The Project Gutenberg EBook of Aus meinem Leben by Paul von Hindenburg



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Title: Aus meinem Leben

Author: Paul von Hindenburg

Release Date: December 17, 2009 [Ebook #30695]

Language: German

Character set encoding: US-ASCII


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN***





                          Generalfeldmarschall
                             von Hindenburg

                            Aus meinem Leben





                                  1920

                     Verlag von S. Hirzel in Leipzig





                  Copyright by S. Hirzel in Leipzig 1920




Die Firma Albert Bonnier in Stockholm besitzt das alleinige
Uebersetzungsrecht fuer folgende Sprachen: Daenisch-norwegisch, Englisch (fuer
England mit Kolonien und Amerika), Finnisch, Franzoesisch, Hollaendisch,
Japanisch, Italienisch, Schwedisch und Spanisch





                              ZUR EINFUeHRUNG


Die folgenden Erinnerungen verdanken ihre Entstehung nicht einer Neigung
zum Schreiben, sondern vielfachen Bitten und Anregungen, die von aussen an
mich herantraten.

Nicht ein Geschichtswerk wollte ich verfassen sondern die Eindruecke
wiedergeben, unter denen mein Leben sich vollzog, und die Richtlinien klar
legen, nach denen ich glaubte, denken und handeln zu muessen. Fern lag es
mir, eine Rechtfertigungs- oder Streitschrift zu verfassen, am fernsten
aber war mir der Gedanke an Selbstverherrlichung. Als Mensch habe ich
gedacht, gehandelt und geirrt. Massgebend in meinem Leben und Tun war fuer
mich nicht der Beifall der Welt sondern die eigene Ueberzeugung, die
Pflicht und das Gewissen.

Inmitten der schwersten Zeit unseres Vaterlandes niedergeschrieben,
entstanden die folgenden Erinnerungsblaetter doch nicht unter dem bitteren
Drucke der Hoffnungslosigkeit. Mein Blick ist und bleibt unerschuetterlich
vorwaerts und aufwaerts gerichtet.

Ich widme das Buch dankbar allen Denen, die mit mir im Feld und in der
Heimat fuer des Reiches Groesse und Dasein kaempften.

Im September 1919.





                            INHALTSVERZEICHNIS



  Zur Einfuehrung                                                         V

  Erster Teil. Aus Kriegs- und Friedensjahren bis 1914                3-67
    Meine Jugend                                                      3-15
        Hindenburg-Beneckendorff 3-5. Eltern und frueheste Jugend
        6-8. Im Kadettenkorps 9-15.
    Im Kampf um Preussens und Deutschlands Groesse                      16-47
        Im 3. Garderegiment zu Fuss 16-17. 1866. Ins Feld 18. Bei
        Soor 19. Koeniggraetz 20-25. Nach Koeniggraetz 26. In die
        Heimat zurueck 26-27. In Hannover 28-29. 1870. Wieder ins
        Feld 30. Bei St. Privat 31-35. Nach der Schlacht bei St.
        Privat 36. In die Schlacht bei Sedan 37-38. Sedan 39. Vor
        Paris 40-41. Kaiserproklamation 41-42. In Paris 42-44. Die
        Kommune 45-46. Der zweite Einzug in Berlin 47.
    Friedensarbeit                                                   48-63
        Kriegsakademie 48. Generalstab 49-50. Bei Generalkommando
        und Division 50-52. Kompagniechef 52-53. Im Grossen
        Generalstab 53-56. Lehrer an der Kriegsakademie 57. Im
        Kriegsministerium 58. Regimentskommandeur 58-59. Korpschef
        59-60. Divisionskommandeur 60. Kommandierender General
        61-62. Abschied 63.
    Uebergang in den Ruhestand                                        64-67
        Deutsches Heer und Volk 64-66. Ausblick 66-67.

  Zweiter Teil. Kriegfuehrung im Osten                               69-144
    Der Kampf um Ostpreussen                                          71-99
      Kriegsausbruch und Berufung                                    71-74
        Deutsche Politik und Dreibund 71-73. Mobilmachung 74.
      Zur Front                                                      75-79
        Armeefuehrer. General Ludendorff 75. Lage im Osten 76.
        Verhaeltnis zu General Ludendorff 77-79.
      Tannenberg                                                     79-91
        Im Armee-Hauptquartier 79. Russische Absichten 80.
        Entwickelung des Schlachtenplans 81. Gefahr von Seite
        Rennenkampfs 82. Staerkeverhaeltnisse 83. Die Marienburg 84.
        Tannenberg 85. Entwickelung der Schlacht 86-87.
        Entscheidungskampf 88-89. Ergebnis 90-91.
      Die Schlacht an den masurischen Seen                           91-99
        Neue Aufgaben 91-93. Rennenkampf 93-94. Zum Angriff vor 95.
        Verlauf der Schlacht 96-99.
    Der Feldzug in Polen                                           100-116
      Abschied von der 8. Armee                                    100-104
        Zusammenwirken mit der oesterreichisch-ungarischen
        Heeresleitung 100-102. Nach Schlesien 102-104.
      Der Vormarsch                                                104-108
        Operative Lage 104-105. Polnische Zustaende 106. Kaempfe
        bei Iwangorod und Warschau 106-107. Russische
        Gegenoperation 108.
      Der Rueckzug                                                  109-112
        Neue Plaene 109. Weiterer Widerstand in Polen 110. Rueckzug
        an die schlesische Grenze 111-112. Oberbefehlshaber im
        Osten 112.
      Unser Gegenangriff                                           112-116
        Wechselspiel der Operationen 112-115. Ende der Kaempfe in
        Polen 116.
    1915                                                           117-134
      Frage der Kriegsentscheidung                                 117-122
      Kaempfe und Operationen im Osten                              122-130
        Ansichten der oesterreichisch-ungarischen Heeresleitung
        123. Winterschlacht in Masuren 124-125. Russische
        Gegenangriffe 125. Unsere allgemeine Offensive im Osten.
        Rolle des Oberkommandos Ost 126-127. Eigene Plaene.
        Nowo Georgiewsk. Wilna 128-130.
      Loetzen                                                       130-133
      Kowno                                                        133-134
    Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August                          135-144
      Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront                135-140
        Der Winter 1915/16 135-136. Schlacht am Naroczsee 137-140.
      Der Russenangriff gegen die oesterreichisch-ungarische
      Ostfront                                                     140-144
        Verdun und Italien 140-141. Wolhynien und Bukowina
        142-143. Erweiterung des Befehlsbereichs 143-144.

  Dritter Teil. Von der Uebertragung der Obersten Heeresleitung
  bis zur Zertruemmerung Russlands                                   145-294
    Berufung zur Obersten Heeresleitung                            147-167
      Chef des Generalstabes des Feldheeres                        147-148
      Kriegslage Ende August 1916                                  148-150
      Politische Lage                                              150-154
      Die deutsche Oberste Kriegsleitung                           154-161
        Die oesterreichisch-ungarische Wehrmacht 156-158. Das
        bulgarische und tuerkische Heer 158-159. Unsere Leistungen
        im Kriege 160-161.
      Pless                                                         161-167
        Koenig Ferdinand von Bulgarien 162. Kaiser Franz Joseph
        163. Generaloberst Conrad von Hoetzendorf 163-164. Enver
        Pascha 164-165. General Jekoff 165. Talaat Pascha
        166-167. Radoslawow 167.
    Leben im Grossen Hauptquartier                                  168-175
        Regelmaessiger Tagesverlauf 168-172. Besucher 173-175.
    Kriegsereignisse bis Ende 1916                                 176-198
      Der rumaenische Feldzug                                       176-187
        Unsere politische und militaerische Lage zu Rumaenien
        176-177. Bulgarischer Angriff in Mazedonien 178.
        Rumaenische Kriegserklaerung 179. Bisheriger Feldzugsplan
        179-181. Niederwerfung Rumaeniens 182-187.
      Kaempfe an der mazedonischen Front                            187-189
      Auf den asiatischen Kriegsschauplaetzen                       189-192
      Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916          192-198
        Unterstuetzung Rumaeniens durch Russland 192-194. Fortdauer
        der Kaempfe vor Verdun 194-195. Zum erstenmal an der
        Westfront 196-198.
    Meine Stellung zu politischen Fragen                           199-218
      Aeussere Politik                                               199-210
        Politik und Kriegfuehrung 200-201. Polnische Frage
        201-203. Polnische Freiwilligentruppen 203-204. Irrige
        Hoffnungen 204. Dobrudscha-Frage 205-206. Politische
        Erregung in Bulgarien 206-207. Tuerkische Politik 207-210.
      Die Friedensfrage                                            210-215
      Innere Politik                                               215-218
        "Hindenburg-Programm" 216. Vaterlaendischer Hilfsdienst
        216-218.
    Vorbereitungen fuer das kommende Feldzugsjahr                   219-237
      Unsere Aufgaben                                              219-227
        Allgemeine Lage Winter 1916-17. Aufgezwungene
        Verteidigung 219-222. "Siegfriedstellung" 223. Ablehnung
        von Angriffsplaenen in Italien und Mazedonien 224-227.
        Aufgabe der Tuerkei fuer 1917 227.
      Der Unterseebootkrieg                                        228-234
        Blockade und Menschlichkeit 228-229. Amerikanische
        Munition 229. Hoffnungen verbunden mit dem
        Unterseebootkrieg 230-232. Erwaegungen und Entscheidung
        232-233. Der hoechste Einsatz 234.
      Kreuznach                                                    235-237
    Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917                 238-251
      Im Westen                                                    238-244
        Vorbereitung fuer die Abwehrschlachten 238-240.
        Fruehjahrsschlacht bei Arras 240-242. Doppelschlacht
        Aisne-Champagne 242-244.
      Im nahen und fernen Orient                                   244-246
      An der Ostfront                                              246-251
        Russische Revolution 246-247. Eigene Zurueckhaltung
        247-248. Weiterentwickelung des russischen Umsturzes
        248-249. Letzte russische Anstuerme 250-251.
    Unser Gegenstoss im Osten                                       252-258
        Das Wagnis des Gegenstosses 252-254. Tarnopol 254-255.
        Riga und Oesel 256-258.
    Angriff auf Italien                                            259-263
    Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917  264-293
      Im Westen                                                    264-268
        Ausgang der flandrischen Schlacht 264-265. Cambrai
        265-267. Erfahrungen 267-268. Angriffe der Franzosen 268.
      Auf dem Balkan                                                   268
      In Asien                                                     269-276
        Englische Operationen in Asien 269-272. Plaene zur
        Wiedereroberung Bagdads 272-273. Verhaeltnisse im
        tuerkischen Heere 274. Unsere Unterstuetzungen 275-276.
      Ein Blick auf die inneren Zustaende von Staaten und Voelkern
      Ende 1917                                                    277-293
        Der tuerkische Staat 277-279. Bulgarien 280-283.
        Oesterreich-Ungarn 283-284. Die deutsche Heimat 284-288.
        Frankreich 288-289. England 290. Italien 290-291.
        Vereinigte Staaten von Nordamerika 291.
        Kriegsverlaengerung 291-293.

  Vierter Teil. Entscheidungskampf im Westen                       295-354
    Die Frage der Westoffensive                                    297-314
      Absichten und Aussichten fuer 1918                            297-312
        Aussichten und Vertrauen 297-301. Angriffsabsichten 301.
        Lage und Entschluss 301-303. Truppenschulung 304.
        Vereinigung der Kraefte im Westen 305. Schwierigkeiten im
        Osten 306-307. Finnische Expedition 308.
        Oesterreichisch-ungarische Unterstuetzung 308-309. Truppen
        aus Bulgarien und der Tuerkei 310. Defensive 1918? 311-312.
      Spa und Avesnes                                              312-314
    Unsere drei Angriffsschlachten                                 315-338
      Die "Grosse Schlacht" in Frankreich                           315-321
      Die Schlacht an der Lys                                      321-326
      Die Schlacht bei Soissons und Reims                          327-333
        Die Schlacht 328-331. Die Menschlichkeit auf dem
        Schlachtfelde 332-333.
      Rueckblick und Ausblick Ende Juni 1918                        333-338
    Im Angriff gescheitert                                         339-354
      Der Plan zur Schlacht bei Reims                              339-343
      Die Schlacht bei Reims                                       343-354
        Unser Angriff 343-346. Ergebnis 347. Des Feindes
        Gegenstoss 348-351. Entschluss zur Raeumung des Marnebogens
        351. Haltung unserer Truppen 352. Bedeutung des
        Schlachtausgangs 353-354.

  Fuenfter Teil. Ueber unsere Kraft                                  355-402
    In die Verteidigung geworfen                                   357-366
      Der 8. August                                                357-361
      Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kaempfe
      im Westen bis Ende September                                 362-366
    Der Kampf unserer Bundesgenossen                               367-389
      Bulgariens Zusammenbruch                                     367-377
      Der Sturz der tuerkischen Macht in Asien                      377-383
      Militaerisches und Politisches aus Oesterreich-Ungarn          383-389
        Unterstuetzung unserer Westfront 384. Kaempfe in Albanien
        385. Erstreben des Kriegsendes 386. Graf Czernin 386-388.
        Graf Burian 388. Letzte oesterreichische Friedensversuche
        389.
    Dem Ende entgegen                                              390-402
      Vom 29. September zum 26. Oktober                            390-397
        Verhaeltnisse an der Kampffront 390-391. Unser schwerster
        Entschluss 392-393. Unser Waffenstillstands- und
        Friedensangebot 394-395. Fortschreitender Zerfall der
        Heimat 396-397.
      Vom 26. Oktober zum 9. November                              397-402
        Das Ende des Widerstandes unserer Bundesgenossen 398-399.
        Die hoechste Spannung und das Zerreissen 400-402.
    Mein Abschied                                                  403-406

  Personenverzeichnis                                              407-409






                               ERSTER TEIL


                 AUS KRIEGS- UND FRIEDENSJAHREN BIS 1914




                               Meine Jugend


An einem Fruehlingsabend des Jahres 1859 sagte ich als 11jaehriger Knabe am
Gittertor des Kadettenhauses zu Wahlstatt in Schlesien meinem Vater
Lebewohl. Der Abschied galt nicht nur dem geliebten Vater sondern
gleichzeitig meinem ganzen bisherigen Leben. Aus diesem Gefuehl heraus
stahlen sich Traenen aus meinen Augen. Ich sah sie auf meinen "Waffenrock"
fallen. "In diesem Kleid darf man nicht schwach sein und weinen" fuhr es
mir durch den Kopf; ich riss mich empor aus meinem kindlichen Schmerz und
mischte mich nicht ohne Bangen unter meine nunmehrigen Kameraden.

Soldat zu werden war fuer mich kein Entschluss, es war eine
Selbstverstaendlichkeit. Solange ich mir im jugendlichen Spiel oder Denken
einen Beruf waehlte, war es stets der militaerische gewesen. Der
Waffendienst fuer Koenig und Vaterland war in unserer Familie eine alte
Ueberlieferung.

Unser Geschlecht, die "Beneckendorffs", entstammt der Altmark, wo es
urkundlich im Jahre 1280 zum erstenmal auftritt. Von hier fand es, dem
Zuge der Zeit folgend, ueber die Neumark seinen Weg nach Preussen herauf.
Dort waren schon manche Traeger meines Namens in den Reihen der
Deutschritter als Ordensbrueder oder "Kriegsgaeste" gegen die Heiden und
Polen zu Felde gezogen. Spaeter gestalteten sich unsere Beziehungen mit dem
Osten durch Gewinn von Grundbesitz noch inniger, waehrend diejenigen mit
der Mark immer lockerer wurden und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts
ganz aufhoerten.

Der Name "Hindenburg" trat erst 1789 zu dem unsrigen. Wir waren mit diesem
Geschlecht in der neumaerkischen Zeit durch Heiraten in Verbindung
getreten. Auch die Grossmutter meines im Regiment "von Tettenborn"
dienenden und in Ostpreussen bei Heiligenbeil ansaessigen Urgrossvaters war
eine Hindenburg. Deren unverheirateter Bruder, welcher zuletzt als Oberst
unter Friedrich dem Grossen gekaempft hatte, vermachte seine beiden, in dem
schon mit der ostpreussischen Erbschaft zu Brandenburg gekommenen, spaeter
aber Westpreussen zugeteilten Kreise Rosenberg gelegenen Gueter Neudeck und
Limbsee seinem Grossneffen unter der Bedingung der Vereinigung beider
Namen. Diese wurde von Koenig Friedrich Wilhelm II. genehmigt, und seitdem
wird bei Abkuerzung des Doppelnamens die Benennung "Hindenburg" angewendet.

Die Gueter bei Heiligenbeil wurden infolge dieser Erbschaft verkauft. Auch
Limbsee musste, der Not gehorchend, nach den Befreiungskriegen veraeussert
werden. Aber Neudeck ist heute noch im Besitz unserer Familie; es gehoert
der Witwe meines naechstaeltesten Bruders, der nicht ganz zwei Jahr juenger
als ich war, so dass unsere Lebenswege in treuer Liebe nahe nebeneinander
herliefen. Auch er wurde Kadett und durfte seinem Koenige lange Jahre als
Offizier in Krieg und Frieden dienen.

In Neudeck lebten zu meiner Kinderzeit meine Grosseltern. Jetzt ruhen sie,
wie auch meine Eltern und viele Andere meines Namens, auf dem dortigen
Friedhof. Fast alljaehrlich kehrten wir bei den Grosseltern, anfaenglich noch
unter beschwerlichen Postreisen, als Sommerbesuch ein. Tiefen Eindruck
machte es mir dann, wenn mein Grossvater, der bis 1801 im Regiment "von
Langenn" gedient hatte, davon erzaehlte, wie er im Winter 1806/7 bei
Napoleon I. im nahen Schloss Finckenstein als Landschaftsrat um Erlass von
Kontributionen bitten musste, dabei aber kalt abgewiesen wurde. Auch von
Durchmaerschen und Einquartierung der Franzosen in Neudeck hoerte ich. Und
mein Onkel von der Groeben, der an der Passarge ansaessig war, wusste von
den Kaempfen an diesem Abschnitt im Jahre 1807 zu berichten. Die Russen
drangen damals ueber die Bruecke, wurden aber wieder zurueckgeworfen. Ein
franzoesischer Offizier, der mit seinen Mannschaften das Gutshaus
verteidigte, wurde in einem Giebelzimmer durch das Fenster erschossen. Es
fehlte nicht viel, dann haetten die Russen 1914 wieder diese Bruecke
betreten.

Nach dem Tode meiner Grosseltern zogen meine Eltern 1863 nach Neudeck. Wir
fanden also von da ab dort, in den uns so vertrauten Raeumen, das
Elternhaus. Wo ich einst in jungen Jahren so gern geweilt hatte, da habe
ich mich spaeter oft mit Frau und Kindern von des Lebens Arbeit ausgeruht.

So ist denn Neudeck fuer mich die Heimat, der feste Mittelpunkt auch meiner
engeren Familie geworden, dem unser ganzes Herz gehoert. Wohin mich auch
innerhalb des deutschen Vaterlandes mein Beruf fuehrte, ich fuehlte mich
stets als Altpreusse.

Als Soldatenkind wurde ich 1847 in Posen geboren. Mein Vater war zu der
Zeit Leutnant im 18. Infanterie-Regiment. Meine Mutter war die Tochter des
damals auch in Posen lebenden Generalarztes Schwickart.

Das einfache, um nicht zu sagen harte Leben eines preussischen
Landedelmannes oder Offiziers in bescheidenen Verhaeltnissen, das in der
Arbeit und Pflichterfuellung seinen wesentlichsten Inhalt fand, gab
naturgemaess unserm ganzen Geschlecht sein Gepraege. Auch mein Vater ging
daher voellig in seinem Berufe auf. Aber er fand hierbei immer noch Zeit,
sich Hand in Hand mit meiner Mutter der Erziehung seiner Kinder - ich
hatte noch zwei juengere Brueder und eine Schwester - zu widmen. Das
sittlich tief angelegte, aber auch auf das praktische Leben gerichtete
Wesen meiner teuren Eltern zeigte auch nach aussen hin eine vollendete
Harmonie. In gegenseitiger Ergaenzung der Charaktere stand neben der
ernsten, vielfach zu Sorgen geneigten Lebensauffassung meiner Mutter die
ruhigere Anschauungsart meines Vaters. Beide vereinten sich in warmer
Liebe zu uns, und so wirkten sie denn auf diese Weise in voller
Uebereinstimmung auf die geistige und sittliche Heranbildung ihrer Kinder
ein. Es ist daher schwer zu sagen, wem ich dabei mehr zu danken habe,
welche Richtung mehr vom Vater und welche mehr von der Mutter gefoerdert
wurde. Beide Eltern bestrebten sich, uns einen gesunden Koerper und einen
kraeftigen Willen zur Tat fuer die Erfuellung der Pflichten auf den Lebensweg
mitzugeben. Sie bemuehten sich aber auch, uns durch Anregung und
Entwickelung der zarteren Seiten des menschlichen Empfindens das Beste zu
bieten, was Eltern geben koennen: den vertrauensvollen Glauben an Gott den
Herrn und eine grenzenlose Liebe zum Vaterlande und zu dem, was sie als
die staerkste Stuetze dieses Vaterlandes anerkannten, naemlich zu unserm
preussischen Koenigstum. Der Vater fuehrte uns zugleich von frueher Jugend an
in die Wirklichkeit des Lebens hinaus. Er weckte in uns im Garten und auf
Spaziergaengen die Liebe zur Natur, zeigte uns das Land und lehrte uns die
Menschen in ihrem Dasein und in ihrer Arbeit erkennen und schaetzen. Unter
"uns" verstehe ich hierbei ausser mir meinen naechstaeltesten Bruder. Die
Erziehung meiner nach diesem folgenden Schwester lag selbstredend mehr in
Haenden der Mutter, und mein juengster Bruder trat erst ins Leben, kurz
bevor ich Kadett wurde.

Das Los des Soldaten, zu wandern, fuehrte meine Eltern von Posen nach Koeln,
Graudenz, Pinne in der Provinz Posen, Glogau und Kottbus. Dann nahm mein
Vater den Abschied und zog nach Neudeck.

Von Posen habe ich aus damaliger Zeit nur wenig Erinnerung. Mein Grossvater
muetterlicherseits starb bald nach meiner Geburt. Er hatte sich 1813 in der
Schlacht bei Kulm als Militaerarzt das Eiserne Kreuz am Kombattantenbande
erworben, weil er ein fuehrerlos und wankend gewordenes Landwehrbataillon
wieder geordnet und vorgefuehrt hatte. Meine Grossmutter musste uns in
spaeteren Jahren noch viel von der "Franzosenzeit", die sie in Posen als
junges Maedchen durchlebt hatte, erzaehlen. Genau entsinne ich mich eines
hochbetagten Gaertners meiner Grosseltern, der noch 14 Tage unter Friedrich
dem Grossen gedient hatte. So fiel gewissermassen auf mich als Kind noch ein
letzter Sonnenstrahl ruhmvoller friderizianischer Vergangenheit.

Im Jahre 1848 hatte der polnische Aufstand auch auf die Provinz Posen
uebergegriffen. Mein Vater war mit seinem Regiment zur Bekaempfung dieser
Bewegung ausgerueckt. Die Polen bemaechtigten sich nun voruebergehend der
Herrschaft in der Stadt. Zur Feier des Einzugs ihres Fuehrers Miroslawski
sollten alle Haeuser illuminiert werden. Meine Mutter war ausserstande, sich
diesem Zwange zu entziehen. Sie zog sich in ein Hinterzimmer zurueck und
troestete sich, an meiner Wiege sitzend, mit dem Gedanken, dass gerade auf
diesen Tag, den 22. Maerz, der Geburtstag des "Prinzen von Preussen" fiel,
so dass die Lichter an den Fenstern der Vorderzimmer in ihrem Herzen diesem
galten. 23 Jahre spaeter war das damalige Wiegenkind im Spiegelsaale zu
Versailles Zeuge der Kaisererklaerung Wilhelms I., des einstigen Prinzen
von Preussen.

Unser Aufenthalt in Koeln und Graudenz war nur von kurzer Dauer. Aus der
Koelner Zeit schwebt mir das Bild des maechtigen, jedoch noch unvollendeten
Domes vor.

In Pinne fuehrte mein Vater nach damaligem Brauch vier Jahre hindurch als
ueberzaehliger Hauptmann eine Landwehrkompagnie. Er war dienstlich nicht
sehr beansprucht, so dass er sich gerade in der Zeit, in welcher sich mein
jugendlicher Geist zu regen begann, uns Kindern besonders widmen konnte.
Er unterrichtete mich bald in Geographie und Franzoesisch, waehrend mir der
Schullehrer Kobelt, dem ich noch heute eine dankbare Erinnerung bewahre,
Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte. Aus dieser Zeit stammt meine
Vorliebe fuer Geographie, welche mein Vater durch sehr anschauliche und
anregende Lehrart zu wecken verstand. Den ersten Religionsunterricht
erteilte mir in zum Herzen redender Weise meine Mutter.

Immer mehr entwickelte sich in diesen Jahren und aus dieser Art der
Erziehung ein Verhaeltnis zu meinen Eltern, das zwar ganz auf den Boden
unbedingter Autoritaet gestellt war, das aber zugleich auch bei uns Kindern
weit mehr das Gefuehl grenzenlosen Vertrauens als blinder Unterwerfung
unter eine zu strenge Herrschaft wachrief.

Pinne ist ein kleines Staedtchen mit angrenzendem Rittergut. Letzteres
gehoerte einer Frau von Rappard, in deren Hause wir viel verkehrten. Sie
war kinderlos aber sehr kinderlieb. In der Naehe sass ihr Bruder, Herr von
Massenbach, auf dem Rittergut Bialokosz. In dessen grosser Kinderschar fand
ich mehrere liebe Spielgefaehrten. Die Erinnerung an Pinne hat sich bei mir
stets sehr rege erhalten. Ich besuchte im Spaetherbst 1914 den Ort von
Posen aus und betrat mit Ruehrung das kleine bescheidene Haeuschen im
Dorfteile, in welchem wir einst ein so glueckliches Familienleben gefuehrt
hatten. Der jetzige Besitzer des Gutes ist der Sohn eines meiner einstigen
Spielgefaehrten. Der Vater ist schon zur ewigen Ruhe gegangen.

In die Glogauer Zeit faellt mein Eintritt in das Kadettenkorps. Ich hatte
dort vorher je zwei Jahre die Buergerschule und das evangelische Gymnasium
besucht. Wie ich hoere, hat man mir in Glogau dadurch ein freundliches
Andenken bewahrt, dass eine an unserm damaligen Wohnhaus angebrachte Tafel
an meinen dortigen Aufenthalt erinnert. Ich habe die Stadt zu meiner
Freude wiedergesehen, als ich Kompagniechef im benachbarten Fraustadt war.

Rueckblickend auf die bisher geschilderte Zeit darf ich wohl sagen, dass
meine erste Erziehung auf die gesuendeste Grundlage gestellt war. Ich
fuehlte daher beim Abschied aus dem Elternhause, dass ich unendlich viel
zurueckliess, aber ich empfand doch auch, dass mir unendlich viel auf den
weiteren Lebensweg mitgegeben war. Und so ist es mein ganzes Leben
hindurch geblieben. Lange durfte ich mich der sorglichen, nimmermueden
Elternliebe, die sich spaeter auch auf meine Familie ausdehnte, erfreuen.
Meine Mutter verlor ich, als ich schon Regimentskommandeur war; mein Vater
ging von uns, kurz bevor ich an die Spitze des IV. Armeekorps berufen
wurde.

Das Leben in dem preussischen Kadettenkorps war damals, man kann wohl
sagen, bewusst und gewollt rauh. Die Erziehung war neben der Schulbildung
auf eine gesunde Entwicklung des Koerpers und des Willens gestellt.
Tatkraft und Verantwortungsfreudigkeit wurden ebenso hoch bewertet als
Wissen. In dieser Art der Erziehung lag keine Einseitigkeit sondern eine
gewisse Staerke. Die einzelne Persoenlichkeit sollte und konnte sich auch in
ihren gesunden Besonderheiten frei entwickeln. Es war etwas von dem
Yorkschen Geiste in jener Erziehung, ein Geist, der so oft von
oberflaechlichen Beurteilern falsch aufgefasst worden ist. Gewiss war York
gegen sich wie gegen andere ein harter Soldat und Erzieher, aber er war es
auch, der fuer jeden seiner Untergebenen das Recht und die Pflicht des
freien selbstaendigen Handelns forderte, wie er selbst diese
Selbstaendigkeit gegen jedermann zum Ausdruck brachte. Der Yorksche Geist
ist daher nicht nur in seiner militaerischen Straffheit sondern auch in
seiner Freiheit einer der kostbarsten Zuege unseres Heeres gewesen.

Fuer die humanistische Bildung anderer Schulen, soweit sie sich
vorherrschend mit den alten Sprachen beschaeftigt, habe ich nur wenig
Verstaendnis. Der praktische Nutzen fuer das Leben bleibt mir unklar. Als
Mittel zum Zweck betrachtet, nehmen meiner Meinung nach die toten Sprachen
im Lehrplan viel zu viel Zeit und Kraft in Anspruch, und als Sonderstudium
gehoeren sie in spaetere Lebensjahre. Ich wuenschte, auf die Gefahr hin, fuer
einen Boeotier gehalten zu werden, dass in solchen Schulen auf Kosten von
Latein und Griechisch die lebenden Sprachen, neuere Geschichte, Deutsch,
Geographie und Turnen mehr in den Vordergrund gestellt wuerden. Muss denn
das, was im dunklen Mittelalter das einzige war, an welches sich die
Bildung anklammern konnte, wirklich auch noch in heutigen Tagen in erster
Linie stehen? Haben wir uns nicht seitdem in harten Kaempfen und schwerer
Arbeit eine eigene Geschichte, eine eigene Literatur und Kunst geschaffen?
Beduerfen wir nicht, um im Weltverkehr unsere Stellung richtig einnehmen zu
koennen, weit mehr der lebenden als der toten Sprachen?

Aus dem eben Gesagten soll keine Missachtung des Altertums an sich
herausklingen. Dessen Geschichte hat im Gegenteil von frueher Jugend an auf
mich eine grosse Anziehungskraft ausgeuebt. Vornehmlich war es die der
Roemer, welche mich fesselte. Sie hatte fuer mich etwas Gewaltiges, fast
Daemonisches, ein Eindruck, der mir in spaetern Lebensjahren bei dem Besuche
Roms besonders lebhaft vor Augen trat und sich unter anderm darin aeusserte,
dass mich dort die Denkmaeler der alten ewigen Stadt mehr anzogen als die
Schoepfungen italienischer Renaissance.

Roms kluges Erkennen der Vorzuege und Maengel voelkischer Eigentuemlichkeiten,
seine ruecksichtslose Selbstsucht, die im eigenen Interesse kein Mittel
Freund und Feind gegenueber verschmaehte, seine geschickt aufgemachte
tugendhafte Entruestung, wenn die Feinde einmal mit gleichem vergalten,
sein Ausspielen aller Leidenschaften und Schwaechen innerhalb der
feindlichen Voelker, wie es in so kluger Weise ganz besonders den
germanischen Staemmen gegenueber angewendet wurde und hier mehr nutzte als
Waffengebrauch, fand nach meinen spaeteren Erfahrungen sein Spiegelbild und
seine Vervollkommnung in der britischen Staatsweisheit, der es gelang, all
diese Seiten diplomatischer Kunst bis zur hoechsten Verfeinerung und
Welttaeuschung auszubauen.

Meine Jugendhelden suchte ich bei aller Verehrung des Altertums nur unter
meinen eigenen Volksgenossen. Offen und ehrlich spreche ich meine
Auffassung dahin aus, dass wir nicht so einseitig und undankbar sein
duerfen, ueber der Bewunderung fuer einen Alcibiades oder Themistokles, fuer
die verschiedenen Katos oder Fabier so manche derjenigen Maenner ganz zu
uebersehen, die in der Geschichte unseres eigenen Vaterlandes eine
mindestens ebenso wichtige Rolle gespielt haben wie jene einst fuer
Griechenland und Rom. Ich habe traurige Wahrnehmungen in dieser Beziehung
leider wiederholt im Gespraech mit deutscher Jugend gemacht, die mir dann
bei aller Gelehrsamkeit doch etwas weltfremd vorkam.

Vor solcher Weltfremdheit bewahrten uns im Kadettenkorps unsere Lehrer und
Erzieher, und ich danke ihnen das noch heute. Dieser Dank gebuehrt
vornehmlich einem damaligen Leutnant von Wittich. Ich war ihm, als ich
nach Wahlstatt kam, durch einen Verwandten empfohlen worden, und er nahm
sich meiner stets besonders freundlich an. Selbst erst vor wenigen Jahren
dem Kadettenkorps entwachsen, fuehlte er ganz mit uns, beteiligte sich gern
an unseren Spielen, besonders den Schneeballgefechten im Winter, wirkte
ueberall erfrischend und anregend und besass obenein ein hervorragendes
Lehrtalent. Er hat mich 1859 in Sexta in Geographie und sechs Jahre spaeter
in Berlin in Selekta im Gelaendeaufnehmen unterrichtet, und als ich nach
weitern Jahren die Kriegsakademie besuchte, fand ich auch dort wieder den
Generalstabsmajor von Wittich als Lehrer vor. Dieser beschaeftigte sich
schon als Leutnant mit Kriegsgeschichte und gab uns manchmal waehrend der
sonntaeglichen Spaziergaenge durch Anlage kleiner Uebungen in geeignetem
Gelaende anschauliche Bilder ueber den Gang der Schlachten, welche damals,
1859, in Oberitalien geschlagen wurden, wie z. B. Magenta und Solferino.
Spaeter, in Berlin, regte er mich, den Kadetten, auch bereits zum Studium
der Kriegsgeschichte an und lenkte dadurch mein jugendliches Interesse in
Bahnen, die fuer meinen weiteren Werdegang von Bedeutung waren. Ist doch
die Kriegsgeschichte der beste Lehrmeister fuer die hoehere Truppenfuehrung.
Als ich spaeter in den Generalstab versetzt wurde, gehoerte ihm
Oberstleutnant von Wittich auch noch an bedeutsamer Stelle an, und
schliesslich sind wir beide sogar noch gleichzeitig Kommandierende
Generale, also Befehlshaber ueber Armeekorps, gewesen. Das hatte der kleine
Sextaner in Wahlstatt nicht geahnt, als ihm der Leutnant von Wittich in
der Geographiestunde einen freundschaftlichen Jagdhieb mit dem Lineal
versetzte, weil er Montblanc und Monte Rosa verwechselt hatte.

Unter der harten Schulung des Kadettenlebens hat unser Frohsinn nicht
gelitten. Ich wage es zu bezweifeln, dass sich das frische jugendliche
Toben, dem natuerlicherweise die gelegentliche Steigerung bis zum tollen
Uebermut nicht fehlte, in irgend welchen anderen Bildungsanstalten mehr
geltend machte, als bei uns Kadetten. Wir fanden in unseren Erziehern
meist verstaendnisvolle, milde Richter.

Ich selbst war zunaechst keineswegs das, was man im gewoehnlichen Leben
einen Musterschueler nennt. Anfangs hatte ich eine aus frueheren Krankheiten
zurueckgebliebene koerperliche Schwaechlichkeit zu ueberwinden. Als ich dann
dank der gesunden Erziehungsart allmaehlich erstarkte, hatte ich anfaenglich
wenig Neigung dazu, mich den Wissenschaften besonders zu widmen. Erst
langsam erwachte in dieser Beziehung mein Ehrgeiz, der sich mit den Jahren
bei gutem Erfolge immer mehr steigerte und mir schliesslich
unverdientermassen den Ruf eines besonders begabten Schuelers einbrachte.

Bei allem Stolz, mit welchem ich mich "Koeniglicher Kadett" nannte,
begruesste ich doch die Tage der Einkehr in das Elternhaus stets mit
unendlichem Jubel. Die Reisen waren in der damaligen Zeit, besonders
waehrend des Winters, freilich nicht einfach. Je nach dem Reiseziel
wechselten langsame Bahnfahrten in ungeheizten Wagen mit noch langsamern
Postfahrten ab. Aber alle diese Schwierigkeiten traten in den Hintergrund
bei der Aussicht, die Heimat, Eltern und Geschwister wiederzusehen. Der
Sehnsucht des Sohnes schlug das Herz der Mutter am waermsten entgegen. So
entsinne ich mich noch meiner ersten Weihnachtsheimkehr nach Glogau. Ich
war mit anderen Kameraden die ganze Nacht hindurch von Liegnitz in der
Post gefahren. Noch im Dunkeln trafen wir, durch Schneefall verspaetet, in
Glogau ein. Da sass die liebe Mutter in der schwach erleuchteten, kaum
erwaermten sogenannten Passagierstube an wollenen Struempfen strickend, als
wolle sie durch das Nachgeben gegenueber der Sehnsucht zu einem ihrer
Kinder die Vorsorge fuer das Wohl der anderen nicht versaeumen.

In mein erstes Kadettenjahr fiel im Sommer 1859 ein Besuch des damaligen
Prinzen Friedrich Wilhelm, des spaeteren Kaisers Friedrich, und seiner
Gemahlin in Wahlstatt. Wir sahen fast alle bei dieser Gelegenheit zum
ersten Male Mitglieder unseres Koenigshauses. Noch nie hatten wir beim
Parademarsch unsere Beine so hoch geworfen, noch nie bei dem sich hieran
anschliessenden Vorturnen so halsbrecherische Uebungen gemacht als an diesem
Tage. Und von der Guete und Leutseligkeit des Prinzenpaares sprachen wir
noch lange Zeit.

Im Oktober des gleichen Jahres wurde zum letzten Male der Geburtstag Koenig
Friedrich Wilhelms IV. gefeiert. Unter diesem schwergeprueften Herrscher
habe ich also die preussische Uniform angelegt, die bis an mein Lebensende
mein Ehrenkleid bleiben soll. Ich hatte die Ehre, der verwitweten Gemahlin
des Koenigs, der Koenigin Elisabeth, im Jahre 1865 als Leibpage zugeteilt zu
werden. Die Taschenuhr, die Ihre Majestaet mir damals schenkte, hat mich in
drei Kriegen treulich begleitet.

Ostern 1863 wurde ich nach Sekunda und hierdurch nach Berlin versetzt. Das
dortige Kadettenhaus lag in der neuen Friedrichstrasse unweit des
Alexanderplatzes. Ich lernte nun zum ersten Male Preussens Hauptstadt
kennen und durfte jetzt endlich bei den Fruehjahrsparaden mit Aufstellung
Unter den Linden und Vorbeimarsch auf dem Opernplatz sowie bei den
Herbstparaden auf dem Tempelhofer Felde meinen Allergnaedigsten Herrn,
Koenig Wilhelm I., sehen.

Einen ebenso erhebenden als ernsten Ton brachte in unser Kadettenleben der
Beginn des Jahres 1864. Der Krieg gegen Daenemark brach aus, und ein Teil
unserer Kameraden schied im Fruehjahr von uns, um in die Reihen der
kaempfenden Truppen zu treten. Mich selbst verhinderte leider noch das
jugendliche Alter daran, zu der Zahl dieser Vielbeneideten zu gehoeren. Mit
welch heissen Wuenschen die ausziehenden Kameraden von uns begleitet wurden,
bedarf keiner Schilderung.

Ueber die politischen Gruende, die zu dem Kriege fuehrten, zerbrachen wir uns
den Kopf noch nicht. Aber wir hatten doch schon das stolze Empfinden, dass
in das matte und haltlose Wesen des Deutschen Bundes endlich einmal ein
erfrischender Wind gefahren war, und dass die Tat wieder mehr gelten sollte
als das Wort und die Aktenbuendel. Im uebrigen verfolgten wir mit gluehendem
Interesse die kriegerischen Ereignisse, wohnten freudig klopfenden Herzens
der Einbringung der eroberten Geschuetze und dem Siegeseinzug der Truppen
als Zuschauer bei und glaubten zu dem Gefuehl berechtigt zu sein, einen
Teil jenes Geistes in uns zu haben, der auf den daenischen Kampffeldern
unsere Truppen zum Erfolge fuehrte. War es zu verwundern, wenn wir seitdem
kaum den Tag erwarten konnten, der uns selbst in die Reihen unserer Armee
fuehren sollte?

Bevor dies geschah, wurde uns noch die Ehre und das Glueck zuteil, unserm
Koenig persoenlich vorgestellt zu werden. Wir wurden zu dem Zweck in das
Schloss gefuehrt und hatten dort Seiner Majestaet Namen und Stand des Vaters
zu nennen. Kein Wunder, dass da mancher in der Aufregung erst kein Wort
hervorbrachte und dann die Worte durcheinander warf. Hatten wir doch noch
nie unserm greisen Herrscher so nahe gegenueber gestanden, ihm noch nie so
scharf in das guetige Auge geblickt und seine Stimme gehoert. Ernste Worte
sprach der Koenig zu uns. Er ermahnte uns, auch in schweren Stunden unsere
Schuldigkeit zu tun. Bald sollten wir Gelegenheit haben, dies in die Tat
umzusetzen. Manche von uns haben ihre Treue mit dem Tode besiegelt.

Im Fruehjahr 1866 verliess ich das Kadettenkorps. Allezeit bin ich seitdem
dieser militaerischen Erziehungsanstalt auf Grund meiner persoenlichen
Erfahrungen und Neigungen dankbar und treu ergeben geblieben. Ich freute
mich immer der hoffnungsvollen jungen Kameraden in des Koenigs Rock. Auch
waehrend des Weltkrieges nahm ich gern Gelegenheit, Soehne meiner
Mitarbeiter, meiner Bekannten oder gefallener Kameraden bei mir als Gaeste
zu sehen. Ein guenstiger Umstand gab mir sogar Veranlassung, die Feier
meines in den Krieg fallenden 70jaehrigen Geburtstages damit zu beginnen,
dass ich drei kleine Kadetten in Kreuznach von der Strasse weg an meinen mit
essbaren Geschenken reich besetzten Fruehstueckstisch rufen lassen konnte.
Sie traten vor mich hin, so wie ich die Jugend liebe, frisch und
unbefangen, leibhaftige Bilder laengst vergangener Zeiten, Erinnerungen an
selbsterlebte Tage.




               Im Kampf um Preussens und Deutschlands Groesse


Am 7. April 1866 trat ich als "Sekondlieutenant" in das 3. Garderegiment
zu Fuss ein. Das Regiment gehoerte zu denjenigen Truppenteilen, die
gelegentlich der grossen Vermehrung aktiver Verbaende 1859/60 neu errichtet
worden waren. Das junge Regiment hatte sich, als ich in dasselbe eintrat,
bereits im Feldzug 1864 Lorbeeren erworben. Die Ruhmesgeschichte eines
Truppenteiles schlingt ein einigendes Band um alle seine Angehoerigen und
liefert einen Kitt, der sich auch in den schwersten Kriegslagen bewaehrt.
Hierin liegt ein unzerstoerbares Etwas, das auch dann weiterwirkt, wenn,
wie im letzten grossen Kriege, Regimenter wiederholt einen foermlichen
Neuaufbau durchmachen mussten. Uebriggebliebene Reste des alten Geistes
durchstroemten die neuen Teile in kurzer Zeit.

Ich fand in meinem Regiment, das aus dem 1. Garde-Regiment zu Fuss
hervorgegangen war, die gute, alte Potsdamer Schule, den Geist, der den
besten Ueberlieferungen des damaligen preussischen Heeres entsprach. Das
preussische Offizierkorps dieser Zeit war nicht mit Gluecksguetern gesegnet,
und das war gut. Sein Reichtum bestand in seiner Beduerfnislosigkeit. Das
Bewusstsein eines besonderen persoenlichen Verhaeltnisses zu seinem Koenig -
der Vasallentreue, wie ein deutscher Historiker sich ausdrueckt -
durchdrang das Leben der Offiziere und entschaedigte sie fuer manche
materielle Entbehrung. Diese ideale Auffassung war fuer die Armee von
unschaetzbarem Vorteil. Das Wort "ich dien'" hatte dadurch einen ganz
besonderen Klang.

Vielfach wurde behauptet, dass eine solche Auffassung eine Absonderung der
Offiziere den anderen Berufsklassen gegenueber veranlasst haette. Ich habe
diese Einseitigkeit im Offizierstande niemals in hoeherem Masse gefunden wie
in jedem anderen Beruf, der auf sich haelt und sich daher unter
Seinesgleichen am wohlsten fuehlt. Ein in den Grundzuegen wohl zutreffendes
Bild des damaligen Geistes innerhalb des preussischen Offizierskorps findet
sich in einer Abhandlung ueber den Kriegsminister von Roon. Dort wird das
Offizierskorps dieser Zeit ein aristokratischer Berufsstand genannt, fest
und kraeftig in sich geschlossen, aber durchaus nicht verknoechert oder dem
allgemeinen Leben abgekehrt, auch keineswegs ohne eine Beimischung
liberaler Elemente, fachmaennisch nuechtern aber auch fachmaennisch reich.
Gegen das alte Ideal der weiten Menschlichkeit habe sich in ihm das neue
der strammen Berufsbildung erhoben. Seine eifrigsten Vertreter habe es in
den Soehnen der alten monarchisch-konservativen Schichten Preussens
gefunden. Es sei getragen gewesen von einem starken Gefuehl der staatlichen
Macht, von einem friderizianischen Zuge, der Preussen in seinem Heere neue
Betaetigung in der Welt ersehnte.

Als ich beim Regiment in seinem damaligen Standort Danzig eintraf, warfen
die politischen Ereignisse der folgenden Monate schon ihre Schatten
voraus. Zwar war die Mobilmachung gegen Oesterreich noch nicht
ausgesprochen, aber der Befehl zur Erhoehung des Mannschaftsstandes war
ergangen und in voller Ausfuehrung begriffen.

Angesichts des bevorstehenden Entscheidungskampfes zwischen Preussen und
Oesterreich bewegten sich unsere politischen und militaerischen
Gedankengaenge voellig in den Bahnen Friedrichs des Grossen. Dementsprechend
fuehrten wir auch in Potsdam, wohin das Regiment nach seiner vollendeten
Mobilmachung verlegt worden war, unsere Grenadiere an den Sarg dieses
unvergesslichen Herrschers. Auch der Tagesbefehl unserer Armee vor dem
Einmarsch in Boehmen trug diesen Gedanken in seinem Schlusssatz mit den
Worten Rechnung: "Soldaten, vertraut auf eure Kraft und denkt, dass es
gilt, denselben Feind zu besiegen, den einst unser groesster Koenig mit einem
kleinen Heere schlug."

Politisch empfanden wir die Notwendigkeit einer Machtentscheidung zwischen
Oesterreich und uns, weil fuer beide Grossmaechte nebeneinander in dem
damaligen Bundesverhaeltnis keine freie Betaetigungsmoeglichkeit vorhanden
war. Einer von beiden musste weichen, und da solches durch staatliche
Vertraege nicht zu erreichen war, hatten die Waffen zu sprechen. Ueber diese
Auffassung hinaus war von einer nationalen Feindschaft gegen Oesterreich
bei uns keine Rede. Das Gefuehl der Stammesgemeinschaft mit den damals noch
ausschlaggebenden deutschen Elementen der Donaumonarchie war zu stark
entwickelt, als dass sich feindliche Empfindungen haetten durchsetzen
koennen. Der Verlauf des Feldzuges bewies dies auch mehrfach. Gefangene
wurden von unserer Seite meist wie Landsleute behandelt, mit denen man
sich nach durchgefochtenem Streite gern wieder vertraegt. Die
Landeseinwohner auf feindlichem Gebiete, sogar der groesste Teil der
tschechischen Bevoelkerung, zeigten uns meist ein derartiges
Entgegenkommen, dass sich in den Unterkunftsorten das Leben und Treiben wie
in deutschen Manoeverquartieren abspielte.

Nicht nur in Gedanken sondern auch in der Wirklichkeit schritten wir in
diesem Kriege auf friderizianischen Bahnen. So brach das Gardekorps auf
viel betretenen Kriegspfaden von Schlesien her bei Braunau in Boehmen ein.
Und der Verlauf unseres ersten Gefechtes, desjenigen bei Soor, fuehrte uns
am 28. Juni in dem gleichen Gelaende und in der naemlichen Richtung von
Eipel auf Burkersdorf gegen den Feind, in der sich einst am 30. September
1747 waehrend der damaligen Schlacht bei Soor Preussens Garde inmitten der
in den starren Formen der Lineartaktik anrueckenden Armee des grossen Koenigs
vorbewegt hatte.

Unser 2. Bataillon, bei dessen 5. Kompagnie ich den nach dem damaligen
Reglement aus dem dritten Gliede gebildeten 1. Schuetzenzug fuehrte, hatte
an diesem Tage kaum Gelegenheit, in vorderster Linie einzugreifen, weil
wir den taktischen Anschauungen dieser Zeit entsprechend zu der schon vor
dem Gefecht ausgesonderten Reserve gehoerten. Immerhin hatten wir aber doch
wenigstens Gelegenheit, uns in einem Gehoelz nordwestlich Burkersdorf mit
oesterreichischer Infanterie herumzuschiessen und Gefangene zu machen, sowie
spaeter ungefaehr zwei Eskadrons feindlicher Ulanen, welche in einem Grunde
ahnungslos hielten, durch unser Feuer zu vertreiben und ihnen ihre
Fahrzeuge abzunehmen. In letzteren befanden sich unter anderm die
Regimentskasse, welche abgeliefert wurde, viele Brote, welche unsere
Grenadiere auf ihre Bajonette gespiesst in das Biwak bei Burkersdorf
brachten, und das Kriegstagebuch, welches in dem gleichen Heft wie das des
italienischen Feldzuges von 1859 niedergeschrieben war. Vor etwa 12 Jahren
lernte ich einen aelteren Herrn, einen Mecklenburger, kennen, der damals in
oesterreichischen Diensten als Leutnant bei einer der Ulanen-Eskadrons
gestanden hatte. Er beichtete mir, dass er bei dieser Gelegenheit seine
neue Ulanka eingebuesst haette, die fuer den Einzug in Berlin bestimmt gewesen
war.

Da ich bei Soor nicht viel erlebt hatte, so musste ich mich damit begnuegen,
wenigstens Pulver gerochen und einen Teil jener seelischen Stimmung
durchgemacht zu haben, welche die Truppe bei ihrer ersten Beruehrung mit
dem Gegner ergreift.

Aus meiner Kampfbegeisterung heraus wurde ich am naechsten Tage sozusagen
mit der Rueckseite der Medaille bekannt gemacht. Mir oblag mit
60 Grenadieren die traurige Pflicht, das Gefechtsfeld nach Toten
abzusuchen und diese zu beerdigen, eine ernste Arbeit, die dadurch
erschwert wurde, dass das Getreide noch auf dem Halm stand. Mit knapper Not
erreichte ich, vielfach andere Truppenteile durch Laufen im Chausseegraben
ueberholend, mit meinen Leuten am Nachmittag mein Bataillon, das sich schon
im Gros der Division im Vormarsch nach Sueden befand. Ich kam gerade noch
zur Zeit, um die Erstuermung des Elbueberganges von Koeniginhof durch unsere
Vorhut mit anzusehen.

Der 30. Juni versetzte mich in die nuechterne Wirklichkeit kriegerischen
Kleinkrams. Ich musste mit schwacher Bedeckung etwa 30 Wagen voll
Gefangener im Nachtmarsch nach Trautenau bringen, dort in die nunmehr
leeren Fahrzeuge Verpflegung aufnehmen und mit dieser dann wieder nach
Koeniginhof zurueckkehren. Erst am 2. Juli frueh konnte ich mich meiner
Kompagnie wieder anschliessen. Es war hohe Zeit, denn schon der naechste Tag
rief uns auf das Schlachtfeld von Koeniggraetz.

Nachdem ich in der folgenden Nacht mit meinem Zuge eine Patrouille in der
Richtung auf die Festung Josephstadt ausgefuehrt hatte, standen wir am
Morgen des 3. Juli ziemlich ahnungslos im nasskalten Vorposten-Biwak am
Suedausgang von Koeniginhof herum. Da ertoente das Alarmsignal, und bald
darauf kam der Befehl, rasch Kaffee zu kochen und dann marschbereit zu
sein. Aufmerksame Lauscher konnten bald heftiges Geschuetzfeuer aus
suedwestlicher Richtung vernehmen. Die Anschauungen ueber den Grund des
Gefechtslaerms waren geteilt. Im allgemeinen ueberwog die Meinung, dass die
von der Lausitz her in Boehmen eingedrungene 1. Armee des Prinzen Friedrich
Karl - wir gehoerten zur 2. des Kronprinzen - irgendwo auf ein vereinzeltes
oesterreichisches Korps gestossen sei.

Der nun eintreffende Vormarschbefehl wurde mit Jubel begruesst. Sah doch der
Gardist mit hellem Neid auf die bisherigen glaenzenden Erfolge, die das
links von uns vorgedrungene V. Armeekorps unter General von Steinmetz
bisher errungen hatte. Unter stroemendem Regen, trotz kuehler Witterung in
Schweiss gebadet, wateten wir muehsam in langgezogenen Kolonnen auf
grundlosen Wegen vorwaerts. Ein erregter Eifer hatte sich eingestellt und
steigerte sich bei mir zu der Sorge, dass wir vielleicht zu spaet kommen
koennten.

Diese Besorgnis erwies sich bald als unnoetig. Der Kanonendonner wurde,
nachdem wir aus dem Elbtal heraufgestiegen waren, immer deutlicher hoerbar.
Auch sahen wir gegen 11 Uhr einen hoeheren Stab zu Pferde auf einer Anhoehe
neben unserem Wege halten, sorgsam durch die Fernglaeser nach Sueden
spaehend. Es war das Oberkommando der 2. Armee, an seiner Spitze unser
Kronprinz, der spaetere Kaiser Friedrich. Sein damaliger Generalstabschef,
General von Blumenthal, hat mir nach Jahren ueber diesen Augenblick
folgendes erzaehlt:

  "Gerade als die 1. Gardedivision auf unergruendlichen Wegen an uns
  vorbeizog, bat ich den Kronprinzen, mir die Hand zu geben. Als dieser
  mich daraufhin fragend anblickte, fuegte ich hinzu, dass ich ihm zur
  gewonnenen Schlacht gratulieren wolle. Das oesterreichische Geschuetzfeuer
  schluege ueberall nach Westen, ein Beweis dafuer, dass der Feind auf der
  ganzen Linie durch die 1. Armee gefesselt waere, sodass wir ihm jetzt in
  die Flanke und teilweise in den Ruecken kaemen. Angesichts solcher Lage
  war nur noch anzuordnen, dass das Gardekorps rechts, das VI. Korps links
  einer trotz des Nebels weithin sichtbaren, von zwei maechtigen
  Lindenbaeumen gekroenten, bei Horenowes gelegenen Hoehe weiter vorgehen
  sollten, waehrend das I. und V. Korps, die noch im Anmarsch auf das
  Schlachtfeld begriffen waren, diesen Korps zu folgen haetten. Weiteres
  hatte der Kronprinz an dem Tage kaum noch zu befehlen."

Unsere Bewegung wurde zunaechst noch querfeldein fortgesetzt, dann
marschierten wir auf, und bald wurden uns die ersten Granaten von den
Hoehen seitwaerts Horenowes entgegengeschickt. Die oesterreichische
Artillerie bewahrheitete ihren guten, alten Ruf. Eines der ersten
Geschosse verwundete meinen Kompagnie-Fuehrer, ein anderes toetete dicht
hinter mir meinen Fluegelunteroffizier und bald schlug auch eine Granate
mitten in unsere Kolonne ein und setzte 25 Mann ausser Gefecht. Als dann
aber das Feuer verstummte und die Hoehen uns kampflos in die Haende fielen,
weil es sich hier nur um eine aus der Ueberraschung heraus zum Zwecke des
Zeitgewinns schwach besetzte vorgeschobene Stellung des Feindes gehandelt
hatte, machte sich ein Gefuehl der Enttaeuschung geltend. Freilich nicht fuer
lange, denn bald oeffnete sich uns der Einblick auf einen grossen Teil eines
gewaltigen Schlachtfeldes. Halbrechts vorwaerts von uns erhoben sich in der
trueben Luft schwere Qualmwolken aus den Feuerstellungen unserer 1. und der
gegnerischen Armee an der Bistritz. Aufblitzendes Geschuetzfeuer und die
Glut brennender Ortschaften gaben dem Bilde eine eigenartig ernste
Faerbung. Der dichter gewordene Nebel, das hohe Getreide und die
Bodengestaltung erschwerten dem Gegner das Erkennen unserer Bewegungen.
Auffallend gering war daher das Feuer feindlicher Batterien, die uns nun
bald aus suedlicher Richtung beschossen, ohne uns aufhalten zu koennen. Sie
sind spaeter groesstenteils nach tapferer Verteidigung erobert worden. So
drangen wir mit der Schnelligkeit, die das Gelaende, der schwere, tiefe und
glatte Boden, das Getreide, Raps und Zuckerrueben gestatteten, vorwaerts.
Unser Angriff war nach allen Regeln der damaligen Kriegskunst aufgebaut
worden, fiel aber bald auseinander. Kompagnien, ja selbst Zuege begannen
sich ihre Gegner zu suchen; alles draengte nach vorwaerts. Den Zusammenhang
fuer alle bildete nur der Wille: Heran an den Feind!

Zwischen Chlum und Nedelist traf unser Halbbataillon - eine damals sehr
beliebte Gefechtsformation - im Nebel und Getreide ueberraschend auf
feindliche, von Sueden vorkommende Infanterie. Sie wurde durch das
ueberlegene Zuendnadelgewehr bald zum Weichen gebracht. Ihr mit meinem
Schuetzenzuge in aufgeloester Ordnung folgend, stiess ich ploetzlich auf eine
oesterreichische Batterie, die in ruecksichtsloser Kuehnheit herbeieilte,
abprotzte und uns eine Kartaetschlage entgegenschleuderte. Von einer Kugel,
die mir den Helm durchbohrte, am Kopf gestreift, brach ich fuer kurze Zeit
bewusstlos zusammen. Als ich mich wieder aufraffte, drangen wir in die
Batterie ein. Fuenf Geschuetze waren unser, die drei anderen entkamen. Das
war ein stolzes Gefuehl, als ich hochaufatmend, aus leichter Kopfwunde
blutend unter meinen eroberten Kanonen stand. Aber ich hatte nicht Zeit,
auf meinen Lorbeeren auszuruhen. Feindliche Jaeger, kenntlich an den
Hahnenfedern auf ihren Hueten, tauchten im Weizen auf. Ich wies sie ab und
folgte ihnen bis zu einem Hohlwege.

Der Zufall wollte es, dass im Verlauf des letzten grossen Krieges dieses
mein erstes Schlachterlebnis in Oesterreich bekannt wurde. Ein
verabschiedeter ehemaliger Offizier, Veteran von 1866, schrieb mir
infolgedessen aus Reichenberg in Boehmen, dass er bei Koeniggraetz als
Regimentskadett in der von mir angegriffenen Batterie gestanden habe, und
belegte diese Tatsache durch eine Skizze. Da er noch einige freundliche
Worte hinzufuegte, dankte ich ihm herzlich, und so war zwischen den
einstigen Gegnern ein recht kameradschaftlicher Briefwechsel zustande
gekommen.

Als ich den oben erwaehnten Hohlweg erreichte, hielt ich Umschau. Die
feindlichen Jaeger waren im Regendunst verschwunden. Die umliegenden Doerfer
- vor mir Wsestar, rechts Rosberitz und links Sweti - waren merkbar noch
in Feindes Hand; um Rosberitz wurde bereits gekaempft. Ich selbst war mit
meinem Zug allein. Hinter mir war nichts von den Unsrigen zu sehen. Die
geschlossenen Abteilungen waren mir nicht suedwaerts gefolgt, sondern
schienen sich nach rechts gewendet zu haben. Ich beschloss, meiner
Einsamkeit auf dem weiten Schlachtfelde dadurch ein Ende zu machen, dass
ich mich in dem Hohlweg nach Rosberitz heranzog. Bevor ich mein Ziel
erreichte, brausten noch mehrere oesterreichische Schwadronen, mich mit
meiner Handvoll Leuten nicht bemerkend, an mir vorueber. Sie ueberschritten
vor mir den Hohlweg an einer flachen Stelle und stiessen kurze Zeit darauf,
wie mir das lebhafte Gewehrfeuer verriet, im Gelaende nordoestlich Rosberitz
auf mir unsichtbare diesseitige Infanterie. Bald rasten von dorther ledige
Pferde zurueck und schliesslich jagte alles wieder an mir vorbei. Ich
schickte noch einige Kugeln nach; die weissen Maentel der Reiter boten in
der trueben Witterung gute Ziele.

Die Lage in Rosberitz war, als ich dort eintraf, eine ernste. Ungestuem
vordraengende Zuege und Kompagnien verschiedener Regimenter unserer Division
waren daselbst auf sehr ueberlegene feindliche Kraefte geprallt. Hinter
unsern schwachen Abteilungen befanden sich zunaechst keine Verstaerkungen.
Die Masse der Division war von dem hochgelegenen Dorfe Chlum angezogen
worden und stand dort in heftigem Kampf. Mein Halbbataillon, mit dem ich
mich am Ostrande von Rosberitz gluecklich wieder vereinigte, war daher die
erste Hilfe.

Wer mehr ueberrascht ist, die Oesterreicher oder wir, vermag ich nicht zu
beurteilen. Jedenfalls draengen die zusammengeballten feindlichen Massen
von drei Seiten auf uns, um das Dorf wieder ganz in Besitz zu nehmen. So
fuerchterlich unser Zuendnadelgewehr auch wirkt, ueber die stuerzenden ersten
Reihen kommen immer wieder neue auf uns zu. So entsteht in den Dorfgassen
zwischen den brennenden, strohbedeckten Haeusern ein moerderisches
Handgemenge. Von Kampf in geordneten Verbaenden ist keine Rede mehr. Jeder
sticht und schiesst um sich, so viel er kann. Prinz Anton von Hohenzollern
vom 1. Garderegiment bricht schwerverwundet zusammen. Faehnrich von
Woyrsch, der jetzige Feldmarschall, bleibt mit einigen Leuten im hin- und
herwogenden Kampf bei dem Prinzen. Dessen goldene Uhr wird mir ueberbracht,
damit diese nicht etwa feindlichen Pluenderern in die Haende faellt. Bald
laufen wir Gefahr, abgeschnitten zu werden. Aus einer in unseren Ruecken
fuehrenden Seitengasse toenen oesterreichische Hornsignale, hoert man die
dumpfer als die unserigen klingenden Trommeln des Feindes. Wir muessen,
auch in der Front hart bedraengt, zurueck. Ein brennendes Strohdach, das auf
die Strasse herabstuerzt und sie mit Flammen und dichtem Qualm absperrt,
rettet uns. Wir entkommen unter diesem Schutz auf eine Hoehe dicht
nordoestlich des Dorfes.

Weiter wollen wir in wilder Erbitterung nicht zurueckgehen. Major Graf
Waldersee vom 1. Garde-Regiment zu Fuss, der 1870 vor Paris als Kommandeur
des Garde-Grenadierregiments Koenigin Augusta fiel, laesst als aeltester
anwesender Offizier die bei uns befindlichen beiden Fahnen in die Erde
stecken; um diese geschart werden die Verbaende wieder geordnet. Schon
nahen auch von rueckwaerts Verstaerkungen. Und so geht es denn bald wieder
mit schlagenden Tambours vorwaerts, dem Feinde entgegen, der sich mit der
Besitzergreifung des Dorfes begnuegt hat. Auch dieses raeumt er bald, um
sich der allgemeinen Rueckzugsbewegung seines Heeres anzuschliessen.

In Rosberitz fanden wir den Prinzen von Hohenzollern wieder, der aber nach
kurzer Zeit im Lazarett zu Koeniginhof seinen Wunden erlag. Seine treue
Bedeckung hatte der Feind als Gefangene mitgefuehrt. Auch aus meinem Zuge
teilten mehrere Grenadiere dieses Schicksal, nachdem sie sich in einer
Ziegelei tapfer verteidigt hatten. Als wir zwei Tage spaeter auf dem
Weitermarsch abends suedwestlich der Festung Koeniggraetz Biwaks bezogen,
fanden sich die braven Leute wieder bei uns ein. Der Kommandant der
Festung hatte sie in der Richtung auf die preussischen Biwakfeuer
hinausgeschickt, um der Sorge ihrer Ernaehrung enthoben zu sein. Sie hatten
das Glueck, gerade ihren eigenen Truppenteil vorzufinden.

Als Abschluss des Kampfes gingen wir noch bis Wsestar vor und blieben dort,
bis wir das Schlachtfeld verliessen. Der Arzt wollte mich wegen meiner
Kopfwunde in ein Lazarett schicken; ich begnuegte mich aber in Erwartung
einer zweiten Schlacht hinter der Elbe mit Umschlaegen und einem leichten
Verbande und durfte fortan auf den Maerschen statt des Helmes die Muetze
tragen.

Eigenartige Gefuehle waren es, welche mich am Abend des 3. Juli bewegten.
Naechst dem Dank gegen Gott den Herrn herrschte besonders das stolze
Bewusstsein vor, an einem Werke mitgetan zu haben, das ein neues
Ruhmesblatt in der Geschichte des preussischen Heeres und des preussischen
Vaterlandes geworden war. Uebersahen wir auch noch nicht die volle
Tragweite unseres Sieges: dass es sich um mehr als in den vorhergegangenen
Gefechten gehandelt hatte, war uns doch schon klar. In Treue gedachte ich
der gefallenen und verwundeten Kameraden. Mein Zug hatte die Haelfte seines
Bestandes verloren, ein Beweis dafuer, dass er seine Schuldigkeit getan
hatte.

Als wir am 6. Juli die Elbe bei Pardubitz auf einer Kriegsbruecke
ueberschritten, erwartete dort der Kronprinz das Regiment und sprach uns
seine Anerkennung ueber das Verhalten in der Schlacht aus. Wir dankten mit
lautem Hurra und zogen weiter, stolz auf das uns von dem Oberbefehlshaber
unserer Armee und Erben der Krone Preussens gespendete Lob, freudig bereit,
ihm zu neuen Kaempfen zu folgen.

Der weitere Verlauf des Feldzuges brachte uns aber nur noch Maersche und
somit keine erwaehnenswerten Erlebnisse. Der am 22. Juli eintretende
Waffenstillstand traf uns in Niederoesterreich, etwa 40 km von Wien
entfernt. Als wir von hier aus bald darauf den Rueckmarsch in die Heimat
antraten, begleitete uns ein unheimlicher Gast, die Cholera. Erst
allmaehlich verliess sie uns, nicht ohne noch manches Opfer aus unseren
Reihen gefordert zu haben.

An der Eger blieben wir einige Wochen stehen. Waehrend dieser Zeit traf ich
mich mit meinem Vater, der als Johanniter in einem Lazarett auf dem
Schlachtfelde von Koeniggraetz taetig war, in Prag. Wir liessen diese
Gelegenheit nicht voruebergehen, ohne das naheliegende Schlachtfeld unseres
grossen Koenigs zu besuchen. Wie waren wir erstaunt, dort neben dem vom
preussischen Staat nach dem Befreiungskriege fuer den bei Prag gefallenen
Feldmarschall Grafen Schwerin errichteten Denkmal ein zweites zu finden,
das bereits lange Zeit vorher Kaiser Joseph II., ein Bewunderer Friedrichs
des Grossen, zur Ehrung des gegnerischen Helden dort hatte setzen lassen.

Die Erinnerung an den Besuch dieses Schlachtfeldes wurde in mir im Verlauf
des letzten Krieges wieder besonders lebendig. Liegt doch ein Vergleich
der Lage Preussens 1757 mit der Deutschlands 1914 nahe. Wie nach dem auf
Prag folgenden Kolin, so noetigte nach der manchem Siege folgenden
Marneschlacht das Scheitern unseres grossen Offensivgedankens das Vaterland
zu einer verhaengnisvollen Verlaengerung des Daseinskampfes. Aber waehrend
uns der Ausgang des siebenjaehrigen Ringens ein maechtiges Preussen zeigt,
erblicken wir am Ende des letzten vierjaehrigen Verzweiflungskampfes ein
gebrochenes Deutschland. Waren wir der Vaeter nicht wuerdig gewesen?

Am 2. September ueberschritten wir in Fortsetzung des Rueckmarsches die
boehmisch-saechsische Grenze, dann am 8. September auf der Chaussee
Grossenhain-Elster die Grenze der Mark Brandenburg. Eine Ehrenpforte
begruesste uns. Durch sie kehrten wir unter den Klaengen des "Heil Dir im
Siegerkranz" in die Heimat zurueck. Mit welchen Gefuehlen, bedarf keiner
Erlaeuterung.

Am 20. September war der feierliche Einzug in Berlin. Die
Paradeaufstellung erfolgte auf dem jetzigen Koenigsplatz, damals einem
sandigen Exerzierplatz. Wo jetzt das Generalstabsgebaeude steht, befand
sich ein Holzhof, der mit der Stadt durch einen mit Weiden besetzten Weg
verbunden war. Krolls "Etablissement" gab es dagegen bereits. Vom
Aufstellungsplatze weg rueckte die Einzugstruppe durch das Brandenburger
Tor die Linden herauf zum Opernplatz. Dort war der Vorbeimarsch vor Seiner
Majestaet dem Koenig. Bluecher, Scharnhorst und Gneisenau sahen von ihren
Postamenten zu. Sie konnten mit uns zufrieden sein!

Zum Einruecken in die Paradeaufstellung hatte sich mein Bataillon am
Floraplatz versammelt. Dort wurde mir vom Kommandeur der Rote Adlerorden
4. Klasse mit Schwertern mit der Weisung ueberreicht, ihn sofort anzulegen,
weil die neuen Auszeichnungen beim Einzug getragen werden sollten. Als ich
mich ziemlich ratlos umsah, trat aus der Menge der Zuschauer eine aeltere
Dame heraus und befestigte mit einer Stecknadel das Ehrenzeichen auf
meiner Brust. So oft ich in spaetern Jahren, sei es zu Fuss, sei es zu
Pferde, ueber den Floraplatz kam, stets gedachte ich in Dankbarkeit der
freundlichen Berlinerin, die dem 18jaehrigen Leutnant dort einst seinen
ersten Orden angeheftet hat.

Nach dem Kriege wurde dem 3. Garderegiment Hannover als Friedensgarnison
zugewiesen. Man wollte dadurch wohl der bisherigen Hauptstadt eine
Aufmerksamkeit erweisen. Ungern gingen wir hin, als aber nach 12 Jahren
die Scheidestunde durch Versetzung des Regiments nach Berlin schlug, da
war wohl keiner in dessen Reihen, dem die Trennung nicht schwer wurde. Ich
selbst hatte die schoene Stadt, die ich schon 1873 verlassen musste, so lieb
gewonnen, dass ich mich spaeter nach meiner Verabschiedung dorthin
zurueckzog.

Bald hatten wir in dem neuen Standort Bekanntschaften angeknuepft. Manche
Hannoveraner hielten sich freilich aus politischen Gruenden gaenzlich
zurueck. Wir haben die Treue gegen das angestammte Herrscherhaus nie
verurteilt, so sehr wir von der Notwendigkeit der Einverleibung Hannovers
in Preussen durchdrungen waren. Nur da, wo das Welfentum im Verhalten
einzelner seinen Schmerz nicht mit Wuerde trug, sondern sich in
Ungezogenheiten, Beleidigungen oder Widersetzlichkeiten gefiel, sahen wir
in ihm einen Gegner.

Immer mehr lebten wir uns im Laufe der Jahre in Hannover ein, das in
gluecklichster Weise die Vorteile einer Grossstadt nicht mit den Nachteilen
einer solchen vereinigt. Eine rege, vornehme Geselligkeit, welche spaeter,
nach dem franzoesischen Kriege, dadurch ihren Hoehepunkt erreichte, dass Ihre
Koeniglichen Hoheiten der Prinz Albrecht von Preussen und Gemahlin dort
jahrelang weilten, wechselte mit dem Besuch des vorzueglichen Hoftheaters
ab, der dem jungen Offizier fuer ein Billiges ermoeglicht war. Herrliche
Parkanlagen und einer der schoensten deutschen Waelder, die Eilenriede,
umgeben die Stadt; an ihnen konnte man sich in dienstfreien Stunden zu Fuss
und zu Pferde erfreuen. Und nahmen wir an den Manoevern in der Provinz
teil, anstatt zu den Herbstuebungen des Gardekorps nach Potsdam zu fahren,
so lernten wir allmaehlich ganz Niedersachsen vom Fels zum Meer in seiner
anmutenden Eigenart kennen und schaetzen. Der kleine Dienst spielte sich
auf dem Waterlooplatz ab. Dort habe ich drei Jahre hintereinander meine
Rekruten ausgebildet und in einer der an diesem Platz gelegenen Kasernen
meine erste Dienstwohnung, Wohn- und Schlafstube, innegehabt. Noch jetzt
versetze ich mich gern, wenn ich diesen Stadtteil betrete, in Gedanken in
die goldene Jugendzeit zurueck. Fast alle meine damaligen Kameraden sind
schon bei der grossen Armee versammelt. Meinen mehrjaehrigen Kompagniechef,
Major a. D. von Seel, durfte ich jedoch noch kuerzlich wiedersehen. Ich
verdanke dem jetzt mehr als 80jaehrigen unendlich viel; war er mir doch
ganz besonders ein Vorbild und Lehrer in strengster Dienstauffassung.

Im Sommer 1867 besuchte Seine Majestaet der Koenig zum ersten Male Hannover.
Ich stand bei der Ankunft in der Ehrenkompagnie vor dem Palais im
Georgspark und wurde von meinem Kriegsherrn durch die Frage beglueckt, bei
welcher Gelegenheit ich mir den Schwerterorden verdient haette. In spaetern
Jahren, nachdem ich mir noch das Eiserne Kreuz fuer 1870/71 erworben hatte,
hat mein Kaiser und Koenig die gleiche Frage noch manchesmal bei
Versetzungs- und Befoerderungsmeldungen an mich gerichtet. Stets
durchzuckte es mich dann mit ebensolchem Stolz und ebensolcher Freude wie
damals.

Immer fester fuegten sich die staatlichen, militaerischen und sozialen
Verhaeltnisse Hannovers ineinander. Bald sollte sich auch diese neue
Provinz auf blutigen Schlachtfeldern als ebenbuertiger Bestandteil Preussens
bewaehren!

Bei Ausbruch des Krieges 1870 rueckte ich als Adjutant des 1. Bataillons
ins Feld. Mein Kommandeur, Major von Seegenberg, hatte die Feldzuege von
1864 und 1866 im Regiment als Kompagniechef mitgemacht. Er war ein
kriegserprobter altpreussischer Soldat von ruecksichtsloser Energie und
unermuedlicher Fuersorge fuer die Gruppe. Unsere gegenseitigen Beziehungen
waren gute.

Der Beginn des Feldzuges brachte fuer das Regiment, wie fuer das ganze
Gardekorps, insofern schmerzliche Enttaeuschungen, als wir in wochenlangen
Maerschen nicht an den Feind kamen. Erst nachdem wir bereits die Mosel
oberhalb Pont a Mousson ueberschritten und beinahe die Maas erreicht
hatten, riefen uns die Ereignisse westlich Metz am 17. August in die
dortige Gegend. Wir bogen nach Norden ab und trafen nach ausserordentlich
anstrengendem Marsch am Abend dieses Tages auf dem Schlachtfelde von
Vionville ein. Die Spuren des furchtbaren Ringens unseres III. und
X. Armeekorps am vorhergehenden Tage traten uns allenthalben vor die
Augen. Ueber die Kriegslage erfuhren wir soviel wie nichts. So marschierten
wir auch am 18. August von unseren Biwakplaetzen bei Hannonville westlich
Mars la Tour in eine uns noch ziemlich unklare Lage hinein und erreichten
gegen Mittag Doncourt. Der bis dorthin verhaeltnismaessig kurze Marsch,
ausgefuehrt in dichten Massenformationen unter unliebsamer Kreuzung mit dem
saechsischen (XII.) Korps, in gluehender Hitze, in dichten Staubwolken, ohne
die Moeglichkeit genuegender Wasserversorgung seit dem vorausgehenden Tage,
war zu einer grossen Anstrengung geworden. Ich selbst hatte auf dem Marsch
erst das Grab eines bei den 2. Gardedragonern gefallenen Vetters auf dem
Friedhof von Mars la Tour besucht und dann Gelegenheit genommen, ueber das
Angriffsfeld der 38. Infanteriebrigade und des 1. Garde-Dragoner-Regiments
zu reiten. Reihen, ja stellenweise ganze Haufen von Gefallenen, Preussen
wie Franzosen, in und noerdlich einer Schlucht, bewiesen, welch ein
moerderischer Kampf hier auf den allernaechsten Entfernungen gefuehrt worden
war.

Bei Doncourt machen wir Halt und denken ans Abkochen. Geruechte, dass
Bazaine nach Westen abmarschiert und damit entkommen sei, verbreiten sich.
Die Begeisterung vom Vormittag ist ziemlich abgeflaut. Ploetzlich beginnt
in oestlicher Richtung eine gewaltige Kanonade. Das IX. Korps ist auf den
Feind gestossen. Der Gefechtslaerm belebt auch bei uns alles. Die Nerven
beginnen sich neu zu spannen, das Herz wieder staerker und freudiger zu
schlagen. Der Weitermarsch in nordoestlicher Richtung wird angetreten. Der
Eindruck, dass es sich heute um eine gewaltige Schlacht handle, verstaerkt
sich von Minute zu Minute. Wir marschieren auf und erhalten in der Naehe
von Batilly den Befehl, die Fahnen zu enthuellen. Es geschieht unter
dreifachem Hurra; ein ergreifender Augenblick! Fast gleichzeitig
galoppieren Gardebatterien an uns vorbei nach Osten vor, heran an die
gegnerischen Stellungen. Immer maechtiger entwickelt sich das
Schlachtenbild. Ueber den Hoehen von Amanweiler bis halbwegs gegen St.
Privat erheben sich dichte, schwere Wolken von Pulverdampf. In mehreren
Linien hinter- und zugleich uebereinander steht dort oben feindliche
Infanterie und Artillerie. Ihr Feuer ist vorlaeufig mit ganzer Wucht gegen
das IX. Armeekorps gerichtet. Dies wird anscheinend auf seinem linken
Fluegel vom Gegner ueberragt. Einzelheiten sind nicht zu erkennen.

Um einen frontalen Angriff gegen die feindliche Stellung zu vermeiden,
wenden wir uns in einer Wiesenschlucht, etwa fuenf Kilometer gleichlaufend
zur feindlichen Front, nach Norden auf Ste. Marie aux Chenes. Das Dorf
wird von der Avantgarde unserer Division und Teilen des links von uns auf
Auboue marschierenden XII. Korps angegriffen und besetzt. Nach Gewinnung
von Ste. Marie marschiert unsere Brigade dicht suedlich des Dorfes, mit der
Front nach diesem, auf. Wir ruhen. Freilich eine eigenartige Ruhe.
Verirrte Kugeln aus St. Privat vorgeschobener feindlicher Schuetzen
schlagen ab und zu in unsere dicht geschlossenen Formationen ein. Leutnant
von Helldorff, vom 1. Garderegiment, wird in meiner Naehe erschossen; sein
Vater, Bataillonskommandeur im gleichen Regiment, war 1866 bei Koeniggraetz
in Rosberitz auch unweit von mir gefallen. Mehrere Leute werden verwundet.

Ich betrachte mir die Lage. In oestlicher Richtung, fast in der rechten
Flanke unserer jetzigen Front, liegt auf einer allmaehlich ansteigenden
Hoehe St. Privat, mit dem etwa zwei Kilometer entfernten Ste. Marie aux
Chenes durch eine gradlinige, mit Pappeln bestandene Chaussee verbunden.
Das Gelaende noerdlich dieser Strasse ist durch die Baumreihen grossenteils
der Sicht entzogen, macht aber den gleichen deckungslosen Eindruck, wie
das Feld suedlich der Chaussee. Auf den Hoehen selbst herrscht eine fast
unheimliche Stille. Unwillkuerlich strengt sich das Auge an, dort vermutete
Geheimnisse zu entdecken. Ihnen durch Aufklaerung den Schleier zu nehmen,
scheint man auf unserer Seite nicht fuer noetig zu halten. So bleiben wir
denn ruhig liegen.

Gegen 51/2 Uhr nachmittags trifft unsere Brigade der Angriffsbefehl. Wir
sollen hart oestlich Ste. Marie vorbei in noerdlicher Richtung antreten und
dann jenseits der Chaussee gegen St. Privat zum Angriff einschwenken. Das
Bedenken, dass diese kuenstliche Bewegung von St. Privat her in der rechten
Flanke gefasst wuerde, draengt sich sofort auf.

Kurz bevor sich unsere Bataillone erheben, wird das ganze Gelaende um St.
Privat lebendig und huellt sich in den Qualm feuernder franzoesischer
Linien. Die nicht zu unserer Division gehoerige 4. Gardebrigade geht
naemlich bereits suedlich der Chaussee vor. Gegen sie wendet sich daher
vorlaeufig die ganze Kraft der gegnerischen Wirkung. Diese Truppe wuerde in
kuerzester Zeit zur Schlacke ausbrennen, wenn wir, die 1. Gardebrigade,
nicht baldmoeglich noerdlich der Chaussee angreifen und dadurch Entlastung
schaffen wuerden. Freilich, dort hinueberzukommen, erscheint fast unmoeglich.
Mein Kommandeur reitet mit mir vor, um das Gelaende einzusehen und dem
Bataillon im Rahmen der Brigade die Marschrichtung anzugeben. Ein
ununterbrochener Feuerorkan fegt jetzt auch gegen uns ueber das ganze Feld.
Doch wir muessen versuchen, die eingeleitete Bewegung durchzufuehren. Es
gelingt uns auch, die Strasse zu ueberschreiten. Jenseits dieser nehmen die
sich dicht draengenden Kolonnen Front gegen die feindlichen Feuerlinien und
stuerzen, sich auseinanderziehend, vorwaerts gegen St. Privat. Alles strebt
danach, so nahe als moeglich an den Gegner heranzukommen, um die dem
Chassepot gegenueber minderwertigen Gewehre brauchen zu koennen. Der Vorgang
wirkt ebenso erschuetternd wie imponierend. Hinter den wie gegen ein
Hagelwetter vorstuermenden Massen bedeckt sich das Gelaende mit Toten und
Verwundeten, aber die brave Truppe draengt unaufhaltsam vorwaerts. Immer und
immer wieder wird sie von ihren Offizieren und Unteroffizieren, die bald
von den tuechtigsten Grenadieren und Fuesilieren ersetzt werden muessen, auf-
und vorgerissen. Ich sehe im Vorbeireiten, wie der Kommandierende General
des Gardekorps, Prinz August von Wuerttemberg, zu Pferde am Ortsausgang von
Ste. Marie haltend, die gewaltige Krisis verfolgt, in die seine herrlichen
Regimenter sich hineinstuerzen, um darin vielleicht zugrunde zu gehen. Ihm
gegenueber soll der Marschall Canrobert am Eingange von St. Privat
gestanden haben.

Um sein Bataillon aus der Anstauung der Massen nordoestlich Ste. Marie
herauszubringen und ihm die fuer den Kampf notwendige Armfreiheit zu
schaffen, laesst mein Kommandeur dasselbe nicht gleich die Front auf St.
Privat nehmen, sondern setzt mit ihm zunaechst in einer Falte des Gelaendes
die bisherige noerdliche Bewegung fort. So schieben wir uns in leidlicher
Deckung so weit seitlich heraus, dass wir nach dem Einschwenken den linken
Fluegel der Brigade bilden. In diesem Verhaeltnis gelangen wir unter
zunehmenden Verlusten in die Gegend halbwegs Ste. Marie-Roncourt.

Bevor wir uns von hier aus zu einer Umfassung von St. Privat anschicken
koennen, muessen wir bei Roncourt, das die Sachsen von Auboue aus noch nicht
erreicht zu haben scheinen, klar sehen. Ich reite hin, finde das Dorf von
Freund und Feind unbesetzt, bemerke aber in den Steinbruechen oestlich des
Dorfes franzoesische Infanterie. Es gelingt mir, noch rechtzeitig zwei
Kompagnien meines Bataillons nach Roncourt zu fuehren. Bald darauf
unternimmt der Gegner einen Angriff aus den Steinbruechen, welcher
abgewiesen wird. Nunmehr koennen sich die beiden andern Kompagnien ohne
Besorgnis fuer Flanke und Ruecken gegen den Nordeingang von St. Privat
wenden, um dem schweren frontalen Kampf der uebrigen Teile der Brigade
wenigstens eine geringe Entlastung zu bringen. Spaeter, nachdem Roncourt
von Teilen des XII. Korps besetzt worden ist, ziehen sich auch unsere
beiden dort verwendeten Kompagnien heran.

In der Front nimmt unterdessen das blutige Ringen seinen Fortgang. Von
feindlicher Seite aus ein ununterbrochen rollendes Infanteriefeuer aus
mehreren Linien, das alles Leben auf dem weiten, deckungslosen
Angriffsfeld niederzudruecken versucht. Auf unserer Seite eine lueckenreiche
Linie loser Truppentruemmer, die sich aber nicht nur am Boden festkrallen,
sondern wie in krampfhaften Zuckungen sich immer wieder auf den Gegner zu
stuerzen versuchen. Mit verhaltenem Atem sehe ich auf diese Schlachtszenen,
aufs aeusserste gespannt, ob nicht ein feindlicher Gegenstoss unsere Truppen
wieder zurueckschleudern wuerde. Doch die Franzosen bleiben bis auf einen
nicht ueber das erste Anreiten hinauskommenden Versuch, mit Kavallerie
noerdlich um St. Privat herum vorzubrechen, starr in ihren Stellungen.

Eine Atempause im Infanteriekampf tritt ein. Beide Teile sind erschoepft
und liegen sich, nur wenig feuernd, gegenueber. Die Waffenruhe auf dem
Schlachtfelde ist so ausgesprochen, dass ich vom linken Fluegel bis fast zur
Mitte der Brigade und zurueck in der Feuerlinie entlang reite, ohne das
Gefuehl einer Gefahr zu haben. Aber dann beginnt die Zermuerbungsarbeit
unserer vorgezogenen Artillerie, und bald schieben sich ausserdem die
frischen Kraefte der 2. Gardebrigade von Ste. Marie her in die im Verbluten
begriffenen Reste der 4. und 1. ein, waehrend von Nordwesten auch
saechsische Hilfe naht. Der Druck, der auf der schwer ringenden Infanterie
lag, wird fuehlbar leichter. Wo eine Zeitlang nur Tod und Verderben zu sein
schien, ruehrt sich neues Kampfesleben, zeigt sich neuer Kampfeswille, der
schliesslich im Sturm auf den Feind seinen heldenhaften Abschluss findet. Es
ist ein unbeschreiblich ergreifender Augenblick, als sich bei sinkender
Abendsonne unsere vordersten Kampflinien zum letzten Vorbrechen erheben.
Kein Befehl treibt sie an, das gleiche seelische Empfinden, der eherne
Entschluss zum Erfolg, ein heiliger Kampfesgrimm draengt nach vorwaerts.
Dieser unwiderstehliche Zug reisst alle mit sich fort. Das Bollwerk des
Gegners stuerzt bei Einbruch der Dunkelheit. Ein ungeheuerer Jubel
bemaechtigt sich unser.

Als ich spaet Abends die Reste unseres Bataillons zaehlte und dann am andern
Morgen die noch viel schwaechern Truemmer der uebrigen Teile meines
Regimentes wiedersah, als die innere Abspannung eintrat, da kamen weichere
Seiten menschlichen Gefuehles zu ihrer Geltung. Man denkt dann nicht nur an
das, was im Kampfe gewonnen wurde sondern auch an das, was dieser Erfolg
gekostet hat. Das 3. Garderegiment hatte einen Gesamtverlust von
36 Offizieren, 1060 Unteroffizieren und Mannschaften aufzuweisen, davon
tot 17 Offiziere und 304 Mann. Aehnliche Zahlen ergaben sich bei allen
Garde-Infanterie-Regimentern. Im Verlauf des letzten grossen Krieges sind
Gefechtsverluste in der Hoehe, wie sie die Garde bei St. Privat erlitten,
innerhalb unserer Infanterieregimenter haeufig geworden. Ich konnte aus
meinen damaligen Erfahrungen ermessen, was das fuer die Truppe bedeutet.
Welch eine Masse bester, vielfach unersetzlicher Kraefte sinken da ins
Grab! Welch ein herrlicher Geist muss aber andererseits in unserem Volke
lebendig gewesen sein, um trotzdem in jahrelangem Ringen unsere Armee
weiter kampfkraeftig zu erhalten!

Am 19. August begruben wir unsere Toten, und am 20. nachmittags
marschierten wir nach Westen ab. Unser Divisionskommandeur,
Generalleutnant von Pape, sprach uns unterwegs seine Anerkennung fuer
unsere Erfolge aus und betonte, dass wir damit aber nur unsere Pflicht und
Schuldigkeit getan haetten. Er schloss mit den Worten: "Im uebrigen gilt fuer
uns der alte Soldatenspruch: Ob tausend zur Linken, ob tausend zur
Rechten, ob alle Freunde sinken, wir wollen weiterfechten!" Ein donnerndes
Hurra auf Seine Majestaet den Koenig war unsere Antwort.

Welche militaerische Kritik man auch an den Kampf um St. Privat anlegen
mag, er verliert jedenfalls dadurch nichts von seiner inneren Groesse. Sie
liegt in dem Geiste, in dem die Truppe die stundenlange furchtbare Krisis
ertrug und schliesslich siegreich ueberwand. Dieses Gefuehl war fuer uns in
der Erinnerung an den 18. August fortan ausschlaggebend. Die ernste
Stimmung, die sich durch die Schlacht unserer Mannschaften bemaechtigt
hatte, verfluechtigte sich bald; dafuer erhielt sich der Stolz auf die
persoenlichen Leistungen und die Taten der Gesamtheit bis auf den heutigen
Tag. Noch im Jahre 1918 feierte ich, wieder auf feindlichem Boden, den Tag
von St. Privat mit dem 3. Garderegiment, dem ich dank der Gnade meines
Koenigs wieder angehoerte. Mehrere "alte Herren", Mitkaempfer von 1870,
darunter auch der frueher erwaehnte Major a. D. von Seel, waren zu dem
Gedenktag aus der Heimat an die Front geeilt. Es war das letztemal, dass
ich das stolze Regiment gesehen habe!

Wie ich hoere, sind die Denkmaeler der preussischen Garde auf den Hoehen von
St. Privat jetzt von unseren Gegnern niedergerissen worden. Sollte dies
wirklich wahr sein, so glaube ich nicht, dass solche Tat geeignet ist,
deutsches Heldentum zu erniedrigen. Vielfach habe ich deutsche Offiziere
und Soldaten vor franzoesischen Kriegsdenkmaelern, auch wenn sie auf
deutschem Boden standen, in stiller Ehrung weilen sehen und ihnen die
Achtung vor gegnerischen Leistungen und Opfern nachempfunden.

Nach der Schlacht uebernahm mein Bataillonskommandeur als der einzige
unverwundete Stabsoffizier die Fuehrung des Regiments. Ich blieb auch in
der neuen Stellung sein Adjutant.

Der Verlauf derjenigen Operation, die bei Sedan ihren denkwuerdigen
Abschluss fand, brachte wenig Bemerkenswertes fuer mich. Das Vorspiel, die
Schlacht bei Beaumont, durchlebten wir am 30. August in der Reserve
stehend nur als Zuschauer. Auch am 1. September verfolgte ich den Gang der
Schlacht vornehmlich in der Rolle eines Beobachters. Das Gardekorps
bildete den nordoestlichen Teil des eisernen Ringes, der sich im Laufe des
Tages um die Armee Mac Mahons schloss. Die 1. Gardebrigade stand im
besondern von morgens bis nachmittags hinter den oestlich des Grundes von
Givonne gelegenen Hoehen abwartend bereit. Ich benutzte diese Untaetigkeit
dazu, mich zu den am Hoehenrande in langer Linie aufgefahrenen
Gardebatterien zu begeben, welche ihre Geschosse ueber den Grund hinweg in
die auf den jenseitigen, meist bewaldeten Hoehen stehenden Franzosen
schleuderten. Von hier hatte man einen beherrschenden Blick auf die ganze
Gegend vom Ardenner Wald bis zum Abfall gegen die Maas. Im besondern lag
das Hoehengelaende von Illy und die franzoesische Stellung westlich des
Givonne-Baches einschliesslich des Bois de la Garenne zum Greifen nahe vor
mir. Die Katastrophe der franzoesischen Armee entwickelte sich also
geradezu vor meinen Augen. Ich konnte verfolgen, wie der deutsche
Feuerkreis sich allmaehlich um den ungluecklichen Gegner schloss, und wie die
Franzosen heldenhafte, aber von Anbeginn an voellig aussichtslose Versuche
machten, durch einzelne Vorstoesse unsere Umklammerung zu durchbrechen. Fuer
mich hatte der Kampf noch ein besonderes Interesse. Am Tage vor der
Schlacht hatte ich naemlich beim Durchmarsch durch Carignan von einem
gespraechigen franzoesischen Sattler, bei dem ich mir im Vorbeireiten eine
Reitpeitsche kaufte, erfahren, dass der franzoesische Kaiser bei seiner
Armee sei. Ich meldete dies weiter, fand aber keinen Glauben. Als ich am
Schlachttage angesichts der sich immer mehr vollendenden feindlichen
Vernichtung die Aeusserung tat: "In diesem Kessel befindet sich auch
Napoleon", wurde ich ausgelacht. Mein Triumph, als sich spaeter meine
Ansicht bestaetigte, war gross.

Mein Regiment kam an diesem Tage nicht zu einer groesseren
Gefechtstaetigkeit. Wir folgten gegen 3 Uhr nachmittags dem
1. Garderegiment ueber den Givonne-Abschnitt. Zu diesem Zeitpunkt war dem
franzoesischen Widerstand durch unsere von allen Seiten wirkende Artillerie
schon die Waffe aus der Hand geschlagen worden. Es handelte sich
eigentlich nur noch darum, den Feind gegen Sedan zusammenzupressen, um ihm
die Aussichtslosigkeit weiteren Widerstandes recht nachdruecklich vor die
Augen zu fuehren. Die Vernichtungsbilder, die ich bei diesem Vorgehen an
dem Nordostrand des Bois de la Garenne sah, uebertrafen alle Schrecken, die
mir je auf Schlachtfeldern entgegengetreten sind.

Schon zwischen 4 und 5 Uhr richteten wir uns in unsern Biwaks ein. Die
Schlacht war beendet. Nur ein Gewehrschuss fiel noch gegen Abend und eine
Kugel pfiff ueber uns hinweg. Als wir zum Waldrand aufblickten, schwang
dort ein Turko mit drohender Gebaerde sein Gewehr und verschwand dann mit
langen Saetzen im Dunkel der Baeume.

Niemals, vorher wie nachher, habe ich die Nacht auf einem Schlachtfeld mit
dem Gefuehle gleicher restloser Befriedigung verbracht, wie hier. Traeumte
doch jeder, nachdem das "Nun danket alle Gott" verklungen war, von einem
baldigen Kriegsende. Hierin wurden wir freilich bitter enttaeuscht. Der
Krieg ging weiter. Diese Fortsetzung des franzoesischen Widerstandes nach
der Schlacht von Sedan hat man bei uns oft nur als eine unnuetze
franzoesische Selbstzerfleischung angesehen. Ich konnte diesem Urteil nicht
beipflichten und habe dem Weitblick der damaligen Diktatoren den Beifall
nicht versagen koennen. Zeigte sich doch darin, dass die franzoesische
Republik die Waffen da aufnahm, wo das Kaiserreich sie niederzulegen
gezwungen war, meiner Ansicht nach nicht nur ein vorbildlicher
patriotischer Geist sondern auch ein weiter staatsmaennischer
Zukunftsblick. Ich glaube noch heute, dass Frankreich mit einem Versagen
seines Widerstandswillens in diesem Augenblick den groessten Teil seiner
voelkischen Wuerde und damit die Aussichten auf eine bessere Zukunft
preisgegeben haette.

Der 2. September brachte uns vormittags den Besuch des Kronprinzen, dem
wir die erste Nachricht von der Gefangennahme Napoleons und seiner Armee
verdankten, und nachmittags den unseres Koenigs und Kriegsherrn. Von dem
beispiellosen Jubel, mit dem der Monarch empfangen wurde, vermag man sich
kaum eine Vorstellung zu machen. Die Mannschaften waren nicht in Reih und
Glied zu halten. Sie umringten ihren heissgeliebten Herrn und kuessten ihm
Haende und Fuesse. Seine Majestaet sah seine Garden zum ersten Male in diesem
Feldzuge; er dankte uns traenenden Auges fuer das, was wir bei St. Privat
geleistet hatten. Das war reicher Lohn fuer jene schweren Stunden! Im
Gefolge des Koenigs befand sich auch Bismarck. Er ritt in olympischer Ruhe
am Ende der Kavalkade, wurde aber erkannt und bekam ein besonderes Hurra,
das er schmunzelnd entgegennahm. Moltke war nicht zugegen.

Am 3. September mittags bekam mein Regiment Befehl, gegen Sedan vorzugehen
und alle noch ausserhalb der Festung befindlichen Franzosen in diese
hineinzudraengen. Hierdurch sollte verhindert werden, dass die sich
zahlreich im Vorgelaende herumtreibenden Gegner verleitet wuerden, die
massenhaft umherliegenden Gewehre zu ergreifen und einen, wenn auch
aussichtslosen Durchbruchsversuch zu wagen. Ich ritt voraus durch das Bois
de la Garenne bis auf die Hoehen dicht ueber der Stadt. Die die Landschaft
belebenden Rothosen erwiesen sich als harmlose Sucher nach Maenteln und
Decken, welche sie in die Gefangenschaft mitnehmen wollten. Das Eingreifen
des Regiments wurde daher unnoetig; einige Patrouillen anderer
Truppenteile, die in der Naehe biwakierten, genuegten. Als ich dem mir
nachfolgenden Regiment mit dieser Meldung entgegenritt, sah ich im Gehoelz
auf der nach Norden fuehrenden Chaussee eine Staubwolke. Ein franzoesischer
Militaerarzt, der vor der in ein Lazarett umgewandelten Querimont-Ferme
stand und mich ein Stueck Weges begleitete, sagte mir, dass sich in dieser
Staubwolke der Kaiser Napoleon, begleitet von Schwarzen Husaren, befaende,
um nach Belgien zu fahren. Waere ich nur zwei Minuten eher an die Strasse
gekommen, dann haette ich Zeuge dieses historischen Augenblicks sein
koennen.

Am Abend dieses Tages verliessen wir das Schlachtfeld und rueckten in nahe
Quartiere. Von diesen aus traten wir dann nach einem Ruhetage den
Vormarsch auf Paris an. Dieser fuehrte uns zunaechst ueber das Schlachtfeld
von Beaumont und spaeter durch Gegenden, welche im letzten grossen Kriege
der Schauplatz schwerer Kaempfe gewesen sind. Am 11. und 12. September lag
das Regiment in Craonne und Corbeny, zwei freundlichen Staedtchen am Fusse
des Winterberges. Und am 28. Mai 1918 stand ich waehrend der Schlacht bei
Soissons-Reims neben meinem Allerhoechsten Kriegsherrn auf ebendemselben
Winterberge. Ich machte Seine Majestaet darauf aufmerksam, dass ich vor
48 Jahren dort unten im Quartier gelegen haette. Von den beiden Orten waren
kaum noch Truemmer uebriggeblieben. Das Haus, in welchem ich an der
Marktecke in Corbeny gewohnt hatte, war unter Schutt und Asche nicht mehr
herauszufinden. Auch der Winterberg, 1870 ein gruener, teilweise bewaldeter
Ruecken, zeigte nur kahle, steile Kalkhaenge, von denen Geschosse, Hacke und
Spaten die letzte Erdkrume entfernt hatten. Ein bei aller damaliger
Siegesfreude trauriges Wiedersehen!

Am 19. September sahen wir von der Hochflaeche bei Gonesse aus, 8 km
nordoestlich St. Denis, zum ersten Male die franzoesische Hauptstadt. Die
vergoldeten Kuppeln des Invalidendoms und anderer Kirchen funkelten im
Morgensonnenstrahl. Ich glaube, dass die Kreuzfahrer einst mit aehnlichen
Gefuehlen auf Jerusalem geblickt haben, wie wir jetzt auf das zu unseren
Fuessen liegende Paris. Frueh um 3 Uhr waren wir im Dunkeln aufgebrochen und
lagen nun den ganzen schoenen Herbsttag ueber auf den Stoppelfeldern zum
Eingreifen bereit, im Falle bei uns oder den Nachbardivisionen das
Besetzen und Einrichten der Vorpostenstellungen auf Schwierigkeiten stossen
sollte. Erst am spaeten Nachmittag durften wir in die Quartiere einruecken.
Wir lagen in der naechsten Zeit in Gonesse, welches uebrigens dadurch
historischen Wert erlangt hat, dass dort 1815 Bluecher und Wellington beim
Eintreffen vor Paris zusammengekommen waren, um ueber die Fortfuehrung der
Operationen zu beraten.

Statt eines baldigen vollen Erfolges hatten wir vor Paris noch monatelang
recht anstrengenden und undankbaren Einschliessungsdienst auszuueben, der an
unserer Front nur selten durch kleinere Ausfallgefechte unterbrochen
wurde. In die Eintoenigkeit solcher Taetigkeit brachte erst die
Weihnachtszeit mit der Beschiessung der Forts eine militaerisch belebende
Zugluft.

Die Mitte des Januar brachte dann fuer mich ein besonderes Erleben. Ich
wurde mit einem Sergeanten als Vertreter des Regiments zur
Kaiserproklamation nach Versailles entsandt. Den Befehl hierzu bekam ich
am 16. Januar abends. Noch in dieser Nacht hatte ich mich in dem 15 km
entfernten Margency einzufinden, woselbst vom Oberkommando der Maas-Armee
fuer die Unterbringung aller aus oestlichen Quartieren kommenden Abordnungen
gesorgt war. Von dort sollten wir uns am 17. ueber St. Germain nach
Versailles begeben. Zu Pferde konnte ich den etwa 40 km weiten Weg nicht
zuruecklegen, weil ich Gepaeck mit mir fuehren musste. Da setzte ich mich denn
mit meinem Sergeanten und Burschen kurz entschlossen auf den Packwagen der
Leibkompagnie des 1. Garderegiments, die mit mir im gleichen Ort lag und
auch nach Versailles befohlen war. Im Schritt ging es so bei starker Kaelte
durch naechtliche Finsternis nach Margency, wo uns in einer Villa geheizte
Kamine, gutes Strohlager und Tee erwarteten.

Am 18. frueh eroeffnete mir der Fuehrer der Leibkompagnie, dass er soeben
angewiesen sei, nicht nach Versailles zu marschieren sondern zum Regiment
zurueckzukehren. Gluecklicherweise nahm mich und meinen Burschen ein anderer
Kamerad mit auf seinen zweiraederigen Wagen, und auch mein Sergeant fand
irgendwo freundliche Aufnahme. So trabten wir denn an klarem Wintermorgen
unserm naechsten Ziele, St. Germain, entgegen. Aber mit des Geschickes
Maechten ist kein ewiger Bund zu flechten. Unser vollgepackter Dogcart
verlor ploetzlich ein Rad, und wir lagen vollzaehlig auf der Landstrasse. Zum
Glueck fanden wir bald in einem Ort eine Feldschmiede, die den Schaden
beseitigte, so dass wir uns in St. Germain bei einem Fruehstueck in dem auf
der Terrasse ueber der Seine herrlich gelegenen "Pavillon d'Henri quatre"
den uebrigen Mitreisenden wieder anschliessen konnten. Ein eigentuemlicher
Wagenzug war es, der dann im Strahl der untergehenden Sonne seinen Einzug
in Versailles hielt. Alle Arten von Fahrzeugen waren vertreten, wie man
sie in den Schloessern, Villen und Bauernhoefen um Paris auftreiben konnte.
Den meisten Eindruck machte ein Kartoffelwagen, dessen Inhaber zur Feier
des Tages rechts und links von seinem Sitz eine grosse preussische Fahne -
deutsche gab es ja noch nicht - aufgezogen hatte. Bald nahm mich ein gutes
Quartier bei einer freundlichen alten Dame in der Avenue de Paris auf, und
der Abend vereinigte uns zu einem langentbehrten Souper im Hotel des
Reservoirs.

Die Feier am 18. ist genugsam bekannt. Sie war fuer mich reich an
Eindruecken. Am erhebendsten und zugleich ergreifendsten wirkte
selbstredend die Person meines Allergnaedigsten Koenigs und Herrn. Seine
ruhige, schlichte, alles beherrschende Wuerde gab der Feier eine groessere
Weihe als aller aeussere Glanz. Die herzenswarme Begeisterung fuer den
erhabenen Herrscher war aber auch bei allen Teilnehmern, welchem deutschen
Volksstamme sie auch angehoerten, gleich gross. Die Freude ueber das
"Deutsche Reich" brachten wohl unsere sueddeutschen Brueder am lebhafteren
zum Ausdruck. Wir Preussen waren darin zurueckhaltender, aus historischen
Gruenden, die uns unsern eigenen Wert zu einer Zeit schon hatten erkennen
lassen, in der Deutschland nur ein geographischer Begriff war. Das sollte
fortan anders werden!

Am Abend des 18. waren die in Versailles anwesenden Generale zur Tafel bei
Seiner Majestaet dem Kaiser in der Praefektur befohlen. Wir uebrigen waren
Gaeste des Kaisers im Hotel "de France".

Der 19. Januar begann mit einer Besichtigung des alten franzoesischen
Koenigsschlosses mit seiner stolzen, den Ruhm Frankreichs verewigenden
Gemaeldesammlung. Auch der weitausgedehnte Park wurde besucht. Da rief uns
ploetzlich Kanonendonner in die Stadt zurueck. Die Besatzung von Versailles
war bereits alarmiert und im Ausmarsch begriffen. Es handelte sich um den
grossen Ausfall der Franzosen vom Mont Valerien her. Wir beobachteten den
Kampfverlauf eine Zeitlang als Schlachtenbummler. Nachmittags traten wir
dann die Rueckfahrt an, und spaet in der Nacht erreichte ich wieder mein
Regimentsstabsquartier Villers le Bel, 8 km noerdlich St. Denis, dankbar
dafuer, dass ich den grossen geschichtlichen Augenblick hatte miterleben und
meinem nunmehrigen Kaiser zujubeln duerfen.

Der vergebliche Ausfall vom Mont Valerien war die letzte grosse
Kraftaeusserung Frankreichs. Ihm folgte am 26. die Kapitulation von Paris
und am 28. der allgemeine Waffenstillstand. Gleich nach der Uebergabe der
Forts wurde unsere Brigade westwaerts in die zwischen dem Mont Valerien und
St. Denis gelegene Seinehalbinsel geschoben. Wir bezogen gute, schoen
gelegene Quartiere hart am Flussufer, Paris gegenueber in der Naehe des Pont
de Neuilly.

Von dort aus hatte ich Gelegenheit, Paris wenigstens oberflaechlich
kennenzulernen. Am 2. Maerz morgens ritt ich in Begleitung einer
Gardehusaren-Ordonnanz ueber die eben genannte Bruecke nach dem
Triumphbogen. Ich umging diesen ebensowenig wie am Tage vorher mein
Freund, der damalige Husarenleutnant von Bernhardi, der als erster in
Paris einrueckte. Dann ritt ich die Champs Elysees herunter ueber die Place
de la Concorde und durch die Tuilerien bis hinein in den Hof des Louvre,
schliesslich an der Seine entlang und durch den Bois de Boulogne wieder
nach Hause. Ich liess auf diesem Wege die geschichtlichen Denkmaeler einer
reichen gegnerischen Vergangenheit auf mich wirken. Die wenigen Einwohner,
die sich zeigten, bewahrten eine gemessene Haltung.

So wenig ich geneigt bin, einem Kosmopolitismus zu huldigen, so weit
entfernt war ich stets von Voreingenommenheit andern Voelkern gegenueber;
trotz aller wesensfremden Eigenschaften verkannte ich ihre guten Seiten
nicht. So hat das franzoesische Volk zwar fuer mich ein zu lebhaftes und
daher zu rasch wechselndes Temperament; andererseits aber finde ich in dem
Elan, der gerade in schwersten Zeiten in diesem Volke ganz einzigartig
lebendig werden kann, einen besondern Vorzug. Vor allem schaetze ich es,
dass kraftvolle Persoenlichkeiten so hinreissend auf die Masse zu wirken und
sie derartig in ihren Bannkreis zu ziehen vermoegen, dass die franzoesische
Nation imstande ist, aus Hingabe zu einem vaterlaendischen Ideal jegliche
Art von Sonderinteressen bis zur voelligen Hinopferung zurueckzustellen. In
eigenartigem Gegensatz hierzu steht das im letzten grossen Kriege oft bis
zum Sadismus gesteigerte und daher nicht durch zu lebhaftes Temperament
entschuldbare Verhalten der Franzosen gegen wehrlose Gefangene.

Am Tage nach meinem Besuch in Paris hatte das Gardekorps die hohe Ehre und
unendliche Freude, vor seinem Kaiser und Koenig auf den Longchamps in
Parade zu stehen. In alter preussischer Strammheit defilierten die
kampferprobten Regimenter vor ihrem Kriegsherrn, auf dessen Befehl sie
jederzeit bereit waren, erneut ihr Leben fuer den Schutz und die Ehre des
Vaterlandes einzusetzen. Zu einem wirklichen Einzug in Paris, wie er
vorher andern Armeekorps beschieden gewesen war, kam es fuer uns nicht
mehr, weil inzwischen der Praeliminarfriede abgeschlossen war und
Deutschland den in ehrlichem Kampfe besiegten Gegner nicht den Kelch der
Demuetigung bis auf die Neige leeren lassen wollte.

Festlich begingen wir dann auch vor Paris am 22. Maerz den Geburtstag
Seiner Majestaet. Es war ein herrlicher, warmer Fruehlingstag mit
Feldgottesdienst im Freien, Salutschiessen der Forts und Festessen der
Offiziere und Mannschaften. Die frohe Aussicht, nach treu erfuellter
Pflicht nun bald in die Heimat zurueckkehren zu koennen, liess die Stimmung
doppelt gehoben sein.

Aber ganz so frueh, als wir hofften, sollten wir Frankreich nicht
verlassen. Wir mussten vielmehr zunaechst noch an der Nordfront von Paris in
und bei St. Denis stehenbleiben und wurden dort Zeugen des Kampfes der
franzoesischen Regierung gegen die Kommune.

Die erste Entwickelung der neuen revolutionaeren Ereignisse hatten wir
schon waehrend der Belagerung verfolgen koennen. Die Zuchtlosigkeit extremer
politischer Kreise dem Gouverneur von Paris gegenueber war uns bekannt. Als
die Waffenruhe eintrat, begann die umstuerzlerische Bewegung sich immer
mehr hervorzuwagen. Bismarck hatte den franzoesischen Machthabern
zugerufen: "Sie sind durch die Revolution emporgekommen, eine neue
Revolution wird Sie wieder wegfegen." Er schien recht behalten zu sollen.

