The Project Gutenberg EBook of Max Havelaar, by Multatuli

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Title: Max Havelaar

Author: Multatuli

Translator: Wilhelm Spohr

Release Date: March 6, 2010 [EBook #31527]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX HAVELAAR ***




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                               Multatuli

                              MAX HAVELAAR

                    bertragen aus dem Hollndischen

                                  Von

                             Wilhelm Spohr

                       Titelzeichnung von Fidus.


                            Zweite Auflage.

                            Minden in Westf.
                        J. C. C. Bruns' Verlag.
                                 1901.









Alle Rechte, auch das der bersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten.






VORWORT DES HERAUSGEBERS.


Es freut mich, dass ich, noch ehe die Reihe meiner Multatuli-Bcher
abgeschlossen ist, eine Neuauflegung der ersten Bnde des Unternehmens
vornehmen kann. Meine bersetzung des hollndischen Max Havelaar
liegt hier in zweiter Auflage vor. Der Text erhielt nur geringfgige
nderungen, wie sie sich aus der Neudurchsicht einer bersetzung
zu ergeben pflegen. Auch mein Vorwort zur ersten Auflage mit seinen
erluternden Bemerkungen lasse ich hier folgen:

Ich nenne das Buch schlichtweg Max Havelaar, da mir, dem
deutschen Interpreten, der eigentliche von Multatuli ihm gegebene
Titel Max Havelaar oder die Kaffeeauktionen der Niederlndischen
Handelsgesellschaft (Max Havelaar of de koffiveilingen der
Nederlandsche Handelmaatschappy, geschrieben 1859, erschienen zu
Amsterdam im Mai 1860) nach Ort, Zeit und Umstnden weniger passend
erscheint. Der Leser mge sich bei einigen wenigen Anspielungen im
Text des ursprnglichen Titels erinnern.

Ich kenne nach dem Havelaar kein zweites Buch, das in so eminentem
Sinne seine Geschichte und seine Schicksale gehabt htte. Es ging
ein Schaudern durch das Land, erklrte nach seinem Erscheinen ein
Abgeordneter von der Tribne des Parlaments. Sogar Einzelheiten
haben ihre eigene Geschichte! Indem ich darauf hinweise, dass
das kleine hollndische Wrtchen dus in dem Buche (in meiner
bersetzung das also auf S. 291 Zeile 7) einen gewaltigen
Federkrieg entfachen konnte, mache ich wohl begreiflich, dass ich
davon absehen mchte, in diesem kurz beabsichtigten Vorwort mich
weiter in die Schicksalsgeschichte des Werkes zu verlieren. Nur will
ich noch dem Leser, der sich nicht ber dieses Buch hinaus in den
reissenden Strudel der Multatuli-Welt hineinziehen lassen will, von
vornherein verraten, dass der Held Max Havelaar der Autor selbst ist,
brgerlichen Namens Eduard Douwes Dekker, der die hohe Beamtenstellung
eines Assistent-Residenten von Lebak auf Java einnahm und nach seinem
1856 genommenen Abschied aus Landesdiensten seine sehr merkwrdigen
Erfahrungen in den Niederlndisch-Indischen Besitzungen im Buche
Max Havelaar niederlegte. Es ist also dieses Buch kein Roman im
gewhnlichen Sinne; in ganz einziger knstlerischer Einkleidung bietet
es aktenmssige Wahrheit ber die Schicksale des Assistent-Residenten
Eduard Douwes Dekker, der sich im Buch den Namen Max Havelaar gab und
als Autor des Werkes sich Multatuli nannte. Wen es drngt, mehr von
der Geschichte des lange Zeit schlau unterdrckt gehaltenen Buches,
mehr von dem thatenreichen Leben des Mannes zu erfahren, 'der viel
getragen hat', dem ist die Mglichkeit geboten, sich in dem von mir
herausgegebenen Multatuli-Biographie- und Auswahlbande des weiteren
zu unterrichten. [1]

Seine Geschichte, seine Schicksale hat also das Buch seinem
ausserordentlichen Inhalt und seiner ausserordentlichen Form zu
verdanken. Auch was die Form angeht, weiss ich kein zweites derartige
Buch zu nennen. Es ist in seiner Art nicht bertroffen, es sei denn
durch Multatuli selbst in seinen spteren Werken. Voll Verwunderung
mag dieser oder jener prfend an manchen Stellen verweilen, indem
er sich erinnert, dass das Werk, im Grunde ein Erstlingswerk,
1859 geschrieben wurde, zu einer Zeit also, die dem Autor kein
Vorbild in Psychologie und Naturalismus bot. Und hart daneben
wieder die Weltweisheit im Extrakt, in die vignettenscharfe Fabel
zusammengeballt und -geschweisst, dann Klnge, hher wie die aus dem
Hohenliede, Worte voll Glut des Orients und doch mit der Logik des
Occidents gerstet. Und das Geheimnis? Was liess den Mann so reden,
dass man mit offenem Munde fragen mochte: mein Gott, wer bist du?
Multatuli verriet die Hauptsache selbst, indem er einmal in einem
Briefe sagte: Stil ist keine Kunst oder ein Knstchen, er sprudelt
allein aus dem Herzen heraus. Dass man auch sonst nebenbei kein
gewhnlicher Mensch sein drfe, setzte er wohl als selbstverstndlich
voraus fr jemanden, der glaubte, etwas zu sagen zu haben. Und er
war ein aussergewhnlicher Mensch und er hatte Herz, und der Quell
sprudelte auch lustig, obwohl er dieses Werk mit Weh und Schmerz
gebar, es schrieb in Brssel im Winter des Jahres 1859, teils in
einer Kammer ohne Feuer, teils an einem wackeligen und schmierigen
Herbergstische, umringt von gutmtigen, aber ziemlich unsthetischen
Biertrinkern. Was er gerade derzeit gelitten, lste sich auf in den
kstlichen Humor des Buches und in die Satire auf das Philistertum,
das so schweres Geschtz wohl noch nie auf sich gerichtet sah; doch
auch die Tragik seines Lebens, das er schilderte, lebte er voll noch
einmal mit: es fielen Thrnen auf die Handschrift.

Die meisten im Havelaar handelnd eingefhrten Personen tragen
schon in ihren Namen den Geruch ihrer Seele und des Milieus, dem sie
angehren. Ich habe absichtlich diese Namen in der ursprnglichen Form
wiedergegeben, vor allem, weil sie auch fr uns genug verrterischen
Klang haben. Warum der gute Pastor in dem Werke Wawelaar heissen muss,
d. i. ein Mensch mit langweiligem, salbungsvollem Gebabbel, und warum
der engherzige, gefhrlich dumm-schlaue Spiessbrger, der mit dem
ersten Kapitel anhebt, seinen Namen vom trostlosen, drren Stoppelfelde
bekam, wird aus dem Texte reichlich klar, und darum belasse ich es bei
diesem Hinweise. Diese und andere Figuren aus Multatulis Werken sind
in der Sprache und in der Vorstellungswelt der Hollnder zum Range von
allgemein geltenden Typen avanciert. Namentlich ist der vorher erwhnte
Droogstoppel Gemeingut des Volkes geworden, als der Typus einer Rasse,
die leider nicht auf das Gebiet von Holland beschrnkt scheint.

Manche Leser werden gern noch tiefer in das Leben der durch die
Handlung aufgerollten indischen Wunder hinabsteigen; fr sie habe
ich nach Multatulis Anmerkungen am Schlusse des Buches bequem und
nach Gefallen zu benutzende Erluterungen zu Indiismen angefgt.

Und damit genug der trockenen Kommentierung. Die Welt Multatulis mit
den Hhen und Abgrnden ihres Humors und ihrer Tragik, mit ihrer
sanften und mit ihrer heissen Schnheit, mit ihrem tiefen Frieden
und ihren schrillen Kampffanfaren mag nun vorberziehen. Doch vorher
eines noch. Ich habe mich daran gewhnt, in seiner Kunst mehr als ein
Genussmittel zu sehen. So mge man verstehen, wenn ich mahnend betone,
dass der Emprungsschrei dieser Seele uns, uns alle angeht.


                Friedrichshagen bei Berlin, Juli 1901.

                    Wilhelm Spohr.









ERSTES KAPITEL.


Ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37. Es ist nicht
meine Gewohnheit, Romane zu schreiben oder dergleichen Dinge, und
es hat denn auch lange gedauert, bis ich dazu kam, ein paar Ries
Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das du, lieber
Leser, soeben in die Hand genommen hast und das du lesen musst,
ob du nun Makler in Kaffee oder ob du sonst was bist. Nicht allein,
dass ich niemals etwas schrieb, was einem Roman hnlich sah, nein,
ich halte sogar nichts davon, dass man dergleichen liest, weil ich
ein rechter Geschftsmann bin. Seit Jahren schon lege ich mir die
Frage vor, wozu solche Dinge dienen, und ich muss staunen ber die
Unverschmtheit, mit der ein Dichter oder Romanschreiber euch etwas
weisszumachen wagt, das niemals geschehen ist und meistens gar nicht
geschehen kann. Wenn ich in meinem Fach--ich bin Makler in Kaffee und
wohne Lauriergracht 37--einem Prinzipal--ein Prinzipal ist jemand,
der Kaffee verkauft--eine Angabe machte, worin nur ein kleiner Teil
von den Unwahrheiten enthalten wre, die in Gedichten und Romanen
die Hauptsache ausmachen, so wrde er auf der Stelle zu Busselinck &
Waterman gehen. Das sind auch Makler in Kaffee, doch ihre Adresse
braucht ihr nicht zu wissen. Ich bin also wohl auf der Hut, dass ich
keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben mache. Ich habe
denn auch immer die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sich auf so
was einlassen, gewhnlich schlecht wegkommen. Ich bin drei und vierzig
Jahre alt, besuche seit zwanzig Jahren die Brse, und kann mich also
sehen lassen, wenn man nach jemandem verlangt, der Erfahrung hat. Ich
habe schon manches Haus purzeln sehen! Und gewhnlich, wenn ich den
Ursachen nachging, kam es mir vor, dass man sie in dem verkehrten
Kurs suchen msste, der den meisten schon in ihrer Jugend gegeben war.

Ich sage: Wahrheit und gesunder Menschenverstand, und dabei bleibe
ich. Fr die SCHRIFT mache ich natrlich eine Ausnahme. Der Fehler
fngt schon bei unserm Van Alphen an, und zwar gleich bei der ersten
Zeile ber die lieben Kleinen. Was zum Teufel konnte den alten Herrn
bewegen, sich fr einen Anbeter meiner kleinen Schwester Trudchen,
die schlimme Augen hatte, auszugeben, oder meines Bruders Gerhard,
der immer mit seiner Nase spielte? Und doch, er sagte: dass er durch
Lieb' bewogen die Vers'chen singe. Ich dachte manchmal als Kind:
Mann, ich mchte dir gern mal begegnen, und wenn du mir nicht
die Marmeln giebst, die ich von dir verlangen wrde, oder meinen
vollstndigen Namen in Buchstabenbretzeln--ich heisse Batavus--dann
bist du ein Lgner fr mich. Aber ich habe Van Alphen nie gesehen. Er
war schon tot, glaube ich, als er uns erzhlte, dass mein Vater mein
bester Freund wre--mir lag mehr an Paulchen Winser, der neben uns
in der Batavierstrasse wohnte--und dass mein kleiner Hund so dankbar
wre. Wir hielten gar keine Hunde, weil sie so unreinlich sind.

Alles Lgen! So geht's dann weiter mit der Erziehung. Das neue
Schwesterchen ist von der Grnfrau gekommen in einem grossen
Kohlkopf. Alle Hollnder sind tapfer und edelmtig. Die Rmer waren
froh, dass die Batavier sie leben liessen. Der Bey von Tunis kriegte
eine Kolik, als er das Flattern der Niederlndischen Flagge hrte. Der
Herzog von Alba war ein Untier. Die Ebbe, es war 1672, glaube ich,
dauerte etwas lnger wie gewhnlich, express, um Niederland Schutz
zu gewhren. Lgen. Niederland ist Niederland geblieben, weil unsere
Altvordern auf ihre Geschfte passten, und weil sie den wahren Glauben
hatten. Das ist die Sache.

Und dann kommen spter wieder andere Lgen. Ein Mdchen ist ein
Engel. Wer das zuerst entdeckte, hat niemals Schwestern gehabt. Liebe
ist eine Seligkeit. Man flieht mit dem einen oder andern Gegenstand
ans Ende der Erde. Die Erde hat keine Enden, und solche Liebe ist auch
eine Albernheit. Niemand kann sagen, dass ich nicht gut lebe mit meiner
Frau--sie ist eine Tochter von Last & Co., Maklern in Kaffee--niemand
kann an unserer Ehe was aussetzen. Ich bin Mitglied von Artis,
unserm Zoologischen Garten, sie hat ein persisches Umschlagetuch
von zwei und neunzig Gulden Wert, und von solch einer verrckten
Liebe, die durchaus an der Welt Ende wohnen will, ist doch zwischen
uns niemals die Rede gewesen. Als wir getraut waren, haben wir eine
kleine Tour nach dem Haag gemacht--sie hat da Flanell gekauft, wovon
ich noch Unterjacken trage--und weiter hat uns nie die Liebe in die
Welt gejagt. Also: alles Albernheit und Lgen!

Und sollte meine Ehe nun weniger glcklich sein als die Ehe der
Leute, die sich rein aus Liebe die Schwindsucht an den Hals holten
oder ihre Haare dabei loswurden? Oder denkt ihr, dass es weniger
geregelt in meiner Haushaltung hergeht, als wenn ich vor siebzehn
Jahren meinem Mdchen in Versen gesagt htte, dass ich sie heiraten
wollte? Unsinn! Ich htte das doch ebenso gut knnen wie jeder andere,
denn Versemachen ist ein Handwerk, das gewiss minder schwer ist als
Elfenbeindrehen. Wie sollten sonst wohl die kleinen Aufbackbilder mit
Sprchen so billig sein? Und frage einmal nach dem Preis von einem
Satz Billardbllen!

Ich habe nichts gegen Verse an sich. Will man die Wrter ins Glied
rcken, gut! Aber sage nichts, was nicht wahr ist! Der Regen ist
vorbei, und die Uhr ist drei. Das lasse ich gelten, wenn wirklich
der Regen vorbei und die Uhr drei ist. Doch wenn es viertel auf vier
ist, kann ich, der ich meine Worte nicht ins Glied setze, sagen: der
Regen ist vorbei, und die Uhr ist viertel auf vier. Der Versemacher
ist durch das Aufhren des Regens an die volle Stunde gebunden. Es
muss genau drei Uhr, in diesem gnstigen Falle meinetwegen auch genau
zwei Uhr sein, oder der Regen darf nicht vorbei sein. Sieben und neun
ist durch den Reim verboten. Da geht er denn ans Pfuschen. Entweder
das Wetter muss verndert werden, oder die Zeit. Eins von beiden ist
dann gelogen.

Und nicht allein die Verse verlocken die Jugend zur Unwahrheit. Geh
mal ins Theater und achte mal darauf, was da fr Lgen an den Mann
gebracht werden. Der Held des Stckes wird aus dem Wasser geholt
von jemandem, der im Begriff ist, Bankerott zu machen. Dann giebt er
ihm sein halbes Vermgen. Das kann nicht wahr sein. Als krzlich auf
der Prinzengracht mein Hut ins Wasser wehte, habe ich dem Mann einen
Nickel gegeben, und er war zufrieden. Ich weiss wohl, dass ich etwas
mehr htte geben mssen, wenn er mich selbst herausgeholt htte,
aber gewiss nicht mein halbes Vermgen. Es liegt doch auf der Hand,
dass man auf diese Weise nur zweimal ins Wasser fallen braucht,
um vllig arm zu sein. Was das rgste ist bei solchen Vorfhrungen
auf der Bhne: das Publikum gewhnt sich so an all die Unwahrheiten,
dass es sie schn findet und ihnen zujubelt. Ich htte wohl mal Lust,
so'n ganzes Parterre ins Wasser zu schmeissen, um zu sehen, wem es
mit dem Zujauchzen ernst war. Ich, der ich was auf Wahrheit gebe,
mache der Welt bekannt, dass ich fr das Auffischen meiner Person
keinen so hohen Bergelohn bezahle. Wer mit weniger nicht zufrieden
ist, mag mich liegen lassen. Nur Sonntags wrde ich etwas mehr geben,
weil ich dann meine schwere Kette trage und einen andern Rock.

Ja, das Theater verdirbt viele, mehr noch als die Romane. Es ist
so anschaulich. Mit einem bisschen Katzengold und einer Borde von
ausgeschlagenem Papier sieht das alles so verlockend aus. Fr Kinder,
meine ich, und fr Leute, die keine Ahnung von Geschftssachen
haben. Selbst wenn die Theatermenschen Armut darstellen wollen, ist
ihre Darstellung immer lgenhaft. Ein Mdchen, dessen Vater Bankerott
macht, arbeitet, um die Familie zu unterhalten. Sehr gut. Da sitzt
sie denn zu nhen, zu stricken und zu sticken. Aber zhle nun mal
die Stiche, die sie macht whrend des ganzen Akts. Sie quasselt, sie
seufzt, sie luft nach dem Fenster, aber arbeiten thut sie nicht. Die
Familie, die von dieser Arbeit leben kann, hat wenig ntig. So ein
Mdchen ist natrlich die Heldin. Sie hat einige Verfhrer die Treppe
hinuntergeworfen, sie ruft in einem fort: o meine Mutter, o meine
Mutter! und stellt also die Tugend vor. Was ist das fr eine Tugend,
die ein volles Jahr ntig hat zu einem Paar wollener Strmpfe? Giebt
dies alles nicht falsche Vorstellungen von Tugend und vom Arbeiten
fr den Lebensunterhalt? Alles Albernheit und Lgen!

Dann kommt ihr erster Liebhaber--der frher am Kopierbuch sass, nun
aber steinreich--auf einmal zurck und heiratet sie. Auch wieder
Lgen. Wer Geld hat, heiratet kein Mdchen aus einem falliten
Hause. Und wenn ihr meint, dass dies auf der Bhne so durchgeht
als Ausnahme, es bleibt doch mein Einwurf bestehen, dass man den
Sinn fr Wahrheit verdirbt beim Volke, das die Ausnahme als Regel
hinnimmt, und dass man die ffentliche Sittlichkeit untergrbt, indem
man es daran gewhnt, etwas zuzujauchzen auf der Bhne, was in der
Welt von jedem achtbaren Makler oder Kaufmann fr eine lcherliche
bergeschnapptheit angesehen wird. Als ich heiratete, waren wir auf
dem Kontor meines Schwiegervaters--Last & Co.--unserer dreizehn,
und es wurde was umgesetzt!

Und noch mehr Lgen auf der Bhne. Wenn der Held mit seinem steifen
Komdienschritt abtritt, um das bedrngte Vaterland zu retten, warum
geht dann die Doppelthr im Hintergrund jedesmal von selbst auf? Und
weiter, wie kann die Person, die in Versen spricht, voraussehen, was
der andere zu antworten hat, und ihm so den Reim bequem machen? Wenn
der Feldherr zu der Frstin sagt: Mevrouw, es ist zu spt, man
schloss die Thore beide, wie kann er nur im voraus wissen, dass
sie sagen will: Wohlan denn, unverzagt, entblsst das Schwert
der Scheide!? Denn wenn sie nun, als sie hrte, dass die Thore
geschlossen seien, antwortete, dass sie dann ein wenig warten wolle,
bis geffnet werde, oder dass sie ein andermal wiederkommen werde,
wo blieben dann Mass und Reim? Ist es also nicht eine pure Lge,
wenn der Feldherr die Frstin fragend ansieht, um zu erfahren, was
sie nun nach dem Schliessen der Thore thun wolle? Noch eins: wenn
das Weib nun Lust gehabt htte, schlafen zu gehen, anstatt etwas zu
entblssen? Alles Lgen!

Und dann diese belohnte Tugend! O, o, o! Ich bin seit siebzehn Jahren
Makler in Kaffee--Lauriergracht 37--und habe also schon allerlei
mit angesehen, doch es stsst mich jedesmal furchtbar vor den Kopf,
wenn ich die liebe Wahrheit so verdrehen sehe. Belohnte Tugend? Ist
es nicht, als wenn man aus der Tugend einen Handelsartikel machen
wollte? Es ist nicht so in der Welt, und es ist gut, dass es nicht so
ist. Denn wo bliebe das Verdienst, wenn die Tugend belohnt wrde? Wozu
also diese infamen Lgen jedesmal aufgetischt?

Da ist zum Beispiel Lukas, unser Speicherknecht, der schon bei dem
Vater von Last & Co. gearbeitet hat--die Firma war damals Last &
Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus--das wre dann doch wohl
ein tugendhafter Mann. Keine Bohne fehlte jemals, er ging regelmssig
zur Kirche, und trinken that er auch nicht. Als mein Schwiegervater
in Driebergen auf Sommerkur war, hatte er das Haus und die Kasse und
alles in Obhut. Einmal erhielt er auf der Bank siebzehn Gulden zuviel,
und er brachte sie zurck. Er ist nun alt und gichtig und kann keine
Arbeit mehr verrichten. Nun hat er nichts, denn es giebt viel zu thun
bei uns, und wir haben junge Leute ntig. Nun wohl, ich halte diesen
Lukas fr sehr tugendhaft; aber wird er nun belohnt? Kommt da ein
Prinz, der ihm Diamanten giebt, oder eine Fee, die ihm Butterbemmen
schmiert? Wahrhaftig nicht! Er ist arm und bleibt arm, und so muss es
auch sein. Ich kann ihm nicht helfen--denn wir haben junges Volk ntig,
weil es bei uns sehr flott geht--aber knnte ich auch, wo bliebe sein
Verdienst, wenn er nun auf seine alten Tage ein gemchliches Leben
fhren knnte? Dann wrden alle Speicherknechte wohl tugendhaft werden
und jedermann, was Gottes Absicht nicht sein kann, weil dann keine
besondere Belohnung fr die Braven im Jenseits brig bliebe. Aber
auf der Bhne verdrehen sie das ... alles Lgen!

Ich habe auch Tugend, doch fordere ich hierfr Belohnung? Wenn meine
Geschfte gut gehen--und das thun sie--wenn meine Frau und meine
Kinder gesund sind, so dass ich nicht Doktor und Apotheker auf dem
Halse habe ... wenn ich jahraus jahrein ein Smmchen auf die Seite
legen kann fr die alten Tage ... wenn Fritz sich gut rausmacht,
so dass er spter meinen Platz einnehmen kann, wenn ich mich in
Driebergen zur Ruh setze ... sieh, dann bin ich ganz zufrieden. Aber
das ist alles eine natrliche Folge der Umstnde, und weil ich aufs
Geschft passe. Fr meine Tugend verlange ich nichts.

Und dass ich doch tugendhaft bin, das zeigt sich an meiner Liebe fr
die Wahrheit. Diese ist, nach meiner Anhnglichkeit an den Glauben,
meine Hauptneigung. Und ich wnschte, dass ihr hiervon berzeugt
wret, Leser, weil darin die Entschuldigung dafr liegt, dass ich
dieses Buch schreibe.

Eine zweite Neigung, die mich ebenso stark wie Wahrheitsliebe
beherrscht, ist die Leidenschaft fr meine Profession. Ich bin
nmlich Makler in Kaffee, Lauriergracht 37. Nun denn, Leser: meiner
unwandelbaren Liebe zur Wahrheit und meinem Eifer frs Geschft habt
ihr zu danken, dass diese Bltter geschrieben wurden. Ich werde euch
erzhlen, wie dies zugegangen ist. Da ich nun fr einen Augenblick
Abschied von euch nehme--ich muss auf die Brse--lade ich euch gleich
auf ein zweites Kapitel ein. Auf Wiedersehen also!

Ach, was ich noch sagen wollte: steckt das noch zu euch ... es ist
nur eine kleine Mhe ... es kann mal ntzlich sein ... na, da hab
ich's ja: eine Adresskarte! Die Co. bin ich, seit die Meyers raus
sind ... der alte Last ist mein Schwiegervater.



             +---------------------------+
             |        LAST & Co.         |
             |                           |
             |     MAKLER IN KAFFEE.     |
             |                           |
             |   Lauriergracht No. 37.   |
             +---------------------------+






ZWEITES KAPITEL.


Es war schlapp auf der Brse, doch die Frhjahrsauktion wird's wohl
wieder einholen. Denkt nicht, dass bei uns kein Umsatz ist. Bei
Busselinck & Waterman ist es noch stiller. Eine sonderbare
Welt! Man erlebt schon was, wenn man so seine Jahre zwanzig die
Brse besucht. Stellt euch vor, dass sie versucht haben--Busselinck
& Waterman, meine ich--mir Ludwig Stern abzufangen. Da ich nicht
weiss, ob ihr mit der Brsenwelt vertraut seid, will ich euch eben
sagen, dass Ludwig Stern ein Erstes Haus in Kaffee ist in Hamburg,
das dauernd durch Last & Co. bedient worden ist. Ganz zufllig kam
ich dahinter--hinter die Schliche von Busselinck & Waterman, meine
ich. Sie wrden 1/4 % von der Maklergebhr nachlassen--hinterlistige
Schleicher sind sie, was anderes nicht!--und nun lass dir doch sagen,
was ich that, um diesen Schlag abzuwehren. Ein anderer an meiner Stelle
htte vielleicht Ludwig Stern geschrieben, dass er die Bercksichtigung
der langjhrigen Bedienung durch Last & Co. erwarte ... ich habe
ausgerechnet, dass die Firma, seit gut fnfzig Jahren, vier Tonnen an
Stern verdient hat. Die Verbindung datiert von der Kontinentalsperre,
als wir die Kolonialwaren von Helgoland einschmuggelten. Ja, wer
weiss, was ein anderer alles geschrieben haben wrde. Doch nein,
Schleichwege kenne ich nicht. Ich bin nach Caf Polen gegangen,
liess mir Feder und Papier geben und schrieb:


    Dass die grosse Ausbreitung, die unser Geschft in der letzten
    Zeit angenommen htte, namentlich durch die vielen geehrten Ordres
    aus Norddeutschland ...


Es ist die reine Wahrheit!


    ... dass diese Ausbreitung einige Vermehrung unseres Personals
    notwendig mache.


Das ist wahr! Gestern abend noch war der Buchhalter nach elf auf dem
Kontor, um seine Brille zu suchen.


    Dass vor allem sich das Bedrfnis nach anstndigen,
    wohlerzogenen jungen Leuten fhlbar mache, und zwar fr die
    Deutsche Korrespondenz. Dass freilich viele junge Deutsche in
    Amsterdam die hierfr erforderlichen Qualitten besssen, dass
    aber ein Haus, das auf seinen Ruf hielte ...


Es ist die blanke Wahrheit!


    ... bei der zunehmenden Leichtfertigkeit und Unsittlichkeit unter
    der Jugend, bei dem tglichen Anwachsen der Zahl der Glcksjger,
    und mit Rcksicht auf die Notwendigkeit, Soliditt des Betragens
    in gewisser Verbindung sich zu denken mit der Soliditt in der
    Ausfhrung der gegebenen Ordres ...


Wahrhaftig, es ist alles die pure Wahrheit!


    ... dass solch ein Haus--ich meine Last & Co., Makler in Kaffee,
    Lauriergracht 37--nicht vorsichtig genug sein knne bei dem
    Engagement von Leuten.


Das ist alles die reinste Wahrheit, Leser! Wisst ihr wohl, dass der
junge Deutsche, der auf der Brse bei Pfeiler 17 stand, durchgebrannt
ist mit der Tochter von Busselinck & Waterman? Unsere Marie wird auch
schon dreizehn im September.


    ... dass ich die Ehre gehabt htte, von dem Herrn Saffeler zu
    vernehmen--Saffeler reist fr Stern--dass der geehrte Chef der
    Firma, der Herr Ludwig Stern, einen Sohn htte, den Herrn Ernst
    Stern, der zur Vervollstndigung seiner kaufmnnischen Kenntnisse
    einige Zeit in einem Hollndischen Hause plaziert sein mchte. Dass
    ich mit Rcksicht darauf ...


Hier wiederholte ich wieder all die Unsittlichkeit und erzhlte
die Geschichte von der Tochter von Busselinck & Waterman. Nicht, um
jemanden anzuschwrzen ... nein, jemanden verklatschen, das liegt nun
ganz und gar nicht in meiner Manier! Aber ... es kann nichts schaden,
dass sie's wissen, dnkt mich.


    ... dass ich mit Rcksicht darauf nichts lieber wnschte, als den
    Herrn Ernst Stern mit der Deutschen Korrespondenz unseres Hauses
    betraut zu sehen ...


Aus Zartgefhl vermied ich alle Anspielung auf Honorar oder
Salair. Aber ich fgte noch hinzu:


    Dass, wenn der Herr Ernst Stern damit vorlieb nehmen wolle, in
    unserm Hause--Lauriergracht No. 37--zu wohnen, meine Frau sich
    bereit erklrte, wie eine Mutter fr ihn zu sorgen, und dass
    seine Wsche im Hause besorgt werden wrde.


Das ist die reine Wahrheit, denn Marie stopft und thut recht nett. Und
zum Schluss:


    Dass bei uns dem Herrn gedient werde.


Das mag er sich nur einstecken, denn die Sterns sind lutherisch. Und
ich schickte meinen Brief ab. Ihr begreift wohl, dass der alte
Stern nicht gut zu Busselinck & Waterman berspringen kann, wenn der
junge Stern bei uns auf dem Kontor ist. Ich bin sehr neugierig auf
die Antwort.

Nun zurck zu meinem Buch. Vor einiger Zeit komme ich abends durch
die Kalverstraat und bleibe vor dem Laden eines Krmers stehen, der
beschftigt war mit dem Sortieren einer Partie Java, ordinair,
schn-gelb, Cheribon-Marke, etwas Bruch mit Kehrichtabfall, was
mich sehr interessierte, denn ich achte stets auf alles. Da kam mir
auf einmal ein Herr zu Gesicht, der dicht dabei vor einer Buchhandlung
stand und mir bekannt vorkam. Er schien auch mich wiederzuerkennen,
denn unsere Blicke trafen sich fortwhrend. Ich muss bekennen, dass
ich zu sehr in des Krmers Kaffeekehricht vertieft war, um sogleich
zu bemerken, was ich nmlich erst spter sah, dass er recht drftig
gekleidet war. Sonst htte ich es dabei bewenden lassen. Doch auf
einmal kam es mir in den Kopf, dass er vielleicht Reisender eines
Deutschen Hauses sei, der einen soliden Makler suchte. Er schien
mir auch etwas von einem Deutschen zu haben, und auch was von einem
Reisenden. Er war sehr blond, hatte blaue Augen und in Haltung und
Kleidung etwas, das den Fremden verriet. An Stelle eines gehrigen
Winterrocks hing ihm eine Art Shawl oder Plaid ber die Schulter,
als wenn er von der Reise kme. Ich meinte einen Kunden zu sehen und
gab ihm eine Adresskarte: Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht
No. 37. Er las sie bei der Gaslaterne und sagte: Ich danke Ihnen,
aber ich habe mich geirrt. Ich dachte das Vergngen zu haben, einen
alten Schulkameraden vor mir zu sehen, aber ... Last? Das ist der
Name nicht.

--Pardon, sagte ich--denn ich bin immer hflich--ich bin M'nheer
Droogstoppel, Batavus Droogstoppel. Last & Co. ist die Firma, Makler
in Kaffee, Lauriergr....

--Nun, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich mal
ordentlich an.

Je mehr ich ihn ansah, desto mehr erinnerte ich mich, dass ich ihn
fters gesehen hatte. Doch, sonderbar, sein Gesicht wirkte auf mich,
wie wenn ich fremde Parfumerien rche. Lache nicht darber, Leser,
alsbald wirst du sehen, wie das kam. Es ist mir sicher, dass er keinen
Tropfen Parfum bei sich trug, und doch roch ich etwas Angenehmes und
Starkes, etwas, das mich erinnerte an ... da hatte ich es!

--Sind Sie es, der mich von dem Griechen befreit hat?

--Ei gewiss, sagte er, das war ich. Und wie geht es Ihnen?

Ich erzhlte, dass wir unser dreizehn auf dem Kontor seien und dass
so tchtig bei uns zu thun sei. Und darauf fragte ich, wie es ihm
ginge, was mich spter rgerte, denn er schien sich nicht in guten
Verhltnissen zu befinden, und ich achte arme Menschen nicht besonders,
weil da gewhnlich eigne Schuld mit unterluft, denn der Herr wrde
nicht jemanden verlassen, der ihm treu gedient hat. Htte ich einfach
gesagt: Wir sind unser dreizehn, und ... guten Abend auch! dann wre
ich ihn los gewesen. Aber durch das Fragen und Antworten wurde es je
lnger je schwieriger, von ihm los zu kommen. Andererseits muss ich
auch wieder darauf hinweisen, dass ihr dann dies Buch nicht zu lesen
gekriegt httet, denn es ist eine Folge dieser Begegnung. Ich halte
etwas davon, dass man das Gute anerkennt, und die das nicht thun,
das sind unzufriedene Menschen, die ich nicht leiden kann.

Ja ja, er war es, der mich aus den Hnden des Griechen befreit
hatte! Denkt nun nicht, dass ich je von Seerubern gefangen genommen
bin, oder dass ich Streit gehabt htte in der Levante. Ich habe
euch bereits gesagt, dass ich nach meiner Hochzeit mit meiner Frau
nach dem Haag gegangen bin. Da haben wir das Mauritshaus gesehen und
Flanell gekauft in der Veenestraat. Das ist die einzige Erholungsreise,
die mir je meine Geschfte erlaubt haben, weil bei uns so tchtig zu
thun ist. Nein, in Amsterdam selbst hatte er um meinetwillen einem
Griechen die Nase blutig geschlagen. Denn er kmmerte sich stets um
Dinge, die ihn nichts angingen.

Es war im Jahre drei- oder vierunddreissig, glaube ich, und im
September, denn es war gerade Jahrmarkt in Amsterdam. Da meine Eltern
vorhatten, einen Prediger aus mir zu machen, lernte ich Latein. Spter
habe ich mich oft gefragt, warum man Lateinisch verstehen muss,
um in unserer Sprache zu sagen: Gott ist gut? Genug, ich war auf
der Lateinschule--nun sagen sie Gymnasium--und da war Jahrmarkt
... in Amsterdam, mein' ich. Auf dem Westermarkt standen Buden, und
wenn du ein Amsterdamer bist, Leser, und ungefhr von meinem Alter,
wirst du dich erinnern, dass darunter eine war, die sich durch die
schwarzen Augen und die langen Zpfe eines Mdchens auszeichnete,
das wie eine Griechin gekleidet war. Auch ihr Vater war ein Grieche,
oder wenigstens: er sah so aus wie ein Grieche. Sie verkauften
allerlei Parfumerien.

Ich war just alt genug, um das Mdchen schn zu finden, gleichwohl ohne
den Mut zu haben, sie anzusprechen. Das wrde mir auch wenig geholfen
haben, denn Mdchen von achtzehn Jahren betrachten einen Jungen von
sechzehn als ein Kind. Und hierin haben sie sehr recht. Doch kamen
wir Jungens von Quarta des Abends stets auf den Westermarkt, um das
Mdchen zu sehen.

Nun war der, der da vor mir stand mit seinem Shawl, einmal dabei,
obschon er ein paar Jahre jnger war als die andern und also noch
zu kindlich, um nach der Griechin zu schauen. Aber er war der Primus
unserer Klasse--denn tchtig war er, das muss ich sagen--und spielen,
balgen und raufen, das war sein Fall. Darum war er bei uns. Derweil
wir also--wir waren wohl unser zehn--in sehr weiter Entfernung von der
Bude standen, um nach der Griechin zu gucken, und berieten, wie wir es
anlegen mssten, um mit ihr Bekanntschaft zu machen, wurde beschlossen,
Geld zusammenzuschiessen, um etwas in der Bude zu kaufen. Aber da
war guter Rat teuer, wer in die stolzen Stiefel steigen und das
Mdchen ansprechen sollte. Jeder mochte gern, aber niemand wagte. Es
wurde gelost, und das Los fiel auf mich. Ich will nur gleich sagen,
dass ich mich jetzt nicht mehr Gefahren aussetze. Ich bin Mann und
Vater, und halte jeden, der die Gefahr aufsucht, fr einen Narren,
was auch in der Schrift steht. Es ist mir wirklich angenehm, die
Wahrnehmung zu machen, wie ich mir in meinen Ansichten ber Gefahr
und dergl. Dinge gleich geblieben bin, da ich jetzt diesbezglich
noch just derselben Meinung huldige, wie an jenem Abend, als ich da
bei der Bude des Griechen stand, mit den zwlf Stbern in der Hand,
die wir zusammengelegt hatten. Doch aus falscher Scham scheute ich
mich, zu sagen, dass ich es nicht wagte, und berdies, ich musste
schon dran, denn meine Kameraden drngten mich, und mit einem Male
stand ich vor der Bude.

Das Mdchen sah ich nicht: ich sah nichts! Es wurde mir alles grn
und gelb vor den Augen. Ich stammelte einen Aoristus primus von ich
weiss nicht welchem Zeitwort ...

--Plat-il? sagte sie.

Ich sammelte mich einigermassen und fuhr fort:

--Meenin aeide thea, und ... Egypten sei ein Geschenk des Nil.

Ich bin berzeugt, dass es mir geglckt wre, mit dem Mdchen
vertrauter zu werden, wenn nicht in diesem Augenblick einer meiner
Kameraden in seiner jungsmssigen Ausgelassenheit mir einen so harten
Stoss in den Rcken gegeben htte, dass ich sehr unsanft gegen den
Ausstellkasten anflog, der in halber Mannshhe die Vorderseite des
Krams abschloss. Ich fhlte einen Griff in meinen Nacken ... einen
zweiten Griff weiter unten ... ich schwebte einen Augenblick ... und
bevor ich recht begriff, wie die Sachen standen, war ich in der Bude
des Griechen, der in verstndlichem Franzsisch sagte, dass ich ein
gamin, ein Gassenjunge sei, und dass er die Polizei rufen werde. Nun
war ich wohl recht dicht bei dem Mdchen, doch Vergngen machte es
mir nicht. Ich weinte und bat um Gnade, denn ich war schrecklich
in Angst. Doch es half nichts. Der Grieche hielt mich am Arm fest
und schttelte und knuffte mich. Ich sah mich nach meinen Kameraden
um--wir hatten gerade den Morgen viel mit Scaevola zu thun gehabt,
der seine Hand ins Feuer hielt, und in ihren lateinischen Aufstzen
hatten sie das so sehr schn gefunden--jawohl! Niemand war dageblieben,
um fr mich eine Hand ins Feuer zu stecken ...

So glaubte ich. Doch sieh, da flog auf einmal mein Shawlmann durch
die Hinterthr zur Bude herein. Er war nicht gross und stark
und so seine dreizehn Jahre alt, aber er war ein behendes und
tapferes Kerlchen. Noch sehe ich seine Augen blitzen--sonst sahen
sie matt in die Welt--gab dem Griechen einen Faustschlag, und ich
war gerettet. Spter habe ich gehrt, dass der Grieche ihn tchtig
geschlagen hat, aber da ich von jeher den festen Grundsatz habe,
mich nicht in Dinge zu mischen, die mich nichts angehen, so bin ich
sofort weggelaufen. Ich habe es also nicht gesehen.

Das sind die Grnde, warum seine Zge mich so an Parfum erinnerten, und
weshalb man in Amsterdam Streit mit einem Griechen kriegen kann. Wenn
auf spteren Jahrmrkten dieser Mann wieder mit seiner Bude auf dem
Westermarkt stand, suchte ich mein Vergngen anderswo.

Da ich viel von philosophischen Betrachtungen halte, muss ich
dir doch eben sagen, Leser, wie wunderbar doch die Dinge dieser
Welt miteinander verknpft sind. Wenn die Augen dieses Mdchens
weniger schwarz gewesen wren, wenn sie krzere Zpfe gehabt htte,
oder wenn man mich nicht gegen den Ausstellkasten geschuppst htte,
so wrdest du nun dies Buch nicht lesen. Sei also dankbar, dass es
so gekommen ist. Glaube mir, alles in der Welt ist gut, so wie es
ist, und unzufriedene Menschen, die fortwhrend klagen, sind meine
Freunde nicht. Da hast du z.B. Busselinck & Waterman ... doch ich muss
fortfahren, denn mein Buch muss vor der Frhjahrsauktion fertig sein.

Geradeaus gesagt--denn ich gebe was auf Wahrheit--mir war das
Wiedersehen mit dieser Person nicht angenehm. Ich bemerkte sogleich,
dass es keine solide Konnektion war. Er sah sehr bleich aus, und als
ich ihn fragte, wie spt es sei, wusste er es nicht. Das sind Dinge,
auf die ein Mensch achtet, der so seine Jahre zwanzig die Brse
besucht und schon so viel mitgemacht hat. Ich hab' schon manches Haus
purzeln sehen.

Ich glaubte, dass er rechts gehen werde, und sagte daher, dass ich
links msste. Aber o weh, er ging auch links, und ich konnte also einem
Gesprch nicht aus dem Wege gehen. Aber es ging mir nicht aus dem Sinn,
dass er nicht wusste, wie spt es war, und obendrein bemerkte ich,
dass sein Rock bis unters Kinn dicht zugeknpft war--was ein sehr
schlechtes Zeichen ist--so dass ich den Ton unserer Unterhaltung
etwas kalt bleiben liess. Er erzhlte mir, dass er in Indien gewesen
war, dass er verheiratet sei, dass er Kinder habe. Ich hatte nichts
dagegen, doch fand es auch nicht besonders von Wichtigkeit. Beim
Kapelsteg--ich gehe sonst niemals durch diese Gasse, weil sich das
fr einen anstndigen Mann nicht passt, finde ich--doch diesmal
wollte ich den Kapelsteg hinein rechts abschwenken. Ich wartete,
bis wir die kleine Strasse beinah vorbei waren, damit es sich gut
herausstellte, dass sein Weg geradeaus fhrte, und darauf sagte ich
sehr hflich ... denn hflich bin ich stets, man kann nicht wissen,
wie man spter jemanden ntig hat:

--Es war mir besonders angenehm, Sie wiederzusehen, M'nheer ... r
... r! Und ... und ... und ... ich empfehle mich! Ich muss hierher.

Darauf guckte er mich ganz verdutzt an und seufzte und fasste mich
auf einmal bei einem Knopf von meinem Rock ...

--Bester Droogstoppel, sagte er, ich muss Sie um etwas bitten.

Es ging mir ein Schauder durch die Glieder. Er wusste nicht, wie spt
es war, und wollte mich um etwas bitten! Natrlich antwortete ich,
dass ich keine Zeit htte und nach der Brse msste, obwohl es Abend
war. Aber wenn man so seine Jahre zwanzig die Brse besucht hat ... und
jemand will dich um etwas bitten, ohne zu wissen, wie spt es ist ...

Ich machte meinen Knopf los, grsste sehr hflich--denn hflich bin
ich stets--und bog in den Kapelsteg ein, was ich sonst nie thue, weil
es nicht anstndig ist, und Anstand geht mir ber alles. Ich hoffe,
dass es niemand gesehen hat.





DRITTES KAPITEL.


Als ich tags darauf von der Brse kam, sagte Fritz, dass jemand
da gewesen sei, der mich sprechen wollte. Der Beschreibung nach
war es der Shawlmann. Wie er mich gefunden hatte ... nun ja, die
Adresskarte! Ich berlegte mir, ob ich nicht meine Kinder von der
Schule nehmen sollte, denn es ist lstig, dass einem noch zwanzig,
dreissig Jahre spter von einem Schulkameraden nachgesetzt wird,
der einen Shawl trgt statt eines berziehers, und der nicht weiss,
wie spt es ist. Auch habe ich Fritz verboten, nach dem Westermarkt
zu gehen, wenn Buden dort stehen.

Den folgenden Tag empfing ich einen Brief mit einem grossen Paket. Ich
werde euch den Brief lesen lassen:


        Werter Droogstoppel!


Ich finde, dass er wohl htte sagen knnen: Hochgeehrter Herr
Droogstoppel, wo ich doch Makler bin.


    Ich bin gestern bei Ihnen gewesen mit der Absicht, Sie um etwas zu
    ersuchen. Ich glaube, dass Sie in guten Verhltnissen verkehren ...


Das ist wahr, wir sind unser dreizehn auf dem Kontor.


    ... und ich mchte Ihren Kredit in Anspruch nehmen, um eine Sache
    zustande zu bringen, die fr mich von grosser Bedeutung ist.


Sollte man nicht denken, dass es sich um eine Ordre auf die
Frhjahrsversteigerung handelt?


    Durch vielerlei verwickelte Umstnde bin ich im Augenblick
    einigermassen um Geld verlegen.


Einigermassen? Er hatte kein Hemd an. Das nennt er 'einigermassen'!


    Ich kann meiner lieben Frau nicht alles geben, was ntig ist, um
    das Leben angenehm zu machen, und auch die Erziehung meiner Kinder
    ist, aus finanziellen Grnden, nicht so, wie ich es wohl mchte.


Das Leben angenehm zu machen? Erziehung der Kinder? Meint ihr, dass
er seiner Frau eine Loge in der Oper mieten und seine Kinder auf ein
Institut in Genf geben wollte? Es war Herbst und recht kalt ... nun,
er wohnte unterm Dach, in ungeheiztem Raum. Als ich den Brief empfing,
wusste ich dies nicht, aber spter bin ich bei ihm gewesen, und
jetzt noch kann ich mich nicht genug wundern ber den albernen Ton in
seinem Schreiben. Zum Donnerwetter, wer arm ist, kann sagen, dass er
arm ist! Arme muss es geben, das ist ntig in der Gesellschaft, und
es ist Gottes Wille. Wenn er nur kein Almosen verlangt und niemandem
lstig fllt, hab' ich durchaus nichts dagegen, dass er arm ist, aber
diese Ziererei bei der Sache finde ich nicht angebracht. Hrt weiter:


    Da auf mir die Verpflichtung ruht, fr die Bedrfnisse der Meinen
    zu sorgen, habe ich beschlossen, ein Talent auszunutzen, das,
    wie ich glaube, mir gegeben ist. Ich bin Dichter ...


Puh! Ihr wisst, Leser, wie ich und alle verstndigen Menschen darber
denken.


    ... und Schriftsteller. Seit meiner Kindheit drckte ich meine
    Empfindungen in Versen aus, und auch spter schrieb ich tglich
    nieder, was umging in meiner Seele. Ich glaube, dass unter dem
    allen einige Sachen sind, die Wert haben, und ich suche dafr
    einen Verleger. Aber das ist just das Schwierige. Das Publikum
    kennt mich nicht, und die Verleger beurteilen die Arbeiten mehr
    nach dem gefestigten Namen des Autors, als nach ihrem Inhalt.


Geradeso wie wir den Kaffee nach dem Renomme der Marken. Na
gewiss! Wie sonst wohl?


    Wenn ich nun annehmen darf, dass meine Arbeit nicht ganz ohne
    Verdienst ist, so wrde sich das doch erst wirklich zeigen nach
    der Herausgabe, und die Buchhndler verlangen die Bezahlung von
    Druckkosten u. s. w. im voraus ...


Darin haben sie sehr recht.


    ... was mir in diesem Augenblick nicht gelegen kommt. Da ich
    gleichwohl berzeugt bin, dass meine Arbeit die Kosten decken
    wrde und ruhig darauf mein Wort verpfnden drfte, so bin ich,
    ermutigt durch unsere vorgestrige Begegnung ...


Das nennt er ermutigen!


    ... zu dem Entschluss gekommen, Sie zu fragen, ob Sie fr mich
    bei einem Buchhndler Brgschaft leisten wollen fr die Kosten
    einer ersten Auflage, sei es auch nur eines kleinen Bndchens. Ich
    berlasse die Auswahl bei diesem ersten Versuch ganz Ihnen. In dem
    Paket, das anbei folgt, werden Sie viele Manuskripte finden und
    daraus ersehen, dass ich viel gedacht, gearbeitet und durchgemacht
    habe ...


Ich habe nie gehrt, dass er irgendwie Geschfte machte.


    ... und wenn die Gabe, meine Empfindungen auszudrcken, mir nicht
    ganz und gar mangelt, ist gewiss nicht der Mangel an Eindrcken
    schuld, dass ich keinen Erfolg haben sollte.

    In Erwartung einer freundlichen Antwort verbleibe ich Ihr alter
    Schulkamerad ...


Und sein Name stand darunter. Doch den verschweige ich, weil ich
nicht darauf erpicht bin, jemanden in der Leute Mund zu bringen.

Werte Leser, ihr begreift gewiss, was ich fr ein Gesicht zog, als man
mich so auf einmal zum Makler in Versen erhhen wollte. Mir ist gewiss,
dass dieser Shawlmann--so will ich ihn nur fortan nennen--wenn der
Mann mich bei Tage gesehen htte, sich nicht mit solch einem Ersuchen
an mich gewendet haben wrde. Denn Wrde und Achtbarkeit lassen sich
nicht verbergen. Doch es war Abend, und ich ziehe es mir also nicht an.

Es ist selbstverstndlich, dass ich von diesen Possen nichts wissen
wollte. Ich htte das Paket durch Fritz zurckbringen lassen, aber ich
wusste seine Adresse nicht, und er liess nichts von sich hren. Ich
dachte, er sei krank, oder tot, oder sonst was.

Vorige Woche nun war Krnzchen bei den Rosemeyers, die in Zucker
machen. Fritz war zum erstenmal mitgegangen. Er ist sechzehn Jahre,
und ich finde es gut, dass ein junger Mensch in die Welt kommt. Sonst
luft er nach dem Westermarkt oder thut sonst was. Die Mdchen hatten
Piano gespielt und gesungen, und beim Dessert neckten sie sich mit
etwas, was im Vorderzimmer passiert zu sein schien, als wir hinten
beim Whist sassen, und es schien sich dabei um Fritz zu handeln. Ja,
ja, Luise, rief Betsy Rosemeyer, geweint hast du! Papa, Fritz hat
Luise zum Weinen gebracht.

Meine Frau sagte darauf, dass Fritz dann in Zukunft nicht mehr mit
sollte aufs Krnzchen. Sie dachte, dass er Luise gekniffen htte oder
sonst etwas, was sich nicht schickte, und auch ich machte mich daran,
ein herzhaftes Wort beizufgen, als Luise rief:

--Nein, nein, Fritz ist sehr lieb gewesen! Ich mchte, dass er es
noch einmal thte!

Was denn?--Er hatte sie nicht gekniffen, er hatte deklamiert, da
habt ihr's.

Natrlich sieht die Frau vom Hause gern, dass beim Nachtisch eine
kleine Artigkeit zum Besten gegeben wird. Das macht die Sache
voll. Mevrouw Rosemeyer--die Rosemeyers lassen sich Mevrouw nennen,
weil sie in Zucker machen und an einem Schiff Anteile haben--Mevrouw
Rosemeyer erkannte, dass etwas, das Luise zu Thrnen brachte, auch
uns ergtzen msse, und verlangte ein Dacapo von Fritz, der errtete
wie ein Puter. Ich konnte um alles in der Welt nicht spitz kriegen,
was er wohl vorgebracht haben mochte, denn ich kannte sein Repertoire
auf ein Haar. Dieses war: Die Gtterhochzeit, Die Bcher des Alten
Testaments, in Reime gesetzt, und eine Episode aus der Hochzeit
des Kamacho, die die Jungen immer so gern haben, weil etwas von
einem geheimen Gemach darin vorkommt. Was unter dem allen sein
konnte, das Thrnen entlockte, war mir ein Rtsel. Es ist ja wahr,
so'n Mdchen weint ja bald.

Man zu, Fritz! Ach ja, Fritz! Komm, Fritz! So ging es, und
Fritz begann. Da ich nichts davon halte, dass des Lesers Neugier
raffiniertermassen in Spannung gehalten wird, will ich nur gleich
sagen, dass sie zu Hause das Paket von Shawlmann geffnet hatten,
und daraus hatten Fritz und Marie eine Naseweisheit und eine
Sentimentalitt sich angeeignet, die mir spter viel Schwierigkeiten
ins Haus gebracht haben. Doch muss ich bekennen, Leser, dass dies Buch
auch seinen Ursprung in dem Paket hat, und ich werde mich seinerzeit
gehrig dieserhalb verantworten, denn ich gebe was darauf, dass man
mich als jemanden betrachte, der die Wahrheit lieb hat und der auf
seine Geschfte achtgiebt. Unsere Firma ist Last & Co., Makler in
Kaffee, Lauriergracht No. 37.

Darauf rezitierte Fritz ein Ding, das aus lauter Unsinn
zusammenhing. Nein, es hing nicht zusammen. Ein junger Mensch schrieb
an seine Mutter, dass er verliebt gewesen wre, und dass sein Mdchen
sich mit einem andern verheiratet habe--woran sie sehr recht that,
finde ich--dass er aber, ungeachtet dessen, stets viel von seiner
Mutter hielte. Sind diese paar Worte deutlich oder nicht? Findet ihr,
dass da viel Weitlufigkeit ntig ist, um das zu sagen? Nun, ich habe
ein Brtchen mit Kse gegessen, darauf zwei Birnen geschlt, und ich
hatte gut halb die dritte verspeist, als Fritz mit seiner Erzhlung
erst zu Rande war. Aber Luise weinte wieder, und die Damen sagten,
dass es sehr schn sei. Darauf erzhlte Fritz, der, wie ich glaube, der
Meinung war, ein grosses Stck verrichtet zu haben, dass er das Ding
in dem Paket von dem Mann gefunden habe, der einen Shawl trge, und
ich setzte den Herren auseinander, wie dasselbe in mein Haus gekommen
war. Aber von der Griechin sagte ich nichts, da Fritz zugegen war,
und ebenso nichts von dem Kapelsteg. Jeder fand, dass ich ganz recht
gehandelt hatte, indem ich mich von dem Mann losmachte. Das Ding,
das Fritz rezitierte, war 1843 in Indien in der Gegend von Padang
geschrieben, und das ist eine minderwertige Marke. Der Kaffee, meine
ich. Aber gleich werdet ihr sehen, dass in dem Paket auch andere Dinge
von mehr solider Art waren, und davon kommt das eine und andere auch
in diesem Buche vor, da die Kaffeeauktionen der Handelsgesellschaft
damit in Verbindung stehen. Denn ich lebe fr mein Fach.






VIERTES KAPITEL.


Bevor ich weiter gehe, habe ich euch zu sagen, dass der junge Stern
gekommen ist. Es ist ein artiger Bursche. Er scheint gewandt und
tchtig, aber ich glaube, dass er ein bisschen schwrmt. Marie ist
dreizehn Jahr. Seine Einkleidung ist recht ansehnlich. Ich habe ihn ans
Kopierbuch gesetzt, damit er sich im hollndischen Stil ben kann. Ich
bin neugierig, ob nun bald Ordres von Ludwig Stern kommen werden. Marie
soll ein Paar Pantoffeln fr ihn sticken ... fr den jungen Stern,
mein' ich. Busselinck & Waterman haben hinter den Reusen gefischt. Ein
anstndiger Makler benutzt keine Schleichwege, das sage ich!

Am Tage nach der Gesellschaft bei den Rosemeyers, die in Zucker
machen, rief ich Fritz und gebot ihm, mir das Paket von Shawlmann zu
bringen. Ihr msst wissen, Leser, dass ich in meiner Familie sehr
ngstlich auf Religion und Sittlichkeit sehe. Nun, am Abend zuvor,
gerade als ich meine erste Birne geschlt hatte, las ich auf dem
Gesicht von einem der Mdchen, dass etwas in dem Gedicht vorkam, das
nicht schicklich war. Ich selbst hatte nicht hingehrt nach dem Kram,
aber ich bemerkte, dass Betsy ihr Brot verkrmelte, und das war mir
genug. Ihr werdet einsehen, Leser, dass ihr es mit jemandem zu thun
habt, der weiss, wie es in der Welt zugeht. Ich liess mir also von
Fritz das schne Stck vom vorhergehenden Abend vorlegen und ich fand
sehr bald die Stelle, die Betsys Brot verkrmelt hatte. Es wird da
gesprochen von einem Kind, das an der Brust der Mutter liegt--das
geht ja noch--aber: das kaum dem mtterlichen Schoss entstiegen
ist, sieh, das fand ich nicht gut--dass man davon spricht, mein'
ich--und meine Frau auch nicht. Marie ist dreizehn Jahr. Von Adebars
wird bei uns nicht gesprochen, auch nicht von Kohlkpfen oder den
Teichen, wo die Kinder herkommen sollen, aber so die Sachen beim
Namen zu nennen, finde ich ungehrig, denn mein ganzes Trachten
ist durchaus auf Sittlichkeit gerichtet. Ich liess mir von Fritz,
der das Ding nun einmal auswendig wusste, wie Stern das nennt,
versprechen, dass er es nicht wieder aufsagen wrde--wenigstens nicht,
bevor er Mitglied von Doctrina ist, denn dahin kommen keine jungen
Mdchen--und dann barg ich es in meinem Schreibtisch ... das Gedicht,
mein' ich. Doch ich musste wissen, ob nicht noch mehr in dem Paket war,
das Anstoss erregen konnte. Da ging ich ans Suchen und Blttern. Alles
lesen konnte ich nicht, denn ich fand Sprachen darin, die ich nicht
verstehe; doch ei! da fiel mein Auge auf ein dickes Heft: Bericht
ber die Kaffeekultur in der Residentschaft Menado.

Mein Herz hpfte vor Freude, weil ich Makler in Kaffee
bin--Lauriergracht No. 37--und Menado ist eine gute Marke. Also
dieser Shawlmann, der so unsittliche Verse machte, hatte auch in
Kaffee gearbeitet! Ich sah nun das Paket mit ganz andern Augen an,
und ich fand Stcke darin, die ich wohl nicht alle begriff, die aber
wirklich Geschftskenntnis verrieten. Es fanden sich da Listen,
Angaben, ziffernmssige Berechnungen, an denen nichts von Reim zu
erkennen war, und alles war mit so viel Sorgfalt und Genauigkeit
bearbeitet, dass ich, geradeaus gesagt--denn ich halte was von der
Wahrheit--auf die Idee kam, dass dieser Shawlmann, wenn es mit dem
dritten Kontoristen mal nichts mehr wre--was schon kommen kann,
da er alt und stmperig wird--ganz gut dessen Platz wrde ausfllen
knnen. Es versteht sich von selbst, dass ich mir erst Informationen
einholen wrde ber Ehrlichkeit, Glauben und Betragen, denn ich nehme
niemand aufs Kontor, bevor ich darber nicht Sicherheit habe. Das
ist ein fester Grundsatz bei mir. Ihr habt das aus meinem Brief an
Ludwig Stern ersehen.



Ich wollte Fritz nichts davon merken lassen, dass ich dem Inhalt des
Pakets Wichtigkeit beizumessen anfing, und schickte ihn deshalb weg. Es
wurde mir wirklich duselig im Kopf, wie ich so die verschiedenen Teile
einen nach dem andern aufnahm und die berschriften las. Es ist wahr,
viel Verse waren darunter, aber auch viel Ntzliches, und ich musste
staunen ber die Verschiedenheit der behandelten Gegenstnde. Ich
gebe zu--denn ich gebe was auf Wahrheit--dass ich, der ich immer in
Kaffee gemacht habe, nicht im stande bin, den Wert von dem allen zu
beurteilen, aber auch ohne diese Beurteilung: allein die Liste der
berschriften war schon kurios. Da ich euch die Geschichte von dem
Griechen erzhlt habe, wisst ihr schon, dass ich in meiner Jugend
einigermassen latinisiert worden bin, und wie sehr ich mich auch in
der Korrespondenz aller Citate enthalte--was auf einem Maklerkontor
auch nicht recht am Platz ist--so dachte ich doch, als ich dies alles
sah: Multa, non multum. Oder: De omnibus aliquid, de toto nihil.



Doch das kam eigentlich mehr von einer Art Drang zu widersprechen und
von einem gewissen Bedrfnis, die Gelehrsamkeit, die da vor mir lag,
in Latein anzusprechen, als dass ich es genau so meinte. Denn wo ich
lngere Einsicht in das eine oder andere Stck nahm, musste ich mir
gestehen, dass der Autor wohl auf der Hhe seiner Aufgabe zu stehen
schien, und sogar, dass er grosse Soliditt in seinen Beweisfhrungen
an den Tag legte.



Ich fand da Abhandlungen und Aufstze:



ber das Sanskrit als Mutter der germanischen Sprachzweige.

ber die Strafbestimmungen, Kindesmord betreffend.

ber den Ursprung des Adels.

ber den Unterschied in den Begriffen: Unendliche Zeit und Ewigkeit.

ber die Wahrscheinlichkeitsrechnung.

ber das Buch Hiob. (Ich fand noch etwas ber Hiob, aber das waren
Verse.)

ber Protine in der atmosphrischen Luft.

ber die Politik Russlands.

ber die Vokale.

ber Zellengefngnisse.

ber die alten Hypothesen vom horror vacui.

ber das Wnschenswerte der Abschaffung von Strafbestimmungen, die
die Beleidigung betreffen.

ber die Ursachen des Aufstandes der Niederlnder gegen Spanien,
nicht zu suchen in dem Streben nach Gewissensfreiheit und politischer
Freiheit.

ber das perpetuum mobile, die Quadratur des Zirkels und die Wurzel
von wurzellosen Zahlen.

ber die Schwere des Lichts.

ber den Rckgang der Kultur seit dem Entstehen des
Christentums. (Nanu?)

ber die islndische Mythologie.

ber den Emile von Rousseau.

ber die Civile Rechtsforderung in Sachen des Kaufhandels.

ber den Sirius als Mittelpunkt eines Sonnensystems.

ber das Einfuhrbesteuerungs-Gesetz, als unzweckmssig, rcksichtslos,
ungerecht und unsittlich. (Davon hatte ich niemals etwas gehrt.)

ber Verse als die lteste Sprache. (Das glaube ich nicht.)

ber weisse Ameisen.

ber das Widernatrliche in Schuleinrichtungen.

ber die Prostitution in der Ehe. (Das ist ein schndliches Stck!)

ber hydraulische Einrichtungen in Verbindung mit der Reiskultur.

ber das scheinbare bergewicht der Westlichen Kultur.

ber Kataster, Registratur und Stempelwesen.

ber Kinderbcher, Fabeln und Mrchen. (Dies will ich mal lesen,
weil er auf Wahrheit dringt.)

ber Zwischenglieder im Handel. (Dies gefllt mir ganz und gar
nicht. Ich glaube, er will die Makler abschaffen. Aber ich habe
es doch zur Seite gelegt, weil das eine und andere darin vorkommt,
das ich fr mein Buch gebrauchen kann.)

ber das Erbschaftsrecht, eine der besten Besteuerungen.

ber die Erfindung der Keuschheit. (Dies verstehe ich nicht.)

ber Vermannigfachung, Multiplikation. (Dieser Titel klingt ganz
einfach, aber es steht viel in dem Stck, woran ich frher nie
gedacht hatte.)

ber eine gewisse Art von Geist und Scharfsinn bei den Franzosen,
eine Folge der Armut ihrer Sprache. (Das lasse ich gelten. Witzigkeit
und Armut ... er kann es wissen.)

ber die Beziehungen zwischen den Romanen von August Lafontaine und
der Schwindsucht. (Das will ich mal lesen, da von diesem Lafontaine
Bcher auf dem Boden liegen. Doch er sagt, dass der Einfluss sich
erst im zweiten Geschlecht zeigt. Mein Grossvater las nicht.)

ber die Macht der Englnder ausserhalb Europas.

ber das Gottesgericht im Mittelalter und jetzt.

ber die Rechenkunst bei den Rmern.

ber Armut an Poesie bei Tonsetzern.

ber Pietisterei, Benebelung und Tischrcken.

ber epidemische Krankheiten.

ber den Maurischen Baustil.

ber die Kraft der Vorurteile, sichtbar an Krankheiten, die durch
Zug verursacht sein sollen. (Hab' ich nicht gesagt, dass die Liste
kurios ist?)

ber die deutsche Einheit.

ber die Lnge auf See. (Ich denke, dass auf See wohl alles ebenso
lang sein wird wie an Land.)

ber die Pflichten der Regierung bezglich ffentlicher Lustbarkeiten.

ber die bereinstimmung in den schottischen und friesischen Sprachen.

ber Prosodie.

ber die Schnheit der Frauen zu Nmes und zu Arles, mit einer
Untersuchung ber das Kolonisierungssystem der Phnicier.

ber Landbauvertrge auf Java.

ber das Saugvermgen einer Pumpe neuen Modells.

ber Legitimitt von Dynastien.

ber die Volkslitteratur bei javanischen Rhapsoden.

ber die neue Art des Segelreffens.

ber die Perkussion, angewendet auf Hand-Granaten. (Dieses Stck
datiert von 1847, also aus einer Zeit vor Orsini!)

ber den Ehrbegriff.

ber die apokryphen Bcher.

ber die Gesetze von Solon, Lycurgus, Zoroaster und Confucius.

ber die elterliche Gewalt.

ber Shakespeare als Geschichtsschreiber.

ber die Sklaverei in Europa. (Worauf er hier hinaus will, begreife
ich nicht. Nun, dergleichen ist da mehreres!)

ber Schrauben-Wassermhlen.

ber das souverne Recht der Begnadigung.

ber die chemischen Bestandteile des Zimmtes von Ceylon.

ber die Zucht auf Kauffahrteischiffen.

ber die Opiumpacht auf Java.

ber die Bestimmungen bezglich des Verkaufs von Gift.

ber den Durchstich der Landenge von Suez und die Folgen hiervon.

ber die Entrichtung von Landrenten in natura.

ber die Kaffeekultur zu Menado. (Dies habe ich schon genannt.)

ber die Auflsung des Rmischen Reichs.

ber die Gemtlichkeit der Deutschen.

ber die skandinavische Edda.

ber die Pflicht Frankreichs, sich im Indischen Archipel ein
Gegengewicht gegenber England zu schaffen. (Dieses war in Franzsisch
geschrieben. Warum, weiss ich nicht.)

ber das Essigmachen.

ber die Verehrung von Schiller und Goethe im deutschen Mittelstande.

ber die Ansprche des Menschen auf Glck.

ber das Recht des Aufstandes bei Unterdrckung. (Dies war in
Javanisch. Ich habe den Titel erst spter erfahren.)

ber ministerielle Verantwortlichkeit.

ber einige Punkte in der kriminellen Rechtsforderung.

ber das Recht eines Volks, zu fordern, dass die aufgebrachte Steuer
zu seinem Besten verwendet werde. (Das war wieder in Javanisch.)

ber das doppelte A und das griechische ETA.

ber das Bestehen eines unpersnlichen Gottes in den Herzen der
Menschen. (Eine infame Lge!)

ber den Stil.

ber eine Konstitution des Reiches INSULINDE. (Ich habe niemals von
diesem Reich gehrt.)

ber den Mangel an Ephelkustik in unsern grammatikalischen Regeln.

ber Pedanterie. (Ich glaube, dass dies Stck mit viel Sachkenntnis
geschrieben ist.) [2]

ber die Verpflichtung Europas gegenber den Portugiesen.

ber Stimmen des Waldes.

ber Brennbarkeit von Wasser. (Ich denke, dass er Feuerwasser
und sonstige starke Essenzen im Auge hat.)

ber den Milchsee. (Ich habe davon niemals gehrt. Es scheint in der
Nhe von Banda zu sein.)

ber Seher und Propheten.

ber Elektrizitt als Motorkraft, ohne weiches Eisen.

ber Ebbe und Flut der Kultur.

ber den epidemischen Niedergang in Staatshaushalten.

ber bevorrechtete Handelsgesellschaften. (Hierin kommt dieses und
jenes vor, das ich fr mein Buch ntig habe.)

ber Etymologie als Hlfsquelle bei ethnologischen Forschungen.

ber die Vogelnestklippen an der javanischen Sdkste.

ber die Stelle, wo der Tag beginnt. (Begreife ich nicht.)

ber persnliche Begriffe als Massstab der Verantwortlichkeit in der
sittlichen Welt. (Lcherlich! Er sagt, dass jeder sein eigner Richter
sein solle. Wo kmen wir da hin!)

ber Galanterie.

ber den Versbau der Hebrer.

ber das Century of inventions vom Marquis von Worcester.

ber die nicht-essende Bevlkerung des Eilandes Rotti bei Timor. (Es
muss da billig leben sein.)

ber die Menschenfresserei der Battahs und ber die Kopfjgerei
der Alfuren.

ber das Misstrauen gegenber der ffentlichen Sittlichkeit. (Er
will, glaube ich, die Schlosser (als Hersteller der Schlsser)
abschaffen. Ich bin dagegen.)

ber das Recht und die Rechte.

ber Branger als Philosophen. (Dies versteh' ich wieder nicht.)

ber die Abneigung der Malayen gegen die Javanen.

ber die Wertlosigkeit des Unterrichts auf den sogenannten Hochschulen.

ber den lieblosen Geist unserer Vorfahren, sichtbar an ihren Begriffen
ber Gott. (Schon wieder ein gottloses Stck!)

ber den Zusammenhang der Sinneswerkzeuge. (Es ist wahr, als ich ihn
sah, roch ich Rosenl.)

ber die Spitzwurzel des Kaffeebaums. (Dies habe ich fr mein Buch
auf die Seite gelegt.)

ber Gefhl, Mitgefhl, 'sensiblerie', Empfindelei u. s. w.

ber die begriffliche Verwirrung von Mythologie und Religion.

ber den Palmwein auf den Molukken.

ber die Zukunft des niederlndischen Handels. (Dies ist eigentlich
das Stck, das mich bewogen hat, dies Buch zu schreiben. Er sagt,
dass nicht immer so grosse Kaffeeauktionen werden abgehalten werden,
und ich lebe fr mein Fach.)

ber Genesis. (Ein infames Stck!)

ber die geheimen Gesellschaften bei den Chinesen.

ber das Zeichnen als natrliche Schrift. (Er sagt, dass ein
neugebornes Kind zeichnen kann!)

ber Wahrheit in Poesie. (Ei gewiss!)

ber die Unbeliebtheit der Reisschlmhlen auf Java.

ber den Zusammenhang von Poesie und mathematischen Wissenschaften.

ber die Wajangs der Chinesen.

ber den Preis des Java-Kaffees. (Das habe ich zur Seite gelegt.)

ber ein europisches Mnzsystem.

ber Berieselung von Gemeindefeldern.

ber den Einfluss der Rassenmischung auf den Geist.

ber Gleichgewicht im Handel. (Er spricht darin von Wechselagio. Ich
habe es fr mein Buch auf die Seite gelegt.)

ber die Bestndigkeit von asiatischen Gewohnheiten. (Er behauptet,
dass Jesus einen Turban trug.)

ber die Ideen von Malthus bezglich der Bevlkerungszahl in Verbindung
mit den Unterhaltsmitteln.

ber die ursprngliche Bevlkerung von Amerika.

ber die havenhoofden (Hafenkpfe, gemauerte Wlle am Eingange
eines Hafens) von Batavia, Samarang und Surabaja.

ber Baukunst als Ausdruck von Ideen.

ber das Verhltnis der europischen Beamten zu den Regenten auf
Java. (Hiervon kommt das eine und andere in mein Buch.)

ber das Wohnen in Kellern zu Amsterdam.

ber die Kraft des Irrtums.

ber die Arbeitslosigkeit eines hheren Wesens bei vollkommenen
Naturgesetzen.

ber das Salzmonopol auf Java.

ber die Wrmer in der Sagopalme. (Die werden gegessen, sagt er
... bb!)

ber die Sprche, den Prediger, das Hohelied und ber die Pantuns
der Javanen.

ber das 'jus primi occupantis'.

ber die Armut der Malkunst.

ber die Unsittlichkeit des Angelns. (Wer hat davon jemals gehrt?)

ber die Snden der Europer ausserhalb Europas.

ber die Waffen der schwcheren Tierarten.

ber das 'jus talionis'. (Schon wieder ein infames Stck! Mit einem
Gedicht von einem andern, das ich gewiss fr das allerschandbarste
erklrt haben wrde, wenn ich es ausgelesen htte.)




Und das war noch nicht alles! Ich fand, um von den Versen nicht
zu sprechen--es waren deren in vielerlei Sprachen--eine Anzahl von
Stcken, denen der Titel fehlte, Romanzen in malayischer Sprache,
Kriegsgesnge in Javanisch, und was nicht noch alles! Auch Briefe
fand ich, wovon viele in Sprachen, die ich nicht verstand. Einige
waren an ihn geschrieben, oder besser, es waren nur Abschriften,
doch er schien damit einen bestimmten Zweck zu verbinden, denn es
war alles von anderen Personen gezeichnet als: gleichlautend mit dem
Original. Dann fand ich noch Auszge aus Tagebchern, Aufzeichnungen
und lose Gedanken--einzelne wirklich sehr lose.

Ich hatte, wie ich bereits sagte, einige Stcke auf die Seite gelegt,
weil sie mir in mein Fach zu schlagen schienen, und fr mein Fach lebe
ich. Doch ich muss zugeben, dass ich wegen des brigen in Verlegenheit
war. Zurcksenden konnte ich das Paket nicht, denn ich wusste nicht,
wo er wohnte. Es war nun einmal offen. Ich konnte nicht leugnen,
dass ich Einblick genommen hatte, und das wrde ich auch nicht gethan
haben, da es mir immer sehr um die Wahrheit zu thun ist. Auch glckte
es mir nicht, es wieder so zu schliessen, dass von dem ffnen nichts
zu sehen war. berdies kann ich nicht verhehlen, dass einige Stcke,
die ber Kaffee nmlich, mir Interesse einflssten, und dass ich gern
davon Gebrauch gemacht htte. Ich las tglich hier und da einige
Seiten, und ich kam je lnger je mehr zu der berzeugung, dass man
Makler in Kaffee sein muss, um so recht zu erfahren, was in der Welt
vorgeht. Ich bin berzeugt, dass die Rosemeyers, die in Zucker machen,
niemals so etwas unter die Augen bekommen haben.

Ich frchtete nun, dass dieser Shawlmann pltzlich wieder vor mir
stehen wrde und mir wieder etwas zu sagen haben mchte. Jetzt fing
es mich an zu verdriessen, dass ich an jenem Abend in den Kapelsteg
eingebogen war, und ich sah ein, dass man niemals den anstndigen Weg
verlassen muss. Natrlich htte er mich um Geld gefragt und htte von
seinem Paket gesprochen. Ich htte ihm vielleicht etwas gegeben, und
wenn er mir dann am folgenden Tag die Masse Schreiberei zugeschickt
htte, so wre es mein rechtliches Eigentum gewesen. Ich htte dann
den Weizen von der Spreu scheiden knnen, ich htte die Nummern
zurckbehalten, die ich fr mein Buch ntig hatte, und den Rest
verbrannt oder in den Papierkorb geworfen, was ich nun nicht thun
kann. Denn wenn er zurckkme, msste ich es abliefern, und wenn er
she, dass ich an ein paar Stcken von seiner Hand Interesse zeigte,
wrde er sicher zu viel dafr fordern. Nichts giebt dem Verkufer
mehr bergewicht, als die Entdeckung, dass dem Kufer an seiner Ware
gelegen ist. So eine Position wird denn auch von einem Kaufmann,
der sein Fach versteht, so viel wie mglich vermieden.

Ein anderer Gedanke--ich sprach schon davon--der beweisen mge, wie
empfnglich fr menschenfreundliche Anwandlungen einen das Besuchen der
Brse lassen kann, war dieser: Bastians--das ist der dritte Schreiber,
der so alt und stmperig wird--war die letzte Zeit von den dreissig
Tagen sicher keine fnfundzwanzig auf dem Kontor gewesen, und wenn
er ins Kontor kommt, macht er seine Arbeit oft noch schlecht. Als
ehrlicher Mann bin ich der Firma gegenber--Last & Co., seit die
Meyers raus sind--verpflichtet, dafr zu sorgen, dass jeder seine
Arbeit thut, und ich darf nicht aus verkehrt angewendetem Mitleid
oder aus berempfindlichkeit das Geld der Firma wegwerfen. So ist mein
Grundsatz. Ich gebe lieber dem Bastians aus meiner eigenen Tasche ein
Dreiguldenstck, als dass ich fortfahre, ihm die siebenhundert Gulden
auszuzahlen, die er nicht mehr verdient. Ich habe ausgerechnet, dass
der Mann seit vierunddreissig Jahren an Einkommen--sowohl von Last &
Co., wie von Last & Meyer, aber die Meyers sind raus--die Summe von
beinah fnfzehntausend Gulden genossen hat, und das ist fr einen Mann
von seinem Stande ein anstndiges Smmchen. Es giebt wenige unter den
kleinen Brgersleuten, die so viel besitzen. Recht zu klagen hat er
also nicht. Ich bin auf diese Berechnung gekommen durch Shawlmanns
Stck ber die Multiplikation.

Dieser Shawlmann schreibt eine gute Hand, dachte ich. berdies, er
sah rmlich aus und wusste nicht, wie spt es war ... wie wr's,
dachte ich, wenn ich ihm die Stelle von Bastians gbe? In diesem
Falle wrde ich ihm sagen, dass er mich M'nheer nennen msse, aber
er wrde wohl selbst schon dahinterkommen, denn es geht doch nicht,
dass ein Angestellter seinen Prinzipal bei Namen anredet, und ihm wre
vielleicht frs Leben geholfen. Er knnte mit vier- oder fnfhundert
Gulden anfangen--unser Bastians hat auch lange gearbeitet, bis er zu
siebenhundert aufstieg--und ich htte eine gute That gethan. Ja, mit
dreihundert Gulden wrde er wohl beginnen knnen, denn da er niemals
vorher in einem Geschft Stellung hatte, kann er wohl die ersten Jahre
als Lehrzeit betrachten, was nur billig wre, denn er kann sich nicht
in einen Rang stellen mit Menschen, die viel gearbeitet haben. Ich bin
berzeugt, dass er mit zweihundert Gulden zufrieden sein wrde. Aber
ich hatte noch keine Garantien wegen seines Betragens ... er hatte
einen Shawl um. Und zudem, ich wusste nicht, wo er wohnte.

Ein paar Tage darauf waren der junge Stern und Fritz zusammen im
Wappen von Bern auf einer Bcherauktion gewesen. Fritz hatte ich
verboten, etwas zu kaufen, doch Stern, der reichlich Taschengeld
hat, kam mit einigen Schmkern nach Haus. Das ist seine Sache. Doch
sieh, da erzhlte Fritz, dass er Shawlmann gesehen htte, der bei
dem Verschleiss angestellt schien. Er htte die Bcher aus den
Schrnken genommen und sie auf dem langen Tisch dem Auktionator
zugeschoben. Fritz sagte, dass er sehr bleich aussah, und dass ein
Herr, der da die Aufsicht zu haben schien, ihn ausgezankt htte,
weil er ein paar Jahrgnge von der Aglaja hatte fallen lassen, was
ich denn auch sehr ungeschickt finde, denn das ist eine allerliebste
Sammlung von Damenhandarbeiten. Marie hlt sie zusammen mit den
Rosemeyers, die in Zucker machen. Sie macht Knpfarbeit daraus ... aus
der Aglaja, meine ich. Aber unter dem Zanken hatte Fritz gehrt, dass
er fnfzehn Stber den Tag verdiente. Denken Sie, dass ich Lust habe,
fnfzehn Stber tglich fr Sie aus'm Fenster zu schmeissen? hatte
der Herr gesagt. Ich rechnete aus, dass fnfzehn Stber tglich--ich
denke, dass die Sonn- und Festtage nicht mitzhlen, sonst htte er ein
Monats- oder Jahresgehalt genannt--zweihundertfnfundzwanzig Gulden
im Jahr ausmachen. Ich bin schnell in meinen Entschlssen--wenn man
so lange Geschftsmann ist, weiss man immer sofort, was man zu thun
hat--und am andern Morgen frh war ich bei Gaafzuiger. So heisst der
Buchhndler, der die Auktion veranstaltet hatte. Ich fragte nach dem
Mann, der die Aglaja htte fallen lassen.

--Der hat seinen Laufpass, sagte Gaafzuiger. Er war faul, dnkelhaft
und krnklich.

Ich kaufte ein Schchtelchen Oblaten und beschloss sogleich, es mit
unserm Bastians noch mal anzusehen. Ich konnte es nicht bers Herz
bringen, einen alten Mann so auf die Strasse zu setzen. Strenge,
doch, wo es sein kann, milde und gtig, das ist immer mein Grundsatz
gewesen. Ich versume aber niemals, mich ber etwas zu unterrichten,
was dem Geschfte zugute kommen kann, und darum fragte ich Gaafzuiger,
wo der Shawlmann wohnte. Er gab mir die Adresse, und ich schrieb
sie auf.

Ich dachte andauernd ber mein Buch nach, doch da ich auf Wahrheit
sehe, muss ich geradeaus sagen, dass ich nicht wusste, was ich da
anzufangen hatte. Ein Ding steht fest: die Baustoffe, die ich in
Shawlmanns Paket gefunden hatte, hatten grosses Interesse fr die
Makler in Kaffee. Die Frage war nur, wie ich handeln musste, um
diese Baustoffe gehrig auszuwhlen und aneinanderzureihen. Jeder
Makler weiss, von welchem Gewicht eine gute Sortierung der einzelnen
Ballen ist.

Doch schreiben--ausgenommen die Korrespondenz mit den
Geschftshusern--liegt so gar nicht in meinem Beruf; und doch
fhlte ich, dass ich schreiben msste, denn vielleicht hngt die
Zukunft der ganzen Branche davon ab. Die Angaben, die ich in dem
Paket von Shawlmann fand, sind nicht von einer Art, dass Last &
Co. den Nutzen davon fr sich allein behalten knnten. Wenn dies so
wre, so wrde ich mir nicht, das begreift jeder, die Mhe machen,
ein Buch drucken zu lassen, das Busselinck & Waterman auch in die
Hnde kriegen, denn wer einem Konkurrenten auf die Beine hilft,
kann seine fnf Sinne nicht haben. Das ist ein fester Grundsatz
bei mir. Nein, ich sah ein, dass eine Gefahr droht, dass der ganze
Kaffeemarkt zu Grunde gehen wrde, eine Gefahr, welche nur durch
die vereinten Krfte aller Makler abgewehrt werden kann; ja, es
ist mglich, dass diese Krfte dazu nicht einmal ausreichend sind
und dass auch die Zuckerraffinadeure--Fritz sagt: raffineure,
aber ich schreibe nadeure; das thun die Rosemeyers auch, und die
machen in Zucker. Ich weiss wohl, dass man sagt: raffinierter Schelm
und nicht: raffinadierter Schelm, aber das kommt daher, dass jeder,
der mit Schelmen zu thun hat, sich so schnell wie mglich von der
Sache drckt--dass dann auch die Raffinadeure und die Hndler in
Indigo dabei ntig sein werden.

Wie ich so ber dem Schreiben nachdenke, kommt es mir vor, dass selbst
die Schiffsreedereien einigermassen dabei interessiert sind, und die
Kauffahrteiflotte ... gewiss, so ist es! Und die Segelmacher auch,
und der Finanzminister, und die Armenbehrden, und die andern Minister,
und die Zuckerbcker, und die Galanteriewarenhndler, und die Frauen,
und die Schiffsbaumeister, und die Grossisten, und die Detailhndler,
und die Hauswrter, und die Grtner.

Und--merkwrdig doch, wie einem die Gedanken so unterm Schreiben
aufkommen--mein Buch geht auch die Mller an, und die Pastoren,
und die Verkufer von Schweizerpillen, und die Liqueurfabrikanten,
und die Ziegelbrenner, und die Menschen, die von der Staatsschuld
leben, und die Pumpenmacher, und die Reepschlger, und die Weber,
und die Schlchter, und die Schreiber auf den Maklerkontoren, und
die Aktionre von der Niederlndischen Handelsgesellschaft, und
eigentlich, recht betrachtet, alle andern auch.

Und den Knig auch ... ja, den Knig vor allem!

Mein Buch muss in die Welt. Dagegen ist nichts zu machen! Lass es auch
meinetwegen Busselinck & Waterman in die Finger kriegen ... Abgunst
ist meine Sache nicht. Aber Pfuscher und hinterlistige Hallunken sind
sie, das sage ich! Ich habe es heute noch dem jungen Stern gesagt,
als ich ihn in Artis, unsere zoologische Garten-Gesellschaft,
introduzierte. Er mag es ruhig seinem Vater schreiben.

So sass ich denn noch vor ein paar Tagen arg im Dustern mit meinem
Buch, und sieh doch, Fritz hat mir auf den Weg geholfen. Ihm
selbst habe ich dies nicht gesagt, weil ich es nicht gut finde,
jemanden merken zu lassen, dass man ihm verpflichtet ist--dies ist
ein Grundsatz bei mir--aber wahr ist es. Er sagte, dass Stern so ein
tchtiger Junge wre, dass er so schnell Fortschritte in der Sprache
mache und dass er deutsche Verse von Shawlmann ins Hollndische
bersetzt htte. Ihr seht, die Welt war auf den Kopf gestellt in
meinem Hause: der Hollnder hatte in deutscher Sprache geschrieben,
und der Deutsche bersetzte das ins Hollndische. Wenn jeder sich an
seine eigene Sprache gehalten htte, wre Mhe gespart worden. Aber,
dachte ich, wenn ich mein Buch von diesem Stern schreiben liesse? Wenn
ich was hinzuzufgen habe, schreibe ich selbst von Zeit zu Zeit
ein Kapitel. Fritz kann auch helfen. Er hat eine Liste von Wrtern,
die mit zwei e's geschrieben werden, und Marie kann alles ins Reine
schreiben. Dies ist gleichzeitig fr den Leser eine Garantie gegen
alle Unsittlichkeit. Denn das begreift ihr wohl, dass ein anstndiger
Makler seiner Tochter nichts in die Hnde geben wird, was sich nicht
mit Sitte und Anstand vertrgt!

Ich habe dann zu den Jungen ber meinen Plan gesprochen, und sie fanden
ihn gut. Nur schien Stern, bei dem man--wie bei vielen Deutschen--einen
Stich ins Litterarische wahrnehmen kann, Stimme haben zu wollen in
Bezug auf die Art der Ausfhrung. Dies gefiel mir nun zwar nicht
sehr, doch weil die Frhjahrsauktion vor der Thr steht und ich von
Ludwig Stern noch keine Ordres habe, wollte ich ihm nicht zu stark
widersprechen. Er sagte, dass: wenn die Brust ihm erglhte vom Gefhl
fr das Wahre und Schne, keine Macht der Welt ihn hindern knne,
die Tne anzuschlagen, die mit diesem Gefhl bereinstimmten, und
dass er viel lieber schwiege, als seine Worte von den entehrenden
Fesseln der Alltglichkeit gebndigt zu sehen.--Ich fand dies nun
wohl recht nrrisch von Stern, aber mein Fach geht allem vor, und
der Alte ist ein gutes Haus. Wir setzten also fest:


    1.  Dass er alle Woche ein paar Kapitel fr mein Buch liefern
        solle.

    2.  Dass ich an dem, was er schreibe, nichts verndern drfe.

    3.  Dass Fritz die Sprachfehler verbessern solle.

    4.  Dass ich dann und wann ein Kapitel schreiben solle, um dem
        Buch einen soliden Anstrich zu geben.

    5.  Dass der Titel sein solle: Die Kaffeeauktionen der
        Niederlndischen Handelsgesellschaft.

    6.  Dass Marie die Reinschrift fr den Druck machen solle, dass
        man aber Geduld mit ihr haben wrde, wenn grosse Wsche wre.

    7.  Dass die fertigen Kapitel jede Woche auf dem Krnzchen
        vorgelesen werden sollten.

    8.  Dass alle Unsittlichkeit vermieden werden solle.

    9.  Dass mein Name nicht auf dem Titel stehen solle, denn ich
        bin Makler.

    10. Dass Stern eine deutsche, eine franzsische und eine englische
        bersetzung meines Buches herausgeben knne, weil--so
        behauptete er--solche Werke besser im Auslande verstanden
        wrden als bei uns.

    11. (Darauf drang Stern sehr stark:) Dass ich Shawlmann ein Ries
        Papier, ein Gross Federn und eine Kruke Tinte schicken sollte.


Ich erklrte mich mit allem einverstanden, denn es hatte grosse Eile
mit meinem Buch. Stern hatte am folgenden Tag sein erstes Kapitel
fertig, und so siehst du nun die Frage beantwortet, Leser, wie es
kommt, dass ein Makler in Kaffee--Last & Co., Lauriergracht 37--ein
Buch schreibt, das mit einem Roman hnlichkeit hat.

Kaum hatte Stern mit seiner Arbeit begonnen, und er stiess auf
Schwierigkeiten. Ausser der Mhe, aus so viel Baustoffen das
Ntige herauszusuchen und alles aneinanderzureihen, kamen noch
fortwhrend in den Manuskripten Wrter und Ausdrcke vor, die er nicht
verstand und die auch mir fremd waren. Es war meistens javanisch
oder malayisch. Auch waren hier und da Abkrzungen angebracht, die
schwer zu entziffern waren. Ich sah ein, dass wir Shawlmann ntig
hatten, und da ich es fr einen jungen Menschen nicht gut finde,
dass er unrechte Konnexionen anknpft, wollte ich weder Fritz noch
Stern zu ihm senden. Ich nahm einige Konfektstcke mit, die vom
letzten Abendkrnzchen brig geblieben waren--denn ich denke stets an
alles--und ich suchte ihn auf. Glnzend war seine Behausung nicht,
doch die Gleichheit fr alle Menschen, also auch was die Wohnungen
angeht, ist ein Hirngespinst. Er selbst hatte das gesagt in seiner
Abhandlung ber die Ansprche auf Glck. berdies, ich halte nichts
von Menschen, die ewig unzufrieden sind.

Seine Wohnung befand sich in der Langen-Leydener-Querstrasse, nach
hinten liegend. Im Unterhause wohnte ein Trdler, der alle mglichen
Dinge verkaufte, Tassen, Schsseln, Mbel, alte Bcher, Glaswaren,
Bildnisse von Van Speyk und dergleichen mehr. Ich hatte Angst, dass
ich was zerbrche, denn in solchem Fall fordern die Menschen immer
mehr Geld fr die Sachen, als sie wert sind. Ein kleines Mdchen sass
auf der Schwelle und kleidete ihre Puppe an. Ich fragte, ob M'nheer
Shawlmann dort wohnte. Sie lief weg, und die Mutter kam.

--Ja, der wohnt hier, M'nheer. Gehn Sie nur die Treppe rauf nach 'n
ersten Flur und dann die Treppe nach 'n zweiten Flur und dann noch
'ne Treppe und dann sind Sie da, denn Sie kommen ganz von selbst
hin. Minchen, sag' doch mal eben Bescheid, dass 'n Herr da ist. Was
kann sie sagen, wer da ist, M'nheer?

Ich sagte, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von
der Lauriergracht, doch dass ich mich wohl gleich selbst vorstellen
wrde. Ich kletterte so hoch, wie mir gesagt war, und hrte auf
dem dritten Flur eine Kinderstimme singen: Gleich kommt Vater, mein
ssser Papa. Ich klopfte, und die Thr wurde von einer Frau geffnet,
oder einer Dame--ich weiss selbst nicht recht, was ich aus ihr machen
soll. Sie sah sehr bleich aus. Ihre Zge trugen Spuren von Mdigkeit
und liessen mich an meine Frau denken, wenn sie die Wsche hinter
sich hat. Sie war gekleidet in ein langes weisses Hemd, oder in eine
Jacke ohne Taille, die ihr bis an die Knie hing und an der Vorderseite
mit einer schwarzen Nadel befestigt war. An Stelle eines Kleides oder
Rocks, wie es sich gehrt, trug sie darunter ein Stck dunkel geblmter
Leinwand, das einige Male um den Leib gewickelt schien und ihre Hften
und Kniee ziemlich eng umschloss. Keine Spur von Falten, von gengender
Weite oder Umfang, wie sich das doch fr eine Frau ziemt. Ich war froh,
dass ich Fritz nicht geschickt hatte, denn ihre Kleidung kam mir sehr
unschicklich vor, und der sonderbare Eindruck wurde noch verstrkt
durch die Ungeniertheit, mit der sie sich bewegte, als fhlte sie sich
ganz wohl so. Das Weib schien keineswegs zu wissen, dass sie nicht
aussah wie andere Frauen. Auch kam es mir so vor, als wenn mein Kommen
sie keineswegs verlegen machte. Sie versteckte nichts unterm Tisch,
rckte nicht mit den Sthlen und that nichts, was man doch sonst zu
thun pflegt, wenn ein Fremder von nobler Erscheinung kommt.

Sie hatte die Haare hintenber gekmmt wie eine Chinesin und sie hinten
auf dem Kopf zu einer Art Schlinge oder Knoten zusammengebunden. Spter
habe ich vernommen, dass ihre Kleidung eine Art indischer Tracht ist,
die sie dazulande Sarong und Kabaai nennen, aber ich fand es doch
sehr hsslich.

--Sind Sie Frau Shawlmann? fragte ich.

--Wen habe ich die Ehre zu sprechen? sagte sie, und zwar in einem Ton,
der mir anzudeuten schien, dass auch ich etwas mehr Ehre in meine
Frage htte legen drfen.

Nun, Komplimente sind nicht meine Sache. Mit einem Geschftskunden
ist das was anderes, und ich bin zu lange geschftlich thtig, um
meine Welt nicht zu kennen. Aber viel Bcklinge zu machen auf einer
dritten Etage, das hielt ich nicht fr ntig. Ich sagte also kurz,
dass ich M'nheer Droogstoppel wre, Makler in Kaffee, Lauriergracht
37, und dass ich ihren Mann sprechen wollte. Was brauchte ich denn
da viel Umstnde machen!

Sie bot mir einen Kchenstuhl an und nahm ein kleines Mdchen auf den
Schoss, das auf dem Boden sass und spielte. Der kleine Junge, den ich
hatte singen hren, sah mich stramm an und beguckte mich von oben bis
unten. Der schien mir auch durchaus nicht verlegen! Es war ein Bengel
von etwa sechs Jahren, auch schon so sonderbar gekleidet. Sein weites
Hschen reichte knappernot bis zur Mitte des Schenkels, und die Beine
waren von da ab bloss bis auf die Knchel. Sehr unanstndig finde
ich das. Kommst du, um Papa zu sprechen? fragte er auf einmal, und
mir wurde da sofort klar, dass die Erziehung von dem Jungen viel zu
wnschen brig liess, sonst htte er Kommen Sie gesagt. Doch weil
ich mich in meiner Situation nicht recht wohl fhlte und was reden
wollte, antwortete ich:

--Ja, Kerlchen, ich komme, um deinen Papa zu sprechen. Wird er wohl
bald kommen, denkst du?

--Das weiss ich nicht. Er ist aus und sucht Geld, um mir einen
Tuschkasten zu kaufen.

--Still, meine Junge, sagte die Frau. Spiele mal mit deinen Bildern
oder mit der chinesischen Spieldose.

--Du weisst doch, dass der Herr gestern alles mitgenommen hat.

Auch seine Mutter nannte er du, was in Holland gerade nicht als
feine Sitte gilt, und es schien ein Herr dagewesen zu sein, der
alles mitgenommen hatte ... ein spassiger Besuch! Die Frau schien
auch nicht bei Laune, denn sie wischte sich heimlich die Augen, als
sie das kleine Mdchen zu ihrem Bruder hinbrachte. Da, sagte sie,
spiel' 'n bisschen mit Nonni. Ein seltsamer Name. Und das that er.

--Nun, Frau Shawlmann, fragte ich, erwarten Sie Ihren Mann bald zurck?

--Ich kann nichts Bestimmtes sagen, antwortete sie.

Da liess auf einmal der kleine Junge seine Schwester, mit der er
Kahnfahren gespielt hatte, im Stich und fragte mich:

--M'nheer, warum sagst du zu Mama: Frau?

--Wie denn, Brschchen, was muss ich denn sonst sagen?

--Na ... so wie andere Menschen! Die Frau ist unten. Die verkauft
Schsseln und Brummkreisel.

