nach Wrzburg ein.
Grnwiesler neigte den Kopf schulterwrts und sah ihm erstaunt mit
seinem Kanarienvogelblick nach.

Du siehst, mit so einem plebejischen Lausejungen kann man nicht
verkehren, sagte Immermann gleichgltig, seinen Zorn verbergend.

Das seh ich jetzt selbst ein . . . Aber es kann einem leid tun. Wir
haben schne Stunden miteinander verlebt.

Meinethalben . . . Du kannst ja tun, was du willst.

Nein, nein! rief Grnwiesler ngstlich. . . . Ich meinte ja nur so
. . . Ich htt nur gern erst noch seinen Akt gezeichnet. Er hat einen
wunderschnen Akt . . . Aber geqult hat er mich ja auch.

Weil du ein gutmtiger . . . fast htte ich gesagt -- Tlpel bist. Bei
sich lacht er natrlich ber dich, nachdem er dich ausgentzt hat.

. . . Du meinst, er hlt mich fr einen Tlpel?

Was denn?

Schlu! Dann aber Schlu! schrie Grnwiesler in pltzlicher hchster
Wut.

Talent hat er ja . . . Gott, Talent haben viele. Aber da ein Subjekt
mit dieser Gesinnung nicht in unsern Kreis gehrt, das wirst doch auch
du einsehen.

Christinus . . . mir ist jetzt alles klar. Den ganzen Sommer hat er von
mir gelebt, hat mich ausgentzt. Aber ich kenn ihn jetzt.

Verstehst du, wenn ich mir einen Kreis lieber Menschen gebildet habe,
dann lasse ich so jemand eben nicht herein . . . Gott, wir wollen ganz
einfach nicht. Und damit fertig . . . Aber, lassen wir uns doch die
Stimmung nicht lnger verderben.

Du hast recht.

Gehen wir ein bichen tiefer in den Wald hinein, dann rezitiere ich dir
mein neues lyrisches Gedicht.

Oh, das wre wunderbar, sagte Grnwiesler und legte Immermann die Hand
auf die Schulter. So verschwanden sie zwischen den Tannenstmmen.

Ich werde das Gedicht auch malen . . . Ein zartes Mgdlein kommt drin
vor, einsames Waldesrauschen und ein romantischer Ritter . . . Siehst du
das Bild?

Oh, das ist wunderbar.

Sie setzten sich ins Moos. Ein Specht hmmerte neben ihnen am
Tannenstamm. Pst . . . dort, flsterte Grnwiesler.

Immermann begann sein Gedicht herzusagen, zuerst flsternd, dann lauter.
Entzckt horchte er auf seine Stimme und mute aufstehen. Die Arme
ausgebreitet, sprach er stark und hingegeben die letzte Strophe.

Grnwiesler lauschte; die Worte wurden ihm zu Bildern. Gepackt sah er zu
Immermann empor.

Siehst du die Kompositionen?

Oh, sie sind wunderbar . . . Zu so etwas fehlt's mir an Phantasie,
sagte er traurig.

Tom der Reimer sa am Bach! rief Immermann begeistert.

Viele Wege und Pfade, die zu den Weinbergen oder daran vorbei fhrten,
waren schon gesperrt, denn die Trauben begannen gelb zu werden.
Oldshatterhand sah auf das kleine, graue Mnnlein, das reglos am
Waldsaum stand. Es hatte ein Messinghorn an der Seite hngen.

Ist das wahr, fragte er den Weinbergshter, da Sie den Buben, die
sich ein paar Trauben holen, Pfeffer und Salz in die Waden schieen?

Der Alte zwinkerte ihm pfiffig zu und klopfte auf sein Messinghorn.
Frher han i's ton. Jetzet blas i. Dann bricht glei's ganze Dorf auf
und umstellt 'n Wenger.[1] Jetzet erwisch'n wir die Bub'n immer.

[Funote 1: Weinberg.]

Ach nein! rief Oldshatterhand erschrocken und ging weiter, bis zum
Gemsegarten der Roten Wolke, der etwas abseits vom Grtnerhuschen lag
und von einer gerade beschnittenen, dichten Buchsbaumhecke eingezunt
war.

Hinter der Hecke blieb er stehen, blickte in den Garten und horchte.

Das junge, schne Lehrerstchterchen stand bei der Roten Wolke und einem
rotbckigen Jngling. Der sagte: Bis bermorgen knnt ihr die zwei
Hauptrollen studiert haben von meinem Stck, und reichte der Roten
Wolke sein Manuskript.

Des Stadttrmers Klrchen und der Zigeunerhauptmann. Tragdie in fnf
Akten, las die Rote Wolke vor.

Der Wald warf seinen langen, abendlichen Schatten bis zum Ziehbrunnen
des Gemsegartens. Die Rote Wolke schlug das Manuskript auf, begann die
Brunnenkurbel zu drehen, stellte die Fuspitze zurck und rezitierte:

   Entflieh mit mir, Klrchen!
   Durch Sturm und Nacht, ha! reiten wir.

Die Brunnenkette knarrte, der Kbel erschien.

Die Lehrerstochter schttete das Wasser in die Giekanne und go das
Blaukrautbeet, sah den Dichter an, die Rote Wolke und sagte verschmt:
Es lebe die Kunst und die Liebe.




Achtes Kapitel


Im Oberlichtsaal der Kniglichen Akademie der bildenden Knste in
Mnchen waren an den Wnden die Arbeiten der jungen Maler aufgehngt,
die sich der Aufnahmeprfung unterzogen hatten. Kein Mensch war im Saal;
nur die Prfungsarbeit, ein flachgequetschter Negerkopf mit grellem
Augenwei, grinste in ein paar hundert Exemplaren in die Leere.

Der alte Pedell mit grauem Petrusbart ffnete die Flgeltren und lie
die Prfungskandidaten eintreten, eine Schar Jnglinge, meist in kurzen
Sammethosen und mit langen Haaren. Sie sollten selbst sehen, ob sie
aufgenommen waren. Ein Kreis auf der Arbeit bedeutete -- Prfung
bestanden, ein Kreuz -- durchgefallen.

Ein junger Maler mit scharfem Kardinalgesicht lief allen voran bis in
die Saalmitte. Sein Blick irrte suchend herum, wobei sein Krper hin und
her zuckte, wie wenn er einen scharfen Kampf mit einem gefhrlichen
Gegner zu bestehen htte. Pltzlich strzte er zu seinem Negerkopf.

Die andern quollen, zusammengedrngt, ngstlich durch die Tr und
strahlten auseinander. Keiner konnte seine Arbeit gleich finden, weil
auf den ersten Anblick hin die still grinsenden Negerkpfe voneinander
nicht zu unterscheiden waren.

Verklrte Gesichter. Freudige Ausrufe. Augen, die fassungslos, emprt
oder traurig auf die Kreuze blickten.

Oldshatterhand, der am Trpfosten stehen geblieben war, ging jetzt, mit
gleichgltigem Gesicht, an den Arbeiten entlang, sagte zu jemand: Diese
Arbeit ist sehr gut, sehr gut, blickte sich gelangweilt um, ob ihn
niemand beobachte. Pltzlich schnellte er vorwrts und stand verzaubert
vor seinem Negerkopf, lachte einem Englnder mit eckigem Schdel ins
Gesicht und deutete auf den Kreis, der seinen Neger zierte.

Oldshatterhand war in die Knigliche Akademie der bildenden Knste
aufgenommen worden.

Glcklich eilte er nach Hause, stie seine Kammertr auf und prallte
zurck, denn er hatte vergessen, wie kompliziert der Eintritt in die
Kammer war. Die durch die Mbel verstellte Kammertr war nur zu einem
schmalen Spalt zu ffnen. Vorsichtig versuchte er es noch einmal,
zwngte sich durch, wobei er aufs Bett steigen mute, schlngelte sich,
wieder vom Bett heruntersteigend, um die Trkante herum und konnte die
Tr jetzt schlieen, sich aufs Bett setzen und sa damit zugleich auch
vor dem Tisch. Darauf lag ein Brief von der Mutter. Die Mutter schrieb
-- Lenchen Leisegang habe ein Verhltnis angefangen mit einem
Artillerie-Sergeanten. So? sagte Oldshatterhand, so? und sein
Gaumen wurde trocken. Artillerie-Sergeant? . . . Fr einen
Artillerie-Sergeanten ist sie doch viel zu zierlich! Seine Augen lasen
weiter. Der berhmte Maler Franz Lenbach sei ja jetzt gestorben, schrieb
die Mutter. Sie glaube fest, da er, Oldshatterhand, an des Verstorbenen
Stelle treten werde. Der Herr Lenbach sei auch nur als Maurerlehrling zu
Fu in Mnchen eingewandert und sei doch der grte Maler geworden.

Im Hofe heulte der Herbstwind, knallte einen Fensterflgel auf und warf
ein Mdchenlachen in Oldshatterhands Kammer, welcher mit Kraft und Trotz
Lenchen Leisegang hinter sich schob und der glnzenden Zukunft nachsann,
die seine Mutter ihm prophezeit hatte. Dazu verzehrte er ein Stckchen
Limburger Kse.

Der Wind heulte in die Hhe, zerri das Mdchenlachen und die
Phonographentne, die sich jedoch hartnckig gegen den Wind behaupteten,
der jh abbrach, aus dem Hofloch entfloh und, sich selber nachjagend,
pfeifend in der Ferne verklang.

Oldshatterhand stieg aufs Bett, klinkte die Tr auf, zwngte sich durch
und hinaus. Und ging in die Schackgalerie.

Die Bilder von Schwind, Feuerbach, Bcklin gefielen ihm zwar sehr gut,
aber er hatte doch noch ganz anderes erwartet. Vor der Venus von
Giorgione, einer Kopie von Lenbach, blieb er lange stehen und freute
sich, da er hier als Erwachsener sein und eine nackte Frau ansehen
durfte, ohne da dies ihm jemand verwehren konnte. Er sah nur die
schne, nackte Frau, den Busen, den runden Leib. Und mute den Blick
senken, weil er an Stelle der Venus unversehens die Rtlichblonde sah,
die in der Fischergasse nackt vor ihm auf der Ottomane gelegen war.
Traumhaft wechselte diese Erscheinung mit dem Mdchen aus dem Spessart.
Und unter flutendem Wohlgefhl am ganzen Krper flossen ihm die drei
Frauen in eine zusammen.

Geflster war um ihn her. Ein Maler mit doppelsohligen Schuhen machte
manchmal ein paar Schritte. Das knallte wie in einem Kellergewlbe.
Lenbtsch, sagte im Vorbeigehen ein Englnder zu seiner Begleiterin.

Eine Malerin mit Sandalen ging sehr schnell von Bild zu Bild; ihre
Brste schwankten im korsettlosen Kleid. Vor jedem Bild hob sie die Hand
zu den Augen, nickte oder schttelte den Kopf und ging weiter.

Ihre heien Augen mit Wimpern, die bis ber die schwarzen,
zusammengewachsenen Brauen in die Hhe schlugen, bildeten einen
sinnlichen Kontrast zu ihrem sanften Madonnengesicht und dem sehr
kleinen Mund, rund und rot wie eine Kirsche.

Vor Oldshatterhand blieb sie stehen. Er blickte sie geistesabwesend an,
weil er den Zwiespalt noch nicht gelst hatte, den sein Kunstgewissen
ihm verursachte: ob seine sinnlichen Gefhle vor der Venus von Giorgione
berechtigt seien oder gemein.

Ja, das ist schn, sagte die Malerin und sah ihm tief in die Augen. Er
nickte eifrig. Ohne bergang begann sie zu erzhlen: von ihrem freien
Leben, von Christus und Nietzsche, als den einzigen Menschen. Denen
fhle sie sich verwandt, sie msse auch leiden fr die Menschheit.
Sprach weiter von ihrer Familie und schlo damit, da ihre Mutter ein
kleines, dummes, brgerliches Mdchen sei und ihr Vater ein
charakterloser Schwchling. Kommen Sie mit in mein Atelier. _Sie_
verstehen mich. Das fhle ich. In Ihnen habe ich einen Menschen
gefunden! Einen Menschen! Sie nahm ihn bei der Hand und fhrte ihn
hinaus.

Das Atelier war gro. Kastanien lagen am Boden umher. Kastanienketten
hingen an den Wnden, die mit Rupfen bespannt waren. Eine mit Rupfen
berzogene Seifenkiste gab eine Kommode ab. Auch die Ottomane, das
einzige Mbelstck, war mit Rupfen berzogen. Oldshatterhand setzte sich
darauf. Ohne erkennbaren Grund lachte die Malerin, voll und tief aus der
Brust heraus.

Sie bog und wand sich vor Lachen, zog dabei ihr Rupfenkleid ber den
Kopf und stand vor Oldshatterhand in einem semmelgelben, blaugeblumten
berwurf aus dnner Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.

Oldshatterhand sah zu ihr hin, wute nicht, warum sie lachte, und fragte
ratlos: Tragen Sie kein Hemd?

Unvermittelt wurde sie tiefernst, trat dicht vor den sitzenden
Oldshatterhand, schlug den berwurf vorne auseinander und drckte
Oldshatterhands Kopf an ihren bloen Leib.

Automatisch legte er die Arme um ihren nackten Rcken herum, atmete, und
sein Mund kte. Pltzlich sah er die alte Brcke von Wrzburg mit den
zwlf Heiligen, drckte den Mdchenleib weg von sich, starrte auf
Wrzburg und glaubte den Geruch der Felsengasse zu riechen, empfand
Ekelgefhl und stand auf.

In rtselhafter, tiefer Traurigkeit blickte das Mdchen ihn an und hielt
den berwurf vorne zusammen.

Oldshatterhand war zur Tr geflchtet. Ich mu nach Hause. Meine Wirtin
und ich wollen zusammen die Mbel umstellen in meiner Kammer, weil's ein
wenig eng da ist.

Da ging eine sonderbare Vernderung mit dem Mdchen vor; es war, als ob
ein nackter Mensch vom heien Sommer pltzlich in den Winter trte und
angespannt und aufgereckt den Temperaturwechsel ertrge. Sie trat zur
Wand, hing sich eine Kastanienkette um den Hals und sagte, scharf
pausierend: Ich! . . . Christus! . . . Hlderlin! . . . und Nietzsche
. . . Uns trifft die unsichtbare Faust der Welt . . . immerdar.

Grauen erfllte Oldshatterhand; erschttert sah er das Mdchen an.

Da lachte sie wieder das gesund klingende Lachen, da ihr krftiger
Krper unter der Seide zuckte; und Oldshatterhand lchelte, lachte,
lachte laut, in groer Befreiung, wie damals auf der Spessarthhe. Und
pltzlich erinnerte er sich einer Szene aus seiner Jugend -- sah sich
und andere Kinder im Kreise auf dem Schlobergrasen sitzen und um die
Wette krachende pfel essen.

Whrend der folgenden Tage dachte Oldshatterhand immer wieder an das
Mdchen im Spessart, sah sie zum Waldsee gehen; aber sie hatte nicht das
Kleid aus Rohleinwand an, das Franziskus Grnwiesler mit blauen
Herbstzeitlosen hatte bemalen wollen, sondern einen blaugeblumten
berwurf aus semmelgelber Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.

In der Nacht trumte er: das Spessartmdchen stand mitten auf dem
Waldsee; der Mond sank vom Himmel herunter und lag auf ihrem Scheitel.
Sie hielt den berwurf vorne auseinander und sank langsam und senkrecht
ins Wasser, immer tiefer, bis nur noch der berwurf auf dem See lag. Die
Mondscheibe schwebte wieder in die Hhe.

Am Morgen ging er sofort zur Malerin, klopfte vergebens an ihre Tr und
fragte beim Weggehen die Portiersfrau, die den Hausflur kehrte, nach dem
Mdchen. Die Frau sah auf: Die sei doch gestern ins Irrenhaus gebracht
worden. Und kehrte weiter. Oldshatterhand blieb stehen, sah ihr zu und
dachte angestrengt die Szene im Atelier zurck. Daran bin ich nicht
schuld . . . Das kann doch nicht sein, sagte er fr sich. Und die Frau
meinte, die Schuhe knne Oldshatterhand schon abputzen, bevor er ein
Haus betrte.

Langsam ging er fort. Ich mu die Mbel ja wirklich umstellen. Das Bett
wird sonst schmutzig . . . Ich hab sie nicht angelogen. Er blieb
stehen. Sonst wr ich doch nicht wiedergekommen.

Als er nach Hause kam, stellte er mit Hilfe seiner Wirtin die Mbel um,
so da er beim Eintritt in die Kammer nur unterm Tisch durchkriechen
mute. Das Bett stand jetzt am Fenster, was wieder den Nachteil hatte,
da Oldshatterhand nachts fror, denn der Winter war pltzlich gekommen,
und das Fenster schlo schlecht. Die Kammer mit Frhstck kostete
wchentlich eine Mark fnfzig Pfennig.

Bald waren die Wnde der Kammer mit Studienkpfen Oldshatterhands
tapeziert. Sonst stand nur das Bett und der Tisch darin, auf dem, neben
der alten, groen Pistole aus dem Zimmer, ein Totenschdel stand, der
ungeheuer zu lachen schien, weil ihm die vorderen Zhne fehlten. Auch
von allen Wnden herunter lachte der oft abgezeichnete Schdel, so da,
wenn Oldshatterhand in hellen Nchten erwachte, die Kammer von lautlosem
Gelchter erfllt war.

Kartoffelkle, zwanzig Stck auf einmal, sandte die Frau Vierkant
regelmig ihrem Sohn. Die brauchte er nur in kochendes Wasser zu legen
und konnte sich noch einen Mitesser einladen, denn ein Klo war so gro
wie ein Suglingskopf. Die Schwester legte manchmal einen Taler bei.
Aber von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener und
von jenem Bildverkauf in Wrzburg erspart hatte, waren ihm doch nur noch
vierzig Mark geblieben. Und seine Wangen waren in den fnf Mnchener
Monaten schmal geworden. Er war jedoch berzeugt, da er bei groer
Sparsamkeit fertig studieren knne mit dem Gelde, und hatte, aus Angst,
etwas hergeben zu mssen, auch seiner Mutter nichts davon gesagt.

Da eine junge Studentin, die zum Kloessen gekommen war, sich beim
Unterm-Tisch-Durchkrabbeln eine Beule an die Stirn gestoen hatte, und
er den Besuch dieser Dame noch fter erwarten konnte, nahm er das zum
Anla, die zu teure Wohnung zu kndigen, um sich eine billigere und
vielleicht etwas komfortablere zu mieten.