Im allgemeinen war unser Interesse an diesen umstuerzlerischen Vorgaengen
anfaenglich gering. Erst von Mitte Maerz ab, als die Kommune die Herrschaft
an sich zu reissen begann, und die Entwickelung immer mehr zum offenen
Kampfe zwischen Versailles und Paris draengte, erhoehte sich unsere
Aufmerksamkeit. Zeitungen und Fluechtlinge unterrichteten uns ueber die
Vorgaenge im Inneren der Stadt. Waehrend nunmehr deutsche Korps Frankreichs
Hauptstadt im Norden und Osten gewissermassen als Verbuendete der
Regierungstruppen absperrten, gingen letztere in langwierigen Kaempfen von
Sueden und Westen her zum Angriff auf Paris ueber. Die Ereignisse ausserhalb
der Festungsumwallung konnte man am besten von den Hoehen bei Sannois, 6 km
nordwestlich von Paris an der Seine gelegen, beobachten. Geschaeftsgewandte
Franzosen hatten dort Fernrohre aufgestellt, die sie den deutschen
Soldaten gegen Entgelt fuer Beobachtung des Dramas eines Buergerkrieges zur
Benutzung ueberliessen. Ich selbst machte hiervon keinen Gebrauch, sondern
beschraenkte mich darauf, gelegentlich des taeglichen Befehlsempfanges in
St. Denis entweder aus einem hochgelegenen Fenster des dortigen Gasthofes
"Cerf d'or" oder durch Vorreiten auf der langgestreckten Seineinsel bei
St. Denis Einblick in die Lage in Paris zu gewinnen. Maechtige
Feuersbruenste zeigten von Ende April ab, wohin der Kampf im Inneren der
Stadt treiben wuerde. Ich erinnere mich, dass ich besonders am 23. Mai den
Eindruck hatte, als ob das ganze innere Paris der Vernichtung anheimfiele.
Die Lage in der Stadt wurde von den herausstroemenden Fluechtlingen in den
krassesten Farben geschildert. Die Tatsachen scheinen hinter diesen
Erzaehlungen auch nicht zurueckgeblieben zu sein. Brandstiftung, Pluenderung,
Geiselmord, kurz, alle jetzt als bolschewistisch angesprochenen
Krankheitserscheinungen eines im Kriege zusammengebrochenen Staatskoerpers
traten schon damals auf. Die Drohung eines freigelassenen kommunistischen
Fuehrers: "Die Regierung hatte nicht den Mut, mich erschiessen zu lassen,
aber ich werde den Mut haben, die Regierung zu fuesilieren" sollte
anscheinend verwirklicht werden. Wie voellig das sonst so starke und
empfindliche franzoesische Nationalgefuehl bei den Kommunisten ausgeloescht
war, zeigt deren Erklaerung: "Wir ruehmen uns angesichts des Gegners,
unserer Regierung die Bajonette in den Ruecken zu stossen." Man sieht, dass
das bolschewistische Weltverbesserungsverfahren, wie es in der neuesten
Zeit auch bei uns auftrat, nicht einmal Anspruch auf Originalitaet machen
kann.

Aus dem hochgelegenen Fenster in St. Denis sah ich schliesslich eines Tages
das Ende der Kommune mit an. Ausserhalb des Hauptwalles von Paris
vorgehende Regierungstruppen umgingen den Montmartre westlich und
erstuermten bald darauf ueber dessen damals noch unbebauten Nordhang hinweg
die weit beherrschende Hoehe, das letzte Bollwerk des Aufstandes.

Ich betrachte es als eine bittere Ironie des Schicksals, dass die einzige
politische Partei Europas, die damals, wie ich wohl annehmen darf, in
voelliger Verkennung der wahren Vorgaenge diese Bewegung verherrlichte, zur
Zeit in unserem Vaterlande gezwungen ist, mit aller Schaerfe gegen
kommunistische Bestrebungen vorzugehen. Es ist dies ein Beweis dafuer,
wohin doktrinaere Einseitigkeiten fuehren, bis die praktische Erfahrung
aufklaerend eingreift.

Mit dem warnenden Beispiel der zuletzt geschilderten Vorgaenge im Herzen
kehrten wir Anfang Juni der Hauptstadt Frankreichs den Ruecken und trafen
nach dreitaegiger Eisenbahnfahrt in unserem gluecklicheren, siegreichen
Vaterlande ein.

Der Einzug in Berlin erfolgte diesmal vom Tempelhofer Felde aus. Vertreter
aller deutschen Truppenteile waren neben dem Gardekorps hierbei beteiligt.
Die Hoffnung auf einen siegreichen dritten Einzug durch das Brandenburger
Tor, die ich nicht meinetwegen sondern um meines Kaisers und Koenigs und um
des Vaterlandes willen lange im innersten Herzensgrunde gehegt hatte,
sollte nicht in Erfuellung gehen!




                              Friedensarbeit


Mit reichen Erfahrungen auf allen kriegerischen Gebieten waren wir vom
franzoesischen Boden in die Heimat zurueckgekehrt. Mit dem einigen Vaterland
war ein deutsches Einheitsheer geschaffen, an dessen Grundgedanken die
staatlichen Sonderheiten nur oberflaechliche Abweichungen bedingt hatten.
Die Einheitlichkeit in der kriegerischen Auffassung war von jetzt ab
ebenso gewaehrleistet wie die Einheitlichkeit der Organisation, der
Bewaffnung und Ausbildung. Es lag im natuerlichen Verlauf der deutschen
Entwicklung, dass die preussischen Erfahrungen und Einrichtungen fuer den
weiteren Ausbau des Heeres ausschlaggebend wurden.

Die Friedensarbeit setzte allenthalben wieder ein. Ich verblieb fuer die
naechsten Jahre noch im Truppendienst, folgte dann aber meiner Neigung zu
einer hoeheren militaerischen Ausbildung, bereitete mich zur Kriegsakademie
vor und fand im Jahre 1873 Aufnahme in diese.

Das erste Jahr entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Anstatt mit
Kriegsgeschichte und neuzeitiger Gefechtslehre wurden wir auf diesem
Gebiet der Militaerwissenschaften damals lediglich mit Geschichte alter
Kriegskunst und frueherer Taktiken abgespeist, also mit Nebendingen. Dazu
mussten wir zwangsweise Mathematik hoeren, die nur ganz wenige von uns
spaeter als Trigonometer in der Landesaufnahme ausnutzen wollten. Erst die
beiden letzten Jahre und die Kommandierung zu andern Waffen in den
Zwischenkursen brachten dem vorwaertsstrebenden jungen Offizier volle
Befriedigung. Unter Anleitung hervorragender Lehrer, von denen ich neben
dem schon frueher erwaehnten Major von Wittich den Oberst Kessler und den
Hauptmann Villaume vom Generalstab sowie als Historiker den Geheimrat
Duncker und den Professor Richter nennen will, und im Verkehr mit
reichbegabten Altersgenossen, wie den spaetern Generalfeldmarschaellen von
Buelow und von Eichhorn sowie dem spaeteren General der Kavallerie von
Bernhardi, erweiterte sich der Gesichtskreis wesentlich.

Nicht wenig trug hierzu auch das vielseitige gesellige Leben Berlins bei.
Ich hatte die Ehre, zu dem engern Kreise Seiner Koeniglichen Hoheit des
Prinzen Alexander von Preussen herangezogen zu werden, und kam dadurch
nicht nur mit hohen Militaers sondern auch mit Maennern der Wissenschaft
sowie des Staats- und Hofdienstes in Beruehrung.

Nach Beendigung meines Kommandos zur Kriegsakademie kehrte ich zunaechst
fuer ein halbes Jahr zum Regiment nach Hannover zurueck und wurde dann im
Fruehjahr 1877 zum Grossen Generalstab kommandiert.

Im April 1878 erfolgte meine Versetzung in den Generalstab unter
Befoerderung zum Hauptmann. Wenige Wochen darauf wurde ich dem
Generalkommando des II. Armeekorps in Stettin zugewiesen. Hiermit begann
meine militaerische Laufbahn ausserhalb der Truppe, zu welch letzterer ich
bis zu meiner Ernennung zum Divisionskommandeur nur zweimal zurueckkehrte.

Der Generalstab war wohl eines der bemerkenswertesten Gefuege innerhalb des
Gesamtrahmens unseres deutschen Heeres. Neben der strengen hierarchischen
Kommandogewalt bildete er ein besonderes Element, das sich auf das hohe
geistige Ansehen des Chefs des Generalstabes der Armee, also des
Feldmarschalls Graf Moltke, stuetzte. Durch die Friedensschulung der
Generalstabsoffiziere war die Gewaehr geschaffen, dass im Kriegsfalle ein
einheitlicher Zug alle Fuehrerstellen beherrschte, ein einigendes Fluidum
alle Fuehrergedanken durchsetzte. Die Einwirkung des Generalstabes auf die
Fuehrung war nicht durch bindende Bestimmungen geregelt; sie hing vielmehr
in einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Abstufungen von der
militaerischen und persoenlichen Eigenart der einzelnen Offiziere ab. Die
erste Forderung an den Generalstabsoffizier war, die eigene Persoenlichkeit
und das individuelle Handeln vor der Oeffentlichkeit zuruecktreten zu
lassen. Er musste ungesehen schaffen, also mehr sein als scheinen.

Ich glaube, dass es der deutsche Generalstab in seiner Gesamtheit
verstanden hat, seine ausserordentlich schwere Aufgabe zu erfuellen. Seine
Leistungen waren bis zuletzt meisterhaft, moegen auch Fehler und Irrtuemer
im einzelnen vorgekommen sein. Ich wuesste kein ehrenderes Zeugnis fuer ihn,
als dass die Gegner seine Aufloesung durch die Friedensbedingungen gefordert
haben.

Man hat im Generalstabsdienst vielfach eine Geheimwissenschaft vermutet.
Nichts verkehrter als das. Wie unsere gesamte kriegerische Taetigkeit so
beruht auch die des Generalstabes lediglich auf der Anwendung der gesunden
Vernunft auf den gerade vorliegenden Fall. Hierbei war oft neben hoeherem
Gedankenflug gewissenhafte Beschaeftigung mit aller moeglichen Kleinarbeit
erforderlich. Ich habe manch hochbegabten Offizier kennengelernt, der
durch Versagen in letzterer Richtung entweder als Generalstabsoffizier
nicht brauchbar war, oder als solcher ein Nachteil fuer die Truppe wurde.

Meine Stellung beim Generalkommando belastete mich als juengsten
Generalstabsoffizier natuerlich hauptsaechlich mit solcher Kleinarbeit.
Anfangs wirkte das enttaeuschend, dann gewann ich Liebe zur Sache, da ich
ihre Notwendigkeit fuer die Durchfuehrung der grossen Gedanken und fuer das
Wohl der Truppe erkannte. Nur bei den alljaehrlichen Generalstabsreisen
konnte ich mich als Handlanger des Korpschefs mit groesseren Verhaeltnissen
beschaeftigen. Auch zu der ersten vom General Graf Waldersee, Chef des
Generalstabes des X. Armeekorps, geleiteten Festungsgeneralstabsreise bei
Koenigsberg wurde ich damals kommandiert. Mein kommandierender General war
der General der Kavallerie Hann von Weyherrn, ein erprobter Soldat, der in
jungen Jahren in schleswig-holsteinschen Diensten gefochten und 1866 eine
Kavallerie-, 1870/71 eine Infanteriedivision gefuehrt hatte. Es war eine
Freude, den alten Herrn, einen vortrefflichen Reiter, zu Pferde in der
Uniform seiner Bluecherhusaren zu sehen. Meinen beiden Generalstabschefs,
erst Oberst von Petersdorff, dann Oberstleutnant von Zingler, danke ich
eine gruendliche Ausbildung im praktischen Generalstabsdienst.

Im Jahre 1879 hatte das II. Korps Kaisermanoever und erwarb sich die
Anerkennung Seiner Majestaet. Ich lernte bei dieser Gelegenheit den
russischen General Skobeleff kennen, der zu der Zeit, nach dem
Tuerkenkriege, auf der Hoehe seines Ruhmes stand. Er machte den Eindruck
eines ruecksichtslos energischen, frischen und wohl auch ganz befaehigten
hoehern Fuehrers. Sein Renommieren beruehrte weniger angenehm.

Nicht unerwaehnt darf ich lassen, dass ich mich in Stettin verheiratet habe.
Meine Frau ist auch ein Soldatenkind als Tochter des Generals von
Sperling, welcher 1866 beim VI. Korps und 1870/71 bei der 1. Armee
Generalstabschef war und gleich nach dem franzoesischen Kriege starb. Ich
fand in meiner Frau eine liebende Gattin, die treulich und unermuedlich
Freud und Leid, alle Sorge und Arbeit mit mir teilte und so mein bester
Freund und Kamerad wurde. Sie schenkte mir einen Sohn und zwei Toechter.
Ersterer hat im grossen Kriege als Generalstabsoffizier seine Schuldigkeit
getan. Beide Toechter sind verheiratet, ihre Maenner haben im letzten grossen
Kriege gleichfalls vor dem Feinde gestanden.

1881 wurde ich zur 1. Division nach Koenigsberg versetzt. Diese Verwendung
machte mich selbstaendiger, brachte mich der Truppe naeher und fuehrte mich
in meine Heimatsprovinz.

Aus meinem dortigen dienstlichen Leben moechte ich besonders hervorheben,
dass der bekannte Militaerschriftsteller General von Verdy du Vernois
zeitweise mein Kommandeur war. Der General war eine hochbegabte,
interessante Persoenlichkeit. Er verfuegte infolge seines reichen Erlebens
in hohen Generalstabsstellen waehrend der Kriege 1866 und 1870/71 ueber
aussergewoehnliche Kenntnis der entscheidenden Ereignisse damaliger Zeit.
Auch hatte er schon frueher durch seine Zuteilung zum Hauptquartier des
russischen Oberkommandos in Warschau waehrend des polnischen Aufstandes
1863 einen tiefen Einblick in die politischen Verhaeltnisse an unserer
Ostgrenze gewonnen. Die Mitteilungen aus seinem Leben, die er mit einer
glaenzenden Erzaehlerkunst vortrug, waren deshalb nicht nur vom
militaerischen sondern auch vom politischen Standpunkte in hohem Grade
belehrend. General von Verdy war ausserdem auf dem Gebiete der angewandten
Kriegslehre bahnbrechend. Ich lernte daher unter seiner Anleitung und im
gegenseitigen Meinungsaustausch sehr viel fuer meine spaetere Lehrtaetigkeit
an der Kriegsakademie. So wirkte der geistvolle Mann in verschiedenen
Richtungen aeusserst anregend auf mich ein. Er war mir stets ein guetiger
Vorgesetzter, der mir sein volles Vertrauen schenkte.

Auch meines damaligen Korps-Generalstabschefs, Oberst von Bartenwerffer,
erinnere ich mich gern in Dankbarkeit. Seine Generalstabsreisen und
Aufgaben fuer die Winterarbeiten des Generalstabes waren meisterhaft
angelegt, seine Kritiken besonders lehrreich.

Vom Stabe der 1. Division wurde ich nach drei Jahren als Kompagniechef in
das Infanterieregiment 58, Standort Fraustadt in Posen, versetzt. Ich
hatte bei dieser Rueckkehr in den Frontdienst eine Kompagnie zu uebernehmen,
die fast ausschliesslich polnischen Ersatz hatte. Die Schwierigkeiten, die
der Verstaendigung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und damit der
Erziehung und Ausbildung durch den Mangel gegenseitiger Sprachkenntnis im
Wege stehen, lernte ich hierbei in ihrem ganzen Umfange kennen. Ich selbst
war der polnischen Sprache bis auf einige Redensarten, die ich in meiner
Kinderzeit aufgeschnappt hatte, nicht maechtig. Meine Einwirkung auf die
Kompagnie war noch dadurch ausserordentlich erschwert, dass die Mannschaften
in 33 Buergerquartieren, bis hinaus zu den die Stadt umgebenden Windmuehlen,
verstreut lagen. Im allgemeinen waren aber meine Erfahrungen mit dem
polnischen Ersatz nicht unguenstig. Die Leute waren fleissig, willig und,
was ich besonders hervorheben moechte, anhaenglich, wenn man der
Schwierigkeiten, die sie bei Erlernung des Dienstes zu ueberwinden hatten,
Rechnung trug und auch sonst bei aller Strenge fuer sie sorgte. Damals
glaubte ich, dass die groessere Haeufigkeit von Diebstaehlen und von
Trunkenheit bei den Polen weniger mit moralischer Minderwertigkeit als mit
vielfach ungenuegender erster Jugenderziehung zu erklaeren sei. Ich bedauere
es sehr, dass ich meine gute Meinung von den Posener Polen jetzt
zurueckstecken muss, nachdem ich von den Greueln gehoert habe, welche die
Insurgenten Wehrlosen gegenueber veruebt haben. Das haette ich den
Landsleuten meiner einstigen Fuesiliere nicht zugetraut!

Gern denke ich auch heute noch an meine leider nur fuenfvierteljaehrige
Kompagniechefszeit zurueck. Ich lernte zum ersten Male das Leben in einer
kleinen, halblaendlichen Garnison kennen, fand ausser im Kameradenkreise
auch freundliche Aufnahme auf benachbarten Guetern und stand wieder einmal
in unmittelbarem Verkehr mit dem Soldaten. Ich bemuehte mich redlich, auf
die Eigenart jedes einzelnen einzugehen und knuepfte so ein festes Band
zwischen mir und meinen Untergebenen. Darum wurde mir die Trennung von
meiner Kompagnie sehr schwer trotz aller aeussern Vorteile, welche mir die
Rueckkehr in den Generalstab brachte.

Diese erfolgte im Sommer 1885 durch Versetzung in den Grossen Generalstab.
Nach wenigen Monaten wurde ich Major. Ich kam in die Abteilung des
damaligen Oberst Graf von Schlieffen, des spaeteren Generals und Chefs des
Generalstabes der Armee, wurde aber ausserdem noch der Abteilung des
derzeitigen Oberst Vogel von Falckenstein, des spaeteren Kommandierenden
Generals des VIII. Armeekorps und dann Chefs des Ingenieurkorps und der
Pioniere, fuer laenger als ein Jahr zur Teilnahme an der ersten Bearbeitung
der Felddienstordnung, einer neuen, grundlegenden Allerhoechsten
Vorschrift, zur Verfuegung gestellt. Dadurch kam ich mit den beiden
bedeutendsten Abteilungschefs jener Zeit in Beruehrung.

An einem mehrtaegigen Uebungsritte bei Zossen im Fruehjahre 1886, der dem
Zweck diente, Bestimmungen der Felddienstordnung vor ihrer Einfuehrung
praktisch zu erproben, nahm auch Seine Koenigliche Hoheit der Prinz Wilhelm
von Preussen teil. Es war fuer mich das erste Mal, dass ich die Ehre hatte,
meinem spaeteren Kaiser, Koenig und Herrn, Wilhelm II., zu begegnen. Im
darauffolgenden Winter wohnte der damalige Prinz einem Kriegsspiel des
Grossen Generalstabes bei. Ich fuehrte bei dieser Gelegenheit die russische
Armee.

Wenn in jenen Jahren der Generalfeldmarschall Graf Moltke auch schon den
naehern Verkehr mit den Abteilungen des Grossen Generalstabes seinem
nunmehrigen Gehilfen, dem General Graf Waldersee, ueberliess, so beherrschte
doch sein Geist und sein Ansehen alles. Es bedarf wohl keiner besonderen
Versicherung, dass Graf Moltke eine allseitige, grenzenlose Verehrung
genoss, und dass sich niemand von uns seinem wunderbaren Einfluss entziehen
konnte.

Ich kam unter den dargelegten Verhaeltnissen nur selten in unmittelbaren
dienstlichen Verkehr mit dem Feldmarschall, hatte aber ab und zu das
Glueck, ihm ausserdienstlich zu begegnen. Eine fuer seine Persoenlichkeit wie
fuer seine Anschauungen gleich kennzeichnende Szene erlebte ich in einer
Abendgesellschaft beim Prinzen Alexander. Wir betrachteten nach Tisch ein
Gemaelde von Camphausen, das Zusammentreffen des Prinzen Friedrich Karl mit
dem Kronprinzen auf dem Schlachtfelde von Koeniggraetz darstellend. Der in
der Gesellschaft anwesende General von Winterfeldt erzaehlte aus
persoenlichem Erleben, dass Prinz Friedrich Karl im Augenblick der Begegnung
dem Kronprinzen zugerufen habe: "Gott sei Dank, Fritz, dass du gekommen
bist, sonst waere es mir vielleicht schlecht ergangen!" Auf diese Erzaehlung
Winterfeldts hin trat Graf Moltke, welcher sich gerade eine Zigarre
aussuchte, mit drei grossen Schritten unter uns und sagte in scharf
betonten Worten: "Das brauchte der Prinz nicht zu sagen. Er wusste doch,
dass der Kronprinz heranbefohlen und gegen Mittag auf dem Schlachtfeld zu
erwarten war, und damit war der Sieg sicher." Nach dieser Bemerkung wandte
sich der Feldmarschall wieder den Zigarren zu.

Zu Kaisers Geburtstag waren die Generale und Stabsoffiziere des
Generalstabes Gaeste des Feldmarschalls. Bei einer solchen Gelegenheit
behauptete einer der Herrn, dass Moltkes Kaisertoast einschliesslich der
Anrede und des ersten "Hoch" nicht mehr als zehn Worte enthalten wuerde.
Hieraus entstand eine Wette, bei der ich Unparteiischer war. Der dagegen
Wettende verlor, denn der Feldmarschall sagte nur: "Meine Herrn, der
Kaiser hoch!" Worte, die in unserm Kreise und aus diesem Munde wahrlich
genuegten. Im naechsten Jahre sollte die gleiche Wette abgeschlossen werden,
aber der Gegenpart dankte dafuer. Er haette dieses Mal gewonnen, denn Graf
Moltke sagte: "Meine Herrn, Seine Majestaet der Kaiser und Koenig Er lebe
hoch!" Das sind elf Worte.

Uebrigens war Graf Moltke im geselligen Verkehr durchaus nicht schweigsam,
sondern ein sehr liebenswuerdiger, anregender Unterhalter mit viel Sinn fuer
Humor.

Im Jahre 1891 sah ich den Feldmarschall zum letzten Male, und zwar auf
seinem Totenbett. Ich durfte am Morgen nach seinem Hinscheiden vor ihn
treten. Der Entschlafene lag aufgebahrt ohne die uebliche Peruecke, so dass
die wundervolle Form seines Kopfes voll zur Geltung kam. Es fehlte nur ein
Lorbeerkranz um seine Schlaefe, um das Bild eines idealen Caesarenkopfes zu
vervollstaendigen. Wie viele gewaltigen Gedanken waren in diesem Kopfe
entstanden, welch hoher Idealismus hatte hier seine Staette gehabt, welch
ein Adel der Gesinnung hatte von dort aus zum Wohle unseres Vaterlandes
und seines Herrschers selbstlos gewirkt. Eine an Geist wie an Charakter
gleich grosse Persoenlichkeit hat nach meiner Ueberzeugung seitdem unser Volk
nicht mehr hervorgebracht, ja Moltke ist vielleicht in der Vereinigung
dieser Eigenschaften eine einzig dastehende Groesse gewesen.

Schon 3 Jahre vorher war unser erster, so grosser Kaiser von uns gegangen.
Ich war zur Totenwache im Dom kommandiert und durfte dort meinem ueber
Alles geliebten Kaiserlichen und Koeniglichen Herrn den letzten Dienst
erweisen. Meine Gedanken fuehrten mich ueber Memel, Koeniggraetz und Sedan
nach Versailles. Sie fanden ihren Abschluss in der Erinnerung an einen
Sonntag des vorhergehenden Jahres, an dem ich in der Mitte der jubelnden
Menge am Kaiserlichen Palais unter dem historischen Eckfenster stand.
Getragen von der allgemeinen Begeisterung hob ich damals meinen
fuenfjaehrigen Sohn in die Hoehe und liess ihn unseren greisen Herrn mit den
Worten sehen: "Vergiss diesen Augenblick in deinem ganzen Leben nicht, dann
wirst du auch immer recht tun." Nun war seine grosse Herrscher- und
Menschenseele hingegangen zu den Kameraden, denen er wenige Jahre vorher
durch den sterbenden Generalfeldmarschall von Roon seinen Gruss entboten
hatte.

Auf meinem Schreibtisch liegt ein grauer Marmorblock. Er stammt aus dem
alten Dom und von der Stelle, auf welcher der Sarg meines Kaisers
gestanden hat. Ein lieberes Geschenk konnte mir nie gemacht werden. Welche
Gefuehle bei Anblick dieses Steines besonders heutzutage in mir wach
werden, das brauche ich wohl nicht erst in Worte zu kleiden.

Dem Sohn Wilhelms, Kaiser Friedrich, Deutschlands Stolz und Hoffnung, war
keine lange Regierungszeit beschieden. Eine unheilbare Krankheit raffte
ihn wenige Monate nach dem Tode des Vaters hinweg. Der Grosse Generalstab
befand sich zu dieser Zeit auf einer Generalstabsreise in Ostpreussen. Wir
wurden daher in Gumbinnen auf Seine Majestaet den Kaiser und Koenig
Wilhelm II. vereidigt. So legte ich denn meinem nunmehrigen Kriegsherrn
das Treugeloebnis an einer Stelle ab, an der ich es 26 Jahre spaeter in
schwerer, aber grosser Zeit durch die Tat bekraeftigen durfte.

Das Schicksal fuegte es fuer mich guenstig, dass ich innerhalb des
Generalstabes eine sehr abwechslungsreiche Verwendung fand. Noch waehrend
meiner Zuteilung zum Grossen Generalstab wurde mir der Unterricht der
Taktik an der Kriegsakademie uebertragen. Ich fand in dieser Taetigkeit eine
hohe Befriedigung und uebte sie fuenf Jahre hindurch aus. Freilich waren die
Anforderungen an mich sehr gross, da ich neben diesem Amt gleichzeitig
andern Dienst tun musste, zuerst im Grossen Generalstab und spaeter als
erster Generalstabsoffizier beim Generalkommando des III. Armeekorps.
Unter diesen Verhaeltnissen erschien der Tag mit 24 Stunden oftmals zu
kurz. Durcharbeitete Naechte wurden zur Gewohnheit.

Viele hochbegabte, zu den schoensten Hoffnungen berechtigende junge
Offiziere lernte ich waehrend dieser akademischen Lehrtaetigkeit kennen.
Mancher Namen gehoeren jetzt der Geschichte an. Ich nenne hier nur
Lauenstein, Luettwitz, Freytag-Loringhoven, Stein und Hutier. Auch zwei
tuerkische Generalstabsoffiziere waren mir in dieser Zeit auf die Dauer von
etwa zwei Jahren beigegeben: Schakir Bey und Tewfyk Effendi. Der eine hat
es spaeter in seiner Heimat bis zum Marschall, der andere bis zum General
gebracht.

Beim Generalkommando des III. Korps war der juengere General von Bronsart
mein Kommandierender General, ein hochbegabter Offizier, der 1866 und
1870/71 im Generalstab taetig gewesen war, und spaeter gleich seinem aelteren
Bruder Kriegsminister wurde.

In ein gaenzlich anderes Arbeitsgebiet wie bisher fuehrte mich im Jahre 1889
meine Verwendung im Kriegsministerium. Ich hatte dort eine Abteilung des
Allgemeinen Kriegsdepartements zu uebernehmen. Zurueckzufuehren ist diese
Veraenderung auf den Umstand, dass mein einstiger Divisionskommandeur,
General von Verdy, Kriegsminister geworden war und mich bei einer
Umformung des Ministeriums heranzog. Schon als Major wurde ich dadurch
Abteilungschef.

So wenig diese Verwendung anfaenglich meinen Wuenschen und Neigungen
entsprach, so sehr schaetzte ich doch spaeter den Nutzen, den ich durch den
Einblick in mir bis dahin fremde Arbeitsgebiete und Verhaeltnisse gewann.
Ich hatte reichlich Gelegenheit, die wohl kaum ganz vermeidliche
Umstaendlichkeit des Geschaeftsbetriebes und des Formelwesens im Verein mit
dem dadurch bedingten Hervortreten bureaukratischer Auffassung
untergeordneterer Persoenlichkeiten, zugleich aber auch die grosse
Pflichttreue kennen zu lernen, mit der ueberall in aeusserster Anspannung der
Kraefte gearbeitet wurde.

Zu meinen anregendsten Aufgaben gehoerten die Schaffung einer
Feldpioniervorschrift und die Einfuehrung der Verwendung der schweren
Artillerie in der Feldschlacht. Beides hat sich im grossen Kriege bewaehrt.

Die Gesamtleistungen des Kriegsministeriums, sowohl im Frieden als auch
ganz besonders im letzten Kriege, sind der groessten Anerkennung wert. Eine
ruhige und sachliche Forschung wird erst imstande sein, dieses Urteil in
seiner vollen Berechtigung zu bestaetigen.

So sehr ich auch schliesslich meine Verwendung im Kriegsministerium als fuer
mich nutzbringend schaetzen gelernt hatte, so warm begruesste ich doch die
Befreiung aus meinem bureaukratischen Joch, als ich im Jahre 1893 zum
Kommandeur des Infanterieregiments 91 in Oldenburg ernannt wurde.

Die Stellung eines Regimentskommandeurs ist die schoenste in der Armee. Der
Kommandeur drueckt dem Regiment, dem Traeger der Tradition im Heere, seinen
Stempel auf. Erziehung des Offizierkorps nicht nur in dienstlicher sondern
auch in geselliger Beziehung, Leitung und Ueberwachung der Ausbildung der
Truppe sind seine wichtigen Aufgaben. Ich bemuehte mich, im Offizierkorps
ritterlichen Sinn, in meinen Bataillonen Kriegsmaessigkeit und straffe
Disziplin, ueberall aber auch neben strenger Dienstauffassung
Dienstfreudigkeit und Selbstaendigkeit zu pflegen. Der Umstand, dass in der
Garnison Infanterie, Kavallerie und Artillerie vereinigt waren, gab mir
Gelegenheit zu zahlreichen Uebungen mit gemischten Waffen.

Ihre Koenigliche Hoheiten der Grossherzog und die Grossherzogin waren mir
gnaedig gesonnen, das gleiche galt vom erbgrossherzoglichen Paare. Ich fand
auch sonst ueberall gute Aufnahme und habe mich in der freundlichen
Gartenstadt sehr wohl gefuehlt. Die ruhige, schlichte Art der Oldenburger
Bevoelkerung sagte mir zu. Gern und dankbar denke ich daher an meine
Oldenburger Zeit zurueck. Die Gnade meines Kaisers brachte mich zu meiner
grossen Freude an meinem 70jaehrigen Geburtstage wieder mit meinem einstigen
Regiment durch _a la suite_-Stellung in Verbindung. So zaehle ich mich denn
auch heute noch zu den Oldenburgern.

Durch meine Ernennung zum Chef des Generalstabes des VIII. Armeekorps in
Coblenz kam ich im Jahre 1896 zum ersten Male in naehere Beruehrung mit
unserer Rheinprovinz. Der heitere Sinn und das freundliche Entgegenkommen
des Rheinlaenders beruehrten mich durchaus angenehm: an das leichtere
Hinweggleiten ueber ernstere Lebensfragen und eine im Verhaeltnis zu dem
Norddeutschen weichere Art des Empfindens musste ich mich dagegen offen
gestanden erst gewoehnen. Der Gang unserer geschichtlichen Entwickelung und
die Verschiedenheiten in den geographischen und wirtschaftlichen
Verhaeltnissen erklaeren ja durchaus manche Unterschiede im Denken und
Fuehlen. Hieraus aber jetzt ein Lostrennungsbeduerfnis der Rheinlande von
Preussen folgern zu wollen, ist meiner Ansicht nach ein Frevel und schnoeder
Undank.

Das frohe Leben am Rhein zog uebrigens auch mich in seinen Bann, und ich
verlebte dort viele frohe Stunden.

Mein Kommandierender General war anfaenglich der mir schon vom Grossen
Generalstab her als Abteilungschef und auch vom Kriegsministerium her als
mein Departementsdirektor bekannt General Vogel von Falckenstein. An seine
Stelle trat aber bald Seine Koenigliche Hoheit der Erbgrossherzog von Baden.

Diesem hohen Herrn durfte ich 31/2 Jahre zur Seite stehen. Ich zaehle diese
Jahre mit zu den schoensten meines Lebens. Sein edler Sinn, in dem sich
Hoheit mit gewinnender Herzlichkeit vereinte, seine vorbildliche,
unermuedliche Pflichttreue verbunden mit soldatischer Art und Begabung
erwarben ihm rasch die Liebe und das Vertrauen nicht nur seiner
Untergebenen, sondern auch der rheinischen Bevoelkerung.

Waehrend meiner Chefzeit hatte das VIII. Korps 1897 Kaisermanoever. Seine
Majestaet der Kaiser und Koenig war mit den Leistungen in Parade und
Felddienst zufrieden. Zu den Festlichkeiten in Coblenz zaehlte auch die
Enthuellung des Denkmals Kaiser Wilhelms I. am Deutschen Eck, jenem
schoengelegenen Punkte, an welchem die Mosel der Feste Ehrenbreitstein
gegenueber in den Rhein muendet.

Infolge meiner fast vier Jahre langen Verwendung als Generalstabschef
eines Armeekorps war ich im Dienstalter so weit vorgerueckt, dass meine
Ernennung zum Kommandeur einer Infanteriebrigade nicht mehr in Frage kam.
Ich wurde daher nach dieser Zeit im Jahre 1900 zum Kommandeur der
28. Division in Karlsruhe ernannt.

Diesem Allerhoechsten Befehl folgte ich mit ganz besonderer Freude. Meine
bisherigen dienstlichen Beziehungen zum Erbgrossherzog liessen mich auch bei
Ihren Koeniglichen Hoheiten dem Grossherzog und der Grossherzogin ein
unendlich gnaediges Wohlwollen finden, das sich auch auf meine Frau
uebertrug und uns hoch beglueckte. Dazu das herrliche Badener Land mit all
seinen landschaftlichen Schoenheiten und seinen treuherzigen Bewohnern und
Karlsruhe mit seinen zahlreichen Anregungen in Kunst und Wissenschaft, mit
seiner alle Berufskreise umfassenden Geselligkeit.

In der Division vereinigen sich zum ersten Male alle drei Waffen unter
einer Kommandostelle. Der Dienst eines Divisionskommandeurs wird dadurch
vielseitiger, erhebt sich ueber die kleineren Dinge und fordert eine
Einwirkung, die sich vorwiegend mit dem Grossen im Kriege beschaeftigt.

Mit inniger Dankbarkeit im Herzen verliess ich im Januar 1903 Karlsruhe,
weil mich das Vertrauen meines Allerhoechsten Kriegsherrn an die Spitze des
IV. Armeekorps berief.

Ich uebernahm damit eine unendlich verantwortungsreiche Stellung, in der
man in der Regel laenger als auf andern militaerischen Posten verbleibt, und
in der man, aehnlich wie als Regimentskommandeur, nur unter hoehern
Gesichtspunkten, dem Ganzen sein Gepraege gibt. Ich handelte im uebrigen
nach meinen bisherigen Grundsaetzen und glaube Erfolge erreicht zu haben.
Die Liebe meiner Untergebenen, auf die ich immer hohen Wert als auf eine
der Wurzeln guter dienstlicher Leistungen gelegt habe, aeusserte sich
wenigstens in herzerfreuender Weise, als ich nach 81/4jaehriger Taetigkeit
mein schoenes Amt niederlegte.

Schon im ersten Jahre hatte ich die Ehre, mein Armeekorps Seiner Majestaet
im Kaisermanoever, mit einer Parade auf dem Schlachtfeld von Rossbach
beginnend, vorfuehren zu duerfen. Ich erntete Allerhoechste Anerkennung, die
ich dankbar auf meinen Vorgaenger und auf meine Truppen zurueckfuehrte.

In diesen Manoevertagen hatte ich die Auszeichnung, Ihrer Majestaet der
Kaiserin vorgestellt zu werden. Dieser ersten Begegnung sind spaeter in
ernster Zeit Tage gefolgt, in denen ich immer wieder erkennen konnte, was
die hohe Frau ihrem erhabenen Gemahl, dem Vaterlande und auch mir war.

Das IV. Armeekorps gehoerte zu meiner Zeit zur Armee-Inspektion Seiner
Koeniglichen Hoheit des Prinzen Leopold von Bayern. Ich lernte in ihm einen
hervorragenden Fuehrer und vortrefflichen Soldaten kennen. Wir sollten uns
spaeter auf dem oestlichen Kriegsschauplatz wiederfinden. Der Prinz
unterstellte sich mir dort in hochherziger Weise im Interesse der grossen
Sache, obgleich er mir im Dienstalter wesentlich ueberlegen war. Im
Dezember 1908 nahm ich auf Befehl Seiner Majestaet des Kaisers im Verein
mit dem damaligen General von Buelow, dessen Korps auch zur
Armee-Inspektion des Prinzen gehoerte, in Muenchen an der Feier des
50jaehrigen Dienstjubilaeums Seiner Koeniglichen Hoheit teil. Wir hatten aus
dieser Veranlassung die Ehre, von Seiner Koeniglichen Hoheit dem
hochbetagten Prinz-Regenten Luitpold huldvoll empfangen zu werden.

Magdeburg, mein Standort, wird oft von solchen, die es nicht kennen,
unterschaetzt. Es ist eine schoene alte Stadt, deren "Breiter Weg" und deren
ehrwuerdiger Dom als Sehenswuerdigkeiten gelten muessen. Seit der Schleifung
der Festung sind ueber deren Grenzen hinaus ansehnliche, allen modernen
Anforderungen entsprechende Vorstaedte entstanden. Was der naechsten
Umgegend Magdeburgs an Naturschoenheiten versagt ist, hat man durch
weitausgedehnte Parkanlagen zu ersetzen gewusst. Auch fuer Kunst und
Wissenschaft ist durch Theater, Konzerte, Museen, Vortraege und dergleichen
gesorgt. Man sieht also, dass man sich dort auch ausserdienstlich wohl
fuehlen kann, besonders wenn man so angenehme gesellige Verhaeltnisse
vorfindet, wie es uns beschieden war.

Dem Verkehr in der Stadt schloss sich ein solcher an den Hoefen von
Braunschweig, Dessau und Altenburg sowie auf zahlreichen Landsitzen an.
Sie alle zu nennen, wuerde zu weit fuehren. Aber eines von uns alljaehrlich
wiederholten mehrtaegigen Besuches bei meinem jetzt 93jaehrigen, ehrwuerdigen
vaeterlichen Freunde, dem General der Kavallerie Graf Wartensleben auf
Carow, muss ich doch in besonderer Dankbarkeit gedenken.

Auch an Jagdgelegenheit war kein Mangel. Ganz abgesehen von den bekannten
grossen Hasen- und Fasanenjagden der Provinz Sachsen sorgten Hofjagden in
Letzlingen, Mosigkau bei Dessau, Blankenburg im Harz und im
Altenburgischen sowie Treibjagden und Pirschfahrten auf mehreren Guetern
dafuer, dass man auch auf Schwarz-, Dam-, Rot-, Reh- und Auerwild zu Schuss
kam.

Immer mehr reifte allmaehlich in mir der Entschluss, aus der Armee
auszuscheiden. Ich hatte in meiner militaerischen Laufbahn viel mehr
erreicht, als ich je zu hoffen wagte. Krieg stand nicht in Aussicht, und
so erkannte ich es fuer eine Pflicht an, juengeren Kraeften den Weg nach
vorwaerts freizumachen, und erbat im Jahre 1911 meinen Abschied. Da sich
die falsche Legendenbildung dieses unbedeutenden Ereignisses bemaechtigt
hat, so erklaere ich ausdruecklich, dass keinerlei Reibungen dienstlicher
oder gar persoenlicher Art diesen Schritt veranlasst haben.

Der Abschied von liebgewonnenen, langjaehrigen Beziehungen und besonders
von meinem IV. Korps, das mir fest ans Herz gewachsen war, wurde mir nicht
leicht. Aber es musste sein! Ich ahnte nicht, dass ich nach wenigen Jahren
wieder zum Schwerte greifen und dann gleich meinem einstigen Armeekorps
Kaiser und Reich, Koenig und Vaterland erneut dienen durfte.

Im Verlauf meiner langjaehrigen Dienstzeit habe ich fast alle deutschen
Staemme kennen gelernt. Ich glaube daher beurteilen zu koennen, ueber welch
einen Reichtum wertvollster Eigenarten unser Volk verfuegt, und wie kaum
ein anderes Land der Welt in solcher Vielseitigkeit die Vorbedingungen fuer
ein reiches geistiges und seelisches Leben in sich birgt als Deutschland.




                        Uebergang in den Ruhestand


Mit treugehorsamstem Dank gegen meinen Kaiser und Koenig, unter den
heissesten Wuenschen fuer seine Armee und in vollem Vertrauen auf die Zukunft
unseres Vaterlandes war ich aus dem aktiven Dienst geschieden und blieb
doch im Innern immer Soldat.

Das reiche Erleben auf allen Gebieten meines Berufes liess mich zufrieden
auf meine bisherige Taetigkeit zurueckblicken. Nichts war imstande, mir das
Gesamtbild zu trueben, ueber dem der Zauber der Verwirklichung gluehender
Jugendtraeume lag. Der Uebergang zur selbstgewaehlten Ruhe vollzog sich daher
auch bei mir nicht ohne Heimweh nach dem verlassenen Wirkungskreise, nicht
ohne Sehnsucht nach den Reihen der Armee. Die Hoffnung, dass im Falle einer
Gefahr fuers Vaterland mein Kaiser mich wieder rufen wuerde, der Wunsch,
meine letzten Kraefte seinem Dienste zu widmen, verlor in der Stille meines
veraenderten Daseins nichts von seiner Staerke.

In der Zeit, in der ich die Armee verliess, pulsierte dort ein
aussergewoehnlich starkes geistiges Leben. Der erfrischende Kampf zwischen
Altem und Neuem, zwischen ruecksichtslosen Fortschritten und aengstlichem
Zurueckhalten suchte und fand seinen Ausgleich in den praktischen
Erfahrungen der juengsten Kriege. Diese Erfahrungen liessen trotz der neuen
Bahnen, die sie uns oeffneten, keinen Zweifel darueber, dass inmitten der
Wertsteigerung aller Kampfmittel die Wertschaetzung der Erziehung, der
sittlichen Bildung des Soldaten die gleiche wie bisher bleiben musste. Die
herzhafte Tat hatte den Vorrang vor den Kuensteleien des Verstandes auch
jetzt noch behalten. Geistesgegenwart und Charakterfestigkeit blieben
hoeher im kriegerischen Kurs als Feinheiten der Gedankenschulung. Ueber der
Vervollkommnung der Vernichtungswaffen hatte der Krieg seine einfachen,
ich moechte sagen groben Formen nicht verloren. Er vertrug keine Verbildung
der menschlichen Natur, keine Ueberfeinerung der kriegerischen Erziehung.
Was er auch weiterhin vor allem anderen forderte, das war die Bildung des
Menschen zur willensstarken Persoenlichkeit.

Man hat im Frieden vielfach geglaubt, der Armee Unproduktivitaet vorwerfen
zu koennen. Mit vollem Rechte, wenn man unter Produktivitaet die Schaffung
von materiellen Werten versteht, mit ebensolchem Unrecht, wenn man die
Produktivitaet von hoeheren, sittlichen Gesichtspunkten auffasst. Wer nicht
aus Vorurteil und Uebelwollen unsere militaerische Friedensarbeit von
vornherein verwarf, musste in der Armee die trefflichste Schule fuer Wille
und Tat, ja geradezu fuer Freude an der Tat anerkennen. Wieviele Tausende
von Menschen haben unter ihrem Einfluss erst gelernt, was sie koerperlich
und seelisch zu leisten vermochten, haben in ihr das Selbstvertrauen und
die innere Eigenkraft gewonnen, die ihnen dann durch das ganze Leben
erhalten blieb. Wo hatte der Gleichheitsgedanke und Einheitssinn des
Volkes eine durchgreifendere Vertretung gefunden als in der alle
gleichmachenden Schule unseres grossen, vaterlaendischen Heeres? In ihm
wurde der Hang zum schrankenlosen Sichselbstleben mit seinen Gesellschaft
und Staat aufloesenden Bestrebungen durch straffe Selbstzucht des Einzelnen
zum Wohle fuer die Allgemeinheit segensvoll gelaeutert und umgewandelt. Das
Heer schulte und verstaerkte jenen machtvollen organisatorischen Trieb, den
wir in unserem Vaterlande allenthalben fanden, auf dem Gebiete des
Staatslebens, wie auf dem der Wissenschaft, im Handel wie in der Technik,
in der Industrie wie in den Arbeitermassen, in der Landwirtschaft wie im
Gewerbe. Die Ueberzeugung von der Notwendigkeit, ja von dem Segen der
Unterordnung des einzelnen unter das Wohl des Ganzen war dem deutschen
Heere und durch dieses auch dem deutschen Volke zum vollen Bewusstsein
gekommen. Nur auf dieser Grundlage waren die ungeheuren Leistungen
moeglich, mit denen wir bald in harter Not einer ganzen feindlichen Welt
Trotz bieten mussten und konnten.

Auf den Kampffeldern Europas, Asiens und Afrikas hat denn auch der
deutsche Offizier und Soldat den Beweis geliefert, dass unsere
Heereserziehung die richtige war. Wenn auch unter mancherlei Einwirkungen
die lange Dauer des letzten Krieges auf einige Naturen einen
entsittlichenden Einfluss ausuebte, oder unter den entnervenden Eindruecken
seelischer und koerperlicher Ueberanspannung die moralischen Begriffe sich
teilweise verwirrten, sowie auch unter zahlreichen Versuchungen bislang
tadelfreie Charaktere schwach wurden, der innerste Kern des Heeres blieb
trotz der unerhoertesten Belastung sittlich gesund und seiner Aufgabe
gewachsen.

Man hat der bisherigen Armee vorgeworfen, dass sie sich bemuehte, den freien
Menschen zum willenlosen Werkzeug herabzuwuerdigen. Auf den Schlachtfeldern
des grossen Weltkrieges, inmitten der aufloesenden Wirkungen endloser Kaempfe
hat es sich aber gezeigt, welch willensstaerkenden Einfluss unsere Erziehung
ausgeuebt hat. Zahllose erhebende und gleichzeitig erschuetternde Vorgaenge
beweisen, zu welch grossen freiwilligen Opfern der brave deutsche Mann
befaehigt war, nicht weil er sich sagte: "Ich muss", sondern weil er sich
sagte: "Ich will."

Es liegt in dem Gange der Ereignisse, dass man mit der Aufloesung der alten
Armee neue Wege zur Erziehung des Volkes und seiner Wehrkraft fordert. Ich
verbleibe dem gegenueber fest auf dem Boden der alten, bewaehrten
Grundsaetze. Moegen es andere fuer nicht unbedingt entscheidend ansehen,
durch welche Mittel und auf welchem Wege wir die Moeglichkeit zu gleichen
Leistungen wie bisher erreichen, darin wenigstens werden sie gewiss mit mir
uebereinstimmen, dass es fuer die Zukunft unseres Vaterlandes bestimmend ist,
dass wir diese Moeglichkeit ueberhaupt wieder erlangen. Es sei denn, dass wir
auf unsere Stellung in der Welt verzichten wollen und uns zum Amboss
herabwuerdigen lassen, weil wir weder den Mut noch die Kraft mehr finden,
zum Hammer zu werden, wenn es die Stunde gebietet.

Vielleicht ist es die Schicksalsfrage nicht nur fuer das politische sondern
auch fuer das wirtschaftliche Neugedeihen unseres deutschen Vaterlandes,
wie wir die grosse Schule fuer Organisation und Tatkraft, die wir in unserem
alten Heere besassen, wieder gewinnen. Wenn irgendein Land der Erde, so
kann das deutsche nur unter aeusserster Anspannung und Zusammenfassung
seiner schoepferischen Kraefte gedeihen und einen lebenswerten Platz
inmitten der uebrigen Welt behaupten. Unter den zersetzenden Wirkungen
eines ungluecklichen Krieges und unter dem truegerischen Eindruck, als ob
die strenge Unterordnung aller Volkskraefte unter einen beherrschenden
Willen das Unglueck des Vaterlandes nicht zu verhindern vermocht haette, ist
leider eine starke Auflehnung gegen die bestehende strenge Ordnung
eingetreten. Die Empoerung gegen die jahrelange freiwillige oder erzwungene
Unterwerfung durchbrach die bisherigen Schranken und irrte planlos auf
neuen Wegen. Ist ein Erfolg auf diesen neuen Wegen zu erhoffen? Bis jetzt
haben wir jedenfalls unter den Einfluessen der staatlichen Aufloesung weit
mehr seelische und ethische Werte verloren, als unter den Wirkungen des
eigentlichen Krieges. Schaffen wir nicht bald wieder neue erzieherische
Kraefte, und treiben wir den Raubbau auf dem geistigen und sittlichen Boden
unseres Volkes in der bisherigen Weise weiter, so werden wir die
kostbarste Grundlage unseres Staatslebens fruehzeitig bis zur voelligen
Unfruchtbarkeit und Oede erschoepfen!





                               ZWEITER TEIL


                          KRIEGFUeHRUNG IM OSTEN




                         Der Kampf um Ostpreussen



                       Kriegsausbruch und Berufung


Die Ruhe meines Lebens gab mir seit dem Jahre 1911 die Moeglichkeit, mich
den politischen Vorgaengen in der Welt mit Musse zu widmen. Die
Beobachtungen, die ich dabei machte, waren freilich nicht imstande, mich
mit Befriedigung zu erfuellen. Aengstlichkeit lag mir ferne, und doch konnte
ich ein gewisses bedrueckendes Gefuehl nicht los werden. Die Ansicht draengte
sich mir auf, dass wir in den weiten Ozean der Weltpolitik hinaustrieben,
ohne dass wir in Europa selbst genuegend fest standen. Mochten die
politischen Wetterwolken ueber Marokko stehen oder sich ueber dem Balkan
zusammenziehen, die unbestimmte Ahnung, als ob unter unserem deutschen
Boden miniert wuerde, teilte ich mit der Mehrzahl meiner Landsleute. Wir
standen in den letzten Jahren zweifellos einer der sich augenscheinlich
regelmaessig wiederholenden franzoesisch-chauvinistischen Hochfluten
gegenueber. Ihr Ursprung war bekannt; ihre Stuetze suchte und fand sie in
Russland wie in England, ganz gleichgueltig, wer und was dort die offenen
oder geheimen, die bewussten oder unbewussten Triebfedern bildete.

Ich habe die besonderen Schwierigkeiten in der Fuehrung der deutschen
Politik nie verkannt. Die Gefahren, die sich aus unserer geographischen
Lage, aus unseren wirtschaftlichen Notwendigkeiten und nicht zuletzt aus
unseren voelkisch gemischten Randgebieten ergaben, waren mit den Haenden zu
greifen. Eine gegnerische Politik, der es gelang, die fremden
Begehrlichkeiten gegen uns zusammenzufassen, bedurfte nach meiner Ansicht
hierzu keiner grossen Gewandtheit. Sie betrieb letzten Endes den Krieg. Auf
diese Gefahr uns einzustellen, versaeumten wir. Unsere Buendnispolitik
richtete sich mehr nach einem Ehrenkodex als nach den Beduerfnissen unseres
Volkes und unserer Weltlage.

Wenn ein spaeterer deutscher Reichskanzler schon in den neunziger Jahren
mit dem fortschreitenden Zerfall der uns verbuendeten Donaumonarchie als
mit etwas Selbstverstaendlichem rechnen zu muessen glaubte, so war es
unverstaendlich, wenn unsere Politik daraus nicht die entsprechenden
Folgerungen zog.

Den deutsch-oesterreichischen Stammesgenossen brachte ich jederzeit volle
Sympathie entgegen. Die Schwierigkeiten ihrer Stellung innerhalb ihres
Vaterlandes fanden ja bei uns allgemein die lebhafteste Teilnahme. Dieses
unser Gefuehl wurde aber nach meiner Auffassung von der
oesterreichisch-ungarischen Politik allzu weitgehend ausgenutzt.

Das Wort von der Nibelungentreue war gewiss seinerzeit sehr eindrucksvoll.
Es konnte uns aber ueber die Tatsache nicht hinwegtaeuschen, dass
Oesterreich-Ungarn uns in die bosnische Krisis, auf die dieses Wort gemuenzt
war, ohne bundesbruederliche Verstaendigung ueberraschend hineingezerrt hatte
und dann von uns verlangte, ihm den Ruecken zu decken. Dass wir den
Verbuendeten damals nicht verlassen konnten, war klar. Das haette geheissen,
den russischen Koloss staerken, um dann selbst um so sicherer und
widerstandsloser von ihm erdrueckt zu werden.

Mir als Soldaten musste besonders das Missverhaeltnis zwischen den
politischen Anspruechen Oesterreich-Ungarns und seinen innerpolitischen
sowie militaerischen Kraeften auffallen. Den ungeheuren Ruestungen des nach
dem ostasiatischen Kriege wieder gekraeftigten Russland gegenueber
verstaerkten zwar wir Deutschen unsere Wehr, stellten aber nicht die
gleichen Anforderungen an unseren oesterreichisch-ungarischen
Bundesgenossen. Fuer die Staatsmaenner der Donaumonarchie mochte es sehr
einfach sein, sich gegenueber unseren Anregungen auf Erhoehung der
oesterreichisch-ungarischen Ruestungen hinter Schwierigkeiten ihrer
innerstaatlichen Verhaeltnisse zurueckzuziehen. Warum aber fanden wir keine
Mittel, Oesterreich-Ungarn in dieser Frage vor ein Entweder-Oder zu
stellen? Wir kannten doch die gewaltige zahlenmaessige Ueberlegenheit unserer
voraussichtlichen Gegner. Durften wir es denn dulden, dass der Verbuendete
einen grossen Teil seiner Volkskraefte fuer die gemeinsame Verteidigung brach
liegen liess? Was nuetzte es uns, in Oesterreich-Ungarn ein nach Suedosten
vorgeschobenes Bollwerk zu besitzen, wenn dieses Bollwerk nach allen
Seiten Risse aufwies und nicht genuegend Verteidiger besass, um seine Waelle
zu halten?

Auf eine wirksame Waffenhilfe Italiens zu rechnen, schien mir von jeher
bedenklich. Eine solche war zweifelhaft, selbst bei gutem Willen der
italienischen Staatsmaenner. Wir hatten Gelegenheit gehabt, die Schwaechen
des italienischen Heeres im Tripoliskrieg vollauf zu erkennen. Seitdem
waren die dortigen Verhaeltnisse bei den schwer erschuetterten Finanzen des
Staates kaum besser geworden. Schlagbereit war Italien jedenfalls nicht.

In diesen Richtungen bewegten sich meine damaligen Betrachtungen und
Sorgen. Ich hatte den Krieg schon zweimal kennengelernt, jedesmal unter
kraftvoller politischer Fuehrung vereint mit einfachen, klaren
kriegerischen Zielen. Ich fuerchtete den Krieg nicht, auch jetzt nicht!
Aber ich kannte neben seinen erhebenden Wirkungen seine verheerenden
Eingriffe in das menschliche Dasein zu gut, als dass ich ihn nicht haette
denkbar lange vermieden wissen wollen.



Und nun brach der Krieg ueber uns herein! Die Hoffnungslosigkeit, uns mit
Frankreich auf dem bestehenden Boden vergleichen, den Geschaeftsneid und
die Rivalitaetsangst Englands bannen, die russische Begehrlichkeit ohne
unseren Buendnisbruch mit Oesterreich befriedigen zu koennen, hatte in
Deutschland seit langem eine Stimmungsspannung hervorgerufen, in der der
Kriegsausbruch fast wie eine Befreiung von einem bestaendigen, das ganze
Leben beeintraechtigenden Drucke empfunden wurde.

Der deutsche kaiserliche Heerbann trat an! Eine stolze Kriegsmacht, wie
sie die Welt in dieser Tuechtigkeit nur selten gesehen hat. Bei ihrem
Anblick musste der Herzschlag des ganzen Volkes kraeftiger werden. Doch
nirgends Uebermut im Angesicht der Aufgabe, die unserer harrte. Hatten doch
weder Bismarck noch Moltke uns ueber die wuchtende Last eines solchen
Krieges im Unklaren gelassen, stellte doch jeder Einsichtige bei uns sich
die Frage, ob wir politisch, wirtschaftlich, militaerisch und moralisch
imstande sein wuerden durchzuhalten. Doch groesser als die Sorge war
zweifellos das Vertrauen.

In diesen Stimmungen und Gedanken traf auch mich die Nachricht vom
Losbrechen des Sturmes. Der Soldat in mir wurde in seiner nunmehr alles
beherrschenden Kraft wieder lebendig. Wuerde mein Kaiser und Koenig meiner
beduerfen? Gerade das letzte Jahr war ohne eine amtliche Andeutung dieser
Art fuer mich voruebergegangen. Juengere Kraefte schienen ausreichend
verfuegbar. Ich fuegte mich dem Schicksal und blieb doch in sehnsuchtsvoller
Erwartung.



                                Zur Front


Die Heimat lauschte in Spannung.

Die Nachrichten von den Kriegsschauplaetzen entsprachen unseren Hoffnungen
und Wuenschen. Luettich war gefallen, das Gefecht bei Muelhausen siegreich
geschlagen, unser rechter Heeresfluegel und unsere Mitte im Vorschreiten
durch Belgien. Die ersten jubelatmenden Nachrichten ueber die Lothringer
Schlacht drangen ins Vaterland. Auch aus dem Osten klang es wie
Siegesfanfaren.

Nirgends Ereignisse, die sorgende Gedanken gerechtfertigt erscheinen
liessen.

Am 22. August 3 Uhr nachmittags erhielt ich eine Anfrage aus dem Grossen
Hauptquartier Seiner Majestaet des Kaisers, ob ich bereit zur sofortigen
Verwendung sei.

Meine Antwort lautete: "Bin bereit."

Noch bevor dieses Telegramm im Grossen Hauptquartier eingetroffen sein
konnte, erhielt ich ein zweites von dort. Danach rechnete man
augenscheinlich bestimmt mit meiner Bereitschaft zur Annahme einer
Feldstelle und teilte mir mit, dass General Ludendorff bei mir eintreffen
werde. Weitere Mitteilungen aus dem Grossen Hauptquartier klaerten dann die
Sachlage fuer mich dahin auf, dass ich als Armeefuehrer sogleich nach dem
Osten abzugehen haette.

Gegen 3 Uhr nachts fuhr ich, in der Eile nur unfertig ausgeruestet, zum
Bahnhof und stand dort erwartungsvoll in der maessig beleuchteten Halle.
Meine Gedanken rissen sich von dem heimischen Herde, den ich so ploetzlich
verlassen musste, erst voellig los, als der kurze Sonderzug einfuhr. Ihm
entstieg mit frischem Schritte General Ludendorff, sich bei mir als mein
Chef des Generalstabs der 8. Armee meldend.

Der General war mir bis zu diesem Augenblicke fremd gewesen, seine Tat bei
Luettich mir noch unbekannt. Er klaerte mich zunaechst ueber die Lage an
unserer Ostfront auf, ueber die er am 22. August im Grossen Hauptquartier
Coblenz von dem Chef des Generalstabes des Feldheeres, Generaloberst von
Moltke, persoenlich unterrichtet worden war. Danach hatten sich die
Operationen der 8. Armee in Ostpreussen folgendermassen entwickelt: Die
Armee hatte das XX. Armeekorps, verstaerkt durch Festungsbesatzungen und
sonstige Landwehrformationen, bei Beginn der Operationen zum Schutze der
Suedgrenze West- und Ostpreussens von der Weichsel bis an das Loetzener
Seengebiet in Stellung belassen. Die Masse der Armee (I. Armeekorps,
XVII. Armeekorps, I. Reservekorps, 3. Reservedivision, Festungsbesatzung
Koenigsberg und 1. Kavalleriedivision) war an der Ostgrenze Ostpreussens
versammelt worden und hatte dort am 17. August bei Stallupoenen, am 19. und
20. August bei Gumbinnen im Angriff gegen die unter General Rennenkampf
von Osten her vordringende russische Njemenarmee gefochten. Waehrend der
Kaempfe bei Gumbinnen war die Meldung vom Vormarsch der russischen
Narewarmee unter General Samsonoff von Sueden her gegen die deutsche
Grenzlinie Soldau-Willenberg eingetroffen. Die Fuehrung unserer 8. Armee
glaubte damit rechnen zu muessen, dass der Russe diese Grenze schon am
21. August ueberschreiten wuerde. Angesichts dieser Bedrohung der
rueckwaertigen Verbindungen aus suedlicher Richtung brach das Oberkommando
die Schlacht bei Gumbinnen ab und meldete der Obersten Heeresleitung, dass
es nicht imstande sein wuerde, das Land oestlich der Weichsel weiterhin zu
behaupten.

Generaloberst von Moltke hatte diesen Entschluss nicht gebilligt. Er
vertrat die Auffassung, dass man noch eine Operation zur Vernichtung der
Narewarmee versuchen muesste, bevor man daran denken duerfte, die
militaerisch, wirtschaftlich und politisch wichtige Stellung in Ostpreussen
aufzugeben. Der Gegensatz in den Anschauungen zwischen der Obersten
Heeresleitung und dem Armee-Oberkommando hatte den Wechsel in den
fuehrenden Stellen der 8. Armee veranlasst.

Zur Zeit schien die Lage bei dieser Armee folgende zu sein: Die Losloesung
vom Feinde war gelungen. Das I. Armeekorps und die 3. Reservedivision
befanden sich in Abbefoerderung mit der Bahn nach Westen, waehrend das
I. Reservekorps und das XVII. Armeekorps der Weichsellinie im Fussmarsch
zustrebten. Das XX. Armeekorps stand noch auf seinem Posten an der Grenze.

Ich war mit meinem nunmehrigen Armeechef in kurzem in der Auffassung der
Lage einig. General Ludendorff hatte schon von Coblenz aus die ersten
unaufschiebbaren Weisungen geben koennen, die dahin zielten, die
Fortfuehrung der Operationen oestlich der Weichsel sicherzustellen. Dazu
gehoerte in erster Linie, dass die Transporte des I. Armeekorps nicht zu
weit nach Westen gefuehrt, sondern auf Deutsch-Eylau, also feindwaerts
hinter den rechten Fluegel des XX. Armeekorps, herangeleitet wurden.

Alles weitere musste und konnte erst bei unserem Eintreffen im
Hauptquartier der Armee in Marienburg entschieden werden.

Unser Gespraech hatte kaum mehr als eine halbe Stunde in Anspruch genommen.
Dann begaben wir uns zur Ruhe. Die dazu verfuegbare Zeit nuetzte ich
gruendlich aus.

So fuhren wir denn einer gemeinsamen Zukunft entgegen, uns des Ernstes der
Lage voll bewusst, aber auch voll festen Vertrauens zu Gott dem Herrn, zu
unseren braven Truppen und nicht zuletzt zu einander. Jahrelang sollte von
nun ab das gemeinsame Denken und die gemeinsame Tat uns vereinen.

Ich moechte mich hier gleich ueber das Verhaeltnis zwischen mir und meinem
damaligen Generalstabschef und spaeteren Ersten Generalquartiermeister
General Ludendorff aussprechen. Man hat geglaubt, dieses Verhaeltnis mit
dem Bluechers zu Gneisenau vergleichen zu koennen. Ich lasse dahingestellt
sein, inwieweit man bei diesem Vergleiche von der wirklich richtigen
historischen Grundlage ausgegangen ist. Die Stellung eines Chefs des
Generalstabes hatte ich, wie aus meinen vorhergehenden Ausfuehrungen ja
bekannt ist, frueher selbst jahrelang innegehabt. Die Taetigkeit eines
solchen gegenueber dem die Verantwortung tragenden Fuehrer ist, wie ich
somit aus eigener Erfahrung wusste, innerhalb der deutschen Armee nicht
theoretisch festgelegt. Die Art der Zusammenarbeit und das Ausmass der
gegenseitigen Ergaenzung haengen vielmehr von den Persoenlichkeiten ab. Die
Grenzen der beiderseitigen Wirkungsbereiche sind also nicht scharf
voneinander getrennt. Ist das Verhaeltnis zwischen Vorgesetzten und
Generalstabschef ein richtiges, so werden sich diese Grenzen durch
soldatischen und persoenlichen Takt und die beiderseitigen
Charaktereigenschaften leicht ergeben.

Ich selbst habe mein Verhaeltnis zu General Ludendorff oft als das einer
gluecklichen Ehe bezeichnet. Wie will und kann der Aussenstehende das
Verdienst des einzelnen in einer solchen scharf abgrenzen? Man trifft sich
im Denken wie im Handeln, und die Worte des einen sind oftmals nur der
Ausdruck der Gedanken und Empfindungen des anderen.

Eine meiner vornehmsten Aufgaben, nachdem ich den hohen Wert des Generals
Ludendorff bald erkannt hatte, sah ich darin, den geistvollen
Gedankengaengen, der nahezu uebermenschlichen Arbeitskraft und dem nie
ermattenden Arbeitswillen meines Chefs soviel als moeglich freie Bahn zu
lassen und sie ihm, wenn noetig, zu schaffen. Freie Bahn in der Richtung,
in der unser gemeinsames Sehnen, unsere gemeinsamen Ziele lagen: der Sieg
unserer Fahnen, das Wohl unseres Vaterlandes, ein Friede, wert der Opfer,
die unser Volk gebracht hatte.

Ich hatte dem General Ludendorff die Treue des Kampfgenossen zu halten,
wie sie uns in deutscher Volksgeschichte von Jugend an gelehrt wird, die
Kampfestreue, an der unser ethisches Denken so reich ist. Und wahrlich,
seine Arbeit und sein Wollen, wie seine ganze sonstige Persoenlichkeit
waren dieser Treue wert. Moegen andere darueber urteilen wie sie wollen!
Auch fuer ihn wird wie fuer so viele unserer Grossen und Groessten erst spaeter
die Zeit kommen, in der das Volk in seiner Gesamtheit bewundernd zu ihm
aufblicken wird. Mein Wunsch aber ist es, dass unser Vaterland in gleich
schwerem Geschick aufs neue einen solchen Mann finden moege, einen ganzen
Mann, kraftvoll in sich geschlossen, freilich auch eckig und kantig, aber
geschaffen fuer ein gigantisches Werk wie kaum ein zweiter in der
Geschichte.

Wahrlich, er wurde in richtiger Erkenntnis seiner Bedeutung von seinen
Gegnern gehasst!

Auf die Harmonie unserer kriegerischen und politischen Ueberzeugungen
gruendete sich die Einheitlichkeit unserer Anschauungen in dem Gebrauch
unserer Streitmittel. Verschiedenheiten der Auffassungen fanden ihren
natuerlichen Ausgleich und Abgleich, ohne dass das Gefuehl gemachter
Nachgiebigkeiten auf einer oder der anderen Seite jemals stoerend
dazwischen trat. Die gewaltige Arbeit meines Generalstabschef setzte
unsere Gedanken und Plaene auf das Raederwerk unserer Armeefuehrung um und
spaeter auf das der gesamten Obersten Heeresleitung, nachdem diese uns
anvertraut worden war. Sein Einfluss belebte alle, niemand konnte sich ihm
entziehen, es sei denn auf die Gefahr hin, aus der einheitlichen Bahn
geschleudert zu werden. Wie konnte auch anders die ungeheure Aufgabe
erfuellt, die Triebkraft zur vollen Wirkung gebracht werden?

In selbstverstaendlicher, soldatischer Pflichterfuellung, reich an Willen
und Gedanken, schloss sich uns beiden der weitere Kreis der Mitarbeiter an.
Mit treu dankbarem Herzen werde ich stets auch ihrer gedenken!



                                Tannenberg


Am fruehen Nachmittag des 23. August erreichten wir unser Hauptquartier
Marienburg. Wir betraten damit das Land oestlich der Weichsel, das
demnaechstige Gebiet unseres Wirkens. Die Lage an der Front hatte sich bis
zu diesem Zeitpunkt wie folgt entwickelt:

Das XX. Armeekorps war von seinen Grenzstellungen bei Neidenburg auf
Gilgenburg und Gegend oestlich zurueckgegangen. Nach Westen anschliessend an
dieses Korps standen die aus den Festungen Thorn und Graudenz
herausgezogenen Besatzungen bis gegen die Weichsel hin laengs der Grenze.
Die 3. Reservedivision war als Verstaerkung fuer das XX. Armeekorps bei
Allenstein eingetroffen. Die Heranbefoerderung des I. Armeekorps nach
Deutsch-Eylau hatte mit Verzoegerungen begonnen. Das XVII. Armeekorps und
I. Reservekorps waren im Fussmarsch in die Gegend um Gerdauen gekommen. Die
1. Kavalleriedivision stand suedlich Insterburg der Armee Rennenkampf
gegenueber. Die Besatzung von Koenigsberg hatte Insterburg im Rueckmarsch
nach Westen durchschritten.

Die Njemenarmee Rennenkampfs war auffallenderweise mit nennenswerten
Infanterieteilen noch nicht ueber die Angerapp vorgedrungen. Von den beiden
russischen Kavalleriekorps war das eine bei Angerburg, das andere westlich
Darkehmen gemeldet worden. Die Narewarmee Samsonoffs hatte mit einer
Division anscheinend die Gegend von Ortelsburg erreicht, auch sollte
Johannisburg vom Feinde besetzt sein. Im uebrigen schien die Masse dieser
Armee wohl noch an der Grenze im Aufschliessen begriffen, westlicher Fluegel
bei Mlawa.

In der Brieftasche eines gefallenen russischen Offiziers war ein
Schriftstueck gefunden worden, aus dem die Absichten der gegnerischen
Fuehrung hervorgingen. Danach hatte die Armee Rennenkampf, die masurischen
Seen noerdlich umgehend, gegen die Linie Insterburg-Angerburg vorzuruecken.
Sie sollte die hinter der Angerapp angenommenen deutschen Streitkraefte
angreifen, waehrend die Narewarmee ueber die Linie Loetzen-Ortelsburg den
Deutschen die Flanke abzugewinnen hatte.

Die Russen planten also einen konzentrischen Angriff auf die 8. Armee, fuer
welchen die Armee Samsonoffs aber jetzt schon erheblich weiter nach Westen
ausholte, als urspruenglich beabsichtigt war.

Was sollen, ja was koennen wir gegen diesen gefaehrlichen feindlichen Plan
tun? Gefaehrlich weniger wegen der Kuehnheit, mit der er erdacht, als wegen
der Staerke, mit der er ausgefuehrt werden soll, wenigstens mit der Staerke
an Streitern, hoffentlich nicht mit der gleichen Staerke an Willen. Fuehrte
doch Russland im Laufe der Monate August und September nicht weniger als
800.000 Soldaten und 1700 Geschuetze gegen Ostpreussen heran, zu dessen
Verteidigung nur 210.000 deutsche Soldaten mit 600 Geschuetzen verfuegbar
gemacht werden konnten.

Unser Gegenplan ist einfach. Ich will versuchen, ihn dem Leser, auch wenn
er kein Fachmann ist, in allgemeinen Umrissen verstaendlich zu machen.

Wir stellen zunaechst der dichten Masse Samsonoffs eine duenne Mitte
gegenueber. Ich sage duenn, nicht schwach. Denn Maenner sind es mit
staehlernem Herzen und staehlernem Willen. In ihrem Ruecken die Heimat, Weib
und Kind, Eltern und Geschwister, Hab und Gut! Es ist das XX. Korps, brave
West- und Ostpreussen. Mag diese duenne Mitte unter dem Drucke der
feindlichen Massen sich auch biegen, wenn sie nur nicht bricht. Waehrend
diese Mitte kaempft, sollen zwei wuchtige Gruppen an deren beide Fluegel zum
entscheidenden Angriff heranruecken.

Die Truppen des I. Armeekorps, durch Landwehr verstaerkt, auch alles Kinder
des bedrohten Landes, werden von rechts her aus dem Nordwesten, die
Truppen des XVII. Armeekorps und I. Reservekorps zusammen mit einer
Landwehrbrigade, werden von links her aus dem Norden und Nordosten zur
Schlacht herangeholt. Auch die Soldaten des XVII. Armeekorps und
I. Reservekorps, ebenso wie die Maenner der Landwehr und des Landsturms
haben alles, was das Leben lebenswert macht, in ihrem Ruecken.

Nicht mit einfachem Siege sondern mit Vernichtung muessen wir Samsonoff
treffen. Denn nur dadurch bekommen wir freie Haende gegen den zweiten
Feind, der zurzeit Ostpreussen pluendert und versengt, gegen Rennenkampf.
Nur so koennen wir das alte Preussenland wirklich und voellig befreien, und
nur so gewinnen wir Freiheit fuer weitere Taten, die man noch von uns
erwartet, naemlich fuer das Eingreifen in den maechtig entbrennenden
Entscheidungskampf zwischen Russland und unserem oesterreichisch-ungarischen
Verbuendeten in Galizien und Polen. Wird unser erster Schlag nicht
durchgreifend, dann bleibt die Gefahr fuer unsere Heimat wie eine
schleichende Krankheit bestehen, ungeraecht bleibt das Brennen und Morden
in Ostpreussen, und vergeblich wartet der Bundesgenosse im Sueden auf uns.

Also ganzes Handeln! Dazu muss alles heran, was im Bewegungskrieg
einigermassen brauchbar ist und irgendwo entbehrt werden kann. Was die
Festungswaelle von Graudenz und Thorn noch an kampftauglicher Landwehr
beherbergen, wird herangezogen. Auch aus den Schuetzengraeben, die zwischen
den masurischen Seen unsere jetzige Operation im Osten decken, ruecken
unsere Wehrmaenner ab und uebergeben die dortige Verteidigung einer
verschwindenden Minderzahl braver Landstuermer. Gewinnen wir die
Feldschlacht, dann brauchen wir die Festungen Thorn und Graudenz nicht
mehr und sind der Sorgen um die Seenengen ledig.

Gegen Rennenkampf, der wie ein Alpdruck aus dem Nordosten auf uns lasten
koennte, soll nur unsere Kavalleriedivision sowie die Hauptreserve
Koenigsberg mit zwei Landwehrbrigaden stehen bleiben. Doch koennen wir an
diesem Tage noch nicht ueberblicken, ob diese Kraefte auch wirklich genuegen.
Sie bilden in ihrer Kampfkraft ja nur einen leicht zerreissbaren Schleier,
vorausgesetzt, dass Rennenkampfs Massen marschieren, dass seine
uebermaechtigen Reitergeschwader reiten sollten, so wie wir es befuerchten
muessen. Vielleicht tun sie das aber nicht; dann genuegt der Schleier zur
Deckung unserer Schwaeche. Wir muessen es wagen in Flanke und Ruecken, um an
der entscheidenden Front stark zu sein. Hoffentlich gelingt es uns,
Rennenkampf zu taeuschen; vielleicht taeuscht er sich selbst. Der starke
Waffenplatz Koenigsberg mit seiner Besatzung und unsere Reiter koennen sich
ja in der Phantasie des Feindes zu machtvolleren Groessen erweitern.

Wenn sich aber auch Rennenkampf zu unseren Gunsten in falschen
Vorstellungen wiegt, wird ihn nicht seine Oberste Heeresfuehrung
vorwaertstreiben in starken Maerschen nach Suedwesten und in unseren Ruecken?
Muss ihn nicht ein Hilfeschrei Samsonoffs in Bewegung aufs Kampffeld
setzen? Und wird nicht, selbst wenn der Ruf menschlicher Stimme vergeblich
verhallen sollte, der mahnende Donner der Schlacht bis zu den russischen
Linien im Norden der Seen, ja selbst bis zum feindlichen Hauptquartier
dringen?

Vorsicht gegen Rennenkampf bleibt also noetig, wir koennen ihr aber nicht
durch Zuruecklassung starker Kampftruppen Rechnung tragen, sonst werden wir
auf dem Schlachtfelde noch schwaecher, als wir es ohnehin sind.

Berechnen wir die gegenseitigen Staerken, zaehlen wir zu der unserigen auch
die beiden Landwehrbrigaden, die zur Zeit von Schleswig-Holstein her aus
dem Kuestenschutz heranrollen und wohl noch rechtzeitig zur Schlacht
eintreffen werden, so gibt ein Vergleich mit den wahrscheinlichen
russischen Kraeften immer noch grosse Verschiedenheiten zu unseren
Ungunsten, auch wenn Rennenkampf nicht marschieren, nicht mitkaempfen will.
Dazu kommt, dass in unseren vordersten Reihen viel Landwehr und Landsturm
fechten muss. Alte Jahrgaenge gegen beste russische Jugend. Ferner spricht
gegen uns, dass die Mehrzahl unserer Truppen und, wie es die Lage fuegt,
gerade alle, die voraussichtlich den entscheidenden Stoss fuehren muessen,
aus schweren und verlustreichen Kaempfen herankommen. Hatten sie doch den
Russen das Schlachtfeld von Gumbinnen ueberlassen muessen. Die Truppen
marschieren daher nicht mit dem stolzen Gefuehle der Sieger. Und doch
ruecken sie zur Schlacht frohen Sinnes und fester Zuversicht. Der Geist ist
gut, so wird uns gemeldet, also berechtigt er zu kraeftigen Entschluessen,
und wo er etwa gedrueckt sein sollte, da wird er durch diese kraftvollen
Entschluesse emporgerissen. So war es von jeher, sollte es diesmal anders
sein? Ich hatte keine Bedenken wegen unserer zahlenmaessigen Unterlegenheit.

Wer in die Rechnung des Krieges nur die sichtbaren Werte einsetzt, rechnet
falsch. Ausschlaggebend sind die inneren Werte des Soldaten. Auf diese
baue ich mein Vertrauen. Ich denke mir:

Mag der Russe auch in unser Vaterland einmarschieren, mag die Beruehrung
mit deutscher Erde sein Herz hoeher schlagen lassen, sie macht ihn nicht
zum deutschen Soldaten, und die ihn fuehren, sind keine deutschen
Offiziere. Auf den mandschurischen Schlachtfeldern hatte der russische
Soldat mit dem groessten Gehorsam gefochten, so fremd ihm auch die
politischen Absichten seiner Regierung am Stillen Ozean gewesen waren. Es
schien nicht ausgeschlossen, dass bei einem Kriege gegen die Mittelmaechte
die Begeisterung der russischen Armee fuer die Kriegsziele des Zarentums
groesser sein wuerde. Trotzdem nahm ich an, dass der russische Soldat und
Offizier auch auf dem europaeischen Kriegsschauplatz im grossen und ganzen
keine hoeheren militaerischen Eigenschaften zeigen wuerde als auf dem
ostasiatischen, und glaubte daher, statt des Minus unserer zahlenmaessigen
Unterlegenheit ein Plus an innerer Kraft in die Berechnung der
Staerkeverhaeltnisse zu unseren Gunsten aufnehmen zu koennen.

So ist unser Plan, sind unsere Gedanken vor der Schlacht und fuer die
Schlacht. Wir fassen dieses Denken und Sollen am 23. August in einer
kurzen Meldung aus Marienburg an die Oberste Heeresleitung zusammen des
Inhalts:

  "Vereinigung der Armee am 26. August beim XX. Armeekorps fuer umfassenden
  Angriff geplant."

Am Abend des 23. August fuehrte mich ein kurzer Erholungsgang auf das
westliche Nogatufer. Von dort boten die roten Mauern des stolzen
Deutschordensschlosses, des groessten Baudenkmals baltischer Ziegelgotik, im
Abendsonnenstrahl einen gar wundersamen Anblick. Gedanken an die
Vergangenheit hehrer Ritterzeit mischten sich unwillkuerlich mit Fragen an
die verschleierte Zukunft. Der Ernst der Stimmung wurde erhoeht durch den
Anblick vorueberziehender Fluechtlinge meiner Heimatprovinz. Eine traurige
Mahnung, dass der Krieg nicht nur den wehrhaften Mann trifft, sondern dass
er durch Vernichtung der Daseinsbedingungen Wehrloser zur tausendfachen
Geissel der Menschheit wird.

Am 24. August begab ich mich mit dem engeren Stabe in Kraftwagen zum
Generalkommando des XX. Armeekorps und kam hierbei in den Ort, von dem die
bald entbrennende Schlacht ihren Namen erhalten sollte.

Tannenberg! Ein Wort schmerzlicher Erinnerungen fuer deutsche Ordensmacht,
ein Jubelruf slawischen Triumphes, gedaechtnisfrisch geblieben in der
Geschichte trotz mehr als 500jaehriger Vergangenheit. Ich hatte bis zu
diesem Tage das Schicksalsfeld deutscher oestlicher Kultureroberungen noch
nie betreten. Ein einfaches Denkmal zeugt dort von Heldenringen und
Heldentod. In der Naehe dieses Denkmals standen wir an einigen der
folgenden Tage, in denen sich das Geschick der russischen Armee Samsonoff
zur vernichtenden Niederlage gestaltete.

Auf dem Wege von Marienburg nach Tannenberg vermehrten sich die Eindruecke
vom Kriegselend, das ueber die ungluecklichen Einwohner hereingebrochen war.
Massen von hilflos Fluechtenden draengten sich mit ihrer Habe auf den
Strassen und behinderten teilweise die Bewegungen unserer an den Feind
marschierenden Truppen.

Bei dem Stabe des Generalkommandos traf ich das Vertrauen und den Willen,
die fuer das Gelingen unseres Planes unerlaesslich waren. Auch die Eindruecke
ueber die Haltung der Truppe an dieser unserer zunaechst bedenklichsten
Stelle waren guenstig.

Der Tag brachte keine durchgreifende Klaerung, weder hinsichtlich der
Operationen Rennenkampfs noch der Bewegungen Samsonoffs. Es schien sich
nur zu bestaetigen, dass Rennenkampfs Marschtempo ein recht gemaessigtes war.
Der Grund hierfuer war nicht zu erklaeren. Von der Narewarmee erkannten wir,
dass sie sich mit ihrer Hauptmacht gegen das XX. Armeekorps vorschob. Unter
ihrem Drucke nahm das Korps seinen linken Fluegel zurueck. Diese Massregel
hatte nichts Bedenkliches an sich. Im Gegenteil. Der nachdraengende Feind
wird unserer linken Angriffsgruppe, die heute die Marschrichtung auf
Bischofsburg erhaelt, immer ausgesprochener seine rechte Flanke bieten.
Auffallend und nicht ohne Bedenken fuer uns waren dagegen feindliche
Bewegungen, die sich anscheinend gegen unseren Westfluegel und gegen
Lautenburg aussprachen. Der Eindruck bestand, dass der Russe uns hier zu
ueberfluegeln gedachte und damit den beabsichtigten Umgehungsangriff unserer
rechten Gruppe seinerseits in der Flanke fassen wuerde.

Der 25. August brachte etwas mehr Einblick in die Bewegungen Rennenkampfs.
Seine Kolonnen marschierten von der Angerapp nach Westen, also auf
Koenigsberg. War der urspruengliche russische Operationsplan aufgegeben?
Oder war die russische Fuehrung ueber unsere Bewegungen getaeuscht und
vermutete die Hauptmasse unserer Truppen in und bei der Festung?
Jedenfalls schien nunmehr kaum noch ein Bedenken zu bestehen, gegen
Rennenkampfs gewaltige Massen nur noch einen Schleier stehen zu lassen.
Samsonoffs auffallend zoegernde Operationen richteten sich auch an diesem
Tage mit der Hauptstaerke weiter gegen unser XX. Armeekorps. Das rechte
russische Fluegelkorps marschierte zweifellos in Richtung auf Bischofsburg,
also unserem XVII. Armeekorps und I. Reservekorps entgegen, die an diesem
Tage die Gegend noerdlich dieses Staedtchens erreichten. Bei Mlawa haeuften
sich augenscheinlich weitere russische Massen.

Mit diesem Tage ist fuer uns die Zeit des Wartens und der Vorbereitung
vorueber. Wir fuehren unser I. Armeekorps an den rechten Fluegel des XX.
heran. Der allgemeine Angriff kann beginnen.

Der 26. August ist der erste Tag des moerderischen Ringens von Lautenburg
bis noerdlich Bischofsburg. Nicht in lueckenloser Schlachtfront sondern in
Gruppenkaempfen, nicht in einem geschlossenen Akt sondern in einer Reihe
von Schlaegen beginnt das Drama sich abzuspielen, dessen Buehne sich auf
mehr denn hundert Kilometer Breite erstreckt.

Auf dem rechten Fluegel fuehrt General von Francois seine braven Ostpreussen.
Sie schieben sich gegen Usdau heran, um am naechsten Tag den Schluesselpunkt
dieses Teiles des suedlichen Kampffeldes zu stuermen. Auch General von
Scholtz' praechtiges Korps befreit sich allmaehlich aus den Fesseln der
Verteidigung und beginnt zum Angriff zu schreiten. Erbitterter ist der
Kampf schon am heutigen Tage bei Bischofsburg. Dort wird bis zum Abend von
unserer Seite gruendliche Kampfarbeit getan. In kraeftigen Schlaegen wird das
rechte Fluegelkorps Samsonoffs durch Mackensens und Belows Truppen
(XVII. Armeekorps und I. Reservekorps) sowie durch Landwehr zerschlagen
und weicht auf Ortelsburg. Die Groesse des eigenen Erfolgs ist aber noch
nicht zu erkennen. Die Fuehrer erwarten fuer den folgenden Tag erneuten
starken Widerstand suedlich des heutigen Kampffeldes. Doch sie sind guter
Zuversicht.

Da erhebt sich scheinbar von Rennenkampfs Seite drohende Gefahr. Man
meldet eines seiner Korps im Vormarsch ueber Angerburg. Wird dieses nicht
den Weg in den Ruecken unserer linken Stossgruppe finden? Ferner kommen
beunruhigende Nachrichten aus der Flanke und dem Ruecken unseres westlichen
Fluegels. Dort bewegt sich im Sueden starke russische Kavallerie. Ob
Infanterie ihr folgt, ist nicht festzustellen. Die Krisis der Schlacht
erreicht ihren Hoehepunkt. Die Frage draengt sich uns auf: wie wird die Lage
werden, wenn sich bei solch gewaltigen Raeumen und bei dieser feindlichen
Ueberlegenheit die Entscheidung noch tagelang hinzieht? Ist es
ueberraschend, wenn ernste Gedanken manches Herz erfuellen; wenn
Schwankungen auch da drohen, wo bisher nur festester Wille war; wenn
Zweifel sich auch da einstellen, wo klare Gedanken bis jetzt alles
beherrschten? Sollten wir nicht doch gegen Rennenkampf uns wieder
verstaerken und lieber gegen Samsonoff nur halbe Arbeit tun? Ist es nicht
besser, gegen die Narewarmee die Vernichtung nicht zu versuchen, um die
eigene Vernichtung sicher zu vermeiden? Wir ueberwinden die Krisis in uns,
bleiben dem gefassten Entschlusse treu und suchen weiter die Loesung mit
allen Kraeften im Angriff. Demnach rechter Fluegel unentwegt weiter auf
Neidenburg und linke Stossgruppe "um 4 Uhr morgens antreten und mit groesster
Energie handeln", so etwa lautete der Befehl.

Der 27. August zeigt, dass der Erfolg des I. Reservekorps und
XVII. Armeekorps bei Bischofsburg am vorhergehenden Tage ein
durchschlagender gewesen ist. Der Gegner ist nicht nur gewichen, sondern
flieht vom Schlachtfeld. Des weiteren ueberblickt man, dass Rennenkampf nur
in der Phantasie eines Fliegers in unseren Ruecken marschiert. In
Wirklichkeit bleibt er in langsamem Vorgehen auf Koenigsberg. Sieht er
nicht oder will er nicht sehen, dass das Verderben gegen die rechte Flanke
Samsonoffs schon im vollen Vorschreiten ist und dass es auch gegen dessen
linken Fluegel andauernd waechst? Denn an diesem Tage erstuermen Francois und
Scholtz die feindlichen Stellungen bei Usdau und noerdlich und schlagen den
suedlichen Gegner. Mag nunmehr die feindliche Mitte weiter nach
Allenstein-Hohenstein vordringen, sie findet dort nicht mehr den Sieg,
sondern nur noch das Verderben. Die Lage ist fuer uns klar; wir geben am
Abend des Tages den Befehl zum Einkreisen der Kernmasse des Gegners,
naemlich seines XIII. und XV. Armeekorps.

Waehrend des 28. August geht das blutige Ringen weiter.

Der 29. sieht einen grossen Teil der russischen Hauptkraefte bei Hohenstein
der endgueltigen Vernichtung anheimfallen. Ortelsburg wird von Norden,
Willenberg ueber Neidenburg von Westen erreicht. Der Ring um Tausende und
Abertausende von Russen beginnt sich zu schliessen. Viel russisches
Heldentum ficht freilich auch in dieser verzweiflungsvollen Lage noch
weiter fuer den Zaren, die Ehre der Waffen rettend, aber nicht mehr die
Schlacht.

Rennenkampf marschiert immer noch ruhig weiter auf Koenigsberg. Samsonoff
ist verloren, auch wenn sein Kamerad jetzt noch zu anderer und besserer
kriegerischer Einsicht kommen sollte. Denn schon koennen wir Truppen aus
der Schlachtfront ziehen zur Deckung unseres Vernichtungswerks, das sich
in dem grossen Kessel Neidenburg-Willenberg-Passenheim vollzieht und in dem
der verzweifelnde Samsonoff den Tod sucht. Aus diesem Kessel heraus kommen
groesser und groesser werdende russische Gefangenenkolonnen. In ihrem
Erscheinen tritt der reifende Erfolg der Schlacht immer klarer zutage. Ein
eigenartiger Zufall wollte es, dass ich in Osterode, einem unserer
Unterkunftsorte waehrend der Schlacht, den einen der beiden gefangenen
russischen Kommandierenden Generale in dem gleichen Gasthofe empfing, in
dem ich im Jahre 1881 auf einer Generalstabsreise als junger
Generalstabsoffizier einquartiert gewesen war. Der andere meldete sich am
folgenden Tage bei mir in einer von uns zu Geschaeftsraeumen umgewandelten
Schule.

Schon waehrend der Kaempfe konnten wir das teilweise praechtige
Soldatenmaterial betrachten, ueber das der Zar verfuegte. Nach meinen
Eindruecken befanden sich darunter zweifellos bildungsfaehige Elemente. Ich
nahm bei dieser Gelegenheit, wie schon 1866 und 1870 wahr, wie rasch der
deutsche Offizier und Soldat in seinem seelischen Empfinden und in seinem
sachlichen Urteil in dem gefangenen Gegner den gewesenen Feind vergisst.
Die Kampfeswut unserer Leute ebbt ueberraschend schnell zu ruecksichtsvollem
Mitgefuehl und menschlicher Guete ab. Nur gegen die Kosaken erhob sich
damals der allgemeine Zorn. Sie wurden als die Ausfuehrer all der
vertierten Roheiten betrachtet, unter denen Ostpreussens Volk und Land so
grausam zu leiden hatten. Dem Kosak schlug anscheinend sein schlechtes
Gewissen, denn er entfernte, wo und wie er immer konnte, bei drohender
Gefangennahme die Abzeichen, die seine Waffenzugehoerigkeit kenntlich
machten, naemlich die breiten Streifen an den Hosen.

Am 30. August macht der Gegner im Osten und Sueden den Versuch, mit
frischen und wiedergesammelten Truppen unseren Einschliessungsring von
aussen her zu sprengen. Von Myszyniec, also aus der Richtung Ostrolenka,
fuehrt er neue starke Kraefte auf Neidenburg und Ortelsburg gegen unsere
Truppen, die schon das russische Zentrum voellig einkreisen und daher dem
anrueckenden Gegner den Ruecken bieten. Gefahr ist im Verzug; um so mehr,
als von Mlawa anrueckende feindliche Kolonnen nach Fliegermeldung 35 km
lang, also sehr stark sein sollen. Doch halten wir fest an unserem grossen
Ziele. Die Hauptmacht Samsonoffs muss umklammert und vernichtet werden.
Francois und Mackensen werfen dem neuen Feind ihre freilich nur noch
schwachen Reserven entgegen. An ihnen scheitert der russische Versuch, die
Katastrophe Samsonoffs zu mildern. Waehrend Verzweiflung den Umklammerten
ergreift, hat Mattherzigkeit die Tatkraft desjenigen gelaehmt, der die
Befreiung haette bringen koennen. Auch in dieser Beziehung bestaetigen die
Ereignisse auf dem Schlachtfelde von Tannenberg die alten menschlichen und
soldatischen Erfahrungen.

Unser Feuerkreis um die dichtgedraengten, bald hierhin, bald dorthin
stuerzenden russischen Haufen wird mit jeder Stunde fester und enger.

Rennenkampf scheint an diesem Tage die Deimelinie oestlich Koenigsberg
zwischen Labiau und Tapiau angreifen zu wollen. Seine Kavalleriemassen
naehern sich aus Richtung Landsberg-Bartenstein dem Schlachtfeld von
Tannenberg. Wir aber haben bereits starke, siegesfrohe, wenn auch ermuedete
Kraefte zur etwaigen Abwehr bei Allenstein gesammelt.

Der 31. August ist fuer unsere noch kaempfenden Truppen der Tag der
Schlussernte, fuer unser Oberkommando der Tag des Ueberlegens ueber
Weiterfuehrung der Operationen, fuer Rennenkampf der Tag der Rueckkehr in die
Linie Deime-Allenburg-Angerburg.

Schon am 29. August hatte mir der Gang der Ereignisse ermoeglicht, meinem
Allerhoechsten Kriegsherrn den voelligen Zusammenbruch der russischen
Narewarmee zu melden. Noch am gleichen Tage erreichte mich auf dem
Schlachtfelde der Dank Seiner Majestaet, auch im Namen des Vaterlandes. Ich
uebertrug diesen Dank im Herzen wie in Worten auf meinen Generalstabschef
und auf unsere herrlichen Truppen.

Am 31. August konnte ich meinem Kaiser und Koenig folgendes berichten:

  "Eurer Majestaet melde ich alluntertaenigst, dass sich am gestrigen Tage
  der Ring um den groessten Teil der russischen Armee geschlossen hat.
  XIII., XV. und XVIII. Armeekorps sind vernichtet. Es sind bis jetzt ueber
  60.000 Gefangene, darunter die Kommandierenden Generale des XIII. und
  XV. Armeekorps. Die Geschuetze stecken noch in den Waldungen und werden
  zusammengebracht. Die Kriegsbeute, im einzelnen noch nicht zu uebersehen,
  ist ausserordentlich gross. Ausserhalb des Ringes stehende Korps, das I.
  und VI., haben ebenfalls schwer gelitten, sie setzen fluchtartig den
  Rueckzug fort ueber Mlawa und Myszyniec."

Die Truppen und ihre Fuehrer hatten Gewaltiges geleistet. Nun lagerten die
Divisionen in den Biwaks und das Dankeslied der Schlacht von Leuthen
schallte aus ihrer Mitte.

In unserem neuen Armeehauptquartier Allenstein betrat ich die Kirche in
der Naehe des alten Ordensschlosses waehrend des Gottesdienstes. Als der
Geistliche das Schlussgebet sprach, sanken alle Anwesenden, junge Soldaten
und alte Landstuermer, unter dem gewaltigen Eindruck des Erlebten auf die
Knie. Ein wuerdiger Abschluss ihrer Heldentaten.



                   Die Schlacht an den masurischen Seen


Der Gefechtslaerm auf dem Schlachtfelde von Tannenberg war noch nicht
verstummt, als wir die Vorbereitungen fuer den Angriff auf die Armee
Rennenkampf begannen. Am 31. August abends traf folgende telegraphische
Weisung der Obersten Heeresleitung ein:

  "XI. Armeekorps, Garde-Reserve-Korps, 8. Kavalleriedivision werden zur
  Verfuegung gestellt. Transport hat begonnen. Zunaechst wird Aufgabe der
  8. Armee sein, Ostgrenze von Armee Rennenkampf zu saeubern.

  Verfolgung des letztgeschlagenen Gegners mit entbehrlichen Teilen in
  Richtung Warschau ist mit Ruecksicht auf die Bewegungen der Russen von
  Warschau auf Schlesien erwuenscht.

  Weitere Verwendung der 8. Armee, wenn es die Lage in Ostpreussen
  gestattet, in Richtung Warschau in Aussicht zu nehmen."

Der Befehl entsprach durchaus der Lage. Er stellte uns das Ziel klar hin
und ueberliess uns Mittel und Wege zur Ausfuehrung. Wir glaubten annehmen zu
duerfen, dass die ehemalige Armee Samsonoffs nur noch aus Truemmern bestand,
die sich entweder schon hinter den Narew in Sicherheit gebracht hatten,
oder auf dem Weg dahin waren. Mit ihrer Auffrischung war zu rechnen. Es
musste jedoch darueber geraume Zeit vergehen. Fuer jetzt schien es genuegend,
diese Reste durch schwache Truppen laengs unseres suedlichen Grenzstreifens
ueberwachen zu lassen. Alles uebrige musste zur neuen Schlacht heran. Selbst
das Eintreffen der Verstaerkungen aus dem Westen erlaubte uns nach unserer
Anschauung nicht, jetzt schon Kraefte ueber die Narewlinie hinueber gegen
Sueden einzusetzen.

Was das Wort "Warschau" im zweiten Teil des Befehls zu bedeuten hat, ist
uns klar. Nach vereinbartem Kriegsplan sollte die
oesterreichisch-ungarische Heeresmacht von Galizien aus mit dem Schwerpunkt
gegen den oestlichen Teil des russischen Polens in Richtung Lublin
angreifen, waehrend deutsche Kraefte von Ostpreussen her dem Verbuendeten ueber
den Narew hinweg die Hand zu reichen hatten. Ein grosser und schoener
Gedanke, der aber, so wie die Dinge lagen, bedenkliche Schwaechen aufwies.
Er rechnete nicht damit, dass Oesterreich-Ungarn eine starke Armee an die
serbische Grenze schickte, nicht damit, dass Russland schon ein paar Wochen
nach Kriegsausbruch voll geruestet an der Grenze stehen konnte, nicht
damit, dass 800.000 Moskowiter gegen Ostpreussen eingesetzt werden, am
allerwenigsten aber damit, dass er in all seinen Einzelheiten an den
russischen Generalstab schon im Frieden verraten werden wuerde.

Jetzt ist das oesterreichisch-ungarische Heer nach ueberkuehnem Ansturm gegen
die russische Uebermacht in schwerste frontale Kaempfe verwickelt, ohne dass
wir augenblicklich in der Lage sind, unmittelbar zu helfen, wenngleich wir
starke feindliche Kraefte fesseln. Der Verbuendete muss auszuhalten
versuchen, bis wir auch noch Rennenkampf geschlagen haben. Erst dann sind
wir zur Hilfeleistung befaehigt, wenn auch nicht mit unserer gesamten
Staerke, so doch mit ihrem groessten Teile.

Rennenkampf steht, wie bekannt, in der Linie
Deime-Allenburg-Gerdauen-Angerburg. Was die Gegend suedoestlich von den
masurischen Seen fuer gegnerische Geheimnisse birgt, wissen wir nicht. Das
Gebiet von Grajewo ist jedenfalls verdaechtig. Dort herrscht viel Unruhe.
Noch verdaechtiger ist das Gebiet im Ruecken der Njemenarmee. Da ist ein
staendiges Marschieren und Fahren und anscheinend eine Bewegung nach
Suedwesten und Westen. Rennenkampf erhaelt zweifellos Verstaerkungen. Die
russischen Reservedivisionen in der Heimat sind ja schlagbereit geworden.
Vielleicht werden bis jetzt auch noch einzelne Korps verfuegbar, deren die
russische Oberste Heeresleitung gegen die Oesterreicher in Polen nicht mehr
zu beduerfen glaubt. Schickt man diese Verbaende zu Rennenkampf oder in
seine Naehe, sei es zur unmittelbaren Stuetze, sei es zu einem Schlage gegen
uns aus ueberraschender Richtung?

Rennenkampf verfuegt, soweit wir es beurteilen koennen, ueber mehr als
20 Infanteriedivisionen und steht still, bleibt es auch, waehrend unsere
Transporte aus dem Westen heranrollen und zum Kampfe gegen ihn
aufmarschieren. Warum benutzt er die Zeit unserer groessten Schwaeche, die
Zeit der Ermuedung unserer Truppen, ihrer Massenanhaeufung auf dem
Schlachtfelde von Tannenberg nicht, um uns anzufallen? Warum laesst er uns
Zeit, die Truppen zu entwirren, neu aufzumarschieren, auszuruhen, Ersatz
heranzuziehen? Der russische Fuehrer ist doch bekannt als vortrefflicher
Soldat und General. Als Russland in Ostasien kaempfte, klang unter allen
russischen Fuehrern der Name Rennenkampf am hellsten. War sein Ruhm damals
uebertrieben? Oder hat der General seine kriegerischen Eigenschaften in der
Zwischenzeit verloren?

Der soldatische Beruf hat schon manchmal selbst starke Naturen
ueberraschend schnell erschoepft. Wo in einem Jahre noch triebkraeftiger
Verstand, vorwaertsdraengender Wille vorhanden war, da ist vielleicht im
naechsten schon ein unfruchtbarer Kopf, ein mattes Herz zu finden gewesen.
Das war schon vielfach die Tragik soldatischer Groesse.

Wir haben Rennenkampfs Schuldbuch ueber Tannenberg aufgeschlagen und
geschlossen. Begeben wir uns jetzt in Gedanken in sein Hauptquartier
Insterburg, nicht um ihn anzuklagen, sondern um ihn zu verstehen.

Die Niederlage Samsonoffs zeigte dem General Rennenkampf, dass in
Koenigsberg doch nicht die Masse der deutschen 8. Armee stand, wie er
angenommen hatte. Starke Kraefte vermutet er aber jedenfalls immer noch in
diesem maechtigen Waffenplatze. Daran vorbeizumarschieren, sich auf die
siegreiche deutsche Armee in der Gegend von Allenstein zu stuerzen, scheint
also gewagt, zu gewagt. Es waere mindestens ein unsicheres Unternehmen.
Sicherer ist es, in den starken Verteidigungsstellungen zwischen Kurischem
Haff und masurischen Seen zu bleiben. Gegen diese Stellungen koennen die
Deutschen ihre Kunst des Umgehens und Umfassens von Norden her ueberhaupt
nicht, von Sueden aus nur schwer durchfuehren. Rennen sie gegen die Front
an, so stuerzt man sich mit zurueckgehaltenen gewaltigen Reserven auf ihre
zusammengeschossenen Truppen. Wagen sie das Unwahrscheinliche, und dringen
sie durch die Engnisse des Seengebietes, so faellt man von Norden auf die
linke Flanke ihrer Umgehungskolonnen, waehrend man eine neugebildete
Kampfgruppe aus Richtung Grajewo in ihre rechte Seite und in ihren Ruecken
wirft. Gelingt von alledem nichts, gut - so geht man nach Russland zurueck.
Russland ist gross, die befestigte Njemenlinie ist nahe. Keine operative
Notwendigkeit kettet Rennenkampf weiter an Ostpreussen. Der Operationsplan
im Zusammenwirken mit Samsonoff ist ja gescheitert, und, weil dessen Armee
in hoffnungsvollem Vorwaertsstuermen zugrunde ging, so ist es jetzt das
beste vorsichtig zu sein.

So kann Rennenkampf gedacht haben. Und Kritiker behaupten auch, er haette
so gedacht. Aus keinem dieser Gedanken spricht freilich ein grosser
Entschluss. Sie bewegen sich in wenig kuehnen Bahnen. Und doch kann ihre
Ausfuehrung uns betraechtliche unmittelbare Krisen schaffen und auf die
allgemeine Lage im Osten bedenkliche Wirkung ausueben. Die grosse
zahlenmaessige Ueberlegenheit der Njemenarmee haette genuegt, um auch unsere
jetzt verstaerkte 8. Armee zu zertruemmern. Ein vorzeitiger Rueckzug
Rennenkampfs aber braechte uns um die Fruechte unserer neuen Operation und
macht uns die Richtung auf Warschau und damit die Unterstuetzung
Oesterreichs auf absehbare Zeit hinaus unmoeglich.

Wir muessen also vorsichtig und unternehmend zugleich sein. Diese
Doppelforderung verleiht der Anlage unserer nun beginnenden Bewegungen
ihren eigentuemlichen Charakter. In breiter Front von Willenberg bis gegen
Koenigsberg hin bauen wir unsere Front auf. Bis zum 5. September ist dies
im allgemeinen geschehen, dann geht es vorwaerts. 4 Korps (XX., XI.,
I. Reserve und Garde-Reserve) und die Truppen aus Koenigsberg, also
verhaeltnismaessig starke Kraefte, gehen gegen die Linie Angerburg-Deime,
d. h. gegen die feindliche Front vor. 2 Korps (I. und XVII.) sollen durch
das Seengebiet dringen; die 3. Reservedivision hat, als rechte Staffel
unseres umfassenden Fluegels, suedlich der masurischen Seen herum zu folgen,
waehrend die 1. und 8. Kavalleriedivision sich hinter den Korps zum
Losreiten bereit halten, sobald die Seenengen geoeffnet sind. Das sind die
Kraefte gegen Rennenkampfs Flanke. Also andere Verhaeltnisse wie bei den
Bewegungen, die zum Siege von Tannenberg fuehrten. Die Sicherheit gegen
Rennenkampfs starke Reserven veranlasst uns zu dieser Gruppierung der
Kraefte. Auf diese Weise breitet sich unser Angriff in der Staerke von
14 Infanteriedivisionen trotzdem noch auf ueber 150 km Front aus. Wird der
Gegner sie zerreissen?

Wir naehern uns am 6. und 7. den russischen Verteidigungslinien und
beginnen klarer zu sehen. Starke russische Massen bei Insterburg und
Wehlau, vielleicht noch staerkere noerdlich Nordenburg. Sie bleiben zunaechst
unbeweglich und stoeren unsere Kampfentwickelung vor ihrer Front nicht.

Unsere beiden rechten Korps, das I. und XVII., beginnen am 7. September
die Seenkette zu durchbrechen, die 3. Reservedivision schlaegt bei Bialla
in glaenzendem Gefecht die Haelfte des XXII. russischen Korps in Truemmer.
Wir treten in die Krisis unserer neuen Operation ein. Die naechsten Tage
muessen zeigen, ob Rennenkampf entschlossen ist, zum Gegenangriff zu
schreiten, ob sein Wille hierzu so stark ist, wie seine Mittel es sind. Zu
seiner an sich schon bedeutenden bisherigen Ueberlegenheit scheinen drei
weitere Reservedivisionen das Schlachtfeld erreicht zu haben. Erwartet der
russische Fuehrer noch mehr? Russland hat mehr als 3 Millionen Kampfsoldaten
an seiner Westfront; die oesterreichisch-ungarische Heeresmacht und wir
zaehlen demgegenueber kaum ein Dritteil.

Am 8. September entbrennt die Schlacht auf der ganzen Linie. Unser
frontaler Angriff kommt nicht vorwaerts, auf unserem rechten Fluegel geht es
besser. Dort haben die beiden Korps die feindliche Seensperre durchbrochen
und nehmen Richtung nach Nord und Nordost. Unser Ziel sind nunmehr die
gegnerischen rueckwaertigen Verbindungen. Unsere Reitergeschwader scheinen
freie Bahn dorthin zu haben.

Am 9. tobt die Schlacht weiter, in der Front, von Angerburg bis zum
Kurischen Haff, ohne bemerkenswertes Ergebnis, dagegen mit kuehnem
Vorschreiten unsererseits oestlich der Seen, wenngleich die beiden
Kavalleriedivisionen unerwarteten Widerstand nicht in der gewuenschten
Schnelligkeit zu brechen vermoegen. Die 3. Reservedivision schlaegt einen
vielfach ueberlegenen Gegner bei Lyck und befreit uns so endgueltig von der
Sorge im Sueden.

Wie ist es dagegen im Norden? Bei und westlich Insterburg glauben unsere
Flieger nunmehr deutlich zwei feindliche Korps feststellen zu koennen und
ein weiteres solches Korps wird im Anmarsch ueber Tilsit gesehen. Was wird
das Schicksal unserer duenngestreckten, frontal kaempfenden Korps sein, wenn
eine russische Menschenlawine von gegen 100 Bataillonen, gefuehrt von
festem, einheitlichem Willen, sich auf sie stuerzt? Ist es trotzdem
verstaendlich, wenn wir am Abend dieses 9. September wuenschen und sprechen:
"Rennenkampf, weiche ja nicht aus deiner fuer uns unbezwinglichen Front,
pfluecke Lorbeeren im Angriff aus deiner Mitte!" Wir hatten jetzt volle
Zuversicht, dass wir solche Lorbeeren dem feindlichen Fuehrer durch kraeftige
Fortfuehrung unseres Fluegelangriffes wieder entreissen wuerden. Leider
erkennt der russische Fuehrer diese unsere Gedanken; er findet nicht den
Entschluss, ihnen mit Gewalt zu begegnen, und senkt die Waffen.

In der Nacht vom 9. auf den 10. dringen unsere Patrouillen bei Gerdauen in
die feindlichen Graeben und finden sie leer. "Der Gegner geht zurueck." Die
Meldung scheint uns unglaubwuerdig. Das I. Reservekorps will sofort von
Gerdauen gegen Insterburg antreten. Wir mahnen zur Vorsicht. Erst um
Mittag des 10. muessen wir das Unwahrscheinliche und Unerwuenschte glauben.
Der Gegner hat in der Tat den allgemeinen Rueckzug begonnen, wenn er auch
da und dort noch erbittert Widerstand leistet, ja sogar uns starke Massen
in zusammenhanglosen Angriffen entgegenwirft. Unsere ganze Front ist in
vollem Vorgehen begriffen. Jetzt gilt es, unsere rechten Fluegelkorps und
Kavalleriedivisionen scharf nach Nordosten gerichtet heran an die
feindlichen Verbindungen von Insterburg auf Kowno zu bringen.

Wir treiben vorwaerts! Ungeduld ist, wenn irgendwann und -wo, so jetzt und
hier begreiflich. Rennenkampf weicht unentwegt. Auch er scheint ungeduldig
zu sein. Jedoch unsere Ungeduld zielt auf Erfolg, die seinige bringt
Verwirrung und Aufloesung.

Die Korps der Njemenarmee marschieren zum Teil in dreifachen, dicht
nebeneinander gedraengten Kolonnen Russland zu. Die Bewegung vollzieht sich
langsam, sie muss durch Entgegenwerfen starker Kraefte gegen die
nachdraengenden Deutschen gedeckt werden. Daher wird besonders der
11. September zum blutigen Kampftag von Goldap bis hin zum Pregel.

Am Abend dieses Tages sind wir uns klar, dass nur noch wenig Tage zur
Durchfuehrung der Verfolgung zur Verfuegung stehen. Die Entwickelung der
Gesamtlage auf dem oestlichen Kriegsschauplatz macht sich in voller Wucht
geltend. Wir ahnen mehr, als dass wir es aus bestimmt lautenden Nachrichten
ersehen koennen: die Operation unseres Verbuendeten in Polen und Galizien
ist gescheitert! An unser Nachstossen hinter Rennenkampf ueber den Njemen
hinaus ist jedenfalls nicht zu denken. Soll aber unsere Operation nicht
noch im letzten Augenblick innerhalb des grossen Rahmens als gescheitert
gelten, so darf die feindliche Armee den schuetzenden Njemen-Abschnitt nur
derartig geschwaecht und erschuettert erreichen, dass die Hauptmasse unserer
Verbaende zum dringend notwendig gewordenen Zusammenwirken mit dem
oesterreichisch-ungarischen Heere freigemacht werden kann.

Am 12. September erreicht die 3. Reservedivision Suwalki, also russischen
Boden. Mit knapper Not entgeht der Suedfluegel Rennenkampfs der Einkesselung
durch unser I. Armeekorps suedlich Stallupoenen. Glaenzend sind die
Leistungen einzelner unserer verfolgenden Truppen. Sie marschieren und
kaempfen, und marschieren wieder, bis die Soldaten vor Muedigkeit
niederstuerzen. Andererseits ziehen wir heute schon das Gardereservekorps
aus der Kampffront, um es fuer weitere Operationen bereitzustellen.

An diesem Tage trifft unser Oberkommando in Insterburg ein, das seit dem
11. wieder in deutschem Besitz ist. Ich bin also nicht bloss in Gedanken,
sondern auch in Wirklichkeit auf der breiten ostpreussischen Landstrasse,
vorbei an unseren siegreich ostwaerts schreitenden Truppen und an westwaerts
ziehenden russischen Gefangenenkolonnen in das bisherige Hauptquartier
Rennenkampfs gekommen. In den eben erst verlassenen Raeumen merkwuerdige
Spuren russischer Halbkultur. Der aufdringliche Geruch von Parfuem, Juchten
und Zigaretten vermag nicht, den Gestank anderer Dinge zu verdecken.