Nun bin ich Makler in Kaffee--Last & Co., Lauriergracht No. 37--wir
sind unser dreizehn auf dem Kontor, und wenn ich Stern mitzhle,
der kein Salair empfngt, sind es vierzehn. Nun wohl, meine Ehefrau
ist Frau, und ich sollte nun zu solchem Weib Mevrouw sagen? Das
ging doch nicht! Jeder muss in seinem Stande bleiben, und, was mehr
bedeutet, gestern hatten die Gerichtsvollzieher den ganzen Kram
weggeholt. Ich fand mein Frau also gut, und blieb dabei.

Ich fragte, warum Shawlmann nicht bei mir vorgesprochen htte,
um sein Paket wieder abzuholen. Sie schien davon zu wissen und
sagte, dass sie auf Reisen gewesen wren, nach Brssel. Dass er da
fr die Indpendance gearbeitet habe, dass er jedoch nicht htte
bleiben knnen, weil seine Artikel Ursache waren, dass das Blatt an
der franzsischen Grenze so oft zurckgewiesen wurde. Dass sie vor
einigen Tagen nach Amsterdam zurckgekehrt seien, weil Shawlmann hier
eine Stellung erhalten sollte ...

--Gewiss bei Gaafzuiger? fragte ich.

Ja, so war es. Doch das war nichts Rechtes, sagte sie. Nun, hiervon
wusste ich mehr als sie selbst. Er hatte die Aglaja fallen lassen
und war faul, dnkelhaft und krnklich ... nur darum war er weggejagt.

Und, fuhr sie fort, gewiss werde er dieser Tage zu mir kommen und
vielleicht jetzt gerade zu mir hin sein, um sich Antwort auf das von
ihm gestellte Ersuchen zu holen.

Ich sagte, dass Shawlmann ruhig mal kommen knne, doch dass er nicht
klingeln solle, denn das ist so unbequem fr das Mdchen. Wenn er
einen Augenblick wartete, sagte ich, wrde die Thr wohl mal offen
gehen, wenn jemand heraus msste. Und darauf ging ich fort und nahm
meine Zuckersachen wieder mit, denn, geradeaus gesagt, es gefiel mir
da nicht. Ich fhlte mich nicht wohl dort. Ein Makler ist doch kein
Dienstmann, dnkt mich, und ich kann doch wohl behaupten, dass ich
anstndig aussehe. Ich hatte meinen Rock mit Pelzgarnitur an, und doch
sass sie da so kommode und plauderte so ruhig mit ihren Kindern, wie
wenn sie allein gewesen wre. Obendrein, sie schien geweint zu haben,
und unzufriedene Menschen kann ich nicht vertragen. Auch war es kalt
und unbehaglich--gewiss weil der ganze Hausstand weggeholt war--und
ich gebe viel auf Behaglichkeit in einem Zimmer. Whrend ich nach
Hause ging, beschloss ich, es noch einmal mit Bastians anzusehen;
denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse.

Nun folgt die erste Woche von Stern. Es ist selbstverstndlich,
dass viel drin vorkommt, das mir nicht gefllt. Aber ich muss mich
an Artikel 2 halten, und die Rosemeyers haben es gut gefunden. Ich
glaube zu bemerken, dass sie sich viel Mhe um Stern geben, weil er
einen Onkel in Hamburg hat, der in Zucker macht.

Shawlmann war in der That dagewesen. Er hatte Stern gesprochen und
ihm einige Wrter und Dinge erklrt, die er nicht verstand. Die Stern
nicht verstand, meine ich. Ich ersuche nun den Leser, sich durch
die folgenden Kapitel durchzuarbeiten, dann verspreche ich, dass ich
hinterher wieder etwas von mehr solider Art bringen werde, von mir,
Batavus Droogstoppel, Makler in Kaffee: Last & Co., Lauriergracht
No. 37.






FNFTES KAPITEL.


Es war des Morgens um zehn Uhr eine ungewhnliche Bewegung auf
dem grossen Wege, der die Abteilung Pandeglang verbindet mit
Lebak. Grosser Weg ist vielleicht etwas zu viel gesagt von dem
breiten Fusspfad, den man, aus Hflichkeit und Ermangelung eines
bessern, den Weg nannte. Doch wenn man mit einem vierspnnigen
Fuhrwerk von Serang, dem Hauptplatz der Residentschaft Bantam,
verzog, mit der Absicht, sich nach Rangkas-Betung zu begeben, dem
neuen Hauptplatz im Lebakschen, konnte man einigermassen sicher sein,
nach einiger Zeit dort anzukommen. Es war also ein Weg. Wohl blieb
man fortwhrend im Morast stecken, der in den Bantamschen Tieflanden
schwer, lehmig und klebrig ist, wohl war man oft gentigt, die Hlfe
der Bewohner der nchstgelegenen Drfer anzurufen--waren sie auch
nicht sehr nahe, denn die Drfer sind nur dnn geset in diesen
Gegenden--aber wenn es einem dann endlich geglckt war, an die
zwanzig Landbauer aus der Umgegend beisammen zu kriegen, so dauerte
es gewhnlich nicht sehr lange, bis man Pferde und Wagen wieder auf
festen Grund gebracht hatte. Der Kutscher knallte mit der Peitsche,
die Lufer--in Europa wrde man, glaube ich, palfreniers sagen,
oder richtiger vielleicht, es besteht in Europa nichts, das diesen
Lufern entsprechen wrde--die unvergleichlichen Lufer also mit ihren
kurzen, dicken Peitschen sprangen wieder neben dem Viergespann her,
stiessen unbeschreibliche Tne aus und schlugen den Pferden anfeuernd
unter den Bauch. So rumpelte man dann einige Zeit weiter, bis der
verdriessliche Moment wieder da war, dass man bis ber die Achsen
in den Moder sank. Dann fing das Rufen um Hlfe aufs neue an. Man
wartete geduldig, bis die Hlfe kam, und ... krebste weiter.

Oftmals, wenn ich diesen Weg entlang ging, war es mir, als msste
ich hier und da einen Wagen finden mit Reisenden aus dem vorigen
Jahrhundert, die in den Schlamm gesunken und vergessen waren. Aber
das ist mir niemals vorgekommen. Ich vermute also, dass alle, die
je diesen Weg entlang kamen, endlich dort angelangt sein werden,
wo sie sein wollten.

Man wrde sich sehr irren, wenn man sich von dem ganz grossen
Weg auf Java eine Vorstellung nach dem Massstabe dieses Weges im
Lebakschen bilden wollte. Die eigentliche Heerstrasse mit ihren
vielen Abzweigungen, die der Marschall Daendels mit Opferung von viel
Volk anlegen liess, ist in der That ein prchtiges Stck Arbeit,
und man steht wie gebannt vor der Geisteskraft des Mannes, der,
ungeachtet aller Schwierigkeiten, die seine Neider und Widersacher im
Mutterland ihm in den Weg legten, dem Unwillen der Bevlkerung und der
Unzufriedenheit der Huptlinge zu trotzen wagte, um ein Ding zustande
zu bringen, das noch heute jedermanns Bewunderung erregt und verdient.

Keine der mit Pferden betriebenen berland-Posten in Europa--selbst
nicht in England, Russland oder Ungarn--kann denn auch der auf Java
gleichgestellt werden. ber hohe Bergrcken, hart an Abgrnden vorbei,
die dich erschauern lassen, fliegt der schwerbepackte Reisewagen in
einem Galopp dahin. Der Kutscher sitzt wie auf den Bock genagelt,
Stunden geht es, ja, ganze Tage hintereinander fort, und er schwenkt
die schwere Peitsche mit eisernem Arm. Er weiss genau zu berechnen, wo
und wieviel er die dahinrasenden Pferde mit dem Zgel bndigen muss,
um nach einer wahren Hllenfahrt den Bergabhang hinunter drben an
jener Ecke ...

--Mein Gott, der Weg ist ... weg! Wir sausen in einen Abgrund! schreit
der unerfahrene Reisende. Da ist kein Weg ... da ist die Tiefe!

Ja, so scheint es. Der Weg macht eine Biegung, und just da, wo einen
Galoppsprung weiter dem Vorspann der feste Boden unter den Fssen
schwinden wrde, wenden die Pferde und schleudern das Fuhrwerk die
Ecke herum. Sie fliegen die Berghhe hinauf, die ihr einen Augenblick
frher nicht sahet, und ... der Abgrund liegt hinter euch.

Es giebt bei solcher Gelegenheit Augenblicke, wo der Wagen allein auf
den Rdern an der Aussenseite der Kurve ruht, die ihr beschreibt:
die zentrifugale Kraft hat die inneren Rder vom Boden gehoben. Es
gehrt Kaltbltigkeit dazu, dass man die Augen nicht schliesse, und
wer zum erstenmal auf Java reist, schreibt an seine Familie in Europa,
dass er in Lebensgefahr geschwebt habe. Aber wer dort zu Hause ist,
lacht ber diese Angst.

Es ist nicht meine Absicht, vor allem nicht hier am Anfang meiner
Erzhlung, den Leser lange mit der Beschreibung von Pltzen,
Landschaften oder Gebuden aufzuhalten. Ich frchte ihn durch Dinge,
die langweilig wirken, zu sehr abzuschrecken, und erst spter, wenn ich
fhle, dass er fr mich gewonnen ist, wenn ich an Blick und Haltung
bemerke, dass das Los der Heldin, die irgendwo vom Balkon eines
vierten Stockwerks springt, ihm Interesse einflsst, dann lasse ich
sie, mit stolzer Verachtung aller Gesetze der Schwerkraft, zwischen
Himmel und Erde schweben, bis ich meinem Herzen Luft gemacht habe in
der sorgfltigen Schilderung der Schnheiten der Landschaft, oder des
Gebudes, das da an irgend einer Stelle hingestellt zu sein scheint,
um einen Vorwand fr eine viele Seiten fassende Charakterisierung
mittelalterlicher Architektur an die Hand zu geben. All diese
Burgen sind einander hnlich. Durchgngig sind sie von heterogener
Bauart. Das corps de logis, das Hauptgebude, datiert stets von
einigen Regierungen frher als die Anhngsel, die unter diesem oder
jenem spteren Knig angefgt sind. Die Trme sind in verfallenem
Zustande ...

Werter Leser, es giebt keine Trme. Ein Turm ist ein Gedanke, ein
Traum, ein Ideal, ein Ersonnenes, unertrgliche bertreibung! Es
giebt halbe Trme, und ... Trmchen.

Die Schwrmerei, die glaubte Trme setzen zu mssen auf die Gebude,
die aufgerichtet wurden zu Ehren dieses oder jenes Heiligen,
dauerte nicht lange genug, um sie zu vollenden, und die Spitze,
die den Glubigen nach dem Himmel weisen soll, ruht, gewhnlich ein
paar Stockwerke zu tief, auf der massiven Basis, was an den Mann ohne
Hften erinnert, der auf dem Jahrmarkt zu sehen ist. Einzig Trmchen,
auf Dorfkirchen kleine Spitzgiebelchen, hat man zustande gebracht.

Es ist wahrlich nicht schmeichelhaft fr die Kultur des Westens, dass
selten der Gedanke, ein grosses Werk vollbringen zu wollen, sich lange
genug hat lebendig erhalten knnen, um das Werk vollendet zu sehen. Ich
rede hier nicht von Unternehmungen, deren Zuendefhrung ntig war,
um die Kosten zu decken. Wer recht wissen will, was ich meine, sehe
sich den Dom zu Kln an. Er gebe sich Rechenschaft von der stolzen
Vorstellung des Bauwerks, wie sie in der Seele des Baumeisters Gerhard
von Riehl lebendig war ... vom Glauben im Herzen des Volks, das ihn
in den Stand setzte, das Werk anzufangen und fortzusetzen ... von der
Kraft des Innenlebens, das solch einen Koloss ntig hatte, um als
sichtbarer Ausdruck des unsichtbaren religisen Gefhls zu dienen
... und er vergleiche diesen hohen Schwung mit der Lauheit, die es
einige Jahrhunderte spter dazu kommen liess, dass das Werk stillstand.

Es liegt eine tiefe Kluft zwischen Erwin von Steinbach und unseren
Baumeistern! Ich weiss, dass man seit einigen Jahren daran ist,
diese Kluft auszufllen. Auch an dem Klner Dom baut man wieder. Aber
wird man den abgerissenen Faden wieder anknpfen knnen? Wird man
wiederfinden in unseren Tagen, was damals die Kraft ausmachte von
Kirchenvoigt und Bauherrn? Ich glaube es nicht. Geld wird wohl
aufzubringen sein, und hierfr ist Stein und Kalk feil. Man kann
den Knstler bezahlen, der einen Plan entwirft, und den Maurer, der
die Steine fgt. Doch nicht ist fr Geld feil das irrende und doch
ehrerbietungswrdige Gefhl, das in einem Bauwerk eine Dichtung sah,
eine Dichtung von Granit, die laut sprach zum Volke, eine Dichtung
in Marmor, die dastand wie ein unbewegliches, unaufhrliches,
ewiges Gebet.--

Auf der Grenze zwischen Lebak und Pandeglang also war eines Morgens
eine ungewhnliche Bewegung. Hunderte von gesattelten Pferden bedeckten
den Weg, und tausend Menschen mindestens--was viel war fr diesen
Fleck--liefen in geschftiger Erwartung hin und her. Hier sah man die
Huptlinge der Drfer und die Distriktshuptlinge aus dem Lebakschen,
alle mit ihrem Gefolge, und zu urteilen nach dem schnen, reich
gesattelten Araberbastard, der auf seiner silbernen Trense herumbiss,
war auch ein Huptling hheren Ranges hier am Platze. Das war denn
auch der Fall. Der Regent von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta
Negara, hatte mit grossem Gefolge Rangkas-Betung verlassen und trotz
seines hohen Alters die zwlf oder vierzehn Pfhle zurckgelegt,
die zwischen seinem Wohnort und den Grenzen der benachbarten Abteilung
Pandeglang lagen.

Es wurde ein neuer Assistent-Resident erwartet, und der Brauch,
der in Indien mehr denn sonst irgendwo Gesetzeskraft hat, will,
dass der Beamte, der mit der Verwaltung einer Abteilung betraut ist,
bei seiner Ankunft festlich eingeholt werde. Auch der Kontrolleur war
hier anzutreffen, ein Mann mittleren Alters, der seit einigen Monaten
nach dem Tode des vorigen Assistent-Residenten als Nchster im Range
die Verwaltung wahrgenommen hatte.

Sobald die Zeit der Ankunft des neuen Assistent-Residenten bekannt
geworden war, hatte man in aller Eile eine Pendoppo, ein indisches
Zeltdach, aufrichten lassen, einen Tisch und einige Sthle dahin
gebracht und einige Erfrischungen bereit gesetzt. In dieser Pendoppo
erwartete der Regent mit dem Kontrolleur die Ankunft des neuen Chefs.

Nach einem Hut mit breitem Rand, einem Regenschirm oder einem hohlen
Baum ist eine Pendoppo gewiss der einfachste Ausdruck der Vorstellung
Dach. Denkt euch vier oder sechs Bambuspfhle in den Boden gerammt,
die oben an den Enden durch weitere Bambusstangen miteinander
verbunden sind, worauf dann eine Bedachung von den langen Blttern
der Wasserpalme gesetzt ist, die in diesen Gegenden 'atap' heisst,
und ihr werdet euch die sogenannte 'pendoppo' vorstellen knnen. Sie
ist, wie ihr seht, so einfach wie nur mglich, und sie sollte hier
denn auch nur dienen als 'pied  terre' fr die europischen und
inlndischen Beamten, die dort ihrem neuen Oberhaupt einen Willkomm
an den Grenzen entgegenbringen wollten.

Ich habe mich nicht ganz korrekt ausgedrckt, als ich den
Assistent-Residenten das Oberhaupt auch des Regenten nannte. Eine
Verbreitung ber den Mechanismus der Verwaltung in diesen Landstrichen
ist hier fr das rechte Verstndnis dessen, was folgen wird, notwendig.

Das sogenannte Niederlndisch-Indien--das Adjektiv niederlndisch
kommt mir einigermassen unzutreffend vor, doch es wurde offiziell
angenommen--ist, was das Verhltnis des Mutterlandes zur Bevlkerung
angeht, in zwei sehr verschiedene Hauptteile zu zerlegen. Ein Teil
besteht aus Stmmen, deren Frsten und Frstchen die Oberherrschaft
Niederlands als suzerein anerkannt haben, wobei jedoch noch immer
die unmittelbare Verwaltung im Mehr- oder Mindermass in den Hnden
der eingeborenen Huptlinge selbst geblieben ist. Ein anderer Teil, zu
dem--mit einer sehr kleinen, vielleicht nur scheinbaren Ausnahme--ganz
Java gehrt, ist Niederland unmittelbar unterworfen. Von Tribut
oder Besteuerung oder Bundesgenossenschaft ist hier keine Rede. Der
Javane ist Niederlndischer Unterthan. Der Knig von Niederland ist
sein Knig. Die Nachkommen seiner frheren Frsten und Herren sind
Niederlndische Beamte. Sie werden angestellt, versetzt, befrdert vom
Generalgouverneur, der im Namen des Knigs regiert. Der Verbrecher wird
abgeurteilt nach dem Gesetz, das vom Haag ausgegangen ist. Die Abgaben,
die der Javane aufbringt, fliessen in den Staatsschatz von Niederland.

Von diesem Teil der Niederlndischen Besitzungen, der also in der
That einen Teil des Knigreichs der Niederlande ausmacht, wird in
diesen Blttern hauptschlich die Rede sein.

Dem Generalgouverneur steht ein Rat zur Seite, der jedoch auf seine
Beschlsse keinen entscheidenden Einfluss hat. Zu Batavia sind die
unterschiedlichen Verwaltungszweige Departements zugeteilt, an deren
Spitze Direktoren gestellt sind, die das Bindeglied darstellen zwischen
der Oberverwaltung des Generalgouverneurs und den Residenten in den
Provinzen. Bei Behandlung der Geschfte politischer Bedeutung wenden
sich diese Beamten gleichwohl unmittelbar an den Generalgouverneur.

Die Benennung Resident entstammt aus der Zeit, da Niederland nur erst
mittelbar als Lehnsherr die Bevlkerung beherrschte und sich an den
Hfen der noch regierenden Frsten durch Residenten reprsentieren
liess. Diese Frsten bestehen nicht mehr, und die Residenten sind, als
Gouverneure der Distrikte oder Prfekten, Verwalter von Landschaften
geworden. Ihr Wirkungskreis ist verndert, doch der Name ist geblieben.

Es sind diese Residenten, die eigentlich die Niederlndische Autoritt
gegenber der javanischen Bevlkerung darstellen. Das Volk kennt
weder den Generalgouverneur, noch die Rte von Indien, noch die
Direktoren zu Batavia. Es kennt nur den Residenten, sowie die Beamten,
die unter ihm ber das Volk walten.

Eine solche Residentschaft--es giebt welche, die beinahe eine Million
Seelen fassen--ist geteilt in drei, vier oder fnf Abteilungen oder
Regentschaften, an deren Haupt Assistent-Residenten gestellt
sind. Unter diesen wieder wird die Verwaltung durch Kontrolleure
ausgebt, durch Aufseher und eine Anzahl von anderen Beamten, die
ntig sind fr die Eintreibung der Abgaben, fr die Inspektion des
Landbaues, fr die Auffhrung von Gebuden, fr die Staatswasserwerke,
fr die Polizei und das Rechtswesen.

In jeder Abteilung steht ein Inlndischer Huptling hohen Ranges mit
dem Titel eines Regenten dem Assistent-Residenten zur Seite. So
ein Regent gehrt, obwohl sein Verhltnis zur Verwaltung und sein
Arbeitsfeld ganz das eines besoldeten Beamten ist, immer zum hohen Adel
des Landes, und oftmals zu der Familie der Frsten, die frher in der
Landschaft oder in der Nachbarschaft unabhngig regiert haben. Sehr
diplomatisch wird also von ihrem uralten, feudalen Einfluss--der in
Asien berall von grossem Gewicht ist und bei den meisten Stmmen als
ein Religionsmoment zu erkennen ist--Gebrauch gemacht, sintemal durch
die Ernennung dieser Huptlinge zu Beamten eine Hierarchie geschaffen
wird, an deren Spitze die Niederlndische Autoritt steht, die durch
den Generalgouverneur ausgebt wird.

Es ist nichts Neues unter der Sonne. Wurden nicht die Reichs-, Mark-,
Gau- und Burggrafen des Deutschen Reiches ebenso durch den Kaiser
angestellt und meistens aus den Baronen ausgewhlt? Ohne weiteres
Eingehen auf den Ursprung des Adels, der ganz in der Natur der Sache
liegt, mchte ich doch dem Hinweis Raum geben, wie in unserm Erdteil
und drben im fernen Indien dieselben Ursachen dieselben Folgen
hatten. Ein Land muss aus weiter Entfernung regiert werden, und hierzu
sind Beamte ntig, die die Zentralgewalt vergegenwrtigen. Unter
dem System der soldatesken Willkr setzten die Rmer hierfr die
Prfekten ein, im Anfang gewhnlich die Befehlshaber der Legionen,
die das betreffende Land unterworfen hatten. Solche Lndergebiete
blieben dann auch Provinzen, d. h. erobertes Gebiet. Doch als
spter die zentrale Gewalt des Deutschen Reiches das Bedrfnis fhlte,
ein etwas ferngelegenes Volk, sobald das Gebiet durch Gleichheit in
Abkunft, Sprache und Gewohnheit als zum Reiche gehrig betrachtet
wurde, noch auf andere Weise an sich zu binden als allein durch
materielles bergewicht--erwies es sich als notwendig, jemanden
mit der Leitung der Geschfte zu betrauen, der nicht allein in dem
betreffenden Lande zu Haus war, sondern durch seinen Stand ber seine
Mitbrger in der Gegend erhoben war, damit der Gehorsam gegen die
Befehle des Kaisers erleichtert werde durch gleichzeitige Neigung
zur Unterwerfung unter den, der mit der Ausfhrung dieser Befehle
betraut war. Hierdurch wurden dann zugleich ganz oder teilweise
die Ausgaben fr ein stehendes Heer vermieden, die der allgemeinen
Staatskasse, oder, wie es meist war, den Provinzen selbst zur Last
fielen, welche durch solche Heere bewacht werden mussten. So wurden
die ersten Grafen aus den Baronen des Landes ausgewhlt, und genau
genommen ist also das Wort Graf kein adeliger Titel, sondern nur die
Benennung einer mit einem bestimmten Amt betrauten Person. Ich glaube
denn auch, dass im Mittelalter die Meinung bestand, dass der deutsche
Kaiser wohl das Recht hatte, Grafen, d. h. Landschaftsverwalter, und
Herzge, d. h. Heerfhrer, zu ernennen, doch dass die Barone, was
ihre Geburt angeht, dem Kaiser gleich und allein von Gott abhngig
zu sein behaupteten, unbeschadet der Verpflichtung, dem Kaiser zu
dienen, falls dieser mit ihrer Zustimmung und aus ihrer Mitte erwhlt
war. Ein Graf bekleidete ein Amt, zu dem ihn der Kaiser berufen. Ein
Baron betrachtete sich als Baron durch die Gnade Gottes. Die Grafen
vertraten den Kaiser und fhrten als solche dessen Panier, d. h. die
Reichsstandarte. Ein Baron brachte Volk auf die Beine unter seiner
eigenen Fahne, als Bannerherr.

Der Umstand nun, dass Grafen und Herzge gewhnlich den Baronen
entnommen wurden, brachte zuwege, dass sie das Gewicht ihres Amtes
neben dem Einfluss, den sie ihrer Geburt entlehnten, in die Schale
legten, und hieraus scheint spter, vor allem als die Erblichkeit
dieser Stellungen Gewohnheit geworden war, der Vorrang entstanden zu
sein, den diese Titel vor dem eines Barons hatten. Noch heutzutage
wrde manche freiherrliche Familie--ohne kaiserliches oder knigliches
Patent, d. h. eine solche Familie, die ihren Adel vom Urentstehen
des Landes herleitet, die immer von Adel war, weil sie von Adel
war--autochthon--eine Erhebung in den Grafenstand als entadelnd
abweisen. Man hat Beispiele dafr.

Die Personen, die mit der Verwaltung solcher Grafschaft beauftragt
waren, trachteten natrlich von dem Kaiser zu erlangen, dass ihre
Shne, oder, falls dieselben fehlten, andere Blutsverwandte, ihnen
in ihrer Stellung folgen sollten. Dies geschah denn auch gewhnlich,
obschon ich nicht glaube, dass je das Recht auf diese Nachfolge
organisch anerkannt worden ist, wenigstens, was diese Beamten in den
Niederlanden angeht, z. B. die Grafen von Holland, Seeland, Hennegau
oder Flandern, die Herzge von Brabant, Gelderland u. s. w. Es
war zu Anfang eine Gunst, bald eine Gewohnheit, schliesslich eine
Notwendigkeit, doch niemals wurde diese Erblichkeit Gesetz.

Ungefhr in der gleichen Art--was die Wahl der Personen angeht, da hier
von Gleichheit des Arbeitsfeldes nicht die Rede ist, wiewohl auch in
dieser Hinsicht eine gewisse bereinstimmung ins Auge fllt--steht an
der Spitze einer Abteilung auf Java ein eingeborener Beamter, der den
ihm von der Regierung verliehenen Rang mit seinem autochthonen Einfluss
verbindet, um dem europischen Beamten, der die Niederlndische
Autoritt wahrnimmt, die Verwaltung zu erleichtern. Auch hier ist
die Erblichkeit, ohne durch ein Gesetz bestimmt zu sein, zu einer
Gewohnheit geworden. Noch bei Lebzeiten des Regenten findet meistens
diese Regelung statt, und es gilt als eine Belohnung fr Diensteifer
und Treue, wenn man ihm die Zusage giebt, dass ihm als Nachfolger in
seiner Stellung sein Sohn folgen werde. Es mssen schon sehr gewichtige
Grnde vorhanden sein, wenn einmal von dieser Regel abgewichen wird,
und wo dies der Fall sein sollte, whlt man doch gewhnlich den
Nachfolger aus den Mitgliedern dieser selben Familie.

Das Verhltnis zwischen europischen Beamten und derartigen
hochgestellten javanischen Grossen ist sehr heikler Art. Der
Assistent-Resident einer Abteilung ist die verantwortliche Person. Er
hat seine Instruktionen und steht da als das Haupt der Abteilung. Dies
hindert jedoch nicht, dass der Regent durch Ortskenntnis, durch Geburt,
durch Einfluss auf die Bevlkerung, durch finanzielle Einknfte
und hiermit bereinstimmende Lebensweise weit ber ihn erhoben
steht. Obendrein ist der Regent, als Reprsentant des javanischen
Elements eines Landkomplexes und bestimmt, im Namen der hundert- oder
mehr tausend Seelen zu sprechen, die seine Regentschaft bevlkern,
auch in den Augen der Regierung eine Person von viel grsserer
Wichtigkeit als der simple europische Beamte, dessen Unzufriedenheit
nicht gefrchtet werden braucht, da man fr ihn viele andere an die
Stelle bekommen kann, whrend die minder gute Stimmung eines Regenten
vielleicht der Keim von Aufruhr oder Aufstand werden knnte.

Dem allen ist also der merkwrdige Umstand zuzuschreiben,
dass eigentlich der Geringere dem Vornehmeren befiehlt. Der
Assistent-Resident gebietet dem Regenten, ihm Angaben ber dies
und das zu machen. Er gebietet ihm, Steuern einzutreiben. Er ruft
ihn auf, Sitz im Landrat zu nehmen, wo er, der Assistent-Resident,
den Vorsitz fhrt. Er tadelt ihn, wo er einer Pflichtversumnis
schuldig ist. Dieses sehr eigenartige Verhltnis ist nur denkbar bei
usserst hflichen Formen, die gleichwohl weder Herzlichkeit, noch,
wo es ntig scheint, Strenge ausschliessen brauchen, und ich glaube,
dass der Ton, der in diesem Verhltnis herrschen muss, sehr treffend
in der offiziellen Vorschrift angedeutet ist, die dahin geht: der
europische Beamte habe den inlndischen Beamten, der ihm zur Seite
steht, zu behandeln wie seinen jngeren Bruder.

Aber er vergesse nicht, dass dieser jngere Bruder bei den
Eltern sehr beliebt ist--oder gefrchtet--und dass bei vorkommenden
Zwistigkeiten sein dieserweise konstruierter Altersvorsprung als
Beweggrund in Rechnung gebracht werden kann, ihm belzunehmen, dass
er seinen jngeren Bruder nicht mit mehr Nachgiebigkeit oder Takt
behandelte.

Die angeborene Hflichkeit des Javanischen Grossen--selbst der geringe
Javane ist viel hflicher als sein europischer Standesgenosse--macht
gleichwohl dies scheinbar schwierige Verhltnis ertrglicher, als es
sonst sein wrde.

Der Europer sei wohlerzogen und zartfhlend, er gebe sich mit
freundlicher Wrdigkeit, und er kann dann gewiss sein, dass der Regent
seinerseits ihm die Verwaltung angenehm machen wird. Dem im Grunde
beiden Teilen peinlichen Befehl, in ersuchender Form geussert,
wird mit Pnktlichkeit nachgekommen. Der Unterschied in Stand,
Geburt, Reichtum wird durch den Regenten selbst ausgewischt, der den
Europer, als Vertreter des Knigs der Niederlande, zu sich erhebt, und
schliesslich ist ein Verhltnis, das, oberflchlich betrachtet, Zwist
zuwege bringen sollte, sehr oft die Quelle eines angenehmen Verkehrs.

Ich sagte, dass diese Regenten auch durch Reichtum den Vorrang vor
dem europischen Beamten htten, und das ist natrlich. Der Europer
ist, wenn er an die Verwaltung einer Provinz berufen wird, die an
Ausdehnung vielen deutschen Herzogtmern gleich steht, gewhnlich
ein Mann von mittlerem oder mehr als mittlerem Alter, verheiratet
und Vater. Er bekleidet ein Amt um des Brotes willen. Seine Einknfte
sind gerade ausreichend und oft auch nicht ausreichend, um den Seinen
das Ntige zu verschaffen. Der Regent ist: 'Tommongong', 'Adhipatti',
ja, sogar 'Pangerang', d. h. Javanischer Prinz. Es handelt sich fr
ihn nicht darum, dass er lebe, er muss so leben, wie das Volk es
von seiner Aristokratie zu sehen gewohnt ist. Whrend der Europer
ein Haus bewohnt, ist vielfach sein Aufenthalt ein 'Kratoon', mit
vielen Husern und Drfern darin. Whrend der Europer eine Frau hat,
mit drei, vier Kindern, unterhlt er eine ganze Anzahl von Frauen
mit allem, was dazu gehrt. Whrend der Europer ausreitet, gefolgt
von einigen Beamten, nicht mehr, als bei seiner Inspektionsreise
zur Erteilung von Anweisungen unterwegs ntig sind, wird der Regent
begleitet von Hunderten, die zum Gefolge gehren, das in den Augen
des Volks untrennbar ist von seinem hohen Range. Der Europer lebt
brgerlich, der Regent lebt--oder man erwartet von ihm, dass er so
lebt--wie ein Frst.

Doch das alles muss bezahlt werden. Die Niederlndische Verwaltung,
die auf den Einfluss dieser Regenten gegrndet ist, weiss dies,
und nichts ist also natrlicher, als dass sie deren Einknfte zu
einer Hhe gefhrt hat, die dem Nicht-Indier bertrieben vorkommen
wrde, aber in Wirklichkeit selten fr die Bestreitung der Ausgaben
hinreichend ist, die mit der Lebensweise eines solchen inlndischen
Oberhauptes verbunden sind. Es ist nichts Ungewhnliches, Regenten,
die zwei-, ja, dreimalhunderttausend Gulden jhrliches Einkommen
haben, in Geldverlegenheit zu sehen. Hierzu trgt viel bei die
sozusagen frstliche Gleichgltigkeit, mit der sie ihre Einknfte
verschleudern, ihre Nachlssigkeit in der Bewachung ihrer Untergebenen,
ihre krankhafte Kauflust und vor allem der Missbrauch, der hufig
von Europern bei einer derartigen Lage der Dinge getrieben wird.

Die Einknfte der javanischen Hupter lassen sich in vier Teile
teilen. Zum ersten das bestimmte Monatsgeld. Dann eine feste
Summe als Schadloshaltung fr abgekaufte Rechte, die auf die
Niederlndische Verwaltung bergegangen sind. Drittens eine Belohnung
in bereinstimmung mit der Quantitt der in ihrer Regentschaft
erzielten Produkte, als Kaffee, Zucker, Indigo, Zimmt u. s. w. Und
schliesslich: die willkrliche Verfgung ber die Arbeit und ber
das Eigentum ihrer Unterthanen.

Die beiden letzten Einkunftsquellen verlangen einige Erklrung. Der
Javane ist nach Art der Dinge Landbauer. Der Grund, auf dem er
geboren wurde und der bei wenig Arbeit viel verspricht, ist ihm hierzu
Veranlassung, und vor allem ist er mit Leib und Seele der Bebauung
seiner Reisfelder ergeben, worin er denn auch sehr erfahren ist. Er
wchst auf inmitten seiner 'sawah's' und 'gagah's' und 'tipar's',
begleitet schon in sehr jugendlichem Alter seinen Vater aufs Feld,
wo er ihm in der Arbeit mit Pflug und Spaten behlflich ist an Dmmen
und Wasserleitungen zur Bewsserung seiner cker. Er zhlt seine
Jahre nach Ernten, er rechnet die Zeit nach der Farbe seiner zufelde
stehenden Halme, er fhlt sich heimisch unter den Genossen, die mit ihm
'padie', d. h. den unenthlsten Reis, schnitten, er sucht seine Frau
unter den Mdchen der dessah, die am Abend unter frhlichem Gesange
den Reis stampfen, um ihn der Hlsen zu entledigen ... der Besitz von
ein paar Bffeln, die seinen Pflug ziehen werden, ist das Ideal, das
ihm entgegenlchelt ... kurzum, der Reisbau ist fr den Javanen das,
was in den Rheingegenden und in Sdfrankreich der Weinbau ist.

Doch es kamen Fremdlinge aus dem Westen, die sich zu Herren des Landes
machten. Es lstete sie, Vorteil zu ziehen aus der Fruchtbarkeit
des Bodens, und sie beauftragten den Bewohner, einen Teil seiner
Arbeit und seiner Zeit der Hervorbringung anderer Dinge zu widmen,
die mehr Gewinn abwerfen wrden auf den Mrkten von Europa. Um den
geringen Mann hierzu zu bewegen, war nicht mehr als eine sehr einfache
Staatskunst ntig. Er gehorsamt seinen Huptlingen, man hatte also
nur diese Huptlinge zu gewinnen, indem man ihnen einen Teil des
Gewinnes zusagte, und ... es glckte vollkommen.

Wenn man auf die erschreckliche Masse von Javaprodukten, die in
Niederland dem Kufer angeboten werden, seine Aufmerksamkeit lenkt, so
kann man sich davon berzeugen, wie zweckentsprechend diese Politik
war, findet man sie auch gleich nicht edel. Denn, mchte jemand
fragen, ob der Landbauer selbst eine diesem Erfolge entsprechende
Belohnung geniesst, so muss ich hierauf eine verneinende Antwort
geben. Die Regierung verpflichtet ihn, auf seinem Grunde zu ziehen,
was ihr behagt, sie bestraft ihn, wenn er das also hervorgebrachte
irgend jemandem anders verkauft als ihr, und sie selbst setzt den
Preis fest, den sie ihm dafr bezahlt. Die Kosten der berfuhr nach
Europa durch Vermittlung eines bevorrechteten Handelskrpers sind
hoch. Die den Huptlingen gewhrten Ermutigungsgelder beschweren
obendrein den Einkaufspreis, und ... da doch schliesslich die ganze
Sache Gewinn abwerfen muss, kann dieser Gewinn nicht anders erzielt
werden, als dass man dem Javanen just soviel ausbezahlt, dass er
nicht Hungers sterbe, was, wenn es geschhe, die produktive Kraft
der Nation vermindern wrde.

Auch den europischen Beamten wird eine Belohnung ausgezahlt, die
sich nach der Hhe des erzielten Ertrages richtet.

Wohl wird also der arme Javane vorwrts gepeitscht durch zwiefache
Gewalt, wohl wird er vielfach abgezogen von seinen Reisfeldern, wohl
ist Hungersnot oft die Folge dieser Massregeln, indessen ... frhlich
flattern zu Batavia, zu Samarang, zu Surabaja, zu Passaruan, zu
Bessuki, zu Probolingo, zu Patjitan, zu Tjilatjap die Flaggen an Bord
der Schiffe, die beladen werden mit den Ernten, die die Niederlande
reich machen.

Hungersnot? Auf dem reichen, fruchtbaren, gesegneten Java
Hungersnot? Ja, Leser. Vor wenigen Jahren sind ganze Distrikte
ausgestorben durch den Hunger. Mtter boten ihre Kinder als Speise
zu Kauf an. Mtter haben ihre Kinder gegessen ...

Aber dann hat sich das Mutterland um die Sache bekmmert. In den
Beratungsslen der Volksvertretung ist man darber unzufrieden gewesen,
und der damalige Landvogt hat Befehl geben mssen, dass man es in
der Verbreitung der sogenannten europischen Marktprodukte fortan
nicht wieder treiben drfe bis zur Hungersnot ...

Ich bin hier bitter geworden. Was mchtet ihr denken von jemandem,
der solche Dinge niederschreiben kann ohne Bitterkeit?

Mir bleibt noch brig, ber die letzte und vornehmlichste Art der
Einknfte von Inlndischen Huptlingen zu sprechen: die Macht der
willkrlichen Verfgung ber Personen und ber das Eigentum ihrer
Unterthanen.

Gemss der allgemeinen Auffassung in beinahe ganz Asien gehrt der
Unterthan mit allem, was er besitzt, dem Frsten. Dies ist auch auf
Java der Fall, und die Nachkommen oder Verwandten der frheren Frsten
nutzen gern die Unkenntnis der Bevlkerung aus, die nicht recht
begreift, dass ihr 'Tommongong' oder 'Adhipatti' oder 'Pangerang'
jetzt ein besoldeter Beamter ist, der seine eigenen und ihre Rechte
fr ein bestimmtes Einkommen verkauft hat, und dass so die krglich
belohnte Arbeit in Kaffeegarten oder Zuckerfeld an die Stelle der
Abgaben getreten ist, die frher durch die Herren des Landes von den
Schollenbewohnern gefordert wurden. Nichts ist also alltglicher, als
dass hunderte von Familien aus weiter Entfernung aufgerufen werden,
ohne Bezahlung Felder zu bearbeiten, die dem Regenten gehren. Nichts
ist alltglicher als die unbezahlte Lieferung von Lebensmitteln zum
Unterhalt der Hofhaltung des Regenten. Und so der Regent ein geflliges
Auge werfen mag auf das Pferd, den Bffel, die Tochter, die Frau
des geringen Mannes, wrde man es unerhrt finden, wenn dieser die
bedingungslose Verzichtleistung auf den begehrten Gegenstand weigerte.

Es giebt Regenten, die von solcher Macht der willkrlichen Verfgung
einen mssigen Gebrauch machen und nicht mehr von dem geringen Mann
fordern, als zur Erhaltung ihres Ranges durchaus ntig ist. Andere
gehen etwas weiter, und ganz und gar fehlt diese Ungesetzlichkeit
nirgends. Es ist denn auch schwierig, ja, unmglich, diesen Missbrauch
ganz auszurotten, da er seine tiefen Wurzeln in der Anlage der
Bevlkerung selbst hat, die darunter leidet. Der Javane ist freigebig,
vor allem wo es sich darum handelt, einen Beweis der Anhnglichkeit an
seinen Huptling zu geben, an den Nachkommen dessen, dem seine Vter
gehorchten. Ja, er wrde meinen, er ermangele der rechten Hochachtung,
die er seinem erblichen Herrn schuldig ist, wenn er dessen Kratoon
ohne Geschenke betrte. Solche Geschenke sind denn auch manchmal
von so geringem Werte, dass die Abweisung eine Verletzung in sich
schliessen wrde, und oft ist demgemss diese Gewohnheit eher der
Huldigung eines Kindes zu vergleichen, das seine Liebe zum Vater
durch die Darbringung eines kleinen Geschenkes zu ussern sucht,
als dass man sie als Tribut an tyrannische Willkr auffassen drfte.

Allein ... also wird durch einen lieben Brauch die Beseitigung von
Missbrauch gehindert.

Wenn der Alun-alun vor der Wohnung des Regenten in verwildertem
Zustande lge, wrde die umwohnende Bevlkerung sich dessen schmen,
und es wre viel Macht ntig, um sie zu hindern, den Platz von Unkraut
zu subern und ihn in einen Zustand zu bringen, der mit dem Range
des Regenten bereinstimmt. Hierfr irgend eine Bezahlung zu geben,
wrde allgemein als eine Beleidigung angesehen werden. Doch in der
Nhe dieses Alun-alun oder anderswo liegen Sawahs, die des Pfluges
warten, oder einer Leitung, die das Wasser dahin fhre, manchmal aus
meilenweiter Ferne ... diese Sawahs gehren dem Regenten. Er ruft,
dass sie seine Felder bearbeite oder wssere, die Bevlkerung ganzer
Drfer auf, deren eigene Sawahs ebensosehr die Bearbeitung verlangen
... der Missbrauch ist da.

Dies ist regierungsseitig bekannt, und wer die Staatsbltter liest,
worin die Gesetze, Instruktionen und Anweisungen fr die Beamten
enthalten sind, jauchzt der Menschenliebe zu, die beim Entwerfen
derselben den Vorsitz gefhrt zu haben scheint. berall wird dem
Europer, der mit irgend einer Autoritt in den Binnenlanden bekleidet
ist, als eine seiner teuersten Verpflichtungen ans Herz gelegt, der
Bevlkerung Schutz zu bieten gegen ihre eigene Unterwrfigkeit und
die Habsucht der Huptlinge. Und, als wre es nicht genug, dass man
diese Verpflichtung im allgemeinen vorschreibt, es wird noch von den
Assistent-Residenten beim Antritt der Verwaltung einer Abteilung ein
besonderer Eid gefordert, dass sie diese vterliche Frsorge fr
die Bevlkerung als eine erste Pflicht betrachten wrden.

Das ist gewisslich ein schner Beruf. Gerechtigkeit walten zu
lassen, den Geringen zu schirmen gegen den Mchtigen, den Schwachen
zu beschtzen vor der bermacht des Starken, das Lamm des Armen
zurckzufordern aus den Stllen des frstlichen Rubers ... siehe,
das Herz mchte einem erglhen vor Genuss bei dem Gedanken, dass
man berufen ward zu etwas so schnem! Und wer in den javanischen
Binnenlanden bisweilen unzufrieden sein mag mit dem Orte seiner
Stationierung oder mit seinem Solde, der wende sein Auge auf die
erhabene Pflicht, die auf ihm ruht, auf die herrliche Genugthuung,
die die Erfllung solch einer Pflicht mit sich bringt, und er wird
keinen weiteren Sold begehren.

Allein ... leicht ist diese Pflicht nicht. Zuerst suche man richtig
zu beurteilen, wo der Brauch aufgehalten hat, um Missbrauch Platz
zu machen. Und ... wo der Missbrauch besteht, wo wirklich Raub und
Willkr gepflogen ist, sind vielfach die Schlachtopfer selbst hieran
mitschuldig, sei es aus zu weit getriebener Unterwrfigkeit, sei es aus
Furcht, sei es aus geringem Vertrauen auf den Willen oder die Macht
der Person, die sie schtzen soll. Jeder weiss, dass der europische
Beamte jeden Augenblick in eine andere Stellung berufen werden kann,
und dass der Regent, der mchtige Regent, dableibt. Ferner, wie viele
Methoden giebt's, um sich das Eigentum eines armen, einfltigen
Menschen zuzueignen! Wenn ein Mantrie ihm sagt, dass der Regent
sein Pferd begehre, mit der Wirkung, dass das begehrte Tier alsbald
in den Stllen des Regenten Platz erhalten hat, so beweist solches
durchaus noch nicht, dass dieser nicht die Absicht hatte, dafr--o,
sicher!--einen hohen Preis zu bezahlen ... nach einiger Zeit. Wenn
Hunderte arbeiten auf den Feldern eines Huptlings, ohne dafr
Bezahlung zu empfangen, so folgt hieraus keineswegs, dass er dies
geschehen liess zu seinem Vorteil. Konnte er nicht die Absicht haben,
ihnen die Ernte zu berlassen, in der menschenfreundlichen Berechnung,
dass sein Grund besser gelegen, fruchtbarer wre als der ihre und
also ihre Arbeit freigebiger belohnen wrde?

berdies, wo schafft der europische Beamte die Zeugen her,
die den Mut haben, eine Erklrung gegen ihren Herrn abzugeben,
den gefrchteten Regenten? Und, wagte er eine Beschuldigung, ohne
sie beweisen zu knnen, wo bleibt dann das Verhalten als lterer
Bruder, der in solchem Fall seinen jngeren Bruder ohne Grund in
seiner Ehre gekrnkt haben wrde? Wo bleibt die Gunst der Regierung,
die ihm Brot giebt fr seine Dienste, aber ihm das Brot aufsagen, ihn
verabschieden wrde als ungeschickt, wenn er eine so hochgestellte
Person wie einen Tommongong, Adhipatti oder Pangerang verdchtigt
oder angeklagt htte mit Leichtfertigkeit?

Nein, nein, leicht ist diese Pflicht nicht! Das giebt sich schon
daraus zu erkennen, dass die Neigung der Inlndischen Huptlinge,
die Grenzen des erlaubten Verfgens ber Arbeit und Eigentum ihrer
Unterthanen zu berschreiten, berall ohne Einschrnkung als bestehend
anerkannt wird ... dass alle Assistent-Residenten den Eid ablegen,
dieser verbrecherischen Gepflogenheit entgegentreten zu wollen,
und ... dass doch nur sehr selten ein Regent angeklagt wird wegen
Willkr oder wegen Missbrauchs seiner Gewalt.

Es scheint also wohl eine fast unberwindliche Schwierigkeit zu
bestehen, dem Eide gemss zu handeln, dass man der inlndischen
Bevlkerung Schutz bieten werde vor Aussaugung und Erpressung.






SECHSTES KAPITEL.


Der Kontrolleur Verbrugge war ein guter Mensch. Wenn man ihn
dasitzen sah in seinem blauen Tuchfrack mit den gestickten Eichen-
und Orangezweigen auf Kragen und rmelaufschlgen, war es schwer,
in ihm den Typus zu verkennen, der vorherrscht unter den Hollndern
in Indien ... nebenbei erwhnt, ein Menschenschlag, der sich sehr
unterscheidet von den Hollndern in Holland. Trg, so lange es
nichts zu thun gab, und fern von der kleinlichen, auch ohne Anlass
entwickelten Ameisengeschftigkeit, die in Europa fr Eifer gilt,
aber eifrig, wo Bethtigung ntig war ... einfach, aber herzlich
gegenber denen, die zu seiner Umgebung gehrten ... mitteilsam,
hilfsbereit und gastfrei ... von guten Manieren, doch ohne Steifheit
... empfnglich fr gute Einwirkungen ... ehrlich und aufrichtig,
ohne gleichwohl Lust zu empfinden, zum Mrtyrer dieser Veranlagungen
zu werden ... kurz, er war ein Mann, der, wie man zu sagen pflegt,
berall auf seinem Platze sein wrde, ohne dass man jedoch auf den
Gedanken kommen knnte, das Jahrhundert nach ihm zu benennen, was er
denn auch nicht begehrte.

Er sass in der Mitte der Pendoppo am Tisch, der weiss gedeckt und mit
Speisen besetzt war. Wohl einigermassen ungeduldig, fragte er von
Zeit zu Zeit den 'mandoor'-Aufpasser, d. h. das Oberhaupt von den
Polizei- und Bureaudienern der Assistent-Residentschaft, ob nichts
im Anzug sei. Dann stand er 'mal auf, versuchte vergebens, seine
Sporen klirren zu lassen auf dem gestampften Kleiboden der Pendoppo,
steckte zum zwanzigstenmal seine Zigarre an und nahm, wie nicht recht
zufrieden, seinen Platz wieder ein. Er sprach wenig.

Und doch htte er sprechen knnen, denn er war nicht allein. Ich meine
hiermit nun gerade nicht, dass er die Gesellschaft der zwanzig oder
dreissig Javanen hatte, Bediente, Mantries und Aufpasser, die auf dem
Boden hockend in und ausserhalb der Pendoppo sassen, noch der vielen,
die anhaltend aus- und einliefen, noch der grossen Menge Eingeborener
von verschiedenem Range, die da draussen die Pferde festhielten oder
umherritten ... nein, der Regent von Lebak selbst, Radhen Adhipatti
Karta Natta Negara sass ihm gegenber.

Warten ist immer langweilig. Eine Viertelstunde wird zur Stunde,
eine Stunde zum halben Tag. Verbrugge htte wohl etwas gesprchiger
sein knnen. Der Regent von Lebak war ein gebildeter alter Mann, der
ber vieles mit Verstand und Urteil zu sprechen wusste. Man brauchte
ihn nur anzusehen, um berzeugt zu sein, dass die meisten Europer,
die mit ihm in Berhrung kamen, mehr von ihm zu lernen hatten, als er
von ihnen. Seine lebendigen, dunklen Augen widersprachen mit ihrem
Feuer der Mdigkeit seiner Gesichtszge und der Greisheit seiner
Haare. Was er sagte, war gewhnlich lange berdacht--so recht eine
Eigenart, die beim gebildeten Orientalen allgemein ist--und wenn man
mit ihm im Gesprch war, fhlte man, dass man seine Worte als Briefe
anzusehen hatte, von denen er die Urschrift in seinem Archiv hatte,
um, wenn ntig, darauf zu verweisen. Das mag nun jemandem, der den
Umgang mit javanischen Grossen nicht gewohnt ist, unangenehm scheinen,
doch ist es nicht schwierig, alle Gesprchsgegenstnde, die Anstoss
geben knnten, zu vermeiden, vor allem, da sie ihrerseits nie in
brsker Weise dem Lauf der Unterhaltung eine andere Richtung geben
werden, da das nach orientalischen Begriffen in Widerstreit mit dem
guten Ton wre. Wer also Ursache hat, die Berhrung eines bestimmten
Punktes zu vermeiden, braucht nur ber unbedeutende Dinge zu reden,
und er kann versichert sein, dass ein javanischer Huptling ihn nie
durch eine unerwnschte Wendung des Gesprchs auf ein Terrain ziehen
wird, das er lieber nicht betrte.

ber die beste Art, mit diesen Huptlingen zu verkehren, bestehen
brigens verschiedene Meinungen. Mir scheint, dass einfache
Aufrichtigkeit, ohne Streben nach diplomatischer Vorsicht, den Vorzug
verdient.

Wie dem sei, Verbrugge begann mit einer trivialen Bemerkung ber das
Wetter und den Regen.

--Ja, m'nheer de kontroleur, es ist Westmusson.

Dies wusste Verbrugge nun wohl: es war Januar. Aber was er ber den
Regen gesagt hatte, wusste der Regent auch. Darauf folgte wieder
einiges Schweigen. Der Regent winkte mit einer kaum sichtbaren
Kopfbewegung einem der Bedienten, die am Eingang der Pendoppo
niedergekauert sassen. Ein kleiner Junge, allerliebst gekleidet
in blausammtne Blouse und weisse Hose, mit goldenem Leibgurt,
der seinen kostbaren Sarong um die Lenden festhielt, und auf dem
Kopf den geflligen Kain-kapala, unter dem seine schwarzen Augen
so schelmisch hervorleuchteten, kroch kauernd bis an die Fsse des
Regenten, setzte die goldene Dose nieder, die den Tabak, den Kalk,
die Sirie, den Pinang und den Gambier enthielt, machte den Slamat,
indem er beide Hnde gefaltet aufhob bis zur tiefniedergebeugten Stirn,
und bot darauf seinem Herrn die kostbare Dose dar.

--Der Weg wird beschwerlich sein nach soviel Regen, sagte der Regent,
wie um fr ihr langes Warten eine Erklrung zu geben, und bestrich
dabei ein Betelblatt mit Kalk.

--Im Pandeglangschen ist der Weg so schlecht nicht, antwortete
Verbrugge, der, wenigstens wenn er nicht ein unangenehmes Thema
berhren wollte, diese Antwort wohl etwas unbedacht gab. Denn er
htte bedenken mssen, dass ein Regent von Lebak nicht gern die Wege
von Pandeglang rhmen hrt, wenn diese auch wirklich besser sind als
die lebakschen.

Der Adhipatti beging nicht den Fehler einer bereilten Antwort. Der
kleine Leibpage des Regenten, ein junger Adliger, war bereits, immer
kauernd, rckwrts zurckgekrochen bis an den Eingang der Pendoppo,
wo er unter seinen Kameraden Platz nahm ... der Regent hatte schon
seine Lippen und etliche Zhne mit dem Speichel seiner Sirie braunrot
gefrbt, und er sagte dann endlich:

--Ja, es ist viel Volk in Pandeglang.

Jemandem, der den Regenten und den Kontrolleur kannte und dem
der Zustand von Lebak kein Geheimnis war, htte es sich deutlich
herausgestellt, dass das Gesprch schon ein Streit geworden war. Eine
Anspielung nmlich auf den besseren Zustand der Wege in einer
benachbarten Abteilung schien die Fortsetzung vergeblicher Versuche
zu sein, auch in Lebak die Anlegung derartiger besserer Wege oder die
bessere Instandhaltung der bestehenden zu veranlassen. Doch hierin
hatte der Regent Recht, dass Pandeglang dichter bevlkert war, vor
allem im Verhltnis zu seinem viel kleineren Flcheninhalt, und dass
also da die Arbeit an den grossen Wegen durch Vereinigung der Krfte
leichter war als im Lebakschen, einer Abteilung, die auf hunderten
von Pfhlen Flche nur siebzigtausend Einwohner zhlte.

--Das ist wahr, sagte Verbrugge, wir haben wenig Volk hier, aber ...

Der Adhipatti sah ihn an, als wartete er einen Ausfall ab. Er wusste,
dass nach dem aber etwas folgen konnte, das unangenehm klingen wrde
fr ihn, der seit dreissig Jahren Regent von Lebak gewesen war. Es
schien, dass Verbrugge in diesem Augenblicke keine Lust hatte, den
Streit fortzusetzen. Wenigstens brach er das Gesprch ab und fragte
wieder den Mandoor-Aufpasser, ob er nichts kommen she.

--Ich sehe noch nichts von der Seite Pandeglangs her, mynheer de
kontroleur, aber da drben an der andern Seite reitet jemand zu Pferde
... das ist der Tuwan kommendaan.

--Freilich, Dongso, sagte Verbrugge nach draussen ugend, das ist
der Herr Kommandant! Er jagt in dieser Gegend und ist heute morgen
schon frh ausgezogen. He, Duclari ... Duclari!

--Er hrt Sie schon, Mynheer, er kommt hierher. Sein Junge reitet
hinter ihm, mit Wild, einem Kidang, hinter sich auf dem Pferd.

--Pegang kudahnja tuwan kommendaan!--halte das Pferd des Herrn
Kommandanten fest--gebot Verbrugge einem der Bediensteten, die draussen
sassen. Bonjour, Duclari! Bist du nass? Was hast du geschossen? Komm
herein!

Ein krftiger Mann von dreissig Jahren und straffer militrischer
Haltung, wiewohl er nicht Uniform trug, trat in die Pendoppo. Es
war der Oberleutnant Duclari, Kommandant der kleinen Garnison
von Rangkas-Betung. Verbrugge und er waren befreundet, und ihre
Vertraulichkeit war um so grsser, als Duclari vor einiger Zeit in
Abwartung der Vollendung eines neuen Forts Verbrugges Wohnung bezogen
hatte. Er drckte diesem die Hand, grsste den Regenten mit Hflichkeit
und setzte sich mit der Frage: nun, was habt ihr denn hier so?

--Willst du Thee, Duclari?

--Ach nein, ich bin warm genug! Habt ihr keine Kokosmilch? Die ist
erfrischender.

--Die lass ich dir nicht geben. Wenn man erhitzt ist, halte ich
Kokosmilch fr sehr nachteilig. Man wird steif und gichtig davon. Sieh
mal die Kulis, die schwere Lasten ber die Berge tragen: sie halten
sich flink und geschmeidig durch Trinken von heissem Wasser, oder
von Koppi dahun. Aber Ingwerthee ist noch besser ...

--Was? Koppi dahun, Thee von Kaffeeblttern? Das hab ich noch niemals
gesehen.

--Weil du nicht auf Sumatra gedient hast. Da trinkt man's.

--Lass mir dann nur Thee geben ... aber nicht von Kaffeeblttern und
auch keinen Ingwerthee. Ja, du bist auf Sumatra gewesen ... und der
neue Assistent-Resident auch, nicht wahr?

Dies Gesprch wurde in Hollndisch gefhrt, einer Sprache, die der
Regent nicht verstand. Es sei, dass Duclari eine Unhflichkeit darin
zu sehen vermeinte, dass man ihn so von der Unterhaltung ausschloss,
oder sei es, dass er hiermit etwas anderes beabsichtigte, auf einmal
fuhr er, sich an den Regenten wendend, auf Malayisch fort:

--Weiss m'nheer de Adhipatti, dass m'nheer de kontroleur den neuen
Assistent-Residenten kennt?

--O nein, das habe ich nicht gesagt, fiel Verbrugge ein. Ich habe ihn
niemals gesehen. Er diente einige Jahre vor mir auf Sumatra. Ich habe
dir nur gesagt, dass ich da viel ber ihn reden hrte, das ist alles!

--Na, das kommt aufs selbe hinaus. Man braucht jemanden gerade nicht
zu sehen, um ihn zu kennen. Wie denkt m'nheer de Adhipatti hierber?

Der Adhipatti hatte gerade ntig, einen Bedienten zu rufen. Es
verstrich also erst einige Zeit, bis er sagen konnte: dass er dem
Herrn Kommandanten beistimme, dass es aber doch manchmal ntig sei,
jemanden zu sehen, bevor man ihn beurteilen knne.

--Im ganzen ist das vielleicht wahr, fuhr nun Duclari in hollndischer
Sprache fort--sei es, dass diese ihm vertrauter war und er der
Hflichkeit Genge gethan zu haben meinte, sei es, weil er allein
von Verbrugge verstanden werden wollte--das mag im allgemeinen wahr
sein, aber was Havelaar betrifft, da ist wahrhaftig kein persnliches
Bekanntsein ntig ... der ist doch verrckt!

--Das habe ich nicht gesagt, Duclari!

--Nein, du hast das nicht gesagt, aber ich sage es nach alledem,
was du mir von ihm erzhlt hast. Ich nenne jemanden, der ins Wasser
springt, um einen Hund vor den Haien zu retten, verrckt.

--Nun ja, vernnftig ist das gewiss nicht. Aber ...

--Und dann, hr mal, das Gedicht auf den General Vandamme ... das
war keine Sache!

--Es war witzig ...

--Zugegeben! Aber ein junger Mensch hat nicht witzig zu sein gegenber
einem General.

--Du musst nicht vergessen, dass er noch sehr jung war ... es war
vor vierzehn Jahren. Er war da erst zweiundzwanzig Jahre alt.

--Und dann der Kalekutenhahn, den er stahl?

--Das that er, um den General zu rgern.

--Gut! Ein junger Mensch hat einen General nicht zu rgern, der
obendrein noch als Zivilgouverneur sein Chef war. Das andere Gedicht
find' ich ja drollig, aber ... das ewige Duellieren!

--Er that's gewhnlich fr einen andern. Er ergriff stets Partei fr
den Schwcheren.

--Nun, lass jeden fr seine Person sich duellieren, wenn man es nun
durchaus will! Ich fr mich glaube, dass selten ein Duell ntig ist. Wo
es unvermeidlich wre, wrde auch ich eine Forderung annehmen, in
bestimmten Fllen selbst fordern, doch daraus sozusagen einen Beruf
zu machen ... ich danke! Es ist zu hoffen, dass er sich in dieser
Beziehung gendert hat.

--Na gewiss, daran ist nicht zu zweifeln! Er ist nun soviel lter,
dabei seit langem verheiratet und ist Assistent-Resident. berdies,
ich habe stets gehrt, dass sein Herz gut ist und dass er ein warmes
Gefhl hat fr Recht.

--Nun, das kommt ihm zustatten in Lebak! Da ist mir gerade etwas
passiert, das ... ob der Regent uns auch versteht?

--Ich glaub's nicht. Doch zeige mir was aus deiner Jagdtasche, dann
denkt er, dass wir darber sprechen.

Duclari nahm seine Jagdtasche, zog ein paar Waldtauben daraus hervor,
und, die Vgel befhlend, als sprche er ber die Jagd, teilte er
Verbrugge mit, dass ihm soeben auf dem Felde ein Javane nachgelaufen
sei, der ihn gefragt htte, ob er nichts thun knne, um den Druck zu
erleichtern, unter dem die Bevlkerung seufze.

--Und, fuhr er fort, das ist sehr stark, Verbrugge! Nicht dass ich mich
wundere ber die Sache selbst. Ich bin lange genug im Bantamschen,
um zu wissen, was hier vorfllt, aber dass der geringe Javane, der
gewhnlich so vorsichtig und zurckhaltend ist, wo es sich um seine
Huptlinge handelt, so etwas von jemandem verlangt, der nichts damit
zu schaffen hat, das befremdet mich!

--Und was hast du geantwortet, Duclari?

--Nun, dass es mich nichts anginge. Dass er zu dir gehen msste,
oder zu dem neuen Assistent-Residenten, wenn er in Rangkas-Betung
angekommen sei, und da seine Klagen vorbringen.

--Jenie apa tuwan-tuwan datang!--d. h.: Da kommen die Herren an!--rief
auf einmal der Aufpasser Dongso. Ich sehe einen Mantrie, der mit
seinem Tudung schwenkt.

Alle standen auf. Duclari, der nicht durch seine Gegenwart in der
Pendoppo den Schein erregen wollte, als sei auch er an den Grenzen
zur Bewillkommnung des Assistent-Residenten, der wohl im Range ber
ihm stand, doch nicht sein Chef und obendrein fr ihn verrckt war,
stieg zu Pferde und ritt, gefolgt von seinem Bedienten, davon.

Der Adhipatti und Verbrugge stellten sich an den Eingang der Pendoppo,
und sie sahen einen von vier Pferden gezogenen Reisewagen sich nhern,
der alsbald, stark von Schlamm berzogen, bei dem Bambusgebude
stillhielt.

Es wrde schwer gefallen sein, zu raten, was der Wagen alles enthalten
mochte, bevor Dongso, untersttzt durch die Lufer und eine Anzahl
Bedienter, die zum Gefolge des Regenten gehrten, all die Riemen
und Knoten losgemacht hatte, die das Fuhrwerk eingeschlossen hielten
mit einem schwarzledernen Futteral, das an die Diskretion erinnerte,
mit der in frheren Jahren Lwen und Tiger in die Stadt kamen, als
die Zoologischen Grten noch umherziehende Menagerien waren. Nun,
Lwen und Tiger waren in diesem Wagen nicht. Man hatte nur alles
so sorgfltig geschlossen, weil es Westmusson war und man also auf
Regen gefasst sein musste. Nun ist das Herausklettern aus einem
Reisewagen, in dem man eine gute Strecke Wegs hin und her gerttelt
ist, nicht so leicht, wie jemand, der nie oder wenig gereist ist,
sich wohl vorstellen mag. Ungefhr wie bei den Sauriern der Urwelt,
die durch langes Warten zuletzt einen integrierenden Bestandteil
des Thons oder Lehms ausmachen, in den sie anfnglich nicht mit der
Absicht gekommen waren, darin zu verbleiben, ist auch bei Reisenden,
die ein bisschen eng zusammengepkelt und in gezwungener Haltung zu
lange in einem Reisewagen gesessen haben, etwas zu konstatieren,
was ich Assimilierung zu nennen vorschlagen mchte. Man weiss
schliesslich nicht recht mehr, wo das lederne Wagenkissen aufhrt
und wo die Ichheit anfngt, ja, mir ist die Vorstellung nicht fremd,
dass man in so einem Wagen Zahnschmerz oder Krampf haben kann, den
man fr Mottenfrass in der Reisedecke hlt, oder umgekehrt.

Es giebt wenig Verhltnisse in der stofflichen Welt, die dem
denkenden Menschen nicht Veranlassung gben, auf der Ebene des
Verstandes adaequate Schlsse zu ziehen, und so habe ich mich oft
gefragt, ob nicht viele Irrtmer, die unter uns Kraft des Gesetzes
haben, ob nicht viele Schiefheiten, die wir fr Recht halten,
daraus resultieren, dass man zu lange mit derselben Gesellschaft
in demselben Reisewagen gesessen hat. Das Bein, das du da links so
weit ausstrecken musstest zwischen die Hutschachtel und den Korb
mit Kirschen ... die Kniee, die du gegen den Wagenschlag gedrckt
hieltest, damit die Dame dir gegenber nicht auf den Gedanken kam,
dass du einen Anfall auf Krinoline oder Tugend im Sinne habest ... der
mit Hhneraugen geschmckte Fuss, der so bange war vor den Abstzen
des Commis voyageur neben dir ... der Hals, den du so lange links
wenden musstest, weil es trpfelte auf der rechten Seite ... sieh,
das werden auf diese Weise schliesslich alles Hlser und Kniee und
Fsse, die so etwas Verdrehtes bekommen. Ich halte es fr gut, von
Zeit zu Zeit mal Wagen, Sitzplatz und Mitreisende zu wechseln. Man
kann dann seinen Hals mal anders wenden, bewegt dann und wann seine
Kniee, und vielleicht sitzt auch mal eine Jungfer mit Tanzschuhen
neben uns, oder ein kleiner Junge, dessen Beinchen nicht bis auf den
Boden reichen. Man hat dann mehr Aussicht, dass man gerade sieht und
gerade luft, sobald man wieder festen Boden unter die Fsse kriegt.

Ob auch in dem Wagen, der nun vor der Pendoppo stillhielt, sich
etwas der Aufhebung der Kontinuitt widersetzte, weiss ich nicht,
doch gewiss ist, dass es lange dauerte, bis etwas zum Vorschein
kam. Es schien da ein Hflichkeitswettstreit gefhrt zu werden. Man
vernahm die Worte: bitte schn, Mevrouw! und bitte schn, Herr
Resident! Einerlei, endlich stapfte ein Herr heraus, der in Haltung
und Erscheinung wohl etwas verriet, das an die Saurier erinnerte,
von denen ich eben sprach. Da wir ihn spter wiedersehen werden,
will ich euch nur gleich sagen, dass seine Unbeweglichkeit nicht
ausschliesslich der Assimilierung mit dem Reisewagen zugeschoben
werden darf, sondern dass er, wenn auch in Meilenferne kein Fuhrwerk
in der Nhe war, eine Ruhe, eine Langsamkeit und eine Bedchtigkeit an
den Tag legte, die manchen Saurier neidisch machen wrde und die in
den Augen von vielen die Kennzeichen von Gediegenheit, Mssigung und
Weisheit sind. Er war, wie die meisten Europer in Indien, sehr bleich,
was aber in dieser Gegend keineswegs als ein Zeichen von nur mssiger
Gesundheit gilt, und er hatte feine Zge, die wohl von Entwicklung des
Verstandes zeugten. Nur lag eine gewisse Klte in seinem Blick, etwas,
das an die Logarithmentafel erinnerte, und obwohl seine Erscheinung
im ganzen nicht unvorteilhaft oder abstossend war, konnte man sich
doch nicht des Verdachtes erwehren, dass seine ziemlich grosse, magere
Nase sich auf dem Gesicht langweile, weil so wenig darauf vorging.

Mit Hflichkeit bot er seine Hand einer Dame, um ihr beim Aussteigen
behlflich zu sein, und nachdem diese von einem Herrn, der noch im
Wagen sass, ein Kind in Empfang genommen hatte, einen kleinen blonden
Jungen von etwa drei Jahren, traten sie in die Pendoppo ein. Darauf
folgte der Herr selbst, und wer auf Java Bescheid wusste, dem wrde
es als eine Sonderlichkeit aufgefallen sein, dass er am Wagenschlag
wartete, um einer alten javanischen 'babu', einer Kindsmagd, das
Aussteigen zu erleichtern. Einige Bediente, drei an der Zahl, hatten
sich selbst aus ihrem wachsledernen Kasten frei gemacht, der hinten
am Wagen klebte wie eine junge Auster auf dem Rcken ihrer Mutter.

Der Herr, der zuerst ausgestiegen war, hatte dem Regenten und dem
Kontrolleur Verbrugge die Hand geboten, die sie mit Ehrerbietung
annahmen, und ihrer ganzen Haltung war das Gefhl anzumerken, dass
sie der Gegenwart einer gewichtigen Person unterworfen waren. Es
war der Resident von Bantam, dem grossen Komplex, von dem Lebak
eine Abteilung, eine Regentschaft, oder, wie man offiziell sagt,
eine Assistent-Residentschaft ist.

Beim Lesen erdichteter Geschichten habe ich mich mehrfach ber die
geringe Achtung der Autoren vor dem Geschmack des Publikums gergert
und vor allem da, wo sie die Absicht merken liessen, dass sie etwas
schaffen wollten, das possenhaft oder burlesk heissen msste, um hier
nicht von Humor zu sprechen, diesem eigentmlichen Etwas, das beinahe
durchgngig aufs allerjmmerlichste mit dem Komischen in einen Topf
geworfen wird. Man fhrt eine Person redend ein, die die Sprache
nicht versteht oder sie schlecht spricht, man lsst einen Franzosen
das wunderlichste Kauderwelsch reden. In Ermangelung eines Franzmanns
nimmt man jemanden, der stottert, oder man schafft eine Person, die
ihr Steckenpferd reitet mit ein paar stetig wiederkehrenden Worten. Ich
habe ein fabelhaft dummes Vaudeville durchschlagen sehen, weil darin
jemand vorkam, der ewig sagte: Mein Name ist Meyer. Mich dnken
solche Witzigkeiten etwas wohlfeil, und, um die Wahrheit zu sagen,
ich bin bs auf euch, Leser, wenn ihr so etwas spasshaft findet.

Aber nun habe ich selbst euch derartiges vorzufhren. Ich muss von Zeit
zu Zeit jemanden auf die Bretter bringen--ich werde es so selten wie
mglich thun--der in der That eine Art zu sprechen hatte, welche mich
frchten lsst, dass ich in den Verdacht eines missglckten Versuchs,
euch zum Lachen zu bringen, komme, und darum muss ich euch ausdrcklich
versichern, dass es nicht meine Schuld ist, wenn Hochwohlgeboren
der Herr Resident von Bantam, von dem hier die Rede ist, sich so
sonderbar in ihrer Art zu sprechen zeigten, dass mir eine Wiedergabe,
ohne den Schein auf mich zu lenken, als suchte ich den Effekt der
Witzigkeit in einem tic, grosse Schwierigkeiten macht. Er sprach
nmlich in einem Tonfall, als ob hinter jedem Wort ein Punkt stnde,
oder gar ein langes Ruhezeichen, und ich kann fr den Raum zwischen
seinen Worten keinen besseren Vergleich finden als den mit der Stille,
die nach einem langen Gebet in der Kirche auf das Amen folgt, das,
wie jedermann weiss, ein Signal ist, dass man Zeit hat, den Platz
zu wechseln, zu husten oder sich zu schnuzen. Was er sagte, war
gewhnlich gut berlegt, und wenn er sich die unzeitigen Ruhepunkte
htte abgewhnen knnen, so wrde meistens das Gesagte, aus einem
dialektischen Gesichtspunkte wenigstens, ein gesundes Ansehen gehabt
haben. Aber all das Brockenweise, Stotterige und Holperige machte das
Anhren beschwerlich. Man stolperte denn auch manchmal darber. Denn
gewhnlich, wenn man begonnen hatte zu antworten, in der guten Meinung,
dass sein Satz zu Ende sei und dass er die Ergnzung des Fehlenden
dem Scharfsinn seiner Zuhrer berlasse, kamen die noch fehlenden
Worte als Nachzgler eines geschlagenen Heeres hintenan und liessen
empfinden, dass man ihm in die Rede gefallen war, was immer unangenehm
ist. Das Publikum des Hauptplatzes Serang, sofern es nicht in Diensten
der Regierung stand--ein Umstand, der die meisten etwas vorsichtig
macht--nannte sein Sprechen schleimig. Ich finde dies Wort nicht
sehr geschmackvoll, doch muss ich zugeben, dass es die Haupteigenschaft
von des Residenten Wohlberedtheit einigermassen treffend wiedergab.

Ich habe von Max Havelaar und seiner Frau--denn das waren die beiden
Personen, die nach dem Residenten mit ihrem Kinde und dessen Wrterin,
der 'babu', aus dem Wagen gekommen waren--noch nichts gesagt, und
vielleicht wrde es gengen, die Feststellung ihrer Erscheinung
und ihres Charakters dem Lauf der Ereignisse und des Lesers eigener
Vorstellung zu berlassen. Da ich gleichwohl nun einmal am Beschreiben
bin, will ich euch sagen, dass Mevrouw Havelaar nicht schn war,
dass aber bei ihr in Blick und Sprache viel Anmut lag, und dass sie
in der leichten Ungezwungenheit ihrer Manieren untrglich erkennen
liess, dass sie in der Welt gewesen und in den hheren Klassen der
Gesellschaft zuhause war. Sie hatte nicht das Steife und Unbehagliche
des brgerlichen Anstandes, der, um fr distinguiert durchzugehen,
sich und andere mit gne glaubt plagen zu mssen, und sie hing
denn auch nicht an viel usserlichkeiten, die fr manch andere
Frau Wert zu haben scheinen. Auch in ihrer Kleidung war sie ein
Muster von Einfachheit. Ein weisses Baadju von Mousselin mit blauer
Einfassung--ich glaube, dass man in Europa so ein Kleidungsstck ein
Morgenkleid nennen wrde--war ihr Reisekleid. Um den Hals trug sie
eine dnne seidene Schnur, an der zwei kleine Medaillons hingen, die
man aber nicht zu sehen bekam, da sie in den Falten vor ihrer Brust
verborgen waren. Die Haare trug sie  la chinoise, und ein Krnzchen
von Melattiblumen schmckte ihren Kondeh ... das war all ihre Toilette.

Ich sagte, dass sie nicht schn war, und doch mchte ich nicht gern,
dass ihr das Gegenteil glaubtet. Ich hoffe, dass ihr sie schn finden
werdet, sobald ich Gelegenheit habe, sie euch in ihrer Entrstung zu
zeigen ber das, was sie Verkennung des Genies nannte, wenn ihr
angebeteter Max im Spiel war, oder wenn sie ein Gedanke beseelte,
der mit der Wohlfahrt ihres Kindes zu thun hatte. Zu oft schon ist
gesagt worden, dass das Antlitz der Spiegel der Seele ist, als dass man
noch etwas gbe auf den Portrtwert eines unbeweglichen Gesichts, das
nichts abzuspiegeln hat, weil der Widerschein einer Seele mangelt. Nun,
sie hatte eine schne Seele, und man musste wohl blind sein, um nicht
auch ihr Gesicht schn zu finden, wenn diese Seele darauf zu lesen war.

Havelaar war ein Mann von fnfunddreissig Jahren. Er war schlank, und
behende in seinen Bewegungen. Ausser seiner kurzen und beweglichen
Oberlippe und seinen grossen blassblauen Augen, die, wenn er in
ruhiger Stimmung war, etwas Trumerisches hatten, doch Feuer sprhten,
wenn ein grosser Gedanke ihn beherrschte, war seiner Erscheinung
nichts Besonderes anzumerken. Seine blonden Haare hingen glatt an
den Schlfen herunter, und ich kann mir vorstellen, dass wenige,
die ihn zum erstenmale sahen, auf den Gedanken kommen wrden, dass
sie jemanden vor sich htten, der, was Kopf und Herz angeht, zu den
Seltenheiten gehrt. Er war ein Gefss voll Widersprchen. Scharf
wie eine Lanzette und sanft wie ein Mdchen, fhlte er selbst immer
am ersten die Wunde, die seine bitteren Worte geschlagen hatten, und
er litt darunter mehr als der Verletzte. Er war schnell im Begreifen,
erfasste sogleich das Hchste, Verwickeltste, spielte gern mit der
Lsung schwieriger Fragen, wandte dafr alle Mhe, alles Studium, alle
Kraftanstrengung auf ... und manchmal begriff er doch die einfachste
Sache nicht, die ein Kind ihm htte auslegen knnen. Voll Liebe fr
Wahrheit und Recht, vernachlssigte er manchmal seine einfachsten,
nchstliegenden Pflichten, um ein Unrecht wieder gut zu machen, das
hher oder ferner oder tiefer lag und das durch die vermutlich grssere
Anstrengung in diesem Streite ihn mehr anlockte. Er war ritterlich und
mutig, doch vergeudete er wie ein zweiter Don Quixote seine Tapferkeit
manchmal an eine Windmhle. Er glhte von unersttlichem Ehrgeiz,
der ihm allen herkmmlichen Unterschied im gesellschaftlichen Leben
als nicht bestehend erscheinen liess, und doch lag ihm das grsste
Glck in einem ruhigen, huslichen, abseitsliegenden Leben. Dichter im
hchsten Sinne des Worts, ertrumte er sich Sonnensysteme aus einem
Funken, bevlkerte sie mit Geschpfen seiner Erfindung, fhlte sich
Herr einer Welt, die er selbst ins Leben gerufen ... und doch konnte er
gleich darauf ohne die mindeste Trumerei sehr gut ein Gesprch fhren
ber den Preis des Reises, ber Sprachregeln, ber die konomischen
Vorteile einer gyptischen Hhnerbrutvorrichtung. Keine Wissenschaft
war ihm ganz fremd. Er ahnte, was er nicht wusste, und besass in hohem
Masse die Gabe, das Wenige, das er wusste--jeder weiss wenig, und er,
vielleicht mehr wissend als mancher andere, machte von dieser Regel
keine Ausnahme--das Wenige in einer Weise anzuwenden, die das Mass
seiner Kenntnisse vermannigfachte. Er war pnktlich und ordentlich
und dabei ausserordentlich geduldig, allein deswegen gerade, weil
Pnktlichkeit, Ordnung und Geduld ihm schwerfielen, da sein Geist
etwas Wildes hatte. Er war langsam und vorsichtig in der Beurteilung
von Dingen, wiewohl sich das niemandem verriet, der so eilig ihn
seine Schlussfolgerungen ussern hrte. Seine Eindrcke waren zu
lebendig, als dass man sie fr dauernd halten mochte, und doch bewies
er manchmal, dass sie dauernd waren. Alles, was gross und erhaben war,
lockte ihn an, und zugleich war er naiv und unschuldig wie ein Kind. Er
war ehrlich, vor allem wo Ehrlichkeit in Grossmut berging, und htte
Hunderte, die er schuldig war, unbezahlt gelassen, weil er Tausende
weggeschenkt hatte. Er war geistsprhend und unterhaltend, wenn er
fhlte, dass sein Geist begriffen wrde, aber sonst zugeknpft und
zurckgezogen. Herzlich seinen Freunden ergeben, machte er--zu schnell
bisweilen--zu seinem Freunde alles, was litt. Er war empfnglich fr
Liebe und Anhnglichkeit ... treu seinem gegebenen Wort ... schwach
in Kleinigkeiten, doch standhaft bis zum Eigensinn, wo es ihm der
Mhe wert schien, Charakter zu zeigen ... demtig und wohlwollend
denen gegenber, die sein geistiges bergewicht anerkannten, doch
ein hartnckiger Gegner, wenn man den Versuch machte, sich gegen
dasselbe aufzulehnen ... offenherzig aus stolzer Unbekmmertheit,
doch ebenso auch manchmal zurckhaltend, wo er frchtete, man werde
seine Aufrichtigkeit fr Unverstand ansehen ... fr sinnlichen wie fr
geistigen Genuss gleicherweise empfnglich ... bedrckt und schlecht
bei Worten, wo er glaubte, nicht begriffen zu werden, aber einer
ausserordentlichen Sprache mchtig, wenn er fhlte, dass seine Worte
auf willigen Boden fielen ... lssig, wenn nicht ein Reiz aus der
eigenen Seele ihn antrieb, aber eifrig, feurig und durchgreifend, wo
dies wohl der Fall war ... dazu freundlich, gebildet in seinen Manieren
und untadelhaft im Wandel: so mgt ihr euch Havelaar ungefhr denken!

Ich sage: ungefhr. Denn wenn berhaupt schon alle Festlegungen
schwierig sind, so gilt dies vor allem von der Beschreibung einer
Person, die sehr weit von der alltglichen Grundform abweicht. Dem
Umstande wird es auch wohl zuzuschreiben sein, dass Romandichter ihre
Helden gewhnlich zu Teufeln oder zu Engeln machen. Schwarz oder weiss
lsst sich leicht ein Bild entwerfen, aber schwieriger ist die exakte
Wiedergabe von Schattierungen, die dazwischen liegen, wenn man sich
an die Wahrheit bindet und also die Farbe weder zu dunkel noch zu
hell halten will. Ich fhle, dass die Skizze, die ich von Havelaar
zu geben versuchte, hchst unvollkommen ist. Die Baustoffe, die mir
vorliegen, sind in ihrer Art so voneinander abweichend, dass sie mich
durch bermass von Reichtum in meinem Urteil zurckhalten, und ich
werde also vielleicht, indem ich die Geschehnisse aufrolle, die ich
mitzuteilen wnsche, zur Ergnzung auf dies Gebiet zurcklenken. Das
ist gewiss, er war ein aussergewhnlicher Mensch und wohl die Mhe
der Ergrndung wert. Ich bemerke nun schon, dass ich versumt habe,
als einen seiner Hauptzge anzugeben, dass er die lcherliche und die
ernste Seite der Dinge gleich schnell und zu gleicher Zeit erfasste,
welcher Eigenschaft seine Weise zu sprechen, ohne dass er selbst
dies wusste, eine Art Humor entlehnte, der seine Zuhrer fortwhrend
in Zweifel brachte, ob sie gerhrt waren von dem tiefen Gefhl, das
in seinen Worten lebte, oder ob sie lachen sollten ber die Komik,
die auf einmal dem Ernst der Sache Abbruch that.

Auffallend war es, dass sein usseres und selbst sein Empfinden so
wenig Spuren von seinem vergangenen Leben trugen. Das Rhmen der
Erfahrung ist ein lcherlicher Gemeinplatz geworden. Es giebt Leute,
die fnfzig oder sechzig Jahre mittrieben in dem Strome, in dem sie
zu schwimmen behaupten, und die von all dieser Zeit wenig anderes zu
erzhlen wssten, als dass sie von der A-gracht nach der B-strasse
verzogen waren. Nichts ist alltglicher, als dass man auf seine
Erfahrung pochen hrt, und just vonseiten jener, die ihre grauen
Haare so leichterweise erwarben. Andere wieder meinen ihre Ansprche
auf Erfahrung auf wirklich erlittene Schicksalswendungen grnden zu
drfen, ohne dass aber an irgend etwas es sich zeigte, dass sie durch
diese Vernderungen in ihrem Seelenleben berhrt wurden. Ich kann
mir vorstellen, dass das Zugegensein bei wichtigen Geschehnissen,
ja, selbst das unmittelbare Berhrtwerden von denselben wenig oder
keinen Einfluss hat auf eine grosse Gattung von Gemtern, die nicht
zugerstet sind mit der Empfnglichkeit, Eindrcke aufzufangen und zu
verarbeiten. Wer daran zweifelt, frage sich doch, ob man Erfahrung all
den Bewohnern Frankreichs zuzusprechen hat, die vierzig oder fnfzig
Jahre alt waren im Jahre 1815? Und sie alle waren doch Menschen,
die das so bedeutsame Drama, das 1789 begann, nicht allein hatten
auffhren sehen, sondern sogar in mehr oder minder gewichtigen Rollen
dieses Drama mitgespielt hatten.

Und umgekehrt, wie viele werden von einer ganzen Reihe von Empfindungen
berhrt, ohne dass die usseren Umstnde hierzu Veranlassung zu
geben scheinen. Man denke an die Crusoe-Romane, an Silvio Pellicos
Gefangenschaft, an das allerliebste Picciola von Saintine, an
den Kampf in der Brust einer 'alten Jungfer', die ihr ganzes Leben
hindurch eine Liebe hegte, ohne je durch ein Wort zu verraten, was in
ihrem Herzen umging, an die Empfindungen des Menschenfreundes, der,
ohne usserlich mit dem Lauf der Geschehnisse verknpft zu sein, ein
feuriges Interesse hat am Wohlsein von Mitbrger oder Mitmensch. Man
stelle sich vor, wie er wechselnd hofft und frchtet, wie er jede
Vernderung beobachtet, sich begeistert fr einen schnen Gedanken und
glht vor Entrstung, wenn er ihn verdrngt und zertreten sieht von den
vielen, die, fr einen Augenblick wenigstens, strker waren als jener
schne Gedanke. Man denke an den Philosophen, der von seiner Zelle aus
das Volk zu lehren trachtet, was Wahrheit ist, wenn er bemerken muss,
dass seine Stimme berschrieen wird von pietistischer Heuchelei oder
von gewinnschtigen Quacksalbern. Man stelle sich Sokrates vor--nicht,
da er den Giftbecher leert, denn ich meine hier die Erfahrung des
Gemts, und nicht diejenige, die unmittelbar durch ussere Umstnde
veranlasst wird--wie bitter betrbt seine Seele gewesen sein muss,
dass er, der das Gute und Wahre suchte, sich einen Verderber der
Jugend und einen Verchter der Gtter nennen hrte.

Oder besser noch: man denke an Jesus, wie er so traurig auf Jerusalem
hinschaut und darber klagt, dass es nicht gewollt habe.

Solch ein Schmerzensschrei--vor Giftbecher oder Kreuzholz--lst
sich nicht aus einem unverwundeten Herzen. Da muss gelitten sein,
viel gelitten, da ist Erfahrung!

Diese Tirade ist mir entschnappt ... sie steht nun einmal da und
sie bleibe. Havelaar hatte viel durchgemacht. Wollt ihr etwas, das
den Umzug von der A-gracht aufwiegt? Er hatte Schiffbruch gelitten,
mehr denn einmal. Er hatte Feuersbrunst, Aufruhr, Meuchelmord, Krieg,
Duelle, Lebensglanz, Armut, Hunger, Cholera, Liebe und Lieben
in seinem Tagebuch stehen. Er hatte viele Lnder besucht und Umgang
gehabt mit Leuten von allerlei Rasse und Stand, Sitten, Vorurteilen,
Religionen und Gesichtsfarbe.

Was also die Lebensumstnde angeht, konnte er viel erfahren haben. Und
dass er wirklich viel erfahren hatte, dass er nicht durch das Leben
gegangen war, ohne die Eindrcke aufzufangen, die es ihm so im
berfluss anbot, dafr mge uns die Beweglichkeit seines Geistes und
die Empfnglichkeit seines Gemts Brge sein.

Nun erweckte es Verwunderung bei allen, die wussten oder vermuten
konnten, wie viel er erlebt und erlitten hatte, dass hiervon so wenig
auf seinem Gesicht zu lesen war. Wohl sprach aus seinen Zgen etwas wie
Mdigkeit, doch das liess eher auf frhreife Jugend als auf nahendes
Alter schliessen. Und nahendes Alter musste es dennoch wiederum sein,
denn in Indien ist der Mann von fnfunddreissig Jahren nicht jung mehr.

Auch sein Empfinden, sagte ich, war jung geblieben. Er konnte wie ein
Kind mit einem Kinde spielen, und mehrfach klagte er, dass 'der kleine
Max' noch zu jung sei, Drachen steigen zu lassen, denn er, 'der grosse
Max', hatte viel Vergngen hieran. Mit Jungens bte er 'Bockspringen',
und er zeichnete sehr gern ein Muster fr die Stickereiarbeit der
Mdchen. Er nahm gar mehrfach diesen die Nadel aus der Hand und hatte
seinen Spass an dieser Arbeit, obschon er fters sagte, dass sie wohl
etwas Besseres thun knnten als dies 'maschinelle Stichezhlen'. Bei
jungen Leuten von achtzehn Jahren war er ein junger Student, der gern
sein 'Patriam canimus' mitsang oder 'Gaudeamus igitur' ... ja, ich bin
mir dessen nicht ganz sicher, ob er nicht noch sehr kurze Zeit vorher,
als er mit Urlaub zu Amsterdam war, ein Firmenschild abbrach, das ihm
nicht behagte, weil ein Neger darauf gemalt war, der niedergekauert
sass zu den Fssen eines Europers mit einer langen Pfeife im Mund,
und worunter natrlich zu lesen stand: 'de rookende jonge koopman'.

Die Babu, der er aus dem Wagen geholfen hatte, glich allen Babus in
Indien, wenn sie alt sind. Wenn ihr diese Art von Dienstpersonal
kennt, brauche ich euch nicht erst zu sagen, wie sie aussah. Und
wenn ihr sie nicht kennt, kann ich es euch nicht sagen. Von anderen
Kindermdchen in Indien unterschied sie nur, dass sie sehr wenig zu
thun hatte. Denn Mevrouw Havelaar war ein Muster von Frsorge fr
ihr Kind, und was es fr den kleinen Max oder mit ihm zu thun gab,
that sie selbst, zur grossen Verwunderung vieler anderer Damen, die
es nicht gut fanden, dass man sich zur 'Sklavin seiner Kinder' mache.






SIEBENTES KAPITEL.


Der Resident von Bantam stellte den Regenten und den Kontrolleur dem
neuen Assistent-Residenten vor. Havelaar begrsste beide Beamte
hflich. Dem Kontrolleur--die Begegnung mit einem neuen Chef
hat immer etwas Peinliches--nahm er durch ein paar freundliche
Worte seine Befangenheit, als wollte er von vornherein eine Art
Vertraulichkeit einfhren, die den Verkehr erleichtern sollte. Dem
Regenten begegnete er, wie es am Platze war gegenber einer Person,
die den goldenen Pajong fhrt, aber gleichzeitig auch sein jngerer
Bruder sein sollte. Mit feiner Liebenswrdigkeit sprach er seinen
Tadel ber dieses Mannes allzu feurigen Diensteifer aus, der in solch
einem Wetter ihn bis an die Grenzen seiner Abteilung gefhrt htte,
was denn auch, strikt genommen, der Regent nach den Vorschriften der
Etikette nicht htte thun brauchen.

--Wahrlich, m'nheer de Adhipatti, ich bin bs auf Euch, dass Ihr
Euch um meinetwillen soviel Mhe gegeben habt! Ich dachte Euch erst
in Rangkas-Betung zu begegnen.

--Ich hatte den Wunsch, den Herrn Assistent-Residenten sobald wie
mglich zu sehen, um Freundschaft mit ihm zu schliessen, sagte der
Adhipatti.

--Gewiss, gewiss, ich fhle mich sehr geehrt! Doch ich sehe nicht gern
einen Mann von Eurem Rang und Euren Jahren sich allzusehr bemhen. Und
dazu noch zu Pferde!

--Ja, M'nheer de Assistent-Resident! Wo der Dienst mich ruft, bin
ich noch immer stark und gut auf den Beinen.

--Das ist zu viel von Euch selbst verlangt! Nicht wahr, Resident?

--Der Herr Adhipatti. Ist. Sehr.

--Gut, aber es giebt da eine Grenze.

--Eifrig, schleppte der Resident hinterher.

--Gut, aber es giebt da eine Grenze, musste Havelaar noch einmal
sagen, gleich als wolle er seine ersten Worte als nichtgesagt wieder
zurckschlucken. Wenn Sie's fr gut befinden, Resident, werden wir
Platz im Wagen machen. Die Babu kann hier bleiben, wir werden ihr
von Rangkas-Betung aus einen Tandu schicken. Meine Frau nimmt Max
auf den Schoss ... nicht wahr, Tine? Und dann haben wir Platz genug.

--Es. Ist. Mir.

--Verbrugge, wir werden auch fr Sie einen Platz haben. Ich seh nicht
ein ...

--Recht! sagte der Resident.

--Ich seh nicht ein, warum Sie ohne zwingenden Grund zu Pferde durch
den Morast kleppern sollen ... es ist fr uns alle Platz genug. Wir
knnen dann sogleich mit einander Bekanntschaft machen. Nicht wahr,
Tine, wir werden uns schon einrichten! Hier, Max ... Sehen Sie mal,
Verbrugge, ist das nicht ein famoses Kerlchen? Das ist unser Junge
... unser Max!

Der Resident hatte mit dem Adhipatti in der Pendoppo Platz
genommen. Havelaar rief Verbrugge, um ihn zu fragen, wem der Schimmel
mit roter Schabracke gehre. Und wie Verbrugge sich dem Eingang der
Pendoppo genhert hatte, um zu sehen, welches Pferd er meine, legte
Havelaar ihm die Hand auf die Schulter und fragte:

--Ist der Regent immer so diensteifrig?

--Er ist ein rstiger Mann fr seine Jahre, M'nheer Havelaar,
und Sie begreifen wohl, dass er gern einen guten Eindruck auf Sie
machen mchte.

--Ja, das begreife ich. Ich habe viel Gutes von ihm gehrt ... er
besitzt Bildung, nicht wahr?

--O ja ...

--Und er hat eine grosse Familie, wie?

Verbrugge sah Havelaar an, als begriffe er diesen bergang
nicht. Das war denn auch manchmal fr jemanden, der ihn nicht kannte,
schwierig. Die Behendigkeit seines Geistes liess ihn in Gesprchen
hufig einige Glieder in der logischen Kette berschlagen, und wenn
dieser bergang auch in seinen Gedanken ohne Stockung vor sich ging,
so war es doch jemandem, der nicht so schnell auffasste oder solche
Behendigkeit nicht gewohnt war, nicht bel zu deuten, wenn er bei
solcher Gelegenheit ihn anstarrte mit der unausgesprochenen Frage auf
den Lippen: bist du verrckt ... oder wie soll ich das sonst verstehen?

So etwas konnte man denn auch in den Zgen Verbrugges gewahren,
und Havelaar musste die Frage wiederholen, bevor er antwortete:

--Ja, er hat eine sehr ausgebreitete Familie.

--Und sind Medjiets in der Abteilung in Bau begriffen? fuhr Havelaar
fort, wieder in einem Ton, der, ganz in Widerspruch mit den Worten
selbst, anzudeuten schien, dass ein Zusammenhang bestnde zwischen
diesen Moscheen und der 'grossen Familie' des Regenten.

Verbrugge antwortete, dass in der That viel an Moscheen gearbeitet
werde.

--Ja, ja, das wusste ich wohl! rief Havelaar. Und sagen Sie mir nun
einmal, ob da viel rckstndig ist in der Bezahlung der Landrenten?

--Ja, das knnte wohl besser sein ...

--Freilich, und vor allem im Distrikt Parang-Kudjang, sagte Havelaar,
als fnde er es bequemer, selbst zu antworten. Wie hoch ist der
Anschlag von diesem Jahr? fuhr er fort; und bemerkend, dass Verbrugge
sich einigermassen unentschlossen zeigte, als wolle er sich auf die
Antwort besinnen, kam ihm Havelaar zuvor und setzte seine Rede in
einem Atem also fort:

--Gut, gut, ich weiss es schon ... sechsundachtzigtausend und einige
hunderte ... fnfzehntausend mehr als im vorigen Jahr ... doch nur
sechstausend ber das Jahr '55. Das ist seit '53 nur um achttausend
gestiegen ... und auch die Bevlkerung ist sehr dnn ... nun ja,
Malthus! In zwlf Jahren sind wir nur elf Prozent gestiegen, und
auf diese Schtzung ist noch kein Verlass, denn die Zhlungen waren
frher sehr ungenau ... und sind's noch! Von '50 zu '51 besteht sogar
ein Rckgang. Auch der Viehbestand macht keine Fortschritte ... das
ist ein schlechtes Zeichen, Verbrugge! Ei Teufel, sehen Sie doch,
wie das Pferd da springt; ich glaube, es hat den Koller ... wollen
mal hingehen, Max!

Verbrugge nahm wahr, dass er den neuen Assistent-Residenten wenig
zu lehren haben wrde, und dass nicht die Rede sein konnte von einem
bergewicht durch 'lokale Anciennett', was der gute Junge denn auch
nicht begehrt hatte.