Die zwei Goldstcke in seinem Zugbeutel wollte er nicht wechseln lassen.
Da ihm aber die Schwester wieder einen Taler in Aussicht gestellt hatte,
rief er die Wirtin und sagte: Ich ziehe aus. Bezahlen kann ich Sie erst
am Montag. Aber ich lasse Ihnen alle meine Studien zum Pfand. Er zeigte
im Kreise herum und blickte die Frau voller Staunen an, weil sie
wegwerfend sagte: Entweder Sie bezahlen, oder Ihr Kfferchen bleibt
hier. Auf die Bilder pfeif ich. Die sind keine fnf Pfennig wert.

Da blieb er wohnen, shnte sich auch wieder aus mit der Wirtin, die ja
doch nichts verstand. Und auch die junge Studentin lie sich durch den
komplizierten Eintritt in die Kammer nicht abschrecken, wiederzukommen.

                   *       *       *       *       *

Oldshatterhand stand wieder vor dem kleinen Knstlercaf und sah gierig
hinein. Alles darinnen schien ihm wunderschn zu sein. Die Polsterbnke
waren mit rotem Sammet berzogen, die Messinglster funkelten.

Am Fenster saen zwei alte Knstler leblos einander gegenber und
starrten auf das Schachbrett. Neben den beiden stand der kleine
Zeichenlehrer, auf dem Kopfe die hohe Pelzmtze, die dem Kellner, der
mit der Kognakflasche steif gebeugt vor ihm stand, nur bis zur Uhrkette
reichte. Der Zeichenlehrer trank Kognak aus einem Wasserglas. Sein
Pelzmantel lie nur die Schuhspitzen sehen. Oldshatterhand hrte das
hohle Lachen des Zeichenlehrers: Ho! ho! ho!, der das leere Wasserglas
aufs neue zum Kellner emporhielt.

Oldshatterhand staunte die jungen Knstler an, die khn in das Caf
eintraten, und erschrak, weil er einen Augenblick lang daran gedacht
hatte, es auch zu wagen, in das Caf zu gehen, wo die berhmten Leute
sitzen. Er befrchtete, da vielleicht der Besitzer auf ihn zutreten und
sagen wrde: bitte, was wollen denn Sie hier; oder den Kellnern winken
wrde, um ihn unauffllig wieder hinausfhren zu lassen.

Traurig ging er langsam weiter. Groe Schneeflocken fielen und wurden
sofort vom Straenschmutz gefressen.

Vor dem Fenster des zweiten Raumes blieb er wieder stehen. Mitten aus
dem Gstegewhl heraus fhlte er die Augen eines Mannes mit scharfem
Gesicht auf sich gerichtet und empfand Erinnerungsqual, wie wenn ihm ein
Wort entfallen wre. Da nickte ihm der Mann zu, und Oldshatterhand hatte
wieder das Gefhl, als berhre ihn ein Gespenst: er erkannte den
rtselhaften Fremden, der auf der Hhe von Wrzburg zu ihm gesagt hatte
-- ich denke darber nach, warum eine junge Blte vom Baume fallen mu,
noch bevor sie zur Frucht wird, whrend neben ihr eine andere zur Frucht
reifen darf. Den Fremden, auf dessen unbegreiflichen Einflu hin er
pltzlich nicht mehr nach dem wilden Westen gewollt hatte.

Willenlos, wie wenn sein Wille in dem Fremden, der im Caf sa,
verkrpert wre, trat Oldshatterhand ein. Und die Wirkung auf ihn war so
bengstigend und grausig, da er in der Mitte, neben dem stellenweise
glhenden Ofen, stehen blieb. Als wre, von einem verborgenen
elektrischen Kraftzentrum aus, ein Leitungsdraht an jeden einzelnen Gast
angeschlossen, zuckten die phantastisch gekleideten Menschen abgehackt
und heftig, fuhren von den Polsterbnken aus den halb liegenden
Stellungen empor, warfen die Arme in die Hhe, die Kpfe in den Nacken
und wieder vor, spreizten die Finger und stieen dazu, wie hundert
verschiedenartige Tiere durcheinanderschreiend, krchzende, zischende,
fremdsprachige Laute aus, die Oldshatterhand nicht verstand, fanden
dazwischen Zeit, blitzschnell die Zigarette in den Mund zu stecken, um
sofort wieder weiter zu schreien, die Arme seitwrts, zu Boden, zur
Decke zu stoen. Andere neben ihnen saen, die Kpfe aufgesttzt, reglos
und blickten dster vor sich hin.

Der drftig gekleidete Oldshatterhand trat auf den Fremden zu, der einer
blonden Dame zum Abschied die Hand kte.

Michael Vierkant, stellte der Fremde vor. Oldshatterhand schlug die
Augen fragend auf zu der schnen Dame, weil sie auch ihm die Hand zum
Kusse reichte.

Und Sie wissen ja selbst, beendete die Dame das Gesprch, da es
gefhrlich ist, sein Leben lang konsequent in einer Linie zu gehen. Denn
nebenher und kreuz und quer laufen Millionen Wege des Lebens, und an
manchen berschneidungen lauern fr den Immerkonsequenten der Irrsinn
und der Untergang. Aber leben Sie wohl, bis dahin, schlo sie scherzend
und ging.

Oldshatterhand setzte sich und sah umher.

Am Nebentische schttete ein Maler ein Tellerchen voll
Preiselbeerkompott in sein Glas Milch, rhrte das Ganze um und hielt es
gegen das Licht. Es glich in der Farbe genau seiner mit unzhligen
violetten derchen besetzten, ksigen Gesichtshaut. Er go die
Preiselbeermilch in den Magen.

Was meinte die Dame mit den Millionen Wegen des Lebens? fragte
Oldshatterhand den Fremden, der ihn gerhrt ansah, wie man eine
Jugendphotographie von sich betrachtet.

Die Dame meint, man msse Kompromisse machen im Leben, sonst komme man
unter die Rder.

Oldshatterhand errtete heftig und schnell und fhlte sich gedemtigt,
weil er nicht wute, was das Wort Kompromi bedeutet. Danach zu fragen,
brachte er nicht ber sich.

Ein Schuster hat im vornehmsten Viertel sein Geschft, erklrte der
Fremde; die Herrschaften, die feinen Damen, die da wohnen, wollen nur
elegante, ganz leichte Schuhe. Aber der Schuster sagt ihnen immer
wieder: ich mache nur feste Stiefel mit Doppelsohlen, nur die halten
etwas aus, -- bleibt konsequent und macht lieber bankerott, als leichte
Schuhe.

Ah da! rief Oldshatterhand und sprach mit den Hnden mit. Mechaniker
Tritt arbeitet ein Vierteljahr lang an einem seiner elektrischen
Trschlsser, auf die er stolz ist. Der Bezahlung nach mte er so ein
Schlo aber in einer Woche fertig haben.

Und macht natrlich bankerott. Ja, da man das nicht solle, meinte die
Dame.

Ja . . . aber der Herr Tritt heiratet ja dann immer wieder eine Frau
mit Geld.

Und macht seine elektrischen Trschlsser weiter!

Ja.

Das ist ein Lebensknstler.

Der Herr Tritt ist aber gar kein . . . Lebensknstler, sondern ein
hundsgemeiner Lump.

So ein ganz klein bichen gemein ist jeder Lebensknstler. Und wer
keiner ist, wird an sein Kreuz genagelt. . . . Es gibt unendlich viele,
verschiedenartige Kreuze, und an allen hngen Menschen daran.

Da erbleichte Oldshatterhand bis in die Lippen; zurckweichend sah er
den Fremden an, denn er glaubte, sich selbst lachen zu hren. Der Fremde
hatte das irrsinnige Lachen Oldshatterhands gelacht. Und ganz nahe
hergebeugt, mit dem langen Zeigefinger deutend, flsterte er jetzt:
Aber es gibt ein Kreuz in grauer, teuflischer Einsamkeit. An diesem
furchtbaren Kreuz hngt _der_ krummgenagelte Mensch, der nicht mehr
rachschtig sein, sich nicht mehr wehren kann und will, weil er wei,
da alle, die ihm Bses antun, da auch der brutalste Mrder nur ein
armer Mensch und ohne Schuld ist. Weil man ja auch ihn so lange
gepeinigt, gedemtigt, geschlagen hat, bis er ein bsartiges,
gefhrliches Tier wurde . . . Der Mensch, der das wei und danach
handelt, der hngt an dem schaurigsten Kreuz, auf dem schaurigsten,
einsamsten Gipfel. Denn ihn qulen alle, weil sie fhlen, da er nicht
zurckschlgt.

Das ist Jesus Christus, sagte Oldshatterhand ganz langsam.

Hre einmal, du. Der Fremde fate Oldshatterhand an die Schulter;
seine Stirne wurde tiefrot und sprang vor. Es gibt viele Christusse.

. . . Nur einen hat's gegeben.

Nein, nein! Immer leben Christusse, aber man kennt sie nicht. Will sie
nicht kennen! Die Stirne des Fremden wurde sichtbar wei; er richtete
sich auf. Ober, sehen Sie nach, ob der Brief jetzt gekommen ist. Der
Kellner eckte von Tisch zu Tisch.

Laaaa, sang ein Gast laut und langgezogen und breitete dabei langsam
die Arme aus. G-Dur, verstehen Sie, schlo er brllend.

Der zuckerkranke Wirt sa reglos an seinem Platz neben dem Bfett. Nur
manchmal gab er dem Ober mit dem Augenlid ein Zeichen. So sa er seit
dreiig Jahren. Sein Gesicht war aus Wachs, und die schwarze Haut unter
seinen Augen sank faltenbildend bereinander.

Gste wechselten die Pltze und besuchten sich. Ein Trupp neuer Gste
schob sich durchs Lokal.

Hlse reckten sich, alle nach einer Ecke hin, Adamspfel stachen hervor;
fcherartig schob sich eine Anzahl Gste auf einen langen Italiener zu,
der eine Zeichnung hochhielt.

Auch der Wirt wandte langsam wie eine Jahresuhr den Kopf und sah wieder
vor sich hin.

Ich kannte zwei Maler. Der Fremde sa bequem zurckgelehnt. Beide
waren ganz arm, sehr begabt und ungeheuer kunstbegeistert . . . Der eine
hat sich in Paris erschossen . . . Der andere malt jetzt Postkarten in
Berlin -- Schweinchen, die ein Auto lenken, und Feldhasen mit
Stulpenstiefeln, Sbel und Helm, die vor einem Postenhuschen stehen und
das Gewehr prsentieren vor einem loyal dankenden Feldhasen in
Generalsuniform . . . Dieser Maler lebt zufrieden, es geht ihm gut, denn
er verdient mit seinen Postkarten genug Geld . . . Ganz selten wird ein
Mensch geboren, der sein Leben lang nie einen Kompromi schliet.

Ich werde niemals Schweinchen malen, die ein Auto lenken.

Nein, Sie nicht, sagte der Fremde im selben Tonfall, in dem er damals
auf der Hhe von Wrzburg gesagt hatte: nein, Sie sind nicht schwach.

Da erschiee ich mich lieber auch. Oldshatterhand warf den Kopf in den
Nacken. Das glauben Sie nicht? . . . Da kennen Sie mich nicht, schlo
er geringschtzig.

Doch, ich kenne . . . mich.

. . . Und dann, berhaupt, ich rche mich. Oldshatterhands
zusammengeprete Lippen wurden ein Strich. Der Lehrer Mager hat mich
einmal ins Gesicht geschlagen mit dem Rohrstock, immerzu, bis ich am
Boden lag. Weil ich meinen Schulfreund nicht auf dem Stuhl festgehalten
habe. Bis ich am Boden lag. Wenn er jetzt da wre, der Lehrer . . . hier
an dem Tisch wenn er se.

. . . Vielleicht ist der Lehrer so, lebt so, geht so in dieser Stadt
herum, weil es die Atmosphre der Stadt anders nicht zult . . . Der
Katholizismus, die Klster, Mnche und Priester, die engen Kurven der
Gassen mit den feuchten Schatten, die gotischen Kirchen, die hohen,
grauen Mauern, aus denen unvermittelt gotische Fratzenbildwerke
springen, all dies zusammen wirkt auf den Menschen von Jugend an . . .
So eine Stadt bringt Bse hervor, die schon als siebenjhrige Kinder
Snden beichten muten, Verbldete, religis Irrsinnige, Ehrgeizige,
bucklig Geborene, heimliche Mrder, Krppel, Asketen, Kinderschnder
. . . auch Knstler. Und Menschen wie den Lehrer Mager . . . Da der
Herr Mager von Ihnen verlangt, Sie sollen Ihren Freund zur Zchtigung
auf dem Stuhl festhalten, ist, wie Sie sagen, gemein.

>Gemein< habe ich nicht gesagt.

Nun gut, aber es ist so . . . Und doch haben vielleicht nur die Stadt,
die Mitmenschen, die Bestimmungen der Schulbehrde den Herrn Mager zu so
einem harten Lumpen gemacht, zu einer Strafmaschine. Er rcht sich
dafr, da ihm das Leben die Seele verkrampft und verdunkelt hat, an
seinen Schlern . . . Er selbst ist ausgeliefert, hilflos und ganz
unschuldig.

Glauben Sie? fragte Oldshatterhand tief betroffen.

Halt! brllte da der Fremde entsetzt. Nein nein nein! Rchen Sie
sich! Wehren Sie sich! Prgeln Sie! Mit dem Rohrstock ins Gesicht! Bis
er am Boden liegt! Der Fremde beobachtete Oldshatterhand angstvoll und
scharf, und als er sah, da dessen Mund wieder hart wurde, schlo er, er
lachte sogar, und es klang berzeugend: Das braucht Sie gar nicht zu
kmmern, was ich da vom Leben und von der Stadt gesagt habe . . . Das
habe ich nur so gesagt. Ein Gesprch. Man mu sich natrlich wehren, den
Herrn Mager beim Rockknopf nehmen und sagen: Herr Mager, Sie sind ein
Lump! Ein Lump sind Sie! Der Fremde sah Oldshatterhand fest an und
lange, und als Oldshatterhand endlich nickte, nickte der Fremde auch.

Die furchtbare Tragik des modernen Menschen . . . ist das mblierte
Zimmer! rief ein junger Herr, der allein Billard spielte, hartstimmig
einem anderen zu. Er trug eine Lodenpelerine, nur mit dem obersten Knopf
gehalten und ber die Schultern zurckgeschlagen, so da sie ihm lang
und schmal am Rcken hinunterhing, wie ein Prinzenmantel. Oldshatterhand
sah ihm schon eine Weile interessiert zu und fragte endlich, warum der
Herr seine Pelerine nicht abnehme beim Spiel.

So spielt er schon vier Monate lang, tglich, den ganzen Winter. Er hat
ein Loch in der Hose.

Ein Loch? . . . Wissen Sie, ich werde dem Herrn Mager doch lieber
. . . nur aus dem Wege gehen, wenn ich ihn wieder einmal sehe auf der
alten Brcke.

Sooo? fragte der Fremde und sah erbleichend und starr auf
Oldshatterhand, wie auf sein Schicksal.

Ja, da steht er immer und sieht auf das beleuchtete Ziffernblatt.

                   *       *       *       *       *

Im Caf hatte Oldshatterhand mit einem neuartigen Genu und
unterdrcktem Staunen den Gedanken des Fremden ganz leicht folgen
knnen; jetzt, da er durch das Schneewasser nach Hause watete, verstand
er nichts mehr von dem, was der Fremde gesagt hatte. So sehr er sich
anstrengte, ohne Partner konnte er nicht denken. Das kam ihm sonderbar
und unbegreiflich vor. Die ganze Atmosphre des Cafs lastete
unertrglich schwer auf ihm, wie frher eine Hausaufgabe komplizierter
Rechnungen, von denen er von vornherein gewut hatte, da er sie nicht
lsen knne, und die er nach einer Angstnacht am andern Morgen ungelst
dem Herrn Mager in der Schule vorlegen mute, um dafr Hohn und Hiebe zu
bekommen. Aber trotz der unausbleiblichen Demtigungen, denen er seiner
Unbildung wegen sich ausgesetzt fhlte, wute er, da er das Caf wieder
aufsuchen msse, so gewi wie die Nacht dem Tage folgt. Mit seinen
Nerven hatte er das Unbekannte gefhlt, das ihn, den Unwissenden,
trennte von den Menschen, die in diesem Caf verkehrten. Als knne er
das Unbekannte mit einer krperlichen Kraftanstrengung berwltigen,
wollte er sofort zurckgehen und sich mit Brust und Fusten dagegen
stemmen. Da nistete sich ihm unversehens der Zweifel an seiner Fhigkeit
ins Gehirn. -- Ich bin dumm. Ich bin nichts. Der Lehrer Mager hat mich
in der Schule monatelang gar nicht aufgerufen, hat zu der ganzen Klasse
gesagt: von mir komme doch nichts. Der Mechaniker Tritt hat mich
geprgelt. Der Vater hat mich tglich geprgelt. Der Schreiber hat ber
mich gelacht. Der bleiche Kapitn hat zehnmal mehr Charakter als ich.
Immer waren alle krftiger und geachteter als ich. Immer und berall war
ich hintendran. Wie habe ich nur denken knnen, da aus so einem
schwchlichen, verachteten, verprgelten, durch und durch lcherlichen
Kerl ein Knstler werden knne.

Ein Schlucken zerrte in seiner Kehle. Aber seine Augen blieben trocken.

Vor einem Schaufenster, hinter dem lgemlde hingen, blieb er stehen,
sah gedankenlos auf das groe Bild in der Mitte, das eine Kreuzabnahme
darstellte, wurde interessierter, beugte sich vor und packte pltzlich
den Herrn neben sich am rmel. Das linke Bein ist viel zu lang. Sehen
Sie? Sehr verzeichnet. Auf das betaute Fenster zeichnete er mit dem
Finger -- Schenkel, Knie und Wade. So mu das sein! So!

Sie sind Maler. Sie mssen das wissen. Jetzt sehe ich den Fehler auch.

Nicht wahr! Vorsichtig reckte Oldshatterhand sich auf, um zu
kontrollieren, ob er grer sei als der Herr.

Der Herr war kleiner.

Erleichtert schritt Oldshatterhand weiter, sah einer vornehmen Dame ins
Gesicht und zog tief den Hut. Seine Augen glnzten. Er kannte die Dame
gar nicht.

Sofort wollte er das Bild fr die Preisaufgabe der Akademie beginnen.
Mrchen war als Thema gegeben. Die mannshohe Leinwand stand schon in
der Kammer.

Er trat ein und prallte zurck: auf dem Bett sa ein Soldat, in
Luftschifferuniform, und sah auf die Frauenakte an den Wnden.

Aber also und, also, das hast alles du gemalt?

Alles ich . . . Und du? du bist Soldat?

