The Project Gutenberg EBook of Ein Kampf um Rom. Erster Band by Felix Dahn



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Title: Ein Kampf um Rom. Erster Band

Author: Felix Dahn

Release Date: February 16, 2010 [Ebook #31294]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ERSTER BAND***





                            Ein Kampf um Rom.

                           Historischer Roman

                                   von

                               Felix Dahn.



                                _Motto:_
                      Wenn etwas ist, gewalt'ger als das Schicksal
                      So ist's der Mut, der's unerschttert trgt
                                          _Geibel._



Erster Band.

48. Auflage.

Leipzig,
Druck und Verlag von Breitkopf und Hrtel.
1906.





                              Alle Rechte,
           insbesondere auch das der bersetzung, vorbehalten.





                                 Meinem

                       lieben Freund und Kollegen

                           Ludwig Friedlnder

                                zu eigen.





                                  INHALT


Vorwort.
Erstes Buch. Theoderich.
   Erstes Kapitel.
   Zweites Kapitel.
   Drittes Kapitel.
   Viertes Kapitel.
   Fnftes Kapitel.
   Sechstes Kapitel.
   Siebentes Kapitel.
Zweites Buch. Athalarich.
   Erstes Kapitel.
   Zweites Kapitel.
   Drittes Kapitel.
   Viertes Kapitel.
   Fnftes Kapitel.
   Sechstes Kapitel.
   Siebentes Kapitel.
   Achtes Kapitel.
   Neuntes Kapitel.
   Zehntes Kapitel.
   Elftes Kapitel.
Drittes Buch. Amalaswintha.
   Erstes Kapitel.
   Zweites Kapitel.
   Drittes Kapitel.
   Viertes Kapitel.
   Fnftes Kapitel.
   Sechstes Kapitel.
   Siebentes Kapitel.
   Achtes Kapitel.
   Neuntes Kapitel.
   Zehntes Kapitel.
   Elftes Kapitel.
   Zwlftes Kapitel.
   Dreizehntes Kapitel.
   Vierzehntes Kapitel.
   Fnfzehntes Kapitel.
   Sechzehntes Kapitel.
   Siebzehntes Kapitel.
   Achtzehntes Kapitel.
   Neunzehntes Kapitel.
   Zwanzigstes Kapitel.
   Einundzwanzigstes Kapitel.
   Zweiundzwanzigstes Kapitel.
   Dreiundzwanzigstes Kapitel.
   Vierundzwanzigstes Kapitel.
   Fnfundzwanzigstes Kapitel.
Viertes Buch. Theodahad.
   Erstes Kapitel.
   Zweites Kapitel.
   Drittes Kapitel.
   Viertes Kapitel.
   Fnftes Kapitel.
   Sechstes Kapitel.
   Siebentes Kapitel.
   Achtes Kapitel.
   Neuntes Kapitel.
   Zehntes Kapitel.
   Elftes Kapitel.
   Zwlftes Kapitel.
   Dreizehntes Kapitel.
   Vierzehntes Kapitel.
Bemerkungen zur Textgestalt





                                 VORWORT.


Die wissenschaftlichen Grundlagen dieser in Gestalt eines Romans
gekleideten Bilder aus dem sechsten Jahrhundert enthalten meine in
folgenden Werken niedergelegten Forschungen:

Die Knige der Germanen. II. III. IV. Band. Mnchen und Wrzburg
1862-1866.

Prokopius von Csarea. Ein Beitrag zur Historiographie der Vlkerwanderung
und des sinkenden Rmertums. Berlin 1865.

Aus diesen Darstellungen mag der Leser die Ergnzungen und Vernderungen,
die der Roman an der Wirklichkeit vorgenommen, erkennen.

Das Werk ist 1859 in Mnchen begonnen, in Italien, zumal Ravenna,
weitergefhrt, und 1876 in Knigsberg abgeschlossen worden.

_Knigsberg_, Januar 1876.
                                                             *Felix Dahn.*






                               Erstes Buch.


                               THEODERICH.


                                           _Dietericus de Berne, de quo_
                                           _cantant rustici usque hodie._




                             Erstes Kapitel.


Es war eine schwle Sommernacht des Jahres fnfhundertsechsundzwanzig nach
Christus.

Schwer lagerte dichtes Gewlk ber der dunkeln Flche der Adria, deren
Ksten und Gewsser zusammenflossen in unterscheidungslosem Dunkel: nur
ferne Blitze warfen hier und da ein zuckendes Licht ber das schweigende
Ravenna. In ungleichen Pausen fegte der Wind durch die Steineichen und
Pinien auf dem Hhenzug, welcher sich eine gute Strecke westlich von der
Stadt erhebt, einst gekrnt von einem Tempel des Neptun, der, schon damals
halb zerfallen, heute bis auf drftige Spuren verschwunden ist.

Es war still auf dieser Waldhhe: nur ein vom Sturm losgerissenes
Felsstck polterte manchmal die steinigen Hnge hinunter, und schlug
zuletzt platschend in das sumpfige Wasser der Kanle und Grben, die den
ganzen Kreis der Seefestung umgrteten.

Oder in dem alten Tempel lste sich eine verwitterte Platte von dem
getfelten Dach der Decke und fiel zerspringend auf die Marmorstufen, -
Vorboten von dem drohenden Einsturz des ganzen Gebudes.

Aber dies unheimliche Gerusch schien nicht beachtet zu werden von einem
Mann, der unbeweglich auf der zweithchsten Stufe der Tempeltreppe sa,
den Rcken an die hchste Stufe gelehnt, und schweigend und unverwandt in
Einer Richtung ber die Hhe hinab nach der Stadt zu blickte.

Lange sa er so: regungslos, aber sehnschtig wartend: er achtete es
nicht, da ihm der Wind die schweren Regentropfen, die einzeln zu fallen
begannen, ins Gesicht schlug, und ungestm in dem mchtigen, bis an den
ehernen Gurt wallenden Bart whlte, der fast die ganze breite Brust des
alten Mannes mit glnzendem Silberwei bedeckte.

Endlich stand er auf und schritt einige der Marmorstufen nieder: Sie
kommen, sagte er.

Es wurde das Licht einer Fackel sichtbar, die sich rasch von der Stadt her
dem Tempel nherte: man hrte schnelle, krftige Schritte und bald danach
stiegen drei Mnner die Stufen der Treppe herauf.

Heil, Meister Hildebrand, Hildungs Sohn! rief der voranschreitende
Fackeltrger, der jngste von ihnen, in gotischer Sprache mit auffallend
melodischer Stimme, als er die lckenhafte Sulenreihe des Pronaos, der
Vorhalle, erreicht.

Er hob das Windlicht hoch empor - schne, korinthische Erzarbeit am Stiel,
durchsichtiges Elfenbein bildete den vierseitigen Schirm, und den
gewlbten durchbrochnen Deckel - und steckte es in den Erzring, der die
geborstne Mittelsule zusammenhielt.

Das weie Licht fiel auf ein apollinisch schnes Antlitz mit lachenden,
hellblauen Augen; mitten auf seiner Stirn teilte sich das lichtblonde Haar
in zwei lang flieende Lockenwellen, die rechts und links bis auf seine
Schultern wallten; Mund und Nase, fein, fast weich geschnitten, waren von
vollendeter Form, ein leichter Anflug goldhellen Bartes deckte die
freundlichen Lippen und das leicht gespaltene Kinn; er trug nur weie
Kleider: einen Kriegsmantel von feiner Wolle, durch eine goldne Spange in
Greifengestalt auf der rechten Schulter festgehalten, und eine rmische
Tunika von weicher Seide, beide mit einem Goldstreif durchwirkt; weie
Lederriemen festigten die Sandalen an den Fen und reichten, kreuzweis
geflochten, bis an die Kniee; die nackten, glnzendweien Arme umzirkten
zwei breite Goldreife: und wie er, die Rechte um eine hohe Lanze
geschlungen, die ihm zugleich als Stab und als Waffe diente, die Linke in
die Hfte gestemmt, ausruhend von dem Gang, zu seinen langsameren
Weggenossen hinunterblickte, schien in den grauen Tempel eine jugendliche
Gttergestalt aus seinen schnsten Tagen wieder eingekehrt.

Der zweite der Ankmmlinge hatte, trotz einer allgemeinen
Familienhnlichkeit, doch einen von dem Fackeltrger vllig verschiednen
Ausdruck.

Er war einige Jahre lter, sein Wuchs war derber und breiter, - tief in
den mchtigen Stiernacken hinab reichte das dicht und kurz gelockte braune
Haar, - und von fast riesenhafter Hhe und Strke: in seinem Gesicht
fehlte jener sonnige Schimmer, jene vertrauende Freude und Lebenshoffnung,
welche die Zge des jngern Bruders verklrten: statt dessen lag in seiner
ganzen Erscheinung der Ausdruck von brenhafter Kraft und brenhaftem Mut:
er trug eine zottige Wolfsschur, deren Rachen, wie eine Kapuze, sein Haupt
umhllte, ein schlichtes Wollenwams darunter, und auf der rechten Schulter
eine kurze, wuchtige Keule aus dem harten Holz einer Eichenwurzel.

Bedchtigen Schrittes folgte der dritte, ein mittelgroer Mann von
gemessen verstndigem Ausdruck. Er trug den Stahlhelm, das Schwert und den
braunen Kriegsmantel des gotischen Fuvolks. Sein schlichtes, hellbraunes
Haar war ber der Stirn geradlinig abgeschnitten: eine uralte germanische
Haartracht, die schon auf rmischen Siegessulen erscheint und sich bei
dem deutschen Bauer bis heut' erhalten hat. Aus den regelmigen Zgen des
offnen Gesichts, aus dem grauen, sichern Auge sprach besonnene
Mnnlichkeit und nchterne Ruhe.

Als auch er die Cella des Tempels erreicht und den Alten begrt hatte,
rief der Fackeltrger mit lebhafter Stimme:

Nun, Meister Hildebrand, ein schnes Abenteuer mu es sein, zu dem du uns
in solch' unwirtlicher Nacht in diese Wildnis von Natur und Kunst geladen
hast! Sprich - was soll's geben?

Statt der Antwort fragte der Alte, sich zu dem Letztgekommnen wendend: Wo
bleibt der Vierte, den ich lud?

- Er wollte allein gehen. Er wies uns alle ab. Du kennst ja seine Weise.

Da kmmt er! rief der schne Jngling, nach einer andern Seite des
Hgels deutend.

Wirklich nahte dorther ein Mann von hchst eigenartiger Erscheinung.

Das volle Licht der Fackel beleuchtete ein geisterhaft bleiches Antlitz,
das fast blutleer schien; lange, glnzend schwarze Locken hingen von dem
unbedeckten Haupt wie dunkle Schlangen wirr bis auf die Schultern.
Hochgeschweifte, schwarze Brauen und lange Wimpern beschatteten die
groen, melancholischen dunkeln Augen voll verhaltner Glut, eine Adlernase
senkte sich sehr scharfgeschnitten gegen den feinen, glattgeschornen Mund,
den ein Zug resignierten Grames umfurchte.

Gestalt und Haltung waren so jugendlich: aber die Seele schien vor der
Zeit vom Schmerz gereift.

Er trug Ringpanzer und Beinschienen von schwarzem Erz und in seiner
Rechten blitzte ein Schlachtbeil an langem lanzengleichem Schaft. Nur mit
dem Haupte nickend begrte er die andern und stellte sich hinter den
Alten, der sie nun alle Vier dicht an die Sule, welche die Fackel trug,
treten hie und mit gedmpfter Stimme begann:

Ich habe euch hierher beschieden, weil ernste Worte mssen gesprochen
werden, unbelauscht, und zu treuen Mnnern, die da helfen mgen.

Ich sah umher im ganzen Volk, mondenlang: - euch hab' ich gewhlt, ihr
seid die Rechten. Wenn ihr mich angehrt habt, so fhlt ihr von selbst,
da ihr schweigen mt von dieser Nacht.

Der dritte, der mit dem Stahlhelm, sah den Alten mit ernsten Augen an:
Rede, sagte er ruhig, wir hren und schweigen. Wovon willst du zu uns
sprechen?

Von unsrem Volk, von diesem Reich der Goten, das hart am Abgrund steht.

Am Abgrund? rief lebhaft der blonde Jngling. Sein riesiger Bruder
lchelte und erhob aufhorchend das Haupt.

Ja, am Abgrund, rief der Alte, und ihr allein, ihr knnt es halten und
retten.

Verzeih' dir der Himmel deine Worte! - fiel der Blonde lebhaft ein -
haben wir nicht unsern Knig Theoderich, den seine Feinde selbst den
Groen nennen, den herrlichsten Helden, den weisesten Frsten der Welt?
Haben wir nicht dies lachende Land Italia mit all' seinen Schtzen? Was
gleicht auf Erden dem Reich der Goten?

Der Alte fuhr fort: Hrt mich an. Knig Theoderich, mein teurer Herre und
mein lieber Sohn, was der wert ist, wie gro er ist, - das wei am besten
Hildebrand, Hildungs Sohn. Ich hab' ihn vor mehr als fnfzig Jahren auf
diesen Armen seinem Vater als ein zappelnd Knblein gebracht und gesagt:
Das ist starke Zucht: - Du wirst Freude dran haben.

Und wie er heranwuchs - ich habe ihm den ersten Bolz geschnitzt und ihm
die erste Wunde gewaschen! Ich habe ihn begleitet nach der goldnen Stadt
Byzanz und ihn dort gehtet, Leib und Seele. Und als er dieses schne Land
erkmpfte, bin ich vor ihm hergeschritten, Fu fr Fu, und habe den
Schild ber ihn gehalten in dreiig Schlachten. Wohl hat er seither
gelehrtere Rte und Freunde gefunden als seinen alten Waffenmeister, aber
klgere schwerlich und treuere gewi nicht. Wie stark sein Arm gewesen,
wie scharf sein Auge, wie klar sein Kopf, wie schrecklich er war unterm
Helm, wie freundlich beim Becher, wie berlegen selbst den Griechlein an
Klugheit, das hatte ich hundertmal erfahren, lange ehe dich, du junger
Nestfalk, die Sonne beschienen.

Aber der alte Adler ist flgellahm geworden!

Seine Kriegsjahre lasten auf ihm - denn er und ihr und euer Geschlecht,
ihr knnt die Jahre nicht mehr tragen wie ich und meine Spielgenossen -:
er liegt krank, rtselhaft krank an Seele und Leib in seinem goldnen Saal
dort unten in der Rabenstadt. Die rzte sagen, wie stark sein Arm noch
sei, jeder Schlag des Herzens mag ihn tten wie der Blitz und auf jeder
sinkenden Sonne mag er hinunterfahren zu den Toten. Und wer ist dann sein
Erbe, wer sttzt dann dieses Reich? Amalaswintha, seine Tochter, und
Athalarich, sein Enkel: - ein Weib und ein Kind.

Die Frstin ist weise, sprach der dritte mit dem Helm und dem Schwert.

Ja, sie schreibt griechisch an den Kaiser und redet rmisch mit dem
frommen Cassiodor. Ich zweifle, ob sie gotisch denkt. Weh' uns, wenn sie
im Sturm das Steuer halten soll.

Ich sehe aber nirgends Sturm, Alter, - lachte der Fackeltrger und
schttelte die Locken. Woher soll er blasen? Der Kaiser ist wieder
vershnt, der Bischof von Rom ist vom Knig selbst eingesetzt, die
Frankenfrsten sind seine Neffen, die Italier haben es unter unsrem Schild
besser als je zuvor. Ich sehe keine Gefahr, nirgends.

Kaiser Justinus ist nur ein schwacher Greis, sprach beistimmend der mit
dem Schwert, ich kenne ihn.

Aber sein Neffe, bald sein Nachfolger, und jetzt schon sein rechter Arm,
- - kennst du auch den? Unergrndlich wie die Nacht und falsch wie das
Meer ist Justinian: - ich kenne ihn und frchte was er sinnt. Ich
begleitete die letzte Gesandtschaft nach Byzanz: er kam zu unsrem Gelag:
er hielt mich fr berauscht: - der Narr, er wei nicht, was Hildungs Kind
trinken mag! - und fragte mich um alles, genau um alles, was man wissen
mu, um - uns zu verderben. Nun, von mir hat er den rechten Bescheid
gekriegt! Aber ich wei es so gewi wie meinen Namen: dieser Mann will
dies Land, dies Italien wieder haben und nicht die Fuspur eines Goten
wird er darin brig lassen.

Wenn er kann, brummte des Blonden Bruder dazwischen.

Recht, Freund Hildebad, wenn er kann. Und er kann viel. Byzanz kann
viel.

Jener zuckte die Achseln.

Weit du's, wie viel? fragte der Alte zornig. Zwlf Jahre lang hat
unser groer Knig mit Byzanz gerungen und hat nicht obgesiegt. Aber
damals warst du noch nicht geboren, fgte er ruhig hinzu.

Wohl! - kam jenem der Bruder zu Hilfe. - Aber damals standen die Goten
allein im fremden Land. Jetzt haben wir eine ganze zweite Hlfte gewonnen:
wir haben eine Heimat, Italien, wir haben Waffenbrder, die Italier.

Italien unsre Heimat! rief der Alte bitter, ja, das ist der Wahn. Und
die Welschen unsre Helfer gegen Byzanz! Du junger Thor!

Das sind unsres Knigs eigne Worte, entgegnete der Gescholtene.

Ja, ja, ich kenne sie wohl, die Wahnreden, die uns alle verderben werden.
Fremd sind wir hier, fremd, heute wie vor vierzig Jahren, da wir von
diesen Bergen niederstiegen und fremd werden wir sein in diesem Lande noch
nach tausend Jahren. Wir sind hier ewig die Barbaren!

Jawohl, aber warum bleiben wir Barbaren? Wessen Schuld ist das als die
unsre? Weshalb lernen wir nicht von ihnen?

Schweig still, schrie der Alte, zuckend vor Grimm schweig, Totila, mit
solchen Gedanken: sie sind der Fluch meines Hauses geworden. Sich mhsam
beruhigend fuhr er fort:

Unsre Todfeinde sind die Welschen, nicht unsre Brder. Weh, wenn wir
ihnen trauen! O da der Knig nach meinem Rat gethan und nach seinem Sieg
alles erschlagen htte das Schwert und Schild fhren konnte vom lallenden
Knblein bis zum lallenden Greis! Sie werden uns ewig hassen. Und sie
haben Recht. Wir aber, wir sind die Thoren, sie zu bewundern.

Eine Pause trat ein: ernst geworden fragte der Jngling: Und du hltst
keine Freundschaft fr mglich zwischen uns und ihnen?

Kein Friede zwischen den Shnen des Gaut und dem Sdvolk! Ein Mann tritt
in die Goldhhle des Drachen: er drckt das Haupt des Drachen nieder mit
eherner Faust: der bittet um sein Leben: der Mann erbarmt sich seiner
schillernden Schuppen und weidet sein Auge an den Schtzen der Hhle. Was
wird der Giftwurm thun? Hinterrcks, sobald er kann, wird er ihn stechen,
da der Verschoner stirbt.

Wohlan, so la sie kommen, die Griechlein, schrie der riesige Hildebad,
und la dies Natterngezcht gegen uns aufzngeln. Wir wollen sie
niederschlagen - so! und er hob die Keule und lie sie niederfallen, da
die Marmorplatte in Splitter sprang und der alte Tempel in seinen
Grundfugen erdrhnte.

Ja, sie sollen's versuchen! - rief Totila und aus seinen Augen leuchtete
ein kriegerisches Feuer, das ihn noch schner machte. - Wenn diese
undankbaren Rmer uns verraten, wenn die falschen Byzantiner kommen - er
blickte mit liebevollem Stolz auf seinen starken Bruder - sieh, Alter,
wir haben Mnner wie die Eichen.

Wohlgefllig nickte der alte Waffenmeister: Ja, Hildebad ist sehr stark;
obwohl nicht ganz so stark wie Winithar und Walamer und die andern waren,
die mit mir jung gewesen. Und gegen Nordmnner ist Strke gut Ding. Aber
dieses Sdvolk, fuhr er ingrimmig fort - kmpft von Trmen und
Mauerzinnen herunter. Sie fhren den Krieg wie ein Rechenexempel und
rechnen dir zuletzt ein Heer von Helden in einen Winkel hinein, da es
sich nicht mehr rhren noch regen kann. Ich kenne einen solchen
Rechenmeister in Byzanz, der ist kein Mann und besiegt die Mnner. Du
kennst ihn auch, Witichis? - so fragend wandte er sich an den Mann mit
dem Schwert.

Ich kenne Narses, sagte dieser, der sehr ernst geworden, nachdenklich.
Was du gesprochen, Hildungs Sohn, ist leider wahr, sehr wahr. hnliches
ist mir oft schon durch die Seele gegangen, aber unklar, dunkel, mehr ein
Grauen als ein Denken. - Deine Worte sind unwiderleglich: der Knig am Tod
- die Frstin ein halbgriechisch Weib - Justinian lauernd - die Welschen
schlangenfalsch - die Feldherrn von Byzanz Zauberer von Kunst, aber -
hier holte er tief Atem - wir stehen nicht allein, wir Goten. Unser
weiser Knig hat sich Freunde, Verbndete geschaffen in berflu. Der
Knig der Vandalen ist sein Schwestermann, der Knig der Westgoten sein
Enkel, die Knige der Burgunden, der Heruler, der Thringe, der Franken
sind ihm verschwgert, alle Vlker ehren ihn wie ihren Vater, die
Sarmaten, die fernen Esthen selbst an der Ostsee senden ihm huldigend
Pelzwerk und gelben Bernstein. Ist das alles - -

Nichts ist das alles, Schmeichelworte sind's und bunte Lappen! Sollen uns
die Esthen helfen mit ihrem Bernstein wider Belisar und Narses? Weh uns,
wenn wir nicht allein siegen knnen. Diese Schwger und Eidame
schmeicheln, so lang sie zittern, und wenn sie nicht mehr zittern, werden
sie drohen. Ich kenne die Treue der Knige! Wir haben Feinde ringsum,
offene und geheime, und keinen Freund als uns selbst.

Ein Schweigen trat ein, in welchem alle die Worte des Alten besorgt
erwogen: heulend fuhr der Sturm um die verwitterten Sulen und rttelte an
dem morschen Tempelbau.

Da sprach zuerst Witichis, vom Boden aufblickend, sicher und gefat: Gro
ist die Gefahr, hoffentlich nicht unabwendbar. Gewi hast du uns nicht
hierher beschieden, da wir thatlos in die Verzweiflung schauen. Geholfen
mu werden: so sprich, wie meinst du, da zu helfen sei.

Der Alte trat einen Schritt auf ihn zu und fate seine Hand: Wacker,
Witichis, Waltaris Sohn. Ich kannte dich wohl und will dir's treu
gedenken, da vor allen du zuerst ein mnnlich Wort der Zuversicht
gefunden. Ja, ich denke wie du: noch ist Hilfe mglich, und um sie zu
finden habe ich euch hierher gerufen, wo uns kein Welscher hrt. Saget nun
an und ratet: dann will ich sprechen.

Da alle schwiegen, wandte er sich zu dem Schwarzgelockten: Wenn du denkst
wie wir, so sprich auch du, Teja. Warum schwiegst du bisher?

Ich schweige, weil ich anders denke, denn ihr.

Die andern staunten. Hildebrand sprach: Wie meinst du das, mein Sohn?

Hildebad und Totila sehen nicht die Gefahr, du und Witichis, ihr sehet
sie und hoffet, ich aber sah sie lngst und hoffe nicht.

Du siehst zu schwarz, wer darf verzweifeln vor dem Kampf? meinte
Witichis.

Sollen wir, das Schwert in der Scheide, ohne Kampf, ohne Ruhm
untergehen? rief Totila.

Nicht ohne Kampf, mein Totila, und nicht ohne Ruhm, so wei ich,
antwortete Teja, leise die Streitaxt zuckend. Kmpfen wollen wir, da man
es nie vergessen soll in allen Tagen: kmpfen mit hchstem Ruhm, aber ohne
Sieg. Der Stern der Goten sinkt.

Mir deucht, er will erst recht hoch steigen, rief Totila ungeduldig.
Lat uns vor den Knig treten, sprich du, Hildebrand, zu ihm wie du zu
uns gesprochen. Er ist weise: er wird Rat finden.

Der Alte schttelte den Kopf: Zwanzigmal hab ich zu ihm gesprochen. Er
hrt mich nicht mehr. Er ist mde und will sterben und seine Seele ist
verdunkelt, ich wei nicht, durch welchen Schatten. - Was denkst du,
Hildebad?

Ich denke, sprach dieser sich hoch aufrichtend, sowie der alte Lwe die
mden Augen geschlossen, rsten wir zwei Heere. Das eine fhren Witichis
und Teja vor Byzanz und brennen es nieder, mit dem andern steigen ich und
mein Bruder ber die Alpen und zerschlagen Paris, das Drachennest der
Merowinger, zu einem Steinhaufen fr alle Zukunft. Dann wird Ruhe sein, im
Osten und im Norden.

Wir haben keine Schiffe gegen Byzanz, sprach Witichis.

Und die Franken sind sieben wider Einen gegen uns, sagte Hildebrand.
Aber wacker meinst du's, Hildebad. Sage, was rtst du, Witichis?

Ich rate einen Bund, mit Schwren beschwert, mit Geiseln gesichert aller
Nordstmme gegen die Griechen.

Du glaubst an Treue, weil du selber treu. Mein Freund, nur die Goten
knnen den Goten helfen. Man mu sie nur wieder daran erinnern, da sie
Goten sind. Hrt mich an. Ihr alle seid jung und liebt allerlei Dinge und
habt vielerlei Freuden. Der eine liebt ein Weib, der andre die Waffen, der
dritte irgend eine Hoffnung oder auch irgend einen Gram, der ihm ist wie
eine Geliebte. - Aber glaubt mir, es kmmt eine Zeit, - und die Not kann
sie euch noch in jungen Tagen bringen -, da all diese Freuden und selbst
Schmerzen wertlos werden wie welke Krnze vom Gelag von gestern.

Da werden denn viele weich und fromm und vergessen des was auf Erden und
trachten nach dem was hinter dem Grabe ist. Ich kann's nicht und ihr,
mein' ich, und viele von uns knnen's auch nicht. Die Erde lieb' ich mit
Berg und Wald und Weide und strudelndem Strom und das Leben darauf mit
heiem Ha und langer Liebe, mit zhem Zorn und stummem Stolz. Von jenem
Luftleben da droben in den Windwolken, wie's die Christenpriester lehren,
wei ich nichts und will ich nichts wissen. Eins aber bleibt dem Mann, dem
rechten, wenn alles andre dahin. Ein Gut, von dem er nimmer lt. Seht
mich an. Ich bin ein entlaubter Stamm, alles hab' ich verloren was mein
Leben erfreute: mein Weib ist tot seit vielen Jahren, meine Shne sind
tot, meine Enkel sind tot: bis auf Einen, der ist schlimmer als tot: - der
ist ein Welscher worden. Dahin und lang vermodert sind sie alle, mit denen
ich ein kecker Knabe und ein markiger Mann gewesen, und schon steigt meine
erste Liebe und mein letzter Stolz, mein groer Knig, mde in sein Grab.
Nun seht, was hlt mich noch im Leben? Was giebt mir Mut, Lust, Zwang zu
leben? Was treibt mich Alten wie einen Jngling in dieser Sturmnacht auf
die Berge? Was lodert hier unter dem Eisbart hei in lauter Liebe, in
strrigem Stolz und in trotziger Trauer? Was anders als der Drang, der
unaustilgbar in unsrem Blute liegt, der tiefe Drang und Zug zu meinem
Volk, die Liebe, die lodernde, die allgewaltige, zu dem Geschlechte, das
da Goten heit, und das die se, heimliche, herrliche Sprache redet
meiner Eltern, der Zug zu denen, die da sprechen, fhlen, leben wie ich.
Sie bleibt, sie allein, diese Volksliebe, ein Opferfeuer, in dem Herzen,
darinnen alle andre Glut erloschen, sie ist das teure, das mit Schmerzen
geliebte Heiligtum, das Hchste in jeder Mannesbrust, die strkste Macht
in seiner Seele, treu bis zum Tod und unbezwingbar.

Der Alte hatte sich in Begeisterung geredet - sein Haar flog im Winde - er
stand wie ein alter hnenhafter Priester unter den jungen Mnnern, welche
die Fuste an ihren Waffen ballten.

Endlich sprach Teja: Du hast Recht, diese Flamme lodert noch, wo alles
sonst erloschen. Aber sie brennt in dir, - in uns, - vielleicht noch in
hundert andern unsrer Brder. Kann das ein ganzes Volk erretten? Nein! Und
kann diese Glut die Masse ergreifen, die Tausende, die Hunderttausende?

Sie kann es, mein Sohn, sie kann es. Dank allen Gttern, da sie's kann.
Hre mich an. Es sind jetzt fnfundvierzig Jahre, da waren wir Goten,
viele Hunderttausende, mit Weibern und Kindern, in den Schluchten der
Hmus-Berge eingeschlossen.

Wir lagen in hchster Not. Des Knigs Bruder war von den Griechen in
treulosem berfall geschlagen und gettet, und aller Mundvorrat, den er
uns zufhren sollte, verloren: wir saen in den Felsschluchten und litten
so bittern Hunger, da wir Gras und Leder kochten. Hinter uns die
unersteiglichen Felsen, vor uns und zur Linken das Meer, rechts in einem
Engpa die Feinde in dreifacher berzahl. Viele Tausende von uns waren dem
Hunger, dem Winter erlegen: zwanzigmal hatten wir vergebens versucht,
jenen Pa zu durchbrechen. Wir wollten verzweifeln. Da kam ein Gesandter
des Kaisers und bot uns Leben, Freiheit, Wein, Brot, Fleisch, - unter
einer einzigen Bedingung: wir sollten getrennt von einander, zu vier und
vier, ber das ganze Weltreich Roms zerstreut werden, keiner von uns mehr
ein gotisch Weib freien, keiner sein Kind mehr unsre Sprache und Sitte
lehren drfen, Name und Wesen der Goten sollte verschwinden, Rmer sollten
wir werden. Da sprang der Knig auf, rief uns zusammen und trug's uns vor
in flammender Rede und fragte zuletzt, ob wir lieber aufgeben wollten
Sprache, Sitte, Leben unsres Volkes oder lieber mit ihm sterben? Da fuhr
sein Wort in die Hunderte, die Tausende, die Hunderttausende wie der
Waldbrand in die drren Stmme, aufschrieen sie, die wackern Mnner, wie
ein tausendstimmiges, brllendes Meer, die Schwerter schwangen sie, auf
den Engpa strzten sie und weggefegt waren die Griechen als htten sie
nie gestanden, und wir waren Sieger und frei.

Sein Auge glnzte in stolzer Erinnerung, nach einer Pause fuhr er fort:
Dies allein ist, was uns heute retten kann wie dazumal: fhlen erst die
Goten, da sie fr jenes Hchste fechten, fr den Schutz jenes
geheimnisvollen Kleinods, das in Sprache und Sitte eines Volkes liegt wie
ein Wunderborn, dann knnen sie lachen zu dem Ha der Griechen, zu der
Tcke der Welschen. Und das vor allem wollt' ich euch fragen, fest und
feierlich: fhlt ihr es wie ich so klar, so ganz, so mchtig, da diese
Liebe zu unsrem Volk unser Hchstes ist, unser schnster Schatz, unser
strkster Schild? knnt ihr sprechen wie ich: mein Volk ist mir das
Hchste und alles, alles andre dagegen nichts, ihm will ich opfern was ich
bin und habe, wollt ihr das, knnt ihr das!

Ja, das will ich, ja, das kann ich! sprachen die vier Mnner.

Wohl, fuhr der Alte fort, das ist gut. Aber Teja hat Recht: nicht alle
Goten fhlen das jetzt, heute schon, wie wir und doch mssen es alle
fhlen, wenn es helfen soll. Darum gelobet mir, von heut' an unablssig
euch selbst und alle unsres Volkes, mit denen ihr lebt und handelt, zu
erfllen mit dem Hauch dieser Stunde. Vielen, vielen hat der fremde Glanz
die Augen geblendet: viele haben griechische Kleider angethan und rmische
Gedanken: sie schmen sich, Barbaren zu heien: sie wollen vergessen und
vergessen machen, da sie Goten sind - wehe ber die Thoren!

Sie haben das Herz aus ihrer Brust gerissen und wollen leben, sie sind wie
Bltter, die sich stolz vom Stamme gelst und der Wind wird kommen und
wird sie verwehen in Schlamm und Pftzen, da sie verfaulen: aber der
Stamm wird stehen mitten im Sturm und wird lebendig erhalten, was treu an
ihm haftet. Darum sollt ihr euer Volk wecken und mahnen berall und immer.
Den Knaben erzhlt die Sagen der Vter, von den Hunnenschlachten, von den
Rmersiegen: den Mnnern zeigt die drohende Gefahr und wie nur das
Volkstum unser Schild: eure Schwestern ermahnt, da sie keinen Rmer
umarmen und keinen Rmling: eure Brute, eure Weiber lehrt, da sie alles,
sich selbst und euch opfern dem Glck der guten Goten, auf da, wenn die
Feinde kommen, sie finden ein starkes Volk, stolz, einig, fest, daran sie
zerschellen sollen wie die Wogen am Fels. Wollt ihr mir dazu helfen?

Ja, sprachen sie, das wollen wir.

Ich glaube euch, fuhr der Alte fort, glaube eurem bloen Wort. Nicht um
euch fester zu binden, - denn was bnde den Falschen? - sondern weil ich
treu hange an altem Brauch und weil besser gedeiht, was geschieht nach
Sitte der Vter - folget mir.




                             Zweites Kapitel.


Mit diesen Worten nahm er die Fackel von der Sule und schritt quer durch
den Innenraum, die Cella des Tempels, vorber an dem zerfallenen
Hauptaltar, vorbei an den Postamenten der lang herabgestrzten
Gtterbilder nach der Hinterseite des Gebudes, dem Posticum. Schweigend
folgten die Geladenen dem Alten, der sie ber die Stufen hinunter ins
Freie fhrte.

Nach einigen Schritten standen sie unter einer uralten Steineiche, deren
mchtiges Gest wie ein Dach Sturm und Regen abhielt. Unter diesem Baum
bot sich ihnen ein seltsamer Anblick, der aber die gotischen Mnner sofort
an eine alte Sitte aus dem grauen Heidentum, aus der fernen nordischen
Heimat gemahnte. Unter der Eiche war ein Streifen des dichten Rasens
aufgeschlitzt, nur einen Fu breit, aber mehrere Ellen lang, die beiden
Enden des Streifens hafteten noch locker am Grunde: in der Mitte war der
Rasengrtel auf drei ungleich in die Erde gerammte hohe Speere
emporgespreizt, in der Mitte von dem lngsten Speer gesttzt, so da die
Vorrichtung ein Dreieck bildete, unter dessen Dach zwischen den
Speersulen mehrere Mnner bequem stehen konnten. In der so gewonnenen
Erdritze stand ein eherner Kessel, mit Wasser gefllt, daneben lag ein
spitzes und scharfes Schlachtmesser, uralt: das Heft vom Horn des
Auerstiers, die Klinge von Feuerstein. Der Greis trat nun heran, stie die
Fackel dicht neben dem Kessel in die Erde, stieg dann, mit dem rechten Fu
vorauf, in die Grube, wandte sich gegen Osten und neigte das Haupt: dann
winkte er die Freunde zu sich, mit dem Finger am Mund ihnen Schweigen
bedeutend. Lautlos traten die Mnner in die Rinne und stellten sich,
Witichis und Teja zu seiner Linken, die beiden Brder zu seiner Rechten
und alle fnf reichten sich die Hnde zu einer feierlichen Kette. Dann
lie der Alte Witichis und Hildebad, die ihm zunchst standen, los und
kniete nieder. Zuerst raffte er eine Hand voll der schwarzen Walderde auf
und warf sie ber die linke Schulter. Dann griff er mit der andern Hand in
den Kessel und sprengte das Wasser rechts hinter sich. Darauf blies er in
die wehende Nachtluft, die sausend in seinen langen Bart wehte. Endlich
schwang er die Fackel von der Rechten zur Linken ber sein Haupt. Dann
steckte er sie wieder in die Erde und sprach murmelnd vor sich hin:

Hre mich, alte Erde, wallendes Wasser, leichte Luft, flackernde Flamme!
Hret mich wohl und bewahret mein Wort: Hier stehen fnf Mnner vom
Geschlechte des Gaut, Teja und Totila, Hildebad und Hildebrand und
Witichis, Waltaris Sohn.

  Wir stehen hier in stiller Stunde,
  Zu binden einen Bund von Blutsbrdern,
  Fr immer und ewig und alle Tage.
  Wir sollen uns sein wie Sippegesellen
  In Frieden und Fehde, in Rache und Recht.
  Ein Hoffen, Ein Hassen, Ein Lieben, Ein Leiden,
  Wie wir trufen zu Einem Tropfen
  Unser Blut als Blutsbrder.

Bei diesen Worten entblte er den linken Arm, die andern thaten
desgleichen, eng aneinander streckten sich die fnf Arme ber den Kessel,
der Alte hob das scharfe Steinmesser und ritzte mit Einem Schnitt sich und
den vier andern die Haut des Vorderarmes, da das Blut aller in roten
Tropfen in den ehernen Kessel flo.

Dann nahmen sie wieder die frhere Stellung ein und murmelnd fuhr der Alte
fort:

  Und wir schwren den schweren Schwur,
  Zu opfern all unser Eigen,
  Haus, Hof und Habe,
  Ro, Rstung und Rind,
  Sohn, Sippe und Gesinde,
  Weib und Waffen und Leib und Leben
  Dem Glanz und Glck des Geschlechtes von Gaut,
  Den guten Goten.
  Und wer von uns sich wollte weigern,
  Den Eid zu ehren mit allen Opfern -

Hier traten er, und auf seinen Wink auch die andern, aus der Grube und
unter dem Rasenstreifen hervor:

  Des rotes Blut soll rinnen ungerchet
  Wie dies Wasser unterm Waldwasen -

Er erhob den Kessel, go sein blutiges Wasser in die Grube und nahm ihn
wie das andre Gert heraus:

  Auf des Haupt sollen des Himmels Hallen
  Dumpf niederdonnern und ihn erdrcken,
  Wuchtig so wie dieser Wasen.

Er schlug mit Einem Streich die drei spannenden Lanzenschfte nieder und
dumpf fiel die schwere Rasendecke nieder in die Rinne. Die fnf Mnner
stellten sich nun mit verschlungenen Hnden auf die wieder von Rasen
gedeckte Stelle und in rascherem Ton fuhr der Alte fort: Und wer von uns
nicht achtet dieses Eides und dieses Bundes und wer nicht die Blutsbrder
als echte Brder schtzt im Leben und rcht im Tode und wer sich weigert,
sein Alles zu opfern dem Volk der Goten, wann die Not es begehrt und ein
Bruder ihn mahnt, der soll verfallen sein auf immer den untern, den
ewigen, den wsten Gewalten, die da hausen unter dem grnen Gras des
Erdgrundes: gute Menschen sollen mit Fen schreiten ber des Neidings
Haupt und sein Name soll ehrlos sein soweit Christenleute Glocken luten
und Heidenleute Opfer schlachten, soweit Mutter Kind koset, und der Wind
weht ber die weite Welt. Sagt an, ihr Gesellen, soll's ihm also geschehn,
dem niedrigen Neiding?

So soll ihm geschehen, sprachen die vier Mnner ihm nach.

Nach einer ernsten Pause lste Hildebrand die Kette der Hnde und sprach:
Und auf da ihr's wit, welche Weihe diese Sttte hat fr mich, - jetzt
auch fr euch, - warum ich euch zu solchem Thun gerade hierher beschieden
und zu dieser Nacht - kommt und sehet. Und also sprechend erhob er die
Fackel und schritt voran hinter den mchtigen Stamm der Eiche, vor der sie
geschworen. Schweigend folgten die Freunde, bis sie an der Kehrseite des
alten Baumes hielten und hier mit Staunen gerade gegenber der Rasengrube,
in welcher sie gestanden, ein breites offenes Grab ghnen sahen, von
welchem die deckende Felsplatte hinweggewlzt war: da ruhten in der Tiefe,
im Licht der Fackel geisterhaft erglnzend, drei weie lange Skelette,
einzelne verrostete Waffenstcke, Lanzenspitzen, Schildbuckel lagen
daneben. Die Mnner blickten berrascht bald in die Grube, bald auf den
Greis. Dieser leuchtete lange schweigend in die Tiefe. Endlich sagte er
ruhig: Meine drei Shne. Sie liegen hier ber dreiig Jahre. Sie fielen
auf diesem Berg, in dem letzten Kampf um die Stadt Ravenna. Sie fielen in
Einer Stunde, heute ist der Tag. Sie sprangen jubelnd in die Speere - -
fr ihr Volk.

Er hielt inne. Mit Rhrung sahen die Mnner vor sich hin. Endlich richtete
sich der Alte hoch auf und sah gen Himmel. Es ist genug, sagte er, die
Sterne bleichen. Mitternacht ist lngst vorber. Geht, ihr andern, in die
Stadt zurck. Du, Teja, bleibst wohl bei mir: - dir ist ja vor andern, wie
des Liedes, der Trauer Gabe gegeben - und hltst mit mir die Ehrenwacht
bei diesen Toten.

Teja nickte und setzte sich, ohne ein Wort, zu Fen des Grabes, wo er
stand, nieder. Der Alte reichte Totila die Fackel und lehnte sich Teja
gegenber auf die Felsplatte. Die andern Drei winkten ihm scheidend zu.
Und ernst und in schweigende Gedanken versunken stiegen sie hinunter zur
Stadt.




                             Drittes Kapitel.


Wenige Wochen nach jener nchtlichen Zusammenkunft bei Ravenna fand zu Rom
eine Vereinigung statt, ebenfalls heimlich, ebenfalls unter dem Schutze
der Nacht, aber von ganz andern Mnnern zu ganz andern Zwecken.

Das geschah an der appischen Strae nahe dem Cmeterium des heiligen
Kalixtus in einem halbverschtteten Gang der Katakomben, jener
rtselhaften unterirdischen Wege, die unter den Straen und Pltzen Roms
fast eine zweite Stadt bildeten. Es sind diese geheimnisvollen Rume -
ursprnglich alte Begrbnispltze, oft die Zuflucht der jungen
Christengemeinde - so vielfach verschlungen und ihre Kreuzungen,
Endpunkte, Aus- und Eingnge so schwierig zu finden, da nur unter
ortvertrautester Fhrung ihre inneren Tiefen betreten werden knnen. Aber
die Mnner, deren geheimen Verkehr wir diesmal belauschen, frchteten
keine Gefahr. Sie waren gut gefhrt. Denn es war Silverius, der
katholische Archidiakonus der alten Kirche des heiligen Sebastian, der
unmittelbar von der Krypta seiner Basilika aus die Freunde auf steilen
Stufen in diesen Zweigarm der Gewlbe gefhrt hatte: und die rmischen
Priester standen in dem Rufe, seit den Tagen der ersten Christen Kenntnis
jener Labyrinthe fortgepflanzt zu haben. Die Versammelten schienen auch
sich hier nicht zum erstenmal einzufinden: die Schauer des Ortes machten
wenig Eindruck auf sie. Gleichgltig lehnten sie an den Wnden des
unheimlichen Halbrunds, das, von einer bronzenen Hngelampe sprlich
beleuchtet, den Schlu des niedrigen Ganges bildete, gleichgltig hrten
sie die feuchten Tropfen von der Decke zur Erde fallen und, wenn ihr Fu
hier und da an weie, halbvermoderte Knochen stie, schoben sie auch diese
gleichgltig auf die Seite.

Es waren auer Silverius noch einige andere rechtglubige Priester und
eine Mehrzahl vornehmer Rmer aus den Adelsgeschlechtern des westlichen
Kaiserreichs anwesend, die seit Jahrhunderten in fast erblichem Besitz der
hheren Wrden des Staates und der Stadt geblieben.

Schweigend und aufmerksam beobachteten sie die Bewegungen des
Archidiakons, der sich, nachdem er die Erschienenen gemustert und in
einige der einmndenden Gnge, in deren Dunkel man junge Leute in
priesterlichen Kleidern Wache halten sah, prfende Blicke geworfen hatte,
jetzt offenbar anschickte, die Versammlung in aller Form zu erffnen.

Noch einmal trat er auf einen hochgewachsenen Mann zu, der ihm gegenber
regungslos an der Mauer lehnte und mit dem er wiederholt Blicke getauscht
hatte: und nachdem dieser auf eine fragende Miene schweigend genickt,
wandte er sich gegen die brigen und sprach:

Geliebte im Namen des dreieinigen Gottes! Wieder einmal sind wir hier
versammelt zu heiligem Werk.

Das Schwert von Edom ist gezckt ob unsrem Haupt und Knig Pharao lechzt
nach dem Blut der Kinder Israel. Wir aber frchten nicht jene, die den
Leib tten und der Seele nichts anhaben knnen, wir frchten vielmehr
jenen, der da Leib und Seele verderben mag mit ewigem Feuer. Wir vertrauen
im Schauer der Nacht auf die Hilfe dessen, der sein Volk durch die Wste
gefhrt hat, bei Tag in der Rauchwolke, bei Nacht in der Feuerwolke. Und
daran wollen wir halten und wollen es nie vergessen: was wir leiden, wir
leiden es um Gottes willen, was wir thun, wir thun's zu seines Namens
Ehre. Dank ihm, denn er hat gesegnet unsern Eifer. Klein, wie des
Evangeliums, waren unsre Anfnge, aber schon sind wir gewachsen wie ein
Baum an frischen Wasserbchen. Mit Furcht und Zagen kamen wir anfangs hier
zusammen: gro war die Gefahr, schwach die Hoffnung: edles Blut der Besten
war geflossen: - heute, wenn wir fest bleiben im Glauben, drfen wir es
khnlich sagen: der Thron des Knigs Pharao steht auf Fen von Schilf und
die Tage der Ketzer sind gezhlt in diesem Lande.

Zur Sache! rief ein junger Rmer dazwischen, mit kurzkrausem, schwarzem
Haar und blitzenden, schwarzen Augen; ungeduldig warf er das Sagum von der
linken Hfte ber die rechte Schulter zurck, da das kurze Schwert
sichtbar wurde. Zur Sache, Priester! was soll heut' geschehn?

Silverius warf auf den Jngling einen Blick, der lebhaften Unwillen ber
solch' kecke Selbstndigkeit nicht ganz mit salbungsvoller Ruhe zu
verdecken vermochte. Scharfen Tones fuhr er fort: Auch die an die
Heiligkeit unsres Zweckes nicht zu glauben scheinen, sollten doch den
Glauben an diese Heiligkeit bei andern nicht stren, um ihrer eignen
weltlichen Ziele willen nicht. Heute aber, Licinius, mein rascher Freund,
soll ein neues hochwillkommnes Glied unsrem Bunde eingefgt werden: sein
Beitritt ist ein sichtbares Zeichen der Gnade Gottes.

Wen willst du einfhren? Sind die Vorbedingungen erfllt? Haftest du fr
ihn? unbedingt? oder stellst du andre Brgschaft? so fragte ein andrer
der Versammelten, ein Mann in reifen Jahren, mit gleichmigen Zgen, der,
einen Stab zwischen den Fen, ruhig auf einem Vorsprung der Mauer sa. -
Ich hafte, mein Scvola; brigens gengt seine Person -

Nichts dergleichen. Die Satzung unsres Bundes verlangt Verbrgung und ich
bestehe darauf, sagte Scvola ruhig. - Nun gut, gut, ich brge, zhster
aller Juristen! wiederholte der Priester mit Lcheln. Er winkte in einen
der Gnge zur Linken.

Zwei junge Ostiarii fhrten von da in die Mitte des Gewlbes einen Mann,
auf dessen verhlltes Haupt aller Augen gerichtet waren. Nach einer Pause
hob Silverius den berwurf von Kopf und Schultern des Ankmmlings.

Albinus! riefen die andern in berraschung, Entrstung, Zorn.

Der junge Licinius fuhr ans Schwert, Scvola stand langsam auf, wild
durcheinander scholl es: Wie? Albinus? der Verrter? Scheuen Blickes sah
der Gescholtene um sich, seine schlaffen Zge bekundeten angeborne
Feigheit: wie Hilfe flehend haftete sein Auge auf dem Priester. Ja,
Albinus! sagte dieser ruhig. Will einer der Verbndeten wider ihn
sprechen? Er rede. - Bei meinem Genius, rief Licinius rasch vor allen,
braucht es da der Rede? Wir wissen alle, wer Albinus ist, was er ist. Ein
feiger, schndlicher Verrter - der Zorn erstickte seine Stimme. -
Schmhungen sind keine Beweise, nahm Scvola das Wort. Aber ich frage
ihn selbst, er soll hier vor allen bekennen. Albinus, bist du es, oder
bist du es nicht, der, als die Anfnge des Bundes dem Tyrannen verraten
waren, als du noch allein von uns allen verklagt warst, es mit ansahst,
da die edeln Mnner, Bothius und Symmachus, unsre Mitverbndeten, weil
sie dich mutig vor dem Wterich verteidigten, verfolgt, gefangen, ihres
Vermgens beraubt, hingerichtet wurden, whrend du, der eigentliche
Angeklagte, durch einen schmhlichen Eid, dich nie mehr um den Staat
kmmern zu wollen und durch urpltzliches Verschwinden dich gerettet hast?
Sprich, bist du es, um dessen Feigheit willen die Zierden des Vaterlandes
gefallen?

Ein Murren des Unwillens ging durch die Versammlung. Der Angeschuldigte
blieb stumm und bebte, selbst Silverius verlor einen Augenblick die
Haltung. Da richtete sich jener Mann, der ihm gegenber an der Felswand
lehnte, auf und trat einen Schritt herzu; seine Nhe schien den Priester
zu erkrftigen und er begann wieder: Ihr Freunde, es ist geschehen was
ihr sagt, nicht wie ihr's sagt. Vor allem wisset: Albinus ist an allem am
wenigsten schuldig. Was er gethan, er that's auf meinen Rat. - Auf
deinen Rat? - Das wagst du zu bekennen? - Albinus war verklagt durch
den Verrat eines Sklaven, der die Geheimschrift in den Briefen nach Byzanz
entziffert hatte. Der ganze Argwohn des Tyrannen war geweckt: jeder Schein
von Widerstand, von Zusammenhang mute die Gefahr vermehren. Der Ungestm
von Bothius und Symmachus, die ihn mutig verteidigten, war edel, aber
thricht. Denn er zeigte den Barbaren die Gesinnung des ganzen Adels von
Rom, zeigte, da Albinus nicht allein stehe. Sie handelten gegen meinen
Rat, leider haben sie es im Tode gebt. Aber ihr Eifer war auch
berflssig: denn den verrterischen Sklaven raffte pltzlich vor weitern
Aussagen die Hand des Herrn hinweg und es war gelungen, die Geheimbriefe
des Albinus vor dessen Verhaftung zu vernichten. Jedoch glaubt ihr,
Albinus wrde auf der Folter, wrde unter Todesdrohungen geschwiegen
haben, geschwiegen, wenn ihn die Nennung der Mitverschwornen retten
konnte? Das glaubt ihr nicht, das glaubte Albinus selbst nicht. Deshalb
mute vor allem Zeit gewonnen, die Folter abgewendet werden. Dies gelang
durch jenen Eid. Unterdessen freilich bluteten Bothius und Symmachus: sie
waren nicht zu retten: doch _ihres_ Schweigens, auch unter der Folter,
waren wir sicher. Albinus aber ward durch ein Wunder aus seinem Kerker
befreit wie Sankt Paulus zu Philippi. Es hie, er sei nach Athen entflohen
und der Tyrann begngte sich, ihm die Rckkehr zu verbieten. Allein der
dreieinige Gott hat ihm hier in seinem Tempel eine Zufluchtsttte
bereitet, bis da die Stunde der Freiheit naht. In der Einsamkeit seines
heiligen Asyles nun hat der Herr das Herz des Mannes wunderbar gerhrt
und, ungeschreckt von der Todesgefahr, die schon einmal seine Locke
gestreift hat, tritt er wieder in unsern Kreis und bietet dem Dienste
Gottes und des Vaterlands sein ganzes unermeliches Vermgen. Vernehmt: er
hat all sein Gut der Kirche Sankt Mari Majoris zu Bundeszwecken
vermacht. Wollt ihr ihn und seine Millionen verschmhen?

Eine Pause des Staunens trat ein: endlich rief Licinius: Priester, du
bist klug wie - wie ein Priester. Aber mir gefllt solche Klugheit nicht.
- Silverius, sprach der Jurist, du magst die Millionen nehmen. Das
steht dir an. Aber ich war der Freund des Bothius: mir steht nicht an,
mit jenem Feigen Gemeinschaft zu halten. Ich kann ihm nicht vergeben.
Hinweg mit ihm! - Hinweg mit ihm! scholl es von allen Seiten. Scvola
hatte der Empfindung aller das Wort geliehen. Albinus erblate, selbst
Silverius zuckte unter dieser allgemeinen Entrstung. Cethegus!
flsterte er leise, Beistand heischend.

Da trat der Mann in die Mitte, der bisher immer geschwiegen und nur mit
khler berlegenheit die Sprechenden gemustert hatte. Er war gro und
hager, aber krftig, von breiter Brust und seine Muskeln von eitel Stahl.
Ein Purpursaum an der Toga und zierliche Sandalen verrieten Reichtum, Rang
und Geschmack, aber sonst verhllte ein langer, brauner Soldatenmantel die
ganze Unterkleidung der Gestalt. Sein Kopf war von denen, die man, einmal
gesehen, nie mehr vergit.

Das dichte, noch glnzend schwarze Haar war nach Rmerart kurz und rund um
die gewlbte, etwas zu groe Stirn und die edel geformten Schlfe
geschoren, tief unter den fein geschweiften Brauen waren die schmalen
Augen geborgen, in deren unbestimmtem Dunkelgrau ein ganzes Meer
versunkener Leidenschaften, aber noch bestimmter der Ausdruck kltester
Selbstbeherrschung lag. Um die scharf geschnittenen bartlosen Lippen
spielte ein Zug stolzer Verachtung gegen Gott und seine ganze Welt. Wie er
vortrat und mit ruhiger Vornehmheit den Blick ber die Erregten streifen
lie, wie seine nicht einschmeichelnde, aber beherrschende Redeweise
anhob, empfand jeder in der Versammlung den Eindruck bewuter
berlegenheit und wenige Menschen mochten diese Nhe ohne das Gefhl der
Unterordnung tragen.

Was hadert ihr, sagte er kalt, ber Dinge, die geschehen mssen? Wer
den Zweck will, mu das Mittel wollen. Ihr wollt nicht vergeben? Immerhin!
Daran liegt nichts. Aber vergessen mt ihr. Und das knnt ihr. Auch ich
war ein Freund der Verstorbenen, vielleicht ihr nchster. Und doch - ich
will vergessen. Ich thu' es, eben weil ich ihr Freund war. Der liebt sie,
Scvola, der allein, der sie rcht. Um der Rache willen - Albinus, deine
Hand. - Alle schwiegen, bewltigt mehr von der Persnlichkeit als von den
Grnden des Redners. Nur der Jurist bemerkte noch:

Rusticiana, des Bothius Witwe und des Symmachus Tochter, die
einflureiche Frau, ist unsrem Bunde hold. Wird sie das bleiben, wenn
dieser eintritt? Kann sie je vergeben und vergessen? Niemals!

Sie kann es. Glaubt nicht mir, glaubt Euren Augen. Mit diesen Worten
wandte sich rasch Cethegus und schritt in einen der Seitengnge, dessen
Mndung bisher sein Rcken verdeckt hatte. - Hart am Eingang stand
lauschend eine verschleierte Gestalt: er ergriff ihre Hand: komm',
flsterte er, jetzt komm'. - Ich kann nicht! ich will nicht! war die
leise Antwort der Widerstrebenden. Ich verfluche ihn. Ich kann ihn nicht
sehen, den Elenden! - Es mu sein. Komm, du kannst und du willst es: -
denn ich will es. Er schlug ihren Schleier zurck: noch ein Blick und sie
folgte wie willenlos. -

Sie bogen um die Ecke des Eingangs: Rusticiana! riefen alle. - Ein Weib
in unserer Versammlung! sprach der Jurist. Das ist gegen die Satzungen,
die Gesetze.

Ja, Scvola, aber die Gesetze sind um des Bundes willen, nicht der Bund
um der Gesetze willen. Und geglaubt httet ihr mir nie, was ihr hier sehet
mit Augen.

Er legte die Hand der Witwe in die zitternde Rechte des Albinus.

Seht, Rusticiana verzeiht: wer will jetzt noch widerstreben? -
berwunden und berwltigt verstummten alle. Fr Cethegus schien das
weitere jedes Interesse verloren zu haben. Er trat mit der Frau an die
Wand im Hintergrund zurck. Der Priester aber sprach: Albinus ist Glied
des Bundes. - Und sein Eid, den er dem Tyrannen geschworen? fragte
schchtern Scvola. - War erzwungen und ist ihm gelst von der heiligen
Kirche. Aber nun ist es Zeit, zu scheiden. Nur noch die eilendsten
Geschfte, die neuesten Botschaften. Hier, Licinius, der Festungsplan von
Neapolis: du mut ihn bis morgen nachgezeichnet haben, er geht an Belisar.
Hier, Scvola, Briefe aus Byzanz, von Theodora, der frommen Gattin
Justinians: du mut sie beantworten. Da, Calpurnius, eine Anweisung auf
eine halbe Million Solidi von Albinus: du sendest sie an den frnkischen
Majordomus, er wirkt bei seinem Knig gegen die Goten. Hier, Pomponius,
eine Liste der Patrioten in Dalmatien: du kennst die Dinge dort und die
Menschen: sieh zu, ob bedeutende Namen fehlen. Euch allen aber sei gesagt,
da, nach heute erhaltenen Briefen von Ravenna, die Hand des Herrn schwer
auf dem Tyrannen liegt: tiefe Schwermut, zu spte Reue ber all' seine
Snden soll seine Seele niederdrcken und der Trost der wahren Kirche
bleibt ihm fern. Harret aus noch eine kleine Weile: bald wird ihn die
zornige Stimme des Richters abrufen: dann kmmt der Tag der Freiheit. An
den nchsten Iden, zur selben Stunde, treffen wir uns wieder. Der Segen
des Herrn sei mit euch. Eine Handbewegung des Diakons verabschiedete die
Versammelten: die jungen Priester traten mit den Fackeln aus den
Seitengngen und geleiteten die Einzelnen in verschiedenen Richtungen nach
den nur ihnen bekannten Ausgngen der Katakomben.




                             Viertes Kapitel.


Silverius, Cethegus und Rusticiana stiegen miteinander die Stufen hinauf,
welche in die Krypta der Basilika des heiligen Sebastian fhrten. Von da
gingen sie durch die Kirche in das unmittelbar darangebaute Haus des
Diakonus. Dort angelangt berzeugte sich dieser, da alle Hausgenossen
schliefen bis auf einen alten Sklaven, der im Atrium bei einer halb
herabgebrannten Ampel wachte. Auf den Wink seines Herrn zndete er die
neben ihm stehende silberfige Lampe an und drckte auf eine Fuge im
Marmorgetfel. Die Marmorplatten drehten sich um ihre Achse und lieen den
Priester, der die Leuchte ergriffen, mit den beiden andern in ein kleines,
niedres Gemach treten, dessen ffnung sich hinter ihnen rasch und
geruschlos wieder schlo. Keine Ritze verriet nun wieder, da hier eine
Thr.

Der kleine Raum, jetzt mit einem hohen Kreuz aus Holz, einem Betschemel
und einigen christlichen Symbolen auf Goldgrund einfach ausgestattet,
hatte in heidnischen Tagen offenbar, wie die an den Wnden hinlaufenden
Polstersimse bezeugten, dem Zweck jener kleinen Gelage von zwei oder drei
Gsten gedient, deren zwanglose Gemtlichkeit Horatius feiert. Zur Zeit
war hier das Asyl fr die geheimsten geistlichen - oder weltlichen -
Gedanken des Diakonus. Schweigend setzte sich Cethegus, auf ein gegenber
in die Wand eingelegtes Mosaikgemlde den flchtigen Blick des verwhnten
Kunstkenners werfend, auf den niederen Lectus. Whrend der Priester
beschftigt war, aus einem Mischkrug mit hochgeschweiften Henkeln Wein in
die bereit stehenden Becher zu gieen und eine eherne Schale mit Frchten
auf den dreifigen Bronzetisch zu stellen, stand Rusticiana Cethegus
gegenber, ihn mit unwillig staunenden Blicken messend. Kaum vierzig Jahre
alt, zeigte das Weib Spuren einer seltenen, etwas mnnlichen Schnheit,
die weniger durch das Alter als durch heftige Leidenschaften gelitten
hatte: schon war hier und da nicht graues, sondern weies Haar in ihre
rabenschwarzen Flechten gemischt, das Auge hatte einen unsteten Blick und
starke Falten zogen sich gegen die immer bewegten Mundwinkel. Sie sttzte
die Linke auf den Erztisch und strich mit der Rechten wie nachsinnend ber
die Stirn, dabei fortwhrend Cethegus anstarrend. Endlich sprach sie:
Mensch, sage, sage, Mann, welche Gewalt du ber mich hast? Ich liebe dich
nicht mehr. Ich sollte dich hassen. Ich hasse dich auch. Und doch mu ich
dir folgen willenlos. Wie der Vogel dem Auge der Schlange. Und du legst
meine Hand, _diese_ Hand, in die Hand jenes Schurken. Sage, du Frevler,
welches ist diese Macht?

Cethegus schwieg unaufmerksam. Endlich sagte er, sich zurcklehnend:
Gewohnheit, Rusticiana, Gewohnheit.

Jawohl, Gewohnheit! Gewohnheit einer Sklaverei, die besteht, seit ich
denken kann. Da ich als Mdchen den schnen Nachbarssohn bewunderte, war
natrlich; da ich glaubte, du liebtest mich, war verzeihlich: du ktest
mich ja. Und wer konnte - damals! - wissen, da du nicht lieben kannst.
Nichts: kaum dich selbst. Da die Gattin des Bothius diese wahnsinnige
Liebe nicht erstickte, die du wie spielend wieder anfachtest, war eine
Snde, aber Gott und die Kirche haben sie mir verziehen. Doch, da ich
jetzt noch, nachdem ich jahrzehntelang deine herzlose Tcke kenne, nachdem
die Glut der Leidenschaft erloschen in diesen Adern, da ich jetzt noch
blindlings deinem dmonischen Willen folgen mu, - das ist eine Thorheit
zum Lautauflachen.

Und sie lachte hell und fuhr mit der Rechten ber die Stirn. Der Priester
hielt in seiner wirtlichen Beschftigung inne, und sah verstohlen auf
Cethegus; er war gespannt. Cethegus lehnte das Haupt rckwrts an den
Marmorsims und umfate mit der Rechten den Pokal, der vor ihm stand:

Du bist ungerecht, Rusticiana, sagte er ruhig. Und unklar. Du mischest
die Spiele des Eros in die Werke der Eris und der Erinnyen. Du weit es,
da ich der Freund des Bothius war. Obwohl ich sein Weib kte.
Vielleicht ebendeshalb. Ich sehe darin nichts Besonderes und du: - nun dir
haben es ja Silverius und die Heiligen vergeben. Du weit ferner, da ich
diese Goten hasse, wirklich hasse, da ich den Willen und - vor andern -
die Fhigkeit habe, durchzusetzen, was dich jetzt ganz erfllt: deinen
Vater, den du geliebt, deinen Gatten, den du geehrt hast, an diesen
Barbaren zu rchen. Du gehorchst daher meinen Winken. Und du thust daran
sehr klug. Denn du hast zwar ein sehr bedeutendes Talent, Rnke zu
schmieden. Aber deine Heftigkeit trbt oft deinen Blick. Sie verdirbt
deine feinsten Plne. Also thust du wohl, khlerer Leitung zu folgen. Das
ist alles. - Aber jetzt geh. Deine Sklavin kauert schlaftrunken im
Vestibulum. Sie glaubt dich in der Beichte, bei Freund Silverius. Die
Beichte darf nicht gar zu lange whren. Auch haben wir noch Geschfte.
Gre mir Kamilla, dein schnes Kind, und lebe wohl. Er stand auf,
ergriff ihre Hand und fhrte sie sanft zur Thre. Sie folgte
widerstrebend, nickte dem Priester zum Abschied zu, sah nochmal auf
Cethegus, der ihre innere Bewegung nicht zu sehen schien und ging mit
leisem Kopfschtteln hinaus.

Cethegus setzte sich wieder und trank den Pokal aus.

Sonderbarer Kampf in diesem Weibe, sagte Silverius und setzte sich mit
Griffel, Wachstafeln, Briefen und Dokumenten zu ihm. Nicht sonderbar. Sie
will ihr Unrecht gegen ihren Gatten gut machen, indem sie ihn rcht. Und
da sie diese Rache gerade durch ihren ehemaligen Geliebten findet, macht
die heilige Pflicht besonders s. Freilich ist ihr dies alles unbewut. -
Aber, was giebt's zu thun? Und nun begannen die beiden Mnner ihre
Arbeit, solche Punkte der Verschwrung zu erledigen, die allen Gliedern
des Bundes mitzuteilen sie nicht fr ratsam hielten. - Diesmal, hob der
Diakonus an, gilt es vor allem, das Vermgen des Albinus festzustellen
und dessen nchste Verwendung zu beraten. Wir brauchten ganz unabweislich
Geld, viel Geld. - Geldsachen sind dein Gebiet, sagte Cethegus
trinkend. Ich verstehe sie wohl, aber sie langweilen mich.

Ferner mssen die einflureichsten Mnner auf Sicilien, in Neapolis und
Apulien gewonnen werden. Hier ist die Liste derselben mit Notizen ber die
einzelnen. Es sind Menschen darunter, bei denen die gewhnlichen Mittel
nicht verfangen. Gieb her, sagte Cethegus, _das_ will ich machen und
zerlegte einen persischen Apfel. - -

Nach einer Stunde angestrengter Arbeit waren die dringendsten Geschfte
bereinigt und der Hausherr legte die Dokumente wieder in ihr Geheimfach
hinter dem groen Kreuz in der Mauer. Der Priester war ermdet und sah mit
Neid auf den Genossen, dessen sthlernen Krper und unangreifbaren Geist
keine spte Stunde, keine Anspannung ermatten zu knnen schien. Er uerte
etwas dergleichen, als sich Cethegus den silbernen Becher wieder fllte.

bung, Freund, starke Nerven und, setzte er lchelnd hinzu, ein gutes
Gewissen: das ist das ganze Rtsel.

Nein, im Ernst, Cethegus, du bist mir auch sonst ein Rtsel. - Das will
ich hoffen. - Nun, hltst du dich fr ein mir so unerreichbar
berlegenes Wesen? - Ganz und gar nicht. Aber doch fr gerade
hinreichend tief, um andern nicht minder ein Rtsel zu sein als - mir
selbst. Dein Stolz auf Menschenkenntnis mag sich beruhigen. Es geht mir
selbst mit mir nicht besser als dir. Nur die Tropfen sind durchsichtig. -
In der That, fuhr der Priester ausholend fort, der Schlssel zu deinem
Wesen mu sehr tief liegen. Sieh zum Beispiel die Genossen unsres Bundes.
Von jedem lt sich sagen, welcher Grund ihn dazu gefhrt hat. Der hitzige
Jugendmut einen Licinius: der verrannte, aber ehrliche Rechtssinn einen
Scvola: mich und die andern Priester - der Eifer fr die Ehre Gottes.

Natrlich, sagte Cethegus trinkend.

Andere treibt der Ehrgeiz: oder die Hoffnung, bei einem Brgerkrieg ihren
Glubigern die Hlse abzuschneiden, oder auch die Langeweile ber den
geordneten Zustand dieses Landes unter den Goten oder eine Beleidigung
durch einen der Fremden, die allermeisten der natrliche Widerwille gegen
die Barbaren und die Gewhnung, nur im Kaiser den Herrn Italiens zu sehen.
Bei dir aber schlgt keiner dieser Beweggrnde an und -

Und das ist sehr unbequem, nicht wahr? Denn mittels Kenntnis ihrer
Beweggrnde beherrscht man die Menschen? Ja, ehrwrdiger Gottesfreund, ich
kann dir nicht helfen. Ich wei es wirklich selbst nicht, was mein
Beweggrund ist. Ich bin selbst so neugierig darauf, da ich es dir
herzlich gern sagen und mich - beherrschen lassen wollte, wenn ich es nur
entdecken knnte. Nur das Eine fhl' ich: diese Goten sind mir zuwider.
Ich hasse diese vollbltigen Gesellen mit ihren breiten Flachsbrten.
Unausstehlich ist mir das Glck dieser brutalen Gutmtigkeit, dieser
naiven Jugendlichkeit, dieses alberne Heldentum, diese ungebrochnen
Naturen. Es ist eine Unverschmtheit des Zufalls, der die Welt regiert,
dieses Land, - nach einer solchen Geschichte, - mit Mnnern wie - wie du
und ich - von diesen Nord-Bren beherrschen zu lassen. Unwillig warf er
das Haupt zurck, drckte die Augen zu und schlrfte einen kleinen Trunk
Weines. Da die Barbaren fort mssen, sprach der andere, darber sind
wir einig. Und fr mich ist damit alles erreicht. Denn ich will ja nur die
Befreiung der Kirche von diesen irrglubigen Barbaren, welche die
Gttlichkeit Christi leugnen und nur einen Halbgott aus ihm machen. Ich
hoffe, da alsdann der rmischen Kirche der Primat im ganzen Gebiet der
Christenheit, der ihr gebhrt, unbestritten zufallen wird. Aber solange
Rom in der Hand der Ketzer liegt, whrend der Bischof von Byzanz von dem
allein rechtglubigen und rechtmigen Kaiser gesttzt wird -

Solange ist der Bischof von Rom nicht der oberste Bischof der
Christenheit, solange nicht Herr Italiens: und deshalb der rmische Stuhl,
selbst wenn ein Silverius ihn einnehmen wird, nicht das, was er werden
soll: das Hchste. Und das will doch Silverius.

berrascht sah der Priester auf.

Beunruhige dich nicht, Freund Gottes. Ich wei das lngst und habe dein
Geheimnis bewahrt, obwohl du es mir nicht vertraut hast. Allein weiter.
Er schenkte sich aufs neue ein: - dein Falerner ist gut abgelagert, aber
er hat zu viel Se. - Du kannst eigentlich nur wnschen, da diese Goten
den Thron der Csaren rumen, nicht, da die Byzantiner an ihre Stelle
treten: denn sonst hat der Bischof von Rom wieder zu Byzanz seinen
Oberbischof und einen Kaiser. Du mut also an der Goten Stelle wnschen -
nicht einen Kaiser - Justinian, - sondern - etwa was? - Entweder - fiel
Silverius eifrig ein - einen eignen Kaiser des Westreichs - Der aber,
vollendete Cethegus seinen Satz, nur eine Puppe ist in der Hand des
heiligen Petrus - - Oder eine rmische Republik, einen Staat der Kirche
- - In welchem der Bischof von Rom der Herr, Italien das Hauptland und
die Barbarenknige in Gallien, Germanien, Spanien die gehorsamen Shne der
Kirche sind. Schn, mein Freund. Nur mssen erst die Feinde vernichtet
sein, deren Spolien du bereits verteilst. Deshalb ein altrmischer
Trinkspruch: wehe den Barbaren!

Er stand auf und trank dem Priester zu. Aber die letzte Nachtwache
schleicht vorber und meine Sklaven mssen mich am Morgen in meinem
Schlafgemach finden. Leb wohl. Damit zog er den Cucullus des Mantels ber
das Haupt und ging.

Der Wirt sah ihm nach: Ein hchst bedeutendes Werkzeug! sagte er zu
sich. Gut, da er nur ein Werkzeug ist. Mge er es immer bleiben.

Cethegus aber schritt von der Via appia her, wo die Kirche des heiligen
Sebastian den Eingang in die Katakomben bedeckt, nach Nordwesten dem
Kapitole zu, an dessen Fu am Nordende der Via sacra sein Haus gelegen
war, nordstlich vom Forum Romanum.

Die khle Morgenluft strich belebend um sein Haupt.

Er schlug den Mantel zurck und dehnte die breite, starke, gewaltige
Brust. Ja, ein Rtsel bist du, sprach er vor sich hin; treibst
Verschwrung und nchtlichen Verkehr wie ein Republikaner oder ein
Verliebter von zwanzig Jahren. Und warum? - Ei, wer wei warum er atmet?
Weil er mu. Und so mu ich thun was ich thue. Eins aber ist gewi. Dieser
Priester mag Papst werden: er mu es vielleicht werden. Aber Eins darf er
nicht. Er darf es nicht lange bleiben. Sonst lebt wohl, ihr Gedanken, ihr
kaum eingestandenen, die ihr noch Trume seid und Wolkendnste: vielleicht
aber ballt sich daraus ein Gewitter, das Blitz und Donner fhrt und mein
Verhngnis wird. Sieh, es wetterleuchtet im Osten. Gut. Ich nehme das Omen
an.

Mit diesen Worten schritt er in sein Haus. Im Schlafgemach fand er auf dem
Cederntisch vor seinem Lager einen verschnrten und mit dem kniglichen
Siegel gepreten Brief.

Er schnitt die Schnre mit dem Dolch auf, schlug die doppelte Wachstafel
auseinander und las:

An Cethegus Csarius, den Princeps Senatus, Marcus Aurelius Cassiodorus
Senator.

Unser Herr und Knig liegt im Sterben. Seine Tochter und Erbin
Amalaswintha wnscht dich noch vor seinem Ende zu sprechen. Du sollst das
wichtigste Reichsamt bernehmen. Eile sogleich nach Ravenna.




                             Fnftes Kapitel.


Atembeklemmend lag bange Stimmung schwer und schwl ber dem Knigspalast
zu Ravenna mit seiner dstern Pracht, mit seiner unwirtlichen
Weitrumigkeit.

Die alte Burg der Csaren hatte im Lauf der Jahrhunderte schon so manche
stilwidrige Vernderung erfahren. Und seit an die Stelle der Imperatoren
der Gotenknig mit seinem germanischen Hofgesinde getreten war, hatte sie
vollends ein wenig harmonisches Aussehen angenommen. Denn viele Rume, die
eigentmlichen Sitten des rmischen Lebens gedient hatten, standen mit der
alten Pracht ihrer Einrichtung unbenutzt und vernachlssigt: Spinnweben
zogen sich ber die Mosaiken der reichen, aber lang nicht mehr betretenen
Badgemcher des Honorius und in dem Toilettenzimmer der Placidia huschten
die Eidechsen ber das Marmorgesims der Silberspiegel in den Mauern.
Dagegen hatten die Bedrfnisse eines mehr kriegerischen Hofhalts manche
Mauer niedergerissen, um die kleinen Gemcher des antiken Hauses zu den
weiteren Rumen von Waffenslen, Trinkhallen, Wachtzimmern auszudehnen.
Und man hatte anderseits durch neue Mauerfhrungen benachbarte Huser mit
dem Palast verbunden, daraus eine Festung mitten in der Stadt zu schaffen.
Es trieben jetzt in der _piscina maxima_, dem ausgetrockneten Teich,
blonde Buben ihre wilden Spiele und in den Marmorslen der Palstra
wieherten die Rosse der gotischen Wachen. So hatte der weitlufige Bau das
unheimliche Ansehen halb einer kaum noch erhaltnen Ruine, halb eines
unvollendeten Neubaus: und die Burg dieses Knigs erschien so wie ein
Sinnbild seines rmisch-gotischen Reiches, seiner ganzen politischen
halbunfertigen, halbverfallenden Schpfung. -

An dem Tage aber, der Cethegus nach Jahren hier zuerst wieder eintreten
sah, lastete ein Gewlk von Spannung, Trauer und Dstre ganz besonders
schwer auf diesem Haus: denn seine knigliche Seele sollte daraus
scheiden. -

Der groe Mann, der von hier aus ein Menschenalter lang die Geschicke
Europas gelenkt, den Abendland und Morgenland in Liebe und Ha
bewunderten, der Heros seines Jahrhunderts, der gewaltige Dietrich von
Bern, dessen Namen schon bei seinen Lebzeiten die Sage sich ausschmckend
bemchtigt hatte, der groe Amalungen-Knig Theoderich sollte sterben.

So hatten es die rzte, wenn nicht ihm selbst doch seinen Rten verkndet
und alsbald war es hinausgedrungen in die groe volkreiche Stadt. Obwohl
man seit lange einen solchen Ausgang der geheimnisvollen Leiden des
greisen Frsten fr mglich gehalten, erfllte doch jetzt die Kunde von
dem drohenden Eintritt des verhngnisvollen Schlages alle Herzen mit der
hchsten Aufregung.

Die treuen Goten trauerten und bangten: aber auch bei der rmischen
Bevlkerung war eine dumpfe Spannung die vorherrschende Empfindung. Denn
hier in Ravenna, in der unmittelbaren Nhe des Knigs hatten die Italier
die Milde und Hoheit dieses Mannes im allgemeinen zu bewundern und durch
besondere Wohlthaten zu erfahren am hufigsten Gelegenheit gehabt. Ferner
frchtete man nach dem Tode dieses Knigs, der whrend seiner ganzen
Regierung, mit einziger Ausnahme der jngsten Kmpfe mit dem Kaiser und
dem Senat, in welchen Bothius und Symmachus geblutet, die Italier vor der
Gewaltthtigkeit und Rauheit seines Volkes beschtzt hatte, unter einem
neuen Regiment Hrte und Druck von Seite der Goten zu befahren.

Endlich aber wirkte noch ein Anderes, Hheres: die Persnlichkeit dieses
Heldenknigs war so groartig, so majesttisch gewesen, da auch
diejenigen, die seinen und seines Reiches Untergang oft herbeigewnscht
hatten, doch in dem Augenblick, da nun diese Sonne erlschen sollte, sich
niedriger Schadenfreude nicht hingeben und ernsterer Erschtterung nicht
erwehren konnten.

So war die Stadt schon seit grauendem Morgen - da man zuerst vom Palast
Boten nach allen Winden hatte jagen und einzelne Diener in die Huser der
vornehmsten Goten und Rmer hatte eilen sehen - in hchster Erregung. In
den Straen, auf den Pltzen, in den Bdern standen die Mnner paarweise
oder in Gruppen beisammen, fragten und teilten sich mit, was sie wuten,
suchten eines Vornehmen habhaft zu werden, der vom Palaste herkam und
sprachen ber die ernsten Folgen des bevorstehenden Ereignisses. Weiber
und Kinder kauerten neugierig auf den Schwellen der Huser. Mit den
wachsenden Stunden des Tages strmte sogar schon die Bevlkerung der
nchsten Drfer und Stdte, besonders trauernde Goten, forschend in die
Thore Ravennas. Die Rte des Knigs, voraus der Prfectus Prtorio
Cassiodorus, der sich in diesen Tagen um Aufrechthaltung der Ordnung hohes
Verdienst erwarb, hatten solche Aufregung vorausgesehen, vielleicht
Schlimmeres erwartet.

Seit Mitternacht waren alle Zugnge zum Palast geschlossen und mit
gotischen Wachen besetzt. Auf dem Forum des Honorius, vor der Stirnseite
des Gebudes, war ein Zug Reiter aufgestellt. Auf den breiten
Marmorstufen, die zu der stolzen Sulenreihe des Hauptportals
hinauffhrten, waren starke Scharen gotischen Fuvolks, mit Schild und
Speer, in malerischen Gruppen gelagert.

Nur hier konnte man, nach Cassiodors Befehl, Eintritt in den Palast
erlangen und nur die beiden Anfhrer des Fuvolks, der Rmer Cyprian und
der Gote Witichis, durften die Erlaubnis dazu erteilen. Ersterer war es,
der Cethegus einlie. Wie dieser den altbekannten Weg zum Gemach des
Knigs verfolgte, fand er in den Hallen und Gngen der Burg die Goten und
Italier, denen ihr Rang und Ansehen Zutritt erwarben, in ungleichen
Gruppen verteilt.

Schweigend und traurig standen in der sonst so lauten Trinkhalle die
jungen Tausendfhrer und Hundertfhrer der Goten beisammen oder flsterten
einzelne besorgte Fragen, whrend hier und da ein lterer Mann, ein
Waffengefhrte des sterbenden Helden, in einer Nische der Bogenfenster
lehnte, seinen lauten Schmerz zu verbergen; in der Mitte des Saales stand,
laut weinend, das Haupt an einen Pfeiler drckend, ein reicher Kaufmann
von Ravenna: der Knig, der jetzt scheiden sollte, hatte ihm eine
Verschwrung verziehen und seine Warenhallen vor der Plnderung durch die
ergrimmten Goten gerettet.

Mit einem kalten Blick der Geringschtzung schritt Cethegus an dem allen
vorber. Er ging weiter.

In dem nchsten Gemach, dem zum Empfang fremder Gesandten bestimmten Saal,
fand er eine Anzahl von vornehmen Goten, Herzogen, Grafen und Edeln
beisammen, die offenbar Beratung hielten ber den Thronwechsel und den
drohenden Umschwung aller Verhltnisse.

Da waren die tapferen Herzoge Thulun von Provincia, der die Stadt Arles
heldenmtig gegen die Franken verteidigt hatte, Ibba von Liguria, der
Eroberer von Spanien, Pitza von Dalmatia, der Besieger der Bulgaren und
Gepiden, gewaltige, trotzige Herren, stolz auf ihren alten Adel, der dem
Knigshaus der Amaler wenig nachgab - denn sie waren aus dem Geschlecht
der Balten, das bei den Westgoten durch Alarich die Krone gewonnen hatte
-, und auf ihre kriegerischen Verdienste, die das Reich beschirmt und
erweitert.

Auch Hildebad und Teja standen bei ihnen.

Das waren die Fhrer der Partei, die lngst eine hrtere Behandlung der
Italier, welche sie haten und scheuten zugleich, begehrt und die nur
widerstrebend dem milden Sinn des Knigs sich gefgt hatten. Wilde Blicke
des Hasses schossen aus ihrer Mitte auf den vornehmen Rmer, der da Zeuge
der Sterbestunde des groen Gotenhelden sein wollte. Ruhig schritt
Cethegus an ihnen vorber und hob den schweren Wollvorhang auf, der den
nchsten Raum abschied, das Vorzimmer des Krankengemaches. Eintretend
begrte er mit tiefer Verbeugung des Hauptes eine hohe knigliche Frau,
die, in schwarze Trauerschleier gehllt, ernst und schweigend, aber in
fester Fassung und ohne Thrnen vor einem mit Urkunden bedeckten
Marmortische stand: das war Amalaswintha, die verwitwete Tochter
Theoderichs.

Eine Frau in der Mitte der Dreiiger war sie noch von auerordentlicher,
wenn auch kalter Schnheit. Sie trug das reiche dunkle Haar nach
griechischer Weise gescheitelt und gewellt. Die hohe Stirn, das groe,
runde Auge, die geradlinige Nase, der Stolz ihrer fast mnnlichen Zge und
die Majestt ihrer vollen Gestalt verliehen ihr gebietende Wrde und in
dem ganz nach hellenischem Stil gefalteten Trauergewand glich sie in der
That einer von ihrem Postament heruntergeschrittenen Hera des Polyklet.

An ihrem Arme hing, mehr gesttzt als sttzend, ein Knabe oder Jngling
von etwa siebzehn Jahren, Athalarich, ihr Sohn, des Gotenreiches Erbe. Er
glich nicht der Mutter, sondern hatte die Natur seines unglcklichen
Vaters Eutharich, den eine zehrende Krankheit des Herzens in der Blte
seiner Jahre in das Grab gezogen hatte. Mit Sorge sah deshalb Amalaswintha
ihren Sohn in allem ein Ebenbild des Vaters werden und es war kaum mehr
ein Geheimnis am Hofe von Ravenna, da alle Spuren jener Krankheit sich
schon in dem Knaben zeigten. Athalarich war schn wie alle Glieder dieses
von den Gttern stammenden Hauses. Starke schwarze Brauen, lange Wimpern
beschatteten ein edles, dunkles Auge, das aber bald wie in unbestimmten
Trumen zerflo, bald in geisterhaftem Glanz aufblitzte. Dunkelbraune
wirre Locken hingen in die bleichen Schlfe, in denen bei lebhafter
Erregung die feinen blauen Adern krampfhaft zuckten. Der edeln Stirn hatte
leiblicher Schmerz oder schwere Entsagung tiefe Furchen eingezeichnet,
befremdlich auf diesem jugendlichen Antlitz. Rasch wechselten Marmorblsse
und heies Rot auf den durchsichtigen Wangen. Die hoch aufgeschossene,
aber geknickte Gestalt schien meistens wie mde in ihren Fugen zu hangen
und scho nur manchmal mit erschreckender Raschheit in die Hhe. Er sah
den eintretenden Cethegus nicht, denn er hatte, an der Mutter Brust
gelehnt, den griechischen Mantel klagend um das junge Haupt geschlagen,
das bald eine schwere Krone tragen sollte. -

Fern von diesen beiden an dem offenen Bogen des Gemaches, der den Blick
auf die von den Gotenkriegern besetzten Marmorstufen gewhrte, stand, in
trumerisches Sinnen verloren, ein Weib - oder war es eine Jungfrau? - von
berraschender, blendender, berwltigender Schnheit: das war
Mataswintha, Athalarichs Schwester. Sie glich der Mutter an Adel und Hhe
der Gestalt, aber ihre schrferen Zge hatten ein feuriges
leidenschaftliches Leben, das sich nur wenig unter angenommener Klte
barg. Ihre Gestalt, ein reizvolles Ebenma von blhender Flle und feiner
Schlankheit, mahnte an jene bezwungene Artemis in den Armen des Endymion
in der Gruppe des Agesander, die, nach der Sage, der Rat von Rhodos hatte
aus der Stadt verbannen mssen, weil diese marmorne hchste Einheit
schnster Jungfrulichkeit und schnster Sinnlichkeit die Jnglinge des
Eilands zu Wahnsinn und Selbstmord getrieben hatte. Der Zauber hchster
reifer Mdchenschnheit zitterte ber diesem Wesen. Ihr reichwallendes
Haar war dunkelrot mit einem schillernden Metallglanz und von so
auerordentlicher Wirkung, da er der Frstin, selbst bei diesem durch die
prchtigen Goldlocken seiner Weiber berhmten Volk, den Namen Schnhaar
verschafft hatte. Ihre Augenbrauen aber und die langen Wimpern waren
glnzend schwarz und hoben die blendend weie Stirn, die alabasternen
Wangen leuchtend hervor. Die fein gebogene Nase mit den zartgeschnittenen
manchmal leise zuckenden Flgeln senkte sich auf einen ppig schwellenden
Mund. Aber das Auffallendste an dieser auffallenden Schnheit war das
graue Auge, nicht so fast durch die ziemlich unbestimmte Farbe, wie durch
den wunderbaren Ausdruck, mit dem es, meist in trumerisches Sinnen
verloren, manchmal in versengender Leidenschaft aufleuchten konnte. In der
That, wie sie da an dem Fenster lehnte, in der halb hellenischen, halb
gotischen von ihrer Phantasie erfinderisch zusammengewhlten Tracht, den
weien, hochgewlbten Arm um die dunkle Porphyrsule geschlungen und
hinaus trumend in die Abendluft, glich ihre verfhrerische Schnheit
jenen unwiderstehlichen Waldfrauen oder Wellenmdchen, deren
allverstrickende Liebesgewalt von jeher die germanische Sage gefeiert hat.
Und so gro war die Macht dieser Schnheit, da selbst die ausgebrannte
Brust des Cethegus, der die Frstin lngst kannte, bei seinem Eintritt von
neuem Staunen berhrt wurde. -

Doch wurde er sogleich in Anspruch genommen von dem letzten der im Gemach
Anwesenden, von Cassiodor, dem gelehrten und treuen Minister des Knigs,
dem ersten Vertreter jener wohlwollenden, aber hoffnungslosen
Vershnungspolitik, die seit einem Menschenalter im Gotenreich gebt
wurde. Der alte Mann, dessen ehrwrdige und milde Zge der Schmerz um den
Verlust seines kniglichen Freundes nicht weniger bewegte als die Sorge um
die Zukunft des Reiches, stand auf und ging mit schwankenden Schritten dem
Eintretenden entgegen, der sich ehrfurchtvoll verneigte. In Thrnen
schwimmend ruhte das Auge des Greises auf ihm, endlich sank er seufzend an
die kalte Brust des Cethegus, der ihn fr diese Weichheit verachtete.

Welch ein Tag! klagte er. - Ein verhngnisvoller Tag, sprach Cethegus
ernst; er fordert Kraft und Fassung. - Recht sprichst du, Patricius,
und wie ein Rmer, - sagte die Frstin, sich von Athalarich losmachend, -
sei gegrt. Sie reichte ihm die Hand, die nicht bebte, ihr Auge war
klar. Die Schlerin der Stoa bewhrt an diesem Tage die Weisheit Zenos
und die eigne Kraft, sprach Cethegus.

Sagt lieber, die Gnade Gottes krftigt ihre Seele wunderbar, verbesserte
Cassiodor. - Patricius, begann Amalaswintha, der Prfectus Prtorio hat
dich mir vorgeschlagen zu einem wichtigen Geschft. Sein Wort wrde
gengen, auch wenn ich dich nicht lngst schon kennte. Du bist derselbe
Cethegus, der die ersten beiden Gesnge der neis in griechische Hexameter
bertragen hat! - _Infandum renovare jubes, regina, dolorem._ Eine
Jugendsnde, Knigin, lchelte Cethegus. Ich habe alle Abschriften
aufgekauft und verbrannt an dem Tage, da die bersetzung Tullias
erschien. Tullia war das Pseudonym Amalaswinthas: Cethegus wute das:
aber die Frstin hatte von dieser seiner Kenntnis keine Ahnung. Sie war in
ihrer schwchsten Stelle geschmeichelt und fuhr fort: Du weit, wie es
hier steht. Die Atemzge meines Vaters sind gezhlt: nach dem Ausspruch
der rzte kann er, obwohl noch rstig und stark, jeden Augenblick tot
zusammenbrechen. Athalarich hier ist der Erbe seiner Krone. Ich aber fhre
an seiner Statt die Regentschaft und ber ihn die Mundschaft bis er zu
seinen Tagen gekommen. - So ist der Wille des Knigs, und Goten und
Rmer haben dieser Weisheit lngst schon zugestimmt, sagte Cethegus. -
So thaten sie. Aber die Menge ist wandelbar. Die rohen Mnner verachten
die Herrschaft eines Weibes - und sie zog bei diesem Gedanken die Stirn
in zornige Falten. Es widerstreitet immerhin dem Staatsrecht der Goten
wie der Rmer, begtigte Cassiodor, es ist ganz neu, da ein Weib - -
Die undankbaren Rebellen! murmelte Cethegus, gleichsam fr sich. - Wie
man darber denken mag, fuhr die Frstin fort, es ist so. Gleichwohl
baue ich auf die Treue der Barbaren im ganzen, mgen auch einzelne aus dem
Adel Gelste nach der Krone tragen. Auch von den Italiern hier in Ravenna,
wie in den meisten Stdten, frchte ich nichts. Aber ich frchte - Rom und
die Rmer. Cethegus horchte hoch auf: sein ganzes Wesen war in
pltzlicher Erregung: aber sein Antlitz blieb eisig kalt.

Rom wird sich niemals an die Herrschaft der Goten gewhnen, es wird uns
ewig widerstreben - wie knnte es anders! setzte sie seufzend hinzu. Es
war, als ob die Tochter Theoderichs eine rmische Seele htte.

Wir frchten deshalb, - ergnzte Cassiodor, - da auf die Kunde von der
Erledigung des Throns zu Rom eine Bewegung gegen die Regentin ausbrechen
knnte, sei es fr Anschlu an Byzanz, sei es fr Erhebung eines eignen
Kaisers des Abendlandes.

Cethegus schlug, wie nachsinnend, die Augen nieder. -

Darum, fiel die Frstin rasch ein, mu, schon ehe jene Kunde zu Rom
eintrifft, alles geschehen sein. Ein entschlossener, mir treu ergebener
Mann mu die Besatzung fr mich - ich meine fr meinen Sohn - vereidigen,
die wichtigsten Thore und Pltze besetzen, Senat und Adel einschchtern,
das Volk fr mich gewinnen und meine Herrschaft unerschtterlich
aufrichten, ehe sie noch bedroht ist. Und fr dies Geschft hat Cassiodor
- dich vorgeschlagen. Sprich, willst du es bernehmen?

Bei diesen Worten war der goldne Griffel aus ihrer Hand zur Erde gefallen.
Cethegus bckte sich, ihn aufzuheben. Er hatte nur diesen einen Augenblick
fr die hundert Gedanken, die bei diesem Antrag sich in seinem Kopfe
kreuzten.

War die Verschwrung in den Katakomben, war vielleicht er selbst verraten?
Lag hier eine Schlinge des schlauen und herrschschtigen Weibes? Oder
waren die Thoren wirklich so blind, gerade ihm dies Amt aufzudringen? Und
wenn dem so war, was sollte er thun? Sollte er den Moment benutzen,
sogleich loszuschlagen, Rom zu gewinnen? Und fr wen? fr Byzanz? oder fr
einen Kaiser im Abendlande? Und wer sollte das werden? Oder waren die
Dinge noch nicht reif? Sollte er fr diesmal - aus Treulosigkeit - Treue
ben? Fr all' diese und manche andere Zweifel und Fragen hatte er, sie zu
stellen und zu lsen, nur den einen Moment, da er sich bckte: sein
rascher Geist brauchte nicht mehr: er hatte im Bcken das arglos
vertrauende Gesicht Cassiodors gesehen und entschlossen sprach er, den
Griffel berreichend: Knigin, ich bernehme das Geschft. - Das ist
gut, sagte die Frstin. Cassiodor drckte seine Hand. - Wenn Cassiodor,
fuhr Cethegus fort, mich zu diesem Amte vorgeschlagen, so hat er wieder
einmal seine tiefe Menschenkenntnis bewhrt. Er hat durch meine Schale auf
meinen Kern gesehen. - Wie meinst du das? fragte Amalaswintha. -
Knigin, der Schein konnte ihn trgen. Ich gestehe, da ich die Barbaren
- verzeihe! - die Goten nicht gern in Italien herrschen sehe. - Dieser
Freimut ehrt dich und ich verzeih' es dem Rmer. - Dazu kommt, da ich
seit Jahrzehnten dem Staat, dem ffentlichen Leben keine Teilnahme mehr
zuwandte. Nach vielen Leidenschaften leb' ich - ohne alle Leidenschaft -
nur einer spielenden Muse und leichten Gelehrsamkeit, unbekmmert um die
Sorgen der Knige, auf meinen Villen. - _Beatus ille qui procul
negotiis_, citierte seufzend die gelehrte Frau. - Aber eben weil ich die
Wissenschaft verehre, weil ich, ein Schler Platons, will, da die Weisen
herrschen sollen, deshalb wnsche ich, da eine Knigin mein Vaterland
regiere, die nur der Geburt nach Gotin, der Seele nach Griechin, der
Tugend nach Rmerin ist.

Ihr zu Liebe will ich meine Mue den verhaten Geschften opfern. Aber nur
unter der Bedingung, da dies mein letztes Staatsamt sei. Ich bernehme
deinen Auftrag und stehe dir fr Rom mit meinem Kopf.

Gut, hier findest du die Vollmachten, die Dokumente, deren du bedarfst.

Cethegus durchflog die Urkunden. Dies ist das Manifest des jungen Knigs
an die Rmer, mit deiner Unterschrift. Seine Unterschrift fehlt noch.
Amalaswintha tauchte die gnidische Rohrfeder in das Gef mit Purpurtinte,
deren sich die Amaler, wie die rmischen Imperatoren bedienten: Komm,
schreibe deinen Namen, mein Sohn. Athalarich hatte whrend der ganzen
Verhandlung stehend und mit beiden Armen vorgebeugt auf den Tisch
gesttzt, Cethegus scharf beobachtet. Jetzt richtete er sich auf: er war
gewohnt, in seinen Formen die Rechte eines Kronfolgers und eines Kranken
zu gebrauchen: Nein, sagte er heftig, ich schreibe nicht. Nicht blo,
weil ich diesem kalten Rmer nicht traue, - nein, ich traue dir gar nicht,
du stolzer Mann! - es ist emprend, da ihr, whrend mein hoher Grovater
noch atmet, schon an seiner Krone herumtappt, ihr Zwerge nach der Krone
des Riesen. Schmt euch eurer Fhllosigkeit. Hinter jenen Vorhngen stirbt
der grte Held des Jahrhunderts - und ihr denkt nur an die Teilung seiner
Knigsgewnder.

Er wandte ihnen den Rcken und schritt langsam nach dem Fenster zu, wo er
den Arm um seine schne Schwester schlang und ihr schimmervolles
glnzendes Haar streichelte.

Lange stand er so, sie achtete seiner nicht. Pltzlich fuhr sie auf aus
ihrem Sinnen: Athalarich, flsterte sie, hastig seinen Arm fassend und
hinausdeutend auf die Marmorstufen, wer ist der Mann dort? im blauen
Stahlhelm, der eben um die Sule biegt? Sprich, wer ist es? La sehn,
sagte der Jngling sich vorbeugend, der dort? ei, das ist Graf Witichis,
der Besieger der Gepiden, ein wackrer Held. Und er erzhlte ihr von den
Thaten und Erfolgen des Grafen im letzten Kriege.

Indessen hatte Cethegus die Frstin und den Minister fragend angesehen.
La ihn! seufzte Amalaswintha. Wenn er nicht will, zwingt ihn keine
Macht der Erde. Weiteres Fragen des Cethegus ward abgeschnitten, indem
sich der dreifache Vorhang aufthat, der das Schlafgemach des Knigs von
allem Gerusch des Vorzimmers schied. Es war Elpidios, der griechische
Arzt, der, die schweren Falten aufhebend, berichtete, der Kranke, eben aus
langem Schlummer erwacht, habe ihn fortgeschickt, um mit dem alten
Hildebrand allein zu sein: dieser wich nie von seiner Seite.




                            Sechstes Kapitel.


Das Schlafgemach Theoderichs, schon von den Kaisern zu gleichem Zweck
benutzt, zeigte die dstre Pracht des spten rmischen Stils. Die
berladenen Reliefs an den Wnden, die Goldornamentik der Decke schilderte
noch Siege und Triumphzge der rmischen Konsuln und Imperatoren:
heidnische Gtter und Gttinnen schwebten stolz darber hin: berall in
der Architektur und Dekoration waltete drckender Prunk.

Dazu bildete einen merkwrdigen Gegensatz das Lager des Gotenknigs in
seiner schlichten Einfachheit. Kaum einen Fu vom Marmorboden erhob sich
das ovale Gestell von rohem Eichenholz, das wenige Decken fllten. Nur der
kstliche Purpurteppich, der die Fe verhllte, und das Lwenfell mit
goldnen Tatzen, ein Geschenk des Vandalenknigs aus Afrika, das vor dem
Bette lag, bekundete die Knigshoheit des Kranken. Alles Gert, das sonst
das Gemach erfllt, war prunklos, schlicht, fast barbarisch schwer.

An einer Sule im Hintergrund hing der eherne Schild und das breite
Schwert des Knigs, seit vielen Jahren nicht mehr gebraucht. Am Kopfende
des Lagers stand, gebeugten Hauptes, der alte Waffenmeister, die Zge des
Kranken sorglich prfend: dieser, auf den linken Arm gesttzt, kehrte ihm
das gewaltige, das majesttische Antlitz zu. Sein Haar war sprlich und an
den Schlfen abgerieben durch den langjhrigen Druck des schweren Helmes,
aber noch glnzend hellbraun, ohne irgend graue oder weie Spuren. Die
mchtige Stirn, die blitzenden Augen, die stark gebogene Nase, die tiefen
Furchen der Wangen sprachen von groen Aufgaben und von groer Kraft, sie
zu lsen und machten den Eindruck des Gesichts kniglich und hehr: aber
die wohlwollende Weichheit des Mundes bekundete, trotz dem grimmen und
leise ergrauenden Bart, jene Milde und friedliche Weisheit, mit welcher
der Knig ein Menschenalter lang fr Italien eine goldne Zeit
zurckgefhrt und sein Reich zu einer Blte erhoben hatte, die damals
schon Sprichwort und Sage feierten.

Lang lie er mit Huld und Liebe das goldbraune Adlerauge auf dem riesigen
Krankenwart ruhen. Dann reichte er ihm die magre, aber nervige Rechte.
Alter Freund, sagte er, nun wollen wir Abschied nehmen.

Der Greis sank in die Knie und drckte die Hand des Knigs an die breite
Brust. Komm, Alter, steh' auf: mu _ich dich_ trsten?

Aber Hildebrand blieb auf den Knieen und erhob nur das Haupt, da er dem
Knig ins Auge sehen konnte. Sieh, sprach dieser, ich wei, da du,
Hildungs Sohn, von deinen Ahnen, von deinem Vater her tiefere Geheimkunde
hast von der Menschen Siechtum und Heilung, als alle diese griechischen
rzte und lydischen Salbenkrmer. Und vor allem: du hast mehr
Wahrhaftigkeit. Darum frage ich dich, du sollst mir redlich besttigen,
was ich selbst fhle: sprich, ich mu sterben? heute noch? noch vor
Nacht?

Und er sah ihn an mit einem Auge, das nicht zu tuschen war. Aber der Alte
wollte gar nicht tuschen, er hatte jetzt seine zhe Kraft wieder. Ja,
Gotenknig, Amalungen Erbe, du mut sterben, sagte er: die Hand des
Todes hat ber dein Antlitz gestrichen. Du wirst die Sonne nicht mehr
sinken sehen.

Es ist gut, sagte Theoderich, ohne mit der Wimper zu zucken. Siehst du,
der Grieche, den ich fortgeschickt, hat mir noch von ganzen Tag
vorgelogen. Und ich brauche doch meine Zeit.

Willst du wieder die Priester rufen lassen? fragte Hildebrand, nicht mit
Liebe. - Nein, ich konnte sie nicht brauchen. Und ich brauche sie nicht
mehr. - Der Schlaf hat dich sehr gestrkt und den Schleier von deiner
Seele genommen, der sie so lang verdunkelt. Heil dir, Theoderich,
Theodemers Sohn, du wirst sterben wie ein Heldenknig.

Ich wei, lchelte dieser, die Priester waren dir nicht genehm an
diesem Lager. Du hast Recht. Sie konnten mir nicht helfen. - Nun aber,
wer hat dir geholfen?