--Aber es ist natrlich, fuhr Havelaar fort, indem er Max auf den
Arm nahm. Im Tjikandischen und im Bolangschen ist man sehr erfreut
darber ... und die Aufstndischen in den Lampongs auch. Ich mchte
Sie recht gern als Mitarbeiter gewinnen, M'nheer Verbrugge! Der Regent
ist schon ein bejahrter Mann, und wir mssen also ... sagen Sie doch,
ist sein Schwiegersohn noch immer Distriktshuptling? Alles in allem
halte ich ihn fr eine Person, die Rcksicht verdient ... der Regent,
meine ich. Ich freue mich recht, dass hier alles so zurckgeblieben
und so rmlich ist, und ... hoffe hier lange zu bleiben.

Hierauf reichte er Verbrugge die Hand, und dieser, mit ihm an den
Tisch zurckkehrend, an dem der Resident, der Adhipatti und Mevrouw
Havelaar sassen, merkte schon etwas deutlicher als fnf Minuten
frher, dass der Havelaar so verrckt nicht war, wie der Kommandant
meinte. Verbrugge war keineswegs von Verstande entblsst, und er, der
die Abteilung Lebak kannte, wohl so gut, wie ein so grosser Komplex,
wo nichts gedruckt wird, von einer Person berhaupt gekannt werden
kann, er begann einzusehen, dass doch Beziehungen herrschten zwischen
den scheinbar zusammenhanglosen Fragen Havelaars, und gleichzeitig,
dass der neue Assistent-Resident, wiewohl er nie die Abteilung betreten
hatte, unterrichtet sei von dem, was da vorging. Wohl begriff er noch
immer nicht diese Freude ber die Armut in Lebak, doch redete er sich
ein, dass er diesen Passus verkehrt verstanden haben msse. Spter
allerdings, als Havelaar mehrfach dasselbe zu ihm sagte, sah er ein,
wieviel Grsse und Adel hinter dieser Freude steckte.

Havelaar und Verbrugge nahmen am Tische Platz, und man wartete,
indem man den Thee einnahm und ber gleichgltige Dinge sprach, bis
Dongso dem Residenten meldete, dass die frischen Pferde vorgespannt
seien. Man packte sich so gut wie mglich in den Wagen und fuhr
davon. Das Rumpeln und Stossen machte das Sprechen schwierig. Der
kleine Max wurde mit einer Banane ruhig gehalten, und seine Mutter,
die ihn auf dem Schosse hatte, wollte durchaus nicht wahr haben,
dass sie ermdet sei, als Havelaar ihr anbot, sie von dem schweren
Jungen befreien zu wollen. In einem Augenblick unfreiwilliger Ruhe in
einem Morastloch fragte Verbrugge den Residenten, ob er mit dem neuen
Assistent-Residenten schon ber Mevrouw Slotering gesprochen habe.

--M'nheer. Havelaar. Hat. Gesagt.

--Freilich, Verbrugge, warum nicht? Die Dame kann bei uns bleiben. Ich
mchte einer Dame ...

--Dass. Es. Gut. Wre ... schleppte der Resident mit vieler Mhe
hinterher.

--Ich mchte einer Dame in ihren Umstnden nicht gern mein Haus
verschliessen! Sowas versteht sich von selbst ... nicht wahr, Tine?

Auch Tine war der Ansicht, dass sich das von selbst verstnde.

--Sie haben zwei Huser in Rangkas-Betung, sagte Verbrugge. Es ist
Raum in berfluss vorhanden fr zwei Familien.

--Nun, wenn das auch nicht der Fall wre ...

--Ich. Wagte. Es. Ihr.

--Ei, Resident, rief Mevrouw Havelaar, da giebt's gar keinen Zweifel!

--Nicht. Zuzusagen. Denn. Es. Ist.

--Und wren es auch ihrer zehn, wenn sie nur vorlieb nhmen bei uns.

--Eine. Grosse. Last. Und. Sie. Ist.

--Aber das Reisen ist bei ihrer Lage unmglich, Resident!

Ein heftiger Ruck des Wagens, der aus dem Morast gezogen wurde,
setzte ein Ausrufungszeichen hinter Tines Erklrung, dass Frau
Slotering unmglich reisen knne. Jeder hatte pflichtgemss sein
erschrecktes hopsa! gerufen, das auf solchen Stoss folgt, Max hatte
in seiner Mutter Schoss die Banane wiedergefunden, die er durch den
Ruck verloren hatte, und schon war man ein ganzes Ende dem demnchst
zu erwartenden Morastloch nher, als endlich der Resident beschliessen
konnte, seinen Satz zu vollenden, indem er hinzufgte:

--Eine. Eingeborne. Frau.

--O, das bleibt sich gleich, suchte Mevrouw Havelaar verstndlich zu
machen. Der Resident nickte, als wie zufrieden, dass die Sache geregelt
sei, und da das Sprechen so schwer fiel, brach man das Gesprch ab.

Die genannte Frau Slotering war die Witwe von Havelaars Vorgnger, der
zwei Monate vorher gestorben war. Verbrugge, dem darauf vorlufig die
Amtsfunktionen eines Assistent-Residenten bertragen waren, htte das
Recht gehabt, whrend dieser Zeit die gerumige Wohnung einzunehmen,
die zu Rangkas-Betung so wie in jeder Abteilung von Landeswegen fr das
Oberhaupt der Landschaftsverwaltung hergerichtet ist. Er hatte dies
jedoch nicht gethan, zum Teil, weil er vielleicht frchtete, zu bald
wieder ausziehen zu mssen, zum Teil, um die Benutzung derselben jener
Dame mit ihren Kindern zu berlassen. Hinwiederum wre Raum genug
gewesen, denn ausser der sehr grossen Assistent-Residentenwohnung
selbst stand daneben auf demselben Erbe noch ein anderes Haus, das
frher dieser Bestimmung gedient hatte und trotz des einigermassen
bauflligen Zustandes zum Bewohnen noch immer sehr geeignet war.

Mevrouw Slotering hatte den Residenten ersucht, ihr Frsprecher bei
dem Nachfolger ihres Ehemannes zu sein, dass derselbe ihr die Benutzung
des alten Hauses bis nach ihrer Entbindung gestatte, die sie in einigen
Monaten zu erwarten hatte. Das war das Ersuchen, dem Havelaar und seine
Frau so bereitwillig Folge gaben, etwas, das ganz in ihrer Art lag,
denn gastfrei und hlfbereit waren sie in hchstem Masse.

Wir hrten den Residenten sagen, dass Mevrouw Slotering eine
eingeborene Frau sei. Sie sprach nur Malayisch. Wir werden ihr spter
wieder begegnen, wenn wir mit Havelaar, Tine und dem kleinen Max in der
Vorgalerie der Wohnung des Assistent-Residenten zu Rangkas-Betung,
wo unsere Reisegesellschaft nach langem Gerttel und Geschttel
endlich wohlbehalten ankam, Thee trinken.

Der Resident, der nur mitgekommen war, um den neuen
Assistent-Residenten in sein Amt einzusetzen, gab den Wunsch zu
erkennen, dass er noch selbigen Tages nach Serang zurckkehren mchte:

--Weil. Er.

Havelaar erklrte sich demgemss zu aller Eile bereit ...

--So. Drngend. Zu thun. Habe.

... und es wurde die Verabredung getroffen, dass man ber eine halbe
Stunde in der grossen Vorgalerie der Wohnung des Regenten sich wieder
zusammenfinden werde. Verbrugge, hierauf vorbereitet, hatte schon
mehrere Tage vorher den Distriktshuptlingen, dem Patteh, dem Kliwon,
dem Djaksa, dem Steuereinnehmer, einigen Mantries, und schliesslich
allen inlndischen Beamten, die dieser Feierlichkeit beiwohnen mussten,
Befehl gegeben, sich am Hauptplatze zu versammeln.

Der Adhipatti nahm Abschied und ritt nach Hause. Mevrouw Havelaar
besah ihre neue Wohnung und war sehr entzckt von ihr, vor allem
weil der Garten gross war, was ihr so gut schien fr den kleinen Max,
der viel in die Luft musste. Der Resident und Havelaar waren auf ihre
Zimmer gegangen, um sich umzukleiden, denn bei dem feierlichen Akt,
der stattfinden sollte, war wohl das offiziell vorgeschriebene Kostm
erforderlich. Ringsherum ums Haus standen Hunderte von Menschen,
die entweder zu Pferd den Wagen des Residenten begleitet hatten oder
zum Gefolge der aufgerufenen Huptlinge gehrten. Die Polizei- und
Bureauaufseher liefen geschftig hin und her. Kurzum, alles zeigte an,
dass die Eintnigkeit auf diesem vergessenen Fleckchen Erde in der
Westecke Javas fr einen Augenblick von regem Leben unterbrochen war.

Alsbald fuhr der schne Wagen des Adhipatti die Vorfahrt herauf. Der
Resident und Havelaar, strotzend von Gold und Silber, doch ein
wenig ber ihre Degen strauchelnd, stiegen ein und begaben sich nach
der Wohnung des Regenten, wo sie mit Musik von Gongs und Gamlangs
empfangen wurden. Auch Verbrugge, der sein von Schlamm bespritztes
Gewand abgelegt hatte, war dort schon eingetroffen. Die Huptlinge
geringeren Ranges sassen in grossem Kreise nach orientalischer Sitte
auf Matten zu ebener Erde, und am Ende der langen Galerie stand ein
Tisch, an dem der Resident, der Adhipatti, der Assistent-Resident,
der Kontrolleur und sechs Huptlinge Platz nahmen. Man reichte Thee
mit Gebck herum, und die einfache Feierlichkeit nahm ihren Anfang.

Der Resident erhob sich und verlas den Beschluss des
Generalgouverneurs, nach welchem Max Havelaar zum Assistent-Residenten
von Bantan-Kidul oder Sd-Bantam ernannt war, wie Lebak von den
Eingeborenen genannt wird. Darauf nahm er das Staatsblatt zur
Hand, worin der Eid stand, der bei Antritt eines Amtes allgemein
vorgeschrieben ist und der besagt:


    ... dass man, um zur Wrde des * * * * ernannt oder befrdert
    zu werden, niemandem etwas versprochen oder gegeben habe,
    versprechen oder geben werde; dass man unerschtterlich treu
    sein werde Seiner Majestt dem Knig der Niederlande; gehorsam
    den Vertretern Seiner Majestt in den Indischen Regionen; dass
    man peinlich erfllen und erfllen lassen werde die Gesetze und
    Bestimmungen, die gegeben sind oder gegeben wrden, und dass
    man sich in allem betragen werde, wie es einem guten ... (hier:
    Assistent-Residenten) gezieme.


Darauf folgte natrlich das sakramentale: So wahr mir helfe Gott
der Allmchtige!

Havelaar sprach die vorgelesenen Worte nach. Als einbegriffen in
diesen Eid htte eigentlich betrachtet werden mssen das Gelbnis:
der eingeborenen Bevlkerung Schutz gewhren zu wollen vor Aussaugung
und Unterdrckung. Denn, indem man schwur, dass man die bestehenden
Gesetze und Bestimmungen handhaben werde, brauchte man nur das Auge auf
die diesbezglichen zahlreichen Vorschriften zu wenden, um einzusehen,
dass eigentlich ein besonderer Eid hierfr berflssig sei. Doch
der Gesetzgeber scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass des Guten
nicht zu viel gethan werden knne, wenigstens man fordert von dem
Assistent-Residenten einen besonderen Eid, in dem diese Verpflichtung
bezglich des geringen Mannes noch einmal ausdrcklich ausgesprochen
ist. Havelaar musste also ein zweites Mal Gott den Allmchtigen zum
Zeugen anrufen bei dem Gelbde: dass er die eingeborene Bevlkerung
schtzen werde vor Unterdrckung, Misshandlung und Erpressung.

Fr einen feinen Beobachter wrde es sich der Mhe gelohnt haben,
auf den Unterschied zu achten, der in Haltung und Ton einerseits des
Residenten und andererseits Havelaars bei dieser Gelegenheit sich
zeigte. Beide hatten sie einer solchen Feierlichkeit zu mehreren
Malen beigewohnt. Der Unterschied, von dem ich rede, lag also nicht
in der grsseren oder geringeren Inanspruchnahme bei einer neuen
und ungewohnten Situation, sondern er war allein zurckzufhren auf
die durchaus entgegengesetzte Richtung der Charaktere und Begriffe
dieser beiden Personen. Der Resident sprach wohl etwas schneller wie
gewhnlich, da er den Beschluss und die Eide nur abzulesen brauchte,
was ihm die Mhe ersparte, nach seinen Schlussworten zu suchen, aber
doch geschah von seiner Seite alles mit einer Wrde und einem Ernst,
der dem oberflchlichen Zuschauer einen sehr hohen Begriff von der
Wichtigkeit einflssen musste, die er der Sache beimass. Havelaar
hingegen hatte, als er mit erhobenem Finger die Eide nachsprach,
in Gesicht, Stimme und Haltung etwas, das sagen zu wollen schien:
das ist selbstverstndlich, auch ohne dieses Gott der Allmchtige
wrde ich das thun, und wer Menschenkenntnis besass, wrde mehr
Vertrauen gesetzt haben auf seine Ungezwungenheit und scheinbare
Gleichgltigkeit, als auf die wrdige Amtsmiene des Residenten.

Ist es nicht in der That lcherlich, zu meinen, dass der Mann,
der berufen ist Recht zu sprechen, der Mann, dem Wohl und Wehe von
Tausenden in die Hnde gegeben ist, sich gebunden erachten wrde
durch ein paar schne Worte, so er nicht, auch ohne diese Worte,
sich dazu gedrngt fhlt durch sein eigenes Herz?

Wir glauben von Havelaar, dass er die Armen und Unterdrckten, wo er
sie antreffen mochte, beschirmt haben wrde, auch wenn er bei Gott
dem Allmchtigen das Gegenteil gelobt htte.

Darauf folgte eine Ansprache des Residenten an die Huptlinge,
worauf er ihnen den Assistent-Residenten als Oberhaupt der
Abteilung vorstellte, sie ermahnte, dass sie ihm gehorsam sein, ihren
Verpflichtungen getreu nachkommen sollten und was der Gemeinpltze mehr
waren. Die Huptlinge wurden darauf einer nach dem anderen Havelaar bei
Namen vorgestellt. Er reichte jedem die Hand, und die Installation
war vor sich gegangen.

Man nahm im Hause des Adhipatti das Mittagsmahl ein, zu dem auch der
Kommandant Duclari gentigt war. Gleich nach Beendigung desselben
bestieg der Resident, der gern noch selbigen Abends in Serang wieder
angelangt sein wollte:

--Weil. Er. So. Besonders. Drngend. Zu thun. Habe.

... wieder seinen Reisewagen, und so kehrte zu Rangkas-Betung
wieder eine Stille ein, wie man sie voraussetzt von einer javanischen
Binnenstation, die von nur wenigen Europern bewohnt wurde und berdies
nicht an dem Grossen Wege gelegen war.

Die Bekanntschaft zwischen Duclari und Havelaar war bald auf einen
angenehmen Ton gestimmt. Der Adhipatti gab zu erkennen, dass er sehr
eingenommen sei fr seinen neuen lteren Bruder, und Verbrugge
erzhlte spter, dass auch der Resident, den er auf seiner Rckreise
nach Serang ein Stck Weges geleitet hatte, sich ber die Familie
Havelaar, die auf ihrem Durchzuge nach Lebak sich einige Tage bei
ihm zu Hause aufhielt, sehr gnstig ausgelassen hatte. Auch sagte
er, dass Havelaar, der bei der Regierung gut angeschrieben stnde,
hchstwahrscheinlich schnell in ein hheres Amt befrdert oder
wenigstens in eine mehr vorteilhafte Abteilung versetzt werden wrde.

Max und 'seine Tine' waren erst unlngst von einer Reise nach Europa
zurckgekehrt und fhlten sich ermdet von einem Leben, das ich einst
sehr eigenartig ein Kofferleben habe nennen hren. Sie erachteten sich
also glcklich, nach vielem Umherschwrmen endlich einmal wieder einen
Fleck zu bewohnen, wo sie zu Hause sein durften. Vor ihrer Reise nach
Europa war Havelaar Assistent-Resident von Amboina gewesen, wo er
mit vielen Mhsalen zu kmpfen gehabt, weil die Bevlkerung dieses
Eilandes in einem grenden und aufrhrerischen Zustande verkehrte,
und zwar infolge der vielen verkehrten Massnahmen, die in der letzten
Zeit getroffen wren. Nicht ohne Federkraft hatte er diesen Geist
des Widerstandes zu unterdrcken gewusst, doch aus Verdruss ber die
geringe Hlfe, die man ihm hierin von hoher Hand lieh, und aus rger
ber die elende Verwaltung, die seit Jahrhunderten die herrlichen
Regionen der Molukken entvlkert und verwstet ...

Der sich interessierende Leser suche auf, was ber diesen Gegenstand
schon im Jahre 1825 von dem Baron Van der Capellen geschrieben wurde;
er kann die Publikationen dieses Menschenfreundes im Indischen
Staatsblatt dieses Jahres finden. Im Zustande jener Gegend ist seit
dieser Zeit eine Besserung nicht erfolgt!

Wie dem sei, Havelaar that auf Amboina, was in seinen Krften lag,
doch aus Verdruss ber den vlligen Mangel an Mitwirkung vonseiten
derjenigen, die an erster Stelle berufen waren, seine Bemhungen zu
untersttzen, war er krank geworden, und dies hatte ihn bewogen, nach
Europa zu verziehen. Strikt genommen, htte er bei der Wiederplazierung
Anspruch gehabt, einen gnstigeren Posten zu erhalten als den in
der armen, in keiner Weise gut gestellten Abteilung Lebak, da sein
Wirkungskreis auf Amboina von grsserer Bedeutung war und er da, ohne
Residenten ber sich, ganz auf sich selbst gestellt war. berdies war,
schon bevor er nach Amboina verzog, die Rede davon gewesen, ihn zum
Residenten zu befrdern, und es befremdete hiernach manchen, dass ihm
jetzt die Verwaltung einer Abteilung bertragen wurde, die so wenig
an Kulturemolumenten aufbrachte, sintemal viele die Bedeutung einer
Stellung nach den damit verknpften Einknften bemessen. Er selbst
freilich beklagte sich darber durchaus nicht, denn sein Ehrgeiz war
keineswegs der Art, dass er htte betteln mgen um hheren Rang oder
grsseren Gewinn.

Und dieses letztere wre ihm doch gut zustatten gekommen! Denn auf
seinen Reisen in Europa hatte er das wenige verausgabt, das er in
frheren Jahren erspart. Ja, er hatte Schulden dort hinterlassen und
er war also mit einem Wort arm. Doch nimmer htte er sein Amt als eine
Sache des Geldgewinns betrachtet, und bei seiner Ernennung nach Lebak
nahm er sich in Zufriedenheit vor, den Rckstand durch Sparsamkeit
einzuholen, worin ihn seine Frau, die in Geschmack und Bedrfnissen
sehr einfach war, mit grosser Bereitwilligkeit untersttzen wrde.

Doch Sparsamkeit war fr Havelaar ein schwierig Ding. Was ihn selbst
betraf, er konnte sich auf das durchaus Notwendige beschrnken,
ja, ohne die mindeste Anstrengung konnte er innerhalb dessen Grenzen
bleiben. Allein wo andere der Hlfe bedurften, war ihm Helfen und Geben
eine wahre Leidenschaft. Er selbst war sich dieser Schwche bewusst,
begrndete mit all dem gesunden Verstand, der ihm gegeben war, wie
unrecht er thte, wenn er jemanden untersttzte, wo er selbst mehr
Anspruch auf seine eigene Hlfe gehabt htte ... fhlte dies Unrecht
noch lebendiger, wenn auch 'seine Tine' und Max, die er beide so
lieb hatte, unter den Folgen seiner Freigebigkeit zu leiden hatten
... er verwies sich seine Gutherzigkeit als Schwche, als Eitelkeit,
als Sucht, gern fr einen verkleideten Prinzen sich halten zu lassen
... er gelobte sich Besserung, und doch ... jedesmal, wenn dieser
oder jener sich als Opfer eines widrigen Schicksals vor ihm zu
gebrden wusste, vergass er alles, um zu helfen. Und das ungeachtet
der bitteren Erfahrung von den Folgen dieser durch bertreibung zum
Fehler gewordenen Tugend. Acht Tage vor der Geburt des kleinen Max
besass er das Ntige nicht, um die eiserne Wiege zu kaufen, worin sein
Liebling ruhen sollte, und kurze Zeit vorher noch hatte er die wenigen
Schmuckstcke seiner Frau geopfert, um jemandem Beistand zu leisten,
der gewiss in besseren Verhltnissen lebte als er selbst.

Doch all dies lag schon wieder weit hinter ihnen, als sie zu Lebak
angekommen waren. Mit heiterer Ruhe hatten sie Besitz genommen von
dem Haus, wo sie nun doch einige Zeit zu bleiben hofften. Mit einem
eigenen Wohlgefallen hatten sie in Batavia die Mbel bestellt, die
alles so comfortable und gemtlich machen sollten. Sie zeigten sich
gegenseitig die rtlichkeiten, wo sie frhstcken wrden, wo der kleine
Max spielen sollte, wo der Bcherschrank stehen sollte, wo er ihr des
Abends vorlesen wrde, was er tags geschrieben, denn er war stets
eifrig daran, auf dem Papier seine Gedanken zu entwickeln ... und:
dereinst wrde das auch gedruckt werden, und dann wrde man sehen,
wer ihr Max sei! Doch niemals hatte er etwas dem Druck bergeben von
dem, was in seinem Kopfe umging, weil eine gewisse Scheu ihn erfllte,
die wohl einen Zug von Keuschheit hatte. Er selbst wenigstens wusste
diese Scheu nicht besser zu beschreiben, als indem er denen, die ihn
zu ffentlichem Auftreten anfeuerten, die Frage vorlegte: Wrdet
ihr eure Tochter auf die Strasse laufen lassen ohne Hemd?

Das war dann wieder eine von den vielen Schrullen, die seiner
Umgebung das Wort eingaben, dass dieser Havelaar doch ein sonderbarer
Mensch sei, und wovon ich nicht das Gegenteil behaupte. Doch wenn
man sich die Mhe genommen htte, seinen ungewhnlichen Ausdruck
zu verdolmetschen, so wrde man in dieser sonderbaren Frage mit dem
Bezug auf die Toilette eines Mdchens vielleicht den Text gefunden
haben fr eine Abhandlung ber die Keuschheit des Geistes, der Scheu
empfindet vor den Blicken des interesselos Vorberbummelnden und sich
zurckzieht in sein Gehuse mdchenhafter Sprdigkeit.

Ja, sie wollten glcklich sein zu Rangkas-Betung, Havelaar und seine
Tine! Die einzige Sorge, die sie drckte, waren die Schulden, die sie
in Europa zurckgelassen hatten, erhht um die noch unbezahlten Kosten
der Rckreise nach Indien und um die Ausgaben fr die Mblierung ihrer
Wohnung. Doch Not war keine. Sie sollten doch auch wohl von der Hlfte,
von einem Drittel seiner Einknfte leben knnen? Vielleicht auch,
ja wahrscheinlich, wrde er schnell Resident werden, und dann wurde
alles leicht und in kurzer Zeit geregelt ...

--Wiewohl es mir arg wider den Strich gehen wrde, Tine, wenn ich Lebak
verlassen msste, denn es ist hier viel zu thun. Du musst recht sparsam
sein, Beste, dann knnen wir vielleicht alles uns vom Halse schaffen,
auch ohne Befrderung ... und dann hoffe ich lange hier zu bleiben,
recht lange!

Nun brauchte er sie nicht zur Sparsamkeit anspornen. Sie war wahrlich
nicht Schuld daran, dass Sparsamkeit ntig geworden war, doch sie
war so in sein Ich verschmolzen, dass sie diese Anspornung nicht
als einen Tadel auffasste, was sie auch nicht bedeuten sollte. Denn
Havelaar wusste sehr gut, dass er allein gefehlt hatte durch seine
zu weit getriebene Freigebigkeit, und dass ihr Fehler--wenn berhaupt
ein Fehler auf ihrer Seite zu suchen war--allein darin gelegen hatte,
dass sie aus Liebe zu Max alles gutgeheissen hatte, was er that.

Ja, sie hatte es gut gefunden, dass er die beiden armen Frauen aus
der Nieuwstraat, die niemals Amsterdam verlassen hatten und niemals
aus gewesen waren, auf dem Haarlemer Jahrmarkt herumfhrte, unter
dem ergtzlichen Vorwande, dass der Knig ihn betraut habe mit der
Sorge fr das Amusement von alten Frauen, die sich so gut betragen
htten. Sie fand es gut, dass er die Waisenkinder aus allen Stiften
Amsterdams auf Kuchen und Mandelmilch einlud und sie mit Spielzeug
berschttete. Sie begriff vollkommen, dass er die Logisrechnung
der Familie von armen Sngern bezahlte, die nach ihrem Lande zurck
wollten, doch nicht gern ihre Habe zurckliessen, wozu die Harfe
gehrte und die Violine und der Bass, die sie so ntig brauchten fr
ihren elenden Betrieb. Sie konnte es nicht missbilligen, dass er das
Mdchen zu ihr brachte, das abends auf der Strasse ihn angesprochen
hatte ... dass er ihm zu essen gab, ihm Unterkunft bot und das allzu
wohlfeile gehe hin und sndige nicht mehr! nicht aussprach, bevor
er ihr dies nicht sndigen mglich gemacht hatte. Sie fand es sehr
schn von ihrem Max, dass er das Klavier zurckbringen liess in die
Wohnung des Familienvaters, den er hatte sagen hren, wie weh es
ihm thue, dass die Mdchen nach dem Bankerott die Musik entbehren
mssten. Sie begriff sehr gut, dass ihr Max die Sklavenfamilie zu
Menado freikaufte, die so bitter betrbt war darber, dass sie auf
den Tisch des Auktionators steigen musste. Sie fand es natrlich,
dass Max den Alfuren in der Minahassa, deren Pferde von den
Offizieren der Bayonnaise totgeritten waren, dafr andere Pferde
wiedergab. Sie hatte nichts dagegen, dass er zu Menado und auf Amboina
die Schiffbrchigen der 'whalers', der Walfischfnger, in sein Haus
rief und sie versorgte, und sich zu sehr Grandseigneur erachtete,
als dass er der Amerikanischen Regierung eine Verpflegungsrechnung
vorgelegt htte. Sie begriff vollkommen, warum die Offiziere beinahe
jedes angekommenen Kriegsschiffes grsstenteils bei Max logierten,
und dass sein Haus ihnen ihr geliebtes Absteigequartier bedeutete.

War er nicht ihr Max? War es nicht wirklich klein, nichtig, war es
nicht ungereimt, ihn, der so frstlich dachte, binden zu wollen an
die Vorschrift der Sparsamkeit und des Haushaltens, die fr andere
gilt? Und zudem, mochte denn bisweilen auch fr einen Augenblick keine
bereinstimmung bestehen zwischen Einknften und Ausgaben, war Max,
ihr Max, nicht bestimmt fr eine glnzende Laufbahn? Musste er nicht
alsbald in Verhltnisse kommen, die ihn in stand setzen wrden, ohne
berschreitung seiner Einknfte seinen grossherzigen Neigungen freien
Lauf zu lassen? Musste ihr Max nicht Generalgouverneur werden ber
das liebe Indien, oder ... ein Knig? Ja, war es nicht sonderbar,
dass er nicht schon Knig war?

Wenn ein Fehler bei ihr gefunden werden konnte, dann war hier die
Schuld, dass sie so sehr eingenommen war fr Havelaar, und wenn je,
dann galt hier das Wort: dass man viel vergeben msse dem, der viel
geliebt!

Doch man hatte ihr nichts zu verzeihen. Ohne nun die bertriebenen
Vorstellungen zu teilen, die sie sich von ihrem Max bildete, ist es
doch erlaubt, anzunehmen, dass er eine gute Laufbahn vor sich hatte,
und wenn diese gegrndete Aussicht sich verwirklicht htte, wren
in der That die unangenehmen Folgen seiner Freigebigkeit bald aus
dem Wege zu rumen gewesen. Aber noch ein Grund von ganz anderer Art
entschuldigte ihre und seine scheinbare Sorglosigkeit.

Sie hatte sehr jung ihre Eltern verloren und war bei Angehrigen
von ihr aufgezogen. Als sie heiratete, teilte man ihr mit, dass sie
ein kleines Vermgen besitze, und man zahlte es ihr auch aus; doch
Havelaar entdeckte aus einzelnen Briefen frherer Zeit und aus einigen
losen Aufzeichnungen, die sie in einer von ihrer Mutter ererbten
Kassette aufbewahrte, dass ihre Familie sowohl von vterlicher wie
mtterlicher Seite sehr reich gewesen war, ohne dass ihm gleichwohl
deutlich werden wollte, wo, wodurch oder wann dieser Reichtum verloren
gegangen war. Sie selbst, die sich nie um Geldsachen bekmmert hatte,
wusste wenig oder nichts zu antworten, als Havelaar sich angelegen sein
liess, bezglich der frheren Besitzverhltnisse ihrer Verwandten
einige Auskunft von ihr zu erlangen. Ihr Grossvater, der Baron
van W., war mit Wilhelm V. nach England entwichen und im Heer des
Herzogs von York Rittmeister gewesen. Er schien mit den entkommenen
Gliedern der Statthalterfamilie ein lustiges Leben gefhrt zu haben,
was denn auch von vielen als Ursache des Niederganges seiner gnstigen
Vermgensverhltnisse angegeben wurde. Spter, bei Waterloo, fiel
er bei einem Angriff unter den Husaren von Boreel. Rhrend war es,
die Briefe ihres Vaters zu lesen--damals eines Jnglings von achtzehn
Jahren, der als Leutnant bei diesem Korps in demselben Angriff einen
Sbelhieb ber den Kopf bekam, an dessen Folgen er acht Jahre spter
im Irrsinn sterben sollte--Briefe an seine Mutter, in denen er ihr
sein Weh klagte, wie er ergebnislos auf dem Schlachtfelde nach dem
Leichnam seines Vaters gesucht hatte.

Was ihre Abkunft mtterlicherseits angeht, erinnerte sie sich,
dass ihr Grossvater auf sehr ansehnlichem Fusse gelebt hatte, und
aus einigen Papieren wurde ersichtlich, dass dieser im Besitz des
Postbetriebes in der Schweiz gewesen war, in der Art wie jetzt noch in
einem grossen Teile Deutschlands und Italiens dieser Einkommenszweig
die Apanage der Frsten von Thurn und Taxis ausmacht. Dies liess ein
grosses Vermgen voraussetzen, aber auch hiervon war durch gnzlich
unbekannte Ursachen nichts oder wenigstens sehr wenig auf das zweite
Glied bergegangen.

Havelaar vernahm das wenige, was darber zu vernehmen war, erst nach
seiner Eheschliessung, und bei seinen Nachforschungen erweckte es seine
Verwunderung, dass die Kassette, von der ich soeben sprach--und die sie
mit dem Inhalt aus einem Gefhl der Piett aufbewahrte, ohne zu ahnen,
dass darin Stcke enthalten sein knnten, die in geldlicher Hinsicht
von Wert waren--auf unbegreifliche Weise verloren gegangen war. Wie
uneigenntzig auch, er grndete auf diese und viele andere Umstnde
die Meinung, dass dahinter ein 'roman intime' sich verstecke, und man
mag es ihm nicht bel deuten, dass er, der er fr seine kostspielige
Veranlagung viel ntig hatte, mit Freude diesen Roman ein glckliches
Ende htte nehmen sehen. Wie es nun auch sein mge mit dem wirklichen
Bestehen dieses Romans, und ob nun Raub stattfand oder nicht,
gewiss ist, dass in Havelaars Phantasie etwas geboren wurde, was man
einen Millionentraum nennen knnte.

Doch eigenartig war es wiederum, dass er, der so genau und
scharf dem Rechte eines andern--wie tief es auch begraben
sein mochte unter staubigen Akten und dicken Gespinnsten von
Advokatenkniffen--nachgesprt und es verteidigt haben wrde, dass er
hier, wo sein eigenes Interesse im Spiel war, nachlssig den Augenblick
verpasste, wo vielleicht die Sache htte angefasst werden mssen. Er
schien eine gewisse Scham zu empfinden, hier, wo es seinen eigenen
Vorteil galt, und ich glaube bestimmt, wenn 'seine Tine' mit einem
anderen verheiratet gewesen wre, mit jemandem, der sich an ihn mit
dem Ersuchen gewendet htte, er mchte das Spinnengewebe zerstren,
worin der grossvterliche Wohlstand hngen geblieben war, ich glaube,
dass es ihm geglckt wre, 'die interessante Waise' in den Besitz des
Vermgens zu setzen, das ihr gehrte. Doch nun war diese interessante
Waise seine Frau, ihr Vermgen war das seine, und so fand er etwas
Kaufmnnisches, Entwrdigendes darin, in ihrem Namen zu fragen:
Seid ihr mir nicht noch etwas schuldig?

Und doch konnte er diesen Millionentraum nicht von sich schtteln,
und wre dies auch nur gewesen, um eine Rechtfertigung dafr bei
der Hand zu haben, wenn er, was hufig vorkam, es an sich tadelte,
dass er zu viel Geld ausgab.

Erst kurz vor der Rckkehr nach Java, als er schon viel gelitten
hatte unter dem Drucke des Geldmangels, als er sein trotziges Haupt
hatte beugen mssen unter die furca caudina so manchen Glubigers,
war es ihm gelungen, seine Trgheit oder seine Scheu zu berwinden, um
die Millionen gegenstndlich zu machen, die er noch zu gute zu haben
meinte. Und man antwortete ihm mit einer alten Rechnungsaufstellung
... ein Argument, wie man weiss, gegen das nichts ins Feld zu
fhren ist.

Doch sie wrden so sparsam sein zu Lebak! Und warum auch nicht? Es
irren in so einem unkultivierten Lande nicht spt abends Mdchen
ber die Strasse, die ein wenig Ehre zu verkaufen haben fr ein
wenig Essen. Es schwrmen da nicht so viel Menschen herum, die von
problematischen Berufen leben. Da kommt es nicht vor, dass eine
Familie auf einmal zu Grunde geht durch Schicksalswendung ... und
derart waren doch gewhnlich die Klippen, an denen die guten Vorstze
Havelaars scheiterten. Die Zahl der Europer in dieser Abteilung war so
gering, dass sie nicht in Anschlag kam, und der Javane in Lebak zu arm,
als dass er--bei welcher Wendung des Loses immer--die Aufmerksamkeit
erregen knnte durch noch grssere Armut. Tine berdachte dies alles
wohl nicht so--hierzu htte sie sich doch deutlicher, als sie es aus
Liebe zu Max thun mochte, Rechenschaft geben mssen von den Ursachen
ihrer nicht sehr gnstigen Verhltnisse--aber es lag in ihrer neuen
Umgebung etwas, das Ruhe atmete, und es mangelten hier alle Anlsse,
die--mit mehr oder minder romanhaftem Hintergrunde--frher Havelaar
so oftmals hatten sagen lassen:

--Nicht wahr, Tine, das ist nun doch ein Fall, dem ich mich nicht
entziehen kann?

Und worauf sie stets geantwortet hatte:

--Freilich nein, Max, dem kannst du dich nicht entziehen!

Wir werden sehen, wie das einfache, scheinbar unbewegte Lebak
Havelaar mehr kostete als alle frheren Exzesse seines Herzens
zusammengenommen. Aber das wussten sie nicht! Sie sahen mit Vertrauen
in die Zukunft und fhlten sich so glcklich in ihrer Liebe und im
Besitz ihres Kindes ...

--O, sieh doch, wieviel Rosen in dem Garten, rief Tine, und da auch
Rampeh und Tjempaka, und so viel Melattis, und sieh mal die schnen
Lilien ...

Und, Kinder, die sie waren, hatten sie eine unschuldige Freude an
ihrem Hause. Und als abends Duclari und Verbrugge nach einem Besuch bei
Havelaars nach ihrer gemeinschaftlichen Wohnung zurckkehrten, sprachen
sie viel ber die kindliche Frhlichkeit der neu angekommenen Familie.

Havelaar begab sich auf sein Bureau und blieb dort die Nacht ber
bis zum folgenden Morgen.






ACHTES KAPITEL.


Havelaar hatte den Kontrolleur ersucht, die Huptlinge, die in
Rangkas-Betung anwesend waren, zu veranlassen, dass sie noch bis
zum folgenden Tage dort verweilten, um der Sebah beizuwohnen, die
er belegen wollte. Solch eine Versammlung fand gewhnlich einmal im
Monat statt, doch sei es, dass er einzelnen Huptlingen, die etwas
weit vom Hauptplatze entfernt wohnten--denn die Abteilung Lebak ist
sehr ausgedehnt--das unntige Hin- und Herreisen ersparen wollte, oder
sei es, dass es sein Wunsch war, sogleich und ohne den festgesetzten
Tag abzuwarten in feierlicher Weise zu ihnen zu sprechen ... er hatte
den ersten Sebah-Tag fr den folgenden Tag angesetzt.

Links vor seiner Wohnung, doch auf demselben Erbe und gegenber
dem Hause, das Mevrouw Slotering bewohnte, stand ein Gebude,
das zum Teil die Bureaux der Assistent-Residentschaft enthielt,
wozu auch die Landeskasse gehrte, und zum andern Teil aus einer
ziemlich gerumigen, offenen Galerie bestand, die recht geeignet
war zur Abhaltung solch einer Versammlung. Dort waren denn auch den
folgenden Morgen die Huptlinge frhzeitig vereinigt. Havelaar trat
ein, grsste und nahm Platz. Er empfing die geschriebenen Monatlichen
Berichte ber Landbau, Viehstand, Polizei und Gerichtspflege und
legte sie zu nherer Prfung beiseite.

Jeder erwartete hierauf eine Ansprache gleich der, welche der Resident
am Tage zuvor gehalten hatte, und es ist nicht so ganz und gar sicher,
dass Havelaar selbst die Absicht hatte, etwas anderes zu sagen; doch
man musste ihn bei solchen Gelegenheiten gehrt und gesehen haben,
um sich vorstellen zu knnen, wie er bei Ansprachen wie dieser sich
begeisterte und durch seine eigene Art zu reden den bekanntesten Dingen
eine neue Farbe verlieh, wie sich dann seine Haltung aufrichtete, wie
sein Blick Feuer sprhte, wie seine Stimme vom schmeichelnd-sanften
berging zu Lanzettenschrfe, wie die Bilder von seinen Lippen flossen,
als streue er Kleinodien um sich her, die ihn doch nichts kosteten,
und wie ihn, wenn er anhielt, jeder anstarrte mit offenem Munde,
als wolle er fragen: Mein Gott, wer bist du?

Es ist wahr, dass er selbst, der bei solchen Gelegenheiten sprach
wie ein Apostel, wie ein Seher, spter nicht wusste, wie er
gesprochen hatte, und seine grosse Beredtheit hatte denn auch mehr
die Eigenschaft, Erstaunen hervorzurufen und zu packen, als durch
Bndigkeit der Beweisfhrung zu berzeugen. Er htte die Kriegslust der
Athener, sobald der Krieg gegen Philippus beschlossen war, anfeuern
knnen bis zu vernichtender Raserei, doch nicht so gut wre es ihm
wahrscheinlich, falls es seine Aufgabe war, gelungen, sie durch
logische Folgerungen zu diesem Kriege zu bewegen. Seine Ansprache
an die Huptlinge von Lebak wurde natrlich in malayischer Sprache
gehalten, und sie entlehnte dem Umstande noch um so mehr Eigenart,
als die Einfachheit der orientalischen Sprachen vielen Ausdrcken eine
Kraft verleiht, die unseren Idiomen durch litterarische Geknsteltheit
verloren gegangen ist, whrend auf der andern Seite wieder das
sssfliessende des Malayischen schwerlich in irgend einer anderen
Sprache wiederzugeben ist. Man bedenke berdies, dass die Mehrzahl
seiner Zuhrer aus einfltigen, doch keineswegs dummen Menschen
bestand, und zugleich, dass es Orientalen waren, deren Eindrcke sehr
verschieden sind von den unseren.

Havelaar muss ungefhr also gesprochen haben:

--Mynheer de Radhen Adhipatti, Regent von Bantan-Kidul, und Ihr,
Radhens Dhemang, die Ihr Hupter seid der Distrikte in dieser
Abteilung, und Ihr, Radhen Djaksa, der Ihr die Justiz zum Amte habt,
und auch Ihr, Radhen Kliwon, der Ihr Autoritt bt am Hauptplatze,
und Ihr, Radhens, Mantries und alle, die Ihr Hupter seid in der
Abteilung Bantan-Kidul ... ich grsse Euch!

Und ich sage Euch, dass ich Freude fhle in meinem Herzen, nun ich hier
Euch alle versammelt sehe, lsternd nach den Worten von meinem Munde.

Ich weiss, dass da unter Euch welche sind, die hervorragen durch
Kenntnis und durch Vortrefflichkeit des Herzens: ich hoffe meine
Kenntnis durch die Eure zu vermehren, denn sie ist nicht so gross,
wie ich wohl wnschte. Und ich habe wohl die Vortrefflichkeit lieb,
doch manchmal gewahre ich, dass in meinem Gemte Mngel sind, die die
Vortrefflichkeit berschatten und ihr den frhlichen Wuchs nehmen
... Ihr alle wisset, wie der grosse Baum den kleinen verdrngt und
ihn ttet. Darum werde ich schauen auf die unter Euch, die durch ihre
Tugend hervorragen, um zu versuchen, besser zu werden, als ich bin.

Ich grsse Euch alle sehr.

Als der Generalgouverneur mir gebot, zu Euch zu gehen, dass ich
Assistent-Resident sei in dieser Abteilung, da war mein Herz sehr
erfreut. Es kann Euch bekannt sein, dass ich niemals Bantan-Kidul
betreten hatte. Ich liess mir Schriftwerk geben, das ber Eure
Abteilung handelt, und ich habe gesehen, dass viel Gutes ist in
Bantan-Kidul. Euer Volk besitzt Reisfelder in den Thlern, und es
sind Reisfelder auf den Bergen. Und Ihr wnschet in Frieden zu leben
und begehret nicht zu wohnen in Landstrichen, die bewohnt werden von
andern. Ja, ich weiss, dass da viel Gutes ist in Bantan-Kidul!

Aber nicht darum allein war mein Herz erfreut. Denn auch in andern
Gelnden wrde ich viel Gutes gefunden haben.

Doch ich gewahrte, dass Eure Bevlkerung arm ist, und hierber war
ich froh im Innersten meiner Seele.

Denn ich weiss, dass Allah den Armen lieb hat und dass Er Reichtum
giebt dem, den Er prfen will. Doch zu den Armen sendet Er, wer sein
Wort spricht, auf dass sie sich aufrichten in ihrem Elend.

Giebt Er nicht Regen, wo der Halm verdorrt, und einen Tautropfen in
den Blumenkelch, der Durst hat?

Und ist es nicht schn, ausgesendet zu werden, dass man die Ermdeten
suche, die zurckblieben nach der Arbeit und niedersanken am Wege,
da ihre Kniee nicht stark mehr waren, hinaufzugehen nach dem Orte des
Lohnes? Sollte ich nicht erfreut sein, die Hand reichen zu drfen
dem, der in die Grube fiel, und einen Stab zu geben dem, der die
Berge erklimmt? Sollte nicht mein Herz aufspringen vor Lust, wenn es
sich erwhlet sieht unter vielen, aus Klagen ein Gebet zu machen und
Danksagung aus Weinen?

Ja, ich bin froh aus Herzens Grunde, gerufen zu sein nach Bantan-Kidul!

Ich habe gesagt zu der Frau, die meine Sorgen teilt und mein Glck
grsser macht: freue dich, denn ich sehe, dass Allah Segen giebt auf
das Haupt unseres Kindes! Er hat mich gesendet an einen Ort, wo nicht
alle Arbeit abgelaufen ist, und er schtzte mich wrdig, da zu sein vor
der Zeit der Ernte. Denn nicht im Schneiden des Padie ist die Freude:
die Freude ist im Schneiden des Padie, den man gepflanzt hat. Und die
Seele des Menschen wchst nicht vom Lohne, sondern von der Arbeit,
die den Lohn verdient. Und ich sagte zu ihr: Allah hat uns ein Kind
gegeben, das dereinstmals sagen wird: Wisset Ihr, dass ich sein Sohn
bin? Und dann werden da welche sein im Lande, die ihn grssen mit
Liebe und die die Hand auf sein Haupt legen werden, und sie werden
sagen: Setze dich nieder zu unserm Mahl, und bewohne unser Haus,
und nimm deinen Teil von dem, was wir haben, denn ich habe deinen
Vater gekannt.

Hupter von Lebak, es ist viel zu arbeiten auf Eurem Landstrich!

Sagt mir, ist nicht der Landmann arm? Reift nicht Euer Padie so oft
zur Speise fr die, die nicht gepflanzt haben? Sind da nicht viele
Verkehrtheiten in Eurem Lande? Ist nicht die Anzahl Eurer Kinder
gering?

Ist nicht Scham in Euren Seelen, wenn der Bewohner von Bandung,
das da gen Osten liegt, Eure Landschaft besucht und fragt: Wo sind
die Drfer und wo die Besteller des Landes? Und warum hre ich den
Gamlang nicht, der Freudigkeit spricht mit kupfernem Munde, noch das
Gestampfe des Padie von Euren Tchtern?

Ist es Euch nicht bitter, von hier zu reisen nach der Sdkste und
die Berge zu sehen, die kein Wasser tragen auf ihren Seiten, oder
die Flchen, wo nimmer ein Bffel den Pflug zog?

Ja, ja, ich sage Euch, dass Eure und meine Seele darber betrbt
ist! Und darum just sind wir Allah dankbar, dass Er uns Macht gegeben
hat, hier zu arbeiten.

Denn wir haben in diesem Lande cker fr viele, obschon der Bewohner
wenige sind. Und es ist nicht der Regen, der mangelt, denn die
Gipfel der Berge saugen die Wolken des Himmels zur Erde nieder. Und
nicht berall sind Felsen, die der Wurzel Platz verwehren, denn an
vielen Stellen ist der Grund weich und fruchtbar und schreit nach
dem Samenkorn, das er uns wiedergeben will in gebogenem Halm. Und es
ist kein Krieg im Lande, der den Padie zertritt, wenn er noch grn
ist, noch Krankheit, der Euren lockernden Patjol nutzlos macht. Noch
sind da Sonnenstrahlen, die heisser wren als ntig ist, das Getreide
reifen zu lassen, das Euch und Eure Kinder nhren soll, noch Banjirs,
deren wilde Wogen alles berfluten und niederreissen und Euch jammern
lassen: Zeig' mir den Platz, wo ich geset habe!

Wo Allah Wasserstrme sendet, die die cker wegnehmen ... wo Er den
Boden hart macht wie trockenen Stein ... wo Er Seine Sonne glhen
lsset, dass alles versenget werde ... wo Er Krieg sendet, der die
Felder niederlegt ... wo Er schlgt mit Krankheiten, die die Hnde
erschlaffen lassen, oder mit Trockenheit, die die hren ttet ... da,
Hupter von Lebak, beugen wir demtig das Haupt und sagen: Er will
es so!

Doch nicht also in Bantan-Kidul!

Ich bin hierher gesandt, Euer Freund zu sein, Euer lterer
Bruder. Wrdet Ihr Euren jngeren Bruder nicht warnen, wenn Ihr einen
Tiger shet auf seinem Wege?

Hupter von Lebak, wir haben wohl fter Fehlgriffe gethan, und unser
Land ist arm, weil wir so viele Fehler begingen.

Denn in Tjikandi und Bolang und im Krawangschen und in der Umgegend
von Batavia sind viele, die geboren sind in unserem Lande und die
unser Land verlassen haben.

Warum suchen sie Arbeit fern von dem Platz, wo sie ihre Eltern
begruben? Warum fliehen sie die Dessah, wo sie die Beschneidung
empfingen? Warum whlen sie die Khle des Baumes, der dort wchst,
vor dem Schatten unserer Haine?

Und dort im Nordwesten jenseit der See sind viele, die unsere Kinder
sein mssten, doch die Lebak verlassen haben, um herumzuirren in
fremden Landstrichen mit Kris und Klewang und Schiessgewehr. Und sie
kommen elendig um, denn es ist Macht von der Regierung da, die die
Aufstndischen erschlgt.

Ich frage Euch, Huptlinge von Bantan-Kidul, warum sind da so viele,
die weggingen, um nicht begraben zu werden, wo sie geboren sind? Warum
fragt der Baum, wo der Mann sei, den er als Kind spielen sah an
seinem Fusse?



Havelaar hielt hier einen Augenblick inne. Um einigermassen den
Eindruck zu begreifen, den seine Sprache machte, htte man ihn
hren und sehen mssen. Als er von seinem Kinde sprach, war in
seiner Stimme etwas Sanftes, etwas unbeschreiblich Rhrendes, das
zu der Frage lockte: Wo ist der Kleine? Jetzt schon will ich das
Kind kssen, das seinen Vater so sprechen lsst! Doch als er kurz
darauf, scheinbar mit wenig Planmssigkeit in dem allen, berging zu
den Fragen, warum Lebak arm sei und warum so viele Bewohner dieser
Gegenden anderswohin verzgen, da nahm seine Stimme einen Klang an,
der an das Kreischen des Bohrers erinnert, der mit Kraft in hartes Holz
geschraubt wird. Dennoch sprach er nicht laut, noch betonte er einzelne
Worte besonders, und sogar eintnig schien seine Stimme, aber--sei hier
nun Absicht oder Natur im Spiel--gerade diese Eintnigkeit verstrkte
den Eindruck seiner Worte auf Gemter, die so besonders empfnglich
waren fr solche Sprache.

Seine Bilder, die stets aus dem Leben genommen waren, das ihn umringte,
waren fr ihn wirklich Hlfsmittel zum Begreiflichmachen dessen, was
er im Auge hatte, und nicht, wie sonst so hufig, lstige Anhngsel,
die die Stze der Redner beschweren, ohne nur einige Deutlichkeit
dem Begriff der Sache hinzuzufgen, die man zu erklren vorgiebt. Wir
sind jetzt gewhnt an den bei uns gar nicht gerechtfertigten Ausdruck:
stark wie ein Lwe; doch wer in Europa dies Bild zuerst anwendete,
zeigte, dass er seinen Vergleich nicht aus der Seelenpoesie geschpft
hatte, die Bilder giebt fr logische Folgerungen und nicht anders
sprechen kann, sondern dass er seinen Gemeinplatz einfach aus diesem
oder jenem Buch--aus der Bibel vielleicht--abgeschrieben hatte, worin
ein Lwe vorkam. Denn niemand seiner Zuhrer hatte jemals die Strke
des Lwen erfahren, und es wre also viel eher ntig gewesen, sie
diese Strke erkennen zu lassen durch Vergleich des Lwen mit etwas,
dessen Kraft ihnen aus Erfahrung bekannt war, als umgekehrtermassen.

Man wird belehrt, dass Havelaar wirklich Dichter war. Jeder fhlt,
dass er, von den Reisfeldern sprechend, die auf den Bergen wren,
die Augen dorthin richtete durch die offene Seite der Halle und dass
er die Felder in der That sah. Man sieht ein, als er den Baum fragen
liess, wo der Mann sei, der als Kind an seinem Fusse gespielt, dass
dieser Baum dastand und in der Einbildung von Havelaars Zuhrern in
Wirklichkeit fragend umhersphte nach den ausgewanderten Bewohnern
von Lebak. Auch ersann er nichts: er hrte den Baum sprechen und
glaubte nur nachzusagen, was er in seiner dichterischen Auffassung
so deutlich verstanden hatte.

Wenn vielleicht jemand die Bemerkung machen sollte, dass die
Ursprnglichkeit in Havelaars Art zu sprechen nicht so unbestreitbar
sei, da seine Sprache an den Stil der Propheten des Alten Testaments
erinnert, den muss ich daran erinnern, dass ich schon gesagt habe,
wie er in Augenblicken der Entrcktheit wirklich etwas von einem Seher
hatte. Genhrt durch die Eindrcke, die das Leben in Wldern und auf
Bergen ihm zu teil werden liess, umgeben von der poesie-ausstrmenden
Atmosphre des Ostens, und also aus gleichartiger Quelle schpfend
wie die mahnenden und richtenden Seher des Altertums, mit denen ihn
zu vergleichen man sich bisweilen gentigt sah ... da vermuten wir,
dass er nicht anders gesprochen haben wrde, auch wenn er niemals
die herrlichen Dichtungen des Alten Testaments gelesen htte. Finden
wir nicht schon in den Versen, die aus seiner Jugendzeit datieren,
Zeilen wie die folgenden, die auf dem Salak geschrieben waren--einem
der Riesen, doch nicht der grsste, unter den Bergen der Preanger
Regentschaften--worin gleichfalls wieder der Beginn die Sanftheit
seiner Empfindungen darthut, um auf einmal berzugehen in das
Nachsprechen des Donners, den er unter sich hrt:


    Wie herrlich ist's, hier seinen Schpfer laut zu loben ...
      Wie freudig schwingt von Hh' zu Hh' sich dein Gebet ...
    Mehr denn im Thal wchst hier das Herz nach oben:
      Du fhlst von Gottes Nhe dich umweht!
    Hier schuf Er Selbst sich in Altar und Tempelchren,
      Wo noch kein Priester Gottes Wort geschmht,
    Hier lsst Er sich in grollenden Gewittern hren ...
      Und rollend ruft sein Donner: Majestt!
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


... und fhlt man nicht, dass er diese letzten Verse nicht so htte
schreiben knnen, wenn er nicht wirklich hren und verstehen zu knnen
glaubte, wie Gottes Donner ihm diese Worte in prasselndem Widerhall,
an den erbebenden Bergwnden zurief?

Doch er liebte Verse nicht. Es wre ein hssliches Schnrleib,
sagte er, und wenn er dazu bewegt wurde, etwas vorzulesen von dem,
was er, wie er sich ausdrckte, begangen hatte, so suchte er sein
Vergngen darin, sein eigenes Werk zu verderben, indem er es entweder
in einem Tone vortrug, der es lcherlich machen musste, oder indem
er auf einmal, gewhnlich bei einem hochernsten Passus, abbrach und
ein Witzwort dazwischen warf, das die Zuhrer peinlich berhrte, doch
bei ihm nichts anderes war als eine blutige Satire auf die schlechte
bereinstimmung zwischen diesem Schnrleib und seiner Seele, die sich
so beengt darin fhlte.

Es waren unter den Huptlingen nur wenige, die sich der herumgereichten
Erfrischungen bedienten. Havelaar hatte nmlich durch einen Wink
befohlen, den bei derartigen Gelegenheiten unvermeidlichen Thee mit
Maniessan herumzureichen. Es schien, dass er mit Vorbedacht nach
den letzten Worten seiner abgebrochenen Ansprache einen Ruhepunkt
eintreten liess. Und hierzu war Grund. Wie--mussten die Huptlinge
denken--er weiss schon, dass so viele unsere Abteilung verliessen,
mit Bitterkeit im Herzen? Schon ist ihm bekannt, wie viele Familien
in benachbarte Gegenden auswanderten, um der Armut zu entweichen, die
hier herrscht? Und sogar weiss er, dass soviel Bantamer sind unter
den Banden, die in den Lampongs die Fahne des Aufstandes entrollt
haben gegen die Niederlndische Herrschaft? Was will er? Was bezweckt
er? Wem gelten seine Fragen?

Und es waren welche, die sahen Radhen Wiera Kusuma an, das
Distriktshaupt von Parang-Kudjang. Doch die meisten schlugen die
Augen zur Erde.

Komm mal her, Max! rief Havelaar, seines Kindes gewahr werdend,
das auf dem Hof spielte, und der Regent nahm den Kleinen auf den
Schoss. Doch der war zu wild, um es lange dort auszuhalten. Er sprang
fort und lief in dem grossen Kreise der Mnner herum und ergtzte
die Huptlinge mit seinem Gepappel und spielte mit den Knufen ihrer
Dolche. Als er zu dem Djaksa kam, der des Kindes Aufmerksamkeit
erregte, weil er prchtiger gekleidet war als die andern, schien
dieser irgendwas auf dem Kopfe des kleinen Max dem Kliwon zu zeigen,
der neben ihm sass und sein Ohr einer zugeflsterten Bemerkung darber
zu neigen schien.

--Geh nun, Max, sagte Havelaar, Papa hat den Herren etwas zu sagen.

Der Kleine lief fort, nachdem er den Mnnern Kusshndchen zugeworfen.

Hierauf fuhr Havelaar also fort:

--Hupter von Lebak! Wir alle stehen im Dienste des Knigs von
Niederland. Doch Er, der rechtfertig ist und will, dass wir unsere
Pflicht thun, ist ferne von hier. Dreissig-mal-tausend-mal-tausend
Seelen, ja, mehr noch als soviel, sind gehalten, seinen Befehlen
zu gehorchen, doch er kann nicht allen nahe sein, die abhngen von
seinem Willen.

Der Grosse-Herr zu Buitenzorg ist rechtfertig und will, dass jeder
seine Pflicht thue. Doch auch dieser, mchtig wie er ist und gebietend
ber alles, was Gewalt hat in den Stdten, und ber alle, die in den
Drfern die ltesten sind, und bestimmend ber die Heeresmacht und
ber die Schiffe, die auf See fahren ... auch er kann nicht sehen,
wo Unrecht gethan ist, denn das Unrecht bleibt ferne von ihm.

Und der Resident zu Serang, der Herr ist ber den Landesteil Bantam, wo
fnf-mal-hundert-tausend Menschen wohnen, will, dass Recht geschehe in
seinem Gebiet, und dass da Gerechtigkeit herrsche in den Landschaften,
die ihm gehorsamen. Doch wo Unrecht ist, da ist es fern von seiner
Wohnung. Und wer Bosheit thut, verbirgt sich vor seinem Angesicht,
weil er Strafe frchtet.

Und der Herr Adhipatti, der Regent ist von Sd-Bantam, will, dass
jeder lebe, der dem Guten nachtrachtet, und dass da keine Schande
laste auf dem Landstrich, der seine Regentschaft ist.

Und ich, der ich gestern den Allmchtigen Gott zum Zeugen nahm,
dass ich rechtfertig und langmtig sein wrde, dass ich Recht wrde
thun sonder Furcht und sonder Hass, dass ich sein werde: ein guter
Assistent-Resident ... auch ich habe den Willen, zu thun, was meine
Pflicht ist.

Hupter von Lebak, diesen Willen haben wir alle!

So aber etliche unter uns sein mgen, die ihre Pflicht Gewinnes halber
verwahrlosen, die das Recht verkaufen fr Geld, oder die den Bffel
dem Armen nehmen, und die Frchte, die denen gehren, die da Hunger
haben ... wer wird sie strafen?

Wenn einer von Euch es wsste, er wrde es hindern. Und der Regent
wrde nicht dulden, dass so etwas geschhe in seiner Regentschaft. Und
auch ich werde dem entgegentreten, wo ich kann. Doch wenn weder Ihr,
noch der Adhipatti, noch ich es erfhren ...

Huptlinge von Lebak, wer doch soll dann Recht thun in Bantan-Kidul?

Hret auf mich, wenn ich Euch sagen werde, wie dann Recht wird
gethan werden.

Es kommt eine Zeit, dass unsere Frauen und Kinder wehklagen werden
bei dem Herrichten unseres Totenkleides, und wer da vorbeigeht, wird
sagen: Da ist ein Mensch gestorben. Dann wird, wer da ankommt in
den Drfern, Nachricht bringen von dem Tode desjenigen, der gestorben
ist, und der ihn beherbergt, wird ihn fragen: Wer war der Mann,
der gestorben ist? Und man wird sagen:

Er war gut und rechtfertig. Er sprach Recht und verstiess den Klger
nicht von seiner Thr. Er hrte geduldig an, wer zu ihm kam, und gab
wieder, was genommen war. Und wer den Pflug nicht treiben konnte durch
den Grund, weil ihm der Bffel aus dem Stall geholt war, dem half er
suchen nach dem Bffel. Und wo die Tochter geraubt war aus dem Hause
der Mutter, suchte er den Dieb und brachte die Tochter wieder. Und wo
man gearbeitet hatte, vorenthielt er den Lohn nicht, und er nahm die
Frchte denen nicht ab, die den Baum gepflanzt hatten. Er kleidete
sich nicht mit dem Kleide, das andere decken musste, noch nhrte er
sich mit Nahrung, die dem Armen gehrte.

Dann wird man sagen in den Drfern: Allah ist gross, Allah hat ihn
zu sich genommen. Sein Wille geschehe ... es ist ein guter Mensch
gestorben.

Doch ein andermal wird der Vorbergehende stillstehen vor einem Hause
und fragen: Was ist dies, dass der Gamlang schweigt und der Gesang
der Mdchen? Und wiederum wird man sagen: Da ist ein Mann gestorben.

Und wer rundreist in den Drfern, wird am Abend sitzen bei seinem
Gastherrn, und um ihn her die Shne und Tchter des Hauses und die
Kinder derer, die das Dorf bewohnen, und er wird sagen:

Da starb ein Mann, der gelobte, rechtfertig zu sein, und er
verkaufte das Recht dem, der ihm Geld gab. Er dngte seinen Acker
mit dem Schweisse des Arbeiters, den er abgerufen hatte vom Acker
der Arbeit. Er vorenthielt dem Arbeitsmann seinen Lohn und er nhrte
sich mit der Nahrung des Armen. Er ist reich geworden von der Armut
der andern. Er hatte viel Goldes und Silber und edle Steine in Menge,
doch der Bebauer des Landes, der in der Nachbarschaft wohnt, wusste
den Hunger seines Kindes nicht zu stillen. Er hatte ein Lcheln wie
ein glcklicher Mensch, doch man hrte Zhneknirschen von dem Klger,
der Recht suchte. Es war Zufriedenheit auf seinem Gesicht, doch keine
Milch in den Brsten der Mtter, die sugten.

Dann werden die Bewohner der Drfer sagen: Allah ist gross ... wir
fluchen niemandem!

Hupter von Lebak, einst sterben wir alle!

Was wird da gesagt werden in den Drfern, wo wir Gewalt hatten? Und
was von den Vorbergehenden, die das Begrbnis ansehen?

Und was werden wir antworten, wenn nach unserem Tode eine Stimme
spricht zu unserer Seele und fragt: Warum ist da Weinen in den
Feldern, und warum verbergen sich die Jnglinge? Wer nahm die Ernte
aus den Scheuern und aus den Stllen den Bffel, der das Feld pflgen
sollte? Was hast du mit dem Bruder gethan, den ich dir zu bewachen
gab? Warum ist der Arme traurig und flucht der Fruchtbarkeit seiner
Frau?

Hier hielt Havelaar wieder inne, und nach kurzem Schweigen fuhr er im
einfachsten Ton von der Welt und als sei von nichts die Rede gewesen,
das Eindruck machen musste, fort:

--Ich wnsche sehr, in gutem Einvernehmen mit Euch zu leben, und
darum ersuche ich Euch, mich als einen Freund zu betrachten. Wer
geirrt haben mag, kann sich eines milden Urteils von meiner Seite
versehen, denn da ich selbst so manches Mal irre, werde ich nicht
streng sein ... wenigstens nicht in den gewhnlichen Dienstvergehen
oder Nachlssigkeiten. Allein, wo Nachlssigkeit zur Gewohnheit
werden sollte, werde ich ihr entgegentreten. ber Vergehen grberer
Art ... ber Erpressung und Unterdrckung spreche ich nicht. So etwas
wird nicht vorkommen, nicht wahr, m'nheer de Adhipatti?

--O nein, m'nheer de Assistent-Resident, so etwas wird nicht vorkommen
in Lebak.

--Wohl dann, Ihr Herren Huptlinge von Bantan-Kidul, lasset es uns
eine Freude sein, dass unsere Abteilung so zurckgeblieben und so
arm ist. Wir haben Schnes zu thun. Wenn Allah uns am Leben erhlt,
werden wir Sorge tragen, dass Wohlfahrt einzieht. Der Grund ist
fruchtbar genug und die Bevlkerung willig. So jeder im Genuss
seiner Mhen gelassen wird, unterliegt es keinem Zweifel, dass
binnen kurzer Zeit die Bevlkerung zunehmen wird, so an Seelenzahl
wie an Besitzungen und an Gesittung, denn das geht meistens Hand in
Hand. Ich ersuche Euch nochmals, mich als einen Freund anzusehen,
der Euch helfen wird, wo er kann, vor allem, wo es sich darum handelt,
Unrecht entgegenzutreten. Und hiermit halte ich mich Eurer Mitwirkung
sehr anempfohlen.

Ich werde Euch die empfangenen Berichte ber Landbau, Viehzucht,
Polizei und Gerichtspflege mit meinen Anordnungen zurckgeben lassen.

Hupter von Bantan-Kidul! Ich habe gesprochen. Ihr knnet zurckkehren,
ein jeder nach seiner Wohnung. Ich grsse Euch alle sehr!----



Er verneigte sich, bot dem alten Regenten den Arm und geleitete
ihn ber das Erbe nach dem Wohnhaus, wo Tine ihn auf der Vorgalerie
erwartete.



--Kommen Sie, Verbrugge, gehen Sie noch nicht nach Hause! Kommen Sie
... ein Glas Madeira! Und ... ja, das muss ich wissen, Rhaden Djaksa,
hret einmal!

So rief Havelaar, als alle Huptlinge nach vielen Verbeugungen sich
anschickten, nach ihren Wohnungen zurckzukehren. Auch Verbrugge war
im Begriff, das Erbe zu verlassen, kehrte jedoch mit dem Djaksa zurck.

--Tine, ich mchte Madeira trinken, Verbrugge auch. Djaksa, lasst
hren, was habt Ihr doch dem Kliwon ber meinen Jungen gesagt?

--Mintah ampong ... d. i.: ich bitte um Verzeihung ... mynheer
de Assistent-Resident, ich betrachtete sein Haupt, weil mynheer
gesprochen hatte.

--I was denn! was hat sein Kopf damit zu thun? Ich weiss selbst schon
nicht mehr, was ich gesagt habe.

--Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon ...

Tine trat an die Gruppe heran; es wurde ber ihren kleinen Max
gesprochen.

--Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon, dass der junge Herr ein Knigskind
wre.

Das that Tine wohl: sie fand es auch!

Der Adhipatti besah den Kopf des Kleinen, und in der That, auch er sah
auf dem Scheitel den doppelten Haarwirbel, der nach dem Aberglauben
auf Java bestimmt ist, dereinst eine Krone zu tragen.

Da die Etiquette nicht zuliess, dass man dem Djaksa einen Platz
anbot in Gegenwart eines Regenten, nahm er Abschied, und man war
einige Zeit beieinander, ohne etwas zu berhren, das zum Dienst
in Beziehung stand. Doch auf einmal--und also im Widerspruch mit
dem in so hohem Masse hflichen Volkscharakter--fragte der Regent,
ob gewisse Gelder, die der Steuerkollekteur zu gute hatte, nicht
ausbezahlt werden knnten.

--O nein, rief Verbrugge, mynheer de Adhipatti wissen doch, dass dies
nicht eher geschehen kann, als bis er Rechenschaft abgelegt hat.

Havelaar spielte mit Max. Doch es zeigte sich, dass dies ihn nicht
abhielt, auf dem Gesicht des Regenten zu lesen, dass Verbrugges
Antwort ihm wider den Strich ging.

--Nun, Verbrugge, lassen Sie uns keine Schwierigkeiten machen,
sagte er. Und er liess einen Schreiber vom Bureau rufen. Wir wollen
das nur ausbezahlen ... der Rechenschaftsbericht wird schon fr gut
befunden werden.

Nachdem der Adhipatti sich zurckgezogen hatte, sagte Verbrugge,
der sich gern an die Staatsbltter hielt:

--Aber, M'nheer Havelaar, das geht nicht! Des Kollekteurs
Rechenschaftsbericht ist noch immer zur Prfung in Serang ... wenn
nun ein Manco sich herausstellt?

--Dann lege ich es drauf, sagte Havelaar.

Verbrugge konnte es nicht begreifen, welchem Umstande dies dem
Steuerkollekteur erwiesene weitgehende Entgegenkommen zuzuschreiben
war. Der Schreiber kam alsbald mit einigem Schriftsatz zurck. Havelaar
zeichnete und sagte, dass man Eile hinter die Auszahlung setzen solle

--Verbrugge, ich will Ihnen sagen, warum ich dies thue! Der Regent
hat keinen Deut im Hause: sein Schreiber hat es mir gesagt; und zudem
... das brske Fragen! Die Sache ist deutlich. Er selbst hat das Geld
ntig, und der Kollekteur will es ihm vorschiessen. Ich bertrete
lieber auf eigene Verantwortung eine Form, als dass ich einen Mann
von seinem Range und in seinen Jahren in der Verlegenheit lassen
sollte. Schliesslich, Verbrugge, es wird in Lebak greulich Missbrauch
getrieben mit der Amtsgewalt. Das mssen Sie wissen. Wissen Sie's?

Verbrugge schwieg. Er wusste es.

--Ich weiss es, fuhr Havelaar fort, ich weiss es! Ist nicht M'nheer
Slotering gestorben im November? Nun, den Tag nach seinem Tode hat
der Regent Volk aufgerufen, um seine Sawahs zu bearbeiten ... ohne
Bezahlung! Sie htten dies wissen mssen, Verbrugge. Wussten Sie's?

Dieses wusste Verbrugge nicht.

--Als Kontrolleur htten Sie es wissen mssen! Ich weiss es,
fuhr Havelaar fort. Da liegen die Monatsaufstellungen von den
Distrikten--und er wies auf einen Packen Schriftwerk, das er in der
Versammlung erhalten hatte--sehen Sie, ich habe nichts geffnet. Darin
sind unter anderm enthalten die Angaben ber fr den Hauptplatz zum
Herrendienst gelieferte Arbeiter. Nun, sind diese Angaben richtig?

--Ich habe sie noch nicht gesehen ...

--Ich auch nicht! Aber doch frage ich: sind sie richtig? Waren die
Angaben vom vorigen Monat richtig?

Verbrugge schwieg.

--Ich will's Ihnen sagen: Sie waren falsch! Denn es war dreimal mehr
Volk aufgerufen, um fr den Regenten zu arbeiten, als die Bestimmungen
bezglich Herrendienstes zulassen, und dies durfte man natrlich in
den Aufstellungen nicht angeben. Ist es wahr, was ich sage?

Verbrugge schwieg.

--Auch die Aufstellungen, die ich heute empfing, sind falsch, fuhr
Havelaar fort. Der Regent ist arm. Die Regenten von Bandung und
Tjiandjur sind Glieder des Geschlechts, von dem er das Haupt ist. Der
von Tjiandjur hat nur den Rang eines Tommongong, unser Regent ist
Adhipatti, und dennoch erlauben ihm, weil Lebak kein Land fr Kaffee
ist und ihm also keine Emolumente aufbringt, seine Einknfte nicht,
in Glanz und Pracht zu wetteifern mit einem einfachen Dhemang in
Preanger, der den Steigbgel halten wrde, wenn seine Vettern zu
Pferde steigen. Ist das wahr?

--Ja, so ist es.

--Er hat nichts als sein Gehalt, und darauf liegt eine Krzung zur
Abbezahlung eines Vorschusses, den die Regierung ihm gegeben hat,
als er ... wissen Sie's?

--Ja, ich weiss es.

--Als er eine neue Moschee bauen lassen wollte, wozu viel Geld ntig
war. Obendrein, viele Glieder seiner Familie ... wissen Sie's?

--Ja, ich weiss es.

--Viele Glieder seiner Familie--die ja eigentlich nicht in Lebak zu
Hause ist und darum auch beim Volk kein Ansehen hat--scharen sich
wie eine Plnderbande um ihn und pressen ihm Geld ab. Ist das wahr?

--Es ist die Wahrheit, sagte Verbrugge.

--Und wenn seine Kasse leer ist, was fters vorkommt, nehmen sie in
seinem Namen der Bevlkerung ab, was ihnen ansteht. Ist dies so?

--Ja, es ist so.

--Ich bin also gut unterrichtet, doch darber spter. Der Regent, der
in die Jahre kommt und den Tod frchtet, wird von der Sucht beherrscht,
sich durch Gaben an Geistliche verdienstlich zu machen. Er giebt viel
Geld aus fr Reisekosten von Pilgern nach Mekka, die ihm allerlei
Lumpereien zurckbringen, Reliquien, Talismans und Djimats. Ist es
nicht so?

--Ja, das ist wahr.

--Nun, durch alles das ist er so arm. Der Dhemang von Parang-Kudjang
ist sein Schwiegersohn. Wo der Regent aus Scham vor seinem Range
nicht zu nehmen wagt, ist es dieser Dhemang--doch er ist es nicht
allein--der dem Adhipatti den Hof macht, indem er Geld und Gut
von der armen Bevlkerung erpresst und die Leute von ihren eigenen
Reisfeldern wegholt, um sie vor sich her zu treiben nach den Sawahs
des Regenten. Und dieser ... ach, ich will ja glauben, dass er gern
anders mchte, aber die Not zwingt ihn, Gebrauch zu machen von solchen
Mitteln. Ist dies alles nicht wahr, Verbrugge?

--Ja, es ist wahr, sagte Verbrugge, der mehr und mehr einzusehen
begann, dass Havelaar einen scharfen Blick hatte.

--Ich wusste, sagte dieser weiter, dass er kein Geld im Hause hatte,
als er soeben ber die Abrechnung mit dem Unterkollekteur zu reden
anfing. Sie haben heute morgen gehrt, dass es mein Vorsatz ist, meine
Pflicht zu thun. Unrecht dulde ich nicht, bei Gott, ich dulde es nicht!

Und er sprang auf, und in seinem Ton lag nun etwas ganz anderes,
als am Tage vorher bei seinem offiziellen Eide.

--Doch, fuhr er fort, ich will meine Pflicht thun mit Milde. Ich
will nicht zu peinlich forschen, was geschehen ist. Doch was von
heute ab geschieht, fllt unter meine Verantwortung, dafr werde ich
Sorge tragen! Ich hoffe hier lange zu bleiben. Wissen Sie, Verbrugge,
dass herrlich schn ist, wozu wir berufen sind? Doch wissen Sie auch,
dass ich alles, was ich Ihnen soeben sagte, eigentlich von Ihnen htte
hren mssen? Ich kenne Sie ebensogut, wie ich weiss, welche Leute
'garem glap', d. h. Schmuggelsalz machen an der Sdkste, um das
scheussliche Monopol zu umgehen. Sie sind ein braver Mensch ... auch
das weiss ich. Doch warum haben Sie mir nicht gesagt, dass hier so
vieles verkehrt ist? Whrend zweier Monate sind Sie dienstthuender
Assistent-Resident gewesen und obendrein sind Sie hier schon lange
als Kontrolleur ... Sie mussten es also wissen, nicht wahr?

--M'nheer Havelaar, ich habe niemals gedient unter jemandem wie
Sie. Sie haben etwas besonderes, nehmen Sie es mir nicht bel.

--Durchaus nicht! Ich weiss wohl, dass ich nicht bin wie andere
Menschen, doch was thut das zur Sache?

--Insoweit hat es damit zu thun, als Sie einem Begriffe und
Vorstellungen mitteilen, die frher nicht bestanden.

--Nein, die eingeschlummert waren durch den verfluchten offiziellen
Schlendrian, der seinen Stil sucht in ich habe die Ehre und die Ruhe
seines Gewissens in der hohen Zufriedenheit der Regierung. Nein,
Verbrugge! lstern Sie nicht sich selbst! Sie brauchen von mir nichts
zu lernen. Habe ich Ihnen zum Beispiel heute morgen in der Sebah
etwas Neues erzhlt?

--Nein, Neues nichts, doch Sie sprachen anders als andere ...

--Ja, das kommt daher ... dass meine Erziehung etwas verwahrlost ist:
ich rede frei von der Leber. Aber Sie sollten mir sagen, warum Sie
so still geschwiegen haben zu allem, was Verkehrtes geschah in Lebak.

--Ich habe noch nie so die Empfindung gehabt von einer
Initiative. berdies, alles das ist immer so gewesen in dieser Gegend.

--Ja, ja, das weiss ich wohl! Es kann nicht jeder ein Prophet oder
Apostel sein, das Holz wrde teuer werden durchs Kreuzigen! Aber Sie
wollen mir doch wohl helfen, alles ins rechte Lot zu bringen? Sie
wollen doch wohl Ihre Pflicht thun?

--Gewiss! Vor allem unter Ihnen. Doch nicht jeder wrde das so streng
fordern, noch es selbst gut aufnehmen, und dann kommt man so leicht
in die Position jemandes, der gegen Windmhlen kmpft.

--Nein! Dann sagen die, die das Unrecht lieben, weil sie davon leben,
dass es kein Unrecht gbe, um das Vergngen zu haben, Sie und mich
zu Don Quixotes machen zu knnen und zugleich ihre Windmhlen in
Drehung zu erhalten. Doch, Verbrugge, Sie htten nicht auf mich warten
brauchen, um Ihre Pflicht zu thun! M'nheer Slotering war ein tchtiger
und ehrlicher Mann: er wusste, was da vorging, er missbilligte es
und setzte sich dagegen zur Wehr ... sehen Sie hier!

Havelaar nahm aus einem Portefeuille zwei Bogen Papier, und sie
Verbrugge hinhaltend, sagte er:

--Wessen Hand ist dies?

--Das ist die Hand M'nheer Sloterings.

--Richtig! Nun, das sind die ersten Niederschriften von Notas,
offenbar Gegenstnde enthaltend, worber er mit dem Residenten sprechen
wollte. Da lese ich ... sehen Sie: 1) ber den Reisbau. 2) ber die
Wohnungen der Dorfhuptlinge. 3) ber die Eintreibung der Landrenten
u. s. w. Dahinter stehen zwei Ausrufungszeichen. Was wollte M'nheer
Slotering damit sagen?

--Wie kann ich das wissen? rief Verbrugge.

--Ich weiss es! Das bedeutet, dass viel mehr Landrenten aufgebracht
werden, als in die Landeskasse fliessen. Doch ich werde Ihnen dann
etwas zeigen, das wir beide verstehen, weil es in Buchstaben und
nicht in Zeichen geschrieben ist. Sehen Sie:


    12) ber den Missbrauch, der von den Regenten und niedrigeren
    Huptlingen mit der Bevlkerung getrieben wird. (ber das Halten
    verschiedener Wohnungen auf Kosten der Bevlkerung u. s. w.)


Ist das deutlich? Sie sehen, dass der Herr Slotering wohl einer war,
der Initiative schtzte und selbst kannte. Sie htten sich also
ihm anschliessen knnen. Hren Sie weiter:


    15) Dass viele Personen von den Familien und Bediensteten der
    inlndischen Huptlinge auf den Auszahlungslisten figurieren,
    die in der That nicht teilnehmen an den Kulturarbeiten, sodass
    die Vorteile hiervon ihnen anheimfallen, zum Schaden der wirklich
    beteiligt gewesenen. Auch werden sie in den unrechtmssigen Besitz
    von Sawahfeldern gesetzt, whrend diese allein denen zukommen,
    die Anteil haben an der Kultur.


Hier habe ich eine andere Nota: und zwar in Bleistift. Sehen Sie mal,
auch darin steht etwas sehr Deutliches:


    Die Verminderung des Volksstandes zu Parang-Kudjang ist allein
    zuzuschreiben dem weitgehenden Missbrauch, dem die Bevlkerung
    ausgesetzt ist.


Was sagen Sie davon? Sehen Sie wohl, dass ich nicht so excentrisch bin,
wie es scheint, wenn ich daran gehe, Recht zu schaffen? Sehen Sie nun,
dass auch andere dies thaten?

--Es ist wahr, sagte Verbrugge, der Herr Slotering hat ber all diese
Dinge mehrfach mit dem Residenten gesprochen.

--Und was folgte darauf?

--Dann wurde der Regent gerufen: es wurde abouchiert ...

--Jawohl, mndlich verhandelt! Und weiter?

--Der Regent leugnete gewhnlich alles. Dann mussten Zeugen kommen
... niemand wagte, gegen den Regenten zu zeugen ... ach, M'nheer
Havelaar, diese Dinge bieten soviel Schwierigkeiten!

Der Leser wird, noch ehe er mein Buch ausgelesen hat, ebensogut wie
Verbrugge gewahr werden, warum diese Dinge als so besonders schwierig
sich erwiesen.

--Mynheer Slotering hatte viel rgernis deswegen, fuhr Verbrugge fort,
er schrieb scharfe Briefe an die Huptlinge ...

--Ich habe sie gelesen ... heute nacht, sagte Havelaar.

--Und ich habe ihn mehrfach sagen hren, dass er, wenn keine nderung
eintrte, und wenn der Resident nicht durchgriffe, sich direkt an
den Generalgouverneur wenden wrde. Dies hat er auch den Huptlingen
selbst gesagt auf der letzten Sebah, der er prsidierte.

--Da wrde er sehr verkehrt gehandelt haben. Der Resident war sein
Chef, den er auf keinen Fall umgehen durfte. Und warum sollte er
das auch? Es ist doch nicht anzunehmen, dass der Resident von Bantam
Unrecht und Willkr gutheissen wird?

--Gutheissen ... nein! Aber man klagt nicht gern bei der Regierung
einen Huptling an.

--Ich klage nie gern jemanden an, wer es auch sei, doch wenn es sein
muss, einen Huptling so gut wie einen andern. Doch von Anklagen
ist nun hier, Gott sei Dank, noch keine Rede! Morgen besuche ich den
Regenten. Ich werde ihm die Unrechtmssigkeit einer ungesetzlichen
Herrschaftsbung vor Augen fhren, vor allem, wo es sich handelt
um den Besitz von armen Menschen. Doch in Abwartung der gehrigen
Einrenkung werde ich ihm in seinen wirklich heiklen Verhltnissen
zur Seite stehen, so gut ich kann. Sie begreifen nun doch wohl,
weshalb ich dem Kollekteur das Geld sofort habe auszahlen lassen,
nicht wahr? Auch habe ich die Absicht, die Regierung zu ersuchen, sie
mge den Regenten von der Tilgung seines Vorschusses auf dem Erlasswege
entbinden. Und Sie, Verbrugge, ersuche ich, mit mir vereint zu thun,
was unsere Pflicht ist. So lange es geht, mit Sanftmut, doch wenn es
sein muss, ohne Furcht! Sie sind ein ehrlicher Mann, das weiss ich,
doch Sie sind schchtern. Reden Sie fortan tapfer heraus, wie die
Dinge liegen, advienne que pourra! Werfen Sie die Halbheit von sich,
bester Kerl ... und nun: bleiben Sie bei uns zum Essen: wir haben
hollndischen Blumenkohl in Bchse ... doch alles ist sehr einfach,
denn ich muss sehr sparsam sein ... ich bin arg zurckgekommen
in puncto Geld: die Reise nach Europa, begreifen Sie? Komm, Max
... sapperlot, Junge, was wirst du schwer!

Und mit Max auf der Schulter, gefolgt von Verbrugge, trat er ein
in die Binnengalerie, wo Tine sie am gedeckten Tisch erwartete,
der, wie Havelaar gesagt hatte, wirklich sehr einfach war! Duclari,
der kam, um Verbrugge zu fragen, ob er noch vor dem Mittagmahl nach
Hause zurckkehren werde oder nicht, wurde mit zu Tische gentigt,
und wenn dem Leser mit etwas Abwechslung in meiner Erzhlung gedient
ist, so sei er auf das folgende Kapitel verwiesen, worin ich mitteile,
was so alles gesprochen wurde bei diesem Mahle.






NEUNTES KAPITEL.


Ich gbe viel darum, Leser, wenn ich recht wsste, wie lange ich
wohl eine Heldin in der Luft schweben lassen knnte, bis du, bei
der Beschreibung eines Schlosses, mein Buch mutlos aus der Hand
legen wrdest, ohne abzuwarten, bis das Weib auf den Boden gekommen
ist. Wenn ich in meiner Geschichte so einen Luftsprung ntig htte,
wrde ich vorsichtshalber doch immer nur das erste Stockwerk als
Ausgangspunkt ihres Sprunges whlen, und ein Schloss, von dem es
wenig zu berichten gbe. Sei aber vorlufig ruhig: Havelaars Haus
hatte keine Etage, und die Heldin meines Buches--du lieber Himmel,
die liebe, treue, anspruchslose Tine eine Heldin!--ist niemals aus
einem Fenster gesprungen.

Wenn ich das vorige Kapitel schloss mit der Verheissung grsserer
Abwechslung im folgenden, so war dies eigentlich mehr ein oratorischer
Kniff und mehr um einen Schluss zu haben, der gut klappte, als dass
ich wirklich meinte, dass das folgende Kapitel allein als Abwechslung
Wert haben sollte. Ein Autor ist eitel wie ... ein Mann. Sprich
bles von seiner Mutter oder von der Farbe seiner Haare, sage, er
habe einen amsterdamschen Accent--was ein Amsterdamer niemals zugeben
wird--vielleicht verzeiht er dir diese Dinge. Aber ... rhre niemals
nur an die Aussenseite des untergeordnetsten Teiles einer Nebensache
von etwas, das mal bei seinem Geschreib gelegen hat ... denn das
vergiebt er dir nicht! Wenn du also mein Buch nicht schn findest
und du begegnest mir mal, thue dann so, als ob wir uns nicht kennten.

Nein, selbst so ein Kapitel zur Abwechslung kommt mir durch das
Vergrsserungsglas meiner Autoreneitelkeit hchst belangreich und
gar unentbehrlich vor, und wenn du es berschlgest und darnach
nicht nach Gebhr eingenommen wrest von meinem Buch, wrde ich
nicht sumen, dir dies berschlagen vorzuhalten als Ursache, dass
du mein Buch nicht recht beurteilen konntest, denn du httest just
das Essentielle nicht gelesen. So wrde ich--denn ich bin Mann und
Autor--jedes Kapitel fr essentiell halten, das du in unverzeihlichem
Leserleichtsinn berschlagen.

Ich stelle mir vor, dass deine Frau fragt: Ist denn an dem Buch was
dran? Und du sagst zum Beispiel--horribile auditu fr mich--mit
dem Wortreichtum, der verheirateten Mnnern eigen ist:

--Hm ... so ... ich weiss noch nicht.

Holla, Barbar, lies weiter! Das Bedeutungsvolle steht just vor der
Thr. Und mit bebenden Lippen starre ich dich an und messe die Dicke
der umgeschlagenen Bltter und ich suche auf deinem Gesicht nach dem
Widerschein des Kapitels, das so schn ist ...

Nein, sage ich, da ist er noch nicht. Gleich wird er aufspringen und,
ausser sich, irgend etwas umarmen, seine Frau vielleicht ...

Doch du liesest weiter. Das schne Kapitel muss vorbei sein,
dnkt mich. Du bist nicht im mindesten aufgesprungen, hast nichts
und niemanden umarmt ...

Und schon dnner wird das Teil Bltter unter deinem rechten Daumen,
und schon meine Hoffnung rmer auf die Umarmung ... ja, wahrhaftig,
ich hatte gar Anspruch erhoben auf eine Thrne!

Und du hast den Roman ausgelesen bis dahin, wo sie sich kriegen, und
du sagst--eine andere Form von Gesprchigkeit im Ehestande--ghnend:

--So ... so! Es ist ein Buch, das ... hm! Ach, sie schreiben soviel
im Augenblick!

Aber weisst du denn nicht, Untier, Tiger, Europer, Leser, dass du
da eine Stunde zugebracht hast mit Knabbern auf meinem Geiste wie auf
einem Zahnstocher? Mit Nagen und Kauen an Fleisch und Bein von deinem
Geschlecht? Menschenfresser, darin steckte meine Seele, meine Seele,
die du zermahlen hast, wie eine Kuh ihr vorher vertilgtes Gras! Es
war mein Herz, was du da aufgeschlrft hast wie eine Leckerei! Denn
in dieses Buch hatte ich dieses Herz und diese Seele niedergelegt,
und es fielen so viel Thrnen auf diese Handschrift, und mein Blut
wich aus den Adern in dem Masse als ich fortschrieb, und ich gab dir
dies alles und du kaufst es fr wenige Stber ... und du sagst: hm!

Der Leser begreift, dass ich hier nicht von meinem Buch rede.

Es war man, dass ich sagen wollte, um mit Abraham Blankaart zu
reden ...



--Wer ist das, Abraham Blankaart? fragte Luise Rosemeyer, und
Fritz erzhlte es ihr, womit mir ein grosser Gefallen gethan war,
denn das gab mir Gelegenheit, mal aufzustehen und, fr diesen Abend
wenigstens, der Vorlesung ein Ende zu machen. Du weisst, dass ich
Makler in Kaffee bin--Lauriergracht Nr. 37--und dass ich fr mein
Fach alles ber habe. Jeder wird also ermessen knnen, wie wenig ich
zufrieden war mit der Arbeit von Stern. Ich hatte auf Kaffee gehofft,
und er gab uns ... ja, der Himmel weiss, was!

Mit seinem Thema hat er uns schon drei Krnzchenabende aufgehalten,
und, was das rgste ist, die Rosemeyers finden es schn. So sagen sie
wenigstens. Wenn ich eine Bemerkung fr ntig halte, beruft er sich
auf Luise. Ihre Zustimmung, sagt er, wiege ihm schwerer, als aller
Kaffee von der Welt, und berdies wenn das Herz mir glht ...
u. s. w.--Siehe diese Tirade auf Seite soundsoviel, oder lieber,
siehe sie nicht.--Da steh ich denn und weiss nicht, was thun! Das
Paket von Shawlmann ist ein wahres Trojanisches Pferd. Auch Fritz
ist davon angestochen. Er hat, wie ich bemerke, Stern geholfen,
denn dieser Abraham Blankaart ist viel zu hollndisch fr einen
Deutschen. Sie sind beide so eingenommen von sich, so superklug,
dass ich wahrhaftig in Verlegenheit gerate wegen der Sache. Das
Schlimmste ist, dass ich mit Gaafzuiger einen Vertrag eingegangen bin,
nach welchem ein Buch herausgegeben wird, das von den Kaffeeauktionen
handeln muss--ganz Niederland wartet darauf--und da geht mir nun der
Stern einen ganz andern Weg hinaus! Gestern sagte er: Beruhigen Sie
sich, alle Wege fhren nach Rom. Warten Sie nur erst den Schluss von
der Einleitung ab--ist das alles noch Einleitung?--ich verspreche
Ihnen, dass schliesslich die Sache hinauslaufen wird auf Kaffee,
Kaffee, auf nichts als Kaffee! Denken Sie an Horatius, fuhr er fort,
hat nicht er schon gesagt: omne tulit punctum, qui miscuit ... Kaffee
mit was anderm? Handeln Sie selbst nicht ebenso, wenn Sie Zucker und
Milch in Ihre Tasse thun?

Und dann muss ich schweigen. Nicht weil er recht hat, sondern weil
ich der Firma Last & Co. gegenber verpflichtet bin, dafr Sorge zu
tragen, dass der alte Stern nicht Busselinck & Waterman in die Finger
falle, die ihn schlecht bedienen wrden, weil es niedertrchtige
Pfuscher sind.

Bei dir, Leser, schtte ich mein Herz aus, und damit du nach dem Lesen
von Sterns Geschreibsel--hast du's wirklich gelesen?--deinen Zorn
nicht ausgiessen mgest ber ein unschuldiges Haupt--denn ich frage
dich, wer wird einen Makler nehmen, von dem man 'Menschenfresser'
geschimpft wird?--so ist mir daran gelegen, dass du berzeugt bist
von meiner Unschuld. Ich kann doch diesen Stern nicht aus der Firma
meines Buches drngen, nun die Sachen einmal so weit gediehen sind,
dass Luise Rosemeyer, wenn sie aus der Kirche kommt--die Jungens
scheinen ihr aufzulauern--fragt, ob er nicht ein bisschen frh kommen
werde heute abend, um recht viel von Max und Tine vorzulesen!

Doch da du das Buch gekauft hast oder Leihgeld dafr bezahlt im
Vertrauen auf den honetten Titel, der etwas Solides erwarten lsst,
so erkenne ich deine Ansprche auf was Gutes fr dein Geld an, und
darum schreibe ich selbst nun wieder ein paar Kapitel. Du bist nicht
in dem Krnzchen von den Rosemeyers, Leser, und also glcklicher daran
als ich, der alles mit anhren muss. Dir steht es frei, die Kapitel
berzuschlagen, die nach deutscher bergeschnapptheit riechen, und
dich allein abzugeben mit dem, was von mir geschrieben ist, von mir,
einem honetten Manne und Makler in Kaffee.

Mit Befremden habe ich aus Sterns Schreiberei entnommen--und aus
Shawlmanns Paket hat er mir nachgewiesen, dass es wahr sei--dass
in der Abteilung Lebak kein Kaffee gepflanzt wird. Dies ist sehr
verkehrt, und ich werde meine Mhe reichlich belohnt erachten,
wenn die Regierung durch mein Buch auf diesen Fehler aufmerksam
gemacht wird. Nach den Papieren von Shawlmann mchte es scheinen,
dass der Boden in diesen Gegenden fr die Kaffeekultur nicht geeignet
ist. Aber in diesem Umstande liegt durchaus keine Entschuldigung, und
ich behaupte, dass man sich unverzeihlicher Pflichtversumnis schuldig
macht gegenber Niederland im allgemeinen und den Kaffeemaklern im
besonderen, ja, gegenber den Javanen selbst, indem man nicht diesen
Boden verndert--der Javane hat doch nichts anderes zu thun--oder, wenn
man das nicht zu knnen vermeint, die Menschen, die da wohnen, nicht
nach anderen Gebieten schickt, wo der Boden wohl gut ist fr Kaffee.

Ich sage niemals etwas, das ich nicht gut erwogen habe, und darf
behaupten, dass ich hier mit Sachkenntnis spreche, da ich ber diesen
Gegenstand reiflich nachgedacht habe, vor allem seit ich die Predigt
von Pastor Wawelaar in dem Bittgottesdienst fr die Bekehrung der
Heiden hrte.