Ja also und, ich hab mich freiwillig zum Luftschifferbataillon
gemeldet, sagte der Knig der Luft. Hab aber immer noch keinen Ballon
zu sehen bekommen. Also was sagst du dazu? Und in diesen vier Wochen ham
sie mich berhaupt noch gar nit aus der Kasern herausgelassen . . . Also
weit du, die vom zweiten Jahrgang sagen, mit hinauffliegen, das gibt's
berhaupt nit. Hchstens einen Strick drfe man halten, von einem
lumpigen Fesselballon, so gro wie ein Waschkessel. Also so eine
Saubande. Wegen so einem Bldsinn hab ich mich nit freiwillig dazu
gemeldet . . . Aber also und, jetzt mu ich gleich gehen, zurck in die
Kasern. Sonst krieg ich Arrest. Er kroch unterm Tisch durch. Am
Sonntag ber acht Tag hab ich Ausgang. Falkenauge, der bleiche Kapitn,
der Schreiber und alle anderen lassen dich gren. Und bernchsten
Sonntag kommen sie alle nach Mnchen, weil der bleiche Kapitn ein
Preisstemmen mitmacht in Nrnberg. Und also dann kommen sie auch nach
Mnchen und besuchen dich. Und also auch mich. Der Knig der Luft
deutete auf einen Mdchenakt. Lassen die sich so ohne Kleider anguck?

Ja.

Also da verreckst! . . . So ein Bild mcht ich auch hab.

Oldshatterhand gab ihm die Zeichnung.

. . . Also ganz nackt. Ja aber also und, jetzt mu ich schleunigst
gehn. Also gr Gott. Am Sonntag. Sie kommen alle zu dir her. Und also
ich komm auch daher.

Nun, und wenn der Mann vor dem Kunstladen grer gewesen wre als ich?
Es ist doch ganz gleich, ob ein Mensch einen Meter und siebzig oder
einen Meter und sechzig gro ist. Auf diese Gre kommts doch gar nicht
an . . . Wie einem doch alles Schwere aus der Kindheit nachluft!
Vielleicht das ganze Leben lang. Und man bekommts nicht los. Mancher
bekommts nie los.

Auf dem Tisch lag ein Brief von Franziskus Grnwiesler. Grnwiesler
klagte, da er in dem kleinen Pfaffennest, in Lohr am Main, hocken
msse, bei seiner Tante, weil die ihm zwar Essen und Wohnung gebe, aber
kein Geld mehr. Obwohl er doch so dringend wie irgendeiner nach Mnchen
gehre, um Akt zu zeichnen und die alten Meister in den Galerien zu
studieren. Gerade jetzt, da er eine groe Komposition begonnen habe, die
er ohne Modell, das in dem Nest ohne Revolution nicht zu haben sei,
nicht beendigen knne. So komme er nicht vorwrts. Er sei ganz
verzweifelt. Die Tante befinde sich mit Haut und Haaren in den Klauen
der Pfaffen. Den ganzen Tag ber hocke einer bei ihr, wenn sie nicht
ihrerseits bei den Pfaffen oder in der Kirche sei. Er trume von
Tonsuren und von Kutten, die durch der Tante Garten schlichen. Sie habe
ihr Vermgen dem Kloster vermacht. Er, Grnwiesler, solle nur
sechstausend Mark in Obligationen bekommen, nach dem Tode der Tante.
Aber dann ntze ihm das Geld auch nichts mehr.

Grnwiesler schien den Brief nicht gleich abgesandt zu haben, denn der
Brief hatte einen mit Bleistift geschriebenen Nachsatz. -- Ich habe die
fr mich bestimmten sechstausend Mark in Obligationen, die in der Truhe
der Tante lagen, an mich genommen. Lebe in schrecklicher Angst, denn ich
bin berzeugt, meine Tante zeigt mich an, wenn sie entdeckt was ich
getan habe. Ich bitte dich, bitte dich dringend, gib mir einen Rat. Was
soll ich tun? Sende mir deine Photographie, ich will das Gesicht eines
Freundes sehen. Dein lebenslnglicher Freund, Franziskus Grnwiesler.

Sende mir diesen Brief umgehend zurck. Dieser Satz war auch mit
Bleistift geschrieben und dreimal unterstrichen.

Grnwiesler hatte mit Oldshatterhand sein Geld geteilt, hatte ihm
gezeigt, da blau und gelb grn gibt, ihm mit unendlicher Geduld die
technischen Schwierigkeiten berwinden helfen und es Oldshatterhand
ermglicht, aus den alten Verhltnissen herauszukommen, so da er
vorwrts kommen konnte, wenn ihm die Ausdauer nicht fehlte.

Durch die Erlebnisse dieses Tages und durch Grnwieslers Brief sehr
erregt, schrieb Oldshatterhand einen langen, wirren Brief voller Hingabe
und Begeisterung und schlo: Stelle dich vor deine Tante hin, mit dem
Revolver in der Hand. Gestehe ihr alles und sage: Wenn du mich anzeigst,
erschiee ich mich vor deinen Augen.

Er trug den Brief sofort zur Post.

Mit dem Gefhl, sein Krper strebe, wachse, eilte er in seine Kammer
zurck und begann das Bild fr die Preisaufgabe. Der Entwurf wurde eine
dstere, dunkle Gasse, mit unwirklicher Helligkeit darin.

Der Brief Grnwieslers lag noch auf dem Tisch. Oldshatterhand hatte
vergessen, ihn zurckzusenden.

                   *       *       *       *       *

Oldshatterhand stand auf dem Perron des Mnchener Hauptbahnhofs und
blickte hinaus in die blaue Helle, wo wie ein schwarzer Wurm der
Nrnberger Zug gekrochen kam, in dem die Ruber saen.

Die Freundin Oldshatterhands, in einem unter der Brust gefaten weien
Pikeekleid, lachte verwundert, weil die Erregung Oldshatterhands sich
auch ihr mitteilte. Sie hatte japanische Augen, einen kopfgroen
Rosenstrau vor der Brust und hie Sofie Meinhalt.

Die schwitzende Lokomotive stand. Der Dampf zischte aus. Tyrannei! Acht
. . . Stunden . . . Tag . . . Die Ruh, die Republik! endete der Gesang
der Ruber.

Hohaho! rief der Schreiber aus dem Coupfenster, und der bleiche
Kapitn streckte seinen silbernen Preisbecher heraus. Den
siebenunddreiigsten Preis hab ich! Die Fremden lchelten.

Mit Rnzchen bepackt, sprangen sie auf den Perron, und wurden ganz
still, als ihnen die schne Freundin Oldshatterhands die Hand reichte.

Auch die Ruber hatten zwei Mdchen mitgebracht: die Liebste des
Schreibers, und Kthchen Schlauch, die Braut des bleichen Kapitns. Ihr
Hut war flach wie ein Korbdeckel und mit knstlichen Tannenzapfen
geschmckt. Die Liebste des Schreibers trug ihre braunen Zpfe dreimal
um den Kopf herumgelegt. Ihre Augen standen etwas vor.

Donnerwetter! Das ist ein Bahnhof. Falkenauge sah empor zur
Eisenkonstruktion. Alle standen und staunten empor.

Auf dem Bahnhofsplatz nickten die beiden Mdchen einander zu, und jede
zog einen zerknllten Schleier hervor.

Und wenn's jemand in Wrzburg erfhrt, da ihr diese Fetzen getragen
habt, dann ist der Teufel los, und die ganze Stadt sieht euch ber die
Nase an, schimpfte der bleiche Kapitn und stlpte die Lippen nach
auen.

Da geh mal her, Kthl, rief der Schreiber und band dem
grimassenschneidenden Frulein Schlauch den Schleier fest am
Tannenzapfenhut. So, Kthl, jetzt bist du eine feine Dame.

Die wollen ins Hofbruhaus, schmollte des Schreibers Liebste, ich
will aber erst ins Kaufhaus. Und Hutgeschfte will ich sehen, alle
Hutgeschfte. Und mit einem Blick von unten herauf zu Sofie Meinhalt
schlo sie: Ich bin doch Modistin.

Sie standen noch immer auf dem Platz. Wo ist denn die groe
Hofbckerei? Mein Vater hat gesagt, die mte ich ansehen.

Das is jetzt Nebensache, sagte der bleiche Kapitn zu seiner Braut.
Aber da hier die Leute genau so herumlaufen wie in Wrzburg, das
wundert mich. Ich hab gemeint, hier in Mnchen htten sie alle
Volkstrachten an . . . so Gebirglerstrachten. Seht einmal die, die hat
einen alten Kartoffelsack an. Die Malerin in Sandalen und
Rupfenreformkleid ging, Brust voran, mit Mnnerschritten weiter. Ihr
langer, giftgrner Schleier flatterte hinterher. Die Mdchen kicherten.
Alle sahen ihr nach.

Hoppla! Im letzten Augenblick hatte der strahlende Oldshatterhand die
Rote Wolke vor dem Auto zurckgerissen.

Die Mdchen durften vorankriechen, hinein in die Kammer Oldshatterhands.

An der Wand hingen zwei lebensgroe Akte, ein Mnner- und ein Frauenakt.
Die Mdchen sahen zum Fenster hinaus, in die Ecken, zu Boden, von unten
herauf auf die Ruber, die verlegen nach der nackten Frau schielten.

Liesl, bist du auch so schn wie die, sagte der Schreiber in die
Stille. Die Modistin wandte sich zornig um und kroch aufheulend zur Tr
hinaus. Sofie Meinhalt ging ihr sofort nach, und gleich darauf drckte
sich auch Frulein Schlauch zur Tr hinaus.

Warum hltst du aber auch dei Maul nit. Du weit doch, wie Mdli sind.

Hohaho! Der Schreiber war verlegen.

Des bleichen Kapitns Lippen rollten wieder freundlich nach innen. Aber
das htt ich in meinem ganzen Leben nit geglaubt, da du solche Sachen
malen kannst.

Falkenauge besah sich ganz nahe das Bein der Frau.

Mit Kohle gezeichnet, was? fragte die Rote Wolke. Hast du's fixiert?

Ja.

Das hab ich mir gedacht.

Die Ruber standen still um den Frauenakt herum. Sofie Meinhalt trat
ein. Ihr mt jetzt hinausgehen. Die Mdchen wollen sich waschen. Die
Modistin wischte sich lchelnd die Trnen von den Augen.

Die Ruber gingen den Gang vor bis zum Fenster und saen auf den
Treppenstufen beisammen wie im Festungsgraben.

Warum ist denn die Kriechende Schlange nicht mitgekommen? fragte
Oldshatterhand.

Die Kriechende Schlange? . . . Mein Lieber, mit dem kannst nimmer
verkehr. Was glaubst denn! Der steht am Vierrhrenbrunnen. Weit . . .
ein Vierrhrenbrunnensteher.

Ooooh! sagte Oldshatterhand betroffen. Er redete den ganzen Tag fast
nichts mehr.

Von unten strmte jemand herauf, stie die Kammertr auf und prallte
zurck vor den durchdringenden Mdchenschreien. Also und hoppla!
. . . Also so eine Dummheit! Der Knig der Luft ging nach vorne und
begrte die Ruber. Sein Kopf scho vor. Die tiefe Falte war da. Also
wie lang brauchen denn die Schneegns noch. Bis zwlf Uhr hab ich nur
Ausgang. Also da verreckst . . . waschen! am hellen Tag. Was sagt ihr
dazu?

Auf der Strae ging Sofie Meinhalt voraus, Arm in Arm mit den Mdchen.
Nach dem Essen wollten die Ruber Kaffee trinken.

Oldshatterhand fhrte sie in das kleine Knstlercaf. Frulein Schlauch
hatte ihren Schleier wieder vorgebunden.

Beim Eintritt zuckte der Knig der Luft vor einem eiligst abwinkenden
Infanterieleutnant zusammen und marschierte stramm an ihm vorbei, die
genagelten Kanonenstiefel auf das Linoleum knallend. Die Gste fuhren
erschrocken auf.

Wie in eine Schaubude schoben sich die Ruber im Trupp in das Caf,
saen still zusammengedrngt beim Fenster und blickten eine Weile
betroffen auf die sonderbaren Gestalten. Da mute Sofie Meinhalt
lcheln, worauf alle Ruber in ein brllendes Gelchter ausbrachen, da
die Gste fragend und entsetzt in die Hhe schnellten, whrend der Knig
der Luft die Ruber drohend anfunkelte und, das Kinn zur Tischplatte
geduckt, zum Offizier hinwies, der jedoch ruhig in seiner Zeitung
weiterlas.

Der einsame Billardspieler, mit der Lodenpelerine lang und schmal am
Rcken, sandte kalte Blicke zum Rubertisch.

Die Modistin sah mit runden Augen auf eine junge Malerin, die nebenan
auf der Polsterbank halb lag und durch die Nase rauchte.

Wortlos reichte Frulein Schlauch eine zierliche Mnchener Semmel dem
bleichen Kapitn, der staunend den Kopf schttelte und sie verchtlich
wieder zurcklegte ins Krbchen. Davon verzehr ich dreiig Stck und
wei dann noch nit amal, ob ich nur getrumt hab.

Der Fremde trat ein, begrte Oldshatterhand, der seine Freunde
vorstellte; zuerst die Mdchen, die aufstanden. Der Fremde setzte sich
an den Tisch dazu.

Sprachlos geworden blickten die Ruber auf ein weiblondes Mdchen in
einem Kamelhaarsweater, barfig in Sandalen, das auf die Malerin zukam,
gefolgt von einem zwei Meter langen, ungeheuer dnnen Jngling in einem
Mantel aus braunem Kanapeestoff. Der Mantel fiel ihm bis zu den Fen
und war vorne mit einer Sicherheitsnadel zugesteckt. Der Lange hielt die
schmalen Schultern so hoch gezogen, da sie im langen Lockenhaar
verschwanden, und trug eine groe Rundglserbrille mit Kautschuk gefat.
Neben dem Knig der Luft fiel er apathisch auf die Polsterbank.

Liebe beschmutzt nie! Ich kann meinen Krper geben, wem ich will, rief
erregt das weiblonde Mdchen. Mein Vater ist ein Trottel!

Die Ruber stupsten einander. Des Schreibers Gesicht lief blaurot an.
Seine Augen glotzten vor Anstrengung. Er hielt die Faust auf den Mund
gepret, pfutzte. Und lachte endlich krachend los.

Der Pelerinenherr warf einen kurzen Blick auf den Schreiber, sah erst
interessiert dem Totlaufen der Billardkugel zu, und richtete sich streng
auf. Bitte sehr! Sie sind hier nicht in einer Menagerie!

Der bleiche Kapitn stlpte die Lippen nach auen.

Also und, wart bis der Leutnant fort is.

Ich wei ja nit, wie Sie darber denken, wandte sich der bleiche
Kapitn an den Fremden, aber wenn das Knochengerst dort schreit:
Menagerie! -- da sagen Sie einmal selbst, ob ich diesem Gespenst nit das
Kreuz einschlagen soll. berhaupt, wenn bei uns a Mdle sagt: >mein
Vater ist ein Trottel<, kriegt sie eine Maulschelle.

Der Pelerinenherr nahm den Billardstock quer vor den Leib und wandte
sich seinen Freunden zu: Wissen Sie, da es in Sddeutschland grt? Im
Westen. Der Osten rhrt sich. Das Rheinland . . . Eine geheime
Verbindung. Keiner wei von der Existenz des anderen. Aber fluidisch
kennen sie sich alle. Ich habe die imponderablen Fden in der Hand!
Ich!

Die Blonde machte mit den Hnden hastige Klaviergriffe; ihre Augen
ffneten sich starr. Ich denke in Oktaven -- ganz schnell! ganz
schnell! bis zurck, da ich ein Kind war . . . Jetzt sehe ich meine
Mutter durch den Sommergarten gehen, flsterte sie, und mein weies
Kleidchen von der Wscheleine nehmen . . . Da war ich drei Jahre alt.
Sie wachte auf. Der Lange strich ihr beruhigend-zrtlich ber die Hnde.

Der Leutnant verlie das Caf.

Also und, aber jetzt geben wir dem ein wenig Menagerie.

Da bot der Fremde dem Knig der Luft eine Zigarre an. Sind Sie schon
oft mit hinaufgeflogen?

Hn? . . . Also und, das hab ich auch geglaubt. Er stand auf, streckte
das Bein wagerecht aus und begann den Kanonenstiefel zu kreisen. Also
seit fnf Wochen Fudrehen . . . Oder Ausschwrmen. Man rennt, was man
kann, bis der Unteroffizier schreit . . . Halt! Dann steht man und gafft
die Kasernenhofmauern an . . . Oder Kopfrollen. Der Knig der Luft
rollte den Kopf. Die Zhne mahlten. Die tiefe Falte war da.

Also und, aber das Essen ist ausgezeichnet. Sooo ein Trumm Fleisch. Und
Kartoffeln, soviel man will . . . Alles was recht ist . . . Aber also
und, was machen wir denn jetzt mit dem da, von wegen der Menagerie?
Alle blickten auf den Billardspieler.

Wenn wir noch rechtzeitig in den Zirkus kommen wollen, mssen wir aber
sofort gehen, sagte der Fremde und stand auf.

Nach der Zirkusvorstellung wurden Frulein Schlauch und die Liebste des
Schreibers in ein Hotel gebracht. Die Ruber verabschiedeten sich vor
der Tr: sie schliefen in einem anderen Hotel.

Am folgenden Morgen kam der bleiche Kapitn, kurz bevor der Zug nach
Wrzburg abging, allein zu Oldshatterhand. Er war verlegen. Weit du
denn eigentlich, da ich der siebzehnte Meisterschaftsathlet von
Unterfranken bin?

Wie meinst du das? Siebzehnter?

Nun, ich bin eben der siebzehnstrkste Mann von Unterfranken und
Aschaffenburg. Er entkleidete sich.

Oldshatterhand betrachtete als Maler den bleichen Kapitn. Die Beine
waren ein wenig zu lang, ein wenig zu dnn, und ein wenig O-geformt, und
schienen den kolossalen Oberkrper, wei und hart wie Elfenbein, kaum
tragen zu knnen.

Mit dem Gefhl, er sei in diesem Augenblick nicht mehr Oldshatterhand --
sondern der Fremde, sagte Oldshatterhand bestimmt und mit einem
neuartigen Lcheln im Gesicht: Du mut der erststrkste Mann von
Unterfranken werden, und empfand erschauernd die Distanz zwischen dem
nackten Jngling und sich.

Nach einigen Wochen kam ein begeisterter Brief aus Wrzburg. Der bleiche
Kapitn war der fnfzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken und
Aschaffenburg geworden.

Die Rote Wolke war nicht mit den Rubern in die Heimatstadt
zurckgereist. Aufgeregt stand er bei Oldshatterhand in der Kammer und
rezitierte den Faustmonolog. Denn noch am selbigen Tage wollte er zu
Konrad Drauer gehen und ihm vorsprechen.

Die Rote Wolke stapfte durch den verschneiten Englischen Garten. Seine
Lippen bewegten sich. Er blieb stehen, rezitierte laut und agierte mit
den Armen. Freude und Entschlossenheit erfllte ihn, da er seine
Jugendjahre so gut zum Lernen der klassischen Dramen benutzt hatte.