Gott und ich selbst. Hre. Und diese Worte sollen unser Abschied sein!
Mein Dank fr deine Treue von fnfzig Jahren sei es, da ich dir allein,
nicht meiner Tochter, nicht Cassiodor, es vertraue, was mich geqult hat.
Sprich: was sagt man im Volk, was glaubst du, da jene Schwermut war, die
mich pltzlich befallen und in dieses Siechtum gestrzt hat? - Die
Welschen sagen: Reue ber den Tod des Bothius und Symmachus. - Hast du
das geglaubt? - Nein, ich mochte nicht glauben, da dich das Blut der
Verrter bekmmern kann. - Du hast wohlgethan. Sie waren vielleicht
nicht des Todes schuldig: nach dem Gesetz, nach ihren Thaten. Und Bothius
habe ich sehr geliebt. Aber sie waren tausendfach Verrter! Verrter in
ihren Gedanken, Verrter an meinem Vertrauen, an meinem Herzen. Ich habe
sie, die Rmer, hher gehalten als die Besten meines Volkes. Und sie
haben, zum Dank, meine Krone dem Kaiser gewnscht, dem Byzantiner
Schmeichelbriefe geschrieben: sie haben einen Justin und einen Justinian
der Freundschaft des Theoderich vorgezogen -: mich reut der Undankbaren
nicht. Ich verachte sie. Rate weiter! Du, was hast du geglaubt? - Knig:
dein Erbe ist ein Kind und du hast ringsum Feinde. Der Kranke zog die
khnen Brauen zusammen: Du triffst nher ans Ziel. Ich habe stets gewut,
was meines Reiches Schwche. In bangen Nchten hab' ich geseufzt um seine
innere Krankheit, wann ich am Abend beim Gastgelag den fremden Gesandten
den Stolz hchster Zuversicht gezeigt hatte. Alter, du hast, ich wei,
mich fr allzu sicher gehalten. Aber mich durfte niemand beben sehen.
Nicht Freund noch Feind. Sonst bebte mein Thron. Ich habe geseufzt, wann
ich einsam war und meine Sorge allein getragen. - Du bist die Weisheit,
mein Knig, und ich war ein Thor! rief der Alte. Sieh, fuhr der Knig
fort, - mit der Hand ber die des Alten streichend -, ich wei alles, was
dir nicht recht an mir gewesen. Auch deinen blinden Ha gegen diese
Welschen kenne ich. Glaube mir, er ist blind. Wie vielleicht meine Liebe
zu ihnen war. Hier seufzte er und hielt inne. Was qulst du dich. -
Nein, la mich vollenden. Ich wei es, mein Reich, das Werk meines
ruhmvollen, mhevollen Lebens kann fallen, leicht fallen. Und vielleicht
durch Schuld meiner Gromut gegen diese Rmer. Sei es darum! Kein
Menschenbau ist ewig und die Schuld zu edler Gte - ich will sie tragen.

Mein groer Knig! - Aber, Hildebrand, in einer Nacht, da ich so
wachte, sorgte und seufzte ber den Gefahren meines Reiches, - da stieg
mir vor der Seele auf das Bild einer andern Schuld! Nicht der Gte, nein,
der Ruhmsucht, der blutigen Gewalt. Und wehe, wehe mir, wenn das Volk der
Goten sollte untergehn zur Strafe fr Theoderichs Frevel! - _Sein_, _sein_
Bild tauchte mir empor!

Der Kranke sprach nun mit Anstrengung und zuckte einen Augenblick. Wessen
Bild? Wen meinst du? fragte der Alte leise, sich vorbeugend. Odovakar!
flsterte der Knig. Hildebrand senkte das Haupt. Ein banges Schweigen
unterbrach endlich Theoderich: Ja, Alter, diese Rechte, - du weit es, -
hat den gewaltigen Helden durchstoen, beim Mahl, meinen Gast. Hei
spritzte sein Blut mir ins Gesicht und ein Ha ohne Ende sprhte auf mich
aus seinem brechenden Auge. Vor wenigen Monden, in jener Nacht, stieg sein
blutiges, bleiches, zrnendes Bild wie eines Rachegottes vor mir auf.
Fiebernd zuckte mein Herz zusammen. Und furchtbar sprach's in mir: um
dieser Blutthat willen wird dein Reich zerfallen und dein Volk vergehn.

Nach einer neuen Pause begann diesmal Hildebrand, trotzig aufblickend:
Knig, was qulst du dich wie ein Weib? Hast du nicht Hunderte erschlagen
mit eigner Hand und dein Volk Tausende auf dein Gebot? Sind wir nicht von
den Bergen in dies Land herabgestiegen in mehr als dreiig Schlachten, im
Blute watend kncheltief? Was ist dagegen das Blut des einen Mannes! Und
denk': wie es stand. Vier Jahre hatte er dir widerstanden wie der
Auerstier dem Bren. Zweimal hatte er dich und dein Volk hart an den Rand
des Verderbens gedrngt. Hunger, Schwert und Seuche rafften deine Goten
dahin. Endlich, endlich fiel das trotzige Ravenna; ausgehungert, durch
Vertrag. Bezwungen lag der Todfeind dir zu Fen. Da kmmt dir Warnung, er
sinnt Verrat, er will noch einmal den grlichen Kampf aufnehmen, er will
zur Nacht desselben Tages dich und die Deinen berfallen. Was solltest du
thun? Ihn offen zu Rede stellen? War er schuldig, so konnte das nicht
retten. Khn kamst du ihm zuvor und thatest ihm Abends, was er dir Nachts
gethan htte. Und wie hast du deinen Sieg bentzt! Die Eine That hat all'
dein Volk gerettet, hat einen neuen Kampf der Verzweiflung erspart. Du
hast all' die Seinen begnadigt, hast Goten und Welsche dreiig Jahre leben
lassen wie im Himmelreich. Und nun willst du um jene That dich qulen?
Zwei Vlker danken sie dir in Ewigkeit. Ich - ich htt' ihn siebenmal
erschlagen.

Der Alte hielt inne, sein Auge blitzte, er sah wie ein zorniger Riese.
Aber der Knig schttelte das Haupt.

Das ist nichts, alter Recke, alles nichts! Hundertmal hab ich mir
dasselbe gesagt, und verlockender, feiner als deine Wildheit es vermag.
Das hilft all' nichts. Er war ein Held, - der einzige meinesgleichen! -
Und ich hab ihn ermordet, ohne Beweis seiner Schuld. Aus Argwohn, aus
Eifersucht, ja - es mu gesagt sein, aus Furcht, - aus Furcht, noch einmal
mit ihm ringen zu sollen. Das war und ist und bleibt ein Frevel. - Und ich
fand keine Ruhe hinter Ausreden. Dstre Schwermut fiel auf mich. Seine
Gestalt verfolgte mich seit jener Nacht unaufhrlich. Beim Schmaus und im
Rat, auf der Jagd, in der Kirche, im Wachen und im Schlafen. Da schickte
mir Cassiodor die Bischfe, die Priester. Sie konnten mir nicht helfen.
Sie hrten meine Beichte, sahen meine Reue, meinen Glauben, und vergaben
mir alle Snden. Aber Friede kam nicht ber mich und ob _sie_ mir
verziehen, - _ich_ konnte mir nicht verzeihen. Ich wei nicht, ist es der
alte Sinn meiner heidnischen Ahnen: - aber ich kann mich nicht hinter dem
Kreuz verstecken vor dem Schatten des Ermordeten. Ich kann mich nicht
gelst glauben von meiner blutigen That durch das Blut eines unschuldigen
Gottes, der am Kreuze gestorben. - -

Freude leuchtete ber das Antlitz Hildebrands: Du weit, raunte er ihm
zu, ich habe niemals diesen Kreuzpriestern glauben knnen. Sprich, o
sprich, glaubst auch du noch an Thor und Odhin? Haben sie dir geholfen?

Der Knig schttelte lchelnd das Haupt: Nein, du alter,
unverbesserlicher Heide. Dein Walhall ist nichts fr mich. Hre, wie mir
geholfen ward. Ich schickte gestern die Bischfe fort und kehrte tief in
mich selber ein. Und dachte und flehte und rang zu Gott. Und ich ward
ruhiger. Und sieh, in der Nacht kam ber mich tiefer Schlummer, wie ich
ihn seit langen Monden nicht mehr gekannt. Und als ich erwachte, da
schauerte kein Fieber der Qual mehr in meinen Gliedern. Ruhig war ich und
klar. Und dachte dieses: Ich habe es gethan und keine Gnade, kein Wunder
Gottes macht es ungeschehen. Wohlan, er strafe mich. Und wenn er der
zornige Gott des Moses, so rche er sich und strafe mit mir mein ganzes
Haus bis ins siebente Glied. Ich weihe mich und mein Geschlecht der Rache
des Herrn. Er mag _uns_ verderben: er ist gerecht. Aber weil er gerecht
ist, _kann_ er nicht strafen dieses edle Volk der Goten um fremde Schuld.
Er _kann_ es nicht verderben um des Frevels seines Knigs willen. Nein,
das wird er nicht. Und mu dies Volk einst untergehen, - ich fhl' es
klar, dann ist es nicht um meine That. Fr diese weih' ich mich und mein
Haus der Rache des Herrn. Und so kam Friede ber mich und mutig mag ich
sterben.

Er schwieg. Hildebrand aber neigte das Haupt und kte die Rechte, welche
Odovakar erschlagen hatte. -

Das war mein Abschied an dich. Und mein Vermchtnis, mein Dank fr ein
ganzes Leben der Treue. - Jetzt la uns den Rest der Zeit noch diesem Volk
der Goten zuwenden. Komm, hilf mir aufstehen, ich kann nicht in den Kissen
sterben. Dort hangen meine Waffen. Gieb sie mir! - Keine Widerrede -! Ich
will. Und ich kann.

Hildebrand mute gehorchen: rstig erhob sich mit seiner Hilfe der Kranke
von dem Lager, schlug einen weiten Purpurmantel um die Schultern, grtete
sich mit dem Schwert, setzte den niedern Helm mit der Zackenkrone auf das
Haupt und sttzte sich auf den Schaft der schweren Lanze, den Rcken gegen
die breite dorische Mittelsule des Gemaches gelehnt.

So, jetzt rufe meine Tochter. Und Cassiodor. Und wer sonst da drauen.




                            Siebentes Kapitel.


So stand er ruhig, whrend der Alte die Vorhnge an der Thr zu beiden
Seiten zurckschlug, so da Schlafzimmer und Vorhalle nunmehr Einen
ungeschiedenen Raum bildeten. Alle drauen Versammelten - es hatten sich
inzwischen noch mehrere Rmer und Goten eingefunden - nherten sich mit
Staunen und ehrfrchtigem Schweigen dem Knig.

Meine Tochter, sprach dieser, sind die Briefe aufgesetzt, die meinen
Tod und meines Enkels Thronfolge nach Byzanz berichten sollen?

Hier sind sie, sprach Amalaswintha.

Der Knig durchflog die Papyrusrollen.

An Kaiser Justinus. Ein zweiter: an seinen Neffen Justinianus. Freilich,
der wird bald das Diadem tragen und ist schon jetzt der Herr seines Herrn!
Cassiodor hat sie verfat - ich sehe es an den schnen Gleichnissen. Aber
halt - und die hohe klare Stirn verdsterte sich - eurem kaiserlichen
Schutze meine Jugend empfehlend. Schutze? Das ist des Guten zu viel.
Wehe, wenn ihr auf Schutz von Byzanz gewiesen seid. _Freundschaft_ mich
empfehlend ist genug von dem Enkel Theoderichs. Und er gab die Briefe
zurck. Und hier ein drittes Schreiben nach Byzanz? An wen? An Theodora,
die edle Gattin Justinians? Wie! an die Tnzerin vom Cirkus? Des
Lwenwrters schamlose Tochter? Und sein Auge funkelte. Sie ist von
grtem Einflu auf ihren Gemahl, wandte Cassiodor ein. - Nein, meine
Tochter schreibt an keine Dirne, die aller Weiber Ehre besudelt hat. Und
er zerri die Papyrusrolle und schritt ber die Stcke zu den Goten im
Mittelgrund der Halle. Witichis, tapferer Mann, was wird dein Amt sein
nach meinem Tod?

Ich werde unser Fuvolk mustern zu Tridentum.

Kein Bessrer knnte das. Du hast noch immer nicht den Wunsch gethan, den
ich dir damals freigestellt nach der Gepidenschlacht. Hast du noch immer
nichts zu wnschen?

Doch, mein Knig.

Endlich! Das freut mich, - sprich. - Heute soll ein armer Kerkerwart,
weil er sich weigerte, einen Angeklagten zu foltern und nach dem Liktor
schlug, selbst gefoltert werden. Herr Knig, gieb den Mann frei: das
Foltern ist schndlich und -

Der Kerkerwart ist frei und von Stund an wird die Folter nicht mehr
gebraucht im Reich der Goten. Sorg dafr, Cassiodorus. Wackrer Witichis,
gieb mir die Hand. Auf da alle wissen, wie ich dich ehre, schenk ich dir
Wallada, mein lichtbraun Edelro, zu Gedchtnis dieser Scheidestunde. Und
kommst du je auf seinen Rcken in Gefahr, oder - hier sprach er ganz
leise zu ihm - will es versagen, flstre dem Ro meinen Namen ins Ohr. -
Wer wird Neapolis hten? Der Herzog Thulun war zu rauh. - Das frhliche
Volk dort mu durch frhliche Mienen gewonnen werden.

Der junge Totila wird dort die Hafenwache bernehmen, sprach Cassiodor.

Totila! Ein sonniger Knabe! Ein Siegfried, ein Gtterliebling! Ihm knnen
die Herzen nicht widerstehen. Aber freilich! Die Herzen dieser Welschen!
Er seufzte und fuhr fort: Wer versichert uns Roms und des Senats?
Cethegus Csarius, sagte Cassiodor mit einer Handbewegung, dieser edle
Rmer. - Cethegus? Ich kenne ihn wohl. Sieh mich an, Cethegus. Ungern
erhob der Angeredete die Augen, die er vor dem groen Blick des Knigs
rasch niedergeschlagen. Doch hielt er jetzt das Adlerauge, das seine Seele
durchdrang, ruhig aus, mit dem Aufgebot aller Kraft. Es war krank,
Cethegus, da ein Mann von deiner Art sich solang vom Staat fern gehalten.
Und von uns. Oder es war gefhrlich. Vielleicht ist es noch gefhrlicher,
da du dich - jetzt - dem Staat zuwendest. - Nicht mein Wunsch, o
Knig.

Ich brge fr ihn, rief Cassiodor. - Still, Freund! Auf Erden mag
keiner fr den andern brgen! - Kaum fr sich selbst! - Aber, fuhr er
forschenden Blickes fort, an die Griechlein wird dieser stolze Kopf -
dieser Csarkopf - Italien nicht verraten.

Noch einen scharfen Blick aus den goldnen Adleraugen mute Cethegus
tragen. Dann ergriff der Knig pltzlich den Arm des nur mit Mhe noch
fest in sich geschlossenen Mannes und flsterte ihm zu: Hre, was ich dir
warnend weissage. Es wird kein Rmer mehr gedeihen auf dem Thron des
Abendlands. Still, kein Widerwort. Ich habe dich gewarnt. - - Was lrmt da
drauen? fragte er, rasch sich wendend, seine Tochter, die einem
meldenden Rmer leisen Bescheid erteilte. Nichts, mein Knig, nichts von
Bedeutung, mein Vater! - Wie? Geheimnisse vor mir? Bei meiner Krone!
Wollt ihr schon herrschen, so lang ich noch atme? Ich vernahm den Laut
fremder Zungen da drauen. Auf die Thren! Die Pforte, welche die uere
Halle mit dem Vorzimmer verband, ffnete sich.

Da zeigten sich unter zahlreichen Goten und Rmern kleine fremd aussehende
Gestalten, in seltsamer Tracht, mit Wmsern aus Wolfsfell, mit spitz
zulaufenden Mtzen und langen zottigen Schafspelzen, die ber ihren Rcken
hingen. berrascht und bewltigt von dem pltzlichen Anblick des Knigs,
der hochaufgerichtet auf sie zuschritt, sanken die Fremden wie vom Blitz
getroffen auf die Kniee.

Ah, Gesandte der Avaren. Das ruberische Grenzgesindel an unsern
Ostmarken! Habt ihr den schuldigen Jahrestribut? - Herr, wir bringen ihn
noch fr diesmal - Pelzwerk, - wollne Teppiche, - Schwerter, - Schilde. -
Da hangen sie, - dort liegen sie. Aber wir hoffen, da fr nchstes Jahr -
wir wollten sehn - Ihr wolltet sehen, ob der greise Dieterich von Bern
nicht altersschwach geworden? Ihr hofftet, ich sei tot? Und meinem
Nachfolger knntet ihr die Schatzung weigern? Ihr irrt, Spher! Und er
ergriff wie prfend eines der Schwerter, welche die Gesandten vor ihm
ausgebreitet, samt der Scheide, nahm es mit zwei Hnden fest an Griff und
Spitze: - ein Druck und in zwei Stcken warf er ihnen das Eisen vor die
Fe. Schlechte Schwerter fhren die Avaren, sagte er ruhig. Und nun
komm, Athalarich, meines Reiches Erbe. Sie wollen dir nicht glauben, da
du meine Krone tragen kannst: zeig ihnen, wie du meinen Speer fhrest.

Der Jngling flog herbei. Die Gluthitze des Ehrgeizes zuckte ber sein
bleiches Antlitz. Er ergriff den schweren Speer seines Grovaters und
schleuderte ihn mit solcher Kraft auf einen der Schilde, welche die
Gesandten an die Holzpfeiler der Halle gelehnt, da er ihn sausend
durchbohrte und die Spitze noch tief in das Holzwerk drang. Stolz legte
der Knig die Linke auf das Haupt seines Enkels und rief den Gesandten zu:
Jetzt geht, daheim zu melden was ihr hier gesehen.

Er wandte sich, die Pforten fielen zu und schlossen die staunenden Avaren
aus. Gebt mir einen Becher Wein. - Leicht den letzten! Nein,
ungemischten! Nach Germanen Art! - und er wies den griechischen Arzt
zurck - Dank, alter Hildebrand, fr diesen Trunk, so treu gereicht. Ich
trinke der Goten Heil. Er leerte langsam den Pokal. Und er setzte ihn
noch fest auf den Marmortisch.

Aber da kam es ber ihn, pltzlich, blitzhnlich, was die rzte lang
erwartet: er wankte, griff an die Brust und strzte rcklings in die Arme
Hildebrands, der langsam niederknieend ihn auf den Marmorestrich gleiten
lie, und das Haupt mit dem Kronhelm auf den Armen hielt.

Einen Augenblick hielten alle lauschend den Atem an: aber der Knig regte
sich nicht und laut aufschreiend warf sich Athalarich ber die Leiche.





                              Zweites Buch.


                               ATHALARICH.


                      Wo wr' die sel'ge Insel wohl zu finden?
                                Schiller, Wilhelm Tell.
                                III. Aufzug. 2. Scene.




                             Erstes Kapitel.


Nicht ohne Grund frchtete und hoffte Freund und Feind in diesem
Augenblick schwere Gefahren fr das junge Gotenreich. Noch waren es nicht
vierzig Jahre, da Theoderich im Auftrag des Kaisers von Byzanz mit seinem
Volk den Isonzo berschritten und dem tapfern Abenteurer Odovakar, den ein
Aufstand der germanischen Sldner auf den Thron des Abendlands erhoben,
Krone und Leben entrissen hatte. Alle Weisheit und Gre des Knigs hatte
nicht die Unsicherheit beseitigen knnen, die in der Natur seiner mehr
khnen als besonnenen Schpfung lag. Trotz der Milde seiner Regierung
fhlten die Italier - und wir wollen uns hten, solche Gesinnung zu
verdammen - aufs tiefste die Schmach der Fremdherrschaft. Und diese
Fremden waren als Barbaren und Ketzer doppelt verhat. Nach der Auffassung
jener Zeit galten das westrmische und das ostrmische Reich als eine
unteilbare Einheit und, nachdem die Kaiserwrde im Occident erloschen,
erschien der ostrmische Kaiser als der einzige rechtmige Herr des
Abendlands. Nach Byzanz also waren die Augen aller rmischen Patrioten,
aller rechtglubigen Katholiken von Italien gerichtet: von Byzanz
erhofften sie Befreiung aus dem Joche der Ketzer, der Barbaren, Tyrannen.
Und Byzanz hatte Macht und Neigung, diese Hoffnung zu erfllen. Waren auch
die Unterthanen des Imperators nicht mehr die Rmer Csars oder Trajans: -
noch gebot das Ostreich ber eine sehr ansehnliche, den Goten durch alle
Mittel der Bildung und eines lang bestehenden Staatswesens unendlich
berlegene Macht.

An der Lust aber, diese berlegenheit zur Vernichtung des Barbarenreiches
zu gebrauchen, konnte es nicht fehlen, da das Verhltnis beider Staaten
von vornherein auf berlistung, Mitrauen und geheimen Ha gegrndet war.
Vor ihrem Abzug nach Italien hatte die Goten, in den Donaulndern
angesiedelt, an Byzanz ein fr beide Teile unerfreuliches Bundesverhltnis
geknpft, das in Folge des Ehrgeizes ihrer Knige, mehr noch der
Treulosigkeit der Kaiser, fast alle paar Jahre in offnen Krieg zwischen
den ungleichartigen Verbndeten umschlug: wiederholt hatte Theoderich,
obwohl in Zeiten der Ausshnung mit den hchsten Ehren des Reiches, mit
den Titeln Konsul, Patricius, Adoptivsohn des Kaisers ausgezeichnet, seine
Waffen bis vor die Thore der Kaiserstadt getragen.

Um diesen steten Reibungen ein Ende zu machen, hatte Kaiser Zeno, ein
feiner Diplomat, das echt byzantinische Auskunftsmittel getroffen, den
lstigen Gotenknig mit seinem Volk dadurch aus der gefhrlichen
Nachbarschaft zu entfernen, da er ihm als ein Danargeschenk Italien
bertrug, das erst dem eisernen Arm des Helden Odovakar entrissen werden
mute.

In der That, wie immer der Kampf zwischen den beiden deutschen Frsten
enden mochte: Byzanz mute immer gewinnen. Siegte Odovakar, so waren die
Goten und ihr furchtbarer Knig, denen man schne Provinzen und schwere
Jahrgelder hatte berlassen mssen, fr immer beseitigt. Siegte
Theoderich, nun, so war ein Anmaer, den man zu Byzanz niemals anerkannt
hatte, gestrzt und gestraft: und da Theoderich im Namen und Auftrag des
Kaisers siegen und als Statthalter herrschen sollte, durch eine ruhmvolle
Eroberung das Abendland wieder mit dem Ostreich vereinigt.

Aber der Ausgang des feinen Planes war doch nicht der erwnschte. Denn als
Theoderich gesiegt und sein Reich in Italien gegrndet hatte, entfaltete
sich alsbald die ganze Groartigkeit seines Geistes und erwarb ihm eine
Stellung, in der, bei aller Hflichkeit in den Formen, doch jede
Abhngigkeit von Byzanz vllig verschwand.

Nur wo es ihm diente, so, um die Abneigung der Italier zu schwchen,
berief er sich formell auf jenen Auftrag des Kaisers: in Wahrheit aber
herrschte er auch ber die Italier wie ber seine Goten nicht als
Statthalter und im Namen des Byzantiners, sondern kraft eignen Rechts,
kraft seines Sieges, als Knig der Goten und Italier. Dies fhrte
natrlich zu Mihelligkeiten mit dem Kaiser, die wiederholt in offnen
Krieg zwischen den beiden Reichen aufloderten. Es war also kein Zweifel,
da man zu Byzanz sehr bereit war, dem Seufzen Italiens nach Abwerfung des
Barbarenjoches ein Ende zu bringen, so wie man sich stark genug fhlte.
Und die Goten hatten keine Bundesgenossen gegen diese innern und uern
Feinde. Denn Theoderichs Ruhm und Ansehen und seine Politik der
Verschwgerung mit allen Germanenfrsten hatten ihm doch nur eine Art
moralischen Protektorats, keine sichre Verstrkung seiner Macht
verschaffen knnen.

Es fehlte dem Gotenreich, das eine geniale Persnlichkeit allzuverwegen
und vertrausam mitten in das Herz der rmischen Bildungswelt gepflanzt
hatte, der unmittelbare Zusammenhang mit noch nicht romanisierten
Volkskrften, es fehlte der Nachschub an frischen germanischen Elementen,
der das gleichzeitig entstehende Reich der Franken immer wieder verjngt
und wenigstens dessen nordstliche Teile vor der mit der Romanisierung
verbundenen Fulnis bewahrt hatte, whrend die kleine gotische Insel, auf
allen Seiten von den feindlichen Wellen des rmischen Lebens umsplt und
benagt, diesen gegenber von Jahr zu Jahr zusammenschmolz.

So lange Theoderich, der gewaltige Schpfer dieses gewagten Werkes lebte,
blendete der Glanz seines Namens ber die Gefahren und Blen seiner
Schpfung.

Aber mit Recht zitterte man vor dem Augenblick, da das Steuer dieses
gefhrdeten Schiffes in die Hand eines Weibes oder eines kranken Jnglings
bergehen sollte: Aufstnde der Italier, Einmischung des Kaisers, Abfall
der unterworfnen, Angriffe der feindlichen Barbarenstmme waren zu
besorgen. Wenn der gefhrliche Augenblick gleichwohl ruhig vorberging, so
war dies vor allem der unermdlich eifrigen und vorsorglichen Thtigkeit
zu danken, die Cassiodor, des Knigs Freund und lang bewhrter Minister,
schon seit Wochen entfaltet hatte und jetzt, nach dem Tode Theoderichs,
verdoppelte. Um die Italier in Ruhe zu erhalten, ward sofort ein Manifest
erlassen, das die Thronbesteigung Athalarichs, unter Vormundschaft seiner
Mutter, als eine bereits vollendete und in aller Ruhe vollzogene Thatsache
Italien und den Provinzen verkndete. Sofort auch wurden in alle Teile des
Reiches Beamte entsendet, die den Huldigungseid der Bevlkerung
entgegennehmen, aber auch im Namen des jungen Knigs eidlich geloben
sollten, da die neue Regierung alle Rechte und Freiheiten der Italier und
Provinzialen achten und in allen Stcken die Milde, ja Vorliebe des groen
Toten fr seine rmischen Unterthanen zum Muster nehmen werde.

Gleichzeitig wurde aber auch dafr gesorgt, da eine Furcht gebietende
Entfaltung der gotischen Heeresmacht an den Grenzen und in den wichtigsten
oder unruhigsten Stdten des Reiches ueren und inneren Gegnern die Lust
zu Feindseligkeiten vertreibe, whrend mit dem Kaiserhof das gute
Vernehmen durch Gesandtschaften und Briefe sehr verbindlicher Haltung
befestigt oder erneuert wurde.




                             Zweites Kapitel.


Neben Cassiodor war es nun aber vor allen Ein Mann, der in jenen Tagen des
bergangs eine bedeutende und, wie es der Regentschaft schien,
hochverdienstliche Rolle spielte.

Das war kein andrer als Cethegus.

Er hatte das wichtige Amt eines Stadtprfekten von Rom bernommen. Er war,
sowie der Knig die Augen geschlossen, spornstreichs aus dem Palast und
den Thoren von Ravenna nach der ihm anvertrauten Tiberstadt geeilt und
dort vor aller Kunde des Geschehenen eingetroffen.

Sofort, noch eh' der Tag angebrochen, hatte er die Senatoren in dem
Senatus, d. h. dem geschaffenen Hallenbau Domitians nahe dem Janus
Geminus, rechtsab vom Severusbogen, versammelt, darauf das Gebude mit
gotischen Truppen umstellt, die berraschten Senatoren - von denen er gar
manchen erst neuerlich in den Katakomben gesehen und zur Vertreibung der
Barbaren angefeuert hatte - von dem bereits vollzognen Thronwechsel
benachrichtigt und, (nicht ohne einige auf die von dem Saal aus deutlich
sichtbaren Speere der Gotentausendschaft gelinde hinweisende Worte,) mit
einer keinen Widerspruch duldenden Raschheit fr Athalarich in Eid und
Pflicht genommen.

Dann verlie er den Senatus, wo er die Vter eingeschlossen hielt, bis
er in dem flavischen Amphitheater, wohin er eine Volksversammlung der
Rmer berufen, diese unter Beiziehung der starken gotischen Besatzung
abgehalten und die leicht beweglichen Quiriten durch eine meisterhafte
Rede fr den jungen Knig begeistert hatte. Er zhlte die Wohlthaten
Theoderichs auf, verhie gleiche Milde von dessen Enkel, der brigens
bereits von ganz Italien, den Provinzen und den Vtern dieser Stadt
anerkannt sei, meldete eine allgemeine Speisung des rmischen Volkes mit
Brot und Wein als den ersten Regierungsakt Amalaswinthens an und schlo
mit der Verkndung siebentgiger Cirkusspiele, - Wettfahrten mit
einundzwanzig spanischen Viergespannen - mit welchen er selbst die
Thronbesteigung Athalarichs und den Antritt seiner Prfektur feiern werde.

Da erhob tausendstimmiges Jubelgeschrei die Namen der Regentin und ihres
Sohnes, aber noch lauter den Namen Cethegus, das Volk verlief sich in
heller Freude, die eingesperrten Senatoren wurden nunmehr entlassen und
die ewige Stadt war fr die Goten erhalten. Der Prfekt aber eilte nach
seinem Hause am Fu des Kapitols, schlo sich ein und schrieb eifrig
seinen Bericht an die Regentin. -

Jedoch ungestm pochte es alsbald an der ehernen Vorthr des Hauses. Es
war Lucius Licinius, der junge Rmer, den wir in den Katakomben kennen
gelernt: er schlug mit dem Schwertknauf gegen die Pforte, da das Haus
drhnte. Ihm folgten Scvola, der Jurist, - er war unter den Eingesperrten
gewesen - mit schwer gefurchter Stirn und Silverius, der Priester, mit
zweifelnder Miene.

Vorsichtig lugte der Ostiarius an der Thre durch eine verborgne Luke in
der Mauer und lie, als er Licinius erkannte, die Mnner ein. Heftig
strmte der Jngling den andern voraus den ihm wohlbekannten Weg durch das
Vestibulum, das Atrium und dessen Sulengang in das Studierzimmer des
Cethegus. Dieser, als er die hastig nahenden Schritte vernahm, erhob sich
von dem Lectus, auf den hingestreckt er schrieb, und verschlo seine
Briefe in einer Capsula mit silberner Kuppel. Ah, die
Vaterlandsbefreier! sagte er lchelnd und trat ihnen entgegen.

Schndlicher Verrter! schrie ihn Licinius an, die Hand am Schwert: -
der Zorn lie ihn nicht weiter sprechen, er zckte halb das breite Eisen
aus der Scheide.

Halt, erst la ihn sich verteidigen, wenn er kann, keuchte, dem
Strmischen in den Arm fallend, Scvola, der jetzt nachgekommen war. Es
ist unmglich, da er abgefallen von der Sache der heiligen Kirche,
sprach Silverius im Eintreten.

Unmglich? lachte Licinius, wie? seid ihr toll oder bin ich's? Hat er
nicht uns, die Ritter, in ihren Husern festhalten lassen? Hat er nicht
die Thore gesperrt und den Pbel fr den Barbaren vereidigt? - Hat er
nicht, sprach Cethegus fortfahrend, die edeln Vter der Stadt,
dreihundert an der Zahl, in der Kurie wie soviel Muse in der Mausfalle
gefangen, dreihundert hochadlige Muse? - Er hhnt uns noch! Wollt ihr
das dulden? rief Licinius. Und Scvola erbleichte vor Zorn. Nun, und was
httet ihr gethan, wenn man euch htte handeln lassen? fragte der Prfekt
ruhig, die Arme auf der breiten Brust kreuzend. Was wir gethan htten?
antwortete Licinius, was wir - was du mit uns hundertmal verabredet!
Sobald die Nachricht von dem Tod des Tyrannen eintraf, htten wir die
Goten in der Stadt erschlagen, die Republik ausgerufen und zwei Konsuln
ernannt - - Namens Licinius und Scvola, das ist die Hauptsache. Nun,
und dann? was dann? - Was dann? die Freiheit htte gesiegt!

Die Thorheit htte gesiegt! herrschte Cethegus losbrechend den
Erschrocknen an. Wie gut, da man euch die Hnde band: ihr httet alle
Hoffnung erwrgt, auf immer. Seht her und dankt mir auf den Knien! Er
nahm Urkunden aus einer andern Papyruskapsel und gab sie den Erstaunten.
Da, lest. Der Feind war gewarnt und hatte seine Schlinge meisterhaft um
den Nacken Roms geschrzt. Wenn ich nicht handelte, so stand in diesem
Augenblick Graf Witichis mit zehntausend Goten vor dem salarischen Thor im
Norden, morgen sperrte der junge Totila mit der Flotte von Neapel im Sden
die Tibermndung, und gegen das Grabmal Hadrians und das aurelische Thor
war Herzog Thulun mit zwanzigtausend Mann von Westen her im Anzug. Httet
ihr heute frh einem Goten ein Haar gekrmmt, was wre geschehen?

Silverius atmete auf. Die beiden andern schwiegen beschmt. Doch fate
sich Licinius: Wir htten den Barbaren getrotzt hinter unsern Mauern,
sprach er, mutig das schne Haupt aufwerfend. - Ja. So wie ich diese
Mauern herstellen werde - eine Ewigkeit, mein Licinius: wie sie jetzt sind
- nicht einen Tag. - So wren wir gestorben als freie Brger, sprach
Scvola. Das httet ihr vor drei Stunden in der Kurie auch gekonnt,
lachte Cethegus achselzuckend. Silverius trat mit offnen Armen, wie um ihn
zu kssen, auf ihn zu; vornehm entzog sich Cethegus: Du hast uns alle, du
hast Kirche und Vaterland gerettet! Ich habe nie an dir gezweifelt!
sprach der Priester. Da ergriff Licinius die Hand des Prfekten, die
dieser ihm willig lie:

Ich habe an dir gezweifelt, rief er mit schner Offenheit, vergieb, du
groer Rmer. Dies Schwert, das dich heute durchbohren sollte, dir ist es
fortan fr ewig zu Dienst. Und bricht der Tag der Freiheit an, dann keine
Konsuln, dann _salve_, Diktator Cethegus! Und mit leuchtenden Augen eilte
er hinaus. Der Prfekt warf ihm einen befriedigten Blick nach. Diktator,
ja, doch nur bis zur vollen Sicherheit der Republik! sprach der Jurist
und folgte ihm. Jawohl, lchelte Cethegus, dann wecken wir Camillus und
Brutus wieder auf und fhren die Republik da fort, wo sie diese vor
tausend Jahren gelassen. Nicht wahr, Silverius? - Prfekt von Rom,
sprach der Priester, du weit, ich hatte den Ehrgeiz, die Sache des
Vaterlands wie der Heiligen zu leiten: ich hab' ihn nicht mehr seit dieser
Stunde. Dein sei die Fhrung, ich folge. Gelobe nur das Eine: Freiheit der
rmischen Kirche - freie Papstwahl. - Jawohl, sagte Cethegus, sowie
nur erst Silverius Papst geworden. Es gilt. - Der Priester schied mit
einem Lcheln auf den Lippen, aber schwere Gedanken im Herzen. Geht,
sagte Cethegus nach einer Pause, den Dreien nachblickend, ihr werdet
keinen Tyrannen strzen: - ihr braucht einen Tyrannen! Dieser Tag, diese
Stunde wurden entscheidend fr Cethegus: fast ohne seinen Willen ward er
durch die Ereignisse fortgetrieben zu neuen Stimmungen und Anschauungen,
zu Zielen, die er sich bisher nie mit solcher Klarheit vorgesteckt, oder
doch nie als mehr denn Trume, die er sich als Ziele eingestanden hatte.

Er erkannte sich in diesem Augenblick als alleinigen Herrn der Lage: er
hatte die beiden groen Parteien der Zeit, die Gotenregierung und ihre
Feinde, die Verschwornen, vllig in seiner Hand. Und in der Brust dieses
gewaltigen Mannes wurde die Haupttriebfeder, die er seit Jahrzehnten fr
gelhmt erachtet, pltzlich wieder in mchtigste Thtigkeit gesetzt: der
unbegrenzte Drang, ja das Bedrfnis, _zu herrschen_, machte sich mit einem
Male alle Krfte dieses reichen Lebens dienstbar und trieb sie an zu
heftiger Bewegung.

Cornelius Cethegus Csarius war der Abkmmling eines alten und unermelich
reichen Geschlechts, dessen Ahnherr den Glanz seines Hauses als Feldherr
und Staatsmann Csars in den Brgerkriegen gegrndet: - man sagte, er sei
ein Sohn des groen Diktators gewesen. - Unser Cethegus hatte von der
Natur die vielseitigsten Anlagen und die gewaltigsten Leidenschaften und
durch seine gewaltigen Reichtmer die Mittel erhalten, jene aufs
groartigste zu entfalten, diese aufs groartigste zu befriedigen. Er
empfing die sorgfltigste Bildung, die damals einem jungen Adligen Roms
gegeben werden konnte.

Er bte sich bei den ersten Lehrern in den schnen Knsten. Er trieb zu
Berytus, zu Alexandrien, zu Athen in den besten Schulen mit glnzenden
Erfolgen das Studium des Rechts, der Geschichte, der Philosophie.

Aber all das befriedigte ihn nicht. Er fhlte den Hauch des Verfalls in
aller Kunst und Wissenschaft seiner Zeit. Die Philosophie insbesondre
vermochte nur die letzten Reste des Glaubens in ihm zu zerstren, ohne ihm
irgend welche Befriedigung in positiven Ergebnissen zu gewhren. Als er
von seinen Studien zurckkam, fhrte ihn sein Vater nach der Sitte der
Zeit in den Staatsdienst ein: rasch stieg der glnzend Begabte von Amt zu
Amt.

Aber pltzlich sprang er aus.

Nachdem er die Staatsgeschfte zur Genge kennen gelernt, mochte er nicht
lnger ein Rad in der groen Maschine des Reiches sein, das die Freiheit
ausschlo und obenein dem Barbarenknig diente. Da starb sein Vater und
Cethegus warf sich, nun Herr seiner selbst und eines ungeheuern Vermgens
geworden, mit der Gewalt, mit welcher er alles verfolgte, in die wildesten
Strudel des Lebens, des Genusses, der Lste. Mit Rom war er bald fertig:
da machte er groe Reisen nach Byzanz, nach gypten, bis nach Indien drang
er vor. Da war kein Luxus, kein unschuldiger und kein schuldiger Genu,
den er nicht schlrfte. Nur ein sthlerner Krper konnte die
Anstrengungen, die Entbehrungen, die Abenteuer, die Ausschweifungen dieser
Fahrten ertragen.

Nach zwlf Jahren kehrte er zurck nach Rom.

Es hie, er werde groartige Bauten auffhren; man freute sich, das
ppigste Leben in seinen Husern und Villen beginnen zu sehen, man
tuschte sich sehr.

Cethegus baute sich nur das kleine Haus am Fu des Kapitols, bequem und
von feinstem Geschmack, und lebte mitten in dem volkreichen Rom wie ein
Einsiedler.

Er gab unvermutet eine Schilderung seiner Reisen heraus, eine
Charakterisierung der wenig bekannten Vlker und Lnder, die er besucht.
Das Buch hatte unerhrten Erfolg; Cassiodor und Bothius warben um seine
Freundschaft, der groe Knig wollte ihn an seinen Hof ziehen. Aber
pltzlich war er aus Rom verschwunden. Das Ereignis, das ihn in jenen
Tagen betroffen haben mute, blieb allen Nachforschungen der Neugier, der
Teilnahme, der Schadenfreude verborgen.

Man erzhlte sich damals, arme Fischer htten ihn eines Morgens am Ufer
des Tibers vor den Thoren der Stadt, bewutlos und dem Tode nah, gefunden.

Wenige Wochen spter tauchte er wieder an der Nordostgrenze des Reiches in
den unwirtlichen Donaulndern auf, wo der blutige Krieg mit Gepiden, mit
Avaren und Sclavenen raste. Dort schlug er sich mit todverachtender
Tapferkeit mit diesen wilden Barbaren herum, verfolgte sie mit erlesenen,
von ihm besoldeten Scharen freiwillig in alle Schlupfwinkel ihrer Felsen,
schlief alle Nchte auf der gefrornen Erde. Und als der gotische Feldherr
ihm eine kleine Schar zu einem Streifzug anvertraute, griff er statt
dessen Sirmium an, die feste Hauptstadt der Feinde, und eroberte sie mit
nicht geringerer Feldherrnkunst als Tapferkeit. Nach dem Friedensschlu
machte er abermals Reisen nach Gallien und Spanien und Byzanz, kehrte von
da nach Rom zurck und lebte dort jahrelang in einer verbitterten Mue und
Zurckgezogenheit, alle kriegerischen, brgerlichen, wissenschaftlichen
mter und Ehren ausschlagend, die ihm Cassiodor aufdringen wollte. Er
schien fr nichts mehr Interesse zu haben, als fr seine Studien.

Vor einigen Jahren brachte er von einer Reise nach Gallien einen schnen
Jngling oder Knaben mit, welchem er Rom und Italien zeigte und vterliche
Liebe und Sorgfalt erwies. Es hie, er wolle ihn adoptieren: solange
dieser sein junger Gast um ihn war, trat er aus seiner Einsamkeit heraus,
lud die adlige Jugend Roms zu glnzenden Festen in seine Villen und war
bei den Gegeneinladungen, die er alle annahm, der liebenswrdigste
Gesellschafter. Aber sowie er den jungen Julius Montanus mit einem
stattlichen Gefolge von Pdagogen, Freigelassenen und Sklaven nach
Alexandrien in die gelehrten Schulen entsendet hatte, brach er pltzlich
wieder alle Verbindungen ab und zog sich in seine undurchdringliche
Abgeschlossenheit zurck, grollend wie es schien mit Gott und der ganzen
Welt. Mit schwerer Mhe gelang es dem Priester Silverius und Rusticianen,
ihn aus seiner ablehnenden Ruhe heraus und zur Teilnahme an der
Katakombenverschwrung fortzuziehen. Er wurde, wie er ihnen sagte, Patriot
aus eitel Langweile. Und in der That, bis zu dem Tod des Knigs hatte er
das Unternehmen, dessen Leitung doch in seiner und des Diakons Hand lag,
fast mit Abneigung betrieben.

Dies wurde jetzt anders. Der tiefste Zug seines Wesens, der Drang in allen
mglichen Gebieten des Geistes sich zu versuchen, die Schwierigkeiten zu
berwinden, alle Nebenbuhler zu berflgeln, in jedem Lebenskreise, den er
betrat, zu herrschen, allein und ohne Widerstand und, sobald er den
Siegeskranz genommen, ihn gleichgltig wegzuwerfen und nach neuen Aufgaben
auszuschauen, hatte ihn bisher bei keinem Ziele volle Befriedigung finden
lassen. Kunst, Wissenschaft, Genu, Amtsehre, Kriegsruhm: - alles hatte
ihn gereizt, alles hatte er wie kein andrer gewonnen und alles hatte ihn
leer gelassen. Herrschen, der erste sein, ber widerstrebende Verhltnisse
mit allen Mitteln berlegner Kraft und Klugheit siegen und dann ber
knirschende Menschen ein ehernes Regiment fhren, das allein hatte er
unbewut und bewut von jeher erstrebt: nur darin fhlte er sich wohl.

In stolzen, vollen Atemzgen hob sich darum in dieser Stunde seine Brust:
er, der Eisigkalte, erglhte in dem Gedanken, da er ber die beiden
groen feindlichen Mchte der Zeit, Goten und Rmer, heute mit einem
Zucken seiner Wimper gebot: und aus diesem Wonnegefhl der Herrschaft
stieg ihm mit dmonischer Gewalt die berzeugung empor, da es fr ihn und
seinen Ehrgeiz nur noch Ein Ziel gab, welches das Leben der Mhe des
Lebens wert machen knne, nur noch Ein Ziel, ein sonnenfernes, jedem
andern unerreichbares: - er glaubte gern an seine Abkunft von Julius Csar
und er fhlte das Blut Csars aufwallen in seinen Adern bei dem Gedanken:
- Csar, Imperator des Abendlands, Kaiser der rmischen Welt! - - - -

Als vor Monaten dieser Blitz zum erstenmal seine Seele durchzuckt hatte, -
kein Gedanke, - kein Wunsch, - nur ein Schatte, ein Traum, - erschrak er
und lchelte zugleich ber seine unermeliche Khnheit. Er Kaiser und
Wiederaufrichter des rmischen Weltreichs! Und Italien bebte unter dem
Schritt von dreimalhunderttausend gotischen Kriegern! Und der grte aller
Barbarenknige, dessen Ruhm die Erde erfllte, sa gewaltig herrschend zu
Ravenna. Und wenn die Macht der Goten gebrochen war, so streckten die
Franken ber die Alpen, die Byzantiner bers Meer die gierigen Hnde nach
der italienischen Beute, zwei groe Reiche gegen ihn, den einzelnen
Mann! -

Denn wahrlich, einsam stand er in seinem Volk! Wie genau kannte, wie
bitter verachtete er seine Landsleute, die unwrdigen Enkel groer Ahnen!
Wie lachte er der Schwrmerei eines Licinius oder Scvola, die mit diesen
Rmern die Tage der Republik erneuern wollten!

Er stand allein.

Aber gerade dies reizte seinen stolzen Ehrgeiz. Und gerade in diesem
Augenblick, da ihn die Verschworenen verlassen hatten, da seine
berlegenheit gewaltiger als je ihnen und ihm selbst klar geworden war,
gerade jetzt scho in seiner Brust was frher ein schmeichelnd Spiel
seiner trumenden Stunden gewesen mit Blitzesschnelle zum klaren Gedanken,
zum festen Entschlu empor.

Die Arme ber der mchtigen Brust gekreuzt, mit starken Schritten, wie ein
Lwe seinen Kfig, das Gemach durchmessend, sprach er in abgerissenen
Stzen zu sich selbst:

Mit einem tchtigen Volk hinter sich die Goten hinaustreiben, Griechen
und Franken nicht hereinlassen: - das wre nicht schwer, das knnte ein
andrer auch. Aber allein, ganz allein, von diesen Mnnern ohne Mark und
Willen mehr gehemmt als getragen, das Ungeheure vollenden, und diese
Memmen erst wieder zu Helden, diese Sklaven zu Rmern, diese Knechte der
Pfaffen und Barbaren wieder zu Herren der Erde machen: - das, das ist der
Mhe wert. Ein neues Volk, eine neue Zeit, eine neue Welt schaffen,
allein, ein einziger Mann, mit der Kraft seines Willens und der Macht
seines Geistes: - das hat noch kein Sterblicher vollbracht: - das ist
grer als Csar: er fhrte Legionen von Helden! Und doch, es kann gethan
werden, denn es kann gedacht werden. Und ich, der's denken konnte, ich
kann's auch thun. Ja, Cethegus, das ist ein Ziel, dafr verlohnt sich's zu
denken, zu leben, zu sterben. Auf und ans Werk, und von nun an: - keinen
Gedanken mehr und kein Gefhl als fr dies Eine.

Er stand still vor der Kolossalstatue Csars aus weiem parischem Marmor,
die, das Meisterwerk des Arkesilaos und der edelste Schmuck, ja nach der
Familientradition von Julius Csar selbst dem Sohne geschenkt, das
Heiligtum dieses Hauses, gegenber dem Schreibdivan stand:

Hr' es, gttlicher Julius, groer Ahnherr, es lstet deinen Enkel, mit
dir zu ringen: es giebt noch ein Hheres als du erreicht: schon fliegen
nach einem hheren Ziel als du, ist unsterblich und fallen, fallen aus
solcher Hhe: - das ist der herrlichste Tod. Heil mir, da ich wieder
wei, warum ich lebe.

Er schritt an der Bildsule vorbei und warf einen Blick auf die auf dem
Tisch aufgerollte Militrkarte des rmischen Weltreichs:

Erst diese Barbaren zertreten -: Rom! - Dann den Norden wieder
unterwerfen -: Paris! - Dann zum alten Gehorsam unter die alte
Csarenstadt das abtrnnige Ostreich zurckheischen -: Byzanz! Und weiter,
immer weiter: an den Tigris, an den Indus, weiter als Alexandros - und
zurck nach Westen, durch Skythien und Germanien, an den Tiber - die Bahn,
welche dir, Csar, der Dolch des Brutus durchgeschnitten. - Und so grer
als du, grer als Alexander - o halt, Gedanke, halt ein!

Und der eisige Cethegus loderte und glhte; mchtig pochten seine Adern an
den Schlfen: er drckte die brennende Stirn an die kalte Marmorbrust
Julius Csars, der majesttisch auf ihn niederschaute.




                             Drittes Kapitel.


Aber nicht nur fr Cethegus wurde dieser Tag von entscheidender Bedeutung,
auch fr die Verschwrung in den Katakomben, fr Italien und das Reich der
Goten.

Hatten die Umtriebe der Patrioten, geleitet von mehreren Huptern, die
ber die Mittel, ja sogar ber die Zwecke ihrer Plne nicht immer einig
waren, bisher nur langsame und unsichre Fortschritte gemacht, so ward dies
anders von dem Augenblick an, da der weitaus begabteste Mann dieser
Partei, da Cethegus die Fhrung in die krftige Hand nahm.

Unbedingt hatten sich die bisherigen Hupter des Bundes, - sogar, wie es
schien, Silverius - dem Prfekten untergeordnet, der seine berlegenheit
so mchtig bewhrt und das Leben ihrer Sache gerettet hatte.

Erst von jetzt an wurde der Geheimbund den Goten wahrhaft gefhrlich.

Unermdlich war Cethegus beschftigt, die Macht und Sicherheit ihres
Reiches auf allen Seiten zu untergraben: mit seiner groen Kunst, die
Menschen zu durchschauen, zu gewinnen und zu beherrschen wute er die Zahl
bedeutender Mitglieder und die Mittel der Partei von Tag zu Tag zu
vermehren.

Aber er wute auch mit kluger Vorsicht einerseits jeden Verdacht der
gotischen Regierung zu vermeiden, andrerseits jede unzeitige Erhebung der
Verschwornen zu verhindern. Denn ein Leichtes wr' es freilich gewesen,
pltzlich an Einem Tage in allen Stdten der Halbinsel die Barbaren zu
berfallen, die Erhebung zu beginnen und die Byzantiner, die lngst
hierauf lauerten, zur Vollendung des Sieges ins Land zu rufen. Aber damit
htte der Prfekt seine geheimen Plne nicht hinausgefhrt. Er htte nur
an die Stelle der gotischen Herrschaft die byzantinische Tyrannei gesetzt.

Und wir wissen, er verfolgte ein ganz andres Ziel.

Um dies zu erreichen, mute er sich zuvor in Italien eine Machtstellung
schaffen, wie sie kein andrer besa.

Er mute, wenn auch nur im stillen, der mchtigste Mann im Lande sein, ehe
der Fu eines Byzantiners es betrat, ehe der erste Gote fiel. Die Dinge
muten soweit vorbereitet sein, da die Barbaren von Italien, das hie von
Cethegus, allein, mit mglichst geringer Nachhilfe von Byzanz, vertrieben
wrden, so da nach dem Siege der Kaiser gar nicht umhin konnte, die
Herrschaft ber das befreite Land seinem Befreier, wenn auch zunchst nur
als Statthalter, zu berlassen. Alsdann hatte er Zeit und Anla gewonnen,
den Nationalstolz der Rmer gegen die Herrschaft der Griechlein, wie man
die Byzantiner verchtlich nannte, aufzureizen.

Denn obwohl seit zweihundert Jahren, seit den Tagen des groen Konstantin,
der Glanz der Weltherrschaft von der verwitweten Roma hinweg nach der
goldnen Stadt am Hellespont verlegt und das Scepter von den Shnen des
Romulus auf die Griechen bergegangen schien, obwohl das Ost- und das
Westreich zusammen der Barbarenwelt gegenber Einen Staat der antiken
Bildung bilden sollten, so waren doch auch jetzt noch die Griechen den
Rmern verhat und verchtlich, wie in den Tagen, da Flaminius das
gedemtigte Hellas fr eine Freigelassene Roms erklrt hatte: der alte Ha
war jetzt durch Neid vermehrt. Deshalb war der Mann der Begeisterung und
der Hilfe ganz Italiens gewi, der nach Vertreibung der Barbaren auch die
Byzantiner aus dem Lande weisen wrde: die Krone von Rom, die Krone des
Abendlands war sein sichrer Lohn. Und wenn es gelang, das neugeweckte
Nationalgefhl wieder zum Angriffskrieg ber die Alpen zu treiben, wenn
Cethegus auf den Trmmern des Frankenreichs zu Aurelianum und Paris die
Herrschaft des rmischen Imperators ber das Abendland wieder aufgerichtet
hatte, dann war der Versuch nicht mehr zu khn, auch das losgerissene
Ostreich zurckzuzwingen zum Gehorsam unter das ewige Rom und die
Weltherrschaft am Strand des Tibers da fortzufhren, wo sie Trajan und
Hadrian gelassen. -

Doch um diese fernher leuchtenden Ziele zu erreichen, mute jeder nchste
Schritt auf dem schwindelsteilen Pfad mit grter Vorsicht geschehen:
jedes Straucheln mute fr immer verderben. Um Italien zu beherrschen, als
Kaiser zu beherrschen, mute Cethegus vor allem Rom haben: denn nur an Rom
lieen sich jene Gedanken knpfen. Deshalb wandte der neue Prfekt hchste
Sorgfalt auf die ihm anvertraute Stadt: Rom sollte ihm moralisch und
physisch eine Burg der Herrschaft werden, ihm allein gehrig und
unentreibar. Sein Amt bot ihm dazu die beste Gelegenheit: es war ja die
Pflicht des Prfectus Urbi, fr das Wohl der Bevlkerung, fr Erhaltung
und Sicherheit der Stadt zu sorgen. Cethegus verstand es meisterhaft, die
Rechte, die in dieser Pflicht lagen, fr seine Zwecke auszubeuten: leicht
hatte er alle Stnde fr sich gewonnen: der Adel ehrte in ihm das Haupt
der Katakombenverschwrung, ber die Geistlichkeit herrschte er durch
Silverius, der die rechte Hand und der von der ffentlichen Stimme
bezeichnete Nachfolger des greisen Papstes war und dem Prfekten eine
diesem selbst befremdliche Ergebenheit an den Tag legte. Das niedre Volk
aber fesselte er an seine Person nicht nur durch vorbergehende
Brotspenden und Cirkusspiele aus seiner Tasche, sondern durch groartige
Unternehmungen, die vielen Tausenden auf Jahre hinaus Arbeit und Unterhalt
- auf Kosten der gotischen Regierung - verschafften.

Er setzte bei Amalaswintha den Befehl durch, die Befestigungen Roms, die
seit den Tagen des Honorius durch die Zeit und durch den Eigennutz
rmischer Bauherren vielmehr als durch westgotische und vandalische
Eroberer gelitten hatten, vollstndig und rasch wieder herzustellen, zur
Ehre der ewigen Stadt und, - wie sie whnte, - zum Schutz gegen die
Byzantiner.

Cethegus selbst hatte - und zwar, wie die alsbald folgenden vergeblichen
Belagerungen durch Goten und Byzantiner bewiesen, mit genialem
Feldherrnblick, - den Plan der groartigen Werke entworfen. Und er betrieb
nun mit grtem Eifer das Riesenwerk, die ungeheure Stadt in ihrem weiten
Umfang von vielen Meilen zu einer Festung ersten Ranges umzuschaffen. Die
Tausende von Arbeitern, die wohl wuten, wem sie diese reich bezahlte
Beschftigung verdankten, jubelten dem Prfekten zu, wenn er auf den
Schanzen sich zeigte, prfte, antrieb, besserte und wohl selbst mit Hand
anlegte. Und die getuschte Frstin wies eine Million Solidi nach der
andern an fr einen Bau, an dem alsbald die ganze Streitmacht ihres Volkes
zerschellen und verbluten sollte.

Der wichtigste Punkt dieser Befestigungen war das heute unter dem Namen
der Engelsburg bekannte Grabmal Hadrians. Dies Prachtgebude, von Hadrian
aus parischen Marmorquadern, die ohne anderes Bindungsmittel
zusammengefgt waren, aufgefhrt, lag damals einen Steinwurf vor dem
aurelischen Thor, dessen Mauerseiten es weit berragte. Mit scharfem Auge
hatte Cethegus erkannt, da das unvergleichlich feste Gebude, in seiner
bisherigen Lage ein Festungswerk _gegen_ die Stadt, sich durch ein
einfaches Mittel in ein Hauptbollwerk _fr_ die Stadt verwandeln lie: er
fhrte vom aurelischen Thor zwei Mauern gegen und um das Grabmal. Und nun
bildete die turmhohe Marmorburg eine sturmfreie Schanze fr das aurelische
Thor, um so mehr als der Tiber knapp davor einen natrlichen
Festungsgraben zog. Oben auf der Mauer des Mausoleums aber standen, zum
Teil noch von Hadrian und seinem Nachfolger hier aufgestellt, gegen
dreihundert der schnsten Statuen aus Marmor, Bronze und Erz: darunter der
Divus Hadrianus selbst, sein schner Liebling Antinous, ein Zeus Soter,
die Pallas Stdtebeschirmerin, ein schlafender Faun und viele andere.

Cethegus freute sich seines Gedankens und liebte diese Sttte, wo er
allabendlich zu wandeln pflegte, sein Rom mit dem Blick beherrschend und
den Fortschritt der Schanzarbeiten prfend: und er hatte deshalb eine
reiche Zahl von schnen Statuen aus seinem Privatbesitz hier noch
aufstellen lassen.




                             Viertes Kapitel.


Vorsichtiger mute Cethegus bei Ausfhrung einer zweiten, fr seine Ziele
nicht minder unerllichen Vorbereitung sein. Um selbstndig in Rom, in
_seinem_ Rom, wie er es, als Stadtprfekt, zu nennen liebte, den Goten und
ntigenfalls den Griechen trotzen zu knnen, bedurfte er nicht blo der
Wlle, sondern auch der Verteidiger auf denselben. Er dachte zunchst an
Sldner, an eine Leibwache, wie sie in jenen Zeiten hohe Beamte,
Staatsmnner und Feldherren hufig gehalten hatten, wie sie jetzt Belisar
und dessen Gegner Narses in Byzanz hielten. Nun gelang es ihm zwar, durch
frher auf seinen Reisen in Asien angeknpfte Verbindungen und bei seinen
reichen Schtzen tapfre Scharen der wilden isaurischen Bergvlker, die in
jenen Zeiten die Rolle der Schweizer des sechzehnten Jahrhunderts
spielten, in seinen Sold zu ziehen. Indessen hatte dies Verfahren doch
zwei sehr eng gezogne Schranken.

Einmal konnte er auf diesem Wege, ohne seine fr andre Zwecke
unentbehrlichen Mittel zu erschpfen, doch immer nur verhltnismig
kleine Massen aufbringen, den Kern eines Heeres, nicht ein Heer. Und
ferner war es unmglich, diese Sldner, ohne den Verdacht der Goten zu
wecken, in grerer Anzahl nach Italien, nach Rom zu bringen. Einzeln,
paarweise, in kleinen Gruppen schmuggelte er sie mit vieler List und
vieler Gefahr als seine Sklaven, Freigelassenen, Klienten, Gastfreunde in
seine durch die ganze Halbinsel zerstreuten Villen oder beschftigte sie
als Matrosen und Schiffsleute im Hafen von Ostia oder als Arbeiter in Rom.

Schlielich muten doch die Rmer Rom erretten und beschtzen und all
seine ferneren Plne drngten ihn, seine Landsleute wieder an die Waffen
zu gewhnen.

Nun hatte aber Theoderich wohlweislich die Italier von dem Heer
ausgeschlossen - nur Ausnahmen bei einzelnen als besonders zuverlssig
Erachteten wurden gemacht - und in den unruhigen letzten Zeiten seines
Regiments whrend des Prozesses gegen Bothius ein Gebot allgemeiner
Entwaffnung der Rmer erlassen.

Letzteres war freilich nie streng durchgefhrt worden: aber Cethegus
konnte doch nicht hoffen, die Regentin werde ihm erlauben, gegen den
entschiednen Willen ihres groen Vaters und gegen das offenbare Interesse
der Goten eine irgendwie bedeutende Streitmacht aus Italien zu bilden.

Er begngte sich, ihr vorzustellen, da sie durch ein ganz unschdliches
Zugestndnis sich das Verdienst erwirken knne, jene gehssige Maregel
Theoderichs in edlem Vertrauen aufgehoben zu haben und schlug ihr vor, ihm
zu gestatten, nur zweitausend Mann aus der rmischen Brgerschaft als
Schutzwache Roms rsten, einben und immer unter den Waffen gegenwrtig
halten zu drfen: die Rmer wrden ihr schon fr diesen Schein, da die
ewige Stadt nicht von Barbaren allein gehtet werde, unendlich dankbar
sein. Amalaswintha, begeistert fr Rom und nach der Liebe der Rmer als
ihrem schnsten Ziele trachtend, gab ihre Einwilligung und Cethegus fing
an seine Landwehr, wie wir sagen wrden, zu bilden. Er rief in einer wie
Trompetenschall klingenden Proklamation die Shne der Scipionen zu den
alten Waffen zurck, er bestellte die jungen Adligen der Katakomben zu
rmischen Rittern und Kriegstribunen: er verhie jedem Rmer, der sich
freiwillig meldete, aus seiner Tasche Verdoppelung des von der Frstin
bestimmten Soldes: er hob aus den Tausenden, die sich daraus
herbeidrngten die Tauglichsten aus; er rstete die rmeren aus, schenkte
denen, die sich besonders auszeichneten im Dienst, gallische Helme und
spanische Schwerter aus seinen eignen Sammlungen und - was das Wichtigste
- er entlie regelmig sobald als mglich die hinlnglich Eingebten mit
Belassung ihrer Waffen und hob neue Mannschaften aus, so da, obwohl in
jedem Augenblick nur die von Amalaswintha gestattete Zahl im Dienst stand,
doch in kurzer Frist viele Tausende bewaffnete und waffengebte Rmer zur
Verfgung ihres vergtterten Fhrers standen.

Whrend so Cethegus an seiner knftigen Residenz baute und seine knftigen
Prtorianer heranbildete, vertrstete er den Eifer seiner Mitverschwornen,
die unablssig zum Losschlagen drngten, auf den Zeitpunkt der Vollendung
jener Vorbereitungen, den er natrlich allein bestimmen konnte. Zugleich
unterhielt er eifrigen Verkehr mit Byzanz. Dort mute er sich einer Hilfe
versichern, die einerseits in jedem Augenblick, da er sie rief, auf dem
Kampfplatz erscheinen knnte, die aber andrerseits auch nicht, ehe er sie
rief, auf eigne Faust oder mit einer Strke erschiene, die nicht leicht
wieder zu entfernen wre.

Er wnschte von Byzanz einen guten Feldherrn, der aber kein groer
Staatsmann sein durfte, mit einem Heere, stark genug, die Italier zu
untersttzen, nicht stark genug, ohne sie siegen oder gegen ihren Willen
im Lande bleiben zu knnen. Wir werden in der Folge sehen, wie in dieser
Hinsicht vieles nach Wunsch, aber auch ebenso vieles sehr gegen den Wunsch
des Prfekten sich gestaltete. Daneben war gegenber den Goten, die zur
Zeit noch unangefochten im Besitz der Beute standen, um die Cethegus
bereits im Geiste mit dem Kaiser haderte, sein Streben dahin gerichtet,
sie in arglose Sicherheit zu wiegen, in Parteiungen zu spalten und eine
schwache Regierung an ihrer Spitze zu erhalten.

Das erste war nicht schwer. Denn die starken Germanen verachteten in
barbarischem Hochmut alle offenen und geheimen Feinde: wir haben gesehen,
wie schwer selbst der sonst scharfblickende, helle Kopf eines Jnglings
wie Totila von der Nhe einer Gefahr zu berzeugen war: und die trotzige
Sicherheit eines Hildebad drckte recht eigentlich die allgemeine Stimmung
der Goten aus. Auch an Parteiungen fehlte es nicht in diesem Volk.

Da waren die stolzen Adelsgeschlechter, die Balten mit ihren
weitverzweigten Sippen, an ihrer Spitze die drei Herzoge Thulun, Ibba und
Pitza: die reichbegterten Wlsungen unter den Brdern Herzog Guntharis
von Tuscien und Graf Arahad von Asta: und andre mehr, die alle den Amalern
an Glanz der Ahnen wenig nachgaben und eiferschtig ihre Stellung dicht
neben dem Throne bewachten.

Da waren viele, welche die Vormundschaft eines Weibes, die Herrschaft
eines Knaben nur mit Unwillen trugen, die gern, nach dem alten Recht des
Volkes, das Knigshaus umgangen und einen der erprobten Helden der Nation
auf den Schild erhoben htten. Andrerseits zhlten auch die Amaler blind
ergebene Anhnger, die solche Gesinnung als Treubruch verabscheuten.
Endlich teilte sich das ganze Volk in eine rauhere Partei, die, lngst
unzufrieden mit der Milde, die Theoderich und seine Tochter den Welschen
bewiesen, gern nunmehr nachgeholt htten, was, wie sie meinten, bei der
Eroberung des Landes versumt worden, und die Italier fr ihren heimlichen
Ha mit offener Gewalt zu strafen begehrten. Viel kleiner natrlich war
die Zahl der sanfter und edler Gesinnten, die, wie Theoderich selbst,
empfnglich fr die hhere Bildung der Unterworfenen, sich und ihr Volk zu
dieser emporzuheben strebten. Das Haupt dieser Partei war die Knigin.

Diese Frau nun suchte Cethegus im Besitz der Macht zu erhalten; denn sie,
diese weibliche, schwache, geteilte Herrschaft, verhie, die Kraft des
Volkes zu lhmen, die Parteiung und Unzufriedenheit dauernd zu machen.
Ihre Richtung schlo jedes Erstarken des gotischen Nationalgefhls aus. Er
bebte vor dem Gedanken, einen gewaltigen Mann die Kraft dieses Volkes
gewaltig zusammenfassen zu sehen.

Und manchmal machten ihn schon die Zge von Hoheit, die sich in diesem
Weibe zeigten, mehr noch die feurigen Funken verhaltener Glut, die zu
Zeiten aus Athalarichs tiefer Seele aufsprhten, ernstlich besorgt.
Sollten Mutter und Sohn solche Spuren fter verraten, dann freilich mute
er beide ebenso eifrig strzen wie er bisher ihre Regierung gehalten
hatte. Einstweilen aber freute er sich noch der unbedingten Herrschaft,
die er ber die Seele Amalaswinthens gewonnen. Dies war ihm bald gelungen.
Nicht nur, weil er mit groer Feinheit ihre Neigung zu gelehrten
Gesprchen ausbeutete, in welchen er von dem, wie es schien, ihm berall
berlegenen Wissen der Frstin so hufig berwunden wurde, da Cassiodor,
der oft Zeuge ihrer Disputationen war, nicht umhin konnte, zu bedauern,
wie dies einst glnzende Ingenium durch Mangel an gelehrter bung etwas
eingerostet sei.

Der vollendete Menschenerforscher hatte das stolze Weib noch viel tiefer
getroffen. Ihrem groen Vater war kein Sohn, war nur diese Tochter
beschieden: der Wunsch nach einem mnnlichen Erben seiner schweren Krone
war oft aus des Knigs, oft aus des Volkes Munde schon in ihren
Kinderjahren an ihr Ohr gedrungen. Es emprte das hochbegabte Mdchen, da
man es lediglich um ihres Geschlechtes willen zurcksetzte hinter einem
mglichen Bruder, der, wie selbstverstndlich, der Herrschaft wrdiger und
fhiger sein wrde. So weinte sie als Kind oft bittere Thrnen, da sie
kein Knabe war.

Als sie herangewachsen, hrte sie natrlich nur noch von ihrem Vater jenen
krnkenden Wunsch: jeder andre Mund am Hofe pries die wunderbaren Anlagen,
den mnnlichen Geist, den mnnlichen Mut der glnzenden Frstin. Und das
waren nicht Schmeicheleien: Amalaswintha war in der That in jeder Hinsicht
ein auergewhnliches Geschpf: die Kraft ihres Denkens und ihres Wollens,
aber auch ihre Herrschsucht und kalte Schroffheit berschritten weit die
Schranken, in welchen sich holde Weiblichkeit bewegt. Das Bewutsein, da
mit ihrer Hand zugleich die hchste Stellung im Reich, vielleicht die
Krone selbst, wrde vergeben werden, machte sie eben auch nicht
bescheidener: und ihre tiefste, mchtigste Empfindung war jetzt nicht mehr
der Wunsch, Mann zu sein, sondern die berzeugung, da sie, das Weib,
allen Aufgaben des Lebens und des Regierens so gut wie der begabteste
Mann, besser als die meisten Mnner, gewachsen, da sie berufen sei, das
allgemeine Vorurteil von der geistigen Unebenbrtigkeit ihres Geschlechts
glnzend zu widerlegen.

Die Ehe des kalten Weibes mit Eutharich, einem Amaler aus andrer Linie,
einem Mann von hohen Anlagen des Geistes und reichem Gemt, war kurz -:
Eutharich erlag nach wenigen Jahren einem tiefen Leiden - und wenig
glcklich. Nur mit Widerstreben hatte sie sich ihrem Gatten gebeugt. Als
Witwe atmete sie stolz auf. Sie brannte vor Ehrgeiz, dereinst als
Vormnderin ihres Knaben, als Regentin jene ihre Lieblingsidee zu
bewhren: sie wollte so regieren, da die stolzesten Mnner ihre
berlegenheit sollten einrumen mssen. Wir haben gesehen, wie die
Erwartung der Herrschaft diese kalte Seele sogar den Tod ihres groen
Vaters ziemlich ruhig hatte ertragen lassen.

Sie bernahm das Regiment mit hchstem Eifer, mit unermdlicher
Thtigkeit. Sie wollte alles selbst, alles allein thun.

Sie schob ungeduldig den greisen Cassiodor zur Seite, der ihrem Geist
nicht rasch und krftig genug Schritt hielt. Keines Mannes Rat und Hilfe
wollte sie dulden.

Eiferschtig wachte sie ber ihre Alleinherrlichkeit. Und nur Einem ihrer
Beamten lieh sie gern und hufig das Ohr; demjenigen, der ihr oft und laut
die mnnliche Selbstndigkeit ihres Geistes pries und noch fter dieselbe
still zu bewundern, der den Gedanken, sie beherrschen zu wollen, gar nie
wagen zu knnen schien: sie traute nur Cethegus. Denn dieser zeigte ja nur
den Einen Ehrgeiz, alle Gedanken und Plne der Knigin mit eifriger Sorge
durchzufhren. Nie trat er, wie Cassiodor oder gar die Hupter der
gotischen Partei, ihren Lieblingsbestrebungen entgegen; er untersttzte
sie darin: er half ihr, sich mit Rmern und Griechen umgeben, den jungen
Knig mglichst von der Teilnahme am Regiment ausschlieen, die alten
gotischen Freunde ihres Vaters, die, im Bewutsein ihrer Verdienste und
nach alter Gewohnheit, sich manches freie und derbe Wort des Tadels
erlaubten, als rohe Barbaren allmhlich vom Hof entfernen, die Gelder, die
fr Kriegsschiffe, Rosse, Ausrstung der gotischen Heere bestimmt waren,
fr Wissenschaften und Knste oder auch fr die Verschnerung, Erhaltung
und Sicherung Roms verwenden: - kurz, er war ihr behilflich in allem, was
sie ihrem Volk entfremden, ihre Regierung verhat und ihr Reich wehrlos
machen konnte. Und hatte er selbst einen Plan, immer wute er seine
Verhandlungen mit der Frstin so zu wenden, da sich diese fr die
Urheberin ansehen mute und ihn zu dem Vollzug seiner geheimsten Wnsche
als _ihrer_ Auftrge befehligte.




                             Fnftes Kapitel.


Begreiflicherweise bedurfte es, um solchen Einflu zu gewinnen und zu
pflegen, hufigeren Aufenthalts am Hof, lngerer Abwesenheit von Rom als
seine dortigen Interessen vertrugen. Deshalb strebte er danach, in die
Nhe der Knigin Persnlichkeiten zu bringen, die ihm diese Mhe zum Teil
ersparen knnten, die ihn immer gut unterrichten und warm vertreten
sollten. Die Frauen von mehreren gotischen Edeln, welche grollend Ravenna
verlieen, muten in der Umgebung Amalaswinthens ersetzt werden und
Cethegus trug sich mit dem Gedanken, bei dieser Gelegenheit Rusticiana,
die Tochter des Symmachus, die Witwe des Bothius an den Hof zu bringen.
Die Aufgabe war nicht leicht. Denn die Familie dieser als Hochverrter
hingerichteten Mnner war in Ungnade aus der Knigsstadt verbannt. Vor
allem mute daher die Knigin umgestimmt werden fr sie.

Dies freilich gelang alsbald, indem die Gromut der edeln Frau gegen das
so tief gefallne Haus wachgerufen wurde. Dazu kam, da sie an die niemals
vollbewiesene Schuld von zwei edeln Rmern nie von Herzen hatte glauben
mgen, deren einen, den Gatten Rusticianas, sie als groen Gelehrten und
in manchen Gebieten als ihren Lehrer verehrte. Endlich wute Cethegus zu
betonen, wie gerade diese That, sei es der Gerechtigkeit, sei es der
Gnade, die Herzen all' ihrer rmischen Unterthanen rhren msse. So war
die Regentin leicht gewonnen, Gnade zu erteilen. Viel schwerer ward die
stolze und leidenschaftliche Witwe des Verurteilten bewogen, diese Gnade
anzunehmen. Denn Wut und Rachedurst gegen das Knigshaus erfllten ihre
ganze Seele und Cethegus mute sogar frchten, ihr unbeherrschbarer Ha
knnte sich in der steten Nhe der Tyrannen leicht verraten. Wiederholt
hatte Rusticiana trotz all' seiner sonst so groen Gewalt ber sie dieses
Ansinnen zurckgewiesen.

Da machten sie eines Tages eine sehr berraschende Entdeckung, die zur
Erfllung der Wnsche des Prfekten fhren sollte.

Rusticiana hatte eine kaum sechzehnjhrige Tochter, Kamilla. Aus ihrem
echt rmischen Gesicht mit den edeln Schlfen und den schn geschnittenen
Lippen leuchteten dunkle schwrmerische Augen: der eben erst vollendete
Wuchs zeigte feine, fast allzuzarte Formen, rasch und leicht und fein wie
einer Gazelle waren alle Bewegungen dieser schlanken Glieder. Eine reiche
Seele mit schwungvoller Phantasie lebte in dem lieblichen Mdchen. Mit
aller Inbrunst kindlicher Verehrung hatte sie ihren unglcklichen Vater
geliebt: der Streich, der sein teures Haupt getroffen, hatte tief in das
Leben des heranblhenden Mdchens geschlagen; ungestillte Trauer, heilige
Wehmut, mit der sich die leidenschaftliche Vergtterung seines Martyriums
fr Italien mischte, erfllten alle Trume ihres jungfrulichen
Entfaltens.

Vor dem Sturz ihres Hauses ein gern gesehener Gast am Knigshof war sie
nach dem Schicksalsschlag mit ihrer Mutter ber die Alpen nach Gallien
geflohen, wo ein alter Gastfreund den betrbten Frauen monatelang eine
Zufluchtsttte bot, whrend Anicius und Severinus, Kamillas Brder,
anfnglich ebenfalls verhaftet und zum Tode verurteilt, dann zur
Verbannung aus dem Reich begnadigt, aus dem Kerker sofort nach Byzanz an
den Hof des Kaisers eilten, wo sie Himmel und Hlle gegen die Goten in
Bewegung setzten. Die Frauen waren, als sich der Sturm der Verfolgung
verzogen, nach Italien zurckgekehrt und lebten ihrem stillen Gram im
Huschen eines treuen Freigelassenen zu Perusia, von wo aus freilich
Rusticiana, wie wir gesehen, den Weg zu den Verschworenen in Rom wohl zu
finden wute.

Der Sommer war gekommen, die Jahreszeit, in der vornehme Rmer noch immer,
wie zur Zeit des Horatius und Tibullus, die dumpfe Luft der Stdte zu
fliehen und in seine khlen Villen im Sabinergebirge oder an der
Meereskste sich zu verstecken pflegten. Mit Beschwerde trugen die
verwhnten Edelfrauen den Qualm und Staub in den heien Straen des engen
Perusia, mit Seufzen der herrlichen Landhuser bei Florentia und Neapolis
gedenkend, die sie, wie all' ihr Vermgen, an den gotischen Fiskus
verloren.

Da trat eines Tages der treue Corbulo mit seltsam verlegenem Gesicht vor
Rusticiana. Er habe lngst bemerkt, wie die Patrona unter seinem
unwrdigen Dach zu leiden und mancherlei Ungemach schon durch seine
Hantierung - er war seines Zeichens Steinmetz - zu erdulden gehabt und so
habe er denn an den letzten Calenden ein kleines, freilich nur ein ganz
kleines, Gtchen mit einem noch kleineren Huschen gekauft, droben im
Gebirge bei Tifernum. Freilich, an die Villa bei Florentia drften sie
dabei nicht denken: aber es riesele doch auch dort ein selbst unter dem
Sirius nicht versiegender Waldquell, Eichen und Kornellen gben breiten
Schatten, um den verfallnen Faunustempel wuchre ppig der Epheu und im
Garten habe er Rosen, Veilchen und Lilien pflanzen lassen, wie sie Domna
Kamilla liebe und so mchten sie denn Maultier und Snfte besteigen und
wie andre Edelfrauen ihre Villa beziehen.

Die Frauen, von dieser Treue des Alten gerhrt, nahmen dankbar seine Gte
an und Kamilla, die sich in kindlicher Gengsamkeit auf die kleine
Vernderung freute, war heiterer, belebter als je seit dem Tod ihres
Vaters.

Ungeduldig drngte sie zum Aufbruch und eilte noch am selben Tage mit
Corbulo und Daphnidion, dessen Tochter, voraus, Rusticiana sollte mit den
Sklaven und dem Gepck so bald als mglich folgen.

Die Sonne sank schon hinter die Hgel von Tifernum, als Corbulo, Kamillens
Maultier am Zgel fhrend, aus den Waldhhen auf die Lichtung gelangte,
von wo aus man das Gtchen zuerst wahrnehmen konnte. Lngst hatte er sich
auf die berraschung des Kindes gefreut, wenn er ihr von hier aus das
anmutig gelegene Haus zeigen wrde.

Aber erstaunt blieb er stehen: - er hielt die Hand vor die Augen, ob ihn
die Abendsonne blende, er sah umher, ob er denn nicht an der rechten
Stelle: aber kein Zweifel! da stand ja an dem Rain, wo Wald und Wiese sich
berhrten, der graue Markstein in Gestalt des alten Grenzgottes Terminus
mit seinem spitz zulaufenden Kopf: der rechte Ort war es, aber das
Huschen nicht zu sehen: vielmehr an seiner Stelle eine dichte Gruppe von
Pinien und Platanen: und auch sonst war die ganze Umgebung verndert: da
standen grne Hecken und Blumenbeete, wo sonst Kohl und Rben, und ein
zierlicher Pavillon prangte, wo bisher Sandgruben und die Landstrae sein
bescheidnes Gebiet begrenzt hatten.

Die Mutter Gottes steh' mir bei und alle obern Gtter! rief der
Steinmetz, bin ich verzaubert oder die Gegend? Aber Zauber ist los!
Seine Tochter reichte ihm eifrig das Amulet, das sie am Grtel trug: aber
Aufschlu konnte sie nicht geben, da sie zum erstenmal das neue Besitztum
betrat und so blieb nichts brig, als das Maultier zur grten Eile zu
treiben und springend und rufend begleiteten Vater und Tochter den Trab
des Grauchens die Wiesenhnge hinunter.

Als sie nun nher kamen, fand Corbulo allerdings hinter der Baumgruppe das
Haus, das er gekauft: aber so verjngt, erneuert, verschnt, da er es
kaum erkannte.

Sein Staunen ber die Umwandlung der ganzen Gegend stieg aufs neue zu
aberglubischer Furcht: offnen Mundes blieb er zuletzt stehen, lie die
Zgel fallen und begann eine wieder seltsam gemischte Reihe von
christlichen und heidnischen Ausrufen, als pltzlich Kamilla ebenso
berrascht ausrief: Aber das ist ja der Garten, wo wir gewohnt, das
Viridarium des Honorius zu Ravenna, dieselben Bume, dieselben
Blumenbeete, und auch an jenem Teich, wie zu Ravenna am Meeresufer, der
Tempel der Venus! o wie schn, welche Erinnerung! Corbulo, wie hast du das
angefangen? Und Thrnen freudiger Rhrung traten in ihre Augen. - So
sollen mich alle Teufel peinigen und Lemuren, wenn ich das angefangen
habe. Doch da kommt Cappadox mit seinem Klumpfu, der ist also nicht mit
verhext. Rede, du Cyklope, was ist hier geschehen?

Der riesige Cappadox, ein breitschultriger Sklave, humpelte mit
ungeschlachtem Lcheln heran und erzhlte nach vielen Fragen und
Unterbrechungen des Staunens eine rtselhafte Geschichte. Vor drei Wochen
etwa, wenige Tage nachdem Cappadox auf das Gut geschickt war, es fr
seinen Herrn, der auf lngere Zeit in die Marmorbrche von Luna verreist
war, zu verwalten, kam von Tifernum her ein vornehmer Rmer mit einem Tro
von Sklaven und Arbeitern und mit hochbepackten Lastwagen an. Er fragte,
ob dies die Besitzung sei, welche der Steinmetz Corbulo von Perusia fr
die Witwe des Bothius gekauft. Und als dies bejaht wurde, gab er sich als
den Hortulanus Prinzeps d. h. als Oberintendanten der Grten zu Ravenna zu
erkennen. Ein alter Freund des Bothius, der aus Furcht vor den gotischen
Tyrannen seinen Namen nicht zu nennen wage, wnsche, sich insgeheim der
Verfolgten anzunehmen und habe ihm den Auftrag gegeben, den Aufenthalt
derselben mit allen Mitteln seiner Kunst zu schmcken und zu verschnern.
Der Sklave drfe die beabsichtigte berraschung nicht verderben und halb
mit Gte, halb mit Gewalt hielt man den staunenden Cappadox auf der Villa
fest. Der Intendant aber entwarf sofort seinen Plan und seine Arbeiter
gingen unverzglich ans Werk.

Viele benachbarte Grundstcke wurden zu hohen Preisen hinzugekauft und nun
hob an ein Niederreien und Bauen, ein Pflanzen und Graben, ein Hmmern
und Klopfen, ein Putzen und Malen, da dem guten Cappadox Hren und Sehen
verging. Wollte er fragen und drein reden, so lachten ihm die Arbeiter ins
Gesicht. Wollte er sich davon machen, so winkte der Intendant und ein halb
Dutzend Fuste hielten ihn fest. Und - schlo der Erzhler - so ging's
bis vorgestern Morgen. Da waren sie fertig und zogen davon.

Anfangs war mir angst und bang, da ich die kostspieligen Herrlichkeiten
aus dem Boden wachsen sah. Ich dachte: am Ende, wenn Meister Corbulo das
alles bezahlen soll, dann weh ber meinen Rcken! Und ich wollte dir's
melden. Aber sie lieen mich nicht und obenein wut' ich dich fern von
Haus. Und wie ich nachgerade das unsinnig viele Geld des Intendanten
versprte und wie der mit den Goldstcken um sich warf wie die Kinder mit
Kieseln, siehe, da beruhigte sich allmhlich mein Gemte und ich lie
alles gehen wie es ging. Nun, o Herr, wei ich wohl: du kannst mich
dennoch in den Block setzen und prgeln lassen. Mit der Rebe oder sogar
mit dem Skorpion. Du kannst es. Denn warum? du bist der Herr und Cappadox
der Knecht. Aber gerecht, Herr, wre es kaum! bei allen Heiligen und allen
Gttern! Denn du hast mich gesetzt ber ein Paar Kohlfelder und siehe, sie
sind geworden ein Kaisergarten unter meiner Hand.

Kamilla war lngst abgestiegen und davongeschlpft, ehe der Sklave zu
Ende. Mit vor Freude hochklopfendem Herzen durcheilte sie den Garten, die
Lauben, das Haus: sie schwebte wie auf Flgeln, kaum konnte ihr die flinke
Daphnidion folgen. Ein Ausruf der berraschung des freudigen Schreckens
jagte den andern: so oft sie um eine Ecke des Weges, um eine Baumgruppe,
bog, wieder und wieder stand ein Bild aus jenem Garten von Ravenna vor
ihrem entzckten Auge. Als sie aber ins Haus gelangte und ein kleines
Gemach desselben genau so bemalt, ausgerstet, geschmckt fand wie jener
Raum im Kaiserschlo gewesen war, in dem sie die letzten Tage der Kindheit
verspielt und die ersten Trume des Mdchens getrumt, dieselben Bilder
auf den bastgeflochtnen Vorhngen, die gleichen Vasen und zierlichen
Citruskstchen und auf dem gleichen Schildpatttischchen ihre kleine
zierliche Lieblingsharfe mit den Schwanenflgeln, da, berwltigt von so
vielen Erinnerungen, und noch mehr von dem Gefhl des Dankes gegen so
zarte Freundschaft, sank sie schluchzend in freudiger Wehmut auf den
weichen Teppichen des Lectus zusammen. Kaum konnte sie Daphnidion
beruhigen. Es giebt noch edle Herzen, noch Freunde fr das Haus des
Bothius, rief sie wieder und wieder. Und sie sandte das innigste Gebet
des Dankes gegen Himmel. -

Als am Tage darauf die Mutter eintraf, war sie kaum weniger ergriffen von
der seltsamen berraschung.

Sogleich schrieb sie nach Rom an Cethegus und fragte, welcher Freund ihres
Gatten wohl in diesem geheimnisvollen Wohlthter zu suchen sei? Es war ihr
eine stille Hoffnung, an ihn selbst dabei zu denken. Aber der Prfekt
schttelte nachdenklich den Kopf ber ihren Brief und schrieb ihr zurck:
er kenne niemand, an den ihn diese zartfhlende Weise mahnen knne. Sie
mge scharf jede Spur beachten, die zur Lsung des Rtsels fhren knne.

Es sollte sich bald genug enthllen. -

Kamilla wurde nicht mde, den Garten zu durchstreifen und immer neue
hnlichkeiten mit seinem trauten Vorbild zu entdecken. Oft fhrten sie
diese Gnge ber den Park hinaus und in den anstoenden Bergwald. Dabei
pflegte sie die muntre Daphnidion zu begleiten, die ihr gleiche Jugend und
treue Anhnglichkeit rasch zur Vertrauten gemacht. Wiederholt hatte diese
der Patrona bemerkt, ein Waldgeist msse ihnen nachschleichen. Denn
vielfach knacke es hrbar in den Bschen und rausche im Grase hinter oder
neben ihnen. Und doch sei nirgends Mensch oder Tier zu sehen. Aber Kamilla
lachte ihres Aberglaubens und ntigte sie immer wieder in die grnen
Schatten der Ulmen und Platanen hinaus.

Eines Tages entdeckten die Mdchen, vor der Hitze tiefer und tiefer in die
Khle des Waldes flchtend, eine lebhafte Quelle, die reichlich und klar
von dunkeln Porphyrfelsen traufte. Doch sie rieselte ohne bestimmtes
Rinnsal und mhsam muten die Durstenden die einzelnen Silbertropfen
erhaschen. Wie Schade, rief Kamilla, um das kstliche Na! Da httest
du die Tritonenquelle sehen sollen im Pinetum zu Ravenna. Wie anmutig
sprudelte der Strahl aus den aufgeblasenen Backen des bronzenen Meergotts
und fiel gesammelt in eine breite Muschel von braunem Marmor, wie Schade!
Und sie gingen weiter.

Nach einigen Tagen kamen beide wieder an die Stelle.

Daphnidion, die voranschritt, blieb pltzlich laut aufschreiend stehen und
wies sprachlos mit dem Finger auf die Quelle. Der Waldquell war gefat.
Aus einem bronzenen Tritonenkopf sprudelte der Strahl in eine zierliche
Muschel von braunem Marmor. Daphnidion, jetzt fest an Geisterspuk
glaubend, wandte sich ohne weiteres zur Flucht: sie floh mit den Hnden
vor den Augen, die Waldgeister nicht zu sehen, was fr hchst gefhrlich
galt, nach dem Hause zu, der Herrin laut rufend, ihr zu folgen. Aber
Kamilla durchzuckte der Gedanke: der Lauscher, der uns neulich hierher
gefolgt, ist gewi auch jetzt in der Nhe, sich an unsrem Staunen zu
weiden. Scharf sah sie umher: an einem wilden Rosenbusch fielen die Blten
von schwankenden Zweigen zur Erde. Rasch schritt sie auf das Dickicht zu.
Und sieh, aus dem Gebsch trat ihr mit Jagdtasche und Wurfspeer ein junger
Jger entgegen.

Ich bin entdeckt, sagte er mit leiser, schchterner Stimme, anmutig in
seiner Beschmung.

Aber mit einem Schreckensruf fuhr Kamilla zurck: Athalarich - stammelte
sie - der Knig!

Eine ganze Meerflut von Gedanken und Gefhlen wogte ihr durch Haupt und
Herz, und halb ohnmchtig sank sie auf den Rasenhang neben der Quelle. Der
junge Knig stand in Schrecken und Entzcken sprachlos einige Sekunden vor
der hingegossenen zarten Gestalt: durstig sog sein brennendes Auge die
schnen Zge, die edeln Formen ein: flchtiges Rot scho zuckend wie
Blitze ber sein bleiches Gesicht. O sie - sie ist mein heier Tod -
hauchte er, endlich beide Hnde an das pochende Herz drckend - jetzt
sterben, - sterben mit ihr.

Da regte sie den Arm. Das brachte ihn zur Besinnung zurck. Er kniete
neben ihr nieder und sprengte das khle Na des Brunnens auf ihre Schlfe.
Sie schlug die Augen auf: Barbar - Mrder! schrie sie gellend, stie
seine Hand zurck, sprang auf und floh wie ein gescheuchtes Reh hinweg.

Athalarich folgte ihr nicht. Barbar - Mrder, hauchte er in tiefstem
Schmerz vor sich hin. Und er verbarg die glhende Stirn in den Hnden.




                            Sechstes Kapitel.


Kamilla kam in so hoher Aufregung nach Hause, da Daphnidion sich's nicht
nehmen lie, die Domna msse die Nymphen oder gar den altehrwrdigen
Waldgott Picus selbst gesehen haben.

Aber das Mdchen warf sich in wilder Bewegung in die Arme der
erschrockenen Mutter. Der Kampf verworrener Gefhle lste sich in einem
Strom von heien Thrnen und erst spt vermochte sie, den besorgten Fragen
Rusticianas Antworten und Aufschlu zu geben.

In der tiefen Seele dieses Kindes wogte ein schweres Ringen.

Es war dem am Hofe zu Ravenna heranreifenden Mdchen nicht ganz entgangen,
da der schne, bleiche Knabe oft mit seltsamem, trumendem Blick die
dunkeln Augen auf ihr ruhen lie, da er wie mit Andacht dem Tonfall ihrer
Stimme lauschte. Aber niemals war diese Ahnung inneren Wohlgefallens ihr
bestimmt ins Bewutsein getreten; der Prinz, scheu und verschlossen, hatte
die Augen niedergeschlagen, wenn sie ihn ber einem solchen Blick ertappte
und ihn unbefangen fragend ansah: waren sie doch beide damals beinahe noch
Kinder. Sie wute nicht zu nennen, was in Athalarich vorging - kaum wute
er es selbst - und nie war es ihr eingefallen, nachzudenken, warum auch
sie gern in seiner Nhe lebte, gern dem khnen, von der Art aller andrer
Gespielen abweichenden Flug seiner Gedanken oder Phantasien folgte, gern
auch schweigend neben dem Schweigenden im Abendlicht durch die stillen
Grten wandelte, wo er oft mitten aus seinen Trumereien abgerissene, aber
immer sinnige Worte zu ihr sprach, deren Poesie, die Poesie
schwrmerischer Jugend, sie so vllig verstand und wrdigte.

In das zarte Weben dieser knospenden Neigung schlug nun die Katastrophe
ihres ber alles geliebten Vaters.

Und nicht nur sanfte Trauer um den Gemordeten, glhender Ha gegen die
Mrder ergriff die Seele der leidenschaftlichen Rmerin. Von jeher hatte
Bothius, selbst in der Zeit seiner hchsten Gunst am Hofe, ein
hochmtiges Herabsehen auf das Barbarentum der Goten zur Schau getragen,
und seit seinem Untergang atmete natrlich die ganze Umgebung Kamillas,
die Mutter, die beiden rachedrstenden Brder, die Freunde des Hauses nur
Ha und Verachtung: nicht nur gegen den blutigen Mrder und Tyrannen
Theoderich, nein, gegen alle Goten und vorab gegen Tochter und Enkel des
Knigs, die seine Schuld zu teilen schienen, weil sie dieselbe nicht
verhindert. So hatte das Mdchen Athalarichs fast gar nicht mehr gedacht.
Und wann er genannt wurde oder wann, was ihr manchmal begegnete, sein Bild
im Traume vor ihre Seele trat, so gipfelte all' ihr Ha gegen die Barbaren
in hchstem Abscheu gegen ihn. Vielleicht gerade deshalb, weil im
geheimsten Grund ihres Herzens jetzt eine widerstrebende Ahnung von jener
Neigung zitterte, die sie zu dem schnen Knigssohn gezogen. -

Und nun - nun hatte es der Frevler gewagt, ihr argloses Herz mit
tckischem Streich zu treffen!

Sie hatte, sowie sie ihn aus dem Dickicht schreiten sah, sowie sie ihn
erkannte, blitzschnell erfat, da er es war, der, wie die Fassung der
Quelle, so die Umgestaltung der ganzen Villa geschaffen. Er, der verhate
Feind, der Spro des verfluchten Geschlechts, an welchem das Blut ihres
Vaters klebte, der Knig der Barbaren! All die Freuden, mit welchen sie in
diesen Tagen Haus und Garten durchmustert, brannten jetzt wie glhend Erz
auf ihrer Seele. Der Todfeind ihres Volkes, ihres Geschlechts, hatte
gewagt, sie zu beschenken, zu erfreuen, zu beglcken. Fr ihn hatte sie
Dankgebete zum Himmel gesandt. Er hatte sich erkhnt, ihren Schritten zu
folgen, ihre Worte zu belauschen, ihre leisesten Wnsche zu erfllen: -
und im Hintergrund ihrer Seele stand, schrecklicher als all' dies, der
Gedanke, warum er das gethan. Er liebte sie! Der Barbar erkhnte sich, es
ihr zu zeigen. Der Tyrann Italiens, er wagte wohl gar zu hoffen, da des
Bothius Tochter -

O es war zu viel! und schmerzlich schluchzend barg sie das Haupt in den
Kissen ihres Lagers, bis dumpfer Schlaf der Erschpfung auf sie
niedersank. Alsbald erschien der eilig herbeigerufene Cethegus bei den
ratlosen Frauen. Rusticiana hatte ihrem wie Kamillens erstem Gefhle
folgen, sofort die Villa und die verhate Nhe des Knigs fliehen und ihr
Kind jenseit der Alpen bergen wollen. Aber der Zustand Kamillas hatte
bisher den Aufbruch verhindert und sowie der Prfekt das Haus betrat,
schien sich die Flamme der Aufregung vor seinem kalten Blick zu legen. Er
nahm Rusticianen allein mit sich in den Garten: ruhig und aufmerksam hrte
er daselbst, den Rcken an einen Lorberstamm gelehnt, das Kinn in die
linke Hand gesttzt, ihrer leidenschaftlichen Erzhlung zu.

Und nun rede, schlo sie, was soll ich thun? Wie soll ich mein armes
Kind retten? wohin sie bringen?

Cethegus schlug die Augen auf, die er, wie er bei angestrengtem Nachsinnen
pflegte, halb geschlossen hatte.

Wohin Kamilla bringen? sagte er. An den Hof, nach Ravenna.

Rusticiana fuhr empor: Wozu jetzt der giftige Scherz!

Aber Cethegus richtete sich rasch auf.

Es ist mein Ernst. Still - hre mich. Kein gndigeres Geschenk hat das
Schicksal, das die Barbaren verderben will, in unsren Weg legen knnen. Du
weit, wie vllig ich die Regentin beherrsche.

Aber nicht weit du, wie vllig machtlos ich bin ber jenen eigensinnigen
Schwrmer. Es ist rtselhaft. Der kranke Jngling ist im ganzen Gotenvolk
der einzige, der mich, wenn nicht durchschaut, doch ahnt. Und ich wei
nicht, ob er mich mehr frchtet oder mehr hat. Das wre mir ziemlich
gleichgltig, wenn der Verwegne mir nicht sehr entschieden und sehr
erfolgreich entgegenarbeitete. Sein Wort wiegt natrlich schwer bei seiner
Mutter. Oft schwerer als das meine. Und er wird immer lter, reifer,
gefhrlicher. Sein Geist berflgelt mchtig seine Jahre. Er nimmt
ernstlichen Teil an den Beratungen der Regentschaft. Jedesmal spricht er
gegen mich. Oft siegt er. Erst neulich hat er es gegen mich durchgesetzt,
da der schwarzgallige Teja den Befehl der gotischen Truppen in Rom
erhielt, in meinem Rom! Kurz, der junge Knig wird hchst gefhrlich. Und
ich hatte bisher nicht einen Schatten von Gewalt ber ihn. Zu seinem
Verderben liebt er Kamilla. Durch sie wollen wir den Unbeherrschbaren
beherrschen.

Nimmermehr! rief Rusticiana. Nie, so lang ich atme. Ich an den Hof des
Tyrannen! Mein Kind die Geliebte Athalarichs! des Bothius Tochter! Sein
blutger Schatte wrde -

Willst du diesen Schatten rchen? Ja! willst du die Goten verderben? Ja!
Also mut du wollen, was dahin fhrt. - Nie, bei meinem Eide! - Weib,
reize mich nicht. Trotze mir nicht. Du kennst mich! Bei deinem Eide! Wie?
Hast du mir nicht Gehorsam geschworen, blinden, unbedingten, wie ich dir
Rache verheien? Hast du's nicht geschworen auf die Gebeine der Heiligen,
dich und deine Kinder verflucht fr den Eidbruch? Man sieht sich vor bei
euch Weibern. Gehorche oder zittre fr deine Seele.

Entsetzlicher! Soll ich all meinen Ha dir, deinen Plnen opfern?

Mir? Wer spricht von mir? _Deine_ Sache fhr' ich. _Deine_ Rache vollend'
ich: _Mir_ haben die Goten nichts zuleid gethan. _Du_ hast mich aufgestrt
von meinen Bchern. Du hast mich aufgerufen, diese Amaler zu vernichten.
Willst du nicht mehr? Auch gut! Ich kehre zurck zu Horatius und der Stoa!
Leb wohl.

Bleib, bleibe. Aber soll denn Kamilla das Opfer werden?

Wahnsinn! Athalarich soll es werden. Sie soll ihn ja nicht lieben, sie
soll ihn nur beherrschen. Oder, fgte er, sie scharf ansehend, hinzu,
frchtest du fr ihr Herz? - Deine Zunge erlahme! Meine Tochter? _ihn_
lieben? eher erwrg' ich sie mit diesen Hnden.

Aber Cethegus war nachdenklich geworden.

Es ist nicht um das Mdchen, sagte er zu sich selbst. Was liegt an ihr!
Aber wenn sie ihn liebt - und der Gote ist schn, geistvoll, schwrmerisch
.... Wo ist deine Tochter? fragte er laut.

Im Frauengemach. Auch wenn ich wollte, sie wrde nie einwilligen, nie.

Wir wollen's versuchen. Ich gehe zu ihr.

Und sie traten ins Haus. Rusticiana wollte mit ihm in das Gemach. Aber
Cethegus wies sie zurck.

Allein mu ich sie haben! sprach er und schritt durch den Vorhang. Bei
seinem Anblick erhob sich das schne Mdchen von den Teppichen, auf denen
sie in ratlosem Sinnen geruht. Gewhnt, in dem klugen, beherrschenden
Mann, dem Freund ihres Vaters, stets einen Berater und Helfer zu finden,
begrte sie ihn vertrauend wie die Kranke den Arzt.

Du weit, Cethegus? - Alles. - Und du bringst mir Hilfe. - Rache
bring ich dir, Kamilla!

Das war ein neuer, ein mchtig ergreifender Gedanke! Nur Flucht, Rettung
aus dieser qualvollen Lage hatten ihr bisher vorgeschwebt. Hchstens eine
zornige Abweisung der kniglichen Geschenke. Aber jetzt Rache! Vergeltung
fr die Schmerzen dieser Stunden! Rache fr die erlittene Schmach! Rache
an den Mrdern ihres Vaters! Ihre Wunden waren frisch. Und in ihren Adern
kochte das heie Blut des Sdens. Ihr Herz frohlockte ber Cethegus' Wort!

Rache? wer wird mich rchen? du? - Du dich selbst! Das ist ser.

Ihre Augen blitzten. An wem? - An ihm. An seinem Haus. An allen unsern
Feinden. - Wie kann ich das? Ein schwaches Mdchen? - Hre auf mich,
Kamilla. Nur dir, nur des edeln Bothius edler Tochter sag ich, was ich
sonst keinem Weib der Erde vertrauen wrde. Es besteht ein starker Bund
von Patrioten, der die Herrschaft der Barbaren spurlos austilgen wird aus
diesem Lande: das Schwert der Rache hngt ber den Huptern der Tyrannen.
Das Vaterland, der Schatte deines Vaters beruft dich, es herabzustrzen.

Mich? ich - meinen Vater rchen? sprich! rief hocherglhend das Mdchen,
die schwarzen Haare aus den Schlfen streichend. Es gilt ein Opfer. Rom
fordert es. - Mein Blut, mein Leben! wie Virginia will ich sterben. -
Du sollst leben, den Sieg zu schauen. Der Knig liebt dich. Du mut nach
Ravenna. An den Hof. Du mut ihn verderben. Durch diese Liebe. Wir alle
haben keine Macht ber ihn. Nur du hast Gewalt ber seine Seele. Du sollst
dich rchen und ihn vernichten.

Ihn vernichten?! - Seltsam bewegt klang die leise Frage; ihr Busen
wogte, ihre Stimme bebte in der Mischung ringender Gefhle, Thrnen
brachen aus ihren Augen, sie verbarg das Gesicht in den Hnden. - Cethegus
stand auf. Vergieb, sagte er. Ich gehe. Ich wute nicht, - - da du den
Knig liebst.

Ein Weheschrei des Zornes wie bei physischem Schmerz drang aus des
Mdchens Brust. Sie sprang auf und fate ihn an der Schulter:

Mann, wer sagt das? Ich hasse ihn! Hasse ihn, wie ich nie gewut, da ich
hassen kann. - So beweis' es. Denn ich glaub' es dir nicht. - Ich will
dir's beweisen! rief sie. Sterben soll er! Er soll nicht leben!

Sie warf das Haupt zurck, wild funkelten die blitzenden Augen, ihr
schwarzes Haar flog um die weien Schultern.

Sie liebt ihn, dachte Cethegus. Aber es schadet nicht. Denn sie wei es
noch nicht. Sie hat ihn daneben. Und das allein wei sie. Es wird gehn.

Er soll nicht leben, wiederholte sie. Du sollst sehen, lachte sie,
wie ich ihn liebe! Was soll ich thun? - Mir folgen in allem. - Und
was versprichst du mir dafr? was soll er erleiden? - Verzehrende Liebe
bis zum Tod. - Liebe zu mir? ja, ja, das soll er! - Er, sein Haus,
sein Reich soll fallen.

Und er wird wissen, da durch mich -? - Er soll es wissen. Wann reisen
wir nach Ravenna?

Morgen! Nein, heute noch. Sie hielt inne und fate seine Hand:
Cethegus, sage, bin ich schn?

Der Schnsten eine.