Es war Mittwoch abend. Du musst wissen, Leser, dass ich meine Pflichten
als Vater ngstlich erflle und dass mir die sittliche Aufziehung
meiner Kinder sehr am Herzen liegt. Da nun Fritz seit einiger Zeit
in Ton und Manieren etwas angenommen hat, das mir nicht gefllt--es
kommt alles von dem verwnschten Paket!--so habe ich ihn einmal gut
unter die Finger genommen und zu ihm gesagt:

Fritz, ich bin nicht mit dir zufrieden! Ich habe dir stets das
Gute vorgehalten, und doch weichst du vom rechten Wege ab. Du bist
dnkelhaft und widerhaarig, und du machst Verse, und du hast Betsy
Rosemeyer einen Kuss gegeben. Die Furcht des Herrn ist der Anfang aller
Weisheit, du musst also die Rosemeyers nicht kssen und musst nicht
so furchtbar dnkelhaft sein. Sittenlosigkeit leitet zum Verderben,
Junge. Lies in der Schrift und achte mal auf diesen Shawlmann. Er
hat die Wege des Herrn verlassen: nun ist er arm und wohnt auf einer
kleinen Kammer ... da hast du die Folgen von Unsittlichkeit und
schlechtem Betragen! Er hat unpassende Artikel in der Indpendance
geschrieben und hat die Aglaja fallen lassen.--So geht es, wenn
man weise ist in seinen eigenen Augen. Er weiss nun nicht einmal,
wie spt es ist, und sein kleiner Junge hat nur eine halbe Hose
an. Bedenke, dass dein Krper ein Tempel Gottes ist, und dass dein
Vater stets hart hat arbeiten mssen fr den Unterhalt--das ist die
Wahrheit!--Schlage also das Auge nach oben und trachte darnach, dass du
zu einem achtbaren Makler aufgewachsen bist, wenn ich auf meine alten
Tage nach Driebergen gehe. Und sieh dir doch all die Menschen an, die
nicht auf guten Rat hren wollen, die Religion und Sittlichkeit mit
Fssen treten, und spiegle dich in diesen Menschen. Und stelle dich
nicht mit Stern in eine Reihe, dessen Vater so reich ist und der immer
genug Geld haben wird, wenn er auch schliesslich nicht Makler werden
will und ab und zu auch mal etwas Unrechtes thut. Bedenke doch, dass
alles Bse seine Strafe findet: da sieh dir wieder diesen Shawlmann
an, der keinen Winterrock hat und aussieht wie so'n Schauspieler. Gieb
doch gut acht in der Kirche und rcke nicht hin und her auf der Bank,
als wenn du Langeweile httest, Junge, denn ... was muss Gott davon
denken? Die Kirche ist Sein Heiligtum, weisst du wohl? Und laure
nicht jungen Mdchen auf, wenn es aus ist, denn das macht die ganze
Erbauung zu Schanden. Bringe auch Marie nicht zum Lachen, wenn ich beim
Essen aus der Schrift lese. Das passt sich nicht in einem achtbaren
Haushalt. Du hast auch Figuren auf Bastians Lschblatt gemalt, als er
wieder mal nicht da war--weil er manchmal die Gicht hat--das hlt die
Leute auf dem Kontor von der Arbeit ab, und es steht in Gottes Wort,
dass solche Thorheiten zum Verderben fhren. Der Shawlmann hat auch
allerlei unntze Sachen gemacht, als er noch jung war: er hat als Kind
auf dem Westermarkt einen Griechen geschlagen ... natrlich: nun ist
er faul, dnkelhaft und krnklich, siehst du? Mache also nicht immer
soviel dummes Zeug mit Stern, Junge, und bedenke, dass sein Vater
ja reich ist. Thu so, als shest du es nicht, wenn er dem Buchhalter
Gesichter schneidet. Und wenn er nach Kontorschluss sich mit Versen
abgiebt, so sage ihm mal so beilufig, dass er es hier bei uns so
gut hat und dass Marie Pantoffeln fr ihn gestickt hat mit echter
Florseide. Frage ihn--weisst du, so nebenbei!--ob er glaubt, dass
sein Vater zu Busselinck & Waterman gehen wird, und sage ihm, dass das
niedertrchtige Pfuscher sind. Siehst du, das ist man seinem Nchsten
schuldig--so bringst du ihn auf den guten Weg, meine ich,--und ... all
das Versemachen ist doch Albernheit. Sei doch brav und gehorsam,
Fritz, und zupfe das Dienstmdchen nicht am Rock, wenn es Thee aufs
Kontor bringt, und mache mir keine Schande, denn dann verschttet es,
und Apostel Paulus sagt, dass nimmer ein Sohn seinem Vater Verdruss
bereiten soll. Ich besuche zwanzig Jahre die Brse und kann sagen,
dass ich geachtet bin dort an meinem Pfeiler. Hre also auf meine
Vermahnungen, Fritz, und sei brav und hole deinen Hut und zieh deinen
Rock an und geh mit mir in die Betstunde, das wird dir gut thun!

So habe ich gesprochen, und ich bin berzeugt, dass ich Eindruck
auf ihn gemacht habe, vor allem da Pastor Wawelaar zum Text seiner
Rede gewhlt hatte: die Liebe Gottes, sichtbar aus Seinem Zorn
gegen Unglubige, nach Anleitung der Vermahnung Sauls durch Samuel:
I. Sam. XV, Vers 23 b.

Beim Anhren dieser Predigt dachte ich fortwhrend daran, was fr
ein himmelhoher Unterschied doch zwischen menschlicher und gttlicher
Weisheit ist. Ich sagte schon, dass in dem Paket von Shawlmann unter
viel unntzem Zeug doch auch dieses und jenes war, das ins Auge fiel
durch Soliditt der Beweisfhrung. Aber, ach, wie wenig hat doch so
etwas zu bedeuten, wenn man es vergleicht mit einer Sprache wie die von
Pastor Wawelaar! Und nicht aus eigner Kraft--denn ich kenne Wawelaar
und halte ihn fr einen, der wahrlich nicht hoch fliegt--nein, durch
die Kraft, die von oben kommt. Dieser Unterschied kam um so deutlicher
zum Vorschein, als er etliche Punkte berhrte, die auch von Shawlmann
behandelt waren, denn ihr habt gesehen, dass in seinem Paket viel ber
Javanen und andere Heiden vorkam. Fritz sagt, dass die Javanen keine
Heiden sind, doch ich nenne jeden, der einen verkehrten Glauben hat,
einen Heiden. Denn ich halte mich an Jesum Christum, den Gekreuzigten,
und das wird jeder anstndige Leser wohl auch thun.

Sowohl weil ich aus Wawelaars Vortrag meine Meinung geschpft habe
bezglich der totalen Unzulssigkeit der Einziehung der Kaffeekultur
zu Lebak, worauf ich gleich zurckkommen werde, als auch, weil ich
als ehrlicher Mann nicht will, dass der Leser absolut nichts erhlt
fr sein Geld, werde ich hier einige Bruchstcke aus der Predigt
mitteilen, die ganz besonders treffend waren.

Er hatte kurz Gottes Liebe aus den angezogenen Textworten bewiesen und
war sehr schnell zu dem Punkte bergegangen, worauf es hier eigentlich
ankam, nmlich auf die Bekehrung der Javanen, Malayen und wie all
das Volk da mehr heissen mge. Hrt, was er davon sagte:

So, meine Geliebten, war der herrliche Beruf von Israel--er meinte
das Ausrotten der Bewohner von Kanaan--und so ist der Beruf von
Niederland! Nein, es soll nicht gesagt werden, dass das Licht, das
uns bestrahlt, unter den Scheffel gestellt werde, noch auch, dass
wir geizig seien im Mitteilen des Brotes des ewigen Lebens! Werfet
das Auge auf die Eilande des indischen Oceans, bewohnt von Millionen
und Millionen Kindern des verstossenen Sohnes--und des zu Recht
verstossenen Sohnes des edlen, gottgeflligen Noah! Da kriechen
sie umher in den eklen Schlangenhhlen heidnischer Unwissenheit,
da beugen sie das schwarze, kraushaarige Haupt unter das Joch von
eigennutzbeseelten Priestern! Da beten sie zu Gott unter Anrufung
eines falschen Propheten, der ein Greuel ist vor den Augen des
Herrn! Und, Geliebte, es sind da selbst solche, die, als wre es
nicht genug, einem falschen Propheten zu gehorchen, selbst solche
sind da, die einen andern Gott, was sage ich, die Gtter anbeten,
Gtter von Holz oder Stein, die sie selbst gemacht haben nach ihrem
Bilde, schwarz, abscheulich, mit platten Nasen und teufelhaft! Ja,
Geliebte, beinahe verhindern mich Thrnen, hier fortzufahren, noch
tiefer ist die Verderbtheit von Hams Geschlechte! Es sind welche unter
ihnen, die keinen Gott kennen, unter welchem Namen auch! Die meinen,
dass es gengend sei, den Gesetzen zu gehorchen der brgerlichen
Gesellschaft! Die ein Erntelied, worin sie Freude ausdrcken ber
den Erfolg ihrer Arbeit, als hinreichenden Dank betrachten an das
Hchste Wesen, das diese Ernte reifen liess! Es leben da Verirrte,
meine Geliebten--wenn solch eine greuliche Existenz Leben genannt
werden mag!--da findet man Wesen, die behaupten, dass es gengend sei,
Frau und Kinder lieb zu haben und seinem Nchsten nicht zu nehmen,
was einem nicht gehrt, um des Abends ruhig das Haupt niederlegen zu
knnen zum Schlafe! Schaudert euch nicht bei diesem Bilde? Krampft
euer Herz sich nicht zusammen bei dem Gedanken, welches das Los sein
wird von all diesen Bethrten, sobald die Posaune ertnen wird, die
die Toten aufruft zur Scheidung in Gerechte und Ungerechte? Hret ihr
nicht--ja, ihr hrt es, denn aus den verlesenen Worten des Textes
habt ihr gesehen, dass euer Gott ist ein mchtiger Gott und ein
Gott der gerechten Rache--ja, ihr hret das Krachen der Gebeine und
das Prasseln der Flammen in dem ewigen Gehenna, wo Heulen ist und
Zhneklappern! Da, da brennen sie und vergehen nicht, denn ewig ist
die Strafe! Da leckt die Flamme mit nimmer befriedigter Zunge an den
heulenden Schlachtopfern des Unglaubens! Da stirbt der Wurm nicht,
der ihre Herzen durch und durch nagt, doch ohne sie zu vernichten,
auf dass da stets ein Herz zu nagen brig bleibe in der Brust des
Gottlosen! Sehet, wie man das schwarze Fell dem ungetauften Kinde
abzieht, das, kaum geboren, hinweggeschleudert wird von der Mutter
Brust in den Pfuhl der ewigen Verdammnis ...

Da fiel eine Frau in Ohnmacht.

Doch, Geliebte, fuhr Pastor Wawelaar fort, Gott ist ein Gott der
Liebe! Er will nicht, dass der Snder verloren gehe, sondern dass er
selig werde mit der Gnade, in Christo, durch den Glauben! Und darum ist
Niederland auserlesen, von den Unseligen zu erretten, was zu erretten
ist! Dazu hat Er in Seiner unerforschlichen Weisheit einem Lande,
klein von Umfang, doch gross und stark durch die Kenntnis Gottes,
Macht gegeben ber die Bewohner dieser Gebiete, auf dass sie durch das
heilige, nimmer genug gepriesene Evangelium gerettet werden von den
Strafen der Hlle! Die Schiffe von Niederland befahren die grossen
Wasser und bringen Bildung, Religion, Christentum den verirrten
Javanen! Nein, unser glckliches Niederland begehrt nicht fr sich
allein die Seligkeit: wir wollen sie auch mitteilen den unglcklichen
Geschpfen an fernen Stranden, die da gebunden liegen in den Fesseln
des Unglaubens, des Aberglaubens und der Sittenlosigkeit! Die
Betrachtung der Pflichten, die hinsichtlich dessen auf uns ruhen,
wird den siebenten Teil meiner Rede ausmachen.

Denn was voraufging, war der sechste. Unter den Pflichten, die wir
in Ansehung dieser armen Heiden zu erfllen haben, wurden genannt:


    1) Das Geben von reichlichen Beitrgen in Geld an die
       Missionsvereinigung.

    2) Das Untersttzen der Bibelgenossenschaften, mit dem Zweck,
       diese in den Stand zu setzen, Bibeln auf Java zu verteilen.

    3) Das Frdern der religisen bungen zu Harderwyk, zu Nutzen
       des kolonialen Werbedepts.

    4) Die Ausarbeitung von Predigten und religisen Gesngen,
       geeignet, um von Soldaten und Matrosen den Javanen vorgelesen
       und vorgesungen zu werden.

    5) Die Grndung einer Vereinigung einflussreicher Mnner, deren
       Aufgabe sein wrde, unseren allverehrten Knig anzuflehen:

        a) Nur solche Gouverneure, Offiziere und Beamte zu ernennen,
           von denen vorausgesetzt werden kann, dass sie feststehen
           im wahren Glauben.

        b) Dem Javanen zu vergnnen, dass er die Kasernen, wie auch
           die auf den Reeden liegenden Kriegs- und Kauffahrteischiffe
           besuchen drfe, damit er durch den Verkehr mit
           niederlndischen Soldaten und Matrosen erzogen werde fr
           das Reich Gottes.

        c) Zu verbieten, dass Bibeln oder religise Trakttchen in
           Schankhusern als Bezahlung angenommen werden.

        d) In die Bedingungen der Opiumpacht auf Java die Bestimmung
           aufnehmen zu lassen: dass in jeder Opiumkneipe ein Vorrat
           von Bibeln vorhanden sein msse, im Verhltnis zu der
           vermutlichen Zahl der Besucher des betreffenden Instituts,
           und dass der Pchter sich verbinde, kein Opium zu verkaufen,
           wenn nicht der Kufer ein religises Trakttchen dazu nimmt.

        e) Zu befehlen, dass der Javane durch Arbeit zu Gott gebracht
           werde.

    6) Das Geben von reichlichen Beitrgen an die
       Missionsgenossenschaften.



Ich weiss wohl, dass ich diesen letzten Punkt schon unter No. 1
genannt habe, aber er wiederholte ihn, und dieser berfluss scheint
mir im Feuer der Rede wohl erklrlich.

Doch, Leser, hast du auf No. 5 e acht gegeben? Nun, just dieser
Vorschlag erinnerte mich so an die Kaffeeauktionen und an die
vorgegebene Unfruchtbarkeit des Bodens in Lebak, dass es dir nun
nicht mehr so befremdlich scheinen wird, wenn ich versichere,
dass dieser Punkt seit Mittwoch abend mir keinen Augenblick mehr
aus den Gedanken gewichen ist. Pastor Wawelaar hat die Berichte
der Missionare vorgelesen; niemand kann ihm also eine grndliche
Sachkenntnis abstreiten. Nun, wenn er mit diesen Rapporten vor sich
und mit dem Auge auf Gott behauptet, dass viel Arbeit gnstig wirken
muss auf die Eroberung der javanischen Seelen fr das Reich Gottes,
dann kann ich doch wohl constatieren, dass ich nicht so ganz abseits
aller Wahrheit spreche, wenn ich sage, dass zu Lebak sehr gut Kaffee
gepflanzt werden kann. Und strker noch: dass vielleicht das Hchste
Wesen just darum allein diesen Boden fr die Kaffeekultur ungeeignet
gemacht hat, um durch die Arbeit, die ntig sein wird, um einen
anderen Grund dahin zu verpflanzen, die Bevlkerung dieser Gegend
empfnglich zu machen fr die Seligkeit.

Ich hoffe doch, dass mein Buch dem Knig vor Augen kommt, und dass
alsbald durch grssere Auktionen es klrlich werden mge, wie eng die
rechte Kenntnis Gottes mit dem wohlerfassten Interesse des ganzen
Brgertums verknpft ist! Seht doch nur, wie der einfltige und
demtige Wawelaar ohne alle irdische Weisheit--der Mann hat niemals
einen Fuss in die Brse gesetzt--aber durch die Gnade des Evangeliums,
die ihm vorleuchtet und eine Lampe ist auf seinem Pfad, mir, Makler
in Kaffee, da auf einmal einen Wink giebt, der fr ganz Niederland
nicht nur wichtig ist, sondern der sogar mich in den Stand setzen
wird, wenn Fritz gut aufpasst--er hat leidlich still gesessen in der
Kirche--vielleicht fnf Jahre frher nach Driebergen zu gehen. Ja,
Arbeit, Arbeit, das ist mein Losungswort! Arbeit fr den Javanen,
das ist mein Grundsatz! Und meine Grundstze sind mir heilig.

Ist nicht das Evangelium das hchste Gut? Geht wohl etwas ber die
Seligkeit? Ist es also nicht meine Pflicht, diese Menschen selig zu
machen? Und wenn, als Hlfsmittel hierzu, Arbeit ntig ist--ich selbst
habe zwanzig Jahre die Brse besucht!--drfen wir dann dem Javanen
Arbeit versagen, wo seine Seele derer so dringend bedrftig ist,
um spter nicht zu brennen? Selbstsucht wrde es sein, schndliche
Selbstsucht, wenn wir nicht alle Versuche daran wendeten, um diese
armen, verirrten Menschen zu bewahren vor der schrecklichen Zukunft,
die Pastor Wawelaar so beredt geschildert hat. Es ist eine Frau in
Ohnmacht gefallen, als er von dem schwarzen Kind sprach ... vielleicht
hatte sie einen kleinen Jungen, der etwas dunkel aussah. Frauen
sind so!

Und sollte ich nicht auf Arbeit dringen, ich, der ich selbst vom Morgen
bis zum Abend ans Geschft denke? Ist nicht schon dieses Buch--das
Stern mir so sauer macht--ein Beweis, wie gut ich es meine mit der
Wohlfahrt unseres Vaterlandes und wie ich dafr alles brig habe? Und
wenn ich so schwer arbeiten muss, ich, der ich getauft bin--in der
Amstelkirche--sollte man dann von dem Javanen nicht verlangen knnen,
dass er, der seine Seligkeit erst verdienen soll, die Hnde rhre?

Wenn die Vereinigung--von Nr. 5e meine ich--zu stande kommt, schliesse
ich mich ihr an. Und ich werde auch die Rosemeyers hierfr zu gewinnen
suchen, weil die Zuckerraffinadeure auch daran interessiert sind,
obgleich ich nicht glaube, dass sie zweifelsohne sind in ihren
Gesinnungen --die Rosemeyers meine ich--denn sie halten ein
katholisches Mdchen.

Wie es auch sei, ich werde meine Pflicht thun. Das habe ich mir selbst
gelobt, als ich mit Fritz von der Betstunde nach Hause ging. In
meinem Hause wird dem Herrn gedient, dafr werde ich sorgen. Und
dies mit um so mehr Eifer, da ich je lnger desto mehr einsehe, wie
weise doch alles geordnet ist, wie liebreich die Wege sind, die wir
gefhrt werden an Gottes Hand, und wie Er uns erhalten will fr das
ewige und fr das zeitliche Leben, denn der Boden von Lebak kann sehr
gut geeignet gemacht werden fr die Kaffeekultur.






ZEHNTES KAPITEL.


Wiewohl ich, wo Grundstze in Frage stehen, niemanden schone,
so habe ich doch die Einsicht, dass ich bei Stern einen andern
Weg einschlagen muss als bei Fritz, und da zu erwarten ist, dass
mein Name--die Firma ist Last & Co., doch ich heisse Droogstoppel:
Batavus Droogstoppel--sich mit einem Buch verknpfen wird, in dem
Sachen vorkommen, die sich nicht mit der Achtung vertragen, die jeder
anstndige Mann und Makler sich selber schuldig ist, so erachte ich
es fr meine Pflicht, hier mitzuteilen, wie ich mir Mhe gab, auch
den Stern auf den rechten Weg zurckzubringen.

Ich habe ihm nicht vom Herrn gesprochen--denn er ist Lutheraner--aber
ich habe auf sein Gemt und auf sein Ehrgefhl gewirkt. Man sehe,
wie ich das angefangen habe, und beachte dabei, wie weit man es mit
Menschenkenntnis bringt. Ich hatte ihn sagen hren: auf Ehrenwort!
und fragte, was er darunter verstnde.

--Nun, sagte er, dass ich meine Ehre verpfnde fr die Wahrheit dessen,
was ich sage.

--Das ist sehr viel, entgegnete ich. Sind Sie so fest berzeugt,
dass Sie immer die Wahrheit sagen?

--Ja, erklrte er, die Wahrheit sage ich stets. Wenn die Brust mir
erglht ...

Der Leser weiss den Rest.

--Das ist ja sehr schn, sagte ich, und ich that so einfltig, als
ob ich es glaubte.

Aber hierin lag gerade die Feinheit der Schlinge, die ich ihm legte
mit der Absicht, den jungen Herrn--ohne Gefahr zu laufen, den alten
Stern in die Hnde von Busselinck & Waterman fallen zu sehen--doch
einmal gut in seine Schranken zu verweisen und ihn merken zu lassen,
wie gross der Abstand ist zwischen einem, der eben anfngt--macht
sein Vater gleichwohl grosse Geschfte--und einem Makler, der zwanzig
Jahre die Brse besucht hat. Es war mir nmlich bekannt, dass er
allerhand Versekram aus dem Kopf wusste--er sagt: auswendig--und
da Verse stets Lgen enthalten, war ich mir gewiss, dass ich ihn sehr
schnell auf Unwahrheiten ertappen wrde. Das dauerte denn auch nicht
lange. Ich sass im Zimmer nebenan, und er war im Salon ... wir haben
nmlich einen Salon. Marie war beim Stricken, und er sollte ihr was
erzhlen. Ich hrte andchtig zu, und als er zu Ende war, fragte ich
ihn, ob er das Buch bessse, in dem das Ding stnde, das er da soeben
hergeleiert htte. Er sagte ja und brachte es mir. Es war ein Band der
Werke von einem gewissen Heine. Am andern Morgen gab ich ihm--Stern,
meine ich--die folgenden


    Betrachtungen


bezglich der Wahrheitsliebe jemandes, der das folgende Machwerk von
Heine einem jungen Mdchen vorsagt, das im Salon sitzt und strickt.


    Auf Flgeln des Gesanges,
    Herzliebchen, trag' ich dich fort ...


Herzliebchen? Marie Ihr Herzliebchen? Wissen Ihre Eltern davon
und Luise Rosemeyer? Ist es wohl in der Ordnung, dies einem Kinde zu
sagen, das durch so etwas seiner Mutter doch sehr leicht ungehorsam
werden kann, indem es sich in den Kopf setzt, dass es mndig ist, da
man es Herzliebchen nennt? Was bedeutet das Forttragen auf Ihren
Flgeln? Sie haben keine Flgel und Ihr Gesang auch nicht. Probieren
Sie es mal ber die Lauriergracht, die gar nicht einmal breit ist. Aber
htten Sie auch Flgel, drfen Sie dann wohl einem Mdchen, das noch
nicht eingesegnet ist, dergleichen Dinge vorreden? Und wenn auch
das Kind die Einsegnung schon hinter sich htte, was bedeutet das
Anerbieten, zusammen wegfliegen zu wollen? Pfui!


    Fort nach den Fluren des Ganges,
    Dort weiss ich den schnsten Ort.


Gehen Sie meinetwegen allein dahin und mieten sich ein Zimmer, aber
nehmen Sie nicht ein Mdchen mit, das seiner Mutter im Haushalt
helfen muss! Aber Sie meinen das auch gar nicht so! Zunchst haben
Sie nie den Ganges gesehen und knnen also nicht wissen, ob da gut
leben ist. Soll ich Ihnen mal sagen, wie die Sachen stehen? Das
sind alles Lgen, die Sie nur darum erzhlen, weil Sie sich bei all
dem Versezeug zum Sklaven von Mass und Reim machen. Wenn die erste
Zeile vielleicht auf Senf, Zuckerteig oder Leberthran geendigt htte,
so htten Sie Marie gefragt, ob Sie mitginge nach Genf, Braunschweig
oder Teheran, und so weiter. Sie sehen also, dass Ihre vorgeschlagene
Reiseroute nicht ernsthaft gemeint war, und dass alles hinausluft auf
ein albernes Wortgeklingel ohne Sinn und Verstand. Wie wr's, wenn
Marie nun wirklich Lust kriegte, die verrckte Reise zu machen? Ich
rede nun gar nicht einmal von der unbequemen Methode, die Sie da
vorschlagen! Doch sie ist, dem Himmel sei Dank, zu verstndig, um
Verlangen nach einem Lande zu haben, von dem Sie sagen:


    Dort liegt ein rotblhender Garten
    Im stillen Mondenschein;
    Die Lotosblumen erwarten
    Ihr trautes Schwesterlein.
    Die Veilchen kichern und kosen,
    Und schaun nach den Sternen empor;
    Heimlich erzhlen die Rosen
    Sich duftende Mrchen ins Ohr.


Was wrden Sie in diesem Garten bei Mondenschein mit Marie
anstellen wollen, Stern? Ist das sittlich, ist das in der Ordnung,
ist das anstndig? Wollen Sie, dass ich beschmt dastehe, so wie
Busselinck & Waterman, mit denen kein anstndiges Handelshaus etwas
zu thun haben will, weil ihre Tochter weggelaufen ist, und weil es
niedertrchtige Pfuscher sind? Was sollte ich wohl zur Antwort geben,
wenn man mich auf der Brse fragte, warum meine Tochter so lange in
dem roten Garten geblieben ist? Denn das begreifen Sie doch, dass
niemand mir glauben wrde, wenn ich sagte, dass sie dahin msste,
um den Lotosblumen einen Besuch abzustatten, die, wie Sie sagen,
sie schon lange erwarteten. Ebenso wrde jeder verstndige Mensch
mich auslachen, wenn ich so albern wre, zu sagen: Marie ist da in
dem roten Garten--warum rot und nicht gelb oder lila?--um zu horchen
auf das Quasseln und Quatschen der Veilchen oder auf die Mrchen,
die die Rosen sich heimlich ins Ohr blasen. Knnte so was auch wahr
sein, was htte Marie davon, wenn es doch so heimlich geschhe,
dass sie nichts davon verstehen knnte? Doch Lgen sind das eben,
faule Lgen! Und hsslich sind sie auch noch dazu, denn nehmen Sie
doch mal einen Bleistift und zeichnen eine Rose mit einem Ohr, und
sehen Sie sich mal an, wie das aussieht! Und was bedeutet das, dass
diese Mrchen so duftend sind? Soll ich es Ihnen mal sagen in der
Sprache, die man im gewhnlichen Leben spricht? Das will sagen ... na,
noch gelinde gesagt ... dass ein Lftchen von diesen albernen Mrchen
ausgeht ... da haben Sie's!


    Es hpfen herbei und lauschen
    Die frommen, klugen Gazell'n;
    Und in der Ferne rauschen
    Des heiligen Stromes Well'n.
    Dort wollen wir niedersinken
    Unter dem Palmenbaum,
    Und Lieb' und Ruhe trinken
    Und trumen seligen Traum.


Knnen Sie nicht nach Artis gehen, unserm Zoologischen Garten--Sie
haben doch wohl Ihrem Vater geschrieben, dass ich Mitglied bin?--sagen
Sie, kommen Sie denn nicht mit Artis aus, wenn Sie denn durchaus
fremde Tiere sehen wollen? Mssen es gerade Gazellen am Ganges
sein, die doch im wilden Zustande nicht so gut zu beobachten sind,
wie hinter einem sauber geteerten Eisengitter? Warum nennen Sie
diese Tiere fromm und klug? Das letztere lasse ich ja gelten--sie
machen wenigstens solche dummen Verse nicht--aber: fromm? Was heisst
das! Ist das nicht Missbrauch getrieben mit einem heiligen Ausdruck,
der nur auf Menschen vom wahren Glauben angewendet werden sollte? Und
dann der heilige Strom? Thun Sie recht, Marie Dinge zu erzhlen,
die sie zur Heidin zu machen geeignet sind? Drfen Sie sie in der
berzeugung wankend machen, dass es kein anderes heiliges Wasser
giebt denn das der Taufe, und keinen anderen heiligen Strom denn den
Jordan? Ist das nicht Untergrabung von Sittlichkeit, Tugend, Religion,
Christentum und Anstand?

Denken Sie ber dies alles einmal nach, Stern! Ihr Vater ist ein sehr
achtbares Haus, und ich bin mir gewiss, dass er es gut findet, dass
ich so auf Ihr Gemt wirke, und dass er gern mit jemandem Geschfte
macht, der Tugend und Religion hochhlt. Ja, Grundstze sind mir
heilig, und ich scheue mich nicht, geradeaus zu sagen, was ich
meine. Machen Sie also kein Geheimnis aus dem, was ich Ihnen sage,
schreiben Sie ruhig an Ihren Vater, dass Sie hier in einer soliden
Familie sind und dass ich Sie immer so aufs Gute weise. Und fragen
Sie sich selbst einmal, was aus Ihnen geworden wre, wenn Sie zu
Busselinck & Waterman gekommen wren! Da wrden Sie auch solche Verse
aufgesagt haben, und da htte man nicht auf Ihr Gemt gewirkt, weil es
niedertrchtige Pfuscher sind. Schreiben Sie das ruhig an Ihren Vater,
denn wenn Grundstze in Frage stehen, schone ich niemanden. Da wrden
die Mdchen mitgegangen sein mit Ihnen nach dem Ganges, und dann lgen
Sie da nun vielleicht unter dem Baum im nassen Gras, whrend Sie nun,
weil ich Sie so vterlich verwarnte, hier bei uns bleiben knnen in
einem anstndigen Hause. Schreiben Sie das alles an Ihren Vater und
sagen Sie ihm, dass Sie so dankbar sind, dass Sie zu uns gekommen sind,
und dass ich so gut fr Sie sorge, und dass die Tochter von Busselinck
& Waterman durchgegangen ist, und grssen Sie ihn sehr von mir, und
schreiben Sie ihm, dass ich noch 1/16 Prozent von den Maklerspesen
unter deren Gebot heruntergehen werde, weil ich die Unterbieter nicht
ausstehen kann, die einem Konkurrenten das Brot aus dem Munde stehlen
durch gnstigere Bedingungen.

Und thun Sie mir doch den Gefallen, in Ihren Vorlesungen aus Shawlmanns
Paket mehr etwas Solides zu bringen. Ich habe darin Aufstellungen
gesehen von der Kaffeeproduktion der letzten zwanzig Jahre aus allen
Residentschaften auf Java: lesen Sie doch so etwas mal vor! Sehen Sie,
dann knnen die Rosemeyers, die in Zucker machen, einmal zu hren
kriegen, was da vor sich geht in der Welt. Und Sie mssen auch die
Mdchen und uns alle, wie Sie das an einer Stelle des Buches thun,
nicht so als Kannibalen hinstellen, die etwas von Ihnen aufgefressen
haben ... das ist nicht in der Ordnung, mein bester Junge. Glauben
Sie doch jemandem, der weiss, was in der Welt passiert! Ich habe
Ihren Vater schon vor seiner Geburt bedient--seine Firma meine ich,
nein ... unsere Firma meine ich: Last & Co.--frher hiess sie Last &
Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus. Sie begreifen also, dass
ich es gut mit Ihnen meine. Und spornen Sie Fritz an, dass er besser
aufpasst, und lehren Sie ihn nicht Verse machen, und thun Sie so, als
wenn Sie es nicht sehen, wenn er dem Buchhalter Gesichter schneidet
und all solche Dinge mehr. Geben Sie ihm ein gutes Beispiel, da Sie
doch so viel lter sind, und suchen Sie ein ernstes und wrdevolles
Wesen in ihn zu pflanzen, denn er soll Makler werden.

Ich bin Ihr vterlicher Freund


                                         Batavus Droogstoppel.
                                 (Firma: Last & Co., Makler in Kaffee,
                                         Lauriergracht No. 37.)






ELFTES KAPITEL.


Es war man, dass ich sagen wollte--um mit Abraham Blankaart zu
reden--dass ich dieses Kapitel als essentiell betrachte, weil wir
darin nach meiner Meinung Havelaar noch besser kennen lernen, und er
scheint nun doch einmal der Held der Geschichte zu sein.

--Tine, was sind das fr Gurken? Liebes Kind, mache niemals Essig an
Frchte! Gurken mit Salz, Ananas mit Salz, Pompelmuscitrone mit Salz,
alles, was aus der Erde kommt, mit Salz. Essig an Fisch und an Fleisch
... es steht was darber im 'Liebig' ...

--Bester Max, fragte Tine lachend, was denkst du denn, wie lange wir
hier sind? Diese Gurken sind von Mevrouw Slotering.

Und Havelaar hatte Mhe, sich zu erinnern, dass er erst gestern hier
angekommen war und dass Tine mit dem besten Willen noch nichts htte
herrichten knnen in Kche oder Haushalt. Er selbst war schon lange in
Rangkas-Betung! Hatte er nicht die ganze Nacht zugebracht mit Lesen
im Archiv, und war nicht schon allzuviel durch seine Seele gegangen,
das mit Lebak in Verbindung stand, als dass er sich so schnell daran
erinnern konnte, dass er erst seit gestern hier war? Tine begriff
dies wohl: sie begriff ihn stets!

--Ach ja, das ist wahr, sagte er, aber trotzdem musst du mal was von
Liebig lesen. Verbrugge, haben Sie viel von Liebig gelesen?

--Wer ist das? fragte Verbrugge.

--Das ist jemand, der viel ber das Einlegen von Gurken geschrieben
hat. Auch hat er entdeckt, wie man Gras in Wolle verwandelt ... Sie
verstehen doch?

--Nein, sagten Verbrugge und Duclari zugleich.

--Nun, die Sache selbst war doch immer bekannt: Treiben Sie ein Schaf
auf die Weide ... und Sie werden sehen! Doch er hat die Art und Weise
erforscht, wie das geschieht. Andere Gelehrte sagen wieder, dass er
wenig davon wisse. Nun ist man daran, nach Mitteln zu suchen, um das
ganze Schaf bei der Herstellung berschlagen zu knnen ... o, diese
Gelehrten! Molire kannte sie wohl ... ich schtze Molire nach mancher
Richtung. Wenn Sie wollen, werden wir ein paarmal in der Woche uns
zu Leseabenden vereinigen. Tine macht auch mit, wenn Max zu Bett ist.

Duclari und Verbrugge gefiel dies. Havelaar sagte, dass er nicht
viele Bcher bessse, aber darunter wren doch Schiller, Goethe,
Heine, Vondel, Lamartine, Thiers, Say, Malthus, Scialoja, Smith,
Shakespeare, Byron ...

Verbrugge sagte, dass er nicht Englisch lese.

--Aber, zum Teufel, Sie sind doch ber die Dreissig! Was haben Sie
denn all die Zeit ber getrieben? Das muss doch sehr beschwerlich fr
Sie auf Padang gewesen sein, wo soviel Englisch gesprochen wird. Haben
Sie Miss Mata-api gekannt?

--Nein, ich kenne den Namen nicht.

--Ihr Name war das auch nicht. Sie nannten sie Miss Mata-api--d. h.:
Jungfer Feuerauge--weil ihre Augen so sprhten. Das war aber 43. Sie
wird nun wohl verheiratet sein ... es ist schon so lange her! Niemals
habe ich so etwas gesehen ... ja doch, in Arles ... da mssen Sie mal
hingehen! Das ist das Schnste, was ich gefunden habe auf all meinen
Reisen. Es giebt nichts auf der Welt, dnkt mich, das Ihnen so klar die
Schnheit in abstracto darstellt ... als sichtbares Bild des Wahren,
des Unstofflich-Reinen ... als eine schne Frau. Glauben Sie mir,
gehen Sie mal hin nach Arles und Nmes ...

Duclari, Verbrugge und--ich muss es zugeben--auch Tine konnten ein
lautes Lachen nicht unterdrcken bei dem Gedanken, so auf einmal von
der Westecke Javas hinberzuspringen nach Arles oder Nmes im Sden
von Frankreich. Havelaar, der wahrscheinlich in seiner Phantasie auf
dem Turme stand, der von den Sarazenen auf dem Kreisbau um die Arena
von Arles errichtet ist, musste sich einigermassen anstrengen, bis
er den Grund dieser Heiterkeit heraus hatte, und darauf fuhr er fort:

--Nun ja, ich meine ... wenn Sie da mal in die Gegend kommen. So etwas
bin ich niemals irgendwo wieder begegnet. Ich war an Enttuschungen
gewhnt beim Anschauen alles dessen, was so sehr in den Himmel
erhoben wird. Sehen Sie sich zum Beispiel die Wasserflle an, von
denen man so viel spricht und schreibt. Was mich betrifft, ich habe
wenig oder nichts empfunden zu Tondano, zu Maros, zu Schaffhausen,
am Niagara. Man muss die Nase in seinen Baedeker stecken, um dabei
das vorgeschriebene Mass von Bewunderung ber soundsoviel Fuss Fall
und soundsoviel Kubikfuss Wasser in der Minute bei der Hand zu
haben, und wenn dann die Ziffern hoch sind, muss man Donnerwetter!
sagen. Ich werde mir niemals wieder Wasserflle ansehen, wenigstens
nicht, wenn ich deshalb einen Umweg machen soll. Diese Dinge sagen
mir nichts! Bauwerke sprechen mir eine gewaltige Sprache, besonders,
wenn es Bltter aus der Geschichte sind. Doch hier spricht eine
Empfindung ganz anderer Art mit! Man ruft die Vergangenheit wach und
lsst die Schatten des Dahingegangenen Revue passieren. Darunter sind
sehr abscheuliche, und man findet also, wie interessevoll das manchmal
auch sein mag, bei seinen Wahrnehmungen nicht immer Befriedigung
fr das Schnheitsgefhl--ungemischte wenigstens niemals! Und ohne
Herbeirufung der Geschichte ist wohl viel Schnes an manchen Bauwerken,
aber es wird gewhnlich verdorben durch Fhrer--von Papier, von
Fleisch und Bein ... es kommt auf eins heraus!--Fhrer, die euch den
Eindruck rauben durch ihr eintniges: diese Kapelle ist errichtet
vom Bischof von Mnster im Jahre 1423 ... die Sulen sind 63 Fuss
hoch und ruhen auf ... ich weiss nicht was, und es kommt mir auch
gar nicht darauf an. Das Gebabbel langweilt einen, denn man fhlt,
dass man dann genau dreiundsechzig Fuss Bewunderung bereit halten
muss, wenn man nicht in mancher Augen als Vandale gelten will oder
als Geschftsreisender ... ach, ist das eine Rasse!

--Die Vandalen?

--Nein, die andern. Nun knnte man sagen: so behalte deinen Fhrer
im Sack, wenn er gedruckt ist, und lass ihn draussen stehen oder
schweigen im andern Fall! Doch abgesehen davon, dass man, um zu einem
einigermassen richtigen Urteil zu gelangen, wirklich manchmal der
Erluterung bedarf, man wrde, knnte man auch immer die Erluterung
entbehren, doch vergeblich im Gebude an sich etwas suchen, das lnger
als einen sehr kurzen Augenblick unser Verlangen nach dem Schnen
beantwortet, weil es keine Bewegung zeigt. Dies gilt, glaube ich, auch
fr Werke der Skulptur und der Malerei. Natur ist Bewegung. Wachstum,
Hunger, Denken, Fhlen ist Bewegung ... Stillstand ist der Tod! Ohne
Bewegung kein Schmerz, kein Gefhl, kein Empfinden! Versuchen Sie
einmal, dazusitzen ohne sich zu rhren, Sie werden sehen, wie schnell
Sie einen gespenstischen Eindruck auf jeden andern machen und selbst
auf Ihre eigene Vorstellung. Beim schnsten Tableau-vivant verlangt
man sehr schnell nach einer folgenden Nummer, wie herrlich auch der
Eindruck zu Anfang war. Da nun unsere Schnheitssucht mit einem Blick
auf das Schne nicht befriedigt ist, sondern das Bedrfnis nach einer
sich anschliessenden Reihe von Augengenssen fhlt, das Verlangen nach
der Bewegung des Schnen, so macht sich ein Unbefriedigtsein fhlbar
beim Anschauen dieser Art von Kunstwerken, und darum behaupte ich,
dass eine schne Frau--wenn es keine usserliche Portrtschnheit
ist, die ohne Bewegung ist--dem Ideal des Gttlichen am nchsten
kommt. Wie gross das Bedrfnis nach der Bewegung ist, von der ich
spreche, kann man einigermassen nach dem Ekel ermessen, den eine
Tnzerin, sei es selbst die Elssler oder die Taglioni, verursacht,
wenn sie nach Beendigung eines Tanzes auf dem linken Bein steht und
dem Publikum zugrinst.

--Das gilt hier nicht, sagte Verbrugge, denn das ist absolut hsslich.

--Das finde ich auch. Aber sie giebt es doch als schn und als
Klimax auf all das Vorhergehende, worin wirklich viel Schnes gewesen
sein kann. Sie giebt es als die Pointe des Epigramms, als das aux
armes! der Marseillaise, die sie mit ihren Fssen sang, als das
Rauschen der Weiden auf dem Grabe der soeben besprungenen Liebe. O,
schauderhaft! Und dass auch die Zuschauer, die gewhnlich--wie mehr
oder minder wir alle--ihren Geschmack auf Gewohnheit und Nachahmung
grnden, diesen Moment als den packendsten aufnehmen, ist daraus zu
ersehen, dass man just dann in tosenden Beifall ausbricht, wie wenn
man zu erkennen geben wollte: all das Vorhergehende war auch wohl
schn, aber nun kann ich es wahrhaftig nicht lnger aushalten vor
Bewunderung! Sie sagten, dass diese Schlusspose absolut hsslich
sei--ich sag's ja auch!--doch woher kommt dies? Weil die Bewegung
aufhielt und damit die Geschichte, die die Tnzerin erzhlte. Glauben
Sie mir: Stillstand ist der Tod!

--Aber, warf Duclari ein, Sie haben auch die Wasserflle verworfen
als Ausdruck des Schnen. Wasserflle haben doch Bewegung!

--Ja, aber ... ohne Geschichte! Sie bewegen sich, doch kommen nicht
von der Stelle. Sie bewegen sich wie ein Schaukelpferd, doch noch
minus dem va et vient. Sie machen Gerusch, doch sprechen nicht. Sie
rufen: hrru ... hrru ... hrru, und niemals etwas anderes: Rufen Sie
mal sechstausend Jahre oder lnger: hrru, hrru ... und sehen Sie zu,
wie wenige Sie fr einen unterhaltenden Menschen ansehen werden.

--Ich will keinen Versuch machen, sagte Duclari, aber ich bin doch noch
nicht mit Ihnen eins darin, dass die von Ihnen geforderte Bewegung so
durchaus notwendig sein soll. Ich schenke Ihnen nun die Wasserflle,
aber ein gutes Gemlde, dnkt mich, kann doch viel ausdrcken.

--O gewiss, aber nur fr einen Augenblick. Ich will versuchen,
meine Meinung durch ein Beispiel klar zu machen. Es ist heute der
18. Februar ...

--O nein, sagte Verbrugge, wir haben noch Januar ...

--Nein, nein, es ist heute der 18. Februar 1587, und Sie sind im
Kastell Fotheringhay eingeschlossen ...

--Ich? fragte Duclari, der nicht recht verstanden zu haben glaubte.

--Ja, Sie. Sie langweilen sich und suchen Zerstreuung. Da in der Mauer
ist eine ffnung, doch sie ist zu hoch, um hindurchsehen zu knnen,
und das wollen Sie doch. Sie setzen Ihren Tisch davor und darauf einen
Stuhl mit drei Beinen, von denen das eine etwas schwach ist. Sie sahen
auf der Kirmess mal einen Akrobaten, der sieben Sthle aufeinander
stellte und sich selbst darauf, mit dem Kopf nach unten. Wahnwitz und
Langeweile verleiten Sie nun, hnlich zu thun. Sie erklimmen etwas
unsicher den Stuhl ... erreichen das erwnschte Ziel ... werfen einen
Blick durch die ffnung und rufen: o Gott! Und Sie fallen! Wissen
Sie mir nun zu sagen, warum Sie o Gott! riefen und gefallen sind?

--Ich denke mir, dass das dritte Bein von dem Stuhl brach, sagte
Verbrugge belehrend.

--Nun ja, das Bein brach vielleicht, aber nicht darum sind Sie
gefallen. Vor jeder anderen ffnung htten Sie es ein Jahr lang auf
diesem Stuhl ausgehalten, und nun mussten Sie fallen, und wren auch
dreizehn Beine unter dem Stuhl gewesen, ja, und htten Sie auf dem
Boden gestanden.

--Nun, meinetwegen, sagte Duclari. Ich sehe, dass Sie sich absolut
in den Kopf gesetzt haben, mich fallen zu lassen, koste es, was es
wolle. Ich liege da nun so lang ich bin ... doch ich weiss wahrhaftig
nicht, warum!

--I, das ist doch sehr einfach! Sie sahen da eine Frau, schwarz
gekleidet, vor einem Blocke knieend. Sie beugte das Haupt, und weiss
wie Silber war der Hals, der sich vom schwarzen Sammet abhob. Und
ein Mann mit einem grossen Schwert stand da, und er hielt es hoch,
und sein Blick war auf den weissen Hals geheftet, und er suchte den
Bogen, den sein Schwert beschreiben sollte, um da ... da, zwischen
diesen Wirbeln hin, hindurchgetrieben zu werden mit Genauigkeit
und Kraft ... und da fielen Sie, Duclari. Sie fielen, weil Sie das
alles sahen, und darum riefen Sie: o Gott! Keineswegs, weil nur drei
Beine unter Ihrem Stuhl waren. Und lange nachdem Sie aus Fotheringhay
befreit waren--auf Frsprache ihres Vetters, denke ich, oder weil es
den Menschen langweilig wurde, Ihnen da lnger unverpflichtet Kost zu
gewhren wie einem Kanarienvogel--lange nachher, ja, bis heute noch
trumen Sie wachend von dieser Frau, und im Schlafe selbst schrecken
Sie auf und fallen mit schwerem Fall nieder auf Ihre Lagersttte,
weil Sie den Arm des Henkers packen wollen. Ist das nicht wahr?

--Ich will's schon glauben, aber sicher kann ich es wahrhaftig nicht
sagen, weil ich niemals zu Fotheringhay durch ein Loch in der Mauer
geguckt habe.

--Gut, gut, ich auch nicht. Aber nun nehme ich ein Gemlde,
das die Enthauptung der Maria Stuart darstellt. Nehmen wir an,
dass die Darstellung vollkommen ist. Da hngt es, in vergoldetem
Rahmen, an einer roten Schnur, wenn Sie wollen ... ich weiss,
was Sie sagen wollen, gut! Nein, nein, Sie sehen den Rahmen
nicht, Sie vergessen sogar, dass Sie Ihren Stock am Eingang der
Galerie abgegeben haben ... Sie vergessen Ihren Namen, Ihr Kind,
die Kommissmtze neuen Modells, und also alles, um nicht ein Gemlde
in dem Geschauten zu sehen, sondern wirklich Maria Stuart: ganz
genau wie zu Fotheringhay. Der Henker steht vollkommen so, wie er
wirklich gestanden haben muss, ja, ich will so weit gehen, Sie den
Arm ausstrecken zu lassen, um den Schlag abzuwehren! So weit, Sie
rufen zu lassen: Lass die Frau leben, vielleicht bessert sie sich!
Sie sehen, ich gebe Ihnen vollkommen freies Spiel, was die Ausfhrung
des Gemldes betrifft ...

--Ja, aber was dann weiter? Ist denn der Eindruck nicht ebenso packend,
als wie ich dasselbe in Wirklichkeit zu Fotheringhay sah?

--Nein, durchaus nicht, und wohl darum, weil Sie nicht auf einen Stuhl
mit drei Beinen geklettert waren. Sie nehmen einen Stuhl--mit vier
Beinen diesmal, und am liebsten einen Fauteuil--Sie setzen sich vor
dem Gemlde nieder, um gut und lange zu geniessen--wir geniessen
nun einmal beim Anschauen von etwas Grausigem--und, was meinen Sie,
welchen Eindruck das Gemlde auf Sie macht?

--Nun, Schreck, Angst, Mitleid, Rhrung--genau so wie damals, als
ich durch die ffnung in der Mauer guckte. Wir haben angenommen, dass
das Gemlde ein vollkommenes sei, ich muss also davon ganz denselben
Eindruck haben wie von der Wirklichkeit.

--Nein, innerhalb zwei Minuten fhlen Sie Schmerz in Ihrem rechten
Arm, aus Mitgefhl fr den Henker, der so lange das schwere Stck
Stahl unbeweglich in die Hhe halten muss.

--Mitgefhl fr den Henker?

--Ja! Mitleidenschaft, Gleichgefhl, verstehen Sie? Und zugleich mit
der Frau, die da so lange in unbequemer Haltung und wahrscheinlich
in unangenehmer Stimmung vor dem Blocke liegt. Sie haben noch immer
Mitleid mit ihr, aber diesmal nicht, weil sie enthauptet werden soll,
sondern weil man sie so lange warten lsst, ehe sie enthauptet wird,
und wenn Sie noch etwas zu sagen oder zu rufen htten, so wrde es
schliesslich--angenommen, dass Sie sich veranlasst fhlen, sich mit der
Sache zu befassen--nichts anderes sein als: Schlag' doch in Gottes
Namen zu, Mann, das Geschpf wartet drauf! Und wenn Sie spter das
Gemlde wiedersehen und mehrfach wiedersehen, so ist gar schon der
erste Eindruck: Ist die Geschichte noch nicht vorbei? Steht er und
liegt sie da noch?

--Aber was ist denn fr eine Bewegung in der Schnheit der Frauen in
Arles? fragte Verbrugge.

--O, das ist etwas anderes! Sie spielen eine Geschichte aus in ihren
Zgen. Karthago blht und baut Schiffe auf ihrer Stirn ... hret den
Hannibalsschwur gegen Rom ... da flechten sie Sehnen fr die Bogen
... da brennt die Stadt ...

--Max, Max, ich glaube wahrhaftig, dass du da in Arles dein Herz
verloren hast, neckte Tine.

--Ja, fr einen Augenblick ... doch ich fand es wieder: ihr werdet
es hren. Stellt euch vor ... ich sage nicht: da habe ich ein Weib
gesehen, das so oder so schn war, nein: alle waren sie schn, und
es war unmglich, da sich Hals ber Kopf zu verlieben, weil jede
folgende Frau die vorige aus der Bewunderung verdrngte, und ich
dachte dabei wahrhaftig an Caligula oder Tiberius--von wem erzhlt
man doch diese Fabel?--der dem ganzen menschlichen Geschlecht nur ein
Haupt wnschte. So nmlich stieg unwillkrlich der Wunsch in mir auf,
dass die Frauen zu Arles ...

--Nur ein Haupt htten alle miteinander?

--Ja ...

--Um es abzuschlagen?

--O nein! Um ... es zu kssen auf die Stirn, wollte ich sagen,
aber das ist es nicht! Nein, um unverwandt daraufhin zu schauen,
und davon zu trumen, und um ... gut zu sein!

Duclari und Verbrugge fanden wahrscheinlich diesen Schluss wieder
besonders eigentmlich. Aber Max bemerkte ihre Verwunderung nicht
und fuhr fort:

--Denn so edel waren die Zge, dass man etwas wie Scham fhlte,
nur ein Mensch zu sein und nicht ein Funke ... ein Strahl--nein, das
wre stofflich!... ein Gedanke! Aber ... dann sass da pltzlich ein
Bruder oder ein Vater neben diesen Frauen, und ... Gott bewahre mich,
ich habe eine gesehen, die sich schnuzte.

--Ich wusste wohl, dass du wieder einen schwarzen Strich darber
ziehen wrdest, sagte Tine verdriesslich.

--Kann ich dafr? Ich htte sie lieber tot umfallen sehen! Soll so
ein Mdchen sich profanieren?

--Aber, Mynheer Havelaar, wenn sie nun einmal den Schnupfen hat?

--Nein, sie durfte keinen Schnupfen haben mit solch einer Nase!

--Ja, aber ...

Als wenn der Teufel sein Spiel triebe: auf einmal musste Tine niesen
... und ehe sie daran dachte, hatte sie ihre Nase geputzt!

--Lieber Max, willst du nicht bse drum sein? fragte sie mit
verhaltenem Lachen.

Er antwortete nicht. Und, wie nrrisch es auch scheint oder wirklich
ist ... ja, er war wirklich bse deshalb! Und was auch sonderbar
klingt: Tine war erfreut darber, dass er bse war und von ihr
erheischte, dass sie mehr sei als die phnizischen Frauen zu Arles,
hatte sie auch immerhin keinen Grund, stolz auf ihre Nase zu sein.

Wenn Duclari noch meinte, dass Havelaar verrckt sei, htte man
es ihm nicht bel deuten knnen, wenn er sich in dieser Meinung
bestrkt fhlte bei der Wahrnehmung der kurzen Verstrtheit, die, nach
dem Naseschnauben und wegen desselben, auf Havelaars Gesicht einen
Augenblick zu lesen war. Aber dieser war von Karthago zurckgekehrt,
und er las--mit der Schnelligkeit, mit der er lesen konnte, wenn er
nicht zu weit von Hause war mit seinem Geiste--auf den Gesichtern
seiner Gste, dass sie die beiden folgenden Thesen aufstellten:


    1) Wer nicht will, dass seine Frau sich die Nase putzt, ist
    verrckt.

    2) Wer glaubt, dass eine in schnen Linien gezeichnete Nase
    nicht geputzt werden braucht, thut verkehrt, diesen Glauben auf
    Mevrouw Havelaar anzuwenden, deren Nase sich ein bisschen der
    Kartoffel nhert.

    Die erste These liess Havelaar auf sich beruhen, aber ... die
    zweite!


--O, rief er, als ob er zu antworten htte, obschon seine Gste so
hflich gewesen waren, ihre Thesen nicht auszusprechen--das will ich
Ihnen erklren. Tine ist ...

--Bester Max! sagte sie flehend.

Das bedeutete: Erzhle doch nicht den Herren, warum ich in deiner
Schtzung erhaben sein msste ber Erkltung!

Havelaar schien zu verstehen, was Tine meinte, denn er antwortete:

--Gut, Kind!--Aber wissen Sie denn auch, meine Herren, dass man sich
manchmal tuscht in dem Urteil ber die Rechte mancher Menschen auf
stoffliche Unvollkommenheit?

Sicherlich hatten die Gste niemals was von diesen Rechten gehrt.

--Ich habe auf Sumatra ein Mdchen gekannt, fuhr er fort, die
Tochter eines Datu. Nun, ich bin der Ansicht, dass sie auf diese
Unvollkommenheit kein Recht hatte. Und doch habe ich sie ins Wasser
fallen sehen bei einem Schiffbruch ... genau wie eine andere. Ich,
ein Mann, habe ihr helfen mssen, dass sie wieder an Land kam.

--Aber ... htte sie denn fliegen sollen wie eine Mwe?

--Freilich, oder ... nein, sie htte keinen Krper haben sollen. Soll
ich Ihnen erzhlen, wie ich mit ihr bekannt wurde? Es war '42. Ich
war Kontrolleur von Natal ... sind Sie dagewesen, Verbrugge?

--Ja.

--Nun, dann wissen Sie, dass Pfefferkultur im Natalschen betrieben
wird. Die Pfeffergrten liegen bei Taloh-Baleh, nrdlich von Natal
an der Kste. Ich musste sie inspizieren, und da ich keine Ahnung von
Pfeffer hatte, nahm ich auf meiner Segelprauw einen Datu mit, der mehr
davon verstand. Sein Tchterchen, damals ein Kind von dreizehn Jahren,
ging mit. Wir segelten die Kste entlang und langweilten uns ...

--Und da haben Sie Schiffbruch gelitten?

--O nein, es war schnes Wetter, allzu schn. Der Schiffbruch, auf den
Sie hinaus wollen, passierte viel spter. Sonst wrde ich mich nicht
gelangweilt haben. So segelten wir die Kste entlang, und es war eine
Brenhitze. So eine Prauw bietet wenig Gelegenheit, sich irgendwie
zu beschftigen, und dazu war ich gerade in einer verdriesslichen
Stimmung, wozu viele Ursachen das ihrige beitrugen. Ich hatte, primo,
eine unglckliche Liebe, zum zweiten eine ... unglckliche Liebe, zum
dritten ... nun ja, noch etwas von der Art, u. s. w. Ach, das gehrt so
zum Leben. Aber obendrein befand ich mich auf einer Station zwischen
zwei Anfllen von Ehrgeiz. Ich hatte mich zum Knig aufgeworfen
und war wieder entthront. Ich war auf einen Turm geklommen und war
wieder heruntergefallen ... ich will jetzt nur berschlagen, wie das
kam! Genug, ich sass da in der Prauw mit saurem Gesicht und schlechtem
Humor und war, was die Deutschen nennen: ungeniessbar. Ich fand unter
anderm, dass es keine Sache sei, mich Pfeffergrten inspizieren zu
lassen, und dass ich lngst als Gouverneur eines Sonnensystems htte
angestellt werden mssen. Hierbei kam es mir vor wie ein moralischer
Mord, dass man einen Geist wie den meinen in eine Prauw setzte mit
diesem dummen Datu und seinem Kind.

Ich muss Ihnen sagen, dass ich sonst die malayischen Huptlinge wohl
leiden mochte und gut mit ihnen auszukommen wusste. Sie besitzen sogar
vieles, das sie mich vorziehen lsst vor den javanischen Grossen. Ja,
ich weiss wohl, Verbrugge, dass Sie darin nicht einer Meinung mit
mir sind, es giebt nur wenige, die mir hier zustimmen ... aber das
lasse ich nun auf sich beruhen.

Wenn ich die kleine Reise an einem andern Tage gemacht htte--mit etwas
weniger Spinneweben im Schdel, meine ich--wrde ich wahrscheinlich
sogleich mit dem Datu ein Gesprch angefangen haben, und vielleicht
htte ich dann auch das Mdchen zum Sprechen gebracht, und das htte
mich dann gewiss gut unterhalten und ergtzt, denn ein Kind hat
meistens etwas ursprngliches ... obschon ich bekennen muss, dass ich
selbst damals noch zuviel Kind war, um den Wert der Ursprnglichkeit
recht schtzen zu knnen. Jetzt ist das anders. Nun sehe ich in
jedem Mdchen von dreizehn Jahren ein Manuskript, in dem noch wenig
oder nichts durchstrichen ist. Man berrascht den Autor en nglig,
und das ist manchmal eine recht interessante Sache.

Das Kind reihte Korallen auf eine Schnur und schien all seine
Aufmerksamkeit dabei ntig zu haben. Drei rote, eine schwarze ... drei
rote, eine schwarze: es war schn!

Sie hiess Si Upi Keteh. Das bedeutet auf Sumatra soviel wie: Kleines
Frulein ... ja, Verbrugge, Sie wissen das wohl, aber Duclari hat
immer auf Java gedient. Sie hiess Si Upi Keteh, doch in meinen
Gedanken nannte ich sie Gnschen oder so hnlich, weil ich nach
meiner Schtzung so himmelhoch ber sie erhaben war.

Es wurde Mittag ... Abend beinahe, und die Korallen wurden
eingepackt. Das Land schob sich langsam an uns vorbei, und kleiner
und kleiner wurde der Berg Ophir hinter uns. Links im Westen, ber
der weiten, weiten See, die keine Grenze hat bis wo Madagaskar liegt
und Afrika dahinter, senkte sich die Sonne und liess ihre Strahlen
in stetig stumpfer werdender Beugung ber die Wogen hpfen, und sie
suchte Khlung in der See. Wie, zum Teufel, war doch gleich das Ding?

--Was fr ein Ding? Die Sonne?

--Ach, nein ... ich machte Verse in den Tagen! O, entzckend! Hren
Sie einmal an:


            Du fragst, warum der Ocean,
                Der Natals Strand besplt,
            An andern Ksten lieb und hold,
            So ungestm hier braust und grollt
                Und ewig kocht und whlt?

            Du fragst--und kaum erhrt im Kahn
                Der Fischerknabe dich,
            So blitzt sein dunkler Augenstern
            Hinber unermesslich fern,
                Und westwrts weist er dich.

            Und westwrts bohrt er seinen Blick
                Ins Unermessene hinein,
            Und zeigt dir, bis ans Firmament,
            Nur Wasser, Wasser ohne End'
                Und See und See allein!

            Und darum peitscht der Ocean
                So wild den Ufersand:
            Nur See erblickst du weit umher
            Und Wasser, Wasser immermehr,
                Bis Madagaskars Strand!

            Und manches Opfer heischte schon
                Der Ocean emprt,
            Und manchen Schrei, erstickt im Meer,
            Ihn hrten Weib und Kind nicht mehr,
                Nur Gott hat ihn erhrt!

            Und manche Hand, in letzter Angst,
                Erhob sich aus dem Grab,
            Und fhlt' und griff und sucht' ohn' End',
            Und suchte, dass sie Sttze fnd',
                Und sank zuletzt hinab.

            Und ...


Und ... und ... ich weiss den Rest nicht mehr.

--Der ist wiederzufinden, indem man an Krygsman schreibt, Ihren Clerk
zu Natal. Der hat das brige, sagte Verbrugge.

--Wie kommt der daran? fragte Max.

--Vielleicht aus Ihrem Papierkorb. Doch gewiss ist, dass er das
Fehlende hat! Folgt nicht darauf die Legende von der ersten Snde,
die die Insel ins Meer sinken liess, durch die frher die Reede von
Natal geschtzt wurde? Die Geschichte von Djiwa mit den beiden Brdern?

--Ja, das ist wahr. Diese Legende ... war keine Legende. Es war eine
Parabel, die ich machte, und die vielleicht ber ein paar Jahrhunderte
Legende werden wird, wenn Krygsman das Ding reichlich herleiert. So
begannen alle Mythologien. Djiwa ist Seele, wie Sie wissen; Seele,
Geist oder so etwas. Ich machte eine Frau daraus, die unvermeidliche,
nichtsnutzige Eva ...

--Nun, Max, wo bleibt unser kleines Frulein mit seinen
Korallen? fragte Tine.

--Die Korallen waren eingepackt. Es war sechs Uhr, und da unter
dem quator--Natal liegt um wenige Minuten nach Norden: wenn ich
ber Land nach Ayer-Bangie ging, stapfte ich zu Pferde ber ihn hin
... man konnte wahrhaftig drber stolpern!--da unter dem quator
war sechs Uhr das Signal fr Abendgedanken. Nun finde ich, dass der
Mensch des Abends immer etwas besser ist--oder richtiger: weniger
nichtsnutzig--als des Morgens, und das ist ganz natrlich. Morgens
nimmt man sich zusammen, man ist Gerichtsdiener oder Kontrolleur oder
... nein, das gengt schon! Ein Gerichtsdiener nimmt sich zusammen,
dass er nun heute mal recht schn seine Pflicht thue ... Gott, was
fr eine Pflicht! Wie mag das zusammengenommene Herz aussehen! Ein
Kontrolleur--ich sage das nicht fr Sie, Verbrugge!--ein Kontrolleur
reibt sich die Augen aus und sieht verdriesslich dem Moment entgegen,
wo er dem neuen Assistent-Residenten begegnen soll, der bei seinen paar
Jahren mehr Dienstzeit ein lcherliches bergewicht annehmen will,
und von dem er so viel Sonderbares gehrt hat ... auf Sumatra. Oder
er muss den Tag Felder vermessen und steht in Zweifelsnten zwischen
seiner Ehrlichkeit--Sie wissen das nicht so, Duclari, weil Sie Militr
sind, aber es giebt wirklich ehrliche Kontrolleure!--dann steht er
da, hin und her schwankend zwischen der Ehrlichkeit und der Furcht,
dass Radhen Dhemang Soundso von ihm den Schimmel zurckerbitten werde,
der so guten Passgang hat. Oder auch, er muss den Tag mannhaft ja
oder nein sagen auf Kabinettsschreiben No. soundsoviel. Kurz,
des Morgens beim Erwachen fllt einem die Welt aufs Herz, und daran
hat es seine Last, selbst wenn es stark ist. Aber des Abends hat
man eine Pause. Es liegen zehn volle Stunden zwischen dem Jetzt und
dem Augenblick, da man seinen Dienstrock wiedersieht. Zehn Stunden:
sechsunddreissigtausend Sekunden, um Mensch zu sein! Das ist jedem
ein Wohlgefallen. Das ist der Augenblick, da ich zu sterben hoffe,
um jenseits anzukommen mit einem inoffiziellen Gesicht. Das ist der
Augenblick, wo deine Frau in deinem Gesicht etwas wiederfindet von
dem, was sie gefangen nahm, als sie dich das Taschentuch behalten
liess mit einem gekrnten E [3] in der Ecke ...

--Und wo sie noch nicht das Recht hatte, erkltet zu sein, sagte Tine.

--Ach, necke mich nicht! Ich will nur sagen, dass man des Abends
gemtlicher ist.

Als also die Sonne allmhlich verschwand, fuhr Havelaar fort, wurde
ich ein besserer Mensch. Und als erstes Anzeichen dieser Besserung
mge gelten, dass ich zu dem kleinen Frulein sagte:

Es wird nun khler werden.

Ja, Tuwan! antwortete sie.

Doch ich beugte meine Hoheit noch tiefer zu diesem Gnschen nieder
und fing ein Gesprch mit ihr an. Mein Verdienst war um so grsser,
als sie sehr wenig antwortete. Ich hatte recht in allem, was ich sagte
... was ebenfalls verflucht langweilig wird, und mag man noch so ein
eingebildeter Kerl sein.

Wrdest du das nchste Mal gern wieder mitgehen nach Taloh-Baleh?
fragte ich.

Wie es Tuwan-Kommandeur befiehlt.

Nein, ich frage dich, ob du so eine Reise angenehm findest!

Wenn mein Vater nichts dagegen hat, antwortete sie.

Sagen Sie, meine Herren, war es nicht, um toll zu werden? Gleichwohl,
ich wurde nicht toll. Die Sonne war hinunter, und ich war gemtlich
genug aufgelegt, um noch nicht abgeschreckt zu werden durch soviel
Dummheit. Oder besser, ich glaube, dass ich schliesslich Gefallen
daran fand, meine Stimme zu hren--es giebt wenige unter uns, die
nicht gern sich selbst zuhrten--allein nach meiner Stummheit den
ganzen Tag ber glaubte ich, nun ich endlich ins Reden gekommen war,
etwas Besseres verdient zu haben, als die allzu einfltigen Antworten
von Si Upi Keteh.

Ich werde ihr ein Mrchen erzhlen, dachte ich, dann hre ich mich
selbst gleichzeitig und ich habe ihre Antworten nicht ntig. Nun
wissen Sie doch, dass, ebenso wie beim Lschen eines Schiffes das
zuletzt verladene Gut zuerst wieder zum Vorschein kommt, ebenso auch
wir gewhnlich den Gedanken oder die Erzhlung lschen, die zuletzt
verladen ist. In der Zeitschrift fr Niederlndisch-Indien hatte
ich kurz vorher eine Erzhlung von Jeronimus gelesen: Der Japanische
Steinhauer ... Ach, nun erinnere ich mich auf einmal, wie ich soeben
irrtmlicherweise an das Lied geraten bin, worin des Fischerknaben
Blick aus dunklem Augenstern sich wohl gar bis zum Schielendwerden
nach einer Richtung westwrts bohrt ... zu kurios! Das war eine
Gedankenverkettung. Meine Verstrtheit an diesem Tage stand in
Verbindung mit der Gefhrlichkeit der Natalschen Kste ... Sie
wissen, Verbrugge, dass kein Kriegsschiff die Reede anlaufen darf,
vor allem nicht im Juli ... ja, Duclari, der Westmusson ist dort im
Juli am strksten, gerade umgekehrt wie hier. Nun, das Gefhrliche
an dieser Reede verknpfte sich fest mit meinem gekrnkten Ehrgeiz,
und dieser Ehrgeiz hngt wieder zusammen mit dem Liede ber Djiwa. Ich
hatte dem Residenten mehrfach den Vorschlag gemacht, zu Natal eine
Seewehr herstellen zu lassen oder mindestens einen Kunsthafen in der
Mndung des Flusses, mit der Absicht, den Handel in die Abteilung
Natal zu leiten, die die so bedeutsamen Battahlande mit der See
verbindet. Anderthalb Millionen Menschen im Binnenlande wussten
keinen Absatz fr ihre Produkte, weil die Natalsche Reede--und zu
Recht!--in einem so schlechten Rufe stand. Gleichwohl, diesen Antrgen
wurde durch den Residenten nicht zugestimmt, oder wenigstens: er
behauptete, dass die Regierung ihnen nicht zustimmen wrde, und Sie
wissen, dass ein ordentlicher Resident niemals etwas vorschlgt,
von dem er nicht vorher berechnen kann, es werde der Regierung
gefallen. Die Anlegung eines Hafens zu Natal widerstritt im Prinzip
dem herrschenden System der Abschliessung, und weit entfernt, dass
man Schiffe dahin lockte, war es selbst verboten--es sei denn, dass
force majeure im Spiele war--Rahschiffe in die Reede einlaufen zu
lassen. Wenn nun doch ein Schiff kam--es waren meist amerikanische
Walfischfnger oder Franzosen, die Pfeffer geladen hatten in den
unabhngigen Reichen der nrdlichen Ecke Sumatras--liess ich mir
stets durch den Kapitn einen Brief schreiben, in dem er um die
Erlaubnis nachsuchte, Trinkwasser einzunehmen. Der Verdruss ber das
Missglcken meiner Versuche, etwas zum Vorteile Natals zu bewirken,
oder besser die gekrnkte Eitelkeit ... war es nicht hart fr mich,
so wenig Bedeutung zu haben, dass ich nicht einmal einen Hafen machen
lassen konnte, wo ich wollte? ... nun, dies alles in Verbindung mit
meiner Kandidatur fr die Leitung eines Sonnensystems hatte mich an dem
Tage so unliebenswrdig gemacht. Als ich durch den Untergang der Sonne
einigermassen genas--denn Unzufriedenheit ist eine Krankheit--brachte
mir just diese Krankheit den Japanischen Steinhauer in den Sinn,
und vielleicht dachte ich diese Geschichte nur darum berlaut,
um--indem ich mir selbst weismachte, ich thte es aus Wohlwollen
fr das Kind--verstohlenerweise den letzten Tropfen von dem Trank
einzunehmen, dessen ich mich bedrftig fhlte. Doch siehe, das Kind
schenkte mir Gesundheit--fr einige Tage wenigstens--mehr jedenfalls
als meine Erzhlung, die ungefhr also gelautet haben muss:



Upi, es war einmal ein Mann, der Steine hieb aus dem Felsen. Seine
Arbeit war sehr schwer, und er arbeitete viel, doch sein Lohn war
gering, und zufrieden war er nicht.

Er seufzte, weil seine Arbeit schwer war. Und er rief: Ach, dass
ich reich wre, um zu ruhen auf einer Baleh-baleh mit Klambu von
roter Seide.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
gesagt hast.

Und er war reich. Und er ruhte auf einer Baleh-baleh, und die Klambu
war von roter Seide.

Und der Knig des Landes zog vorbei, mit Reitern vor seinem Wagen. Und
auch hinter dem Wagen waren Reiter, und man hielt den goldenen Pajong
ber das Haupt des Knigs.

Und da der reiche Mann dieses sah, verdross es ihn, dass kein goldener
Pajong ber sein Haupt gehalten wurde. Und zufrieden war er nicht.

Er seufzte und rief: Ich wnschte, ich wre Knig.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
gesagt hast.

Und er war Knig. Und vor seinem Wagen her ritten viele Reiter, und
auch waren da Reiter hinter seinem Wagen, und ber sein Haupt hielt
man den goldenen Pajong.

Und die Sonne schien mit heissen Strahlen und verbrannte das Erdreich,
sodass der Graswuchs verdorrte.

Und der Knig klagte, dass die Sonne ihm das Antlitz sengte und Macht
hatte ber ihn. Und zufrieden war er nicht.

Und er seufzte und rief: Ich wnschte, ich wre die Sonne.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
gesagt hast.

Und er war die Sonne. Und er sandte seine Strahlen nach oben und
hernieder, nach der rechten Seite und nach der linken Seite und
berall umher.

Und er versengte den Graswuchs auf dem Erdreich und das Angesicht
der Frsten, die auf Erden waren.

Und eine Wolke stellte sich zwischen die Erde und ihn, und die Strahlen
der Sonne prallten von ihr zurck.

Und er wurde zornig, dass seiner Macht widerstanden wurde, und
er klagte, dass die Wolke mchtig war ber ihn. Und zufrieden war
er nicht.

Er wollte die Wolke sein, die so mchtig war.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
gesagt hast.

Und er wurde eine Wolke und stellte sich auf zwischen Sonne und Erde
und fing die Sonne auf, also dass das Gras grn wurde.

Und die Wolke regnete in grossen Tropfen auf das Erdreich und liess
die Strme schwellen, und Banjirs schwemmten die Herden hinweg.

Und er verwstete durch viel Wasser das Feld.

Und er fiel nieder auf einen Fels, der nicht wich. Und er goss in
grossen Strmen, doch der Fels wich nicht.

Und er wurde zornig, dass der Fels nicht weichen wollte und die Strke
seiner Strme eitel war. Und zufrieden war er nicht.

Er rief: Diesem Felsen ist Macht gegeben ber mir. Ich wnschte,
ich wre dieser Fels.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
gesagt hast.

Und er wurde Fels und rhrte sich nicht, so die Sonne schien, und
nicht, so es regnete.

Und da kam ein Mann mit Hacke und mit spitzigem Meissel und mit
schwerem Hammer, der hieb Steine aus dem Felsen.

Und der Fels sagte: Was ist dies, dass dieser Mann Macht hat ber
mir und Steine schlgt aus meinem Schosse? Und zufrieden war er nicht.

Er rief: Ich bin schwcher als dieser ... ich wnschte, ich wre
dieser Mann.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
gesagt hast.

Und er war ein Steinhauer. Und er hieb Steine aus dem Felsen, mit
schwerer Arbeit, und er arbeitete sehr schwer fr wenig Lohn, und er
war zufrieden ...



--Recht fein, sagte Duclari, doch nun sind Sie uns noch den Beweis
schuldig, dass Ihre kleine Upi imponderabel htte sein mssen.

--Nein, ich habe Ihnen diesen Beweis nicht versprochen! Ich habe
nur erzhlen wollen, wie ich Bekanntschaft mit ihr machte. Als meine
Erzhlung zu Ende war, fragte ich:

Und du, Upi, was wrdest du erwhlen, so ein Engel aus dem Himmel
kme, dich zu fragen, was du begehrtest?

Wahrlich, Herr, ich wrde ihn bitten, dass er mich mitnhme nach
dem Himmel.



--Ist das nicht bezaubernd? fragte Tine ihre Gste, die es vielleicht
ganz verrckt fanden ...



Havelaar stand auf und fegte sich etwas von der Stirn.






ZWLFTES KAPITEL.


--Lieber Max, sagte Tine, unser Dessert ist so drftig. Mchtest du
nicht ... du weisst ja ...

--Noch was erzhlen, zum Ersatz fr Gebck? Zum Teufel, ich bin
heiser. Verbrugge ist jetzt dran.

--Ja, M'nheer Verbrugge, lsen Sie Max mal ab, bat Mevrouw Havelaar.

Verbrugge bedachte sich einen Augenblick und begann:--Es war einmal
ein Mann, der einen Truthahn stahl ...

--O, Sie Schwerenter, das haben Sie von Padang! Und wie geht es
weiter?

--Es ist aus. Wer kennt den Schluss von dieser Historie?

--Na, ich! Ich habe ihn aufgegessen, im Verein mit ... noch
jemand. Wissen Sie, warum ich in Padang vom Amte suspendiert war?

--Man sagte, dass in Ihrer Kasse zu Natal ein Defizit war, erwiderte
Verbrugge.

--Das war nicht ganz unwahr, doch wahr war es auch nicht. Ich war
zu Natal durch allerlei Ursachen recht nachlssig gewesen in meinen
geldlichen Verantwortlichkeiten, und es war in Bezug darauf wirklich
viel auszusetzen. Doch dies fiel in jenen Tagen so hufig vor! Die
Verhltnisse im Norden von Sumatra waren kurz nach der Einnahme
von Barus, Tapus und Singkel so verwirrt, alles war so unruhig,
dass man es einem jungen Mann, der lieber zu Pferde sass, als dass
er Geld zhlte oder Kassenbcher fhrte, nicht belnehmen konnte,
wenn nicht alles so ordentlich und geregelt ging, wie man es wohl
von einem Amsterdamer Buchhalter htte fordern knnen, der weiter
nichts zu thun hat. Die Battahlande waren in Aufruhr, und Sie
wissen, Verbrugge, wie stets alles, was bei den Battahs vorfllt,
auf Natal zurckschlgt. Ich schlief des Nachts vollstndig in den
Kleidern steckend, um schnell auf dem Posten zu sein, was denn auch
hufig notwendig war. Dazu hat die Gefahr--einige Zeit vor meiner
Ankunft war ein Komplott entdeckt worden, nach welchem mein Vorgnger
ermordet und der Aufstand proklamiert werden sollte--die Gefahr hat
etwas Anziehendes, vor allem, wenn man erst zweiundzwanzig Jahre alt
ist. Dieses Anziehende kann einen dann wohl unbrauchbar machen fr
Bureauarbeit oder fr die peinliche Genauigkeit, die fr eine gute
Verwaltung von Geldsachen ntig ist. berdies, ich hatte allerlei
Tollheiten im Kopf ...

--Traussa! rief Mevrouw Havelaar einem Bedienten zu.

--Was ist nicht ntig?

--Ich hatte gesagt, dass in der Kche noch etwas hergerichtet werden
sollte ... eine Omelette oder sonstwas.

--Ah! Und das ist nun nicht mehr ntig, nun ich von meinen Tollheiten
anfange? Du bist doch ein Schwerenter, Tine. Mir ist es recht, aber
die Herren haben auch eine Stimme. Verbrugge, fr was entscheiden
Sie sich, fr Ihren Anteil an der Omelette oder fr die Historie?

--Das ist eine schwierige Lage fr einen hflichen Menschen, sagte
Verbrugge.

--Und auch ich mchte hier lieber keine Wahl treffen, fgte Duclari
hinzu, denn es handelt sich hier um eine Sache zwischen M'nheer und
Mevrouw, und: entre l'corce et le bois, il ne faut pas mettre le
doigt; man steckt nicht gern seine Finger zwischen Thr und Angel.

--Ich will Ihnen zu Hlfe kommen, meine Herren. Die Omelette ist ...

--Mevrouw, sagte der sehr hfliche Duclari, die Omelette wird doch
wohl soviel wert sein wie ...

--Wie diese Historie? Gewiss, wenn sie was wert wre! Doch es hat
damit einen Haken ...

--Ich weiss, dass noch kein Zucker im Hause ist, rief Verbrugge. Ach,
lassen Sie doch bei mir holen, was Sie brauchen!

--Zucker ist da ... von Mevrouw Slotering. Nein, daran hapert's
nicht. Wenn die Omelette brigens gut wre, htte das nichts zu sagen,
aber ...

--Wie denn, Mevrouw, ist sie ins Feuer gefallen?

--Ich wollte, dass es wahr wre! Nein, sie kann nicht ins Feuer fallen,
sie ist ...

--Aber, Tine, rief Havelaar, was sollte denn damit sein?

--Sie ist imponderabel, Max, wie deine Frauen zu Arles ... sein
mssten! Ich habe keine Omelette ... ich habe nichts mehr!

--Dann in Gottes Namen die Historie! seufzte Duclari in komischer
Verzweiflung.

--Aber Kaffee haben wir, rief Tine.

--Gut! Kaffeetrinken in der Vorgalerie, und lass uns Mevrouw Slotering
mit ihren Mdchen hinzuntigen, sagte Havelaar, worauf die kleine
Gesellschaft sich nach draussen verfgte.

--Ich denke, sie wird danken, Max! Du weisst, dass sie auch nicht
gern mit uns isst, und ich kann ihr nicht unrecht geben.

--Sie wird gehrt haben, dass ich Historien loslasse, sagte Havelaar,
und das hat sie abgeschreckt.

--O nein, Max, das wrde ihr nichts ausmachen; sie versteht kein
Hollndisch. Nein, sie hat mir gesagt, dass sie auch weiterhin ihren
eigenen Haushalt fhren will, und das begreife ich recht gut. Weisst
du noch, wie du meinen Namen [4] interpretiert hast?

--E. H. V. W.: Eigener Herd viel wert.

--Nun also! Sie hat sehr recht. Ausserdem, sie kommt mir auch etwas
menschenscheu vor. Denke dir, lsst sie doch alle Fremden, die das
Erbe betreten, von den Aufsehern herunterjagen ...

--Ich ersuche um die Historie oder um die Omelette, sagte Duclari.

--Ich auch! rief Verbrugge. Ausflchte werden nicht angenommen. Wir
haben Anspruch auf ein vollstndiges Mahl, und darum verlange ich
die Geschichte von dem Truthahn.

--Die habe ich Ihnen schon gegeben, sagte Havelaar. Ich hatte das
Vieh dem General Vandamme gestohlen und hab's aufgegessen ... mit
noch jemandem.

--Ehe dieser jemand gen Himmel fuhr, sagte Tine schalkhaft.

--Nein, das ist Bemogelei! rief Duclari. Wir mssen wissen, warum
Sie diesen Truthahn ... weggenommen hatten.

--Nun, weil ich Not litt, und das war des Generals Vandamme Schuld,
der mich suspendiert hatte.

--Wenn ich nicht mehr davon zu wissen kriege, bringe ich mir nchstes
Mal selbst eine Omelette mit, beschwerte sich Verbrugge.

--Glauben Sie mir, es steckte nichts mehr dahinter als das. Er hatte
sehr viele Truthhner, und ich hatte nichts. Man trieb die Tiere an
meiner Thr vorber ... ich nahm eins davon und sagte zu dem Manne,
der sich einbildete, dass er sie htete: Sage dem General, dass ich,
Max Havelaar, diesen Truthahn nehme, weil ich essen will.

--Und dann das Epigramm?

--Hat Verbrugge Ihnen davon erzhlt?

--Ja.

--Das hat mit dem Truthahn nichts zu schaffen. Ich machte das Ding,
weil er so viele Beamte suspendierte. Es waren auf Padang gewiss
sieben oder acht, die er mehr oder minder gerechtfertigt in ihren
mtern suspendiert hatte, und viele unter ihnen verdienten es viel
weniger als ich. Der Assistent-Resident von Padang gar war suspendiert,
und wohl wegen eines Grundes, der, wie ich glaube, ein ganz anderer
war, als der in dem Beschlusse angegebene. Ich will Ihnen das wohl
erzhlen, obschon ich nicht versichern kann, dass ich alles genau
weiss, und nur wiedererzhle, was man zu Padang fr wahr hielt und
was auch--vor allem im Hinblick auf die bekannten Eigenschaften des
Generals--wahr gewesen sein kann.

Er hatte, mssen Sie wissen, seine Frau geheiratet, um eine Wette zu
gewinnen, und damit einen Anker Wein. Er ging also oftmals des Abends
aus, um ... sich berall herumzutreiben. Der Surnumerair Valkenaar muss
einmal in einer Gasse nahe beim Mdchenwaisenhause seinem Inkognito
so strenge Beachtung geschenkt haben, dass er ihm eine Tracht Prgel
zukommen liess wie dem ersten besten Strassenflegel. Nicht weit
davon wohnte Miss X. Es war ein Gercht in Umlauf, dass diese Miss
einem Kinde das Leben gegeben htte, das ... verschwunden wre. Der
Assistent-Resident war als Haupt der Polizei verpflichtet und auch
willens, diese Sache zu untersuchen, und scheint von diesem Vornehmen
auf einer Whistpartie beim General etwas gesagt zu haben. Doch
man hre: am folgenden Tage erhlt er den Befehl, sich nach einer
Abteilung zu begeben, deren amtsfhrender Kontrolleur wegen wahrer
oder vermeintlicher Unehrlichkeit von seinem Posten suspendiert
war, und in loco bestimmte Dinge zu untersuchen und dieserhalb
Bericht einzureichen. Wohl war der Assistent-Resident verwundert,
dass ihm ein Auftrag gegeben wurde, der durchaus nicht in Beziehung
zu seiner Abteilung stand, aber da er, recht genommen, ihn als eine
ehrende Auszeichnung ansehen konnte und auch mit dem General auf
sehr freundschaftlichem Fusse stand, sodass er nicht Ursache hatte,
an einen Fallstrick zu denken, so liess er sich durch diese Sendung
nicht weiter beunruhigen und begab sich nach--ich will vergessen
haben, wohin--um zu thun, was ihm befohlen war. Nach einiger Zeit
kehrt er zurck und erstattet einen Bericht, der nicht ungnstig fr
den Kontrolleur lautete. Doch es war whrenddessen auf Padang durch
das Publikum--das heisst: niemand und alle Welt--entdeckt worden,
dass dieser Beamte nur suspendiert war, um eine Gelegenheit zu
schaffen, den Assistent-Residenten vom Platze zu entfernen, zu dem
Zwecke, seiner beabsichtigten Untersuchung, das verschwundene Kind
betreffend, zuvorzukommen oder sie wenigstens bis auf einen Zeitpunkt
zu verschieben, wo es schwer fallen wrde, die Sache aufzuhellen. Ich
wiederhole nun, dass ich nicht weiss, ob dieses wahr ist, doch nach
den Erfahrungen, die ich selbst spter mit dem General Vandamme machte,
kommt mir diese Lesart glaubhaft vor. Auf Padang war niemand, der ihn
nicht--was den Grad angeht, auf welchen seine Sittlichkeit gesunken
war--als fhig zu so etwas einschtzte. Die meisten schrieben ihm
nur eine gute Eigenschaft zu, die der Unerschrockenheit in Gefahr,
und wenn ich, der ich ihn in Gefahr gesehen habe, der Meinung wre,
dass er bei alledem ein tapferer Mann war, so wrde dies allein mich
bewegen, Ihnen diese Geschichte nicht zu erzhlen. Es ist wahr, er
hatte auf Sumatra viel durch die Faust entscheiden lassen, doch wer
einzelne Geschehnisse aus der Nhe beobachtet hatte, sprte Neigung,
etwas von seiner Tapferkeit abzudingen, und, wie fremd es scheinen
mag, ich glaube, dass er seinen Ruhm als Kriegsmann grossenteils der
Sucht der Antithese zu danken hatte, die uns alle mehr oder minder
beherrscht. Man sagt gern: es ist wahr, dass Peter oder Paul dies,
dies oder dies ist, doch ... das ist er, das muss man ihm lassen! Und
niemals kann man sicherer sein, gepriesen zu werden, als wenn man
einen stark ins Auge fallenden Mangel hat. Sie, Verbrugge, sind alle
Tage betrunken ...

--Ich? fragte Verbrugge, der ein Muster von Mssigkeit war.

--Ja, ich mache Sie nun betrunken, alle Tage. Sie vergessen sich so
weit, dass Duclari des Abends in der Galerie ber Sie stolpert. Das
wird er unangenehm finden, aber sofort wird er sich erinnern, etwas
Gutes an Ihnen gefunden zu haben, das ihm doch frher gar nicht ins
Auge fiel. Und wenn ich dann komme und ich finde Sie doch ein bisschen
arg ... horizontal, dann wird er mir die Hand auf den Arm legen und
ausrufen: Ach, glauben Sie doch, er ist sonst so'n guter, braver,
achtbarer Kerl!

--Das sage ich sowieso von Verbrugge, und ist er auch vertikal.

--Nicht mit dem Feuer und mit der berzeugung! Erinnern Sie sich mal,
wie oft man sagen hrt: O, wenn der Mann auf seine Sachen passen
wrde, das wre einer! Aber ... und dann folgt die Darlegung, wie
er nicht auf seine Sachen achte und also keiner sei. Ich glaube den
Grund hiervon zu wissen. Auch von den Toten erfhrt man immer gute
Eigenschaften, von denen wir frher nichts bemerkten. Die Ursache wird
wohl sein, dass sie niemandem im Wege stehen. Alle Menschen sind sich
mehr oder minder Konkurrenten. Wir wrden gern jeden andern ganz und
gar in allem unter uns stellen. Das aber zu ussern, verbietet der
gute Ton und selbst das eigene Interesse, denn uns wrde sehr bald
niemand mehr glauben, auch wenn wir etwas Wahres behaupteten. Es muss
also ein Umweg gesucht werden, und nun seht, wie uns das gelingt. Wenn
Sie, Verbrugge, sagen: Der Leutnant Gamascho ist ein guter Soldat,
er ist wahrhaftig ein guter Soldat, ich kann Ihnen nicht genug sagen,
ein wie guter Soldat der Leutnant Gamascho ist ... aber ein Theoreticus
ist er nicht ...

Haben Sie nicht so gesagt, Duclari?

--Ich habe niemals einen Leutnant Gamascho gekannt oder gesehen.

--Gut, erschaffen Sie sich dann einen und sagen das von ihm.

--Gut, ich erschaffe ihn hiermit und sag's von ihm.

--Wissen Sie, was Sie nun gesagt haben? Sie haben gesagt, dass Sie,
Duclari, obenauf sind in der Theorie. Ich bin kein Haar besser. Glauben
Sie mir, wir thun unrecht, uns so zu erbosen ber jemanden, der
recht schlecht ist, denn die Guten unter uns sind dem Schlechten
so nah! Lassen Sie mal die Vollkommenheit Null heissen und hundert
Grad fr schlecht gelten, wie unrecht thun wir dann--wir, die wir
schwanken zwischen acht- und neunundneunzig!--Zeter zu schreien
ber jemanden, der auf hundertundeins steht! Und zudem glaube ich,
dass viele nur diesen hundertsten Grad nicht erreichen aus Mangel an
guten Eigenschaften, zum Beispiel an Mut, ganz zu sein, was man ist.

--Auf wieviel Grad stehe ich, Max?

--Ich habe eine Lupe ntig fr die Zehntelteilung, Tine.

--Ich reklamiere, rief Verbrugge--nein, Mevrouw, nicht gegen Ihre
Nullnhe!--nein, aber es sind Beamte suspendiert, ein Kind wird
vermisst, ein General in Anklagezustand ... ich fordere: la pice!

--Tine, sorge doch in Zukunft dafr, dass was im Hause ist! Nein,
Verbrugge, Sie kriegen la pice nicht, ehe ich nicht noch ein
bisschen auf meinem Steckenpferde von der Antithese herumgeritten
bin. Ich sagte, dass jeder Mensch in seinem Mitmenschen eine Art
Konkurrenten sieht. Man darf nicht immer tadeln--was auffallend wirken
wrde--darum streichen wir gern eine gute Eigenschaft ber die Massen
heraus, um die ble Eigenschaft, an deren Blossstellung uns eigentlich
nur gelegen ist, recht augenfllig zu machen, ohne den Schein der
Parteilichkeit auf uns zu laden. Wenn jemand sich bei mir beklagt, dass
ich von ihm gesagt habe: Seine Tochter ist sehr schn, aber er ist
ein Dieb, dann antworte ich: Wie knnen Sie darber so bs sein! Ich
habe doch dabei gesagt, dass Ihre Tochter ein liebes Mdchen ist!
Sehen Sie, das gewinnt doppelt! Wir beide sind Hker, ich nehme ihm
seine Kunden ab, die ihre Rosinen nicht bei einem Diebe kaufen wollen,
und zu gleicher Zeit sagt man von mir, dass ich ein guter Mensch sei,
denn ich striche die Tochter eines Konkurrenten heraus.

--Nein, so schlimm ist es nicht, sagte Duclari, das ist ein bisschen
stark aufgetragen!

--Das kommt Ihnen jetzt nur so vor, weil ich den Vergleich etwas
kurz und brsk gestaltet habe. Wir mssen uns das er ist ein Dieb
einigermassen umschleiert vorstellen. Die Tendenz des Gleichnisses
bleibt wahr. Wenn wir gentigt sind, jemandem bestimmte Eigenschaften
zuzuerkennen, die Anspruch auf Beachtung, Ehrerbietung und Autoritt
verleihen, dann gewhrt es uns Befriedigung, neben diesen Eigenschaften
etwas zu entdecken, das uns von dem schuldigen Tribut teilweise oder
gnzlich frei erklrt. Vor solch einem Dichter sollte man das Haupt
beugen, aber ... er schlgt seine Frau! Sehen Sie, dann benutzen
wir die blauen Flecke der Frau gern als Vorwand, unsere Nase recht
hoch zu halten, und schliesslich wird es uns gar zur Genugthuung,
dass er das Weib schlgt, was doch sonst recht hsslich ist. Sobald
wir zugeben mssen, dass jemand Qualitten besitzt, die ihn der Ehre
eines Piedestals wrdig machen, sobald wir seine Ansprche darauf nicht
lnger leugnen knnen, ohne als unkundig, gefhllos oder eiferschtig
angesehen zu werden ... sagen wir schliesslich: Gut, setzt ihn nur
drauf! Aber schon whrend des Draufsetzens und whrend er selbst noch
meint, dass wir verzckt dastnden angesichts seiner Vortrefflichkeit,
haben wir schon die Schlinge in den Lasso gelegt, der dienen soll, ihn
bei der ersten gnstigen Gelegenheit herunterzuholen. Je mehr Wechsel
unter den Inhabern der Piedestale, desto grsser die Wahrscheinlichkeit
fr andere, dass sie auch einmal an die Reihe kommen werden, und so
wahr ist dies, dass wir aus Gewohnheit und zur bung--wie ein Jger,
welcher auf Krhen schiesst, die er doch liegen lsst--auch die
Standbilder gern niederlegen, deren Piedestal nie durch uns bestiegen
werden kann. Herr Schps, der sich nhrt von Sauerkohl und Dnnbier,
sucht Erhebung in der Klage: Alexander war nicht gross ... er war
unmssig, ohne dass fr Herrn Schps die mindeste Mglichkeit besteht,
jemals mit Alexander in Welteroberung zu konkurrieren.

Wie dem sei, ich bin berzeugt, dass viele niemals auf den Gedanken
gekommen wren, den General Vandamme fr so tapfer zu halten,
wenn nicht seine Tapferkeit als Vehikel htte dienen knnen fr das
stets hinzugefgte: aber ... seine Sittlichkeit! Und ebenso bin ich
berzeugt, dass diese Unsittlichkeit von den vielen, die selbst nicht
gerade unantastbar waren, nicht als so gross hingestellt worden wre,
wenn man sie nicht ntig gehabt htte als Gegengewicht gegen seinen
Ruhm der Tapferkeit, der manche nicht schlafen liess.

Eine Eigenschaft besass er wirklich in hohem Masse:
Willenskraft. Was er sich vornahm, musste geschehen, und geschah
auch gewhnlich. Doch--sehen Sie wohl, dass ich sogleich wieder die
Antithese zur Hand habe?--doch in der Wahl der Mittel war er dann auch
etwas ... frei, und, wie van der Palm--ich glaube, zu Unrecht--von
Napoleon sagte: Hindernisse der Sittlichkeit standen ihm niemals
im Wege! Nun, dann ist es gewiss leichter, sein Ziel zu erreichen,
als wenn man sich durch so etwas wohl gebunden erachtet.

Der Assistent-Resident von Padang hatte also einen Bericht
ausgefertigt, der gnstig lautete fr den suspendierten Kontrolleur,
dessen Suspension hierdurch den Anstrich der Ungerechtigkeit
erhielt. Die Padangschen Tuscheleien nahmen ihren Fortgang: man sprach
noch immer ber das verschwundene Kind. Der Assistent-Resident fhlte
sich aufs neue berufen, die Sache aufzunehmen, doch ehe er etwas
zur Aufklrung hatte bringen knnen, ging ihm ein Beschluss zu, nach
welchem er vom Gouverneur der Westkste Sumatras wegen Unehrlichkeit
in Amtsbeziehungen suspendiert wurde. Es hiess darin, dass er aus
Freundschaft oder Mitleid die Angelegenheit des Kontrolleurs gegen
sein besseres Wissen in ein falsches Licht gerckt habe.

Ich habe die Akten, die diese Angelegenheit betreffen, nicht
gelesen, aber ich weiss, dass der Assistent-Resident auch nicht die
geringste Beziehung zu jenem Kontrolleur hatte, was schon daraus
zu entnehmen ist, dass man gerade ihn bestimmt hatte, diese Sache
zu untersuchen. Ich weiss weiterhin, dass er eine achtenswerte
Persnlichkeit war, und dass auch die Regierung ihn dafr hielt, was
aus der Nichtigerklrung der Suspension, nachdem die Sache andernorts
untersucht worden war, hervorgeht. Auch jener Kontrolleur ist spter
gnzlich in seiner Ehre rehabilitiert worden. Der Beiden Suspension
war es, was mir das Epigramm eingab, das ich auf den Frhstckstisch
des Generals von jemandem niederlegen liess, der damals bei ihm und
vorher bei mir in Dienst stand.


    Leibhafter Suspensionsbeschluss, der suspendierend uns regiert,
Johann Suspensor, Gouverneur, du Wehrwolf unsrer Zeiten,
    Du httest dein Gewissen selbst mit Freuden suspendiert ...
Wenn's nicht schon lngst entlassen wr' in alle Ewigkeiten!


--Nehmen Sie mir's nicht bel, M'nheer Havelaar, ich finde, dass so
etwas nicht am Platze war, sagte Duclari.

--Ich auch ... aber ich musste doch etwas thun. Stellen Sie sich vor,
dass ich kein Geld hatte, keins erhielt, und von Tag zu Tag frchtete,
Hungers zu sterben, was denn auch nahe genug gewesen ist. Ich hatte
wenig oder keine Verbindungen auf Padang, und obendrein, ich hatte
dem General geschrieben, dass er verantwortlich wre, wenn ich in
Elend umkme, und dass ich von niemandem Hlfe annehmen wrde. In
den Binnenlanden waren Leute, die, als sie hrten, wie es mit mir
bestellt war, mich zu ihnen zu kommen ntigten, doch der General
verbot, dass man mir einen Pass dahin ausfertigte. Nach Java konnte
ich auch nicht verziehen. berall anderswo htte ich mich retten
knnen und vielleicht auch da, wenn man nicht so in Furcht vor dem
mchtigen General gewesen wre. Es schien sein Plan, mich verhungern
zu lassen. Das hat neun Monate gedauert!

--Und wie haben Sie sich so lange am Leben erhalten? Oder hatte der
General viel Truthhner?

--O ja! Aber das half mir nichts ... So etwas thut man nur einmal,
nicht wahr? Was ich whrend dieser Zeit anfing? Ach ... ich machte
Verse, schrieb Komdien ... und dergleichen mehr.