Der Herr Hofschauspieler ist jetzt nicht zu sprechen.

Ich habe schon an ihn geschrieben! Sagen Sie nur, Theobald Kletterer
ist da.

Aber Sie haben doch die Equipage vom Herrn Hofschauspieler vor dem
Hause stehen sehen. Er kann jetzt keinen Besuch empfangen. Hat keine
Zeit.

Soooo . . . Hofschauspieler ist der groe Knstler . . . Ich bin extra
von Wrzburg mit hierhergefahren. Es ist eine Entscheidung frs ganze
Leben. Er hob die Arme.

Der Diener lchelte, kam gleich wieder zurck und lie die Rote Wolke
eintreten.

Herr Hofschauspieler, mein Name ist Theobald Kletterer. Theobald
Kletterer aus Wrzburg.

Ja, und? Konrad Drauer stand in den Frack eingezwngt, hob die
Augenbrauen und sah auf die Uhr.

Die Schauspielkunst ist eine gttliche Kunst. Sie gottbegnadeter
Knstler drfen ihr dienen. Der gttlichsten Muse . . .

Sie sind Grtner? Nicht wahr?

Ja . . . Ich will Ihnen den Faustmonolog vorsprechen, Herr
Hofschauspieler. Sie sollen mir sagen, ob man es besser machen kann als
ich. Hingegeben stie er die Arme nach rckwrts und begann.

Halt! Sind Sie aus Bamberg? Dort war ich auch einmal . . . vor
fnfunddreiig Jahren. Sie sprechen genau so wie der Brgermeister von
Bamberg.

Die Rote Wolke lie die Arme sinken. Ich bin aus Wrzburg. Und begann
von neuem.

Konrad Drauer schnitt die Spitze einer schwarzen Zigarre ab und fate
die Rote Wolke am Rockknopf. Sie sind zu klein fr die Bhne. Viel zu
klein.

Der Mund stand offen, rund und schwarz.

Aber Sie sind Grtner. Wieviel verdienen Sie denn als Grtner?

Meine Tante hat eine Grtnerei und ein kleines Huschen, das ich einmal
erben soll.

Erben Sie! Erben Sie, mein Lieber! Glauben Sie mir, das ist
ausgezeichnet . . . Sie sind Grtner. Bleiben Sie Grtner. Sie haben Ihr
Auskommen. Hunderte Schauspieler, Tausende! hungern, verkommen. Es ist
ein Elend . . . Aber jetzt mu ich gehen. Ich bin zum Dejeuner
eingeladen. Gr Sie Gott, Herr Kletterer. Keine Zeit mehr. Gr Gott.

Die Rote Wolke wanderte zurck durch den Schnee, zog die Uhr. Und begann
zu rennen. In zwanzig Minuten ging ein Zug ab nach Wrzburg. Es regnete
strker, mit Frhjahrshagel vermischt.

Er rannte durch die Regenseen der Kauffingerstrae, da der
Schneeschmutz spritzte, und konnte gerade noch ins Coup steigen, worauf
der Zug sich in Bewegung setzte. Und die Rote Wolke wute nicht, ob der
salzige Geschmack auf der Zunge vom Regen, vom Schwei oder von Trnen
kam.




Neuntes Kapitel


Oldshatterhand und der Fremde standen in der Hhe auf dem Kirchplatz von
Basel und sahen hinunter auf die Stadt und den Rhein.

Ein langer, schmaler Schelch mit dem Schiffer scho sehr schnell, vom
schmutzig-gelben Hochwasser stark abgetrieben, ber den reienden Strom.

Der Rhein ist gar nicht so kitschig, wie ihn Dichter und Maler den
Deutschen dargestellt haben, sagte der Fremde in Gedanken.

Hier steht man genau so und sieht hinunter, wie auf dem Wrzburger
>Kppele<. Nur ist dort alles kleiner. Der Rhein sieht gefhrlich aus.

Der Main ist lieblich, sagte der Fremde. Er hatte Oldshatterhand zu
einer Italienreise eingeladen.

Sie wandten sich um. Die alten Kastanien auf dem Kirchplatz hatten schon
braune, harzglnzende Knospen. Zusammengesunkener Altschnee lag noch in
den Ecken. Das Gebirge lag weiglhend unter der Sonne.

Sie traten in die Kirche und kamen mitten in die Predigt hinein.

Gott ist berall! rief der Pastor und schlug auf die Kanzel. Gehet
hinaus in die Natur, und ihr werdet Gott schauen. Im Wald, in den
Wiesen, im Bach, in den Blmlein, im Gestein. Seine Stimme war leiser
und weich geworden und schwoll jetzt wieder an: Aber auch zu mir mt
ihr kommen! Denn ich kann euch mit Gottes Hilfe den Bach und Wiesen
zeigen und Blumen, auch wenn drauen alles schlft unterm Schnee . . .
Kommet! In der Natur ist Gott! Der Pastor schlug die Bibel auf.

In Wrzburg reden die Priester anders in den Kirchen, sagte
Oldshatterhand staunend, als sie wieder auf dem Kirchplatz standen.
Ganz, ganz anders . . . Der Pastor hat schne Dinge gesagt.

In den verschneiten sonnigen Tlern hing noch der Morgendunst. Den
beiden im D-Zug sprangen die Telegraphenstangen und schwarzen
Huserflchen entgegen. Die Gebirgsketten der Alpen standen still.

Das Meer! rief Oldshatterhand und schnellte mit einem Satz zum
Fenster.

Nein, das ist nur ein See.

Nicht das Meer? So ein groes Wasser hatte Oldshatterhand noch nicht
gesehen.

Ganz langsam rckten die Berge nher. Die Tler wurden enger. Vom
Wagenfenster weg stieg die nasse Felswand senkrecht empor.

Der Zug fuhr vom Schneetal ins Dunkel, hinein in die Nacht. Die Luft im
Tunnel war muffig vom alten Rauch. Dieser Tunnel kam Oldshatterhand
unwahrscheinlich lang vor, viel lnger als die vorherigen. Da wurde es
heller -- und hell, und der Zug sauste mitten in den Frhling hinein.
Kein Schnee mehr. Blumen standen im Geleisegraben, und an den
dunkelfelsigen Abhngen blhten die Pfirsichbumchen rosa. Rckwrts
stieg das weie Gebirgsmassiv in die Hhe, und hher, und verschwand im
weien Himmel.

Oldshatterhand errtete immer wieder, weil er des unverhofften Frhlings
wegen froh war und seine Freude nicht verbergen konnte, und sah auf die
fremden, italienischen Huschen, mit flachen Dchern, bemoost und
zerfallend.

Pltzlich stand ein Mann mit einem Stelzfu unter der Durchgangstr und
sang den Gsten der zweiten und dritten Klasse zur Gitarre. Er geriet in
Schwei und sammelte dann.

Auf der Messe in Wrzburg war jedes Jahr ein verunglckter
Bergwerksknappe und lie ein kleines Kohlenbergwerkchen sehen. Der sah
genau so aus wie dieser Mann . . . Er hatte auch einen Stelzfu und
sammelte. Sprach aber selten ein Wort.

Der Zug hatte gehalten und begann wieder zu fahren. Kleine Italiener,
Knaben und Mdchen, rannten barfu auf dem mit Schuttsteinen bedeckten
Bahndamm neben dem Zug her und warfen Blumenstruchen durch die
Coupfenster, in der Erwartung, ein Geldstck dafr zu erhaschen.

Der Zug fuhr schneller, die Kinder rannten schneller, achteten die von
den spitzen Steinen verursachten Schmerzen nicht, und schleuderten ihre
Blumenstruchen, schon ohne Hoffnung, dem schwarzen Zug an die Seite.
Da flog ein Geldstck hinaus; alle strzten sich darauf und bildeten
einen bewegten Haufen Hosen, brauner Fuste und Fe, als der Zug schon
verschwunden war.

Vereinzelte Vorstadthuser von Genua flogen vorbei.

Was ist das?

Das Meer.

Das Meer? Betroffen blickte Oldshatterhand auf den drohenden, grnen
Wasserstreifen, der so schmal war, da er manchmal von den flatternden
Hemden und Windeln, die aus den Fenstern hingen, verdeckt wurde. Die
schmale und doch unabsehbare Weite des Wasserstreifens machte
Oldshatterhand stumm. Der Zug fuhr langsamer weiter.

Da standen im Hafen unzhlige Schiffsmasten gereckt und gespreizt in die
Luft, und das Meer wurde Oldshatterhand zum Meer.

Hoch oben trotzte das Fort, und von ihm weg den Berg hinunter, bis zum
schiffgefllten Hafen, lag in der Sonne die mchtige, weie Stadt Genua.

Ein barfiger Italienerjunge mit einem Pack Zeitungen unterm Arm
schritt auf dem Perron am staubigen Zug entlang und sang: Co . . . rri
. . . ere Della Sera. Corriere Della Sera. Corriere Della Sera.

Das klingt wie ein schnes Lied, sagte Oldshatterhand und lchelte,
weil ein Dutzend Gepcktrger kindlich vorgebeugt standen und mit dem
Zeigefinger auf ihre Brust deuteten: Si Signore? Si Signore? . . .

Sie fuhren in einer offenen Droschke, berdacht von einem rot und wei
gestreiften Riesensonnenschirm, durch die vom Korso belebte Hauptstrae,
bis zu einem der alten Palste.

Als sie das hohe Bogenportal betraten, wo die von der Decke hngende
groe Ampel schon brannte, obwohl es noch hell war, reichte der Portier
dem Fremden ein Telegramm.

Ich mu noch heute weiterreisen. Tief hinunter nach Spanien. Zu meinem
Freund.

Auer der alten Frau mit dem Schlsselbund, dem Koch und dem Portier war
Oldshatterhand allein im stillen Palast. Er bewohnte einen gewaltigen
Salon, und an dem vergoldeten, zwei Meter breiten Himmelbett im
Schlafzimmer hingen schwere Portieren. Manchmal hrte er den
Schlsselbund klingen und verklingen.

Im Garten auf das Meer hinaus blhten die Magnolienbume. Und die
Sirenen erklangen unaufhrlich im nahen Hafen.

Oldshatterhand drfe im Palast wohnen, solange er Lust habe. Den ganzen
Sommer ber, auch wenn der Fremde nicht mehr zurckkehren knne.

Am dritten Tage sa Oldshatterhand wieder auf der Taurolle im sonnigen
Hafen. Neben ihm sa wieder reglos der alte Neger mit den weien
Wollhaaren an der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer hinaus,
in der Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab ihm eine Zigarette.

Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen den
Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhrlich und schnell wie
Wasserinsekten.

Eine Schar Auswanderer hockte auf Bndeln und Bettstcken. Die Mnner
warteten und rauchten. Einer zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine
Orangenschale, die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine junge
Frau lie ihr Kind trinken, und der weihaarige Grovater dste vor sich
hin. Elegante Fremde, von Gepcktrgern mit schnen gelben Koffern
gefolgt, hasteten zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weien
Leinenanzgen und mit schwarzen Zpfen kamen Arm in Arm aus der
Hafenkneipe und schaukelten auf der Holzbrcke, welche die Kaimauer mit
dem Schiffskolo verband.

Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brcke eingezogen wurde. Die
Auswanderer, in einen bunten Saum von Not und Hoffnung zusammengedrngt,
blickten vom untersten Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die
Zurckbleibenden.

Ein kleiner Wasserschieer war verbunden worden mit dem Schiffskolo,
der schwerfllig zu schaukeln begann und von der Kaimauer wegbrach, als
das Tau sich straffte. Der kleine Wasserschieer ereiferte sich,
geiferte, zischte und schrie und schleppte den Kolo, der sich kaum
sichtbar vorwrts bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen durch,
whrend die Auswanderer reglos standen und auf das allmhlich
entgleitende Hafenbild zurckblickten, bis sie nichts mehr unterscheiden
konnten.

Der Hafen sah ihm ganz verndert entgegen, als Oldshatterhand seine
Augen endlich von den fernen Rauchfladen des ausgefahrenen Dampfers
losri und neben sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen
hatte. Da war jetzt eine weite Wasserflche, ein groes dunkles Loch
zwischen den verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen, Obstabflle, ein
Weidenkorb schaukelten auf der schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der
alte Neger sa noch immer reglos und starrte nach Afrika.

Oldshatterhand sa zusammengesunken neben ihm. Wie in seiner Kinderzeit
hatte ihn unvermittelt schwere Traurigkeit befallen, deren Ursache er
nicht kannte. Etwas Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schlo ihm die
Augen, wie damals, als er im Galopp auf dem Gelnder ber die alte
Brcke in Wrzburg gesprungen war. Seine Knie wurden schwach vor
Todesangst, denn er empfand den unerklrlichen Zwang, sich wehrlos ins
schwarze Hafenwasser sinken zu lassen. Sthnend bog er den Oberkrper
vom Wasser weg und schwankte zurck.

Die Alte mit dem Schlsselbund kam lautlos in den Salon, lchelte und
gab Oldshatterhand einen Brief. Una lettera, Signore. Sie zndete die
drei Kerzen im Standleuchter an, lchelte und ging.

Franziskus Grnwiesler schrieb -- er habe sich nach Oldshatterhands Rat
vor seine Tante hingestellt, mit dem Revolver in der Hand, und gesagt:
Wenn du mich anzeigst, erschiee ich mich. Da habe sie ihn abreisen
lassen, ihn aber so hinterhltig bse angeblickt, da er mehr denn je in
Angst sei und stndig in der frchterlichen Erwartung lebe, pltzlich
verhaftet zu werden. Oldshatterhand solle um der treuen Freundschaft
willen, die sie miteinander verbinde, gleich nach Mnchen zurckkommen,
damit er sich endlich mit einem Menschen aussprechen und beraten knne,
was zu tun sei. Er mchte am liebsten von den sechstausend Mark ein
altes Huschen kaufen, irgendwo in der Welt, und dort auf immer mit
Oldshatterhand zusammen leben und arbeiten. Eine feste Adresse habe er
nicht, aus Angst, von der Polizei gesucht und gefunden zu werden.
Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek kommen, dort kopiere er den
ganzen Tag. Ich bitte Dich, verbrenne diesen Brief sofort. Dieser Satz
war unterstrichen.

Erschiee ich mich . . . _vor deinen Augen_, habe ich geschrieben,
sagte Oldshatterhand langsam. Und zu dem Druck, der whrend des Lesens
immer beklemmender sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die
aber den Druck lste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse noch
einmal berblicken lie. Er horchte in sich hinein, wurde ruhiger und
sagte im stillen zu sich und Grnwiesler: Schlielich darf eben doch
kein Mensch, wer er auch sei, einem andern etwas wegnehmen.

Aber schon whrend er packte, entschwand ihm das klare Bewutsein wieder
-- weshalb ein Mensch dem anderen nichts wegnehmen drfe, unversehens
wie ein Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar Fetzen ohne
jeden Sinn und Zusammenhang geblieben sind.

Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er den ganzen Sommer lang
hatte bleiben wollen.

Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit dem Klopfen seines
Herzens empfand, wanderte sein Ehrgeiz auf die andere Seite des Lebens
hinber, und er schlo seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben
auf den Menschen an. Qualitt und Kraft entscheidet. Napoleon schritt
ber hunderttausend Leichen weg auf sein Ziel los. Und ich bin
vielleicht noch grer als Napoleon! rief er in steigender Begeisterung
und legte beide Hnde in die Hften.

Niente Napoleone, erwiderte ein alter Italiener und deutete auf ein
graues Schlo, una castello Genova.

Oldshatterhand dachte daran, da der bleiche Kapitn gesagt hatte: Kraft
ist die Hauptsache auf der Welt! und lchelte bei dem Gedanken -- da
des bleichen Kapitns Kraft und seine Kraft zweierlei seien.

Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener
erspart hatte, um, wie er glaubte, damit ein berhmter Maler werden zu
knnen, hatte gerade noch fr die Rckfahrkarte gereicht.

Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag in Mnchen an. Da lag
Neuschnee. Und auf der Fahrstrae spritzte das schmutzige Schneewasser
hoch, als Oldshatterhand sie berquerte. Aber er hatte Italien in seinen
Augen, und wenn er sie schlo, konnte er auf der Taurolle neben dem
alten Neger sitzen, roch er die Sonne, den Teer und den Wassergeruch des
Hafens von Genua.

Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus und ging sofort in
die Alte Pinakothek.

Grnwiesler in Kniehosen stand auf der Leiter vor der Susanna von van
Dyck und ugte angestrengt auf seine Kopie und zurck aufs Original, sah
auf und stierte erschrocken Oldshatterhand an. Mischte aber noch einmal
Farbe auf der Palette und verzog dabei die Lippen wie sein Freund
Immermann, was Oldshatterhand erstaunt beobachtete. Dann erst stieg
Grnwiesler von der Leiter herunter und hieb, in sich hineinkichernd,
Oldshatterhand die Hand auf die Schulter: Da bist du ja. Das war lieb
von dir.

Oldshatterhand konnte sich nicht freuen. Er hing dem Lippenverziehen
Grnwieslers nach und fhlte einen Knoten in seiner Brust. Die Stirn
ist zu hoch, sagte er und deutete auf die Kopie.

Meinst du? Er verglich. Du hast recht. Und stieg wieder auf die
Leiter.

Oldshatterhand wurde es leichter, weil er den Fehler entdeckt hatte.
Wollen wir nicht fortgehen? Hier knnen wir ja nicht sprechen.

Ja, gleich. Ich will nur erst Bratmund holen. Er kopiert hinten im
Murillosaal.

Den knnen wir doch jetzt nicht brauchen.

Grnwiesler neigte den Kopf schulterwrts und sah Oldshatterhand mit
seinem Kanarienvogelblick an. Ich hab's ihm versprochen. Er ist ein
guter Kerl. Ich hole ihn gleich. Warte ein bichen.

Oldshatterhand setzte sich auf die Polsterbank und sah auf die Susanna
von van Dyck, ohne etwas zu sehen. Der Druck war wieder da.

Die beiden kamen zurck. Der Maler Bratmund hatte aufgeworfene Lippen,
eine Stlpnase, und seine hohe Stirne war trotz der vielen Falten
ausdruckslos, wie die eines unheilbar Verbldeten.

Jetzt gehen wir essen, sagte Grnwiesler und lachte frhlich. Und auf
der Strae sagte er: Jetzt, was meinst du eigentlich zu der ganzen
Sache? . . . Wo soll das Huschen stehen? Im Spessart?

Oldshatterhand stie heimlich Grnwiesler an, der in der Mitte ging, die
Augenbrauen in die Hhe zog und beiden die Hand auf die Schulter legte.
So gingen sie weiter.