Ha! rief sie, die losgegangenen Locken schttelnd. Er soll mich lieben
und verderben! Fort nach Ravenna! Ich will ihn sehen, ich mu ihn sehen!
Und sie strmte aus dem Gemach. - Sie sehnte sich mit ganzer Seele, bei
Athalarich zu sein.




                            Siebentes Kapitel.


Noch am nmlichen Tage wurde die kleine Villa verlassen und der Weg nach
der Knigsstadt angetreten.

Cethegus schickte einen Eilboten voraus mit einem Brief Rusticianas an die
Regentin. Die Witwe des Bothius erklrte darin, da sie die durch
Vermittelung des Prfekten von Rom wiederholt angebotene Rckberufung an
den Hof nunmehr anzunehmen bereit sei. Nicht als eine That der Gnade,
sondern der Shne, als ein Zeichen, da die Erben Theoderichs dessen
Unrecht an den Verblichenen gut machen wollten.

Diese stolze Sprache war wie aus Rusticianas tiefstem Herzen und Cethegus
wute, da solches Auftreten nicht schaden, nur alle verdchtige Auslegung
der raschen Umstimmung ausschlieen werde. Unterwegs noch traf die
Reisenden die Antwort der Knigin, die sie am Hof willkommen hie. In
Ravenna angelangt wurden sie von der Frstin aufs ehrenvollste empfangen,
mit Sklaven und Sklavinnen umgeben und in dieselben Rume des Palastes
eingefhrt, die sie ehedem bewohnt. Freudig begrten sie die Rmer.

Aber der Zorn der Goten, die in Bothius und Symmachus undankbare Verrter
verabscheuten, wurde durch diese Maregeln, die eine stillschweigende
Verurteilung Theoderichs zu enthalten schienen, schwer gereizt. Die
letzten Freunde des groen Knigs verlieen grollend den verwelschten
Hof. -

Einstweilen hatten die Zeit, die Zerstreuungen der Reise und der Ankunft
Kamillas Aufregung gemildert. Und ihr Zorn konnte sich um so eher
beschwichtigen als ihr viele Wochen zu Ravenna verstrichen, ehe sie
Athalarich begegnete. Denn der junge Knig war gefhrlich erkrankt.

Am Hof erzhlte man, er habe bei einem Aufenthalt zu Aretium, - er wollte
dort, mit geringer Begleitung, der Bergluft, der Bder und der Jagd
genieen - in den Wldern von Tifernum in der Hitze der Jagd einen kalten
Trunk aus einer Felsenquelle gethan und sich dadurch einen heftigen Anfall
seines alten Leidens zugezogen.

Thatsache war, da ihn sein Gefolge an jener Quelle bewutlos
niedergesunken gefunden hatte.

Die Wirkung dieser Erzhlung auf Kamilla war seltsam. Zu dem Ha gegen
Athalarich trat jetzt ein Zug von leisem Bedauern. Ja eine Art von
Selbstanklage. Aber andrerseits dankte sie dem Himmel, da durch diese
Krankheit eine Begegnung hinausgeschoben wurde, die sie jetzt in Ravenna
nicht minder frchtete als sie dieselbe, da sie noch fern von ihm in
Tifernum war, lebhaft herbeigewnscht hatte. Und wenn sie jetzt in den
weiten Anlagen des herrlichen Schlogartens einsam wandelte, hatte sie
immer und immer wieder zu bewundern, mit welcher Sorgfalt das kleine
Gtchen des Corbulo diesem Muster nachgebildet worden war.

Tage und Wochen vergingen.

Man vernahm nichts von dem Kranken, als da er zwar auf dem Weg der
Besserung, aber noch streng an seine Gemcher gebunden sei. rzte und
Hofleute, die ihn umgaben, priesen ihr oft seine Geduld und Kraft in den
heftigsten Schmerzen, seine Dankbarkeit fr jeden kleinen Liebesdienst,
seine edle Milde. Aber wenn sie ihr Herz ertappte, wie gern es diesen
Lobesworten lauschte, sagte sie heftig zu sich selbst:

Und meines Vaters Ermordung hat er nicht gehindert! und ihre Brauen
zogen sich zusammen und sie legte heimlich die geballte Faust auf das
pochende Herz.

In einer heien Nacht war Kamilla nach langem friedlosen Wachen endlich
gegen Morgen in unruhigen Schlaf gesunken. Angstvolle Trume qulten sie.
Ihr war, als senke sich die Decke des Gemaches mit ihren Reliefgestalten
auf sie nieder. Gerade ber ihrem Haupte war ein jugendlich schner
Hypnos, der sanfte Gott des Schlafes, von hellenischer Hand gebildet,
angebracht.

Ihr trumte, der Schlafgott nehme die ernsteren, trauervollen Zge seines
bleichen Bruders Thanatos an.

Langsam und leise senkte der Gott des Todes sein Antlitz auf sie nieder. -
Immer nher rckte er. - Immer bestimmter wurden seine Zge. - Schon
fhlte sie den Hauch seines Atems auf ihrer Stirn. - Schon berhrten fast
die feinen Lippen ihren Mund. - Da erkannte sie mit Entsetzen die bleichen
Zge, das dunkle Auge. - Es war Athalarich - dieser Todesgott. - Mit einem
Schrei fuhr sie empor.

Die zierliche Silberlampe war lngst erloschen. Es dmmerte im Gemach.

Ein rotes Licht drang gedmpft durch das Fenster von Frauenglas. Sie erhob
sich und ffnete es; die Hhne krhten, die Sonne tauchte mit den ersten
Strahlenspitzen aus dem Meer, auf das sie, ber den Schlogarten hinweg,
freien Ausblick hatte. Es litt sie nicht mehr in dem schwlen Gemach.

Sie schlug den faltigen Mantel um die Schultern und eilte leise, leise aus
dem noch schlummernden Palast ber die Marmorstufen in den Garten, aus dem
ihr erfrischender Morgenwind von der nahen See her entgegenwehte. Sie
eilte der Sonne und dem Meere zu. Denn im Osten stie der Garten des
Kaiserpalastes mit seinen hohen Mauern unmittelbar an die blauen Wellen
der Adria. Ein vergoldetes Gitterthor und jenseit desselben zehn breite
Stufen von weiem hymettischem Marmor fhrten hinab zu dem kleinen Hafen
des Gartens, in welchem die schwanken Gondeln mit leichten Rudern und dem
dreieckigen lateinischen Segel von Purpurlinnen schaukelten, mit silbernen
Kettchen an den zierlichen Widderkpfen von Erz befestigt, die links und
rechts aus dem Marmorquai hervorragten. Diesseit des Gitterthors, nach dem
Garten zu, fanden die Anlagen ihren Abschlu in einer gerumigen Rundung,
die von weit schattenden Pinien dicht umfriedet war. Ihre Bodenflche, von
ppigem, sorgfltig gezognem Graswuchs bedeckt, wurde von reinlichen Wegen
durchschnitten und von reichen Beten stark duftender Blumen unterbrochen.
Eine Quelle, zierlich gefat, rieselte den Abhang hinab in das Meer. Die
Mitte des Platzes bildete ein kleiner, altersgrauer Venustempel, den eine
einsame Palme hochwipflig berragte, indes brennendroter Steinbrech in den
leeren Halbnischen seiner Auenwnde prangte. Vor seiner lngst
geschlossenen Pforte stand zur Rechten ein eherner neas. Der Julius Csar
zur Linken war schon vor Jahrhunderten zusammengestrzt. Theoderich hatte
auf dem Postament ein Erzbild des Amala errichten lassen, des mythischen
Stammvaters seines Hauses. Hier, zwischen diesen Statuen, an den
Eingangsstufen des kleinen Fanum geno man des herrlichsten Blickes durch
das Gitterthor auf das Meer mit seinen buschigen Laguneninseln und einer
Gruppe von scharfkantigen malerischen Felsklippen, die Nadeln der
Amphitrite genannt.

Es war ein alter Lieblingsort Kamillas.

Und hierher lenkte sie jetzt die leichten Schritte, den reichen Tau von
dem hohen Grase streifend, wie sie mit leis gehobnem Gewand durch die
schmalen Wieswege eilte. Sie wollte die Sonne ber das Meer hin aufglhen
sehen. Sie kam von der Rckseite des Tempels, ging an dessen linker Seite
hin und trat eben auf die erste der Stufen, die von seiner Stirn zu dem
Gitter hinabfhrten, als sie rechts, auf der zweiten Stufe, halb sitzend,
halb liegend, eine weie Gestalt erblickte, die, das Haupt an die Treppe
gelehnt, das Antlitz dem Meere zuwandte.

Aber sie erkannte das braune, das seidenglnzende Haar: es war der junge
Knig.

Die Begegnung war so pltzlich, da an Ausweichen nicht zu denken. Wie
angewurzelt hielt das Mdchen auf der ersten Stufe. Athalarich sprang auf
und wandte sich rasch. Eine helle Rte flammte ber sein marmorbleiches
Gesicht. Doch fate er sich zuerst von beiden und sprach:

Vergieb, Kamilla. Ich konnte dich nicht hier erwarten. Zu dieser Stunde.
Ich gehe. Und lasse dich allein mit der Sonne. Und er schlug den weien
Mantel ber die linke Schulter. Bleib, Knig der Goten. Ich habe nicht
das Recht, dich zu verscheuchen - und nicht die Absicht, fgte sie bei.

Athalarich trat einen Schritt nher. Ich danke dir. Aber ich bitte dich
um eins, setzte er lchelnd hinzu, verrate mich nicht an meine rzte, an
meine Mutter. Sie sperren mich den ganzen Tag ber so sorgsam ein, da ich
ihnen wohl vor Tag entschlpfen mu. Denn die frische Luft, die Seeluft
thut mir gut. Ich fhl's. Sie khlt. Du wirst mich nicht verraten. Er
sprach so ruhig. Er blickte so unbefangen.

Diese Unbefangenheit verwirrte Kamilla. Sie wre viel mutiger gewesen,
wenn er bewegter. Sie sah diese Unbefangenheit mit Schmerz. Aber nicht um
der Plne des Prfekten willen. So schttelte sie nur schweigend das Haupt
zur Antwort. Und sie senkte die Augen.

Jetzt erreichten die Strahlen der Sonne die Hhe, auf der die beiden
standen. Der alte Tempel und das Erz der Statuen schimmerten im
Morgenlicht. Und eine breite Strae von zitterndem Gold bahnte sich von
Osten her ber die spiegelglatte Flut. Sieh, wie schn! rief Athalarich,
fortgerissen von dem Eindruck. Sieh die Brcke von Licht und Glanz.

Sie blickte teilnehmend hinaus. Weit du noch, Kamilla? fuhr er
langsamer fort, wie in Erinnerungen verloren und ohne sie anzusehen,
weit du noch, wie wir hier als Kinder spielten? Trumten? Wir sagten:
die goldne Strae, von Sonnenstrahlen auf die Flut gezeichnet, fhre zu
den Inseln der Seligen. -

Zu den Inseln der Seligen! wiederholte Kamilla. Im stillen bewunderte
sie, mit welcher Zartheit und edlen Leichtigkeit er, jeden Gedanken an
ihre letzte Begegnung fern haltend, mit ihr in einer Weise verkehrte, die
sie vllig entwaffnete. Und schau, wie dort die Statuen glnzen: das
wundersame Paar, neas und - Amala! Hre, Kamilla, ich habe dir
abzubitten. Lebhaft schlug ihr Herz. Jetzt wollte er der Ausschmckung
der Villa, der Quelle gedenken. Das Blut stieg ihr in die Wangen. Sie
schwieg in peinlicher Erwartung. Aber ruhig fuhr der Jngling fort: Du
weit, wie oft wir, du die Rmerin, ich der Gote, an diesem Ort in
Wettreden den Ruhm und den Glanz und die Art unserer Vlker priesen. Dann
standest du unter dem neas und sprachst mir von Brutus und Camillus, von
Marcellus und den Scipionen. Ich aber, an meines Ahnherrn Amala Schild
gelehnt, rhmte Ermanarich und Alarich und Theoderich. Aber du sprachst
besser als ich. Und oft, wenn der Schimmer deiner Helden mich zu
berstrahlen drohte, lachte ich deiner Toten und rief: das Heute und die
lebendige Zukunft ist meines Volkes!

Nun, und jetzt? - Ich spreche nicht mehr so. Du hast gesiegt, Kamilla!

Aber indem er so sprach, schien er so stolz wie nie zuvor. Und dieser
berlegne Ausdruck emprte die Rmerin. Sie war ohnehin gereizt durch die
unnahbare Ruhe, mit welcher der Frst, auf dessen Leidenschaft man solche
Plne gebaut, ihr gegenberstand. Sie begriff diese Ruhe nicht. Sie hatte
ihn gehat, weil er es gewagt, ihr seine Liebe zu zeigen. Und jetzt lebte
dieser Ha auf, weil er es vermochte, diese Liebe zu verbergen. Mit der
Absicht, ihm weh zu thun, sagte sie langsam: So rumst du ein, Knig der
Goten, da deine Barbaren den Vlkern der Menschlichkeit nachstehen?

Ja, Kamilla, antwortete er ruhig, aber nur in einem: im Glck! Im Glck
des Geschickes wie im Glck der Natur. Sieh dort die Gruppe von Fischern,
die ihre Netze aufhngen an den Olivenbumen am Strande. Wie schn sind
diese Gestalten! In Bewegung und Ruhe, trotz ihrer Lumpen: lauter Statuen!
Hier das Mdchen mit der Amphora auf dem Haupt! dort der Alte, der, den
Kopf auf den linken Arm gesttzt, im Sande liegt und hinaus trumt ins
Meer. Jeder Bettler unter ihnen sieht aus wie ein entthronter Knig. Wie
sie schn sind! Und in sich eins und glcklich! Ein Schimmer ungebrochenen
Glcks liegt ber ihnen. Wie ber Kindern! Oder edeln Tieren! Das fehlt
uns Barbaren! - Fehlt euch nur das? - Nein, uns fehlt auch Glck im
Schicksal.

Mein armes, herrliches Volk! Wir sind hier herein verschlagen in eine
fremde Welt, in der wir nicht gedeihen. Wir gleichen der Blume der hohen
Alpen, dem Edelwei, die vom Sturmwind vertragen ward in den heien Sand
der Niederung. Wir knnen nicht wurzeln hier. Wir welken und sterben. -

Und mit edler Wehmut blickte er hinaus in die blaue Flut. Aber Kamilla
hatte nicht die Stimmung, diesen weissagerischen Worten eines Knigs ber
sein Volk nachzusinnen. Warum seid ihr gekommen? fragte sie mit Hrte.
Warum seid ihr ber die Berge gedrungen, die ein Gott als ewige Marken
gesetzt hat zwischen euch und uns. Sprich, warum? - Weit du, sprach
Athalarich, ohne sie anzublicken, wie mit sich selber und fr sich selber
fortdenkend, weit du, warum die dunkle Motte nach der hellen Flamme
fliegt? Wieder, immer wieder! Von keinem Schmerz gewarnt! bis sie verzehrt
ist von der schnen, lockenden Feindin? Aus welchem Grund! Aus einem sen
Wahnsinn! Und solch' ein ser Wahnsinn ist es, ganz derselbe, der meine
Goten aus den Tannen und Eichen hinweggezogen hat zu Lorber und Olive. Sie
werden sich die Flgel verbrennen, die thrichten Helden. Und werden doch
nicht davon lassen. Wer will sie drum schelten? Sieh um dich her. Wie tief
blau der Himmel! wie tief blau das Meer! und darin spiegeln die Wipfel der
Pinien und die Sulentempel voll Marmorglanz! und fern da drben ragen
schn gewlbte Berge und drauen in der Flut schwimmen grne Inseln, wo
sich die Rebe um die Ulme schlingt. Und drber hin die weiche, die warme,
die kosende Luft, die alles erhellt. Welche Wunder der Formen, der Farben
trinkt das Auge und atmen die entzckten Sinne! Das ist der Zauber, der
uns ewig locken und ewig verderben wird.

Die tiefe und edle Erregung des jungen Knigs blieb nicht ohne Eindruck
auf Kamilla. Die tragische Gewalt dieser Gedanken ergriff ihr Herz: aber
sie wollte nicht ergriffen sein. Sie wehrte sich gegen ihre weicher
werdende Empfindung. Sie sagte kalt: Ein ganzes Volk gegen Verstand und
Einsicht vom Zauber angezogen? und kalt und zweifelnd sah sie ihn an.

Aber sie erschrak: denn wie Blitze loderte es aus den dunkeln Augen des
Jnglings und die lang zurckgehaltne Glut brach pltzlich aus den Tiefen
seiner Seele: Ja, sag' ich dir, Mdchen! rief er leidenschaftlich. Ein
ganzes Volk kann eine thrichte Liebe, einen sen, verderblichen
Wahnsinn, eine tdliche Sehnsucht pflegen so gut wie - so gut wie ein
einzelner. Ja, Kamilla, es giebt eine Gewalt im Herzen, die, strker als
Verstand und Wille, uns sehenden Auges ins Verderben reit. Aber du weit
das nicht! Und mgest du's nie erfahren. Niemals. Leb wohl!

Und rasch wandte er sich und bog rechts vom Tempel in den dichten Laubgang
von rankendem Wein, der ihn sofort vor Kamilla wie vor den Fenstern des
Schlosses verbarg.

Sinnend blieb das Mdchen stehen.

Seine letzten Worte klangen seltsam fort in ihren Gedanken: lange sah sie
trumend ins offene Meer hinaus und mit wundersam gemischter Empfindung,
mit verwandelter Stimmung, kehrte sie endlich wieder dem Schlosse zu.




                             Achtes Kapitel.


Noch am nmlichen Tage fand sich Cethegus bei den Frauen ein. Er war in
wichtigen Geschften von Rom herbeigeeilt und kam soeben aus dem
Regentschaftsrat, der in des kranken Knigs Gemach gehalten wurde.
Verhaltner Zorn lagerte auf seinen herben Zgen.

Ans Werk, Kamilla, sprach er heftig. Ihr sumt zu lang. Dieser vorlaute
Knabe wird immer herrischer. Er trotzt mir und Cassiodor und seiner
schwachen Mutter selbst. Er verkehrt mit gefhrlichen Leuten. Mit dem
alten Hildebrand, mit Witichis und ihren Freunden. Er schickt Briefe und
empfngt Briefe hinter unsrem Rcken. Er hat es durchgesetzt, da die
Knigin nur noch in seiner Gegenwart den Rat der Regentschaft beruft. Und
in diesem Rat kreuzt er all' unsre Plne. Das mu aufhren. So oder so. -
Ich hoffe nicht mehr, Einflu auf den Knig zu gewinnen, sagte Kamilla
ernst. - Weshalb? hast du ihn schon gesehen. Das Mdchen berlegte, da
sie Athalarich versprochen, seinen Ungehorsam nicht an die rzte gelangen
zu lassen. Aber auch sonst widerstrebte es ihrem Gefhl, die Begegnung
dieses Morgens zu entweihen, zu verraten.

Sie wich daher der Frage aus und sagte: Wenn der Knig sich sogar seiner
Mutter, der Regentin, widersetzt, wird er sich nicht von einem jungen
Mdchen beherrschen lassen. - Goldne Einfalt! lchelte Cethegus und
lie das Gesprch ruhen, solang das Kind anwesend war. Aber insgeheim
trieb er Rusticianen, zu veranlassen, da ihre Tochter den Knig fortan
hufig sehe und spreche.

Dies ward mglich, da sich dessen Befinden jetzt rasch besserte. Und wie
uerlich, wurde er innerlich zusehends mnnlicher, fester und reifer: es
war, als ob das Widerstreben gegen Cethegus ihm Leib und Seele krftige.

So verbrachte er bald wieder viele Stunden in den weiten Anlagen des
Gartens. Dort war es, wo ihn seine Mutter und die Familie des Bothius in
den Abendstunden hufig trafen.

Und whrend Rusticiana die Huld der Regentin mit voller Freundschaft zu
erwidern schien und aufmerksam ihren vertrauenden Mitteilungen lauschte,
um sie wrtlich dem Prfekten wieder erzhlen zu knnen, wandelten die
jungen Leute vor ihnen her durch die schattigen Gnge des Gartens.

Oft auch bestieg die kleine Gesellschaft eine der leichten Gondeln in
jenem Hafen und Athalarich steuerte wohl selbst eine Strecke ins blaue
Meer hinaus, nach einer der kleinen, grnbuschigen Inseln, die nicht weit
vor der Bucht lagen. Auf dem Heimweg aber spannte man die purpurnen Segel
auf und lie sich von dem frischen Westwind, der sich bei Sonnenuntergang
zu erheben pflegte, langsam und mhelos zurcktragen. -

Oft waren es auch der Knig und Kamilla allein, die, nur von Daphnidion
begleitet, sich dieser Wanderungen im Grnen und auf den Wellen erfreuten.

Wohl sah Amalaswintha darin die Gefahr, dadurch die Neigung ihres Sohnes,
die ihr nicht entgangen war, zu steigern. Aber vor allen andern Erwgungen
segnete sie dankbar den gnstigen Einflu, den dieser Umgang
augenscheinlich auf ihren Sohn bte: er wurde in Kamillas Nhe ruhiger,
heiterer und war dann auch weicher gegen seine Mutter, der er sonst oft
heftig und schroff gegenber trat.

Auch beherrschte er sein Gefhl mit einer Sicherheit, die bei dem
reizbaren Kranken doppelt befremdete: und endlich wrde die Regentin, im
Fall sich diese Liebe ernster geltend machte, sogar einer Verbindung nicht
abgeneigt gewesen sein, die den rmischen Adel vllig zu gewinnen und
jedes Andenken einer unseligen Blutthat auszulschen versprach. -

In dem Mdchen aber ging eine wundersame Wandlung vor. Tglich mehr fhlte
sie ihren Groll und Ha schwinden, wie sie tglich klarer die edle
Zartheit der Seele, den schwungvollen Geist, das tiefe, poesiereiche Gemt
des jungen Knigs sich entfalten sah. Nur mit Anstrengung konnte sie gegen
diesen wachsenden Zauber sich immer wieder das Schicksal ihres Vaters als
Talisman ins Andenken zurckrufen: immer mehr kam sie dazu, unter den
Goten und Amalern, die jenes Schicksal herbeigefhrt, mit Gerechtigkeit zu
unterscheiden: immer bestimmter sagte sie sich, wie unbillig es sei,
Athalarich um eines Unglcks willen zu hassen, das er nur nicht verhindert
hatte und wohl schwerlich htte verhindern knnen. Lngst htte sie ihn am
liebsten vllig frei gesprochen: aber sie mitraute dieser Milde: sie
scheute sie wie eine schwarze Snde gegen Vater, Vaterland und eigne
Freiheit.

Mit Zittern nahm sie wahr, wie unentbehrlich dies edle Menschenbild ihr
wurde, wie mchtig sie sich sehnte, diese melodische Stimme zu hren und
in dies dunkle, sinnige Auge zu blicken. Sie frchtete die frevelhafte
Liebe, die sie sich nur schwer noch verhehlen konnte, und die einzige
Waffe, mit der sie sich noch dagegen wehrte, der Vorwurf seiner Mitschuld
an des Vaters Untergang, wollte sie sich nicht entwinden lassen. So
schwankte sie in wogenden Gefhlen, desto unsichrer, je rtselhafter ihr
Athalarichs geschlossene Sicherheit blieb. Sie konnte ja nicht daran
zweifeln, da er sie liebe, nach allem was geschehen - aber doch!

Nicht eine Silbe, nicht ein Blick verriet diese Liebe: jene uerung, mit
der er sie damals am Venustempel rasch verlassen, war das bedeutsamste, ja
das einzige bedeutsame Wort, das ihm entschlpfte.

Sie ahnte nicht, was die hochwogende Seele des Jnglings durchgekmpft und
durchgelitten, bis seine Liebe zwar nicht erlosch, aber entsagte, und noch
weniger, in welch' neuem Gefhl er die mnnliche Kraft solcher Entsagung
gefunden. Ihre Mutter, die ihn mit aller Schrfe des Hasses beobachtete
und darber das eigne Kind zu berwachen verga, schien noch mehr erstaunt
ber seine Klte. Aber Geduld, sprach sie zu Cethegus, mit dem sie oft
hinter Kamillas Rcken Beratung pflog, Geduld, bald, binnen drei Tagen,
wirst du ihn verwandelt sehen. - Es wre Zeit, meinte Cethegus; aber
auf was vertraust du? - Auf ein Mittel, das noch nie getuscht hat.

Du wirst ihm doch kein Liebestrnklein brauen? lchelte der Prfekt. -
Allerdings, das werd' ich thun; das hab' ich schon gethan. - Jener sah
sie spttisch an: Auch bei dir solcher Aberglaube, bei der Witwe des
groen Philosophen Bothius! In Liebeswahn sind alle Weiber gleich!

Nicht Wahn und Aberglaube, sagte Rusticiana ruhig. Seit mehr als
hundert Jahren lebt das Geheimnis in unsrer Familie. Ein gyptisch Weib
hat es dereinst am Nil meine Ureltermutter gelehrt. Und es hat sich
bewhrt. Kein Weib unseres Hauses hat ohne Erhrung geliebt. - Dazu
braucht's keinen Zauber, meinte der Prfekt: ihr seid ein schnes
Geschlecht. - Spare deinen Spott. Der Trank wirkt unfehlbar und wenn er
bis heute nicht wirkte - - So hast du wirklich - Unvorsichtige! wie
konntest du unvermerkt? - Am Abend, wann er vom Spaziergang oder von der
Gondelfahrt mit uns zurckkommt, nimmt er einen Becher gewrzten
Falerners. Der Arzt hat es ihm verordnet: es sind Tropfen arabischen
Balsams darin. Der Becher steht immer bereit auf dem Marmortisch vor dem
Venustempel. Dreimal schon gelang es, den Trank hineinzuschtten. -
Nun, meinte Cethegus, es hat bis jetzt nicht sonderlich gewirkt. -
Daran ist nur deine Ungeduld die Ursache. Die Kruter mssen im Neumond
gebrochen werden - ich wute das wohl. Aber, gedrngt von deinen
Mahnungen, versucht' ich's schon im Vollmond und du siehst, es wirkte
nicht. - Cethegus zuckte die Achseln. - Aber gestern Nacht trat Neumond
ein. Ich war nicht mig mit meiner goldnen Schere und wenn er jetzt
trinkt - Eine zweite Locusta! Nun, mein Trost sind Kamillas schne
Augen. Wei sie von deinen Knsten?

Kein Wort zu ihr! Sie wrde das nie dulden. Stille, sie kommt. Das
Mdchen trat ein in lebhafter Erregung, die lieblichen Wangen gertet,
eine Flechte des dunklen Haares war losgegangen und spielte um den feinen
Nacken.

Saget mir, ihr, die ihr klug seid und menschenerfahren, sagt mir, was
soll ich denken? Ich komme aus dem Schiff. O, er hat mich nie geliebt! der
Hochmtige, er bemitleidet, er bedauert mich! Nein, das ist nicht das
rechte Wort. Ich kann es mir nicht deuten. Und in Thrnen ausbrechend,
barg sie das Haupt am Halse der Mutter. - Was ist geschehen, Kamilla?
fragte Cethegus. - Schon oft, begann sie tiefaufatmend, spielte ein Zug
um seinen Mund, sprach eine Wehmut aus seinem Auge, als sei Er der tief
von mir Gekrnkte, als habe Er uns edel zu vergeben, als habe er mir ein
groes Opfer gebracht - - Unreife Knaben bilden sich immer ein, es sei
ein Opfer, wenn sie lieben. Da blitzte Kamillas Auge, sie warf den
schnen Kopf zurck und wandte sich heftig gegen Cethegus: Athalarich ist
kein Knabe mehr und man soll ihn nicht verhhnen. Cethegus schwieg, ruhig
die Augen senkend. Aber Rusticiana fragte erstaunt: Hassest du den Knig
nicht mehr? - Bis zum Tode. Man soll ihn verderben, nicht verhhnen.

Was ist geschehen? wiederholte Cethegus. - Heute stand jener
rtselhafte, kalte, stolze Zug deutlicher als je auf seinem Antlitz. Ein
Zufall uerte ihn in Worten. Wir waren eben gelandet. Ein Kfer war ins
Wasser gefallen: der Knig bckte sich und zog ihn heraus: das Tierchen
aber wehrte sich gegen die mildthtige Hand und bi mit den Zangen des
Kopfes in den Finger, der ihn hielt. Der Undankbare, sagte ich. - Oh,
sprach Athalarich, bitter lchelnd, und er setzte den Kfer auf ein Blatt:
man verwundet die am meisten, die am meisten fr uns gethan. Und dabei
flog sein Blick mit stolzer Wehmut ber mich dahin. Doch rasch, als ob er
zuviel gesagt, schritt er kalt grend hinweg. Ich aber - und ihre Brust
wogte, ihre fein geschnittenen Lippen schlossen sich - ich aber trage das
nicht mehr. Der Stolze! er soll mich lieben - oder sterben. - Das soll
er, sagte Cethegus kaum hrbar, eins von beiden.




                             Neuntes Kapitel.


Wenige Tage darauf wurde der Hof durch einen neuen Schritt des jungen
Knigs zur Selbstndigkeit berrascht: er selbst berief den Rat der
Regentschaft, ein Recht, das bisher nur Amalaswintha gebt. Die Regentin
war nicht wenig erstaunt, als ein Bote ihres Sohnes sie in dessen Gemcher
beschied, wo der Knig bereits eine Auswahl der hchsten Beamten des
Reiches um sich versammelt habe, Goten und Rmer, unter diesen Cassiodor
und Cethegus.

Dieser hatte zuerst beschlossen, auszubleiben, um nicht durch sein
Erscheinen das Recht anzuerkennen, das sich der Knabe herausnahm: ihm
ahnte nichts gutes. Aber ebendeshalb besann er sich bald eines andern.
Ich darf der Gefahr nicht den Rcken, die Stirn mu ich ihr bieten,
sprach er, als er sich zu dem verhaten Gang anschickte. Er fand in dem
Gemach des Knigs alle Geladenen bereits versammelt. Nur die Regentin
fehlte noch. Als sie eintrat, erhob sich Athalarich - er trug eine
langfaltige Abolla von Purpur, die Zackenkrone Theoderichs glnzte auf
seinem Haupt und unter dem Mantel klirrte das Schwert - von seinem
Thronsessel, der vor einer durch einen Vorhang geschlossenen Nische stand,
ging ihr entgegen und fhrte sie zu einem zweiten hheren Stuhl, der aber
zur Linken stand. Als sie sich niedergelassen, hob er an: Meine
knigliche Mutter, tapfre Goten, edle Rmer! Wir haben euch hieher
beschieden, euch unsern Willen kund zu thun. Es drohten diesem Reiche
Gefahren, die nur wir, der Knig dieses Reiches, abwenden konnten.

Solche Sprache hatte man aus diesem Munde noch nicht vernommen. Alle
schwiegen betroffen, Cethegus aus Klugheit: er wollte den rechten
Augenblick abwarten. Endlich begann Cassiodor: Deine weise Mutter und
dein getreuer Diener Cassiodor - - Mein getreuer Diener Cassiodor
schweigt, bis sein Herr und Knig ihn um Rat befrgt. Wir sind schlecht
zufrieden, sehr schlecht, mit dem was die Rte unsrer kniglichen Mutter
bisher gethan haben und nicht gethan. Es ist hchste Zeit, da wir selbst
zum Rechten sehn.

Wir waren dazu bisher zu jung und zu krank. Wir fhlen uns nicht mehr zu
jung und nicht mehr zu krank. Wir knden euch an, da wir demnchst die
Regentschaft aufheben und die Zgel dieses Reiches selbst ergreifen
werden.

Er hielt inne. Alles schwieg. Niemand hatte Lust nach Cassiodors Beispiel
zu reden und dann zu verstummen.

Endlich fand Amalaswintha, die diese pltzliche Energie ihres Sohnes
gleichsam betubt hatte, die Sprache wieder: Mein Sohn, dies Alter der
Mndigkeit ist nach den Gesetzen der Kaiser - - Nach den Gesetzen der
Kaiser, Mutter, mgen die Rmer sich richten. Wir sind Goten und leben
nach gotischem Recht. Germanische Jnglinge werden mndig, wann sie das
gesammelte Volksheer waffenreif erklrt.

Wir haben deshalb beschlossen, alle Heerfhrer und Grafen und alle freien
Mnner unsres Volkes, so viele ihrer dem Rufe folgen wollen, aus allen
Provinzen des Reichs zur Heeresschau zu laden nach Ravenna. Mit dem
nchsten Sonnwendfest sollen sie eintreffen.

berrascht schwieg die Versammlung.

Das sind nur noch vierzehn Tage, sprach endlich Cassiodor. Wird es
mglich sein, in so kurzer Frist noch die Ladungen zu besorgen? - Sie
sind besorgt. Hildebrand, mein alter Waffenmeister, und Graf Witichis
haben sie alle bestellt. - Wer hat die Dekrete unterschrieben? fragte
Amalaswintha, sich ermannend. - Ich allein, liebe Mutter. Ich mute doch
den Geladnen zeigen, da ich reif genug, allein zu handeln.

Und ohne mein Wissen! sprach die Regentin. - Und ohne dein Wissen
geschah es, weil es sonst gegen deinen Willen geschehen mute.

Er schwieg. Alle Rmer waren ratlos und wie betubt von der pltzlich
entfalteten Kraft des jungen Knigs. Nur in Cethegus stand sogleich der
Entschlu fest, jene Versammlung zu verhindern, um jeden Preis. Er sah den
Grund all seiner Plne wanken: gern wr' er mit aller Wucht seines Wortes
der vor seinen Augen versinkenden Regentschaft zu Hilfe gekommen: gern
htte er schon mehrere Male in dieser Verhandlung das khne Aufstreben des
Jnglings mit seiner ruhigen berlegenheit zu Boden gedrckt: - aber ihm
hielt ein seltsamer Zufall Gedanken und Zunge wie mit Zauberbanden
gefesselt.

Er hatte in der Nische hinter dem Vorhang Gerusch zu vernehmen geglaubt
und scharfe Blicke darauf geheftet: da bemerkte er unter dem Vorhang
durch, dessen Fransen nicht ganz bis zur Erde reichten, die Fe eines
Mannes.

Freilich nur bis an die Knchel. Aber an diesen Kncheln saen
Beinschienen von Erz eigentmlicher Arbeit. Er kannte diese Beinschienen,
er wute, da sie zu einer vollen Rstung gleicher Arbeit gehrten, er
wute auch in unbestimmter Gedankenverbindung, da der Trger dieser
Rstung ihm verhat und gefhrlich: aber es war ihm nicht mglich, sich zu
sagen, wer dieser Feind sei. Htte er die Schienen nur bis ans Knie
verfolgen knnen! Gegen seinen Willen mute er die Augen immer und immer
wieder auf jenen Vorhang richten und raten und raten. Und das bannte
seinen Geist jetzt, - jetzt, da alles auf dem Spiele stand. Er zrnte ber
sich selbst, aber er konnte Gedanken und Blicke nicht von der Nische
losreien. Der Knig jedoch fuhr, ohne Widerstand zu finden, fort: Ferner
haben wir die edeln Herzoge Thulun, Ibbas und Pitza, die grollend diesen
Hof verlassen, aus Gallien und Spanien zurckgerufen. Wir finden, da
allzuviele Rmer, allzuwenig Goten uns umgeben. Jene drei tapfern Krieger
werden mit Graf Witichis die Wehrmacht unsres Reiches, die Festen und die
Schiffe untersuchen und alle Schden aufdecken und heilen. Sie werden
nchstens eintreffen. Sie mssen sogleich wieder fort, sagte Cethegus
rasch zu sich selbst. Aber seine Gedanken fuhren fort: Nicht ohne Grund
ist jener Mann dadrinnen versteckt.

Weiter, hob der knigliche Jngling wieder an, haben wir Mataswinthen,
unsre schne Schwester, zurckbeschieden an unsern Hof. Man hat sie nach
Tarent verbannt, weil sie sich geweigert, eines betagten Rmers Weib zu
werden. Sie soll wiederkehren, die schnste Blume unseres Volkes, und
unsern Hof verherrlichen.

Unmglich! rief Amalaswintha: Du greifst in das Recht der Mutter wie
der Knigin. - Ich bin das Haupt der Sippe, sobald ich mndig bin.

Mein Sohn, du weit, wie schwach du warst noch vor wenigen Wochen.
Glaubst du wirklich, die gotischen Heermnner werden dich waffenreif
erklren?

Der Knig wurde rot wie sein Purpur, halb vor Scham, halb vor Zorn; eh' er
Antwort fand rief eine rauhe Stimme an seiner Seite: Sorge nicht darum,
Frau Knigin. Ich bin sein Waffenmeister gewesen: ich sage dir, er kann
sich messen mit jedem Feind: und wen der alte Hildebrand wehrfhig
spricht, der gilt dafr bei allen Goten. Lauter Beifall der anwesenden
Goten besttigte sein Wort.

Wieder gedachte Cethegus einzugreifen, aber eine Bewegung hinter dem
Vorhang zog seine Gedanken ab: Einer meiner grten Feinde ist es, aber
wer?

Noch eine wichtige Sache ist euch kund zu thun, begann der Knig wieder,
mit einem flchtigen Seitenblick nach der Nische, der dem Prfekten nicht
entging.

Etwa ein Anschlag gegen mich? dachte er. Man wollte mich berraschen? Das
soll nicht gelingen! -

Aber es berraschte ihn doch, als pltzlich der Knig mit lauter Stimme
rief: Prfekt von Rom, Cethegus Csarius! Er zuckte, aber rasch gefat,
neigte er das Haupt und sprach: Mein Herr und Knig. - Hast du uns
nichts aus Rom zu melden? Wie ist die Stimmung der Quiriten? Was denkt man
dort von den Goten?

Man ehrt sie als das Volk Theoderichs! - Frchtet man sie? - Man hat
nicht Ursach, sie zu frchten. - Liebt man sie? - Gern htte Cethegus
geantwortet: Man hat nicht Ursach', sie zu lieben. Aber der Knig selbst
fuhr fort:

Also keine Spur von Unzufriedenheit? Kein Grund zur Sorge? Nichts
besonderes, das sich vorbereitet.

Ich habe nichts dir anzuzeigen. - Dann bist du schlecht unterrichtet,
Prfekt, - oder schlecht gesinnt. Mu ich, der in Ravenna kaum vom
Siechbett ersteht, dir sagen, was in deinem Rom unter deinen Augen
vorgeht? Die Arbeiter auf deinen Schanzen singen Spottlieder auf die
Goten, auf die Regentin, auf mich, deine Legionare fhren bei ihren
Waffenbungen drohende Reden. Hchst wahrscheinlich besteht bereits eine
ausgebreitete Verschwrung, Senatoren, Priester, an der Spitze: sie
versammeln sich Nachts an unbekannten Orten. Ein Mitschuldiger des
Bothius, ein Verbannter, Albinus, ist in Rom gesehen worden; und weit du
wo? im Garten deines Hauses. Der Knig stand auf. Die Augen aller
Anwesenden richteten sich, erstaunt, erzrnt, erschrocken auf Cethegus.
Amalaswintha bebte fr den Mann ihres Vertrauens. Aber dieser war jetzt
wieder vllig er selbst. Ruhig, kalt, schweigend, sah er dem Knig ins
Auge.

Rechtfertige dich! rief ihm dieser entgegen.

Rechtfertigen? gegen einen Schatten? ein Gercht, eine Klage sonder
Klger? Nie! - Man wird dich zu zwingen wissen. Hohn zuckte um des
Prfekten schmale Lippen.

Man kann mich ermorden auf bloen Verdacht, ohne Zweifel, - wir haben das
erfahren, wir Italier! - nicht mich verurteilen. Gegen Gewalt giebt es
keine Rechtfertigung, nur gegen Gerechtigkeit. - Gerechtigkeit soll dir
werden, zweifle nicht. Wir bertragen den hier anwesenden Rmern die
Untersuchung, dem Senat in Rom die Urteilsfllung. Whle dir einen
Verteidiger. - Ich verteidige mich selbst, sprach Cethegus khl. Wie
lautet die Anklage? Wer ist mein Anklger? Wo ist er? - Hier, rief der
Knig und schlug den Vorhang zurck.

Ein gotischer Krieger in ganz schwarzer Rstung trat hervor.

Wir kennen ihn. Es war Teja.

Dem Prfekten drckte der Ha die Wimper nieder. Jener aber sprach: Ich,
Teja, des Tagila Sohn, klage dich an, Cethegus Csarius, des Hochverrats
an diesem Reich der Goten. Ich klage dich an, den verbannten Verrter
Albinus in deinem Haus zu Rom zu bergen und zu hehlen. Es steht der Tod
darauf. Und du willst dies Land dem Kaiser in Byzanz unterwerfen.

Das will ich nicht, sprach Cethegus ruhig; beweise deine Klage. - Ich
habe Albinus vor vierzehn Nchten mit diesen Augen in deinen Garten treten
sehen, fuhr Teja zu den Richtern gewendet fort. Er kam von der Via sacra
her, in einen Mantel gehllt, einen Schlapphut auf dem Kopf. Schon in zwei
Nchten war die Gestalt an mir vorbeigeschlpft: diesmal erkannt ich ihn.
Als ich auf ihn zutrat, verschwand er, ehe ich ihn ergreifen konnte, an
der Thr, die sich von innen schlo. - Seit wann spielt mein Amtsgeno,
der tapfre Kommandant von Rom, den nchtlichen Spher? - Seit er einen
Cethegus zur Seite hat. Aber ob mir auch der Flchtling entkam, - diese
Rolle fiel ihm aus dem Mantel: sie enthlt Namen von rmischen Groen und
neben den Namen Zeichen einer unlsbaren Geheimschrift. Hier ist die
Rolle. Er reichte sie dem Knig. Dieser las: Die Namen sind: Silverius,
Cethegus, Licinius, Scvola, Calpurnius, Pomponius. - Kannst du
beschwren, da der Vermummte Albinus war?

Ich will's beschwren. - Wohlan, Prfekt. Graf Teja ist ein freier,
unbescholtener, eidwrdiger Mann. Kannst du das leugnen?

Ich leugne das. Er ist nicht unbescholten: seine Eltern lebten in
nichtiger, blutschnderischer Ehe: sie waren Geschwisterkinder, die Kirche
hat ihr Zusammensein verflucht und seine Frucht: er ist ein Bastard und
kann nicht zeugen gegen mich, einen edeln Rmer senatorischen Ranges. Ein
Murren des Zornes entrang sich den anwesenden Goten. Teja's blasses
Antlitz aber wurde noch bleicher. Er zuckte. Seine Rechte fuhr ans
Schwert: So vertret' ich mein Wort mit dem Schwert, sprach er mit
tonloser Stimme. Ich fordere dich zum Kampf, zum Gottesgericht auf Tod
und Leben. - Ich bin Rmer und lebe nicht nach eurem blutigen
Barbarenrecht. Aber auch als Gote: - ich wrde dem Bastard den Kampf
versagen. - Geduld, sprach Teja und stie das halb gezckte Schwert
leise in die Scheide zurck. Geduld, mein Schwert. Es kmmt dein Tag.
Aber die Rmer im Saale atmeten auf.

Der Knig nahm das Wort: Wie dem sei, die Klage ist genug begrndet, die
genannten Rmer zu verhaften. Du, Cassiodor, wirst die Geheimschrift zu
entziffern suchen. Du, Graf Witichis, eilst nach Rom und bemchtigst dich
der fnf Verdchtigen, durchsuchst ihre Huser und das des Prfekten.
Hildebrand, du verhafte den Verklagten, nimm ihm das Schwert ab. -
Halt, sprach Cethegus, ich leiste Brgschaft mit all' meinem Gut, da
ich Ravenna nicht verlasse, bis dieser Streit zu Ende. Ich verlange
Untersuchung auf freiem Fu: das ist des Senators Recht.

Kehr dich nicht dran, mein Sohn, rief der alte Hildebrand vortretend,
la mich ihn fassen. - La, sprach der Knig, Recht soll ihm werden,
strenges Recht, doch nicht Gewalt. La ab von ihm. Auch hat ihn die Klage
berrascht. Er soll Zeit haben sich zu verteidigen. Morgen um diese Stunde
treffen wir uns wieder hier. Ich lse die Versammlung.

Der Knig winkte mit dem Scepter: in hchster Aufregung eilte Amalaswintha
aus dem Gemach. Die Goten traten freudig zu Teja. Die Rmer drckten sich
rasch an Cethegus vorbei, vermeidend, mit ihm zu sprechen. Nur Cassiodor
schritt fest auf ihn zu, legte die Hand auf seine Schulter, sah ihm
prfend ins Auge und fragte dann: Cethegus, kann ich dir helfen? -
Nein, ich helfe mir selbst, sprach dieser, entzog sich ihm und schritt
allein und stolzen Ganges hinaus.




                             Zehntes Kapitel.


Der heftige Schlag, den der junge Knig so unerwartet gegen den ganzen
Grundbau der Regentschaft gefhrt hatte, erfllte bald den Palast und die
Stadt mit Staunen, mit Schrecken oder Freude. Zu der Familie des Bothius
brachte die erste bestimmte Kunde Cassiodor, der Rusticianen zum Trost der
erschtterten Regentin beschied. Mit Fragen bestrmt erzhlte er den
ganzen Hergang ausfhrlich: und so bestrzt oder unwillig er darber war,
auch aus seinem feindlichen Bericht leuchteten die Kraft, der Mut des
jungen Frsten unverkennbar hervor. Mit Begierde lauschte Kamilla jedem
seiner Worte: Stolz, Stolz auf den Geliebten - der Liebe glcklichstes
Gefhl - erfllte mchtig ihre ganze Seele.

Es ist kein Zweifel, schlo Cassiodor mit Seufzen, Athalarich ist unser
entschiedenster Gegner: er steht ganz zu der gotischen Partei, zu
Hildebrand und seinen Freunden. Er wird den Prfekten verderben. Wer htte
das von ihm geglaubt! Immer mu ich daran denken, Rusticiana, wie so ganz
anders er sich bei dem Proze deines Gatten benahm.

Kamilla horchte hoch auf.

Damals gewannen wir die berzeugung, er werde zeitlebens der glhendste
Freund, der eifrigste Vertreter der Rmer sein. - Ich wei davon
nichts, sagte Rusticiana. - Es ward vertuscht. Das Todesurteil war
gesprochen ber Bothius und seine Shne. Vergebens hatten wir alle,
Amalaswintha voran, die Gnade des Knigs angerufen: sein Zorn war
unauslschlich. Als ich wieder und wieder ihn bestrmte, fuhr er zornig
auf und schwur bei seiner Krone, der solle es im tiefsten Kerker ben,
der ihm noch einmal mit einer Frbitte fr die Verrter nahe. Da
verstummten wir alle. Nur Einer nicht. Nur Athalarich, der Knabe, lie
sich nicht schrecken, er weinte und flehte und hing sich an seines
Grovaters Knie.

Kamilla erbebte: der Atem stockte ihr.

Und nicht lie er ab, bis Theoderich in hchstem Zorn emporfuhr, ihn mit
einem Schlag in den Nacken von sich schleuderte und den Wachen bergab.
Der ergrimmte Knig hielt seinen Eid. Athalarich ward in den Kerker des
Schlosses gefhrt und Bothius sofort gettet.

Kamilla wankte und hielt sich an einer Sule des Saales.

Aber nicht umsonst hatte Athalarich gesprochen und gelitten.

Tags darauf vermite der Knig an der Tafel schwer den Liebling, den er
von sich gebannt. Er gedachte, mit welch edlem Mut er, der Knabe, fr
seine Freunde gebeten, als die Mnner in Furcht verstummten. Er stand
endlich auf von seinem Abendtrunk, bei dem er lange sinnend sa, stieg
selbst hinab in den Kerker, ffnete die Pforte, umarmte seinen Enkel und
schenkte auf seine Bitte deinen Shnen, Rusticiana, das Leben.

Fort, fort zu ihm! sprach Kamilla mit erstickter Stimme zu sich selbst
und eilte aus dem Saal.

Damals, fuhr Cassiodor fort, damals mochten Rmer und Rmerfreunde in
dem knftigen Knig ihre beste Sttze sehen und jetzt - meine arme Herrin,
arme Mutter! und klagend schritt er hinaus.

Rusticiana sa lange wie betubt. Sie sah alles wanken, worauf sie ihre
Racheplne gebaut: sie versank in dumpfes Brten. Lnger und lnger schon
fielen die Schatten der hohen, starken Trme in den Schlohof, auf welchen
sie hinausstarrte.

Da weckte sie der feste Schritt eines Mannes im Saal, erschrocken fuhr sie
auf: Cethegus stand vor ihr. Sein Antlitz war kalt und finster, aber eisig
ruhig.

Cethegus! rief die Bekmmerte und wollte seine Hand fassen, aber seine
Klte schreckte sie zurck. Alles verloren! seufzte sie, stehen
bleibend. Nichts ist verloren. Es gilt nur Ruhe. Und Raschheit, setzte
er, umblickend im Gemach, hinzu. Als er sich allein mit ihr sah, griff er
in die Brustfalten seiner Toga. Dein Liebestrank hat nicht geholfen,
Rusticiana. Hier ist ein andrer, - strkrer. Nimm. Und rasch drckte er
ihr eine Phiole von dunklem Lavastein in die Hand. Mit banger Ahnung sah
ihn die Freundin an: Glaubst du auf einmal an Magie und Zaubertrank? Wer
hat ihn gebraut? - Ich, sagte er, und _meine_ Liebestrnke wirken. -
Du! - es durchlief sie ein eisiges Grauen. Frage nicht, forsche nicht,
sume nicht, sprach er herrisch. Es mu noch heute geschehen. Hrst du?
Noch heute.

Aber Rusticiana zgerte noch und sah zweifelnd auf das Flschchen in ihrer
Hand. Da trat er heran, leise ihre Schulter berhrend: Du zauderst,
sagte er langsam. Weit du, was auf dem Spiele steht? nicht nur unser
ganzer Plan! Nein, blinde Mutter. Noch mehr. Kamilla _liebt_, liebt den
Knig mit aller Kraft der jungen Seele. Soll die Tochter des Bothius die
Buhle des Tyrannen werden?

Laut aufschreiend fuhr Rusticiana zurck: was in den letzten Tagen wie
eine bse Ahnung in ihr aufgestiegen, ward ihr gewi mit diesem Einen
Wort: noch einen Blick warf sie auf den Mann, der das Grausame gesprochen
und hinwegeilte sie, zornig die Faust um das Flschchen geballt.

Ruhig sah ihr Cethegus nach. Nun, Prinzlein, wollen wir sehen. Du warst
rasch, ich bin rascher. - Es ist eigen, sagte er dann, die Falten seiner
Toga herabziehend, ich glaubte lngst nicht mehr, noch solche heftige
Regung empfinden zu knnen. Jetzt hat das Leben wieder einen Reiz. Ich
kann wieder streben, hoffen, frchten. Sogar hassen. Ja, ich hasse diesen
Knaben, der sich unterfngt, mit der kindischen Hand in meine Kreise zu
tappen. Er will mir trotzen - meinen Gang aufhalten, er stellt sich khn
in meinen Weg: Er - mir! wohlan, so trag' er denn die Folgen.

Und langsam schritt er aus dem Gemach und wandte sich nach dem Audienzsaal
der Regentin, wo er sich absichtlich der versammelten Menge zeigte und
durch die eigne Sicherheit den bestrzten Herzen der Hofleute einige Ruhe
wiedergab. Er sorgte dafr, zahlreicher Zeugen fr all' seine Schritte an
diesem verhngnisvollen Tag sich zu versichern. Beim Sinken der Sonne ging
er mit Cassiodor und einigen andern Rmern, seine Verteidigung fr den
nchsten Tag beratend, in den Garten, in dessen Laubgngen er sich umsonst
nach Kamilla umsah.

Diese war, sowie sie Cassiodors Bericht zu Ende gehrt, in den Hof des
Palastes geeilt, wo sie zu dieser Stunde den Knig mit den andern jungen
Goten seines Hofes beim Waffenspiel zu treffen hoffte. Nur sehen wollte
sie ihn, noch nicht ihn sprechen und ihm zu Fen ihr groes Unrecht
abbitten. Sie hatte ihn verabscheut, von sich gestoen, ihn als mit dem
Blut ihres Vaters befleckt gehat - ihn, der sich fr diesen Vater
geopfert, der ihre Brder gerettet hatte!

Aber sie fand ihn nicht im Hof. Die wichtigen Ereignisse des Tages hielten
ihn in seinem Arbeitszimmer fest. Auch seine Waffengesellen fochten und
spielten heute nicht: in dichten Gruppen beisammenstehend, priesen sie
laut den Mut ihres jungen Knigs.

Mit Wonne sog Kamilla dieses Lob ein: stolz errtend, selig trumend
wandelte sie in den Garten und suchte dort an allen seinen
Lieblingssttten die Spuren des Geliebten. Ja, sie liebte ihn: khn und
freudig gestand sie sich's ein: er hatte es tausendfach um sie verdient.
Was Gote, was Barbar! Er war ein edler herrlicher Jngling, ein Knig, der
Knig ihrer Seele. Wiederholt wies sie die begleitende Daphnidion aus
ihrer Nhe, da diese nicht hre, wie sie wieder und wieder den geliebten
Namen selig vor sich hin sprach. Endlich am Venustempel angelangt versank
sie in se Trume ber die Zukunft, die unklar, aber golden dmmernd, vor
ihr lag. Vor allem beschlo sie, dem Prfekten und ihrer Mutter schon
morgen zu erklren, nicht mehr auf ihre Mithilfe gegen den Knig zhlen zu
sollen. Dann wollte sie diesem selbst ihre Schuld abbitten mit innigen
Worten und dann - dann? sie wute nicht was dann werden solle: aber sie
errtete in holden Trumen.

Rote, duftige Mandelblten fielen aus den nickenden Bschen: in dem
dichten Oleander neben ihr sang die Nachtigall, eine klare Quelle glitt
rieselnd an ihr vorber nach dem blauen Meer und die Wellen dieses Meeres
rollten leise wie ihrer Liebe huldigend zu ihren Fen.




                             Elftes Kapitel.


Aus solchem Sinnen und Sehnen weckte sie ein nahender Schritt auf den
Sandwegen. Der Gang war so rasch und so bestimmt der Tritt, da sie nicht
Athalarich vermutete. Aber es war der Knig: verndert in Haltung und
Erscheinen, mnnlicher, krftiger, fester. Hoch trug er das sonst zur
Brust gebeugte Haupt und das Schwert Theoderichs klirrte an seiner Hfte.

Gegrt, gegrt, Kamilla, rief er ihr laut und lebhaft entgegen. Dein
Anblick ist der schnste Lohn fr diesen heien Tag.

So hatte er noch nie zu ihr gesprochen.

Mein Knig, flsterte sie erglhend: einen leuchtenden Blick noch warfen
die braunen Augen auf ihn: dann senkten sich die langen Wimpern. Mein
Knig! so hatte sie ihn nie genannt, solchen Blick ihm nie geschenkt.
Dein Knig? sagte er, sich neben ihr niederlassend, ich frchte, so
wirst du mich nicht mehr nennen, wenn du erfhrst, was alles heute
geschehen.

Ich wei alles. - Du weit? Nun dann, Kamilla, sei gerecht: schilt
nicht, ich bin kein Tyrann. Der Edle, dachte sie, er entschuldigt sich um
seine schnsten Thaten.

Sieh, ich hasse die Rmer nicht, der Himmel wei es, - sie sind ja _dein_
Volk! - ich ehre sie und ihre alte Gre, ich achte ihre Rechte. Aber mein
Reich, den Bau Theoderichs, mu ich beschtzen, streng und unerbittlich,
und weh der Hand, die sich dawider hebt. Vielleicht, fuhr er langsamer
und feierlich fort, vielleicht ist dies Reich schon verurteilt in den
Sternen - gleichviel, ich, sein Knig, mu mit ihm stehen und fallen.

Du sprichst wahr, Athalarich, und wie ein Knig.

Dank dir, Kamilla! wie du heut gerecht bist oder gut! Solcher Gte darf
ich wohl anvertrauen, welcher Segen, welche Heilung mir geworden. Sieh',
ich war ein kranker, irrer Trumer, ohne Halt, ohne Freude, dem Tode gern
entgegenwankend. Da trat an meine Seele die Gefahr dieses Reichs, die
thtige Sorge um mein Volk: und mit der Sorge wuchs in meiner Brust die
Liebe, die mchtige Liebe zu meinen Goten, und diese stolze und bange und
wachsame Liebe fr mein Volk, sie hat mein Herz gestrkt und getrstet fr
... fr andres bitter schmerzliches Entsagen. Was liegt an meinem Glck,
wenn nur dies Volk gedeiht: sieh, der Gedanke hat mich gesund gemacht und
stark und wahrlich! des Grten knnt' ich jetzt mich unterwinden.

Er sprang auf, beide Arme wiegend und schwingend.

O, Kamilla, die Ruhe verzehrt mich! O, ging es zu Ro und in
waffenstarrende Feinde! Sieh, die Sonne sinkt. Es ladet die spiegelnde
Flut. Komm, komm mit in den Kahn. Kamilla zgerte. Sie blickte um. Die
Dienerin? Ach la sie! Dort ruht sie unter der Palme an der Quelle, sie
schlft. Komm, komm rasch, eh' die Sonne versinkt. Sieh die goldne Strae
auf der Flut. Sie winkt! - Zu den Inseln der Seligen? fragte das
liebliche Mdchen mit einem holdseligen Blick und leicht errtend.

Ja, komm zu den seligen Inseln! antwortete er glcklich, hob sie rasch
in den Kahn, lste dessen Silberkette von den Widderkpfen des Quais,
sprang hinein, ergriff das zierliche Ruder und stie ab. Dann legte er das
Ruder in die se zur Linken: und im hintern Gransen des Schiffes stehend
steuerte und ruderte er zugleich, eine schne und malerische Bewegung, und
ein echt germanischer Fergenbrauch.

Kamilla sa vorn, nahe dem Schnabel des Kahns, auf einem Diphros, dem
griechischen zusammenlegbaren Feldstuhl, und sah ihm in das edle Antlitz,
das von der rotschimmernden Abendsonne beleuchtet war: sein dunkles Haar
flog im Winde und herrlich waren die raschen und krftigen Bewegungen des
fein gebauten Ruderers zu schauen. Beide schwiegen. Pfeilschnell scho die
leichte Barke durch die glatte Flut.

Flockige, rosige Abendwlklein zogen langsam ber den Himmel, der leise
Wind fhrte von den Mandelgebschen des Ufers Wolken von Wohlgeruch mit
sich, und rings war Schimmer, Ruhe, Harmonie. Endlich brach der Knig das
Schweigen und sprach, dem Bot einen krftigen Druck gebend, da es
gehorsam vorwrts scho: Weit du, was ich denke? Wie schn mu es sein
ein Reich, ein Volk, viel tausend geliebte Leben mit der starken Hand
durch Wind und Wellen sicher vorwrts zu steuern zu Glck und Glanz. - Was
aber sannest du, Kamilla? Du sahst so mild, es sind gute Gedanken
gewesen. Sie errtete und blickte seitab in die Flut.

O sprich doch, sei offen in dieser schnen Stunde.

Ich dachte, flsterte sie vor sich hin, das feine Kpfchen noch immer
abgewendet, wie schn mu es sein, von treuer, geliebter Hand, der man so
ganz vertraut, gesteuert werden durch die schwanke Flut des Lebens. - O,
Kamilla, glaub mir, auch dem Barbaren kann man sich vertraun - - Du bist
kein Barbar! Wer zart empfindet und edel denkt und sich hochherzig
berwindet und schweren Undank mit Huld vergilt, ist kein Barbar, er ist
ein edles Menschenbild, wie je ein Scipio gewesen. Entzckt hielt der
Knig im Rudern inne, das Schiff stand: Kamilla! trum ich? sprichst du
das? und zu mir?

Mehr noch, Athalarich, mehr! ich bitte dich, vergieb, da ich dich so
grausam von mir gestoen. Ach, es war nur Scham und Furcht. - Kamilla,
Perle meiner Seele - Diese, welche das Gesicht dem Ufer zuwandte, rief
pltzlich: was ist das? Man folgt uns. Der Hof, die Frauen, meine
Mutter. So war es. Rusticiana hatte, von des Prfekten furchtbarem Wink
getrieben, ihre Tochter im Garten gesucht. Sie fand sie nicht. Sie eilte
nach dem Venustempel. Umsonst. Umherschauend sah sie pltzlich die beiden,
ihr Kind mit ihm allein, auf dem Schiff, fern im Meer. In hchstem Zorn
flog sie an den Marmortisch, an dem die Sklaven eben den Abendbecher des
Knigs mischten, schickte sie die Stufen hinab, eine Gondel zu lsen,
gewann so einen unbelauschten Augenblick an dem Tisch und stieg gleich
darauf mit Daphnidion, die ihr zorniger Ausruf geweckt, die Stufen hinab
nach dem Schiff. Da bogen zur Rechten aus dem dichten Taxusgang der
Prfekt und seine Freunde, die ihr Lustwandeln ebenfalls an diese Stelle
fhrte. Cethegus folgte ihr die Stufen hinab und reichte ihr die Hand, in
den Kahn zu steigen. Es ist geschehen, flsterte sie ihm dabei zu und
die Gondel stie ab. In diesem Augenblick war es, da das junge Paar auf
die Bewegung am Ufer aufmerksam wurde: Kamilla stand auf, sie mochte
erwarten, der Knig werde das Schiff wenden. Aber dieser rief: Nein, sie
sollen mir diese Stunde nicht rauben, die schnste meines Lebens. Ich mu
noch mehr von diesen sen Worten schlrfen. O, Kamilla, du mut mir mehr,
du mut mir alles sagen. Komm, wir landen auf der Insel dort, da mgen sie
uns finden. Und mchtig ausgreifend drckte er mit aller Kraft auf das
Ruder, da das Fahrzeug wie beflgelt dahinscho.

Willst du nicht weiter sprechen?

O, mein Freund, mein Knig - dringe nicht in mich. Er sah nur ihr in das
liebliche Antlitz, in das leuchtende Auge, nicht mehr auf Weg und Ziel.
Nun warte - dort auf der Insel - dort sollst du mir - -

Ein neuer leidenschaftlicher Ruderschlag - da erdrhnte ein dumpfer Krach,
das Schiff war angeprallt und fuhr schtternd zurck.

Himmel! rief Kamilla aufspringend und nach dem Schnabel des Schiffes
sehend: ein ganzer Schwall von Wasser sprudelte herein ihr entgegen.

Das Schiff ist geborsten - wir sinken, sprach sie erbleichend. -
Hierher zu mir, la mich sehen, rief Athalarich vorspringend. Ah, das
sind die Nadeln der Amphitrite - wir sind verloren. Die Nadeln der
Amphitrite - wir wissen, man konnte sie von der Terrasse des Venustempels
kaum erkennen - waren zwei schmale scharfzackige Klippen zwischen dem Ufer
und der nchsten der Laguneninseln: sie ragten kaum ber den
Wasserspiegel, bei leisestem Wind gingen die Wellen ber sie weg.
Athalarich kannte die Gefahr dieser Stelle und hatte sie immer leicht
vermieden: aber diesmal hatte er nur in der Geliebten Augen geblickt.

Mit einem Blick bersah er die Lage. Es gab keine Rettung.

Ein Bret im Boden des leicht gezimmerten Gefhrts war durch den Anprall an
der Klippe zertrmmert, gewaltig drang das Wasser durch den Leck.

Das Schiff sank von Sekunde zu Sekunde.

Schwimmend mit Kamilla die nchste Insel oder das Ufer zu erreichen,
konnte er nicht hoffen und das Ruderschiff Rusticianens hatte kaum erst
abgestoen. Mit Blitzesschnelle hatte er all' das berschaut, erwogen,
eingesehen, und warf einen entsetzten Blick auf das Mdchen. Geliebte, du
stirbst, jammerte er verzweifelnd, und ich, ich hab's verschuldet. Und
er umfate sie strmisch. Sterben? rief sie, o nein! nicht so jung,
nicht jetzt sterben! Leben, leben mit dir. Und sie klammerte sich fest an
seinen Arm. Der Ton, die Worte durchschnitten sein Herz.

Er ri sich los, er sah nach Rettung ringsumher, umsonst, umsonst - immer
hher stieg das Wasser, immer rascher sank das Schiff. Er warf das Ruder
weg. Es ist aus, alles aus, Geliebte. La uns Abschied nehmen. - Nein!
nicht mehr scheiden! Mu es gestorben sein: - o dann hinweg alle Scheu,
welche die Lebendigen bindet - und glhend drckte sie das Haupt an seine
Brust - o la dir sagen, la dir noch gestehn, wie ich dich liebe, wie
lange schon, seit - seit immer. All' mein Ha war ja nur verschmte Liebe.
Gott, ich liebte dich schon, da ich whnte, ich msse dich verabscheuen.
Ja du sollst wissen, wie ich dich liebe. Und sie bedeckte ihm Augen und
Wangen mit eiligen Kssen. O, jetzt will ich auch sterben - lieber
sterben mit dir als leben ohne dich. Aber nein - und sie ri sich von ihm
los - du sollst nicht sterben - la mich hier, springe, schwimme,
versuch's, du allein erreichst die Insel wohl - versuch's und la mich.

Nein, rief er selig, lieber sterben mit dir als leben ohne dich. Nach
so langem, langem Sehnen endlich Erfllung! Wir gehren einander auf ewig
von dieser Stunde. Komm, Kamilla, Geliebte, la uns hinab.

Schauer der Liebe und des Todes rieselten durcheinander. Er zog sie an
sich, umschlang sie mit dem linken Arm und stieg mit ihr auf den kaum noch
Hand breit ber Wasser ragenden Steuergransen: schon schickte er sich zum
jhen Sprunge an, - da entrang sich beiden ein froher Schrei der Hoffnung.

Blitzschnell bog vor ihren Augen um die schmale Landspitze, die unfern von
ihnen ins Meer ragte, ein Schiff mit vollen Segeln, das gerade auf sie los
eilte.

Das Schiff vernahm ihren Schrei, es erkannte jedenfalls die Lage des
sinkenden Kahns, vielleicht die Person des Knigs: vierzig Ruder, aus zwei
Stockwerken von Ruderbnken zugleich in die Flut getaucht, befrderten den
Flug des raschen Fahrzeugs, das brausend vor ganzem Wind mit allen Segeln
daherscho. Die Leute auf dem Deck riefen ihnen zu, auszuharren und bald -
es war die hchste Zeit - lag der Bauch der Bireme neben der Gondel, die
augenblicklich versank, nachdem das Paar durch die Lukenpforte des untern
Ruderstockwerks an Bord gerettet war. Es war ein kleines gotisches
Wachtschiff, der goldene, steigende Lwe, das Wappen der Amalungen,
glnzte auf der blauen Flagge: Aligern, ein Vetter Tejas, befehligte es.

Dank euch, wackre Freunde, sprach Athalarich, da er wieder Worte
gefunden, Dank! ihr habt nicht euren Knig nur, ihr habt eure Knigin
gerettet.

Staunend sammelten sich Krieger und Matrosen um den Glcklichen, der die
laut weinende Kamilla in seinen Armen hielt. Heil unsrer schnen jungen
Knigin! jauchzte der rotblonde Aligern und die Mannschaft jubelte
donnernd nach: Heil, Heil unsrer Knigin! In diesem Augenblick rauschte
der Segler an dem Kahn Rusticianens vorbei: der Schall dieses Jubelrufs
weckte die Unselige aus der Erstarrung von Entsetzen und Betubung, die
sie ergriffen, da die beiden erschrocknen Rudersklaven die Gefahr des
jungen Paares auf dem sinkenden Boot entdeckt und zugleich erklrt hatten,
es sei ihnen unmglich, sie rechtzeitig aus den Wellen zu retten. Da war
sie besinnungslos Daphnidion in die Arme gefallen.

Jetzt erwachte sie und warf einen irren Blick umher. Sie staunte: war es
ein Traumbild, was sie sah? oder war es wirklich ihre Tochter, die dort
auf dem Deck des Gotenschiffs, das stolz an ihr vorberrauschte, an der
Brust des jungen Knigs lag? und jauchzten wirklich dazu jubelnde Stimmen:
Heil Kamilla, unsrer Knigin?

Sie starrte auf die vorbergleitende Erscheinung, sprachlos, lautlos. Aber
das rasch fliegende Segelschiff war schon an ihrem Kahn vorber und dem
Lande nah. Es ankerte auerhalb der seichten Gartenbucht, eine Barke ward
herabgelassen, das gerettete Paar, Aligern und drei Matrosen sprangen
hinein und bald stiegen sie die Stufen der Hafentreppe hinan, wo, auer
Cethegus und seiner Begleitung, eine Menge von Leuten sich versammelt
hatte, die vom Palast oder vom Garten aus mit Schrecken die Gefahr des
kleinen Schiffes wahrgenommen und jetzt herbeieilten, die Geretteten zu
begren. Unter Glckwnschen und Segensrufen stieg Athalarich die Stufen
hinan.

Seht hier, sprach er, vor dem Tempel angelangt, sehet, Goten und Rmer,
eure Knigin, meine Braut. Uns hat der Gott des Todes zusammengefhrt,
nicht wahr, Kamilla? Sie sah zu ihm auf, aber heftig erschrak sie: die
Aufregung und der jhe Wechsel von Schrecken und Freude hatten den kaum
Genesenen bermchtig erschttert: sein Antlitz war marmorbla, er wankte
und griff wie Luft schpfend krampfhaft an seine Brust.

Um Gott, rief Kamilla, einen Anfall des alten Leidens frchtend, dem
Knig ist nicht wohl. Rasch den Wein, die Arznei! Sie flog an den Tisch,
ergriff den Silberbecher, der bereit stand, und drngte ihn in seine Hand.

Cethegus stand dicht dabei und folgte mit scharfem Blick jeder seiner
Bewegungen.

Schon setzte er den Becher an die Lippen, aber pltzlich lie er ihn
nochmal sinken, er lchelte: du mut mir zutrinken, wie's der gotischen
Knigin ziemt an ihrem Hof, und er reichte ihr den Pokal: sie nahm ihn
aus seiner Hand.

Einen Augenblick durchzuckte es den Prfekten siedend hei. Er wollte
hinzustrzen, ihr den Trank aus der Hand reien, ihn verschtten.

Aber er hielt sich zurck. That er's, so war er unrettbar verloren. Nicht
nur morgen als Hochverrter, nein, sofort als Giftmrder angeklagt und
berfhrt.

Verloren mit ihm seine ganze Ideenwelt, die Zukunft Roms. Und um wen? - Um
ein verliebtes Mdchen, das treulos zu seinem Todfeind abgefallen. - Nein,
sagte er kalt zu sich, die Faust zusammendrckend, sie oder Rom: - also
sie! Und ruhig sah er zu, wie das Mdchen, hold errtend, einen leichten
Trunk aus dem Becher nahm, den der Knig darauf tief schlrfend bis zum
Grunde leerte. Er zuckte zusammen, da er ihn auf den Marmortisch
niedersetzte. Kommt hinauf ins Palatium, sprach er frstelnd, den Mantel
ber die linke Schulter schlagend, mich friert. Und er wandte sich.

Da traf sein Blick auf Cethegus: er stand einen Augenblick still und sah
dem Prfekten eindringend ins Auge.

Du hier? sagte er finster und trat einen Schritt auf ihn zu: da zuckte
er nochmal und strzte mit einem jhen Schrei neben der Quelle aufs
Antlitz nieder.

Athalarich! rief Kamilla und warf sich taumelnd ber ihn. Der alte
Corbulo sprang aus der Schar der Diener zuerst hinzu: Hilfe, rief er,
sie stirbt - der Knig!

Wasser! rasch Wasser! sprach Cethegus laut. Und entschlossen trat er an
den Tisch, ergriff den Silberbecher, bckte sich, splte ihn schnell, aber
grndlich in der Quelle und neigte sich ber den Knig, der in Cassiodors
Armen lag, inde Corbulo das Haupt Kamillens auf seine Kniee legte.

Ratlos, entsetzt umstanden die Hofleute die beiden scheinbar leblosen
Gestalten.

Was ist geschehen? Mein Kind! mit diesem Schrei drngte sich Rusticiana,
die soeben gelandet, an der Tochter Seite. Kamilla! rief sie
verzweifelt, was ist mit dir?

Nichts! sagte Cethegus ruhig, sich prfend ber die beiden beugend. Es
ist nur eine Ohnmacht. Aber den jungen Knig hat sein Herzkrampf
hingerafft. Er ist tot.





                              Drittes Buch.


                              AMALASWINTHA.


                             Amalaswintha verzagte nicht nach Frauenart,
                                  sonder krftig wahrte sie ihr Knigtum.

                                                   Prokop, Gotenkrieg I. 2




                             Erstes Kapitel.


Wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel traf Athalarichs pltzliches Ende
die gotische Partei, die an diesem nmlichen Tage ihre Hoffnungen so hoch
gespannt hatte. Alle Maregeln, die der Knig in ihrem Sinne angeordnet,
waren gelhmt, die Goten pltzlich wieder ohne Vertretung in dem Staat, an
dessen Spitze jetzt die Regentin ganz allein gestellt war.

Am frhen Morgen des nchsten Tages stellte sich Cassiodor bei dem
Prfekten ein. Er fand diesen in ruhigem, festem Schlaf.

Und du kannst schlafen, ruhig wie ein Kind, nach einem solchen Schlag! -
Ich schlief, sagte Cethegus sich auf den linken Arm aufrichtend, im
Gefhle neuer Sicherheit. - Sicherheit! ja fr dich, aber das Reich!

Das Reich war mehr gefhrdet durch diesen Knaben als ich. Wo ist die
Knigin? - Am offenen Sarge ihres Sohnes sitzt sie, sprachlos! Die ganze
Nacht.

Cethegus sprang auf: das darf nicht sein, rief er. Das thut nicht gut.
Sie gehrt dem Staat, nicht dieser Leiche. Um so weniger, als ich von Gift
flstern hrte. Der junge Tyrann hatte viele Feinde. Wie steht es damit?

Sehr ungewi. Der griechische Arzt Elpidios, der die Leiche untersuchte,
sprach zwar von einigen auffallenden Erscheinungen. Aber, wenn Gift
gebraucht worden, meinte er, mte es ein sehr geheimes, ihm vllig
fremdes sein. In dem Becher, daraus der Arme den letzten Trunk gethan,
fand sich nicht die leiseste Spur verdchtigen Inhalts. So glaubt man
allgemein, die Aufregung habe das alte Herzleiden zurckgerufen und dieses
ihn gettet. Aber doch ist es gut, da man dich von dem Augenblick, da du
die Versammlung verlieest, immer vor Zeugen gesehen: der Schmerz macht
argwhnisch.

Wie steht es um Kamilla? forschte der Prfekt weiter. - Sie soll von
ihrer Betubung noch gar nicht erwacht sein; die rzte frchten das
Schlimmste. - Aber ich kam, dich zu fragen: Was soll nun weiter geschehen?
Die Regentin sprach davon, die Untersuchung gegen dich niederzuschlagen.
- Das darf nicht sein! rief Cethegus. Ich fordre die Durchfhrung.
Eilen wir zu ihr. - Willst du sie am Sarge ihres Sohnes stren? - Ja,
das will ich! Deine zarte Rcksicht bebt davor zurck? Gut, komme du nach,
wenn ich das Eis gebrochen.

Er verabschiedete den Besuch und rief seine Sklaven, ihn anzukleiden. Bald
darauf schritt er, in dunkelgraues Trauergewand gehllt, hinab zu dem
Gewlbe, wo die Leiche ausgestellt lag. Gebieterisch wies er die Wachen
und die Frauen Amalaswinthens hinweg, die den Eingang hteten und trat
geruschlos ein.

Es war die niedrig gewlbte Halle, in der ehedem die Leichen der Kaiser
mit Salben und Brennstoffen waren fr den Scheiterhaufen bereitet worden.
Das schweigende Gela, mit dunkelgrnem Serpentin getfelt, von kurzen
dorischen Sulen aus schwarzem Marmor getragen, war nie von der Tageshelle
beleuchtet: auch jetzt fiel auf die dstern byzantinischen Mosaiken auf
dem Goldgrund der Wandplatten kein andres Licht als von den vier
Pechfackeln, die an dem Steinsarkophag des jungen Knigs mit unstetem
Schimmer flackerten.

Dort lag er, auf einem tiefroten Purpurmantel, Helm, Schwert und Schild zu
seinen Hupten.

Der alte Hildebrand hatte ihm einen Eichenkranz um die dunkeln Locken
gewunden. Die edeln Zge ruhten in ernster, bleicher Schne.

Zu seinen Fen sa in langem Trauerschleier die hohe Gestalt der
Regentin, das Haupt auf den linken Arm gesttzt, der auf dem Sarkophage
ruhte: der rechte hing erschlafft herab. Sie konnte nicht mehr weinen.

Das Knistern der Pechflammen war das einzige Gerusch in dieser
Grabesstille. -

Lautlos trat Cethegus ein, nicht unbewegt von der Poesie des Anblicks.
Aber mit einem Zusammenziehen der Brauen war dies Gefhl wie ein Anflug
von Mitleid erstickt. Klarheit gilt es, sprach er zu sich selbst, und
Ruhe. Leise trat er nher und ergriff die herabgesunkene Hand
Amalaswinthens. Erhebe dich, hohe Frau, du gehrst den Lebendigen, nicht
den Toten.

Erschrocken sah sie auf: Du hier, Cethegus? Was suchst du hier?

Eine Knigin.

O, du findest nur eine weinende Mutter! rief sie schluchzend. - Das
kann ich nicht glauben. Das Reich ist in Gefahr und Amalaswintha wird
zeigen, da auch ein Weib dem Vaterland den eignen Schmerz opfern kann.

Das kann sie, sagte sie, sich aufrichtend: Aber sieh auf ihn hin. - Wie
jung, wie schn -! Wie konnte der Himmel so grausam sein. - Jetzt oder
nie, dachte Cethegus. Der Himmel ist gerecht, streng, nicht grausam.

Wie redest du? was hatte mein edler Sohn verschuldet? Wagst du ihn
anzuklagen? - Nicht ich! Doch eine Stelle der heiligen Schrift hat sich
erfllt an ihm: Ehre Vater und Mutter, auf da du lang lebest auf Erden.
Die Verheiung ist auch eine Drohung. Gestern hat er gefrevelt gegen seine
Mutter und sie verunehrt in trotziger Emprung: - heute liegt er hier. Ich
sehe darin den Finger Gottes.

Amalaswintha verhllte ihr Antlitz. Sie hatte dem Sohn an seinem Sarge
seine Auflehnung herzlich vergeben. Aber diese Auffassung, diese Worte
ergriffen sie doch mchtig und zogen sie ab von ihrem Schmerz zur
liebgewordenen Gewohnheit des Herrschens. Du hast, o Knigin, die
Untersuchung gegen mich niederschlagen wollen und Witichis zurckberufen.
Letzteres mag sein. Aber ich fordere die Durchfhrung des Prozesses und
feierliche Freisprechung als mein Recht.

Ich habe nie an deiner Treue gezweifelt. Weh mir, wenn ich es jemals
mte. Sage mir: ich wei von keiner Verschwrung! und alles ist
abgethan. - Sie schien seine Beteurung zu erwarten. Cethegus schwieg eine
Weile. Dann sagte er ruhig: Knigin, ich wei von einer Verschwrung.

Was ist das? rief die Regentin und sah ihn drohend an. - Ich habe diese
Stunde, diesen Ort gewhlt, fuhr Cethegus mit einem Blick auf die Leiche
fort, dir meine Treue entscheidend zu besiegeln, da sie dir
unauslschlich mge ins Herz geschrieben sein. Hre und richte mich. -
Was werd' ich hren? sprach die Knigin wachsam und fest entschlossen,
sich weder tuschen noch erweichen zu lassen. Ich wr' ein schlechter
Rmer, Knigin, und du mtest mich verachten, liebte ich nicht vor allem
andern mein Volk. Dies stolze Volk, das selbst du, die Fremde, liebst. Ich
wute, - wie du es weit - da der Ha gegen euch als Ketzer, als Barbaren
in den Herzen fortglimmt. Die letzten strengen Thaten deines Vaters hatten
ihn geschrt. Ich ahnte eine Verschwrung. Ich suchte, ich entdeckte sie.
- Und verschwiegst sie! sprach die Regentin, zrnend sich erhebend. -
Und verschwieg sie. Bis heute. Die Verblendeten wollten die Griechen
herbeirufen und nach Vernichtung der Goten sich dem Kaiser unterwerfen. -
Die Schndlichen! rief Amalaswintha heftig. - Die Thoren! Sie waren
schon soweit gegangen, da nur Ein Mittel blieb, sie zurckzuhalten: ich
trat an ihre Spitze, ich ward ihr Haupt. - Cethegus! - Dadurch gewann
ich Zeit und konnte edle, wenn auch verblendete Mnner von dem Verderben
zurckhalten. Allgemach konnte ich ihnen die Augen darber ffnen, da ihr
Plan, wenn er gelnge, nur eine milde mit einer despotischen Herrschaft
vertauschen wrde. Sie sahen es ein, sie folgten mir und kein Byzantiner
wird diesen Boden betreten bis ich ihn rufe, ich - oder du.

Ich! rasest du? - Nichts ist den Menschen zu verschwren! sagt
Sophokles, dein Liebling. La dich warnen, Knigin, die du die dringendste
Gefahr nicht siehst. Eine andre Verschwrung, viel gefhrlicher als jene
rmische Schwrmerei, bedroht dich, deine Freiheit, das Herrschaftsrecht
der Amaler, in nchster Nhe - eine Verschwrung der Goten.

Amalaswintha erbleichte.

Du hast gestern zu deinem Schrecken ersehn, da nicht deine Hand mehr das
Ruder dieses Reiches fhrt. Ebensowenig dieser edle Tode, der nur ein
Werkzeug deiner Feinde war. Du weit es, Knigin, viele in deinem Volk
sind blutdrstende Barbaren, raubgierig, roh: sie mchten dies Land
brandschatzen, wo Vergil und Tullius gewandelt. Du weit, dein trotziger
Adel hat die bermacht des Knigshauses und will sich ihm wieder
gleichstellen. Du weit, die rauhen Goten denken nicht wrdig von dem
Beruf des Weibes zur Herrschaft. - Ich wei es, sprach sie stolz und
zornig. - Aber nicht weit du, da alle diese Parteien sich geeinigt
haben. Geeinigt gegen dich und dein rmerfreundlich Regiment. Dich wollen
sie strzen oder zu ihrem Willen zwingen. Cassiodor und ich, wir sollen
von deiner Seite fort. Unser Senat, unsre Rechte sollen fallen, das
Knigtum ein Schatte werden. Krieg mit dem Kaiser soll entbrennen. Und
Gewalt, Erpressung, Raub ber uns Rmer hereinbrechen. - Du malst eitle
Schreckbilder! - War ein eitles Schreckbild, was gestern geschah? Wenn
nicht der Arm des Himmels eingriff, warst nicht du selbst - wie ich - der
Macht beraubt? Warst du denn noch Herrin in deinem Reich, in deinem Hause?
Sind sie nicht schon so mchtig, da der heidnische Hildebrand, der
buerische Witichis, der finstre Teja in deines bethrten Sohnes Namen
offen deinem Willen trotzen? Haben sie nicht jene rebellischen drei
Herzoge zurckberufen? Und deine widerspenstige Tochter und - - Wahr, zu
wahr! seufzte die Knigin.

Wenn diese Mnner herrschen - dann lebt wohl Wissenschaft und Kunst und
edle Bildung! Leb wohl, Italia, Mutter der Menschlichkeit! Dann lodert in
Flammen auf, ihr weien Pergamente, brecht in Trmmer, schne Statuen.
Gewalt und Blut wird diese Fluren erfllen und spte Enkel werden
bezeugen: solches geschah unter Amalaswintha, der Tochter Theoderichs.

Nie, niemals soll das geschehen! Aber -

Du willst Beweise? Ich frchte, nur zu bald wirst du sie haben. Du siehst
jedoch schon jetzt: auf die Goten kannst du dich nicht sttzen, wenn du
jene Greuel verhindern willst. Gegen sie schtzen nur wir dich, wir, denen
du ohnehin angehrst nach Geist und Bildung, wir Rmer. Dann, wenn jene
Barbaren lrmend deinen Thron umdrngen, dann la mich jene Mnner um dich
scharen, die sich einst gegen dich verschworen, die Patrioten Roms: sie
schtzen dich und sich selbst zugleich.

Cethegus, sprach die bedrngte Frau, du beherrschest die Menschen
leicht! Wer, sage mir, wer brgt mir fr die Patrioten, fr deine Treue?

Dies Blatt, Knigin, und dieses! Jenes enthlt eine genaue Liste der
rmischen Verschwornen - du siehst, es sind viele hundert Namen: dies die
Glieder des gotischen Bundes, die ich freilich nur erraten konnte. Aber
ich rate gut. Mit diesen beiden Blttern geb' ich die beiden Parteien,
geb' ich mich selbst ganz in deine Hand. Du kannst mich jeden Augenblick
bei den Meinen selbst als Verrter entlarven, der vor allem _deine_ Gunst
gesucht, kannst mich preisgeben dem Ha der Goten - ich habe jetzt keinen
Anhang mehr, sobald du willst: ich stehe allein, allein auf dem Boden
deiner Gunst.

Die Knigin hatte die Rollen mit leuchtenden Augen durchflogen.
Cethegus, rief sie jetzt, ich will deiner Treue gedenken und dieser
Stunde! Und sie reichte ihm gerhrt die Hand.

Cethegus neigte leise das Haupt. Noch eins, o Knigin. Die Patrioten,
fortan deine Freunde wie die meinen, wissen das Schwert des Verderbens,
des Hasses der Barbaren ber ihren Huptern hangen. Die Erschrocknen
bedrfen der Aufrichtung. La sie mich deines hohen Schutzes versichern:
stelle deinen Namen an die Spitze dieses Blattes und la mich ihnen
dadurch ein sichtbar Zeichen deiner Gnade geben.

Sie nahm den goldnen Stift und die Wachstafel, die er ihr reichte. Einen
Augenblick noch zgerte sie nachdenklich: dann aber schrieb sie rasch
ihren Namen und gab ihm Griffel und Tafel zurck: Hier, sie sollen mir
treu bleiben, treu wie du.

Da trat Cassiodorus ein: o Knigin, die gotischen Groen harren dein. Sie
begehren dich zu sprechen.

Ich komme! Sie sollen meinen Willen vernehmen, sprach sie heftig: du
aber, Cassiodor, sei der erste Zeuge des Beschlusses, den diese ernste
Stunde in mir gereift, den bald mein ganzes Reich vernehmen soll: hier der
Prfekt von Rom ist hinfort der erste meiner Diener, wie er der treuste
ist: sein ist der Ehrenplatz in meinem Vertrauen und an meinem Thron.

Staunend fhrte Cassiodor die Regentin die dunkeln Stufen hinan. Langsam
folgte Cethegus: er hob die Wachstafel in die Hhe und sprach zu sich
selbst: Jetzt bist du mein, Tochter Theoderichs. Dein Name auf dieser
Liste trennt dich auf immer von deinem Volk. - -




                             Zweites Kapitel.


Als Cethegus aus dem unterirdischen Gewlbe wieder zu dem Erdgescho des
Palastes aufgetaucht war und sich anschickte, der Regentin zu folgen, ward
sein Ohr berhrt und sein Schritt gefesselt durch feierliche, klagende
Fltentne. Er erriet, was sie bedeuteten.

Sein erster Antrieb war, auszuweichen. Aber alsbald entschlo er sich zu
bleiben. Einmal mu es doch geschehen, also am besten gleich, dachte er.
Man mu prfen, wie weit sie unterrichtet ist.

Immer nher kamen die Flten, wechselnd mit eintnigen Klagegesngen.
Cethegus trat in eine breite Nische des dunklen Ganges, in welchen schon
die Spitze des kleinen Zuges einbog. Voran schritten paarweise sechs edle
rmische Jungfrauen in grauen Klageschleiern, gesenkte Fackeln in den
Hnden. Darauf folgte ein Priester, dem eine hohe Kreuzesfahne mit langen
Wimpeln vorangetragen wurde. Hierauf eine Schar von Freigelassenen der
Familie, angefhrt von Corbulo, und die Fltenblser. Dann erschien, von
vier rmischen Mdchen getragen, ein offener, blumenberschtteter Sarg:
da lag auf weiem Linnentuch die tote Kamilla, in brutlichem Schmuck,
einen Kranz von weien Rosen um das schwarze Haar: ein Zug lchelnden
Friedens spielte um den leicht geffneten Mund. Hinter dem Sarg aber
wankte, mit gelstem Haar, stier vor sich hinblickend, die unselige
Mutter, von Matronen umgeben, welche die Sinkende sttzten. Eine Reihe von
Sklavinnen schlo den Zug, der sich langsam in das Totengewlbe verlor.

Cethegus erkannte die schluchzende Daphnidion und hielt sie an. Wann
starb sie? fragte er ruhig. - Ach, Herr, vor wenigen Stunden! Oh die
gute, schne, freundliche Domna! - Ist sie noch einmal erwacht zu vollem
Bewutsein?

Nein, Herr, nicht mehr. Nur ganz zuletzt schlug sie die groen Augen
nochmal auf und schien rings umher zu suchen. Wo ist er hin? fragte sie
die Mutter. Ach, ich sehe ihn, rief sie dann und hob sich aus den
Kissen. Kind, mein Kind, wo willst du hin? weinte die Herrin. Nun,
dorthin, sagte sie mit verklrtem Lcheln: nach den Inseln der Seligen!
und sie schlo die Augen und sank zurck auf das Lager und jenes holde
Lcheln blieb stehen auf ihrem Mund - und sie war dahin, dahin auf ewig!
- Wer hat sie hier herab bringen lassen? - Die Knigin. Sie erfuhr
alles und befahl die Tote als die Braut ihres Sohnes neben ihm
auszustellen und zu bestatten.

Aber was sagt der Arzt? wie konnte sie so pltzlich sterben? - Ach der
Arzt sah sie nur flchtig; er hatte alle Gedanken bei der Knigsleiche und
die Herrin litt ja gar nicht, da der fremde Mann ihre Tochter berhre.
Das Herz ist ihr eben gebrochen: daran mag man wohl sterben! Aber still,
sie kommen. Der Zug ging in derselben Ordnung, ohne den Sarg, zurck.
Daphnidion schlo sich an. Nur Rusticiana fehlte. Ruhig schritt Cethegus
den einsamen Gang auf und nieder, sie zu erwarten.

Endlich stieg die gebrochne Gestalt die Stufen herauf. Sie wankte und
drohte zu fallen. Da ergriff er rasch ihren Arm. Rusticiana, fasse dich!

Du hier? O Gott, du hast sie auch geliebt! Und wir, wir beide haben sie
ermordet! Und sie brach auf seine Schulter zusammen. Schweig, Unselige!
flsterte er, sich umsehend.

Ach, ich, die eigne Mutter, habe sie gettet. Ich habe den Trank
gemischt, der ihm den Tod gebracht.

Gut, dachte er, sie ahnt also nicht, da sie getrunken, geschweige, da
ich sie trinken sah. Es ist ein grausamer Streich des Geschicks, sagte
er laut; aber bedenke, was sollte werden, wenn sie lebte? Sie liebte
ihn! - Was werden sollte? rief Rusticiana, von ihm zurcktretend.

O, wenn sie nur lebte! Wer kann wider die Liebe? Wre sie sein geworden,
sein Weib, - seine Geliebte, wenn sie nur lebte! - Aber du vergit, da
er sterben mute. - Mute? warum mute er sterben? auf da du deine
stolzen Plne hinausfhrst! O Selbstsucht ohnegleichen! - Es sind deine
Plne, die ich ausfhre, nicht die meinen; wie oft mu ich dir's
wiederholen? Du hast den Gott der Rache heraufbeschworen, nicht ich: was
klagst du mich an, wenn er Opfer von dir fordert? Besinne dich besser.
Lebe wohl.

Aber Rusticiana fate heftig seinen Arm: Und das ist alles? Und weiter
hast du nichts, kein Wort, keine Thrne fr mein Kind? Und du willst mich
glauben machen, um sie, um mich zu rchen habest du gehandelt? Du hast nie
ein Herz gehabt. Du hast auch sie nicht geliebt - kalten Blutes siehst du
sie sterben - ha, Fluch - Fluch ber dich. - Schweig, Unsinnige. -
Schweigen? nein, reden will ich und dir fluchen. O, wt' ich etwas, das
dir wre, was mir Kamilla war! O, mtest du, wie ich, deines ganzen
Lebens letzte, einzige Freude fallen sehen, fallen sehen und verzweifeln.
Wenn ein Gott ist im Himmel, wirst du das erleben.

Cethegus lchelte.

Du glaubst an keine Macht im Himmel, die vergelte? wohlan, glaub' an die
Rache einer jammervollen Mutter! Du sollst erzittern! ich eile zur
Regentin und entdecke ihr alles! Du sollst sterben! - Und du stirbst mit
mir.

Mit lachenden Augen, wenn ich dich verderben sehe. Und sie wollte
hinweg. Aber Cethegus ergriff sie mit starkem Arm. Halt, Weib. Glaubst
du, man sieht sich nicht vor mit deinesgleichen? Deine Shne, Anicius und
Severinus, die Verbannten, sind heimlich in Italien, in Rom, in meinem
Hause. Du weit, auf ihrer Rckkehr steht der Tod. Ein Wort - und sie
sterben mit uns: dann magst du deinem Gatten auch die Shne, wie die
Tochter, als durch dich gefallen zufhren. Ihr Blut ber dein Haupt. Und
rasch war er um die Ecke des Ganges biegend verschwunden.

Meine Shne! rief Rusticiana und brach auf dem Marmorestrich zusammen. -

Wenige Tage darauf verlie die Witwe des Bothius mit Corbulo und
Daphnidion den Knigshof fr immer. Vergebens suchte die Regentin sie zu
halten.

Der treue Freigelassene fhrte sie zurck auf die verborgne Villa bei
Tifernum, die je verlassen zu haben sie jetzt tief betrauerte. Sie baute
daselbst, an der Stelle des kleinen Venustempels, eine Basilika, in deren
Krypta eine Urne mit den Herzen der beiden Liebenden beigesetzt wurde.

Ihre leidenschaftliche Seele verband mit dem Gebet fr das Heil ihres
Kindes unzertrennlich die Bitte der Rache an Cethegus, dessen wahre
Beteiligung an Kamillens Tod sie nicht einmal ahnte: nur das durchschaute
sie, da er Mutter und Tochter als Werkzeuge seiner Plne gebraucht und in
herzloser Klte des Mdchens Glck und Leben aufs Spiel gesetzt hatte.

Und kaum minder unablssig als das Licht der daselbst gestifteten ewigen
Lampe stieg das Gebet und der Fluch der vereinsamten Mutter zum Himmel
empor.

Die Stunde sollte nicht ausbleiben, die ihr die Schuld des Prfekten ganz
enthllte und auch die Rache nicht, die sie dafr vom Himmel niederrief.




                             Drittes Kapitel.


Am Hofe von Ravenna aber wurde ein zher und grimmiger Kampf gefhrt.

Die gotischen Patrioten, obwohl durch den pltzlichen Untergang ihres
jugendlichen Knigs schwer betrbt und fr den Augenblick berwunden,
wurden doch von ihren unermdlichen Fhrern bald wieder aufgerafft. Das
hohe Ansehen des alten Hildebrand, die ruhige Kraft des zurckberufenen
Witichis und Tejas wachsamer Eifer wirkten unablssig. Wir haben gesehen,
wie es diesen Mnnern gelungen war, Athalarich zur Abschttelung der
Oberleitung seiner Mutter zu verhelfen. Jetzt gelang es ihnen leicht,
unter den Goten immer mehr Anhang zu finden gegen eine Regentschaft, in
welcher der ihnen als Hochverrter verhate Cethegus mehr als je in den
Vordergrund trat. Die Stimmung im Heer, in der germanischen Bevlkerung
von Ravenna war gengend zu einem entscheidenden Schlage vorbereitet. Mit
Mhe hielt der alte Waffenmeister die Unzufriedenen zurck, bis sie, durch
wichtige Bundesgenossen verstrkt, desto sicherer siegen knnten.

Diese Bundesgenossen waren die drei Herzoge Thulun, Ibba und Pitza, die
Amalaswintha vom Hofe verscheucht und ihr Sohn soeben zurckberufen hatte.
Thulun und Ibba waren Brder, Pitza ihr Vetter.

Ein andrer Bruder der ersteren, Herzog Alarich, war vor Jahren wegen
angeblicher Verschwrung zum Tode verurteilt und seit seiner Flucht
verschollen.

Sie stammten aus dem berhmten Geschlecht der Balten, das bei den
Westgoten die Knigskrone getragen hatte und den Amalungen kaum nachstand
an Alter und Ansehn. Ihr Stammbaum fhrte, wie der des Knigshauses, bis
zu den Gttern hinauf. Ihr Reichtum an Grundbesitz und abhngigen Colonen
und der Ruhm ihrer Kriegsthaten erhhten Macht und Glanz ihres Hauses. Man
sagte im Volk, Theoderich habe eine Zeit lang daran gedacht, mit
bergehung seiner Tochter und ihres unmndigen Knaben, zum Heile des
Reiches den krftigen Herzog Thulun zu seinem Nachfolger zu bestellen.

Und die Patrioten waren jetzt, nach dem Tode Athalarichs, entschlossen,
fr den uersten Fall, das heit, wenn die Regentin von ihrem System
nicht abzubringen sei, jene Gedanken wieder aufzunehmen.

Cethegus sah das Gewitter heranziehen: er sah, wie das gotische
Volksbewutsein, von Hildebrand und seinen Freunden wachgerufen, sich
immer heftiger gegen die romanisirende Regentschaft strubte.

Mit Unmut gestand er sich, da es ihm an wirklicher Macht fehle, diese
Unzufriedenheit niederzuhalten: Ravenna war nicht sein Rom, wo er die
Werke beherrschte, wo er die Brger wieder an die Waffen gewhnt und an
seine Person gefesselt hatte; hier waren alle Truppen Goten und er mute
frchten, da sie einen Haftbefehl gegen Hildebrand oder Witichis mit
offnem Aufruhr beantworten wrden. So fate er den khnen Gedanken, mit
Einem Zug sich aus den Netzen, die ihn zu Ravenna umstrickten,
herauszureien: er beschlo, die Regentin, ntigenfalls mit Gewalt, nach
Rom zu bringen, nach seinem Rom: dort hatte er Waffen, Anhang, Macht. Dort
war Amalaswintha ausschlielich in seiner Gewalt und die Goten hatten das
Nachsehen.

Zu seiner Freude ging die Regentin lebhaft auf seinen Plan ein. Sie sehnte
sich hinweg aus diesen Mauern, wo sie mehr eine Gefangene als eine
Herrscherin erschien. Sie verlangte nach Rom, nach Freiheit und Macht.
Rasch wie immer traf Cethegus seine Maregeln. Auf den krzern Weg zu
Lande mute er verzichten, da die groe Via flaminia sowohl als die andern
Straen von Ravenna nach Rom durch gotische Scharen, die Witichis
befehligte, bedeckt waren und daher zu frchten stand, da ihre Flucht auf
diesem Wege zu frh entdeckt und vielleicht verhindert wrde. So mute er
sich entschlieen, einen Teil des Weges zur See zurckzulegen: aber auf
die gotischen Schiffe im Hafen von Ravenna konnte man zu einem solchen
Zweck nicht zhlen.

Zum Glck erinnerte sich der Prfekt, da der Nauarch Pomponius, einer der
Verschwornen, mit drei Trieren zuverlssiger d. h. rmischer Bemannung an
der Ostkste des adriatischen Meeres, zwischen Ancona und Teate, auf
afrikanische Seeruber Jagd machend, kreuzte. Diesem sandte er Befehl, in
der Nacht des Epiphaniasfestes in der Bucht von Ravenna zu erscheinen. Er
hoffte vom Garten des Palastes aus, unter dem Schutz der Dunkelheit und
whrend kirchliche und weltliche Festfeier die Stadt beschftigte, leicht
und sicher mit Amalaswintha die Schiffe zu erreichen, die sie zur See ber
die gotischen Stellungen hinaus bis nach Teate bringen sollten: von da aus
war der Weg nach Rom kurz und ungefhrdet.

Diesen Plan im Bewutsein - sein Bote kam glcklich hin und zurck mit dem
Versprechen des Pomponius, pnktlich einzutreffen - lchelte der Prfekt
zu dem tglich wachsenden, trotzigen Ha der Goten, die seine
Gnstlingsstellung bei Amalaswintha mit Ingrimm betrachteten. Er ermahnte
diese, geduldig auszuharren und nicht durch einen Ausbruch ihres
kniglichen Zornes ber die Rebellen vor dem Tag der Befreiung einen
Zusammensto herbeizufhren, der leicht alle Plne der Rettung vereiteln
konnte.

Das Epiphaniasfest war gekommen: das Volk wogte in dichten Massen in den
Basiliken, auf den Pltzen der Stadt. Die Kleinodien des Schatzes lagen
geordnet und gepackt bereit, ebenso die wichtigsten Urkunden des Archivs.

Es war Mittag. Amalaswintha und der Prfekt hatten soeben ihren Freund
Cassiodor von dem Plan unterrichtet, dessen Khnheit ihn anfangs
erschreckte, dessen Klugheit ihn alsbald gewann. Sie wollten gerade aus
dem Gemach der Beratung aufbrechen, als pltzlich der Lrm des Volkes, das
vor dem Palast auf und niederflutete, lauter und heftiger anschwoll:
Drohungen, Jubelrufe, Waffenklirren wild durcheinander.

Cethegus schlug den Vorhang des groen Rundbogenfensters zurck: doch er
sah nur noch die letzten Reihen der Menge nachdrngen in die offenen Thore
des Palastes. Die Ursache der Aufregung war nicht zu entdecken.

Aber schon stieg im Palatium das Getse die Treppen hinan, Zank mit der
Dienerschaft wurde hrbar, einzelne Waffenschlge, bald nahe, schwere
Tritte. Amalaswintha bebte nicht: fest hielt sie den Drachenknauf des
Thronstuhls, auf den Cassiodor sie zurckgefhrt.

Cethegus warf sich indessen den Andringenden entgegen. Halt, rief er,
unter der Thre des Gemaches hinaus, die Knigin ist fr niemand
sichtbar.

Einen Augenblick lautlose Stille.

Dann rief eine krftige Stimme: Wenn fr dich, Rmer, auch fr uns, fr
ihre gotischen Brder. Vorwrts!

Und wieder erhob sich das Brausen der Stimmen und im Augenblick war
Cethegus, ohne Anwendung bestimmter Gewalt, von dem Andrang der Masse wie
von unwiderstehlicher Meeresflut bis weit in den Hintergrund des Saales
zurckgeschoben, und die Vordersten im Zuge standen dicht vor dem Thron.

Es waren Hildebrand, Witichis, Teja, ein baumlanger Gote, den Cethegus
nicht kannte, und neben ihm - es litt keinen Zweifel - die drei Herzoge
Thulun, Ibba und Pitza, in voller Rstung, drei prachtvolle
Kriegergestalten. Die Eingedrungnen neigten sich vor dem Thron. Dann rief
Herzog Thulun nach rckwrts gewendet mit der Handbewegung eines gebornen
Herrschers: Ihr, gotische Mnner, harret noch drauen eine kurze Weile;
wir wollen's in eurem Namen mit der Regentin zu schlichten suchen. Gelingt
es nicht - so rufen wir euch auf zur That - ihr wit, zu welcher.