--Und war dafr Reis zu haben auf Padang?

--Nein, doch den habe ich auch nicht dafr verlangt. Ich sage lieber
nicht, wie ich gelebt habe.

Tine drckte ihm die Hand: sie wusste es.

--Ich habe ein paar Zeilen gelesen, die Sie in diesen Tagen geschrieben
haben sollen, sagte Verbrugge; sie standen auf der Rckseite einer
Quittung.

--Ich weiss, was Sie meinen. Diese Zeilen kennzeichnen meine Lage. Es
bestand in den Tagen eine Zeitschrift De Kopiist, auf die ich
eingezeichnet war. Sie stand unter den Auspizien der Regierung--der
Redakteur war Beamter beim Allgemeinen Sekretariat--und darum wurden
die Subskriptionsgelder in Landes Kasse gestrzt. Man prsentierte mir
eine Quittung von zwanzig Gulden. Da nun dies Geld den Geschftsbereich
des Gouverneurs anging, und also die Quittung, wenn sie unbezahlt
blieb, des Gouverneurs Bureaux zu passieren hatte, um nach Batavia
zurckgeschickt zu werden, so benutzte ich diese Gelegenheit, auf
der Rckseite also gegen meine Armut zu protestieren:


    Vingt florins ... quel trsor! Adieu, littrature,
        Adieu, Copiste, adieu! Trop malheureux destin:
        Je meurs de faim, de froid, d'ennui et de chagrin,
    Vingt florins font pour moi deux mois de nourriture!
        Si j'avais vingt florins, je serais mieux chauss,
    Mieux nourri, mieux log, j'en ferais bonne chre ...
    Il faut vivre avant tout, soit vie de misre:
        Le crime fait la honte, et non la pauvret!


Doch als ich spter in Batavia der Redaktion des Kopiist meine
zwanzig Gulden bringen wollte, war ich nichts schuldig. Es scheint,
dass der General selbst das Geld fr mich bezahlt hat, um nicht
gezwungen zu sein, diese illustrierte Quittung nach Batavia
zurckzusenden.

--Doch was that er nach der ... nach der ... Wegnahme des Truthahns? Es
war doch ... ein Diebstahl! Und auf das Epigramm?

--Er strafte mich frchterlich! Wenn er mich htte vor Gericht stehen
lassen als schuldig der Unehrerbietigkeit gegen den Gouverneur von
Sumatras Westkste, was in jenen Tagen mit einigem guten Willen
als Versuch zur Unterminierung der Hollndischen Autoritt und
Aufreizung zum Aufstand htte ausgelegt werden knnen, oder als
schuldig des Diebstahls auf ffentlichem Wege, so wrde er gezeigt
haben, dass er ein gutherziger Mensch war. Aber nein, er strafte
mich besser ... schrecklich! Dem Mann, der die Kalekuten zu hten
hatte, liess er befehlen, fortan einen anderen Weg zu whlen. Und
mein Epigramm ... ach, das ist noch rger! Er sagte nichts, und er
that nichts! Sehen Sie, das war grausam! Er gnnte mir nicht den
mindesten Mrtyrerschein, mir wurde nicht die Beachtung zu teil, wie
sie Verfolgung erweckt, ich sollte nicht unglcklich werden durch meine
ausschweifende Witzigkeit! O, Duclari ... o, Verbrugge ... es war, um
ein fr alle mal einen Ekel zu haben vor Epigrammen und Truthhnen! So
wenig Ermutigung lscht die Flamme des Genies aus bis auf den letzten
Funken ... und den inklusive: ich hab's nie wieder gethan!






DREIZEHNTES KAPITEL.


--Und darf man nun wissen, warum Sie eigentlich suspendiert
waren? fragte Duclari.

--O ja, gern! Denn da ich alles, was ich hierber zu sagen habe,
als wahr geben und sogar noch teilweise mit Beweisen belegen kann,
so werden Sie daraus ersehen, dass ich nicht leichtfertig handelte,
als ich in meiner Erzhlung von dem vermissten Kinde das in Padang
umlaufende Gerede nicht als durchaus ungereimt verwarf. Es wird einem
sehr glaubwrdig erscheinen, sobald man unsern tapferen General in
den Angelegenheiten kennen lernt, die mich betreffen.

Es waren also in meiner Kassenfhrung zu Natal Ungenauigkeiten und
Versumnisse vorgekommen. Sie wissen, wie jede Ungenauigkeit auf
eigenen Schaden hinausluft: niemals hat man durch Nachlssigkeit
Geldes zuviel. Der Chef des Rechnungswesens zu Padang--der nun just
mein besonderer Freund nicht war--behauptete, dass ein Fehlbetrag von
Tausenden vorhanden sei. Doch beachten Sie wohl, dass man mich, solange
ich in Natal war, darauf nicht aufmerksam gemacht hatte. Gnzlich
unerwartet wurde mir eine Versetzung nach den Padangschen Oberlanden
zu teil. Sie wissen, Verbrugge, dass auf Sumatra eine Stellung in den
Oberlanden von Padang als vorteilhafter und angenehmer angesehen wird
als eine solche in der nrdlicher gelegenen Residentschaft. Da ich
nur wenige Monate vorher den Gouverneur bei mir gesehen hatte--gleich
werden Sie hren, warum und wie--und weil whrend seines Aufenthalts
zu Natal und gerade in meinem Hause Dinge vorgefallen waren, bei
deren Behandlung, wie ich meinte, ich mich sehr tchtig gezeigt
hatte, so nahm ich diese Versetzung als eine gnstige Auszeichnung
auf und verzog von Natal nach Padang. Ich machte die Reise auf einem
franzsischen Schiff, der Baobab von Marseille, das zu Atjeh Pfeffer
geladen hatte und ... natrlich bei Natal Mangel an Trinkwasser
hatte. Sobald ich in Padang ankam, mit der Absicht, von da sogleich
in die Binnenlande einzudringen, wollte ich nach Brauch und Pflicht
den Gouverneur besuchen, doch er liess mir sagen, dass er mich nicht
empfangen knne, und zugleich, dass ich meinen Verzug nach dem neuen
Posten bis auf weiteren Befehl ausstellen msste. Sie begreifen, dass
ich hierber sehr verwundert war, desto mehr, da er zu Natal mich in
einer Stimmung verlassen hatte, die mir die Meinung einflssen musste,
ziemlich gut bei ihm angeschrieben zu stehen. Ich hatte nur wenige
Bekannte zu Padang, doch von diesen wenigen vernahm ich--oder vielmehr
ich merkte es ihnen an--dass der General sehr erbost auf mich war. Ich
sagte, dass ich es ihnen anmerkte, weil auf einem Aussenposten, wie
Padang damals einer war, das Wohlwollen von vielen gelten konnte als
der Gradmesser der Gnade, die man in den Augen des Gouverneurs gefunden
hatte. Ich fhlte, dass ein Sturm im Anzug war, ohne zu wissen,
aus welcher Ecke der Wind pfeifen wrde. Da ich Geld ntig hatte,
ersuchte ich diesen und jenen, mir damit unter die Arme zu greifen,
und ich stand wirklich verdutzt, als man mir berall eine abweisende
Antwort gab. Auf Padang war man, nicht minder wie anderswo in Indien,
wo im allgemeinen der Kredit selbst eine allzu grosse Rolle spielt,
in diesem Punkte sonst sehr tolerant gestimmt. Man wrde in jedem
anderen Fall mit Vergngen einem Kontrolleur einige hundert Gulden
vorgeschossen haben, der auf Reisen war und wider Erwarten irgendwo
aufgehalten wurde. Doch mir versagte man alle Hlfe. Ich drang
bei einzelnen darauf, dass sie mir die Ursache dieses Misstrauens
nennen sollten, und mit Mhe erfuhr ich endlich, dass man in meiner
Kassenverwaltung zu Natal Fehler und Versumnisse entdeckt htte,
die mich einer ungetreuen Administration verdchtig machten. Dass
Fehler in meiner Administration zu konstatieren waren, befremdete
mich durchaus nicht. Gerade das Gegenteil wrde mich verwundert
haben. Doch wohl fand ich es wunderlich, dass der Gouverneur, der
persnlich Zeuge gewesen war, wie ich, fortwhrend fern von meinem
Bureau, mit der Unzufriedenheit der Bevlkerung und mit anhaltenden
Versuchen zum Aufstand zu kmpfen hatte ... dass er, der mich gar
wegen dessen, was er Beherztheit nannte, besonders gelobt hatte,
den entdeckten Fehlern den Namen der Untreue und Unehrlichkeit geben
konnte. Es konnte doch niemand besser als er wissen, dass in diesen
Dingen keinesfalls von etwas anderem die Rede sein konnte als von
'force majeure'.

Und, mochte man immer diese 'force majeure' leugnen, wollte man
mich auch verantwortlich machen fr Fehler, die begangen waren in
Augenblicken, da ich--in Lebensgefahr oftmals!--fern von der Kasse
und was damit zusammenhing, deren Verwaltung einem andern anvertrauen
musste; wrde man auch fordern, dass ich, das eine thuend, das andere
nicht htte lassen sollen ... dann immer noch wre ich allein einer
Vernachlssigung zu zeihen gewesen, die mit Untreue nichts gemein
hatte. Es bestanden berdies, in jenen Tagen vor allem, zahlreiche
Beispiele dafr, dass die Regierung wohl einsah, wie mhevoll die
Position der Beamten auf Sumatra war, und es schien denn auch im
Prinzip angenommen, dass man bei solchen Dingen etwas durch die Finger
zu sehen habe. Man begngte sich damit, von den in Frage kommenden
Beamten den Ersatz des Fehlenden zu fordern, und es mussten schon
sehr deutliche Beweise vorhanden sein, bevor man das Wort Untreue
aussprach oder nur daran dachte. Dies war denn auch so sehr Regel
geworden, dass ich zu Natal dem Gouverneur selbst sagte, befrchten
zu mssen, dass ich, nach der Untersuchung meiner Verbindlichkeiten
auf den Bureaux zu Padang, viel werde zu zahlen haben, worauf er
achselzuckend erwiderte: Ach ... die Geldsachen!, als fnde er
selbst, dass das Unwichtigere vor dem Wichtigeren zurckstehen msse.

Nun gebe ich wohl zu, dass Geldfragen wichtig genug sind. Allein,
wie gewichtig auch, sie waren in diesem Fall anderem Sorge und
Arbeit Erheischenden untergeordnet. Wenn durch Vernachlssigung oder
Versumnis ein Fehlbetrag von einigen Tausenden verschuldet war,
so nenne ich das an sich selbst keine Kleinigkeit. Aber wenn diese
Tausende fehlten infolge meiner geglckten Bemhungen, dem Aufstande
zuvorzukommen, der das Gebiet von Mandhling in Feuer und Flammen
zu setzen drohte, und die Atjinesen zurckkehren zu lassen in die
Orte, aus denen wir sie eben mit Aufopferung von viel Volk und Geld
verjagt hatten, so schwindet die Bedeutung eines solchen Mankos,
und es war sogar als einigermassen unbillig anzusehen, jemandem die
Rckzahlung desselben aufzuerlegen, der unendlich grssere Interessen
gerettet hatte.

Und doch war ich der Ansicht, dergleichen msse ersetzt werden. Denn
indem man das nicht forderte, wrde man der Unehrlichkeit Thr und
Thor ffnen.

Nach tagelangem Warten--Sie knnen sich denken, in welcher
Stimmung!--erhielt ich vom Sekretr des Gouverneurs einen Brief,
worin man mir erffnete, dass ich der Untreue verdchtig erscheine,
mit dem Befehl, mich auf eine Anzahl von Bemngelungen, die meiner
Verwaltung zuteil geworden waren, zu verantworten. Einzelne von ihnen
konnte ich sofort richtig stellen. Fr andere hingegen hatte ich
die Einsicht bestimmter Schriftstcke ntig, und vor allem war es
fr mich von Wichtigkeit, den Dingen in Natal selbst auf den Grund
zu gehen und bei meinen Beamten nach den Ursachen der gefundenen
Differenzen zu forschen. Und wahrscheinlich wren auch da meine
Bemhungen, Klarheit in alles zu bringen, von Erfolg gewesen. Die
Unterlassung einer Abschreibung nach Mandhling gesandter Gelder zum
Beispiel--Sie wissen, Verbrugge, dass die Truppen im Binnenlande aus
der Natalschen Kasse bezahlt werden--oder sonst etwas derartiges,
das mir hchstwahrscheinlich sofort klar geworden wre, wenn ich
meine Nachforschungen am Platze selbst htte anstellen knnen, hatte
vielleicht hinter diesen rgerlichen Fehlern gesteckt. Doch der
General wollte mich nicht nach Natal reisen lassen. Diese Abweisung
liess mir die Art, in der die Beschuldigung der Untreue gegen mich
eingebracht war, noch aufflliger erscheinen. Warum in aller Welt war
ich von Natal unerwarteterweise versetzt, und gar unter dem Verdacht
der Veruntreuung? Warum teilte man mir diese entehrende Vermutung
erst mit, als ich fern von dem Ort war, wo ich Gelegenheit gehabt
htte, mich zu verantworten? Und vor allem: warum wurden in meinem
Falle diese Angelegenheiten so ohne weiteres in die ungnstigste
Beleuchtung gerckt, im Widerspruch zu der angenommenen Gewohnheit
und im Widerspruch mit aller Billigkeit?

Bevor ich noch all die Bemngelungen, so gut es mir ohne Archiv oder
persnliche Unterrichtung mglich war, beantwortet hatte, erfuhr
ich indirekt, dass der General so erzrnt auf mich war: weil ich zu
Natal ihm so widersprochen htte; was denn auch, so fgte man hinzu,
sehr verkehrt von mir gewesen wre.

Da ging mir ein Licht auf. Ja, ich hatte ihm widersprochen, aber in
der naiven Meinung, dass er mich darum achten wrde! Ich hatte ihm
widersprochen, aber bei seiner Abreise hatte mich nichts vermuten
lassen, dass er mir deshalb zrne! Dumm genug, hatte ich in der
gnstigen Versetzung nach Padang einen Beweis gesehen, dass er mein
Widersprechen schn gefunden hatte. Sie werden sehen, wie wenig
ich ihn damals kannte.

Doch sobald ich vernommen hatte, dass das die Ursache war, die zu einer
so scharfen Beurteilung meiner Gelderverwaltung fhrte, war ich mit mir
selbst im Frieden. Ich beantwortete Punkt fr Punkt, so gut ich konnte,
und schloss meinen Brief--ich besitze noch den Entwurf--mit den Worten:


    Ich habe die an meine Administration geknpften Bemngelungen,
    so gut es mir ohne Archiv oder lokale Nachforschung mglich war,
    beantwortet. Ich ersuche Euer Hochedelgestrengen, mich von allen
    wohlwollenden Erwgungen verschont zu lassen. Ich bin jung und bin
    unbedeutend im Vergleich zu der Macht der herrschenden Begriffe,
    denen mich zu widersetzen meine Grundstze mich ntigen, doch ich
    bleibe nichtsdestoweniger stolz auf meine sittliche Unabhngigkeit,
    stolz auf meine Ehre.


Tags darauf war ich suspendiert wegen ungetreuer Verwaltung. Der
Offizier der Gerichtsbarkeit--wir sagten damals noch Fiscal--erhielt
den Befehl, betreffs meiner Amt und Pflicht walten zu lassen.

Und so stand ich damals da zu Padang, kaum dreiundzwanzig Jahre alt,
und starrte die Zukunft an, die mir Ehrlosigkeit bringen wrde! Man
riet mir, ich solle mich auf meine jungen Jahre berufen--ich war
noch unmndig, als die angeblichen Verfehlungen geschahen--doch das
wollte ich nicht. Ich hatte doch schon zu viel gedacht und gelitten,
und ... ich darf sagen: zu viel schon geschafft und gewirkt, als
dass ich mich hinter meiner Jugend verkriechen mochte. Sie sehen aus
dem eben angezogenen Schlusse des Briefes, dass ich nicht behandelt
sein wollte wie ein Kind, ich, der ich zu Natal dem General gegenber
meine Pflicht gethan hatte wie ein Mann. Und gleichzeitig knnen Sie
wohl aus dem Brief ersehen, wie unbegrndet die Beschuldigung war,
die man gegen mich erhob. Wahrlich, wer schuldig ist eines niedrigen
Verbrechens, schreibt anders!

Man nahm mich nicht gefangen, und dies htte doch geschehen mssen,
wenn es ernst gewesen wre mit dem kriminellen Verdacht. Wahrscheinlich
aber war diese scheinbar unabsichtliche Unterlassung nicht ohne
Grund. Dem Gefangenen ist man doch schuldig, dass man ihn unterhlt und
ernhrt. Da ich Padang nicht verlassen konnte, war ich in Wirklichkeit
doch ein Gefangener, aber ein Gefangener ohne Obdach und Brot. Ich
hatte wiederholt, doch jedesmal ohne Erfolg, dem General geschrieben,
dass er meinen Verzug von Padang nicht hindern mchte, denn es drfte
kein Verbrechen, und wre ich des allerschlimmsten schuldig, bestraft
werden mit Hungerleiden.

Nachdem der Rechtsrat, dem die Sache sichtlich Verlegenheit bereitete,
den Ausweg gefunden hatte, sich unzustndig zu erklren, weil
Verfolgungen wegen Verfehlung in Amtsbeziehungen nur auf Ermchtigung
der Regierung zu Batavia statthaben drften, hielt mich der General,
wie ich schon sagte, neun Monate an Padang gebannt. Er erhielt endlich
von hherer Hand den Befehl, mich nach Batavia verziehen zu lassen.

Als ich ein paar Jahre darauf Geld hatte--gute Tine, du hattest es
mir gegeben!--zahlte ich einige tausend Gulden, um die Natalschen
Kassenrechnungen von 1842 und 43 glatt zu machen, und da sagte
mir jemand, von dem gesagt werden kann, dass er die Regierung von
Niederlndisch-Indien reprsentierte: Das htte ich an Ihrer Stelle
nicht gethan ... ich wrde einen Wechsel auf die Ewigkeit gegeben
haben. Ainsi va le monde!



Gerade wollte Havelaar mit der Erzhlung beginnen, die seine Gste von
ihm erwarteten und die Aufklrung darber geben sollte, in welcher
Angelegenheit und warum er dem General Vandamme zu Natal seinerzeit
so widersprochen hatte, da zeigte sich Mevrouw Slotering in der
Vorgalerie ihrer Wohnung und winkte dem Polizei-Aufseher, der bei
Havelaars Hause auf einer Bank sass. Der begab sich zu ihr und rief
darauf einem Manne zu, der soeben das Erbe betreten hatte, jedenfalls
in der Absicht, sich nach der Kche zu begeben, die hinterm Hause
gelegen war. Unsere Gesellschaft wrde hierauf wahrscheinlich nicht
weiter geachtet haben, wenn nicht Tine mittags bei Tische gesagt htte,
dass Mevrouw Slotering so scheu sei und eine Art Spionage zu ben
scheine ber jeden, der das Erbe betrete. Man sah den Mann, der durch
den Aufseher gerufen war, zu ihr gehen, und es schien, dass sie ihn
in ein Verhr nahm, das nicht zu seinen Gunsten auslief. Wenigstens
wendete er seine Schritte und lief nach aussen zurck.

--Das kommt mir eigentlich ungelegen, sagte Tine. Das war vielleicht
einer, der Hhner zu verkaufen hatte oder Gemse. Ich habe noch nichts
im Hause.

--Na, lass dann nur jemanden darnach ausschicken, antwortete
Havelaar. Du weisst, dass inlndische Damen gern ihre Autoritt
zur Geltung bringen. Ihr Mann war frher die erste Person hier, und
wie wenig im Grunde ein Assistent-Resident auch bedeutet, in seiner
Abteilung ist er ein kleiner Knig: sie ist noch nicht gewohnt an
die Entthronung. Lass uns der armen Frau dies kleine Vergngen nicht
rauben. Thu nur so, als wenn du nichts bemerktest.

Dies fiel nun Tine nicht schwer: ihr war nichts an Autoritt gelegen.

Es ist hier eine Abschweifung ntig, und gar will ich einmal
abschweifen, um ber Abschweifungen selbst zu reden. Es fllt einem
Autor zuweilen nicht leicht, mitten hindurch zu segeln zwischen den
beiden Klippen des Zuviel und des Zuwenig, und diese Schwierigkeit
wird um so grsser, wenn man Zustnde beschreibt, die den Leser auf
unbekannten Boden fhren. Es ist eine zu enge Verbindung zwischen
rtlichkeit und Geschehnis, als dass man die Beschreibung der
rtlichkeit gnzlich entbehren knnte, und das Vermeiden der beiden
Klippen, von denen ich sprach, wird doppelt schwierig fr jemanden,
der Indien zum Schauplatz seiner Erzhlung gewhlt hat. Denn whrend
ein Schriftsteller, der europische Zustnde schildert, viele Dinge als
bekannt voraussetzen kann, muss er, der sein Stck in Indien spielen
lsst, sich fortwhrend fragen, ob der nicht-inlndische Leser diese
oder jene Umstnde richtig auffassen wird. Wenn der europische Leser
sich Mevrouw Slotering als bei den Havelaars logierend denkt, so
wie dies in Europa der Fall sein wrde, muss es ihm unbegreiflich
vorkommen, dass sie nicht bei der Gesellschaft zu finden war, die
in der Vorgalerie den Kaffee einnahm. Wohl habe ich schon gesagt,
dass sie ein apartes Haus bewohnte, doch um dies und zugleich sptere
Vorkommnisse recht zum Verstndnis zu bringen, ist es in der That
ntig, dass ich den Leser einigermassen mit Havelaars Haus und Erbe
bekannt mache.

Die Beschuldigung, die so oft gegen den grossen Meister, der den
Waverley schrieb, erhoben wird, nmlich, dass er manchmal die Geduld
seiner Leser missbrauche, indem er der Beschreibung von rtlichkeiten
zu viel Platz einrume, scheint mir nicht recht begrndet, und ich
glaube, dass man sich zur Beurteilung der Richtigkeit einer solchen
Aussetzung, einfach die Frage vorzulegen hat: war diese Beschreibung
ntig, um den speziellen Eindruck hervorzurufen, den der Autor bei
dir erreichen wollte? Wenn ja, so lege man es ihm nicht bel aus,
dass er von dir die Mhe erwartet, zu lesen, was er zu schreiben sich
die Mhe gab. Wenn nein, so werfe man das Buch weg. Denn der Autor,
bei dem es im Kopfe so leer ist, dass er ohne zwingenden Grund
Topographie giebt statt Gedanken, wird selten der Mhe des Lesens
wert sein, auch da, wo schliesslich seine Ortsbeschreibung ein Ende
nimmt. Aber man vergesse nicht, dass das Urteil des Lesers darber,
ob ein Abschweifen notwendig ist oder nicht, oftmals falsch ist,
weil er vor der Katastrophe nicht wissen kann, was erforderlich oder
nicht erforderlich ist fr die geordnete Darlegung der Zustnde. Und
wenn er nach der Katastrophe das Buch wieder aufnimmt--von Bchern,
die man nur einmal liest, rede ich nicht--und selbst dann noch meint,
dass diese oder jene Abschweifung ohne Schaden fr den Gesamteindruck
htte entbehrt werden knnen, so bleibt es noch immer die Frage,
ob er vom Ganzen denselben Eindruck empfangen htte, wenn nicht
der Schriftsteller in mehr oder minder knstlicher Weise ihn dazu
gebracht haben wrde, und gerade durch die Abschweifungen, die dem
oberflchlich urteilenden Leser berflssig erscheinen.

Meinet ihr, dass Amy Robsart's Tod euch so packen wrde, wenn
ihr Fremdling gewesen wret in den Hallen von Kenilworth? Und
meinet ihr, dass da keine Verbindung bestnde--Verbindung in
der Antithese--zwischen der reichen Kleidung, in der sich ihr der
unwrdige Leicester zeigte, und der Schwarzheit seiner Seele? Fhlt
ihr nicht, dass Leicester--dies weiss jeder, der den Mann auch aus
anderen Quellen kennt als gerade aus dem Roman--dass er unendlich
tiefer stand, als er im Kenilworth geschildert wird? Aber der
grosse Romancier, der lieber durch knstliche Verteilung der Farben
fesselte als durch Grellheit derselben, achtete es unter seiner Wrde,
den Pinsel in all den Schmutz und all das Blut zu tauchen, das dem
unwrdigen Gnstling der Elisabeth anklebte. Er wollte nur auf einen
dunklen Fleck in dem schmutzigen Pfuhl weisen, doch verstand er es,
solchen Fleck durch die Lichter ins Auge fallen zu lassen, die er
in seinen unsterblichen Schriften daneben setzte. Wer nun all das
daneben Gegebene als berflssig verwerfen zu knnen glaubt, verliert
gnzlich aus dem Auge, dass man dann, um Effekt zuwege zu bringen,
zu der Schule bergehen msste, die von 1830 ab so lange in Frankreich
floriert hat, obschon ich zur Ehre dieses Landes sagen muss, dass die
Schriftsteller, die in dieser Hinsicht am meisten gegen den guten
Geschmack sndigten, gerade im Ausland, und nicht in Frankreich
selbst, ihre grssten Erfolge erzielten. Diese Schule--ich hoffe
und glaube, dass sie ausgeblht hat--hielt es fr gemss, mit voller
Hand in Lachen von Blut zu greifen und grosse Sudelkleckse hiervon
auf das Gemlde zu werfen, dass man sie selbst aus der Entfernung
sehen mge! Sie sind denn auch mit geringerem Aufwande zu malen,
diese groben Streifen von Rot und Schwarz, als die feinen Zge
zu pinseln sind, die da stehen im Kelch einer Lilie. Darum whlte
denn auch diese Schule meistens Knige zu Helden ihrer Geschichten,
am liebsten aus der Zeit, da die Vlker noch unmndig waren. Sieh,
die Betrbtheit des Knigs wandelt man auf dem Papier in Volksgeheul
... sein Zorn bietet dem Autor Gelegenheit zum Tten von Tausenden
auf dem Schlachtfelde ... seine Fehler geben Raum zum Schildern von
Hungersnot und Pest ... das alles setzt grobe Pinsel in Bewegung! Wenn
du dich nicht bewegen lssest von dem stummen Schrecken einer Leiche,
die da liegt, es ist in meiner Geschichte Platz fr ein Schlachtopfer,
das noch chzt und zuckt! Hast du nicht geweint bei der Mutter, die
vergebens ihr Kind sucht ... gut, ich zeige dir eine andere Mutter,
die ihr Kind vierteilen sieht! Bleibst du gefhllos bei dem Mrtyrertod
dieses Mannes ... ich vermannigfache dein Gefhl hundertmal, indem
ich neunundneunzig andere Mnner martern lasse neben ihm! Bist du
verstockt genug, nicht zu schaudern beim Anblick des Soldaten, der in
einer belagerten Festung aus Hunger seinen linken Arm verschlingt ...

Epikurer! Ich stelle dir anheim, zu kommandieren: rechts und links
... zum Kreise formiert! Jeder esse den linken Arm seines Nebenmannes
auf ... marsch!

Ja, so geht dieser Kunst-Schauder ber in Albernheit ... was ich so
im Vorbergehen beweisen wollte.

Und dahin wrde man doch geraten, indem man zu eilig einen
Schriftsteller verurteilte, der sinngemss vorbereiten wollte auf seine
Katastrophe, ohne Zuflucht zu nehmen zu diesen schreienden Farben.

Gleichwohl ist die Gefahr auf der anderen Seite noch grsser. Du
verachtest die Bemhungen des groben Schrifttums, das mit so
ungeschlachten Waffen auf dein Gefhl meint einstrmen zu mssen,
aber ... wenn der Autor in das andere Extrem verfllt, wenn er
sndigt durch zu viel Abschweifen von der Hauptsache, durch zu viel
Pinsel-Manieriertheit, dann ist dein Zorn noch strker, und mit
Recht. Denn dann hat er dich gelangweilt, und das ist unverzeihlich.

Wenn wir zusammen spazieren gehen, und du weichst oft ab vom Wege
und rufst mich ins Gebsch, nur mit der Absicht, den Spaziergang in
die Lnge zu zerren, so finde ich dies unangenehm und nehme mir vor,
in Zukunft allein zu gehen. Doch wenn du mir da eine Pflanze zu zeigen
weisst, die ich nicht kenne, oder an der etwas fr mich zu sehen ist,
das frher meiner Beobachtung entging ... wenn du mir von Zeit zu Zeit
eine Blume zeigst, die ich gern pflcke und im Knopfloch mitnehme, dann
verzeihe ich dir das Abweichen vom Wege, ja, ich bin dir dankbar dafr.

Und, selbst ohne Blume oder Pflanze, so du mich zur Seite rufst und
mir durchs Gebume hindurch den Pfad weisest, den wir gleich betreten
werden, der nun aber noch weit vor uns in der Tiefe liegt und wie ein
kaum wahrnehmbarer, schmaler Streif sich durch das Feld dort unten
schlngelt ... auch dann nehme ich dir das Abweichen nicht bel. Denn
wenn wir endlich so weit gekommen sein werden, dann weiss ich, wie
unser Weg sich durchs Gebirge gewunden hat, was die Ursache ist,
dass wir die Sonne, die soeben da stand, nun links vor uns haben,
die Ursache, warum der Hgel nun hinter uns liegt, dessen Gipfel
wir frher vor uns sahen ... sieh, dann habe ich mir durch dieses
Abseitstreten das Verstehen meiner Wanderung leicht gemacht, und
Verstehen ist Genuss.

Ich, Leser, habe dich in meiner Geschichte oftmals auf dem grossen Wege
gelassen, ob es mir gleich Mhe kostete, dich nicht hineinzufhren
ins Gebsch. Ich befrchtete, dass der Spaziergang dich verdriessen
wrde, da ich nicht wusste, ob du Gefallen finden wrdest an den
Blumen und Pflanzen, die ich dir zeigen wollte. Doch da ich glaube,
dass du spter zufrieden sein wirst, den Pfad gesehen zu haben,
den wir gleich beschreiten werden, so fhle ich mich veranlasst,
dir etwas ber Havelaars Haus zu sagen.

Man ginge fehl, wenn man sich von einem Hause in Indien eine
Vorstellung nach europischen Begriffen machte und sich dabei eine
Steinmasse dchte von aufeinandergestapelten Zimmern und Zimmerchen,
vorn die Strasse, rechts und links Nachbarn, deren Huser sich an das
unsere anlehnen, und ein Grtchen mit drei Johannisbeerstruchern
dahinter. Wenige Ausnahmen abgerechnet, haben die Huser in Indien
kein oberes Stockwerk. Das kommt dem europischen Leser seltsam vor,
denn es ist eine Eigenart der Zivilisation--oder dessen, was man
hierfr laufen lsst--alles seltsam zu finden, was natrlich ist. Die
indischen Huser sind ganz anders als die unseren, doch nicht sie sind
sonderbar, unsere Huser sind sonderbar. Wer zuerst sich den Luxus
erlauben konnte, nicht in einem Zimmer mit seinen Khen zu schlafen,
hat das zweite Zimmer seines Hauses nicht auf, sondern neben das erste
gesetzt, denn das Bauen zu ebener Erde ist einfacher und bietet auch
mehr Bequemlichkeit im Bewohnen. Unsere hohen Huser sind entstanden
aus Mangel an Raum: wir suchen in der Luft, was auf dem Boden fehlt,
und so ist eigentlich jedes Dienstmdchen, das abends das Fenster
der Dachkammer schliesst, in der es schlft, ein lebender Protest
gegen die bervlkerung ... denkt es selbst auch an etwas anderes,
wie ich wohl glaube.

In Landen also, wo Civilisation und bervlkerung noch nicht durch
Zusammenpressung unten die Menschheit nach oben hinaufgequetscht
haben, sind die Huser ohne Stockwerk, und das Haus Havelaars gehrte
nicht zu den wenigen Ausnahmen von dieser Regel. Beim Eintreten
... doch nein, ich will einen Beweis geben, dass ich abstehe von
allen Ansprchen auf pittoreske Mittel. 'Gegeben': ein lngliches
Quadrat, aufzuteilen in einundzwanzig Flchen, drei breit, sieben
tief. Wir numerieren die Flchen, beginnend an der linken Oberecke
und nach rechts weiterzhlend, sodass 4 unter 1 kommt, 5 unter 2,
und in dieser Weise weiter.

Die ersten drei Nummern bilden zusammen die Vorgalerie, die an
drei Seiten offen ist und deren Dach an der Vorderseite auf Sulen
ruht. Von dort tritt man durch zwei Doppelthren in die Binnengalerie,
die aus den drei folgenden Fchern sich zusammensetzt. Die Fcher 7,
9, 10, 12, 13, 15, 16 und 18 sind Zimmer, von denen die meisten durch
Thren mit den danebenliegenden in Verbindung stehen. Die drei hchsten
Nummern bilden die offene Hintergalerie, und was ich berschlug, ist
eine Art von ungeschlossener Binnengalerie, Gang oder Durchgang. Ich
bin recht stolz auf diese Beschreibung.

Es ist schwer zu sagen, welche Bezeichnung bei uns voll die
Vorstellung wiedergeben knnte, welche man in Indien an das Wort Erbe
knpft. Dort ist es weder Garten, noch Park, noch Feld, noch Wald,
sondern entweder etwas davon, oder alles zusammen, oder nichts von
dem allen. Es ist der Grund, der zu dem Hause gehrt, insoweit dieser
nicht durch das Haus bedeckt wird, so dass in Indien der Ausdruck
Garten und Erbe als ein Pleonasmus gelten wrde. Es giebt da keine
oder wenige Huser ohne ein derartiges Erbe. Einzelne Erbe umfassen
Wald und Garten und Weideland und erinnern an einen Park. Andere
sind Blumengrten. Anderswo wieder ist das ganze Erbe ein grosses
Grasfeld. Und endlich giebt es solche, die, wenn auch in sehr einfacher
Weise, ganz und gar zu einem nach Art der Chausseen mit kleinen
Steinen gepflasterten Platz gemacht sind, der vielleicht das Auge
weniger anspricht, aber doch die Reinlichkeit in den Husern frdert,
weil viele Insektenarten durch Gras und Bume angezogen werden.

Havelaars Erbe war nun sehr gross, ja, wie seltsam es klingen mag, an
einer der Seiten konnte man es unendlich nennen, da es an ein Ravijn
stiess, an zur Schlucht sich vertiefendes Terrain, das sich bis an
die Ufer des Tjiudjung erstreckte, des Flusses, der Rangkas-Betung
mit einer seiner vielen Windungen umschliesst. Es liess sich schwer
bestimmen, wo das Erbe von des Assistent-Residenten Wohnung aufhrte,
und wo der Gemeindegrund anfing, da der grosse Wechsel im Erguss von
Wasser in den Tjiudjung, der bald einmal seine Ufer in Gesichtsweite
zurckzog, und dann wieder den Ravijn fllte bis fast heran an
Havelaars Haus, fortwhrend die Grenzen vernderte.

Dieser Ravijn war denn auch Mevrouw Slotering immer ein Dorn im
Auge gewesen, und das war sehr begreiflich. Der Pflanzenwuchs, schon
berall anderswo in Indien so wuchernd, war an diesem Ort durch den
jedesmal zurckgebliebenen Schlamm besonders ppig, sogar in solchem
Masse, dass, war auch der Zu- und der Ablauf des Wassers mit einer
Kraft erfolgt, die das Buschholz entwurzelte und mit fortfhrte,
nur sehr wenig Zeit ntig war, um den Boden wieder mit all dem
Unkraut sich berziehen zu lassen, das das Reinhalten des Erbes,
selbst in der unmittelbaren Nhe des Hauses, so schwierig machte. Und
dies verursachte betrchtlichen Verdruss, selbst dem, der nicht Dame
des Hauses war. Denn abgesehen von allerlei Insekten, die gewhnlich
abends in so grosser Menge um die Lampe schwirrten, dass Schreiben und
Lesen unmglich war--etwas, das an vielen Orten Indiens recht viel
Beschwer verursacht--es hielten sich in dem Buschdickicht Schlangen
und anderes Getier in Menge auf, das sich nicht auf den Ravijn
beschrnkte, sondern oft auch im Garten neben und hinter dem Hause
gefunden wurde, oder auf der Grasflche des grossen Platzes vor
dem Hause.

Diesen Platz hatte man gerade vor sich, wenn man in der Aussengalerie
mit dem Rcken dem Hause zugekehrt stand. Von da aus lag links das
Gebude mit den Bureaux, der Kasse und dem Versammlungssaal, wo
Havelaar am Morgen zu den Huptlingen gesprochen hatte, und dahinter
breitete sich der Ravijn aus, den man berblicken konnte bis zum
Tjiudjung hinunter. Den Bureaux gerade gegenber stand die alte
Assistent-Residenten-Wohnung, die auf bestimmte Zeit von Mevrouw
Slotering bewohnt wurde, und da der Zugang vom grossen Wege zum Erbe
nur ber die beiden Wege erfolgen konnte, die an den beiden Seiten des
Grasplatzes entlang liefen, so ergiebt sich hieraus, dass jeder, der
das Erbe betrat, um sich nach den hinter dem Hauptgebude gelegenen
Kchen- und Stallgebuden zu begeben, entweder an den Bureaux oder
an der Wohnung der Mevrouw Slotering vorbeigehen musste. Seitlich vom
Hauptgebude und dahinter lag der sehr grosse Garten, der Tines Freude
erregt hatte durch die vielen Blumen, die sie da fand, und vor allem
deshalb, da sie ihren kleinen Max hier oftmals werde spielen sehen.

Havelaar hatte sich bei Mevrouw Slotering entschuldigen lassen,
dass er ihr noch keinen Besuch gemacht hatte. Er nahm sich vor,
am folgenden Tage dorthin zu gehen, doch Tine war schon dagewesen
und hatte sich vorgestellt. Wir erfuhren schon, dass diese Dame
ein sogenanntes inlndisches Kind war und keine andere Sprache
redete als die malayische. Sie hatte das Verlangen geussert, dass
sie ihren eigenen Haushalt weiter fhren mchte, worein Tine gern
willigte. Und nicht Mangel an Gastfreundschaft war diese Einwilligung
zuzuschreiben, sondern hauptschlich der Befrchtung, dass sie, eben in
Lebak angekommen und also noch nicht in Ordnung, Mevrouw Slotering
nicht so gut wrde empfangen knnen, als die besonderen Umstnde,
in denen diese Dame verkehrte, es wnschenswert machten. Wohl wrden
sie, die sie kein Hollndisch verstand, Maxens Erzhlungen nicht
stren, wie Tine sich ausdrckte, doch es verstand sich fr sie,
dass mehr ntig war, als dass die Familie Slotering nicht gestrt
wurde, und die schmale Kche in Verbindung mit der beabsichtigten
Sparsamkeit liessen sie wirklich den Entschluss der Mevrouw Slotering
sehr vernnftig finden. Ob nun brigens, wenn die Umstnde anders
gewesen wren, der Umgang mit jemandem, der nur eine Sprache sprach,
in der nichts gedruckt ist, was den Geist bildet, zu beiderseitiger
Befriedigung gefhrt htte, bleibt zweifelhaft. Tine wrde sie so gut
wie mglich unterhalten und viel mit ihr ber Kchensachen gesprochen
haben, ber Sambal-sambal, ber das Einmachen von Gurken--ohne Liebig,
lieber Himmel!--aber so etwas bleibt doch immer eine Aufopferung, und
man empfand es also als sehr angenehm, dass die Angelegenheit durch
Mevrouw Sloterings freiwillige Absonderung in einer Weise erledigt
war, die beiden Parteien vollkommen Freiheit liess. Indes seltsam
blieb es doch, dass die Dame es nicht allein ausgeschlagen hatte,
an den gemeinschaftlichen Mahlzeiten teilzunehmen, sondern selbst
keinen Gebrauch machte von dem Anerbieten, ihre Speisen in der Kche
von Havelaars Haus bereiten zu lassen. Die Bescheidenheit, sagte Tine,
wre hier doch etwas weit getrieben, denn die Kche sei gerumig genug.






VIERZEHNTES KAPITEL.


--Sie wissen, begann Havelaar, dass die niederlndischen Besitzungen an
der Westkste von Sumatra an die unabhngigen Reiche in der Nordecke
grenzen, von denen Atjeh das bedeutendste ist. Man sagt, dass ein
geheimer Artikel in dem Traktat von 1824 gegenber den Englndern
uns die Verpflichtung auferlegt, den Fluss von Singkel nicht zu
berschreiten. Der General Vandamme, der mit einem 'faux-air Napolon'
gern sein Gouvernement so weit wie mglich ausbreitete, stiess also
in dieser Richtung auf ein unberwindliches Hindernis. Ich muss an
das Bestehen dieses geheimen Artikels schon glauben, weil es mich
anders befremden wrde, dass die Radjahs von Trumon und Analabu, deren
Provinzen nicht ohne Wichtigkeit sind durch den Pfefferhandel, der
dort getrieben wird, nicht lngst unter niederlndische Souvernitt
gebracht sind. Sie wissen, wie leicht man einen Vorwand findet,
solche Lndchen in Krieg zu verwickeln und sich zum Herrn derselben
zu machen. Das Stehlen einer Landschaft wird zu allen Zeiten leichter
sein als das Stehlen einer Mhle. Ich glaube von dem General Vandamme,
dass er selbst eine Mhle weggenommen haben wrde, wenn sie sein
Gefallen fand, und begreife also nicht, wie er diese Landschaften im
Norden verschont haben sollte, wenn nicht handfestere Grnde dafr
bestanden als Recht und Billigkeit.

Wie dem auch sei, er richtete seine Erobererblicke nicht nach Norden,
sondern ostwrts. Die Landstriche Mandhling und Ankola--dies war der
Name der Assistent-Residentschaft, die gebildet wurde aus den krzlich
zur Ruhe gebrachten Battahlanden--waren wohl noch nicht gesubert von
atjinesischem Einfluss--denn wo religiser Fanatismus einmal seine
Wurzeln einschlgt, ist das Ausrotten schwierig--aber die Atjinesen
selbst waren doch nicht mehr dort. Dies war gleichwohl dem Gouverneur
nicht genug. Er breitete seine Herrschaft bis an die Ostkste aus,
und es wurden niederlndische Beamte und niederlndische Garnisonen
gesandt nach Bila und Pertibie, welche Posten jedoch spter--wie Sie
wohl wissen, Verbrugge--wieder gerumt wurden.

Als auf Sumatra ein Regierungskommissar erschien, der diese Ausbreitung
zwecklos fand und sie darum missbilligte, vor allem auch, da sie
in Widerstreit war mit der verzweifelten Sparsamkeit, zu der vom
Mutterlande aus so sehr angetrieben wurde, behauptete der General
Vandamme, dass diese Ausbreitung keinen beschwerenden Einfluss auf das
Budget zu haben brauchte, denn die neuen Garnisonen seien formiert
aus Truppen, fr die doch schon Gelder zugestanden seien, so dass
er ein sehr grosses Lndergebiet unter niederlndische Verwaltung
gebracht htte, ohne dass hierfr Geldausgaben entstanden wren. Und
was ferner die teilweise Entblssung anderer Pltze, hauptschlich
im Mandhlingschen, anginge, so meinte er gengend auf die Treue und
Anhnglichkeit von Jang di Pertuan, dem vornehmsten Huptling in den
Battahlanden, rechnen zu knnen, um hierin kein Beschwer zu sehen.

Nur zgernd gab der Regierungskommissar seine Zustimmung, und zwar
auf die wiederholten Versicherungen des Generals, dass er fr Jang
di Pertuans Treue persnlich sich zum Brgen stelle.

Nun war der Kontrolleur, der vor mir die Abteilung Natal verwaltete,
der Schwiegersohn des Assistent-Residenten in den Battahlanden, welcher
Beamte mit Jang di Pertuan in Unfrieden lebte. Spter habe ich viel
von Klagen reden hren, die gegen diesen Assistent-Residenten erhoben
waren, doch man durfte nur mit Vorsicht diesen Beschuldigungen Glauben
schenken, weil sie grossenteils von Jang di Pertuan ausgingen, und zwar
erhoben in einem Augenblick, da dieser selbst viel schwererer Vergehen
angeklagt war, was ihn vielleicht ntigte, seine Verteidigung in den
Fehlern seines Beschuldigers zu suchen ... was fter vorkommt. Wie
dem sei, jener Kontrolleur und erste Beamte von Natal entbrannte fr
die gegen Jang di Pertuan gerichtete Partei seines Schwiegervaters,
und vielleicht um so feuriger, als er mit einem gewissen Sutan Salim
sehr befreundet war, einem natalschen Huptling, der auch sehr auf den
battakschen Chef ergrimmt war. Seit langer Zeit herrschte eine Fehde
zwischen den Familien dieser beiden Huptlinge. Es waren Heiratsantrge
ausgeschlagen, es bestand eine Eifersucht wegen ihres Einflusses;
Hochmut auf der Seite Jang di Pertuans, der von edlerer Geburt war,
und noch weitere Ursachen vereinigten sich, um Natal und Mandhling
in Feindschaft gegeneinander zu erhalten.

Auf einmal verbreitete sich das Gercht, dass in Mandhling ein
Komplott entdeckt sei, in das Jang di Pertuan verwickelt sein sollte
und das darauf gerichtet war, die heilige Fahne des Aufstandes
zu entfalten und alle Europer zu ermorden. Die erste Entdeckung
hiervon hatte man in Natal gemacht, was natrlich ist, da man in den
anliegenden Provinzen stets besser vom Stande der Dinge unterrichtet
wird als am Platze selbst, weil viele, die zu Hause aus Furcht vor
einem beteiligten Huptling sich von der Offenbarung eines ihnen
bekannten Umstandes abhalten lassen, diese Furcht einigermassen
berwinden, sobald sie sich auf einem Grundgebiet befinden, wo der
betreffende Huptling keinen Einfluss hat.

Das ist denn auch der Grund, Verbrugge, warum ich in den
Angelegenheiten von Lebak kein Neuling mehr bin und dass ich
verhltnismssig viel wusste von dem, was hier vorgeht, noch ehe
ich dachte, dass ich jemals hierher versetzt wrde. Ich war im Jahre
1846 im Krawangschen und bin viel umhergestreift im Preanger-Gebiet,
wo ich 1840 schon Flchtlingen aus Lebak begegnete. Auch bin ich
bekannt mit einigen Besitzern privater Lndereien im Buitenzorgschen
und in den Bataviaschen Ommelanden und ich weiss, wie von altersher
diese Landherren ihre Freude haben an dem schlechten Zustande unserer
Abteilung, weil das ihr Landgebiet bevlkert.

So wird auch zu Natal die Verschwrung entdeckt sein, die--wenn sie
bestanden hat, was ich nicht weiss--Jang di Pertuan als Verrter
erscheinen liess. Nach Zeugenaussagen, die der Kontrolleur von
Natal erlangte, sollte er im Verein mit seinem Bruder Sutan Adam die
battakschen Huptlinge in einem heiligen Hain sich versammeln lassen
haben, wo sie geschworen htten, nicht zu ruhen, bis die Herrschaft
der Christenhunde in Mandhling vernichtet wre. Es versteht sich von
selbst, dass er hierfr eine Eingebung vom Himmel erhalten hatte. Sie
wissen, dass dies bei solchen Gelegenheiten niemals ausbleibt.

Ob nun in der That dieser Plan bei Jang di Pertuan bestanden hat,
kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich habe die Erklrungen der
Zeugen gelesen, doch Sie werden gleich inne werden, warum denselben
nicht unbedingt Glauben geschenkt werden darf. Gewiss ist, dass der
Mann, was seinen Islam-Fanatismus angeht, wohl zu so etwas im stande
gewesen sein kann. Er war mit der ganzen battakschen Bevlkerung
erst kurz vorher durch die Padries zum wahren Glauben bekehrt, und
Neubekehrte sind gewhnlich fanatisch.

Die Folge dieser wirklichen oder vermeintlichen Entdeckung war,
dass Jang di Pertuan durch den Assistent-Residenten von Mandhling
gefangen genommen und nach Natal transportiert wurde. Hier
schloss ihn der Kontrolleur vorlufig im Fort ein und liess
ihn bei der ersten passenden Schiffsgelegenheit gefnglich nach
Padang berfhren. Selbstverstndlich legte man dem Gouverneur
all die Aktenstcke vor, in denen die so belastenden Zeugnisse
niedergelegt waren und die die Strenge der getroffenen Massregeln
rechtfertigen mussten. Unser Jang di Pertuan war demnach als ein
Gefangener von Mandhling gegangen. Zu Natal war er gefangen. An
Bord des Kriegsfahrzeuges, das ihn berfhrte, war er natrlich
auch ein Gefangener. Er erwartete also--schuldig oder nicht, dies
thut hier nichts zur Sache, da er in gesetzmssiger Form und durch
zustndige Autoritt Hochverrats beschuldigt war--auch in Padang als
ein Gefangener ankommen zu sollen. Es muss ihn wohl sehr verwundert
haben, dass er bei der Ausschiffung vernahm, nicht allein, dass er
frei sei, sondern dass gar der General, dessen Fuhrwerk ihn bei
Betreten des Landes erwartete, es sich zur Ehre anrechnen wrde,
ihn bei sich im Hause zu empfangen und ihn zu beherbergen. Gewiss
ist niemals ein des Hochverrats Beschuldigter angenehmer berrascht
worden. Kurz darauf wurde der Assistent-Resident von Mandhling von
seinem Amte suspendiert wegen allerlei Vergehen, ber die ich hier
kein Urteil abgebe. Jang di Pertuan jedoch kehrte, nachdem er einige
Zeit auf Padang im Hause des Generals verweilt und von diesem mit
der grssten Auszeichnung behandelt war, ber Natal nach Mandhling
zurck, nicht mit dem Selbstgefhl des Unschuldigerklrten, sondern
mit dem Hochmut jemandes, der so hoch steht, dass er eine Erklrung
seiner Unschuld nicht ntig hat. Das ist sicher: untersucht war diese
Angelegenheit nicht! Selbst angenommen, dass man die gegen ihn erhobene
Beschuldigung fr falsch hielt, dann htte schon dieses Vermuten eine
Untersuchung erfordert, zum Zwecke, die falschen Zeugen und vor allem
diejenigen zu bestrafen, von denen es sich erwies, dass sie zu diesem
falschen Zeugnis verleitet hatten. Es scheint, dass der General seine
Grnde hatte, diese Untersuchung nicht stattfinden zu lassen. Die gegen
Jang di Pertuan erhobene Anklage wurde als 'non avenu' betrachtet,
und ich halte es fr sicher, dass die hierauf bezglichen Aktenstcke
nie der Regierung zu Batavia vorgelegt worden sind.

Kurz nach Jang di Pertuans Rckkehr kam ich in Natal an, um die
Verwaltung dieser Abteilung zu bernehmen. Mein Vorgnger erzhlte mir
natrlich, was kurz vorher im Mandhlingschen vorgefallen war, und
gab mir die ntige Aufklrung ber das politische Verhltnis dieser
Landschaft zu meiner Abteilung. Es war ihm nicht bel zu deuten,
dass er sich sehr beklagte ber die seines Erachtens ungerechte
Behandlung, die seinem Schwiegervater zu teil wurde, und ber den
unbegreiflichen Schutz, den Jang di Pertuan offenkundig von Seiten des
Generals genoss. Weder er noch ich wussten in dem Augenblick, dass die
berfhrung Jang di Pertuans nach Batavia dem General ein Faustschlag
ins Gesicht gewesen wre, und dass dieser--der sich persnlich fr die
Treue des Huptlings haftbar gemacht hatte--begrndete Ursache hatte,
ihn, was es kosten mochte, zu sichern vor einer Beschuldigung wegen
Hochverrats. Dies war fr den General um so wichtiger, als inzwischen
der vorhin erwhnte Regierungskommissar selbst Generalgouverneur
geworden war und ihn also--im Zorn ber das ungerechtfertigte
Vertrauen auf Jang di Pertuan und ber die hierauf sich sttzende
Hartnckigkeit, mit der der General sich einer Rumung der Ostkste
widersetzt hatte--hchstwahrscheinlich aus seinem Gouvernement
abberufen haben wrde.

Doch, sagte mein Vorgnger, was auch den General bewegen mge, all
den gegen meinen Schwiegervater erhobenen Beschuldigungen ohne weitere
Prfung Glauben zu schenken und die viel schwereren Anklagen gegen
Jang di Pertuan nicht einmal einer Untersuchung wert zu erachten--die
Sache ist noch nicht begraben hiermit! Und falls man zu Padang,
wie ich vermute, die abgelegten Zeugenerklrungen vernichtet hat, so
knnen sie hier etwas anderes sehen, das nicht vernichtet werden kann.

Und, er zeigte mir ein Urteil des Rappat-Rates zu Natal, dessen
Prsident er war, des Inhaltes: Verurteilung eines gewissen Si
Pamaga zur Strafe der Geisselung und Brandmarkung und zu--wie ich
meine--zwanzigjhriger Zwangsarbeit, wegen Mordversuches an dem Tuanku
von Natal.

Lesen Sie einmal das Protokoll der Gerichtssitzung, sagte mein
Vorgnger, und beurteilen dann, ob meinem Schwiegervater nicht
geglaubt werden wird zu Batavia, wenn er da Jang di Pertuan Hochverrats
anklagt!

Ich las die Aktenstcke. Zufolge Aussagen von Zeugen und dem
Bekenntnis des Beklagten war Si Pamaga gedungen, zu Natal den
Tuanku, dessen Pflegevater Sutan Salim und den die Regierung fhrenden
Kontrolleur zu ermorden. Er hatte sich, um diesen Plan auszufhren,
nach der Wohnung des Tuanku begeben und da mit den Bedienten, die auf
der Treppe der Aussengalerie sassen, ein Gesprch ber einen Sewah,
die Sumatra eigentmliche Dolchwaffe, angeknpft, mit der Absicht,
seine Anwesenheit auszudehnen, bis er des Tuanku ansichtig wrde,
der denn auch bald, umgeben von einigen Verwandten und Bedienten,
sich zeigte. Pamaga war mit seinem Sewah auf den Tuanku losgegangen,
hatte jedoch aus unbekannten Ursachen seinen Mordplan nicht ausfhren
knnen. Der Tuanku war erschreckt aus dem Fenster gesprungen, und
Pamaga ergriff die Flucht. Er verbarg sich im Walde und wurde dann
einige Tage spter durch die natalsche Polizei ergriffen.

Auf die Frage an den Beschuldigten: 'was ihn zu diesem Anschlage
und dem gegen Sutan Salim und den Kontrolleur von Natal geplanten
Mordanschlag bewogen habe?' antwortete er: 'er sei dazu gedungen
worden durch Sutan Adam, im Namen von dessen Bruder Jang di Pertuan
von Mandhling'.

Ist dies deutlich oder nicht? fragte mein Vorgnger. Das Urteil
ist nach dem 'fiat executio' des Residenten, was die Geisselung und
Brandmarkung angeht, zur Vollstreckung gebracht, und Si Pamaga befindet
sich auf dem Wege nach Padang, um von da als Kettengnger nach Java
berfhrt zu werden. Gleichzeitig mit ihm kommen die Prozessakten
dieser Sache nach Batavia, und dann kann man da sehen, wer der Mann
ist, auf dessen Anklage mein Schwiegervater suspendiert wurde! Dieses
Urteil kann der General nicht vernichten, und wollte er es auch.

Ich bernahm die Verwaltung der Abteilung Natal, und mein Vorgnger
zog ab. Nach einiger Zeit erhielt ich den Bericht, dass der General
mit einem Kriegsdampfer nach Norden komme und auch Natal besuchen
werde. Er stieg mit viel Gefolge in meinem Hause ab und verlangte
augenblicklich die Original-Aktenstcke zu sehen von dem armen Mann,
den man so schrecklich misshandelt htte.

Die htten selbst Geisselung und Brandmarkung verdient! fgte
er hinzu.

Mir war die ganze Sache unklar. Denn die Ursachen des Streites wegen
Jang di Pertuans waren mir damals noch unbekannt, und es konnte also
in mir ebensowenig der Gedanke aufkommen, dass mein Vorgnger mit
Wissen und Willen einen Unschuldigen zu so schwerer Strafe verurteilt
haben knne, als jener, dass der General einen Verbrecher gegen ein
gerechtes Urteil in Schutz nehmen wrde. Ich erhielt den Befehl, Sutan
Salim und den Tuanku gefangen setzen zu lassen. Da der junge Tuanku
sehr beliebt bei der Bevlkerung war und wir nur wenig Garnison im Fort
hatten, so ersuchte ich den General, ihn auf freiem Fusse zu belassen,
was mir auch zugestanden wurde. Doch fr Sutan Salim, den besonderen
Feind von Jang di Pertuan, gab es keine Gnade. Die Bevlkerung war
in grosser Spannung. Die Nataler argwhnten, dass der General sich
zu einem Werkzeug mandhlingschen Hasses erniedrigte, und in dieser
Situation war es, dass ich von Zeit zu Zeit etwas vollbringen konnte,
was er beherzt nannte, vor allem, da er die geringe Macht, die
im Fort entbehrt werden konnte, und das Detachement Marinesoldaten,
das er von Bord mitgebracht hatte, nicht mir zur Bedeckung abstand,
wenn ich an die Pltze ritt, wo man sich zusammenrottete. Ich habe
bei dieser Gelegenheit wahrgenommen, dass der General sehr gut fr
seine eigene Sicherheit sorgte, und daher mag ich denn auch in den
Preis seiner Tapferkeit nicht einstimmen, bevor ich nicht mehr davon
gesehen habe oder durch besondere Umstnde berzeugt werde.

Er bildete in grosser bereilung einen Rat, den ich ad hoc wrde
nennen knnen. Die Glieder desselben waren: ein paar Adjutanten,
andere Offiziere, der Offizier der Gerichtsbarkeit oder Fiscal,
den er von Padang mitgebracht hatte, und ich. Dieser Rat sollte eine
Untersuchung darber einleiten, in welcher Weise unter meinem Vorgnger
der Prozess gegen Si Pamaga gefhrt worden war. Ich musste eine Anzahl
Zeugen aufrufen lassen, deren Aussagen hierfr erforderlich waren. Der
General, der natrlich den Vorsitz fhrte, stellte die Fragen, und das
Protokoll wurde von dem Fiscal gefhrt. Da nun aber dieser Beamte wenig
Malayisch verstand--und absolut nicht das Malayisch, das im Norden von
Sumatra gesprochen wird--so war es oftmals ntig, ihm die Antworten der
Zeugen zu verdolmetschen, was der General meistens selbst that. Aus
den Sitzungen dieses Rats sind Aktenstcke hervorgegangen, die aufs
deutlichste zu beweisen scheinen: dass Si Pamaga niemals den Plan
gehegt hatte, jemanden, wer es auch sei, zu ermorden; dass er weder
Sutan Adam noch Jang di Pertuan jemals gesehen oder gekannt hatte;
dass er nicht auf den Tuanku von Natal losgesprungen war; dass dieser
nicht aus dem Fenster geflchtet war ... und so weiter. Ferner: dass
das Urteil gegen den unglcklichen Si Pamaga entstanden war unter der
Pression des Vorsitzenden--meines Vorgngers--und des Ratsmitgliedes
Sutan Salim, welche Personen das angebliche Verbrechen Si Pamagas
ersonnen htten, um dem suspendierten Assistent-Residenten von
Mandhling eine Waffe zu seiner Verteidigung in die Hand zu geben
und um ihrem Hass gegen Jang di Pertuan Luft zu verschaffen.

Die Art und Weise nun, wie der General bei dieser Gelegenheit die
Fragen an die Zeugen stellte, erinnerte an die Whistpartie jenes
Kaisers von Marokko, der seinem Partner zuraunte: Spiel' Herzen,
oder ich schneide dir den Hals ab! Auch die bersetzungen, wie er
sie dem Fiscal in die Feder diktierte, liessen viel zu wnschen brig.

Ob nun Sutan Salim und mein Vorgnger eine Pression auf den natalschen
Gerichtsrat ausgebt haben, dass er Si Pamaga schuldig erklre, ist
mir unbekannt. Aber wohl weiss ich, dass der General Vandamme eine
Pression auf die Erklrungen ausgebt hat, die des Mannes Unschuld
beweisen sollten. Ohne noch in dem Augenblick von den hierbei
obwaltenden tieferen Grnden zu wissen, habe ich mich doch dieser
... Ungenauigkeit widersetzt, die eben so weit ging, dass ich mich
einige Protokolle zu unterzeichnen habe weigern mssen, und da haben
Sie nun die Angelegenheit, in der ich dem General so widersprochen
hatte. Sie begreifen nun auch, worauf die Worte hinzielen, mit denen
ich die Beantwortung auf die Aussetzungen, die auf meine geldliche
Verwaltung gefallen waren, schloss, die Worte, durch die ich ersuchte,
mich von allen wohlwollenden Erwgungen verschont zu lassen.

--Das war in der That sehr stark fr jemanden in Ihren Jahren,
sagte Duclari.

--Mir war das natrlich. Doch gewiss ist, dass der General Vandamme
so etwas nicht gewohnt war. Ich habe denn auch unter den Folgen dieser
Sache viel zu leiden gehabt. O nein, Verbrugge, ich sehe, was Sie sagen
wollen ... gereut hat es mich nie. Ich muss sogar noch hinzufgen,
dass ich mich nicht auf den einfachen Protest gegen die Art, wie der
General die Zeugen befragte, und nicht auf die Weigerung, zu einzelnen
Protokollen meine Handzeichnung zu geben, beschrnkt haben wrde, wenn
ich damals schon htte vermuten knnen, was ich erst spter erfuhr,
dass dies alles nur hervorging aus der von vornherein festgelegten
Absicht, meinen Vorgnger zu belasten. Ich glaubte aber, dass der
General, berzeugt von Si Pamagas Unschuld, sich durch die achtenswerte
Leidenschaft fortreissen liess, ein unschuldiges Schlachtopfer von den
Folgen eines Rechtsirrtums zu retten, soweit dies nach der Geisselung
und Brandmarkung noch mglich war. Diese meine Meinung gengte wohl,
mich einer Flschung zu widersetzen, doch ich war ber die Sache nicht
so entrstet, wie ich es gewesen wre, wenn ich gewusst htte, dass
es sich hier keineswegs um die Rettung eines Unschuldigen handelte,
sondern dass diese Flschung den Zweck hatte, auf Kosten der Ehre
und des Wohlergehens meines Vorgngers die Beweise zu vernichten,
die der Politik des Generals im Wege standen.

--Und wie erging es weiterhin Ihrem Vorgnger? fragte Verbrugge.

--Zu seinem Glck war er schon nach Java gereist, bevor der General
nach Padang zurckkehrte. Es scheint, dass er sich vor der Regierung
zu Batavia hat verantworten knnen, wenigstens ist er in Dienst
geblieben. Der Resident von Ayer-Pangie, der dem Urteil das 'fiat
executio' verliehen hatte, wurde ...

--Suspendiert?

--Natrlich! Sie sehen, dass ich nicht so ganz unrecht hatte, als
ich in meinem Epigramm sagte, dass der Gouverneur suspendierend
uns regierte.

--Und was ist nun aus all diesen suspendierten Beamten geworden?

--O, es waren deren noch viel mehr! Alle, einer nach dem andern, sind
in ihre mter wieder eingesetzt. Einzelne von ihnen haben spter sehr
angesehene Posten bekleidet.

--Und Sutan Salim?

--Der General fhrte ihn gefnglich mit nach Padang, und von da wurde
er als Verbannter nach Java gesandt. Er ist jetzt noch zu Tjanjor
in den Preanger Regentschaften. Als ich im Jahre 1846 dort war, habe
ich ihm einen Besuch abgestattet. Weisst du noch, was ich in Tjanjor
anstellte, Tine?

--Nein, Max, das ist mir gnzlich entfallen.

--Wer kann auch alles behalten! Ich bin da getraut, meine Herren!

--Aber, fragte Duclari, da Sie nun doch einmal am Erzhlen sind:
darf ich fragen, ob es wahr ist, dass Sie zu Padang sich so hufig
duellierten?

--Ja, sehr hufig, und dazu war Veranlassung. Ich habe Ihnen schon
gesagt, dass die Gunst des Gouverneurs auf derartigen Aussenposten
der Massstab ist, nach welchem viele ihr Wohlwollen bemessen. Die
meisten waren also durchaus nicht wohlwollend gegen mich, und oft
ging dies ber in Grobheit. Ich meinerseits war reizbar. Ein nicht
erwiderter Gruss, eine beissende Bemerkung auf die Thorheit jemandes,
der es gegen den General aufnehmen wolle, eine Anspielung auf meine
Armut, auf mein Hungerleiden, die usserung, dass die sittliche
Unabhngigkeit ihren Mann schlecht zu nhren scheine ... dies alles,
begreifen Sie wohl, machte mich bitter. Viele, besonders Offiziere,
wussten, dass der General nicht ungern sah, dass man sich schlug, und
vor allem mit jemandem, der so in Ungnade stand wie ich. Vielleicht
also reizte man mein Zartgefhl mit Vorbedacht. Auch schlug ich mich
wohl einmal fr einen andern, den man nach meiner Meinung verletzt
hatte. Wie dem sei, das Duell war dort in der Zeit an der Tagesordnung,
und mehr als einmal ist es vorgekommen, dass ich zwei Stelldichein
hatte an einem Morgen. O, es liegt viel Anziehendes im Duell, vor allem
im Duell mit Sbel, oder auf Sbel, wie man's ... ich weiss nicht,
warum ... nennt. Sie verstehen aber wohl, dass ich dergleichen nun
nicht mehr thun wrde, auch wenn dazu soviel Anlass wre wie in jenen
Tagen ... komm mal her, Max--nein, fang' das Tierchen nicht--komm
her. Hr mal, du musst niemals Schmetterlinge fangen. Das arme Tier
ist erst lange Zeit als Raupe auf einem Baume herumgekrochen, das
war kein frhliches Leben! Nun hat es gerade Flgel gekriegt und
will in der Luft umherfliegen und sich des Lebens freuen und sucht
Nahrung in den Bumen und thut niemandem was zu Leide ... sieh doch,
ist es nicht viel netter, es da so umherflattern zu sehen?

So kam das Gesprch von den Duellen auf die Schmetterlinge, auf das
Erbarmen des Gerechten ber sein Vieh, auf das Tierqulen, auf die
loi Grammont, auf die Nationalversammlung, in der dies Gesetz zur
Annahme gelangte, auf die Republik und auf hundert andere Dinge noch!

Endlich stand Havelaar auf. Er entschuldigte sich bei seinen Gsten,
weil ihn Geschfte riefen. Als der Kontrolleur ihn am folgenden
Morgen auf seinem Bureau besuchte, wusste er nicht, dass der neue
Assistent-Resident am Tage zuvor nach der Unterhaltung in der
Vorgalerie nach Parang-Kudjang--dem Distrikt der weitgehenden
Missbruche--ausgeritten und erst diesen Morgen in der Frhe von
dort zurckgekehrt war.



Ich bitte den Leser, zu glauben, dass Havelaar zuviel Takt besass,
um an seinem eigenen Tisch soviel zu reden, wie ich in den letzten
Kapiteln angefhrt habe, und wodurch ich auf ihn den Schein lade,
als htte er sich des Gesprchs Meister gemacht, mit Verletzung der
Pflichten eines Gastherrn, die vorschreiben, dass man seinen Gsten
die Gelegenheit lasse oder schaffe, sich von einer vorteilhaften
Seite zu zeigen. Ich habe ein paar Griffe in die Baustoffe gethan,
die vor mir liegen, und htte die Tischgesprche vor dem Leser noch
weiter ausbreiten knnen, und zwar mit geringerer Mhe, als mich
das Abgehen von denselben gekostet hat. Ich hoffe indes, dass das
hier Mitgeteilte gengen wird, um einigermassen die Beschreibung zu
rechtfertigen, die ich von Havelaars Naturell und seinen Qualitten
gegeben habe, und hoffe, dass der Leser nicht ganz ohne Teilnahme
von den Schicksalsfllen Akt nimmt, die seiner und der Seinen zu
Rangkas-Betung warteten.

Die kleine Familie lebte still fort. Havelaar war hufig ber Tage aus
und brachte halbe Nchte auf seinem Bureau zu. Das Verhltnis zwischen
ihm und dem Kommandanten der kleinen Garnison war das allerangenehmste,
und auch in dem huslichen Umgang mit dem Kontrolleur war keine
Spur von der Rangverschiedenheit zu entdecken, die sonst in Indien
den Verkehr so oft steif und unerquicklich macht, whrend Havelaars
Ehrgeiz, Hlfe zu leihen, wo er nur einigermassen konnte, hufig dem
Regenten zu statten kam, der sich denn auch sehr eingenommen zeigte
fr seinen lteren Bruder. Und schliesslich trug Mevrouw Havelaars
liebenswrdige Anmut viel zu einem angenehmen Verkehr mit den wenigen
am Platze anwesenden Europern und den eingeborenen Huptlingen
bei. Die Dienstkorrespondenz mit dem Residenten zu Serang trug Zeichen
gegenseitigen Wohlwollens, whrend die Befehle des Residenten, mit
Hflichkeit gegeben, streng befolgt wurden.

Tines Hauswirtschaft war schnell geregelt. Nach langem Warten waren die
Mbel von Batavia angekommen, und es waren Gurken in Salz eingelegt,
und wenn Max bei Tische etwas erzhlte, geschah dies fernerhin nicht
mehr aus Mangel an Eiern fr die Omelette, wiewohl doch immer die
Lebensweise der kleinen Familie deutlich erkennen liess, dass die
zur Richtschnur genommene Sparsamkeit innegehalten wurde.

Mevrouw Slotering verliess selten ihr Haus und nahm nur einige Male
in der Vorgalerie den Thee bei der Familie Havelaar ein. Sie sprach
wenig und hatte stets ein wachsames Auge auf jeden, der sich ihrer
oder Havelaars Wohnung nherte. Man war aber dies Verhalten an ihr,
das man ihre Monomanie zu nennen begann, gewohnt geworden und
achtete bald nicht mehr darauf.

Alles schien Ruhe zu atmen, denn fr Max und Tine war es eine
verhltnismssige Kleinigkeit, sich in Entbehrungen zu finden, die
auf einem nicht am grossen Wege gelegenen Binnenposten unvermeidlich
sind. Da am Platze kein Brot gebacken wurde, ass man kein Brot. Man
htte es von Serang kommen lassen knnen, doch die Transportkosten
waren zu hoch. Max wusste so gut wie jeder andere, dass viele Mittel
zu finden waren, ohne Bezahlung Brot nach Rangkas-Betung bringen zu
lassen, doch unbezahlte Arbeit, dieser indische Krebsschaden, war ihm
ein Greuel. So war vieles zu Lebak, das wohl durch den Einfluss der
Stellung ohne Gegenleistung zu verschaffen, jedoch nicht fr einen
billigen Preis feil war, und unter diesen Umstnden schickten sich
Havelaar und seine Tine gern darein, es zu entbehren. Sie hatten
ja schon andere Entbehrungen erlitten! Hatte die arme Frau nicht
Monate an Bord eines arabischen Fahrzeuges zugebracht, ohne eine
andere Lagersttte als das Schiffsdeck, ohne anderen Schutz gegen
Sonnenhitze und Westmusson-Regenben als ein Tischchen, zwischen
dessen Fsse sie sich einzwngen musste? Musste sie sich nicht auf
dem Schiffe mit einer kleinen Ration trockenen Reises und fauligen
Wassers zufrieden geben? Und war sie nicht in diesen und vielen
anderen Verhltnissen stets zufrieden gewesen, wenn sie nur mit ihrem
Max zusammen sein konnte?

Einen Umstand jedoch gab es zu Lebak, der ihr Verdruss bereitete:
der kleine Max konnte nicht in dem Garten spielen, weil da so
viel Schlangen waren. Als sie dies bemerkte und hierber sich bei
Havelaar beklagte, setzte dieser den Bedienten einen Preis aus fr
jede Schlange, die sie fangen wrden, doch schon die ersten Tage
bezahlte er soviel an Prmien, dass er sein Versprechen fr weiterhin
einziehen musste, denn auch unter gewhnlichen Verhltnissen und also
ohne die fr ihn so dringende Sparsamkeit wrde die Bezahlung bald
ber seine Mittel hinausgegangen sein. Es wurde also bestimmt, dass
der kleine Max fortan das Haus nicht mehr verlassen drfe, und dass
er sich, um frische Luft zu geniessen, mit Spielen in der Vorgalerie
begngen msse. Trotz dieser Vorsorge war Tine doch stets ngstlich
und besonders abends, da man weiss, wie Schlangen hufig in die Huser
kriechen und sich, Wrme suchend, in den Schlafzimmern verbergen.

Schlangen und dergleichen Ungeziefer findet man zwar in Indien berall,
doch an den grsseren Hauptpltzen, wo die Bevlkerung dichter gedrngt
wohnt, kommen sie natrlich seltener vor als in mehr wilden Gegenden
wie zu Rangkas-Betung. Wenn aber Havelaar sich htte entschliessen
knnen, sein Erbe bis an den Rand des Ravijn von Unkraut reinigen zu
lassen, wrden sich die Schlangen von Zeit zu Zeit doch wohl immer
noch im Garten gezeigt haben, wenn auch nicht in so grosser Menge,
wie es nun der Fall war. Die Natur dieser Tiere lsst sie Dunkelheit
und Schlupfwinkel dem Licht offener Pltze vorziehen, so dass,
wenn Havelaars Erbe rein gehalten worden wre, die Schlangen nur
unabsichtlich und sich verirrend das Unkraut in dem Ravijn verlassen
haben wrden. Aber das Erbe von Havelaars Haus war nicht rein, und
ich mchte den Grund hiervon angeben, da er ein Licht mehr wirft auf
die Missbruche, die beinahe berall in den Niederlndisch-Indischen
Besitzungen herrschend sind.

Die Wohnungen der Statthalter in den Binnenlanden stehen auf Grund, der
den Gemeinden gehrt, insoweit man von Gemeinde-Eigentum sprechen kann
in einem Lande, wo die Regierung sich alles aneignet. Genug, dieses
Erbe ist nicht dem amtlichen Bewohner zugehrig. Dieser wrde, wenn
das der Fall wre, sich jedenfalls hten, einen Grund zu kaufen oder
zu mieten, dessen Unterhaltung ber seine Krfte ginge. Wenn nun das
Erbe der ihm angewiesenen Wohnung zu gross ist, um gehrig unterhalten
zu werden, so wrde es bei dem ppigen tropischen Pflanzenwuchs binnen
kurzer Zeit in eine Wildnis ausarten. Und doch sieht man selten oder
niemals ein solches Erbe schlecht in Stand gehalten. Ja, manchmal
gar ergreift den Reisenden Bewunderung angesichts des schnen Parks,
der eine Residentenwohnung umgiebt. Kein Beamter in den Binnenlanden
hat Einkommen genug, um die hierfr erforderliche Arbeit gegen
gehrige Bezahlung verrichten zu lassen, und da nun doch das wrdige
Ansehen der Wohnung des Statthalters ein Erfordernis ist, damit nicht
die Bevlkerung, die auf usserlichkeiten ausserordentlichen Wert
legt, in solcher Unsauberkeit Grund zu geringerem Respekt finde,
so wirft sich die Frage auf, wie dann dieses Ziel erreicht wird. An
den meisten Pltzen haben die Statthalter Verfgung ber einige
Kettengnger, d. h. anderswo verurteilte Verbrecher, welche Art
Arbeitskrfte jedoch in Bantam aus mehr oder minder zureichenden
Grnden politischer Art nicht vorhanden war. Doch auch an Pltzen,
wo sich wohl derartige Verurteilte befinden, steht ihre Anzahl, vor
allem, wenn man die Notwendigkeit anderer Arbeiten in Betracht zieht,
selten in richtigem Verhltnis zu der Arbeit, die erforderlich wre,
um ein grosses Erbe gut zu unterhalten. Es mssen also andere Mittel
gefunden werden, und die Aufrufung von Arbeitern zur Verrichtung von
Herrendienst ist nahe gelegen. Der Regent oder der Dhemang, dem eine
solche Aufrufung in die Hand gegeben wird, beeilt sich, ihr Erfolg
zu verleihen, denn er weiss sehr gut, dass es dem gewalthabenden
Beamten, der diese Gewalt missbraucht, spterhin schwer fallen wird,
ein Inlndisches Haupt wegen eines gleichen Fehlers zu bestrafen. Und
also dient der Verstoss des einen als Freibrief fr den andern.

Es dnkt mich jedoch, dass dieser Fehler eines gewalthabenden Beamten
in einzelnen Fllen nicht allzu streng, und vor allem nicht nach
europischen Begriffen beurteilt werden darf. Die Bevlkerung selbst
wrde es--vielleicht, da es ihr ungewohnt ist--sehr sonderbar
finden, wenn er stets und in allen Fllen sich streng an die
Vorschriften hielte, die die Zahl der fr sein Erbe bestimmten
Herrendienstpflichtigen vorschreiben, da Umstnde eintreten knnen,
die in diesen Bestimmungen nicht vorgesehen sind. Doch sobald einmal
die Grenze des streng Gesetzlichen berschritten ist, wird es schwer,
einen Punkt anzugeben, wo eine solche berschreitung in strafwrdige
Willkr bergehen wrde, und vor allem wird grosse Vorsicht Pflicht,
sobald man weiss, dass die Huptlinge nur auf ein schlechtes Beispiel
warten, um ihm mit weitgehender Verallgemeinerung nachzufolgen. Die
Geschichte von jenem Knig, der nicht wollte, dass man die Bezahlung
eines Kornes Salz vergsse, das er bei seinem einfachen Mahle gebraucht
hatte, als er an der Spitze seines Heeres das Land durchzog--weil,
wie er sagte, dies der Beginn eines Unrechts wre, das schliesslich
sein ganzes Reich vernichten wrde--mge er nun Timurleng, Nureddin
oder Djengis-Khan geheissen haben, gewiss ist, dass entweder diese
Fabel, oder, wenn es keine Fabel ist, dass dieser Vorfall selbst nach
Asien zu verweisen ist. Und wie der Anblick von Seedeichen an die
Mglichkeit von Hochwasser glauben lsst, ebenso mag man annehmen,
dass Neigung zu solchen Missbruchen in einem Lande besteht, wo solche
warnenden Lehren gegeben werden.

Die geringe Zahl von Leuten nun, ber die Havelaar gesetzlich
zu verfgen hatte, konnte nicht mehr als nur einen sehr kleinen
Teil seines Erbes, der unmittelbar sein Haus umgab, von Unkraut
und Gestrpp freihalten. Das brige war binnen wenigen Wochen eine
vllige Wildnis. Havelaar schrieb an den Residenten wegen der Mittel,
dem abzuhelfen, sei es nun durch eine Geldzulage, sei es, indem der
Regierung vorgestellt werde, dass sie ebenso wie anderswo Kettengnger
in der Residentschaft Bantam arbeiten lasse. Er erhielt hierauf eine
abschlgige Antwort, mit der Bemerkung, dass er allerdings das Recht
htte, die Personen, die von ihm durch Polizeiurteil zu Arbeit am
ffentlichen Wege verurteilt seien, auf seinem Erbe in Arbeit zu
stellen. Dies wusste Havelaar selbst wohl, oder wenigstens war es ihm
hinlnglich bekannt, dass derartige Verfgung ber Verurteilte berall
die gewhnlichste Sache von der Welt war, aber niemals hatte er--weder
in Rangkas-Betung, noch in Amboina, noch in Menado, noch in Natal--von
diesem vermeintlichen Recht Gebrauch machen wollen. Es widerstrebte
ihm, zur Busse fr kleine Vergehen seinen Garten unterhalten zu lassen,
und mehrfach hatte er sich die Frage vorgelegt, wie die Regierung
Bestimmungen bestehen lassen knne, die geeignet sind, den Beamten
in Versuchung zu bringen, kleine verzeihliche Fehler zu strafen, und
zwar im Verhltnis nicht zu dem Vergehen, sondern zu dem Zustande
oder der Ausgedehntheit seines Erbes! Der Gedanke allein, dass der
Gestrafte, auch sogar der, der zu Recht gestraft war, vermeinen knne,
dass sich Eigennutz hinter dem gefllten Urteil verstecke, liess ihn,
wo er strafen musste, stets der andererseits sehr zu missbilligenden
Einkerkerung den Vorzug geben.

Und daran lag es, dass der kleine Max nicht in dem Garten spielen
durfte und dass auch Tine nicht soviel Freude an den Blumen vergnnt
war, wie sie sich am Tage ihrer Ankunft in Rangkas-Betung vorgestellt
hatte.

Es versteht sich, dass diese und hnliche kleine Verdriesslichkeiten
keinen Einfluss auf die Stimmung einer Familie ausbten, die soviel
Baustoffe besass, um sich ein glckliches husliches Leben zu zimmern,
und nicht solchen Kleinigkeiten war es denn auch zuzuschreiben,
wenn Havelaar zuweilen mit bewlkter Stirn eintrat, von einer Reise
zurckgekehrt oder nachdem er diesen und jenen angehrt, der ihn
zu sprechen verlangt hatte. Wir haben aus seiner Ansprache an die
Huptlinge gehrt, dass er seine Pflicht thun, dass er dem Unrecht
entgegentreten wollte, und ich hoffe, dass daneben ihn der Leser aus
den Gesprchen, die ich mitteilte, als jemanden kennen lernte, der
wohl imstande war, etwas zu ergrnden und zur Klarheit zu bringen,
was fr manchen andern verborgen war oder in Dunkel lag. Wir knnen
also annehmen, dass nicht viel von dem, was in Lebak vorging, seiner
Aufmerksamkeit entging. Auch sahen wir, dass er viele Jahre vorher der
Abteilung Beachtung geschenkt hatte, sodass er schon am ersten Tage,
als er Verbrugge in der Pendoppo begegnete, in der meine Erzhlung
beginnt, zu erkennen gab, dass ihm sein neuer Wirkungskreis nicht
fremd sei. Er hatte durch Nachforschung an den Pltzen selbst vieles
besttigt gefunden, was er frher vermutete, und insonderheit aus
dem Archiv war es ihm klar geworden, dass der Landstrich, dessen
Verwaltung seiner Frsorge anvertraut war, sich wirklich in einem
hchst traurigen Zustande befand.

Aus Briefen und Aufzeichnungen seines Vorgngers zeigte es sich ihm,
dass dieser dieselben Erfahrungen gewonnen hatte. Die Korrespondenz mit
den Huptlingen enthielt Verweis auf Verweis, Bedrohung auf Bedrohung,
und aus allem wurde es sehr begreiflich, wie dieser Beamte schliesslich
gesagt haben mochte, dass er sich direkt an die Regierung wenden werde,
wenn diesem Stande der Dinge nicht ein Ende gemacht wrde.

Als Verbrugge Havelaar dies mitteilte, hatte dieser geantwortet,
sein Vorgnger wrde nicht recht daran gethan haben, da der
Assistent-Resident von Lebak auf keinen Fall den Residenten von
Bantam bergehen drfe, und er hatte hinzugefgt, dass dies auch durch
nichts gerechtfertigt erscheinen wrde, denn man drfe doch wohl nicht
annehmen, dass dieser hohe Beamte fr Erpressung und Wucherei Partei
ergreifen werde.

Eine solche Parteinahme war denn auch in Wahrheit nicht anzunehmen
in dem Sinne, wie es Havelaar meinte, nicht so nmlich, als ob
dem Residenten irgend ein Vorteil oder Gewinn aus diesen Vergehen
zufiele. Allein, es bestand doch eine Ursache, die ihn bewog, nur sehr
ungern auf die Klagen von Havelaars Vorgnger Recht zu schaffen. Wir
haben gesehen, wie dieser Vorgnger mehrfach mit dem Residenten ber
die herrschenden Missbruche gesprochen--abouchiert nannte es
Verbrugge--und wie wenig es ihm geholfen hatte. Es ermangelt also
nicht des Interesses, zu untersuchen, warum ein so hochgestellter
Beamter, der als Haupt der ganzen Residentschaft ebensosehr wie der
Assistent-Resident, ja, mehr noch als dieser besorgt sein musste,
dass Recht geschhe, fast immer Grnde zu haben meinte, dieses Rechtes
Lauf aufzuhalten.

Schon in Serang, als Havelaar dort im Hause des Residenten verweilte,
hatte er mit diesem ber die Lebakschen Missbruche geredet und hierbei
zur Antwort bekommen: dass all dies in hherem oder geringerem Masse
berall der Fall wre. Das konnte Havelaar nun nicht leugnen. Wer
wollte wohl behaupten, dass er ein Land gesehen habe, wo kein Unrecht
geschhe? Doch er war der Meinung, dass das kein Beweggrund sei, die
Missbruche, wo man sie fand, bestehen zu lassen, vor allem nicht, wenn
man ausdrcklich berufen war, ihnen entgegenzutreten, und meinte auch,
dass nach allem, was er von Lebak wsste, hier keine Rede wre von
hherem oder geringerem, sondern vielmehr von sehr hohem Masse, worauf
ihm der Resident unter anderm antwortete: dass es in der Abteilung
Tjiringien--auch zu Bantam gehrend--noch rger bestellt sei.

Wenn man nun annimmt, wie man annehmen kann, dass ein Resident keinen
direkten Vorteil von Erpressung und willkrlicher Verfgung ber die
Bevlkerung hat, so tritt die Frage auf, was denn so viele bewegt,
im Widerspruch mit Eid und Pflicht solche Missbruche bestehen zu
lassen, ohne der Regierung hiervon Kenntnis zu geben? Und wer hierber
nachdenkt, muss es schon sehr sonderbar finden, dass man so kaltbltig
die Existenz dieser Missbruche zugiebt, als htte man mit etwas zu
thun, das ausser Bereich oder Zustndigkeit lge. Ich will versuchen,
die Ursachen hiervon darzulegen.

Im allgemeinen schon ist das berbringen einer schlechten Nachricht
eine unangenehme Sache, und es scheint gar, als wenn von dem
ungnstigen Eindruck, den sie hervorruft, etwas an dem kleben
bliebe, dem die verdriessliche Aufgabe zufiel, solche Nachrichten
mitzuteilen. Wenn nun dies allein schon fr manchen ein Grund sein
wrde, gegen besseres Wissen das Bestehen eines ungnstigen Umstandes
zu leugnen, wieviel mehr wird dies dann der Fall, wenn man Gefahr
luft, nicht allein sich die Ungnade auf den Hals zu laden, die nun
einmal das Los des berbringers schlechter Berichte scheint, sondern
zugleich auch als die Ursache des ungnstigen Zustandes angesehen zu
werden, den man pflichtgemss offenbart.

Die Regierung von Niederlndisch-Indien schreibt mit Vorliebe an ihre
Vorgesetzten im Mutterland, dass alles nach Wunsch gehe. Die Residenten
melden dies gern an ihre Regierung. Die Assistent-Residenten, die
selbst von ihren Kontrolleuren fast nur gnstige Berichte empfangen,
senden auch ihrerseits am liebsten keine unangenehmen Nachrichten an
die Residenten. Daraus entspringt in der offiziellen und schriftlichen
Behandlung der Geschfte ein geknstelter Optimismus, im Widerspruch
nicht allein mit der Wahrheit, sondern auch mit den eigenen usserungen
dieser Optimisten selbst, sobald sie dieselben Angelegenheiten mndlich
behandeln, und--noch sonderbarer--hufig selbst in Widerspruch mit
ihren eigenen geschriebenen Berichten. Ich wrde viele Beispiele
von Rapporten anfhren knnen, die den gnstigen Zustand einer
Residentschaft bis in den Himmel erheben, jedoch zugleich, besonders wo
die Zahlen reden, sich selbst Lgen strafen. Diese Beispiele wrden,
wenn nicht die Sache wegen der schliesslichen Folgen zu ernst wre,
Anlass zu Spott und Gelchter geben, und man stutzt ber die Naivett,
mit der hufig in solchem Fall die grbsten Unwahrheiten aufrecht
erhalten und hingenommen werden, bietet gleichwohl der Schreiber wenige
Stze weiter die Waffen, mit denen diese Unwahrheiten sich bekmpfen
lassen. Ich werde mich auf ein einziges Beispiel beschrnken, das ich
um sehr viele andere vermehren knnte. Unter den Schriftstcken, die
mir vorliegen, finde ich den Jahresbericht einer Residentschaft. Der
Resident rhmt den Handel, der dort blht, und behauptet, dass in der
ganzen Landschaft grsste Wohlfahrt und Betriebsamkeit wahrgenommen
werde. Indessen ein wenig weiter, wo er ber die geringen Mittel
spricht, die ihm zur Verfgung stehen, um dem Schmuggel zu wehren,
will er im selben Moment dem unangenehmen Eindruck zuvorkommen,
der bei der Regierung erreicht werden wrde durch die Meinung, dass
ihr also in dieser Residentschaft viel Einfuhrzoll entginge. Nein,
sagt er, darum braucht man nicht besorgt zu sein! Es wird in meiner
Residentschaft wenig oder nichts durch Schmuggel eingefhrt, denn
... es ist in diesen Gegenden so geringer Geschftsumsatz, dass
niemand hier sein Kapital in Handel anzulegen wagen wrde.

Ich habe einen Bericht dieser Art gelesen, der anfing mit den Worten:
Im abgelaufenen Jahr ist die Ruhe ruhig geblieben. Solche Wendungen
zeugen freilich von einer sehr ruhigen Beruhigung darber, dass die
Regierung jedem stille halten werde, der ihr unangenehme Nachrichten
erspart, oder der, wie der terminus lautet, ihr nicht lstig fllt
mit unangenehmen Berichten!

Wo die Bevlkerung nicht zunimmt, ist dies Ungenauigkeiten in den
Zhlungen der frheren Jahre zuzuschreiben. Wo die Abgaben nicht
steigen, macht man sich ein Verdienst daraus: die Absicht ist, durch
niedrige Einschtzung den Landbau zu ermutigen, der sich gerade nun zu
entwickeln beginne, und alsbald--meistens, wenn der Berichterstatter
abgetreten ist--unerhrte Frchte abwerfen msse. Wo Ordnungsstrung
auftrat, die nicht verborgen bleiben konnte, war dies das Werk einiger
weniger belgesinnter, die in Zukunft nicht mehr zu frchten seien,
da allgemeine Zufriedenheit herrsche. Wo Mangel oder Hungersnot die
Bevlkerung gelichtet hatte, war dies eine Folge von Misswuchs, von
Trockenheit, Regen oder hnlichem, niemals von schlechter Verwaltung.

Die Note von Havelaars Vorgnger, worin er die Verminderung des
Volksbestandes im Distrikt Parang-Kudjang weitgehendem Missbrauch
zuschrieb, habe ich vor mir liegen. Diese Note war inoffiziell, und
sie umfasste Punkte, ber die dieser Beamte mit dem Residenten von
Bantam zu sprechen hatte. Aber vergebens suchte Havelaar im Archiv
nach einem Beweise, dass sein Vorgnger dieselbe Sache ritterlich in
einem offenbaren Dienstschreiben beim wahren Namen genannt hatte.

Kurz, die offiziellen Berichte der Beamten an das Gouvernement,
und also auch die darauf gegrndeten Rapporte an die Regierung im
Mutterland sind zum grssten und wichtigsten Teile: unwahr.

Ich weiss, dass diese Beschuldigung gewichtig ist, doch ich halte
sie aufrecht und fhle mich vollkommen im stande, sie mit Beweisen
zu sttzen. Wer erzrnt sein mag ber diese unverschleierte usserung
meiner Meinung, der bedenke, wie viele Millionen aus dem Staatssckel
und wie viele Menschenleben England erspart worden wren, wenn man
zeitig der Nation die Augen geffnet htte fr den wahren Gang der
Dinge in Britisch-Indien, und wie grosse Dankbarkeit man dem Manne
schuldig gewesen wre, der den Mut gezeigt htte, der Hiobsbote
zu sein, ehe es zu spt war, den Elementen des Irrtums wieder ihre
rechten Bahnen zu weisen auf weniger blutige Art, als es nun wohl
notwendig geworden war.

Ich sagte, dass ich meine Beschuldigungen mit Beweisen sttzen
knne. Wo es ntig ist, werde ich zeigen, dass hufig Hungersnot
herrschte in Gegenden, die als Muster von Wohlfahrt gerhmt wurden, und
dass mehrmals eine Bevlkerung, die als ruhig und zufrieden angegeben
wird, auf dem Punkte stand, in Raserei auszubrechen. Es liegt nicht in
meinem Plan, diese Beweise in diesem Buche zu liefern, vertraue ich
gleich, dass man es nicht aus der Hand legen wird, ohne zu glauben,
dass sie vorhanden sind.

Fr den Augenblick beschrnke ich mich darauf, noch ein einziges
Beispiel von dem lcherlichen Optimismus zu geben, dessen ich vorher
Erwhnung that, ein Beispiel, das von jedem, sei er nun vertraut oder
nicht vertraut mit den Angelegenheiten in Indien, leicht verstanden
werden kann.

Jeder Resident reicht monatlich einen Rapport von dem Reis ein,
der in seine Landschaft eingefhrt oder aus dieser nach anderswohin
versandt ist. Bei diesem Rapport wird die Ausfuhr in zwei Teilen
aufgefhrt, je nachdem sie sich auf Java selbst beschrnkt oder sich
weiter erstreckt. Wenn man nun die Menge Reises ins Auge fasst, welche
nach diesen Rapporten bergefhrt ist aus Residentschaften auf Java
nach Residenschaften auf Java, wird man feststellen, dass diese Menge
viele Tausende Pikols mehr betrgt als der Reis, der--nach denselben
Rapporten--in Residentschaften auf Java aus Residentschaften auf Java
eingefhrt ist.

Ich bergehe nun mit Stillschweigen, was man zu denken hat von dem
Scharfsinn der Regierung, die solche Rapporte annimmt und publiziert,
und will den Leser nur auf die Absicht bei dieser Flschung aufmerksam
machen.

Die prozentweise Belohnung, die europischen und eingeborenen Beamten
fr Produkte zusteht, die in Europa verkauft werden sollen, hat
den Reisbau derart in den Hintergrund gedrngt, dass in etlichen
Landschaften eine Hungersnot aufgetreten ist, die den Augen der
Nation durch kein Kunststck mehr entzogen werden konnte. Ich habe
bereits gesagt, dass darauf Vorschriften erlassen worden sind,
dass man die Dinge nicht wieder so weit kommen lassen drfe. Zu
den vielen Gefolgschaften dieser Vorschriften gehrten auch die von
mir genannten Rapporte ber aus- und eingefhrten Reis, damit die
Regierung fortwhrend ein Auge auf Ebbe und Flut dieses Lebensmittels
haben knne. Ausfuhr aus einer Residentschaft bedeutet: Wohlstand,
Einfuhr: entsprechenden Mangel.

Wenn man nun die Rapporte untersucht und vergleicht, stellt
sich heraus, dass der Reis berall so im berfluss ist, dass
alle Residentschaften zusammen mehr Reis ausfhren als in allen
Residentschaften zusammen eingefhrt wird. Ich wiederhole, dass hier
keine Rede ist von Ausfuhr ber See, der im Rapport ein besonderer
Platz angewiesen ist. Der logische Schluss hiervon ist also die
widersinnige Behauptung: dass mehr Reis auf Java ist, als Reis dort
ist. Das ist doch Wohlstand!

Ich sagte schon, dass die Sucht, der Regierung niemals andere als
nur gute Berichte zu bieten, ins Lcherliche bergehend erscheinen
wrde, wenn nicht die Folgen von dem allen so traurig wren. Wie
ist denn Genesung von den vielen Irrtmern zu erhoffen, wenn von
vornherein der Plan besteht, in den Berichten an die Vorgesetzten
alles zu verkehren und zu verdrehen? Was ist zum Beispiel von einer
Bevlkerung zu erwarten, die, ihrem Wesen nach sanft und schmiegsam,
seit Jahren, Jahren ber Unterdrckung klagt, wenn sie die Residenten
einen nach dem anderen mit Urlaub oder Pension abtreten oder in ein
anderes Amt berufen sieht, ohne dass irgend etwas fr die Beseitigung
des Kummers geschieht, unter dem sie gebeugt geht! Muss nicht die
gespannte Feder endlich zurckspringen? Muss nicht die so lange
unterdrckte Unzufriedenheit--unterdrckt, damit man fortfahren
knne, sie zu leugnen!--endlich in Wut umschlagen, in Verzweiflung,
in Raserei? Wartet nicht eine Jacquerie am Ende dieses Weges?