Oldshatterhand wurde lustig. Wir lassen das alte Huschen ganz umbauen,
machen eine Lambrie aus braungebeiztem Eichenholz ums ganze Zimmer
herum, und darauf stellen wir gemalte Teller, alte Krge und
Zinngeschirr . . . Es mu natrlich auch ein Obstgarten dabei sein.

Waaas Huschen? Dazu gehrt Geld. Habt ihr denn Geld zu einem Haus?

Wir haben Geld. Es kommt eben darauf an, wer sich ein Huschen kaufen
will . . . Es kommt nur darauf an, ob man das Recht dazu hat.
Oldshatterhand lachte siegesbewut. Grnwiesler lachte in sich hinein
und drckte Oldshatterhand die Schulter.

Das Recht htte ich auch. Aber kein Geld.

Wir haben aber Geld, weil wir das Recht dazu haben. Das knnen Sie
nicht verstehen. Oldshatterhand reckte sich auf und stemmte die Hnde
in die Hften. Jetzt essen wir, und dann wollen wir weiter sehen
. . . Ich habe aber gar nicht mehr so viel Geld, um ein Mittagessen
kaufen zu knnen.

Grnwiesler sah Oldshatterhand liebevoll an. Du bist eingeladen.

Sie traten in den Schelling-Salon ein, wo viele essende Studenten saen,
und setzten sich an einen runden Tisch mitten ins Lokal.

Die beiden aen schon an ihrem Men zu achtzig Pfennig; Oldshatterhand
hatte keinen Appetit, suchte immer noch auf der Speisekarte und
bestellte eine Hummermayonnaise. Die kostete eine Mark dreiig Pfennig.
Grnwiesler sah den Maler Bratmund an. Der lchelte verstohlen.

Wir werden immer im Huschen leben und kolossal arbeiten.

Du und ich, wir halten zusammen, erwiderte Grnwiesler und hieb
Oldshatterhand die Hand auf die Schulter.

Wir werden viele Bilder malen und sie auf alle Ausstellungen schicken.
Kopieren darfst du nicht mehr so viel. Das ist doch nicht das Richtige.
Kopieren kann jeder.

Er schob die Hummermayonnaise zurck. Ich hab keinen Appetit.

Grnwiesler wurde blaurot im Gesicht und schrie pltzlich: Jetzt halt
ich's nicht mehr aus! . . . Meinst du denn wirklich, ich htte meiner
Tante ihre sechstausend Mark gestohlen! Er starrte Oldshatterhand an.

Der atmete nicht und hatte die Empfindung, mit khler Luft ausgefllt zu
sein bis zum Gaumen. Du hast die sechstausend Mark nicht? . . . Warum
hast du mir denn dann geschrieben, als ich von allem noch gar nichts
wute, du httest die sechstausend Mark genommen?

Grnwiesler balancierte immer noch das Stck Goulaschfleisch auf der
Gabel und starrte Oldshatterhand immer noch an. Ich wollte eben
erfahren, was du mir darauf antwortest. Verstehst du? Er lachte und sah
Bratmund an.

Aber warum hast du mich denn aus Italien zurckkommen lassen, damit ich
dir helfe? Das httest du doch dann nicht zu tun brauchen . . . Ich
wohnte in einem Palast.

Warum? . . . das wirst du schon sehen. Ich will dir einmal sagen, was
_du_ nicht httest tun drfen . . . Du hattest neunzig Mark, und hast
mir den ganzen Sommer ber im Spessart nichts davon gesagt und dich von
mir erhalten lassen. Du bist ein ganz gemeiner Kerl. Und ich Esel
glaubte, du wrst mein Freund.

Ich bin kein ganz gemeiner Kerl, flsterte Oldshatterhand. Ich wollte
doch mit den neunzig Mark Maler werden. Wer hat's dir denn gesagt, da
ich neunzig Mark besa? Die waren doch daher, weil ich einmal ein Bild
verkauft habe, auf der alten Brcke in Wrzburg.

Ich will dir einmal etwas sagen. Grnwiesler schob den Goulaschbrocken
in den Mund. Wenn nicht einmal deine eigene Mutter mehr an dich glaubt,
dann . . . na weit du. Sie hat den Brustbeutel mit den neunzig Mark
eines Tages in deinem Strohsack gefunden und kam ganz verheult zu
Immermann gelaufen und erzhlte ihm, was du fr ein gemeines Brschchen
bist, weil du einen Haufen Geld hast, whrend sie und dein Vater sich
vor Sorgen nicht retten knnen . . . Immermann hat mich daraufhin
endlich aufgeklrt, was du eigentlich bist. Da hast du's. Und jetzt
verschwinde.

Maler wollte ich werden. Ich wollte doch Maler werden mit den neunzig
Mark . . . Ich verdiene doch spter viel Geld und gebe dir alles zurck.
Warum hast du mir denn diese Briefe geschrieben, geschrieben, da du das
Geld nehmen willst, und da du das Geld genommen hast, und da ich dir
raten und helfen soll. Und warum hast du mich von Italien zurckgerufen.
Sag mir doch. Bist du denn nicht mehr mein Freund . . . Was soll denn
jetzt sein.

Das wirst du schon sehen.

-- -- -- Du hast mich angezeigt, flsterten Oldshatterhands weie
Lippen. Hilfesuchend sah er Bratmund an, der lchelnd auf seinen Teller
blickte.

Was denn anders! . . . Kannst du vielleicht in Italien verhaftet
werden? Nein. Aber hier in Mnchen. Deinen feinen Brief und deine
Photographie hat der Staatsanwalt.

Deshalb hast du mich von Italien zurckgerufen, damit ich verhaftet
werden kann? . . . Das alles hat Immermann sich ausgedacht. So gemein
ist auer ihm kein Mensch, sagte Oldshatterhand langsam.

Immermann ist mein bester Freund. Mein einziger Freund. Aber du hast
geglaubt, ich sei ein Tlpel!

Oldshatterhand sah auf die essenden Studenten und ging langsam durch das
Lokal und hinaus. Der Dienstmann davor hob die Hand zur Mtze.

Oldshatterhand ging durch den Schnee; er konnte weder Grnwiesler noch
Immermann hassen, denn es fehlte ihm dazu die Kraft. Die Sehne der Kraft
war ihm entzweigeschnitten worden. Er atmete mhsam durch den weit
offenen Mund. He? fragten seine schlaffen Lippen bei seinem
vergangenen Leben an, und er schttelte langsam den Kopf -- er wisse
nichts.

Oldshatterhand begriff nichts, fhlte keinen Druck in der Brust, litt
nicht. Seine Empfindungsfhigkeit war niedergeschlagen. Mit den
Fingerngeln versuchte er, sich in die Wange zu zwicken, und hatte nicht
so viel Kraft, Schmerz zu erzeugen. Frieren wre wunderbar, dachte er
und lchelte zart. Er setzte sich auf eine Bank in den Anlagen. Es war
sehr kalt. Er ffnete Mantel, Rock und Weste, schlo die Augen und blieb
reglos hocken.

Allmhlich kehrte die Empfindung zurck, denn er empfand, da er seine
Fuzehen und spter die Beine bis ber die Knie herauf vor Klte nicht
mehr fhlte. Er geno, wie die Klte ihm durchs Hemd drang, rhrte sich
nicht und sah auf seine reglos liegenden, rot gefrorenen Hnde hinunter.
Irgendeine Stelle in seinem Innern war hei. Und er glaubte, da jetzt
sein ganzer Krper vor Klte leblos war, da die heie Stelle in ihm
seine Seele sei. Whrend sein Krper vor Klte mehr und mehr abstarb,
beobachtete er seine immer heier werdende Seele -- beobachtete er das
Fieber, das er fr seine Seele hielt, bis das Fieber einen Hitzeschauer
abstie, der ihm durch den ganzen Krper flog.

Automatisch, ohne da er es wollte und wute, stand er auf und stampfte
rhythmisch den Boden, stie die Fuste in die Luft. Immer wilder
werdend, tanzte er stampfend im Kreise herum.

Der vermummte Droschkenkutscher auf dem Bock lachte lautlos in sich
hinein. Oldshatterhand sah ihn an, knpfte seine Kleider zu und ging in
der Richtung nach seiner Kammer. Unvermittelt sa der Druck wieder unter
seinem Brustbein ber der Magengrube, wo das Gewissen seinen Sitz hat.
Er sah die Gassen und Kirchtrme von Wrzburg. >Es wird in den
Wrzburger Zeitungen stehen<. Sein Vater kam verschwitzt von der Arbeit
zurck. Ruhig! brllte der Vater und stie die Zeitung vom Tisch. Die
Ruber lchelten verlegen und drckten sich an ihm vorbei. -- Der kann
jetzt mit der Kriechenden Schlange am Vierrhrenbrunnen stehen, hrte er
den Schreiber sagen. Ich? Vierrhrenbrunnensteher? schrie
Oldshatterhand. Da sah er sich als Knabe, eingehngt bei seinem Vater,
durch den abendlichen Wald marschieren, mit dem Wrzburger Gesangverein.
Der ganze Verein pfiff: Wenn die Schwalben wiederkommen.

Das Bild aus seiner Jugend versank; rasch ging Oldshatterhand weiter und
pfiff gedankenlos Wenn die Schwalben wiederkommen.

Die wer'n schau'n! schrie ein Bckerjunge mit einem Henkelkorb.
Oldshatterhand schrak zusammen, zog die Schultern in die Hhe und eilte,
mit seinen Gedanken in Wrzburg, schnell bis vor seine Kammertr, kroch
unter dem Tisch durch und sa auf dem Bett.

Tagelang sa Oldshatterhand fast nur auf dem Bett und dachte. Wollte an
seine pltzliche Einsamkeit nicht glauben und fhrte Gesprche mit
Grnwiesler.

Bis die Wirtin die Klagezustellung auf den Tisch legte und er den Satz
las: In Sachen Franziskus Grnwiesler erhebt die Staatsanwaltschaft von
Mnchen Klage gegen den Maler Michael Vierkant wegen versuchter
Aufforderung zu ruberischer Erpressung.

Da rannte er die Treppe hinunter. Und prallte zurck vor dem Tageslicht.
Ganz langsam ging er weiter, sah an den Husern hinauf. Eine Frau schrie
aus dem vierten Stock herunter: Hansl! Ha -- -- nsl! Er beobachtete
den Jungen, der Kuchen aus Schneeschmutz machte, zu seiner Mutter in die
Hhe blickte und ins Haus trippelte.

Ein Schutzmann schritt langsam vorber.

Marroni! Heie Marroni! lud ein italienischer Straenverkufer ein und
hob den Zeigefinger. Feine Marroni! Fnf Pfennig!

Oldshatterhand trat zum Italiener und beobachtete den Schutzmann. Si
si, Signore. Der Schutzmann ging vorber. Da ging auch Oldshatterhand
weiter, versuchte die Kastanien; Ekel schttelte ihn; er sah sich
vorsichtig um und lie sie in den Schnee fallen.

Am Ende der Strae blieb er stehen, sah auf einen schnurrbrtigen Mann
in schwarzem berzieher, der auf seinen Spazierstock mit Stahlspitze
hftlings gesttzt stand, auf die Trambahn wartete und zu Oldshatterhand
hinberblickte.

Das ist ein Detektiv. Ein Verdeckter, flsterte Oldshatterhand, und
sein Herz stand still. Gerade weil er so unauffllig aussieht.

Rckwrts gehend schob er sich bis zu einem Schaufenster, in dessen
Spiegelglas er den Mann sehen konnte, der schrg ber die Strae
schritt, in der Richtung auf Oldshatterhand zu.

Alle Muskeln angespannt, ging Oldshatterhand unauffllig weiter, nicht
zu schnell, bis an die Ecke, und begann zu rennen.

Der Mann stieg in die Elektrische.

Whrend des Rennens fiel Oldshatterhand der Schnellufer vom Wrzburger
Sanderrasen ein; da zwang er sich, gleichmig zu laufen, mit zur Brust
hochgenommenen Armen.

Auer Atem langte er in seiner Kammer an. Da lag ein zweiter Brief. Eine
Vorladung ins Justizgebude, Zimmer Nr. 86.

                   *       *       *       *       *

Doktor Karl Robert, Gerichtspsychiater, stand auf dem Trschild.

Ich heie Michael Vierkant.

Der Herr mit schwarzem Spitzbart und Brille stand auf, wies auf einen
Stuhl am Schreibtisch, setzte sich dazu, legte einen Mastab auf die
Aktenmappe, nahm ihn wieder weg, bltterte. Sie haben da einen Brief
geschrieben. Einen recht leichtsinnigen Brief.

Unversehens war es Oldshatterhand gut zumute geworden, und nur die
berlegung -- er wrde vielleicht sein gutes Gefhl aus sich
herauslcheln und wieder den Druck empfinden, hielt ihn ab, zu lcheln.

Erzhlen Sie einmal: wie war die Sache? Der Arzt beobachtete
Oldshatterhand unmerklich und scharf, und es schien, wie wenn er etwas
ganz anderes in Erfahrung bringen wolle, als das, wonach er fragte.

Der Maler Immermann steckt dahinter, begann Oldshatterhand und machte
eine Handbewegung um den Arzt herum in die Zimmerecke. Sehen Sie, Herr
Doktor, Grnwiesler hatte ein Bild gemalt, ein sonnenbeschienenes
Drfchen, das inmitten von Grn lag. Er zeigte es dem Brgermeister,
einem alten Bauern. Der nahm das Bild in die Hnde, besah es genau, ganz
genau, ging damit in die schattige Zimmerecke -- aber die Sonne auf dem
Bild wollte nicht verschwinden. Er hielt es so, und so, bis ihm
Grnwiesler sagte: die Sonne auf dem Drfchen ist gemalt. Das konnte der
Brgermeister gar nicht begreifen . . . Und da dachte ich mir, Herr
Doktor, nicht das Kloster, sondern Grnwiesler, der so ein Bild malen
konnte, solle die sechstausend Mark bekommen. Oldshatterhand schlo die
Hand, wie wenn er etwas gefangen htte.

Der Arzt beobachtete ihn scharf. Oldshatterhand sah, da des Arztes
linke Augenbraue in gewissen Zeitrumen zuckte. Er htte nicht sagen
knnen, weshalb ihm dieses Zucken Vertrauen eingab. Er wartete sogar auf
das Zucken. Grnwiesler trgt einen Klemmer und hat gtige Augen
. . . Immer wenn er verlegen ist, neigt er den Kopf zur Seite . . . So,
dachte ich mir, stellt er sich vor seine Tante hin und sagt: Wenn du
mich anzeigst, erschiee ich mich vor deinen Augen . . . Wenn der Maler
Immermann diesen gemeinen Plan nicht ausgeheckt htte, nur um mich
unglcklich zu machen, ich meine, wenn die Geschichte von Anfang an wahr
gewesen wre, htte Grnwiesler sich erschossen . . . Und darauf kommt
es doch ganz allein an . . . Grnwiesler ist ein guter Mensch; da kommt
Immermann und sagt: so und so -- und Grnwiesler ist auf einmal ein
schlechter Mensch . . . Ich begreife es ja selbst nicht. Aber
Grnwiesler wre vielleicht immer ein gutmtiger Mensch geblieben, sein
ganzes Leben lang, wenn Immermann nicht so und so gesagt htte . . . Das
denke ich.

Ein Beichtdrang berkam Oldshatterhand. Zurckdenkend sagte er: Ich
glaubte, ich wrde etwas von dem Geld bekommen. Vielleicht tausend
Mark. Und er hatte dabei das Gefhl, auf einem dnnen Silberdraht ber
einen Abgrund zu laufen.

Der Arzt holte die Photographie Oldshatterhands aus der Aktenmappe
hervor. Warum haben Sie denn dem Herrn Grnwiesler Ihre Photographie
geschickt?

Oldshatterhand starrte auf seine Photographie. . . . Hat er also
wirklich Ihnen mein Bild gegeben! . . . Grnwiesler bat mich in dem
Brief, ich solle ihm mein Bild senden; er wolle wieder einmal das
Gesicht eines Freundes sehen . . . Und hat dann meine Photographie der
Polizei bergeben. Jetzt sagen Sie einmal selbst, schlo er langsam.

_Sie_ haben dem Herrn Grnwiesler doch dazu geraten, er solle seiner
Tante die sechstausend Mark wegnehmen?

Oldshatterhand sprang auf. Ich? . . . Ah! rief er langgezogen und
whlte in seinen Taschen nach dem Brief Grnwieslers. Hier! Sehen Sie!
Hier knnen Sie's lesen! Ich wute von gar nichts. Er schreibt selbst:
Ich habe die sechstausend Mark an mich genommen und lebe in
schrecklicher Angst. Meine Tante zeigt mich gewi an. Gib mir einen Rat,
was soll ich tun. Dein lebenslnglicher Freund . . . Und dann hat _er
mich_ angezeigt. Ich wei jetzt alles! Das hat er absichtlich mit
Bleistift geschrieben . . . Und wissen Sie warum? Er schrieb, ich solle
ihm seinen Brief umgehend zurcksenden . . . Dann htte er das
ausradiert. Ich hab aber vergessen, den Brief zurckzusenden . . .
Wissen Sie, ich hab sehr gern, wenn Ordnung ist . . . in meinem Zimmer
zum Beispiel. Aber ich selbst . . . ich bin unordentlich . . . furchtbar
unordentlich. Hier ist der Brief. Lesen Sie ihn. Oldshatterhand glhte.
Und den zweiten Brief, hat er geschrieben, soll ich verbrennen. Jetzt
wei ich, warum er das gewollt hat . . . Ich hab ihn auch tatschlich
verbrannt.

Der Brief, den Sie an Herrn Grnwiesler gesandt haben, ist sehr
unleserlich geschrieben. Man knnte Ihren Brief auch so lesen: Wenn Du
mich anzeigst, erschiee ich _Dich_.

Mich! Mich! heit es natrlich, rief Oldshatterhand und lachte sein
irrsinniges Lachen . . . Erschiee ich _dich_? . . . _Vor deinen
Augen_? . . . Das geht ja gar nicht. Hi! hihiha! . . . Vor deinen
Augen.

Auch so, auch so ist's schlimm, meinte der Arzt, und es klang, wie
wenn er gesagt htte -- Grnwiesler ist ein Lump, aber Sie werden
bestraft. Der Arzt spielte mit dem zusammenklappbaren Meterstab, stellte
Drei- und Vierecke -- einen Galgen. Da stand Oldshatterhand unvermittelt
auf und bewegte sich, rckwrts gehend, zur Tr. Ganz pltzlich sa die
Last wieder ber seinem Herzen. Und dann -- es war ja auch so
furchtbar, da ich die Hummermayonnaise nicht bezahlen konnte. Adieu,
sagte er, noch bevor ihn der Arzt entlassen hatte, und ging, den Blick
suchend ins Zimmer gerichtet, hinaus.