Willig und mit Jubelrufen zogen sich die Scharen hinter ihm zurck und
verloren sich bald in den Gngen und Hallen des Schlosses.

Tochter Theoderichs, hob Herzog Thulun an, das Haupt zurckwerfend, wir
sind gekommen, weil uns dein Sohn, der Knig, zurckberufen. Leider finden
wir ihn nicht mehr am Leben. Wir wissen, da du uns nicht gerne hier
siehst.

Wenn ihr das wit, sprach Amalaswintha mit Hoheit, wie knnt ihr wagen,
dennoch vor unser Angesicht zu treten? Wer gestattet euch, wider unsern
Willen zu uns zu dringen? - Die Not gebeut es, hohe Frau, die Not, die
schon strkere Riegel gebrochen als eines Weibes Laune. Wir haben dir die
Forderungen deines Volkes vorzutragen, die du erfllen wirst. - Welche
Sprache! Weit du wer vor dir steht, Herzog Thulun? - Die Tochter der
Amalungen, deren Kind ich ehre, auch wo es irrt und frevelt. - Rebell!
rief Amalaswintha und erhob sich majesttisch vom Throne, dein Knig
steht vor dir. Aber Thulun lchelte: Du wrdest klger thun,
Amalaswintha, von diesem Punkt zu schweigen. Knig Theoderich hat dir die
Mundschaft ber deinen Sohn bertragen, dem Weibe: - das war wider Recht,
aber wir Goten haben ihm nicht eingeredet in seine Sippe. Er hat diesen
Sohn zum Nachfolger gewnscht, den Knaben: - das war nicht klug. Aber Adel
und Volk der Goten haben das Blut der Amalungen geehrt und den Wunsch
eines Knigs, der sonst weise war. Niemals jedoch hat er gewnscht und
niemals htten wir gebilligt, da nach jenem Knaben ein Weib ber uns
herrschen solle, die Spindel ber die Speere.

So wollt ihr mich nicht mehr anerkennen als eure Knigin? rief sie
emprt. Und auch du, Hildebrand, alter Freund Theoderichs, auch du
verleugnest seine Tochter?

Frau Knigin, sprach der Alte, wollest du selbst verhten, da ich dich
verleugnen mu.

Thulun fuhr fort: Wir verleugnen dich nicht - noch nicht. Jenen Bescheid
gab ich nur, weil du auf dein Recht pochst und weil du wissen mut, da du
ein Recht nicht hast.

Aber weil wir gern den Adel des Blutes ehren - wir ehren damit uns selbst
- und weil es in diesem Augenblick zu bsem Zwiespalt im Reich fhren
knnte, wollten wir dir die Krone absprechen, so will ich dir die
Bedingungen sagen, unter denen du sie frder tragen magst.

Amalaswintha litt unsglich: wie gern htte sie das stolze Haupt, das
solche Worte sprach, dem Henker geweiht. Und machtlos mute sie das
dulden! Thrnen wollten in ihr Auge dringen: sie prete sie zurck, aber
erschpft sank sie auf ihren Thron, von Cassiodor gesttzt.

Cethegus war indessen an ihre andre Seite getreten: Bewillige alles!
raunte er ihr zu, 's ist alles erzwungen und nichtig. Und heute Nacht
noch kmmt Pomponius.

Redet, sprach Cassiodor, aber schont des Weibes, ihr Barbaren. - Ei,
lachte Herzog Pitza, sie will ja nicht als Weib behandelt sein: sie ist
ja unser Knig.

Ruhig, Vetter, verwies ihn Herzog Thulun, sie ist von edlem Blut wie
wir.

Frs erste, fuhr er fort, entlt du aus deiner Nhe den Prfekten von
Rom. Er gilt fr einen Feind der Goten. Er darf nicht die Gotenknigin
beraten. An seine Stelle bei deinem Thron tritt Graf Witichis.

Bewilligt! sagte Cethegus selbst, statt Amalaswinthas.

Frs zweite erklrst du in einem Manifest, da fortan kein Befehl von dir
vollziehbar, der nicht von Hildebrand oder Witichis unterzeichnet, da
kein Gesetz ohne Genehmigung der Volksversammlung gltig ist.

Die Regentin fuhr zornig auf, aber Cethegus hielt ihren Arm nieder. Heute
Nacht kommt Pomponius! flsterte er ihr zu. Dann rief er laut: Auch das
wird zugestanden.

Das dritte, hob Thulun wieder an, wirst du so gern gewhren, als wir es
empfangen. Wir drei Balten haben nicht gelernt, in der Hofburg die Hupter
zu bcken: das Dach ist uns zu niedrig hier. Amaler und Balten leben am
besten weit von einander - wie Adler und Falk. Und das Reich bedarf unsres
Arms an seinen Marken. Die Nachbarn whnen, das Land sei verwaiset, seit
dein groer Vater ins Grab stieg. Avaren, Gepiden, Sclavenen springen
ungescheut ber unsre Grenzen. Diese drei Vlker zu zchtigen, rstest du
drei Heere, je zu dreiig Tausendschaften und wir drei Balten fhren sie
als deine Feldherrn nach Osten und nach Norden.

Die ganze Waffenmacht obenein in ihre Hnde: - nicht bel! dachte
Cethegus. Bewilligt, rief er lchelnd.

Und was bleibt mir, fragte Amalaswintha, wenn ich all das euch
dahingegeben?

Die goldne Krone auf der weien Stirn, sagte Herzog Ibba.

Du kannst ja schreiben wie ein Grieche, begann Thulun aufs neue.
Wohlan, man lernt solche Knste nicht umsonst. Hier dies Pergament soll
enthalten - mein Sklave hat es aufgezeichnet - was wir fordern.

Er reichte es Witichis zur Prfung: Ist es so? Gut. Das wirst du
unterschreiben, Frstin. - So, wir sind fertig. Jetzt sprich du, Hildebad,
mit jenem Rmer.

Doch vor ihn trat Teja, die Rechte am Schwert, zitternd vor Ha: Prfekt
von Rom, sagte er, Blut ist geflossen, edles, teures, gotisches Blut. Es
weiht ihn ein, den grimmen Kampf, der bald entbrennen wird. Blut, das du
ben - der Zorn erstickte seine Stimme.

Pah, rief, ihn zurckschiebend, Hildebad, - denn er war der baumlange
Gote - macht nicht soviel Aufhebens davon! Mein goldner Bruder kann
leicht etwas missen von berflssigem Blut. Und der andre hat mehr
verloren als er missen kann. Da, du schwarzer Teufel, rief er Cethegus zu
und hielt ihm ein breites Schwert dicht vor die Augen, kennst du das?

Des Pomponius Schwert! rief dieser erbleichend und einen Schritt
zurckweichend. Amalaswintha und Cassiodor fragten erschrocken:
Pomponius?

Aha, lachte Hildebad, nicht wahr, das ist schlimm? Ja, aus der
Wasserfahrt kann nichts werden.

Wo ist Pomponius, mein Nauarch? rief Amalaswintha heftig.

Bei den Haifischen, Frau Knigin, in tiefer See.

Ha, Tod und Vernichtung! rief Cethegus, jetzt fortgerissen vor Zorn,
wie geht das zu?

Lustig genug. Sieh, mein Bruder Totila - du kennst ihn ja, nicht wahr? -
lag im Hafen von Ancona mit zwei kleinen Schiffen. Dein Freund Pomponius,
der machte ihm seit einigen Tagen ein so bermtiges Gesicht und lie so
dicke Worte fallen, da es selbst meinem arglosen Blonden auffiel.
Pltzlich ist er eines Morgens mit seinen drei Trieren aus dem Hafen
entwischt. Totila schpft Verdacht, setzt alle Leinwand auf, fliegt ihm
nach, holt ihn ein auf der Hhe von Pisaurum, stellt ihn, geht zu ihm an
Bord mit mir und ein paar andern und fragt ihn, wohinaus?

Er hatte kein Recht dazu, Pomponius wird ihm keine Antwort gegeben
haben.

Doch, Vortrefflicher, er gab ihm eine. Wie der sah, da wir zu sieben
allein auf seinem Schiff, da lachte er und rief: Wohin ich segle? Nach
Ravenna, du Milchbart, und rette die Regentin aus euren Klauen nach Rom.
Und dabei winkte er seinen Leuten. Da warfen aber auch wir die Schilde vor
und hui, flogen die Schwerter aus den Scheiden. Das war ein harter Stand,
sieben gegen dreiig. Aber es whrte zum Glck nicht lang, da hrten unsre
Bursche im nchsten Schiff das Eisen klirren und flugs waren sie mit ihren
Boten heran und erkletterten wie die Katzen die Wandung. Jetzt waren wir
die mehreren: aber der Nauarch - gieb dem Teufel sein Recht! - gab sich
nicht, focht wie ein Rasender und stie meinem Bruder das Schwert durch
den Schild in den linken Arm, da es hoch aufspritzte. Da aber ward mein
Bruder auch zornig und rannte ihm den Speer in den Leib, da er fiel wie
ein Schlachtstier. Grt mir den Prfekten, sprach er sterbend, gebt
ihm das Schwert, sein Geschenk, zurck und sagt ihm, es kann keiner wider
den Tod: sonst htte ich Wort gehalten. Ich hab's ihm gelobt, es zu
besttigen. Er war ein tapfrer Mann. Hier ist das Schwert.

Schweigend nahm es Cethegus.

Die Schiffe ergaben sich und mein Bruder fhrte sie zurck nach Ancona.
Ich aber segelte mit dem schnellsten hierher und traf am Hafen mit den
drei Balten zusammen, gerade zur rechten Zeit.

Eine Pause trat ein, in welcher die berwundnen ihre bse Lage schmerzlich
berdachten. Cethegus hatte ohne Widerstand alles bewilligt in der sichern
Hoffnung auf die Flucht, die nun vereitelt war.

Sein schnster Plan war durchkreuzt, durchkreuzt von Totila: tief grub der
Ha diesen Namen in des Prfekten Seele. Sein grimmiges Rachesinnen ward
erst durch den Ausruf Thuluns gestrt: Nun, Amalaswintha, willst du
unterzeichnen? oder sollen wir die Goten zur Wahl eines Knigs berufen?

Rasch fand bei diesen Worten Cethegus die Fassung wieder: er nahm die
Wachstafel aus der Hand des Grafen und reichte sie ihr hin: Du mut, o
Knigin, sagte er leise, es bleibt dir keine Wahl. Cassiodor gab ihr
den Griffel, sie schrieb ihren Namen und Thulun nahm die Tafel zurck.

Wohl, sagte er, wir gehn, den Goten zu verknden, da ihr Reich
gerettet ist. Du, Cassiodor, begleitest uns, zu bezeugen, da alles ohne
Gewalt geschehen ist.

Auf einen Wink Amalaswinthens gehorchte der Senator und folgte den
gotischen Mnnern hinaus auf das Forum vor dem Schlosse. Als sie sich mit
Cethegus allein sah, sprang die Frstin heftig auf: nicht lnger gebot sie
ihren Thrnen. Leidenschaftlich schlug sie die Hand vor die Stirn. Ihr
Stolz war aufs tiefste gebeugt. Schwerer als des Gatten, des Vaters, ja
selbst als Athalarichs Verlust traf diese Stunde ihr Herz. Das, rief sie
laut weinend, das also ist die berlegenheit der Mnner. Rohe, plumpe
Gewalt! o Cethegus, alles ist verloren.

Nicht alles, Knigin, nur ein Plan. Ich bitte um ein gndiges Andenken,
setzte er kalt hinzu, ich gehe nach Rom.

Wie? du verlt mich in diesem Augenblick? Du, du hast mir all diese
Versprechungen abgewonnen, die mich entthronen, und nun scheidest du? O
besser, ich htte widerstanden, dann wr ich Knigin geblieben, htten sie
auch jenem Rebellenherzog die Krone aufgesetzt.

Jawohl, dachte Cethegus, besser fr dich, schlimmer fr mich. Nein, kein
Held soll mehr diese Krone tragen. - Rasch hatte er erkannt, da
Amalaswintha ihm nichts mehr ntzen knne - und rasch gab er sie auf.
Schon sah er sich nach einem neuen Werkzeug fr seine Plne um. Doch
beschlo er, ihr einen Teil seiner Gedanken zu enthllen, damit sie nicht
auf eigne Faust handelnd jetzt noch ihre Versprechungen widerriefe und
dadurch Thulun die Krone zuwende. Ich gehe, o Herrin, sprach er, doch
ich verlasse dich darum nicht. Hier kann ich dir nichts mehr ntzen. Man
hat mich aus deiner Nhe verbannt und man wird dich hten, eiferschtig
wie eine Geliebte.

Aber was soll ich thun mit diesen Versprechungen, mit diesen drei
Herzogen?

Abwarten, zunchst dich fgen. Und die drei Herzoge, setzte er zgernd
bei - die ziehn ja in den Krieg: - vielleicht kehren sie nicht zurck.

Vielleicht! seufzte die Regentin. Was ntzt ein vielleicht! Cethegus
trat fest auf sie zu: Sie kehren nicht zurck - sobald du's willst.
Erschrocken bebte die Frau: Mord? Entsetzlicher, was sinnst du? - Das
Notwendige. Mord ist das falsche Wort dafr. Es ist Notwehr. Oder Strafe.
Hattest du in dieser Stunde die Macht, du hattest das volle Recht, sie zu
tten. Sie sind Rebellen. Sie zwingen deinen kniglichen Willen. Sie
erschlagen deinen Nauarchen, den Tod haben sie verdient.

Und sie soll'n ihn finden, flsterte Amalaswintha, die Faust ballend,
vor sich hin, sie soll'n nicht leben, die rohen Mnner, die eine Knigin
gezwungen. Du hast Recht - sie sollen sterben. - Sie mssen sterben -
sie, und, fgte er ingrimmig bei, und - - der junge Seeheld!

Warum auch Totila? Er ist der schnste Jngling meines Volks.

Er stirbt, knirschte Cethegus, o, knnt' er zehnmal sterben.

Und aus seinem Auge sprhte eine Glut des Hasses, die, pltzlich aus der
eisigkalten Natur brechend, Amalaswintha in Schrecken berraschte. Ich
schicke dir, fuhr er rasch und leise fort, aus Rom drei vertraute
Mnner, isaurische Sldner. Die sendest du den drei Balten nach, sobald
sie in ihren Heerlagern eingetroffen. Hrst du, _du_ sendest sie, die
Knigin: denn sie sind Henker, keine Mrder. Die Drei mssen an Einem Tage
fallen - Fr den schnen Totila sorge ich selbst! - Der Schlag wird alles
erschrecken. In der ersten Bestrzung der Goten eile ich von Rom herbei.
Mit Waffen, dir zur Rettung. Leb wohl.

Er verlie rasch die Hilflose, an deren Ohr in diesem Augenblick von dem
Forum vor dem Palatium jubelndes Freudengeschrei der Goten schlug, die den
Erfolg ihrer Fhrer, die Besiegung Amalaswinthas feierten.

Sie fhlte sich ganz verlassen.

Da die letzte Verheiung des Prfekten kaum mehr als ein leeres Trostwort
zur Beschnigung seines Abgangs war, ahnte sie mit banger Seele. Gramvoll
sttzte sie die Wange auf die schne Hand und verlor sich eine Weile
finster in ihren ratlosen Gedanken. Da rauschten die Vorhnge des
Gemaches: ein Palastbeamter stand vor ihr: Gesandte von Byzanz bitten um
Gehr. Justinus ist gestorben: Kaiser ist sein Neffe Justinian. Er bietet
dir seinen brderlichen Gru und seine Freundschaft.

Justinianus! rief die ganze Seele der bedrngten Frau. Sie sah sich
ihres Sohnes beraubt, von ihrem Volk bedroht, von Cethegus verlassen:
ringsumher hatte sie in trbem Sinnen vergeblich Hilfe und Halt gesucht
und aufatmend aus tiefer Brust wiederholte sie jetzt: Byzanz -
Justinianus!




                             Viertes Kapitel.


In den Waldbergen von Fiesole findet heutzutage der Wandrer, der von
Florenz heranzieht, rechts von der Strae die Ruinen eines ausgedehnten
villenartigen Gebudes.

Epheu, Steinbrech und Wildrosen haben um die Wette die Trmmer
berkleidet: die Bauern des nahen Dorfes haben seit Jahrhunderten Steine
davongetragen, die Erde ihrer Weingrten an den Hgelrndern aufzudmmen.
Aber noch immer bezeichnen die Reste deutlich, wo die Sulenhalle vor dem
Hause, wo das Mittelgebude, wo die Hofmauer stand. ppig wuchert das
Unkraut auf dem Wiesgrund, wo dereinst der schne Garten in Zier und
Ordnung prangte: nichts davon hat sich erhalten als das breite
Marmorbecken eines lngst vertrockneten Brunnens, in dessen kiesigem
Rinnsal sich jetzt die Eidechse sonnt.

Aber in den Tagen, von denen wir erzhlen, sah es hier viel anders aus.
Die Villa des Mcen bei Fsul, wie man das Gebude damals, wohl mit
wenig Fug, benannte, war von glcklichen Menschen bewohnt, das Haus von
sorglicher Frauenhand bestellt, der Garten von hellem Kindeslachen belebt.
Zierlich war die rankende Klemmatis hinaufgebunden an den schlanken
Schften der korinthischen Sulen vor dem Haus und der Wein zog freundlich
schmckend ber das flache Dach. Mit weiem Sande waren die schlngelnden
Wege des Gartens bestreut und in den Nebengebuden, die der Wirtschaft
dienten, glnzte eine Reinlichkeit, waltete eine stille Ordnung, die nicht
auf rmische Sklavenhnde raten lie.

Es war um Sonnenuntergang.

Die Knechte und Mgde kehrten von den Feldern zurck: die hoch mit Heu
beladenen Wagen mit Rossen nicht italischer Zucht bespannt, schwankten
heran: von den Hgeln herunter trieben die Hirten Ziegen und Schafe herzu,
von groen zottigen Hunden umbellt.

Dicht vor dem Hofthor gab es die lebendigste Scene des bunten Schauspiels:
ein paar rmische Sklaven trieben mit tobenden Gebrden und gellendem
Geschrei die keuchenden Pferde eines grausam berladnen Wagens an: nicht
mit Peitschenhieben, sondern mit Stcken, deren Eisenspitzen sie den
Tieren immer in dieselbe wunde Stelle stieen. Nur ruckweise ging es
trotzdem vorwrts. Jetzt lag ein groer Stein vor dem linken Vorderrad,
jeden Fortschritt unmglich machend. Aber der wtige Italier sah es nicht.

Vorwrts, Bestie, und Kind einer Bestie, schrie er dem zitternden Rosse
zu, vorwrts, du gotisches Faultier! Und ein neuer Stich mit dem Stachel
und ein neuer verzweifelter Ruck: aber das Rad ging nicht ber den Stein,
das gequlte Tier strzte in die Knie und drohte den Wagen mit umzureien.
Darber wurde der Treiber erst recht grimmig. Warte, du Racker! schrie
er und schlug nach dem Auge des zuckenden Rosses. - Aber nur einmal schlug
er, im nchsten Augenblick strzte er selbst wie blitzgetroffen unter
einem mchtigen Streiche nieder.

Davus, du boshafter Hund! brllte eine Brenstimme und ber dem
Gefallenen stand schier noch mal so lang und gewi noch mal so breit wie
der erschrockene Tierquler, ein ungeheurer Gote, einen derben Knttel
wiederholt auf den Rcken des Schreienden schwingend.

Du elender Neiding, schlo er mit einem Futritt, ich will dich lehren,
umgehn mit einem Geschpf, das sechsmal besser ist als du. Ich glaube, du
Schandbub qulst den Hengst, weil er von jenseit der Berge ist. Noch
einmal la mich das sehn und ich zerbreche dir alle Knochen im Leibe.
Jetzt auf und abgeladen: - du trgst alle Schwaden, die zuviel sind, auf
deinem eignen Rcken in die Scheuer. Vorwrts.

Mit einem giftigen Blick stand der Gezchtigte auf und schickte sich
hinkend an, zu gehorchen.

Der Gote hatte das zuckende Ro sogleich aufgerichtet und wusch ihm jetzt
sorglich die geschrften Knie mit seinem eignen Abendtrunk von Wein und
Wasser.

Kaum war er damit zu Ende, als ihn vom nahen Stall her dringend eine helle
Knabenstimme rief: Wachis, hierher, Wachis! - Komme schon, Athalwin,
mein Bursch, was giebt's? - und schon stand er in der offnen Thre des
Pferdestalles, neben einem schnen Knaben von sieben bis acht Jahren, der
sich heftig die langen, gelben Haare aus dem erglhenden Antlitz strich
und mit Mhe in den himmelblauen Augen zwei Thrnen des Zornes zerdrckte.
Er hatte ein zierlich geschnitztes Holzschwert in der Rechten und hob es
drohend gegen einen schwarzbraunen Sklaven, der mit gebognem Nacken und
mit geballten Fusten trotzig ihm gegenberstand.

Was giebt's da? wiederholte Wachis ber die Schwelle tretend.

Der Rotschimmel hat wieder nichts zu saufen und sieh nur, zwei Bremsen
haben sich eingesogen oben an seinem Bug, wo er mit der Mhne nicht
hinreichen kann und ich nicht mit der Hand und der bse Cacus da, wie
ich's ihm sage, will mir nicht folgen: und gewi hat er mich geschimpft
auf rmisch, was ich nicht verstehe. Wachis trat drohend nher.

Ich habe nur gesagt: sprach Cacus langsam zurckweichend, erst e' ich
meine Hirse; das Tier mag warten; bei uns zu Lande kmmt der Mensch vor
dem Vieh. - So, du Tropf? sagte Wachis, die Bremsen erschlagend, bei
uns kommt das Ro vor dem Reiter zum Futter; mach vorwrts.

Aber Cacus war stark und trotzig: er warf den Kopf auf und sagte: wir
sind hier in unserm Land - da gilt unser Brauch. - Eia, du verfluchter
Schwarzkopf, wirst du gehorchen? sprach Wachis ausholend. - Gehorchen?
Nicht dir! Du bist auch nur ein Sklave wie ich: und meine Eltern haben
schon hier im Hause gelebt als deinesgleichen noch Kh' und Schafe stahlen
jenseit der Berge. Wachis lie den Knttel fallen und wiegte seine Arme:
Hre, Cacus, ich habe ohnehin noch einen Span mit dir, du weit schon,
was fr einen. Jetzt geht's in einem hin. - Ha, lachte Cacus hhnisch,
wegen Liuta, der Flachsdirn? Pah, ich mag sie nicht mehr, die Barbarin.
Sie tanzt wie eine Jungkuh. - Jetzt ist's aus mit dir, sagte Wachis
ruhig und schritt auf seinen Gegner zu. Aber dieser wandte sich wie eine
Katze aus dem Griff des Goten, ri ein spitzes Messer aus der Brustfalte
des Wollrocks und warf es nach ihm: da sich Wachis bckte, sauste es
haarscharf an seinem Kopf vorbei und fuhr tief in den Pfosten der Thr.
Na, warte, du Mordwurm! rief der Germane und wollte sich auf Cacus
werfen; da fhlte er sich von hinten umklammert.

Es war Davus, der die Gelegenheit der Rache scharf erpat hatte.

Aber jetzt ward Wachis sehr zornig.

Er schttelte ihn ab, packte ihn mit der Linken am Genick, erwischte mit
der Rechten Cacus an der Brust und stie nun mit Brenkraft seinen beiden
Gegnern die Kpfe zusammen, jeden Sto mit einem Ausruf begleitend, so,
meine Jungen - das fr das Messer - und das fr den Rckensprung - und den
fr die Jungkuh - und wer wei, wie lange diese seltsame Litanei noch
fortgedauert haben wrde, htte sie nicht ein lautes Rufen gestrt.

Wachis - Cacus - auseinander sag' ich! rief eine volle starke
Frauenstimme, und vor der Thr erschien ein stattliches Weib in blauem
gotischem Gewand. Sie war nicht gro und doch imposant: ihr schner Bau
eher mchtig als zart. Die goldbraunen Haare waren in reichen, doch
einfachen Flechten um das runde Haupt geschlungen, die Zge regelmig,
aber eher fest als fein gezeichnet. Geradheit, Tchtigkeit, Verlssigkeit
sprachen aus den fast allzugroen graublauen Augen: die unbedeckten vollen
Arme zeigten, da sie der Arbeit nicht fremd. An ihrem breiten Grtel,
ber den das braune Untergewand von selbstgewirktem Zeuge bauschte,
klirrte ein Bund von Schlsseln: die Linke stemmte sie ruhig in die Hfte
und befehlend streckte sie die Rechte vor sich hin.

Eia, Rauthgundis, strenge Frau, sagte Wachis loslassend, mut du denn
berall die Augen haben?

berall, wo mein Gesinde Unfug treibt. Wann werdet ihr lernen, euch
vertragen? Euch Welschen fehlt der Herr im Hause. Aber du, Wachis,
solltest nicht auch der Hausfrau Verdru machen. Komm, Athalwin, mit mir.
Und sie fhrte den Knaben an der Hand mit fort.

Sie ging in den Seitenhof und fllte aus einer Truhe Krner in ihr Gewand,
die Hhner und Tauben zu fttern, die sie sogleich dicht umdrngten.

Athalwin sah eine Weile schweigend zu. Endlich sagte er: Du, Mutter,
ist's wahr? ist der Vater ein Ruber?

Rauthgundis hielt inne in ihrem Thun und sah das Kind an: Wer hat das
gesagt.

Wer? Ei, des Nachbars Calpurnius Neffe. Wir spielten auf dem groen
Heuhaufen seiner Wiese drben berm Zaun und ich zeigte ihm, wie weit das
Land uns gehre rechts vom Zaun, - weit und breit - so weit unsre Knechte
mhten und fern der Bach schimmerte. Da ward er zornig und sagte: Ja, und
all' das Land gehrte frher uns und dein Vater oder dein Grovater, die
haben's gestohlen, die Ruber.

So? und was sagtest du drauf.

Ei, gar nichts, Mutter. Ich warf ihn nur ber den Heuhaufen hinunter, da
er die Fe gen Himmel schlug. Aber jetzt, nach der Hand, mcht' ich doch
wissen, ob's wahr ist.

Nein, Kind, es ist nicht wahr. Gestohlen hat's der Vater nicht. Aber
offen genommen, weil er besser war und strker als diese Welschen. Und
alle starken Helden haben's immer so gemacht zu allen Zeiten. Und die
Welschen in den Tagen, da sie stark waren und ihre Nachbarn schwach, am
allermeisten. Aber nun komm, wir mssen nach dem Linnen sehen, das auf dem
Anger zur Bleiche liegt.

Als sie nun den Stallungen den Rcken wandten und dem nahen Grashgel
links vom Hause zuschritten, hrten sie den raschen Hufschlag eines
Rosses, das auf der alten rmischen Heerstrae nahte. Rasch hatte Athalwin
den Gipfel des Hgels erreicht und blickte nach der Strae hin.

Da sprengte ein Reiter auf einem mchtigen Braunen die Waldhhe herab auf
die Villa zu: hell funkelte sein Helm und die Spitze der Lanze, die er
schrg ber dem Rcken trug.

Der Vater, Mutter, der Vater! rief der Knabe und rannte pfeilgeschwind
den Hgel hinab dem Reiter entgegen.

Rauthgundis hatte jetzt auch die Hhe erreicht. Ihr Herz pochte. Sie legte
die Hand vors Auge, in die schimmernde Abendrte zu schauen: dann sagte
sie still glcklich vor sich hin: Ja, er ist's. Mein Mann!




                             Fnftes Kapitel.


Inzwischen hatte Athalwin den Nahenden schon erreicht und kletterte an
seinem Fu hinan. Der Reiter hob ihn mit liebevoller Hand herauf und
setzte ihn vor sich in den Sattel und flog jetzt im Galopp heran: lustig
wieherte Wallada, das edle Tier, einst Theoderich's Streitro, die Heimat
und die Herrin erkennend und schlug freudig mit dem langen wallenden
Schweif.

Nun war der Reiter heran und stieg ab mit dem Knaben: mein liebes Weib!
sprach er, sie herzlich umarmend. Mein Witichis! flsterte sie, an
seiner Brust erglhend, entgegen, willkommen bei den Deinen. - Ich
hatte versprochen, noch vor dem neuen Mond zu kommen - schwer ging's -

Aber du hieltst Wort wie immer. - Mich zog das Herz, sagte er, den Arm
um sie schlingend. Sie schritten langsam dem Hause zu. Dir, Athalwin,
ist, scheint's, Wallada wichtiger als der Vater, lchelte er dem Kleinen
zu, der sorgfltig das Pferd am Zgel nachfhrte.

Nein, Vater, aber gieb mir noch die Lanze dazu - so gut wird mir's selten
hier in dem Bauernleben - und den langen schweren Speerschaft mit Mhe
einherschleppend, rief er laut: he, Wachis, Ansbrand, der Vater ist da! -
Jetzt holt den Falernerschlauch aus dem Keller. Der Vater hat Durst vom
scharfen Ritt.

Lchelnd strich Witichis ber den Flachskopf des Knaben, der jetzt an
ihnen vorber und voran eilte. Nun, und wie steht's hier drauen bei
euch? fragte er, auf Rauthgundis blickend. Gut, Witichis, die Ernte ist
glcklich eingebracht, die Trauben gestampft, die Garben geschichtet. -
Nicht danach frag' ich, sagte er, sie zrtlich an sich drckend, - wie
geht es dir? - Wie's einem armen Weibe geht, antwortete sie, zu ihm
aufblickend, das seinen herzgeliebten Mann vermit. Da hilft nur Arbeit,
Freund, und tchtig Schaffen, da man das weiche Herz betubt. Oft denk'
ich, wie hart du dich mhen mut, drauen, unter fremden Leuten, im Lager
und am Hof, wo niemand dein in Treuen pflegt. Da soll er wenigstens, denk'
ich dann, kmmt er heim, sein Haus immer wohl bestellt und traulich
finden.

Und das ist's, sieh, was mir all' die dumpfe Arbeit lieb macht und weihet
und veredelt.

Du bist mein wackeres Weib. Mhst du dich nicht zuviel?

Die Arbeit ist gesund. Aber der Verdru, die Bosheit der Leute, das thut
mir weh. Witichis blieb stehen. Wer wagt's, dir weh zu thun? - Ach,
die welschen Knechte und die welschen Nachbarn.

Sie hassen uns alle. Weh uns, wenn sie uns nicht mehr frchten.
Calpurnius, der Nachbar, ist so frech, wenn er dich ferne wei, und die
rmischen Sklaven sind trotzig und falsch; nur unsre gotischen Knechte
sind brav.

Witichis seufzte. Sie waren jetzt vor dem Hause angelangt und lieen in
dem Sulengang sich vor einem Marmortisch nieder. Du mut bedenken,
sagte Witichis, der Nachbar hat ein Drittel seines Guts und seiner
Sklaven an uns abtreten mssen. - Und hat zwei Drittel behalten und das
Leben dazu - er sollte Gott danken! meinte Rauthgundis verchtlich.

Da sprang Athalwin heran mit einem Korb voll pfeln, die er vom Baum
gepflckt; dann kamen Wachis und die andern germanischen Knechte mit Wein,
Fleisch und Kse und sie begrten den Herrn mit freimtigem Handschlag.
Gut, meine Kinder, seid gegrt. Die Frau lobt euch. Aber wo stecken
Davus, Cacus und die andern? - Verzeih, Herr, schmunzelte Wachis, sie
haben ein schlecht Gewissen.

Warum? Weshalb? - Ei, ich glaube, - weil ich sie ein bischen geprgelt
habe - sie schmen sich. Die andern Knechte lachten. Nun, es kann ihnen
nicht schaden, meinte Witichis, geht jetzt zu eurem Essen. Morgen seh'
ich nach eurer Arbeit. Die Knechte gingen. Was ist's mit Calpurnius,
fragte Witichis, sich einschenkend. Rauthgundis errtete und besann sich:
Das Heu von der Bergwiese, sagte sie dann, das unsre Knechte gemht,
hat er nachts in seine Scheuer geschafft und giebt es nicht heraus. - Er
wird es schon herausgeben, mein' ich .... sagte er ruhig, trinkend. -
Jawohl, rief Athalwin lebhaft, das mein' ich auch. Und giebt er's nicht
- mir noch lieber! Dann sagen wir Fehde an und ich zieh' hinber mit
Wachis und den reisigen Knechten, mit Waffen und Wehr. Er sieht mich immer
so giftig an, der schwarze Schleicher.

Rauthgundis wies ihn zur Ruh' und schickte ihn schlafen. Wohl, ich gehe,
sagte er, aber, Vater, wenn du wiederkmmst, bringst du mir statt dieses
Steckens da ein richtig Gewaffen mit, nicht wahr? Und er hpfte ins Haus.

Der Streit mit diesen Welschen endet nie, sagte Witichis, er vererbt
sich auf die Kinder. Du hast hier allzuviel Verdru damit. Desto lieber
wirst du thun, was ich dir vorschlage: komm mit nach Ravenna an den Hof.

Hoch erstaunt blickte ihn das Weib an: Du scherzest! sagte sie
unglubig. Du hast das nie gewollt. In den neun Jahren, die ich dein bin,
ist dir's nie eingefallen, mich an den Hof zu fhren: ich glaube, es wei
niemand in dem Volk, da eine Rauthgundis lebt. Du hast ja unsere Ehe
geheim gehalten, lchelte sie, wie eine Schuld. Wie einen Schatz,
sagte Witichis, die Arme um sie schlingend. - Ich habe dich nie gefragt,
warum. Ich war und bin glcklich dabei und dachte und denke: er wird wohl
seinen Grund haben.

Ich hatte meinen guten Grund: er besteht nicht mehr. Du magst nun alles
wissen. Wenige Monate, nachdem ich dich gefunden in deiner
Felseneinsamkeit und lieb gewonnen, kam Knig Theoderich auf den seltsamen
Gedanken, mich seiner Schwester Amalaberga, der Witwe des Thringerknigs,
zu vermhlen, die gegen ihre schlimmen Nachbarn, die Franken, Mannesschutz
bedurfte. - Du solltest dort die Krone tragen? sprach Rauthgundis mit
strahlenden Augen. Mir aber, fuhr Witichis fort, war Rauthgundis lieber
als Knigin und Krone, und ich sagte nein.

Es verdro ihn schwer und er verzieh mir nur, als ich ihm sagte, ich wrde
wohl niemals freien. Konnt' ich doch damals nicht hoffen, dich je mein zu
nennen: du weit, wie lange dein Vater mitrauisch und eisern dich mir
nicht anvertrauen wollte. Als du nun aber doch mein geworden, da hielt
ich's nicht fr wohlgethan, ihm das Weib zu zeigen, um das ich seine
Schwester ausgeschlagen.

Aber warum hast du mir das verschwiegen, neun Jahre lang?

Weil, sagte er, ihr herzlich in die Augen blickend, weil ich meine
Rauthgundis kenne. Du httest immer geglaubt, Wunder was ich an jener
Krone verloren. Jetzt aber ist der Knig tot und ich bin dauernd an den
Hof gebunden. Wer wei, wann ich wieder ruhen werde im Schatten dieser
Sulen, im Frieden dieses Daches.

Und in kurzen Worten erzhlte er ihr den Sturz des Prfekten und welche
Stellung er nunmehr einnahm bei Amalaswinthen. Aufmerksam hrte ihn
Rauthgundis an; dann drckte sie ihm die Hand: Das ist wacker, Witichis,
da die Goten allmhlich merken, was sie an dir haben. Und du bist
heiterer, denk' ich, als sonst.

Ja, mir ist wohler, seit ich mit tragen darf an der Last der Zeit. Dabei
stehen und sie wuchtig drcken sehen auf mein Volk war viel schwerer. Mich
dauert dabei nur die Regentin; sie ist wie eine Gefangene.

Bah, warum hat das Weib gegriffen in das Amt der Mnner. Mir fiele das
nie ein.

Du bist keine Knigin, Rauthgundis, und Amalaswintha ist stolz.

Ich bin zehnmal so stolz wie sie. Aber so eitel bin ich nicht. Sie mu
nie einen Mann geliebt haben und seinen Wert und seine Art begriffen. Sie
knnte sonst nicht die Mnner ersetzen wollen.

Am Hof sieht man das anders an. Komm nur mit an den Hof.

Nein, Witichis, sagte sie ruhig, aufstehend, der Hof pat nicht fr
mich. Und ich nicht fr den Hof. Ich bin des dbauern Kind und gar
unhfisch geartet. Sieh diesen braunen Nacken, lachte sie, und diese
rauhen Hnde. Ich kann nicht die Lyra zupfen und Verslein lesen: schlecht
taugt' ich zu den feinen Rmerinnen und wenig Ehre wrdest du haben von
mir.

Du wirst dich doch nicht zu schlecht erachten fr den Hof? - Nein,
Witichis, zu gut. - Nun, man mte sich gegenseitig ertragen, wrdigen
lernen. - Das wrd' ich nie. Sie vielleicht mich, aus Furcht vor dir,
ich niemals sie. Ich wrd' ihnen tglich ins Gesicht sagen, da sie hohl,
falsch und schlecht sind.

So willst du lieber deinen Mann entbehren, mondenlang? - Ja, lieber ihn
entbehren, als in schiefer, schlimmer Stellung um ihn sein. O mein
Witichis, sagte sie, innig den Arm um seinen Nacken legend, denk nur,
wer ich bin und wie du mich gefunden.

Wo die letzten Siedelungen unseres Gotenvolks den Saum der Alpen umgrten,
hoch auf den Felsschroffen der Scaranzia, wo die junge Isara schumend aus
den Steinklften ins offne Land der Bajuwaren bricht, da steht meines
Vaters stiller dhof. Nichts kannt' ich da als die strenge Arbeit des
Sommers auf den einsamen Almen, des Winters in der rauchgeschwrzten Halle
am Rocken mit den Mgden. Frh starb die Mutter und den Bruder haben die
Welschen erstochen. So wuchs ich einsam auf, allein mit dem alten Vater,
der so treu, aber auch so hart und verschlossen wie seine Felsen. Da sah
ich nichts von der Welt, die rechts und links von unsern Bergen lag. Nur
hoch von oben sah ich manchmal neugierig, wie ein Saumro mit Salz oder
Wein unten in der Thalschlucht des Weges zog. Da sa ich wohl manchen
schimmervollen Sommerabend auf der zackigen Kulm des hohen Arn. Und sah
der Sonne nach, wie sie so herrlich niedersank weit drben berm Licus:
und ich dachte, was sie wohl alles gesehen den langen Sommertag, seit sie
aufstieg drben berm breiten nus. Und da ich wohl auch wissen mchte,
wie's aussieht ber dem Karwndel. Oder gar drben, hinter dem
Brennusberg, wo der Bruder hinberzog und nie mehr wiederkam. Und doch
fhlte ich, wie schn es sei droben in meiner grnen Einsamkeit, wo ich
den Steinadler pfeifen hrte aus dem nahen Horst und wo ich prchtige
Blumen brach, wie sie nicht wuchsen unten in der Ebene und auch wohl
einmal des Nachts den Bergwolf vor meiner Stallthr heulen hrte und mit
dem Kienbrand scheuchte.

Und auch in dem frhen Herbst, in den langen Wintern hatte ich Mue, still
in mich hineinzusinnen: wann um die hohen Tannen die weien Nebelschleier
spannen, wann der Bergwind die Felsblcke von unserem Strohdach ri und
die Schneestrze von den Schroffen donnernd niedergingen. So wuchs ich
auf, fremd in der Welt jenseit der nchsten Wlder, nur zu Hause in der
stillen Welt meiner Gedanken, und in dem engen Bauernleben.

Da kamest du - ich wei es noch wie heute - und sie hielt an, in
Erinnerung verloren.

Ich wei es auch noch genau, sagte Witichis. Ich fhrte eine
Hundertschaft zur Ablsung von Juvavia nach der Augustastadt am Licus -
ich war vom Weg und meinen Leuten abgekommen: lang war ich den schwlen
Sommertag pfadlos umhergeirrt - da sah ich Rauch aufsteigen berm
Tannenhang und bald fand ich das versteckte Gehft und trat ins Thor: da
stand ein prchtig Mdchen am Ziehbrunnen und hob den Eimer. -

Und ich erschrak siedhei, - zum erstenmal in meinem Leben! - als der
groe, brunliche Mann um die Hausecke bog mit dem krausen Bart und dem
funkelnden Helm.

Ja, du wurdest blutrot bis in die Schlfe und ich bat dich um einen Trunk
Wasser. Und niemals hat mein Auge ein schner Bild gesehen als wie du dich
nun niederbeugtest und mit den krftigen Armen den schweren Eimer auf den
Brunnenrand hobst und mir schpftest in dem Krbiskrug: reich fielen die
dichten goldbraunen Zpfe bers schwarze Mieder bis in die Knie und deine
Wangen waren pfirsichgleich: - o wie wacker, frisch und blhend sahst du
aus. Und wie wacker, frisch und blhend bist du mir geblieben seither alle
Zeit.

Und darum, mein Witichis, auf da ich dir blhend bleibe, fhre mich
nicht an den Hof. Sieh hier schon im Thal, im Sdthal der Alpen, wird mirs
oft zu schwl und ich sehne mich nach einem Atemzug aus der Tannenluft
meiner Waldberge. Am Hofe aber in den engen Goldgemchern - da wrd' ich
dir verkmmern und verschmachten. La du mich hier - ich will schon fertig
werden mit Nachbar Calpurnius. Und du, das wei ich ja, du denkst doch
auch im Knigssaal nach Haus an Weib und Kind.

Ja, wei Gott, mit sehnenden Gedanken. So bleibe denn hier und Gott
behte dich, mein gutes Weib. -

Am zweiten Morgen darauf ritt Witichis wieder zurck, die Waldhhe hinan.
Der Abschied hatte ihn fast weich gemacht: mit Kraft hatte er den Ausdruck
des Gefhls gehemmt, das er sich, schlicht und streng von Art, zu zeigen
scheute. Wie hing des Wackern Herz an diesem kern'gen Weib und seinem
Knaben!

Hinter ihm drein trabte Wachis, der sich's durchaus nicht hatte nehmen
lassen, dem Herrn noch eine Strecke das Geleit zu geben. Pltzlich ritt er
zu ihm hinan. Herr, sagte er, ich wei was. - So? warum sagst du's
nicht? - Weil mich noch niemand drum gefragt hat. - Nun, ich frage
dich drum. - Ja, wenn man gefragt ist, mu man freilich reden. - Die
Frau hat dir gesagt, da Calpurnius so ein bser Nachbar ist? - Ja. Und
was soll's damit? - Sie hat dir aber nicht gesagt, seit wann?

Nein. Weit du seit wann? - Nun, seit etwa einem halben Jahr. Da traf
Calpurnius einmal die Frau im Wald allein, wie sie beide glaubten. Aber
sie waren nicht allein. Es lag einer im Graben und hielt seinen
Mittagsschlaf.

Der Faulpelz warst du.

Richtig erraten. Und da sagte Calpurnius etwas zur Frau.

Was sagte er?

Das hab' ich nicht verstanden. Aber die Frau war nicht faul, hob die Hand
und schlug ihm ins Gesicht, da es patschte. Das hab' ich verstanden. Und
seither ist der Nachbar ein schlimmer Nachbar und das wollt' ich dir
sagen, weil ich mir schon dachte, die Frau werde dich nicht rgern wollen
mit dem Wicht.

Aber es ist doch besser du weit darum. Und sieh, da steht Calpurnius
gerade unter seiner Hofthr - siehst du, dort - und jetzt fahr' wohl,
lieber Herr.

Und damit wandte er sein Pferd und jagte im Galopp nach Hause.

Witichis aber stieg das Blut zu Kopf. Er ritt an die Thr seines Nachbars,
dieser wollte sich ins Haus drcken, aber Witichis rief ihn in einem Ton,
da er bleiben mute.

Was willst du mir, Nachbar Witichis, sagte er, blinzelnd zu ihm
aufsehend.

Witichis zog den Zgel an und schob sein Ro dicht neben jenen. Dann
streckte er ihm die geballte, erzgepanzerte Faust hart vor die Augen:
Nachbar Calpurnius, sagte er ruhig, wenn _ich_ dir einmal ins Gesicht
schlage, stehst du nie wieder auf.

Calpurnius fuhr erschrocken zurck.

Witichis aber gab seinem Rosse den Sporn und ritt stolz und langsam seines
Weges.




                            Sechstes Kapitel.


Zu Rom in seinem Arbeitszimmer lag, auf den weichen Kissen des Lectus
behaglich ausgestreckt, Cethegus der Prfekt.

Er war guter Dinge.

Die Untersuchung gegen ihn hatte mit Freisprechung geendet: nur im Fall
augenblicklicher Durchforschung seines Hauses, wie sie der junge Knig
angeordnet, aber sein Tod vereitelt hatte, wre Entdeckung zu befrchten
gewesen. Er hatte durchgesetzt, da die Befestigung von Rom fortgefhrt
wurde, mit Zuschssen aus seinen eigenen Geldern, was seinen Einflu in
der Stadt noch hob. In der letzten Nacht hatte er Versammlung gehalten in
den Katakomben: alle Berichte lauteten gnstig. Die Patrioten wuchsen an
Zahl und Reichtum.

Der hrtere Druck, der seit den letzten Vorgngen zu Ravenna auf den
Italiern lastete, konnte die Zahl der Unzufriednen nur vermehren und, was
die Hauptsache war, Cethegus hielt jetzt alle Fden der Verschwrung in
seiner Hand. Unbedingt erkannten selbst die eiferschtigsten Republikaner
die Notwendigkeit an, bis zum Tag der Freiheit dem Begabtesten die Fhrung
zu berlassen.

So vorgeschritten war die Stimmung gegen die Barbaren bei allen Italiern,
da Cethegus den Gedanken fassen konnte, sobald Rom vollends befestigt,
ohne Hilfe der Byzantiner loszuschlagen. Denn, wiederholte er sich immer
wieder, alle Befreier sind leicht gerufen und schwer abgedankt. Und mit
Liebe pflegte er den Gedanken, Italien allein zu befreien.

So lag der Prfekt, legte Csars Brgerkrieg, in dem er geblttert, zur
Seite, sttzte das Haupt auf den linken Arm und sagte zu sich selbst: die
Gtter mssen noch Groes mit dir vorhaben, Cethegus. So oft du strzest,
fllst du, heil wie eine Katze, auf die sichern Fe. Ah, wenn es uns wohl
geht, mchten wir uns mitteilen. Aber Vertrauen ist ein zu gefhrliches
Vergngen und das Schweigen ist der einzig treue Gott. Und doch bleibt man
ein Mensch und mchte ... -

Da trat ein Sklave ein, der alte Ostiarius Fidus, berreichte schweigend
einen Brief auf flacher goldner Schale und ging. Der Bote wartet, sagte
er.

Gleichgltig nahm Cethegus das Schreiben.

Aber sowie er auf dem Wachs, das die Schnre der Tafeln zusammenhielt das
Siegel - die Dioskuren - erkannte, rief er lebhaft: Von Julius! zu guter
Stunde! lste eilig die Fden, legte die Tafeln auseinander und las - das
kalte bleiche Antlitz berflogen von einem sonst vllig fremden Hauch
freudiger Wrme.

Cethegus dem Prfekten sein Julius Montanus.

Wie lange ist's, mein vterlicher Lehrer, (- beim Jupiter, das klingt
frostig -) da ich dir nicht den schuldigen Gru gesendet. Das letzte
Mal schrieb ich dir an den grnen Ufern des Ilissos, wo ich in dem
verdeten Hain des Akademos die Spuren Platons suchte - und nicht fand.
Ich wei wohl, mein Brief war nicht heiter. Die traurigen Philosophen
dort, in vereinsamten Schulen wandelnd, zwischen dem Druck des Kaisers,
dem Argwohn der Priester und der Klte der Menge, sie konnten nichts in
mir erwecken als Mitleid. Meine Seele war dunkel, ich wute nicht weshalb.

Ich schalt meinen Undank gegen dich - den gromtigsten aller Wohlthter -
- (so unertrgliche Namen hat er mir nie gegeben, schaltete Cethegus
ein).

Seit zwei Jahren reise ich, mit deinen Reichtmern wie ein Knig der
Syrer ausgestattet, von deinen Freigelassenen und Sklaven begleitet, durch
ganz Asien und Hellas, geniee alle Schnheit und Weisheit der Alten - und
mein Herz bleibt unbefriedigt, mein Leben unausgefllt. Nicht Platons
schwrmerische Weisheit, nicht das Goldelfenbein des Pheidias, Homeros
nicht und nicht Thukydides boten, was mir fehlte.

Endlich, endlich hier in Neapolis, der blhenden gttergesegneten Stadt
hab' ich gefunden, was ich unbewut berall vermit und immer gesucht.

Nicht tote Weisheit: warmes, lebendiges Glck, (- er hat eine Geliebte!
nun endlich, du sprder Hippolyt, Dank euch, Eros und Anteros! -) o, mein
Lehrer, mein Vater! weit du, welch ein Glck es ist, ein Herz, das dich
ganz versteht, zum erstenmal dein eigen nennen? (- ah, Julius, seufzte
der Prfekt mit einem seltnen Ausdruck weicher Empfindung, ob ich es
wute! -) Dem du die ganze volle Seele offen zeigen magst? O, wenn du's
je erfahren, preise mich, opfre Zeus dem Erfller endlich: zum erstenmal
hab' ich einen Freund.

Was ist das? rief Cethegus unwillig aufspringend mit einem Blick
eiferschtigen Schmerzes, der Undankbare!

Denn, das fhlst du wohl, ein Freund, ein Herzensvertrauter fehlte mir
bis jetzt. Du, mein vterlicher Lehrer -

Cethegus warf die Tafeln auf den Schildpatttisch und machte einen hastgen
Gang durchs Zimmer. Thorheit! sagte er dann ruhig, nahm den Brief auf
und las weiter -

Du, soviel lter, weiser, besser, grer als ich - du hast mir eine
solche Wucht von Dank und Verehrung auf die junge Seele geladen, da sie
sich dir nie ohne Scheu ffnen konnte. Auch hrte ich oft mit Zagen, wie
du solche Weichheit und Wrme mit tzendem Witze verhhntest: ein scharfer
Zug um deinen stolzen festgeschlossenen Mund hat solche Gefhle in mir in
deiner Nhe stets gettet wie Nachtfrost die ersten Veilchen (- nun,
aufrichtig ist er! -) Jetzt aber hab' ich einen Freund gefunden: offen,
warm, jung, begeistert wie ich und nie gekannte Wonne ist mein Teil. Wir
haben nur Eine Seele in zwei Krpern: die sonnigen Tage, die mondsilbernen
Nchte wandeln wir miteinander durch diese elyseischen Gefilde und finden
kein Ende der geflgelten Worte. - Aber ich mu ein Ende finden dieses
Briefs. Er ist ein Gote (- auch noch, sagte Cethegus ungehalten,) und
heit Totila. -

Cethegus lie die Hand mit dem Brief einen Augenblick sinken, er sagte
nichts, nur die Augen schlo er einen Moment, dann las er ruhig nochmal:

Und heit Totila!

Als ich am Tage nach meiner Ankunft in Neapolis durch das Forum des
Neptunus schlenderte und an der Bogenwlbung eines Hauses die Statuen
bewunderte, die ein Bildhauer dort zum Kaufe ausgestellt, strzt
urpltzlich aus der Thr auf mich los ein graukpfiger Mann mit einer
wollnen Schrze, ber und ber mit Gips bestubt, in der Hand ein spitzes
Gert: er packte mich an der Schulter und schrie: Pollux, mein Pollux,
hab' ich dich endlich!

Ich dachte der Alte sei verrckt und sagte: Du irrst, guter Mann: ich
heie Julius und komme von Athen.

Nein, schrie der Alte, Pollux heit du und kmmst vom Olymp. Und eh'
ich wute, wie mir geschah, hatte er mich zur Thr hineingedreht. Da
erkannte ich denn allmhlich, woran ich mit dem Alten war: er war der
Bildhauer, der die Statuen ausgestellt.

In seiner Werkhalle standen andre halbvollendete umher und er erklrte
mir, seit Jahren trage er sich mit der Idee einer Dioskurengruppe. Fr den
Kastor habe er vor kurzem ein kstlich Modell in einem jungen Goten
gefunden. Aber umsonst erflehte ich - fuhr er fort - all diese Tage vom
Himmel einen Gedanken fr meinen Pollux. Er soll dem Kastor gleichen, ein
Bruder Helenas, ein Sohn des Zeus wie er, volle hnlichkeit in Zgen und
Gestalt mu da sein. Und doch mu die Verschiedenheit so deutlich sein wie
die Gleichheit: sie mssen zusammengehren und doch jeder ganz eigenartig
sein. Umsonst lief ich alle Bder und Gymnasien Neapolis ab: ich fand den
Ledazwilling nicht. Da hat dich ein Gott, Zeus selber hat dich mir ans
eigne Fenster gefhrt: wie ein Blitz schlug's in mich ein, da steht mein
Pollux, wie er sein mu: und nicht lebendig la ich dich aus dieser Halle,
bis du mir deinen Kopf und deinen Leib versprochen.

Gern sagte ich dem nrrischen Alten zu, andern Tages wieder zu kommen. Und
das erfllt ich um so lieber als ich erfuhr, da mein gewaltthtiger
Freund Xenarchos sei, der grte Bildner in Marmor und Erz, den Italien
seit lange gesehn. Am andern Tag kam ich denn wieder und fand meinen
Kastor - es war Totila: - und ich kann nicht leugnen, da mich die groe
hnlichkeit selbst berraschte, wenn auch Totila lter, hher, krftiger
und unvergleichlich schner ist als ich. Xenarchos sagt, wir seien wie
Hellcitrus und Goldcitrus. Denn Totila ist heller an Haar und Haut: und
gerade so, schwrt der Meister, haben sich die beiden Dioskuren geglichen
und nicht geglichen. So lernten wir uns denn unter den Gtterbildern
Xenarchs kennen und lieben: wir wurden in Wahrheit Kastor und Pollux,
innig und unzertrennlich wie sie, und schon ruft uns das heitre Volk von
Neapolis bei diesem Namen, wann wir, Arm in Arm geschlungen durch die
Straen gehn.

Unsere junge Freundschaft ward aber noch besonders rasch gereift durch
eine drohende Gefahr, die sie leicht in der Blte geknickt htte.

Wir waren eines Abends, wie wir pflegten, zur Porta Nolana hinaus
gewandelt, in den Bdern des Tiberius Khlung von des Tages Hitze zu
suchen. Nach dem Bade hatte ich in einer Laune spielender Zrtlichkeit -
du wirst sie schelten - des Freundes weien Gotenmantel umgeschlagen und
seinen Helm mit den Schwanenflgeln aufs Haupt gesetzt. Lchelnd ging er,
meine Chlamys umwerfend, auf den Tausch ein und friedlich plaudernd
schritten wir durch den Pinienhain im ersten Dunkel der Nacht nach der
Stadt zurck.

Da springt aus dem Taxusgebsch hinter mir ein Mann auf mich her und ich
fhle kaltes Eisen an meinem Halse.

Aber im nchsten Augenblick lag der Mrder zu meinen Fen, Totila's
Schwert in der Brust. Nur leicht verwundet beugte ich mich zu dem
Sterbenden nieder und fragte ihn, welcher Grund ihn habe zum Ha, zum
Morde gegen mich treiben knnen.

Er aber starrte mir ins Antlitz und hauchte: Nicht dich: - Totila, den
Goten - und er zuckte und war tot. Man sah's an Tracht und Waffen - es
war ein isaurischer Sldner.

Cethegus senkte den Brief und drckte die linke Hand vor die Stirn.
Wahnsinn des Zufalls, sagte er, wohin konntest du fhren!

Und er las zu Ende.

Totila sagte, er habe der Feinde viele am Hofe zu Ravenna. Wir zeigten
den Vorfall Uliaris, dem Gotengrafen zu Neapolis, an. Dieser lie die
Leiche durchsuchen und Nachforschungen anstellen - ohne Erfolg. Uns beiden
aber hat diese ernste Stunde die junge Freundschaft befestigt und mit Blut
geweiht fr alle Zeit. Ernster und heiliger hat sie uns verbunden. Das
Siegel der Dioskuren, das du mir zum Abschied geschenkt, war ein
freundlich Omen, das sich freundlich erfllt hat. Und wenn ich mich frage,
wem dank' ich all dies Glck? Dir, dir allein, der mich in diese Stadt
Neapolis gesendet, in der ich all' mein Glck gefunden. So mgen dir es
alle Gtter und Gttinnen vergelten! Ach ich sehe, dieser ganze Brief
redet nur von mir und dieser Freundschaft - schreibe doch bald wie es um
dich steht. Vale.

Ein bitteres Lcheln zuckte um des Prfekten ausdrucksvollen Mund.

Und wieder durchma er das Gemach in nur mit Mhe gehaltenen Schritten.
Endlich blieb er stehen, das Kinn in die linke Hand sttzend. - Wie kann
ich nur so - jugendlich sein, mich zu rgern. Es ist alles sehr natrlich,
wenn auch sehr einfltig. Du bist krank, Julius. Warte: ich will dir ein
Rezept schreiben. Und mit einem Anflug von grausamer Freude im Ausdruck,
setzte er sich auf den Schreiblectus, nahm eine Papyrusrolle aus der
Bronzevase, ergriff die gnidische Schilffeder und schrieb mit der roten
Tinte, aus einem Lwenkopf von Achat, der an dem Lectus angeschraubt war:

               An Julius Montanus Cethegus, der Prfekt
                                 von Rom.

Deine rhrende Epistel aus Neapolis hat mir viel Spa gemacht. Sie zeigt,
da du in der letzten Kinderkrankheit steckst. Hast du sie abgethan, wirst
du ein Mann sein.

Die Krisis zu beschleunigen, verschreibe ich dir das beste Mittel. Du
suchst sogleich den Purpurhndler Valerius Procillus, meinen ltesten
Gastfreund in Neapolis, auf. Er ist der reichste Kaufherr des Abendlandes,
ein grimmiger Feind der Kaiser von Byzanz, die ihm Vater und Brder
gettet, ein Republikaner wie Cato und schon deshalb mein vertrauter
Freund. Seine Tochter Valeria Procilla aber ist die schnste Rmerin
unserer Zeit und eine echte Tochter der alten, der heidnischen Welt.
Antigone oder Virginia wrden sich der Freundin freuen. Sie ist nur drei
Jahre jnger und folglich zehnmal reifer als du. Gleichwohl wird sie dir
der Vater nicht versagen, erklrst du ihm, da Cethegus fr dich wirbt. Du
aber wirst dich beim ersten Anblick sterblich in sie verlieben.

Du wirst das: obgleich ich es dir vorher sage und obgleich du weit, da
ich es wnsche. In ihren Armen wirst du alle Freunde der Welt vergessen:
geht die Sonne auf, erbleicht der Mond. brigens, weit du, da dein
Kastor einer der gefhrlichsten Rmerfeinde ist? Und ich habe einmal einen
gewissen Julius gekannt, der geschworen: Rom ber alles. Vale.

Cethegus rollte den Papyrus zusammen, umschnrte ihn mit den Bndern von
rotem Bast, befestigte diese an der Schleife mit Wachs und drckte seinen
Amethystring mit dem herrlichen Jupiterkopf auf dasselbe. Dann berhrte er
einen aus dem Marmorgetfel hervorschauenden silbernen Adler: - drauen an
der Wand des Vestibulums schlug ein eherner Donnerkeil auf den
Silberschild eines niedergeworfenen Titanen mit glockenhellem Ton.

Der Sklave trat wieder ein.

La den Boten in meinen Thermen baden, gieb ihm Speise und Wein, einen
Goldsolidus und diesen Brief. Morgen mit Sonnenaufgang geht er damit
zurck nach Neapolis. - -




                            Siebentes Kapitel.


Mehrere Wochen darauf finden wir den ernsten Prfekten in einem Kreise,
der sehr wenig zu seinem hohen Trachten, ja zu seinem Alter zu passen
schien.

In dem seltsamen Nebeneinander von Heidentum und Christentum, das in den
ersten Jahrhunderten nach der Konstantiner Bekehrung das Leben und die
Sitten der Rmerwelt mit grellen Widersprchen erfllte, spielte besonders
die friedliche Mischung von Festen der alten und der neuen Religion eine
auffallende Rolle. Neben den groen Feiertagen des christlichen
Kirchenjahres bestanden auch noch grtenteils die frhlichen Feste der
alten Gtter fort, wenn auch meist ihrer ursprnglichen Bedeutung, ihres
religisen Kernes beraubt.

Das Volk lie sich etwa den Glauben an Jupiter und Juno nehmen und die
Kultushandlungen und die Opfer, aber nicht die Spiele, die Feste, die
Tnze und Schmuse, die mit jenen Handlungen verbunden waren; und die
Kirche war von jeher klug genug, zu dulden, was sie nicht ndern konnte.

So wurden ja sogar die echt heidnischen Lupercalien, mit welchen sich
derber Aberglaube und wster Unfug aller Art verband, erst im Jahre
vierhundertsechsundneunzig - und nur mit Mhe - abgeschafft.

Viel lnger natrlich behaupteten sich harmlose Feste wie die Floralien,
die Palilien und zum Teil haben sich ja manche von ihnen in den Stdten
und Drfern Italiens mit vernderter Bedeutung bis auf diese Stunde
erhalten. So waren denn die Tage der Floralien gekommen, die, frher auf
der ganzen Halbinsel, als ein Fest besonders der frhlichen Jugend, mit
lauten Spielen und Tnzen gefeiert, auch in jenen Tagen noch wenigstens
mit Schmaus und Gelage begangen wurden.

Und so hatten sich denn die beiden Licinier und ihr Kreis von jungen
Rittern und Patriziern an dem Hauptfesttag der Floralien zu einem
Symposion zusammen bestellt, fr welches jeder der Gste, wie bei unsern
Picknicks, seinen Beitrag in Speisen oder Wein zu liefern hatte. Die
Frhlichen versammelten sich bei dem jungen Kallistratos, einem
liebenswrdigen und reichen Griechen aus Korinth, der sich im Genu
knstlerischer Mue zu Rom niedergelassen und nahe bei den Grten des
Sallust ein geschmackvolles Haus gebaut hatte, das als der Mittelpunkt
heitern Lebensgenusses und feiner Bildung galt. Auer dem reichen Adel
Roms verkehrten dort vornehmlich die Knstler und Gelehrten: und dann auch
jene Schichten der rmischen Jugend, denen ber ihren Rossen und Wagen und
Hunden wenige Zeit und Gedanken fr den Staat brig blieb und die daher
bis jetzt dem Einflu des Prfekten unzugnglich gewesen waren.

Deshalb war es diesem sehr erwnscht, als ihm der junge Lucius Licinius,
jetzt sein glhendster Anhnger, die Einladung des Korinthers berbrachte.
Ich wei wohl, sagte er schchtern, wir knnen deinem Geist nicht
ebenbrtige Unterhaltung bieten und wenn dich nicht die alten Kyprier und
Falerner locken, die Kallistratos spenden wird, lehnst du ab.

Nein, mein Sohn, ich komme, sagte Cethegus und mich locken nicht die
alten Kyprier, sondern die jungen Rmer. -

Kallistratos, der sein Hellenentum mit Stolz zur Schau trug, hatte sein
Haus mitten in Rom in griechischem Stil gebaut. Und zwar nicht in dem des
damaligen, sondern des freien, des perikleischen Griechenlands und dies
machte im Gegensatz zu der geschmacklosen berladung jener Tage den
Eindruck edler Einfachheit. Durch einen schmalen Gang gelangte man in das
Peristyl, den offenen von Sulengngen umschlossenen Hof, dessen
Mittelpunkt ein pltschernder Springbrunnen in braunem Marmorbecken
bildete. Die nach Norden offne Sulenhalle enthielt auer andern Gelassen
auch den Speisesaal, der heute die kleine Gesellschaft versammelt hielt.
Cethegus hatte sich vorbehalten, nicht schon zu der Coena, dem
eigentlichen Schmause, sondern erst zu der Commissatio, dem darauf
folgenden nchtlichen Trinkgelag, zu kommen. Und so fand er denn die
Freunde in der vornehmen Trinkstube, wo lngst schon die zierlichen
Bronzelampen an den schildpattgetfelten Wnden brannten und die Gste,
mit Rosen und Eppich bekrnzt, auf den Polstern des hufeisenfrmigen
Trikliniums lagerten. Eine betubende Mischung von Weinduft und
Blumenduft, von Fackelglanz und Farbenglanz drang ihm an der Schwelle
entgegen.

Salve, Cethege! rief der Wirt dem Eintretenden entgegen. Du findest nur
kleine Gesellschaft.

Cethegus befahl dem Sklaven, der ihm folgte, einem herrlich gewachsenen
jungen Mauren, dessen schlanke Glieder durch den Scharlachflor seiner
leichten Tunika mehr gezeigt als verhllt wurden, ihm die Sandalen
abzubinden. Er zhlte indessen: Nicht unter den Grazien, lchelte er,
nicht ber die Musen.

Geschwind, whle den Kranz, mahnte Kallistratos, und nimm deinen Platz
da oben auf dem Ehrensitz der mittleren Kline. Wir haben dich im Voraus
zum Symposiarchen, zum Festknig gewhlt.

Der Prfekt hatte sich vorgesetzt, diese jungen Leute zu bezaubern. Er
wute, wie gut er das konnte: und er wollte es heute. Er whlte einen
Rosenkranz und ergriff das elfenbeinerne Scepter, das ihm ein syrischer
Sklave knieend reichte. Das Rosendiadem zurecht rckend schwang er mit
Wrde den Stab: So mach' ich eurer Freiheit ein Ende!

Ein geborner Herrscher, rief Kallistratos, halb im Scherz, halb im
Ernst. - Aber ich will ein sanfter Tyrann sein! mein erst Gesetz: ein
Drittel Wasser - zwei Drittel Wein. - Oho, rief Lucius Licinius und
trank ihm zu, _bene te_! Du fhrst ppig Regiment. Gleiche Mischung ist
sonst unser Hchstes.

Ja, Freund, lchelte Cethegus, sich auf dem Ecksitz der mittleren Kline,
dem Konsulsplatz, niederlassend, ich habe meine Trinkstudien unter den
gyptern gemacht, die trinken nur lautern. He, Mundschenk - wie heit er?

Ganymedes - er ist aus Phrygien. Hbscher Wuchs, eh? - Also, Ganymed,
gehorche deinem Jupiter und stelle neben jeden eine Patera Mamertiner Wein
- doch neben Balbus zwei, weil er sein Landsmann ist. Die jungen Leute
lachten.

Balbus war ein reicher Gutsbesitzer auf Sicilien, noch sehr jung und schon
sehr dick.

Pah, lachte der Trinker, Epheu ums Haupt und Amethyst am Finger - so
trotz ich den Mchten des Bacchus. - Nun, wo steht ihr im Wein? fragte
Cethegus, dem jetzt hinter ihm stehenden Mauren winkend, der ihm einen
zweiten Kranz von Rosen, diesmal um den Nacken, schlang.

Settiner Most mit hymettischem Honig, war das letzte. Da, versuch! so
sprach Piso, der schelmische Poet, dessen Epigramme und Anakreontika die
Buchhndler nicht rasch genug konnten abschreiben lassen und dessen
Finanzen sich doch stets in poetischer Unordnung befanden. Und er reichte
dem Prfekten was wir einen Vexierbecher nennen wrden, einen bronzenen
Schlangenkopf, der, unvorsichtig an den Mund gebracht, einen Strahl Weines
heftig in die Kehle scho. Aber Cethegus kannte das Spiel, behutsam trank
er und gab den Becher zurck. Deine _trocknen_ Witze sind mir lieber,
Piso, lachte er und haschte ihm aus der Brustfalte ein beschriebenes
Tfelchen.

O gieb, sagte Piso, es sind keine Verse - sondern - ganz im Gegenteil!
- eine Zusammenstellung meiner Schulden fr Wein und Pferde. - Je nun,
meinte Cethegus, ich hab' sie an mich genommen - sie sind also mein. Du
magst morgen die Quittung bei mir einlsen: aber nicht umsonst - mit einem
deiner boshaftesten Epigramme auf meinen frommen Freund Silverius! - O
Cethegus, rief der Poet erfreut und geschmeichelt, wie boshaft kann man
sein fr vierzigtausend Solidi! Wehe dem heiligen Mann Gottes.




                             Achtes Kapitel.


Und im Schmause - wie weit seid ihr damit? fragte Cethegus, schon bei
den pfeln? sind es diese?

Und er sah blinzend nach zwei Fruchtkrben von Palmenbast, die hoch
aufgehuft auf einem Bronzetisch mit elfenbeinernen Fen prangten. Ha
Triumph! lachte Marcus Licinius, des Lucius jngerer Bruder, der sich mit
der liebhaberischen Spielplastik der Mode abgab. Da siehst du meine
Kunst, Kallistratos! Der Prfekt nimmt meine Wachspfel, die ich dir
gestern geschenkt, fr echt. Ah wirklich? rief Cethegus wie erstaunt,
obwohl er den Wachsgeruch lngst ungern vermerkt. Ja, Kunst tuscht die
Besten. Bei wem hast du gelernt? Ich mchte dergleichen in meinem
kyzikenischen Saal aufstellen.

Ich bin Autodidakt, sagte Marcus stolz, und morgen schicke ich dir
meine neuen persischen pfel: - denn du wrdigst die Kunst.

Aber das Gelag ist doch zu Ende? fragte der Prfekt, den linken Arm auf
das Polster der Kline sttzend.

Nein, rief der Wirt, ich will es nur gestehn: da ich auf unsern
Festknig erst zur Trinkstunde rechnen durfte, hab' ich noch einen kleinen
Nachschmaus zu den Bechern gerstet. - O du Frevler, rief Balbus, sich
mit der zottigen Purpurgausape die fettglnzenden Lippen wischend, und
ich habe so schrecklich viel von deinen Feigenschnepfen gegessen! - Das
ist wider die Verabredung! rief Marcus Licinius. - Das verdirbt meine
Sitten! sagte der frhliche Piso ernsthaft. - Sprich, ist das
hellenische Einfachheit? fragte Lucius Licinius. - Ruhig, Freunde,
trstete Cethegus mit einem Citat: Auch unverhofftes Unheil trgt ein
Rmer stark.

Der hellenische Wirt mu sich nach seinen Gsten richten, entschuldigte
Kallistratos, ich frchte, ihr kmt mir nicht wieder, bte ich euch
marathonische Kost. - Nun, dann bekenne wenigstens, was noch droht,
rief Cethegus, du, Nomenklator, lies die Schsseln ab: ich werde dann die
Weine bestimmen, die dazu gehren.

Der Sklave, ein schner lydischer Knabe, in einem bis an die Knie
aufgeschlitzten Rckchen von blauer pelusischer Leinwand, trat dicht neben
Cethegus an den Tisch von Cypressenholz und las von einem Tfelchen ab,
das er an goldnem Kettchen um den Hals trug: Frische Austern aus
Britannien in Thunfischbrhe mit Lattich. - Dazu Falerner von Fundi,
sprach Cethegus ohne Besinnen. Aber wo steht der Schenktisch mit den
Pokalen? Rechter Trunk mundet nur aus rechter Schale.

Dort ist der Schenktisch! und auf einen Wink des Hausherrn fiel der
Vorhang zurck, der die eine Ecke des Zimmers, den Gsten gegenber,
verhllt hatte.

Ein Ruf des Staunens flog von den Tischen.

Der Reichtum der dort zur Schau gestellten Prunkgeschirre und der
Geschmack ihrer Anordnung war selbst diesen verwhnten Augen berraschend.
Auf der Marmorplatte des Tisches stand ein gerumiger silberner Wagen mit
goldnen Rdern und ehernem Gespann: es war ein Beutewagen, wie sie in
rmischen Triumphen aufgefhrt zu werden pflegten: und als kstliche Beute
lagen darin Pokale, Glser, Schalen jeder Gestalt und jedes Stoffes in
scheinbarer Unordnung, doch mit kunstverstndiger Hand, gehuft.

Bei Mars dem Sieger, lachte der Prfekt, der erste rmische Triumph
seit zweihundert Jahren. Ein seltner Anblick! Darf ich ihn zerstren? -
Du bist der Mann, ihn wieder aufzurichten, sagte Lucius Licinius feurig.
- Meinst du? Versuchen wir's! - Also zum Falerner die Kelche dort von
Terebinthenholz.

Weindrosseln vom Tagus mit Spargeln von Tarent! fuhr der Lydier fort.
Dazu den roten Massiker von Sinuessa aus jenen amethystnen Kelchen.

Junge Schildkrten von Trapezunt mit Flamingozungen -

Halt an, beim heiligen Bacchus, rief Balbus. Das sind ja die Qualen des
Tantalus. Mir ist ganz gleich, aus was ich trinke, aus Terebinthen oder
Amethyst - aber dies Aufzhlen von Gtterbissen mit trocknem Gaumen halt'
ich nicht mehr aus. Nieder mit Cethegus dem Tyrannen, er sterbe, wenn er
uns hungern lt. - Mir ist, ich wre Imperator und hrte das getreue
Volk von Rom. Ich rette mein Leben und gebe nach. Tragt auf, ihr Sklaven.
Da tnten Flten aus dem Vorgemach und im Takte der Musik schritten sechs
Sklaven, Epheu um die glnzend gesalbten Locken, in roten Mnteln und
weien Tuniken heran. Sie reichten den Gsten frische Handtcher von
feinstem sidonischem Linnen mit weichen Purpurfransen.

Oh, rief Massurius, ein junger Kaufmann, der vornehmlich mit schnen
Sklaven und Sklavinnen handelte und in dem zweideutigen Ruhme stand, der
feinste Kenner solcher Ware zu sein, das weichste Handtuch ist ein
schnes Haar - und er fuhr dem eben neben ihm knieenden Ganymed durch die
Locken. Aber, Kallistratos, jene Flten sind hoffentlich weiblichen
Geschlechts - auf mit dem Vorhang - la die Mdchen ein.

Noch nicht, befahl Cethegus. Erst trinken, dann kssen. Ohne Bacchus
und Ceres, du weit -

Friert Venus, nicht Massurius.

Da erscholl aus dem Seitengemach der Klang von Lyra und Kithara und ein
trat ein Zug von acht Jnglingen in goldgrn schillernden Seidengewndern,
vorauf der Anrichter und der Zerleger: die sechs andern trugen
Schsseln auf dem Haupt: sie zogen im Taktschritt an den Gsten vorber
und machten vor dem Anrichttisch von Citrus Halt. Whrend sie hier
beschftigt waren, erklangen vom Mittelgrunde her Kastagnetten und
Cymbeln, die groen Doppelthren drehten sich um ihre erzschimmernden
Sulenpfosten und ein Schwarm von Sklaven in der schnen Tracht
korinthischer Epheben strmte herein. Die einen reichten Brot in zierlich
durchbrochenen Bronzekrben: andre verscheuchten die Mcken mit breiten
Fchern von Strauenfedern und Palmblttern: einige gossen l in die
Wandlampen aus doppelhenkeligen Krgen mit anmutvoller Bewegung, indes
etliche mit zierlichen Besen von gyptischem Schilf von dem Mosaikboden
die Brosamen fegten und die brigen Ganymed die Becher fllen halfen, die
jetzt schon eifrig kreisten.

Damit stieg denn die Raschheit, die Wrme des Gesprchs und Cethegus, der,
wie berlegen nchtern er blieb, vllig im Moment versunken schien,
bezauberte durch seine Jugendlichkeit die Jnglinge.

Wie ist's, fragte der Hausherr, wollen wir wrfeln zwischen den
Schsseln? Dort neben Piso steht der Wrfelbecher. - Nun, Massurius,
meinte Cethegus mit einem spttischen Blick auf den Sklavenhndler,
willst du wieder einmal dein Glck wider mich versuchen? Willst du wetten
gegen mich? Gieb ihm den Becher, Syphax! winkte er dem Mauren.

Merkur soll mich bewahren! antwortete Massurius in komischem Schreck.
Lat euch nicht ein mit dem Prfekten - er hat das Glck seines Ahnherrn
Julius Csar geerbt.

_Omen accipio!_ lachte Cethegus, das nehm' ich an, mitsamt dem Dolch
des Brutus.

Ich sag' euch, er ist ein Zauberer! Erst jngst hat er eine ungewinnbare
Wette gegen mich gewonnen an diesem braunen Dmon - Und er wollte dem
Sklaven eine Feige ins Gesicht werfen: aber dieser fing sie behende mit
den glnzend weien Zhnen und verzehrte sie mit ruhigem Behagen.

Gut, Syphax, lobte Cethegus, Rosen aus den Dornen der Feinde! Du kannst
ein Gaukler werden, sobald ich dich freilasse.

Syphax will nicht frei sein, er will dein Syphax sein und dein Leben
retten wie du seins.

Was ist das - dein Leben? fragte Lucius Licinius mit erschrockenem
Blick. - Hast du ihn begnadigt? sagte Marcus.

Mehr, ich hab' ihn losgekauft.

Ja, mit meinem Gelde! brummte Massurius.

Du weit, ich hab' ihm dein verwettet Geld sofort als Peculium
geschenkt.

Was ist das mit der Wette? erzhle, vielleicht ein Stoff fr meine
Epigramme, fragte Piso.

Lat den Mauren selbst erzhlen - sprich, Syphax, du darfst.




                             Neuntes Kapitel.


Ohne Zgern trat der junge Sklave in das von den Tischen gebildete
Hufeisen, den Rcken zur Thre gewandt: sein funkelndes Auge berflog
rasch die Versammlung und haftete dann mit Glut auf seinem Herrn: alle
bewunderten die jugendliche Kraft und Schnheit der schlanken Glieder,
deren tiefes Braun nur um die Hften ein kostbarer Schurz von Scharlach
verhllte.

Leicht ist erzhlt, was schwere Schmerzen barg. Ich bin daheim im
Lieblingsland der Sonne; wo hundert Palmen die immer grne Oase
beschatten, auer uns nur dem Lwen bekannt und dem fleckigen Panther.
Aber in einer gtterverlassenen Nacht, da fand der Feind unser altes
Versteck. Vandalische Reiter waren's und keine Rettung. Rot und schwarz
stieg der Rauch unsrer Zelte durch die Cedernwipfel hinan, kreischend
flohen Weiber und Kinder. Da traf mich ein sausender Speer.

Ich erwachte gebunden im Sklavenraum eines Griechenschiffs, das uns
gekauft, mich und viele Mnner und Weiber meines Stammes: ich hatte nichts
gerettet als meinen Gott, den weien Schlangenknig, ich trug ihn im
Grtel geborgen. Sie brachten uns nach Rom, da kaufte mich einer, dessen
Namen verflucht sei.

's ist unser Freund Calpurnius, unterbrach Cethegus.

Und kein Stern soll ihm leuchten auf nchtlicher Fahrt, er soll
verdursten im heien Sand, knirschte der Maure mit aufloderndem Ha. Er
schlug mich oft um nichts und lie mich hungern. Ich schwieg und betete zu
meinem Gott um Rache. Er zrnte, da ich so ruhig seine Wut ertrug.

Er wute nicht, da Syphax seinen Gott bei sich trug in Gestalt einer
Schlange. Da trat er eines Morgens an mein Lager und fand sie um meinen
Hals geringelt. Er erschrak: ich sagte ihm seine Zhne seien nicht
tdlich, aber seine Rache. Da ergrimmte er, schlug nach mir und sagte:
Tte den Wurm! Umsonst flehte ich und wand mich auf den Knieen vor ihm.
Er schlug mich und schlug nach dem Gott: und als ich den deckte mit meinem
Leibe, schrie er noch wilder: Tte das Tier. Wie konnt' ich gehorchen!
Da rief er seine Sklaven und befahl: Nehmt ihm die Bestie und kocht sie
lebendig. Er soll seinen Gott fressen! Ich erschrak zum Tode ber diesen
Frevel. Und sie griffen mich und haschten nach der Schlange. Aber der Gott
gab mir die Kraft der Wut, die da gleich ist der Kraft des pfeilwunden
Tigers, und ich sprang unter sie mit gellendem Schrei.

Nieder schlug ich den Verfluchten mit dieser Faust und gewann die Thre
des Hauses und sprang hinaus ins Freie und dreiig Sklaven hinter mir
drein. Da galt es das Leben.

Die Gste lauschten gespannt, selbst Balbus setzte den Becher ab, den er
eben zu Munde fhrte.

Ich laufe nicht schlecht: oft haben wir, drei Vettern und ich, die
windschnelle Antilope mde gejagt. Und die Sklaven waren langsam und
schwer.

Aber sie kannten die Stadt und ihre Straen und ich nicht. So war es ein
ungleich Spiel. Die Verfolger teilten sich in Scharen von drei, vier Mann
und gewannen mir durch Seitengassen und Durchgnge den Weg ab.

Zum Glck hatte ich im Vorbeirennen an einer Schmiede einen schweren
Feuerhaken errafft: zwei, dreimal braucht' ich ihn, die Verfolger zu
scheuchen, zu treffen, die mir pltzlich von vorn entgegenkamen. Ich
fhlte aber, lange konnte das nicht mehr dauern: wie rasch ich war, wie
langsam sie, zuletzt mute ich doch erliegen.

Da sandte mir der Gott, den ich fest mit der Linken an die Brust drckte,
Ihn, - und sein schnes Auge funkelte, - meinen Herrn, den gewaltigen,
der mchtig ist wie der Lwe von Abaritana und klug wie der Elefant, der
da gut ist wie milder Regen nach langer Drre und herrlich wie -

Jetzt erzhlst du schlecht, Syphax, ich will vollenden. Ich kam gerade
von den Schanzwerken am aurelischen Thor, dem Grabmal Hadrians.

Deinem schnen, gttergeschmckten Lieblingsort, unterbrach
Kallistratos.

Und bog am Fue des Kapitols in das Forum Trajans: da stand eine
gaffende, schreiende Menge und sah der Menschenjagd neugierig zu: wie ein
Pfeil scho der Maure von dem Forum des Nerva heran, seine Verfolger weit
hinter ihm. Aber siehe, dicht neben mir bogen von links fnf, von rechts
sieben der Sklaven des Calpurnius auf das Forum ein, bereit, ihn
aufzufangen, sowie er auf dem Platz ankam. Der ist verloren! sagte neben
mir eine bekannte Stimme, es war Massurius, der aus dem Bade des Augustus
trat.

Wem gehrt er? fragte ich. Calpurnius ist unser Herr, antwortete der
Sklave neben mir. Dann wehe ihm, sprach Massurius zu mir: er hngt
seine Strafsklaven bis an den Hals gebunden in seinen Fischweiher und lt
sie lebendig auffressen von seinen Murnen und Hechten. - Ja, sagte der
Sklave, Syphax hat ihn niedergeschlagen, und der Herr rief im Aufstehen:
zu den Murnen den Hund! wer ihn einbringt, ist frei.

Ich blickte den Platz hinab auf den Mauren, der jetzt gleich heran war.
Der ist zu gut fr die Fische, sagte ich, welch' herrlicher Wuchs! Und
sieh, er kmmt durch, ich wette.

Denn eben hatte der Flchtling die erste Kette der Sklaven, die sich ihm
an der Mndung der Via julia entgegenwarf, durchbrochen und flog jetzt auf
uns zu.

Und ich wette tausend Solidi, er kmmt nicht durch: sieh', dort die
Lanzen, sprach Massurius. - Gerade vor uns standen fnf Sklaven mit
Lanzen und Wurfspeeren. Es gilt! rief ich, tausend Solidi.

Da war er heran.

Drei Speere sausten zugleich: aber wie ein Panther duckte der Flinke unter
ihnen weg und, pltzlich aufschnellend, sprang er in hohem Satz ber die
Lanzen der beiden brigen. Atemlos kam er dicht vor mir zu Boden: er
blutete von Steinen und Pfeilen und schon kam jetzt vom Forum julium heran
das ganze Rudel. Verzweifelnd sah er um sich und wollte nach rechts in die
Friedens-Tempel-Strae, die ihn gerade nach seines Herrn Hause
zurckgefhrt htte. Da sah ich vor uns das Portal der kleinen Basilika
von Sankt Laurentius offen stehen. Dort hin! rief ich ihm zu.

In meiner Sprache! er kennt meine Sprache, rief Syphax.

Er kennt, glaub' ich, alle Sprachen, meinte Marcus Licinius.

Dorthin, wiederholte ich, dort ist Asyl. Wie der Blitz war er die Stufen
hinan, schon auf der letzten, da traf ihn ein Stein, da er strzte und
sein nchster Verfolger war oben und packte ihn. Aber glatt wie ein Aal
rang er sich aus seinem Griff, stie ihn die Stufen hinab und sprang in
die Thre der Kirche.

Da hattest du gewonnen, sagte Kallistratos.

Ich wohl, aber er nicht. Denn die Priester von St. Laurentius, so
eiferschtig sie ihre Asylrechte wahren, so wenig haben sie Mitleid mit
einem Heiden. Einen Tag lang bargen sie ihn: als sie aber erfuhren, da er
um der Schlange willen seinen Herrn niedergeschlagen, da stellten sie ihm
die Wahl, Christ zu werden und den Gtzen aufzugeben, oder Calpurnius und
die Murnen.

Syphax whlte den Tod. Ich erfuhr es und kaufte dem Zornigen seine Rache
ab und das Leben dieses schlanken Burschen, des schnsten Sklaven in Rom.

Kein schlechtes Geschft, meinte Marcus, der Maure ist dir treu.

Ich glaube, sagte Cethegus, tritt zurck, Syphax.

Da bringt der Koch sein Meisterstck, so scheint's.




                             Zehntes Kapitel.


Es war eine sechspfndige Steinbutte, seit Jahren im Meerwasserweiher des
Kallistratos mit Gnselebern gemstet. Der vielgepriesene Rhombus kam
auf silberner Schssel, ein goldenes Krnchen auf dem Kopf.

Alle guten Gtter und du, Prophete Jonas! lallte Balbus zurcksinkend in
die Polster, der Fisch ist mehr wert als ich selber. - Still, Freund,
warnte Piso, da uns nicht Cato hre, der gesagt: wehe der Stadt, wo ein
Fisch mehr wert als ein Rind. Schallendes Gelchter und der laute Ruf
_Euge belle!_ bertnte den Zornruf des Halbberauschten.

Der Fisch ward zerschnitten und kstlich erfunden.

Jetzt, ihr Sklaven, fort mit dem matten Massiker. Der edle Fisch will
schwimmen in edlem Na. Auf, Syphax, jetzt pat, was ich zu dem Gelage
beigesteuert. Geh' und la die Amphora hereinbringen, welche die Sklaven
drauen in Schnee gestellt. Dazu die Phialen von gelbem Bernstein.

Was bringst du seltenes, aus welchem Land? fragte Kallistratos. - Frag,
aus welchem Weltteil? bei diesem vielgereisten Odysseus, sagte Piso.

Ihr mt raten. Und wer es errt, wer diesen Wein schon gekostet hat, dem
schenk' ich eine Amphora, so hoch wie diese.

Zwei Sklaven, eppichbekrnzt, schleppten den mchtigen, dunkeln Krug
herein: von schwarzbraunem Porphyr und fremdartiger Gestalt, mit
hieroglyphischen Zeichen geschmckt und wohl vergipst oben an der Mndung.

Beim Styx! kmmt er aus dem Tartarus? das ist ein schwarzer Gesell,
lachte Marcus.

Aber er hat eine weie Seele - zeige sie, Syphax. Der Nubier schlug mit
dem Hammer von Ebenholz, den ihm Ganymedes reichte, sorgfltig den Gips
herunter, hob mit silberner Zange den Verschlu von Palmenrinde heraus,
schttete die Schicht l hinweg, die oben schwamm, und fllte die Pokale.
Ein starker berauschender Geruch entstieg der weien, klebrigen
Flssigkeit. Alle tranken mit forschender Miene.

Ein Gttertrank! rief Balbus absetzend. - Aber stark wie flssiges
Feuer, sagte Kallistratos.

Nein, den kenn' ich nicht! sprach Lucius Licinius.

Ich auch nicht, beteuerte Marcus Licinius. - Aber ich freue mich, ihn
kennen zu lernen, rief Piso und hielt Syphax die leere Schale hin.

Nun, fragte der Wirt, zu dem letzten, bisher fast ganz stummen Gast zu
seiner Rechten gewendet, nun, Furius, groer Seefahrer, Abenteurer,
Indiensucher, Weltumsegler, wird deine Weisheit auch zu Schanden?

Der Gefragte erhob sich leicht von den Kissen, ein schner athletischer
Mann von einigen dreiig Jahren, von bronzener wettergebrunter
Gesichtsfarbe, kohlschwarzen tiefliegenden Augen, blendend weien Zhnen
und vollem Rundbart nach orientalischem Schnitt.

Aber ehe er noch sprechen konnte, fiel Kallistratos rasch ein: Doch, beim
Zeus Xenios, ich glaube, ihr kennt euch gar nicht? Cethegus ma die
fesselnde Erscheinung mit scharfem Blick. Ich kenne den Prfekten von
Rom, sagte der Schweigsame. - Nun, Cethegus, und dies ist mein
vulkanischer Freund, Furius Ahalla, aus Korsika, der reichste Schiffsherr
des Abendlands, tief wie die Nacht und hei wie das Feuer: er hat fnfzig
Huser, Villen und Palste an allen Ksten von Europa, Asien und Afrika,
zwanzig Galeeren, ein paar tausend Sklaven und Matrosen und -

Und einen sehr geschwtzigen Freund, schlo der Korse. Prfekt, mir ist
es leid um dich, aber die Amphora ist mein. Ich kenne den Wein. - Und er
nahm ein Kibitzei und zerschlug es mit goldenem Lffel.

Schwerlich, lchelte Cethegus spttisch.

Doch. Es ist Isiswein. Aus gypten. Aus Memphis. Und ruhig schlrfte er
das goldrtliche Ei.

Erstaunt sah ihn Cethegus an. Erraten, sagte er dann. Wo hast du ihn
gekostet? - Notwendig da, wo du. Er fliet ja nur aus Einer Quelle,
lchelte der Korse. - Genug mit euren Geheimnissen! Keine Rtsel unter
den Rosen! rief Piso. - Wo habt ihr beiden Marder dasselbe Nest
gefunden? fragte Kallistratos.

Nun, rief Cethegus, wisset es immerhin. Im alten gypten, im heilgen
Memphis voraus, haben sich immer noch, dicht neben den christlichen
Einsiedlern und Mnchen in der Wste, glaubenszhe Mnner und namentlich
Frauen erhalten, die nicht lassen wollen von Apis und Osiris und besonders
treu den sen Dienst der Isis pflegen. Sie flchten von der Oberflche,
wo die Kirche das Kreuz der Askese siegreich aufgepflanzt, in die Tiefen,
in den geheimen Scho der groen Mutter Erde mit ihrem heilgen teuren
Wahn. In einem Labyrinth unter den Pyramiden des Cheops haben sie noch
einige hundert Krge geborgen des mcht'gen Weines, welcher dereinst die
Eingeweihten zu den Orgien der Freude, der Liebe berauschte. Die Kunde
geht geheim gehalten von Geschlecht zu Geschlecht, immer nur Eine
Priesterin kennt den Keller und bewahrt den Schlssel.

Ich kte die Priesterin und sie fhrte mich ein: - sie war eine wilde
Katze, aber ihr Wein war gut: - und sie gab mir zum Abschied fnf Krge
mit aufs Schiff.

Soweit hab' ich es mit Smerda nicht gebracht, sagte der Korse; sie lie
mich trinken im Keller, aber als Andenken gab sie mir nur das mit - und
er entblte den braunen Hals. - Einen Dolchstich der Eifersucht, lachte
Cethegus. Nun, mich freut, da die Tochter nicht aus der Art schlgt. Zu
meiner Zeit, das heit, als mich die Mutter trinken lie, lief die kleine
Smerda noch im Kinderrckchen. Wohlan, es lebe der heilge Nil und die se
Isis. Und die beiden tranken sich zu.

Aber es verdro sie, ein Geheimnis teilen zu sollen, das jeder allein zu
besitzen geglaubt.

Doch die andern waren bezaubert von der Laune des eisigen Prfekten, der
jugendlich wie ein Jngling mit ihnen plauderte und jetzt, da das
beliebteste Thema fr junge Herren unter den Bechern angeregt war -
Liebesabenteuer und Mdchengeschichten - unerschpflich bersprudelte von
Streichen und Schwnken, die er meistens selbst erlebt. Alle hingen mit
Fragen an seinen Lippen. Nur der Korse blieb stumm und kalt.

Sage, rief der Wirt und winkte dem Schnken, als gerade das Gelchter
ber eine solche Geschichte verhallt war, sag an, du Mann buntscheckiger
Erfahrung: - gyptische Isismdchen, gallische Druidinnen, nachtlockige
Tchter Syriens und meine plastischen Schwestern von Hellas: - alle kennst
du und weit du zu schtzen, aber sprich, hast du je ein germanisch Weib
geliebt?

Nein, sagte Cethegus, seinen Isiswein schlrfend, sie waren mir immer
zu langweilig.

Oho, meinte Kallistratos, das ist zuviel gesagt. Ich sage euch, ich
habe an den letzten Calenden einen Wahnsinn gehabt fr ein germanisch
Weib, die war nicht langweilig.

Wie, du, Kallistratos von Korinth, der Aspasia, der Helena Landsmann,
erglhst fr ein Barbarenweib? O arger Eros, Sinnenverwirrer,
Mnnerbeschmer, schalt der Prfekt.

Ja, wenn du willst, war's eine Sinnesverwirrung: - ich habe nie
dergleichen erfahren.

Erzhle, erzhle, drngten die andern.




                             Elftes Kapitel.


Immerhin, sagte der Hausherr, die Polster glttend, obwohl ich keine
glnzende Rolle dabei spiele.

Also an den vorigen Calenden etwa kam ich zur achten Stunde aus den Bdern
des Abaskantos nach Hause.

Da steht auf der Strae niedergelassen eine Frauensnfte, vier Sklaven
dabei, ich glaube, gefangne Gepiden. Unmittelbar aber vor der Thre meines
Hauses stehen zwei verhllte Frauen, die Calantica ber den Kopf gezogen.
Die eine trug sklavisch Gewand, aber die andre war sehr reich und
geschmackvoll gekleidet und das Wenige, was von Wuchs und Gestalt zu
sehen, war gttlich. Welch schwebender Schritt, welch feiner Knchel,
welch hochgewlbter Fu! Als ich nher herankam, lieen sich beide rasch
in die Snfte heben und fort waren sie. Ich aber - ihr wit, es steckt des
Bildhauers Blut in allen Hellenen - ich trumte des Nachts von dem feinen
Knchel und dem wogenden Schritt.

Mittags drauf, da ich die Thre ffne, aufs Forum zu gehn zu den
Bibliographen, wie ich pflege, seh ich dieselbe Snfte rasch von dannen
eilen.

Ich gestehe, ohne sonst besonders eitel zu sein, diesmal hoffte ich eine
Eroberung gemacht zu haben, - ich wnschte es so sehr. Und ich zweifelte
gar nicht mehr, als ich, um die achte Stunde nach Hause kommend, wieder
meine Fremde, diesmal unbegleitet, an mir vorberschlpfen sah und nach
ihrer Snfte eilen. Folgen konnt' ich den raschen Sklaven nicht, so trat
ich in mein Haus, froher Gedanken voll. Da sagte der Ostiarius: Herr,
eine verhllte Sklavin wartet dein in der Bibliothek.

Pochenden Herzens eile ich in das Gemach. Richtig! es war die Sklavin, die
ich gestern gesehen. Sie schlug den faltigen Mantel zurck: eine hbsche,
verschlagne Maurin oder Karthagerin - ich kenne den Schlag - sah mich mit
schlauen Augen an.

Ich bitte um Botenlohn, sagte sie, Kallistratos, ich bringe dir gute
Kunde.

Ich fate ihre Hand und wollte ihr die dunkle Wange streicheln - denn wer
die Herrin begehrt, der ksse die Sklavin - aber sie lachte und sprach:
Nein, nicht Eros, Hermes sendet mich.

Meine Herrin - hoch horchte ich auf - meine Herrin ist - eine
leidenschaftliche Freundin der Kunst. Sie bietet dir dreitausend Solidi
fr die Aresbste, die in der Nische neben der Thre deines Hauses
steht.

Laut lachten die jungen Leute, Cethegus mit ihnen.

Ja, lacht nur, fuhr der Hausherr selbst einstimmend fort, ich aber
lachte damals nicht. Aus all meinen Trumen heruntergefallen, sprach ich
verdrielich: mir ist das Werk nicht feil. Die Sklavin bot fnftausend,
bot zehntausend Solidi: ich wandte ihr den Rcken und griff nach der Thr.

Da sagte die Schlange: Ich wei, Kallistratos von Korinth ist unwillig,
weil er ein Abenteuer gehofft und fand ein Geldgeschft.

Er ist Hellene, er liebt die Schnheit, er brennt vor Neugier, meine
Herrin zu sehn. Das war so richtig, da ich nur lcheln konnte.

Wohlan, sprach sie, du sollst sie sehn. Und dann erneuere ich mein
letzt Gebot. Schlgst du's dann dennoch aus, hast du immerhin den Vorteil,
deine Neugier gestillt zu haben. Morgen um die achte Stunde kmmt die
Snfte wieder. Dann halte dich bereit mit deinem Ares.

Und sie schlpfte hinweg. Unruhig blieb ich zurck.

Ich konnte nicht leugnen, meine Neugier war sehr gespannt. Fest
entschlossen, meinen Ares nicht herzulassen und die Kunstnrrin doch zu
sehen, erwartete ich gierig die bestimmte Stunde. Die Stunde kam und die
Snfte kam. Ich stand lauschend an meiner offnen Thr. Die Sklavin stieg
heraus.

Komm, rief sie mir zu, du sollst sie sehn.

Bebend vor Aufregung trat ich heran, der Purpurvorhang der Snfte fiel
halb zurck und ich sah -

Nun, rief Markus, sich vorbeugend, den Becher in der Hand.

Was ich nie wieder vergessen werde. Ein Gesicht, Freunde, von ungeahnter
Schnheit. Kypris und Artemis in Einer Person. Ich war wie geblendet. Ich
kann sie nicht schildern. Der Vorhang fiel zu. Ich aber sprang zurck, hob
den Ares aus der Nische, reichte ihn der Punierin, wies ihr Gold zurck
und taumelte in meine Thr, betubt, als htt' ich eine Waldnymphe
gesehn.

Nun, das ist stark, lachte Massurius. Bist doch sonst kein Neuling in
den Werken des Eros.

Aber, fragte Cethegus, woher weit du, da diese Zauberin eine Gotin
war?

Sie hatte dunkelrotes Haar und milchweie Haut und schwarze Augenbrauen.

Alle guten Gtter! dachte Cethegus. Aber er schwieg und wartete.

Keiner der Anwesenden sprach den Namen aus.

Sie kennen sie nicht, sagte Cethegus zu sich. - Und wann war das?
fragte er den Wirt.

An den vorigen Calenden.

Ganz richtig, rechnete Cethegus; da kam sie von Tarentum durch Rom nach
Ravenna. Sie ruhte hier drei Tage.

Und so hast du, lachte Piso, deinen Ares eingebt fr einen Blick.
Schlechter Handel! diesmal waren Merkur und Venus im Bunde. Armer
Kallistratos.

Ach, sagte dieser, die Bste war gar nicht soviel wert. Es war moderne
Arbeit. Jon in Neapolis hat sie vor drei Jahren gemacht. Aber ich sag
euch, einen Pheidias htt ich hingegeben um jenen Anblick.

Ein Idealkopf? fragte Cethegus, wie gleichgltig und hob den ehernen
Mischkrug, der vor ihm stand, scheinbar bewundernd, auf.

Nein, das Modell war ein Barbar - irgend ein Gotengraf - Watichis oder
Witichas - wer kann sich die hyperborischen Namen merken! sagte
Kallistratos seinen Bericht schlieend und einem Pfirsich die Haut
abziehend.

Nachdenklich schlrfte Cethegus aus seiner Schale von Bernstein.




                            Zwlftes Kapitel.


Ja, die Barbarinnen knnte man sich gefallen lassen, rief Markus
Licinius, aber der Orcus verschlinge ihre Brder! Und er ri den welken
Rosenkranz vom Haupt: - die Blumen ertrugen den Dunst des Gelages schlecht
- und ersetzte ihn durch einen frischen. Nicht nur die Freiheit haben sie
uns genommen: - sie schlagen uns bei den Tchtern Hesperiens in der Liebe
sogar aus dem Felde. Erst neulich hat die schne Lavinia meinem Bruder die
Thre verschlossen und den fuchsroten Aligern eingelassen.

Barbarischer Geschmack! meinte der Verschmhte achselzuckend und wie zum
Trost nach seinem Isiswein langend. Du kennst sie ja auch, Furius - ist
es nicht Geschmacksverirrung? - Ich kenne deinen Nebenbuhler nicht,
sagte der Korse. Aber es giebt schon Burschen unter diesen Goten, die
einem Weib gefhrlich werden mgen.

Und da fllt mir ein Abenteuer ein, das ich jngst entdeckt, das aber
freilich noch ohne Spitze ist. - Erzhle nur, mahnte Kallistratos, die
Hnde in das laue Waschwasser steckend, das jetzt in korinthischen
Erzschsseln herumgereicht wurde, vielleicht finden wir die Spitze dazu.

Der Held meiner Geschichte, hob Furius an, ist der schnste der Goten.
- Ah, Totila der junge, unterbrach Piso und lie sich den
kameengeschmckten Becher mit Eiswein fllen. Derselbe. Ich kenne ihn
seit Jahren und bin ihm sehr gut, wie alle mssen, die je sein sonnig
Angesicht geschaut, abgesehen davon, - und hier berflog des Korsen Zge
ein Schatte ernsten Erinnerns und er stockte - da ich ihm sonst
verbunden bin.

Du bist, scheint's, verliebt in den Blondkopf, spottete Massurius, dem
Sklaven, den er mitgebracht, ein Tuch voll picentinischen Zwiebacks
zuwerfend, um es mit nach Hause zu nehmen. Nein, aber er hat mir, wie
allen, mit denen er zu thun hat, viel Freundliches erwiesen und gar oft
hatte er die Hafenwache in den italischen Seestdten, wo ich landete.

Ja, er hat groe Verdienste um das Seewesen der Barbaren, sagte Lucius
Licinius. - Wie um ihre Reiterei, stimmte Markus bei, der schlanke
Bursche ist der beste Reiter seines Volks.

Nun, ich traf ihn zuletzt in Neapolis: wir freuten uns der Begegnung,
aber vergebens drang ich in ihn, die frhlichen Abendgelage auf meinem
Schiffe zu teilen.

O, diese deine Schiffsabende sind berhmt und berchtigt, meinte Balbus,
du hast stets die feurigsten Weine. - Und die feurigsten Mdchen,
fgte Massurius bei.