Genau ein Jahr spaeter, an einem Sonntag, kam ich von einem eintaegigen
Jagdausflug zurueckkehrend durch Insterburg. Auf dem Marktplatz wurde mein
Kraftwagen zurueckgewiesen, weil dort eine Dankesfeier zur Erinnerung an
die Befreiung der Stadt von der Russennot begangen werden sollte. Ich
musste einen Umweg machen. _Sic transit gloria mundi!_ Man hatte mich nicht
erkannt.

Am 13. September erreichen unsere Truppen Eydtkuhnen und feuern in die
zurueckflutenden russischen Scharen hinein. Unsere Artilleriegeschosse
sprengen die dichtgedraengten Haufen auseinander, der Herdentrieb fuehrt sie
wieder zusammen. Leider kommen wir auch an diesem Tage nicht an die grosse
Chaussee Wirballen-Wylkowyszki heran. Der Gegner weiss, dass dies fuer einen
grossen Teil seiner haltlos gewordenen Kolonnen die Vernichtung bedeuten
wuerde. Er wirft deshalb unseren ermattenden Truppen suedlich der Strasse
alles entgegen, was er an kampfwilligen Verbaenden noch zur Hand hat. Nur
noch ein einziger Tag bleibt uns zur Verfolgung. Nach diesem werden sich
die Truppen Rennenkampfs in das Wald- und Sumpfgelaende westlich der
Njemenstrecke Olita-Kowno-Wileny gefluechtet haben. Dorthin koennen wir
ihnen nicht nachdraengen.

Am 15. September waren die Kaempfe beendet. Die Schlacht an den masurischen
Seen schloss auf russischem Boden, nach einer Verfolgung von ueber 100 km,
von uns zurueckgelegt innerhalb 4 Tagen. Die Masse unserer Verbaende war
beim Abschluss der Kaempfe zu neuer Verwendung bereit.

Es ist mir nicht moeglich, hier auch noch auf die glaenzenden Leistungen
einzugehen, die die Landwehr-Division von der Goltz und andere
Landwehrformationen im Angriff gegen mehrfache feindliche Ueberlegenheit im
suedlichen Grenzgebiet und zum Schutze unserer rechten Flanke fast bis zur
Weichsel hin in diesen Tagen gezeigt haben. Der Schluss dieser Kaempfe
dauerte ueber meine Kommandofuehrung bei der 8. Armee hinaus an. Er fand
unsere Truppen bis Ciechanowo, Przasnysz und Augustowo vorgedrungen.




                           Der Feldzug in Polen



                      Abschied von der achten Armee


Anfangs September hatten wir aus dem oesterreichisch-ungarischen
Hauptquartier gehoert, dass die Armeen bei Lemberg durch starke russische
Ueberlegenheiten sehr gefaehrdet waeren, und dass ein weiteres Vorgehen der
k. u. k. 1. und 4. Armee eingestellt sei.

Seit dieser Zeit verfolgten wir gespannt die dortigen Vorgaenge und hoerten
noch mehr und noch Schlimmeres. Den Zusammenhang der Ereignisse erklaeren
am besten nachstehende Telegramme:

Von uns an die Oberste Heeresleitung am 10. September 1914:

  "Erscheint mir fraglich, ob Rennenkampf entscheidend geschlagen werden
  kann, da Russen heute fruehzeitig Rueckmarsch angetreten haben. Fuer
  Weiterfuehrung der Operationen kommt Versammlung einer Armee in Schlesien
  in Frage. Koennen wir auf weitere Verstaerkungen aus Westen rechnen? Hier
  koennen zwei Armeekorps abgegeben werden."

Das war am 10. September, also an dem Tage, an dem Rennenkampf
ueberraschend fuer uns nach Osten seinen Rueckzug begann.

Von der Obersten Heeresleitung an uns am 13. September 1914:

  "Baldigst zwei Armeekorps freimachen und bereitstellen fuer Abtransport
  nach Krakau!" ...

Krakau? Merkwuerdig! So meinen wir und sprechen noch einiges mehr darueber.
Stutzig geworden drahten wir daher folgendes an die Oberste Heeresleitung:

                                                         13. September 14.

  "Verfolgung morgen beendet. Sieg scheint vollstaendig. Offensive gegen
  Narew in entscheidender Richtung in etwa 10 Tagen moeglich. Oesterreich
  erbittet aber wegen Rumaeniens direkte Unterstuetzung durch Verlegung der
  Armee nach Krakau und Oberschlesien. Verfuegbar dazu vier Armeekorps und
  eine Kavalleriedivision. Bahntransport allein dauert etwa 20 Tage. Lange
  Maersche nach oesterreichischem linken Fluegel. Hilfe kommt dort spaet.
  Bitte um Entscheidung. Armee muesste dort jedenfalls Selbstaendigkeit
  behalten."

Das war an dem Tage, an dem Rennenkampf mit Verlust von nicht nur einigen
Federn sondern eines ganzen Fluegels und auch sonst noch erheblich
angeschossen zwischen den Njemensuempfen zu verschwinden begann.

Antwort der Obersten Heeresleitung an uns vom 14. September 1914:

  "Operation ueber Narew wird in jetziger Lage der Oesterreicher nicht mehr
  erfolgversprechend gehalten. Unmittelbare Unterstuetzung der Oesterreicher
  ist politisch erforderlich.

  Operationen aus Schlesien kommen in Frage ...

  Selbstaendigkeit der Armee bleibt auch bei gemeinsamer Operation mit den
  Oesterreichern bestehen."

Also doch! - -

Es gibt ein Buch "Vom Kriege", das nie veraltet. Clausewitz ist sein
Verfasser. Er kannte den Krieg und kannte die Menschen. Wir hatten auf ihn
zu hoeren, und wenn wir ihm folgten, war es uns zum Segen. Das Gegenteil
bedeutete Unheil. Er warnte vor Uebergriffen der Politik auf die Fuehrung
des Krieges. Weit entfernt bin ich jetzt davon, mit diesen Worten eine
Verurteilung des damals erhaltenen Befehls auszusprechen. Mag ich 1914 in
Gedanken und Worten kritisiert haben, heute habe ich meinen Lehrgang
vollendet durch die Schule der rauhen Wirklichkeit, durch die Leitung
eines Koalitionskrieges. Erfahrung wirkt mildernd auf die Kritik, ja sie
zeigt vielfach deren Unwert! Wir haetten freilich manchmal waehrend des
Krieges versucht sein koennen zu denken: "Wohl dem, dessen soldatisches
Gewissen leichter ist als das unsere, der den Kampf zwischen kriegerischer
Ueberzeugung und politischen Forderungen leichter ueberwindet als wir."
Politisch Lied, ein garstig Lied! Ich wenigstens habe selten Harmonien in
diesem Liede waehrend des Krieges empfunden, Harmonien, die in einem
soldatischen Herzen angeklungen haetten. Hoffentlich werden andere, wenn
die Not des Vaterlandes wieder einmal den Kampf fordern sollte, in dieser
Beziehung gluecklicher sein, als wir es waren!

Am 15. September musste ich mich von General Ludendorff trennen. Er war zum
Chef der in Oberschlesien neuzubildenden 9. Armee ernannt worden. Doch
schon am 17. September ordnete Seine Majestaet der Kaiser an, dass ich den
Befehl ueber diese Armee zu uebernehmen haette, gleichzeitig aber auch die
Verfuegung ueber die zum Schutze Ostpreussens zurueckbleibende, nunmehr durch
Abgabe des Garde-Reserve-Korps, des XI., XVII. und XX. Armeekorps sowie
der 8. Kavalleriedivision an die 9. Armee geschwaechte 8. Armee
beibehielte. Die Trennung von meinem bisherigen Generalstabschef war also
lediglich ein kleines Zwischenspiel gewesen. Ich erwaehne sie nur, weil
sich auch ihrer die Legende entstellend bemaechtigt hat.

Am 18. September verlasse ich in frueher Morgenstunde das Hauptquartier der
8. Armee Insterburg, um im Kraftwagen in zweitaegiger Fahrt ueber Posen die
schlesische Hauptstadt Breslau zu erreichen. Die Fahrt ging zunaechst ueber
die Schlachtfelder der letzten Wochen, dankerfuellte Erinnerungen an unsere
Truppen ausloesend. Anfaenglich durch verlassene, niedergebrannte
Wohnstaetten, dann allmaehlicher Eintritt in unberuehrte Gebiete, Landvolk
wieder nach Osten wandernd, seinen verlassenen Heimstaetten zustrebend.
Bewaehrtes Landvolk, der beste Untergrund unserer Kraft. Meine Gedanken
begleiten es hin zu den vielleicht rauchgeschwaerzten Truemmern seiner
Haeuser, ein Anblick, vor dem es laenger als hundert Jahre dank der
Tuechtigkeit unserer Heeresmacht bewahrt geblieben war. Weiter fort bis zur
Weichsel durch schlichte Doerfer und Staedte, kaum irgendwo Spuren des
Glanzes alter westlicher Kultur! Kolonisationsboden Deutschlands, fuer
dessen Besiedelung seinerzeit das zerrissene Vaterland wahrlich nicht die
schlechtesten Kraefte abgab. Sein wertvollster Schatz liegt in der Arbeit
und der Gesinnung seiner Bewohner. Ein einfaches, pflichttreu denkendes
Volk. Es ist mir, wie wenn Kants Lehre vom kategorischen Imperativ hier
nicht nur gepredigt, sondern auch besonders ernst verstanden und in die
Welt der Wirklichkeit und des Schaffens uebertragen worden ist. Fast alle
deutschen Volksstaemme haben sich hier in jahrhundertelanger schwerer
Kulturarbeit zusammengefunden und sich dabei jenen harten Willen
angeeignet, der dem Vaterland in schweren Zeiten manche unschaetzbaren
Dienste geleistet hat.

Solche und aehnliche ernste Gedanken bewegten mich waehrend der Fahrt und
haben mich auch spaeterhin waehrend unseres ganzen furchtbaren Ringens nicht
verlassen. Deutsche, lasst sie mich in folgende Mahnung zusammenfassen:

Legt um euch alle nicht nur das einigende, goldene Band der sittlichen
Menschenpflicht, sondern auch das Stahlband der gleichhohen
Vaterlandspflicht! Verstaerkt dieses Stahlband immer weiter, bis es zur
ehernen Mauer wird, in deren Schutze ihr leben wollt und einzig und allein
leben koennt inmitten der Brandung der europaeischen Welt! Glaubt mir, diese
Brandung wird andauern. Keine menschliche Stimme wird sie bannen, kein
menschlicher Vertrag wird sie schwaechen! Wehe uns, wenn die Brandung ein
Stueck von dieser Mauer abgebrochen findet. Es wuerde zum Sturmbock der
europaeischen Voelkerwogen gegen die noch stehende deutsche Feste werden.
Das hat uns unsere Geschichte leider nur zu oft gelehrt!

Auch diesmal sagte ich der Heimat nicht mit leichtem Herzen Lebewohl. Ein
anderer Abschied aber wurde nur in dieser Lage noch schwerer. Es war dies
der Abschied von der bisherigen Selbstaendigkeit.

Mag der Schlusssatz des letzten Telegrammes der Obersten Heeresleitung in
dieser Richtung auch troestlich lauten, ich ahne doch das Schicksal, dem
wir entgegengehen. Ich kenne es nicht aus dem bisherigen Feldzug, denn in
ihm war uns die goldene kriegerische Freiheit im reichsten Masse beschieden
gewesen. Wohl aber entnehme ich es der Geschichte frueherer
Koalitionskriege.



                              Der Vormarsch


Wir hatten fuer das beste gehalten, unsere Armee in der Gegend von
Kreuzburg in Mittelschlesien zu versammeln. Von dort glaubten wir groessere
Armfreiheit zum Operieren gegen die noerdliche Flanke der russischen
Heeresgruppe in Polen, deren Stellung zur Zeit allerdings nicht festgelegt
war, zu besitzen. - "Unmoeglich!"

Wir moechten, dass es unserer Armee gestattet wird, mit dem rechten Fluegel
ueber Kielce (Mitte Polens) vorzugehen. - "Unmoeglich!"

Wir moechten, dass uns starke oesterreichisch-ungarische Kraefte noerdlich der
oberen Weichsel bis zur San-Muendung begleiten. - "Unmoeglich!"

Wenn dieses Alles als unmoeglich bezeichnet wird, so wird vielleicht die
ganze Operation unmoeglich sein oder werden.

Wir versammeln also unsere Truppen (XI., XVII., XX., Garde-Reserve-Korps,
Landwehr-Korps Woyrsch, 35. Reservedivision, Landwehrdivision Bredow und
8. Kavalleriedivision) im von der Obersten Heeresleitung befohlenen
engsten Anschluss an den linken oesterreichisch-ungarischen Heeresfluegel
noerdlich Krakau. Unser Hauptquartier kommt voruebergehend nach Beuthen in
Oberschlesien. Aus dem Aufmarschraum treten wir Ende September an, und
zwar mit der Mitte, also nicht mit dem rechten Fluegel der Armee, in
Richtung ueber Kielce. Die oesterreichisch-ungarische Heeresleitung
verschiebt von Krakau aus eine schwache Armee von nur
4 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision nordwaerts ueber die
Weichsel. Mehr glaubt sie suedlich des Flusses nicht entbehren zu koennen.
Sie beabsichtigt dort selbst einen entscheidenden Angriff. Auch dieser
Plan des Verbuendeten ist kuehn und macht seinem Urheber alle Ehre. Es fragt
sich nur, ob Aussicht besteht, dass das stark geschwaechte Heer trotz allem
erhaltenen Ersatz die Durchfuehrung ermoeglicht. Meine Bedenken werden durch
die Hoffnung gemildert, dass der Russe, sobald er das Auftreten unserer
deutschen Truppen in Polen bemerkt, seine Hauptkraefte auf uns werfen wird
und dadurch dem Verbuendeten einen Erfolg ermoeglicht.

Das Bild, das wir uns bei Beginn unserer Bewegungen ueber die Lage machen
koennen, ist unklar. Bestimmt wissen wir nur, dass die Russen den weichenden
oesterreichisch-ungarischen Armeen in der letzten Zeit ueber den San hinaus
nur zoegernd gefolgt sind. Ferner sind Anzeichen dafuer vorhanden, dass
noerdlich der Weichsel 6-7 russische Kavalleriedivisionen und
Grenzschutzbrigaden in unbekannter Zahl stehen. Bei Iwangorod scheint eine
russische Armee in Bildung begriffen zu sein. Die Truppen hierfuer werden
augenscheinlich teils aus den Armeen entnommen, die uns bei den frueheren
Operationen in Ostpreussen gegenueber standen, teils kommen neue Kraefte aus
Russisch-Asien heran. Auch liegt Nachricht vor, dass westlich Warschau an
einer grossen Stellung mit Front nach Westen gebaut wird. Wir marschieren
also in eine recht unsichere Lage hinein und muessen auf Ueberraschungen
gefasst sein.

Wir betreten Russisch-Polen und lernen sofort die volle Bedeutung dessen
kennen, was ein franzoesischer General in seiner Beschreibung des von ihm
miterlebten napoleonischen Feldzuges im Winter 1806 als besonderes Element
der dortigen Kriegfuehrung bezeichnet hat, naemlich - den Dreck! Und zwar
den Dreck in jeder Form, nicht nur in der freien Natur, sondern auch in
den sogenannten menschlichen Wohnungen und an deren Bewohnern selbst. Mit
Ueberschreiten unserer Grenze waren wir geradezu in einer anderen Welt. Man
legte sich unwillkuerlich die Frage vor: wie ist es moeglich, dass auf dem
Boden Europas die Grenzsteine zwischen Posen und Polen solch scharfe
Trennungslinien zwischen Kulturstufen des gleichen Volksstammes ziehen? In
welch einem koerperlichen, sittlichen und materiellen Elend hatte die
russische Staatsverwaltung diese Landesteile gelassen, wie wenig hatte die
Ueberfeinerung in den Kreisen der polnischen Grossen zivilisatorische Kraefte
in die niedergehaltenen unteren Schichten durchsickern lassen! Die
offenkundige politische Gleichgueltigkeit dieser Massen beispielsweise
durch Einwirkung der Geistlichkeit in einen hoeheren Schwung zu bringen,
der sich bis zu einem freiwilligen Kampfanschluss an uns haette steigern
lassen, schien mir schon nach den ersten Eindruecken fraglich.

Unsere Bewegungen werden durch grundlose Wege aufs aeusserste erschwert. Der
Gegner bekommt Einblick in sie und trifft Gegenmassregeln. Er zieht aus der
Front den Oesterreichern gegenueber ein halbes Dutzend Armeekorps in der
offenkundigen Absicht heraus, diese uns ueber die Weichsel suedlich
Iwangorod frontal entgegen zu werfen.

Am 6. Oktober erreichen wir ueber Opatow-Radom die Weichsel. Was sich hier
vom Gegner westlich des Flusses befunden hatte, war von uns
zurueckgetrieben worden. Nunmehr spricht sich jedoch eine Bedrohung unseres
Nordfluegels von Iwangorod-Warschau her aus. Unter diesen Umstaenden ist
vorlaeufig eine Fortsetzung unserer Operation in oestlicher Richtung ueber
die Weichsel suedlich Iwangorod hinweg unmoeglich. Wir muessen zunaechst mit
dem Gegner im Norden abrechnen. Alles uebrige haengt von dem Ausgange der
dort zu erwartenden groesseren Kaempfe ab. Ein eigenartiges strategisches
Bild entwickelt sich. Waehrend gegnerische Korps von Galizien aus jenseits
der Weichsel Warschau zustreben, bewegen sich auch die unserigen diesseits
des Stromes in der gleichen noerdlichen Richtung. Um unseren Linksabmarsch
aufzuhalten, wirft der Feind bei und unterhalb Iwangorod starke Kraefte
ueber die Weichsel. Sie werden in erbitterten Kaempfen auf ihre
Uebergangsstellen zurueckgeworfen; wir sind aber nicht imstande, den Gegner
voellig vom Westufer zu vertreiben. Zwei Tagemaersche suedlich Warschau
trifft unser linker Fluegel unter General von Mackensen auf ueberlegene
feindliche Truppen und wirft sie gegen die Festung. Etwa einen Tagemarsch
von der Fortslinie entfernt kommt jedoch unser Angriff ins Stocken.

Auf dem Schlachtfeld suedlich Warschau ist uns als wichtigstes Beutestueck
ein russischer Befehl in die Haende gefallen, der uns klaren Einblick in
die Staerken des Gegners und in seine Absichten gibt. Von der Sanmuendung
bis Warschau haben wir es danach mit 4 russischen Armeen zu tun; das sind
etwa 60 Divisionen gegenueber 18 auf unserer Seite. Aus Warschau heraus
sind allein 14 feindliche Divisionen gegen 5 der unserigen angesetzt. Das
sind etwa 224 russische Bataillone gegen 60 deutsche. Die gegnerische
Ueberlegenheit erhoeht sich noch dadurch, dass unsere Infanterie infolge der
vorausgegangenen Kaempfe in Ostpreussen und Frankreich sowie durch die
jetzigen langen und anstrengenden Maersche, bis ueber 300 km in 14 Tagen und
auf grundlosen Wegen, auf kaum noch die Haelfte, ja teilweise bis unter ein
Viertel der urspruenglichen Gefechtsstaerke zusammengeschmolzen ist. Und
diese Schwaechung unserer Kampfkraft gegenueber neu eintreffenden,
vollzaehligen sibirischen Korps, Elitetruppen des Zarenreiches!

Die Absicht des Gegners ist, uns laengs der Weichsel zu fesseln, waehrend
ein entscheidender Stoss aus Warschau heraus uns dem Verderben
entgegenfuehren soll. Ein zweifellos grosser Plan des Grossfuersten
Nikolaij-Nikolaijewitsch, ja der groesste, den ich von ihm kennen lernte,
und der meines Erachtens auch sein groesster blieb, bis er sich in den
Kaukasus begeben musste.

War ich im Herbst 1897 auf dem Bahnhofe in Homburg vor der Hoehe nach dem
Kaisermanoever von dem Grossfuersten in ein Gespraech gezogen worden, das sich
besonders um die Verwendung der Artillerie drehte, so trat ich dem
russischen Oberfeldherrn jetzt in Polen zum ersten Male _in praxi_
unmittelbar gegenueber, denn in Ostpreussen schien er nur voruebergehend als
Zuschauer geweilt zu haben. Gelingt seine Operation, so droht nicht nur
fuer die 9. Armee, sondern fuer die ganze Ostfront, fuer Schlesien, ja fuer
die ganze Heimat eine Katastrophe. Doch wir duerfen jetzt nicht so
schwarzen Gedanken nachgehen, sondern muessen Mittel und Wege finden, die
drohende Gefahr abzuwehren. Wir entschliessen uns daher dazu, unter
Festhaltung der Weichsellinie von Iwangorod suedwaerts alle dort noch
freizumachenden Kraefte unserem linken Fluegel zuzufuehren und uns mit diesem
auf den Gegner suedlich von Warschau in der Hoffnung zu werfen, ihn zu
schlagen, bevor neue Massen dort erscheinen koennen.

Eile tut not! Wir bitten daher Oesterreich-Ungarn, alles, was es an Truppen
frei hat, sofort links der Weichsel gegen Warschau zu lenken. Das
k. und k. Armee-Oberkommando zeigt fuer die Lage durchaus richtiges
Verstaendnis, erhebt jedoch zugleich Bedenken, die gerade dieser Lage wenig
entsprechen. Oesterreich-Ungarn, zu dessen Hilfe wir herangeeilt sind, ist
bereit, uns zu unterstuetzen, aber nur auf dem langsamen und daher
zeitraubenden Wege einer Abloesung unserer an der Weichsellinie
zurueckgelassenen Truppen. Dadurch wird freilich eine Vermischung deutscher
und oesterreichisch-ungarischer Verbaende vermieden, aber man bringt die
ganze Operation in die Gefahr des Misslingens. Gegenvorstellungen
unsererseits fuehren zu keinem Ergebnis. So fuegen wir uns denn den Wuenschen
unserer Verbuendeten.



                               Der Rueckzug


Was wir befuerchten, tritt ein. Aus Warschau heraus quellen immer neue
Truppenmassen, und auch weiter unterhalb ueberschreiten solche die
Weichsel. Von unseren langgestreckten Kampflinien an der Stirnseite
aufgehalten, droht die sich immer breiter nach Westen entwickelnde
feindliche Ueberlegenheit um unsere linke Flanke herumzuschlagen. Die Lage
kann und darf so nicht lange bleiben. Unsere ganze gemeinsame Operation
kommt in Gefahr nicht nur zu versumpfen, sondern zu scheitern. Ja man
koennte vielleicht sagen, sie ist schon gescheitert, da im Sueden der oberen
Weichsel, in Galizien, der erhoffte Erfolg nicht errungen wird, obwohl der
Gegner gewaltige Massen von dort gegen unsere 9. Armee herangefuehrt, sich
also unsern Verbuendeten gegenueber geschwaecht hat. Jedenfalls muss der
schwere, von unserer Truppe zuerst unwillig aufgenommene Entschluss gefasst
werden, uns aus der drohenden Umklammerung loszumachen und auf andere
Weise einen Ausweg aus der Gefahr zu suchen. Das Schlachtfeld von Warschau
wird in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober dem Gegner ueberlassen. Um
die Operation nicht schon jetzt aufzugeben, fuehren wir unsere vor Warschau
unter Mackensen kaempfenden Truppen in die Stellung Rawa-Lowicz, etwa 70 km
westlich der Festung, zurueck. Wir hoffen, dass der Russe gegen diese nach
Osten gerichtete Front anrennen wird. Dann wollen wir mit unseren
inzwischen von den Oesterreichern vor Iwangorod abgeloesten Korps von Sueden
her einen entscheidenden Schlag gegen den staerksten Teil der russischen
Heeresgruppe im grossen Weichselbogen fuehren. Vorbedingung fuer Durchfuehrung
dieses Planes ist, dass Mackensens Truppen den Anprall der russischen
Heerhaufen aushalten, und dass die oesterreichisch-ungarische Verteidigung
an der Weichsel so fest steht, dass unser beabsichtigter Stoss gegen
russische Flankeneinwirkung aus oestlicher Richtung sicher geschuetzt ist.
Die Loesung dieser letzteren Aufgabe erscheint angesichts der Staerke der
Weichselstellung fuer unseren Verbuendeten einfach. Die oesterreichische
Fuehrung erschwerte sie sich aber durch den an sich guten Willen, auch
ihrerseits einen grossen Schlag auszufuehren. Sie entschliesst sich, dem
Gegner die Weichseluebergaenge bei Iwangorod und noerdlich frei zu geben, um
dann ueber die gegnerischen Kolonnen waehrend ihres Uferwechsels
herzufallen. Ein kuehner Plan, der im Frieden bei Kriegsspielen und
Manoevern in Ausfuehrung und Kritik oftmals eine Rolle spielt, der auch im
Kriege vom Feldmarschall Bluecher und seinem Gneisenau an der Katzbach
glaenzend geloest wurde. Gefaehrlich bleibt ein solches Unternehmen aber
immer, besonders, wenn man seiner Truppe nicht voellig sicher ist. Wir
raten daher ab. Doch vergeblich! Die russische Ueberlegenheit kann also bei
Iwangorod ueber die Weichsel ruecken; der oesterreichisch-ungarische
Gegenangriff erringt anfangs Erfolge, erlahmt aber bald und verwandelt
sich schliesslich in einen Rueckzug.

Was nuetzt es uns jetzt noch, wenn die ersten Anstuerme der Russen gegen
Mackensens neue Front scheitern? Die rechte Flanke unseres beabsichtigten
Angriffs ist durch das Zurueckweichen unseres Verbuendeten entbloesst. Wir
muessen auf diese Operation verzichten. Es erscheint mir am besten, wir
machen uns durch Fortsetzung des Rueckzuges die Arme frei, um spaeter
anderwaerts wieder zuschlagen zu koennen. Der Entschluss reift in mir in
unserem Hauptquartier zu Radom, zunaechst nur in Umrissen, aber doch klar
genug, um fuer die weiteren Massnahmen als Richtlinie zu dienen. Mein
Generalstabschef wird diese festhalten, seine titanische Kraft wird fuer
ihre Durchfuehrung alles vorsorgen, des bin ich gewiss.

Freilich verbinden sich mit dem Gedanken auch ernste Bedenken. Was wird
die Heimat sagen, wenn sich unser Rueckzug ihren Grenzen naehert? Ist es ein
Wunder, wenn Schlesien erbebt? Man wird dort an die russischen
Verwuestungen in Ostpreussen denken, an Pluenderungen, Verschleppung
Wehrloser und anderes Elend. Das reiche Schlesien mit seinem maechtig
entwickelten Bergbau und seiner grossen Industrie, beides fuer die
Kriegfuehrung uns so notwendig wie das taegliche Brot! Man faehrt im Kriege
nicht einfach mit der Hand ueber die Karte und sagt: "Ich raeume dieses
Land!" Man muss nicht nur soldatisch sondern auch wirtschaftlich denken;
auch rein menschliche Gefuehle draengen sich heran. Ja gerade diese sind oft
am schwersten zu bannen.

Unser Rueckzug wird in allgemeiner Richtung Czenstochau am 27. Oktober
angetreten. Gruendliche Zerstoerungen aller Strassen und Eisenbahnen sollen
die dichtgedraengten russischen Massen aufhalten, bis wir uns voellig
losgeloest haben, und bis wir Zeit finden, eine neue Operation einzuleiten.
Die Armee rueckt hinter die Widawka und Warthe, linker Fluegel in Gegend
Sieradz; das Hauptquartier geht nach Czenstochau. Der Russe folgt anfangs
dicht auf, dann erweitert sich der Abstand. So hat dieser wilde Wechsel
spannendster Kriegslagen seine einstweilige Loesung gefunden.

Bei dieser Gelegenheit moechte ich nicht unerwaehnt lassen, dass uns das
rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch die unbegreifliche
Unvorsichtigkeit, ja man koennte sagen, durch die Naivitaet erleichtert
wurde, mit der der Russe von seinen funkentelegraphischen Verbindungen
Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprueche waren wir
vielfach instandgesetzt, nicht nur die Aufstellung sondern sogar die
Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren. Trotz dieser ungewoehnlichen
Gunst der Verhaeltnisse stellten die eintretenden Lagen besonders wegen der
grossen zahlenmaessigen Ueberlegenheit des Gegners jedoch immer noch genuegend
starke Ansprueche an die Nerven der obersten Fuehrung. Ich wusste aber die
untere Fuehrung fest in unserer Hand und hatte das unbedingte Vertrauen,
dass von den Truppen das Menschenmoegliche geleistet wurde. Solches
Zusammengreifen aller hat uns die Ueberwindung der gefaehrlichsten Lagen
ermoeglicht. Doch schien unser schliessliches Verderben dieses Mal nicht
bloss aufgeschoben? Die Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie
hielten uns augenscheinlich fuer voellig geschlagen. Vielleicht war diese
ihre Ansicht unser Glueck, denn am 1. November verkuendet ein russischer
Funkspruch: "Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt habe, sei es Zeit die
Verfolgung der Kavallerie zu ueberlassen. Die Infanterie sei ermuedet, der
Nachschub schwierig." Wir koennen also Atem schoepfen und an neue Plaene
herantreten.

An diesem 1. November verfuegte Seine Majestaet der Kaiser meine Ernennung
zum Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkraefte im Osten, auch wurde
mein Befehlsbereich ueber die deutschen oestlichen Grenzgebiete erweitert.
General Ludendorff blieb mein Chef. Die Fuehrung der 9. Armee wurde General
von Mackensen uebertragen. Wir waren damit von der unmittelbaren Sorge fuer
die Armee befreit; um so beherrschender wurde unser Einwirken auf das
Ganze.

Als unser Hauptquartier waehlen wir Posen. Noch bevor wir jedoch dahin
uebersiedeln, faellt in Czenstochau am 3. November die endgueltige
Entscheidung ueber unsere neue Operation, oder ich sage vielleicht besser,
erhalten die neuen Absichten ihre endgueltige Form.



                            Unser Gegenangriff


Der neue Plan gruendet sich auf folgende Erwaegung: Wuerden wir in der
jetzigen Aufstellung den Angriff der gegenueberstehenden 4 russischen
Armeen frontal abzuwehren versuchen, so wuerde der Kampf gegen die
erdrueckende Uebermacht wohl ebenso verlaufen wie vor Warschau. Schlesien
ist also auf diese Weise vor dem Einbruch des Gegners nicht zu retten.
Diese Aufgabe ist nur im Angriff zu loesen. Ein solcher, gegen die
Stirnseite des weit ueberlegenen Gegners gefuehrt, wuerde einfach
zerschellen. Wir muessen ihn gegen die offene oder bloss schwach gedeckte
feindliche Flanke zu richten suchen. Eine ausholende Bewegung meiner
linken Hand illustrierte bei der ersten Besprechung diesen Gedanken.
Suchen wir den feindlichen Nordfluegel in der Gegend von Lodz, so muessen
wir unsere Angriffskraefte bis nach Thorn verschieben. Zwischen dieser
Festung und Gnesen wird also unser neuer Aufmarsch geplant. Wir trennen
uns damit weit vom oesterreichisch-ungarischen linken Heeresfluegel. Nur
noch schwaechere deutsche Kraefte, darunter das hart mitgenommene
Landwehrkorps Woyrsch, sollen in der Gegend von Czenstochau belassen
werden. Vorbedingung fuer unseren Linksabmarsch ist, dass das k. u. k.
Armee-Oberkommando an die Stelle unserer nach Norden abrueckenden Teile in
die Gegend von Czenstochau 4 Infanteriedivisionen aus der zur Zeit nicht
bedrohten Karpathenfront heranbefoerdert.

Durch unseren neuen Aufmarsch bei Thorn-Gnesen werden die gesamten
verbuendeten Streitkraefte im Osten in 3 grosse Gruppen verteilt. Die erste
wird gebildet durch das oesterreichisch-ungarische Heer beiderseits der
oberen Weichsel, die beiden anderen durch die 9. und 8. Armee. Die
Zwischenraeume zwischen diesen 3 Gruppen koennen wir durch vollwertige
Kampftruppen nicht schliessen. Wir sind gezwungen, in die etwa 100 km
breite Luecke zwischen den Oesterreichern und unserer 9. Armee im
wesentlichen neuformierte Verbaende einzuschieben. Diese besitzen an sich
schon geringere Angriffskraft und muessen noch dazu an der Front einer
maechtigen russischen Ueberlegenheit sich so breit ausdehnen, dass sie
eigentlich nur einen duennen Schleier bilden. Rein zahlenmaessig beurteilt
brauchen die Russen gegen Schlesien nur anzutreten, um diesen Widerstand
mit Sicherheit zu ueberrennen. Zwischen der 9. Armee bei Thorn und der
8. Armee in den oestlichen Gebieten Ostpreussens befindet sich im
wesentlichen nur Grenzschutz, verstaerkt durch die Hauptreserven aus Thorn
und Graudenz. Auch diesen Truppen gegenueber steht eine starke russische
Gruppe von etwa 4 Armeekorps noerdlich von Warschau auf dem Nordufer der
Weichsel und des Narew. Diese russische Gruppe koennte, wenn sie ueber Mlawa
angesetzt wuerde, die Lage, wie sie sich Ende August vor der Schlacht bei
Tannenberg entwickelt hatte, nochmals wiederholen. Das Rueckengebiet der
8. Armee scheint also erneut und bedenklich bedroht. Aus dieser Lage in
Schlesien und Ostpreussen soll uns der Angriff der 9. Armee gegen die nur
schwach geschuetzte Flanke der russischen Hauptmassen in Richtung Lodz
befreien. Es ist klar, dass diese Armee, wenn ihr Angriff nicht rasch
durchdringt, die feindlichen Massen von allen Seiten auf sich ziehen wird.
Diese Gefahr ist um so groesser, als wir weder zahlenmaessig hinreichende noch
auch genuegend vollwertige Truppen haben, um sowohl die russischen
Heeresmassen im grossen Weichselbogen als auch die feindlichen Korps
noerdlich der mittleren Weichsel durch starke, durchhaltende Angriffe
frontal zu fesseln oder auch nur auf laengere Zeitspanne hinaus zu
taeuschen. Wir werden freilich trotz alledem ueberall unsere Truppen zum
Angriff vorgehen lassen, aber es waere doch ein gefaehrlicher Irrtum,
hiervon sich allzuviel zu versprechen.

Was an starken, angriffskraeftigen Verbaenden irgendwo freigemacht werden
kann, muss zur Verstaerkung der 9. Armee herangeholt werden. Sie fuehrt den
entscheidenden Schlag. Mag die 8. Armee noch so bedroht sein, sie muss
2 Armeekorps zugunsten der 9. abgeben. Die Verteidigung der erst vor
kurzem befreiten Provinz kann unter solchen Verhaeltnissen freilich nicht
mehr an der russischen Landesgrenze durchgefuehrt werden sondern muss in das
Seengebiet und an die Angerapp zurueckverlegt werden; ein harter Entschluss.
Die Gesamtstaerke der 9. Armee wird durch die geschilderte Massnahme auf
etwa 51/2 Armeekorps und 5 Kavalleriedivisionen gebracht. Zwei von letzteren
werden aus der Westfront herangefuehrt. Weitere Kraefte glaubt die Oberste
Heeresleitung trotz unserer ernsten Vorstellungen dort nicht freimachen zu
koennen. Sie hofft in dieser Zeit immer noch auf einen guenstigen Ausgang
der Schlacht bei Ypern. Die Schwierigkeiten des Zweifrontenkrieges zeigen
sich erneut in ihrer ganzen Groesse und Bedeutung.

Was auf unserer Seite an Kraeften fehlt, muss wieder durch Schnelligkeit und
Tatkraft ersetzt werden. Ich bin sicher, dass in dieser Beziehung das
Menschenmoegliche von seiten der Armeefuehrungen und Truppen geleistet
werden wird. Schon am 10. November steht die 9. Armee angriffsbereit, am
11. bricht sie los, mit dem linken Fluegel laengs der Weichsel, mit dem
rechten noerdlich der Warthe. Es ist hohe Zeit, denn schon kuendet sich an,
dass auch der Gegner vorgehen will. Ein feindlicher Funkspruch verraet, dass
die Armeen der Nordwestfront, d. h. also alles, was von russischen Kraeften
von der Ostsee bis einschliesslich Polen steht, am 14. November zu einem
tiefen Einfall in Deutschland antreten sollen. Wir entreissen dem
russischen Oberbefehlshaber die Vorhand, und als er am 13. unsere
Operation erkennt, wagt er nicht, den grossen Stoss gegen Schlesien
durchzufuehren, sondern wirft alle verfuegbaren Kraefte unserem Angriff
entgegen. Schlesien ist damit vorlaeufig gerettet, der erste Zweck unserer
Operation ist erreicht. Werden wir darueber hinaus eine grosse Entscheidung
erringen koennen? Die feindliche Uebermacht ist allenthalben gewaltig.
Trotzdem erhoffe ich Grosses!

Es wuerde den Rahmen dieses Buches ueberschreiten, wollte ich nunmehr einen,
wenn auch nur allgemeinen Ueberblick ueber die Kampfereignisse, die unter
der Bezeichnung "Schlacht bei Lodz" zusammengefasst sind, geben.

In dem Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung, Umfassen und Umfasstsein,
Durchbrechen und Durchbrochenwerden zeigt dieses Ringen auf beiden Seiten
ein geradezu verwirrendes Bild. Ein Bild, das in seiner erregenden
Wildheit alle die Schlachten uebertrifft, die bisher an der Ostfront getobt
hatten!

Es war uns im Verein mit Oesterreich-Ungarn gelungen, die Fluten halb
Asiens abzudaemmen.

Die Kaempfe dieses polnischen Feldzuges endeten aber nicht bei Lodz sondern
wurden auf beiden Seiten weiter genaehrt. Neue Kraefte kamen zu uns vom
Westen heran, doch nur wenig frische, meist solche mit gutem Willen aber
mit halbverbrauchter Kraft. Sie waren zum Teil herausgezogen aus einem
aehnlich schweren, ja vielleicht noch schwereren Ringen, als wir es hinter
uns hatten, naemlich aus der Schlacht bei Ypern. Wir versuchten trotzdem,
mit ihnen die abgedaemmte russische Flut zum Zurueckweichen zu bringen. Und
wirklich schien es eine Zeitlang, als ob uns dies gelingen wuerde. Unsere
Kraefte zeigten sich jedoch schliesslich auch jetzt aehnlich wie in den
Kaempfen von Lodz als nicht ausreichend genug fuer dieses Ringen gegen die
ungeheuerste Ueberlegenheit, die uns jemals auf dem Schlachtfelde
gegenueberstand. Wir haetten mehr leisten koennen, wenn die Verstaerkungen
nicht so tropfenweise eingetroffen waeren, wir also vermocht haetten, sie
gleichzeitig einzusetzen. So aber bewegte sich der ungeheure slawische
Block, den wir nach Osten hin rollen wollten, nur noch eine Strecke weit,
dann lag er wieder still und unbeweglich. Unsere Kraft ermattete, sie
ermattete aber nicht nur im Kampfe, sondern auch - im Sumpfe.

Erst der eingetretene Winter legte seine laehmenden Fesseln um die
Taetigkeit von Freund und Feind. Die im Kampfe schon erstarrten Linien
deckte Schnee und Eis. Die Frage war: Wer wird diese Linien in den
kommenden Monaten zuerst aus ihrer Erstarrung loesen?




                                   1915



                       Frage der Kriegsentscheidung


Die Leistungen Deutschlands und seines Heeres im Jahre 1914 werden in
ihrer ganzen heldenhaften Groesse erst dann einwandfrei gewuerdigt werden,
wenn Wahrheit und Gerechtigkeit wieder zur freien Wirkung kommen, wenn die
Propaganda unserer Gegner in ihrer die Weltmeinung irrefuehrenden Weise
entlarvt ist, und wenn die deutsche kritische Selbstzerfleischung einem
ruhigen besonnenen Urteil weicht. Ich zweifle nicht, dass dies alles
eintreten wird.

Trotz der Groesse all unserer Leistungen fehlte aber die Kroenung des
gewaltigen, uns aufgezwungenen Werkes. Bis jetzt war nur die
augenblickliche Rettung, nicht aber ein durchgreifender Sieg erkaempft. Die
Vorstufe, die zu diesem fuehrte, war eine Entscheidung auf wenigstens einer
unserer Fronten. Wir mussten herauskommen aus der kriegerischen,
politischen und wirtschaftlichen Umklammerung, die uns einschnuerte und uns
auch moralisch den Atem zu nehmen drohte. Die Gruende fuer das bisherige
Ausbleiben des Erfolges waren strittig und werden strittig bleiben. Die
Tatsache bestand, dass unsere Oberste Heeresleitung sich genoetigt geglaubt
hatte, vom Westen, wo sie die rasche Entscheidung suchen wollte, vorzeitig
starke Kraefte nach dem Osten zu werfen. Ob bei diesem Entschluss nicht auch
eine Ueberschaetzung der damals im Westen erreichten Erfolge eine grosse
Rolle spielte, moechte ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls erwuchsen
Halbheiten; das eine Ziel war aufgegeben, das andere nicht erreicht.

In zahlreichen Gespraechen mit Offizieren, die einen Einblick in den
Verlauf der Ereignisse im August und September 1914 auf dem westlichen
Kriegsschauplatz gehabt hatten, versuchte ich ein einwandfreies Urteil
ueber die Vorgaenge zu gewinnen, die fuer uns in der sogenannten
Marneschlacht so verhaengnisvoll wurden. Ich glaube nicht, dass eine
einzelne Ursache die Schuld an dem Scheitern unseres grossen, zweifellos
richtigen Feldzugsplanes traegt. Eine ganze Reihe unguenstiger Einwirkungen
entschied zu unseren Ungunsten. Zu diesen zaehle ich: Verwaesserung des
Grundgedankens, mit einem starken rechten Fluegel aufzumarschieren,
Festrennen des ueberstark gemachten linken Heeresfluegels durch falsche
Selbsttaetigkeit der unteren Fuehrung, Verkennen der aus dem
starkbefestigten, grossen Eisenbahnknotenpunkt Paris zu erwartenden Gefahr,
ungenuegendes Eingreifen der Obersten Heeresleitung in die Bewegungen der
Armeen und vielleicht auch mangelhaftes Herausfuehlen der an sich nicht
unguenstigen Lage an dieser und jener Kommandostelle im entscheidenden
Augenblick der Schlacht. Die Geschichtsforschung und die Kritik werden
hier ein dankbares Feld ihrer Taetigkeit haben.

Mit aller Entschiedenheit moechte ich mich aber dahin aussprechen, dass das
Scheitern unseres ersten Operationsplanes im Westen zwar eine schwere
Gefahr fuer uns brachte, dass dadurch aber keineswegs die Fortfuehrung des
Krieges fuer uns aussichtslos geworden war. Waere dies nicht meine
Ueberzeugung gewesen, so wuerde ich mich schon im Herbste 1914 fuer
verpflichtet gehalten haben, dies nach oben hin, und zwar bis zu meinem
Allerhoechsten Kriegsherrn zu vertreten. Unser Heer hatte derartige
glaenzende und den Gegnern allenthalben ueberlegene Eigenschaften
entwickelt, dass nach meiner Ansicht bei einer entsprechenden
Zusammenfassung unserer Kraefte trotz der feindlichen stets wachsenden
zahlenmaessigen Ueberlegenheit eine Entscheidung wenigstens zunaechst auf
einem unserer Kriegstheater moeglich blieb.

West oder Ost? Das musste die grosse Frage sein, von deren Beantwortung
unser Schicksal abhing. Bei Loesung dieser Frage konnte mir
selbstverstaendlich eine entscheidende Stimme von seiten der Obersten
Heeresleitung nicht zuerkannt werden. Die Verantwortung lag allein und
ausschliesslich auf ihren Schultern. Ich glaubte jedoch das Recht und damit
auch die Pflicht zu haben, meine Anschauungen in dieser Richtung frei und
offen zu aeussern und zu vertreten.

Fuer das allgemeine Denken war die sogenannte Westentscheidung
traditionell. Sie war, man darf vielleicht sagen, national. Im Westen
stand der Feind, dessen chauvinistische Hetzereien uns im Frieden nicht
hatten zur Ruhe kommen lassen. Dort stand jetzt aber zugleich auch
derjenige Gegner, der nach unser aller Ueberzeugung die zur Vernichtung
Deutschlands treibende Kraft darstellte. Demgegenueber fand man bei uns die
Begehrlichkeit Russlands auf Konstantinopel vielfach begreiflich; diejenige
auf Ost- und Westpreussen nahm man nicht ernst.

Die deutsche Kriegsleitung konnte sonach beim Kampfe im Westen sicher
damit rechnen, die fuehrenden Geister des Vaterlandes, ja das Empfinden des
groessten Teiles des Volkes auf ihrer Seite zu haben. Darin lag ein nicht zu
verachtender moralischer Faktor. Ob dieser in den Berechnungen unserer
Heeresfuehrung eine Rolle spielte, wage ich nicht zu behaupten; wohl aber
weiss ich, dass der Gedanke einer Westentscheidung uns hundert- und
tausendfach muendlich und schriftlich entgegengebracht wurde. Ja ich fand
sogar spaeter, als mir selbst die Kriegsleitung anvertraut wurde, Stimmen,
die mir eine foermliche Schonung Russlands nahelegten. Man glaubte eben
vielfach, dass es verhaeltnismaessig leicht fuer uns sei, mit Russland auf
friedlichem Boden eine Verstaendigung zu finden.

Der entscheidende, den Endsieg erstrebende Kampf im Westen galt auch mir
als _ultima ratio_ fuer Erzwingung des Friedens, aber als eine _ultima
ratio_, an die wir nur ueber den auf den Boden geworfenen Russen
herantreten konnten. Vermochte man den Russen zu Boden zu werfen? Das
Schicksal hat die Frage bejaht, aber erst, als zwei weitere Jahre
vergangen waren, als es, wie es sich herausstellen sollte, zu spaet
geworden war. Denn bis dahin hatte sich unsere Lage gruendlich veraendert.
Die Zahl und Kraft unserer uebrigen Gegner war in der Zwischenzeit ins
Riesenhafte weiter gewachsen, und in den Kreis ihrer Kaempfer trat an
Stelle Russlands das jugendkraeftige, wirtschaftsgewaltige Nordamerika!

Ich glaubte, die Frage, ob wir Russland niederzwingen koennten, im Winter
1914/15 bejahen zu duerfen, und stehe noch heute auf diesem Standpunkt.
Freilich: das Ziel war nicht in einem einzigen grossen, ins Ungeheure
gesteigerten Sedan zu erreichen, wohl aber in einer Reihe solcher und
aehnlicher Schlachten. Hierfuer aber bot, wie es sich damals bereits gezeigt
hatte, wenn auch nicht die russische Heeresleitung so doch die Fuehrung der
russischen Armeen guenstige Vorbedingungen. Tannenberg hatte dieses
bewiesen; Lodz haette es beweisen koennen, vielleicht mit noch gewaltigeren
Zahlen wie Tannenberg, wenn wir nicht damals den Kampf in Polen gegen gar
zu grosse Ueberlegenheiten haetten auf uns nehmen muessen und sozusagen mitten
im Siege aus Mangel an Kraeften steckenblieben.

Ich habe den Russen nie unterschaetzt. Es war nach meiner Ansicht falsch,
in Russland nur Despotismus und Sklaventum, Unbeholfenheit, Stumpfsinn und
Eigennutz zu sehen. Starke und hohe sittliche Kraefte waren auch dort am
Werke, freilich nur in einzelnen Kreisen. Vaterlandsliebe, selbstaendiger
Wille, Arbeitskraft und Weitblick waren dem Heere nicht unbedingt fremd.
Wie haetten sich auch sonst die ungeheuren Massen bewegen lassen, wie waeren
anders das Land und die Truppen zu solchen Hekatomben von Menschenopfern
bereit gewesen? Der Russe der Jahre 1914 und 1915 war nicht mehr der Russe
von Zorndorf, der sich willenlos wie Schlachtvieh niederschlagen liess.
Aber es fehlte ihm doch in seiner Masse die Groesse menschlicher und
geistiger Eigenschaften, die bei uns Gemeingut des Volkes und Heeres
waren.

Die bisherigen Kaempfe mit den Armeen des Zaren hatten unseren Offizieren
und Soldaten das Gefuehl unbedingter Ueberlegenheit ueber diese Feinde
gegeben. Dieses Gefuehl, das unsere alten Landstuermer ebenso wie unsere
jungen Soldaten erfuellte, erklaerte es, dass wir hier im Osten
Truppengebilde in den Kampf werfen konnten, deren Kampfwert eine
Verwendung an der Westfront nur unter Vorbehalt zugelassen haette. Ein
ungeheurer Vorteil fuer uns, da wir zahlenmaessig so sehr den Gesamtgegnern
unterlegen waren! Freilich hatte die Verwendung solcher Verbaende ihre
Grenzen angesichts der grossen Anforderungen, die an die Ausdauer und an
die operative Beweglichkeit der Truppe in den oestlichen Gebieten zu
stellen waren. Die Hauptkraft musste immer wieder durch schlagkraeftige
Divisionen geliefert werden. Konnte man ihre zur Fuehrung entscheidender
Operationen noetige Anzahl nicht durch Neubildungen gewinnen, so mussten sie
nach meiner Ansicht, selbst unter Preisgabe von Teilen besetzter Gebiete,
aus der westlichen Front gezogen werden.

Diese Darlegungen sind nicht erst das Ergebnis nachtraeglicher
Gedankenkonstruktionen oder rueckschauender Kritik. Man hat ihnen gegenueber
darauf hingewiesen, dass der Russe jederzeit imstande sein wuerde, sich im
Falle der Not in die sogenannte Endlosigkeit seines Reiches so weit
zurueckzuziehen, dass unsere operative Kraft im Nachfolgen erlahmen muesste.
Ich glaube, dass diese Anschauungen sich allzusehr unter dem Banne der
Erinnerungen an 1812 befanden, dass sie der inzwischen eingetretenen
Entwickelung und Aenderung der politischen und wirtschaftlichen
Verhaeltnisse des inneren Zarenreiches - ich erinnere besonders an die
Eisenbahnen - nicht genuegend Rechnung trugen. Der napoleonische Feldzug
hatte seinerzeit nur einen verhaeltnismaessig schmalen Keil in das weite,
duenn bevoelkerte, wirtschaftlich primitive, innerpolitisch noch voellig
unerweckte Russland getrieben. Wie ganz anders sprach sich eine breite,
moderne Offensive aus; welche ganz andere innerstaatliche Verhaeltnisse
musste sie jetzt auch in Russland vorfinden?

In diesen Anschauungen lag letzten Endes der Widerstreit zwischen der
damaligen deutschen Heeresfuehrung und meinem Oberkommando. Die
Oeffentlichkeit hat viele Legenden in diesen Widerstreit hineingetragen.
Von dramatischen Vorgaengen konnte nicht die Rede sein, so tief mich auch
die Angelegenheit persoenlich ergriff. Ich ueberlasse die nachtraegliche
sachliche Entscheidung der gelehrten Kritik der Nachwelt, bin jedoch
ueberzeugt, dass auch diese zu einem widerspruchslosen Endergebnis nicht
kommen wird. Jedenfalls werde ich dieses Endergebnis nicht mehr erleben.



                     Kaempfe und Operationen im Osten


Von den Ereignissen des Jahres 1915 im Osten moechte ich nur in grossen
Umrissen sprechen.

Den Kampf an unserem Teil der Ostfront riefen wir selbst in seiner ganzen
Staerke wieder wach. Voellig geruht hatte er ja nie. Er hatte bei uns aber
auch nicht mit der gleichen Wut getobt, wie in den Karpathen, wo die k.
und k. Armeen im schwersten Ringen die Gefilde Ungarns vor russischer
Ueberflutung schuetzen mussten. Dorthin war auch mein Armee-Chef in der Not
der Tage voruebergehend gerufen worden. Die inneren Gruende, die zu unserer
damaligen Trennung Veranlassung gaben, sind mir nicht bekannt geworden.
Ich suchte sie auf sachlichem Gebiete und bat meinen Kaiser, diese
Verfuegung rueckgaengig zu machen, was Seine Majestaet auch gnaedigst
bewilligte. General Ludendorff kam nach kurzer Zeit zurueck mit ernsten
Erfahrungen und noch ernsteren Ansichten ueber die Zustaende bei
oesterreichisch-slawischen Truppenteilen.

Dem k. u. k. Armee-Oberkommando musste der Gedanke zu einer entscheidenden
Operation im Osten ganz besonders nahe liegen. Er draengte sich ihm nicht
nur aus militaerischen sondern auch aus politischen Gruenden auf. Die
fortschreitende Abnahme des Wertes der oesterreichisch-ungarischen
Kampfkraefte konnte ihm nicht verborgen bleiben. Ein laengeres Hinziehen des
Krieges verschlimmerte diese Zustaende augenscheinlich in dem Heere der
Donaumonarchie verhaeltnismaessig rascher als beim gegenueberstehenden Feind.
Dazu kam die oesterreichische Sorge, dass der drohende Verlust von Przemysl
nicht nur die Spannung in der Kriegslage an der eigenen Heeresfront
wesentlich steigern werde, sondern dass auch unter dem Eindruck, den der
Fall dieser Festung auf die Heimat machen musste, die schon jetzt nicht
unbedenklichen Erscheinungen von Lockerung im Staatsgefuege und von
Schwinden des Vertrauens auf ein guenstiges Kriegsende sich noch weiter
verschaerfen wuerden. Auch fuehlte Oesterreich-Ungarn sich schon jetzt durch
die politische Haltung Italiens im Ruecken bedroht. Ein grosser,
erfolgreicher Schlag im Osten konnte die missliche Lage des Staates
gruendlich aendern.

Aus dieser Beurteilung der Verhaeltnisse heraus trat ich auf die Seite des
Generals von Conrad, als er bei der deutschen Obersten Heeresleitung
entscheidende Operationen auf dem oestlichen Kriegsschauplatz anregte. Die
von mir fuer eine solche Entscheidung noetig befundenen Truppenstaerken
glaubte unsere Oberste Heeresleitung nicht zur Verfuegung stellen zu
koennen. Aus dem vorgeschlagenen Plane wurde daher innerhalb meines
Befehlsbereiches nur ein einziger grosser Schlag, den wir in Ostpreussen
fuehrten.

4 Armeekorps rollten bei Beginn des Jahres zu unserer Verfuegung aus der
Heimat und dem Westen zu uns heran. Sie werden in Ostpreussen ausgeladen,
verstaerken teils die 8. Armee und bilden teils die 10. unter Generaloberst
von Eichhorn, marschieren auf und ruecken los, um seitlich beider Fluegel
unserer in der Linie Loetzen-Gumbinnen gelegenen duennen
Verteidigungsstellung vorzubrechen. Durch zwei starke Fluegelgruppen soll
die 10. russische Armee des Generals Sievers weit ausholend umfasst werden,
damit schliesslich durch deren Zusammenschluss im Osten auf Russlands Boden
im grossen Massstabe alles zertruemmert werden kann, was noch vom Feinde etwa
uebrig geblieben ist.

Der erste grundlegende Gedanke der Operation wird am 28. Januar noch im
Hauptquartier zu Posen fuer unsere Armeefuehrer in folgende Worte gefasst:

  "Ich beabsichtige, die 10. Armee mit ihrem linken Fluegel laengs der Linie
  Tilsit-Wylkowyszki zur Umfassung des noerdlichen Fluegels des Gegners
  anzusetzen, den Feind mit der Landwehrdivision Koenigsberg und dem linken
  Fluegel der 8. Armee in frontalem Kampf zu binden, und den rechten Fluegel
  der 8. Armee auf Arys-Johannisburg und suedlich angreifen zu lassen."

Am 5. Februar folgt dann aus Insterburg, wohin wir uns zur
Schlachtenleitung begaben, der eigentliche Angriffsbefehl. Er setzt vom 7.
ab die beiden Massen an den Fluegeln in Bewegung, vielleicht etwas an unser
ruhmreiches Sedan erinnernd, und ein vernichtendes Sedan sollte es fuer die
10. Russenarmee schliesslich bei Augustowo auch werden. Dort schloss sich am
21. Februar der Kessel des gewaltigen Treibens, aus dem mehr denn
100.000 Gegner als Gefangene Deutschland zugefuehrt wurden. Eine noch weit
groessere Zahl von Russen war einem anderen Schicksal erlegen.

Das Ganze wurde auf Allerhoechsten Befehl Seiner Majestaet des Kaisers
"Winterschlacht in Masuren" benannt. Man befreie mich von ihrer naeheren
Beschreibung. Was sollte ich auch Neues aus ihr erzaehlen? Ihr Name mutet
an wie Eiseshauch und Totenstarre. Vor dem Gange dieser Schlacht steht der
rueckblickende Mensch, wie wenn er sich fragen muesste: Haben wirklich
irdische Wesen dies alles geleistet, oder ist das Ganze nur ein Maerchen
oder Geisterspuk gewesen? Sind jene Zuege durch Winternaechte, jene Lager im
eisigen Schneetreiben und endlich der Abschluss der fuer den Feind so
schrecklichen Kaempfe im Walde von Augustowo nur die Ausgeburten erregter
menschlicher Phantasien?

Trotz der grossen taktischen Erfolge der Winterschlacht blieb uns die
strategische Ausnutzung des Erreichten versagt. Wir waren wohl wieder
imstande gewesen, eine der russischen Armeen nahezu voellig zu vernichten,
aber an ihre Stelle traten sofort neue feindliche Kraefte, herangezogen von
anderen Fronten, an denen sie nicht gebunden waren. Unter diesen
Verhaeltnissen konnten wir mit den jetzt im Osten verfuegbaren Mitteln zu
keinem entscheidenden Ergebnis gelangen. Die russische Uebermacht war allzu
gewaltig.

Der Winterschlacht folgt als russische Antwort ein umfassender Angriff auf
unsere Stellungen vorwaerts der altpreussischen Grenzgebiete. Gewaltige
Bloecke waelzt der feindliche Heerfuehrer gegen uns heran, Bloecke von
uebermaechtiger Groesse, jeder einzelne schwerer, als alle unsere Kraefte
zusammen. Aber der deutsche Wille ueberwindet auch diese Belastung. Stroeme
russischen Blutes fliessen in den moerderischen Kaempfen bis Fruehjahrsbeginn
noerdlich des Narew und westlich des Njemen; dem Himmel sei Dank, auf
russischem Boden! Der Zar mag viele Soldaten haben, auch ihre Zahl
schwindet bei solchen Massenopfern merklich dahin. Die russische Kraft,
die vor unseren Linien zugrunde geht, wird nachher fehlen, wenn der grosse
deutsch-oesterreichisch-ungarische Stoss weit im Sueden die ganze russische
Heeresfront erbeben macht.

Nicht nur in den preussischen Grenzgebieten, sondern auch in den Karpathen
wird in dieser Zeit mit aeusserster Erbitterung gefochten. Dort versucht der
Russe auch ueber den Winter hinaus den Grenzwall Ungarns um jeden Preis zu
bezwingen. Er fuehlt wohl mit Recht, dass ein Einbruch der russischen Flut
in die magyarischen Laender den Krieg entscheiden koennte, dass das
Donaureich einen solchen Schlag nimmermehr ueberwinden wuerde. War es zu
bezweifeln, dass der erste russische Kanonenschuss in der ungarischen
Tiefebene seinen Widerhall in den oberitalienischen Gebirgen und in den
transsylvanischen Alpen finden wuerde? Der russische Grossfuerst wusste wohl,
fuer welch hohes Ziel er von dem Zarenheere die furchtbaren Opfer auf den
schwierigen Kampffeldern des Waldgebirges forderte.

Die andauernd grosse Spannung der Kampflage in den Karpathen und ihre
Rueckwirkung auf die politischen Verhaeltnisse forderten gebieterisch eine
Loesung. Die deutsche Oberste Heeresleitung fand eine solche. Sie
durchbrach in den ersten Tagen des Mai die russische Heeresfront in
Nordgalizien und fasste die gegnerische Schlachtfront an der ungarischen
Grenze in Flanke und Ruecken.

Mein Oberkommando war zunaechst an der grossen Operation, die bei Gorlice
ihren Anfang nahm, nur mittelbar beteiligt. Unsere Aufgabe im Rahmen
dieser grosszuegigen Unternehmung war es vorerst, starke feindliche Kraefte
zu binden. Das geschah zunaechst durch Angriffe im grossen Weichselbogen
westlich Warschau und an der ostpreussischen Grenze, in Richtung Kowno,
dann aber im groesseren Stile durch ein am 27. April begonnenes
Reiterunternehmen nach Litauen und Kurland. Der Vorstoss von drei
Kavalleriedivisionen, unterstuetzt von der gleichen Zahl
Infanteriedivisionen, beruehrte eine empfindliche Stelle russischen
Kriegsgebietes. Der Russe fuehlte wohl zum ersten Male, dass die wichtigsten
Eisenbahnen, die russisches Heer und russisches Kernland verbanden, durch
ein solches Vorgehen ernstlich gefaehrdet werden konnten. Er warf unserem
Einbruch starke Kraefte entgegen. Die Kaempfe auf litauischem Boden zogen
sich bis zum Sommer hin. Wir sahen uns veranlasst, weitere Kraefte dorthin
zu werfen, um die besetzten Landesteile zu behaupten und unseren Druck auf
den Gegner auch in jenen vom Krieg bisher unberuehrten Gebieten dauernd zu
erhalten. So entstand dort allmaehlich eine neue deutsche Armee. Sie
erhielt nach dem Hauptstrom des Gebietes die Bezeichnung "Njemenarmee".

Es fehlt mir an Raum, um auf den Heereszug einzugehen, der am 2. Mai in
Nordgalizien begann, um dann, auf unsere Linien uebergreifend, in den
Herbstmonaten oestlich Wilna zu enden. Wie eine Lawine aus scheinbar
kleinen Anfaengen entsteht, immer neue und neue Teile auf ihrem
verheerenden Weg mit sich reisst, so beginnt und verlaeuft dieser Zug in nie
gesehener und nicht mehr wiederholter Ausdehnung. Wir werden zu
unmittelbarem Eingreifen in seinen Gang veranlasst, als der Durchstoss ueber
Lemberg hinaus gelang. Jetzt schwenken naemlich die
deutsch-oesterreichisch-ungarischen Armeen zum Vorgehen in noerdlicher
Richtung zwischen oberen Bug und Weichsel ein. Man halte sich das Bild der
Lage vor Augen: Die russische Heeresfront ist in der suedlichen Haelfte fast
bis zur Zersprengung eingedrueckt. Ihr Nordteil, nach Westen und Nordwesten
festgehalten, hat eine neue maechtige Flanke zwischen der Weichsel und den
Pripetsuempfen nach Sueden gebildet. Eine Katastrophe droht der Masse des
russischen Heeres, wenn ein neuer Durchbruch von Norden her gegen den
Ruecken der russischen Heeresmacht gelingt.

Der Gedanke, der uns zur Winterschlacht fuehrte, draengt sich aufs neue auf,
diesmal vielleicht in noch groesseren Umrissen. Jetzt muss von Ostpreussen her
der Schlag angesetzt werden, am naechsten und wirkungsvollsten ueber
Ossowiez-Grodno. Doch verhindert auch jetzt dort das Bobrsumpfgebiet unser
Vorgehen; wir kennen das vom Tauwetter des vergangenen Winters her. Es
bleibt also nur die Wahl zwischen dem Vorbrechen westlich oder oestlich
dieser Linie. Der Stoss in die Tiefe der feindlichen Verteidigung, ich
moechte sagen in die Herzgegend des russischen Heeres fordert die Richtung
oestlich Grodno vorbei. Wir vertreten diesen Gedanken. Die Oberste
Heeresleitung verschloss sich seinem Vorteil nicht, aber sie hielt die
westliche Stossrichtung fuer kuerzer und glaubte auch hier an grosse Erfolge.
Sie forderte also den Angriff ueber den unteren Narew. Ich glaubte meinen
Widerstand gegen diese Absicht zum Nutzen des Ganzen einstweilen aufgeben,
die Folgen dieses Angriffes und den weiteren Verlauf der Operationen
abwarten zu sollen. Der General Ludendorff jedoch hielt innerlich zaehe an
unserem ersten Plane fest, eine Abweichung, die uebrigens weder
irgendwelchen Einfluss auf unser weiteres gemeinsames Denken und Handeln
hatte, noch die Kraft beeintraechtigte, mit der wir den Entschluss der
verantwortlichen Obersten Heeresleitung Mitte Juli in die Tat umsetzten.
Gallwitz' Armee brach beiderseits Przasnysz gegen den Narew vor. Zu diesem
Angriff begab ich mich persoenlich auf das Schlachtfeld, nicht um in die
mir als meisterhaft bekannte Taetigkeit des Armee-Oberkommandos
irgendwelche taktischen Eingriffe zu machen, sondern nur deswegen, weil
ich wusste, welch eine ausschlaggebende Bedeutung unsere Oberste
Heeresleitung dem Gelingen des hier befohlenen Durchbruches beilegte. Ich
wollte zur Stelle sein, um noetigenfalls sofort eingreifen zu koennen, wenn
das Armee-Oberkommando irgendwelcher weiteren Aushilfen fuer die
Durchfuehrung seiner schwierigen Aufgabe im Rahmen meines Befehlsbereiches
bedurfte. Zwei Tage blieb ich bei der Armee und erlebte die Erstuermung des
schon frueher wiederholt heftig umstrittenen Przasnysz und den Kampf um das
Gelaende suedlich der Stadt. Schon am 17. Juli stand Gallwitz am Narew.
Unter dem Eindruck der auf allen Frontseiten einbrechenden verbuendeten
Armeen beginnt der Russe allmaehlich, auf allen Seiten zu weichen und sich
der drohenden Umklammerung langsam zu entziehen. Unsere Verfolgung faengt
an, sich in frontales Abringen zu verlaufen. Wir koennen auf diesem Wege
die Fruechte nicht ernten, die auf blutigen Schlachtfeldern immer wieder
aufs neue gesaet werden. Wir greifen daher unsern frueheren Gedanken wieder
auf und wollen angesichts dieses Verlaufs der Operationen ueber Kowno auf
Wilna vordruecken, um dann die Massen des russischen Zentrums gegen die
Pripet-Suempfe zu pressen und ihre Verbindungen mit dem Herzland zu
durchhauen. Doch die Absicht der Obersten Heeresleitung fordert
unmittelbare Verfolgung, bei der der Verfolger staerker erlahmt als der
Verfolgte.

In diesen Zeitraum faellt die Wegnahme von Nowo Georgiewsk. Diese Festung
hatte zwar trotz ihrer Anlage als strategischer Brueckenkopf bisher noch
keine besonders wichtige Rolle gespielt; ihr Besitz wurde aber jetzt fuer
uns von Wert, weil sie die ueber Mlawa nach Warschau fuehrende Bahn sperrte.
Unmittelbar vor der Uebergabe traf ich am 18. August mit meinem Kaiser vor
dem Waffenplatz zusammen und fuhr spaeter in seinem Gefolge in die Stadt.
Dort brannten noch die von den russischen Truppen angezuendeten Kasernen
und andere militaerische Gebaeude. Grosse Massen von Gefangenen standen
herum. Auffallend war es, dass die Russen vor der Uebergabe ihre Pferde
reihenweise erschossen hatten, wohl in der Ueberzeugung von dem
ausserordentlichen Werte, den diese Tiere fuer unsere Operationen im Osten
hatten. Unser Gegner benahm sich ueberhaupt in der Zerstoerung aller Mittel
und Vorraete, die dem siegreichen Feinde fuer die Kriegfuehrung von
irgendwelchem Nutzen sein konnten, stets ausserordentlich gruendlich.

Um wenigstens freie Bahn fuer ein spaeteres Vorgehen gegen Wilna zu
schaffen, lassen wir schon Mitte Juli unsere Njemenarmee gegen Osten
vorbrechen. Mitte August faellt dann Kowno unter dem Ansturm der 10. Armee.
Der Weg gegen Wilna ist geoeffnet, aber noch immer fehlen die Kraefte zur
weiteren Durchfuehrung unseres grossen operativen Gedankens. Sie bleiben
vorlaeufig in frontaler Verfolgung festgelegt. Wochen vergehen, bis
Verstaerkungen herangeholt werden koennen. Unterdessen weicht aber der Russe
weiter nach Osten; er gibt alles preis, selbst Warschau, wenn er nur seine
Hauptkraefte dem Verderben entziehen kann.

Erst am 9. September koennen wir vorwaerts auf Wilna. Moeglicherweise kann in
dieser Richtung auch jetzt noch Grosses gewonnen werden. Hunderttausende
russischer Truppen sind vielleicht unsere Beute. Wenn je stolze Hoffnungen
mit Ungeduld und Sorgen sich mischten, so geschieht es jetzt. Kommen wir
zu spaet? Sind wir kraeftig genug? Doch nur vorwaerts, ueber Wilna hinaus und
dann nach Sueden. Unsere Reitergeschwader legen bald Hand an die russische
Lebensader. Druecken wir diese zusammen, so stirbt die feindliche
Hauptkraft. Der Gegner kennt das drohende Unheil, er tut alles, um es
abzuwenden. Ein moerderisches Ringen bei Wilna beginnt. Jede gewonnene
Stunde rettet dem Russen viele seiner nach Osten flutenden Heerhaufen.
Unsere Kavalleriedivisionen muessen vor deren Rueckstau wieder zurueck. Die
Bahnlinie ins Herz der Heimat wird fuer den Gegner wieder frei. Wir sind zu
spaet gekommen, und wir ermatten!

Ich taeusche mich wohl nicht in der Annahme, dass der Gegensatz zwischen den
Anschauungen der deutschen Obersten Fuehrung und den unserigen ein
geschichtliches Interesse behalten wird. Aber wir duerfen bei der
Beurteilung der Plaene der Heeresleitung den Blick ueber das Gesamtbild des
Krieges nicht verlieren. Wir selbst sahen damals nur einen Teil dieses
Bildes. Die Frage, ob wir unter dem Eindrucke der gesamten politischen und
kriegerischen Lage anders geplant und anders gehandelt haetten, mag
uneroertert bleiben.



                                  Loetzen


Aus diesem ernsten Gedankenstreit moechte ich zu einer idyllischeren Seite
unseres Kriegslebens im Jahre 1915 uebergehen, indem ich mich in meinen
Erinnerungen nach Loetzen begebe.

Das freundlich zwischen Seen, Wald und Hoehen gelegene Staedtchen wurde
unser Hauptquartier, als die Winterschlacht in Masuren auszuklingen
begann. Die Einwohner, befreit von Russengefahr und Russenschreck,
gewaehrten uns eine ruehrend herzliche Aufnahme. Dankbarst gedenke ich auch
des Landverkehrs auf den ohne zu grossen Zeitverlust erreichbaren Guetern,
der mir, wenn es der Ernst der Zeit erlaubte, Stunden der Erholung,
Ablenkung und Anregung brachte. Auch das edle Weidwerk kam dabei nicht zu
kurz; den Hoehepunkt bildete hierbei dank der Gnade Seiner Majestaet die
Erlegung eines besonders starken Elches im Koeniglichen Jagdrevier
Niemonien am Kurischen Haff.

Als im Fruehjahr allmaehlich die Ruhe vor unserer Front einzutreten begann,
fehlte es uns, ebensowenig wie spaeter im Sommer, nicht an Besuchern
jeglicher Art. Deutsche Fuerstlichkeiten, Politiker, Maenner aus
wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Berufskreisen, Verwaltungsbeamte
kamen zu uns, gefuehrt durch das Interesse, das die sonst so wenig
besuchten oestlichen Provinzen durch den bisherigen Kriegsverlauf gewonnen
hatten. Kuenstler fanden sich ein, um General Ludendorff und mich durch
Pinsel oder Meissel zu verewigen, eine Auszeichnung, auf die wir bei aller
Liebenswuerdigkeit und Tuechtigkeit der betreffenden Herrn gerne zu Gunsten
unserer knappen Freistunden verzichtet haetten. Auch das neutrale Ausland
stellte Gaeste. So lernte ich unter anderen dort auch Sven Hedin, den
bekannten Asienreisenden und ueberzeugten Deutschenfreund, kennen und
schaetzen.

Unter den Staatsmaennern, die uns in Loetzen besuchten, nenne ich besonders
den damaligen Reichskanzler von Bethmann Hollweg und den Grossadmiral von
Tirpitz.

Schon im Winter 1914/15 hatte ich in Posen Gelegenheit gehabt, den
Reichskanzler bei mir begruessen zu koennen. Seine Besuche entsprangen in
erster Linie seiner persoenlichen Liebenswuerdigkeit und standen in keinem
Zusammenhange mit irgendwelchen politischen Fragen. Ich erinnere mich auch
nicht, dass die Unterhaltungen mit dem Reichskanzler dieses Thema damals
beruehrten. Wohl aber gewann ich die Ueberzeugung, dass ich es mit einem
klugen und gewissenhaften Mann zu tun hatte. Unsere Anschauungen ueber die
damaligen Kriegsnotwendigkeiten deckten sich in dieser Zeit nach meinem
Empfinden in allen wesentlichen Punkten. Ein tiefes Verantwortungsgefuehl
sprach aus allen Aeusserungen des Kanzlers. Diesem Gefuehl schrieb ich es zu,
wenn mir in der Beurteilung der Kriegslage durch Herrn von Bethmann nach
meinem soldatischen Empfinden etwas zu viel Bedenken und infolgedessen
etwas zu wenig Zuversichtlichkeit entgegentraten.

Den in Posen erhaltenen Eindruck fand ich in Loetzen bestaetigt.

Grossadmiral von Tirpitz, der in dieser Zeit oft als Nachfolger fuer
Bethmann Hollweg genannt wurde, war eine voellig anders geartete
Persoenlichkeit. Auf einem laengeren Spaziergang trug er mir alle die
Schmerzen vor, die sein flammendes vaterlaendisches und ganz besonders sein
seemaennisches Herz bewegten. Er empfand es bitter, dass er die gewaltige
waehrend der besten Jahre seines Lebens von ihm geschmiedete Waffe im
Kriege in den heimatlichen Haefen festgebannt sah. Gewiss war die Lage fuer
eine Flottenoffensive unsererseits ungemein schwierig, sie wurde aber mit
langem Zuwarten nicht besser. Meines Erachtens wuerde die ueberaus grosse
Empfindlichkeit des englischen Mutterlandes gegenueber dem Phantom einer
deutschen Landung eine groessere Taetigkeit, ja selbst schwere Opfer unserer
Flotte gerechtfertigt haben. Ich hielt es nicht fuer ausgeschlossen, dass
durch eine solche Flottenverwendung eine Bindung starker englischer
Heereskraefte im Mutterlande und damit eine Entlastung unseres Landheeres
erreicht werden konnte. Man sagt, dass unsere Politik sich die Moeglichkeit
schaffen wollte, bei etwaigen Friedensaussichten auf eine starke, intakte
deutsche Seekraft hinweisen zu koennen. Eine solche Rechnung waere wohl
irrig gewesen. Denn eine Streitmacht, die man im Kriege nicht zu nuetzen
wagt, ist auch bei Friedensverhandlungen ein kraftloser Faktor.

Im Fruehjahr 1916 ist der Wunsch des Grossadmirals doch noch in Erfuellung
gegangen. Was unsere Flotte zu leisten vermochte, das hat sie im Skagerrak
glaenzend gezeigt.

Auch ueber die Frage unserer Unterseebootkriegfuehrung aeusserte sich Herr von
Tirpitz. Er vertrat die Anschauung, dass wir diese Waffe zur Unzeit gezueckt
haetten, und dass wir dann, eingeschuechtert durch das Verhalten des
Praesidenten der Vereinigten Staaten den mit lautem Kampfgeschrei erhobenen
Arm ebenso zur Unzeit wieder haetten sinken lassen. Die damaligen
Ausfuehrungen des Grossadmirals konnten auf meine spaetere Stellungnahme zu
dieser Frage keinen Einfluss ausueben. Bis die Entscheidung hierueber an mich
herantrat, sollten fast noch anderthalb Jahre vergehen. In diesem Zeitraum
hatte sich einerseits die Kriegslage ganz wesentlich zu unseren Ungunsten
verschoben und war andererseits die Leistungsfaehigkeit unserer Marine auf
dem Gebiete des Unterseebootswesens mehr als verdoppelt.



                                  Kowno


Im Oktober 1915 verlegten wir unser Hauptquartier nach Kowno, in das
besetzte Feindesland.

Zu der bisherigen Taetigkeit meines Generalstabschefs kamen jetzt noch die
Arbeiten fuer die Verwaltung, den Wiederaufbau und die Ausnuetzung des
Landes zur Versorgung der Truppen, der Heimat und der Landeseinwohner. Die
hieraus erwachsende Beschaeftigung waere allein genuegend gewesen, die
Arbeitskraft eines Mannes voll und ganz in Anspruch zu nehmen. General
Ludendorff betrachtete sie als eine Zugabe zu seinem uebrigen Dienste und
widmete sich ihr mit dem ihm eigenen rastlosen Arbeitswillen.

Von Kowno aus fand ich in der ruhigeren Winterzeit 1915/16 Gelegenheit den
Bjalowjeser Forst aufzusuchen. Der Wildstand hatte leider unter den
kriegerischen Ereignissen stark gelitten. Durchmarschierende Truppen und
wilddiebende Bauern hatten ihn sehr gelichtet. Trotzdem gelang es mir
noch, in viertaegigen herrlichen Pirsch- und Schlittenfahrten im Januar
1916 einen Wisent und vier Hirsche zu erlegen. Die Verwaltung des
ausgedehnten Waldreviers befand sich in den bewaehrten Haenden des
bayerischen Forstmeisters Escherich, der es meisterhaft verstand, uns die
reichen Holzbestaende nutzbar zu machen, ohne dabei Raubbau zu treiben.

Auch den Augustower Wald suchte ich im gleichen Winter auf. Eine mir zu
Ehren veranstaltete Wolfsjagd verlief leider ergebnislos. Die Woelfe zogen
es vor, ausserhalb meiner Schussweite durch die Lappen zu gehen. Von den
Kaempferspuren des Februar 1915 sah ich nur noch Schuetzengraeben. Sonst war
das Schlachtfeld, wenigstens an den Stellen, an denen ich den Forst
beruehrte, voellig aufgeraeumt.

In Kowno beging ich im April 1916 mein 50jaehriges Dienstjubilaeum. Mit Dank
gegen Gott und meinen Kaiser und Koenig, der mir den Tag durch gnaediges
Meingedenken verschoente, blickte ich auf ein halbes Jahrhundert zurueck,
das ich in Krieg und Frieden im Dienste fuer Thron und Vaterland durchlebt
hatte.

Bei Kowno waren im Sommer 1812 starke Teile des franzoesischen Heeres nach
Osten ueber den Njemen gegangen. Die Erinnerung an diese Zeit und an den
tragischen Ausgang dieses kuehnen Zuges hatte bei unseren Gegnern die
Hoffnung ausgeloest, dass auch unsere Truppen in den weiten Wald- und
Sumpfgebieten Russlands einem aehnlichen Schicksal durch Hunger, Kaelte und
Krankheiten erliegen wuerden wie die stolzen Armeen des grossen Korsen. Man
verkuendete uns diesen Ausgang, vielleicht weniger aus innerer Ueberzeugung
als zur Beruhigung der eigenen urteilslosen Menge. Immerhin waren aber
unsere Sorgen fuer die Erhaltung unserer Truppen im Winter 1915/16 keine
geringen. Wussten wir doch, in welchen trotz aller Entwickelung der Neuzeit
immer noch verhaeltnismaessig oeden, vielfach von ansteckenden Krankheiten
durchseuchten Landesteilen wir nunmehr die strenge Jahreszeit hinzubringen
hatten.




                  Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August



              Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront


Das Jahr 1915 war in unserem Oberkommando nicht ausgeklungen unter hellen
Fanfaren eines voll befriedigenden Triumphes. In dem Gesamtergebnis der
Operationen und Kaempfe dieses Jahres lag fuer uns etwas Unbefriedigendes.
Der russische Baer hatte sich unserer Umgarnung entzogen, zweifellos aus
mehr als einer Wunde blutend, aber doch nicht zu Tode getroffen. Unter
wilden Anfaellen hatte er sich von uns verabschiedet. Wollte er damit
beweisen, dass er noch Lebenskraft genug uebrig hatte, um uns auch weiterhin
das Leben schwer zu machen? Wir fanden die Ansicht vertreten, dass die
russischen Verluste an Menschen und Material bereits so bedeutend waeren,
dass wir auf lange hinaus an unserer Ostfront gesichert sein wuerden. Wir
beurteilten diese Behauptung nach den bisherigen Erfahrungen mit
Misstrauen, und bald sollte sich zeigen, dass dieses Misstrauen
gerechtfertigt war.

Nicht einmal den Winter sollten wir in einiger Ruhe verbringen koennen.
Zeigte sich doch bald, dass der Russe an alles eher dachte, als sich stille
zu verhalten. Auf unserer ganzen Front, ja weit darueber hinaus nach Sueden,
war es in und hinter den gegnerischen Linien unruhig, ohne dass man zuerst
die Absichten der russischen Fuehrung irgendwie erkennen konnte. Ich hielt
die Gegenden von Smorgon, Duenaburg und Riga fuer besondere Gefahrpunkte vor
unseren Stellungen. In diese Gebiete fuehrten die leistungsfaehigsten
russischen Bahnen. Aber ausgesprochene Anzeichen fuer einen feindlichen
Angriff an den genannten drei Punkten ergaben sich lange Zeit nicht.

Die Taetigkeit im Rueckengebiet des Feindes blieb ungemein emsig. Ueberlaeufer
klagten ueber die harte Zucht, der die zurueckgezogenen Divisionen
unterworfen wuerden, denn mit eiserner Strenge wurden die Truppen gedrillt.

Das Staerkeverhaeltnis in den einzelnen Abschnitten war schon in den Zeiten
der Ruhe fuer uns ausserordentlich unguenstig. Wir mussten damit rechnen, dass
durchschnittlich jedem einzelnen unserer Divisionsabschnitte
(9 Bataillone) etwa 2-3 russische Divisionen (32-48 Bataillone)
gegenueberstanden. Nichts kennzeichnet die ungeheuern Unterschiede in den
Anforderungen an die Kraefte unserer Truppen gegenueber den feindlichen mehr
als diese Zahlen. Dieser Unterschied spielte naturgemaess nicht nur im
Gefecht eine gewaltige Rolle sondern auch in den notwendigen taeglichen
Arbeitsforderungen. Welch einen Umfang hatten die Arbeitsleistungen bei
der grossen Ausdehnung der Fronten doch angenommen! Der Stellungs- und
Strassenbau, die Errichtung von Barackenlagern sowie unzaehlige Arbeiten fuer
die Versorgung der Truppen mit Kriegsbedarf, Verpflegung, Baustoffen usw.
machten das Wort "Ruhe" fuer Offizier und Mann meist zu einem voellig leeren
Begriff. Trotzdem waren Stimmung und Gesundheitszustand der Truppen
durchaus gut. Wuerde unser Sanitaetsdienst nicht auf der Hoehe gestanden
haben, auf der er sich tatsaechlich befand, so haetten wir schon aus diesem
Grunde den Krieg nicht so lange Zeit durchhalten koennen. Die Leistungen
unseres Feldsanitaetswesens werden sich dereinst nach wissenschaftlicher
Bearbeitung des gesamten vorliegenden Materials als ein besonderes
Ruhmesblatt deutscher Geistesarbeit und Hingabe fuer einen grossen Zweck
erweisen und dann hoffentlich dem Wohle der gesamten Menschheit dienstbar
gemacht werden.

Von Mitte Februar ab begann es in der Gegend des Naroczsees und bei
Postawy besonders unruhig zu werden. Immer klarer zeichneten sich aus der
Masse der eintreffenden Nachrichten die Angriffsvorbereitungen des Gegners
an jenen Stellen ab. Ich hatte anfangs nicht geglaubt, dass der Russe die
von seinen leistungsfaehigen Bahnverbindungen entlegenen Stellen, die zudem
seinen Massen wenig Entfaltungsraum boten und der taktischen Fuehrung
infolge der Gelaendegestaltung nur geringe Armfreiheit liessen, zu einem
wirklich grossen Schlage auswaehlen wuerde. Die kommenden Ereignisse
belehrten mich vom Eintritt des Unwahrscheinlichen.

Niemand von uns erkannte im Verlauf der damaligen russischen
Vorbereitungen deren gewaltigen Umfang richtig. Wir haetten sonst wohl
nicht geglaubt, dass wir mit den von uns allmaehlich im Gebiete des
Naroczsees versammelten etwa 70 Bataillonen der ganzen dort
bereitgestellten russischen Macht, gegen 370 Bataillone, standzuhalten
vermoechten. Aber diese Gegenueberstellung gibt, wie eine auf unsere
Feststellungen gestuetzte Veroeffentlichung ausfuehrt, doch nur ein ungenaues
Bild, einmal weil auf beiden Seiten am ersten Tage keineswegs die ganze
Masse der Kampftruppen eingesetzt wurde, und dann vor allem, weil die
russischen Divisionen nicht etwa gleichmaessig in breiter Front gegen die
Deutschen vorstiessen, sondern sich in der Hauptsache zu zwei maechtigen
Stossgruppen vor den Fluegeln des Korps von Hutier zusammenballten. Die
noerdliche dieser trieb 7 Infanterie- und 2 Kavalleriedivisionen zwischen
Mosheiki und Wileity im Postawy-Abschnitt vor, in dem zunaechst nur 4
deutsche Bataillone standen, waehrend die suedliche mit
8 Infanteriedivisionen und den Uralkosaken die Sperre zwischen Naroczsee
und Wisznewsee einzudruecken suchte, die von unserer 75. Reservedivision
und der verstaerkten 9. Kavalleriedivision gehalten wurde. Also rund 128
russische gegen 19 deutsche Bataillone!

Am 18. Maerz bricht der russische Angriff los. Nach einer artilleristischen
Vorbereitung, wie sie die Ostfront in gleicher Staerke noch nie zu
durchleben gehabt hatte, stuermen die feindlichen Massen gleich einer
ununterbrochenen Sturzflut auf unsere duennbesetzten Stellungen. Doch
vergeblich treiben russische Batterien und Maschinengewehre die eigene
Infanterie gegen die deutschen Linien; umsonst maehen zurueckgehaltene
feindliche Truppen die eigenen vordersten Linien nieder, wenn diese zu
weichen und dem Verderben durch unser Feuer zu entgehen versuchen. Zu
foermlichen Huegeln haeufen sich die russischen Gefallenen vor unserer Front.
Die Anstrengungen fuer den Verteidiger sind freilich in das Ungeheuere
gesteigert. Eingebrochenes Tauwetter fuellt die Schuetzengraeben mit
Schneewasser, verwandelt die bisher deckenden Brustwehren in zerfliessenden
Erdbrei und macht aus dem ganzen Kampffeld einen grundlosen Morast. Bis
zur teilweisen Bewegungsunfaehigkeit schwellen den Grabenbesatzungen die
Gliedmassen in den eisigen Wassern an. Allein es bleibt genug Lebenskraft
und Kampfeswille in diesen Koerpern, um die feindlichen Anstuerme immer
wieder zu brechen. So bringt der Russe auch diesmal alle Opfer vergebens,
und vom 25. Maerz ab koennen wir siegessicher auf unsere Heldenscharen am
Naroczsee blicken.

Der Deutsche Heeresbericht vom 1. April 1916, der unter unserer Mitwirkung
entstand, sprach sich nach Beendigung der Schlacht folgendermassen aus:

  "Welcher groessere Zweck mit den Angriffen angestrebt werden sollte,
  ergibt folgender Befehl des russischen Hoechstkommandierenden der Armeen
  an der Westfront vom 4. (17.) Maerz, Nr. 537:

  "Truppen der Westfront!

  Ihr habt vor einem halben Jahre, stark geschwaecht, mit einer geringeren
  Anzahl Gewehre und Patronen den Vormarsch des Feindes aufgehalten und,
  nachdem ihr ihn in dem Bezirk des Durchbruches bei Molodetschno
  aufgehalten habt, eure jetzigen Stellungen eingenommen.

  Seine Majestaet und die Heimat erwarten von euch jetzt eine neue
  Heldentat: Die Vertreibung des Feindes aus den Grenzen des Reiches! Wenn
  ihr morgen an diese hohe Aufgabe herantretet, so bin ich im Glauben an
  euren Mut, an eure tiefe Ergebenheit gegen den Zaren und an eure heisse
  Liebe zur Heimat davon ueberzeugt, dass ihr eure heilige Pflicht gegen den
  Zaren und die Heimat erfuellen und eure unter dem Joche des Feindes
  seufzenden Brueder befreien werdet. Gott helfe uns bei unserer heiligen
  Sache!

                                              Generaladjutant gez. Ewert."

  Freilich ist es fuer jeden Kenner der Verhaeltnisse erstaunlich, dass ein
  solches Unternehmen zu einer Jahreszeit begonnen wurde, in der seiner
  Durchfuehrung von einem Tage zum andern durch die Schneeschmelze
  bedenkliche Schwierigkeiten erwachsen konnten. Die Wahl des Zeitpunktes
  ist daher wohl weniger dem freien Willen der russischen Fuehrung als dem
  Zwang durch einen notleidenden Verbuendeten zuzuschreiben.

  Wenn nunmehr die gegenwaertige Einstellung der Angriffe von amtlicher
  russischer Stelle lediglich mit dem Witterungsumschlag erklaert wird, so
  ist das sicherlich nur die halbe Wahrheit. Mindestens ebenso wie der
  aufgeweichte Boden sind die Verluste an dem schweren Rueckschlage
  beteiligt. Sie werden nach vorsichtiger Schaetzung auf mindestens
  140.000 Mann berechnet. Richtiger wuerde die feindliche Heeresleitung
  daher sagen, dass die grosse Offensive bisher nicht nur im Sumpf, sondern
  in Sumpf und Blut erstickt ist."

Der Beschreibung dieser Fruehjahrskaempfe durch einen deutschen Offizier
entnehme ich zum Schluss folgende Stelle:

  "Nicht viel mehr als ein Monat war vergangen, seit der russische Zar an
  der Postawyfront die Parade ueber die Sturmdivisionen abnahm, da fuhr
  Generalfeldmarschall von Hindenburg an die Front, um seinen siegreichen
  Regimentern zu danken. In Tschernjaty und Komai, Jodowze, Swirany und
  Kobylnik, nur wenige Kilometer Luftlinie vom Schauplatz der Zarenparade
  entfernt, sprach er zu den Abordnungen der Fronttruppen und verteilte
  die Eisernen Kreuze. Hand in Hand standen da fuer einen Augenblick
  Feldherr und Handgranatenwerfer, einer den anderen mit langem,
  vertrauensvollem Blicke ermessend. Die Fruehlingssonne leuchtete als
  Siegessonne ueber der Hindenburgfront ..."

Das war mein Anteil an der Naroczschlacht.



      Der Russenangriff gegen die oesterreichisch-ungarische Ostfront


"Verdun!" - Der Name wurde bei uns im Osten von Anfang Februar des Jahres
ab haeufiger genannt. Man wagte nur halblaut und im Geheimnis davon zu
sprechen. Man legte auf das Wort einen Ton, aus dem Zweifel und Bedenken
hervorgingen. Und doch, der Gedanke, Verdun zu nehmen, war gut. Verdun in
unserer Hand, das musste die ganze Lage an unserer Westfront wesentlich
festigen. Dadurch wurde die Einbuchtung an unserer verwundbarsten
Druckstelle da drueben endgueltig beseitigt. Vielleicht ergaben sich aus der
Eroberung der Festung noch weitere operative Moeglichkeiten in suedlicher
und westlicher Richtung.

Die Wichtigkeit des genannten Waffenplatzes berechtigte also meiner
Anschauung nach zu dem Versuch, ihn anzugreifen. Man hatte ja in der Hand,
das Unternehmen rechtzeitig wieder abzubrechen, wenn sich seine
Durchfuehrbarkeit als unmoeglich erweisen oder die dafuer noetigen Opfer als
zu hoch herausstellen sollten. Und dann: Ist das Kuehnste, das
Unwahrscheinlichste im Angriff auf Festungen in diesem Kriege uns nicht
schon wiederholt glaenzend gelungen?

Von Ende Februar ab wird Verdun nicht mehr geheimnisvoll ausgesprochen,
sondern laut und freudig. Das Wort "Douaumont" leuchtet im Zusammenhang
damit wie ein Fanal deutschen Heldentums bis in den entferntesten Osten
herueber und erhebt die Gemueter auch derer, die jetzt eben mit Ernst und
Sorge auf die Entwickelung der Ereignisse am Naroczsee blicken. Freilich
liegt in dem Angriff auf Verdun fuer uns auch ein bitteres Gefuehl. Bedeutet
das Unternehmen doch das endgueltige Aufgeben einer Kriegsentscheidung hier
im Osten.

Verdun wird im weiteren Verlauf der Zeit noch in verschiedener Betonung
genannt. Die Bedenken fangen allmaehlich an, zu ueberwiegen, man spricht sie
aber nur selten aus. Sie lassen sich kurz in folgende Fragen
zusammenfassen: Warum setzt man einen Angriff immer noch fort, der so
unendliche Opfer fordert und dessen Aussichtslosigkeit dabei schon
erkennbar ist? Waere es nicht moeglich, an die Stelle dieser rein oertlichen
Frontalunternehmung gegen den auf permanente Werke gestuetzten noerdlichen
Verteidigungsbogen Verduns eine die Linienfuehrung unserer Aufstellung
zwischen Argonnerwald und St. Mihiel ausnutzende abschnuerende Operation
treten zu lassen? Erst spaetere Zeiten werden nach unparteiischer Pruefung
ueber die Berechtigung dieser Fragen urteilen koennen.



Noch ein anderes Wort tritt spaeterhin zu Verdun, das ist "Italien", zum
ersten Male erwaehnt, nachdem die Schlacht am Naroczsee beendet war. Auch
Italien wird mit Zweifel genannt, mit weit groesserem und staerkerem als
Verdun, ja nicht nur mit Zweifel, sondern mit ernsten, schweren Bedenken.
Der Plan eines oesterreichisch-ungarischen Angriffes gegen Italien ist kuehn
und hat von diesem Gesichtspunkt aus auch ein militaerisches Anrecht auf
Gelingen. Was diesen Plan aber als ueberkuehn erscheinen laesst, das ist
unsere Einschaetzung des Instrumentes, mit dem er durchgefuehrt wird. Wenn
gegen Italien die besten k. u. k. Truppen losbrechen, Truppen, an die
nicht bloss Oesterreich und Ungarn sondern auch Deutschland mit Stolz und
Vertrauen denken, was bleibt dann gegen Russland? Russland ist aber nicht so
geschlagen, wie man es Ende 1915 vermutete. Am Naroczsee hat sich die
ganze Entschlossenheit der russischen Heerhaufen wieder gezeigt in einer
Wildheit und Massenhaftigkeit, gegenueber der so manche mit slawischen
Elementen stark durchsetzten oesterreichisch-ungarischen Heeresverbaende
sich bisher als wenig widerstandsfaehig erwiesen haben.

Die Sorge bei uns waechst trotz der Siegesmeldungen aus Italien taeglich
mehr und mehr. Sie wird nur zu bald in ihrer Berechtigung bewiesen durch
die nunmehr eintretenden Ereignisse suedlich des Pripet. Am 4. Juni stuerzt
die oesterreichisch-ungarische Heeresfront in Wolhynien und in der Bukowina
auf den ersten russischen Anhieb weithin zusammen. Die schwerste Krisis
des ganzen bisherigen Krieges an der Ostfront tritt ein, schwerer noch als
diejenige des Jahres 1914. Denn diesmal steht nirgends ein siegreiches
deutsches Heer als helfender Retter bereit: im Westen tobt der Kampf um
Verdun und drohen Sturmeszeichen an der Somme.

Die Wogen dieser Krisis schlagen bis an unsere Front hinueber, aber zum
Heile fuer das Ganze nicht in Form russischer Angriffe. So koennen wir
wenigstens helfen, wo die Not am groessten ist.

Der Russe steht bis jetzt vor der deutschen Front noch ungeschwaecht in
seinen Stellungen. Den ersten Erfolg suedlich des Pripet hat er daher nicht
durch seinen sonst gewohnten Einsatz ueberlegener Massen sondern mit
verhaeltnismaessig schwachen Kraeften erreicht.

  "Der Plan Brussilows muss eingangs streng genommen als eine Erkundung
  aufgefasst werden, als eine Erkundung unternommen auf gewaltige
  Ausdehnungen und mit kuehner Entschlossenheit, aber doch immer nur eine
  Erkundung, kein Schlag mit einem gewaehlten Ziel ... Seine Aufgabe war
  es, die Staerke der gegnerischen Linien anzufuehlen auf einer Front von
  nahezu 500 km zwischen Pripet und Rumaenien. Brussilow glich einem Manne,
  der an eine Mauer schlaegt, um herauszubringen, welche Teile solider
  Stein und welche nur Latten und Moertel waren."

So schrieb ein Auslaender ueber Brussilows erste Schlachttage. Und dieser
Auslaender sagt einwandfrei das Richtige.

Die oesterreichisch-ungarische Mauer zeigt aber nur wenige solide Steine,
sie bricht unter dem Pochen von Brussilows Hammer zusammen, und herein
braust die Sturmflut der russischen Haufen, die nunmehr erst von unserer
Front weg herangefuehrt worden sind. Wo wird ihnen ein Halt geboten werden
koennen? Nur eine starke Saeule bleibt zunaechst noch inmitten dieser
Brandung. Es ist die Suedarmee unter ihrem trefflichen General Grafen
Bothmer. Deutsche, Oesterreicher und Ungarn; alle gehalten in guter Zucht.

Was auf unserem Teil der grossen Ostfront entbehrlich ist, rollt nunmehr
nach dem Sueden und verschwindet auf den Schlachtfeldern Galiziens.

Inzwischen verduestert sich auch die Lage an der Westfront.
Franzoesisch-englische Uebermacht wirft sich auf unsere verhaeltnismaessig
schwach gehaltenen Linien beiderseits der Somme und drueckt die
Verteidigung ein. Ja es droht voruebergehend die Gefahr eines vollendeten
Durchbruchs!

Mein Allerhoechster Kriegsherr ruft mich und meinen Generalstabschef
zweimal zu Beratungen ueber die schwere Lage an der Ostfront in sein
Hauptquartier nach Pless. Das letzte Mal, Ende Juli, faellt dort die
Entscheidung ueber die Neuregelung des Befehls auf der Ostfront. Die
deutsche Oberste Heeresleitung hat von Oesterreich-Ungarn als Entgelt fuer
die trotz Verdun und Somme gebotene rettende Hand Gewaehr fuer straffere
Organisation des Befehls an der Ostfront gefordert. Mit Recht! So wurde
meine Befehlsgewalt bis in die Gegend von Brody, oestlich Lemberg,
ausgedehnt; starke k. und k. Truppenverbaende wurden mir unterstellt.

Wir besuchten baldigst die uns neu zugewiesenen Oberkommandos und fanden
bei den oesterreichisch-ungarischen Stellen volles Entgegenkommen und
rueckhaltslose Kritik der eigenen Schwaechen. Freilich, die Erkenntnis war
nicht allenthalben vom Tatenwillen begleitet, der bessernd in die
vorhandenen Schaeden eingreift. Und doch, wenn je in einem Heere, so
bedurfte es in diesem Voelkergemisch einer alles beherrschenden,
durchgreifenden Gewalt und eines einheitlichen Zuges, sonst musste auch das
beste Blut in diesem Koerper machtlos rinnen und vergeblich verrinnen.

Die Ausdehnung der Befehlsfront veranlasste mich zur Verlegung meines
Hauptquartiers nach Sueden, nach Brest-Litowsk. Dort trifft mich am
28. August mittags der Befehl Seiner Majestaet des Kaisers, baldmoeglichst
in sein Grosses Hauptquartier abzureisen. Als Grund teilt mir der Chef des
Militaerkabinetts nur mit: "Die Lage ist ernst!"

Ich lege den Hoerapparat weg und denke an Verdun und Italien, an Brussilow
und die oesterreichische Ostfront, dazu an die Nachricht: "Rumaenien hat uns
den Krieg erklaert." Starke Nerven werden noetig sein!





                               DRITTER TEIL


   VON DER UeBERTRAGUNG DER OBERSTEN HEERESLEITUNG BIS ZUR ZERTRUeMMERUNG
                                RUSSLANDS




                   Berufung zur Obersten Heeresleitung



                  Chef des Generalstabes des Feldheeres


Es war bekanntlich nicht das erste Mal, dass mich mein Kaiserlicher und
Koeniglicher Herr zur Besprechung ueber militaerische Lagen und Absichten zu
sich berief. Daher vermutete ich auch diesmal, dass Seine Majestaet meine
Anschauungen ueber eine bestimmte Frage persoenlich und muendlich hoeren
wollte. In der Annahme eines nur kurzen Aufenthaltes nahm ich auch nur das
fuer einen solchen unbedingt noetige Gepaeck mit mir. Am 29. August
vormittags traf ich in Begleitung meines Chefs in Pless ein. Auf dem
Bahnhof empfing mich im Auftrage des Kaisers der Chef des
Militaerkabinetts. Aus seinem Munde erfuhr ich zuerst die fuer mich und
General Ludendorff beabsichtigten Ernennungen.

Vor dem Schlosse in Pless traf ich meinen Allerhoechsten Kriegsherrn selbst,
der das Eintreffen Ihrer Majestaet der Kaiserin, die von Berlin aus kurz
nach mir Pless erreicht hatte, erwartete. Der Kaiser begruesste mich sogleich
als Chef des Generalstabes des Feldheeres und General Ludendorff als
meinen Ersten Generalquartiermeister. Auch der Reichskanzler war von
Berlin aus erschienen und augenscheinlich von der Veraenderung in der
Besetzung der Chefstelle, die ihm Seine Majestaet in meiner Gegenwart
mitteilte, nicht weniger ueberrascht als ich selbst. Ich erwaehne dies, weil
auch hier die Legendenbildung eingesetzt hat.

Die Uebernahme der Geschaefte aus den Haenden meines Vorgaengers vollzog sich
bald nachher. General von Falkenhayn reichte mir zum Abschied die Hand mit
den Worten: "Gott helfe Ihnen und unserem Vaterland!"

Welche Gruende unsere ploetzliche Berufung in den neuen Wirkungskreis
veranlassten, erfuhr ich aus dem Munde meines Kaisers, der meines
Vorgaengers stets ehrend gedachte, weder bei der Uebernahme meiner neuen
Stellung noch spaeter. Derartige Feststellungen rein historischen Wertes zu
machen, fehlte mir immer die Neigung, damals aber auch die Zeit. Draengten
sich doch die Entscheidungen nicht nach Tagen sondern nach Stunden.



                       Kriegslage Ende August 1916


Die Kriegslage, unter welcher der Wechsel in der Leitung der Operationen
erfolgte, war nach den ersten Eindruecken, die ich gewann, folgende:

Die Verhaeltnisse an der Westfront waren nicht ohne Bedenken. Verdun war
nicht in unsere Haende gefallen, auch die Hoffnung auf Zerreibung der
franzoesischen Heereskraft in dem gewaltigen Feuerbogen, der sich um die
Nord- und Nordostfront der Festung gebildet hatte, war nicht verwirklicht.
Ein Erfolg unseres dortigen Angriffes war immer aussichtsloser geworden,
aber das Unternehmen war noch nicht aufgegeben. An der Somme raste das
Ringen nunmehr seit fast zwei Monaten. Wir kamen dort von einer Krisis in
die andere. Unsere Linien standen andauernd im Zustand aeusserster
Zerreissprobe.

Im Osten war die russische Offensive im Suedostteil der Karpathen bis auf
den Gebirgskamm hinaufgebrandet. Ob dieser letzte Schutzwall ungarischen
Landes mit den jetzt verfuegbaren Kraeften gegen neue Anstuerme zu behaupten
sein wuerde, musste nach den bisherigen Ergebnissen bezweifelt werden. Auch
im Vorlande des Nordwestteils der Karpathen war die Lage aufs aeusserste
gespannt. Zwar hatten die russischen Angriffe zurzeit dort etwas
nachgelassen, aber es war nicht zu hoffen, dass diese Ruhe von laengerer
Dauer sein wuerde.

Der oesterreichisch-ungarische Angriff aus Suedtirol hatte angesichts des
Zusammenbruchs an der galizischen Front aufgegeben werden muessen. Der
Italiener ging nun seinerseits wieder zum Angriff an der Isonzofront ueber.
Diese Kaempfe zehrten in starkem Masse an den oesterreichisch-ungarischen
Heereskraeften, welche sich dort unter den schwierigsten Verhaeltnissen
gegen mehrfache feindliche Ueberlegenheit, wert des hoechsten Ruhmes
schlugen.

Von Wichtigkeit fuer die Gesamtlage wie fuer die Not des Augenblickes waren
schliesslich auch die derzeitigen Verhaeltnisse auf dem Balkan. Die von den
Bulgaren auf unsere Anregung hin in Mazedonien unternommene Offensive
gegen Sarrail hatte nach anfaenglichen Erfolgen abgebrochen werden muessen.
Das mit diesem Angriff verbundene politische Ziel, Rumaenien vom Eingreifen
in den Krieg abzuhalten, war nicht erreicht worden.

Die Vorhand lag zur Zeit ueberall in den Haenden unserer Gegner. Es war
damit zu rechnen, dass diese alle Kraefte einsetzen wuerden, uns weiter unter
diesem Drucke zu halten. Die Aussichten auf eine vielleicht nahe und
erfolgreiche Kriegsbeendigung mussten die gegnerischen Verbuendeten auf
allen Fronten zu den groessten Kraftanstrengungen und zu den schwersten
Opfern bereit finden. Alle gaben wohl ihr letztes her, um sich an dem
Todesstoss gegen die Mittelmaechte zu beteiligen, zu dem Rumaenien das
siegessichere Halali blies!

Die augenblicklich freien und verfuegbaren Reserven des deutschen sowie des
oesterreichisch-ungarischen Heeres waren gering. Einstweilen standen an der
zunaechst bedrohten siebenbuergisch-rumaenischen Grenze nur schwache
Postierungen, groesstenteils Finanz- und Zollwachen. Im Innern Siebenbuergens
waren abgekaempfte oesterreichisch-ungarische Divisionen untergebracht, zum
Teil gefechtsunbrauchbare Truemmer. Dort aufgestellte oder in Aufstellung
begriffene Neubildungen hatten eine zu geringe Staerke, um fuer einen
ernsten Widerstand gegen einen rumaenischen Einfall in das Land in Betracht
kommen zu koennen. Die Verhaeltnisse auf dem suedlichen Donauufer waren in
dieser Beziehung fuer uns guenstiger. Eine aus bulgarischen, osmanischen und
deutschen Verbaenden neugebildete Armee war im bulgarischen Grenzgebiete
der Dobrudscha und an der Donau weiter aufwaerts in Versammlung begriffen,
zusammen etwa 7 Divisionen von sehr verschiedener Staerke.

Das war im wesentlichen alles, was zurzeit an der wundesten der wunden
Stellen unseres europaeischen Kriegsschauplatzes, naemlich an den
rumaenischen Grenzen, verfuegbar war. Weiterer Kraeftebedarf musste entweder
aus anderen Kampffronten weggezogen oder abgekaempften und der Ruhe
beduerftigen Verbaenden entnommen oder endlich durch Bildung neuer
Divisionen gewonnen werden. Gerade in letzterer Beziehung lagen aber die
Verhaeltnisse bei uns wie bei unseren Verbuendeten nicht guenstig. Die
Ersatzlage drohte bei andauernd gleicher oder gar erhoehter Anspannung
bedenklich zu werden. Auch war der Verbrauch von Geraet und Schiessbedarf
durch die lange Dauer und den Umfang der Kaempfe auf allen Fronten ein
solch ungeheurer geworden, dass die Gefahr einer Laehmung unserer
Kriegfuehrung schon aus diesem Grunde nicht ausgeschlossen erschien. Auf
die Lage in der Tuerkei komme ich spaeter zurueck.



                             Politische Lage


Nicht nur die ersten Eindruecke ueber die militaerische, sondern auch
diejenigen ueber die politische Gesamtgestaltung beduerfen einer kurzen
Darlegung. Ich beginne mit den Verhaeltnissen in unserem eigenen
Vaterlande.

Als mir die Leitung der Operationen uebertragen wurde, hielt ich die
Stimmung in unserer Heimat zwar nicht fuer verzagt, aber doch fuer ernst.
Kein Zweifel, dass man dort durch manche kriegerischen Vorgaenge der letzten
Monate enttaeuscht war. Dazu kam, dass sich die Not des taeglichen Lebens
wesentlich gesteigert hatte. Besonders bitter litt der Mittelstand unter
den fuer ihn ungewoehnlich nachteiligen wirtschaftlichen Verhaeltnissen. Die
Lebensmittel wurden immer knapper zugewiesen, die Ernteaussichten waren
maessig.

Die Kriegserklaerung Rumaeniens bedeutete unter diesen Verhaeltnissen eine
weitere Mehrbelastung des heimatlichen Kriegswillens. Doch war das
Vaterland augenscheinlich auch jetzt zum Durchhalten bereit. Wie lange und
wie stark diese Stimmung anhalten werde, liess sich freilich nicht
vorhersagen. Der Verlauf der kriegerischen Ereignisse der naechsten Zeit
musste in dieser Hinsicht entscheidend wirken.

Was die Beziehungen Deutschlands zu seinen Verbuendeten betrifft, so
sollten wir diese nach den propagandistischen Aeusserungen der gegnerischen
Presse waehrend des Krieges schrankenlos beherrschen. Es wurde behauptet,
wir hielten Oesterreich-Ungarn, Bulgarien und die Tuerkei sozusagen am Halse
fest, bereit sie zu wuergen, wenn sie nicht taten, was wir wollten. Und
doch konnte es kaum eine groessere Entstellung des wirklichen Sachverhaltes
geben, als sie in dieser Behauptung lag. Ich glaube, dass sich nirgends die
Schwaeche Deutschlands im Vergleich zu England deutlicher zeigte, als in
der Verschiedenheit der politischen Einwirkungen auf die beiderseitigen
Bundesgenossen.

Wenn zum Beispiel das offizielle Italien es jemals gewagt haette, offen
Friedensneigungen ohne britische Erlaubnis zu zeigen, so war England jeder
Zeit imstande, diesen Verbuendeten einfach durch Hunger zur Fortsetzung der
einmal eingeschlagenen Politik zu zwingen. Aehnlich stark und unbedingt
herrschend war Englands Stellung Frankreich gegenueber. Unabhaengiger war in
dieser Beziehung wohl nur Russland; aber auch die politische
Selbstaendigkeit des Zarenreiches fand aus wirtschaftlichen und
finanziellen Gruenden England gegenueber ihre Grenzen. Wie viel unguenstiger
war in dieser Richtung die Stellung Deutschlands. Welche politischen,
wirtschaftlichen oder militaerischen Machtmittel lagen in unserer Hand, um
etwaigen Abfallbestrebungen irgend eines unserer Bundesgenossen
entgegenzutreten? Sofern sich diese Staaten nicht durch den freien Willen
oder durch das drohende sichere Verderben an uns gekettet fuehlten, hatten
wir keine Macht, sie bei uns festzuhalten. Ich stehe nicht an, diese
unbestreitbare Tatsache als eine besondere Schwaeche unserer gesamten Lage
hervorzuheben.

Nunmehr zu den einzelnen Verbuendeten.