Und wo werden dann die Beamten sein, die seit Jahren aufeinander
folgten, ohne jemals auf den Gedanken gekommen zu sein, dass etwas
Hheres besteht denn die Gunst der Regierung? Etwas Hheres als
die Zufriedenheit des Generalgouverneurs? Wo werden sie dann sein,
die Verfasser der flauen Berichte, die die Augen der Regierung mit
ihren Unwahrheiten blendeten? Werden dann die, die frher des Mutes
entbehrten, ein herzhaftes Wort zu Papier bringen, zu den Waffen eilen
und die Niederlndischen Besitzungen Niederland erhalten? Werden
sie Niederland die Schtze wiedergeben, die ntig sein werden zur
Dmpfung von Aufruhr, zur Verhtung von Umwlzung? Werden sie das
Leben den Tausenden wiedergeben, die fielen durch ihre Schuld?

Und diese Beamten, die Kontrolleure und Residenten, sind nicht
die am meisten Schuldigen. Es ist die Regierung selbst, die, mit
unbegreiflicher Blindheit geschlagen, zur Einreichung gnstiger
Berichte ermutigt und verlockt und sie belohnt. Vor allem ist dies der
Fall, wo es sich um Unterdrckung der Bevlkerung durch eingeborene
Huptlinge handelt.

Von vielen wird dies Inschutznehmen der Huptlinge der unedlen
Berechnung zugeschrieben, dass diese, die Glanz und Pracht entfalten
mssen, um auf die Bevlkerung den Einfluss auszuben, der fr die
Regierung zur Aufrechterhaltung ihrer Autoritt ntig ist, dass diese
Huptlinge hierfr eine viel hhere Besoldung wrden geniessen mssen,
als es jetzt der Fall ist, wenn man ihnen nicht die Freiheit liesse,
das Fehlende durch die ungesetzliche Verfgung ber das Besitztum
und die Arbeit des Volkes zu ergnzen. Wie dem sei, die Regierung
geht nur notgedrungen zur Anwendung der Bestimmungen ber, die
nach der Meinung Uneingeweihter den Javanen vor Erpressung und Raub
schtzen. Meistens weiss man in unbeurteilbaren und hufig aus der
Luft gegriffenen Grnden der Politik eine Ursache zu finden, um diesen
Regenten oder jenen Huptling zu schonen, und es besteht denn auch in
Indien die zum Sprichwort geeichte Meinung, dass die Regierung lieber
zehn Residenten entlasse als einen Regenten. Auch die vorgeschtzten
politischen Grnde--wenn sie sich berhaupt auf etwas grnden--sind
gewhnlich auf falsche Angaben gesttzt, da jeder Resident Interesse
hat, den Einfluss seines Regenten auf die Bevlkerung recht hoch
darzustellen, damit er sich hinter diesem Umstande verkriechen kann,
wenn spter einmal ein Tadel auf seine zu grosse Nachsicht gegenber
diesen Huptlingen fallen sollte.

Ich will mich nun nicht weiter verbreiten ber die abscheuliche
Heuchelei der human lautenden Bestimmungen--und der Eide!--die den
Javanen gegen Willkr schtzen ... auf dem Papier, und ersuche den
Leser, sich zu erinnern, wie Havelaar beim Nachsprechen dieser Eide
ein Verhalten zeigte, das an Geringachtung denken liess. Im Augenblick
will ich nur auf die schwierige Situation des Mannes hinweisen, der
sich, so ganz anders als kraft einer gesprochenen Formel, an seine
Pflicht gebunden erachtete.

Und fr ihn war diese Schwierigkeit grsser noch, als sie fr manchen
andern gewesen wre, da sein Gemt sanft war, ganz im Gegensatz zu
seinem Verstande, den der Leser nun wohl als einen recht scharfen
kennen gelernt haben wird. Er hatte also nicht nur mit Befrchtungen
vor den Menschen oder mit der Sorge um Laufbahn und Befrderung zu
kmpfen, noch auch allein mit den Pflichten, die er als Ehegemahl
und Familienvater zu erfllen hatte: er musste einen Feind in seinem
eigenen Herzen berwinden. Er konnte nicht ohne eigenes Leid leiden
sehen, und es wrde mich zu weit fhren, wollte ich die Beispiele
anfhren, wie er stets, auch wo er gekrnkt und beleidigt war, den Part
eines Widersachers verteidigte gegen sich selbst. Er erzhlte Duclari
und Verbrugge, wie er in seiner Jugend soviel Verlockendes am Duell
mit dem Sbel gefunden, was auch Wahrheit war ... doch er sagte nicht
dabei, wie er nach Verwundung seines Gegners gewhnlich weinte und
seinen gewesenen Feind bis zur Genesung wie eine barmherzige Schwester
pflegte. Ich knnte erzhlen, wie er zu Natal den Kettengnger, der
auf ihn geschossen hatte, zu sich nahm, dem Mann freundlich zusprach,
ihn bekstigen liess und ihm Freiheiten gab vor allen andern, weil
er zu entdecken vermeinte, dass die Erbitterung dieses Verurteilten
die Folge eines anderswo gefllten zu strengen Urteils war. Gewhnlich
wurde die Sanftheit seines Gemts entweder nicht zugestanden, oder sie
wurde lcherlich gefunden. Nicht zugestanden von dem, der Herz und
Geist bei ihm nicht auseinanderzuhalten wusste. Lcherlich gefunden
von dem, der nicht begreifen konnte, wie ein verstndiger Mensch sich
Mhe gab, eine Fliege zu retten, die ins Gewebe einer Spinne geraten
war. Nicht zugegeben wieder von jedem--ausser von Tine--der ihn darauf
ber die dummen Tiere schimpfen hrte und ber die dumme Natur,
die solche Tiere schuf.

Doch es gab noch eine andere Art, um ihn von dem Piedestal
herunterzuholen, auf das seine Umgebung--man mochte ihn lieben oder
nicht--wohl gezwungen war, ihn zu setzen. Ja, er ist geistvoll, aber
... es ist Flchtigkeit in seinem Geiste. Oder: er ist verstndig,
doch ... er wendet seinen Verstand nicht gut an. Oder: ja, er ist
gutherzig ... doch er kokettiert damit!

Fr seinen Geist, fr seinen Verstand nehme ich nicht Partei. Aber
sein Herz? Arme, zappelnde Fliegen, von ihm gerettet, wenn er gnzlich
allein war, wollet ihr dieses Herz verteidigen gegen die Beschuldigung
der Koketterie?

Doch ihr seid davongeflogen und habt euch nicht bekmmert um Havelaar,
die ihr nicht wissen konntet, dass er einmal euer Zeugnis ntig
haben wrde!

War es Koketterie von Havelaar, da er zu Natal einem Hunde--Sappho
hiess das Tier--in die Flussmndung nachsprang, weil er befrchtete,
dass das noch junge Tier nicht gut genug schwimmen knne, um den
Haien zu entgehen, die dort so zahlreich waren? Ich kann an ein
derartiges Kokettieren mit Gutherzigkeit schwerer glauben, als an
die Gutherzigkeit selbst.

Ich rufe euch auf, ihr vielen, die ihr Havelaar gekannt habt--wenn
ihr nicht erstarrt seid durch Winterklte und Tod ... wie die
geretteten Fliegen, oder vertrocknet durch die Hitze da jenseits
unter der Linie!--ich rufe euch auf, dass ihr Zeugnis ableget von
seinem Herzen, ihr alle, die ihr ihn gekannt habt! Jetzt vor allem
rufe ich euch auf mit Vertrauen, da ihr nicht mehr suchen braucht,
wo das Seil eingehakt werden muss, um ihn herunterzuholen von welcher
geringen Hhe auch immer.

Inzwischen werde ich, wie bunt es auch scheinen mag, hier einigen
Zeilen von seiner Hand Raum geben, die solche Zeugnisse vielleicht
berflssig machen. Max war einmal weit, weit weg von Frau und
Kind. Er hatte sie in Indien zurcklassen mssen und befand sich in
Deutschland. Mit der Fixigkeit, die ich an ihm eigentmlich finde, ohne
indes Lust zu haben, sie zu verteidigen, wenn man sie antastet, machte
er sich zum Meister der Sprache des Landes, in dem er sich einige
Monate aufgehalten hatte. Hier sind also die Verse, die gleichzeitig
die Innigkeit verraten, mit der er den Seinen zugethan war:


    --Mein Kind, da schlgt die neunte Stunde, hr!
    Der Nachtwind suselt, und die Luft wird khl,
    Zu khl vielleicht fr dich; dein Stirnchen glht!
    Du hast den ganzen Tag so wild gespielt
    Und bist wohl mde. Komm, dein Tikar harret.

    --Ach, Mutter, lass mich noch 'nen Augenblick!
    Es ist so sanft zu ruhen hier ... und dort,
    Da drin auf meiner Matte, schlaf' ich gleich,
    Und weiss nicht einmal, was ich trume! Hier
    Kann ich doch gleich dir sagen, was ich trume,
    Und fragen, was mein Traum bedeutet ... Hr,
    Was war das?
                --Es war ein Klapper, der da fiel.
    --Thut das dem Klapper weh?
                               --Ich glaube nicht.
    Man sagt, die Frucht, der Stein hat kein Gefhl.

    --Doch eine Blume, fhlt die auch nicht?
                                            --Nein.
    Man sagt, sie fhle nicht.
                              --Warum denn, Mutter,
    Als gestern ich die Pukul ampat brach,
    Hast du gesagt: es thut der Blume weh!

    --Mein Kind, die Pukul ampat war so schn,
    Du zogst die zarten Blttchen roh entzwei,
    Das that mir fr die arme Blume leid.
    Wenngleich die Blume selbst es nicht gefhlt,
    Ich fhlt' es fr die Blume, weil sie schn war.

    --Doch, Mutter, bist du auch schn?
                                       --Nein, mein Kind,
    Ich glaube nicht.
                     --Allein du hast Gefhl?

    --Ja, Menschen haben's ... doch nicht alle gleich.

    --Und kann dir etwas weh thun? Thut dir's weh,
    Wenn dir im Schoss so schwer mein Kpfchen ruht?

    --Nein, das thut mir nicht weh!
                                   --Und, Mutter, ich ...
    Hab' ich Gefhl?
                    --Gewiss, erinn're dich,
    Wie du, gestrauchelt einst, an einem Stein
    Dein Hndchen hast verwundet und geweint.
    Auch weintest du, als Saudien dir erzhlte,
    Dass auf den Hgeln dort ein Schflein tief
    In eine Schlucht hinunterfiel und starb.
    Da hast du lang geweint ... das war Gefhl.

    Doch, Mutter, ist Gefhl denn Schmerz?
                                          --Ja, oft!
    Doch ... immer nicht, bisweilen nicht! Du weisst,
    Wenn's Schwesterlein dir in die Haare greift
    Und krhend dir's Gesichtchen nahe drckt,
    Dann lachst du freudig; das ist auch Gefhl.

    --Und dann mein Schwesterlein ... es weint so oft,
    Ist das vor Schmerz? Hat es denn auch Gefhl?

    --Vielleicht, mein Kind, wir wissen's aber nicht,
    Weil es, so klein, es noch nicht sagen kann.

    --Doch, Mutter ... hre, was war das?
                                         --Ein Hirsch,
    Der sich versptet im Gebsch und jetzt
    Mit Eile heimwrts kehrt und Ruhe sucht
    Bei andern Hirschen, die ihm lieb sind.
                                           --Mutter,
    Hat solch ein Hirsch ein Schwesterlein wie ich?
    Und eine Mutter auch?
                         --Ich weiss nicht, Kind.

    --Das wrde traurig sein, wenn's nicht so wre!
    Doch, Mutter, sieh ... was schimmert dort im Strauch?
    Sieh, wie es hpft und tanzt ... ist das ein Funke?

    --'s ist eine Feuerfliege.
                              --Darf ich's fangen?

    --Du darfst es, doch das Flieglein ist so zart,
    Du wirst gewiss ihm weh thun, und sobald
    Du's mit den Fingern allzu roh berhrst,
    Ist's Tierchen krank und stirbt und glnzt nicht mehr.

    --Das wre schade! Nein, ich fang' es nicht!
    Sieh, da verschwand es ... nein, es kommt hierher ...
    Ich fang' es doch nicht! Wieder fliegt es fort
    Und freut sich, dass ich's nicht gefangen habe.
    Da fliegt es ... hoch! Hoch oben ... was ist das,
    Sind das auch Feuerfliegen dort?
                                    --Das sind
    Die Sterne.
               --Ein, und zehn, und tausend!
    Wieviel sind denn wohl da?
                               --Ich weiss es nicht,
    Der Sterne Zahl hat niemand noch gezhlt.

    --Sag, Mutter, zhlt auch Er die Sterne nicht?

    Nein, liebes Kind, auch Er nicht.
                                     --Ist das weit
    Dort oben, wo die Sterne sind?
                                  --Sehr weit

    --Doch haben diese Sterne auch Gefhl?
    Und wrden sie, wenn ich sie mit der Hand
    Berhrte, gleich erkranken und den Glanz
    Verlieren, wie das Flieglein?--Sieh, noch schwebt es!--
    Sag', wrd' es auch den Sternen weh thun?
                                             --Nein,
    Weh thut's den Sternen nicht! Doch 's ist zu weit
    Fr deine kleine Hand: du reichst so hoch nicht.

    --Kann Er die Sterne fangen mit der Hand?

    --Auch Er nicht: das kann niemand!
                                      --Das ist schade!
    Ich gb' so gern dir einen! Wenn ich gross bin,
    Dann will ich so dich lieben, dass ich's kann.

    Das Kind schlief ein und trumte von Gefhl,
    Von Sternen, die es fasste mit der Hand ...
    Die Mutter schlief noch lange nicht, doch trumte
    Auch sie und dacht' an den, der fern war ...


Ja, auf die Gefahr hin, unntig bunt zu scheinen, habe ich diesen
Zeilen hier Raum gegeben. Ich mchte keine Gelegenheit versumen,
die uns den Mann verstehen lehrt, der die Hauptrolle in meiner
Geschichte einnimmt, damit er dem Leser einige Teilnahme abringe,
wenn spter ber seinem Haupte dunkle Wolken sich zusammenziehen.






FNFZEHNTES KAPITEL.


Havelaars Vorgnger, der wohl das Gute wollte, doch zugleich die hohe
Ungnade der Regierung einigermassen gefrchtet zu haben schien--der
Mann hatte viele Kinder, und kein Vermgen--hatte also lieber mit dem
Residenten gesprochen ber das, was er weitgehende Missbruche
nannte, als dass er sie in einem offiziellen Bericht rundheraus
beim Namen nannte. Er wusste, dass ein Resident nicht gern einen
schriftlichen Rapport empfngt, der in seinem Archiv liegen bleibt
und spter als Beweis gelten kann, dass er zeitig auf diese oder
jene Misslichkeit aufmerksam gemacht wurde, whrend eine mndliche
Mitteilung ihm gefahrlos die Wahl lsst, einer Klage Gehr oder ihr
nicht Gehr zu geben. Solche mndlichen Mitteilungen hatten gewhnlich
eine Unterhaltung mit dem Regenten zur Folge, der natrlich alles
leugnete und auf Beweise drang. Dann wurden die Leute aufgerufen,
die die Vermessenheit hatten, sich zu beklagen, und dem Adhipatti
zu Fssen kriechend baten sie um Schonung. Nein, der Bffel sei
ihnen nicht abgenommen worden fr nichts, sie glaubten ja, dass ein
doppelter Preis dafr werde bezahlt werden. Nein, sie seien nicht
von ihren Feldern abberufen worden, um ohne Bezahlung in den Sawahs
des Regenten zu arbeiten; sie wssten sehr gut, dass der Adhipatti
sie spter reichlich belohnt haben wrde. Sie htten ihre Anklage
erhoben in einem Augenblick unbegrndeten Frevelmuts ... sie seien
wahnsinnig gewesen und fleheten, dass man sie strafen mge fr so
weitgetriebene Unehrerbietigkeit.

Der Resident wusste dann wohl, was er von dieser Einziehung der Anklage
zu halten hatte, doch das Einziehen gab ihm nichtsdestoweniger eine
schne Gelegenheit, den Regenten in Amt und Ehren zu sttzen, und
ihm selbst war die unangenehme Aufgabe erspart, die Regierung mit
einem ungnstigen Bericht zu belstigen. Die ruchlosen Anklger
wurden mit Stockschlgen bestraft, der Regent hatte triumphiert,
und der Resident kehrte nach dem Hauptplatz zurck mit dem angenehmen
Bewusstsein, diese Sache schon wieder so gut geschipperd zu haben.

Doch was sollte nun der Assistent-Resident thun, wenn am folgenden Tage
sich wieder andere Klger bei ihm meldeten? Oder--und das geschah
hufig--wenn dieselben Klger zurckkehrten und ihre Einziehung
einzogen? Sollte er wieder die Sache in seine private Nota eintragen,
um wieder darber mit dem Residenten zu sprechen, um wieder dieselbe
Komdie spielen zu sehen, alles auf die Gefahr hin, fr einen
Menschen gehalten zu werden, der--dumm und bsartig vielleicht--so oft
Beschuldigungen erhob, die jedesmal als unbegrndet abgewiesen werden
mussten? Was sollte da werden aus dem so notwendigen freundschaftlichen
Verhltnis zwischen dem vornehmsten Inlndischen Huptling und dem
ersten Europischen Beamten, wenn dieser fortwhrend falschen Anklagen
gegen diesen Huptling Gehr zu geben schien? Und vor allem, was wurde
aus den armen Klgern, nachdem sie in ihr Dorf zurckgekehrt waren, wo
sie wieder der Gewalt des Distrikts- oder Dorfhuptlings unterstanden,
den sie als Werkzeug von des Regenten Willkr angeklagt hatten?

Was aus den Klgern wurde? Wer flchten konnte, flchtete. Darum
schweiften soviel Bantamer in den benachbarten Provinzen umher! Darum
waren soviel Bewohner von Lebak unter den Aufstndischen in den
Lampongschen Distrikten! Darum hatte Havelaar in seiner Ansprache an
die Huptlinge gefragt: Was ist dies, dass soviel Huser leer stehen
in den Drfern, und warum ziehen viele den Schatten der Gebsche
anderswo der Khle der Wlder von Bantan-Kidul vor?

Doch nicht jeder konnte flchten. Der Mann, dessen Leichnam morgens
den Fluss hinuntertrieb, nachdem er am Abend zuvor heimlich, zgernd,
ngstlich beim Assistent-Residenten um Gehr ersucht hatte ... er
war der Flucht enthoben. Vielleicht kann man es als human erachten,
dass man ihn durch den Tod auf der Stelle einer nur noch kurzen
Lebensdauer entzog. Ihm blieb die Misshandlung, der er bei Rckkehr
in sein Dorf ausgesetzt war, und ihm blieben die Stockprgel erspart,
die die Strafe sind fr jeden, der einen Augenblick meinen mochte,
dass er kein Tier sei, kein seelenloser Holzklotz oder ein Stein; die
Strafe fr den, der in einer Anwandlung von Narrheit geglaubt hatte,
dass Recht im Lande sei, und dass der Assistent-Resident den Willen
und die Macht habe, dieses Recht durchzusetzen ...

War es nicht wirklich besser, diesen Mann zu hindern, dass er am
andern Morgen zum Assistent-Residenten zurckkehrte--wie dieser ihm
abends sagen liess--und seine Klage in dem gelben Wasser des Tjiudjung
zu ersticken, das ihn sanft nach der Mndung hinunterfhren wrde,
gewohnt, berbringer zu sein der brderlichen Grussgeschenke der Haie
im Binnenlande an die Haie in der See?

Und Havelaar wusste das alles! Empfindet der Leser, was in seinem
Innern vorging, wenn er gedenken musste, dass er zum Rechtthun berufen
und hierin einer hheren Macht verantwortlich sei als der Macht
einer Regierung, die wohl dies Recht in ihren Gesetzen vorschrieb,
doch nicht immer gleich gern deren Anwendung sah? Empfindet man,
wie sehr ihn Zweifel plagen mussten, Unentschiedenheit darber,
nicht was ihm zu thun oblag, doch auf welche Weise er zu handeln hatte?

Er hatte begonnen mit Milde. Er hatte zum Adhipatti gesprochen als
lterer Bruder, und wer meinen mchte, dass ich in Eingenommenheit
fr den Helden meiner Geschichte die Weise, in der er sprach,
bermssig herauszustreichen suche, der hre, wie einmal nach solcher
Unterhaltung der Adhipatti seinen Patteh zu ihm schickte, dass er
ihm fr seine wohlwollenden Worte Dank sage, und wie noch lange
darnach dieser Patteh im Gesprch mit dem Kontrolleur Verbrugge--als
Havelaar aufgehrt hatte, Assistent-Resident von Lebak zu sein, als
also von ihm weder irgendwas zu erhoffen noch zu frchten war--wie
dieser Patteh bei der Erinnerung an seine Worte begeistert ausrief:
Noch niemals hat irgend ein Herr gesprochen wie er!

Ja, er wollte helfen, ins Gleise bringen, retten, nicht verderben! Er
hatte Mitleid mit dem Regenten. Er, der wusste, wie Geldmangel
drckend sein kann, vor allem wo er Schmach und Erniedrigung mit
sich fhrt, suchte nach Grnden der Schonung. Der Regent war alt
und das Haupt eines Geschlechts, das auf grossem Fusse lebte in
benachbarten Provinzen, wo viel Kaffee geerntet wurde und also viel
Emolumente erzielt wurden. War es nicht peinigend fr ihn, in der
Lebensweise so weit hinter seinen jngeren Verwandten zurckstehen
zu mssen? Obendrein meinte der Mann, von Schwrmerei ergriffen, mit
dem Wachsen seiner Jahre das Heil seiner Seele durch Bezahlung von
Wallfahrten nach Mekka und durch Almosen an gebetsingende Mssiggnger
erkaufen zu knnen. Die Beamten, die Havelaar in Lebak voraufgegangen
waren, hatten nicht immer gutes Beispiel gegeben. Und endlich machte
die ausgedehnte Lebaksche Familie des Regenten, die ihm vollstndig
zur Last lag, die Rckkehr zum rechten Wege sehr schwierig.

So suchte Havelaar nach Grnden, alle Strenge auszuschliessen und
noch einmal versuchen zu knnen, was sich erreichen liess mit Milde.

Und er ging noch ber Milde hinaus. Mit einem Edelmut, der an die
Fehler erinnerte, die ihn so arm gemacht hatten, schoss er dem Regenten
fortwhrend auf eigene Verantwortung Geld vor, damit nicht irgend ein
Zwang allzu stark zum Vergehen drnge, und er vergass wie gewhnlich
sich selbst so weit, dass er bereit war, sich und die Seinen auf
das durchaus Ntige zu beschrnken, um dem Regenten mit dem Wenigen
unter die Arme zu greifen, das er noch von seinem Einkommen wrde
ersparen knnen.

Wenn noch der Beweis ntig erscheinen mchte fr die Sanftmut, mit
der Havelaar seine schwierige Pflicht erfllte, so wrde er gefunden
werden knnen in einer mndlichen Botschaft, die er dem Kontrolleur
auftrug, als derselbe einmal nach Serang zu reisen hatte: Sagen Sie
dem Residenten, er mge, wenn er von den Missbruchen hrt, die hier
vorkommen, nicht glauben, dass ich dem gleichgltig gegenberstehe. Ich
mache nicht sogleich offiziell Meldung davon, weil ich den Regenten,
mit dem ich Mitleid fhle, vor allzu grosser Strenge bewahren mchte
und erst versuchen will, ihn durch Milde zur Pflicht zu bringen.

Havelaar blieb hufig mehrere Tage hintereinander aus. Wenn er
zu Hause war, fand man ihn meistens in dem Zimmer, das wir auf
unserem Grundriss als siebentes Fach dargestellt sehen. Da sass er
gewhnlich zu schreiben und empfing da die Personen, die um Gehr
ersuchen liessen. Er hatte diese Stelle gewhlt, weil er dort in
der Nhe seiner Tine war, die sich gewhnlich im nebenan gelegenen
Zimmer aufhielt. Denn so innig waren sie verbunden, dass Max, auch
wenn er mit einer Arbeit beschftigt war, die Aufmerksamkeit und
Mhe erforderte, stetig das Bedrfnis fhlte, sie zu sehen oder
zu hren. Es war oft spasshaft, wie er auf einmal ein Wort an sie
richtete, das in seinen Gedanken ber die ihn beschftigenden Dinge
aufdmmerte, und wie schnell sie, ohne zu wissen, was gerade vorlag,
den Sinn seiner Meinung zu erfassen wusste, die er ihr gewhnlich gar
nicht einmal auseinandersetzte, als sei es selbstverstndlich, dass
sie wsste, worauf er hinaus wolle. Hufig auch, wenn er unzufrieden
war ber seine eigene Arbeit oder ber einen soeben empfangenen
verdriesslichen Bericht, sprang er auf und sprach ein unfreundliches
Wort zu ihr ... die doch schuldlos war an seiner Unzufriedenheit! Doch
das hrte sie gern, denn es war ihr ein Beweis mehr, wie sehr sie ihr
Max mit sich selbst identifizierte. Und es war auch niemals die Rede
von einem Bedauern ber solche scheinbare Hrte oder von Vergebung
auf der andern Seite. Das wre ihnen vorgekommen, als htte jemand
sich selbst um Verzeihung gebeten, dass er rgerlich sich vor den
eigenen Kopf geschlagen hatte.

Sie kannte ihn denn auch so gut, dass sie genau wusste, wann sie
da sein musste, um ihm einen Augenblick Erholung zu verschaffen
... genau, wann er ihres Rates bedurfte, und nicht minder genau,
wann sie ihn allein lassen musste.

In diesem Zimmer sass Havelaar eines Morgens, als der Kontrolleur
bei ihm eintrat, mit einem soeben empfangenen Brief in der Hand.

--Das ist eine schwierige Sache, M'nheer Havelaar, sagte er
eintretend. Sehr schwierig!

Wenn ich nun sage, dass dieser Brief einfach Havelaars Beauftragung
enthielt, aufzuklren, warum eine Vernderung in den Preisen von
Holzarbeiten und im Arbeitslohn eingetreten sei, so wird der Leser
finden, dass der Kontrolleur Verbrugge schon sehr schnell etwas
schwierig fand. Ich beeile mich also hinzuzufgen, dass viele andere
ebensowohl Schwierigkeiten in der Beantwortung dieser einfachen Frage
gefunden haben wrden.

Vor einigen Jahren war zu Rangkas-Betung ein Gefngnis gebaut
worden. Nun ist es allgemein bekannt, dass die Beamten in den
Binnenlndern von Java die Kunst verstehen, Gebude zu errichten,
die Tausende wert sind, ohne mehr als ebensoviel Hunderte dafr
auszugeben. Man erwirbt sich dadurch den Ruf der Tchtigkeit und
des Eifers in der Bedienung des Landes. Der Unterschied zwischen den
ausgegebenen Geldern und dem Werte des dafr Erhaltenen wird durch
unbezahlte Lieferungen oder unbezahlte Arbeit erzielt. Seit einigen
Jahren bestehen Vorschriften, die dies verbieten. Ob sie innegehalten
werden, steht hier nicht zur Frage. Ebensowenig, ob die Regierung
selbst will, dass sie innegehalten werden mit einer Genauigkeit,
die belastend auf das Budget des Baudepartements wirken wrde. Es
wird wohl hiermit gehen wie mit vielen anderen Vorschriften, die so
menschenfreundlich auf dem Papier aussehen.

Es mussten nun zu Rangkas-Betung noch viele andere Gebude
errichtet werden, und die Ingenieure, die mit dem Entwerfen der
Plne hierfr betraut waren, hatten Angaben von den rtlichen
Preisen der Materialien und von der Hhe der Arbeitslhne am
Platze eingefordert. Havelaar hatte den Kontrolleur mit einer
genauen Untersuchung diesbezglich beauftragt und ihm anbefohlen,
die Preise der Wahrheit gemss anzugeben, ohne Rcksicht darauf,
was frher geschah. Als Verbrugge diesem Auftrage gerecht geworden
war, stellte es sich heraus, dass seine Preise nicht bereinstimmten
mit den Angaben, die einige Jahre frher gemacht waren. Es wurde nun
nach dem Grunde dieses Unterschiedes gefragt, und darin bestand fr
Verbrugge soviel Schwierigkeit. Havelaar, der sehr gut wusste, was
hinter dieser scheinbar einfachen Sache verborgen war, antwortete, dass
er seine Ansichten betreffs dieser Schwierigkeit schriftlich mitteilen
wrde. Ich finde nun auch unter den mir vorliegenden Schriftstcken
eine Abschrift des Briefes, der auf diese Zusage hin geschrieben zu
sein scheint.

Wenn der Leser klagen sollte, dass ich ihn mit einer Korrespondenz
ber die Preise von Holzarbeiten langweile, die ihn scheinbar nichts
angeht, so muss ich ihn ersuchen, nicht unbeachtet zu lassen, dass hier
eigentlich von ganz etwas anderem die Rede ist, von dem Zustande der
amtlichen Indischen Haushaltung, und dass der Brief, den ich mitteile,
nicht allein mehr Licht auf den knstlichen Optimismus wirft, von
dem ich redete, sondern zugleich auch die Schwierigkeiten aufweist,
mit denen jemand zu kmpfen hatte, der wie Havelaar geradeaus und
ohne sich umzusehen seinen Weg gehen wollte.


    Nr. 114.                     Rangkas-Betung, den 15. Mrz 1856.

    An den Kontrolleur von Lebak.


    Als ich den Brief des Direktors der ffentlichen Arbeiten vom
    16. Februar d. J., No. 271/354, Ihnen berwies, habe ich Sie
    ersucht, die darin enthaltenen Fragen nach berlegung mit dem
    Regenten zu beantworten, und zwar unter Bercksichtigung dessen,
    was ich in meiner Missive vom 5. dieses, Nr. 97, schrieb.

    Diese Missive enthielt einige allgemeine Winke bezglich dessen,
    was als recht und billig anzusehen ist bei der Festsetzung der
    Preise von Materialien, die von der Bevlkerung an die Verwaltung
    und im Auftrag derselben zu liefern sind.

    Mit Ihrer Missive vom 8. dieses, No. 6, haben Sie dem--und wie
    ich glaube, nach Ihrem besten Wissen--Folge gegeben, so dass
    ich, vertrauend auf Ihre lokale Kenntnis und die des Regenten,
    diese Angaben, so wie sie von Ihnen gemacht sind, dem Residenten
    unterbreitet habe.

    Darauf folgte eine Missive von diesem Oberbeamten, vom 11. dieses,
    No. 326, durch welche um eine Erklrung ersucht wird bezglich
    der Ursache des Unterschieds in den von mir angegebenen Preisen
    und denjenigen, die in den Jahren 1853 und 1854 bei dem Bau eines
    Gefngnisses gezahlt wurden.

    Ich liess natrlich diesen Brief Ihnen zustellen und gab Ihnen
    mndlich den Auftrag, anjetzo Ihre Angaben zu rechtfertigen, was
    Ihnen um so weniger schwer fallen musste, als Sie sich auf die
    Vorschriften berufen konnten, die ich Ihnen in meinem Schreiben
    vom 5. dieses gab, und die wir auch mndlich mehrmals ausfhrlich
    besprachen.

    Bis dahin ist alles einfach und in Ordnung.

    Gestern aber kamen Sie mit dem Ihnen berwiesenen Briefe des
    Residenten in der Hand auf mein Bureau und begannen von der
    Schwierigkeit der Erledigung des darin Enthaltenen zu reden. Ich
    gewahrte bei Ihnen wiederum jene Scheu, die Dinge beim wahren Namen
    zu nennen, etwas, worauf ich schon mehrmals Ihre Aufmerksamkeit
    lenkte, unter anderem unlngst in Gegenwart des Residenten, etwas,
    das ich in Krze Halbheit nenne und wovor ich Sie schon mehrfach
    freundschaftlich warnte.

    Halbheit fhrt zu nichts. Halb-gut ist nicht gut. Halb-wahr
    ist unwahr.

    Fr vollen Sold, fr vollen Rang, nach einem deutlichen,
    vollstndigen Eide thue man seine volle Pflicht.

    Ist zuweilen Mut ntig, um diese zu erfllen: man besitze ihn.

    Ich fr mich wrde den Mut nicht haben, dieses Mutes zu
    ermangeln. Denn, abgesehen von der Unzufriedenheit mit sich
    selbst, die eine Folge von Pflichtversumnis und Lauheit ist,
    gebiert das Suchen nach bequemeren Umwegen, die Sucht, stets und
    berall einem Anstossen aus dem Wege zu gehen, die Begierde zu
    schipperen mehr Sorge und in der That mehr Gefahr, als man auf
    dem rechten Wege antreffen wird.

    Whrend des Laufs einer sehr belangreichen Sache, die jetzt beim
    Gouvernement zur Erwgung steht und in die Sie eigentlich von
    Amts wegen einbezogen sein mssten, habe ich Sie stillschweigend
    sozusagen neutral gelassen, und nur lchelnd von Zeit zu Zeit
    darauf angespielt.

    Als zum Beispiel unlngst Ihr Rapport ber die Ursachen von Mangel
    und Hungersnot unter der Bevlkerung bei mir eingegangen war,
    und ich darauf schrieb: Dieses alles mge Wahrheit sein, doch es
    ist nicht alle Wahrheit, noch die hauptschlichste Wahrheit. Die
    Hauptursache sitzt tiefer, stimmten Sie dem in vollem Umfange
    zu, und ich machte keinen Gebrauch von meinem Recht, zu fordern,
    dass Sie dann auch diese Hauptwahrheit nennen sollten.

    Zu diesem Ihnen bequemen Verhalten hatte ich viele Grnde und
    unter anderm den, dass ich es fr unbillig hielt, auf einmal
    von Ihnen etwas zu fordern, um das viele andere an Ihrer Stelle
    ebensowenig sich reissen wrden, Sie zu zwingen, so auf einmal
    dem gewohnten Laufe der Zurckhaltung und Menschenfurcht Valet
    zu sagen, der nicht so sehr Ihnen als Schuld beizumessen ist,
    als wohl der Leitung, der Sie unterstanden. Ich wollte endlich
    erst Ihnen ein Beispiel geben, wieviel einfacher und gemchlicher
    es ist, eine Pflicht ganz zu thun, als halb.

    Jetzt aber, wo ich die Ehre habe, Sie doch so viele Tage mehr unter
    meine Befehle gestellt zu sehen, und nachdem ich Ihnen wiederholt
    die Gelegenheit gab, Grundstze kennen zu lernen, die--es sei denn,
    dass ich irre--zuguterletzt triumphieren werden--jetzt wnschte ich
    doch, dass Sie dieselben sich zu eigen machten, dass Sie sich die
    wohl nicht mangelnde, aber ausser bung gekommene Kraft erwrben,
    die ntig scheint, um Sie stets nach Ihrem besten Wissen rundheraus
    sagen zu lassen, was zu sagen ist, und um Sie also ganz und gar
    jene unmnnliche Furchtsamkeit verlieren zu lassen, die immer nur
    darauf aus ist, sich schnell und bequem aus der Affaire zu ziehen.

    Ich erwarte also nun eine einfache, aber vollstndige Angabe
    dessen, was Ihnen als Ursache des Preisunterschieds erscheint
    zwischen jetzt und den Jahren 1853 und 1854.

    Ich hoffe ernstlich, dass Sie keinen einzigen Passus dieses
    Briefes aufnehmen werden als geschrieben in der Absicht, Sie zu
    krnken. Ich vertraue, dass Sie mich hinreichend kennen gelernt
    haben, um zu wissen, dass ich nicht mehr oder nicht weniger sage,
    als ich meine, und berdies gebe ich Ihnen noch zum berfluss
    die Versicherung, dass meine Bemerkungen eigentlich weniger
    Sie betreffen, als die Schule, in der Sie zum Indischen Beamten
    erzogen wurden.

    Diese circonstance attnuante wrde jedoch hinfllig werden, wenn
    Sie, indem Sie noch lnger mit mir verkehrten und dem Gouvernement
    unter meiner Leitung dienten, fortfhren, dem Schlendrian zu
    folgen, gegen den ich mich auflehne.

    Sie haben wahrgenommen, dass ich mich des Euerwohledelgestrengen
    begeben habe: es langweilte mich. Thun Sie es auch und lassen Sie
    unsere Wohledelheit und, wo es ntig ist, unsere Gestrengheit
    anderswo und vor allem anders erkennbar werden, als aus dieser
    langweilenden, sinnstrenden Titulatur.


        Der Assistent-Resident von Lebak

            Max Havelaar.


Die Antwort auf diesen Brief erwies sich belastend fr manchen von
Havelaars Vorgngern, und sie bewies, dass er nicht so unrecht hatte,
als er die schlechten Beispiele frherer Zeit mit unter die Grnde
aufnahm, die fr Schonung des Regenten sprechen konnten.

Ich bin mit der Mitteilung dieses Briefes der Zeit vorausgeeilt,
um nun schon es klar werden zu lassen, wie wenig Hlfe Havelaar von
dem Kontrolleur zu erwarten hatte, sobald ganz andere, wichtigere
Dinge beim rechten Namen zu nennen waren, wenn schon diesem Beamten,
der ohne Zweifel ein braver Mensch war, so zugeredet werden musste,
dass er die Wahrheit sage, wo es sich doch nur um Angabe der Preise
von Holz, Stein, Kalk und Arbeitslohn handelte. Man entnimmt also,
dass er nicht allein mit der Macht der Personen zu kmpfen hatte,
die aus unreellen Handlungen Vorteil zogen, sondern gleichzeitig auch
mit der Furchtsamkeit derjenigen, die--wie sehr auch sie selbst diese
unreellen Handlungen missbilligten--sich nicht berufen oder geeignet
erachteten, hiergegen mit dem erforderlichen Mute aufzutreten.

Vielleicht wird man auch nach der Lektre dieses Briefes einigermassen
zurckkommen von der Geringschtzung der sklavischen Unterwrfigkeit
des Javanen, der in Gegenwart seines Huptlings die erhobene
Beschuldigung, wie begrndet immer sie sein mochte, feigherzig
zurckzieht. Denn wenn man bedenkt, dass soviel Ursache zur Furcht
vorhanden war selbst fr den Europischen Beamten, der doch wohl minder
der Rache blossgestellt war, was wartete dann des armen Landbewohners,
der, in einem Dorf fern vom Hauptplatz, ganz und gar der Macht seiner
angeklagten Unterdrcker anheimfiel? Ist es ein Wunder, dass diese
armen Menschen, erschreckt von den Folgen ihrer Keckheit, diesen Folgen
zu entgehen oder sie durch demtige Unterwerfung zu mildern suchten?

Und es war nicht allein der Kontrolleur Verbrugge, der seine
Pflicht mit einer ngstlichen Scheu that, die an Pflichtversumnis
grenzte. Auch der Djaksa, der Inlndische Huptling, der bei dem
Landrat das Amt des ffentlichen Anklgers einnahm, betrat am
liebsten abends, ungesehen und ohne Gefolge Havelaars Wohnung. Er,
der dem Diebstahl entgegentreten musste, der den Auftrag hatte, den
schleichenden Dieb zu berraschen, er schlich, als wre er selbst der
Dieb, der berraschung frchtete, mit leisem Tritt an der Hinterseite
ins Haus hinein, nachdem er sich erst berzeugt hatte, dass kein
Besuch da war, der ihn spter als schuldig der Pflichterfllung wrde
verraten knnen.

War es ein Wunder, dass Havelaars Seele betrbt war, und dass Tine
mehr denn jemals es ntig fand, in sein Zimmer zu treten, um ihn
aufzurichten, wenn sie ihn, das Haupt schwer auf die Hand gesttzt,
dasitzen sah?

Und doch lag ihm die grsste Schwierigkeit nicht in der Furchtsamkeit
derer, die ihm zur Seite gestellt waren, noch in der mitschuldigen
Feigherzigkeit derer, die seine Hlfe angerufen hatten. Nein,
zur Not wrde er ganz allein Recht thun, mit oder ohne Hlfe von
andern, ja, gegen alle, und sei es selbst gegen den Willen derer,
die dieses Rechtes bedrftig waren! Denn er wusste, welchen Einfluss
auf das Volk er hatte, und wie--wenn einmal die armen Unterdrckten
aufgerufen waren, um laut und vor Gericht zu wiederholen, was sie
ihm abends und nachts in Einsamkeit zugeraunt hatten--er wusste,
wie er die Macht hatte, auf ihre Gemter zu wirken, und wie die
Kraft seiner Worte strker sein wrde als die Angst vor der Rache
von Distriktshuptling oder Regent. Die Befrchtung, dass seine
Schtzlinge von ihrer eigenen Sache abfallen mchten, hielt ihn
also nicht zurck. Aber es kostete ihn so viel, den alten Regenten
anzuklagen: das war der Grund seines Zwiespalts! Andererseits mochte
er auch nicht diesem Widerwillen nachgeben, da die ganze Bevlkerung,
abgesehen von ihrem guten Recht, ebensosehr Anspruch auf Mitleid hatte.

Furcht vor eigenem Leiden hatte keinen Anteil an seinen Zweifeln. Denn
wusste er auch, wie ungern im allgemeinen die Regierung einen
Regenten angeklagt sieht, und wieviel leichter es manchem fllt,
den Europischen Beamten brotlos zu machen, als einen Inlndischen
Huptling zu strafen, er hatte doch einen besonderen Grund, zu
glauben, dass gerade in diesem Augenblick bei der Beurteilung der
vorliegenden Sache andere Grundstze als die gewohnten sich geltend
machen wrden. Es ist wahr, dass er auch ohne diese Meinung ebensowohl
seine Pflicht gethan haben wrde, ja, um so lieber, als er die Gefahr
fr sich und die Seinen grsser denn jemals erachtete. Es wurde schon
gesagt, dass Schwierigkeiten eine Anziehung auf ihn ausbten und wie
ihn drstete nach Aufopferung. Doch er war der Ansicht, dass hier
das Verlockende eines Selbstopfers nicht bestehe, und frchtete, dass
er--schliesslich gezwungen, zum ernsthaften Kampf gegen das Unrecht
berzugehen--des ritterlichen Hochgefhls sich werde entschlagen
mssen, diesen Kampf begonnen zu haben als der Schwchere.

Ja, das frchtete er. Er war der Meinung, es stnde an der Spitze der
Regierung ein Generalgouverneur, der sein Bundesgenosse sein wrde,
und es war wieder eine Eigentmlichkeit seines Charakters, dass diese
Meinung ihn von strengen Massregeln zurckhielt, und zwar lnger,
als irgend etwas anderes ihn abgehalten haben wrde, weil sein Wesen
es nicht zuliess, das Unrecht in einem Augenblick anzugreifen, da er
das Recht fr strker hielt denn gewhnlich. Sagte ich nicht schon,
als ich versuchte, sein Naturell zu beschreiben, dass er naiv war
bei all seinem Scharfsinn?

Wir wollen sehen, wie Havelaar zu dieser Meinung gekommen war.



Es knnen sich sehr wenige europische Leser eine rechte Vorstellung
bilden von der Hhe, auf der ein Generalgouverneur als Mensch stehen
muss, um nicht unter der Hhe seines Amtes zu bleiben, und man sehe es
denn auch nicht als ein strenges Urteil an, wenn ich zu der Meinung
neige, dass sehr wenige, niemand vielleicht, einer so schweren
Forderung gerecht werden konnten. Um nun nicht all die Qualitten
des Kopfes wie des Herzens, die hierfr ntig sind, sich aufzhlen zu
lassen, erhebe man nur das Auge zu der schwindelerregenden Hhe, auf
die so ber Nacht der Mann erhoben wird, der, gestern noch einfacher
Brger, heute Macht hat ber Millionen Unterthanen. Er, der vor kurzem
noch in seiner Umgebung unterging, ohne durch Rang oder Macht ber
sie hinauszuragen, fhlt sich auf einmal, meist unerwartet, ber eine
Menge erhoben, die unendlich viel grsser ist als der kleine Kreis,
der ihn frher dennoch ganz dem Auge verbarg, und ich glaube, dass ich
nicht mit Unrecht die Hhe schwindelerregend nannte, denn sie lsst
den Schwindel jemandes empfinden, der unerwartet einen Abgrund vor
sich sieht, oder die Blindheit, die uns befllt, wenn wir aus tiefem
Dunkel mit Schnelligkeit in scharfes Licht bergefhrt werden. Solchen
bergngen sind die Nerven des Gesichts oder Gehirns nicht gewachsen,
mgen sie selbst von aussergewhnlicher Strke sein.

Wenn also die Ernennung zum Generalgouverneur an sich schon meistens
die Ursachen des Verderbs mit sich fhrt, des Verderbs selbst eines
Menschen, der durch Verstand und Gemt hervorragte, was ist dann
wohl zu erwarten von Personen, die schon vor dieser Ernennung an
vielen Gebrechen litten? Und nehmen wir immerhin einen Augenblick an,
dass der Knig stets gut unterrichtet ist, wenn er seinen hohen Namen
unter die Akte zeichnet, in der er sagt, dass er von der guten Treu,
dem Eifer und der Tauglichkeit des ernannten Statthalters berzeugt
sei, nehmen wir immer an, dass der neue Unterknig eifrig, treu und
tauglich ist, dann noch bleibt es die Frage, ob dieser Eifer, und vor
allem, ob diese Tauglichkeit bei ihm in einem Masse vorhanden ist,
hoch genug erhoben ber Mittelmssigkeit, um den Ansprchen seiner
hohen Berufung zu gengen.

Denn es kann gar nicht die Frage sein, ob der Mann, der im Haag zum
erstenmal als Generalgouverneur das Kabinett des Knigs verlsst,
in diesem Augenblick die Tauglichkeit besitzt, die fr sein neues
Amt ntig sein wird ... das ist unmglich! Mit der Bezeugung des
Vertrauens zu seiner Tauglichkeit kann nur die Meinung ausgesprochen
sein, dass er in einem ganz neuen Wirkungskreise, in einem gegebenen
Augenblick, durch Eingebung, wenn's nicht anders ist, wissen werde,
was er im Haag nicht gelernt haben kann. Mit andern Worten: dass er
ein Genie ist, ein Genie, das mit einem Male kennen muss und knnen,
was es weder kannte noch konnte. Solche Genies sind selten, sogar
selten unter Personen, die bei Knigen in Gunst stehen.

Wo ich hier von Genies spreche, wird es begreiflich sein, dass ich
bergehen mchte, was ber so manchen Landvogt zu sagen wre. Es
schiene mir auch nicht entsprechend, meinem Buche Bltter einzufgen,
die den ernsthaften Zweck dieses Werkes durch den Verdacht des
Skandalinteresses als fragwrdig erscheinen lassen wrden. Ich
lasse also die Besonderheiten, die auf bestimmte Personen entfallen
wrden, beiseite; aber als allgemeine Krankheitsgeschichte der
Generalgouverneurs meine ich angeben zu knnen:

Erstes Stadium: Schwindel. Weihrauchtrunkenheit. Grssenwahn.
Unmssiges Selbstvertrauen. Minderachtung anderer, vor allem der
durch langen indischen Aufenthalt Eingebrgerten.

Zweites Stadium: Ermattung. Furcht. Mutlosigkeit. Neigung zu Schlaf
und Ruhe. bermssiges Vertrauen auf den Rat von Indien. Abhngigkeit
vom Allgemeinen Sekretariat. Heimweh nach einem hollndischen Landsitz.

Zwischen diesen beiden Stadien, als bergang--vielleicht gar als
Ursache dieses bergangs--liegen dysenterische Bauchbeschwerden.

Ich vertraue, dass viele in Indien mir dankbar sein werden fr
diese Diagnose. Sie ist nutzbar zu verwerten, denn man kann als
sicher annehmen, dass der Kranke, der durch berspannung in der
ersten Periode an einer Mcke ersticken wrde, spter--nach der
Bauchkrankheit!--sonder Beschwer Kamele vertragen wird. Oder, um
deutlicher zu reden, dass ein Beamter, der Geschenke annimmt, nicht
in der Absicht sich zu bereichern--z. B. einen Bschel Bananen im
Werte einiger Heller--mit Schmach und Schande wird fortgejagt werden
in der ersten Periode der Krankheit, dass aber jemand, der die Geduld
hat, den letzten Zeitabschnitt abzuwarten, sehr ruhig und ohne irgend
welche Furcht vor Strafe sich zum Herrn des Gartens wird machen knnen,
wo die Bananen wachsen, mit den Grten, die daran liegen ... zum Herrn
der Huser, die in der Nachbarschaft liegen ... zum Herrn dessen,
was in diesen Husern ist ... und zum Herrn des einen und andern mehr,
ad libitum.

Jeder benutze diesen pathologisch-philosophischen Hinweis zu seinem
Vorteil und halte meinen Rat geheim, um allzugrosser Mitbewerbung
vorzubeugen ...



Verflucht, dass Entrstung und Betrbtheit so oft sich kleiden
mssen in das Schelmenkleid der Satire! Verflucht, dass eine Thrne,
um begriffen zu werden, von Grinsen begleitet sein muss! Oder liegt
die Schuld an meiner Ungeschicktheit, dass ich, um ein Mass fr die
Tiefe der Wunde zu finden, die krebsartig an unserer Staatsverwaltung
frisst, keine Worte finde, ohne meinen Stil bei Figaro oder Polichinel
zu suchen?

Stil ... ja! Da vor mir liegen Schriftstcke, worin Stil ist! Stil,
der verriet, dass ein Mensch in der Nhe war, ein Mensch, dem die
Hand zu reichen der Mhe wert gewesen wre! Und was hat dieser Stil
dem armen Havelaar geholfen? Er bersetzte seine Thrnen nicht in
Gegrinse, er spottete nicht, er suchte nicht durch grelle Buntheit
der Farben zu fesseln oder durch die tollen Spsse des Ausrufers vor
der Jahrmarktsbude ... was hat es ihm geholfen?

Knnte ich schreiben wie er, ich wrde anders schreiben als er.

Stil? Habt ihr gehrt, wie er zu den Huptlingen sprach? Was hat es
ihm geholfen?

Knnte ich reden wie er, ich wrde anders reden als er.

Fort mit der friedfertigen Sprache, fort mit Milde, Offenherzigkeit,
Deutlichkeit, Einfalt, Gefhl! Fort mit allem, was erinnert an des
Horatius justum ac tenacem! Trompeten hier etwa und scharfes Gellen
von Beckenschlag und Gezisch von Raketen und Schrillen von falschen
Saiten und hier und da ein wahres Wort, dass es mit einschlpfe wie
verbotene Ware unter Bedeckung von soviel Getrommel und Gepfeife!

Stil? Er hatte Stil! Er hatte zuviel Seele, um seine Gedanken zu
ertrnken in dem ich habe die Ehre und den Edelgestrengheiten
und dem ehrerbietig zur Erwgung geben, wie es die Wollust der
kleinen Welt ausmachte, in der er sich bewegte. Wenn er schrieb,
durchdrang einen etwas beim Lesen, das liess verstehen, wie da Wolken
trieben bei diesem Unwetter, und dass man da nicht das Poltern eines
blechernen Theaterdonners hrte. Wenn er Feuer aus seinen Gedanken
schlug, fhlte man die Glut von diesem Feuer, es sei denn, dass man
geborene Schreiberseele war oder Generalgouverneur oder Verfasser
des allerjmmerlichsten Berichts ber ruhige Ruhe. Und was hat es
ihm geholfen?

Wenn ich also gehrt werden will--und verstanden vor allem!--muss
ich anders schreiben als er. Aber wie dann?

Sieh, Leser, ich suche nach Antwort auf dieses wie, und darum hat
mein Buch ein so scheckiges Aussehen. Es ist eine Musterkarte: triff
deine Wahl. Nachher werde ich dir gelb oder blau oder rot geben,
wie du es wnschest.



Havelaar hatte die Gouverneurskrankheit schon so hufig wahrgenommen,
an soviel Patienten--und oft 'in anima vili', denn es giebt analog
Residenten-, Kontrolleurs- und Surnumerairskrankheiten, die sich zu der
ersteren verhalten wie Masern zu Pocken, und endlich: er selbst hatte
an dieser Krankheit gelitten!--schon so hufig hatte er das alles
wahrgenommen, dass die bezglichen Erscheinungen ihm ziemlich gut
bekannt geworden waren. Er hatte den gegenwrtigen Generalgouverneur
beim Beginn der Krankheit weniger schwindelig gefunden, als die meisten
andern vor ihm, und glaubte hieraus schliessen zu drfen, dass auch
der fernere Lauf der Krankheit eine andere Richtung nehmen wrde.

Da lag der Grund, dass er frchtete, er werde der strkere sein,
wenn er schliesslich als Verteidiger des guten Rechts der Einwohner
von Lebak wrde auftreten mssen.






SECHZEHNTES KAPITEL.


Havelaar erhielt einen Brief vom Regenten von Tjanjor, worin dieser ihm
mitteilte, dass er seinem Ohm, dem Adhipatti von Lebak, einen Besuch
darzubringen wnsche. Diese Nachricht war ihm sehr unangenehm. Er
wusste, dass die Huptlinge in den Preanger Regentschaften einen
grossen Wohlstand zur Schau trugen, und dass der Tjanjorsche Tommongong
solch eine Reise nicht ohne ein Gefolge von vielen Hunderten machen
wrde, die alle mit ihren Pferden beherbergt und bewirtet werden
mussten. Er htte also gern diesen Besuch verhindert, doch er sann
vergeblich auf Mittel, die dem zuvorkommen konnten, ohne dass sie den
Regenten von Rangkas-Betung krnkten, da dieser sehr stolz war und sich
tief beleidigt gefhlt haben wrde, wenn man seine verhltnismssige
Armut als zu entscheidendes Moment angefhrt htte, ihn nicht zu
besuchen. Und wenn dieser Besuch nicht zu umgehen war, so musste
er unausbleiblich Veranlassung zur Erschwerung des Druckes geben,
unter dem die Bevlkerung gebeugt ging.

Es ist zweifelhaft, ob Havelaars Ansprache einen bleibenden Eindruck
auf die Huptlinge gemacht hatte. Bei vielen war dies sicher nicht
der Fall, worauf er selbst denn auch nicht gerechnet hatte. Doch
ebenso gewiss ist, dass es in den Drfern freudig von Mund zu Mund
gegangen war, dass der Tuwan, der zu Rangkas-Betung Macht htte, Recht
thun wolle, und hatten also auch seine Worte nicht die Kraft gehabt,
vor Verbrechen zurckzuschrecken, sie hatten doch den Schlachtopfern
derselben den Mut gegeben, sich zu beschweren, geschah es immerhin
auch nur zaghaft und verstohlenerweise.

Sie krochen abends durch den Ravijn, und Tine, in ihrem Zimmer sitzend,
wurde mehrfach durch unerwartetes Gerusch aufgeschreckt, und sie
gewahrte, hinausblickend durchs offene Fenster, dunkle Gestalten, die
mit scheuem Tritt vorbeischlichen. Bald erschrak sie nicht mehr, denn
sie wusste, was es auf sich hatte, wenn diese Gestalten so spukhaft ums
Haus irrten und Schutz suchten bei ihrem Max! Dann winkte sie ihm, und
er stand auf, um die Klger zu sich zu rufen. Die meisten kamen aus dem
Distrikt Parang-Kudjang, wo des Regenten Schwiegersohn Huptling war,
und wiewohl dieser Huptling gewiss nicht versumte, seinen Teil vom
Erpressten zu nehmen, so war es doch fr niemanden ein Geheimnis,
dass er meistens im Namen und fr den Niessbrauch des Regenten
raubte. Es war rhrend, wie die armen Betroffenen auf Havelaars
Ritterlichkeit bauten und berzeugt waren, er werde sie nicht rufen,
dass sie am folgenden Tage ffentlich wiederholten, was sie in der
Nacht oder am Abend vorher bei ihm im Zimmer gesagt hatten. Denn dies
htte Misshandlung bedeutet fr alle, und fr viele den Tod! Havelaar
zeichnete auf, was sie sagten, und darauf gebot er den Klgern, dass
sie in ihr Dorf zurckkehrten. Er versprach, dass Recht geschehen
wrde, wenn sie nur nicht zur Gewalt griffen und nicht auswanderten,
wie es die meisten im Sinne hatten. Meistens war er kurz darauf an
dem Ort, wo das Unrecht geschah, ja, oft war er bereits dagewesen
und hatte--gewhnlich des Nachts--die Sache untersucht, bevor noch
der Klger selbst an seine Wohnsttte zurckgekehrt war. So besuchte
er in dieser ausgedehnten Abteilung Drfer, die zwanzig Stunden von
Rangkas-Betung entfernt waren, ohne dass der Regent noch selbst der
Kontrolleur Verbrugge wussten, dass er vom Hauptplatze abwesend war. Er
bezweckte damit, die Gefahr der Rache von den Klgern abzuwenden und
zugleich dem Regenten die Beschmung einer ffentlichen Untersuchung
zu ersparen, die unter ihm sicher nicht wie frher mit einer Einziehung
der Klage abgelaufen wre. So hoffte er noch immer, dass die Huptlinge
den gefhrlichen Weg verlassen wrden, den sie schon so lange begingen,
und es htte in diesem Falle fr ihn sein Bewenden damit gefunden,
dass er die Schadlosstellung der Beraubten forderte ... sofern die
Vergtung des erlittenen Schadens mglich sein wrde.

Doch jedesmal, nachdem er aufs neue mit dem Regenten gesprochen hatte,
erlangte er die berzeugung, dass die Versprechungen der Besserung
eitel waren, und er war bitter betrbt ber das Missglcken seiner
Bemhungen.

Wir werden ihn nun einige Zeit dieser Betrbtheit und seiner mhevollen
Arbeit berlassen, um dem Leser die Geschichte von dem Javanen Sadjah
in der Dessah Badur zu erzhlen. Ich entnehme den Namen des Dorfes und
den des Javanen aus den Aufzeichnungen von Havelaar. Es wird darin
Rede sein von Erpressung und Raub, und wenn man einer dichterischen
Schpfung--was ihren Hauptzweck angeht--Beweiskraft absprechen mchte,
so gebe ich die Versicherung, dass ich im stande bin, die Namen von
zweiunddreissig Personen allein im Distrikt Parang-Kudjang anzugeben,
denen in der Zeit eines Monats sechsunddreissig Bffel abgenommen sind
fr den Niessbrauch des Regenten. Oder, noch treffender ausgedrckt:
dass ich die Namen nennen kann von zweiunddreissig Personen aus diesem
Distrikt, die in einem Monat sich zu beklagen den Mut gehabt haben,
und deren Klage von Havelaar untersucht und begrndet befunden ist.

Solcher Distrikte sind fnf in der Abteilung Lebak ...

Wenn man nun anzunehmen beliebt, dass die Anzahl geraubter Bffel
minder gross war in den Landschaften, die nicht die Ehre hatten,
von einem Schwiegersohn des Adhipatti verwaltet zu werden, will ich
dem nicht widersprechen, wie sehr es die Frage bleibt, ob nicht die
Unverschmtheit von anderen Huptern auf gleich festem Untergrunde
ruhte wie auf hoher Verwandtschaft. Der Distriktshuptling zum
Beispiel von Tjilang-Kahan an der Sdkste konnte in Ermangelung eines
gefrchteten Schwiegervaters sich sttzen auf die Schwierigkeit des
Einbringens einer Klage fr arme Leute, die einen Weg von vierzig bis
sechzig Pfhlen zurckzulegen hatten, ehe es ihnen mglich war, sich
abends im Ravijn nahe Havelaars Hause zu verbergen. Und wenn man dazu
die vielen bercksichtigt, die sich auf den Weg machten, ohne jemals
das Haus zu erreichen ... die vielen, die nicht einmal aus ihrem Dorfe
sich aufmachten, abgeschreckt durch eigene Erfahrung oder das Los
gewahrend, das anderen Klgern erblhte, dann, glaube ich, wrde sich
die Meinung als unrichtig herausstellen, dass die Multiplizierung der
Zahl gestohlener Bffel aus einem Distrikt mit fnf einen zu hohen
Massstab ergbe fr den, der nach der Statistik der Anzahl Rinder
verlangt, die jeden Monat in fnf Distrikten geraubt wurden, um den
Erfordernissen in der Hofhaltung des Regenten von Lebak zu dienen.

Und nicht nur Bffel waren es, die gestohlen wurden, noch war gar
Bffelraub das hauptschlichste, das in Frage kam. Es ist--besonders in
Indien, wo noch immer Herrendienst gesetzlich besteht--ein geringeres
Mass von Unverschmtheit ntig, um die Bevlkerung ungesetzlicherweise
zu unbezahlter Arbeit aufzurufen, als erforderlich ist, um Eigentum
wegzunehmen. Es ist leichter, der Bevlkerung weiszumachen, dass die
Regierung ihrer Arbeit bedrfe, ohne sie bezahlen zu wollen, als von
dieser Regierung zu sagen, dass sie ihre Bffel verlange fr nichts und
wieder nichts. Und wrde auch der furchtsame Javane nachzuspren wagen,
ob der sogenannte Herrendienst, den man von ihm verlangt, mit den
diesbezglichen Vorschriften in Einklang steht, dann noch wrde ihm
dies unmglich sein, da der eine nicht vom andern weiss und er also
nicht berechnen kann, ob die festgestellte Zahl Personen nicht zehn-,
ja, fnfzigfach berschritten ist. Wo also die mehr gefhrliche,
leichter zu entdeckende That mit solcher Vermessenheit ausgefhrt
wird, was ist da von den Missbruchen zu denken, deren man sich
bequemer schuldig machen kann und die minder der Entdeckungsgefahr
ausgesetzt sind?

Ich sagte, dass ich bergehen wrde zu der Geschichte des Javanen
Sadjah. Zuvor jedoch bin ich zu einer der Abschweifungen gentigt,
die bei der Schilderung von Zustnden, die dem Leser gnzlich fremd
sind, so schwer zu vermeiden sind. Ich werde gleichzeitig die sich
bietende Gelegenheit ergreifen, auf eins der Hindernisse hinzuweisen,
die das rechte Beurteilen Indischer Angelegenheiten nicht-indischen
Personen so besonders schwierig machen.

Wiederholt habe ich von Javanen gesprochen, und wie natrlich dies
dem europischen Leser vorkommen mge, diese Benennung wird doch wie
ein Fehler in den Ohren desjenigen geklungen haben, der auf Java
Bescheid weiss. Die westlichen Residentschaften Bantam, Batavia,
Preanger, Krawang und ein Teil von Cheribon--zusammen Sundahlande
genannt--werden nicht als zum eigentlichen Java gehrig betrachtet,
und in der That ist, um nun nicht von den ber die See hergekommenen
Fremdlingen in diesen Gegenden zu reden, die dort heimische Bevlkerung
eine ganz andere als die auf Mittel-Java und in der sogenannten
Ostecke. Kleidung, Volkssitte und Sprache sind so ganz anders als
mehr ostwrts, sodass der Sundanese oder Orang Gunung gegen den
eigentlichen Javanen mehr Unterscheidung zeigt als ein Englnder
gegen den Hollnder. Solche Unterschiede geben Veranlassung zu
Abweichungen in der Beurteilung Indischer Angelegenheiten. Man wird
wohl, wenn man sich berzeugt, dass Java allein schon so scharf in
zwei ungleich geartete Teile abgeteilt ist, ohne noch auf die vielen
Unterstufen dieser Zweiteilung zu achten, man wird gewiss daraus
berechnen knnen, wie gross der Unterschied bei Volksstmmen sein muss,
wenn sie weiter voneinander wohnen und gar durch die See geschieden
sind. Wem Niederlndisch-Indien allein von Java her bekannt ist,
der kann sich ebensowenig eine rechte Vorstellung von dem Malayen,
dem Amboinesen, dem Battah, dem Alfur, dem Timoresen, dem Dajak,
dem Bugie oder dem Makassar bilden, wie wenn er niemals Europa
verlassen htte, und es ist fr jemanden, dem Gelegenheit wurde, den
Unterschied zwischen diesen Vlkern wahrzunehmen, hufig ergtzlich,
die Gesprche von Personen anzuhren--toll und betrbend zugleich,
ihre Redensarten gedruckt sehen zu mssen!--von Personen, die ihre
Erfahrungen in Indischen Angelegenheiten in Batavia oder in Buitenzorg
erwarben. Oftmals habe ich mich ber den Mut gewundert, mit dem zum
Beispiel ein gewesener Generalgouverneur in der Volksvertretung seinen
Worten durch angeblichen Anspruch auf Platzkenntnis und -erfahrung
Gewicht beizulegen sucht. Ich habe hohe Achtung vor Wissenschaft,
die durch ernsthaftes Studium im Studierzimmer erworben ist, und
oft verwunderte ich mich ber die Ausgedehntheit der Kenntnis
von Indischen Dingen, die manche im Besitz zeigen, ohne jemals
Indischen Boden betreten zu haben. Sobald nun bei einem gewesenen
Generalgouverneur zu erkennen ist, dass er sich derartige Kenntnis
auf diese Weise zu eigen gemacht, gebhrt ihm die Achtung, die der
rechtmssige Lohn vieljhriger, unverdrossener, fruchtbarer Arbeit
ist. Grsser noch sei vor ihm die Achtung als vor dem Gelehrten,
der geringere Schwierigkeiten zu berwinden hatte, da er aus der
Entfernung ohne Anschauung weniger Gefahr lief, in die Irrtmer zu
verfallen, die die Folge einer mangelhaften Anschauung sind, wie sie
unvermeidlich dem gewesenen Generalgouverneur zu teil wurde.

Ich sagte, dass ich erstaunte ber den Mut, den manche bei der
Behandlung Indischer Angelegenheiten an den Tag legten. Sie wissen
doch, dass ihre Worte auch von andern Leuten gehrt werden, als nur
von denen, die da vielleicht meinen, dass ein paar Jahre Aufenthalt in
Buitenzorg hinreichen, um Indien zu kennen. Es muss ihnen doch bekannt
sein, dass diese Worte auch von Personen gelesen werden, die in Indien
selbst Zeugen ihrer Unerfahrenheit waren und die ebensosehr wie ich
stutzen mssen ber die Keckheit, mit der jemand, der noch so kurze
Zeit vorher vergeblich seine Untauglichkeit unter dem hohen Range zu
verstecken suchte, den ihm der Knig gab, jetzt auf einmal so spricht,
als ob er wirklich Kenntnis von den Dingen bessse, die er in seiner
Rede behandelt.

Oft hrt man denn auch Klagen ber unbefugte Einmengung. Oft
wird diese oder jene Richtung in der kolonialen Politik bekmpft,
indem dem Betreffenden, der solche Richtung vertritt, die Kompetenz
abgesprochen wird, und vielleicht wre es nicht uninteressant, eine
Nachforschung nach den Eigenschaften anzustellen, die jemanden befugt
machen, ber Befugtheit zu urteilen. Meistens wird eine wichtige Frage
nicht an der Sache geprft, um die es sich bei dieser Frage handelt,
sondern sie wird bemessen nach dem Wert, den man der Meinung des Mannes
beimisst, der darber das Wort fhrt, und da dies meistens die Person
ist, die als eine Spezialitt gilt, in der Regel jemand, der in
Indien eine so gewichtige Stellung bekleidet hat, so folgt hieraus,
dass das Resultat einer Abstimmung meistens die Couleur der Irrtmer
trgt, die nun einmal von diesen gewichtigen Stellungen untrennbar
scheinen. Wenn dies schon seine Geltung hat, wo der Einfluss sothaner
Spezialitt von einem Mitglied der Volksvertretung ausgebt wird,
wie gross wird dann erst die Gewissheit verkehrter Urteilsbildung,
wenn solcher Einfluss gepaart geht mit dem Vertrauen des Knigs,
der sich zwingen liess, solch eine Spezialitt an die Spitze seines
Ministeriums fr die Kolonien zu setzen.

Es ist eine eigentmliche Erscheinung--herzuleiten vielleicht aus einer
Art Trgheit, die die Mhe dies Selbst-Urteilens scheut--wie leicht
man Personen Vertrauen schenkt, die sich den Schein hherer Kenntnis
zu geben wissen, sobald nur diese Kenntnis aus Quellen geschpft sein
kann, die nicht jedem zugnglich sind. Die Ursache liegt vielleicht
darin, dass durch die Anerkennung eines derartigen bergewichts die
Eigenliebe weniger gekrnkt wird, als es der Fall sein wrde, wenn man
sich derselben Hlfsmittel htte bedienen knnen, wodurch etwas wie
Wetteifer entstehen wrde. Es fllt dem Volksvertreter leicht, seine
Empfindlichkeit aufzugeben, sobald ihn jemand bekmpft, von dem man
annehmen kann, dass er ein zutreffenderes Urteil fllt als er, wenn
nur diese vorausgesetzte grssere Zutreffendheit nicht persnlicher
Tchtigkeit zugeschrieben werden braucht--deren Anerkennung schwerer
fallen wrde--sondern allein den besonderen Umstnden, die sich diesem
Gegner gnstig erwiesen.

Und ohne von denen zu reden, die solche hohen Stellungen in
Indien einnahmen: es ist wirklich sonderbar, wie man vielfach
der Meinung von Personen Wert beilegt, die nichts weiter besitzen,
was diese Anerkennung rechtfertigt, als die Erinnerung an einen
soundsovieljhrigen Aufenthalt in diesen Gegenden. Das ist um so
mehr merkwrdig, als sie, die Gewicht auf solchen Beweisgrund legen,
doch nicht bereitwillig alles annehmen wrden, was ihnen von irgend
einem, der erkennen liess, dass er vierzig oder fnfzig Jahre in
Niederland gewohnt, ber den Haushalt des Niederlndischen Staates
gesagt werden wrde. Es giebt Personen, die sich ebenso lange in
Niederlndisch-Indien aufhielten, ohne je mit der Bevlkerung oder
mit Inlndischen Huptlingen in Berhrung gekommen zu sein, und es ist
betrbend, dass der Rat von Indien sehr oft ganz oder zum grossen Teil
aus solchen Personen zusammengesetzt ist, ja, dass man selbst Mittel
gefunden hat, den Knig Ernennungen von Leuten zum Generalgouverneur
zeichnen zu lassen, die zu dieser Art von Spezialitten gehren.

Als ich sagte, dass die Annahme der Tauglichkeit eines neuernannten
Generalgouverneurs uns zu der Ansicht berechtige, dass man ihn fr ein
Genie hielt, war es keineswegs meine Absicht, die Ernennung von Genies
anzuempfehlen. Abgesehen von der Misslichkeit, die darin bestnde, dass
man einen so wichtigen Posten fortwhrend unbesetzt liesse, spricht
noch ein anderer Grund dagegen. Ein Genie wrde unter dem Ministerium
fr die Kolonien nicht arbeiten knnen und also unbrauchbar sein fr
den Posten des Generalgouverneurs ... wie das Genies ja mehrfach sind.

Es wre vielleicht zu wnschen, dass die von mir in der Form einer
Krankheitsgeschichte mitgeteilten Hauptmngel die Beachtung derjenigen
erregten, die zur Wahl eines neuen Landvogts berufen sind. Vor allem
die Wichtigkeit betonend, dass all die Personen, die fr den Posten des
Generalgouverneurs in Vorschlag gebracht werden, rechtschaffen seien
und im Besitz eines Fassungsvermgens, das sie einigermassen befhigt,
zu lernen, was sie werden wissen mssen, halte ich es darnach fr
sehr notwendig, dass man mit einigem begrndeten Vertrauen von den
Kandidaten die Vermeidung jener anmassenden Besserwisserei im Anfang,
und vor allem jener apathischen Schlfrigkeit in den letzten Jahren
ihrer Verwaltung erwarten kann. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass
Havelaar bei seiner schweren Verpflichtung sich auf den Beistand des
Generalgouverneurs vermeinte sttzen zu knnen, und ich fgte hinzu,
dass diese Meinung naiv war. Dieser Generalgouverneur erwartete
seinen Nachfolger: die Ruhe in Niederland winkte!

Wir werden sehen, was diese Neigung zu Schlaf der Abteilung Lebak,
Havelaar und auch dem Javanen Sadjah eingebracht hat, zu dessen
eintniger Geschichte--einer unter sehr vielen!--ich jetzt bergehe.

Ja, eintnig wird sie sein! Eintnig wie die Erzhlung von der
Arbeitsamkeit der Ameise, die ihren Beitrag zum Wintervorrat den
Erdklumpen--den Berg--hinanschleppen muss, der auf dem Wege zur
Vorratskammer liegt. Jedesmal fllt sie zurck mit ihrer Fracht,
um jedesmal wieder zu versuchen, ob sie wohl endlich festen Fuss
fassen werde auf dem Steinchen dort oben--auf dem Felsen, der den
Berg krnt. Aber zwischen ihr und diesem Gipfel ist ein Abgrund,
der berholt werden muss ... eine Tiefe, die tausend Ameisen nicht
ausfllen wrden. Darum muss sie, die nur eben die Kraft hat,
ihre Last, die viele Male schwerer ist als ihr eigener Krper,
auf ebenem Grund fortzuschleppen, sich weit emporheben und sich
auf einem schwankenden Fleck hoch aufgerichtet halten. Sie muss
das Gleichgewicht bewahren, wenn sie sich aufrichtet mit der Last
zwischen ihren Vorderfsschen. Sie muss sie umklammern und muss in
steter Aufwrtsrichtung streben, sie auf den Punkt, der aus der
Felswand hervorspringt, niederzusenken. Sie wankt, sie schwankt,
sie erstickt, die Kraft verlsst sie, sie sucht sich an dem halb
entwurzelten Baumstamm zu halten, der mit seiner Krone in die Tiefe
weist--ein Grashalm!--sie findet nicht den Sttzpunkt, den sie sucht:
der Baum schnellt zurck--der Grashalm weicht unter ihrem Fuss--ach,
die rmste strzt in die Tiefe mit ihrer Fracht. Dann ist sie einen
Augenblick still, wohl eine ganze Sekunde lang--was viel ist in
dem Leben einer Ameise. Ob sie betubt ist von dem Schmerz ihres
Sturzes? Oder berlsst sie sich missmutiger Stimmung, da soviel
Anspannung eitel war? Doch sie verliert den Mut nicht. Wieder ergreift
sie ihre Last und wieder schleppt sie sie nach oben, um darauf noch
einmal und immer noch einmal in die Tiefe niederzustrzen.

So eintnig ist meine Geschichte. Allein, nicht von Ameisen will
ich sprechen, deren Freud und Leid unserer Wahrnehmung wegen der
Grobheit der menschlichen Sinne entgeht. Ich will erzhlen von
Menschen, von Wesen, die ein Empfinden haben wie wir. Allerdings,
wer Rhrung scheut und lstigem Mitleid entgehen will, der wird
sagen, dass diese Menschen gelb sind, oder braun--viele nennen sie
schwarz--und fr diese ist die Abweichung in der Farbe Grund genug,
ihr Auge von diesem Elend abzuwenden, oder zum mindesten, wenn sie
darauf niedersehen, es zu thun sonder Rhrung.

Meine Erzhlung ist also allein an diejenigen gerichtet, die fhig
sind zu dem schwierigen Glauben, dass da Herzen klopfen unter dieser
dunklen Haut, und dass, wer gesegnet ist mit Weisse und dem damit
verbundenen Vorzug an Bildung, Edelmut, Handels- und Gotteskenntnis,
Tugend ... dass der seine schimmernd weissen Qualitten auf andere
Weise zur Geltung bringen knnte, als es bis jetzt diejenigen erfahren
haben, die minder gesegnet sind in Bezug auf Hautfarbe und allerhand
Seelenvortrefflichkeit.

Mein Vertrauen auf Mitgefhl mit den Javanen geht jedoch nicht so
weit, dass ihr bei der Beschreibung, wie man den letzten Bffel
aus dem Kendang raubt, bei Tage, ohne Scheu, unter dem Schutze der
Niederlndischen Autoritt ... wenn ich hinter dem weggefhrten Rinde
her den Eigner folgen lasse mit seinen weinenden Kindern ... wenn
ich ihn niedersitzen lasse auf der Treppe vor des Rubers Hause,
sprachlos, wesenlos und versunken in Schmerz ... wenn ich ihn von da
verjagen lasse mit Hohn und Schmach, mit Androhung von Stockprgeln
und Blockgefngnis ... seht, ich fordere nicht--noch erwarte ich,
o Niederlnder!--dass ihr euch dadurch in gleichem Masse ergreifen
lasset, als wenn ich euch das Los eines Bauern schilderte, dem man
seine Kuh wegnahm. Ich verlange keine Thrne bei den Thrnen, die ber
so dunkle Angesichter fliessen, noch edlen Zorn, wenn ich von der
Verzweiflung der Beraubten sprechen werde. Ebensowenig erwarte ich,
dass ihr aufstehen werdet und mit meinem Buche in der Hand vor den
Knig tretet und sagt: Sieh, o Knig, das geschieht in deinem Reich,
in deinem schnen Reiche Insulinde!

Nein, nein, nein, das alles erwarte ich nicht! Zuviel Leides in der
Nhe macht sich Meister eures Gefhls, als dass es euch so viel Gefhl
berliesse fr etwas, das so fern liegt! Werden nicht all eure Nerven
in Spannung gehalten durch die Unannehmlichkeiten der Wahl eines neuen
Kammermitgliedes? Schwankt nicht eure entzweite Seele zwischen den
weltberhmten Verdiensten der Nichtigkeit A und der Unbedeutendheit
B? Und habt ihr nicht eure teuren Thrnen fr ernstere Dinge ntig als
... doch was brauche ich mehr zu sagen! War es nicht gestern flau auf
der Brse, und drohte nicht etwas lebhafterer Import dem Kaffeemarkt
mit Sinken?

Schreiben Sie doch solch sinnlose Dinge nicht an Ihren Papa, Stern!
habe ich gesagt, und vielleicht sagte ich das etwas hitzig, denn
ich kann keine Unwahrheit leiden, das ist immer ein fester Grundsatz
bei mir gewesen. Ich habe gleich denselben Abend an den alten Stern
geschrieben, dass er ein bisschen Eile hinter seine Ordres setzen
und vor allem vor falschen Berichten auf der Hut sein msse, denn
der Kaffee steht sehr gut.

Der Leser empfindet wohl, was ich beim Anhren dieser letzten Kapitel
wieder ausgestanden habe. Ich habe im Kinderzimmer ein Solitrspiel
gefunden, und das nehme ich fortan mit aufs Krnzchen. Hatte ich nicht
recht, als ich sagte, dass dieser Shawlmann alle toll gemacht hat mit
seinem Paket? Sollte man aus all dem Geschreib von Stern--und Fritz
macht auch mit, das ist gewiss!--wohl junge Leute wiedererkennen, die
in einem vornehmen Hause erzogen werden? Was fr alberne Ausflle sind
das gegen eine Krankheit, die sich in dem Verlangen nach einem Ruhesitz
ussert? Ist das auf mich gemnzt? Darf ich nicht nach Driebergen
gehen, wenn Fritz Makler ist? Und wer spricht von Bauchwehanfllen
in Gesellschaft von Frauen und Mdchen? Es ist ein fester Grundsatz
bei mir, immer mssig und gelassen zu bleiben--denn ich halte das fr
ntzlich in Geschften--doch ich muss sagen, dass es mich manchmal
grosse Mhe kostete beim Anhren von all dem berspannten Kram, den
Stern vorliest. Was will er denn nur? Was wird das Ende sein? Wann
kommt denn nun endlich etwas Solides? Was geht es mich an, ob dieser
Havelaar seinen Garten schn in Stand hlt, und ob die Menschen bei
ihm vorn oder hinten hineinkommen? Bei Busselinck & Waterman muss
man durch einen ganz schmalen Gang, an einem lspeicher entlang, wo
es ganz muffig und dreckig ist. Und dann das lange Gesaires ber die
Bffel! Was brauchen sie Bffel zu haben, diese Schwarzen! Ich habe
noch niemals einen Bffel gehabt und bin doch zufrieden. Es giebt
Menschen, die ewig klagen. Und was das Schimpfen auf die Zwangsarbeit
betrifft, man sieht wohl, dass er die Predigt von Pastor Wawelaar nicht
gehrt hat, sonst wrde er wissen, wie ntzlich dieses Arbeiten fr
die Ausbreitung des Reiches Gottes ist. Allerdings, er ist lutherisch.

O, bestimmt, wenn ich eine Ahnung htte haben knnen, wie er das Buch
schreiben wrde, das von solcher Bedeutung werden muss fr alle Makler
in Kaffee--und fr andere--dann htte ich's lieber selbst gethan. Doch
hat er eine Sttze an den Rosemeyers, die in Zucker machen, und
das macht ihm soviel Mut. Ich habe geradeaus gesagt--denn ich bin
aufrichtig in solchen Sachen--dass wir uns die Geschichte von dem
Sadjah wohl wrden schenken knnen, aber da kriegte ich es auf einmal
mit Luise Rosemeyer zu thun. Es scheint, dass Stern ihr gesagt hat,
dass was von Liebe drin vorkommen sollte, und da sind solche Mdchen
toll nach. Ich wrde mich jedoch hierdurch nicht haben abschrecken
lassen, wenn mir nur die Rosemeyers nicht gesagt htten, dass sie
gern mit Sterns Vater Bekanntschaft machen mchten. Das natrlich nur
deswegen, um durch den Vater zu dem Onkel zu kommen, der in Zucker
macht. Wenn ich nun zu stark fr den gesunden Menschenverstand Partei
ergreife gegen den jungen Stern, so lade ich den Schein auf mich,
als wenn ich sie von ihm abziehen wollte, und das ist durchaus nicht
der Fall, denn sie machen in Zucker.

Ich kann durchaus nicht hinter Sterns Absichten mit seinem Geschreib
kommen. Es giebt immer unzufriedene Menschen, und steht es ihm nun
schn, der er soviel Gutes geniesst in Holland--diese Woche noch
hat meine Frau ihm Kamillenthee aufgebrht--steht es ihm wohl gut,
dass er so auf die Regierung schimpft? Will er damit die allgemeine
Unzufriedenheit noch mehr anfachen? Will er Generalgouverneur
werden? Er ist anmassend genug dazu ... um es zu wollen, meine
ich. Ich stellte vorgestern diesbezglich eine Frage an ihn und fgte
geradeaus hinzu, dass sein Hollndisch noch sehr mangelhaft sei. O,
damit hat's keine Schwierigkeiten, sagte er; es scheint nur selten ein
General-gouverneur dorthin geschickt zu werden, der die Sprache des
Landes versteht. Was soll ich nun anfangen mit so einem Naseweis? Er
hat nicht den geringsten Respekt vor meiner Erfahrung. Als ich
ihm diese Woche sagte, dass ich bereits siebzehn Jahre Makler wre
und schon zwanzig Jahre die Brse besuchte, fhrte er Busselinck &
Waterman an, die schon achtzehn Jahre Makler sind, und, sagte er, die
haben also ein Jahr Erfahrung mehr. So fing er mich, denn ich muss,
weil ich auf Wahrheit halte, wohl zugeben, dass Busselinck & Waterman
wenig vom Geschft verstehen und dass es niedertrchtige Pfuscher sind.

Marie ist auch angesteckt. Denkt euch, diese Woche--sie war an der
Reihe mit dem Vorlesen beim Frhstck, und wir waren bei der Geschichte
von Lot--hielt sie pltzlich auf und wollte nicht weiterlesen. Meine
Frau, die ebensosehr wie ich auf Religion hlt, suchte sie mit Gte
zum Gehorsam zu bewegen, weil es sich doch fr ein sittsames Mdchen
nicht passt, so eigensinnig zu sein. Alles vergeblich! Darauf musste
ich als Vater mit grosser Strenge sie vermahnen, denn sie verdarb
mit ihrer Hartnckigkeit die Morgenerbauung beim Frhstck, was
immer ungnstig auf den ganzen Tag wirkt. Doch es war nichts mit
ihr anzufangen, und sie ging so weit, dass sie sagte, sie wollte
lieber totgeschlagen werden, als dass sie weiterlse. Ich habe sie
mit drei Tagen Stubenarrest bestraft, bei Kaffee und Brot, und hoffe,
dass ihr das gut thun wird. Um zugleich diese Strafe fr die sittliche
Besserung dienen zu lassen, habe ich ihr aufgegeben, das Kapitel, das
sie nicht lesen wollte, zehnmal abzuschreiben, und ich bin zu dieser
Strenge vor allem bergegangen, weil ich bemerkt habe, dass sie in
der letzten Zeit--ob dies von Stern kommt, weiss ich nicht--Ansichten
angenommen hat, die mir gefhrlich fr die Sittlichkeit scheinen,
auf die meine Frau und ich so sehr viel geben. Ich habe sie unter
anderm ein franzsisches Lied singen hren--von Branger, glaube
ich--worin eine arme alte Bettlerin beklagt wird, die in ihrer Jugend
an einem Theater sang, und gestern erschien sie beim Frhstck ohne
Korsett--unsere Marie, meine ich--was doch nicht anstndig ist.

Auch muss ich sagen, dass Fritz wenig Gutes mit nach Hause genommen
hat von der Betstunde. Ich war recht zufrieden gewesen ber sein
Stillsitzen in der Kirche. Er rhrte sich nicht und wandte kein
Auge von der Kanzel, doch spter erfuhr ich, dass Betsy Rosemeyer
im Taufgesthle gesessen hatte. Ich habe nichts dagegen gesagt,
denn man muss nicht allzustreng gegen junge Leute sein, und die
Rosemeyers sind ein anstndiges Haus. Sie haben ihrer ltesten Tochter,
die an den Bruggeman in Droguen verheiratet ist, eine recht nette
Mitgift ausgesetzt, und darum glaube ich, dass so etwas Fritz vom
Westermarkt abhlt, was mir sehr angenehm ist, denn ich gebe soviel
auf Sittlichkeit.

Allein dies hindert nicht, dass es mich rgert, zu sehen, wie Fritz
sein Herz verhrtet, gerade wie Pharao, der minder schuldig war wie er,
da er keinen Vater hatte, der ihm immerwhrend den rechten Weg wies,
denn von dem alten Pharao sagt die Schrift nichts. Pastor Wawelaar
klagt ber seine Anmassendheit--ber Fritzens, meine ich--in der
Katechismusstunde, und der Junge scheint--natrlich wieder aus dem
Paket von Shawlmann--eine Naseweisigkeit sich angeeignet zu haben,
die den sonst sinnigen Wawelaar ganz aus der Fassung bringt. Es ist
rhrend, wie der wrdige Mann, der hufig Kaffee bei uns trinkt, bei
Fritz auf das Gefhl zu wirken sucht, und wie der Bengel jedesmal
neue Fragen bei der Hand hat, die die Widerborstigkeit seines
Gemts verraten ... es stammt alles aus dem verfluchten Paket von
Shawlmann! Mit Thrnen der Rhrung auf den Wangen versucht der eifrige
Diener des Evangeliums ihn zu bewegen, abzulassen von der Weisheit nach
dem Menschen, um eingefhrt zu werden in die Geheimnisse der Weisheit
Gottes. Mit Milde und Zrtlichkeit fleht er ihn an, doch nicht das Brot
des ewigen Lebens zu verwerfen und solchermassen in Satans Klauen zu
fallen, der mit seinen Engeln das Feuer bewohnt, das ihm bereitet ist
fr alle Ewigkeit. O, sagte er gestern--Wawelaar meine ich--o, mein
junger Freund, ffnen Sie doch die Augen und die Ohren und hren Sie
und sehen, was der Herr Ihnen giebt zu hren und zu sehen durch meinen
Mund. Achten Sie auf die Zeugnisse der Heiligen, die gestorben sind
fr den wahren Glauben! Sehen Sie Stephanus, wie er niedersinkt unter
den Feldsteinen, die ihn zerschmettern! Sehen Sie, wie noch sein Blick
zum Himmel gerichtet ist, und wie noch seine Zunge Psalmen singt ...

Ich htte lieber wiedergeschmissen! sagte Fritz darauf.--Leser,
was soll ich mit dem Jungen anfangen?

Einen Augenblick spter begann Wawelaar aufs neue, denn er ist
ein eifriger Knecht Gottes und lsst nicht ab von der Arbeit. O,
junger Freund, sagte er, ffnen Sie doch, ... der Anfang war so wie
vorhin. Doch, fuhr er fort, knnen Sie unbewegt bleiben, wenn Sie
bedenken, was aus Ihnen werden wird, wenn Sie einmal werden gezhlt
werden zu den Bcken auf der linken Seite ...

Da brach der Taugenichts in Gelchter aus--Fritz, meine ich--und auch
Marie fing an zu lachen. Sogar meinte ich etwas wie Lachen auf dem
Gesicht meiner Frau zu entdecken. Doch da bin ich Wawelaar zu Hlfe
gekommen, ich habe Fritz mit einer Busse aus seinem Spartopf belegt,
die an die Missionsgesellschaft gezahlt werden soll.

Ach, Leser, dies alles nimmt mich recht mit. Und man sollte bei solchem
Kummer sich damit ergtzen, Geschichten anzuhren ber Bffel und
Javanen? Was ist ein Bffel im Vergleich zu Fritzens Seligkeit? Was
gehen mich die Angelegenheiten der Menschen in weiter Ferne an, wenn
ich frchten muss, dass Fritz durch seinen Unglauben, meinen eigenen
Angelegenheiten Verderben bringt und dass er niemals ein tchtiger
Makler werden wird? Denn Wawelaar hat es selbst gesagt, dass Gott
alles so regiert, dass Rechtglubigkeit zum Reichtum fhrt. Sehet
nur, sagte er, ist nicht viel Reichtum in Niederland? Das kommt vom
Glauben her. Ist nicht in Frankreich hufig Mord und Totschlag? Das
kommt daher, dass sie dort katholisch sind. Sind nicht die Javanen
arm? Es sind Heiden. Je lnger die Hollnder mit den Javanen Umgang
pflegen, desto mehr Reichtum wird hier kommen und desto mehr Armut
da drben. Das ist Gottes Wille so!

Ich bin erstaunt ber Wawelaars Einsicht in Geschftssachen. Denn
es ist Thatsache, dass ich, der ich streng auf Religion halte, meine
Geschfte von Jahr zu Jahr weitere Fortschritte nehmen sehe, whrend
die Busselinck & Waterman, die weder auf Gott noch auf sonstwas etwas
geben, ihr Leben lang niedertrchtige Pfuscher bleiben werden. Auch die
Rosemeyers, die in Zucker machen und ein katholisches Mdchen halten,
haben unlngst wieder 27% aus der Masse eines Juden annehmen mssen,
der pleite war. Je mehr ich nachdenke, desto weiter komme ich in der
Ergrndung von Gottes unerforschlichen Wegen. Krzlich hat es sich
gezeigt, dass wieder dreissig Millionen Reingewinn erzielt sind durch
den Verkauf von Produkten, die die Heiden geliefert haben, und darin
ist nicht einmal eingerechnet, was ich daran verdient habe und die
vielen andern, die von diesen Geschften leben. Ist das nun nicht so,
als ob der Herr sagte: siehe da, dreissig Millionen zur Belohnung
eures Glaubens? Zeigt sich da nicht deutlich der Finger Gottes,
der den Bsen lsset arbeiten, dass er den Gerechten erhalte? Ist
das nicht ein Wink, auf dem guten Wege fortzuschreiten? Ein Wink, da
drben viel hervorbringen zu lassen, und hier auszuharren im wahren
Glauben? Heisst es nicht darum betet und arbeitet, dass wir beten
sollen und die Arbeit durch all das schwarze Kropzeug thun lassen,
das kein Vaterunser kennt?

O, wie hat Wawelaar recht, wenn er Gottes Joch sanft nennt! Wie
leicht wird die Last gemacht jedem, der glaubt! Ich bin eben in
den Vierzigern und knnte austreten, wenn ich wollte, und nach
Driebergen gehen, und nun seht daneben, wie es mit andern abluft,
die den Herrn verliessen. Gestern habe ich Shawlmann gesehen mit
seiner Frau und ihrem Jungen: sie sahen aus wie Gespenster. Er ist
bleich wie der Tod, seine Augen schwellen heraus, und seine Backen
sind hohl. Seine Haltung ist gebeugt, obwohl er noch jnger ist als
ich. Auch sie war sehr rmlich gekleidet und schien wieder geweint
zu haben. Nun, ich hatte ja gleich bemerkt, dass sie unzufrieden von
Natur ist, denn ich brauche nur einmal jemanden zu sehen, um ihn zu
beurteilen. Das kommt von der Erfahrung. Sie hatte eine Mantille von
schwarzer Seide umhngen, und es war doch sehr kalt. Von Krinoline
keine Spur. Ihr leichtes Kleid hing ihr schlapp um die Kniee, und
am Rande waren Fransen. Er hatte nicht mal mehr seinen Shawl um
und sah aus, als ob es Sommer wre. Doch scheint er noch eine Art
trotzigen Stolz zu besitzen, denn er gab einer armen Frau etwas,
die auf der Brcke sass, und wer selbst so wenig hat, sndigt, wenn
er noch weggiebt an andere. brigens, ich gebe niemals was auf der
Strasse--das ist Grundsatz bei mir--denn ich sage mir immer, wenn ich
so arme Menschen sehe: wer weiss, ob es nicht ihre eigene Schuld ist,
und ich darf sie nicht bestrken in ihrem unrechten Wandel. Sonntags
gebe ich zweimal: einmal fr die Armen und einmal fr die Kirche. So
ist es in der Ordnung. Ich weiss nicht, ob Shawlmann mich gesehen
hat, aber ich ging schnell vorbei und guckte nach oben, und dachte
an die Gerechtigkeit Gottes, der ihn doch nicht so ohne Winterrock
laufen lassen wrde, wenn er besser aufgepasst htte und nicht faul,
dnkelhaft und krnklich wre.

Was nun mein Buch betrifft, da darf ich wirklich wohl den Leser um
Entschuldigung bitten fr die unverzeihliche Art, in der Stern unsern
Kontrakt missbraucht. Ich muss sagen, dass ich mit Unbehagen dem
kommenden Krnzchenabend und der Liebesgeschichte von diesem Sadjah
entgegensehe. Der Leser weiss bereits, welche gesunden Anschauungen ich
bezglich der Liebe habe ... man denke nur an meine Beurteilung der
Lustpartie nach dem Ganges. Dass junge Mdchen so etwas nett finden,
kann ich wohl begreifen, doch es ist mir unerklrlich, dass Mnner
von Jahren solche Albernheiten ohne Ekel anhren. Mir ist sicher,
dass ich auf dem anstehenden Krnzchen das Triolett von meinem
Solitrspiel finde.

Ich werde mir Mhe geben, nichts von diesem Sadjah zu hren, und
hoffe, dass der Mann schnell heiratet, wenigstens wenn er der Held
der Liebesgeschichte ist. Es ist nur gut von Stern, dass er vorher
gewarnt hat, es werde eine eintnige Geschichte sein. Wenn er dann
spter mit etwas anderm beginnt, werde ich wieder zuhren. Aber das
Herunterreissen der Indischen Verwaltung missfllt mir fast ebensosehr
wie Liebesgeschichten. Man sieht aus allem, dass Stern jung ist und
wenig Erfahrung hat. Um die Dinge recht zu beurteilen, muss man alles
aus der Nhe sehen. Zur Zeit meiner Verheiratung bin ich selbst im
Haag gewesen und habe mit meiner Frau das Moritzhaus besucht. Ich bin
dort mit allen Gesellschaftsstnden in Berhrung gekommen, denn ich
habe den Finanzminister vorbeifahren sehen, und wir haben zusammen
Flanell gekauft in der Veenestraat--ich und meine Frau, meine ich--und
nirgends habe ich auch nur das geringste Zeichen von Unzufriedenheit
mit der Regierung wahrgenommen. Die Frau in dem Laden sah glcklich
und zufrieden aus, und da nun im Jahre 1848 einzelne uns weiszumachen
suchten, dass im Haag nicht alles so stnde wie es sich gehrte,
habe ich auf dem Krnzchen ber diese Unzufriedenheit unumwunden
meine Meinung gesagt. Ich fand Glauben, denn jeder wusste, dass ich
aus Erfahrung sprach. Auch auf der Rckreise mit der Postkutsche hat
der Postillon Freut euch des Lebens geblasen, und das wrde der
Mann doch nicht gethan haben, wenn es so bel stand. In dieser Weise
habe ich auf alles geachtet und wusste also sofort, was man im Jahre
1848 von all dem Murren zu denken hatte.