Wie dem sei, Totila schtzte jedesmal Geschfte vor und war nicht zu
gewinnen. Ich bitte euch! Geschfte nach der achten Stunde in Neapolis! Wo
die Fleiigsten faul sind! Es waren natrlich Ausflchte. Ich beschlo ihm
auf die Sprnge zu kommen und umschlich Abends sein Haus in der Via lata.
Richtig: gleich den ersten Abend kam er heraus, vorsichtig umblickend,
und, zu meinem Staunen, verkleidet; wie ein Grtner war er angethan, einen
Reisehut tief ins Gesicht gezogen, eine Abolla umgeschlagen. Ich schlich
ihm nach. Er ging quer durch die Stadt nach der Porta Capuana zu. Dicht
neben dem Thore steht ein dicker Turm, darinnen wohnt der Pfrtner, ein
alter patriarchenhafter Jude, dem Knig Theoderich ob seiner groen Treue
die Hut des Thores anvertraut.

Vor dem Turme blieb mein Gote stehen und schlug leise in die Hand: da flog
eine schmale Seitenthr von Eisen, die ich gar nicht bemerkt, geruschlos
auf und hinein schlpfte Totila geschmeidig wie ein Aal.

Ei, ei, fiel Piso der Dichter eifrig ein, ich kenne den Juden und
Miriam, sein herrlich prachtugiges Kind! Die schnste Tochter Israels,
die Perle des Morgenlands, ihre Lippen sind Granaten, ihr Aug' ist
dunkelmeeresblau und ihre Wangen haben den roten Duft des Pfirsichs. -
Gut, Piso, lchelte Cethegus - dein Gedicht ist schn. - Nein, rief
dieser. Miriam selbst ist die lebendige Poesie. - Stolz ist die
Judendirne, brummte Massurius dazwischen, sie hat mich und mein Gold
verschmht mit einem Blick, als habe man nie ein Weib um Geld gekauft. -
Siehe, sprach Lucius Licinius, so hat sich der hochmt'ge Gote, der
einherschreitet, als trg' er alle Sterne des Himmels auf seinem
Lockenhaupt, zu einer Jdin herabgelassen.

So dacht' auch ich und ich beschlo, den Jungen bei nchster Gelegenheit
schwer zu verhhnen mit seinem Moschusgeschmack. Aber nichts da. Ein paar
Tage darauf mute ich nach Capua. Ich breche vor Sonnenaufgang auf, die
Hitze zu meiden. Ich fahre durch die Porta Capuana zur Stadt hinaus beim
ersten Frhrot: und als ich in meinem Reisewagen ber die harten Steine an
dem Judenturm vorberrassele, denk' ich neidvoll an Totila und sage mir,
der liegt jetzt in weichen Armen. Aber am zweiten Meilensteine vor dem
Thor begegnet mir, nach der Stadt zuschreitend, leere Blumenkrbe ber
Brust und Rcken, in Grtnertracht, wie damals - Totila. Er lag also nicht
in Miriams Armen. Die Jdin war nicht seine Geliebte, vielleicht seine
Vertraute, und wer wei, wo die Blume blht, die dieser Grtner pflegt.
Der Glcksvogel! Bedenkt nur, auf der Via capuana stehen all' die Villen
und Lustschlsser der ersten Familien von Neapolis und in jenen Grten
prangen und blhen die herrlichsten Weiber.

Bei meinem Genius, rief Lucius Licinius, die bekrnzte Schale hebend,
dort leben ja die schnsten Weiber Italiens - Fluch ber den Goten! -
Nein, schrie Massurius, von Wein erglhend, Fluch ber Kallistratos und
den Korsen, die uns mit fremden Liebesgeschichten bewirten, wie der Storch
aus Kelchglsern den Fuchs. La endlich, Hausherr, deine Mdchen kommen,
wenn du deren bestellt hast: nicht hher brauchst du unsre Erwartung zu
spannen. - Jawohl, die Mdchen, die Tnzerinnen, die Psalterien! riefen
die jungen Leute durcheinander.

Halt, sprach der Wirt, wo Aphrodite naht, mu sie auf Blumen wandeln.
Dies Glas bring' ich dir, Flora! Er sprang auf und schleuderte an die
getfelte Decke eine kstliche Krystallschale, da sie klirrend zersprang.

Sowie das Glas an die Balken der Decke schlug, hob sich das ganze Getfel
wie eine Fallthr empor und ein reicher Regen von Blumen aller Art flutete
auf die Hupter der erstaunten Gste nieder, Rosen von Pstum, Veilchen
von Thurii, Myrten von Tarentum, Mandelblten bedeckten wie ein dichtes
Schneegestber in duftigen Flocken den Mosaikboden, die Tische, die
Polster und die Hupter der Gste.

Schner, rief Cethegus, zog Venus nie auf Paphos ein.

Kallistratos schlug in die Hnde. Da teilte sich beim Klang von Lyra und
Flte dem Triklinium gerade gegenber die Mittelwand des Gemachs: vier
hochgeschrzte Tnzerinnen, ausgesucht schne Mdchen, in persische
Tracht, d. h. in durchsichtigen Rosaflor gekleidet, sprangen
cymbelnschlagend aus einem Gebsch von blhendem Oleander.

Hinter ihnen kam ein groer Wagen in Gestalt einer Fchermuschel, dessen
goldne Rder von acht jungen Sklavinnen geschoben wurden, vier
Fltenblserinnen in Indischem Gewand - Purpur und Wei mit goldgestickten
Mnteln - schritten vorauf: und auf dem Sitz des Wagens ruhte, von Rosen
bergossen, in halb liegender Stellung Aphrodite selbst, in Gestalt eines
blhenden Mdchens von lockender, ppiger Schnheit, dessen fast einzige
Verhllung der Aphroditen nachgebildete Grtel der Grazien war.

Ha, beim heiligen Eros und Anteros! schrie Massurius und sprang
unsichern Schrittes von der Kline herab unter die Gruppe.

Verlosen wir die Mdchen! rief Piso, ich habe ganz neue Wrfel aus
Gazellenkncheln, weihen wir sie ein. Lat sie den Festknig verteilen,
schlug Marcus Licinius vor. Nein, Freiheit, Freiheit wenigstens in der
Liebe, rief Massurius und fate die Gttin heftig am Arme, und Musik,
heda, Musik - -

Musik, befahl Kallistratos.

Aber ehe noch die Cymbelschlgerinnen wieder anheben konnten, wurde die
Eingangsthre hastig aufgerissen und die Sklaven, die ihn aufhalten
wollten, zur Seite drngend, strmte Scvola herein, er war leichenbla.

Hier also, hier wirklich find' ich dich, Cethegus? in diesem Augenblick!

Was giebt's? sagte der Prfekt und nahm ruhig den Rosenkranz vom Haupt.

Was es giebt? das Vaterland schwankt zwischen Scylla und Charybdis. Die
gotischen Herzoge Thulun, Ibba und Pitza -

Nun? fragte Lucius Licinius.

Sie sind ermordet!

Triumph! rief der junge Rmer und lie die Tnzerin fahren, die er
umfat hielt.

Schner Triumph! zrnte der Jurist. Als die Nachricht nach Ravenna kam,
beschuldigte alles Volk die Knigin, sie strmten den Palast: - doch
Amalaswintha war entfloh'n.

Wohin? fragte Cethegus, rasch aufspringend.

Wohin? auf einem Griechenschiff - nach Byzanz!

Cethegus setzte schweigend den Becher auf den Tisch und furchte die Stirn.

Aber das rgste ist - die Goten wollen sie absetzen und einen Knig
whlen. - Einen Knig? sagte Cethegus. Wohlan, ich rufe den Senat
zusammen. Auch die Rmer sollen whlen.

Wen, was sollen wir whlen? fragte Scvola.

Aber Cethegus brauchte nicht zu antworten. Lucius Licinius rief statt
seiner: Einen Diktator! fort, fort in den Senat.

In den Senat! wiederholte Cethegus majesttisch. Syphax, meinen
Mantel.

Hier, Herr, und dabei dein Schwert, flsterte der Maure. Ich fhr' es
immer mit, auf alle Flle.

Und Wirt und Gste folgten halb taumelnd dem Prfekten, der, allein vllig
nchtern, ihnen voran aus dem Hause auf die Strae schritt.




                           Dreizehntes Kapitel.


In einem der schmalen Gemcher des Kaiserpalastes zu Byzanz stand kurze
Zeit nach dem Fest der Floralien ein kleiner Mann von nicht ansehnlicher
Gestalt in sorgenschweres Sinnen versunken.

Es war still und einsam rings um ihn.

Obwohl es drauen noch heller Tag, war doch das Rundbogenfenster, das nach
dem Hofraum des weitlufigen Gebudes fhrte, mit schweren
golddurchwirkten Teppichen dicht verhangen: gleich kstliche Stoffe
deckten den Mosaikboden des Zimmers, so da kein Gerusch die Schritte des
langsam auf und ab Wandelnden begleitete.

Gedmpftes, mattes Licht fllte den Raum.

Auf dem Goldgrund der Wnde prangte die lange Reihe der christlichen
Imperatoren seit Constantius in kleinen weien Bsten: gerade ber dem
Schreibdivan hing ein groes mannshohes Kreuz von gediegenem Golde.

So oft der einsam auf und nieder Schreitende daran vorbeikam, neigte er
das Haupt vor demselben: denn in der Mitte des Goldes war, von Glas
umschlossen, ein Splitter des angeblich echten Kreuzes angebracht.

Endlich blieb er vor der Weltkarte stehen, die, den Orbis romanus
darstellend, auf purpurgesumtem Pergament eine der Wnde bedeckte: nach
langem, prfendem Blick seufzte der Mann und bedeckte mit der Rechten
Gesicht und Augen.

Es waren keine schnen Augen und kein edles Gesicht: aber vieles, Gutes
und Bses, lag darin.

Wachsamkeit, Mitrauen und List sprachen aus dem unruhigen Blick der
tiefliegenden Augen: schwere Falten, der Sorge mehr als des Alters,
furchten die vorspringende Stirn und die magern Wangen.

Wer den Ausgang wte! seufzte er noch einmal, die knochigen Hnde
reibend. Es treibt mich unablssig. Ein Geist ist in meine Brust gefahren
und mahnt und mahnt.

Aber ist's ein Engel des Herrn oder ein Dmon? Wer mir meinen Traum
deutete! Vergieb, dreieiniger Gott, vergieb deinem eifrigsten Knecht. Du
hast die Traumdeuter verflucht.

Aber doch trumte Knig Pharao und Joseph durfte ihm deuten: und Jakob sah
im Traum den Himmel offen und ihre Trume kamen von dir. Soll ich? darf
ich es wagen?

Und wieder schritt er unschlssig auf und nieder, wer wei, wie lange
noch, wre nicht der Purpurvorhang des Eingangs leise gehoben worden.

Ein goldschimmernder Velarius warf sich vor dem kleinen Mann zur Erde mit
auf der Brust gekreuzten Armen. Imperator, die Patricier, die du
beschieden.

Geduld, sagte jener, sich auf die Kline mit dem Gestell von Gold und
Elfenbein niederlassend, rasch die Silberschuhe und die Chlamys.

Der Palastdiener zog ihm die Sandalen mit den dicken Sohlen und den hohen
Abstzen an, welche die Gestalt um ein paar Zoll erhhten, und warf ihm
den faltenreichen, mit Goldsternen bersten Mantel um die Schulter, jedes
Stck der Gewandung kssend, wie er es berhrte: nach einer Wiederholung
der fuflligen Niederwerfung, die in dieser orientalischen
Unterwrfigkeit erst neuerlich verschrft worden war, ging der Velarius.

Und Kaiser Justinianus stellte sich, den linken Arm auf eine gebrochne
Porphyrsule aus dem Tempel von Jerusalem gesttzt, die zu diesem Behuf
nach seiner Gre zurechtgesgt war, in seiner Audienzattitde dem
Eingang gegenber.

Der Vorhang ging zurck und drei Mnner betraten das Gemach mit der
gleichen Begrungsform wie jener Sklave: und doch waren sie die ersten
Mnner dieses Kaiserreichs, wie, mehr noch als ihre reichgeschmckten
Gewnder, ihre hochbedeutenden Kpfe, ihre geistvollen Zge bewiesen.

Wir haben euch beschieden, hob der Kaiser an, ohne ihre demtige
Begrung zu erwidern, euren Rat zu hren - ber Italien. Ich habe euch
alle ntigen Kenntnisse ber die Dinge daselbst verschafft: die Briefe der
Regentin, die Dokumente der Patriotenpartei daselbst: drei Tage hattet ihr
Zeit. Erst rede du, Magister Militum.

Und er winkte dem Grten unter den dreien, einer stattlichen, ganz in
eine reichvergoldete Rstung gekleideten Heldengestalt. Die groen,
offenen, hellbraunen Augen sprachen von Treue und Zuversicht, eine starke
gerade Nase, volle Wangen gaben dem Gesicht den Ausdruck gesunder Kraft,
die breite Brust, die gewaltigen Schenkel und Arme hatten etwas
herkulisches, der Mund aber zeigte trotz des grimmen Rundbartes Milde und
Gutherzigkeit.

Herr, sprach er mit voller, aus tiefer Brust quellender Stimme,
Belisars Rat ist immer: greifen wir die Barbaren an. Soeben hab' ich auf
dein Gehei das Reich der Vandalen in Afrika zertrmmert mit
fnfzehntausend Mann. Gieb mir dreiigtausend und ich werde dir die
Gotenkrone zu Fen legen.

Gut, sprach der Kaiser erfreut, dies Wort hat mir wohlgethan. - Was
sprichst du, Perle meiner Rechtsgelehrten, Tribonianus?

Der Angeredete war wenig kleiner als Belisar, aber nicht so breitschultrig
und die Glieder nicht so sehr durch stete bung entwickelt. Die hohe,
ernste Stirn, das ruhige Auge, der festgeschnittene Mund zeugten von einem
mchtigen Geist. Imperator, sagte er gemessen, ich warne dich vor
diesem Krieg. Er ist ungerecht.

Unwillig fuhr Justinianus auf: Ungerecht! wiederzunehmen, was zum
rmischen Reich gehrt.

Gehrt hat. Dein Vorfahr Zeno berlie durch Vertrag das Abendland an
Theoderich und seine Goten, wenn sie den Anmaer Odovakar gestrzt.

Theoderich sollte Statthalter des Kaisers sein, nicht Knig von Italien.

Zugegeben. Aber nachdem er es geworden - wie er es werden mute, ein
Theoderich konnte nicht der Diener eines Kleinern sein - hat ihn Kaiser
Anastasius, dein Ohm Justinus, du selbst hast ihn anerkannt, ihn und sein
Knigreich.

Im Drang der Not. Jetzt, da sie in Not und ich der Strkere, nehm' ich
die Anerkennung zurck.

Das eben nenn' ich ungerecht.

Du bist unbequem und unbeholfen, Tribonian, und ein zher Rechthaber. Du
taugst trefflich, meine Pandekten zusammenzubauen. In Politik werd' ich
dich nie wieder befragen. Was hat die Gerechtigkeit mit der Politik zu
thun!

Gerechtigkeit, o Justinianus, ist die beste Politik.

Bah, Alexander und Csar dachten anders.

Sie haben erstens ihr Werk nicht vollendet und dann zweitens - er hielt
inne.

Nun, zweitens?

Zweitens bist du nicht Csar und nicht Alexander. -

Alle schwiegen. Nach einer Pause sagte der Kaiser ruhig: du bist sehr
offen, Tribonianus.

Immer, Justinianus.

Rasch wandte sich der Kaiser zu dem dritten. Nun, was ist deine Meinung,
Patricius?




                           Vierzehntes Kapitel.


Der Angeredete verbannte rasch von seinen Lippen ein kaltes Lcheln, das
ihm die Moralpolitik des Juristen erweckt und richtete sich auf.

Er war ein verkrppeltes Mnnchen, noch bedeutend kleiner als Justinian,
weshalb dieser im Gesprch mit ihm den Kopf noch viel mehr als ntig
gewesen wre, herabsenkte. Er war kahlkpfig, die Wangen von krankhaftem
Wachsgelb, die rechte Schulter hher als die linke und er hinkte etwas auf
dem linken Fu, weshalb er sich auf einen schwarzen Krckstock mit goldnem
Gabelgriff sttzte. Aber das durchdringende Auge war so adlergewaltig, da
es von dieser unansehnlichen Gestalt den Eindruck des Widrigen fern hielt,
dem fast hlichen Gesicht die Weihe geistiger Gre verlieh: und der Zug
schmerzlicher Entsagung und khler berlegenheit um den feinen Mund hatte
sogar einen fesselnden Reiz. Imperator, sagte er mit scharfer bestimmter
Stimme, ich widerrate diesen Krieg - fr jetzt.

Unwillig zuckte des Kaisers Auge: Auch aus Grnden der Gerechtigkeit?
fragte er, fast hhnisch. - Ich sagte: fr jetzt. - Und warum? - Weil
das Notwendige dem Angenehmen vorgeht. Wer sein Haus zu verteidigen hat,
soll nicht in fremde Huser einbrechen. - Was soll das heien? - Das
soll heien: vom Westen, von den Goten droht diesem Reiche keine Gefahr.
Der Feind, der dieses Reich verderben kann, vielleicht verderben wird,
kmmt vom Osten.

Die Perser! rief Justinian verchtlich.

Seit wann, sprach Belisar dazwischen, seit wann frchtet Narses, mein
groer Nebenbuhler, die Perser?

Narses frchtet niemand, sagte dieser, ohne seinen Gegner anzusehn,
weder die Perser, die er geschlagen hat, noch dich, den die Perser
geschlagen haben. Aber er kennt den Orient. Sind es die Perser nicht, so
sind es andre, die nach ihnen kommen. Das Gewitter, das Byzanz bedroht,
steigt vom Tigris auf, nicht vom Tiber.

Nun, und was soll das bedeuten?

Das soll bedeuten, da es schimpflich ist fr dich, o Kaiser, fr den
Rmernamen, den wir noch immer fhren, Jahr fr Jahr von Chosroes dem
Perserchan den Frieden um viele Centner Goldes zu erkaufen.

Flammende Rte berflog des Kaisers Antlitz: Wie kannst du Geschenke,
Hilfsgelder also deuten!

Geschenke! und wenn sie ausbleiben, eine Woche nur ber den Zahltag,
verbrennt Chosroes, des Cabades Sohn, deine Drfer. Hilfsgelder! und er
besoldet damit Hunnen und Saracenen, deiner Grenzen gefhrlichste Feinde.

Justinian machte einen raschen Gang durchs Zimmer. Was also rtst du?
fragte er, hart vor Narses stehen bleibend. Nicht die Goten anzugreifen
ohne Not, ohne Grund, wenn man sich der Perser kaum erwehrt. Alle Krfte
deines Reiches aufzubieten, um diese schimpflichen Tribute abzustellen,
die schmhlichen Verheerungen deiner Grenzen zu verhindern, die
verbrannten Stdte Antiochia, Dara, Edessa wieder aufzubauen, die
Provinzen wieder zu gewinnen, die du im nahen Osten, - trotz Belisars
tapfrem Schwert, - verloren, deine Grenzen durch einen siebenfachen Grtel
von Festungen vom Euphrat bis zum Araxes zu schirmen. Und hast du dies
Notwendige alles vollbracht - und ich frchte sehr, du kannst es nicht
vollbringen! - dann magst du versuchen, wozu der Ruhm dich lockt.

Justinianus schttelte leicht das Haupt. Du bist mir nicht erfreulich,
Narses, sagte er bitter.

Das wei ich lngst, sprach dieser ruhig.

Und nicht unentbehrlich! rief Belisar stolz. Kehre dich nicht, mein
groer Kaiser, an diese kleinen Zweifler! Gieb mir die dreiigtausend und
ich wette meine rechte Hand, ich erobre dir Italien.

Und ich wette meinen Kopf, sagte Narses, was mehr ist, da Belisar
Italien nicht erobern wird, nicht mit dreiig-, nicht mit sechzig-, nicht
mit hunderttausend Mann.

Nun, fragte Justinian, und wer soll's dann knnen und mit welcher
Macht?

Ich, sagte Narses, mit achtzigtausend.

Belisar erglhte vor Zorn: er schwieg, weil er keine Worte fand.

Du hast dich doch bei allem Selbstgefhl sonst nie so hoch ber deinen
Gegner gestellt, sprach der Jurist.

Und thu's auch jetzt nicht, Tribonian. Sieh, der Unterschied ist der:
Belisarius ist ein groer Held, der bin ich nicht. Aber ich bin ein groer
Feldherr - und siehe, das ist Belisarius nicht. Die Goten aber wird nur
ein groer Feldherr berwinden.

Belisarius richtete sich in seiner ganzen stolzen Hhe auf und prete die
Faust krampfhaft um seinen Schwertknauf. Es war als wollte er dem Krppel
neben ihm den Kopf zerdrcken. Der Kaiser sprach fr ihn: Belisar kein
groer Feldherr! Der Neid verblendet dich, Narses.

Ich beneide Belisar um nichts, nicht einmal, seufzte er leise, um seine
Gesundheit. Er wre ein groer Feldherr, wenn er nicht ein so groer Held
wre. Er hat noch jede Schlacht die er verlor, aus zu viel Heldentum
verloren.

Das kann man von dir nicht sagen, Narses, warf Belisar bitter ein.

Nein, Belisarius, denn ich habe noch nie eine Schlacht verloren.

Eine ungeduldige Antwort Belisars ward abgeschnitten durch den Velarius,
der, den Vorhang aufhebend, meldete:

Alexandros, den du nach Ravenna gesendet, o Herr, ist seit einer Stunde
gelandet und frgt -

Herein mit ihm, herein! rief der Kaiser, hastig von seiner Kline
aufspringend. Ungeduldig winkte er dem Gesandten, von seiner Proskynesis
sich zu erheben: Nun Alexandros, du kmmst allein zurck?

Der Gesandte, ein schner, noch junger Mann, wiederholte: Allein.

Es verlautete doch - dein letzter Bericht - wie verlieest du das
Gotenreich?

In groer Verwirrung. Ich schrieb dir in meinem letzten Bericht, die
Knigin habe beschlossen, sich ihrer drei hochmtigsten Feinde zu
entledigen. Sollte der Anschlag milingen, so war sie in Italien nicht
mehr sicher und bat sich in diesem Fall aus, da ich sie auf meinem Schiff
nach Epidamnus, dann hierher nach Byzanz flchten drfe.

Was ich mit Freuden bewilligte. Nun, und der Anschlag?

Ist geglckt. Die drei Herzoge sind nicht mehr.

Aber nach Ravenna kam das Gercht, der gefhrlichste unter ihnen, Herzog
Thulun, sei nur verwundet. Dies bewog die Regentin, da ohnehin die Goten
in der Stadt sich drohend vor dem Palaste scharten, auf mein Schiff zu
flchten. Wir lichteten die Anker, aber bald nachdem wir den Hafen
verlassen, schon auf der Hhe von Ariminum, holte uns Graf Witichis mit
bermacht ein, kam an Bord und forderte Amalaswinthen auf, zurckzukehren,
indem er sich fr ihre Sicherheit bis zu feierlicher Untersuchung vor der
Volksversammlung verbrgte. Da sie von ihm erfuhr, da jetzt auch Herzog
Thulun seinen Wunden erlegen, und aus seinem Anerbieten sah, da er und
seine mchtigen Freunde noch nicht an ihre Schuld glaubten, da berdies
Gewalt zu frchten war, willigte sie darein, mit ihm umzukehren nach
Ravenna. Zuvor aber schrieb sie noch an Bord der Sophia diesen Brief an
dich und sendet dir aus ihrem Schatze diese Geschenke.

Davon spter, sprich weiter, wie stehn die Dinge jetzt in Italien?

Gut fr dich, o groer Kaiser. Das vergrerte Gercht von dem Aufstand
der Goten in Ravenna, von der Flucht der Regentin nach Byzanz durchflog
das ganze Land. Vielfach kam es schon zum Zusammensto zwischen Rmern und
Barbaren. In Rom selbst wollten die Patrioten losschlagen, im Senat einen
Diktator whlen, deine Hilfe anrufen. Aber alles wre verfrht gewesen,
nachdem die Regentin in den Hnden des Witichis: nur das geniale Haupt der
Katakombenmnner hat es verhindert.

Der Prfekt von Rom? fragte Justinian.

Cethegus. Er mitraute dem Gercht. Die Verschworenen wollten die Goten
berfallen, dich zum Kaiser Italiens ausrufen, ihn einstweilen zum
Diktator whlen. Aber er lie sich in der Kurie buchstblich die Dolche
auf die Brust setzen und sagte: nein.

Ein mutiger Mann! rief Belisar.

Ein gefhrlicher Mann! sagte Narses.

Eine Stunde darauf kam die Nachricht von der Rckkehr Amalaswinthens und
alles blieb beim alten. Der schwarze Teja aber hatte geschworen, Rom zu
einer Viehweide zu machen, wenn es einen Tropfen Gotenblut vergossen. All'
das hab ich auf meiner absichtlich zgernden Kstenfahrt bis nach
Brundusium erfahren. Aber noch Besseres hab' ich zu melden. Nicht nur
unter den Rmern, unter den Goten selbst hab' ich eifrige Freunde von
Byzanz gefunden, ja unter den Gliedern des Knigshauses.

Das wre! rief Justinian. Wen meinst du?

In Tuscien lebt, reichbegtert, Frst Theodahad, Amalaswinthens Vetter.

Jawohl, der letzte Mann im Haus der Amalungen, nicht wahr?

Der letzte. Er und noch viel mehr Gothelindis, sein kluges, aber bses
Gemahl, die stolze Baltentochter, hassen aufs grndlichste die Regentin:
er, weil sie seiner malosen Habsucht, mit der er all' seiner Nachbarn
Grundbesitz an sich zu reien sucht, entgegentritt: sie, aus Grnden, die
ich nicht entdecken konnte: ich glaube, sie reichen in die Mdchenzeit der
beiden Frstinnen zurck - genug, ihr Ha ist tdlich. Diese beiden nun
haben mir zugesagt, dir in jeder Weise Italien zurckgewinnen helfen zu
wollen: ihr gengt es, scheint's, die Todfeindin vom Thron zu strzen: er
freilich fordert reichen Lohn.

Der soll ihm werden.

Seine Hilfe ist deshalb wichtig, weil er schon halb Tuscien besitzt - das
Adelsgeschlecht der Wlsungen hat den andern Teil - und spielend in unsre
Hnde bringen kann: dann aber, weil er, wenn Amalaswintha fllt, ihr auf
den Thron zu folgen Aussicht hat. Hier sind Briefe von ihm und von
Gothelindis. Aber lies vor allem das Schreiben der Regentin - ich glaube,
es ist sehr wichtig.




                           Fnfzehntes Kapitel.


Der Kaiser zerschnitt die Purpurschnre der Wachstafel und las: An
Justinian, den Imperator der Rmer, Amalaswintha, der Goten und Italier
Knigin!

Der Italier Knigin, lachte Justinian, welch' verrckter Titel!

Durch Alexandros, deinen Gesandten, wirst du erfahren, wie Eris und Ate
in diesem Lande hausen. Ich gleiche der einsamen Palme, die von
widerstreitenden Winden zerrissen wird. Die Barbaren werden mir tglich
feindseliger, ich ihnen tglich fremder, die Rmer aber, soviel ich mich
ihnen nhere, werden mir nie vergessen, da ich germanischen Stammes. Bis
jetzt habe ich entschlossenen Geistes allen Gefahren getrotzt: jedoch ich
kann es nicht lnger, wenn nicht wenigstens mein Palast, meine frstliche
Person vor der berraschung drngender Gewalt sicher ist. Ich kann mich
aber auf keine der Parteien hier im Lande unbedingt verlassen.

So ruf ich dich, als meinen Bruder in der kniglichen Wrde, zu Hilfe. Es
ist die Majestt aller Knige, die Ruhe Italiens, die es zu beschirmen
gilt.

Schicke mir, ich bitte dich, eine verlssige Schar, eine Leibwache - der
Kaiser warf einen bedeutsamen Blick auf Belisar - eine Schar von einigen
tausend Mann mit einem mir unbedingt ergebenen Anfhrer: sie sollen den
Palast von Ravenna besetzen: er ist eine Festung fr sich. Was Rom
betrifft, so mssen jene Scharen mir vor allem den Prfekten Cethegus, der
ebenso mchtig als zweideutig ist und mich in der Gefahr, in die er mich
gefhrt, pltzlich verlassen hat, fern halten, ntigenfalls vernichten.
Habe ich meine Feinde niedergeworfen und mein Reich befestigt, wie ich zum
Himmel und der eignen Kraft vertraue, so werd' ich dir Truppen und Fhrer
mit reichen Geschenken und reicherem Dank zurcksenden. Vale.

Justinian drckte krampfhaft die Wachstafel in seiner Faust: leuchtenden
Auges sah er vor sich hin, seine nicht schnen Zge veredelten sich im
Ausdruck hoher geistiger Macht, und dieser Augenblick zeigte, da in dem
Manne neben vielen Schwchen und Kleinheiten Eine Strke, Eine Gre
lebte: die Gre eines diplomatischen Genies.

In diesem Brief, rief er endlich strahlenden Blickes, halt' ich Italien
und das Gotenreich. Und in mchtiger Bewegung durchschritt er das Gemach
mit groen Schritten, jetzt sogar die Verbeugung vor dem Kreuz vergessend.

Eine Leibwache - sie soll sie haben! - Aber nicht ein paar Tausend Mann,
viele Tausende, mehr als ihr lieb sein wird, und du, Belisarius, sollst
sie fhren.

Sieh auch die Geschenke, mahnte Alexandros und wies auf einen kstlichen
Schrein von Thuienholz mit Gold eingelegt, den der Velarius hinter ihm
niedergestellt hatte. Hier ist der Schlssel. Er berreichte ein kleines
Bchschen von Schildpatt, das mit der Regentin Siegel geschlossen war.

Es ist ihr Bild dabei, sagte er, wie zufllig mit lauterer Stimme.

In dem Augenblick, da der Gesandte die Stimme krftiger erhoben, steckte
sich, leise und unbemerkt von allen auer ihm, der Kopf eines Weibes durch
den Vorhang und zwei funkelnde schwarze Augen sahen scharf auf den Kaiser.
Dieser ffnete den Schrein, schob rasch alle Kostbarkeiten bei Seite und
griff hastig nach einem unscheinbaren Tfelchen von geglttetem Buchs mit
einem schmalen Goldrahmen. Ein Ruf des Staunens entflog unwillkrlich
seinen Lippen, sein Auge blitzte, er zeigte das Bild Belisar: Ein
herrliches Weib, welche Majestt der Stirn! ja man sieht die geborene
Herrscherin, die Knigstochter! und bewundernd sah er auf die edeln Zge.

Da rauschte der Vorhang und die Lauscherin trat ein.

Es war Theodora, die Kaiserin: ein verfhrerisches Weib. Alle Knste
weiblichen Erfindungsgeistes in einer Zeit des uersten Luxus und alle
Mittel eines Kaiserreichs wurden tglich stundenlang aufgeboten, diese an
sich ausgezeichnete, aber durch ein zgelloses Sinnenleben frh
angegriffene Schnheit frisch und blendend zu erhalten.

Goldstaub lieh ihrem dunkelblauschwarzen Haar metallischen Glanz: es war
am Nacken mit aller Sorgfalt gegen den Wirbel hinaufgekmmt, den schnen
Bau des Hinterkopfs, den feinen Ansatz des Halses zu zeigen.

Augenbrauen und Wimpern waren mit arabischem Stimmi glnzend schwarz
gefrbt: und so knstlich war das Rot der Lippen aufgetragen, da selbst
Justinian, der diese Lippen kte, nie an eine Untersttzung der Natur
durch phnikischen Purpur dachte. Jedes Hrchen an den alabasterweien
Armen war sorgfltig ausgetilgt und das zarte Rosa der Fingerngel
beschftigte tglich eine besondere Sklavin lange Zeit.

Und doch htte Theodora, damals noch nicht vierzig Jahre alt, auch ohne
all' diese Knste fr ein ganz auffallend schnes Weib gelten mssen.

Edel freilich war dieses Antlitz nicht: kein groer, ja kein stolzer
Gedanke sprach aus diesen angestrengten, unheimlich glnzenden Augen: um
die Lippen schwebte ein zur Gewohnheit gewordenes Lcheln, das die Stelle
der ersten knftigen Falte ahnen lie: und die Wangen zeigten in der Nhe
der Augen Spuren mder Erschpfung.

Aber wie sie jetzt, mit ihrem sesten Lcheln, auf Justinian zuschwebte,
das schwere Faltenkleid von dunkelgelber Seide zierlich mit der Linken
aufhebend, bte die ganze Erscheinung einen betubenden Zauber, hnlich
dem sen einlullenden Geruch von indischem Balsam, der von ihr duftete.

Was erfreut meinen kaiserlichen Herrn so sehr? darf ich seine Freude
teilen? fragte sie mit ser, einschmeichelnder Stimme. Die Anwesenden
warfen sich vor der Kaiserin zur Erde, kaum minder ehrerbietig als vor
Justinian.

Dieser aber schrak bei ihrem Anblick, wie auf einer Schuld ertappt,
zusammen und wollte das Bild in der Busenfalte seiner Chlamys verbergen.
Aber zu spt. Schon haftete der Kaiserin scharfer Blick darauf.

Wir bewunderten, sagte er verlegen, die - die schne Goldarbeit des
Rahmens. Und er reichte ihr errtend das Bild.

Nun, an dem Rahmen, lchelte Theodora, ist beim besten Willen nicht
viel zu bewundern. Aber das Bild ist nicht bel. Gewi die Gotenfrstin?
Der Gesandte nickte. Nicht bel, wie gesagt. Aber barbarisch, streng,
unweiblich. Wie alt mag sie sein, Alexandros?

Etwa fnfundvierzig.

Justinian blickte fragend auf das Bild, dann auf den Gesandten. Das Bild
ist vor fnfzehn Jahren gemacht, sagte Alexandros wie erklrend.

Nein, sprach der Kaiser, du irrst; hier steht die Jahrzahl nach
Indiktion und Konsul und ihrem Regierungsantritt: es ist von diesem Jahr.

Eine peinliche Pause entstand.

Nun, stammelte der Gesandte, dann schmeicheln die Maler wie- - Wie
die Hflinge, schlo der Kaiser. Aber Theodora kam ihm zu Hilfe.

Was plaudern wir von Bildern und dem Alter fremder Weiber, wo es sich um
das Reich handelt. Welche Nachrichten bringt Alexandros? Bist du
entschlossen, Justinianus? - Beinahe bin ich es. Nur deine Stimme wollte
ich noch hren und du, das wei ich, bist fr den Krieg.

Da sagte Narses ruhig: Warum, Herr, hast du uns nicht gleich gesagt, da
die Kaiserin den Krieg will? Wir htten unsre Worte sparen knnen. -
Wie? willst du damit sagen, da ich der Sklave meines Weibes bin? -
Hte besser deine Zunge, sagte Theodora zornig, schon manchen, der
sonst unverwundbar schien, hat die eigne spitze Zunge erstochen.

Du bist sehr unvorsichtig, Narses, warnte Justinian.

Imperator, sagte dieser ruhig, die Vorsicht hab' ich lngst aufgegeben.
Wir leben in einer Zeit, in einem Reich, an einem Hof, wo man um jedes
mgliche Wort, das man gesprochen oder nicht gesprochen hat, in Ungnade
fallen, zu Grunde gehen kann. Da mir nun jedes Wort den Tod bringen kann,
will ich wenigstens an solchen Worten sterben, die mir selbst gefallen.

Der Kaiser lchelte: Du mut gestehn, Patricius, da ich viel Freimut
ertrage.

Narses trat auf ihn zu: Du bist gro von Natur, o Justinianus, und ein
geborner Herrscher: sonst wrde Narses dir nicht dienen. Aber Omphale hat
selbst Herkules klein gemacht.

Die Augen der Kaiserin sprhten tdlichen Ha. Justinian ward ngstlich.

Geht, sagte er, ich will mit der Kaiserin allein beraten. Morgen
vernehmt ihr meinen Entschlu.




                           Sechzehntes Kapitel.


So wie sie drauen waren, schritt Justinian auf seine Gattin zu und
drckte einen Ku auf ihre weie niedre Stirn. Vergieb ihm, sagte er,
er meint es gut.

Ich wei es, sagte sie, seinen Ku erwidernd. Darum, und weil er
unentbehrlich ist gegen Belisar, darum lebt er noch. - Du hast Recht,
wie immer. Und er schlang den Arm um sie. Was hat er besondres vor?
dachte Theodora. Diese Zrtlichkeit deutet auf ein schlechtes Gewissen.

Du hast Recht, wiederholte er, mit ihr im Gemach auf und nieder
schreitend. Gott hat mir den Geist versagt, der die Schlachten
entscheidet, aber mir dafr diese beiden Mnner des Sieges gegeben - und
zum Glck ihrer zwei. Die Eifersucht dieser beiden sichert meine
Herrschaft besser als ihre Treue: jeder dieser Feldherren allein wre eine
stete Reichsgefahr und an dem Tage, da sie Freunde wrden, wankte mein
Thron. Du schrst doch ihren Ha?

Er ist leicht schren: es ist zwischen ihnen eine natrliche Feindschaft
wie zwischen Feuer und Wasser. Und jede Bosheit des Verschnittenen erzhl'
ich mit groer Entrstung meiner Freundin Antonina, des Helden Belisar
Weib und Gebieterin. - Und jede Grobheit des Helden Belisar bericht' ich
treulich dem reizbaren Krppel. - Aber zu unsrer Beratung. Ich bin, nach
dem Bericht des Alexandros, so gut wie entschlossen zu dem Zug nach
Italien.

Wen willst du senden? - Natrlich Belisar. Er verheit, mit
dreiigtausend zu vollbringen, was Narses kaum mit achtzigtausend
bernehmen will.

Glaubst du, da jene kleine Macht gengen wird?

Nein. Aber Belisars Ehre ist verpfndet: er wird all seine Kraft
aufbieten und es wird ihm doch nicht ganz gelingen. - Und das wird ihm
sehr heilsam sein. Denn seit dem Vandalensieg ist sein Stolz nicht mehr zu
ertragen. - Aber er wird drei Viertel der Arbeit thun. Dann rufe ich ihn
ab, breche selbst mit sechstausend auf, nehme Narses mit, vollende im
Spiel das letzte Viertel und bin dann auch ein Feldherr und ein Sieger.

Fein gedacht, sagte Theodora in aufrichtiger Bewunderung seiner
Schlauheit: dein Plan ist reif.

Freilich, sagte Justinian seufzend stehen bleibend, Narses hat Recht,
im geheimen Grund des Herzens mu ich's zugestehen. Es wre dem Reiche
heilsamer, die Perser abwehren, als die Goten angreifen. Es wre mehr
sichere, weisere Politik. Denn vom Osten kmmt einst das Verderben.

La es kommen! Das kann noch Jahrhunderte anstehn, wann von Justinian nur
noch der Ruhm auf Erden lebt, wie Afrika, so Italien zurckgewonnen zu
haben. Hast du fr die Ewigkeit zu bauen? Die nach dir kommen, mgen fr
ihre Gegenwart sorgen: sorge du fr die deine. - Wenn man aber dann
sprechen wird: htte Justinian verteidigt, statt zu erobern, so stnd' es
besser? Wenn man sagen wird: Justinians Siege haben sein Reich zerstrt?
- So wird niemand sprechen. Die Menschen blendet der Glanz des Ruhms. Und
noch Eins - und hier verdrngte der Ernst der tiefsten berzeugung den
Ausdruck listiger Beschwatzung von ihren schmeichelnden Zgen.

Ich ahn' es, doch vollende.

Du bist nicht nur Kaiser, du bist ein Mensch.

Hher als das Reich mu dir deiner Seele Seligkeit stehen. Auf deinem, auf
unsrem Pfad zur Herrschaft, zu dem Glanz dieser Herrschaft mute mancher
blut'ge Schritt geschehn: manches Harte mute gethan werden: Leben und
Schtze, so manchen gefhrlichen Feindes muten - genug.

Wohl bauen wir mit einem Teil dieser Schtze der heilgen, der christlichen
Weisheit jenen Siegestempel, der allein schon unsern Namen unsterblich
machen wird auf Erden. Aber fr den Himmel - wer wei, ob es gengt!

La uns - und ihr Auge erglhte von unheimlichem Feuer - la uns die
Unglubigen vertilgen und ber die Leichen der Feinde Christi hin den Weg
zur Gnade suchen. Justinian drckte ihre Hand. Auch die Perser sind
Feinde Christi, sind sogar Heiden. - Hast du vergessen, was der
Patriarch gelehrt? Ketzer sind siebenmal schlimmer als Heiden! Ihnen ward
der rechte Glaube gebracht und sie haben ihn verschmht. Das ist die Snde
wider den heilgen Geist, die nie vergeben wird - auf Erden und im Himmel.
Du aber bist das Schwert, da diese gottverfluchten Arianer schlagen soll:
sie sind Christi verhateste Feinde: sie kennen ihn und leugnen dennoch,
da er Gott. Schon hast du in Afrika die ketzerischen Vandalen
niedergeworfen und den Irrwahn dort in Blut und Feuer erstickt: jetzt ruft
dich Italien, Rom, die Sttte, wo der Apostelfrsten Blut geflossen, die
heilge Stadt: nicht lnger darf sie diesen Ketzern dienen. Justinian, gieb
sie dem wahren Glauben wieder.

Sie hielt inne. Der Kaiser blickte schwer aufatmend zu dem Goldkreuz
empor. Du deckst die letzten Tiefen meines Herzens auf: das ist es ja,
was, noch mchtiger als Ruhm und Siegesehre, mich zu diesen Kriegen
treibt. Aber bin ich fhig, bin ich wrdig so Groes, so Heiliges zu
Gottes Ehre zu vollenden? Will er durch meine sndge Hand so Groes
vollfhren? Ich zweifle, ich schwanke. Und der Traum, der mir in dieser
Nacht geworden, war er von Gott gesendet? und was soll er bedeuten? treibt
er zum Angriff oder mahnt er ab? Nun, hatte deine Mutter Komito, die
Wahrsagerin von Kypros, groe Weisheit, Ahnungen und Trume zu deuten. -

Und du weit, die Gabe ist erblich. Habe ich dir nicht auch den Ausgang
des Vandalenkriegs aus deinem Traume gedeutet?

Du sollst mir auch diesen Traum erklren. Du weit, ich werde irre an dem
besten Plan, wenn ein Omen dawider spricht. Hre denn. Aber - und er warf
einen ngstlichen Blick auf sein Weib, - aber bedenke, da es ein Traum
war und kein Mensch fr seine Trume kann.

Natrlich, sie sendet Gott. - Was werd ich vernehmen? sagte sie zu
sich selbst.

Ich war gestern Nacht eingeschlafen, erwgend den letzten Bericht ber
Amala - ber Italien. Da trumte mir, ich ging durch eine Landschaft mit
sieben Hgeln. Dort ruhte unter einem Lorbeer das schnste Weib, das ich
je gesehn. Ich stand vor ihr und betrachtete sie mit Wohlgefallen.
Pltzlich brach aus dem Busch zur Rechten ein brllender Br, aus dem
Gestein zur Linken eine zischende Schlange gegen die Schlummernde hervor.
Aufwachend rief sie meinen Namen. Rasch ergriff ich sie, drckte sie an
meine Brust und floh mit ihr: rckblickend sah ich, wie der Br die
Schlange zerri und die Schlange den Bren zu Tode bi.

Nun, und das Weib?

Das Weib drckte einen flchtigen Ku auf meine Stirn und war pltzlich
wieder verschwunden, und ich erwachte, vergebens die Arme nach ihr
ausstreckend. Das Weib, fuhr er rasch fort, ehe Theodora nachsinnen
sollte, ist natrlich Italien.

Jawohl, sagte die Kaiserin ruhig. Aber ihr Busen wogte. Der Traum ist
der glcklichste. Br und Schlange sind Barbaren und Italier, die um die
Siebenhgelstadt ringen. Du entreiest sie beiden und lt sie sich
gegenseitig vernichten.

Aber sie entschwindet mir wieder: - sie bleibt mir nicht.

Doch. Sie kt dich und verschwindet in deinen Armen. So wird Italien
aufgehn in deinem Reich.

Du hast recht, rief Justinian aufspringend. Sei bedankt, mein kluges
Weib. Du bist die Leuchte meiner Seele. Es sei gewagt: - Belisar soll
ziehn.

Und er wollte den Velarius rufen. Doch hielt er pltzlich an. Aber noch
eins. Und die Augen niederschlagend, fate er ihre Hand.

Ah, dachte Theodora, jetzt kommt's.

Wenn wir nun das Gotenreich zerstrt und in die Hofburg von Ravenna mit
Hilfe der Knigin selbst eingezogen sind - was - was soll dann mit ihr,
der Frstin, werden?

Nun, sagte Theodora vllig unbefangen, was mit ihr werden soll? Was mit
dem entthronten Vandalenknig geworden. Sie soll hierher, nach Byzanz.

Justinian atmete hoch auf. Mich freut es, da du das Richtige fandest.

Und in wirklicher Freude drckte er ihr die schmale, weie,
wunderzierliche Hand.

Mehr als das, fuhr Theodora fort. Sie wird um so leichter auf unsre
Plne eingehen, je sicherer sie einer ehrenvollen Aufnahme hier
entgegensieht. So will ich selbst ihr ein schwesterliches Schreiben
senden, sie einzuladen. Sie soll im Fall der Not stets ein Asyl an meinem
Herzen finden.

Du weit gar nicht, fiel Justinian eifrig ein, wie sehr du dadurch
unsern Sieg erleichterst. Die Tochter Theoderichs mu vllig von ihrem
Volk hinweg zu uns gezogen werden. Sie selbst soll uns nach Ravenna
fhren.

Dann kannst du aber nicht gleich Belisar mit einem Heere senden. Das
wrde sie nur argwhnisch machen und widerspenstig. Sie mu vllig in
unsern Hnden, das Barbarenreich von innen heraus gebrochen sein, ehe das
Schwert Belisars aus der Scheide fhrt.

Aber in der Nhe mu er von jetzt an stehen.

Wohl, etwa auf Sicilien. Die Unruhen in Afrika geben den besten Vorwand,
eine Flotte in jene Gewsser zu senden. Und sowie das Netz gelegt, mu
Belisars Arm es zuziehn.

Aber wer soll es legen?

Theodora dachte eine Weile nach; dann sagte sie:

Der geistgewaltigste Mann des Abendlands: Cethegus Csarius, der Prfekt
von Rom, mein Jugendfreund.

Recht. Aber nicht er allein. Er ist ein Rmer, nicht mein Unterthan, mir
nicht vllig sicher. Wen soll ich senden. Noch einmal Alexandros?

Nein, rief Theodora rasch, er ist zu jung fr ein solches Geschft.
Nein. Und sie schwieg nachdenklich. Justinian, sprach sie endlich, auf
da du siehst, wie ich persnlichen Ha vergessen kann, wo es das Reich
gilt und der rechte Mann gewhlt werden mu, schlage ich dir selber meinen
Feind vor: Petros, des Narses Vetter, des Prfekten Studiengenossen, den
schlauen Rhetor: - ihn sende.

Theodora, - rief der Kaiser erfreut, sie umarmend, du bist mir wirklich
von Gott geschenkt. Cethegus - Petros - Belisar: Barbaren, ihr seid
verloren!




                           Siebzehntes Kapitel.


Am Morgen darauf erhob sich die schne Kaiserin vergngt von dem
schwellenden Pfhl, dessen weiche Kissen, mit blagelber Seide berzogen,
mit den zarten Halsfedern des pontischen Kranichs gefllt waren.

Vor dem Bette stand ein Dreifu mit einem silbernen Becken, den Okeanos
darstellend, darin lag eine massiv goldne Kugel. Die weiche Hand der
Kaiserin hob lssig die Kugel und lie sie klingend in das Becken fallen:
der helle Ton rief die syrische Sklavin in das Gemach, die im Vorzimmer
schlief. Mit auf der Brust gekreuzten Armen trat sie an das Lager und
schlug die schweren Vorhnge von violetter chinesischer Seide zurck. Dann
ergriff sie den sanften iberischen Schwamm, der, in Eselmilch getrnkt, in
krystallner Schale ruhte und bestrich damit sorgfltig die Masse von
ligem Teig, die Gesicht und Hals der Kaiserin whrend der Nacht bedeckte.

Dann kniete sie vor dem Bette nieder, das Haupt fast zur Erde gebeugt und
reichte die rechte Hand hinauf.

Theodora fate diese Hand, setzte langsam den kleinen Fu auf den Nacken
der Knieenden und schwang sich dann elastisch zur Erde. Die Sklavin erhob
sich und warf der Herrin, die jetzt, nur mit der Untertunica von feinstem
Bast bekleidet, auf dem Palmenholzrand des Bettes sa, den feinen
Ankleidemantel von Rosagewebe ber die Schultern.

Dann verneigte sie sich, wandte sich zur Thre, rief Agave! und
verschwand. Agave, eine junge, schne Thessalierin, trat ein; sie rollte
dicht vor die Herrin den mit unzhligen Bchschen und Flschchen besetzten
Waschtisch von Citrusholz und begann, ihr Gesicht, Nacken und Hnde mit
weichen, in verschiedene Weine und Salben getauchten Tchern zu reiben.

Daraus erhob sich diese vom Lager und glitt auf den bunten, mit Pardelfell
berzogenen Stuhl, die Kathedra.

Das groe Bad erst gegen Mittag! sagte sie.

Da schob Agave eine ovale Wanne von Terebinthenholz heran, auen mit
Schildpatt bekleidet, gefllt mit kstlich duftendem Wasser und hob die
zierlichen, glnzend weien Fe der Herrin hinein. Hierauf lste sie das
Netz von Goldfden, das die Nacht ber die blau glnzenden Haare der
Kaiserin zusammenhielt, so da jetzt die weichen schwarzen Wellen ber
Schultern und Brust wallen konnten. Sie schlang ihr noch das breite
Busenband von Purpur um, verneigte sich und ging mit dem Rufe: Galatea!

Eine betagte Sklavin lste sie ab, die Amme und Wrterin und, leider
mssen wir hinzufgen, die Kupplerin Theodoras in der Zeit, da sie nur
erst des Akacius, des Lwenwrters im Cirkus, flitterbehngtes Tchterlein
und, fast noch ein Kind, der schon tief verdorbne Liebling des groen
Cirkus war. Alle Demtigungen und Triumphe, alle Laster und Listen auf der
Abenteurerin wechselndem Pfad bis zum Kaiserthron hatte Galatea getreulich
geteilt.

Wie hast du geschlafen, mein Tubchen? fragte sie, ihr in einer
Bernsteinschale die aromatische Essenz reichend, welche die Stadt Adana in
Cilicien fr die Toilette der Kaiserin in groen Massen als jhrlichen
Tribut einzusenden hatte.

Gut, ich trumte von ihm. - Von Alexandros? - Nein, du Nrrin, von
dem schnen Anicius. - Aber der Bestellte wartet schon lange drauen in
der geheimen Nische. - Er ist ungeduldig, lchelte der kleine Mund,
nun, so la ihn ein. Und sie legte sich auf dem langen Divan zurck,
eine Decke von Purpurseide ber sich ziehend; aber die feinen Knchel der
schnen Fe blieben sichtbar.

Galatea schob den Riegel vor den Haupteingang, durch welchen sie
eingetreten und ging dann quer durch das Gemach zu der Ecke gegenber, die
durch eine eherne Kolossalstatue Justinians ausgefllt war.

Die scheinbar unbewegliche Last wich sofort zur Seite, sowie die Vertraute
eine Feder berhrte, und zeigte eine schmale ffnung in der Wand, welche
durch die Statue in ihrer gewhnlichen Stellung vollstndig verdeckt
wurde: ein dunkler Vorhang war vor den Spalt gezogen. Galatea hob den
Vorhang auf und herein eilte Alexandros, der schne junge Gesandte.

Er warf sich vor der Kaiserin aufs Knie, ergriff ihre schmale Hand und
bedeckte sie mit glhenden Kssen.

Theodora entzog sie ihm leise. - Es ist sehr unvorsichtig, Alexandros,
sagte sie, den schnen Kopf zurcklehnend, den Geliebten zur Ankleidung
zuzulassen. Wie sagt der Dichter? Alles dienet der Schnheit. Doch ist
kein erfreulicher Anblick, das entstehen zu sehn was nur entstanden
gefllt.

Allein ich hab' es dir bei der Abreise nach Ravenna verheien, dich
einmal in meiner Morgenstunde vorzulassen. Und du hast deinen Lohn
reichlich verdient. Du hast viel fr mich gewagt. - - Fasse die Flechten
fester! rief sie Galatea zu, die an die ihr allein zustehende Arbeit
gegangen war, das prachtvolle Haar der Gebieterin zu ordnen.

- Du hast das Leben fr mich gewagt. - Und sie reichte ihm wieder zwei
Finger der rechten Hand.

O Theodora, rief der Jngling, fr diesen Augenblick wrd' ich zehnmal
sterben.

Aber, fuhr sie fort, warum hast du mir nicht auch von dem letzten Brief
der Barbarin an Justinian Abschrift zukommen lassen? - Es war nicht mehr
mglich, es ging zu rasch. Ich konnte von meinem Schiff keinen Boten mehr
senden: kaum gelang es gestern, nach der Landung, dir sagen zu lassen, da
ihr Bild bei den Geschenken sei. Du kamst im rechten Augenblick.

Ja, was wrde aus mir, wenn ich die Thrsteher Justinians nicht doppelt
so hoch besoldete als er? Aber Unvorsichtigster aller Gesandten, wie
tppisch war das mit der Jahrzahl!

O schnste Tochter von Kypros, ich hatte dich mondenlang nicht mehr
gesehen. Ich konnte nichts denken als dich und deine berauschende
Schnheit.

Nun, da mu ich wohl verzeihen. Das schwarze Stirnband Galatea! Du bist
ein besserer Liebhaber als Staatsmann. Deshalb hab' ich dich auch hier
behalten. Ja, du solltest wieder nach Ravenna. Aber ich denke, ich schicke
einen ltern Gesandten und behalte den jungen fr mich. Ist's recht so?
lchelte sie, die Augen halb schlieend.

Alexandros, khner und glhender werdend, sprang auf und drckte einen Ku
auf ihre roten Lippen.

Halt ein, Majesttsverbrecher, schalt sie, und schlug mit dem
Flamingofcher leicht seine Wange. Jetzt ist's genug fr heute. Morgen
magst du wieder kommen und von jener Barbarenschnheit erzhlen. Nein, du
mut jetzt gehn. Ich brauche diese Morgenstunde noch fr einen andern.

Fr einen andern! rief Alexandros zurcktretend. So ist es wahr, was
man leise zischelt in den Gynceen, in den Bdern von Byzanz? Du ewig
Ungetreue hast -

Eiferschtig darf ein Freund Theodoras nicht sein! lachte die Kaiserin.
Es war kein schnes Lachen. Aber fr diesmal sei unbesorgt - du sollst
ihm selbst begegnen. Geh.

Galatea ergriff ihn an der Schulter und drehte den Widerstrebenden ohne
weiteres hinter die Statue und zur Thre hinaus.

Theodora setzte sich nun aufrecht, das faltige Untergewand mit dem Grtel
schlieend.




                           Achtzehntes Kapitel.


Sogleich kam Galatea wieder zum Vorschein mit einem kleinen gebckten
Mann, der viel lter aussah als seine vierzig Jahre. Kluge, aber
allzuscharfe Zge, das stechende Auge, der bartlose eingekniffne Mund: -
alles machte den Eindruck unangenehmer Pfiffigkeit.

Theodora nickte leicht auf seine kriechende Verbeugung; Galatea begann ihr
die Augenbrauen zu malen.

Kaiserin, hob der Alte ngstlich an, ich staune ber deine Khnheit.
Wenn man mich hier she! Die Klugheit von neun Jahren wre durch einen
Augenblick vereitelt.

Man wird dich aber nicht sehen, Petros, sagte Theodora ruhig. Diese
Stunde ist die einzige, da ich vor der zudringlichen Zrtlichkeit
Justinians sicher bin. Es ist seine Betstunde. Ich mu sie ausbeuten so
gut ich kann. Gott erhalte ihm seine Frmmigkeit! Galatea, den Frhwein.
Wie? Du frchtest doch nicht, mich mit diesem gefhrlichen Verfhrer
allein zu lassen? Die Alte ging mit hlichem Grinsen und kam gleich
zurck, einen Henkelkrug sen gewrmten Chierweins in der einen Hand,
Becher mit Wasser und Honig in der andern.

Ich konnte heute unsere Unterredung nicht, wie gewhnlich, in der Kirche
veranstalten, wo du in dem dunkeln Beichtstuhl einem Priester tuschend
hnlich siehst. Der Kaiser wird dich noch vor der Kirchenzeit zu sich
bescheiden und du mut zuvor genau unterrichtet sein.

Was ist zu thun?

Petros, sagte Theodora, sich behaglich zurcklehnend und langsam das
se Getrnk schlrfend, das Galatea mischte, heute kam der Tag, der
unsere langjhrige Mhe und Klugheit lohnen und dich zum groen Mann
machen wird.

Zeit wr' es, meinte der Rhetor.

Nur nicht ungeduldig, Freund. (Galatea, etwas mehr Honig.) Um dich fr
das heutige Geschft in die rechte Stimmung zu versetzen, wird es gut
sein, dich an das Vergangne, an die Entstehungsart unserer - Freundschaft
zu erinnern.

Was soll das? Wozu ist das ntig? sagte der Alte unbehaglich.

Zu mancherlei. Also. Du warst der Vetter und Anhnger meines Todfeindes
Narses. Folglich auch mein Feind. Jahrelang hast du im Dienste deines
Vetters mir entgegengearbeitet, mir wenig geschadet, dir selbst aber noch
weniger genutzt. Denn Narses, dein tugendhafter Freund, setzt seine Ehre
und seine Schlauheit darein, nie etwas fr seine Verwandten zu thun, da
man ihn nie, wie die andern Hflinge dieses Reiches, des Nepotismus zeihen
knne.

Aus lauter Vorsicht und eitel Tugend lie er dich unbefrdert. Du darbtest
und bliebst einfacher Schreiber. Aber ein feiner Kopf wie du wei sich zu
helfen. Du flschtest, du verdoppeltest die Steuerausschreiben des
Kaisers. Die Provinzen zahlten neben der von Justinian verlangten noch
eine zweite Steuer, die Petros und die Steuererheber untereinander
teilten. Eine Weile ging das vortrefflich. Aber einmal -

Kaiserin, ich bitte dich -

Ich bin gleich zu Ende, Freund. Aber einmal hattest du das Unglck, da
einer von den neuen Steuerboten die Gunst der Kaiserin hher anschlug als
den von dir verheinen Teil der Beute. Er ging auf deinen Antrag ein, lie
sich die Urkunde von dir flschen und - brachte sie mir.

Der Elende, murrte Petros.

Ja, es war schlimm, lchelte Theodora, den Becher wegstellend. Ich
konnte jetzt meinem boshaften Feind, dem Vertrauten des verhaten
Eunuchen, den schlauen Kopf vor die Fe legen und ich mu gestehen: es
lstete mich sehr danach, sehr! Aber ich opferte die kurze Rache einem
groen, dauernden Vorteil. Ich rief dich zu mir und lie dir die Wahl, zu
sterben oder fortan mir zu dienen. Du warst gtig genug, das letztre zu
whlen und so haben wir, vor der Welt nach wie vor die heftigsten Feinde,
insgeheim seit Jahren zusammen gewirkt: du hast mir alle Plne des groen
Narses im Entstehen verraten und ich hab es dir wohl vergolten: du bist
jetzt ein reicher Mann.

O nicht der Rede wert.

Bitte, Undankbarer, das wei mein Schatzmeister besser. Du bist sehr
reich.

Wohl, aber ohne Rang und Wrde. Meine Studiengenossen sind Patricier,
Prfekten, groe Herren in Morgen- und Abendland: so Cethegus in Rom,
Prokopius in Byzanz.

Geduld. Vom heut'gen Tage an wirst du die Leiter der Ehren rasch
erklimmen. Ich mute doch immer etwas zu geben behalten. Hre: du gehst
morgen als Gesandter nach Ravenna.

Als kaiserlicher Gesandter? rief Petros freudig.

Durch meine Verwendung. Aber das ist nicht alles.

Du erhltst von Justinian ausfhrliche Anweisungen, das Gotenreich zu
verderben, Belisar den Weg nach Italien zu bahnen.

Diese Anweisungen - befolg' ich oder vereitl' ich?

Befolgst du. Aber du erhltst noch einen Auftrag, den dir Justinian ganz
besonders ans Herz legen wird: die Tochter Theoderichs um jeden Preis aus
der Hand ihrer Feinde zu retten und nach Byzanz zu bringen. Hier hast du
einen Brief von mir, der sie dringend einladet, an meiner Brust ein Asyl
zu suchen.

Gut, sagte Petros, den Brief einsteckend, ich bringe sie also sofort
hierher.

Da schnellte Theodora wie eine springende Schlange vom Lager auf, da
Galatea erschrocken zurckfuhr.

Bei meinem Zorn, Petros, nein. Dich send' ich deshalb. Sie darf nicht
nach Byzanz, sie darf nicht leben.

Bestrzt lie Petros den Brief fallen. O Kaiserin, flsterte er - ein
Mord!

Still, Rhetor, sprach Theodora mit heiserer Stimme und unheimlich
funkelten ihre Augen. Sie mu sterben.

Sterben? o Kaiserin, warum?

Warum? das hast du nicht zu fragen. Doch halt: - du sollst es wissen, es
giebt deiner Feigheit einen Sporn - wisse - und sie fate ihn wild am
Arme und raunte ihm ins Ohr: Justinian, der Verrter, fngt an sie zu
lieben.

Theodora! rief der Rhetor erschrocken und trat einen Schritt zur Seite.

Die Kaiserin sank auf die Kline zurck.

Aber er hat sie ja nie gesehen! stammelte sich fassend Petros.

Er hat ihr Bild gesehen: er trumt bereits von ihr, er glht fr dieses
Bild.

Du hast nie eine Rivalin gehabt.

Ich werde dafr wachen, da ich keine erhalte.

Du bist so schn.

Amalaswintha ist jnger.

Du bist so klug, bist seine Beraterin, die Vertraute seiner geheimsten
Gedanken.

Das eben wird ihm lstig. Und - sie ergriff wieder seinen Arm - merke
wohl: sie ist eine Knigstochter! eine geborne Herrscherin, ich des
Lwenwrters plebejisch Kind. Und - so wahnwitzig lcherlich es ist! -
Justinian vergit im Purpurmantel, da er des dardanischen Ziegenhirten
Sohn. Er hat den Wahnsinn der Knige geerbt, er, selbst ein Abenteurer: er
faselt von angeborner Majestt, von dem Mysterium kniglichen Bluts. Gegen
solche Grillen hab' ich keinen Schutz: von allen Weibern der Erde frchte
ich nichts: aber diese Knigstochter - -

Sie sprang zrnend auf und ballte die kleine Hand.

Hte dich, Justinian! sagte sie durchs Gemach schreitend. Theodora hat
mit diesem Auge, mit dieser Hand Lwen und Tiger bezaubert und beherrscht:
la sehen, ob ich nicht diesen Fuchs im Purpur in Treue erhalten kann.
Sie setzte sich wieder.

Kurz, Amalaswintha stirbt, sagte sie, pltzlich wieder kalt geworden.

Wohl, erwiderte der Rhetor, aber nicht durch mich. Du hast der
blutgewohnten Diener genug. Sie sende; ich bin ein Mann der Rede. -

Du bist ein Mann des Todes, wenn du nicht gehorchst. Gerade du, mein
Feind, mut es thun: keiner meiner Freunde kann es ohne Verdacht.

Theodora, mahnte der Rhetor sich vergessend, die Tochter des groen
Theoderich ermorden, eine geborne Knigin - -

Ha, lachte Theodora grimmig, auch dich Armseligen blendet die geborne
Knigin. Narren sind die Mnner alle, noch mehr als Schurken! Hre,
Petros, an dem Tage, da die Todesnachricht aus Ravenna eintrifft, bist du
Senator und Patricius.

Wohl blitzte des Alten Auge. Aber Feigheit oder Gewissensangst war doch
mchtiger als der Ehrgeiz. Nein, sagte er entschlossen, lieber lasse
ich den Hof und alle Plne.

Das Leben lss'st du, Elender! rief Theodora zornig. O, du whntest, du
seiest frei und ungefhrdet, weil ich damals vor deinen Augen die
geflschte Urkunde verbrannt? Du Thor! es war die rechte nicht! Sieh her -
hier halte ich dein Leben.

Und sie ri aus einer Capsula voller Dokumente ein vergilbtes Pergament.
Sie zeigte es dem Erschrocknen, der jetzt willenlos in die Kniee brach.

Befiehl, stammelte er, ich gehorche.

Da pochte man an die Hauptthre.

Hinweg, rief die Kaiserin. Hebe meinen Brief an die Gotenfrstin vom
Boden auf und bedenk es wohl: Patricius, wenn sie stirbt, Folter und Tod,
wenn sie lebt. Fort.

Und Galatea schob den Betubten durch den geheimen Eingang hinaus, drehte
den bronzenen Justinian wieder an seine Stelle und ging, die Hauptthr
aufzuthun.




                           Neunzehntes Kapitel.


Herein trat eine stattliche Frau, grer und von grberen Formen als die
kleine, zierliche Kaiserin, nicht so verfhrerisch schn, aber jnger und
blhender, mit frischen Farben und ungeknstelter Art.

Gegrt, Antonina, geliebtes Schwesterherz! komm an meine Brust! rief
die Kaiserin der tief sich Verbeugenden entgegen.

Die Gattin Belisars gehorchte schweigend.

Wie diese Augengruben hohl werden! dachte sie, sich wieder aufrichtend.

Was das Soldatenweib fr grobe Knchel hat! sagte die Kaiserin zu sich
selbst, da sie die Freundin musterte. -

Blhend bist du wie Hebe, rief sie ihr laut zu, und wie die weie Seide
deine frischen Wangen hebt! Hast du etwas neues mitzuteilen von - von
ihm? fragte sie und nahm gleichgltig spielend vom Waschtisch ein
gefrchtetes Werkzeug, eine spitze Lanzette an einem Stbchen von
Elfenbein, mit welchem ungeschickte oder auch nur unglckliche Sklavinnen
von der zrnenden Herrin oft zolltief in Schultern und Arme gestochen
wurden.

Heute nicht, flsterte Antonina errtend, ich hab' ihn gestern nicht
gesehn.

Das glaub' ich, lchelte Theodora in sich hinein. O wie schmerzlich
werd' ich dich bald vermissen, sagte sie, Antoninens vollen Arm
streichelnd. Schon in der nchsten Woche vielleicht wird Belisarius in
See stechen und du, treuste aller Gattinnen, ihn begleiten. Wer von euren
Freunden wird euch folgen?

Prokopius, sagte Antonina, und - setzte sie, die Augen
niederschlagend, hinzu - die beiden Shne des Bothius.

Ah so, lchelte die Kaiserin, ich verstehe. In der Freiheit des
Lagerlebens hoffst du dich des schnen Jnglings ungestrter zu erfreuen
und indessen Held Belisarius Schlachten schlgt und Stdte gewinnt -

Du errtst es. Aber ich habe dabei eine Bitte an dich. Dir freilich ward
es gut. Alexandros, dein schner Freund ist zurck: er bleibt in deiner
Nhe und er ist sein eigner Herr, ein reifer Mann. Aber Anicius, du weit
es, der Jngling, steht unter seines altern Bruders Severinus strenger
Hut. Nie wrde dieser, der nur Rache an den Barbaren sinnt und
Freiheitsschlachten, diese zarte - Freundschaft dulden. Er wrde unsern
Verkehr tausendfach stren. Deshalb thu' mir eine Liebe: Severinus darf
uns nicht folgen. Wenn wir an Bord sind mit Anicius, halte den ltern
Bruder in Byzanz zurck mit List oder Gewalt - du kannst es ja leicht - du
bist die Kaiserin.

Nicht bel, lchelte Theodora. Welche Kriegslisten! Man sieht, du
lernst von Belisarius.

Da erglhte Antonina ber und ber.

O nenne seinen Namen nicht. Und hhne nicht! Du weit am besten, von wem
ich gelernt, zu thun, worber man errten mu.

Theodora scho einen funkelnden Blick auf die Freundin.

Der Himmel wei, fuhr diese fort, ohne es zu beachten, Belisar selbst
war nicht treuer als ich, bis ich an diesen Hof kam. Du warst es,
Kaiserin, die mich gelehrt, da diese selbstischen Mnner, von Krieg und
Staat und Ehrgeiz erfllt, uns, wenn sie einmal unsre Eheherrn,
vernachlssigen, uns nicht mehr wrdigen, wann sie uns besitzen. Du hast
mich gelehrt, wie es keine Snde, kein Unrecht sei, die unschuldige
Huldigung, die schmeichelnde Verehrung, die der tyrannische Gemahl
versagt, von einem noch hoffenden und deshalb noch dienenden Freunde
hinzunehmen. Gott ist mein Zeuge, nichts andres als diesen sen Weihrauch
der Huldigung, den Belisar versagt und den mein eitles, schwaches Herz
nicht missen kann, will ich von Anicius.

Zum Glck fr mich wird das sehr bald langweilig fr ihn, sagte Theodora
zu sich selbst.

Und doch - schon dies ist ein Verbrechen, frcht' ich, an Belisar. O wie
ist er gro und edel und herrlich. Wenn er nur nicht allzugro wre fr
dies kleine Herz. - Und sie bedeckte das Antlitz mit den Hnden.

Die Erbrmliche, dachte die Kaiserin, sie ist zu schwach zum Genu wie
zur Tugend.

Da trat Agave, die hbsche junge Thessalierin, ins Gemach mit einem groen
Strau herrlicher Rosen.

Von ihm, flsterte sie der Herrin zu. - Von wem? fragte diese. Aber
jetzt sah Antonina auf und Agave winkte warnend mit den Augen.

Die Kaiserin reichte Antoninen den Strau, sie zu beschftigen, bitte,
stell' ihn dort in die Marmorvase.

Whrend die Gattin Belisars den Rcken wendend gehorchte, flsterte Agave:
Nun, von ihm, den du gestern den ganzen Tag hier versteckt gehalten: -
von dem schnen Anicius - setzte das holde Kind errtend bei.

Aber kaum hatte sie das unvorsichtige Wort gesagt, als sie laut schreiend
nach ihrem linken Arme griff. Die Kaiserin schlug sie mit der noch
blutigen Lanzette ins Gesicht. Ich will dich lehren, Augen haben, ob
Mnner schn sind oder hlich, flsterte sie grimmig. Du lt dich in
die Spinnstube sperren auf vier Wochen - sogleich - und zeigst dich nie
mehr in meinen Vorzimmern. Fort!

Weinend ging das Mdchen, ihr Haupt verhllend.

Was hat sie gethan? fragte Antonina sich wendend.

Das Riechflschchen fallen lassen, sagte Galatea rasch, ein solches von
dem Teppich aufhebend. - Herrin, dein Haar ist fertig.

So la die Ankleiderinnen ein und wer sonst im Vorsaal. - Willst du
einstweilen in diesen Versen blttern, Antonina? Es sind die neuesten
Gedichte des Arator, ber die Thaten der Apostel, gar erbaulich zu
lesen! Zumal hier, die Steinigung des heiligen Stephanos! Aber lies und
sprich sein Urteil.

Galatea ffnete weit die Thre des Haupteingangs: ein ganzer Schwarm von
Sklavinnen und Freigelassenen wogte herein. Die einen besorgten das
Hinausrumen der gebrauchten Toilettegerte, andre rucherten mit
Kohlenpfnnchen und sprengten aus schmalhalsigen Flschchen Balsam durch
das Gemach. Die meisten aber waren um die Person der Kaiserin beschftigt,
die jetzt ihren Anzug vollendete. Galatea nahm ihr den Rosaberwurf ab.
Berenike, rief sie, die milesische Tunika mit dem Purpurstreif und der
goldnen Falbel: es ist Sonntag heute.

Whrend die erfahrene Alte, die allein das Haar der Kaiserin berhren
durfte, die kostbare Goldnadel, mit der Venusgemme im Knopf, knstlich in
die Knoten des Hinterhauptes schob, fragte die Kaiserin: Was giebt es
neues in der Stadt, Delphine?

Du hast gesiegt, o Herrin! antwortete die Gefragte, mit den Goldsandalen
niederknieend. Deine Farbe, die Blauen, haben gestern im Cirkus gesiegt
ber die Grnen zu Ro und Wagen.

Triumph! frohlockte Theodora, eine Wette von zwei Centenaren Gold, - es
ist mein. - Nachrichten? woher? aus Italien? rief sie einer eben mit
Briefen eintretenden Dienerin entgegen.

Jawohl, Herrin, aus Florentia von der Gotenfrstin Gothelindis: ich kenne
das Gorgonensiegel: und von Silverius, dem Diakon.

Gieb, sagte Theodora, ich nehme sie mit in die Kirche. Den Spiegel,
Elpis. - Eine junge Sklavin trat vor mit einer ovalen drei Fu langen
Platte von glnzend polirtem Silber in einem reich mit Perlen besetzten
Goldrahmen und getragen von einem starken Fu von Elfenbein. Die arme
Elpis hatte harten Dienst. Sie mute whrend der Vollendung des Ankleidens
die schwere Platte bei jeder Bewegung der unruhigen Herrin sofort dermaen
drehen, da diese sich ununterbrochen darin beschauen konnte und weh' ihr,
wenn sie einer Wendung zu spt nachfolgte.

Was giebt es zu kaufen, Zephyris? fragte die Kaiserin eine dunkelfarbige
libysche Freigelassene, die ihr eben die zahme Hausschlange, die in einem
Krbchen auf weichem Moose ruhte, zur Morgenliebkosung reichte.

Ach, nicht viel Besondres, sagte die Libyerin, - komm, Glauke, fuhr
sie fort, indem sie die blendend weie golddurchwirkte Chlamys aus der
Kleiderpresse nahm und sorgfltig auf den Armen ausgebreitet hielt, bis
die Gerufene ihr sie abnahm, mit Einem Wurf der Kaiserin in den schnsten
Falten ber die Schulter schlug, mit dem weien Grtel zusammenfate und
das eine Ende mit einer Goldspange, die einst die Taube der Venus, jetzt
aber im Gegenteil den heiligen Geist darstellte, ber der weien Achsel
befestigte. Glauke, die Tochter eines athenischen Bildhauers, hatte
jahrelang den Faltenwurf studirt, war deshalb von der Kaiserin um viele
tausend Solidi angekauft worden und hatte den ganzen Tag ber nur dies
einzige Geschft.

Duftige Seifenkugeln aus Spanien, berichtete Zephyris, sind wieder
frisch angekommen. Ein neues milesisches Mrchen ist erschienen und der
alte gypter ist wieder da, setzte sie leiser hinzu, mit seinem
Nilwasser. Er sagt, es helfe unfehlbar. Die Perserknigin, die acht Jahre
kinderlos - -

Seufzend wandte sich Theodora ab, ein Schatte flog ber das glatte
Gesicht. Schick' ihn fort, sagte sie, diese Hoffnung ist vorber. -

Und es war einen Augenblick, als wollte sie in trbes Sinnen versinken.

Aber sich aufraffend trat sie, Galateen winkend, zu ihrem Lager zurck,
nahm den zerdrckten Eppichkranz, der auf ihrem Kopfkissen lag und gab ihn
der Alten mit den geflsterten Worten: fr Anicius, schick' es ihm zu. -
Den Schmuck, Erigone! Diese, von zwei andern Sklavinnen untersttzt, trug
mhsam die schwere Kiste von Erz herbei, deren Deckel, in getriebnen
Figuren die Werksttte des Vulcanus darstellend, mit dem Siegel der
Kaiserin an die Lade befestigt war. Erigone zeigte, da das Siegel
unverletzt und schlug den Deckel auf: neugierig stellte sich da manches
Mdchen auf die Fuspitzen, einen Blick von den schimmernden Schtzen zu
erhaschen. Willst du noch die Sommerringe, Herrin? fragte Erigone. -
Nein, sprach Theodora whlend, die Zeit dafr ist um. Gieb mir die
schwereren, die Smaragden. Erigone reichte ihr Ohrringe, Fingerring und
Armband.

Wie schn, sagte Antonina, von ihren frommen Versen aufsehend, steht
das Wei der Perle zu dem Grn des Steins!

Es ist ein Schatzstck der Kleopatra, sagte die Kaiserin gleichgltig,
der Jude hat den Stammbaum der Perle eidlich erhrtet.

Aber du zgerst lange, erinnerte Antonina, Justinians Goldsnfte harrte
schon als ich herauf kam.

Ja, Herrin, rief eine junge Sklavin ngstlich, der Sklave vor der
Sonnenuhr sagte schon die vierte Stunde an. Eile, Herrin.

Ein Stich mit der Lanzette war die Antwort. Willst du die Kaiserin
mahnen? Aber Antoninen flsterte sie zu: Man mu die Mnner nicht
verwhnen: sie mssen immer auf uns warten, wir nie auf sie.

Meinen Strauenfcher, Thais. Geh, Jone, die kappadokischen Sklaven sollen
an meine Snfte treten.

Und sie wandte sich zum Gehen. O Theodora, rief Antonina rasch, vergi
meine Bitte nicht.

Nein, sagte diese, pltzlich stehen bleibend, gewi nicht! Und damit du
ganz sicher gehst, lchelte sie, leg' ich's in deine eigne Hand. Meine
Wachstafel und den Stift. Galatea brachte sie eilig. Theodora schrieb und
flsterte der Freundin zu: Der Prfekt des Hafens ist einer meiner alten
Freunde. Er gehorcht mir blind. Lies, was ich schreibe: An Aristarchos
den Prfekten Theodora die Kaiserin.

Wenn Severinus, des Bothius Sohn, das Schiff des Belisarius besteigen
will, halt' ihn, ntigenfalls mit Gewalt, zurck und sende ihn hierher in
meine Gemcher: er ist zu meinem Kmmerer ernannt. Ist's recht so, liebe
Schwester? flsterte sie.

Tausend Dank, sagte diese mit leuchtenden Augen.

Aber wie, rief die Kaiserin laut, pltzlich an ihren Hals fassend, und
die Hauptsache htten wir vergessen? Mein Amulet, den Mercurius! Bitte,
Antonina, dort liegt es. Hastig wandte sich diese, den kleinen goldnen
Merkur, den besten Geleitsmann, der an seidner Schnur an dem Bette der
Kaiserin hing, zu holen. Inzwischen aber strich Theodora schnell das Wort
Severinus mit dem Goldgriffel aus, und schrieb dafr Anicius. Sie
klappte das Tfelchen zusammen, umschnrte und siegelte es mit ihrem
Venusring.

Hier das Amulet, sagte Antonina zurckkommend.

Und hier der Befehl! lchelte die Kaiserin. Du magst ihn selbst im
Augenblick der Abfahrt an Aristarchos bergeben. Und jetzt, rief sie,
jetzt auf: in die Kirche.




                           Zwanzigstes Kapitel.


In Neapolis, derjenigen Stadt Italiens, ber welcher die zu Byzanz
aufsteigenden Wetterwolken sich zuerst entladen sollten, ahnte man nichts
von einer drohenden Gefahr. Da wandelten damals Tag fr Tag an den
reizenden Hngen, welche nach dem Posilipp fhren, oder an den Uferhhen
im Sdosten der Stadt, in vertrautem Gesprch, alle Wonnen jugendlich
begeisterter Freundschaft genieend, zwei herrliche Jnglinge, der eine in
braunen, der andre in goldnen Locken: die Dioskuren, Julius und Totila.

O schne Zeit, da es die reine Seele, umweht von der frischen Morgenluft
des Lebens, noch unenttuscht und unermdet, trunken von der Flle stolzer
Trume, drngt, hinberzufluten in ein gleich junges, gleich reiches,
gleich berschwngliches Gemt. Da strkt sich der Vorsatz zu allem
Edelsten, der Aufschwung zu dem Hchsten, der Flug bis in die lichte Nhe
des Gttlichen wird in der Mitteilung gewagt, in der seligen Gewiheit,
verstanden zu sein.

Wenn der Bltenkranz in unsren Locken gewelkt ist und die Ernte unsres
Lebens beginnt, mgen wir lcheln ber jene Trume der Jnglingszeit und
Jnglingsfreundschaft; aber es ist kein Lcheln des Spottes; es ist ein
Ausdruck von jener Wehmut, mit der wir in nchterner Herbstluft der sen,
berauschenden Lfte des ersten Frhlings gedenken. -

Der junge Gote und der junge Rmer hatten sich gefunden in der
glcklichsten Zeit fr einen solchen Bund und sie ergnzten sich
wunderbar. Totilas sonnige Seele hatte den vollen Schmelz der Jugend
bewahrt: lachend sah er in die lachende Welt: er liebte den Menschen und
der Glanz seines wohlwollenden Wesens gewann ihm leicht und rasch alle
Herzen. Er glaubte nur an das Gute und des Guten Sieg: traf er das Bse,
das Gemeine auf seinem Pfad, so trat er es mit dem heilig lodernden Zorn
eines Erzengels in den Staub: durch seine sanfte Natur brach dann, den
Helden verratend, die gewaltige Kraft, die in ihr ruhte und nicht eher
lie er ab, bis das verhate Element aus seinem Lebenskreise getilgt war.
Aber im nchsten Augenblick war dann die Strung wie berwunden so
vergessen und harmonisch wie seine Seele fhlte er ringsum Welt und Leben.
Stolz und froh empfand er die Vollkraft seiner Jugend und jauchzend
drckte er das goldne Dasein an die Brust. Singend schritt er durch die
wimmelnden Straen von Neapolis, der Abgott der Mdchen, der Stolz seiner
gotischen Waffenfreunde, wie ein Gott der Freude, beglckend und beglckt.

Der helle Zauber seines Wesens teilte sich selbst der stilleren Seele
seines Freundes mit. Julius Montanus, zart und sinnig angelegt, eine fast
weibliche Natur, frh verwaist und von Cethegus' hochberlegnem Geist
eingeschchtert, in Einsamkeit und unter Bchern aufgewachsen, von der
trostlosen Wissenschaft jener Zeit mehr belastet als gehoben, sah das
Leben ernst, fast wehmtig an. Ein Zug zur Entsagung und die Neigung,
alles Bestehende an dem strengen Ma bermenschlicher Vollendung zu
messen, lag in ihm und mochte sich leicht bis zur Schwermut verdstern.
Zur glcklichen Stunde fiel Totilas sonnige Freundschaft in seine Seele
und erhellte sie bis in ihre tiefsten Falten so mchtig, da seine edle
Natur auch von einem schweren Schlage sich wieder elastisch aufrichten
konnte, den eben diese Freundschaft auf sein Haupt ziehen sollte.

Hren wir ihn selbst darber an den Prfekten berichten:

Cethegus dem Prfekten Julius Montanus.

Die kaltherzige Antwort, die du auf den warmgefhlten Bericht von meinem
neuen Freundschafts-Glck erteiltest, hat mir zuerst - gewi gegen deine
Absicht - sehr wehe gethan, spter aber das Glck eben dieser Freundschaft
erhht, freilich in einer Weise, welche du weder ahnen noch wnschen
konntest.

Der Schmerz durch dich hat sich bald in Schmerz um dich verwandelt. Wollte
es mich anfangs krnken, da du meine tiefste Empfindung als die
Schwrmerei eines kranken Knaben behandeltest und die Heiligtmer meiner
Seele mit bittrem Spott antasten wolltest - nur wolltest, denn sie sind
unantastbar, - so ergriff mich doch statt dessen bald das Gefhl des
Mitleids mit dir. Wehe, da ein Mann wie du, so berreich an Krften des
Geistes, darbest an den Gtern des Herzens. Wehe, da du die Wonne der
Hingebung nicht kennst und jene opferfreudige Liebe, die ein von dir mehr
verspotteter als verstandner Glaube, den mir jeder Tag des Schmerzes nher
bringt, die _caritas_, die Nchstenliebe, nennt: Wehe dir, da du das
Herrlichste nicht kennst! Vergieb die Freiheit dieser meiner Rede: ich
wei, ich habe noch nie in solchen Worten zu dir gesprochen: aber erst
seit kurzem bin ich, der ich bin. Vielleicht nicht ganz mit Unrecht hat
noch dein letzter Brief Spuren von Knabenhaftigkeit an mir gegeielt. Ich
glaube, sie sind seitdem verschwunden und ein Verwandelter sprech' ich zu
dir. Dein Brief, dein Rat, deine Arzenei hat mich allerdings zum Manne
gereift, aber nicht in deinem Sinn und nicht nach deinem Wunsch. Schmerz,
heiligen, luternden Schmerz hat er mir gebracht, er hat diese
Freundschaft, die er verdrngen sollte, auf eine harte Probe gestellt,
aber, der Gte Gottes sei's gedankt, er hat sie im Feuer nicht zerstrt,
sondern gehrtet fr immer.

Hre und staune, was der Himmel aus deinen Plnen geschaffen hat.

Wie wehe mir dein Brief gethan, - in alter Gewohnheit des Gehorsams
befolgte ich alsbald seinen Auftrag und suchte deinen Gastfreund auf, den
Purpurhndler Valerius Procillus. Er hatte bereits die Stadt verlassen und
seine reizende Villa bezogen. Ich fand an ihm einen vielerfahrnen Mann und
einen eifrigen Freund der Freiheit und des Vaterlandes: in seiner Tochter
Valeria aber ein Kleinod.

Du hattest recht prophezeit. Meine Absicht, mich gegen sie zu
verschlieen, zerschmolz bei ihrem Anblick wie Nebel vor der Sonne: mir
war Elektra oder Kassandra, Cllia oder Virginia stehe vor mir. Aber mehr
noch als ihre hohe Schnheit bezauberte mich der Schwung ihrer
unsterblichen Seele, die sich alsbald vor mir aufthat. Ihr Vater behielt
mich sogleich als seinen Gast im Hause und ich verlebte unter seinem Dach
mit ihr die schnsten Tage meines Lebens. Die Poesie der Alten ist der
ther ihrer Seele.

Wie rauschten die Chre des schylos, wie rhrend tnte Antigones Klage in
ihrer melodischen Stimme; stundenlang lasen wir in Wechselrede und
herrlich war sie zu schauen, wann sie sich erhob im Schwunge der
Begeisterung, wann ihr dunkles Haar, in freie Wellen gelst, niederflo
und aus ihrem groen runden Auge ein Feuer blitzte nicht von dieser Welt.

Und, - was ihr vielleicht noch tiefen Schmerz bereiten wird, - eine
Spaltung, die durch all' ihr Leben geht, giebt ihr den hchsten Reiz. Du
ahnst wohl, was ich meine, da du seit Jahren das Schicksal ihres Hauses
kennst. Du weit wohl genauer als ich, wie es kam, da Valeria schon bei
ihrer Geburt von ihrer frommen Mutter einem ehelosen, einsamen Leben in
Werken der Andacht geweiht, dann aber von ihrem reichen und mehr rmisch
als christlich gesinnten Vater um den Preis einer Kirche und eines
Klosters, die er baute, losgekauft worden ist. Aber Valeria glaubt, da
der Himmel nicht totes Gold nehme fr eine lebendige Seele: sie fhlt sich
der Bande jenes Gelbdes nicht ledig, deren sie ewig, aber nur in Furcht,
nicht in Liebe, gedenkt.

Denn du hattest recht als du schriebst: sie sei durch und durch ein Kind
der alten, der heidnischen Welt. Das ist sie, die echte Tochter ihres
Vaters: aber doch kann sie der frommen Mutter entsagend Christentum nicht
abthun: es lebt nicht in ihr als ein Segen, es lastet auf ihr als ein
Fluch, als der unentrinnbare Zwang jenes Gelbdes. Diesen wundersamen
Zwiespalt, diesen verhngnisvollen Widerstreit trgt die edle Jungfrau im
Gemt: er qult sie, aber er veredelt sie zugleich.

Wer wei, wie er sich lsen wird? der Himmel allein, der ihr Schicksal
lenkt. Mich aber zieht dieser innere Kampf mit ernsten Schauern an: du
weit ja, da in mir selbst der Christenglaube und die Philosophie in
ungeklrter Mischung durcheinander wogen. Zu meinem Staunen hat in diesen
Tagen des Schmerzes der Glaube zugenommen und fast will mich bednken, die
Freude fhre zu der heidnischen Weisheit, zu Christus aber der Schmerz und
das Unglck.

Aber hre wie der Schmerz ber mich gekommen.

Anfangs, als ich diese Liebe in mir keimen sah, war ich froher Hoffnung
voll. Valerius, vielleicht schon frher von dir fr mich gewonnen, sah
meine wachsende Neigung offenbar nicht ungern: vielleicht hatte er nur das
an mir auszusetzen, da ich seinen Traum von der Wiederaufrichtung der
rmischen Republik nicht eifrig genug teilte und nicht seinen Ha gegen
die Byzantiner, in denen er die Todfeinde seines Hauses wie Italiens
sieht. Auch Valeria war mir bald freundschaftlich geneigt und wer wei ob
nicht damals die Verehrung gegen den Willen ihres Vaters und diese
Freundschaft gengt htten, sie in meine Arme zu fhren. Aber ich danke, -
soll ich sagen Gott oder dem Schicksal? - da es nicht so kam: Valeria
einer halb gleichgltigen Ehe opfern wre ein Frevel gewesen. Ich wei
nicht, welches seltsame Gefhl mich abhielt das Wort zu sprechen, das sie
in jenen Tagen gewi zu der Meinen gemacht htte. Ich liebte sie doch so
tief: - aber so oft ich mir ein Herz fassen und bei ihrem Vater um sie
werben wollte, immer beschlich mich ein Gefhl, als thu' ich Unrecht an
dem Gut eines andern, als sei ich ihrer nicht wrdig oder doch nicht die
ihr vom Schicksal zugedachte Hlfte ihrer Seele und ich schwieg und
bezhmte das pochende Herz.

Einstmals um die sechste Stunde, - schwl brannte die Sonne rings auf Land
und Meer - suchte ich Schatten in der khlen Marmorgrotte des Gartens. Ich
trat ein durch das Oleandergebsch: da lag sie schlafend auf der weichen
Rasenbank, die eine Hand auf dem leise wogenden Busen, der linke Arm unter
dem edeln Haupt, das noch vom Frhmahl her der schne Asphodeloskranz
schmckte. Ich stand bebend vor ihr: so schn war sie noch nie gewesen,
ich beugte mich ber sie und staunte die edeln, wie in Marmor gebildeten
Zge an: hei schlug mein Herz, ich beugte mich ber sie, diese roten
feingeschnittenen Lippen zu kssen.

Da fiel mir's pltzlich centnerschwer aufs Herz: es ist ein Raub, was du
begehen willst. Totila! rief unwillkrlich meine ganze Seele und still,
wie ich gekommen, schlich ich fort.

Totila! Was war er mir nicht frher eingefallen?

Ich machte mir Vorwrfe, den Bruder meines Herzens ber dem neuen Glck
fast vergessen zu haben.

Deine Prophezeiung, Cethegus, dachte ich, soll sich nicht erfllen: diese
Liebe soll mich dem Freunde nicht entfremden. Er soll Valeria sehen,
gleich mir bewundern, meine Wahl lobpreisen und dann, dann will ich werben
und Totila soll glcklich sein mit uns.

Andern Tages ging ich nach Neapolis zurck, ihn zu holen. Ich pries ihm
den Schimmer des Mdchens, aber ich vermochte es nicht ber mich, ihm von
meiner Liebe zu sprechen. Er sollte sie sehen und alles erraten. Wir
fanden sie bei unserer Ankunft nicht in den Zimmern der Villa. So fhrte
ich Totila in den Garten - Valeria ist die eifrigste Pflegerin der Blumen
- wir bogen, Totila voran, aus einem dichten Taxusgang: da schimmerte uns
ihre Erscheinung pltzlich entgegen: sie stand vor einer Statue ihres
Vaters und krnzte sie mit frischgepflckten Rosen, die sie, hoch
aufgehuft in der Busenfalte der Tunika, mit der Linken auf der Brust
zusammenhielt.

Es war ein berraschend schnes Bild: die herrliche Jungfrau, in dem Grn
des Taxus gleichsam eingerahmt, vor dem weien Marmor, die Rechte
anmutvoll erhebend: und mchtig wirkte die Erscheinung auf Totila: mit
einem lauten Ruf des Staunens blieb er sprachlos, ihr gerade gegenber,
stehen.

Sie sah auf und zuckte erschrocken, wie blitzgetroffen, zusammen: die
Rosen fielen in dichten Flocken aus ihrem Gewand: sie sah es nicht: ihre
Augen hatten sich getroffen, ihre Wangen erglhten: - ich sah mit
Blitzesschnelle ihr Geschick und mein Geschick entschieden.

Sie liebten sich beim ersten Anblick.

Schmerzlich, wie ein brennender Pfeil, durchdrang die Gewiheit meine
Seele. Aber doch nur einen Augenblick herrschte der Schmerz ungemischt in
meiner Brust. Sofort, wie ich die beiden betrachtete, die herrlichen
Gestalten, empfand ich neidlose Freude, da sie sich gefunden: denn es
war, wie wenn die Macht, die der Sterblichen Leiber bildet und Seelen, sie
aus Einem Stoff fr einander geschaffen: wie Morgensonne und Morgenrte
schimmerten sie ineinander und jetzt erkannte ich auch das dunkle Gefhl,
das mich wie ein Vorwurf von Valeria fern gehalten, das mir _seinen_ Namen
auf die Lippen gefhrt hatte: sein sollte Valeria werden nach Gottes
Ratschlu oder dem Gang der Sterne und ich sollte nicht zwischen sie
treten.

Erla mir, das Weitere zu berichten. Denn so selbstisch ist mein Sinn
geartet, sowenig Macht hat noch die heilige Lehre des Entsagens ber mich
gewonnen, da - ich schme mich, das zu gestehen - da mein Herz auch
jetzt noch manchmal schmerzlich zuckt, statt freudig zu schlagen fr das
Glck der Freunde.

Rasch und unscheinbar, wie zwei Flammen ineinander lodern, schlugen ihre
Seelen zusammen. Sie lieben sich und sind glcklich wie die seligen
Gtter: mir ist die Freude geblieben, ihr Glck zu schauen und ihnen
beizustehen, es noch vor dem Vater zu verbergen, der sein Kind wohl
schwerlich dem Barbaren schenken wird, solang er in Totila nur den
Barbaren sieht.

Meine Liebe aber und ihren Opfertod halt' ich vor dem Freunde tief
verborgen: er ahnt nicht und soll nie erfahren, was sein glnzend Glck
nur trben knnte. Du siehst nun, o Cethegus, wie weit ab von deinem Ziel
ein Gott deinen Plan gewendet. Mir hast du jenes Kleinod Italiens bringen
wollen und hast es Totila zugefhrt. Meine Freundschaft hast du zerstren
wollen und hast sie in den Gluten heiliger Entsagung von allem Irdischen
befreit und unsterblich gemacht. Du hast mich zum Manne machen wollen
durch der Liebe Glck: - ich bin's geworden durch der Liebe Schmerz.

Lebe wohl und verehre das Walten des Himmels.




                        Einundzwanzigstes Kapitel.


Wir unterlassen es, den Eindruck dieses Schreibens auf den Prfekten
auszumalen, und begleiten lieber die beiden Dioskuren auf einem ihrer
Abendspaziergnge an den reizenden Ufergelnden von Neapolis.

Sie wandelten nach der frh beendigten Coena durch die Stadt und zur Porta
nolana hinaus, die in schon halb verwitterten Reliefs die Siege eines
rmischen Imperators ber germanische Stmme verherrlichte.

Totila blieb stehen und bewunderte die schne Arbeit.

Wer ist wohl der Kaiser, fragte er den Freund, dort auf dem
Siegeswagen, mit dem geflgelten Blitz in der Hand, wie ein Jupiter
Tonans? - Es ist Marc Aurel, sagte Julius und wollte weitergehen. - O
bleib doch! Und wer sind die vier Gefesselten mit den langwallenden
Haaren, die den Wagen ziehn?

Es sind Germanenknige. - Doch welches Stammes? fragte Totila weiter -
sieh da, eine Inschrift: _Gothi extincti!_ Die Goten vernichtet!

Laut lachend schlug der junge Gote mit flacher Hand auf die Marmorsule
und schritt rasch durch das Thor. Eine Lge in Marmor! rief er rckwrts
blickend. Das hat der Imperator nicht gedacht, da einst ein gotischer
Seegraf in Neapolis seine Prahlereien Lgen straft. - Ja, die Vlker
sind wie die wechselnden Bltter am Baume, sagte Julius nachdenklich;
wer wird nach euch in diesen Landen herrschen? Totila blieb stehen.
_Nach uns?_ fragte er erstaunt. - Nun, du wirst doch nicht glauben, da
deine Goten ewig dauern werden unter den Vlkern?

Das wei ich doch nicht, sagte Totila, langsam fortschreitend. - Mein
Freund, Babylonier und Perser, Griechen und Makedonen und, wie es scheinen
will, auch wir Rmer hatten ihre zugemessene Zeit: sie blhten, reisten
und vergingen. Soll's anders sein mit den Goten?

Ich wei das nicht, sagte Totila unruhig, ich habe den Gedanken nie
gedacht. Es ist mir noch nie eingefallen, da eine Zeit kommen knnte, da
mein Volk - - er hielt inne, als sei es Snde, den Gedanken auszudenken.
Wie kann man sich dergleichen vorstellen! ich denke daran so wenig wie -
wie an den Tod!

Das sieht dir gleich, mein Totila!

Und dir sieht es gleich, dich und andre mit solchen Trumereien zu
qulen.

Trumereien! Du vergit, da es fr mich, fr mein Volk schon
Wirklichkeit geworden. Du vergit, da ich ein Rmer bin. Und ich kann
mich nicht darber tuschen wie die meisten thun: es ist vorbei mit uns.
Das Scepter ist von uns auf euch bergegangen; glaubst du, es lief so ohne
Schmerz, ohne Nachsinnen fr mich ab, in dir, meinem Herzensfreund, den
Barbaren, den Feind meines Volkes zu vergessen?

Das ist nicht so, beim Glanz der Sonne! fiel Totila eifrig ein. Find'
ich auch in deiner milden Seele den herben Wahn? Blick' doch nur um dich!
Wann, sage mir, wann hat Italien herrlicher geblht als unter unsrem
Schilde? Kaum in den Tagen des Augustus. Ihr lehrt uns Weisheit und Kunst,
wir leihen euch Friede und Schutz. Kein schneres Wechselverhltnis lt
sich denken! Die Harmonie zwischen Rmern und Germanen kann eine ganz neue
Zeit erschaffen, schner als je eine bestanden.

Die Harmonie! aber sie ist nicht da. Ihr seid uns ein fremdes Volk,
geschieden durch Sprache und Glaube, durch Stammes- und Sinnesart und
durch halbtausendjhrigen Ha.

Wir brachen frher eure Freiheit, ihr jetzt die unsre; zwischen uns ghnt
eine ewige Kluft. - Du verwirfst den Lieblingsgedanken meiner Seele.

Er ist ein Traum! - Nein, er ist Wahrheit, ich fhl' es und vielleicht
kmmt noch die Zeit, dir's zu beweisen. Das Werk meines ganzen Lebens bau'
ich drauf. - So wr's auf einen edeln Wahn gebaut. Keine Brcke zwischen
Rmern und Barbaren! - Dann, sagte Totila heftig, begreif' ich nicht,
wie du leben kannst, wie du mich -

Vollende nicht, sagte Julius ernst. Es war nicht leicht: es war die
schwerste der Entsagungen! Erst nach hartem Widerstreit der Selbstsucht
ist sie mir gelungen: aber endlich hab' ich aufgehrt, in meinem Volk
allein zu leben. Der heilge Glaube, der jetzt schon - und er allein
vermag's - Rmer und Germanen verbindet, der meinen widerstrebenden
Verstand durch lauter Schmerzen - Schmerzen, die Freuden sind - allmhlich
immer mchtiger umschlingt, er hat mir auch in diesem Zwiespalt Friede
gebracht. In diesem Einen darf ich mich jetzt schon rhmen, ein Christ zu
sein: ich lebe der Menschheit, nicht meinem Volk allein, ein Mensch, kein
bloer Rmer mehr. Darum kann ich dich, den Barbaren, lieben wie einen
Bruder: sind wir doch Brger Eines Reichs: der Menschheit.

Darum kann ich es ertragen, zu leben, nachdem ich mein Volk gestorben
sehe. Ich lebe der Menschheit: sie ist mein Volk!

Nein! rief Totila lebhaft, das knnt' ich nimmermehr. In meinem Volk
allein kann ich und will ich leben: meines Volkes Art ist die Luft, in der
allein meine Seele atmen kann. Warum soll'n wir nicht dauern knnen, ewig:
oder doch solang diese Erde dauert? Was Perser und Griechen! Wir sind von
besserem Stoff. Weil sie dahin siechten und versanken, mssen darum auch
wir siechen und versinken? Noch blhn wir in voller Jugendkraft! Nein,
wenn ein Tag kmmt, da die Goten sinken, - mg' ihn mein Auge nicht mehr
sehn. O all' ihr Gtter, lat uns nur nicht dahinkranken jahrhundertelang
wie diese Griechen, die nicht leben knnen und nicht sterben! Nein, mu es
sein, so sendet ein furchtbar Kampfgewitter und lat uns rasch und
herrlich fallen, alle, alle und mich voran!

Der Jngling hatte sich in die wrmste Begeisterung gesprochen. Er sprang
empor von der Marmorbank auf der Strae, darauf sie sich niedergelassen,
den Lanzenschaft hoch gen Himmel erhebend.

Mein Freund, sagte Julius, ihn liebevoll anblickend, wie schn steht
dir dieser Eifer! Aber bedenke, ein solcher Kampf wrde mit uns, mit
meinem Volk entbrennen und sollte ich -?

Zu deinem Volke sollst du stehn mit Leib und Seele, das ist klar, wenn es
jemals zu solchem Kampfe kmmt. Du glaubst, das wrde unsrer Freundschaft
Eintrag thun? mit nichten! Zwei Helden knnen sich knochentiefe Wunden
hau'n und dabei doch die besten Freunde sein. Ha, mich wrd' es freuen,
dich in einer Schlachtreihe mir entgegenschreiten sehn mit Schild und
Speer!

Julius lchelte. Meine Freundschaft ist nicht so grimmiger Art, du wilder
Gote. - Diese Fragen und Zweifel haben mich lange und bitter geqult und
all' meine Philosophen zusammen haben mir nicht den Frieden gebracht. Erst
seit ich's in Schmerzen erfahren, da ich dem Gott im Himmel allein zu
dienen habe und auf Erden der Menschheit und nicht Einem Volk -

Gemach, Freund, rief Totila, wo ist denn die Menschheit, von der du
schwrmst? Ich sehe sie nicht. Ich sehe nur Goten, Rmer, Byzantiner! Eine
Menschheit ber den wirklichen Vlkern, irgendwo in den Lften, kenn' ich
nicht. Ich diene der Menschheit, indem ich meinem Volke lebe. Ich kann gar
nicht anders! ich kann nicht die Haut abstreifen, darin ich geboren bin.
Gotisch denk' ich, in gotischen Worten, nicht in einer allgemeinen Sprache
der Menschheit; die giebt es nicht. Und wie ich nur gotisch denke, kann
ich auch nur gotisch fhlen. Ich kann das Fremde anerkennen, o ja. Ich
bewundre eure Kunst, euer Wissen, zum Teil euren Staat, in welchem alles
so streng geordnet ist.

Wir knnen vieles von euch lernen - aber tauschen knnt' ich und mcht'
ich mit keinem Volk von Engeln. Ha, meine Goten! Im Grund des Herzens sind
mir ihre Fehler lieber als eure Tugenden.