Die innerpolitischen Verhaeltnisse in Oesterreich-Ungarn hatten sich im
Laufe des Sommers 1916 nicht unbedenklich gestaltet. Die dortige
politische Leitung hatte wenige Wochen vor unserem Eintreffen in Pless
unserer Reichsleitung gegenueber kein Hehl daraus gemacht, dass die
Donaumonarchie eine weitere Belastung durch militaerische und politische
Misserfolge nicht mehr vertrug. Die Enttaeuschung ueber das Scheitern der mit
allzu lauten Verheissungen begleiteten Offensive gegen Italien war eine
tiefgehende. Der rasche Zusammenbruch des Widerstandes an der
galizisch-wolhynischen Front liess in der grossen Masse des
oesterreichisch-ungarischen Volkes einen misstrauischen Pessimismus
aufkommen, der in der Volksvertretung ein rueckhaltloses Echo fand. Die
leitenden Kreise Oesterreich-Ungarns standen zweifellos unter der Wirkung
dieser Stimmung. Es war freilich nicht das erste Mal, dass solche
bedenkliche Auffassungen aus deren Mitte zu uns herueberklangen. Man traute
sich dort zu wenig selbst zu. Da man die eigenen Kraefte nicht
zusammenzufassen wusste, misstraute man deren Groesse. Bei diesem Urteil
verkenne ich nicht, dass die politischen Schwierigkeiten der
Doppelmonarchie unendlich viel groesser waren, als diejenigen unseres
geeinten deutschen Vaterlandes. Auch die Lebensmittelfrage war eine
ernste. Besonders litten die deutsch-oesterreichischen Landesteile bitter
unter der Not. Nach meiner Ansicht lag keine Veranlassung vor, der
Buendnistreue Oesterreich-Ungarns irgendwie zu misstrauen. Jedoch musste unter
allen Umstaenden dafuer gesorgt werden, dass das Land von dem auf ihm
liegenden Druck baldmoeglichst entlastet wurde.

Anders, ich darf sagen national gefestigter, als in Oesterreich-Ungarn
lagen die innerpolitischen Verhaeltnisse in Bulgarien. Das Land fuehrte mit
dem Kampfe um die staatliche Vereinigung der bulgarischen Stammesgenossen
gleichzeitig den Kampf um seine endgueltige Vormachtstellung auf dem
Balkan. Die mit den Mittelmaechten und der Tuerkei abgeschlossenen Vertraege
im Verein mit den bisherigen Kriegserfolgen schienen Bulgariens
weitgehenden Wuenschen sichere Erfuellung bringen zu wollen. Das Land war
freilich aus dem letzten Balkankriege stark erschoepft in den neuen Krieg
eingetreten. Ausserdem war es in den jetzigen Kampf bei weitem nicht mit
jener allgemeinen Begeisterung gegangen wie in denjenigen des Jahres 1912.
Diesmal war es mehr von der kuehlen Berechnung seiner Staatsmaenner als von
nationalem Schwung gefuehrt. Kein Wunder daher, wenn das Volk sich im
jetzigen Besitz der erstrebten Landesteile befriedigt fuehlte und keine
starken Neigungen zu neuen Unternehmungen zeigte. Ob das Zoegern mit der
Kriegserklaerung an Rumaenien - sie war bei meinem Eintreffen in Pless noch
nicht erfolgt - lediglich ein Ausfluss dieser Stimmung war, moechte ich
freilich heute noch bezweifeln. Die Verhaeltnisse in der
Lebensmittelversorgung des Landes waren, am deutschen Massstabe gemessen,
gute.

Im allgemeinen glaubte ich die Hoffnung zu haben, dass unser Buendnis mit
Bulgarien eine etwaige militaerische Belastungsprobe vertragen wuerde.

Ein nicht geringeres Vertrauen brachte ich der Tuerkei entgegen. Das
osmanische Reich war in den Kampf getreten ohne jegliche Bestrebungen nach
politischer Machterweiterung. Seine fuehrenden Persoenlichkeiten, allen
voran Enver Pascha, hatten klar erkannt, dass es fuer die Tuerkei in dem
ausgebrochenen Kampfe keine Neutralitaet geben koenne. Man kann sich in der
Tat nicht vorstellen, dass Russland und die Westmaechte die einschraenkenden
Bestimmungen ueber die Benutzung der Meerengen auf die Dauer haetten
beruecksichtigen koennen. Die Aufnahme des Kampfes bedeutete fuer die Tuerkei
eine Frage des Seins oder Nichtseins, ausgesprochener fast wie fuer uns
andere. Unsere Gegner taten uns einen Gefallen damit, dies von Anfang an
laut und deutlich zu verkuenden.

Die Tuerkei hatte bei diesem Kampfe bisher eine Staerke entwickelt, die alle
in Erstaunen setzte. Ihre aktive Kriegfuehrung ueberraschte Freunde wie
Feinde; sie fesselte starke gegnerische Kraefte auf allen asiatischen
Kriegsschauplaetzen. Man hat in Deutschland spaeterhin oftmals den Vorwurf
gegen die Oberste Heeresleitung erhoben, dass sie zur Staerkung der
Kampfkraft der Tuerkei ihre eigenen Mittel zersplittert haette. Man
beachtete aber bei diesem Urteil nicht, wie wir durch eben jene
Unterstuetzungen den Bundesgenossen andauernd befaehigten, mehrere
100.000 Mann bester gegnerischer Kampftruppen von unseren
mitteleuropaeischen Kriegsschauplaetzen fernzuhalten.



                    Die deutsche Oberste Kriegsleitung


Die Erfahrungen des Fruehjahrs und Sommers 1916 hatten die Notwendigkeit
ergeben, eine fuehrende und voll verantwortliche Befehlsstelle fuer uns und
unsere verbuendeten Heere einzurichten. Im Benehmen mit den regierenden
Staatshaeuptern wurde eine Oberste Kriegsleitung geschaffen. Sie wurde
Seiner Majestaet dem Deutschen Kaiser uebertragen. Der Chef des
Generalstabes des deutschen Feldheeres erhielt das Recht "im Auftrage
dieser Obersten Kriegsleitung" Anweisungen herauszugeben und
Vereinbarungen mit den verbuendeten Heereschefs zu treffen.

Bei dem grossen Entgegenkommen und der verstaendnisvollen Mitarbeit der mir
im uebrigen gleichgestellten Chefs der verbuendeten Heere konnte ich die
Anwendung meiner neuen Rechte auf einzelne besonders wichtige kriegerische
Entscheidungen beschraenken. Die Behandlung gemeinsamer politischer und
wirtschaftlicher Fragen fiel nicht in den Bereich dieser Obersten
Kriegsleitung.

Meine Aufgabe bestand sonach im wesentlichen darin, den Verbuendeten die
leitenden Gesichtspunkte fuer die gesamte Kriegsfuehrung zu geben und ihre
Kraefte und Taetigkeit zur Erreichung des gemeinsamen Zieles
zusammenzufassen. Unser aller Interessen wuerde es entsprochen haben, wenn
die Oberste Kriegsleitung unter Zurueckstellung der einzelnen
Sonderinteressen, ja selbst unter Preisgabe einzelner fuer die Entscheidung
nebensaechlicher Ruecksichten, einen durchschlagenden Erfolg auf einem der
Hauptkriegsschauplaetze haette erzwingen koennen. Im unabaenderlichen Wesen
des Koalitionskrieges lag es aber, dass unserer Obersten Kriegsleitung
durch Ruecksichten aller moeglichen Art hierin oft Schwierigkeiten bereitet
wurden.

Es ist bekannt, dass Deutschland in diesem Krieg seinen Bundesgenossen
gegenueber in weit hoeherem Masse der gebende als der empfangende Teil war.
Mit dieser Feststellung soll und kann freilich nicht die Auffassung
vertreten werden, als ob Deutschland diesen ungeheuren Kampf ohne
Bundesgenossen haette durchfuehren koennen. Auch liegt in der vielfach
ausgesprochenen Ansicht, Deutschland habe sich nur auf krueppelhafte
Verbuendete gestuetzt, eine arge Verkennung der Wirklichkeit und eine
einseitige Uebertreibung. Man uebersieht dabei, dass auch unsere Verbuendeten
vielerorts starke feindliche Ueberlegenheiten auf sich gezogen hatten.

Wenn ich jetzt den Blick auf das Vergangene zurueckwende, so habe ich den
Eindruck, dass nicht in grossen Operationen, sondern in dem Ausgleich
verschiedengerichteter Interessen der einzelnen Bundesgenossen der
schwierigste Teil unserer Aufgaben vom Standpunkt der Obersten
Kriegsleitung lag. Ich will es dahin gestellt sein lassen, ob sich in den
meisten Faellen politische Verhaeltnisse dringender geltend machten, als
militaerische Gruende. Eine ganz besondere Erschwerung lag fuer unsere Plaene
und Entscheidungen in den verschiedenen Werten der verbuendeten Heere. Wir
mussten nach Uebernahme der Obersten Heeresleitung erst allmaehlich lernen,
was wir von den Waffen unserer Verbuendeten erwarten und verlangen konnten.

Die oesterreichisch-ungarische Wehrmacht hatte ich zum erstenmal bei dem
Feldzug in Polen in unmittelbarem Zusammenwirken mit unseren Truppen
kennen gelernt. Sie entsprach schon damals den Anforderungen, die wir an
unsere eigenen Kraefte zu stellen gewohnt waren, nicht mehr vollstaendig.
Der Hauptgrund fuer den Rueckgang des Durchschnittswertes der k. u. k.
Truppenteile lag unbestrittenermassen in der ausserordentlichen
Erschuetterung, die das Heer bei seiner, wie ich mich schon ausdrueckte,
ueberkuehnen, rein frontalen Operation bei Kriegsbeginn in Galizien und
Polen erlitten hatte. Man hat nachtraeglich behauptet, dass die
oesterreichisch-ungarische Offensive damals das Ergebnis hatte, den Ansturm
der russischen Heeresmassen zu brechen. Vielleicht haette sich aber dieses
auf weniger gewagtem Wege und mit erheblich geringeren Opfern erreichen
lassen. Jedenfalls erholte sich das russische Heer nach den damals
erlittenen Verlusten wieder, das oesterreichisch-ungarische aber nicht
mehr, ja es schlug der kuehne Unternehmungsgeist Oesterreich-Ungarns in eine
dauernde Ueberempfindlichkeit gegenueber den russischen Massen um. Allen
Anstrengungen der oesterreichisch-ungarischen Obersten Heeresleitung, die
erlittenen schweren Schaeden zu beheben, stellten sich unueberwindliche
Schwierigkeiten entgegen. Diesen im einzelnen nachzugehen, glaube ich mir
versagen zu koennen. Ich moechte nur die Frage aufwerfen: Wie haette es
Menschenkraeften gelingen koennen, einen neuen erhebenden Antrieb
einheitlichen, nationalen Kampfwillens in das Voelkergemisch der
Doppelmonarchie hineinzubringen, nachdem die erste Bluete des Willens, der
Begeisterung und des Selbstvertrauens geknickt war? Wie sollte besonders
das Offizierkorps, das bei dem ersten Vorstuermen so schwer gelitten hatte,
einigermassen wieder auf die alte Hoehe gebracht werden? Vergessen wir
nicht, dass Oesterreich-Ungarn keineswegs ueber die geistigen Kraefte
verfuegte, aus denen Deutschland so oft und lange zu schoepfen vermochte.

Ein Irrtum lag in der Annahme, dass die oesterreichisch-ungarische Armee in
ihrer Gesamtheit von dem andauernden Rueckgang des Wertes ihrer Truppen
ueberall gleichmaessig betroffen wurde. Die Donaumonarchie verfuegte bis
zuletzt ueber hochwertige Verbaende. Ein starker Hang zu einem
ungerechtfertigten Pessimismus in kritischen Lagen zeigte sich freilich an
vielen Stellen. Besonders war auch die hoehere oesterreichisch-ungarische
Truppenfuehrung hiervon nicht unberuehrt. Nur so konnte es kommen, dass
selbst nach hervorragenden Angriffsleistungen der Gefechtswille unseres
Bundesgenossen ganz ueberraschend zusammenbrach, ja sich geradezu ins
Gegenteil verkehrte.

Durch die beruehrten Erscheinungen wurde natuerlicherweise ein Element
grosser Unsicherheit in die Berechnungen unserer Obersten Kriegsleitung
hineingebracht. Wir waren nie sicher, ob uns nicht ueberraschendes
Nachgeben verbuendeter Heeresteile unerwartet vor ganz veraenderte Lagen
stellen und dadurch unsere Plaene umwerfen wuerde. Schwaechemomente treten in
den Truppenteilen jeden Heeres auf. Sie liegen in der menschlichen Natur
begruendet. Die Fuehrung muss damit rechnen, wie mit einem gegebenen Faktor,
dessen Groesse aber nicht festzustellen ist. Durch eine vollwertige Truppe
werden jedoch solche Momente meist rasch ueberwunden, oder es bleibt selbst
im groessten Zusammenbruch wenigstens noch ein Kern von Schlagkraft und
Widerstandswille uebrig. Wehe aber, wenn auch dieser letzte Kern voellig
verbrennt. Das Unheil faellt dann verheerend nicht nur auf die betroffene
Truppe sondern auch auf die anschliessenden oder eingestreuten zaeheren
Verbaende; sie werden von der Katastrophe in Flanke und Ruecken gefasst und
erleiden vielfach ein schlimmeres Schicksal, als die weniger Standhaften.
Das war so oft das traurige Ende unserer in oesterreichisch-ungarische
Fronten eingebauten Stuetzen. War es ein Wunder, dass hierdurch die Stimmung
unserer Truppen gegenueber den oesterreichisch-ungarischen Waffengefaehrten
nicht immer vertrauensvoll und guenstig war?

Im grossen und ganzen duerfen wir aber die Leistungen Oesterreichs-Ungarns in
diesem gewaltigen Kampfe nicht unterschaetzen und bitteren Gefuehlen
nachhaengen, die manchmal unter dem Eindruck enttaeuschter Erwartungen
entstanden sind. Die Donaumonarchie blieb uns ein getreuer Waffengenosse.
Wir haben stolze Zeiten gemeinsam durchlebt und sollten uns hueten, im
gemeinsamen Unglueck uns innerlich zu trennen.

Einen anderen inneren Aufbau als das oesterreichisch-ungarische Heer hatte
das bulgarische. Es war national in sich voellig geschlossen. Die
bulgarische Armee hatte im grossen Kriege bis zum Herbste 1916
verhaeltnismaessig wenig gelitten. Bei der Beurteilung ihres Wertes duerfte
aber nicht vergessen werden, dass sie erst vor kurzem einen anderen
moerderischen Krieg ueberstanden hatte, in dem der groesste Teil der Bluete des
Offizierskorps, ja der gesamten Intelligenz des Landes zugrunde gegangen
war. Ihr Wiedererstarken war in Bulgarien zum mindesten ebenso schwierig
wie in Oesterreich-Ungarn. Die verhaeltnismaessig noch primitiven Zustaende des
Balkanlandes erschwerten ausserdem dem Heere Einfuehrung und Gebrauch
mancher fuer den modernen Krieg unbedingt notwendiger Kampf- und
Verkehrsmittel. Dies machte sich um so mehr fuehlbar, als auch an der
mazedonischen Front vollwertige franzoesische und englische Truppenteile
uns gegenueberstanden. Schon aus diesem Grunde konnte nichts Ueberraschendes
darin gefunden werden, dass wir Bulgarien nicht nur mit materiellen
Mitteln, sondern auch mit personellen Kraeften unterstuetzen mussten.

Wieder anders als in der oesterreichisch-ungarischen und der bulgarischen
Armee lagen die Verhaeltnisse in der tuerkischen. Unsere deutsche
Militaermission hatte vor dem Kriege kaum Zeit gehabt, zu wirken,
geschweige denn eine durchgreifende Besserung in den zerruetteten
Verhaeltnissen des tuerkischen Heeres zu erreichen. Trotzdem war es
gelungen, eine grosse Anzahl tuerkischer Verbaende mobil zu machen. Die Armee
hatte aber an den Dardanellen und bei ihren ersten Angriffsoperationen in
Armenien ausserordentlich schwer gelitten. Dessen ungeachtet schien ihre
Leistungsfaehigkeit fuer die ihr von der Obersten Kriegsleitung zunaechst
gestellte Aufgabe: Verteidigung des tuerkischen Landbesitzes, ausreichend.
Ja, es war sogar moeglich, starke Teile des osmanischen Heeres allmaehlich
auf europaeischem Boden zu verwenden. Unsere militaerische Unterstuetzung der
Tuerkei beschraenkte sich im wesentlichen auf die Lieferung von Kampfmitteln
und auf die Gestellung von zahlreichen Offizieren. Die fuer die asiatischen
Kriegsschauplaetze bis zum Herbste 1916 abgegebenen deutschen Formationen
wurden von uns mit Zustimmung der tuerkischen Obersten Heeresleitung nach
und nach zurueckgezogen, je nachdem die Tuerkei imstande war, das Material
dieser Formationen selbst zu uebernehmen und zu bedienen.

Unsere Materiallieferungen gingen bis zu den Senussen an der Nordkueste
Afrikas, denen wir mit Hilfe unserer Unterseeboote hauptsaechlich Gewehre
und Schiessbedarf lieferten. Waren diese Sendungen auch klein, so wirkten
sie doch ausserordentlich erhebend auf den kriegerischen Geist der
mohammedanischen Staemme. Die praktischen Ergebnisse ihres Kampfes fuer
unsere Kriegfuehrung lassen sich bis jetzt noch nicht ueberblicken;
vielleicht waren sie groesser, als wir es damals ahnen konnten.

Selbst ueber die Nordkueste Afrikas hinaus versuchten wir unseren
Waffengenossen Unterstuetzung zu bringen. So traten wir unter anderm dem
von Enver Pascha im Jahre 1917 angeregten Gedanken naeher, den Staemmen im
Yemen, die ihrem Padischah in Konstantinopel treu geblieben waren,
finanzielle Hilfe zu schicken. Da uns der Weg dorthin zu Lande durch
aufruehrerische Nomadenstaemme der arabischen Wueste versperrt war, und die
Kuesten des Roten Meeres fuer unsere Unterseeboote wegen ihres nicht
genuegenden Aktionsradius unerreichbar waren, so waere uns nur der Luftweg
uebrig geblieben. Zu meinem groessten Bedauern verfuegten wir aber damals noch
nicht ueber ein Luftschiff, das die meteorologischen Schwierigkeiten einer
Fahrt ueber die grosse Wueste mit Sicherheit haette ueberwinden koennen. Die
Durchfuehrung des Planes musste also unterbleiben.

In diesem Zusammenhang darf ich vorgreifend erwaehnen, dass ich 1917 den
Versuch, unserer Schutztruppe in Ostafrika auf dem Luftwege Waffen und
Medikamente zuzufuehren, mit dem regsten Interesse verfolgte. Das
Zeppelinschiff musste bekanntlich ueber dem Sudan umkehren, da unsere
Schutztruppe in der Zwischenzeit weiter nach Sueden gerueckt war und ihre
Operationen nach Portugiesisch-Ostafrika verlegt hatte. Mit welch stolzen
Gefuehlen ich waehrend des Krieges die Taten und fast uebermenschlichen
Leistungen dieser praechtigen Truppe in Gedanken begleitete, bedarf keiner
naeheren Ausfuehrung. Sie hat auf afrikanischem Boden ein unvergaengliches
Denkmal deutschen Heldentums errichtet.

Rueckblickend auf die Leistungen unserer Bundesgenossen muss ich anerkennen,
dass sie die ihnen eigenen Kraefte in dem gemeinsamen Dienst unserer grossen
Sache so weit anspannten, als die Eigenart ihrer staatlichen,
wirtschaftlichen, militaerischen und ethischen Mittel ihnen das
ermoeglichte. Das Ideal erreichte freilich keiner, und wenn wir vor allen
anderen diesem Ideal uns am meisten naeherten, so war das nur moeglich,
infolge der gewaltigen, uns selbst anfangs gar nicht vollbewussten inneren
Kraefte, die wir im Laufe der letzten Jahrzehnte unserer Geschichte
angesammelt hatten, Kraefte, die in allen Schichten des Vaterlandes
vorhanden waren, hier nicht schlummerten sondern lebendig waren und in
bestaendiger Regung sich weiter staerkten. Nur wenn ein Staat in sich gesund
ist und unverdorbene Lebenskraefte ihn so stark durchfluten, dass die
ungesunden im entscheidenden Augenblick mit fortgerissen werden, nur dann
sind solche Leistungen denkbar, wie wir sie vollbrachten, und zwar
vollbrachten weit ueber die Verpflichtungen hinaus, vor die unsere
Buendnisse uns stellten.

Dass dem so sein konnte, dafuer gebuehrt der Dank geschichtlich nachweisbar
vornehmlich den Hohenzollern und unter diesen in der letzten Zeitepoche
deutscher Groesse unserem Kaiser Wilhelm II. Getreu den Ueberlieferungen
seines Hauses erblickte dieser Herrscher in dem Heere die beste Schule des
Volkes und arbeitete unermuedlich an dessen Fortentwickelung. So stand denn
Deutschlands Heeresmacht als die erste der Welt da: vor dem Kriege der
achtunggebietende Schutz friedlicher Arbeit, waehrend des Krieges der Kern
aller Kraftaeusserung.



                                   Pless


Das oberschlesische Staedtchen Pless war von der deutschen Obersten
Heeresleitung schon in frueheren Zeitabschnitten des Krieges als
voruebergehender Sitz des Grossen Hauptquartiers gewaehlt worden. Der Grund
dieser Wahl lag in der Naehe des Aufenthaltes des k. u. k.
Armee-Oberkommandos in der oesterreichisch-schlesischen Stadt Teschen. Der
Vorteil, der sich aus der Moeglichkeit rascher und persoenlicher Aussprache
zwischen den beiden Hauptquartieren ergab, war auch jetzt massgebend fuer
den weiteren Beibehalt dieses Hauptquartiers.

Das deutsche Grosse Hauptquartier bildete natuerlicherweise den Treffpunkt
deutscher und verbuendeter Fuerstlichkeiten, die mit meinem Kaiserlichen
Herrn ueber politische und militaerische Fragen unmittelbare Ruecksprache
nehmen wollten. Zu den ersten Monarchen, denen ich dort naeher zu treten
die Ehre hatte, zaehlte Zar Ferdinand von Bulgarien. Er machte auf mich den
Eindruck eines hervorragenden Diplomaten. Sein politischer Blick ging weit
ueber die Grenzen des Balkans hinaus. Mit Meisterschaft verstand er es
dabei, in den grossen entscheidenden Fragen der Weltpolitik die Stellung
seines Landes wirkungsvoll zu beleuchten und in den Vordergrund zu ruecken.
Die Zukunft Bulgariens sollte sich, wie er meinte, in diesem Kriege durch
die endgueltige Beseitigung des russischen Einflusses und die endliche
Vereinigung aller bulgarischen Stammesangehoerigen unter einheitlicher
Fuehrung entscheiden. Andere Ziele seiner Politik hat der Zar mir gegenueber
niemals zur Sprache gebracht. Einen besonderen Eindruck machte mir die
Art, wie der Beherrscher der Bulgaren die politische Erziehung seines
aeltesten Sohnes leitete. Kronprinz Boris war gewissermassen der
Privatsekretaer seines koeniglichen Vaters und schien mir in die geheimsten
politischen Gedankengaenge des Zaren eingeweiht zu sein. Der hochbegabte
Prinz mit seiner vornehmen Denkungsart spielte die ihm anvertraute
wichtige Rolle in taktvollster Weise mit bescheidener Zurueckhaltung. Das
vaeterliche Regiment war dabei anscheinend ein ziemlich scharfes.

Die Aussenpolitik seines Staates fuehrte der Zar im wesentlichen ganz
allein. Inwiefern er auch die schwierigen innerpolitischen Verhaeltnisse
seines Landes unbedingt beherrschte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich
glaube aber, dass er es verstand, mitten in der oftmals einreissenden
parlamentarischen Anarchie Bulgariens seinen Willen, und sei es manchmal
auch mit autokratischen Mitteln, geltend zu machen. Seine Aufgabe war in
dieser Beziehung zweifellos eine schwere. Die Bulgaren waren, wie alle
Balkanvoelker, aus der Knechtschaft in die volle staatliche Freiheit
hineingesprungen. Die Schulung und die harte Arbeit des Uebergangs von
einem Zustand zum anderen fehlte ihnen daher. Ich fuerchte, dass diese oft
so vortrefflich beanlagten Voelkerschaften noch viele Jahrzehnte unter den
Folgen des Mangels jener erzieherischen Zwischenzeit leiden werden.

Der bulgarische Koenig war zurzeit jedenfalls einer der bedeutendsten
Herrscher. Uns gegenueber bewaehrte er sich als treuer Bundesgenosse.

Waehrend unseres Aufenthaltes in Pless starb Kaiser Franz Joseph. Sein
Heimgang war fuer das Donaureich und uns ein Verlust, der in seiner ganzen
Groesse wohl erst spaeter voll gewuerdigt werden kann. Es unterlag keinem
Zweifel, dass mit seinem Tode fuer die Voelkervielheit der Doppelmonarchie
der ideelle Vereinigungspunkt verloren ging. Sank doch mit dem
ehrwuerdigen, greisen Kaiser ein grosser Teil des nationalen Gewissens des
verschiedenstaemmigen Reiches fuer immer ins Grab.

Die Schwierigkeiten, denen der junge Kaiser gegenuebergestellt war, lassen
sich in ihrer Groesse und Mannigfaltigkeit mit denjenigen eines
Thronwechsels in stammeseinheitlichen Reichen nicht in Vergleich ziehen.
Der neue Herrscher versuchte den Wegfall der ethisch bindenden Macht, der
durch das Ableben Kaiser Franz Josephs eingetreten war, durch voelkisch
versoehnende Schritte zu ersetzen. Selbst staatszersetzenden Elementen
gegenueber glaubte er an die moralische Wirkung politischer Gnadenbeweise.
Das Mittel versagte voellig; diese Elemente hatten ihren Pakt mit unseren
gemeinsamen Feinden laengst geschlossen und waren weit entfernt, ihn
freiwillig wieder zu kuendigen.

Bei den vielfachen regen persoenlichen Beziehungen, die mir der Aufenthalt
in Pless mit dem damaligen Generaloberst Conrad von Hoetzendorf brachte,
bestaetigte sich mir der Eindruck, den ich schon frueher von ihm als Soldat
und Fuehrer erhalten hatte. General von Conrad war eine hochbegabte
Persoenlichkeit, ein gluehender oesterreichischer Patriot und ein
warmherziger Anhaenger unserer gemeinsamen Sache. Gegen politische
Einfluesse, die ihn aus dieser Richtung bringen wollten, war er zweifellos
aus tiefster Ueberzeugung ablehnend. Der Generaloberst war in seinem
operativen Denken sehr grosszuegig; er verstand es, die Kernpunkte unserer
gemeinsamen, grossen Fragen aus dem Wuste der weniger entscheidenden
Nebendinge herauszuschaelen. Er war ein besonders vortrefflicher Kenner der
Verhaeltnisse des Balkans und Italiens.

Die bedeutenden Schwierigkeiten, die einem nationalen Einheitsgeist der
oesterreichisch-ungarischen Armee entgegenstanden und die sich hieraus
ergebenden Maengel waren dem Generaloberst wohlbekannt. Trotzdem
ueberschaetzte er bei seinen hohen Plaenen hier und da die moeglichen
Leistungen des ihm anvertrauten Heeres.

Auch die militaerischen Fuehrer der Tuerkei und Bulgariens lernte ich im
Laufe des Herbstes und Winters in Pless persoenlich kennen.

Enver Pascha zeigte mir gegenueber einen ungewoehnlich weiten und freien
Blick fuer das Wesen der Fuehrung des gegenwaertigen Krieges und seiner
Durchfuehrung. Die Hingabe dieses Osmanen an unsere gemeinsame, grosse und
schwere Sache war eine unbedingte. Ich werde nie den Eindruck vergessen,
den ich bei unserer ersten Besprechung Anfang September 1916 von dem
tuerkischen Vizegeneralissimus erhielt. Er schilderte uns damals auf meine
Bitte hin die militaerische Lage in der Tuerkei. Mit einer bemerkenswerten
Klarheit, Bestimmtheit und Offenheit gab er uns hiervon ein erschoepfendes
Bild, und, sich an mich wendend, schloss er mit den Worten: "Die Lage der
Tuerkei in Asien ist zum Teil sehr schwierig. Wir muessen befuerchten, in
Armenien noch weiter zurueckgeworfen zu werden. Es ist auch nicht
ausgeschlossen, dass die Kaempfe im Irak sich bald wieder erneuern. Auch
glaube ich, dass der Englaender in kurzer Zeit imstande sein wird, uns in
Syrien mit Uebermacht anzugreifen. Aber was auch in Asien geschehen mag,
die Entscheidung des Krieges liegt auf europaeischem Boden, und hierfuer
stelle ich alle meine jetzt noch freien Divisionen zur Verfuegung."
Sachlicher und selbstloser hat wohl noch nie ein Bundesgenosse zu einem
anderen gesprochen. Und es blieb nicht lediglich bei Worten.

Bei aller hohen Auffassung vom Kriege im allgemeinen entbehrte Enver
Pascha aber doch einer gruendlichen militaerischen, ich moechte sagen,
Generalstabsschulung. Ein Nachteil, der augenscheinlich bei allen
tuerkischen Fuehrern wie auch in ihren Staeben zu finden war. Es machte den
Eindruck, als wenn bei den Orientalen in dieser Beziehung ein von der
Natur gegebener Mangel vorlaege. Die tuerkische Armee schien nur ganz wenige
Offiziere zu besitzen, die imstande waren bei der Verwirklichung richtig
gedachter Operationen die technischen, inneren Aufgaben der Fuehrung zu
beherrschen. Es fehlte das Gefuehl fuer die Notwendigkeit, dass sich der
Generalstab inmitten der Durchfuehrung grosser Gedanken auch mit dem Kleinen
beschaeftigen muss. So kam es, dass der orientalische Gedankenreichtum durch
den mangelnden militaerischen Wirklichkeitssinn oftmals unfruchtbar gemacht
wurde.

Eine wesentlich andere Natur wie der ideenreiche Osmane war unser
bulgarischer Kampfgenosse, General Jekoff, ein Mann von nuechterner
Beobachtungsgabe, grossen Gedanken nicht fremd, aber doch in erster Linie
auf den Gesichtskreis des Balkans sich beschraenkend. Inwieweit er in
letzterer Beziehung unter dem Banne seiner Regierung stand, vermag ich
nicht einwandfrei zu beurteilen. Er war jedenfalls ein warmer Anhaenger der
aussenpolitischen Richtung der bulgarischen Staatsleitung. Mit ihrem
innerpolitischen Gebaren hatte seine Auffassung wohl nichts gemein.

General Jekoff liebte seine Soldaten und ward von ihnen geliebt. Sein
Vertrauen zu ihnen, auch in politischer Beziehung, war ein sehr
weitgehendes. Bemerkenswert in dieser Richtung war eine seiner Aeusserungen,
als Zweifel darueber auftauchten, ob der bulgarische Soldat sich nicht etwa
weigern wuerde, gegen den Russen zu kaempfen: "Wenn ich meinen Bulgaren
sage, sie sollen kaempfen, dann werden sie es tun, gegen wen es auch sei!"
Im uebrigen waren dem General einzelne im Volkscharakter liegende Schwaechen
seiner Soldaten nicht unbekannt. Ich werde hierauf spaeter noch
zurueckkommen.

Ausser mit den leitenden militaerischen Persoenlichkeiten trat ich in Pless
auch mit den politischen Fuehrern unserer Bundesgenossen in persoenliche
Fuehlung. Ich moechte an dieser Stelle nur vom osmanischen Grosswesir Talaat
Pascha und dem bulgarischen Ministerpraesidenten Radoslawow sprechen.

Talaat Pascha machte den Eindruck eines genialen Staatsmannes. Er war sich
ueber die Groesse der Aufgabe wie ueber die Maengel seines Staatswesens nicht
im Zweifel. Wenn es ihm nicht gelang, die Selbstsucht und die nationale
Traegheit, die auf seinem Vaterlande lastete, auszurotten, so lag das
lediglich an der Groesse der dabei zu ueberwindenden Schwierigkeiten. Es
konnte eben nicht in Monaten gebessert werden, was in Jahrhunderten
versaeumt war, was Vermischung von Volksrassen und innere, moralische
Erschoepfung weiter Kreise des Staates laengst vor dem Kriege verdorben
hatten. Er selbst trat mit reinen Haenden an die Spitze seines Staates und
blieb mit reinen Haenden dort. Talaat war ein vollwertiger Vertreter des
alten, ritterlichen Tuerkentums. Politisch unbedingt zuverlaessig, so
begegnete er mir zum ersten Male 1916, so verabschiedete er sich von uns
im Herbste 1918.

Die Schwaechen der tuerkischen Staats- und Kriegsleitung lagen in ihrer
grossen Abhaengigkeit von den inneren Verhaeltnissen. Politische und
wirtschaftlich selbstsuechtige Persoenlichkeiten der sogenannten
Komiteeregierung mischten sich in die kriegerische Fuehrung und banden
dieser in vielen Faellen die Haende, so dass sie ausserstande war, richtig
erkannte Missstaende mit an sich vorhandenen Mitteln zu bessern. Zwar taten
einzelne hervorragende Maenner alles, was in ihren Kraeften stand. Aber die
staatliche Gewalt durchdrang nicht mehr das Reich. Das Herz des Landes,
Konstantinopel, pulsierte zu schwach und trieb keine gesunden,
erfrischenden und staatsfoerdernden Saefte in die entfernten Provinzen. Neue
Gedanken waren freilich waehrend des Krieges entstanden und wuchsen mit den
kriegerischen Lorbeeren der Siege an den Dardanellen und am Tigris in echt
orientalischer Ueppigkeit. Man begann, an die religioese und politische
Vereinigung des gesamten Islams zu denken. Man erbaute sich, trotz der
sichtbaren Misserfolge bei Verkuendung des Heiligen Krieges, an dem
Auftreten mohammedanischer Glaubenskaempfer, wie zum Beispiel im noerdlichen
Afrika. Der Gang der Ereignisse sollte indessen beweisen, dass diese
Erscheinung religioesen Fanatismus nur oertlichen Sonderheiten entsprang,
und dass Hoffnung auf deren Uebertragung in die weiten Gebiete des inneren
Asiens eine Taeuschung war, ja noch mehr als das: eine verhaengnisvolle
militaerische Gefahr.

Der Bulgare Radoslawow war in seinem politischen Denken mehr an die
Scholle gebunden, als der grosszuegige osmanische Staatsmann Talaat Pascha.
Ich wage zu bezweifeln, ob Radoslawow die Kuehnheit des Schrittes, der
Bulgarien 1915 an unsere Seite fuehrte, in seiner ganzen Groesse - ich darf
vielleicht sagen, in der von seinem Zaren ganz durchdachten Groesse -
wirklich voll in sich aufgenommen hatte. Unbedingt zuverlaessig war
Radoslawow in seiner Aussenpolitik fuer uns jederzeit.

Das bulgarische innerpolitische Parteigetriebe hatte in seiner wilden
Erregtheit waehrend des grossen Krieges nicht nachgelassen und war auch in
der Armee stark verbreitet. Nicht nur russophile Ideen trieben hier
spaltende Keile ein, auch der Kampf zwischen innerpolitischen
Parteigruppen uebertrug sich auf die Truppen und deren Fuehrer. An dieser
Tatsache war Radoslawow nicht unschuldig.




                      Leben im Grossen Hauptquartier


Ermuntert durch das Interesse, das von vielen Seiten an meinem
persoenlichen Leben waehrend des grossen Krieges genommen wurde, moechte ich
an dieser Stelle die Beschreibung eines regelmaessigen Tagesverlaufes in
unserem Hauptquartier einschieben. Ich bitte alle diejenigen, die an
solcher Kleinmalerei inmitten gewaltigster Weltereignisse wenig Gefallen
haben, die naechstfolgenden Seiten zu ueberschlagen. Ihre Kenntnis ist zum
Verstaendnis der grossen Zeit nicht notwendig.

Waehrend des Bewegungskrieges in Ostpreussen und Polen im Herbst 1914 war an
einen nach Stunden geregelten Dienstbetrieb innerhalb unseres Armeestabes
nicht zu denken gewesen. Erst mit der Verlegung unseres Quartiers nach
Posen im November 1914 begann eine groessere Regelmaessigkeit in unserem
dienstlichen und, wenn man im Kriege davon sprechen kann, auch
ausserdienstlichen Leben. Spaeterhin war der laengere staendige Aufenthalt in
Loetzen besonders geeignet zur Einfuehrung eines streng geregelten Ganges
unserer Arbeit.

Meine Berufung als Chef des Generalstabes des Feldheeres aenderte im
wesentlichen nichts an unserem eingelebten und bewaehrten Geschaeftsgang,
wenn auch von jetzt ab ein in mancher Beziehung grosszuegigeres und
belebteres Treiben fuer uns einsetzte.

Die gewoehnliche Tagesbeschaeftigung begann fuer mich damit, dass ich mich
etwa gegen 9 Uhr vormittags, das heisst, nachdem die Morgenmeldungen
eingetroffen waren, zu General Ludendorff begab, um mit ihm die Aenderungen
der Lage und etwa zu treffende Anordnungen zu besprechen. Meist handelte
es sich dabei nicht um lange Aussprachen. Wir lebten beide ununterbrochen
in der Kriegslage und kannten gegenseitig unsere Gedanken. Die Entschluesse
fielen daher meistens auf Grund etlicher weniger Saetze, ja manchmal
genuegten einige Worte, um das gegenseitige Einverstaendnis festzulegen, das
dem General als Grundlage fuer die weiteren Ausarbeitungen diente.

Nach dieser Besprechung machte ich mir eine etwa einstuendige Bewegung im
Freien, begleitet von meinem Adjutanten. Zur Teilnahme an meinen
morgendlichen Spaziergaengen forderte ich gelegentlich auch Gaeste des
Grossen Hauptquartiers auf, nahm hierbei ihre Schmerzen wie ihre Anregungen
entgegen und laeuterte manche sorgende Seele, bevor sie sich auf meinen
Ersten Generalquartiermeister stuerzte, um sich bei diesem mehr ins
einzelne gehende Wuensche, Hoffnungen und Vorschlaege vom Herzen zu reden.

Nach meiner Rueckkehr in das Dienstgebaeude erfolgten weitere Besprechungen
mit General Ludendorff und dann unmittelbare Vortraege meiner
Abteilungschefs in meinem Arbeitszimmer.

Neben dieser dienstlichen Taetigkeit bewegte sich die Erledigung der an
mich eingetroffenen persoenlichen Briefe. Die Zahl der Menschen, die mir
ueber alle nur erdenklichen Angelegenheiten schriftlich ihr Herz
ausschuetten oder ihre Gedanken offenbaren zu muessen glaubten, war nicht
gering. Fuer mich war es voellig ausgeschlossen, alles selbst zu lesen. Ich
bedurfte hierfuer die besondere Arbeitskraft eines Offiziers. In dieser
Korrespondenz spielte Poesie wie Prosa eine Rolle. Begeisterung und ihr
Gegenteil zeigte sich in allen moeglichen Abstufungen. Es war oft sehr
schwer, einen Zusammenhang zwischen den mir vorgetragenen Anliegen und
meiner dienstlichen Stellung zu konstruieren. Um nur zwei von den
hundertfachen Beispielen herauszugreifen, so wurde es mir nie klar, was
ich als Chef des Generalstabes des Feldheeres mit der an sich ja dringend
notwendigen Muellabfuhr einer Provinzialstadt oder mit dem verloren
gegangenen Taufschein einer deutschen Chilenin zu tun haben sollte.
Trotzdem wurde in beiden Faellen meine Hilfe beansprucht. Zweifellos lag ja
in derartigen brieflichen Anliegen ein ruehrendes, wenn auch manchmal etwas
naives Vertrauen auf meinen persoenlichen Einfluss. Wo ich Zeit und
Gelegenheit hatte, half ich gern, wenigstens mit meiner Unterschrift.
Weitergehende Eigenleistungen glaubte ich mir freilich meist versagen zu
muessen.

Um die Mittagsstunde war ich regelmaessig zum Vortrag bei Seiner Majestaet
dem Kaiser befohlen. Hierbei entwarf General Ludendorff das Bild der Lage.
Bei wichtigeren Entschluessen uebernahm ich selbst den Vortrag und erbat,
sofern solches notwendig war, die kaiserliche Genehmigung unserer Plaene.
Das hohe Vertrauen des Kaisers entband uns in allen nicht grundsaetzlichen
Fragen von einer besonderen Allerhoechsten Zustimmung. Seine Majestaet
begnuegte sich uebrigens auch bei Vorschlaegen ueber neue Operationen
allermeist mit der Entgegennahme meiner Begruendungen. Ich erinnere mich
keines Gegensatzes, der nicht schon waehrend des Vortrags durch meinen
Kriegsherrn ausgeglichen wurde. Das ausgezeichnete Gedaechtnis des Kaisers
fuer Kriegslagen unterstuetzte uns bei diesen Vortraegen in hohem Masse. Seine
Majestaet studierte nicht nur die Karten mit groesster Genauigkeit, sondern
nahm auch persoenliche Einzeichnungen vor. Die Zeit des mittaeglichen
Vortrages vor dem Kaiser wurde vielfach auch zu Besprechungen mit
Vertretern der Reichsleitung ausgenutzt.

Nach Beendigung des Kaiservortrages vereinigte der Mittagstisch die
Offiziere meines engeren Stabes um mich. Die Essenszeit wurde auf das
unbedingt noetige Mass beschraenkt. Ich hielt darauf, dass meine Offiziere
Zeit gewannen, sich nachher etwas zu ruhen oder sonstwie in ihrer
Taetigkeit auszuspannen. Zu meinem wiederholten persoenlichen Bedauern
konnte ich von dieser Kuerzung der Essenszeit auch dann nicht absehen, wenn
wir Gaeste bei uns zu Tische hatten. Die Ruecksicht auf die Erhaltung der
Arbeitskraft meiner Mitarbeiter musste ich geselligen Formen voranstellen.
War doch eine 16stuendige Arbeitszeit fuer die Mehrzahl dieser Offiziere
eine tagtaegliche Forderung. Und dies im Gange eines mehrjaehrigen Krieges!
Wir waren eben genoetigt, bei der Obersten Heeresleitung wie im
Schuetzengraben unser Menschenmaterial bis zur aeussersten Grenze der
Leistungsfaehigkeit auszunutzen.

Der Nachmittag verlief fuer mich aehnlich dem Vormittage. Die laengste
Abspannung brachte fuer alle der um 8 Uhr beginnende Abendtisch. Ihm schloss
sich ein gruppenweises Zusammensitzen in Nebenraeumen an, fuer dessen
Beendigung General Ludendorff puenktlich um 91/2 Uhr abends das Zeichen gab.
Die Unterhaltung in unserem Kreise war meist sehr lebhaft. Sie bewegte
sich in zwangloser Form und offenster Aussprache ueber alle uns unmittelbar
beruehrenden und allgemein interessierenden Gebiete und Begebenheiten. Auch
der Frohsinn kam zu seinem Recht. Diesen zu unterstuetzen, hielt ich fuer
eine Pflicht gegenueber meinen Mitarbeitern. Ich freute mich der
Wahrnehmung, dass unsere Gaeste vielfach einerseits von der zuversichtlichen
Ruhe, andererseits von der Ungezwungenheit unseres Verkehrs sichtlich
ueberrascht waren.

Nach dem Schluss unseres abendlichen Zusammenseins begaben wir uns
gemeinsam in das Dienstgebaeude. Dort waren inzwischen die abschliessenden
Tagesmeldungen eingetroffen und die Lagen auf den verschiedenen Fronten
zeichnerisch festgelegt. Die Erlaeuterungen gab ein juengerer
Generalstabsoffizier. Von den Ereignissen auf den Kriegsschauplaetzen hing
es ab, ob ich mich mit General Ludendorff auch jetzt noch einmal
eingehender besprechen musste, oder ob ich ihn nicht mehr laenger in
Anspruch zu nehmen brauchte. Fuer die Offiziere meines engeren Stabes
begann nunmehr die Arbeit aufs neue. Vielfach waren ja jetzt erst die
abschliessenden Anhaltspunkte zur Abfassung und Hinausgabe endgueltiger
Anordnungen gegeben, oder es trafen erst von jetzt ab die zahllosen
Anforderungen, Anregungen und Vorschlaege der Armeen und sonstigen Stellen
ein. Die Tagesbeschaeftigung endete daher nie vor Mitternacht. Die Vortraege
der Abteilungschefs bei General Ludendorff dauerten nahezu regelmaessig bis
in die ersten Stunden des neuen Tages. Es bedurfte schon ganz besonders
ruhiger Zeiten, wenn mein Erster Generalquartiermeister vor Mitternacht
sein Arbeitszimmer verlassen konnte, das er tagtaeglich am Beginn der
8. Tagesstunde schon wieder betrat. Wir alle freuten uns, wenn General
Ludendorff sich einmal ein frueheres Ausspannen, das ja nur nach Stunden
zaehlen konnte, zu goennen vermochte. Unser aller Leben, Arbeit, Denken und
Fuehlen ging voellig ineinander auf. Die Erinnerung daran erfuellt mich noch
jetzt mit dankbarer Genugtuung.

Wir blieben im allgemeinen ein enggeschlossener Kreis. Der Personalwechsel
war mit Ruecksicht auf einen geregelten Dienstbetrieb natuerlicherweise
gering. Immerhin war es ab und zu moeglich, dem draengenden Verlangen der
Offiziere nach wenigstens zeitweiliger Verwendung an der Front Rechnung zu
tragen. Auch ergaben sich Gelegenheiten und Notwendigkeiten zur Entsendung
von Offizieren an besonders wichtige Teile unserer eigenen Heeresfronten
oder an diejenigen unserer Verbuendeten. Im allgemeinen verlangte aber der
Zusammenhang in den ausserordentlich verwickelten und vielseitigen Arbeiten
die dauernde Anwesenheit wenigstens der aelteren Offiziere an ihren
Kriegsstellen innerhalb der Obersten Heeresleitung.

Auch der Tod griff mit rauher Hand in unsere Mitte ein. Schon 1916 hatte
ich als Oberkommandierender im Osten meinen mir sehr nahestehenden,
allgemein geschaetzten persoenlichen Adjutanten, Major Kaemmerer, an den
Folgen einer Erkaeltung verloren. Im Oktober 1918 erlag Hauptmann von
Linsingen einer Erkrankung an Grippe, die in dieser Zeit unter den
Angehoerigen des Grossen Hauptquartiers zahlreiche Opfer forderte. Entgegen
den dringenden Vorstellungen von seiten des Arztes wie der Kameraden
glaubte Hauptmann von Linsingen in der damals ausserordentlich schwierigen
Zeit seinen Posten nicht verlassen zu duerfen, bis er koerperlich kraftlos
und vom Fieber geschuettelt die Arbeit doch aus der Hand legen musste, zu
spaet, um noch gerettet werden zu koennen. Wir verloren an ihm einen geistig
wie charakterlich gleich hochstehenden Kameraden. Seine junge Frau kam
nicht mehr rechtzeitig genug, um ihm die Augen zudruecken zu koennen. Manche
von denen, die zeitweise meinem Stabe angehoert hatten, sind ausserdem
spaeter an der Front gefallen.

Das Bild unseres Lebens wuerde unvollstaendig sein, wenn ich nicht auch auf
die Besucher zu sprechen kaeme, die sich bei uns allenthalben und zu jeder
Zeit einstellten. Ich habe hierbei nicht das staendige Ab und Zu von
Persoenlichkeiten zahlreicher Berufsklassen im Auge, die dienstlich mit uns
in Beruehrung kommen mussten, sondern ich denke an diejenigen, die durch
vielfach andere Interessen zu uns gefuehrt wurden. Ich oeffnete jedermann
gern Tuer und Herz, vorausgesetzt, dass er selbst mir offen entgegenkam.

Die Zahl unserer Gaeste war gross. Wir waren nur wenige Tage ohne solche.
Nicht nur Deutschland und seine Verbuendeten, sondern auch die Neutralen
stellten ein betraechtliches Kontingent. Oftmals machten unsere Reihen bei
Tisch den Eindruck eines bunten Voelkergemisches, und es traf sich auch,
dass christliche Wuerdentraeger mit mohammedanischen Glaeubigen Stuhl an Stuhl
sassen. Leute aller Staende und Parteirichtungen fanden herzliche Aufnahme.
Ich widmete allen gern meine knappe Freizeit. Unter den Politikern gedenke
ich mit Vorliebe des Grafen Tisza, der mich im Winter 1916/17 in Pless
aufsuchte. Aus seinem Wesen sprach die ungebrochene Kraft seines Willens,
ein gluehendes patriotisches Gefuehl. Auch andere Politiker aller
Schattierungen aus unseren und unserer Verbuendeten Laendern sprachen bei
mir vor. In ihren Denkrichtungen mir vielfach fremd, in ihren Gefuehlen fuer
die gemeinsame grosse Sache aber damals gleichgeartet. Ich erinnere mich so
mancher warmer patriotischer Worte beim Abschied. Ich drueckte in meinem
Kreise die schwielig kraeftigen Haende von Handwerkern und Arbeitern und
freute mich ihres offenen Blickes und ihrer aufrichtigen Rede. Vertreter
fuehrender Industrien und Maenner der Wissenschaft setzten uns in Kenntnis
von neuen Erfindungen und Gedanken und schwaermten von kuenftigen
wirtschaftlichen Plaenen. Sie klagten wohl auch ueber den engen
Bureaukratismus der Heimat und ueber die Beschraenkung der Mittel zur
Verwirklichung ihrer Ideen. Bureaukraten andrerseits jammerten ueber die
geldfressende Begehrlichkeit gefuerchteter Phantasten und ueber die
uferlosen Plaene von Erfindern. Ich erinnere mich der interessierten Fragen
eines heimatlichen recht hohen Finanzbeamten, der die Preise eines
Schusses jeden Geschuetzkalibers wissen wollte, um daraus die ungefaehren
Kosten einer Schlacht zu berechnen. Er hat mich mit dem Ergebnis seines
Kalkuls verschont, wohl in der Befuerchtung, dass ich deswegen den
Munitionsverbrauch doch nicht einschraenken wuerde.

Nicht nur Notwendigkeiten, Sorgen und Arbeit fanden zu uns den Weg, auch
Neugierde suchte Eintritt. Oft lachte ich im stillen ueber verlegene
Redensarten, mit denen so manches Erscheinen Rechtfertigung finden wollte.
Ob das Ergebnis solcher Besuche stets den gehegten Erwartungen entsprach,
wage ich nicht in allen Faellen zu bejahen. Im Gegensatz hierzu war mir
manch praechtiger Truppenoffizier, der die Merkmale schweren Kampfes und
harten Lebens an sich trug, ein hochwillkommener Tischnachbar. Kurze
Erzaehlungen aus dem Kriegsleben sprachen mehr, als lange schriftliche
Berichte. Die Wirklichkeit des frueher Selbsterlebten trat mir so oft mit
aller Lebendigkeit wieder vor die Seele. Freilich war in diesem
furchtbarsten aller Ringen unseren frueheren Kriegen gegenueber alles in das
Groteske gesteigert. Die stundenlange Schlacht vergangener Zeiten war zu
monatelangem Titanenkampf erhoben, menschliches Ertragen schien keine
Grenzen zu haben.

Auch Graf Zeppelin besuchte uns noch in Pless und wirkte auf uns alle durch
die ruehrende Einfachheit seines Auftretens. Er betrachtete damals schon
seine Luftschiffe als veraltete Kriegswaffen. Nach seiner Ansicht gehoerte
dem Flugzeug in Zukunft die Herrschaft in der Luft. Der Graf starb bald
nach seinem Besuch, ohne das Unglueck seines Vaterlandes erleben zu muessen
- ein gluecklicher Mann! Noch zwei andere beruehmt gewordene Herrscher der
Luefte folgten meiner Einladung, unbezwungene junge Helden: Hauptmann
Boelcke und Rittmeister von Richthofen. Beider frisches und bescheidenes
Wesen erfreute uns. Ehre ihrem Andenken! Unterseebootsfuehrer sah ich
gleichfalls in der Zahl meiner Gaeste; unter ihnen fehlte auch nicht der
Fuehrer des Unterseehandelsbootes "Deutschland", Kapitaen Koenig.

So blieb kein Stand und kein Stamm seitab von uns, und ich glaubte den
gemeinsamen Pulsschlag von Heer und Heimat, von unseren Verbuendeten und
uns selbst oft in meiner naechsten Naehe zu fuehlen.




                      Kriegsereignisse bis Ende 1916



                          Der rumaenische Feldzug


Unsere politische Lage Rumaenien gegenueber hatte im Verlauf der Kriegsjahre
1915/16 nicht allein an unsere politische Leitung sondern auch an unsere
Heeresfuehrung ungewoehnlich hohe Anforderungen gestellt. Es ist eine
billige Weisheit, nach dem Eintritt Rumaeniens in den Kreis unserer Feinde
und angesichts unserer unzureichenden militaerischen Vorbereitungen dem
neuen Gegner gegenueber ein scharfes Urteil ueber unsere damals
verantwortlichen Stellen und Persoenlichkeiten auszusprechen. Solche
Urteile, meist ohne Kenntnis der wirklichen Vorgaenge auf willkuerlichen
Behauptungen aufgebaut, erinnern mich an eine Aeusserung Fichtes in seinen
"Reden an die deutsche Nation", in welcher er von jener Art von
Schriftstellern spricht, die erst nach gegebenen Erfolgen wissen, was da
haette geschehen sollen.

Es duerfte wohl kein Zweifel darueber bestehen, dass die Entente in unserer
Lage die rumaenische Gefahr, oder vielleicht besser gesagt, die rumaenische
militaerische Drohstellung spaetestens 1915 beseitigt haette, und zwar mit
der Anwendung aehnlicher Mittel, wie sie solche gegen Griechenland in
Taetigkeit brachte. Wie es sich spaeter herausstellen sollte, wurde Rumaenien
im Sommer 1916 durch ein Ultimatum der Entente in den Kriegsstrudel
hineingetrieben, indem es aufgefordert wurde, entweder zum sofortigen
Angriff zu schreiten oder dauernd auf seine Vergroesserungsplaene zu
verzichten. Eine aehnliche Loesung war aber politisch zu gewalttaetig, als
dass sie bei uns ohne dringendste Not Anhaenger haette finden koennen. Wir
glaubten, mit Rumaenien saeuberlicher verfahren zu sollen, wohl in der
Hoffnung, dass es sich sein Grab selbst graben wuerde. Gewiss trat dies auch
ein, aber nach welchen Krisen und Opfern!

Die Beteiligung Rumaeniens am Kriege auf der Seite unserer Gegner rueckte in
greifbare Naehe, als die oesterreichische Ostfront zusammenbrach. Es waere
vielleicht nicht ausgeschlossen gewesen, dass sich diese Gefahr auch dann
noch haette beschwoeren lassen, wenn der deutsche Plan eines grossen
Gegenangriffes gegen den bis zu den Karpathen vorgedrungenen russischen
Suedfluegel haette verwirklicht werden koennen. Allein bei den immer erneuten
Zusammenbruechen in den oesterreichisch-ungarischen Linien kam diese
Operation nicht zustande. Die Angriffskraefte verschwanden in
Verteidigungsfronten.

Angesichts dieses Verlaufes der Kaempfe an der Ostfront hatte die deutsche
Oberste Heeresleitung Mitte August im Einvernehmen mit General Jekoff zu
dem Aushilfsmittel gegriffen, mit den bulgarischen Fluegelarmeen einen
grossen Schlag gegen die Ententekraefte bei Saloniki zu fuehren. Der Gedanke
war sowohl politisch wie militaerisch durchaus zu billigen. Gelang das
Unternehmen, so war zu erwarten, dass Rumaenien eingeschuechtert und seine
zweifellos vorhandene Hoffnung auf eine Zusammenwirkung mit Sarrail
zerstoert wuerde. Rumaenien waere daher vielleicht schon dann zur Ruhe
veranlasst worden, wenn starke bulgarische Kraefte nach einem Siege ueber
Sarrail fuer beliebige andere Verwendung freigeworden waeren. Die deutsche
Oberste Heeresleitung geriet freilich gerade durch diesen Angriff der
Bulgaren zunaechst in einen gewissen militaerischen Widerspruch hinein. Da
sie naemlich gleichzeitig gezwungen war, Truppen in Nordbulgarien zu
versammeln, um auf die taeglich staerker werdenden rumaenischen
Kriegsleidenschaften ernuechternd zu wirken, so wurden Kraefte, die zum
Angriff auf Sarrail an der mazedonischen Front haetten Verwendung finden
koennen, aus politischen Gruenden an die Donau gezogen. Das Verfahren der
deutschen Obersten Heeresleitung wird erklaerlich einerseits durch das
Vertrauen, das man auf den Angriffswert des bulgarischen Heeres hatte,
andererseits durch eine gewisse Unterschaetzung der gegnerischen Staerke bei
Saloniki. Ganz besonders taeuschte man sich ueber die Bedeutung der dort
auftretenden, neugebildeten serbischen Verbaende in der Zahl von
6 Infanteriedivisionen.

Der bulgarische Angriff in Mazedonien gelangte zwar mit der linken
Fluegelarmee bis an die Struma, drang dagegen mit dem rechten Fluegel in
Richtung auf Vodena nicht durch. Hier blieb das Unternehmen aus Gruenden
haengen, deren Eroerterungen uns an dieser Stelle zu weit fuehren wuerden. Die
bulgarische Infanterie schlug sich auch bei dieser Gelegenheit im Angriff
wieder vortrefflich, freilich mehr heldenhaft als kriegerisch gewandt. Der
Ruhm blieb ihr, aber der Erfolg war ihr versagt. Dieser Ausgang des
Angriffes in Mazedonien stellte die deutsche Oberste Heeresleitung vor
eine neue schwierige Frage. Die rumaenische Kriegslust steigerte sich
dauernd. Es war zu erwarten, dass die Stockung der bulgarischen Operationen
in Mazedonien auf die politischen Kreise in Bukarest kriegsermunternd
wirken wuerde. Sollte die deutsche Oberste Heeresleitung nunmehr den
Angriff der Bulgaren endgueltig abbrechen lassen, um starke bulgarische
Kraefte aus den jetzt wesentlich verkuerzten mazedonischen Fronten nach
Nordbulgarien zu fuehren, oder sollte sie es wagen, die an der Donau schon
versammelten Streitkraefte nach Mazedonien ueberzufuehren, um hier nochmals
zu versuchen, den rumaenischen gordischen Knoten mit dem Schwerte
durchzuschlagen? Die Kriegserklaerung Rumaeniens befreite die Oberste
Heeresleitung aus diesen Zweifeln.

So also hatte sich die allgemeine Entwicklung der Verhaeltnisse suedlich der
Donau gestaltet. Nicht weniger schwierig war die Lage noerdlich der
transsylvanischen Alpen geworden. Waehrend naemlich Rumaenien offenkundig
ruestete, verzehrten die Kaempfe an der deutschen Westfront sowie diejenigen
an der oesterreichischen Ost- und Suedwestfront alles, was den Obersten
Heeresleitungen irgendwie an Reserven verfuegbar schien oder aus nicht
angegriffenen Frontteilen noch verfuegbar gemacht werden konnte. Gegen
Rumaenien glaubte man keine Kraefte freimachen zu koennen. Man vertrat den an
sich richtigen Grundsatz, von Streitkraeften, die auf den augenblicklichen
Schlachtfeldern dringend benoetigt waren, nichts aus politischen Gruenden
brachliegen zu lassen.

So kam es, dass die rumaenische Kriegserklaerung am 27. August uns dem neuen
Feind gegenueber in einer nahezu voellig wehrlosen Lage traf. Ich bin auf
diese Entwicklung der Verhaeltnisse deswegen ausfuehrlicher eingegangen, um
die Entstehung der grossen Krisis verstaendlich zu machen, in der wir uns
seit dem genannten Tage befanden. Das Bestehen einer solchen kann auch
angesichts der spaeteren erfolgreichen Durchfuehrung des Feldzuges nicht gut
bestritten werden.

Wenn auch von seiten des Vierbundes nur unzureichende Vorbereitungen
getroffen werden konnten, um der rumaenischen Gefahr zu begegnen, so hatten
sich doch seine verantwortlichen militaerischen Fuehrer selbstredend ueber
die beim eintretenden Kriegsfall zu treffenden Massnahmen fruehzeitig
geeinigt. Am 28. Juli 1916 hatte zu diesem Zwecke eine Besprechung der
Heereschefs Deutschlands, Oesterreich-Ungarns und Bulgariens zu Pless
stattgefunden. Sie fuehrte zur Aufstellung eines Kriegsplanes, in dessen
entscheidender Ziffer 2 es woertlich heisst:

  "Schliesst Rumaenien sich der Entente an: schnellstes, kraeftigstes
  Vorgehen, um Krieg von bulgarischem Boden sicher, von
  oesterreichisch-ungarischem, soweit irgend moeglich, fernzuhalten und nach
  Rumaenien hineinzutragen. Hierzu

    a) demonstrative Operationen deutscher und oesterreichischer Truppen
    von Norden her, zwecks Fesselung starker rumaenischer Kraefte;

    b) Vorstoss bulgarischer Kraefte von der Dobrudschagrenze gegen die
    Donauuebergaenge von Silistria und Tutrakan zum Schutze der rechten
    Flanke der Hauptkraefte;

    c) Bereitstellung der Hauptkraefte zum Uebergang ueber die Donau bei
    Nikopoli zwecks Offensive gegen Bukarest."

In einer kurz darauf folgenden Zusammenkunft mit Enver Pascha in Budapest
wurde auch die Teilnahme der Tuerken an einem etwaigen rumaenischen Feldzug
festgelegt. Enver verpflichtete sich zur baldigen Bereitstellung von zwei
osmanischen Divisionen fuer den Einsatz auf der Balkanhalbinsel.

Dieser Kriegsplan gegen Rumaenien erfuhr, so lange mein Vorgaenger noch die
Zuegel der Heeresleitung in der Hand hatte, keine Aenderung. Wohl aber fand
noch ein wiederholter Gedankenaustausch darueber zwischen den einzelnen
Feldheereschefs statt. Auch Generalfeldmarschall von Mackensen, der zur
Fuehrung der suedlich der Donau bereitgestellten Kraefte bestimmt war, wurde
zur Sache gehoert. Bei diesen Gelegenheiten zeichneten sich zwei
Gedankenrichtungen deutlich ab. Generaloberst von Conrad vertrat diejenige
eines ruecksichtslosen sofortigen Vorgehens auf Bukarest, General Jekoff
diejenige eines Feldzugsbeginns in der Dobrudscha. Die Kraefte suedlich der
Donau waren bei Kriegsausbruch noch viel zu schwach, um die an dieser
Front beabsichtigte Doppelaufgabe, naemlich Donauuebergang und Angriff gegen
Silistria und Tutrakan, gleichzeitig durchfuehren zu koennen.

Am 28. August erging von meinem Vorgaenger an Generalfeldmarschall von
Mackensen der Befehl zum baldmoeglichsten Angriff. Richtung und Ziel
blieben dem Feldmarschall ueberlassen.

So fand ich am 29. August bei der Uebernahme der Operationsleitung die
militaerische Lage gegenueber Rumaenien. Sie war schwierig.

Wahrlich, noch niemals war einem verhaeltnismaessig so kleinen Staatswesen
wie Rumaenien, eine weltgeschichtliche Entscheidungsrolle von gleicher
Groesse in einem ebenso guenstigen Augenblicke in die Haende gelegt. Noch
niemals waren starke Grossmaechte wie Deutschland und Oesterreich in gleicher
Gebundenheit der Kraftentfaltung eines Landes ausgeliefert, das kaum ein
Zwanzigstel der Bevoelkerung der beiden Grossstaaten zaehlte, wie im jetzt
vorliegenden Falle. Auf Grund der Kriegslage haette man annehmen koennen,
dass Rumaenien nur zu marschieren brauchte, wohin es wolle, um den Weltkampf
zugunsten derjenigen Staaten zu entscheiden, die seit Jahren vergeblich
gegen uns anstuermten. Alles schien davon abzuhaengen, ob Rumaenien gewillt
war, von seiner augenblicklichen Staerke einigermassen Gebrauch zu machen.

Nirgends schien diese Tatsache klarer erkannt, lebhafter gefuehlt und mehr
gefuerchtet zu werden, als in Bulgarien. Seine Regierung zoegerte mit dem
Kriegsentschluss. Darf ihr daraus ein Vorwurf gemacht werden? Als dann aber
am 1. September der bulgarische Kriegsentschluss zu unseren Gunsten
gefallen war, trat das Land mit all seinen Kraeften und mit dem ganzen Hass
seiner Volksseele, der im Jahre 1913 aus dem rumaenischen Ueberfall in den
Ruecken des gegen Serbien und Griechenland schwer ringenden Landes
entsprungen war, an unsere Seite. Der moerderische Tag von Tutrakan gab den
ersten Beweis fuer die kriegswillige Stimmung unseres Bundesgenossen.

Der vorhandene Kriegsplan hatte angesichts unserer mangelnden
Vorbereitungen zunaechst naturgemaess jede Bedeutung verloren. Der Gegner
verfuegte fuers erste ueber die volle Freiheit des Handelns. Bei seiner
Kriegsbereitschaft und seiner zahlenmaessigen Staerke, die durch die uns
bekannte russische Hilfe noch wesentlich gesteigert wurde, war zu
befuerchten, dass unsere eigenen Mittel nicht ausreichen wuerden, der
rumaenischen Heeresleitung vorerst diese Freiheit wesentlich zu
beschraenken. Wohin der Rumaene auch seine Operationen richten wollte, ob
ueber das transsylvanische Gebirge gegen Siebenbuergen oder aus der
Dobrudscha gegen Bulgarien, ueberall schienen ihm grosse Ziele und leichte
Erfolge zu winken. Ganz besonders glaubte ich rumaenisch-russische
Offensivbewegungen gegen Sueden befuerchten zu sollen. Selbst Bulgaren
hatten darueber Zweifel ausgesprochen, ob ihre Soldaten gegen die Russen
kaempfen wuerden. Das feste Vertrauen des Generals Jekoff in dieser Richtung
- ich sprach an frueherer Stelle schon davon - wurde in Bulgarien
keineswegs allgemein geteilt. Es war nicht zu bezweifeln, dass unsere
Gegner mit dieser russenfreundlichen Stimmung wenigstens eines starken
Teiles der bulgarischen Armee rechnen wuerden. Ganz abgesehen aber auch
hiervon lag es fuer Rumaenien nahe, durch einen Angriff nach Sueden der Armee
Sarrails die Hand zu reichen. Wie musste alsdann unsere Lage werden, wenn
es den Gegnern auch nur gelang, unsere Verbindung mit der Tuerkei, aehnlich
wie das vor Durchfuehrung der Operation gegen Serbien der Fall gewesen,
erneut zu unterbrechen oder gar Bulgarien von unserem Buendnis
abzusprengen? Eine abermals isolierte Tuerkei, gleichzeitig bedroht aus
Armenien und Thrazien, ein fast hoffnungslos gewordenes Oesterreich-Ungarn
haetten einen solchen Umschwung der Lage zu unseren Ungunsten nimmermehr
ueberwunden.

Das von meinem Vorgaenger angeordnete sofortige Vorgehen Mackensens
entsprach durchaus dem Gebot der Stunde. Eine Ueberschreitung der Donau mit
den in Nordbulgarien verfuegbaren Kraeften konnte hierbei freilich nicht in
Frage kommen. Es genuegte aber schon, wenn wir dem Gegner die Vorhand in
der Dobrudscha abgewannen und seine Feldzugsplaene dadurch verwirrten. Um
letzteres Ziel wirklich und durchgreifend zu erreichen, durften wir den
Angriff des Feldmarschalls aber nicht auf die Gewinnung von Tutrakan und
Silistria beschraenken. Wir mussten vielmehr durch eine weitgehendere
Ausnuetzung von Erfolgen in der Sueddobrudscha bei der rumaenischen
Heeresfuehrung Besorgnis fuer den Ruecken ihrer an der siebenbuergischen
Grenze eingesetzten Hauptkraefte zu erregen suchen. Und wirklich gelang uns
dies. Angesichts des Vordringens des Feldmarschalls bis in bedrohliche
Naehe der Linie Constanza-Czernavoda sah sich die rumaenische Fuehrung
veranlasst, Kraefte aus ihrer gegen Siebenbuergen gerichteten Operation nach
der Dobrudscha zu entsenden. Sie versuchte sogar durch Einsatz weiterer
frischer Kraefte, der Offensive Mackensens ueber Rahowo, donauabwaerts
Ruscuk, in den Ruecken zu gehen. Auf dem Papier ein schoener Plan! Ob dieser
dem rumaenischen Gedankenkreis oder demjenigen eines seiner Verbuendeten
entsprang, ist bis heute nicht bekannt. Nach den Erfahrungen, die wir bis
zu dem Tage dieses Rahowo-Intermezzos, dem 2. Oktober, mit den Rumaenen
gemacht hatten, hielt ich das Unternehmen fuer mehr als kuehn und dachte mir
nicht nur, sondern sprach es auch aus: "Man verhafte diese Truppen!"
Dieser Wunsch, in entsprechende Befehlsworte gekleidet, wurde auch von den
Deutschen und Bulgaren bestens erfuellt. Von dem Dutzend rumaenischer
Bataillone, die bei Rahowo das suedliche Donauufer betreten hatten, sahen
waehrend des Krieges nur einzelne Leute die Heimat wieder.

Das Verhaengnis brach ueber Rumaenien herein, weil seine Armee nicht
marschierte, weil seine Fuehrung nichts verstand, und weil es uns doch noch
gelang, ausreichende Kraefte in Siebenbuergen rechtzeitig zu versammeln.

Ausreichend? Gewiss ausreichend fuer diesen Gegner! Tollkuehn wird man uns
vielleicht einmal nennen, wenn man die Staerkeverhaeltnisse vergleichen
wird, unter denen wir gegen das rumaenische Heer zum Angriff schritten, und
mit denen General von Falkenhayn am 29. September den westlichen
rumaenischen Fluegel bei Hermannstadt zerrieb.

Aus der Schlacht von Hermannstadt wirft der General dann seine Armee nach
Osten herum. Er rueckt unter Nichtachtung der ihm durch rumaenische
Ueberlegenheit und guenstige gegnerische Lage noerdlich des oberen Alt
drohenden Gefahr mit der Masse seiner Truppen suedlich des genannten
Flusses am Fusse des Gebirges entlang gegen Kronstadt vor. Der Rumaene
stutzt, verliert das Vertrauen zur eigenen Ueberlegenheit wie zum eigenen
Koennen, vergisst die Ausnutzung der ihm immer noch guenstigen Kriegslage und
macht auf der ganzen Front Halt. Damit tut er aber auch schon den ersten
Schritt rueckwaerts. General von Falkenhayn reisst die Vorhand nunmehr voellig
an sich, zertruemmert suedlich des Geisterwaldes den gegnerischen Widerstand
und marschiert weiter. Der Rumaene weicht nunmehr allenthalben aus
Siebenbuergen, nicht ohne am 8. Oktober bei Kronstadt noch eine blutige
Niederlage erlitten zu haben. So geht er denn auf den schuetzenden Wall
seiner Heimat zurueck. Unsere demnaechstige Aufgabe ist es, diesen Wall zu
ueberschreiten. Wir halten zuerst an der Hoffnung fest, die bisherigen
taktischen Erfolge strategisch dahin auswerten zu koennen, dass wir von
Kronstadt unmittelbar auf Bukarest durchbrechen. Moegen auch das wilde
Hochgebirge und die feindliche Ueberlegenheit unsere wenigen und schwachen
Divisionen vor eine sehr schwere Aufgabe stellen, die Vorteile dieser
Vormarschrichtung sind zu gross, als dass wir den Versuch unterlassen
duerften. Er gelingt nicht, so tapfer auch unsere Truppen um jede Kuppe,
jeden Felshang, ja jeden Felsblock kaempfen. Unsere Bewegung stockt voellig,
als am 18. Oktober ein rauher Fruehwinter die Berge in Schnee huellt und die
Strassen zu Eisrinnen verwandelt. Unter unsaeglichen Entbehrungen und Leiden
halten unsere Truppen wenigstens die gewonnenen Gebirgsteile, bereit, sich
weiter durchzuringen, wenn die Zeit und Gelegenheit dazu kommen wird.

Die bisherigen Erfahrungen weisen darauf hin, andere Wege in das
walachische Tiefland zu suchen als diejenigen, die von Kronstadt aus ueber
den breitesten Teil der transsylvanischen Alpen fuehren. General von
Falkenhayn schlaegt den Durchbruch ueber den westlicher gelegenen Szurdukpass
vor. Die Richtung ist freilich strategisch weniger wirkungsvoll, aber
unter den jetzigen Verhaeltnissen die taktisch und technisch einzig
moegliche. So brechen wir ueber diesen Pass am 11. November in Rumaenien ein.

Inzwischen hat sich Generalfeldmarschall von Mackensen suedlich der Donau
bereitgestellt, um dem noerdlichen Einbruch von Sueden her die Hand zu
reichen. Er hatte am 21. Oktober die russisch-rumaenische Armee suedlich der
Linie Constanza-Czernavoda gruendlich geschlagen. Am 22. Oktober war
Constanza in die Hand der dritten bulgarischen Armee gefallen. Der Gegner
weicht von da ab unaufhaltsam nach Norden. Wir aber lassen die Bewegung
einstellen, sobald noerdlich der erwaehnten Eisenbahn eine
Verteidigungslinie erreicht wird, die mit geringen Kraeften behauptet
werden kann. Alles, was dort an Truppen entbehrlich ist, rueckt gegen
Sistow. Verlockend war ja der Gedanke, sofort die ganze Dobrudscha in die
Hand zu nehmen und dann bei Braila im Ruecken der rumaenischen Hauptmacht in
das noerdliche Donaugebiet einzubrechen. Allein, wie sollten wir das
notwendige Brueckenmaterial in die noerdliche Dobrudscha bringen?
Eisenbahnen bestehen dorthin nicht, und den Wasserweg versperren die
rumaenischen Batterien vom Nordufer der Donau. Wir muessen dem Schicksal
dankbar sein, dass diese nicht schon laengst unseren einzigen verfuegbaren
schweren Brueckentrain bei Sistow in Truemmer geschossen haben, der, seit
Monaten im Bereich der feindlichen Geschuetzwirkung, nur durch einen fuer
uns nicht aufklaerbaren Fehler des Gegners der Zerstoerung entgangen ist. So
koennen wir wenigstens dort den Stromuebergang im Auge behalten.

Im Morgengrauen des 23. November gewinnt Generalfeldmarschall von
Mackensen das noerdliche Donauufer. Das erstrebte Zusammenwirken zwischen
ihm und General von Falkenhayn ist erreicht. Auf dem Schlachtfeld am
Argesch findet es seine Kroenung in der Zertruemmerung der rumaenischen
Hauptkraefte. Der Schlussakt vollzieht sich am 3. Dezember. Bukarest faellt
widerstandslos in unsere Hand.

Am Abend dieses Tages schliesse ich den gemeinsamen Vortrag ueber die
Kriegslage mit den Worten: "Ein schoener Tag." Als ich spaeter in die
Winternacht hinaustrete, beginnt von den Kirchtuermen des Staedtchens Pless
das Dankgelaeute fuer den grossen neuen Erfolg. Ich hatte laengst aufgehoert,
in solchen Augenblicken an anderes zu denken als an die wunderbaren
Leistungen unseres braven Heeres, und einen anderen Wunsch zu hegen, als
dass diese Leistungen uns dem endlichen Abschluss des schweren Ringens und
der grossen Opfer nahe braechten.

Den Gewinn der rumaenischen Hauptstadt hatten wir uns freilich etwas
kriegerischer vorgestellt. Wir hatten Bukarest fuer eine maechtige Festung
gehalten, hatten schwerstes Artilleriematerial zu ihrer Bezwingung
herangefuehrt, und nun zeigte sich der beruehmte Waffenplatz als offene
Stadt. Kein Geschuetz kroent mehr die maechtigen Waelle der Forts, und die
Panzerkuppeln haben sich in Holzdeckel verwandelt. Unsere vom Feinde so
viel verschrieene Friedensspionage hatte nicht einmal dazu ausgereicht,
die Entfestigung von Bukarest vor dem Beginn des rumaenischen Feldzuges
festzustellen.

Das Schicksal Rumaeniens hatte sich mit dramatischer Wucht vollzogen. Die
ganze Welt musste sehen, und Rumaenien sah es wohl auch selbst, dass kein
leerer Schall in dem alten Landsknechtvers lag:

      Wer Unglueck will im Kriege han,
      Der binde mit dem Deutschen an.

Mit Anfuehrung dieses Verses will ich aber nicht die Mitwirkung
Oesterreich-Ungarns, der Tuerkei und Bulgariens an diesem grossen und schoenen
Unternehmen irgendwie verkleinern. Unsere Bundesgenossen waren alle zur
Stelle und hatten treulich mitgeholfen an dem grossen mannhaften Werke.
Rumaenien, in dessen Hand das Schicksal der Welt gelegen hatte, musste froh
sein, dass seine Heerestruemmer durch russische Hilfe vor Vernichtung
bewahrt wurden. Sein Traum, dass noch einmal, wie im Jahre 1878 auf dem
Schlachtfelde von Plewna, der Russe ihm in pflichtmaessiger Dankbarkeit,
wenn auch mit bitterem Gefuehl im Herzen, die Hand fuer die erwiesenen
Dienste druecken muesste, hatte sich in das grausame Gegenteil verkehrt. Die
Zeiten hatten sich gewandelt.

Meinem Allerhoechsten Kriegsherrn hatte ich Ende Oktober 1916 meine
Anschauung dahin ausgesprochen, dass wir am Ende des Jahres den rumaenischen
Feldzug beendet haben wuerden. Am 31. Dezember konnte ich Seiner Majestaet
melden, dass unsere Truppen den Sereth erreicht haetten, und dass die
Bulgaren am Suedufer des Donaudeltas stuenden. Die gesteckten Ziele waren
erreicht.



                    Kaempfe an der mazedonischen Front


Die Schwierigkeiten unserer Kriegslage im Herbste 1916 wurden durch den
Fortgang der Kaempfe an der mazedonischen Front nicht unwesentlich erhoeht.

Die Armee Sarrails haette jeden Anspruch auf Daseinsberechtigung verloren,
wenn sie nicht im Augenblick der rumaenischen Kriegserklaerung auch
ihrerseits die Offensive ergriffen haette. Ihr Vorgehen erwarteten wir im
Wardartal. Waere sie hier bis in die Gegend von Gradsko vorgedrungen, so
haette sie das Zentrum der wichtigsten bulgarischen Verbindungen in Besitz
genommen und haette auch das Verbleiben der Bulgaren in der Gegend von
Monastir unmoeglich gemacht. Sarrail waehlte die unmittelbare
Angriffsrichtung auf Monastir, vielleicht durch besondere politische
Gruende veranlasst.

Die bulgarische rechte Fluegelarmee wurde durch diese Offensive aus ihren
Stellungen, die sie beim Angriff im August suedlich Florina gewonnen hatte,
zurueckgeworfen. Sie verlor im weiteren Verlauf der Kaempfe Monastir,
behauptete sich aber dann.

Wir waren hierdurch genoetigt gewesen, den Bulgaren Unterstuetzungen aus
unseren Kampffronten zuzufuehren, Unterstuetzungen, die meist fuer den
rumaenischen Feldzug bestimmt gewesen waren. War die Groesse dieser Hilfe im
Verhaeltnis zur gesamten Staerke unseres Heeres auch nicht sehr bedeutend -
es waren gegen 20 Bataillone sowie zahlreiche schwere und Feldbatterien -
so traf uns diese Abgabe doch in einer ausserordentlich kritischen Zeit, in
der wir tatsaechlich mit jedem Mann und jedem Geschuetz geizen mussten.

Wie wir, so leistete auch die Tuerkei dem verbuendeten Bulgarien in diesen
schweren Kaempfen bereitwilligst Hilfe. Enver Pascha stellte ueber die fuer
den rumaenischen Krieg versprochene Unterstuetzung hinaus ein ganzes
tuerkisches Armeekorps zur Abloesung bulgarischer Truppen an der Strumafront
zur Verfuegung. Diese Unterstuetzung wurde von bulgarischer Seite ungern
gesehen, da man befuerchtete, es wuerden sich daraus unangenehme tuerkische
Ansprueche auf politischem Gebiet geltend machen. Enver Pascha versicherte
uns jedoch ausdruecklich, dass er solches verhindern wuerde. Es war ja
begreiflich, dass Bulgarien deutsche Unterstuetzung der osmanischen
vorgezogen haette, unbegreiflich aber war es, dass man in Sofia nicht
einsehen wollte, wie wenig Deutschland in dieser Zeit imstande war, seine
Kraefte noch weiter anzuspannen.

Der Verlust Monastirs war nach meiner Auffassung ohne militaerische
Bedeutung. Die freiwillige Zuruecknahme des bulgarischen rechten
Heeresfluegels in die ausserordentlich starken Stellungen bei Prilep waere
von grossem militaerischen Vorteil gewesen, weil alsdann die bulgarische
Heeresversorgung ganz wesentlich erleichtert, diejenige unserer Gegner um
vieles erschwert worden waere. Gerade die ungeheuren Schwierigkeiten in den
rueckwaertigen Verbindungen hatten auf bulgarischer Seite die in den Kaempfen
wiederholt eingetretenen Krisen wesentlich mitverschuldet. Die Truppen
mussten tagelang hungern und litten zeitweise auch Mangel an Schiessbedarf.
Wir haben unter Hintansetzung eigener Interessen mit allen Mitteln
versucht, den Bulgaren die Schwierigkeiten in dieser Richtung zu
erleichtern. Die Groesse der zurueckzulegenden Wegesstrecken, die Wildheit
und Unkultur des Gebirgslandes erschwerten die Loesung dieser Aufgabe
ungemein.

Bei den Kaempfen um Monastir hatten die Bulgaren zum ersten Male in
schweren Verteidigungsschlachten gestanden. Hatten die bisherigen
Nachrichten unserer Offiziere ueber die Haltung des bulgarischen Heeres den
glaenzenden Geist des Soldaten beim Angriff geruehmt, so trat jetzt bei
diesem eine gewisse Empfindlichkeit gegenueber einem laenger andauernden
feindlichen Artilleriefeuer in die Erscheinung. Diese Wahrnehmung mochte
ueberraschen, man konnte sie aber bei allen Voelkern, sowohl auf feindlicher
als auch auf unserer Seite bestaetigt finden, die mit sogenannter
unverdorbener Naturkraft in den Krieg traten. Es macht den Eindruck, als
ob die modernen Angriffsmittel in ihren nervenzerstoerenden Wirkungen fuer
durchhaltende Verteidigung eine Zugabe zu dieser Naturkraft verlangen, die
nur durch eine hoehere Willenskultur geliefert werden kann. In der
Hauptmasse unseres deutschen Soldatenmaterials scheint die richtige
Mischung von sittlicher und koerperlicher Kraft vorhanden zu sein, die
unsere Truppen in Verbindung mit unserer militaerischen Willensschulung in
den Stand setzt, den gewaltigen Eindruecken eines modernen Kampfes
erfolgreich Widerstand zu leisten. Der Oberbefehlshaber des bulgarischen
Heeres hatte das richtige Gefuehl fuer die eben erwaehnte Empfindlichkeit
seiner Soldaten. Er aeusserte darueber in soldatischer Offenheit seine
Sorgen, wenn er auch weit davon entfernt war, eine aengstliche Natur zu
sein.



                  Auf den asiatischen Kriegsschauplaetzen


Durch die Stellung, die der deutsche Chef des Generalstabes des Feldheeres
nunmehr innerhalb der gesamten Kriegsleitung einnahm, wurden wir auch zur
Beschaeftigung mit den Vorgaengen auf den asiatischen Kriegsschauplaetzen
veranlasst. Zur Zeit der Anwesenheit Enver Paschas in unserem Grossen
Hauptquartier Anfang 1917 glaubten wir die Lage in Asien folgendermassen
beurteilen zu koennen:

Die russische Offensive in Armenien war nach der Gewinnung der Linie
Trapezunt-Erzinghan zum Stillstand gekommen. Die tuerkische Offensive, die
im Sommer dieses Jahres von Sueden her aus Richtung Diabekr gegen die linke
Flanke dieses russischen Vorgehens angesetzt war, kam infolge der
ausserordentlichen Gelaendeschwierigkeiten und der ganz ungenuegenden
Nachschubmoeglichkeiten nicht vorwaerts. Es war jedoch zu erwarten, dass die
Russen in diesem Jahre mit Ruecksicht auf den im armenischen Hochlande frueh
eintretenden Winter ihre weiteren Angriffe bald endgueltig einstellen
wuerden.

Die Gefechtskraft der beiden tuerkischen Kaukasusarmeen war aufs aeusserste
zurueckgegangen, einzelne Divisionen bestanden nur noch dem Namen nach.
Entbehrungen, blutige Verluste, Fahnenflucht hatten verheerend auf die
Truppenbestaende gewirkt. Mit schweren Sorgen sah Enver Pascha dem
kommenden Winter entgegen. Es fehlte seinen Truppen die notwendigste
Bekleidung; dazu bot die Ernaehrung der Armeen in diesen armen, grossenteils
entvoelkerten und verwuesteten Gebieten ausserordentliche Schwierigkeiten.
Bei dem Mangel an Zug- und Tragtieren mussten den osmanischen Soldaten in
dem oeden, wegarmen Gebirgslande die Kampf- und Lebensbeduerfnisse durch
Traegerkolonnen in vielen Tagemaerschen zugefuehrt werden. Weiber und Kinder
fanden dabei einen mageren Verdienst, aber auch oft den Tod.

Besser waren die Verhaeltnisse zu dieser Zeit im Irak. Dort war der
Englaender augenblicklich in dem Ausbau seiner rueckwaertigen Verbindungen
noch nicht so weit vorgeschritten, um schon jetzt zur Rache fuer
Kut-el-Amara schreiten zu koennen. Dass er eine solche nehmen wuerde, war fuer
uns zweifellos. Ob alsdann die tuerkische Macht im Irak hinreichte, um dem
englischen Angriff erfolgreich zu widerstehen, vermochten wir nicht zu
beurteilen. Trotz der sehr optimistischen Anschauungen der osmanischen
Obersten Heeresleitung ermahnten wir zu Verstaerkung der dortigen Truppen.
Leider liess sich aber die Tuerkei aus politischen und panislamitischen
Gruenden verfuehren, ein ganzes Armeekorps nach Persien hineinzuschicken.

Der dritte asiatische Kriegsschauplatz, naemlich derjenige in Suedpalaestina,
gab Veranlassung zu unmittelbarer Sorge. Die zweite gegen den Suez-Kanal
gerichtete tuerkische Unternehmung war Anfang August 1916 in der Mitte des
noerdlichen Teiles der Sinai-Halbinsel gescheitert. Daraufhin waren die
tuerkischen Truppen allmaehlich aus diesem Gebiete hinausgedraengt worden und
standen jetzt im suedlichen Teile Palaestinas in der Gegend von Gaza. Die
Frage, ob und wann sie auch hier angegriffen wuerden, schien lediglich von
dem Zeitpunkt abzuhaengen, an dem die Englaender ihre Eisenbahn aus Aegypten
bis hinter ihre Truppen ausgebaut hatten.

Der somit drohende Angriff auf Palaestina schien fuer den militaerischen und
politischen Bestand der Tuerkei weit gefaehrlicher als ein solcher auf das
fernab liegende Mesopotamien. Man musste annehmen, dass der Verlust von
Jerusalem - ganz abgesehen davon, dass er voraussichtlich den Verlust des
ganzen suedlichen Arabiens nach sich zog - die jetzige tuerkische Politik
vor eine Belastungsprobe stellen wuerde, die sie nicht ertragen koennte.

Leider waren die operativen Verhaeltnisse fuer die osmanische Kriegfuehrung
in Suedsyrien nicht wesentlich besser als in Mesopotamien. Hier wie dort
litten die Tuerken, im schaerfsten Gegensatz zu ihren Gegnern, unter solch
ausserordentlichen Schwierigkeiten der rueckwaertigen Verbindungen, dass eine
wesentliche Verstaerkung ihrer Streitkraefte ueber den jetzigen Stand hinaus
den Hunger, ja selbst den Durst fuer alle bedeutet haette. Die
Verpflegungsverhaeltnisse waren auch in Syrien zeitweise trostlos. Zu
unguenstigen Ernten, ungewolltem und gewolltem Versagen der
verantwortlichen Stellen kam die nahezu durchweg feindliche Haltung der
arabischen Bevoelkerung.

Zahlreiche wohlgemeinte Darlegungen suchten mich im Laufe des Krieges von
der Notwendigkeit zu ueberzeugen, dass Mesopotamien und Syrien mit staerkeren
Kraeften verteidigt, ja dass hier wie dort zum Angriff uebergegangen werden
muesste. Das Interesse weiter deutscher Kreise an diesen Kriegsschauplaetzen
war gross. Augenscheinlich irrten die Gedanken uneingestandenermassen
vielfach ueber Mesopotamien durch Persien, Afghanistan nach Indien und von
Syrien nach Aegypten. Man traeumte im stillen an der Hand der Karten, dass
wir auf diesen Landwegen an den Lebensnerv der uns so gefaehrlichen
britischen Weltmachtstellung herankaemen. Vielleicht lag in solchen
Gedanken oft unbewusst das Wiedererwachen frueherer napoleonischer Plaene. Zu
ihrer Durchfuehrung fehlte uns aber die erste Vorbedingung derartiger
weitgreifender Operationen, naemlich genuegend leistungsfaehige
Nachschublinien.



           Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916


Waehrend wir Rumaenien niederschlugen, dauerten die Angriffe der Russen in
den Karpathen und in Galizien ununterbrochen an. Von russischer Seite war
nicht beabsichtigt gewesen, dem neuen Bundesgenossen bei seinem Angriff
auf Siebenbuergen unmittelbar zu unterstuetzen, wohl aber sollte diese
rumaenische Operation durch ununterbrochene Fortsetzung der bisherigen
russischen Angriffe gegen die galizische Front erleichtert werden.
Unmittelbare Hilfe gewaehrten die Russen den Rumaenen dagegen in der
Dobrudscha, und zwar von Anfang an. Die Gruende hierfuer lagen ebensosehr
auf politischem wie militaerischem Gebiete; Russland rechnete zweifellos
sehr stark mit russophilen Neigungen innerhalb der bulgarischen Armee.
Daher versuchten auch bei Beginn der Kaempfe in der Sueddobrudscha russische
Offiziere und Truppen, sich den Bulgaren als Freunde zu naehern, und waren
bitter enttaeuscht, als die Bulgaren mit Feuer antworteten. Dazu kam, dass
Russland zwar ohne politische Eifersucht zusehen konnte, wenn Rumaenien sich
in den Besitz von Siebenbuergen setzte, aber nicht dulden durfte, dass der
neue Verbuendete selbstaendig Bulgarien auf die Knie warf und dann
moeglicherweise noch den Weg nach Konstantinopel einschlug oder wenigstens
freimachte. Galt doch die Eroberung der tuerkischen Hauptstadt seit
Jahrhunderten als historisches und religioeses Vorrecht Russlands.

Es mag dahingestellt bleiben, ob es von russischer Seite klug war, den
Rumaenen ohne unmittelbare Unterstuetzung, sei es auch nur durch etliche
russische Kerntruppen, die Operation nach Siebenbuergen allein zu
ueberlassen. Man ueberschaetzte dabei jedenfalls die Leistungsfaehigkeit der
rumaenischen Armee und ihrer Fuehrung und ging von der irrigen Ansicht aus,
dass die Kraefte der Mittelmaechte an der Ostfront durch die russischen
Angriffe vollstaendig gebunden, ja sogar erschoepft seien.

Diese Angriffe erreichten zwar ihren Zweck nicht in vollem Umfange,
stellten uns aber immerhin wiederholt vor nicht unbedenkliche Krisen. Die
Lage wurde zeitweise so misslich, dass wir befuerchten mussten, unsere
Verteidigung wuerde von den Karpathenkaemmen heruntergeworfen werden. Deren
Behauptung war aber fuer uns eine Vorbedingung zur Durchfuehrung unseres
Aufmarsches und unserer ersten Operationen gegen den neuen Feind. Auch in
Galizien mussten wir den Russen mit allen Mitteln aufhalten. Eine Preisgabe
weiterer dortiger Gebietsteile wuerde an sich fuer unsere Gesamtlage von
geringer militaerischer Bedeutung gewesen sein, wenn nicht hinter unserer
galizischen Stellung die fuer uns so kostbaren, ja fuer die Kriegfuehrung
unentbehrlichen Oelfelder gelegen haetten. Wiederholt mussten aus diesen
Gruenden fuer den Angriff gegen Rumaenien bestimmte Truppenverbaende gegen die
ins Wanken geratenen Frontteile abgedreht werden.

Wenn auch die kritischen Lagen schliesslich immer wieder ueberwunden und
unser Feldzug gegen Rumaenien einem gluecklichen Abschluss entgegengefuehrt
wurde, so kann man doch nicht behaupten, dass die russischen
Entlastungsangriffe ihren grossen operativen Zweck voellig verfehlt haetten.
Rumaenien unterlag wahrlich nicht durch die Schuld seiner Verbuendeten. Die
Entente tat im Gegenteil alles, was sie nach der Lage und ihren Kraeften
tun konnte, und zwar nicht nur im unmittelbaren Anschluss an das rumaenische
Heer, sondern auch mittelbar durch die Angriffe Sarrails in Mazedonien,
durch die italienischen Angriffe am Isonzo und schliesslich auch durch die
Fortsetzung der englisch-franzoesischen Anstuerme im Westen.



Wir hatten, wie ich schon frueher andeutete, von Anfang an damit gerechnet,
dass der Gegner mit dem Eintritt Rumaeniens in den Krieg seine Angriffe auch
gegen unsere Westfront mit aller Kraft, mit englischer Zaehigkeit und
franzoesischem Elan fortfuehren wuerde. Dies trat auch ein.

Unsere Fuehrereinwirkung auf diese Kaempfe war einfach. An einen
Entlastungsangriff konnten wir mangels genuegender Kraefte weder bei Verdun
noch an der Somme denken, so sehr auch ein solcher meinen eigenen
Neigungen entsprochen haette. Kurz nach der Uebernahme der Obersten
Heeresleitung sah ich mich auf Grund der Gesamtlage gezwungen, Seiner
Majestaet dem Kaiser den Befehl zur Einstellung unserer Angriffe bei Verdun
zu unterbreiten. Die dortigen Kaempfe zehrten wie eine offene Wunde an
unseren Kraeften. Es liess sich auch klar ueberblicken, dass das Unternehmen
in jeder Hinsicht aussichtslos geworden war und seine Fortsetzung uns weit
groessere Verluste kostete, als wir dem Gegner beizubringen imstande waren.
Unsere vordersten Stellungen lagen in allseitig flankierendem Feuer
uebermaechtiger gegnerischer Artillerie; die Verbindungen zu den Kampflinien
waren ausserordentlich schwierig. Das Schlachtfeld war eine wahre Hoelle und
in diesem Sinne bei der Truppe geradezu beruechtigt. Jetzt in
rueckschauender Betrachtung stehe ich nicht an, zu sagen, dass wir aus rein
militaerischen Gruenden gut daran getan haetten, die Kampfverhaeltnisse vor
Verdun nicht nur durch Beendigung der Offensive sondern auch durch
freiwilliges Aufgeben noch groesserer Teile des eroberten Gelaendes als
geschehen zu bessern. Im Herbste 1916 glaubte ich jedoch davon Abstand
nehmen zu muessen. Fuer das Unternehmen war eine grosse Masse unserer besten
Kampfkraft geopfert worden; die Heimat war bis dahin in Erwartung auf
einen endlichen ruhmreichen Ausgang des Angriffs erhalten worden. Nur zu
leicht konnte jetzt der Eindruck hervorgerufen werden, als ob alle Opfer
umsonst gebracht seien. Das wollte ich in dieser an sich schon so sehr
gespannten heimatlichen Stimmung vermeiden.

Unsere Hoffnung, dass mit der Einstellung unseres Angriffes bei Verdun auch
der Gegner dort im wesentlichen zum reinen Stellungskrieg uebergehen wuerde,
erfuellte sich nicht. Ende Oktober brach der Franzose auf dem Ostufer der
Maas zu einem grossangelegten, kuehn durchgefuehrten Gegenstoss vor und
ueberrannte unsere Linien. Wir verloren Douaumont und hatten keine Kraefte
mehr, um diesen Ehrenpunkt deutschen Heldentums wieder zu nehmen.

Der franzoesische Fuehrer hatte sich bei diesem Gegenstoss von der bisherigen
Gepflogenheit einer tage- oder gar wochenlangen Artillerievorbereitung
freigemacht. Er hatte seinen Angriff durch Steigerung der
Feuergeschwindigkeit seiner Artillerie und Minenwerfer bis zur aeussersten
Grenze der Leistungsfaehigkeit von Material und Bedienung nur kurze Zeit
vorbereitet und war dann gegen den schlagartig koerperlich und seelisch
niedergedrueckten Verteidiger sofort zum Angriff uebergegangen. Wir hatten
diese Art gegnerischer Angriffsvorbereitung wohl schon innerhalb des
Rahmens der langen Dauerschlachten kennengelernt, aber als Eroeffnung einer
grossen Angriffshandlung war sie fuer uns neu und verdankte vielleicht
gerade diesem Umstand ihren ohne Zweifel bedeutenden Erfolg. Im grossen und
ganzen schlug uns der Gegner diesmal mit unserem eigenen bisherigen
Angriffsverfahren. Wir konnten nur hoffen, dass er es im kommenden Jahre
nicht mit gleichem Erfolg in noch groesserem Umfang wiederholen wuerde.

Die Kaempfe bei Verdun erstarben erst im Dezember.

Die Sommeschlacht hatte auch von Ende August ab den Charakter eines
ausserordentlich erbitterten, rein frontalen Abringens der beiderseitigen
Kraefte gezeigt. Die Aufgabe der Obersten Heeresleitung konnte nur darin
bestehen, den Armeen die noetigen Kraefte zum Durchhalten zur Verfuegung zu
stellen.

Man gab dieser Art von Kaempfen bei uns den Namen "Materialschlachten". Man
koennte sie vom Standpunkt des Angreifers aus auch als "Taktik eines
Rammklotzes" bezeichnen, denn es fehlte ihrer Fuehrung jeder hoehere
Schwung. Die mechanischen und materiellen Elemente des Kampfes waren in
den Vordergrund geschoben, waehrend die geistige Fuehrung allzusehr in den
Hintergrund trat.

Wenn es unseren westlichen Gegnern in den Kaempfen von 1915 bis 1917 nicht
gelang, ein entscheidendes Feldzugsergebnis zu erreichen, so lag das im
wesentlichen an einer gewissen Einseitigkeit der dortigen Fuehrung. An der
noetigen zahlenmaessigen Ueberlegenheit an Menschen, Kriegsgeraet und
Schiessbedarf fehlte es dem Feinde wahrlich nicht; auch kann man nicht
behaupten, dass die Guete der gegnerischen Truppen den Anforderungen einer
taetigeren und gedankenreicheren Fuehrung nicht haette genuegen koennen.
Ausserdem war fuer unsere Feinde im Westen bei dem reichentwickelten
Eisenbahn- und Strassennetz und den in Massen vorhandenen
Befoerderungsmitteln jeder Art freieste Entfaltungsmoeglichkeit fuer eine
weit groessere operative Gelenkigkeit vorhanden. Von alledem machte jedoch
die gegnerische Fuehrung nicht vollen Gebrauch. Die lange Dauer unseres
Widerstandes war also doch wohl neben anderen Gruenden auch auf eine
gewisse Unfruchtbarkeit des Bodens zurueckzufuehren, auf dem die feindlichen
Plaene reiften. Ungeheuer blieben aber trotzdem die Anforderungen, die auf
den dortigen Schlachtfeldern an unsere Armeefuehrungen und unsere Truppen
gestellt werden mussten.

Anfang September besuchte ich mit meinem Ersten Generalquartiermeister die
Westfront. Wir mussten die dortigen Kampfverhaeltnisse sobald als moeglich
kennen lernen, um wirklich helfend eingreifen zu koennen. Seine Kaiserliche
und Koenigliche Hoheit der Deutsche Kronprinz schloss sich uns unterwegs an
und ehrte mich in Montmedy durch Aufstellung einer Sturmkompagnie auf dem
Bahnsteige. Dieser Empfang entsprach ganz dem ritterlichen Sinn des hohen
Herrn, dem ich fortan oefters begegnen sollte. Sein frisches, offenes Wesen
und sein gesundes militaerisches Urteil haben mich stets mit Freude und
Vertrauen erfuellt. In Cambrai ueberreichte ich auf Befehl Seiner Majestaet
des Kaisers zwei anderen bewaehrten Heerfuehrern, den Thronfolgern Bayerns
und Wuerttembergs, die ihnen verliehenen preussischen Feldmarschallstaebe und
hielt dann eine laengere Besprechung mit den Generalstabschefs der
Westfront ab. Aus deren Darlegungen ging hervor, dass rasches und
energisches Handeln dringend not tat, um unsere erschreckende
Unterlegenheit an Fliegern, Waffen und Munition einigermassen
auszugleichen. Die eiserne Arbeitskraft des Generals Ludendorff hat diese
ernste Krisis ueberwunden. Zu meiner Freude hoerte ich spaeter durch
Frontoffiziere, dass sich die Fruechte der Besprechung von Cambrai bald bei
der Truppe bemerkbar gemacht haetten.

Die Groesse der Anforderungen, die an das Westheer gestellt wurden, war mir
bei diesem Besuch in Frankreich zum erstenmal so recht plastisch vor die
Augen getreten. Ich stehe nicht an, zu bekennen, dass ich damals erst einen
vollen Einblick in die bisherigen Leistungen des Westheeres gewann. Wie
undankbar war die Aufgabe fuer Fuehrung und Truppe, da in der aufgezwungenen
reinen Verteidigung ein sichtbarer Gewinn immer versagt bleiben musste! Der
Erfolg in der Abwehrschlacht fuehrt den Verteidiger, auch wenn er siegreich
ist, nicht aus dem staendig lastenden Druck, ich moechte sagen, aus dem
Anblick des Elends des Schlachtfeldes heraus. Der Soldat muss auf den
maechtigen seelischen Aufschwung verzichten, den das erfolgreiche
Vorwaertsschreiten gewaehrt, ein Aufschwung von so unsagbarer Gewalt, dass
man ihn erlebt haben muss, um ihn in seiner ganzen Groesse begreifen zu
koennen. Wie viele unserer braven Soldaten haben dieses reinste
Soldatenglueck nie empfinden duerfen! Sie sahen kaum etwas anderes als
Schuetzengraeben und Geschosstrichter, in denen und um die sie wochen-, ja
monatelang mit dem Gegner rangen. Welch ein Nervenverbrauch und welch
geringe Nervennahrung! Welche Staerke des Pflichtgefuehls und welche
selbstlose Hingabe gehoerten dazu, solch einen Zustand jahrelang in stiller
Entsagung auf hoeheres kriegerisches Glueck zu ertragen! Ich gestehe offen,
dass diese Eindruecke fuer mich tief ergreifend waren. Ich konnte nun
verstehen, wie alle, Offiziere wie Mannschaften, aus solchen
Kampfverhaeltnissen sich heraussehnten, wie sich alle Herzen mit der
Hoffnung fuellten, dass nun endlich nach diesen erschoepfenden Schlachten ein
hoher Angriffszug auch in die Westfront ein frisches kriegerisches Leben
bringen wuerde.

Freilich sollten unsere Fuehrer und Truppen noch lange auf die Erfuellung
dieser Sehnsucht warten muessen! Viele unserer besten, sturmbegeisterten
Soldaten mussten noch vorher in zertruemmerten Schuetzengraeben ihr Herzblut
hingeben!

In dem Kampfgebiet an der Somme wurde es erst stiller, als die
einbrechende nasse Jahreszeit den Kampfboden grundlos zu machen begann.
Die Millionen von Geschosstrichtern fuellten sich mit Wasser oder wurden zu
Friedhoefen. Von Siegesfreude war auf keiner der beiden kaempfenden Parteien
die Rede. Ueber allen lag der furchtbare Druck dieses Schlachtfeldes, das
in seiner Oede und seinem Grauen selbst dasjenige vor Verdun zu uebertreffen
schien.




                   Meine Stellung zu politischen Fragen



                              Aeussere Politik


Die Beschaeftigung mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit unseres
Vaterlandes war mir stets ein Beduerfnis. Lebensgeschichten seiner grossen
Soehne waren fuer mich gleichbedeutend mit Erbauungsschriften. In keiner
Lage meines Lebens, auch im Kriege nicht, wollte ich diese Art meiner
Belehrung und inneren Erhebung vermissen. Und doch haette man ein volles
Recht gehabt, in mir eine unpolitische Natur zu sehen. Betaetigung
innerhalb der Gegenwartspolitik widersprach meinen Neigungen. Vielleicht
war hierfuer mein Hang zur politischen Kritik zu schwach, vielleicht auch
mein soldatisches Gefuehl zu stark entwickelt. Auf letztere Ursache ist
dann wohl auch meine Abneigung gegen alles Diplomatische zurueckzufuehren.
Man nenne diese Abneigung Vorurteil oder Mangel an Verstaendnis, die
Tatsache haette ich auch dann an dieser Stelle nicht abgeleugnet, wenn ich
ihr waehrend des Krieges nicht so oft und so laut haette Ausdruck geben
muessen. Ich hatte das Empfinden, als ob die diplomatische Beschaeftigung
wesensfremde Anforderungen an uns Deutsche stellt. Darin liegt wohl einer
der Hauptgruende fuer unsere aussenpolitische Rueckstaendigkeit. Eine solche
musste sich um so staerker geltend machen, je mehr wir durch machtvolle
Entfaltung unseres Handels und unserer Industrie sowie durch Hinausdraengen
unserer geistigen Kraefte ueber die vaterlaendischen Grenzen hinaus zu einem
Weltvolk zu werden schienen. Das in sich geschlossene, ruhige, staatliche
Kraftbewusstsein, wie es Englands Politiker bewahrten, fand ich nicht immer
bei den unserigen.

Weder bei meiner Taetigkeit in den hoeheren Fuehrerstellen des Ostens noch
bei meiner Berufung in den Wirkungskreis als Chef des Generalstabes des
Feldheeres hatte ich das Beduerfnis und die Neigung, mich mehr als
unbedingt notwendig mit gegenwaertigen politischen Fragen zu beschaeftigen.
Freilich hielt ich in einem Koalitionskrieg mit seinen unendlich vielen
und mannigfaltigen, auf die Kriegfuehrung wirkenden Entscheidungen eine
voellige Zurueckhaltung der Kriegsleitung von der Politik fuer unmoeglich.
Trotzdem erkannte ich auch in unserem Falle das, was Bismarck als Norm fuer
das gegenseitige Verhaeltnis zwischen militaerischer und politischer Fuehrung
im Kriege hingestellt hatte, als durchaus einem gesunden Zustand
entsprechend. Auch Moltke stand auf dem Boden der bismarckschen
Auffassung, wenn er sagte:

  "Der Fuehrer hat bei seinen Operationen den militaerischen Erfolg in
  erster Linie im Auge zu behalten. Was aber die Politik mit seinen Siegen
  oder Niederlagen anfaengt, ist nicht seine Sache, deren Ausnuetzung ist
  vielmehr allein Sache der Politiker."

Andererseits wuerde ich es aber doch vor meinem Gewissen nicht haben
verantworten koennen, wenn ich nicht meine Anschauungen in all den Faellen
zur Geltung gebracht haette, in denen die Bestrebungen anderer uns nach
meiner Ueberzeugung auf eine bedenkliche Bahn fuehrten, wenn ich nicht da
zur Tat getrieben haette, wo ich Tatenlosigkeit oder Tatenunlust zu
bemerken glaubte, wenn ich endlich meine Ansichten fuer Gegenwart und
Zukunft nicht dann mit aller Schaerfe vertreten haette, wenn die
Kriegfuehrung und die zukuenftige militaerische Sicherheit meines Vaterlandes
durch politische Massnahmen beruehrt oder gar gefaehrdet wurden. Man wird mir
zugeben, dass die Grenzen zwischen Politik und Kriegfuehrung sich wohl nie
mit voller Schaerfe ziehen lassen werden. Beide muessen schon im Frieden
zusammenwirken, da ihre Gebiete eine wechselseitige Verstaendigung
unbedingt verlangen. Sie muessen sich im Kriege, in dem ihre Faeden
tausendfach verschlungen sind, gegenseitig ununterbrochen ergaenzen. Dieses
schwierige Verhaeltnis wird sich nie durch Bestimmungen regeln lassen. Auch
der lapidare Stil Bismarcks laesst die Grenzlinien ineinander ueberfliessend
erscheinen. Es entscheidet eben in diesen Fragen nicht nur die sachliche
Materie sondern auch der Charakter der an ihrer Loesung arbeitenden
Persoenlichkeiten.

Ich gebe zu, dass ich gar manche Aeusserungen ueber politische Fragen mit
meinem Namen und meiner Verantwortung deckte, auch wenn sie mit unserer
derzeitigen kriegerischen Lage nur in losem Zusammenhang standen. Ich
draengte mich in solchen Faellen niemandem auf. Wenn jedoch jemand meine
Ansicht haben wollte, wenn eine Frage kam, die einer Erledigung und
Aeusserung von deutscher Seite harrte und keine fand, dann sah ich keinen
Grund dafuer ein, warum ich schweigen sollte.

Bei einer der ersten politischen Fragen, die an mich kurz nach Uebernahme
der Obersten Heeresleitung herantraten, handelte es sich um die Zukunft
Polens. Angesichts der grossen Bedeutung dieser Frage waehrend des Krieges
und nach diesem glaube ich auf den Verlauf ihrer Behandlung eingehen zu
muessen.

Ich habe frueher nie eine persoenliche Abneigung gegen das polnische Volk
empfunden; andererseits haette mir aber auch jeder vaterlaendische Instinkt,
jede Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen fehlen muessen, wenn ich die
schweren Gefahren verkannt haette, die in einer Wiederaufrichtung Polens
fuer mein Vaterland lagen. Ich gab mich keinem Zweifel darueber hin, dass wir
von Polen nie und nimmer auch nur die Spur eines Dankes dafuer erwarten
koennten, dass wir es durch unser Schwert und Blut von der russischen Knute
befreiten, so wenig wir je eine Anerkennung fuer die wirtschaftliche und
geistige Hebung unserer preussisch-polnischen Volksteile erhalten haben.
Nie also wuerde Dankesschuld, sofern eine solche in der Politik ueberhaupt
anerkannt wuerde, das neu errichtete freie Polen von einer Irredenta in
unseren angrenzenden Landesteilen abgehalten haben.

Von welcher Seite man auch das polnische Problem zu loesen versuchte, immer
musste Preussen-Deutschland der leidtragende Teil sein, der die politische
Zeche zu zahlen hatte. Oesterreich-Ungarns Staatsleitung schien dagegen in
der Schoepfung eines freien geeinigten Polens keine Gefahr fuer das eigene
Staatswesen zu befuerchten. Einflussreiche Kreise in Wien wie in Budapest
glaubten vielmehr, dass es moeglich sein wuerde, das katholische Polen
dauernd an die Doppelmonarchie zu fesseln. Bei der grundsaetzlich
deutschfeindlichen Haltung der Polen schloss diese oesterreichische Politik
eine schwere Gefahr fuer uns in sich. Es war nicht zu verkennen, dass
hierdurch die Festigkeit unseres Buendnisses in Zukunft einer auf die Dauer
unertraeglichen Belastungsprobe ausgesetzt werden wuerde. Die Oberste
Heeresleitung durfte diesen politischen Gesichtspunkt bei ihrer Sorge um
unsere zukuenftige militaerische Lage an der Ostgrenze unter keiner
Bedingung aus dem Auge verlieren.