Uns gegenber wohnt eine Frau, deren Vetter in Ostindien einen Toko
offen hlt, wie sie dort einen Laden nennen. Wenn also alles so
schlecht stnde, wie Stern sagt, so wrde sie doch auch wohl etwas
davon wissen, und es scheint doch, dass sie sehr zufrieden ist mit
den Geschften, denn ich hre sie niemals klagen. Im Gegenteil,
sie sagt, dass ihr Vetter da auf einem Landsitz wohnt, und dass er
Mitglied vom Kirchenrat ist, und dass er ihr einen pfauenfedernen
Zigarrenbehlter geschickt hat, den er selbst aus Bambus gemacht
htte. Dies alles zeigt doch deutlich, wie unbegrndet das Gejammer
ber schlechte Zeiten ist. Gleichfalls ersieht man daraus, dass
fr jemanden, der nur aufpassen will, in dem Lande wohl noch was zu
verdienen ist, und dass also dieser Shawlmann auch da schon faul,
dnkelhaft und krnklich gewesen ist, sonst wrde er nicht so arm
nach Haus gekommen sein und hier ohne Winterrock herumlaufen. Und der
Vetter von der Frau uns gegenber ist nicht der einzige, der im Osten
sein Glck gemacht hat. Im Caf Polen hier bei uns in Amsterdam,
wo so viele Brsenbesucher verkehren, sehe ich viele, die dort gewesen
sind und wirklich verflucht nobel auftreten. Aber selbstverstndlich,
aufs Geschft muss man acht geben, da drben so gut wie hier. Auf
Java werden die gebratenen Tauben niemandem in den Mund fliegen: es
muss gearbeitet werden! Wer das nicht will, ist arm und bleibt arm,
das ist wohl selbstredend, und es ist auch gut so.






SIEBZEHNTES KAPITEL.


Sadjahs Vater hatte einen Bffel, mit dem er sein Feld bestellte. Als
nun dieser Bffel durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihm
abgenommen wurde, war er sehr betrbt und sprach viele Tage lang kein
Wort. Denn die Zeit des Pflgens war nahe, und es war zu befrchten,
dass, wenn man die Sawah nicht zeitig bearbeitete, auch die Zeit des
Sens vorbergehen werde, und endlich, dass kein Reis geschnitten
und im Lombong des Hauses geborgen werden knnte.

Ich muss hierbei fr Leser, die wohl Java, jedoch nicht Bantam kennen,
die Bemerkung machen, dass in dieser Residentschaft persnliches
Grundeigentum besteht, was anderswo nicht der Fall ist.

Sadjahs Vater also war sehr bekmmert. Er frchtete, dass seine
Frau Reis ntig haben werde, und auch Sadjah, der noch ein Kind war,
und die Brderchen und Schwesterchen von Sadjah.

Auch werde das Distriktshaupt ihn beim Assistent-Residenten verklagen,
wenn er in der Bezahlung seiner Landrenten zurckbleiben wrde,
denn darauf steht Gesetzesstrafe.

Da nahm Sadjahs Vater einen Kris, der ein Pusaka von seinem Vater
war. Der Kris war nicht sehr schn, aber es waren silberne Bnder
um die Scheide gelegt, und auch die Spitze der Scheide war mit
Silber plattiert. Er verkaufte diesen Dolch an einen Chinesen, der
am Hauptplatze wohnte, und kam nach Hause mit vierundzwanzig Gulden,
fr welches Geld er einen anderen Bffel kaufte.

Sadjah, der damals etwa sieben Jahre alt war, hatte mit dem neuen
Bffel schnell Freundschaft geschlossen. Nicht ohne Absicht sage ich:
Freundschaft, denn es ist in der That rhrend, zu sehen, wie der
javanische Kerbo dem kleinen Jungen, der ihn htet und versorgt,
anhngt. Das starke Tier beugt willig den schweren Kopf rechts,
links oder nach unten auf den Fingerdruck des Kindes, das es kennt,
das es versteht, mit dem es aufgewachsen ist.

Solche Freundschaft hatte denn auch der kleine Sadjah dem neuen Gast
sehr bald einzuflssen gewusst, und Sadjahs ermutigende Kinderstimme
schien dem kraftvollen Nacken des gewaltigen Tieres noch mehr Kraft zu
geben, wenn es den schweren Kleigrund aufriss und seinen Weg in tiefen,
scharfen Furchen zeichnete. Der Bffel wendete willig um, wenn er das
Ende des Ackers erreicht hatte, und verlor nicht eines Daumens Breite
Grund beim Zurckpflgen der neuen Furche, die jedesmal neben der alten
lag, als wre die Sawah ein von einem Riesen geharkter Gartengrund.

Daneben lagen die Sawahs von Adindas Vater, dem Vater des Kindes,
das mit Sadjah einst ehelichen sollte. Und wenn Adindas Brderchen
an die zwischenliegende Grenze kamen und just auch Sadjah da war
mit seinem Pflug, dann riefen sie einander frhlich zu und rhmten um
die Wette die Kraft und die Willigkeit ihrer Bffel. Doch ich glaube,
dass Sadjahs der beste war, vielleicht wohl weil dieser ihm besser
zuzusprechen wusste als die andern. Denn Bffel haben viel Gefhl
fr ein gutes Wort.

Sadjah war neun Jahre alt geworden und Adinda sechs Jahre, als dieser
Bffel Sadjahs Vater durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang
abgenommen wurde.

Sadjahs Vater, der sehr arm war, verkaufte nun zwei silberne
Klambuhaken--Pusakas von den Eltern seiner Frau--fr achtzehn
Gulden. Und fr dieses Geld kaufte er einen neuen Bffel.

Aber Sadjah war betrbt. Denn er wusste von den kleinen Brdern
Adindas, dass der vorige Bffel nach dem Hauptplatz getrieben worden
war, und er hatte seinen Vater gefragt, ob er das Tier nicht gesehen
habe, als er dort war, die Klambuhaken zu verkaufen. Auf diese Frage
hatte ihm sein Vater nicht antworten wollen, darum frchtete er,
dass sein Bffel geschlachtet war, wie die andern Bffel, die das
Distriktshaupt der Bevlkerung abnahm.

Und Sadjah weinte viel, wenn er an den armen Bffel dachte, mit dem
er zwei Jahre lang so innig umgegangen war. Und er konnte nicht essen,
lange Zeit nicht, denn seine Kehle war zu eng, wenn er schluckte.

Man bedenke, dass Sadjah ein Kind war.

Der neue Bffel lernte Sadjah kennen und nahm in der Geneigtheit des
Kindes sehr schnell den Platz seines Vorgngers ein. Allzu schnell
eigentlich. Denn ach, die Wachseindrcke unseres Herzens werden so
leicht glattgestrichen, um Platz zu machen fr sptere Schrift! Wie dem
auch sei, der neue Bffel war nicht so stark wie der vorige ... wohl
war das alte Joch zu weit fr seinen Nacken ... aber das arme Tier war
willig wie sein Vorgnger, der geschlachtet war, und konnte gleich
Sadjah beim Zusammentreffen an der Grenze mit Adindas Brderchen
die Kraft seines Bffels nicht besonders rhmen, er behauptete doch,
dass kein anderer den seinen an gutem Willen bertrfe. Und wenn
die Furche nicht so gradlinig wie frher war oder wenn Erdklumpen
undurchschnitten zur Seite geblieben waren, so besserte er gern
mit seinem Patjol, so viel er konnte. Obendrein, kein Bffel hatte
ein User-useran wie der seine. Der Penghulu selbst hatte ja gesagt,
dass da Ontong sei in dem Lauf der Haarwirbel auf den Hinterblttern.

Einstmals auf dem Felde rief Sadjah seinem Bffel vergebens zu, eilig
am Werk zu sein. Das Tier stand wie angewurzelt da. berrascht ber so
grosse und vor allem so ungewohnte Widerspenstigkeit, konnte er sich
nicht enthalten, einen Schimpf auszustossen. Er sagte: a. s. Jeder,
der in Indien gewesen ist, wird mich verstehen. Und wer mich nicht
versteht, gewinnt nur dabei, wenn ich ihm die Erklrung eines groben
Ausdrucks erspare.

Sadjah meinte gleichwohl nichts Bses damit. Er sagte es nur, weil
er es so mehrmals von andern hatte sagen hren, wenn sie ber ihre
Bffel ungehalten waren. Aber er htte nichts zu sagen brauchen,
denn es half nichts: sein Bffel that keinen Schritt vorwrts. Er
schttelte den Kopf, als wollte er das Joch abwerfen ... man sah ihn
den Atem aus seinen Nstern blasen ... er schnob, bebte, schauderte
... Angst war in seinem blauen Auge, und die Lefze war aufgezogen,
sodass das Zahnfleisch bloss lag ...

Fliehe, fliehe, riefen auf einmal Adindas Brderchen, Sadjah,
fliehe! da ist ein Tiger!

Und alle entledigten ihre Bffel der Pflugjoche und schwangen sich
auf die breiten Rcken und galloppierten davon durch Sawahs, ber
Galangans, durch Schlamm, durch Krppelholz und Buschwerk und hohes
Alanggras, lngs der Felder und Wege, und als sie schnaubend und
schwitzend ins Dorf Badur einritten, war Sadjah nicht unter ihnen.

Denn als dieser wie die andern seinen vom Joch befreiten Bffel
bestiegen hatte, um wie sie die Flucht zu ergreifen, hatte ein
unerwarteter Sprung des Tieres ihm das Gleichgewicht genommen und
ihn zur Erde geworfen. Der Tiger war sehr nahe ...

Sadjahs Bffel, durch eigene Schwungkraft vorwrtsgetrieben, schoss
um einige Stze an dem Fleck vorbei, wo seines kleinen Herrn der Tod
wartete. Das Tier war nur infolge seiner heftigen Fahrt und ohne seine
Absicht weiter an Sadjah vorbeigesaust. Denn kaum hatte es die Kraft
berwunden, die allen Stoff beherrscht, auch nachdem die treibende
Ursache wirkungslos geworden ist, da kam es zurck, setzte auf seine
ungeschlachten Fsse den ungeschlachten Leib gleich einem Dach ber
das Kind und kehrte seine gehrnte Stirn dem Tiger zu. Dieser sprang
... aber er sprang zum letztenmal. Der Bffel fing ihn mit seinen
Hrnern auf, er selbst verlor nur ein Stck Fleisch, das der Tiger
ihm am Halse ausschlug. Der Angreifer lag da mit aufgeschlitztem
Bauch, Sadjah war gerettet. Wirklich war da Ontong gewesen in dem
User-useran dieses Bffels!

Als dieser Bffel Sadjahs Vater abgenommen war und geschlachtet ...

ich habe dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintnig ist!

... als dieser Bffel geschlachtet war, zhlte Sadjah schon 12 Jahre,
und Adinda wob schon Sarongs, und batikte sie mit Kapalas. Sie
hatte schon Gedanken in den Lauf ihres 'Farbschiffchens' zu bringen,
und sie zeichnete Betrbtheit auf ihr Gewebe, denn sie hatte Sadjah
sehr traurig gesehen.

Und auch Sadjahs Vater war sehr betrbt, doch seine Mutter
am meisten. Hatte diese doch die Wunde am Halse des treuen Tieres
geheilt, das ihr Kind unversehrt nach Hause gebracht hatte, whrend
sie auf die Erzhlung von Adindas Brderchen geglaubt hatte, dass
es von dem Tiger davongeschleppt sei. Sie hatte die Wunde so oft
mit dem Gedanken betrachtet, wie tief wohl die Krallen, die so weit
in die rauhen Fasern des Bffels eindrangen, in den weichen Leib
ihres Kindes eingedrungen sein mchten, und oft, wenn sie frische
Heilkruter auf die Wunde gelegt hatte, streichelte sie den Bffel und
sprach ihm einige freundliche Worte zu, damit das gute, treue Tier
doch wissen sollte, wie dankbar eine Mutter ist. Sie hoffte spter,
dass der Bffel sie doch verstanden haben mchte, denn dann htte er
auch ihr Jammern begriffen, als er weggefhrt wurde, um geschlachtet
zu werden, und er htte dann gewusst, dass es nicht Sadjahs Mutter
war, die ihn schlachten liess.

Einige Zeit darnach flchtete Sadjahs Vater aus dem Lande. Denn er
hatte grosse Furcht vor der Strafe, wenn er seine Landrente nicht
bezahlen wrde, und er hatte kein Pusaka mehr, um einen neuen Bffel
zu kaufen, da seine Eltern stets in Parang-Kudjang gewohnt hatten und
ihm also wenig nachlassen konnten. Auch die Eltern seiner Frau wohnten
dauernd im selben Distrikt. Nach dem Verlust des letzten Bffels hielt
er sich gleichwohl noch einige Jahre aufrecht, indem er mit gemieteten
Pflugtieren arbeitete. Doch das ist ein sehr undankbares Arbeiten,
und vor allem verdriesslich fr jemanden, der im Besitz von einigen
Bffeln gewesen. Sadjahs Mutter starb vor Kummer, und da war es,
dass sein Vater sich in einem Augenblick der Mutlosigkeit aus Lebak
und aus Bantam fortmachte, um im Buitenzorgschen Arbeit zu suchen. Er
wurde mit Stockschlgen bestraft, weil er Lebak ohne Pass verlassen
hatte, und durch die Polizei nach Badur zurckgebracht. Hier wurde
er ins Gefngnis gebracht, weil man ihn fr irrsinnig hielt, was
nicht so befremdend gewesen wre, und weil man frchtete, er werde,
in einem Anfall von matah-glap, amokh machen oder andere Verkehrtheiten
begehen. Doch er war nicht lange gefangen, indem er kurz darauf starb.

Was aus den Brdern und Schwestern Sadjahs geworden ist, weiss ich
nicht. Das Huschen, das sie zu Badur bewohnten, stand einige Zeit
leer und fiel dann schnell ein, da es nur von Bambus gebaut und mit
Atap gedeckt war. Ein bisschen Staub und Schutt bedeckte den Fleck,
wo so viel erduldet wurde. Es giebt viele solcher Orte in Lebak.

Sadjah war fnfzehn Jahre alt, als sein Vater nach Buitenzorg
verzog. Er hatte ihn nicht dahin begleitet, weil er sich mit grsseren
Plnen trug. Man hatte ihm gesagt, dass in Batavia sehr viele Herren
seien, die in Bendies fhren, sodass er also dort leicht eine Stelle
als Bendiejunge finden msse, wozu man gewhnlich jemanden whlt,
der noch jung und unausgewachsen ist, um nicht durch zu grosse Last
hinten auf dem zweirdrigen Fuhrwerk das Gleichgewicht aufzuheben. Es
wre, hatte man ihm versichert, bei guter Fhrung ein gut Stck
Geld bei solchem Dienste zu gewinnen. Vielleicht gar wrde er auf
diese Weise binnen drei Jahren genug ersparen knnen, um zwei Bffel
zu kaufen. Diese Aussicht lachte ihm entgegen. Mit selbstbewusstem
Schritt, wie jemand, der grosse Dinge im Sinne hat, trat er nach der
Abreise seines Vaters bei Adinda ein und teilte ihr seinen Plan mit.

--Denk' doch, sagte er, wenn ich wiederkomme, werden wir alt genug
sein, zu freien, und wir werden dann zwei Bffel haben!

--Prchtig, Sadjah, ich will gern zu dir gehen, wenn du
wiederkommst. Ich werde spinnen und Sarongs und Slendangs weben und
batiken und sehr fleissig sein die ganze Zeit.

--O, ich glaube dir, Adinda! Aber ... wenn ich dich verheiratet finde?

--Sadjah, du weisst doch sehr gut, dass ich mit niemandem ehelichen
werde. Mein Vater hat mich deinem Vater zugesagt.

--Und du selbst?

--Ich werde dich heiraten, dessen sei sicher!

--Wenn ich zurckkomme, werde ich von ferne rufen ...

--Wer soll es hren, wenn wir im Dorfe Reis stampfen?

--Das ist wahr. Doch Adinda ... das ist besser: erwarte mich bei
dem Djatigehlz, unter dem Ketapanbaum, wo du mir die Melattiblume
gegeben hast.

--Aber, Sadjah, wie kann ich wissen, wann ich hingehen muss, um dich
bei dem Ketapan zu erwarten?

Sadjah bedachte sich einen Augenblick und sagte:

--Zhl' die Monde. Ich werde drei-mal-zwlf Monde ausbleiben. Dieser
Mond rechnet nicht mit. Sieh, Adinda, schneide eine Kerbe bei
jedem neuen Mond in deinen Reisblock. Wenn du drei-mal-zwlf Kerben
eingeschnitten hast, werde ich den Tag, der darauf folgt, bei dem
Ketapan ankommen. Gelobst du, dass du da bist?

--Ja, Sadjah, ich werde unter dem Ketapan beim Djatigehlz sein,
wenn du zurckkommst.



Nun riss Sadjah einen Streifen von seinem blauen Kopftuch, das
sehr verschlissen war, und er gab das Stckchen Leinwand Adinda,
damit sie es als Pfand bewahre. Und darauf verliess er sie und Badur.



Er lief viele Tage hindurch. Er ging an Rangkas-Betung vorbei, das
derzeit noch nicht der Hauptplatz von Lebak war, und an Warang-Gunung,
wo damals der Assistent-Resident wohnte, und folgenden Tages sah er
Pandeglang, das da liegt wie in einem Garten. Wieder einen Tag spter
kam er in Serang an, und er stand berwltigt von der Pracht eines
so grossen Platzes mit vielen Husern, gebaut aus Stein und gedeckt
mit roten Ziegeln. Sadjah hatte dergleichen nie gesehen. Er blieb
dort einen Tag, weil er ermdet war, aber in der Khle der Nacht
marschierte er weiter und kam am folgenden Tag nach Tangerang, noch
bevor der Schatten bis auf seine Lippen gesunken war, wiewohl er den
grossen Tudung trug, den sein Vater ihm hinterlassen hatte.

In Tangerang badete er sich nahe bei der berfahrt im Flusse, und er
ruhte aus im Hause eines Bekannten seines Vaters, der ihn unterwies,
wie man Strohhte flicht, gerade solche, wie sie von Manilla
kommen. Er blieb dort einen Tag, um dies zu lernen, und er dachte,
hiermit spter sich etwas verdienen zu knnen, falls er in Batavia
etwa kein Glck haben wrde. Den folgenden Tag gegen Abend, als es
khl wurde, dankte er seinem Gastherrn sehr und ging weiter. Sobald es
ganz dunkel war, sodass niemand mehr es sehen mochte, brachte er das
Blatt zum Vorschein, worin er die Melatti bewahrte, die Adinda ihm
unter dem Ketapanbaum gegeben hatte. Denn er war betrbt geworden,
weil er sie nun so lange Zeit nicht sehen wrde. Den ersten Tag und
auch den zweiten hatte er minder stark gefhlt, wie allein er war,
da seine Seele noch gnzlich von dem grossen Gedanken erfllt war,
dass er Geld verdienen und hiermit zwei Bffel kaufen werde, wo doch
selbst sein Vater nie mehr als einen besessen hatte; auch richteten
sich seine Gedanken zu viel auf das Wiedersehen mit Adinda, als dass
sie der Betrbtheit ber den Abschied viel Raum bieten konnten. Er
hatte in berspannter Hoffnung Abschied genommen und ihn in seinen
Gedanken schon mit dem endlichen Wiedersehen unter dem Ketapanbaum
verknpft. Denn eine so grosse Rolle spielte die Aussicht auf das
Wiedersehen in seinem Herzen, dass er, als er bei der Abreise von
Badur an diesem Baum vorberging, eine Frhlichkeit in sich fhlte,
als wren sie schon vorbei, die sechsunddreissig Monde, die ihn von
diesem Augenblicke schieden. Es war ihm vorgekommen, als brauche er
nur umzukehren, als sei er schon von der Reise zurck und sehe nun
dort unter dem Baume Adinda seiner harren.

Doch je weiter er sich von Badur entfernte und je mehr er inne wurde,
wie furchtbar lang ein Tag sein kann, um so mehr empfand er die grosse
Dauer der sechsunddreissig Monde. Es war etwas in seiner Seele, das
ihn minder schnell fortschreiten liess. Er fhlte Unlust in seinen
Knieen, und war es auch nicht Mutlosigkeit, was ihn da berfiel,
so doch eine Wehmut, die nicht fern ist von Mutlosigkeit. Er dachte
daran, zurckzukehren; doch was sollte dann Adinda von so geringer
Beherztheit sagen?

Also schritt er rstiger zu, wenn auch nicht so schnell wie am ersten
Tage. Er hatte die Melatti in der Hand und drckte sie gar manches Mal
gegen die Brust. Er war seit drei Tagen viel lter geworden und begriff
nicht mehr, wie er frher so ruhig gelebt hatte, wo doch Adinda ihm so
nahe war und er sie sehen konnte, so oft und so lange er begehrte. Denn
nun wrde er nicht so ruhig sein, wenn er erwarten knnte, dass sie
da stracks vor ihm stehen werde. Und auch begriff er nicht, dass er
nach dem Abschied nicht noch einmal umgekehrt war, um ihr noch einmal
ins Gesicht zu schauen! Auch kam es ihm in den Sinn, wie er noch kurz
zuvor mit ihr wegen der Schnur gezankt hatte, die sie fr den Lalayang,
den Drachen ihrer Brderchen, gesponnen hatte, und die gebrochen war,
weil, wie er meinte, ein Fehler in ihrem Gespinnst war, wodurch eine
Wette gegen die Kinder aus Tjipurut verloren ging. Wie war's mglich,
dachte er, deswegen bs zu werden auf Adinda! Denn htte sie auch
einen Fehler in die Schnur gesponnen, und wre auch wirklich hierdurch
die Wette von Badur gegen Tjipurut verloren worden, und nicht durch
die Glasscherbe--so hinterlistig und geschickt sie immer durch den
kleinen Djamien aus seinem Versteck hervor geworfen sein mochte--htte
ich selbst dann so hart gegen sie sein und sie mit ungehrigen Namen
benennen drfen? Was ist nun, wenn ich in Batavia sterbe, ohne sie um
Vergebung fr so grosse Grobheit gebeten zu haben? Ist es nicht, als
wenn ich ein schlechter Mensch sei, der ein Mdchen mit Schimpfworten
bewirft? Und wird nicht in Badur, wenn man hrt, dass ich in fremdem
Lande gestorben bin, ein jeder sagen: es ist gut, dass Sadjah starb,
denn er hat einen grossen Mund gehabt gegen Adinda?

So nahmen seine Gedanken einen Lauf, der sich von der voraufgegangenen
Gehobenheit sehr unterschied, und unwillkrlich usserten sie
sich, erst in halben, in sich hinein gesprochenen Worten, dann im
Selbstgesprch, und schliesslich in dem wehmtigen Sang, von dem
ich hier die bersetzung folgen lasse. Meine Absicht war zunchst,
etwas Mass und Reim in die Wiedergabe zu bringen, doch finde ich es
schliesslich besser, das Schnrleibchen wegzulassen.



              Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
Ich habe die grosse See gesehn am Sdrand, da ich da war mit meinem
                                                Vater, Salz zu machen.
Wenn ich sterbe auf der See und wenn man meinen Leichnam wirft ins
                                     tiefe Wasser, werden Haie kommen.
Sie werden um meine Leiche schwimmen und fragen: wer von uns wird
den Leichnam verschlingen, der da im Wasser treibt?
                    Ich werd's nicht hren.



              Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
Ich habe das Haus brennen sehen des Pa-ansu, das er selbst ansteckte,
                                               weil er matah-glap war.
Wenn ich in einem brennenden Hause sterbe, werden glhende Stcke
                                Holz auf meinen Leichnam niederfallen.
Und draussen vorm Hause wird ein gross Geruf von Menschen sein,
die Wasser werfen, um den Brand zu tten.
                        Ich werd's nicht hren.



              Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
Ich habe den kleinen Si-unah fallen sehen aus dem Klappa-Baum, als
                            er einen Klappa pflckte fr seine Mutter.
Wenn ich aus einem Klappa-Baum niederfalle, werd' ich tot niederliegen
                       an seinem Fuss, in den Struchern, wie Si-unah.
Dann wird meine Mutter nicht weinen, denn sie ist tot. Doch andre
werden rufen mit harter Stimme: Siehe, da liegt Sadjah!
                        Ich werd's nicht hren.



              Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
Ich habe den Leichnam von Pa-lisu gesehen, der an hohem Alter starb,
                                         denn seine Haare waren weiss.
Wenn ich vor Alter sterbe, mit weissen Haaren, werden die Klagefrauen
                                                um meine Leiche stehn.
Und sie werden wehklagen wie die Klagefrauen an Pa-lisus Leiche,
und auch die Enkelkinder werden weinen, sehr laut.
                        Ich werd's nicht hren.



                Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
Ich habe viele gesehn zu Badur, die gestorben waren. Man kleidete
                   sie in ein weiss Kleid und begrub sie in den Grund.
Wenn ich sterbe zu Badur und man begrbt mich ausserhalb der Dessah
                       ostwrts gegen den Hgel, wo das Gras hoch ist,
Dann wird Adinda dort vorbeigehn, und der Saum ihres Sarongs wird
                                    leise ber das Gras schleifen ...
                        Ich werd' es hren.



Sadjah kam in Batavia an. Er bat einen Herrn, dass er ihn in
Dienst nehme, und dieser that es auf der Stelle, weil er Sadjah
nicht verstand. Denn in Batavia hat man gern Bedienstete, die noch
kein Malayisch sprechen und also noch nicht verdorben sind wie die
andern, die schon lnger mit der europischen Kultur in Berhrung
stehen. Sadjah lernte bald Malayisch, aber er passte brav auf,
denn er dachte stets an die zwei Bffel, die er kaufen wollte, und
an Adinda. Er wurde gross und stark, weil er alle Tage ass, was in
Badur nicht immer mglich war. Er war beliebt im Stall und wre sicher
nicht abgewiesen worden, wenn er die Tochter des Kutschers zum Weibe
begehrt htte. Sein Herr selbst hielt so viel von Sadjah, dass er
gar bald zum Hausbedienten erhoben wurde. Man erhhte seinen Lohn
und gab ihm obendrein fortwhrend Geschenke, weil man so besonders
zufrieden mit seinen Diensten war. Mevrouw hatte den Roman von Sue
gelesen, der so viel Aufsehen machte, und wurde nun stets an den
Prinzen Djalma erinnert, wenn sie Sadjah sah. Auch die jungen Damen
des Hauses begriffen nun besser als frher, wie der javanische Maler
Radhen Saleh zu soviel Glck und Ehren in Paris gelangen konnte.

Doch fand man Sadjah undankbar, als er nach beinahe dreijhrigem
Dienst seine Entlassung begehrte und um ein Zeugnis ersuchte, dass
er sich gut betragen habe. Man konnte es ihm jedoch nicht verweigern,
und Sadjah ging frhlichen Herzens auf die Reise.

Er ging an Pising vorbei, wo lange vorher einst Havelaar wohnte. Aber
dies wusste Sadjah nicht. Und htte er es auch gewusst, er trug etwas
ganz anderes in der Seele, das ihn beschftigt hielt. Er zhlte die
Schtze, die er mit heimbrachte. In einer Bambusrolle hatte er seinen
Pass und das Zeugnis seines guten Betragens. In einem Kcher, den er
an einem ledernen Riemen trug, schien unaufhrlich etwas Gewichtiges
gegen seine Schulter zu schlagen, aber er fhlte es gern ... ich glaube
es schon, darin waren doch dreissig Spanische Dollars, genug also,
um drei Bffel zu kaufen. Was Adinda wohl sagen wrde! Und das war
noch nicht alles. Auf seinem Rcken sah man die mit Silber beschlagene
Scheide eines Dolches, den er am Grtel trug. Der Griff war sicher
aus feingeschnitztem Kamuning-Holz, denn er hatte ihn sorgfltig mit
einer seidenen Hlle umwickelt. Und er besass noch mehr Schtze. In
den Falten des Kahin um seine Lenden bewahrte er einen Leibgurt von
silbernen Gliedern, mit goldener Agraffe. Es ist wahr, der Grtel
war nur kurz, aber sie war auch so schlank ... Adinda!

Und an einem Schnrchen um den Hals, unter seinem Vor-Baadju, trug
er ein seidenes Beutelchen, darin einige vertrocknete Melatti waren.

War es ein Wunder, dass er sich in Tangerang nicht lnger aufhielt
als ntig war, den Bekannten seines Vaters zu besuchen, der die feinen
Strohhte flocht? War es ein Wunder, dass er nicht viel zu den Mdchen
sagte, die ihn auf dem Wege fragten: wohin, woher?, wie der Gruss
in diesen Gegenden lautet? Dass er Serang nicht mehr so schn fand,
da er doch Batavia kennen gelernt hatte? Dass er sich nicht mehr, wie
er es vor drei Jahren that, ins Gestrpp verkroch, als der Resident
vorberritt, er, der den viel grsseren Herrn gesehen hatte, der zu
Buitenzorg wohnt und der 'Grossvater' des Susuhunan zu Solo ist? War
es ein Wunder, dass er wenig acht gab auf die Erzhlungen derer, die
ein Stck Weges mit ihm gingen und von allem Neuen in Bantan-Kidul
sprachen? Dass er kaum hinhrte, als man ihm berichtete, dass die
Kaffeekultur nach vielen unbelohnten Mhen nun ganz eingezogen
sei? Dass das Distriktshaupt von Parang-Kudjang wegen Raubes auf
ffentlicher Strasse zu vierzehn Tagen Arrest, im Hause seines
Schwiegervaters abzusitzen, verurteilt war? Dass der Hauptplatz nach
Rangkas-Betung verlegt war? Dass ein neuer Assistent-Resident gekommen
sei, weil der vorige vor einigen Monaten starb? Wie der neue Beamte
auf der ersten Sebah-Versammlung gesprochen hatte? Wie da seit einiger
Zeit niemand mehr wegen seiner Klagen bestraft worden sei und dass
man hoffe, dass alles Gestohlene wiedergegeben oder vergtet werde?

Nein, er hatte schnere Bilder vor dem Auge seiner Seele. Er suchte
den Ketapanbaum in den Wolken, zu fern noch, um ihn in Badur suchen
zu knnen. Er griff in die Luft, die ihn umgab, als wollte er die
Gestalt umfassen, die ihn unter dem Baume erwarten wrde. Er malte
sich Adindas Antlitz aus, ihren Kopf, ihre Schultern ... er sah den
schweren Kondeh, so glnzend schwarz, in der eigenen Schlinge gefangen
auf den Nacken herabhngend ... er sah ihr grosses Auge, in dunklem
Wiederschein leuchtend ... die Nasenflgel, die sie so trotzig-stolz
aufzog als Kind, wenn er--wie war's mglich!--sie plagte, und den
Winkel zwischen ihren Lippen, in dem sie ein Lcheln bewahrte. Er sah
ihre Brust, die nun schwellen werde unter der Kabaai ... er sah, wie
der Sarong, den sie selbst gewoben hatte, ihre Hften eng umschloss
und, dem Schenkel in gebogener Linie folgend, in herrlichem Wurf am
Knie herunterfiel bis auf den kleinen Fuss ...

Nein, er hrte wenig von dem, was man ihm sagte. Er hrte ganz
andere Tne. Er hrte, wie Adinda sagen wrde: Sei willkommen,
Sadjah! Ich habe an dich gedacht beim Spinnen und Weben und beim
Stampfen des Reises in dem Block, der drei-mal-zwlf Kerben trgt
von meiner Hand. Hier bin ich unter dem Ketapan, am ersten Tage des
neuen Monds. Sei willkommen, Sadjah: ich will deine Frau sein!

Das war die Musik, die so herrlich in seinen Ohren wiederklang und
die ihn hinderte, auf all das Neue zu hren, das man ihm auf seinem
Wege erzhlte.

Endlich sah er den Ketapan. Oder vielmehr, er sah einen dunklen Fleck,
der viele Sterne vor seinem Auge verdeckte. Das musste der Djatiwald
sein, in der Nhe des Baumes, bei dem er Adinda wiedersehen sollte,
am folgenden Tage nach Sonnenaufgang. Er suchte im Dunkel umher und
betastete viele Stmme. Alsbald fand er eine ihm bekannte Unebenheit
an der Sdseite eines Baumes, und er legte den Finger in einen Spalt,
den Si-panteh mit seinem Parang hineingehackt hatte, um den Pontianak
zu beschwren, der das Zahnweh von Si-pantehs Mutter verschuldete,
das diese kurz vor der Geburt seines Brderchens befiel. Das war der
Ketapan, den er suchte.

Jawohl, das war der Fleck, wo er zuerst Adinda anders angesehen hatte
als seine brigen Spielgenossen, weil sie sich da zuerst geweigert
hatte, an einem Spiel teilzunehmen, das sie doch noch kurz zuvor mit
allen Kindern--Knaben und Mdchen--mitgespielt hatte. Da hatte sie
ihm die Melatti gegeben.

Er setzte sich an den Fuss des Baumes nieder und schaute zu den
Sternen auf. Als einer herniederschoss, nahm er das als einen
Gruss bei seiner Wiederkunft zu Badur auf. Und er dachte: ob
Adinda nun wohl schlft? Und ob sie wohl sorgfltig die Monde
in ihren Reisblock geschnitten hat? Es wrde ihn schmerzen,
wenn sie einen Mond berschlagen htte; als wenn das nicht gengte
... sechsunddreissig! Und ob sie schne Sarongs und Slendangs gebatikt
haben werde? Und auch fragte er sich, wer nun wohl in seines Vaters
Hause wohnen werde? Und seine Jugend trat ihm vor den Geist, und seine
Mutter, und wie der Bffel ihn vor dem Tiger rettete; und er bedachte,
was doch wohl aus Adinda geworden sein mchte, wenn der Bffel minder
treu gewesen wre.

Er gab sehr auf das Sinken der Sterne im Westen acht, und bei jedem
Stern, der am Himmelsrande verschwand, berechnete er, wieviel nher
jetzt die Sonne ihrem Aufgang im Osten sei, und wieviel nher er
selbst dem Wiedersehen mit Adinda.

Denn beim ersten Strahle gewiss werde sie kommen, ja, beim Dmmern
des Morgens schon werde sie da sein ... ach, warum war sie nicht
schon am Tage vorher gekommen?

Es betrbte ihn, dass sie ihm nicht vorausgeeilt war, dem schnen
Augenblick, der drei Jahre lang seiner Seele mit unbeschreiblichem
Glanz vorgeleuchtet hatte. Und, unbillig in der Selbstsucht seiner
Liebe, schien es ihm so, als htte Adinda da sein mssen, um auf ihn
zu warten, der nun sich beklagte--und vor der Zeit schon!--dass er
auf sie warten msste.

Aber er beklagte sich zu Unrecht. Denn noch war nicht die Sonne
aufgegangen, noch hatte das Auge des Tages keinen Blick auf die
Ebene geworfen. Wohl verblichen die Sterne dort oben in der Hhe,
beschmt, dass ihrer Herrschaft so bald ein Ende gemacht werde
... wohl fluteten da seltsame Farben ber die Spitzen der Berge,
die um so dunkler erschienen, je schrfer sie von dem lichteren
Grunde sich abhoben ... wohl flog hier und da durch die Wolken im
Osten ein glhender Strahl--Pfeile von Gold und Feuer, die hin und
wieder ber den Horizont schossen--aber sie verschwanden wieder
und schienen hinter den undurchdringbaren Vorhang niederzufallen,
der dem Auge Sadjahs noch immer den Tag verbarg.

Doch wurde es allmhlich lichter und lichter um ihn her. Er schaute
schon die Landschaft, und schon konnte er die Kronen des kleinen
Klappahains unterscheiden, in dem Badur versteckt lag ... da schlief
Adinda!

Nein, sie schlief nicht mehr! Wie sollte sie wohl schlafen
knnen? Wusste sie nicht, dass Sadjah ihrer warte? Gewiss, sie hatte
die ganze Nacht nicht geschlafen. Sicher hatte die Dorfwache an ihre
Thr geklopft, um zu fragen, warum die Pelitah in ihrem Huschen noch
fortbrenne, und mit liebem Lcheln hatte sie dann gesagt, dass ein
Gelbde sie wach halte; sie msse den Slendang noch abweben, an dem
sie arbeite, und am ersten Tage des neuen Mondes msse er fertig sein.

Oder sie hatte die Nacht im Finstern verbracht, auf ihrem Reisblock
sitzend und mit begierigem Finger zhlend, ob auch wirklich
sechsunddreissig tiefe Kerben nebeneinander darin eingeschnitzt
waren. Und sie hatte sich spielend an dem Schrecken ergtzt, dass
sie sich vielleicht verrechnete, dass vielleicht noch ein Einschnitt
fehle, um noch und noch einmal und immer wieder in der herrlichen
Gewissheit zu schwelgen, dass da wohlgezhlte drei-mal-zwlf Monde
vergangen seien, seit Sadjah sie zum letztenmal sah.

Auch sie strengte nun wohl, wo es so hell wurde, ihre Augen mit
fruchtlosem Bemhen an, die Blicke ber den Horizont hinweg zu senken,
dass sie der Sonne begegnen mchten, der trgen Sonne, die wegblieb
... wegblieb ...

Da kam ein Streif blulichen Rots herauf, der sich an die Wolken
klammerte, und die Rnder wurden licht und glhend, und es begann zu
blitzen, und wieder schossen da feurige Pfeile durch den Luftraum,
doch sie fielen diesmal nicht nieder, sie hefteten sich an den dunklen
Grund fest und teilten ihre Glut in grsseren und grsseren Kreisen
mit, und begegneten einander, kreuzten, verschlangen, wendeten sich und
vereinigten sich zu Strahlenbndeln, und wetterleuchteten in goldenem
Glanz auf einem Grunde von Perlmutter, und es war da Rot und Gelb und
Blau und Silbern und Purpurn und Azurn in diesem allen ... o Gott,
das war die Morgenrte: das war das Wiedersehen mit Adinda!

Sadjah hatte nicht beten gelernt, und ihn es zu lehren, wre auch
unntz gewesen, denn heiligeres Gebet und ein feurigerer Dank,
als da in dem sprachlosen Entzcken seiner Seele lag, war nicht in
menschliche Sprache zu fassen.

Er wollte nicht nach Badur hinein. Das Wiedersehen mit Adinda selbst
schien ihm minder schn als die Sicherheit, dass er sie nun alsbald
sehen werde. Er setzte sich an den Fuss des Ketapan und liess das Auge
ber die Landschaft schweifen. Die Natur lachte ihm zu und schien ihn
willkommen zu heissen wie eine Mutter ihr zurckkehrendes Kind. Und
ebenso wie diese ihre Freude ussert durch das eigenwillige Erinnern
an vorbergegangenen Schmerz beim Vorzeigen dessen, was sie whrend
der Trennung als Andenken bewahrte, so ergtzte auch Sadjah sich
an dem Wiedererkennen so vieler rtlichkeiten, die Zeugen seines
kurzen Lebens waren. Aber wie seine Augen oder seine Gedanken auch
umherschweiften, immer fielen Blick und Verlangen zurck auf den Pfad,
der von Badur nach dem Ketapanbaum fhrt. Alles, was seine Sinne
wahrnahmen, hiess Adinda. Er sah den Abgrund links, wo die Erde so
gelb ist, wo einmal ein junger Bffel in die Tiefe sank: da hatten
sich die Bewohner des Dorfes versammelt, um das Tier zu retten--denn
es ist keine geringe Sache, einen jungen Bffel zu verlieren!--und sie
hatten sich an starken Rottanstricken hinuntergelassen. Adindas Vater
war der mutigste gewesen ... o, wie sie in die Hnde klatschte, Adinda!

Und drben an der andern Seite, wo das Kokoswldchen seine Kronen ber
den Htten des Dorfes schaukelt, da irgendwo war Si-unah aus dem Baum
gefallen und hatte den Tod gefunden. Wie weinte seine Mutter: weil
Si-unah noch so klein war, jammerte sie ... als ob sie sich minder
betrbt htte, wenn Si-unah grsser gewesen wre! Doch klein war er,
das ist wahr, denn er war kleiner und schwcher noch als Adinda ...

Niemand betrat den schmalen Weg, der von Badur nach dem Baum
leitete. Gleich aber werde sie kommen; o gewiss, es war noch frh.

Saidjah sah einen Badjing [5], der mit ausgelassener Hurtigkeit hin
und wieder sprang gegen den Stamm eines Klappabaums. Das Tierchen--ein
rgernis fr den Eigner des Baumes, aber doch so lieb in Gestalt
und Bewegung--kletterte unermdlich auf und nieder. Sadjah sah es
und zwang sich, es im Auge zu behalten, weil dies seinen Gedanken
Ablenkung gab von der schweren Arbeit, die sie seit dem Aufgange
der Sonne verrichteten--Ruhe nach dem ermdenden Warten. Sehr bald
usserten sich seine Eindrcke in Worten, und er sang, was in seiner
Seele vorging. Es wre mir lieber, euch sein Lied in Malayisch vorlesen
zu knnen, dem Italienisch des Ostens; doch hier ist die bertragung:


    Sieh, wie der Badjing Atzung sucht
    Auf dem Klappabaum. Er steigt auf und ab, hopst links und rechts,
    Er kreist um den Baum, springt, fllt, klimmt und fllt wieder:
    Er hat keine Flgel und ist doch hurtig wie ein Vogel.

    Viel Glck, mein Badjing, ich wnsch' dir Heil!
    Sicher wirst du finden die Atzung, die du suchst ...
    Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch,
    Wartend auf Atzung fr mein Herz.

    Lang' schon ist der kleine Bauch meines Badjing gesttigt ...
    Lang' schon ist er zurckgekehrt in sein Nestchen ...
    Doch immerdar noch ist meine Seele
    Und mein Herz bitter betrbt ... Adinda!


Noch war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Ketapanbaum
leitete.

Sadjahs Auge fiel auf einen Falter, der sich zu freuen schien,
weil es warm zu werden begann:


    Sieh, wie der Falter dort rundflattert.
    Seine Schwingen prangen wie eine vielfarbige Blume.
    Sein Herz ist verliebt in die Kenarieblte:
    Gewiss sucht er sein wohlriechendes Liebchen.

    Viel Glck, mein Falter, ich wnsch' dir Heil!
    Sicher wirst du finden, was du suchst ...
    Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch,
    Wartend auf die, die mein Herz lieb hat.

    Lang' schon hat der Falter geksst
    Die Kenarieblume, die er so lieb hat ...
    Doch immerdar noch ist meine Seele
    Und mein Herz bitter betrbt ... Adinda!


Und es war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Baum
leitete.

Die Sonne begann auf die Hhe zu klimmen ... es war schon heiss in
der Luft.


    Sieh, wie die Sonne leuchtet dort in der Hhe,
    Hoch ber dem Waringi-Hgel.
    Sie fhlt sich zu warm und wnscht niederzusteigen,
    Dass sie schlafe in der See wie im Arm eines Gatten.

    Viel Glck, o Sonne, ich wnsch' dir Heil!
    Was du suchst, wirst sicher du finden ...
    Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch,
    Wartend auf Ruh fr mein Herz.

    Lang' schon wird die Sonne untergegangen sein
    Und schlafen in der See, wenn alles dunkel ist ...
    Und immerdar noch wird meine Seele
    Und mein Herz bitter betrbt sein ... Adinda!


Noch war niemand auf dem Wege, der da von Badur her nach dem Ketapan
leitete.


    Wenn nicht lnger Falter werden rundflattern,
    Wenn nicht die Sterne mehr werden glnzen,
    Wenn die Melatti nicht mehr wohlriechend sein wird,
    Wenn da nicht lnger Herzen betrbt sind,
    Nicht mehr sein wird wildes Getier in dem Wald ...
    Wenn die Sonne verkehrt wird laufen,
    Und der Mond vergessen, was Ost und West ist ...
    Wenn dann Adinda noch nicht gekommen ist,
    Dann wird ein Engel mit blinkenden Flgeln
    Niederkommen zur Erde, dass er suche, was da allein blieb.
    Dann wird mein Leichnam hier liegen unter dem Ketapan ...
    Meine Seele ist bitter betrbt ... Adinda!


Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem
Baum leitete.


    Dann wird mein Leichnam von dem Engel gesehn werden.
    Er wird ihn seinen Brdern mit dem Finger weisen:

    "Sehet, dort ist ein gestorb'ner Mensch vergessen,
    Sein erstarrter Mund ksst eine Melattiblume.
    Kommt, dass wir ihn aufnehmen und gen Himmel tragen,
    Ihn, der Adindas harrte, bis er tot war.
    Frwahr, er darf nicht allein dahierbleiben,
    Dessen Herz die Kraft hatte, so zu lieben!"

    Dann soll noch einmal mein erstarrter Mund sich ffnen,
    Um Adinda zu rufen, die mein Herz lieb hat ...
    Noch einmal will ich die Melatti kssen,
    Die sie mir gab ... Adinda ... Adinda!


Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem
Ketapan fhrte.

O, sie war gewiss gegen Morgen hin in Schlaf gefallen, ermdet von
all dem Wachen whrend der Nacht, vom Wachen vieler Nchte! Sicher
hatte sie seit Wochen nicht geschlafen: so war es!

Sollte er aufstehen und nach Badur gehen? Nein! Mchte es nicht
scheinen, als ob er an ihrem Kommen zweifelte?

Wenn er den Mann anriefe, der da einen Bffel aufs Feld trieb? Der
Mann war zu fern. berdies, Sadjah wollte nicht sprechen ber Adinda,
nicht fragen nach Adinda ... er wollte sie wiedersehen, sie allein,
sie zuerst! O sicher, sicher musste sie nun gleich kommen!

Er sollte warten, warten ...

Aber wenn sie krank wre oder ... tot?

Wie ein angeschossener Hirsch flog Sadjah den Pfad entlang, der
von dem Ketapan nach dem Dorf fhrt, wo Adinda wohnte. Er sah nichts
und er hrte nichts, und doch htte er etwas hren knnen, denn es
standen Menschen auf dem Wege am Eingang des Dorfes, die riefen:
Sadjah, Sadjah!

Doch ... war es seine Hast, seine Leidenschaft, die ihn hinderte,
Adindas Haus zu finden? Er war schon bis ans Ende des Weges, wo das
Dorf aufhrt, dahingeflogen, und wie toll kehrte er um und schlug sich
vor den Kopf, dass er an ihrem Hause vorbeilaufen konnte, ohne es zu
sehen. Aber wieder war er am Dorfeingang, und--mein Gott, war es ein
Traum?--wieder hatte er Adindas Haus nicht gefunden! Noch einmal flog
er zurck, und pltzlich blieb er stehen, griff mit beiden Hnden an
seinen Kopf, als wollte er den Wahnsinn herausreissen, der ihn packte,
und rief laut: Von Sinnen, betrunken, ich bin betrunken!

Und die Frauen von Badur kamen aus ihren Husern und sahen mit
Erbarmen Sadjah da stehen, denn sie erkannten ihn und begriffen,
dass er Adindas Haus suche, und wussten, dass ein Haus Adindas nicht
im Dorfe Badur sei.

Denn als das Distriktshaupt von Parang-Kudjang Adindas Vater den
Bffel weggenommen hatte ...

ich hab' dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintnig ist!

... da war Adindas Mutter gestorben vor Kummer. Und ihr jngstes
Schwesterchen war gestorben, weil es keine Mutter hatte, die es
sugte. Und Adindas Vater, der sich vor der Strafe frchtete, als er
seine Landrenten nicht bezahlen konnte ...

weiss wohl, weiss wohl, dass meine Geschichte eintnig ist!

... Adindas Vater war fortgegangen aus dem Lande. Er hatte Adinda
mitgenommen und auch ihre Brder. Aber er hatte vernommen, wie Sadjahs
Vater in Buitenzorg mit Stockschlgen gestraft worden war, weil er
Badur ohne Pass verlassen hatte. Und darum war Adindas Vater weder
nach Buitenzorg gegangen, noch nach Krawang, noch nach Preanger, noch
in die Bataviaschen Ommelande ... er war nach Tjilangkahan gegangen,
dem Distrikt von Lebak, der an die See grenzt. Da hatte er sich in
den Wldern versteckt gehalten und die Ankunft von Pa-ento, Pa-lontha,
Si-uniah, Pa-ansiu, Abdul-isma und noch einigen andern abgewartet, die
durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihrer Bffel beraubt worden
waren und die Alle Strafe frchteten, wenn sie ihre Landrenten nicht
bezahlten. Da hatten sie sich bei Nacht zum Herrn eines Fischerewers
gemacht und waren in See gestochen. Sie steuerten westlich und
liessen das Land rechts liegen, bis nach Javapunt. Von hier hatten sie
sich nordwrts gewendet, bis sie Tanah-itam vor sich sahen, das die
europischen Seeleute Prinseneiland nennen. Sie hatten das Eiland an
der Ostseite umsegelt und steuerten auf die Kaiserbai, indem sie den
hohen Pik in den Lampongs zur Richtung nahmen. Wenigstens war so der
Weg, den man sich im Lebakschen flsternd ins Ohr sagte, wenn ber
offiziellen Bffelraub und unbezahlte Landrenten gesprochen wurde.

Doch der verwirrte Sadjah verstand nicht deutlich, was man ihm
sagte. Selbst den Bericht von seines Vaters Tode begriff er nicht
vllig. Es war ein Gebrause in seinen Ohren, als htte man in seinem
Kopfe einen Gong angeschlagen. Er fhlte, wie das Blut stossweise
durch die Adern gegen seine Schlfen geschleudert wurde, die unter
der Wucht so schweren Anstrmens zu zerspringen drohten. Er sprach
nicht und starrte mit erstorbenem Blick umher, ohne zu sehen, was um
ihn und wer bei ihm war, und brach endlich in grausiges Gelchter aus.

Eine alte Frau nahm ihn mit nach ihrem Huschen und verpflegte den
armen Schelm. Dann lachte er nicht mehr so schaurig, aber doch sprach
er nicht. Nur des Nachts wurden die Hausgenossen durch seine Stimme
aufgeschreckt, wenn er tonlos sang: Ich weiss nicht, wo ich sterben
soll, und einige Bewohner von Badur legten Geld zusammen, um den
Boajas des Tjudjung-Gewssers ein Opfer fr die Genesung Sadjahs zu
bringen, den sie fr wahnsinnig hielten. Doch wahnsinnig war er nicht.

Denn eines Nachts, als der Mond heller leuchtete, stand er vom
Baleh-baleh auf, verliess leise das Haus und suchte nach der Stelle,
wo Adinda gewohnt hatte. Es war nicht leicht, sie zu finden, weil
so viele Huser eingestrzt waren. Doch er meinte, den Platz an der
bestimmten Weite des Winkels zu erkennen, die etliche Lichtungen, die
durch das Gehlz liefen, bei ihrer Begegnung in seinem Auge bildeten,
wie der Seemann seinen Stand nach Leuchttrmen und hervorragenden
Bergspitzen berechnet.

Ja, hier musste es sein ... hier hatte Adinda gewohnt!

ber halbverfaulten Bambus und Stcke des niedergestrzten Daches
strauchelnd, bahnte er sich einen Weg zu dem Heiligtume, das er
suchte. Und wirklich, er fand noch einen Rest der aufrechtstehenden
Wand, neben welcher Adindas Baleh-baleh gestanden hatte, und es steckte
gar noch der kleine Bambuspflock darin, an dem sie ihr Kleid aufhngte,
wenn sie sich schlafen legte ...

Aber der Baleh-baleh war, wie das Haus, eingestrzt und beinahe zu
Staub vergangen. Er nahm eine Handvoll davon, drckte ihn an seine
geffneten Lippen und atmete sehr tief ...

Tags darauf fragte er die alte Frau, die ihn gepflegt hatte, wo der
Reisblock sei, der auf dem Erbe von Adindas Haus gestanden htte. Die
Frau war erfreut, dass sie ihn reden hrte, und lief im Dorfe herum,
um den Block zu suchen. Als sie Sadjah den neuen Eigner bezeichnen
konnte, folgte er ihr schweigend, und beim Reisblocke angelangt,
zhlte er an ihm zweiunddreissig Kerbschnitte ...

Darauf gab er der Frau so viele spanische Dollars, wie zum Kauf eines
Bffels erforderlich waren, und verliess Badur. In Tjilangkahan kaufte
er einen Fischerewer und erreichte damit nach einigen Tagen Segelns die
Lampongsche Kste, wo die Aufstndischen sich gegen die Niederlndische
Herrschaft emprten. Er schloss sich einem Trupp von Bantamern an,
weniger um des Kampfes willen, als um Adinda zu suchen. Denn er war
sanftmtig von Art und eher Betrbtheit zugnglich als Bitterkeit.

Eines Tages, als die Aufstndischen aufs neue geschlagen waren,
schweifte er suchend in einem Dorf umher, das eben durch das
Niederlndische Heer erobert war und also in Flammen stand. Sadjah
wusste, dass der Haufe, der dort vernichtet worden war, grossenteils
aus Leuten von Bantam bestanden hatte. Wie ein Spuk irrte er unter
den Husern umher, die noch nicht ganz verbrannt waren, und fand den
Leichnam von Adindas Vater, mit einer Klewang-Bajonettwunde in der
Brust. Neben ihm fand Sadjah Adindas drei Brder ermordet liegen,
Jnglinge, beinahe Kinder noch, und ein wenig weiter lag der Leichnam
Adindas, nackt, abscheulich misshandelt ...

Es war ein schmaler Streifen blauer Leinwand in die klaffende
Brustwunde eingedrungen, die langer, verzweifelter Abwehr ein Ende
gemacht zu haben schien ...

Da strzte sich Sadjah einigen Soldaten entgegen, die mit geflltem
Gewehr die noch lebenden Aufstndischen in das Feuer der brennenden
Huser trieben. Er umfasste die breiten Sbelbajonette, schob sich
mit Allgewalt vorwrts und drngte noch mit einem letzten grossen
Kraftaufwand die Soldaten zurck, indem die Sbelknufe ihm bis gegen
die Brust vordrangen ...

Und um Geringes spter war da in Batavia gross Gejubel ber den
neuen Sieg, der wieder so viele Lorbeeren zu den alten Lorbeeren der
Niederlndisch-Indischen Armee gefgt hatte. Und der Landvogt schrieb
heim ins Mutterland, dass die Ruhe in den Lampongs wiederhergestellt
sei. Und der Knig von Niederland, erleuchtet durch seine Staatsdiener,
belohnte wiederum soviel Heldenmut mit vielen Ritterkreuzen.

Und wahrscheinlich stiegen da aus den Herzen der Frommen, in der
Sonntagskirche oder in der Betstunde, Dankgebete gen Himmel, als man
vernahm, dass der Herr der Heerscharen wieder einmal mitgestritten
hatte unter dem Banner der Niederlande ...


                "Doch Gott, der alles Weh ersicht,
                Erhrte dieses Tages Opfer nicht."





Ich habe den Schluss der Geschichte von Sadjah krzer gemacht,
als ich htte thun knnen, wenn ich Gefallen daran fand, Grausiges
zu schildern. Der Leser wird wahrgenommen haben, wie ich bei der
Beschreibung des Wartens unter dem Ketapan verweilte, als schreckte
ich zurck vor der traurigen Lsung, und wie ich ber sie mit Scheu
hingeglitten bin. Und doch war dies gar nicht meine Absicht, als ich
begann, ber Sadjah zu reden. Denn anfnglich frchtete ich, ich wrde
strkere Farben ntig haben, um bei dem Leser Rhrung zu erzielen mit
der Schilderung so sonderlicher Zustnde. Im Laufe der Sache jedoch
empfand ich, dass es eine Beleidigung fr mein Publikum sein wrde,
wenn ich glaubte, mehr Blut in meine Schilderung bringen zu mssen.

Doch htte ich dies thun knnen, denn ich habe hier Dokumente vor
mir liegen ... doch nein: lieber ein Bekenntnis.

Ja, ein Bekenntnis, Leser! Ich weiss nicht, ob Sadjah Adinda lieb
hatte. Nicht, ob er nach Batavia ging. Nicht, ob er in den Lampongs
ermordet wurde von Niederlndischen Bajonetten. Ich weiss nicht,
ob sein Vater erlag unter den Stockprgeln, die ihm gegeben wurden,
weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Ich weiss nicht, ob Adinda
die Monde zhlte, indem sie Kerben in ihren Reisblock schnitt ...

Dies alles weiss ich nicht!

Doch ich weiss mehr als dies alles. Ich weiss und kann beweisen, dass
es viele Adindas gab und viele Sadjahs, und dass, was Erdichtung
im Einzelfall, Wahrheit wird im allgemeinen. Ich sagte bereits,
dass ich die Namen von Personen angeben kann, die, wie die Eltern
von Sadjah und von Adinda, durch Unterdrckung aus ihrer Heimat
vertrieben wurden. Es liegt nicht in meiner Absicht, in diesem
Werk Auseinandersetzungen zu geben, wie sie vor einen Gerichtshof
gehrten, der einen Spruch zu fllen htte ber die Art und Weise,
in welcher die Niederlndische Autoritt in Indien ausgebt wird,
Auseinandersetzungen, die nur fr den Beweiskraft haben wrden, der
die Geduld htte, sie mit Aufmerksamkeit und Interesse durchzulesen,
wie es nicht erwartet werden kann von einem Publikum, das Zerstreuung
in seiner Lektre sucht. Darum habe ich an Stelle drrer Namen von
Personen und Pltzen mit den Daten dabei, an Stelle einer Abschrift
der Liste von Diebsthlen und Erpressungen, die vor mir liegt, eine
ungefhre Schilderung dessen zu geben gesucht, was vorgehen kann in
den Herzen der armen Leute, die man dessen beraubt, was zum Unterhalt
ihres Lebens ntig ist, oder gar: ich habe dies nur den Leser ahnen
lassen, in der Befrchtung, mich zu sehr tuschen zu knnen in der
Zeichnung der Umrisse von Empfindungen, die ich selber nie erfahren.

Aber was die Hauptsache betrifft? O, dass ich aufgerufen wrde, um zu
beweisen, was ich schrieb! O, dass man sagte: du hast diesen Sadjah
erdichtet ... er sang niemals das Lied ... es wohnte keine Adinda
in Badur! Nur wnschte ich, dass es gesagt werde mit der Macht und
mit dem Willen, Recht zu schaffen, sobald ich bewiesen haben wrde,
dass aus mir nicht die Lsterzunge spricht!

Ist es lgenhaft, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter,
weil vielleicht niemals ein ausgeplnderter Reisender in ein
samaritanisches Haus aufgenommen wurde? Ist sie wohl lgenhaft,
die Parabel vom Semann, weil kein Landbauer seine Saat auf einen
Felsen auswerfen wird? Oder--um auf die Ebene zu gelangen, in der
mein Buch liegt--will man die Wahrheit nicht gelten lassen, die
die Hauptsache von Onkel Toms Htte ausmacht, weil vielleicht
niemals eine Evangeline bestanden hat? Wird man zu der Verfasserin
dieses unsterblichen Plaidoyers--unsterblich nicht wegen der Kunst
oder wegen des Talentes, sondern wegen der Tendenz und wegen der
Wirkung--wird man zu ihr sagen: Du hast gelogen, die Sklaven werden
nicht misshandelt, denn--es ist Unwahrheit in deinem Buch: es ist ein
Roman!? Musste nicht auch sie an Stelle einer Aufzhlung von drren
Thatsachen eine Geschichte bieten, die diese Thatsachen einkleidete,
um die Einsicht der Notwendigkeit einer Besserung eindringen zu
lassen bis in die Herzen? Htte man ihr Buch gelesen, wenn sie ihm
die Form eines Aktenstckes gegeben htte? Ist es ihre Schuld--oder
die meine--dass die Wahrheit, um Zugang zu finden, so oft das Kleid
der Lge borgen muss?

Und jene, die vielleicht behaupten, dass ich Sadjah und seine
Liebe idealisiert habe, muss ich fragen, wie sie das wissen
knnen? Gewiss erachten es nur sehr wenige Europer der Mhe
wert, sich niederzubeugen, um die Empfindungen der Kaffee- und
Zuckerwerkzeuge wahrzunehmen, die man 'Eingeborene' nennt. Doch wre
immerhin ihr Einwurf begrndet: wer solche Bedenken als Beweis gegen
die Haupttendenz meines Buches anfhrt, verschafft mir einen grossen
Triumph. Denn sie lauten bersetzt: Das bel, das du bekmpfst,
besteht nicht, oder besteht nicht in so hohem Masse, weil der Inlnder
nicht ist wie dein Sadjah ... es liegt in der Misshandlung der
Javanen jetzt kein so grosses Verbrechen, wie darin liegen wrde,
wenn du deinen Sadjah richtiger gezeichnet httest. Der Sundanese
singt solche Lieder nicht, liebt nicht so, fhlt nicht so, und also ...

Nein, Minister der Kolonien, nein, ihr Generalgouverneurs im
Ruhestande, nicht das habt ihr zu beweisen! Ihr habt zu beweisen,
dass die Bevlkerung nicht misshandelt wird, gleichgltig, ob es
sentimentale Sadjahs unter dieser Bevlkerung giebt oder nicht. Oder
solltet ihr zu behaupten wagen, Bffeldiebstahl sei gestattet gegenber
Leuten, die nicht lieben, die keine schwermtigen Lieder singen,
die nicht sentimental sind?

Bei einem Angriff auf litterarischem Gebiet wrde ich die Korrektheit
der Zeichnung meines Sadjah verteidigen, aber auf politischem
Boden streiche ich sogleich vor allen Aussetzungen bezglich dieser
Korrektheit die Segel, um zu verhindern, dass die grosse Frage auf
ein verkehrtes Terrain verschleppt werde. Es ist mir vollkommen
gleichgltig, ob man mich fr einen ungeschickten Zeichner hlt,
wenn man mir nur zugiebt, dass die Misshandlung des Eingeborenen eine
"weitgehende" ist; so lautet doch das Wort in der Note des Vorgngers
von Havelaar, die von diesem dem Kontrolleur Verbrugge unterbreitet
wurde: eine Note, die vor mir liegt!

Doch ich habe andere Beweise! Und das ist ein Glck, denn auch
Havelaars Vorgnger konnte sich geirrt haben.

O Gott, wenn er sich irrte, wurde er fr diesen Irrtum sehr hart
gestraft. Er wurde ermordet.






ACHTZEHNTES KAPITEL.


Es war Nachmittag. Havelaar trat aus dem Zimmer und fand seine Tine
in der Vorgalerie mit dem Thee auf ihn wartend. Mevrouw Slotering
trat aus ihrem Hause und schien sich nach Havelaars begeben zu
wollen, doch auf einmal wendete sie sich nach dem Zaune und wies
dort mit ziemlich heftigen Geberden einen Mann zurck, der ebenzuvor
eingetreten war. Sie blieb stehen, bis sie sich versichert hatte,
dass er nach draussen zurckgegangen war, und kehrte darauf dem Rasen
entlang nach Havelaars Haus zurck.

Ich will doch endlich mal wissen, was das bedeutet! sagte Havelaar,
und als die Begrssung vorber war, fragte er in scherzhaftem Tone,
damit sie nicht meine, er missgnne ihr das bisschen Autoritt auf
einem Erbe, das frher das ihre war:

--Bitte, Mevrouw, sagen Sie mir doch mal, warum Sie nur immer die
Leute, die das Erbe betreten, zurckschicken! Wenn der Mann da eben
gerade einer war, der Hhner zu verkaufen hatte oder sonst irgendwas,
was man in der Kche braucht?

Da zeigte sich auf dem Gesicht der Mevrouw Slotering ein schmerzlicher
Zug, der Havelaars Blick nicht entging.

--Ach, sagte sie, es giebt soviel schlechtes Volk!

--Gewiss, das giebt's berall. Doch wenn man es den Menschen so
schwierig macht, werden die Guten auch wegbleiben. Nun, Mevrouw,
erzhlen Sie mir doch nun mal ganz offen, warum Sie so streng Aufsicht
ben ber das Erbe!

Havelaar sah sie an und suchte vergebens die Antwort zu lesen in
ihrem feuchten Auge. Er drang etwas strker auf Erklrung ... die
Witwe brach in Thrnen aus und sagte, dass ihr Mann im Hause des
Distriktshauptes von Parang-Kudjang vergiftet worden wre.

--Er wollte Gerechtigkeit ben, M'nheer Havelaar, fuhr die arme
Frau fort, er wollte ein Ende machen der Misshandlung, unter der
die Bevlkerung seufzt. Er ermahnte und bedrohte die Hupter, in
Versammlungen und schriftlich ... Sie mssen doch wohl seine Briefe
gefunden haben im Archiv?

Es war so. Havelaar hatte diese Briefe gelesen, von denen Abschriften
vor mir liegen.

--Er sprach mehrfach mit dem Residenten, sagte weiter die Witwe,
doch immer vergeblich. Denn da es allgemein bekannt war, dass die
Erpressung statthatte zu Nutzen und unter dem Schutze des Regenten,
den der Resident nicht bei der Regierung anklagen wollte, so fhrten
alle diese Unterredungen zu nichts anderm als zur Misshandlung
der Klger. Darum hatte mein armer Mann gesagt, dass er, falls
keine Besserung eintrete vor Jahresschluss, sich direkt an den
Generalgouverneur wenden werde. Das war im November. Er ging
kurz darnach auf eine Inspektionsreise, nahm das Mittagmahl im
Hause des Dhemang von Parang-Kudjang ein, und wurde kurz darauf in
erbarmungswrdigem Zustande nach Haus gebracht. Er rief, auf den Magen
deutend: Feuer, Feuer!, und wenige Stunden spter war er tot, er,
der immer ein Muster von Gesundheit gewesen war.

--Haben Sie den Arzt von Serang rufen lassen? fragte Havelaar.

--Ja, doch er hat meinen Gatten nur kurze Zeit behandelt, weil er
bald nach seinem Eintreffen gestorben ist. Ich wagte dem Doktor
meine Vermutung nicht mitzuteilen, weil ich besorgte, ich wrde
wegen meines Zustandes diesen Ort nicht schnell verlassen knnen,
und auch Rache frchtete. Ich habe gehrt, dass Sie ebenso wie mein
Gatte den Missbruchen entgegentreten, die hier herrschen, und darum
habe ich keinen ruhigen Augenblick. Ich hatte dies alles vor Ihnen
verbergen wollen, um Sie und Mevrouw nicht ngstlich zu machen,
und beschrnkte mich also auf die berwachung von Garten und Erbe,
damit keine Fremden Zutritt zur Kche erlangten.

Nun wurde es Tine deutlich, warum Mevrouw Slotering ihre eigene
Haushaltung weiter fhrte und selbst keinen Gebrauch von der Kche
machen wollte, die doch so gerumig sei.

Havelaar liess den Kontrolleur rufen. Inzwischen richtete er an
den Arzt in Serang ein Ersuchen um Angabe der Erscheinungen bei
Sloterings Tode. Die Antwort, die er auf diese Frage erhielt, war
nicht in dem Sinne der Vermutung von der Witwe. Dem Arzte nach war
Slotering gestorben an einem Abscess in der Leber. Es ist nicht zu
meiner Wissenschaft gelangt, ob ein derartiges Leiden so pltzlich
auftreten und den Tod verursachen kann binnen weniger Stunden. Ich
glaube hier der Erklrung der Mevrouw Slotering Beachtung schenken
zu mssen, dass ihr Ehegatte frher immer gesund gewesen war. Doch
wenn man solcher Erklrung keinen Wert beimisst, weil die Auffassung
des Begriffes 'Gesundheit' vor allem bei Nicht-Heilkundigen eine
ziemlich grobsinnliche und auch unterschiedliche ist--so bleibt
doch die gewichtige Frage bestehen, ob jemand, der heute stirbt an
einem Abscess in der Leber, sich gestern noch zu Pferde setzen
konnte mit der Absicht, einen bergigen Landstrich zu inspizieren,
der in einzelnen Richtungen zwanzig Stunden breit ist? Der Arzt, der
Slotering behandelte, kann ein tchtiger Heilkundiger gewesen sein
und nichtsdestoweniger sich getuscht haben in der Beurteilung der
Erscheinungen der Krankheit, unvorbereitet wie er war, ein Verbrechen
zu vermuten.

Wie dem sei, ich kann nicht beweisen, dass Havelaars Vorgnger
vergiftet wurde, da man Havelaar die Zeit nicht gelassen hat,
diese Sache zur Klarheit zu bringen. Wohl aber kann ich beweisen,
dass seine Umgebung ihn fr vergiftet hielt, und dass diese Vermutung
sich sttzte auf des Vorgngers Leidenschaft, Unrecht entgegenzutreten.



Der Kontrolleur Verbrugge trat bei Havelaar ein. Dieser fragte kurzab:

--Woran ist M'nheer Slotering gestorben?

--Das weiss ich nicht.

--Ist er vergiftet?

--Das weiss ich nicht, aber ...

--Sprechen Sie deutlich, Verbrugge!

--Aber er suchte den Missbruchen entgegenzutreten, wie Sie, M'nheer
Havelaar, und ... und ...

--Nun? Weiter?

--Ich bin berzeugt, dass er ... vergiftet worden wre, wenn er noch
lnger hier geblieben wre.

--Schreiben Sie das auf!

Verbrugge hat diese Worte aufgeschrieben. Seine Erklrung liegt
vor mir!

--Noch etwas. Ist es wahr oder ist es nicht wahr, dass gewuchert und
erpresst wird in Lebak?

Verbrugge antwortete nicht.

--Antworten Sie, Verbrugge!

--Ich wage es nicht.

--Schreiben Sie auf, dass Sie's nicht wagen!

Verbrugge hat es aufgeschrieben: es liegt vor mir!

--Gut! Noch etwas: Sie wagen nicht zu antworten auf die letzte Frage,
doch sagten Sie mir unlngst, als die Rede von Vergiftung war, dass
Sie die einzige Sttze Ihrer Schwestern zu Batavia seien, nicht
wahr? Liegt darin vielleicht die Ursache Ihrer Furcht, der Grund
dessen, was ich stets Halbheit nannte?

--Ja!

--Schreiben Sie das auf.

Verbrugge schrieb es auf: seine Erklrung liegt vor mir!

--Es ist gut, sagte Havelaar, nun weiss ich genug.

Und Verbrugge konnte gehen. [6]

Havelaar trat ins Freie und spielte mit dem kleinen Max, den er mit
besonderer Innigkeit ksste. Als Mevrouw Slotering weggegangen war,
schickte er das Kind fort und rief Tine zu sich ins Zimmer.

--Liebe Tine, ich habe eine Bitte an dich! Ich mchte, dass du mit
Max nach Batavia gingest: ich klage heute den Regenten an.

Und sie fiel ihm um den Hals und war zum erstenmal ungehorsam und
rief schluchzend:

--Nein, Max! nein, Max! das thue ich nicht ... wir essen und trinken
zusammen!



Hatte Havelaar unrecht, als er behauptete, dass sie ebensowenig recht
zum Nasenschnauben htte wie die Frauen zu Arles?



Er schrieb und versandte den Brief, von dem ich hier eine Abschrift
gebe. Nachdem ich einigermassen die Verhltnisse geschildert, unter
denen dies Schriftstck verfasst wurde, glaube ich nicht ntig zu
haben, auf die beherzte Pflichterfllung hinzuweisen, die daraus
hervorstrahlt, und ebensowenig auf die edle Milde, die Havelaar bewog,
den Regenten vor allzu schwerer Strafe in Schutz zu nehmen. Doch
nicht so berflssig wird es sein, dabei seine kluge Umsicht zu
betonen, die ihn kein Wort verlieren liess ber die soeben gemachte
Entdeckung, damit er die Bestimmtheit und Zuverlssigkeit seiner
Anklage nicht durch die Ungewissheit einer wohl bedeutungsvollen,
doch noch unbewiesenen Beschuldigung abschwche. Seine Absicht war, die
Leiche seines Vorgngers ausgraben und wissenschaftlich untersuchen zu
lassen, sobald der Regent entfernt und sein Anhang unschdlich gemacht
sein wrde. Doch man hat ihm hierzu die Gelegenheit nicht gelassen.

In den Abschriften von offiziellen Schriftstcken--Abschriften,
die brigens buchstblich bereinstimmen mit den Originalen--glaube
ich die thrichten Titulaturen durch einfache Pronomina ersetzen zu
drfen. Von dem guten Geschmack meiner Leser erwarte ich, dass sie
diese nderung bereitwillig hinnehmen.



    No. 88.                    Rangkas-Betung, den 24. Februar 1856.
    Geheim. Eile.

        An den Residenten von Bantam.


    Seit ich vor einem Monat meine Stellung hier antrat, habe ich
    mir hauptschlich die Untersuchung angelegen sein lassen ber die
    Art und Weise, wie die Inlndischen Hupter ihre Verpflichtungen
    gegenber der Bevlkerung im Punkte des Herrendienstes, des
    'Pundutan' und dergleichen erfllen.

    Sehr bald entdeckte ich, dass der Regent auf eigene Autoritt
    und zu seinem Nutzen Menschen in einer Zahl aufrufen liess,
    die die gesetzlich ihm zustehende Anzahl von Pantjens und Kemits
    weit berschritt.

    Ich schwankte zwischen der Wahl, sofort offiziell zu rapportieren,
    und dem lebhaften Wunsche, durch Milde oder spter selbst durch
    Drohungen diesen Inlndischen Hauptbeamten hiervon abzubringen, um
    mit diesem letzteren schliesslich das doppelte Ziel zu erreichen:
    dass dieser Missbrauch aufhrte und dass gleichzeitig dieser alte
    Diener des Gouvernements nicht gleich allzu streng behandelt
    wrde, vor allem in Ansehung der schlechten Beispiele, die,
    wie ich glaube, ihm mehrfach gegeben worden sind, und sodann in
    Bercksichtigung des besonderen Umstandes, dass er Besuch erwartete
    von zwei Verwandten, den Regenten von Bandung und von Tjanjor,
    zum mindesten von dem letzteren--der, wie ich meine, schon mit
    grossem Gefolge unterwegs ist--und er also mehr als sonst der
    Versuchung ausgesetzt war--und angesichts des beschrnkten Status
    seiner Geldmittel sozusagen der Notwendigkeit--durch ungesetzliche
    Mittel fr die durch diesen Besuch ntigen Vorbereitungen Vorsorge
    zu treffen.

    Dies alles stimmte mich zur Milde bezglich dessen, was schon
    geschehen war, doch keineswegs war ich geneigt zur Nachgiebigkeit
    gegenber weiteren Fllen.

    Ich drang auf augenblickliche Unterlassung jedweder
    Ungesetzlichkeit.

    Von diesem vorlufigen Versuch, den Regenten durch Gte auf den
    Weg seiner Pflicht zu bringen, habe ich Ihnen unter der Hand
    Kenntnis verschafft.

    Ich habe jedoch erfahren mssen, dass er mit brutaler
    Unverschmtheit alles in den Wind schlgt, und ich fhle mich
    kraft meines Amtseides verpflichtet, Ihnen mitzuteilen:


        dass ich den Regenten von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta
        Negara, beschuldige des Missbrauchs der Amtsgewalt durch
        ungesetzliches Verfgen ber die Arbeit der ihm Unterstellten,
        und verdchtig erklre der Erpressung durch die Forderung
        von Aufwendungen in natura ohne oder gegen willkrlich
        festgestellte, unausreichende Bezahlung;

        dass ich im weiteren den Dhemang von Parang-Kudjang--seinen
        Schwiegersohn--verdchtig erklre der Mitschuld an den
        genannten Thatsachen.


    Um beide Sachen gehrig einleiten zu knnen, nehme ich mir die
    Freiheit, Ihnen vorzustellen, dass Sie mir befehlen:


        1. den obengenannten Regenten von Lebak mit grsster Eile
        nach Serang zu senden und dafr Sorge zu tragen, dass er weder
        vor seiner Abreise noch unterwegs die Gelegenheit habe, durch
        Bestechung oder auf andere Art die Zeugnisse zu beeinflussen,
        die ich werde einholen mssen;

        2. den Dhemang von Parang-Kudjang vorlufig in Arrest zu
        nehmen;

        3. gleiche Massregel anzuwenden auf solche Personen niedrigeren
        Ranges, die, zur Familie des Regenten gehrend, Einfluss
        auf den geordneten Verlauf der anzustellenden Untersuchung
        ausben knnten;

        4. diese Untersuchung sofort stattfinden zu lassen und von
        dem Ausfall ausfhrlichen Bericht einzureichen.


    Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen weiterhin in Erwgung zu geben,
    den Besuch des Regenten von Tjanjor abzubestellen.

    Zum Schlusse habe ich die Ehre--zum berfluss fr Sie, der Sie die
    Abteilung Lebak besser kennen, als es mir schon mglich ist--die
    Versicherung zu geben, dass aus einem politischen Gesichtspunkt
    der streng gerechten Behandlung dieser Sache nicht das mindeste
    im Wege steht, und dass ich eher Gefahr besorgen mchte, falls
    sie nicht zur Klarheit gebracht wird. Denn ich bin informiert,
    dass der gemeine Mann, der, wie ein Zeuge mir sagte, pussing ist
    (also: ratlos und in Verwirrung gebracht) durch all die Plackerei
    und Bedrckung, schon lange nach Rettung ausschaut.

    Ich habe die Kraft zu der beschwerlichen Pflicht, die ich mit
    dem Schreiben dieses Briefes erflle, zum Teil geschpft aus
    der Hoffnung, dass es mir vergnnt sein wird, zu seiner Zeit das
    eine und andere zur Schonung des alten Regenten beizubringen, mit
    dessen Position, wie sehr er sie durch eigene Schuld verursacht,
    ich gleichwohl tiefes Mitleid fhle.


        Der Assistent-Resident von Lebak,

            Max Havelaar.


Folgenden Tags antwortete ihm ... der Resident von Bantam? O nein,
der Herr Slymering, privatim!

Diese Antwort ist ein kostbarer Beitrag fr die Kenntnis der Art
und Weise, wie in Niederlndisch-Indien die Verwaltung gehandhabt
wird. Der Herr Slymering beklagte sich, dass Havelaar ihm von der
Sache, die vorkme in dem Briefe No. 88, nicht erst mndlich Kenntnis
gegeben htte. Natrlich weil dann mehr Mglichkeit gewesen wre, zu
schipperen. Und weiterhin: dass Havelaar ihn in seinen dringenden
Geschften stre!

Der Mann war gewiss mit einem Jahresbericht ber ruhige
Ruhe beschftigt! Ich habe diesen Brief vor mir liegen und
traue meinen Augen nicht. Ich lese noch einmal den Brief des
Assistent-Residenten von Lebak ... ich stelle ihn und den
Residenten von Bantam, Havelaar und Slymering, nebeneinander
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Dieser Shawlmann ist ein gemeiner Lump! Du musst wissen, Leser,
dass Bastians wieder sehr oft nicht aufs Kontor kommt, weil er die
Gicht hat. Da ich nun eine Gewissenssache aus dem Wegschmeissen
der Kapitalien der Firma--Last & Co.--mache ... denn in Grundstzen
bin ich unerschtterlich ... kam ich vorgestern auf den Gedanken,
dass Shawlmann doch eine leidlich gute Hand schreibe, und da er
so power aussieht und also fr mssigen Lohn wohl zu kriegen wre,
drngte es sich mir auf, dass ich der Firma verpflichtet sei, auf die
wohlfeilste Art fr den Ersatz Bastians zu sorgen. Ich ging also nach
der Langen-Leydener-Querstrasse. Die Frau von dem Laden war vorn,
schien mich jedoch nicht wiederzuerkennen, obschon ich ihr unlngst
recht deutlich gesagt hatte, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler
in Kaffee, von der Lauriergracht. Es berhrt immer beleidigend, wenn
man nicht wiedererkannt wird, doch da es jetzt weniger kalt ist und ich
das vorige Mal mein Pelzwerk anhatte, schreibe ich es dem zu und ziehe
es mir nicht an ... die Beleidigung, meine ich. Ich sagte also noch
einmal, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von der
Lauriergracht, und ersuchte sie, doch nachzusehen, ob der Shawlmann
zu Hause wre, weil ich nicht wieder wie unlngst mit seiner Frau
zu thun haben wollte, die stets unzufrieden ist. Doch das Trdelweib
weigerte sich, nach oben zu gehen. Sie knnte nicht den ganzen Tag
Treppen klettern fr das Bettelvolk, sagte sie, ich sollte nur selbst
nachsehen. Und darauf folgte wieder eine Beschreibung der Treppen
und Flure, die bei mir durchaus nicht ntig war, denn ich erkenne
stets einen Ort wieder, wo ich einmal war, weil ich berall mein Auge
habe. Das habe ich mir so bei den Geschften angewhnt. Ich kletterte
also die Treppen hinauf und klopfte an die bekannte Thr, die von
selbst wich. Ich trat ein, und da ich niemanden im Zimmer fand, sah
ich mich mal um. Nun, viel zu sehen war da nicht. Es hing ein halbes
Hschen mit gestickter Borde ber einem Stuhl ... was brauchen solche
Menschen gestickte Hosen zu tragen? In einer Ecke stand ein nicht sehr
schwerer Reisekoffer, den ich in Gedanken beim Henkel erfasste, und auf
dem Kaminsims lagen einige Bcher, die ich einsah. Eine wunderliche
Sammlung! Ein paar Bnde von Byron, Horaz, Bastiat, Branger, und
... rat einmal? Eine Bibel, eine komplette Bibel, mit den apokryphen
Bchern noch dazu! Das hatte ich bei Shawlmann nicht erwartet. Und
es schien auch drin gelesen zu sein, denn ich fand viele Notizen auf
losen Stcken Papier, die sich auf die SCHRIFT bezogen--er sagt, dass
Eva zweimal zur Welt kam ... der Kerl ist verrckt--nun, alles war von
derselben Hand wie die Manuskripte in dem verwnschten Paket. Vor allem
schien er das Buch Hiob eifrig studiert zu haben, denn da klafften die
Bltter. Ich denke, dass er die Hand des HERRN zu fhlen beginnt, und
darum durch Lektre in den Heiligen Bchern sich mit GOTT vershnen
will. Ich habe nichts dagegen. Doch wie ich so wartete, fiel mein
Auge auf einen Nhkasten, der auf dem Tisch stand. Ohne Hintergedanken
besah ich mir ihn. Es waren ein paar halbfertige Kinderstrmpfe darin
und eine Anzahl alberner Verse. Auch ein Brief an Shawlmanns Frau,
wie ich aus der Adresse ersah. Der Brief war geffnet und sah aus,
als wenn man ihn in Erregung zusammengeknutscht htte. Nun habe
ich den festen Grundsatz, niemals etwas zu lesen, was nicht an mich
gerichtet ist, weil ich es nicht anstndig finde. Ich thue es denn
auch nie, wenn ich kein Interesse daran habe. Aber nun wurde mir
eine Eingebung, dass es meine Pflicht wre, mal Einsicht in diesen
Brief zu nehmen, weil sein Inhalt mir vielleicht einen Fingerzeig
gewhrte bei der menschenfreundlichen Absicht, die mich zu Shawlmann
fhrte. Ich dachte daran, wie doch der HERR allzeit den Seinen nah
ist, da Er mir hier unerwartet die Gelegenheit gab, etwas mehr ber
diesen Mann zu erfahren, und mich also vor der Gefahr behtete, einer
unsittlichen Person eine Wohlthat zu erweisen. Ich gebe genau acht
auf solche Fingerzeige des HERRN, und das hat mir oftmals viel Nutzen
im Geschft gebracht. Zu meiner grossen Verwunderung sah ich, dass
die Frau des Shawlmann aus sehr geachteter Familie war, wenigstens
war der Brief von einem Blutsverwandten unterzeichnet, dessen Name
angesehen ist in Niederland, und ich war in der That auch entzckt
von dem schnen Inhalt dieses Schreibens. Es schien jemand zu sein,
der eifrig fr den HERRN arbeitet, denn er schrieb, dass die Frau
des Shawlmanns sich scheiden lassen msse von solch einem Elenden,
der sie Armut leiden liesse, der sein Brot nicht verdienen knne,
der obendrein ein Schurke wre, denn er htte Schulden ... dass
der Schreiber des Briefes um ihren Zustand bekmmert sei, wiewohl
sie sich dieses Los durch eigene Schuld auf den Hals geladen htte,
indem sie den HERRN verliess und Shawlmann anhing ... dass sie zum
HERRN zurckkehren msse, und dass dann vielleicht die ganze Familie
die Hnde dazu verbinden wrde, ihr Nharbeit zu verschaffen. Doch
vor diesem allen msse sie von dem Shawlmann lassen, der eine wahre
Schande fr die Familie bedeute.

Kurz, selbst in der Kirche war nicht mehr Erbauung zu holen, als da
in diesem Briefe stand.

Ich wusste genug und war dankbar, dass ich auf so wunderbare
Weise gewarnt war. Ohne diese Warnung wre ich sicher wieder
das Schlachtopfer meines guten Herzens geworden. Ich beschloss
also nochmals, Bastians nur zu behalten, bis ich einen passenderen
Ersatzmann fnde, denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse,
und wir knnen im Augenblick auch keinen von den Leuten entbehren,
weil unser Geschft so flott geht.

Der Leser wird gewiss neugierig sein, zu erfahren, wie ich es
gemacht habe auf dem letzten Krnzchen, und ob ich das Triolett
gefunden habe. Ich bin nicht auf dem Krnzchen gewesen. Es sind
wundersame Dinge vorgefallen: ich bin nach Driebergen gewesen,
mit meiner Frau und Marie. Mein Schwiegervater, der alte Last, der
Sohn von dem ersten Last--als die Meyers noch drin waren, aber die
sind nun lange raus--hatte schon so oft gesagt, dass er meine Frau
und Marie mal sehen mchte. Nun war es ziemlich gutes Wetter, und
meine Angst vor der Liebesgeschichte, mit der Stern gedroht hatte,
brachte mir auf einmal diese Einladung wieder in Erinnerung. Ich
sprach mit unserm Buchhalter darber, der ein Mann von viel Erfahrung
ist und mir nach grndlicher Beratung in Erwgung gab, meinen Plan
zu beschlafen. Das nahm ich mir sofort vor, denn ich bin schnell in
der Ausfhrung meiner Beschlsse. Bereits den folgenden Tag sah ich
ein, wie weise der Rat gewesen war, denn die Nacht hatte mich auf
den Gedanken gebracht, dass ich nicht besser thun knnte, als den
Entschluss bis Freitag hinauszuschieben. Kurzum, nachdem ich reiflich
alles erwogen--es sprach viel dafr, aber auch viel dagegen--sind wir
gegangen Sonnabend Mittag und sind Montag Morgen zurckgekehrt. Ich
wrde das ja alles nicht so ausfhrlich erzhlen, wenn es nicht in
enger Beziehung zu meinem Buche stnde. Zum ersten liegt mir daran,
dass ihr wisst, warum ich nicht protestiere gegen die Albernheiten,
die Stern letzten Sonntag gewiss wieder ausgekramt hat.--Was ist das
nur fr eine Geschichte von einem Menschen, der noch was hren sollte,
als er schon tot war? Marie sprach davon. Sie hatte es von den jungen
Rosemeyers, die in Zucker machen.--Zum zweiten bin ich so ausfhrlich,
weil ich wiederum aufs neue die sichere berzeugung gewonnen habe,
dass all diese Erzhlungen ber Elend und Unruhe in Ostindien ganz
offenbare Lgen sind. Da sieht man wieder, wie das Reisen einem
Gelegenheit giebt, recht auf den Grund der Dinge zu kommen.

Samstag Abend nmlich hatte mein Schwiegervater eine Einladung bei
einem Herrn angenommen, der frher in Ostindien Resident war und nun
auf einem grossen Landsitz wohnt. Da sind wir gewesen, und wahrlich,
ich kann den liebenswrdigen Empfang nicht genug rhmen. Er hatte
sein Fuhrwerk geschickt, um uns abzuholen, und der Kutscher hatte eine
rote Weste an. Nun war es wohl noch etwas zu kalt, um den Landsitz zu
besichtigen, der im Sommer prchtig sein muss, aber im Hause selbst
blieb einem nichts zu wnschen brig, denn es war von allem, was das
Leben angenehm macht, vollauf da: ein Billardsaal, ein Bibliotheksaal,
eine berdeckte eiserne Glasgalerie als Gewchshaus, und der Kakadu
sass auf einem Stnder von Silber. Ich hatte niemals sowas gesehen und
ersah sogleich wieder daraus, wie gutes Betragen doch immer belohnt
wird. Der Mann hatte gehrig auf seine Sachen gepasst, denn er hatte
wohl drei Orden. Er besass einen herrlichen Landsitz und obendrein
noch ein Haus in Amsterdam. Beim Souper war alles getrffelt, und
auch die Dienerschaft, die uns servierte, hatte rote Westen an,
gerade wie der Kutscher.

Da mich indische Angelegenheiten sehr interessieren--wegen des
Kaffees--brachte ich das Gesprch darauf, und sah sehr bald, woran
ich mich zu halten hatte. Der Resident hat mir gesagt, dass er's im
Osten immer sehr gut gehabt hat, und dass also kein wahres Wort ist an
all den Erzhlungen ber die Unzufriedenheit in der Bevlkerung. Ich
brachte das Gesprch auf Shawlmann. Er kannte ihn, und zwar von einer
sehr ungnstigen Seite. Er versicherte mir, dass man sehr recht daran
that, den Mann wegzujagen, denn er war eine sehr unzufriedene Person,
die stets an allem was auszusetzen hatte, whrend berdies sehr ber
sein eigenes Betragen Klage zu fhren war. Er entfhrte nmlich oft
Mdchen und brachte sie dann zu seiner eigenen Frau, und er bezahlte
seine Schulden nicht, was doch sehr unanstndig ist. Da ich nun aus
dem Brief, den ich gelesen hatte, so gut wusste, wie begrndet all
diese Beschuldigungen waren, war es mir eine grosse Genugthuung, zu
sehen, dass ich die Dinge so gut beurteilt hatte, und war ich sehr
zufrieden mit mir selbst. Dafr bin ich denn auch bekannt an meinem
Brsenpfeiler--dass ich stets so richtig urteile, meine ich.

Dieser Resident und seine Frau waren liebe, herzliche Menschen. Sie
erzhlten uns viel von ihrer Lebensweise in Ostindien. Es muss doch
wohl angenehm dort sein. Sie sagten, dass ihr Landsitz bei Driebergen
nicht halb so gross wre als ihr Erbe, wie sie es nannten, in den
Binnenlanden von Java, und dass zur Unterhaltung desselben wohl an
die hundert Menschen ntig waren. Doch--und das ist wohl ein Beweis
dafr, wie beliebt sie waren--das thaten diese Leute ganz umsonst und
rein aus Wohlwollen fr sie. Auch erzhlten sie, dass bei ihrem Abzug
von dort der Verkauf ihrer Mbel wohl zehnmal mehr aufgebracht htte,
als dieselben wert waren, weil die Inlndischen Huptlinge so gern ein
Andenken an einen Residenten kaufen, der wohlwollend gegen sie gewesen
ist. Ich sagte Stern spter davon, der behauptete, dass es durch Zwang
geschehe, und dass er dies aus Shawlmanns Paket beweisen knnte. Doch
ich habe ihm gesagt, dass der Shawlmann ein Verleumder ist, dass er
Mdchen entfhrt hat--gerade wie der junge Deutsche bei Busselinck &
Waterman--und dass ich auf sein Urteil durchaus keinen Wert legte,
denn ich htte nun von einem Residenten selbst gehrt, wie die Dinge
stnden, und htte also von M'nheer Shawlmann nichts zu lernen.

Es waren dort noch mehr Leute aus Ostindien, unter anderm ein Herr,
der sehr reich war und noch immer viel Geld an Thee verdient, den die
Javanen ihm fr wenig Geld liefern mssen und den die Regierung ihm
fr einen hohen Preis abkauft, um die Arbeitsamkeit dieser Javanen
anzuregen. Auch dieser Herr war sehr bs auf all die unzufriedenen
Menschen, die fortwhrend gegen die Regierung reden und schreiben. Er
konnte die Verwaltung der Kolonien nicht genug rhmen, denn er
sagte, er sei berzeugt, dass man viel Verlust htte an dem Thee,
den man von ihm kaufte, und dass es also ein wahrer Edelmut sei,
dass man dauernd einen so hohen Preis fr einen Artikel bezahle, der
eigentlich geringen Wert htte und den er selbst denn auch nicht gern
mchte, denn er trnke stets chinesischen Thee. Auch sagte er, dass
der Generalgouverneur, der die sogenannten Theevertrge verlngert
htte, trotz seiner Nachrechnung, dass das Land so bedeutenden
Verlust bei diesem Artikel habe, so ein befhigter, braver Mensch
sei, und vor allem denen ein so treuer Freund, die ihn frher schon
gekannt htten. Denn dieser Generalgouverneur htte sich den Teufel
um das Gerede gekmmert, dass an dem Thee soviel Verlust wre,
und er htte ihm, als von Einziehung dieser Vertrge--ich glaube
im Jahre 1846--die Rede war, einen grossen Dienst erwiesen, indem
er bestimmte, dass man nur immer fortfahren solle, seinen Thee zu
kaufen. Ja, rief er aus, das Herz blutet mir, wenn ich so edle
Menschen beschimpfen hre! Wenn er nicht gewesen wre, liefe ich
nun zu Fuss mit Frau und Kindern. Darauf liess er sein barouchet
vorfahren, und das sah doch so apart aus, und die Pferde waren so
wohlgenhrt, dass ich recht gut begreifen kann, wie man glht vor
Dankbarkeit gegen so einen Generalgouverneur. Es thut in der Seele
wohl, wenn man das Auge auf so liebreiche Empfindungen richtet, vor
allem, wenn man einen Vergleich anstellt mit dem verfluchten Murren
und Klagen von Geschpfen, wie dieser Shawlmann eins ist.

Am folgenden Tag erwiederte der Resident den Besuch, und ebenfalls der
Herr, fr den die Javanen Thee bauen. Es sind die allerbesten Menschen
und doch von ganz besonderem Ansehen! Beide fragten sie gleichzeitig,
mit welchem Zuge wir in Amsterdam anzukommen gedchten. Wir begriffen
nicht, was dies auf sich hatte, doch spter wurde es uns klar, denn
als wir am Montag Morgen dort ankamen, waren zwei Bediente am Bahnhof,
einer mit einer roten Weste, und ein anderer mit einer gelben Weste,
die beide aussagten, sie htten per Depesche Auftrag erhalten, uns
mit Fuhrwerk abzuholen. Meine Frau war ganz aus dem Huschen, und
ich dachte daran, was Busselinck & Waterman wohl gesagt haben wrden,
wenn sie das gesehen htten ... dass zwei Fuhrwerke zugleich fr uns
da waren, meine ich. Aber es war nicht leicht, eine Wahl zu treffen,
denn ich konnte mich nicht entschliessen, eine von den Parteien zu
krnken, indem ich eine so liebe Aufmerksamkeit abwies. Guter Rat
war teuer. Aber ich habe mich aus dieser hchst schwierigen Situation
schon wieder gerettet. Ich habe meine Frau und Marie im roten Fuhrwerk
Platz nehmen lassen--in dem Wagen von der roten Weste meine ich--und
ich habe mich ins gelbe gesetzt--ins Fuhrwerk, meine ich.

Was die Pferde nur liefen! In der Weesperstrasse, wo es immer
so schmutzig ist, flog der Dreck rechts und links haushoch, und,
als wenn's wieder so sein sollte, da lief der lumpige Shawlmann, in
gebckter Haltung, den Kopf gesenkt, und ich sah, wie er mit dem rmel
seines schbigen Rockes sein bleiches Gesicht von den Dreckspritzen
zu reinigen suchte. Ich bin selten so famos ausgewesen, und meine
Frau fand es auch.






NEUNZEHNTES KAPITEL.


In dem privaten Schreiben, das der Herr Slymering an Havelaar sandte,
teilte er diesem mit, dass er ungeachtet seiner dringenden Geschfte
am folgenden Tage nach Rangkas-Betung kommen werde, um zu erwgen, was
gethan werden msste. Havelaar, der nur allzu gut wusste, was solche
Erwgungen zu bedeuten hatten--sein Vorgnger hatte so oft mit dem
Residenten von Bantam abouchiert!--schrieb den nachfolgenden Brief,
den er dem Residenten entgegenschickte, damit dieser ihn gelesen haben
sollte, bevor er den Hauptplatz von Lebak erreichte. Ein Kommentar
zu diesem Schriftstck erbrigt sich.