Durch die Gnge eilten Mnner in schwarzen Talaren. Eine Tr wurde
aufgerissen, ein Diener trat heraus, schnell, ri die Tr zu und schlo
sie ganz leise. Oldshatterhand schlug Goulaschgeruch in die Nase.
Letzter Hieb, sagte er.

Wie? fragte der Diener.

So heit ein steiler Berg bei Wrzburg.

Granat! rief eine Mnnerstimme. Der Diener schnellte herum und ging
wieder ins Zimmer.

Das war nur Sportfexerei, da der damals auf dem Fahrrad mit neunziger
bersetzung den Letzten Hieb hinaufgefahren ist.

Er hrte feste, hallende Schritte, blieb stehen und horchte.

Die Schritte verhallten wieder. Eine Tr schlug zu.

Einen Meterstab kann man verstellen, zu einem Viereck, zu einem Galgen
. . . Man mte einen Zirkel konstruieren, mit dem man Ovale ziehen
kann. Einen Ovalzirkel. Das wre eine Erfindung, dachte Oldshatterhand;
er stand noch immer an der selben Stelle.

Der Diener trat mit Vehemenz wieder aus dem Zimmer und schlo die Tr
leise.

Da wurden frher die Verbrecher gehngt -- an den Galgen. Auf dem
Letzten Hieb . . . Erschiee ich _dich_? Was! Nein! Erschiee ich
_mich_! Mich! hab ich geschrieben, schrie er und strzte mit ein paar
Sprngen zurck zum Arzt, ri die Tr auf und stand im Ausfall ins
Zimmer hinein, ohne die Trklinke loszulassen. Erschiee ich _mich_!
Mich! hab ich geschrieben. Ich erschiee _mich_! rief er drohend und
schlo, sich dabei aufrichtend, die Tr.

Als er das Justizgebude verlassen wollte, holte ihn ein Gerichtsdiener
ein und fhrte ihn zum Arzt zurck.

Der sa aufgesttzt am Tisch und betrachtete die Photographie
Oldshatterhands, wie ein Vater das Bild seines Kindes ansieht. Wrden
Sie noch einmal so einen Brief schreiben? . . . Setzen Sie sich noch ein
bichen.

Oldshatterhand legte die Hand in die Hfte, sah sinnend zur Zimmerdecke
in die Hhe und dann auf den Arzt. Das wei ich nicht, sagte er
gedehnt. Man tut mir unrecht. Aber da man mir unrecht tut, schlo er
mit zuckenden Lippen und lchelnd, das halte ich aus.

Der Arzt antwortete nicht, sah Oldshatterhand nur still und aufmerksam
an und spielte mit der Photographie, stellte sie auf, betrachtete sie,
lie sie umfallen. Whrend dieser Stille dachte Oldshatterhand daran
zurck, da er als Lehrjunge, anstatt einfach seinen Hut aufzusetzen und
davonzulaufen, erst zum Meister Tritt gegangen war und sich den Schlag
ins Gesicht geholt hatte. Und er sagte zum Arzt: Die Polizei wei, wo
ich wohne. Sie mu kommen. Ich warte . . . Ich brenne nicht durch. Ich
halte lieber alles aus. Er sah den Arzt an. Jetzt gehe ich. Adieu.

Ist das die einzige Photographie, die Sie von sich haben?

Ich hab nur diese noch. Kann ich sie vielleicht bekommen? . . . Sie
gehrt doch eigentlich mir.

Nein, Herr Vierkant, die Photographie mu bei den Akten bleiben.

Bei den Akten? fragte Oldshatterhand, und seine Mundhhle wurde
trocken. Die Angst sprang ihn an. Der Arzt beobachtete die Vernderung.

Ich hab nur geschrieben -- erschiee ich mich vor deinen Augen. Vor
deinen Augen! . . . Wirklich. Der Arzt nickte einige Male leise und sah
dabei Oldshatterhand an.

Wirklich, formten Oldshatterhands schlaffe Lippen noch einmal. Da
breitete er die Arme aus und stand wie ein Gekreuzigter. Manchmal wei
ich, da ich der Unfhigste und auch der Gemeinste bin und der
Niedrigste. Und manchmal wei ich, da ich der Grte bin. Der Grte
von der Welt!

Der Arzt machte sich Notizen. Oldshatterhand lie die Arme schnell
sinken und ging flammend aus dem Zimmer.

Zu Hause angekommen, begann er sofort an seinem Mrchenbilde zu malen,
das fr die Preisaufgabe der Akademie bestimmt war.

In den Nchten malte er mit Hilfe einer Kerze. Am dritten Tage war das
Bild fertig. Eine feuchte, dunkle Gasse; auf den Stufen vor den Husern
saen Mdchen, die Arme um die Knie geschlagen, in rosa, blauen,
violetten Hngekleidern. Traurige Wesen, die auf den Erlser warteten.
Es war die Hurengasse von Frankfurt am Main. An den Eingang der Gasse
hatte Oldshatterhand sich selbst gemalt, auf den Zehen stehend, und die
langen, gespreizten Finger ekstatisch in die Gasse gestreckt, halb
abwehrend, halb zugreifend.

Grauen und Sigkeit war in dem Bilde.

Oldshatterhand hatte nie ein Bild von Daumier gesehen. In den Zeitungen
wurde das Bild spter mit einem Werke Daumiers verglichen.

Er versah es mit einem Motto und sandte es an die Akademie.

Die Angst war ihm im Nacken gesessen, und er hatte whrend des Malens
mit ihr gekmpft. So hatte er die Angst ertragen. So war das Grauen und
die Sigkeit in sein Bild gekommen. Aber jetzt, da das Bild fertig war,
legte die Angst sich unvertreibbar auf sein erschpftes Herz. Er sah
keinen Ausweg, und auch die Entscheidung konnte er nicht beschleunigen.

Einige Maler, die er, gemeinsam mit Grnwiesler, kannte und grte,
erwiderten seinen Gru nicht, weil sie von Grnwiesler unter
Verschweigen der Lockbriefe den Fall erzhlt bekommen hatten. Die
Verleumdung griff um sich. Da wagte sich Oldshatterhand nicht mehr auf
die Strae, sa auf seinem Bett, lie die ineinander verschrnkten Hnde
zwischen seine Knie hngen und sah stundenlang vor sich hin. Von seinem
Charakter gefangen, unrettbarer als im Gefngnis.

Nach einer so verbrachten Nacht fuhr er mit dem Frhzuge nach Wrzburg,
aus dem vagen Gefhl heraus -- die zwanzig dort verlebten Jahre, seine
Kindheit, seine Mutter, irgend etwas in der Stadt, seine Zugehrigkeit
zur Stadt, die Stadt selbst msse ihm helfen, knne ihn retten.

Im Zuge bekam er einen kurzen Ohnmachtsanfall. Seit Tagen hatte er
nichts genossen. Eine hagere Dame gab ihm ein Glas Wein. Er war sofort
betrunken. Aber es wurde ihm sehr gut. Sie! rief er pltzlich, wenn
der Arzt bewut mit dem Mastab den Galgen gestellt htte -- nur um mich
zu erschrecken! Und beugte sich zu der Dame. Deshalb habe ich ja auch
an den Letzten Hieb gedacht, weil da frher die Verbrecher gehngt
worden sind, an den Galgen. An den Galgen! flsterte er.

Die Dame stand entsetzt auf und floh aus dem Coup. Reisende drngten
sich vor der Couptr und sahen vorsichtig zu Oldshatterhand hinein, der
auf der anderen Seite zum Fenster hinausblickte: zwischen weiblhenden
Obstbumen brannte ein Bauernhaus. Die reinen Flammen waren kaum zu
unterscheiden von der hellen Luft. Oldshatterhand hrte ein Glckchen
dnn Sturm bimmeln und sah auf der Landstrae zwei Mnner mit
Feuerwehrhelmen aus Messing, die in der Sonne blitzten, auf den Brand
zutraben. Interessiert beobachtete er den Radfahrer, der auch einen
Feuerwehrhelm aufhatte und die Mnner berholte, die ihm etwas
zuschrien. Das wird wohl niederbrennen, sagte Oldshatterhand bedauernd
und blickte auf den Bauer, der in weiter Ferne quer ber einen schwarzen
Acker auf den Brand zustolperte.

In Wrzburg irrte Oldshatterhand scheu durch die Straen, sah den
Schreiber, der sein Stckchen im Kreise herumwirbelte, des Weges kommen,
floh vor ihm im letzten Augenblick in eine dunkle Nebengasse, strich
stundenlang um das Haus seiner Eltern herum, sah seinen Vater gehetzt
von der Arbeit nach Hause kommen und wieder zur Arbeit gehen, und
frchtete die alten Augen seiner Mutter.

Kirchenglocken luteten und verklangen. Es wurde Nacht.

Oldshatterhand beobachtete, wie das Licht im Zimmer seiner Eltern
verlscht wurde, horchte auf das Weinen eines kleinen Kindes. Ein Pferd
stampfte im Stall neben ihm, und er dachte flchtig, wenn er sich zum
Kopf des Pferdes aufs Stroh zur Ruhe setzen knnte, das Pferd wrde ihn
mit seinen groen, dunklen Augen gut und bekannt anschauen. Er zog den
Kopf ein, da er die Gte des Pferdes fhlte im Gegensatz zur
verchtlichen Stille seiner Familie, wenn er gewagt htte, die Treppen
hinaufzusteigen.

Die Schultern hochgezogen, flchtete er auf den nchtlichen Schloberg.

Der halbe Mond hing zwischen den Lindenkronen. Oldshatterhand sah den
Militrposten vor dem Schilderhaus stehen, beide Arme bers Gewehr und
den Bauch zusammengeschlagen. Der Posten sah in den Himmel, auf seine
Stiefel und begann auf und ab zu gehen.

Oldshatterhand stand hinter einem Baumstamm. Die Linden rochen. Er hrte
ein Lachen und unterdrcktes Mdchengekicher; vielfige Schritte
nherten sich. Ja, mein Lieber, das mut du uns erst einmal zeigen.
Hohaho! hrte er den Schreiber sagen, und sein Herz wurde zu einem
Eisklumpen.

Also wenn ich gestern in der Turnstunde fnf Meter und sechzig weit
gesprungen bin, dann wer ich doch auch noch ber diesen dreckigen Graben
springen knnen, antwortete der bleiche Kapitn.

Die Ruber blieben beim Wachtposten unter der Laterne stehen. Eine
Kirchenuhr schlug. Oldshatterhand konnte alle Ruber erkennen und hrte
den Wachtposten dunkel sprechen.

Frulein Schlauch, des Schreibers Liebste, und ein blondes, schmales
Mdchen trennten sich von der Gruppe, sprangen pltzlich, Hand in Hand,
auf Oldshatterhands Baumstamm zu und setzten sich in der Nhe auf den
Rasen.

Die Ruber folgten langsam. Falkenauge hatte eine komische Tabakspfeife
zwischen den Zhnen. Sie ging erst lang wagerecht vor, dann rechtwinklig
nach unten. Die glhende Asche schien in der Luft zu hngen. Der bleiche
Kapitn stand drei Schritte von Oldshatterhand entfernt. Die andern
hatten sich zu den Mdchen gesetzt.

Also, was gilt jetzt die Wett, da ich ber den Graben spring? Gleich
beim erstenmal.

Hohaho! Eine Ma.

Auf Ehr?

Allemal!

Also, ihr seid Zeugen.

Oldshatterhand blickte auf Falkenauges rechtwinklige Pfeife, dachte an
den Meterstab des Gerichtspsychiaters und schluchzte nach innen. Den
Mund gehetzt offen, glaubte er zu fhlen, wie die heien Trnentropfen
sein Herz trafen.

Falkenauge spuckte aus, putzte mit seinem Taschentuch den
Messingbeschlag und strengte sich an, die schwere Pfeife wieder richtig
zwischen die Zhne zu bekommen, damit er sie halten konnte.

Um einen Anlauf zu nehmen, trat der bleiche Kapitn zurck. Und
Oldshatterhand mute schnell niederknien, um von ihm nicht gesehen zu
werden, denn der Lindenstamm verjngte sich nach oben. Vor Angst,
gesehen zu werden, hatte er die Augen geschlossen und fhlte nur das
khle Sausen und hrte den Aufsprung des bleichen Kapitns. Frulein
Schlauch schrie. Angstorschel! sagte der bleiche Kapitn, stlpte die
Lippen nach auen und setzte sich neben seine Braut. Na, Schreiberlein?
Deine Ma ist futsch.

Hohaho! Gehn wir gleich in den Bauchskeller und trinken sie . . .
Liesl, gehst du mit?

Aber nein, sagte seine Liebste gedehnt, lie sich auf den Rcken
nieder und sah, die Hnde unterm Kopf, zum Mond. Der Schreiber schob
seine Hand unter ihre Hnde.

Falkenauge hatte seinen Arm in die Hfte des blonden schmalen Mdchens
gelegt, das sich leise wehrte und ihn dann anlchelte. Da nahm er seine
Pfeife aus dem Munde. Die Rote Wolke griff nach der Pfeife.

Aber pa auf darauf, sagte Falkenauge, ohne hinzusehen, und nherte
sein Auge dem blonden Mdchen, die erst mit dem Kopf zurckwich und ihn
dann doch an Falkenauges Wange lehnte.

Oldshatterhand kniete zitternd hinterm Baumstamm, sah auf den Hauptmann
und dessen Braut, die beide bleich und friedlich nebeneinander saen,
und hatte den strmischen Wunsch, sich auch hinzusetzen und wie ein
Knabe zu lcheln. Aber ich kann ja nicht wieder so werden wie sie,
flsterte er und empfand die durch nichts zu vermittelnde Trennung so
stark, wie wenn er die Ruber nie gekannt htte. Ich bin nicht so wie
die Kriechende Schlange . . . ihr tut mir unrecht, flsterte er. O
Gott nein, ich nicht . . . Vielleicht die Kriechende Schlange auch nicht
. . ., wenn sich sein Vater nicht ins Hundefell gestrzt htte . . .
oder ins Wasser.

Der bleiche Kapitn drckte einen Druckknopf an der Bluse seiner Braut
zu. Ich hab mir einen Photographenapparat kommen lassen. Auf
Abschlagszahlung! Herrgott, da es so was gibt . . . Abschlagszahlung.
Er ist zwar ein bichen teuer, aber direkt aus der Fabrik.

Meine Pfeife -- brennt sie noch? -- ist aus derselben Fabrik. Ich hab
mir auch gleich einen Vogelstutzen bestellt. Mit Silberbeschlag.

Mit Futteral?

Ach, was glaubst du denn! Ich hab mir ein Stck Kalbleder geb la in
mein G'schft, und der Sattler Grumbe nht mir's zusammen. Kost zwanzig
Pfennig, das ganze Futteral.

Und der Vogelstutzen?

Siebenundsiebzig Mark fnfzig.

Au, mein Lieber. Ein schnes Stck Geld.

Er hat doch Silberbeschlag.

Vielleicht erschiet du mich dann damit, sagte das schmale Mdchen
gedehnt.

Ja, was glaubst du denn. Falkenauge lachte. Hast du Angst? . . . Ich
schiee nur auf Ratten.

Spiele nicht mit Schiegewehr. Nicht wahr, Liesl, sagte der Schreiber,
legte sich auch auf den Rcken, neben seine Liebste, und blies ihr ins
Haar. Sie drehte ihm das Gesicht zu und schttelte leise den Kopf, als
er die Lippen ihrem Munde nherte. Beide sahen auf zum Mond.

Der gleichmige Schritt des Wachtpostens klang in die Stille. Der
kniende Oldshatterhand klammerte sich am Baumstamm an. Seine Schlfen
zuckten. Ich kann mit keinem von ihnen darber reden, flsterte er
unzhlige Male, immer wieder, so oft er aufstehen und hinzutreten
wollte. Mit all seiner Kraft wnschte er sich weg vom Baum.

Schlfst du? fragte der bleiche Kapitn seine Braut.

Oldshatterhand lie seinen Baumstamm los. Die Augen angstvoll auf den
ruhigen Ruberkreis gerichtet, kroch er, sich rckwrts bewegend, auf
Hnden und Fen wie ein Indianer unhrbar bis zum nchsten Baumstamm.

Ich glaub, ich hab geschlafen.

Nun, dann schlaf halt noch ein bichen weiter, hrte Oldshatterhand
den bleichen Kapitn sprechen und horchte.

Wo mag eigentlich der Duckmuser hingekommen sein? Man hat nie mehr was
gehrt von ihm.

Der Duckmuser? rief der Schreiber lachend, wo wird der sein -- ich
sag, der ist irgendwo Kirchendiener.

Oldshatterhand schlich weiter, begann zu laufen, blieb sofort wieder
stehen, weil ihm pltzlich Winnetou eingefallen war. Da hrte er einen
der Ruber leise die Mundharmonika spielen und lauschte eine Weile in
seltsamer Verzckung. Dann ging er in der Richtung nach dem Kppele.

Bei der alten Brcke hrte er eine Stimme und hatte augenblicklich die
Empfindung, den Geruch vom Zimmer seiner Eltern zu riechen, noch bevor
er seinen Vater erkannt hatte, der, auf dem Wege in die Singprobe, in
Armeslnge vor ihm beim sbelbeinigen Polizeiwachtmeister stand. Die
beiden hatten vor dreiig Jahren zusammen in Augsburg gedient.

Die Angst bewahrte Oldshatterhand vor einer Ohnmacht. Er bog ab von
seinem Wege, in eine Nebengasse, rannte weiter und blieb, auer Atem,
endlich auf dem Leidenswege Christi stehen, der zum Kppele in die
Hhe fhrt. Um Luft zu bekommen, heulte er und drckte mit den
Augenlidern, um Trnen zu bekommen.

Hier und da, vor den vergitterten Leidensstationen, dste ein rotes,
ewiges Licht.

Was er Winnetou sagen wollte, wute er nicht. Er hatte nur das bestimmte
Gefhl, Winnetou knne ihn retten.

Klein stand er vor dem gewaltigen Kreuz auf der Hhe, an dem Jesus
hngt.

Seine Schritte hallten in der Totenstille, als er zur Pfrtnerzelle
ging. Er sah den Klingelzug an und zog die Hand wieder zurck. Dann
klingelte die Glocke als einziges Gerusch auf der Welt.

Das Pfrtnerfenster wurde geffnet, und er hrte Winnetou sagen: So
spt in der Nacht darf ich kein Brot geben, und sah zugleich das helle
Stck Brot, das Winnetou reichte.

Winnetou, kannst du zu mir herauskommen? fragte Oldshatterhand und
nahm das Brot.

Michael, du bist's? -- -- -- Ich habe gedacht, ein Armer sei noch so
spt gekommen. Ich bin gleich bei dir. Setze dich auf die Bank bei der
Mauer.