Aus all diesen politischen wie militaerischen Erwaegungen haette sich meines
Erachtens fuer Deutschland die Lehre ergeben, an der polnischen Frage
moeglichst wenig zu ruehren oder sie wenigstens, wie man sich in solchen
Faellen ausdrueckt, dilatorisch zu behandeln. Dies war aber von deutscher
Seite leider nicht geschehen. Die Gruende, warum wir aus der gebotenen
Vorsicht heraustraten, sind mir unbekannt. Zwischen der deutschen und
oesterreichisch-ungarischen Reichsleitung war naemlich Mitte August 1916 in
Wien eine Vereinbarung getroffen worden, nach welcher baldmoeglichst die
oeffentliche Verkuendigung eines selbstaendigen Koenigreichs Polen mit
erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung erfolgen sollte.
Diese Abmachung hatte man dadurch fuer uns Deutsche schmackhafter zu machen
versucht, dass die beiden Vertragschliessenden sich verpflichtet hatten,
keinen Teil ihrer einstmals polnischen Landesteile dem neuen polnischen
Staat zufallen zu lassen, und dass Deutschland die oberste Fuehrung der
einheitlichen polnischen Zukunftsarmee zugesprochen erhielt. Beide
Zugestaendnisse hielt ich fuer Utopien.

Durch diese oeffentliche Verkuendigung wuerden die politischen Verhaeltnisse
im Rueckengebiet unserer Ostfront voellig veraendert worden sein. Mein
Vorgaenger hatte infolgedessen mit Recht sofort gegen diese Verkuendigung
Einspruch erhoben. Seine Majestaet der Kaiser entschied zugunsten des
Generals von Falkenhayn. Nun war es aber fuer jedermann, der die Zustaende
in der Donaumonarchie kannte, klar, dass die in Wien einmal getroffene
Vereinbarung nicht geheim bleiben wuerde. Sie konnte wohl noch eine kurze
Zeit offiziell zurueckgehalten aber nicht mehr aus der Welt geschafft
werden. In der Tat war sie schon Ende August allgemein bekannt. So stand
ich bei Uebernahme der Obersten Heeresleitung einer vollendeten Tatsache
gegenueber.

Kurze Zeit darauf forderte der mir dienstlich nicht unterstellte
Generalgouverneur von Warschau von unserer Reichsleitung die Verkuendigung
des polnischen Koenigsreichs als eine nicht laenger hinausschiebbare
Tatsache. Er liess die Wahl zwischen Schwierigkeiten im Lande und der
sicheren Aussicht auf eine Verstaerkung unserer Streitkraefte durch
polnische Truppen, die sich im Fruehjahr 1917 bei freiwilligem Eintritt auf
5 ausgebildete Divisionen, bei Einfuehrung der allgemeinen Wehrpflicht auf
1 Million Mann belaufen wuerden. Eine so wenig guenstige Meinung ich auch
glaubte, 1914 und 15 von einer Teilnahme der polnischen Bevoelkerung am
Krieg gegen Russland gewonnen zu haben, der Generalgouverneur musste es
besser wissen. Er kannte die Entwicklung der inneren politischen
Verhaeltnisse des eroberten Landes seit 1915 und war der Ueberzeugung, dass
uns die Geistlichkeit wirksam bei der Werbung zum Kampf unterstuetzen
wuerde.

Wie haette ich es da bei unserer Kriegslage verantworten koennen, diese als
so bestimmt bezeichnete Hilfe abzulehnen? Entschied ich mich aber fuer
diese, so durfte keine Zeit verloren gehen, damit wir bis zum Beginn der
naechsten Fruehjahrskaempfe leidlich ausgebildete Truppen in der vordersten
Linie einsetzen konnten. Mochte dann ein siegreiches Deutschland sich nach
dem Frieden mit der nun einmal aufgerollten polnischen Frage abfinden.

Da stiessen wir, ueberraschend fuer mich, auf den Widerstand der
Reichsleitung. Sie glaubte in dieser Zeit Faeden fuer einen Sonderfrieden
mit Russland gefunden zu haben und hielt es fuer bedenklich, die
eingeleiteten Schritte durch die Proklamation eines unabhaengigen Polens in
den Augen des Zaren zu kompromittieren. Die politischen und militaerischen
Ruecksichten gerieten also in Widerstreit.

Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war schliesslich der, dass die
Hoffnungen auf einen Sonderfrieden mit Russland scheiterten, dass in den
ersten Tagen des Novembers das Manifest doch veroeffentlicht wurde, und dass
die daraufhin eingesetzten Werbungen polnischer Freiwilligen voellig
ergebnislos verliefen. Der Werberuf fand nicht nur keine Unterstuetzung der
katholischen Geistlichkeit, sondern loeste offenen Widerstand aus.

Sofort nach Verkuendigung des Manifestes trat der Widerstreit zwischen den
Interessen Oesterreichs und denjenigen Deutschlands in dem polnischen
Problem hervor. Unsere Verbuendeten erstrebten immer offenkundiger eine
Vereinigung Kongress-Polens mit Galizien unter ihrem beherrschenden
Einfluss. Ich glaubte diesen Bestrebungen gegenueber, sofern sie nicht von
unserer Reichsleitung ueberhaupt zum Scheitern gebracht werden konnten,
wenigstens fuer eine entsprechende Verbesserung an unserer Ostgrenze nach
rein militaerischen Gesichtspunkten eintreten zu muessen.

Eigentlich konnte ja ueber alle diese Fragen nur der Ausgang des Krieges
entscheiden. Ich bedauerte es daher lebhaft, dass unsere Zeit durch diese
im Kriege ueberreichlich in Anspruch genommen wurde. Im uebrigen muss ich
betonen, dass die mit unserem Verbuendeten entstandenen Reibungen auf
politischem Gebiete niemals auf unsere beiderseitigen militaerischen
Verhaeltnisse irgend welchen Einfluss ausuebten.

Eine aehnliche Rolle wie Polen in unseren Beziehungen zu Oesterreich-Ungarn
spielte die Dobrudscha in unseren politischen und militaerischen
Auseinandersetzungen mit Bulgarien. Bei der Dobrudschafrage handelte es
sich letzten Endes darum, ob Bulgarien mit dem uneingeschraenkten
zukuenftigen Besitz dieses Landes den Schienenweg ueber Cernavoda-Constanza
in seine Hand bekommen wuerde. Geschah das, so beherrschte es die letzte
und naechst der Orientbahn wichtigste Landesverbindung zwischen
Mitteleuropa und dem nahen Orient. Bulgarien erkannte natuerlich die
guenstige Gelegenheit, uns in dieser Richtung waehrend des Krieges
Zugestaendnisse abzuringen. Andererseits bat die Tuerkei als zunaechst
beruehrt um unseren politischen Beistand gegen diese bulgarischen Plaene.
Wir gaben ihr diese Unterstuetzung. So brach ein politischer Kleinkrieg
unter militaerischer Maske los und dauerte nahezu ein Jahr lang an. Der
Verlauf war kurz beschrieben folgender:

Der zwischen uns und Bulgarien abgeschlossene Buendnisvertrag stellte fuer
einen rumaenischen Kriegsfall unseren Bundesgenossen den Wiedergewinn der
im Jahre 1912 verlorenen Teile der suedlichen Dobrudscha sowie dortige
Grenzverbesserungen in Aussicht, sprach aber mit keinem Worte von dem
Anheimfall dieser ganzen rumaenischen Provinz an Bulgarien. Auf Grund
dieses Vertrages hatten wir die frueheren bulgarischen Teile der suedlichen
Dobrudscha nach der wesentlichen Beendigung des rumaenischen Feldzuges
sofort der Verwaltung der bulgarischen Regierung uebergeben, richteten aber
in der Mitteldobrudscha im Einverstaendnis mit allen unseren Verbuendeten
eine deutsche Verwaltung ein. Sie arbeitete auf Grund eines besonderen
Abkommens in wirtschaftlicher Beziehung nahezu ausschliesslich zugunsten
Bulgariens. Die noerdliche Dobrudscha fiel als Operationsgebiet der dort
stehenden 3. bulgarischen Armee zu. Die Verhaeltnisse schienen aeusserlich
voellig befriedigend geregelt. Doch dauerte diese Zufriedenheit nicht
lange.

Der Fehdehandschuh wurde uns von dem bulgarischen Ministerpraesidenten
hingeworfen. Noch vor Abschluss des rumaenischen Feldzuges regte er bei
seinen Politikern den Gedanken des Heimfalls der ganzen Dobrudscha an
Bulgarien an und stellte die deutsche Oberste Heeresleitung als Hemmschuh
dieser Bestrebungen hin. Hieraus entstand eine scharfe politische Bewegung
gegen uns. Koenig Ferdinand war zunaechst mit dem Vorgehen seiner Regierung
nicht einverstanden. Dem Druck der entstandenen Erregung glaubte er jedoch
spaeter nachgeben zu muessen. Ebenso hatte sich die bulgarische Oberste
Heeresleitung anfangs nicht in die Angelegenheit hineinziehen lassen. Sie
fuehlte wohl die Gefahr, wenn in die schon an sich starken und
verschiedenen politischen Stroemungen innerhalb ihres Heeres ein neues
Element der Beunruhigung hineingeworfen wuerde. Bald leistete aber auch
General Jekoff dem Draengen seines Ministerpraesidenten keinen weiteren
Widerstand mehr. Die angezettelte Bewegung wuchs der bulgarischen
Regierung ueber den Kopf, und es entstand ein allgemeines politisches
Kesseltreiben gegen die deutsche Oberste Heeresleitung, hauptsaechlich
gefuehrt durch unverantwortliche Agitatoren und ohne jede Ruecksicht auf das
bestehende waffenbruederliche Verhaeltnis. Die Verbissenheit, mit der
bulgarische Kreise an diesem Ziele ihres Heisshungers festhielten, haette
sich auf dem Gebiete der Kriegfuehrung fuer die allgemeinen Zwecke besser
gelohnt.

In diesen Zustaenden zeigten sich die Folgen einer schaedlichen Seite
unserer Buendnisvertraege. Wir hatten den Bulgaren bei Abschluss unseres
Waffenbundes seinerzeit die denkbar weitestgehenden Zusicherungen in bezug
auf Vergroesserung des Landes und Vereinigung seiner voelkischen Staemme
gemacht, Zusicherungen, die wir nur im Falle eines vollen Sieges haetten
halten koennen. Bulgarien war aber auch mit diesen Zusicherungen noch nicht
zufrieden. Fortdauernd vergroesserte es seine Ansprueche ganz ohne Ruecksicht
darauf, ob das bisher kleine Staatswesen imstande sein wuerde, solche
Vergroesserungen spaeter politisch und wirtschaftlich beherrschen zu koennen.

Solche Begehrlichkeiten enthielten fuer uns aber auch eine unmittelbare
militaerische Gefahr. Ich habe schon frueher darauf hingewiesen, von welch
grossem militaerischen Vorteil es gewesen waere, wenn wir im Herbste 1916 die
Verteidigung an der mazedonischen Front auf dem westlichen Fluegel bis in
die Gegend von Prilep zurueckverlegt haetten. Nur eine Andeutung
unsererseits in dieser Beziehung genuegte, um in allen politischen
bulgarischen Kreisen augenscheinlich schwerwiegende Bedenken
hervorzurufen. Man befuerchtete sofort den Verlust der Ansprueche auf
militaerisch geraeumte Gebiete, man setzte lieber eine ganze Armee auf das
Spiel, als dass man, wie es hiess, die Preisgabe "der altbulgarischen Stadt
Ochrida" vor dem eigenen Lande zu verantworten wagte. Wir werden spaeter
sehen, wohin uns unsere grossen Zugestaendnisse an Bulgarien noch fuehren
sollten.

Das Hin und Her all dieser zahllosen politischen Fragen und Gegenfragen
brachte mir nur unbefriedigende Stunden und verstaerkte betraechtlich meine
Abneigung gegen die Politik.

Einen wesentlich anderen Inhalt als unser Buendnisvertrag mit Bulgarien
hatte derjenige mit der Tuerkei. Deren Regierung gegenueber hatten wir uns
nur zur Erhaltung ihres territorialen Besitzstandes vor dem Kriege
verpflichtet. Nun hatte aber der Osmane im Verlauf der beiden ersten
Kriegsjahre bedeutende Teile seiner asiatischen Randgebiete verloren.
Unsere Buendnisverpflichtungen waren dadurch sehr belastet. Eine
bedenkliche Rueckwirkung dieser misslichen Verhaeltnisse auf die
Gesamtleitung des Krieges schien nicht ausgeschlossen, weil die tuerkische
Regierung in dieser Richtung Forderungen stellen konnte, denen wir uns aus
politischen Gruenden vielleicht nicht zu entziehen vermochten. In dieser
Hinsicht war daher fuer uns die hohe Auffassung Enver Paschas von der
gemeinsamen Kriegfuehrung und ihren entscheidenden Gesichtspunkten von
groesstem Wert. Auch die politische Auffassung der uebrigen tuerkischen
Machthaber schien uns einstweilen eine Gewaehr dafuer zu geben, dass die
bisherigen osmanischen Verluste unser Kriegskonto nicht uebertrieben
belasten wuerden. Wurde uns doch versichert, dass die osmanische Regierung
sich im Falle des Eintritts von Friedensverhandlungen nicht auf den
Wortlaut unserer Vertragsbestimmungen versteifen, sondern sich mit der
Anerkennung einer mehr oder minder formellen Hoheit ueber grosse Teile der
verlorenen Gebiete abfinden wuerde, sofern es gelingen solle, eine Formel
zur Erhaltung des Prestiges ihrer jetzigen Regierung zu finden.

Fuer unsere Politik wie Kriegsleitung war es also eine ganz wesentliche
Aufgabe, die derzeitige osmanische Reichsleitung zu stuetzen; fuer Enver wie
fuer Talaat Pascha fand sich nicht leicht ein Ersatz, der uns voll und
sicher zugetan war. Das durfte uns freilich nicht hindern, politischen
Stroemungen in der Tuerkei entgegenzutreten, die auf die militaerischen
Aufgaben des Landes im Rahmen des Gesamtkrieges stoerend wirkten. Ich
verweise hierbei auf meine frueheren Bemerkungen ueber die panislamitische
Bewegung. Sie drohte andauernd die Tuerkei militaerisch in eine falsche
Richtung abzulenken. Nach dem Zusammenbruch Russlands suchte der
Panislamismus sein Ausdehnungsgebiet in der Richtung auf den Kaukasus. Ja,
er fasste darueber hinaus ein Weitergreifen auf die transkaspischen Laender
ins Auge und verlor sich schliesslich in den weiten Raeumen Zentralasiens
mit dem phantastischen Wunsche, auch dortige alte Kultur- und
Glaubensgemeinschaften mit dem osmanischen Reiche zu vereinen.

Dass wir solchen orientalischen politischen Traumgebilden unsere
militaerische Unterstuetzung nicht leihen konnten, dass wir vielmehr die
Rueckkehr aus diesen weitschweifenden Plaenen auf den Boden der jetzigen
kriegerischen Wirklichkeiten fordern mussten, war klar, das Bemuehen aber
leider nicht erfolgreich.



Weit schwieriger als unser Einfluss auf die aussenpolitischen Probleme der
Tuerkei musste natuerlich unser Einfluss auf innere Verhaeltnisse dieses
Reiches sein. Und doch konnten wir uns wenigstens des Versuches solcher
Schritte nicht voellig entschlagen. Nicht nur die primitiven
wirtschaftlichen Zustaende gaben hierzu Veranlassung sondern auch allgemein
menschliche Empfindungen.

Das ueberraschende nochmalige Aufleben osmanischer Kriegskraft, das
Wiederaufflammen frueheren Heldentumes in diesem Daseinskampf beleuchtete
gleichzeitig die dunkelste Seite der tuerkischen Herrschaft: ich meine ihr
Vorgehen gegen die armenischen Volksteile ihres Gebietes. Die armenische
Frage barg eines der allerschwierigsten Probleme fuer die Tuerkei in sich.
Sie beruehrte sowohl den pantuerkischen wie auch den panislamitischen
Ideenkreis. Die Art, wie sie von fanatischer tuerkischer Seite zu loesen
versucht wurde, hat die ganze Welt waehrend des Krieges beschaeftigt. Man
hat uns Deutsche mit den grausigen Vorkommnissen in Verbindung bringen
wollen, die sich in dem ganzen osmanischen Reiche und gegen Schluss des
Krieges auch im armenischen Transkaukasien abspielten. Ich fuehle mich
daher verpflichtet, sie hier zu beruehren, und habe wahrlich keinen Grund,
unsere Einwirkung mit Stillschweigen zu uebergehen. Wir haben nicht
gezoegert, in Wort und Schrift einen hemmenden Einfluss auf die wilde,
schrankenlose Art der Kriegfuehrung auszuueben, die im Orient durch
Rassenhass und Religionsfeindschaften in traditionellem Gebrauch war. Wir
haben wohl zusagende Aeusserungen massgebender Stellen der tuerkischen
Regierung erhalten, waren aber nicht imstande, den passiven Widerstand zu
ueberwinden, der sich gegen diese unsere Einmischungen richtete. So
erklaerte man beispielsweise von tuerkischer Seite die armenische Frage als
lediglich innere Angelegenheit und war sehr empfindlich, wenn sie von uns
beruehrt wurde. Auch unsere manchmal an Ort und Stelle befindlichen
Offiziere erreichten nicht immer eine Abmilderung der Hass- und Racheakte.
Das Erwachen der Bestie im Menschen beim Kampf auf Leben und Tod, im
politischen und religioesen Fanatismus, bildet eines der schwaerzesten
Kapitel in der Geschichte aller Zeiten und Voelker.

Die uebereinstimmenden Urteile voelkisch voellig neutraler Beobachter gingen
dahin, dass die in ihren innersten Leidenschaften aufgewuehlten Parteien bei
der gegenseitigen Vernichtung sich die Wage hielten. Das entsprach wohl
den sittlichen Begriffen, die bei Voelkern jener Gebiete durch die noch
herrschenden oder erst seit kurzem ueberwundenen Gesetze der Blutrache
geheiligt erschienen. Der Schaden, der durch diese Vernichtungsakte
angerichtet wurde, ist ganz unuebersehbar. Er machte sich nicht allein auf
menschlichem und politischem sondern auch auf wirtschaftlichem und
militaerischem Gebiete geltend. Die Zahl der besten tuerkischen
Kampftruppen, die im Verlauf des Krieges im kaukasischen Hochlandswinter
als Folgen dieser Vernichtungspolitik wider die Armenier einen elenden
Erschoepfungstod fanden, wird wohl niemals mehr festzustellen sein. Die
Tragik in der Geschichte des braven anatolischen Soldaten, dieses
Kernmenschen des osmanischen Reiches, wurde durch dieses massenhafte
Hinsterben infolge aller denkbaren Entbehrungen um ein weiteres Kapitel
erweitert. - Ob es das letzte gewesen ist?



                            Die Friedensfrage


Mitten in den Vorbereitungen zum rumaenischen Feldzug trat an mich die
Friedensfrage heran. Diese war, soweit mir bekannt, durch den
oesterreichisch-ungarischen Aussenminister Baron Burian ins Rollen gebracht.
Dass ich einem solchen Schritt alle meine menschlichen Zuneigungen
entgegenbrachte, bedarf fuer den Kenner meiner Person und meiner Auffassung
vom Kriege wohl keiner weiteren Versicherung. Im uebrigen gab es fuer mich
bei der Mitwirkung in dieser Frage nur Ruecksichten auf meinen Kaiser und
mein Vaterland. Ich hielt es fuer meine Aufgabe, bei der Behandlung und
versuchten Loesung des Friedensgedankens dafuer zu sorgen, dass weder Heer
noch Heimat irgendwelchen Schaden litten. Die Oberste Heeresleitung hatte
bei der Festsetzung des Wortlautes unseres Friedensangebotes mitzuwirken;
eine ebenso schwierige als undankbare Aufgabe, bei der der Eindruck der
Schwaeche im In- und Ausland wie auch alle Schroffheiten des Ausdrucks
vermieden werden sollten. Ich war Zeuge, mit welch tiefinnerem
Pflichtbewusstsein Gott und den Menschen gegenueber sich mein Allerhoechster
Kriegsherr der Loesung dieser Friedensanregung hingab; und glaube nicht,
dass er ein voelliges Scheitern dieses Schrittes fuer wahrscheinlich hielt.
Mein Vertrauen auf das Gelingen war dagegen von Anfang an recht gering.
Unsere Gegner hatten sich foermlich in ihren Begehrlichkeiten ueberboten,
und es schien mir ausgeschlossen, dass eine der feindlichen Regierungen von
den Versprechungen, die sie sich gegenseitig und ihren Voelkern gemacht
hatten, freiwillig zuruecktreten koennte und wuerde. Durch diese Ansicht
wurde aber mein ehrlicher Wille zur Mitarbeit an diesem Werke der
Menschlichkeit nicht beeintraechtigt.

Am 12. Dezember wurde der uns feindlichen Welt unsere Bereitschaft zum
Frieden verkuendet. Wir fanden in der gegnerischen Propaganda wie in den
gegnerischen Regierungslagern als Antwort nur Hohn und Abweisung.

Unserem eigenen Friedensschritte folgte eine gleichgerichtete Bemuehung des
Praesidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dem Fusse. Die
Oberste Heeresleitung wurde vom Reichskanzler ueber die Anregungen, die er
durch unseren Botschafter in den Vereinigten Staaten hatte ergehen lassen,
unterrichtet. Ich selbst hielt den Praesidenten Wilson nicht geeignet fuer
eine parteilose Vermittelung, konnte mich vielmehr des Gefuehles nicht
erwehren, dass der Praesident eine starke Hinneigung zu unseren Gegnern, und
zwar in erster Linie zu England, hatte. Das war wohl die ganz natuerliche
Folgeerscheinung seiner angelsaechsischen Herkunft. Ebenso wie Millionen
meiner Landsleute konnte ich das bisherige Verhalten Wilsons nicht fuer
parteilos halten, wenn es vielleicht auch dem Wortlaut der
Neutralitaetsbestimmungen nicht widersprach. In allen Fragen der Verletzung
des Voelkerrechtes ging der Praesident gegen England mit allen moeglichen
Ruecksichten vor. Er liess sich hierbei die schroffsten Abweisungen
gefallen. In der Frage des Unterseebootkrieges dagegen, die doch nur
unsere Gegenwirkung gegen die englischen Willkueren war, zeigte Wilson die
groesste Empfindlichkeit und verstieg sich sofort zu Kriegsdrohungen.
Deutschland gab seine Zustimmung zu dem Grundgedanken der Wilsonschen
Anregung. Die Gegner aeusserten sich Wilson gegenueber ueber Einzelheiten
ihrer Forderungen, die im wesentlichen auf eine dauernde wirtschaftliche
und politische Laehmung Deutschlands, auf eine Zertruemmerung
Oesterreich-Ungarns und auf eine Vernichtung des osmanischen Staatswesens
hinausliefen. Jedem, der die damalige Kriegslage ruhig wuerdigte, musste
sich der Gedanke aufdraengen, dass die gegnerischen Kriegsziele nur bei
einem voellig Unterlegenen Aussicht auf Annahme finden konnten, dass wir
aber keine Veranlassung hatten, uns als die Unterlegenen zu erklaeren.
Jedenfalls wuerde ich es nach dem damaligen Stande der Dinge fuer ein
Verbrechen an meinem Vaterlande und einen Verrat an unseren Bundesgenossen
erachtet haben, wenn ich mich derartigen feindlichen Anforderungen
gegenueber anders als voellig ablehnend verhalten haette. Ich konnte bei der
damaligen Kriegslage meiner Ueberzeugung und meinem Gewissen nach keinen
anderen Frieden gut heissen als einen solchen, der unsere zukuenftige
Stellung in der Welt derartig festigte, dass wir gegen gleiche politische
Vergewaltigungen, wie sie dem jetzigen Kriege zugrunde lagen, geschuetzt
blieben, und dass wir auch unseren Bundesgenossen eine dauernd starke
Stuetze gegen jedwede Gefahr bieten konnten. Auf welchen politischen und
geographischen Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, war fuer mich als
Soldat eine Frage zweiter Linie; die Hauptsache war, dass es erreicht
wurde. Ich glaubte mich auch keinem Zweifel darueber hingeben zu brauchen,
dass das deutsche Volk und seine Verbuendeten die Kraft besitzen wuerden, die
unerhoerten feindlichen Forderungen, koste es was es wolle, mit den Waffen
in der Hand abzuweisen. In der Tat war die Haltung unserer Heimat
gegenueber den feindlichen Anspruechen durchaus ablehnend. Auch kam weder
von tuerkischer noch bulgarischer Seite zu dieser Zeit irgendeine Mahnung
zur Nachgiebigkeit. Die Schwaecheanwandlungen Oesterreich-Ungarns hielt ich
fuer ueberwindbar. Hauptsache war, dass man sich dort andauernd das Schicksal
vor Augen hielt, dem die Donaumonarchie bei diesen feindlichen
Anforderungen entgegenging, und dass man sich von dem Wahne freihielt, als
ob mit dem Feinde vorderhand auf einer gerechteren Grundlage zu verhandeln
sei. Wir hatten mit Oesterreich-Ungarn schon wiederholt die Erfahrung
gemacht, dass es zu weit hoeheren Leistungen faehig war, als es selbst von
sich glaubte. Die dortige Staatsleitung musste sich nur einem unbedingten
Zwange gegenuebergestellt sehen, um dann auch groesseres leisten zu koennen.
Aus diesen Gruenden war es meiner Ansicht nach verfehlt, Oesterreich-Ungarn
gegenueber mit Trostspruechen zu arbeiten. Solche staerken nicht und heben
nicht das Vertrauen und die Entschlusskraft. Das gilt Politikern ebenso wie
Soldaten gegenueber. Alles zu seiner Zeit, aber wo es hart auf hart geht,
da reissen starke Forderungen gepaart mit starkem Eigenwillen des
Fordernden die Schwachwerdenden mehr und schaerfer empor, als es Worte des
Trostes und Hinweises auf kommende bessere Zeiten zu tun vermoegen.

Im Gegensatz zu unserer Auffassung sah eine Botschaft des Praesidenten
Wilson an den amerikanischen Senat vom 22. Januar in der auf die
ablehnende Antwort der Entente vom 30. Dezember folgenden Erklaerung der
Kriegsziele unserer Feinde vom 12. Januar eine geeignetere Grundlage fuer
Friedensbemuehungen als in unsrer diplomatischen Note, die sich lediglich
auf die grundsaetzliche Zustimmung zur Fortsetzung seiner Friedensschritte
beschraenkte. Dieses Verhalten des Praesidenten erschuetterte mein Vertrauen
auf seine Unparteilichkeit noch weiter. Ich suchte in seiner an schoenen
Worten reichen Botschaft vergebens die Zurueckweisung des Versuches unserer
Gegner, uns als Menschen zweiter Kategorie zu erklaeren. Auch der Satz ueber
die Herstellung eines einigen, unabhaengigen und selbstaendigen Polens
erregte meine Bedenken. Er schien mir unmittelbar gegen Oesterreich und
gegen uns gerichtet, stellte die Donaumonarchie vor einen Verzicht auf
Galizien und deutete Gebietsverluste oder Verluste an Hoheitsrechten auch
fuer Deutschland an. Wie konnte da noch von einer Unparteilichkeit des
Vermittlers Wilson gegen die Mittelmaechte die Rede sein? Die Botschaft war
fuer uns mehr eine Kriegserklaerung als ein Friedensschritt. Vertrauten wir
uns erst einmal der Politik des Praesidenten an, so mussten wir auf eine
abschuessige Bahn geraten, die uns schliesslich zu einem Frieden des
Verzichtes auf unsere ganze politische, wirtschaftliche und militaerische
Stellung zu fuehren drohte. Es schien mir nicht ausgeschlossen, dass wir
nach dem ersten zustimmenden Schritt allmaehlich politisch immer weiter in
die Tiefe gedrueckt und dann schliesslich zur militaerischen Kapitulation
gezwungen wuerden.

Durch Veroeffentlichungen im Oktober 1918 ist mir bekannt geworden, dass
Praesident Wilson unmittelbar nach Verkuendigung der Senatsbotschaft vom
22. Januar 1917 dem deutschen Botschafter in Washington seine
Bereitwilligkeit zur Einleitung einer offiziellen Friedensvermittelung
ueberreichen liess. Die Mitteilung hiervon war am 28. Januar in Berlin
eingetroffen. Ich hatte von diesem uns anscheinend sehr weit
entgegenkommenden Schritt Wilsons bis zum Herbste 1918 nichts gehoert. Ob
Irrtuemer oder Verkettung von widrigen Verhaeltnissen Schuld daran waren,
weiss ich heute noch nicht. Meines Erachtens war der Krieg mit Amerika Ende
Januar 1917 nicht mehr zu verhindern. Wilson befand sich zu jener Zeit in
Kenntnis unserer Absicht, am 1. Februar den uneingeschraenkten
Unterseebootkrieg zu beginnen. Es kann keinen Zweifeln unterliegen, dass
der Praesident hierueber durch Auffangen und Entzifferung unserer
diesbezueglichen Telegramme an den deutschen Botschafter in Washington von
seiten Englands ebenso unterrichtet war, wie von dem Inhalt unserer
uebrigen Depeschen. Die Senatsbotschaft vom 22. Januar und das daran
anknuepfende Angebot der Friedensvermittelung wird hierdurch ohne weiteres
gekennzeichnet. Das Unheil war im Rollen. Es wurde daher auch nicht mehr
aufgehalten durch unsere Erklaerung vom 29. Januar, in der wir bereit
waren, den Unterseebootkrieg sofort abzubrechen, wenn es den Bemuehungen
des Praesidenten gelingen wuerde, eine Grundlage fuer Friedensverhandlungen
zu sichern.

Die Ereignisse von 1918 und 1919 scheinen mir eine volle Bestaetigung
meiner damaligen Anschauungen zu sein, die auch von meinem Ersten
Generalquartiermeister in jeder Beziehung geteilt wurden.



                              Innere Politik


Den Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner
gestanden. Auch nach meinem Uebertritt in den Ruhestand beschaeftigten sie
mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu
verstehen, dass hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht
kleinlichen Parteiinteressen gegenueber zuruecktreten sollte, und fuehlte
mich in meiner politischen Ueberzeugung am wohlsten in dem Schatten des
Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres grossen
greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer fuer mich wunderbaren
Groesse hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren
Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse waehrend des jetzigen Krieges
waren nicht geeignet, mich fuer die Aenderungen einer neueren Zeit besonders
zu erwaermen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im Sinne Bismarcks
war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten bewegte. Zucht und
Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen fuer mich hoeher als
kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht fuer einen
Staatsbuerger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht gegenueberzustellen
waere.

Im Kriege dachte ich nur an den Krieg. Hindernisse, die der Kraft seiner
Fuehrung entgegentraten, sollten nach meiner Auffassung vom Ernst der Lage
ruecksichtslos beseitigt werden. So machten es unsere Feinde, und wir
haetten an ihrem Beispiel lernen koennen. Leider haben wir es nicht getan,
sondern sind einem Wahngebilde der Voelkergerechtigkeit verfallen, anstatt
das eigene Staatsgefuehl und die eigene Staatskraft im Kampfe um unser
Dasein ueber alles andere zu stellen.

Waehrend des Krieges musste sich die Oberste Heeresleitung mit einzelnen
innerstaatlichen Aufgaben, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete,
beschaeftigen. Wir suchten diese Aufgaben nicht; sie draengten sich, mehr
als mir erwuenscht war, an uns heran. Die innigen Beziehungen zwischen Heer
und Volkswirtschaft machten es uns unmoeglich, die wirtschaftlichen
Heimatfragen von der Kriegfuehrung durch eine Grenzlinie aehnlich einer
solchen zwischen Kriegsgebiet und Heimat zu trennen.

Das grosse Kriegsindustrieprogramm, das meinen Namen traegt, vertrat ich mit
der vollen Verantwortung fuer seinen Inhalt. Die einzige Richtlinie, die
ich fuer seine Bearbeitung gab, lautete dahin, dass der Bedarf fuer unsere
kaempfenden Truppen unter allen Umstaenden gedeckt werden muesste. Einen
anderen Grundsatz als diesen haette ich im vorliegenden Falle fuer ein
Vergehen an unserem Heere und an unserem Vaterlande gehalten. Bei unsern
Forderungen waren die Zahlen den frueheren gegenueber freilich ins Riesige
gewachsen; ob sie erreicht werden konnten, vermochte ich nicht zu
beurteilen. Man hat nach dem Kriege dem Programm den Vorwurf gemacht, es
sei durch die Verzweiflung diktiert worden. Der Erfinder dieser Phrase
taeuschte sich vollstaendig ueber die Stimmung, unter deren Einfluss dieses
Programm entstanden ist.

An der Einbringung des Gesetzes ueber den Kriegshilfsdienst war ich mit
ganzem Herzen beteiligt. In der Not des Vaterlandes sollten sich nach
meinem Wunsche nicht nur alle waffenfaehigen sondern auch alle
arbeitsfaehigen Maenner, ja selbst Frauen, in den Dienst der grossen Sache
stellen oder gestellt werden. Ich glaubte, dass durch ein solches Gesetz
nicht nur personelle sondern auch sittliche Kraefte ausgeloest wuerden, die
wir in die Wagschale des Krieges werfen konnten. Die schliessliche
Gestaltung des Gesetzes zeigte freilich ein wesentlich anderes, weit
bescheideneres Ergebnis, als mir vorgeschwebt hatte. Angesichts dieser
Enttaeuschung bedauerte ich fast, dass wir unser Ziel nicht auf den schon
bestehenden Gesetzesgrundlagen angestrebt hatten, wie das von anderer
Seite beabsichtigt gewesen war. Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu
einer macht- und eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes
zu gestalten, hatte mich den Einfluss der bestehenden inneren politischen
Verhaeltnisse uebersehen lassen. Das Gesetz kam schliesslich zustande auf dem
Boden innerpolitischer Handelsgeschaefte, nicht aber auf dem tiefgehender
vaterlaendischer Stimmung.

Man hat der Obersten Heeresleitung vorgeworfen, dass sie durch das Gesetz
ueber den "Vaterlaendischen Hilfsdienst" und durch die Forderungen des
sogenannten "Hindenburg-Programms" in sozialer wie in finanzieller und
wirtschaftlicher Beziehung zu ueberstuerzenden Massnahmen Anlass gegeben
haette, deren Folgen sich bis zu unserem staatlichen Umsturz, ja sogar
darueber hinaus noch deutlich verfolgen liessen. Ich muss der zukuenftigen,
von den gegenwaertigen Parteistroemungen befreiten Forschung zur
Entscheidung ueberlassen, ob diese Vorwuerfe gerechtfertigt sind. Auf einen
Punkt moechte ich jedoch noch hinweisen: Das Fehlen eines fuer den Krieg
geschulten wirtschaftlichen Generalstabes machte sich im Verlauf unseres
Kampfes ausserordentlich fuehlbar. Die Erfahrung zeigte, dass sich ein
solcher waehrend des Krieges nicht aus dem Boden stampfen laesst. So glaenzend
unsere militaerische und, ich darf wohl sagen, finanzielle Mobilmachung
geregelt war, so sehr fehlte es andererseits an einer wirtschaftlichen.
Was sich in letzterer Beziehung als notwendig erwies und geleistet werden
musste, ueberstieg alle frueheren Vorstellungen. Wir sahen uns angesichts der
nahezu voelligen Absperrung von den Auslandslieferungen bei der langen
Dauer des Krieges sowie bei dem ungeheuren Materialverbrauch und
Schiessbedarf vor voellig neue Aufgaben gestellt, an die sich im Frieden
kaum irgend eine menschliche Phantasie herangewagt hatte. Bei all den
entstehenden Riesenaufgaben, die Heer und Heimat gleichzeitig und aufs
innigste beruehrten, zeigte sich das unbedingte Erfordernis einer festen
Zusammenarbeit von allen Staatsstellen, wenn das Getriebe nur einigermassen
reibungslos arbeiten sollte. Notwendig waere es wohl gewesen, eine
gemeinsame Zentralbehoerde zu schaffen, bei der alle Forderungen
zusammenliefen, und von der alle Leistungen verteilt wurden. Nur eine
solche Behoerde haette wirtschaftlich und militaerisch weitblickende
Entscheidungen treffen koennen. Sie haette unterstuetzt von
volkswirtschaftlichen Groessen, die imstande waren, die Folgen ihrer
Entscheidungen weithin zu ueberblicken, im freien Geiste geleitet werden
muessen. An einer solchen Behoerde fehlte es. Es bedarf keiner naeheren
Erlaeuterungen, dass nur ein ungewoehnlich begabter Verstand und eine
ungewoehnlich organisatorische Kraft einer solchen Aufgabe haette gewachsen
sein koennen. Selbst bei Erfuellung aller dieser Vorbedingungen waeren
schwere Reibungen nicht ausgeblieben.

So sehr ich zu vermeiden trachtete, mich bei inneren politischen Fragen in
das Parteigetriebe einzumischen oder gar einer der bestehenden Parteien
Vorspanndienste zu leisten, so gern lieh ich sozialen Fragen allgemeiner
Natur meine Unterstuetzung. Besonders glaubte ich zur Frage der
Kriegerheimstaetten die wohlwollendste Stellung einnehmen zu muessen. Meinen
Beifall hatte vornehmlich die ethische Seite dieser Bestrebungen. Kannte
ich doch keinen schoeneren und befriedigerenden Blick als den ueber ein
wohlgepflegtes Stueck Kulturland hinweg in das Heim zufriedener Menschen.
Wie viele unserer Tapferen an der Front werden in stillen Stunden ein
Hoffen und Sehnen nach solchem in sich gefuehlt haben. Mein Wunsch geht
dahin, dass recht zahlreichen meiner treuen Kriegsgefaehrten nach allen
Leiden und Muehen dieses Glueck beschieden sei!




               Vorbereitungen fuer das kommende Feldzugsjahr



                             Unsere Aufgaben


Als sich das Ergebnis der Kaempfe des Jahres 1916 mit einiger Sicherheit
ueberblicken liess, mussten wir ueber die Weiterfuehrung des Krieges im Jahre
1917 ins klare kommen. Ueber das, was der Gegner im naechsten Jahre tun
wuerde, war bei uns kein Zweifel. Wir mussten auf einen allgemeinen
feindlichen Angriff rechnen, sobald die gegnerischen Vorbereitungen und
die Witterungsverhaeltnisse einen solchen zuliessen. Vorauszusehen war, dass
unsere Feinde, gewitzigt durch die Erfahrungen der vorhergegangenen Jahre,
eine Gleichzeitigkeit ihrer Angriffe auf allen Fronten anstreben wuerden,
sofern wir ihnen hierzu die Zeit und Gelegenheit liessen.

Nichts konnte naeher liegen und unser aller Wuenschen und Empfindungen mehr
entsprechen, als diesem zu erwartenden Generalsturm zuvorzukommen, die
gegnerischen Plaene dadurch ueber den Haufen zu werfen und damit von Anfang
an die Vorhand an uns zu reissen. Ich darf wohl behaupten, dass ich in
dieser Beziehung in den vorausgehenden Feldzugsjahren nichts versaeumt
hatte, sobald mir die Mittel hierfuer in einem nur einigermassen genuegenden
Ausmass zur Verfuegung standen. Jetzt aber durften wir uns ueber diesen
Wuenschen den Blick fuer die tatsaechliche Lage nicht trueben lassen.

Es bestand kein Zweifel, dass sich das Staerkeverhaeltnis zwischen uns und
unseren Gegnern am Ende des Jahres 1916 noch mehr zu unseren Ungunsten
verschoben hatte, als dies schon bei Beginn des Jahres der Fall gewesen
war. Rumaenien war zu unseren Gegnern getreten und trotz seiner schweren
Niederlage ein Machtfaktor geblieben, mit dem wir weiter rechnen mussten.
Das geschlagene Heer fand hinter den russischen Linien Schutz und Zeit fuer
seinen Wiederaufbau und konnte dabei auf die Mitwirkung der Entente im
weitesten Umfang rechnen.

Es war ein Verhaengnis fuer uns, dass es unserer Heeresfuehrung waehrend des
ganzen Krieges nicht gelungen ist, auch nur einen unserer kleineren Gegner
mit Ausnahme von Montenegro zum baldigen Ausscheiden aus der Zahl unserer
Feinde zu zwingen. So war im Jahre 1914 die belgische Armee aus Antwerpen
entkommen und stand uns, wenn auch im allgemeinen tatenlos, andauernd
gegenueber, uns zu einem immerhin nicht unbedeutenden Kraefteverbrauch
zwingend. Mit der serbischen Armee war es uns im Jahre 1915 nur scheinbar
guenstiger gegangen. Sie war unsern umfassenden Bewegungen entgangen,
allerdings in einem trostlosen Zustande. Im Sommer 1916 erschien sie
jedoch wieder kampfkraeftig auf dem Kriegstheater in Mazedonien und erhielt
zur Auffrischung ihrer Verbaende andauernd Zuzug und Ersatz aus allen
moeglichen Laendern, zuletzt besonders auch durch oesterreichisch-ungarische
Ueberlaeufer slawischer Nationalitaeten.

In allen drei Faellen, Belgien, Serbien und Rumaenien, hatte das Schicksal
der gegnerischen Armee an einem Haare gehangen. Die Gruende ihres
Entrinnens mochten verschieden sein, die Wirkung war stets die gleiche.

Man ist angesichts solcher Tatsachen nur zu leicht geneigt, dem Zufall im
Kriege eine grosse Rolle zuzusprechen. Mit diesem Ausdruck wuerdigt man den
Krieg aus seiner stolzen Hoehe zu einem Gluecksspiel herab. Als solches ist
er mir niemals erschienen. Ich sah in seinem Verlauf und Ergebnis, auch
wenn letzteres sich gegen uns wendete, immer und ueberall eine herbe
Folgenreihe unerbittlicher Logik. Wer zugreift und zugreifen kann, hat den
Erfolg auf seiner Seite, wer das unterlaesst oder unterlassen muss, verliert.

Fuer das Feldzugsjahr 1917 konnten wir darueber im Zweifel sein, ob die
Hauptgefahr fuer uns aus West oder Ost kommen wuerde. Rein vom Standpunkte
zahlenmaessiger Ueberlegenheit schien die Gefahr an der Ostfront groesser. Wir
mussten annehmen, dass es dem Russen im Winter 1916/17 ebenso wie in den
Vorjahren gelingen wuerde, seine Verluste zu ersetzen und seine Armee mit
Erfolg angriffsfaehig zu machen. Keine Kunde drang zu uns, aus der
besonders auffallende Zersetzungserscheinungen innerhalb des russischen
Heeres hervorgegangen waere. Die Erfahrung hatte mich uebrigens gelehrt,
derartige Nachrichten jederzeit und von wem sie auch kommen mochten, mit
aeusserster Vorsicht aufzunehmen.

Dieser russischen Staerke gegenueber konnten wir die Verhaeltnisse in dem
oesterreichisch-ungarischen Heere nicht ohne Sorge betrachten. Nachrichten,
die uns zukamen, liessen die Zuversicht nicht recht aufkommen, dass der
glueckliche Ausgang des rumaenischen Feldzuges und die verhaeltnismaessig
guenstige, wenn auch immer gespannte Lage an der italienischen Front auf
den moralischen Halt der k. u. k. Truppen einen ausreichend erhebenden und
staerkenden Einfluss ausgeuebt hatten. Wir mussten weiterhin damit rechnen,
dass Angriffe der Russen wieder Zusammenbrueche in den oesterreichischen
Linien verursachen koennten. Es war sonach ausgeschlossen, den
oesterreichischen Fronten die unmittelbare deutsche Unterstuetzung zu
nehmen; wir mussten uns im Gegenteil bereithalten, bei gelegentlichen
Notfaellen an den Fronten des Verbuendeten mit weiteren Kraeften auszuhelfen.

Wie sich die Verhaeltnisse an der mazedonischen Front gestalten wuerden, war
ebenfalls unsicher. Dort hatte im Verlauf der letzten Kaempfe ein deutsches
Heeresgruppenkommando die Fuehrung der rechten und mittleren bulgarischen
Armee, d. h. im allgemeinen die Front von Ochrida bis zum Doiran-See,
uebernommen; auch waren sonst noch aus den Kaempfen der Jahre 1915 und 1916
her hoehere deutsche Befehlshaber in dieser Front taetig geblieben. Andere
unserer Offiziere waren ferner damit beschaeftigt, die reichen
Kriegserfahrungen auf allen unseren Fronten der bulgarischen Armee zu
uebermitteln. Das Ergebnis dieser Arbeit konnte sich aber erst beim
Wiederaufleben der Kaempfe zeigen. Vorderhand schien es gut, unsere
Hoffnungen nicht allzu hoch zu spannen. Unterstuetzungsbereit mussten wir
jedenfalls auch fuer die mazedonische Front sein.

Auch an unserer Westfront mussten wir damit rechnen, dass die Gegner im
kommenden Fruehjahr trotz ihrer zweifellos schweren Verluste des
vergangenen Jahres mit voller Kraft wieder auf dem Kampfplatz erscheinen
wuerden. Ich moechte den Ausdruck "volle Kraft" natuerlich bedingt aufgefasst
wissen, denn die verlorene alte Kraft ersetzt sich im Verlauf weniger
Monate wohl zahlenmaessig, aber nicht ihrem inneren Werte nach voll und
ganz. Der Feind unterlag in dieser Richtung den gleichen harten Gesetzen
wie auch wir.

Das taktische Bild an den wichtigsten Teilen dieser Front war folgendes:
Der Gegner hatte im zaehesten, fuenfmonatigen Ringen an der Somme unsere
Linien in 40 km Breite und etwa 10 km Tiefe zurueckgeworfen. Vergessen wir
diese Zahlen fuer spaetere Vergleiche nicht!

Dieser Erfolg, der mit hunderttausenden von blutigen Opfern bezahlt war,
war bei der Groesse unserer Gesamtfront eigentlich gering. Die Einbiegung
unserer Linien drueckte aber auf unsere nach Nord und Sued anschliessenden
Nebenfronten. Die Lage forderte gebieterisch eine Verbesserung; wir liefen
sonst Gefahr, aus diesem Bogen heraus durch erneute feindliche Angriffe,
verbunden mit noerdlich und suedlich davon angesetzten Nebenangriffen,
umfasst zu werden. Ein eigener, umfassender Angriff gegen den
eingebrochenen Feind war die naechstliegende, angesichts unserer Gesamtlage
aber auch die bedenklichste Loesung. Durften wir es wagen, alle unsere
Kraft zu einem grossen Angriff in der mit feindlichen Truppen angefuellten
Gegend an der Somme einzusetzen, waehrend wir vielleicht an anderer Stelle
der Westfront oder an der Ostfront einen Zusammenbruch erlebten? Es zeigte
sich hier wieder einmal, dass unsere Kriegfuehrung, wenn sie mit grossen
Plaenen nach der einen Seite blickte, die Augen nach der anderen nicht
verschliessen durfte. Das Jahr 1916 redete in dieser Beziehung eine
Sprache, die sich Gehoer verschaffen musste.

Wenn wir nun die durch die Sommeschlacht entstandene Frontgestaltung durch
einen Angriff nicht verbessern konnten, so mussten wir die Folgerungen
daraus ziehen und unsere Linien zuruecknehmen. Wir entschieden uns daher
auch zu dieser Massnahme und verlegten unsere Stellung, die bis Peronne
eingedrueckt war und andrerseits noch bis westlich Bapaume, Roye und Noyon
vorsprang, in die Sehnenlinie Arras-St. Quentin-Soissons zurueck. Diese
neue Linie ist unter dem Namen Siegfriedstellung bekannt.

Also Rueckzug an der Westfront statt Angriff! Kein leichter Entschluss.
Schwere Enttaeuschung fuer das Westheer, vielleicht eine noch schwerere fuer
die Heimat, die schwerste, wie zu befuerchten, bei unseren Verbuendeten.
Heller Jubel bei unsern Gegnern! Kann man sich auch einen geeigneteren
Stoff fuer Propaganda vorstellen? Glaenzender, wenn auch spaet sichtbarer
Erfolg der blutigen Sommeschlacht, zusammengebrochener deutscher
Widerstand, heftige unaufhoerliche Verfolgungen mit grossen Beutezahlen,
Schauergeschichten ueber unsere Kriegfuehrung. Man konnte das ganze
Register, das aufgezogen werden wuerde, schon vorher hoeren. Welch ein Hagel
propagandistischer Literatur wird nunmehr auf und hinter unseren Linien
niederfallen!

Unsere grosse Rueckwaertsbewegung begann am 16. Maerz 1917. Der Gegner folgte
ihr ins freie Gelaende zumeist mit gemessener Vorsicht. Wo diese Vorsicht
sich zu groesserem Draengen steigern wollte, verstanden es unsere
Deckungstruppen, abkuehlend auf den feindlichen Eifer zu wirken.

Mit der getroffenen Massnahme schufen wir uns nicht nur guenstigere oertliche
Kampfbedingungen an der Westfront sondern verbesserten auch unsere gesamte
Kriegslage. Gab uns doch die Verkuerzung der Verteidigungslinie im Westen
die Moeglichkeit zur Schaffung starker Reserven. Verlockend war der Plan,
wenigstens einen Teil derselben auf den Feind zu werfen, wenn dieser
unserem Rueckzug in die Siegfriedstellung ueber das freie Gelaende folgen
wuerde, in dem wir uns ihm unbedingt ueberlegen fuehlten. Wir verzichteten
jedoch hierauf und hielten unser Pulver fuer die Zukunft trocken.

Man kann die Lage, wie wir sie uns bis zum Fruehjahr des Jahres 1917
geschaffen hatten, vielleicht als eine grosse strategische Bereitstellung
bezeichnen, in der wir dem Gegner einstweilen die Vorhand ueberliessen, aus
der heraus wir aber jederzeit imstande waren, gegen feindliche
Schwaechepunkte zum Angriff zu schreiten. Geschichtliche Vergleiche aus
frueheren Kriegen koennen bei der ungeheuer gesteigerten Groesse aller
Verhaeltnisse nicht gezogen werden.



Im Zusammenhang mit diesen Ausfuehrungen muss ich zwei Plaene besprechen, mit
denen wir uns im Winter 1916/17 zu beschaeftigen hatten. Es waren
Vorschlaege fuer einen Angriff sowohl in Italien als auch in Mazedonien. Die
Anregung in der erstgenannten Richtung ging noch im Winter 1916/17 vom
Generaloberst von Conrad aus. Er versprach sich von einem grossen Erfolge
gegen Italien eine weitgehende Einwirkung auf unsere gesamte kriegerische
und politische Lage. Dieser Anschauung konnte ich mich nicht anschliessen.
Wie ich schon frueher ausfuehrte, vertrat ich dauernd die Anschauung, dass
Italien viel zu sehr unter dem wirtschaftlichen und damit auch unter dem
politischen Druck Englands stuende, als dass dieses Land, selbst durch eine
grosse Niederlage, zu einem Sonderfrieden zu zwingen waere. Generaloberst
von Conrad dachte bei seinem Vorschlage wohl in erster Linie an die
guenstige Rueckwirkung eines siegreichen Feldzuges gegen Italien auf die
Stimmung in den oesterreichisch-ungarischen Laendern. Er hoffte auf die
grosse militaerische Entlastung, die mit einem solchen Erfolge fuer
Oesterreich-Ungarn eintreten musste. Diese Gesichtspunkte konnte ich ihm als
wohlberechtigt durchaus nachempfinden. Allein ohne starke deutsche
Unterstuetzung - es handelte sich um etwa 12 deutsche Divisionen - glaubte
Generaloberst von Conrad nicht nochmals einen Angriff auf die Italiener
aus Suedtirol heraus unternehmen zu koennen. Demgegenueber glaubte ich es
jedoch nicht verantworten zu koennen, so viele deutsche Truppen auf nicht
absehbare Zeit in einem Unternehmen festzulegen, das nach meiner
Anschauung zu weit von unseren allerwichtigsten und gefaehrlichsten Fronten
in Ost und West ablag.

Aehnlich verhielt es sich mit der Frage eines Angriffes auf die
Ententetruppen in Mazedonien. Bulgarien liebaeugelte mit diesem Plane, und
von seinem Standpunkte aus natuerlich mit vollster Berechtigung. Ein
entscheidender Erfolg unsererseits haette die Entente zur Raeumung dieses
Landes zwingen koennen. Bulgarien waere dadurch militaerisch und politisch
nahezu voellig entlastet worden. Das Unternehmen haette auch den lebhaften
Wuenschen des Landes und seiner Regierung entsprochen. Richtete man doch
bulgarischerseits fortgesetzt begehrliche Augen auf den viel umstrittenen,
schoenen Hafen von Saloniki. Letzterer Gesichtspunkt machte freilich bei
mir keinen Eindruck. Auch die militaerische Entlastung Bulgariens haette
nach meiner damaligen Ansicht keinen Nutzen fuer unsere Gesamtlage
bedeutet. Haetten wir die Ententekraefte zum Abzug aus Mazedonien gezwungen,
so wuerden wir sie an unserer Westfront auf den Hals bekommen haben. Ob wir
dagegen die dadurch frei werdenden bulgarischen Truppen irgendwo ausserhalb
des Balkans haetten einsetzen koennen, erschien mir mindestens fraglich.
Hatte doch schon die Verwendung bulgarischer Divisionen ausserhalb des
unmittelbarsten bulgarischen Interessengebietes waehrend des rumaenischen
Feldzuges noerdlich der Donau zu nicht sehr erfreulichen Reibungen mit
diesen Verbaenden gefuehrt. Nach meiner Anschauung verwertete sich also die
bulgarische Kampfeskraft im gesamten Rahmen unserer Kriegfuehrung am
besten, wenn wir sie mit dem Festhalten der Ententetruppen in Mazedonien
beschaeftigten. Das schloss natuerlich nicht aus, dass ich einen selbstaendigen
Angriff der Bulgaren in Mazedonien jederzeit freudig begruesst haette. Das
Ziel eines solchen haette dann aber wohl wesentlich begrenzter gefasst
werden muessen, als es die Vertreibung der Entente aus dem Balkan oder die
Eroberung von Saloniki bedeutete. An irgendwelche Angriffsunternehmungen
glaubte indessen Bulgarien ohne sehr wesentliche deutsche Hilfe,
allermindestens 6 Divisionen, nicht herangehen zu koennen, und wohl mit
Recht.

Nachrichten ueber die Entwicklung der politischen Verhaeltnisse in
Griechenland klangen allerdings in der Zeit, in der die Frage eines
Angriffs in Mazedonien an uns herantrat, also im Winter 1916/17, wie
verfuehrerische Lockrufe. Gegen solche Sirenenstimmen war ich aber voellig
unempfindlich. Ich bezweifelte es, dass das Volk der Hellenen mit grosser
Begeisterung einen Kampf, ganz besonders aber einen solchen Schulter an
Schulter mit den Bulgaren, ersehnte. Im grossen und ganzen waere es dabei um
das gleiche Ziel gegangen wie 1913, und die beiden siegreichen Partner
haetten sich auch diesmal wieder nach dem gemeinsamen Erfolge nicht
poetisch in den Armen sondern prosaisch in den Haaren gelegen.



Aus meinen vorstehenden Ausfuehrungen duerfte mit aller Klarheit
hervorgehen, dass die Anspannung der deutschen Kraefte durch die gesamte
Lage eine so hohe war, dass wir sie nicht durch weitere, ausserhalb
unbedingtester kriegerischer und politischer Notwendigkeiten liegende
Absichten noch mehr steigern durften. Selbst vortreffliche Plaene, die
sichere Aussichten auf grosse kriegerische Erfolge boten, konnten uns nicht
von der zunaechst wichtigsten Kriegsaufgabe ablenken. Diese war der Kampf
im Osten und Westen, und zwar auf beiden Fronten gegen erdrueckende
Ueberlegenheiten.

Wenn ich mir aufgrund der inzwischen eingetretenen Folgen meiner im Jahre
1917 ablehnenden Haltung gegen Operationen in Italien und Mazedonien heute
nochmals die Frage vorlege, ob ich anders haette entscheiden sollen und
duerfen, so muss ich diese Frage auch jetzt noch verneinen. Ich glaube sagen
zu koennen, dass der Gang der Ereignisse in Mitteleuropa spaeterhin unser
Verhalten als das Richtige bestaetigt hat. Wir konnten und durften nicht
einen Zusammenbruch unserer West- oder Ostfront auf das Spiel setzen, um
billige Lorbeeren in der oberitalienischen Tiefebene oder am Wardar zu
pfluecken.



Die Tuerkei war fuer 1917 mit besonderen Weisungen von unserer Seite nicht
zu versehen. Sie hatte ihren Landbesitz zu verteidigen und uns die ihr
gegenueberstehenden Kraefte vom Leibe zu halten. Gelang ihr beides, so
erfuellte sie durchaus ihre Aufgabe im Gesamtrahmen des Krieges.

Um die hierfuer noetigen Truppen kampfkraeftig zu erhalten, hatten wir schon
im Herbste 1916 bei der osmanischen Obersten Heeresleitung angeregt, sie
moechte die Masse ihrer beiden kaukasischen Armeen aus dem entvoelkerten und
ausgesogenen armenischen Hochlande zurueckziehen, um den Truppen die
Ueberwinterung zu erleichtern. Der Befehl hierzu wurde zu spaet erteilt.
Infolgedessen erlagen ganze Truppenteile durch Hunger und Kaelte dem
vorausgesehenen Verderben. Kein Lied, kein Heldenbuch wird vielleicht ihr
tragisches Ende je verkuenden, so sei es an dieser bescheidenen Stelle
getan.



                          Der Unterseebootkrieg


Man denke an 70 Millionen Menschen, die im Halbhunger dahinleben, und an
die Vielen unter ihnen, die langsam an seinen Wirkungen zugrunde gehen!
Man denke an die vielen Saeuglinge, die infolge Aushungerung der Muetter
dahinsterben, und an die zahllosen Kinder, die zeitlebens siech und krank
bleiben werden! Nicht im fernen Indien oder China, wo eine mitleidslose,
kaltherzige Natur den segenspendenden Regen verweigert hat, sondern hier
mitten in Europa, inmitten der Kultur und der Menschlichkeit! Ein
Halbhunger, hervorgerufen durch den Machtspruch und durch die Gewalt von
Menschen, die sich sonst mit ihrer Gesittung bruesten! Wo ist da Gesittung?
Stehen sie als Menschen hoeher wie jene, die im armenischen Hochlande zum
Grauen der ganzen zivilisierten Welt gegen Wehrlose wueteten und dafuer vom
Schicksal bestraft zu Tausenden einen elenden Tod fanden? Zu diesen
hartgesinnten Anatoliern hat freilich kaum jemals ein anderer Geist als
derjenige der Rache, sicherlich niemals derjenige der Naechstenliebe
gesprochen.

Wohin zielt denn der Machtspruch jener sonst so "Gesitteten"? Ihr Plan ist
klar. Sie haben eingesehen, dass ihre Kriegskraft nicht ausreicht zur
Erkaempfung ihres tyrannischen Willens, dass ihre Kriegskunst unfruchtbar
bleibt gegenueber ihrem Gegner mit staehlernen Nerven. Man zermuerbe also
dessen Nerven! Gelingt es nicht durch den Kampf Mann gegen Mann, so
gelingt es vielleicht von rueckwaerts her auf dem Wege ueber die Heimat. Man
lasse die Weiber und Kinder hungern! Das wirkt "so Gott will" auf den
Gatten und Vater an der Kampffront ein, wenn auch nicht sofort, so doch
allmaehlich! Vielleicht entschliessen sich diese Gatten und Vaeter, die
Waffen zu strecken, denn sonst droht in der Heimat der Tod von Weib und
Kind, der Tod - der Gesittung. So denken Menschen und koennen dabei beten!

"Der Gegner ueberschuettet uns mit amerikanischen Granaten, warum versenken
wir nicht seine Transportschiffe? Haben wir denn nicht das Mittel dazu?
Rechtsfragen? Wo und wann denkt denn der Gegner an Recht?" Das fragt der
Soldat an unseren Fronten.

Heimat und Heer wenden sich mit solchen und aehnlichen Ausfuehrungen an ihre
Fuehrer, nicht erst seit dem 29. August 1916, sondern schon lange vorher.
Der Wille, die ganze Schaerfe des Unterseebootkrieges anzuwenden, um die
Leiden der Heimat abzukuerzen und das Heer in seinem ungeheueren Ringen zu
entlasten, war schon vor meiner Uebernahme der Obersten Heeresleitung
vorhanden. In diesem mitleidlosen Kampfe gegen unsere wehrlose Heimat gilt
nur "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Alles andere erscheint
Erbarmungslosigkeit gegen das eigene Blut.

Wenn wir aber auch die Waffe und den Willen hatten, sie einzusetzen, so
durften doch nicht Folgen ausser acht gelassen werden, die aus der
ruecksichtslosen Anwendung dieses vernichtenden Kampfmittels entspringen
konnten. Werden Ruecksichten gegen den kaltherzigen Feind verneint, so gibt
es doch Ruecksichten gegen bisher neutrale seefahrende Nationen. Die Heimat
darf durch Anwendung der Waffe nicht in groessere Gefahren und Sorgen
gebracht werden, als die sind, aus denen man sie befreien will. Es
schwankt also der Entschluss, ein begreifliches Schwanken, bei dem auch
menschliche Gefuehle mitreden!

So finde ich die Lage bei meinem Erscheinen im Grossen Hauptquartier.
Vereint mit den schweren Krisen zu Lande eine schwere bedeutungsvolle
Frage zu See. Nach dem ersten Anschein liegt die Entscheidung darueber bei
der Reichsleitung und beim Admiralstabe; doch ist auch die Oberste
Heeresleitung stark davon beruehrt. Ist es doch klar, dass wir aus allgemein
militaerischen Gruenden die Fuehrung des Unterseebootkrieges wuenschen muessen.
Die Vorteile, die wir hieraus fuer unsere Landkriegfuehrung erwarten koennen,
sind mit den Haenden zu greifen. Schon dann, wenn auf gegnerischer Seite
die Fertigung von Kriegsbeduerfnissen oder deren Befoerderung ueber See
wesentlich eingeschraenkt werden muesste, waere das fuer uns eine grosse
Erleichterung. Das gleiche gilt, wenn es gelaenge, die gegnerischen
ueberseeischen Operationen wenigstens teilweise zu unterbinden. Welch grosse
Entlastung wuerde das nicht bloss fuer Bulgarien und die Tuerkei, sondern auch
fuer uns bedeuten, ohne dass wir hierfuer deutsches Blut opferten! In
weiterer Ferne steht auch die Moeglichkeit, den Ententelaendern die
Versorgung mit Rohprodukten und Lebensmitteln bis zu einem unertraeglichen
Masse zu erschweren oder wenigstens England vor die sein Geschick
entscheidende Frage zu stellen: entweder uns die versoehnende Hand zu
reichen oder seine Stellung in der Weltwirtschaft zu verlieren. So schien
der Unterseebootkrieg geeignet, bestimmend auf den Gang des Krieges
einzuwirken, ja er war am Beginn des Jahres 1917 das einzige Mittel, das
wir noch fuer eine siegreiche Beendigung des Krieges neu einsetzen konnten,
nachdem wir zum Weiterkaempfen gezwungen waren.

In welchen Zusammenhang wir die Fuehrung des Unterseebootkrieges zu der
gesamten kriegerischen und politischen Lage brachten, ergibt sich aus
einer Zuschrift vom Ende September 1916 unsererseits an die Reichsleitung.
Diese Zuschrift sollte als Grundlage fuer eine Anweisung an unseren
Botschafter in Washington dienen und lautete:

  "Dem Grafen Bernstorff wird zu seiner persoenlichen Unterweisung
  mitgeteilt, dass die Absicht der Entente, die Ost- und Westfront zu
  durchbrechen, bisher nicht gelungen ist und nicht gelingen wird,
  ebensowenig wie ihre Offensivoperationen von Saloniki her und in der
  Dobrudscha. Dagegen nehmen die Operationen der Mittelmaechte gegen
  Rumaenien erfreulichen Fortgang. Ob es hier aber gelingen wird, schon in
  diesem Jahre einen den Krieg beendenden Erfolg zu erringen, ist noch
  zweifelhaft. Daher muss vorlaeufig mit laengerer Kriegsdauer gerechnet
  werden.

  Demgegenueber verspricht sich die Kaiserliche Marine durch den
  ruecksichtslosen Einsatz der vermehrten Unterseeboote angesichts der
  wirtschaftlichen Lage Englands einen schnellen Erfolg, der den
  Hauptfeind, England, in wenigen Monaten dem Friedensgedanken geneigt
  machen wuerde. Deshalb muss die Deutsche Oberste Heeresleitung den
  ruecksichtslosen Unterseebootkrieg in ihre Massnahmen einbeziehen, unter
  anderem auch, um die Lage an der Sommefront durch Verminderung der
  Munitionszufuhr zu entlasten und der Entente das Vergebliche ihrer
  Anstrengungen an dieser Stelle vor Augen zu fuehren. Schliesslich koennen
  wir nicht ruhig zusehen, wie England in der Erkenntnis der vielen
  Schwierigkeiten, mit denen es zu rechnen hat, mit allen Mitteln die
  neutralen Maechte bearbeitet, um seine militaerische und wirtschaftliche
  Lage zu unseren Ungunsten zu verbessern. Aus allen diesen Punkten muessen
  wir die Freiheit unserer Handlungen, die wir in der Note vom 4. Mai uns
  vorbehielten, wiedergewinnen.

  Die Gesamtlage wuerde sich aber vollstaendig aendern, falls Praesident
  Wilson, seinen angedeuteten Absichten folgend, den Maechten einen
  Friedensvermittlungsantrag macht. Dieser muesste allerdings ohne bestimmte
  Vorschlaege territorialer Art gehalten sein, da diese Fragen Gegenstand
  der Friedensverhandlungen seien. Eine diesbezuegliche Aktion muesse aber
  bald erfolgen. Wolle Wilson bis nach seiner Wahl oder bis kurz vor
  derselben warten, so wuerde er zu einem solchen Schritte kaum mehr
  Gelegenheit finden. Auch duerften die Verhandlungen nicht erst auf
  Abschluss eines Waffenstillstandes abzielen, sondern muessten lediglich
  unter den Kriegsparteien gefuehrt werden und innerhalb kurzer Frist
  unmittelbar den Praeliminarfrieden bringen. Ein laengeres Hinausziehen
  wuerde die militaerische Lage Deutschlands verschlechtern und auch weitere
  Vorbereitungen der Maechte zur Fortsetzung des Krieges bis in das naechste
  Jahr zur Folge haben, sodass an einen Frieden in absehbarer Zeit dann
  nicht mehr zu denken waere.

  Graf Bernstorff soll die Angelegenheit mit Colonel House - dem
  Mittelsmann, durch welchen er mit dem Praesidenten verhandelt -
  besprechen und die Absichten des Mr. Wilson in Erfahrung bringen. Eine
  Friedensaktion des Praesidenten, die nach aussen hin am besten spontan
  erscheinen wuerde, wuerde bei uns ernsthaft in Erwaegung gezogen werden,
  und diese wuerde ja auch fuer die Wahlkampagne Wilsons schon einen Erfolg
  bedeuten."

Die schwierigste Frage ist und bleibt: "Innerhalb welcher Zeitspanne wird
der Erfolg des Unterseebootkrieges erreicht werden koennen?" Der
Admiralstab kann hierfuer natuerlich nur unbestimmte Angaben machen. Aber
selbst seine, wie er sagt, auf vorsichtigster Berechnung aufgestellten
Schaetzungen sind so guenstig fuer uns, dass ich grundsaetzlich die Gefahr in
den Kauf nehmen zu koennen glaube, uns mit der Anwendung des neuen
Kampfmittels einen oder den anderen neuen Gegner auf den Hals zu ziehen.

Mochte die Marine auch noch so sehr draengen, so verlangten doch politische
und militaerische Ruecksichten eine Verzoegerung des Beginns des
uneingeschraenkten Unterseebootkrieges ueber den Herbst 1916 hinaus. Wir
durften in der damals so hochgespannten Kriegslage keine neuen Gegner auf
uns ziehen. Wir mussten jedenfalls warten, bis wir einen guenstigen Abschluss
des rumaenischen Feldzuges ueberblicken konnten. Gelang ein solcher, so
verfuegten wir ueber genuegend Kraefte, um angrenzende neutrale Staaten von
einem Eintritt in die Reihen unserer Gegner abhalten zu koennen, mochte
England auch deren wirtschaftliche Bedrueckung noch weiter steigern.

Zu den Ruecksichten aus militaerischen Gruenden treten solche aus
politischen. Bevor sich unser Friedensschritt nicht als ein voelliger
Fehlschlag erwies, wollten wir an die verstaerkte Anwendung der
Unterseebootwaffe nicht denken.

Als dann aber dieser Friedensschritt scheiterte, gab es fuer mich nur noch
militaerische Ruecksichten. Die Entwicklung unserer Kriegslage, besonders in
Rumaenien, bis Ende Dezember gestattete nunmehr nach meiner Ueberzeugung die
weitestgehende Anwendung der wirkungsvollen Waffe.

Am 9. Januar 1917 gab unser Allerhoechster Kriegsherr gegen die Ansicht des
Reichskanzlers von Bethmann auf Vorschlag des Admiralstabs und
Generalstabs die bejahende Entscheidung. Wir waren uns alle nicht im
Zweifel ueber die Schwere des Schrittes.

Jedenfalls gab aber die Anwendung des Unterseebootkrieges mit seinen
verlockenden Aussichten Heer und Heimat lange Zeit hindurch eine grosse
moralische Staerkung fuer Fortfuehrung des Landkrieges.

Angesichts des fuer uns verhaengnisvollen Ausgangs des Krieges hat man die
Erklaerung des uneingeschraenkten Unterseebootkrieges fuer ein Vabanquespiel
halten zu muessen geglaubt. Damit versuchte man diesen unseren Entschluss
politisch und militaerisch wie auch moralisch herabzuwuerdigen. Man
uebersieht bei diesem Urteil, dass nahezu alle entscheidenden Entschluesse,
und zwar nicht nur diejenigen im Kriege, ein schweres Risiko in sich
tragen, ja, dass die Groesse einer Tat hauptsaechlich darin liegt und daran zu
messen ist, dass ein hoher Einsatz gewagt wird. Wenn ein Feldherr auf dem
Schlachtfelde seine letzten Reserven in den Kampf schickt, so tut er
nichts anderes, als was sein Vaterland mit Recht von ihm fordert: Er nimmt
die volle Verantwortung auf sich und beweist den Mut zum letzten
entscheidenden Schritt, ohne den der Sieg nicht zu erringen waere. Ein
Fuehrer, der es nicht auf sich nehmen kann oder will, die letzte Kraft an
den Erfolg zu setzen, ist ein Verbrecher an dem eigenen Volk. Misslingt ihm
der Schlag, dann freilich wird er von dem Fluch und dem Hohn der Schwachen
und Feiglinge getroffen. Das ist nun einmal das Schicksal des Soldaten. Es
wuerde jeder Groesse entbehren, wenn es nur auf sicheren Berechnungen sich
gruenden liesse, und wenn die Erringung des Lorbeers nicht abhaengig waere von
dem Mute der Verantwortung. Diesen Mut heranzubilden, war Ziel unserer
deutschen militaerischen Erziehung. Sie konnte dabei hinweisen auf die
groessten Vorbilder in der eigenen Geschichte sowie auf die maechtigsten
Taten unserer gefaehrlichsten Gegner. Gab es einen kuehneren Einsatz der
letzten Kraft, als ihn der grosse Koenig bei Leuthen wagte und damit das
Vaterland und seine Zukunft rettete? Hat man nicht auch den Entschluss
Napoleons I. als richtig anerkannt, als er bei Belle Alliance seine
letzten Bataillone an die Entscheidung setzte, um dann freilich, wie
Clausewitz sagt, arm wie ein Bettler vom Schlachtfeld zu verschwinden?
Waere nicht ein Bluecher dem Korsen gegenueber gewesen, der Korse haette
gesiegt, und die Weltgeschichte waere wohl einen anderen Weg gegangen. Und
auf der anderen Seite der viel umjubelte Marschall Vorwaerts; wagte er
nicht auch in dieser Entscheidungsschlacht das Aeusserste? Hoeren wir, was
vor dem Kriege einer unserer heftigsten Gegner darueber sagte:

  "Das schoenste Manoever, das ich je auf Erden habe ausfuehren sehen, ist
  die Tat des Greises Bluecher, der zu Boden geworfen wurde, unter die Hufe
  der Pferde geriet und sich aus dem Staube erhob, auf seine besiegten
  Soldaten losstuermte, ihrer Flucht Einhalt gebot und sie von der
  Niederlage bei Ligny dem Triumph von Waterloo entgegenfuehrte."

Ich moechte dieses Kapitel nicht schliessen, ohne meine Zweifel der
Behauptung gegenueber zu aeussern, dass mit dem Eintritt Amerikas in die
Reihen unserer Gegner unsere Sache endgueltig verloren gewesen sei. Warten
wir erst einmal den Einblick in die Krisen ab, in die wir durch unseren
Unterseebootkrieg und durch unsere zeitweise grossen Erfolge zu Lande vom
Fruehjahr 1917 ab unsere Gegner versetzten. Wir werden dann vielleicht
erfahren, dass wir so manchmal nahe daran waren, den Siegerkranz an uns zu
reissen, und wir werden auch vielleicht erkennen lernen, dass andere als
militaerische Gruende uns um ein erfolgreiches oder wenigstens ertraegliches
Kriegsende brachten.



                                Kreuznach


Nach erfolgreicher Beendigung des rumaenischen Feldzuges und der dadurch
eingetretenen Entspannung der Ostlage musste das Schwergewicht unserer
demnaechstigen Taetigkeit im Westen gesucht werden. Dort war jedenfalls ein
fruehzeitiger Beginn der Kaempfe im folgenden Feldzugsjahre zu erwarten. Wir
wollten dem Schauplatz dieser Schlachten nahe sein. Von einem im Westen
gelegenen Hauptquartier bot sich leichter und weniger zeitraubend die
Moeglichkeit, mit den Oberkommandos der Heeresgruppen und Armeen in
unmittelbare persoenliche Beruehrung zu treten. Dazu kam, dass Kaiser Karl
einerseits in der Naehe der politischen Behoerden seines Landes zu sein
wuenschte und andererseits auf den unmittelbaren persoenlichen Verkehr mit
seinem Generalstab nicht verzichten wollte. Das k. u. k.
Armee-Oberkommando siedelte daher in den ersten Monaten des Jahres 1917
nach Baden bei Wien ueber. Damit entfiel fuer Seine Majestaet unseren Kaiser
und fuer die Oberste Heeresleitung jeder Grund, weiterhin in Pless zu
bleiben. Wir verlegten im Februar das Hauptquartier nach Kreuznach.

Beim Abschied von Pless war es mir ein besonderes Beduerfnis, dem dortigen
Fuersten und seiner Beamtenschaft fuer die grosse Gastfreundschaft zu danken,
die uns in der Unterbringung aller Befehlsstellen und in unserm
Privatleben erwiesen worden war. Ich selbst hatte obenein dankbar mancher
herrlichen Pirschfahrt an ausnahmsweise dienstfreien Abenden sowohl im
Plesser- wie auch im benachbarten Neudecker Revier zu gedenken.

An die Gegend, in die wir nun kamen, knuepften sich fuer mich Erinnerungen
aus meiner frueheren Taetigkeit als Chef des Generalstabes in der
Rheinprovinz. Auch die Stadt Kreuznach selbst war mir damals bekannt
geworden. Ihre Einwohner wetteiferten jetzt in Beweisen ruehrender
Freundlichkeit. Diese aeusserte sich unter anderem auch darin, dass unser
Heim und unser gemeinsamer Speiseraum taeglich durch die Haende junger Damen
mit frischen Blumen geschmueckt wurden. Ich nahm all das als Zeichen der
Huldigung an die Gesamtheit des Heeres entgegen, zu dessen aeltesten
Vertretern im Kriege ich gehoerte.

Kurz nach unserem Weggang von Pless trat Generaloberst von Conrad von der
Heeresleitung Oesterreich-Ungarns zurueck, um den Oberbefehl an der Front
Suedtirols zu uebernehmen. Die Ursache seines Abganges ist mir nicht bekannt
geworden. Ich glaubte sie auf persoenlichem Gebiete suchen zu muessen, da
sachliche Gruende meines Erachtens nicht vorlagen. Ich bewahre ihm ein
treues, kameradschaftliches Gedenken. Sein Nachfolger wurde General von
Arz. Ein praktischer Kopf mit gesunden Anschauungen, ein trefflicher
Soldat, also gleich seinem Vorgaenger ein wertvoller Kampfgenosse! Er ging
auf das Wesen der Dinge los und verachtete den Schein. Ich glaube, dass uns
beiden die Abneigung gegen die Beschaeftigung mit politischen Fragen
gemeinsam war. Was unter den frueher von mir beruehrten schwierigen
Verhaeltnissen in der Donaumonarchie erreicht werden konnte, hat General
von Arz nach meiner Ueberzeugung mit bewundernswuerdiger Ausdauer geleistet.
Er hat sich ueber die ganze Schwere seiner Aufgabe keinem Zweifel
hingegeben. Um so mehr ist es anzuerkennen, dass er mit so mannhaftem
Vertrauen an sie herantrat.

Fuer mich persoenlich brachte der Aufenthalt in Kreuznach Anfang Oktober die
Feier meines 70jaehrigen Geburtstages.

Seine Majestaet mein Kaiser, Koenig und Herr, hatte die grosse Gnade, mir als
Erster an diesem Tage persoenlich seine Glueckwuensche in meinem Heim
auszusprechen. Das war fuer mich die groesste Weihe des Tages!

Auf dem Wege zu unserem Dienstgebaeude begruesste mich spaeter in der
strahlenden Herbstsonne die Kreuznacher Jugend; vor dem Eingang zur
gemeinsamen Arbeitsstaette erwarteten mich meine Mitarbeiter, im
anschliessenden Garten Vertreter der Stadt und Umgegend, junge Soldaten,
verwundet und krank, Erholung suchend in den Heilstaetten des Badeortes,
daneben alte Veteranen, Mitkaempfer aus laengst vergangener Zeit.

Das Ende des Tages brachte ein kleines kriegerisches Zwischenspiel. Aus
einer mir nie bekannt gewordenen Ursache hatte sich das Geruecht von der
Wahrscheinlichkeit eines grossen feindlichen Fliegerangriffes auf unser
Grosses Hauptquartier fuer den heutigen Tag verbreitet. Moeglich auch, dass
das eine oder andere Flugzeug des Gegners, wie so oft, an diesem Abend den
Weg von der Saar- zur Rheinlinie oder zurueck laengs der Nahe suchte. Kein
Wunder, wenn die Phantasien lebhafter arbeiteten als sonst, und wenn in
der Nacht zwischen der Erde und dem strahlenden Mond mehr gesehen und
gehoert wurde, als tatsaechlich vorhanden war. Kurzum, gegen Mitternacht
eroeffneten unsere Flugabwehrgeschuetze ein heftiges Dauerfeuer. Dank der
hohen Feuergeschwindigkeit erschoepfte sich rasch die vorhandene Munition,
und ich konnte ruhig einschlafen in dem Gedanken, nun nicht weiter gestoert
zu werden. Beim Vortrag des folgenden Tages zeigte mir der Kaiser eine
grosse Schale, angefuellt mit Sprengstuecken deutscher Geschosse, die in dem
Garten seines Quartiers gesammelt worden waren. In einer gewissen Gefahr
hatten wir also doch geschwebt.

Ein Teil der Kreuznacher hatte uebrigens die naechtliche Schiesserei fuer den
militaerischen Abschluss meines Geburtstagsfestes gehalten.




              Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917



                                Im Westen


Mit groesster Spannung sahen wir vom Eintritt der besseren Jahreszeit ab dem
Beginn des erwarteten allgemeinen gegnerischen Angriffes im Westen
entgegen. Wir hatten uns durch die Neugruppierung unserer Kraefte auf ihn
strategisch vorbereitet, aber wir hatten im Laufe des Winters auch in
taktischer Beziehung alle Massnahmen getroffen, dieser jedenfalls groessten
aller bisherigen feindlichen Kraftanstrengungen zu begegnen.

Zu diesen Massnahmen gehoerten nicht in letzter Linie die Aenderungen unseres
bisherigen Verteidigungsverfahrens. Sie wurden von uns auf Grund der
Erfahrungen in den bisherigen Kaempfen verfuegt. Nicht mehr aus einzelnen
Linien und Stuetzpunkten sondern aus Liniensystemen und Stuetzpunktgruppen
sollten in Zukunft unsere Verteidigungsanlagen bestehen. In den dadurch
gebildeten tiefen Zonen wollten wir die Truppen nicht in
zusammenhaengenden, starren Fronten, sondern in reicher Gruppierung und
Gliederung nach der Breite und Tiefe aufbauen. Der Verteidiger hatte seine
Kraefte beweglich zu halten, um der vernichtenden feindlichen Wirkung
waehrend des Vorbereitungskampfes auszuweichen, hier und dort unhaltbar
gewordene Stellungsteile freiwillig preiszugeben und dann im Gegenstoss das
wieder zu gewinnen, was zur Behauptung der allgemeinen Stellung noetig war.
Diese Grundsaetze galten im Kleinen wie im Grossen.

Der verheerenden Wirkung der feindlichen Artillerie und Minenwerfer und
den ueberraschenden gegnerischen Anstuermen setzten wir also eine Vermehrung
und reichere Gliederung unserer Verteidigungsanlagen und die Beweglichkeit
unserer Kampfmittel entgegen. Gleichzeitig wurde der Grundsatz
verwirklicht, in den vorderen Widerstandslinien durch Erhoehung der Zahl
der Maschinengewehre Menschenkraefte zu schonen und damit solche zu sparen.

Mit dieser tiefgreifenden Aenderung unseres Verteidigungsverfahrens nahmen
wir ohne Zweifel ein Wagnis auf uns. Dies bestand in erster Linie darin,
dass wir mitten im Kriege den Bruch mit taktischen Gewohnheiten und
Erfahrungen forderten, in die sich die untere Fuehrung und die Truppe
eingelebt hatten, und die sie vielfach mit begreiflichen Vorurteilen
schaetzten. Der Uebergang von einer taktischen Anschauung in eine andere
bedeutet schon im Frieden eine gewisse Krisis. Er bringt auf der einen
Seite Uebertreibungen im Neuen, auf der anderen schwer belehrbares
Festhalten am Alten mit sich. Missverstaendnisse draengen sich in den
klarsten Wortlaut der Vorschriften ein; selbstaendige und willkuerliche
Auslegungen feiern Orgien; das Traegheitsmoment im menschlichen Denken und
Handeln wird manchmal nicht ohne kraeftigsten Antrieb ueberwunden.

Aber nicht nur aus diesen Gruenden bedeuteten unsere taktischen Aenderungen
einen gewagten Schritt. Fast noch schwerer war es, die Frage zu bejahen,
ob denn unser Heer mitten im Kriege in seiner jetzigen Verfassung imstande
sein wuerde, diese Aenderungen in sich aufzunehmen und auf die Wirklichkeit
des Schlachtfeldes zu uebertragen. Wir konnten uns nicht im Zweifel darueber
sein, dass das Kriegsinstrument, mit dem wir jetzt zu arbeiten hatten, mit
demjenigen der Jahre 1914 und 1915, ja selbst mit demjenigen des Beginnes
von 1916 kaum noch zu vergleichen war. Eine Unsumme herrlichster Kraft lag
in unseren Ehrenfriedhoefen gebettet oder war mit zertruemmerten Gliedern
oder krankem Koerper an die Heimat gebannt. Ein stolzer Kern unserer
Soldaten vom Jahre 1914 war freilich auch heute noch vorhanden, und an ihn
schloss sich viel junge, begeisterungsfaehige Kraft und opferfreudiger
Wille. Aber das allein macht die Staerke eines Heeres nicht aus; Kraft und
Wille muessen geschult und durch Erfahrungen gelaeutert werden. Ein Heer mit
dem sittlichen und geistigen Reichtum, mit der machtvollen geschichtlichen
Ueberlieferung wie das deutsche von 1914 ueberdauert zwar in seinem inneren
Werte manche Kriegsjahre, wenn ihm nur die Zufuhr frischer koerperlicher
und sittlicher Kraefte aus der Heimat erhalten bleibt. Der Gesamtwert
jedoch wird, ja er muss nach dem natuerlichen Lauf der Dinge sinken, wenn
auch sein Verhaeltniswert jedem Feinde gegenueber, der gleich lang im Felde
steht, in voller Hoehe und Ueberlegenheit erhalten bleibt.

Unser neues Verteidigungsverfahren stellte an die moralische Kraft und an
das Koennen der Truppe hohe Anforderungen, indem es den festen aeusseren
Zusammenhalt der Verteidigung lockerte und damit die Selbstaendigkeit
kleinster Teile zum hoechsten Grundsatz erhob. Der taktische Zusammenhang
war nicht mehr in aeusserlich sichtbaren Linien und Gruppen gegeben, sondern
im geistigen Bande taktischen Zusammengreifens. Es liegt keine
Uebertreibung darin, wenn ich sage, dass unter den vorliegenden
Verhaeltnissen in dem Uebergang zu diesen neuen Grundsaetzen die groesste
Vertrauenskundgebung lag, die wir der geistigen und sittlichen Kraft
unseres Heeres, und zwar all seiner Teile, aussprechen konnten. Schon die
naechste Zukunft musste den Beweis liefern, ob dieses Vertrauen
gerechtfertigt war.



Das erste Unwetter im Westen bricht nach begonnenem Fruehjahr los. Am
9. April gibt der englische Angriff bei Arras den Auftakt zur grossen,
feindlichen Fruehjahrsoffensive. Der Angriff wird tagelang vorbereitet mit
der ganzen brutalen Wucht feindlicher Artillerie- und Minenwerfer-Massen,
nichts von Ueberraschungstaktik im Sinne Nivelles vom Oktober des
vergangenen Jahres. Traut man diesem Verfahren von englischer Seite nicht,
oder fuehlt man sich taktisch hierfuer zu ungewandt? Der Grund ist fuer den
Augenblick gleichgueltig, die Tatsache genuegt und redet eine furchtbare
Sprache. Der englische Angriff braust ueber die ersten, zweiten, dritten
Graeben hinweg. Stuetzpunktgruppen versagen oder verstummen nach
heldenmuetigem Widerstand; Artillerie geht in Masse verloren. Das
Verteidigungsverfahren hatte scheinbar versagt!

Eine schwere Krise tritt ein. Eine jener Lagen, in der alles haltlos
geworden zu sein scheint. "Krisen muss man vermeiden", ruft der Laie. Der
Soldat kann ihm nur antworten: "Dann verzichten wir besser von vornherein
auf den Krieg, denn sie sind unvermeidlich. Sie liegen einfach in der
Natur des Krieges und kennzeichnen ihn als das Gebiet des Ungewissen und
der Gefahr. Nicht Krisen zu vermeiden sondern sie zu ueberwinden, ist
Aufgabe der Kriegskunst. Wer schon vor ihrem Drohen zurueckschrecken
wollte, bindet sich selbst die Haende, wird ein Spielball des kuehneren
Gegners und geht bald in einer Krisis zu Grunde."

Ich will hiermit nicht behaupten, dass die Krisis am 9. April nach all den
Vorbereitungen, die man zu treffen imstande gewesen waere, nicht haette
vermieden werden koennen. Sie brauchte wenigstens nicht in dieser
furchtbaren Groesse einzutreten, wenn man mit rechtzeitig herangeholten
Reserven im Gegenstoss dem feindlichen Einbruch entgegenging. Mit schweren
oertlichen Erschuetterungen der Verteidigung wird man freilich bei solch
hoellischer Vorbereitung des Angriffs immer rechnen muessen.

Der abendliche Vortrag entwirft an diesem 9. April ein duesteres Bild, viel
Schatten, wenig Licht. Doch man muss in solchen Faellen nach Licht suchen.
Ein Strahl, wenn auch noch in unsicheren Umrissen, deutet sich an. Der
Englaender scheint es nicht verstanden zu haben, den errungenen Erfolg bis
zu seinem letztmoeglichen Ergebnis auszunuetzen. Ein Glueck fuer uns, jetzt,
wie schon manchmal vorher. Nach dem Vortrag druecke ich meinem Ersten
Generalquartiermeister die Hand mit den Worten: "Nun, wir haben schon
Schwereres miteinander durchgemacht als heute." Heute, an seinem
Geburtstage! Mein Vertrauen bleibt unerschuettert. Ich wusste, neue Truppen
von uns marschieren auf das Schlachtfeld, Eisenbahnzuege rollen heran. Die
Krisis wird ueberwunden. In mir selbst wenigstens war sie zu Ende. Der
Kampf aber tobte weiter.

Ein anderes Schlachtbild: Auch bei Soissons und von da ab weit hin nach
Osten bis in die Gegend von Reims donnern gleichfalls von der ersten
Aprilwoche ab die franzoesischen Kanonen; viele hundert feindliche
Minenwerfer schleudern dort ihre Geschosse. Hier befehligt Nivelle, wohl
dank seines berechtigten Ruhmes von Verdun. Auch er hat aus seinen letzten
Erfahrungen bei Verdun nicht die taktischen Folgerungen gezogen, die wir
erwarteten. Tage-, ja eine Woche lang wuetet das franzoesische Feuer. Unsere
Verteidigungszonen sollen in ein Truemmer- und Leichenfeld verwandelt, was
vielleicht noch zufaellig der koerperlichen Zerstoerung entgeht, soll
wenigstens seelisch gebrochen werden. In dieser furchtbaren Esse scheint
die Erreichung solcher Absicht ausser Zweifel zu stehen. Endlich haelt
Nivelle unsere Truppen fuer vernichtet oder wenigstens hinreichend
zermuerbt. Er laesst seine siegessicheren Bataillone am 16. April zum Sturme,
wir wollen besser sagen, zur Ernte der in der Feuerglut gereiften Fruechte
antreten. Da geschieht das Unbegreifliche. Zwischen den Truemmern und
Trichtern erhebt sich deutsches Leben, deutsche Kraft und deutscher Wille
und schleudert sein Verderben in die stuermenden Linien und die ihnen
folgenden, in unserem losbrechenden Feuer wirbelnden und sich
zusammenballenden Haufen. Wohl wird der deutsche Widerstand an den am
schwersten erschuetterten Stellen niedergetreten, aber was bedeutet in
diesem Riesenkampfe ein Verlust von einzelnen Stellungsteilen gegenueber
der siegreichen Behauptung der allgemeinen Front?

Die Schlacht zeigt schon in den ersten Tagen eine ausgesprochene
franzoesische Niederlage. Der blutige Rueckschlag wirft die franzoesische
Fuehrung und Truppe in bitterste, ja verbitterte Enttaeuschung.

Der Kampf bei Arras, bei Soissons und bei Reims tobt noch wochenlang. Er
bringt nur einen einzigen taktischen Unterschied gegenueber dem Ringen an
der Somme im vergangenen Jahre, und den moechte ich zu erwaehnen nicht
vergessen: der Gegner erringt naemlich ueber die ersten Tage hinaus nirgends
mehr einen nennenswerten Erfolg, und schon nach wenigen Wochen sinkt er
auf seinen Angriffsfeldern erschoepft in den Stellungskrieg zurueck. Unser
Abwehrverfahren hat sich also doch noch glaenzend bewaehrt!

Und nun noch ein drittes Bild: Die Szenen spielen sich ab auf den Hoehen
von Wytschaete und Messines, nordwestlich Lille, angesichts des Kemmel. Es
ist der 7. Juni. Also ein Zeitpunkt, an dem das Scheitern der vorher
erwaehnten Kaempfe schon zweifelsfrei feststeht. Die Lage auf den
Wytschaeter Hoehen, dem Schluesselpunkt des dortigen Stellungsbogens, ist
wenig guenstig fuer neuzeitliche Verteidigung. Der verhaeltnismaessig schmale
Ruecken gestattet nicht die Anwendung einer genuegend tiefen Zone. Das
vorderste Grabensystem liegt auf den Westhaengen und bietet feindlicher
Artillerie treffliche Ziele. Das feuchte Erdreich rutscht im Sommer und
Winter, der Boden ist vielfach vom Minenkrieg zerwuehlt, einer Kampfart,
die frueher gerade hier um den Besitz der wichtigsten Stellungsteile mit
aeusserster Erbitterung angewendet worden war. Doch hoert man seit langem
nichts mehr von unterirdischem Wuehlen. Nicht nur von Westen, sondern auch
von Sued und Nord her ist die Verteidigung auf den Hoehen bei St. Eloi sowie
an den beiden Eckpfeilern Wytschaete und Messines durch die gegnerische
Artillerie zu fassen.

Der Englaender bereitet seinen Angriff in gewohnter Weise vor. Der
Verteidiger leidet schwer, schwerer als nur irgendwo bisher. Auf unsere
besorgte Frage, ob die Hoehen nicht besser freiwillig geraeumt wuerden,
erfolgt die mannhafte Antwort: "Wir werden halten, noch stehen wir fest!"
Als aber der verhaengnisvolle 7. Juni anbricht, erhebt sich der Boden unter
den Verteidigungslinien, ihre wichtigsten Stuetzteile brechen zusammen und
durch den Rauch und die niederstuerzenden Erdmassen der gesprengten
Minenreihen schreiten die englischen Sturmtruppen ueber die letzten Reste
deutscher Verteidigungskraft hinweg. Krampfhafte Versuche unsererseits,
die Lage durch Gegenstoss zu retten, scheitern an dem moerderischen
feindlichen Artilleriefeuer, das aus weitem Bogen das Rueckengebiet der
verlorenen Stellungen in einen wahren Feuerkessel verwandelt. Trotzdem
gelingt es auch hier, den Gegner vor vollendetem Durchbruch unserer Linien
zum Halten zu bringen. Unsere Verluste an Menschen wie Kriegsgeraet sind
schwer; die Preisgabe des Gelaendes waere zu verschmerzen gewesen.

Das bisherige Gesamtergebnis der grossen feindlichen Offensive im Westen
war nach meinem Urteil fuer uns nicht unbefriedigend. Geschlagen waren wir
nirgends. Selbst die bedenklichsten Gefahren hatten wir aufgefangen.
Nirgends war es dem Feinde gelungen, ueber einen maessigen Gelaendegewinn
hinaus groessere Ziele zu erreichen, geschweige denn aus der
Durchbruchsschlacht zur freien Operation uebergehen zu koennen. Die
Auswertung dieser unserer Erfolge im Westen sollte auch diesmal an anderen
Fronten stattfinden.



                        Im nahen und fernen Orient


Noch bevor der wilde Tanz an unserer Westfront begann, erneuerte Sarrail
seine Angriffe in Mazedonien mit dem Schwergewicht bei Monastir. Auch
diese Ereignisse zogen unsere volle Aufmerksamkeit auf sich. Waren doch
die Ziele des Gegners auch hier sehr weitgesteckt. Gleichzeitig mit diesem
Ansturm gegen die bulgarische Front veranlasste der Feind einen Aufstand in
Serbien, hierdurch unsere Verbindungen auf der Balkanhalbinsel gefaehrdend.
Der Aufstand wurde indessen an der bedrohlichsten Stelle, naemlich bei
Nisch, niedergeschlagen, ehe er die besonders von den bulgarischen
Regierungskreisen befuerchtete Ausdehnung ueber ganz Altserbien annahm.

Die Schlacht an der mazedonischen Front wurde mit grosser Erbitterung
gefuehrt. Der bulgarischen Armee gelang es, ohne dass wir ihr weitere
deutsche Unterstuetzung zusenden mussten, ihre Stellungen nahezu restlos zu
behaupten. Ein uns sehr befriedigendes Ergebnis! Unser Verbuendeter hatte
sich sehr gut geschlagen. Er erkannte damals rueckhaltslos an, dass sich die
deutsche Arbeit in seinen Kampfreihen bestens bewaehrt hatte. Ich gewann
daraus die Ueberzeugung, dass die bulgarische Armee ihrer Aufgabe auch
weiterhin gewachsen sei. Dies bestaetigte sich bei Erneuerung der Angriffe
der Entente im Mai. Auch diesmal wurden deren Anstuerme in ihrer Ausdehnung
von Monastir bis zum Doiran-See voellig zum Scheitern gebracht.



Im armenischen Hochlande war es still geblieben. Gelegentliche kleinere
Zusammenstoesse im Winter schienen mehr durch Beutezuege als durch das
Erwachen der Kampflust auf einer der beiden Seiten veranlasst worden zu
sein. Der Russe hatte unter dem Einfluss der auch bei ihm bestehenden
ungeheuren Nachschubschwierigkeiten die Masse seiner Truppen aus den
wildesten und veroedetsten Hochgebirgsteilen in bessere Verpflegungsgebiete
des Landesinnern zurueckgezogen. Die voellige Erstarrung der russischen
Kampflust war aber ueberraschend. Wir erhielten von tuerkischer Seite keine
Nachricht, die uns die Gruende hierfuer haette erkennen lassen.

Im Irak griff der Englaender im Februar an und kam schon am 11. Maerz in den
Besitz von Bagdad. Diesen Erfolg verdankte er einer geschickten Umgehung
der starken tuerkischen Front.

In Suedpalaestina, bei Gaza, brach dagegen der englische Angriff, mit
erdrueckender Ueberlegenheit aber rein frontal und mit geringem taktischen
Geschick gefuehrt, vor den tuerkischen Linien vollstaendig zusammen. Nur das
Versagen einer zum umfassenden Gegenstoss angesetzten tuerkischen Kolonne
rettete hier England vor einer vernichtenden Niederlage.

Die Rueckwirkung dieser Ereignisse in Asien auf unsere gesamte Kriegslage
werde ich noch zu besprechen haben.



                             An der Ostfront


Noch bevor Franzosen und Englaender im Westen zum allgemeinen Angriff
antraten, erbebte die russische Front in ihren Grundfesten. Unter unseren
bisherigen wuchtigen Schlaegen hatte das Gefuege des russischen Staates sich
zu lockern begonnen.

Wie ein Alpdruck hatte der plumpe russische Koloss bisher auf der ganzen
europaeischen und asiatischen Welt gelastet. Nun begann es, sich innerhalb
seiner Masse zu dehnen und zu recken. Tiefgreifende Risse traten an die
Oberflaeche und durch die entstandenen Spalten gewann man bald Einblick in
die Glut politischer Leidenschaften und in das Getriebe teuflisch roher
Kraefte. Das Zarentum stuerzt! Wird sich eine neue Macht finden, die diese
politischen Leidenschaften im Eishauch sibirischer Gefaengnisse wieder zur
Erstarrung bringt und die wilden Gewalten wieder unter Graeberhuegeln
erdrueckt?

Russland in Revolution! Wie oft hatten uns wirkliche oder sogenannte Kenner
des Landes das Nahen dieses Ereignisses verkuendet. Ich hatte den Glauben
daran verloren. Nun da es eintrat, loeste es in mir keineswegs Gefuehle
politischer Genugtuung, wohl aber solche kriegerischer Erleichterung aus.
Auch diese letzteren traten erst langsam in Geltung. Ich fragte mich: war
der Sturz des Zaren ein Sieg der Kriegs- oder der Friedensstroemung? Hatten
die Totengraeber des bisherigen Zarentums nur gearbeitet, um mit dem
letzten Traeger der Krone den uns bekannten Friedenswillen hoher russischer
Kreise und die Friedenssehnsucht breiter Massen zum Falle zu bringen?

Solange das Verhalten des russischen Heeres auf diese Frage keine klare
Antwort gab, war und blieb unsere Lage Russland gegenueber unsicher. Der
Zersetzungsprozess hatte im russischen Staat zweifellos eingesetzt. Kam es
nicht bald zur Errichtung einer Diktatur mit gleich ruecksichtsloser Gewalt
wie die eben gestuerzte, so schritt diese Zersetzung weiter, wenn auch in
dem grossen schweren russischen Koloss mit seinen plumpen Lebensaeusserungen
vielleicht langsamer als sonstwo. Unser Plan ist von Anfang an, diesen
Gang der Ereignisse nicht zu stoeren, wir muessen nur auf der Hut sein, dass
er uns nicht stoert: ja vielleicht zerstoert. Man muss in dieser Lage an die
Lehren der Kanonade von Valmy denken, die mehr als hundert Jahre frueher
die aufgewuehlten und zerrissenen franzoesischen Volkskraefte wieder
zusammenschweisste und den Antrieb gab zu jener grossen blutroten Flut, die
ganz Europa ueberschwemmte. Freilich, das Russland des Jahres 1917 verfuegt
nicht mehr ueber die grossen, unverbrauchten Menschenmassen des damaligen
Frankreichs. Des Zarenreiches beste und tauglichste Kraefte stehen an der
Front oder liegen in Massengraebern vor und hinter unseren Linien.

Der Verzicht, der mir persoenlich durch ruhiges Warten angesichts der
beginnenden russischen Zersetzung auferlegt wird, ist gross. Kann ich mich
jetzt aus politischen Gruenden mit einer Offensive an der Ostfront nicht
befreunden, so draengt das soldatische Empfinden zu einem Angriff im
Westen. Ich denke an das Stocken des englischen Angriffs bei Arras, an die
schwere Niederlage Frankreichs zwischen Soissons und Reims. Gibt es einen
naeher liegenden Gedanken als den, alle brauchbaren Kampftruppen vom Osten
nach dem Westen zu werfen und dort zum Angriff vorzugehen? Noch ist
Amerika weit weg. Mag es kommen, nachdem auch Frankreichs Kraefte gebrochen
sind. Dann kommt es zu spaet!

Die ihr drohende schwere Gefahr erkennt aber auch die Entente, und sie
arbeitet mit allen Mitteln, um den Zusammenbruch der russischen Macht und
damit eine weitgehende Entlastung unserer Ostfront zu verhindern. Russland
muss aushalten, wenigstens bis Amerikas neugebildete Armeen den
franzoesischen Boden betreten koennen, sonst scheint die kriegerische und
moralische Niederlage Frankreichs sicher. Also schafft die Entente
Politiker, Agitatoren, Offiziere nach Russland, um die dortige zerwuehlte
und rissige Front zu stuetzen; sie vergisst auch nicht diesen Missionen Geld
mitzugeben, das an manchen Stellen Russlands kraeftiger wirkt als politische
Gruende.

Durch diese Gegenwirkung werden uns auch diesmal die groessten
Siegesaussichten geraubt. Die russische Front wird gehalten, nicht durch
eigene Staerke, sondern hauptsaechlich durch die agitatorischen Mittel, die
unsere Feinde dorthin bringen, und die ihre Zwecke erreichen, selbst gegen
den Willen der russischen Massen.

Haetten wir nicht vielleicht doch angreifen sollen, als sich die ersten
Zerreissungen im russischen Gebaeude zeigten? Verdarben uns nicht vielleicht
politische Gesichtspunkte die schoensten Fruechte unserer bisherigen groessten
Erfolge?

Unsere Beziehungen zum russischen Heere an der Ostfront entwickeln sich
zunaechst in immer ausgesprochenerem Grade zu einem Waffenstillstand, wenn
auch ohne schriftliche Festsetzung. Die russische Infanterie erklaerte
allmaehlich fast ueberall, dass sie nicht mehr kaempfen wuerde. Doch bleibt sie
mit der ihrer Masse eigenen Stumpfheit in ihren Graeben sitzen. Wo die
gegenseitigen Beziehungen allzu offenkundig freundschaftliche
Verkehrsformen annehmen, schiesst die russische Artillerie ab und zu
dazwischen. Diese Waffe ist noch in den Haenden ihrer Fuehrer, nicht aus
einem ihr angeborenen konservativen Sinn, sondern weil sie nicht in so
viele selbstaendige Koepfe zerfaellt als ihre Schwesterwaffe. Der Einfluss der
Ententeagitatoren und Offiziere macht sich in den russischen Batterien
noch durchgreifend geltend. Der russische Infanterist schimpft zwar ueber
diese Stoerung der ihm so willkommenen Waffenruhe, verpruegelt wohl auch
hier und da mal die artilleristische Schwester und freut sich, wenn unsere
Granaten in deren Geschuetzstaenden krepieren, aber der geschilderte Zustand
bleibt monatelang unveraendert.

Die russische Kriegsunlust ist am ausgesprochensten auf dem noerdlichen
Fluegel. Von da nimmt sie nach Sueden ab. Der Rumaene ist augenscheinlich von
ihr unberuehrt. Vom Mai ab zeigt sich auch im Norden, dass die Fuehrung die
Zuegel wieder in die Hand bekommt. Die Freundschaft zwischen den
beiderseitigen Schuetzengraeben hoert mehr und mehr auf. Man kehrt wieder zu
den alten Umgangsformen mit den Waffen in der Hand zurueck. Bald ist auch
kein Zweifel mehr, dass im Rueckengebiet der russischen Front mit aller
Kraft gearbeitet und diszipliniert wird. So wird das russische Heer
wenigstens zum Teil wieder widerstandsbereit, ja sogar angriffsfaehig
gemacht. Die Kriegsstroemung hat sich durchgesetzt, und Russland schreitet
zu einer grossen Offensive unter Kerenski.

Kerenski, nicht Brussilow? Den letzteren haben wohl die Stroeme eigenen
Volksblutes, die im Jahre 1916 in Galizien und Wolhynien flossen, von
dieser hoechsten Stelle hinweggerissen, aehnlich wie es in diesem Fruehjahr
Nivelle in Frankreich erging. Auch in dem menschenreichen Russland scheint
man demnach empfindsam geworden zu sein gegen Massenopfer. Man hat im
grossen Schuldbuch des Krieges die Seite aufgeschlagen, auf der die
russischen Verluste verzeichnet sind, die Zahl ist aber nicht erkennbar.
Fuenf oder acht Millionen? Auch wir haben keine Ahnung von ihrer Groesse. Wir
wissen nur, dass wir ab und zu in den Russenschlachten die Huegel der
feindlichen Leichen vor unseren Graeben entfernen mussten, um das Schussfeld
gegen neuanstuermende Gewalthaufen frei zu bekommen. Mag die Phantasie
hieraus die Zahl der Verluste zusammenstellen, eine richtige Berechnung
bleibt fuer ewig ein misslingender Versuch.

Ob Kerenski aus eigenem Entschluss oder durch die Lockungen und den Zwang
der Entente zum Angriff bewogen wird, ist schwer zu entscheiden.
Jedenfalls hat die Entente das groesste Interesse daran, dass Russland
nochmals zu einer Offensive vorgetrieben wird. Sie hat im Westen die gute
Haelfte ihrer Sturmkraft bis jetzt schon vergeblich geopfert, ja vielleicht
schon mehr als die Haelfte. Was bleibt ihr aber uebrig als den Einsatz des
gebliebenen Restes zu wagen, wenn auch die Hilfe Amerikas noch fern ist?
Der Unterseebootkrieg frisst gerade in jenen Monaten an dem Lebensmark
unseres erbittertsten, unversoehnlichsten Gegners in einer Staerke, dass es
fraglich erscheinen muss, ob fuer Amerikas Hilfe im kommenden Jahr noch die
Moeglichkeit des Transportes gegeben sein wird. Deutschlands Truppen muessen
also im Osten festgehalten werden, und deswegen wird Kerenski die letzte
Kraft Russlands im Angriff einsetzen. Ein gewagtes Spiel, am meisten gewagt
fuer Russland! Doch voll berechtigt; denn gelingt es, dann ist nicht nur die
Entente gerettet, sondern es kann auch eine russische Diktatur geschaffen
und erhalten werden. Ohne solche ist Russland dem Chaos verfallen.

Die Aussichten fuer die Offensive Kerenskis gegen die deutsche Front sind
freilich jetzt kaum besser als in frueheren Zeiten. Moegen auch gute,
deutsche Divisionen nach dem Westen gezogen worden sein, die verbliebenen
genuegen, um einen russischen Anprall auszuhalten. Zu einer langandauernden
Sturmflut wie 1917 wird der Angriff nicht werden, dazu fehlt dem Gegner
die innere Kraft. Zahlreiche russische Freiheitsverkuender durchziehen
pluendernd das Rueckengebiet der Armee oder stroemen der Heimat zu. Auch gute
Elemente verlassen die Front, aus Sorge um Angehoerige und Besitz
angesichts der drohenden innerpolitischen Katastrophe.

Bedenklich liegen dagegen die Verhaeltnisse an der
oesterreichisch-ungarischen Front; es ist zu befuerchten, dass dort auch
jetzt wieder, wie 1916, der russische Ansturm schwache Stellen finden
wird. Vielleicht, ja sicher wohl, hat Kerenski darueber die gleichen
Nachrichten, wie wir. Wird uns doch schon im Fruehjahr durch einen
Vertreter der verbuendeten Macht ein tiefernstes Bild von dortigen
Zustaenden entworfen mit dem Gesamteindruck, dass "die
oesterreichisch-slawischen Truppen in ueberwiegender Mehrzahl einem
russischen Angriff jetzt noch geringeren Widerstand entgegensetzen werden
wie 1916", denn sie sind gleichzeitig mit den russischen Truppen auch
politisch zersetzt worden.

Aus aehnlichem Einblick, den Ueberlaeufer ihm liefern, wird sich wohl
Kerenskis Kriegsplan ergeben haben, naemlich: Oertliche Angriffe gegen die
Deutschen, um diese zu binden, den Massenstoss aber gegen die k. u. k.
Mauer. Und so geschah es.

Bei Riga, Duenaburg und Smorgon greift der Russe die deutschen Stellungen
an und wird zurueckgetrieben. Die Mauer in Galizien erweist sich nur da als
steinern, wo oesterreichisch-ungarische Truppen mit deutschen vereint
stehen. Dagegen stuerzt die oesterreichisch-slawische Wand bei Stanislau vor
dem einfachen Pochen Kerenskis. Aber Kerenskis Truppen sind nicht mehr
Brussilows Truppen. Ein Jahr verging seit des letzteren Offensive. Es war
ein Jahr schwerer Verluste und tiefer Zersetzung fuer das russische Heer.
So dringt die russische Offensive trotz guenstigster Aussichten auch bei
Stanislau nicht vollstaendig durch.

Die russische Saat ist nun endlich zum Schneiden reif. Die Schnitter
stehen auch schon bereit. Es ist die Zeit, in der auch auf den Fluren der
deutschen Heimat die wirkliche Ernte beginnt. Mitte Juli!




                         Unser Gegenstoss im Osten


Gegenstoss! Keine Truppe, kein Fuehrer an der Front kann diese Nachricht mit
freudigerer Genugtuung vernommen haben, wie ich sie empfand, als ich
endlich den Zeitpunkt hierfuer gekommen sah.

An frueherer Stelle habe ich unsere Lage bis zum Fruehjahr 1917 als eine
grosse strategische Bereitstellung bezeichnet. Unsere Reserven waren dabei
freilich nicht eng vereinigt, wie etwa die Heeresmassen Napoleons, als er
im Herbste 1813 den Angriff der ihn von allen Seiten umringenden Gegner
erwartete. Die ungeheuren Raeume, die wir zu beherrschen hatten, verboten
ein derartiges Verfahren. Die Leistungen unserer Eisenbahnen ermoeglichten
andererseits, auch weit verstreut stehende Verfuegungstruppen rasch zu
einem Stoss auf ein gewaehltes Operationsfeld zu werfen.

Die Abwehrkaempfe im Westen hatten an dem Bestand unserer Reserven stark
gezehrt. Mit dem verbliebenen Reste dort eine Gegenoffensive zu machen,
verboten die Staerkeverhaeltnisse und die Kampfschwierigkeiten. Dagegen
schienen diese unsere Kraefte auszureichen, um mit ihnen im Osten die Lage
endgueltig zu unseren Gunsten zu entscheiden und dadurch den politischen
Zusammenbruch unserer dortigen Gegner herbeizufuehren. Die Stuetzen Russlands
waren morsch geworden. Die letzten Kraftaeusserungen des jetzt
republikanischen Heeres waren nur das Ergebnis einer kuenstlich
hochgetriebenen Welle, die ihre Staerke nicht mehr aus den Tiefen des
Volkes schoepfte. War aber in diesem Voelkerringen die Faeulnis in ein
Volksheer einmal eingedrungen, so musste der voellige Zusammenbruch
unvermeidlich sein. Aus dieser Ueberzeugung heraus war ich der Meinung, dass
wir in Russland auch mit geringen Mitteln nunmehr Entscheidendes erreichen
koennten.