    No. 91.                   Rangkas-Betung, den 25. Februar 1856,
    Geheim. Eilig.                                    abends 11 Uhr.


    Gestern mittag um 12 Uhr hatte ich die Ehre, meine Eilmissive
    No. 88 an Sie abzusenden, im wesentlichen des Inhalts:


        dass ich nach langer Untersuchung und nach vergeblichen
        Bemhungen, den Betreffenden durch Gte von seinem
        unrechten Wandel abzubringen, mich kraft meines Amtseides
        verpflichtet fhlte, den Regenten von Lebak zu beschuldigen
        des Gewaltmissbrauchs, und dass ich ihn verdchtig hielte
        der Erpressung.


    Ich war so frei, in dem Briefe Ihnen vorzustellen, diesen
    Inlndischen Huptling nach Serang zu berufen, mit dem Zwecke,
    nach seiner Abreise und nach Neutralisierung des verderblichen
    Einflusses seiner ausgebreiteten Familie eine Untersuchung
    einzuleiten ber die Begrndetheit meiner Beschuldigung und
    meiner Vermutung.

    Lange, oder richtiger gesagt: viel hatte ich nachgedacht, ehe
    ich zu diesem Entschluss kam.

    Es war Ihnen durch mich selbst bekannt geworden, dass ich
    getrachtet habe, durch Ermahnungen und Androhungen den alten
    Regenten vor Unglck und Schande zu bewahren, und mich selbst
    vor dem tiefen Schmerz, hiervon--sei es auch nur die unmittelbar
    voraufgehende--Ursache zu sein.

    Doch ich sah an der andern Seite die seit Jahren ausgesogene,
    tief niedergebeugte Bevlkerung, ich dachte an die Notwendigkeit
    eines Beispiels--denn viele andere Bedrckungen werde ich
    Ihnen zu rapportieren haben, wenn nicht zum mindesten diese von
    mir angefasste Sache durch Ihren Einfluss denselben ein Ende
    macht--und, ich wiederhole es, nach reiflicher berlegung habe
    ich gethan, was ich fr Pflicht hielt.

    In diesem Augenblick erhalte ich Ihr freundliches und geehrtes
    Privatschreiben, enthaltend die Mitteilung, dass Sie morgen
    hierherkommen werden, und zugleich einen Wink, dass ich diese
    Sache lieber vorher privat und vertraulich htte behandeln sollen.

    Morgen werde ich also die Ehre haben, Sie zu sehen, und just
    darum nehme ich mir die Freiheit, Ihnen dieses entgegenzusenden,
    um vor unserer Begegnung das Folgende zu konstatieren.

    Alles, was ich bezglich der Handlungen des Regenten einer
    Untersuchung unterwarf, war tief geheim. Nur er selbst und der
    Patteh wussten davon, denn ich habe ihn loyal verwarnt. Sogar
    der Kontrolleur weiss jetzt nur erst zum Teil den Ausfall
    meiner Untersuchungen. Diese Geheimhaltung hatte einen doppelten
    Zweck. Erst, als ich noch hoffte, den Regenten von seinem Wege
    abzubringen, beobachtete ich sie, um, wenn ich damit Erfolg
    hatte, ihn nicht zu kompromittieren. Der Patteh hat mir in seinem
    Namen--es war am 12. dieses--ausdrcklich fr diese Diskretion
    Dank gesagt. Doch spter, als ich an dem Erfolg meiner Versuche
    zu verzweifeln begann, oder besser, als das Mass meiner Entrstung
    durch einen eben gehrten Vorfall berlief, als lngeres Schweigen
    Mitverantwortlichkeit bedeutet htte, da war diese Geheimhaltung
    meinethalben ntig, denn auch gegen mich selbst und die Meinen
    habe ich Pflichten zu erfllen.

    Gewiss wre ich nach dem Schreiben der Missive von gestern
    unwrdig, dem Gouvernement zu dienen, wenn das darin Ausgesprochene
    hinfllig, unbegrndet, aus der Luft gegriffen wre. Und wrde
    oder wird es mir mglich sein, zu beweisen, dass ich gethan habe,
    was einem guten Assistent-Residenten zu thun obliegt, wie es mein
    Amtseid vorschreibt, zu beweisen, dass ich als Person nicht unter
    dem Niveau des Postens stehe, der mir gegeben ward, zu beweisen,
    dass ich nicht unbedacht und leichtfertig siebenzehn mhevolle
    Dienstjahre aufs Spiel setze, und was mehr sagt, das Wohl von Frau
    und Kind ... wird es mir mglich sein, das alles zu beweisen,
    wenn nicht tiefe Geheimhaltung meine Nachforschungen verbirgt
    und den Schuldigen hindert, sich, wie man es nennt, zu 'decken'?

    Bei dem geringsten Argwohn sendet der Regent einen Express an
    seinen Neffen, der schon unterwegs ist und interessiert an der
    Erhaltung des Regenten. Er verlangt von ihm, auf wessen Kosten
    immer, Geld, teilt es aus mit verschwenderischer Hand an jeden,
    den er in der letzten Zeit benachteiligt hat, und die Folge wrde
    sein--ich hoffe, nicht sagen zu brauchen: wird sein--dass ich
    ein leichtfertiges Urteil gefllt habe und mit einem Wort ein
    unbrauchbarer Beamter bin, um es nicht rger auszudrcken.

    Mich gegen diese Eventualitt zu sichern, dient dieses
    Schreiben. Ich habe die grsste Hochachtung vor Ihnen, aber ich
    kenne den Geist, den man 'den Geist der Ost-Indischen Beamten'
    nennen knnte, und ich besitze diesen Geist nicht!

    Ihr Wink, dass die Sache vorher besser privat wre behandelt
    worden, lsst mich Befrchtungen hegen vor einer mndlichen
    Besprechung. Was ich in meinem Briefe von gestern gesagt habe,
    ist wahr. Doch vielleicht wrde es unwahr scheinen, wenn die
    Sache in einer Weise behandelt wrde, die die Offenbarwerdung
    meiner Beschuldigung wie meines Vermutens veranlasste, bevor der
    Regent von hier entfernt ist.

    Ich mag Ihnen nicht verhehlen, dass sogar Ihr unerwartetes Kommen
    in Verbindung mit dem gestern von mir nach Serang gesandten
    Express mich befrchten lsst, dass der Schuldige, der frher
    meine Ermahnungen in den Wind schlug, jetzt vor der Zeit aufmerksam
    werden und versuchen wird, wenn mglich die Beweise seiner Schuld,
    tant soit peu, zu verwischen.

    Ich habe die Ehre, mich noch jetzt buchstblich auf meine Missive
    von gestern zu beziehen, doch erlaube ich mir die Freiheit, dabei
    ausdrcklich zu bemerken, dass diese Missive auch den Vorschlag
    enthielt: vor der Untersuchung den Regenten zu entfernen und
    die von ihm Abhngigen vorlufig unschdlich zu machen. Ich
    vermeine nicht weiter verantwortlich zu sein fr das, was ich
    vorher andeutete, wenn Sie nicht meinem Vorschlage betreffs der
    Art und Weise der Untersuchung--d. i. unparteiisch, ffentlich,
    und vor allem frei--zuzustimmen belieben.

    Diese Freiheit besteht nicht, ehe nicht der Regent entfernt
    ist, und nach meiner bescheidenen Meinung liegt hierin nichts
    Gefhrliches. Ihm kann doch gesagt werden, dass ich ihn beschuldige
    und verdchtig erklre, dass ich Gefahr laufe und nicht er, wenn
    er unschuldig ist. Denn ich selbst bin der Ansicht, dass ich aus
    dem Dienst entlassen zu werden verdiene, wenn sich herausstellt,
    dass ich leichtfertig oder selbst nur voreilig gehandelt habe.

    Voreilig! Nach Jahren, Jahren schwersten Missbrauchs!

    Voreilig! Als wenn ein ehrlicher Mensch schlafen knnte und leben
    und geniessen, solange die, ber deren Wohlergehen zu wachen er
    berufen ist, sie, die im hchsten Sinne seine 'Nchsten' sind,
    vergewaltigt werden und ausgesogen!

    Es ist wahr, ich bin hier erst kurze Zeit, doch ich hoffe, dass
    die Frage einmal sein wird: was man gethan hat, ob man es gut
    gethan hat, und nicht, ob man es in zu kurzer Zeit gethan hat. Fr
    mich ist jede Spanne Zeit zu lang, die gekennzeichnet ist durch
    Erpressung und Unterdrckung, und schwer wiegt mir die Sekunde,
    die durch meine Nachlssigkeit, durch meine Pflichtversumnis,
    durch meinen 'Geist des 'Schipperns'' in Elend verbracht wre.

    Mich qulen die Tage, die ich verstreichen liess, ehe ich Ihnen
    offiziell Rapport erstattete, und ich bitte um Vergebung wegen
    dieses Versumnisses.

    Ich nehme mir die Freiheit, Sie zu ersuchen, dass Sie mir die
    Gelegenheit geben, mein Schreiben von gestern zu rechtfertigen und
    mich zu sichern vor dem Missglcken meiner Versuche, die Abteilung
    Lebak von dem Wurm zu befreien, der seit Menschengedenken an
    ihrem Wohlergehen nagt.

    Hier liegt die Ursache, dass ich aufs neue so frei bin, Sie zu
    ersuchen, meine Handlungen diesangehend--die ja wahrlich ganz
    nach Vorschrift der Instruktion allein bestehen in Untersuchung,
    Rapport und Vorschlag--gtigst gutheissen zu wollen, den Regenten
    von Lebak, ohne voraufgehende direkte oder indirekte Warnung,
    von hier zu entfernen, und darauf eine Untersuchung bezglich
    dessen einzuleiten, was ich in meinem Schreiben von gestern,
    No. 88, mitteilte.


        Der Assistent-Resident von Lebak,

            Max Havelaar.


Diese Bitte, die Schuldigen nicht in Schutz zu nehmen, empfing der
Resident unterwegs. Eine Stunde nach seiner Ankunft stattete er dem
Regenten einen kurzen Besuch ab und fragte bei dieser Gelegenheit:
was er gegen den Assistent-Residenten vorbringen knne? und dann: ob
er, der Adhipatti, Geld ntig habe? Auf die erste Frage antwortete der
Regent: Nichts, das kann ich beschwren! Auf die zweite antwortete
er zustimmend, worauf der Resident ihm ein paar Banknoten gab, die
er--fr den vorkommenden Fall mitgebracht!--aus seiner Westentasche
zog. Man wird verstehen, dass dies gnzlich ohne Wissen Havelaars
vor sich ging, und bald werden wir erfahren, wie diese schndliche
Handlungsweise ihm bekannt wurde.

Als der Resident Slymering bei Havelaar abstieg, war er bleicher als
gewhnlich, und seine Worte standen weiter voneinander denn je. Es war
denn auch keine geringe Sache fr jemanden, der sich so auszeichnete
durch 'Schippern' und jhrliche Ruheberichte, so pltzlich Briefe
zu empfangen, worin sich weder eine Spur fand vom gebruchlichen
offiziellen Optimismus, noch von knstlicher Verdrehung der Sache,
noch von einiger Furcht vor der Unzufriedenheit der Regierung ber die
Belstigung mit ungnstigen Berichten. Der Resident von Bantam war
erschrocken, und wenn man mir das unedle Bild um seiner Korrektheit
willen verzeihen will, habe ich Lust, ihn mit einem Gassenjungen zu
vergleichen, der sich ber Verletzung urgrossvterlicher Gewohnheiten
beklagt, weil ein excentrischer Kamerad ihn ohne voraufgehende
Schimpfworte geschlagen hat.

Er begann damit, den Kontrolleur zu fragen, warum er nicht versucht
habe, Havelaar von seiner Anklage zurckzuhalten. Der arme Verbrugge,
dem die ganze Anklage unbekannt war, gab dies an, fand aber keinen
Glauben. Der Herr Slymering konnte das Eine nicht begreifen, wie jemand
ganz allein, auf eigene Verantwortung und ohne in die Lnge gezogene
Erwgungen oder 'Rcksprachen' zu so unerhrter Pflichterfllung
hatte bergehen knnen. Da gleichwohl Verbrugge--vollkommen
wahrheitsgemss--dabei blieb, dass er keine Wissenschaft von den
Briefen besitze, die Havelaar geschrieben hatte, so musste der
Resident nach vielen Ausrufen voll unglubiger Verwunderung endlich
sich darein finden, und er ging--ich weiss nicht, warum--dazu ber,
diese Briefe zu verlesen.

Was Verbrugge beim Anhren derselben litt, ist schwer zu
beschreiben. Er war ein ehrlicher Mann und wrde sicher nicht gelogen
haben, wenn Havelaar sich auf ihn berufen htte, um die Wahrheit
des Inhalts der Briefe festzustellen. Aber auch abgesehen von dieser
Ehrlichkeit, er hatte in vielen schriftlichen Rapporten nicht immer
vermeiden knnen, die Wahrheit zu sagen, auch hin und wieder da,
wo sie gefhrlich war. Was wrde es geben, wenn Havelaar davon
Gebrauch machte?

Nach dem Verlesen der Briefe erklrte der Resident, es wrde ihm
angenehm sein, wenn Havelaar diese Schriftstcke zurcknhme, um sie
als nicht geschrieben betrachten zu knnen, was dieser mit hflicher
Bestimmtheit von sich wies. Nachdem er vergebens versucht hatte,
ihn hierzu zu bewegen, sagte der Resident, dass ihm dann nichts
anderes brig bliebe, als eine Untersuchung ber die Begrndetheit
der erhobenen Klagen anzustellen, und dass er also Havelaar ersuchen
msste, die Zeugen aufrufen zu lassen, die seinen Beschuldigungen
Halt geben knnten.

Ihr armen Leute, die ihr euch verwundet hattet an den Dornstruchen
in dem Ravijn, wie angstvoll wrden eure Herzen geklopft haben,
wenn ihr von diesem Verlangen httet hren knnen!

Armer Verbrugge, du, erster Zeuge, Hauptzeuge, Zeuge ex officio,
Zeuge kraft Amtes und Eides! Zeuge, der du schon Zeugnis abgelegt
hattest durch schriftlichen Bericht! Durch schriftlichen Bericht,
der dalag, auf dem Tisch, unter Havelaars Hand ...

Havelaar antwortete:

Resident, ich bin Assistent-Resident von Lebak, ich habe gelobt,
die Bevlkerung zu schirmen gegen Erpressung und Gewaltthat, ich
klage den Regenten an und seinen Schwiegersohn zu Parang-Kudjang,
ich werde die Begrndetheit meiner Anklage beweisen, sobald mir dazu
die Gelegenheit gegeben wird, die ich in meinen Briefen erbat, ich
bin schuldig der Verleumdung, wenn meine Beschuldigung falsch ist!

Wie Verbrugge aufatmete!

Und wie sonderbar der Resident Havelaars Worte fand!

Die Unterhaltung dauerte lange. Mit Hflichkeit--denn hflich und
wohlerzogen war der Herr Slymering--suchte er Havelaar zu bewegen,
von so verkehrten Grundstzen abzulassen. Doch mit ebenso grosser
Hflichkeit blieb dieser unerschtterlich. Das Ende war, dass
der Resident sich darin fgen musste, und als Bedrohung sagte,
was fr Havelaar ein Triumph war: dass er sich dann gentigt she,
die fraglichen Briefe der Regierung zu unterbreiten.

Die Sitzung wurde aufgehoben. Der Resident besuchte den
Adhipatti--wir sahen schon, was er da zu verrichten hatte!--und
nahm darauf das Mittagmahl an dem drftigen Tische der Havelaars
ein. Gleich darauf kehrte er nach Serang zurck, mit grosser Eile:
Weil. Er. So. Besonders. Drngend. Zu thun. Habe.

Am folgenden Tage empfing Havelaar vom Residenten von Bantam einen
Brief, dessen Inhalt ersichtlich wird aus der Antwort, die ich hier
abschreibe:


    No. 93. Rangkas-Betung, den 28. Februar 1856.
    Geheim.


    Ich habe die Ehre gehabt, Ihre Eilmissive vom 26. dieses, La O,
    geheim, zu empfangen, in der Hauptsache Mitteilung enthaltend:


        dass Sie Grnde htten, nicht den Vorschlgen Gewhr zu geben,
        die ich in meinen Amtsschreiben vom 24. und 25. dieses,
        No. 88 und 91, machte;

        dass Sie vorher vertrauliche Mitteilung gewnscht htten;

        dass Sie meine Handlungen, wie sie in den beiden Briefen
        umschrieben sind, nicht billigten;

        und zum Schluss einige Befehle.


    Ich habe nun die Ehre, wie es bereits in der vorgestrigen Konferenz
    mndlich geschah, nochmals und zum berfluss zu versichern:


        dass ich vollkommen die Legitimitt Ihrer Autoritt
        respektiere, wo es sich um die Wahl handelt, meinen Vorschlgen
        Gewhr zu geben oder nicht;

        dass den empfangenen Befehlen mit Genauigkeit und ntigenfalls
        mit Selbstverleugnung nachgekommen werden wird, als wren
        Sie zugegen bei allem, was ich thue und sage, oder genauer:
        bei allem, was ich nicht thue und nicht sage.


    Ich weiss, dass Sie auf meine Loyalitt bezglich dessen vertrauen.

    Doch ich erlaube mir die Freiheit, auf das feierlichste zu
    protestieren gegen den geringsten Schein von Missbilligung
    bezglich einer einzigen Handlung, eines einzigen Wortes, eines
    einzigen Satzes, von mir in dieser Angelegenheit verrichtet,
    gesprochen oder geschrieben.

    Ich habe die berzeugung, dass ich meine Pflicht gethan habe,
    sowohl was die Absicht, als auch was die Art der Ausfhrung
    angeht, vollkommen meine Pflicht, nichts als meine Pflicht ohne
    die mindeste Abweichung.

    Lange hatte ich nachgedacht, bevor ich handelte--das heisst:
    bevor ich untersuchte, rapportierte und Vorschlge machte--und
    wenn ich in etwas auch nur im geringsten gefehlt haben sollte
    ... aus bereilung fehlte ich nicht.

    In gleichen Umstnden wrde ich wiederum ... etwas schneller
    jedoch ... ganz, buchstblich ganz dasselbe thun und lassen.

    Und wre es selbst, dass eine hhere Macht denn die Ihre etwas
    missbilligte von dem, was ich that--ausgenommen vielleicht die
    Eigenart meines Stils, die einen Teil meiner selbst ausmacht,
    ein Gebrechen, fr das ich so wenig verantwortlich bin, wie ein
    Stotterer fr das seine--wre es das immerhin ... doch nein,
    dies kann es nicht sein, aber wre es auch so: ich habe meine
    Pflicht gethan!

    Gewiss thut es mir--gleichwohl ohne befremdet zu sein--leid,
    dass Sie hierber anders urteilen--und was mich selbst angeht,
    ich wrde mich sogleich dabei beruhigen, dass eine Verkennung
    meiner Person stattfand--doch es ist ein Prinzip in Frage, und
    ich habe Gewissensgrnde, die es fordern, dass festgestellt werde,
    welche Meinung richtig ist, die Ihre oder die meine.

    Anders dienen, als ich zu Lebak diente, kann ich nicht. Wnscht
    also das Gouvernement anders bedient zu werden, dann muss
    ich als ehrlicher Mann ehrerbietig darum ersuchen, dass
    man mich verabschiede. Dann muss ich in einem Alter von
    sechsunddreissig Jahren danach streben, aufs neue eine Laufbahn
    mir zu erkmpfen. Dann muss ich--nach siebenzehn Jahren, nach
    siebenzehn schweren, mhevollen Dienstjahren, nachdem ich meine
    besten Lebenskrfte dem zum Opfer gebracht habe, was ich fr meine
    Pflicht hielt--aufs neue die Gesellschaft fragen, ob sie mir Brot
    geben will fr Frau und Kind, Brot in Tausch fr meine Gedanken,
    Brot vielleicht in Tausch fr Arbeit mit Schubkarren oder Spaten,
    wenn der Kraft meines Arms mehr Wert zuerkannt wird als der Kraft
    meiner Seele.

    Doch ich kann und will nicht glauben, dass Ihre Meinung von
    Seiner Excellenz dem Generalgouverneur geteilt wird, und ich
    bin also verpflichtet, ehe ich bergehe zu dem Bittersten und
    ussersten, das ich in dem vorhergehenden Absatz niederschrieb,
    Sie ehrerbietig zu ersuchen, dem Gouvernement vorzustellen:


        es mge dem Residenten von Bantam Befehl geben, dass er annoch
        die Handlungen des Assistent-Residenten, wie sie in dessen
        Missives vom 24. und 25. dieses, No. 88 und 91, umschrieben
        sind, gutheisse.


    Oder aber:


        es mge genannten Assistent-Residenten zur Verantwortung
        aufrufen gegen die vom Residenten von Bantam zu formulierenden
        Punkte der Missbilligung.


    Ich habe die Ehre, Ihnen zum Schluss die dankbare Versicherung
    zu geben, dass, wenn etwas mich abbringen knnte von meinen lang
    durchdachten und ruhig, doch ebenso mit Leidenschaft verfolgten
    Prinzipien in dieser Frage ... wahrlich, es wrde dies nur der
    rcksichtsvollen, einnehmenden Weise gelungen sein, in der Sie
    in der Konferenz von ehegestern diese Prinzipien bekmpft haben.


        Der Assistent-Resident von Lebak,

            Max Havelaar.




Ohne ein Urteil auszusprechen ber den guten Grund des Argwohns der
Witwe Slotering, die Ursache betreffend, die ihre Kinder zu Waisen
machte, und indem ich allein annehme, was beweisbar ist, dass nmlich
in Lebak eine enge Beziehung besteht zwischen Pflichterfllung und
Gift--mochte auch immer diese Beziehung nur in bestimmter Leute Meinung
bestehen--so wird doch jeder einsehen, dass Max und Tine kummervolle
Tage nach des Residenten Besuch zu durchleben hatten. Ich glaube,
ich habe nicht ntig, die Angst einer Mutter zu schildern, die,
wenn sie ihrem Kinde Nahrung reicht, sich stets die Frage vorlegen
muss, ob sie vielleicht ihren Liebling ermorde? Ach, war er doch
ein abgebetetes Kind, der kleine Max, der sieben Jahre nach der
Verehelichung ausgeblieben war, als htte der Schalk gewusst, dass es
keinen Vorteil bedeute, als Sohn von solchen Eltern zur Welt zu kommen!



Neunundzwanzig lange Tage hatte Havelaar zu warten, ehe der
Generalgouverneur ihm mitteilte ... doch wir sind so weit noch nicht.



Kurz nach des Residenten vergeblichen Versuchen, Havelaar zur
Einziehung seiner Briefe zu bewegen, oder zum Verrat der armen Leute,
die auf seine Grossmut vertraut hatten, trat Verbrugge einmal bei ihm
ein. Der brave Mann war totenbleich und konnte nur mit Mhe sprechen.

--Ich bin beim Regenten gewesen, sagte er ... das ist infam ... doch
verraten Sie mich nicht.

--Was? Was soll ich nicht verraten?

--Geben Sie mir Ihr Wort, keinen Gebrauch machen zu wollen von dem,
was ich Ihnen jetzt sagen werde?

--Wieder Halbheit, sagte Havelaar. Doch ... gut! Ich gebe mein Wort.

Und darauf erzhlte Verbrugge, was dem Leser bereits bekannt ist, dass
nmlich der Resident an den Adhipatti die Frage gestellt hatte, ob er
gegen Havelaar etwas vorzubringen wsste, und dass er ihm gleichzeitig
ganz unerwartet Geld angeboten und ihm auch gegeben hatte. Verbrugge
wusste es von dem Regenten selbst, der ihn fragte, welche Grnde den
Residenten hierzu veranlasst haben knnten. Havelaar war entrstet,
allein ... er hatte sein Wort gegeben.

Am folgenden Tage kam Verbrugge wieder und sagte, dass Duclari ihm
vorgehalten, wie unedel es war, Havelaar, der mit solchen Gegnern
zu kmpfen htte, so ganz allein zu lassen, worauf er nun komme,
ihn von seinem gegebenen Wort zu entbinden.

--Gut, rief Havelaar, schreiben Sie das auf!

Verbrugge schrieb es auf. Auch diese Erklrung liegt vor mir.

Der Leser hat gewiss schon lngst eingesehen, warum ich so leicht
allen Ansprchen auf juridische Echtheit der Geschichte Sadjahs
entsagen konnte.

Es war recht bemerkenswert, wie der furchtsame Verbrugge--vor Duclaris
Mahnung--auf Havelaars Wort ohne weiteres baute, und doch in einer
Sache, die zum Wortbruch so stark ntigte!

Und noch etwas. Es sind seit den Geschehnissen, die ich erzhle,
Jahre dahingegangen. Havelaar hat in dieser Zeit schwer gelitten,
er hat seine Familie leiden sehen--die Schriftstcke, die vor mir
liegen, zeugen davon!--und es scheint, dass er auf etwas wartete
... nun, ich teile hier, nach dem Original von seiner Hand, folgende
Aufzeichnung mit:

Ich habe in den Zeitungen gelesen, dass der Herr Slymering zum Ritter
des Niederlndischen Lwen ernannt ist. Er scheint jetzt Resident
von Djokjakarta zu sein. Ich wrde also nun ohne Gefahr fr Verbrugge
auf die Lebakschen Angelegenheiten zurckkommen knnen.






ZWANZIGSTES KAPITEL.


Es war Abend. Tine sass lesend in der Binnengalerie, und Havelaar
zeichnete ein Stickmuster. Der kleine Max zauberte ein 'Legebild'
ineinander und wurde ganz erregt, dass er den roten Leib von der Frau
nicht finden konnte.

--Wird es nun so gut sein, Tine? fragte Havelaar. Sieh, ich habe die
Palme etwas grsser gemacht ... es ist nun die leibhaftige 'line of
beauty' von Hogarth, nicht wahr?

--Ja, Max! Aber die Schnrlcher stehen zu dicht aneinander.

--So? Wie sind sie denn bei dem andern Besatz? Max, lass mich deine
Hose mal sehen! Ei, hast du den Besatz dran? Ach, ich weiss noch,
wo du das gestickt hast, Tine!

--Ich nicht. Wo denn?

--Es war im Haag, wie Max krank war und wir so erschreckt waren, weil
der Doktor sagte, dass er einen so ungewhnlich geformten Kopf htte,
und dass sehr viel Sorgfalt ntig wre, um Andrang nach dem Gehirn
zu verhten. Gerade in den Tagen arbeitetest du an dieser Stickerei.

Tine stand auf und ksste den Kleinen.

--Ich hab' ihren Bauch, ich hab' ihren Bauch! rief das Kind frhlich,
und die rote Frau war komplett.

--Wer hrt da einen Tontong schlagen? fragte die Mutter.

--Ich, sagte der kleine Max.

--Und was bedeutet das?

--Schlafengehen! Aber ... ich hab' noch nicht gegessen.

--Erst kriegst du zu essen, das versteht sich.

Und sie stand auf und gab ihm sein einfaches Mahl, das sie aus einem
gut verschlossenen Behlter in ihrem Zimmer geholt zu haben schien,
denn man hatte das Schnappen von vielen Schlssern gehrt.

--Was giebst du ihm da? fragte Havelaar.

--O, sei ruhig, Max: es ist Zwieback aus einer Blechdose von
Batavia! Und auch der Zucker ist immer unter Verschluss gewesen.

Havelaars Gedanken wendeten sich wieder dem Punkte zu, wo sie
abgebrochen waren.

--Weisst du auch, dass wir dem Doktor von damals die Rechnung noch
nicht bezahlt haben? O, das ist sehr hart!

--Lieber Max, wir leben hier so sparsam, bald werden wir alles abthun
knnen! berdies, du wirst gewiss bald Resident werden, und dann ist
alles binnen kurzer Zeit geregelt.

--Das ist nun gerade eine Sache, die mir Kummer macht, sagte
Havelaar. Ich wrde so sehr ungern Lebak verlassen ... das will ich
dir erklren. Meinst du nicht, dass wir nach seiner Krankheit noch
mehr von unserm Max hielten? Nun, so werde ich auch das arme Lebak
lieben nach der Genesung von dem Krebs, woran es seit so vielen
Jahren leidet. Der Gedanke an Befrderung lsst mich erschrecken:
man kann mich hier nicht entbehren, Tine! Und doch, andererseits,
wenn ich wieder bedenke, dass wir Schulden haben ...

--Alles wird schon gut gehen, Max! Msstest du jetzt auch fort von
hier, dann kannst du Lebak spter helfen, wenn du Generalgouverneur
bist.

Da kamen wste Streifen in Havelaars Stickmuster! Es war Zorn in dieser
Blume, die Schnrlcher wurden eckig, scharf, sie bissen einander ...

Tine begriff, dass sie etwas Ungehriges gesagt hatte.

--Lieber Max ... begann sie freundlich.

--Verflucht! Willst du die armen Teufel so lange hungern lassen? Kannst
du leben von Sand?

--Lieber Max!

Doch er sprang auf. Es wurde nicht mehr gezeichnet den Abend. Er ging
zornig auf und nieder in der Binnengalerie, und endlich sagte er in
einem Tone, der jedem Fremden rauh und hart geklungen haben wrde,
doch von Tine ganz anders aufgenommen wurde:

--Verflucht, diese Lauheit, diese schndliche Lauheit! Da sitze ich
nun schon einen Monat und warte auf Recht, und inzwischen muss das
arme Volk furchtbar leiden. Der Regent scheint darauf zu rechnen,
dass niemand etwas gegen ihn wagt! Sieh ...

Er ging in sein Bureau und kam zurck mit einem Brief in der Hand,
einem Brief, der vor mir liegt, Leser!

--Sieh, in diesem Briefe untersteht er sich, mir mit Vorschlgen zu
kommen ber die Art von Arbeit, die er verrichten lassen will von
den Menschen, die er ungesetzlich aufgerufen hat. Ist das nicht die
Unverschmtheit zu weit getrieben? Und weisst du, was fr Leute das
sind? Es sind Frauen mit kleinen Kindern, mit Suglingen, schwangere
Frauen, die von Parang-Kudjang nach dem Hauptplatze getrieben sind,
um fr ihn zu arbeiten! Mnner sind nicht mehr da! Und sie haben nichts
zu essen, und sie schlafen am Wege, und sie essen Sand! Kannst du Sand
essen? Sollen sie Sand essen, bis ich Generalgouverneur bin? Verflucht!

Tine wusste sehr gut, auf wen Max eigentlich bse war, wenn er so
sprach mit ihr, die er so lieb hatte.

--Und, fuhr Havelaar fort, das fllt alles meiner Verantwortung zur
Last! Wenn in diesem Augenblick da draussen welche von den armen
Wesen umherirren ... wenn sie den Schein sehen von unsern Lampen, so
werden sie sagen: da wohnt der Elende, der uns beschtzen sollte,
da sitzt er ruhig bei Frau und Kind und zeichnet Stickmuster, und
wir liegen hier wie Buschhunde auf dem Wege, um zu verhungern mit
Frau und Kindern! Ja, ich hr' es wohl, ich hr' es wohl das Rufen
nach Rache ber mein Haupt! Komm her, Max, komm her!

Und er ksste sein Kind mit einer Wildheit, die es erschreckte.

--Mein Kind, wenn man dir sagen wird, dass ich ein Elender sei,
der nicht den Mut hatte, Recht zu schaffen ... dass so viele Mtter
gestorben seien durch meine Schuld ... wenn man dir sagen wird, dass
das Zgern deines Vaters dir den Segen vom Haupt stahl ... o Max,
o Max, zeuge du dann davon, was ich litt!

Und er brach in Thrnen aus, die Tine abksste. Sie brachte darauf
den kleinen Max in sein Bettchen--eine Strohmatte--und als sie
zurckkam, fand sie Havelaar im Gesprch mit Verbrugge und Duclari,
die soeben eingetreten waren. Das Gesprch drehte sich um die erwartete
Entscheidung von der Regierung.

--Ich begreife sehr gut, dass der Resident sich in einer schwierigen
Situation befindet, sagte Duclari. Er kann dem Gouvernement nicht
empfehlen, Ihren Vorstellungen Folge zu geben, denn dann wrde zu viel
an den Tag kommen. Ich bin schon lange im Bantamschen und weiss viel
hiervon, mehr noch als Sie selbst, M'nheer Havelaar! Ich war schon
als Unteroffizier in dieser Gegend, und dann erfhrt man von Dingen,
die der Inlnder nicht so leicht den Beamten zu sagen wagt. Doch wenn
nun nach einer ffentlichen Untersuchung das alles an den Tag kommt,
wird der Generalgouverneur den Residenten zur Verantwortung rufen
und von ihm Erklrung darber fordern, wie es kommt, dass er in zwei
Jahren nicht entdeckt hat, was Ihnen sofort ins Auge fiel. Er muss
also natrlich einer derartigen Untersuchung zuvorzukommen suchen ...

--Das habe ich eingesehen, antwortete Havelaar, und, aufmerksam
geworden durch seinen Versuch, den Adhipatti zu bewegen, etwas gegen
mich geltend zu machen--was ein Zeichen scheint, dass er versuchen
mchte, die Frage zu verdrehen, indem er z. B. mich beschuldigt des
... was weiss ich, welchen Vergehens--ich habe mich also hiergegen
gedeckt, indem ich Abschriften von meinen Briefen direkt an die
Regierung sandte. In einem derselben ist das Ersuchen enthalten,
man mge mich zur Verantwortung rufen, wenn vielleicht vorgegeben
werden mchte, dass ich in etwas mich vergangen htte. Wenn nun der
Resident mich antastet, kann darauf nach herkmmlicher Billigkeit
kein Beschluss erfolgen, ohne dass man mich zuvor hrt. Das ist man
selbst einem Verbrecher schuldig, und da ich nichts verbrochen habe ...

--Da kommt die Post! rief Verbrugge.

Ja, es war die Post! Die Post, die nachfolgenden Brief brachte,
einen Brief des Generalgouverneurs von Niederlndisch-Indien an den
gewesenen Assistent-Residenten von Lebak, Havelaar:


    Kabinett.      Buitenzorg, den 23. Mrz 1856.

    No. 54.


    Die Art und Weise, wie von Ihnen bei der Entdeckung oder Vermutung
    von blen Praktiken der Hupter in der Abteilung von Lebak zu Werke
    gegangen ist, und die Haltung, die Sie dabei gegenber Ihrem Chef,
    dem Residenten von Bantam, annahmen, haben in hohem Masse meine
    Unzufriedenheit erregt.

    In Ihren diesbezglichen Handlungen werden ebensosehr massvolle
    berlegung, Einsicht und Vorsicht vermisst, die so sehr
    erforderlich sind bei einem mit Ausbung der Autoritt in den
    Binnenlanden bekleideten (sic) Beamten, als auch der rechte
    Begriff von Subordination unter Ihren unmittelbaren Vorgesetzten.

    Bereits wenige Tage nach Ihrem Amtsantritt haben Sie beliebt,
    ohne voraufgehende Beratschlagung des (sic) Residenten das
    Haupt der Inlndischen Verwaltung in Lebak zur Zielscheibe ihm
    beschwerlicher Untersuchungen zu machen.

    In diesen Untersuchungen haben Sie, ohne selbst Ihre
    Beschuldigungen gegen dieses Haupt durch Thatsachen, viel weniger
    noch durch Beweise zu sttzen, Veranlassung gefunden, Vorschlge
    einzubringen, die darauf hinzielten, einen Inlndischen Beamten
    von der Bedeutung eines Regenten von Lebak, einen sechzigjhrigen,
    doch noch eifrigen Landesdiener, der benachbarten, angesehenen
    Regentengeschlechtern verschwgert ist und ber den stets
    gnstige Zeugnisse ausgefertigt wurden, einer ihn moralisch vllig
    vernichtenden Behandlung zu unterwerfen.

    Darber hinaus haben Sie, als der Resident sich nicht geneigt
    zeigte, Ihren Vorschlgen sogleich Folge zu geben, sich geweigert,
    dem billigen Verlangen Ihres Chefs zu entsprechen, unumwundene
    Erklrungen bezglich dessen abzugeben, was Ihnen in Bezug auf
    die Handlungen der Inlndischen Verwaltung bekannt war.

    Solche Handlungen verdienen alle Missbilligung und lassen sehr
    leicht auf Untauglichkeit fr die Bekleidung eines Amtes bei der
    Binnenlndischen Verwaltung schliessen.

    Ich habe mich verpflichtet gesehen, Sie der ferneren Erfllung
    des Amtes eines Assistent-Residenten von Lebak zu entheben.

    Gleichwohl habe ich in Ansehung frher empfangener gnstiger
    Rapporte ber Sie in dem Vorgefallenen keinen Grund finden
    wollen, Ihnen die Aussicht auf eine Wiederplacierung bei der
    Binnenlndischen Verwaltung zu benehmen. Ich habe Sie daher
    vorlufig mit der Wahrnehmung des Amtes eines Assistent-Residenten
    von Ngawi betraut.

    Es wird ganz von Ihren ferneren Handlungen in diesem Amte abhngen,
    ob Sie bei der Binnenlndischen Verwaltung werden angestellt
    bleiben knnen.


Und darunter stand der Name des Mannes, auf dessen Eifer, Tchtigkeit
und gute Treue der Knig sich verlassen zu knnen vorgab, als er
desselben Ernennung zum Generalgouverneur von Niederlndisch-Indien
unterzeichnete.



--Wir gehen von hier fort, beste Tine, sagte Havelaar gelassen,
und er reichte den Kabinettsbrief Verbrugge, der das Schriftstck
mit Duclari las.

Verbrugge hatte Thrnen in den Augen, sprach aber nicht. Duclari,
ein sehr gebildeter Mensch, brach in einen wilden Fluch aus:

--Gottverdammt! ich habe hier in der Verwaltung Schelme und Diebe
gesehen ... sie sind in Ehren von hier gegangen, und man schreibt
Ihnen solch einen Brief!

--Es besagt nichts, sagte Havelaar, der Generalgouverneur ist ein
ehrlicher Mann: er muss betrogen sein ... wenngleich er sich auch
vor diesem Betruge htte sichern knnen, indem er mich erst hrte. Er
ist verstrickt in das Gewebe der buitenzorgschen Amtswirtschaft. Wir
kennen das! Doch ich werde zu ihm gehen und ihm zeigen, wie hier die
Sachen stehen. Er wird Recht schaffen, davon bin ich berzeugt!

--Aber wenn Sie nach Ngawi gehen ...

--Jawohl, ich weiss das! In Ngawi ist der Regent dem Djokjaschen
Hof verwandt. Ich kenne Ngawi, denn ich war zwei Jahre lang in den
Baglen, was in der Nhe ist. Ich wrde in Ngawi dasselbe thun mssen,
was ich hier gethan habe: das wrde unntzes Hin- und Wiederreisen
sein. berdies, es ist mir unmglich, Dienst auf Probe zu thun,
als ob ich mich schlecht betragen htte! Und endlich, ich sehe ein,
dass ich, um all der Jmmerlichkeit ein Ende zu machen, kein Beamter
sein darf. Als Beamter stehen zwischen der Regierung und mir zuviel
Personen, die ein Interesse daran haben, das Elend der Bevlkerung
zu leugnen. Es sind noch mehr Grnde, die mich hindern, nach Ngawi
zu gehen. Dieser Posten war nicht vakant ... sehen Sie mal her,
er ist fr mich freigemacht!

Und er zeigte in der Javasche Courant, die mit derselben Post
angekommen war, dass in der That mit demselben Beschluss, durch den
ihm die Verwaltung von Ngawi bertragen wurde, der Assistent-Resident
dieser Provinz nach einer anderen Abteilung versetzt wurde, die
vakant war.

--Wissen Sie, warum ich gerade nach Ngawi muss, und nicht nach
dieser vakanten Abteilung? Das will ich Ihnen sagen! Der Resident von
Madiun, wozu Ngawi gehrt, ist der Schwager des vorigen Residenten
von Bantam. Ich habe gesagt, dass der Regent frher solche schlechten
Vorbilder gehabt htte ...

--Ah! riefen Verbrugge und Duclari zugleich. Sie kapierten, warum
Havelaar gerade nach Ngawi versetzt wurde, um auf die Probe zu dienen,
ob er sich vielleicht bessern wrde!

--Und wegen noch eines Grundes kann ich nicht dorthin gehen, sagte
er. Der gegenwrtige Generalgouverneur wird in allernchster Zeit
abtreten ... seinen Nachfolger kenne ich und ich weiss, dass von
ihm nichts zu erwarten ist. Um also noch zeitig etwas fr das arme
Volk zu erreichen, muss ich den gegenwrtigen Generalgouverneur noch
vor seinem Verzuge sprechen, und wenn ich jetzt nach Ngawi ginge,
so wrde das unmglich sein. Tine, hre mal!

--Lieber Max?

--Du hast Mut, nicht wahr?

--Max, du weisst, dass ich Mut habe ... wenn ich bei dir bin!

--Also!

Er stand auf, und er schrieb das folgende Request, meines Erachtens
ein Muster von Wohlberedtheit:


    Rangkas-Betung, den 29. Mrz 1856.

    An den Generalgouverneur von Niederlndisch-Indien.


    Ich hatte die Ehre, Eurer Excellenz Kabinettsmissive
    vom 23. ds., No. 54, zu empfangen.

    Ich sehe mich gentigt, in Beantwortung dieses Schreibens Euer
    Excellenz zu ersuchen, mir einen ehrenvollen Abschied aus des
    Landes Diensten zu verleihen.


                Max Havelaar.


Es war zu Buitenzorg fr die Gewhrung des geforderten Abschieds
nicht so lange Zeit ntig, als sie sich erforderlich erwies fr die
Entscheidung, wie man Havelaars Anklage abwenden konnte. Dieses hatte
doch einen Monat erfordert, und der verlangte Abschied kam binnen
weniger Tage in Lebak an.

--Gott sei Dank, dass du endlich du selbst sein kannst! rief Tine.

Havelaar erhielt keinen Befehl, die Verwaltung seiner Abteilung
vorlufig Verbrugge zu bergeben, und meinte also, seinen Nachfolger
abwarten zu mssen. Dieser blieb lange aus, weil er aus einem ganz
anderen Winkel von Java kommen musste. Nach beinahe drei Wochen
Wartens schrieb der gewesene Assistent-Resident von Lebak, der jedoch
noch immer als solcher aufgetreten war, den folgenden Brief an den
Kontrolleur Verbrugge:


    No. 153.                     Rangkas-Betung, den 15. April 1856.

    An den Kontrolleur von Lebak.


    Es ist Ihnen bewusst, dass ich durch Gouvernementsbeschluss vom
    4. dieses, No. 4, auf mein Ersuchen ehrenvoll aus Landesdiensten
    verabschiedet bin.

    Vielleicht wre ich im Recht gewesen, wenn ich nach dem Empfang
    dieser Bestimmung meine Geschfte als Assistent-Resident sofort
    niedergelegt htte, da es eine Anomalie scheint, eine Funktion
    zu erfllen, ohne Beamter zu sein.

    Ich empfing gleichwohl keinen Befehl, meine Geschfte zu bergeben,
    und zum Teil im Bewusstsein der Verpflichtung, meinen Posten
    nicht zu verlassen, ohne gehrig abgelst zu sein, zum Teil aus
    Ursachen untergeordneter Bedeutung wartete ich die Ankunft meines
    Nachfolgers ab, in der Meinung, dass dieser Beamte bald--wenigstens
    diesen Monat noch--eintreffen wrde.

    Jetzt vernehme ich von Ihnen, dass mein Nachfolger noch nicht
    so bald erwartet werden kann--Sie haben, meine ich, hiervon in
    Serang Kenntnis erhalten--und zugleich, dass es den Residenten
    verwundere, dass ich bei der sehr ungewhnlichen Position, in der
    ich mich befinde, noch nicht darum ersucht habe, die Verwaltung
    Ihnen bertragen zu drfen.

    Nichts konnte mir angenehmer sein als dieser Bericht. Denn ich
    brauche Ihnen nicht zu versichern, dass ich, der ich erklrt habe,
    nicht anders dienen zu knnen, als ich es hier that--ich, der ich
    fr diese Art zu dienen mit hartem Tadel bestraft bin, mit einer
    fr mich nachteiligen und schimpflichen Versetzung ... mit dem
    Befehl, die armen Leute zu verraten, die auf meine Ritterlichkeit
    vertrauten--mit der Wahl also zwischen Unehre und Brotmangel!--dass
    ich nach dem allen mit Mhe und Sorge jeden vorkommenden Fall an
    meiner Pflicht zu prfen hatte, und dass die einfachste Sache mir
    schwer fiel, der ich mich geschoben sah zwischen mein Gewissen
    und die Prinzipien des Gouvernements, dem ich Treue schuldig bin,
    solange ich nicht meines Amtes enthoben bin.

    Diese Schwierigkeit offenbarte sich vor allem, wenn ich Klgern
    Antwort zu geben hatte.

    Einstens doch hatte ich gelobt, dass ich niemanden der Rancune
    seiner Hupter berliefern wrde! Einmal hatte ich--unvorsichtig
    genug!--mein Wort verpfndet fr die Gerechtigkeit des
    Gouvernements.

    Die arme Bevlkerung konnte nicht wissen, dass dieses Versprechen
    und diese Brgschaft desavouiert waren, und dass ich arm und
    ohnmchtig allein stand mit meiner heissen Liebe fr Recht und
    Menschlichkeit.

    Und man fuhr mit Klagen fort!

    Es war bitter schmerzlich, nach dem Empfang der Kabinettsmissive
    dazusitzen als vermeintliche Zuflucht, als machtloser Beschtzer.

    Es war herzzerreissend, die Klagen ber Misshandlung, Aussaugung,
    Armut, Hunger anzuhren ... derweil ich selbst nun mit Frau und
    Kind Hunger und Armut entgegengehe.

    Und auch das Gouvernement konnte ich nicht verraten. Ich konnte
    nicht sagen zu den armen Leuten: gehet hin und leidet, denn die
    Verwaltung will, dass ihr geschunden werdet! Ich durfte meine
    Ohnmacht nicht zu erkennen geben, da sie eins war mit der Schande
    und mit der Gewissenlosigkeit der Ratgeber des Generalgouverneurs.

    Hren Sie, was ich den Leuten antwortete:


        Zur Stunde kann ich euch nicht helfen! Doch ich werde nach
        Batavia gehen; ich werde mit dem Grossen Herrn sprechen ber
        euer Elend. Er ist gerecht und er wird euch beistehen. Gehet
        vorlufig ruhig nach Haus ... widersetzt euch nicht ... geht
        noch nicht ausser Landes ... wartet geduldig: ich denke,
        ich ... hoffe, dass Recht geschehen wird!


    So meinte ich, beschmt darber, dass meine Hlfezusage zunichte
    gemacht wurde, meine Pflichtbegriffe in bereinstimmung zu
    bringen mit meiner Pflicht gegenber der Verwaltung, die mich
    noch diesen Monat bezahlt, und ich wrde also bis zur Ankunft
    meines Nachfolgers ausgeharrt haben, wenn nicht ein besonderer
    Vorfall mich heute in die Notwendigkeit gebracht htte, diesem
    doppelsinnigen Verhltnis ein Ende zu machen.

    Sieben Personen hatten geklagt. Ich gab ihnen obenstehende
    Antwort. Sie kehrten an ihren Wohnort zurck. Unterwegs begegnet
    ihnen der Huptling ihres Dorfes. Er muss ihnen verboten haben,
    ihren Kampong wieder zu verlassen, und nahm ihnen--wie man mir
    rapportiert--ihre Kleider ab, um sie zu zwingen, zu Hause zu
    bleiben. Einer von ihnen entkommt, verfgt sich wieder zu mir und
    erklrt: dass er nicht wieder nach seinem Dorfe zurckzukehren
    wage.

    Was ich nun diesem Mann antworten soll, weiss ich nicht!

    Ich kann ihm keinen Schutz mehr geben ... ich darf ihm meine
    Ohnmacht nicht gestehen ... ich will den angeklagten Dorfhuptling
    nicht verfolgen, da das den Schein aufkommen lassen wrde, als
    wenn diese Sache durch mich pour le besoin de ma cause aufgegriffen
    wre: ich weiss nicht mehr, was thun ...

    Ich belege Sie, in Erwartung nherer Zustimmung des Residenten
    von Bantam, von morgen frh ab mit der Wahrnehmung der Verwaltung
    der Abteilung Lebak.


            Der Assistent-Resident von Lebak,

                Max Havelaar.


Darauf verzog Havelaar mit Frau und Kind von Rangkas-Betung. Er wies
alles Geleit zurck. Duclari und Verbrugge waren tief gerhrt beim
Abschied. Auch Max ging es nahe, vor allem, als er am Ort des ersten
Pferdewechsels eine zahlreiche Menge antraf, die aus Rangkas-Betung
fortgeschlichen war, um ihn dort zum letztenmal zu begrssen.

In Serang stieg die Familie bei dem Herrn Slymering ab, der sie mit
der gewohnten indischen Gastfreiheit empfing.

Abends kam viel Besuch zum Residenten. Man sagte so bedeutungsvoll,
wie es erlaubt war, man sei gekommen, um Havelaar zu begrssen,
und Max empfing manchen beredten Hndedruck ...

Doch er musste nach Batavia, um den Generalgouverneur zu sprechen ...

Dort angekommen, liess er um Gehr ersuchen. Dieses wurde ihm
verweigert, weil Seine Excellenz ein Geschwr am Fusse htte.

Havelaar wartete, bis das Geschwr geheilt war. Dann liess er ein
anderes Mal darum ersuchen, gehrt zu werden.

Seine Excellenz sei so mit Arbeit berhuft, dass sie selbst dem
Generaldirektor der Finanzen eine Audienz htte abschlagen mssen,
und knne also auch Havelaar nicht empfangen.

Havelaar wartete, bis Seine Excellenz sich durch diese berhufung
hindurchgearbeitet haben wrde. Inzwischen fhlte er etwas wie Neid auf
die Personen, die Seiner Excellenz in der Arbeit beigegeben waren. Denn
er arbeitete gern schnell und viel, und gewhnlich schmolzen solche
'berhufungen' ihm unter den Fingern weg. Aber hiervon war nun
natrlich keine Rede. Havelaars Arbeit war schwerer als Arbeit:
er wartete!

Er wartete. Endlich liess er aufs neue ersuchen, gehrt zu werden. Man
gab ihm zur Antwort, dass Seine Excellenz ihn nicht empfangen knne,
weil sie daran gehindert werde durch die mit dem bevorstehenden
Verzuge in Zusammenhang stehende Arbeitsberhufung.

Max empfahl sich der Geneigtheit Seiner Excellenz, ihm eine halbe
Stunde Gehr zu schenken, sobald ein kleiner Zwischenraum sein sollte
zwischen zwei 'berhufungen'.

Endlich vernahm er, dass Seine Excellenz am folgenden Tage verziehen
werde! Das war ihm ein Donnerschlag. Noch immer hielt er krampfhaft
an dem Glauben fest, dass der abtretende Landvogt ein ehrlicher Mann
und ... betrogen sei. Eine Viertelstunde wre gengend gewesen, um
die Gerechtigkeit seiner Sache zu beweisen, und diese Viertelstunde
schien man ihm nicht geben zu wollen.

Ich finde unter Havelaars Papieren den Entwurf eines Briefes, den
er an den abtretenden Generalgouverneur am letzten Abend vor dessen
Verzug ins Mutterland geschrieben zu haben scheint. Am Rande steht
mit Bleistift angezeichnet: nicht genau, woraus ich entnehme, dass
einzelne Stze beim Abschreiben verndert sind. Ich bemerke dies,
um nicht aus dem Mangel buchstblicher bereinstimmung bei diesem
Schriftstck Zweifel entstehen zu lassen an der Echtheit der anderen
offiziellen Schriftstcke, die ich mitteilte, und die alle durch eine
fremde Hand als gleichlautende Abschrift gezeichnet sind. Vielleicht
hat der Mann, an den dieser Brief gerichtet war, Lust, den vollkommen
genauen Text zu verffentlichen. Man wrde durch Vergleichung sehen
knnen, wie weit Havelaar von seinem Entwurf abgewichen ist. Sachlich
korrekt war der Inhalt also:



    Batavia, 23. Mai 1856.


    Excellenz! Mein durch Missive vom 28. Februar von Amts wegen
    gestelltes Ersuchen, in Ansehen der Lebakschen Sachen gehrt zu
    werden, ist ohne Erfolg geblieben.

    Ebenso haben Euer Excellenz nicht beliebt, meinem wiederholten
    Ersuchen um Audienz Folge zu geben.

    Euer Excellenz haben also einen Beamten, dessen Dienste gnstig
    bei dem Gouvernement aufgenommen sind--das sind Eurer Excellenz
    eigene Worte!--jemanden, der siebenzehn Jahre dem Lande in diesen
    Breiten diente, jemanden, der nicht allein nichts verbrach, sondern
    gar mit ungewhnlicher Selbstverleugnung das Gute verfolgte und
    fr Ehre und Pflicht alles feil hatte ... so jemanden haben Euer
    Excellenz noch unter den Verbrecher gestellt. Denn den hrt man
    zum mindesten.

    Dass man Euer Excellenz betreffs meiner irregefhrt hat, begreife
    ich. Doch dass Euer Excellenz nicht die Gelegenheit angenommen
    haben, dieser Irrefhrung zu entgehen, begreife ich nicht.

    Morgen gehen Euer Excellenz von hier, und ich mag selbe nicht
    verziehen lassen, ohne noch einmal gesagt zu haben, dass ich meine
    Pflicht gethan habe, ganz und gar meine Pflicht, mit Einsicht,
    mit Bescheidenheit, mit Menschlichkeit, mit Milde und mit Mut.

    Die Grnde, die die Missbilligung in Eurer Excellenz
    Kabinettsmissive vom 23. Mrz zur Basis hat, sind durchweg
    erdichtet und lgenhaft.

    Ich kann dieses beweisen, und es wre bereits geschehen, wenn Euer
    Excellenz mir eine halbe Stunde Gehr htten schenken wollen. Wenn
    Euer Excellenz eine halbe Stunde Zeit htten finden knnen,
    um recht zu thun!

    Dies ist nicht so gewesen! Eine ehrenwerte Familie ist dadurch
    an den Bettelstab gebracht ...

    Gleichwohl, hierber klage ich nicht.

    Doch Euer Excellenz haben sanktioniert: Das System von
    Gewaltmissbrauch, von Raub und Mord, unter dem der arme Javane
    gebeugt geht ... und darber klage ich.

    Das schreit zum Himmel!

    Es klebt Blut an den angesammelten Geldern Ihres also empfangenen
    indischen Soldes, Excellenz!

    Noch einmal bitte ich um einen Augenblick Gehr, sei es diese
    Nacht, sei es morgen frh! Und wiederum fordere ich dieses nicht
    fr mich, sondern um der Sache willen, die ich vertrete, der Sache
    der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die gleichzeitig die Sache
    wohlerfasster Politik ist.

    So Euer Excellenz es mit Ihrem Gewissen vereinbaren knnen,
    von hier zu verziehen, ohne mich zu hren: das meinige wird
    beruhigt sein bei der berzeugung, alle Mglichkeiten angewendet
    zu haben, um den traurigen, blutigen Geschehnissen vorzubeugen,
    die alsbald die Folge sein werden der selbstgewollten Unkunde,
    in der die Regierung hinsichtlich dessen gelassen wird, was in
    der Bevlkerung umgeht.

            Max Havelaar.


Havelaar wartete diesen Abend. Er wartete die ganze Nacht.

Er hatte gehofft, dass vielleicht Zorn ber den Ton seines Briefes
bewirken werde, was er durch Sanftmut und Geduld vergebens zu erreichen
trachtete. Seine Hoffnung war eitel! Der Generalgouverneur ging fort,
ohne Havelaar gehrt zu haben. Es hatte sich wieder eine Excellenz
zur Ruhe begeben ins Mutterland!



Havelaar irrte arm und verlassen in die Runde. Er suchte ...

Genug, mein guter Stern! Ich, Multatuli, nehme die Feder auf. Du bist
nicht gerufen, Havelaars Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe dich
ins Leben gerufen ... ich liess dich kommen von Hamburg ... ich lehrte
dich leidlich gut Hollndisch schreiben in sehr kurzer Zeit ... ich
liess dich Luise Rosemeyer kssen, die in Zucker macht ... es ist
genug, Stern, du kannst gehen.



Der Shawlmann und seine Frau ...

Halt erst, elendes Produkt stinkender Geldgier und gotteslsterlicher
Frmmelei! Ich habe dich geschaffen ... du bist angewachsen zum
Ungeheuer unter meiner Feder ... mich erfasst Ekel vor meinem eigenen
Machwerk: ersticke in Kaffee und verschwinde!



Ja, ich, Multatuli, der ich viel getragen habe, ich nehme die Feder
auf. Ich winsele nicht um Schonung wegen der Form meines Buches. Diese
Form schien mir geeignet zur Erreichung meines Zieles.

Dieses Ziel ist zweiteilig:

Ich wollte an erster Stelle einer Sache Ansehen geben, dass sie als
heiliges Erbstck bewahrt werden knne von dem kleinen Max und seinem
Schwesterchen, wenn ihre Eltern in Elend werden umgekommen sein.

Ich wollte den Kindern einen Adelsbrief geben von meiner Hand.

Und an zweiter Stelle: ich will gelesen werden!

Ja, ich will gelesen werden! Ich will gelesen werden von Staatsmnnern,
die verpflichtet sind, zu achten auf die Zeichen der Zeit ... von
Litteraten, die doch auch einmal Einsicht in das Buch nehmen mssen,
von dem man soviel Bses spricht ... von Mnnern des Handels, die an
den Kaffeeauktionen interessiert sind ... von Kammerzofen, die mich
fr wenige Cents leihen ... von Generalgouverneurs im Ruhestande
... von Ministern in Dienst ... von den Lakaien dieser Excellenzen
... von frommen Pastoren, die more majorum sagen werden, dass ich
den Allmchtigen Gott antaste, wo ich mich nur widersetze gegen das
Gttlein, das sie machten nach ihrem Bilde ... von Tausenden und
Zehntausenden von Exemplaren aus der Droogstoppelrasse, die--indem
sie ihr Geschftchen in der bekannten Art wahrzunehmen fortfahren--am
lautesten mitschreien werden ber die Schnheit meines Geschreibs
... von den Mitgliedern der Volksvertretung, die wissen mssen,
was da umgeht in dem grossen Reiche ber See, das zum Reiche von
Niederland gehrt ...

Ja, ich werde gelesen werden!

Wenn dieses Ziel erreicht wird, bin ich zufrieden. Denn es war mir
nicht darum zu thun, dass ich gut schriebe ... ich wollte so schreiben,
dass es gehrt wrde. Und geradeso, wie einer, der ruft Halt' den
Dieb!, sich wenig um den Stil seines improvisierten Zurufs an das
Publikum kmmert, ebenso gleichgltig ist es auch mir, wie man die Art
und Weise beurteilen wird, wie ich mein Halt' den Dieb! hinausschrie.

Das Buch ist bunt ... es ist kein Ebenmass darin ... Jagd nach Effekt
... der Stil ist schlecht ... Der Autor ist ungeschickt ... kein
Talent ... keine Methode ...

Gut, gut, alles gut! Aber: Der Javane wird misshandelt!

Denn: Widerlegung des Hauptmomentes in meinem Werke ist unmglich!

Je lauter brigens die Missbilligung meines Buches, desto lieber wird
sie mir sein, denn desto grsser wird die Aussicht, dass ich gehrt
werde. Und das will ich!

Doch ihr, die ich euch stre in euren 'Arbeitsberhufungen' oder
in eurem 'Ruhestande', ihr Minister und Generalgouverneurs, rechnet
nicht zu sehr auf die geringe Geschicklichkeit meiner Feder. Sie
knnte sich ben und mit einiger Anstrengung vielleicht zu einer
Fhigkeit gelangen, dass zuletzt die Wahrheit selbst vom Volke
geglaubt wrde! Dann wrde ich vom Volke einen Platz verlangen im
Reprsentantenhause, wre es auch nur, um zu protestieren gegen die
Certifikate der Rechtschaffenheit, die sich Indische Spezialitten
vice versa aushndigen, vielleicht, um auf die sonderbare Idee zu
bringen, dass man selbst Wert lege auf diese Beschaffenheit ...

... um zu protestieren gegen die endlosen Expeditionen und Heldenthaten
gegen arme, elende Geschpfe, die man vorher durch Misshandlung zum
Aufstande zwang.

... um zu protestieren gegen die schndliche Niedertracht, indem man
durch Zirkulare, die die Ehre der Nation beschmutzen, die ffentliche
Mildthtigkeit fr die Schlachtopfer chronischen Seeraubes anruft.

Es ist wahr, diese Aufstndischen waren ausgehungerte Skelette,
und diese Seeruber sind wehrhafte Mnner!

Und wenn man mir diesen Platz einzunehmen weigerte ... wenn man mir
fort und fort nicht glaubte ...

Dann will ich mein Buch bersetzen in die wenigen Sprachen, die ich
kenne, und in die vielen Sprachen, die ich lernen kann, um von Europa
zu fordern, was ich fruchtlos in Niederland gesucht.

Und in allen Hauptstdten wird das Volk Lieder singen mit dem Refrain:


            Es liegt ein Raubstaat an der See,
            Zwischen Ostfriesland und der Schelde!


Und wenn auch das nichts fruchtete?

Dann werde ich mein Buch bersetzen ins Malayische, Javanische,
Sundaische, Alfurische, Buginesische, Battaksche ...

Und ich werde klewang-wetzende Kriegsgesnge schleudern in die Gemter
der armen Dulder, denen ich Hlfe gelobt habe, ich, Multatuli!

Rettung und Hlfe--auf gesetzlichem Wege, wenn es sein kann ... auf
dem rechtmssigen Wege der Gewalt, wenn es sein muss.

Und das wrde sehr nachteilig wirken auf die Kaffeeauktionen der
Niederlndischen Handelsgesellschaft!

Denn ich bin kein fliegenrettender Dichter, kein sanftmtiger Trumer
wie der getretene Havelaar, der seine Pflicht that mit dem Mut eines
Lwen und Hunger leidet mit der Geduld eines Murmeltieres im Winter.

Dieses Buch ist eine Einleitung ...

Ich werde wachsen an Kraft und Schrfe meiner Waffen, je nachdem es
ntig sein wird ...

Gott gebe, dass es nicht ntig sein werde!

Nein, es wird nicht ntig sein! Denn Dir widme ich mein Buch,
Wilhelm der Dritte, Knig, Grossherzog, Prinz ... mehr als Prinz,
Grossherzog und Knig: Kaiser des prchtigen Reiches INSULINDE,
das sich da schlingt um den Aequator wie ein Grtel von Smaragd ...

Dich wage ich mit Vertrauen zu fragen, ob es Dein kaiserlicher
Wille ist:

Dass die Havelaars mit Kot bespritzt werden von den Slymerings und
Droogstoppels?

Und dass da drben Deine mehr als dreissig Millionen Unterthanen
misshandelt und ausgesogen werden in Deinem Namen?









ERLUTERUNGEN ZU INDIISMEN.


V. KAPITEL.


Seite

49 Radhen Adhipatti Karta Natta Negara: die drei letzten Worte
bilden den Namen, die beiden ersten drcken den Titel aus. Nach
den vielerlei Titeln von mehr oder minder scheinbar-unabhngigen
Frsten ist der eines Pangrang der hchste. Er knnte etwa "Prinz"
bedeuten, da dieser Rang der Verwandtschaft mit einem der regierenden
Huser von Solo (Surakarta) und Djokja (Djokjakarta) entlehnt ist. Der
nchstfolgende Titel ist der eines Adhipatti, oder vollstndig: Radhen
Adhipatti. Radhen allein deutet einen Rang tieferer Ordnung an, der
jedoch noch ziemlich hoch ber dem Gemeinen steht. Etwas niedriger
als die Adhipattis stehen die Tommongongs. Der Adel spielt in dem
Niederlndisch-Javanischen Haushalt eine grosse Rolle.

58 sawahs, gagahs, tipars: Reisfelder, unterschieden nach der Lage
und nach der Art der Bearbeitung, vor allem im Hinblick auf die
Mglichkeit oder Nichtmglichkeit der Bewsserung.

58 padie: Reis in der Hlse.

58 dessah: Dorf. Anderswo: negrie. Auch: kampong. Der inlndische
Ursprung der beiden letzteren Wrter steht nicht ausser allem Zweifel.

61 alun-alun: ein grosser Platz vor der Gruppe von Gebuden, die
die Wohnung eines Regenten bilden. Gewhnlich stehen auf solchem
Platz zwei stattliche waringi-Bume, aus deren Alter sich erweist,
dass nicht sie auf den alun-alun gepflanzt sind, sondern dass die
Regentenwohnung in ihrer Nhe, und wahrscheinlich gerade wegen ihrer
Nhe an dieser Stelle errichtet worden ist.

62 mantrie: ein inlndischer Beamter, dessen Stellung ungefhr als
die eines "Aufsehers" bezeichnet werden kann.




VI. KAPITEL.

66 sarong: das auf Java allgemein getragene Gewand. Siehe genaueres
ber die Indische Kleidung unter sarong in den Erluterungen zu
Kap. XVII.

66 sirie, pinang, gambier: die Bestandteile, die zusammen mit Tabak und
Kalk den fr den Javanen unentbehrlichen Betel-Kautabak bilden. Auch
die Frauen sind fast ohne Ausnahme dem Betelgenuss ergeben. Der
braune Saft des Tabaks, noch etwas mehr rot gefrbt durch die gambier,
frbt aller Lippen und Zhne. Schn steht dies gerade nicht, doch fr
sehr mundsubernd wird das Betelkauen gehalten. Der Genuss von sirie
mit seinen Zuthaten ist so verbreitet, dass der europische Begriff
"Trinkgeld" durch das Wort wang sirih, d. h. Siriegeld, ausgedrckt
wird.--Die sirie ist das Blatt eines Rankengewchses, das nicht viel
strker ist als unsere Erbse und dem Pfefferbaum so hnlich ist,
dass der Uneingeweihte diese beiden Gewchse schwer unterscheidet. Es
ist verwunderlich, dass man die sirie so wenig in der Zahnheilkunde
anwendet, da sie doch eine subernde, zusammenziehende Wirkung bt und
der Geschmack nicht unangenehm ist. Die gambier hat, wie es scheint,
eine Bedeutung erlangt in der Arzneibereitungslehre, von der pinang
oder areka weiss ich nichts Sicheres hieraufbezglich anzugeben. Die
pinang oder areka ist eine Nuss, hnlich einer Muskatnuss. Doch der
Baum, auf dem sie wchst, ist eine Palmenart.

66 slamat: Gruss, und in diesem Fall das sehr eigenartige
Kompliment--Zusammenfaltung--das in dem Text beschrieben wird. Frage:
besteht ein Zusammenhang zwischen dem malayischen slamat, selamat
und dem Wrtchen Sela, das so oft in den Psalmen vorkommt? Man
weiss, dass nach den Riten des Orients gottesdienstliche bungen
bestehen aus Gebeten und Gesngen, mehrfach unterbrochen durch
vielerlei Geberden und Komplimente im ursprnglichen Sinne des
thatschlichen Zusammenklappens, des Sich-Zusammenfaltens. So
etwas geschah vielleicht auch beim Vortragen der Psalmen, und diese
Vermutung wird verstrkt durch die Beachtung der vermutlich nheren
Bedeutung des Wortes slamat oder selamat. In Zusammenhang gebracht
mit Slam oder Islam--durch Buchstabenversetzung verwandt mit mosl,
muzl = Muselmann--wrde vielleicht als ursprnglicher Sinn sich
herausstellen: der feierliche, ceremonielle oder rituelle Gruss, und
das wrde vollkommen der Bedeutung entsprechen, die das Wort Sela in
den Psalmen fglich gehabt haben kann. Doch will ich einer anderen
Belehrung gern zugnglich sein.

68 kidang: eine Art Hirsch mittlerer Grsse. Viel kleiner, nicht
grsser wie ein mittelmssiger Hund, sind die kandjiels, Hirschchen,
die sich durch ausserordentliche Behendigkeit und durch Lieblichkeit
auszeichnen. Man behauptet, dass sie im Zustande der Gefangenschaft
nicht am Leben erhalten werden knnen. Der kidang jedoch scheint,
ebenso wie die meisten Arten unserer Hirsche, sich leicht anzupassen.

71 tudung: die in Form einer grossen, runden Schssel geflochtene
Kopfbedeckung der Javanen; der Tudung schtzt sowohl vor Sonne wie
vor Regen, vor dem der Inlnder eine lcherliche Furcht hat. Man hat
in Europa schon Gartenhte gehabt, die den Tudungs hnlich sind.

76 Melattiblume: die melatti ist ein kleines weisses Blmchen mit
starkem Jasmingeruch; es spielt, wie bei uns die Rose, eine grosse
Rolle in Balladen, Sagen und Legenden.

76 kondeh: das auf dem Hinterhaupt zu einem Wulst vereinigte Haar, das
jedoch niemals durch ein besonderes Band zusammengehalten wird, sondern
stets durch eine Schlinge vom Haar selbst seinen Halt gewinnt. Der
Kondeh ist auch niemals 'chignon', sondern stets echtes Haar.



VII. KAPITEL.

84 pajong: Sonnenschirm. Goldener Pajong: die Farbe des Sonnenschirms
deutet nach Landesweise, dabei nach offiziell festgelegten
Bestimmungen, den Rang des Huptlings an, dem ein solcher Pajong
nachgetragen wird. Durchweg vergoldet deutet er den hchsten Rang an.

85 tandu: Tragstuhl. In anderen Provinzen auch jolek, djuli und
hnlich.

90 Patteh, Kliwon, Djaksa: Inlndische Huptlinge. Der Patteh steht
dem Regenten zur Seite als Sekretr, Botschafter, Faktotum. Der Kliwon
ist die Mittelsperson zwischen der Verwaltung und den Dorfhuptern;
gewhnlich hat er die Aufsicht ber die ffentlichen Arbeiten der
Gemeinde, Verteilung der Wachtmannschaften, Regelung des Herrendienstes
u. s. w. Der Djaksa ist Polizei- und Justizoffizier.

90 mantrie: Inlndischer Beamter, etwa: Aufseher.

91 gong und gamlang: Musikinstrumente. Der gong ist ein schweres
metallenes Becken, das an einem Strang hngt. Man spielt den
gamlang wie unsere Glasharmonika oder wie das bekannte Holz-
und Stroh-Instrument. Es htte an dieser Stelle wohl gleichfalls
von anklung gesprochen werden drfen, einem Gestell nach Art eines
Rostes, mit Becken, die auf gespannten Seilen liegen. Es sei darauf
hingewiesen, dass die Benennungen von all diesen Instrumenten
Onomatopen sind, die den Klang geschickt nachbilden. Der gong
klingt stark, gewaltig und kriegerisch. Anklung und gamlang (gamelan)
dagegen sanft und lieblich, doch sehr melancholisch.



VIII. KAPITEL.

106 Dhemang: Distriktshuptling. Im zentralen und stlichen Java
heisst dieser Beamte Wedhono.

107 padie: Reis.

108 Bandung: Abteilung (Regentschaft, Assistent-Residentschaft)
in den Preanger-Regentschaften.

108 patjol: Hacke, Karst, meisselartiger Spaten.

108 banjir: Sturmflut, Sturzflut. ber diese Naturerscheinung hat
Multatuli ergreifend berichtet in einem Schriftchen: "Zeige mir den
Platz, wo ich geset habe!", dessen Titel dieser Stelle des "Havelaar"
entlehnt ist. Nheres ber die Schrift in meinem Biographie- und
Auswahlbande, und zwar in der Ersten Auflage auf S. 82 u. 83; bei
der vernderten und in Neudruck befindlichen Zweiten Auflage drfte
die Stelle sich etwas verschieben. Der Hauptteil der Schrift wird in
einem spteren Bande noch verffentlicht.

109 dessah: Dorf.

109 kris und klewang: Waffen. ber kris siehe unter Kap. XVII.

112 maniessan: Sssigkeit, Konfituren. Der Genuss desselben beim Thee
ist chinesischen Ursprungs.

112 Radhen Wiera Kusuma, Distriktshaupt von Parang-Kudjang: der
im "Havelaar" oft wiederkehrende Schwiegersohn und Handlanger des
Regenten. In seinem Hause spielte auch die im XVIII. Kapitel vermeldete
Vergiftungsaffaire.

120 djimats: Briefe oder andere Gegenstnde, die aus dem Himmel
fielen und Schwrmern und Bauernfngern zum Kredit verhalfen. Tout
comme chez nous!

121 garem glap: Schmuggelsalz. Die Herstellung und der Verkauf von Salz
ist in Indien Regie. Es wurde in der That an der Sdkste von Lebak
viel Salz gemacht, und es war den armen Leuten nicht bel zu nehmen,
wenn man bedachte, dass sie vielfach viele Meilen zu laufen hatten,
um einen Gouvernements-Debitsplatz zu erreichen, wo sie einen hohen
Preis bezahlen mussten. Mir gilt die Monopolisierung der Salzbereitung
als unbillig und vor allem grausam gegenber Strandbewohnern, denen
das Seesalz ins Haus splt.



XI. KAPITEL.

157 datu: Inlndischer Huptling.

159 Ophir: Wir finden diesen Namen auf den meisten Landkarten,
und--wahrscheinlich weil der Berg, der so bezeichnet ist, weit von
der See her zu sehen ist--auf allen Seekarten. Doch das Wort Ophir
ist bei den Inlndern unbekannt. Sie nennen den Berg, der ungefhr
in der Mitte der Breite des Landes, eben nrdlich der Linie liegt:
Gunung Passaman. Wie also die Kartographen, die offenbar einander
nachgeschrieben haben, die Benennung Ophir verantworten knnen, weiss
ich nicht. Eine andere Frage ist, ob man diesen Berg mit der Gegend
in Zusammenhang bringen will, von wo der Tyrische Knig Hiram fr
Salomos Tempelbau Gold, Ebenholz und Edelsteine holen liess (I. Knige,
IX, 28; X, 11). Es ist sehr gewagt, dies auf Grund eines einzigen
Wortes zu thun. Und berdies, woher stammt das Wort Ophir? Wer hat
den Gunung Passaman zuerst so genannt? Der f-Klang lsst an Araber
denken. In den "Arabischen Erzhlungen" wird Sumatra von Sindbad dem
Seefahrer besucht.

165 baleh-baleh: Ruhebank aus Bambus, Pritsche.

165 klambu: Gardine.

165 pajong: Sonnenschirm. Unterscheidungsmerkmal fr den Rang.

166 banjir: Sturmflut.



XII. KAPITEL.

169 traussa: ist nicht ntig!



XIII. KAPITEL.

196 sambal-sambal: allerlei Zuspeise, durch deren Mannigfaltigkeit
sich Indien auszeichnet. Die Beschreibung von den sambals, die dort
genossen werden, wrde Bnde fllen. In wohlhabenden Familien erfordert
diese Unterabteilung des tglichen Mens die ausschliessliche Hingebung
eines Bedienten, und bei Reichen ist hierfr eine Person nicht einmal
hinreichend. Als Material dient alles, was essbar ist, so viel als
mglich unkenntlich gemacht, und auch vieles, das Uneingeweihten nicht
essbar vorkommt, z. B. unreife Frchte und verdorbener Fischlaich. Die
Bereitung all dieser Gerichte nach den Regeln der Kunst erfordert
ein wahres Studium. Auch ist fr baren (Neulinge) bisweilen einige
bung ntig, um sie schmackhaft zu finden, doch Eingeweihte geben der
indischen Kche den Vorzug vor den vielerlei Arten europischer Kche.



XIV. KAPITEL.

199 Jang (njang) di Pertuan: "Er, der herrscht". Wenn ich mich
nicht irre, ist auf ganz Sumatra nur ein Huptling, der diesen
Titel trgt. Tuankus (myn-heer, mon-seigneur) giebt es viele. Beide
Benennungen sind malayisch--die letzte Silbe des Wortes Tuanku kommt
mir gar javanisch vor--und da der Jang di Pertuan ganz speziell der
vornehmste Huptling in den Battahlanden ist, so scheint diese Wrde
ursprnglich durch malayische Unterjocher eingefhrt zu sein. Die
Wurzel der Benennungen von autochthonen Wrden und Titeln mssen stets
in der ltesten Sprache des Landes gesucht werden. Sie sind nur von
verhltnismssig jngerem Ursprung als die unwillkrlichen Laute, die
durch ussere Ursachen Lunge und Kehle entfahren, als die vielerlei
Benennungen fr "Wasser", als die Andeutung von Terrainbesonderheiten
oder Naturerscheinungen, und als die allgemeine Klangnachbildung.

201 Padries: wir nannten so die Atjinesen, die damals kurz vorher
die Battahlande zum Islam bekehrt hatten. Das Wort muss wohl Pedirees
bedeuten, nach Pedir, einem der kleinen Staaten von Atjin. Auch das
Wort 'Atjin' ist eine durch Sprachgebrauch allgemein angenommene
Entartung. Aus 'Atjeh' machten wir 'Atjehnese' oder 'Atjinese',
wodurch das Grundwort selbst in 'Atjin' sich vernderte. Litterarischer
Purismus ist hier nicht angebracht.

Die Beweise fr den im Text berhrten Fanatismus laufen brigens ins
Unglaubliche. Gleichwohl muss man zugeben, dass die Einfhrung des
Islam--der zugleich Vermehrung des Salzgebrauchs zur Folge hatte--dem
Menschenfressen grossen Abbruch gethan hat. Dass diese Gewohnheit
in der Gegend von Penjabungan--dem Zentrum unserer Herrschaft in den
Battahlanden--noch zur Zeit bestanden haben soll, als Ida Pfeifer diese
Gegenden besuchte (1844? 1845?), halte ich fr eine Lge. Sie knpft
an das Erlebnis, das sie in dieser Sache gehabt zu haben behauptet,
eine Anekdote, die den Stempel der Unwahrheit an der Stirn trgt. Man
habe sie geschont, erzhlt sie, wegen der Spasshaftigkeit ihrer
Bemerkung: sie sei "eine bejahrte Frau und deshalb zu zh". Als sie,
einige Jahre nach mir, mit Battahleuten in Berhrung kam, war die
Anthropophagie in diesen Gegenden ausgerottet, und zwar durch den
Einfluss derselben Vlker, die wir jetzt im Namen der Civilisation
bekriegen. Wann und wo hat Niederland je mit seiner Religion und mit
seinen Waffen wie in diesem Fall sozusagen im Umsehen einen ganzen
Volksstamm von Kannibalen zu ruhigen Menschen gemacht?

204 sewah: die Waffe der Bewohner Sumatras, wie auf Java der kris. Der
sewah ist ein krummer Dolch mit sehr kleinem Griff, die Schneide an
der Binnenseite der Krmmung. Die ursprngliche Absicht bei dieser
Formgebung wird wohl gewesen sein, dass der Griff vollkommen in der
Hand verborgen werden kann, whrend der sehr stumpfe Rcken gegen
den Puls anliegt und so die Waffe durch den Arm verdeckt wird. Der
Angefallene merkt also nicht eher, dass sein Gegner bewaffnet ist,
als bis dieser--nach einer eigenartigen, behenden Bewegung von Puls und
Arm in drei Tempis--ihn trifft. Ganz abgesehen von dieser Geeignetheit
als Mordwerkzeug ist der sewah das symbolische Merkmal der Freiheit
und Mnnlichkeit. Wer ein malayisches Haupt gefangen nimmt--wie es
unter den auf S. 205 beschriebenen Umstnden meine verdriessliche
Aufgabe war--fordert ihm seinen sewah ab.

Eine andere Waffe auf Sumatra, die anderswo wohl nicht bekannt ist,
heisst krambih und dient ausschliesslich als Mordwaffe. Sie ist
kleiner und noch viel krummer als der sewah. Der Griff besteht aus
nicht viel mehr als einer ringfrmigen ffnung, in die der Mrder
seinen Daumen steckt, whrend die Klinge ganz in oder hinter der Hand
verborgen bleibt.

226 tikar: kleine Matte. Die Benutzung von fein geflochtenen Matten
auf den Bettmatratzen ist in Indien ziemlich allgemein, und wird,
weil sie khl bleiben, fr gesund gehalten. Die Herstellung dieser
Matten und anderen Flechtwerks bildet eine nicht unwichtige Industrie,
in der sich vor allem die Makassaren auszeichnen.

227 klapper: Kokosnuss. Auch klappa, kelappa.

227 pukul ampat: "vier Uhr". Dies ist der Name eines Blmchens, das
des Nachmittags um diese Stunde sich ffnet und gegen die Morgenstunde
sich wieder schliesst; ampat heisst: vier, pukul: schlagen, Schlag,
Glockenschlag.

227 Saudien oder Sudien fr Si-Udien: ein sehr hufig vorkommender
malayischer Name. Udien, Udin (das arabische Eddin) ist wahrscheinlich
verwandt mit gleichartigen nordischen Namen in Europa. ber das sehr
gebruchliche Praefix si wre viel zu sagen, mehr als mir jetzt der
Raum zulsst.



XV. KAPITEL.

233 Patteh: Huptlingstitel, des Regenten Sekretr, Botschafter,
Faktotum.



XVI. KAPITEL.

250 dessah: Dorf.

250 Sadjah: dieser Name ist mit einer kleinen Buchstabenversetzung
der "Liste von gestohlenen Bffeln" in den "Liebesbriefen" entlehnt
(deutsche Ausg. S. 149 u. 150). In derselben findet man auch die
Namen der Drfer Badur und Tjipurut.

252 Orang Gunung: Bergbewohner, doch auf Java ganz besonders der
Bewohner der Berge in der Westecke.

253 Alfur: das Wort aliforu, alifuru, hari furu hat in der Nordecke
von Celebes, im ganzen molukkischen Archipel und auf Neu-Guinea auch
eine Bedeutung wie Orang Gunung: Bergbewohner, oder mindestens die
von: Bewohner der Binnenlande. Es ist also eigentlich kein Volks-
oder Stammname, wie manche meinen, aber er wird--ebenso wie das Wort:
Niederlnder--hufig als solcher gebraucht.

258 kendang: Umfriedigung von rohem Pfahlwerk.



XVII. KAPITEL.

268 sawah: durch knstliche Bewsserung unterhaltenes Reisfeld,
in Gegensatz zu gagahs und tipars, die, was die Befeuchtung angeht,
ganz vom Regen abhngen.

268 lombong: Bergeraum fr Reis, enthlsten wie unenthlsten. Meistens
ist der lombong ausserhalb des Hauses gegen eine der Wnde angebaut.

268 kris: die volkstmliche Waffe des Javanen, die als solche zu
seiner vollstndigen Kleidung gehrt, wie bei uns in frherer Zeit
der Degen. Der kris ist ein schlangenfrmiger, platter Dolch mit
sehr kleinem Heft. Gewhnlich sind die Krisse aus Streifen weichen
Eisens zusammengeschmiedet und darnach mit Hlfe von Bffelhufen
gesthlt. Sie werden vor Rost bewahrt durch Einreibung mit djerook
(einer Zitronenart), dem Arsen zugesetzt ist, welches dem Eisen einen
eigentmlichen matten Schein verleiht. Der Aberglaube behauptet,
dass man, wenn man einen Kris besehen will, diesen vollstndig aus
der Scheide ziehen msse. Wer ihn nur zum Teil von der Scheide frei
macht, stellt sich grossem Unglck bloss. ber bezauberte Krisse sind
zahllose Erzhlungen in Umlauf.

268 pusaka: Erbstck, hier--wie fter--im piettvollen Sinne:
heiliges Erbstck.

269 Klambu-Haken: klambu ist: Gardine. In den platten, sehr breiten
Haken, womit die Gardinen gehalten werden, wird einiger Luxus
entwickelt. Auch bei den ungnstigst Gestellten sind sie doch
gewhnlich von Messing.

270 patjol: die Hacke, das Werkzeug, das der Javane fr den Spaten
gebraucht. Das Blatt sitzt lotrecht auf dem hlzernen Stiel. Es
wird also damit gehauen, nicht gegraben, was vielleicht dem Umstande
zuzuschreiben ist, dass der Inlnder barfuss geht.

270 user-useran: das Wort wird in dem Text erklrt. Vermeintliche
Besonderheiten in der Beschaffenheit der Haarwirbel, vor allem wenn sie
sich auf dem Scheitel eines Kindes zeigen, liefern Stoff zu allerlei
Weissagungen (siehe z. B. S. 113, 117, 118.).

270 penghulu: Priester.

270 ontong: Glck, Vorteil.

271 galangans: kleine, schmale Deiche, die das Wasser auf den sawahs
halten.

271 Alanggras (allang-allang): Riedgras, Riesen- oder Prairiegras. Es
ist oft so hoch, dass ein berittener Mann sich darin verbergen
kann. Auf Sumatra nennt man es auch riembu, was dort auch Wildnis im
allgemeinen bedeutet.

272 sarong; batik; kapala: Der sarong ist das eigenartige
Kleidungsstck der Javanen, der Mnner wie der Frauen. Es ist ein aus
kapok gewobenes Stck Zeug, dessen Enden aneinandergenht werden. Die
Anwendung von Seide ist Ausnahme. Eines dieser Enden heisst kapala,
d. h. Kopf, und ist mit einem breiten Rand bemalt, gewhnlich bestehend
aus ineinander verschlungenen Dreiecken. Dieses Bemalen heisst batik
und geschieht aus freier Hand. Das Gewebe wird zu diesem Zwecke in
einen Rahmen gespannt, und die Farbe befindet sich in einem kleinen
Werkzeuge von Blech, das--sehr verkleinert--die Form eines Theetopfes
hat oder eines antiken Lmpchens. Sarongs ohne kapala, und deren
Enden nicht aneinander genht sind, heissen slendangs. Man trgt diese
Kleidungsstcke um die Hften, und die Mnner schrzen sie mehr oder
weniger auf, bisweilen auch vollstndig. Auch wird der slendang hufig
ganz zum Grtel zusammengerollt, in welchem Fall die Mnner eine Hose
tragen, sehr gegen die eigentliche javanische Gewohnheit, was mehr
und mehr die Oberhand gewinnt bei den Javanen, die viel mit Europern
in Berhrung kommen. Als eine Besonderheit mag bemerkt werden, dass
die Anwendung von Hosen unter den sarongs bei Frauen allein in dem
Nordwinkel von Sumatra vorkommt. Ich wenigstens habe diese Sitte nur
dort angetroffen. Sie ist atjinesischen Ursprungs, weshalb auch diese
Kleidungsstcke serawak atjeh heissen: atjinesische Hose.

Was brigens die sarongs und slendangs angeht, seit etwa dreissig
Jahren (1881 von M. geschrieben. D. bers.) haben sich europische
Fabrikanten darauf gelegt, das javanische batik nachzumachen, und es
wurden denn auch jhrlich in diesem Artikel Fabrikate im Werte von
Millionen umgesetzt. Doch wird das Tragen eines gedruckten Kain (kahin:
Kleid, der generelle Name fr all solche Kleidungsstcke) stets fr
ein Zeichen von Armut oder wenigstens geringeren Wohlstandes gehalten.

273 matah-glap, amokh. Das Wort (matah-glap = verdunkelten Auges)
deutet den Zustand jemandes an, der in Raserei alles, was ihm begegnet,
niederschlgt, bis er selbst erschlagen wird. Ich nannte es irgendwo
"Selbstmord in Gesellschaft" und weiss auch jetzt noch keinen besseren
Namen dafr. Der Unglckliche, der von dieser Wut gepackt wird, kennt
weder Freund noch Feind. Ursache ist gewhnlich Eifersucht oder zu
lang verhaltener Groll ber Misshandlung. Der Javane ist, wie die
meisten anderen Inlnder, sanftmtig und nachgiebig von Art. Doch
allzu tief verwundet oder zu andauernd gekrnkt, bricht seine Wut in
amokh aus. Dass gleichwohl auch der amfiun (Opium) hierbei eine Rolle
spielt--sei es als Ursache des Leidens, oder sei es als ein Mittel,
das durch seinen Reiz der Wut nachzugeben veranlasst--versteht sich
von selbst.

273 atap: eine Art Wasserpalme, deren Bltter zum Decken geringer
Huser verwandt werden.

273 bendie: Chaise, Tilbury, leichtes, unbedecktes Kabriolett.

274 djati, ketapan: zwei Arten von grossen Bumen. Der erstere Baum
liefert ein sehr dauerhaftes Holz. Warum Botaniker ihm den Namen
Quercus indica gegeben haben, weiss ich nicht, da er in keiner Weise
mit unserer Eiche bereinkommt.

274 melatti: unter Kap. VI erklrt.

274 Reisblock: schwerer, hlzerner Trog, worin der padie durch Stampfen
von der Hlse befreit wird. Dieses Stampfen heisst--Klangnachbildung
wieder!--tumbokh.

275 tudung: siehe unter Kap. VI. In der Bestimmung der Tageszeit
nach dem Schatten, den sein tudung auf seinem Antlitz zeichnete,
folgte Sadjah einem allgemeinen indischen Brauch.

276 lalayang: ein Spielzeug wie unser Papierdrache. Auf Java ergtzen
sich nicht ausschliesslich Kinder mit ihm. Er hat keinen Schwanz und
beschreibt allerlei unsichere Kurven, die durch Nachgeben, Einholen
und Schiessenlassen des Bindfadens durch die Person, die ihn in der
Hand hlt, einigermassen beherrscht werden. Die Aufgabe bei diesem
Spiel ist, der Schnur von dem Drachen des Gegenspielers in der Luft
zu begegnen und sie zu durchschneiden. Aus den vielerlei lebhaften
Anstrengungen hierbei entsteht eine Art Gefecht, das sehr ergtzlich
anzusehen ist und die Zuschauer zu lebendiger Teilnahme zwingt. Die von
Sadjah hingestellte Mglichkeit, demgemss "der kleine Djamien" die
Niederlage durch geschilderten betrgerischen Eingriff herbeigefhrt
haben sollte, ist, was die dabei erforderliche Geschicklichkeit im
Werfen angeht, ein Indiismus.

277 "er hat einen grossen Mund gehabt": spezifischer Malayismus.

277 "Salzmachen an der Sdkste": siehe unter Kap. VIII: garem glap:
Schmuggelsalz.

277 matah-glap: rasend. Nheres weiter oben erklrt.

277 "den Brand, das Feuer tten": spezifischer Malayismus.

278 klappa: Kokosnuss. Klappabaum also: Kokospalme.

278 Klagefrauen: beim Sterben eines Javanen wird schreckliches Geheul
gemacht, nicht--wie frher bei uns--durch bezahlte "huilebalgen",
sondern von Verwandten, Bekannten und Nachbarn.

279 kamuning: feines, gelbgeflammtes Holz, das nur aus der Wurzel
des so benannten kleinen Bumchens gewonnen wird, und das also nie
gross im Stck sein kann. Es ist sehr teuer.

279 kahin: der zum Grtel gerollte slendang.

280 'Grossvater' des Susukunan von Solo: der Sus. v. Solo ist der
Kaiser von Surakarta. Er giebt in seinen offiziellen Korrespondenzen
dem Generalgouverneur u. a. auch den Titel eines 'Grossvaters'.

280 kondeh ... im eigenen Strick gefangen: siehe unter Kap. VI.

281 kabaai: ein leichtes, nachlssiges Gewand, das indische Hauskleid,
auch Schlafgewand; ein Nglig.

281 pontianak: Spuk, der sich in Bumen aufhlt und auf Frauen sehr
ergrimmt ist, besonders auf schwangere. Ich weiss nicht, ob ein
Zusammenhang zu suchen ist zwischen der Bedeutung dieses Wortes und
dem Namen der Niederlndischen Befestigung an der Westkste von Borneo.

283 pelitah: Lmpchen.

284 rottan oder rotan: spanisch Rohr.

285 badjing: javanisches Eichhrnchen. Dies Tierchen kam mir immer
kleiner vor als sein europischer Artgenosse. Es lsst sich leicht
zhmen.

285 Bauch fr 'Magen': Malayismus.

289 boaja: Kaiman, eine Krokodilart. Das Opfern besteht darin, dass man
abends Bambuskrbchen oder Npfchen voll Reis und anderer Speise, mit
einem kleinen Licht versehen, stromabwrts treiben lsst. Wenn gerade
viel auf den Flssen geopfert wird, bieten die ruhig dahintreibenden
Leuchtschiffchen einen reizenden Anblick.

290 baleh-baleh: Pritsche, Ruhebank aus Bambus.

291 "... und also in Flammen stand": dieses blutige "also"
(im Hollnd.: "dus") hat nach Erscheinen des "Havelaar" erregte
Kontroversen zum Gefolge gehabt. Multatuli hat es mehrfach verteidigt.



XVIII. KAPITEL.

301 pundutan: Lebensmittel und andere Artikel, die ohne Bezahlung
erhoben werden.

301 pantjens und kemits: unbesoldetes Wacht- und Dienstvolk.



XIX. KAPITEL.

313 Patteh: der Inlndische Huptling, der die Vertrauensstellung
eines Sekretrs, Botschafters beim Regenten einnimmt.



XX. KAPITEL.

325 tongtong (tomtom, tamtam): ein grosser, hngender, ausgehhlter
Block von Holz, auf dem man die Stunden anschlgt. Der Name ist wieder
eine Onomatope.

335 kampong: Dorf.







ANMERKUNGEN


[1] Multatuli. Auswahl aus seinen Werken in bersetzung aus dem
Hollndischen, eingeleitet durch eine Charakteristik seines Lebens,
seiner Persnlichkeit und seines Schaffens. Von Wilhelm Spohr. Mit
Bildnissen und handschriftlicher Beilage. Minden i. W., J. C. C. Bruns'
Verlag.

[2] Note des bersetzers: Diese beissende Randbemerkung unseres
Droogstoppel wird erst recht verstndlich, wenn man die spezifisch
hollndische Bedeutung dieses Wortes kennt: Dnkelhaftigkeit,
Eingebildetheit, Anmassung.

[3] Note des bersetzers: Multatuli-Dekker-Havelaars Frau hiess:
Everdine (d. i.: Tine) Huberte, geb. Baronesse van Wynbergen.

[4] Note des bersetzers: Everdine Huberte van Wynbergen.

[5] Badjing = das javanische Eichhrnchen.

[6] Dem ersten Bande meines Multatuli-Unternehmens habe ich eine
Beilage in Facsimile beigegeben, welche die dieser Stelle des
"Havelaar" entsprechenden, von dem Assistent-Residenten Eduard Douwes
Dekker handschriftlich gestellten Fragen, sowie die Antworten seines
Kontrolleurs Van Hemert in Nachbildung des Original-Aktenstckes
enthlt. W. Sp.







In gleicher Ausstattung erschienen in unserem Verlage:

MULTATULI.

Auswahl aus seinen Werken in bersetzung aus dem Hollndischen,
eingeleitet durch eine Charakteristik seines Lebens, seiner
Persnlichkeit und seines Schaffens. Von WILHELM SPOHR. Mit Bildnissen
und handschriftlicher Beilage. Preis: brosch. Mark 4,50, geb. Mark
5,50.

MULTATULI.

LIEBESBRIEFE.

bertragen aus dem Hollndischen von WILHELM SPOHR. Preis: brosch. Mark
3,--, geb. Mark 3,75.

MULTATULI.

MILLIONEN-STUDIEN.

bertragen aus dem Hollndischen von WILHELM SPOHR. Preis: brosch. Mark
4,50, geb. Mark 5,50.

MULTATULI.

FRSTENSCHULE.

Schauspiel in 5 Aufzgen. bertragen aus dem Hollndischen von WILHELM
SPOHR. Preis: brosch. Mark 2,25, geb. Mark 3,--.

MULTATULI.

DIE ABENTEUER DES KLEINEN WALTHER.

bertragen aus dem Hollndischen von WILHELM SPOHR. Zwei starke
Bnde. Preis: brosch. Mark 10,--, geb. Mark 12,--.



Ausserdem erscheinen noch binnen Kurzem die Bnde

IDEEN.

BRIEFE UND DOKUMENTARISCHES VON MULTATULI.

J. C. C. Bruns' Verlag,

Minden i. Westf.







End of the Project Gutenberg EBook of Max Havelaar, by Multatuli

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permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
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with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
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Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
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keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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