Wie ganz anders empfinde ich, und bin doch ein Rmer!

Du bist kein Rmer! vergieb, mein Freund, es giebt schon lange keine
Rmer mehr. Sonst wr ich' nicht der Seegraf von Neapolis! So wie du kann
nur empfinden, wer eigentlich kein Volk mehr hat. So wie ich mu jeder
fhlen, der eines lebendigen Volkes ist.

Julius schwieg eine Weile. Und wenn dem so ist, - wohl mir! Heil, wenn
ich die Erde verloren, den Himmel zu gewinnen. Was sind die Vlker, was
ist der Staat, was ist die Erde? Nicht hier unten ist die Heimat meiner
unsterblichen Seele! Sie sehnt sich nach jenem Reiche, wo alles anders ist
als hier.

Halt ein, mein Julius, sprach Totila, stehen bleibend, die Lanze auf den
Boden stoend. Hier, auf Erden, hab' ich festen Grund, hier la mich
stehn und leben, hier nach Krften das Schne genieen, das Gute schaffen
nach Krften. In deinen Himmel kann und will ich dir nicht folgen. Ich
ehre deine Trume, ich ehre deine heilge Sehnsucht - aber ich teile sie
nicht. Du weit, fgte er lchelnd hinzu, ich bin ein Heide,
unverbesserlich, wie meine Valeria - unsere Valeria. Zur rechten Stunde
denk' ich ihrer. Deine erdenflcht'gen Trume lieen uns am Ende des
Liebsten auf Erden vergessen. Sieh, wir sind zur Stadt zurckgekommen, die
Sonne sinkt so rasch hier im Sden und ich soll noch vor Nacht die
bestellten Smereien in den Garten des Valerius bringen. Ein schlechter
Grtner, lchelte er, der seiner Blume verge. Leb wohl - ich biege
rechts hinab.

Gre mir Valeria. Ich gehe nach Hause, zu lesen.

Was liesest du jetzt? Noch Platon?

Nein, Augustinus. Lebe wohl!




                       Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Rasch eilte Totila durch die Straen der Vorstadt, die belebteren Teile
der Innenstadt meidend, nach der Porta capuana zu und dem Turm Isaks, des
jdischen Pfrtners. Der Turm, unmittelbar zur Rechten des Thores, mit
starken Mauern und massiv gewlbtem Dach erbaut, erhob sich in mehreren
sich verjngenden Abstzen. In dem hchsten Stockwerk, dicht an den
zackigen Zinnen, waren zwei niedre aber breite Gelasse, zur Wohnung des
Trmers bestimmt.

Dort hausten der alte Jude und Miriam, sein dunkelschnes Kind.

In dem grern Gemach, wo an den Wnden in strenger Ordnung die groen
schweren Schlssel zu den Hauptthren und den Nebenpforten des wichtigen
Thorgebudes, dann das krumme Wchterhorn und der breite,
hellebardengleiche Speer des Pfrtners hingen, sa mit gekreuzten Beinen
auf rohrgeflochtener Matte Isak, der greise Turmwart: eine hohe,
starkknochige Gestalt mit der Adlernase und den buschigen,
hochgeschweiften Brauen seiner Rasse.

Er hielt einen langen Stab zwischen den Knien und aufmerksam hrte er den
Worten eines jungen unansehnlichen Mannes, offenbar auch eines Israeliten,
zu, in dessen harten, nchternen Zgen der ganze Rechnerverstand des
jdischen Stammes lag.

Sieh, Vater Isak, schlo er mit unschner, klangloser Stimme, meine
Rede ist keine eitle Rede und meine Worte kommen nicht aus dem Herzen
allein, das blind ist, sondern aus dem Kopf, der da ist sehend. Und hier
hab' ich mit mir gebracht Brief und Urkund fr jedes Wort meines Mundes:
hier meine Bestallung als Baumeister fr alle Wasserleitungen von Italien,
jhrlich fnfzig Goldsoldi und fr jedes neue Werk zehn Soldi besonders.
Eben erst hab' ich wieder hergestellt die zerfallene Wasserleitung dieser
Stadt Neapolis; hier in diesem Beutel sind die zehn Goldstcke, richtig
bezahlt. Du siehst, ich kann ernhren ein Weib; zudem bin ich Rachels,
deiner Muhme, leiblicher Sohn. So la mich nicht reden umsonst und gieb
mir Miriam, dein Kind, da sie bestelle mein Haus.

Aber der Alte strich seinen grauen langen Kinnbart und schttelte langsam
das Haupt. Jochem, Sohn Rachels, mein Sohn - ich sage dir, la ab, la
ab.

Warum? was kannst du haben gegen mich? Wer mag reden wider Jochem in
Israel?

Niemand. Du bist gerecht und still und fleiig und mehrest deine Habe und
dein Werk gedeiht vor dem Herrn. Aber hast du gesehn, da sich die
Nachtigall paart mit dem Sperling oder die schlanke Gazelle mit dem
Lasttier? Sie passen nicht zusammen! Und nun sieh dorthin und sage mir
selbst, ob du passest fr Miriam, mein Kind.

Und er schob mit seinem langen Stock sachte den grnwollenen Vorhang zur
Seite, der das vordere Gemach abschlo.

Leise silberne Tne waren schon herbergeklungen in das Gesprch der
Mnner: jetzt sah man in den einfachen aber geflligen Raum. An dem weiten
Rundbogenfenster, das ber die herrliche Neapolis, das blaue Meer und die
fernen Berge die freieste Aussicht bot, stand ein junges Mdchen, ein
fremdartig geformtes Saiteninstrument im Arm. Es war eine Erscheinung von
berraschender Schnheit. Glhend rot fiel das Licht der sinkenden Sonne
noch in das hochgelegene Gemach und bergo wie das weie Faltengewand so
das edel geschnittene Profil des Mdchens mit purpurnem Schimmer: es
spielte auf dem glnzend schwarzen Haar, das, halb hinter das feine Ohr
zurckgestrichen, die edeln Schlfe zeigte. Und wie dieser Sonnenglanz, so
schien der Glanz der Poesie die ganze Erscheinung zu umstrahlen, jede
ihrer Bewegungen zu begleiten und jeden trumerischen Blick aus diesen
dunkelblauen Augen, die, in weiches Sinnen versunken, ber die Stadt und
das Meer hinschweiften. Dunkelmeeresblau hatte diese Augen Piso, der
Dichter, genannt. -

Wie im halben Traum berhrten die Finger nur leise, leise die Saiten,
whrend von den halbgeffneten Lippen, geflstert mehr als gesungen, eine
alte, melancholische Weise klang:

  An Wasserflssen Babylons
    Sa weinend Judas Stamm: -
  Wann kmmt der Tag, da Judas Stamm
    Nicht mehr zu weinen hat? -

Nicht mehr zu weinen hat! wiederholte sie trumend und neigte das Haupt
auf den Arm, der die Harfe auf der Fensterbrstung hielt.

Sieh hin, sprach der Alte leise, ist sie nicht lieblich wie die Rose in
den Grten von Saron und die Hindin auf den Bergen von Hiram und ist kein
Fehl an ihrem Leibe?

Ehe Jochem antworten konnte, scholl dreimal ein leises Klopfen an der
schmalen Eisenpforte unten. Miriam fuhr auf aus ihrem Sinnen, strich rasch
mit der Hand ber die Augen und eilte die enge Wendeltreppe hinunter.

Jochem trat an das Fenster und sein Gesicht legte sich in grimmige Falten.
Ha, der Christ, der gottverfluchte, knirschte er und ballte die Faust.
Schon wieder der blonde Gote mit dem unbndigen Stolz! Vater Isak, ist
das der Edelhirsch, der dir zu deiner Hindin pat? - Sohn, rede nicht
Hohnwort wider Isak! Du weit ja, der Jngling hat sein Herz gesetzt auf
ein Rmermdchen, seine Seele denkt nicht an die Perle von Juda.

Aber vielleicht die Perle von Juda an ihn!

Mit Dank und Freuden, wie das Lamm denkt des starken Hirten, der es
entrissen dem Rachen des Wolfs. Hast du vergessen, wie bei der letzten
Jagd, welche die verdammten Rmer machten auf die Schtze und Goldhaufen
von Israel, und als sie niederbrannten die heil'ge Synagoge mit unheiligem
Feuer, wie da eine Rotte dieser bsen Buben mein armes Kind aufjagte auf
der Strae, wie ein Rudel Wlfe das weie Lamm, und zerrten ihr den
Schleier vom Haupt und das Busentuch von den Schultern: - wo war da
Jochem, meiner Muhme Sohn, der sie begleitete? Entflohen war er vor der
Gefahr mit hurtigen Fen und lie die Taube in den Krallen der Geier!

Ich bin ein Mann des Friedens, sagte Jochem unbehaglich, meine Hand
fhrt nicht das Schwert der Gewalt.

Aber Totila fhrt es, wie einst der Lwe Juda und der Herr ist mit ihm.
Allein, wie er des Weges kam, sprang er unter die Schar der frechen Ruber
und schlug den frechsten mit der Schrfe des Schwertes und verscheuchte
die andern, wie der Turmfalk die Krhen, und hllte sorglich den Schleier
ber mein bebendes Kind und sttzte ihren wankenden Schritt und fhrte sie
heim, ungeschdigt, in die Arme ihres alten Vaters. Das lohne ihm Jehovah
der Herr mit langem Leben und segne alle Schritte seines Pfades.

Nun wohl, sagte Jochem, seine Urkunden einsteckend, ich gehe, diesmal
fr lange Zeit. Ich reise ber das groe Wasser zu machen ein gro
Geschft.

Ein gro Geschft? Mit wem?

Mit Justinianus, dem Kaiser ber Morgenland. Es ist eingestrzt ein Stck
der groen Kirche, die er baut der Weisheit des Herrn in der goldnen Stadt
des Konstantin. Ich hab' entworfen Plan und saubern Grundri, wieder
aufzubauen das Gebude.

Heftig sprang der Alte auf und stie seinen Stab auf den Boden: Wie,
Jochem, Sohn Rachels, dem Rmer willst du dienen? Dem Kaiser, dessen
Vorfahren die heilige Zion verbrannt und in Asche gelegt den Tempel des
Herrn? Und bauen willst du an einem Haus des Unglaubens, du, der Sohn des
frommen Manasse? Wehe, wehe ber dich! - Was rufest du Wehe und weit
nicht warum? Riechst du's dem Goldstck an, ob es kommt aus der Hand des
Juden oder des Christen? Wiegt es nicht gleich schwer und glnzt es nicht
gleich lieblich?

Sohn Manasses, du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon.

Aber du selbst, dienst du nicht den Unglubigen? Seh ich nicht das
Wchterhorn an der Wand deines Hauses? fhrst du nicht die Schlssel fr
diese Goten und thust ihnen auf und zu die Pforten fr ihren Ausgang und
Eingang und htest die Burg ihrer Strke?

Ja, das thu' ich, sagte der Alte stolz, und wachen will ich fr sie
treulich, Tag und Nacht, wie der Hund fr den Herrn, und solang Isak Odem
hat, der Sohn Ruben, soll kein Feind dieses Volkes schreiten durch dies
Thor. Denn Dank schulden die Kinder Israel ihnen und ihrem groen Knig,
der weise war wie Salomo und wie Gideons war sein Schwert! Dank wie unsre
Vter dem groen Knig Cyrus, der sie befreiet hat aus Babylon. Die Rmer
haben gebrochen den Tempel des Herrn und zerstreut sein Volk ber das
Angesicht der Erde. Sie haben uns verspottet und geschlagen und verbrannt
unsre heiligen Sttten und geplndert unsre Truhen und verunreinigt unsre
Huser und gezwungen unsre Weiber berall in ihren Landen und haben
geschrieben gegen uns manch grausam Gesetz. Da kam dieser groe Knig von
Mitternacht, dessen Samen Jehova segne, und hat wieder aufgebaut unsre
Synagogen: und wenn sie die Rmer niederrissen, muten sie alles wieder
aufrichten mit eigner Hand und eignem Gelde, und er hat beschtzt den
Frieden unsrer Dcher und wer Einen schdigte aus Israel, der mute es
ben, wie wer einen Christen gekrnkt. Er hat uns gelassen unsern Gott
und unsern Glauben und hat beschirmt unsre Schritte auf den Straen unsres
Handels und wir feierten das Passah in Frieden und Freude, wie nicht mehr
seit den Tagen, da der Tempel noch stand auf den Hhen von Zion. Und als
ein Groer unter den Rmern mir mit Gewalt meine Sarah geraubt, mein Weib,
lie ihm Knig Theoderich das stolze Haupt abschlagen noch am selben Tage
und gab mir wieder mein Weib unversehret. Und das will ich gedenken,
solange meine Tage dauern und will dienen seinem Volke treu bis zum Tode
und man soll wieder sagen, weit in allen Landen: treu und dankbar wie ein
Jude.

Mgest du nicht Undank ernten von den Goten fr deinen Dank, sagte
Jochem, sich zum Gehen rstend: mir ist, einmal kmmt die Stunde fr
mich, wieder um Miriam zu werben, zum letztenmal. Vielleicht, Vater Isak,
bist du dann minder stolz. Und er schritt durch Miriams Gemach zur Treppe
hinaus, wo er Totila begegnete. Mit einer hlichen Verbeugung und einem
stechenden Blick drckte sich der Kleine an dem schlanken Goten vorbei,
der beim Eintritt in die Trmerwohnung sich tief bcken mute. Miriam
folgte ihm auf dem Fu.

Dort hngen deine Grtnerkleider, sagte sie, ohne die langen Wimpern
aufzuschlagen, und hier am Fenster hab' ich die Blumen bereit gestellt.
Sie liebt die weien Narcissen, sagtest du neulich. Ich habe weie
Narcissen besorgt. Sie duften lieblich. Und die melodische Stimme
schwieg.

Du bist ein gutes Mdchen, Miriam, sagte Totila, den Helm mit den
silberweien Schwanenflgeln abhebend und auf den Tisch setzend, wo ist
dein Vater? - Der Segen des Herrn ruhe auf deinen goldnen Locken,
sprach der Alte, in das Gemach tretend. - Gegrt, treuer Isak! rief
Totila, warf den langen, glnzend weien Mantel ab, der ihm von den
Schultern flo, und hllte sich in einen braunen berwurf, den ihm Miriam
von der Wand reichte. Ihr guten Leute! Ohne euch und eure verschwiegene
Treue wte ganz Neapolis um mein Geheimnis. Wie kann ich euch danken! -
Dank? sagte Miriam, schlug die dunkelblauen Augen auf und lie sie
leuchtend auf ihm ruhen. Du hast voraus gedankt fr alle Zeit.

Nein, Miriam, sagte der Gote, den braunen breitkrempigen Filzhut tief in
die Stirne ziehend, ich mein' es herzlich gut mit euch. Sage, Vater Isak,
wer ist der Kleine, den ich schon fter hier geseh'n und eben wieder
begegnet? Mir ist, er hat sein Auge auf Miriam geworfen. Sprich offen,
wenn es bei ihr nur am Gelde fehlt - ich helfe gern. - Es fehlt an der
Liebe, Herr, bei ihr, sagte Isak ruhig. - Da kann ich freilich nicht
helfen! Aber wenn sonst ihr Herz gewhlt - ich mchte gern etwas thun fr
meine Miriam. Und er legte freundlich die Hand auf das glnzende schwarze
Haar des Mdchens. Nur leise war die Berhrung. Aber wie vom heien Blitz
getroffen fiel Miriam pltzlich auf die Knie: die Arme ber dem Busen
kreuzend, und das schne Haupt tief nach vorn beugend: wie eine tauschwere
Blume glitt sie zu den Fen Totilas nieder.

Dieser trat bestrzt einen Schritt zurck.

Aber im Augenblick war das Mdchen wieder auf: Verzeih, es war nur eine
Rose - sie fiel vor deinen Fu.

Sie legte die Blume auf den Tisch und so gefat war sie, da weder ihr
Vater noch der Jngling des Vorfalls weiter achteten.

Es dunkelt schon, eile, Herr, sprach sie ruhig und reichte ihm den Korb
mit den Blumen. - Ich gehe. Auch Valeria schuldet dir reichen Dank: ich
habe ihr viel von dir erzhlt und sie frgt mich stets nach dir. Sie
mchte dich lang schon sehen. Nun, vielleicht geht das bald - heut' ist's
wohl das letztemal, da ich diese Vermummung brauche.

Willst du sie entfhren, die Tochter von Edom? rief der Alte. Bring sie
nur hierher! hier ist sie wohl geborgen.

Nein, fiel Miriam ein, nicht hierher, nein, nein!

Weshalb nicht, du seltsames Kind? zrnte der Alte.

Das ist kein Raum fr seine Braut - dies Gemach - es brchte ihr kein
Heil. - Beruhigt euch, sagte Totila, schon an der Thre, offne Werbung
soll der Heimlichkeit ein Ende machen. Lebt wohl. Und er schritt hinaus.
Isak nahm den Speer, das Horn und einige Schlssel von der Wand; er
folgte, ihm zu ffnen und die Abendrunde lngs allen Pforten des groen
Thorbaues zu machen.

Miriam blieb oben allein.

Lange Zeit stand sie unbeweglich mit geschlossenen Augen an derselben
Stelle. Endlich strich sie mit beiden Hnden ber Schlfe und Wangen und
schlug die Augen auf. Still war's im Gemach; durch das offene Fenster
glitt der erste Strahl des Mondlichts. Er fiel silbern auf Totilas hellen
Mantel, der in langen Falten ber dem Stuhl hing. Rasch flog Miriam auf
den weien Schimmer zu und bedeckte den Saum des Mantels mit heien
Kssen. Dann ergriff sie den blinkenden Schwanenhelm, der neben ihr auf
dem Tische stand, sie umfate ihn mit beiden Armen und drckte ihn
zrtlich an die Brust. Dann hielt sie ihn eine Weile trumend vor sich
hin: endlich - sie konnte nicht widerstehen - hob sie ihn rasch auf und
setzte ihn auf das schne Haupt: sie zuckte als die Wlbung ihre Stirn
berhrte, dann strich sie die schwarzen Flechten aus den Schlfen und
drckte einen Augenblick den harten, kalten Stahl fest mit beiden Hnden
an die glhende Stirn. Dann hob sie ihn wieder ab und legte ihn, scheu
umblickend, auf seinen frhern Ort zu dem Mantel. Darauf trat sie ans
Fenster und sah hinaus in die duftige Nacht und das zauberische Mondlicht.
Ihre Lippen regten sich wie im Gebet: aber die Worte des Gebets klangen
aus in der alten Weise:

  An Wasserflssen Babylons
    Sa weinend Judas Stamm:
  Wann kmmt der Tag, der all dein Leid,
    Du Tochter Zion, stillt?




                       Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Indessen Miriam schweigend aufsah zu den ersten Sternen, hatte Totilas
rascher sehnsuchtbeflgelter Schritt alsbald die Villa des reichen
Purpurhndlers, die etwa eine Stunde vor dem capuanischen Thor gelegen
war, erreicht.

Der Thrstehersklave wies ihn an den alten Hortularius, den Freigelassenen
Valerias, dem die Sorge fr die Grten berlassen war. Dieser, der
Vertraute der Liebenden, nahm dem Grtnerburschen die Blumen und Smereien
ab, die er angeblich von dem ersten Blumenhndler von Neapolis brachte,
und geleitete ihn in sein gewhnliches Schlafgemach im Erdgescho, dessen
niedrige Fenster in den Garten fhrten: am andern Morgen noch vor Aufgang
der Sonne - so wollte es die Geheimlehre der antiken Grtnerei - mten
die Blumen eingesetzt werden, auf da das erste Sonnenlicht, das sie in
dem neuen Boden trfe, das segenbringende der Morgensonne sei. -

Ungeduldig erwartete der junge Gote in dem engen Gemach bei einem Kruge
Weines die Stunde, da sich Valeria von ihrem Vater nach dem gemeinsamen
Nachtmahl verabschieden konnte.

Immer wieder sah er zum Himmel auf, an dem Auftauchen der Sterne und dem
Gang des Mondes den Fortschritt der Nacht zu ermessen. Er schlug den
Vorhang zurck, der die Fensterffnung schlo; stille war's in dem weiten
Garten. In der Ferne pltscherte nur leise der Springbrunnen und Zikaden
zirpten in den Myrtengebschen: der warme ppige Sdwind strich in
schwlem Hauch durch die Nacht, stoweise ganze Wolken von Wohlgerchen
aus Rosenbumen auf seinen Fittichen mit sich fhrend: und weithin aus dem
Pinienwldchen am Ende des Gartens drang lockend und sinnaufregend der
tiefgezogene heie Schlag der Nachtigall.

Endlich hielt sich Totila nicht lnger. Geruschlos schwang er sich ber
die Marmorbrstung des Fensters: kaum knisterte unter seinen raschen
Schritten der weie Sand der schmalen Wege, wie er, den Strom des
Mondlichts meidend, unter dem Schatten der Gebsche dahin eilte. Vorber
an den dunkeln Taxusgngen und den Lauben von dichten Oliven, vorber an
der hohen Statue der Flora, deren weier Marmor geisterhaft im Mondlicht
schimmerte, vorber an dem weiten Becken, wo sechs Delphine den
Wasserstrahl hoch aus den Nstern bliesen, rasch eingebogen in den dicht
verwachsenen Laubweg von Lorbeer und Tamarinden und nun, noch ein
Oleandergebsch durchdringend, stand er vor der Grotte aus Tropfstein, in
der die Quellnymphe ber einer dunkeln groen Urne lehnte.

Wie er eintrat, glitt eine weie Gestalt hinter der Statue hervor.

Valeria, meine schne Rose! rief Totila und umschlang glhend die
Geliebte, die leise seinem Ungestm wehrte. La, la ab, mein Geliebter,
flsterte sie, sich seinem Arm entziehend. Nein, du Se, ich will nicht
von dir lassen. Wie lang, wie schmerzlich hab' ich dein entbehrt! Hrst
du, wie lockend und wirbelnd die Nachtigall ruft, fhlst du wie der warme
Hauch der Sommernacht, der berauschende Duft des Geiblattes Liebe atmet?
Sie alle mahnen und bedeuten, wir sollen glcklich sein! O la sie uns
festhalten, diese goldnen Stunden. Meine Seele ist nicht weit genug all'
ihr Glck zu fassen: all' deine Schnheit, all' unsre Jugend und diese
glhende, blhende Sommernacht; in mchtigen Wogen rauscht das volle Leben
durch das Herz und will's vor Wonne sprengen.

O mein Freund! gern mcht' ich, wie du, aufgehn im Glcke dieser Stunden.
Ich kann es nicht. Ich traue nicht diesem berauschenden Duft, der ppigen
Schwle dieser Sommernchte: sie dauert nicht: sie brtet Unheil: ich kann
nicht glauben an das Glck unsrer Liebe.

Du liebe Thrin, warum nicht?

Ich wei es nicht: der unselige Zwiespalt, der all' mein Leben scheidet,
bt seinen Fluch auch hier. Gern mchte mein Herz sich trunken, wie du,
diesem Glcke hingeben. Aber eine Stimme in mir warnt und mahnt: es dauert
nicht, - du sollst nicht glcklich sein.

So bist du nicht glcklich in meinen Armen?

Ja und nein! das Gefhl des Unrechts, der Schuld gegen meinen edlen Vater
lastet auf mir. Sieh, Totila, was mich zumeist an dir beglckt ist nicht
diese deine jugendschne Kraft, selbst deine groe Liebe nicht. Es ist der
Stolz meines Herzens auf deine Seele, auf deine offne, lichte, edle Seele.
Ich habe mich gewhnt, dich klar und hell wie einen Gott des Lichts durch
diese dunkle Welt schreiten zu sehen: der edle Mut siegessichrer Kraft,
der Schwung, die freudige Wahrhaftigkeit deines Wesens ist mein Stolz: da
alles Kleine, Dumpfe, Gemeine versinken mu, wo du nahest, das ist mein
Glck. Ich liebe dich wie eine Sterbliche den Sonnengott, der ihr in Flle
seines Lichts genaht. Und deshalb kann ich an dir nichts Heimliches,
Verstecktes dulden. Auch die Wonnen dieser Stunden nicht - sie sind
erlistet und es kann nicht lnger also sein.

Nein, Valeria und es soll auch nicht. Ich fhle ganz wie du. Auch mir ist
die Lge dieser Mummerei verhat, ich trage sie nicht lnger. Ich bin
gekommen, ihr ein Ende zu machen. Morgen, morgen werf ich diese Tuschung
ab und spreche zu deinem Vater offen und frei. - Dieser Entschlu ist
der beste, denn -

Denn er rettet dein Leben, Jngling! unterbrach pltzlich eine tiefe
Stimme und aus dem dunkeln Hintergrund der Grotte trat ein Mann und stie
das blanke Schwert in die Scheide.

Mein Vater! rief Valeria berrascht, doch in mutiger Fassung. Totila
schlang seinen Arm um sie, sein Kleinod zu verteidigen.

Hinweg, Valeria, fort von dem Barbaren! sprach Valerius, befehlend den
Arm ausstreckend.

Nein, Valerius, sagte Totila, die Geliebte fester an sich drckend, ihr
Platz ist forthin an dieser Brust.

Verwegner Gote!

Hre mich, Valerius, und zrne uns nicht um dieser Tuschung willen. Du
hast es selbst gehrt, schon morgen sollte sie enden.

Zu deinem Glck hab' ich's gehrt. Gewarnt von dem ltesten meiner
Freunde, wollt' ich doch kaum glauben, da meine Tochter - mich
hintergeht. Als ich's glauben mute, beschlo ich, da dein Blut deine
List bezahlen sollte. Dein Entschlu hat dein Leben gerettet. Jetzt aber
flieh: du siehst ihr Antlitz niemals wieder. -

Totila wollte heftig erwidern, aber Valeria kam ihm zuvor: Vater, sprach
sie ruhig, zwischen die Mnner tretend, hre dein Kind. Ich will meine
Liebe nicht entschuldigen, sie bedarf es nicht, sie ist gttlich und
notwendig wie die Sterne: die Liebe zu diesem Mann ist das Leben meines
Lebens.

Du kennst meine Seele: Wahrheit ist ihr ther und ich sage dir, bei meiner
Seele: nie werd' ich lassen von diesem Mann! - Und niemals ich von ihr,
rief Totila und ergriff ihre Rechte.

Hochaufgerichtet stand das junge Paar, vom Licht des Mondes voll
beleuchtet, vor dem Alten: ihre edlen Zge und Gestalten trugen im
Augenblick die Weihe heiliger Begeisterung: und so schn war die Gruppe,
da ein rhrendes, erweichendes Gefhl davon sich unwillkrlich dem
zrnenden Vater aufdrngte. Valeria, mein Kind!

O mein Vater! Du hast mit einer Liebe und Treue all' meine Schritte
geleitet, da ich bisher die Mutter, die verlorne, zwar beklagte, aber
kaum vermite. Jetzt, in dieser Stunde vermi' ich sie zum erstenmal:
jetzt, ich fhl' es, bedrfte ich ihrer Frsprache. O so la ihr Andenken
wenigstens fr mich sprechen. La mich dir ihr Bild vor die Seele fhren
und dich an den Augenblick erinnern, da dich die Sterbende zum letztenmal
an ihr Lager rief und dir, wie du mir oft gesagt, mein Glck auf die Seele
band als heiligstes Vermchtnis. -

Valerius drckte die linke Hand vor die Stirn; seine Tochter wagte, die
andre zu fassen, er entzog sie ihr nicht: offenbar rang es gewaltig in des
Alten Brust. Endlich sprach er: Valeria, du hast ein mchtig Wort
gesprochen, ohne es zu wissen. Es wre Unrecht, dir zu verschweigen, was
du ahnungsvoll berhrt. Erfahre, was deine Mutter in jener Sterbestunde
mir auferlegt. Noch immer drckte ihre Seele jenes Gelbde, das wir doch
lange abgelst. Soll unser Kind nicht die Braut des Himmels werden,
sprach sie, so gelobe mir wenigstens, die Freiheit ihrer Wahl zu ehren.
Ich wei wie rmische Mdchen, zumal die Tchter unsres Standes, in die
Ehe gegeben werden, ungefragt, ohne Liebe: ein solcher Bund ist ein Elend
auf Erden und ein Greuel vor dem Herrn. Meine Valeria wird edel whlen -
gelobe mir, sie dem Mann ihrer Wahl anzuvertrauen und keinem sonst.

Und ich gelobte es in ihre bebende Hand. - Aber mein Kind einem Barbaren
geben, einem Feind Italiens, nein, nein! Und mit heftiger Armbewegung ri
er sich von ihr los.

Ich bin vielleicht so gar barbarisch nicht, Valerius, hob Totila an.
Wenigstens bin ich in meinem ganzen Volk der wrmste Freund der Rmer.
Glaube mir, nicht euch hasse ich: die ich verabscheue, sind eure wie unsre
verderblichsten Feinde - die Byzantiner!

Das war ein glckliches Wort. Denn in dem Herzen des alten Republikaners
war der Ha gegen Byzanz die Kehrseite seiner Liebe zur Freiheit und zu
Italien. Er schwieg, aber sein Auge ruhte sinnend auf dem Jngling.

Mein Vater, sprach Valeria, dein Kind wrde keinen Barbaren lieben.
Lern' ihn kennen: und schiltst du ihn dann noch barbarisch - so will ich
nie die Seine werden. Ich fordre nichts von dir als: lern' ihn kennen:
entscheide du selbst, ob meine Wahl edel sei oder nicht.

Ihn lieben alle Gtter und alle Menschen mssen ihm gut sein - du allein
wirst ihn nicht verwerfen.

Und sie fate seine Hand.

O lerne mich kennen, Valerius, bat Totila, innig seine andre Hand
ergreifend. Der Alte seufzte. Endlich sprach er: Kommt mit mir zum Grabe
der Mutter. Dort ragt es unter den Cypressen. Da ruht die Urne mit ihrem
Herzen. Dort lat uns ihrer gedenken, der edelsten Frau, und ihren
Schatten anrufen. Und ist es echte Liebe und eine edle Wahl - so werd' ich
erfllen, was ich gelobt.




                       Vierundzwanzigstes Kapitel.


Einige Wochen spter finden wir zu Rom in dem uns wohl erinnerlichen
Schreibgemach mit der Csarstatue Cethegus, den Prfekten und unsern neuen
Bekannten, Petros, des Kaisers oder vielmehr der Kaiserin Gesandten.

Die beiden Mnner hatten unter lebhaftem Gesprch und wechselseitigem
Erinnern an frhere Zeiten, - sie waren Studiengenossen, wie wir erfuhren,
- zu einfachem Mahl einen Krug alten Massikers geleert und waren soeben
aus dem Speisesaal in das abgelegene Arbeitszimmer getreten, um jetzt
ungestrt von den bedienenden Sklaven Geheimeres zu bereden.

Sobald ich mich berzeugt hatte, schlo Cethegus seinen Bericht ber die
letzten Ereignisse da die Schreckensnachrichten aus Ravenna nur erst
Gerchte waren, vielleicht erdichtet, jedenfalls bertrieben, setzte ich
der Aufregung und dem Eifer meiner Freunde die grte Ruhe entgegen. Der
Feuerkopf Lucius Licinius mit seiner thrichten Begeisterung fr mich
htte bald alles verdorben. Unablssig forderte er meine Dictatur,
buchstblich setzte er mir das Schwert auf die Brust und schrie, man msse
mich zwingen, das Vaterland zu retten. Er schwatzte so viel aus der
Schule, da es nur ein Glck war, der schwarze Korse - der es mit den
Barbaren zu halten scheint, niemand wei recht warum - nahm ihn fr mehr
berauscht als er war. Endlich kam die Nachricht, Amalaswintha sei
zurckgekehrt, und so beruhigte sich allmhlich Volk und Senat.

Du aber, sagte Petros, hattest zum zweitenmal Rom vor der Rache der
Barbaren gerettet - ein unvergeliches Verdienst, das dir die ganze Welt,
zunchst aber die Regentin, danken mu. - Die Regentin - arme Frau!
meinte Cethegus achselzuckend, wer wei wie lange die Goten oder deine
Gebieter zu Byzanz, sie noch werden auf dem Throne lassen. - Wie? da
irrst du sehr! fiel Petros eifrig ein. Meine Sendung hat vor allem den
Zweck, ihren Thron zu sttzen; und bei dir wollte ich eben anfragen, wie
man das am besten knne, setzte er pfiffig hinzu.

Aber der Prfekt lehnte sein Haupt zurck an die Marmorwand und sah den
Gesandten lchelnd an: O Petros, o Petre, sagte er, warum so verdeckt?
Ich dchte doch, wir kennten uns besser.

Was meinst du? fragte der Byzantiner befangen.

Ich meine, da wir nicht umsonst Recht und Geschichte miteinander
studiert haben zu Berytus und Athen. Ich meine, da wir damals schon
unzhlige Male als Jnglinge, lustwandelnd und Weisheit austauschend, zu
dem Ergebnis gelangten: der Kaiser msse diese Barbaren austreiben aus
Italien und wieder zu Rom herrschen wie zu Byzanz. Und da nun ich noch
denke wie dazumal, wirst wohl auch du nicht ein andrer geworden sein. -
Ich habe meine Ansicht der meines Herrn zu unterwerfen und Justinian -
Erglht natrlich fr die Herrschaft der Barbaren in Italien. -
Freilich, sagte der Rhetor verlegen, es knnten Flle eintreten -

Petre, rief jetzt Cethegus, sich unwillig aufrichtend, keine Phrasen
und keine Lgen. Sie sind nicht angewandt bei mir. Sieh, Petros, es ist
wieder dein alter Fehler: du bist immer zu pfiffig, um klug zu sein: du
meinst, es mu immer gelogen sein und hast nie den Mut zur Wahrheit. Man
mu aber nur dann lgen, wenn man in seiner Lge ganz sicher ist. Wie
kannst du mich darber tuschen wollen, da der Kaiser Italien wieder
haben will? Ob er die Regentin strzen oder halten will, hngt davon ab,
ob er glaubt ohne oder mit ihr leichter ans Ziel zu kommen. Wie er
hierber denkt, das soll ich nicht erfahren. Aber sieh', trotz all' deiner
Verschmitztheit, sobald wir noch einmal zusammengewesen, sag' ich dir ins
Gesicht, was dein Kaiser hierin vor hat.

Ein boshaftes und bittres Lcheln spielte um des Gesandten Mund: Noch
immer so stolz, wie in der Dialektik zu Athen, sagte er giftig. - Jawohl
und du weit, zu Athen war ich immer der Erste, Prokopius der Zweite und
erst der Dritte warst du.

Da trat Syphax ein:

Eine verhllte Frau, o Herr, meldete er, sie wartet dein im Zeussaal.

Sehr froh, diese Unterredung abgebrochen zu sehen, denn er fhlte sich dem
Prfekten nicht gewachsen, grinste Petros: Nun, ich wnsche Glck zu
solcher Strung.

Ja, dir! lchelte Cethegus und ging hinaus.

Hochmtiger, du sollst noch deinen Spott bereuen, dachte der Byzantiner.

Cethegus fand in dem Saale, der von einer schnen Zeusstatue des Glykon
von Athen den Namen trug, eine in gotischer Tracht reich gekleidete Frau;
sie schlug bei seinem Eintritt die Kapuze des braunen Mantels zurck.

Frstin Gothelindis, fragte der Prfekt berrascht, was fhrt dich zu
mir?

Die Rache! erwiderte eine heisere, unschne Stimme und die Gotin trat
dicht an ihn heran. Sie zeigte scharfe, aber nicht hliche Zge, und man
htte sie sogar schn nennen mssen, wenn nicht das linke Auge
ausgeflossen und die ganze linke Wange durch eine groe Narbe entstellt
gewesen wre: diese Wunde schien jetzt frisch zu bluten, da dem
leidenschaftlichen Weibe die Rte in die Wangen scho, wie sie bei jenem
Wort die Faust ballte. So tdlicher Ha loderte aus dem einen grauen Auge,
da Cethegus unwillkrlich von ihr zurcktrat.

Rache? fragte er, an wem?

An - davon spter. Vergieb, sagte sie, sich fassend, da ich euch
stre.

Dein Freund Petros, der Rhetor von Byzanz, ist bei dir, nicht wahr?

Ja. Woher weit du -

O, ich sah ihn vor der Coena durch deine Portikus eintreten, sagte sie
gleichgltig.

Das ist nicht wahr, sprach Cethegus im Geiste: ich hab' ihn ja zur
Gartenthr hereinfhren lassen. Also haben sich die beiden hier
zusammenbestellt. Ich soll das nicht ahnen. Aber was haben sie mit mir
vor?

Ich will dich nicht lange hier festhalten, fuhr Gothelindis fort. Ich
habe nur Eine Frage an dich. Antworte kurz ja oder nein. Ich kann das Weib
- die Tochter Theoderichs - strzen und ich will's: bist du darin fr mich
oder gegen mich?

O, Freund Petros, dachte der Prfekt, jetzt wei ich bereits, was du
mit Amalaswinthen vorhast. Aber wir wollen sehen, wie weit ihr schon
seid.

Gothelindis, hob er ausholend an, du willst die Regentin strzen - das
glaub' ich dir gern - aber da du's kannst, bezweifle ich.

Hre, dann entscheide ob ich's kann. Das Weib hat die drei Herzoge
ermorden lassen.

Cethegus zuckte die Achseln: Das glauben manche Leute.

Aber ich kann es beweisen.

Das wre, meinte Cethegus unglubig. Herzog Thulun, wie du weit, starb
nicht sofort. Er ward auf der milischen Strae berfallen, nahe bei
meiner Villa zu Tannetum: meine Colonen fanden ihn und brachten ihn in
mein Haus. Du weit, er war mein Vetter - ich bin aus dem Hause der Balten
- er verschied in meinen Armen.

Nun, und was sagte der Kranke im Wundfieber?

Nichts Wundfieber! Herzog Thulun traf noch im Strzen den Mrder mit dem
Schwert: er entkam nicht weit; meine Colonen suchten ihn und fanden ihn
sterbend im nchsten Walde: er hat mir alles gestanden.

Cethegus drckte nur unmerklich die Lippen zusammen. Nun, was war er? was
hat er ausgesagt.

Er war, sprach Gothelindis scharf, ein isaurischer Sldner, ein
Aufseher der Schanzarbeiten zu Rom und sagte aus: Cethegus, der Prfekt,
hat mich zur Regentin, die Regentin zu Herzog Thulun gesendet.

Wer hrte dies Gestndnis auer dir? fragte Cethegus lauernd.

Niemand. Und niemand soll davon hren, wenn du zu mir stehest. Wenn aber
nicht, dann -

Gothelindis, unterbrach der Prfekt, keine Drohung: sie ntzt dir
nichts. Du solltest einsehn, da du mich dadurch nur erbittern, nicht
zwingen kannst. Ich lasse es im Notfall zur offnen Anklage kommen: du bist
als grimmige Feindin Amalaswinthens bekannt: dein Zeugnis allein - du
warst unvorsichtig genug, zu gestehen, da niemand sonst das Gestndnis
gehrt - wird weder sie noch mich verderben. Zwingen kannst du mich zum
Kampfe gegen die Regentin nicht: hchstens berreden, wenn du mir's als
meinen eignen Vorteil darstellen kannst. Und dazu will ich selbst dir
einen Verbndeten schaffen. Du kennst doch Petros, meinen Freund?

Genau, seit lange.

Erlaube, da ich ihn zu dieser Unterredung herbeihole.

Er ging in das Studierzimmer zurck. Petros, mein Besuch ist die Frstin
Gothelindis, Theodahads Gemahlin. Sie wnscht uns beide zu sprechen.
Kennst du sie?

Ich? o nein; ich habe sie nie gesehen! sagte der Rhetor rasch.

Gut; folge mir. Sowie sie in den Saal des Zeus traten, rief Gothelindis
ihm entgegen:

Gegrt, alter Freund, welch berraschend Wiedersehn.

Petros verstummte.

Cethegus, die Hnde auf den Rcken gelegt, weidete sich an der Bestrzung
des Diplomaten von Byzanz. Nach einer peinlichen Pause hob er an: Du
siehst, Petros, immer zu pfiffig, immer unntige Feinheiten. Aber komm,
la dich eine entdeckte List mehr nicht so niederschlagen. Ihr beide habt
euch also verbunden, die Regentin zu strzen. Mich wollt ihr gewinnen,
euch dabei zu helfen. Dazu mu ich genau wissen, was ihr weiter vorhabt.
Wen wollt ihr auf Amalaswinthens Thron setzen? Denn noch ist der Weg fr
Justinian nicht frei.

Beide schwiegen eine Weile. Es berraschte sie sein klares Durchschauen
der Lage. Endlich sprach Gothelindis: Theodahad, meinen Gemahl, den
letzten der Amelungen.

Theodahad, den letzten der Amelungen, wiederholte Cethegus langsam.
Indessen berlegte er alle Grnde fr und wider. Er bedachte, da
Theodahad, unbeliebt bei den Goten, durch Petros erhoben, bald ganz in der
Hand der Byzantiner stehen und die Katastrophe durch Herbeirufung des
Kaisers anders, frher als Er wollte, herbeifhren wrde.

Er bedachte, da er jedenfalls die Heere der Ostrmer mglichst lange
fernhalten msse und er beschlo bei sich, die gegenwrtige Lage und
Amalaswintha aufrecht zu halten, da sie ihm Zeit zu seinen Vorbereitungen
lieen. All' das hatte er im Augenblick gedacht, erwogen, beschlossen.
Und wie wollt ihr nun eure Sache angehn? fragte er ruhig.

Wir werden das Weib auffordern, zu Gunsten meines Gatten abzudanken,
unter Androhung, sie des Mordes anzuklagen.

Und wenn sie's darauf wagt?

So vollfhren wir die Drohung, sagte Petros, und erregen unter den
Goten einen Sturm, der ihr -

Das Leben kostet, rief Gothelindis.

Vielleicht die Krone kostet, sagte Cethegus. Aber gewi sie nicht
Theodahad zuwendet.

Nein, wenn die Goten einen Knig whlen, heit er nicht Theodahad.

Nur zu wahr! knirschte Gothelindis.

Dann knnte leicht ein Knig kommen, der uns allen viel unerfreulicher
wre als Amalaswintha. Und deshalb sag' ich euch offen: ich bin nicht fr
euch, ich halte die Regentin.

Wohlan, rief Gothelindis grimmig, sich zur Thre wendend, also Kampf
zwischen uns, komm, Petros.

Gemach, ihr Freunde, sprach der Byzantiner.

Vielleicht ndert Cethegus seinen Sinn, wenn er dies Blatt gelesen.

Und er reichte dem Prfekten jenen Brief, den Alexandros von Amalaswintha
an Justinian berbracht.

Cethegus las: seine Zge verfinsterten sich.

Nun, meinte Petros hhnisch, willst du noch die Knigin sttzen, die
dich dem Untergang geweiht? Wo warst du, wenn sie ihren Plan durchfhrte
und deine Freunde nicht fr dich wachten.

Cethegus hrte ihn kaum. Armseliger, dachte er, als ob es das wre! Als
ob die Regentin daran nicht ganz recht htte. Als ob ich ihr das verargen
knnte! Aber die Unvorsichtige hat bereits gethan, was ich von Theodahad
erst frchtete: sie hat sich selbst vernichtet und all' meine Plne
bedroht: sie hat die Byzantiner schon ins Land gerufen und sie werden
jetzt kommen, ob sie noch will oder nicht. Solange Amalaswintha Knigin,
wird Justinian ihren Beschtzer spielen. Und nun wandte er sich scheinbar
in groer Bestrzung an den Gesandten, den Brief zurckgebend: Und wenn
sie ihren Entschlu durchfhrte, wenn sie auf dem Thron bliebe - bis wann
knnen eure Heere landen?

Belisar ist schon auf dem Wege nach Sicilien, sagte Petros, stolz
darauf, den Hochmtigen eingeschchtert zu haben, in einer Woche kann er
vor Rom liegen.

Unerhrt, rief Cethegus in unverstellter Bewegung.

Du siehst, sprach Gothelindis, welcher Petros inzwischen den Brief
gereicht, die du halten wolltest, will dich verderben. Komm ihr zuvor.

Und im Namen des Kaisers, meines Herrn, ford're ich dich auf, mir
beizustehn, dies Gotenreich zu vernichten und Italien seiner Freiheit
wiederzugeben. Man wei am Kaiserhof dich und deinen Geist zu schtzen und
nach dem Siege verheit dir Justinian: - die Wrde eines Senators zu
Byzanz.

Ist's mglich! rief Cethegus. Aber nicht einmal diese hchste Ehre
treibt mich dringender in euren Bund als die Entrstung ber die
Undankbare, die zum Lohn fr meine Dienste mein Leben bedroht. - Du bist
doch gewi, fragte er ngstlich, da Belisar noch nicht sobald landen
wird?

Beruhige dich, lchelte Petros, diese meine Hand ist's, die ihn
herbeiwinkt, wann es Zeit. Erst mu Amalaswintha durch Theodahad ersetzt
sein.

Gut, dachte Cethegus, Zeit gewonnen, alles gewonnen. Und nicht eher
soll der Byzantiner landen, bis ich ihn an der Spitze des bewaffneten
Italiens empfangen kann. Ich bin der eure, sprach er, und ich denke,
ich werde die Regentin dahin bringen, deinem Gatten mit eigner Hand die
Krone aufs Haupt zu setzen. Amalaswintha soll dem Scepter entsagen.

Nie thut sie das! rief Gothelindis.

Vielleicht doch! Ihr Edelmut ist noch grer als ihr Herrscherstolz. Man
kann seine Feinde auch durch ihre Tugenden verderben, sagte Cethegus
nachsinnend. Ich bin meiner Sache gewi und ich gre dich, Knigin der
Goten! schlo er mit leichter Verbeugung.




                       Fnfundzwanzigstes Kapitel.


Die Regentin Amalaswintha stand in der Zeit nach der Beseitigung der drei
Herzoge in einer abwartenden Haltung.

Hatte sie durch den Fall der Hupter des ihr feindlichen Adels etwas mehr
freie Hand gewonnen, so stand doch die Volksversammlung zu Regeta bei Rom
in naher Aussicht, in der sie sich von dem Verdacht des Mordes vllig
reinigen oder die Krone, vielleicht das Leben, lassen mute. Nur bis dahin
hatten ihr Witichis und die Seinen ihren Schutz zugesagt. Sie spannte
deshalb ihre Krfte an, ihre Stellung bis zu jener Entscheidung nach allen
Seiten zu befestigen.

Von Cethegus hoffte sie nichts mehr: sie hatte seine kalte Selbstsucht
durchschaut; doch vertraute sie, da die Italier und die Verschwornen in
den Katakomben, an deren Spitze ja ihr Name stand, ihre rmerfreundliche
Herrschaft einem aus der rauhen Gotenpartei hervorgegangenen Knig
vorziehen wrden. Sehnlich wnschte sie das Eintreffen der vom Kaiser
erbetenen Leibwache herbei um fr den ersten Augenblick der Gefahr eine
Sttze zu haben: und eifrig war sie bemht, unter den Goten selbst die
Zahl ihrer Freunde zu vermehren.

Sie berief mehrere der alten Gefolgsleute ihres Vaters, eifrige Anhnger
des Hauses der Amaler, greise Helden von groem Namen im Volk,
Waffenbrder und beinahe Jugendgenossen des alten Hildebrand, zu sich nach
Ravenna, besonders den weibrtigen Grippa, den Mundschenk Theoderichs,
der dem Waffenmeister an Ruhm und Ansehn kaum nachstand: sie berhufte
ihn und die andern Gefolgen mit Ehren, bertrug Grippa und seinen Freunden
das Kastell von Ravenna und lie sie schwren, diese Feste dem Geschlecht
der Amaler sicher zu erhalten.

Wenn die Verbindung mit diesen volkbeliebten Namen eine Art von
Gegengewicht wider Hildebrand, Witichis und ihre Freunde schaffen sollte,
- und Witichis konnte die Auszeichnung der Freunde Theoderichs nicht als
staatsgefhrlich verhindern - so sah sich die Knigin auch gegen die
Adelspartei der Balten und ihrer Blutrcher nach einer Sttze um. Sie
erkannte diese mit scharfem Blick in dem edeln Hause der Wlsungen, nach
den Amalern und Balten der dritthchsten Adelssippe unter den Goten, reich
begtert und einflureich in dem mittleren Italien, deren Hupter dermalen
zwei Brder, Herzog Guntharis und Graf Arahad, waren. Diese zu gewinnen,
hatte sie ein besonders wirksames Mittel ersonnen: sie bot fr die
Freundschaft der Wlsungen keinen geringern Preis als die Hand ihrer
schnen Tochter. -

Zu Ravenna in einem reich geschmckten Gemach standen Mutter und Tochter
in ernstem, aber nicht vertraulichem Gesprch hierber.

Mit hastigen Schritten, fremd ihrer sonstigen Ruhe, durchma die
junonische Gestalt der Regentin den schmalen Raum, manchmal mit einem
zornigen Blick das herrliche Geschpf messend, welches ruhig und gesenkten
Auges vor ihr stand, die linke Hand in die Hfte, die Rechte auf die
Platte des Marmortisches gesttzt.

Besinne dich wohl, rief Amalaswintha heftig, pltzlich stehen bleibend,
besinne dich anders. Ich gebe dir noch drei Tage Bedenkzeit.

Das ist umsonst: ich werde immer sprechen wie heute, sagte Mataswintha,
die Augen nicht erhebend.

So sage nur, was du an Graf Arahad auszusetzen hast.

Nichts, als da ich ihn nicht liebe.

Die Knigin schien dies gar nicht zu hren. Es ist doch in diesem Fall
ganz anders als damals, da du mit Cyprianus vermhlt werden solltest. Er
war alt und - was in deinen Augen vielleicht ein Nachteil - fgte sie
bitter hinzu - ein Rmer!

Und doch ward ich um meiner Weigerung willen nach Tarentum verbannt.

Ich hoffte, Strenge wrde dich heilen. Mondelang halt' ich dich ferne von
meinem Hof, von meinem Mutterherzen -

Mataswintha verzog die schne Lippe zu einem herben Lcheln.

Umsonst! ich rufe dich zurck -

Du irrst. Mein Bruder Athalarich hat mich zurckgerufen.

Ein andrer Freier wird dir vorgeschlagen. Jung, blhend schn, ein Gote
von edelstem Adel, sein Haus jetzt das zweite im Reich. Du weit, du ahnst
wenigstens, wie sehr mein rings bedrngter Thron der Sttze bedarf: er und
sein kriegsgewalt'ger Bruder verheien uns die Hilfe ihrer ganzen Macht:
Graf Arahad liebt dich und du - du schlgst ihn aus! Warum? Sage warum?

Weil ich ihn nicht liebe.

Albernes Mdchengerede. Du bist eine Knigstochter - du hast dich deinem
Hause, deinem Reiche zu opfern.

Ich bin ein Weib, sagte Mataswintha, die blitzenden Augen aufschlagend,
und opfre mein Herz keiner Macht im Himmel und auf Erden. -

Und so spricht meine Tochter! Sieh auf mich, thrichtes Kind. Groes hab'
ich erstrebt und erreicht. Solange Menschen das Hohe bewundern, werden sie
meinen Namen nennen. Ich habe alles gewonnen was das Leben Herrlichstes
bietet und doch hab' ich -

Nie geliebt. Ich wei es, seufzte ihre Tochter.

Du weit es?

Ja, es war der Fluch meiner Kindheit. Wohl war ich noch ein Kind, als
mein geliebter Vater starb: ich wute es nicht zu sagen, aber ich konnte
es empfinden, damals schon, da seinem Herzen etwas fehle, wenn er
seufzend, mit schmerzlicher Liebe, Athalarich und mich umfing und kte
und wieder seufzte.

Und ich liebte ihn darum desto inniger, da ich fhlte, er suchte Liebe,
die ihm fehlte. Jetzt freilich wei ich lngst, was mich damals
unerklrlich peinigte: du wardst unseres Vaters Weib, weil er nach
Theoderich der nchste am Thron: aus Herrschsucht, nicht aus Liebe, wardst
du sein und nur kalten Stolz hattest du fr sein warmes Herz.

berrascht blieb Amalaswintha stehen: Du bist sehr khn.

Ich bin deine Tochter.

Du redest von der Liebe so vertraut - du kennst sie besser scheint's mit
zwanzig als ich mit vierzig Jahren - du liebst! rief sie schnell, und
daher dieser Starrsinn.

Mataswintha errtete und schwieg.

Rede, rief die erzrnte Mutter, gesteh' es oder leugne!

Mataswintha senkte die Augen und schwieg: nie war sie so schn gewesen.

Willst du die Wahrheit verleugnen? Bist du feige, Amelungentochter?

Stolz schlug das Mdchen die Augen auf:

Ich bin nicht feige und ich verleugne die Wahrheit nicht. Ja, ich liebe.

Und wen, Unselige?

Das wird mir kein Gott entreien.

Und so entschieden sah sie dabei aus, da Amalaswintha keinen Versuch
machte, es zu erfahren.

Wohlan, sagte sie, meine Tochter ist kein gewhnlich Wesen. So fordere
ich das Ungewhnliche von dir: dein alles dem Hchsten zu opfern.

Ja, Mutter, ich trage im Herzen einen hohen Traum. Er ist mein Hchstes.
Ihm will ich alles opfern.

Mataswintha, sprach die Regentin, wie unkniglich! Sieh, dich hat Gott
vor Tausenden gesegnet an Herrlichkeit des Leibes und der Seele: du bist
zur Knigin geboren.

Eine Knigin der Liebe will ich werden. Sie preisen mich alle um meine
Weibesschnheit: wohlan: ich hab' mir's vorgesteckt, liebend und geliebt,
beglckend und beglckt, ein Weib zu sein.

Ein Weib! ist das dein ganzer Ehrgeiz!

Mein ganzer. O wr' es auch der deine gewesen!

Und der Enkelin Theoderichs gilt das Reich und die Krone nichts? Und
nichts dein Volk, die Goten?

Nein, Mutter, sagte Mataswintha ernst: es schmerzt mich beinahe, es
beschmt mich: aber ich kann mich nicht zwingen zu dem, was ich nicht
fhle: ich empfinde nichts bei dem Worte Goten: vielleicht ist es nicht
meine Schuld: du hast von jeher diese Goten verachtet, diese Barbaren
gering geschtzt: das waren die ersten Eindrcke: sie sind geblieben. Und
ich hasse diese Krone, dieses Gotenreich: es hat in deiner Brust dem
Vater, dem Bruder, mir den Platz fortgenommen. Diese Gotenkrone, nichts
ist sie mir von je gewesen und geblieben als eine verhate, feindliche
Macht.

O mein Kind, weh' mir, wenn ich das verschuldet htte! Und thust du's
nicht um des Reiches, o thu's um meinetwillen. Ich bin so gut wie verloren
ohne die Wlsungen. Thu's um meiner Liebe willen.

Und sie fate ihre Hand. -

Mataswintha entzog sie mit bittrem Lcheln: Mutter, entweihe den hchsten
Namen nicht. Deine Liebe! Du hast mich nie geliebt. Nicht mich, nicht den
Bruder, nicht den Vater.

Mein Kind! Was htt' ich geliebt, wenn nicht euch!

Die Krone, Mutter, und diese verhate Herrschaft. Wie oft hast du mich
von dir gestoen vor Athalarichs Geburt, weil ich ein Mdchen war und du
einen Thronerben wolltest. Denke an meines Vaters Grab und an -

La ab, winkte Amalaswintha.

Und Athalarich? Hast du ihn geliebt, oder vielmehr sein Recht auf den
Thron? O wie oft haben wir armen Kinder geweint, wenn wir die Mutter
suchten und die Knigin fanden.

Du hast mir nie geklagt. Erst jetzt, da du mir Opfer bringen sollst.

Mutter, es gilt ja auch jetzt nicht dir, nur deiner Krone, deiner
Herrschaft. Leg' diese Krone ab und du bist aller Sorgen frei. Die Krone
hat dir und uns allen kein Glck, nur Schmerzen gebracht. Nicht du bist
bedroht: dir wollt' ich alles opfern - nur dein Thron, nur der goldne Reif
des Gotenreichs, der Gtze deines Herzens, der Fluch meines Lebens: nie
werd' ich dieser Krone meine Liebe opfern, nie, nie, nie!

Und sie kreuzte die weien Arme ber ihrer Brust, als wollte sie die Liebe
darin beschirmen.

Ah, sagte die Knigin zrnend, selbstisches, herzloses Kind! Du
gestehst, da du kein Herz hast fr dein Volk, fr die Krone deiner groen
Ahnen - du gehorchst nicht freiwillig der Stimme der Ehre, des Ruhmes
deines Hauses - wohlan, so gehorche dem Zwang. Du sprichst mir die Liebe
ab, so erfahre meine Strenge. Zur Stunde verlt du mit deinem Gefolge
Ravenna.

Du gehst als Gast nach Florentia in das Haus des Herzogs Guntharis: seine
Gattin hat dich geladen. Graf Arahad wird deine Reise begleiten. Verla
mich. Die Zeit wird dich beugen.

Mich? sprach Mataswintha, sich hoch aufrichtend: keine Ewigkeit!

Schweigend blickte ihr die Knigin nach: die Anklagen der Tochter hatten
einen mchtigeren Eindruck auf sie gemacht als sie zeigen wollte.
Herrschsucht? sagte sie zu sich selbst. Nein, das ist es nicht, was
mich erfllt. Ich fhlte, da ich dies Reich schirmen und beglcken
konnte, darum liebte ich die Krone. Und gewi, ich knnte, wie mein Leben,
so meine Krone opfern, verlangte es das Heil meines Volks. Knntest du
das, Amalaswintha? fragte sie sich, zweifelnd die Linke auf die Brust
legend.

Sie ward aus ihrem Sinnen geweckt durch Cassiodor, der langsam und
gesenkten Hauptes eintrat.

Nun, rief Amalaswintha, erschreckt von dem Ausdruck seiner Zge,
bringst du ein Unglck?

Nein, nur eine Frage.

Welche Frage?

Knigin, hob der Alte feierlich an, ich habe deinem Vater und dir
dreiig Jahre lang gedient, treu und eifrig, ein Rmer den Barbaren, weil
ich eure Tugenden ehrte und weil ich glaubte, Italien, der Freiheit nicht
mehr fhig, sei unter eurer Herrschaft am sichersten geborgen: denn eure
Herrschaft war gerecht und mild. Ich habe fort gedient, obwohl ich meiner
Freunde, Bothius und Symmachus, Blut flieen sah, wie ich glaube,
unschuldig Blut: aber sie starben durch offnes Gericht, nicht durch Mord.
Ich mute deinen Vater ehren, auch wo ich ihn nicht loben konnte. Jetzt
aber -

Nun, jetzt aber? fragte die Knigin stolz.

Jetzt komme ich, von meiner vieljhrigen Freundin, ich darf sagen, meiner
Schlerin -

Du darfst es sagen, sprach Amalaswintha weicher.

Von des groen Theoderich edler Tochter ein einfach schlichtes Wort, ein
Ja zu erbitten. Kannst du dies Ja sprechen - ich flehe zu Gott, da du es
knnest - so will ich dir dienen treu wie je, solang es dieses greise
Haupt vermag.

Und kann ich's nicht?

Und knntest du es nicht, o Knigin, rief der Alte schmerzlich, o dann
Lebewohl dir und meiner letzten Freude an dieser Welt.

Und was hast du zu fragen?

Amalaswintha, du weit ich war fern an der Nordgrenze des Reichs, als
hier der Aufstand losbrach, als jene furchtbare Kunde, jene furchtbare
Anklage sich erhob. Ich glaubte nichts - ich flog hierher von Tridentum. -
Seit zwei Tagen bin ich hier und keine Stunde vergeht, keinen Goten
spreche ich, ohne da die schwere Klage mir schwerer aufs Herz fllt. Und
auch du bist verwandelt, ungleich, unstet, unruhig - und doch will ich's
nicht glauben. - Ein treues Wort von dir soll all' diese Nebel
zerstreuen.

Wozu die vielen Reden, rief sie, auf die Armlehne des Thrones sich
sttzend, sage kurz, was hast du zu fragen?

Sprich nur ein schlichtes Ja: bist du schuldlos an dem Tode der drei
Herzoge?

Und wenn ich es nicht wre, - haben sie nicht reichlich den Tod
verdient?

Amalaswintha, ich bitte dich: sage ja.

Du nimmst ja auf einmal groen Anteil an den gotischen Rebellen!

Ich beschwre dich, rief der Greis auf die Kniee fallend, Tochter
Theoderichs, sage ja, wenn du kannst.

Steh auf, sprach sie finster sich abwendend, du hast kein Recht, so zu
fragen.

Nein, sagte der Alte ruhig aufstehend, nein, jetzt nicht mehr. Denn von
diesem Augenblick an gehr' ich der Welt nicht mehr an.

Cassiodor! rief die Knigin erschrocken.

Hier ist der Schlssel zu meinen Gemchern in dieser Knigsburg: du
findest darin alle Geschenke, die ich von dir und Theoderich erhalten, die
Urkunden meiner Wrden, die Abzeichen meiner mter. Ich gehe.

Wohin, mein alter Freund, wohin?

In das Kloster, das ich gegrndet zu Squillacium in Apulien. Fortan werd'
ich, fern den Werken der Knige, nur die Werke Gottes auf Erden verwalten:
lngst verlangt meine Seele nach Frieden, und jetzt hab' ich auf Erden
nichts mehr, was mir teuer. Noch einen Rat will ich dir scheidend geben:
lege das Scepter aus der blutbefleckten Hand: sie kann diesem Reiche nicht
mehr Segen, nur Fluch kann sie ihm bringen. Denke an das Heil deiner
Seele, Tochter Theoderichs: Gott sei dir gndig.

Und ehe sie sich von ihrer Bestrzung erholt, war er verschwunden.

Sie wollte ihm nacheilen, ihn zurckrufen, aber an dem Vorhang trat ihr
Petros, der Gesandte von Byzanz, entgegen.

Knigin, sagte er rasch und leise, bleib' und hre mich. Es gilt ein
dringendes Wort. Man folgt mir auf dem Fu.

Wer folgt dir?

Leute, die es nicht so gut meinen mit dir als ich. Tusche dich nicht
lnger: die Geschicke dieses Reiches erfllen sich: du hltst sie nicht
mehr auf, so rette fr dich was zu retten ist: ich wiederhole meinen
Vorschlag.

Welchen Vorschlag?

Den von gestern.

Den der Schande, des Verrats! Niemals! Ich werde diese Beleidigung deinem
Herrn, dem Kaiser, melden und ihn bitten, dich abzurufen. Mit dir
verhandle ich nicht mehr.

Knigin, es ist nicht mehr Zeit, dich zu schonen. Der nchste Gesandte
Justinians heit Belisar und kmmt mit einem Heere.

Unmglich! rief die verlassene Frstin. Ich nehme meine Bitte zurck.

Zu spt. Belisars Flotte liegt schon bei Sicilien. Den Vorschlag, den ich
dir gestern als meinen Gedanken mitteilte, hast du als solchen verworfen.
Vernimm: nicht ich, der Kaiser Justinian selbst ist es, der ihn ausspricht
als letztes Zeichen seiner Huld.

Justinian, mein Freund, mein Schtzer, will mich und mein Reich
verderben! rief Amalaswintha, der es schrecklich tagte.

Nicht dich verderben, dich erretten! Wiedergewinnen will er dies Italien,
die Wiege des rmischen Reichs: dieser unnatrliche, unmgliche Staat der
Goten, er ist gerichtet und verloren. Trenne dich von dem sinkenden
Fahrzeug. Justinian reicht dir die Freundeshand, die Kaiserin bietet dir
ein Asyl an ihrem Herzen, wenn du Neapolis, Rom, Ravenna und alle
Festungen in Belisars Hnde lieferst und geschehen lt, da die Goten
entwaffnet ber die Alpen gefhrt werden.

Elender, soll ich mein Volk verraten, wie ihr mich? Zu spt erkenne ich
eure Tcke! Eure Hilfe rief ich an und ihr wollt mich verderben.

Nicht dich, nur die Barbaren.

Diese Barbaren sind mein Volk, sind meine einzigen Freunde: ich erkenne
es jetzt und ich stehe zu ihnen in Tod und Leben.

Aber sie steh'n nicht mehr zu dir.

Verwegner! fort aus meinen Augen, fort von meinem Hof.

Du willst nicht hren? Merke wohl, o Knigin, nur unter jener Bedingung
brg' ich fr dein Leben.

Fr mein Leben brgt mein Volk in Waffen.

Schwerlich. Zum letztenmal frag' ich dich -

Schweig. Ich lief're die Krone nicht ohne Kampf an Justinian.

Wohlan, sagte Petros zu sich selbst, so mu es ein andrer thun. -
Tretet ein, ihr Freunde, rief er hinaus. - Aber aus dem Vorhang trat
langsam mit gekreuzten Armen Cethegus.

Wo ist Gothelindis? wo Theodahad? flsterte Petros. -

Seine Bestrzung entging der Frstin nicht.

Ich lie sie vor dem Palast. Die beiden Weiber hassen sich zu grimmig.
Ihre Leidenschaft wrde alles verderben.

Du bist mein guter Engel nicht, Prfekt von Rom, sprach Amalaswintha
finster und von ihm zurckweichend.

Diesmal vielleicht doch, flsterte Cethegus auf sie zuschreitend. Du
hast die Vorschlge von Byzanz verworfen? Das erwartete ich von dir.
Entla den falschen Griechen.

Auf einen Wink der Knigin trat Petros in ein Seitengemach.

Was bringst du mir, Cethegus! Ich traue dir nicht mehr!

Du hast, statt mir zu trauen, dem Kaiser vertraut und du siehst den
Erfolg.

Ich sehe ihn, sagte sie schmerzlich.

Knigin, ich habe dich nie belogen und getuscht darin: ich liebe Italien
und Rom mehr als deine Goten: du wirst dich erinnern, ich habe dir dies
niemals verhehlt.

Ich wei es und kann es nicht tadeln.

Am liebsten sh' ich Italien frei. Mu es dienen, so dien' es nicht dem
tyrannischen Byzanz, sondern euch, der milden Hand der Goten. Das war von
je mein Gedanke, das ist er noch heute. Um Byzanz abzuhalten, will ich
dein Reich erhalten: aber offen sag' ich dir, du, deine Herrschaft lt
sich nicht mehr sttzen. Rufst du zum Kampfe gegen Byzanz, so werden dir
die Goten nicht mehr folgen, die Italier nicht vertrauen.

Und warum nicht? Was trennt mich von den Italiern und von meinem Volk?

Deine eignen Thaten. Zwei unselige Dokumente, in der Hand des Kaisers
Justinian. Du selbst hast zuerst seine Waffen ins Land gerufen, eine
Leibwache von Byzanz!

Amalaswintha erbleichte: Du weit -

Leider nicht nur ich, sondern meine Freunde, die Verschworenen in den
Katakomben: Petros hat ihnen den Brief mitgeteilt: sie fluchen dir.

So bleiben mir meine Goten.

Nicht mehr. Nicht blo der ganze Anhang der Balten steht dir nach dem
Leben: - die Verschworenen von Rom haben im Zorn ber dich beschlossen,
sowie der Kampf entbrennt, aller Welt kund zu thun, da dein Name an ihrer
Spitze stand gegen die Goten, gegen dein Volk. Jenes Blatt mit deinem
Namen ist nicht mehr in meiner Hand, es liegt im Archiv der Verschwrung.

Ungetreuer!

Wie konnte ich wissen, da du hinter meinem Rcken mit Byzanz verkehrst
und dadurch meine Freunde dir verfeindest? Du siehst: Byzanz, Goten,
Italier, alles steht gegen dich. Beginnt nun der Kampf gegen Byzanz unter
deiner Fhrung, so wird Uneinigkeit Italier und Barbaren spalten, niemand
dir gehorchen, und dies Reich hilflos vor Belisar erliegen. Amalaswintha,
es gilt ein Opfer: ich fordre es von dir im Namen Italiens, deines und
meines Volks.

Welches Opfer? ich bringe jedes.

Das hchste: deine Krone. bergieb sie einem Mann der Goten und Italier
gegen Byzanz zu vereinen vermag und rette dein Volk und meines.

Amalaswintha sah ihn forschend an: es kmpfte und rang in ihrer Brust.
Meine Krone! sie war mir sehr teuer.

Ich habe Amalaswinthen stets jedes hchsten Opfers fhig gehalten.

Darf ich, kann ich deinem Rate trauen!

Wenn der dir s wre, drftest du zweifeln. Wenn ich deinem Stolze
schmeichelte, drftest du mitrauen: aber ich rate dir die bittre Arznei
der Entsagung. Ich wende mich an deinen Edelsinn, an deinen Opfermut: la
mich nicht zu Schanden werden.

Dein letzter Rat war ein Verbrechen, sagte Amalaswintha schaudernd.

Ich hielt deinen Thron durch jedes Mittel, solang er zu halten war,
solang er Italien ntzte: jetzt schadet er Italien und ich verlange, da
du dein Volk mehr liebst als dein Scepter.

Bei Gott! du irrst darin nicht: fr mein Volk hab' ich mich nicht
gescheut, fremdes Leben zu opfern, - sie verweilte gern bei diesem
Gedanken, der ihr Gewissen beschwichtigte, - ich werde mich nicht
weigern, jetzt - aber wer soll mein Nachfolger werden?

Dein Erbe, dem die Krone gebhrt, der letzte der Amaler.

Wie? Theodahad, der Schwchling?

Er ist kein Held, das ist wahr. Aber die Helden werden ihm gehorchen, dem
Neffen Theoderichs, wenn du ihn einsetzest. Und bedenke noch eins: seine
rmische Bildung hat ihm die Rmer gewonnen: ihm werden sie beistehen:
einen Knig nach des alten Hildebrand, nach Tejas Herzen wrden sie hassen
und frchten.

Und mit Recht; sagte die Regentin sinnend: aber Gothelindis Knigin!

Da trat Cethegus ihr nher und sah ihr scharf ins Auge: So klein ist
Amalaswintha nicht, da sie klglicher Weiberfeindschaft gedenkt, wo es
edler Entschlsse bedarf. Du erschienst mir von jeher grer als dein
Geschlecht. Beweis' es jetzt. Entscheide dich!

Nicht jetzt, sprach Amalaswintha, meine Stirne glht, und verwirrend
pocht mein Herz. La mir diese Nacht, mich zu fassen. Du hast mir
Entsagung zugetraut: ich danke dir. Morgen die Entscheidung.





                              Viertes Buch.


                                THEODAHAD.


                                     Nachbarn zu haben schien Theodahad
                                                    eine Art von Unglck.

                                                  Prokop, Gotenkrieg I. 3.




                             Erstes Kapitel.


Am andern Morgen verkndete ein Manifest dem staunenden Ravenna, da die
Tochter Theoderichs zu Gunsten ihres Vetters Theodahad auf die Krone
verzichtet und da dieser, der letzte Mannesspro der Amelungen, den Thron
bestiegen habe. Italier und Goten wurden aufgefordert, dem neuen Herrscher
den Eid der Treue zu schwren.

So hatte Cethegus richtig gerechnet.

Das Gewissen der unseligen Frau fhlte sich durch manche Thorheit, ja
durch blut'ge Schuld schwer belastet: edle Naturen suchen Erleichterung
und Bue in Opfer und Entsagung: durch ihrer Tochter und Cassiodors
Anklagen war ihr Herz mchtig bewegt worden und der Prfekt hatte sie in
gnstiger Stimmung fr seinen Rat gefunden. Weil er so bitter war,
befolgte sie ihn: ja sie hatte, um ihr Volk zu retten und ihre Schuld zu
shnen, sich noch weitere Demtigungen vorgesteckt.

Ohne Schwierigkeit vollzog sich der Thronwechsel.

Die Italier zu Ravenna waren zu einer Erhebung keineswegs vorbereitet und
wurden von Cethegus auf gelegnere Zeit vertrstet. Auch war der neue Knig
als Freund rmischer Bildung bei ihnen bekannt und beliebt.

Die Goten freilich schienen sich nicht ohne weitres den Tausch gefallen
lassen zu wollen. Frst Theodahad war allerdings ein Mann - das empfahl
ihn gegenber Amalaswinthen - und ein Amaler: das wog schwer zu seinen
Gunsten gegenber jedem andern Bewerber um die Krone.

Aber im brigen war er im Volke der Goten keineswegs hoch angesehen.
Unkriegerisch und feige, verweichlicht an Leib und Seele hatte er keine
der Eigenschaften, welche die Germanen von ihren Knigen forderten. Nur
Eine Leidenschaft erfllte seine Seele: Habsucht, unersttliche Goldgier.
Reich begtert in Tuscien lebte er mit allen seinen Nachbarn in ewigen
Prozessen: mit List und Gewalt und dem Schwergewicht seiner kniglichen
Geburt wute er seinen Grundbesitz nach allen Seiten auszudehnen und die
Lndereien weit in der Runde an sich zu reien: denn - sagt ein
Zeitgenosse - Nachbarn zu haben schien dem Theodahad eine Art von
Unglck.

Dabei war seine schwache Seele vollstndig abhngig von der bsartigen,
aber krftigen Natur seines Weibes.

Einen solchen Knig sahen denn die Tchtigsten unter den Goten nicht gern
auf dem Throne Theoderichs. Und kaum war das Manifest Amalaswinthens
bekannt geworden, als Graf Teja, der kurz zuvor mit Hildebad in Ravenna
angekommen war, diesen sowie den alten Waffenmeister und den Grafen
Witichis zu sich beschied und sie aufforderte, die Unzufriedenheit des
Volkes zu steigern, zu leiten und einen Wrdigern an Theodahads Stelle zu
setzen.

Ihr wit, schlo er seine Worte, wie gnstig die Stimmung im Volke.
Seit jener Bundesnacht im Mercuriustempel haben wir unablssig geschrt
unter den Goten und Groes ist schon gelungen: des edeln Athalarich
Aufschwung, der Sieg am Epiphaniasfeste, das Zurckholen Amalaswinthens,
wir haben es bewirkt. Jetzt winkt die gnstige Gelegenheit. Soll an des
Weibes Stelle treten ein Mann, der schwcher als ein Weib? Haben wir
keinen Wrdigern mehr als Theodahad im Volk der Goten?

Recht hat er, beim Donner und Strahl, rief Hildebad. Fort mit diesen
verwelkten Amalern! Einen Heldenknig hebt auf den Schild und schlagt los
nach allen Seiten. Fort mit dem Amaler!

Nein, sagte Witichis, ruhig vor sich hinblickend, noch nicht!
Vielleicht, da es noch einmal so kommen mu: aber nicht frher darf es
geschehen als es mu. Der Anhang der Amaler ist gro im Volk: nur mit
Gewalt wrde Theodahad den Reichtum, Gothelindis die Macht der Krone sich
entwinden lassen: sie wrden stark genug sein, wenn nicht zum Siege, doch
zum Kampf.

Kampf aber unter den Shnen eines Volks ist schrecklich, nur die
Notwendigkeit kann ihn rechtfertigen. Die ist noch nicht da. Theodahad mag
sich bewhren: er ist schwach, so wird er sich leiten lassen. Hat er sich
unfhig erwiesen, so ist's noch immer Zeit.

Wer wei, ob dann noch Zeit ist, warnte Teja.

Was rtst du, Alter? fragte Hildebad, auf welchen die Grnde des Grafen
Witichis nicht ohne Wirkung blieben.

Brder, sagte der Waffenmeister, seinen langen Bart streichend, ihr
habt die Wahl, darum die Qual. Mir sind beide erspart: ich bin gebunden.
Die alten Gefolgen des groen Knigs haben einen Eid gethan, solang sein
Haus lebt, keinem Fremden die Gotenkrone zuzuwenden.

Welch thrichter Eid! rief Hildebad.

Ich bin alt und nenn' ihn nicht thricht. Ich wei, welcher Segen auf der
festen, heiligen Ordnung des Erbgangs ruht. Und die Amaler sind Shne der
Gtter, schlo er geheimnisvoll.

Ein schner Gttersohn, Theodahad! lachte Hildebad.

Schweig, rief zornig der Alte, das begreift ihr nicht mehr, ihr neuen
Menschen. Ihr wollt alles fassen und verstehen mit eurem klglichen
Verstand. Das Rtsel, das Geheimnis, das Wunder, der Zauber, der im Blute
liegt - dafr habt ihr den Sinn verloren. Darum schweig' ich von solchen
Dingen zu euch.

Aber ihr macht mich nicht mehr anders mit meinen bald hundert Jahren. Thut
ihr, was ihr wollt, ich thue, was ich mu.

Nun, sprach Graf Teja nachgebend, auf euer Haupt die Schuld. Aber wenn
dieser letzte Amaler dahin ... -

Dann ist das Gefolge seines Schwures frei.

Vielleicht, schlo Witichis, ist es ein Glck, da auch uns dein Eid
die Wahl erspart: denn gewi wollen wir keinen Herrscher, den du nicht
anerkennen knntest. Gehen wir denn, das Volk zu beschwichtigen und tragen
wir diesen Knig - solang er zu tragen ist.

Aber keine Stunde lnger, sagte Teja und ging zrnend hinaus.




                             Zweites Kapitel.


Am nmlichen Tage noch wurden Theodahad und Gothelindis mit der alten
Krone der Gotenknige gekrnt.

Ein reiches Festmahl, besucht von allen rmischen und gotischen Groen des
Hofes und der Stadt, belebte den weiten Palast Theoderichs und den sonst
so stillen Garten, den wir als den Schauplatz von Athalarichs und Kamillas
Liebe kennen gelernt. Bis tief in die Nacht whrte das lrmende Gelage.
Der neue Knig, kein Freund der Becher und barbarischer Festfreuden, hatte
sich frhe zurckgezogen.

Gothelindis dagegen sonnte sich gern in dem Glanz ihrer jungen
Herrlichkeit: stolz prangte sie auf ihrem Purpursitz, die goldne
Zackenkrone im dunkeln Haar. Sie schien ganz Ohr fr die lauten Jubelrufe,
die ihren und ihres Gatten Namen feierten. Und doch hatte ihr Herz dabei
nur Eine Freude: den Gedanken, da dieser Jubel hinunterdringen msse bis
in die Knigsgruft, wo Amalaswintha, die verhate, besiegte Feindin, am
Sarkophage ihres Sohnes trauerte.

Unter der Menge von jenen Gsten, die immer frhlich sind, wenn sie bei
vollen Bechern sitzen, war doch auch so manches ernstere Gesicht zu
bemerken: mancher Rmer, der auf dem leeren Thron da oben lieber den
Kaiser gesehen htte: so mancher Gote, der in der gefhrlichen Lage des
Reiches einem Knig wie Theodahad nicht ohne Sorge huldigen konnte.

Zu letzteren zhlte Witichis, dessen Gedanken nicht unter dem
kranzgeschmckten Sulendach der Trinkhalle zu weilen schienen. Unberhrt
stand die goldne Schale vor ihm und auf den lauten Zuruf Hildebads, der
ihm gegenber sa, achtete er kaum. Endlich - schon leuchteten lngst im
Saale die Lampen und am Himmel die Sterne - stand er auf und ging hinaus
in das grne Dunkel des Gartens.

Langsam wandelte er durch die Taxusgnge dahin: sein Auge hing an den
funkelnden Sternen. Sein Herz war daheim bei seinem Weibe, bei seinem
Knaben, die er monatelang nicht mehr gesehen. So fhrte ihn sein sinnendes
Wandeln an den Venustempel bei der Meeresbucht, die wir kennen. Er sah
hinaus nach der flimmernden See - da blitzte etwas dicht vor seinen Fen
im schwachen Mondlicht: es war eine Rstung, daneben die kleine, gotische
Harfe: ein Mann lag vor ihm im weichen Grase und ein bleiches Antlitz hob
sich ihm entgegen.

Du hier, Teja? Du warst nicht beim Fest.

Nein, ich war bei den Toten.

Auch mein Herz wei nichts von diesen Festen: es war daheim bei Weib und
Kind, sagte Witichis, sich zu ihm niedersetzend.

Bei Weib und Kind, wiederholte Teja seufzend.

Viele fragten nach dir, Teja.

Nach mir! Soll ich sitzen neben Cethegus, der mir die Ehre nahm, und
neben Theodahad, der mir mein Erbe nahm?

Dein Erbe nahm?

Wenigstens besitzt er's. Und ber den Ort, wo meine Wiege stand, ging
seine Pflugschar.

Und schweigend sah er lange vor sich hin.

Dein Harfenspiel - es schweigt? Man rhmt dich unsres Volkes besten
Harfenschlger und Snger!

Wie Gelimer, der letzte Knig der Vandalen, seines Volkes bester
Harfenschlger war. - - Aber mich wrden sie nicht im Triumph einfhren
nach Byzanz!

Du singst nicht oft mehr?

Fast niemals mehr. Aber mir ist, die Tage kommen, da ich wieder singen
werde.

Tage der Freude?

Tage der hchsten, der letzten Trauer.

Lange schwiegen beide. -

Mein Teja, hob endlich Witichis an, in allen Nten von Krieg und
Frieden hab' ich dich erfunden treu, wie mein Schwert. Und obwohl du
soviel jnger als ich und nicht leicht der ltere sich dem Jngling
verbindet, kann ich dich meinen besten Herzensfreund nennen. Und ich wei,
da auch dein Herz mehr an mir hngt als an deinen Jugendgenossen.

Teja drckte ihm die Hand: Du verstehst mich und ehrest meine Art, auch
wo du sie nicht verstehst. Die andern -! und doch: den einen hab' ich sehr
lieb.

Wen?

Den alle lieb haben.

Totila!

Ich hab' ihn lieb wie die Nacht den Morgenstern. Aber er ist so hell: er
kann's nicht fassen, da andere dunkel sind und bleiben mssen.

Bleiben mssen! Warum? Du weit, Neugier ist meine Sache nicht. Und wenn
ich dich in dieser ernsten Stunde bitte: lfte den Schleier, der ber dir
und deiner finstern Trauer liegt, so bitt' ich's nur, weil ich dir helfen
mchte. Und weil des Freundes Auge oft besser sieht als das eigene.

Helfen? Mir helfen? Kannst du die Toten wieder auferwecken? Mein Schmerz
ist unwiderruflich wie die Vergangenheit. Und wer einmal gleich mir den
unbarmherzigen Rdergang des Schicksals versprt hat, wie es, blind und
taub fr das Zarte und Hohe, mit eherner grundloser Gewalt alles vor sich
nieder tritt, ja, wie es das Edle, weil es zart ist, leichter und lieber
zermalmt, als das Gemeine, wer erkannt hat, da eine dumpfe Notwendigkeit,
welche Thoren die weise Vorsehung Gottes nennen, die Welt und das Leben
der Menschen beherrscht, der ist hinaus ber Hilfe und Trost: er hrt
ewig, wenn er es einmal erlauscht, mit dem leisen Gehr der Verzweiflung
den immer gleichen Taktschlag des fhllosen Rades im Mittelpunkt der Welt,
das gleichgltig mit jeder Bewegung Leben zeugt und Leben ttet. Wer das
einmal empfunden und erlebt, der entsagt einmal und fr immer und allem:
nichts wird ihn mehr erschrecken. Aber freilich - die Kunst des Lchelns
hat er auch vergessen auf immerdar.

Mir schaudert. Gott bewahre mich vor solchem Wahn! Wie kamst du so jung
zu so frchterlicher Weisheit?

Freund, mit deinen Gedanken allein ergrbelst du die Wahrheit nicht,
erleben mut du sie. Und nur, wenn du des Mannes Leben kennst, begreifst
du, was er denkt und wie er denkt. Und auf da ich dir nicht lnger
erscheine wie ein irrer Trumer, wie ein Weichling, der sich gern in
seinen Schmerzen wiegt, - und damit ich dein Vertrauen und deine schne
Freundschaft ehre, vernimm, - hre ein kleines Stck meines Grams. Das
grere, das unendlich grere behalt' ich noch fr mich, sagte er
schmerzlich, die Hand auf die Brust drckend, - es kmmt wohl noch die
Stunde auch fr dies. Vernimm heute nur, wie ber meinem Haupte der Stern
des Unheils schon leuchtete, da ich gezeugt ward. - Und von all den
tausend Sternen da oben bleibt nur dieser Stern getreu. Du warst dabei -
du erinnerst dich - wie der falsche Prfekt mich laut vor allen einen
Bastard schalt und mir den Zweikampf weigerte: - ich mute es dulden: ich
bin noch schlimmeres als ein Bastard. - -

Mein Vater, Tagila, war ein tchtiger Kriegsheld, aber kein Adaling,
gemeinfrei und arm. Er liebte, schon seit der Bart ihm sprote, Gisa,
seines Vaterbruders Tochter. Sie lebten drauen, weit an der uersten
Ostgrenze des Reichs, an dem kalten Ister, wo man stets im Kampfe liegt
mit den Gepiden und den wilden ruberischen Sarmaten und wenig Zeit hat,
an die Kirche zu denken und die wechselnden Gebote, die ihre Konzilien
erlassen. Lange konnte mein Vater seine Gisa nicht heimfhren: er hatte
nichts als Helm und Speer und konnte ihrem Mundwalt den Malschatz nicht
zahlen und einem Weibe keinen Herd bereiten.

Endlich lachte ihm das Glck. Im Krieg gegen einen Sarmatenknig eroberte
er dessen festen Schatzturm an der Alutha: und die reichen Schtze, welche
die Sarmaten seit Jahrhunderten zusammengeplndert und hier aufgehuft,
wurden seine Beute. Zum Lohn seiner That ernannte ihn Theoderich zum
Grafen und rief ihn nach Italien. Mein Vater nahm seine Schtze und Gisa,
jetzt sein Weib, mit sich ber die Alpen und kaufte sich weite schne
Gter in Tuscien zwischen Florentia und Luca. Aber nicht lange whrte sein
Glck.

Kaum war ich geboren, da verklagte ein Elender, ein feiger Schurke, meine
Eltern wegen Blutschande beim Bischof von Florentia. Sie waren katholisch
- nicht Arianer - und Geschwisterkinder: ihre Ehe war nichtig nach dem
Recht der Kirche - und die Kirche gebot ihnen, sich zu trennen.

Mein Vater drckte sein Weib an die Brust und lachte des Gebots. Aber der
geheime Anklger ruhte nicht -

- Wer war der Neiding?

O wenn ich es wte, ich wollte ihn erreichen und thronte er in allen
Schrecken des Vesuvius! Er ruhte nicht. Unablssig bedrngten die Priester
meine arme Mutter und wollten ihre Seele mit Gewissensbissen schrecken.

Umsonst: sie hielt sich an ihren Gott und ihren Gatten und trotzte dem
Bischof und seinen Sendboten. Und mein Vater, wenn er einen der Pfaffen in
seinem Gehfte traf, begrte ihn, da er nicht wieder kam.

Aber wer kann mit denen kmpfen, die im Namen Gottes sprechen! Eine letzte
Frist ward den Ungehorsamen gesteckt: htten sie sich bis dahin nicht
getrennt, so sollten sie dem Bann verfallen und ihr Hab und Gut der
Kirche.

Entsetzt eilte jetzt mein Vater an den Hof des Knigs, Aufhebung des
grausamen Spruches zu erflehen. Aber die Satzung des Konzils sprach zu
klar und Theoderich konnte es nicht wagen, das Recht der katholischen
Kirche zu krnken. Als mein Vater zurckkehrte von Ravenna, mit Gisa zu
flchten, starrte er entsetzt auf die Sttte, wo sein Haus gestanden: der
Termin war abgelaufen, und die Drohung erfllt: sein Haus zerstrt, sein
Weib, sein Kind verschwunden.

Rasend strmte er durch ganz Italien, uns zu suchen. Endlich entdeckte er,
als Priester verkleidet, seine Gisa in einem Kloster zu Ticinum: ihren
Knaben hatte man ihr entrissen und nach Rom geschleppt. Mein Vater
bereitet mit ihr alles zur Flucht: sie entkommen um Mitternacht ber die
Mauer des Klostergartens. Aber am Morgen fehlt die Berin bei der Hora:
man vermit sie, ihre Zelle ist leer. Die Klosterknechte folgen den Spuren
des Rosses, - sie werden eingeholt: grimmig fechtend fllt mein Vater:
meine Mutter wird in ihre Zelle zurckgebracht. Und so furchtbar drcken
die Macht des Schmerzes und die Zucht des Klosters auf die zermrbte
Seele, da sie in Wahnsinn fllt und stirbt. Das sind meine Eltern!

Und du?

Mich entdeckte in Rom der alte Hildebrand, ein Waffenfreund meines
Grovaters und Vaters: - er entri mich, mit des Knigs Beistand, den
Priestern und lie mich mit seinen eigenen Enkeln in Regium erziehen.

Und dein Gut, dein Erbe?

Verfiel der Kirche, die es, halb geschenkt, an Theodahad berlie: er war
meines Vaters Nachbar, er ist jetzt mein Knig!

Mein armer Freund! Aber wie erging es dir spter? Man wei nur dunkles
Gerede - du warst einmal in Griechenland gefangen ... -

Teja stand auf. Davon la mich schweigen; vielleicht ein andermal.

Ich war Thor genug, auch einmal an Glck zu glauben und an eines liebenden
Gottes Gte. Ich hab' es schwer gebt. Ich will's nie wieder thun. Leb
wohl, Witichis, und schilt nicht auf Teja, wenn er nicht ist wie andre.

Er drckte ihm die Hand und war rasch im dunkeln Laubgang verschwunden.

Witichis sah lange schweigend vor sich hin. Dann blickte er gen Himmel, in
den hellen Sternen eine Widerlegung der finstern Gedanken zu finden, die
des Freundes Worte in ihm geweckt. Er sehnte sich nach ihrem Licht voll
Frieden und Klarheit. Aber whrend des Gesprchs war Nebelgewlk rasch aus
den Lagunen aufgestiegen und hatte den Himmel berzogen: es war finster
ringsum.

Mit einem Seufzer stand Witichis auf und suchte in ernstem Sinnen sein
einsames Lager.




                             Drittes Kapitel.


Whrend unten in den Hallen des Palatiums Italier und Goten tafelten und
zechten, ahnten sie nicht, da ber ihren Huptern in dem Gemach des
Knigs eine Verhandlung gepflogen ward, die ber ihr und ihres Reiches
Schicksale entscheiden sollte.

Unbeobachtet war dem Knig alsbald der Gesandte von Byzanz nachgefolgt und
lange und geheim sprachen und schrieben die beiden miteinander. Endlich
schienen sie handelseinig geworden und Petros wollte anheben, nochmal
vorzulesen, was sie gemeinsam beschlossen und aufgezeichnet. Aber der
Knig unterbrach ihn. Halt, flsterte der kleine Mann, der in seinem
weiten Purpurmantel verloren zu gehen drohte, halt - noch eins!

Und er hob sich aus dem schn geschweiften Sitz, schlich durch das Gemach
und hob den Vorhang, ob niemand lausche.

Dann kehrte er beruhigt zurck und fate den Byzantiner leise am Gewand.

Das Licht der Bronzeampel spielte im Winde flackernd auf den gelben
vertrockneten Wangen des hlichen Mannes, der die kleinen Augen
zusammenkniff: Noch dies. Wenn jene heilsamen Vernderungen eintreten
sollen, - auf da sie eintreten knnen, wird es gut sein, ja notwendig,
einige der trotzigsten meiner Barbaren unschdlich zu machen. - Daran
hab' ich bereits gedacht, nickte Petros. Da ist der alte halbheidnische
Waffenmeister, der grobe Hildebad, der nchterne Witichis -

Du kennst deine Leute gut, grinste Theodahad, du hast dich tchtig
umgesehen. Aber, raunte er ihm ins Ohr, einer, den du nicht genannt
hast, einer vor allen mu fort.

Der ist?

Graf Teja, des Tagila Sohn.

Ist der melancholische Trumer so gefhrlich?

Der gefhrlichste von allen! Und mein persnlicher Feind! schon von
seinem Vater her.

Wie kam das?

Er war mein Nachbar bei Florentia. Ich mute seine cker haben - umsonst
drang ich in ihn. Ha, lchelte er pfiffig, zuletzt wurden sie doch mein.
Die heilige Kirche trennte seine verbrecherische Ehe, nahm ihm sein Gut
dabei und lie mir's - billig - ab. Ich hatte einiges Verdienst um die
Kirche in dem Proze - dein Freund, der Bischof von Florentia kann dir's
genau erzhlen.

Ich verstehe, sagte Petros, was gab der Barbar seine cker nicht in
Gte! Wei Teja -?

Nichts wei er. Aber er hat mich schon deshalb, weil ich sein Erbgut -
kaufte. Er wirft mir finstere Blicke zu. Und dieser schwarze Trumer ist
der Mann, seinen Feind zu den Fen Gottes zu erwrgen.

So? sagte Petros, pltzlich sehr nachdenklich. Nun, genug von ihm: er
soll nicht schaden. La dir jetzt nochmal den ganzen Vertrag Punkt fr
Punkt vorlesen; dann unterzeichne.

Erstens. Knig Theodahad verzichtet auf die Herrschaft ber Italien und
die zugehrigen Inseln und Provinzen des Gotenreichs: nmlich Dalmatien,
Liburnien, Istrien, das zweite Pannonien, Savien, Noricum, Rtien und den
gotischen Besitz in Gallien, zu Gunsten des Kaisers Justinian und seiner
Nachfolger auf dem Throne von Byzanz. Er verspricht, Ravenna, Rom,
Neapolis und alle festen Pltze des Reichs dem Kaiser ohne Widerstand zu
ffnen.

Theodahad nickte.

Zweitens. Knig Theodahad wird mit allen Mitteln dahin wirken, da das
ganze Heer der Goten entwaffnet und in kleinen Gruppen ber die Alpen
gefhrt werde. Weiber und Kinder haben nach Auswahl des kaiserlichen
Feldherrn dem Heere zu folgen oder als Sklaven nach Byzanz zu gehen. Der
Knig wird dafr sorgen, da jeder Widerstand der Goten erfolglos bleiben
mu.

Drittens. Dafr belt Kaiser Justinian dem Knig Theodahad und seiner
Gemahlin den Knigstitel und die kniglichen Ehren auf Lebenszeit, und
viertens -

Diesen Abschnitt will ich doch mit eigenen Augen lesen, unterbrach
Theodahad, nach der Urkunde langend. Viertens belt der Kaiser dem Knig
der Goten nicht nur alle Lndereien und Schtze, die dieser als sein
Privateigentum bezeichnen wird, sondern auch den ganzen Knigsschatz der
Goten, der allein an geprgtem Gold auf vierzigtausend Pfunde geschtzt
ist. Er bergiebt ihm ferner zu Erb und Eigen ganz Tuscien von Pistoria
bis Cre, von Populonia bis Clusium und endlich berweist er an Theodahad
auf Lebenszeit die Hlfte aller ffentlichen Einknfte des durch diesen
Vertrag seinem rechtmigen Herrn zurckerworbenen Reiches. - Sage,
Petros, meinst du nicht, ich knnte drei Viertel fordern? - -

Fordern kannst du sie, allein ich zweifle sehr, da sie dir Justinian
gewhrt. Ich habe schon die Grenzen, die uersten, meiner Vollmacht
berschritten.

Fordern wollen wir's doch immerhin, meinte der Knig, die Zahl ndernd.
Dann mu Justinian herunter markten oder dafr andre Vorteile gewhren.

Um des Petros schmale Lippen spielte ein falsches Lcheln:

Du bist ein kluger Handelsmann, o Knig. - Aber hier verrechnest du dich
doch, sagte er zu sich selbst.

Da rauschten schleppende Gewnder den Marmorgang heran und eintrat ins
Gemach in langem schwarzem Mantel und schwarzem, mit silbernen Sternen
bestem Schleier Amalaswintha, bleich von Antlitz, aber in edler Haltung,
eine Knigin trotz der verlornen Krone: berwltigende Hoheit der Trauer
sprach aus den bleichen Zgen.

Knig der Goten, hob sie an, vergieb, wenn an deinem Freudenfeste ein
dunkler Schatte noch einmal auftaucht von der Welt der Toten. Es ist zum
letztenmal.

Beide Mnner waren von ihrem Anblick betroffen.

Knigin, - stammelte Theodahad.

Knigin! o wr' ich's nie gewesen. Ich komme, Vetter, von dem Sarge
meines edeln Sohnes, wo ich Bue gethan fr all' meine Verblendung, und
all' meine Schuld bereut. Ich steige herauf zu dir, Knig der Goten, dich
zu warnen vor gleicher Verblendung und gleicher Schuld.

Theodahads unstetes Auge vermied ihren ernsten, prfenden Blick.

Es ist ein bler Gast, fuhr sie fort, den ich in mitternchtiger Stunde
als deinen Vertrauten bei dir finde. Es ist kein Heil fr einen Frsten
als in seinem Volk: zu spt hab' ich's erkannt, zu spt fr mich, nicht zu
spt, hoff' ich, fr mein Volk. Traue du nicht Byzanz: es ist ein Schild,
der den erdrckt, den er beschirmen soll.

Du bist ungerecht, sagte Petros, und undankbar.

Thu nicht, mein kniglicher Vetter, fuhr sie fort, was dieser von dir
fordert. Bewillige nicht du, was ich ihm weigerte. Sicilien sollen wir
abtreten und dreitausend Krieger dem Kaiser stellen fr alle seine Kriege
- ich wies die Schmach von mir. Ich sehe, sprach sie, auf das Pergament
deutend, du hast schon mit ihm abgeschlossen. Tritt zurck, sie werden
dich immer tuschen.

ngstlich zog Theodahad die Urkunde an sich: er warf einen mitrauischen
Blick auf Petros.

Da trat dieser gegen Amalaswintha vor: Was willst du hier, du Knigin von
gestern? Willst du dem Beherrscher dieses Reiches wehren? Deine Zeit und
deine Macht ist um. - Verla uns, sagte Theodahad, ermutigt. Ich werde
thun was mir gutdnkt. Es soll dir nicht gelingen mich von meinen Freunden
in Byzanz zu trennen. Sieh her, vor deinen Augen soll unser Bund
geschlossen sein. Und er zeichnete seinen Namen auf die Urkunde.

Nun, lchelte Petros, kamst du noch eben recht, als Zeugin mit zu
unterzeichnen.

Nein, sprach Amalaswintha mit einem drohenden Blick auf die beiden
Mnner, ich kam noch eben recht, euren Plan zu vereiteln. Ich gehe
geradeswegs von hier zum Heere, zur Volksversammlung, die nchstens bei
Regeta tagt. Aufdecken will ich daselbst vor allem Volk deine Antrge, die
Plne von Byzanz und dieses schwachen Frsten Verrat.

Das wird nicht angehn, sagte Petros ruhig, ohne dich selbst zu
verklagen.

Ich will mich selbst verklagen. Enthllen will ich all' meine Thorheit,
all' meine blutige Schuld und gern den Tod erleiden, den ich verdient.
Aber warnen, aufschrecken soll diese meine Selbstanklage mein ganzes Volk
vom tna bis zu den Alpen; eine Welt von Waffen soll euch entgegenstehn
und retten werd' ich meine Goten durch meinen Tod von der Gefahr, in die
mein Leben sie gestrzt. Und in edler Begeisterung eilte sie aus dem
Gemach.

Verzagt blickte Theodahad auf den Gesandten: lang fand er keine Worte.
Rate, hilf - stammelte er endlich.

Raten? Da hilft nur Ein Rat. Die Rasende wird sich und uns verderben,
lt man sie gewhren. Sie darf ihre Drohung nicht erfllen. Dafr mut du
sorgen.

Ich? rief Theodahad erschreckt; ich kann dergleichen nicht! Wo ist
Gothelindis? Sie, sie allein kann helfen.

Und der Prfekt, sagte Petros - sende nach ihnen.

Alsbald waren die beiden Genannten von dem Festmahle herauf beschieden.
Petros verstndigte sie von den Worten der Frstin, ohne jedoch dem
Prfekten den Vertrag als Veranlassung des Auftritts zu nennen.

Kaum hatte er gesprochen, so rief die Knigin:

Genug, sie darf es nicht vollenden. Man mu ihre Schritte bewachen, sie
darf mit keinem Goten in Ravenna sprechen - sie darf den Palast nicht
verlassen. Das vor allem! Und sie eilte hinaus, vertraute Sklaven vor
Amalaswinthens Gemcher zu senden. Alsbald kehrte sie wieder. Sie betet
laut in ihrer Kammer, sprach sie verchtlich. Auf, Cethegus, la uns
ihre Gebete vereiteln.

Cethegus hatte, mit dem Rcken an die Marmorsulen des Eingangs gelehnt,
die Arme ber der Brust gekreuzt, diese Vorgnge schweigend und sinnend
mit angehrt. Er erkannte die Notwendigkeit, die Fden der Ereignisse
wieder mehr in seine Hand zu versammeln und straffer anzuziehen. Er sah
Byzanz immer mehr in den Vordergrund dringen: - das durfte nicht weiter
angehn.

Sprich, Cethegus, mahnte Gothelindis nochmals, was thut jetzt vor allem
Not?

Klarheit, sagte dieser sich aufrichtend. In jedem Bunde mu der Zweck,
der besondere Zweck jedes der Verbndeten klar sein: sonst werden sie
stets sich durch Mitrau'n hemmen. Ihr habt eure Zwecke, - ich habe den
meinen. Eure Zwecke liegen am Tage: ich habe sie euch neulich schon
gesagt: du Petros, willst, da Kaiser Justinian an der Goten Statt in
Italien herrsche: ihr, Gothelindis und Theodahad, wollt dies auch, gegen
reiche Entschdigung an Rache, Geld und Ehren. Ich aber - ich habe auch
meinen Zweck: was hilft es, das zu verhehlen? Mein schlauer Petros, du
wrdest doch nicht lange mehr glauben, da ich nur den Ehrgeiz habe, dein
Werkzeug zu sein, und dereinst Senator in Byzanz zu werden. Also auch ich
habe meinen Zweck: all' eure dreieinige Schlauheit wrde ihn nie
entdecken, weil er zu nahe vor Augen liegt. Ich mu ihn euch selbst
verraten.

Der versteinerte Cethegus hat noch eine Liebe: sein Italien. Drum will er,
wie ihr, die Goten fort haben aus diesem Land.

Aber er will nicht, wie ihr, da Kaiser Justinianus unbedingt an ihre
Stelle trete: er will nicht die Traufe statt des Regens.

Am liebsten mchte ich, der unverbesserliche Republikaner - du weit, mein
Petros, wir waren es damals beide mit achtzehn Jahren auf der Schule von
Athen und ich bin es noch: aber du brauchst es dem Kaiser, deinem Herrn,
nicht zu melden, ich hab' es ihm lange selbst geschrieben - die Barbaren
hinauswerfen, ohne euch herein zu lassen.