Begreiflicherweise fehlte es nicht an Stimmen, die vor einem Einsatz
unserer verfuegbaren Reserven zu einem Angriff auch jetzt noch warnten. Und
in der Tat, die Frage war nicht so einfach zu entscheiden, als es jetzt,
wo sich der Gang der Ereignisse klar ueberblicken laesst, scheinen moechte.
Wir hatten in der Zeit des Entschlusses manche schwere Bedenken und Sorgen
zurueckzustellen. War doch damals schon klar, dass der englische Angriff bei
Wytschaete und Messines am 7. Juni nur den Vorbereitungskampf zu einem
weit groesseren Schlachtendrama bildete, das, sich an ihn anschliessend,
seinen Hintergrund in der weiter noerdlich gelegenen flandrischen
Landschaft haben wuerde. Auch mussten wir damit rechnen, dass Frankreich
wieder zum Angriff schreiten wuerde, sobald sich sein Heer von den schweren
Rueckschlaegen aus der Fruehjahrsoffensive erholt hatte.

Das Wegziehen von Kraeften aus dem Westen, es handelte sich um
6 Divisionen, war zweifellos ein Wagnis, aehnlich, wie wir es im Jahre 1916
beim Angriff auf Rumaenien uebernehmen mussten. Damals freilich zwang uns die
offene Not. Jetzt fuehrte uns der freie Entschluss. In beiden Faellen aber
war das Wagnis gegruendet auf das unerschuetterliche Vertrauen zu unseren
Truppen.

Auch aus anderen Gruenden, als aus denen der allgemeinen Kriegslage erhoben
sich gegen unseren Plan abmahnende Stimmen. An der Hand der Erfahrungen,
die die Gegner unserer Verteidigung gegenueber gemacht hatten, wurde die
Moeglichkeit durchschlagender Angriffserfolge unsererseits bezweifelt. Ich
erinnere mich, dass wir noch kurz vor dem Beginne unseres Gegenstosses an
der galizischen Front gewarnt wurden, mit den bereitgestellten Kraeften
nicht mehr zu erhoffen, als einen oertlichen Erfolg; also eine Einbeulung
der feindlichen Linien, so wie der Gegner sie vielfach gegen unsere
Verteidigung im ersten Anlauf erreichte. War dies anzustreben?
Verzichteten wir dann nicht besser auf die ganze Operation?

Unter solchen Annahmen wurde auch die Anregung begreiflich: Wir sollten
unsere Landkraefte lediglich zur Abwehr bereithalten und im uebrigen
abwarten, bis unsere Unterseeboote unsere Hoffnungen erfuellt haben wuerden.
Der Gedanke hatte etwas verfuehrerisches. Das Ergebnis des
Unterseebootkrieges uebertraf nach den uns damals zukommenden Mitteilungen
alle unsere Erwartungen. Seine Wirkungen mussten daher bald offen zutage
treten. Trotzdem konnte ich mich mit diesem Vorschlag nicht befreunden.
Die militaerischen wie politischen Verhaeltnisse im Osten draengten gerade
jetzt derartig zur Entscheidung, dass wir nicht monatelang stillhalten und
nur zusehen konnten. Wir mussten befuerchten, dass, wenn dem Angriff
Kerenskis unser Gegenschlag nicht auf dem Fusse folgte, die kriegerischen
Stroemungen in Russland wieder die unbedingte Oberhand gewinnen wuerden. Es
ist nicht notwendig, sich die Rueckwirkung eines solchen Ganges der
Ereignisse auf unser Land und auf unsere Verbuendeten naeher auszumalen.

Waehrend sich Kerenski vergeblich abmueht, mit der Masse seiner noch
angriffsfaehigen Truppen nordwestlich Stanislau die inzwischen durch
deutsche Kraefte staerker gestuetzten oesterreichisch-ungarischen Linien zu
durchbrechen, versammeln wir suedwestlich Brody, also seitwaerts des
russischen Einbruchs, eine starke Angriffsgruppe und treten am 19. Juli in
suedoestlicher Richtung auf Tarnopol zum Angriff an. Unsere Operation trifft
wenig widerstandsfaehige, im voraufgegangenen Angriff erschoepfte Teile der
russischen Linien. Sie werden rasch ueber den Haufen geworfen, und mit
einem Schlage bricht die ganze Offensive Kerenskis zusammen. Nur
schleuniger Rueckzug kann die nach Norden und vor allem die nach Sueden an
unsere Durchbruchstelle anschliessenden russischen Kraefte vor dem Verderben
retten. Unsere gesamte Ostfront in Galizien, bis weit nach Sueden in die
Karpathen hinein, setzt sich in Bewegung und folgt dem weichenden Feinde.
Schon Anfang August ist fast ganz Galizien und die Bukowina vom Gegner
befreit. An diesem schoenen Erfolge haben unsere Bundesgenossen
entsprechenden Anteil. Es wurde mir mitgeteilt, dass sich in den
oesterreichisch-ungarischen Verfolgungskaempfen ganz besonders die
Feldartillerie ausgezeichnet haette. Sie fuhr in kuehner Ruecksichtslosigkeit
ueber die eigene Infanterie hinaus an die Russen heran. Ich habe diese
treffliche Waffe ja schon 1866 bei Koeniggraetz als Gegner bewundern gelernt
und freute mich daher doppelt der erneuten Bewaehrung ihres Ruhmes auf
unserer Seite.

Unsere Offensive kam an der Grenze der Moldau zum Stehen. Niemand konnte
das mehr bedauern als ich. Wir waren in der denkbar guenstigsten
strategischen Lage, um uns durch Fortsetzung der Bewegungen in den Besitz
dieses letzten Teiles Rumaeniens zu setzen. Bei den damaligen politischen
Verhaeltnissen in Russland haette das rumaenische Heer sich wohl sicher
aufgeloest, wenn wir es zum voelligen Verlassen seines heimatlichen Bodens
zwingen konnten. Wie haetten ein rumaenischer Koenig und ein koeniglich
rumaenisches Heer auf revoltierendem russischen Boden weiter bestehen
koennen? Unsere rueckwaertigen Verbindungen waren jedoch infolge
Bahnzerstoerungen durch die weichenden Russen so schwierig geworden, dass
wir schweren Herzens auf die Fortsetzung der Operationen an dieser Stelle
verzichten mussten. Ein spaeterer Versuch unsererseits durch einen Angriff
bei Focsani die rumaenische Armee in der Moldau ins Wanken zu bringen,
drang nicht durch.

Wir halten nun weiter an dem Entschluss fest, Russland bis zur endgueltigen
militaerischen Ausschaltung nicht mehr locker zu lassen, mochte auch zu
dieser Zeit im Westen der Beginn des flandrischen Dramas unsere
Aufmerksamkeit, ja unsere vermehrten Sorgen auf sich ziehen. Konnten wir
in Wolhynien und in der Moldau auf das russische Heer nicht weiter
losschlagen, so musste das an einem anderen Frontteil geschehen.

Bei Riga bot sich nun hierfuer eine besonders geeignete Stelle, an der
Russland nicht nur militaerisch sondern auch politisch empfindlich getroffen
werden konnte. Dort sprang der russische Nordfluegel wie eine maechtige
Flankenstellung auf mehr als 70 km Breite bei nur 20 km Tiefe laengs des
Meeres auf das Westufer der Duena vor, eine strategische und taktische
Drohstellung gegenueber unserer eigenen Front. Diese Lage hatte uns bereits
frueher, als ich noch das Oberkommando im Osten fuehrte, gereizt. Wir hatten
schon 1915 und 1916 Plaene geschmiedet, wie wir diese Stellung in der Naehe
ihrer Basis durchbrechen und dadurch einen grossen Schlag gegen ihre
Besatzung fuehren koennten.

Auf dem glatten Papier eigentlich eine sehr leichte Operation, in der
rauhen Wirklichkeit aber doch nicht ganz so einfach. Der Durchbruchskeil
musste naemlich oberhalb Riga ueber die breite Duena in noerdlicher Richtung
vorgetrieben werden. Nun hatten freilich im Verlauf des Krieges grosse
Stroeme wesentlich an ihrem imponierenden Charakter als Hindernisse
eingebuesst. Hatte doch Generalfeldmarschall von Mackensen die maechtige
Donau angesichts des Gegners zweimal ueberschritten. Wir konnten uns also
an die Ueberwindung der schmaleren Duena mit leichterem Herzen heranwagen;
aber die grosse Schwierigkeit des Unternehmens lag darin, dass die
russischen vollbesetzten Schuetzengraeben sich ueberall dicht an dem
gegenueberliegenden Ufer hinzogen, die Duena wie einen nassen Festungsgraben
ausnuetzend.

Trotzdem gelingt am 1. September der kuehne Angriff, da der Russe in
unserem Vorbereitungsfeuer seine Uferstellungen verlaesst. Und auch die
Besatzung der grossen Flankenstellung westlich des Flusses weicht, Tag und
Nacht marschierend, ueber Riga nach Osten und entzieht sich dadurch leider
grossenteils rechtzeitig der Gefangenschaft.

Unser Angriff bei Riga ruft in Russland die groesste Sorge um Petersburg
hervor. Die Hauptstadt des Landes geraet in Aufregung. Sie fuehlt sich durch
unseren Angriff bei Riga unmittelbar bedroht. Petersburg, immer noch der
Kopf Russlands, gelangt in einen Zustand hoechster Nervositaet, der
sachliches, ruhiges Denken ausschliesst; sonst wuerde man dort wohl den
Zirkel in die Hand genommen haben, um die Entfernungen zu messen, die
unsere bei Riga siegreichen Truppen immer noch von der russischen
Hauptstadt trennen. Freilich nicht nur in Russland, auch in unserem
Vaterlande arbeitet die Phantasie bei dieser Gelegenheit sehr lebhaft und
vergisst Raum und Zeit. Man gibt sich auch bei uns starken Illusionen ueber
einen Vormarsch auf Petersburg hin. Offen gestanden wuerde diesen niemand
lieber durchgefuehrt haben als ich selbst. Ich verstand daher das Draengen
unserer Truppen und ihrer Fuehrer, das Vorgehen mindestens bis zum
Peipussee fortzusetzen. Allein wir mussten auf die Ausfuehrung all dieser
gewiss sehr schoenen Gedanken verzichten; sie haetten unsere Truppen zu lange
und in zu grosser Zahl in einer Richtung gefesselt, die mit unseren
weiteren Absichten nicht in Einklang zu bringen war. Unsere Aufmerksamkeit
musste sich vom Rigaischen Meerbusen der Kueste des Adriatischen Meeres
zuwenden. Darueber gleich nachher.

Koennen wir aber auf Petersburg nicht weitermarschieren und dadurch das
Nervenzentrum Russlands bis zum Zusammenbruch in lebhaftester Unruhe
erhalten, so gibt es noch einen anderen Weg, um diesen Zweck zu erreichen,
naemlich den zur See. Unsere Flotte geht mit voller Hingabe auf unsere
Anregung ein. So entsteht der Entschluss, die dem Rigaischen Meerbusen
vorgelagerte Insel Oesel wegzunehmen. Von dort bedrohen wir den russischen
Kriegshafen Reval unmittelbar und vermehren unseren Druck auf das erregte
Petersburg unter Einsatz nur geringer Kraefte.

Die Operation gegen Oesel zeigt die einzige voellig gelungene Unternehmung
beider Parteien in diesem Kriege, soweit es sich um ein Zusammenwirken von
Heer und Flotte handelte. Die Verwirklichung des Planes wurde anfaenglich
durch unguenstiges Wetter derartig in Frage gestellt, dass wir schon daran
dachten, die eingeschifften Truppen wieder an Land zu nehmen. Der Eintritt
besserer Witterung laesst uns dann die Ausfuehrung wagen. Sie verlaeuft von da
ab nahezu mit der Genauigkeit eines Uhrwerks. Die Marine entspricht den
hohen Anforderungen, die wir hierbei an sie stellen muessen, in jeder
Richtung.

Wir gelangen in den Besitz von Oesel und der benachbarten Inseln. In
Petersburg werden die Nerven immer aufgeregter und arbeiten immer wilder
und zusammenhangloser. Die Geschlossenheit in der russischen Heeresfront
lockert sich mehr und mehr; immer deutlicher tritt zutage, dass Russland zu
sehr von inneren Aufregungen verzehrt wird, als dass es noch imstande waere,
in absehbarer Zeit nach aussen hin zu erneuter Kraftentfaltung zu kommen.
Was mitten in diesem Trubel noch fest und haltbar erscheint, wird von der
roten Flut immer staerker umbrandet; Stueck auf Stueck wird von den
Grundpfeilern des Staates weggerissen.

Unter unseren letzten Schlaegen wankt der Koloss nicht nur, sondern er
berstet und stuerzt. Wir aber wenden uns einer neuen Aufgabe zu.




                           Angriff auf Italien


Trotzdem die Lage in Flandern in dieser Herbstzeit ausserordentlich ernst
ist, entschliessen wir uns zum Angriff auf Italien. Man wird nach meiner
frueheren ablehnenden Haltung gegen ein solches Unternehmen vielleicht
darueber verwundert sein, dass ich nun doch die Zustimmung meines
Allerhoechsten Kriegsherrn zur Verwendung deutscher Truppen fuer eine
Operation erwirkte, von der ich mir so geringen Einfluss auf unsere gesamte
Lage versprach. Demgegenueber kann ich nur sagen, dass ich meine
Anschauungen in dieser Beziehung nicht geaendert hatte. Ich hielt es auch
im Herbste 1917 fuer ausgeschlossen, dass uns selbst im Falle eines
durchschlagenden Sieges eine Absprengung Italiens vom Bunde unserer Gegner
gelingen wuerde; ich glaubte im Herbste 1917 ebensowenig wie bei Beginn
dieses Jahres, dass wir lediglich fuer den Ruhm eines erfolgreichen
Feldzuges gegen Italien deutsche Kraefte der gefaehrlichen Lage unserer
Westfront entziehen duerften. Die Gruende meiner nunmehrigen Befuerwortung
unserer Beteiligung an einer solchen Operation waren auf anderen Gebieten
zu suchen. Unser oesterreichisch-ungarischer Verbuendeter klaerte uns dahin
auf, dass er nicht mehr die Kraft habe, einen zwoelften italienischen
Angriff an der Isonzofront auszuhalten. Diese Eroeffnung war fuer uns
militaerisch wie politisch von gleich grosser Bedeutung. Es handelte sich
nicht nur um den Verlust der Isonzolinie sondern geradezu um den
Zusammenbruch des gesamten oesterreichisch-ungarischen Widerstandes. Die
Donaumonarchie war einer etwaigen Niederlage an der italienischen Front
gegenueber weit empfindlicher als gegenueber einer solchen auf dem
galizischen Kriegstheater. Fuer Galizien hatte man in Oesterreich-Ungarn nie
mit Begeisterung gefochten. "Wer den Krieg verliert, muss Galizien
behalten", war ein im Feldzug oft gehoertes oesterreichisch-ungarisches
Spottwort. Dagegen war in der Donaumonarchie das Interesse fuer die
italienische Grenze immer ein ausserordentlich grosses. In Galizien, das
heisst gegen Russland, focht Oesterreich-Ungarn nur mit dem Verstande, gegen
Italien aber auch mit dem Herzen. An dem Kriege gegen Italien beteiligten
sich auffallenderweise alle Staemme des Doppelreiches mit fast gleich
grosser Hingabe. Tschechisch-slowakische Truppen, die gegen Russland versagt
hatten, leisteten gegen Italien Gutes. Der Kampf dort bildete
gewissermassen ein kriegerisch einigendes Band fuer die ganze Monarchie. Was
wuerde eintreten, wenn auch dieses Band zerriss? Die Gefahr hierfuer ist in
dem Zeitpunkt, von dem wir sprechen, gross. Ende August hat naemlich Cadorna
in der elften Isonzoschlacht wirklich einmal erheblich Gelaende gewonnen.
Alle bisherigen Gelaendeverluste waren zu verschmerzen gewesen; sie waren
nach unseren eigenen reichlichen Erfahrungen eine natuerliche Folge der
zerstoerenden Wirkung der Angriffsmittel gegen die staerkste Verteidigung.
Jetzt aber waren die oesterreichischen Widerstandslinien an den aeussersten
Rand zurueckgedraengt. Gewann der Italiener nach erneuten Vorbereitungen
weiteres Gelaende, so wurde fuer Oesterreich die Lage vorwaerts Triest
unhaltbar. Triest ist also ernstlichst bedroht. Wehe aber, wenn diese
Stadt faellt. Wie Sebastopol den Krimkrieg, so scheint Triest den Krieg
zwischen Italien und Oesterreich entscheiden zu koennen. Triest ist fuer die
Donaumonarchie nicht nur eine ideale Groesse sondern auch ein hoechst realer
Wert. An seinem Besitz haengt auch in der Zukunft ein grosser Teil der
wirtschaftlichen Freiheit des Landes. Triest muss also gerettet werden, und
da es nicht anders moeglich ist, mit deutscher Hilfe.

Gelang es uns, den Verbuendeten durch einen gemeinsamen durchgreifenden
Sieg an seiner Suedwestfront ebensoweit zu entlasten, wie vor kurzem an der
Ostfront, so war nach menschlichem Ermessen Oesterreich-Ungarn jedenfalls
imstande, im Kriege an unserer Seite noch weiter durchzuhalten. Die
schweren Kaempfe an der Isonzofront hatten bisher an der
oesterreichisch-ungarischen Wehrkraft stark gezehrt. Der groesste Teil ihrer
besten Truppen hatte Cadorna gegenueber gestanden und am Isonzo schwer
geblutet. Oesterreichisch-ungarisches Heldentum hatte dabei die menschlich
groessten Triumphe gefeiert. Denn die Verteidigung am Isonzo stand jahrelang
einer mindestens dreifachen italienischen Ueberlegenheit gegenueber, und
zwar in einer Lage, die in ihrem Elend und Schrecken derjenigen unserer
Kampffelder an der Westfront nichts nachgab, ja sie in mancher Beziehung
sogar uebertraf. Auch wollen wir nicht vergessen, welch gewaltige
Anforderungen der Hochgebirgskrieg in Suedtirol an die Verteidigungstruppen
stellte. Reichte doch dieser Krieg an manchen Stellen bis in das Gebiet
des ewigen Eises und Schnees hinauf.

Fuer eine Operation gegen Italien war es der naechstliegende Gedanke:
Vorbrechen aus Suedtirol. Dadurch konnte die Hauptmasse des italienischen
Heeres im grossen Kessel von Venetien der Vernichtung oder Aufloesung
entgegengefuehrt werden. Auf keiner unserer Kriegsfronten bot die
strategische Linienfuehrung gleichguenstige Vorbedingungen fuer einen
gewaltigen Erfolg. Jede andere Operation musste dieser gegenueber fast wie
ein offenkundiger strategischer Fehler erscheinen. Und trotzdem mussten wir
auf ihre Durchfuehrung verzichten!

Bei der Beurteilung dieses Feldzugsplanes duerfen wir den inneren
Zusammenhang zwischen unserem Kampf an der Westfront und dem Krieg gegen
Italien nicht ausser acht lassen. Wir konnten fuer den letzteren in
Ruecksicht auf unsere Lage im Westen nicht mehr als die Haelfte derjenigen
Zahl deutscher Divisionen zur Verfuegung stellen, die Generaloberst von
Conrad fuer einen wirkungsvollen, durchschlagenden Angriff aus Suedtirol
heraus im Winter 1916/17 fuer erforderlich gehalten hatte. Staerkere Kraefte
konnten wir dem Bundesgenossen auch dann nicht zur Verfuegung stellen, wenn
wir, wie es tatsaechlich der Fall war, mit der Wahrscheinlichkeit
rechneten, dass unsere Gegner an der Westfront sich genoetigt sehen wuerden,
bei einer schweren Niederlage ihres Verbuendeten einige Divisionen aus
ihrer grossen Ueberlegenheit nach Italien zu entsenden. Gegen den Plan einer
Operation aus Suedtirol heraus sprach aber auch das Bedenken, dass ein
frueher Winter einbrechen konnte, bevor unser dortiger Aufmarsch beendet
war. Die angefuehrten Gruende zwangen daher dazu, uns mit einem kleineren
Ziele zu begnuegen und zu versuchen, die italienische Front an dem
offenkundig schwachen Nordfluegel der Isonzoarmee zu durchstossen, um dann
gegen den suedlichen Hauptteil des italienischen Heeres einen vernichtenden
Schlag zu fuehren, bevor ihm der Rueckzug hinter den schuetzenden Abschnitt
des Tagliamento gelingen konnte.

Am 24. Oktober begann unser Angriff bei Tolmein. Nur mit Muehe gelang es
Cadorna, den mit Vernichtung bedrohten Suedteil seines Heeres unter
Preisgabe von vielen Tausenden von Gefangenen und Zuruecklassung grosser
Mengen Kriegsgeraets hinter die Piave zu retten. Erst dort gewannen die
Italiener in engerer Vereinigung und gestuetzt durch herbeigeeilte
franzoesische und englische Divisionen wieder Kraft zu neuem Widerstand.
Der linke Fluegel der neuen Front klammerte sich an die letzten Bergruecken
der venezianischen Alpen an. Unser Versuch, diese die oberitalienische
Tiefebene weithin beherrschenden Hoehen noch zu gewinnen und damit den
feindlichen Widerstand auch an der Piavefront zum Zusammenbrechen zu
bringen, scheiterte. Ich musste mich ueberzeugen, dass unsere Kraft zur
Erfuellung dieser Aufgabe nicht mehr ausreichte. Die Operation hatte sich
tot gelaufen. Der zaeheste Wille der an Ort und Stelle befindlichen Fuehrung
wie ihrer Truppen musste vor dieser Tatsache die Waffen sinken lassen.

So sehr ich mich der errungenen Erfolge in Italien freute, so konnte ich
mich doch eines Gefuehles des Unbefriedigtseins nicht voellig entziehen. Der
grosse Sieg war schliesslich doch unvollendet geblieben. Freilich, unsere
praechtigen Soldaten kehrten mit berechtigtem Stolze auch aus diesem
Feldzuge zurueck. Doch die Freude der Soldaten ist nicht immer auch
diejenige ihres Fuehrers.




      Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917



                                Im Westen


Waehrend wir gegen Russland die letzten Schlaege fuehrten und Italien nahezu
an den Rand des kriegerischen Zusammenbruches brachten, setzten England
und Frankreich die Angriffe gegen unsere Westfront fort. Dort lag fuer uns
die groesste Gefahr des ganzen Feldzugsjahres.

Die Flandernschlacht brach Ende Juli los. Trotz der ausserordentlichen
Schwierigkeit, in die dadurch unsere Lage an der Westfront geriet, und
ungeachtet der Gefahr, dass durch groessere englische Erfolge unsere
Operationen auf den uebrigen Kriegsschauplaetzen beeintraechtigt werden
koennten, empfand ich bei Beginn dieser neuen Schlacht eine gewisse
Befriedigung. England machte nochmals die erwartete aeusserste Anstrengung,
einen grossen und entscheidenden Angriff gegen uns zu fuehren, bevor die
Unterstuetzung durch die Vereinigten Staaten irgend wie fuehlbar werden
konnte. Ich glaubte darin die Wirkung unseres Unterseebootkrieges zu
erkennen, durch den England sich veranlasst sah, die Kriegsentscheidung
noch in diesem Jahre und um jedes Opfer zu erzwingen.

Die nun beginnende Flandernschlacht konnte zwar nicht in ihren Ausmassen,
wohl aber in der Zaehigkeit, mit der sie auf englischer Seite durchgekaempft
wurde, und in den Schwierigkeiten, die das Gelaende in erster Linie dem
Verteidiger bot, unseren Kaempfen an der Somme im Jahre 1916 vollwertig an
die Seite gestellt werden. Statt in dem harten Kalkboden des Artois wurde
nunmehr auf der sumpfigen, bruechigen, flandrischen Erde gefochten. Auch
dieses Ringen entartete zu einer der uns ja schon so genau bekannten
Dauerschlachten und gab in seinem Gesamtcharakter eine Hoechststeigerung
der duesteren Kriegsszenen, die einer solchen Schlacht anhaften. Die Kaempfe
hielten uns selbstredend in einer grossen Spannung. Ich darf wohl sagen,
dass wir unter ihrem Drucke das Gefuehl der Siegesfreude ueber unsere Erfolge
in Russland und Italien nur selten unbeeintraechtigt geniessen konnten.

Mit groesster Sehnsucht warteten wir auf den Eintritt der nassen Jahreszeit.
Dann wurden, nach den bisherigen Erfahrungen, weite Flaechen des
flandrischen Landes ungangbar, und selbst auf den festeren Bodenteilen
fuellten sich die frischgeschlagenen Geschosstrichter so rasch mit
Grundwasser, dass der in ihnen Deckung Suchende in kurzer Zeit vor die
Frage gestellt war: "Entweder ertrinken oder diese Hoehlung verlassen!"
Auch dieser Kampf musste dann im Morast ersticken, wenn auch englische
Zaehigkeit ihn endlos ausdehnen zu wollen schien.

Die Schlachtglut verglomm erst im Dezember. So wenig wie an der Somme
erscholl in Flandern Siegesjubel auf seiten einer der abgerungenen
Parteien.

Gegen Abschluss der flandrischen Schlacht entbrannte ploetzlich ein wilder
Kampf in einer bisher verhaeltnismaessig stillen Gegend. Am 20. November
wurden wir bei Cambrai ueberraschend von den Englaendern angegriffen. Sie
trafen dort auf einen zwar technisch sehr stark ausgebauten, aber mit nur
wenigen und kampfverbrauchten Truppen besetzten Teil der
Siegfriedstellung. Mit Hilfe seiner Tanks durchbrach der Gegner unsere
voellig unversehrten, mehrreihigen Hindernisse und Grabenlinien; englische
Kavallerie erschien am Rande der Vorstaedte von Cambrai. Der Durchbruch
unserer Linien schien gegen Jahresschluss also doch noch Tatsache zu
werden. Da gelang es einer vom Osten her eingetroffenen, ziemlich kampf-
und transportmueden deutschen Division, die Katastrophe abzuwenden. Ja, es
glueckte uns nach mehrtaegigen moerderischen Abwehrkaempfen am 30. November,
mit rasch herangefahrenen, einigermassen frischen Kraeften den feindlichen
Einbruch durch Gegenangriff in den Flanken zu fassen und die fruehere Lage
unter sehr schweren Verlusten des Gegners fast voellig wiederherzustellen.
Nicht nur unsere dortige Armeefuehrung, sondern auch die Truppen und unser
Eisenbahnwesen hatten eine der glaenzendsten Leistungen des Krieges
vollbracht.

Der erste groessere Angriff im Westen, seitdem mir die Leitung der deutschen
Operationen uebertragen war, hatte erfolgreich geendet. Ebenso stark und
belebend, wie dieser Erfolg auf unsere Truppen und deren Fuehrer wirkte,
war seine Wirkung auch auf mich persoenlich. Ich empfand es wie eine
Befreiung von einem Druck, der mich in der ununterbrochenen
Verteidigungstaetigkeit auf unserer Westfront belastete. Der Erfolg unseres
Gegenangriffs bedeutete fuer uns aber mehr als blosse Befriedigung. Die
Ueberraschung, durch die er errungen wurde, gab uns gleichzeitig eine Lehre
fuer die Zukunft.

Mit der Schlacht von Cambrai hatte sich die englische Oberste Fuehrung zum
ersten Male freigemacht von ihrer bisherigen, ich darf wohl sagen,
schematischen Kriegfuehrung, unter deren Banne sie bisher gestanden hatte.
Ein hoeherer operativer Geist schien diesmal zu seinem Recht gekommen zu
sein. Die Fesselung unserer Hauptkraefte in Flandern und der franzoesischen
Front gegenueber war zu einem ueberraschenden, grossen Schlag bei Cambrai
ausgenutzt worden. Freilich zeigte sich die untere Fuehrung auf englischer
Seite auch diesmal den Anforderungen und der Gunst der Lage nicht
gewachsen. Sie liess sich durch das Unterlassen der Ausnutzung eines
glaenzenden Anfangserfolges den Sieg aus den Haenden nehmen, und zwar von
Kraeften, die sowohl nach Zahl wie nach Verfassung den ihrigen weit
unterlegen waren. Von diesem Gesichtspunkte aus verdiente der Gegner bei
Cambrai den gruendlichen Rueckschlag. Auch seine Oberste Fuehrung scheint
versaeumt zu haben, die noetigen Mittel zur unbedingten Sicherung der
Durchfuehrung und Ausnutzung des Kampfes bereitzustellen. Starke
Kavalleriemassen hinter den erfolgreichen vordersten Infanteriedivisionen
genuegten auch diesmal nicht, die letzten, wenn auch nur noch schwachen
Widerstaende zu beseitigen, die fuer eine durchgreifende Entscheidung die
freie Bahn in Flanke und Ruecken des Gegners noch sperrten. Die englischen
Reitergeschwader konnten auch in Verbindung mit Panzerwagen der deutschen
Verteidigung gegenueber nicht den Sieg an ihre Standarten heften, fuer den
sie sich schon wiederholt im ritterlichen Reitergeist eingesetzt hatten.

Der englische Angriff bei Cambrai brachte zum ersten Male das Bild eines
grossen Ueberraschungsangriffes mit Panzerwagen. Wir kannten dieses
Kampfmittel schon von der Fruehjahrsoffensive her, in der es uns keinen
besonderen Eindruck gemacht hatte. Die Tatsache jedoch, dass die Tanks
nunmehr derartig technisch vervollkommnet waren, dass sie die meisten
unserer unversehrten Graeben und Hindernisse ueberwanden, verfehlte eine
starke Wirkung auf unsere Truppen nicht. Die Stahlkolosse wirkten weniger
physisch vernichtend durch das Feuer von Maschinengewehren und leichten
Geschuetzen, das aus ihnen spruehte, als moralisch aufreibend durch ihre
verhaeltnismaessige Unverwundbarkeit. Der Infanterist fuehlte sich den
Panzerwaenden gegenueber ziemlich machtlos. Durchbrachen die Maschinen die
Grabenlinien, dann glaubte sich der Verteidiger im Ruecken bedroht und
verliess seine Stellung. Ich bezweifelte dennoch nicht, dass unsere
Soldaten, obwohl sie in der Verteidigung wahrlich schon genug ueber sich
ergehen lassen mussten, sich auch noch mit dieser neuen gegnerischen
Vernichtungswaffe abfinden wuerden, und dass unsere Technik die Mittel zur
Bekaempfung der Tanks bald und in der noetigen handlichen Form liefern
wuerde.

Wie zu erwarten war, sahen die Franzosen den Sommer- und Herbst-Angriffen
ihres englischen Bundesgenossen nicht mit Gewehr bei Fuss zu. Sie griffen
uns in der zweiten Augusthaelfte bei Verdun und am 22. Oktober nordoestlich
von Soissons an. In beiden Faellen entrissen sie unseren dort stehenden
Armeen umfangreiche Stellungsteile und verursachten ihnen bedeutende
Verluste. Im allgemeinen beschraenkte sich die franzoesische Fuehrung aber in
der zweiten Jahreshaelfte auf oertliche Angriffe, wohl gezwungen durch die
moerderischen Verluste, die sie im Fruehjahr erlitten hatte, und die es ihr
nicht raetlich erscheinen liessen, ihre Truppen nochmals gleich schweren
Erschuetterungen auszusetzen.



                              Auf dem Balkan


Angriffe der Gegner gegen die bulgarische Front in Mazedonien waehrend der
letzten Sommermonate 1917 hatten die Lage auf diesem Kriegsschauplatz
nicht zu veraendern vermocht. Sarrail verfolgte anscheinend mit diesen
Unternehmungen keine groesseren Ziele. Er zeigte im Gegenteil eine
merkwuerdige Zurueckhaltung, die auf ein nahezu voelliges Brachlegen seiner
Kraefte fuer die Gesamtlage hinauslief.

Mit zunehmender Sorge sah Bulgarien in dieser Zeit auf die griechische
Mobilmachung. Die Nachrichten, die wir selbst aus Griechenland erhielten,
liessen es zweifelhaft erscheinen, ob es Venizelos gelingen wuerde,
kampfbrauchbare Truppenverbaende zu schaffen. Selbst die sogenannten
venizelistischen Divisionen bildeten lange Zeit nichts anderes als
teilnahmslose Statistengruppen, die sich auf dem mazedonischen
Kriegstheater weit lieber in Heldenrollen wie im Heldenkampfe bewegten.
Der eigentliche und gesunde Kern des Griechenvolkes lehnte dauernd die
Beteiligung an einer innerstaatlichen Politik offenen Treubruches ab. Die
bulgarischen Sorgen beruhten vielleicht auf einer Nachwirkung der
Ereignisse des Jahres 1913.



                                 In Asien


Ich wende mich nun den Ereignissen in der asiatischen Tuerkei zu. Das
Fehlen ihrer Darstellung wuerde ich fuer ein Unrecht gegen den tapferen und
treuen Bundesgenossen halten. Ferner wuerde durch diesen Mangel die
Schilderung des gewaltigen Dramas unvollstaendig werden, dessen Szenerien
sich von den nordischen Meeren bis zu den Ufern des Indischen Ozeans
ausdehnten. Auch hier moechte ich mich weniger mit der Beschreibung der
Vorgaenge als mit der Klarlegung ihrer inneren Zusammenhaenge beschaeftigen.

Die Geistesarbeit unserer Heimstrategen muehte sich nicht nur an
Feldzugsplaenen in Mitteleuropa ab, sondern verlor sich auch manchmal in
den fernen Orient. Die Produkte dieser Bemuehungen gelangten teilweise auch
in meine Haende. Meistens beschraenkte man sich bei solchen schriftlichen
Darlegungen, "um meine kostbare Zeit nicht allzusehr in Anspruch zu
nehmen", auf "allgemeine Richtlinien" und glaubte, das weitere
vertrauensvoll mir ueberlassen zu koennen. Nur mahnte man haeufig zur Eile!
Ein solcher Stratege aus dem Kreise unserer hoffnungsvollen Jugend schrieb
mir eines Tages: "Sie werden sehen, dieser Krieg entscheidet sich bei
Kiliz - also dorthin unsere gesamte Kraft!" Es galt zunaechst diesen Ort zu
suchen. Er wurde innerhalb der gemaessigten Zone, noerdlich von Aleppo,
entdeckt.

Man mag diesen Einfall des jungen Mannes noch so eigenartig finden, es lag
doch ein gutes Teil richtigen strategischen Gefuehls in diesem seinem
Gedanken. Zwar nicht das Schicksal des ganzen Krieges, wohl aber das
Schicksal unseres osmanischen Bundesgenossen waere auf dem kuerzesten Wege
bestimmt worden, wenn England die Entscheidung in dieser Gegend gesucht,
ja vielleicht nur ernstlich versucht haette. Die Herrschaft ueber das Land
suedlich des Taurus war fuer die Tuerkei mit einem Schlage unrettbar
verloren, wenn es den Englaendern gelang, im Golf von Alexandrette zu
landen und in oestlicher Richtung vorzudringen. Damit waere die Lebensader
der ganzen transtaurischen Tuerkei, durch die frisches Blut und andere
Naehrkraft zu den syrischen und mesopotamischen sowie einem Teil der
kaukasischen Armeen floss, durchschnitten worden. Gering genug war ja die
Kraft- und Blutmenge, aber sie genuegte doch lange Zeit, um die osmanischen
Armeen gegen die ungenuegend vorbereiteten, vielfach matt und unsachlich
gefuehrten gegnerischen Operationen und Angriffe zum langandauernden
Standhalten zu befaehigen.

Der Schutz des Golfes von Alexandrette war einer tuerkischen Armee
anvertraut, die kaum einen einzigen gefechtsbrauchbaren Verband aufwies.
Alles, was diese Bezeichnung verdiente, stroemte immer wieder von dort nach
Syrien oder Mesopotamien ab. Auch der artilleristische Kuestenschutz
bestand hier mehr in der orientalischen Phantasie, als in der
kriegerischen Wirklichkeit. Enver Pascha bezeichnete die Lage mir
gegenueber treffend mit den Worten: "Meine einzige Hoffnung ist, dass der
Gegner unsere Schwaeche an dieser gefaehrlichen Stelle nicht bemerkt."

War nun wirklich irgend welche Wahrscheinlichkeit dafuer gegeben, dass diese
ernstliche Schwaeche am Golf von Alexandrette dem Gegner verborgen blieb?
Ich glaubte nicht. Nirgends konnte der gegnerische Nachrichtendienst sich
ungehemmter entwickeln und fand unter dem bunten Voelkergemisch groessere
Unterstuetzung als in Syrien und Kleinasien. Es schien ausgeschlossen, dass
die englische Oberste Kriegsleitung nicht genaue Kenntnis von den
Verhaeltnissen im dortigen Kuestenschutz gehabt haben sollte. England konnte
auch nicht befuerchten, dass es mit einem Vorstoss aus dem Golf von
Alexandrette in ein Wespennest stossen wuerde; das Nest hatte ja keine
Wespen. War also je ein Ausblick auf eine glaenzende strategische Tat
gegeben, so war das hier der Fall. Die Tat wuerde auf der ganzen Welt den
groessten Eindruck gemacht und ihre tiefgreifende Wirkung auf unseren
tuerkischen Bundesgenossen nicht verfehlt haben.

Warum nutzte England diese Gelegenheit nicht aus? Vielleicht lagen die
Seekriegserfahrungen aus dem Dardanellenunternehmen her jetzt noch laehmend
in den englischen Gliedern, vielleicht war die Sorge vor unseren
Unterseebooten zu gross, als dass man sich von feindlicher Seite an ein
solches Unternehmen gewagt haette.

Die Geschichte wird wohl einmal auch diese Fragen klaeren. Ich sage
"vielleicht", denn Voraussetzung ist, dass England sie klaeren laesst. Wir
bekommen wohl etwas Einblick in die ausschlaggebende britische
Gedankenrichtung durch eine freilich schon vor dem Kriege gefallene
Aeusserung eines hohen englischen Seeoffiziers. Dieser gab zur Zeit der
Faschoda-Angelegenheit auf die verwunderte Frage ueber seine vorsichtige
Auffassung von der Rolle der englischen Flotte in mittellaendischen
Gebieten im Falle eines englisch-franzoesischen Krieges die Antwort: "Ich
habe die strikte Weisung, Englands Ruhm von Trafalgar nicht aufs Spiel zu
setzen."

Der Ruhm von Trafalgar ist gross und berechtigt. Es gibt Kleinodien
abstrakter Art, die den kostbarsten Schatz eines Volkes bilden. England
verstand es, sich ein solches Kleinod im Ruhme von Trafalgar zu bewahren
und es seinem Volke und der ganzen Welt staendig im schoensten Lichte vor
die bewundernden Augen zu halten. Im grossen Kriege fiel freilich so
mancher Schatten ueber dieses Kleinod. So beispielsweise an den
Dardanellen, und weitere Schatten folgten waehrend der Kaempfe gegen die
deutsche Seemacht, der staerkste und schwaerzeste im Skagerrak. England wird
uns diese Verdunkelung des Ruhmes von Trafalgar nie verzeihen.

Es verzichtete auf den kuehnen Stoss in das Herz seines osmanischen Gegners
und unterwarf sich weiter der opfervollen und langandauernden Muehe, die
tuerkische Herrschaft suedlich des Taurus durch allmaehliches Zurueckwerfen
der osmanischen Armeen zu Falle zu bringen. Mit der Einnahme von Bagdad
war bei Jahresbeginn ein erster erfolgverheissender grosser Schritt zur
Erreichung dieses Kriegszieles gemacht. Bei Gaza dagegen war der Angriff
im Fruehjahr gescheitert und musste aufs neue vorbereitet werden. Unter dem
bleiernen Druck der Sommersonne waren aber vorerst die weiteren
kriegerischen Bewegungen erlahmt.

Der Verlust von Bagdad war schmerzlich fuer uns und, wie wir annehmen zu
muessen glaubten, noch schmerzlicher fuer die ganze denkende und fuehlende
Tuerkei. Wie viel und wie oft war der Name der frueheren Kalifenstadt im
deutschen Vaterlande genannt, wie viele Phantasien waren mit ihm verknuepft
worden, Phantasien, die man vorteilhafter im stillen gehegt haette, statt
sie geraeuschvoll in die Welt hinauszuschreien nach unpolitischer deutscher
Art.

Die militaerische Gesamtlage wurde durch die Ereignisse in Mesopotamien
nicht weiter beeinflusst, wohl aber war der deutschen Aussenpolitik der
Verlust Bagdads sehr empfindlich. Wir hatten der osmanischen Regierung den
Besitzstand ihres Landes gewaehrleistet und fuehlten nun, dass, trotz aller
weitherzigen Auslegungen dieses Vertrages von seiten unsres
Bundesgenossen, unser politisches Kriegskonto durch diesen neuen, grossen
Verlust sehr belastet wurde.

Enver Paschas Ersuchen um deutsche Mithilfe fuer eine Wiedereroberung
Bagdads fand daher bei uns allenthalben bereitwilligstes Entgegenkommen,
nicht zum mindesten auch deswegen, weil die tuerkische Heeresleitung
jederzeit auf dem europaeischen Kriegsschauplatz hilfsbereit gewesen war.
Die Fuehrung in diesem neuen Feldzuge sollte dem Antrage Envers
entsprechend in deutsche Haende gelegt werden, und zwar nicht aus dem
Grunde, weil deutsche Truppenunterstuetzung in groesserem Massstabe ins Auge
gefasst wurde, sondern weil es dem tuerkischen Vizegeneralissimus notwendig
erschien, das kriegerische Ansehen Deutschlands an die Spitze des
Unternehmens zu stellen. Auch konnte an ein Gelingen des Planes nur
gedacht werden, wenn es moeglich war, die ungeheueren Schwierigkeiten an
den endlos langen rueckwaertigen Verbindungen zu ueberwinden. Eine tuerkische
Fuehrung wuerde an der Erfuellung dieser ersten Voraussetzung gescheitert
sein.

Seine Majestaet der Kaiser beauftragte auf tuerkisches Anfordern den General
von Falkenhayn mit der Fuehrung dieser ausserordentlich schwierigen
Operation. Der General unterrichtete sich im Mai des Jahres 1917 in
Konstantinopel sowie in Mesopotamien und Syrien persoenlich ueber seine
Aufgabe. Die Reise nach Syrien erwies sich als notwendig, weil General von
Falkenhayn unmoeglich auf Bagdad operieren konnte, wenn nicht die Gewaehr
vorhanden war, dass die tuerkische Front in Syrien feststand. Unterlag es
doch keinem Zweifel, dass das Bagdadunternehmen in kurzer Zeit an England
verraten sein wuerde, und dass die Nachricht hiervon einen englischen
Angriff in Syrien herausfordern musste.

General von Falkenhayn gewann den Eindruck, dass die Operation durchfuehrbar
sei. Wir entsprachen daher den von ihm an uns gestellten Anforderungen.
Wir gaben der Tuerkei alle ihre Kampftruppen zurueck, die wir noch zur
Verwendung auf dem europaeischen Kriegsschauplatz stehen hatten. Das
osmanische Korps in Galizien scheidet aus einem deutschen Armeeverbande
aus, als eben Kerenskis Truppen vor unserem Gegenstoss nach Osten weichen.
Es kehrt in seine Heimat zurueck, begleitet von unserem waermsten Dank. Die
Osmanen hatten ihren alten Kriegsruhm in unseren Reihen nochmals bewaehrt
und sich als ein durchaus brauchbares Kampfinstrument in unserer Hand
erwiesen. Ich muss dabei freilich hervorheben, dass Enver Pascha uns die
besten seiner verfuegbaren Truppen fuer die Ostfront und Rumaenien abgegeben
hatte. Die Beschaffenheit dieser Korps durfte also nicht als Massstab fuer
die Guete und Verwendbarkeit des gesamten tuerkischen Heeres genommen
werden. Die hingebende Arbeit, mit der sich unser Armee-Oberkommando in
Galizien der Erziehung und Ausbildung, ganz besonders aber auch der
Verpflegung und der gesundheitlichen Fuersorge seiner osmanischen Truppen
widmete, hatte ihre reichsten Fruechte getragen. Wie viele dieser rauhen
Naturkinder fanden Kameradschaft und Naechstenliebe zum ersten und wohl
auch zum letzten Male unter unserer Obhut.

Ich hatte gehofft, dass die heimkehrenden tuerkischen Verbaende einen
besonders wertvollen Bestandteil der Expeditionsarmee gegen Bagdad bilden
wuerden. Leider ging diese Erwartung nicht in Erfuellung. Die Truppen waren
kaum unserem Einfluss entrueckt, als sie auch schon wieder zerfielen, ein
Zeichen dafuer, wie wenig tiefgreifend unser Beispiel auf die tuerkischen
Offiziere gewirkt hat. Nur einzelne unter diesen machten der grossen Masse
mangelhaft geschulter und wenig brauchbarer Elemente gegenueber eine
besondere, manchmal allerdings ueberraschend glaenzende Ausnahme. Das
osmanische Heer haette eines voelligen Neubaues bedurft, um wirklich zu
Leistungen befaehigt zu sein, die den grossen Opfern des Landes entsprachen.
Der Nachteil der jetzigen Zustaende zeigte sich besonders in einem
ungeheuren Menschenverbrauch. Es war die gleiche Erscheinung, wie sie bei
jeder fuer den Krieg ungenuegend vorbereiteten und mangelhaft erzogenen
Armee eintritt. Eine gruendliche kriegerische Vorbildung des Heeres spart
dem Vaterlande im Ernstfall Menschenkraefte. Welch einen ungeheueren Umfang
der Verbrauch an solchen in der Tuerkei im Verlauf des Krieges angenommen
hatte, duerfte aus einer mir zugekommenen Nachricht hervorgehen, wonach in
einzelnen Bezirken von Anatolien die Doerfer von jeder maennlichen
Einwohnerschaft zwischen dem Knaben- und dem Greisenalter entbloesst waren.
Das wird begreiflich, wenn man hoert, dass die Verteidigung der Dardanellen
den Tuerken etwa 200.000 Menschenleben gekostet hatte. Wieviel hiervon dem
Hunger und den Krankheiten erlagen, ist nicht bekannt geworden.

Die deutsche Unterstuetzung fuer das Bagdadunternehmen bestand, abgesehen
von einer Anzahl Offizieren fuer besondere Verwendung, aus dem sogenannten
Asienkorps. Man hat sich darueber in unserem Vaterlande aufregen zu muessen
geglaubt, dass wir den Tuerken ein ganzes Korps fuer so fernliegende Zwecke
zur Verfuegung stellten, anstatt diese kostbaren Kraefte in Mitteleuropa zu
verwerten. Das Korps bestand aber nur aus drei Infanteriebataillonen und
etlichen Batterien. Die Bezeichnung war zur Taeuschung des Gegners gewaehlt;
ob diese Taeuschung wirklich gelang, ist uns nicht sicher bekannt geworden.
Bei solchen Unterstuetzungen handelte es sich weit weniger um zahlenmaessige
Verstaerkungen unserer Bundesgenossen, wie darum, ihnen sittliche und
geistige Kraefte, das heisst Willen und Wissen zuzufuehren. Der eigentliche
Sinn unserer Hilfe wird treffend gekennzeichnet durch ein Wort des Zaren
Ferdinand, als er uns noch vor den Herbstkaempfen des Jahres 1916 in
Mazedonien vor dem Wegziehen aller deutschen Truppen aus der bulgarischen
Front warnte: "Meine Bulgaren wollen Pickelhauben sehen, dieser Anblick
gibt ihnen Vertrauen und Rueckhalt. Alles andere haben sie selbst." Auch
hier wurde also die Erfahrung bestaetigt, die Scharnhorst einmal in die
Worte fasste, dass der staerkere Wille des Gebildeten unendlich wichtiger fuer
das Ganze sei, als die rohe Kraft.

Die Operation gegen Bagdad kam nicht zur Durchfuehrung. Schon in den
letzten Sommermonaten zeigte sich, dass der Englaender alle Vorbereitungen
zu Ende gefuehrt hatte, um die tuerkische Armee bei Gaza noch vor Eintritt
der nassen Jahreszeit anzugreifen. General von Falkenhayn, der dauernd im
Orient weilte, gewann immer mehr den Eindruck, dass die syrische Front
diesem englischen Ansturm, der mit zweifellos grosser Ueberlegenheit gefuehrt
werden wuerde, nicht gewachsen sei. Tuerkische Divisionen, die zur
Unternehmung gegen Bagdad bestimmt waren, mussten nach Sueden abgezweigt
werden. Damit entfiel die Moeglichkeit einer erfolgreichen Operation in
Richtung Mesopotamien. Im Einvernehmen mit Enver Pascha gab ich daher
meine Zustimmung, dass alle verfuegbaren Kraefte nach Syrien gefuehrt wuerden,
damit wir dort selbst womoeglich noch vor den Englaendern zum Angriff
uebergehen koennten. Die deutsche Fuehrung hoffte den bestehenden Bahnbetrieb
und die Verwaltung in den tuerkischen Gebieten so sehr verbessern zu
koennen, dass eine wesentlich erhoehte Truppenzahl auf diesem
Kriegsschauplatz ernaehrt und mit allem notwendigen Kriegsbedarf versehen
werden koennte.

Infolge von Reibungen politischer wie militaerischer Art gingen fuer General
von Falkenhayn kostbare Wochen verloren. Es gelang dem Englaender Anfang
November, den Tuerken im Angriff bei Berseba und Gaza zuvorzukommen. Die
osmanischen Armeen wurden nach Norden geworfen; Jerusalem ging Anfang
Dezember verloren. Erst von Mitte dieses Monats ab kam wieder mehr Halt in
die tuerkischen Linien noerdlich Jaffa-Jerusalem-Jericho.

Wenn wir befuerchtet hatten, dass diese tuerkischen Niederlagen, ganz
besonders aber der Verlust von Jerusalem, bedenkliche politische Wirkungen
auf die Stellung der jetzigen Machthaber in Konstantinopel ausueben wuerden,
so trat hiervon, wenigstens aeusserlich, nichts in die Erscheinung; eine
merkwuerdige Gleichgueltigkeit zeigte sich an Stelle der gefuerchteten
Erregung.

Fuer mich bestand kein Zweifel, dass die Tuerkei niemals wieder in den Besitz
von Jerusalem und der dortigen heiligen Staetten kommen koennte. Auch am
Goldenen Horn teilte man stillschweigend diese Ansicht. Staerker als vorher
wandte sich nunmehr die osmanische Sehnsucht, Entschaedigung fuer die
verlorenen Reichsteile suchend, anderen Gebieten Asiens zu. Vom
militaerischen Gesichtspunkte aus leider zu fruehzeitig!



   Ein Blick auf die inneren Zustaende von Staaten und Voelkern Ende 1917


Man befuerchte nicht, dass ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik
bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstuerze. Ich kann aber
die folgenden Ausfuehrungen, wenn ich das Bild, das ich geben moechte, nicht
allzu lueckenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich, wer wird die
Zeit, von der ich schreibe, jemals lueckenlos darzustellen vermoegen? Es
werden immer wieder neue Fragen nach dem "Warum?" und nach dem "Wie?"
auftauchen. Luecken werden bleiben, da so mancher Mund, den man jetzt schon
zur Auskunft dringend benoetigte, fuer immer still geworden ist. Ich kann
auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild, sondern nur Striche hier und
Striche dort geben, mehr fuer eine Charakterzeichnung als fuer ein
vollendetes Gemaelde. Scheinbar willkuerlich setze ich an, wenn ich mich
zunaechst dem Orient zuwende.

"Die Tuerkei ist eine Null", so kann man in einem Aktenstueck aus der
Vorkriegszeit lesen, in einem deutschen, also keinem gegen die Tuerkei
politisch gehaessigen Aktenstueck. Eine eigenartige Null, durch die die
Dardanellen verteidigt wurden, die Kut-el-Amara gewann, gegen Aegypten zog,
den russischen Angriff im armenischen Hochland zum Halten brachte! Eine
fuer uns wertvolle Null, die, wie ich schon sagte, jetzt hunderttausende
feindlicher Truppen auf sich zieht, Kerntruppen, die an den tuerkischen
Grenzlaendern nagen, auch wohl dort eindringen, aber ohne den Hauptkoerper
verschlingen zu koennen!

Was gibt wohl dieser Null die innere Staerke? Selbst fuer den, der in diesen
Zeiten, ja schon lange vorher, in dem Lande der Osmanen lebte, ein Raetsel!
Stumpf und gleichgueltig erscheint die grosse Masse, selbstsuechtig und
unempfindlich gegen hoeheres voelkisches Empfinden ein grosser Teil hoher
Kreise. Der ganze Staat wird anscheinend nur aus Voelkerschaften gebildet,
die durch tiefgehende Spalten getrennt, kein gemeinsames Innenleben haben.
Und doch besteht dieser Staat und zeigt staatliche Kraefte. Die Macht
Konstantinopels scheint am Taurus ihre Grenze zu haben; ueber Kleinasien
hinaus herrscht kein wirklicher tuerkischer Einfluss, und trotzdem stehen
immer noch tuerkische Armeen in dem weit entlegenen Mesopotamien und
Syrien. Der Araber dort hasst den Tuerken, der Tuerke den Araber. Und doch
schlagen sich arabische Bataillone immer noch unter tuerkischen Fahnen und
laufen nicht in Massen zum Feinde ueber, der ihnen nicht nur goldene Berge
verspricht sondern wirkliches, bei den Arabern so beliebtes Gold
reichlichst spendet. In dem Ruecken der englisch-indischen Armee, die in
Mesopotamien, wie man meinte, den von den Tuerken geknechteten und
ausgepressten arabischen Staemmen die ersehnte Erloesung brachte, erheben
sich diese Erloesten und wenden sich gegen ihre angeblichen Befreier. Es
muss also doch eine Macht vorhanden sein, die hier vereinend wirkt, und
zwar nicht nur eine zusammenpressende Not von aussen, nicht nur ein
politisches Zusammenleben, ein Gemeinschaftsgefuehl im Innern. Auch die
Gewalt der tuerkischen Machthaber kann diese bindende Kraft nicht
ausschliesslich liefern. Die Araber koennten sich ja dieser Gewalt
entziehen, sie brauchten nur die Schuetzengraeben mit erhobenen Armen
feindwaerts zu verlassen, oder im Ruecken der tuerkischen Armeen sich zu
erheben. Und doch tun sie es nicht. Ist es der Glaube, der Rest eines
alten Glaubens, der hier verbindend wirkt? Man behauptet es mit guten
Gruenden und bestreitet es mit ebensolchen. Hier sind unserem Verstaendnis
der osmanischen Psyche die Grenzen gesteckt; wir muessen den Streit der
Meinungen ungeloest lassen.

So ganz lebensunfaehig kann der Staat trotz schwerster Gebrechen also nicht
sein. Man hoert auch von vortrefflichen Beamten, die neben den
pflichtvergessenen Gegenteilen im Amte sind und sich als Maenner mit grossen
Plaenen und grosser Tatkraft erweisen. Einen davon lernte ich in Kreuznach
kennen. Es war Ismail Hakki, ein Mann mit manchen Schattenseiten seines
Volkes und doch ein geistvoller, fruchtbarer Verstand. Schade, dass er
nicht einem Boden mit gesuenderen Kraeften entwuchs. Man sagte, er schriebe
nichts, beherrsche alles mit seinem Kopfe, und dabei sorgte er fuer
tausenderlei, dachte weit ueber den Krieg hinaus nationale, schoene
Gedanken! Was ihn damals am meisten beschaeftigte, worin gleichzeitig seine
groesste Macht lag, das war die Versorgung des Heeres und von
Konstantinopel. Haette man Ismail Hakki entfernt, so haette die tuerkische
Armee Mangel an allem gelitten; sie haette noch mehr entbehrt, als sie es
teilweise schon musste, und Konstantinopel waere vielleicht verhungert. Fast
das ganze Land befand sich ja in einem Hungerzustand, nicht weil es an
Lebensmitteln mangelte, sondern weil die Landesverwaltung und die
Verbindungen nicht funktionierten, weil nirgends ein Ausgleich zwischen
Bestand und Bedarf geschaffen werden konnte. Wovon und wie die Menschen
der groesseren Staedte lebten, wusste niemand. Konstantinopel versorgten wir
mit Brot, schafften Getreide aus der Dobrudscha und Rumaenien hin und
halfen trotz der eigenen Not. Freilich wuerde das, was wir fuer
Konstantinopel geliefert haben, unsern Millionen von Magen nicht viel
geholfen haben. Haetten wir die Lieferungen verweigert, so haetten wir die
Tuerkei verloren. Denn ein verhungerndes Konstantinopel wuerde revoltieren,
trotz aller Gewaltherrschaft. Ist dort wirklich Gewaltherrschaft? Ich
sprach schon vom Komitee; es sind aber dort auch andere Einfluesse gegen
die starken Maenner taetig, Einfluesse des politischen, vielleicht auch
geschaeftlichen Hasses, durch welche Parteiungen geschaffen werden. Starke
Stroemungen bewegen sich unter der scheinbar ruhigen Oberflaeche; ihre
Strudel werden manchmal oben sichtbar, wenn sie versuchen, die jetzigen
fuehrenden Maenner in die Tiefe zu ziehen.

Das Heer leidet auch unter diesen Stroemungen. Die Heeresleitung muss ihnen,
wie ich schon frueher andeutete, Rechnung tragen, muss manchmal nachgiebig
gegen sie sein, nicht zum Vorteil des Ganzen. Sonst wuerde das Heer, das an
seiner zahlenmaessigen Staerke immer reissender abnimmt, auch innerlich
aufgeloest werden. Der Mangel und die Not zersetzt teilweise die Truppe. An
ihren Bestaenden zehrt aber auch die Endlosigkeit des jetzigen Krieges, der
mit frueheren Feldzuegen, im Yemen und auf dem Balkan, sich fuer so viele
tuerkische Soldaten zu einem grossen ununterbrochenen Ganzen verbunden hat.
Die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind - auch der Islam kennt
diese Sehnsucht - treibt Tausende der Soldaten zur Fahnenflucht. Von den
vollen Divisionen, die in Haidar-Pascha auf die Bahn gesetzt werden,
kommen nur Bruchteile bis Syrien oder Mesopotamien. Man mag darueber
streiten, ob die Zahl tuerkischer Fahnenfluechtiger in Kleinasien 300.000
oder 500.000 betraegt. Jedenfalls ist sie nahezu so gross, wie die
Kampftruppen aller tuerkischen Armeen zusammen. Kein schoenes Bild und doch
- die Tuerkei haelt noch immer stand und erfuellt ihre Treuepflicht ohne
einen Ton der Klage oder des Wankelmutes nach bestem Koennen!

Auch in Bulgarien herrscht Not. Not an Lebensmitteln in dem Lande, das
sonst Ueberfluss hat! Die Ernte war maessig, aber sie koennte reichen, wenn das
Land wie unsere Heimat verwaltet wuerde, wenn auch hier Ausgleich
geschaffen werden koennte zwischen Gegenden des Ueberflusses und solchen des
Mangels. Ein Bulgare antwortet uns auf diesbezuegliche Anregungen: "Wir
verstehen solches nicht!" Eine einfache Entschuldigung, nein eigentlich
eine Selbstanklage. Man legt die Haende in den Schoss, weil man nicht
gelernt hat, sie zu ruehren. Wir wissen ja, dass Bulgarien beim Uebergang aus
tuerkischem Sklaventum zur voelligen innenstaatlichen Freiheit einer
erziehenden, straff organisierenden Hand entbehrte. Es hatte, man lasse
mich als Preussen sprechen, keinen Koenig Friedrich Wilhelm I., der die
eisernen Traeger schuf, auf denen unser Staatswesen so lange und so sicher
ruhte. Bulgarien kennt keine gute Verwaltung, es kennt aber dafuer viele
Parteien. Mit Schaerfe wendet sich deren Mehrzahl gegen die Regierung,
nicht wegen deren Aussenpolitik, denn diese verspricht eine grosse Zukunft,
voelkische Einheit und staatliche Vormacht auf dem Balkan; wohl aber tobt
der Kampf wegen innerer Fragen um so ruecksichtsloser. Kein Mittel, auch
das gefaehrlichste nicht, wird hierbei verachtet. Man vergreift sich an den
Bundesgenossen und an dem eigenen Heere. Ein gefaehrliches Spiel! Die
Dobrudschafrage bildet ununterbrochen ein beliebtes Mittel hetzerischen
Parteigetriebes. Die Regierung hat gefaehrliche Geister beschworen, um auf
die Tuerkei und uns einen Druck auszuueben, und wird diese Geister, die
alles zu zersetzen drohen, die aus Parteizwecken den Hass gegen die
Verbuendeten und ihre Vertreter predigen, nicht mehr los. Da scheint es uns
im Herbste 1917 das beste, in dieser Dobrudschafrage vorlaeufig nachzugeben
und ihre endgueltige Loesung dem Ausgang des Krieges zu ueberlassen. Ein
Rueckzug unsererseits aus Vernunft, nicht aus Ueberzeugung. Auffallend ist
es, dass sofort nach unserem Nachgeben in Bulgarien das Interesse an dieser
Angelegenheit schwindet. Das Wort Dobrudscha hat im Parteikampfe nunmehr
seine agitatorische Kraft verloren. So endet dieser wenigstens unblutige
Kampf mit uns, aber derjenige um die Macht zwischen den politischen
Parteien haelt an und treibt ruecksichtslos seine Keile selbst in das Gefuege
des Heeres, und zwar tiefer als nur je im Frieden.

Die Truppe zeigt sich fuer diese zersetzende Taetigkeit zugaenglich, denn sie
ist schlecht versorgt, ja sie beginnt geradezu Mangel zu leiden. Das
Fehlen organisatorischer Taetigkeit und Faehigkeit zeigt sich auch hier an
allen Ecken und Enden. Wir machen Vorschlaege zu durchgreifenden
Verbesserungen. Die Bulgaren erkennen diese Vorschlaege als
zweckentsprechend an, aber sie haben nicht die Kraft, scheuen auch die
Muehe, sie zu verwirklichen. Man beschraenkt sich darauf, an dem Deutschen
herum zu noergeln, der im Lande sitzt - freilich in einem gemeinsam
eroberten Lande -, der vertragsmaessig ernaehrt werden soll, weil er an der
mazedonischen Grenze kaempft, nicht zum Schutze der deutschen, sondern in
erster Linie der bulgarischen Heimat. Der Deutsche soll sich, nach
bulgarischer Meinung, nur selbst ernaehren, und er tut es denn um des
lieben Friedens willen auch, fuehrt Vieh, ja sogar Heu aus der Heimat bis
nach Mazedonien herunter. Die dauernden Zwistigkeiten zeigen sich freilich
nicht bei den kaempfenden Truppen, denn dort schaetzt man sich, wohl aber in
dem Rueckengebiet der gemeinsamen Front. Um diese Zwistigkeiten
einzuschraenken, schlagen wir den Austausch unserer deutschen Truppen aus
Mazedonien mit bulgarischen Divisionen vor, die noch in Rumaenien stehen.
Wir bieten damit den Bulgaren doppelten, ja dreifachen zahlenmaessigen
Ersatz, doch sofort erhebt sich ein grosser Laerm in Sofia ueber Mangel an
Bundestreue. Wir beschraenken uns daher auf das Wegziehen nur geringer
deutscher Kraefte und uebernehmen die bisherigen Stellungen der bulgarischen
Divisionen in Rumaenien mit etlichen unserer Bataillone. So verlassen die
bulgarischen Divisionen das noerdliche Donauufer, auf das sie seiner Zeit
fast widerwillig hinuebergegangen waren.

Auch das bulgarische Bild ist also nicht ungetruebt. Aber wir koennen auf
weitere Buendnistreue rechnen, wenigstens solange wir die grossen
politischen Ansprueche Bulgariens erfuellen koennen und wollen. Als dann aber
im Sommer des Jahres 1917 infolge von deutschen Presseaeusserungen und
deutschen parlamentarischen Reden sowohl in Sofia als bei den bulgarischen
Armeen Zweifel darueber entstehen, ob wir unseren Versprechungen auch
wirklich noch nachkommen wollen, da horcht man besorgt auf und, was
schlimmer ist, man wird misstrauisch gegen uns. Die Parteien fordern jetzt
verstaerkt die Abdankung Radoslawows. Seine Aussenpolitik wird als grosszuegig
anerkannt, alle stimmen ihr auch jetzt noch zu, aber er scheint nicht mehr
der Mann zu sein, sie den Bundesgenossen gegenueber durchzusetzen. Seine
Innenpolitik ist zudem vielfach verhasst. Neue Maenner sollen ans Ruder
kommen, die alten sitzen nach bulgarischem Urteil schon zu lange an der
Krippe des Staates. Man meint, sie koennten sich gesaettigt haben. Alles
soll aus der Regierung scheiden, was mit Radoslawow zusammenhaengt, vom
hoechsten Beamten bis zum Dorfschulzen, so fordert es das parlamentarische,
das sogenannte freie System. Das soll jetzt geschehen, jetzt mitten im
Kriege!

Ueber Oesterreich-Ungarn habe ich nur wenig zu sagen. Die Schwierigkeiten im
Innern des Landes sind nicht geringer geworden. Ich habe schon darueber
gesprochen, dass die versuchte Versoehnung der staatszersetzenden
tschechischen Elemente auf dem Wege der Milde vollstaendig scheiterte. Nun
wird versucht, durch verstaerktes Vorschieben kirchlicher Macht und
kirchlichen Einflusses, durch Zurschautragen religioeser Gefuehle ein
einigendes Band um die auseinanderstrebenden Teile des Reiches oder
wenigstens um seine einflussreichsten Kreise zu legen. Auch dieser Versuch
bleibt ohne das erhoffte Ergebnis. Er bringt vielmehr weitere Spaltungen
und erregt Misstrauen auch da, wo bisher noch Hingebung vorherrschte. Die
gegenseitige Abneigung der Voelkerschaften wird durch die Verschiedenheiten
in der Lebensmittelversorgung verschaerft. Wien hungert, waehrend Budapest
genuegend Nahrung hat. Der Deutsch-Boehme stirbt fast den Erschoepfungstod,
waehrend der Tscheche kaum etwas entbehrt. Zum Unglueck ist die Ernte
teilweise missraten. Dies verstaerkt die innere Krisis und wird sie noch
mehr verstaerken. Es fehlt in Oesterreich-Ungarn nicht, wie in der Tuerkei,
an den technischen Mitteln eines Ausgleiches zwischen Ueberschuss- und
Bedarfsgebieten. Aber es fehlt am einheitlichen Willen, an einer sich
durchsetzenden staatlichen Macht. So hat das alte Uebel der inneren
politischen Gegensaetze mit all seinen vernichtenden Folgen sich auch auf
das Gebiet der einfachen Lebenserhaltung uebertragen. Kein Wunder, dass die
Friedenssehnsucht waechst, und dass das Vertrauen auf den Ausgang des
Krieges abnimmt. Der russische Zusammenbruch wirkt daher mehr zersetzend
als staerkend. Das Verschwinden der Gefahr von dieser Seite scheint die
Gemueter nicht zu heben, sondern sie gleichgueltiger zu machen. Selbst der
Sieg in Italien ist ein Jubel nur fuer einzelne Teile und Kreise der
Voelker. Der Stolz durchdringt nicht mehr die Masse, die zum Teil und
zeitweise wirklich hungert. Gar vieles, was man vor dem Tode des alten
Kaisers noch hochhielt, hat seine sittliche Bedeutung verloren. Von
Tausenden tschechischer und anderer Hetzer wird die staatliche Ehre mehr
wie je mit Fuessen getreten. Wahrlich es haette staerkerer Nerven bedurft, als
an den Regierungsstellen vorhanden waren, um dem Drucke der Massen, die
teilweise den Frieden um jeden Preis verlangen, noch laenger Widerstand zu
leisten.

Und nun zu unserer eigenen Heimat:

Inmitten der Kampfzeiten, von denen ich weiter vorn gesprochen habe,
vollziehen sich in unserem Vaterlande tiefgehende und folgenschwere
Aenderungen des innerpolitischen Zustandes. Die Krisis wird bezeichnet
durch den Ruecktritt des Reichskanzlers von Bethmann. Wenn ich anfaenglich
angenommen hatte, dass sich unsere Auffassungen ueber die durch den Krieg
geschaffene Lage deckten, so musste ich mit der Zeit zu meinem Bedauern
immer mehr erkennen, dass dies nicht der Fall sei. Mir war die Leitung des
Krieges uebertragen, und fuer ihn bedurfte ich aller Kraefte des Vaterlandes.
Diese in einer Zeit groesster aeusserer Spannung durch innere Kaempfe zu
zersplittern, anstatt sie zusammenzufassen und immer wieder emporzureissen,
musste zu einer Schwaechung unserer politischen und militaerischen Stosskraft
fuehren. Aus diesem Gesichtspunkt heraus konnte ich es nicht verantworten,
still zu bleiben, wenn ich sah, dass die Einheitlichkeit, die wir an der
Front noetig hatten, in der Heimat zersetzt wurde. In der Ueberzeugung, dass
wir in dieser Richtung unsern Feinden gegenueber mehr und mehr ins
Hintertreffen gerieten, dass wir den entgegengesetzten Weg gingen wie
diese, sah ich mich leider zu unserer Reichsleitung bald in einem
Gegensatz. Die gemeinsame Arbeit litt. Ich hielt es daher fuer meine
Pflicht, meinem Allerhoechsten Kriegsherrn im Juli mein Abschiedsgesuch
einzureichen, so schwer mir als Soldat dieser Schritt wurde. Das Gesuch
wurde von Seiner Majestaet nicht bewilligt. Auch der Kanzler hatte
gleichzeitig infolge einer Erklaerung der Parteifuehrer des Reichstages
seine Entlassung erbeten; sie wurde genehmigt.

Die nunmehr aeusserlich zutage tretenden Folgen dieses Ruecktrittes waren
bedenklich. Der bisher nach aussen hin aufrechterhaltene Schein des
politischen Burgfriedens zwischen den Parteien hoerte auf. Es bildete sich
eine Mehrheitspartei mit dem ausgesprochenen Anschluss nach links. Die
Versaeumnisse, die angeblich in frueheren Zeiten in der Weiterentwicklung
unserer innerstaatlichen Verhaeltnisse begangen waren, wurden nunmehr im
Kriege und unter dem Druck einer politisch ungeheuer schwierigen aeusseren
Lage des Vaterlandes dazu benutzt, um der Regierung immer weitere
Zugestaendnisse zugunsten einer sogenannten parlamentarischen Entwicklung
zu erpressen. Wir mussten auf diesem Wege an innerer Festigkeit verlieren.
Die Zuegel der Staatsleitung gerieten allmaehlich in die Haende extremer
Parteien.

Zum Nachfolger Bethmann Hollwegs wurde Dr. Michaelis ernannt. Zu ihm trat
ich in kurzer Zeit in ein vertrauensvolles Verhaeltnis. Er war unverzagt an
sein schweres Amt herangetreten. Seine Amtsfuehrung war nur kurz; die
Verhaeltnisse sollten sich staerker erweisen als sein guter Wille.

Die eingetretene parlamentarische Zerrissenheit wurde nicht wieder
gebessert. Immer mehr draengte die Mehrheit nach links und stellte sich,
trotz mancher schoener Worte, in ihren Taten vor die Elemente, die die
bisherige Staatsordnung aufloesen wollten. Immer schaerfer zeigte es sich,
dass die Heimat den wahren Ernst unserer Lage im Streit um Parteiinteressen
und Parteidogmata vergass oder diesen Ernst nicht mehr sehen wollte.
Darueber jubelten unsere Gegner ganz offen und verstanden es, diese
Parteiungen zu schueren.

Bei dieser Sachlage suchte man nach einem Reichskanzler, der in erster
Linie imstande war, dank seiner parlamentarischen Vergangenheit einigend
auf die zerfahrenen Parteiverhaeltnisse zu wirken. Die Wahl fiel auf den
Grafen Hertling. Er war mir als Begleiter des Koenigs von Bayern schon in
Pless bekannt geworden. Ich erinnere mich noch gern der Herzlichkeit, mit
der er mir damals seine Glueckwuensche zu der eben durch Seine Majestaet den
Kaiser vollzogenen Verleihung des Grosskreuzes des Eisernen Kreuzes
aussprach. Es lag fuer mich etwas Ergreifendes und zugleich Ermunterndes in
der Beobachtung, mit welcher Freudigkeit der alte Mann jetzt seine letzten
Lebenskraefte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Sein felsenfestes
Vertrauen auf unsere Sache, seine Hoffnung auf unsere Zukunft ueberdauerte
die schwersten Lagen. Er behandelte die parlamentarischen Parteien mit
Geschick, vermochte aber dem Ernst der Lage gegenueber nicht mehr
durchgreifend genug zu wirken. Im Verkehr mit der Obersten Heeresleitung
blieb leider ein wohl von frueher uebernommenes Misstrauen bestehen, das ab
und zu das Zusammenarbeiten erschwerte. Meine Verehrung fuer den Grafen
wurde dadurch nicht beeintraechtigt. Er starb bekanntlich, kurz nachdem er
sein dornenvolles Amt niedergelegt hatte.

Auch abgesehen von den eben beruehrten Missstaenden ist in der Heimat am Ende
des Jahres 1917 nicht alles erfreulich. Man kann es auch nicht verlangen.
Denn der Krieg und die Entbehrungen lasten schwer auf vielen Teilen des
Volkes und greifen an seine Stimmung. Ein jahrelang ungesaettigter oder
mindestens nicht befriedigter Magen erschwert einen hoeheren Schwung,
drueckt die Menschen zur Gleichgueltigkeit herab. Die grosse Menge denkt auch
bei uns bei koerperlich ungenuegender Ernaehrung nicht viel besser als
anderswo, wenn auch die staatliche Kraft und die sittlichen Werte des
Volkes unser ganzes Leben kraeftiger durchsetzen. Dieses Leben muss aber
unter solchen Verhaeltnissen leiden, besonders, wenn es keine neuen
geistigen und seelischen Anregungen mehr erhaelt. An einer solchen Belebung
fehlt es aber auch bei uns. Man stoesst in Kreisen, in denen man sonst
anderes denken gewohnt war, auf die gefaehrliche Ansicht, dass gegen die
Gleichgueltigkeit der Massen nichts mehr zu machen sei. Die Verfechter
dieser Anschauung legen die Haende in den Schoss und lassen den Dingen ihren
Lauf. Sie sehen zu, wie Parteien die Ermattung des Volkes als fruchtbaren
Boden fuer ihre die staatliche Ordnung aufloesenden Ideen ausnuetzen und eine
verderbliche Saat ausstreuen, die weiter und weiter wuchert, weil sich
keine Haende finden, das Unkraut auszureissen.

Die Gleichgueltigkeit wirkt wie Untaetigkeit. Sie durchsaeuert den Boden fuer
Unzufriedenheit. Diese aber steckt an, nicht nur die Bevoelkerung der
Heimat sondern auch den Soldaten, der dorthin zurueckkehrt.

Der Soldat, der aus dem Felde kommend die Heimat wiedersieht, kann auf sie
belebend und erhebend wirken. Und das taten die meisten. Aber er kann auch
niederdrueckend wirken, und auch das taten leider so manche, selbstredend
nicht die Besten aus unseren Reihen. Diese wollten vom Kriege nichts mehr
wissen; sie wirkten schlimmes auf dem schon verdorbenen Boden, nahmen aus
diesem noch schlimmeres in sich auf und trugen die heimatliche Zersetzung
hinaus ins Feld.

Es ist viel Unerfreuliches in diesen Bildern. Nicht alles hiervon ist eine
Folge des Krieges oder brauchte wenigstens eine Folge des Krieges zu sein.
Aber der Krieg erhebt nicht nur, er loest auch auf. Und dieser Krieg tat
dies mehr, wie jeder fruehere; er verdarb nicht nur die Koerper, sondern
auch die Seelen.

Auch der Gegner sorgt fuer diese Zersetzung. Nicht bloss durch seine
Blockade und den dadurch hervorgerufenen Halbhunger sondern auch noch
durch ein anderes Mittel, das man "Propaganda im feindlichen Lager"
nannte. Es ist das ein neues Kampfmittel, das die Vergangenheit wenigstens
in solcher Groesse und in solch ruecksichtsloser Anwendung nicht kannte. Der
Gegner benutzte es in Deutschland wie in der Tuerkei, in Oesterreich-Ungarn
wie in Bulgarien. Der Regen verhetzender Flugblaetter faellt nicht nur
hinter unseren Fronten in Ost und West, sondern auch hinter den tuerkischen
im Irak und in Syrien herab.

Als "Aufklaerung des Gegners" bezeichnete man diese Art von Propaganda.
"Verschleierung der Wahrheit" sollte man sie nennen, ja noch schlimmer als
das, "Vergiftung der Seelen des Feindes". Sie entspringt einer Auffassung,
die nicht die Kraft in sich fuehlt, den Gegner im offenen, ehrlichen Kampfe
zu ueberwinden und seine moralische Kraft nur durch Siege des tapfer
gefuehrten Schwertes niederzuzwingen.

Schliesslich noch der Versuch eines Blickes in das Innere der uns
feindlichen Staaten:

Ich sage absichtlich "Versuch", denn nur um einen solchen konnte es sich
fuer uns waehrend des Kriegszustandes handeln. Wir waren naemlich nicht nur
blockiert in unserem wirtschaftlichen Verkehr sondern auch in all den
anderen Beziehungen zum Auslande. Daran aenderte unsere teilweise
Angrenzung an neutrale Nachbarstaaten nur wenig. Unser Agentendienst
lieferte nur ganz klaegliche Ergebnisse. Im Kampfe zwischen uns und unsern
Gegnern unterlag auf diesem Gebiete auch das deutsche Gold!

Wir wussten, dass jenseits der kaempfenden Westfront eine Regierung sitzt,
die persoenlich von Hass- und Rachegedanken erfuellt, das Innerste ihres
Volkes ununterbrochen aufpeitscht. Es klingt wie ein "Wehe dem bisherigen
Sieger", wenn die Stimme Clemenceaus erschallt. Frankreich blutet aus
tausend Wunden. Wuerden wir es nicht wissen, so koennten wir es den offenen
Erklaerungen seines Diktators entnehmen. Aber Frankreich wird
weiterkaempfen. Kein Wort, kein Gedanke von Nachgiebigkeit! Wo Risse in dem
wie mit eisernen Ketten zusammengefassten Staatsgefuege erscheinen, da
greift die Regierung mit ruecksichtslosester Gewalt zusammenpressend ein.
Und der Zweck wird erreicht. Mag das Volk in seiner Mehrheit den Frieden
ersehnen, im Lande der republikanischen Freiheit wird jegliche solche
offene Regung kaltherzig in den Boden getreten und das Volk mit liberalen
Phrasen weiter gefuettert. Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren in dem
sogenannten antimilitaristischen Frankreich die Worte "Humanismus und
Pazifizismus" als "gefaehrliche Betaeubungsmittel" gebrandmarkt, "mit denen
die doktrinaeren Verfechter des Friedens die Mannhaftigkeit der Voelker
schwaechen wollen." "Pazifizismus hat es zu allen Zeiten gegeben, sein
rechter Name ist Feigheit, d. h. uebertriebene Liebe des Individuums zu
sich selbst, die es von jedem persoenlichen Risiko zurueckschrecken laesst,
das ihm keinen unmittelbaren Vorteil bringt". So sprach man in dem
"Frankreich des Friedens". War es ein Wunder, dass das "Frankreich des
Krieges" nicht milder dachte und jeden, der im Kriege ueberhaupt von
Frieden zu reden wagte, als Landesverraeter brandmarkte?

Wir koennen es nicht bezweifeln, dass das franzoesische Volk auch Ende 1917
besser genaehrt wird als das deutsche. Vor allem sorgt man fuer den Pariser,
entschaedigt ihn fuer so manches und beruhigt ihn auch durch alle noch
moeglichen Genuesse. Es scheint uns fraglich, ob der Gallier die
Entbehrungen des taeglichen Lebens in gleich hingebender Weise und so lange
ertragen kann, als sein germanischer Gegner. Noch hoffen wir, dass die
Probe vielleicht gemacht werden wird. Allein wir duerfen uns nicht im
Unklaren sein, dass auch ein wirklich hungerndes Frankreich so lange
kaempfen muss, als England es will, mag es auch dabei zugrunde gehen.

Die franzoesischen Gefangenen sprechen wohl vom Elend des Krieges; sie
erzaehlen von in der Heimat eingetretener Not. Aber ihr eigenes Aussehen
laesst auf keinen Mangel schliessen. Alle ersehnen das Ende des Ringens, doch
keiner glaubt, dass es kommen wird, solange "die anderen kaempfen wollen".

Wie steht es in England?

Das Mutterland befindet sich in seiner Wirtschafts- und Weltstellung vor
einer ungeheueren Gefahr. Niemand scheut sich dort, es auszusprechen. Es
gibt nur einen Ausweg: den Sieg! Im Laufe dieses Kriegsjahres hat England
einen "Schwaecheanfall" ueberwunden. Es hatte eine Zeitlang den Anschein,
als ob die Geschlossenheit des allgemeinen Kriegswillens gelockert und die
Kriegsziele herabgemindert werden wuerden. Die Stimme eines Lord Lansdowne
ertoente. Aber sie verhallte unter dem Druck einer alles beherrschenden
Kriegsgewalt, die das nahende Ende des Kampfes in sichere Aussicht stellt.
Nach einem Tiefstand der wirtschaftlichen und politischen Stimmung hatte
man im Sommer wieder Morgenluft des heranreifenden Erfolges gewittert,
eine Morgenluft, deren Ursprung uns bis zum Ende des Jahres 1917 freilich
noch nicht bekannt war. Sie war, wie uns spaeter erst bekannt wurde, einem
politischen Pfuhle auf mitteleuropaeischem Boden entstiegen. Der Gedanke an
das nahende Ende reisst das ganze Volk in voller Geschlossenheit wieder
empor. Man ertraegt wiederum williger das Entbehren von Genuessen,
verzichtet leichter auf bisherige Lebensgewohnheiten und politische
Freiheiten in der Hoffnung, dass die Vorhersage in Erfuellung geht, nach
einem gluecklichen Ende dieses Krieges wuerde jeder einzelne Englaender
reicher sein. Zur wirtschaftlichen Selbstsucht tritt die politische
Selbstzucht des einzelnen Englaenders. Also auch hier nichts von Frieden,
es sei denn, dass der Krieg nicht doch noch zu teuer wird. Die englischen
Gefangenen sprechen auch Ende 1917 wie Ende 1914. Freude am Kampfe hat
keiner. Doch danach fragt da drueben kein Mensch. Man fordert, und es wird
geleistet.

Anders wie in Frankreich und in England scheint der Zustand in Italien. Im
Feldzug des vergangenen Herbstes haben italienische Soldaten ohne
zwingende Kampfesnot zu vielen Tausenden ihre Waffen gesenkt, nicht aus
Mangel an Mut sondern aus Ekel vor diesem fuer sie sinnlosen Blutvergiessen.
Sie traten mit frohen Gesichtern die Fahrt in unser Heimatland an und
begruessten die ihnen dort bekannten Arbeitsstaetten mit deutschen Gesaengen.
Wenn auch die Kriegsbegeisterung im Heer und Land auf dem Nullpunkt steht,
das Volk erlahmt nicht voellig. Es weiss, dass es sonst hungern und frieren
muss. Der italienische Wille muss sich auch weiterhin vor fremdem beugen,
das war sein bitteres Schicksal von Anfang an. Man findet es ertraeglich
durch den Anblick einer lockenden, reichen Beute.

Aus den Vereinigten Staaten kommen noch weniger Stimmen zu uns als vom
fremden europaeischen Boden. Was wir vernehmen, bestaetigt unsere Vermutung.
Das glaenzende, wenn auch mitleidslose Kriegsgeschaeft ist in den Dienst des
Patriotismus getreten, und dieser versagt nicht. Auch in diesem Lande, an
dessen Eingangspforte die Statue der Freiheit ihr blendendes Licht dem
Fremden entgegensendet, herrscht unter dem Zwange der
Kriegsnotwendigkeiten mit Recht eine ruecksichtslose Gewalt. Man begreift
den Krieg. Die weichen Stimmen muessen schweigen, bis die harte Arbeit
getan ist. Dann mag die goldene Freiheit wieder sprechen zum Wohle der
Menschen, jetzt wird sie unterdrueckt zum Nutzen des Staates. Man fuehlt
sich in allen Schichten und Volksarten einig in einem Kampf fuer ein Ideal,
und wo der Glaube an dieses oder der Drang des Blutes nicht zugunsten des
an den Rand des Verderbens gedrueckten Angelsachsen spricht, da wird Gold
in die Wagschale der Entscheidung des Verstandes geworfen.

Von Russland brauche ich nicht weiter zu sprechen. Wir blicken in sein
Inneres wie in einen offenen Glutherd. Es wird vielleicht voellig
ausbrennen, jedenfalls liegt es am Boden und hat den rumaenischen
Verbuendeten mit sich gerissen.

So erschienen mir die Verhaeltnisse, von denen ich sprechen wollte, am Ende
des Jahres 1917.

Mancher hat sich wohl in jenen Tagen die bedeutungsvolle Frage vorgelegt:
"Wie erklaert es sich, dass der Gegner in seinen ruecksichtslosen politischen
Forderungen uns gegenueber nichts nachliess, trotz seiner vielen
militaerischen Misserfolge des Jahres 1917, trotz des Ausscheidens Russlands
als Machtfaktor aus dem Kriege, trotz der doch zweifellos tiefgreifenden
Wirkung des Unterseebootkrieges und der dadurch geschaffenen Unsicherheit
fuer einen Transport starker nordamerikanischer Kraefte auf den europaeischen
Kriegsschauplatz? Wie vermochte uns Wilson noch am 18. Januar 1918 unter
dem Beifall der gegnerischen Regierungen Bedingungen fuer einen Frieden
zuzumuten, die man wohl einem voellig geschlagenen Feind diktieren konnte,
mit denen man aber doch nicht an einen Gegner herantreten durfte, der
bisher erfolgreich gefochten hatte, und der fast ueberall tief in
Feindesland stand?"

Meine Antwort darauf war damals und ist noch jetzt folgende:

Waehrend wir die feindlichen Armeen niederschlugen, richteten sich die
Blicke ihrer Regierungen und Voelker unentwegt auf die Entwicklung der
inneren Zustaende unseres Vaterlandes und der Laender unserer
Bundesgenossen. Dem Gegner konnten die Schwaechen, die ich im
Vorausgehenden geschildert habe, nicht verborgen bleiben. Diese Schwaechen
aber staerkten seine uns so oft unbegreiflichen Hoffnungen und seinen
Willen zum Siege.

Nicht nur der feindliche Nachrichtendienst, der unter den denkbar
guenstigsten Verhaeltnissen arbeitete, gab dem Gegner den wuenschenswerten
vollen Einblick in unsere Verhaeltnisse, sondern auch unser Volk und seine
politischen Vertreter taten nichts, um die heimatlichen Missstaende vor den
gegnerischen Augen zu verbergen. Der Deutsche erwies sich als noch nicht
so weit politisch geschult, dass er imstande gewesen waere, sich zu
beherrschen. Er musste seine Gedanken aussprechen, mochten sie fuer den
Augenblick auch noch so verheerend wirken. Er glaubte, seine Eitelkeit
befriedigen zu muessen, indem er sein Wissen und seine Gefuehle der weiten
Welt mitteilte. Ob er mit diesem Verhalten dem Vaterland nuetzte oder
schadete, war bei dem vagen weltbuergerlichen Gefuehle, in dem er vielfach
lebt, fuer ihn meist eine Frage zweiter Ordnung. Er glaubte, gerecht und
klug geredet zu haben, war hiervon selbst befriedigt und setzte voraus,
dass es auch seine Zuhoerer sein wuerden. Damit war der Fall fuer ihn dann
erledigt.

Dieser Fehler hat uns im grossen Ringen um unser voelkisches Dasein mehr
geschadet als militaerischer Misserfolg. Dem Mangel an politischer
Selbstzucht, wie sie dem Englaender zur zweiten Natur geworden ist, dem
Fehlen einer von kosmopolitischen Schwaermereien voellig freien
Vaterlandsliebe, wie sie den Franzosen durchglueht, schiebe ich letzten
Endes auch die deutsche Friedensresolution zu, die am 19. Juli 1917 die
Billigung des Reichstages fand, also an dem Tage, an dem das Todesringen
der russischen Kriegsmacht handgreiflich wurde. Ich weiss sehr wohl, dass
unter den sachlichen Gruenden, die damals fuer diese Resolution
ausschlaggebend waren, mancherlei Enttaeuschungen ueber den Gang des Krieges
sowie ueber die sichtbaren Ergebnisse unserer Unterseebootkriegfuehrung eine
grosse Rolle spielten. Man konnte ueber die Berechtigung zu einem solchen
Misstrauen unserer Lage gegenueber verschiedener Anschauung sein -
bekanntlich beurteilte ich sie guenstiger - aber fuer voellig verfehlt
glaubte ich die Art und Weise beurteilen zu muessen, in der man sich von
parlamentarischer Seite zu einem solchen Schritte entschloss. Zu einem
Zeitpunkt, in dem die Gegner bei einem richtigen, politischen Verhalten
der Deutschen vielleicht froh gewesen waeren, wenn sie irgend welche leisen
Friedensneigungen aus dem Pulsschlag unseres Volkes haetten entnehmen
koennen, schrien wir ihnen unsere Friedenssehnsucht geradezu in die Ohren.
Die Redensarten, mit denen man das Wesen der Sache zu umkleiden versuchte,
waren zu fadenscheinig, als dass sie irgend jemanden im feindlichen Lager
haetten taeuschen koennen. So fand bei uns das Wort Clemenceaus "Ich fuehre
Krieg!" das Echo: "Wir suchen Frieden!"

Ich wandte mich damals gegen diese Friedensresolution nicht vom
Standpunkte menschlichen Gefuehles sondern vom Standpunkte soldatischen
Denkens. Ich sah voraus, was sie uns kosten wuerde, und kleidete das in die
Worte: "Mindestens ein weiteres Kriegsjahr!" Ein weiteres Kriegsjahr in
unserer eigenen und unserer Verbuendeten schweren Lage!





                               VIERTER TEIL


                       ENTSCHEIDUNGSKAMPF IM WESTEN




                       Die Frage der Westoffensive



                    Absichten und Aussichten fuer 1918


Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden
Teil meiner Darlegungen abschloss, wird man wohl die berechtigte Frage an
mich richten, welche Aussichten ich fuer eine guenstige Beendigung des
Krieges durch eine letzte grosse Waffenentscheidung zu haben glaubte.

Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und
spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunaechst zu
den Verhaeltnissen bei unseren Bundesgenossen wende:

Oesterreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militaerischen Machtlosigkeit
Russlands und Rumaeniens sowie der schweren Niederlage Italiens derartig
militaerisch entlastet, dass es dem Donaureiche nicht schwer fallen konnte,
die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu ertragen. Bulgarien hielt ich
fuer durchaus imstande, den Ententekraeften gegenueber in Mazedonien
auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen Kampfkraefte, die noch
gegen Russland und Rumaenien standen, in absehbarer Zeit vollstaendig fuer
Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die Tuerkei war durch den
Zusammenbruch Russlands in Kleinasien ausreichend entlastet. Sie hatte
dadurch, so weit ich beurteilen konnte, genuegend Kraefte frei, um ihre
Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu verstaerken.

Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer
Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der
zweckmaessigen Verwendung der fuer ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen
Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir selbst
wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Fuer eine solche bekamen
wir nunmehr unsere Ostkraefte frei, oder hofften sie wenigstens bis zum
Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen. Mit Hilfe dieser Kraefte
vermochten wir uns im Westen eine zahlenmaessige Ueberlegenheit zu schaffen.
Zum ersten Male waehrend des ganzen Krieges auf einer unserer Fronten eine
deutsche Ueberlegenheit! Sie konnte freilich nicht so gross sein, als es
diejenige war, mit der England und Frankreich seit mehr als drei Jahren
unsere Westfront vergeblich bestuermt hatten. Insbesondere reichten unsere
Ostkraefte nicht hin, um die gewaltige Ueberlegenheit unserer Gegner an
Artillerie- und Fliegerverbaenden auszugleichen. Immerhin waren wir aber
jetzt imstande, an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur
Ueberwaeltigung der feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel
auf anderen Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen.

Leicht und einfach war der Entschluss zum Angriff im Westen aber auch unter
diesen fuer uns guenstigeren Zahlenverhaeltnissen nicht. Die Bedenken, ob uns
ein grosser Erfolg gelingen wuerde, blieben nicht gering. Im Verlauf und
Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten konnte ich
wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was hatte der Gegner
mit allen seinen zahlenmaessigen Ueberlegenheiten, mit seinen Millionen von
Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen Hekatomben von
Menschenopfern schliesslich erreicht? Oertliche Gewinne von etlichen
Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen. Auch wir
hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten, es musste
jedoch angenommen werden, dass diejenigen der Angreifer die unsern
wesentlich uebertrafen. Mit blossen sogenannten Materialschlachten konnten
wir ein entscheidendes Ziel nie erreichen. Wir hatten fuer die Fuehrung
solcher Kaempfe weder die Kraefte noch auch die Zeit. Denn naeher und naeher
rueckte der Augenblick, an welchem das noch vollkraeftige Amerika allmaehlich
auf dem Plan erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht
derartig wirkten, dass der Seetransport grosser Massen und ihrer Beduerfnisse
in Frage gestellt war, dann musste unsere Lage ernst werden.

Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht fuer die Hoffnung auf einen oder
mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern doch
bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu erteilen,
aber schwer zu erklaeren; sie ist ausgesprochen in dem Worte: "Vertrauen".
Nicht Vertrauen auf einen gluecklichen Stern, auf vage Hoffnungen, noch
weniger das Vertrauen auf Zahlen und aeussere Staerken; es war das Vertrauen,
mit dem der Fuehrer seine Truppen in das feindliche Feuer entlaesst,
ueberzeugt, dass sie das Schwerste ertragen und das Unmoeglichscheinende
moeglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen, das in mir lebte, als
wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront einer ungeheuren, fast
uebermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um anderwaerts
Angriffsfeldzuege zu fuehren, das gleiche Vertrauen, das uns wagen liess, mit
Unterlegenheiten feindliche Uebermacht auf allen Kriegsschauplaetzen in
Schach zu halten oder gar zu schlagen.

Wenn die noetige zahlenmaessige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der
Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fuehlte foermlich die
Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des
Abwehrkampfes. Ich wusste, dass aus dem deutschen "Kaninchen", das der Spott
eines unserer erbittertsten Gegner als "aus dem freien Felde in die
Erdloecher vertrieben" der englischen Laecherlichkeit preisgeben zu duerfen
glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden wuerde, der mit seinem
ganzen, maechtigen Zorne dem Schuetzengraben entsteigt, um die jahrelange
Kampfqual der Verteidigung im Vorstuermen zu beenden.

Darueber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch groessere und
weitergehende Folgen erwarten zu duerfen. Ich hoffte, dass mit unseren
ersten siegreichen Schlaegen auch die Heimat emporgehoben wuerde aus ihrem
dumpfen Brueten und Gruebeln ueber die Not der Zeit, ueber die
Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, ueber die Unmoeglichkeit, den Krieg noch
anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch
tyrannischer Gewalten. Faehrt erst das blitzende Schwert in die Hoehe, so
reisst es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders
sein? Und meine Hoffnungen flogen hinueber ueber die Grenzen des
Heimatlandes. Unter den maechtigen Eindruecken grosser kriegerischer
deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in
dem so sehr bedrueckten Oesterreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller
politischen und voelkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken
des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten.

Wie haette ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer
Sache verzichten duerfen, um meinem Kaiser gegenueber vor meinem Vaterland
und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen? "Waffenstreckung?"
Ja gewiss! Es konnte keine Taeuschung darueber geben, dass unsere Gegner ihre
Forderungen bis zu dieser Hoehe treiben wuerden. Gerieten wir nur erst
einmal auf die abschuessige Bahn des Nachgebens, hoerte die straffe Spannung
unserer Kraefte auf, dann war kein anderes Ende mehr abzusehen, als ein
Ende mit Schrecken, es sei denn, dass wir vorher dem Gegner selbst die Arme
und den Willen lahm geschlagen hatten. So waren unsere Aussichten schon
1917, so verwirklichten sie sich spaeter. Wir standen immer in der Wahl
zwischen Kampf bis zum Siege oder Unterwerfung bis zur Selbstentsagung.
Aeusserten sich jemals unsere Gegner in anderem Sinne? An mein Ohr drang
niemals eine andere Stimme. Wenn eine solche also wirklich irgendwo
friedensverheissender ertoent sein sollte, dann durchdrang sie nicht die
Atmosphaere, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag.

Wir hatten nach meiner Ueberzeugung die noetige Staerke und den noetigen
kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir
hatten uns darueber schluessig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten
wollten. Das "Wie" liess sich im allgemeinen mit den Worten ausdruecken:
Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir
mussten einen grossen, wenn moeglich ueberraschenden Schlag anstreben. Gelang
es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum Zusammenbruch
zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere Schlaege an anderen
Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis unser Endziel
erreicht war.

Als kriegerisches Ideal schwebte mir natuerlich von vornherein ein voelliger
Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns das Tor zu
freien Operationen oeffnen wuerde. Dieses Tor sollte in der Linie
Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fere aufgeschlagen werden. Die Wahl der
Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflusst. Wir
wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Englaender in diesem
Angriffsgebiet gegenueber standen. Ich sah freilich in England noch immer
die Hauptstuetze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich
darueber auch klar, dass in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein
bis zur Vernichtung zu schaedigen, mindestens ebenso stark vertreten war,
wie in England.

Auch in militaerischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir
unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Englaender richteten. Der
Englaender war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefaehrte.
Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete zu
schematisch. Diese Maengel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und ich
glaubte, dass das in der Verteidigung nicht anders sein wuerde. Derartige
Erscheinungen waren fuer jeden Kenner soldatischer Erziehung ganz
selbstverstaendlich. Sie hatten ihre Ursachen in dem Fehlen einer
entsprechenden Friedensschulung. Auch ein mehrjaehriger Krieg konnte diese
mangelnde Vorbereitung nicht voellig ersetzen. Was dem Englaender an
Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er wenigstens teilweise durch seine
Zaehigkeit im Festhalten seiner Aufgabe und seines Zieles, sowohl im
Angriff wie in der Verteidigung. Die englischen Truppenverbaende waren von
verschiedenem Werte. Die Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine
Erscheinung, die wohl darauf zurueckzufuehren ist, dass die dortige
Bevoelkerung vorwiegend eine agrarische ist.

Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer
Bundesgenosse. Dafuer war er aber wohl weniger zaehe in der Verteidigung als
dieser. In der franzoesischen Artillerie erblickten unsere Fuehrer wie
Soldaten ihren gefaehrlichsten Feind, waehrend der franzoesische Infanterist
in weniger grossem Ansehen stand. Doch waren in dieser Beziehung auch die
franzoesischen Truppenverbaende je nach den Landesteilen, aus denen sie sich
ergaenzten, verschieden.

Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der
franzoesisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, dass jeder der
Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen wuerde. Dass
dabei der Franzose rascher und rueckhaltloser handeln wuerde, wie der
Englaender, betrachtete ich bei der politischen Abhaengigkeit Frankreichs
vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als
selbstverstaendlich.

Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der
Flandernschlacht noch besonders stark auf dem noerdlichen Fluegel seiner
sich vom Meere bis in die Gegend suedlich St. Quentin ausdehnenden Front
massiert. Eine andere etwas schwaechere Kraeftegruppe schien aus der
Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelaende verblieben zu sein. Im
uebrigen waren die englischen Kraefte augenscheinlich ziemlich gleichmaessig
verteilt; am schwaechsten besetzt zeigten sich die Stellungen suedlich der
Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei
dieser Stadt war infolge unseres Gegenstosses vom 30. November 1917 nur
noch flach; er war aber ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man
sich ausdrueckte, taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten.
Durch eine solche wollten wir die dortigen englischen Kraefte zerdruecken.
Es war allerdings fraglich, ob die englische Kraefteverteilung bis zum
Beginn unseres Angriffes auch tatsaechlich in der geschilderten Weise
bestehen bleiben wuerde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein
Verbergen unserer Angriffsabsichten moeglich sein wuerde. Eine
bedeutungsvolle Frage! Alle unsere Erfahrungen liessen eigentlich eine
solche Moeglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen.
Wir selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen fuer all die grossen
Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem
Beginn der eigentlichen Kaempfe erkannt. Fast regelmaessig waren wir
imstande, sogar die Fluegelausdehnung der gegnerischen Angriffe
festzustellen. Die monatelange Taetigkeit der Feinde war den Spaeheraugen
unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung
hatte sich zu einem ausserordentlich feinen Empfinden fuer jede Veraenderung
auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar bei seinen
Grosskaempfen angesichts der scheinbaren Unmoeglichkeit, die ausgedehnten
Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhaeufungen zu verbergen, auf
Ueberraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten wir,
auf Ueberraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu muessen. Dieses
Bestreben forderte natuerlich in gewissem Grade einen Verzicht auf
eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden
durfte, musste dem taktischen Gefuehle unserer Unterfuehrer und unserer
Truppen ueberlassen werden.

Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung
sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher fuer die
Verteidigung, so wurden jetzt fuer den Angriff neue Grundsaetze festgelegt
und in zusammenfassenden Vorschriften ausgegeben. Im Vertrauen auf den
Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt des Angriffes in duenne
Schuetzenlinien gelegt, die durch massenhafte Verwendung von
Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von Feldartillerie und
Kampffliegern im hohen Grade feuerkraeftig gemacht wurden. Solche duenne
Infanterielinien waren freilich nur dann angriffsfaehig, wenn ein starker
Angriffswille sie durchdrang. Wir entsagten demnach voellig einer Taktik
von Gewalthaufen, bei der der einzelne im Schutze der Leiber seiner
Mitkaempfer den Angriffstrieb erhaelt, eine Taktik, wie wir sie von
gegnerischer Seite im Osten reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie
ab und zu auch im Westen gegen uns in die Erscheinung getreten war.

Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen
Massenstuermen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdruecke wohl in
erster Linie, um Sensationsbeduerfnisse zu befriedigen, dann aber wohl
auch, um die Schlachtbilder fuer die Masse ihrer Leser anschaulicher und
die eingetretenen Ereignisse verstaendlicher zu machen. Woher haetten wir
allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen
Massenopfern nehmen sollen? Ausserdem hatten wir genuegende Erfahrung darin
gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Kraefte vor unseren Linien
hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des Schlachtfeldes,
am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so erfolgreicher widmen
konnten, je dichter die Menschenhalme standen.

Diese Ausfuehrungen, die sich mehr mit dem Geiste als der Technik unseres
Kampfverfahrens beschaeftigen, duerften zur allgemeinen Kennzeichnung
unserer Angriffsgrundsaetze genuegen. Der deutsche Infanterist trug
natuerlich auch jetzt die Last des Kampfes. Seine Schwesterwaffen hatten
aber die nicht weniger ruhm- und verlustreiche Aufgabe, dem braven
Musketier die Arbeit zu erleichtern.

Die Schwere des bevorstehenden grossen Waffenganges im Westen wurde von uns
in ihrer ganzen Groesse gewuerdigt. Sie machte es uns zur
selbstverstaendlichen Pflicht, alle brauchbaren Kraefte fuer das blutige Werk
heranzuziehen, die wir irgendwie auf den uebrigen Kriegsschauplaetzen
entbehrlich machen konnten.

Der jetzige Stand und die weitere Entwicklung unserer politischen und
wirtschaftlichen Verhaeltnisse legte der Durchfuehrung mancherlei
Schwierigkeiten in den Weg, die wiederholt mein persoenliches Eingreifen
noetig machten. Ich moechte diese wichtige Frage im Zusammenhang darstellen
und beginne mit dem Osten:

Am 15. Dezember war an der russischen Front der Waffenstillstand
geschlossen worden. Angesichts der Zersetzung des russischen Heeres hatten
wir schon vorher mit der Abbefoerderung eines grossen Teiles unserer
Kampfverbaende von dort begonnen. Ein Teil der operations- und kampffaehigen
Divisionen musste jedoch bis zur endgueltigen politischen Abrechnung mit
Russland und Rumaenien zurueckbleiben.

Unseren militaerischen Wuenschen wuerde es natuerlich durchaus entsprochen
haben, wenn das Jahr 1918 im Osten mit Friedensglocken eingelaeutet worden
waere. Statt ihrer toenten aus dem Verhandlungsraum in Brest-Litowsk die
wildesten Agitationsreden umstuerzlerischer Doktrinaere. Die breiten
Volksmassen aller Laender wurden von diesen politischen Hetzern aufgerufen,
die auf ihnen lastende Knechtschaft durch Aufrichtung einer Herrschaft des
Schreckens abzuschuetteln. Der Friede auf Erden sollte durch Massenmord am
Buergertum gesichert werden. Die russischen Unterhaendler, allen voran
Trotzki, wuerdigten den Verhandlungstisch, an dem die Versoehnung maechtiger
Gegner sich vollziehen sollte, zum Rednerpult wuester Agitatoren herab.
Unter diesen Umstaenden war es kein Wunder, wenn die Friedensverhandlungen
keine Fortschritte machten. Nach meiner Auffassung trieben Lenin und
Trotzki aktive Politik nicht wie Unterlegene, sondern wie Sieger, indem
sie die politische Aufloesung in unserem Ruecken und in die Reihen unserer
Heere tragen wollten. Der Friede drohte unter solchen Verhaeltnissen
schlimmer zu werden als ein Waffenstillstand. Unsere Regierungsvertreter
gaben sich bei der Behandlung der Friedensfragen darueber doch wohl einem
falschen Optimismus hin. Die Oberste Heeresleitung darf fuer sich in
Anspruch nehmen, dass sie die Gefahren erkannte und vor ihnen warnte.

Die Schwierigkeiten, unter denen unsere deutsche Vertretung in
Brest-Litowsk litt, mochten noch so gross sein, ich hatte jedenfalls die
Pflicht, darauf zu dringen, dass mit Ruecksicht auf unsere beabsichtigen
Operationen im Westen baldigst ein Friede im Osten erreicht wuerde. Die
Angelegenheit kam aber erst dann richtig in Fluss, als Trotzki am
10. Februar die Unterzeichnung eines Friedensvertrages verweigerte, im
uebrigen jedoch den Kriegszustand als beendet erklaerte. Ich konnte in
diesem, allen voelkerrechtlichen Grundsaetzen hohnsprechenden Verhalten
Trotzkis nur einen Versuch erblicken, die Lage im Osten dauernd in der
Schwebe zu halten. Ob bei diesem Versuche auch Einfluesse der Entente
wirksam waren, muss ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls war der
damalige Zustand in militaerischer Beziehung unertraeglich. Der
Reichskanzler Graf von Hertling schloss sich dieser Anschauung der Obersten
Heeresleitung an. Seine Majestaet der Kaiser entschied am 13. Februar, dass
die Feindseligkeiten im Osten am 18. wieder aufzunehmen seien.

Die Durchfuehrung der Operation traf fast nirgends mehr auf ernstlichen
feindlichen Widerstand. Die russische Regierung erkannte jetzt die ihr
drohende Gefahr. Am 3. Maerz wurde in Brest-Litowsk der Friede zwischen dem
Vierbund und Grossrussland unterzeichnet. Die russische militaerische Macht
war damit auch rechtsgueltig aus dem Kriege ausgeschieden. Grosse
Landesteile und Voelkerstaemme waren von dem bisherigen geschlossenen
russischen Koerper abgesprengt, in dem eigentlichen Kernrussland ein tiefer
Riss zwischen Grossrussland und der Ukraine entstanden. Die Abtrennung der
Randstaaten vom frueheren Zarenreiche durch die Friedensbedingungen war fuer
mich in erster Linie ein militaerischer Gewinn. Dadurch war ein, wenn ich
mich so ausdruecken darf, weites Vorfeld jenseits unserer Grenzen gegen
Russland geschaffen. Vom politischen Standpunkt aus begruesste ich die
Befreiung der baltischen Provinzen, weil anzunehmen war, dass von jetzt ab
das Deutschtum sich dort freier entwickeln und eine ausgedehnte deutsche
Besiedelung jener Gebiete eintreten konnte.

Ich brauche wohl nicht besonders zu versichern, dass die Verhandlungen mit
einer russischen Schreckensregierung meinen politischen Ansichten aeusserst
wenig entsprachen. Wir waren aber gezwungen gewesen, zunaechst einmal mit
den jetzt in Grossrussland vorhandenen Machthabern zu einem abschliessenden
Vertrag zu kommen. Im uebrigen war ja zurzeit dort alles in groesster Gaerung,
und ich persoenlich glaubte nicht an eine laengere Dauer der Herrschaft des
damaligen Terrors.

Trotz des Friedensschlusses war es uns freilich auch jetzt nicht moeglich,
alle unsere kampfbrauchbaren Truppen vom Osten abzubefoerdern. Wir konnten
die besetzten Gebiete nicht einfach ihrem Schicksal ueberlassen. Schon
allein das Ziehen einer Barriere zwischen den bolschewistischen Heeren und
den von uns befreiten Laendern forderte gebieterisch das Belassen staerkerer
deutscher Truppen im Osten. Auch waren unsere Operationen in der Ukraine
noch nicht abgeschlossen. Wir mussten in dieses Land einmarschieren, um in
die dortigen politischen Verhaeltnisse Ordnung zu bringen. Nur dann, wenn
dieses gelang, hatten wir Aussicht, aus dem ukrainischen Gebiete
Lebensmittel in erster Linie fuer Oesterreich-Ungarn, dann aber auch fuer
unsere Heimat, ferner Rohstoffe fuer unsere Kriegsindustrie und
Kriegsbeduerfnisse fuer unser Heer zu gewinnen. Politische Gesichtspunkte
spielten bei diesen Unternehmungen fuer die Oberste Heeresleitung keine
Rolle.

Von einer wesentlich anderen Bedeutung war die militaerische Unterstuetzung,
die wir im Fruehjahr des Jahres Finnland in seinem Freiheitskriege gegen
die russische Gewaltherrschaft angedeihen liessen. Hatte doch die
bolschewistische Regierung die uns zugesagte Raeumung des Landes nicht
durchgefuehrt. Wir hofften ausserdem dadurch, dass wir Finnland auf unsere
Seite zogen, der Entente eine militaerische Einwirkung auf die weitere
Entwicklung der Verhaeltnisse in Grossrussland von Archangelsk und der
Murmankueste her aufs aeusserste zu erschweren. Auch erreichten wir damit
gleichzeitig eine Drohstellung nahe an Petersburg, die fuer den Fall
wichtig wurde, dass das bolschewistische Russland auf unsere Ostfront
erneute Angriffe versuchen sollte. Der geringe Kraefteaufwand, es handelte
sich hierfuer um kaum eine Division, lohnte sich fuer uns jedenfalls
reichlichst. Die aufrichtige Zuneigung, die ich dem Freiheitskampfe des
finnischen Volkes entgegenbrachte, liess sich meiner Ansicht nach durchaus
mit den Forderungen der militaerischen Lage in Einklang bringen.

Die Kampftruppen, die wir gegen Rumaenien stehen hatten, wurden
groesstenteils frei, als sich die Regierung dieses Landes angesichts unseres
Friedensschlusses mit Russland genoetigt sah, auch ihrerseits zu einem
friedlichen Abschluss mit uns zu kommen. Der dann noch im Osten bleibende
Rest unserer fechtenden Truppen bildete fuer die Zukunft eine gewisse
Kraftquelle zur Ergaenzung unseres Westheeres.

Die Heranziehung der deutschen Divisionen, die wir im Feldzug gegen
Italien eingesetzt hatten, konnte ohne weiteres schon im Verlauf des
Winters durchgefuehrt werden. Oesterreich-Ungarn musste nach meiner Ansicht
durchaus imstande sein, die Lage in Oberitalien fortan allein zu
beherrschen.