Oldshatterhand bi ins Brot; es schmeckte nach Anis: sofort war er
sechsjhrig; die Nacht wurde ihm zum sonnigen Tage, und er sah sich,
zusammen mit Winnetou, an einem heien Sommertage zum Kppele
hinaufsteigen und am Pfrtnerfenster um Brot beten. Unwillkrlich mute
er lcheln, da er sich erinnerte, da Winnetou raffinierte Methoden
angewandt hatte, um dem Pfrtnermnch am selben Tage ein paarmal
hintereinander ein Stck Klosteranisbrot abzulocken. Er sah sich als
barfigen Jungen um die Leidensstationen Christi herumrennen, von
Winnetou verfolgt, und mute, bei der Erinnerung an Winnetous
unwillkrlichen Bocksprung ber einen knienden Bubeter, hell auflachen.
Vor seinem Lachen fuhr er zusammen und rief erschrocken: Nein, nein!

Die Erinnerungen waren von der Nacht der Gegenwart verdrngt worden.

Er legte das Brot auf die Steinbank und stand auf. Als Knoten in seiner
Brust empfand er die Unmglichkeit, Winnetou zu beichten, und machte ein
paar hastige Fluchtsprnge. Da hrte er rufen: Michael! . . . Wo bist
du? und sah Winnetou auf sich zukommen und eng bei ihm den einugigen
groen Bernhardinerhund, der an Oldshatterhands Beinen hin und her
strich, zu ihm aufsah, nickte und sich zu seinen Fen hinstreckte.

Der Hund lebt noch immer? fragte Oldshatterhand mit vernderter Stimme
und hatte sagen wollen -- Winnetou, hre doch, was man mir angetan hat.
Hilf mir.

Ich mute erst um die Erlaubnis bitten. Wolltest du weggehen?

Nein . . . nein, ich hab nur so ein bichen gesprungen. Nur so.

Sie setzten sich auf die Bank nieder. Der Hund erhob sich sofort und
tappte nach.

Winnetou legte seine Hand auf Oldshatterhands Schulter und lchelte zum
roten, ewigen Licht hin unter der Mutter Gottes. Michael, jetzt sind
wir auf einmal keine Kinder mehr. Es ist, wie wenn man aus einem Traum
erwacht, zu einem neuen, ruhigen Traum, der gar nie mehr enden wird.

Bleibst du auf immer bei den Weichpfotenmnchen?

Warum sagst du Weichpfotenmnchen?

Nein, ich meinte, die Pfoten von dem Hund sind vielleicht weich . . .
und dann Italien.

Ja, ich glaube, ich will immer da bleiben. Der Prior liebt mich. Alle
lieben mich und sagen, ich solle nur noch ein paar Jahre so bei ihnen
bleiben und erst dann Mnch werden, wenn ich ganz glcklich geworden sei
. . . Erinnerst du dich noch daran, da wir Wrzburg niederbrennen
wollten . . . Ich denke oft daran zurck, sagte Winnetou und lchelte
heiter.

Und ich . . . der Neger starrt nach Afrika . . . willst du auch eine
Zigarette haben? . . . ach nein . . . so eine rechtwinklige Pfeife. So
stelle doch die Mutter Gottes dort weg . . . und den verstellbaren
Mastab.

O Gott! Winnetou war aufgestanden. Du bist krank!

Es handelt sich nur um eins . . . hab mich lieb . . . Er schttelte
heftig den Kopf. Nein, nein! Ich meinte, ich wrde an Stelle der Mutter
Gottes dort ein Muttergottesbild hinmalen . . . Hilfe! O Gott! Was ist
das! schrie Oldshatterhand und horchte entsetzt.

Die Brder beten im Garten ihr Nachtbrevier. Komm, komm, bat Winnetou
ngstlich und zrtlich, ich will dich zum guten Prior fhren. Der gibt
dir etwas und hilft dir.

Ich war drauen in der Welt! In der Welt! schrie Oldshatterhand
lachend. In Italien! In Genua zum Beispiel. Mein Lieber, dieser Hafen.
Ich wohnte da in einem Palast. Der gehrte eigentlich mir. Ich wohnte
ganz allein darinnen . . . Gott, du httest nur allein das goldene Bett
sehen sollen, schlo er mit einer verchtlichen Handbewegung, und seine
Lippen zuckten vor Scham . . . Tun dir die Mnche denn gar nichts?
. . . Irgend etwas Grauenhaftes.

Nein, aber o Gott, was hast du denn? Ich habe solche Angst um dich.

Ich? Ich frchte mich im Grunde vor gar nichts! Glaubst du's nicht? Ich
bin ganz einfach einmal nach Wrzburg gefahren. Sonst nichts.

Eine tiefe Stimme rief nach Winnetou.

Der Halbmond warf seinen trben, traurigen Schein ber die Stadt. Die
Kirchtrme standen wie gespenstige Auswchse von Riesendrachen in den
schmutzigen Wolkenhimmel hinein. Die Stimme rief wieder. Der Hund stand
auf.

Jetzt mu ich hinein. Komme morgen zu mir, bitte, komme. Um dieselbe
Zeit. Komme wieder, bitte.

Morgen um diese Zeit, sagte Oldshatterhand und raste den Leidensweg
Christi hinunter.

Er fuhr mit dem Nachtzuge nach Mnchen zurck.

Schnell wie ein Wild zuckte er unterm Tisch durch aufs Bett in seiner
Kammer, sah geqult und mit kraftlosem Ha auf die bekannten
Studienkpfe an den Wnden und fiel sofort in Halbschlaf. -- Das
Schwere, jngst Erlebte und Wrzburg, die spitzen Kirchtrme, bedrngten
ihn noch einmal in verwirrendem Durcheinander, gaben ihm einen letzten
Schlag und zogen dann singend in eine ungeheure Ferne, entfernten sich
in Sekunden zeitlich um Jahre von ihm, so da er pltzlich allein war
und frei und khl atmen konnte.

So wie der Fremde damals auf der Hhe bei Wrzburg aus der Zukunft
zurck in die Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt war, um ihn zu leiten,
durcheilte der zwanzigjhrige Oldshatterhand jetzt in Sekunden seine
zuknftigen zehn Jahre, wurde er dreiig Jahre alt, schritt er im
Halbschlaf ber eine luftige Filigranbrcke, an einer streichelnden
Frauenhand vorbei, auf ein hochgelegenes Land, bis zu einem Lcheln der
Verheiung am Horizont -- bis zum Fremden, der traumhaft verschwand, und
an dessen Stelle Oldshatterhand -- zum Fremden wurde, und sichtend
zurckblickte auf die Fesseln und Hemmnisse des schwachen
Oldshatterhand, der jammervoll zusammengesunken in der Kammer auf dem
Bett sa.

Und er sagte zu diesem alten, schwachen Oldshatterhand: Warum bist du
denn verzweifelt und gebrochen, da du doch weit, da du recht gehandelt
hast?

Ich hab recht gehandelt. Ich bin kein ganz gemeiner Mensch! schrie der
Oldshatterhand auf dem Bett und deutete flsternd: Aber sieh doch die
kalten, verachtenden Augen der Maler, die meinen Gru nicht erwidern.
Sie haben hohe Hte auf; das sind auch Kpfe, und sie sehen verchtlich
zur Seite. Ich ertrage ihre zwei Gesichter nicht.

Aber der zum Fremden gewordene Oldshatterhand sagte: Du bist feige. Du
weit zwar, da du recht gehandelt hast; aber da die Menschen dich dafr
verachten -- weil sie Lgner sind --, wimmerst du, denn ohne die Achtung
der Lgner kannst du nicht leben.

Ohne die Achtung der Menschen kann ich nicht leben. Die Gassen, in
denen ich aufgewachsen bin, alle Fenster schmen sich meiner, flstern
mir ihre Verachtung zu. Die Gesichter in den Fenstern ziehen sich ins
Dunkel zurck vor mir . . . Ein Kind deutet mit dem Finger auf mich. Wo
soll ich mich verstecken . . . Ich wei einen Mann, bei dem ich mir
wieder Achtung kaufen kann: einen krftigen Zwerg, der die Ziehharmonika
spielt. Ich mu nur Lieder dazu singen, damit alle, die mich kennen,
lustig werden. Und mu lachen, wenn sie lachen, und fluchen, wenn sie
fluchen. Dann decken sie alles mit Achtung zu . . . Aber ich werde
traurig, wenn sie lachen. Und wenn sie jemanden verachten, verstehe ich
es nicht. Denn sie drfen mich nicht verachten . . . Die Achtung ist ein
schrecklicher Kirchturm. In Wrzburg gibt's so grauenhaft viele
Kirchtrme, die alle die Achtung sind.

Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lgnerin, und alle, die darin wohnen,
sind Lgner. Lge mit ihnen, und sie werden dir alles verzeihen, wenn du
geworden bist wie sie. Schme dich! Sieh, ich stehe auf einem hohen Land
und sehe auf alle Kirchtrme hinunter. Die Stadt dunstet und stinkt da
unten. Ich wende mich um, da ist die Luft dnn und blau. Und ich bin
allein.

Du vergit, da auch unser Vater uns verachtet. Er hat zehn Augen und
redet kein Wort, so sehr verachtet er uns.

Wie kannst du _uns_ sagen. Ich habe mit dir nichts mehr gemein. Denn
ich verachte die Verachtung der Menschen und bin einsam. Ich sage dir:
solange ein Mensch den Weg der Einsamkeit geht, um sich zu finden,
stehen die Menschen zu beiden Seiten seines Weges und hhnen und
verachten ihn. Und der Vater schmt sich seines Sohnes, den alle
verachten. Erst wenn du dich den Weg, der zu dir fhrt, zu Ende
geschleppt hast und aufgerichtet stehst, schreien sie dir alle ihr
lgenhaftes Hosianna zu und sagen zueinander -- den haben wir niemals
verachtet. Und der Vater ruft -- das ist mein Sohn. Jesus Christus trug
sein Kreuz der Einsamkeit beschimpft und verhhnt bis zum hohen Gipfel.
Heute schreien die Lgner ihm ihr Hosianna zu und ihre Verachtung dir,
der du dein Kreuz der Einsamkeit noch nicht zu Ende geschleppt hast.

Grausam bist du! Sieh doch das gewaltig hohe Kreuz, an dem ich hnge,
und das schwarze Menschengewimmel zu meinen Fen; ihre Verachtung ttet
mich. Meine Mutter unter ihnen weint. La mich herunter vom Kreuz
. . . Nein, nein, nein! Ich will nicht herunter. Ich will kein Lgner
werden wie sie, sondern _Etwas_ werden.

Es gibt nur zweierlei -- lgen wie die anderen: sein wie sie; oder ihre
Verachtung verachten: einsam sein. Blicke auf das Lcheln der Verheiung
auf meinem Gesicht und tte das Schwache und Feige an dir.

Ja! stie Oldshatterhand hervor. Er stand jetzt, schwankend, und seine
Hand hielt den Fenstergriff gepackt. Seine verglasten Augen stierten
nach dem alten Revolver aus dem Zimmer, der auf dem Tische lag. Meine
Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter,
flsterte er und dachte in einem Winkel seiner Seele -- er wird versagen
--, brllte langgezogen und mit vollster Kraft I . . . . . i! und
hatte sich mitten in den Kraftausbruch, in den Mund hineingeschossen.
Der I-Laut zersprang wie Glas. Der Revolver hatte diesmal nicht versagt.
Der Kopf schwenkte zur Seite. Die Hand, die den Fenstergriff
umklammerte, krampfte sich nach innen und drehte den Griff mit; im
Fallen ri er das Fenster mit auf, so da Oldshatterhand, schon tot,
noch ein Fenster ffnete.

Der alte Revolver hatte wie eine Kanone geknallt in der kleinen Kammer.
Aus den Fenstern der Hofwohnungen fuhren erschrockene und emprte
Gesichter.

Die Wirtin kam gesprungen -- -- -- sah einen Fremden klar und ruhig die
Treppe hinuntersteigen, ffnete die Tr, so weit es der Tisch zulie,
sah niemanden in der Kammer, und erst als sie wieder gehen wollte,
erblickte sie ein Blutbchlein, das langsam vordrang und pltzlich um
ein Hindernis herum auf sie zuscho.

Oldshatterhand lehnte sitzlings am Boden in der Ecke beim Fenster,
schief und haltlos wie ein ausgestopfter Hampelmann, der umzufallen
droht.

Die Wirtin legte den Brief, den sie in der Hand hielt, auf
Oldshatterhands Tisch und rannte zur Polizei.

In dem Brief, einer Zustellung der Mnchener Staatsanwaltschaft, stand,
da das Strafverfahren gegen den Maler Michael Vierkant eingestellt
worden sei.

                   *       *       *       *       *

Der Fremde ging zum Vortrag fr knstlerische Anatomie, den der berhmte
Anatom Molire allwchentlich den Malern und Bildhauern Mnchens hielt.
Der Fremde sah alt aus und sah jung aus; er sah aus, als knne er nie
mehr lter werden, so stark und klar war sein Gesicht.

Die in Form eines halbierten Trichters steil in die Hhe steigenden
Bankreihen waren voll besetzt von jungen Knstlern, unter denen auch die
Maler Immermann und Franziskus Grnwiesler saen. Die Leinwandrouleaus
an den Fenstern oben im groen Halbkreis waren heruntergelassen, um die
Frhlingssonne abzuhalten.

Der belackschuhte, schlanke, blonde Anatom in offenem Gehrock mit
Seidenaufschlgen trat unter Hndeklatschen der Hrer in den kleinen
Halbkreis unten. Der Fremde sa neben ihm.

Der schwitzende, dicke Diener im Klinikmantel schob die Leiche herein.
Der Anatom zog das weie Tuch weg.

Auf dem Wagentisch lag der muskulse Oberkrper eines bartlosen jungen
Mannes mit Gladiatorenprofil und dnnen, stahlblauen Lippen. Beine und
Bauch, bis zum Nabel, fehlten. Die Schnittflche war mit einem weien
Tuch zugebunden, ber das hinaus die starken Hnde der halben Leiche
reichten.

Der Anatom wischte flchtig den Spiritus ab vom blulichen Rumpf, tippte
mit der Fingerspitze auf beide Augenlider. Wir nehmen heute Arm- und
Gesichtsmuskeln durch.

Geschickt legte er mit dem Messer die Muskeln am Unterarm frei, erklrte
mit ein paar Worten ihre Lage, hob den Arm der Leiche und zog an einer
Sehne, worauf die Leiche den Zeigefinger streckte. Mit verschiedenen
Farbkreiden zeichnete er den betreffenden Muskel auf die Wandtafel. Ein
paar schnelle Striche.

Manche Maler zeichneten mit, in ihre Skizzenbcher; andere sahen
aufmerksam zu.

Der Anatom legte eine Sehne im Gesicht frei, zog daran, da ffnete die
Leiche den Mund. Es war sehr still. -- Warum ist dieser junge Athlet
gestorben, dachte der Fremde.

Der Anatom zog an einer anderen Sehne -- und die Leiche streckte die
Zunge heraus. Kemmerich! wandte sich der Anatom an das lebende Modell,
einen fnfundsiebzigjhrigen Mann mit sprlichem, weiem Bart, der nackt
neben ihm hoch auf einem Podium stand. Alle Sehnen und Muskeln des
Modells waren sichtbar und vor Alter blulich. Der Anatom zeigte auf die
Vernderung des Wangenmuskels, als der Alte den Mund ffnete, lie ihn
lcheln, verschiedene Bewegungen machen mit den Armen, und demonstrierte
an der Leiche die Lage der Muskeln.

Der Klinikdiener stellte eine Schssel, in der das Herz und die Fe der
Leiche in Spiritus lagen, auf das Podium, zu den Fen des Alten.

Es ist eine Freude zu leben, sagte ein Maler zu laut in die Stille
hinein, und staunte mit den anderen erschrocken ber die Tatsache, da
er den Satz gesprochen hatte.

Der Anatom hielt seinen Vortrag. Dann wurde die halbe Leiche hinaus- und
eine verdeckte hereingefahren. Hier haben wir einen jugendlichen Akt
von schnen Proportionen. Den wollte ich den Herren noch zeigen, sagte
der Anatom und zog das Tuch weg.

Der Fremde stand langsam auf. Das ist meine Leiche, flsterte er.
Geben Sie mir meine Leiche.

Oldshatterhand wurde wieder hinausgefahren.

Lenbach hat bis an sein Lebensende tglich Akt gezeichnet, schlo der
Anatom seinen Vortrag und hob die weie, gepflegte Hand. Und es ist
erfreulich, da bei der jngsten Knstlergeneration wieder mehr als
bisher der Wille zum anatomischen Sehen vorhanden ist.

Immermann, von Grnwiesler gesttzt, hatte den Hrsaal verlassen beim
Erblicken Oldshatterhands.

Deine Mutter htte dich nicht erkannt, so wei bist du geworden, sagte
Grnwiesler auf der Strae und sttzte Immermann. Mnja, da kann man
jetzt nichts mehr machen.

Weit du, sagte Immermann, mit schiefgezerrten Lippen, erschieen
htte er sich nicht brauchen; aber das, was wir getan haben -- war nur
gerecht . . . Gerecht!

In der Zeitung stand einen Tag spter, da der junge, talentvolle Maler
Michael Vierkant um zehn Uhr frh zum ersten Preistrger der Akademie
bestimmt worden sei.

An Stelle Oldshatterhands bernahm der Fremde das preisgekrnte Bild.
Und seitdem hing es in seinem Studierzimmer.




Zehntes Kapitel


Zum schwarzen Walfisch von Askalon hatte der bleiche Kapitn die
Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen benannt, sofort nach der bernahme,
als Herr Schlauch beerdigt und Frulein Schlauch Benommens Frau geworden
war.

Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte trotz der sich bis zum
letzten Tage zh wehrenden Mutter nach einem letzten groen Krach seine
schne Kellnerin geheiratet. Und selbst die Witwe Benommen konnte die
vier Kinder ihrer beiden Shne oft nicht auf den ersten Blick
voneinander unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen nach auen
gestlpten Benommenschen Lippen. Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten
Zeit am Knchel mit rosa und blauen Bndchen und schleppte sie den
ganzen Tag glckselig herum.

Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken und unheilvollen
Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft eine nach der Brger Meinung
in gewissen Dingen allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr
hbsche Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin von der
Schnen Mainaussicht war eines Tages mit dem zarten Sachsen aus
Wrzburg verschwunden gewesen, nachdem dessen drei hygienische
Anstltchen auf Befehl der Wrzburger Stadtvter geschlossen worden
waren.