Das geht nun leider nicht an: wir knnen eurer Hilfe nicht entbehren. Doch
will ich diese auf das Unvermeidliche beschrnken. Kein byzantinisch Heer
darf diesen Boden betreten, als um ihn im letzten Augenblick der Not aus
der Hand der Italier zu empfangen. Italien sei mehr ein von den Italiern
dargebrachtes Geschenk als eine Eroberung fr Justinian: die Segnungen der
Feldherrn und Steuerrechner, die Byzanz ber die Lnder bringt, die es
befreit, sollen uns erspart bleiben: wir wollen euern Schutz, nicht eure
Tyrannei.

ber Petros' Zge zog ein feines Lcheln, das Cethegus nicht zu bemerken
schien; er fuhr fort: So vernehmt meine Bedingung. Ich wei, Belisarius
liegt mit Flotte und Heer nah bei Sicilien. Er darf nicht landen. Er mu
heimkehren. Ich kann keinen Belisar in Italien brauchen. Wenigstens nicht
eher als ich ihn rufe. Und sendest du, Petros, ihm nicht sofort diesen
Befehl zu, so scheiden sich unsere Wege. Ich kenne Belisar und Narses und
ihre Soldatenherrschaft und ich wei, welch' milde Herren diese Goten
sind. Und mich erbarmt Amalaswinthens: sie war eine Mutter meines Volks.
Deshalb whlet, whlet zwischen Belisar und Cethegus. Landet Belisar, so
steht Cethegus und ganz Italien zu Amalaswintha und den Goten: und dann
la sehn, ob ihr uns eine Scholle dieses Landes entreit. Whlt ihr
Cethegus, so bricht er die Macht der Barbaren und Italien unterwirft sich
dem Kaiser als seine freie Gattin, nicht als seine Sklavin. Whle,
Petros.

Stolzer Mann, sprach Gothelindis, du wagst uns Bedingungen zu setzen,
uns, deiner Knigin? Und drohend erhob sie die Hand.

Aber mit eiserner Faust ergriff Cethegus diese Hand und zog sie ruhig
herab. La die Possen, Eintagsknigin. Hier unterhandeln nur Italien und
Byzanz. Vergit du deine Ohnmacht, so mu man dich dran mahnen. Du
thronst, solange wir dich halten. Und mit so ruhiger Majestt stand er
vor dem zornmtigen Weib, da sie verstummte. Aber ihr Blick sprhte
unauslschlichen Ha.

Cethegus, sagte jetzt Petros, der sich einstweilen entschlossen, du
hast Recht. Byzanz kann fr den Augenblick nicht mehr erreichen als deine
Hilfe, weil nichts ohne sie. Wenn Belisar umkehrt, so gehst du ganz mit
uns und unbedingt?

Unbedingt.

Und Amalaswinthen?

Geb' ich Preis.

Wohlan, sagte der Byzantiner, es gilt.

Er schrieb auf eine Wachstafel in kurzen Worten den Befehl zur Heimkehr an
Belisar und reichte sie dem Prfekten: Du magst die Botschaft selbst
bestellen.

Cethegus las sorgfltig: Es ist gut, sagte er, die Tafel in die Brust
steckend, es gilt.

Wann bricht Italien los auf die Barbaren? fragte Petros.

In den ersten Tagen des nchsten Monats. Ich gehe nach Rom. Leb wohl.

Du gehst? Und hilfst uns nicht das Weib - die Tochter Theoderichs
verderben? fragte die Knigin mit bittrem Vorwurf. Erbarmt dich ihrer
abermals?

Sie ist gerichtet, sagte Cethegus, an der Thr sich kurz umwendend. Der
Richter geht - der Henker Amt hebt an. Und stolz schritt er hinaus.

Da fate Theodahad, der sprachlos vor Staunen den Byzantiner hatte handeln
sehn, mit Entsetzen dessen Hand: Petros, rief er, um Gott und aller
Heiligen willen, was hast du gethan? Unser Vertrag und alles ruht auf
Belisar und du schickst ihn nach Hause?

Und lt diesen bermtigen triumphieren? knirschte Gothelindis.

Aber Petros lchelte: der Sieg der Schlauheit strahlte auf seinem Antlitz.
Seid ruhig, sagte er, diesmal ist er berwunden, der Allberwinder
Cethegus, besiegt von dem verhhnten Petros. Er ergriff Theodahad und
Gothelindis an den Hnden, zog sie nahe an sich, sah sich um, und
flsterte dann: Vor jenem Brief an Belisar steht ein kleiner Punkt: der
bedeutet ihm: all das Geschriebene ist nicht ernst gemeint, ist nichtig.
Ja, ja, man lernt, man lernt die Schreibekunst am Hofe von Byzanz.




                             Viertes Kapitel.


Zwei Tage nach der nchtlichen Begegnung mit Theodahad und Petros
verbrachte Amalaswintha in einer Art von wirklicher oder vermeinter
Gefangenschaft.

So oft sie ihre Gemcher verlie, so oft sie einbog in einen Gang des
Palastes, jedesmal glaubte sie hinter oder neben sich Gestalten
auftauchen, hingleiten, verschwinden zu sehen, die ebenso eifrig bedacht
schienen, all' ihre Schritte zu beobachten als sich selbst ihren Blicken
zu entziehen: kaum zu dem Grabe ihres Sohnes konnte sie unbewacht
niedersteigen.

Umsonst fragte sie nach Witichis, nach Teja: sie hatten gleich am Morgen
nach dem Krnungsfest in Auftrgen des Knigs die Stadt verlassen. Das
Gefhl, vereinsamt und von bsen Feinden umlauert zu sein, ruhte drckend
auf ihrer Seele.

Schwer und dster hingen am Morgen des dritten Tages die herbstlichen
Regenwolken auf Ravenna herab, als sich Amalaswintha von dem
schlummerlosen Lager erhob. Unheimlich berhrte es sie, da, als sie an
das Fenster von Frauenglas trat, ein Rabe krchzend von dem Marmorsims
aufstieg und mit heiserem Schrei und schwerem Flgelschlag langsam ber
die Grten dahinflog.

Die Frstin fhlte schon daran, wie geknickt ihre Seele war durch diese
Tage von Schmerz, Furcht und Reue, da sie sich des finstern Eindrucks
nicht erwehren konnte, den ihr die frhen Herbstnebel, aus den Lagunen der
Seestadt aufsteigend, brachten. Seufzend blickte sie in die graue
Sumpflandschaft hinaus.

Schwer war ihr Herz von Reue und Sorge.

Und ihr einziger Halt der Gedanke, durch freie Selbstanklage und volle
Demtigung vor allem Volk das Reich noch zu retten um den Preis ihres
Lebens. Denn sie zweifelte nicht, da die Gesippen und Blutrcher der drei
Herzoge ihre Pflicht vollauf erfllen wrden. In solchen Gedanken schritt
sie durch die den Hallen und Gnge des Palastes, diesmal, wie sie
glaubte, unbelauscht, hinunter zu der Ruhesttte ihres Sohnes, sich in den
Vorstzen der Bue und Shne an ihrem Volk zu befestigen.

Als sie nach geraumer Zeit aus der Gruft wieder emporstieg und in einen
dunkeln Gewlbgang einlenkte, huschte ein Mann in Sklaventracht aus einer
Nische hervor - sie glaubte sein Gesicht schon oft gesehen zu haben -
drckte ihr eine kleine Wachstafel in die Hand und war seitab
verschwunden.

Sie erkannte sofort - die Handschrift Cassiodors -.

Und sie erriet nun auch den geheimnisvollen berbringer: es war Dolios,
der Briefsklave ihres treuen Ministers. Rasch die Tafel in ihrem Gewande
bergend eilte sie in ihr Gemach. Dort las sie: In Schmerz, nicht in Zorn,
schied ich von dir. Ich will nicht, da du unbufertig abgerufen werdest
und deine unsterbliche Seele verloren gehe. Flieh aus diesem Palast, aus
dieser Stadt: dein Leben ist keine Stunde mehr sicher. Du kennst
Gothelindis und ihren Ha. Traue niemand als meinem Schreiber und finde
dich um Sonnenuntergang bei dem Venustempel im Garten ein. Dort wird dich
meine Snfte erwarten und in Sicherheit bringen, nach meiner Villa im
Bolsener See. Folge und vertraue.

Gerhrt lie Amalaswintha den Brief sinken: der vielgetreue Cassiodor! Er
hatte sie doch nicht ganz verlassen. Er bangte und sorgte noch immer fr
das Leben der Freundin. Und jene reizende Villa auf der einsamen Insel im
blauen Bolsener See! Dort hatte sie, vor vielen, vielen Jahren, als Gast
Cassiodors, in voller Blte der Jugendschnheit, Hochzeit gehalten mit
Eutharich, dem edeln Amalungen, und, von allem Schimmer der Macht und
Ehren umflossen, ihrer Jugend stolzeste Tage gefeiert.

Ihr sonst so hartes, aber jetzt vom Unglck erweichtes Gemt beschlich
mchtige Sehnsucht, die Sttte ihrer schnsten Freuden wiederzusehen.
Schon dies Eine Gefhl trieb sie mchtig an, der Mahnung Cassiodors zu
folgen: noch mehr die Furcht, - nicht fr ihr Leben, denn sie wollte
sterben - die Raschheit ihrer Feinde mchte ihr unmglich machen, das Volk
zu warnen und das Reich zu retten. Endlich berlegte sie, da der Weg nach
Regeta bei Rom, wo in Blde die groe Volksversammlung, wie alljhrlich im
Herbst, statthaben sollte, sie am Bolsener See vorberfhrte. Also war es
nur eine Beschleunigung ihres Planes, wenn sie schon jetzt in dieser
Richtung aufbrach. Um aber auf alle Flle sicher zu gehn, um, auch wenn
sie das Ziel ihrer Reise nicht erreichen sollte, ihre warnende Stimme an
das Ohr des Volks gelangen zu lassen, beschlo sie einem Brief an
Cassiodor, den auf seiner Villa anzutreffen sie nicht bestimmt
voraussetzen konnte, ihre ganze Beichte und die Enthllung aller Plne der
Byzantiner und Theodahads anzuvertrauen.

Bei geschlossenen Thren schrieb sie die schmerzreichen Worte nieder:
heie Thrnen des Dankes und der Reue fielen auf das Pergament, das sie
sorgfltig siegelte und dem treuesten ihrer Sklaven bergab, es sicher
nach dem Kloster Squillacium in Apulien, der Stiftung und dem gewhnlichen
Aufenthalt Cassiodors, zu befrdern.

Langsam verstrichen der Frstin die zgernden Stunden des Tages. Mit
ganzer Seele hatte sie des Freundes dargebotne Hand ergriffen. Erinnerung
und Hoffnung malten ihr um die Wette das Eiland im Bolsener See als ein
teures Asyl: dort hoffte sie Ruhe und Frieden zu finden. Sie hielt sich
sorgsam innerhalb ihrer Gemcher, um keinem ihrer Wchter Veranlassung zum
Verdacht, Gelegenheit, sie aufzuhalten, zu geben. Endlich war die Sonne
gesunken.

Mit leisen Schritten eilte Amalaswintha, ihre Sklavinnen zurckweisend und
nur einige Kleinodien und Dokumente unter dem weiten Mantel bergend, aus
ihrem Schlafgemach in den breiten Sulengang, der zur Gartentreppe fhrte.
Sie zitterte, hier wie gewhnlich auf einen der lauschenden Spher zu
stoen, gesehen, angehalten zu werden. Hufig sah sie sich um, vorsichtig
blickte sie sogar in die Statuennischen: - alles war leer, kein Lauscher
folgte diesmal ihren Tritten. So erreichte sie unbeobachtet die Plattform
der Freitreppe, die Palast und Garten verband und weiten Ausblick ber
diesen hin gewhrte. Scharf berschaute sie den nchsten Weg, der zum
Venustempel fhrte. Der Weg war frei.

Nur die welken Bltter raschelten wie unwillig von den rauschenden
Platanen auf die Sandpfade nieder, gewirbelt von dem Winde, der fern,
jenseit der Gartenmauer, Nebel und Wolken in geisterhaften Gestalten vor
sich her trieb: es war unheimlich in dem ausgestorbenen Garten und seiner
grauen Dmmerung.

Die Frstin frstelte, der kalte Abendwind zerrte an ihrem Schleier und
Mantel: einen scheuen Blick warf sie noch auf die dstern, lastenden
Steinmassen des Palastes hinter sich, in dem sie so stolz gewaltet und
geherrscht und aus dem sie nun einsam, scheu, verfolgt wie eine
Verbrecherin flchtete. Sie dachte des Sohnes, der in den Tiefen des
Palastes ruhte. - Sie dachte der Tochter, die sie selbst aus diesen
Mauern, aus ihrer Nhe verbannt hatte. -

Und einen Augenblick drohte der Schmerz die Verlassene zu berwltigen:
sie wankte, mhsam hielt sie sich aufrecht an dem breiten Marmorgelnder
der Terrasse: ein Fieberschauer rttelte an ihrem Leibe wie das Grauen der
Verlassenheit an ihrer Seele.

Aber mein Volk! sprach sie zu sich selbst und meine Bue - ich will's
vollenden. Gekrftigt von diesem Gedanken eilte sie die Stufen der Treppe
hinab und bog in den von Epheu berwlbten Laubgang ein, der quer durch
den Garten fhrte und an dem Venustempel mndete. Rasch schritt sie voran,
erbebend, wann zu einem der Seitengnge das Herbstlaub, wie seufzend,
hereinwirbelte.

Atemlos langte sie vor dem kleinen Tempel an und lie ringsum die
suchenden Blicke schweifen. Aber keine Snfte, keine Sklaven waren zu
sehen, rings war alles still: nur die ste der Platanen seufzten im Winde.

Da schlug das nahe Wiehern eines Pferdes an ihr Ohr.

Sie wandte sich: - um den Vorsprung der Mauer bog mit hastigen Schritten
ein Mann. Es war Dolios. Er winkte, scheu umhersphend. Rasch eilte die
Frstin auf ihn zu, folgte ihm um die Ecke: und vor ihr stand Cassiodors
wohlbekannter gallischer Reisewagen, die bequeme und vornehme Carruca, von
allen vier Seiten mit verschiebbaren Gitterlden von feinem Holzwerk
umschlossen, und mit dem raschen Dreigespann belgischer Manni beschirrt.

Eile thut not, o Frstin, flsterte Dolios, sie in die weichen Polster
hebend. Die Snfte ist zu langsam fr den Ha deiner Feinde. Stille und
Eile, da uns niemand bemerkt.

Amalaswintha blickte noch einmal um sich.

Dolios ffnete das Thor des Gartens und fhrte den Wagen vor dasselbe
hinaus. Da traten zwei Mnner aus dem Gebsch: der eine bestieg den Sitz
des Wagenlenkers vor ihr: der andere schwang sich auf eines der beiden
gesattelt vor dem Thore stehenden Rosse: sie erkannte die Mnner als
vertraute Sklaven Cassiodors: sie waren wie Dolios mit Waffen versehen.
Dieser sperrte wieder sorgfltig das Gartenthor und lie die Gitterladen
des Wagens herab. Dann warf er sich auf das zweite der Pferde und zog das
Schwert: Vorwrts! rief er.

Und von dannen jagte der kleine Zug, als wr' ihm der Tod auf der Ferse.




                             Fnftes Kapitel.


Die Frstin wiegte sich in Gefhlen des Dankes, der Freiheit, der
Sicherheit. Sie baute schne Entwrfe der Shne.

Schon sah sie ihr Volk durch ihre warnende Stimme gerettet vor Byzanz, vor
dem Verrat des eigenen Knigs: schon hrte sie den begeisterten Ruf des
tapferen Heeres, der den Feinden Verderben, ihr aber Verzeihung
verkndete. In solchen Trumen verflogen ihr die Stunden, die Tage und
Nchte. Unausgesetzt eilte der Zug vorwrts: drei-, viermal des Tages
wurden die Pferde des Wagens und der Reiter gewechselt, so da sie Meile
um Meile wie im Fluge zurcklegten.

Wachsam htete Dolios die ihm anvertraute Frstin: mit gezogenem Schwert
schtzte er den Zugang zum Wagen, whrend seine Begleiter Speisen und Wein
aus den Stationen holten. Jene geflgelte Eile und diese treue Wachsamkeit
benahm Amalaswinthen eine Besorgnis, deren sie sich eine Weile nicht hatte
erwehren knnen: ihr war, sie wrden verfolgt.

Zweimal, in Perusia und in Clusium, glaubte sie, wie der Wagen hielt,
dicht hinter sich Rdergerassel zu hren und den Hufschlag eilender Rosse:
ja in Clusium meinte sie, aus dem niedergelassenen Gitterladen
zurcksphend, eine zweite Carruca, ebenfalls von Reitern begleitet, in
das Thor der Stadt einbiegen zu sehen.

Aber als sie Dolios davon sprach, jagte der spornstreichs nach dem Thore
zurck und kam sogleich mit der Meldung wieder, da nichts wahrzunehmen
sei; auch hatte sie von da ab nichts mehr bemerkt: und die rasende Eile,
mit der sie sich dem ersehnten Eiland nherte, lie sie hoffen, da ihre
Feinde, selbst wenn sie ihre Flucht entdeckt und eine Strecke weit
verfolgt haben sollten, alsbald ermdet zurckgeblieben seien.

Da verdsterte ein Unfall, unbedeutend an sich, aber unheilkndend durch
seine begleitenden Umstnde, pltzlich die hellere Stimmung der
flchtenden Frstin.

Es war hinter der kleinen Stadt Martula.

de baumlose Heide dehnte sich unabsehbar nach jeder Richtung: nur Schilf
und hohe Sumpfgewchse ragten aus den feuchten Niederungen zu beiden
Seiten der rmischen Hochstrae und nickten und flsterten gespenstisch im
Nachtwind. Die Strae war hin und wieder mit niedern, von Reben
berflochtenen Mauern eingefat und, nach altrmischer Sitte, mit
Grabmonumenten, die aber oft traurig zerfallen waren und mit ihren auf dem
Wege zerstreuten Steintrmmern den Pferden das Fortkommen erschwerten.

Pltzlich hielt der Wagen mit einem heftigen Ruck und Dolios ri die
rechte Thre auf. Was ist geschehen, rief die Frstin erschreckt, sind
wir in Feindes Hand?

Nein, sprach Dolios, der, ihr von je als verschlossen und finster
bekannt, auf dieser Reise fast unheimlich schweigsam schien, ein Rad ist
gebrochen. Du mut aussteigen und warten, bis es gebessert.

Ein heftiger Windsto lschte in diesem Augenblick seine Fackel und
nakalter Regen schlug in der Bestrzten Antlitz. Aussteigen? hier? und
wohin dann? hier ist nirgend ein Haus, ein Baum, der Schutz bte vor Regen
und Sturm. Ich bleibe in dem Wagen. - Das Rad mu abgehoben werden.
Dort, das Grabmal, mag dir Schutz gewhren.

Mit einem Schauer von Furcht gehorchte Amalaswintha und schritt ber die
Steintrmmer, die ringsum zerstreut lagen, nach der rechten Seite des
Weges, wo sie jenseit des Grabens ein hohes Monument aus der Dunkelheit
ragen sah. Dolios half ihr ber den Graben.

Da schlug von der Strae hinter ihrem Wagen her das Wiehern eines Pferdes
an ihr Ohr. Erschrocken blieb sie stehen.

Es ist unser Nachreiter, sagte Dolios rasch, der uns den Rcken deckt,
komm.

Und er fhrte sie durch feuchtes Gras den Hgel heran, auf dem sich das
Monument erhob. Oben angelangt setzte sie sich auf die breite Steinplatte
eines Sarkophags.

Da war Dolios pltzlich im Dunkel verschwunden, vergebens rief sie ihn
zurck: bald sah sie unten auf der Strae seine Fackel wieder brennen: rot
leuchtete sie durch die Nebel der Smpfe: und der Sturm entfhrte rasch
den Schall der Hammerschlge der Sklaven, die an dem Rade arbeiteten.

So sa die Tochter des groen Theoderich, einsam und todesflchtig, auf
der Heerstrae in unheimlicher Nacht; der Sturm ri an ihrem Mantel und
Schleier, der feine kalte Regen durchnte sie, in den Cypressen hinter
dem Grabmal seufzte melancholisch der Wind, oben am Himmel jagte
zerfetztes Gewlk und lie nur manchmal einen flchtigen Mondstrahl durch,
der die gleich wieder folgende Dunkelheit noch dsterer machte.

Banges Grauen durchschlich frstelnd ihr Herz.

Allmhlich gewhnte sich ihr Auge an die Dunkelheit und umher sehend
konnte sie die Umrisse der nchsten Dinge deutlicher unterscheiden: da -
ihr Haar strubte sich vor Entsetzen - da war ihr, es se dicht hinter
ihr auf dem erhhten Hintereck des Sarkophags eine zweite Gestalt: - ihr
eigener Schatten war es nicht -: eine kleinere Gestalt in weitem, faltigem
Gewand, die Arme auf die Kniee, das Haupt in die Hnde gesttzt und zu ihr
herunter starrend.

Ihr Atem stockte, sie glaubte flstern zu hren, fieberhaft strengte sie
die Sinne an zu sehen, zu hren: da flsterte es wieder: Nein, nein: noch
nicht! So glaubte sie zu hren. Sie richtete sich leise auf, auch die
Gestalt schien sich zu regen, es klirrte deutlich wie Stahl auf Stein.

Da schrie die Gengstigte: Dolios! Licht! Hilfe! Licht! Und sie wollte
den Hgel hinab, aber zitternd versagten die Kniee, sie fiel und verletzte
die Wange an dem scharfen Gestein.

Da war Dolios mit der Fackel heran, schweigend erhob er die Blutende: er
fragte nicht. Dolios, rief sie sich fassend, gieb die Leuchte: ich mu
sehen, was dort war, was dort ist.

Sie nahm die Fackel und schritt entschlossen um die Ecke des Sarkophags:
es war nichts zu sehen: aber jetzt, im Glanze der Fackel, erkannte sie,
da das Monument nicht, wie die brigen, ein altes, da es sichtlich erst
neu errichtet war, so unverwittert war der weie Marmor, so frisch die
schwarzen Buchstaben der Inschrift. -

Von jener seltsamen Neugier, die sich mit dem Grauen verbindet,
unwiderstehlich fortgerissen, hielt sie die Fackel dicht an den Sockel des
Monuments und las bei flackerndem Licht die Worte: Ewige Ehre den drei
Balten Thulun, Ibba und Pitza. Ewiger Fluch ihren Mrdern.

Mit einem Aufschrei taumelte Amalaswintha zurck.

Dolios fhrte die Halbohnmchtige zu dem Wagen. Fast bewutlos legte sie
die noch brigen Stunden des Weges zurck. Sie fhlte sich krank an Leib
und Seele. Je nher sie dem Eiland kam, desto lebhafter ward die
fieberhafte Freude, mit der sie es ersehnt, verdrngt von einer
ahnungsvollen Furcht: mit Bangen sah sie die Strucher und Bume des Weges
immer rascher an sich vorberfliegen.

Endlich machten die dampfenden Rosse Halt.

Sie senkte die Lden und blickte hinaus: es war die kalte, unheimliche
Stunde, da das erste Tagesgrauen ankmpft gegen die noch herrschende
Nacht: sie waren, so schien es, angelangt am Ufer des Sees: aber von
seinen blauen Fluten war nichts zu sehen; ein dstrer grauer Nebel lag
undurchdringlich wie die Zukunft vor ihren Augen: von der Villa, ja von
der Insel selbst war nichts zu entdecken. Rechts vom Wagen stand eine
niedrige Fischerhtte tief in dem dichten, ragenden Schilf, durch welches
wie seufzend der Morgenwind fuhr, da die schwankenden Hupter sich bogen.

Seltsam: ihr war, als warnten und winkten sie hinweg von dem dahinter
verborgenen See.

Dolios war in die Htte gegangen; er kam jetzt zurck und hob die Frstin
aus dem Wagen, schweigend fhrte er sie durch den feuchten Wiesengrund
nach dem Schilf zu.

Da lag am Ufer eine schmale Fhre: sie schien mehr im Nebel als im Wasser
zu schwimmen.

Am Steuer aber sa in einen grauen zerfetzten Mantel gehllt ein alter
Mann, dem die langen weien Haare wirr ins Gesicht hingen. Er schien vor
sich hin zu trumen mit geschlossenen Augen, die er nicht aufschlug, als
die Frstin in den schwankenden Nachen stieg und sich in der Mitte
desselben auf einem Feldstuhl niederlie.

Dolios trat an den Schnabel des Schiffes und ergriff zwei Ruder: die
Sklaven blieben bei dem Wagen zurck.

Dolios, rief Amalaswintha besorgt, es ist sehr dunkel, wird der Alte
steuern knnen in diesem Nebel, und an keinem Ufer ein Licht? - Das
Licht wrde ihm nichts ntzen, Knigin, er ist blind. - Blind? rief die
Erschrockene, la landen! kehr um! - Ich fahre hier seit bald zwanzig
Jahren, sprach der greise Ferge, kein Sehender kennt den Weg gleich
mir. - So bist du blind geboren?

Nein, Theoderich der Amaler lie mich blenden, weil mich Alarich, der
Balten-Herzog, des Thulun Bruder, gedungen htte, ihn zu morden. Ich bin
ein Knecht der Balten, war ein Gefolgsmann Alarichs, aber ich war so
unschuldig wie mein Herr, Alarich der Verbannte. Fluch ber die
Amalungen! rief er mit zornigem Ruck am Steuer.

Schweig! Alter, sprach Dolios.

Warum soll ich heute nicht sagen, was ich bei jedem Ruderschlag seit
zwanzig Jahren sage? Es ist mein Taktspruch. - Fluch den Amalungen!

Mit Grauen sah die Flchtige auf den Alten, der in der That mit vlliger
Sicherheit und pfeilgerade fuhr. Sein weiter Mantel und wirres Haar flogen
im Winde: ringsum Nebel und Stille, nur das Ruder hrte man gleichfrmig
einschlagen, leere Luft und graues Licht auf allen Seiten. Ihr war, als
fhre sie Charon ber den Styx in das graue Reich der Schatten. - Fiebernd
hllte sie sich in ihren faltigen Mantel.

Noch einige Ruderschlge und sie landeten.

Dolios hob die Zitternde heraus: der Alte aber wandte sein Boot schweigend
und ruderte so rasch und sicher zurck wie er gekommen: Mit einer Art von
Grauen sah ihm Amalaswintha nach, bis er in dem dichten Nebel verschwand.

Da war es ihr, als hre sie den Schall von Ruderschlgen eines zweiten
Schiffes, die rasch nher und nher drangen. Sie fragte Dolios nach dem
Grund dieses Gerusches.

Ich hre nichts, sagte dieser, du bist allzu erregt, komm in das Haus.
Sie wankte auf seinen Arm gesttzt die in den Felsboden gehauenen Stufen
hinan, die zu der burghnlichen, hochgetrmten Villa fhrten: von dem
Garten, der, wie sie sich lebhaft erinnerte, zu beiden Seiten dieses
schmalen Weges sich dehnte, waren in dem Nebel kaum die Linien der
Baumreihen zu sehen.

Endlich erreichten sie das hohe Portal, eine eherne Thr im Rahmen von
schwarzem Marmor. Der Freigelassene pochte mit dem Knauf seines Schwertes:
- dumpf drhnte der Schlag in den gewlbten Hallen nach - die Thre sprang
auf.

Amalaswintha gedachte, wie sie einst durch dieses Thor, das die
Blumengewinde fast versperrt hatten, an ihres Gatten Seite eingezogen war:
sie gedachte, wie sie die Pfrtner, gleichfalls ein jung vermhltes Paar,
so freundlich begrt. -

Der finstersehende Sklave mit wirrem grauem Haar, der jetzt mit Ampel und
Schlsselbund vor ihr stand, war ihr fremd.

Wo ist Fuscina, des frheren Ostiarius Weib? ist sie nicht mehr im
Hause? fragte sie.

Die ist lang ertrunken im See, sagte der Pfrtner gleichgltig und
schritt mit der Leuchte voran. Schaudernd folgte die Frstin: sie mute
sich die kalten dunkeln Wogen vorstellen, die so unheimlich an den Planken
ihrer Fhre geleckt. Sie gingen durch Bogenhfe und Sulenhallen: - alles
leer, wie ausgestorben, die Schritte hallten laut durch die de: - die
ganze Villa schien ein weites Totengewlbe.

Das Haus ist unbewohnt? ich bedarf einer Sklavin.

Mein Weib wird dir dienen.

Ist sonst niemand in der Villa?

Noch ein Sklave. Ein griechischer Arzt.

Ein Arzt - ich will ihn -

Aber in diesem Augenblicke schollen von dem Portal her einige heftige
Schlge: schwer drhnten sie durch die leeren Rume. Entsetzt fuhr
Amalaswintha zusammen. Was war das? fragte sie, Dolios' Arm fassend. Sie
hrte die schwere Thre zufallen.

Es hat nur jemand Einla begehrt, sagte der Ostiarius und schlo die
Thre des fr die Flchtige bestimmten Gemaches auf. Die dumpfe Luft eines
lang nicht mehr geffneten Raumes drang ihr erstickend entgegen: aber mit
Rhrung erkannte sie die Schildpattbekleidung der Wnde: es war dasselbe
Gemach, das sie vor zwanzig Jahren bewohnt: berwltigt von der Erinnerung
glitt sie auf den kleinen Lectus, der mit dunkeln Polstern belegt war.

Sie verabschiedete die beiden Mnner, zog die Vorhnge des Lagers um sich
her zu und verfiel bald in einen unruhigen Schlaf.




                            Sechstes Kapitel.


So lag sie, sie wute nicht wie lange, bald wachend, bald trumend: wild
jagte Bild auf Bild an ihrem Auge vorber.

Eutharich mit seinem Zug des Schmerzes um die Lippen: - Athalarich, wie er
auf seinem Sarkophag hingestreckt lag, er schien ihr zu sich herab zu
winken: - das vorwurfsvolle Antlitz Mataswinthens - dann Nebel und Wolken
und blattlose Bume: - drei zrnende Kriegergestalten mit bleichen
Gesichtern und blutigen Gewndern: und der blinde Fhrmann in das Reich
der Schatten. Und wieder war ihr, sie liege auf der den Heide auf den
Stufen des Baltendenkmals und als rausche es hinter ihr und als beuge sich
abermals hinter dem Steine hervor jene verhllte Gestalt ber sie nher
und nher, - beengend, - erstickend. Die Angst schnrte ihr das Herz
zusammen, entsetzt fuhr sie auf aus ihrem Traum und sah hochaufgerichtet
um sich: da - nein, es war kein Traumgesicht - da rauschte es, hinter dem
Vorhang des Bettes, und in die getfelte Wand glitt ein verhllter
Schatte.

Mit einem Schrei ri Amalaswintha die Falten des Vorhangs auseinander - da
war nichts mehr zu sehen.

Hatte sie doch nur getrumt? Aber sie konnte nicht mehr allein sein mit
ihren bangen Gedanken. So drckte sie auf den Achatknauf in der Wand, der
drauen einen Hammer in Bewegung setzte.

Alsbald erschien ein Sklave, dessen Zge und Tracht hhere Bildung
verrieten. Er gab sich als den griechischen Arzt zu erkennen: sie teilte
ihm die Schreckgesichte, die Fieberschauer der letzten Stunden mit: er
erklrte es fr Folgen der Aufregung, vielleicht der Erkltung auf der
Flucht, empfahl ihr ein warmes Bad und ging, dessen Mischung anzuordnen.

Amalaswintha erinnerte sich der herrlichen Bder, die, in zwei Stockwerken
bereinander, den ganzen rechten Flgel der Villa einnahmen. Das untere
Stockwerk der groen achteckigen Rotunde, fr die kalten Bder bestimmt,
stand mit dem See in unmittelbarem Zusammenhange: sein Wasser wurde durch
Siebthren, die jede Unreinheit abhielten, hereingeleitet. Das obere
Stockwerk erhob sich, als Verjngung des Achtecks, ber der Badstube des
unteren, deren Decke - eine groe, kreisfrmige Metallplatte, - den Boden
des oberen warmen Bades bildete und nach Belieben in zwei Halbkreisen
rechts und links in das Gemuer geschoben werden konnte, so da die beiden
Stockwerke dann einen ungeteilten turmhohen Raum bildeten, der zum Zweck
der Reinigung oder zum Behuf von Schwimm- und Taucherspielen ganz von dem
Wasser des Sees erfllt werden konnte.

Regelmig aber bildete das obere Achteck fr sich den Raum des warmen
Bades, in das vielfach verschlungene Wasserknste in hundert Rhren mit
zahllosen Delphinen, Tritonen und Medusenhuptern von Bronze und Marmor
duftige, mit len und Essenzen gemischte Fluten leiteten, whrend
zierliche Stufen von der Galerie, auf der man sich entkleidete, in das
muschelfrmige Porphyrbecken des eigentlichen Baderaumes hinabfhrten.

Whrend sich die Frstin noch diese Rume ins Gedchtnis zurckrief,
erschien das Weib des Thrsklaven, sie in das Bad abzuholen. Sie gingen
durch weite Sulenhallen und Bchersle, in welchen aber die Frstin die
Kapseln und Rollen Cassiodors vermite, in der Richtung nach dem Garten;
die Sklavin trug die feinen Badetcher, lflschchen und den Salbenkrug.
Endlich gelangte sie in das turmhnliche Achteck des Badepalastes, dessen
smtliche Gelasse an Boden, Wand und Decke durchaus mit hellgrauen
Marmorplatten belegt waren. Vorber an den Hallen und Gngen, die der
Gymnastik und dem Ballspiel vor und nach dem Bade dienten, vorber an den
Heizstbchen, den Auskleide- und Salbgemchern eilten sie sofort nach dem
Caldarium, dem warmen Bade. Die Sklavin ffnete schweigend die in die
Marmorwand eingesenkte Thr.

Amalaswintha trat ein und stand auf der schmalen Galerie, die rings um das
Bassin lief: gerade vor ihr fhrten die bequemen Stufen in das Bad, aus
dem bereits warme und kstliche Dufte aufstiegen. Das Licht fiel von oben
herein durch eine achteckige Kuppel von kunstvoll geschliffenem Glas:
gerade am Eingang erhob sich eine Treppe von Cedernholz, die auf zwlf
Staffeln zu einer Sprungbrcke fhrte: rings an den Marmorwnden der
Galerie wie des Beckens verkleideten zahllose Reliefs die Mndungen der
Rhren, die den Wasserknsten und der Luftheizung dienten.

Ohne ein Wort legte das Weib das Badegert auf die weichen Kissen und
Teppiche, die den Boden der Galerie bedeckten und wandte sich zur Thre.
Woher bist du mir bekannt? fragte die Frstin sie nachdenklich
betrachtend, wie lange bist du hier?

Seit acht Tagen. Und sie ergriff die Thre.

Wie lange dienst du Cassiodor?

Ich diene von jeher der Frstin Gothelindis.

Mit einem Angstschrei sprang Amalaswintha bei diesem Namen auf, wandte
sich und griff nach dem Gewand des Weibes - zu spt: sie war hinaus, die
Thre war zugefallen und Amalaswintha hrte, wie der Schlssel von auen
umgedreht und abgezogen ward. Umsonst suchte ihr Auge nach einem anderen
Ausgang.

Da berkam ein ungeheures, unbekanntes Grauen die Knigin: sie fhlte, da
sie furchtbar getuscht, da hier ein verderbliches Geheimnis verborgen
sei: Angst, unsgliche Angst fiel auf ihr Herz: Flucht, Flucht aus diesem
Raum war ihr einziger Gedanke.

Aber keine Flucht schien mglich: die Thre war von innen jetzt nur eine
dicke Marmortafel, wie die zur Rechten und Linken: nicht mit einer Nadel
war in ihre Fugen zu dringen: verzweifelnd lie sie die Blicke rings an
der Wand der Galerie kreisen: nur die Tritonen und Delphine starrten ihr
entgegen: endlich ruhte ihr Auge auf dem schlangenstarrenden Medusenhaupt
ihr gerade gegenber - und sie stie einen Schrei des Entsetzens aus.

Das Gesicht der Meduse war zur Seite geschoben und die ovale ffnung unter
dem Schlangenhaar war von einem lebenden Antlitz ausgefllt.

War es ein menschlich Antlitz?

Die Zitternde klammerte sich an die Marmorbrstung der Galerie und sphte
vorgebeugt hinber: ja, es waren Gothelindens verzerrte Zge: und eine
Hlle von Ha und Hohn sprhte aus ihrem Blick.

Amalaswintha brach in die Kniee und verhllte ihr Gesicht. Du - du hier!

Ein heiseres Lachen war die Antwort. Ja, Amalungenweib, ich bin hier und
dein Verderben! Mein ist dies Eiland, mein das Haus! - es wird dein Grab!
- mein Dolios und alle Sklaven Cassiodors, an mich verkauft seit acht
Tagen.

Ich habe dich hierher gelockt: ich bin dir hierher nachgeschlichen wie
dein Schatte: lange Tage, lange Nchte hab' ich den brennenden Ha
getragen, endlich hier die volle Rache zu kosten. Stundenlang will ich
mich weiden an deiner Todesangst, will es schauen, wie die erbrmliche,
winselnde Furcht diese stolze Gestalt wie Fieber schttelt und durch diese
hochmtigen Zge zuckt: - o ein Meer von Rache will ich trinken.

Hnderingend erhob sich Amalaswintha: Rache! Wofr? Woher dieser tdliche
Ha?

Ha, du frgst noch? Freilich sind Jahrzehnte darber hingegangen und das
Herz des Glcklichen vergit so leicht. Aber der Ha hat ein treues
Gedchtnis. Hast du vergessen, wie dereinst zwei junge Mdchen spielten
unter dem Schatten der Platanen auf der Wiese vor Ravenna? Sie waren die
ersten unter ihren Gespielinnen: beide jung, schn und lieblich:
Knigskind die eine, die andere die Tochter der Balten. Und die Mdchen
sollten eine Knigin des Spieles whlen: und sie whlten Gothelindis, denn
sie war noch schner als du und nicht so herrisch: und sie whlten sie
einmal, zweimal nacheinander. Die Knigstochter aber stand dabei von
wildem, unbndigem Stolz und Neid verzehrt: und als man mich zum dritten
wieder gewhlt, fate sie die scharfe, spitzige Gartenschere -

Halt ein, o schweig, Gothelindis.

- Und schleuderte sie gegen mich. Und sie traf; aufschreiend, blutend
strzte ich zu Boden, meine ganze Wange eine klaffende Wunde und mein
Auge, mein Auge durchbohrt. Ha, wie das schmerzt, noch heute.

Verzeih, vergieb, Gothelindis! jammerte die Gefangene. Du hattest mir
ja lngst verziehn.

Verzeihen? ich dir verzeihen? Da du mir das Auge aus dem Antlitz und die
Schnheit aus dem Leben geraubt, das soll ich verzeihen? Du hattest
gesiegt frs Leben: Gothelindis war nicht mehr gefhrlich: sie trauerte im
stillen, die Entstellte floh das Auge der Menschen.

Und Jahre vergingen.

Da kam an den Hof von Ravenna aus Hispanien der edle Eutharich, der Amaler
mit dem dunkeln Auge und der weichen Seele: und er, selber krank, erbarmte
sich der kranken halb Blinden: und er sprach mit ihr voll Mitleid und
Gte, mit der Hlichen, die sonst alle mieden. O wie erquickte das meine
drstende Seele! Und es ward beraten, zur Tilgung uralten Hasses der
beiden Geschlechter, zur Shne alter und neuer Schuld, - denn auch den
Baltenherzog Alarich hatte man auf geheime, unbewiesene Anklage gerichtet
- da die arme mihandelte Baltentochter des edelsten Amalers Weib werden
sollte.

Aber als du es erfuhrst, du, die mich verstmmelt, da beschlossest du, mir
den Geliebten zu nehmen: nicht aus Eifersucht, nicht, weil du ihn
liebtest, nein, aus Stolz: weil du den ersten Mann im Gotenreich, den
nchsten Manneserben der Krone, fr dich haben wolltest.

Das beschlossest du und hast es durchgesetzt: denn dein Vater konnte dir
keinen Wunsch versagen: und Eutharich verga alsbald seines Mitleids mit
der Einugigen, als ihm die Hand der schnen Knigstochter winkte. Zur
Entschdigung - oder war es zum Hohne? - gab man auch mir einen Amaler: -
Theodahad, den elenden Feigling!

Gothelindis, ich schwre dir, ich hatte nie geahnt, da du Eutharich
liebtest. Wie konnte ich -

Freilich, wie konntest du glauben, da die Hliche die Gedanken so hoch
erhebe? O, du Verfluchte! Und httest du ihn noch geliebt und beglckt -
alles htt' ich dir verziehen. Aber du hast ihn nicht geliebt, du kannst
ja nur das Scepter lieben! Elend hast du ihn gemacht. Jahrelang sah ich
ihn an deiner Seite schleichen, gedrckt, ungeliebt, erkltet bis ins Herz
hinein von deiner Klte. Der Gram um deinen eisigen Stolz hat ihn frh
gemordet: du, du hast mir den Geliebten geraubt und ins Grab gebracht -
Rache, Rache fr ihn.

Und die weite Wlbung wiederhallte von dem Ruf: Rache! Rache!

Zu Hilfe! rief Amalaswintha und eilte verzweifelnd, mit den Hnden an
die Marmorplatten schlagend, den Kreis der Galerie entlang.

Ja, rufe nur, hier hrt dich niemand als der Gott der Rache. Glaubst du,
umsonst hab' ich solang meinen Ha gezgelt? Wie oft, wie leicht htte ich
schon in Ravenna mit Dolch und Gift dich erreichen knnen: aber nein,
hierher hab' ich dich gelockt. An dem Denkstein meiner Vettern, vor Einer
Stunde an deinem Bette, hab' ich mit hchster Mhe meinen erhobenen Arm
vom Streiche abgehalten: - denn langsam, Zoll fr Zoll, sollst du sterben,
stundenlang will ich sie wachsen sehen, die Qualen deines Todes.

Entsetzliche!

O, was sind Stunden gegen die Jahrzehnte, die du mich gemartert mit
meiner Entstellung, mit deiner Schnheit, mit dem Besitz des Geliebten.
Was sind Stunden gegen Jahrzehnte! Aber du sollst es ben.

Was willst du thun? rief die Gequlte, wieder und wieder an den Wnden
nach einem Ausgang suchend.

Ertrnken will ich dich, langsam, langsam in den Wasserknsten dieses
Bades, die dein Freund Cassiodor gebaut. Du weit es nicht, welche Qualen
der Eifersucht, der ohnmchtigen Wut ich in diesem Hause getragen, da du
Beilager hieltest mit Eutharich und ich war in deinem Gefolge und mute
dir dienen! In diesem Bade, du bermtige, habe ich dir die Sandalen
gelst und die stolzen Glieder getrocknet: - in diesem Bade sollst du
sterben!

Und sie drckte an einer Feder.

Der Boden des Beckens im oberen Stockwerke, die runde Metallplatte, teilte
sich in zwei Halbkreise, die links und rechts in die Mauer zurckwichen:
mit Entsetzen sah die Gefangene von der schmalen Galerie in die turmhohe
Tiefe zu ihren Fen.

Denk an mein Auge! rief Gothelindis und im Erdgescho ffneten sich
pltzlich die Schleusenthren und die Wogen des Sees schossen ungestm
herein, brausend und zischend, und sie stiegen hher und hher mit
furchtbarer Raschheit.

Amalaswintha sah den sichern Tod vor Augen: sie erkannte die
Unmglichkeit, zu entrinnen oder ihre teuflische Feindin mit Bitten zu
erweichen: da kehrte ihr der alte, stolze Mut der Amalungen wieder: sie
fate sich und ergab sich in ihr Los. Sie entdeckte neben den vielen
Reliefs aus der hellenischen Mythe in ihrer Nhe rechts vom Eingang eine
Darstellung vom Tode Christi: das erquickte ihre Seele: sie warf sich vor
dem in Marmor gehauenen Kreuze nieder, fate es mit beiden Hnden und
betete ruhig mit geschlossenen Augen, whrend die Wasser stiegen und
stiegen: schon rauschten sie an den Stufen der Galerie.

Beten willst du, Mrderin? Hinweg von dem Kreuz! rief Gothelindis
grimmig, denk' an die drei Herzoge! Und pltzlich begannen alle die
Delphine und Tritonen auf der rechten Seite des Achtecks Strme heien
Wassers auszuspeien: weier Dampf quoll aus den Rhren.

Amalaswintha sprang auf und eilte auf die linke Seite der Galerie:
Gothelindis, ich vergebe dir! tte mich, aber verzeih' auch du meiner
Seele. Und das Wasser stieg und stieg: schon schwoll es ber die oberste
Stufe und drang langsam auf den Boden der Galerie. Ich dir vergeben?
Niemals! Denk' an Eutharich! -

Und zischend schossen jetzt von links die dampfenden Wasserstrahlen auf
Amalaswintha. Sie flchtete nun in die Mitte, gerade dem Medusenhaupt
gegenber, die einzige Stelle, wohin kein Strahl der Wasserrhren reichte.

Wenn sie die hier angebrachte Sprungbrcke erstieg, konnte sie noch einige
Zeit ihr Leben fristen: Gothelindis schien dies zu erwarten und sich an
der verlngerten Qual weiden zu wollen: schon brauste das Wasser auf dem
Marmorboden der Galerie und besplte die Fe der Gefangenen; rasch flog
sie die braunglnzenden Staffeln hinan und lehnte sich an die Brstung der
Brcke: Hre mich, Gothelindis! meine letzte Bitte! nicht fr mich, - fr
mein Volk, fr unser Volk: - Petros will es verderben und Theodahad ... -

Ja, ich wute, dieses Reich ist die letzte Sorge deiner Seele!
Verzweifle! Es ist verloren! Diese thrichten Goten, die jahrhundertelang
den Balten die Amaler vorgezogen, sie sind verkauft und verraten von dem
Haus der Amaler: Belisarius naht und niemand ist, der sie warnt.

Du irrst, Teufelin, sie _sind_ gewarnt. Ich, ihre Knigin, habe sie
gewarnt. Heil meinem Volk! Verderben seinen Feinden und Gnade meiner
Seele!

Und mit raschem Sprung strzte sie sich hoch von der Brstung in die
Fluten, die sich brausend ber ihr schlossen.

Gothelindis blickte starr auf die Stelle, wo ihr Opfer gestanden. Sie ist
verschwunden, sagte sie. Dann schaute sie in die Flut: obenauf schwamm
das Brusttuch Amalaswinthens. Noch im Tode berwindet mich dieses Weib,
sagte sie langsam: wie lang war der Ha und wie kurz die Rache!




                            Siebentes Kapitel.


Wenige Tage nach diesen Ereignissen finden wir zu Ravenna in dem Gemach
des Gesandten von Byzanz eine Anzahl von vornehmen Rmern, geistlichen und
weltlichen Standes versammelt - auch die Bischfe Hypatius und Demetrius
aus dem Ostreich weilten bei ihm.

Groe Aufregung, aus Zorn und Furcht gemischt, sprach aus allen
Gesichtern, als der gewandte Rhetor seine Ansprache mit folgenden Worten
schlo: Deshalb, ihr ehrwrdigen Bischfe des Westreichs und des
Ostreichs und ihr edeln Rmer, hab' ich euch hierher beschieden. Laut und
feierlich lege ich vor euch im Namen meines Kaisers Verwahrung ein gegen
alle Thaten der Arglist und Gewalt, die im geheimen gegen die hohe Frau
verbt werden mgen.

Seit neun Tagen ist sie verschwunden aus Ravenna: wohl mit Gewalt
hinweggefhrt aus eurer Mitte: sie, die von jeher die Freundin, die
Beschtzerin der Italier gewesen. Verschwunden ist am gleichen Tage die
Knigin, ihre grimme Feindin. Ich habe Eilboten ausgesandt nach allen
Richtungen, noch bin ich ohne Nachricht! aber wehe, wenn ... -

Er konnte nicht vollenden.

Dumpfes Gerusch scholl von dem Forum des Herkules herauf, bald hrte man
hastige Schritte im Vestibulum, der Vorhang ward zurckgeschlagen und ins
Gemach eilte staubbedeckt einer der byzantinischen Sklaven des Gesandten:
Herr, rief er, sie ist tot! sie ist ermordet!

Ermordet! scholl es in der Runde.

Durch wen? fragte Petros.

Von Gothelindis auf der Villa im Bolsener See.

Wo ist die Leiche? Wo die Mrderin?

Gothelindis giebt vor, die Frstin sei im Bad ertrunken, unkundig mit den
Wasserknsten spielend. Aber man wei, da sie ihrem Opfer von hier auf
dem Fue nachgefolgt. Rmer und Goten eilen zu Hunderten nach der Villa,
die Leiche in feierlichem Zuge hierher zu geleiten. Die Knigin floh vor
der Rache des Volks in das feste Schlo von Feretri.

Genug, rief Petros entrstet, ich eile zum Knig und fordre euch auf,
ihr edeln Mnner, mir zu folgen. Auf euer Zeugnis will ich mich berufen
vor Kaiser Justinian. Und sofort eilte er an der Spitze der Versammelten
nach dem Palast.

Sie fanden auf den Straen eine Menge Volks in Bestrzung und Entrstung
hin- und herwogend: die Nachricht war in die Stadt gedrungen und flog von
Haus zu Haus.

Als man den Gesandten des Kaisers und die Vornehmen der Stadt erkannte,
ffnete sich die Menge vor ihnen, schlo sich aber dicht hinter ihnen
wieder und flutete nach auf dem Wege in den Palast, von dessen Thoren sie
kaum abgehalten wurde. Von Minute zu Minute stieg die Zahl und der Lrm
des Volkes: auf dem Forum des Honorius drngten sich die Ravennaten
zusammen, die mit der Trauer um ihre Beschtzerin schon die Hoffnung
vereinten, bei diesem Anla die Barbarenherrschaft fallen zu sehen: das
Erscheinen des kaiserlichen Gesandten steigerte diese Hoffnung und der
Auflauf vor dem Palast nahm mehr und mehr eine Richtung, die keineswegs
blo Theodahad und Gothelindis bedrohte.

Inzwischen eilte Petros mit seiner Begleitung in das Gemach des hilflosen
Knigs, den mit seiner Gattin alle Kraft des Widerstandes verlassen hatte:
er zagte vor der Aufregung der unten wogenden Menge und hatte nach Petros
gesendet, von ihm Rat und Hilfe zu erlangen, da ja dieser es gewesen, der
mit Gothelindis den Untergang der Frstin beschlossen und die Art der
Ausfhrung beraten hatte: er sollte ihm jetzt auch die Folgen der That
tragen helfen. Als daher der Byzantiner auf der Schwelle erschien, eilte
er, beide Arme ausbreitend, auf ihn zu: aber erstaunt blieb er pltzlich
stehen: erstaunt ber die Begleitung, noch mehr erstaunt ber die finster
drohende Miene des Gesandten.

Ich fordre Rechenschaft von dir, Knig der Goten, rief dieser schon an
der Thre, Rechenschaft im Namen von Byzanz fr die Tochter Theoderichs.
Du weit, Kaiser Justinian hat sie seines besondern Schutzes versichert:
jedes Haar ihres Hauptes ist daher heilig und heilig jeder Tropfe ihres
Blutes. Wo ist Amalaswintha?

Der Knig sah ihn staunend an. Er bewunderte diese Verstellungskunst. Aber
er begriff ihren Zweck nicht. Er schwieg.

Wo ist Amalaswintha? wiederholte Petros, drohend vortretend und sein
Anhang folgte ihm einen Schritt.

Sie ist tot, sagte Theodahad, ngstlich werdend.

Ermordet ist sie, rief Petros, so ruft ganz Italien, ermordet von dir
und deinem Weibe. Justinian, mein hoher Kaiser, war der Schirmherr dieser
Frau, er wird ihr Rcher sein: Krieg knd' ich dir in seinem Namen an,
Krieg gegen euch, ihr blutigen Barbaren, Krieg gegen euch und euer ganz
Geschlecht.

Krieg gegen euch und euer ganz Geschlecht! wiederholten die Italier,
fortgerissen von der Gewalt des Augenblicks und den alten, langgenhrten
Ha entzgelnd; und wie eine Woge brausten sie heran auf den zitternden
Knig.

Petros, stammelte dieser entsetzt, du wirst gedenken des Vertrages, du
wirst doch ... -

Aber der Gesandte zog eine Papyrusrolle aus dem Mantel und ri sie mitten
durch. Zerrissen ist jedes Band zwischen meinem Kaiser und deinem
blutbefleckten Haus. Ihr selber habt durch eure Greuelthat alle Schonung
verwirkt, die man euch frher gewhrt. Nichts von Vertrgen. Krieg!

Um Gott, jammerte Theodahad, nur nicht Krieg und Kampf! Was forderst
du, Petros?

Unterwerfung! Rumung Italiens! Dich selber und Gothelindis lad' ich zum
Gericht nach Byzanz vor den Thron Justinians, dort ... -

Aber seine Rede unterbrach der schmetternde Ruf des gotischen Kriegshorns
und in das Gemach eilte mit gezogenen Schwertern eine starke Schar
gotischer Krieger, von Graf Witichis gefhrt.

Die gotischen Fhrer hatten sofort auf die Nachricht von Amalaswinthens
Untergang die tchtigsten Mnner ihres Volks in Ravenna zu einer Beratung
vor die Porta romana beschieden und dort Maregeln der Sicherung und der
Gerechtigkeit beraten. Zur rechten Zeit erschienen sie jetzt auf dem Forum
des Honorius, wo der Auflauf immer drohender wurde: schon blinkte hier und
dort ein Dolch, schon ertnte manchmal der Ruf: Wehe den Barbaren!

Diese Zeichen und Stimmen verschwanden und verstummten sofort, als nun die
verhaten Goten in geschlossenem Zug von dem Forum des Herkules her durch
die Via palatina anrckten: ohne Widerstand zogen sie quer durch die
grollenden Haufen und indessen Graf Teja und Hildebad die Thore und die
Terrasse des Palastes besetzten, waren Graf Witichis und Hildebrand gerade
rechtzeitig im Gemache des Knigs angelangt, die letzten Worte des
Gesandten noch zu hren. Ihr Zug stellte sich in einer Schwenkung rechts
vom Thronsitz des Knigs, zu dem dieser zurckgewichen war: und Witichis,
auf sein langes Schwert gesttzt, trat hart vor den Griechen hin und sah
ihm scharf ins Auge.

Eine erwartungsvolle Pause trat ein.

Wer wagt es, fragte Witichis ruhig, hier den Herrn und Meister zu
spielen im Knigshaus der Goten?

Von seiner berraschung sich erholend entgegnete Petros: Es steht dir
bel an, Graf Witichis, Mrder zu beschtzen. Ich hab' ihn nach Byzanz
geladen vor Gericht.

Und darauf hast du keine Antwort, Amalunge? rief der alte Hildebrand
zornig.

Aber das bse Gewissen band dem Knige die Stimme.

So mssen wir statt seiner sprechen, sagte Witichis. Wisse, Grieche,
vernehmt es wohl, ihr falschen und undankbaren Ravennaten: das Volk der
Goten ist frei und erkennt auf Erden keinen Herrn und Richter ber sich.

Auch nicht fr Mord und Blutschuld?

Wenn schwere Thaten unter uns geschehn, richten und strafen wir sie
selbst. Den Fremdling geht das nichts an, am wenigsten unsern Feind, den
Kaiser in Byzanz.

Mein Kaiser wird diese Frau rchen, die er nicht retten konnte. Liefert
die Mrder aus nach Byzanz.

Wir liefern keinen Gotenknecht nach Byzanz, geschweige unsern Knig,
sprach Witichis.

So teilt ihr seine Strafe wie seine Schuld und Krieg erklr' ich euch, im
Namen meines Herrn. Erbebt vor Justinian und Belisar.

Eine freudige Bewegung der gotischen Krieger war die Antwort. Der alte
Hildebrand trat ans Fenster und rief zu den unten stehenden Goten hinab:
Hrt, ihr Goten, frohe Kunde: Krieg, Krieg mit Byzanz.

Da brach unten ein Getse los, wie wenn das Meer entfesselt ber seine
Dmme bricht, die Waffen klirrten und tausend Stimmen jubelten: Krieg,
Krieg mit Byzanz!

Dieser Wiederhall blieb nicht ohne Eindruck auf Petros und die Italier:
das Ungestm solcher Begeisterung erschreckte sie: schweigend sahen sie
vor sich nieder. Whrend die Goten sich glckwnschend die Hnde
schttelten, trat Witichis ernst, gesenkten Hauptes, in die Mitte, hart
neben Petros und sprach feierlich: Also Krieg! Wir scheuen ihn nicht: -
du hast es gehrt. Besser offner Kampf als die langjhrige, lauernde,
whlende Feindschaft. Der Krieg ist gut: aber wehe dem Frevler, der ohne
Recht und ohne Grund den Krieg beginnt. Ich sehe Jahre voraus, viele Jahre
von Blut und Mord und Brand, ich sehe zerstampfte Saaten, rauchende
Stdte, zahllose Leichen die Strme hinabschwimmen. Hrt unser Wort: auf
euer Haupt dies Blut, dies Elend. Ihr habt geschrt und gereizt jahrelang:
- wir haben's ruhig getragen. Und jetzt habt _ihr_ den Krieg
hereingeschleudert, richtend, wo ihr nicht zu richten habt, ohne Grund
euch mischend in das Leben eines Volkes, das so frei wie ihr: auf euer
Haupt die Schuld. Dies unsre Antwort nach Byzanz.

Schweigend hrte Petros diese Worte an, schweigend wandte er sich und
schritt mit seinen italischen Freunden hinaus. Einige von diesen gaben ihm
das Geleit bis in seine Wohnung, unter ihnen der Bischof von Florentia.

Ehrwrdiger Freund, sagte er zu diesem beim Abschied, die Briefe
Theodahads in der bewuten Sache, die ihr mir zur Einsicht anvertraut,
mut du mir ganz belassen. Ich bedarf ihrer und fr deine Kirche sind sie
nicht mehr ntig. - Der Proze ist lngst entschieden, erwiderte der
Bischof, und die Gter unwiderruflich erworben. Die Dokumente sind
dein. -

Darauf verabschiedete der Gesandte seine Freunde, die ihn bald mit dem
kaiserlichen Heer in Ravenna wiederzusehen hofften, und eilte in sein
Gemach, wo er zuerst einen Boten an Belisar abfertigte, ihn zum sofortigen
Angriff aufzufordern.

Darauf schrieb er einen ausfhrlichen Bericht an den Kaiser, der mit
folgenden Worten schlo: Und so scheinst du, o Herr, wohl Grund zu haben,
mit den Diensten deines getreuesten Knechts zufrieden zu sein und mit der
Lage der Dinge. Das Volk der Barbaren in Parteien zerspalten: auf dem
Thron ein verhater Frst, unfhig und treulos: die Feinde sonder Rstung
berrascht: die italische Bevlkerung berall fr dich gewonnen: - es kann
nicht fehlen: wenn keine Wunder geschehen, mssen die Barbaren fast ohne
Widerstand erliegen.

Und wie so oft tritt auch hier mein erhabener Kaiser, dessen Stolz das
Recht, als Schirmherr und Rcher der Gerechtigkeit auf: - es ist ein
geistvoller Zufall, da die Triere, die mich trgt, den Namen Nemesis
fhrt.

Nur das Eine betrbt mich unendlich, da es meinem treuen Eifer nicht
gelungen, die unselige Tochter Theoderichs zu retten. Ich flehe dich an,
meiner hohen Herrin, der Kaiserin, die mir niemals gndig gesinnt war,
wenigstens zu versichern, da ich allen ihren Auftrgen bezglich der
Frstin, deren Schicksal sie mir noch in der letzten Unterredung als
Hauptsorge ans Herz legte, aufs treueste nachzukommen suchte.

Auf die Anfrage bezglich Theodahads und Gothelindens, deren Hilfe uns das
Gotenreich in die Hnde liefert, wage ich es, der hohen Kaiserin mit der
ersten Regel der Klugheit zu antworten: es ist zu gefhrlich, die
Mitwisser unsrer tiefsten Geheimnisse am Hof zu haben.

Diesen Brief sandte Petros eilig durch die beiden Bischfe Hypatius und
Demetrius voraus. Sie sollten nach Brundusium und von da ber Epidamnus
auf dem Landweg nach Byzanz eilen. Er selbst wollte erst nach einigen
Tagen folgen, langsam die gotische Kste des jonischen Meerbusens entlang
fahrend, berall die Stimmung der Bevlkerung in den Hafenstdten zu
prfen und zu schren.

Dann sollte er um den Peloponnes und Euba her nach Byzanz segeln: denn
die Kaiserin hatte ihm den Seeweg vorgeschrieben und ihm Auftrge fr
Athen und Lampsakos erteilt.

Er berrechnete schon vor der Abreise von Ravenna mit vergngten Sinnen
immer wieder seine Wirksamkeit in Italien und den Lohn, den er dafr in
Byzanz erwartete.

Er kehrte zurck, noch einmal so reich als er gekommen.

Denn er hatte der Knigin Gothelindis nie eingestanden, da er mit dem
Auftrag, Amalaswintha zu verderben, ins Land gekommen. Er hatte ihr
vielmehr lange die Gefahr der Ungnade bei Kaiser und Kaiserin
entgegengehalten und sich nur mit Widerstreben durch sehr hohe Summen von
ihr fr den Plan gewinnen lassen, in welchem er sie doch nur als Werkzeug
brauchte. Er erwartete in Byzanz mit Sicherheit die versprochene Wrde des
Patriciats und freute sich schon, seinem hochmtigen Vetter Narses, der
ihn nie befrdert hatte, nun bald in gleichem Range gegenberzutreten.

So ist denn alles nach Wunsch gelungen, sagte er selbstzufrieden,
whrend er seine Briefschaften ordnete: und diesmal, du stolzer Freund
Cethegus, hat sich die Verschmitztheit doch trefflich bewhrt. Und der
kleine Rhetor aus Thessalonike hat es doch weiter gebracht mit seinen
kleinen, leisen Schritten, denn du mit deinem stolzen, herausfordernden
Gang. Nur mu noch dafr gesorgt werden, da Theodahad und Gothelindis
nicht nach Byzanz an den Hof entrinnen: wie gesagt, das wre zu
gefhrlich: vielleicht hat die Frage der klugen Kaiserin eine Warnung sein
sollen. Nein, dieses Knigspaar mu verschwinden aus unsern Wegen.

Und er lie den Gastfreund rufen, bei dem er gewohnt, und nahm Abschied
von ihm. Dabei bergab er ihm eine dunkle, schmale Vase von der Form
derer, die zur Aufbewahrung von Urkunden dienten: er versiegelte den
Deckel mit seinem Ring, der einen feingeschnittenen Skorpion zeigte, und
schrieb einen Namen auf die daran hngende Wachstafel. Diesen Mann,
sagte er dem Gastfreund, suche auf bei der nchsten Versammlung der Goten
zu Regeta und bergieb ihm die Vase: was sie enthlt ist sein. Leb wohl,
auf baldig Wiedersehen hier in Ravenna. Und er verlie mit seinen Sklaven
das Haus und bestieg alsbald das Gesandtenschiff: von stolzen Erwartungen
hoch gehoben trug ihn die Nemesis dahin. -

Und als sich nun sein Schiff dem Hafen von Byzanz nherte, von Lampsakos
aus hatte er - auch dies hatte die Kaiserin gewnscht - seine baldige
Ankunft durch einen kaiserlichen Schnellsegler, der eben abging, melden
lassen, berflog des Gesandten Auge erwartungsvoll die schnen Landhuser,
die marmorwei aus den Schatten immergrner Grten blinkten.

Hier wirst du knftig wohnen, unter den Senatoren des Reichs, sprach
wohlgefllig Petros.

Vor dem Einlaufen in den Hafen flog die Thetis, das prachtvolle Lustboot
der Kaiserin, ihnen entgegen, sowie es des Gesandten Galeere erkannte die
Purpurwimpel entrollend, und sie zum Halten anrufend. Alsbald stieg an
Bord der Galeere ein Bote der Kaiserin: es war Alexandros, der frhere
Gesandte am Hof von Ravenna.

Er wies dem Trierarchen ein Schreiben des Kaisers, in das dieser einen
erschrockenen Blick warf: dann wandte er sich zu Petros: Im Namen des
Kaisers Justinian! Du bist wegen jahrelang fortgesetzter Urkundenflschung
und Steuerunterschlagung lebenslnglich zu den Metallarbeiten in den
Bergwerken von Cherson bei den ultziagirischen Hunnen verurteilt. Du hast
die Tochter Theoderichs ihren Feinden preisgegeben. Der Kaiser htte dich
durch deinen Brief fr entschuldigt erachtet: aber die Kaiserin,
untrstlich ber den Untergang ihrer kniglichen Schwester, hat deine alte
Schuld dem Kaiser entdeckt. Und ein Brief des Prfekten von Rom an diesen
hat dargethan, da du mit Gothelindis geheim der Knigin Verderben
geplant. Die Kaiserin hat den Kaiser auch hierin berzeugt. Dein Vermgen
ist eingezogen: die Kaiserin aber lt dir sagen, - hier flsterte er in
des Zerschmetterten Ohr, - du habest in deinem klugen Brief ihr selbst
den Rat erteilt, Mitwisser von Geheimnissen zu verderben. Trierarch, du
fhrst den Verurteilten sofort an seinen Strafort ab.

Und Alexandros ging auf die Thetis zurck.

Die Nemesis aber drehte rauschend ihr Steuer, wandte dem Hafen von
Byzanz den Rcken und trug den Strfling fr immer aus dem Leben der
Menschen.




                             Achtes Kapitel.


Wir haben Cethegus den Prfekten seit seiner Abreise nach Rom aus den
Augen verloren.

Er hatte daselbst in den Wochen der erzhlten Ereignisse die eifrigste
Thtigkeit entfaltet: denn er erkannte, da die Dinge jetzt zur
Entscheidung drngten; er konnte ihr getrost entgegensehen.

Ganz Italien war einig in dem Ha gegen die Barbaren: und wer anders
vermochte es, der Kraft dieses Hasses Bewegung und Ziel zu geben, als das
Haupt der Katakombenverschwrung und der Herr von Rom.

Das war er durch die jetzt vllig ausgebildeten und ausgersteten
Legionare und durch die nahezu vollendete Befestigung der Stadt, an der er
in den letzten Monaten Nachts wie Tages hatte arbeiten lassen. Und nun war
es ihm zuletzt noch gelungen, wie er glaubte, ein sofortiges Auftreten der
byzantinischen Macht in seinem Italien, die Hauptgefahr, die seinen
ehrgeizigen Plnen gedroht, abzuwenden: durch zuverlssige Kundschafter
hatte er erfahren, da die byzantinische Flotte, die bisher lauernd bei
Sicilien geankert, sich wirklich von Italien hinweggewandt und der
afrikanischen Kste genhert habe, wo sie die Seeruberei zu unterdrcken
beschftigt schien.

Freilich sah Cethegus voraus, da es zu einer Landung der Griechen in
Italien kommen werde: er konnte derselben als einer Nachhilfe nicht
entbehren.

Aber alles war ihm daran gelegen, da dies Auftreten des Kaisers eben nur
eine Nachhilfe bleibe: und deshalb mute er, ehe ein Byzantiner den
italischen Boden betreten, eine Erhebung der Italier aus eigner Kraft
veranlat und zu solchen Erfolgen gefhrt haben, da die sptere
Mitwirkung der Griechen nur als eine Nebensache erschien und mit der
Anerkennung einer losen Oberhoheit des Kaisers abgelohnt werden konnte.

Und er hatte zu diesem Zweck seine Plne trefflich vorbereitet.

Sowie der letzte rmische Turm unter Dach, sollten die Goten in ganz
Italien an einem Tag berfallen, mit einem Schlag alle festen Pltze,
Burgen und Stdte, Rom, Ravenna und Neapolis voran, genommen werden. Und
waren die Barbaren ins flache Land hinausgeworfen, so stand nicht mehr zu
frchten, da sie bei ihrer groen Unkunde in Belagerungen und bei der
Anzahl und Strke der italischen Festen diese und damit die Herrschaft
ber die Halbinsel wieder gewinnen wrden.

Dann mochte ein byzantinisches Bundesheer helfen, die Goten vollends ber
die Alpen zu drngen: und Cethegus wollte schon dafr sorgen, da diese
Befreier ebenfalls keinen Fu in die wichtigsten Festungen setzen sollten,
um sich ihrer spter unschwer wieder entledigen zu knnen.

Dieser Plan setzte nun aber voraus, da die Goten durch die Erhebung
Italiens berrascht wrden. Wenn der Krieg mit Byzanz in Aussicht oder gar
schon ausgesprochen war, dann natrlich lieen sich die Barbaren die in
Kriegsstand gesetzten Stdte nicht durch einen Handstreich entreien. Da
nun aber Cethegus, seit er die Sendung des Petros durchschaut hatte, bei
jeder Gelegenheit Justinians Hervortreten aus seiner drohenden Stellung
erwarten mute, da es kaum noch gelungen war, Belisar wieder abzuwenden
von Italien, beschlo er, keinen Augenblick mehr zu verlieren.

Er hatte auf den Tag der Vollendung der Befestigungen Roms eine allgemeine
Versammlung der Verschworenen in den Katakomben anberaumt, in der das
mhsam und erfindungsreich vorbereitete Werk gekrnt, der Augenblick des
Losschlagens bestimmt und Cethegus als Fhrer dieser rein italischen
Bewegung bezeichnet werden sollte. Er hoffte sicher, den Widerstand der
Bestochenen oder Furchtsamen, die nur fr und mit Byzanz zu handeln
geneigt waren, durch die Begeisterung der Jugend zu berwltigen, wenn er
diese sofort in den Kampf zu fhren versprach.

Noch vor jenem Tag kam die Nachricht von Amalaswinthens Ermordung, von der
Verwirrung und Spaltung der Goten nach Rom und ungeduldig sehnte der
Prfekt die Stunde der Entscheidung herbei. Endlich war auch der einzige
noch unfertige Turm des aurelischen Thores unter Dach: Cethegus fhrte die
letzten Hammerschlge: ihm war dabei, er hre die Streiche des Schicksals
von Rom und von Italien drhnen.

Bei dem Schmause, den er darauf den Tausenden von Arbeitern in dem Theater
des Pompejus gab, hatten sich auch die meisten der Verschworenen
eingefunden und der Prfekt benutzte die Gelegenheit, diesen seine
unbegrenzte Beliebtheit im Volk zu zeigen. Auf die jngeren unter den
Genossen machte dies freilich den Eindruck, welchen er gewnscht hatte;
aber ein Huflein, dessen Mittelpunkt Silverius war, zog sich mit finstern
Mienen von den Tischen zurck.

Der Priester hatte seit lange eingesehen, da Cethegus nicht blo Werkzeug
sein wollte, da er eigene Plne verfolgte, die der Kirche und seinem
persnlichen Einflu sehr gefhrlich werden konnten. Und er war
entschlossen, den khnen Verbndeten zu strzen, sobald er entbehrt werden
konnte; es war ihm nicht schwer geworden, die Eifersucht so manches Rmers
gegen den berlegenen im geheimen zu schren.

Die Anwesenheit aber zweier Bischfe aus dem Ostreich, Hypatius von
Ephesus und Demetrius von Philippi, die in Glaubensfragen ffentlich mit
dem Papst, aber geheim mit Knig Theodahad, in Untersttzung des Petros,
in Politik verhandelten, hatte der kluge Archidiakon benutzt, um mit
Theodahad und mit Byzanz in enge Verbindung zu treten.

Du hast recht, Silverius, murrte Scvola im Hinausgehen aus dem Thor des
Theaters, der Prfekt ist Marius und Csar in Einer Person. - Er
verschwendet diese ungeheuren Summen nicht umsonst, man darf ihm nicht zu
sehr trauen, warnte der geizige Albinus. - Lieben Brder, mahnte der
Priester, sehet zu, da ihr nicht einen unter euch lieblos verdammet. Wer
solches thte, wre des hllischen Feuers schuldig. Freilich beherrscht
unser Freund die Fuste der Handwerker wie die Herzen seiner jungen
Ritter: es ist das gut, er kann dadurch die Tyrannei zerbrechen ... -

Aber dadurch auch eine neue aufrichten, meinte Calpurnius.

Das soll er nicht, wenn Dolche noch tten, wie in Brutus' Tagen, sprach
Scvola.

Es bedarf des Blutes nicht. Bedenket nur immer: sagte Silverius, je
nher der Tyrann, desto drckender die Tyrannei: je ferner der Herrscher,
desto ertrglicher die Herrschaft. Das schwere Gewicht des Prfekten ist
aufzuwiegen durch das schwerere des Kaisers.

Jawohl, stimmte Albinus bei, der groe Summen von Byzanz erhalten hatte,
der Kaiser mu der Herr Italiens werden. - Das heit, beschwichtigte
Silverius den unwillig auffahrenden Scvola, wir mssen den Prfekten
durch den Kaiser, den Kaiser durch den Prfekten niederhalten. Siehe, wir
stehen an der Schwelle meines Hauses. Lat uns eintreten. Ich habe geheim
euch mitzuteilen, was heute Abend in der Versammlung kund werden soll. Es
wird euch berraschen. Aber andre Leute noch mehr.

Inzwischen war auch der Prfekt von dem Gelage nach Hause geeilt, sich in
einsamem Sinnen zu seinem wichtigen Werke zu bereiten. Nicht seine Rede
berdachte er: wute er doch lngst was er zu sagen hatte und, ein
glnzender Redner, dem die Worte so leicht wie die Gedanken kamen,
berlie er den Ausdruck gern dem Antrieb des Augenblicks, wohl wissend,
da das eben frisch aus der Seele geschpfte Wort am lebendigsten wirkt.

Aber er rang nach innerer Ruhe: denn seine Leidenschaft schlug hohe
Wellen.

Er berschaute die Schritte, die er nach seinem Ziele hin gethan, seit
zuerst dieses Ziel mit dmonischer Gewalt ihn angezogen: er erwog die
kurze Strecke, die noch zurckzulegen war: er berzhlte die
Schwierigkeiten, die Hindernisse, die noch auf diesem Wege lagen und erma
dagegen die Kraft seines Geistes, sie zu berwinden: und das Ergebnis
dieses prfenden Wgens erzeugte in ihm eine Siegesfreude, die ihn mit
jugendlicher Aufregung ergriff.

Mit gewaltigen Schritten durchma er das Gemach.

Die Muskeln seiner Arme spannten sich wie in der Stunde beginnender
Schlacht: er umgrtete sich mit dem breiten, siegreichen Schwert seiner
Kriegsfahrten und drckte krampfhaft dessen Adlergriff, als gelte es,
jetzt gegen zwei Welten, gegen Byzanz und die Barbaren, sein Rom zu
erkmpfen. Dann trat er der Csarstatue gegenber und sah ihr lange in das
schweigende Marmorantlitz. Endlich ergriff er mit beiden Hnden die Hften
des Imperators und rttelte an ihnen: lebwohl, sagte er, und gieb mir
dein Glck mit auf den Weg. - Mehr brauch' ich nicht.

Und rasch wandte er sich und eilte aus dem Gemache und durch das Atrium
hinaus auf die Strae, wo ihn schon die ersten Sterne begrten.

Zahlreicher als je hatten sich die Verschwornen an diesem Abend in den
Katakomben eingefunden: waren doch durch ganz Italien die Ladungen zu
dieser Versammlung als zu einer entscheidungsvollen ergangen. So waren auf
den Wunsch des Prfekten besonders alle strategisch wichtigen Punkte
vertreten: von den starken Grenzhterinnen Tridentum, Tarvisium und
Verona, die das Eis der Alpen schauen, bis zu Otorantum und Consentia,
welche die laue Welle des ausonischen Meeres besplt, hatten sie alle ihre
Boten zugesendet, jene berhmten Stdte Siciliens und Italiens mit den
stolzen, den schnen, den weltgeschichtlichen Namen: Syrakus und Catana,
Panormus und Messana, Regium, Neapolis und Cum, Capua und Beneventum,
Antium und Ostia, Reate und Narnia, Volsinii, Urbsvetus und Spoletum,
Clusium und Perusia, Auximum und Ancon, Florentia und Fsul, Pisa, Luca,
Luna und Genua, Ariminum, Csena, Faventia und Ravenna, Parma, Dertona und
Placentia, Mantua, Cremona und Ticinum (Pavia), Mediolanum, Comum und
Bergamum, Asta und Pollentia: dann von der Nord- und Ostkste des
jonischen Meerbusens: Concordia, Aquileja, Jadera, Scardona und Salona.

Da waren ernste Senatoren und Decurionen, ergraut in dem Rat ihrer Stdte,
deren Hupter ihre Ahnen seit Jahrhunderten gewesen: kluge Kaufleute,
breitschultrige Gutsherrn, rechthaberische Juristen, spttische Rhetoren:
und namentlich eine groe Anzahl von Geistlichen jedes Ranges und jedes
Alters: die einzige fest organisierte Macht und Silverius unbedingt
gehorsam.

Wie Cethegus, noch hinter der Mndung des schmalen Ganges verborgen, die
Massen in dem Halbrund der Grotte bersah, konnte er sich eines
verchtlichen Lchelns nicht erwehren, das aber in einen Seufzer auslief.
Auer der allgemeinen Abneigung gegen die Barbaren, die doch bei weitem
nicht stark genug war, schwere politische Plne mit Opfern und Entsagungen
zu tragen, - welch' verschiedene und oft welch' kleine Motive hatten diese
Verschwornen hier zusammengefhrt!

Cethegus kannte die Beweggrnde der einzelnen genau: hatte er sie doch
durch Bearbeitung ihrer schwchsten Seiten beherrschen gelernt. Und er
mute zuletzt noch froh darum sein: echte Rmer htte er nie, wie diese
Verschworenen, so vllig unter seinen Einflu gebracht.

Aber wenn er sie nun hier alle beisammen sah, diese Patrioten, und
bedachte, wie den einen die Hoffnung auf einen Titel von Byzanz, den
andern plumpe Bestechung, einen dritten Rachsucht wegen irgend einer
Beleidigung oder auch nur die Langeweile oder Schulden oder ein schlechter
Streich unter die Unzufriedenen gefhrt: und wenn er sich nun vorstellte,
da er mit solchen Bundesgenossen den gotischen Heermnnern entgegentreten
sollte, - da erschrak er fast ber die Vermessenheit seines Planes.

Und eine Erquickung war es ihm, als die helle Stimme des Lucius Licinius
seinen Blick auf die Schar der jungen Ritter lenkte, denen wirklich
kriegerischer Muth und nationale Begeisterung aus den Augen sprhte: so
hatte er doch einige verlssige Waffen. -

Gegrt, Lucius Licinius, sprach er aus dem Dunkel des Ganges
hervortretend. Ei, du bist ja gerstet und gewaffnet, als ging es von
hier gegen die Barbaren.

Kaum bezwing ich das Herz in der Brust vor Ha und vor Freude, sagte der
schne Jngling. Sieh, alle diese hier hab' ich fr dich, fr das
Vaterland geworben.

Cethegus blickte grend umher:

Auch du hier, Kallistratos, - du heitrer Sohn des Friedens?

Hellas wird ihre Schwester Italia nicht verlassen in der Stunde der
Gefahr, sagte der Hellene und legte die weie Hand auf das zierliche
Schwert mit dem Griff von Elfenbein. Und Cethegus nickte ihm zu und wandte
sich zu den andern: Marcus Licinius, Piso, Massurius, Balbus, die, seit
den Floralien ganz von dem Prfekten gewonnen, ihre Brder, Vettern,
Freunde mitgebracht hatten. Prfend flog sein Blick ber die Gruppe, er
schien einen aus diesem Kreise zu vermissen. Lucius Licinius erriet seine
Gedanken: Du suchst den schwarzen Korsen, Furius Ahalla?

Auf den kannst du nicht zhlen. Ich holte ihn von weitem aus, aber er
sprach: ich bin ein Korse, kein Italier: mein Handel blht unter
gotischem Schutz: lat mich aus eurem Spiel. Und als ich weiter in ihn
drang - denn ich gewnne gern sein khnes Herz und die vielen Tausende von
Armen, ber die er gebeut - sprach er kurz abweisend: ich fechte nicht
gegen Totila.

Die Gtter mgen wissen, was den tigerwilden Korsen an jenen Milchbart
bindet, meinte Piso.

Cethegus lchelte, aber er furchte die Stirn. Ich denke, wir Rmer
gengen, sprach er laut: und das Herz der Jnglinge schlug.

Erffne die Versammlung, mahnte Scvola unwillig den Archidiakon, du
siehst, wie er die jungen Leute beschwatzt; er wird sie alle gewinnen.
Unterbrich ihn: rede.

Sogleich. Bist du gewi, da Albinus kommt?

Er kommt; er erwartet den Boten am appischen Thor.

Wohlan, sagte der Priester, Gott mit uns! Und er trat in die Mitte der
Rotunde, erhob ein schwarzes Kreuz und begann: Im Namen des dreieinigen
Gottes! Wieder einmal haben wir uns versammelt im Grauen der Nacht zu den
Werken des Lichts. Vielleicht zum letztenmal: denn wunderbar hat der Sohn
Gottes, dem die Ketzer die Ehre weigern, unsere Mhen zu seiner
Verherrlichung, zur Vernichtung seiner Feinde gesegnet. Nchst Gott dem
Herrn aber gebhrt der hchste Dank dem edeln Kaiser Justinian und seiner
frommen Gemahlin, die mit thtigem Mitleid die Seufzer der leidenden
Kirche vernehmen: und endlich hier unsrem Freund und Fhrer, dem
Prfekten, der unablssig fr unsres Herrn, des Kaisers Sache, wirkt
... -

Halt, Priester! rief Lucius Licinius dazwischen, wer nennt den Kaiser
von Byzanz hier unsern Herrn? wir wollen nicht den Griechen dienen statt
den Goten! Frei wollen wir sein! - Frei wollen wir sein, wiederholte
der Chor seiner Freunde.

Frei wollen wir _werden_! fuhr Silverius fort. Gewi. Aber das knnen
wir nicht aus eigner Macht, nur mit des Kaisers Hilfe. Glaubt auch nicht,
geliebte Jnglinge, der Mann, den ihr als euren Vorkmpfer verehrt,
Cethegus, denke hierin anders. Justinian hat ihm einen kstlichen Ring -
sein Bild in Carneol - gesendet, zum Zeichen, da er billige, was der
Prfekt fr ihn, den Kaiser, thue und der Prfekt hat den Ring angenommen:
sehet hier, er trgt ihn am Finger.

Betroffen und unwillig sahen die Jnglinge auf Cethegus. Dieser trat
schweigend in die Mitte. Eine peinliche Pause entstand.

Sprich, Feldherr! rief Lucius, widerlege sie! Es ist nicht wie sie
sagen mit dem Ring.

Aber Cethegus zog den Ring kopfnickend ab: Es ist wie sie sagen: der Ring
ist vom Kaiser und ich hab' ihn angenommen.

Lucius Licinius trat einen Schritt zurck.

Zum Zeichen? fragte Silverius.

Zum Zeichen, sprach Cethegus mit drohender Stimme, da ich der
herrschschtige Selbstling nicht bin, fr den mich einige halten, zum
Zeichen, da ich Italien mehr liebe als meinen Ehrgeiz. Ja, ich baute auf
Byzanz und wollte dem mchtigen Kaiser die Fhrerstelle abtreten: - darum
nahm ich diesen Ring. Ich baue nicht mehr auf Byzanz, das ewig zgert:
deshalb hab' ich diesen Ring heute mitgebracht, ihn dem Kaiser
zurckzustellen. Du, Silverius, hast dich als den Vertreter von Byzanz
erwiesen: hier, gieb deinem Herrn sein Pfand zurck: er sumt zu lang:
sag' ihm, Italien hilft sich selbst.

Italien hilft sich selbst! jubelten die jungen Ritter.

Bedenket, was ihr thut! warnte mit verhaltnem Zorn der Priester. Den
heien Mut der Jnglinge begreif' ich, - aber da meines Freundes, des
gereiften Mannes, Hand nach dem Unerreichbaren greift, - befremdet mich.
Bedenket die Zahl und wilde Kraft der Barbaren! Bedenket, wie die Mnner
Italiens seit lange des Schwertes entwhnt, wie alle Zwingburgen des
Landes in der Hand ... -

Schweig, Priester, donnerte Cethegus, das verstehst du nicht! Wo es die
Psalmen zu erklren gilt und die Seele nach dem Himmelreich zu lenken, da
rede du: denn solches ist dein Amt; wo's aber Krieg und Kampf der Mnner
gilt, la jene reden, die den Krieg verstehen. Wir lassen dir den ganzen
Himmel - la uns nur die Erde. Ihr rmischen Jnglinge, ihr habt die Wahl.
Wollt ihr abwarten, bis dieses wohlbedchtige Byzanz sich doch vielleicht
Italiens noch erbarmt - ihr knnt mde Greise werden bis dahin - oder
wollt ihr, nach alter Rmer Art, die Freiheit mit dem eignen Schwert
erkmpfen? Ihr wollt's, ich seh's am Feuer eurer Augen. Wie? man sagt uns,
wir sind zu schwach, Italien zu befreien? Ha, seid ihr nicht die Enkel
jener Rmer, die den Weltkreis bezwangen? Wenn ich euch aufrufe, Mann fr
Mann, da ist kein Name, der nicht klingt wie Heldenruhm: Decius, Corvinus,
Cornelius, Valerius, Licinius: - wollt ihr mit mir das Vaterland
befreien?

Wir wollen es! Fhre uns, Cethegus! riefen die Jnglinge begeistert.

Nach einer Pause begann der Jurist: Ich heie Scvola. Wo rmische
Heldennamen aufgerufen werden, htte man auch des Geschlechts gedenken
mgen, in dem das Heldentum der Klte erblich ist. Ich frage dich, du
jugendheier Held Cethegus, hast du mehr als Trume und Wnsche, wie diese
jungen Thoren, hast du einen Plan? -

Mehr als das, Scvola, ich habe und halte den Sieg. Hier ist die Liste
fast aller Festungen Italiens: an den nchsten Iden, in dreiig Tagen
also, fallen sie, alle, auf Einen Schlag, in meine Hand.

Wie? dreiig Tage sollen wir noch warten? fragte Lucius.

Nur so lange, bis die hier Versammelten ihre Stdte wieder erreicht, bis
meine Eilboten Italien durchflogen haben. Ihr habt ber vierzig Jahre
warten mssen!

Aber der ungeduldige Eifer der Jnglinge, den er selbst geschrt, wollte
nicht mehr ruhen: sie machten verdrone Mienen zu dem Aufschub - sie
murrten.

Blitzschnell ersah der Priester diesen Umschlag der Stimmung. Nein,
Cethegus, rief er, solang kann nicht mehr gezgert werden! Unertrglich
ist dem Edeln die Tyrannei: Schmach dem, der sie lnger duldet als er mu.
Ich wei euch bessern Trost, ihr Jnglinge! Schon in den nchsten Tagen
knnen die Waffen Belisars in Italien blitzen.

Oder sollen wir vielleicht, fragte Scvola, Belisar nicht folgen, weil
er nicht Cethegus ist?

Ihr sprecht von Wnschen, lchelte dieser, nicht von Wirklichem.
Landete Belisar, ich wre der erste mich ihm anzuschlieen. Aber er wird
nicht landen. Das ist's ja, was mich abgewendet hat von Byzanz: der Kaiser
hlt nicht Wort.

Cethegus spielte ein sehr khnes Spiel. Aber er konnte nicht anders.

Du knntest irren und der Kaiser frher sein Wort erfllen, als du
meinst. Belisar liegt bei Sicilien.

Nicht mehr. Er hat sich nach Afrika, nach Hause gewendet. Hofft nicht
mehr auf Belisar.

Da hallten hastige Schritte aus dem Seitengange und eilfertig strzte
Albinus herein:

Triumph, rief er, Freiheit, Freiheit!

Was bringst du? fragte freudig der Priester.

Den Krieg, die Rettung! Byzanz hat den Goten den Krieg erklrt.

Freiheit, Krieg! jauchzten die Jnglinge.

Es ist unmglich! sprach Cethegus, tonlos.

Es ist gewi! rief eine andre Stimme vom Gange her - es war Calpurnius,
der jenem auf dem Fu gefolgt - und mehr als das: der Krieg ist begonnen.
Belisar ist gelandet auf Sicilien, bei Catana: Syrakus, Messana sind ihm
zugefallen, Panormus hat er mit der Flotte genommen, er ist bergesetzt
nach Italien, von Messana nach Regium, er steht auf unserm Boden.

Freiheit! rief Marcus Licinius.

berall fllt ihm die Bevlkerung zu. Aus Apulien, aus Calabrien flchten
die berraschten Goten, unaufhaltsam dringt er durch Bruttien und Lucanien
gen Neapolis.

Es ist erlogen, alles erlogen! sagte Cethegus mehr zu sich selbst als zu
den andern.

Du scheinst nicht sehr erfreut ber den Sieg der guten Sache. Aber der
Bote ritt drei Pferde zu Tod. Belisar ist gelandet mit dreiigtausend
Mann. - Ein Verrter, wer noch zweifelt, sprach Scvola. - Nun la
sehen, hhnte Silverius, ob du dein Wort halten wirst. Wirst du der
erste von uns sein, dich Belisar anzuschlieen?

Vor Cethegus Auge versank in dieser Stunde eine ganze Welt, _seine_ Welt.
So hatte er denn umsonst, nein, schlimmer als das, fr einen verhaten
Feind alles gethan, was er gethan.

Belisar in Italien mit einem starken Heere und er getuscht, machtlos,
berwunden! Wohl jeder andre htte jetzt alles weitre Streben ermdet
aufgegeben. In des Prfekten Seele fiel nicht ein Schatten der
Entmutigung. Sein ganzer Riesenbau war eingestrzt: noch betubte der
Schlag sein Ohr und schon hatte er beschlossen, im selben Augenblick ihn
von neuem zu beginnen: seine Welt war versunken, und er hatte nicht Mue
ihr einen Seufzer nachzusenden: denn aller Augen hingen an ihm. Er
beschlo, eine zweite zu schaffen.

Nun! was wirst du thun? wiederholte Silverius.

Cethegus wrdigte ihn keines Blicks. Zu der Versammlung gewendet sprach er
mit ruhiger Stimme: Belisar ist gelandet: Er ist jetzt unser Haupt: ich
gehe in sein Lager. Damit schritt er dem Ausgang zu, gemessenen Ganges,
gefaten Angesichts, an Silverius und dessen Freunden vorber.

Silverius wollte ein Wort des Hohnes flstern: aber er verstummte, da ihn
der Blick des Prfekten traf: Frohlocke nicht, Priester, schien er zu
sagen, diese Stunde wird dir vergolten.

Und Silverius, der Sieger, blieb erschrocken stehn. - -




                             Neuntes Kapitel.


Die Landung der Byzantiner war allen, Goten wie Italiern, gleich
unerwartet gekommen.

Denn die letzte Bewegung Belisars nach Sdosten hatte alle Erwartungen von
der kaiserlichen Flotte in die Irre gelenkt. Von unsern gotischen Freunden
war nur Totila in Unteritalien: vergeblich hatte er als Seegraf von
Neapolis die Regierung zu Ravenna gewarnt und um Vollmachten, um Mittel
zur Verteidigung Siciliens gebeten. Wir werden sehen, wie ihm alle Mittel
genommen wurden, das Ereignis zu verhindern, das sein Volk bedrohte, das
gerade in die lichten Kreise seines eignen Lebens zuerst verhngnisvolle
Schatten werfen und die Bande des Glckes zerreien sollte, mit welchen
ein freundliches Schicksal diesen Liebling der Gtter bisher umwoben
hatte.

Denn in Blde war es der unwiderstehlichen Anmut seiner Natur gelungen,
das edle, wenn auch strenge, Herz des Valerius zu gewinnen. Wir haben
gesehen, wie mchtig die Bitten der Tochter, das Andenken an die
Scheideworte der Gattin, die Offenheit Totilas schon in jener Stunde der
nchtlichen berraschung auf den wrdigen Alten gewirkt.

Totila blieb als Gast in der Villa: Julius, mit seiner gewinnenden Gte,
wurde von den Liebenden zu Hilfe gerufen und ihren vereinten Einflssen
gab der Sinn des Vaters allmhlich nach. Dies war jedoch bei dem strengen
Rmertum des Alten nur dadurch mglich, da von allen Goten Totila an
Sinnesart, Bildung und Wohlwollen den Rmern am nchsten stand, so da
Valerius bald einsah, er knne einen Jngling nicht barbarisch schelten,
der besser als mancher Italier die Sprache, die Weisheit und die Schnheit
der hellenischen und rmischen Litteratur kannte und wrdigte, und, wie er
seine Goten liebte, so die Kultur der alten Welt bewunderte.

Dazu kam endlich, da im politischen Gebiet den alten Rmer und den jungen
Germanen der gemeinsame Ha gegen die Byzantiner verband. Wenn der offnen
Heldenseele Totilas in den tckischen Erbfeinden seiner Nation die
Mischung von Heuchelei und Gewaltherrschaft unwillkrlich wie dem Lichte
die Nacht verhat war, so war fr Valerius die ganze Tradition seiner
Familie eine Anklage gegen das Imperatorentum und Byzanz. Die Valerier
hatten von jeher zu der aristokratisch-republikanischen Opposition wider
das Csarentum gezhlt. Und so mancher der Ahnen hatte schon seit den
Tagen des Tiberius die alt-republikanische Gesinnung mit dem Tode gebt
und besiegelt. Niemals hatten diese Geschlechter im Herzen die bertragung
der Weltherrschaft von der Tiberstadt nach Byzanz anerkannt: in dem
byzantinischen Kaisertum erblickte Valerius den Gipfel aller Tyrannei: und
um jeden Preis wollte er die Habsucht, den Glaubenszwang, den
orientalischen Despotismus dieser Kaiser von seinem Latium fern halten. Es
kam dazu, da sein Vater und sein Bruder bei einer Handelsreise durch
Byzanz von einem Vorgnger Justinians aus Habsucht waren festgehalten und,
wegen angeblicher Beteiligung an einer Verschwrung, unter Konfiskation
ihrer im Ostreich belegenen Gter, hingerichtet worden, so da den
politischen Ha des Patrioten mit aller Macht persnliche Schmerzen
verstrkten. Er hatte, als Cethegus ihn in die Katakombenverschwrung
einweihte, eifrig den Gedanken einer Selbstbefreiung Italiens ergriffen,
aber alle Annherungen der kaiserlichen Partei mit den Worten abgewiesen:
lieber den Tod als Byzanz!

So vereinten sich die beiden Mnner in dem Entschlu, keine Byzantiner in
dem schnen Lande zu dulden, das dem Goten kaum minder teuer war, als dem
Rmer.

Die Liebenden hteten sich, den Willen des Alten schon jetzt zu einem
bindenden Wort zu drngen; sie begngten sich fr die Gegenwart mit der
Freiheit des Umgangs, die Valerius ihnen belie und warteten ruhig ab, bis
der Einflu allmhlicher Gewhnung ihn auch mit dem Gedanken an ihre
vllige Vereinigung befreunden wrde. So verlebten unsere jungen Freunde
goldene Tage.

Das Liebespaar hatte neben seinem eigensten Glcke die Freude an der
wachsenden Neigung des Vaters zu Totila: und Julius geno jene weihevolle
Erhebung, die fr edle Naturen in dem berwinden eigner Schmerzen um des
Glckes geliebter Herzen willen liegt.

Seine suchende, von der Weisheit der alten Philosophie nicht befriedigte
Seele wandte sich mehr und mehr jener Lehre zu, die den hchsten Frieden
im Entsagen findet.

Eine sehr entgegengesetzte Natur war Valeria.

Sie war der Ausdruck der echt rmischen Ideale ihres Vaters, der an der
frhe verstorbnen Mutter Stelle ihre ganze Erziehung geleitet und im
geistigen und sittlichen Gebiet die Ergebnisse des antiken heidnischen
Geistes ihr angeeignet hatte. Das Christentum, dem ihre Seele bei dem
Eintritt in das Leben durch eine uere Ntigung war zugewendet und spter
ebenso durch ein uerliches Mittel wieder war entrissen worden, erschien
ihr als eine gefrchtete, nicht als eine verstandene und geliebte Macht,
die sie gleichwohl nicht aus dem Kreise ihrer Gedanken und Gefhle zu
scheiden vermochte. Als echte Rmerin sah sie auch nicht mit bangem Zagen,
sondern mit freudigem Stolz die kriegerische Begeisterung, die im Gesprch
mit ihrem Vater ber Byzanz und seine Feldherrn aus der Seele Totilas
leuchtete, den knftigen Helden verkndend.

Und so trug sie es mit edler Fassung, als den Geliebten seine
Kriegerpflicht pltzlich abrief aus den Armen der Liebe und Freundschaft.
Denn sowie die Flotte der Byzantiner auf der Hhe von Syrakus erschienen
war, loderte in dem jungen Goten der Gedanke, der Wunsch des Krieges
unauslschlich empor. Als Befehlshaber des unteritalischen Geschwaders lag
ihm die Pflicht ob, die Feinde zu beobachten, die Kste zu decken. Er
setzte rasch seine Schiffe in stand und segelte der griechischen Seemacht
entgegen, Erklrung heischend ber den Grund ihres Erscheinens in diesen
Gewssern.

Belisar, der den Auftrag hatte, erst nach einem Ruf von Petros feindlich
aufzutreten, gab eine friedliche und unanfechtbare Auskunft, die Unruhen
in Afrika und Seerubereien mauretanischer Schiffe vorschtzend. Mit
dieser Antwort mute sich Totila begngen: aber in seiner Seele stand der
Ausbruch des Krieges fest, vielleicht nur deshalb, weil er ihn wnschte.
Er traf daher alle Anstalten, schickte warnende Boten nach Ravenna und
suchte vor allem, das wichtige Neapolis wenigstens von der Seeseite her zu
decken, da die Landbefestigung der Stadt whrend des langen Friedens
vernachlssigt und der alte Uliaris, der Stadtgraf von Neapolis, nicht aus
seiner stolzen Sicherheit und Griechenverachtung aufzurtteln war.

Die Goten wiegten sich berhaupt in dem gefhrlichen Wahn, die Byzantiner
wrden gar nie wagen, sie anzugreifen: und ihr verrterischer Knig
bestrkte sie gern in diesem Glauben. Die Warnungen Totilas blieben
deshalb unbeachtet und es wurde dem eifrigen Seegrafen sogar sein ganzes
Geschwader abgenommen und in den Hafen von Ravenna zu angeblicher Ablsung
beordert: aber die Schiffe, welche die abgesegelten ersetzen sollten,
blieben aus.

Und Totila hatte nichts als ein paar kleine Wachtschiffe, mit welchen er,
wie er den Freunden erklrte, die Bewegungen der zahlreichen
Griechenflotte nicht beobachten, geschweige denn aufhalten konnte. Diese
Mitteilungen bewogen den Kaufherrn, die Villa bei Neapolis zu verlassen
und seine reichen Besitzungen und Handelsniederlassungen bei Regium, an
der Sdspitze der Halbinsel, aufzusuchen, um die wertvollste Habe aus
dieser Gegend, fr die Totila den ersten Angriff der Feinde besorgte, nach
Neapolis zu flchten und berhaupt seine Anordnungen fr den Fall eines
lngeren Krieges zu treffen. Auf dieser Reise sollte Julius ihn begleiten:
und auch Valeria war nicht zu bewegen, in der leeren Villa
zurckzubleiben: von Gefahr war, wie Totila versichert hatte, fr die
nchsten Tage nichts zu frchten.

So reisten denn die drei, von einigen Sklaven begleitet, nach der
Hauptvilla bei dem Passe Jugum nrdlich von Regium ab, die, unmittelbar am
Meere gelegen, ja zum Teil mit jenem schon von Horatius gescholtnen Luxus
in das Meer selbst wagend hinausgebaut war.

Valerius traf die Dinge in schlechter Ordnung. Seine Institoren hatten,
sicher gemacht durch lange Abwesenheit des Herrn, bel gewirtschaftet: und
mit Unwillen erkannte dieser, da seine prfende, ordnende, strafende
Thtigkeit, nicht tage-, sondern wochenlang in dieser Gegend notwendig
sein werde.

Unterdessen mehrten sich die drohenden Anzeichen. Totila schickte warnende
Winke: aber Valeria erklrte, ihren Vater in der Gefahr nicht verlassen zu
knnen: und dieser verschmhte es, vor den Griechlein zu flchten, die
er noch mehr verachtete, als hate.

Da wurden sie eines Tages durch zwei Boote berrascht, die fast
gleichzeitig in den kleinen Hafen der Villa einliefen: das eine trug
Totila, das andre den Korsen Furius Ahalla. Die Mnner begrten sich
berrascht, doch erfreut als alte Bekannte und wandelten mit einander
durch die Taxus- und Lorbeergnge des Gartens zu der Villa hinan. Hier
trennten sie sich: Totila gab vor, seinen Freund Julius besuchen zu
wollen, indes den Korsen ein Geschft zu dem Kaufherrn fhrte, mit dem er
seit Jahren in einer fr beide Teile gleich vorteilhaften
Handelsverbindung stand.

Mit Freuden sah daher Valerius den klugen, khnen und stattlich-schnen
Seefahrer bei sich eintreten und nach herzlicher Begrung wandten sich
die beiden Handelsfreunde ihren Bchern und Rechnungen zu.

Nach kurzen Errterungen erhob sich der Korse von den Rechentafeln und
sprach: So siehst du, Valerius, aufs neue hat Mercurius unser Bndnis
gesegnet. Meine Schiffe haben dir Purpur und kstlichen Wollstoff aus
Phnikien und aus Spanien zugefhrt: und deine kstlichen Fabrikate des
verflossenen Jahres verfhrt nach Byzanz und Alexandria, nach Massilia und
Antiochia. Ein Centenar Goldes Mehrgewinn gegen das Vorjahr! Und so wird
er steigen und steigen von Jahr zu Jahr, solang die wackern Goten den
Frieden schirmen und die Rechtspflege im Abendland. Er schwieg wie
abwartend.

Solang sie schirmen knnen! seufzte Valerius, solang diese Griechen
Frieden halten. Wer steht dafr, da uns nicht diese Nacht der Seewind die
Flotte Belisars an die Kste treibt!

Also auch du erwartest den Krieg? Im Vertrauen: er ist mehr als
wahrscheinlich, er ist gewi.

Furius, rief der Rmer, woher weit du das?

Ich komme von Afrika, von Sicilien. Ich habe die Flotte des Kaisers
gesehen: so rstet man nicht gegen Seeruber. Ich habe die Heerfhrer
Belisars gesprochen: sie trumen Nacht und Tag von den Schtzen Italiens.
Sizilien ist zum Abfall reif, sowie die Griechen landen.

Valerius erbleichte vor Aufregung. Furius bemerkte es und fuhr fort: Und
deshalb vor allem bin ich hierher geeilt, dich zu warnen. Der Feind wird
in dieser Gegend landen und ich wute, - da deine Tochter dich
begleitet.

Valeria ist eine Rmerin.

Ja, aber diese Feinde sind die wildesten Barbaren. Denn Hunnen,
Massageten, Skythen, Avaren, Sclavenen und Sarazenen sind es, die dieser
Kaiser der Rmer loslt auf Italien. Wehe, wenn dein minervengleiches
Kind in ihre Hnde fiele.

Das wird sie nicht! sagte Valerius, die Hand am Dolch. Aber du sprichst
wahr - sie mu fort - in Sicherheit. - - Wo ist in Italien Sicherheit?
Bald werden die Wogen dieses Krieges brausend zusammenschlagen ber
Neapolis, - ber Rom und kaum sich an Ravennas Mauern brechen. - Denkst
du so gro von diesen Griechen? Hat doch Griechenland nie etwas anderes
nach Italien geschickt als Mimen, Seeruber und Kleiderdiebe! -
Belisarius aber ist ein Sohn des Sieges. Jedenfalls entbrennt ein Kampf,
dessen Ende so mancher von euch nicht erleben wird! - Von _euch_, sagst
du? wirst du nicht mit kmpfen?