Eine wichtige Frage war, ob wir nicht an Oesterreich-Ungarn mit dem
Ersuchen herantreten sollten, uns Teile seiner im Osten und in Italien
frei werdenden Kraefte zum kommenden Entscheidungskampf zur Verfuegung zu
stellen. Auf Grund von Berichten glaubte ich indessen, dass diese Kraefte
sich in Italien besser verwerten liessen als bei unserem schweren Ringen im
Westen. Gelang es Oesterreich-Ungarn, durch eindrucksvolle Bedrohung des
Landes das gesamte italienische Heer, ja vielleicht auch die noch dort
befindlichen Teile der englischen und franzoesischen Truppen zu binden oder
gar Kraefte derselben durch erfolgreich Angriffe von der Entscheidungsfront
abzuziehen, so war die Entlastung, die uns dadurch im Westen geschaffen
wurde, vielleicht groesser, als ein Nutzen durch unmittelbare Unterstuetzung.
Wir beschraenkten uns daher auf Heranziehung oesterreichisch-ungarischer
Artillerie. Fuer mich bestand uebrigens kein Zweifel, dass General von Arz
ein Ersuchen unsererseits um groessere oesterreichische Hilfe jederzeit und
mit allen seinen Kraeften vertreten haette.

Der oesterreichisch-ungarische Aussenminister hat in dieser Zeit in einer
Rede darauf hingewiesen, dass die Kraefte der Donaumonarchie ebensowohl fuer
Strassburg wie fuer Triest eingesetzt wuerden. Diese bundesfreundliche
Aeusserung fand meinen vollsten Beifall. Erst nachtraeglich wurde mir
bekannt, dass diese Worte des Grafen Czernin innerhalb nichtdeutscher
Kreise der Donaumonarchie heftige Widersprueche hervorgerufen hatten. Diese
politische Erregung uebte sonach auf meine militaerische Entscheidung ueber
die Groesse der oesterreichisch-ungarischen Waffenhilfe auf unseren kuenftigen
Schlachtfeldern im Westen keinen Einfluss.

Es galt fuer mich als selbstverstaendlich, dass wir den Versuch machen
mussten, auch diejenigen unserer Kampftruppen fuer unsere Westoffensive frei
zu machen, die bisher in Bulgarien und der asiatischen Tuerkei verwendet
waren. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie gross die politischen
Widerstaende gegen einen derartigen Gedanken in Bulgarien waren. General
Jekoff war ein zu einsichtiger Soldat, um nicht die Richtigkeit unserer
Forderungen anzuerkennen; er hielt jedoch augenscheinlich die deutschen
Pickelhauben in Mazedonien fuer ebenso unentbehrlich wie sein Koenig. Die
Zurueckziehung der deutschen Truppen von der mazedonischen Front kam
infolgedessen nur recht allmaehlich in Fluss. Nur schwer entschloss sich
General Jekoff auf unser wiederholtes Draengen, sie durch die bulgarischen
Truppen aus der Dobrudscha abzuloesen. Ernste Mitteilungen unserer
deutschen Kommandostellen an der mazedonischen Front ueber Stimmung und
Haltung der dortigen bulgarischen Truppen veranlassten uns schliesslich, den
Rest der deutschen Infanterie, drei Bataillone, und einen Teil der immer
noch zahlreichen deutschen Artillerie noch weiter dort zu belassen.

Ein aehnliches Ergebnis hatte unser gleiches Bemuehen in der Tuerkei. Unser
Asienkorps war im Herbste 1917 mit den urspruenglich fuer den Feldzug nach
Bagdad bestimmten tuerkischen Divisionen nach Syrien befoerdert worden. Die
bedenkliche Lage an der dortigen Front zwang uns, bei Beginn des Jahres
1918 eine Verstaerkung dieses Korps auf etwa das Doppelte durchzufuehren.
Die meisten der hierfuer bestimmten Truppen wurden unfern in Mazedonien
stehenden Verbaenden entnommen. Bevor diese Verstaerkungen ihren neuen
Bestimmungsort erreicht hatten, glaubten wir, eine wesentliche Besserung
in der Lage an der syrischen Front feststellen zu koennen, und traten daher
mit Enver Pascha wegen Zurueckziehung aller dortigen deutschen Truppen in
Verbindung. Der Pascha gab sein Einverstaendnis. Dringende militaerische und
politische Vorstellungen von seiten des deutschen Oberkommandos in Syrien
sowie von seiten der durch dieses Oberkommando beeinflussten deutschen
Reichsleitung veranlassten uns indessen, von dem Abruf Abstand zu nehmen.

Zusammenfassend darf ich wohl behaupten, dass von unserer Seite nichts
unterlassen wurde, um moeglichst alle unsere deutschen Kampfkraefte im
Westen zur Entscheidung zu versammeln. Wenn dies nicht bis auf den letzten
Mann gelang, so lag der Grund in Verhaeltnissen verschiedenster Art, in
keinem Falle aber in einer Verkennung der Wichtigkeit dieser Frage von
unserer Seite.

So war im Winter 1917/18 endlich das erreicht, was ich vor drei Jahren so
sehnsuechtig angestrebt hatte. Wir konnten uns mit freiem Ruecken dem
Entscheidungskampf im Westen zuwenden, wir mussten jetzt zu diesem
Waffengang schreiten. Ein solcher wuerde uns vielleicht erspart geblieben
sein, wenn wir die Russen schon im Jahre 1915 endgueltig geschlagen haetten.

Ich habe schon frueher darauf hingewiesen, wie viel schwerer jetzt, 1918,
die Aufgabe fuer uns geworden war. Noch immer stand Frankreich als
maechtiger Gegner auf dem Plan, mochte es gleich mehr geblutet haben als
wir selbst. Ihm zur Seite ein englisches mehrfaches Millionenheer, voll
geruestet, wohl geschult und kriegsgewohnt. Ein neuer Gegner,
wirtschaftsgewaltig wie kein zweiter, alle Quellen der uns feindlichen
Kriegfuehrung beherrschend, all unserer Feinde Hoffnung belebend und vor
dem Niederbruch stuetzend, gewaltige Truppenmassen bereitstellend, die
Vereinigten Staaten von Nordamerika, zeigte sich in drohender Naehe. Wird
dieser noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den
Haenden zu reissen? Darin lag die kriegsentscheidende Frage, und nur darin!
Ich glaubte sie verneinen zu koennen!

Der Ausgang unserer grossen Offensive im Westen hat die Frage aufwerfen
lassen, ob es fuer uns nicht raetlich gewesen waere, auch im Jahre 1918 den
Krieg an der Westfront, unter Stuetzung der bisher dort verwendeten Armeen
mit starken Reserven, im wesentlichsten verteidigungsweise zu fuehren, alle
uebrigen militaerischen und politischen Anstrengungen aber darauf zu
vereinigen, im Osten geordnete staatliche und wirtschaftliche Verhaeltnisse
zu schaffen und unsere Bundesgenossen bei ihren Kriegsaufgaben zu
unterstuetzen. Es waere ein Irrtum, anzunehmen, dass mich derartige Gedanken
nicht vor unseren Offensivplaenen beschaeftigt hatten. Ich wies sie nach
reiflichster Ueberlegung zurueck. Gefuehlsmomente spielten dabei keine Rolle.
Wie waere ein Ende des Krieges bei solcher Fuehrung abzusehen gewesen?
Selbst wenn ich am Ende 1917 noch keine Veranlassung zu haben glaubte, an
unserer deutschen Widerstandskraft ueber das kommende Jahr hinaus zu
zweifeln, so konnte ich ueber dem bedenklichen Zerfall dieser Kraft bei
unseren Bundesgenossen nicht im Unklaren sein. Wir mussten mit allen
Mitteln zu einem erfolgreichen Ende zu kommen trachten. Das war die mehr
oder minder laut ausgesprochene Forderung aller unserer Verbuendeten. Man
kann dagegen nicht einwenden, dass auch unsere Gegner an den aeussersten Rand
ihrer menschlichen und seelischen Leistungsfaehigkeit herankamen. Sie
konnten, wenn wir sie nicht angriffen, den Krieg noch jahrelang hinziehen,
und wer unter ihnen nicht haette mittun wollen, wuerde durch die anderen
einfach gezwungen worden sein. Ein allmaehlicher Erschoepfungstod war,
nachdem wir die Gegner nicht vor einen solchen stellen konnten, zweifellos
unser Los. Auch wenn ich das jetzige Unglueck meines Vaterlandes vor Augen
habe, trage ich die felsenfeste Ueberzeugung, dass ihm das Bewusstsein, die
letzte Kraft an sein Dasein und seine Ehre gesetzt zu haben, mehr zu
seinem inneren Aufbau nuetzen wird, als wenn der Krieg in einem
allmaehlichen Ermatten bis zur Kraftlosigkeit geendet haette. Dem Schicksal,
das es jetzt tragen muss, waere es doch nicht entgangen, wohl aber wuerde ihm
der erhebende Gedanke an ein unvergleichliches Heldentum fehlen. Ich suche
nach einem Beispiel in der Geschichte, und da finde ich, dass der
Waffenruhm von Preussisch-Eylau, mochte er auch das Schicksal des alten
Preussens nicht mehr haben wenden koennen, doch wie ein Stern in der
lichtlosen Finsternis der Jahre 1807-1812 leuchtete. An seinem Glanze fand
so mancher Erbauung und Belehrung. Sollte das deutsche Herz jetzt anders
geworden sein? Mein preussisches schlaegt in diesen Bahnen!



                             Spa und Avesnes


In Genehmigung unseres Antrages wurde auf Befehl Seiner Majestaet des
Kaisers am 8. Maerz das deutsche Grosse Hauptquartier nach Spa verlegt. Die
Aenderung war durch die kommenden Operationen im Westen bedingt. Von dem
neuen Hauptquartier aus konnten wir die nunmehr wichtigsten Teile unserer
westlichen Heeresfront auf kuerzerem Wege erreichen als von Kreuznach. Da
wir jedoch den kommenden Ereignissen in moeglichst unmittelbarer Naehe
folgen wollten, so waehlten wir ausserdem Avesnes als eine Art von
vorgeschobener Befehlsstelle der Obersten Heeresleitung. Dort trafen wir
am 19. Maerz mit dem groessten Teil des Generalstabes ein und befanden uns
damit in dem Mittelpunkte der Heeresgruppen- und Armee-Oberkommandos, die
bei den bevorstehenden Entscheidungskaempfen die Hauptrolle zu spielen
hatten.

Das Bild der Stadt wird aeusserlich beherrscht durch den maechtigen,
klotzigen Bau seiner alten Kirche. Teilweise verfallene oder nur in Teilen
noch vorhandene Befestigungsanlagen erinnern daran, dass Avesnes in
frueheren Zeiten eine kriegsgeschichtliche Rolle gespielt hatte. So weit
mir erinnerlich, hatten sich 1815 Teile der preussischen Armee nach der
Schlacht von Belle Alliance in den Besitz der damaligen Festung gesetzt
und waren dann in Richtung auf Paris weitergezogen. Vom Kriege 1870/71 war
die Gegend nicht betroffen worden.

Die Stadt, ganz in gruene Umgebung gebettet, ist ein stiller Landort. Durch
unsere Anwesenheit erhielt sie ein nur wenig lebhafteres Gepraege. Ich
selbst befand mich dort nach 47 Jahren wieder fuer laengere Zeit unter
franzoesischer Bevoelkerung. Die verschiedenen Strassentypen erschienen mir
gegen die Zeit von 1870/71 so unveraendert, dass ich den zeitlichen
Zwischenraum vergessen konnte. So sassen auch jetzt noch, wie damals, die
Einwohner vor ihren Tueren, die Maenner meist still in Schauen vertieft, die
Frauen lebhaft, die Unterhaltung beherrschend, die Kinder auf dem
Ballplatz bei frohem Spiel und Gesang, wie mitten im tiefsten Frieden.
Glueckliche Jugend!

Unser langes Verbleiben in Avesnes bestaetigte mir im uebrigen die
allgemeine Erfahrung, dass die franzoesische Bevoelkerung sich mit Wuerde in
das harte Schicksal fuegte, das die lange Dauer des Krieges ueber sie
verhaengt hatte. Wir waren nicht veranlasst, irgendwelche besondern
Massregeln fuer Aufrechterhaltung der Ordnung oder gar unsern Schutz zu
ergreifen, konnten uns vielmehr darauf beschraenken, die Ruhe fuer unsere
Arbeit sicherzustellen.

Seine Majestaet der Kaiser nahm in Avesnes nicht Unterkunft, sondern
verweilte waehrend der Zeit der folgenden grossen Ereignisse in seinem
Sonderzug. Dieser wurde je nach der Kriegslage verschoben. Der wochenlange
Aufenthalt in den engen Raeumen des Zuges mag als Beweis fuer die
Anspruchslosigkeit unseres Kriegsherrn dienen. Er lebte in diesen Zeiten
voellig seinem Heer. Ruecksichten auf bestehende Gefahren, etwa durch
feindliche Flieger, lagen ausserhalb der Gedankenreihe des Kaisers.

Der Aufenthalt in Avesnes gab mir im Verlauf der naechsten Monate
Gelegenheit, haeufiger als bisher mit unseren Heeresgruppen- und
Armeefuehrern sowie sonstigen hoeheren Staeben in persoenliche Beruehrung zu
kommen. Ganz besonders begruesste ich die Moeglichkeit, Truppenoffiziere bei
mir zu sehen. Ihre Kriegserfahrungen und ihre sonstigen, meist mit
ergreifend schlichten Worten vorgetragenen Kriegserlebnisse waren fuer mich
nicht nur vom kriegerischen sondern auch vom allgemein menschlichen
Standpunkt aus von hohem Interesse.

Der gelegentlich ausgefuehrte Besuch bei dem masurischen Regiment, das
meinen Namen trug, bei dem Garderegiment, in dessen Reihen ich als junger
Offizier waehrend zweier Kriege gestanden, bei der Oldenburger Infanterie,
die ich einst als Kommandeur befehligt hatte, war fuer mich eine ganz
besondere Freude. Freilich war von den Friedensstaemmen nur noch wenig
uebrig geblieben, aber im neuen Geschlechte fand ich den alten soldatischen
Geist. Die meisten Offiziere und Mannschaften sah ich zum ersten und viele
auch gleichzeitig zum letzten Male. Ehre ihrem Andenken!




                      Unsere drei Angriffsschlachten



                    Die "Grosse Schlacht" in Frankreich


Noch vor unserer Abfahrt von Spa erliess Seine Majestaet der Kaiser den
Befehl fuer die demnaechstige grosse Angriffsschlacht. Ich fuehre diesen
Befehl in seinem wesentlichsten Inhalt woertlich an, um weitlaeufige
Ausfuehrungen ueber unsere Kampfabsichten entbehrlich zu machen. Zur
Erlaeuterung bemerke ich im voraus, dass die Vorarbeiten zu dieser grossen
Schlacht mit dem Deckwort: "Michael" bezeichnet worden waren, und dass
Angriffstag und Angriffsstunde erst eingefuegt wurden, als sich der
Abschluss der Vorbereitungen einwandfrei uebersehen liess.

                                          Grosses Hauptquartier, 10. 3. 18.

  "Seine Majestaet befehlen:

  1. Der Michaelangriff findet am 21. 3. statt. Einbruch in die erste
  feindliche Stellung 940 vormittags.

  2. Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht schnuert dabei als erstes grosses
  taktisches Ziel den Englaender im Cambraibogen ab und gewinnt ... die
  Linie Croisilles (suedoestlich Arras)-Bapaume-Peronne. Bei guenstigem
  Fortschreiten des Angriffes des rechten Fluegels (17. Armee) ist dieser
  ueber Croisilles weiter vorzutragen.

  Weitere Aufgabe der Heeresgruppe ist, in Richtung Arras-Albert
  vorzustossen, mit linkem Fluegel die Somme bei Peronne festzuhalten und
  mit Schwerpunkt auf dem rechten Fluegel die englische Front auch vor der
  6. Armee ins Wanken zu bringen und weitere deutsche Kraefte aus dem
  Stellungskriege fuer den Vormarsch frei zu machen ...

  3. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz gewinnt zunaechst suedlich des
  Omigonbaches (dieser muendet suedlich Peronne) die Somme und den
  Crosatkanal (westlich La Fere). Bei raschem Vorwaertskommen hat die
  18. Armee (rechter Fluegel der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz) die
  Uebergaenge ueber die Somme und die Kanaluebergaenge zu erkaempfen ..."

Die Spannung, unter der wir am 18. Maerz abends Spa verlassen hatten,
steigerte sich bei unserem Eintreffen auf der Befehlsstelle Avesnes. Das
bisher herrliche, klare Vorfruehlingswetter war umgeschlagen. Heftige
Regenboeen zogen ueber das Land. Sie machten dem Spottnamen, mit dem Avesnes
und seine Umgebung von den Franzosen belegt war, alle Ehre. An sich
konnten wir uns Wolken und Regen an diesen Tagen wohl gefallen lassen. Sie
verschleierten vielleicht unsere letzten Angriffsvorbereitungen. Hatten
wir aber wirklich noch berechtigte Hoffnung, dass der Gegner in unsere
bisherigen Massnahmen noch keinen Einblick gewonnen hatte? Die feindliche
Artillerie hatte sich in letzter Zeit ab und zu besonders aufmerksam und
lebhaft gezeigt. Das Feuer war indessen immer wieder abgeflaut. Da und
dort suchten feindliche Flieger waehrend der Nacht im Scheine von
Leuchtkugeln einzelne unserer wichtigsten Vormarschstrassen ab und schossen
mit Maschinengewehren auf alle wahrgenommenen Bewegungen. Aber all das gab
noch keinen festen Anhalt fuer eine Antwort auf die Frage: "Kann unsere
Ueberraschung gelingen?"

Die Angriffsverstaerkungen rueckten in den letzten Naechten in ihre
Ausgangsstellungen zum Sturme; die letzten Minenwerfer und Batterien
wurden vorgezogen. Keine wesentliche Stoerung durch den Gegner! An
einzelnen Stellen unternahm man es, schwere Geschuetze bis an die
Hindernisse vorzuschieben und sie dort in Geschosstrichtern unterzubringen.
Man glaubte Ueberkuehnes wagen zu sollen, um der stuermenden Infanterie die
artilleristische Unterstuetzung waehrend ihres Durchbruches durch das ganze
feindliche Stellungssystem zu gewaehrleisten. Keine feindliche
Gegenmassregel verhinderte auch diese Vorbereitungen.

Der groesste Teil des 20. Maerz verging in Sturm und Regen. Die Aussichten
auf den 21. waren unsicher, oertlicher Nebel wahrscheinlich. Trotzdem
entschieden wir uns am Mittag fuer den Beginn der Schlacht am Morgen des
folgenden Tages.

Die Fruehdaemmerung des 21. Maerz fand das noerdliche Frankreich von der Kueste
bis zur Aisne unter einer Dunstschicht. Je hoeher die Sonne stieg, um so
dichter wurde der Nebel auf den Erdboden gedrueckt. Er beschraenkte
zeitweise den Blick bis auf wenige Meter Entfernung. Selbst die
Schallwellen schienen sich in den grauen Schwaden zu verzehren. In Avesnes
vernahm man nur fernes unbestimmtes Rollen von dem Schlachtfelde her, auf
dem seit den ersten Tagesstunden Tausende von Geschuetzen jeden Kalibers im
heftigsten Feuer standen.

Ungesehen und selbst nicht sehend arbeitete unsere Artillerie. Nur die
Gewissenhaftigkeit der Vorbereitungen konnte Gewaehr geben fuer die Wirkung
unserer Batterien. Die Antwort des Gegners war oertlich und zeitlich von
wechselnder Staerke. Sie war mehr ein Herumtasten nach einem unbekannten
Gegner, als eine systematische Bekaempfung des laestigen Feindes.

Also auch jetzt noch keine Gewissheit, ob nicht der Englaender in voller
Abwehrbereitschaft unseren Angriff erwartete. Der Schleier, der ueber allem
lag, lichtete sich nicht. In ihn hinein stuermte gegen 10 Uhr vormittags
unsere brave Infanterie. Zunaechst kamen von ihr nur unklare Meldungen,
Angaben ueber erreichte Ziele, Abaenderungen dieser Nachrichten, Widerrufe.
Erst allmaehlich hob sich die Ungewissheit, und es liess sich ueberblicken,
dass wir ueberall in die vordersten feindlichen Stellungen eingebrochen
waren. Gegen Mittag begann der Nebel zu schwinden, die Sonne zu siegen.

In den spaeten Abendstunden war ein Bild des Erreichten mit einiger
Klarheit zu erkennen. Die rechte Fluegelarmee und die Mitte unserer
Schlachtfront waren im wesentlichen vor der zweiten feindlichen Stellung
zum Halten gekommen. Die linke Armee war ueber St. Quentin hinaus maechtig
vorwaerts geschritten. Kein Zweifel, dass der rechte Fluegel den staerksten
Widerstand vor sich hatte. Der Englaender spuerte die ihm aus noerdlicher
Richtung drohende Gefahr, er warf ihr alle seine verfuegbaren Reserven
entgegen. Der linke Fluegel dagegen hatte bei augenscheinlich weitgehender
Ueberraschung die verhaeltnismaessig leichteste Kampfarbeit gehabt. Der
Kraefteverbrauch war im Norden ueber unser Erwarten gross, sonst entsprach er
unseren Voraussetzungen.

Das Ergebnis des Tages schien mir befriedigend. In diesem Sinne sprachen
sich auch unsere vom Schlachtfeld zurueckkehrenden Generalstabsoffiziere
aus, die den Truppen in den Kampf gefolgt waren. Doch konnte erst der
zweite Tag zeigen, ob nicht unser Angriff das Schicksal aller derjenigen
teilte, die der Gegner seit Jahren gegen uns gefuehrt hatte, naemlich eine
Versumpfung des Vorwaertsschreitens nach dem ersten gelungenen Einbruch.

Der Abend dieses zweiten Tages sah unseren rechten Fluegel im Besitz der
zweiten feindlichen Stellung. Unsere Mitte hatte auch die dritte
feindliche Widerstandslinie genommen, waehrend die linke Armee im vollen
Siegeslauf schon jetzt meilenweit nach Westen vorgedrungen war. Hunderte
von feindlichen Geschuetzen, ungeheure Mengen Schiessbedarfs und sonstige
Beute jeder Art lagen im Ruecken unserer vordersten Linien. Lange
Gefangenenkolonnen marschierten nach Osten. Die Zertruemmerung der
englischen Besatzung im Cambraibogen konnte jedoch nicht mehr gelingen, da
unser rechter Fluegel entgegen unseren Erwartungen nicht weit und rasch
genug vorwaerts gekommen war.

Der dritte Kampftag veraenderte nicht das bisherige Bild des
Schlachtenverlaufes: Schwerstes Ringen unseres rechten Fluegels, wo
hoechstgespannte englische Zaehigkeit sich uns entgegenwirft und auch heute
noch die dritte Verteidigungslinie behauptet. Dafuer weiterer grosser
Gelaendegewinn in unserer Mitte und auch auf unserem linken Fluegel. Suedlich
Peronne wurde schon an diesem Tage die Somme erreicht, an einem Punkte
sogar ueberschritten.

An diesem Tage, dem 23. Maerz, fallen die ersten Granaten in die feindliche
Hauptstadt.

Bei diesem glaenzenden Fortschreiten unseres Angriffes in westlicher
Richtung, das alles in Schatten stellt, was seit Jahren auf der Westfront
geleistet worden war, erscheint mir unser Durchdringen bis nach Amiens
moeglich. Amiens ist der grosse Vereinigungspunkt der wichtigsten
Bahnverbindungen zwischen dem durch die Somme scharf geschiedenen
Kriegsgebiet des mittleren und noerdlichen Frankreichs, letzteres das
hauptsaechliche Kampffeld Englands. Die Stadt ist also von groesstem
strategischen Wert. Faellt sie in unsere Hand, oder gelingt es uns,
wenigstens Amiens und Umgebung unter unser kraeftiges Artilleriefeuer zu
bringen, so ist das gegnerische Operationsfeld in zwei Teile gesprengt,
der taktische Durchbruch zum strategischen erweitert, England auf der
einen, Frankreich auf der anderen Seite. Vielleicht lassen sich die
verschiedenen politischen und strategischen Interessen beider Laender durch
solch einen Erfolg trennen. Bezeichnen wir diese Interessen durch die
beiden Namen "Calais" und "Paris". Darum vorwaerts gegen Amiens!

Und in der Tat geht es auch weiter vorwaerts mit Riesenschritten. Fuer
lebhafte Phantasien und heisse Wuensche freilich immer noch nicht rasch
genug. Muss man doch befuerchten, dass auch der Gegner die ihm nunmehr
drohende Gefahr erkennt, und dass er alles versuchen wird, ihr zu begegnen.
Englische Reserven vom Nordfluegel, franzoesische Truppen aus ganz
Mittelfrankreich werden jedenfalls Amiens und dessen Umgebung zustreben.
Auch ist zu erwarten, dass die franzoesische Fuehrung sich unserem Vordraengen
von Sueden her in die Flanke werfen wird.

Der Abend des vierten Schlachttages sieht Bapaume in unseren Haenden.
Peronne und die Sommelinie suedwaerts liegt schon hinter unseren vordern
Divisionen. Wir haben das alte Schlachtfeld an der Somme wieder betreten;
fuer manchen unserer Soldaten reich an stolzen, wenn auch ernsten
Erinnerungen, fuer alle, die es zum ersten Male sahen, tiefergreifend durch
die Sprache, die auch jetzt noch aus den Millionen von Granattrichtern,
aus dem Gewirr halbverfallener und verwachsener Graeben, aus dem
majestaetischen Schweigen ueber den veroedeten Flaechen und aus den Tausenden
von Graebern an das menschliche Herz dringt.

Starke Frontteile der Englaender sind voellig geschlagen und weichen
ziemlich haltlos in Richtung auf Amiens zurueck. Zunaechst stockt aber nun
das Vorschreiten unserer rechten Fluegelarmee. Um die Schlacht hier wieder
in Fluss zu bringen, greifen wir das Hoehengelaende ostwaerts Arras mit neuen
Kraeften an. Der Versuch gelingt indessen nur stellenweise. Das Unternehmen
wird abgebrochen. Inzwischen nimmt die Mitte unseres Angriffes Albert. Der
linke Fluegel stoesst am siebenten Schlachttage unter Deckung gegen
franzoesische Angriffe aus suedlicher Richtung ueber Roye bis Montdidier vor.

Die Entscheidung liegt also mehr als je in der Richtung auf Amiens.
Dorthin scheinen wir augenblicklich noch gut vorwaerts zu kommen. Aber bald
wird auch hier der Widerstand zaeher und zaeher, die Bewegung langsamer und
langsamer. Die auf Amiens vorausgeflogenen Phantasien und Hoffnungen
muessen zurueckgeholt werden. Die Tatsachen muessen so betrachtet werden, wie
sie sind. Menschliche Arbeit bleibt Stueckwerk. Guenstige Gelegenheiten
werden versaeumt, nicht ueberall wird mit gleicher Tatkraft zugegriffen,
selbst da, wo ein glaenzendes Ziel in Aussicht steht. Man moechte es jedem
einzelnen Soldaten zurufen: "Dringe vorwaerts auf Amiens, gib den letzten
Rest deines Willens her! Vielleicht bedeutet Amiens den entscheidenden
Sieg. Nimm wenigstens noch Villers-Bretonneux, damit wir von den dortigen
Hoehen mit Massen schwerer Artillerie Amiens beherrschen koennen!"
Vergebens, die Kraefte sind erlahmt.

Der Gegner erkennt klar, was er mit Villers-Bretonneux verlieren wuerde. Er
wirft der Stirnseite unseres Durchbruches alles entgegen, was er
heranbringen kann. Der Franzose erscheint und rettet mit seinen
Massenangriffen und seiner gefechtsgewandten Artillerie die Lage fuer den
Verbuendeten und fuer sich selber.

Bei uns fordert die menschliche Natur zwingend ihr Recht. Wir muessen Atem
schoepfen. Die Infanterie braucht Ruhe, die Artillerie Munition. Ein Glueck
war es, dass wir teilweise aus den reichen Vorraeten des geschlagenen
Gegners leben konnten; wir haetten sonst die Somme wohl nicht ueberschreiten
koennen, denn die im breiten Trichterfeld der zuerst genommenen feindlichen
Stellungen verschuetteten Strassen koennen erst durch tagelange Arbeit wieder
benutzbar gemacht werden. Noch aber geben wir die Hoffnung,
Villers-Bretonneux zu gewinnen, nicht voellig auf. Am 4. April versuchen
wir aufs neue, den Gegner von dort zu vertreiben. Verheissungsvoll lauten
an diesem Tage zuerst die Nachrichten ueber das Vorschreiten unseres
Angriffes. Der folgende 5. April aber bringt an diesem Punkte Rueckschlag
und Enttaeuschung.

Amiens bleibt in den Haenden der Gegner und wird nur von unserem Fernfeuer
beruehrt, das die Verkehrsadern des Feindes zwar beunruhigen, aber nicht
unterbinden kann.

Die "Grosse Schlacht" in Frankreich ist zu Ende!



                         Die Schlacht an der Lys


Unter den Schlachtentwuerfen fuer den Beginn des Feldzugsjahres 1918 befand
sich auch eine Bearbeitung des Angriffes auf die englische Stellung in
Flandern. Bei dieser war von dem Gedanken ausgegangen, sich gegen den nach
Osten vorspringenden englischen Nordfluegel beiderseits Armentieres zu
wenden, um durch Vordringen in allgemeiner Richtung Hazebrouck den
Zusammenbruch herbeizufuehren. Die Aussichten, die eine solche Operation im
Falle guenstigen Vorschreitens bot, waren sehr verlockend, aber der
Durchfuehrung des Angriffes standen sehr erhebliche Bedenken gegenueber.
Zunaechst war es klar, dass wir es hier mit der staerksten englischen
Kampfgruppe zu tun bekamen. Diese, auf verhaeltnismaessig engem Raum
zusammengefasst, war wohl in der Lage, unsern Ansturm nach kurzem
Vorschreiten zum Festrennen zu bringen. Wir begaben uns mit einer solchen
Unternehmung demnach gerade in die Gefahr, die wir vermeiden wollten. Dazu
kamen die Schwierigkeiten des Angriffsgelaendes beiderseits Armentieres. Da
waren zunaechst die meilenbreiten Wiesengruende der Lys und dann dieser Fluss
selbst zu ueberwinden. Im Winter waren die Niederungen auf weite Strecken
ueberschwemmt, im Fruehjahr oft wochenlang versumpft, ein wahrer Schrecken
fuer die Besatzung der dortigen Verteidigungsstellungen. Noerdlich der Lys
stieg das Gelaende allmaehlich an und erhob sich dann schaerfer zu den
gewaltigen Hoehenstellungen, die bei Kemmel und Cassel ihre maechtigsten
Eckpfeiler hatten.

Bevor die Lys-Niederung nicht einigermassen gangbar war, liess sich an die
Durchfuehrung dieses Angriffes ueberhaupt nicht denken. Ein genuegendes
Trockenwerden war bei gewoehnlichen Witterungsverhaeltnissen erst gegen
Mitte April mit einiger Sicherheit zu erwarten. Wir glaubten indessen den
Beginn des entscheidenden Ringens im Westen nicht so lange hinausschieben
zu koennen. Mussten wir doch ununterbrochen die Moeglichkeit des Eingreifens
von Nordamerika im Auge behalten. Ungeachtet der gegen den Angriff
vorhandenen Bedenken liessen wir das Unternehmen wenigstens theoretisch
vorbereiten. An seine Verwirklichung war fuer den Fall gedacht, dass unsere
Operation bei St. Quentin die gegnerische Fuehrung veranlassen wuerde,
starke Kraefte von der Gruppe in Flandern wegzuziehen, um sie unserem
Durchbruch entgegenzuwerfen.

Dieser Fall war Ende Maerz eingetreten. Sobald sich nun uebersehen liess, dass
unser Angriff in Richtung nach Westen ins Stocken kommen musste,
entschlossen wir uns daher, auf unsere Operation an der Lys-Front
zurueckzugreifen. Eine Anfrage bei der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht
erhielt die Antwort: Der Angriff ueber die Lys-Niederung sei dank des
trockenen Vorfruehlingswetters schon jetzt moeglich. Mit ausserordentlicher
Tatkraft wurde nunmehr das Unternehmen von seiten der Armeefuehrungen und
Truppen gefoerdert.

Am 9. April, am Jahrestage der grossen Krisis von Arras, erhoben sich aus
den verschlammten Stellungen an der Lys-Front von Armentieres bis La
Bassee unsere sturmbereiten Truppen. Freilich nicht in breiten
Angriffswellen sondern meist in kleinen Abteilungen und in schmalsten
Kolonnen wateten sie durch einen von Granaten und Minen zerwuehlten Morast,
zwischen tiefen, mit Wasser gefuellten Geschosstrichtern oder auf den
wenigen einigermassen festen Gelaendestreifen den feindlichen Linien
entgegen. Unter dem Feuerschutz unserer Artillerie und Minenwerfer gelang
trotz aller natuerlichen und kuenstlichen Hindernisse das ueberraschende
Vorgehen, an das anscheinend weder die Englaender noch die zwischen ihnen
eingeschobenen Portugiesen geglaubt hatten. Die portugiesischen Truppen
verliessen groesstenteils in haltloser Flucht das Schlachtfeld und
verzichteten endgueltig zugunsten ihrer Bundesgenossen auf die Kampfarbeit.
Unsere Ausnuetzung der Ueberraschung und des portugiesischen Versagens fand
freilich in dem Gelaende die groessten Schwierigkeiten; nur mit Muehe konnten
einzelne Geschuetze und Munitionswagen hinter der Infanterie nach vorwaerts
gebracht werden. Doch wurde die Lys am Abend erreicht, an einer Stelle
ueberschritten. Die Entscheidung lag also auch diesmal in dem Kampfverlauf
der naechstfolgenden Tage. Die Aussichten blieben zunaechst guenstig. Der
10. April sieht Estaires in unserer Hand; auch wird besonders in der
Gegend nordwestlich Armentieres Gelaende gewonnen. Am gleichen Tage wird
unser Angriff bis in die Gegend von Wytschaete ausgedehnt. Die
Truemmerstaetten des wiederholt umstrittenen Messines werden von uns wieder
gestuermt.

Auch der naechste Tag bringt uns neue Erfolge und neue Hoffnungen.
Armentieres wird vom Gegner geraeumt, Merville von uns genommen. Wir naehern
uns von Sueden her der ersten Stufe zu dem maechtigen Hoehengelaende, von dem
aus der Blick und die Artillerie des Gegners unsern Angriff beherrschten.
Die Fortschritte werden aber von jetzt ab immer geringer. Sie hoeren am
linken Fluegel in westlicher Richtung bald ganz auf und ermatten bedenklich
in Richtung auf Hazebrouck. In der Mitte nehmen wir in den naechsten Tagen
noch Bailleul und setzen von Sueden her den Fuss auf das Huegelgelaende. Auch
Wytschaete faellt in unsere Hand. Damit erschoepft sich jedoch dieser erste
Schlag.

Wie Ketten hatten sich die Schwierigkeiten der Verbindungen durch die
Lys-Niederung an die Bewegungen unserer vom Sueden her angreifenden Truppen
gelegt. Schiessbedarf kommt in nur ungenuegenden Mengen durch, und wir sind
nur dank der Beute auf dem bis jetzt eroberten Kampffelde in der Lage,
unsere Truppen ausreichend zu verpflegen.

In dem Ringen gegen die feindlichen Maschinengewehrnester blutet unsere
Infanterie ausserordentlich, ihre Erschoepfung droht, wenn wir nicht eine
Zeitlang im Angriff innehalten. Andrerseits draengt die Lage zu einer
Entscheidung. Wir waren in eine jener Krisen geraten, in denen der Angriff
aeusserst schwierig, die Verteidigung bedenklich wird. Nicht im Durchhalten,
nur im Vorwaertskommen konnte die Befreiung aus diesem Zustande liegen.

Wir muessen den Kemmelberg stuermen. Wie ein Klotz liegt dieser Berg seit
Jahren vor unseren Augen. Es ist damit zu rechnen, dass ihn der Gegner zum
Kernpunkt seiner flandrischen Stellung ausgebaut hat. Die Lichtbilder
unserer Flieger enthuellen wohl nur einen Teil der dort vorhandenen
Feinheiten der Verteidigungsanlagen. Wir hoffen aber, dass der aeussere
Eindruck des Berges staerker ist als sein wirklicher taktischer Wert.
Solche Erfahrungen waren von uns ja schon an anderen Angriffsobjekten
gemacht worden. Kerntruppen, die am Roten-Turmpass, bei den Kaempfen in den
transsylvanischen Bergen, im serbisch-albanischen Gebirge und in den
oberitalienischen Alpen ihren Willen gezeigt und ihre Kraft bewaehrt
hatten, duerften vielleicht auch hier das scheinbar Unmoegliche moeglich
machen.

Voraussetzung fuer das Gelingen unseres weiteren Angriffes in Flandern ist,
die franzoesische Fuehrung zu veranlassen, den englischen Bundesgenossen die
Last des dortigen Kampfes allein tragen zu lassen. Wir greifen daher
zunaechst am 24. April erneut bei Villers-Bretonneux an, hoffend, dass der
franzoesischen Kriegsleitung die Sorge um Amiens naeherliegen wuerde als die
Hilfeleistung fuer den schwer bedraengten englischen Freund in Flandern.
Aber dieser unser neuer Angriff scheitert. Dagegen bricht am 25. April die
englische Verteidigung auf dem Kemmelberge auf den ersten Anhieb zusammen.
Der Verlust dieser Stuetze erschuettert die ganze feindliche Flandernfront.
Der Gegner beginnt aus dem Ypernbogen zu weichen, den er in monatelangem
Ringen im Jahre 1917 ausgeweitet hatte. An die letzte flandrische Stadt
klammert er sich jedoch wie an ein Kleinod, das er aus politischen
Ruecksichten nicht verlieren will. Doch nicht bei Ypern sondern von
Suedosten her, in der Angriffsrichtung auf Cassel, liegt die Entscheidung
in Flandern. Gelingt es uns, in dieser Richtung vorzukommen, dann muss die
ganze englisch-belgische Flandernfront ins Rollen nach Westen kommen. Wie
vor einem Monat im Gedanken an Amiens, so erweitern sich auch diesmal die
Hoffnungen und eilen bis an die Kueste des Kanals. Ich glaube zu fuehlen,
wie ganz England mit verhaltenem Atem dem Fortgang der flandrischen
Schlacht folgt.

Nachdem das Riesenbollwerk, der Kemmelberg, gefallen ist, haben wir keinen
Grund, vor den Schwierigkeiten der weiteren Angriffe zurueckzuweichen.
Freilich kommen Nachrichten ueber das Versagen einzelner unserer Truppen.
Auch werden wieder Fehler auf dem Schlachtfelde gemacht, Versaeumnisse
begangen. Doch solche Fehler und Versaeumnisse liegen in der menschlichen
Natur. Wer die wenigsten macht, wird Herr des Schlachtfeldes bleiben. Wir
waren bis jetzt die Herren und wollen es weiter sein. Erfolge, wie der am
Kemmel, reissen nicht nur die Truppe empor, die solches geleistet hat, sie
beleben ganze Armeen. Also weiter vor, zunaechst wenigstens bis Cassel! Von
dort aus kann das Fernfeuer unserer schwersten Geschuetze Boulogne und
Calais erreichen. Beide Staedte sind vollgepfropft mit englischen
Kriegsvorraeten, sie sind ausserdem die hauptsaechlichsten Ausschiffhaefen der
englischen Kriegsmacht. Diese englische Kriegsmacht hat bei dem Kampf am
Kemmelberge ueberraschend versagt. Gelingt es uns, hier mit ihr allein
abzurechnen, dann haben wir sicherlich Aussicht auf grossen Erfolg. Trifft
keine franzoesische Hilfe ein, so ist England in Flandern vielleicht
verloren. Doch diese Hilfe kommt wieder in Englands aeusserster Not. Mit
verbissenem Zorne gegen den Freund, der den Kemmelberg preisgegeben hat,
versuchen die eintreffenden franzoesischen Truppen, uns diesen Stuetzpunkt
zu entreissen. Vergeblich! Aber auch unsere letzten grossen Anstuerme gegen
die neuen franzoesisch-englischen Stellungen dringen Ende April nicht mehr
durch.

Am 1. Mai gehen wir in Flandern zur Verteidigung ueber, oder, wie wir
damals hofften, zur einstweiligen Verteidigung.



                   Die Schlacht bei Soissons und Reims


Der von uns zur Erreichung unseres grossen Zieles eingeschlagene Weg wurde
auch nach Beendigung der Kaempfe in Flandern eingehalten. Wir wollen auch
weiterhin "durch eng zusammenhaengende Teilschlaege das feindliche Gebaeude
derartig erschuettern, dass es gelegentlich doch einmal zusammenbricht". So
kennzeichnete eine damals verfasste Niederschrift unsere Absichten. Zweimal
war England in aeusserster Krisis durch Frankreich gerettet worden;
vielleicht gelang es uns beim dritten Male, einen endgueltigen Sieg gegen
diesen Gegner zu erringen. Der Angriff auf den englischen Nordfluegel blieb
auch weiterhin der leitende Gesichtspunkt fuer unsere Operationen. In der
gluecklichen Durchfuehrung dieses Angriffes lag nach meiner Ansicht die
Entscheidung des Krieges. Gelangten wir an die Kueste des Kanals, so
beruehrten wir die Lebensadern Englands unmittelbar. Wir kamen nicht nur in
die denkbar guenstigste Lage fuer Bekaempfung seiner Seeverbindungen, sondern
wir vermochten von dort aus mit unseren schwersten Geschuetzen sogar einen
Teil von Britanniens Suedkueste unter Feuer zu nehmen. Das geheimnisvolle
Wunder der Technik, das zur Zeit aus der Gegend von Laon seine Granaten
bis in die franzoesische Hauptstadt schleudert, kann auch gegen England zur
Wirkung gebracht werden. Nur noch eine geringe Vergroesserung dieses Wunders
ist noetig, um das Herz des englischen Handels und Staates von der Kueste
bei Calais aus unter Feuer zu nehmen. Ernste Aussichten fuer Grossbritannien
damals, aber auch weiter fuer alle Zukunft! Man kann solche Wunder nach
Kruppschen Gedanken nunmehr ueberall bauen. Ob in ihnen Friedensgarantien
oder Kriegserreger gegeben sind, muss die Zukunft entscheiden. England hat
wohl in weitsichtigen Gedanken und feinem Empfinden fuer die ihm drohenden
Gefahren der Zukunft dies alles schon bedacht. Vielleicht hat auch
Frankreich im geheimen schon die Folgerungen daraus gezogen. Dass man ueber
solches Denken Schweigen bewahrt, ist zwischen Freunden
selbstverstaendlich; doch fuehlt man wohl beiderseits die Waffe in der
Tasche des anderen.

Fuer uns handelte es sich im Mai 1918 zunaechst darum, die beiden jetzigen
Freunde in Flandern wiederum zu trennen. England ist leichter zu schlagen,
wenn Frankreich fern steht. Stellen wir demnach die Franzosen vor eine
Krisis an ihrer Front, dann werden sie wohl die Divisionen wegziehen, die
zurzeit in Flandern in den englischen Linien verwendet sind. Moeglichste
Eile ist notwendig, sonst entreisst uns der wieder gestaerkte Gegner die
Vorhand. Ein gefahrvoller Einbruch in unsere nicht sehr starken
Verteidigungsfronten wuerde unsere Absichten empfindlich stoeren, ja
unmoeglich machen.

Der Franzose ist am empfindlichsten in der Richtung auf Paris. Dort ist
die politische Atmosphaere gegenwaertig ziemlich stark geladen. Unsere
Granaten und Fliegerbomben haben sie zwar bisher nicht zur Entladung
gebracht, doch koennen wir hoffen, dass dies gelingt, wenn wir naeher an die
Stadt heranruecken. In Richtung auf Soissons steht nach allem, was wir
wissen, die franzoesische Verteidigung zahlenmaessig besonders schwach, doch
gerade hier im angriffsschwierigsten Gelaende.

Als ich am Beginn des Jahres 1917 bei meiner ersten Anwesenheit in Laon
die Terrasse der Praefektur am Suedteil der eigenartig aufgebauten
Felsenstadt betrat, lag die Gegend vor mir in der vollen Klarheit eines
herrlichen Vorfruehlingtages. Eingefasst zwischen zwei Huegelrahmen im Westen
und Osten erstreckte sich das Landschaftsbild nach Sueden, dort
abgeschlossen durch einen maechtigen Wall, den Chemin des Dames. Vor
103 Jahren hatten Preussen und Russen unter Bluechers Fuehrung nach
kampfheissen Tagen suedlich der Marne die Hoehen des Chemin des Dames von
Sueden her ueberschritten und sich nach dem moerderischen Gefechte bei
Craonne unmittelbar bei Laon zum Kampfe gegen den Korsen gestellt. Im
Ostgelaende des steilen Laoner Felsens entschied sich in der Nacht vom 9.
auf den 10. Maerz 1814 der Kampf zugunsten der Verbuendeten.

An den Hoehen des Chemin des Dames war die franzoesische Fruehjahrsoffensive
1917 abgeprallt. Wochenlang hatte man damals mit wechselndem Erfolg um die
dortige Stellung gerungen, dann war es still geworden. Im Oktober 1917
aber wurde der rechte Schulterpunkt dieser Stellung nordoestlich Soissons
vom Gegner gestuermt, und wir waren gezwungen, den Chemin des Dames zu
raeumen und unsere Verteidigung hinter die Ailette zurueckzulegen.

Ueber die Steilhaenge des Chemin des Dames hinueber hatten unsere Truppen
nunmehr aufs neue anzugreifen. Fast noch mehr als bei den bisherigen
Angriffen hing das Gelingen dieses Unternehmens von der Ueberraschung ab.
War eine solche nicht moeglich, dann scheiterte unser Angriff wohl schon an
den noerdlichen Steilhaengen des Hoehenrueckens. Die Ueberraschung gelang
jedoch vollstaendig.

Eine eigenartige Erklaerung fuer diese Tatsache moechte ich hier anfuehren.
Ein Offizier, der bei den Vorbereitungen an der Ailette taetig gewesen war,
vertrat die Anschauung, dass der Laerm der quakenden Froesche in den
Flussarmen und feuchten Wiesengruenden so stark gewesen sei, dass er selbst
das Geraeusch unserer vorfahrenden Brueckenwagen uebertoente. Mag ein anderer
ueber diese Mitteilung denken, wie er will, ich moechte nur versichern, dass
ich den Erzaehler vorher durch Wiedergabe von Erlebnissen aus meinem
Jaegerleben nicht gereizt hatte! Eine andere mir mehr einleuchtende
Erklaerung fuer das Gelingen der Verschleierung unseres Angriffs entstammt
dem Munde eines gefangenen feindlichen Offiziers. Zu diesem wurde am Tage
vor Beginn unseres Angriffes ein preussischer Unteroffizier gebracht, der
auf Erkundung gefangen war. Auf die Frage, ob er etwas ueber einen
deutschen Angriff sagen koennte, gab dieser folgende Auskunft:

  "In den fruehesten Morgenstunden des 27. Mai wird ein maechtiges deutsches
  Artilleriefeuer losbrechen. Es dient aber nur Taeuschungszwecken, denn
  der anschliessende deutsche Infanterieangriff wird nur von wenigen
  Freiwilligenabteilungen ausgefuehrt werden. Die Moral der deutschen
  Truppen ist durch die furchtbaren Verluste bei St. Quentin und in
  Flandern so erschuettert, dass sich die Infanterie einem allgemeinen
  Angriffsbefehl offen widersetzt hat".

Der Offizier gab offen zu, dass ihm diese Angaben den Eindruck voller
Glaubwuerdigkeit gemacht haetten, und dass er deswegen am 27. Mai in voller
Ruhe den Verlauf der Dinge abwarten zu koennen glaubte. Vielleicht kommen
diese meine Erinnerungen dem braven deutschen Soldaten zur Kenntnis. Ich
druecke ihm in Gedanken die Hand und danke ihm im Namen des ganzen Heeres,
dem er einen so unschaetzbaren Dienst erwies, und im Namen von vielen
Hunderten, ja vielleicht Tausenden braver Kameraden, deren Leben er durch
seine Geistesgegenwart erhalten hat. Die Taeuschung des feindlichen
Offiziers haette uebrigens nicht so gelingen koennen, wenn nicht die
feindliche Propaganda durch die sinnlose Uebertreibung unserer bisherigen
Verluste einen guenstigen Boden fuer die Glaubwuerdigkeit der Angaben des
preussischen Unteroffiziers vorbereitet haette. So raechen sich hier und da
propagandistische Unwahrheiten und Uebertreibungen.

Die Schlacht begann am 27. Mai. Sie nahm einen glaenzenden Verlauf. Wir
hatten urspruenglich damit rechnen zu muessen geglaubt, dass unser Angriff an
der Linie der Aisne-Vesle zum Halten kommen wuerde, und wollten dann ueber
diese Abschnitte hinaus nicht weiter vordringen. Wir waren daher nicht
wenig ueberrascht, als wir schon am Nachmittage des ersten Schlachttages
die Meldung erhielten, dass die deutschen Schrapnellwolken bereits auf dem
Suedufer der Aisne liegen, und dass unsere Infanterie dorthin noch am
gleichen Tage vorgehen wollte.

Die Mitte unseres vollen taktischen Durchbruches erreichte in wenigen
Tagen die Marne von Chateau-Thierry bis Dormans. Unsere Fluegel schwenkten
nach Westen gegen Villers-Cotterets und nach Osten gegen Reims und das
Hoehengelaende suedlich dieser Stadt ein. Die Beute war ungeheuer, das ganze
Aufmarschgebiet der franzoesischen Fruehjahrsoffensive von 1917 mit seinen
noch vorhandenen reichen Vorraeten aller Art war in unserem Besitz. Die
Anlage neuer Strassen, Lagerbauten fuer viele Tausende von Mannschaften und
anderes legten Zeugnis davon ab, in welch grosszuegiger Weise der Franzose
damals seine Angriffe in mehrmonatiger Arbeit vorbereitet hatte. Wir
hatten die Sache kuerzer gemacht!

In diesen Tagen sah ich gelegentlich eines Besuches der Schlachtfelder
Laon wieder. Wie hatte sich in der Zeit seit Winter 1917 der damals fast
friedliche Charakter des dortigen Lebens gewandelt. Wenige Tage, nachdem
unsere groessten Geschuetze aus den Waldungen bei Crepy, westlich Laon, das
Feuer gegen Paris eroeffnet hatten, begannen naemlich feindliche Batterien
aus dem Tale der Aisne das Feuer gegen die unglueckliche Stadt. Ich moechte
damit nicht behaupten, dass die Gegner gegen das eigene Fleisch und Blut
wueteten ohne verstaendlichen militaerischen Zweck. Sie nahmen wohl an, dass
die Munitionszufuhr zu unseren Paris so laestigen Batterien ueber Laon gehen
wuerde, ein begreiflicher Irrtum. Bei dem Feuer auf den Bahnhof fiel eine
grosse Anzahl schwerer Geschosse in die noch dicht bevoelkerte Stadt, auch
warfen nunmehr feindliche Flieger zu jeder Tageszeit Bomben dort nieder.
Wer von den hart heimgesuchten Einwohnern sich von der mit Vernichtung
bedrohten Heimstaette nicht losreissen konnte, musste in Kellern oder
Erdraeumen leben, ein Bild unsagbaren Massenelends, wie wir es freilich aus
aehnlichen Gruenden auch an anderen Stellen hinter unseren westlichen
Verteidigungsfronten mit ansehen mussten, ohne etwas daran aendern zu
koennen. Am ersten Angriffstage waren die feindlichen Fernfeuergeschuetze am
Aisne-Tal erobert worden, und damit hatte die Beschiessung Laons ein Ende
genommen. Ein Zugehoeriger dieser Batterien wurde gefangen durch die Stadt
gefuehrt. Hier stellte er die Bitte, die beschossenen Haeuserviertel
besuchen zu duerfen, da ihn die Lage der Schuesse seiner Geschuetze
interessiere. Welch ueberraschender Tiefstand eines durch den Krieg
versteinerten Herzens!

Der Krieg wirkte freilich nicht immer derartig; auch bei unseren Gegnern
fanden sich weiche Herzen nach hartem Maennerkampfe. Von den mir erzaehlten
Beispielen moechte ich nur eines verzeichnen: Es war am 21. Maerz in dem
noch immer mit schwerem englischen Feuer belegten St. Quentin. Dort stauen
sich in den zerschossenen Strassen deutsche Kolonnen. Feindliche Gefangene,
aus dem Kampfe kommend und Verwundete tragend, werden zum Halten
gezwungen. Sie legen ihre Buerde nieder. Da hebt ein schwer verwundeter
deutscher Soldat, dem Tode naeher als dem Leben, den ermattenden Arm
suchend und stoehnt zu dem sich niederbeugenden Traeger: "Mutter, Mutter."
Das englische Ohr versteht den deutschen Laut. Der Tommy kniet nieder an
der Seite des Grenadiers, streichelt die erkaltende Hand und sagt:
"_Mother, yes, mother is here!_"

Auch ich selbst sah auf diesen Schlachtfeldern Bilder tiefen menschlichen
Fuehlens. So wanderte ich Ende Mai an der Seite eines deutschen Generals
ueber die kurz vorher erstuermten Hoehen westlich Craonne. Bei jedem der noch
nicht bestatteten gegnerischen Gefallenen bueckt er sich und bedeckt das
noch entbloesste Gesicht, eine Huldigung an die Majestaet des Todes. Er sorgt
aber auch fuer lebende Feinde, labt aus eigenen Mitteln einige aus Schwaeche
zurueckgebliebene Verwundete und veranlasst ihren bequemen Transport. Auch
schon frueher hatte ich Gelegenheit, in das wahre Menschentum dieses
Deutschen zu blicken. In den Maerztagen des Jahres fahre ich in der Gegend
von St. Quentin an seiner Seite an Kolonnen gegnerischer Gefangener
entlang, die sein ernstes Auge in tiefen Gedanken betrachtet. An der
Spitze einer dieser Kolonnen laesst er Halt machen und spricht den dort
vereinigten feindlichen Offizieren die Anerkennung fuer die tapfere Haltung
ihrer Truppen aus, sie mit dem Hinweis troestend, dass das haerteste Los, das
der Gefangenenschaft, oft den trifft, der am tapfersten ausgeharrt hat.
Die Wirkung dieser Worte scheint gross. Am groessten bei einem jungen
hochgewachsenen Offizier, der augenscheinlich schwer beruehrt bisher den
Kopf wie aus Scham zu Boden senkte. Jetzt erhebt sich die schlanke
Gestalt, wie die junge Tanne vom Schneedruck befreit, und ihr dankbarer
Blick trifft das Auge - meines Kaisers.

Zur Erweiterung unserer Erfolge hatten wir noch waehrend der Kaempfe in dem
bis zur Marne aufspringenden Bogen den rechten Fluegel unseres Angriffes
nach Westen hin bis zur Oise ausgedehnt. Der Angriff gelang nur
unvollstaendig. Ein Angriff, den wir aus der Linie Montdidier-Noyon am
9. Juni in Richtung Compiegne fuehrten, drang nur bis halbwegs dieser Stadt
vor. Auch unsere Versuche in der Richtung auf Villers-Cotterets gelangten
zu keinem groesseren Ergebnis. Wir mussten uns davon ueberzeugen, dass wir in
der Gegend von Compiegne-Villers-Cotterets die Hauptkraefte des feindlichen
Widerstandes vor uns hatten, den zu brechen wir die Kraefte nicht besassen.

Zusammenfassend moechte ich meine Bemerkungen ueber die Schlacht von
Soissons-Reims damit schliessen, dass uns die Kaempfe viel weiter gefuehrt
hatten, als es urspruenglich beabsichtigt war. Auch hier hatten sich aus
unerwarteten Erfolgen neue Hoffnungen und neue Ziele ergeben. Dass diese
schliesslich nicht voll erreicht wurden, lag in der allmaehlichen
Erschoepfung der eingesetzten Kraefte begruendet. Unseren allgemeinen
Absichten entsprach es jedoch nicht, noch mehr Divisionen fuer die
Operation in der Marnegegend einzusetzen. Unsere Blicke richteten sich
ununterbrochen nach Flandern.



                  Rueckblick und Ausblick Ende Juni 1918


Das von uns in den drei grossen Schlachten Erreichte stellte vom
kriegerischen Gesichtspunkte aus alles in den Schatten, was seit dem
Herbste 1914 im Westen im Angriffskampfe geleistet worden war. Aus dem
Gelaendegewinn, den Beutezahlen, den schweren blutigen Verlusten des
Gegners sprach mit aller Deutlichkeit die Groesse der deutschen Erfolge. Wir
hatten das Gefuege des feindlichen Widerstandes bis in seine Grundfesten
erschuettert. Unsere Truppen hatten sich den grossen Anforderungen, die wir
an sie stellten, voll gewachsen gezeigt. In den wochenlangen
Angriffskaempfen hatte der deutsche Soldat bewiesen, dass der alte Geist
durch die jahrelangen Verteidigungskaempfe nicht erstickt war, sondern sich
unter dem Worte "Vorwaerts" bis zu der Hoehe des seelischen Schwunges des
Jahres 1914 emporgehoben hatte. Der Sturmdrang unserer Infanterie hatte
seine Wirkung auf den Gegner nicht verfehlt: "_What an admirable and
gallant infanterie you have_", so sprach ein feindlicher Offizier sich
gegenueber einem meiner Generalstabsoffiziere aus. Im engsten Anschluss an
diese Infanterie hatten ihre Schwesterwaffen in allen Gefechtslagen in
vorderster Linie gestanden. Ein maechtiger Einheitszug war durch das Ganze
hindurch gegangen, durchgreifend bis zum letzten Mann am hintersten
Munitionswagen. Wie hatten sie alle vorwaerts gestrebt, um teilzuhaben,
mitzuwirken und mitzufuehlen an dem grossen Geschehen! Wie oft loeste sich da
ein freudiger Jubel, ein erhebendes Singen, ein lautes dankbares Gebet.
Auch ich hatte auf den Schlachtfeldern von jenem Geiste wieder genossen,
der mich wie ein Herueberwehen aus meiner laengst vergangenen militaerischen
Jugendzeit anmutete. Ein Menschenalter lag dazwischen, aber das
Menschenherz, der deutsche Soldatengeist war unveraendert geblieben. So
hatten unsere braven Jungens im alten blauen Rock in den Biwaks von
Koeniggraetz und Sedan gesprochen und gesungen, wie die Feldgrauen jetzt
wieder sprachen und sangen in den grossen Kaempfen um Dasein und Vaterland,
fuer Kaiser und Reich.

Aber all das, was geleistet worden war, hatte bisher nicht ausgereicht,
den Gegner militaerisch und politisch in das Lebensmark zu treffen. Auf der
gegnerischen Seite zeigte sich keine Spur von Nachgiebigkeit. Nach aussen
hin schien im Gegenteil jede militaerische Niederlage den
Vernichtungswillen des Feindes nur noch zu verstaerken. Dieser Eindruck
wurde auch nicht dadurch abgeschwaecht, dass ab und zu im gegnerischen Lager
Stimmen zur Maessigung rieten. Der diktatorische Druck der uns feindlichen
Staatsgebaeude war im grossen und ganzen nirgends gelockert. Wie mit
eisernen Klammern hielt er den Willen und die Kraft der Voelker zusammen
und machte in mehr oder minder ausgesprochen gewaltsamer Form alle
diejenigen unschaedlich, die in andrer Richtung zu denken wagten, als die
jetzigen tyrannischen Machthaber. In dem Wirken dieser Gewalten lag fuer
mich etwas sehr Eindrucksvolles. Sie stuetzten ihre eigenen Hoffnungen und
verwiesen ihre Voelker in erster Linie auf das allmaehliche Ermatten unserer
Kraft. Diese musste sich nach ihrer Anschauung allmaehlich verbrauchen. Der
Hunger in der deutschen Heimat, der Kampf an der Front, das Gift der
Propaganda, Bestechungsgelder, Flugschriften, innere staatliche Kaempfe
hatten uns bisher nicht zu Fall zu bringen vermocht. Jetzt wurde ein neuer
Faktor wirksam: die amerikanische Hilfe. Wir hatten ihre ersten
kampfgeschulten Truppen bei Chateau-Thierry kennen gelernt. Sie traten uns
dort entgegen, noch ungelenk aber von kraeftigem Willen gefuehrt. Sie
wirkten auf unsere schwachen Verbaende ueberraschend durch ihre zahlenmaessige
Ueberlegenheit.

Mit dem Eingreifen der Amerikaner auf dem Schlachtfelde waren die so lange
gehegten franzoesischen und englischen Hoffnungen endlich erfuellt. War es
da ein Wunder, wenn die feindlichen Staatsmaenner jetzt weniger als je an
einen friedlichen Ausgleich mit uns dachten? Die Vernichtung unseres
staatlichen und wirtschaftlichen Daseins war von ihrer Seite seit langem
beschlossen, mochten sie diese Absicht auch hinter fadenscheinigen, milden
und sophistischen Redensarten verbergen wollen. Sie wandten solche Phrasen
nur an, wenn diese ihren propagandistischen Zwecken entsprachen, sei es,
um ihren eigenen Voelkern die auferlegte Blutsteuer ertraeglich erscheinen
zu lassen, sei es, um die Kampflust unseres Volkes zu zermuerben. So war
ein Ende des Krieges fuer uns nicht abzusehen.

Mitte des Monats Juni hatte die allgemeine militaerische Lage fuer den
Vierbund eine wesentliche Verschlechterung erfahren: Nach
erfolgverheissenden Anfaengen war der Angriff Oesterreich-Ungarns in Italien
gescheitert. Wenn auch unser dortiger Gegner nicht die Kraft besass, aus
dem Misslingen des oesterreichisch-ungarischen Unternehmens groesseren Vorteil
zu ziehen, so war doch das Scheitern des Angriffs von Folgen begleitet,
die schlimmer waren, als sie aus einem Unterlassen des Angriffs haetten
entstehen koennen. Das Missgeschick unseres Bundesgenossen war ein Unglueck
auch fuer uns. Der Gegner wusste so gut wie wir, dass Oesterreich-Ungarn mit
diesem Angriff seine letzten Gewichte in die Wagschale des Krieges
geworfen hatte. Von jetzt ab hoerte die Donaumonarchie auf, eine Gefahr fuer
Italien zu bedeuten. Ich glaubte, damit rechnen zu muessen, dass Italien
sich nunmehr dem Draengen seiner Verbuendeten nicht mehr entziehen koennte
und auch seinerseits Kraefte auf den alles entscheidenden westlichen
Kriegsschauplatz werfen wuerde, nicht nur, um die feindliche politische
Einheitsfront zu beweisen, sondern auch um bei den weiteren Kaempfen eine
wirkungsvolle Rolle zu spielen. Sollte nicht auch diese neue Last auf
unsere Schultern allein fallen, so mussten wir oesterreichisch-ungarische
Divisionen an unsere Westfront heranzuholen versuchen. Das war der fuer uns
massgebende Grund fuer das Ersuchen um nunmehrige unmittelbare
oesterreichisch-ungarische Unterstuetzung. Grosse Wirkung konnten wir uns von
dieser Unterstuetzung allerdings zunaechst nicht versprechen. Die
Entscheidung ueber die Geschicke des gesamten Vierbundes hing jetzt mehr
als je ab von Deutschlands Kraft.

Die Frage war also, ob diese noch ausreichen wuerde, um ein siegreiches
Ende des Krieges zu erzwingen. Ich habe weiter oben von den glaenzenden
Leistungen unserer Truppen gesprochen; zur Beantwortung dieser Frage wende
ich mich jetzt zu anderen, ernsteren Seiten:

Bei aller Liebe und Anerkennung fuer unsere Soldaten durften wir doch die
Augen vor den sich im Laufe des langen Krieges ergebenden Maengeln in dem
Gefuege unserer Armee nicht verschliessen. Das Fehlen einer genuegenden Zahl
langgeschulter Fuehrer der unteren Dienstgrade hatte sich bei unsern grossen
Angriffsschlachten sehr fuehlbar gemacht. Die Gefechtsdisziplin war ab und
zu bedenklich gelockert. Es war an sich verstaendlich, dass der Soldat sich
inmitten der erbeuteten reichen Bestaende gegnerischer Depots dem Genusse
lang entbehrter Lebens- und Genussmittel hingab. Aber es haette verhindert
werden muessen, dass er sich auf diese Genuesse zur Unzeit stuerzte und dabei
seine augenblickliche Pflicht vernachlaessigte. Ganz abgesehen von den
aufloesenden Wirkungen derartigen Verhaltens auf den Geist der Truppe trat
auch die Gefahr ein, dass uns guenstige Gefechtslagen ungenutzt verstrichen
und sich wiederholt in das Gegenteil verwandelten.

Die Kaempfe hatten weitere schwere, unausfuellbare Luecken in unsere Truppen
gerissen. So manche Infanterie-Regimenter bedurften eines voellig neuen
Aufbaues. Die Bausteine hierfuer waren dem alten Material moralisch meist
nicht mehr gleichwertig. Die Schwaechen der heimatlichen Verhaeltnisse
spiegelten sich vielfach in den Stimmungen wieder, die den ins Feld
nachkommenden Ersatz durchdrangen.

Unter dem Einfluss unserer kriegerischen Erfolge hatte sich zwar die
Stimmung der Heimat in weiten Kreisen maechtig gehoben. Man folgte den
Nachrichten aus dem Felde mit groesster Spannung und hoffte auf ein
baldiges, glueckliches Ende des schweren Ringens. Hunger, Opfer, Sorge
schienen nicht umsonst gewesen zu sein, und manches wurde vergessen,
manches wurde auch weiter mannhaft ertragen, wenn nur ein gluecklicher
Schluss des ungeheuern Duldens in greifbare Naehe gerueckt blieb. So
bewirkten die Erfolge des Heeres vieles, was die politische Fuehrung
versaeumte. Aber das vaterlandslose Empfinden einzelner Teile des deutschen
Volkes, die von durch Eigennutz und Selbstsucht entarteten politischen
Ideenrichtungen durchtraenkt waren, die bei ihrer Nervenzerruettung und
sittlichen Verderbnis im Siege des Gegners das Glueck und den Frieden des
Vaterlandes sahen, und die das Gute ausschliesslich im feindlichen Lager,
das Boese ebenso ausschliesslich im eigenen Lande suchten und zu finden
glaubten, bildete den Ausstrahlungspunkt fuer die Zersetzung, die unsern
ganzen Volkskoerper verderben wollte. Wahrlich, Trotzki schien in
Brest-Litowsk nicht in den Wind gesprochen zu haben. Seine politischen
Irrlehren drangen ueber unsere Grenzpfaehle und fanden zahlreiche Anbeter in
allen Berufsklassen und aus den verschiedensten Beweggruenden. Die
feindliche Propaganda setzte ihre Einwirkung offen und im geheimen fort.
Sie warf sich mit wechselnder Staerke auf alle Gebiete unseres Lebens.

So drohte das Schwinden der Widerstandskraft in unserm Volk und Heer sich
mit dem Vernichtungswillen des Gegners zu unserm Verderben zu verbinden.
Kriegerische Erfolge schienen allein einen Ausweg aus dieser schweren Lage
geben zu koennen. Mit ihrer Hilfe zu einem gluecklichen Ende zu kommen, war
nicht nur mein bestimmter Wille, sondern auch meine sichere Hoffnung.
Vorbedingung fuer solche Erfolge war, dass wir die Vorhand nicht verloren,
das heisst im Angriff blieben. Wir gerieten sofort unter den Hammer, wenn
wir ihn selbst aus der Hand gaben.

Wir konnten uns durchkaempfen, wenn nur die Heimat uns weiter die
koerperlichen und sittlichen Kraefte gab, ueber die sie noch verfuegte, wenn
sie nicht den Mut und den Glauben an unsern Endsieg verlor, und wenn die
Bundesgenossen nicht versagten.

In diesen Gedanken und Empfindungen trat ich an die Fortfuehrung unseres
bisherigen Gesamtplanes heran.




                          Im Angriff gescheitert



                     Der Plan zur Schlacht bei Reims


Die Lage im Marnebogen nach dem Abschluss der Junikaempfe machte den
Eindruck eines unvollendeten, nicht abgeschlossenen Werkes. So wie wir von
Mitte Juni ab in diesem Bogen standen, konnten wir auf die Dauer nicht
stehen bleiben. Die Zufuhrverhaeltnisse in den gewaltigen Halbkreis hinein
waren mangelhaft. Sie genuegten knapp fuer den Zustand verhaeltnismaessiger
Kampfruhe, drohten aber fuer den Fall eines ausbrechenden, laenger dauernden
Grosskampfes bedenklich zu werden. Wir hatten nur eine, noch dazu wenig
leistungsfaehige Bahnlinie als hauptsaechlichste Zufuhrstrasse fuer unsere
grossen Truppenmassen auf dem im Verhaeltnis zu deren Staerke engen Raum zur
Verfuegung. Dazu kam, dass der vorspringende Bogen den Gegner geradezu zu
allseitigen Angriffen reizen musste.

Die gruendliche Besserung der Versorgungsverhaeltnisse sowie der taktischen
Lage war nur moeglich, wenn wir Reims in unseren Besitz brachten. Die
Wegnahme dieser Stadt war im Zusammenhang mit den Mai-Junikaempfen nicht
gelungen. Wir hatten damals unser Schwergewicht hauptsaechlich in westliche
Richtung verlegt. Der Gewinn von Reims musste jetzt Aufgabe einer
besonderen Operation werden. Die dadurch notwendige Schlacht fuegte sich
aber auch in den Rahmen unserer gesamten Plaene ein.

An frueherer Stelle habe ich schon betont, dass es nach Abbruch der
Lys-Schlacht unser Ziel blieb, dem Englaender in Flandern nochmals einen
entscheidenden Schlag zu versetzen. Unser Angriff bei Soissons hatte
diesem Gedanken gedient, indem wir dadurch die gegnerische Oberste Fuehrung
veranlassen wollten, den Englaendern in Flandern die franzoesischen Stuetzen
wieder zu entziehen.

Die Vorbereitungen fuer die neue Flandernschlacht waren in der Zwischenzeit
fortgesetzt worden. Waehrend der Arbeiten an den zukuenftigen
Angriffsfronten lagen unsere fuer die Durchfuehrung bestimmten Divisionen in
Belgien und im noerdlichen Frankreich zur Erholung und Ausbildung in
Unterkunft.

Ich befuerchtete von englischer Seite einstweilen keine angriffsweisen
Gegenmassregeln. Hatte auch der groesste Teil des englischen Heeres nunmehr
seit Monaten Gelegenheit zur Wiederherstellung seiner schwer erschuetterten
Kampfbrauchbarkeit gehabt, so schien es doch angesichts unserer drohenden
Stellung in Flandern nicht wahrscheinlich, dass der Englaender zum Angriff
uebergehen wuerde.

Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hoffte ich, dass wir mit den
englischen Hauptkraeften in Flandern fertig werden wuerden, wenn es uns nur
gelang, den Franzosen von dem dortigen Schlachtfeld dauernd fernzuhalten.
Die Erneuerung unserer Angriffe bei Reims sollte also auch jetzt unserem
groesseren und weiteren Zwecke, naemlich dem entscheidenden Kampf gegen die
Masse des englischen Heeres, dienen.

Die Lage an der franzoesischen Front zeigte Anfang Juli ungefaehr folgendes
Bild: die Hauptmasse der Reserven des Generals Foch stand in der Gegend
Compiegne-Villers-Cotterets. Sie befanden sich dort in einer strategisch
sehr guenstigen Aufstellung. Sie waren einerseits bereit, einer Fortsetzung
unserer Angriffe in Richtung auf die beiden eben genannten Staedte
entgegenzutreten, und konnten andrerseits dank der ausserordentlich
guenstigen Bahnverbindungen von ihrem jetzigen Aufstellungsraume rasch an
jeden Teil der franzoesischen und englischen Front verschoben werden. Der
Uebergang Fochs zu einer grossen Offensive schien mir vor dem Eintreffen
starker amerikanischer Kraefte wenig wahrscheinlich, es sei denn, dass Foch
zu einer solchen Offensive durch besonders guenstige oder zwingende
Verhaeltnisse veranlasst wurde.

Suedlich der Marne standen anscheinend keine sehr starken feindlichen
Kraefte. Bei Reims und im Berggelaende suedlich davon befand sich dagegen
zweifellos eine grosse gegnerische Kampfgruppe, die, abgesehen von
Franzosen, auch aus Englaendern und Italienern gebildet war. An den uebrigen
franzoesischen Fronten hatten sich die Verhaeltnisse im Vergleich mit der
Zeit unserer Fruehjahrsangriffe nicht wesentlich veraendert. Mit dem
staendigen Wechsel zwischen Stellungstruppen und verbrauchten
Kampfdivisionen aenderte sich die Gesamtlage an diesen Fronten nicht
wesentlich.

Ueber das Eintreffen der amerikanischen Hilfe war eine erschoepfende
Klarheit nicht gewonnen. Offenkundig aber war, dass die amerikanischen
Massen sich nunmehr ununterbrochen nach Frankreich ergossen. Unsere
Unterseeboote waren nicht imstande, diese Bewegungen zu verhindern oder
abzuschwaechen, ebenso wenig wie ihre bisherige Wirkung ausgereicht hatte,
den gegnerischen Schiffsraum derartig zu verringern, dass ein solcher
Massentransport ueberhaupt nicht in Frage gekommen waere. Die Gegner
stellten nunmehr angesichts der unbedingten Notwendigkeit einer raschen
und umfassenden militaerischen Hilfe fuer Frankreich und England alle
Ruecksichten auf Lebensmittelversorgung und Wirtschaftsbeduerfnisse ihrer
Laender zurueck. Wir mussten uns mit dieser Tatsache abzufinden suchen.

Brachten wir den beabsichtigten Angriff bei Reims in engen operativen
Zusammenhang mit unsern Plaenen in Flandern, so blieb die Frage zu
entscheiden, welche Ausdehnungen wir den Kaempfen bei Reims geben wollten
und mussten. Wir hatten urspruenglich die Absicht, uns mit der Wegnahme der
Stadt zu begnuegen. Ueber den Besitz von Reims entschied die Beherrschung
des Huegelgelaendes zwischen Epernay und Reims. In der Wegnahme dieses
Huegellandes lag somit das Schwergewicht unseres Angriffes. Zur
Erleichterung unseres dortigen Vorgehens, das heisst zur Ausschaltung einer
etwaigen flankierenden Wirkung des Gegners vom suedlichen Marneufer her,
sollten staerkere Kraefte beiderseits Dormans auf das Suedufer dieses Flusses
vorstossen und dann auch dort gegen Epernay vorgehen. Der Flussuebergang
angesichts eines kampfbereiten Gegners war zweifellos ein kuehnes
Unternehmen. In Anbetracht unserer immer wiederholten Erfahrungen bei den
verschiedenen Fluss- und Stromuebergaengen hielten wir jedoch auch in diesem
Falle ein solches Vorgehen nicht fuer zu bedenklich. Die
Hauptschwierigkeiten lagen nicht in der unmittelbaren Bewaeltigung des
Flussabschnittes sondern in der Fortfuehrung des Kampfes jenseits des
Hindernisses. Die Nachfuehrung der Artillerie und aller Kampf- und
Lebensbeduerfnisse fuer die Angriffstruppen war auf Kriegsbruecken
angewiesen, die naturgemaess dankbare Ziele fuer das artilleristische
Fernfeuer und fuer die Fliegerangriffe des Gegners boten.

Ueber die anfaengliche Beschraenkung unseres Kampfes lediglich auf den Besitz
von Reims hinaus erhielt unser Plan im Verlaufe verschiedener
Besprechungen eine Ausdehnung nach Osten bis tief in die Champagne hinein.
Die Anregung hierzu entstand einerseits aus unserer Absicht, Reims auch im
Suedosten abzuschnueren, andererseits glaubten wir nach den letzten
Erfahrungen unseren Angriff vielleicht bis Chalons-sur-Marne vortreiben zu
koennen, verlockt durch die Aussichten auf grosse Beute an Gefangenen und
Kriegsbeduerfnissen, wenn das Unternehmen in diesem Umfange gelang. Wir
nahmen damit allerdings die Gefahr in Kauf, zugunsten einer grossen
Angriffsbreite unsere Kraft an den entscheidenden Stellen zu schwaechen.

An dem baldigen Beginn unserer neuen Operation hatten wir natuerlich ein
grosses Interesse. Angesichts der eintreffenden amerikanischen
Verstaerkungen arbeitete die Zeit nicht fuer sondern gegen uns. Das richtige
Ausmass zwischen der Notwendigkeit der Vorbereitungen und der Forderung der
gesamten Kriegslage zu finden, war unsere ganz besondere Aufgabe und
wahrlich nicht der leichteste Teil unserer Entscheidungen. Ganz abgesehen
von den rein taktischen Vorbereitungen, wie zum Beispiel dem Heranbringen
und Vorfuehren der Kampfmittel an die Angriffsstellen, durften wir bei
allem Draengen der Gesamtlage nicht uebersehen, welche Schwierigkeiten die
jedesmalige Auffrischung unserer Truppen fuer neue Kampfaufgaben in sich
schloss. So konnten wir in vorliegendem Falle den Angriff erst am 15. Juli
beginnen lassen.



                          Die Schlacht bei Reims


In den ersten Tagesstunden des 15. Juli beginnt unsere tausendstimmige
Artillerie an der neuen Angriffsfront ihre Schlachtweise zu spielen.
Gleichzeitig wird es an der Marne auf unserer Seite lebendig. Die
Gegenwirkung des Feindes ist anfangs nicht besonders lebhaft, nimmt aber
allmaehlich zu. Wir hatten keinerlei Anzeichen fuer eine Verstaerkung der
gegnerischen Front oder fuer besondere Abwehrmassregeln des Feindes bemerkt.
Unserer Infanterie gelingt es, auf das suedliche Marneufer ueberzusetzen.
Feindliche Maschinengewehrnester werden ausgehoben, die Hoehen jenseits des
Flusses erstiegen, Geschuetze erobert. Die Nachricht von diesen ersten
Vorgaengen erreicht uns in Avesnes schon sehr fruehzeitig. Sie loest die
begreifliche Spannung und verstaerkt unsere Hoffnung.

Wie an der Marne, so entbrennt der Kampf im weiten Umkreis auch um Reims,
ohne sich freilich gegen diese Stadt und deren unmittelbare Umgegend zu
richten, sollte die Stadt doch durch beiderseitige Abschnuerung zu Fall
gebracht werden. In der Champagne, bis gegen die Argonnen hin, wird das
erste gegnerische Verteidigungssystem durch unsere Artillerie und
Minenwerfer zertruemmert. Hinter den vorderen Linien des Feindes befindet
sich aus den frueheren Kaempfen noch ein ausgedehntes Grabengewirr. Niemand
kann angeben, ob oder welche Teile davon besetzt sind. Der Gegner besitzt
in ihnen jedenfalls zahllose Stuetzpunkte, und es bedarf kaum einer
besonderen Arbeit, um diese wieder verteidigungsfaehig zu machen und neue
veraenderte Verteidigungsmoeglichkeiten zu schaffen. Andererseits scheint
der Gegner hier in der Champagne nach den ersten Eindruecken am wenigsten
auf Widerstand vorbereitet zu sein. Seine Artillerie antwortet nicht sehr
stark, sie steht augenscheinlich ziemlich locker und in auffallend tiefer
Gruppierung.

Nach Zusammenfassung unserer schweren Feuerkraft auf die erste feindliche
Stellung beginnt, wie in unseren bisherigen Angriffskaempfen, diese
zusammengeballte Wetterwolke ihren verderbenbringenden Marsch ueber die
gegnerische Verteidigung. Unsere Infanterie folgt ihr. Die erste
feindliche Stellung wird auf der ganzen Linie nahezu widerstandslos
gestuermt, dann will man den Angriff fortsetzen. Als aber unsere Feuerwalze
die weiteren Sturmziele verlaesst, um sie der Infanterie freizugeben, da
erhebt sich unerwartet heftiger feindlicher Widerstand. Die Artillerie des
Gegners beginnt ihr Feuer aufs aeusserste zu steigern. Unsere Truppen
versuchen trotzdem, vorwaerts zu kommen. Vergeblich! Die Begleitbatterien
werden herangeholt. Geschuetzweise und von Menschen gezogen treffen sie
ein, denn in dem Trichterfelde versagen groesstenteils die Pferde. Kaum sind
die Geschuetze in Stellung gebracht, so liegen sie auch schon zertruemmert
am Boden. Der Gegner hat offensichtlich die Hauptabwehr in die zweite
Stellung verlegt. Unser wirkungsvollstes Vorbereitungsfeuer war
meistenteils ohne Nutzen verpufft. Ein neues feindliches
Verteidigungsverfahren ist der vernichtenden Gewalt unserer
artilleristischen Massenwirkung gegenueber angeordnet und angewendet worden
auf Grund begangenen deutschen Verrates, wie der Gegner spaeter selbst der
ganzen Welt jubelnd verkuendet.

Die Kampfverhaeltnisse in der Champagne bleiben bis zum Abend des ersten
Tages unveraendert.

Einen guenstigeren Verlauf nehmen unsere Kaempfe suedwestlich Reims und
beiderseits der Marne. Suedlich des Flusses dringt unsere Infanterie auf
fast eine Wegstunde vorwaerts, mit dem Hauptdruck laengs des Flusses in
Richtung auf Epernay. Ein Drittel der Strecke dorthin wird bis zum Abend
in erbittertem Kampfe zurueckgelegt. Auch noerdlich des Flusses ist unser
Angriff im Vorschreiten. Maechtiger wie die Kalkhaenge des Chemin des Dames
erhebt sich hier das Reimser Berggelaende, von tiefen Schluchten
zerklueftete Hoehen, deren flachgewoelbte Kuppen grossenteils von dichtem
Walde bestanden sind. Das ganze Gelaende ist fuer zaeheste Verteidigung
hervorragend geeignet, da es dem Angreifer im hoechsten Grade eine
Zusammenfassung seiner artilleristischen Kraefte auf ausgesprochene Ziele
erschwert. Trotzdem kommt unsere Infanterie vorwaerts. Sie trifft hier zum
ersten Male an der Westfront auf italienische Truppen, die sich
anscheinend auf franzoesischem Boden mit geringer Begeisterung schlagen.

Am Abend des 15. Juli haben wir auf der gesamten Angriffsfront etwa 50
Geschuetze erbeutet. 14.000 Gefangene werden gemeldet. Das Ergebnis
entspricht freilich nicht unseren hoeheren Hoffnungen. Doch erwarten wir
mehr von dem folgenden Tag.

Der Vormittag des 16. Juli verlaeuft in der Champagne, ohne dass unsere
Truppen noch irgendwo merklich vorwaerts kommen. Wir stehen vor der
schweren Frage, hier den Kampf abzubrechen oder mit der ohnehin nicht sehr
tief gegliederten Angriffskraft die weitere Entscheidung zu versuchen. Die
Gefahr besteht, dass die Truppe sich umsonst verblutet, oder dass sie selbst
im guenstigen Falle so schwere Verluste erleidet, dass sie kaum mehr
befaehigt sein wird, die errungenen Vorteile gruendlichst auszunutzen. Das
Ziel Chalons ist also in unsichere Ferne gerueckt. Aus diesen Gruenden gebe
ich meine Zustimmung zum Uebergang in die Verteidigung an dieser Stelle.
Dagegen bleibt es bei der Fortfuehrung unserer Angriffe suedlich der Marne
und in dem Reimser Berggelaende. Jenseits des Flusses werden wir aber im
Verlauf des Tages immer mehr und mehr in die Verteidigung gezwungen. Der
Feind wirft uns starke Kraefte im Angriff entgegen. Dicht beiderseits des
Flusses, in Richtung Epernay, gewinnen wir dagegen noch weiter Boden. Wir
stehen am Abend des Tages etwa halbwegs der Stadt, 10 km von ihr entfernt.
Auch im Berggelaende naehern wir uns der Strasse Epernay-Reims trotz
verzweifelter Gegenstoesse des Feindes mehr und mehr. Das Schicksal von
Reims scheint an einem Faden zu haengen. Wenngleich die uebrige Operation
jetzt schon als gescheitert angesehen werden muss, so soll doch wenigstens
Reims fallen. Die Stadt ist ein bedeutendes militaerisches Wertobjekt fuer
uns, das den Einsatz lohnt; ihr Gewinn bleibt vielleicht nicht ohne tiefen
Eindruck auf den Gegner.

Am 17. Juli verstummt der Kampf in der Champagne. Suedlich der Marne
beginnen die Verhaeltnisse sich mehr und mehr zu unsern Ungunsten zu
gestalten. Wir behaupten zwar das gewonnene Gelaende gegen erbitterte
feindliche Angriffe, aber unsere Aufstellung ist dem Fluss so nahe, hat
also so wenig Tiefe, dass jeder Rueckschlag zum Verhaengnis werden kann.
Hinzu kommt, dass die Kriegsbruecken ueber die Marne durch das Fernfeuer
feindlicher Artillerie und durch franzoesische Fliegerbomben immer mehr
gefaehrdet werden. Wir muessen also wieder nach Norden zurueck, da wir nach
Sueden keinen weiteren Raum mehr gewinnen koennen. Ich ordne daher das
Zuruecknehmen der Truppen auf das noerdliche Marne-Ufer an, so schwer es mir
wird. In der Nacht vom 20. zum 21. Juli soll diese Bewegung durchgefuehrt
werden.

Im Berggelaende setzen am 17. Juli die feindlichen Angriffe mit vollster
Wucht ein. Sie werden abgewiesen. Aber auch von unserer Seite ist weiteres
Vordringen einstweilen undenkbar. Ein solches bedarf erneuter gruendlicher
Vorbereitung.

Von all dem Erstrebten bleibt nur noch wenig uebrig. Das Unternehmen
scheint gescheitert und bringt daher der franzoesischen Front gegenueber
keine positiven Gewinne. Doch damit ist seine Auswertung fuer unseren
Angriff auf der Flandernfront nicht ausgeschlossen. Wenn von allen Zielen
auch nur das Fernhalten der franzoesischen Kraefte von der englischen
Verteidigung erreicht ist, so sind die Kaempfe nicht vergebens gewesen.

In diesem Gedankengang begibt sich General Ludendorff am Abend des
17. Juli zur Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, um dort wegen des
Angriffsbeginnes gegen den englischen Nordfluegel das Naehere zu besprechen.

Vorbedingung fuer die Durchfuehrung unserer Angriffe bei Reims war, dass der
nach Westen gerichtete Teil unseres bis an die Marne vorspringenden Bogens
zwischen Soissons und Chateau-Thierry feststand. Es war vorauszusehen, dass
unser Angriff eine Gegenwirkung der um Compiegne und Villers-Cotterets
versammelten franzoesischen Kraefte geradezu herausforderte. War General
Foch auch nur einigermassen zu einer aktiven Taetigkeit imstande, so musste
er aus seiner bisherigen passiven Haltung heraustreten, sobald sich unser
Angriff ueber die Marne und auf Reims aussprach. Ich habe schon gesagt, dass
der franzoesische Fuehrer fruehzeitig von unseren Plaenen erfuhr und
ausreichend Zeit fand, diesen zu begegnen.

Die Aufgabe unserer Truppen zwischen Aisne und Marne gegen einen
franzoesischen Angriff aus der allgemeinen Richtung von Villers-Cotterets
her war daher nicht einfach. Wir hatten deshalb hinter den Truppen der
vordersten Verteidigungslinien eine Anzahl von Eingreifdivisionen
bereitgestellt, und glaubten daher, mit vollem Vertrauen an den eben
geschilderten grossen Angriff auf Reims herangehen zu koennen. Freilich
waren die zwischen Soissons und Chateau-Thierry stehenden Truppen nicht
alle frisch, aber sie hatten sich in den vorausgegangenen Kaempfen so
glaenzend geschlagen, dass ich sie ihrer jetzigen lediglich defensiven
Aufgabe fuer durchaus gewachsen hielt. Hauptsache schien mir zu sein, dass
auch alle Teile unserer dortigen Verteidigung die Wahrscheinlichkeit eines
starken feindlichen Angriffs ununterbrochen nicht aus den Augen liessen. Ob
in dieser Beziehung an der Front Soissons-Chateau-Thierry Versaeumnisse
vorgekommen sind, bleibt vielleicht immer eine Streitfrage. Ich selbst
glaube auf Grund spaeterer Mitteilungen, dass der anfaenglich guenstige
Verlauf der Ereignisse an der Marne und bei Reims vom 15. bis 17. Juli die
Truppen an der Front Soissons-Chateau-Thierry an einigen Stellen den Ernst
der Lage vor ihren eigenen Linien verkennen liess.

Man hoert dort waehrend dieser Tage den Kanonendonner aus der
Angriffsschlacht herueberschallen, man erfaehrt unser anfaenglich Erfolg
versprechendes Vorgehen ueber die Marne; Uebertreibungen der erreichten
Erfolge kommen, wie so oft, auf ungeprueftem Wege zu den Truppen. Man
erzaehlt sich von der Eroberung von Reims, von grossen Siegen in der
Champagne. Vor der eigenen Front bleibt es aber drei Tage lang still, fuer
einen sachlichen Beobachter unheimlich still, fuer jemand, der ohne naehere
Kenntnis der Lage dem Gefuehle nachgibt, beruhigend still. Beobachtungen in
der Richtung auf Villers-Cotterets, die am 15. Juli noch volle
Aufmerksamkeit finden, werden am 17. Juli nicht mehr entsprechend
gewuerdigt. Meldungen, die bei Beginn unseres Unternehmens sofort alle
Fernsprechleitungen durchfliegen, bleiben am 3. Kampftage irgendwo an
einer Zwischenstelle stecken. Das Gefuehl fuer die Lage ist eben teilweise
abgestumpft, die erste Spannung hat nachgelassen.

Am Morgen des 18. Juli gehen Teile der nicht in den
Verteidigungsstellungen liegenden Kampftruppen zur Erntearbeit in die
Kornfelder. Sie sind ueberrascht, als ploetzlich ein heftiger Granathagel in
das Gelaende schlaegt. - Ein Feuerueberfall? - Die eigene Artillerie
antwortet nicht sehr stark, anscheinend deswegen, weil ziemlich dichter
Nebel alles verschleiert. Das Knattern der Maschinengewehre beginnt auf
breiter Front und zeigt, dass es sich um mehr handelt, als um einen
Feuerueberfall. Ehe man sich darueber voellig klar wird, tauchen in den hohen
Kornfeldern feindliche Panzerwagen auf. Der Gegner ist auf der ganzen
Front zwischen Aisne und Marne im entscheidenden Angriff. Unsere vorderen
Linien sind schon stellenweise durchbrochen; die groesste Gefahr scheint
zwischen der Ourq und Soissons eingetreten zu sein.

Waehrend dort die uebriggebliebenen Teile der zertruemmerten und versprengten
Truppen vorderster Linie einen Verzweiflungskampf fuehren, versuchen die
rueckwaerts befindlichen Unterstuetzungen einen neuen Widerstand zu bilden
und auszuhalten, bis die Divisionen zweiten Treffens zum Gegenstoss
herankommen. Manche Heldentat wird vollbracht. In voruebergehend wieder
genommenen Stellungen finden unsere Eingreiftruppen deutsche
Maschinengewehrnester, in denen die Bedienung bis zum letzten Mann
verblutet liegt, umgeben von ganzen Reihen gefallener Gegner. Doch dieser
Heldenmut vermag die Lage nicht mehr wiederherzustellen, er rettet uns nur
vor einer vollen Katastrophe. In der Richtung auf Soissons und weiter
suedlich ist der Gegner besonders tief eingedrungen, also gerade an unserer
empfindlichsten Stelle, naemlich an dem westlichen Ansatzpunkt unseres
Marnebogens suedlich der Aisne. Aber von hier aus drueckt der Feind auf die
ganze uebrige bis Chateau-Thierry reichende Verteidigungsfront. Ja noch
mehr, er drueckt auch auf unsere einzige in den Marnebogen hineinfuehrende
Bahnverbindung gerade dort, wo sie sich oestlich Soissons aus dem Aisnetal
nach Sueden in die Mitte unseres gewaltigen Halbkreises wendet.

Unsere Lage ist daher vom ersten Augenblick an nicht unbedenklich. Sie
droht zur Katastrophe zu werden, wenn es uns nicht gelingt, sie in der
frueheren Weise wiederherzustellen, oder sie wenigstens in ihrem jetzigen
Zustand zuverlaessig zu festigen. Meinen Wuenschen und Absichten haette es
entsprochen, den feindlichen Einbruch von Norden her ueber die Aisne bei
Soissons flankierend zu fassen um den Gegner dadurch zu zermalmen. Der
Aufmarsch hierfuer haette jedoch zu viel Zeit gekostet, und so musste ich den
Gegengruenden nachgeben, die zunaechst eine voellige Sicherung unserer
angegriffenen Frontteile forderten, damit wir dadurch wieder Herren
unserer Entschluesse wurden. Was also an Truppen verfuegbar ist, wird zu
diesem Zwecke eingesetzt. Damit ist leider die Krisis nicht ueberwunden,
sondern nur hinausgeschoben. Neue Einbrueche des Gegners verschaerfen die
Lage in dem Marnebogen. Was hilft es, wenn suedlich der Ourq die
feindlichen Anstuerme in der Hauptsache scheitern, wenn besonders bei
Chateau-Thierry die starken, aber ungeuebt gefuehrten amerikanischen
Angriffe vor unseren schwachen Linien zerschellen? Wir koennen und duerfen
die Lage nicht dauernd in dieser bedenklichen Schwebe lassen. Das waere
Tollkuehnheit. Wir loesen daher unseren linken Fluegel von Chateau-Thierry
los und weichen zunaechst ein Stueck weiter nach Osten, behalten aber noch
die Anlehnung an die Marne.

Vom Suedufer dieses Flusses sind wir in Ausfuehrung unseres Entschlusses vom
17. Juli nach schweren Kaempfen rechtzeitig zurueckgewichen. Die treffliche
Haltung unserer Truppen, an der alle franzoesischen Angriffe scheitern, hat
uns die gefaehrliche Lage dort gluecklich ueberdauern lassen. Das Zurueckgehen
gelingt ueber Erwarten gut. Der Gegner erstuermt erst am 21. Juli nach
gewaltiger Feuervorbereitung, Panzerwagen voran, gefolgt von starken
Kolonnen, unsere schon geraeumten Stellungen. Unsere Truppen beobachten
dieses Schauspiel vom Nordufer der Marne aus.

Die Kampffuehrung in der noch immer tiefen Bogenstellung wird durch den
gegnerischen Feuerdruck von allen Seiten her aufs aeusserste erschwert. Die
gegnerische Artillerie nimmt die empfindliche Bahnstrecke oestlich von
Soissons unter Feuer. Ein wahrer Hagel feindlicher Fliegerbomben faellt bei
Tag und bei Nacht dort nieder. Wir sind gezwungen, die Ausladungen neu
eintreffender Verstaerkungen und Kampfabloesungen weit ausserhalb des Bogens
in die Gegend von Laon zu verlegen. In tagelangen Gewaltmaerschen werden
sie von da auf das Schlachtfeld vorgefuehrt. Sie erreichen ihre Bestimmung
manchmal gerade noch rechtzeitig, um die ernste Kampflage vor dem
Zusammenbrechen aus den Haenden der ermatteten Kameraden zu uebernehmen.

So kann und darf der Zustand nicht lange dauern. Die Schlacht droht alle
unsere Kraefte zu verzehren. Wir muessen aus dem Bogen heraus, uns von der
Marne trennen. Ein schwerer Entschluss, nicht vom Standpunkte kriegerischer
Einsicht, aber von demjenigen soldatischen Empfindens. Wie wird der Gegner
jubeln, wenn sich zum zweiten Male mit dem Namen: "Marne" ein Umschwung
der Kriegslage verbindet! Wie wird Paris, ganz Frankreich aufatmen; wie
wird diese Nachricht auf die ganze Welt wirken! Man denke daran, wie viele
Augen und Herzen uns folgen mit Neid, mit Hass, mit Hoffnung.

Aber jetzt darf nur die militaerische Einsicht sprechen. Ihre Forderung
lautet klar und einfach: Heraus aus dieser Lage! Zur Ueberstuerzung der
Massregel ist kein Grund. Wohl wirft General Foch alle seine Kraefte und von
allen Seiten auf uns, aber nur selten gelingt ihm jetzt noch ein tiefer
greifender Einbruch. So koennen wir Schritt um Schritt weichen. Wir koennen
unser kostbares Kriegsgeraet dem Feinde entziehen, in Ordnung in die neue
Verteidigungslinie ruecken, die uns die Natur in dem Abschnitt der Aisne
und Vesle bietet. Diese Bewegung ist in den ersten Tagen des August
vollzogen. Sie ist eine Meisterleistung von Fuehrung und Truppe.

Nicht die Waffengewalt des Feindes presste uns aus dem Marnebogen heraus
sondern die Unertraeglichkeit der dortigen Lage, eine Folge der
Schwierigkeiten der Verbindungen im Ruecken unserer nach drei Seiten
kaempfenden Truppen. General Foch hatte diese Schwierigkeiten klar erkannt.
Ein hohes Ziel lag ihm vor Augen. Dies zu erreichen, verhinderte ihn die
treffliche Haltung unserer Truppen. Sie hatten sich nach der ersten
Ueberraschung glaenzend geschlagen. Was von Menschen gefordert werden
konnte, wurde hier geleistet. So kam es, dass unsere Infanterie aus diesem
Kampfe keineswegs mit dem Gefuehle einer verlorenen Schlacht wich. Ihr
stolzes Selbstbewusstsein war zum Teil auf die Beobachtung gegruendet, dass
ihre Gegner ohne den Schutz oder die moralische Stuetze der Panzerwagen
vielfach im Angriff versagten.

Wo Panzerwagen fehlten, hatte der Gegner uns schwarze Wellen
entgegengetrieben, Wellen aus afrikanischen Menschenleibern. Wehe, wenn
diese in unsere Linien einbrachen und die Wehrlosen mordeten, oder was
schlimmer war, marterten. Nicht gegen die Schwarzen, die solche
Scheusslichkeiten begingen, wendet sich menschliche Empoerung und Anklage,
sondern gegen die, die solche Horden angeblich zum Kampf um Ehre, Freiheit
und Recht auf europaeischen Boden heranholten. Zu Tausenden wurden diese
Schwarzen auf die Schlachtbank gefuehrt.

Mochten Englaender, Amerikaner, Italiener, Franzosen mit allen ihren
Hilfsvoelkern unserm Infanteristen entgegentreten, kam es nur erst zum
Kampfe Mann gegen Mann, dann fuehlte und zeigte sich damals noch unser
Soldat als Herr des Schlachtfeldes. Auch das Gefuehl persoenlicher
Machtlosigkeit gegenueber den feindlichen Panzerwagen war teilweise
ueberwunden. In tollkuehnen Unternehmungen hatte man vielfach versucht, sich
dieser laestigen Gegner zu entledigen, kraeftigst unterstuetzt durch die
eigene Artillerie. Die schwersten Kampfkrisen brachte ueber unsere Truppen
auch diesmal wieder die franzoesische Artillerie. Den stunden-, ja
tagelangen Wirkungen dieser Vernichtungswaffe im freien Felde ausgesetzt,
nicht einmal in einem Trichterfelde Deckung findend, wurden die Linien
unserer Infanterie zerrissen, ihr Nervenhalt auf die aeusserste Probe
gestellt. Das Antreten der feindlichen Sturmtruppen ward oft wie eine
Erloesung aus einem Drucke wehrloser Zermuerbung empfunden.

Die Truppen hatten das aeusserste leisten muessen, nicht nur im Kampfe,
sondern auch in ruhelosen Bereitschaften, in Maerschen und Entbehrungen.
Ihr Kraefteverbrauch war gross, ihr Nervenverbrauch noch groesser. Ich sprach
Soldaten aus diesen letzten Schlachten. Ihre schlichten und einfachen
Antworten und Erzaehlungen redeten deutlicher als ganze Buecher von dem, was
sie erlebt hatten, und von dem kraftvoll sittlichen Werte, der in ihnen
steckte. Wie sollte man an diesen praechtigen Menschen verzweifeln koennen!
Sie waren freilich muede, bedurften der koerperlichen Ruhe und der
seelischen Entspannung. Wir waren besten Willens, ihnen all das zu
gewaehren; es war aber fraglich, ob der Gegner uns die Zeit dafuer liess.

Wenn wir in den Kaempfen im Marnebogen auch dem Verderben, das uns der
Gegner zufuegen wollte, entgangen waren, so durften wir uns doch ueber die
weitreichende Rueckwirkung dieser Schlacht und unseres Rueckzuges keiner
Taeuschung hingeben.

Militaerisch war fuer uns von der groessten und folgenschwersten Bedeutung,
dass wir die Vorhand an den Gegner verloren hatten, und dass wir zunaechst
keine Kraft besassen, sie wieder an uns zu reissen. Wir waren gezwungen
gewesen, starke Teile von jenen Kraeften zum Kampfe heranzuziehen, die wir
zum Angriff in Flandern bereitgestellt hatten. Dafuer entfiel fuer uns die
Moeglichkeit, den lang geplanten entscheidenden Schlag gegen das englische
Heer durchfuehren zu koennen. Die gegnerische Fuehrung war dadurch von dem
Druck befreit, der durch diese drohende Offensive auf ihre Massnahmen
ausgeuebt wurde. Auch Englands Kraefte waren durch die Schlacht in dem
Marnebogen aus dem Banne geloest, in dem wir sie monatelang gehalten
hatten. Es war zu erwarten, dass eine tatkraeftige gegnerische Fuehrung
diesen Umschwung der Lage, der ihr nicht entgehen konnte, ausnutzte,
soweit sie irgendwie Kraefte hierfuer verfuegbar machen konnte. Guenstige
Aussichten mussten sich hier bieten, da unsere Verteidigungsfronten
vielfach nicht stark und nicht mit voll kampfkraeftigen Truppen besetzt
sein konnten. Zudem hatten diese Fronten seit dem Fruehjahr wesentlich an
Ausdehnung zugenommen und waren strategisch empfindlicher geworden.

Es war freilich anzunehmen, dass auch der Gegner durch die letzten Kaempfe
schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60 franzoesische,
hatten vom 15. Juli bis 4. August geblutet. Waren hierbei zwar die
englischen Kraefte in der Hauptsache seit Monaten geschont geblieben, so
musste doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe unter diesen
Umstaenden fuer den Gegner aeusserst wertvoll sein. Mochte diese Hilfe auch in
militaerischer Beziehung nicht voll auf der Hoehe neuzeitlicher
Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbaende so schwer gelitten hatten,
wirkte mehr als je die blosse zahlenmaessige Ueberlegenheit.

Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindruecken die Wirkung unseres
Missgeschickes auf Heimat und Verbuendete. Wie viele in den letzten Monaten
aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie manche Berechnung
wurde zerstoert!

Konnten wir jedoch wieder Herren der militaerischen Lage werden, so war
auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit Bestimmtheit
zu erwarten.





                               FUeNFTER TEIL


                            UeBER UNSERE KRAFT




                       In die Verteidigung geworfen



                              Der 8. August


Unsere Truppen hatten ihre neuen Stellungen an der Aisne-Vesle
eingenommen. Die letzten Wogen des feindlichen Angriffes prallten heran
und prallten ab; stellenweise flackerte der Kampfeifer hier und da wieder
auf.

Zahlreiche unserer Divisionen, abgekaempft, der Auffrischung beduerftig,
wurden hinter unsere Verteidigungslinien in Unterkunft gebracht. Auch um
Avesnes herum lagen sie in Quartieren. Ich konnte mich davon ueberzeugen,
wie rasch sich unser Soldat erholte. Durfte er ein paar Tage gruendlich
ausschlafen, konnte man ihn geregelt verpflegen und ruhen lassen, so
schien er schnell ueber all das Schwere, das er durchgemacht hatte, auch
seelisch hinwegzukommen. Freilich bedurfte er hierfuer der wirklichen Ruhe,
ungestoert von feindlichen Granaten und Bombenabwuerfen und, wenn moeglich,
auch entfernt aus dem Hoerbereiche des Donners der Geschuetze. Aber wie
wenig und wie selten haben unsere Truppen in den langjaehrigen Kaempfen eine
solche Ruhe gefunden! Von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz, von
Schlachtfeld zu Schlachtfeld geworfen, waren sie fast ruhelos in
koerperlicher und seelischer Spannung geblieben. In dieser Tatsache liegt
der gewaltigste Unterschied zwischen den Leistungen unserer Soldaten und
denjenigen aller unserer Gegner.

Nach Avesnes war der Geschuetzdonner aus den Schlachten im Marnebogen wie
ein ununterbrochenes Rollen schweren Gewitters bald lauter, bald
undeutlicher gedrungen. Jetzt war es fast still geworden.

Am 8. August morgens wurde diese Ruhe jaehlings unterbrochen; von Suedwesten
her droehnte auffallend starker Gefechtslaerm. Die ersten Meldungen - sie
kamen vom Armee-Oberkommando aus der Gegend von Peronne - lauteten ernst.
Der Gegner war mit maechtigen Tankgeschwadern beiderseits der Strasse
Amiens-St. Quentin in unsere Linien eingedrungen. Naeheres liess sich
vorlaeufig nicht feststellen.

Die Ungewissheit wurde jedoch in den naechsten Stunden behoben, wenn auch
die Verbindungen vielfach zerrissen waren. Kein Zweifel, der Gegner war
tief in unsere Stellung hineingestossen, Batterien waren verloren. Unsere
Befehle ergingen, sie wieder zu nehmen, die Lage ueberhaupt durch
sofortigen Gegenangriff wieder herzustellen. Wir entsandten Offiziere, um
die Vorgaenge klarzulegen und vollen Einklang zwischen unserem Willen und
den Verfuegungen der Kommandostellen an der augenblicklich erschuetterten
Front zu schaffen. Was war geschehen?

Im dichtesten Nebel war ein starker englischer Tankangriff erfolgt. Die
Panzerwagen hatten auf ihrer Fahrt fast nirgends besondere Hindernisse,
nicht natuerliche und leider auch nicht kuenstliche, getroffen. Man hatte an
dieser Front wohl etwas zu viel an Fortsetzung des Angriffes gedacht, zu
wenig an Verteidigung.

Allerdings war es verlustreiche Arbeit, dicht am Gegner zu schanzen und
Hindernisse zu bauen. Denn wo immer die gegnerischen Beobachter irgend
eine Bewegung, und sei es auch nur von einzelnen Leuten, wahrnahmen,
dorthin lenkten sie das Feuer ihrer Artillerie. Es schien das beste zu
sein, sich im hohen Getreide still zu verhalten, zwar ohne Schutz gegen
feindliche Granaten aber ungesehen durch feindliche Fernglaeser. Man
schonte auf diese Weise waehrend der Zeit des Stilleliegens augenscheinlich
viel Leben, lief aber Gefahr, mit einem Schlage noch viel mehr zu
verlieren. Nicht nur in den vordersten Linien war die Arbeit gering, an
den rueckwaertigen war sie fast noch geringer; nur einzelne Grabenstuecke,
verstreute Stuetzpunkte, waren vorhanden. Die Truppen waren an diesen
sogenannten ruhigen Fronten fuer ausgedehnte Schanzarbeiten nur duenn gesaet.
Wir brauchten die Massen anderwaerts zu den grossen Angriffsschlachten.

An diesem 8. August mussten wir handeln, wie wir schon so oft in gleich
drohenden Lagen gehandelt hatten. Gegnerische Anfangserfolge waren fuer uns
ja keine befremdenden Erscheinungen. Wir kannten sie von 1916/17, von
Verdun, Arras, Wytschaete, Cambrai her. Wir hatten sie erst juengst wieder
bei Soissons kennen und ueberwinden gelernt. In dem jetzt vorliegenden
Falle war die Lage freilich ganz besonders ernst. Der breite Tankeinbruch
des Gegners war gleichzeitig ueberraschend tief erfolgt. Die Panzerwagen,
schneller wie bisher, ueberfielen Divisionsstaebe in ihrer Unterkunft,
zerrissen die Fernsprechverbindungen, die von dort zu den kaempfenden
Truppen fuehrten. Die hoeheren Kommandobehoerden werden dadurch
ausgeschaltet; die vorderen Linien bleiben ohne Befehl. An diesem Tage ist
es ganz besonders bedenklich, da der dichte Nebel jede Uebersicht
verhindert. Die bereitgestellten Tankabwehrkanonen schiessen zwar in die
Richtungen, aus denen Motorgeraeusche und Kettengerassel hoerbar sind,
werden aber vielfach durch Stahlkolosse ueberrascht, die aus anderer
Richtung ploetzlich auftauchen. Wirre Geruechte beginnen sich in unsern
Kampflinien zu verbreiten. Es wird behauptet, dass englische
Kavalleriemassen schon weit im Ruecken der vordersten deutschen Infanterie
sich befinden. Man wird vorn bedenklich, verlaesst die Stellungen, aus denen
heraus man soeben noch starke feindliche Angriffe in der Front abgewiesen
hat, man sucht nach rueckwaerts den verlorenen Anschluss. Die Phantasie
zaubert Wahngebilde hervor und sieht in ihnen wirkliche Gefahren.

Alles, was da geschah, was uns zum ersten grossen Unheil werden sollte, ist
ja menschlich begreiflich. Der alte, schlachtenerprobte Soldat bleibt in
solchen Lagen ruhig; er phantasiert nicht, er denkt! Aber diese alten
Soldaten sind eben in verschwindender Minderheit; ihr Einfluss ist auch
nicht allerorts mehr der beherrschende. Es zeigen sich andere Einfluesse.
Der Missmut und die Enttaeuschung, dass trotz aller Siege der Krieg fuer uns
kein Ende nehmen will, hat auch so manchen unserer braven Soldaten
verdorben. Im Felde Gefahren und Arbeit, Kampf und Ruhelosigkeit, aus der
Heimat Klagen ueber wirkliche, manchmal auch eingebildete Lebensnot. Das
zermuerbt allmaehlich, besonders, wenn man sich kein Ende vorstellen kann.
Der Gegner sagt und schreibt in seinen massenhaft von Fliegern
abgeworfenen Flugblaettern, dass er es nicht so schlimm mit uns meine, wir
muessten nur vernuenftig sein und vielleicht auch auf dies und jenes, was wir
erobert haben, verzichten. Dann wuerde alles rasch wieder gut werden. Und
wir koennten in Frieden weiter leben, im ewigen Frieden der Voelker. Fuer den
Frieden im Innern der Heimat wuerden dann neue Maenner, neue Regierungen
sorgen. Auch das wuerde ein segensreicher Frieden nach all den jetzigen
Kaempfen werden. Das weitere Ringen sei also zwecklos.

Solches liest und bespricht man; der Soldat meint, dass der Gegner doch
nicht all das erluegen kann, laesst sich vergiften und vergiftet andere.

Unsere Befehle zum Gegenstoss koennen an diesem 8. August nicht mehr
ausgefuehrt werden. Es fehlt an Truppen, es fehlt besonders an Geschuetzen
zur Vorbereitung eines solchen Angriffes, denn an den Einbruchsstellen
sind die meisten Batterien verloren. Frische Infanterie- und neue
Artillerieverbaende muessen erst herangeholt werden, und zwar auf Kraftwagen
und Eisenbahnen. Der Gegner erkennt die ausschlaggebende Wichtigkeit, die
in dieser Lage die Eisenbahnen fuer uns besitzen. Weithin in unsern Ruecken
feuern seine schweren und schwersten Geschuetze. Auf einzelne
Eisenbahnpunkte, wie beispielsweise Peronne, regnet es zeitweise Bomben
feindlicher Flieger, die in nie gesehenen Schwaermen ueber Stadt und Bahnhof
kreisen. Nutzt aber der Gegner auf diese Weise die Schwierigkeiten im
Ruecken unserer Armee aus, so verkennt er zu unserm Gluecke die ganze Groesse
seines ersten taktischen Erfolges. Er stoesst an diesem Tage nicht bis an
die Somme vor, obwohl ihm auf diesem Wege von unserer Seite kaum noch
nennenswerte Kraefte haetten entgegengestellt werden koennen.