Es erregte allgemeines Kopfschtteln und Begriffsverwirrung, als die
frhere Kellnerin und jetzige junge Frau des roten Fischers halbe Tage
lang in Winterklte im Wertschelch stand und Fische, die ihr Mann
gefangen hatte, zentnerweise schuppte und ausnahm. War ihr Mann
allzusehr gegen die Morgenseite der Nacht hin immer noch nicht nach
Hause gekommen, dann ging sie ihn in allen Kneipen suchen, bis sie ihn
fand, trank stillschweigend und vergngt auch einen Schoppen, fate den
Fischer unter und trottete mit ihm heimwrts, wobei er mit dem Daumen
ber die Schulter zurckwies und seiner Frau deutlich erklrte, was das
fr Hammel und Rindviecher seien.

Der Schreiber war Bureauvorsteher beim Rechtsanwalt Karfunkelstein
geworden, untersttzte seine Eltern und war mit seiner Liebsten verlobt.
Er hatte eine schwere Krankheit durchgemacht und die heiligen
Sterbesakramente empfangen. Der Arzt hatte ihn aufgegeben und gemeint,
es sei auch besser fr ihn, wenn er sterbe, er wrde im Kopfe nicht mehr
richtig sein. Der allzu viele Wein habe sich ihm aufs Gehirn und in die
Knochen geschlagen. Aber der aufgegeben gewesene Schreiber war wieder
gesund geworden, auch im Kopf; nur ein etwas steifes Bein hatte er
zurckbehalten. Jetzt war er wieder tglicher, treuer Gast beim bleichen
Kapitn, dem jungen Bckereibesitzer und Weinwirt.

Die anderen Ruber hatten nicht jeden Abend Zeit, bei ihrem Hauptmann zu
Gast zu sein, denn da waren der Kegelklub Kanonenrohr, der
Radfahrerklub Um die Welt, die Rauchgesellschaft Vesuv, die streng
auf das regelmige Erscheinen ihrer Mitglieder hielten.

Der Knig der Luft hatte dem Turnerbund Jahn eine Akrobatenabteilung
angegliedert, von welchem Zeitpunkte an die Varietvorstellungen des
Turnerbundes einen bedeutenden Ruf genossen.

Falkenauge gehrte aus Sympathie von frher her noch dem Angelklub
Walfisch an, war Mitglied des Gesangvereins Zwischen grnen Bumen
geworden, dessen Grnder und erster Vorstand der Vater Oldshatterhands
war. Aber vor allem galt Falkenauge als das bevorzugte Mitglied des
Vogelstutzenklubs Lwenjagd und geno eine ziemliche Berhmtheit, denn
er errang alle ersten Preise, obwohl er einugig war und mit dem linken
Auge zielte, jedoch rechtshndig scho, eine Tatsache, die von keinem
Lwenjagdmitglied jemals begriffen wurde.

Der Knig der Luft hatte nach Kampf das blonde, schmale Mdchen seinem
Freund Falkenauge weggeheiratet. Den eine um zehn Jahre ltere Witwe
geheiratet hatte, die einen kleinen Lederhandel fhrte, eine tchtige
Geschftsfrau war und sehr resolut.

Die Rote Wolke, dessen Tante gestorben war und ihm ihr Huschen und die
Grtnerei vermacht hatte, gehrte allen Vereinen zusammen an. Nicht nur,
weil er fr alle Festveranstaltungen die Blumendekorationen ausfhrte,
sondern hauptschlich deshalb, weil er, als alle anderen weit
berragender Charakterschauspieler und jugendlicher Held, fr die
Vereinstheatervorstellungen gesucht, auerordentlich geschtzt und
anerkannt war. Er hatte das schne Lehrerstchterchen geheiratet. Sie
war eine junge, frische Frau mit wohlgewachsenem Krper und vertrumten
Augen, und las der Roten Wolke, wenn er Leichenkrnze band, die
schnsten Stellen aus den klassischen Dramen vor. Und manchmal, wenn ein
Freund bei ihnen sa, sagte sie zrtlich: Mein Mann spricht genau so
wie der Brgermeister von Bamberg.

An einem Abend jeder Woche aber kamen alle Ruber in der Weinwirtschaft
ihres Hauptmanns zusammen. Denn dieser hatte, als guter Geschftsmann
schnell entschlossen, fr seine Leute einen ganz neuen Verein gegrndet:
den Skatklub Bargeld lacht, der fnfundzwanzig Jahre spter, als der
Fremde zum letzten Male Wrzburg besuchte und die Ruber schon fnfzig
Jahre alte, graubrtige Mnner waren, immer noch bestand.

                   *       *       *       *       *

Auch jetzt war der Fremde in Wrzburg.

Er ging langsam ber die alte Mainbrcke. Die Menschen sahen sich um
nach ihm. Ah, Herr Baron, neckte ihn ein barfiger Junge, blieb
stehen und blickte ihm mit groen Augen nach.

Es war schon fast dunkel, Schwalben zuckten schreiend in der Luft umher,
und ber der Festung hing eine groe Wolke mit glhendem Saum. Am
Brckenheiligen Kilian lehnte ein Bursche und spielte fr sich leise die
Ziehharmonika.

Der Fremde ging vollends ber die Brcke ins Mainviertel. Brger saen
vor den Haustren, blickten prfend in den Himmel, ob es regnen wrde,
rauchten und unterhielten sich. Ein Mdchen sang zum offenen Fenster
hinaus und lie dabei den Rolladen herunter.

Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an, welcher aus der
Altrenommierten Weinstube zu den drei Kronen trat.

Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger ber das erhabene, blaue
Aderngeflecht seines gichtigen Handrckens. Seine Apfelbckchen glhten.
Denn er trank jetzt manchmal ein paar Schoppen ber seinen Durst. Sonst
hatte er sich in all den Jahren gar nicht verndert; seine Haare waren
noch dunkel, sein Krper zh und drr und aufgereckt wie immer.

Bei jedem Schritt die rechte Schulter vorschiebend, seinen Spazierstock
aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster stoend,
schritt er aufrecht weiter.

Vor dem Spitle blieb er stehen, zog seine Taschenuhr und verglich sie
befriedigt mit dem beleuchteten Ziffernblatt.

Gr Gott, Herr Lehrer, sagte der sbelbeinige Polizeiwachtmeister und
legte die Hand an die Mtze. Sein Bart war blauwei geworden. Er redete
heftig gestikulierend weiter. Hftlings auf seinen Stock gesttzt,
horchte Herr Mager mit strenger Miene. Sie steckten die Kpfe zusammen
-- es hatten da letzthin einige Schulbuben etwas angestellt. Man wute
nur noch nicht recht, wer die Gauner waren.

Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf Zum schwarzen Walfisch von
Askalon.

Mit 'n Grnober httst stech m, dann httst dei Herza heimgebracht,
sagte still der Schreiber und mischte die Karten flink. Die Ruber waren
versammelt.

Er is halt ein Rindvieh, sagte wtend Falkenauge, der durch das
verkehrte Spielen des Knigs der Luft sieben Pfennig verloren hatte.
Das sag ich ihm schon seit Jahr und Tag, aber er will's nit glaub.

Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite des langen
Tisches. Hinter ihm war die Bckereiauslage, mit Brotlaiben,
briggebliebenen Semmeln und vertrocknetem Zwetschgenkuchen, von Fliegen
belagert. Auer ihm sa niemand am Tisch.

Die Ruber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch die junge Wirtin
erkannte ihn nicht, als sie ihm Wein brachte. Sie war mit dem dritten
Kinde in der Hoffnung.

Herrgott! Else! _wieder_ ein Glas! rief der bleiche Kapitn der
blonden Kellnerin zu, der ein Weinglas aus der Hand gefallen war. Sie
lchelte immer und hatte verklebte Augen. No, jetzt bin ich aber doch
g'spannt . . . Solo! schlo er, stlpte die Lippen nach auen und
fingerte den Kartenfcher in seiner Hand zurecht.

Eine graue Katze schritt ziehend durchs Lokal, streckte sich und sprang
auf den Stuhl neben dem Fremden.

Das wird mir aber auch noch ein Solo sein, sagte der Schreiber, zog
die Brauen in die Hhe, holte den ersten Stich. Und Trumpf! rief er
und lchelte sicher.

Die Ruber drckten unter groer Spannung leise die Karten auf den
Tisch. Der bleiche Kapitn gewann, lie seine Stiche in der Mitte
liegen; die Karten flogen immer schneller. Das hamm wir jetzt g'sehn,
was das fr ein Solo war, sagte er zufrieden und sammelte das gewonnene
Geld in sein Tellerchen.

No, Else, wo hast denn dei Auge! rief er und wies auf den Fremden. Die
Kellnerin fllte das Glas.

Else, wir trinken auch noch eins, sagte der Schreiber und legte den
Arm um die Taille der Kellnerin. Ein saubers Mdle bist.

Die Witwe Benommen trat ein, mit ihrem Enkel auf dem Arm.

Pssss, wssss, machte der Fremde leise zur Katze.

Schlft der ganz Kleine denn? fragte der bleiche Kapitn und gab die
Karten.

Was wird er denn sonst tun, erwiderte die Witwe Benommen und gab dem
Kind auf ihrem Arm ein Stck Zwetschgenkuchen in die Hand.

Da er mir wieder die Abweiche kriegt.

Pa nur auf, da du die Abweiche nicht kriegst.

Also amend kriegt a kleins Kind von Zwetschgekuche nit die Abweiche.
Er stlpte die Lippen nach auen.

Sei still. Da, hast dein Sohn.

h b! schmei weg . . . So. Ja, du bist halt meiner.

Die Witwe Benommen strahlte.

Is Brot scho eingelegt? Geh nur raus mit dein Schelloberlein.

Da! hast'n! rief wtend der Knig der Luft.

Da flog die Tr auf und knallte gegen die Wand. Ein blonder,
gromchtiger Matrose, Gesicht und Brust tief gebrunt, strzte
stolpernd, mit Kopf und Hnden voran, bis zum Kartentisch, auf dem er
mit dem Oberkrper und ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine
gewaltigen roten Fuste lagen auf dem Kartenberg. Ooooskar! brllte
der Matrose. Seid ihr alle da!

Jessas, der Duckmuser! Wo kommst denn du her!

Haargott! riefen die Ruber, und ihre Mnder blieben offen.

Aus Cha . . . Cha . . . Cha China! stotterte der Duckmuser und blieb
auf dem Tische liegen. Er war total betrunken. Pf . . . Pf . . . Pf
. . . Pfeilgrad aus Ch . . . China!

Also, also aber und! Du bist am Geben, sagte grimmig der Knig der
Luft. Er war im Verlust.

Jetzt hren wir auf. Wo doch der Duckmuser da is. Schlu! riefen alle
durcheinander.

Setzt euch da rber an lange Tisch, sagte der bleiche Kapitn, und zum
Fremden gewandt: Sie erlauben doch.

Sie saen um den langen Tisch herum, der Matrose sa in der Mitte auf
der Bank. Der Fremde, als habe er das Prsidium, sa an der Stirnseite.
Die Witwe Benommen stand, die drren Hnde berm Bauch gefaltet, und
schttelte lchelnd den Kopf.

Bring a paar Ma Wein! rief der Schreiber.

Ich zs zs zs zs zahl alles! brllte der Matrose. Sssssauft! Und
schttete ein Glas Wein in sich hinein. Sch . . . Sch . . . Schreiber,
alter Ga . . . Ga . . . Ga . . . Gauner!

Herrgott, wer htt das gedacht, sagten die Ruber und sahen still und
betroffen auf den Matrosen, wie auf ein fernes Land. Ihre Mnder standen
offen, die Mundwinkel waren in wehmtigem Staunen in die Wangen
zurckgezogen.

Warst du weit? fragte einer.

Auf der ga . . . ga . . . ganzen Welt! Er breitete weit die Arme aus.

So einer, immer war er so still, sagte die Witwe Benommen. Man hat
gemeint, er knnt ke Wsserle trb.

Lebt der Lehrer Ma . . . Ma . . . Mager noch? Er leerte sein Glas und
konnte dann flieender sprechen. Wie ich in Japan war, hab ich vom Ma
. . . Mager getrumt. Ich sollte eine Diffi . . . Diffi . . . Diffi
. . . Diffidationsrechnung mach, an die Wandtafel. Aaaaber es www
. . . ar nix. Da hat der Ma . . . Mager gerufen -- www . . . er me
. . . meldet sich? -- und ich hab um mich . . . um mich g'haut, und bin
tropf . . . tropfna aufgewacht . . . Is der Lu . . . Lu . . . Lump tot?
. . . Ssssauft doch! . . . Ssssauf du auch! brllte er und reckte, mit
dem Oberkrper an drei Rubern vorbei auf der Tischplatte liegend, sein
Glas dem Fremden hin, der ihm zuprostete.

Kommt ihm nur nit mit'n Zndhlzle zu nah, er explodiert sonst, sagte
die Witwe Benommen. Er trinkt e bile zu viel.

Die Rote Wolke stand auf, hob die Hand und stellte die Fuspitzen nach
rckwrts. Ein deutscher Seemann ist trinkfest. Der bleiche Kapitn
stimmte die Gitarre.

   Auf, Matrosen, ohe!
   Auf die wogende See.
   Schwarze Gedanken,
   Sie wanken und fliehn
   Geschwind, wie der Sturm und Wind,

sangen die Ruber. Der Matrose sang nicht mit. Er trank. Wa . . . Wa
. . . Wa . . . Wein her!

Ich htt e feins Trpfle. Erinnert ihr euch noch, wie wir damals Traube
g'stohle ham, im knigliche Weinberg? Das war Anno . . . 1899. Ich hab
no a paar Flschli vom selbige Jahrgang aus die knigliche Weinberg in
mein Keller.

Den mut aber spendier, sagte der Schreiber. No, allemal! riefen
alle Ruber.

Ja, pat auf, wehrte sich der bleiche Kapitn lachend, der is teuer.
Wo km ich denn da hin.

Pr . . . Pr . . . Pr . . . Prost, Oldshatterhand! brllte der Matrose
dem Fremden zu. Haargott, is der besoffen! riefen die lachenden
Ruber.

Bringen Sie von dem 1899er herauf, was Sie davon im Keller haben,
sagte pltzlich der Fremde und lchelte.

Die Lippen nach auen gestlpt, schenkte der bleiche Kapitn vorsichtig
den Wein aus den verstaubten Bocksbeuteln in die Kelche. Alle standen
auf. Auch der Matrose lehnte schief an der Wand.

Aber also und, Donnerschlag! Die tiefe Falte verschwand. Der Knig der
Luft hatte gelchelt. Das is e Weinle!

Das will ich meinen, erwiderte stolz der bleiche Kapitn.

Vier Woche ha . . . ham sie mich amal in Kee . . . Kee . . . Kee
. . . Kette gelegt. Er trank und sprach flieender. Da war unser
Schiff an einer unbewohnten Insel vorbeig'fahre, in der Nh von Indien
. . . Ich hab ha . . . heimlich ein Boot losgemacht und bin du . . . du
. . . durchgange! . . . Vier Tag hab ich nix zu . . . nix zu fr . . .
fresse g'funde. Da hab ich a Sch . . . a Schlange gebrate. Die war dir
aber bi . . . bi . . . bi . . . bitter. Dann ha . . . ham sie mich
wieder erwischt und in Ke . . . Kette gelegt. Haaar . . . gott war dir
die Schlange bi . . . bi . . . bi . . . bitter.

                   *       *       *       *       *

Die Ruber und der Matrose standen an der Brstung des Festungsgrabens
und sahen hinunter auf die Stadt. Es war ein klarer Sonntagnachmittag.

U . . . u! klang es langgezogen und klagend von unten herauf. Die
Meekuh brllt, sagte der Schreiber und deutete hinunter zum Main, wo
der Schleppdampfer eine lange Reihe Frachtschiffe fluaufwrts zog. Ein
Flo scho durch das Wehr der alten Mainbrcke. Die Ruber sahen, wie
ber den Fler am Steuer der weie Gischt strzte.

Aber also und, wie aus dem Boden gewachse, sagte der Knig der Luft
und deutete neben sich auf die Aussichtsbank aus krummen, weischaligen
Birkensten, die der Wrzburger Verschnerungsverein bei der Mauer
aufgestellt hatte.

Die Ruber stiegen hinunter in den Festungsgraben. Eine Gei weidete im
Graben. Das hohe, drre Gras zirpte, vom Winde bewegt.

Jetz da schaut her, da is seit der Zeit e wilds Apfelbumle gewachse,
sagte der bleiche Kapitn.

Is des nit e Birnbumle? fragte der Knig der Luft, und ein anderer
griff in die Zweige. Ein paar Hummeln flogen auf und umsummten den Baum.

Der Matrose sah sich um: A a also, jetzt sagt mir aber amal, wo . . . o
is denn eigentlich euer >Zs . . . Zs . . . Zs . . . Zimmer<? Und
blickte gespannt und pfiffig die Ruber an.

Ach, des is ja scho lang zugemauert. Sie suchten. Da mu gewese sei.
Und zogen einen ppigen Brombeerbusch zur Seite.

Das war der u . . . unterirdische Ga . . . Ga . . . Gang zs . . . zum
>Zs . . . Zs . . . Zimmer<? fragte der Matrose staunend und deutete auf
eine Stelle, die noch etwas heller war als die brige Mauer. Haaar
. . . gott.

Vorne im Graben sa eine Schar Knaben im Kreis. Ein rothaariger Junge
schnellte in die Hhe, hob die Hand und rief: Heimatscha! Seine Bande
strmte zur Mauer und krabbelte daran hinauf.

Nein, also ihr Ga . . . Ga . . . Gauner, da drin war das >Zs . . . Zs
. . . Zs . . . Zimmer<?

Die Ruber standen still; ihre Augen glnzten. Ihre Gedanken eilten die
Jahre zurck.

Wir warn halt Kinder damals, sagte der Schreiber.

Ein Eichhrnchen huschte quer durch den Graben und hing am Baumstamm.
Dort! Schaut hin! zeigte die Rote Wolke, und sein Mund stand offen,
rund und schwarz wie ein Mauseloch.

                   *       *       *       *       *

Der Fremde wanderte hinaus aus Wrzburg.

ber die Hhe kam schnell und gleichmig ein bartloser, hoher Mnch
geschritten, in brauner Kutte. Er beugte das Knie vor dem Marienbild am
Wege und schlug das Kreuz. Ein kleines, blondes Mdchen, das Hagebutten
sammelte, sprang weg vom Busch zu Winnetou. Der Wind wehte dem Kinde das
Haar ins Gesicht; es sah zu Winnetou empor und mute die Augen schlieen
vor der Sonne. Gelobt sei Jesus Christus. In Ewigkeit, Amen, mein
Kind.

Wie weit ist's bis zum nchsten Gutshof? fragte der Fremde.

Eine Stunde ber den Berg, sagte Winnetou. Er hatte ein stilles,
klares Gesicht und einen Pickel am Nasenflgel.





End of the Project Gutenberg EBook of Die Ruberbande, by Leonhard Frank

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RUBERBANDE ***

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Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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