Nein, Valerius! Du weit, in meinen Adern fliet nur korsisch Blut, trotz
meines rmischen Adoptivnamens: ich bin nicht Rmer, nicht Grieche, nicht
Gote. Ich wnsche den Goten den Sieg, weil sie Zucht und Ordnung halten zu
Wasser und zu Land und weil mein Handel blht unter ihrem Scepter: aber
wollt' ich offen fr sie fechten, - der Fiskus von Byzanz verschlnge, was
irgend von meinen Schiffen und Waren in den Hfen des Ostreichs liegt,
drei Viertel all' meines Guts. Nein, ich gedenke mein Eiland so zu
befestigen, - du weit ja, halb Korsika ist mein - da keine der
kmpfenden Parteien mich viel belstigen wird: meine Insel wird eine
Friedensinsel sein, whrend rings die Lnder und Meere vom Krieg
erdrhnen. Ich werde dies Asyl beschirmen wie ein Knig seine Krone, wie
ein Brutigam die Braut - und deshalb - seine Augen funkelten und seine
Stimme bebte vor Erregung - deshalb wollte ich jetzt, - heute - ein Wort
aussprechen, das ich seit Jahren auf dem Herzen trage - - Er stockte.

Valerius sah voraus, was kommen werde und sah es mit tiefem Schmerz: seit
Jahren hatte er sich in dem Gedanken gefallen, sein Kind dem mchtigen
Kaufherrn zu vertrauen, eines alten Freundes Adoptivsohn, dessen Neigung
er lange durchschaut. So lieb er in letzter Zeit den jungen Goten
gewonnen, er wrde doch den langjhrigen Handelsgenossen als Eidam
vorgezogen haben. Und er kannte den unbndigen Stolz und die zornige
Rachsucht des Korsen: er frchtete im Fall der Weigerung die alte Liebe
und Freundschaft alsbald in lodernden Ha umschlagen zu sehen: man
erzhlte dunkle Geschichten von der jhzornigen Wildheit des Mannes und
gern htte Valerius ihm und sich selbst den Schmerz einer Zurckweisung
erspart.

Aber jener fuhr fort: Ich denke, wir beide sind Mnner, die Geschfte
geschftlich abthun. Und ich spreche, nach altem Brauch, gleich mit dem
Vater, nicht erst mit der Tochter. Gieb mir dein Kind zur Ehe, Valerius:
du kennst zum Teil mein Vermgen - nur zum Teil: - denn es ist viel grer
als du ahnst. Zur Widerlage der Mitgift geb' ich, wie gro sie sei, das
doppelte ... -

Furius! unterbrach der Vater.

Ich glaube wohl ein Mann zu sein, der ein Weib beglcken mag. Jedenfalls
kann ich sie beschtzen, wie kein andrer in diesen drohenden Zeiten: ich
fhre sie, wird Korsika bedrngt, auf meinen Schiffen nach Asien, nach
Afrika; an jeder Kste erwartet sie nicht ein Haus, ein Palast. Keine
Knigin soll sie beneiden. Ich will sie hoch halten: - hher als meine
Seele. Er hielt inne, sehr erregt, wie auf rasche Antwort wartend.

Valerius schwieg, er suchte nach einem Ausweg: - es war nur eine Sekunde:
aber der Anschein nur, da sich der Vater besinne, emprte den Korsen.
Sein Blut kochte auf, sein schnes bronzefarbenes Antlitz, eben noch
beinahe weich und mild, nahm pltzlich einen furchtbaren Ausdruck an:
dunkelrote Glut scho in die braunen Wangen. Furius Ahalla, sprach er
rasch und hastig, ist nicht gewhnt, zweimal zu bieten. Man pflegt meine
Ware aufs erste Angebot mit beiden Hnden zu ergreifen -: nun biete ich
mich selbst: - ich bin, bei Gott, nicht schlechter als mein Purpur -

Mein Freund, hob der Alte an, wir leben nicht mehr in der Zeit alten,
strengen Rmerbrauchs: der neue Glaube hat den Vtern fast das Recht
genommen, die Tchter zu vergeben. Mein Wille wrde sie dir und keinem
andern geben, aber ihr Herz ... -

Sie liebt einen andern! knirschte der Korse, wen? Und seine Faust fuhr
an den Dolch, als sollte der Nebenbuhler keinen Augenblick mehr atmen. Es
lag etwas vom Tiger in dieser Bewegung und im Funkeln des rollenden Auges.
Valerius empfand, wie tdlich dieser Ha und wollte den Namen nicht
nennen. - Wer kann es sein? fragte halblaut der Wtende. Ein Rmer?
Montanus? Nein! O nur - nur nicht er - sag' nein, Alter, nicht Er .. -
Und er fate ihn am Gewande.

Wer? wen meinst du?

Der mit mir landete - der Gote: doch ja: er mu es sein, es liebt ihn ja
alles: - Totila!

Er ist's! sagte Valerius und suchte begtigend seine Hand zu fassen.

Doch mit Schrecken lie er sie los: ein zuckender Krampf rttelte den
ehernen Leib des starken Korsen: er streckte beide Hnde starr vor sich
hin als wollte er den Schmerz, der ihn qulte, erwrgen. Dann warf er das
Haupt in den Nacken und schlug sich die beiden geballten Fuste grausam
gegen die Stirn, den Kopf schttelnd und laut auflachend.

Entsetzt sah Valerius diesem Toben zu, endlich glitten die gepreten Hnde
langsam herab und zeigten ein aschenfahles Antlitz. Es ist aus, sagte er
dann mit bebender Stimme. Es ist ein Fluch, der mich verfolgt: ich soll
nicht glcklich werden im Weibe. Schon einmal, - hart vor der Erfllung -!
Und jetzt, - ich wei es, - Valerias Seelenzucht und klare Ruhe htte auch
in mein wild schumendes Leben rettenden Frieden gebracht: - ich wre
anders geworden, - - besser. Und sollte es nicht sein - hier funkelte
sein Auge wieder - nun, so wr' es fast das gleiche Glck gewesen, den
Ruber dieses Glcks zu morden. Ja, in seinem Blute htte ich gewhlt und
von der Leiche die Braut hinweggerissen - und nun ist Er es!

Er, der einzige, dem Ahalla Dank schuldet - und welchen Dank - - - Und er
schwieg, mit dem Haupte nickend und wie verloren in Erinnerung.
Valerius, rief er dann pltzlich sich aufraffend, ich weiche keinem
Mann auf Erden: - ich htt' es nicht getragen, hinter einem andern
zurckzustehen - doch Totila! - Es sei ihr vergeben, da sie mich
ausschlgt, weil sie Totila gewhlt. Leb wohl, Valerius, ich geh' in See,
nach Persien, Indien - ich wei nicht, wohin - ach berallhin nehm' ich
diese Stunde mit. Und rasch war er hinaus und gleich darauf entfhrte ihn
sein pfeilgeschwindes Bot dem kleinen Hafen der Villa. -

Seufzend verlie Valerius das Gemach, seine Tochter zu suchen. Er traf im
Atrium auf Totila, der sich schon wieder verabschiedete. Er war nur
gekommen, zu rascher Rckreise nach Neapolis zu treiben.

Denn Belisar habe sich wieder von Afrika abgewendet und kreuze bei
Panormus: jeden Tag knne die Landung auf Sicilien, in Italien selbst
erfolgen und trotz all' seines Dringens sende der Knig keine Schiffe. In
den nchsten Tagen wolle er selbst nach Sicilien, sich Gewiheit zu
schaffen. Die Freunde seien daher hier vllig unbeschtzt: und er beschwor
den Vater Valerias, sofort auf dem Landwege nach Neapolis heimzukehren.
Aber den alten Soldaten emprte es, vor den Griechen flchten zu sollen:
vor drei Tagen knne und wolle er nicht weichen von seinen Geschften, und
kaum war er von Totila zu bestimmen, eine Schar von zwanzig Goten zur
notdrftigsten Deckung anzunehmen. Mit schwerem Herzen stieg Totila in
seinen Kahn und lie sich an Bord des Wachschiffes zurckbringen.

Es war dunkler Abend geworden als er dort ankam, ein Nebelschleier
verhllte die Dinge in nchster Nhe.

Da scholl Ruderschlag von Westen her und ein Schiff, kenntlich an der
roten Leuchte an dem hohen Mast, bog um die Spitze eines kleinen
Vorgebirges.

Totila lauschte und fragte seine Wachen: Segel zur Linken! was fr
Schiff? was fr Herr?

Schon angezeigt vom Mastkorb: - hallte es wieder - Kauffahrer - Furius
Ahalla - lag hier vor Anker.

Fhrt wohin?

Nach Osten - nach Indien! -




                             Zehntes Kapitel.


Am Abend des dritten Tages seit Totila die gotische Bedeckung geschickt,
hatte Valerius endlich seine Geschfte beendet und auf den andern Morgen
die Abreise festgesetzt. Er sa mit Valeria und Julius beim Nachtmahl und
sprach von den Aussichten auf Erhaltung des Friedens, die des jungen
Helden Kriegesdurst doch wohl unterschtzt habe: es war dem Rmer ein
unertrglicher Gedanke, da Griechen das teure Italien in Waffen
betreten sollten. Auch ich wnsche den Frieden, sprach Valeria,
nachsinnend - und doch - Nun? fragte Valerius. Ich bin gewi, du
wrdest, vollendete das Mdchen, im Krieg erst Totila so lieben lernen,
wie er es verdient: er wrde fr mich streiten und fr Italien. - Ja,
sagte Julius, es steckt in ihm ein Held und Greres als das. - Ich
kenne nichts Greres, antwortete Valerius.

Da erschollen auf dem Marmorestrich des Atriums klirrende Schritte und der
junge Thorismuth, der Anfhrer der zwanzig Goten und Totilas Schildtrger,
trat hastig ein.

Valerius, sprach er schnell, la die Wagen anschirren, - die Snften in
den Hof - ihr mt fort.

Die Drei sprangen auf: Was ist geschehn - sind sie gelandet? - Rede,
sprach Julius, was macht dich besorgt? - Fr mich nichts, lachte der
Gote, und euch wollt ich nicht frher schrecken als unvermeidlich. Aber
ich darf nicht mehr schweigen - gestern frh splte die Flut eine Leiche
ans Land ... -

Eine Leiche? - Einen Goten von unsrer Schiffsmannschaft - es war Alb,
der Steuermann auf Totilas Schiff. Valeria erbleichte, aber erbebte
nicht. Das kann ein Zufall sein - er ist ertrunken. - Nein, sagte der
Gote fest, er ist nicht ertrunken: es stak ein Pfeil in seiner Brust. -
Das deutet auf einen Kampf zur See! Nicht auf mehr! meinte Valerius.
Aber heute -

Heute? fragte Julius. - Heute sind alle Landleute ausgeblieben, die
sonst tglich von Regium hier durch nach Colum gehen. Auch ein Reiter, den
ich auf Kundschaft nach Regium schickte, ist nicht zurckgekommen. -
Beweist noch immer nichts, sprach Valerius eigensinnig. - Sein Herz
strubte sich gegen den Gedanken einer Landung der Verhaten solang als
mglich - oft schon hat die Brandung die Strae gesperrt.

Aber als ich selbst soeben auf der Strae nach Regium vorging und das Ohr
auf die Erde legte, hrte ich die Erde zittern unter dem Hufschlag von
vielen Rossen, die in rasender Eile nahen. Ihr mt fliehn.

Jetzt griffen Valerius und Julius zu den Waffen, die an den Pfeilern des
Gemaches hingen, Valeria legte schwer atmend die Hand aufs Herz: Was ist
zu thun? fragte sie.

Besetzt den Engpa von Jugum, befahl Valerius, in den die Strae lngs
der Kste verluft: er ist schmal; er ist lange zu halten. - Er ist
schon besetzt von acht meiner Goten, ich fliege hin, sobald ihr zu Pferde
sitzt, die Hlfte meiner Schar deckt eure Reise: eilt.

Aber ehe sie das Gemach verlassen konnten, strzte ein gotischer Krieger,
mit Schlamm und Blut bedeckt, herein: flieht, rief er, sie sind da! -
Wer ist da, Gelaris? fragte Thorismuth. - Die Griechen! Belisar! der
Teufel! - Rede, befahl Thorismuth. - Ich kam bis in den Pinienwald von
Regium, ohne etwas Verdchtiges zu spren, freilich auch ohne einer Seele
auf der Strae zu begegnen. Als ich an einem dicken Baumstamm vorbeireite,
eifrig vorwrts sphend, fhle ich einen Ruck am Halse, als risse mir ein
Blitz den Kopf von den Schultern und im Nu lag ich unter meinem Tier am
Boden .... -

Schlecht gesessen, o Gelaris! schalt Thorismuth. - Jawohl, eine
Rohaarschlinge ums Genick und eine Bleikugel an den Kopf geschnellt, da
fllt auch ein besserer Reitersmann als Gelaris, Genzos Sohn. Zwei Unholde
- Waldschraten oder Alraunen acht' ich sie hnlich - setzten aus dem Busch
ber den Graben, banden mich auf mein Pferd, nahmen mich zwischen ihre
kleinen, zottigen Gule - und hui ... -

Das sind die Hunnen Belisars! rief Valerius.

Jagten sie mit mir davon. - Als ich wieder ganz zu mir gekommen, war ich
in Regium, mitten unter den Feinden, dort erfuhr ich denn alles. Die
Regentin ist ermordet, der Krieg ist erklrt, die Feinde haben Sicilien
berrascht, die ganze Insel ist zum Kaiser abgefallen - - - Und das
feste Panormus?

Fiel durch die Flotte, die in den Hafen drang: die Mastkrbe waren hher
als die Mauern der Stadt: von den Masten schossen und sprangen sie herab.
- Und Syrakus? fragte Valerius. Fiel durch Verrat der Sicilianer - die
Goten der Besatzung sind ermordet: in Syrakus ist Belisarius eingeritten
unter einem Blumenregen, als scheidender Konsul des Jahres - denn es war
am letzten Tage seines Konsulats - Goldmnzen streuend, unter
Hndeklatschen alles Volks. - Und wo ist der Seegraf? wo ist Totila? -
Zwei seiner drei Schiffe sind in den Grund gebohrt, vom Schnabelstoe der
Trieren. Sein Schiff und noch eins: er sprang ins Meer mit voller Rstung
- und ist - noch nicht - aufgefischt.

Da sank Valeria schweigend auf das Lager.

Der Griechenfeldherr, fuhr der Bote fort, landete gestern in dunkler
strmischer Nacht bei Regium: die Stadt hat ihn mit Jubel aufgenommen; er
ordnet nur sein Heer, dann solls im Fluge nach Neapolis gehen: seine
Vorhut, die gelbhutigen Reiter, die mich eingebracht, muten sogleich
wieder umkehren und den Pa gewinnen. Ich sollte ihnen Fhrer dahin sein.
Ich fhrte sie weit ab - nach Westen - in den Meeressumpf und - entsprang
ihnen im Dunkel - des Abends - aber - sie schickten mir - Pfeile nach -
und einer traf - ich kann nicht mehr. - Und klirrend strzte der Mann zu
Boden.

Er ist verloren! sprach Valerius, sie fhren vergiftetes Gescho! Auf,
Julius und Thorismuth, ihr geleitet mein Kind auf der Strae gen Neapolis:
ich gehe in den Pa und decke euch den Rcken. Vergebens waren die Bitten
Valerias: Gesicht und Haltung des Alten nahmen einen Ausdruck eisernen
Entschlusses an. Gehorcht! befahl er den Widerstrebenden, ich bin der
Herr dieses Hauses, der Sohn dieses Landes, und ich will die Hunnen
Belisars fragen, was sie zu thun haben in meinem Vaterland. Nein, Julius!
Dich mu ich bei Valeria wissen - lebet wohl.

Whrend Valeria mit ihrer gotischen Bedeckung und mit den meisten der
Sklaven spornstreichs auf der Strae nach Neapolis hinwegeilte, strmte
Valerius mit Schild und Schwert einem halben Dutzend Sklaven voran, zum
Garten der Villa hinaus, nach dem Engpa zu, der nicht weit vor dem Anfang
seiner Besitzungen die Strae nach Regium berwlbte.

Der Felsenbogen zur Linken, im Norden, war unbersteiglich und zur
Rechten, nach Sden, fielen jene Wnde senkrecht in das tiefe Meer, dessen
Brandung oft die Strae berflutete. Die Mndung des Passes aber war so
schmal, da zwei nebeneinanderstehende Mnner sie mit ihren Schilden wie
eine Pforte schlieen konnten: so durfte Valerius hoffen, den Pa auch
gegen groe bermacht lang genug zu decken, um den raschen Pferden der
Fliehenden hinlnglichen Vorsprung zu gewhren. Whrend der Alte den
schmalen Pfad, der sich zwischen dem Meere und seinen Weinbergen nach dem
Engpa hinzog, durch die mondlose Nacht vorwrts eilte, bemerkte er zur
Rechten, drauen, in ziemlicher Entfernung vom Lande, im Meer den hellen
Strahl eines kleinen Lichtes, das offenbar von dem Mast eines Schiffes
niederleuchtete. Valerius erschrak: sollten die Byzantiner zur See gegen
Neapolis vorrcken? Sollten sie Bewaffnete in seinem und des Engpasses
Rcken ans Land werfen wollen? Aber wrden sich dann nicht mehrere Lichter
zeigen? Er wollte die Sklaven fragen, die auf seinen Befehl, aber schon
mit sichtlichem Widerwillen, ihm aus der Villa gefolgt waren.

Umsonst: sie waren verschwunden in dem Dunkel der Nacht. Sie waren dem
Herrn entwischt, sobald dieser ihrer nicht mehr achtete. So kam Valerius
allein an dem Engpa an, dessen hintere Mndung zwei der gotischen Wachen
besetzt hielten, whrend zwei andere den stlichen, dem Feinde zugekehrten
Eingang ausfllten und die brigen vier in dem innern Raum hielten. Kaum
war Valerius dicht hinter die beiden vordersten Wchter getreten, als man
pltzlich ganz nahes Pferdegetrappel vernahm: und alsbald bogen um die
letzte Krmmung, welche die Strae vor dem Pa um eine Felsennase machte,
zwei Reiter im vollen Trabe. Beide trugen Fackeln in der Rechten: es
warfen nur diese Fackeln Licht auf die nchtliche Scene: denn die Goten
vermieden alles, was ihre kleine Zahl verraten konnte. Beim Barte
Belisars! schalt der vorderste der Reiter, in Schritt bergehend, hier
wird der Katzensteig so schmal, da kaum ein ehrlich Ro drauf Platz hat,
- und da kmmt noch ein Hohlweg oder - halt, was rhrt sich da? Und er
hielt sein Pferd an und bog sich, die Fackel weit vor sich streckend,
vorsichtig nach vorn: so bot er dicht vor dem Eingang, in dem Licht seiner
Kienfackel ein bequemes Ziel.

Wer ist da? rief er seinem Begleiter nochmals zu.

Da fuhr ein gotischer Wurfspeer durch die breiten Panzerringe in seine
Brust. Feinde, weh! schrie der Sterbende und strzte rcklings aus dem
Sattel. Feinde, Feinde! rief der Mann hinter ihm, schleuderte die
verderbliche Fackel weit von sich ins Meer, warf sein Pferd herum und
jagte zurck, whrend das Tier des Gefallenen ruhig stehen blieb bei der
Leiche seines Herrn.

Nichts hrte man jetzt in der Stille der Nacht als den Hufschlag des
enteilenden Rosses, und, zur Rechten des Passes, den leisen Schlag der
Wellen am Fue der Felswand. Den Mnnern im Engpa schlug das Herz in
Erwartung. Jetzt bleibt kalt, ihr Mnner, mahnte Valerius, lasse sich
keiner aus dem Passe locken. Ihr in der ersten Reihe schliet die Schilde
fest aneinander und streckt die Lanzen vor: wir in der Mitte werfen. Ihr
drei im Rcken reicht uns die Speere und habt acht auf alles -.

Herr, rief der Gote, der hinter dem Passe auf der Strae stand, das
Licht! das Schiff nhert sich immer mehr.

Hab' acht und ruf' es an, wenn -

Aber schon waren die Feinde da, deren Vorhut die beiden Spher gebildet
hatten: es war ein Trupp von fnfzig hunnischen Reitern, mit einigen
Fackeln. Wie sie um die Krmmung des Weges bogen, erhellte sich die Scene
mit wechselndem, grellem Licht neben tiefem Dunkel.

Hier war es, Herr! sprach der entkommene Reiter, seht euch vor. -
Schafft den Toten zurck und das Ro! sprach eine rauhe Stimme und der
Anfhrer, eine Fackel erhebend, ritt im Schritt gegen den Eingang vor.

Halt! rief ihm Valerius auf lateinisch entgegen, wer seid ihr und was
wollt ihr? - Das habe ich zu fragen! entgegnete der Fhrer der Reiter
in derselben Sprache. - Ich bin ein rmischer Brger und verteidige mein
Vaterland gegen Ruber.

Der Anfhrer hatte unterdessen im Licht seiner Fackel die ganze
rtlichkeit besehen: sein gebtes Auge erkannte die Unmglichkeit, links
oder rechts den Engpa zu umgehen und zugleich die Enge seiner Mndung.
Freund, sagte er etwas zurckweichend, so sind wir Bundesgenossen. Auch
wir sind Rmer und wollen Italien von seinen Rubern befreien. Also gieb
Raum und la uns durch. Valerius, der in jeder Weise Zeit gewinnen
wollte, sprach: Wer bist du und wer sendet dich? - Ich heie Johannes:
die Feinde Justinians nennen mich den blutigen: und ich fhre die
leichten Reiter Belisars. Alles Land von Regium bis hierher hat uns mit
Jubel aufgenommen: hier ist das erste Hemmnis; lngst wren wir weiter,
htt' uns nicht ein Hund von einem Goten in den dicksten Sumpf gefhrt,
drin je ein guter Gaul versank. Kstliche Zeit ging uns verloren. Halt'
uns nicht auf! Leben und Habe ist dir gesichert, und reicher Lohn, wenn du
uns fhren willst. Eile ist der Sieg. Die Feinde sind betubt: sie drfen
sich nicht besinnen, bis wir vor Neapolis stehen, ja vor Rom. Johannes,
sprach Belisar zu mir, da ich's dem Sturmwind nicht befehlen kann, vor
mir her durch dieses Land zu fegen, befehl ich's dir. Also fort und lat
uns durch -. Und er spornte sein Pferd.

Sag Belisar, solange Cnejus Valerius lebt, soll er keinen Fu breit
vorwrts in Italien. Zurck, ihr Ruber! - Verrckter Mensch! du hltst
es mit den Goten gegen uns? - Mit der Hlle -, wenn gegen euch.

Der Fhrer warf nochmals prfende Blicke nach rechts und links: Hre,
sprach er, du kannst uns hier wirklich eine Weile aufhalten. Nicht lang.
Weichst du, so sollst du leben. Weichst du nicht, so la ich dich erst
schinden und dann pfhlen! Und er hob die Fackel, nach einer Ble
sphend.

Zurck, rief Valerius. Schie', Freund! Und eine Sehne klirrte und ein
Pfeil schlug an den Helm des Reiters. Warte! rief dieser und spornte
sein Tier zurck. Absitzen, befahl er, alle Mann! Aber die Hunnen
trennten sich nicht gern von ihren Rossen. Wie, Herr? absitzen? fragte
einer der nchsten. Da schlug ihm Johannes mit der Faust ins Gesicht. Der
Mann rhrte sich nicht. Absitzen! donnerte er noch mal; wollt ihr zu
Pferde in das Mauseloch schlpfen? Und er selbst schwang sich aus dem
Sattel: Sechs steigen auf die Bume und schieen von oben. Sechs legen
sich auf die Erde, kriechen an den Seiten der Strae vor und schieen im
Liegen. Zehn schieen stehend, auf Brusthhe. Zehn hten die Pferde; die
andern zwanzig folgen mir mit dem Speer, sowie die Sehnen geschwirrt.
Vorwrts. Und er gab die Fackel ab und ergriff eine Lanze.

Whrend die Hunnen seinen Befehl vollzogen, musterte Johannes noch einmal
den Pa. Ergebt euch! rief er - Kommt an, riefen die Goten.

Da winkte Johannes und zwanzig Pfeile schwirrten zugleich.

Ein Wehschrei und der vorderste Gote zur Rechten fiel: einer der Schtzen
auf den Bumen hatte ihn in die Stirn getroffen. Rasch sprang Valerius mit
dem vorgehaltenen Schild an seine Stelle. Er kam gerade recht, den
wtenden Anprall des anstrmenden Johannes aufzuhalten, der mit der Lanze
in die Lcke rannte. Er fing den Lanzensto mit dem Schilde und schlug
nach dem Byzantiner, der nahe vor dem Eingang zurckprallte, strauchelte
und niederfiel; die Hunnen hinter ihm wichen zurck.

Da konnte sich's der Gote neben Valerius nicht versagen, den feindlichen
Fhrer unschdlich zu machen: er sprang mit gezcktem Speer aus dem Engpa
einen Schritt vorwrts. Aber das hatte Johannes gewollt: blitzschnell
hatte er sich aufgerafft, den berraschten Goten von der Straenwand zur
Rechten des Felsenpasses hinabgestoen, und im selben Augenblick stand er
an der rechten, schildlosen Seite des Valerius, der die wieder
vordringenden Hunnen abwehrte, und stie diesem mit aller Kraft das lange
Persermesser in die Weichen.

Valerius brach zusammen: aber es gelang den drei hinter ihm stehenden
Goten, Johannes, der schon in das Innere des Passes gedrungen war, mit
ihren Schildschnbeln wieder zurck- und hinauszustoen. Er ging zurck,
einen neuen Pfeilregen zu befehlen.

Schweigend deckten die beiden Goten wieder die Mndung, der dritte hielt
den blutenden Valerius in seinen Armen.

Da strzte die Wache von der Rckseite in den Engpa: Das Schiff! Herr -
das Schiff! sie sind gelandet: sie fassen uns im Rcken! Flieht, wir
wollen euch tragen - ein Versteck in den Felsen. -

Nein, sprach Valerius, sich aufrichtend, hier will ich sterben; stemme
mein Schwert gegen die Wand und -

Aber da schmetterte von der Rckseite her laut der Ruf des gotischen
Heerhorns: Fackeln blitzten und eine Schar von dreiig Goten strmte in
den Pa: Totila an ihrer Spitze: sein erster Blick fiel auf Valerius: Zu
spt, zu spt! rief er schmerzlich. Aber folgt mir! Rache! hinaus!

Und wtend brach er mit seinem speeretragenden Fuvolk aus dem Pa. Und
schrecklich war der Zusammensto auf der schmalen Strae zwischen Felsen
und Meer. Die Fackeln erloschen in dem Getmmel und der anbrechende Morgen
gab nur ein graues Licht. Die Hunnen, obwohl an Zahl den khnen Angreifern
berlegen, waren durch den pltzlichen Ausfall vllig berrascht: sie
glaubten, ein ganzes Heer der Goten sei im Anmarsch: sie eilten, ihre
Rosse zu gewinnen und zu entfliehen; aber die Goten erreichten mit ihnen
zugleich die Stelle, wo die ledigen Tiere hielten: und in wirrem Knuel
strzte Mann und Ro die Felsen hinab.

Umsonst hieb Johannes selbst auf seine fliehenden Leute ein: ihr Schwall
warf ihn zu Boden, er raffte sich wieder auf und sprang den nchsten Goten
an. Aber er kam bel an: es war Totila, er erkannte ihn. Verfluchter
Flachskopf, schrie er, so bist du nicht ersoffen?

Nein, wie du siehst! rief dieser und schlug ihm das Schwert durch den
Helmkamm und noch ein Stck in den Schdel, da er taumelte. Da war aller
Widerstand zu Ende. Mit knapper Not hoben ihn die nchsten seiner Reiter
auf ein Pferd und jagten mit ihm davon. Der Kampfplatz war gerumt.

Totila eilte nach dem Hohlweg zurck. Er fand Valerius, bleich, mit
geschlossenen Augen, das Haupt auf seinen Schild gelegt. Er warf sich zu
ihm nieder und drckte die erstarrende Hand an seine Brust. Valerius,
rief er, Vater! scheide nicht! scheide nicht so von uns. Noch ein Wort
des Abschieds. Der Sterbende schlug matt die Augen auf.

Wo sind sie? fragte er. Geschlagen und geflohn. - Ah, Sieg! atmete
Valerius auf; ich darf im Siege sterben. Und Valeria - mein Kind - sie
ist gerettet?

Sie ist es. Aus dem Seegefecht, aus dem Meer entkommen, eilte ich
hierher, Neapolis zu warnen, euch zu retten. Nahe der Strae, zwischen
deinem Hause und Neapolis, war ich gelandet; dort traf ich sie und erfuhr
deine Gefahr; eins meiner Schiffsboote nahm sie auf und fhrt sie nach
Neapolis: mit dem andern eilte ich hierher dich zu retten - ach nur zu
rchen! Und er senkte das Haupt auf des Sterbenden Brust.

Klage nicht um mich, ich sterbe im Sieg! Und dir, mein Sohn, dir, dank'
ich es. Und wohlgefllig streichelte er die langen Locken des Jnglings.
Und auch Valerias Rettung. O dir, dir, ich hoffe es, auch Italiens
Rettung. Du bist der Held, auch dieses Land zu retten, - trotz Belisar und
Narses. Du kannst es, - du wirst es - und dein Lohn sei mein geliebtes
Kind. - Valerius! Mein Vater! - Sie sei dein! Aber schwre mir's, -
und er richtete sich empor mit letzter Kraft und sah ihm scharf ins Auge -
schwre mir's beim Genius Valeria's: nicht eher wird sie dein, als bis
Italien frei ist und keine Scholle seines heiligen Bodens mehr einen
Byzantiner trgt.

Ich schwr' es dir, rief Totila, begeistert seine Rechte fassend, ich
schwr's beim Genius Valerias!

Dank, dank, mein Sohn; nun mag ich getrost sterben: - gre sie und sage
ihr: dir hab' ich sie empfohlen und anvertraut: sie - und Italien. Und er
legte das Haupt zurck auf seinen Schild und kreuzte die Arme ber der
Brust - und war tot.

Lange hielt Totila schweigend die Hand auf seiner Brust.

Ein blendendes Licht weckte ihn pltzlich aus seinem Trumen: es war die
Morgensonne, deren goldne Scheibe prchtig ber den Kamm des Felsgebirges
emportauchte: er stand auf und sah dem steigenden Gestirn entgegen. Die
Fluten glitzerten in hellem Widerschein und ein Schimmer flog ber alles
Land.

Beim Genius Valerias! wiederholte er leise mit innigster Empfindung und
hob die Hand zum Schwur dem Morgenlicht entgegen. Wie der Tote fand er
Kraft und Trost und Begeisterung in seinem schweren Gelbde: die hohe
Pflicht erhob ihn. Gekrftigt wandte er sich zurck und befahl, die Leiche
auf sein Schiff zu tragen, um sie nach dem Grabmal der Valerier in
Neapolis zu fhren.




                             Elftes Kapitel.


Whrend dieser drohenden Ereignisse waren wohl freilich auch die Goten
nicht vllig mig geblieben. Doch waren alle Maregeln kraftvoller Abwehr
gelhmt, ja absichtlich vereitelt durch den feigen Verrat ihres Knigs.

Theodahad hatte sich von seiner Bestrzung ber die Kriegserklrung des
byzantinischen Gesandten alsbald wieder erholt, da er sich nicht von der
berzeugung trennen konnte und wollte, sie sei doch im Grunde nur erfolgt,
um den Schein zu wahren und die Ehre des Kaiserhofes zu decken. Er hatte
ja Petros nicht mehr allein gesprochen: und dieser mute doch vor Goten
und Rmern einen Vorwand haben, Belisar in Italien erscheinen zu lassen.
Das Auftreten dieses Mannes war ja das lngst verabredete Mittel zur
Durchfhrung der geheimen Plne. Den Gedanken, Krieg fhren zu sollen, -
von allen ihm der unertrglichste! - wute er sich dadurch fern zu halten,
da er weislich berlegte, zum Kriegfhren gehren zwei. Wenn ich mich
nicht verteidige, dachte er, ist der Angriff bald vorber. Belisar mag
kommen: - ich will nach Krften dafr sorgen, da er auf keinen Widerstand
stt, der des Kaisers Stimmung gegen mich nur verschlimmern knnte.
Berichtet der Feldherr im Gegenteil nach Byzanz, da ich seine Erfolge in
jeder Weise befrdert, so wird Justinian nicht anstehn, den alten Vertrag
ganz oder doch zum grten Teil zu erfllen.

In diesem Sinne handelte er, berief alle Streitkrfte der Goten zu Land
und zur See aus Unteritalien, wo er die Landung Belisars erwartete,
hinweg, und schickte sie massenhaft an die Ostgrenze des Reiches nach
Liburnien, Dalmatien, Istrien und gen Westen nach Sdgallien, indem er,
gesttzt auf die Thatsache, da Byzanz eine kleine Truppenabteilung nach
Dalmatien gegen Salona gesendet und mit den Frankenknigen Gesandte
gewechselt hatte, vorgab, der Hauptangriff sei von den Byzantinern zu
Lande, in Istrien, und von den mit ihnen verbndeten Franken am Rhodanus
und Padus zu befahren.

Die Scheinbewegungen Belisars untersttzten diesen Glauben: und so geschah
das Unerhrte, da die Heerscharen der Goten, die Schiffe, die Waffen, die
Kriegsvorrte in groen Massen in aller Eile gerade vor dem Angriff
hinweggefhrt, da Unteritalien bis Rom, ja alles Land bis Ravenna
entblt und alle Verteidigungsmaregeln in den Gegenden vernachlssigt
wurden, auf die alsbald die ersten Schlge der Feinde fallen sollten.

An dem Dravus, Rhodanus und Padus wimmelte es von gotischen Waffen und
Segeln, whrend bei Sicilien, wie wir sahen, sogar die ntigsten Boote zum
Wachtdienst fehlten.

Auch das ungestme Drngen der gotischen Patrioten besserte daran nicht
viel. Witichis und Hildebad hatte sich der Knig aus der Nhe geschafft,
indem er sie mit Truppen und Auftrgen nach Istrien und nach Gallien
entsandte: und dem argwhnischen Teja leistete der alte Hildebrand, der
nicht ganz den Glauben an den letzten der Amaler aufgeben wollte, zhen
Widerstand.

Am meisten aber ward Theodahad gekrftigt, als ihm seine entschlossene
Knigin zurckgegeben wurde. Witichis war alsbald nach der Kriegserklrung
der Byzantiner mit einer gotischen Schar vor die Burg von Feretri gezogen,
wo Gothelindis mit ihren pannonischen Sldnern Zuflucht gesucht, und hatte
sie bewogen, sich freiwillig wieder in Ravenna einzufinden, unter
Verbrgung fr ihre Sicherheit, bis in der bevorstehenden groen Volks-
und Heeresversammlung bei Rom ihre Sache nach allen Formen des Rechts
untersucht und entschieden werde. Diese Bedingungen waren beiden Parteien
genehm: denn den gotischen Patrioten mute alles daran gelegen sein,
jetzt, bei dem Ausbruch des schweren Krieges, nicht durch Parteiung in der
Oberleitung gespalten zu sein.

Und wenn der gerade Gerechtigkeitssinn des Grafen Witichis wider jede
Anklage das Recht voller Verteidigung gewahrt wissen wollte, so sah auch
Teja ein, da, nachdem der Feind die schwere Beschuldigung des
Knigsmordes auf das ganze Volk der Goten geschleudert, nur ein strenges
und feierliches Verfahren in allen Formen, nicht eine strmische
Volksjustiz auf blinden Argwohn hin, die Volksehre wahren knne.

Gothelindis aber blickte jenem Verfahren mit khner Stirn entgegen:
mochten die Stimmen innerer berzeugung auch gegen sie sprechen, sie
glaubte ganz sicher zu sein, da sich ein gengender Beweis ihrer That
nicht erbringen lasse. - Hatte doch nur ihr Auge das Ende der Feindin
gesehen. - Und sie wute wohl, da man sie ohne volle berfhrung nicht
strafen werde.

So folgte sie willig nach Ravenna, flte dem zagen Herzen ihres Gatten
neuen Mut ein und hoffte, war nur der Gerichtstag berstanden, alsbald im
Lager Belisars und am Hofe von Byzanz Ruhe von allen weitern Anfechtungen
zu finden. Die Zuversicht des Knigspaares ber den Ausgang jenes Tages
wurde nun noch dadurch erhht, da die Rstungen der Franken ihnen den
Vorwand gegeben hatten, auer Witichis und Hildebad auch noch den
gefhrlichen Grafen Teja mit einer dritten Heerschar in den Nordwesten der
Halbinsel zu entsenden: - mit ihm zogen viele Tausende gerade der
eifrigsten Anhnger der Gotenpartei, - so da an dem Tag bei Rom eine von
ihren Gegnern nicht allzuzahlreich besuchte Versammlung sich einfinden
wrde. - Und unablssig waren sie thtig, sowohl ihre persnlichen
Anhnger als alte Gegner Amalaswinthens, die mchtige Sippe der Balten in
ihren weitverbreiteten Zweigen, in mglichst groer Anzahl zur
Entscheidung jenes Tages heranzuziehen. So hatte das Knigspaar Ruhe und
Zuversicht gewonnen. Und Theodahad war von Gothelindis bewogen worden,
selbst als Vertreter seiner Gemahlin gegen jede Anklage unter den Goten zu
erscheinen, um durch solchen Mut und den Glanz des kniglichen Ansehens
vielleicht von vornherein alle Widersacher einzuschchtern.

Umgeben von ihren Anhngern und einer kleinen Leibwache verlieen
Theodahad und Gothelindis Ravenna und eilten nach Rom, wo sie mehrere Tage
vor dem fr die Versammlung anberaumten Termin eintrafen und in dem alten
Kaiserpalast abstiegen.

Nicht unmittelbar vor den Mauern, sondern in der Nhe Roms, auf einem
freien offnen Felde, Regeta genannt, zwischen Anagni und Terracina, sollte
die Versammlung gehalten werden. Frh am Morgen des Tages, da sich
Theodahad allein auf die Reise dorthin aufmachen wollte und von
Gothelindis Abschied nahm, lie sich ein unerwarteter und unwillkommener
Name melden: Cethegus, der whrend ihres mehrtgigen Aufenthalts in der
Stadt nicht erschienen: er war vollauf mit der Vollendung der
Befestigungen beschftigt.

Als er eintrat, rief Gothelindis entsetzt ber seinen Ausdruck: Um Gott,
Cethegus! welch ein Unheil bringst du?

Aber der Prfekt furchte nur einen Augenblick die Stirn bei ihrem Anblick,
dann sprach er ruhig: Unheil? fr den, den's trifft. Ich komme aus einer
Versammlung meiner Freunde, wo ich zuerst erfuhr, was bald ganz Rom wissen
wird: Belisar ist gelandet.

Endlich, rief Theodahad. - Und auch die Knigin konnte eine Miene des
Triumphs nicht verbergen.

Frohlockt nicht zu frh! Es kann euch reuen. Ich komme nicht,
Rechenschaft von euch und eurem Freunde Petros zu verlangen: wer mit
Verrtern handelt, mu sich aufs Lgen gefat machen. Ich komme nur, um
euch zu sagen, da ihr jetzt ganz gewi verloren seid.

Verloren? - Gerettet sind wir jetzt!

Nein, Knigin. Belisar hat bei der Landung ein Manifest erlassen: er
sagt, er komme, die Mrder Amalaswinthens zu strafen; ein hoher Preis und
seine Gnade ist denen zugesichert, die euch lebend oder tot einliefern.

Theodahad erbleichte. Unmglich! rief Gothelindis.

Die Goten aber werden bald erfahren, wessen Verrat den Feind ohne
Widerstand ins Land gelassen.

Mehr noch. Ich habe von der Stadt Rom den Auftrag, in dieser strmischen
Zeit als Prfekt ihr Wohl zu wahren. Ich werde euch im Namen Roms
ergreifen und Belisar bergeben lassen.

Das wagst du nicht! rief Gothelindis nach dem Dolche greifend.

Still, Gothelindis, hier gilt es nicht, hilflose Frauen im Bad ermorden.
Ich lasse euch aber entkommen - was liegt mir an eurem Leben oder Sterben!
- gegen einen billigen Preis.

Ich gewhre jeden! stammelte Theodahad.

Du lieferst mir die Urkunden aus deiner Vertrge mit Silverius: -
schweig! lge nicht! ich wei, ihr habt lang und geheim verhandelt. Du
hast wieder einmal einen hbschen Handel mit Land und Leuten getrieben!
Mich lstet nach dem Kaufbrief.

Der Kauf ist jetzt eitel! die Urkunden ohne Kraft! Nimm sie! sie liegen
verwahrt in der Basilika des heiligen Martinus, in dem Sarkophag, links in
der Krypta! Seine Furcht zeigte, da er wahr sprach.

Es ist gut, sagte Cethegus. Alle Ausgnge des Palastes sind von meinen
Legionren besetzt. Erst erhebe ich die Urkunden. Fand ich sie am
bezeichneten Ort, so werd' ich Befehl geben, euch zu entlassen. Wollt ihr
dann entfliehn, so geht an die Pforte Marc Aurels und nennt meinen Namen
dem Kriegstribun der Wache, Piso. Er wird euch ziehen lassen. Und er
ging, das Paar ratlosen ngsten berlassend.

Was thun? fragte Gothelindis mehr sich selbst als ihren Gemahl. Weichen
oder trotzen? - Was thun?! wiederholte Theodahad unwillig. Trotzen?
das heit bleiben? Unsinn! fort von hier sobald als mglich; kein Heil als
die Flucht! - Wohin willst du fliehn? - Nach Ravenna zunchst - das
ist fest! Dort erheb' ich den Knigsschatz. Von da, wenn es sein mu, zu
den Franken. Schade, schade, da ich die hier verborgnen Gelder preisgeben
mu. Die vielen Millionen Solidi! - Hier? auch hier, fragte Gothelindis
aufmerksam in Rom hast du Schtze geborgen. Wo? und sicher? - Ach,
allzusicher! In den Katakomben! Ich selber wrde Stunden brauchen, sie
alle aufzufinden in jenen finstern Labyrinthen. Und die Minuten sind jetzt
Leben oder Tod. Und das Leben geht doch noch ber die Solidi! Folge mir,
Gothelindis. Damit wir keinen Augenblick verlieren; ich eile an die Pforte
Marc Aurels.

Und er verlie das Gemach. Aber Gothelindis blieb berlegend stehn. Ein
Gedanke, ein Plan hatte sie bei seinen Worten erfat: sie erwog die
Mglichkeit des Widerstands.

Ihr Stolz ertrug es nicht, der Herrschaft zu entsagen. Gold ist Macht,
sprach sie zu sich selber, und nur Macht ist Leben. Ihr Entschlu stand
fest. Sie gedachte der kappadokischen Sldner, die des Knigs Geiz aus
seinem Dienst verscheucht hatte; sie harrten noch herrenlos in Rom, der
Einschiffung gewrtig. Sie hrte Theodahad hastig die Treppe hinunter
steigen und nach seiner Snfte rufen. Ja, flchte nur, du Erbrmlicher!
sprach sie, ich bleibe.




                            Zwlftes Kapitel.


Herrlich tauchte am nchsten Morgen die Sonne aus dem Meer: und ihre
Strahlen glitzerten auf den blanken Waffen von vielen tausend
Gotenkriegern, die das weite Blachfeld von Regeta belebten.

Aus allen Provinzen des weiten Reiches waren die Scharen herbeigeeilt,
gruppenweise, sippenweise, oft mit Weib und Kind, sich bei der groen
Musterung, die alljhrlich im Herbste gehalten wurde, einzufinden.

Eine solche Volksversammlung war das schnste Fest und der edelste Ernst
der Nation zugleich: ursprnglich, in der heidnischen Zeit, war ihr
Mittelpunkt das groe Opferfest gewesen, das alljhrlich zweimal, an der
Winter- und Sommer-Sonnenwende, alle Geschlechter des Volkes zur Verehrung
der gemeinsamen Gtter vereinte: daran schlossen sich dann Markt- und
Tausch-Verkehr, Waffenspiele und Heeresmusterung: die Versammlung hatte
zugleich die hchste Gerichtsgewalt und die letzte Entscheidung ber Krieg
und Frieden und die Verhltnisse zu andern Staaten.

Und noch immer, auch in dem christlichen Gotenstaat, in welchem der Knig
so manches Recht, das sonst dem Volke zukam, erworben, hatte die
Volksversammlung eine hchst feierliche Weihe, wenn auch deren alte
heidnische Bedeutung vergessen war: und die Reste der alten Volksfreiheit,
die selbst der gewaltige Theoderich nicht angetastet, lebten unter seinen
schwchern Nachfolgern krftiger wieder auf.

Noch immer hatte die Gesamtheit der freien Goten das Urteil zu finden, die
Strafe zu verhngen, wenn auch der Graf des Knigs in dessen Namen das
Gericht leitete und das Urteil vollzog. Und oft schon hatten germanische
Vlker selbst ihre Knige wegen Verrates, Mordes und andrer schwerer
Frevel vor offner Volksversammlung angeklagt, gerichtet und gettet. In
dem stolzen Bewutsein, sein eigner Herr zu sein und niemand, auch dem
Knig nicht, ber das Ma der Freiheit hinaus zu dienen, zog der Germane
in allen seinen Waffen zu dem Ding wo er sich im Verband mit seinen
Genossen sicher und stark fhlte und seine und seines Volkes Freiheit,
Kraft und Ehre in lebendigen Bildern und Thaten vor Augen sah.

Zur diesmaligen Versammlung aber zog es die Goten mit besonders starken
Grnden. Der Krieg mit Byzanz war zu erwarten oder schon ausgebrochen, als
die Ladung nach Regeta erging: das Volk freute sich auf den Kampf mit dem
verhaten Feind und freute sich, zuvor seine Heeresmacht zu mustern:
diesmal ganz besonders sollte die Volksversammlung zugleich Heerschau
sein. Dazu kam, da wenigstens in den nchsten Landschaften den meisten
Goten bekannt wurde, dort zu Regeta sollte Gericht gehalten werden ber
die Mrder der Tochter Theoderichs: die groe Aufregung, die diese That
erweckt hatte, mute ebenfalls mchtig nach Regeta ziehn.

Whrend ein Teil der Herbeigewanderten in den nchsten Drfern bei
Freunden und Verwandten eingesprochen, hatten sich groe Scharen schon
einige Tage vor der feierlichen Erffnung auf dem weiten Blachfeld selbst,
zweihundertachtzig Stadien (gegen sechsunddreiig rmische Meilen zu
tausend Schritt) von Rom, unter leichten Zelten und Htten oder auch unter
dem milden freien Himmel gelagert. Diese waren mit den frhsten Stunden
des Versammlungstages schon in brausender Bewegung und ntzten die geraume
Zeit, da sie die alleinigen Herrn des Platzes waren, zu allerlei Spiel und
Kurzweil.

Die einen schwammen und badeten in den klaren Fluten des raschen Flusses
Ufens (oder Decemnovius, weil er nach neunzehn rmischen Meilen bei
Terracina in das Meer mndet), der die weite Ebene durchschnitt. Andere
zeigten ihre Kunst, ber ganze Reihen von vorgehaltenen Speeren
hinwegzusetzen oder, fast unbekleidet, unter den im Taktschlag
geschwungenen Schwertern zu tanzen, indes die Raschfigsten, angeklammert
an die Mhnen ihrer Rosse, mit deren schnellstem Lauf gleichen Schritt
hielten und, am Ziele angelangt, mit sichrem Sprung sich auf den
sattellosen Rcken schwangen.

Schade, rief der junge Gudila, der bei diesem Wettlauf zuerst an das
Ziel gelangt war und sich jetzt die gelben Locken aus der Stirne strich,
schade, da Totila nicht zugegen! Er ist der beste Reiter im Volk und hat
mich noch immer besiegt; aber jetzt, mit dem Rappen, nehm' ich's mit ihm
auf. - Ich bin froh, da er nicht da ist, lachte Gunthamund, der als
der zweite herangesprengt war, sonst htte ich gestern schwerlich den
ersten Preis im Lanzenwurf davongetragen. - Ja, sprach Hilderich, ein
stattlicher junger Krieger in klirrendem Ringpanzer, Totila ist gut mit
der Lanze. Aber sichrer noch wirft der schwarze Teja: der nennt dir die
Rippe vorher, die er treffen wird. - Bah, brummte Hunibad, ein lterer
Mann, der dem Treiben der Jnglinge prfend zugesehn, das ist doch all'
nur Spielerei. Im blutigen Ernste frommt dem Mann zuletzt doch nur das
Schwert: wann dir der Tod von allen Seiten so dicht auf den Leib rckt,
da du nicht mehr ausholen kannst zum Wurf. Und da lob' ich mir den Grafen
Witichis von Fsul!

Das ist mein Mann! War das ein Schdelspalten, im Gepidenkrieg! Durch
Stahl und Leder schlug der Mann als wr' es trocken Stroh. Der kann's noch
besser als mein eigner Herzog, Guntharis, der Wlsung, in Florentia. Doch
was wit ihr davon, ihr Knaben. - Seht, da steigen die frhesten
Ankmmlinge von den Hgeln nieder: auf! ihnen entgegen!

Und aus allen Wegen strmte jetzt das Volk heran: zu Fu, zu Ro und zu
Wagen. Ein brausendes, wogendes Leben erfllte mehr und mehr das
Blachfeld. An den Ufern des Flusses, wo die meisten Zelte standen, wurden
die Rosse abgezumt, die Gespanne zu einer Wagenburg zusammengeschoben und
durch die Lagergassen hin flutete nun die stndlich wachsende Menge.

Da suchten und fanden und begrten sich Freunde und Waffenbrder, die
sich seit Jahren nicht gesehn. Es war ein buntgemischtes Bild: die alte
germanische Gleichartigkeit war in diesem Reiche lang geschwunden. Da
stand neben dem vornehmen Edeln, der sich in einer der reichen Stdte
Italiens niedergelassen, in den Palsten senatorischer Geschlechter wohnte
und die feinere und ppigere Sitte der Welschen angenommen hatte, neben
dem Herzog oder Grafen aus Mediolanum oder Ticinum, der ber dem
reichvergoldeten Panzer das Wehrgehnge von Purpurseide trug, neben einem
solchen zieren Herrn ragte wohl ein rauher, riesiger Gotenbauer, der in
den tiefen Eichwldern am Margus in Msien hauste oder der in dem Tann am
rauschenden nus dem Wolf die zottige Schur abgerungen hatte, die er um
die mchtigen Schultern schlug, und dessen rauher erhaltne Sprache
befremdlich an das Ohr der halbromanisierten Genossen schlug. Und wieder
friedliche Schafhirten aus Dakien, die, ohne Acker und ohne Haus, mit
ihren Herden von Weide zu Weide wanderten, ganz in derselben Weise noch,
welche die Ahnen vor tausend Jahren aus Asien herbergefhrt hatte. Da war
ein reicher Gote, der in Ravenna oder Rom eines rmischen Geldwechslers
Kind geheiratet und bald Handel und Verkehr gleich seinem rmischen
Schwager zu treiben und seinen Gewinn nach Tausenden zu berechnen gelernt
hatte. Und daneben stand ein armer Senne, der an dem brausenden Isarkus
die magern Ziegen auf die magre Weide trieb, und dicht neben der Hhle des
Bren seine Bretterhtte errichtet hatte.

So verschieden war den Tausenden, die sich hier zusammenfanden, das Los
gefallen, seit ihre Vter dem Ruf des groen Theoderich nach Westen
gefolgt waren, hinweg aus den Thlern des Hmus.

Aber doch fhlten sie sich als Brder, als Shne Eines Volkes: dieselbe
stolzklingende Sprache redeten sie, dieselben Goldlocken, dieselbe
schneeweie Haut, dieselben hellen blitzenden Augen und - vor allem - das
gleiche Gefhl in jeder Brust: als Sieger stehen wir auf dem Boden, den
unsre Vter dem rmischen Weltreich abgetrotzt, und den wir decken wollen,
lebendig oder tot.

Wie ein ungeheurer Bienenschwarm wogten und rauschten die Tausende
durcheinander, die sich hier begrten, alte Bekanntschaften aufsuchten
und neue schlossen und das wirre Getreibe schien nimmer enden zu wollen
und zu knnen.

Aber pltzlich tnten von dem Kamm der Hgel her eigentmliche, feierlich
gezogene Tne des gotischen Heerhorns: und augenblicklich legte sich das
Gesumme der brausenden Stimmen. Aufmerksam wandten sich aller Augen nach
der Richtung der Hgel, von denen ein geschlossener Zug ehrwrdiger Greise
nahte. Es war ein halbes Hundert von Mnnern in weien, wallenden Mnteln,
die Hupter eichenbekrnzt, weie Stbe und altertmlich geformte
Steinbeile fhrend: die Sajonen und Fronwrter des Gerichts, welche die
feierlichen Formen der Erffnung, Hegung und Aufhebung des Dings zu
vollziehen hatten.

Angelangt in der Ebene begrten sie mit dreifachem, langgezogenem Hornruf
die Versammlung der freien Heermnner, die, nach feierlicher Stille, mit
klirrenden Waffen lrmend antworteten.

Alsbald begannen die Bannboten ihr Werk. Sie teilten sich nach rechts und
links und umzogen mit Schnren von roter Wolle, die alle zwanzig Schritt
um einen Haselstab, den sie in die Erde stieen, geschlungen wurden, die
ganze weite Ebene, und begleiteten diese Handlung mit uralten Liedern und
Sprchen.

Genau gegen Aufgang und Mittag wurden die Wollschnre auf mannshohe
Lanzenschfte gespannt, so da sie die zwei Thore der nun vllig
umfriedeten Dingsttte bildeten, an denen die Fronboten mit gezckten
Beilen Wache hielten, alle Unfreien, alle Volksfremden und alle Weiber
fern zu halten.

Als diese Arbeit vollendet war, traten die beiden ltesten unter die
Speerthore und riefen mit lauter Stimme:

  Gehegt ist der Hag
  Altgotischer Art:
  Nun beginnen mit Gott
  Mag gerechtes Gericht.

Auf die hiernach eingetretne Stille folgte unter der versammelten Menge
ein anfangs leises, dann lauter tnendes und endlich fast betubendes
Getse von fragenden, streitenden, zweifelnden Stimmen.

Es war nmlich schon bei dem Zug der Sajonen aufgefallen, da er nicht,
wie gewhnlich, von dem Grafen gefhrt war, der im Namen und Bann des
Knigs das Gericht abzuhalten und zu leiten pflegte. Doch hatte man
erwartet, da dieser Vertreter des Knigs wohl whrend der Umschnrung des
Platzes erscheinen werde. Als nun aber diese Arbeit geschehen, und der
Spruch der Alten, der zum Beginn des Gerichts aufforderte, ergangen und
doch immer noch kein Graf, kein Beamter erschienen war, der allein die
Erffnungsworte sprechen konnte, ward die Merksamkeit aller auf jene
schwer auszufllende Lcke gelenkt. Whrend man nun berall nach dem
Grafen, dem Vertreter des Knigs, fragte und suchte, erinnerte man sich,
da dieser ja verheien hatte, in Person vor seinem Volk zu erscheinen,
sich und seine Knigin gegen die erhobnen schweren Anklagen zu
verteidigen.

Aber da man jetzt bei des Knigs Freunden und Anhngern sich nach ihm
erkundigen wollte, ergab sich die verdchtige Thatsache, die man bisher,
im Gedrng der allgemeinen Begrungen, gar nicht wahrgenommen, da
nmlich auch nicht Einer der zahlreichen Verwandten, Freunde, Diener des
Knigshauses, die zur Untersttzung der Beschuldigten zu erscheinen Recht,
Pflicht und Interesse hatten, in der Versammlung zugegen war, wiewohl man
sie vor wenigen Tagen zahlreich in den Straen und in der Umgegend Roms
gesehen hatte.

Das erregte Befremden und Argwohn: und lange schien es, als ob an dem Lrm
ber diese Seltsamkeit und an dem Fehlen des Knigsgrafen der rechtmige
Anfang der ganzen Verhandlung scheitern solle. Verschiedene Redner hatten
bereits vergeblich versucht, sich Gehr zu verschaffen. -

Da erscholl pltzlich aus der Mitte der Versammlung ein alles bertnender
Klang, dem Kampfruf eines furchtbaren Ungetmes vergleichbar. Aller Augen
folgten dem Schall: und sahen im Mittelgrund des Platzes, an den Rcken
einer hohen Steineiche gelehnt, eine hohe ragende Gestalt, die in den
hohlen, vor den Mund gehaltnen Erzschild mit lauter Stimme den gotischen
Schlachtruf ertnen lie. Als sie den Schild senkte, erkannte man das
mchtige Antlitz des alten Hildebrand, dessen Augen Feuer zu sprhen
schienen.

Begeisterter Jubel begrte den greisen Waffenmeister des groen Knigs,
den, wie seinen Herrn, Lied und Sage schon bei lebendem Leib zu einer
mythischen Gestalt unter den Goten gemacht hatten. Als sich der Zuruf
gelegt, hob der Alte an: Gute Goten, meine wackern Mnner. Es ficht euch
an und will euch befremden, da ihr keinen Grafen seht und Vertreter des
Mannes, der eure Krone trgt.

Lat's euch nicht Bedenken machen! Wenn der Knig meint, damit das Gericht
zu stren, so soll er irren. Ich denke noch die alten Zeiten und sage
euch: das Volk kann Recht finden ohne Knig, und Gericht halten ohne
Knigsgrafen. Ihr seid alle herangewachsen in neuer bung und Sitte, aber
da steht Haduswinth, der Alte, kaum ein paar Winter jnger denn ich: der
wird's mir bezeugen: beim Volk allein ist alle Gewalt: das Gotenvolk ist
frei!

Ja, wir sind frei! rief ein tausendstimmiger Chor.

Wir whlen uns unsern Dinggrafen selbst, schickt der Knig den seinen
nicht, rief der graue Haduswinth, Recht und Gericht war, eh' Knig war
und Graf. Und wer kennt besser allen Brauch des Rechts als Hildebrand,
Hildungs Sohn? Hildebrand soll unser Dinggraf sein.

Ja! hallte es ringsum wieder, Hildebrand soll unser Dinggraf sein.

Ich bin's durch eure Wahl: und achte mich so gut bestellt, als htte mir
Knig Theodahad Brief und Pergament darber ausgestellt. Auch haben meine
Ahnen Gericht gehalten den Goten seit Jahrhunderten. Kommt, Sajonen, helft
mir ffnen das Gericht.

Da eilten zwlf von den Frondienern herzu. Vor der Eiche lagen noch die
Trmmer eines uralten Fanums des Waldgottes Picus: die Sajonen suberten
die Stelle, hoben die breitesten der Steine zurecht und lehnten links und
rechts zwei der viereckigen Platten an den Stamm der Eiche, so da ein
stattlicher Richterstuhl dadurch gebildet ward. Und so hielt, von dem
Altar des altitalischen Wald- und Hirtengottes herab, der Gotengraf
Gericht.

Andere Sajonen warfen einen blauen weitfaltigen Wollmantel mit breitem,
weiem Kragen ber Hildebrands Schultern, gaben ihm den oben gekrmmten
Eschenstab in die Hand und hingen links zu seinen Hupten einen blanken
Stahlschild an die Zweige der Eiche.

Dann stellten sie sich in zwei Reihen zu seiner Rechten und Linken auf:
der Alte schlug mit dem Stab auf den Schild, da er hell erklang, dann
setzte er sich, das Antlitz gegen Osten und sprach: Ich gebiete Stille,
Bann und Frieden! Ich gebiete Recht und verbiete Unrecht, Hastmut und
Scheltwort und Waffenzcken, und alles, was den Dingfrieden krnken mag.
Und ich frage hier: ist es an Jahr und Tag, an Weil' und Stunde, an Ort
und Sttte, zu halten ein frei Gericht gotischer Mnner?

Da traten die nchststehenden Goten heran und sprachen im Chor: Hier ist
rechter Ort, unter hohem Himmel, unter rauschender Eiche, hier ist rechte
Tageszeit, bei klimmender Sonne, auf schwertgewonnenem gotischem Erdgrund,
zu halten ein frei Gericht gotischer Mnner.

Wohlan, fuhr der alte Hildebrand fort, wir sind versammelt, zu richten
zweierlei Klage: Mordklage wider Gothelindis, die Knigin, und schwere
Rge wegen Feigheit und Saumsal in dieser Zeit hoher Gefahr wider
Theodahad, unsern Knig. Ich frage ... -

Da ward seine Rede unterbrochen durch lauten, schallenden Hornruf, der von
Westen her nher und nher drang.




                           Dreizehntes Kapitel.


Erstaunt sahen die Goten um und erblickten einen Zug von Reitern, welche
die Hgel herab gegen die Gerichtssttte eilten. Die Sonne fiel grell
blendend auf die waffenblitzenden Gestalten, da sie nicht erkenntlich
waren, obwohl sie in Eile nahten.

Da richtete sich der alte Hildebrand hoch auf in seinem erhhten Sitz,
hielt die Hand vor die falkenscharfen Augen und rief sogleich: Das sind
gotische Waffen! - Die wallende Fahne trgt als Bild die Wage: - das ist
das Hauszeichen des Grafen Witichis! Und dort ist er selbst! An der Spitze
des Zugs. Und an seiner Linken die hohe Gestalt, das ist der starke
Hildebad! Was fhrt die Feldherrn zurck? ihre Scharen sollten schon weit
auf dem Weg nach Gallien und Dalmatien sein.

Ein Brausen von fragenden, staunenden, grenden Stimmen erfolgte.

Inde waren die Reiter heran und sprangen von den dampfenden Rossen. Mit
Jubel empfangen, schritten die Fhrer, Witichis und Hildebad, durch die
Menge den Hgel heran, bis zu Hildebrands Richterstuhl.

Wie? rief Hildebad noch atemlos, ihr sitzt hier und haltet Gericht, wie
im tiefsten Frieden: und der Feind, Belisar, ist gelandet!

Wir wissen es, sprach Hildebrand ruhig, und wollten mit dem Knig
beraten, wie ihm zu wehren sei.

Mit dem Knig! lachte Hildebad bitter.

Er ist nicht hier, sagte Witichis umblickend, das verstrkt unsern
Verdacht. Wir kehrten um, weil wir Grund zu schwerem Argwohn erhielten.
Aber davon spter! fahrt fort, wo ihr haltet. Alles nach Recht und
Ordnung! still, Freund! Und den ungeduldigen Hildebad zurckdrngend,
stellte er sich bescheiden zur Linken des Richterstuhles in die Reihe der
andern.

Nachdem es wieder stiller geworden, fuhr der Alte fort: Gothelindis,
unsre Knigin, ist verklagt wegen Mordes an Amalaswintha, der Tochter
Theoderichs. Ich frage: sind wir Gericht zu richten solche Klage?

Der alte Haduswinth, gesttzt auf seine lange Keule, trat vor und sprach:
Rot sind die Schnre dieser Malsttte. Beim Volksgericht ist das Recht
ber roten Blutfrevel, ber warmes Leben und kalten Tod. Wenn's anders
gebt ward in letzten Zeiten, so war das Gewalt, nicht Recht. Wir sind
Gericht, zu richten solche Klage.

In allem Volk, fuhr Hildebrand fort, geht wider Gothelindis schwerer
Vorwurf: im stillen Herzen verklagen wir alle sie darob. Wer aber will
hier, im offnen Volksgericht, mit lautem Wort, sie dieses Mordes zeihen?

Ich! sprach eine helle Stimme: und ein schner, junger Gote, in
glnzenden Waffen, trat von rechts vor den Richter, die rechte Hand auf
die Brust legend.

Ein Murmeln des Wohlgefallens drang durch die Reihen: Er liebt die schne
Mataswintha! - Er ist der Bruder des Herzogs Guntharis von Tuscien, der
Florentia besetzt hlt. - Er freit um sie! - Als Rcher ihrer Mutter
tritt er auf!

Ich, Graf Arahad von Asta, des Aramuth Sohn, aus der Wlsungen
Edelgeschlecht, fuhr der junge Gote mit einem anmutigen Errten fort.
Zwar bin ich nicht versippt mit der Getteten: allein die Mnner ihrer
Sippe, Theodahad voran, ihr Vetter und ihr Knig, erfllen nicht die
Pflicht der Blutrache; ist er doch selbst des Mordes Helfer und Hehler.

So klag' ich denn, ein freier unbescholtner Gote edeln Stammes, ein Freund
der unseligen Frstin, an Mataswinthens, ihrer Tochter, Statt. Ich klag'
um Mord! Ich klag' auf Blut!

Und unter lautem Beifall des Volkes zog der stattliche schne Jngling das
Schwert und streckte es gerad vor sich auf den Richterstuhl.

Und dein Beweis? sag an ... -

Halt, Dinggraf, scholl da eine ernste Stimme. Witichis trat vor, dem
Klger entgegen. Bist du so alt und kennst das Recht so wohl, Meister
Hildebrand, und lt dich fortreien von der Menge wildem Drang? Mu ich
dich mahnen, ich, der jngere Mann, an alles Rechtes erstes Gebot? Den
Klger hr' ich, die Beklagte nicht.

Kein Weib kann stehen in der Goten Ding, sprach Hildebrand ruhig.

Ich wei: doch wo ist Theodahad, ihr Gemahl und Mundwalt, sie zu
vertreten?

Er ist nicht erschienen.

Ist er geladen?

Er ist geladen! Auf meinen Eid und den dieser Boten, sprach Arahad:
tretet vor, Sajonen. Zwei der Fronwrter traten vor und rhrten mit
ihren Stben an den Richterstuhl.

Nun, sprach Witichis weiter, man soll nicht sagen, da im Volk der
Goten ein Weib ungehrt, unverteidigt verurteilt werde; wie schwer sie
auch verhat sei, - sie hat ein Recht auf Rechtsgehr und Rechtsschutz.
Ich will ihr Mundwalt und ihr Frsprecher sein.

Und er trat ruhig dem jugendlichen Anklger entgegen, gleich ihm das
Schwert ziehend.

Eine Pause der ehrenden Bewunderung trat ein. So leugnest du die That?
fragte der Richter. Ich sage: sie ist nicht erwiesen! - Erweise sie!
sprach der Richter zu Arahad gewendet.

Dieser, nicht vorbereitet auf ein frmliches Verfahren und nicht gefat
auf einen Widersacher von Witichis' groem Gewicht und krftiger Ruhe,
ward etwas verwirrt. Erweisen? rief er ungeduldig. Was braucht's noch
Erweis? Du, ich, alle Goten wissen, da Gothelindis die Frstin lang und
tdlich hate. Die Frstin verschwindet aus Ravenna: gleichzeitig die
Mrderin: ihr Opfer kmmt in einem Hause Gothelindens wieder zum Vorschein
- tot: die Mrderin aber flieht auf ein festes Schlo. Was braucht's da
noch Erweis?

Und ungeduldig sah er auf die Goten rings umher.

Und darauf hin klagst du auf Mord im offnen Ding? sprach Witichis ruhig.
Wahrlich der Tag sei fern vom Gotenvolk, da man nach solchem Anschein
Urteil spricht. Gerechtigkeit, ihr Mnner, ist Licht und Luft! Weh, weh
dem Volk, das seinen Ha zu seinem Recht erhebt. Ich selber hasse dieses
Weib und ihren Gatten: aber wo ich hasse, bin ich doppelt streng mit mir.

Und so edel und so schlicht sprach er dies Wort, da aller Goten Herzen
dem treuen Manne zuschlugen.

Wo sind die Beweise? fragte nun Hildebrand. Hast du handhafte That?
hast du blickenden Schein? hast du gichtigen Mund? hast du echten Eid?
heischest du der Verklagten Unschuldseid?

Beweis! wiederholte Arahad zornig. Ich habe keinen als meines Herzens
festen Glauben.

Dann, sprach Hildebrand -

Doch in diesem Augenblick bahnte sich ein Sajo vom Thore her den Weg zu
ihm und sprach: Rmische Mnner stehen am Eingang. Sie bitten um Gehr:
sie wissen, sagen sie, alles um der Frstin Tod.

Ich fordre, da man sie hre, rief Arahad eifrig, nicht als Klger, als
Zeugen des Klgers.

Hildebrand winkte und der Sajo eilte, die Gemeldeten durch die neugierige
Menge heraufzufhren. Voran schritt ein von Jahren gebeugter Mann in
hrener Kutte, den Strick um die Lenden: die Kapuze seines berwurfs
machte seine Zge unkenntlich: zwei Mnner in Sklaventracht folgten.
Fragende Blicke ruhten auf der Gestalt des Greises, dessen Erscheinung bei
aller Einfachheit, ja Armut, von seltner Wrde geadelt war.

Als er angelangt war vor dem Richterstuhl Hildebrands, sah ihm Arahad
dicht ins Antlitz und trat mit Staunen rasch zurck.

Wer ist es, fragte der Richter, den du zum Zeugen stellest deines
Wortes? Ein unbekannter Fremdling? - Nein, rief Arahad und schlug des
Zeugen Mantel zurck, ein Name, den ihr alle kennt und ehrt: Marcus
Aurelius Cassiodorus.

Ein Ruf allgemeinen Staunens flog ber die Dingsttte.

So hie ich, sprach der Zeuge, in den Tagen meines weltlichen Lebens:
jetzt nur Bruder Marcus. Und eine hohe Weihe lag in seinen Zgen: - die
Weihe der Entsagung.

Nun, Bruder Marcus, forschte Hildebrand, was hast du uns zu melden vom
Tode Amalaswinthens? Sag' uns die volle Wahrheit und nur die Wahrheit.

Die werd' ich sagen. Vor allem wit: nicht Streben nach menschlicher
Vergeltung fhrt mich her: nicht den Mord zu rchen bin ich gekommen: -
die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr! - Nein, den
letzten Auftrag der Unseligen, der Tochter meines groen Knigs, zu
erfllen, bin ich da. Und er zog eine Papyrusrolle aus dem Gewande. Kurz
vor ihrer Flucht aus Ravenna richtete sie diese Zeilen an mich, die ich,
als ihr Vermchtnis an das Volk der Goten, mitzuteilen habe: Den Dank
einer zerknirschten Seele fr deine Freundschaft. Mehr noch als die
Hoffnung der Rettung labt das Gefhl unverlorner Treue. Ja, ich eile auf
deine Villa im Bolsener See: fhrt doch der Weg von da nach Rom, nach
Regeta, wo ich vor meinen Goten all' meine Schuld aufdecken und auch ben
will. Ich will sterben, wenn es sein mu: aber nicht durch die tckische
Hand meiner Feinde: nein, durch den Richterspruch meines Volkes, das ich
Verblendete ins Verderben gefhrt. Ich habe den Tod verdient: nicht nur um
des Blutes willen der drei Herzoge, die, alle sollen es erfahren, durch
mich starben: mehr noch um des Wahnes willen, mit dem ich mein Volk
zurckgesetzt um Byzanz. Gelange ich lebend nach Regeta, so will ich
warnen und mahnen mit der letzten Kraft meines Lebens: frchtet Byzanz!
Byzanz ist falsch wie die Hlle und ist kein Friede denkbar zwischen ihm
und uns.

Aber warnen will ich auch vor dem Feind im Innern.

Knig Theodahad spinnt Verrat: er hat an Petros, den Gesandten von Byzanz,
Italien und die Gotenkrone verkauft: er hat gethan, was ich dem Griechen
weigerte. Seht euch vor, seid stark und einig. Knnt' ich sterbend shnen,
was ich lebend gefehlt.

In tiefer Stille hatte das Volk die Worte vernommen, die Cassiodor mit
zitternder Stimme gesprochen und die jetzt wie aus dem Jenseits
herberzutnen schienen.

Auch als er geendet, wirkte noch der Eindruck des Mitleids und der Trauer
fort in feierlichem Schweigen.

Endlich erhob sich der alte Hildebrand und sprach: Sie hat gefehlt: sie
hat gebt. Tochter Theoderichs, das Volk der Goten verzeiht dir deine
Schuld und dankt dir deine Treue.

So mg' ihr Gott vergeben, Amen! sprach Cassiodor. Ich habe niemals die
Frstin an den Bolsener See geladen: ich konnt' es nicht: vierzehn Tage
zuvor hatt' ich all' meine Gter verkauft an die Knigin Gothelindis.

Sie also hat ihre Feindin, fiel Arahad ein, seinen Namen mibrauchend,
in jenes Haus gelockt. Kannst du das leugnen, Graf Witichis?

Nein, sprach dieser ruhig, aber, fuhr er zu Cassiodor gewendet fort,
hast du auch Beweis, da die Frstin daselbst nicht zuflligen Todes
gestorben, da Gothelindis ihren Tod herbeigefhrt?

Tritt vor, Syrus, und sprich! sagte Cassiodor, ich brge fr die Treue
dieses Mundes. Der Sklave trat vor, neigte sich und sprach: Ich habe
seit zwanzig Jahren die Aufsicht ber die Schleusen des Sees und die
Wasserknste des Bades der Villa im Bolsener See: niemand auer mir kannte
dessen Geheimnisse. Als die Knigin Gothelindis das Gut erkauft, wurden
alle Sklaven Cassiodors entfernt und einige Diener der Knigin eingesetzt:
ich allein ward belassen.

Da landete eines frhen Morgens die Frstin Amalaswintha auf der Insel,
bald darauf die Knigin. Diese lie mich sofort kommen, erklrte, sie
wolle ein Bad nehmen, und befahl mir, ihr die Schlssel zu allen Schleusen
des Sees und zu allen Rhren des Bades zu bergeben und ihr den ganzen
Plan des Druckwerks zu erklren. Ich gehorchte, gab ihr die Schlssel und
den auf Pergament gezeichneten Plan, warnte sie aber nachdrcklich, nicht
alle Schleusen des Sees zu ffnen und nicht alle Rhren spielen zu lassen:
das knne das Leben kosten. Sie aber wies mich zrnend ab und ich hrte,
wie sie ihrer Badsklavin befahl die Kessel nicht mit warmem, sondern mit
heiem Wasser zu fllen.

Ich ging, besorgt um ihre Sicherheit, und hielt mich in der Nhe des
Bades.

Nach einiger Zeit hrte ich an dem mchtigen Brausen und Rauschen, da die
Knigin dennoch, gegen meinen Rat, die ganze Flut des Sees hereingelassen:
zugleich hrte ich in allen Wnden das dampfende Wasser zischend
aufsteigen und da mir obenein dnkte, als vernehme ich, gedmpft durch die
Marmormauern, ngstlichen Hilfschrei, eilte ich auf den Auengang des
Bades, die Knigin zu retten. Aber wie erstaunte ich, als ich an dem mir
wohlbekannten Mittelpunkt der Knste, an dem Medusenhaupt, die Knigin,
die ich im Bad, in Todesgefahr whnte, vllig angekleidet stehen sah.

Sie drckte an den Federn und wechselte mit jemand, der im Bade um Hilfe
rief, zornige Worte. Entsetzt und dunkel ahnend, was da vorging, schlich
ich, zum Glck noch unbemerkt, hinweg.

Wie, Feigling? sprach Witichis, du ahntest, was vorging und schlichst
hinweg?

Ich bin nur ein Sklave, Herr, kein Held: und htte mich die grimme
Knigin bemerkt, ich stnde wohl nicht hier, sie anzuklagen. Gleich darauf
erscholl der Ruf, die Frstin Amalaswintha sei im Bad ertrunken.

Ein Murren und Rufen drang tosend durch das versammelte Volk.

Frohlockend rief Arahad: Nun, Graf Witichis, willst du sie noch
beschtzen? - Nein, sprach dieser ruhig, das Schwert einsteckend, ich
schtze keine Mrderin. Mein Amt ist aus. Und mit diesem Wort trat er von
der linken auf die rechte Seite, zu den Anklgern, hinber.

Ihr, freie Goten, habt das Urteil zu finden und das Recht zu schpfen,
sprach Hildebrand, ich habe nur zu vollziehen, was ihr gefunden. So frag'
ich euch, ihr Mnner des Gerichts, was dnkt euch von dieser Klage, die
Graf Arahad, des Aramuth Sohn, der Wlsung, erhoben gegen Gothelindis, die
Knigin? Sagt an: ist sie des Mordes schuldig?

Schuldig! schuldig! scholl es mit vielen tausend Stimmen und keine sagte
nein.

Sie ist schuldig, sagte der Alte aufstehend. Sprich, Klger, welche
Strafe forderst du um diese Schuld?

Arahad erhob das Schwert gerade gegen Himmel: Ich klagte um Mord. Ich
klagte auf Blut. Sie soll des Todes sterben.

Und ehe Hildebrand seine Frage an das Volk stellen konnte, war die Menge
von zorniger Bewegung ergriffen, alle Schwerter flogen aus den Scheiden
und blitzten gen Himmel auf und alle Stimmen riefen: Sie soll des Todes
sterben! -

Wie ein furchtbarer Donner rollte das Wort, die Majestt des Volksgerichts
vor sich her tragend, ber das weite Gefild, da bis in weite Ferne die
Lfte wiederhallten. -

Sie stirbt des Todes, sprach Hildebrand aufstehend, durch das Beil.
Sajonen auf, und sucht, wo ihr sie findet.

Halt an, sprach der starke Hildebad vortretend, schwer wird unser
Spruch erfllt werden, solang dies Weib unsres Knigs Gemahlin. Ich fordre
deshalb, da die Volksgemeinde auch gleich die Klagen prfe, die wir gegen
Theodahad auf der Seele haben, der ein Volk von Helden so unheldenhaft
beherrscht. Ich will sie aussprechen, diese Klagen. Merkt wohl, ich zeihe
ihn des Verrates, nicht nur der Unfhigkeit, uns zu retten, uns zu fhren.

Schweigen will ich davon, da wohl schwerlich ohne sein Wissen seine
Knigin ihren Ha an Amalaswintha khlen konnte, schweigen davon, da
diese in ihren letzten Worten uns vor Theodahads Verrat gewarnt. Aber ist
es nicht wahr, da er den ganzen Sden des Reiches von Mnnern, Waffen,
Rossen, Schiffen entblt, da er alle Kraft nach den Alpen geworfen hat,
bis da die elenden Griechlein ohne Schwertstreich Sicilien gewinnen,
Italien betreten konnten? Mein armer Bruder Totila mit seiner handvoll
Leuten allein steht ihnen entgegen. Statt ihm den Rcken zu decken, sendet
der Knig auch noch Witichis, Teja, mich nach dem Norden. Mit schwerem
Herzen gehorchten wir: denn wir ahnten, wo Belisar landen werde. Nur
langsam rckten wir vor, jede Stunde den Rckruf erwartend. Umsonst. Schon
lief durch die Landschaften, die wir durchzogen, das dunkle Gercht,
Sicilien sei verloren und die Welschen, die uns nach Norden ziehen sahen,
machten spttische Gesichter. So waren wir ein paar Tagemrsche an der
Kste hingezogen. Da traf mich dieser Brief meines Bruders Totila:

Hat denn, wie der Knig, so das ganze Volk der Goten, so mein Bruder mich
aufgegeben und vergessen? Belisar hat Sicilien berrascht. Er ist
gelandet. Alles Volk fllt ihm zu. Unaufhaltsam dringt er gegen Neapolis.
Vier Briefe hab' ich an Knig Theodahad um Hilfe geschrieben. Alles
umsonst. Kein Segel erhalten. Neapolis ist in hchster Gefahr. Rettet,
rettet Neapolis und das Reich.

Ein Ruf grimmigen Schmerzes ging durch die Tausende gotischer Mnner.

Ich wollte, fuhr Hildebad fort, augenblicklich mit all' unsren
Tausendschaften umkehren, aber Graf Witichis, mein Oberfeldherr, litt es
nicht. Nur das setzte ich durch, da wir die Truppen Halt machen lieen
und mit wenigen Reitern hierher flogen zu warnen, zu retten, zu rchen.
Denn Rache, Rache heisch ich an Knig Theodahad: nicht nur Thorheit und
Schwche, Arglist war es, da er den Sden den Feinden preisgegeben. Hier
dieser Brief beweist es. Viermal hat ihn mein Bruder gemahnt, gebeten.
All' umsonst. Er gab ihn, er gab das Reich in Feindeshand. Weh' uns, wenn
Neapolis fllt, schon gefallen ist. Ha, er soll nicht lnger herrschen,
nicht leben soll er lnger, der das verschuldet hat. Reit ihm die Krone
der Goten vom Haupt, die er geschndet, nieder mit ihm! Er sterbe!

Nieder mit ihm! Er sterbe! donnerte das Volk in mchtigem Echo nach.

Unwiderstehlich schien der Strom ihres Grimmes zu wogen und jeden zu
zerreien, der ihm widerstehen wollte. Nur Einer blieb ruhig und gelassen
inmitten der strmenden Menge. Das war Graf Witichis. Er sprang auf einen
der alten Steine unter dem Eichbaum und wartete, bis sich der Lrm etwas
gelegt. Dann erhob er die Stimme und sprach mit jener schlichten Klarheit,
die ihm so wohl anstand: Landsleute, Volksgenossen! Hrt mich an! Ihr
habt Unrecht mit eurem Spruch. Wehe, wenn im Gotenstamm, des Ehre und
Stolz die Gerechtigkeit gewesen seit der Vter Zeit, Ha und Gewalt des
Rechtes Thron besteigen. Theodahad ist ein schwacher, schlechter Knig!
Nicht lnger soll er allein des Reiches Zgel lenken! Gebt ihm einen
Vormund wie einem Unmndigen! Setzt ihn ab meinetwegen. Aber seinen Tod,
sein Blut drft ihr nicht fordern! Wo ist der Beweis, da er verraten hat?
Da Totilas Botschaft an ihn gelangt? Seht ihr, ihr schweigt: htet euch
vor Ungerechtigkeit, sie strzt die Reiche der Vlker.

Und gro und edel stand er auf seinem erhhten Boden, im vollen Glanz der
Sonne, voll Kraft und edler Wrde.

Bewundernd ruhten die Augen der Tausende auf ihm, der ihnen an Hoheit und
Ma und klarer Ruhe so berlegen schien. Eine feierliche Pause erfolgte.
Und ehe noch Hildebad und das Volk Antwort finden konnte gegen den Mann,
der die lebendige Gerechtigkeit schien, ward die allgemeine Aufmerksamkeit
nach dem dichten Walde gezogen, der im Sden die Aussicht begrenzte und
der auf einmal lebendig zu werden schien.




                           Vierzehntes Kapitel.


Denn man hrte von dort her den raschen Hufschlag nahender Pferde und das
Klirren von Waffen: alsbald bog eine kleine Schar von Reitern aus dem
Wald: aber weit ihnen allen voraus jagte auf kohlschwarzem Ro ein Mann,
der wie mit dem Sturmwind um die Wette ritt.

Weit im Winde flatterte seine Helmzier: ein mchtiger schwarzer
Roschweif, und seine eignen langen, schwarzen Locken: vorwrts gebeugt
trieb er das schaumbespritzte Ro zu rasender Eile und sprang am
Sdeingang des Dings sausend vom Sattel.

Alle wichen links und rechts zurck, die der grimme, tdlichen Ha
sprhende Blick seines Auges aus dem leichenblassen, schnen Antlitz traf.
Wie von Flgeln getragen strmte er den Hgel hinan, sprang auf einen
Stein neben Witichis, hielt eine Rolle hoch empor, rief wie mit letzter
Kraft: Verrat, Verrat! und strzte dann wie blitzgetroffen nieder.
Entsetzt sprangen Witichis und Hildebad hinzu: sie hatten kaum den Freund
erkannt: Teja, Teja! riefen sie, was ist geschehen? rede! - Rede!
wiederholte Witichis, es gilt das Reich der Goten!

Wie mit bermenschlicher Kraft richtete sich in diesem Wort der sthlerne
Mann wieder empor, sah einen Augenblick um sich und sprach dann mit hohler
Stimme:

Verraten sind wir. Goten, verraten von unserm Knig. Ich erhielt Auftrag
vor sechs Tagen, nach Istrien zu ziehen, nicht nach Neapolis, wie ich
gebeten. Ich schpfe Verdacht, doch ich gehorche und gehe unter Segel mit
meinen Tausendschaften. Ein starker Weststurm bricht herein, verschlgt
zahllose kleine Schiffe von Westen her bis zu uns. Darunter den
Mercurius, den raschen Keles, - das leichte Postschiff Theodahads. Ich
kannte das Fahrzeug wohl: es gehrte einst meinem Vater. Wie das unserer
Schiffe ansichtig wird, will es entfliehen. Ich, argwhnisch, jage ihm
nach und hole es ein. Es trug diesen Brief an Belisar von des Knigs Hand:
Du wirst zufrieden sein mit mir, groer Feldherr. Alle Gotenheere stehen
in dieser Stunde nordstlich von Rom, ohne Gefahr knntest du landen. Vier
Briefe des Seegrafen von Neapolis habe ich zerstrt, seine Boten in den
Turm geworfen.

Zum Dank erwart' ich, da du den Vertrag genau erfllst, und den Kaufpreis
in Blde bezahlst. Teja lie den Brief sinken, die Stimme versagte ihm.

Ein chzen und Sthnen der Wut zog durch die Versammlung.

Ich lie umkehren, sogleich landen, ausschiffen und jage hierher seit
drei Tagen und drei Nchten unausgesetzt. Ich kann nicht mehr. Und
taumelnd sank er in Witichis' Arme.

Da sprang der alte Hildebrand empor auf den hchsten Stein seines Stuhles:
weit berragte er die ganze Menge: er ri dem Trger, der die Lanze mit
des Knigs kleiner Marmorbste auf der Querstange trug, den Schaft aus der
Hand und hielt ihn vor sich in der Linken: in der Rechten hob er sein
Steinbeil: Verkauft, verraten sein Volk fr gelbes Gold? Nieder mit ihm,
nieder, nieder! Und ein Beilschlag zertrmmerte die Bste. Dieser Akt war
wie der erste Donnerschlag, der ein lange brtendes Gewitter entfesselt.
Nur dem Wten emprter Elemente war das Strmen vergleichbar, welches nun
das in seinen Grundtiefen aufgewhlte Volk durchbrauste. Nieder, nieder,
nieder mit ihm! hallte es tausendfach wieder unter betubendem Klirren
der Waffen.

Und darauf erhob abermals der alte Waffenmeister seine eherne Stimme und
sprach feierlich: Wisset es, Gott im Himmel und Menschen auf Erden,
sehende Sonne, und wehender Wind, wisset es, das Volk der Goten, frei und
alten Ruhmes voll und zu den Waffen geboren, hat abgethan seinen
ehemaligen Knig Theodahad, des Theodis Sohn, weil er Volk und Reich an
den Feind verraten.

Wir sprechen dir ab, Theodahad, die goldne Krone und das Gotenreich, das
Gotenrecht und das Leben. Und solches thun wir nicht nach Unrecht, sondern
nach Recht. Denn frei sind wir gewesen alle Wege unter unsern Knigen und
wollten eh' der Knige missen als der Freiheit. Und so hoch steht kein
Knig, da er nicht um Mord, Verrat und Eidbruch zu Recht stehe vor seinem
Volk.

So sprech' ich dir ab Krone und Reich, Recht und Leben. Landflchtig
sollst du sein, echtlos, ehrlos, rechtlos. Soweit Christenleute zur Kirche
gehen und Heidenleute zum Opferstein. Soweit Feuer brennt und Erde grnt.
Soweit Schiff schreitet und Schild scheinet. Soweit Himmel sich hht und
Welt sich weitet. Soweit der Falke fliegt den langen Frhlingstag, wann
ihm der Wind steht unter seinen beiden Flgeln. Versagt soll dir sein
Halle und Haus und guter Leute Gemeinschaft und alle Wohnung, ausgenommen
die Hlle. Dein Erb' und Eigen teil ich zu dem Gotenvolk. Dein Blut und
Fleisch den Raben in den Lften.

Und wer dich findet, in Halle und Hof, in Haus oder Heerstrae, soll dich
erschlagen, ungestraft und soll bedankt sein dazu von Gott und den guten
Goten. Ich frage euch, soll's so geschehn?

So soll's geschehn! antworteten die Tausende und schlugen Schwert an
Schild.

Kaum war Hildebrand herabgestiegen, als der alte Haduswinth seine Stelle
einnahm, das zottige Brenfell zurckwarf und sprach: Des Neidknigs
wren wir ledig! Er wird seinen Rcher finden. Aber jetzt, treue Mnner,
gilt es, einen neuen Knig whlen. Denn ohne Knig sind wir nie gewesen.
Soweit unsere Sagen und Sprche zurckdenken, haben die Ahnen einen auf
den Schild gehoben, das lebende Bild der Macht, des Glanzes, des Glckes
der guten Goten. Solang es Goten giebt, werden sie Knige haben: und
solang sich ein Knig findet, wird ihr Volk bestehn. Und jetzt vor allem
gilt's, ein Haupt, einen Fhrer zu haben. Das Geschlecht der Amelungen ist
glorreich aufgestiegen, wie eine Sonne: lang hat sein hellster Strahl,
Theoderich, geleuchtet: aber schmhlich ist's erloschen in Theodahad. Auf,
Volk der Goten, du bist frei! frei whle dir den rechten Knig, der dich
zu Sieg und Ehre fhrt. Dein Thron ist leer: mein Volk, ich lade dich zur
Knigswahl!

Zur Knigswahl! sprach diesmal feierlich und machtvoll der Chor der
Tausende.

Da trat Witichis auf den Dingstein, hob den Helm vom Haupt und die Rechte
gen Himmel: Du weit es, Gott, der in den Sternen geht, uns treibt nicht
frevler Kitzel des Ungehorsams und des bermuts: uns treibt das heilige
Recht der Not. Wir ehren das Recht des Knigtums, den Glanz, der von der
Krone strahlt: geschndet aber ist dieser Glanz und in der hchsten Not
des Reiches ben wir des Volkes hchstes Recht. Herolde sollen ziehen zu
allen Vlkern der Erde und laut verknden: nicht aus Verachtung, aus
Verehrung der Krone haben wir es gethan.

Wen aber whlen wir? Viel sind der wackern Mnner im Volk, von altem
Geschlecht, von tapfrem Arm und klugem Geist. Wohl mehrere sind der Krone
wrdig. Wie leicht kann es kommen, da einer diesen, der andere jenen
vorzieht? Aber um Gott, nur jetzt keinen Zwist, keinen Streit! Jetzt, da
der Feind im Lande liegt! Drum lat uns schwren vorher feierlich: wer das
Stimmenmehr erhlt, sei's nur um Eine Stimme, den wollen wir alle als
unsern Knig achten, unweigerlich, und keinen andern. Ich schwre es: -
schwrt mit mir.

Wir schwren! riefen die Goten.

Aber der junge Arahad stimmte nicht ein. Ehrgeiz und Liebe loderten in
seinem Herzen: er bedachte, da sein Haus jetzt, nach dem Fall der Balten
und der Amaler, das edelste war im Volk: er hoffte, Mataswinthens Hand zu
gewinnen, wenn er ihr eine Krone bieten konnte: und kaum war der Schwur
verhallt, als er vortrat und rief: Wen sollen wir whlen, gotische
Mnner? bedenkt euch wohl! Vor allem, das ist klar, einen Mann
jungkrftigen Armes wider den Feind. Aber das allein gengt nicht. Weshalb
haben unsere Ahnen die Amaler erhht? Weil sie das edelste, das lteste,
Gtter entstammte Geschlecht waren. Wohlan, das erste Gestirn ist
erloschen, gedenkt des zweiten, gedenkt der Balten!

Von den Balten lebte nur Ein mnnlicher Spro, ein noch nicht wehrhafter
Enkel des Herzog Pitza - denn Alarich, der Bruder der Herzoge Thulun und
Ibba, war seit langen Jahren gechtet und verschollen. - Arahad rechnete
sicher, man werde jenen Baltenknaben nicht whlen und vielmehr des dritten
Gestirns gedenken. Aber er irrte. Der alte Haduswinth trat zornig vor und
schrie:

Was Adel! was Geschlecht! sind wir Adelsknechte oder freie Mnner? Beim
Donner! werden wir Ahnen zhlen, wenn Belisar im Lande steht? Ich will dir
sagen, Knabe, was ein Knig braucht.

Einen tapferen Arm, das ist wahr, aber nicht das allein. Der Knig soll
ein Hort des Rechts, ein Schirm des Friedens sein, nicht nur der
Vorkmpfer im Schwertkampf. Der Knig soll haben einen immer ruhigen,
immer klaren Sinn, wie der blaue Himmel ist, und wie die lichten Sterne
sollen darin auf- und niedergehen gerechte Gedanken. Der Knig soll haben
eine stete Kraft, aber noch mehr ein stetes Ma: er soll nie sich selbst
verlieren und vergessen in Ha und Liebe, wie wir wohl drfen, wir unten
im Volk. Er soll nicht nur mild sein den Freunden, er soll gerecht sein
dem Verhatesten, selbst dem Feind. In dessen Brust ein klarer Friede
wohnt bei khnem Mut und edles Ma bei treuer Kraft, - der Mann, Arahad,
ist kniglich geartet und htt' ihn der letzte Bauer gezeugt.

Lauter Beifall folgte dem Wort des Alten und beschmt trat Arahad zurck.
Aber jener fuhr fort: Gute Goten! ich meine, wir haben einen solchen
Mann! Ich will ihn euch nicht nennen: nennt ihr ihn mir.

Ich kam hierher aus fernem Hochgebirg aus unsrer Mark gegen die
Karanthanen, wo der wilde Turbidus schumend die Felsen zerstubt. Da leb'
ich mehr, als sonst ein Menschenalter ist, stolz, frei, einsam. Wenig
erfahr' ich von der Menschen Hndeln, selbst von des eignen Volkes Thaten,
wenn nicht ein Salzro halbverirrt des Weges kommt. Und doch drang mir bis
in jene de Hhe der Waffenruhm Eines vor allen unsern Helden, der nie das
Schwert zu ungerechtem Streit erhob und es noch niemals sieglos
eingesteckt. Seinen Namen hrt' ich immer wieder, wenn ich fragte: Wer
wird uns schirmen, wenn Theoderich schied? Seinen Namen hrt' ich bei
jedem Sieg, den wir erfochten, bei jedem weisen Werke des Friedens, das
geschehn. Ich hatt' ihn nie gesehen. Ich sehnte mich danach, ihn zu sehen.
Heute hab' ich ihn gesehen und gehrt. Ich habe sein Aug' gesehen, das
klar und milde wie die Sonne. Ich hab' sein Wort gehrt; ich hab' gehrt,
wie er dem Feind selbst, dem verhaten, zu Recht und zu Gerechtigkeit
verhalf. Ich hab' gehrt, wie er allein, da uns alle der blinde Ha
fortri mit dunkler Schwinge, klar blieb und ruhig und gerecht. Da dacht'
ich mir in meinem alten Herzen: der Mann ist kniglich geartet, stark im
Kampf und gerecht im Frieden, hart wie Stahl und klar wie Gold. Goten:
der Mann soll unser Knig sein. Nennt mir den Mann!

Graf Witichis, ja Witichis, heil Knig Witichis!

Whrend dieser brausende Jubelruf durch das Gefilde hallte, hatte ein
erschtternder Schreck den bescheidnen Mann ergriffen, der gespannt der
Rede des Alten gefolgt war und erst ganz zu Ende von der Ahnung ergriffen
ward, da er der so Gepriesne sei.

Als er nun aber seinen Namen in diesem tausendstimmigen Jauchzen
erschallen hrte, berkam ihn vor allen andern Gedanken das Gefhl: Nein,
das kann, das soll nicht sein.

Er ri sich von Teja und Hildebad, die freudig seine Hnde drckten, los,
und sprang hervor, das Haupt schttelnd und, wie abwehrend, den Arm
ausstreckend. Nein! rief er, nein, Freunde! nicht das mir! Ich bin ein
schlichter Kriegsmann, nicht ein Knig. Ich bin vielleicht ein gutes
Werkzeug, kein Werkmeister! Whlt einen andern, einen Wrdigern!

Und wie bittend streckt er beide Hnde gegen das Volk.

Aber der donnernde Ruf: Heil Knig Witichis! ward ihm statt aller
Antwort. Und nun trat der alte Hildebrand vor, fate seine Hand und sprach
laut: La ab, Witichis! wer war es, der zuerst geschworen, unweigerlich
den Knig anzuerkennen, der auch nur eine Stimme mehr htte? Siehe, du
hast alle Stimmen und willst dich wehren?

Aber Witichis schttelte das Haupt und prete die Hand vor die Stirn. Da
trat der Alte ganz nah zu ihm und flsterte in sein Ohr: Wie? mu ich
dich strker mahnen? Mu ich dich mahnen jenes nchtigen Eides und Bundes,
da du gelobtest: Alles zu meines Volkes Heil. Ich wei, - ich kenne
deine klare Seele, -: dir ist die Krone mehr eine Last als eine Zierde:
ich ahne, da dir diese Krone groe, bittre Schmerzen bringen wird.
Vielleicht mehr als Freuden: deshalb fordre ich, da du sie auf dich
nimmst.

Witichis schwieg und drckte noch die andre Hand vor die Augen. Schon viel
zu lang whrte dem begeisterten Volk das Zwischenspiel. Schon rsteten sie
den breiten Schild, ihn darauf zu erheben, schon drngten sie den Hgel
hinan, seine Hand zu fassen: und fast ungeduldig scholl aufs neue der Ruf:
Heil Knig Witichis.

Ich fordre es bei deinem Bluteid! - willst du ihn halten oder brechen?
flsterte Hildebrand. Halten! sprach Witichis und richtete sich
entschlossen auf.

Und nun trat er, ohne falsche Scham und ohne Eitelkeit, einen Schritt vor
und sprach: Du hast gewhlt, mein Volk, wohlan, so nimm mich hin. Ich
will dein Knig sein!

Da blitzten alle Schwerter in die Luft und lauter scholl's: Heil Knig
Witichis.

Jetzt stieg der alte Hildebrand ganz herab von seinem Dingstuhl und
sprach: Ich weiche nun von diesem hohen Stuhl. Denn unserm Knig ziemt
jetzt diese Sttte. Nur einmal noch la mich des Grafenamtes warten.

Und kann ich dir nicht den Purpur umhngen, den die Amaler getragen und
ihr goldenes Scepter reichen, - nimm meinen Richtermantel und den
Richterstab als Scepter, zum Zeichen, da du unser Knig wardst um deiner
Gerechtigkeit willen. Ich kann sie nicht auf deine Stirne drcken, die
alte Gotenkrone, Theoderichs goldnen Reif. So la dich krnen mit dem
frischen Laub der Eiche, der du an Kraft und Treue gleichst.

Mit diesen Worten brach er ein zartes Gewinde von der Eiche und schlang es
um Witichis' Haupt: Auf, gotische Heerschar, nun warte deines
Schildamts.

Da ergriffen Haduswinth, Teja und Hildebad einen der altertmlichen
breiten Dingschilde der Sajonen, hoben den Knig, der nun mit Kranz, Stab
und Mantel geschmckt war, darauf, und zeigten ihn auf ihren hohen
Schultern allem Volk: Sehet, Goten, den Knig, den ihr selbst gewhlt: so
schwrt ihm Treue.

Und sie schworen ihm, aufrecht stehend, nicht knieend, die Hnde hoch gen
Himmel hebend, nun die Waffentreue bis in den Tod.

Da sprang Witichis von dem Schild, bestieg den Dingstuhl und rief: Wie
ihr mir Treue, so schwr' ich euch Huld. Ich will ein milder und gerechter
Knig sein: des Rechtes walten und dem Unrecht wehren: gedenken will ich,
da ihr frei seid, gleich mir, nicht meine Knechte: und mein Leben, mein
Glck, mein alles, euch will ich's weihen, dem Volk der guten Goten. Das
schwre ich euch bei dem Himmelsgott und bei meiner Treue.

Und den Dingschild vom Baume hebend rief er: Das Ding ist aus. Ich lse
die Versammlung.

Die Sajonen schlugen sofort die Haselstbe mit den Schnren nieder und
bunt und ordnungslos wogte nun die Menge durcheinander. Auch die Rmer,
die sich neugierig, aber scheu, aus der Ferne dieses Walten einer
Volksfreiheit mit angesehen, wie sie Italien seit mehr als fnfhundert
Jahren nicht gekannt, durften sich nun unter die gotischen Mnner mischen,
denen sie Wein und Speisen verkauften.

Witichis schickte sich an, mit den Freunden und den Fhrern des Heeres
nach einem der Zelte sich zu begeben, die am Ufer des Flusses
aufgeschlagen waren.

Da drngte sich ein rmisch gekleideter Mann, wie es schien, ein
wohlhabender Brger, an sein Geleit und forschte eifrig nach Graf Teja,
des Tagila Sohn.

Der bin ich: was willst du mir, Rmer? sprach dieser sich wendend. -
Nichts, Herr, als diese Vase berreichen: seht nach: das Siegel, der
Skorpion, ist unversehrt. - Was soll mir die Vase? ich kaufe nichts
dergleichen. - Die Vase ist euer, Herr. Sie ist voller Urkunden und
Rollen, die euch zugehren. Und mir ist es vom Gastfreund aufgetragen, sie
euch zu geben. Ich bitt' euch, nehmt.

Und damit drngte er ihm die Vase in die Hand und war im Gedrnge
verschwunden. Gleichgltig lste Teja das Siegel und nahm die Urkunden
heraus, gleichgltig sah er hinein. Aber pltzlich scho ein brennend Rot
ber seine bleichen Wangen, sein Auge sprhte Blitze und er bi krampfhaft
in die Lippe. Die Vase entfiel ihm, er aber drngte sich in Fieberhast vor
Witichis und sprach mit fast tonloser Stimme: Mein Knig! - Knig
Witichis - eine Gnade!

Was ist dir, Teja? um Gott? Was willst du?

Urlaub! Urlaub auf sechs - auf drei Tage! Ich mu fort. - Fort, wohin?
- Zur Rache! Hier lies: - der Teufel, der meine Eltern verklagte, in
Verzweiflung, Tod und Wahnsinn trieb, - er ist es - den ich lngst geahnt:
hier ist sein Anzeigebrief an den Bischof von Florentia, mit seiner eignen
Hand - es ist Theodahad! -

Er ist's, es ist Theodahad, sagte Witichis, vom Briefe aufsehend. Geh
denn! Aber, zweifle nicht: du triffst ihn nicht mehr in Rom: er ist gewi
lngst entflohn. Er hat starken Vorsprung. Du wirst ihn nicht einholen.

Ich hole ihn ein, ob er auf den Flgeln des Sturmadlers se.

Du wirst ihn nicht finden.

Ich finde ihn und mte ich ihn aus dem tiefsten Pfuhl der Hlle oder im
Schoe des Himmelsgottes suchen.

Er wird mit starker Bedeckung geflchtet sein, warnte der Knig.

Aus tausend Teufeln hol' ich ihn heraus. Hildebad, dein Pferd! Leb' wohl,
Knig der Goten. Ich vollstrecke die Acht.






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einigen Zahlwrtern, Pronomina und Adjektiven sowie Schreibvarianten,
insbesondere durch Rechtschreibreformen entstandene.





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ERSTER BAND***



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February 16, 2010

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Section 3 below.


                                   1.F.


                                  1.F.1.


Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
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efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
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                                  1.F.4.


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WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
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                                  1.F.5.


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limitation set forth in this agreement violates the law of the state
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                               Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


                                Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


                                Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
                                Foundation


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form accessible by the widest array of equipment
including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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                                Section 5.


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***FINIS***