Dem verhaengnisvollen Vormittage des 8. August folgte ein verhaeltnismaessig
ruhiger Nachmittag und eine noch ruhigere Nacht. Waehrend dieser rollen
unsere ersten Verstaerkungen heran.

Die Lage ist bereits zu unguenstig, als dass wir von dem anfaenglich
geforderten Gegenangriff die Wiedergewinnung der alten Kampffront erwarten
koennen. Der Gegenstoss haette laengerer Vorbereitung und staerkerer Truppen,
als am Morgen des 9. August zur Hand sein koennen, bedurft. Daher soll und
darf nichts ueberstuerzt werden. Die Ungeduld an der Kampffront glaubt
jedoch, nicht warten zu koennen. Man meint, guenstige Gelegenheiten zu
versaeumen, und stuerzt sich in unbezwingliche Schwierigkeiten. So geht ein
Teil der herangebrachten kostbaren, frischen Infanteriekraft in oertlich
begrenzten Erfolgen verloren, ohne der Lage im grossen zu nutzen.

Der Angriff am 8. August war durch den rechten englischen Fluegel
unternommen worden. Die suedlich anschliessenden franzoesischen Truppen
hatten sich nur in geringem Umfange am Kampfe beteiligt. Es war aber zu
erwarten, dass die grossen britischen Erfolge nunmehr auch die franzoesischen
Linien in Bewegung bringen wuerden. Gelang dem Franzosen ein rasches
Durchdringen in der Richtung auf Nesle, so musste unsere Lage in dem weit
nach Suedwesten vorspringenden Verteidigungsbogen verhaengnisvoll werden.
Wir befehlen daher die Raeumung unserer bisherigen ersten Stellungen
suedwestlich Roye und weichen in die Gegend dieser Stadt zurueck.



Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kaempfe im Westen bis
                              Ende September


Ueber die politischen Wirkungen unserer Niederlage am 8. August gab ich
mich keinen Taeuschungen hin. Unsere Kaempfe vom 15. Juli bis 4. August
konnten im Ausland wie in der Heimat als die Folge einer nicht geglueckten,
kuehnen Unternehmung angesehen werden, wie solches sich in jedem Kriege
ereignet. Das Missgeschick am 8. August stellte sich dagegen vor aller
Augen dar als die Folgen einer offenkundigen Schwaeche. Es war etwas ganz
anderes, ob wir in einem Angriff scheiterten, oder ob wir in einer
Verteidigungsschlacht besiegt wurden. Die Beutezahlen, die unsere Gegner
der Welt bekanntgeben konnten, sprachen eine deutliche Sprache. Heimat und
Verbuendete mussten aengstlich aufhorchen. Um so mehr war es unsere Aufgabe,
die Ruhe zu behalten und die Verhaeltnisse zwar ohne Selbsttaeuschung, aber
auch ohne uebertriebenen Pessimismus zu betrachten.

Die militaerische Lage war freilich ernst geworden. Die Gefechtslage auf
der angegriffenen Verteidigungsfront konnte allerdings wiederhergestellt,
das verlorene Kriegsgeraet wieder ergaenzt, neue Kraefte konnten herangefuehrt
werden. Damit war jedoch die Wirkung der Niederlage nicht aufgehoben. Es
war zu erwarten, dass der Gegner, durch seinen grossen Erfolg angeregt,
solche Angriffe nunmehr auch an anderen Stellen unternehmen wuerde. Er
hatte jetzt die Erfahrung gemacht, dass sich in unserem Verteidigungssystem
dem des Jahres 1917 gegenueber mancherlei Maengel befanden. Zunaechst in
technischer Beziehung. Auf den seit dem Fruehjahr 1918 neu gewonnenen
Linien war von unseren Truppen im allgemeinen nur wenig geschanzt worden.
Es wurde, wie in der Gegend oestlich Amiens, so auch an anderen Stellen der
Front, zu viel von Fortsetzung der Angriffe, zu wenig von der
Notwendigkeit der Verteidigung gesprochen. Dazu kam, dass die Haltung eines
grossen Teiles unserer Truppen im Gefecht den Gegner ueberzeugt haben musste,
dass an unseren Verteidigungsfronten der zaehe Widerstandswille von 1917
nicht mehr durchgehends vorhanden war. Der Feind hatte ferner seit dem
Fruehjahr von uns gelernt. Er hatte in den letzten Operationen diejenige
Taktik gegen uns angewendet, mit der wir ihn wiederholt gruendlich
geschlagen hatten. Er war auf unsere Linien gefallen, nicht mehr nach
monatelangen Angriffsvorbereitungen, auch hatte er die Entscheidung nicht
mehr in dem Hineintreiben eines Keiles in unsere Verteidigung gesucht,
sondern er hatte uns in breiten Anstuermen ueberrascht. Er wagte nunmehr
diese unsere Taktik, weil er die Schwaechen unserer Verteidigungsfront
erkannt hatte. Wiederholte der Gegner diese Angriffe mit gleicher Wucht,
so entbehrte er bei der nunmehrigen Verfassung unseres Heeres nicht voellig
der Aussicht, unsere Widerstandskraft allmaehlich zu laehmen. Andererseits
schoepfte ich aber aus dem Umstande, dass der Feind aus seinen grossen
Anfangserfolgen auch dieses Mal nicht die Vorteile eingeheimst hatte, die
ihm haetten werden koennen, wieder die Hoffnung, dass wir weitere Krisen
ueberwinden wuerden.

Aus diesem Gedankengang heraus glaubte ich, mich am 13. August der
Reichsleitung gegenueber in einer politischen Beratung in Spa ueber die
militaerische Lage dahin aussprechen zu muessen, dass diese zwar ernst sei,
dass aber nicht vergessen werden duerfe, dass wir noch immer tief in
Feindesland staenden. Ich trug diese Auffassung am folgenden Tag auch
meinem Kaiser vor, indem ich nach einer laengeren gemeinsamen Sitzung das
Schlusswort ergriff. Ich hatte auch nichts einzuwenden gegen die Auffassung
des Reichskanzlers Graf Hertling, dass mit einem wirklich offiziellen
Friedensschritt unsererseits gewartet werden sollte, bis eine Besserung in
unserer damaligen militaerischen Lage eintreten wuerde. Von dieser hing es
dann ab, inwieweit wir auf unsere bisherigen politischen Ziele wuerden
verzichten muessen.

Die Zeit, an einem befriedigenden Abschluss des Krieges zu zweifeln, hielt
ich demnach Mitte August noch nicht fuer gekommen. Ich hoffte bestimmt, dass
die Armee, trotz betruebender Einzelerscheinungen auf dem letzten
Schlachtfelde, imstande sein wuerde, zunaechst einmal auszuhalten. Auch
hatte ich das Vertrauen auf die Heimat, dass sie Kraft genug haette, auch
diese jetzige Krisis zu ueberwinden. Ich erkannte dabei durchaus an, was
die Heimat an Opfern und Entbehrungen bisher ertragen hatte, und was sie
vielleicht noch weiter ertragen musste. Hatte nicht Frankreich, auf dessen
Boden der Krieg seit nunmehr vier Jahren tobte, weit mehr zu leiden? War
dieses Land waehrend dieser ganzen Zeit jemals unter Misserfolgen verzagt;
war es verzweifelt, als unsere Granaten seine Hauptstadt erreichten? Das,
so dachte ich, wuerde sich in dieser schweren Krisis auch die Heimat vor
Augen halten und standhaft bleiben, wenn nur wir an der Front standhaft
blieben. Gelang das, so konnte nach meiner Ansicht die Wirkung auf unsere
Verbuendeten nicht ausbleiben. Ihre militaerische Aufgabe war ja, soweit sie
Oesterreich-Ungarn und Bulgarien betraf, eine leichte.

Bei diesen meinen Erwaegungen spielte die Sorge um Erhaltung unserer
Waffenehre keine ausschlaggebende Rolle. Unser Heer hatte diese Ehre in
den vier Kriegsjahren so fest begruendet, dass diese uns, mochte kommen was
wollte, vom Gegner nicht mehr entrissen werden konnte. Ausschlaggebend fuer
meine Entschluesse und Vorschlaege blieb einzig und allein die Ruecksicht auf
das Wohl des Vaterlandes. Konnten wir auch den Gegner durch Siege auf dem
Schlachtfeld nicht mehr zu einem Frieden zwingen, der uns alles das gab,
was unsere deutsche Zukunft endgueltig sicher stellte, so konnten wir es
doch wenigstens dahin bringen, dass die gegnerischen Kraefte im Kampfe
erlahmten. Auch dann retteten wir voraussichtlich ein ertraegliches
staatliches Dasein.

General Foch hat nach Beendigung der Schlacht im Marnebogen wohl erkannt,
dass die errungenen Erfolge ihm wieder verloren gehen wuerden, wenn unseren
Truppen die Zeit zur Erholung gelassen wuerde. Ich hatte das Gefuehl, dass
die gegnerische Fuehrung nunmehr glaubte, alles auf eine Karte setzen zu
muessen.

Am 20. August schreiten die Franzosen zwischen Oise und Aisne in der
Richtung auf Chauny zum Angriff. Sie werfen uns in dreitaegigen Kaempfen auf
diesen Punkt zurueck. Am 21. August und in den ihm folgenden Tagen
verbreitern die Englaender ihre Angriffsfront vom 8. August in noerdlicher
Richtung bis nordwestlich Bapaume. Wiederholte feindliche Einbrueche
zwingen uns auch hier zum allmaehlichen Zuruecknehmen unserer Linien. Am
26. August wirft sich der Englaender beiderseits Arras in der Richtung auf
Cambrai auf unsere Stellungen. Er bricht durch, wird aber schliesslich
aufgehalten. Da ueberrennt ein neuer feindlicher Ansturm am 2. September
endgueltig unsere Linien an der grossen Strasse Arras-Cambrai und zwingt uns,
die gesamte Front in die Siegfriedstellung zurueckzunehmen. Zur
Kraefteersparnis raeumen wir gleichzeitig den weit ueber den Kemmel-Berg und
Merville vorspringenden Bogen noerdlich der Lys. Alles schwere Entschluesse,
die bis zum Ende der ersten Septemberwoche ausgefuehrt werden. Die erhoffte
Erleichterung der Lage bringen sie nicht. Der Gegner draengt ueberall sofort
nach, und die Spannung dauert an.

Am 12. September setzen die Kaempfe an der bisher ruhigen Front suedoestlich
Verdun und bei Pont-a-Mousson ein. Wir standen hier in der Stellung, in
der unsere Angriffe im Herbste 1914 erstarrt waren, ein taktisches
Missgebilde, das den Gegner zu einem grossen Schlag einladen konnte. Es ist
nicht recht verstaendlich, warum uns der Franzose jahrelang in diesem
grossen Dreieck stehen liess, das in seine Gesamtfront hineinsprang.
Durchstiess er dieses in maechtigem Schlage an der Basis, so war eine
schwere Krisis fuer uns unausbleiblich. Man wird uns vielleicht als einen
Fehler anrechnen, dass wir diese Lage nicht schon laengst, spaetestens mit
dem Einstellen unseres Angriffes auf Verdun, aufgaben. Allein wir uebten
gerade durch diese Stellung einen im hohen Grade wichtigen Druck auf die
Bewegungsfreiheit des Gegners um Verdun aus und sperrten das ihm so
wichtige Maastal suedlich der Festung. Erst Anfang September, als es
zwischen Maas und Mosel auf feindlicher Seite lebhafter wurde, beschlossen
wir, diese Stellung zu raeumen und auf die schon lange vorbereitete
Basisstellung zurueckzugehen. Bevor die Bewegung vollendet wurde, griffen
uns aber die Franzosen und Amerikaner an und brachten uns eine ernste
Niederlage bei.

Im uebrigen gelang es, den feindlichen Angriffen gegenueber unsere Front im
wesentlichen zu halten. Die Ausdehnung der gegnerischen Angriffe auf die
Champagne am 26. September aenderte die Lage von der Kueste bis zu den
Argonnen zunaechst wenig. Dagegen drang der Amerikaner an diesem Tage
zwischen Argonnen und Maas in unsere Linien ein. Damit machte sich die
nordamerikanische Macht auf den Schlachtfeldern des Schlusskampfes in einer
selbstaendigen Armee zum ersten Male entscheidend geltend.

Unsere Westfront war, wenn auch infolge feindlicher Einbrueche wiederholt
zurueckgenommen, nicht durchbrochen. Sie wankte, aber sie fiel nicht. Um
diese Zeit wurde jedoch in unsere gesamte Kriegsfront eine breite Luecke
gerissen. Bulgarien brach zusammen.




                     Der Kampf unserer Bundesgenossen



                         Bulgariens Zusammenbruch


Die Lage im Innern Bulgariens hatte sich auch im Jahre 1918 nicht
wesentlich geaendert. Sie blieb ernst. Die aeussere Politik des Landes schien
jedoch darunter nicht zu leiden. Ab und zu gelangten freilich Mitteilungen
ueber Verhandlungen bulgarischer unverantwortlicher Persoenlichkeiten mit
der Entente auf neutralem schweizerischen Boden zu uns. Auch war in der
amerikanischen Gesandtschaft in Sofia zweifellos eine Brutstaette von uns
verderblichen Plaenen vorhanden. Wir machten den vergeblichen Versuch, sie
zu beseitigen. Die Politik forderte Samthandschuhe in der eisernen
Wirklichkeit des Krieges.

Die Kampfwut zwischen den politischen Parteien des Landes dauerte an. Die
Armee wurde auch weiterhin davon beruehrt. Der Sturz Radoslawows war
endlich im Fruehjahr von seinen Gegnern erreicht. Die neuen Maenner
versicherten uns ihres treuen Festhaltens an dem Buendnis. Das war fuer uns
das Entscheidende.

Die Kriegsunlust im bulgarischen Volke nahm indessen stark zu. Die
Lebensmittelversorgung machte immer groessere Schwierigkeiten. Unter diesen
litt besonders die Armee, das heisst, man liess sie darunter leiden. Der
Soldat musste zeitweise geradezu hungern, ja mehr noch, er wurde auch so
elend gekleidet, dass ihm eine Zeitlang das Noetigste fehlte. Meutereien
fanden statt, wurden uns gegenueber aber meistens vertuscht. Die Armee
wurde durchsetzt mit voelkisch fremden Elementen. Man stellte aus den
besetzten Gebieten gepresste Mannschaften ein, um die Truppenstaerken in der
Hoehe zu halten. Das Ueberlaufen nahm daher einen ausserordentlichen Umfang
an. War es ein Wunder, dass unter allen diesen Umstaenden der Geist der
Truppe zerfiel? Er erreichte anscheinend im Fruehjahr seinen Tiefstand. Die
bulgarische Oberste Heeresleitung hatte damals auf Anregung des deutschen
Heeresgruppenkommandos einen Angriff auf albanischem Boden, westlich des
Ochridasees, vorbereitet. Man erhoffte von seinem Gelingen eine
wirkungsvolle Sperrung der fuer den Gegner so wichtigen Strasse Santa
Quaranti-Korca, sowie eine guenstige Rueckwirkung auf die Stimmung von Heer
und Volk. Die Durchfuehrung des Unternehmens erwies sich schliesslich als
unmoeglich, da nach Erklaerungen bulgarischer Offiziere die Truppe den
Angriff verweigern wuerde. Noch bedenklichere Zustaende zeigten sich, als im
Monat Mai die bulgarischen Truppen den Angriff der Griechen und Franzosen
in der Mitte der mazedonischen Front nicht aushielten und ihre Stellung
fast kampflos verliessen. Die zum Gegenangriff bestimmte Division meuterte
groesstenteils.

Die Zustaende innerhalb des Heeres schienen sich jedoch im Verlauf des
Sommers wieder zu bessern. Wir halfen aus, wo wir konnten, gaben von
unseren Lebensmittelvorraeten und schickten Bekleidungsstuecke. Auch loesten
unsere damaligen Erfolge an der Westfront in der bulgarischen Armee grosse
Begeisterung aus. Es war aber klar, dass diese gehobene Stimmung rasch
wieder in sich zusammenbrechen wuerde, wenn auf unserer Seite Rueckschlaege
erfolgten. Darueber konnten uns auch bessere Stimmungsberichte Ende Juli
nicht im Zweifel lassen.

Die gegenseitigen Staerkeverhaeltnisse an der mazedonischen Front schienen
sich im Laufe des Jahres 1918 nicht wesentlich verschoben zu haben. Nach
dem schliesslichen Ausgleich mit Rumaenien war Bulgarien imstande, alle
seine Kraefte auf einer Front zu versammeln. Dieser Verstaerkung gegenueber
kam das Wegziehen einiger deutscher Bataillone aus Mazedonien zahlenmaessig
gar nicht in Betracht. Eine englische Division war nach Syrien abbefoerdert
worden; die franzoesischen Truppen hatten ihre juengsten Jahrgaenge nach der
Heimat abgegeben; die neu mobilisierten sogenannten koeniglich griechischen
Divisionen zeigten sich wenig kampflustig. Anscheinend aus diesem Grunde
wurde letzteren die Verteidigung des Struma-Abschnittes uebertragen. Nach
Mitteilungen von Ueberlaeufern war der groesste Teil dieser Truppen bereit,
sich uns anzuschliessen, wenn deutsche Truppen vor der Struma-Front
eingesetzt wuerden. Wir schickten daher etliche Bataillone, die in den
Hauptkampffronten des Westens nicht verwendbar waren, nach Mazedonien. Sie
trafen an ihrem Bestimmungsort in dem Augenblick ein, als die Entscheidung
des Krieges fuer Bulgarien fiel.

Am 15. September abends erhielten wir die erste Nachricht vom Beginn des
Angriffes der Ententearmeen in Mazedonien. Dieses Datum war auffallend.
Hatten doch bulgarische Soldaten schon im Fruehjahr erklaert, dass sie an
diesem Tage die Stellungen verlassen wuerden, sofern der Krieg bis dahin
nicht beendet waere.

Nicht weniger auffallend war es andererseits, dass sich der Gegner zu einem
Angriff eine Stelle mitten im wildesten Berglande waehlte, an der bei
einigem Widerstandswillen der bulgarischen Truppe und ihrer niederen
Fuehrung das Durchdringen die allergroessten Schwierigkeiten bieten musste.
Wir glaubten daher dem Ausgang dieses Kampfes mit Vertrauen entgegensehen
zu koennen, und erwarteten den schwereren und entscheidenden Angriff des
Gegners im Wardartal. Dort und in der Gegend des Doiransees waren seit
laengerer Zeit schon Angriffsvorbereitungen der Englaender erkannt worden.
Auch hier bestand angesichts der ganz ausserordentlichen Staerke der
Verteidigungsstellungen unseres Erachtens keine Gefahr, sofern man einer
solchen von bulgarischer Seite entsprechend entgegentreten wollte. Ueber
die zahlenmaessigen Kraefte verfuegte die bulgarische Oberste Heeresleitung
ganz gewiss.

Die zuerst eintreffenden Meldungen ueber den Verlauf der Kaempfe am
15. September gaben zu Besorgnissen keinen Anlass. Die vordersten
Stellungen waren freilich verloren gegangen. Ein solcher Verlauf hatte
nichts ungewoehnliches an sich. Die Hauptsache war, dass dem Gegner der
glatte Durchbruch am ersten Tage nicht gelungen war. Spaetere Nachrichten
lauteten bedenklicher. Die Bulgaren waren weiter nach Norden gedraengt, als
man zuerst annehmen konnte. Die zunaechst am Kampfe beteiligten Truppen
hatten anscheinend wenig Kampfkraft, noch weniger Kampfwillen gezeigt. Die
Reserven, die herankamen oder herankommen sollten, zeigten keine Neigung,
sich dem feindlichen Feuer auszusetzen. Sie zogen es anscheinend vor, dem
Gegner das Kampffeld zu ueberlassen, und das an einer Stelle, die dem
wichtigsten Knotenpunkt aller Verbindungen des mazedonischen
Kriegsschauplatzes, naemlich Gradsko, bedenklich nahe lag.

Faellt Gradsko, oder kann es der Gegner mit seinen Geschuetzen erreichen, so
ist die rechte bulgarische Armee in der Gegend von Monastir der
wichtigsten Verbindung beraubt, ihre Versorgung in der jetzigen Stellung
fuer die Dauer unmoeglich. Aber auch die mittlere bulgarische Armee
beiderseits des Wardartales ist dann von jeder Bahnverbindung mit der
Heimat abgeschnitten. Es erscheint unbegreiflich, dass die bulgarischen
Fuehrer diese drohende Gefahr nicht erkennen sollten, dass sie nicht alles
daran setzen wuerden, ein namenloses Unheil fuer die Masse des Heeres
abzuwenden.

Im Gegensatz zu den bulgarischen Armeen suedlich von Gradsko kaempfen die
bulgarischen Truppen zwischen dem Wardar und dem Doiransee seit dem
18. September mit groesster Erbitterung. Vergeblich versuchen die Englaender,
sich hier Bahn zu brechen. Nochmals zeigt sich bulgarischer Mut und zaeher
Wille in glaenzendem Licht. Aber was nuetzt der Heldenmut am Doiransee, wenn
in der Richtung auf Gradsko Mutlosigkeit herrscht, ja vielleicht noch
Schlimmeres als Mutlosigkeit.

Vergeblich versucht die deutsche Fuehrung mit deutschen Truppen die Lage in
der Mitte des bulgarischen Heeres zu retten. Was helfen die schwachen
kleinen deutschen Gruppen, wenn rechts und links der Bulgare das Feld
raeumt? Den gegen den Feind marschierenden deutschen Bataillonen stroemen
ganze bulgarische Regimenter entgegen, die den Kampf offen verweigern. Ein
eigenartiges Bild. Und noch eigenartiger die Erklaerung der bulgarischen
Mannschaften: Sie ziehen in die Heimat zu Weib und Kind, wollen wieder
einmal Haus und Hof sehen und ihre Felder bestellen. Sie lassen vielfach
ihre Offiziere unbelaestigt. Gehen diese mit ihnen nach Hause, so sind sie
willkommen, wollen sie zurueckbleiben auf dem Felde der Ehre, so sollen sie
das allein tun. Der Bulgare springt bereitwillig zu, wenn im Gedraenge ein
Deutscher, der gegen den Feind marschiert, in Bedraengnis kommt, er hilft
den deutschen Geschuetzen beim Marsch auf das Gefechtsfeld ueber schlechte
Wegestrecken fort. Den Kampf indessen ueberlaesst er den Deutschen.
Mazedonien wird auf diese Weise freilich fuer Bulgarien verloren gehen.
Aber der bulgarische Bauer sagt sich, dass er in der Heimat Land genug
habe; also zieht er in die Heimat und ueberlaesst die Sorge und den Kampf um
Mazedonien und die bisherigen Grossmachtsplaene anderen Menschen.

Die deutsche Fuehrung, die vom Ochridasee bis zum Doiransee das
verantwortliche Kommando hat, sieht sich angesichts dieser Verhaeltnisse
vor einer unendlich schwierigen Lage. Was an deutschen Truppen, an
Etappenmannschaften, Landsturm und Rekruten vorhanden ist, wird
zusammengerafft, um die bulgarische Mitte zu stuetzen und Gradsko zu
retten. Die Aussichten, dass dieses gelingt, werden immer geringer. Bei der
Haltlosigkeit der bulgarischen Mitte bleibt sonach als einzigste Rettung,
die Fluegel des Heeres zurueckzunehmen. Eine solche Bewegung wuerde an sich
nur geringe taktische Nachteile verursachen, denn in Mazedonien liegt eine
gewaltige Verteidigungsstellung hinter der anderen und je weiter der
Gegner nach Norden kommt, um so schwieriger werden seine rueckwaertigen
Verbindungen. Freilich mit der Preisgabe des Wardartales verschlechtern
sich auch die rueckwaertigen Verbindungen der Bulgaren. Aber es scheint
wenigstens moeglich, durch diese Massnahme die Masse des Heeres zu retten.

Dem Entschluss des deutschen Heeresgruppenkommandos stellen die
bulgarischen Fuehrer die ernstesten Bedenken entgegen. Sie glauben, dass
ihre Truppen in den jetzigen Stellungen noch zusammenhalten, ja sogar
kaempfen wuerden. Dagegen sind sie der Anschauung, dass die Armeen sich
voellig aufloesen wuerden, wenn man ihnen den Rueckzugsbefehl gaebe.

Eine wahrhaft verzweiflungsvolle Lage, verzweiflungsvoll fuer alle
Beteiligten. Die Bulgaren klagen, dass nicht genug deutsche Truppen zur
Stelle sind, dass man die frueher vorhandenen zum Teil entfernt haette. Was
aber haetten ein paar deutsche Bataillone mehr in diesem allgemeinen
Zusammenbruch genutzt? Wie viele deutsche Divisionen haette man schicken
muessen, um die mazedonische Front zu verteidigen? Deutschland kann nicht
im Westen die Entscheidung suchen und seine Divisionen nach Bulgarien
schicken wollen. Der Bulgare will nicht einsehen, dass die deutsche Kraft
auch zu erschoepfen ist. Die bulgarische ist an sich noch lange nicht
erschoepft, erschoepft ist nur der bulgarische Kriegswille.

Auch wir im Grossen Hauptquartier stehen vor verhaengnisvollen Fragen. Wir
muessen wenigstens versuchen, in Bulgarien zu retten, was zu retten ist.
Wir muessen also doch Unterstuetzungen schicken und zwar sofort, so schwer
uns das werden mag. Es ist der 18. September, als sich diese Notwendigkeit
in vollem Umfange auspraegt. Man denke daran, wie schwer der Kampf zu
dieser Zeit an unserer Westfront tobt. Wenige Tage vorher hatten die
Amerikaner ihren grossen Erfolg zwischen Maas und Mosel errungen, und eine
weitere Ausdehnung der Angriffe steht dort noch bevor.

Die erste Unterstuetzung, die wir freimachen koennen, sind Truppen, eine
gemischte Brigade, die fuer Transkaukasien bestimmt waren und eben ueber das
Schwarze Meer befoerdert werden. Sie werden durch Funkspruch abgedreht und
sollen ueber Varna-Sofia herankommen. Diese Kraefte genuegen jedoch nicht. An
unserer Ostfront koennen wohl noch einige Divisionen entbehrlich gemacht
werden. Wir wollten sie an eine ruhige Front des Westens bringen. Doch was
sind das fuer Truppen? Kein Mann unter 35 Jahren, und alle Vollkraeftigen
schon nach dem Westen geholt! Kann von ihnen noch eine besondere Leistung
erwartet werden? Sie moegen den besten Willen mitbringen, aber in diesem
Klima und ohne Ausruestung fuer den Krieg in einem gebirgigen Lande sind sie
an der mazedonischen Front nur bedingt brauchbar. Doch es muss sein, denn
nicht nur die bulgarische Armee, auch die bulgarische Regierung und der
Zar muessen in dieser schwersten Gefahr deutsche Hilfe erhalten.

Auch vom Westen her schicken wir Unterstuetzung. Unser Alpenkorps, eben
erst aus schwerstem Kampfe gezogen, wird zur Fahrt nach Nisch auf die Bahn
gesetzt. Ebenso beteiligt sich Oesterreich-Ungarn an dem Versuch, Bulgarien
zu helfen, und stellt mehrere Divisionen hierfuer zur Verfuegung. Wir
verzichten daher auf weitere oesterreichisch-ungarische Unterstuetzung an
unserer Westfront.

Bis diese deutsche und oesterreichische Hilfe eintreffen kann, muss versucht
werden, wenigstens die Masse des bulgarischen Heeres zu retten. Trotz
aller bulgarischen Bedenken wird deshalb von dem deutschen
Heeresgruppenkommando der Befehl zum Rueckzug an die rechte und mittlere
bulgarische Armee gegeben. Die Stellungen auf der Belasiza, noerdlich des
Doiransees, sollen den Drehpunkt der ganzen Bewegung bilden.

Die linke bulgarische Armee wird waehrend dieser ganzen Zeit nicht
angegriffen. Ihre Stellungen auf der Belasiza und hinter der Struma sind
von groesster Staerke. Wenige Maschinengewehre und Batterien genuegen fuer ihre
Verteidigung. Trotzdem verbreitet sich auch in dieser Armee Verwirrung;
Mut und ruhige Ueberlegung schwinden. Der Fuehrer haelt seine Lage fuer
unhaltbar und beschwoert den Zaren, sofort Waffenstillstand zu schliessen.
Der Zar antwortet: "Gehen Sie in den Stellungen, die Sie innehaben, zu
Grunde." Das Wort beweist, dass der Zar Herr der Lage ist, und dass ich mich
nicht in ihm taeuschte.

Auch Kronprinz Boris befindet sich auf der Hoehe seiner Aufgabe. Er eilt an
die Front, um dort zu retten, was zu retten ist. Was vermag jedoch ein
einzelner, auch wenn er von der Liebe vieler, und von der Achtung aller
getragen wird, in solcher allgemeinen Kopflosigkeit und in solchem
Schwinden des Willens?

Die mittlere Armee beginnt am 20. September befehlsgemaess den Rueckzug.
Dieser wird zur Aufloesung; ungeschickte Anordnungen vervollstaendigen die
Verwirrung. Die Staebe versagen, am gruendlichsten der Armeestab. Hier ist
nur ein ganzer Mann vorhanden, klar blickend und von bestem Wollen
beseelt, naemlich der Fuehrer.

Die rechte Armee hat eine schwierige Aufgabe. Ihre Hauptrueckzugsstrasse
fuehrt ueber Prilep auf Veles. Da der Gegner schon vor Gradsko steht, ist
diese Strasse aeusserst bedroht. Ein anderer Weg fuehrt aus dem Seengebiete
und dem Gebiete von Monastir weiter im Westen mitten durch das wilde
Albaner-Gebirge auf Kalkandelen. Er vereinigt sich mit demjenigen ueber
Veles bei Ueskueb. Dieser Weg durch das Albaner-Gebirge ist gesichert, aber
sehr schwierig, und es ist zweifelhaft, ob groessere Truppenmassen in diesen
Gebieten die noetige Verpflegung finden. Trotz dieser Bedenken muessen
starke Teile auf ihn verwiesen werden. Noch staerkere werden dorthin
gedraengt, als der Feind Gradsko nimmt und nunmehr gegen das Strassenstueck
Prilep-Veles von Suedosten her vorrueckt. Gradsko faellt schon am
21. September. Aus einem elenden Ort war es im Laufe des Krieges zu einer
foermlichen Lagerstatt geworden, die in ihrer Anlage und Groesse an eine
amerikanische Neugruendung erinnert. Ungeheuere Vorraete sind hier
aufgespeichert, ausreichend fuer einen ganzen Feldzug. In den dortigen
Depots merkt man nichts davon, dass die bulgarischen Armeen an der Front
irgend etwas entbehren mussten. Jetzt faellt alles der bulgarischen
Vernichtung anheim oder wird Beute des Feindes. Nicht nur in Gradsko
sondern auch anderwaerts verfuegt Bulgarien noch ueber reiche Bestaende. Sie
ruhten bisher im Verborgenen, behuetet von der einseitigen Sorge
bureaukratischer Wirtschaft, die auch in Bulgarien wie eine Kruste das
Volksleben ueberzieht, trotz liberalster Gesetze und freiheitlichem
Parlament.

Bulgarien kann also den Krieg noch weiter fuehren, wenn es ihn nur nicht
selbst fuer verloren haelt oder halten will. Unser Plan, der auch die
Zustimmung der bulgarischen Obersten Heeresleitung findet, ist folgender:
Die mittlere Armee soll an die altbulgarische Grenze zurueckschwenken. Die
rechte Armee soll sich bei Ueskueb oder weiter noerdlich versammeln; sie wird
verstaerkt durch die anrollenden deutschen und oesterreichischen Divisionen.
Diese Kraefte bei Ueskueb werden reichlichst genuegen, um die Lage zu halten;
ja es ist bei einiger Brauchbarkeit der bulgarischen Verbaende damit zu
rechnen, dass wir von Ueskueb aus bald wieder zu einem Angriff in suedlicher
Richtung vorgehen koennen. Es scheint ausgeschlossen, dass der Gegner ohne
Rast mit starken Massen bis Ueskueb und bis an die altbulgarische Grenze
nachdraengt. Wie sollte er seinen Nachschub regeln, da wir die Bahnen und
Strassen gruendlich zerstoert haben? Wir hoffen auch, dass in den bulgarischen
Truppen bei Beruehrung mit dem heimatlichen Boden sich wieder Kraft und
Verantwortungsgefuehl zusammenfinden.

Die vorgeschlagene Operation ist nur moeglich, wenn Ueskueb so lange gehalten
wird, bis die bulgarischen Truppen ueber Kalkandelen herankommen. Diese
Aufgabe erscheint leicht, denn der Gegner folgt in der Tat ueber Gradsko
hinaus mit nur verhaeltnismaessig schwachen Kraeften.

Waehrend dieser Vorgaenge bleibt Sofia auffallend ruhig. Unsere dort
eintreffenden Bataillone, die der Bevoelkerung zur Beruhigung, der
Regierung zum Schutz und zur Stuetze dienen sollen, finden nichts von der
gefuerchteten Aufregung. Das Leben macht freilich einen eigenartigen
Eindruck, hervorgerufen durch die Scharen von Soldaten, die ausserhalb
ihrer Verbaende durch die Stadt der Heimat zuziehen. Die Mannschaften
liefern ihre Gewehre in die Waffendepots ab, verabschieden sich von
Kameraden und Vorgesetzten, versichern sogar teilweise, dass sie
wiederkommen wuerden, wenn sie nur erst einmal ihre Felder bestellt haetten.
Ein eigenartiges Bild, ein merkwuerdiger Seelenzustand. Oder ein
abgekartetes Spiel? Wir haben aber keinen Grund, ein solches bei den
Soldaten vorauszusetzen. Dass es in dieser Aufloesung nicht ueberall
friedlich zugeht, ist klar. Die Geruechte von schweren Ausschreitungen
erweisen sich aber meist als uebertrieben.

An der Front aendert sich die Lage nicht. Der Rueckzug der bulgarischen
Massen dauert ununterbrochen an. Er ist auch gegen die schwachen Kraefte
des verfolgenden Feindes nicht dauernd zum Halten zu bringen. Vergeblich
versucht man einzelne Haufen, von geschlossenen Truppen kann man kaum noch
sprechen, dazu zu bringen, die Front wieder gegen den Feind zu nehmen und
wenigstens stellenweise einen geregelten Widerstand zu ordnen. Kommt der
Gegner heran, so verlassen die Bulgaren schon nach wenigen Schuessen ihre
Stellungen. Deutsche Truppen sind nicht mehr imstande, dem bulgarischen
Widerstand einen Halt zu geben. Ebenso vergeblich ist das Bemuehen
deutscher und bulgarischer Offiziere, mit dem Gewehre in der Hand durch
ihr Beispiel auf die haltlose gleichgueltige Masse zu wirken.

So naehert sich der Gegner Ueskueb, bevor neue deutsche und
oesterreichisch-ungarische Truppen dort eintreffen koennen. Am 29. September
treten aber starke Teile der rechten bulgarischen Armee bei Kalkandelen
aus dem Gebirge. Sie brauchen von da nur noch auf guter Strasse nach Ueskueb
zu ruecken. Die Truppen sind, wie uns gemeldet wird, durchaus kampffaehig.
Die schwerste Krisis scheint demnach ueberwunden zu sein. Militaerisch
mochte das der Fall sein, aber moralisch ist die Sache endgueltig verloren.
Daran war bald nicht mehr zu zweifeln. Schwache serbische Kraefte haben
Ueskueb besetzt. Die Truppen bei Kalkandelen versagen: sie kapitulieren. Am
29. September abends schliesst Bulgarien Waffenstillstand.



                 Der Sturz der tuerkischen Macht in Asien


Der Anfang des Jahres 1918 brachte einen kuehnen Aufschwung des osmanischen
Kriegswillens. Die Tuerkei schritt, ehe noch der Winter im armenischen
Hochlande zu Ende ging, zum Angriff gegen die dortigen russischen Armeen.
Die russische Macht erwies sich in diesen Gebieten nur noch als Phantom.
Die Masse der Truppen hatte sich bereits voellig aufgeloest. Der Vormarsch
der Tuerken fand daher nur noch Widerstand bei armenischen Banden.
Schwieriger als dessen Beseitigung war die Ueberwindung der Hindernisse,
die in dieser Jahreszeit die Hochlandnatur den Tuerken in den Weg legte.
Dass der Vormarsch trotzdem gelang, war eine jener merkwuerdigen
Erscheinungen aufwallender Lebenskraft des osmanischen Staatswesens. Die
Tuerkei warf sich ueber die Grenzen des osmanischen Armeniens hinaus auf die
Gebiete Transkaukasiens, angetrieben durch verschiedene Beweggruende:
Panislamitische Traeumereien, Rachegedanken, Hoffnung auf Entschaedigungen
fuer bis jetzt verlorene Landesteile und Erwartung von Beute. Dazu kam noch
ein weiteres, naemlich die Suche nach Menschenkraeften. Das Land, in erster
Linie die Siedlungsgebiete der praechtigen Anatolier, ist in bezug auf
Menschenkraefte voellig erschoepft. Im transkaukasischen Aserbeidschan und
unter den kaukasischen Mohammedanern scheinen sich neue grosse Quellen zu
eroeffnen. Russland hat diese Mohammedaner zu dem regelmaessigen Militaerdienst
nicht herangezogen, nun sollen sie unter dem Halbmond fechten. Die Zahlen
der voraussichtlichen Freiwilligen, die uns mitgeteilt werden, zeigen die
Ueppigkeit der orientalischen Phantasie. Auch muesste man, wenn man den
osmanischen Mitteilungen glauben sollte, annehmen, dass die
mohammedanischen Voelker Russlands seit langem keine hoehere Sehnsucht
gekannt haetten, als mit dem tuerkischen Reiche zusammen ein einiges grosses
geschlossenes Glaubensland zu bilden. Immerhin ist der Gedanke nicht von
der Hand zu weisen, dass die Tuerkei sich in diesen Gebieten neue Kraefte
erschliesst, und dass England sich gezwungen sehen wird, der Entwicklung
dieser Vorgaenge sein besonderes Augenmerk zuzuwenden. Einstweilen ist es
aber gut, mit nuechterner Wirklichkeit zu rechnen. Wir versuchen daher, auf
die hochgehenden Wogen osmanischer Hoffnungen beruhigend einzuwirken,
freilich nicht mit dem wuenschenswerten Erfolg. Man stimmt uns bei, dass die
Hauptaufgabe der Tuerkei im Rahmen des Gesamtkrieges weit mehr in der
Richtung auf Syrien und Mesopotamien zu suchen ist, als in derjenigen auf
den Kaukasus und das Kaspische Meer. Was helfen aber Versprechungen und
guter Wille in Konstantinopel, wenn die Fuehrer auf den entlegenen
Kriegsschauplaetzen ihre eigenen Wege gehen!

Um wenigstens einen Anteil an den reichen Vorraeten von Kriegsrohstoffen in
Transkaukasien fuer die allgemeine Kriegfuehrung zu retten, senden wir
Truppen nach Georgien. Wir hoffen, der dortigen Regierung den Aufbau eines
geordneten Wirtschaftslebens zu ermoeglichen.

Aber der Panislamismus und der Kriegswucher in Konstantinopel ruhen nicht
eher, als bis Baku auch in die Hand der Tuerken faellt, und zwar zu einer
Zeit, in der sich der Zusammenbruch der alten asiatischen Herrschaft der
Tuerkei vollzieht.

Auch die Absicht, ueber Transkaukasien in Persien entscheidenden Einfluss zu
gewinnen, fuehrte die Tuerkei so weit in oestlicher Richtung vor. Man will
durch Persien hindurch den englischen Operationen in Mesopotamien in die
Flanke fallen, ein Plan, der an sich gut ist, dessen Durchfuehrung aber
Zeit braucht. Es ist freilich zweifelhaft, ob wir diese Zeit finden
werden. Vielleicht aber binden schon die ersten tuerkischen Bewegungen im
noerdlichen Persien englische Kraefte und retten dadurch Mesopotamien fuer
die Tuerkei.

Wie durch das Weisse Meer ueber Archangelsk, so scheint England auch ueber
das Kaspische Meer und ueber Baku sich einen Einfluss in Russland sichern zu
wollen. Aus diesen Gruenden liegt die Durchfuehrung der osmanischen Plaene in
Persien und in Transkaukasien auch in unserem Interesse. Nur haette
demgegenueber die Verteidigung in Mesopotamien und besonders in Syrien
nicht vernachlaessigt werden duerfen. Die Aufstellung einer
verwendungsbereiten tuerkischen Reservearmee in der Gegend von Aleppo waere
jedenfalls mit Ruecksicht auf alle operativen Moeglichkeiten des Englaenders
suedlich des Taurus von mehr Wert gewesen, als groessere Operationen in
Persien.

In Mesopotamien ist die Lage seit dem Herbst 1917 nach der Karte
betrachtet unveraendert geblieben. In Wirklichkeit hat sich aber in den
Gegenden suedlich von Mosul fuer die tuerkischen Armeen eine Katastrophe
vollzogen, freilich nicht unter Geschuetzdonner. Wie im armenischen
Hochlande im Winter 1916/17, so gingen in der mesopotamischen Ebene im
Winter 1917/18 die tuerkischen Soldaten in grosser Zahl zugrunde. Man
spricht von 17.000, die in dortigen Stellungen verhungerten oder an den
Folgen dieses Elendes starben. Ob die Zahl richtig ist, vermoegen wir nicht
nachzupruefen. "Auch wer verhungert, stirbt den Heldentod", so versicherte
uns ein Tuerke, nicht im Zynismus, sondern aus innerer ehrlichster
Ueberzeugung. Nur noch Reste der ehemaligen tuerkischen Armee ueberleben in
Mesopotamien das Fruehjahr. Es ist zweifelhaft, ob sie je wieder zu
gefechtsfaehiger Staerke gebracht werden koennen. Man fragt sich, warum
greift England in Mesopotamien nicht an? Oder besser gesagt, warum
marschiert es nicht einfach vorwaerts? Genuegen die Schatten dieser
osmanischen Macht, um ihren Gegner zur Innehaltung seines Programms
kolonialer Kriegfuehrung zu veranlassen? Die englische Fuehrung mag fuer
diese Vorsicht ihrer Operationen alle moeglichen Gruende anfuehren koennen,
nur einen hat sie nicht, naemlich die Staerke des Gegners.

Waehrend im armenischen Hochlande die tuerkische Wehrmacht nochmals einen
Triumph feierte, hatten die Kaempfe in Syrien nicht geruht. Wiederholt kam
es an der syrischen Front zu frontalen englischen Angriffen, ohne dass
hierdurch die Lage wesentlich geaendert wurde. Im Fruehjahr 1918 schien die
englische Kriegfuehrung dieses ewigen Einerleis endlich muede zu werden. Sie
raffte sich zu einem neuen Gedanken auf und brach ueber Jericho in das
Ostjordanland ein. Man nahm an, dass die Araberstaemme in diesem Gebiete das
Auftreten ihrer Befreier vom tuerkischen Joch nur erwarteten, um sofort den
osmanischen Armeen in den Ruecken zu fallen. Das Unternehmen scheiterte
jedoch ziemlich ruhmlos vor geringen deutschen und tuerkischen Kraeften dank
ausgezeichneter osmanischer Fuehrung. Die Lage an der syrischen Front wurde
hierdurch in den Sommer hinein gerettet. In dieser Jahreszeit pflegte in
jenen glutheissen Gebieten allgemeine Ruhe einzutreten. Es war jedoch mit
Sicherheit zu erwarten, dass der Englaender im Herbste seine Angriffe in
irgend einer Richtung wiederholen wuerde. Wir glaubten, dass die
Zwischenzeit genuegend sei, um die Lage an der syrischen Front durch
Zufuehrung neuer tuerkischer Kraefte zu festigen.

Die inneren Schwierigkeiten im tuerkischen Staate dauerten auch im Jahre
1918 an. Der Tod des Sultans uebte nach aussen hin zunaechst keinen
sichtbaren Einfluss aus. Im Innern begann allmaehlich eine Bewegung zur
Besserung einzusetzen. Der neue Sultan war augenscheinlich ein Mann der
Tat. Er zeigte den besten Willen, sich von der bisherigen Bevormundung
durch das Komitee freizumachen und den schweren Staatsschaeden
entgegenzutreten. Er waehlte die Maenner seiner Umgebung aus den Kreisen,
die sich den alttuerkischen Richtungen zuneigten.

Ich hatte den neuen Padischa als Thronfolger in Kreuznach kennen gelernt.
Damals hatte ich die Ehre, ihn als meinen Gast zu sehen. Bei den
Schwierigkeiten unmittelbaren sprachlichen Verkehrs, der Sultan sprach nur
tuerkisch, war unsere Unterhaltung durch Dolmetscher im wesentlichen auf
den Austausch von Ansprachen beschraenkt. Die Erwiderung des Thronfolgers
auf meine Anrede trug einen sehr bundesfreundlichen Charakter. Diesem
entsprach auch seine Haltung nach der Thronbesteigung.

Der Sultan hatte vornehmlich die Absicht, auf das Heerwesen einen
persoenlichen Einfluss auszuueben. Er wollte auch die Armeen in den
entfernten Provinzen aufsuchen. Ob hierdurch wesentliche Maengel haetten
beseitigt werden koennen, wage ich nicht zu entscheiden.

Das Land war durch den Kriegszustand voellig erschoepft. Es konnte dem Heere
kaum noch irgend welche neuen Kraefte bieten. So gelang es auch waehrend des
Sommers nicht, die Verhaeltnisse an der syrischen Front wesentlich zu
staerken. Es ist schwer zu entscheiden, inwieweit bei den geradezu
klaeglichen Verbindungen dorthin ausreichenderes haette geleistet werden
koennen. Die Zustaende in der Versorgung der Armee blieben schlecht. Die
Truppe verhungerte nicht, aber sie lebte nahezu bestaendig in ungestilltem
Hunger dahin, koerperlich muede, seelisch empfindungslos.

Wie ich schon frueher anfuehrte, mussten wir auf das Wegziehen der deutschen
Truppen aus der syrischen Front verzichten. Die dortige deutsche Fuehrung
glaubte nur mit deutscher Hilfe die Lage als gesichert betrachten zu
koennen. Man schaetzte freilich den Angriffsgeist der gegenueberstehenden
englisch-indischen Armee besonders auf Grund von Aussagen
mohammedanisch-indischer Ueberlaeufer nicht sehr hoch ein. Auch waren die
bisherigen Leistungen der englischen Fuehrung so wenig eindrucksvoll, dass
man sich zu der Hoffnung berechtigt fuehlte, mit den vorhandenen geringen
Kraeften dem Feinde wenigstens die Moeglichkeit eines weiteren Widerstandes
vortaeuschen zu koennen. Wie lange eine solche Taeuschung vorhielt, hing
lediglich davon ab, ob sich der Gegner endlich einmal zu einer
kraftvollen, geschlossenen Gefechtshandlung aufraffen und damit das Geruest
des tuerkischen Widerstandes mit seinen schwachen deutschen Stuetzen
umwerfen wuerde oder nicht.

Am 19. September griff der Englaender ueberraschend den rechten tuerkischen
Heeresfluegel in den Kuestenebenen an. Er durchbrach fast widerstandslos die
dortigen Linien. Die Niederlage der beiden tuerkischen Armeen an der
syrischen Front wurde durch das rasche Vordringen der
indisch-australischen Reitergeschwader besiegelt.

In diesen Tagen wurde die Tuerkei durch den bulgarischen Zusammenbruch
ihres bisherigen Landschutzes in Europa beraubt. Konstantinopel war
dadurch im ersten Augenblick auf der europaeischen Landseite voellig
schutzlos. Die tuerkischen Truppen an den Dardanellen waren im Verlaufe der
letzten Zeiten dauernd schlechter geworden. Aus ihnen holten die Armeen
der entlegenen Provinzen alles heraus, was noch an Gefechtswert in ihnen
steckte. Thrazien war mit Ausnahme einer schwachen kaum gefechtsfaehigen
Kuestenbesatzung ungeschuetzt. Die Befestigungen der beruehmten
Tschataldschalinie bestanden nur aus zerfallenen Schuetzengraeben, wie sie
nach den Kaempfen der Jahre 1912/13 von den tuerkischen Truppen verlassen
waren. Alles uebrige war nur in der Phantasie oder auf truegerischen Plaenen
vorhanden. Man mag ueber diese Zustaende nachtraeglich den Kopf schuetteln,
letzten Endes offenbart sich in ihnen doch der grosse Wille, alle
vorhandenen Kraefte auf den entscheidenden Aussenposten zu verwenden. Wehe
dann freilich, wenn der aeussere Schutzwall durchbrochen wurde, und sich die
feindlichen Fluten in das Innere des Landes ergossen.

Solch eine Flut bedrohte nunmehr das Herz des ganzen Landes. Unter den
Eindruecken der ersten Nachrichten vom drohenden bulgarischen Zusammenbruch
wurden aus Konstantinopel heraus einzelne rasch zusammengestellte
Formationen an die Tschataldschalinie geworfen. Ein nennenswerter
Widerstand waere jedoch mit ihnen nicht zu leisten gewesen. Mehr der
moralischen als der praktischen Wirkung wegen ordneten wir die sofortige
Ueberfuehrung von deutschen Landwehrformationen aus dem suedlichen Russland
nach Konstantinopel an. Auch entschloss sich die Tuerkei dazu, alle aus
Transkaukasien zurueckgerufenen Divisionen zunaechst nach Thrazien zu
werfen. Bis jedoch nennenswerte Kraefte Konstantinopel erreichen konnten,
musste geraume Zeit vergehen. Warum der Gegner diese Zeit nicht ausnutzte,
um sich der Hauptstadt zu bemaechtigen, laesst sich nach den bis jetzt
vorhandenen Quellen nicht feststellen. Nochmals blieb die Tuerkei vor einer
unmittelbaren Katastrophe bewahrt. Der Eintritt einer solchen schien aber
Ende September doch nur eine Frage von wenigen Tagen.



           Militaerisches und Politisches aus Oesterreich-Ungarn


Nach den vergeblichen Angriffen des oesterreichisch-ungarischen Heeres in
Oberitalien zeigte sich immer mehr, dass die Donaumonarchie ihre letzte und
beste Staerke an dieses Unternehmen gesetzt hatte. Sie hatte nicht mehr so
viel zahlenmaessige und sittliche Kraefte, um einen solchen Angriff
wiederholen zu koennen. Die Verhaeltnisse dieses Heeres traten uns so recht
deutlich in der Beschaffenheit der Divisionen vor Augen, die zu unserer
Unterstuetzung an die Westfront geschickt wurden. Ihr sofortiger Einsatz
war unmoeglich, wenn man spaeter groessere Kampfleistungen von ihnen verlangen
wollte. Sie bedurften der Erholung, Schulung und besonders auch der
Ausruestung. Diese Tatsachen wurden innerhalb der eintreffenden Truppen
ebenso rueckhaltslos anerkannt wie von seiten des k. u. k.
Armee-Oberkommandos. Alle oesterreichisch-ungarischen Befehlsstellen gaben
sich die groesste Muehe, die im Westen verwendeten k. u. k. Truppen in
verhaeltnismaessig kurzer Zeit ihrer kommenden Aufgabe entsprechend
leistungsfaehig zu machen. Wenn das Ziel nicht voll und ganz erreicht
wurde, so lag es wahrlich nicht an mangelnder Taetigkeit und Einsicht der
Offiziere. Auch die Mannschaften zeigten sich in hohem Grade willig.

Die grossen Verluste der oesterreichisch-ungarischen Wehrmacht in Italien,
die mangelhaften Ersatzverhaeltnisse, die politische Unzuverlaessigkeit
einzelner Truppenteile, die unsicheren Zustaende im Innern des Landes
machten eine wirklich grosse und ausschlaggebende Unterstuetzung unserer
Westfront leider unmoeglich. General von Arz musste sich angesichts dieser
Verhaeltnisse in des Wortes vollster Bedeutung jede einzelne Division, die
er uns schicken wollte, von der Seele reissen. Er selbst war von der grossen
Bedeutung dieser Hilfe durchaus ueberzeugt. Ich vermag nicht zu sagen, ob
man in allen oesterreichisch-ungarischen Kreisen von der gleichen
Hilfsbereitschaft durchdrungen war, ob man ueberall die gleiche
Dankesschuld uns gegenueber empfand, wie General von Arz.

An den oesterreichisch-ungarischen Heeresfronten ereignete sich im Verlauf
des Sommers nichts wesentliches. Die einzige bemerkenswerte kriegerische
Leistung vollzog sich in diesem Zeitraume auf albanischem Boden. Dort
hatte man sich jahrelang eigentlich tatenlos gegenuebergestanden, die
Italiener, etwa ein verstaerktes Armeekorps, um Valona und oestlich, die
Oesterreicher im noerdlichen Albanien. Der Kriegsschauplatz waere ohne jede
militaerische Bedeutung gewesen, wenn er nicht einen Zusammenhang mit den
mazedonischen Fronten gehabt haette. Bulgarien befuerchtete bestaendig, dass
durch ein feindliches Vordringen westlich des Ochridasees die rechte
Flanke seiner Heeresfront umfasst werden koennte. Militaerisch waere einem
solchen feindlichen Unternehmen leicht durch Zuruecknahme des bulgarischen
Westfluegels aus dem Gebiete von Ochrida in nordoestlicher Richtung zu
begegnen gewesen. Allein die innerpolitischen Verhaeltnisse Bulgariens
machten, wie ich das schon erwaehnt habe, damals jedes Zurueckziehen
bulgarischer Truppen aus diesem besetzten Lande unmoeglich. Dazu kamen
bulgarisch-oesterreichische Eifersuechteleien in Albanien, die mit Muehe von
uns ausgeglichen worden waren.

Man hat wiederholt die Frage gestellt, warum die Oesterreicher ihre
italienischen Gegner nicht aus Valona vertrieben haben. Die
ausserordentliche Wichtigkeit dieses Flottenstuetzpunktes als zweiter
Torfluegel zur Sperrung der Adria war mit den Haenden zu greifen. Fuer eine
solche Operation fehlte jedoch fuer Oesterreich-Ungarn die erste
Voraussetzung, naemlich die entsprechende leistungsfaehige, rueckwaertige
Verbindung in das Kampfgebiet an der Vojusa. Auf die See konnte ein
solches Unternehmen nicht basiert werden, Landverbindungen waren aber in
dem oeden albanischen Berglande vor dem Kriege nicht vorhanden, und
Oesterreich-Ungarn konnte sie im Verlauf des Krieges dort nicht in
genuegendem Umfang schaffen.

Die oesterreichisch-ungarischen Operationen in Albanien befanden sich in
einer Art von Dornroeschenschlaf, in dem sie nur zeitweise durch
gegenseitige Unternehmungen geringeren Umfanges und noch geringerer
Tatkraft gestoert wurden. Einen groesseren Ernst nahm die Lage in Albanien
erst an, als die Italiener im Sommer 1918 zu einem breit entwickelten
Angriff von der Meereskueste bis in die Gegend des Ochridasees schritten.
Die schwachen, teilweise auch sehr vernachlaessigten
oesterreichisch-ungarischen Verbaende wurden nach Norden zurueckgedrueckt.
Sogleich erhob sich die bulgarische Sorge in Sofia und an der
mazedonischen Grenze und verlangte unser Eingreifen als Oberste
Kriegsleitung. Dieses Eingreifen vollzog sich in der Form eines Ersuchens
an das k. u. k. Armee-Oberkommando, die oesterreichischen Kraefte in
Albanien zu verstaerken, um auch weiterhin den Schutz der mazedonischen
Flanke durchfuehren zu koennen. Die oesterreichisch-ungarische Heeresleitung
entschloss sich darueber hinausgehend in Albanien zu einem Gegenangriff. Die
Italiener wurden wieder zurueckgeschlagen.

Es ist nicht klar zu erkennen, ob diese italienische Offensive irgend
welche weiter gesteckten politischen und militaerischen Ziele im Auge
hatte. Besonders muss ich die Frage offen lassen, ob sie mit dem spaeter
einsetzenden Angriff der Entente gegen die Mitte der mazedonischen Front
in irgendwelchem inneren Zusammenhang stand. Der oesterreichische
Gegenangriff stellte angesichts der ganz ausserordentlichen Schwierigkeiten
in den albanischen Gelaendeverhaeltnissen und der feindlichen zahlenmaessigen
Ueberlegenheit eine sehr beachtenswerte Leistung dar. Sie verdient
durchaus, von seiten unserer Bundesgenossen als solche gefeiert zu werden.

Die inneren Verhaeltnisse Oesterreich-Ungarns hatten sich im Laufe des
Jahres 1918 in der frueher erwaehnten bedenklichen Richtung weiter
entwickelt. Die ungewoehnlichen Schwierigkeiten in der Volksernaehrung
bedrohten Wien zeitweise geradezu mit einer Katastrophe. Da war es kein
Wunder, dass die oesterreichisch-ungarischen Behoerden in dem Zusammenraffen
greifbarer Verpflegungsbestaende, sei es in Rumaenien, sei es in der
Ukraine, zu Massnahmen griffen, die unseren eigenen Interessen im hoechsten
Grade entgegengesetzt waren.

Unter den trueben politischen Verhaeltnissen Oesterreich-Ungarns war es nicht
weiter erstaunlich, wenn uns von dort immer wieder erklaert wurde, dass eine
Weiterfuehrung des Krieges ueber das Jahr 1918 hinaus von seiten der
Donaumonarchie ausgeschlossen waere. Der Drang nach Abschluss der
Feindseligkeiten aeusserte sich immer haeufiger und immer staerker. Ob dabei,
wie behauptet wurde, auch der Ehrgeiz, die Rolle des Friedensbringers zu
spielen, bei irgendwem einen wirklich ausschlaggebenden Einfluss ausuebte,
lasse ich dahingestellt sein.

Im Sommer erfolgte der Ruecktritt des Grafen Czernin von seinem Posten als
Aussenminister. Als Grund gab der Graf selbst an, dass die von seinem Kaiser
an den Prinzen Sixtus von Parma gerichteten Briefe einen unueberbrueckbaren
Gegensatz zwischen ihm und seinem Herrn geschaffen haetten. Mir war der
Graf nicht unsympathisch, trotz der mancherlei Gegensaetze, die zwischen
seinen politischen Anschauungen und den meinigen bestanden, und die er uns
gegenueber ebenso offen vertrat, wie wir die unserigen.

Fuer mich war Graf Czernin der typische Vertreter der
oesterreichisch-ungarischen Aussenpolitik. Er war klug und von scharfem
Erkennen der Schwierigkeiten unserer gemeinsamen Lage sowie von
zutreffender, rueckhaltsloser Kritik der Schwaechen des von ihm vertretenen
Staatswesens. Seine politischen Plaene bewegten sich dabei aber weit mehr
im Bestreben, ein Unheil zu vermeiden als unsere Erfolge auszunutzen. Fuer
die Interessen seines Vaterlandes hatte der Graf zwar immer ein offenes
Auge und ein weitem Herz, doch im auffallenden Gegensatz hierzu sah er in
der Beurteilung unserer Gesamtlage das rettende Heil meist im Verzicht.
Aus diesen Widerspruechen kam es, dass er fuer die Doppelmonarchie
Erweiterung ihrer Machtsphaere anzustreben nicht aufhoerte, auch wenn er
gleichzeitig uns Deutschen grosse Opfer fuer die Interessen der verbuendeten
Gemeinschaft zumutete. Graf Czernin unterschaetzte, wie alle
oesterreichisch-ungarischen Staatsmaenner dieser Zeit, die
Leistungsfaehigkeit seines Vaterlandes. Sonst haette er nicht im Fruehjahr
1917 kurz nach seiner Amtsuebernahme von der Unmoeglichkeit weiteren
Durchhaltens sprechen duerfen, obwohl die oesterreichisch-ungarische Kraft
noch laenger ausreichte und auch bei der Geschaeftsniederlegung des Grafen
noch keineswegs bei dem Erschoepfungstod angelangt war. Es lag in den
Gedankenverbindungen des Grafen Czernin eine Art von Sichselbstaufgeben.
Ob er dabei nicht imstande war, den Friedensbestrebungen seines Kaisers
Widerstand zu leisten, oder ob er diese vielleicht in innerster
Ueberzeugung unterstuetzte, vermochte ich waehrend seiner Amtsfuehrung nicht
klar zu durchschauen. Jedenfalls verkannte der Graf die Gefahren, die in
einer uebertriebenen und ganz besonders zu oft wiederholten Betonung der
Friedensbereitschaft solchen Feinden wie den unserigen gegenueber enthalten
waren. Nur so wird es verstaendlich, dass er in einer Zeit des scheinbar
beginnenden Heranreifens unserer Unterseebooterfolge, des Misserfolges der
feindlichen Fruehjahrsoffensive und der Rueckwirkung der staatlichen
Aufloesung in Russland auf unsere Feinde die politische Ruhe verlor und die
Friedensresolution im Deutschen Reichstage anregte.

Ich war der Meinung, dass es Graf Czernin an der bundesbruederlichen
Gesinnung uns gegenueber nicht fehlen lassen wollte, selbst als er uns bei
den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk und Bukarest vor mancherlei
Ueberraschungen stellte. Er befuerchtete damals wohl, dass die Donaumonarchie
ein etwaiges Scheitern dieser Verhandlungen nicht ueberwinden koennte, und
dass der Schrei nach Brot in Wien unbedingt eine baldige Vereinbarung mit
der Ukraine forderte.

Unter der aussenpolitischen Leitung Czernins fand die polnische Frage
zwischen uns und Oesterreich-Ungarn keinen Abschluss. Eine Preisgabe ganz
Polens an die Doppelmonarchie war und blieb aus den schon frueher beruehrten
Gruenden fuer uns unannehmbar.

Der Nachfolger des Grafen Czernin, Graf Burian, war mir aus seiner
Taetigkeit als Aussenminister der vorczerninschen Zeit schon in Pless bekannt
geworden. Bei der Umstaendlichkeit Burians, die bei allen wichtigeren
Fragen zutage trat, konnte ich eine Erledigung des polnischen Problems in
absehbarer Zeit nicht erhoffen. Ich muss auch offen eingestehen, dass meine
Gedanken in der nunmehr folgenden Zeit von entscheidenderen Dingen in
Anspruch genommen wurden als von so langwierigen, unfruchtbaren
Verhandlungen.

Bei seiner Wiederberufung als Aussenminister hatte Graf Burian das
begreifliche Bestreben, moeglichst bald einen Ausweg aus unserer
politischen Lage zu finden. Es war menschlich verstaendlich, dass er unter
dem Eindruck der sich im besten verschlimmernden Kriegslage mit groesster
Hartnaeckigkeit zum Frieden draengte. Nach meiner Anschauung sollte indessen
keiner der verbuendeten Staaten aus dem Rahmen der politischen
Einheitsfront heraustreten und dem Gegner Friedensangebote machen. Es war
ein Irrtum, zu glauben, dass dadurch jetzt noch wesentliches fuer einen
Einzelstaat oder fuer unsere Gesamtheit gebessert werden koenne. Der
tuerkische Grosswesir, der in der ersten Septemberhaelfte in Spa weilte,
beurteilte die Lage ganz ebenso wie wir. Auch Zar Ferdinand sprach noch zu
gleichem Zeitpunkt davon, dass Friedensbestrebungen seines Landes ausserhalb
des gemeinsamen Bundes nicht in Frage kommen koennten. Vielleicht ahnte der
Zar damals aber schon, welch eine geringe Rolle Bulgarien als Machtfaktor
in den gegnerischen Berechnungen nur noch spielte.

Aus den angefuehrten Gruenden heraus fuehlte ich mich nicht veranlasst, den
oesterreichisch-ungarischen Versuch, Mitte September mit der Entente
einseitig einen friedlichen Vergleich anzuregen, fuer gluecklich zu halten.
Die Gegner verhielten sich diesem Schritte gegenueber in der Tat auch
voellig ablehnend. Sie uebersahen unsere damalige Lage schon zu klar, als
dass sie sich auf Anbahnung eines Verhandlungsfriedens einlassen wollten.
Die Frage weiterer Menschenopfer spielte fuer sie keine Rolle. Die
Befuerchtung, dass wir Deutschen uns rasch wieder erholen koennten, wenn uns
auch nur ein Augenblick der Ruhe gelassen wuerde, beherrschte voellig den
feindlichen Gedankenkreis. So gewaltig war der Eindruck, den unsere
Leistungen auf unsere Gegner gemacht hatten und vielleicht jetzt noch
machten. Fuer uns ein stolzes Gefuehl mitten in alledem, was um uns zurzeit
vorging und noch vorgehen sollte!




                            Dem Ende entgegen



                    Vom 29. September zum 26. Oktober


Waere in dem Buch des grossen Krieges das Kapitel ueber das Heldentum des
deutschen Heeres nicht schon laengst geschrieben gewesen, so wuerde es in
dem letzten furchtbaren Ringen mit dem Blute unserer Soehne in ewig
unausloeschlicher Schrift geschehen sein. Welch ungeheure Anforderungen
wurden in diesen Wochen an die Koerper- und Seelenkraefte von Offizieren und
Mannschaften aller Staebe und Truppenteile gestellt! Die Truppen mussten
auch jetzt wieder von einem Kampf in den anderen geworfen, von einem
Schlachtfeld auf das andere gefuehrt werden. Kaum, dass die sogenannten
Ruhetage ausreichten, die zerschossenen oder zersprengten Verbaende neu zu
ordnen, ihnen Ersatz zuzufuehren, die Bestaende aufgeloester Divisionen in
die Truppenteile anderer einzuordnen. Offiziere wie Mannschaften begannen
wohl zu ermatten, aber sie rissen sich immer wieder empor, wenn es galt,
den feindlichen Anstuermen Halt zu gebieten. Offiziere aller Dienstgrade
bis zu den hoeheren Staeben hinauf wurden Mitkaempfer in den vordersten
Linien, teilweise mit dem Gewehr in der Hand. Zu befehlen gab es ja
vielfach nichts anderes mehr als: "Aushalten bis zum Aeussersten."

Ja: "Aushalten!" Welch eine Entsagung nach so vielen ruhmreichen Tagen
glaenzender Erfolge. Fuer mich kann der Anblick solch todesmutigen Kaempfens
nicht beeintraechtigt werden durch einzelne Bilder des Verzagens und des
Versagens. In einem solchen entsagungsvollen Ringen, in dem jeder
Aufschwung siegreichen Kraftgefuehles fehlt, muessen menschliche Schwaechen
staerker zur Geltung kommen als sonstwo.

Fuer zusammenhaengende Linien fehlte es an Kraeften. In Gruppen und Grueppchen
leistet man Widerstand. Erfolgreich ist solcher nur, weil auch der Gegner
sichtbar ermattet. Wo seine Panzerwagen nicht Bahn brechen, wo seine
Artillerie nicht alles deutsche Kampfleben ertoetet hat, da schreitet er
nur selten noch zu grossen Gefechtshandlungen. Er stuermt nicht auf unsern
Widerstand los, er schleicht sich allmaehlich ein in unsere lueckenreichen,
zerschmetterten Kampflinien. An dieser Tatsache hatte sich meine Hoffnung
immer wieder aufgerichtet, die Hoffnung, aushalten zu koennen bis zur
Erlahmung des Gegners.

Wir haben keine neue Kraft mehr einzusetzen wie der Feind. Statt eines
frischen Amerikas haben wir nur ermattete Bundesgenossen, und auch diese
stehen hart vor dem Zusammenbruch.

Wie lange wird unsere Front diese ungeheure Belastung noch zu tragen
vermoegend? Ich stehe vor der Frage, vor der schwersten aller Fragen: "Wann
muessen wir zu einem Ende kommen?" Wendet man sich in solchen Faellen an die
grosse Lehrmeisterin der Menschheit, an die Geschichte, so ermahnt sie
nicht zur Vorsicht, sondern zur Kuehnheit. Richte ich meine Blicke auf die
Gestalt unseres groessten Koenigs, so erhalte ich die Antwort: "Durchhalten!"

Gewiss, die Zeiten sind anders geworden, als sie es fast 160 Jahre frueher
waren. Nicht ein geworbenes Heer, sondern das ganze Volk fuehrt den Krieg,
ist in ihn hineingerissen, blutet und leidet. Aber die Menschheit ist im
Grunde genommen die gleiche geblieben mit ihren Staerken und Schwaechen. Und
wehe dem, der vorzeitig schwach wird. Alles vermag ich zu verantworten,
dieses niemals!

So tobt mit dem Kampf auf dem Schlachtfeld gleichzeitig ein anderer Kampf.
Sein Schauplatz liegt in unserem Innern. Auch in diesem Kampfe stehen wir
allein. Niemand raet uns als die eigene Ueberzeugung und das Gewissen.
Nichts haelt uns aufrecht, als die Hoffnung und der Glaube. Sie bleiben in
mir stark genug, um auch noch andere zu stuetzen.

Aber immer dunkler wird es um uns! Mag auch der deutsche Mut an der
Westfront dem Gegner noch immer den entscheidenden Durchbruch wehren,
moegen Frankreich und England sichtlich ermatten, mag Amerikas erdrueckende
Ueberlegenheit an einem Tage tausendfach ergebnislos bluten, so nehmen doch
unsere Kraefte sichtlich ab. Sie werden um so frueher versagen, je
bedrueckender die Nachrichten aus dem fernen Osten auf sie wirken. Wer
schliesst die Luecke, wenn Bulgarien endgueltig zusammenbricht? Manches
koennen wir wohl noch leisten, aber wir vermoegen nicht eine neue Front
aufzubauen. Eine neue Armee ist freilich in Serbien in Bildung begriffen,
aber wie schwach sind diese Truppen! Unser Alpenkorps hat kaum noch
gefechtsfaehige Verbaende; eine der anrollenden oesterreichisch-ungarischen
Divisionen wird fuer voellig unbrauchbar erklaert; sie besteht aus Tschechen,
die voraussichtlich den Kampf verweigern. Liegt auch der Schauplatz in
Syrien weit ab von der Entscheidung des Krieges, so zermuerbt die dortige
Niederlage doch zweifellos den treuen tuerkischen Genossen, der nun auch in
Europa wieder bedroht wird. Wie wird Rumaenien sich verhalten, was werden
die grossen Truemmer Russlands tun? Alles dies draengt auf mich ein und
erzwingt den Entschluss, nun doch ein Ende zu suchen, das heisst ein Ende in
Ehren. Niemand wird sagen: "Zu frueh."

In solchen Gedanken und mit dem gereiften Entschluss trifft mich mein
Erster Generalquartiermeister am spaeten Nachmittag des 28. September. Ich
sehe ihm an, was ihn zu mir fuehrt. Wie so oft seit dem 23. August 1914
fanden sich unsere Gedanken auch heute, bevor sie zu Worten geworden sind.
Unser schwerster Entschluss wird auf gleicher Ueberzeugung gefasst.

In den Vormittagsstunden des 29. September erfolgt unsere Beratung mit dem
Staatssekretaer des Auswaertigen Amtes. Die Lage nach aussen wird von ihm mit
wenig Worten gekennzeichnet: Bis jetzt alle Versuche eines friedlichen
Ausgleichs mit den Gegnern gescheitert und keine Aussicht, durch
Verhandlungen unter Vermittlung neutraler Maechte irgend eine Annaeherung an
die feindlichen Staatslenker zu erreichen. Der Staatssekretaer bespricht
dann die innere Lage der Heimat: die Revolution stehe vor der Tuere, man
habe die Wahl, ihr mit Diktatur oder Nachgiebigkeit entgegenzutreten;
parlamentarische Regierung sei das beste Abwehrmittel.

Wirklich das beste? Wir wissen, welch gewaltige Belastungen wir der Heimat
gerade jetzt durch unseren Schritt zum Waffenstillstand und Frieden
auferlegen muessen, ein Schritt, der dort begreiflicherweise schwere Sorgen
ueber die Lage an der Front und ueber unsere Zukunft ausloesen wird. In
diesem Augenblick, wo so viele Hoffnung zu Grabe getragen, wo bitterste
Enttaeuschung sich mit tiefster Erbitterung mengen wird, wo jeder nach
einem festen Halt im Staatswesen blickt, sollen die politischen
Leidenschaften in hoehere Wallung versetzt werden? In welcher Richtung
werden sie ausschlagen? Sicherlich nicht in der Richtung der Erhaltung
sondern in derjenigen der weiteren Zerstoerung. Die das Unkraut in unsere
Saat gesaeet haben, werden die Zeit der Ernte fuer gekommen erachten. Wir
beginnen, zu gleiten.

Glaubt man durch Nachgiebigkeiten im eigenen Heim einen Gegner milder
stimmen zu koennen, der sich durch das Schwert nicht zwingen liess? Fragt
diejenigen unserer Soldaten, die im Vertrauen auf die feindlichen
Verlockungen leider freiwillig die Waffen aus der Hand legten! Die
feindliche Maske fiel gleichzeitig mit der deutschen Waffe. Die
verblendeten Deutschen wurden nicht um ein Haar menschenwuerdiger behandelt
als ihre sich bis zur letzten Kraft wehrenden Kameraden. Dies Bild im
Kleinen wird sich im Grossen, ja im Groessten wiederholen.

Wir muessen auch befuerchten, dass die Bildung einer neuen Regierung den
Schritt, den wir so lange als moeglich hinausschoben, noch weiter verzoegern
wird. Zu bald haben wir ihn wahrlich nicht getan. Soll er durch die
staatliche Neuordnung verspaetet werden?

Das sind meine Sorgen; sie gleichen denjenigen des Generals Ludendorff.

Auf Grund unserer Beratung unterbreiten wir Seiner Majestaet dem Kaiser
unseren Vorschlag zum Friedensschritt. Mir obliegt es, dem Allerhoechsten
Kriegsherrn zur Begruendung des politischen Aktes die militaerische Lage zu
schildern, deren jetziger Ernst dem Kaiser nicht unbekannt ist. Seine
Majestaet billigt, was wir vortragen, mit festem, starkem Herzen.

Wie immer bisher, so vermischen sich auch jetzt unsere Sorgen um das Heer
mit denen um die Heimat. Kann das Eine nicht standhalten, so bricht auch
das Andere zusammen. In dem gegenwaertigen Augenblick, mehr wie in jedem
anderen vorher, muss sich dies beweisen.

Mein Allerhoechster Kriegsherr kehrt in die Heimat zurueck, wohin ich ihm am
1. Oktober folge. Ich moechte dem Kaiser nahe sein, wenn er in diesen Tagen
meiner beduerfen sollte. Politische Einwirkungen ausueben zu wollen, lag mir
fern. Zu Aufschluessen fuer die sich neubildende Regierung war ich bereit
und beantwortete ihre Anfragen, soweit dies nach meiner Ueberzeugung
moeglich war. Ich hoffte, Pessimismus zu bekaempfen und Vertrauen wieder
aufzurichten. Die innern Erschuetterungen erwiesen sich aber bereits als zu
schwere, um diesen Zweck noch erreichen zu koennen. Ich selbst hatte auch
damals noch die feste Zuversicht, dass wir dem Gegner trotz des Abnehmens
unserer Kraefte das Betreten unseres vaterlaendischen Bodens monatelang
verwehren konnten. Gelang dies, so war auch die politische Lage nicht
hoffnungslos. Stillschweigende Voraussetzung war freilich hierbei, dass
unsere Landesgrenzen nicht etwa von Osten oder Sueden bedroht wuerden, und
dass die Heimat in ihrem Innern feststand.

In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober erging unser Angebot an den
Praesidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die von ihm im Januar
dieses Jahres aufgestellten Grundlinien fuer einen "gerechten Frieden"
waren von uns angenommen worden.

Uns selbst blieb zunaechst nur die Fortsetzung des Kampfes. Das Nachlassen
der Spannkraft der Truppe, das Schwinden der Kaempferzahlen, die
wiederholten Einbrueche des Gegners zwangen uns an der Westfront zu
weiterem allmaehlichen Ausweichen in kuerzere Linien. Was ich der
Reichsleitung am 3. Oktober erklaert hatte, wurde ausgefuehrt: Wir
klammerten uns so viel wie moeglich an den feindlichen Boden. Die
Bewegungen und Schlachten behielten den gleichen Charakter, wie seit Mitte
August. Der Abnahme unserer Kampfkraft entsprach auch weiterhin eine
gleiche Abnahme gegnerischer Angriffslust. Irrten sich die Feinde in dem
Glauben, dass wir ganz zusammenbrechen, so irrten wir uns andererseits in
der Hoffnung, dass die Gegner voellig erlahmen wuerden. So war der endgueltige
Ausgang des Kampfes nicht mehr zu aendern, wenn es uns nicht gelang, ein
Aufgebot letzter heimatlicher Kraft zustande zu bringen. Eine
Massenerhebung des Volkes wuerde den Eindruck auf den Gegner und unser
eigenes Heer nicht verfehlt haben. War aber eine solche brauchbare
Lebensstaerke und opferwillige Masse noch vorhanden? Jedenfalls war unser
Versuch, eine solche in die Front zu bringen, vergeblich.

Die Heimat erlahmte frueher als das Heer. Unter diesen Umstaenden vermochten
wir dem immer haerter werdenden Druck des Praesidenten der Vereinigten
Staaten von Nordamerika keinen eindrucksvollen Widerstand
entgegenzusetzen. Unsere Regierung gab nach in der Hoffnung auf Milde und
Gerechtigkeit. Der deutsche Soldat und der deutsche Staatsmann gingen in
verschiedenen Richtungen. Der eingetretene Riss wurde nicht mehr beseitigt.
Mein letzter Versuch, zu einem vereinten Schlagen ergibt sich aus
folgendem Brief an den Reichskanzler vom 24. Oktober 1918:

  "Euerer Grossherzoglichen Hoheit darf ich nicht verhehlen, dass ich in den
  letzten Reichstagsreden einen warmen Aufruf zu Gunsten und fuer die Armee
  schmerzlich vermisst habe.

  Ich habe von der neuen Regierung erhofft, dass sie alle Kraefte des
  gesamten Volkes in den Dienst der vaterlaendischen Verteidigung sammeln
  wuerde. Das ist nicht geschehen. Im Gegenteil, es ist, von wenigen
  Ausnahmen abgesehen, nur von Versoehnung, nicht aber von Bekaempfung des
  dem Vaterlande drohenden Feindes gesprochen. Dies hat auf die Armee erst
  niederdrueckend, dann erschuetternd gewirkt. Ernste Anzeichen beweisen
  dies.

  Zur Fuehrung der nationalen Verteidigung braucht die Armee nicht nur
  Menschen sondern den Geist der Ueberzeugung fuer die Notwendigkeit, zu
  kaempfen, und den seelischen Schwung fuer diese hohe Aufgabe.

  Euere Grossherzogliche Hoheit werden mit mir ueberzeugt sein, dass, in
  Anerkennung der durchschlagenden Bedeutung der Moral des Volkes in
  Waffen, Regierung und Volksvertretung solchen Geist in Heer und Volk
  hineintragen und erhalten muessen.

  An Euere Grossherzogliche Hoheit als das Haupt der neuen Regierung richte
  ich den ernsten Ruf, dieser heiligen Aufgabe zu entsprechen."

Es war zu spaet. Die Politik forderte ihre Opfer; das erste wurde am
26. Oktober gebracht.

Am Abend dieses Tages fuhr ich von der Reichshauptstadt, wohin ich mich
mit meinem Ersten Generalquartiermeister zum Vortrag bei unserem
Allerhoechsten Kriegsherrn begeben hatte, nach dem Grossen Hauptquartier
zurueck. Ich war allein. Seine Majestaet hatte dem General Ludendorff den
erbetenen Abschied bewilligt, meine gleiche Bitte abgeschlagen.

Am folgenden Tage betrat ich die bisher gemeinsamen Arbeitsraeume wieder.
Mir war zumute, wie wenn ich von der Beerdigung eines mir besonders teuren
Toten in die veroedete Wohnung zurueckkehrte.

Bis zum heutigen Tage, ich schreibe dies im September 1919, habe ich
meinen vieljaehrigen treuen Gehilfen und Berater nicht wieder gesehen. Ich
habe ihn in meinen Gedanken viel tausendmal gesucht und in meinem
dankerfuellten Herzen stets gefunden!



                     Vom 26. Oktober zum 9. November


Mein Allerhoechster Kriegsherr verfuegte auf meine Bitte die Ernennung des
Generals Groener zum Ersten Generalquartiermeister. Der General war mir aus
seinen frueheren Kriegsverwendungen wohlbekannt. Ich wusste, dass er eine
vortreffliche organisatorische Begabung und eine gruendliche Kenntnis der
inneren Verhaeltnisse unseres Vaterlandes besass. Die kommenden gemeinsamen
Zeiten brachten mir den reichlichen Beweis dafuer, dass ich mich in meinem
neuen Mitarbeiter nicht getaeuscht hatte.

Die Aufgaben, die des Generals harrten, waren ebenso schwierig als
undankbar. Sie forderten eine rastlose Taetigkeit, eine volle
Selbstentsagung und jeden Verzicht auf einen anderen Ruhm, als denjenigen
hingebendster Pflichterfuellung, und auf jede andere Anerkennung, als
diejenige seiner augenblicklichen Mitarbeiter. Wir alle kannten die Groesse
und die Schwierigkeiten des Werkes, das seiner harrte.

Unsere gesamte Lage begann sich immer weiter zu verschlechtern. Ich moechte
sie nur in Streiflichtern beleuchten:

Im Orient brach der letzte Widerstand des osmanisch-asiatischen Reiches
zusammen. Mosul wie Aleppo fielen fast widerstandslos in die Haende der
Gegner. Die mesopotamische wie die syrische Armee hatten aufgehoert, zu
bestehen. Georgien musste von uns geraeumt werden, nicht weil wir
militaerisch dazu gezwungen waren, sondern weil unsere wirtschaftlichen
Plaene dort unausfuehrbar wurden oder wenigstens nicht mehr gewinnbringend
gemacht werden konnten. Auch die Truppen, die wir zur Stuetze der
Verteidigung Konstantinopels abgeschickt hatten, wurden zurueckgeholt. Die
Entente griff aber Thrazien nicht an. Stambul sollte nicht fallen durch
kuehne Heldentaten und eindrucksvolle Machtentfaltung. Der Grund hierfuer
ist unbekannt. Er mag in sachlich fuer uns damals nicht verstaendlichen
militaerischen Bedenken liegen; es koennen aber auch politische Erwaegungen
hierbei fuer die Entente ausschlaggebend gewesen sein.

Unsere deutsche Hilfe, die sonst noch in der Tuerkei stand, wurde in
Richtung auf Konstantinopel zusammengezogen. Sie schied aus dem gemeinsam
verteidigten Land, geachtet vom ritterlichen Osmanentum, dem wir in seinem
Ringen auf Leben und Tod beigestanden hatten. Was sich dort jetzt gegen
uns wandte, entsprang jenen Kreisen, die nunmehr ihren Weizen bluehen
sahen, und die sich durch Hassesaeusserungen einen Vorschuss auf die
Zuneigung der Neuankommenden zu erwerben suchten. Der eigentliche Osmane
wusste, dass wir nicht nur zum jetzigen Kampfe, sondern auch zum spaeteren
Neubau seines Staates hilfsbereit gewesen waren.

Enver und Talaat Pascha traten von dem Schauplatz ihrer Taetigkeit ab, von
ihren Gegnern beschimpft, sonst unbescholten.

Aus Bulgarien waren unsere letzten Truppen abgerueckt. Auch ihnen folgte so
manches dankbare Gefuehl und ehrliches Gedenken, am lebhaftesten
ausgesprochen in einem Briefe, den der ehemalige Fuehrer des bulgarischen
Heeres an mich in dieser Zeit richtete. Ich konnte mich des Eindruckes
nicht erwehren, als ob aus den Zeilen das sprach, was ich so manchmal in
den Aeusserungen dieses ehrlichen Offiziers zu fuehlen glaubte: "Waere ich
politisch frei gewesen, so haette ich militaerisch anders gehandelt." Die
Einsicht kam wohl zu spaet, bei ihm wie an anderen Stellen.

Oesterreich-Ungarn loeste sich in seinem politischen Bestande wie in seiner
Wehrkraft auf. Es gab nicht nur sich selbst, sondern auch unsere
Landesgrenzen preis. In Ungarn erhob sich die Revolution im Hasse gegen
die Deutschen. Konnte das ueberraschend wirken? Gehoerte dieser Hass nicht
zum Stolze des Magyaren? Im Kriege hatte man freilich im Ungarlande anders
empfunden, wenn der Russe an die Grenze pochte. Ein wiederholtes
gewaltiges Pochen! Mit welchem Jubel waren die deutschen Truppen auch
begruesst, mit welcher Hingebung verpflegt, selbst verwoehnt worden, als es
sich darum handelte, Serbien niederzuschlagen. Welch eine Begeisterung
empfing uns, als wir zur Wiedereroberung Siebenbuergens erschienen!
Dankesbetaetigung ist im menschlichen Dasein selten, im staatlichen Leben
noch weit seltener.

Dagegen fanden wir in Rumaenien mehrfach offenen Dank. Man sah dort ein,
dass ohne Zertruemmerung Russlands ein freies rumaenisches Leben sich nicht
haette verwirklichen lassen.

Wenn jetzt in Deutschland einzelne Kreise auf den Hass ehemaliger
Bundesgenossen gegen uns hinweisen und darin einen Beweis unserer
verfehlten politischen und militaerischen Haltung erblicken, so uebersehen
sie dabei wohl, dass Ausbrueche des Hasses aus Freundesmund auch im
feindlichen Lager ertoenten. Ballten sich doch Faeuste franzoesischer
Soldaten vor unseren Augen unter Schimpfworten gegen den englischen
Bundesgenossen. Riefen doch franzoesische Stimmen zu uns herueber: "Heute
mit England gegen Euch, morgen mit Euch gegen England!" Schrie doch ein
franzoesischer Soldat im Maerz des Jahres 1918, hinweisend auf die Truemmer
des Domes von St. Quentin, seinen englischen mit ihm gefangenen
Waffengenossen zornesbebend zu: "Das waret Ihr!"

Ich hoffe, dass die Aeusserungen des Missverstehens zwischen uns und unsern
ehemaligen Verbuendeten mehr und mehr verstummen werden, wenn die duestern
Nebel sich verziehen, die die Wahrheit verhuellen, und die unsern
bisherigen Kampfgenossen zur Zeit den freien Blick auf die gemeinsamen
Ruhmesfelder nehmen, auf denen das deutsche Leben zur Verwirklichung auch
ihrer Plaene und Traeume eingesetzt wurde.

Der Zusammenbruch zeigt sich von Ende Oktober ab ueberall; nur an der
Westfront wussten wir ihn immer noch zu verhindern. Schwaecher wurde dort
der feindliche Andrang, matter aber freilich auch unser Widerstand. Immer
kleiner wurde die Zahl der deutschen Truppen, immer groesser wurden die
freien Luecken in den Verteidigungsstellungen. Nur wenige frische deutsche
Divisionen, und Grosses haette geleistet werden koennen. Vergebliche Wuensche,
eitle Hoffnungen! Wir sinken, denn die Heimat sinkt. Sie kann uns kein
neues frisches Leben mehr geben, ihre Kraft ist verbraucht!

General Groener begibt sich am 1. November zur Front. Das Zuruecknehmen
unserer Verteidigung in die Stellung Antwerpen-Maas ist unsere
demnaechstige Sorge. Der Entschluss ist einfach, die Ausfuehrung schwer.
Kostbarstes Kampfmaterial liegt noch feindwaerts in dieser Linie, doch
kostbarer als dessen Rettung ist fuer uns die Zurueckfuehrung von 80.000
Verwundeten in den vorwaerts befindlichen Lazaretten. So wird die
Durchfuehrung des Entschlusses aus Dankesgefuehlen, die wir unseren
blutenden Kameraden schulden, verzoegert. Dauernd kann freilich die jetzige
Lage nicht mehr gehalten werden. Dazu sind unsere Kraefte nunmehr zu
schwach und zu muede geworden. Dazu ist der Druck zu stark, der von den
frischen amerikanischen Massen auf unsere empfindlichste Stelle im
Maasgebiet ausgeuebt wird. Der Kampf dieser Massen wird aber die
Vereinigten Staaten fuer die Zukunft belehrt haben, dass das Kriegshandwerk
nicht in wenigen Monaten zu erlernen ist, dass die Unkenntnis dieses
Handwerkes im Ernstfalle Stroeme von Blut kostet.

Mit der deutschen Kampflinie haelt damals auch noch die Etappe, der
Lebensnerv, der zur Heimat fuehrt. Duestere Bilder zeigen sich freilich hier
und da, aber in der Gesamtheit ist noch innerer Halt. Lange wird es
indessen nicht mehr dauern koennen. Die Spannung ist auf das aeusserste
gestiegen. Erfolgt irgend wo eine Erschuetterung, sei es in Heimat oder
Heer, so ist der Zusammenbruch unvermeidlich.

Das sind meine Eindruecke in den ersten Tagen des November.

Die befuerchtete Erschuetterung kuendigt sich an. In der Heimat regt es sich
mit Gewalt. Der Umsturz beginnt. Noch am 5. November eilt General Groener
in die Reichshauptstadt, da er voraussieht, was kommen muss, wenn man jetzt
in den letzten Stunden nicht zusammenhaelt. Er tritt fuer seinen Kaiser ein
und schildert die Folgen, wenn man dem Heere sein Haupt nimmt. Umsonst!
Der Umsturz ist schon in unaufhaltsamem Marsche, und nur durch Zufall
entgeht der General auf der Rueckreise ins Hauptquartier den Haenden der
Revolutionaere. Das ist am Abend des 6. November.

Ein Fieber beginnt nunmehr den ganzen Volkskoerper zu schuetteln. Ruhiges
Ueberlegen schwindet. Man denkt nicht mehr an die Folgen fuer das Ganze,
sondern nur noch an das Durchsetzen eigener Leidenschaften. Diese machen
nicht mehr Halt vor den wahnwitzigsten Plaenen. Denn gibt es einen
wahnwitzigeren, als den, dem Heere das weitere Leben unmoeglich zu machen?
War je ein groesseres Verbrechen menschlichem Denken und menschlichem Hasse
entsprungen? Der Koerper wird nach aussen machtlos; zwar schlaegt er noch um
sich, aber er stirbt. Ist es ueberraschend, dass der Gegner mit solch einem
Koerper macht, was er will, dass er seine harten Bedingungen noch haerter
auslegt, als er sie geschrieben hat?

Alle Versprechungen, die die gegnerische Propaganda uns verkuendet hatte,
sind verstummt. Die Rache tritt in ihrer nackten Gestalt auf: "Wehe dem
Besiegten!" Ein Wort, das aber nicht nur dem Hasse sondern auch der Furcht
entspringt.

So ist die Lage am 9. November. Das Drama schliesst an diesem Tage nicht,
erhaelt aber eine neue Farbe. Der Umsturz siegt. Verweilen wir nicht bei
seinen Gruenden. Er trifft zunaechst vernichtend die Stuetze des Heeres, den
deutschen Offizier. Er reisst ihm, wie ein Fremdlaender sagt, den verdienten
Lorbeer vom Haupte und drueckt ihm die Dornenkrone des Martyriums auf die
blutende Stirne. Der Vergleich ist ergreifend in seiner Wahrheit. Moege er
jedem Deutschen zum Herzen sprechen!

Das aeussere Zeichen des Sieges der neuen Gewalt ist der Sturz der Throne.
Auch das deutsche Kaisertum faellt.

Man verkuendet im Vaterlande die Thronentsagung seines Kaisers und Koenigs,
ehe der Entschluss dazu von diesem gefasst ist. Auf dunklem Wege vollzieht
sich so manches in diesen Tagen und Stunden, was dem Lichte der Geschichte
hoffentlich dereinst nicht entgehen wird.

Der Gedanke wird erwogen, mit unseren Fronttruppen in der Heimat Ordnung
zu schaffen. Jedoch zahlreiche Kommandeure, Maenner, wuerdig des groessten
Vertrauens und faehig des tiefsten Einblickes, erklaeren, dass unsere Truppen
zwar noch die Front nach dem Feinde behalten werden, dass sie aber die
Front gegen die Heimat nicht nehmen wuerden.

Ich bin meinem Allerhoechsten Kriegsherrn in jenen Stunden zur Seite. Er
uebertraegt mir die Aufgabe, das Heer in die Heimat zurueckzufuehren. Als ich
am Nachmittag des 9. November meinen Kaiser verlasse, sollte ich ihn nicht
mehr wiedersehen! Er war gegangen, um dem Vaterlande neue Opfer zu
ersparen, um ihm guenstigere Friedensbedingungen zu schaffen.

Mitten in dieser gewaltigsten kriegerischen und politischen Spannung
verlor das deutsche Heer seinen innersten Halt. Fuer hunderttausende
getreuer Offiziere und Soldaten wankte damit der Untergrund ihres Fuehlens
und Denkens. Schwerste innere Konflikte bahnten sich an. Ich glaubte,
vielen der Besten die Loesung dieser Konflikte zu erleichtern, wenn ich
voranschritte auf dem Wege, den mir der Wille meines Kaisers, meine Liebe
zu Vaterland und Heer und mein Pflichtgefuehl wiesen. Ich blieb auf meinem
Posten.




                              Mein Abschied


Wir waren am Ende!

Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmen Hagen, so
stuerzte unsere ermattete Front; vergebens hatte sie versucht, aus dem
versiegenden Quell der heimatlichen Kraft neues Leben zu trinken. Unsere
Aufgabe war es nunmehr, das Dasein der uebriggebliebenen Kraefte unseres
Heeres fuer den spaetern Aufbau des Vaterlandes zu retten. Die Gegenwart war
verloren. So blieb nur die Hoffnung auf die Zukunft.

Heran an die Arbeit!

Ich verstehe den Gedanken an Weltflucht, der sich vieler Offiziere
angesichts des Zusammenbruches alles dessen, was ihnen lieb und teuer war,
bemaechtigte. Die Sehnsucht, "nichts mehr wissen zu wollen" von einer Welt,
in der die aufgewuehlten Leidenschaften den wahren Wertkern unseres Volkes
bis zur Unkenntlichkeit entstellten, ist menschlich begreiflich und doch -
ich muss es offen aussprechen, wie ich denke:

Kameraden der einst so grossen, stolzen deutschen Armee! Koenntet ihr vom
Verzagen sprechen? Denkt an die Maenner, die uns vor mehr als hundert
Jahren ein innerlich neues Vaterland schufen. Ihre Religion war der Glaube
an sich selbst und an die Heiligkeit ihrer Sache. Sie schufen das neue
Vaterland, nicht es gruendend auf eine uns wesensfremde Doktrinwut, sondern
es aufbauend auf den Grundlagen freier Entwicklung des einzelnen in dem
Rahmen und in der Verpflichtung des Gesamtwohles! Diesen selben Weg wird
auch Deutschland wieder gehen, wenn es nur erst einmal wieder zu gehen
vermag.

Ich habe die feste Zuversicht, dass auch diesmal, wie in jenen Zeiten, der
Zusammenhang mit unserer grossen reichen Vergangenheit gewahrt, und wo er
vernichtet wurde, wieder hergestellt wird. Der alte deutsche Geist wird
sich wieder durchsetzen, wenn auch erst nach den schwersten Laeuterungen in
dem Glutofen von Leiden und Leidenschaften. Unsere Gegner kannten die
Kraft dieses Geistes; sie bewunderten und hassten ihn in der Werktaetigkeit
des Friedens, sie staunten ihn an und fuerchteten ihn auf den
Schlachtfeldern des grossen Krieges. Sie suchten unsere Staerke mit dem
leeren Worte "Organisation" ihren Voelkern begreiflich zu machen. Den
Geist, der sich diese Huelle schuf, in ihr lebte und wirkte, den
verschwiegen sie ihnen. Mit diesem Geiste und in ihm wollen wir aber aufs
neue mutvoll wieder aufbauen.

Deutschland, das Aufnahme- und Ausstrahlungszentrum so vieler
unerschoepflicher Werte menschlicher Zivilisation und Kultur, wird so lange
nicht zu Grunde gehen, als es den Glauben behaelt an seine grosse
weltgeschichtliche Sendung. Ich habe das sichere Vertrauen, dass es der
Gedankentiefe und der Gedankenstaerke der Besten unseres Vaterlandes
gelingen wird, neue Ideen mit den kostbaren Schaetzen der frueheren Zeit zu
verschmelzen und aus ihnen vereint dauernde Werte zu praegen, zum Heile
unseres Vaterlandes.

Das ist die felsenfeste Ueberzeugung, mit der ich die blutige Wahlstatt des
Voelkerkampfes verliess. Ich habe das Heldenringen meines Vaterlandes
gesehen und glaube nie und nimmermehr, dass es sein Todesringen gewesen
ist.

Man hat mir die Frage gestellt, worauf ich in den schwersten Stunden des
Krieges meine Hoffnung auf unseren Endsieg stuetzte. Ich konnte nur auf
meinen Glauben an die Gerechtigkeit unserer Sache, auf mein Vertrauen zu
Vaterland und Heer hinweisen.

Die ernsten Stunden dieses jahrelangen Kampfes und seiner Folgezeit
bestand ich in Gedanken und Gefuehlen, fuer die ich nirgends einen besseren
Ausdruck finde, als in den Worten, die der nachmalige preussische
Kriegsminister, Generalfeldmarschall Herrmann v. Boyen, im Jahre 1811,
inmitten der groessten politischen und militaerischen Noete unseres
geknechteten Heimatlandes, an seinen Koenig schrieb:

  "Ich uebersehe das Gefahrvolle unserer Lage keineswegs, aber da, wo nur
  zwischen Unterjochung oder Ehre zu waehlen sein duerfte, da gibt mir die
  Religion Kraft, alles das zu tun, was das Recht und die Pflicht fordert.

  Niemals kann der Mensch mit Gewissheit den Ausgang eines begonnenen
  Unternehmens vorhersehen, aber der, der nach hoeherer Ueberzeugung nur
  seinen Pflichten lebt, traegt einen Schild um sich, der in jeder Lage des
  Lebens, es komme auch, wie es wolle, ihm Beruhigung gibt und auch oft
  selbst zu einem gluecklichen Ausgang fuehrt.

  Es ist dies nicht die Sprache aufgeregter Schwaermerei, sondern der
  Ausdruck eines religioesen Gefuehles, das ich meinen Erziehern danke, die
  mich frueh schon Koenig und Vaterland als das Heiligste auf Erden lieben
  lehrten."

Gegenwaertig hat eine Sturmflut wilder politischer Leidenschaften und
toenender Redensarten unsere ganze fruehere staatliche Auffassung unter sich
vergraben, anscheinend alle heiligen Ueberlieferungen vernichtet. Aber
diese Flut wird sich wieder verlaufen. Dann wird aus dem ewig bewegten
Meere voelkischen Lebens jener Felsen wieder auftauchen, an den sich einst
die Hoffnung unserer Vaeter geklammert hat, und auf dem vor fast einem
halben Jahrhundert durch unsere Kraft des Vaterlandes Zukunft
vertrauensvoll begruendet wurde: Das deutsche Kaisertum! Ist so erst der
nationale Gedanke, das nationale Bewusstsein wieder erstanden, dann werden
fuer uns aus dem grossen Kriege, auf den kein Volk mit berechtigterem Stolz
und reinerem Gewissen zurueckblicken kann als das unsere, so lange es treu
war, sowie auch aus dem bitteren Ernst der jetzigen Tage sittlich
wertvolle Fruechte reifen. Das Blut aller derer, die im Glauben an
Deutschlands Groesse gefallen sind, ist dann nicht vergeblich geflossen.

In dieser Zuversicht lege ich die Feder aus der Hand und baue fest auf
Dich - Du deutsche Jugend!






                           PERSONENVERZEICHNIS


_Albrecht von Preussen_, Prinz 28.

_Alexander von Preussen_, Prinz 49. 54.

_Anton von Hohenzollern_, Prinz 24. 25.

_Arz_, von, General 236. 309. 384.

_August von Wuerttemberg_, Prinz 33.

_Augusta Victoria_, Deutsche Kaiserin 61.


_Bartenwerffer_, von, Oberst 52.

_Bazaine_, Marschall 30.

_Below_, von, General 87.

_Bernhardi_, von, General der Kavallerie 43. 49.

_Bernstorff_, Graf 214. 230. 232.

_Bethmann Hollweg_, von, Reichskanzler 131. 147. 211. 233. 284. 285.

_Bismarck_, Otto, Fuerst 39. 45. 74. 200. 201. 215.

_Bluecher_, General 27. 77. 110. 234. 328.

_Blumenthal_, von, General 21.

_Boelcke_, Hauptmann 175.

_Boris_, Kronprinz von Bulgarien 162. 374.

_Bothmer_, Graf, General 143.

_Boyen_, Herrmann von 405.

_Bronsart_, von, General 57.

_Brussilow_, General 142. 249.

_Buelow_, von, Generalfeldmarschall 49. 62.

_Burian_, Baron, Minister 210. 388.


_Cadorna_, General 261. 262.

_Canrobert_, Marschall 33.

_Clausewitz_, General 101. 234.

_Clemenceau_, Ministerpraesident 293.

_Conrad von Hoetzendorf_, Generaloberst 123. 163. 180. 224. 225. 236. 261.

_Czernin_, Graf, Minister 309. 386. 387. 388.


_Duncker_, Geheimrat, Historiker 49.


_Eichhorn_, Generalfeldmarschall 49. 123.

_Elisabeth_, Koenigin 13.

-, Grossherzogin von Oldenburg 59.

_Enver Pascha_, Generalissimus 154. 159. 164. 165. 180. 188. 190. 207.
208. 270. 272. 275. 310. 398.

_Escherich_, Forstmeister 133.

_Ewert_, Generaladjutant 139.


_Falkenhayn_, von, General 148. 183. 184. 185. 203. 273. 276.

_Ferdinand_, Zar von Bulgarien 162. 206. 275. 374. 389.

_Fichte_, Philosoph 176.

_Foch_, General 340. 341. 347. 351. 364.

_Francois_, von, General 86. 88. 90.

_Franz Joseph I._, Kaiser von Oesterreich 163.

_Freytag-Loringhoven_, von, General 57.

_Friedrich II._, Erbgrossherzog von Baden 60.

_Friedrich August II._, Grossherzog von Oldenburg 59.

_Friedrich Karl_, Prinz 20. 54. 55.

_Friedrich Wilhelm I._, Koenig von Preussen 281.

_Friedrich der Grosse_ 17. 234.

_Friedrich Wilhelm IV._, Koenig von Preussen 13.

_Friedrich III._, Deutscher Kaiser 13. 21. 56.


_Gallwitz_, von, General 128.

_Gneisenau_, General 27. 77. 110.

_Goltz_, von der, General 99.

_Groeben_, von der 5.

_Groener_, General 397. 400. 401.


_Hakki_, Ismail, Generalintendant 279.

_Hann von Weyherrn_, General 51.

_Helldorff_, von, Major 31.

-, von, Leutnant (Sohn des Majors) 31.

_Hertling_, Graf, Reichskanzler 286. 306. 363.

_Hintze_, Staatssekretaer 393.

_Hutier_, von, General 57. 137.


_Jekoff_, General 165. 177. 180. 182. 189. 206. 309. 398.

_Joseph II._, Deutscher Kaiser 26.


_Kaemmerer_, Major 172.

_Kerenski_, Minister 249. 250. 251. 254.

_Kessler_, Oberst 49.

_Kobelt_, Lehrer 7.

_Koenig_, Kapitaen 175.

_Krupp_, Grossindustrieller 327.


_Lansdowne_, Lord 290.

_Lauenstein_, von, General 57.

_Lenin_, Minister 305.

_Leopold von Bayern_, Prinz 61.

_Linsingen_, von, Hauptmann 172. 173.

_Ludendorff_, General 75. 76. 77. 78. 102. 112. 122. 128. 131. 133. 147.
169. 170. 171. 197. 215. 242. 347. 392. 394. 396. 397.

_Ludwig III._, Koenig von Bayern 286.

_Luitpold_, Prinzregent von Bayern 62.

_Luettwitz_, von, General 57.


_Mac Mahon_, Marschall 37.

_Mackensen_, Feldmarschall 87. 90. 109. 110. 112. 180. 182. 183. 185. 256.

_Massenbach_, von, Rittergutsbesitzer 8.

_Michaelis_, Dr., Reichskanzler 285.

_Miroslawski_, polnischer Fuehrer 7.

_Moltke_, Graf, Feldmarschall 39. 49. 54. 55. 56. 74. 200.

-, von, Generaloberst, Generalstabschef 75. 76.


_Napoleon I._, Kaiser 4. 234.

_Napoleon III._, Kaiser 37. 40.

_Nikolaij-Nikolaijewitsch_, Grossfuerst 107.

_Nikolaus II._, Zar von Russland 246.

_Nivelle_, Feldmarschall 241. 242.


_Pape_, von, Generalleutnant 35.

_Petersdorff_, von, Oberst 51.

_Pless_, von, Fuerst 235.


_Radoslawow_, Ministerpraesident 167. 205. 282. 367.

_Rappard_, von, Frau 8.

_Rennenkampf_, General 76. 80. 81. 82. 83. 85. 86. 87. 88. 90. 91. 93. 94.
95. 97. 98. 100. 101.

_Richter_, Professor, Historiker 49.

_Richthofen_, von, Rittmeister 175.

_Roon_, von, Generalfeldmarschall 56.


_Samsonoff_, General 76. 80. 81. 82. 85. 87. 88. 89. 90. 92. 94.

_Sarrail_, General 149. 177. 178. 182. 187.

_Schakir Bey_, Generalstabsoffizier 57.

_Scharnhorst_, General 27. 275.

_Schlieffen_, Graf von, General 53.

_Scholtz_, von, General 86. 88.

_Schwerin_, Graf, Feldmarschall 26.

_Schwickart_, Generalarzt 5.

_Seegenberg_, von, Major 29.

_Seel_, von, Major 29. 36.

_Sievers_, General 124.

_Sixtus von Parma_, Prinz 386.

_Skobeleff_, General 51.

_Sperling_, von, General 51.

_Stein_, von, General 57.

_Steinmetz_, von, General 20.

_Sven Hedin_, Forschungsreisender 131.


_Talaat Pascha_, Grosswesir 166. 167. 208. 389. 398.

_Tewfyk Effendi_, Generalstabsoffizier 57.

_Tirpitz_, von, Grossadmiral 131. 132.

_Tisza_, Graf, Minister 173.

_Trotzki_, Minister 305. 306. 338.


_Verdy du Vernois_, von, General und Kriegsminister 52. 58.

_Villaume_, Hauptmann 49.

_Vogel von Falckenstein_, General 54. 60.


_Waldersee_, Graf, Major 24.

-, General 51. 54.

_Wartensleben_, Graf, General 62.

_Wilhelm I._, Deutscher Kaiser 7. 13. 215.

_Wilhelm II._, Deutscher Kaiser 54. 57. 90. 112. 124. 144. 147. 161. 170.
187. 194. 197. 211. 236. 237. 259. 273. 306. 312. 314. 315. 333. 394. 396.
397. 402.

_Wilhelm_, Deutscher Kronprinz 196.

_Wilson_, Praesident der Vereinigten Staaten 132. 211. 212. 213. 214. 231.
232. 395.

_Winterfeldt_, von, General 54. 55.

_Wittich_, von, Oberstleutnant 11. 12. 49.

_Woyrsch_, von, Feldmarschall 24. 113.


_York_, General 9.


_Zeppelin_, Graf 175.

_Zingler_, von, Oberstleutnant 51.

          Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei; Papier von
           H. H. Ullstein; Einband von H. Fikentscher, Julius
              Hager, Huebel & Denck, Leipziger Buchbinderei
                 A.-G. vorm. G. Fritzsche und Spamersche
                   Buchbinderei, saemtliche in Leipzig.
                    Druckaufsicht und Einbandentwurf
                           von _Walter Tiemann_





                     Verlag von S. Hirzel in Leipzig

           ---------------------------------------------------

                         Heinrich von Treitschke:

              Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert

                                Fuenf Baende

              10. Auflage                  Gebunden 190 Mark

    ------------------------------------------------------------------

                                  Briefe

                            Herausgegeben von

                             Max Cornicelius

                                Drei Baende

             2. Auflage                  Gebunden 112,80 Mark

    ------------------------------------------------------------------

                                 Politik

             Vorlesungen, gehalten an der Universitaet Berlin

                            Herausgegeben von

                             Max Cornicelius

                                Zwei Baende

               4. Auflage                  Gebunden 47 Mark

    ------------------------------------------------------------------

                   Historische und Politische Aufsaetze

                                Vier Baende

             8. Auflage                  Gebunden 81,60 Mark

    ------------------------------------------------------------------

                  Im Sommer 1920 liegt vollstaendig vor:

                         Eine Weltreise 1911/1912

                                   und

                      Der Zusammenbruch Deutschlands

          Eindruecke und Betrachtungen aus den Jahren 1911-1914
                  mit einem Nachwort aus dem Jahre 1919

                                   von

                         Friedrich von Bernhardi
                       General der Kavallerie z. D.

                                    *

                                Drei Baende

    ------------------------------------------------------------------

                        Im Sommer 1920 erscheint:

                            Freiherr vom Stein

                                   von

                        Professor Dr. Max Lehmann
                          Geheimer Regierungsrat

                                    *

                       Volksausgabe in einem Bande





                       BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
roemische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung
wiedergegeben, ebenso die Abkuerzung "km") und einzelne Woerter aus fremden
Sprachen (hier durch Unterstrich [_] gekennzeichnet). Gesperrt gesetzt
sind die zweite Hierarchieebene im Inhaltsverzeichnis (hier ohne
Hervorhebung wiedergegeben) und die Namen im Personenverzeichnis (hier
durch Unterstrich gekennzeichnet).

Fuenf- und sechsstellige Zahlen sind im Original durch schmales Spatium
untergliedert, das hier durch einen Punkt ersetzt ist.

In der Originalausgabe sind laengere Zitate in den meisten Faellen mit
Anfuehrungszeichen am Beginn jeder Zeile versehen. In der elektronischen
Fassung sind sie stattdessen durch Einrueckung gekennzeichnet.

Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:

      Seite IX: "139" in "140" geaendert (zweimal)
      Seite IX: "Befehlbereichs" in "Befehlsbereichs" geaendert
      Seite 8: "derem" in "deren" geaendert (eventuell kein Druckfehler,
      sondern sprachliche Ungenauigkeit des Verfassers)
      Seite 24: "hin" in "hin-" geaendert
      Seite 59: "frohen" in "frohe" geaendert
      Seite 148: Punkt ergaenzt (nach "aufgegeben")
      Seite 189: "1916" in "1917" geaendert
      Seite 193: "uberwunden" in "ueberwunden" geaendert
      Seite 202: Punkt ergaenzt (nach "fuer uns in sich")
      Seite 398: "Talaat-Pascha" in "Talaat Pascha" geaendert
      Seite 407: Komma ergaenzt (vor "Grossherzogin von Oldenburg")
      Seite 408: Punkt ergaenzt (nach "110")

Nicht vereinheitlicht wurden Variationen in der Schreibweise wie
"San-Muendung" und "Sanmuendung", "Doiran-See" und "Doiransee", "Padischa"
und "Padischah", "Gefangenschaft" und "Gefangenenschaft", "Entwicklung"
und "Entwickelung". Die deutsche Form "infanterie" in einem englischen
Zitat (S. 334) wurde nicht korrigiert, ebensowenig die alphabetische
Einordnung von Sven Hedin im Personenverzeichnis unter "S".





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN***



                                 CREDITS


December 17, 2009

            Project Gutenberg TEI edition 1
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Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
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Section 3 below.


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                                  1.F.1.


Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
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efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
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                                  1.F.4.


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                               Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


                                Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


                                Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
                                Foundation


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form accessible by the widest array of equipment
including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
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received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
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not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
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United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

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                                Section 5.


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